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Sybille De La Rosa, Dorothea Gädecke, Steuerung durch Argumente in:

Sybille De La Rosa, Gerhard Göhler, Ulrike Höppner (Ed.)

Weiche Steuerung, page 74 - 137

Studien zur Steuerung durch diskursive Praktiken, Argumente und Symbole

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4304-2, ISBN online: 978-3-8452-1604-1, https://doi.org/10.5771/9783845216041-74

Series: Schriften zur Governance-Forschung, vol. 17

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Steuerung durch Argumente  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke∗  1. Einleitung  Der vorliegende Beitrag verfolgt das Ziel, im Rückgriff auf die Arbeiten von  Jürgen Habermas die Funktionsweise von weicher Steuerung durch Argu‐ mente auf handlungstheoretischer und gesellschaftstheoretischer Ebene her‐ auszuarbeiten und auf die Problematik des Regierens in Räumen begrenzter  Staatlichkeit1 innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften zu beziehen.   Habermas’ Arbeiten haben die Politikwissenschaft  in den  letzten  Jahren  vor allem in den Subdisziplinen der Politischen Theorie und der Internatio‐ nalen  Beziehungen  stark  beeinflusst. Während  die  Politische  Theorie  sich  überwiegend  mit  den  rechts‐  und  demokratietheoretischen  Schriften  Ha‐ bermas’ auseinandersetzt, gilt das Interesse der Internationalen Beziehungen  bisher eher der Theorie des kommunikativen Handelns (TkH) (Niesen 2007:  7). Wie die ZiB‐Debatte2 zeigt, sind daraus interessante Ansätze entstanden,  welche der Frage nachgehen, wie die Koordination von Staaten auf der Basis  sprachlicher Verständigung möglich ist. Eine Anwendung auf die Problem‐ stellungen von Räumen begrenzter Staatlichkeit  innerhalb nicht‐westlicher  Gesellschaften hat bisher jedoch nur in wenigen, in ihrem Fokus sehr klein‐ teiligen Studien statt gefunden.3   Im Folgenden soll daher die Relevanz der Habermas’schen Arbeiten für  das  Problem  politischer  Steuerung  in Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  in‐ nerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften  aufgezeigt  werden.  Im  ersten  Teil  des Beitrags wird in Auseinandersetzung mit der Sprechakttheorie von Jür‐  ∗   Für Unterstützung und  anregende Kritik danken wir den Teilnehmerinnen und Teilneh‐ mern des Workshops „Mechanismen weicher Steuerung“  im Oktober 2006,  insbesondere:  Dr. Mattias  Iser, Corinna  Jentzsch und  Johanna Möller welche  frühere  Fassungen dieses  Beitrags ausführlich kommentierten. Weiterhin möchten wir uns bei Professor Dr. Nicole  Deitelhoff und Professor Dr.  Josef Klein  für  ihre weiterführenden Kommentare bedanken  und auch jene nicht vergessen, welche uns wie Eva Bräth, Hannah Neumann und Björn Uh‐ lig mit Hinweisen und Zuarbeit geholfen haben.  1   Verstanden als „territoriale und/oder funktionale Räume, in denen (1) staatliche Institutio‐ nen zu  schwach  sind, um kollektiv verbindliche Entscheidungen  treffen und vollständig,  notfalls  mittels  Zwangsgewalt,  durchsetzen  zu  können  (mangelnde  Regel‐  (durch‐)  set‐ zungsfähigkeit),  und/oder  (2)  politische  Herrschaft  nicht  oder  wenig  eingeschränkt  ist  (mangelnde Herrschaftsbegrenzung)“ (Sonderforschungsbereich 700 2007: 6).   2   Benannt nach der Zeitschrift für Internationale Beziehungen, die seit 1994 das Forum für die  deutschsprachige Diskussion bildet.  3   Z.B. Sabrina McCormick (2006) und John H. Hamer (1998).   Weiche Steuerung durch Argumente  75   gen Habermas versucht, den Mechanismus weicher Steuerung durch Argu‐ mente näher  zu  erläutern. Die Sprechakttheorie  scheint  in diesem Zusam‐ menhang besonders aufschlussreich, da sie anders als stärker argumentati‐ onstheoretische Ansätze, die allgemein nach der Funktionsweise und Bedin‐ gungen  von Argumentation  fragen, den Handlungscharakter  von  Sprache  betont.  Sie  versteht  sprachliche  Äußerungen  als  sprachliche  Handlungen  und geht davon aus, dass Sprache nicht nur und vielleicht nicht einmal pri‐ mär der bloßen Übermittlung von  Information dient,  sondern, da  sie  stets  auch  neue  Handlungsmöglichkeiten  eröffnet,  innerhalb  größerer  Hand‐ lungskontexte  als  Mechanismus  der  Handlungskoordinierung  fungieren  kann.  Eine  Auseinandersetzung  mit  sprechakttheoretischen  Ansätzen  er‐ scheint daher für das Problem, ob und wie durch Argumente weich gesteu‐ ert werden kann, besonders vielversprechend. Daher wird zunächst ausge‐ hend  von den  sprechakttheoretischen Grundlagen,  auf die Habermas  sich  stützt,  erläutert,  inwiefern  Sprechakte  überhaupt  die  Funktion  der Hand‐ lungskoordinierung  übernehmen  können,  bevor  dann  genauer  untersucht  wird, ob es sich dabei um Formen einer weichen Steuerung durch Argumen‐ te handelt.   Die Auseinandersetzung mit Habermas liegt dabei nicht nur deshalb na‐ he, weil  er  ein  prominenter Vertreter  der  Sprechakttheorie  ist. Habermas  scheint darüber hinaus besonders  interessant, da er Kommunikation als  in‐ tersubjektiven Prozess begreift, bei dem es nicht vorrangig um einseitige Ein‐ flussnahme geht. Mit  ihm  lässt sich daher  insbesondere auch nach Mecha‐ nismen gegenseitiger Einwirkung fragen. Dies führt zu einer  Infragestellung  des klassischen Verständnisses von Steuerung, da die Möglichkeit einkalku‐ liert werden muss,  dass  die Rollen  des  Steuerungsobjekts  und  des  Steue‐ rungssubjekts nicht fest verteilt sind, sondern vielmehr von allen Beteiligten  beide Rollen übernommen werden können. Außerdem beschreibt Habermas  soziale Interaktionen im Ausgang von informalen Praktiken der Lebenswelt  (Habermas 2007: 411) und erleichtert somit die Übertragung auf  informale  Praktiken in Räumen begrenzter Staatlichkeit.4  Im zweiten Teil dieses Beitrags wird  im Anschluss an die gesellschafts‐ theoretischen  Überlegungen  in  „Faktizität  und  Geltung“  (FuG)  versucht,  nicht nur den Mechanismus weicher Steuerung durch Argumente näher zu  bestimmen, sondern seine Rolle und Funktion im Rahmen gesellschaftstheo‐ retischer Überlegungen zu verorten.     4  Inwiefern die Übertragung dieses mit Blick auf westliche Gesellschaften entworfenen Kon‐ zepts  auf Räume  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften  ange‐ messen ist, müssen weitere Arbeiten, welche sich unter Anderem mit den modernisierungs‐ theoretischen Annahmen Habermas’ auseinandersetzen, zeigen  (siehe hierzu Abschnitt 6.  Forschungsdesiderate und Fazit).   76  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Von der Auseinandersetzung mit „Faktizität und Geltung“ erwarten wir  uns dabei einerseits weiterführende Hinweise über die Funktionsweise von  gesellschaftlichen Machtprozessen und andererseits Informationen über die  Rolle und Funktion von Argumenten. Da sich die von Habermas beschrie‐ benen  Phänomene  auf  westliche  Gesellschaften  beziehen  und  hier  erste  Schritte hin zur theoretischen Beschreibung von Phänomenen vorgenommen  werden  sollen,  welche  sich  in  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften  beobachten  lassen,  besteht  die  größte Her‐ ausforderung des zweiten Teils  (Kapitel 4‐6) darin, relevante Phänomenbe‐ schreibungen  herauszuarbeiten  und  für  die  Problematik  von Räumen  be‐ grenzter Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften fruchtbar zu  machen.   Die Ausweitung der Habermas‐Rezeption  auf  seine  rechts‐ und demo‐ kratietheoretischen  Schriften  scheint  insofern  angemessen,  als  sie  in  An‐ knüpfung an Weber eine Beschreibung von Steuerungs‐ und Machtmecha‐ nismen  bieten, welche  erstens die Wechselwirkungen  zwischen  staatlicher  und zivilgesellschaftlicher Steuerung und zweitens die Entstehung von Le‐ gitimität in den Blick nehmen sowie drittens dem Begriff der Macht im Ge‐ gensatz  zur  bisherigen  Steuerungstheorie  einen  prominenten Platz  zuwei‐ sen.   2. Theoretischer Rahmen  Soll  die  Sprechakttheorie  von  Jürgen  Habermas  für  ein  Konzept  weicher  Steuerung fruchtbar gemacht werden, müssen sich in ihr, in Folge der in der  Einleitung zum Band vorgenommenen Erweiterung des Begriffs der Steue‐ rung, Mechanismen horizontaler sowie intentionaler Machtausübung identi‐ fizieren  lassen. Hinsichtlich beider Kriterien,  sowohl der  Intentionalität als  auch der Horizontalität, muss dabei eine Spezifizierung vorgenommen wer‐ den.   2.1. Horizontalität  Ausgegangen wird von dem Verständnis von Horizontalität als informaler,  institutionell ungebundener  Interaktionssituation, das  in der Einleitung zu  diesem Band formuliert wird. Während harte Steuerung durch hierarchische  Befehlsstrukturen erfolgt und sich auf die normative Kraft von Institutionen  stützt, ist weiche Steuerung dadurch gekennzeichnet, dass sie entweder auf  ein  (gesichertes)  institutionalisiertes  Sanktionspotential verzichtet,  es  igno‐ riert oder, wo es nicht hinreichend vorhanden ist, ersetzt.   Christoph Zürcher, Michael Barnett und Klaus  Schlichte haben  auf die  noch weitgehend ungeklärte Rolle von informalen Praktiken in Räumen be‐ Weiche Steuerung durch Argumente  77   grenzter  Staatlichkeit  hingewiesen  (Barnett/Zürcher  2006;  Schlichte  2005;  Roberts  2006).  Während  diese  einerseits  zur  Sicherung  von  Macht‐  und  Herrschaftsbeziehungen  beitragen,  so  Schlichte,  können  sie  andererseits  zum Medium der Gegenmacht werden (Schlichte 2005: 285). Die Organisati‐ onstheorie,  insbesondere die neo‐institutionalistische Theorie, hat zwar seit  dem  Beginn  der  organisationssoziologischen  Forschung  auf  die  Entkopp‐ lung  von  Formalstrukturen  und  tatsächlichem Verhalten  hingewiesen,  sie  hat sich aber  in der Analyse globaler Entwicklungen auf die Funktion von  formalen Ordnungen konzentriert. Dabei, so Boris Holzer, ist zwar nicht die  ergänzende Rolle der Informalität übersehen, aber die Dominanz der forma‐ len Strukturen vorausgesetzt worden (Holzer 2006: 3). Holzer hat daher dar‐ auf aufmerksam gemacht, dass die Annahme,  formale Ordnungen spielten  in  Konfliktfällen  eine  dominante  Rolle,  den  Verhältnissen  in  nicht‐ westlichen Regionen nicht immer gerecht wird (Holzer 2006: 3).   Daher ist es sinnvoll, zwischen hierarchischer Steuerung als intentionaler  Handlungsanleitung  und Handlungseinschränkung  durch  festgelegte Ver‐ fahren und Institutionen einerseits und horizontaler Steuerung als  intentio‐ nale Strukturierung von Handlungsoptionen ohne festgelegte Verfahren an‐ dererseits zu unterscheiden (siehe die Einleitung zu diesem Band und Göh‐ ler 1997: 27). So können Verfahren und  Institutionen als eine Art Hilfskon‐ struktion verstanden werden. Sie entlasten die interagierenden Akteure, in‐ dem sie ihnen relativ stabile Verhaltensroutinen zur Orientierung vorgeben.  Dadurch  entfällt  die  anderenfalls  in  jeder  Interaktionssituation  aufs Neue  notwendige Verständigung über die Art und Weise der Interaktion. Begreift  man Hierarchie  als  ein mögliches Verfahren,  das  die  Interaktion  entlastet  und effizienter gestalten soll (Weber), dann wird auch deutlich, warum hie‐ rarchische  Steuerung  in  den meisten  Fällen  (vielleicht mit  der Ausnahme  von absolut rigiden Befehls‐ und Gehorsamsbeziehungen) auf horizontale –  nicht  formalisierte  –  Steuerung  angewiesen  bleibt  und  empirisch  häufig  Mischformen zu beobachten sind, denn Institutionen und Verfahren können  für die Akteure immer nur eine grobe Handlungsrichtlinie abgeben, welche  mit  weiteren  Interaktions‐  und  Kommunikationspraktiken  angereichert  werden müssen. Während im Rahmen moderner Rechtsstaatlichkeit formale  Strukturen dominieren, gibt es empirische Hinweise darauf, dass informalen  Steuerungsmodi  in Räumen begrenzter Staatlichkeit eine viel größere Rolle  zukommt (Barnett/Zürcher 2006; Schlichte 2005; Roberts 2006).  Habermas‘ Unterscheidung zwischen erfolgsorientiertem und verständi‐ gungsorientiertem Sprachgebrauch  lenkt  im Anschluss an dieses Verständ‐ nis von Horizontalität den Blick auf zwei verschiedene Arten von  informa‐ len,  institutionell  ungebundenen  Kommunikationssituationen,  in  denen  weich gesteuert werden kann: Horizontalität im Sinne einer informalen, in‐ stitutionell  ungebundenen  Kommunikationssituation  kann  zum  einen  ge‐ 78  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  sprächsintern, und zwar durch den bewussten, freiwilligen Verzicht auf ein  institutionalisiertes Sanktionspotential gegeben sein (das käme der gegensei‐ tigen Anerkennung der Gesprächspartner als gleichberechtigte Akteure  im  verständigungsorientierten Sprachgebrauch gleich). Dadurch wird zwangsläufig  eine  horizontale  Interaktionssituation  hergestellt. Zum  anderen  aber  kann  Horizontalität auch gesprächsextern entweder durch die Abwesenheit  insti‐ tutionalisierter Sanktionspotentiale oder durch die gleichwertige Verteilung  der  jeweils relevanten gesprächsexternen Ressourcen realisiert sein, welche  die  vorhandenen  formellen  Sanktionsmechanismen  neutralisieren,  so  dass  sie nicht genutzt werden können und kein klar erkennbares Machtungleich‐ gewicht vorhanden ist. In einer solchen Situation gesprächsextern gegebener  Horizontalität  ist die Anerkennung der anderen Akteure als Gleiche keine  konstitutive  Bedingung  der  Horizontalität  (könnte  aber  dennoch  hinzu‐ kommen). Da im erfolgsorientierten Sprachgebrauch nicht prinzipiell durch die  Anerkennung aller Gesprächspartner als Gleiche auf eventuell vorhandene  institutionalisierte Sanktionspotentiale verzichtet wird, muss davon  ausge‐ gangen werden, dass  im  erfolgsorientierten  Sprachgebrauch  grundsätzlich  auch harte Mechanismen von Steuerung zum Tragen kommen können, die  sich  auf  ein  solches  Sanktionspotential  stützen. Daher  ist  für die Auswei‐ sung  von Mechanismen weicher  Steuerung  im  erfolgsorientierten  Sprach‐ gebrauch  diese  zweite,  gesprächsexterne  Form  der Horizontalität  von  ent‐ scheidender  Bedeutung.  Die  Differenzierung  zwischen  gesprächsinterner  und gesprächsexterner Horizontalität wird  in Abschnitt 3.3.  im Zusammen‐ hang  mit  der  Diskussion  von  verschiedenen  Formen  weicher  Steuerung  durch Argumente ausführlich erörtert.   2.2. Intentionalität  Auch das Kriterium der  Intentionalität muss, wie  in der Einleitung zu die‐ sem Band bereits angedeutet, mit Habermas näher spezifiziert werden. Die  Akteure können auf zwei verschiedenen Ebenen Intentionen verfolgen: Auf  der  propositionalen  Ebene  artikulieren  und  verfolgen  sie  konkrete Hand‐ lungspläne, auf der performativen Ebene dagegen streben sie zugleich den  Vollzug einer Handlung an, z.B. die Verständigung mit anderen Akteuren.  Die Intentionen auf der performativen Ebene beziehen sich daher nicht auf  die  jeweiligen  Interessen des Steuerungssubjekts,  sondern auf den Prozess  der Steuerung selbst, was insbesondere für den Modus des verständigungs‐ orientierten  Sprachgebrauchs  im  kommunikativen  Handeln  (Abschnitt  3.3.2.) von Bedeutung  ist. Dennoch  ist kommunikatives Handeln nicht  frei  von propositionalen Zielsetzungen.  Im Gegenteil: Es hat  sowohl  eine per‐ formative,  als  auch  eine  propositionale Komponente. Habermas  bestimmt  kommunikatives Handeln folgendermaßen:  Weiche Steuerung durch Argumente  79   „Wenn wir Handeln als die Bewältigung von Situationen verstehen, dann schneidet der Be‐ griff des kommunikativen Handelns aus der Situationsbewältigung vor allem zwei Aspekte  heraus: den  teleologischen Aspekt der Ausführung  eines Handlungsplans und den kom‐ munikativen Aspekt der Auslegung der Situation und der Erzielung eines Einverständnis‐ ses. Konstitutiv für verständigungsorientiertes Handeln ist die Bedingung, dass die Beteilig‐ ten  ihre Pläne  in einer gemeinsam definierten Handlungssituation einvernehmlich durch‐ führen. Sie suchen zwei Risiken zu vermeiden: das Risiko der  fehlschlagenden Verständi‐ gung, also des Dissenses oder des Missverständnisses, und das Risiko des fehlschlagenden  Handlungsplanes, also des Misserfolgs“ (Habermas 1984: 589).  Dieser  Abschnitt  macht  deutlich,  dass  kommunikatives  Handeln  kein  zweckfreies  Handeln  ist,  sondern  sehr  wohl  auf  die  Durchführung  eines  konkreten Handlungsplanes abzielt, aber mit anderen Mitteln und aus einer  anderen Haltung  heraus  als  dies  bei  rein  zweckorientiertem Handeln  der  Fall  ist. Kommunikatives Handeln hat einen performativen und einen pro‐ positionalen Aspekt. Während der performative Aspekt die Haltung der In‐ teragierenden und die „Verfahrensweise“ beschreibt, verweist der proposi‐ tionale Aspekt auf den Inhalt über den sich die Kommunikationspartnerin5  einigen wollen/müssen.  Selbstverständlich muss  von  der  Situation  ausge‐ gangen werden, dass beide Kommunikationspartner unterschiedliche Hand‐ lungspläne haben, also unterschiedliche Problemlösungen anstreben. In die‐ ser Ausgangssituation haben beide die Möglichkeit zu wählen, ob  sie  ihre  Gesprächspartnerin als Objekt betrachten, welches sie mit strategischen Ar‐ gumenten zu beeinflussen suchen oder ob sie ihr Gegenüber als gleichwerti‐ ge und vernünftige Person verstehen und ein offenes Verfahren wählen, um  zu einer Lösung des Problems zu gelangen. Intentional ist kommunikatives  Handeln also insofern, als es sowohl auf ein bestimmtes Verfahren der Prob‐ lemlösung abzielt, nämlich ein herrschaftsfreies, als auch auf die Lösung ei‐ nes  Problems.  Strategisches  Handeln  hingegen  zielt  vor  allem  auf  die  Durchsetzung eigener Interessen.  2.3. Der Zusammenhang mit der ZiB‐Debatte  Die ZiB‐Debatte entsponn sich  in Anknüpfung an die amerikanische Theo‐ riedebatte  zwischen  „rationalistischen“ und  „reflexiven“ Ansätzen, welche  sich beide mit der Frage auseinandersetzten, wie die dauerhafte Kooperati‐ on  zwischen  Staaten  erklärt  werden  kann.  Entgegen  der  amerikanischen  Ausgangsfrage rückte  im Rahmen der ZiB‐Debatte  jedoch die Frage  in den    5   Im Folgenden werden wir nicht, wie im deutschen Sprachraum üblich die maskuline Form  der Personenbezeichnung verwenden und davon ausgehen, dass damit die feminine Form  immer auch gemeint ist, sondern uns einer in angelsächsischen Texten verwendeten Vorge‐ hensweise  anschließen,  in welchen  immer wieder  auch  feminine Personenbezeichnungen  eingeflochten werden, um die Leser daran zu erinnern, dass  sich hinter der grammatika‐ lisch  neutralen  Form  der  Sprache  sowohl männliche  als  auch weibliche  Bezugspersonen  verbergen können.  80  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Vordergrund, welche Grundannahmen über Akteure, ihre Präferenzen und  ihre Interaktionen plausibel sind, um Kooperation und ihre Institutionalisie‐ rung zu erklären (Risse‐Kappen 1995: 172). Obwohl die ZiB‐Debatte keinen  Konsens darüber gebracht hat, wie genau sozialkonstruktivistische Ansätze  vorzugehen  haben,  lässt  sie  doch  eine  gewisse  Einigkeit  dahingehend  er‐ kennen, dass diese Ansätze interessante Aspekte offenlegen können, welche  dem Blick eines Rational‐Choice‐Ansatzes verwehrt bleiben. Daher gilt die  folgende  Argumentation  nicht  primär  der  Rechtfertigung  des  sozialkon‐ struktivistischen Ansatzes,  sondern dessen Anwendung  im direkten Rück‐ griff auf Habermas’ Arbeiten.   Im Gegensatz zur ZiB‐Debatte soll es hier jedoch nicht darum gehen, das  Verhalten von Staaten  im  internationalen Raum zu erläutern, sondern dar‐ um, einen  spezifischen Steuerungsmechanismus, nämlich den der weichen  Steuerung durch Argumente, zu identifizieren und dessen Wirkmächtigkeit  in Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaf‐ ten zu untersuchen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Untersuchung von  Argumenten als Sprechakten, nicht wie in der ZiB‐Debatte auf Argumentie‐ ren  als  Interaktionsmodus.  Dennoch  spielt  das  Zusammenwirken  von  Kommunikations‐  und  Interaktionsmodus  eine  wichtige  Rolle  (siehe  Ab‐ schnitt 4.3.2.).6 Auch die Bandbreite relevanter Akteure und deren Interakti‐ onen, die bei der Untersuchung von Räumen begrenzter Staatlichkeit in den  Blick geraten, reicht von der Interaktion zwischen rein zivilgesellschaftlichen  Akteuren über deren Interaktion mit staatlichen Akteuren bis hin zu Interak‐ tionen mit transnationalen NGOs. Insofern ist der Zugriff mit Blick auf den  Steuerungsmechanismus spezifischer als  in der ZiB‐Debatte, aber mit Blick  auf die Akteure  sehr viel breiter. Die Beschäftigung mit  einigen Beiträgen  der ZiB‐Debatte  ist  dennoch weiterführend,  da  sie  sich mit  der Rolle  des  kommunikativen Handelns und  insofern auch  immer schon mit Argumen‐ ten  auseinandersetzen.  Darüber  hinaus  muss  sich  die  Erforschung  von  kommunikativen Prozessen in Räumen begrenzter Staatlichkeit, wie die Er‐ forschung internationaler Verhandlungen, mit dem Problem einer relativ ge‐ ringen  Normendichte  beschäftigen.  Während  die  Akteure  internationaler  Verhandlungen  jedoch auf die gemeinsame Lebenswelt der Diplomatie zu‐ rückgreifen  können,  muss  in  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften erst geklärt werden,  inwiefern hier von ge‐ meinsamen Lebenswelten ausgegangen werden kann.7 Dennoch soll im Fol‐   6   Auch Thomas Saretzki plädiert schon seit  langem  für die Unterscheidung zwischen Kom‐ munikationsmodus  (Argumentieren,  Drohen,  Bitten)  und  Interaktionsorientierung  (ver‐ ständigungsorientiert oder strategisch orientiert) (Saretzki 1996, 2007: 124).  7   Zu dem Aspekt der Diplomatie als Lebenswelt siehe Harald Müller (2007: 200), zu interna‐ tionalen Verhandlungen und dem Entstehen einer künstlichen Lebenswelt im Rahmen der  Diplomatie Nicole Deitelhoff (2006: 126‐128).  Weiche Steuerung durch Argumente  81   genden aufgezeigt werden, inwieweit einige der in der ZiB‐Debatte erarbei‐ teten Ansätze für die Beschreibung weicher Steuerung durch Argumente in  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften  weiterführend sind.   In  Anknüpfung  an  die  Kommunikationstheorie  von  Jürgen  Habermas  und Überlegungen Jon Elsters widmet sich Thomas Risse seit einigen Jahren  der empirischen Untersuchung von Argumentationsprozessen in internatio‐ nalen  Verhandlungssystemen.  Die  von  ihm  eingeführte  Unterscheidung  zwischen Argumentieren und Verhandeln verdankt  sich  sowohl einer An‐ lehnung  an  Elster  als  auch  an Habermas  (Risse‐Kappen  1995; Risse  2000,  2007: 68f).   Während Thomas Risse fordert, den Forschungsfokus allein auf die Iden‐ tifikation von Bedingungen zu verschieben „unter denen das Argumentie‐ ren  zu Änderungen  in  den Überzeugungen  der Akteure  führt  und  damit  den Verhandlungsprozess und seine Ergebnisse beeinflusst“, also nur noch  danach zu fragen „What does make arguing effective?