Matthias Kötter, Kristina Kühl, Judit Y. Mengesha, Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze in:

Matthias Kötter, Gunnar Folke Schuppert (Ed.)

Normative Pluralität ordnen, page 11 - 40

Rechtsbegriffe, Normenkollisionen und Rule of Law in Kontexten dies- und jenseits des Staates

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4678-4, ISBN online: 978-3-8452-1965-3, https://doi.org/10.5771/9783845219653-11

Series: Schriften zur Governance-Forschung, vol. 19

Bibliographic information
Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha∗  I. Normative Pluralität ordnen?..................................................................................................... 11 II. Die Einheit der Rechtsordnung und der Begriff des Rechts ....................................................... 13 III. Herausforderungen für die Einheit der Rechtsordnung: sechs Diskurse .................................. 15 1. Einheit der Rechtsordnung und Vielheit des Rechts bei Eugen Ehrlich ................................ 15 2. Nicht‐staatliche Normordnungen und Private Regulation................................................... 17 3. Postkoloniale Staaten im Spiegel rechtsethnologischer Diskurse........................................... 19 4. Normschichten: Transformation, Rezeption und oktroyierte Verfassungen.......................... 21 5. Fragmentierung des transnationalen Rechts......................................................................... 23 6. Normative Pluralität unter den Bedingungen begrenzter Staatlichkeit ................................ 26 IV. Mechanismen, Perspektiven und Methoden zur Ordnung normativer Pluralität.................... 28 1. Deskriptiv‐analytischer Zugang: das Konzept pluraler Regelungsstrukturen...................... 29 2. Regelorientierter, rechtswissenschaftlicher Zugang zu Kollisionsregimen ........................... 31 3. Prozessorientierter Zugang: Normbildendes Handeln und Verfahren .................................. 33 V.  „Reisefähigkeit“ normativer Konzepte? Das Beispiel der Rule of Law...................................... 35 1. Normativität theoretischer Begriffe und Konzepte ................................................................ 35 2. Kulturelle Einbettung von Normen und Institutionen: „Legal Transplants“ ...................... 37  I. Normative Pluralität ordnen?  Die Erkenntnis normativer Pluralität  ist nicht neu. Wenn die aus verschie‐ denen Normen herrührenden Befehle  in einem „hybriden Rechtsraum“1 ei‐ nen Sachverhalt  in unterschiedlicher Weise regeln und einen Regelungsad‐ ressaten  in verschiedene Richtungen  leiten, kann  sich normative Pluralität  zu einer Normenkollision verdichten. Das zieht eine Vielzahl rechtlicher und  nicht‐rechtlicher Probleme nach sich. Normative Pluralität begegnet uns  in  diversen Kontexten und auf unterschiedlichen Ebenen. Sie ist schon seit Be‐ ginn des 20.  Jahrhunderts Gegenstand  rechts‐ und sozialwissenschaftlicher  Forschung.    ∗   Matthias Kötter, Dr. iur., ist wiss. Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für So‐ zialforschung (WZB)/ SFB 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ und  an der Helmut‐Schmidt‐Universität der Bundeswehr Hamburg. Kristina Kühl ist wiss.  Mitarbeiterin am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität Berlin.  Judit  Y. Mengesha, M. A., ist studentische Mitarbeiterin am SFB 700. Unser Dank gilt Djamila  Danz für die Mitwirkung an der Vorbereitung dieses Beitrags.  1   Paul S. Berman, Globaler Rechtspluralismus, in diesem Band, S. 41 ff., 44 ff., 58.  12  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  Aus  rechtswissenschaftlicher  Sicht  stellt  normative  Pluralität  die  Idee  normativer  Einheit  und  die  sich  daraus  ergebenden  Forderungen  an  das  Recht und seine Ordnung  in Frage. Entlang der engen Definition eines eta‐ tistischen Rechtsbegriffs ließ sie sich über lange Zeit erfolgreich ausblenden.  Dagegen haben die Rechtsethnologie und die Rechtsanthropologie aus der  wirklichkeitswissenschaftlichen  Perspektive  immer  schon  konkurrierende  soziale Normordnungen erfasst und Mechanismen und diskursive Praktiken  zum Umgang mit  ihnen  analysiert. Auch wenn  es  den weiten  ethnologi‐ schen Rechtsbegriffen  im Hinblick auf die Lösung normativer Konflikte an  Trennschärfe  fehlen mag, stellt bereits die Erkenntnis konfligierender Nor‐ men und ihres Zusammenspiels im Hinblick auf normative Kontexte jenseits  gefestigter Staatlichkeit einen wichtigen Schritt zur Problemlösung dar, dem  sich auch die Rechtswissenschaft nicht verschließen kann.  Die Beiträge in diesem Buch machen lokale, nationale, supra‐, inter‐ und  transnationale  Normen  verschiedener  kultureller  Ausprägung  zum  Aus‐ gangspunkt ihrer Überlegungen und eröffnen einen gemeinsamen Blick von  Rechts‐, Sozial‐ und Kulturwissenschaften auf die vielfältigen Erscheinungs‐ formen normativer Pluralität und die  in den einschlägigen Literaturen dis‐ kutierten Ansätze  zu  ihrer  Bewältigung. Dabei werden Gemeinsamkeiten  der Problemlagen und Lösungsansätze aufgezeigt. Es kann nicht darum ge‐ hen,  eine  „Meta‐Dogmatik  des  Rechtspluralismus“2 zu  entwerfen.  Dieses  Buch kann aber zur Ordnung der Diskurse über normative Pluralität beitra‐ gen. Den Problemen nähern wir uns über vier Querschnittsfragen an:  Erstens die Frage nach der Unterscheidung von Recht und anderen gesell‐ schaftlichen Normen und nach der Einheit der Rechtsordnung. Erst die An‐ erkennung einer Norm als Recht ermöglicht ihre formale Durchsetzung. Die  Definition des Rechtsbegriffs  ist  dabei  selbst Herrschaftsausübung,  soweit  andere gesellschaftliche Normen von ihr marginalisiert werden.   Zweitens die Frage nach Ebenen und Typen von Normenkollisionen, die die  normative  Einheit  der  Rechtsordnung  herausfordern.  Bezüglich  der  Viel‐ schichtigkeit  der  Erscheinungen  normativer  Pluralität  und  der  Bewälti‐ gungsstrategien  können wir  uns  an  dem  2007  erschienenen  umfassenden  Entwurf von Paul Schiff Berman über Globalen Rechtspluralismus orientieren,    2   Karl‐Heinz Ladeur, Die Rechtswissenschaftliche Methodendiskussion und die Bewälti‐ gung des gesellschaftlichen Wandels,  in: Rabels Zeitschrift für ausländisches und  in‐ ternationales Privatrecht 64 (2000), S. 60 ff., 101; dazu Thomas Vesting, Die Staatsrechts‐ lehre und die Veränderung  ihres Gegenstandes,  in: VVDStRL 63  (2004), S. 66 f.; kri‐ tisch demgegenüber Franz von Benda‐Beckmann, Gefangen im Rechtspluralismus: Zum  Umgang mit Normkollisionen in rechtlich pluralen sozialen Räumen, in diesem Band,  S. 169 ff.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  13   der in diesem Buch in deutscher Sprache vorliegt. Wie Berman verfolgen wir  einen diskursübergreifenden, systematisierenden Ansatz.   Drittens  die  Frage, welche Mechanismen,  Institutionen  und  Praktiken  zur  Bewältigung normativer Pluralität zur Verfügung stehen. Integrations‐ und  Kollisionsregime  bilden  den  Schwerpunkt  der  Befassung  mit  normativer  Pluralität. Dabei hat sich gezeigt, dass die Strategien zur Bewältigung nor‐ mativer Pluralität v. a. an zwei Punkten ansetzen: Zum einen bei der Defini‐ tion des Rechtsbegriffs, über die sich die Einbeziehung oder der Ausschluss  von – konfligierenden – Normen in die Betrachtung steuern lässt, zum ande‐ ren bei der Ausformung von Kollisionsnormen als Rechtsregeln.   Und viertens die Frage nach methodischen Problemen im wissenschaftlichen  Umgang mit verhaltensleitenden Normativitäten neben dem Recht. Definiti‐ onen  lenken  den  Blick,  weshalb  oft  bereits  das  Anerkenntnis  normativer  Pluralität ein Schritt hin zu ihrer Bewältigung ist. Ein methodisches Problem  stellt sich nicht zuletzt hinsichtlich der Maßstäblichkeit von Rechtsbegriffen  wie  der  Rule  of  Law  für  normative  Kontexte  jenseits  der  konsolidierten  Staatlichkeit im Sinne der OECD‐Welt.  II. Die Einheit der Rechtsordnung und der Begriff des Rechts  Soweit normative Pluralität das Risiko von Kollisionen birgt, widerspricht  sie der  Idee von der Einheit der Rechtsordnung. Entstanden  im Zuge der  Festigung der Nationalstaaten im späten 19. Jahrhundert steht die Einheits‐ formel für Widerspruchsfreiheit und die Rückführbarkeit des Rechts auf ei‐ ne  einheitliche Legitimationsinstanz. Bis heute dient  sie  als Argument  auf  zwei Ebenen: als rechtstheoretisches Strukturprinzip und als Rechtsprinzip  und normative Forderung.3  Rechtstheoretisch dient die Einheit der Rechtsordnung als Abgrenzungs‐ kriterium  zwischen  verschiedenen  normativen  Zusammenhängen  und  als  Funktionsvoraussetzung  einer  sicheren  und  effektiven Ordnung: Nur wer  sich einer einheitlichen, widerspruchsfreien Rechtsordnung gegenübersieht,  kann  seine  Handlungen  daran  orientieren,  und  nur  klar  strukturierte  Rechtsordnungen erfüllen die Ordnungsfunktion des Rechts.4 Das Einheits‐ argument  wird  damit  selbst  zum  Verfassungsgebot.  In  den  Worten  des  Bundesverfassungsgerichts heißt das:    3   S. ausführlich Christian Bumke, Relative Rechtswidrigkeit, 2006, S. 37 ff. m.w.N.   4   Andreas von Arnauld, Rechtssicherheit, 2006, S. 252 ff. Die Widerspruchsfreiheit ist in‐ sofern Ausdruck  „guter Gesetzgebung“,  s.  Gunnar  Folke  Schuppert, Gute Gesetzge‐ bung, in: Beiheft zur Zeitschrift für Gesetzgebung 2003, S. 11 f.  14  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  „Das Rechtsstaatsprinzip verpflichtet alle rechtsetzenden Organe des Bundes und der Län‐ der, die Regelungen  jeweils so aufeinander abzustimmen, daß den Normadressaten nicht  gegenläufige Regelungen erreichen, die die Rechtsordnung widersprüchlich machen.“ 5  Verschiedene Teilrechtsordnungen dürfen danach nicht in Widerspruch zu‐ einander geraten, v. a. dürfen der Bund und die Länder mit ihren Regelun‐ gen  keine widersprüchlichen  Zwecke  verfolgen.  Im Wege  der Auslegung  ergeben sich unter Verweis auf die Formel von der Einheit der Rechtsord‐ nung  Vorgaben  für  einheitliche  Konstruktionen,  Vorrangverhältnisse  und  Kollisionsregeln.6 Das Grundgesetz nennt die „Wahrung der Rechtseinheit“  explizit in Art. 72 Abs. 2. Auf europäischer Ebene wird der Gedanke von der  Einheitlichkeit der Gemeinschaftsrechtsordnung vom EuGH verfolgt.7  Im genannten Sinne stellt die „Einheit der Rechtsordnung“ eine normati‐ ve Forderung dar. Konzipiert man die Rechtsordnung unter Bezug auf Hans  Kelsen als Stufenbau, in dem ausgehend von einer Grundnorm8 jeder Norm  ein fester Hierarchieplatz zukommt und Widersprüche ausgeschlossen sein  sollen, dann erscheint Einheit  jedenfalls keine ganz abwegige Konstruktion  zu  sein.9 Andere  soziale Normen neben dem Recht  fallen nach dieser Vor‐ stellung aus der Rechtsordnung heraus. Kollisionen zwischen Recht und so‐ zialen Normen werden vielmehr mit dem Vorrang des Rechts aufgelöst, das  soziale Normen gegebenenfalls  in Bezug nimmt, etwa zur Konkretisierung  bei Generalklauseln wie den „guten Sitten“ oder bei technischen Standards,  die über Verweisungen Rechtswirkungen erhalten können (s. u. III.2.).  