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Friedrich Arndt, Anna Richter, Steuerung durch diskursive Praktiken in:

Sybille De La Rosa, Gerhard Göhler, Ulrike Höppner (Ed.)

Weiche Steuerung, page 27 - 73

Studien zur Steuerung durch diskursive Praktiken, Argumente und Symbole

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4304-2, ISBN online: 978-3-8452-1604-1, https://doi.org/10.5771/9783845216041-27

Series: Schriften zur Governance-Forschung, vol. 17

Bibliographic information
Steuerung durch diskursive Praktiken  Friedrich Arndt/Anna Richter∗  1. Diskurstheorien und weiche Steuerung  Der vorliegende Beitrag versucht mit der Hilfe analytischer Diskurstheorien1  –  insbesondere  jener Michel Foucaults  sowie Ernesto Laclaus und Chantal  Mouffes – Mechanismen weicher Steuerung zu  identifizieren, die als Steu‐ erung durch diskursive Praktiken bezeichnet werden können. Diese Autoren  bieten sich besonders  für ein anschlussfähiges Unternehmen an, denn Fou‐ cault stellt die nach wie vor fruchtbare Grundlage dar, auf der die meisten  politikwissenschaftlich  orientierten  diskurstheoretischen  Ansätze  beruhen;  Laclau und Mouffe bieten eine explizite Theorie des Politischen, die sie ge‐ genüber  vielen  anderen Diskurstheorien  auszeichnet.  Ist  es  das  Ziel, Dis‐ kurstheorien  für  eine Theorie weicher  Steuerung  fruchtbar  zu machen,  so  müssen bestimmte Bedingungen in einer Theorie oder Elemente einer Theo‐ rie gegeben  sein. Mechanismen weicher Steuerung  sind, wie  in der Einlei‐ tung dargestellt, Modi horizontaler Handlungskoordination. Steuerung wird  hier verstanden als intentionale Handlungsbeeinflussung. Durch zielgerich‐ tetes Handeln versucht das Steuerungssubjekt das Verhalten oder die Ent‐ wicklung der Steuerungsadressaten  in  eine bestimmte Richtung zu  lenken  oder durch Strukturierung des Handlungsfeldes die Handlungsoptionen der  Adressaten einzuschränken. Konstitutiv  für den Tatbestand der politischen  Steuerung  ist dabei nicht der Erfolg,  sondern die Steuerungsabsicht. Dem‐ entsprechend  werden  ebensolche  horizontalen  und  intentionalen  Mecha‐ nismen in den Theorien Foucaults sowie Laclaus und Mouffes identifiziert.   Der Beitrag argumentiert, dass sich aus der Perspektive der untersuchten  Theorien Mechanismen konzeptionalisieren lassen, die verschiedene Formen  diskursiver Praktiken  steuerungstheoretisch  fruchtbar machen können. So‐ wohl aus der Perspektive Foucaults als auch aus jener Laclaus und Mouffes  ergeben sich vielversprechende analytische Kategorien für die Entwicklung  einer Theorie weicher Steuerung. Ein  solches Unternehmen kann nicht die   ∗ Für  Hinweise  und  weiterführende  Kritik  danken  wir  den  Teilnehmern  des  Workshops  „Mechanismen weicher Steuerung“ im Oktober 2006, insbesondere Ina Kerner, die eine frü‐ here  Fassung  ausführlich  kommentierte,  sowie  Lars Distelhorst, Michael Haus  und  Jörg  Meyer. 1  Dies meint  in Abgrenzung etwa zur normativen Diskurstheorie kommunikationstheoreti‐ scher Herkunft  (vgl. den Beitrag zu Steuerung durch Argumente  in diesem Band)  solche  Theorien, die Diskurse auf  ihre grundlegenden Bedeutung produzierenden Machtwirkun‐ gen hin konzeptionalisieren.  28  Friedrich Arndt/Anna Richter  Untersuchung  entsprechender  konkreter Mechanismen  vorwegnehmen;  es  eröffnet  vielmehr  erst  aus  einer  poststrukturalistischen  Sicht  das  Feld  für  solche Untersuchungen,  indem die Reichweite und die Möglichkeiten der  theoretischen Kategorien deutlich gemacht werden. Im folgenden Abschnitt  wird die Herangehensweise an die Theorien erläutert und das zugrunde ge‐ legte Verständnis von  Intentionalität, Horizontalität und die verschiedenen  Analyseebenen  spezifiziert, um die  in der Einleitung dieses Bandes vorge‐ nommenen  Kriterien  für  diskursive  Praktiken  zu  konkretisieren.  