“ (Risse 2007: 70), soll  hier dafür plädiert werden, der Forderung Risses zwar nachzukommen und  danach zu fragen, was Argumenten ihre Kraft verleiht, also auf welche nor‐ mative Autorität sie sich beziehen, dabei aber nicht aus den Augen zu ver‐ lieren, dass die Kraft von Argumenten sich nicht allein aus  ihrem Geltung  beanspruchenden  Bezugspunkt  schöpft,  sondern  auch  aus  dem  Interakti‐ onsmodus  (also  verständigungsorientiertem  oder  strategischem Handeln).  Das bedeutet, dass eine Untersuchung, die den Habermas’schen Begriff des  kommunikativen Handelns ernst nimmt, nicht auf der propositionalen Ebe‐ ne, also bei der Frage stehen bleiben kann, welcher Inhalt ein Argument zu  einem  effektiven Argument macht,  sondern  sich  auch dem  performativen  Aspekt dieser  Frage widmen muss. Denn  es macht  einen Unterschied,  ob  der Adressat eines Sprechaktes den Eindruck hat, als gleichwertige Person  Anerkennung zu finden oder als hinderliches Objekt bei der Erreichung ei‐ nes gewünschten Zielzustands wahrgenommen zu werden.   Die analytischen Möglichkeiten eines Konzepts weicher Steuerung durch  Argumente  sind  nicht  auf  verständigungsorientiertes Handeln  beschränkt  (siehe hierzu 3.3.). Argumente können vielmehr in Form von Perlokutionen  (TkH) einerseits und in Form von zweckrationalen Argumenten im Rahmen  des Konzepts  sozialer Macht  (FuG) andererseits auch  im Rahmen  strategi‐ schen Handelns zur Einflussnahme auf andere eingesetzt werden.  Im Kon‐ zept  sozialer  Macht  kommt  Argumenten  im  Interaktionsmodus  strategi‐ schen Handelns (siehe 4.1.2.) eine wichtige Funktion zu, denn sie dienen im  Rahmen des Konzepts sozialer Macht einerseits der Prüfung der Zweckmä‐ ßigkeit von Handlungsstrategien und andererseits der verdeckten Durchset‐ zung  von  Imperativen  oder  nicht  normierten Aufforderungen, d.h.  reinen  Willensäußerungen. Die  Entfaltung  kommunikativer Rationalität  bleibt  je‐ 82  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  doch  auf Argumentationen, die  eine verständigungsorientierte Einstellung  voraussetzen, beschränkt:  „Aber einzelne Argumente bestimmen noch keinen Kommunikationsmodus  im Sinne von  ‚Argumentation’ oder ‚rationalem Diskurs’. Davon ist vielmehr nur im Falle eines Wettbe‐ werbs um das ‚bessere Argument’ die Rede“ (Habermas 2007: 413).  Der strategische Gebrauch von Argumenten kann ebenfalls eine integrative  Wirkung  haben.  Diese  ist  jedoch  fragiler,  weil  sie  auf  Täuschung  beruht  (siehe hierzu 4.3.3.).   Die Untersuchung des  institutionellen Kontexts,  in dem Argumentieren  stattfindet, wie sie Risse vorschlägt (Risse 2007: 72), bietet sich für die Unter‐ suchung weicher Steuerung durch Argumente erst in einem zweiten Schritt  an, nämlich dort, wo das Zusammenwirken von  informalen und  formalen  Verfahren  zum Gegenstand  der Untersuchung wird  (siehe  4.4.). Denn  im  Rahmen der Untersuchung weicher Steuerung durch Argumente muss der  Fokus besonders auf  jene Prozesse gerichtet sein, welche ein Entstehen von  institutionalisierten, also  formalen Verfahren erst möglich machen. Der Be‐ griff weicher  Steuerung  grenzt  sich  von  Steuerung  durch  Strukturen  und  Verfahren gerade ab, indem er auf die intentionalen und informalen Steue‐ rungsmöglichkeiten  von  Akteuren  verweist.  Es  muss  hier  also  der  Frage  nachgegangen werden, wie Akteure mit Rückgriff auf  informale Mechanis‐ men,  in diesem Fall Argumente,  in der Lage  sind,  etwa  Institutionen und  Verfahren zu verändern, zu initialisieren oder durch informale Praktiken zu  unterwandern. Insofern bietet sich hier einerseits mit Risse der Blick auf ex‐ terne Autoritäten  an, welche  als  Bezugspunkt  der Geltungsansprüche  he‐ rangezogen werden, ohne  jedoch andererseits den Blick auf die performati‐ ven Aspekte  bei weicher  Steuerung durch Argumente  aus den Augen  zu  verlieren.  Im  Folgenden werden  nun die  handlungstheoretischen Aspekte  weicher Steuerung  im Anschluss  an die Überlegungen Habermas’  zu ver‐ ständigungsorientiertem und strategisch orientiertem Handeln erläutert.   3. Weiche Steuerung im Anschluss an die Sprechakttheorie von Jürgen Habermas  Nach einer kurzen Einführung in die Sprechakttheorie unter 3.1. wird unter  3.2. zunächst herausgearbeitet, inwiefern Sprechakten überhaupt eine hand‐ lungskoordinierende Kraft zukommen kann und welche Mechanismen da‐ für  in  Betracht  kommen.  Dabei  wird  mit  Habermas  zwischen  verständi‐ gungsorientiertem  und  erfolgsorientiertem  Sprachgebrauch  unterschieden,  bevor  dann  mit  imperativen  Willensäußerungen,  normativ  aufgeladenen  Anweisungen und perlokutionären Effekten drei Mechanismen der Hand‐ lungskoordinierung  durch  Sprechakte  vorgestellt  werden.  Im  Anschluss  daran wird unter 3.3. untersucht, ob sich im erfolgsorientierten und/oder im  Weiche Steuerung durch Argumente  83   verständigungsorientierten  Sprachgebrauch  Mechanismen  der  Steuerung  durch Argumente  identifizieren  lassen. Unter 3.4. wird darüber hinaus der  Frage nachgegangen, ob (und welche) Bedeutung der Anerkennung der Ge‐ sprächspartner für den Mechanismus weicher Steuerung durch Argumente  zukommt. Abschließend werden die Ergebnisse unter 3.5. zusammengefasst  und  im Hinblick auf die Ergiebigkeit der Sprechakttheorie von  Jürgen Ha‐ bermas für ein Konzept weicher Steuerung bewertet. Aus den damit aufge‐ worfenen Problemen heraus wird ein Ausblick auf mögliche Lösungswege  unternommen, die andere Ansätze der Sprechakt‐ und der Argumentations‐ theorie bieten.   3.1. Sprechakttheoretische Grundlagen  Jürgen Habermas baut mit seiner Kommunikationstheorie auf der von John  Austin  (1962)  begründeten und von  John  Searle  (1969) weiterentwickelten  Sprechakttheorie auf. In der Sprechakttheorie wird der Handlungscharakter  von  Sprache  betont;  sprachliche Äußerungen  (wie  z.B.  etwas  erzählen,  je‐ manden  auffordern  etwas  zu  tun,  jemanden  tadeln) werden daher  ebenso  wie  praktische  Handlungen  (spazieren  gehen,  kochen,  schreiben)  als  ein  Handlungstyp verstanden. Eine Sprechhandlung besteht dabei aus drei ver‐ schiedenen Handlungskomponenten:8 Der  lokutionäre Akt umfasst die Pro‐ duktion einer Äußerung, also das Äußern von Lauten, Wörtern und Sätzen.  Die Analyse des  lokutionären Aktes ist von sprachwissenschaftlichem Inte‐ resse,  spielt  jedoch  in  diesem  Zusammenhang  keine  besondere  Rolle.  Da  Laute  im Allgemeinen nicht um  ihrer  selbst willen geäußert werden,  son‐ dern bestimmte kommunikative Bedürfnisse erfüllen sollen, rückt die Frage  nach der Rolle, die sprachliche Äußerungen im Zusammenhang sprachlicher  Handlungen spielen, in den Vordergrund.   Vom lokutionären Akt wird daher der illokutionäre Akt unterschieden, der  das Vollziehen  einer Handlung mit Hilfe der Äußerung beschreibt. Durch  die Äußerung des Satzes „Danke  für die Blumen“, bedankt  sich der Spre‐ cher;  durch  eine  Äußerung  wie  „Bitte  hilf  mir  beim  Putzen  der  Küche“,  spricht er eine Bitte aus. Das illokutionäre Ziel ist dabei in der Regel bereits  aus der manifesten Bedeutung des Gesagten ersichtlich, d.h. mit seiner Äu‐ ßerung macht der Sprecher deutlich, dass er sie als Bitte, als Dank, als Auf‐ forderung etc. verstanden haben will. Der  illokutionäre Akt bestimmt also  den Modus des geäußerten Satzes. Je nach Modus gelten dabei unterschied‐ liche  Handlungsbedingungen  (ein  Dank  setzt  z.B.  eine  vorausgegangene    8   Die Unterscheidungen  von  verschiedenen Handlungskomponenten  variieren  sowohl  be‐ grifflich als auch zum Teil inhaltlich; die hier dargestellte Dreiteilung entspricht der Unter‐ scheidung von drei übergeordneten Komponenten eines Sprechaktes, die Austin eingeführt  hat und auf die sich auch weitere Entwicklungen der Sprechakttheorie beziehen.   84  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Handlung voraus, für die man sich bedankt), deren genaue Beschreibung als  Grundlage für die Klassifikation verschiedener Gruppen von illokutionären  Akten genutzt werden kann.9   Illokutionäre  Akte  können  wiederum  etwas  bewirken,  z.B.  den  Hörer  trösten (emotional), ihn von etwas überzeugen (kognitiv) oder ihn zu etwas  verleiten  (praktisch). Die Auslösung dieser Effekte wird perlokutionärer Akt  genannt. Perlokutionäre Effekte  entstehen also dadurch, dass  illokutionäre  Akte  eine  Rolle  in  einem  teleologischen  Handlungszusammenhang  über‐ nehmen. Der perlokutionäre Erfolg ist jedoch letztlich von der Reaktion des  Hörers abhängig, während der  illokutionäre Erfolg davon abhängt, ob der  Sprecher eine sprachliche Form gewählt hat, die als Ausdruck seines Illoku‐ tionsziels gilt.   Zusammenfassend  lassen  sich  die  drei  Handlungskomponenten  eines  Sprechakts  folgendermaßen  charakterisieren:  „etwas  sagen;  handeln,  indem  man etwas sagt; etwas bewirken dadurch dass man handelt,  indem man et‐ was sagt“ (Habermas 1987a: 389, Herv. im Original). An einem Beispiel lässt  sich diese Beziehung  leicht  verdeutlichen: A  hat  in B Verunsicherung  be‐ wirkt, dadurch, dass er sie gewarnt hat, indem er äußerte: „Ich würde nicht  ohne Helm Fahrrad fahren, das ist gefährlich.“ An diesem Beispiel zeigt sich  überdies auch die Natur der Beziehung zwischen den einzelnen Komponen‐ ten:  Während  die  Beziehung  zwischen  lokutionärem  und  illokutionärem  Akt konventioneller Natur ist („Ich würde das nicht tun!“ gilt als Warnung),  ist  die  Beziehung  zwischen  dem  illokutionären  und  dem  perlokutionären  Akt quasi‐kausaler Natur: Die Warnung  führt  (unter bestimmten Umstän‐ den) zu Verunsicherung.   Um die Sprechakttheorie  für das Problem weicher Steuerung  fruchtbar  zu machen, ist es daher entscheidend, ob (und wie) durch einen illokutionä‐ ren Akt ein perlokutionärer Akt gezielt vollzogen werden kann und unter  welchen Voraussetzungen dies möglich ist. Dabei muss davon ausgegangen  werden, dass verschiedene Gruppen illokutionärer Akte nicht nur verschie‐ dene illokutionäre Zwecke haben, sondern ihnen auch unterschiedliche Äu‐ ßerungsformen und Handlungsbedingungen zu Grunde liegen. Im Kontext  weicher Steuerung geht es insbesondere um die Fragen: Kann ein perlokuti‐ ver Effekt  intentional erzeugt werden? Handelt es sich dabei um eine hori‐ zontale Interaktionsbeziehung zwischen den Akteuren?   Habermas versteht unter perlokutionären Effekten allerdings anders als  Searle und Austin nur solche Wirkungen illokutionärer Akte, die hervorge‐ rufen werden, ohne dass dieses Ziel offen gelegt wird. Das sind im Wesent‐ lichen emotionale Reaktionen des Hörers. Praktische und vor allem kogniti‐ ve Reaktionen des Hörers versteht er dagegen als Erfüllung einer Verpflich‐   9   Searle (1908a: 82‐108) z.B. unterscheidet fünf verschiedene Gruppen illokutionärer Akte.   Weiche Steuerung durch Argumente  85   tung, die der Hörer mit seiner affirmativen Stellungnahme zu einem Sprech‐ aktangebot übernimmt, also als Teil des illokutionären, nicht des perlokuti‐ onären Erfolges (Habermas 1987a: 393).10 Daher muss  im Sinne von Haber‐ mas  neben  der  Diskussion  so  verstandener  perlokutionärer  Akte  gefragt  werden: Unter welchen Bedingungen akzeptiert ein Hörer ein Sprechaktan‐ gebot (und handelt entsprechend)? Kann dies als horizontal herbeigeführter  Steuerungserfolg verstanden werden?   Dazu muss jedoch zunächst noch eine weitere Differenzierung eingeführt  werden, die für die Kommunikationstheorie von Habermas grundlegend ist.   3.2. Die handlungskoordinierende Kraft von Sprechhandlungen   3.2.1. Erfolgsorientierter vs. verständigungsorientierter Sprachgebrauch   Habermas  unterscheidet  zwei  Modi  des  Sprachgebrauchs,  den  verständi‐ gungsorientierten  und  den  erfolgs‐  oder  konsequenzorientierten  Sprach‐ gebrauch, die  jeweils dem kommunikativen bzw. dem strategischen Hand‐ lungsmodell entsprechen.   In der Perspektive  erfolgsorientiert  eingestellter Akteure  ist  Sprache  nur  eines von mehreren möglichen Medien, über das die jeweils nur am eigenen  Erfolg orientierten Akteure auf die Entscheidungen  ihrer Gegenspieler ein‐ seitig  Einfluss  zu  nehmen  versuchen,  um  diese  zu  veranlassen,  die  er‐ wünschten Meinungen oder Absichten zu bilden (Habermas 1987a: 142). Ra‐ tionale Erwägungen beschränken sich dabei auf die Frage nach der Zweck‐ mäßigkeit bestimmter Strategien, um  ein gegebenes Ziel  zu  erreichen. Die  Akteure verfolgen ihre Ziele isoliert; kommt es zu einer Einigung über einen  Handlungsplan,  so  stimmen  sie  jeweils  aus  verschiedenen  eigennützigen  Gründen zu. Die sprachliche Verständigung dient nicht dem Erzielen eines  Einverständnisses,  sondern der zielgerichteten Beeinflussung der Entschei‐ dungen der anderen Akteure. Das sprachliche Mittel der Handlungskoordi‐ nierung  ist  in  dieser  Einstellung  also  die  einseitige  Einflussnahme,  d.h.  der  Versuch, durch Sprechakte kausal etwas in den anderen Akteuren zu bewir‐ ken. Daher wird nur eine instrumentelle Funktion von Sprache thematisiert,  nämlich das Durchsetzen  eigener Ziele  gegenüber Anderen mit Hilfe  von  Sprechhandlungen.   Kommunikationsteilnehmer, die  in  verständigungsorientierter Einstellung  handeln, bemühen sich dagegen um ein Einverständnis aller Beteiligten, das  den Bedingungen einer rational motivierten Zustimmung zum  Inhalt einer  Äußerung  genügt  (Habermas  1987a:  387).  Verständigungsorientierter  Sprachgebrauch zielt also anders als erfolgsorientierter Sprachgebrauch auf  gemeinschaftliches Handeln. Ein Einverständnis setzt voraus, dass alle Akteure    10   Frans H. van Eemeren und Rob Grootendorst (1984) dagegen verstehen „Überzeugung“ als  perlokutionären Erfolg.  86  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  einem Handlungsplan aus gleichen Gründen zustimmen, denn es beruht auf  gemeinsamen, intersubjektiv geteilten Überzeugungen. Diese unterscheiden  sich von bloß zufällig bestehenden Übereinstimmungen dadurch, dass alle  Akteure sich über die beanspruchte Gültigkeit einer Äußerung einigen, d.h.,  dass  sie Geltungsansprüche, die  sie  reziprok  erheben,  intersubjektiv  aner‐ kennen  und  ihre  eigenen  Äußerungen  entsprechend  an  der  Möglichkeit,  dass deren Geltung von anderen Akteuren bestritten wird, relativieren. Im‐ plizit sind Habermas zufolge mit  jedem verständigungsorientiert gebrauch‐ ten  Sprechakt  drei  Geltungsansprüche  verbunden:  Erstens  wird  der  An‐ spruch erhoben, dass die gemachte Aussage wahr ist (dass also die Existenz‐ voraussetzungen  eines  erwähnten  propositionalen Gehaltes  tatsächlich  er‐ füllt sind); zweitens wird beansprucht, dass die Sprechhandlung mit Bezug  auf einen geltenden normativen Kontext richtig ist (bzw. dass der normative  Kontext, den sie erfüllen soll, selbst  legitim  ist); und drittens wird der An‐ spruch  erhoben,  dass  die manifesten  Sprecherintentionen  und  geäußerten  subjektiven Erlebnisse wahrhaftig so gemeint sind, wie sie geäußert wurden  (Habermas  1987a:  149).  Damit  werden  im  verständigungsorientierten  Sprachgebrauch  alle  originären  Funktionen,  die  Habermas  Sprache  zu‐ schreibt, gleichermaßen berücksichtigt: die Darstellung von Zuständen und  Ereignissen, die Herstellung interpersonaler Beziehungen und die Expressi‐ on von Erlebnissen  (Habermas  1987a:  143,  413).  Sprache  ist  für verständi‐ gungsorientierte Akteure daher nicht eines unter mehreren Mitteln der Ein‐ flussnahme,  sondern  als Medium die Voraussetzung von Verständigungs‐ prozessen, die eine Handlungskoordinierung durch Einverständnis erst er‐ möglichen.  Der Modus des illokutionären Aktes bestimmt dabei, unter welchem Gel‐ tungsanspruch  der  Sprecher  seine Äußerung  vor  allem  verstanden wissen  möchte  (obwohl er  immer alle drei Geltungsansprüche erheben muss). Ha‐ bermas  unterscheidet  drei Grundmodi  verständigungsorientierten  Sprach‐ gebrauchs: konstative Sprechhandlungen (Aussagesätze), in denen der Spre‐ cher den Wahrheitsanspruch  in den Vordergrund stellt, expressive Sprech‐ handlungen  (Erlebnissätze),  in denen die Wahrhaftigkeit des Sprechers  im  Mittelpunkt  steht  und  regulative  Sprechhandlungen  (Aufforderungs‐  und  Absichtssätze),  in  denen  es  um  die Richtigkeit  einer Handlung  geht  (Ha‐ bermas 1987a: 414f). Im Kontext der Steuerungstheorie sind vor allem regu‐ lative Sprechakte von Bedeutung, da sie sich direkt an den Gesprächspartner  richten, um diesen zu einer Handlung aufzufordern oder ihm die Absicht zu  einer Handlung des  Sprechers mitzuteilen. Regulative  Sprechakte  begrün‐ den  daher  unmittelbare  Handlungsverpflichtungen.  Aus  konstativen  Sprechakten  folgt  dagegen Habermas  zufolge  lediglich  die Verpflichtung,  dass das Handeln auf Situationsdeutungen gestützt wird, die den als wahr  akzeptierten Aussagen nicht widersprechen, während expressive Sprechakte  Weiche Steuerung durch Argumente  87   Handlungsverpflichtungen nur  insofern  implizieren, als dass der Sprecher  spezifiziert,  womit  sein  Verhalten  nicht  in  Widerspruch  steht  (Habermas  1984: 597).11  Im Folgenden werden daher gewissermaßen exemplarisch nur  regulative Sprechakte thematisiert. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass  auch  primär  konstative  oder  expressive  Sprechakte  steuerungstheoretisch  von  Bedeutung  sind,  da  der  Sprecher  ohnehin  stets  alle  drei Geltungsan‐ sprüche erheben muss.   Aus Sicht der Akteure schließen sich laut Habermas Einverständnis und  Einflussnahme  gegenseitig  aus,  da  das  Einverständnis  den  Charakter  ge‐ meinsamer Überzeugungen verliert, sobald ein Betroffener erkennt, dass es  aus der externen zielgerichteten Einflussnahme eines anderen auf ihn resul‐ tiert  (Habermas 1984: 575). Der Mechanismus der Auslösung handlungsre‐ levanter  Interaktionsfolgen  unterscheidet  sich  daher  je  nach  Sprach‐ gebrauch, was im Folgenden herausgearbeitet werden soll.   3.2.2. Mechanismen der Handlungskoordinierung durch Sprechakte  Woraus also ziehen regulative Sprechhandlungen ihre handlungskoordinie‐ rende Kraft? Der Hörer kann auf eine Sprechhandlung auf drei verschiede‐ nen Ebenen  reagieren: Zunächst muss er sie verstehen; wenn er dann eine  affirmative Stellungnahme abgibt, richtet er sein Handeln entsprechend der  daraus folgenden interaktionsrelevanten Konsequenzen aus, die seine weite‐ ren Handlungsspielräume bestimmen (Habermas 1987a: 398).  Habermas setzt zum Verstehen eines Sprechakts voraus, dass der Hörer  weiß, was diesen akzeptabel macht. Um zu einem Sprechakt affirmativ Stel‐ lung nehmen zu können, muss der Hörer zunächst den illokutionären Sinn  des Sprechaktes verstehen; er muss also z.B. den propositionalen Gehalt des  Satzes „Bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser!“ als eine Aufforderung an sich  verstehen und wissen, mit welchen Handlungen  er den vom Sprecher ge‐ wünschten Zustand herbeiführen könnte. Er muss also die Handlungsver‐ pflichtungen kennen, die sich aus einer affirmativen Stellungnahme ergeben.  Dies reicht  jedoch noch nicht, um zugleich zu wissen, ob die Aufforderung  auch akzeptabel ist, „es fehlt als zweite Komponente die Kenntnis der Bedin‐ gungen für das Einverständnis, welches die Einhaltung der interaktionsfolgen‐ relevanten Verbindlichkeiten erst begründet“ (Habermas 1987a: 403, Herv. im  Original). Die Hörerin versteht den  illokutionären Sinn einer Aufforderung    11   Inwiefern  konstative  illokutionäre  Akte  wie  „Rauchen  schadet  Ihren  Mitmenschen“  zu‐ gleich auch oder sogar primär  regulative Absichten  implizieren,  lässt  sich mit Habermas’  idealtypischer Grundunterscheidung nicht erfassen, da er davon ausgeht, dass illokutionäre  Ziele stets aus der Bedeutung des Gesagten hervorgehen. Searle (1980b) dagegen geht da‐ von  aus, dass  es  auch  indirekte  Illokutionsakte  gibt. Auf dieses Problem wird unter  3.5.  kurz eingegangen.  88  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  erst  dann  vollständig,  wenn  sie  neben  den  Erfüllungsbedingungen  auch  weiß, warum der Sprecher erwartet, dass seine Aufforderung Wirkung zei‐ gen  wird.  Die  Akzeptabilitätsbedingungen  unterscheiden  sich  jedoch  je  nachdem,  ob der  Sprechakt verständigungsorientiert  oder  erfolgsorientiert  gebraucht wird  und  ob  es  sich  dabei  um  imperative Willensäußerungen,  perlokutionäre  Effekte  oder  normativ  aufgeladene  Anweisungen  handelt.  Dies  wird  im  Folgenden  nacheinander  dargestellt  und  abschließend  zu‐ sammengefasst.  Imperative Willensäußerungen  Direkte,  imperative Aufforderungen wie der Beispielsatz „Bringen Sie mir  ein Glas Wasser!“ sind als faktische Willensäußerungen zu verstehen, die in  erfolgsorientierter Absicht geäußert werden. Es handelt sich also um einen of‐ fen  strategischen  Sprachgebrauch:  Der  Sprecher  möchte  ein  Glas  Wasser  und versucht, seinen Hörer durch eine imperative Äußerung dazu zu bewe‐ gen, ihm dieses zu bringen. Der Sprecher erhebt damit gegenüber dem Hö‐ rer einen Machtanspruch12 und hegt die Erwartung, dass der Hörer Gründe  hat, sich diesem zu unterwerfen (Habermas 1987a: 403). Die Gründe für das  Akzeptieren einer Willensäußerung können  jedoch Habermas zufolge nicht  im  illokutionären Sinn der Sprechhandlung selbst, sondern nur  in Motiven  des Hörers  liegen,  auf die der Sprecher  allein  empirisch, mit Gewalt oder  Gütern Einfluss nehmen kann  (Habermas  1987a:  405). Ein Machtanspruch  wird  also nicht  aufgrund des  Sprechaktes  akzeptiert, mit dem  er  erhoben  wird, sondern aufgrund des mit ihm verbundenen Sanktionspotentials. Der  Hörer kann nicht begründet zu dem Sprechakt Stellung nehmen, weil die Be‐ gründung des erhobenen Machtanspruchs außerhalb des Sprechaktes  liegt;  er  kann  lediglich  durch  eine  Ja‐/Nein‐Stellungnahme  auf  den  Machtan‐ spruch reagieren. Die Akzeptanz einer Willensäußerung ist damit von einem  mit  der  Sprechhandlung  extern  verknüpften  Sanktionspotential  des  Spre‐ chers  abhängig. Der Hörer  versteht  die  imperative Aufforderung  des  Be‐ spielsatzes, wenn er (1) die Erfüllungsbedingungen kennt, also weiß, wie er  die Aufforderung erfüllen könnte (indem er ein Glas Wasser holt) und wenn  er  (2) weiß, warum der Sprecher  einen Machtanspruch  ihm gegenüber  er‐ hebt, d.h. wenn er die Sanktionsbedingungen kennt, unter denen der Spre‐ cher erwarten kann, dass der Hörer sich  seinem Willen  fügt  (z.B. weil der  Sprecher  der  Vorgesetzte  des  Hörers  ist  und  ihm  kündigen  könnte).  Die  bindende Kraft des illokutionären Erfolges besteht daher im Koordinations‐   12   An dieser Stelle verwendet Habermas einen traditionellen Machtbegriff. Im Sinne der unter  4. erläuterten Differenzierungen seiner Machttheorie entspricht dies am ehesten der sozia‐ len Macht.  Weiche Steuerung durch Argumente  89   effekt der Gewähr, dass der  Sprecher  seinen Machtanspruch ggf.  einlösen  kann.   Perlokutionäre Effekte   Nicht  immer werden  jedoch die Ziele  erfolgsorientierten  Sprachgebrauchs  offengelegt  wie  bei  einer  imperativen  Willensäußerung.  