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Schneider Frank M., Erben Julian, Satzl Isabel, Altzschner Romina-Scarlett, Kockler Tobias, Petzold Sarah, Die Übungssequenz macht den Meister...? Eine experimentelle Studie zu Kontext-Effekten von Übungsstimuli bei Real-Time-Response-Messungen in:

Monika Suckfüll, Holger Schramm, Carsten Wünsch (Ed.)

Rezeption und Wirkung in zeitlicher Perspektive, page 253 - 270

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8329-6275-3, ISBN online: 978-3-8452-3131-0, https://doi.org/10.5771/9783845231310_253

Series: Reihe Rezeptionsforschung, vol. 22

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Frank M. Schneider, Julian Erben, Isabel Satzl, Romina-Scarlett Altzschner, Tobias Kockler und Sarah Petzold Die Übungssequenz macht den Meister…? Eine experimentelle Studie zu Kontext-Effekten von Übungsstimuli bei Real-Time-Response-Messungen Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Stimuli, die während der Übungsphase im Vorfeld von Real-Time-Response-Messungen (RTR) zum Einsatz kommen, die Bewertungen des Hauptstimulus beeinflussen. Im Rahmen einer experimentellen Studie übten 86 Studierende in drei randomisierten Gruppen mit unterschiedlich manipulierten Stimuli die Bedienung von RTR-Drehreglern. Diese Stimuli sollten unterschiedliche Bewertungen evozieren (in Bedingung A: überwiegend positive, in B: ausgeglichene, in C: überwiegend negative). Anschließend bewerteten alle Probanden mittels RTR-Drehreglern denselben Hauptstimulus. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Übungsphase zwar nicht auf die globale mittlere Bewertung des Hauptstimulus auswirkt, jedoch zu einem starken lokalen Kontrasteffekt zu Beginn des Hauptstimulus führt, der im zeitlichen Verlauf des Hauptstimulus abnimmt. Empfehlungen für den Umgang mit Übungsstimuli bei RTR-Messungen werden vorgeschlagen. Einleitung und Problemstellung Wie Zuschauer Informationen bei der Rezeption audio-visueller Stimuli verarbeiten, interessiert praktizierende Markt- und Werbeforscher und akademische Rezeptions- und Wirkungsforscher gleichermaßen. Beispielsweise widmet sich die Markt- und Werbeforschung unter anderem den Effekten von Rezeptionsprozessen, um Fragen von Erinnerungseffekten über Einstellungsänderungen bis hin zu Kaufentscheidungen zu beantworten (vgl. MacKenzie/Lutz 1989; Olney/Holbrook/Batra 1991). Die akademisch geprägte Forschung fokussiert insbesondere die Untersuchung grundlegender affektiver und kognitiver Prozesse (vgl. Wünsch 2006), die beispielsweise mit emotionalem Erleben (z. B. Schubert 2001), Präsenzerleben (z. B. IJsselsteijn et al. 1998) oder Aufmerksamkeit im Rezeptionsverlauf einhergehen bzw. diese erklären (vgl. Thorson/Reeves 1986). 254 Frank M. Schneider u. a. Um die Dynamik von Zuschauerreaktionen während der Medienrezeption zu erfassen, werden so genannte Echtzeitmessungen (Real-Time Response Measurement bzw. RTR-Messungen1) durchgeführt. Bei dieser Art von zeitlicher Verlaufsmessung werden die Probanden mit Drehregler, Schieberegler, Joystick, Tastatur o. ä. ausgestattet, damit sie sekundengenau Selbstauskünfte geben können. Im Gegensatz zu herkömmlichen Pretest-Posttest-Analysen, bei denen die Rezeptionsphase als ›Black Box‹ unberücksichtigt bleibt, bietet dieser Ansatz den Vorteil, den Rezeptionsprozess genauer zu fokussieren. Der geschärfte Blick auf den Rezeptionsprozess wird allerdings durch einige Einschränkungen getrübt, die insbesondere die externe Validität von RTR-Studien betreffen2. So ist zum einen der Umgang mit den oben genannten Geräten keinesfalls alltagsnah. Zum anderen wird von Kritikern bemängelt, dass der Umgang mit den Geräten nicht intuitiv und zudem sehr reaktiv sei, da er hohe kognitive Anforderungen an die Probanden stelle, was sich wiederum negativ auf eine aufmerksame Verfolgung des audio-visuellen Stimulus auswirke (siehe auch Fahr/Fahr 2009). Um solche kognitiven Interferenzen zu vermindern, werden bei RTR-Messungen gewöhnlich Übungsphasen durchgeführt, um die Probanden mit den Geräten psychomotorisch vertraut zu machen und potentielle Einflüsse der Gerätenutzung auf die Aufmerksamkeit während der Rezeption zu verringern. Selten reflektiert wird dabei jedoch die Tatsache, dass die Übungsstimuli selbst Einfluss auf die Bewertung der interessierenden Stimuli (z. B. Werbespots, Filme, TV-Debatten, Musikstücke) haben könnten. Handelt man sich eventuell durch die verbesserte Expertise der Probanden im Umgang mit den Drehreglern und der damit einhergehenden postulierten verbesserten externen Validität eine verminderte interne Validität ein? Diese Vermutung ist insofern naheliegend, als im Rahmen von Untersuchungen zu kognitiven Aspekten der Umfrageforschung so genannte Kontext-Effekte seit langem erforscht werden (z. B. Krosnick/Alwin 1987; Schuman/Presser/Ludwig 1981; Strack/Martin 1987; Tourangeau/Rips/Rasinski 2000). In der sozialpsychologischen Grundlagenforschung sind Kontext-Effekte insbesondere in Form des experimentellen Primings von aktueller Bedeutung (für einen Überblick zur Priming-Forschung siehe Bargh 2006). Eine Auswahl von kontextuellen Einflüssen ist in Tabelle 1 abgebildet. 