In  Ab‐ schnitt  3.  wird  die  theoretische  Perspektive  Foucaults  untersucht,  in  Ab‐ schnitt  4.  der  diskurstheoretische Ansatz  von  Laclau  und Mouffe.  Im  ab‐ schließenden Abschnitt 5. werden die Ergebnisse zu den Mechanismen wei‐ cher diskursiver Steuerung zusammengefasst und Perspektiven der Fortfüh‐ rung aufgezeigt.   2. Theoretischer Rahmen  Im  Sinne der offenen Herangehensweise  an Theorien, die gewählt wurde,  um Mechanismen weicher Steuerung ausfindig zu machen, wird im vorlie‐ genden Beitrag  versucht, die  gemeinsamen Grundlagen der unterschiedli‐ chen theoretischen Ansätze zu akzentuieren. So soll eine pragmatische Les‐ art der Theoretiker erreicht werden, die nicht auf Exegese, sondern auf Nut‐ zung  ihrer Kategorien als „Werkzeugkasten“ für die Zwecke weicher Steu‐ erung abzielt (Foucault 1976: 45). Die verschiedenen theoretischen Referen‐ zen sollen also verstanden werden als verschiedene Herangehensweisen an  teilweise ähnliche Fragen – diese Multiperspektivität  ist sich bewusst, dass  die verwendeten Theorien bisweilen eine größere Reichweite beanspruchen  als die hier angepeilte und sie sich  teilweise untereinander nicht völlig de‐ cken. Die Steuerungsperspektive verlangt  eine  eher handlungstheoretische  Sichtweise, die, wie sich zeigen  lässt, den untersuchten Autoren nicht not‐ wendig widersprechen muss. Der entsprechende Nachweis wird  in diesem  Beitrag im Ansatz erbracht, kann jedoch nicht in angemessener Länge disku‐ tiert werden. Da hier theoretische Mittel für ein theoretisch begrenztes Vor‐ haben gesucht werden, sollte dies kein Hindernis sein.  Sucht man steuerungstheoretische Impulse in Diskurstheorien, so reichen  strukturelle Erklärungen nicht aus. Wie nicht zuletzt Niklas Luhmanns Ein‐ würfe in die Steuerungsdebatte deutlich machen, haben holistische Ansätze  mit  Steuerungstheorien  Probleme,  da  sie  den  beteiligten Akteuren wenig  oder gar keinen Einfluss zugestehen. Ein in dieser Hinsicht ähnlicher Holis‐ mus  ist auch  im Strukturalismus zu  finden, der zu den  theoretischen Vor‐ fahren der  hier  untersuchten Diskurstheorien  gehört. Noch der  „mittlere“  Foucault  der  „Archäologie  des Wissens“  (1981)  ist  der  strukturalistischen  Sichtweise nahe, wenn er die Formationsregeln von Diskursen als anonyme  Steuerung durch diskursive Praktiken  29   Wirkungen zur Organisation eines Meers von Aussagen darstellt. Doch nach  diesem  Werk  vollzieht  sich  langsam  eine  Abwendung  von  strukturalisti‐ schen Auffassungen, die bei Foucault selbst sowie in den von ihm inspirier‐ ten  Diskurstheorien  eine  vorsichtige  Wiedereinführung  des  Subjekts  be‐ wirkt. Diese Wendung vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus – um  die  bekannten  Label  zu  verwenden  –  schlägt  sich  in mehreren  Bereichen  nieder, die für die Perspektive weicher Steuerung von Interesse sind: im Ein‐ beziehen von Elementen des Neuen, der Entwicklung, der Unruhe  in Dis‐ kursen  einerseits,2  im  Paradox  der  Subjektivierung,  das  stets  durch  die  Gleichzeitigkeit  von  Unterwerfung  und  Handlungsbefähigung  (statt  der  Vorgängigkeit der Unterwerfung) gekennzeichnet  ist, andererseits. Für die  Nutzung der Theorien  für eine  steuerungstheoretische Sicht  ist diese  (vor‐ sichtige)  Wiedereinführung  des  Subjekts  die  notwendige  Voraussetzung:  Ohne handelnde Subjekte ist der Begriff der Steuerung nicht sinnvoll.  