Ein  etatistischer Rechtsbegriff  legt der  juristischen Betrachtung nur  sol‐ che Normen als Recht zugrunde, die auf den Staat und sein legitimes Recht‐ setzungsmonopol  zurückgehen, 10  deshalb  alleine  aus  formalen  Gründen  Geltung beanspruchen und für die ein staatliches Durchsetzungsregime be‐ steht. Über die Definition des Rechtsbegriffs lassen sich Normen in‐ und ex‐ kludieren und Inkonsistenzen vermeiden.  Einheit wird heute auch in Beiträgen zu inter‐ und transnationalem Recht  als Ziel genannt, bis hin zur Konstruktion normativer Einheit einer globalen  Rechtsordnung.  In Kontexten  jenseits des  Staates,  in denen der  Staat  kein  Monopol  zur  Politik‐  und  Rechtsformulierung  und  ‐durchsetzung  besitzt  und wo verschiedene Normenordnungen mit  jeweils eigenem Geltungsan‐   5   BVerfGE 98, 106, 118 f. (Verpackungssteuer).  6   Kritisch demgegenüber Dagmar Felix, Einheit der Rechtsordnung, 1998, S. 404.  7   EuGH, Rs. C‐314/85 – Foto Frost, Slg. 1987, 4199 Rn. 15; s. dazu Ulrich Haltern, Euro‐ parecht: Dogmatik im Kontext, 2007, Rn. 595.  8   Hans Kelsen, Allgemeine Staatslehre (1925), 1966, § 36 Die Verfassung, S. 248 ff.  9   Vgl. Manfred Baldus, Die Einheit der Rechtsordnung, 1995, S. 199; Bumke (Fn. 3), S. 24 f.  10   Vgl. bspw. Klaus F. Röhl, Auflösung des Rechts, in: Stephan Lorenz u. a. (Hrsg.), Fest‐ schrift für Andreas Heldrich, 2005, S. 1161 ff. m. w. N.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  15   spruch  konkurrieren,11 verlieren  die  Einheitsfiktion  und  mit  ihr  der  enge  Rechtsbegriff  jedoch an Plausibilität. Weiter als eine staatszentrierte Defini‐ tion des Rechts kann hier ein formaler Rechtsbegriff wie der des amerikani‐ schen Rechtsphilosophen H.L.A. Hart führen, der darauf abstellt, dass mate‐ rielle Normen, um Recht zu sein, von sekundären Normierungen umgeben  sind, die  bestimmen, wie Normen  aufzustellen, umzusetzen,  anzuwenden  oder durchzusetzen sind.12 Darüber wird man mit Robert Alexy einen not‐ wendigen Zusammenhang  von Recht mit  der  Idee  einer  –  nicht  einer  be‐ stimmten  –  begründeten Moral  fordern müssen,  als materielles Korrektiv  und  regulative  Idee  im  Sinne  eines  anzustrebenden  Ziels. 13  Ein  solcher  Rechtsbegriff wäre keineswegs  frei von einer bestimmten kulturell beding‐ ten und historisch gewachsenen Vorstellung kollektiver Normsetzung und  ‐durchsetzung.  Um  der  Wirklichkeit  unterschiedlicher  Normativitäten  in  anderen kulturell‐normativen Kontexten gerecht zu werden, spricht einiges  dafür,  den  Blick  bei  der  Analyse  auf  andere  Normativitäten  neben  dem  Recht  zu  erweitern  und  dann  in  einem  zweiten  Schritt  über  die  (Auf‐)  Lösung eventuell entstehender Normenkollisionen nachzudenken.  III. Herausforderungen für die Einheit der Rechtsordnung: sechs Diskurse  Erscheinungen normativer Pluralität lassen sich mit Blick auf die Einheit der  Rechtsordnung nicht angemessen abbilden. Sie  fordern diese vielmehr  im‐ mer wieder heraus, wie die folgenden sechs Diskurse gezeigt haben.  1. Einheit der Rechtsordnung und Vielheit des Rechts bei Eugen Ehrlich  Schon am Beginn des 20.  Jahrhunderts  fragte Eugen Ehrlich, Professor  für  römisches  Recht  an  der  Universität  Czernowitz,  danach,  welche  sozialen  Normen zum Recht zu zählen oder von  ihm zu beachten sind und welche  Inkonsistenzen dadurch in Kauf zu nehmen sind. Mit Blick auf die ländliche  Bukowina  − heute Teil der Ukraine und Rumäniens  − beobachtete Ehrlich  das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Ethnien und mit un‐ terschiedlichen Regeln und Gebräuchen und konstatierte:  „Ein Jurist der hergebrachten Richtung würde zweifellos behaupten, alle diese Völker hät‐ ten nur ein einziges, und zwar genau dasselbe, das in ganz Österreich geltende österreichi‐   11   S. dazu Gunther Teubner/ Peter Korth, Zwei Arten des Rechtspluralismus,  in diesem  Band, S. 137 ff.  12   H. L. A. Hart, The Concept of Law, 1961, S. 77 ff.  13   Robert Alexy, Begriff und Geltung des Rechts (1992), 2002, S. 136. Vgl. zu diesem An‐ spruch auch Stefan Oeter, Die Zukunft der Völkerrechtswissenschaft  in Deutschland,  in: ZaöRV 67 (2007), S. 675 ff., 682 f.  16  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  sche Recht. Und doch könnte  ihn schon ein flüchtiger Blick davon überzeugen, dass  jeder  dieser Stämme in allen Rechtsverhältnissen des täglichen Lebens ganz andere Rechtsregeln  beobachtet.“14  Ehrlich  folgerte daraus, dass die Rechtswissenschaft, um bei der Kenntnis  des  aktuellen  Rechtszustandes  nicht  mehr  länger  „im  Dunkeln  (zu)  tap‐ pen“15, das gesamte „lebende Recht“ in den Blick zu nehmen habe, statt sich  bewusst auf solches Recht zu beschränken, das durch Rechtszwang durch‐ gesetzt werden kann; Ausgangspunkt der Betrachtung des Rechts und sei‐ ner Quellen müssten vielmehr die Tatsachen sein, an die „der menschliche  Geist … Regeln anknüpft“.16 Ehrlich unterschied zwischen Rechtstatsachen  (Übung, Herrschaft, Besitz, Willenserklärung), aus denen die Rechtsnormen  entstehen, und Rechtssätzen.17 Letztere seien das Juristenrecht: die „zufällige  allgemeinverbindliche Fassung einer Rechtsvorschrift in einem Gesetze oder  einem Rechtsbuch“18. Erst wenn Rechtssätze  ins Handeln umgesetzt  seien,  sollten sich aus ihnen auch Rechtsnormen ergeben. Doch nicht alle Normen  sollten  Rechtsnormen  sein:  Zur  Abgrenzung  entwickelte  Ehrlich  eine  an  zeitgenössische Beiträge zur Rechtspsychologie angelehnte „Theorie der Ge‐ fühlstöne“, wonach  der Mensch  auf  die  „Übertretung  verschiedener Nor‐ men nach ihrer Art mit verschiedenen Empfindungen“ reagiere, die auf der  unterschiedlichen Wichtigkeit der Normen für das Sozialleben beruhe.19  Ehrlich  ging  es  darum,  das  Blickfeld  der  Rechtswissenschaft  um  die  Wirklichkeit des  gelebten Rechts und die Gesellschaft  als Rechtsquelle  zu  erweitern,  ein  Vorgehen,  das  die  Einheit  der  Rechtsordnung  gar  nicht  grundsätzlich in Frage stellte. In Abkehr von dem zu der Zeit herrschenden  Rechtspositivismus und seiner Juristischen Methode − und dabei in offener  Konfrontation v. a. zu Hans Kelsen20 −  forderte Ehrlich den Blick dafür zu  öffnen, dass Recht auch unabhängig vom Staat entstehen könne.21 Er betonte  die wechselseitigen Einflüsse, die  sich  in der Berücksichtigung der  gesell‐ schaftlichen Verhältnisse bei Gesetzgebung und Rechtsanwendung zeigten.    14   Eugen Ehrlich, Das  lebende Recht der Völker der Bukowina  (1912), Neuabdruck  in:  Recht und Leben, hrsg. von Manfred Rehbinder, 1967, S. 43.  15   Eugen Ehrlich, Grundlegung der Soziologie des Rechts (1913), 4. A. 1989, S. 412.  16   Ehrlich (Fn. 14), S. 81 f.  17   Vgl. Manfred Rehbinder, Die Begründung der Rechtssoziologie durch Eugen Ehrlich,  2. Aufl., 1986, S. 41f.  18   Ehrlich (Fn. 14), S. 44.  19   Ehrlich  (Fn. 14), S. 146.  Ein Ansatz,  der  sich  später  in  der  rechtssoziologischen  For‐ schung zum Rechtsgefühl niederschlug; Kritik bei Rehbinder (Fn. 19), S. 48, 123 f.  20   Vgl. Johannes Köndgen, Privatisierung des Rechts, in: Archiv für die civilistische Praxis  (AcP) 206 (2006), S. 477 ff., 509.  21   Vgl. Klaus F. Röhl/ Hans Christian Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl., 2008, S. 207.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  17   In einer Kaskade von Kritiken wies Kelsen dagegen auf die Grenze zwi‐ schen Sein und Sollen hin, die Ehrlichs Zugriff und Methode zur Rechtswis‐ senschaft in unzulässiger Weise verwischten.22 Das Recht sei selbst „norma‐ tiv“, seine tatsächlichen Wirkungen dagegen ein Gegenstand, den eine ande‐ re Wissenschaft mit anderen Methoden untersuchen müsse.23 Und Ehrlichs  Theorie der Gefühlstöne hielt Kelsen „unter den nicht spärlichen Versuchen,  das Wesen des Rechtes zu bestimmen“, gar für „den Gipfel der Kuriosität“.24  Bis heute  ist der  rechtswissenschaftliche Rechtsbegriff geprägt von Max  Webers  Unterscheidung  von  Rechtsnormen  und  gesellschaftlichen  Nor‐ men,25 die zur Bestimmung der Rechtsqualität einer Norm auf die Möglich‐ keit  ihrer  zwangsweisen  staatlichen Durchsetzung  abstellt;  ein Kriterium,  das Ehrlich zur Bestimmung des Gegenstands der Rechtswissenschaft stets  abgelehnt hatte. Der von Ehrlich eingeforderten Perspektiverweiterung wird  nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die sie verdient hätte.26  2. Nicht‐staatliche Normordnungen und Private Regulation  Nicht‐staatliche Normordnungen und  ihr Verhältnis zum Recht  führen bis  heute  zu  schwierigen  Fragen,  nicht  nur  in Kontexten  jenseits  des  Staates.  Das  zeigen neuere Debatten  zum Umgang  einerseits mit milieubezogenen  Normen, die oftmals einen religiösen Ursprung haben, und andererseits mit  autonomen Rechten  in  komplexen  technischen  oder wirtschaftlichen Kon‐ texten, dem  sog. Expertenrecht. Aus der Sicht derjenigen, die die Normen  begründen und befolgen, unterscheiden sie sich nicht von staatlichem Recht,  in das sie sich auf verschiedene Weise einfügen müssen. Gegenüber Dritten  entfalten sie nur mittelbare Wirkung, soweit das Recht sie anerkennt.    Zu  nennen  ist  zum  einen die Diskussion über Kulturkonflikte, die  aus  der  Kollision  von  religiösen  oder  von  anderen,  auf  spezifische  kulturelle  Gruppen  oder Milieus  zurückgehende Normen mit dem Recht herrühren.  Die Existenz und Befolgung  solcher Normen  ist unproblematisch,  solange  ihre  Wirkungen  innerhalb  der  Bezugsgruppe  verbleiben.  Zum  Problem    22   Die Ehrlich‐Kelsen‐Kontroverse  findet sich wiederabgedruckt bei Stanley L. Paulson  (Hrsg.), Hans Kelsen und die Rechtssoziologie, 1992.   23   Hans Kelsen, Eine Grundlegung der Rechtssoziologie, in: ASSP 39 (1915), S. 839 ff., 861  (bei Paulson (Fn. 22), Abdruck 4). Zum Vorwurf des „Mangel(s) an begrifflicher Kon‐ sequenz“  und den Erwiderungen Ehrlichs siehe Eugen Ehrlich, Entgegnung, in: ASSP  41  (1916), S. 844 f.  (bei Paulson, Abdruck 5); Hans Kelsen, Replik und Schlußwort,  in:  ASSP  41  (1916),  S.  850  ff.  und  611  (bei  Paulson, Abdrucke  6  und 8). Vgl.  Köndgen  (Fn. 20), S. 510; Rehbinder (Fn. 17), S. 103 f.  24   Kelsen 1915 (Fn. 23), S. 861.  25   Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (1922), 5. Aufl. 1972, S. 187 ff.  26   Köndgen (Fn. 20), S. 510.  18  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  werden sie erst, wenn sie mit Pflichten kollidieren, die das staatliche Recht  vorsieht. Unter dem Grundgesetz kann ihre Berücksichtigung teilweise über  Art. 4 GG geboten sein, so dass  in der Folge – wie bei der Ausnahme vom  Verbot, Tiere zu schächten  (§ 4a des Tierschutzgesetzes) – gesetzliche Aus‐ nahmen geschaffen oder durch Auslegung ermöglicht werden oder aber das  staatliche Recht sich durchsetzt.27 Gesellschaftliche Autonomieräume reichen  bis zur Grenze des Rechts, bspw.  innerhalb der Familie oder als Ausdruck  des Gedankens der Privatautonomie.  