Solche  verdeckt  strategischen Handlungen nennt Habermas perlokutionäre Akte; sie bilden  „diejenige Teilklasse  teleologischer Handlungen, die mit Hilfe von Sprech‐ handlungen unter der Bedingung ausgeführt werden können, dass der Ak‐ teur das Handlungsziel nicht als solches deklariert oder zugibt“ (Habermas  1987a: 393). Der Sprecher nutzt also einen illokutionären Akt als Mittel, um  ein  verdecktes  perlokutionäres  Ziel  zu  erreichen.  Habermas’  Verständnis  von perlokutionären Akten entsprechend, kann ein Sprecher nur dann per‐ lokutionäre  Effekte  erzielen, wenn  dieser  seine Gesprächspartner  darüber  täuscht, dass er strategisch handelt. Die Wirkung eines perlokutionären Akts  wird  gerade  dadurch  erzielt,  dass  die  Handlungspläne  nicht  offengelegt  werden, und der Hörer damit weder zu einem Macht‐ noch zu einem Gel‐ tungsanspruch Stellung nehmen kann. Durch das Angebot eines Sprechak‐ tes, der keinen offen erfolgsorientierten Charakter hat, täuscht der Sprecher  vor,  er  verfolge  allein  das  illokutionäre  Ziel.  Die  perlokutionären  Effekte  werden  jedoch  nicht  durch  Zustimmung,  also  den  illokutionären  Erfolg,  sondern durch dessen manipulativen Gebrauch herbeigeführt. Die kognitive  Wirkung  eines  illokutionären Aktes  auf  den Hörer,  insbesondere  also  die  Überzeugung des Hörers, versteht Habermas nicht als perlokutionären Ef‐ fekt, sondern als Teil des  illokutionären Erfolgs, da sie auf den  im Illokuti‐ onsakt begründeten rational einsehbaren Geltungsansprüchen beruht.   Dennoch bildet der illokutionäre Erfolg die Voraussetzung eines perloku‐ tionären Erfolges, denn wenn der Adressat eine Äußerung  (z.B. eine War‐ nung) nicht versteht, kann er dadurch auch nicht verunsichert werden. Ob  dann  jedoch die  intendierten perlokutionären Effekte eintreten, hängt nicht  mehr vom  illokutionären Erfolg der Sprechhandlung ab; dieser  stellt zwar  eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den perlokutionä‐ ren Erfolg der Sprechhandlung dar. Der illokutionäre Erfolg reicht dagegen  aus, um offen gelegte Handlungsverpflichtungen zu begründen (Habermas  1987a: 395). Der Erfolg bemisst sich vielmehr an den  Intentionen des Spre‐ chers, die sich nicht aus der Bedeutung des Gesagten ergeben und mit  ihr  nur in kontingentem Zusammenhang stehen. Was die Absicht des Sprechers  ist,  und  ob  z.B.  seine Warnung den Adressaten wie  geplant  in  Schrecken  versetzt  oder  in  ihm  Genugtuung  auslöst,  hängt  Habermas  zufolge  vom  Kontext  der  Sprechhandlung  ab,  der  über  den  eigentlichen  Sprechakt  hi‐ nausweist.  Insofern bleiben perlokutionäre Effekte der Bedeutung des Ge‐ sagten äußerlich. Natürlich können perlokutionäre Effekte wie die Demüti‐ 90  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  gung oder Aufheiterung des Gegenübers auch als unintendierte Nebenfolge  entstehen; dann handelt es sich jedoch nicht um einen intentionalen perloku‐ tionären Akt sondern um eine systematisch verzerrte Kommunikation. Die  Handlungskoordinierung  erfolgt  also  bei  perlokutionären  Effekten  durch  den manipulativen erfolgsorientierten Sprachgebrauch,  in dem der Sprech‐ akt anderen Zielen dient als den durch ihn selbst offengelegten.   Habermas beschränkt sich bei der Diskussion im Wesentlichen auf perlo‐ kutionäre Effekte auf emotionaler Ebene, die nur mittelbar handlungswirk‐ sam werden können. Als typische Prädikate, mit denen sie beschrieben wer‐ den, nennt er „in Schrecken versetzen, Beunruhigung auslösen,  in Zweifel  stürzen,  jemanden verstimmen, irreführen, kränken, gegen sich aufbringen,  demütigen usw.“ (Habermas 1987a: 393). Nur zwei seiner Beispiele beziehen  sich auf die praktische Ebene, die unmittelbar handlungswirksame Folgen  hat: der Angriffsbefehl, um eine Truppe  in den Hinterhalt  laufen zu  lassen  und das Erzählen einer Geschichte, um den Aufbruch eines Gastes zu ver‐ zögern (Habermas 1987a: 396). Im zweiten Beispiel ist es jedoch nicht der il‐ lokutionäre Erfolg, durch den eine manipulative Wirkung erzielt wird, son‐ dern allein die Tatsache, dass der Sprecher spricht; es ist dabei egal, was er  sagt. Im ersten Fall dagegen versucht der Sprecher tatsächlich mit Hilfe einer  imperativen Äußerung eine Handlung  seiner Adressaten zu bewirken, die  dann sein eigentliches Ziel erfüllt. Sein Sprechakt hat also einen doppelten  Zweck:  Verdeckt  geht  es  (in  erfolgsorientierter  Einstellung)  darum,  die  Truppe  bewusst  in  den Hinterhalt  zu  schicken;  offengelegt wird  dagegen  nur, dass angegriffen werden soll. Die Adressaten können also gar nicht zu  dem eigentlichen Ziel des Sprechers Stellung nehmen, indem sie z.B. fragen,  ob der denn das Recht habe, seine Truppe in den Hinterhalt zu schicken. Mit  dem Angriffsbefehl  täuscht der Sprecher  jedoch  eine verständigungsorien‐ tierte Einstellung  vor, da  sich dieser  Sprechakt  auf Normen  stützt. Dieser  Zusammenhang wird im folgenden Abschnitt erläutert.   Normativ aufgeladene Anweisungen  Neben  imperativen Willensäußerungen, die  stets  in  erfolgsorientierter Ab‐ sicht  geäußert  werden,  gibt  es  noch  eine  zweite  Form  von  imperativen  Sprechakten:  normativ  autorisierte Anweisungen wie  z.B.  die Anweisung  einer Flugbegleiterin,  für die Dauer des Fluges  elektronische Geräte  abzu‐ schalten  (oder auch den Befehl eines Generals). Die Flugbegleiterin äußert  mit diesem Sprechakt weder ihren persönlichen, kontingenten Willen, noch  beruft sie sich mit dieser Aufforderung auf ein externes Sanktionspotential;  sie verweist vielmehr auf die Geltung von Sicherheitsvorschriften  in einem  bestimmten institutionellen Rahmen, der sie als Flugbegleiterin befugt, ihren  Fluggästen unter Berufung auf diese Vorschriften eine Anweisung zu geben.  Damit  erhebt  sie  einen  kritisierbaren Geltungsanspruch und  nimmt  so  eine  Weiche Steuerung durch Argumente  91   verständigungsorientierte Einstellung ein. Der Hörer versteht diese Anwei‐ sung,  wenn  er  (1)  die  Erfüllungsbedingungen  der  Anweisung  kennt  (er  muss seine elektronischen Geräte ausschalten) und wenn er (2) die Akzepta‐ bilitätsbedingungen kennt, also weiß, warum die Flugbegleiterin die Anwei‐ sung für gültig hält. Während sich die Erfüllungsbedingungen auf die jewei‐ ligen Handlungsverpflichtungen  beziehen,  die  sich  aus  einer  affirmativen  Stellungnahme  zu  dem  Sprechakt  ergeben,  beziehen  sich  die Akzeptabili‐ tätsbedingungen auf den Geltungsanspruch  selbst, der mit dem Sprechakt  erhoben wird. Dieser Geltungsanspruch wiederum bezieht sich auf drei Di‐ mensionen: die Gültigkeit der Norm (das Verbot elektronischer Geräte wäh‐ rend eines Fluges), den Anspruch, dass die Bedingungen  für deren Gültig‐ keit erfüllt sind (dass es sich also tatsächlich um einen Flug handelt), und die  Einlösung  des  erhobenen  Geltungsanspruchs  (der  Begründung  der  Flug‐ begleiterin, warum sie die Bedingungen  für erfüllt betrachtet).  Jeder dieser  drei Geltungsansprüche kann mit Gründen angezweifelt und mit Gründen  verteidigt werden. Nicht nur die Erfüllungsbedingungen, sondern auch die  Akzeptabilitätsbedingungen ergeben sich damit unmittelbar aus dem illoku‐ tionären Akt selbst; sie brauchen nicht durch externe Sanktionsbedingungen  vervollständigt zu werden. Damit tritt   „an die Stelle der empirisch motivierenden Kraft eines mit Sprechhandlungen kontingent  verknüpften Sanktionspotentials  […] die  rational motivierende Kraft der Gewährleistung  von Geltungsansprüchen in allen Fällen, wo die illokutionäre Rolle keinen Macht‐, sondern  einen Geltungsanspruch zum Ausdruck bringt“ (Habermas 1987a: 406).   Die  bindende Kraft des  illokutionären Erfolges  besteht daher  nicht  in der  Gültigkeit des Gesagten,  sondern  im Koordinationseffekt der Gewähr, die  der Sprecher dafür bietet, den erhobenen Geltungsanspruch ggf. einzulösen.   Dies bezieht  sich nicht nur auf normativ autorisierte Anweisungen, die  durch institutionelle Rahmen gebunden sind (wie im Falle der Flugbegleite‐ rin), sondern auch auf institutionell ungebundene Sprechakte. Auch Auffor‐ derungen, die zunächst wie imperative Willensäußerungen erscheinen (wie  der  Beispielsatz  „Bringen  Sie  mir  ein  Glas  Wasser!“),  können  mit  einem  normativen  Geltungsanspruch  aufgeladen  werden,  indem  auf  eine  Norm  (etwa:  Ein  Mitarbeiter  hat  für  das  Wohlergehen  seines  Chefs  zu  sorgen)  verwiesen wird. Dadurch  verändern  sich  die Akzeptabilitätsbedingungen:  Die  Sanktionsbedingungen  (mögliche  Kündigung)  werden  durch  rational  motivierende Bedingungen für die Annahme kritisierbarer Geltungsansprü‐ che  ersetzt  (Habermas  1987a:  409).  Der  Beispielsatz  könnte  dementspre‐ chend  unter  allen  drei Geltungsansprüchen  zurückgewiesen werden: Der  Anspruch auf Wahrheit könnte falsch sein (z.B. wenn es keinen Wasserhahn  gibt); der Anspruch auf Richtigkeit könnte zurückgewiesen werden,  indem  in Frage gestellt wird, ob ein Mitarbeiter wirklich für das Wohlergehen des  Chefs verantwortlich ist; und der Anspruch auf Wahrhaftigkeit könnte kriti‐ 92  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  siert werden,  indem nach anderen Absichten des Sprechers  (wie etwa den  Hörer zu blamieren) gefragt wird. Zwar kann sowohl im Falle institutionell  gebundener,  als  auch  im  Falle  institutionell ungebundener  Sprechakte  ein  gesprächsexternes  Sanktionspotential  fortbestehen.  Indem  aber  auf  Gel‐ tungsansprüche und nicht auf Machtansprüche rekurriert wird, nimmt der  Sprecher  seinen Gegenüber  als Gleichen  ernst,  erhebt Geltungsansprüche,  die  begründet  in  Frage  gestellt werden  können, und verzichtet  so  auf die  Anwendung des Sanktionspotentials.  Daran wird noch einmal deutlich, dass nur  im verständigungsorientier‐ ten  Sprachgebrauch,  in dem der  Sprecher  kritisierbare Geltungsansprüche  erhebt, Sprechhandlungen aus eigener Kraft, und zwar dank der Geltungs‐ basis der auf Verständigung angelegten sprachlichen Kommunikation, einen  Hörer zur Annahme eines Sprechaktangebots bewegen und damit als Me‐ chanismus der Handlungskoordinierung wirksam werden können  (Haber‐ mas  1987a:  409f).  Im  erfolgsorientierten  Sprachgebrauch dagegen  sind  auf  die offen oder verdeckt erhobenen Machtansprüche keine begründeten Stel‐ lungnahmen möglich; die Annahme des Sprechaktangebots wird durch ein  der Sprechhandlung externes Sanktionspotenzial bewirkt.   Zusammenfassung  Im verständigungsorientierten Sprachgebrauch werden also z.B. durch nor‐ mativ aufgeladene Anweisungen kritisierbare Geltungsansprüche  erhoben.  Zu ihnen kann begründet Stellung genommen werden. Akzeptiert der Hörer  die  erhobenen  Geltungsansprüche,  so  folgen  daraus  unmittelbar  Hand‐ lungsverpflichtungen. Verfolgt dagegen ein Sprecher illokutionäre Ziele, zu  denen der Hörer – wie gegenüber  imperativen Willensäußerungen – nicht  begründet Stellung nehmen kann, oder deklariert  er  seine Ziele gar nicht,  wie  im Falle perlokutionärer Akte, so dass der Hörer überhaupt nicht Stel‐ lung dazu nehmen kann, dann bleibt „das  in sprachlicher Kommunikation  enthaltene Potential  für eine durch Einsicht  in Gründe motivierte Bindung  brachliegen“ (Habermas 1987a: 410). Die Handlungskoordinierung wird im  erfolgsorientierten Sprachgebrauch daher  entweder  auf Sanktionspotenzial  oder auf Manipulation gestützt. Im Fall von imperativen Willensäußerungen  werden die Absichten dabei zwar ebenso wie im verständigungsorientierten  Sprachgebrauch vorbehaltlos offen gelegt, so dass sich alle Teilnehmer über  die  strategischen Absichten  im Klaren  sind. Die  anderen Akteure werden  jedoch  nicht  als  gleichberechtigte  Kommunikationspartner  anerkannt,  die  die erhobenen Ansprüche mit Gründen kritisieren können. Damit ergibt sich  folgendes Schema (Habermas 1987a: 446):13    13   Habermas zeichnet dieses Schema für soziale Handlungen insgesamt; es wurde hier für den  Kontext von Handlungskoordinierung durch (regulative) Sprechakte spezifiziert und bildet  Weiche Steuerung durch Argumente  93   3.2.3. Sprechakte und Argumente   Bisher  war  nur  allgemein  von  Mechanismen  der  Handlungskoordination  durch regulative Sprechakte die Rede. Bevor die verschiedenen aufgezeigten  Modi  der  Handlungskoordinierung  für  ein  Konzept  weicher  Steuerung  durch Argumente  fruchtbar gemacht werden können, muss noch kurz auf  die  Rolle,  die  Sprechakten  in  Argumentationen  zukommt,  eingegangen  werden.   Durch ein Argument wird eine Aussage  (die Konklusion) auf verschie‐ dene andere Forderungen (die Prämissen) zurückgeführt.14 Argumente die‐ nen  also  der  Begründung  bestimmter  Behauptungen.15  Der  Sprecher  be‐ hauptet  dabei  einerseits,  dass  die  Prämissen,  auf  die  er  seine Konklusion  stützen will, wahr  sind,  und  andererseits, dass die Konklusion wahr  sein  muss, falls die Prämissen wahr sind. Beide Behauptungen beziehen sich ex‐ plizit  auf  die  beiden  Geltungsansprüche  der  Wahrheit  (von  deskriptiven  Prämissen) und der Richtigkeit  (von normativen Prämissen und Schlussre‐ geln). Implizit wird wie bei anderen Sprechakten zudem der Anspruch auf  Wahrhaftigkeit der Aussage des Sprechers erhoben. Wird  in einem Sprech‐ akt argumentiert, signalisiert dies zumindest theoretisch die Bereitschaft des      daher nur einen Teil dessen ab, was Habermas mit seiner schematischen Darstellung veran‐ schaulicht.   14   Ausführlich dazu: Tetens (2004).  15   Natürlich können  sie auch der Widerlegung von Behauptungen dienen, also die Position  begründen, dass die Konklusion K falsch ist.   94  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Sprechers,  für  seine Aussage Gründe  zu  nennen  und  die  erhobenen Gel‐ tungsansprüche zu thematisieren, so dass die Adressaten Stellung zu ihnen  beziehen  können.  Steuerung  durch Argumente  lässt  sich  daher  als  Steue‐ rung durch die Herstellung von Begründungszusammenhängen verstehen.  Wird  ein Sprechakt ohne Widerspruch angenommen,  ist dies gewisserma‐ ßen der Extremfall, da  alle  sich  einig  sind, und nicht weiter  argumentiert  werden  muss.  Sobald  jedoch  Geltungsansprüche  problematisiert  werden,  muss der Sprecher seine Behauptungen begründen. Je nachdem um welche  Ansprüche es geht, sind dabei eher zweckrationale oder eher normative Ar‐ gumente von Bedeutung. Dabei  ist  eine  fortschreitende Problematisierung  von  Tatsachenwürdigungen  hin  zu  fundamentalen  normativen  Fragen  denkbar,  die  immer  weitere,  tiefer  liegende  Geltungsansprüche  themati‐ siert.16  Im Falle normativ aufgeladener Anweisungen ist dies bereits dargestellt  worden: Auf Nachfrage wird die  Flugbegleiterin durch  ein Argument  be‐ gründen, warum sie die Anweisung, dass alle Fluggäste ihre elektronischen  Geräte ausschalten müssen, erhebt,  indem sie die Akzeptabilitätsbedingun‐ gen (die die Prämissen ihrer Anweisung sind) offenlegt. Das Argument rich‐ tet  sich  dabei  danach,  welcher  Geltungsanspruch  genau  in  Frage  gestellt  wird: die Richtigkeit der Norm (in diesem Fall wären normative Argumente  entscheidend) oder nur der Anspruch, dass die Bedingungen  für  ihre An‐ wendung erfüllt sind.   Im Fall perlokutionärer Effekte geht es dagegen gerade darum, die Ak‐ zeptabilitätsbedingungen  nicht  offenzulegen. Dennoch  kann davon  ausge‐ gangen  werden,  dass  Argumente  auch  in  derartigen  strategischen  Hand‐ lungszusammenhängen  eine  steuerungstheoretisch  relevante Rolle  spielen,  obwohl  sie  nicht wahrhaftig,  sondern manipulativ  gebraucht werden. Da  der Sprecher eine verständigungsorientierte Einstellung vortäuscht, können  seine Sprechakte als Akt der Verständigung verstanden und als  solche ak‐ zeptiert werden  (das wäre auch aus Sicht des Sprechers der  Idealfall einer  erfolgreichen Steuerung durch Argumente). Sie können aber auch als solche  problematisiert  werden,  indem  die  Geltungsansprüche  in  Frage  gestellt  werden. Zumindest in dem begrenzten Umfang, in dem es seinen Absichten  nützt, wird der Sprecher sich dann auf das Argumentieren einlassen. Ande‐ rerseits  kann  jedoch  das  Infragestellen  seiner  Wahrhaftigkeit  durch  das  Aufdecken performativer Widersprüche seine strategischen Absichten bloß‐ legen  und  ihn  zu  weitergehenden  Rechtfertigungen  zwingen.  Imperative  Willensäußerungen dagegen beziehen sich stets auf ein mit der Sprechhand‐ lung  extern verknüpftes Sanktionspotential. Sie verweisen daher nicht  auf    16   Habermas unterscheidet zwischen pragmatischen, ethischen und moralischen Argumenten.  Vgl. auch Habermas (1991: 101‐109).   Weiche Steuerung durch Argumente  95   Akzeptabilitäts‐  sondern  auf  Sanktionsbedingungen, die  nicht  allein  argu‐ mentativ begründet werden können.   Argumente übernehmen also in Sprechakten die Funktion der Explikati‐ on und Begründung von Akzeptabilitätsbedingungen, die dadurch offenge‐ legt  und  kritisierbar  gemacht werden  und  so  eine  Einigung  ermöglichen.  Dies ist natürlich nicht nur in regulativen, sondern in jeder Art von Sprech‐ akten  denkbar.  Da  jedoch  im  Kontext  der  Steuerungstheorie  regulative  Sprechakte  von  besonderer  Bedeutung  sind,  wird  die  steuerungstheoreti‐ sche Bedeutung von Argumenten im Folgenden am Beispiel der verschiede‐ nen bereits  erläuterten  regulativen Sprechakte herausgearbeitet. Prinzipiell  ist  eine  Steuerung  durch Argumente  sowohl  in  institutionell  gebundenen  (wie zum Beispiel Gerichtsverfahren) als auch  in  institutionell ungebunde‐ nen,  informalen Gesprächssituationen denkbar. Da  es  jedoch darum  geht,  den Mechanismus weicher  Steuerung durch Argumente  zu  erläutern, wird  nur auf informale Gesprächssituationen Bezug genommen.   3.3. Weiche Steuerung durch Argumente  Im Folgenden wird versucht, die dargestellten theoretischen Grundlagen der  Kommunikationstheorie  von  Jürgen  Habermas  für  das  Konzept  weicher  Steuerung  fruchtbar  zu machen. Dazu muss  überprüft werden,  inwiefern  die Handlungskoordination durch Sprechakte den Kriterien der intentiona‐ len und horizontalen Machtausübung entspricht. Entscheidend  ist also ne‐ ben der  intentionalen Beeinflussung der Handlungen  anderer Akteure die  Art  ihrer Interaktionsbeziehung: Interagieren sie  in einem formalen oder in  einem informalen Zusammenhang? Verzichten sie freiwillig auf institutiona‐ lisiertes  Sanktionspotential  oder  ist  gesprächsextern  Horizontalität17  gege‐ ben?  Darüber  hinaus  muss  untersucht  werden,  inwieweit  etwaige  Steue‐ rungsleistungen wirklich auf spezifische, überzeugende Argumente zurück‐ zuführen  sind  oder  durch  andere  (evtl.  nicht‐sprachliche)  Mechanismen  herbeigeführt werden.     17   Im Folgenden wird der Begriff der Horizontalität stets  im hier definierten Sinne einer ge‐ sprächsintern  oder  ‐extern  gegebenen  informalen  Kommunikationssituation  verstanden.  Dies ist nicht zu verwechseln mit Habermas’ normativem Konzept einer Interaktionssitua‐ tion, in der sich die Akteure als Gleiche begegnen. Zwar kann auch durch die gegenseitige  Anerkennung der Akteure als Gleiche (gesprächsintern) eine informale Kommunikationssi‐ tuation hergestellt werden; dies  ist  jedoch erstens nicht die einzige Möglichkeit und zwei‐ tens spielt der normative Gesichtspunkt für die Einordnung als horizontal keine Rolle. Ent‐ scheidend ist zunächst weniger warum, sondern vielmehr dass nicht auf institutionalisierte  Verfahren und entsprechendes Sanktionspotential zurückgegriffen wird. Erst bei der Frage  nach Bedingungen stabiler Kooperation kommt dem normativen Aspekt Bedeutung zu.  96  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  3.3.1. Weiche Steuerung durch Argumente im erfolgsorientierten Sprachgebrauch  Sowohl bei offen als auch bei verdeckt erfolgsorientiertem Sprachgebrauch  verfolgen die Akteure  jeweils eigene Handlungspläne. Sprache wird dabei  als Mittel zum Zweck eingesetzt, um andere Akteure gezielt zu beeinflussen  und sie dazu zu bewegen, sich den Handlungszielen des Sprechers unterzu‐ ordnen.  Insofern handelt  es  sich um  eine  eindeutig  intentionale Form der  Einflussnahme  auf  die  Handlungsräume  anderer  Akteure  und  damit  um  Steuerungsversuche. Die anderen Akteure werden als Hindernis betrachtet,  das der Realisierung der eigenen Ziele  im Wege steht. Eine Einigung kann  daher  immer nur  funktional unter dem Gesichtspunkt der Realisierung ei‐ gener  Interessen  motiviert  sein,  die  Interaktionsbeziehung  bleibt  insofern  einseitig. Gesprächsintern  ist  daher  keine  horizontale  Beziehung  zwischen  den Akteuren gegeben, da sie sich nicht als Gleiche anerkennen und darum  nicht  freiwillig  auf  institutionalisiertes  Sanktionspotential  verzichten.  Die  Horizontalität  eines  Steuerungsversuchs  kann  im  erfolgsorientierten  Sprachgebrauch also nur gesprächsextern bedingt sein. Das bedeutet, dass in  der jeweiligen Situation entweder kein gesichertes, institutionalisiertes Sank‐ tionspotential vorhanden  ist oder  es derart gleichgewichtig unter den Ak‐ teuren verteilt  ist, dass es nicht effektiv eingesetzt werden kann. Was heißt  das nun aber konkret für die beiden Arten der Handlungskoordinierung im  erfolgsorientierten Sprachgebrauch?   Das offen strategische Handeln  in Form von  imperativen Willensäußerun‐ gen basiert nicht  allein  auf dem Sprechakt  als  solchem;  es  ist  auf  ein dem  Sprechakt  externes  Sanktionspotenzial  angewiesen,  da  sonst  nicht  die  be‐ gründete Erwartung gehegt werden kann, dass der Adressat sich dem erho‐ benen  Machtanspruch  fügt.  Dieses  Sanktionspotential  kann  sich  auf  ver‐ schiedene Ressourcen wie Geld oder den sozialen Status beziehen; der dar‐ auf  gründende  Machtanspruch  könnte  prinzipiell  auch  nicht‐sprachlich  vermittelt werden. Für die affirmative Stellungnahme muss der Adressat die  Erfüllungs‐ und die Sanktionsbedingungen kennen. Diese aber werden nicht  allein  argumentativ  vermittelt. Geltungsansprüche, die  eine  rational moti‐ vierte  Zustimmung  durch  die  Einsicht  in  Gründe  herbeiführen  könnten,  spielen keine Rolle; Gründe können gar keine Appellationsinstanz bilden, da  nicht die Art der Mittel zählt, sondern allein der Erfolg, also die Konsequen‐ zen der Sprechhandlung (Habermas 1984: 574). Entscheidend für den Steue‐ rungserfolg  ist  daher  nicht  der  illokutionäre Akt  als  solcher,  sondern  das  dahinter  stehende  Sanktionspotenzial.  