Die wichtigste Gemeinsamkeit  der  hier  untersuchten  Theorien  liegt  in  der grundlegenden Rolle, die Diskursen für die bedeutungsvolle Wahrneh‐ mung  der Welt  zugeschrieben wird,3  und  deren  Zustandekommen  sowie  Wirkung Phänomene von Macht sind, die den Diskurs zu einem umkämpf‐ ten Terrain machen.4 Diskurs meint hier  also nicht  einfach nur die Benut‐ zung von Sprache (und bei Laclau und Mouffe ohnehin nicht nur Sprache,  s.u.), sondern die Konstitution von bedeutungsvollen Subjekten mit sprach‐ lichen (und auch nicht‐sprachlichen) Mitteln.5    2  Bei Foucault zu  finden  in der genealogischen Perspektive von „Überwachen und Strafen“  (Foucault 1994) und „Der Wille zum Wissen“ (Foucault 1992a), aber auch schon im viel ge‐ lesenen Werk „Die Ordnung des Diskurses“ (Foucault 2000); bei Laclau/Mouffe wird dieses  Element noch entscheidender (siehe unten).  3  Dieser weite Begriff schließt auch im Beitrag zu Steuerung durch Symbole im vorliegenden  Band diskutierte Anschlüsse etwa an Ernst Cassirer und Pierre Bourdieu mit ein – zu klären  ist dann aber insbesondere mit Bezug auf Laclau/Mouffe, ob die hermeneutische Sichtweise  dieser Autoren (und das Symbolverständnis des Beitrages) auch mit einer zeichentheoreti‐ schen Lesart zumindest kompatibel ist.  4   Zu Foucault bestehen allerdings auch etliche Unterschiede. Laclau (1993) selbst rechnet sich  und Mouffe dem Poststrukturalismus  zu,  grenzt diesen  jedoch  von  Foucault  explizit  ab:  Während ersterer zeichentheoretisch von den Debatten um  linguistischen Strukturalismus  zehrt und sich zum „post‐“  in erster Linie durch das Bestreiten der Möglichkeit eines ge‐ schlossenen Ganzen qualifiziert, gebraucht Foucault ein eigenes, nicht zeichentheoretisches  Instrumentarium. Man kann  für die Zwecke dieses Beitrags aber durchaus auch Foucault  dem Poststrukturalismus zurechnen.  5   Vgl. zu weniger sprachradikalen Herangehensweisen Alvesson und Karreman (2000).  30  Friedrich Arndt/Anna Richter  2.1. Intentionalität  Was die  für weiche Steuerung notwendige  Intentionalität6 betrifft, sind  für  die in diesem Beitrag untersuchten Theorien verschiedene Formen zu unter‐ scheiden:  Zunächst kann man eine bloß im Nachhinein festzustellende Intentiona‐ lität von Diskursen spezifizieren. Nach herkömmlichem Verständnis aus ei‐ ner akteurszentrierten Sichtweise ist diese gar keine Intentionalität. Sie wird  aber dann  interessant, wenn  sie  sehr wohl  einem handelnden  Individuum  zugeschrieben  wird,  dem  diese  Handlungsintention  aber  nicht  bewusst  und/oder transparent ist oder wenn die Diskurse auf eine durch die Indivi‐ duen hindurch wirkende,  aber nicht auf  sie  reduzierbare Logik  zurückzu‐ führen sind. Es sind zwei Unterformen möglich: eine anonym wirkende In‐ tentionalität von Diskursen (Strategien ohne Strategen im Sinne des „inten‐ tional, aber nicht  subjektiv“,  s.u. 3.; anonyme  Intentionalität) und eine un‐ bewusste Intentionalität. Nur die letzte wäre, da auf ein Subjekt zurückführ‐ bar, steuerungstheoretisch anschlussfähig.  In dieser Sichtweise wäre eine –  in  einem  umstrittenen Verhältnis  entwicklungspsychologisch, diskursiv  o‐ der  soziokulturell  vermittelte  –  Instanz  des Unbewussten  der Ort  der  In‐ tention,  so dass es  sich  sozusagen um eine  Intention  im Schatten des Sub‐ jekts handelt.  In dieser Richtung  ist zu  fragen,  inwiefern psychoanalytisch  beeinflusste Theorien dieses Verständnis auch für weiche Steuerung frucht‐ bar machen könnten (z.B. Butler 2001, Žižek 1999). Wir werden diesen Typ  von Intentionalität im vorliegenden Beitrag dennoch nicht weiter verfolgen,  da er dem herkömmlichen Verständnis von Steuerung zu wenig entspricht,  für welches eine „starke“ Version der subjektiven Intentionalität anschluss‐ fähiger erscheint (s.u. 5.).  Zu dieser  treten  zwei weitere Formen  subjektiver  Intentionalität hinzu.  