Content

Wolfgang Eckhardt, Staat ist Herrschaft durch Zwang. Bakunins Staatskritik in:

Peter Seyferth (Ed.)

Den Staat zerschlagen!, page 127 - 142

Anarchistische Staatsverständnisse

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8329-7986-7, ISBN online: 978-3-8452-4396-2, https://doi.org/10.5771/9783845243962-127

Series: Staatsverständnisse, vol. 78

Bibliographic information
127 Wolfgang Eckhardt Staat ist Herrschaft durch Zwang Bakunins Staatskritik Die Beiträge von Michail Aleksandrovič Bakunin (1814–1876) zur politischen Ideengeschichte Europas sind lange Zeit unterschätzt worden. Noch heute ist er weiten Teilen der akademischen Welt bestenfalls als anarchistischer Revolutionär ein Begriff – schlechtestenfalls als Verschwörer und Abenteurer. Dabei haben einzelne Querdenker schon immer Bakunins radikales Philosophieren geschätzt: Hugo Ball verlangte bereits 1919 eine deutsche Gesamtausgabe der Werke Bakunins, und Paul Feyerabend benannte als jene Denker, von denen er gelernt habe: „Nicht Adorno, nicht Popper – philosophische Eintagsfliegen wie diese sind ohne Interesse für mich“, sondern Protagoras, Kierkegaard und – Bakunin.1 1. Die Entstehung des Staates Nach Bakunin stellt die Gesellschaft die natürliche Existenzform aller menschlichen Gemeinschaft dar, die sich durch Sitten und traditionelle Gebräuche selbst regiert und weiterentwickelt. Die Gesellschaft bildet den Ausgangspunkt jeder menschlichen Kultur und das einzige Milieu, in welchem die Persönlichkeit und die Freiheit des Menschen wirklich entstehen und sich entfalten können. Der Staat dagegen ist kein Entwicklungsprodukt der Natur: Er entstand erst mit dem Beginn des religiösen Bewusstseins beim Menschen, welches unmittelbar zur Etablierung religiöser Institutionen geführt hat, als deren „weltliche Nebenstellen“ (succursales temporelles) dann die Staaten entstanden sind. Im Anschluss an Proudhon erklärte daher auch Bakunin den Staat zum „jüngere[n] Bruder der Kirche.“2 Diese sukzessive Entwicklung von Kirche und Staat wurde dadurch begünstigt, dass beide gleichermaßen von der Prämisse ausgehen, dass die Menschen von Grund auf schlecht sind und, „ihrer natürlichen Freiheit überlassen, sich gegenseitig in Stücke reißen“ würden.3 Der Staat stützt sich in diesem Sinne ebenso wie die Kirche auf das Autoritätsprinzip, „jene im höchsten Maße theologische, metaphysische, politische Idee, daß die Massen immer unfähig sein werden, sich selbst zu regieren, und deshalb auf ewig das wohltätige 1 Ball 1919, S. 285. Feyerabend 1981, S. 368. 2 Bakunin 2000, S. 119; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 141–142. Bakunin 1921–1924, Band 1, S. 33, 173; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 30, 166. Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 74; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 114. 3 Bakunin 2000, S. 132; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 160. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 127 15.07.15 10:50 128 Joch einer Weisheit und einer Gerechtigkeit werden tragen müssen, das ihnen auf die eine oder andere Weise von oben auferlegt wird.“4 Kirche und Staat benötigen somit „ein mehr oder weniger unwissendes, unmündiges, unfähiges oder, um die Dinge beim rechten Namen zu nennen, ein mehr oder weniger pöbelhaftes Volk“, um dadurch umso sicherer „die vorderen Plätze für sich“ behalten zu können, und postulieren daher die „Notwendigkeit, die menschliche Freiheit zu opfern, um die Menschen moralisch zu bessern“.5 Wie bereits angedeutet, hat der Staat nach Bakunin ursprünglich von einer durch den Glauben ausgelösten autoritären Mutation des menschlichen Denkens profitiert, um sein Zwangsregime zu errichten. Seitdem gilt, dass „Staat gleichbedeutend ist mit Zwang, Herrschaft durch Zwang, wenn möglich getarnt, notfalls aber auch ohne Umschweife und offen.“ Nachdem sich aber der Staat durch Zwang und Gewalt bzw. „durch die Ehe der Willkür, der Räuberei und der Plünderung, aus dem Krieg und der Eroberung“ heraus etabliert hat, schlägt die Stunde der Ideologen: Deren Aufgabe ist es, die von der Gewalt des Staates niedergerungenen Volksmassen auch noch „zur moralischen Anerkennung seines Rechts“ zu bringen.6 Diesem Zweck dienen Bakunin zufolge sämtliche Staatstheorien, die er darum umso erbitterter seiner Kritik unterzieht. Dabei ist auffällig, dass Bakunins Staatskritik nicht auf die dominierenden autokratischen Staatsformen seiner Zeit fixiert ist: Mit archaischen Herrschaftslegitimationen wie dem Gottesgnadentum, nationalen Mythen usw. ist er schnell fertig. Weitaus mehr Energie widmet Bakunin einer Kritik der moderneren Staatsauffassungen seiner Zeit: Jean-Jacques Rousseaus Theorie des Gesellschaftsvertrages, den zeitgenössischen demokratischen und parlamentarischen Staatsformen, der staatssozialistischen Perspektive einer „Eroberung der politischen Macht“ und schließlich den Auswirkungen einer Kombination aus Herrschaft und Wissenschaft. 2. Kritik des Rousseau’schen Gesellschaftsvertrags Der französisch-schweizerische Philosoph Jean-Jacques Rousseau entwickelte in seinem 1762 erschienenen Werk Du Contrat Social (Über den Gesellschaftsvertrag) die Vorstellung, in einer von „Naturfreiheit“, d. h. Faustrecht und Unsicherheit geprägten Vorzeit hätten einsichtsvolle Bürger durch vertragliche Abtretung ihrer Freiheit an den allgemeinen Willen (volonté générale) die Grundlage der Gesellschaft und ein freiheitliches Staatswesen geschaffen. „Der Verlust, den der Mensch durch den Gesellschaftsvertrag erleidet“, resümierte Rousseau, „besteht in dem Aufgeben seiner natürlichen Freiheit und des unbeschränkten Rechtes auf alles, was ihn reizt 4 Bakunin 2000, S. 140; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 171. 5 Bakunin 2000, S. 132, 140; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 160, 171. 6 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 131; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 20. Bakunin 1921– 1924, Band 1, S. 182; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 175. Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 113; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 142. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 128 15.07.15 10:50 129 und er erreichen kann. Sein Gewinn äußert sich in der bürgerlichen Freiheit und in dem Eigentumsrecht auf alles, was er besitzt.“7 Gegen Rousseaus Vorstellungen hat Bakunin eine Reihe von Einwänden erhoben. Zunächst argumentierte er, dass zu den Ausgangspunkten auch dieser Theorie das Autoritätsprinzip sowie ein undifferenziert-negatives Menschenbild gehören, denn vor Abschluss dieses Vertrages folgen die Menschen angeblich „nur einem einzigen Gesetz, ihrem natürlichen Egoismus: Sie beleidigen, mißhandeln und bestehlen sich gegenseitig, schlachten sich ab und fressen sich auf […]. Die menschliche Freiheit erzeugt also hier nicht das Gute, sondern das Böse, der Mensch ist von Natur aus schlecht.