Insofern  handelt  es  sich  nicht  um  Steuerung durch Argumente, sondern um sprachlich vermittelte Steuerung,  Weiche Steuerung durch Argumente  97   die auf den der Sprechhandlung äußerlich bleibenden externen Ressourcen  beruht.18  Auch die Natur der Interaktionsbeziehung bei perlokutionären Effekten ist  extern bestimmt, da diese Habermas zufolge nicht allein durch die illokutio‐ nären Akte herbeigeführt werden können; sie hängen stets von Kontextfak‐ toren ab, die dem Gesagten äußerlich bleiben. Für Habermas sind nur ver‐ deckt erzielte Wirkungen beim Hörer perlokutionäre Akte. Die Zustimmung  zu  einem  Sprechaktangebot versteht  er nicht  als perlokutionären,  sondern  als illokutionären Erfolg. Dieser besteht bei Habermas nicht nur darin, dass  der Hörer den Sprechakt versteht, also z.B. die Erfüllungsbedingungen eines  regulativen Sprechaktes erkennt, sondern auch aus seiner affirmativen Stel‐ lungnahme, also der Kenntnis und Zustimmung zu den Akzeptabilitätsbe‐ dingungen und den dadurch begründeten Handlungsverpflichtungen. Die  rationale Zustimmung zu einem Sprechaktangebot wird Habermas zufolge  nicht  durch  den  illokutionären Akt  herbeigeführt,  sondern  liegt  schon  in  diesem begründet: Wird er verstanden und werden die mit ihm erhobenen  Geltungsansprüche geprüft und akzeptiert, ist die Zustimmung kein davon  zu  trennender Akt, sondern Teil des  illokutionären Erfolgs selbst. Dadurch  aber lassen sich die Kommunikations‐ und die Interaktionsebene nicht mehr  analytisch voneinander trennen, was im Folgenden deutlich wird.   Versucht der Sprecher durch perlokutionäre Effekte auf sein Gegenüber  einzuwirken, verspricht  er  sich gerade dadurch, dass  er  seine Handlungs‐ pläne nicht offenlegt, Erfolg, denn so entgeht er der Gefahr, seine Ansprüche  in  Reaktion  auf Kritik  begründen  zu müssen. Habermas  konzipiert  diese  Form der Interaktion damit als eine asymmetrische Beziehung zwischen den  Akteuren,  in der der  Sprecher versucht, die  anderen Gesprächsteilnehmer  einseitig zu manipulieren, indem er sie über seine wahren Absichten täuscht  (Habermas 1987a: 395). Dennoch kann es sich dabei um eine horizontale, in‐ formale Interaktionssituation handeln, die nicht auf ein gesichertes,  institu‐ tionalisiertes Sanktionspotential gestützt bleibt.   Zu klären bleibt nun, ob  im Fall perlokutionärer Effekte wirklich durch  Argumente gesteuert werden kann. Mit der Vortäuschung einer verständi‐ gungsorientierten Einstellung werden zumindest die Ansprüche auf Wahr‐ heit und Richtigkeit explizit  thematisiert. Zwar kann der Adressat nicht zu  den eigentlichen Intentionen des Sprechers Stellung nehmen, da diese nicht  offenbart werden. Er hat also, wie Habermas zu Recht betont, keine Chance,  zu Macht‐ oder Geltungsansprüchen, die sich auf diese eigentlichen Intenti‐ onen des Sprechers beziehen, Stellung zu nehmen. Ein Beispiel wäre, wenn  ein Diktator mit Hilfe eines moralischen Argumentes auf Menschenrechts‐   18   Dennoch  können  imperative Willensäußerungen  verdeckt  in  perlokutionären Akten  auf‐ tauchen, und entsprechend manipulativ durch Argumente durchgesetzt werden.  98  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  verletzungen eines anderen Staates verweist, um  international als Verteidi‐ ger der Menschenrechte zu gelten, weil er so eine bessere Verhandlungspo‐ sition innehat. Er äußert also das moralische Argument in eindeutig erfolgs‐ orientierter Absicht,  ohne  diese  jedoch  offen  zu  legen.  Zu  seiner Absicht  kann  nicht  Stellung  genommen werden. Dennoch  kann  aber  zu  dem  von  ihm  in  (vorgetäuschter)  verständigungsorientierter  Absicht  benutzten  Ar‐ gument Stellung bezogen werden, indem es als Akt der Verständigung ernst  genommen wird und der darin  explizit  erhobene Anspruch  auf Wahrheit  und Richtigkeit thematisiert wird. Die Gesprächspartner wissen ja zunächst  nicht, dass die Verständigungsorientierung des Sprechers nur vorgetäuscht  ist  und müssen  das Argument  daher  ernst  nehmen,  zumindest wenn  sie  selbst  verständigungsorientiert denken und  handeln. Der Versuch, mittels  eines  illokutionären Aktes  einen perlokutionären Effekt bewusst herbeizu‐ führen,  kann daher durchaus  als  Steuerung durch Argumente  verstanden  werden, obwohl Habermas aufgrund seiner Konzeption perlokutionärer Ef‐ fekte davon ausgehen muss, dass letztlich ein dem Gesagten äußerlich blei‐ bendes Moment  für den  Steuerungserfolg  entscheidend bleibt. Stimmt  ein  Gesprächspartner dem Argument zu und handelt entsprechend, so handelt  er  ja wegen  seiner Zustimmung  zu dem Argument  auf diese Weise, nicht  aufgrund der ihm nicht bekannten Geltungs‐ oder Machtansprüche der tie‐ fer  liegenden  Intentionen des Sprechers. Dies macht deutlich, dass, anders  als Habermas es tut, zwischen Kommunikations‐ und Interaktionsebene ge‐ trennt werden muss.  Sobald die Gesprächspartner erkennen, dass der Sprecher seine wahren  Intentionen  gar  nicht  offenlegt,  sondern  seine  verständigungsorientierte  Haltung nur vortäuscht, werden sie entweder seinen  (gar nicht explizit er‐ hobenen) Anspruch auf Wahrhaftigkeit  in Frage stellen  (und  ihn zu Erklä‐ rungen oder Entschuldigungen nötigen) oder ebenfalls eine strategische Ein‐ stellung einnehmen (Habermas 1987a: 396). Wird also der Versuch der inten‐ tionalen Erzeugung eines perlokutionären Aktes aufgedeckt und dem Spre‐ cher perlokutionäre Effekte  als  intendierte Erfolge  zugerechnet,  so kommt  dies der  Infragestellung  seiner Wahrhaftigkeit gleich. Damit wird  ein Gel‐ tungsanspruch thematisiert, der explizit gar nicht von  ihm erhoben wurde,  ihn aber unter Rechtfertigungsdruck stellt, da er sich gezwungen sieht, den  „falschen Eindruck zu zerstreuen, die Nebenfolgen seien perlokutionäre Effekte“  (Habermas 1987a: 396, Herv. im Original), um seinen Erfolg nicht zu gefähr‐ den.  Dies  gilt  insbesondere  für  die  strategische  Verwendung  moralischer  Argumente. Zwar besteht die Absicht des Sprechers in diesem Fall nicht dar‐ in, die Hörer ggf. mittels Einlösung der Geltungsansprüche von dem  jewei‐ ligen  Argument  zu  überzeugen,  sondern  z.B.  darin,  dem  Gegenüber  ein  schlechtes Gewissen zu machen, also der Erzeugung perlokutionärer Effek‐ te. Der  oben  erwähnte Diktator  etwa  äußert  das moralische Argument  in  Weiche Steuerung durch Argumente  99   eindeutig erfolgsorientierter Absicht, ohne diese jedoch offen zu legen. Den‐ noch können nun andere Akteure, wie eine NGO, dies als Akt der Verstän‐ digung ernst nehmen und von der Möglichkeit Gebrauch machen, die Gel‐ tungsansprüche zu hinterfragen, die mit einem moralischen Argument ver‐ bunden sind.19 Dann erst  treten performative Widersprüche offen zu Tage,  wodurch  ein Rechtfertigungsdruck  entsteht, der über den  erfolgsorientier‐ ten,  allein  an  Konsequenzen  interessierten  Sprachgebrauch  hinausweist.  Moralische Argumente enthalten daher, auch wenn sie strategisch verwandt  werden, ein Moment der Selbstbindung.   Öffentlichkeit  stellt  in  diesem  Zusammenhang  eine  externe  Ressource  von entscheidender Bedeutung dar, die ein Gleichgewicht zwischen unglei‐ chen Akteuren,  von  denen  einige  über  formales  Sanktionspotential  verfü‐ gen, andere nicht, herstellen kann. Da viele egoistische Interessen öffentlich  nicht rechtfertigungsfähig sind, kann Öffentlichkeit gegenüber strategisch an  eigenen  Handlungsplänen  orientierten  Akteuren  ein  großes  Druckmittel  darstellen,  das  deren  formale Übermacht  austariert,  so  z.B.  im Verhältnis  von NGOs und Regierungen  (Habermas 1998: 413). Mit dem Rückgriff auf  die Rechtfertigungsfähigkeit von Handlungsplänen vor  einer größeren Öf‐ fentlichkeit  wird  der  ursprünglich  allein  am  Erfolg  orientierte  Sprach‐ gebrauch Rechtfertigungszwängen ausgesetzt, die über die Erfolgsorientie‐ rung hinaus auf die verständigungsorientierte Einstellung verweisen, da die  Interessen einzelner strategisch orientierter Akteure am Kriterium der Ver‐ allgemeinerbarkeit gemessen werden und auch die NGO  ihre Geltungsan‐ sprüche ggf. einlösen muss.  Erfolgsorientierter Sprachgebrauch lässt sich im Rahmen eines Konzepts  weicher Steuerung als Form weicher Steuerung durch Argumente verstehen.  Der Sprecher handelt intentional, gesprächsextern kann durchaus eine hori‐ zontale Interaktionssituation gegeben sein, die durch die Abwesenheit insti‐ tutionalisierter  Sanktionspotentiale oder der Unmöglichkeit des Rückgriffs  auf diese gekennzeichnet  ist. Allerdings  ist der genaue Wirkmechanismus  mit Habermas  schwierig zu  fassen, weil  für  ihn die  rationale Zustimmung  zu einem Sprechaktangebot und die daraus folgenden Handlungsverpflich‐ tungen bereits  im  illokutionären Akt begründet  liegen. Dadurch kann er a‐ nalytisch  nicht  zwischen  Interaktions‐  und  Kommunikationsebene  unter‐ scheiden.   Zwischen  diesen  Ebenen  muss  aber  dennoch  unterschieden  werden,  denn  auch  im  Falle  perlokutionärer  Effekte  können  Argumente  von  ent‐ scheidender  Bedeutung  sein,  vor  allem,  wenn  der  Gesprächspartner  das    19   Es geht also hier nicht darum, den Diktator im Sinne eines „shaming und blaming“ strate‐ gisch unter Druck zu setzen  (das wäre gewissermaßen ebenfalls ein perlokutionärer Akt),  sondern ihn als Gesprächspartner anzuerkennen und dadurch in den verständigungsorien‐ tierten Diskurs zu integrieren (siehe hierzu weiche Steuerung und Anerkennung 3.4.).  100  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  verdeckt  strategisch  eingesetzte Argument  ernst  nimmt  und  in  verständi‐ gungsorientierter  Einstellung  zustimmt,  weil  er  die  Manipulation  nicht  durchschaut. Perlokutionen  lassen  sich also  sehr wohl als Herstellung von  Begründungszusammenhängen und damit als Steuerung durch Argumente  beschreiben, auch wenn die Begründungszusammenhänge nicht gemeinsam  geteilt werden. Der Modus des Sprachgebrauchs, also die Handlungsorien‐ tierung  des  Sprechers,  scheint  dabei  zunächst  nicht  ausschlaggebend  zu  sein. Diese  Steuerungssituation  bleibt  jedoch  insofern  einseitig  (aber  den‐ noch  horizontal!),  als  dass  der  Sprecher,  also  das  Steuerungssubjekt,  sich  dem Gesagten nicht  in gleicher Weise verpflichtet  fühlt wie der Adressat,  der  dem Argument  rational  zugestimmt  hat,  denn  sie  agieren mit  unter‐ schiedlichen  Interaktionsmodi.  Dies  kann  wiederum  in  anderer  Richtung  steuerungstheoretisch relevant werden, nämlich wenn der Adressat, das Ar‐ gument  ernst nehmend, die damit  erhobenen Geltungsansprüche  themati‐ siert und so performative Widersprüche des Sprechers offenlegt. Dann näm‐ lich werden die Momente der Selbstbindung im strategischen Gebrauch von  Argumenten deutlich, wodurch ein Rechtfertigungsdruck erzeugt wird, der  auf verständigungsorientierte Sprechhandlungen verweist.  Imperative Wil‐ lensäußerungen können dagegen nicht als Mechanismus weicher Steuerung  durch Argumente  beschrieben werden,  da  ihre Wirksamkeit  auf  ein  dem  Sprachlichen  äußerlich  bleibendes  Sanktionspotential  beruht,  das  nicht  durch Argumente begründet werden kann.   3.3.2. Weiche Steuerung durch Argumente im verständigungsorientierten   Sprachgebrauch  Vielversprechend für eine Theorie weicher Steuerung scheint bei der Unter‐ suchung  von  Sprechakten  im  verständigungsorientierten  Sprachgebrauch  auf den ersten Blick zu sein, dass sich das Kriterium der Horizontalität von  Steuerungsprozessen direkt unter Rückgriff auf ein horizontales Machtver‐ ständnis  klären  lässt.  Der  Mechanismus  des  Einverständnisses  lenkt  den  Blick  von  der  einseitigen  Einflussnahme  eines  Steuerungssubjekts  auf  sein  Steuerungsobjekt  auf das  gemeinsame Handeln verschiedener Subjekte und  überwindet  damit  die  klassische  hierarchische  Steuerungsperspektive  zu‐ gunsten einer Konzeption intransitiver Macht.20 Im Gegensatz zu transitiver  Macht, die auf andere gerichtet ist, bezieht sich intransitive Macht unmittel‐ bar auf die eigene Gruppe. Demgemäß wird Macht als Beziehung verstan‐ den, die  in  sich  selbst,  in der Gesellschaft durch gemeinsames Reden und  Handeln  erzeugt  und  aufrechterhalten  wird.  Damit  richtet  sich  der  Blick  weg  vom  klassisch‐hierarchischen  hin  zu  einem  horizontalen Verständnis    20   Zum Konzept intransitiver Macht: Göhler (2004).   Weiche Steuerung durch Argumente  101   von Macht. Die vorbehaltlose Orientierung an der Herstellung eines Einver‐ ständnisses über die Situation und die erwarteten Konsequenzen  stellt die  Akteure unabhängig von eventuell vorhandenen ungleichgewichtig verteil‐ ten gesprächsexternen  formellen  Sanktionspotentialen  in  eine gesprächsin‐ terne horizontale Beziehung zueinander, da sie sich alle als Gleiche anerken‐ nen müssen und darum auf externe formelle Sanktionsmittel verzichten:   „Gesprächsteilnehmer müssen allgemein voraussetzen, dass die Struktur  ihrer Kommuni‐ kation, aufgrund rein formal zu beschreibender Merkmale,  jeden […] Zwang – außer dem  des besten Argumentes – ausschließt“ (Habermas 1987a: 48).21   Eventuell bestehende externe Machthierarchien bleiben zwar bestehen, wer‐ den aber durch die Herstellung gesprächsinterner Horizontalität irrelevant.22  Jeder  kann  seine Handlungspläne  nur  unter  dem Vorbehalt  eines  Einver‐ ständnisses aller Beteiligten verfolgen, da das Ziel nicht die einseitige Ein‐ schränkung und Ausrichtung der Handlungsoptionen der anderen Akteure,  sondern die Ausrichtung der  individuellen Handlungspläne nach gemein‐ sam geteilten Überzeugungen ist.   Mit normativ aufgeladenen Anweisungen bezieht sich der Sprecher zu‐ nächst  auf Normen, die  er  für  allgemein  akzeptiert hält.  Jeder Gesprächs‐ partner ist aber nun in gleichem Maße dazu berechtigt, die von ihm erhobe‐ nen Geltungsansprüche auf die Gültigkeit der Norm, die Erfüllung der er‐ forderlichen Gültigkeitsbedingungen und die Einlösung dieser Bedingungen  durch den Sprecher in Frage zu stellen und muss dann wiederum auch seine  eigenen Geltungsansprüche an den Gründen Anderer relativieren. Die ver‐ ständigungsorientierte  Einstellung  macht  die  Interaktionsteilnehmer  von‐ einander abhängig, da sie auf die Ja‐/Nein‐Stellungnahmen ihrer Adressaten  angewiesen sind, denn ein Konsens kann nur auf der Grundlage der  inter‐ subjektiven  Anerkennung  von  Geltungsansprüchen  erfolgen  (Habermas  1984: 575):   „Die gemeinsame Überzeugung, die durch die  intersubjektive Anerkennung eines mit einem  Sprechakt  erhobenen  Geltungsanspruchs  zwischen  Sprecher  und  Hörer  produziert  oder  auch nur bekräftigt wird, bedeutet die stillschweigende Akzeptanz von handlungsrelevan‐ ten Verpflichtungen; insofern schafft sie eine neue soziale Tatsache“ (Habermas 1998: 183).   Aus einem derart hergestellten Einverständnis über gemeinsam geteilte Ü‐ berzeugungen  folgen  daher  reziproke  Verbindlichkeiten.  Während  Hand‐   21   Es handelt sich also bei der  idealen Gesprächssituation um Bedingungen, deren Erfüllung  die Akteure voraussetzen müssen, um sich überhaupt miteinander verständigen zu können.  Dadurch erst nähern sie sich ihnen an.   22   Das gilt auch für den Fall normativ aufgeladener Anweisungen. Zwar hat die Flugbegleite‐ rin  in dem oben angeführten Beispiel u.U. ein Sanktionspotential.  Indem sie sich aber auf  die Geltung von Normen beruft und bereit ist, ihre Geltungsansprüche einzulösen, verzich‐ tet sie auf ihr Sanktionspotential.   102  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  lungsverpflichtungen im Falle von imperativen Willensäußerungen in erster  Linie für den Adressaten, also einseitig, gelten, gelten sie bei Versprechun‐ gen und Verträgen symmetrisch für beide Seiten und bei normativ gehaltvol‐ len Empfehlungen und Warnungen asymmetrisch für beide Seiten (Habermas  1984: 597). Verträge und Versprechen begründen also für beide Seiten rezip‐ rok gleichermaßen Verpflichtungen. Die auf normativ gehaltvollen Anwei‐ sungen beruhenden Verpflichtungen dagegen sind zwar auch reziprok, rich‐ ten sich aber jeweils konkret einseitig auf einen Adressaten. Die Flugbeglei‐ terin aus dem oben beschriebenen Beispiel geht davon aus, dass die Normen  und deren Begründungen, auf die sie sich beruft, für sie gleichermaßen gel‐ ten wie für alle anderen;  insofern sind die daraus resultierenden Verpflich‐ tungen reziprok.  In der konkreten Situation aber,  in der es darum geht, si‐ cherzustellen,  dass  alle  Passagiere  ihre  elektronischen  Geräte  abschalten,  richtet sich  ihre Anweisung, die sich auf diese Normen stützt, einseitig auf  die  Passagiere.  Steuerungssubjekt  und  Steuerungsobjekt  sind  also  grund‐ sätzlich  wechselseitig  aufeinander  bezogen,  während  die  jeweilige  Steue‐ rungssituation selbst nicht reziprok  ist. Steuerungssubjekt und Steuerungs‐ objekt  lassen  sich  so  klar  voneinander  unterscheiden,  obwohl  sie  in  der  Steuerungssituation gleichermaßen Verpflichtungen eingehen. Die Rezipro‐ zität der Verpflichtungen ist von entscheidender Bedeutung, da sie Vertrau‐ en  generiert  und  so  die  Stabilität  der  jeweiligen  Steuerungserfolge  garan‐ tiert. Dies  gilt  nicht  nur  für  normativ  aufgeladene Anweisungen,  sondern  insgesamt  für  Steuerung  durch Argumente  im  verständigungsorientierten  Sprachgebrauch:  Die  gemeinsam  geteilte  Einsicht  in  Begründungszusam‐ menhänge stiftet (symmetrisch oder asymmetrisch) reziproke Verpflichtun‐ gen, die der Steuerung durch Argumente ihre besondere Bindungskraft ver‐ leiht. Dies  ist gerade  in horizontalen, also  informalen Gesprächssituationen  von besonderer Bedeutung, da hier nicht auf  Institutionen zurückgegriffen  wird oder werden kann, die die Bindungskraft der erzielten Ergebnisse ga‐ rantieren können.   Fraglich  ist nun, ob  im Falle verständigungsorientierter Sprechakte und  insbesondere normativ aufgeladener Anweisungen auch das zweite Kriteri‐ um weicher Steuerung erfüllt ist: Handelt es sich um intentionale Machtaus‐ übung? Habermas geht davon aus, dass Akteure, die sich sprachlich mitein‐ ander verständigen, um ihre Handlungen zu koordinieren, jeweils bestimm‐ te propositionale Ziele verfolgen. Insofern ist für ihn die teleologische Struk‐ tur  für  alle Handlungsbegriffe  fundamental  (Habermas  1987a:  150f). Zwar  wird  sowohl  beim  erfolgsorientierten  als  auch  beim  verständigungsorien‐ tierten Sprachgebrauch den Akteuren die Fähigkeit zu zielgerichtetem Han‐ deln  und  das  Interesse  an  der  Ausführung  ihrer  Handlungspläne  zuge‐ schrieben; während sich aber das strategische Handlungsmodell darauf be‐ schränkt, die Merkmale unmittelbar erfolgsorientierten Handelns zu erläu‐ Weiche Steuerung durch Argumente  103   tern,  spezifiziert das kommunikative Handlungsmodell grundsätzliche Be‐ dingungen, unter denen der Akteur  seine Ziele verfolgt: Bedingungen der  Legitimität, der Selbstdarstellung und des kommunikativ  erzielten Einver‐ ständnisses, unter denen  eine Handlungskoordinierung  erst möglich wird  (Habermas  1987a:  151). Die Verständigungsorientierung  setzt  also  voraus,  dass die propositionalen  Intentionen der einzelnen Akteure nur unter dem  Vorbehalt  eines  gemeinsamen  Einverständnisses  über  intersubjektiv  aner‐ kannte Geltungsansprüche verfolgt werden können. Die Flugbegleiterin et‐ wa verfolgt den konkreten propositionalen Handlungsplan,  ihre Passagiere  zum Abschalten  ihrer  elektronischen Geräte  zu  bewegen. Dass  dieser  zu‐ gleich  unter  dem  performativen  Vorbehalt  eines  Einverständnisses  steht,  bedeutet, dass sie auf Nachfrage die Normen, auf die sie sich beruft, und ih‐ ren Anspruch  auf  Erfüllung  der  jeweiligen Gültigkeitsbedingungen  expli‐ ziert und gegebenenfalls  revidiert. Die Koordinierung der propositionalen  Handlungspläne verschiedener Interaktionsteilnehmer erfolgt also nicht wie  im erfolgsorientierten Handeln durch das  Ineinandergreifen egozentrischer  Nutzenkalküle,  sondern  durch  einen  kooperativen  Deutungsprozess,  im  Zuge dessen  jeder Sprecher die Gewähr dafür übernimmt, die von  ihm er‐ hobenen Geltungsansprüche ggf. einzulösen. Die Sprechhandlung selbst  ist  damit der Mechanismus der Handlungskooperation; insofern handelt es sich  um Steuerung durch Argumente. Dies gilt für normativ aufgeladene Anwei‐ sungen  ebenso wie  für verständigungsorientierte Sprechakte  im Allgemei‐ nen.   Die Intentionen der Gesprächsteilnehmer müssen daher dynamisch ver‐ standen werden;  sie  können  sich  im  Laufe  eines  Steuerungsprozesses  än‐ dern,  werden  gewissermaßen  erst  intersubjektiv  generiert.  Eine  normativ  aufgeladene Anweisung etwa, deren Akzeptabilitätsbedingungen nicht auf  Sanktionsmechanismen sondern auf den  rational motivierenden Bedingun‐ gen für die Akzeptanz der erhobenen Geltungsansprüche beruhen, steht von  vorneherein unter dem Vorbehalt, dass sie bereits  im Falle einer begründe‐ ten  Zurückweisung  eines  der  Geltungsansprüche  nicht  aufrechterhalten,  sondern  wiederum  rational  motiviert  verändert  oder  zurückgenommen  wird. Sowohl der Anspruch und die entsprechende Begründung dafür, dass  die Voraussetzungen zur Anwendung einer Norm erfüllt seien, als auch die  prinzipielle  Gültigkeit  der  Norm  selbst  können  in  Frage  gestellt  werden.  Diese  Möglichkeit  bejaht  der  Sprecher  von  vornherein  selbst,  und  zwar  nicht, um einen wirksamen Ausgleich der verschiedenen Positionen zu er‐ reichen,  sondern weil  er  sich  selbst  rational vom  jeweils besten Argument  überzeugen  lässt.23 Seine Einflussnahme auf Andere steht  immer schon un‐   23   Dazu muss  natürlich  auch  problematisiert werden  können, was  denn  ein  „bestes Argu‐ ment“ auszeichnet.   104  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  ter  dem  Vorbehalt,  dass  auch  auf  seine  Intentionen  Einfluss  genommen  wird. Das  Infragestellen der  eigenen propositionalen  Intentionen  ist daher  selbst  Teil  des  Steuerungsprozesses.  Je  näher  eine Gesprächssituation  den  idealen Bedingungen einer zwanglosen und vorbehaltlosen Verständigung  kommt, desto stärker werden die propositionalen Intentionen vom Sprecher  selbst zur Disposition gestellt. Die durch die affirmative Stellungnahme zu  erhobenen  Geltungsansprüchen  erzielte  handlungswirksame  Bindung  ist  zwar  aufgrund  der  Reziprozität  der  damit  verbundenen  Verpflichtungen  sehr hoch, das konkrete  inhaltliche Ergebnis aber  ist verglichen mit klassi‐ schen  Mechanismen  harter  Steuerung  prekär.  Die  Chance,  dass  die  ur‐ sprünglichen propositionalen Intentionen nicht umgesetzt werden, ist höher  als bei Mechanismen traditioneller Steuerung, die sich auf institutionalisierte  Sanktionspotentiale stützen.   Wenn aber der  intentionale Aspekt  im verständigungsorientierten Han‐ deln  sich vorrangig  (nicht  ausschließlich!)  auf die performative Ebene der  Kommunikation  bezieht,  scheint  es  schwierig  im  klassischen  Sinne  strikt  zwischen Steuerungssubjekt und Steuerungsobjekt zu unterscheiden. In ver‐ ständigungsorientierter Einstellung lautet die Frage nicht: „Wie können An‐ dere entgegen  ihren eigenen  Intentionen gesteuert werden?“, sondern viel‐ mehr: „Wie koordinieren wir als Gleiche unsere Handlungen?