Zum einen ist Widerstand (subversive Intention) gegen eine bestehende Dis‐ kursordnung möglich, da diese kein  totalitäres Zwangssystem  ist, sondern  als Wirkung von Macht im Sinne Foucaults Freiheit der Adressaten voraus‐ setzt bzw. in der Sprache Laclaus, da eine Schließung der diskursiven Ord‐ nung nicht dauerhaft möglich ist. Tritt diese Form von Intentionalität aller‐ dings nur als Widerstand auf, so ist sie rein reaktiv – die Grenzen jedoch zu  einer fließenden Umgestaltung vorgefundener diskursiver Formationen sind  nicht genau abzustecken.    6  In der zeitgenössischen Philosophie wird unterschieden zwischen „Intention“ und „Intenti‐ onalität“. Während  erstere – näher am Alltagsverständnis –  im Sinne von „Absicht“ ver‐ standen wird, so bezieht sich letztere auf die grundsätzliche Gerichtetheit auf etwas und ist  somit primär eine Kategorie der Philosophie des Geistes, nicht der praktischen Philosophie  (Blackburn 1996: 196). Im vorliegenden Text wird Intentionalität jedoch nur als die Tatsache  von Intentionen betreffend verstanden.  Steuerung durch diskursive Praktiken  31   Dies ist schließlich eine weitere Form subjektiver und bewusster Intentio‐ nalität, die allerdings nicht autonom entstanden  ist, sondern mit dem Sub‐ jekt durch Machtprozesse (Intention als Erneuerungsleistung in der diskur‐ siven Praxis). Das Subjekt  ist nicht unabhängig von  seinen Entstehungsbe‐ dingungen zu denken – wie aber auch gleichzeitig eben diese Entstehungs‐ bedingungen  nicht  unabhängig  von  handelnden  Subjekten  sind,  die  zu  Wandel beitragen und dies teilweise auch bewusst reflektieren können.7 Das  Element  des Neuen  und Kreativen,  das  die  Entwicklung  der  diskursiven  Ordnung nicht  immer weiter  lediglich  im Kreis  führt,  ist bei beiden unter‐ suchten Theorien nicht völlig transparent – es scheint sich jedoch so zu ver‐ halten, dass hier eine anthropologische Grundannahme  für Erneuerungsfä‐ higkeit versteckt  ist, die entweder wie bei Foucault  im Dreieck von Macht,  Freiheit und Subjekt zu finden ist oder aber wie bei Laclau/Mouffe eine de‐ zisionistische Richtung oder eine Lacansche Färbung durch das unrepräsen‐ tierbare Reale bekommt  (siehe dazu unter 3. und 4.).  In beiden Fällen han‐ delt  es  sich um  einen außerdiskursiven Faktor, ohne den das Soziale zum  Stillstand käme.8  2.2. Horizontalität  Das zweite Kriterium weicher Steuerung, die Horizontalität, ist, wie bereits  in der Einleitung gezeigt, kontextabhängig, d.h. horizontal  sind die Bezie‐ hungen von Steuerungssubjekt und Steuerungsobjekt notwendigerweise nur  in Bezug zum  jeweils zu steuernden Bereich – dies wird am Beispiel einer  transnationalen NGO und  einer  autokratischen Regierung deutlich, die  in  einer  Hinsicht  (z.B.  Umweltschutz)  eine  horizontale  Steuerungsleistung  erbringen  könnten  (in  beide Richtungen  denkbar),  aber  in  vielen  anderen  Bereichen in einem klar hierarchischen Verhältnis stehen (so ist etwa das Bü‐ ro der NGO  im Land der Hoheitsgewalt der Regierung unterworfen).9 Das  heißt, die Horizontalität bezieht sich nicht primär auf das Verhältnis der Ak‐ teure  untereinander,  sondern  auf  die Art  der  erfolgten Machtausübung.10  Dies kann analytisch sichtbar gemacht werden, indem die Art der möglichen    7  Die  theoretischen Grundlagen einer solchen Reflexivität sind weder bei Foucault noch bei  Laclau/Mouffe ausreichend entwickelt, so dass es vielversprechend erscheint, hier struktu‐ rierungstheoretische Überlegungen  hinzuzuziehen, wie  sie  etwa  bei  Bourdieu  zu  finden  sind.  8   Zu einer Sozialtheorie aus poststrukturalistischer Perspektive siehe Reckwitz (2004).  9  Vgl. dazu die Diskussion im Beitrag zu Steuerung durch Argumente im Abschnitt 2.1. Ho‐ rizontalität.  10   Würde man  sich  als Kriterium  für Horizontalität primär  auf das Verhältnis der Akteure  stützen, so bekäme man ein in der Anwendung eher ungenaues Mittel. Als Kriterium wür‐ de  sich dann die Umkehrbarkeit, das  Im‐Fluss‐Befindliche der Machtbeziehung anbieten,  doch gerade dies wäre empirisch schwer bis unmöglich nachzuweisen.  