Zu nennen ist zum anderen die Diskussion über „private Rechtsetzung“  –  wie  beim  sog.  Expertenrecht,  bei  technischen  Standards  wie  den  DIN‐ Normen  oder  bei  Rechnungslegungsstandards  –  und  ihr  Verhältnis  zum  staatlichen  Recht. 28  Legitimationsprobleme  entstehen,  wenn  eine  Geltung  der Normen über den Kreis derer hinaus beansprucht wird, die  sich dem  Regime und seinen Sanktionen unterworfen haben. Außerdem können Kon‐ flikte mit dem staatlichen Recht entstehen. Die private Wirtschaftswelt setzt  zunehmend  auf  freiwillige  Corporate  Governance  Kodizes.29 Die  vielfach  thematisierte Wiederkehr der Lex Mercatoria fällt in diesen Themenkomplex  der  automomen  Herausbildung  von  Normen,  wobei  das  Verhältnis  zum  Recht über die Delegation von Regulierungskompetenzen bzw. über Auto‐ nomieräume hergestellt wird. Auch  in anderen Bereichen machen „Norm‐ unternehmer“  dem  Staat  auf  seinem  ureigensten Gebiet  der Rechtsetzung  Konkurrenz.30  Nicht‐staatliche Regulierung  ist kein neues Phänomen. Die Stränge der  Diskussionen  lassen sich historisch zurückverfolgen und verweisen auf die  immer schon entstehenden Kollisionen des Rechts mit anderen Normativitä‐ ten. Die Autonomiebereiche von Religionsgemeinschaften aber auch  inner‐ halb der Familie  sind dem Recht  erst  im Laufe der Geschichte zugänglich  gemacht worden. Die technische Selbstnormierung und Herausbildung von  Standards  ist  ein  Phänomen  der  Industrialisierungsepoche  um  1900.31 Die  autonome Normsetzung von Vereinen und Organisationen war ein Thema  schon in den achtziger Jahren.32    27   S. bspw. BVerwGE 112, 314 (Rastafari).  28   Köndgen (Fn. 20) passim. S. a. Matthias Ruffert, § 17 Rechtsquellen und Rechtsschichten  des Verwaltungsrechts,  in: Wolfgang Hoffmann‐Riem u. a.  (Hrsg.), Grundlagen des  Verwaltungsrechts, Bd. I, 2006, Rn. 85 ff.  29   Köndgen (Fn. 20), S. 495.  30   Vgl. Gunnar Folke Schuppert, Von Ko‐Produktion von Staatlichkeit zur Co‐Performance  of Governance, in: Sebastian Botzem u. a. (Hrsg.), Governance als Prozess: Koordina‐ tionsformen im Wandel, 2009, S. 285 ff.  31   S. Milos Vec, Recht und Normierung in der Industriellen Revolution, 2006, S. 382.  32   Ferdinand Kirchhof, Private Rechtsetzung, 1987.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  19   Infolge des Vorrangsanspruchs des staatlichen Rechts stellt private Regu‐ lierung  die  Einheit  der  Rechtsordnung  wiederum  nicht  grundsätzlich  in  Frage. Der Staat entscheidet  letztlich darüber, wem er  für welche Bereiche  und  innerhalb welcher Grenzen  die  Regelungsautonomie  zugesteht. Dass  private Normen nicht als Recht anerkannt werden, bedeutet nicht, dass der  Staat  sich  diese  gesellschaftlichen Normen  und  ihre  Regelungswirkungen  nicht zueigen machen könnte, bspw.  indem er auf sie verweist oder  ihnen  im  Einzelfall  sogar  eine  über  die  Gruppe  hinausgehende  Geltung  zu‐ schreibt.33 Die gesetzlichen Grenzen  sind zu beachten; bei Verstößen droht  die  staatliche  Durchsetzungsmacht.  Kollisionen  schließt  der  Vorrang  des  Rechts aus. Schwieriger wird dies mit Blick auf Kontexte jenseits des Staates  und im transnationalen Bereich (s. u. 5. und 6.). Wohl deshalb wird die Rolle  privater Regelsetzung  gerade  im Zuge  zunehmender Globalisierung  bzw.  Transnationalisierung wieder stärker diskutiert.34  3. Postkoloniale Staaten im Spiegel rechtsethnologischer Diskurse  Ein pluralistischer Zugang  zur Beschreibung und Analyse  rechtlicher und  anderer  sozialer Normen  findet  sich  in  den  Post‐colonial  Studies,  die  seit  den 1960er  Jahren  eine Perspektive „von unten“ und das Verständnis von  Kolonialismus  als  einer  gewaltsam  durchgesetzten  Herrschaftsbeziehung  auszeichnet.35 Staatliche Einheit und die Einheit der Rechtsordnung sind aus  dieser Perspektive ein schon zu Kolonialzeiten nie erreichtes Ziel.36  Rechtspluralismus  gilt  als  Folge  des Konflikts  zwischen  Tradition  und  Moderne  und  der  historischen Überlagerung  verschiedenster  Formen  des  Rechts.37 Ursachen  werden  in  der  mangelnden  Durchsetzungsfähigkeit  in  der Peripherie38 und der Pluralität  lokaler Gewohnheitsrechte gesehen, die    33   Vgl. die Beispiele bei Köndgen (Fn. 20), S. 483 f., 486 f.  34   Vgl. etwa Köndgen  (Fn. 20), S. 524, der sich aber explizit gegen die  Idee eines „post‐ modernen  ,Rechtspluralismus´“ stellt und  ldgl. nach den spezifischen Legitimations‐ problemen  fragt. S. a. Matthias Kötter, Die Legitimation von Normen  in Räumen be‐ grenzter  Staatlichkeit:  ein Governance‐Prozess  jenseits  des  Staates,  in:  Botzem  u. a.  (Hrsg.) (Fn. 30), S. 653 ff., 669 ff. m.w.N.  35   Vgl.  Jürgen Theres,  Recht  und  Entwicklung  in Afrika,  in:  Festschrift  Scholler,  1991,  S. 116; Zu den perspektivischen und methodischen Ausdifferenzierungen der Postco‐ lonial Studies s. Robert Young, Postcolonialism: A very short introduction, 2003.  36   Vgl. nur Andreas Mehler, Staatszerfall,  in: Rolf Hofmeier/ders. (Hrsg): Kleines Afrika‐ Lexikon, 2004, S. 275.  37   Vgl.  den  Beitrag  von  Julia Eckert,  Rechtsaneignung:  Paradoxien  von  Pluralisierung  und Entpluralisierung in rechtspluralen Situationen, in diesem Band, S. 191 ff.  38   Gerhard Hauck, Gesellschaft und Staat in Afrika, 2001, S. 23; Nadin Hée/ Ulrike Schaper,  Herrschaftsraum und Raumbeherrschung: Raum  in der deutschen und  japanischen  20  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  die Heterogenität der Bevölkerung widerspiegelt. Dabei  treten Kollisionen  zwischen  staatlichem  Recht,  lokalem  Gewohnheitsrecht,  religiösem  Recht  und  internationalen  Menschenrechtsabkommen  bei  handlungsleitenden  Normen ebenso auf wie bei daran anknüpfenden Institutionen und Mecha‐ nismen  der  Streitbeilegung.39 Werden wie  bei  der Gruppe  der Amhara  in  Äthiopien Konflikte  intern geregelt und nicht nach außen getragen, wider‐ spricht  das  der  öffentlichen Verhandlung  vor  staatlichen Gerichten. Wäh‐ rend  das  staatliche  Recht  die Verletzung  einer Norm  bestraft, wollen  die  gewohnheitsrechtlichen Mechanismen vor allem Racheakte verhindern und  eine Entschädigung für entstandene Verluste erwirken.40   Aus  rechtsethnologischer  Sicht  erscheinen  der moderne  Staat  und  sein  Recht als eine mögliche, aber keinesfalls zwingende Form der Organisation  von Gesellschaft. Bei der Untersuchung normativer Ordnungen werden sie  deshalb oft vernachlässigt.41 Der Fokus liegt stattdessen auf der Suche nach  handlungsleitenden Normen, wobei  tendenziell  alles  soziale Handeln, das  zur gesellschaftlichen Ordnungsbildung beiträgt, als Recht betrachtet wird.42  Die Frage ist, „welche sozialen Phänomene wir Recht nennen wollen“, und  welchen  lediglich  eine  politische  und wirtschaftliche Normfunktion  zuer‐ kannt wird, ohne sie Recht zu nennen.43 Zur Abgrenzung wird auf die Funk‐ tion abgestellt und weniger auf die formale Ausgestaltung oder die Perzep‐ tion der Norm als Recht.44 Bei der Frage, welches Maß an Durchsetzbarkeit  beziehungsweise welcher  Institutionalisierungsgrad von Mechanismen  zur  Durchsetzung von  sozialen Normen notwendig  ist, um dem Handeln den  Status  von  Recht  zuzuschreiben,  wird  der  Unterschied  zwischen  einer  staatszentrierten  rechtswissenschaftlichen  und  einer  ethnologischen  Per‐ spektive deutlich: Erstere kennt Recht nur in kephalen, staatlich organisier‐ ten, Gesellschaften mit einem physischen Sanktionsmechanismus. Für letzte‐ re kann auch soziale Kontrolle ohne jegliche staatliche Autorität die Funkti‐   Kolonialherrschaft, in: Sybille de La Rosa u. a. (Hrsg.), Transdisziplinäre Governance‐ forschung: Gemeinsam hinter den Staat blicken, 2008, S. 37 ff.  39   Vgl. hierzu auch die Beiträge von Tilman Röder, Kollisionen zwischen sharī‘a, Gesetz  und Stammestradition  in Afghanistan,  in diesem Band, S. 257  ff., und von Franz von  Benda‐Beckmann (Fn. 2).  40   Judit Y. Mengesha,  Richten  und  Schlichten,  oder:  „um  des  lieben  Friedens willen“.  Rechtshistorischer  Vergleich  hybrider  und  nicht‐staatlicher  Formen  der  Streitbeile‐ gung im äthiopischen Hochland, Magisterarbeit HU Berlin 2008.  41   Simon Roberts, Ordnung und Konflikt, 1981, S. 14.   42   Franz und Keebet von Benda‐Beckmann, Change and Continuity  in Plural Legal Orders,  in: Journal of Legal Pluralism and Unofficial Law 53/ 54 (2006), S. 17 m.w.N.  43   Franz von Benda‐Beckmann, Rechtspluralismus: Analytische Begriffsbildung oder poli‐ tisch‐ideologische Programm?, in: Zeitschrift für Ethnologie 119 (1994), S. 3.  44   Vgl. Brian Z. Tamanaha, A General Jurisprudence of Law and Society, 2001, Kap. 7.    Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  21   on  von Recht  erfüllen  und  somit Recht  sein;45 wobei  der Rechtsbegriff  an  Trennschärfe zu verlieren droht.  Die  Kolonialisierungsprozesse  haben  zur  Pluralisierung  des  Rechts  in  den betroffenen Räumen beigetragen, ohne dass die Rezeption europäischen  Rechts das  lokale Gewohnheitsrecht  je völlig verdrängt hätte.46 Traditionale  Rechtsvorstellungen und neues Recht haben sich durch Austausch‐ und An‐ eignungsprozesse vermischt,47 so wie Tradition und Kultur seit  jeher einem  fortwährenden Transformationsprozess unterliegen und  immer wieder neu  entdeckt oder „erfunden“ 48 werden. Die Berücksichtigung dieser Vielfalt  in  staatlichen Verfassungen ist keinesfalls als Abkehr vom Ideal der Einheit des  Rechts zu verstehen sondern vielmehr als Versuch, seine Legitimation und  Wirksamkeit auch unter pluralen Bedingungen gewährleisten zu können.  4. Normschichten: Transformation, Rezeption und oktroyierte Verfassungen  Normative  Pluralität  entsteht  in  gesellschaftlichen  Transformationsprozes‐ sen:  Infolge  gesellschaftlicher Umbrüche,  durch  oktroyierte Verfassungge‐ bung  oder  infolge  der  Rezeption  fremden  Rechts  gelangen  Rechtsätze  in   Kontexte,  in denen  sie nicht gewachsen  sind. Es bilden  sich Schichten von  gesellschaftlich praktizierten Rechten, die sich historisch an‐ und überlagern.  In  Nigeria  bspw.  überlagern  sich  zwischen  autochtonem  und  post‐sozia‐ listischem Recht insgesamt sechs verschiedenen Schichten, die jeweils eigene  Eigentumsbegriffe umfassen.49 Das kann zu Differenzen zwischen dem  for‐ mal geltenden Recht auf der einen und den historisch gewachsenen und ge‐ lebten Normen  auf der  anderen  Seite  führen. Die  aus  der  Literatur  stam‐ menden einschlägigen Beispiele sind nicht nur geographisch weit voneinan‐ der entfernt, sondern bringen auch sehr verschiedene historische und gesell‐ schaftliche Voraussetzungen  für  ihre heutigen Rechtssysteme mit. Gemein‐ sam sind ihnen die infolge der Normschichten auftretenden Kollisionen.  