1 Weitere gängige Bezeichnungen sind Continuous Response Measurement (CRM), Moment-to- Moment measurement (MTM) oder Programmanalysator-Messungen. Obwohl selbstverständlich auch mit anderen Verfahren (z. B. bio- und neurophysiologischen Indikatoren) Rezipientenreaktionen in Echtzeit erfasst werden können, werden diese nicht unter RTR-Messungen subsumiert und sind nicht Gegenstand dieses Beitrags. 2 Für die Auseinandersetzung mit weiteren Aspekten der Validität sowie der Reliabilität von RTR- Messungen sei auf die Veröffentlichungen von Reinemann et al. (2005) und Maier et al. (2007) verwiesen. Die Übungssequenz macht den Meister…? 255 Tabelle 1: Ausgewählte Kontext-Effekte Kontext-Effekt Beschreibung Anfangs- und Endeffekte (Luchins 1957) Die Position von Stimuli beeinflusst die Erinnerungsleistung. Bsp.: Die Gesamtbewertung eines Films orientiert sich am ersten Eindruck (Anfangseffekt/primacy effect). Die Gesamtbewertung eines Films orientiert sich am letzten Eindruck (Endeffekt/Recency Effect). Assimilationseffekt z. B. Hyman und Sheatsley (1950) Positive Beziehung zwischen Kontext und Urteil (Carry- Over Effect). Bsp.: Tätigkeit von Auslandsjournalisten (Hyman und Sheatsley 1950): In Frage A ging es um kommunistische Reporter in den USA, in Frage B um amerikanische Reporter in Russland. Die Probanden sollten bei beiden Fragen angeben, ob das Gastland eine freie Berichterstattung zulassen solle. War die Reihenfolge der Fragen A-B, lagen die Zustimmungsraten für A bei 36,5 und für B bei 65,6 Prozent. War die Reihenfolge der Fragen B-A, lag für B die Zustimmung bei 89,8 Prozent und fiel für A (73,1 %) deutlich höher aus als in Bedingung A-B. Kontrasteffekt z. B. Schuman, Presser und Ludwig (1981) Negative Beziehung zwischen Kontext und Urteil (Backfire Effect). Bsp.: Thema Abtreibung (Schuman, Presser und Ludwig 1981): In Frage A ging es um die generelle Zulässigkeit von Abtreibungen, in Frage B um die Zulässigkeit einer Abtreibung, wenn bei dem Ungeborenen ein genetischer Defekt festgestellt wurde. Die Zustimmungsrate für Frage B war unabhängig davon, ob die Frage als erstes oder als zweites gestellt wurde, gleich hoch (über 80 %). Wurde die generelle Frage A als erstes gestellt, lag die Zustimmung für Frage A bei 60,7 Prozent. Wurde jedoch die spezifische Frage B als erstes gestellt, sank die Zustimmung für Frage A auf 48,1 Prozent ab. Halo/Hof-Effekt (Thorndike 1920) Tendenz zu einer generellen, konsistenten Bewertung. Bsp.: Die positive/negative Bewertung einer sehr auffälligen Filmszene führt zu einem gleichsinnigen Urteil über den gesamten Film Priming-Effekt z. B. Higgins, Rholes und Jones (1977); Meyer und Schvaneveldt (1971) Vorangehender Stimulus (Prime) beeinflusst Zielstimulus (Target Stimulus). Bsp.: Evaluatives Priming (Fazio et al. 1986): Durch das Wort ›Küchenschabe‹ wird eine negative Evaluation aktiviert. Folgt dann ein weiteres negatives Wort (z. B. ›abstoßend‹), kann dessen Konnotation schneller erkannt werden als bei einem positiven Wort (z. B. ›angenehm‹). 256 Frank M. Schneider u. a. Zwar wird den methodischen Aspekten von kontinuierlichen Datenerhebungsmethoden in den letzten Jahren stetige Aufmerksamkeit zuteil (vgl. Maier et al. 2009; Maier et al. 2007; für eine Übersicht vgl. auch Biocca, David und West 1994), eine systematische Untersuchung zum potentiellen Einfluss von Übungsstimuli liegt unseres Wissens jedoch bislang nicht vor. Dies erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die inzwischen relativ häufig eingesetzte RTR-Methode auch standardmäßig mit Übungsstimuli durchgeführt wird (z. B. Egermann et al. 2009; Maurer/Reinemann 2003; Maurer et al. 2007; Thorson/Reeves 1986; Wünsch 2006). Ziel der vorliegenden Studie ist es daher, einen Beitrag zur Evaluation von Kontext-Effekten bei RTR-Messungen zu leisten und der Forschungsfrage nachzugehen, welchen Einfluss Übungsstimuli auf nachfolgende Stimuli haben. Im Folgenden wird der theoretische Rahmen aufgespannt, anhand dessen Hypothesen über den Einfluss von Übungsfilmen entwickelt und anschließend im Rahmen einer experimentellen Untersuchung geprüft werden. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse und daraus abgeleiteten Empfehlungen zum Umgang mit Übungsstimuli. Theoretische Überlegungen zu Kontext-Effekten von Übungsstimuli Schwarz und Bless (2007; siehe auch Bless/Schwarz 2010) schlagen vor, Kontext- Effekte hinsichtlich der Richtung bzw. Valenz des Einflusses zu systematisieren. Demnach spricht man von Assimilationseffekten, wenn eine positive Beziehung zwischen Kontext und Urteil besteht. Von Kontrasteffekten spricht man hingegen, wenn eine negative Beziehung zwischen Kontext und Urteil existiert (siehe auch Beispiele in Tabelle 1). Eine theoretische Basis für die Erklärung von Assimilations- und Kontrasteffekten bietet das Inklusion/Exklusion-Modell (IEM) (Schwarz/Bless 1992). Es wurde zur Erklärung von Kontext-Effekten bei Befragungen entwickelt, jedoch bislang noch nicht zur Untersuchung von Kontext-Effekten bei kontinuierlichen Zeitverlaufsmessungen verwendet. Die Annahmen werden im Folgenden kurz vorgestellt.3 Dem IEM zufolge bilden zwei mentale Repräsentationen die Grundlage, aus der die Evaluation eines Urteilsobjekts entsteht: zum einen die mentale Repräsentation des Urteilsobjekts, zum anderen die mentale Repräsentation eines Vergleichsstandards, mit dem das Urteilsobjekt verglichen wird. Beide mentalen Repräsentationen werden flexibel konstruiert und setzen sich aus verfügbaren Informationen zusammen. Dies sind einerseits chronisch verfügbare Informationen, die, sofern sie überwiegen, die Stabilität von Urteilen erklären. Andererseits 3 Detaillierte Darstellungen sind bei Schwarz/Bless (1992, 2007) und Bless/Schwarz (2010) zu finden. Die Übungssequenz macht den Meister…? 257 sind es temporär verfügbare Informationen, die, sofern sie überwiegen, die Kontextabhängigkeit von Urteilen erklären. Wann entstehen nun Assimilations- und wann Kontrasteffekte? Bless und Schwarz (2010) gehen davon aus, dass dies davon abhängt, ob und wie die verfügbaren Informationen in die mentalen Repräsentationen von Urteilsobjekt und Vergleichsstandard integriert werden: Assimilationseffekte entstehen, wenn die Informationen in die Repräsentation des Urteilsobjekts integriert werden können (= Inklusion). Kontrasteffekte hingegen entstehen, wenn verschiedene Randbedingungen dazu führen, dass verfügbare, relevante Informationen aus der Repräsentation des Urteilsobjekts ausgeschlossen werden (= Exklusion). Weitere Varianten werden bei Bless und Schwarz (2010) diskutiert. Was führt nun zur Exklusion aus der mentalen Repräsentation des Urteilsobjekts und damit zu Kontrasteffekten? Entscheidend hierfür sind die Randbedingungen, d. h. die Spezifika des Kontexts. Bless und Schwarz (2010) nehmen an, dass die Informationen exkludiert werden, sobald sie in einem von drei ›Tests‹ durchfallen: Erstens, ist die Information aktiviert, weil sie relevant ist? Wenn die Information relevant erscheint, wird sie inkludiert; ist man sich hingegen der Aktivierung einer irrelevanten Information bewusst, kommt es zur Exklusion (vgl. ›Awareness of the Prime‹-Effect, z. B. Strack et al. 1993). Zweitens, gehört die Information zum Urteilsobjekt (z. B. ist sie typisch oder repräsentativ für die Zielkategorie)? Falls ja, wird sie inkludiert und ansonsten exkludiert. Drittens, ist die Verwendung der Informationen zur Beantwortung einer Frage oder zur Beurteilung des Objekts konversationell angemessen? Hierbei sind Konversationsregeln (Grice 1975) entscheidend. Beispielsweise konnten Schwarz, Strack und Mai (1991) zeigen, wie die konversationelle Angemessenheit von Informationen beeinflusst werden kann. Bei der Präsentation zweier Fragen 1) »Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Ehe?« und 2) »Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?« auf unterschiedlichen Seiten in einem Fragebogen erhöhte Frage 1) die Verfügbarkeit der Information zur Ehezufriedenheit und wurde bei der Beantwortung von Frage 2) mit eingeschlossen. Erfolgte die Präsentation jedoch direkt hintereinander mit der Einleitung »Wir möchten Ihnen nun zwei Fragen stellen, die Ihr Leben betreffen…«, wurde Frage 2) interpretiert als »Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben, wenn Sie von Ihrer Ehezufriedenheit absehen?« (Konversationsnorm der Nichtredundanz führt zur Exklusion). Die ausgeschlossenen Informationen können nun komplett exkludiert werden (subtraktionsbasierter Kontrasteffekt) oder, wenn sie einen Bezug zur Urteilsdimension aufweisen, zur Konstruktion des Vergleichsstandards herangezogen werden (vergleichsbasierter Kontrasteffekt). 