32  Friedrich Arndt/Anna Richter  Sanktionierung  des  Steuerungsadressaten  zum  wesentlichen  Unterschei‐ dungskriterium  gemacht wird.  In  der  Einleitung wird  hierarchische  Steu‐ erung dadurch  gekennzeichnet, dass  sie über  ein  institutionell  gesichertes  Sanktionspotential verfügt. Um das zu konkretisieren,  soll hier  im Folgen‐ den zwischen  formalen und  informalen Sanktionen unterschieden werden.  Bei formalen Sanktionen ist im Vorhinein genau festgelegt, auf welches Ver‐ halten von wem wie reagiert wird. In der vom alltäglichen Sprachgebrauch  abweichenden Verwendung des Sanktionsbegriffs in der Soziologie können  dies  nicht  nur  negative  Sanktionen  (Strafe  bzw. Androhung  einer  Strafe),  sondern auch positive Sanktionen (Anreize) sein  (Lautman 1994: 576; Lam‐ nek 1989: 555; Hillmann 1982: 661). Dadurch, dass dies festgelegt und aner‐ kannt  ist, besteht  zwischen dem potentiell Sanktionierenden und dem po‐ tentiell Sanktionierten ein hierarchisches Verhältnis. Dies ist der Fall klassi‐ scher, hierarchischer Steuerung. Bei  informalen Sanktionen dagegen  ist die  Reaktion nicht im Vorhinein festgelegt, also nicht mit Sicherheit zu erwarten  und daher  ist auch das Verhältnis der Akteure untereinander nicht bereits  festgelegt. Ebenso wenig ist festgelegt, wer auf welche Weise auf bestimmtes  Verhalten  reagiert. Weiche  Steuerung  ist  durch  das  Fehlen  von  formalen  Sanktionen  charakterisiert.  Der  Steuerungsakteur  kann  keine  vorher  be‐ stimmten formalen Sanktionen nutzen, sondern die weiche Steuerung wirkt  lediglich mit informalen Sanktionen.    In der Darstellung der Mechanismen weicher Steuerung, die in der Diskus‐ sion  Foucaults  und  Laclau/Mouffes  gegeben  wird,  werden  jeweils  drei  Merkmale  weicher  Steuerung  anzugeben  sein:  erstens  die  Art  der  Steu‐ erungsleistung, die potentiell erbracht wird, zweitens der Nachweis der Hori‐ zontalität des Mechanismus (als Abwesenheit formaler Sanktionen) und drit‐ tens der Typus von Intentionalität, der für diese Steuerungsleistung vorliegen  kann. Es  ist denkbar, dass  für bestimmte Steuerungsmechanismen mehrere  mögliche  Intentionstypen vorliegen –  schließt man  einen davon von vorn‐ herein aus, so ist zu prüfen, ob durch andere Intentionstypen nicht trotzdem  weiche Steuerung vorliegt: Ø unbewusste Intention und anonyme Intention (werden hier vernachläs‐ sigt); Ø Widerstand: subversive Intention; Ø Intention als Erneuerungsleistung in der diskursiven Praxis.  Unter  3. und  4. werden  zunächst die  für weiche Steuerung  erforderlichen  theoretischen Grundlagen der Autoren überblicksartig dargestellt und mit  ihren  theoretischen  Mitteln  identifizierbare  Mechanismen  weicher  Steu‐ erung vorgestellt. Am Schluss  (5.) werden die  identifizierten Mechanismen  nochmals systematisch nebeneinander gestellt. So wird die theoretische Ge‐ nese  der  weichen  Steuerung  durch  diskursive  Praktiken  transparent  und  Steuerung durch diskursive Praktiken  33   Einwände  lassen  sich  getrennt  sowohl  theorieintern  als  auch  systematisch  diskutieren.  3. Weiche Steuerung bei Foucault  Wird Steuerung als intentionale Machtausübung definiert, ist die Frage nach  der autonomen Handlungsfähigkeit der Subjekte zentral. Die Untersuchung  der Diskurs‐ und Machtkonzeptionen Foucaults im Hinblick auf Mechanis‐ men weicher Steuerung sind demnach nur dann sinnvoll, wenn ein, zumin‐ dest  in  gewissem Maße,  autonom handlungsfähiges  Subjekt vorausgesetzt  werden kann. Foucault betont in seinem frühen und mittleren Werk die Art  und Weise,  in der Subjekte von Diskursen und Machtbeziehungen hervor‐ gebracht und bestimmt werden. Die Möglichkeit eigenständigen Handelns  oder bewusster Beeinflussung von Diskursen oder Machtverhältnissen wird  entweder  abgelehnt  oder  nicht  thematisiert  (Foucault  1981,  1994).  