“ Dies gilt ins‐ besondere  dann,  wenn  die  performativen  Intentionen  selbst  Thema  des  Steuerungsprozesses werden. Handlungskoordination durch den zwanglo‐ sen Zwang  des  besseren Arguments  im  verständigungsorientierten  Sinne,  der  die  Unterwerfung  von  propositionalen  Intentionen  eines  bestimmten  Lösungswegs unter die performative  Intention  einer Problemlösung durch  Verständigung  über  gemeinsam  geteilte  rationale  Überzeugungen  impli‐ ziert, ist gewissermaßen ein Prozess der gleichzeitigen gemeinsamen Selbst‐ steuerung24 einer Gruppe von Akteuren: Da alle Beteiligten gleichermaßen  reziproke Verpflichtungen  eingehen,  ist  jeder  einzelne  auch Adressat  des  Steuerungsprozesses.  Dennoch  lässt  sich  zumindest  analytisch  zwischen  Steuerungssubjekt  und  Steuerungsobjekt  unterscheiden,  denn  die  rezipro‐ ken Verpflichtungen  gelten  insofern  einseitig  für die Adressaten,  als  dass  das Steuerungssubjekt die anderen Beteiligten zu einer Handlungsänderung  bewegen will. Die Normen, auf die sich der steuernde Akteur dabei beruft,  muss er mit allen daraus resultierenden Handlungsverpflichtungen auch für  sich  akzeptieren.  Im Zuge  einer  immer  tiefer gehenden Problematisierung    24   Selbststeuerung ist nicht zu verwechseln mit Selbstregelung. Während in einem Prozess der  Selbstregelung die Zielgröße von außen vorgegeben ist und damit feststeht, kann in einem  Prozess der Selbststeuerung die Zielgröße selbst zur Diskussion stehen, z.B. die Norm, dass  ein Mitarbeiter für das Wohlergehen seines Chefs zu sorgen hat, wie im oben diskutierten  Beispiel der Bitte eines Chefs, ihm ein Glas Wasser zu bringen. Vgl. zu diesem Unterschied  das Arbeitspapier von Göhler  et al. (2007).   Weiche Steuerung durch Argumente  105   von  Normen  können  sich  die  ursprünglich  intendierten  Handlungsver‐ pflichtungen ändern, so dass auch die eigenen Verpflichtungen modifiziert  werden müssen. Dadurch wird  nicht  nur  ein Modell  der  intersubjektiven  Genese von Normen, sondern auch ein Modell der wechselseitigen Bezüge  von Steuerungsobjekt und Steuerungssubjekt möglich.   Die Unterordnung der propositionalen Intentionen unter das performati‐ ve Ziel der Verständigung verweist  jedoch letztlich auf die performative E‐ bene des verständigungsorientierten Sprachgebrauchs.   3.4. Anerkennung als Voraussetzung weicher Steuerung durch Argumente  Welche  Rolle  spielt  der  Modus  des  verständigungsorientierten  Sprach‐ gebrauchs  selbst  für  eine  Steuerung  durch Argumente,  also  nicht  auf  der  propositionalen Ebene einer konkreten Problemlösung, sondern auf der per‐ formativen  Ebene  des  Problemlöseverfahrens?  Spezifische  Steuerungsleis‐ tungen auf der propositionalen Ebene, wie  etwa  eine konkrete Problemlö‐ sung, werden damit nicht erfasst. Die grundsätzliche Anerkennung des An‐ deren durch die verständigungsorientierte Kommunikation kann  jedoch In‐ tegrationsleistungen erfüllen, da Sprechakte als Medium der Verständigung  auch der Herstellung und Erneuerung interpersonaler Beziehungen dienen.  Unter dem Aspekt der Verständigung dient kommunikatives Handeln der  Überlieferung und der Erneuerung kulturellen Wissens; unter dem Aspekt  der Handlungskoordinierung dient es der sozialen Integration und der Her‐ stellung von Solidarität; unter dem Aspekt der Sozialisation schließlich dient  es  der Heranbildung  von  zurechnungsfähigen Akteuren  (Habermas  1984:  594). Indem durch die intentionale Anerkennung des Anderen als gleichwer‐ tigen  Gesprächspartner,  also  durch  die  bewusste  grundsätzliche  Bereit‐ schaft, eigene Geltungsansprüche  in Frage stellen zu lassen und andere be‐ gründet zu prüfen, die Voraussetzung  für kommunikatives Handeln über‐ haupt geschaffen wird, wird also zugleich eine Integrationsleistung auf drei  Ebenen  erfüllt,  die  eine  einvernehmliche  Handlungskoordinierung  durch  Einverständnis  in  spezifischen  Fragen  erst  ermöglicht.  Anerkennung  als  Gleiche  ist  für das Verfahren der Problemlösung  (performative Ebene) von  besonderer Relevanz und kann somit als Voraussetzung von weicher Steue‐ rung  durch  Argumente  im  verständigungsorientierten  Modus  verstanden  werden.   Auch  im Fall  einer  Steuerung durch Argumente mittels Perlokutionen,  also  im  erfolgsorientierten Gesprächsmodus,  ist die Anerkennung des Ge‐ sprächpartners  konstitutiv  für  den  Steuerungserfolg:  Zwar  erkennt  das  Steuerungssubjekt das  Steuerungsobjekt  nicht  als Gleichen  an. Handelt  es  sich jedoch wirklich um eine weiche Steuerung durch Argumente (und nicht  durch gesprächsexterne Ressourcen),  täuscht das Steuerungssubjekt erfolg‐ reich  eine Verständigungsorientierung vor. Der  Steuerungsadressat  glaubt  106  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  dies  im  Idealfall und anerkennt die mit dem Argument verbundenen Gel‐ tungsansprüche, obwohl diese gar nicht aufrichtig erhoben wurden. Da es  sich  aus  seiner  Sicht  um  eine  verständigungsorientierte  Situation  handelt,  anerkennt er das Steuerungssubjekt als Gleichen. Erst wenn er merkt, dass  es sich um Perlokutionen und nicht um aufrichtige Akte der Verständigung  handelt, bricht diese Anerkennung weg  – oder  sie wird  intentional  einge‐ setzt, um die performativen Widersprüche des Steuerungssubjekts offenzu‐ legen.   Die Einsicht in diesen Zusammenhang kann intentional genutzt werden,  um  eine  verständigungsorientierte  Problemlösungssituation  herzustellen,  etwa wenn ein rein strategisch agierender Interaktionspartner dazu bewegt  werden soll, sich überhaupt auf das Argumentieren einzulassen.  In diesem  Fall sind die Intentionen des Steuerungssubjekts zunächst rein performativ,  nämlich  allein  auf  das  Verfahren  der  Problemlösung  gerichtet.  Indem  er  selbst den strategisch agierenden Gesprächspartner als Gleichen anerkennt  und dessen Äußerungen  als Akt der Verständigung  ernst nimmt, kann  er  performative Selbstwidersprüche und damit Perlokutionen  aufdecken und  den Gesprächspartner so zu einer Rechtfertigung bewegen, da selbst in stra‐ tegisch vorgetäuschter verständigungsorientierter Kommunikation Momen‐ te der  Selbstbindung  enthalten  sind.25 Anerkennung  ist daher  eine Vorbe‐ dingung  für weiche Steuerung durch Argumente  im verständigungsorien‐ tierten Handeln.   Der Gesprächspartner ist natürlich nicht gezwungen, das informale Ver‐ fahren der Anerkennung  als Gleiche  anzunehmen. Er kann weiterhin  rein  strategisch argumentieren und handeln. Unter bestimmten Umständen kann  jedoch ein Rechtfertigungsdruck entstehen, der den Erfolg einer Steuerung  durch Anerkennung  zumindest wahrscheinlich macht,  so  etwa wenn  eine  NGO auf den strategischen Gebrauch moralischer Argumente durch einen  Diktator  reagiert,  indem  sie  ihn  auf performative  Selbstwidersprüche hin‐ weist, und damit seine Wahrhaftigkeit in Frage stellt. Während der Diktator  rein erfolgsorientiert denkt, nimmt die NGO seine Äußerungen als Akt der  Verständigung ernst, expliziert die damit verbundenen Geltungsansprüche,  stellt sie in Frage und erhebt damit zugleich eigene kritisierbare Geltungsan‐ sprüche.  Durch  diese  bewusste  Anerkennung  des  Anderen  entsteht  ein  Rechtfertigungsdruck, der den Diktator dazu bewegen kann, sich zumindest  partiell auf Verständigung einzulassen und sich damit selbst zu binden. Die‐ ser Rechtfertigungsdruck wird  intentional durch Ausübung kommunikati‐ ver Macht hergestellt.    25   Das heißt nicht, dass darum schon eine reine Form der verständigungsorientierten Interak‐ tion hergestellt  ist; es muss ohnehin davon ausgegangen werden, dass sich  in der Realität  vor allem Mischformen finden lassen. Dennoch ist in einer solchen Situation die grundsätz‐ liche Bedeutung, die Argumenten zukommt, entscheidend verändert worden.   Weiche Steuerung durch Argumente  107   Dies ist vor allem dann relevant, wenn es keine formal institutionalisier‐ ten Verfahren gibt, die  eine gewisse Erwartungssicherheit  für die Akteure  herstellen.  In  solchen  informalen Kontexten muss  zunächst  ein  Ersatz  für  formale Mechanismen gefunden werden, die die Lösung eines Problems auf  propositionaler Ebene  ermöglichen. Da Anerkennung Vertrauen  generiert,  und da in verständigungsorientierter Kommunikation (selbst dann, wenn sie  strategisch  vorgetäuscht wird)  aufgrund  der Reziprozität  der mit  ihr  ver‐ bundenen Verpflichtungen stets ein Moment der Selbstbindung steckt, sind  durch  Einverständnis  erzielte  Problemlösungen  stabiler  und  werden  von  den Akteuren als verbindlicher wahrgenommen. Daher kann eine dauerhaft  erfolgreiche Problemlösung als wahrscheinlicher gelten, wenn eine Situation  verständigungsorientierter Kommunikation hergestellt wird. Die Anerken‐ nung und das Ernstnehmen des Gesprächspartners sind daher gerade in in‐ formalen Kontexten  von  fundamentaler  Bedeutung,  da  sie  die Vorausset‐ zungen für weiche Steuerung durch Argumente schaffen können, ohne dass  dabei auf institutionalisierte Verfahren zurückgegriffen werden muss.   3.5. Zusammenfassung und weiterführende Forschungsfragen   Zusammenfassend kann  festgehalten werden, dass sich aus der Sprechakt‐ theorie von Jürgen Habermas für ein Konzept weicher Steuerung durch Ar‐ gumente interessante Anregungen gewinnen lassen: Anhand zwei verschie‐ dener Formen des Mechanismus weicher Steuerung durch Argumente (per‐ lokutionäre Effekte und normativ aufgeladene Anweisungen) konnte erläu‐ tert werden,  inwiefern die Herstellung von Begründungszusammenhängen  sowohl  im  verständigungsorientierten  als  auch  im  erfolgsorientierten  Sprachgebrauch steuerungstheoretisch von Bedeutung ist.   Ausgehend von den Grundlagen der Sprechakttheorie wurde  zunächst  untersucht, inwiefern sich bei Habermas sprachliche bzw. sprachlich vermit‐ telte Mechanismen der Handlungskoordinierung finden lassen, die dann un‐ ter den Aspekten der Natur der  Interaktionsbeziehung und der Ebene der  Intentionen  auf  ihre Brauchbarkeit  für  ein Konzept weicher Steuerung ge‐ prüft wurden. Dabei musste zwischen erfolgs‐ und verständigungsorientier‐ tem  Sprachgebrauch unterschieden werden.  Im  erfolgsorientierten Sprach‐ gebrauch dient Sprache nur als eines von verschiedenen möglichen Medien,  über  das  gezielt  auf  die Gegenspielerin  Einfluss  genommen wird. Hand‐ lungskoordinierende Kraft hat dabei nicht die Sprechhandlung an sich, son‐ dern durch sie vermittelte und auf externem Sanktionspotential beruhende  Machtansprüche (im Falle offen erfolgsorientierter imperativer Willensäuße‐ rungen)  oder die  gezielte Manipulation des Gegenspielers durch verdeckt  strategisches Handeln (im Falle perlokutionärer Akte).   Da sich  imperative Willensäußerungen also Habermas zufolge  stets auf  ein den Sprechhandlungen äußerlich bleibendes Sanktionspotenzial stützen  108  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  und  ihr  Geltungsgrund,  der  Wille  des  Sprechers,  nicht  argumentativ  be‐ gründbar ist, können sie nicht als Steuerung durch Argumente gefasst wer‐ den. Dennoch  lässt  sich auch  im erfolgsorientierten Sprachgebrauch durch  Argumente weich  steuern. Bei Perlokutionen  können nämlich,  auch wenn  der Sprecher eine verständigungsorientierte Einstellung nur vortäuscht und  eigentlich  verdeckt  strategisch  andere Ziele  verfolgt, Argumente  von  ent‐ scheidender Bedeutung sein, vor allem, wenn der Gesprächspartner die  in‐ tendierte  Manipulation  nicht  erkennt  und  dem  Argument  in  verständi‐ gungsorientierter Einstellung zustimmt. Diese Steuerungssituation bleibt in‐ sofern einseitig  (aber dennoch horizontal!), als dass der Sprecher, also das  Steuerungssubjekt,  sich dem Gesagten nicht  in  gleicher Weise  verpflichtet  fühlt wie der Adressat, der dem Argument  rational zugestimmt hat, denn  sie agieren mit unterschiedlichen  Interaktionsmodi. Dies kann  jedoch wie‐ derum  in  umgekehrter  Richtung  steuerungstheoretisch  relevant  werden,  nämlich wenn der Adressat das Argument ernst nehmend, die damit erho‐ benen Geltungsansprüche  thematisiert und  so performative Widersprüche  des  Sprechers  offenlegt.  Dadurch  wird  ein  Rechtfertigungsdruck  erzeugt,  der auf das auch  im erfolgsorientierten Sprachgebrauch  latent vorhandene  Moment  der  Selbstbindung  und  damit  auf  verständigungsorientierte  Sprechhandlungen verweist.  Steuerung  durch  Argumente  im  verständigungsorientierten  Sprach‐ gebrauch setzt die grundsätzliche Bereitschaft zur Einlösung erhobener Gel‐ tungsansprüche  voraus.  Dadurch  wird  der  Andere  als  gleichberechtigter  Gesprächspartner anerkannt und auf gesprächsexterne  formelle Sanktions‐ potentiale  verzichtet. Die Handlungskoordinierung  erfolgt durch die Her‐ stellung von gemeinsam geteilten Begründungszusammenhängen, also un‐ mittelbar  durch  Argumente,  was  exemplarisch  an  den  unmittelbar  hand‐ lungswirksamen  normativ  aufgeladenen  Anweisungen  dargestellt  wurde.  Die  Bindungswirkung  einer  Steuerung  durch  Argumente  im  verständi‐ gungsorientierten Sprachgebrauch  ist hoch, da die gemeinsam geteilte Ein‐ sicht  in  Begründungszusammenhänge  reziproke  Verpflichtungen  der  Ge‐ sprächspartner begründet. Anders als im Fall von erfolgsorientierten Perlo‐ kutionen  ist das Moment der  Selbstbindung der Akteure  hier  nicht  latent  vorhanden, sondern wird explizit thematisiert. Die spezifischen, propositio‐ nalen  Handlungspläne  der  Akteure  werden  dabei  jedoch  nur  unter  dem  Vorbehalt der performativen Orientierung an der intersubjektiven Anerken‐ nung  als  Problemlösungsmodus  verfolgt.  Die  Akteure  müssen  nicht  nur  damit rechnen, dass ihre propositionalen Handlungspläne nicht überzeugen,  sondern stellen diese von vorneherein selbst zugunsten eines gemeinsamen  Prozesses  der  verständigungsorientierten  Handlungskoordinierung  zur  Disposition,  im Laufe dessen sie  ihre  Intentionen ggf. entsprechend anpas‐ sen müssen. Die einzelnen propositionalen Intentionen sind damit der per‐ Weiche Steuerung durch Argumente  109   formativen  Intention  untergeordnet. Das  verweist  auf  die Notwendigkeit,  die intersubjektive Genese von Intentionen als dynamischen Prozess zu be‐ greifen,  in  dem  die  Rollen  von  Steuerungssubjekt  und  Steuerungsobjekt  nicht fest verteilt sind, sondern ständig wechseln können.   Eine wesentliche Voraussetzung weicher Steuerung durch Argumente ist  die Anerkennung der Gesprächspartner als Gleiche. Dies gilt  im verständi‐ gungsorientierten  Sprachgebrauch  ebenso  wie  im  Falle  erfolgsorientierter  Steuerung  durch  Perlokutionen. Während  sich  jedoch  im  verständigungs‐ orientierten  Sprachgebrauch  idealerweise  alle  Gesprächspartner  gleicher‐ maßen als Gleiche anerkennen, ist diese Anerkennung im Fall von Perloku‐ tionen  einseitig: Der  Steuerungsadressat  glaubt,  es handele  sich um  einen  Akt der Verständigungsorientierung, während das Steuerungssubjekt  stra‐ tegisch  handelt  und  die Verständigungsorientierung  nur  vortäuscht. Dass  perlokutionäre Effekte,  in denen aus strategischen Gründen eine verständi‐ gungsorientierte Einstellung vorgetäuscht wird,  letztlich doch ein Moment  der Selbstbindung  enthalten, und damit  auf den Übergang  zur Verständi‐ gungsorientierung und damit auf den Mechanismus der Anerkennung ver‐ weisen,  ist  nicht  zufällig,  da  Habermas  letzteren  als  originären  Sprach‐ gebrauch versteht. Dies zu beweisen und damit zu zeigen, dass die unhin‐ tergehbaren  Voraussetzungen  von  Kommunikation  ein  empirisch  wirksa‐ mes Vernunftpotenzial enthalten, das sich nicht auf Zweckrationalität redu‐ zieren lässt, ist letztlich sein Projekt. Diese Auffassung von Habermas birgt  jedoch steuerungstheoretisch ein Problem. Wie oben bereits dargestellt, sind  für Habermas nur verdeckt erzielte Wirkungen beim Hörer perlokutionäre  Akte. Die Zustimmung zu einem Sprechaktangebot versteht er als illokutio‐ nären Erfolg, der für ihn nicht nur darin besteht, dass der Hörer den Sprech‐ akt versteht, also z.B. die Erfüllungsbedingungen eines regulativen Sprech‐ aktes erkennt, sondern auch aus seiner affirmativen Stellungnahme, also der  Kenntnis  und  Zustimmung  zu  den  Akzeptabilitätsbedingungen  und  den  dadurch  begründeten Handlungsverpflichtungen. Zustimmung wird nicht  erst durch den illokutionären Akt herbeigeführt, sondern liegt schon in ihm  begründet. Dadurch aber lassen sich die Kommunikations‐ und die Interak‐ tionsebene nicht mehr analytisch voneinander trennen.   Habermas’ Grundentscheidung, perlokutionäre Akte als parasitären Mo‐ dus des Sprachgebrauchs zu verstehen, da sie den illokutionären Erfolg vor‐ aussetzen, verstellt  ihm zudem den Blick dafür, dass auch normativ aufge‐ ladene Anweisungen einen perlokutionären Effekt bezwecken können. Ha‐ bermas unterscheidet nicht wie Searle zwischen  Illokutionszweck und  Illo‐ kutionskraft (Searle 1980a). Normativ aufgeladene Aufforderungen und im‐ perative Befehle haben aber durchaus den gleichen Illokutionszweck: Beide  wollen den Hörer zu einer Handlung veranlassen und bezwecken daher ei‐ nen perlokutionären Effekt,  eine Wirkung  beim Hörer. Unterschiedlich  ist  110  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  jedoch ihre Illokutionskraft, die sich aus verschiedenen Elementen (u.a. auch  dem Illokutionszweck) zusammensetzt. Gerade die Überzeugung, man habe  das beste, weil moralisch  richtige Argument, das man auch zu begründen  bereit ist, ist durchaus mit dem Ziel verbunden, die Handlungen Anderer zu  beeinflussen. Und auch ein kontingentes Wollen kann normativ aufgeladen  und verteidigt werden, auch wenn dabei nur diejenigen Argumente berück‐ sichtigt  werden,  die  den  eigenen  Zielen  zuträglich  sind.  Verständigungs‐  und Erfolgsorientierung  lassen sich also gar nicht streng voneinander  tren‐ nen. In diesem Kontext wäre es daher gerade für das Problem weicher Steu‐ erung interessant zu untersuchen, wodurch sich die Illokutionskraft von Ar‐ gumenten bestimmt.   Darüber  hinaus  berücksichtigt  Habermas  nicht,  dass  auch  Illokuti‐ onszwecke nicht  immer unmittelbar aus der Bedeutung des Gesagten her‐ vorgehen. Der  Satz:  „Kannst  du mir  das  Salz  reichen?“  ist  eine  Frage;  er  wird jedoch auch als Bitte verstanden und ist durchaus so beabsichtigt. Wa‐ rum wird der eigentlich beabsichtigte Illokutionsakt hier indirekt über einen  anderen vollzogen? Macht es einen Unterschied für die Illokutionskraft? Un‐ ter welchen Bedingungen funktioniert ein solcher indirekter Sprechakt? Die‐ se Fragen sind mit Habermas nicht zu beantworten, für das Problem weicher  Steuerung  aber  sehr  interessant. An dieser  Stelle müsste daher weiter  ge‐ forscht und dabei auf andere Vertreter der Sprechakttheorie und auch der  allgemeineren  Argumentationstheorie  zurückgegriffen  werden.  Mögliche  Ansatzpunkte  können  hier  nur  als  Forschungsdesiderate  angedeutet wer‐ den.   Mit Searle könnten verschiedene Klassen von Illokutionsakten und deren  Erfolgsbedingungen  ohne  die  normative  Voreingenommenheit  zugunsten  eines  verständigungsorientierten  Sprachgebrauchs  analysiert  werden,  in  dem  sich das  in der Sprache  angelegte Rationalitätspotential  erst  entfalten  kann. Searle beschäftigt sich  jedoch wenig mit perlokutionären Akten. Hier  wäre ein Rückgriff auf van Eemeren und Grootendorst aufschlussreich um  die Verwirrung zu klären, die für den Kontext weicher Steuerung durch Ha‐ bermas’ eingeschränktes Verständnis von perlokutionären Akten entstanden  ist: Sie trennen klar zwischen dem Illokutionsakt, der auf das Verstehen des  Hörers abzielt, und dem perlokutionären Akt, der sich in ihrem Verständnis  allgemein auf die Zustimmung oder Ablehnung des Illokutionsaktes bezieht  (van Eemeren/Grootendorst 1984: 19‐69, insbesondere 51‐58). Die Beziehung  zwischen  Illokutionsakt und Perlokutionsakt untersuchen  sie  insbesondere  über die Beziehung zwischen Argumentation (Illokutionsakt) und Überzeu‐ gung (Perlokutionsakt). Dadurch stellen sie eine enge Verbindung zwischen  Argumentationstheorie und Sprechakttheorie her, was für die Herausarbei‐ tung  von Mechanismen weicher  Steuerung  durch Argumente  im  engeren  Weiche Steuerung durch Argumente  111   Sinne, also durch die Überzeugung durch spezifische Argumente, viel ver‐ sprechend erscheint.   Auf argumentationstheoretischer Ebene könnte dies durch die Arbeiten  von Josef Kopperschmidt ergänzt werden, welcher den Zusammenhang von  Argumenten und das  jeweils unterstellte System geltender Überzeugungen  genauer in den Blick nimmt (Kopperschmidt 1989).   3.6. Von der handlungstheoretischen Ebene zur gesellschaftstheoretischen Ebene   Der  erste Teil dieses Beitrags  kommt  zu dem Ergebnis, dass  von weicher  Steuerung durch Argumente gesprochen werden kann, wenn  in verständi‐ gungsorientierter  oder  erfolgsorientierter Handlungsorientierung,  aber  au‐ ßerhalb von  formalen Verfahren, mittels Argumenten Einfluss geltend ge‐ macht wird. Nachdem der erste Teil dazu beigetragen hat zu klären, inwie‐ fern von weicher Steuerung durch Argumente  auf handlungstheoretischer  Ebene gesprochen werden kann, ist es nun möglich, sich über deren Einbet‐ tung in gesellschaftstheoretische Annahmen Gedanken zu machen.   In „Faktizität und Geltung“ hat Habermas ein dynamisches Steuerungs‐ modell entwickelt, welches über die Annahmen der Steuerungstheorie, wie  sie etwa von Renate Mayntz entworfen wurde, hinausweist  (Göhler   et al.  2007). Es soll  in einem ersten Schritt rekonstruiert und danach auf seine Ü‐ bertragbarkeit  auf  Räume  begrenzter  Staatlichkeit  in  nicht‐westlichen Ge‐ sellschaften hin untersucht werden.   4. Weiche Steuerung im Anschluss an die Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas  Von der Auseinandersetzung mit „Faktizität und Geltung“ erwarten wir uns  erstens weiterführende Hinweise über die Funktionsweise von gesellschaft‐ lichen  Machtprozessen  und  zweitens  Informationen  über  die  Rolle  und  Funktion von Argumenten. Da sich die von Habermas beschriebenen Phä‐ nomene auf westliche Gesellschaften beziehen und hier erste Schritte hin zur  theoretischen Beschreibung von Phänomenen vorgenommen werden sollen,  welche  sich  in Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften beobachten lassen, besteht eine der größten Herausforderun‐ gen  darin,  relevante  Phänomenbeschreibungen  herauszuarbeiten  und  für  die  Problematik  von  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐ westlicher Gesellschaften fruchtbar zu machen.  Die Ausweitung der Habermas‐Rezeption  auf  seine  rechts‐ und demo‐ kratietheoretischen  Schriften  scheint, wie  bereits  erwähnt,  angemessen, da  112  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  diese  in Anknüpfung  an Weber26  eine Beschreibung  von  Steuerungs‐  und  Machtmechanismen bieten, welche erstens die Wechselwirkungen zwischen  staatlicher und  zivilgesellschaftlicher Steuerung  sowie die Entstehung von  Legitimität in den Blick nimmt und zweitens dem Begriff der Macht im Ge‐ gensatz zur bisherigen Steuerungstheorie einen prominenten Platz zuweist.  