“8 Im Staat, der aus dem Gesellschaftsvertrag hervorgegangen ist, wird nach Rousseau alles mittels unumschränkter Macht dem allgemeinen Willen unterworfen; auch dieser Staat geht also nach Bakunins Auffassung von dem Prinzip aus, „daß es einer höheren Autorität bedarf, um eine öffentliche Ordnung zu errichten; daß es eines Führers und eines Zuchtmeisters bedarf, um die Menschen zu führen und ihre schlechten Leidenschaften im Zaum zu halten“. Anders als viele Zeitgenossen hielt Bakunin daher Rousseau keineswegs für den demokratischsten Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, sondern in Wirklichkeit für den „Prophet des doktrinären Staats“ und den „wahren Schöpfer der modernen Reaktion“.9 Die argumentativen Voraussetzungen der Theorie des Gesellschaftsvertrags wirkten auf Bakunin zudem ausgesprochen unlogisch: Wie mag es angesichts des herrschenden Faustrechts zur Annahme des Gesellschaftsvertrags gekommen sein? „Durch die alleinige Kraft der Logik? Das ist unmöglich. Zwar setzt sich die Logik am Ende immer durch, selbst bei den verstocktesten Geistern, aber dazu braucht es weit mehr als die Lebenszeit eines Mannes, und mit reichlich unbedarften Geistern hätte er Jahrhunderte gebraucht. Durch Gewalt? Aber dann wäre es nicht mehr eine auf den freien Vertrag, sondern auf Eroberung und Unterwerfung gegründete Gesellschaft gewesen, was uns geradewegs zu den wirklichen historischen Gesellschaften führt, in denen freilich alles eine viel natürlichere Erklärung findet“.10 Ähnlich sonderbar gestaltet sich das Leben nach Abschluss des Gesellschaftsvertrages, denn wer wacht eigentlich über die Einhaltung der jetzt garantierten Freiheitsrechte? Wurden die Wilden auf einmal zu Weisen, die von allein zu Vernunft und Einsicht gekommen sind, und brauchen demzufolge keine Überwachung mehr? Nein, die besten Bürger sollen über die Einhaltung des Vertrages wachen – nur: 7 Rousseau 2005, S. 50; Original: Rousseau 2012, Band 5, S. 483. Eine Analyse der Rousseau-Kritik Bakunins und eine Ehrenrettung Rousseaus versuchte L’Aminot 1985. 8 Bakunin 2000, S. 131; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 159. 9 Bakunin 2000, S. 133; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 161. Bakunin 1921–1924, Band 1, S. 143; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 139. 10 Bakunin 2000, S. 134; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 162–163. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 129 15.07.15 10:50 130 „Wer soll sie suchen, sie finden, sie erkennen, die Zügel der Macht in ihre Hände legen? Werden sie sie im Bewußtsein ihrer Intelligenz und ihrer Tugend selber ergreifen […] [oder] wie sonst sollen sie die Macht ergreifen? Durch Überzeugung oder durch Gewalt? Sollte es ersteres sein, geben wir zu bedenken, daß man nur von dem zu überzeugen weiß, wovon man selbst überzeugt ist, und daß gerade die Besten von ihrem eigenen Verdienst am wenigsten überzeugt sind. […] Wollen sie sich hingegen mit Gewalt durchsetzen, müssen sie zunächst eine ausreichende Streitmacht zur Verfügung haben, um den Widerstand einer ganzen Partei zu brechen. Sie müßten durch einen Bürgerkrieg an die Macht gelangen, nach dessen Beendigung sie einer besiegten, aber unversöhnten und weiterhin feindlich gesinnten Partei gegenüberstehen. Um diese in Schach zu halten, werden sie weitere Gewalt einsetzen müssen. Es wird also keine freie Gesellschaft mehr sein, sondern ein despotischer, auf Gewalt beruhender Staat, in dem man vielleicht vieles finden wird, was einem bewundernswert erscheint – aber niemals die Freiheit.“11 Nach Bakunins Meinung beruht die Vorstellung, dass zu Urzeiten ein freiheitliches Staatswesen aus der Initiative einsichtsvoller Bürger entsprungen ist, auf vollkommen falschen Grundannahmen, denn entweder besteht die Gesellschaft aus mündigen und vernünftigen Bürgern, kann sich also selbst regieren ohne einen aus einem Vertrag hervorgegangenen Staat. Oder die Gesellschaft ist unmündig, unzivilisiert und ist folglich weder in der Lage aus dem Nichts heraus ein freiheitliches Staatswesen zu gründen oder auch nur einen Vertrag abzuschließen, schon gar nicht in der Art, dass damit sämtliche nachfolgenden Generationen gebunden sind. Bakunin sah Rousseaus Fehler vor allem darin, die Freiheit im Wilden und in den Anfängen der Geschichte gesucht zu haben. „Hinter uns lag nie ein freier Vertrag“, widersprach Bakunin, da hat es nur Brutalität, Dummheit, Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit gegeben. Die freie Gesellschaft ist somit nicht in der Vergangenheit zu suchen, sondern in der von uns gemeinsam zu gestaltenden Zukunft.12 Tatsächlich ist ein wesentliches Motiv für Bakunins vehemente Kritik an Rousseaus Theorie des Gesellschaftsvertrags im differierenden Freiheitsbegriff auszumachen. Die von Rousseau postulierte barbarische Naturfreiheit manifestierte sich in der Macht, anderen zu schaden, seine Begierden auf Kosten anderer auszuleben usw. „Das sollen also die primitiven Menschen sein“, kritisierte Bakunin, „jeder für sich und durch eigene Kraft absolut frei, die sich dieser grenzenlosen Freiheit nur solange erfreuen, wie sie sich nicht begegnen“;13 die Freiheit des Einzelnen erscheint hier „notgedrungen als Negation derjenigen aller anderen, und alle diese Freiheiten müssen, wenn sie sich begegnen, sich gegenseitig beschneiden, sich widersprechen, sich vernichten … Um sich nicht vollends zu vernichten, gehen sie untereinander einen förmlichen oder unausgesprochenen Vertrag ein, durch den sie einen Teil ihrer selbst aufgeben, um den Rest zu sichern. […] Aber dieser Rest, das ist, wenn Sie so wollen, die Sicherheit, 11 Bakunin 2000, S. 138–139; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 168–169. 12 Bakunin 2000, S. 93, 117, 139; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 105, 140, 169–170. Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 454. Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 245; Original: Bakounine 1961–1981, Band 6, S. 227. 13 Bakunin 2000, S. 118; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 140–141. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 130 15.07.15 10:50 131 niemals die Freiheit. Die Freiheit ist unteilbar: Man kann nicht einen Teil von ihr abschneiden, ohne sie ganz zu töten.“14 Bakunin erklärte sich daher zum Gegner „jener individualistischen, egoistischen, kleinlichen und fiktiven Freiheit, welche die Schule J. J. Rousseaus und alle anderen Schulen des Bourgeoisliberalismus lobpreisen und welche das sogenannte Recht aller, das der Staat vertritt, als Grenze des Rechts jedes einzelnen betrachtet, was notwendigerweise immer das Recht des einzelnen auf Null reduziert.