Erst  in  seinem  Spätwerk  kommt  es  im  Zusammenhang  mit  der  Frage  nach  der  Selbstkonstitution  der  Subjekte  zu  einer  Aufwertung  des  Subjekts.  Diese  Aufwertung geht  einher mit  einer Veränderung der Machtkonzeption:  Im  Zusammenhang mit der Disziplinarmacht  scheinen  autonome Handlungs‐ möglichkeiten  der  Subjekte  zunächst  nicht  zu  existieren  (Foucault  1994).  Foucault  führt  dann  den  Widerstand  als  konstitutiven  Gegenpol  einer  Machtbeziehung, als „das nicht wegzudenkende Gegenüber“, ein (Foucault  1992a: 117). Dieser erscheint jedoch zunächst eher als eine Art mechanischer  Reaktion auf Machtausübung denn als  intentionale Handlung. Erst mit der  Betonung  der  Freiheit  als  Existenzbedingung  von Macht wird  autonomes  oder widerständiges Handeln plausibel (Foucault 1987: 256).  Hier  soll  nun  jene  Position  der  Foucaultinterpretation  stark  gemacht  werden, nach der sich Subjekte aufgrund ihrer Fähigkeit, Selbstbeziehungen  einzugehen, ein Stück weit von den konstitutiven Macht‐ und Diskursver‐ hältnissen distanzieren können und, da Macht nur zusammen mit Freiheit  existiert,  innerhalb von Machtbeziehungen  immer auch zu eigenständigem  Handeln fähig sind. Bevor also nun die unterschiedlichen Machtformen, die  Foucault mit seinen Diskurs‐ und Machtkonzepten erfasst, auf ihre Relevanz  bezüglich  Mechanismen  weicher  Steuerung  untersucht  werden,  soll  zu‐ nächst  eine Annäherung an den Subjektbegriff bei Foucault unternommen  werden. Dabei wird  deutlich,  dass  dieser  Begriff  im Werk  Foucaults  sich  zwar nicht grundlegend ändert, aber doch  in seinem Verhältnis zur Macht  unterschiedlich betont wird. Diese Verschiebung soll im nächsten Abschnitt  nachgezeichnet werden. Im darauf folgenden Abschnitt 3.2. werden die un‐ terschiedlichen von Foucault analysierten Machttypen von der Disziplinar‐ macht über die Bio‐Macht bis zur Regierungsmacht dargestellt. Im Abschnitt  3.3.  wird  der  zentrale  Begriff  des  Diskurses  in  seinen  unterschiedlichen  34  Friedrich Arndt/Anna Richter  Ausprägungen, der Archäologie und der Genealogie, sowie  in seinem Ver‐ hältnis  zu  Macht  und  Subjekt  untersucht.  Nach  der  Klärung  dieser  drei  grundlegenden  Begriffe  wird  im  Abschnitt  3.4.  anhand  der  Definitions‐ merkmale weicher Steuerung überprüft,  inwiefern die von Foucault aufge‐ zeigten Machtformen als weiche Steuerungsmechanismen gelten können.  3.1. Subjekt  In seinen frühen Schriften spricht Foucault vom Tod des Subjekts. Geschicht‐ liche Veränderungen  lassen  sich nicht durch  subjektive Erkenntnisse, Ent‐ scheidungen  oder  Handlungen  erklären,  sondern  allein  durch  diskursive  Transformationen  (Foucault  1981:  246).  Der  Diskurs  selbst  ist  nicht  Aus‐ druck bewusst handelnder Subjekte,  er  ist nicht  „die majestätisch  abgewi‐ ckelte Manifestation eines denkenden, erkennenden und es aussprechenden  Subjekts“, sondern ein Feld von Regelmäßigkeiten, die sich unabhängig von  Subjekten bilden  (Foucault 1981: 82). Damit  ist das Subjekt nicht mehr der  Ort, an dem sich Sinn‐ und Erfahrungsbildung vollzieht, sondern wird selbst  durch den Diskurs bestimmt, da Erfahrung und Erkenntnis immer abhängig  sind von den bestehenden Diskursen. Im Diskurs wird das Subjekt als empi‐ risches Objekt der Wissenschaft und zugleich als begründendes Subjekt der  Erkenntnis  überhaupt  erst  erzeugt. Diskursordnungen  sind  also  nicht  ur‐ sächlich auf das Bewusstsein oder gar die Intention von Subjekten zurückzu‐ führen, sondern bilden sich nach subjektlosen Regeln, die im Diskurs selber  liegen.   