Darüber hinaus bieten die Annahmen  zu kommunikativer Macht und die  Rolle, die Argumente  in dieser und  im Konzept sozialer Macht spielen, ei‐ nen weiteren Ansatzpunkt zur genaueren Bestimmung von weicher Steue‐ rung durch Argumente.   Die Herausforderungen mit  Blick  auf  das Modell  des Habermas’schen  Machtkreislaufs27  liegen daher darin,  es  erstens  im Sinne der Weber’schen  Herrschaftstypologie wieder von den Bedingungen einer westlichen Demo‐ kratie zu  lösen, dabei aber zweitens die von Habermas eingeführten Diffe‐ renzierungen  zwischen  sozialer  und  kommunikativer  Macht  nicht  auf‐ zugeben und drittens einen Weg zu finden, die sowohl von Weber als auch  von  Habermas  eingeführten  modernisierungstheoretischen  Annahmen  Schritt für Schritt zu hinterfragen. Die Herausforderungen mit Blick auf die  Rolle  von  Argumenten  liegen  darin,  in  Anknüpfung  an  Habermas,  aber  auch über Habermas hinaus, zu zeigen, wann und unter welchen Bedingun‐ gen, welcher Art von Argumenten eine  (steuernde) Rolle zukommt. Das e‐ ben  skizzierte Projekt kann  jedoch nicht  in Gänze auf den hier zur Verfü‐ gung stehenden wenigen Seiten abgehandelt werden (zu Forschungsdeside‐ raten siehe den Abschnitt 6.). Daher wird sich der Beitrag darauf beschrän‐ ken, die ersten Schritte auf diesem Weg zu skizzieren. Es soll also aufgezeigt  werden, dass vor allem die Konzepte kommunikativer und  sozialer Macht  einen wichtigen Ansatzpunkt für die Beschreibung weicher Steuerung durch  Argumente bieten, weil sie die Möglichkeiten des Steuerungserfolgs auf ge‐ sellschaftstheoretischer  Ebene  beschreiben. Denn während  auf  handlungs‐ theoretischer Ebene der Erfolg von Steuerung darin besteht, einen anderen  Akteur etwa erfolgreich davon zu überzeugen, dass die Einhaltung von Re‐ geln der Fairness zur Befriedung oder Vermeidung  eines Konflikts  führen  kann, zeigen die Konzepte kommunikativer und sozialer Macht, wie Steue‐ rungserfolge  auch  auf  gesellschaftstheoretischer  Ebene,  also mit  Blick  auf  Kollektive denkbar sind.    26   Habermas übernimmt die  Idee der Rationalisierung von Weber, unterscheidet aber syste‐ matischer als Weber, in dessen Schriften sich durchaus beide Aspekte identifizieren lassen,  zwischen Rationalisierungsprozessen  im Rahmen  der  sozialen  und  der  kommunikativen  Macht (Habermas 1987a: 377).   27   Das Modell basiert auf der Idee, dass verschiedene Machtformen in der Gesellschaft entste‐ hen, in das politische System eingespeist werden, dort Einfluss auf Judikative und Legisla‐ tive ausüben und über die Exekutive auf die Gesellschaft wieder zurückwirken.   Weiche Steuerung durch Argumente  113   Im Folgenden soll in einem ersten Schritt die Rolle kommunikativer und  sozialer  Macht  erläutert  und  das  Modell  des  rechtsstaatlich  regulierten  Machtkreislaufs beschrieben werden (4.1.), um in einem zweiten Schritt die  relevanten Anknüpfungspunkte  für ein Konzept weicher Steuerung aufzu‐ zeigen (4.2.). Der dritte Schritt wird schließlich der Aufgabe gewidmet sein,  herauszuarbeiten, inwiefern bei der Untersuchung weicher Steuerung durch  Argumente an die Konzepte kommunikativer Macht und sozialer Macht an‐ geknüpft werden kann (4.3.), um in einem vorerst letzten Schritt danach zu  fragen, welches Erläuterungspotenzial ein so gewonnenes Konzept weicher  Steuerung durch Argumente  in Räumen begrenzter Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften haben kann und mit welchen Problemen sich  die Übertragung des Konzepts auf nicht‐westliche Gesellschaften konfron‐ tiert sieht (5.).   4.1. Das Modell des Machtkreislaufs  Habermas  entwirft  in  „Faktizität  und  Geltung“  das  Modell  eines  Macht‐ kreislaufs, welches beschreibt, wie die Zivilgesellschaft mittels kommunika‐ tiver und sozialer Macht auf das politische System einwirkt, also wie die le‐ gitimierenden Impulse kommunikativer Macht durch das politische System  hindurch in das Rechtssystem einfließen, um dann in der veränderten Form  der administrativen Macht auf die Gesellschaft zurückzuwirken. Im Folgen‐ den soll argumentiert werden, dass die zentralen Konzepte, wie das der „Öf‐ fentlichkeit“, aber vor allem jenes der kommunikativen und sozialen Macht,  einen begrifflichen Rahmen  für die Analyse und Erläuterung von weichen  Steuerungsprozessen in Räumen begrenzter Staatlichkeit bieten.  4.1.1. Genese und Funktion kommunikativer Macht  Das Konzept kommunikativer Macht verfolgt das Ziel  zu klären, wie und  unter welchen Bedingungen von einem tatsächlich demokratischen Prozess  innerhalb des politischen Systems gesprochen werden kann und kommt zu  dem  Ergebnis,  dass  der  demokratische Charakter  des  politischen  Systems  grundlegend mit den demokratischen Prozessen auf der Ebene der Zivilge‐ sellschaft und dessen Einfließen in das politische System zusammenhängt.   Den Begriff der kommunikativen Macht übernimmt Habermas von Han‐ nah Arendt. Diese begreift Macht als „die Meinung, auf die sich viele öffent‐ lich geeinigt haben“  (Arendt  1965:  96). Habermas überträgt diesen Begriff  nun in sein Modell der deliberativen Demokratie und gibt ihm einen promi‐ nenten Platz, um zu erläutern, dass die Legitimität der Gesetzgebung und  damit die Stabilität der politischen Ordnung von der Generierung eines be‐ stimmten  Typs  von  Macht  abhängt;  nämlich  von  der  kommunikativen  Macht. Sie ist es, welche nicht nur die primäre Konstitution der horizontalen  114  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Vergesellschaftung  hervorbringt,  sondern  zugleich  verhindern  kann,  dass  sich der administrative Komplex des politischen Systems gegenüber der In‐ stanz seiner demokratischen Autorisierung verselbständigt (Habermas 1998:  182f).  Recht  stellt  dabei  das  Medium  dar,  über  das  sich  kommunikative  Macht in administrative Macht umsetzt (Habermas 1998: 187). Kommunika‐ tive Macht kann überall dort entstehen, wo „aus Strukturen unversehrter In‐ tersubjektivität gemeinsame Überzeugungen hervorgehen“ (Habermas 1998:  188). An dieser Stelle verknüpft Habermas den Arendt’schen Machtbegriff  mit  dem  Diskursprinzip.  Während  Arendts  Bestimmung  der  Entstehung  kommunikativer Macht noch relativ unbestimmt bleibt,28 setzt Habermas als  Bedingung für kommunikative Macht das Diskursprinzip ein, welches nicht  nur den Verzicht auf Gewalt, sondern eine bestimmte Form der Meinungs‐ generierung  einfordert,  nämlich  eine  herrschaftsfreie,  demokratische. Dies  vollzieht  sich  nicht  nur  auf  der  Ebene  des  parlamentarischen Komplexes,  sondern  auch  auf  der  Ebene  der  Öffentlichkeit  und  der  Lebenswelt,  d.h.  kommunikative Macht  entsteht  in  der  Lebenswelt  oder  der Öffentlichkeit  und wird  in  den  parlamentarischen Komplex  hineingetragen  und mittels  Recht in administrative Macht umgesetzt. Habermas argumentiert, dass das  Ideal  eines  herrschaftsfreien Diskurses  allen  sprachlichen Äußerungen  als  kontrafaktische  Unterstellung  zugrunde  liegt,  denn  Äußerungen  basieren  auf den drei Geltungsansprüchen der Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Rich‐ tigkeit  (siehe hierzu auch 3.2.). Er unterscheidet zwischen praktischen Dis‐ kursen, in welchen die wechselseitige Einflussnahme der Akteure im Rück‐ griff auf Aussagen über Tatsachen mit Bezug auf die faktische Welt erfolgt,  moralischen Diskursen, in welchen die Koordination in Bezug auf Probleme  in der  sozialen Welt  im Rückgriff  auf Werte möglich wird  und  ethischen  Diskursen, in welchen die Probleme mit Bezug auf die subjektive Welt mit‐ tels  authentischen Aussagen  gelöst werden  können  (Habermas  1991). Ha‐ bermas  beschreibt  verständigungsorientiertes  Handeln  als  einen  sozialen  Kommunikationsprozess, dessen Ergebnis, also kommunikative Macht, von  der „Kraft des besseren Arguments“ determiniert ist, auch dann, wenn diese  Prozesse  in  der  realen  Situation  den  idealen Annahmen  nicht  vollständig  entsprechen.     28   Damit aber möglicherweise auch mehr Spielraum für ein Konzept kommunikativer Macht  unter nicht‐westlichen Bedingungen lässt. „Mit realisierter Macht haben wir es immer dann  zu  tun, wenn Worte  und  Taten  untrennbar miteinander  verflochten  erscheinen, wo  also  Worte nicht leer und Taten nicht gewalttätig stumm sind, wo Worte nicht missbraucht wer‐ den, um Absichten zu verschleiern, sondern gesprochen sind, um Wirklichkeiten zu enthül‐ len, und wo Taten nicht missbraucht werden, um zu vergewaltigen und zu zerstören, son‐ dern um neue Bezüge zu etablieren und zu  festigen, und damit neue Realitäten zu schaf‐ fen“ (Arendt 2007: 252).  Weiche Steuerung durch Argumente  115   4.1.2. Genese und Funktion sozialer Macht  Soziale  Macht  versteht  Habermas  als  die  faktische  Macht,  die  Akteuren  durch Ansehen oder Gewaltressourcen zukommt (Habermas 1998: 177) und  damit „als Maß  für die Möglichkeit eines Aktors,  in  sozialen Beziehungen  eigene  Interessen  auch  gegen  das  Widerstreben  anderer  durchzusetzen“  (Habermas 1998: 215). Sie kann, „wenn auch in anderer Weise als die admi‐ nistrative, die Bildung kommunikativer Macht sowohl ermöglichen als auch  beschränken“  (Habermas  1998:  215f).  Soziale Macht hat  insofern  einen  er‐ möglichenden Charakter, als sie Akteuren die notwendigen materiellen Be‐ dingungen  für  eine  autonome Wahrnehmung  formal  gleicher Handlungs‐  oder Kommunikationsfreiheiten  bereitstellt.  Sie  hat  einen  beschränkenden  Charakter, insofern sie Akteure dazu befähigt über den Spielraum bürgerli‐ cher  Gleichheitsrechte  hinaus  eigenen  Interessen  Vorrang  zu  verschaffen  (Habermas  1998:  216).  Habermas  versteht  soziale  und  kommunikative  Macht nicht als gegensätzliche Machtformen, sondern als zwei Formen, die  auf  gesellschaftstheoretischer Ebene unterschiedliche Verbindungen  einge‐ hen  können. Er  illustriert die  Funktion  sozialer Macht,  indem  er  sich das  administrative Handlungssystem  als Bezugspunkt wählt. Ausgehend  vom  administrativen  Handlungssystem  bilden  demnach  die  politische  Öffent‐ lichkeit und der parlamentarische Komplex die Input‐Seite, von welcher aus  die soziale Macht organisierter Interessen in den Gesetzgebungsprozess ein‐ gespeist wird. An der Output‐Seite stoßen die im besten Fall durch kommu‐ nikative Macht legitimierten Gesetze wiederum auf den Widerstand der ge‐ sellschaftlichen Funktionssysteme und der großen Organisationen. Das,  so  Habermas,  fördert die undemokratischen Tendenzen eines administrativen  Machtkonzentrats. Im ungünstigsten Fall schließt sich eine   „verselbständigte administrative Macht mit einer auf der input‐ wie der output‐Seite wirk‐ samen  sozialen Macht  zu  einem Gegenkreislauf  zusammen, der den Kreislauf der durch  kommunikative Macht  gesteuerten  demokratischen  Entscheidungsprozesse  durchkreuzt“  (Habermas 1998: 400).   Im  günstigsten  Fall  jedoch  trägt  soziale Macht  zur Komplexitätsreduktion  bei, indem sie dafür sorgt, die besten Mittel zur Erreichung der vorher fest‐ gelegten Zielsetzungen mittels zweckrationaler Überlegungen zu finden.   4.1.3. Das Konzept administrativer Macht  Um Politik nicht auf die Praxis derer, die miteinander reden, zu reduzieren,  differenziert Habermas  zwischen der Bildung  eines  gemeinsamen Willens  und der Implementierung der aus diesem hervorgehenden Gesetze. Der Be‐ griff  der  administrativen Macht  bezeichnet  den  Bereich  der  Implementie‐ rung. Kommunikative Macht wird dann in administrative Macht umgesetzt,  wenn Rechtsgenese und Rechtsprechung im Sinne einer Ermächtigung, aber  116  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  im Rahmen gesetzlicher Lizenzen, wirkt (Habermas 1998: 187). Wirkt allein  soziale Macht, also die „faktische Durchsetzungskraft privilegierter Interes‐ sen“  auf  die  Rechtsgenese  und  Implementierung  ein,  dann  fungiert  das  Recht nur als die Form, deren sich die politische Macht bedient (Habermas  1998: 171). Die Idee des Rechtsstaats fasst Habermas hingegen als die Forde‐ rung nach einem administrativen System, welches sich nicht selbst reprodu‐ ziert,  sondern  aus der Umwandlung kommunikativer Macht  entsteht und  sich umbildet (Habermas 1998: 187).   4.1.4. Das Modell des rechtsstaatlich regulierten Machtkreislaufs   Die drei Konzepte der sozialen, der kommunikativen und der administrati‐ ven Macht verknüpft Habermas nun zu einem Modell des rechtsstaatlichen  Machtkreislaufs, mit dem  er  zeigt, wie  soziale und kommunikative Macht  Zugang  zum  politischen  System  finden  und  sich  in  administrative Macht  umwandeln.  Habermas entwirft in Anknüpfung an die Steuerungsforschung von Fritz  Scharpf (1970) das Modell eines Machtkreislaufs, mit welchem er einerseits  beschreiben kann, wie der Staatsapparat gesellschaftliche Funktionssysteme  steuert und damit  einen Output  erzeugt, der  auf die Zivilgesellschaft  ein‐ wirkt. Andererseits  gelingt  es  ihm  damit,  die Rückwirkungen  dieser  Ein‐ flussnahme aufzuzeigen. Denn über die öffentlichen Debatten  in der Zivil‐ gesellschaft kann die durch staatliche Maßnahmen oder Unterlassungen ent‐ standene  Unzufriedenheit  ihren  Ausdruck  finden  und  steuernd  auf  den  Staatsapparat  rückwirken. Habermas  greift  dabei  im Rahmen  seiner Kon‐ zepte der kommunikativen und der  sozialen Macht  jedoch  auf  ein gegen‐ über  der  Steuerungstheorie  erweitertes  Akteursverständnis  zurück  (siehe  Einleitung  zu  diesem  Band).  Bei  der  Erläuterung  von  Machtwirkungen  stützt er sich auf das Schleusenmodell von Bernhard Peters (1993). Nach die‐ ser Konzeption sind die Kommunikations‐ und Entscheidungsprozesse des  demokratischen Rechtsstaats   „auf der Achse Zentrum‐Peripherie angeordnet. Diese sind durch ein System von Schleusen  mit einander verbunden und  intern strukturiert und durch zwei Arten der Problemverar‐ beitung gekennzeichnet“ (Habermas 1998: 430).   Das Zentrum des politischen Systems setzt sich zusammen aus der Verwal‐ tung (einschließlich der Regierung), dem Gerichtswesen und der demokrati‐ schen Meinungs‐ und Willensbildung. Es wird somit, wie in der Steuerungs‐ forschung, als  in sich polyarchisch verstanden. Die  innere Peripherie befin‐ det  sich an den Rändern der Administration. Sie besteht aus  Institutionen,  die wie etwa die Universitäten auf einem Selbstverwaltungsrecht basieren.  Die äußere Peripherie ist in zwei Teile geteilt, die Seite der Implementation  mit Netzwerkstrukturen zwischen öffentlichen Verwaltungen und privaten  Weiche Steuerung durch Argumente  117   Organisationen, Spitzenverbänden, Interessengruppen etc. und die Seite der  zuliefernden Gruppen, Assoziationen und Verbände, welche politische For‐ derungen,  Probleme  und  Interessen  gegenüber  Parlamenten  und  Verwal‐ tung zur Sprache bringen.   „Diese meinungsbildenden, auf Themen und Beiträge, allgemein  auf öffentlichen Einfluß  spezialisierten Vereinigungen gehören zur zivilgesellschaftlichen Infrastruktur einer durch  Massenmedien beherrschten Öffentlichkeit, die mit ihren informalen, vielfach differenzier‐ ten  und  vernetzten  Kommunikationsströmen  den  eigentlich  peripheren  Kontext  bildet“  (Habermas 1998: 431).  Entscheidungen müssen im Rahmen dieses Modells, wenn sie durchsetzbar  sein sollen, durch die engen Kanäle des Zentrums hindurchgeleitet werden.  Dabei bleibt die Legitimität der Entscheidungen aber grundsätzlich von den  Meinungs‐ und Willensbildungsprozessen  in der Peripherie abhängig. Das  Zentrum lässt sich als ein System von Schleusen darstellen, welches die Ent‐ scheidungen passieren müssen. Dabei ist der steuernde Zugriff auf die Ent‐ scheidungen durch  Institutionen des politischen Zentrums  in seiner Reich‐ weite begrenzt, weil sie nicht deren endgültige Richtung oder Dynamik kon‐ trollieren können.   Habermas unterscheidet nun zwischen routinemäßigen Abläufen im po‐ litischen  System  und  zugespitzten Konfliktfällen. Während  routinemäßige  Abläufe nach  etablierten Mustern und Verfahren ablaufen – wie  etwa das  Fällen von Urteilen durch Gerichte, die Vorbereitung von Gesetzesentwür‐ fen durch die Verwaltung, das Stellen von Anträgen, die Einflussnahme von  Klienten auf „ihre“ Verwaltung – und damit eine problemzerkleinernde und  kommunikationsentlastende  Funktion  für  den  gesamten  Kreislauf  über‐ nehmen, muss nach Habermas in Konfliktfällen das Vorgehen für Verände‐ rungsanstöße aus der Peripherie offen bleiben.  In Fällen verschärfter Prob‐ lemwahrnehmung  (Krisenbewusstsein) wird den Entscheidungen eine grö‐ ßere  Aufmerksamkeit  zuteil.  Durch  den  Druck  der  öffentlichen  Meinung  entsteht dann die Notwendigkeit eines außerordentlichen Problemverarbei‐ tungsmodus, der „die Sensibilität für die verfassungsrechtlich geregelten po‐ litischen Verantwortlichkeiten aktualisiert“ (Habermas 1998: 433). Vor allem  in diesem Moment, so Habermas, können Parlamente und Gerichte, denen  zumindest  formell die Aufgabe vorbehalten  ist, normative Leitlinien zu er‐ arbeiten und anzuregen, die Richtung des Kommunikationskreislaufs auch  faktisch bestimmen, d.h. eine starke steuernde Funktion übernehmen.   Habermas muss, um die Unterscheidung  zwischen dem normalen und  dem außerordentlichen Problemverarbeitungsmodus  im politischen System  für den Diskursbegriff der Demokratie nutzbar machen zu können, eine wei‐ tere Annahme  einführen:  nämlich  die Möglichkeit  der Verselbständigung  von administrativer und sozialer Macht gegenüber demokratisch erzeugter  kommunikativer Macht. Administrative Macht übernimmt  Sanktions‐, Or‐ 118  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  ganisations‐ und Exekutivfunktionen. Wird sie von sozialer Macht auf Dau‐ er dominiert, dann versperrt  sie den Zugang demokratisch  erzeugter, also  kommunikativer Macht zum politischen System und gefährdet die Legitimi‐ tät  politischer  Herrschaft.  Die  Verselbständigung  administrativer  Macht  kann daher nur verhindert werden,  indem die Akteure der Peripherie ge‐ sellschaftliche  Integrationsprobleme aufspüren, wirksam  thematisieren und  so  in das politische System einspeisen, dass dessen  routinemäßiger Ablauf  gestört wird. Damit  konzentriert  sich  ein Großteil der  normativen Erwar‐ tungen, die mit deliberativer Politik verbunden sind, auf die Strukturen der  Meinungsbildung  in der Peripherie. Diese sind von Netzwerken der nicht‐ institutionalisierten  (informalen)  öffentlichen  Kommunikation  abhängig,  welche spontane Meinungsbildungsprozesse ermöglichen sollen (Habermas  1998: 434).   4.1.5. Argumente im Routinemodus  Im  Routinemodus  des  politischen  Systems  dominieren,  so  Habermas,  zweckrationale Argumente die formalen Abläufe in der Verwaltung und an  deren  Peripherie.  Zweckrationale  Argumente  prüfen  die  Zweckmäßigkeit  von Handlungsstrategien unter der Voraussetzung, dass die Zielsetzungen  klar sind. In der Verwaltung und in den dort dominierenden pragmatischen  Diskursen  sind  also Argumente  ausschlaggebend, die  empirisches Wissen  auf gegebene Präferenzen und gesetzte Zwecke beziehen und die Folgen al‐ ternativer  Entscheidungen  nach  zugrunde  gelegten  Maximen  beurteilen  (Habermas 1998: 198). Ein Beispiel hierfür  ist die Eintreibung von Steuern  durch den Staat. Die Zielsetzung und die Art der Eintreibung sind durch die  Rechtsetzung  relativ klar vorgegeben und beschrieben. Einzelentscheidun‐ gen fallen im Rahmen dieser formalen Vorgaben. Sobald jedoch die orientie‐ rungsgebenden  Werte  problematisch  werden,  bis  dahin  funktionierende  Verfahren und Institutionen  in Frage gestellt werden,  ihre Angemessenheit  von der Gesellschaft angezweifelt wird und das politische System also in ei‐ ne Krise gerät, müssen weiter reichende Entscheidungen getroffen werden.  4.1.6. Argumente in der Krisensituation  Der Gesetzgeber hat  im Gegensatz zur Verwaltung  im Rahmen der Beant‐ wortung ethisch‐politischer Fragen Zugriff auf pragmatische und normative  Argumente. In ethischen Diskursen   „geben Argumente den Ausschlag, die  sich auf eine Explikation des Selbstverständnisses  unserer historisch überlieferten Lebensform  stützen und  in diesem Kontext Wertentschei‐ dungen an dem für uns absoluten Ziel einer authentischen Lebensführung bemessen“ (Ha‐ bermas 1998: 198).   Weiche Steuerung durch Argumente  119   Der Gesetzgeber hat die größte Freiheit im Umgang mit Argumenten, ist a‐ ber auch gleichzeitig, wie wir oben gesehen haben, auf die Rückbindung an  Argumente  angewiesen,  die  demokratisch  generiert  wurden  (Habermas  1998: 236). Die  Justiz wiederum muss sich bei der Auseinandersetzung mit  Gesetzesentwürfen an deren konsistenter Anknüpfung an  juristischen Nor‐ men und Prinzipien orientieren, hat dabei aber ebenfalls Zugriff auf prag‐ matische und normative Argumente.   Zivilgesellschaftliche Akteure  können  nun  nicht  nur  im Routinemodus  versuchen das administrative System mit zweckrationalen Argumenten zu  beeinflussen,  sondern  auch  in Krisensituationen Einfluss  auf die Richtung  der  Kommunikationsströme  und  damit  den  Verlauf  ethischer  Diskurse  nehmen. Zivilgesellschaftliche Akteure können, grob skizziert, Themen und  Argumente  formulieren,  in  die  öffentlichen Debatten  einbringen  und  den  Gesetzgeber dadurch zwingen, die öffentlich vorgebrachten Argumente zu  berücksichtigen  (Habermas  1998:  460), denn  zur Wahrung der Legitimität  sind die Gesetzgeber auf die Generierung von Gründen aus der Gesellschaft  angewiesen. Zu den Möglichkeiten, Aufmerksamkeit  für ein Thema zu ge‐ nerieren, zählt Habermas u.a. Akte des bürgerlichen Ungehorsams, spekta‐ kuläre Aktionen  und Massenproteste  (Habermas  1998:  462f). Diese  Steue‐ rungsinstrumente fallen unter den Begriff der symbolischen Steuerung, den  der Beitrag von Cohen/Langenhan in diesem Band entwickelt. Symbolischen  Akten  fällt hier die Rolle zu, die Aufmerksamkeit der gesamtgesellschaftli‐ chen Öffentlichkeit für Themen auf sich zu ziehen. Ist die Aufmerksamkeit  einmal  hergestellt,  treten Argumente  in den Vordergrund. Habermas  ver‐ weist auf die Möglichkeit zivilgesellschaftlicher Akteure, „Gegenwissen zu  mobilisieren“  (Habermas  1998:  451)  und  eigene  Übersetzungen  von  ein‐ schlägigen Expertisen anfertigen zu lassen. Es geht hier um die Generierung  von Gründen und Argumenten, die sich auf die Explikation des Selbstver‐ ständnisses  einer Gesellschaft  beziehen,  also um Wertentscheidungen und  deren  Fundierung  in  Expertenwissen,  aber  auch  um  die  Denunzierung  schlechter Gründe  und  die Aufdeckung  versteckter  Interessen  (Habermas  1998: 441).   Somit sind drei Modellvarianten des Machtkreislaufs vorstellbar. (1) Ein  politisches System, dessen Entscheidungen allein auf sozialer und administ‐ rativer Macht basieren und welches im Verlauf der Zeit seine Entscheidun‐ gen nicht mehr legitimieren kann, weil die Verbindung zu der Zustimmung  der  Bürger  verlorengegangen  ist.  (2)  Ein  politisches  System,  dessen  Ent‐ scheidungen allein auf kommunikativer Macht basiert, was zu einer Über‐ lastung des politischen Systems  führen würde, weil die Generierung kom‐ munikativer Macht zu aufwändig ist, als dass alle Entscheidungen allein ü‐ ber diesen Entscheidungsmodus  erfolgen  könnten.  (3) Ein politisches  Sys‐ tem, welches  eine Mischung  aus  beiden Modi  darstellt, wie  es Habermas  120  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  durch die Unterscheidung eines Routinemodus und eines außerordentlichen  Modus im Anschluss an Peters eingeführt hat und welches sowohl auf sozia‐ le Macht als auch auf kommunikative Macht angewiesen ist. Habermas hält  weder ein politisches System für lebensfähig, welches seine Verbindung zur  Zustimmung der Bürger kappt, noch  ein politisches  System, welches  aus‐ schließlich auf die horizontale Vergesellschaftung der Bürger setzt  (Haber‐ mas 1998: 166).   Während Habermas die  informale Einflussnahme durch Argumente  für  die  Sphäre der Zivilgesellschaft  und das Hinweinwirken  kommunikativer  und sozialer Macht in das politische System reserviert, soll im Folgenden ar‐ gumentiert werden, dass sich diese Annahme  für Räume begrenzter Staat‐ lichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften nicht anbietet, weil es dort  gerade zu erklären gilt, warum und wie formale Verfahren und Institutionen  von  informalen Praktiken unterwandert bzw.  ersetzt werden.29  Im Gegen‐ satz dazu richtet sich Habermas’ Erkenntnisinteresse auf die Steuerungsme‐ chanismen, mit welchen kommunikative und  soziale Macht  ihren Einfluss  auf das politische System und innerhalb desselben auf formalem Wege gel‐ tend machen, um im Anschluss daran die Bedingungen und das Maß aufzu‐ zeigen, unter welchen diese demokratieverträglich sind.  4.2. Ein dynamisches Steuerungsmodell   Steuerung, verstanden als Machtbeziehung, kann nun auf gesellschaftstheo‐ retischer Ebene mit Habermas  als  ein  (Kreis‐)Prozess beschrieben werden.  Während  einerseits  der  Staatsapparat  gesellschaftliche  Funktionssysteme  (formal)  steuert  und  damit  einen Output  erzeugt,  der  auf  die Zivilgesell‐ schaft einwirkt, kann andererseits die dort erzeugte Unzufriedenheit  ihren  Ausdruck in öffentlichen Debatten finden und auf das politische System (auf  formalem und  informalem Weg)  zurückwirken. Dies geschieht  formal,  in‐ dem kommunikative Macht durch das Medium Recht  in politische Verfah‐ ren und Institutionen seinen Eingang findet (Habermas 1998: 441), informal  etwa über Lobbying. Habermas’ Modell komplettiert  also das Steuerungs‐ modell der frühen Steuerungstheorie30: einerseits fasst er die Beziehung zwi‐ schen politischem System und Zivilgesellschaft nicht  als  statische  sondern  nimmt die Wechselwirkungen  in den Blick, andererseits zeigt er nicht nur  Steuerungsmechanismen auf, mit welchen gesellschaftliche Akteure auf das  politische System  steuernd einwirken können,  sondern  legt außerdem dar,  wie der Steuerungsprozess kommunikativer Macht dazu beiträgt die Legi‐ timität und damit die Stabilität einer politischen Ordnung herzustellen. Ver‐   29   Mehr hierzu findet sich im Abschnitt 2.1.  30   Zur Abgrenzung von der bisherigen Steuerungstheorie  siehe das noch nicht  in veröffent‐ lichter Form vorliegende Arbeitspapier von Göhler  et al. (2007).  Weiche Steuerung durch Argumente  121   steht man Steuerung als einen dynamischen Prozess, dann wird der Blick für  Interaktionen  in der Gesellschaft, aber auch zwischen dem politischen Sys‐ tem und der Gesellschaft sowie innerhalb des politischen Systems selbst, ge‐ schärft. Einzelne Prozessabschnitte oder Aspekte wie Steuerung durch  for‐ male Verfahren und weiche Steuerung durch  informale Verfahren können  so analytisch getrennt und genauer in den Blick genommen werden, gleich‐ zeitig aber geht der Blick auf den Gesamtprozess und die Einbettung klein‐ teiliger Steuerungsprozesse in den gesellschaftlichen Kontext nicht verloren  (De La Rosa/Kötter 2008).   Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Aspekte der Macht, die  Habermas  in seinem Konzept der kommunikativen‐ und sozialen Macht  in  Anknüpfung an Weber aufgreift, eine Leerstelle der bisherigen Steuerungs‐ theorie ausfüllen. Indem er nicht nur die Wirkungen sozialer Macht, welche  auf  die materielle  Reproduktion  der Gesellschaft  zielen,  sondern  darüber  hinaus auch die Bedeutung kommunikativer Macht für die Legitimität einer  politischen Ordnung aufzeigt, zeichnet Habermas ein umfassendes Bild ge‐ sellschaftlicher  Machtverhältnisse  und  ihres  Zusammenwirkens.  Vielver‐ sprechend für ein Konzept weicher Steuerung  in Räumen begrenzter Staat‐ lichkeit scheint vor allem eine Übertragung der Konzepte der sozialen und  der kommunikativen Macht.31 Denn sowohl soziale als auch kommunikative  Macht werden auf der Ebene der Gesellschaft von Habermas als  informale  Formen der Einflussnahme gedacht, welche bei Eintritt in das politische Sys‐ tem  in die  formal vorgegebenen Verfahren einfließen. Während Habermas  die Wechselwirkungen zwischen formalen und informalen Formen der Ein‐ flussnahme innerhalb des politischen Systems nicht näher betrachtet, ist dies  für  die  Untersuchung  von  Formen  des  Regierens  in  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften von besonderem Inte‐ resse,  weil,  wie  die  einschlägige  Literatur  zeigt  (Barnett/Zürcher  2006;  Schlichte 2005; Roberts 2006), dort häufig formale Verfahren und Institutio‐ nen von informalen Praktiken unterwandert oder ersetzt werden. Die Unter‐ suchung weicher Steuerung zielt hier also sowohl auf die Analyse informa‐ ler Verfahren auf gesellschaftlicher Ebene als auch auf das Zusammenwir‐ ken formaler und informaler Verfahren.  4.3. Die Genese kommunikativer und sozialer Macht durch weiche Steuerung   Da  wir  hierarchische  Steuerung  als  intentionale  Handlungsanleitung  und  Handlungseinschränkung  durch  festgelegte  Verfahren  und  Institutionen    31   Bisher  gibt  es  nur  wenige  Ansätze  (etwa  Mc  Cormick  2006,  Hamer  1998  und  Jacob‐ son/Storey  2004),  welche  versuchen  die  Überlegungen  Habermas’  zu  kommunikativer  Macht für die Erläuterung von sozialen Phänomenen in nicht‐westlichen Gesellschaften he‐ ranzuziehen.   122  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  verstehen und horizontale Steuerung im Gegensatz dazu als die intentionale  Strukturierung  von  Handlungsoptionen  ohne  festgelegte  Verfahren  be‐ stimmt  haben,  lassen  sich  etwa  die  von  Habermas  beschriebenen  Steue‐ rungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft durch Argumente gegenüber dem  politischen  System  und  deren  Hineinwirken  in  das  politische  System  als  weiche  Steuerung  begreifen. Aber  auch  Prozesse  der  Einflussnahme  zwi‐ schen Kollektiven und die Genese von Gemeinschaften können in den Fokus  der Untersuchung weicher Steuerung durch Argumente rücken, wenn man  davon  ausgeht,  dass weiche  Steuerung  durch Argumente  kommunikative  Macht generieren und somit zur Genese einer gesellschaftlichen Gruppe o‐ der Gesellschaft führen kann. Weiche Steuerung durch Argumente kann a‐ ber auch zur Genese sozialer Macht führen. Diese kann ebenfalls integrative  Kraft entfalten. Folgt man  jedoch Habermas’ Annahmen, dann  ist die  inte‐ grative Kraft  kommunikativer Macht  stärker und  stabiler  als  jene  sozialer  Macht, weil letztere auf Täuschung beruht.  4.3.1. Die Genese normativer Bezugspunkte  Für weiche Steuerung durch Argumente ist die Frage nach der Genese von  Normen und der Rückgriff auf die Normgeneseforschung  insofern  interes‐ sant, als sie tendenziell Aufschluss darüber geben kann, wann institutionelle  Normen32 gute Argumente sind, d.h. wann sie als normativer Bezugspunkt  für Argumente herangezogen werden können.  Die Normenforschung  in den  Internationalen Beziehungen konzentriert  sich  stark  auf  die  Effektivität  von  Normen  oder  auf  die  Entstehung  von  Normen  im  internationalen Raum  (Deitelhoff 2006: 68). Sie hat  sich bisher  weniger mit der Entstehung von Normen auf lokaler Ebene oder der Imple‐ mentation von institutionalisierten Normen in nicht‐westlichen Gesellschaf‐ ten beschäftigt. Auf diesem Gebiet sollen im Folgenden weitere Schritte ge‐ macht werden.  Ann Florini erläutert die Veränderung von Normen mit Rückgriff auf ein  evolutionstheoretisches  Konzept,  in  dessen  Rahmen  sie  darauf  verweist,  dass solche Normen die größte Durchsetzungskraft besitzen, die sich in das  bereits bestehende „normative Gerüst“ der Normadressaten einfügen (Flori‐ ni 1996). Laut Deitelhoff ist das jedoch keine ausreichende Erklärung für die    32   Normen bezeichnen  „mehr oder weniger  stark generalisierte Handlungsanweisungen  als  Ge‐ und Verbote. Als solche reflektieren sie zunächst lediglich Handlungsroutinen und er‐ lauben Erwartungen darüber, welches Akteursverhalten  in bestimmten Situationen auftre‐ ten sollte“ (Deitelhoff 2006: 37). Weiterhin wird in der Normenforschung zwischen der in‐ stitutionellen Normgenese durch Autoritäten, wie Parlamente, Behörden oder Diktatoren  auf der einen Seite und Vereinbarungen, welche durch Aushandlung zwischen einer Grup‐ pe von Individuen zustande kommen, die vertraglich eine bestimmte Praxis normieren, auf  der anderen Seite unterschieden (Deitelhoff 2006: 45).  Weiche Steuerung durch Argumente  123   Ausrichtung die neue Normen annehmen, da es in der internationalen Poli‐ tik eine große Vielfalt an  teils auch widersprüchlichen normativen Grund‐ annahmen gibt (Deitelhoff 2006: 75). Daher, so Deitelhoff, verschob sich das  Augenmerk der Normgeneseforschung weg von der Resonanz der Norm‐ kandidaten  hin  zu  den  Interaktionsprozessen,  genauer  der  Tätigkeit  der  Normunternehmer 33. Normautoren   „rücken einen Sachgegenstand als Wertproblematik  ins Licht der Öffentlichkeit, um deut‐ lich zu machen, dass ein Sachverhalt  tatsächlich ein Problem  für die Politik darstellt und  der normativen Verregelung bedarf“ (Deitelhoff 2006: 75).   Hier spielt nach Margret Keck und Kathryn Sikkink (1998) das Framing in‐ sofern eine wichtige Rolle, als über Dramatisierung und Moralisierung ein  Zusammenhang konstruiert wird, der den Verursacher und eine moralisch  angemessene Lösungsstrategie  aufzeigt. Erfolgreiches Framing wird damit  zum  zentralen Mechanismus, mit dem nicht‐staatliche Akteure versuchen,  Staaten von der neuen Norm zu überzeugen. Auch hier bleibt  jedoch offen,  wie  dieser  Erfolg  zustande  kommt  –  besonders wenn man  bedenkt,  dass  auch das Framing ein kompetitiver Prozess  ist,  in dem verschiedene „Fra‐ mes“ um Dominanz kämpfen (Deitelhoff 2006: 75).   Einig  scheint  man  sich  bei  aller  Differenz  jedoch  darin  zu  sein,  dass  Normen nicht aus dem Nichts heraus entstehen,  sondern  immer an Beste‐ hendes anknüpfen (Deitelhoff 2006: 45). Zumindest die sozialkonstruktivis‐ tische Normgeneseforschung  im Anschluss an Habermas basiert außerdem  auf der gemeinsamen Annahme, dass die Entwicklung von Normen nicht  auf exogen vorgegebene  Interessen von Akteuren zurückzuführen  ist, son‐ dern  auf  Veränderung  der  Interessen  im  Prozess  der  Normgenese.  Die  Normenkonformität wiederum hängt davon ab, ob sich die Adressaten von  Gesetzen und Normen als Autoren derselben verstehen können (Habermas  1998: 112‐165). Was  jedoch kann es bedeuten, sich als Autor eines Gesetzes  verstehen zu können, wo die Beteiligung aller Betroffenen eine Idealvorstel‐ lung bleiben muss?   Hier  scheint der Rückgriff auf die  Idee einer kollektiven Semantik, wie  sie etwa Axel Honneth in „Kampf um Anerkennung“ beschreibt, weiterfüh‐ rend (Honneth 1994: 262f). Kollektive Semantiken stellen eine Problem‐ oder  Weltbeschreibung  zur Verfügung. Dieser  intersubjektive Deutungsrahmen  muss  jedoch zwei Bedingungen genügen: Er muss sich erstens, wie Florini  zu Recht betont, mit dem bereits bestehenden normativen Gerüst verknüp‐ fen  lassen,  also  eine Art  logische Verlängerung  tradierter  Prinzipien  oder    33  Der Begriff des Normunternehmers wird  im weiteren Verlauf dieses Papiers nicht verwen‐ det, weil uns merkantilistische Konnotationen mit Blick auf weiche Steuerung durch Argu‐ mente im verständigungsorientierten Handeln unangemessen scheinen. Er wird durch den  Begriff des Normautors oder der Normautorin ersetzt.   124  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Normen darstellen (Florini 1996: 377) und er muss zweitens den betroffenen  Akteuren die Möglichkeit geben, sich in ihm wieder zu finden, wenn er all‐ gemeine Anerkennung finden soll.  Die  Verknüpfung  mit  tradierten  Prinzipien,  Weltbeschreibungen  oder  Normen muss nicht bedeuten, dass keine Neuerungen möglich sind. Es be‐ deutet  lediglich,  dass Argumente  bzw.  Interpretationen  gefunden werden  müssen, welche  eine  logische Verknüpfung  zwischen  den  neuen Normen  und bereits bestehenden möglicherweise formalen Normen herstellen. Dass  sich Akteure  in  einer  kollektiven  Semantik wiederfinden  können müssen  bedeutet, dass sie in der Lage sein müssen, sich die Interpretationsperspek‐ tive  aktiv  anzueignen  und  zu  einem  Teil  ihrer Weltbeschreibung  zu ma‐ chen.34  Außer der Bedingung, dass sich Normen  in das bereits bestehende nor‐ mative Gerüst einfügen und sich die Akteure in ihnen wiederfinden müssen,  lässt  sich  in Anknüpfung  an die Argumentation  im  ersten Teil dieses Bei‐ trags weiter vermuten, spielt auch Anerkennung als Bedingung für den Inte‐ ressenwandel bzw. die Akzeptanz von Normen  eine wichtige Rolle. Denn  bringt man die performativen Aspekte  eines  Sprechaktes  (wie unter  3.3.2.  erläutert), neben den  inhaltlichen Aspekten mit  ins Spiel, dann wird neben  den beiden ersten eine dritte Bedingung für die Akzeptanz von Normen und  damit die Wahrscheinlichkeit, dass weiche Steuerung durch Argumente ge‐ lingt, erkennbar. Es handelt sich dabei um die Haltung, mit welcher sich Ak‐ teure  begegnen.  Denn  es  macht  einen  Unterschied,  ob  sich  Akteure  als  gleichwertig anerkennen oder nicht. Ob ein Argument akzeptiert wird und  weiche  Steuerung  somit  gelingt,  oder  ob  es  abgelehnt  wird  und  weiche  Steuerung damit scheitert, kann also davon abhängen, ob sich die Adressa‐ tin anerkannt  fühlt. Es kann aber auch davon abhängen, ob die Adressatin  den Normautor oder die Normautorin anerkennt.   Zusammenfassend  lässt  sich  weiter  spezifizieren,  dass  vor  allem  jene  Normen und kollektiven Semantiken angenommen werden, und damit ein  Akt der weichen Steuerung durch Argumente gelingt, welche erstens Ver‐ knüpfungen zu den in der Lebenswelt der Adressaten verankerten Normen  und Prinzipien aufweisen, welche zweitens  so angelegt  sind, dass  sich die  Adressaten  in  ihnen wiederfinden, und welche drittens von Normautoren  stammen, die von den Adressaten anerkannt werden und sich von ihnen an‐ erkannt fühlen.     34   Zur Thematik der Aneignung von (fremden) Normen und Ideen siehe De La Rosa (2008).   Weiche Steuerung durch Argumente  125   4.3.2. Täuschung als Bedingung der Genese sozialer Macht durch weiche Steuerung  durch Argumente  Da  weiche  Steuerung  durch  Argumente  nicht  auf  den  Modus  verständi‐ gungsorientierten Handelns begrenzt ist, sondern Argumente auch im Rah‐ men strategischen Handelns eine wichtige Rolle spielen, können wir bei der  Erläuterung von weicher Steuerung durch Argumente auch auf das Konzept  sozialer Macht, wie es Habermas komplementär zum Konzept kommunika‐ tiver Macht entworfen hat, zurückgreifen. Das Konzept  sozialer Macht ba‐ siert  auf  der Annahme,  dass  auch  strategisches Handeln  integrative Wir‐ kung  entfalten  kann. Diese  ist  jedoch  deutlich  fragiler  als  jene  verständi‐ gungsorientierten  Handelns,  weil  verständigungsorientiertes  Handeln  wechselseitige  Anerkennung  und  Vertrauen  generiert,  während  strategi‐ sches Handeln auf Mittel der Täuschung oder etwa monetäre Machtressour‐ cen  zurückgreift  und  kein  Vertrauensverhältnis  entstehen  lässt.  Weiche  Steuerung durch Argumente  im Modus  strategischen Handelns kann nun  komplementär zu den Überlegungen zu kommunikativer Macht untersucht  werden.   Gehen wir  im Anschluss an die vorangegangenen Überlegungen davon  aus, dass weiche Steuerung durch Argumente  im verständigungsorientier‐ ten Modus kommunikative Macht generiert, dann können wir auch anneh‐ men, dass weiche  Steuerung durch Argumente  im  strategischen  Interakti‐ onsmodus zur Entstehung sozialer Macht beiträgt. Denn soziale Macht kann  ebenfalls  das  Ergebnis  gelungener  weicher  Steuerung  durch  Argumente  sein, allerdings  spielen hier Argumentationen nicht dieselbe  fundamentale  Rolle. Soziale Macht basiert auf erfolgsorientiertem Handeln und setzt daher  keine tatsächliche Anerkennung voraus. Beide Formen können Normenkon‐ formität generieren. Dennoch bleibt ein Unterschied in der Stabilität der er‐ zielten Normkonformität, denn wird die Täuschung,  auf welcher  strategi‐ sches Handeln basiert, durchsichtig, dann stört oder zerstört dies nicht nur  die  Verbindlichkeit  der  Normen,  sondern  auch  das  Vertrauensverhältnis  zwischen den Akteuren.   5. Weiche Steuerung durch Argumente in Räumen begrenzter Staatlichkeit   innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften  Nachdem nun geklärt  ist  in welchem Sinne bei der Beschreibung von wei‐ cher  Steuerung  durch  Argumente  auf  die  Habermas’schen  Konzepte  der  kommunikativen und sozialen Macht sowie des verständigungsorientierten  und  strategischen Handelns  zurückgegriffen werden kann und  im Rekurs  auf  die  Normgeneseforschung  einige  Bedingungen  für  die  Genese  von  Normen expliziert wurden, ist es nun an der Zeit sich mit der Frage ausein‐ 126  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  ander  zu  setzen, ob das  so gewonnene Konzept weicher  Steuerung durch  Argumente sinnvoll auf informale Steuerungsprozesse in Räumen begrenz‐ ter Staatlichkeit in nicht‐westlichen Gesellschaften übertragen werden kann  und an welchen Punkten sich Schwierigkeiten abzeichnen.  5.1. Räume begrenzter Staatlichkeit im kulturellen Kontext   Unter Räumen begrenzter Staatlichkeit verstehen wir   „territoriale und/oder funktionale Räume,  in denen (1) staatliche Institutionen zu schwach  sind,  um  kollektiv  verbindliche  Entscheidungen  treffen  und  vollständig,  notfalls mittels  Zwangsgewalt,  durchsetzen  zu  können  (mangelnde  Regel‐(durch‐)setzungsfähigkeit),  und/oder  (2)  politische Herrschaft  nicht  oder wenig  eingeschränkt  ist  (mangelnde Herr‐ schaftsbegrenzung)“ (SFB 700 2007: 6).  Mit dieser Definition ist es nicht nötig ganze Gesellschaften als einen „Raum  begrenzter Staatlichkeit“ zu untersuchen, sie eröffnet vielmehr die Möglich‐ keit  eines differenzierten Blicks auf Gesellschaften,  indem  einzelne Räume  innerhalb von Gesellschaften genauer in den Blick genommen werden kön‐ nen. Räume begrenzter  Staatlichkeit  ließen  sich  also  auch  in  europäischen  Staaten  identifizieren, ohne gleich einen ganzen Staat als Raum begrenzter  Staatlichkeit bezeichnen zu müssen.   Bei der Beschreibung und Untersuchung von Räumen begrenzter Staat‐ lichkeit spielen jedoch immer auch kulturelle Faktoren (wie soziale und poli‐ tische Praktiken, Glaubensvorstellungen und Weltbilder)  eine Rolle. Wäh‐ rend diese bei der Untersuchung europäischer Gesellschaften durch europä‐ ische  Forscher  sicherlich  nicht  immer mit  der Wahrnehmung  der  lokalen  Bevölkerung identisch sind aber doch meist auf einer beträchtlichen Anzahl  gemeinsamer  Grundannahmen  beruhen,  ist  bei  einer  Beschreibung  nicht‐ europäischer  Gesellschaften  durch  europäische  Wissenschaftler  damit  zu  rechnen, dass es größere Unterschiede in der Fremdwahrnehmung und der  Selbstbeschreibung geben wird. Es  ist zu vermuten, dass sich Unterschiede  in Fremd‐ und Selbstwahrnehmung vor allem dort zeigen, wo europäische  Sozialwissenschaftler und  ‐wissenschaftlerinnen auf den dialogischen Aus‐ tausch  mit  lokalen  Wissenschaftlerinnen  verzichten  und  ihre  Deutungs‐ macht nutzen, um implizit oder explizit eine Hierarchie zwischen verschie‐ denen Gesellschaften einzuziehen und die eigene Gesellschaft als Maßstab  für die Moderne über andere zu setzen, wie häufig bewusst oder unbewusst  im  Rahmen  des  Zivilisationenvergleichs  oder  der Modernisierungstheorie  geschehen.35  Der  Versuch,  ein  Konzept  weicher  Steuerung  durch  Argumente  auf  Räume begrenzter Staatlichkeit  innerhalb von nicht‐westlichen Gesellschaf‐   35   Zu diesem Punkt  siehe  etwa Hauck  (2003:  87), Knöbl  (2007:  22f)  oder Wallerstein  (1999:  172).  Weiche Steuerung durch Argumente  127   ten zu übertragen,  läuft Gefahr eurozentristische36 Annahmen zu  reprodu‐ zieren, weil sich das Problem des Eurozentrismus auf vielen Ebenen mani‐ festiert und häufig selbstverständlicher Teil unserer Denkgewohnheiten ist.37  Das soll hier aber nicht als Ausrede dafür stehen nun das Problem des Euro‐ zentrismus  in  seiner  Gänze  zu  ignorieren,  sondern  es  soll  verdeutlichen,  dass es sich hier nur um einen ersten Versuch handeln kann, einige (und e‐ ben nicht alle) Probleme zu identifizieren und im besten Fall Lösungsansätze  aufzuzeigen.   5.2. Das Erläuterungspotenzial des Konzepts weicher Steuerung durch Argumente  in Räumen begrenzter Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften  Welche Phänomene lassen sich mit einem Konzept weicher Steuerung durch  Argumente  in Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  in nicht‐westlichen Gesell‐ schaften erläutern? Ein viel beobachtetes Phänomen  in Räumen begrenzter  Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften ist die Ineffizienz der  von  internationalen  Akteuren  eingerichteten  formalen  Institutionen.  Sie  werden  etwa  in  Kambodscha  von  informalen  Institutionen  wie  der  des  Klientelismus38 unterlaufen (Roberts 2006: 7f) und werden, wie von Zürcher  und Barnett in Afghanistan beobachtet, auf eine zeremonielle oder symboli‐ sche Funktion reduziert. Es entstehen also „Scheininstitutionen“, deren Auf‐ rechterhaltung Zürcher und Barnett auf das strategische Kalkül der Haupt‐ akteure  in Krisengebieten zurückführen  (2006: 3). Geht man hingegen von  den  vorhergehenden  Überlegungen  zu  Habermas’  Kommunikations‐  und  Gesellschaftstheorie sowie den Überlegungen zu weicher Steuerung und der  Normgenese aus, dann lassen sich weitere Ursachen für das Misslingen ex‐ terner Statebuilding‐Maßnahmen identifizieren und theoretisch erläutern.  