“15 Bakunin trat dagegen für jene Freiheit ein, „die weit entfernt ist vor der Freiheit anderer wie vor einem Grenzpfahl haltzumachen, sie findet dort im Gegenteil ihre Bekräftigung und ihre unendliche Ausdehnung.“ Die Freiheit des einen endet mitnichten dort, wo die Freiheit des anderen anfängt, sondern findet hier ihre Garantie und wechselseitige universelle Bestätigung. Demgegenüber ist die eingeschränkte, reglementierte Freiheit im Staate ein Widerspruch in sich: „politische Freiheit, d. h. Freiheit im Staate, ist eine Lüge“. Der Staat stellt vielmehr die Negation der Freiheit dar: „wo der Staat beginnt, endet die Freiheit des Individuums, und umgekehrt.“16 3. Kritik demokratischer und parlamentarischer Staatsformen Dem Einwand, dass der demokratische Staat, der auf der freien Wahl seiner Bürger beruht, doch nicht die Negation ihrer Freiheit sein könne, begegnete Bakunin mit der Gegenfrage: „Warum denn nicht? Das hängt ganz allein von der Mission und der Macht ab, die die Bürger dem Staat übertragen. Ein republikanischer Staat, der auf dem allgemeinen Wahlrecht beruht, kann sehr despotisch sein, despotischer sogar als der monarchische Staat“.17 Historische Bezugspunkte für Bakunins Überzeugung dürften vor allem die beiden Katastrophen für die sozialistische Bewegung des 19. Jahrhunderts gewesen sein: die Niederschlagung der Pariser Volksbewegung vom Juni 1848 und der Pariser Kommune von 1871 – diese waren gerade nicht von absolutistischen Gewaltregimen, sondern von republikanischen, aus Wahlen hervorgegangenen Regierungen blutig unterdrückt worden. Monarchische und republikanische Staatsformen, erklärte Bakunin, stützen sich inzwischen in ganz ähnlicher Weise auf eine strikte „militärische und bürokratische Zentralisation“, so dass sich der Despotismus nicht mehr nur „unter 14 Bakunin 2000, S. 120; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 144. 15 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 268; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 291. 16 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 268; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 292. Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 163; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 40. Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 908–909; Original: Bakounine 1961–1981, Band 2, S. 165. Bakunin 2000, S. 120; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 143. 17 Bakunin 2000, S. 121; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 145. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 131 15.07.15 10:50 132 der Form des Staates“, sondern „im Prinzip des Staates und der politischen Macht“ manifestiert.18 Allerdings betonte Bakunin: „Daß aber niemand auf die Idee kommt, wir wollten die demokratische Regierung zugunsten der Monarchie kritisieren! Wir sind fest davon überzeugt, daß die unvollkommenste Republik tausend Mal besser ist als die aufgeklärteste Monarchie“.19 Zugleich blieb Bakunin jedoch bei seinem ernüchternden Befund: „Was sehen wir denn in allen vergangenen und gegenwärtigen Staaten, selbst wenn sie mit den demokratischsten Institutionen ausgestattet sind wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Schweiz? Die Selbstregierung der Massen bleibt, trotz des ganzen Apparats der Volksherrschaft, die meiste Zeit bloßer Schein. In Wirklichkeit regieren die Minderheiten.“20 Dies „gilt in gleicher Weise von allen konstituierenden und gesetzgebenden Versammlungen, selbst den aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen. Letzteres mag zwar ihre Zusammensetzung erneuern, was aber nicht hindert, daß sich in wenigen Jahren eine Körperschaft von Politikern bildet, die tatsächlich, nicht rechtlich bevorrechtet sind und durch ihre ausschließliche Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten eines Landes eine Art politischer Aristokratie oder Oligarchie bilden.“21 Das Problem fängt schon beim Repräsentativsystem an: Dessen ganze Verlogenheit beruht auf der Fiktion, dass „die aus der Volkswahl hervorgegangenen exekutiven und legislativen Gewalten den wirklichen Willen des Volkes unbedingt verkörpern müssen oder können.“ In Wirklichkeit ist dies in der Geschichte noch niemals vorgekommen; die angebliche Vertretung des Volkes bleibt „stets mehr oder weniger eine Fiktion; und wer Fiktion sagt, sagt Lüge.“ Das Volk stellt die lebendige soziale Realität dar, die Politik hingegen nur eine negative Abstraktion dieser Realität, ein gewählter Politiker ist in Wahrheit ein „Vertreter von Abstraktionen“.22 Die Welten, die Regierende und Regierte voneinander trennen, können auch durch den Wahlakt nicht überbrückt werden: „In einem demokratischen Staat, wird man einwerfen, wird das Volk nur die Guten wählen. – Aber wie wird es sie erkennen? […] Diese Personen leben übrigens in einer ganz anderen Gesellschaft als der des Volkes: Sie ziehen nur im Augenblick der Wahl vor Seiner Majestät dem souveränen Volk den Hut ab und nach der Wahl kehren sie ihm den Rücken. Und da sie zur privilegierten, zur Ausbeuterklasse gehören, mögen sie ausgezeichnete Männer sein für ihre Familie und ihre Gesellschaft, aber sie werden immer schlecht für das Volk sein, weil sie natürlicherweise immer die Erhaltung der Privilegi- 18 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 130; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 19–20. Bakunin 1921–1924, Band 1, S. 24; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 22. 19 Bakunin 2000, S. 142; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 173–174. 20 Bakunin 2000, S. 140–141; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 171–172. 21 Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 58; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 104. 22 Bakunin 1970, S. 28; Original: Bakounine 1961–1981, Band 4, S. 62. Ebd., Band 1.1, S. 167–168, 172. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 132 15.07.15 10:50 133 en wünschen werden, welche die Grundlage ihrer eigenen sozialen Existenz bilden und das Volk zu ewiger Knechtschaft verurteilen.