Die Transformationsstaaten gelangen in einem umfassenden gesellschaft‐ lichen Wandel zu  ihrer neuen Verfassung. Während  in Südeuropa und La‐   45   Zur Rationalität der sozialen Ordnungen s. Bronislaw Malinowski, Crime and Custom  in Savage Society, 1926; s. a. Sally Engle Merry, Legal Pluralism, in: Law & Society Re‐ view 22/5 (1988), S. 869 ff.   46   Mahmood Mamdani, Citizen and Subject, 1996, S. 22;  Leopold Pospisil, Modern and Tra‐ ditional Administration of  Justice  in New Guinea,  in:  Journal of Legal Pluralism 19  (1981), S. 93 ff.  47   Rüdiger Schott, Das Recht gegen das Gesetz, in: Festschrift Schelsky, 1978, S. 615 ff.   48   Vgl. Eric J. Hobsbawm/ Terence O. Ranger (Hrsg), The Invention of Tradition, 1992.   49   Mündlicher Hinweis von Markus Krajewski. Zum Beispiel  Indiens s.  Judith Dick, Offi‐ zieller  Rechtspluralismus  im  Konkurrenzverhältnis  unterschiedlich  geregelter  Ge‐ schlechterverhältnisse, 2007.  22  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  teinamerika  die  Einbindung  in  die  globale Marktwirtschaft  unter  Etablie‐ rung demokratischer Strukturen vor allem auf politischer Ebene erfolgte,50  erforderte die europäische Einbindung der postsozialistischen Staaten Ost‐ europas  neben  der  politischen  Transition  eine  vollständige  ökonomische  und institutionelle Wandlung,51 wobei nur teilweise an ältere Strukturen an‐ geschlossen werden konnte. Die Transformation verlief mit Blick auf die  je‐ weiligen Verfassungsgeschichten sehr unterschiedlich und dauert  teilweise  bis heute fort.52 Die Implementierung westlichen Verfassungsrechts und eu‐ ropäischer Standards in die neuen Verfassungen fügte sich oft schwer in das  bestehende  Institutionengefüge  ein.53 Rechtsangleichung  („alignment“)  er‐ folgt  u. a.  durch  Institutionenaufbau,  Beratung  und  Screening‐Mechanis‐ men, also durch die Begleitung interner Aneignungsprozesse.54  Dennoch wird  das  neue  Recht  oft  als  „imposed  law“ wahrgenommen  und mit Kolonial‐ oder Besatzungsrecht verglichen.55 Das gilt in hohem Ma‐ ße  für  die  neuen,  oktroyierten Verfassungen  in  Ländern wie Afghanistan  oder  Irak. Sie  sind Ergebnis eines „äußeren“ Befriedungsprozesse und aus  der Binnensicht aufgezwungen, weshalb die Anerkennung  in der Bevölke‐ rung anfangs minimal ist.56 Die Verfassung von Afghanistan von 2004 bildet  eine  Schicht  aus  „westlichen“  Verfassungsprinzipien,  die  zu  erheblichen  Widersprüchen mit religiösem Recht und Stammesrecht  führt,57 die ähnlich  aus dem postkolonialen Recht bekannt sind. Erst ein Prozess ermöglicht es,    50   Zur „radikalen Kontinuität“ dieses Wandels s. Andrew Arato, Bruch oder Kontinuität?  Verfassungsdebatten in den neuen Demokratien, in: Ex occidente lux? Westliche The‐ orien – Östliche Wirklichkeiten, Transit H. 9 (1995), S. 6 ff.; Jose Maria Maraval/ Julian  Santamaria, Political Change  in Spain and the Prospects of Democracy,  in: Guillermo  O’Donnel/  Philippe  Schmitter  (Hrsg.),  Transitions  from  Authoritarian  Rule,  1986,  S. 71 ff. Zur Tranformation der mitgliedsstaatlichen Verfassungen  im Zuge der euro‐ päischen Integration s. Stefan Martini, Die Pluralität von Rule‐of‐Law‐Konzeptionen in  Europa und das Prinzip einer europäischen Rule of Law, in diesem Band, S. 303 ff.  51   Ausführlich Arato (Fn. 50), S. 6 ff.  52   Zu den strukturell guten Demokratisierungsbedingungen in den drei baltischen Staa‐ ten s. Juan Linz/ Alfred Stepan, Problems of Democratic Transition and Consolidation:  Southern Europe, South America, and Post Communist Europe, 1996, S. 235 ff., 402 ff.   53   Armin Höland, EU‐Recht  auf dem Weg  nach Osten: Rechtssoziologische  Fragen,  in:  Christian Boulanger (Hrsg.), Recht in der Transformation, 2002, S. 78 ff., 88 ff.  54   Zum „neuen Evolutionismus“ in Ungarn s. Arato (Fn. 50), S. 8.  55   Höland (Fn. 53), S. 88 ff.  56   Vgl. Said Mahmoudi,  The  Shari’a  in  the New Afghan Constitution: Contradiction  or  Compliment?, in: ZaöRV 64 (2004), S. 867 ff.; Mashood A. Baderin, Identifying possible  mechanisms within Islamic law for the promotion and protection of human rights in  Muslim states, in: Netherlands Quarterly of Human Rights 22/3 (2004), S. 329 ff.  57   Ausführlich der Beitrag von Röder (Fn. 39), S. 257 ff.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  23   das neue Recht so in die anerkannten normativen Strukturen zu integrieren  und Kollisionen zu klären, dass weitergehende Aneignung möglich wird.  Sanfter  erfolgt  die  Aneignung  bei  der  Rezeption  fremden  Rechts,  das  nicht nur  im Wege der Verfassungsänderung  sondern bereits durch  Inter‐ pretation des bestehenden Rechts  zu Geltung gelangt. So  finden Elemente  der Rule of Law Eingang in eine Verfassungsdiskussion, wie im Beispiel der  Türkei, die eine ausgesprochene Tradition der Rechtsvergleichung und der  Rezeption kennt.58 Im Beispiel Chinas war die Einbindung  in den globalen  Markt bisher durch eine Kontinuität des Rechtssystems gekennzeichnet,  in  dem traditionale Elemente von einer sozialistischen Ordnung überlagert wa‐ ren. Zunehmen findet westliches Recht Eingang in die lokalen Diskurse, in‐ dem  es wie das Wirtschaftsrecht bereichsspezifisch  integriert oder wie die  Menschenrechte von lokalen Juristen aufgegriffen und verbreitet wird.59  Pluralität und Kollisionen sind hier die Folge von Prozessen, bei denen  Recht  mit  Geltungsanspruch  von  außen  in  eine  gelebte  Normenordnung  eindringt, ob im Wege des Imports oder durch Zwang. Infolge der Überlap‐ pung  von Normenebenen  kommt  es  zu Kollisionen  zwischen dem  formal  geltenden Recht und den von der Bevölkerung gelebten Normen, was die  Sicherheit des Rechts unterminiert. Das neue Recht gewinnt an Legitimität  und Sicherheit, soweit es sich  in dem Implementierungs‐ und Aneignungs‐ prozess bewährt; erforderlich kann auch ein Wandel gesellschaftlicher Werte  sein, der die Übereinstimmung mit dem Recht wieder herzustellen vermag.60  5. Fragmentierung des transnationalen Rechts  Normative Pluralität ist auch ein Thema der Diskurse über „transnationales  Recht“.  Dazu  zählen  zunächst  alle  inter‐  und  supranationalen  Rechts‐ normen, also v. a. das Völker‐ und Europarecht. Der Staat und seine Verfas‐ sung entfallen hier als einheitsgenerierende Instanzen.  Das Völkerrecht  ist klassischerweise  fragmentarisch,  soweit  es nur  ein‐ zelne  Sachbereiche  im Gleichordnungsverhältnis  zwischen den  Staaten  re‐ gelt, allen voran das Friedenssicherungs‐ und Kriegsvölkerrecht. Infolge der  zunehmenden Verstärkung der funktionalen Ebene des Völkerrechts neben  der  territorialen61 kommt es nun zusätzlich zur Fragmentierung: Es scheint    58   Christian Rumpf, Das Rechtsstaatsprinzip in der türkischen Rechtsordnung: ein Beitrag  zum türkischen Verfassungsrecht und zur europäischen Rezeptionsgeschichte, 1992.  59   Vgl.  den  Beitrag  von  Robert Heuser,  Subjektives  Recht  und  Rule  of  Law  in  China:  Rechtstheorie und Rechtssystem , in diesem Band, S. 231 ff.  60   Kötter (Fn. 34), S. 665; s. a. Höland (Fn. 53), S. 93 ff.  61   Andreas L. Paulus, From Territoriality  to Funtionality? Towards a  legal Methodology  of Globalization, in: Ige F. Dekker/ Wouter G. Werner (Hrsg.), Governance and Inter‐ national Legal Theory, 2004, S. 59 ff.  24  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  „zu  zerfallen  in  eine  Vielzahl  weitgehend  unabhängig  voneinander  sich  entwickelnder,  auf Probleme der Politik  jeweils  eigenständig  reagierender  und jeweils spezifisch mit einer konkreten Umwelt von Akteuren verkoppel‐ ter Sonderregime.“62 Die Schaffung neuer internationaler Organisationen zur  Erfüllung bestimmter Aufgaben und  ihre Ausstattung mit einem besonde‐ ren Befugnis‐ und Verfahrensregime führen zu institutionellen Verselbstän‐ digungen, die die genannte Tendenz noch verstärken.63 Hinzu kommen im‐ mer neue Spruchkörper, die die Rechtsauslegungen vervielfachen.   Das führt zu Brüchen und Inkonsistenzen. Doppelregelungen und über‐ lappende Regelungszuständigkeiten  haben  normative  Pluralität  und Wer‐ tungswidersprüche zur Folge. Hinreichende Kollisionsregeln finden sich im  Völkerrecht bislang nur vereinzelt, wenn bspw. Art. 53 des Wiener Überein‐ kommens über das Recht der Verträge die Wirksamkeit eines völkerrechtli‐ chen Vertrags  an  seine Vereinbarkeit mit  ius  cogens  knüpft.  Eine  vertiefte  Diskussion über allgemeine Kollisionsregeln im Völkerrecht – insbesondere  die Anwendung des lex‐specialis‐Satzes – hat bereits begonnen.64    Die Begründung einer einheitlichen Ordnung und die Schaffung effekti‐ ver Kollisionsregeln gelingen dagegen im supranationalen Rahmen des Eu‐ roparechts, das durch das Zusammenspiel aus Vorrangregelung und Selbst‐ regulierung in den Mitgliedstaaten geprägt ist. Die Macht zur Interpretation  des Europarechts und zur Bestimmung seiner Bedeutung  für die mitglied‐ staatlichen Ordnungen  liegt  beim  Europäischen Gerichtshof,  der  das  Ziel  der Einheitlichkeit und Effektivität des Rechts in Europa verfolgt. Das Recht  der Mitgliedstaaten ist eine Grundlage des Gemeinschaftsrechts und Rechts‐ erkenntnisquelle,  wenn  bspw.  ihre  Grundrechte  auf  gemeinschaftsrechtli‐ cher Ebene Anerkennung als allgemeine Rechtsgrundsätze  finden.65 Immer  öfter schließt der EuGH von der Gewährleistung eines Grundrechts  in der  EMRK, der die Mitgliedstaaten inzwischen alle beigetreten sind, auf ein ge‐ meinschaftliches Grundrecht. Gleichzeitig verknüpfen die Gerichte über das  europäische Recht die mitgliedsstaatlichen Rechtsordnungen und  ermögli‐ chen so die Wanderung einzelner Konzepte. Das zeigt das Beispiel des Ver‐ hältnismäßigkeitsgrundsatzes, der Eingang in das englische Recht gefunden    62   Oeter (Fn. 13), S. 678. Zur Diskussion über „Self‐contained Regimes“ s. den Bericht der  Study Group der International Law Commission unter Federführung von Martti Kos‐ kenniemi, Fragmentation of International Law: Difficulties arising from the Diversifica‐ tion and Expansion of International Law, 2006, S. 65 ff.; zurückhaltend dagegen Bruno  Simma/ Dirk Pulkowski, Of Planets and the Universe: Self‐contained Regimes  in Inter‐ national Law, in: European Journal of International Law 17/ 3 (2006), S. 483 ff., 493 ff.  63   Teubner/ Korth (Fn. 11), S. 153, 168: „Tunnelblick“  64   S. Koskenniemi (Fn. 62), S. 30 ff.  65   Seit EuGH, Rs. 29/69 – Stauder, Slg. 1969, 419 Rn. 7.