In  seiner  Analyse  der  Disziplinarmacht  zeigt  Foucault,  wie  Subjekte  durch unterschiedliche Techniken der Unterwerfung als gefügige und nütz‐ liche Individuen hervorgebracht werden (Foucault 1994). Er zeigt außerdem,  dass sich Macht und Wissen gegenseitig bedingen, dass durch Machtbezie‐ hungen Wissen konstituiert wird und Wissen gleichzeitig Machtbeziehun‐ gen voraussetzt und  erzeugt  (Foucault  1994:  39). Subjekte werden  also  in‐ nerhalb von komplexen Machtverhältnissen erzeugt, in denen es keine Mög‐ lichkeit  eigenständigen Handelns  zu  geben  scheint.  In der Weiterentwick‐ lung  seiner Machtkonzeption unterscheidet Foucault  zwischen Macht und  Gewalt:  Während  Gewalt  direkt  auf  den  Körper  gerichtet  ist  und  keine  Handlungsmöglichkeiten  offenlässt, definiert  Foucault Machtausübung  als  Handlungsweise, die  auf das Handeln  anderer  einwirkt und verschiedene  Reaktionen  zulässt.  Freiheit  wird  damit  zum  konstitutiven  Element  für  Machtbeziehungen: „Macht wird nur auf  ‚freie Subjekte’ ausgeübt und nur  sofern diese  ‚frei’  sind“  (Foucault 1987: 255). Freiheit wird damit zur Exis‐ tenzbedingung von Macht und überall, wo Macht ausgeübt wird,  ist auch  Freiheit.  Diese Macht,  die  auf  das Handeln  freier  Subjekte  einwirkt,  bezeichnet  Foucault mit dem Begriff der  „Führung“  (Foucault  1987:  255). Der Begriff  Steuerung durch diskursive Praktiken  35   der Führung hat  eine doppelte Bedeutung, da  er  sowohl Fremd‐  als  auch  Selbstführung beinhaltet. Durch die Einführung dieses Begriffs  ist nun die  Unterscheidung  zwischen  der  Führung  als  Einwirkung  anderer  und  als  Selbstführung eines Subjekts möglich. Wurden Subjekte bisher allein durch  das Zusammenwirken von Macht und Wissen konstituiert, kommt nun als  dritte Achse der Subjektivierung die Selbstführung hinzu. Die Freiheit und  die Möglichkeit der Selbstführung der Subjekte bilden nun den eigentlichen  Ort des Widerstandes.  Diese  im  Begriff  der  Führung  angelegte Möglichkeit  der  Subjekte,  auf  sich selbst einzuwirken, hat Foucault erst  in seinen  letzten selbst veröffent‐ lichten Bänden der  „Geschichte der  Sexualität“  (1991a;  1991b)  explizit  ge‐ macht. Hier geht  er der  Frage nach, durch welche Formen von  Selbstver‐ hältnissen sich Individuen als Subjekte konstituieren und erkennen können.  Es geht also um die Analyse dessen, „was als ‚das Subjekt’ bezeichnet wird“  (Foucault  1991a:  12). Diese Einwirkung der Subjekte  auf  sich  selbst unter‐ sucht  Foucault  anhand  von Praktiken, mit denen die Menschen  einerseits  die Regeln  ihres Verhaltens festlegen, die  ihnen aber andererseits die Mög‐ lichkeit geben, „sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein  zu  modifizieren“.  Diese  ethischen  oder  moralischen  Praktiken  bezeichnet  Foucault  auch  als  „Künste der Existenz“ oder  „Selbsttechniken“  (Foucault  1991a: 18). Durch diese Praktiken können Subjekte also auf sich selbst ein‐ wirken, sich selbst erkennen, sich vervollkommnen und transformieren.   Die Selbstkonstitution bildet damit zusammen mit Macht‐ und Diskurs‐ verhältnissen die drei Achsen der Erfahrung, durch die Subjekte konstituiert  werden bzw. sich selbst konstituieren.   „Was ich zeigen wollte, war, wie sich das Subjekt in der einen oder anderen determinierten  Form durch eine gewisse Menge von Praktiken, die Wahrheitsspiele, Machtpraktiken usw.  sind, selbst konstituiert als wahnsinniges oder als gesundes Subjekt, als delinquentes oder  als nicht delinquentes Subjekt“ (Foucault 1993: 18).   Hier beschreibt Foucault die Selbstkonstitution des wahnsinnigen oder de‐ linquenten Subjekts, die von Zwangspraktiken bestimmt wird. Das Subjekt,  das sich auf diese Weise konstituiert, bezeichnet er als passives, aber nicht  unfreies  Subjekt.  