“23 „Die Regierenden, sowohl jene, die die Gesetze ausarbeiten, als auch jene, die die exekutive Gewalt ausüben, haben gerade wegen ihrer Ausnahmestellung den Volksinstinkten diametral entgegengesetzte Instinkte. Welcher Art ihre demokratischen Gefühle und Absichten auch sein mögen, sie können von ihrer Höhe aus die Gesellschaft nicht anders sehen als ein Vormund sein Mündel. Zwischen Vormund und Mündel kann es jedoch keine Gleichheit geben. Auf der einen Seite verleiht die höhere Position notwendigerweise ein Gefühl der Überlegenheit; auf der anderen ist ein Minderwertigkeitsgefühl vorhanden, das sich aus der Überlegenheit des die exekutive oder die legislative Gewalt ausübenden Vormunds ergibt. Wer politische Gewalt sagt, sagt Herrschaft; aber wo es eine Herrschaft gibt, muss es auch einen mehr oder weniger großen Teil der Gesellschaft geben, der beherrscht wird. Und jene, die beherrscht werden, hassen natürlich die Herrschenden, während die Herrschenden notwendigerweise im Zaume halten und folglich unterdrücken müssen. Dies ist die ewige Geschichte der politischen Macht, seit diese Macht in der Welt etabliert worden ist. Es erklärt auch, wie und warum die Männer, die, solange sie der Masse angehörten, überzeugteste Demokraten, leidenschaftlichste Revolutionäre waren, äußerst gemäßigte Konservative werden, sowie sie an die Macht gelangt sind. Man betrachtet ihren Gesinnungswechsel gewöhnlich als Verrat. Das ist ein Irrtum. Der Hauptgrund ist der Wechsel der Perspektive und der Stellung. Und vergessen wir nie, dass die Stellungen und die Notwendigkeiten, die sich daraus ergeben, stets stärker sind als der Hass oder der schlechte Wille der Individuen.“24 Für den entsprechenden Anpassungsdruck sorgen schon die „außerordentlichen Versuchungen, denen all jene ausgesetzt sind, die die Macht in ihren Händen halten, die Auswirkungen von Ehrgeiz, Rivalität, Mißgunst und unersättlicher Gier, von denen gerade die höchsten Stellen Tag und Nacht bedrängt werden und vor denen keine Intelligenz, meist nicht einmal Tugend schützt – denn die Tugend des Einzelnen ist schwach“.25 Die Attribute der Regierenden (Kommandos, Anweisungen) beschleunigen noch den Verfall der persönlichen Integrität der Herrschenden, da es für den Menschen nichts Verderblicheres gibt „als die Gewohnheit, Befehle zu erteilen. Selbst der Beste, der Intelligenteste, der Uneigennützigste, der Großmütigste, der Unbestechlichste wird dabei unweigerlich Schaden nehmen. Zwei Gefühle, die von der Macht nicht zu trennen sind, rufen diesen unaufhaltsamen moralischen Verfall hervor: die Verachtung für die Volksmassen und die Überschätzung des eigenen Verdienstes.“26 Der Staat, stellte Bakunin ferner fest, war stets „das Erbteil irgend einer bevorrechteten Klasse“ und ist „nichts anderes als diese in eine Ordnung und ein System ge- 23 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 249–250; Original: Bakounine 1961–1981, Band 6, S. 231. 24 Bakunin 1970, S. 28–29; Original: Bakounine 1961–1981, Band 6, S. 62–63. 25 Bakunin 2000, S. 137–138; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 167–168. 26 Bakunin 2000, S. 144; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 176. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 133 15.07.15 10:50 134 brachte Herrschaft und Ausbeutung.“ „Ausbeuten und Regieren ist ein und dasselbe“.27 All diese Einflussfaktoren haben zusammen genommen einen durchschlagenden Effekt: „Der politisch oder wirtschaftlich Bevorzugte ist geistig und moralisch minderwertig“. Bakunins Fazit: „wir sind in der Tat Feinde jeglicher Macht, weil wir wissen, daß Macht ebenso zersetzend auf den wirkt, der sie hat, wie auf den, der ihr gehorchen muß.“28 4. Sozialismus und Staat – Kritik der „Eroberung der politischen Macht“ Auch Kandidaten von „unten“, Vertreter demokratischer und sozialistischer Parteien, können diesem Schicksal nicht entgehen. Als Muster eines solchen reformorientierten Politikertypus sah Bakunin Léon Gambetta (1838–1882), eine einflussreiche Figur der französischen Linken und vermeintlichen Gegner des Establishments: „Als Staatsmann der neuesten Schule fürchtet Gambetta weder weitestreichende demokratische Formen noch das allgemeine Wahlrecht. Er weiß besser als jeder andere, wie wenig Garantien sie für das Volk enthalten“. Wenn er erst einmal gewählt ist, werden sich die herrschenden Klassen schon um ihn als Freund und Verbündeten bemühen, „was er ihnen natürlich nicht versagen wird, weil er als echter Staatsmann zu gut weiß, daß kein Staat, vor allem kein starker Staat, ohne derartige Freunde und Verbündete auskommt. Das bedeutet, daß Gambettas Staat für das Volk ebenso drückend und verheerend sein wird wie alle vorausgegangenen, die zwar offener, aber keineswegs gewaltsamer verfahren sind; und eben weil er sich in weiterreichende demokratische Formen hüllt, wird er der gierigen, reichen Minderheit eine ungestörte und unbeschränkte Ausbeutung der Arbeit des Volkes in stärkerem und wesentlich zuverlässigerem Ausmaß garantieren.“29 Ähnlich trügerische Konsequenzen haben Bakunin zufolge die staatssozialistische Theorie und Praxis von Karl Marx und Friedrich Engels und ihr Aufruf zur Eroberung der politischen Macht. Bakunin bezog sich in seiner Kritik auf zeitgenössische Programmschriften wie das Kommunistische Manifest (1848) und die Inauguraladresse (1864), auf die von Marx/Engels durchgesetzten Resolutionen der Londoner Konferenz (1871) und des Haager Kongresses (1872) der Ersten Internationale sowie auf ihre vehemente Parteinahme für die politisch-parlamentarischen Strömungen innerhalb der Internationale; insbesondere die in Deutschland von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei betriebene parteipolitische Agitation (Parteigründung, Auf- 27 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 17; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 226. Bakunin 2000, S. 142; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 174. Bakunin 1921–1924, Band 1, S. 199; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 191. 28 Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 57; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 104. Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 281; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 113–114. 29 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 132; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 21. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 134 15.07.15 10:50 135 stellung von Kandidaten zu den Wahlen, Beteiligung am Parlamentarismus), fand in Marx und Engels wärmste Fürsprecher.30 Im Gegensatz zu ihnen verwies Bakunin auf das immer gleiche Resultat einer Partizipation an der Staatsmacht, auch unter sozialistischen Vorzeichen, nämlich die „Beherrschung der großen Mehrheit der Volksmasse durch eine privilegierte Minderheit. Diese Minderheit aber, so sagen die Marxisten, wird aus Arbeitern bestehen. Mit Verlaub, aus ehemaligen Arbeitern, die aber, kaum sind sie zu Volksvertretern geworden oder an die Regierung gelangt, aufhören, Arbeiter zu sein und vielmehr auf die ganze Welt der einfachen Arbeiter von der Höhe des Staats herabzusehen beginnen; und so werden sie bereits nicht mehr das Volk, sondern sich selbst repräsentieren und ihren Anspruch darauf, das Volk zu regieren.