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  25   hat,  wo  seine  Bedeutung  nicht  unerheblich  modifiziert  wurde.66 Das  Ge‐ meinschaftsrecht  beruht  darauf,  dass  die Mitgliedsstaaten  nicht  nur wirt‐ schaftlich  sondern  auch  rechtlich  „miteinander verflochten“  sind.67 Rechts‐ vergleichung und Rechtsangleichung wirken dadurch  als  zentraler Homo‐ genisierungsmotor in Europa.68  Immer wieder wird auf den Charakter des Völkerrechts als Grundstruk‐ tur einer globalen Rechtsordnung verwiesen. Mit dem Ziel der „Konstitutio‐ nalisierung des Völkerrechts“ und der erhofften De‐Fragmentierung69 wird  die Weiterentwicklung des Rechts, die Erweiterung der Kompetenzen der  politischen Organe der Vereinten Nationen70 und die Vermehrung internati‐ onaler Gerichte  gefordert.71 Wegen  der  fehlenden  supranationalen Ausge‐ staltung des Völkerrechts dürfte dies aber nur zur Harmonisierung einzelner  Bereiche  führen,  ohne  dass  diese  untereinander  abgeglichen  wären.  Die  Fragmentierung und  Inkohärenzen wären  nicht  beseitigt. Erhöht wird die  Komplexität noch durch nicht  auf  staatliche Vereinbarung  zurückgehende  Normen – wie die neue Lex Mercatoria oder die  International Accounting  Standards72 –, die zunehmend Eingang  in die völkerrechtlichen Betrachtun‐ gen finden. Dem liegt der auf Philip C. Jessup zurückgeführte, weite Begriff  des transnationalen Rechts zugrunde, der sich auf alle Normen bezieht, die  grenzüberschreitende Handlungen oder Ereignisse  regeln, d. h. neben dem  Völker‐ und dem  internationalen Privatrecht  auch  andere Rechtsnormen.73  Die Berücksichtigung  international anerkannter Standards oder  lokaler Ge‐   66   Zu verschiedenen Ausprägungen des deutschen Verhältnismäßigkeitsprinzips  in an‐ deren Rechtsordnungen s. Juliane Kokott, § 22 Grundrechtliche Schranken und Schran‐ kenschranken,  in: Detlef Merten/ Hans‐Jürgen Papier (Hrsg.), Handbuch der Grund‐ rechte, Bd.  I, 2004, Rn. 98‐115. Zur Koordination der Rechtsprechungen  in Europa s.  Sabine Frerichs, Judicial Governance in der europäischen Rechtsgemeinschaft, 2008.  67   So ausdrücklich der EuGH, Rs. 155/79 – Am&S, Slg. 1982, 1575 Rn. 18.  68   Zu  einer  „kollisionsrechtlichen  Deutung  Europas“  s. Christian  Joerges,  Integration  durch Entrechtlichung?,  in: Gunnar Folke  Schuppert/ Michael Zürn  (Hrsg.), Gover‐ nance in einer sich wandelnden Welt, PVS‐Sonderheft 41/ 2008, S. 213 ff., 228.  69   Stefan Kadelbach/ Thomas Kleinlein, Überstaatliches Verfassungsrecht: Zur Konstitutio‐ nalisierung im Völkerrecht, in: Archiv des Völkerrechts 44 (2006), S. 235 ff.  70   Jürgen Habermas, Konstitutionalisierung des Völkerrechts und die Legitimationspro‐ bleme einer verfassten Weltgesellschaft, in: Winfried Brugger u. a. (Hrsg.), Rechtsphi‐ losophie im 21. Jahrhundert, 2008, S. 360 ff., 368 ff.  71   Tullio Treves, Judicial Lawmaking  in an Era of „Proliferation“ of International Courts  and  Tribunals:  Development  or  Fragmentation  of  International  Law?,  in:  Rüdiger  Wolfrum/ Volker Röben  (Hrsg.), Developments  of  International Law  in Treaty Ma‐ king, 2005, 587 ff.  72   S. Köndgen (Fn. 20), S. 491 f., 501.  73   Philip C. Jessup, Transnational Law, 1956, S. 1 f.  26  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  wohnheitsrechte74 variiert den hergebrachten Begriff des Völkerrechts. Hier  zeigen sich deutliche Parallelen zu den o. g. Diskursen der Rechtsethnologie  und  zur Privaten Rechtsetzung.75 Im  globalen Rahmen werden die daraus  folgenden  Inkohärenzen aber noch deutlicher, soweit  teilweise ganz unter‐ schiedliche Rechtsverständnisse aufeinander prallen.     In Abgrenzung vom Völkerrecht  – und vielleicht  in bewusster Entgeg‐ nung der Konstitutionalisierungsthese  –  ist die Rede vom  „globalen Welt‐ recht“  oder  vom  „Recht  der  Weltgesellschaft“.76 Bereits  1996  beobachtete  Gunther  Teubner  die  Entstehung  eines  neuen Weltrechts  von  der  gesell‐ schaftlichen Peripherie her und d. h. nicht  im Zentrum nationalstaatlicher  oder  internationaler  Institutionen.  Die  an  Eugen  Ehrlich  angelehnte  Be‐ zeichnung  der  Welt  als  „Globale  Bukowina“  verweist  auf  den  pluralisti‐ schen  Beschreibungshorizont.77 Allerdings wohnt  dem Vergleich  die Hoff‐ nung  auf  (eine  höhere)  Einheit  der  Gesellschaft  jenseits  des  Rechts  inne.  Denn trotz der Fragmentiertheit ihres Rechts steht die Bukowina beispielhaft  für die weitgehend gelungene  Integration einer Vielzahl historisch verbun‐ dener Völker.78 Die Anerkennung  funktional differenzierter, pluraler Rege‐ lungsbereiche schafft das Bedürfnis nach einem „Kollisionsrecht 2.0“ (Sigrid  Boysen), das unter Rückgriff auf kollisionsrechtliche Methoden kollidierende  Regime miteinander verknüpft. Soweit eine Auflösung von Wertungswider‐ sprüchen  im  transnationalen Recht nur  im Schatten der staatlichen Rechts‐ ordnungen erfolgen kann,79 muss die Eigenständigkeit eines Rechts  jenseits  des Staates allerdings bezweifelt werden.80  6. Normative Pluralität unter den Bedingungen begrenzter Staatlichkeit  Welches Recht prägt Räume,  in denen der Staat kein Monopol zur Setzung  und Durchsetzung des Rechts besitzt, obwohl dies seinem Selbstverständnis    74   Zur Berücksichtigung von Gewohnheitsrecht vgl. Teubner/ Korth (Fn. 11), S. 160.  75   Vgl. die Darstellung bei Köndgen (Fn. 20), S. 479 ff.  76   Paul Schiff Berman, From International Law to Law and Globalization, Columbia Jour‐ nal of Transnational Law 43 (2005), S. 485 ff.; Sabino Cassese, The Globalization of Law,  Journal of International Law and Politics 37 (2005), S. 973 ff.; Andreas Fischer‐Lescano/  Gunther Teubner, Regime‐Kollisionen. Zur Fragmentierug des globalen Rechts, 2006.  77   Gunter Teubner, Globale Bukowina,  in: Rechtshistorisches Journal 15 (1996), S. 255 ff.,  261.  78   Zu  den Menschenrechten  als  normative Grundlage  für  eine  globale Werteordnung  s. Gunther Teubner, Die anonyme Matrix: Zu Menschenrechtsverletzungen durch „pri‐ vate“ transnationale Akteure, in: Brugger u. a. (Hrsg.) (Fn. 70), S. 440 ff.  79   Nils  Ipsen,  Private Normenordnungen  als  Transnationales  Recht?, Diss. Humboldt‐ Universität zu Berlin, 2008, S. 241.  80   Ipsen (Fn. 79),  S. 247.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  27   entspräche?81 Während  Begriffe wie  schwache  oder  zerfallen(d)e  Staatlich‐ keit82 auf den schlechten Zustand der Institution Staat bei der Ausübung sei‐ ner Gebietsherrschaft abstellen, benennt „begrenzte Staatlichkeit“ eine Kon‐ textbedingung  für die Entstehung  von und Orientierung  an Normen. Der  Staat  entfällt  als  exklusiver  Spender  eines  „Schattens  der Hierarchie“.83 Er  wird zu einem Akteur neben anderen und sein Recht zum Teil einer Rege‐ lungsstruktur,  in der  es  faktisch Vorrang genießt. Mit der Durchsetzungs‐ stärke des Staates schwindet die Plausibilität der Fiktion von der Einheit des  Rechts; zerfällt er vollständig, verschwindet das staatliche Recht. Die Plurali‐ tät von  in der Gesellschaft gewachsenen Normen wird zur Normalität und  zum Ausgangspunkt sozialwissenschaftlicher Betrachtung.  Die Literatur zu  lokalen Kontexten  in schwachen Staaten orientiert sich  an einem völkerrechtlichen Staatsbegriff mit Staatsgebiet, Staatsgewalt und  Staatsvolk84 und schließt die Idee von der Einheit der Rechtsordnung regel‐ mäßig mit ein.85 Dabei zeigen Studien zu Afrika, dass der Staat keine sinn‐ volle  Kategorie  zu  ihrer Analyse  ist. Am Maßstab  der  eurozentristischen  Idee vom Territorialstaat mit  seinem Gewalt‐ und Steuermonopol müssten  viele afrikanische Gesellschaften als staatenlos gelten.86 Versteht man Afrika  – mit Trutz von Trotha – dagegen als „Experimentierraum für neue Formen  politischer Herrschaft“87, erscheint die Strategie der Staatszentriertheit halt‐ los,  die  sich  durch Wissenschaft  und  Entwicklungszusammenarbeit  zieht.  Aufgrund der „ungebrochenen Kraft der traditionalen Streitschlichtungsme‐ chanismen“88 ist Rechtsstaatlichkeit  im  europäischen Sinne  in Afrika ohne‐   81   SFB 700 (Hrsg.), Finanzierungsantrag 2010‐2013, Bd. 1, 2009, S. 29 f.  82   S. Robert I. Rotberg, The Failure and Collapse of Nation‐States, in: Marianne Beisheim/  Gunnar  Folke  Schuppert  (Hrsg.),  Staatszerfall  und Governance,  2007,  S. 59  ff.;  Ber‐ telsmann‐Stiftung (Hrsg.), Bertelsmann Transformation Index 2006, 2005.  83   SFB 700 (Hrsg.) (Fn. 81), S. 40.  84   Gero Erdmann, Apokalyptische  Trias:  Staatsversagen,  Staatsverfall  und  Staatszerfall:  strukturelle Probleme der Demokratie in Afrika, in: Petra Bendel u. a. (Hrsg.), Demo‐ kratie und Staatlichkeit, 2003, S. 269.  85   Exemplarisch Stephen D. Krasner, Troubled Societies, Outlaw States, and Gradations of  Sovereignty, Online‐Manuskript 2002; Edgar Grande/ Thomas Risse, Bridging  the Gap:  Konzeptionelle Anforderungen an die politikwissenschaftliche Analyse von Globali‐ sierungsprozessen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 7/ 2 (2000), S. 235 ff.  86   Kritik  bei Rainer Tetzlaff/ Cord  Jakobeit, Das Postkoloniale Afrika,  2005,  S.  215; Klaus  Schlichte, Der Staat in der Weltgesellschaft, 2005, S. 281.  87   Trutz von Trotha/ Georg Klute, Von der Postkolonie zur Parastaatlichkeit: das Beispiel  Schwarzafrika,  in: Erich Reiter  (Hrsg.),  Jahrbuch  für  internationale Sicherheitspolitik  2001, S. 696.  88   Trutz von Trotha, Gewalt, Parastaatlichkeit und konzentrische Ordnung,  in: Jutta All‐ mendinger (Hrsg.), Entstaatlichung und Soziale Sicherheit, 2003, S. 726.  28  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  hin nicht zu verwirklichen; historisch verfestigte Pluralität war und  ist die  Regel.  Die Untersuchung von Recht unter den Bedingungen begrenzter Staat‐ lichkeit  geht  über  einen  „Deficit‐List‐Approach“89 hinaus, wenn  sie  Typen  und  Formen  begrenzter  Staatlichkeit  unterscheidet  und  den  Beitrag  ver‐ schiedener Normativitäten zu den Regelungsstrukturen  in solchen Räumen  berücksichtigt. Das gilt  für  lokale Kontexte ebenso wie  für  trans‐regionale.  Die  territoriale  Ungebundenheit  „begrenzter  Staatlichkeit“  ermöglicht  die  Berücksichtigung  von  Bedingungen,  die  „jenseits  des  Staates“  ihren  Ur‐ sprung haben. Räume begrenzter Staatlichkeit sind regelmäßig von lokalen,  nationalen und transnationalen Normen durchprägt. Internationale Organi‐ sationen,  ausländische Unternehmen  und NGOs  tragen  an  internationales  Recht  anknüpfende Normativitäten  in  sie  hinein,  bspw.  über  Programme  der Weltbank oder des IWF, deren Förderung an bestimmte normative Stan‐ dards geknüpft  ist.90 Es entsteht ein schwer durchschaubarer Mix verschie‐ dener normativer Maßstäbe, die sich nur teilweise verstärken oder ergänzen  und oft in Konkurrenz zueinander treten.  Kollisionsregime haben diese vielfachen, faktisch geltenden Normativitä‐ ten  und  ihre Geltungsgründe  zu  berücksichtigen. Das  staatliche  Recht  ist  nur  eingeschränkt  gesellschaftlich  „wirklich“,  und  tradierte  Regelmuster,  lokale Autoritäten und widerstreitende Moralcodizes stehen einer einheitli‐ chen Rechtsordnung entgegen, mögen Staatlichkeit und die mit ihr verbun‐ denen Souveränitäts‐ und Einheitsvorstellungen auch weiterhin Ideale sein.  