Für weiche Steuerung durch Argumente in nicht‐westlichen Räumen be‐ grenzter Staatlichkeit lassen sich aus den vorhergehenden Überlegungen die  Annahmen ableiten, dass auch in Räumen begrenzter Staatlichkeit innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften vor allem  jene Normen und kollektiven Se‐ mantiken angenommen werden und damit ein Akt der weichen Steuerung    36   Unter Eurozentrismus soll „die mehr oder weniger explizite Annahme verstanden werden,  dass die allgemeine historische Entwicklung, die als charakteristisch für das westliche Eu‐ ropa und das nördliche Amerika betrachtet wird, ein Modell darstellt, an dem die Geschich‐ ten und sozialen Formationen aller Gesellschaften gemessen und bewertet werden können“  (Conrad/Randeria 2002: 12) verstanden werden.   37   Wallerstein hat  fünf Ebenen  identifiziert, auf welchen der Eurozentrismus der Sozialwis‐ senschaften zum Ausdruck kommt: (1) Auf der Ebene der Geschichtsschreibung, (2) im be‐ schränkten Blickfeld  eines unbedingten Universalismus,  (3) den Annahmen über  (westli‐ che) Zivilisation, (4) die Dichotomisierung von Orient und Okzident und (5) die an westli‐ chen Gesellschaften orientierte Entwicklungstheorie (Wallerstein 1999: 168‐184).   38   Zur historischen Entwicklung von Formen des Klientelismus siehe Spittler (1977).   128  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  durch Argumente gelingt, welche erstens Verknüpfungen zu den in der Le‐ benswelt der lokalen Bevölkerung verankerten Normen und Prinzipien auf‐ zeigen, zweitens so angelegt sind, dass sich die lokale Bevölkerung in ihnen  wiederfindet und drittens von Normautoren stammen die von der  lokalen  Bevölkerung anerkannt werden und sich von ihnen anerkannt fühlen. Wenn  nun  in nicht‐westlichen Gesellschaften  internationale Normen  in Form von  Institutionen auf  internationalen Druck hin eingeführt werden, dann kann  die Anerkennung dieser Normen  aus Gründen, die  sowohl  auf der Ebene  der Kommunikation als auch auf Ebene der Interaktion liegen, scheitern.   Internationale  Normen  können  keine  normative  Kraft  entfalten,  wenn  keine Verknüpfungen zwischen  ihnen und  tradierten Normen und Werten  also ein Deutungsrahmen hergestellt wurde, der als kollektive Semantik der  lokalen Bevölkerung erlaubt, sich  in diesem Deutungsrahmen wiederzufin‐ den. Ein Blick auf die afghanische Verfassung zeigt, dass dort zwar interna‐ tionale Normen mit islamischen Glaubensbekenntnissen vermischt wurden,  diese stehen aber eher in einem unvermittelten Widerspruch zueinander.39   Auf der Ebene der Interaktion spielt das Verhältnis der lokalen Bevölke‐ rung zu den Normautoren eine wichtige Rolle. Denn gelingt es internationa‐ len Akteuren nicht, das Vertrauen der lokalen Bevölkerung zu gewinnen in‐ dem sie dieser Respekt und Anerkennung entgegenbringen, können sie  ih‐ rerseits  nicht mit  der Anerkennung  internationaler Akteure  und Normen  rechnen.  Internationale Normen  sind  also nur bedingt gute normative Be‐ zugspunkte  für Argumentationen, wo  ihnen  erstens die Verknüpfung mit  tradierten Werten fehlt und sich die lokale Bevölkerung nicht in ihnen wie‐ derfinden kann, und wo  sie  zweitens nicht  in  stabile Anerkennungsbezie‐ hungen  zwischen  internationalen und  lokalen Akteuren,  sondern  in Miss‐ trauens‐ und Missachtungsbeziehungen eingebettet sind.  Es  lassen  sich  aber  nicht  nur Anhaltspunkte  für das Misslingen  harter  Steuerung durch Argumente in der Literatur über Räume begrenzter Staat‐ lichkeit in nicht‐westlichen Gesellschaften finden und erläutern. Die Konsti‐ tution von Friedenszonen40 im Süden der Philippinen etwa liefert erste An‐   39   Eine deutsche Übersetzung der afghanischen Verfassung findet sich auf den Seiten des Max  Planck  Instituts  für  ausländisches  öffentliches  Recht  und  Völkerrecht  (www.mpil.de/shared/data/pdf/verf_dt3.pdf; 15.08.08). Eine genauere Textanalyse der Ver‐ fassung  könnte weiteren Aufschluss  über die Art der Zusammenführung  internationaler  Normen, Glaubensbekenntnisse und sozialer Praktiken erbringen.   40   „Peace Zones are geographical areas, ranging  in size from the area covered by a purok or  neighborhood block to a province, which community residents themselves declare to be off‐ limits to war and any other form of armed hostility. The area becomes a Peace Zone by the  people´s unilateral declaration that it is such. Recognition of the zone by the armed parties  is an objective to be won and not the basis for its existence. Peace Zones are maintained and  reinforced by the community´s sustained and creative expression of commitment to peace‐ Weiche Steuerung durch Argumente  129   haltspunkte für das zumindest zeitweise41 Gelingen von weicher Steuerung  durch Argumente. Die Friedenszone (Space of Peace) in Nalapaan42 und die  mit  ihr  in  einem Netzwerk verknüpften Friedenszonen  entstanden  als de‐ fensive  Reaktion  der  lokalen  Bevölkerung  auf  die  immer  wieder  ausbre‐ chenden Konflikte und als Alternative zur direkten Verwicklung in den be‐ waffneten Konflikt (Lee 2005: 9). Sie stehen für die Ausübung lokaler Souve‐ ränität in Situationen, in denen die übergeordneten politischen Organisatio‐ nen selbst zur Bedrohung werden oder nicht  in der Lage sind zu regieren.  Das Netzwerk der Friedenszonen im Süden der Philippinen entstand durch  die Initiative lokaler NGOs, welche die Idee in die Gemeinden trugen. Dar‐ aufhin wurde eine Gruppe wichtiger Persönlichkeiten (elders, religiöse Füh‐ rer, Gemeindevorsteher)  gegründet, die  in den Gemeinden Kommunikati‐ onsprozesse anregten und deren Aufgabe es war, auf der Grundlage dieser  Kommunikation die Konturen der Friedenszone und ein gemeinsames Ma‐ nifest  auszuarbeiten  (Neumann  2008).  Dieses  Manifest43,  welches  inzwi‐ schen von mehr als  fünftausend Einwohnern  ratifiziert und von den Kon‐ fliktparteien anerkannt wurde, führt in seiner Argumentation die folgenden  Punkte an: (1) die Erinnerung an das vor dem Krieg friedliche Zusammenle‐ ben von Muslimen, Christen und Lumad44, (2) den Glauben an die Möglich‐ keit eines friedlichen Zusammenlebens auf der Basis moralischer Prinzipien  und der Ausübung der  jeweiligen Kulturen und Religionen  sowie  (3) das  Leid, das ohne Ausnahme allen Familien durch den Krieg zugefügt wurde.   Sicherlich können die hier angeführten Beispiele keine fundierte Analyse  ersetzen. Sie sollen lediglich der Plausibilisierung dienen und in der verfüg‐ baren  Literatur  empirische  Ansatzpunkte  für  die  Untersuchung  weicher  Steuerung durch Argumente aufzeigen. Ob sich der Entstehungsprozess der  Friedenszonen tatsächlich als die Genese einer informalen Institution durch  weiche  Steuerung  beschreiben  lässt,  müsste  eine  empirische  Analyse  der  Prozesse  zeigen.  Für  eine  solche Analyse  ließen  sich Teile  von  Josef Kop‐ perschmidts  Argumentationsanalyse,  insbesondere  die  Überlegungen  zur  materialen  Argumentationsanalyse  nutzen  (Kopperschmidt  1989).  Diese  zielt darauf ab, den Zusammenhang von Argumenten und den Kontext,  in  welchem  sie  verwendet  werden,  zu  verdeutlichen.  Gerade  mit  Blick  auf  Räume  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften    building, managed through community‐based implementing structures” (Gaston Z. Ortigas  Peace Institute 1995: 5; vgl. auch Lee 2005: 5).   41   Seit einiger Zeit befinden sich die Friedensverhandlungen auf den Mindanao‐Inseln  leider  in einer schweren Krise.   42   Nalapaan ist eine Gemeinde auf den Mindanao‐Inseln.   43   Die den Autorinnen vorliegende Version des Manuskripts  ist aus dem Appendix des un‐ veröffentlichten Manuskripts der Diplomarbeit von Hannah Neumann genommen. Sie er‐ scheint 2008  im LiT Verlag als „Friedenskommunikation. Möglichkeiten und Grenzen von  Kommunikation in der Konflikttransformation, Münster“.  44   Lumad sind die Ureinwohner von Mindanao.  130  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  wie Nalapaan wäre eine genauere Untersuchung jener Argumente von Inte‐ resse, die dort  in Eigenregie  lokaler Akteure  zu der Entstehung und Ach‐ tung der Friedenszonen beigetragen haben.   6. Forschungsdesiderate  Zusammenfassend  lässt sich  feststellen, dass mit den Konzepten der sozia‐ len  und  der  kommunikativen Macht  der Machtaspekt  der  Steuerungsfor‐ schung genauer als bisher in den Blick genommen werden kann. Indem Ha‐ bermas in „Faktizität und Geltung“ nicht nur die Wirkungen sozialer Macht,  welche auf die materielle Reproduktion der Gesellschaft zielt, sondern dar‐ über hinaus auch die Bedeutung kommunikativer Macht für die Legitimität  einer politischen Ordnung aufzeigt, zeichnet er ein umfassendes Bild gesell‐ schaftlicher Machtverhältnisse und  ihres Zusammenwirkens. Beide Formen  der Macht, also sowohl soziale als auch kommunikative Macht, werden von  Habermas auf Gesellschaftsebene als  informale Formen der Einflussnahme  gedacht, welche  teilweise beim Übergang  in das politische System  in For‐ men formaler Verfahren Eingang finden.   Während  Habermas  nicht  streng  zwischen  formalen  und  informalen  Formen der Steuerung unterscheidet, ist dies, so wurde argumentiert, für die  Untersuchung  von  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐ westlicher Gesellschaften  von  besonderem  Interesse, weil die  einschlägige  Literatur  zeigt, dass  formale Verfahren  und  Institutionen dort  häufig  von  informalen Praktiken  unterwandert,  gestützt  oder  ersetzt werden.  Freilich  ist dabei die weiche Steuerung durch Argumente nur eine Form der Steue‐ rung  unter  anderen. Dennoch  verdient  sie  besonderes  Interesse,  denn  sie  hält  eine  naturwüchsige  Integrationsmöglichkeit  bereit,  indem  sie  ein  ge‐ waltfreies Mittel zur Klärung von Konflikten bereitstellt. Die Überlegungen  zur Normgenese haben gezeigt, dass die Bedingungen, unter welchen Ar‐ gumente  ihre  integrierende Kraft  entfalten,  noch  nicht  vollständig  geklärt  sind. Dennoch liegen mit den Annahmen, dass neue Normen an das bereits  bestehende normative Gerüst der Normadressaten anknüpfen müssen, dass  sich die Akteure in ihnen wiederfinden müssen und dass sie sich wechselsei‐ tig anerkennen müssen oder Anerkennung erfolgreich vortäuschen müssen  (wie  etwa  im  strategischen  Handeln,  unter  Inkaufnahme  der  bereits  be‐ schriebenen Gefahren) Hypothesen vor, deren empirische Falsifizierung o‐ der Verifizierung  interessante Erkenntnisse über die Entstehung von Nor‐ men  und  sozialen  Ordnungen  verspricht.  Auch  die  Überlegungen  zum  Wechselverhältnis von informalen und formalen Verfahren lassen sich über  die Annahme, dass die beobachtete Aufspaltung  in  formale und  informale  Verfahren in Räumen begrenzter Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Ge‐ sellschaften unter anderem auf die fehlende Verknüpfung von neuen (inter‐ Weiche Steuerung durch Argumente  131   nationalen) Normen und tradierten Normen zurückzuführen ist, weiter aus‐ bauen und untersuchen.   Aufgrund der Tatsache, dass dieser Beitrag lediglich einen ersten Ansatz  darstellt,  einige Überlegungen  Jürgen Habermas’  für die Überlegungen zu  weicher Steuerung nutzbar zu machen, bleiben am Ende noch Fragen offen,  deren Weiterbehandlung hier zumindest angedeutet werden soll.   Eine Übertragung der Habermas’schen Überlegungen zu Rechtstaat und  Demokratie auf Phänomene des Regierens  in Räumen begrenzter Staatlich‐ keit  innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften  sieht  sich  dazu  gezwungen,  den etwa von Gerhard Hauck gegenüber Habermas’ Modernisierungstheo‐ rie geäußerten Vorwurf des Eurozentrismus aufzuklären. Der zentrale Ein‐ wand  Haucks  wendet  sich  gegen  die  Evolutionstheorie  der  Weltbildent‐ wicklung, welche bei Habermas und Schluchter (1979) fast identisch ist. Bei‐ de gehen von vier Entwicklungsstufen aus, deren Bereiche sich durch eine  Zunahme von kommunikativen Fähigkeiten, d.h. die Zunahme von Berei‐ chen, die thematisiert werden können und über die Argumente und Gegen‐ argumente ausgetauscht werden können, auszeichnen. Dies,  so Hauck,  er‐ scheint als Rationalisierung, „als Zunahme an Vernunft; und unsere eigene  Gesellschaft steht auf der obersten Stufe dieser Entwicklung, ist insoweit die  vernünftigste“ (Hauck 2003: 96). Diese Evolutionstheorie soll die Annahmen  der Modernisierungstheorie stützen, welche die „Verkörperung allgemeins‐ ter  und  transkulturell  verallgemeinerbarer  Prinzipien  der Vernunft  zu  er‐ weisen sucht“ (Hauck 2003: 92). In welchem Maße diese Vorwürfe mit Blick  auf  Habermas’  Arbeiten  berechtigt  sind,  muss  genauer  geprüft  werden.  Denn vor allem die Verknüpfung von entwicklungs‐ und modernisierungs‐ theoretischen  Annahmen  erscheinen  mit  Blick  auf  nicht‐westliche  Gesell‐ schaften  problematisch  und  erfordern  eine  Auseinandersetzung  mit  den  Analysen  etwa von Shmuel Eisenstadt,  Ibrahim Kaya und Björn Wittrock,  welche die Annahme einer einzigen Moderne problematisieren und auf die  Möglichkeit und Probleme des Konzepts multipler Modernen verweisen (Ei‐ senstadt 2002 , Kaya 2004, Wittrock 2002).  Zu  klären  bleibt  auch,  ob  das Habermas’sche Konzept  der Zivilgesell‐ schaft auf Räume begrenzter Staatlichkeit innerhalb nicht‐westlicher Gesell‐ schaften übertragen werden kann. Da hier nur Räume und nicht Staaten un‐ tersucht werden  sollen, bietet  es  sich an, zwischen  zwei Ebenen  zu unter‐ scheiden, welche in der Zivilgesellschaftsdebatte um die Anwendbarkeit des  Zivilgesellschaftskonzepts auf Gesellschaften  in Lateinamerika oder Afrika  häufig vermischt werden. Es handelt sich dabei einerseits um die Ebene der  Gesamtgesellschaft, auf welcher häufig stark verallgemeinernd das Verhält‐ nis der Zivilgesellschaft zum Staat  thematisiert wird, und andererseits um  die Ebene der  Integrationsmechanismen  in kleineren Einheiten der Gesell‐ schaft wie Assoziationen und sozialen Bewegungen. In Anknüpfung an die  132  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  Untersuchungen zu Integrationsmechanismen in kleinen informalen Einhei‐ ten der Gesellschaft lassen sich dann auch die Besonderheiten weicher Steu‐ erung durch Argumente in nicht‐westlichen Gesellschaften genauer heraus‐ arbeiten.   Schließlich bleibt  in Anknüpfung an die vorhergehenden Überlegungen  zum Konzept  kommunikativer Macht  auf  gesellschaftstheoretischer Ebene  der Begriff der Legitimität zu klären und  inwiefern und wann  in Räumen  begrenzter Staatlichkeit  innerhalb nicht‐westlicher Gesellschaften von  legi‐ timer Herrschaft gesprochen werden kann und anhand von welchen norma‐ tiven Maßstäben.45  7. Fazit  Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein Konzept weicher Steuerung  durch Argumente in Anknüpfung an Habermas eine interessante Perspekti‐ ve auf informale Phänomene des Regierens in Räumen begrenzter Staatlich‐ keit eröffnen kann, denn nachdem im ersten Teil des Beitrags argumentiert  wurde, dass weiche Steuerung durch Argumente sowohl den Gebrauch von  Argumenten  im verständigungsorientierten als auch  im strategischen Han‐ deln umfassen kann, lässt sich auch auf gesellschaftstheoretischer Ebene ein  differenziertes Bild von Steuerungsprozessen und deren möglichen Erfolgen  abbilden.  Die Auseinandersetzung mit der Handlungskoordinierung durch regula‐ tive Sprechakte  in der Theorie des kommunikativen Handelns von  Jürgen  Habermas erwies sich für die Frage nach dem Mechanismus weicher Steue‐ rung durch Argumente in zweifacher Hinsicht als ergiebig. Zunächst konnte  gezeigt werden, dass auch im erfolgsorientierten Sprachgebrauch Argumen‐ te  eine  steuerungstheoretisch  relevante  Rolle  spielen  können.  Steuerungs‐ leistungen von Perlokutionen,  in denen eine verständigungsorientierte Ein‐ stellung vorgetäuscht wird um  ein  strategisches Ziel zu  erreichen, können  auf Argumenten beruhen –  insbesondere dann  (und das  ist  ja die Absicht  des Sprechers), wenn der Gesprächspartner die Manipulation nicht erkennt  und dem Argument in verständigungsorientierter Einstellung zustimmt. Da  sich die Sprecherin dem  jeweiligen Argument nicht  in gleicher Weise ver‐ pflichtet fühlt wie der Adressat, der ihm rational zugestimmt hat, bleibt die‐ se  Steuerungsbeziehung  einseitig. Dies  kann  jedoch wiederum  in  anderer  Richtung steuerungstheoretisch relevant werden, nämlich wenn der Adres‐ sat, das Argument ernst nehmend, nicht einfach zustimmt, sondern die da‐ mit erhobenen Geltungsansprüche thematisiert und so performative Wider‐ sprüche des  Sprechers  offen  legt. Dadurch wird  ein Rechtfertigungsdruck    45   Siehe hierzu die Überlegungen von Tamara Jugov (2008) und Cord Schmelzle (2008).  Weiche Steuerung durch Argumente  133   erzeugt, der auf das auch im erfolgsorientierten Sprachgebrauch latent vor‐ handene Moment  der  Selbstbindung  und  damit  auf  verständigungsorien‐ tierte Sprechhandlungen verweist.   Weiche  Steuerung  durch  Argumente  im  verständigungsorientierten  Sprachgebrauch wurde  exemplarisch durch  normativ  aufgeladene Anwei‐ sungen  dargestellt.  Die  Bindungswirkung  einer  solchen  Steuerung  durch  Argumente ist hoch, da die gemeinsam geteilte Einsicht in Begründungszu‐ sammenhänge reziproke (Selbst‐)Verpflichtungen der Gesprächspartner be‐ gründet. Diese  ist  im Kontext weicher Steuerung, die nicht auf formelle In‐ stitutionen  zur Herstellung  von Erwartungssicherheit  zurückgreifen  kann,  von  besonderer  Bedeutung. Die  spezifischen,  propositionalen Handlungs‐ pläne der Akteure werden dabei  jedoch nur unter dem Vorbehalt der per‐ formativen Orientierung an der intersubjektiven Anerkennung als Problem‐ lösemodus verfolgt. Das verweist auf die Notwendigkeit, die intersubjektive  Genese von  Intentionen als dynamischen Prozess zu begreifen,  in der  sich  Aktionen  und  Reaktionen  von  Steuerungssubjekt  und  Steuerungsobjekt  wechselseitig bedingen. Als Voraussetzung für weiche Steuerung durch Ar‐ gumente  im  Modus  des  verständigungsorientierten  Handelns  wurde  das  Anerkennungsverhältnis  der  Akteure  identifiziert.  Anerkennung  als  Vor‐ aussetzung verweist nicht direkt auf die Ebene der Problemlösungen,  son‐ dern auf die performative Ebene des Problemlöseverfahrens selbst.   Ein Ziel  der Auseinandersetzung mit  „Faktizität  und Geltung“ war  es  daher,  die Konzepte  kommunikativer  und  sozialer Macht  genauer  in  den  Blick zu nehmen. Dabei hat sich ergeben, dass kommunikative Macht als das  Ergebnis  gelungener  weicher  Steuerung  durch  Argumente  im  verständi‐ gungsorientierten Handlungsmodus  verstanden werden  kann, welche  die  wechselseitige  Anerkennung  der  interagierenden  Akteure  zur  Vorausset‐ zung  hat.  Soziale Macht  kann  ebenfalls  das  Ergebnis  gelungener weicher  Steuerung durch Argumente sein, allerdings spielen hier Argumentationen  nicht dieselbe fundamentale Rolle. Soziale Macht basiert auf erfolgsorientier‐ tem Handeln und setzt daher keine  tatsächliche Anerkennung voraus. Ob‐ wohl beide Formen der Macht eine  integrierende Funktion haben können,  ist  jene der kommunikativen Macht stärker, weil diese in der Lage ist, Ver‐ trauen zu generieren. Bezogen auf Räume begrenzter Staatlichkeit innerhalb  nicht‐westlicher Gesellschaften wurde daher argumentiert, dass eine Unter‐ suchung von  informalen Normgeneseprozessen Aufschluss darüber geben  kann,  wie  und  warum  Scheininstitutionen  und  im  Gegensatz  dazu  aner‐ kannte Institutionen entstehen. Die Untersuchung von informalen Normge‐ neseprozessen hat zu dem Ergebnis geführt, dass für die Anerkennung von  neuen  Normen  durch  die  lokale  Bevölkerung  erstens  Argumente  eine  grundlegende  Rolle  spielen,  welche  eine  logische  Verknüpfung  zwischen  der neuen Norm und dem tradierten normativen Gerüst herstellen, zweitens  134  Sybille De La Rosa/Dorothea Gädeke  sich  die  lokalen  Akteure  in  diesen  neuen  Normen  wiederfinden  können  müssen und drittens performative Aspekte eine Rolle spielen, denn wie die  Adressatin  auf den Normautor  reagiert, hängt  auch davon  ab, ob  sie  sich  von diesem anerkannt fühlt und ob sie diesen selbst anerkennt. Ob weiche  Steuerung durch Argumente  in Räumen begrenzter Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften  gelingt  oder  fehlschlägt  hängt  somit  nicht  allein von der propositionalen Aussage,  sondern auch von der performati‐ ven Ebene ab, auf welcher sich Normautor und Adressat begegnen.   Erweitert man die Untersuchung von  informalen Institutionen und Ver‐ fahren auf die Untersuchung ihrer Wechselwirkungen mit formalen Institu‐ tionen,  dann  lassen  sich weitere  Einsichten  in  das  in  Räumen  begrenzter  Staatlichkeit  innerhalb  nicht‐westlicher  Gesellschaften  häufig  beobachtete  Phänomen  der  Scheininstitutionen  gewinnen.  Denn  ist  die  Anerkennung  von Normen auf propositionaler Ebene darauf angewiesen, neue Normen an  tradierte rückzubinden und auf performativer Ebene auf die wechselseitige  Anerkennung der Akteure, dann wird deutlich, dass eine einfache Übertra‐ gung  westlicher  Rechtsnormen  oder  ‐prinzipien  zum  Scheitern  verurteilt  sein muss. Nicht  nur, weil  es  sich  dabei  um  ein Vokabular  handelt,  dass  nicht  in allen Teilen der Welt mit Bedeutung erfüllt  ist, sondern auch, weil  sich auf performativer Ebene die  lokalen Akteure von den  internationalen  Akteuren häufig nicht anerkannt fühlen.     Literatur  Arendt, Hannah 1965: Über die Revolution, München.  Arendt, Hannah 2007: Vita Activa. Oder vom tätigen Leben, München.  Austin, John 1962: How to do Things with Words, Oxford.   Barnett,  Michael/Zürcher,  Christoph  2006:  The  Peacebuilder´s  Contract.  How  External  State‐ building Reinforces Weak Statehood, Minneapolis, MN.  Conrad, Sebastian/Randeria, Shalini 2002: Einleitung. Geteilte Geschichten – Europa in einer post‐ kolonialen Welt,  in: Conrad, Sebastian/Randeria, Shalini  (Hrsg.):  Jenseits des Eurozentris‐ mus.  Postkoloniale  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Zusammenfassung

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes verfolgen das Ziel, andere als die klassischen Formen politischer Steuerung zu identifizieren. Für diese Möglichkeit der informalen Steuerung prägen sie, analog zu „soft power“, den Begriff „weiche Steuerung“. Dabei gehen sie von der Überlegung aus, dass Steuerung einen Sonderfall der Machtausübung darstellt, denn Steuerung ist nichts anderes als intentionale Macht­ausübung. Weiche Steuerung wird demzufolge als intentionale und horizontale Machtausübung begriffen. Der so gewonnene Zugang wird in der Einleitung vorgestellt.

In den folgenden drei Beiträgen werden neuere Machtkonzepte auf ihr steuerungstheoretisches Potential hin ausgelotet. In Anknüpfung an Foucault und Laclau/Mouffe wird nach den Steuerungswirkungen gefragt, die sich durch diskursive Praktiken ergeben. Im Anschluss an Habermas und die Sprechakttheorie wird die Macht von Argumenten in Steuerungsprozessen diskutiert. Die dritte Studie schließlich fragt nach Möglich­keiten und Bedingungen weicher Steuerung vermittels Symbole. Auf diese Weise werden die Konturen eines systematischen und theoriegeleiteten Konzepts von weicher Steuerung herausgearbeitet.