“31 Die von Marx und Engels betriebene Festlegung der Arbeiterbewegung auf Instrumente (Parteien) und Foren (Parlamente) der „bourgeoisen“ und staatlichen Politik läuft zudem in der Praxis auf Kompromisse und Allianzen mit bürgerlichen Parteien hinaus, die sie zu instrumentalisieren glauben, während es in Wirklichkeit nur zu einer Demoralisierung und Verbürgerlichung der Arbeiter kommen wird:32 „Sobald die Arbeiterabgeordneten einmal in bürgerliche Existenzbedingungen und in eine Atmosphäre vollkommen bürgerlicher politischer Ideen versetzt sind, werden sie faktisch aufhören Arbeiter zu sein und statt dessen zu Staatsmännern werden, zu Bourgeois, die vielleicht bürgerlicher sind als die Bourgeois selbst. Denn die Menschen verändern nicht die Stellungen, sondern im Gegenteil: die Stellungen verändern die Menschen.“33 Im Ergebnis wird die Arbeiterbewegung durch „die sogenannten praktischen Tagesnotwendigkeiten“34 der Realpolitik an den Staat gebunden und damit die Einlösung sozialrevolutionärer Forderungen unmöglich gemacht. Besonderen Widerstand setzte Bakunin der Staatsvision des Marxismus entgegen, wie sie etwa im Kommunistischen Manifest entwickelt wurde, nach dem die politische Herrschaft des Proletariats dazu führen werde, „alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, 30 Gegenüber Wilhelm Bracke sprach Engels am 28. April 1870 zum Beispiel das Lob aus: „Die deutschen Arbeiter haben über ein halbes Dutzend Leute in das Parlament gebracht, die Franzosen und Engländer keinen einzigen. Darf ich mir dabei die Bemerkung erlauben, daß wir alle es hier für höchst wichtig halten, daß bei den Neuwahlen so viel Arbeiterkandidaten aufgestellt werden wie möglich und so viel durchgebracht werden wie möglich“ (Marx/Engels, 1956–1990, Band 32, S. 679–680); „wir halten es für sehr wichtig“, schrieb Engels an den dänischen Sozialisten Louis Pio, „daß Arbeiter von der Internationale in allen Parlamenten sitzen“ (Engels an Pio, 7. März 1872. Ebd., Band 33, S. 416). 31 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 338; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 148. 32 Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 579, 902–903, 909–910, 944–945; Original: Bakounine 1961–1981, Band 2, S. 161–162, 166, 190. Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 340; Original: Bakounine 1961– 1981, Band 3, S. 149. Vgl. auch im Detail Weber 1989, S. 234, 462–463. 33 Bakounine 1895–1913, Band 5, S. 194. 34 Bakunin 1921–1924, Band 3, S. 83–84; Original: Nettlau, 1896–1900, S. +420. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 135 15.07.15 10:50 136 zu zentralisieren“, und diese Herrschaft mittels „Zentralisierung des Kredits in den Händen des Staats“, „Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau“ usw. zu organisieren.35 Bakunin kommentierte sarkastisch, nach dieser Theorie dürfe das Volk in der Revolte den Staat „nicht nur nicht zerstören, es muß ihn im Gegenteil unterstützen und stärken und sich in dieser Hinsicht seinen Wohltätern, Vormündern und Lehrern, den Anführern der kommunistischen Partei, voll zur Verfügung stellen, mit einem Wort, Marx und seinen Freunden, die die Befreiung auf ihre Art beginnen. Sie werden die Zügel der Regierung in einer starken Hand konzentrieren, weil das unwissende Volk einer sehr starken Betreuung bedarf; sie werden eine einzige Staatsbank gründen, die die ganze kommerziell-industrielle, landwirtschaftliche und sogar wissenschaftliche Produktion auf sich konzentriert, und die Masse des Volkes in zwei Armeen aufteilen: in eine industrielle und in eine landwirtschaftliche, unter dem unmittelbaren Kommando von staatlichen Ingenieuren, welche eine neue privilegierte, wissenschaftlich-politische Klasse bilden werden.“36 Eine marxistische Revolution wird neue Staaten, aber keine Freiheit schaffen: „Wir sind die natürlichen Feinde dieser Revolutionäre – künftiger Diktatoren, Reglementierer und Bevormunder der Revolution, die selbst bevor noch die monarchischen, aristokratischen und bourgeoisen Staaten der Gegenwart vernichtet sind, schon von der Errichtung neuer revolutionärer Staaten träumen, die ebenso zentralisierend und noch despotischer als die heutigen Staaten sein werden – sie sind so sehr an die von irgendeiner Autorität von oben herab geschaffene Ordnung gewöhnt und haben so gro- ßen Abscheu vor dem, was ihnen als Unordnung erscheint und was nur der offene und natürliche Ausdruck des Volkslebens ist, – daß sie, noch bevor die Revolution eine gute, gesunde Unordnung hervorgebracht hat, schon von ihrem Ende und einer Maulkorbanlegung an sie träumen durch die Einwirkung einer nur dem Namen nach revolutionären Autorität, die in Wirklichkeit nur eine neue Reaktion wäre, da sie tatsächlich die durch Dekrete beherrschten Volksmassen von neuem zum Gehorsam, zur Unbeweglichkeit, zum Tod verurteilen würde, das heißt zur Sklaverei und Ausbeutung durch eine neue quasi revolutionäre Aristokratie.“37 Bakunin warf Marx/Engels vor, sie wollten mit aller Gewalt „den Staat beibehalten, dieses erste und letzte Bollwerk aller Ausbeuter der arbeitenden Bevölkerung, dieses uralte Gefängnis […] [A]ls doktrinäre und autoritäre Kommunisten oder Staatssozialisten wollt Ihr dieses Gefängnis nicht zerstören; Ihr wollt es nur reformieren, es durch verfassungsmäßige Mittel und das, was ihr legale Betätigung nennt, 35 Marx/Engels, 1956–1990, Band 4, S. 481. 36 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 341–342; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 150. Mit seiner prophetischen Warnung, ein staatssozialistisches Regime werde eine „neue privilegierte, wissenschaftlich-politische Klasse“ hervorbringen, nahm Bakunin die Bezeichnung „Die neue Klasse“ vorweg, welche Dissidenten wie Milovan Djilas im 20. Jahrhundert zur Charakterisierung der privilegierten Parteikader im „real existierenden Sozialismus“ verwandten (Djilas 1958). 37 Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 826–827; Original: Programme et objet de l’organisation révolutionnaire des Frères internationaux, automne 1868, S. 3–4. In: Bakounine 2000. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 136 15.07.15 10:51 137 verbessern; Ihr begnügt Euch damit, das Gefängnis zu erweitern, und bildet Euch ein, daß […] Ihr es in eine erträgliche und angenehme Behausung für jene Volksmassen verwandelt hättet, die dort ebenso eingesperrt und gefangen wären, wie sie es heute in ihrem alten Gefängnis sind!“38 Wer „im Namen der Revolution vom Staat Gebrauch machen will, und sei es provisorisch, wird von der Reaktion Gebrauch machen und damit dem Despotismus, nicht der Freiheit zuarbeiten“, resümierte Bakunin. Über diesen Sachverhalt kann auch die marxistische Verheißung eines anschließend einsetzenden Wiederabsterbens des Staates nicht hinwegtäuschen, wie es unter anderem im Kommunistischen Manifest zum Ausdruck gebracht wurde, nach dem sich aus der Eroberung der politischen Macht und der Änderung der Produktionsverhältnisse quasi automatisch die Aufhebung der politischen Macht ergeben werde.39 Diese dialektische Verkettung von Eroberung und Aufhebung des Staates ironisierte Bakunin mit den Worten: „Sie behaupten, daß ein solches staatliches Joch, eine Diktatur, ein unvermeidliches und vorübergehendes Mittel zur vollständigen Befreiung des Volkes sei: Anarchie oder Freiheit ist das Ziel, Staat oder Diktatur – das Mittel. So ist es also zur Befreiung der Volksmassen erst nötig, sie zu knechten.