258 Frank M. Schneider u. a. Wendet man das IEM auf die zentrale Frage dieses Beitrags an, welchen Einfluss Übungsstimuli auf nachfolgende Stimuli haben, so liegt die Vermutung nahe, dass aus den Bewertungen des Übungsfilms ein Vergleichsstandard konstruiert wird und dieser für die Bewertung des Hauptfilms herangezogen werden könnte. Folglich lautet die forschungsleitende Hypothese, dass Übungsstimuli zu Kontrasteffekten führen: H1a: Die Übung mit unterschiedlichen Stimuli führt zu unterschiedlichen Bewertungen desselben Zielstimulus. H1b: Die Übung mit Stimuli, die positive Bewertungen evozieren, führt zu negativeren Bewertungen des Zielstimulus als die Übung mit Stimuli, die negative Bewertungen evozieren (doppelter Kontrasteffekt). Aus dem IEM direkt lassen sich keine expliziten Aussagen zur Wirkung von Kontext-Effekten im zeitlichen Verlauf ableiten. Studien zu Gedächtniseffekten (z. B. Ebbinghaus 1885), Persuasionseffekten (z. B. Miller/Campbell 1959) oder Kontext-Effekten (z. B. Tourangeau/Rasinski/D‘Andrade 1989) zeigen jedoch, dass die Stärke solcher Effekte im zeitlichen Verlauf abnimmt. Daraus abgeleitet, lautet Hypothese 2: H2: Die Effektgrößen der Unterschiede zwischen den Bewertungen des Zielstimulus nehmen im zeitlichen Verlauf ab. Methodisches Vorgehen Die Untersuchung wurde im Sommersemester 2009 am Campus Landau der Universität Koblenz-Landau durchgeführt. Die Studie wurde als einfaches Laborexperiment mit 3x1-Design und RTR-Messungen mittels Drehreglern (Dialern) angelegt, um zu evaluieren, ob und welche Effekte die RTR-Übung mit unterschiedlichen Stimuli (UV) auf die RTR-Bewertung eines in allen drei Bedingungen identischen Hauptstimulus (AV) haben. Stichprobe Insgesamt nahmen 86 Studierende (65 weiblich, 21 männlich; Durchschnittsalter 23 Jahre) teil und erhielten dafür wahlweise Mensa-Essensmarken oder Versuchspersonenstunden (Anrechnungspunkte für das Vordiplom). Rekrutiert wurden die Studierenden in Vorlesungen, über E-Mail-Verteiler und durch Ansprechen vor der Mensa. Fünfundsiebzig Personen waren Studierende der Psychologie; die übrigen 11 verteilten sich auf andere Studiengänge. Die Übungssequenz macht den Meister…? 259 Räumlichkeiten Als Ort für die Untersuchung wurde das AV-Studio am Campus Landau gewählt. Dieser Raum war lärmgeschützt und wurde fast vollständig abgedunkelt, um äu- ßere Störquellen auszuschalten. Durch eine Leinwand konnte eine kinoähnliche Atmosphäre geschaffen werden, um die Laborsituation möglichst alltagsnah zu gestalten. Sitzplätze für je 35 Probanden pro Gruppe wurden in Stuhlreihen mit Blick auf die Leinwand eingerichtet. Geräte Jeder Sitzplatz war mit einem RTR-Dialer (Eingabegerät, bestehend aus einem stufenlosen Drehregler und einer frei programmierbaren LCD-Anzeige) der Marke Perception Analyzer® ausgestattet. Die RTR-Dialer waren über Kabel und Verteilerstationen mit einem zentralen Computer verbunden, von dem mittels spezieller Software sowohl die Stimuli abgespielt als auch die Messdaten aller RTR-Dialer zusammengeführt und aufgezeichnet wurden. Somit war gewährleistet, dass jede Mess-Sekunde exakt dem entsprechenden Zeitpunkt im Stimulusmaterial zugeordnet werden konnte. Die RTR-Dialer waren für eine siebenstufige Skala programmiert (zur Diskussion von Skalenstufen: siehe Krosnick/Presser 2010). Auf Höhe jener Positionen, an denen ein Drehregler die Endpunkte bzw. den Mittelpunkt der Skala erreichte, waren außerdem Smileys aufgeklebt (für den negativen Endpunkt mit dem Wert ›1‹ auf der linken Seite: für den positiven Endpunkt mit dem Wert ›7‹ auf der rechten Seite ; am Skalenmittelpunkt mit dem Wert ›4‹: ). Stimulusmaterial Die drei Bedingungen unterschieden sich lediglich hinsichtlich des Übungsstimulus (Übungsfilms). Die drei Stimuli wurden so produziert, dass sie unterschiedliche Valenzen während der Übungsphase evozieren sollten (Stimulus A: insgesamt überwiegend positiv, Stimulus B: insgesamt ausgeglichene, Stimulus C: insgesamt überwiegend negative Valenzen). Alle drei Stimuli dauerten exakt drei Minuten. In Bedingung A wurde ein selbst erstellter Zusammenschnitt aus lustigen Tierclips als Übungsfilm verwendet, der zu einer positiven Bewertung führen sollte. In Bedingung B wurde ein selbst entwickelter Präsentationsfilm dargeboten, der mittels Bildern instruierte, mit den Drehreglern zu üben und gleichermaßen positive und negative Reize enthielt. Dieser ›ausgeglichene‹ Stimulus bestand aus drei Übungsblöcken. Im ersten und dritten Block zielten die Instruktionen darauf 260 Frank M. Schneider u. a. ab, die visualisierten Dialer-Einstellungen mit dem eigenen RTR-Dialer nachzustellen. Im mittleren Block wurden sukzessive einzelne schwarz formatierte Worte (z. B. Regen, Schokolade) vor weißem Hintergrund präsentiert, die sowohl positive als auch negative Assoziationen hervorrufen und dementsprechend mithilfe des RTR-Dialers bewertet werden sollten. Dieser Block zielte darauf ab, Reaktionen auf veränderte Reize zu üben. Insgesamt sollte dieser Übungsfilm als Kontrollbedingung fungieren. Der Übungsfilm in Bedingung C war ein selbst erstellter Zusammenschnitt aus einer Reportage über eine Entführung, die im Jahr 2007 für Schlagzeilen gesorgt hatte (der Entführungsfall der vierjährigen Madeleine ›Maddie‹ McCann). Die Inhalte dieses Übungsfilms sollten negative Bewertungen bei den Probanden erzeugen. Als Zielstimulus (Hauptfilm) wurde die 24-minütige Folge ›Der Butler war’s‹ aus der Serie ›Die nackte Pistole (Police Squad!)