Der Fokus liegt auf der Stärkung der gesellschaftlichen und institutionellen  Grundlagen, durch die der Zugang zum und das Wissen über das Recht ge‐ stärkt werden sollen. Einzelne Normen, die Anschlussfähigkeit ermöglichen,  stehen dabei im Vordergrund, nicht die Gesamtform des Regierens.  IV. Mechanismen, Perspektiven und Methoden zur Ordnung normativer Pluralität  Mit Paul Berman  ist davon auszugehen, dass „Hybridität eine Wirklichkeit  ist,  der wir  nicht  entkommen werden“.91 Ist  normative  Pluralität  aber  die  Prämisse und ihre Ordnung das Ziel, dann bedarf es Strategien zur Bewälti‐ gung der von der Pluralität verursachten Probleme. Benötigt werden  in ei‐   89   Diesen  ablehnend Gunnar Folke Schuppert,  Staat  als  Prozess:  Eine  staatstheoretische  Skizze in sieben Aufzügen, 2009, S. 86 ff.  90   Beate Rudolf, Zwischen Kooperation und Intervention: Die Durchsetzung völkerrecht‐ licher Standards guten Regierens in Räumen begrenzter Staatlichkeit, in: Thomas Ris‐ se/ Ursula Lehmkuhl, (Hrsg.), Regieren ohne den Staat?, 2007, S. 331ff., 333; und Kötter  (Fn. 34), S. 675 f.  91   Berman (Fn. 1), S. 52.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  29   nem  ersten  Schritt  Perspektiven  und Modelle,  um  das  hybride  normative  Feld  beschreiben  und  das  in  die Analyse  einzubeziehende Normmaterial  bestimmen  zu können. Das  in der Governanceforschung  entwickelte Kon‐ zept der Regelungsstrukturen ist hier ein hilfreiches Darstellungsinstrument,   das es ermöglicht, alle relevanten Normativitäten insbesondere auch Kollisi‐ onsnormen  und  institutionalisierter  Modi  der Normbegründung  und  der  Legitimation in die Beschreibung mit einzubeziehen. Bereits die Sichtbarma‐ chung der Normenkonflikte kann ein wichtiger Schritt hin zu ihrer Bewälti‐ gung sein.  In einem weiteren Schritt  lassen  sich konkrete Kollisionsregime  untersuchen und ihre Funktionalität hinsichtlich der Beseitigung normativer  Widersprüche innerhalb einer Struktur fruchtbar machen. Zu unterscheiden  sind Kollisionsregeln von prozesshaften Modi zum Umgang mit Konflikten.  1. Deskriptiv‐analytischer Zugang: das Konzept pluraler Regelungsstrukturen  Das Konzept der Regelungsstruktur fragt nach der institutionellen Struktur  innerhalb derer die Akteure handeln und wie diese  ihr Handeln prägt.92 Es  bildet  einen  „analytische[n]  Rahmen,  innerhalb  dessen  die  Wirkungszu‐ sammenhänge, Substitutions‐ und Ergänzungsverhältnisse zwischen Hand‐ lungsmaßstäben, Akteuren und Instrumenten thematisierbar werden.“93 Re‐ gelungsstrukturen  in diesem Sinne umfassen alle Regelungen, die das Ver‐ halten und die Koordinierung von Governance‐Akteuren in einem bestimm‐ ten  Sachbereich  strukturieren. Regelung  ist  dabei  „jede  Entscheidung,  die  auf die Verfestigung des Pfades angelegt ist, um nachfolgende Entscheidun‐ gen anzuleiten bzw.  jede weitergehende Handlung,  in der sich eine  solche  Entscheidung manifestiert und die damit gleichsam zur Aktualisierung der  Entscheidung und zur weiteren Verfestigung des Pfades beiträgt.“94  Normen sind gleichsam Grundlage für und Produkt einer Regelung, und  sie können darüber hinaus als Maßstab für die Bewertung von Regelungen  dienen. Teil einer Regelungsstruktur sind sie aber nur, soweit sie die  ihnen  zuerkannte normative Wirkung auch erzielen; sie müssen  institutionalisiert  sein.  Institutionen  sind  solche  Regelkomplexe  oder Normen,  die  in  einer  Weise Anerkennung  finden, dass  sie  auf Dauer gestellt  faktisch kollektive  verhaltenssteuernde Wirkung  erzielen.95 Tanja Börzel hat darauf hingewie‐ sen,  dass  sowohl  „die  Regelungsstrukturen  als  auch  die  Modi  sozialer    92   Hans‐Heinrich Trute/ Doris Kühlers/ Arne Pilniok, Governance  als  verwaltungswissen‐ schaftliches Analysekonzept, in: Schuppert/ Zürn (Hrsg.) (Fn. 68), S. 173 ff., 177.  93   Trute/ Kühlers/ Pilniok  (Fn. 92), S. 175; s. a. Matthias Kötter, Rechtsordnung und Rege‐ lungsstrukturen, in: De La Rosa u. a. (Hrsg.) (Fn. 38), S. 211 ff., 214 ff. m.w.N.  94   Kötter (Fn. 90), S. 215.  95   Gerhard Göhler, Wie verändern  sich  Institutionen? Revolutionärer und  schleichender  Institutionenwandel, in: ders. (Hrsg.), Institutionenwandel, 1997, 25 ff.  30  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  Handlungskoordination … wesentlich  durch  Institutionen  bestimmt  [wer‐ den]. Sie organisieren Arenen für die soziale Handlungskoordination, teilen  Akteuren Kompetenzen und Ressourcen zu, regulieren den Zugang zu poli‐ tischen  Entscheidungsarenen  und  beeinflussen  die Handlungsorientierun‐ gen von Akteuren.“96 Für  ihre Zuordnung zu Regelungsstrukturen spielt es  keine Rolle, ob die  institutionalisierten Normen dem Recht, der Moral, der  ökonomischen Vernunft etc. entstammen.  Um  institutionalisierte Normen als Regelungsstruktur zu erkennen und  beschreiben zu können, genügt nicht ein „Blick  ins Gesetz“. Denn ein kon‐ kretes sozialrelevantes Verhalten  ist regelmäßig das Produkt einer Vielzahl  von sehr verschiedenen, handlungsleitenden Faktoren. Regelungsstrukturen  sind vielmehr  empirisch mit Blick  auf  alle  institutionalisierten Koordinati‐ onsformen, die handlungsleitenden Charakter haben, zu bestimmen: auf his‐ torisch oder kulturell bedingte, institutionalisierte sozialen Praktiken, Struk‐ turbildungen  jenseits des gesetzlich vorgeschriebenen Rahmens, aber auch  auf  Formen  transnationalen Rechts, die durch nicht‐staatliche Regime  jen‐ seits klassischer Legitimationsverfahren oder Normenhierarchien „spontan“  entstehen und Teil sektorenübergreifender Vernetzungen von institutionali‐ sierten Regeln  sind.97 Selbst der Beitrag der Rechtsordnung  zu Regelungs‐ strukturen  lässt  sich  nicht  über  die  Lektüre  von Gesetzen  und Gesetzge‐ bungsmaterialien  erschließen.98 Denn  den  „Rechtsnormen  selbst  sieht man  es  gewiss  nicht  an,  ob  sie  angewendet  oder  befolgt werden,  in welchem  Maße sie übertreten und in welcher Weise sie interpretiert werden.“99   Die Beschreibung von Normen als Bestandteile einer Regelungsstruktur  ermöglicht  ihre Bewertung nicht.  Inwieweit  sich  ein normativ gehaltvoller  Begriff der Regelungsstruktur  eignen könnte, um  aus der  faktischen Rele‐ vanz einer Regelungsstruktur auch  jenseits der staatlichen Verfassung eine  übergreifende Legitimations‐ und Harmonisierungsverantwortung ableiten  zu können, ist bisher ungeklärt.100  Indem auf Regelungs‐ und Kommunikationszusammenhänge  innerhalb  eines Sachbereichs verwiesen wird,101 bedeutet die pluralistische Perspektive  die Abkehr vom Einheitsdenken der  staatlichen Rechtsordnung. Erfasst  ist    96   Tanja Börzel, Der  Schatten der Hierarchie. Ein Governance‐Paradox?,  in:  Schuppert/  Zürn (Hrsg.) (Fn. 68), S. 118 ff., 120.  97   Vgl.  bspw. Andreas  Fischer‐Lescano/ Gunther Teubner,  Regime‐Kollisionen:  Zur  Frag‐ mentierung des globalen Rechts, 2006.  98   Kötter (Fn. 90), S. 220.   99   Hubert Rottleuthner, Einführung in die Rechtssoziologie, 1987, S. 20 f.  100  Trute/ Kühlers/ Pilniok (Fn. 92), S. 175.  101  Claudio Franzius, Governance und Regelungsstrukturen, Verwaltungsarchiv 97 (2006),  S. 186 ff., 193 ff., 202 ff.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  31   jede institutionalisierte Norm, die durch Setzung, Vereinbarung oder norm‐ bildendes Handeln entsteht. Heterogene Regelungsstrukturen ohne Einheit  generierendes Zentrum  produzieren Normenkollisionen. Eine  präskriptive  Hierarchisierung der einzelnen Normen  innerhalb des Regelungsnetzes am  Maßstab eines Meta‐Kollisionsregimes erfolgt nicht. Vielmehr sind partielle  Hierarchisierungen  als Koordinationsmodi  selbst Teil der Regelungsstruk‐ tur. Dasselbe gilt für die Rechtsdefinition und das die Einheit einer (Rechts‐)  Ordnung bestimmendes Kriterium und  für Kollisionsregime, die Konflikte  vermeiden und das Scharnier zu anderen Norm(ordnung)en bilden.  2. Regelorientierter, rechtswissenschaftlicher Zugang zu Kollisionsregimen  Ein regelorientierter Zugang zum Problem der Normenkollisionen, wie  ihn  insbesondere die Rechtswissenschaft pflegt, fragt nach solchen Kollisionsre‐ gimen, die in der Form institutionalisierter Normen in hinreichend bestimm‐ ter Weise bestehen und als solche Teil einer Regelungsstruktur sind. Kolli‐ sionsregeln und ‐regime finden sich v. a. im Recht, im nationalen ebenso wie  im internationalen, und zwar sowohl innerhalb einer Ordnung wie auch im  Verhältnis verschiedener Ordnungen zueinander.  Innerhalb von Normenordnungen wie der Rechtsordnung existieren Kol‐ lisionsregeln in vertikaler und in horizontaler Hinsicht. In vertikaler Hinsicht  bestimmt  der  lex‐superior‐Satz  die  Bindung  niederrangiger  und  den Vor‐ rang höherrangiger Gesetze, wobei zwischen dem Geltungs‐ und dem An‐ wendungsvorrang zu unterscheiden ist.102 Im Modell der Rechtsordnung als  Stufenbau herrscht eine klare Normhierarchie: Die Verfassung enthält selbst  die Kollisionsnorm, anderen Normordnungen vorzugehen.103 Parlamentsge‐ setze gehen administrativen Gesetzen vor. Einzelakte und Verträge sind an  nicht‐dispositive Gesetze gebunden. In föderalen Ordnungen wie dem Bun‐ desstaat geht das kompetenzmäßig erlassene Gesetz der höheren Ebene dem  Gesetz der darunter liegenden Ebene vor. So heißt es in Art. 31 des Grund‐ gesetzes: „Bundesrecht bricht Landesrecht.“ (Nur) jenseits der Zuständigkeit  des Bundes besitzen die Bundesländer Regelungsautonomie und bilden eine  eigenständige Ordnung aus. 104 In horizontaler Hinsicht bestimmt der lex‐spe‐ cialis‐Satz, dass das speziellere Gesetz dem allgemeinen vorgeht. Inwieweit  das  allgemeine Gesetz  verdrängt wird,  ist  im  Einzelfall  zu  ermitteln. Die  beiden  systematischen  Regelungen werden  ergänzt  um  die  historische Di‐ mension des  lex‐posterior‐Satzes, wonach das  jüngere Gesetz gleicher „Her‐ kunft“ das Ältere verdrängt, soweit keine Kollisionsregel vorgesehen ist.    102  Zur „Bindung an höherrangiges Recht“ s. ausführlich Bumke (Fn. 3), S. 43‐46.  103  Niklas  Luhmann, Verfassung  als  evolutionäre  Errungenschaft,  in:  Rechtshistorisches  Journal 9 (1990), S. 176 ff.  104  Vgl. BVerfGE 98, 106 (Verpackungssteuer); 98, 83 (Abfallabgabe); s. o. Text bei Fn. 5.  32  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  Auch wo eine normative Letztinstanz wie der Staat fehlt –  jenseits einer  bestimmten Ordnung und  im Verhältnis verschiedener Ordnungen  zuein‐ ander – kommen Kollisionsregeln zur Anwendung, allerdings unter anderen  Voraussetzungen.  