“40 Eine „revolutionäre“ Diktatur, kritisierte dagegen Bakunin, bedeutet nichts anderes als die „verschleierte Wiederauferstehung des Staates“ und ist nur effektiv „in politischen Revolutionen, welche Staaten umstürzen, um andere zu gründen und welche eine Herrschaft zerstören, um sofort eine neue zu errichten. Sie ist unmöglich in der sozialen Revolution, die ein für allemal aller Herrschaft, allen Staaten ein Ende machen will.“41 „Sie versichern, daß allein die Diktatur, natürlich die ihre, die Freiheit des Volkes schaffen kann; wir dagegen behaupten, daß eine Diktatur kein anderes Ziel haben kann, als nur das eine, sich zu verewigen, und daß sie in dem Volk, das sie erträgt, nur Sklaverei zeugen und nähren kann; Freiheit kann nur durch Freiheit geschaffen werden“.42 5. Kritik der Expertokratie Eine Kombination aus Herrschaft und Wissenschaft stellte für Bakunin lediglich einen weiteren abzulehnenden Legitimationsversuch moderner Staatlichkeit dar: Dabei handelt es sich, erklärte er unumwunden, um das Konzept einer „Regierung 38 Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 729–730; Original: Bakounine 1961–1981, Band 2, S. 72. 39 Bakounine 1961–1981, Band 6, S. 58. Marx/Engels, 1956–1990, Band 4, S. 482. Eine Zusammenstellung weiterer Äußerungen diesen Inhalts in Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 163–164. 40 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 339; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 149. 41 Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 752; Original: Lettre à Anselmo Lorenzo, 10 mai 1872 (1). Copie de la version envoyée, S. 10. In: Bakounine 2000. Bakunin 1921–1924, Band 3, S. 173; Original: Bakounine 1961–1981, Band 1.2, S. 203. 42 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 339; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 149. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 137 15.07.15 10:51 138 durch Gelehrte, die das Drückendste, Hassenswerteste und Verachtungswürdigste auf der Welt ist“. Auch diese Regierungsform wird das bereits bekannte Ergebnis jeder Partizipation an der Staatsmacht reproduzieren: die Beherrschung der Mehrheit durch eine privilegierte Minderheit – nur diesmal „im Namen der angeblichen Dummheit ersterer und der angeblichen Weisheit letzterer“.43 Auch eine von Wissenschaftlern ausgeübte Staatsmacht wird keine gesellschaftliche Freiheit schaffen: „Man nehme eine wissenschaftliche Körperschaft, die aus den erleuchtetsten Vertretern der Wissenschaft besteht; man nehme an, sie sei mit der Gesetzgebung, mit der Organisation der Gesellschaft beauftragt, sei von der lautersten Wahrheitsliebe erfüllt und erlasse nur Gesetze, die unbedingt den neuesten Entdeckungen der Wissenschaft entsprechen. Nun, ich behaupte, dass diese Gesetzgebung und diese Organisation Ungeheuerlichkeiten sein werden, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil die menschliche Wissenschaft immer notwendigerweise unvollkommen ist und man, wenn man das schon Entdeckte mit dem noch nicht Entdeckten vergleicht, von ihr sagen kann, dass sie noch immer in der Wiege liegt. Wenn man also das praktische Leben der Gesellschaft und des einzelnen zwingen würde, sich streng und ausschließlich den letzten Ergebnissen der Wissenschaft anzupassen, würde man Gesellschaft und Individuen zu den Qualen eines Prokrustesbettes verurteilen, das sie bald auseinanderreißen und erdrücken würde, da das Leben immer unendlich weiter ist als die Wissenschaft. Der zweite Grund ist der: Eine Gesellschaft, die den von einer wissenschaftlichen Körperschaft gegebenen Gesetzen nicht deshalb gehorchen würde, weil sie selbst den vernünftigen Charakter dieser Gesetze begriff, in welchem Fall die Existenz der Körperschaft unnötig würde, sondern weil die Gesetzgebung dieser Körperschaft im Namen einer Wissenschaft auferlegt wird, die man verehren würde, ohne sie zu begreifen, – eine solche Gesellschaft wäre nicht eine Gesellschaft von Menschen, sondern von stummen Tieren. Sie wäre eine zweite Auflage der armen Republik Paraguay, die sich so lange von der Gesellschaft Jesu regieren ließ. Eine solche Gesellschaft würde bald auf die tiefste Stufe des Blödsinns herabsinken. Ein dritter Grund noch macht eine solche Regierung unmöglich. Eine mit solcher sozusagen absoluten Herrschaftsgewalt bekleidete wissenschaftliche Körperschaft würde, auch wenn sie aus den erleuchtetsten Männern bestände, unfehlbar und bald selbst moralisch und geistig verdorben werden. Dies ist schon heute bei den wenigen ihnen überlassenen Vorrechten die Geschichte aller Akademien. Das größte wissenschaftliche Genie sinkt unvermeidlich und schläft ein, sobald es Akademiker, offizieller, patentierter Gelehrter wird. Es verliert seine Selbstbestimmung, seine revolutionäre Kühnheit und die unbequeme und wilde Tatkraft, die für das Wesen der größten Genies charakteristisch sind, die stets berufen sind, hinfällige Welten zu zerstören und die Grundlagen neuer Welten zu legen. Zweifellos gewinnt es an Höflichkeit, nützlicher und praktischer Weisheit, was es an Denkkraft verliert. Es wird, mit einem Wort, verdorben.“44 Bakunin folgerte: 43 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 283, 338; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 114, 148. 44 Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 56–57; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 103–104. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 138 15.07.15 10:51 139 „Eine wissenschaftliche Körperschaft, welcher die Regierung der Gesellschaft anvertraut wäre, würde sich bald gar nicht mehr mit der Wissenschaft, sondern mit ganz anderen Dingen beschäftigen; sie würde, wie alle bestehenden Mächte, sich damit befassen, sich ewige Dauer zu verschaffen, indem sie die ihr anvertraute Gesellschaft immer dümmer und folglich ihrer Regierung und Leitung immer bedürftiger machen würde.“45 Entsprechend richtete er seine Argumentation auch gegen die Annahme, „daß deshalb, weil Denken, Theorie und Wissenschaft wenigstens heute der Besitz nur einiger weniger sind, eben diese wenigen die Anführer des gesellschaftlichen Lebens sein müssen und nicht nur die Initiatoren, sondern auch die Leiter aller Volksbewegungen, und daß am Tag nach der Revolution die neue gesellschaftliche Organisation nicht durch die freie Vereinigung von Volksassoziationen, Kommunen, Bezirken und Gebieten von unten nach oben entsprechend den Bedürfnissen und Instinkten des Volkes geschaffen wird, sondern allein durch die diktatorische Gewalt dieser gelehrten Minderheit, die angeblich dem Willen des ganzen Volkes Ausdruck verleiht.