‹ – einer Kriminalkomödie aus dem Jahr 1982 mit Leslie Nielsen – verwendet. Durchführung Die Probanden wurden randomisiert drei Erhebungsterminen zugewiesen (Gruppe 1: n= 23; Gruppe 2: n= 31; Gruppe 3: n= 32). An jedem der drei Erhebungstermine wurde eine der drei experimentellen Bedingungen umgesetzt. Jede Bedingung dauerte insgesamt 45 Minuten. Der Ablauf der Bedingungen war identisch. Die Bedingungen unterschieden sich allein im Inhalt der präsentierten Übungsfilme. Die Probanden wurden durch den Versuchsleiter begrüßt und nahmen in den vorgesehenen Stuhlreihen Platz. Anschließend wurden die Probanden durch den Versuchsleiter über den Ablauf informiert und instruiert, während des Versuchs die Handys auszuschalten und möglichst ruhig zu sein, um die anderen nicht zu stören. Außerdem wurde ihnen erklärt, wie sie die RTR-Dialer bedienen sollten. Während den Übungsfilmen A und C sowie während des Hauptfilms bestand die Aufgabe der Probanden darin, mithilfe ihrer Drehregler kontinuierlich anzugeben, wie ihnen der Film momentan gefällt (die LCD-Anzeige und die oben beschriebenen Smileys dienten dabei als Erinnerungshilfen für die Bedeutung der einzelnen Skalenpunkte). Während Übungsfilm B sollten die Instruktionen aus dem Film umgesetzt werden (s. o., Stimulusmaterial: Bedingung B). Den Probanden wurde mitgeteilt, dass sie vor der eigentlichen Messung eine Übungssequenz sehen würden, um sich mit den RTR-Geräten vertraut machen zu können. Unmittelbar an die Übungssequenz schließend erklärte der Versuchsleiter die Übungsphase für beendet und der Hauptfilm und dessen Bewertung durch die Probanden mittels RTR-Dialer begannen. Nach dem Hauptfilm füllten Die Übungssequenz macht den Meister…? 261 die Probanden noch einen kurzen Fragebogen aus, der unter anderem Items zu Soziodemographie, Bekanntheit der Stimuli und Vorerfahrung mit RTR- Messungen enthielt. Ergebnisse Manipulation Check Ob die Manipulation der UV erfolgreich war, wurde mittels einfaktorieller Varianzanalyse (ANOVA) geprüft. Durch die RTR-Bewertung während der Übungsphase lagen je Bedingung 180 Messzeitwerte pro Testperson vor. Über alle Personen und Messzeitpunkte hinweg wurde je Bedingung ein Mittelwert berechnet. Probanden in Bedingung A (lustige Tierclips) bewerteten den Übungsstimulus eher positiv (M = 0,6, n= 23). Probanden in Bedingung C (Entführungsreportage) bewerteten den Übungsstimulus eher negativ (M = 3,3, n= 31). Probanden in Bedingung B (ausgewogener Stimulus) lagen im Mittel (M = 4,2, n= 32) zwischen den Werten der beiden anderen Experimentalgruppen und nahezu beim natürlichen Skalenmittelwert 4 der 7er-Skala. Die Valenzen der mittleren Bewertungen aus den jeweiligen Bedingungen lassen auf eine erfolgreiche Manipulation durch die verschiedenen Bedingungen schließen. Dies lässt sich durch die signifikanten Unterschiede zwischen den Bedingungen mit F (2,83) = 31,03, p > 0,001 und den sehr großen Effekt f = 0,86, 95% CI[0,59, 1,09] (vgl. Cohen 1988) belegen. Einfluss der Bewertung der Übungsfilme auf die Bewertung des Hauptfilms Für den Hauptfilm lagen für jeden Probanden 1441 Messwerte vor. Um den Einfluss der Übungsphase auf den gesamten Hauptfilm zu evaluieren, wurden zunächst über alle Personen einer Bedingung hinweg Mittelwerte je Messzeitpunkt berechnet. Die Verlaufskurven der Mittelwerte der Bedingungen A und C sind in Abbildung 1 dargestellt. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich ist, liegen die durchschnittlichen Bewertungen der Probanden aus Bedingung C zu fast jeder Sekunde über oder gleichauf mit den durchschnittlichen Bewertungen der Probanden aus Bedingung A. Besonders deutlich liegen die beiden Kurven in den sechs Anfangsminuten auseinander. An fast allen diskrepanten Stellen liegt die Verlaufskurve der durchschnittlichen Bewertungen der Probanden aus Bedingung B zwischen den Verlaufskurven der beiden anderen Bedingungen (hier nicht abgebildet).4 Diese ersten deskriptiven Ergebnisse deuten auf Einflüsse hin, die aufgrund des experimentellen Settings allein auf die Übungsfilme zurückzuführen sind. Diese 4 Zu Gunsten einer besseren Lesbarkeit der Verlaufskurven wurde in Abbildung 1 auf eine Darstellung der Verlaufskurve zu Bedingung B verzichtet. 