Sie  sind  das  Produkt  problemspezifischer Vereinbarun‐ gen. Der Vorrang bestimmter Regeln ist auch im Völkerrecht bekannt, bspw.  wenn ius cogens oder – gem. Art. 103 – die UN‐Charta Vorrang vor internati‐ onalen Verträgen  genießen.105 Unter  dem Rang  der Verträge  nennt Art. 38  des  IGH‐Statuts  noch  das  internationale  Gewohnheitsrecht,  allgemeine  Rechtsgrundsätze  und  in  engen Grenzen  auch  besondere  Lehrmeinungen  als Quellen des Völkerrechts. Als ein lex‐specialis‐Problem wird die Ausbil‐ dung  von  Bereichsregelungen  bis  hin  zu  „self‐contained  regimes“  disku‐ tiert.106 Und Art. 30 des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträ‐ ge sieht auch den lex‐posterior‐Satz ausdrücklich für das Völkerrecht vor.  Das  Verhältnis  von  Völkerrecht  zu  ihrem  nationalen  Recht  regeln  die  Staaten selbst. Sie haben  in  ihren Rechtsordnungen für die  ihren Verpflich‐ tungen  entsprechende Berücksichtigung des Völkerrechts zu  sorgen. Wäh‐ rend bspw. die EMRK in einigen europäischen Ländern Verfassungsrang hat  oder sogar darüber steht, gilt sie in Deutschland infolge der Transformation  gem. Art. 59 Abs. 2 GG  im Rang eines einfachen Gesetzes.107 Den Entschei‐ dungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) kommt  gem. Art. 46 der EMRK eine strikte Bindungswirkung zu. Die Konventions‐ staaten haben sie zu befolgen, wobei ihnen bei der Auslegung der Rechte im  Lichte der nationalen Gegebenheiten und der Souveränität der Staaten ein  Beurteilungsspielraum („margin of appreciation“) zusteht.108  Im grenzüberschreitenden Handels‐ und Geschäftsverkehr zwischen den  nationalen Rechtsordnungen findet – jenseits individueller Vereinbarungen,  wie  sie  in  der  Lex Mercatoria  zum Ausdruck  kommen,  und  der  entspre‐ chenden Schiedsgerichtsbarkeit109 – Internationales Privatrecht Anwendung.  Seine Funktion  ist es, Kollisionsregime  für Konflikte bereitzustellen, die  im  Zusammenspiel der  nationalen Rechtsordnungen  auftreten;  im Englischen  wird es treffend „conflict of laws“ genannt. Der zentrale Mechanismus die‐ ses Kollisionsrechts ist die Bestimmung des im konkreten Fall anwendbaren  Statuts, also des Rechts, nach dem sich der Fall zu entscheiden hat. Es be‐ stimmt, welche Anknüpfungsmomente – wie Staatsangehörigkeit, Wohnsitz,  Delikts‐ bzw. Erfüllungsort etc. – für diese Entscheidung maßgeblich sind.    105  Ausführlich zu dieser Analogie zur nationalen Rechtsordnung Paulus (Fn. 61), S. 62 ff.  106  S. bereits o. Fn. 6.  107 Anne Peters, Einführung in die Europäische Menschenrechtskonvention, 2005, S. 2.  108  Vgl. Peters (Fn. 107), S. 24, 64, 217.  109  Köndgen (Fn. 20), S. 501 f.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  33   Die wichtigste  (Vor‐)Entscheidung  bei der Bewältigung von Normkon‐ flikten fällt bereits bei der Auswahl der zu betrachtenden Normen, was also  „als Recht“ gilt. Sie  ist  eine  zentrale Regel  innerhalb der genannten Rege‐ lungsstrukturen. Die  Existenz  nicht‐staatlicher Normen wie  privater  Stan‐ dards  oder  indigenen Gewohnheitsrechts  fordert die Ordnung des Rechts  heraus. Normen unterhalb der Schwelle des  jeweiligen Rechtsbegriffs fallen  deshalb regelmäßig aus der Betrachtung heraus und werden dadurch mar‐ ginalisiert. 110  Andererseits  werden  verschiedene  Formen  der  Tolerierung  und Anerkennung praktiziert. Nicht‐staatliche Regulierung  kann  bspw.  in  besonderen  Autonomie‐  und  Selbstregulierungsräumen  zulässig  sein,  die  das  staatliche Recht  ausweist und  auf die  es dann  teilweise  verweist, um  sich die so entstandenen Normen wieder zueigen zu machen.111  Große Bedeutung kommt außerdem Regelungen darüber zu, welche Ent‐ scheidungsinstanzen  im Konfliktfall wie  zur Konfliktlösung beitragen, um  den Kollisionsregeln zur Durchsetzung verhelfen. Bei staatlichem Recht sind  regelmäßig Gerichte zur Entscheidung  rechtlicher Konflikte berufen,112 also  Spruchkörper, deren politische Unabhängigkeit institutionell abgesichert ist  und  die  nur  am Maßstab  des  Rechts  und  innerhalb  rechtlicher  Entschei‐ dungslogiken entscheiden. Soweit das Recht  ihnen Raum  lässt, können  sie  Wertungen aus nicht‐rechtlichen Normen in ihre Erwägungen mit einbezie‐ hen; selbst dann, wenn sie diese  in der Darstellung der Entscheidung nicht  ausweisen. Die Entscheidungskompetenz muss aber gar nicht an eine „neu‐ trale“  Instanz  delegiert  sein.  Denkbar  sind  auch  paritätisch  besetzte  und  damit hochpolitische Entscheidungsgremien, wo die Entscheidung am Ende  eines langen Deliberationsprozesses steht.  3. Prozessorientierter Zugang: Normbildendes Handeln und Verfahren  An dieser Stelle lohnt es, einen Schritt zurück zu gehen und die Entstehung  und  Institutionalisierung von Normen und  normativen Ordnungen  in die  Betrachtung  mit  einzubeziehen.  Ebenso  wie  die  kollidierenden  Normen  selbst bilden sich Kollisionsregime über Zeit in einem sozialen Prozess her‐ aus. Eine Kollisionsregel  steht – wenn überhaupt – am Ende eines solchen  Prozesses. Normen können durch formale Setzung oder durch Vereinbarung  entstehen oder sich in einem Prozess des normbildenden Handelns über Zeit  herausbilden. Die Rechtsethnologie hat gerade mit Blick auf Gemeinschaf‐ ten, die ein formales Recht im modernen Sinne nicht kennen, solche Prozesse    110  Beispiele  diskutieren  Teubner/ Korth  (Fn.  11),  S.  137 ff.  S.  a. Ralf Michaelis, Re‐State‐ ment of Non‐State Law, Duke Law School Working Paper 2005, S. 20.  111  Beispiele bei Köndgen (Fn. 20), S. 481 ff.  112  Zu  einer  gesetzlichen  Anordnung  zur  Wiederbelebung  traditionellen  Rechts  z. B.  durch lokale Rechtsetzungsorgane s. Dick (Fn. 49).  34  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  norm‐  bzw.  rechtsbildenden  Handelns  untersucht.  Sie  gelten  regelmäßig  zwischen den Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe, seltener er‐ streckt sich  ihre Geltung auf ein bestimmtes Territorium. Die Prozesse  fol‐ gen keinem festen Katalog an Verfahrensvorschriften. Die soziale Konventi‐ on ist hier ungleich flexibler als das Recht. Soweit die Sicherheit und die Ef‐ fektivität einer Norm ganz wesentlich von ihrer Legitimität abhängen, dient  der  normbildende  Prozess  in  erster  Linie  der Verifizierung  der Anerken‐ nungswürdigkeit  und  des  konkreten Nutzens  der Norm. Die Norm  kann  sich aber bereits im Zusammenspiel mit den für ihre Anerkennungswürdig‐ keit erforderlichen Voraussetzungen herausbilden.113  Wie wir gesehen haben (III. 4.), können sich Normordnungen infolge his‐ torischer Prozesse überlagern. Schicht um Schicht entstehen   immer wieder  neue  Regelungsstrukturen,  die  sich  im Handeln  der  Regelungsadressaten  ausdrücken und  einen  Institutionalisierungsgrad  erreichen, der dann noch  zu einer entsprechenden sozialen Praxis führen kann, wenn Normen bereits  längst wieder ihre formale Geltung verloren haben.  Werden Normen von außen in eine Gemeinschaft hineingetragen, setzen  sie  Prozesse  der Abwehr  und/oder Aneignung  in Gang.114 Bei  der Rekon‐ struktion solcher Prozesse ist der Blick auf die Normenwirklichkeit und den  sozialen Kontext elementar. Besonders die sozialen Beziehungen der Betei‐ ligten untereinander und eventuelle Machtverhältnisse zwischen ihnen sind  zu  beachten.115 Im Prozess der  Implementierung  sind normative  Spannun‐ gen zwischen der externen Norm und dem Anwendungskontext aufzulösen,  indem  konkrete  Anknüpfungspunkte  gefunden  und  interne  Widerstände  abgebaut werden. Mit Blick auf die besonderen Gegebenheiten und Bedürf‐ nisse können bspw.  indigene  soziale  Institutionen bereits  in die  zu  imple‐ mentierende Norm  integriert werden, um die Anschlussfähigkeit  zu  erhö‐ hen.116 Julia Eckert hat am Beispiel Mumbais gezeigt, dass sich die lokale Be‐ völkerung das aufgedrängte Recht im Rahmen des  Aneignungsprozesses zu  Nutzen machen kann, um  eigene  Interessen durchzusetzen.117Auch die  se‐ lektive Aneignung kann jedoch zur Homogenisierung des Rechts führen.  Soweit die in den genannten Prozessen herausgebildeten Normen perso‐ nal oder auch  territorial beschränkt sind und keine allgemeine Geltung be‐ anspruchen – was regelmäßig der Fall sein dürfte – sind Kollisionen mit an‐ deren bestehenden oder entstehenden Normen nicht zu vermeiden.  In der    113  Kötter (Fn. 34), S. 665 f.  114  Sally E. Merry, Human Rights and Gender Violence, 2006, zeigt am CEDAW‐Prozess  die Übersetzung internationaler Menschenrechtsabkommen in lokales Recht.  115  Martin Chanock, Law, Custom and Social Order, 1985.  116 Merry (Fn. 114), S. 134 f.   117 Eckert (Fn. 37), S. 191 ff.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  35   Folge bilden sich auf dieselbe prozesshafte Weise Kollisionsregime mit der  Funktion  heraus,  auftretende Normkonflikte  zu  beseitigen. Unterscheiden  lassen sich besonders zwei Arten von kollisionsauflösenden Prozessen:118   Zum einen Aushandlungsprozesse, die eine Lösung  in der Herstellung von  normativer Einheit suchen und die auf die Mitwirkung der Betroffenen set‐ zen. Hierzu zählen die Thematisierung von Doppelregelungen und Strate‐ gien der gegenseitigen Annäherung über Vergleich und Rezeption. Ihr Ziel  ist  die  Herausbildung  einer  neuen  Sachnorm,  in  der  die  kollidierenden  Rechtsordnungen Berücksichtigung finden.119   Zum anderen Prozesse, die die Differenz behaupten. Hierzu zählen das Ab‐ schichten von Normkonflikten bei gegenseitiger Anerkennung der verblei‐ benden Differenz,  die Anerkennung  von Doppelregelungen  und  die Her‐ ausbildung von Selbstregulierungsräumen innerhalb der Rechtsordnung,  Zwischen  diesen  beiden Arten  kollisionsauflösender  Prozesse  stehen  sog.  Safe Harbour‐Abkommen, bei denen  eine von den beiden konfligierenden  Normen abweichende, neutrale Regelung geschaffen wird.  V.  „Reisefähigkeit“ normativer Konzepte? Das Beispiel der Rule of Law   Mit Blick auf die Entstehung normativer Pluralität beim Transfer   normati‐ ver Konzepte  von  einer Normenordnung  in  eine  andere  stellen  sich  zwei  weitere Fragen: Erstens die konzeptionelle Frage,  inwieweit sich sozialwis‐ senschaftliche  Konzepte  über  historische  und  kulturelle  Grenzen  hinweg  sinnvoll als Beschreibungs‐ und Analyseinstrumente  einsetzen  lassen, und  zweitens die Frage, unter welchen Voraussetzungen sich einzelne normative  Konzepte von einem normativen Kontext  in einen anderen übertragen  las‐ sen, um dort ein Teil der wirksamen Regelungsstruktur werden zu können.  1. Normativität theoretischer Begriffe und Konzepte  Die Frage nach der Übertragbarkeit wissenschaftlicher Konzepte auf politi‐ sche Kontexte,  in  denen  sie  nicht  entstanden  sind,  hat  Thomas  Risse mit  Blick auf die Beforschung von Governance in Räumen begrenzter Staatlich‐ keit gestellt und aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive nach der  „Reisefähigkeit“  gefragt.120 Die  normative  Vorprägung  des  weitgehend  in    118  S. hierzu die ausführliche Darstellung bei Berman (Fn. 1), S. 88 ff.  119  Teubner/ Korth (Fn. 11), S. 168.  