“46 Zu den aktuellen Bezugspunkten von Bakunins Kritik gehörte unter anderem der sich mit dem Attribut „wissenschaftlich“ schmückende Marxismus, ein Etikett, das Bakunin einen zusätzlichen Kritikpunkt lieferte: „Die Worte ‚gelehrter Sozialist‘, ‚wissenschaftlicher Sozialismus‘, denen man in den Werken und Reden der Anhänger von Lassalle und Marx ständig begegnet, beweisen allein schon, daß der sogenannte Volksstaat nichts anderes sein wird als die äußerst despotische Regierung der Volksmassen durch eine neue und zahlenmäßig sehr kleine Aristokratie wirklicher oder angeblicher Gelehrter. Das Volk ist nicht gelehrt, d. h. es wird vollkommen von der Sorge der Regierung befreit werden, wird gänzlich in die Herde der Regierten eingeschlossen. Eine schöne Befreiung!“47 Bakunins Kritik der Expertokratie zielte jedoch auch auf die grundsätzliche Fragestellung, welche soziale Funktion die Wissenschaft ohne Intervention des Staates unter egalitären gesellschaftlichen Verhältnissen haben kann: „Die größte Intelligenz genügt nicht, alles zu umfassen. Daraus folgt für die Wissenschaft wie für die Industrie die Notwendigkeit der Arbeitsteilung und Vereinigung. Ich empfange und ich gebe, so ist das menschliche Leben. Jeder ist abwechselnd leitende Autorität oder Geleiteter. Es gibt also keine stetige und feststehende Autorität, sondern einen beständigen Wechsel von gegenseitiger Autorität und Unterordnung, die vorübergehend und vor allem freiwillig ist. Diese gleiche Ursache verbietet mir also, eine feste, beständige und allgemeine Autorität anzuerkennen, weil es keinen universellen Menschen gibt, der imstande wäre, mit jenem Reichtum an Einzelheiten, ohne den die Anwendung der Wissenschaft auf das Leben nicht möglich ist, alle Wissenschaften, alle Zweige des sozialen Lebens zu 45 Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 58; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 104. 46 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 282; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 114. 47 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 338; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 148. Zur Haltung von Marx und Engels hinsichtlich des ursprünglich aus dem Eisenacher Programm der deutschen Sozialdemokraten stammenden Begriffs „Volksstaat“ vgl. Bakunin 1995–2011, Band 6, S. 1168– 1169. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 139 15.07.15 10:51 140 umfassen. Und wenn es möglich wäre, daß eine solche Universalität je in einem einzigen Mann verwirklicht würde, und wenn er sich derselben bedienen wollte, um uns seine Autorität aufzuzwingen, so müßte man diesen Mann aus der Gesellschaft jagen, weil seine Autorität unvermeidlich alle anderen zur Sklaverei und zum Schwachsinn herabdrücken würde. Ich meine nicht, daß die Gesellschaft Männer von Genie mißhandeln soll, wie sie es bis jetzt getan hat. Aber ich meine ebenso wenig, daß sie sie zu fett machen, vor allem ihnen irgendwelche Vorrechte oder ausschließlichen Rechte einräumen soll, und dies aus drei Ursachen: erstens weil es ihr oft vorkommen würde, einen Marktschreier für einen Mann von Genie zu halten; dann weil sie durch dieses System von Vorrechten selbst ein wahres Genie in einen Quacksalber verwandeln, demoralisieren, dumm machen kann, und endlich, weil sie sich einen Despoten geben würde. […] Eine Herrschaft der Wissenschaft und der Männer der Wissenschaft, selbst wenn sie sich Positivisten, Schüler Auguste Comtes, nennen oder selbst Schüler der doktrinären Schule des deutschen Kommunismus, kann nur ohnmächtig, lächerlich, unmenschlich, grausam, unterdrückend, ausbeutend und verheerend sein. […] Was ich predige, ist also, bis zu einem gewissen Grade, die Empörung des Lebens gegen die Wissenschaft oder vielmehr gegen die Herrschaft der Wissenschaft, nicht um die Wissenschaft zu zerstören – dies wäre ein Verbrechen an der Menschheit –, sondern um sie an ihren Platz zu weisen, den sie nie wieder verlassen sollte.“48 6. Bakunins Vision – Staatsloser Sozialismus In Darstellungen des Konflikts zwischen Marx und Bakunin wird gelegentlich die Identität des Ziels beider Kontrahenten herausgestrichen, dabei aber übersehen, dass zu den Kernpunkten der Auseinandersetzung gerade die für den Anarchismus generell charakteristische Ziel-Mittel-Relation gehörte: „Marx ist autoritärer und zentralistischer Kommunist. Er will, was wir wollen: den vollständigen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit, aber im Staate und durch die Staatsmacht, durch die Diktatur einer sehr starken und sozusagen despotischen provisorischen Regierung, das heißt durch die Negation der Freiheit. […] Wir wollen den gleichen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit durch die Abschaffung des Staates und von allem, was juridisches Recht genannt wird, und was nach unserer Ansicht die permanente Negation des menschlichen Rechtes ist. Wir wollen den Wiederaufbau der Gesellschaft und die Konstituierung der Einheit der Menschheit nicht von oben nach unten, durch irgendwelche Autorität und durch sozialistische Beamte, Ingenieure und andere offizielle Gelehrte – sondern von unten nach oben, durch die freie Föderation der von dem Joch des Staates befreiten Arbeiterassoziationen aller Art. Sie sehen, daß zwei Theorien schwer einander entgegengesetzter sein können“.49 Bakunins Fazit: „Herrschaft, sei es die einer Dynastie, einer Nation, einer Klasse über alle andern, ist die Verneinung des Sozialismus.“ Staatliche Herrschaft erzeugt unweigerlich „Despotismus auf der einen und Sklaverei auf der anderen Seite“; „wer 48 Bakunin 1995–2011, Band 16, S. 59–60, 85, 91; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 105– 106, 121, 125. 49 Bakunin 1921–1924, Band 3, S. 186–189; Original: Bakounine 1961–1981, Band 1.2, S. 216–217. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 140 15.07.15 10:51 141 Staat sagt, sagt Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit“. Der Staat ist daher die „Negation der Menschlichkeit“50 und keineswegs ein Instrument der Befreiung. Bakunin knüpfte mit seiner Auffassung an jene sozialrevolutionäre Ideentradition an, nach der nicht die Beteiligung an bestehenden Herrschaftsverhältnissen die Menschen befreien werde, sondern die Verweigerung der Beteiligung, die Überwindung der Herrschaftsverhältnisse und der Aufbau neuer Gemeinschaftsformen.51 Letztere werden ohne Zwang lebensfähig sein: Gegen das negative Menschenbild von Kirche und Staat vertrat Bakunin die Auffassung, dass der Mensch erst in emanzipatorischen gesellschaftlichen Verhältnissen seine sozialen Fähigkeiten vollständig werde entwickeln können und „daß, um die Menschen moralisch zu machen, man das soziale Milieu moralisch machen muß.