262 Frank M. Schneider u. a. Abbildung 1: RTR-Bewertung Hauptfilm, Mittelwerte je Bedingung pro Sekunde Die Übungssequenz macht den Meister…? 263 Einflüsse sind jedoch nicht gleichsinnig wie sie beispielsweise bei Assimilationsoder Priming-Effekten zu erwarten gewesen wären. Probanden aus Bedingung C haben ihren Übungsfilm eher negativ bewertet und den anschließenden Hauptfilm eher positiv. Für Probanden aus Bedingung A war es genau umgekehrt; sie haben nach der eher positiven Bewertung des Übungsfilms den Hauptfilm eher negativ bewertet. Diese Beobachtungen sprechen für Kontrasteffekte (Abbildung 2). Abbildung 2: RTR-Bewertungen je Bedingung für Übungsstimulus, Beginn Hauptstimulus (sechs Anfangsminuten) und Hauptstimulus insgesamt Mittels einfaktorieller Varianzanalyse wurde nun inferenzstatistisch geprüft, ob sich diese deskriptiven Befunde zu den Unterschieden zwischen den drei Bedingungen über den gesamten Hauptfilm hinweg bestätigen lassen (siehe Hypothese 1). Mit f = 0,20, 95 % CI [0, 0,39] liegt zwar ein kleiner Effekt vor (vgl. Cohen 1988). Die mittleren Bewertungen der drei Bedingungen (siehe Abbildung 2) unterscheiden sich für den gesamten Hauptfilm mit F (2,83) = 1,66, p= 0,197 jedoch nicht statistisch signifikant voneinander. Ein solches Ergebnis kann nun zweierlei bedeuten. Entweder ist der statistische Test nicht signifikant geworden, weil es tatsächlich keinen Effekt gibt. Oder der Test war nicht teststark genug, um einen solchen (beobachteten kleinen Effekt) zu entdecken. Mithilfe einer Post-hoc-Poweranalyse (Yuan/Maxwell 2005; siehe 264 Frank M. Schneider u. a. auch Eid/Gollwitzer/Schmitt 2010) kann ermittelt werden, wie wahrscheinlich es war, einen solchen Effekt zu entdecken, falls es ihn wirklich gibt. Die errechnete Teststärke 1-? beträgt 0,35. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit, einen empirisch beobachteten Effekt mit f = 0,20, falls er tatsächlich existiert, bei einem Signifikanzniveau von ?= 0,05 und einer Stichprobengröße von n= 86 zu finden, bei lediglich 35 Prozent. Das Ergebnis des Signifikanztests spricht also gegen die Annahme der Alternativhypothese (Die Übung mit unterschiedlichen Stimuli führt zu unterschiedlichen Gesamtbewertungen desselben Zielstimulus). Das Ergebnis der Post-hoc-Poweranalyse spricht jedoch gegen die Annahme der Nullhypothese (Die Übung mit unterschiedlichen Stimuli führt nicht zu unterschiedlichen Gesamtbewertungen desselben Zielstimulus). Weiteres hierzu im Diskussionsteil. Für die Prüfung von Hypothese 2 bot es sich an, zunächst die deskriptiven Verlaufskurven aus Abbildung 1 heranzuziehen. Es fällt auf, dass in den sechs Anfangsminuten die Kurven A und C besonders deutlich auseinander liegen. Zudem fallen die stark positiven Peaks bei Gruppe C und die stark negativen Peaks bei Gruppe A ins Auge. Um diesen Auffälligkeiten nachzugehen, wurde das Sequenzprotokoll des Hauptstimulus analysiert. Die wesentlichen Filmszenen, die in die Handlung einführen, liegen in den ersten sechs Minuten des Films. Zu diesen Filmszenen gehören der Vorspann (00:00 bis 00:50 min), die Einführung in das Setting des Films (00:50 bis 03:30 min) und der Hauptcharaktere (03:30 bis 05:50 min). Aufgrund der deskriptiven Ergebnisse und der inhaltlichen Gegebenheiten wurde der Hauptfilm in vier gleichlange Teile partitioniert. Zunächst wurde untersucht, ob im ersten Viertel die deskriptiven Unterschiede der mittleren Bewertungen der Gruppen, die auf Kontrasteffekte schließen lassen, auch inferenzstatistisch nachweisbar sind. Die Gruppenunterschiede sind für den Beginn des Hauptfilms (sechs Anfangsminuten) mit F (2,83) = 6,10, p= 0,003 statistisch signifikant und weisen eine mittlere bis große Effektgröße auf (f = 0,38, 95 % CI [0,13, 0,58]) (vgl. Cohen 1988). Weder für das zweite Viertel mit F (2,83) = 0,962, p= 0,386, f = 0,15, 95 % CI [0, 0,34] noch für das dritte Viertel mit F (2,83) = 0,783, p= 0,460, f = 0,14, 95 % CI [0, 0,32] oder das vierte Viertel mit F (2,83) = 0,653, p= 0,523, f = 0,13, 95 %CI [0, 0,30] waren die Unterschiede statistisch signifikant. Sie weisen jedoch abnehmende Effektgrößen auf, was für die Annahme der Hypothese 2 spricht. Diskussion Mit der vorliegenden Studie sind wir der Frage nachgegangen, ob es bei RTR- Messungen zu Kontext-Effekten durch Übungsstimuli kommen kann und wenn ja, welcher Art diese sind. Die Übungssequenz macht den Meister…? 