120  Thomas Risse, Regieren  in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Zur Reisefähigkeit des Go‐ vernance‐Konzepts, in: Schuppert/ Zürn (Hrsg.) (Fn. 68), S. 149 ff.  36  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  Bezug auf den OECD‐Kontext und mit Relation zum Staat  etablierten Go‐ vernance‐Konzepts  erschwere  zwar  den  Bezug  „auf  historische  Kontexte,  auf nicht‐westliche Kulturkreise oder politische Gebilde mit eingeschränkter  Staatlichkeit“,  schließe  ihn  jedoch  keinesfalls  aus. Vielmehr  sei  es  für  die  empirische Forschung in entsprechenden Räumen sinnvoll, „Governance als  Prozess  und  als  Kontinuum  zu  verstehen“  und  Abweichungen  von  den  normativen Vorannahmen von Governance  in der westlichen Welt zu For‐ schungsfragen zu machen.121 Zu  finden  sei  so  spezifisch kulturell geprägte  Governance,  die  sich  in  normativer Hinsicht  von  Governance  im OECD‐ Staat unterscheide.122 Die Verwendung von minimal normativen Begriffen123  kann die benannten Probleme aber nur verringern, nie gänzlich beseitigen.  Das gilt auch für das Konzept der Rule of Law im Zweite Kapitel dieses  Buchs. Welche Rule of Law wir in Rechtsordnungen in Ländern wie Afgha‐ nistan oder China oder  im Handlungsraum  internationaler Akteure finden,  hängt davon  ab, welche Rule of Law wir dort  suchen.124 Der Begriff dient  uns  als Vergrößerungsglas, das uns nur das Preskribierte  sehen  lässt. Das  gilt  selbst  für  eine  „Thinner Conception“  der Rule  of  Law,  die  eine  hohe  Konsensfähigkeit erzielt, indem ihre Elemente nur minimal normativ sind.125  Sie lehnt zwar die inhaltliche Bewertung von Recht ab und fordert lediglich  die Bindung hoheitlichen Handelns an das Recht. Sie erfordert aber  jeden‐ falls  eine  Bestimmung  dessen, was  zum Recht  zählt  und welche  sozialen  Normen auf der Suche nach der Rule of Law nicht in den Blick kommen. Zu  unterscheiden  sind  die  ausdrückliche  Thematisierung  der  „Rule  of  Law“  und Mechanismen, die mit Blick auf  ihre Funktion gemeinhin zur Rule of  Law zählen. Wenn bspw. Bindung und Kontrolle die beiden zentralen Aspek‐ te des deutschen Rechtsstaatsbegriffs sind, dann wäre mit Blick auf andere  politische Ordnungen danach zu fragen, welche Akteure Bindungen an wel‐ che  Normen  unterliegen  müssten  und  wie  eine  hinreichende  Kontrolle  durch welche Art von Akteuren auszugestalten wäre.    121  Risse (Fn. 120), S. 158, 161.  122  Wegen  der  normativen  Akzentuierung  des  Governance‐Begriffs  skeptisch  Renate  Mayntz,  Von  der  Steuerungstheorie  zu  Global  Governance,  in:  Schuppert/  Zürn  (Hrsg.) (Fn. 68), S. 43 ff., 47.  123  Zur minimalen Normativität von Governance vgl. Bernd Ladwig/ Tamara  Jugov/ Cord  Schmelzle,  Governance,  Normativität  und  begrenzte  Staatlichkeit,  SFB‐Governance  Working Paper Series No. 4, 2007; s. a. Gunnar Folke Schuppert, Zum Umgang mit un‐ terschiedlichen Konzeptualisierungen der Rule of Law als Anwendungsfall normati‐ ver Pluralität, in diesem Band, S. 209 ff., 225 f.  124  Vgl. Röhl (Fn. 10), S.  1162.  125  Brian Z. Tamanaha, On the Rule of  law: History, Politics, Theory, 2006, S. 91; The Ha‐ gue Institute for the Internationalisation of Law (HiiL) (Hrsg.), Rule of Law Inventory  Report, 2007, S. 13. S. dazu Schuppert (Fn. 123), S. 226.  Normative Pluralität ordnen? Eine Problemskizze  37   Aus  einer pluralistischen Perspektive  lassen  sich  verschiedene Ausprä‐ gungen  desselben  normativen  Konzepts  in  ihrem  jeweiligen  kulturellen  Kontext  bestimmen. Das  ermöglicht  einen Vergleich  zur Überprüfung der  Konvergenztauglichkeit  der  einzelnen Begriffe  und  ihrer  Elemente.126 Not‐ wendig entstehende Auslassungen sind dabei mitzubedenken.127  2. Kulturelle Einbettung von Normen und Institutionen: „Legal Transplants“  Die Frage nach der Übertragbarkeit eines normativen Konzepts in einen an‐ deren normativen Kontext ist dagegen nicht rein wissenschaftstheoretischer  Natur. Der Transfer und die Implementierung von Konzepten wie der Rule  of Law,  einzelnen Menschenrechten oder des Grundsatzes der Verhältnis‐ mäßigkeit  in  eine  fremde  Rechtsordnung  führt  vielmehr  zu  vielfältigen  Problemen. Es geht darum, die maßgeblichen Bedingungen zu erkennen, die  die Übertragung bestimmen und über ihr Gelingen entscheiden.  Der Transfer eines normativen Konzepts erfolgt auf verschiedene Weise:  Es kann  einzeln oder  als Teil  einer umfassenden Ordnung über kulturelle  Grenzen hinweg in einen anderen Kontext ex‐ oder importiert werden, Mo‐ tor des Transfers können externe oder interne Akteure oder ein Mix aus bei‐ dem sein, wie die von westlichen Rule of Law‐Vorstellungen geprägte Ver‐ fassung Afghanistans von 2004 zeigt; im Land ist sie bisher weitgehend un‐ bekannt geblieben.128 Ein normatives Konzept kann auch durch Rezeption in  einen anderen Kontext gelangen. So blicken die Türkei und China auf sehr  unterschiedliche Prozesse der Rezeption der Rule of Law zurück.129  Die  Wirkung  und  die  Erfolgsaussicht  des  Transfers  hängen  von  dem  übertragenen Konzept selbst und von dem normativen Kontext ab, der das  Konzept aufnehmen soll. Der Transfer von Elementen der Rule of Law ge‐ lingt besser,  je weniger das Konzept  an normative Bedingungen geknüpft  ist, die von der Zielortkultur abweichen.130 Umgekehrt erfordert die Rule of  Law normative Mindeststandards  in der Zielkultur,  sog. Conditions of  the  Rule of Law.131 Aufgrund der kulturellen Einbettung normativer Konzepte  werden die spezifischen Kontextbedingungen zu Transferbedingungen.    126  Zur Pluralität von Rule of Law‐Konzeptionen in Europa s. Martini (Fn. 50), S. 303 ff.  127  S. dazu Anke Draude, Wer  regiert wie? Eurozentrismus  in der Governanceforschung  und der Versuch einer methodischen Grenzüberschreitung, in: De la Rosa u. a. (Hrsg.)  (Fn. 38), S. 100 ff.  128  Ausführlich hierzu Röder (Fn. 39), S. 265.  129  Heuser (Fn. 59), S. 231 ff.; Rumpf (Fn. 58).  130  S. Schuppert (Fn. 123), S. 225.  131  HiiL (Hrsg.) (Fn. 125), S. 18 ff. Zum Capacity‐Problem im brasilianischen Amazonas‐ gebiet  s. Hans‐Joachim Henckel, Rechtspflege und Rechtsgeltung,  in: Dietrich  Briese‐ meister u. a. (Hrsg.), Brasilien heute, 1994, S. 207 ff.  38  Matthias Kötter/ Kristina Kühl/ Judit Y. Mengesha  „Legal Transplants“132 werfen immer die Frage nach der Wirksamkeit des  transferierten Konzepts  in der neuen Ordnung  auf: Lässt  es  sich dort ver‐ wirklichen, oder kommt es zur Abstoßung und verpufft es oder sind Nor‐ menkonflikte in einer von Pluralität geprägten Regelungsstruktur die Folge?  Die  Integrationsfähigkeit des Konzepts hängt wiederum  ab von den Kon‐ textbedingungen und von der Form der Übertragung.  In  jedem Fall verän‐ dert das übertragene Konzept im Zuge des Transfers und der Anpassung an  die neuen Kontextbedingungen seine normative Bedeutung.133 Aufgrund der  besonderen Kontextabhängigkeit normativer Konzepte und  ihrer Verände‐ rung  im Übertragungsprozess folgern manche sogar, dass ein Transfer nie‐ mals stattfindet134, sondern stattdessen Prozesse der Innovation und Imitati‐ on ablaufen.135 Doch ist das eine Frage der Sichtweise.  Die  Beschreibung  von  Rechtstransfers  als  Prozesse  der  „Pluralisierung  und Entpluralisierung“ (Julia Eckert) ist ein lehrreiches Vorbild für den Um‐ gang mit  normativer  Pluralität. Am  Ende  des  Transfers  bzw.  des  Rezep‐ tions‐, Integrations‐ und Aneignungsprozesses steht ein normatives Konzept  der  Zielort‐Rechtskultur,  das  sich mit  dem  ursprünglichen  Konzept  noch  vergleichen lässt, ohne sich noch sinnvoll an ihm messen zu lassen. Die Dif‐ ferenz  ist Ausdruck der spezifischen Rechtskultur des Zielortes.136 Die Ver‐ fassungsvergleichung kann hier einen wertvollen methodischen Beitrag lie‐ fern, ebenso die Forschung zu  interkultureller Kommunikation.137 Die beim  Kulturvergleich  und  der Untersuchung  kultureller  Transfers  auftretenden  normativen Probleme sind in allen Disziplinen bekannt.138    132  Alan Watson,  Legal  Transplants: An Approach  to Comparative  Law  (1974),  2. Aufl.  1993; ders., From Legal Transplants to Legal Formats, in: American Journal of Compa‐ rative Law 43 (1995), S. 469 ff.; Helen Xanthaki, Legal Transplants in Legislation, in: In‐ ternational and Comparative Law Quarterly 57/3 (2008), S. 659 ff.  133  S. dazu ausführlich mit Beispielen Eckert (Fn. 37), S. 191 ff.  134  Pierre Legrand, The Impossibility of Legal Transplants, in: Maastricht Journal of Euro‐ pean and Comparative Law 4  (1997), S. 111  ff.; Marie Theres Fögen/ Gunther Teubner,  Rechtstransfer, in: Rechtsgeschichte (Rg) 7 (2005), S. 38 ff., 45.  135  Eleanor D. Westney, Imitation and Innovation: The Transfer of Western Organizational  Patterns  to Meiyi  Japan, 1987; Peter Larmour, Foreign Flowers:  Institutional Transfer  and Good Governance in the Pacific Islands, 2005.  136  Rainer Wahl, Verfassungsvergleichung als Kulturvergleichung, in: ders.,  Verfassungs‐ staat, Europäisierung, Internationalisierung, 2003, S. 96 ff.  137  Sybille De La Rosa, Aneignung oder Annäherung: Zwei Formen interkultureller Kom‐ munikation, in: dies. u. a. (Hrsg.) (Fn. 38), S. 80 ff.  138 Zur Diskussion in den Geisteswissenschaften s. Hartmut Kaelble, Die interdisziplinären  Debatten über Vergleich und Transfer,  in: ders./  Jürgen Schriewer  (Hrsg.), Vergleich  und Transfer, 2003, 469 ff. Zur rechtshistorischen Dimension s. die Beiträge bei Vanes‐ sa Duss u. a. (Hrsg.), Rechtstransfer in der Geschichte, 2006.          Erstes Kapitel    Recht und Rechtspluralismus:  Normative Pluralität ordnen?

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Zusammenfassung

Normative Pluralität fordert die Idee normativer Einheit heraus, die dem staatlichen Recht und seiner Ordnung zugrunde liegt. Die Beiträge in diesem Buch thematisieren Erscheinungsformen normativer Pluralität in lokalen, nationalen und transnationalen Kontexten. Sie eröffnen einen gemeinsamen Blick von Rechts-, Sozial- und Kulturwissenschaften auf die infolge der Pluralität entstehenden Probleme und auf Vorschläge zu ihrer Bewältigung mit den Mitteln des Rechts. Es geht nicht darum, eine Meta-Dogmatik des Rechtspluralismus zu entwerfen. Entlang von vier Querschnittsfragen tragen die Autoren vielmehr zur Ordnung der Diskurse über normative Pluralität bei: Erstens der Frage nach dem Begriff des Rechts in Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Normen. Zweitens der Frage nach Ebenen und Typen von Normenkollisionen, die die normative Einheit des Rechts herausfordern. Drittens der Frage nach Mechanismen, Institutionen und Praktiken, die zur Bewältigung normativer Pluralität zur Verfügung stehen. Und viertens der Frage nach dem methodischen Umgang mit verhaltensleitenden Normativitäten neben dem Recht.