“52 Seinen staatslosen Sozialismus bezeichnete Bakunin erst zum Ende seines Lebens – eine Prägung Proudhons aufgreifend – als Anarchie, ein Konzept, das Ergebnis eines langen Entwicklungsweges gewesen ist: „Dieser Weg führte schließlich zur Ablehnung selbst der Idee des Staates und der Herrschaft, d. h. zur Ablehnung einer Regierung der Gesellschaft von oben nach unten im Namen eines wie auch immer gearteten Pseudorechts, sei es theologisch oder metaphysisch, göttlich oder wissenschaftlich-rational, und folglich zur entgegengesetzten und damit negativen Position – zur Anarchie, d. h. zur selbständigen und freiheitlichen Organisation aller Einheiten oder Elemente, die die Gemeinden bilden, und zu deren freier Föderation von unten nach oben – nicht auf Befehl irgendeiner Obrigkeit, und sei es einer gewählten, und nicht nach den Richtlinien irgendeiner gelehrten Theorie, sondern infolge einer völlig natürlichen Entwicklung von Bedürfnissen aller Art, die sich aus dem Leben selbst ergeben.“53 Der Staat ist aus Bakunins Perspektive nur eine „vorübergehende Einrichtung, eine verschwindende Form der Gesellschaft, […] ebenso notwendig in der Vergangenheit wie es früher oder später seine vollständige Vernichtung sein wird, ebenso notwendig wie die anfängliche tierische Natur und die theologischen Verirrungen der Menschen. Der Staat ist aber keineswegs die Gesellschaft, er ist nur eine ebenso brutale wie abstrakte, historische Form der Gesellschaft.“54 50 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 61; Original: Bakounine 1895–1913, Band 5, S. 75. Bakunin 1995– 2011, Band 42, S. 339; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 149. Quatrième discours au Congrès de la Paix et de la Liberté, 25 septembre 1868, S. 18. In: Bakounine 2000. Auf die Charakterisierung des Staates als négation de l’humanité kam Bakunin mehrfach zurück, vgl. Bakunin 2000, S. 126; Original: Bakounine 1895–1913, Band 1, S. 150. Bakunin 1970, S. 51; Original: Bakounine 1961–1981, Band 4, S. 73. Ebd., Band 6, S. 250. 51 Dies auch charakteristische Merkmale des sozialrevolutionären Konzepts der von Bakunin mitbegründeten „Allianz der sozialistischen Demokratie“, vgl. Schrupp 1999, S. 61. 52 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 120; Original: Bakounine 1895–1913, Band 5, S. 165. 53 Bakunin 1995–2011, Band 42, S. 364; Original: Bakounine 1961–1981, Band 3, S. 164. 54 Bakunin 1921–1924, Band 1, S. 182; Original: Bakounine 1961–1981, Band 7, S. 174–175. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 141 15.07.15 10:51 142 Und seine Überwindung ist möglich und absehbar: „an jenem morgigen Tag, den wir selbst schaffen müssen durch die Macht unseres Gedankens und Willens, aber auch die unserer Arme.“55 Literatur Bakounine, Michel, 1895–1913: Œuvres, 6 Bände, hrsg. von Max Nettlau (Band 1) und James Guillaume (Band 2–6), Paris. Ders., 1961–1981: Archives Bakounine, hrsg. von Arthur Lehning, 7 Bände, Leiden. Ders., 2000: Œuvres complètes. Textes préparés à l’Institut international d’Histoire sociale, CD-ROM, Amsterdam. Bakunin, Michael, 1921–1924: Gesammelte Werke, 3 Bände, Berlin. Ders., 1970: Die Berner Bären und der Bär von Petersburg, Zürich. Ders., 1995–2011: Ausgewählte Schriften, hrsg. von Wolfgang Eckhardt, 6 Bände, Berlin. Ders., 2000: Die revolutionäre Frage. Föderalismus, Sozialismus, Antitheologismus, hrsg. von Wolfgang Eckhardt, Münster. Ball, Hugo, 1919: Zur Kritik der deutschen Intelligenz, Bern. Djilas, Milovan, 1958: Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems, München. Feyerabend, Paul, 1981: Rückblick. In: Duerr, Hans Peter (Hrsg.): Versuchungen. Aufsätze zur Philosophie Paul Feyerabends, Band 2, Frankfurt am Main, S. 320–372. L’Aminot, Tanguy, 1985: Bakounine, critique de Rousseau. In: Dix-huitième siècle 17, S. 351–365. Marx, Karl/Engels, Friedrich, 1956–1990: Werke. 43 Bände, Berlin. Nettlau, Max, 1896–1900: The Life of Michael Bakounine. Michael Bakunin. Eine Biographie, London. Rousseau, Jean-Jacques, 2005: Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes, Frankfurt am Main. Ders., 2012: Œuvres complètes. Edition thématique du tricentenaire, hrsg. von Raymond Trousson und Frédéric S. Eigeldinger, 24 Bände, Genève/Paris. Schrupp, Antje, 1999: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin. Frauen in der Ersten Internationale, Königstein/Taunus. Weber, Petra, 1989: Sozialismus als Kulturbewegung. Frühsozialistische Arbeiterbewegung und das Entstehen zweier feindlicher Brüder Marxismus und Anarchismus, Düsseldorf. 55 Bakunin 1921–1924, Band 2, S. 245; Original: Bakounine 1961–1981, Band 6, S. 227. Anarchistische Staatsverständnisse.indb 142 15.07.15 10:51

Chapter Preview

References

Abstract

The evils of the state cannot be fixed through reforms, checks and balances, elections, international treaties, or virtuous politicians. Because the state is always a violent structure of domination, it must be replaced by non-state social arrangements without domination. At least that is what anarchists think. This edited volume presents their diverse accounts of what the state is and does, how it came to be, and how it can be overcome. Included are the classics Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin, and Landauer. Additional topics are the praxis of Jewish female exiles in the US and of anarchists in the Spanish Revolution as well as the anarchist critique of violence, alienation, and civilisation. On the one hand, it is shown how anarchism gives reasons for its hostility towards the state (a stance that is much more radical than Marxist or liberal critiques of the state); on the other hand, weaknesses of anarchist accounts of the state become apparent.

Mit Beiträgen von: Helge Döhring, Wolfgang Eckhardt, Uri Gordon, Markus Huber, Philippe Kellermann, Carolin Kosuch, Jürgen Mümken, Birgit Schmidt, Maurice Schuhmann, Peter Seyferth, David Strohmaier, Shawn P. Wilbur und Siegbert Wolf.

Zusammenfassung

Das, was am Staat so übel ist, lässt sich nicht durch Reformen, Gewaltenteilung, Wahlen, internationale Verträge oder tugendhafte Politiker ausbessern. Weil der Staat immer eine gewaltsame Herrschaftsstruktur ist, muss er durch herrschaftsfreie Ordnungen ersetzt werden, die selbst nicht staatsförmig sind. Davon sind jedenfalls die Anarchisten überzeugt. Deren unterschiedliche Verständnisse davon, was der Staat ist und tut, wie er entstand und wie man ihn überwindet, werden in diesem Band vorgestellt. Neben den Klassikern Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Landauer wird die Praxis der jüdischen Russland-Exilantinnen und der spanischen Revolutionäre vorgestellt und die anarchistische Kritik an Gewalt, Entfremdung und Zivilisation diskutiert. Es wird einerseits gezeigt, wie der Anarchismus seine über marxistische und liberale Staatskritik hinausgehende Staatsfeindschaft begründet; andererseits werden Schwächen der anarchistischen Staatsverständnisse deutlich.