265 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Variation des Übungsstimulus zu statistisch signifikanten Unterschieden bei der Bewertung des Beginns des Hauptstimulus geführt hat. Hingegen konnten keine Erkenntnisse im Hinblick auf den globalen RTR-Mittelwert des Hauptstimulus gewonnen werden, da man aufgrund des Signifikanztests und der Post-hoc-Poweranalyse weder zugunsten der Null- noch Alternativhypothese entscheiden sollte. Mit der Apriori-Berechnung optimaler Stichprobengrößen für einen kleinen Effekt kann diesem Problem in zukünftigen Studien begegnet werden (vgl. Cohen 1988). Insgesamt legen die Befunde sowie die Interpretation der deskriptiven RTR-Kurven jedoch Einflüsse der Übungsstimuli auf den Hauptstimulus für die Bedingungen A und C nahe, die sich als kurzfristige, lokale Kontrasteffekte manifestieren. Besonders stark wirkt der Kontrasteffekt zu Beginn des Hauptstimulus; im weiteren Verlauf erfolgt eine Abflachung des Effekts bzw. eine Angleichung der RTR-Kurven. Mithilfe des IEM könnten die Ergebnisse folgendermaßen erklärt werden: Der Kontrasteffekt am Anfang könnte dadurch zustande kommen, dass sich die Probanden ihrer Bewertungen aus der Übungsphase bewusst waren, diese als irrelevant für die Bewertung des Hauptfilms wahrnahmen und somit aus der mentalen Repräsentation des Urteilsobjekts (Hauptfilm) ausschlossen (erster Test im IEM, s. o.). Da die Bewertungen aus der Übungsphase jedoch einen Bezug zur Urteilsdimension aufweisen (Verwendung der gleichen Skala), wird aus ihnen ein Vergleichsstandard konstruiert, was zu einem vergleichsbasierten Kontrasteffekt führt. Für Bedingung C bedeutet dies, im Vergleich zum negativ bewerteten Übungsfilm bewerten die Probanden den Hauptfilm positiv. Für Bedingung A bedeutet dies, im Vergleich zum positiv bewerteten Übungsfilm bewerten die Probanden den Hauptfilm negativ. Durch den ausgeglichenen Stimulus (Bedingung B) scheint es gelungen zu sein, den Probanden einen ›neutralen‹ bzw. keinen Vergleichsstandard nahezulegen. Insgesamt bietet das IEM also einen komplexen Erklärungsansatz für die Entstehung von Assimilationsund Kontrasteffekten, dessen Anwendung auf kontinuierliche Antwortprozesse vielversprechend und anspruchsvoll zugleich und nur im Rahmen konzertierter Experimente prüfbar erscheint. Einschränkend ist zu erwähnen, dass es in Bedingung A zu Dropouts kam, was die interne Validität des Experiments und somit auch die kausale Interpretation gefährdet. Die randomisierte Zuordnung von Probanden dient der Herstellung von vergleichbaren Gruppen, die sich nicht systematisch unterscheiden. Da lediglich 23 anstatt vorgesehener 31 Versuchspersonen zum vereinbarten Termin erschienen und an Bedingung A teilnahmen, kann nicht von einem vollständig randomisierten Design gesprochen werden. Im Nachhinein konnte nicht geklärt werden, ob es sich um zufällige oder systematische Dropouts handelt. Des Weiteren ist das Geschlechterverhältnis ungleich (76% weiblich), was an den 266 Frank M. Schneider u. a. überwiegend weiblichen Studierenden am Campus Landau liegt. Auswertungen, die die Variable Geschlecht als Kontrollvariable mit einbezogen, lassen jedoch den Schluss zu, dass diese Variable keinen Einfluss auf die Unterschiede in den Bewertungen hatte. Empfehlungen für den Umgang mit Übungsstimuli Drei Empfehlungen für den Umgang mit Übungsstimuli möchten wir explizit aufführen. Die Übungssequenz macht den Meister bzw. den ›meisterhaften‹ RTR-Forscher, wenn (1) die Übungssequenz sorgfältig und begründet ausgewählt wurde, (2) die Übungssequenz getestet wurde und/oder (3) RTR-Bewertungen in der Übungssequenz erhoben wurden. Bei der Auswahl von Übungssequenzen müssen potentielle Kontext-Effekte mitberücksichtigt werden. Die Auswahl geeigneter Übungsstimuli sollte sich zudem an empirisch prüfbaren Kriterien orientieren. Dies kann zum einen dadurch erreicht werden, dass die Übungssequenzen vorab getestet werden (z. B. auf emotionale Reaktionen). Unter ökonomischen Gesichtspunkten bietet es sich hier an, standardisierte und normierte Stimuli einzusetzen. Beispielsweise nutzten Egermann et al. (2009) fünf ausgewählte Fotos aus dem International Affective Picture System (IAPS) von Lang, Bradley und Cuthbert (2008) (vgl. auch Bradley/Lang 2007). Eine solche Vorgehensweise hat den Vorteil, dass bereits vor der Erhebung genaue Informationen über die Reizqualität der Bilder vorliegen, diese nach theoretischen Überlegungen zusammengestellt werden können und Vorhersagen über die auszulösenden Reaktionen bei den Probanden möglich sind. Einen ähnlichen Weg wählte Wünsch (2006), indem er seinen Probanden Stimuli in der Übungsphase darbot, die möglichst extreme affektive Urteile evozieren sollten. Dieses Vorgehen diente u. a. dazu, sein selbst entwickeltes RTR-Messinstrument zu kalibrieren (›Eichfilme‹) und individuelle maximale Reaktionen bei den Übungsstimuli für die Auswertungen der Hauptstimuli zu berücksichtigen. In diesem Fall liegen also vor der RTR-Messung keine normierten Reizstimuli vor, sondern werden während der Übungsphase mit erhoben. Diese beiden Ansätze und die Erkenntnis aus der vorliegenden Studie, dass Übungsstimuli zumindest den Beginn der Bewertung des Hauptstimulus kontaminieren können, unterstreichen die Notwendigkeit standardisierter Übungssequenzen und deren Berücksichtigung für die Analyse des Hauptstimulus. Daneben ließe sich durch die einheitliche Verwendung von standardisierten Übungsstimuli bei entsprechender Verbreitung auch eine bessere Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen RTR-Studien und technischen RTR-Varianten (Drehregler, Maus, Tastatur, Joystick etc.) erreichen. Darüber hinaus wäre auch zu prüfen, Die Übungssequenz macht den Meister…? 267 inwieweit physiologische Zeitverlaufsmessungen vom Einsatz standardisierter Übungsstimuli profitieren könnten. Kontext-Effekte bei Verlaufsmessungen Unseren Beitrag abschließend möchten wir für eine verstärkte Methodenforschung zu RTR-Messungen unter Berücksichtigung von Kontext-Effekten plädieren. Dies hätte nicht nur zur Folge, dass Erhebungssituationen und Messinstrumente optimiert werden könnten. Beispielsweise könnten auch praktische Hinweise zur Platzierung von Werbemitteln empirisch belegt und grundlegende affektiv-kognitive Prozesse tiefergehend erforscht werden. Des Weiteren könnte man sich die Kontextsensitivität einer RTR-Messung auch zu Nutze machen, indem man bspw. die Persistenz und den Verlauf von Persuasionseffekten untersuchen kann. Greift man ein Modell von Tourangeau, Rips und Rasinski (2000) auf, das den Antwortprozess in Verstehen, Abrufen, Beurteilen und Berichten von Informationen unterteilt, so ist der Einfluss des Kontexts auf jede dieser Komponenten denkbar und auch in vielen empirischen Studien bestätigt worden (vgl. Tourangeau, Rips und Rasinski 2000). Obwohl bislang ungeklärt ist, ob dieses Modell, das zur Erklärung u. a. von Kontext-Effekten in Interviewsituationen und Fragebögen dienlich ist, auch auf Verlaufsmessungen angewandt werden kann, schärft es den Blick für die Entstehung kontinuierlicher Antworten bzw. Reaktionen bei Verlaufsmessungen. Alles in allem kann eine fundierte Methodenforschung zu RTR-Messungen sicherlich gewinnbringend zum Verständnis von Rezeptionsund Wirkungsprozessen und zur Theorienbildung in der Rezeptions- und Wirkungsforschung beitragen. Literatur Bargh, John A. (2006): What have we been priming all these years? On the development, mechanisms, and ecology of nonconscious social behavior. In: European Journal of Social Psychology, Heft 2, 147 — 168. Bless, Herbert / Schwarz, Norbert (2010): Mental construal and the emergence of assimilation and contrast effects: The inclusion/exclusion model. In: Zanna, Mark P. (Hrsg.): Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 42. New York, NY: Academic Press. 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References

Zusammenfassung

Dynamik und zeitliche Ausdehnung sind zentrale Querschnittsphänomene in der Kommunikationswissenschaft und lassen sich auf nahezu alle Kontexte von Kommunikation beziehen. Diese Vielfalt trägt dazu bei, dass der Blick auf kommunikationswissenschaftliche Problemstellungen unter einer zeitlichen Perspektive schnell unübersichtlich wird. Es besteht kein Zweifel daran, dass ohne eine Berücksichtigung der innewohnenden Dynamik kaum ein Ansatz oder Modell bestehen kann. Und doch steht dieser einhelligen Auffassung eine nur begrenzte und wenig systematische Auseinandersetzung mit der Problematik gegenüber. An diesem Punkt möchte der Band ansetzen. Er versteht sich zum einen als eine Bestandsaufnahme der offenen Fragen und Probleme in der kommunikationswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Faktor Zeit. Zum anderen zeigen viele Beiträge auch eindrucksvoll das Potenzial einer dynamischen Modellierung und Untersuchung der Gegenstände der Rezeptions- und Wirkungsforschung. Daher kann man diesen Band auch als Aufforderung verstehen, den Faktor Zeit in der weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kommunikation stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Mit Beiträgen von:

Andreas Fahr, Hannah Früh, Flavia Bleuel, Thilo von Pape, Vincent Meyer, Sophie Lecheler, Claes H. de Vreese, Susanne Baumgartner, Patti Valkenburg, Jochen Peter, Christian Schemer, Annie Waldherr, Marko Bachl, Frank M. Schneider, Julian Erben, Romina-Scarlett Altzschner, Tobias Kockler, Sarah Petzold, Isabel Satzl, Frank Schwab, Janina Grunow, Justine Niemczyk, Dagmar Unz, Astrid Carolus, Sven Jöckel, Leyla Dogruel, Sascha Hölig, Hanna Domeyer, Uwe Hasebrink, Claudia Wilhelm, Wolfgang Seufert, Thomas Koch, Florian Hottner, Anke Wonneberger, Klaus Schönbach, Lex van Meurs