Am  Beispiel  der  Homosexualität  kann  dagegen  gezeigt  werden, wie  Prozesse  der  Subjektivierung,  die  von  den Zwangspraktiken  der Macht und des Wissens ausgingen, den Ausgangspunkt  für Strategien  des  Widerstands  bildeten,  indem  die  Betroffenen  begonnen  haben,  sich  selbst aktiv als homosexuelle Subjekte zu konstituieren. Hier handelt es sich  um eine aktive Selbstkonstitution, die den Ausgangspunkt des Widerstands  gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung bildet.  Es zeigt sich, dass das Subjekt bei Foucault keine Substanz  ist,  sondern  eine Form, die „weder vor allem noch  immer mit  sich  selbst  identisch“  ist  (Foucault 1993: 18). Eine essentialistische Auffassung von Subjekten und ih‐ 36  Friedrich Arndt/Anna Richter  rer Identität wird demnach abgelehnt. Subjekte werden durch soziale Prak‐ tiken hervorgebracht, welche stets einen Machtbezug aufweisen. Die Macht‐ bestimmtheit der  Subjekte  ist damit  einerseits  immer vorhanden,  anderer‐ seits nie vollkommen determinierend. Subjektivität lässt sich also weder auf  Macht‐ und Herrschaftsverhältnisse reduzieren, noch  ist von einem reinen,  sich unmittelbar selbst gegebenen Subjekt auszugehen. Durch die Wechsel‐ wirkungen von Macht‐ und Selbstverhältnissen konstituieren sich subjektive  Identitäten auf vielfältige Weise stets aufs Neue (vgl. Kögler 2004: 193f).  Zusammenfassend  lässt  sich  sagen, dass  Subjekte durch die herrschen‐ den Machtbeziehungen nicht vollständig determiniert  sind,  sondern durch  Selbstpraktiken und Selbstbeziehungen die Möglichkeit haben,  frei und ei‐ genständig zu handeln. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine absolute  Freiheit,  sondern  es  ist die  Freiheit des Widerstands, die durch die  beste‐ henden Machtbeziehungen  geformt  ist.  Für  die  Frage  nach weicher  Steu‐ erung  kann  festgehalten  werden,  dass  die  Subjekte  Foucaults  intentional  handlungsfähig  sind,  auch  wenn  diese  Handlungsfähigkeit  auf  anderen  Formen der Subjektivität beruht als in der klassischen Handlungstheorie.  3.2. Macht  Foucault unterscheidet zwischen verschiedenen Machttypen, die in der Ge‐ schichte zu unterschiedlichen Zeiten wirksam sind. Macht hat demnach kei‐ ne feste Form, sie kann sich stets verändern und tritt in Form unterschiedli‐ cher Technologien auf. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich nach Foucault ein  neuer Machttyp  entwickelt, den  er  als  „strategisch‐produktive“ Macht  be‐ zeichnet. Diese  grenzt  er  ab  von  der  vorher  vorherrschenden  juridischen  Macht, welche als historisch an feudal‐absolutistische Gesellschaften gekop‐ pelt angesehen wird (Foucault 1999: 172‐186). Die moderne Macht setzt sich  zusammen  mit  der  Herausbildung  der  bürgerlich‐kapitalistischen  Gesell‐ schaft durch.   Foucault versucht die moderne Macht in einer aufsteigenden Analyse zu  erfassen, die von den kleinen, alltäglichen Machtmechanismen ausgeht, von  den Erscheinungen, Techniken und Verfahren der Macht, die  auf den un‐ tersten Ebenen wirksam sind. Von da aus soll gezeigt werden, wie diese Ver‐ fahren  sich  verlagern,  ausweiten  und  verändern  und wie  sich  allgemeine  Machtformen und ökonomische Vorteile in das Spiel dieser zugleich relativ  autonomen und unendlich kleinen Technologien der Macht  einfügen kön‐ nen (Foucault 1978: 83f). Die moderne Macht ist demnach horizontal, dezen‐ tral und allgegenwärtig. Sie geht nicht von einem oder mehreren bestimm‐ ten Punkten in der Gesellschaft aus, sondern sie kommt von überall her aus  den feinsten Verästelungen der Gesellschaft.  Die Macht  ist  produktiv  und  nicht  repressiv.  Sie  lastet  nicht  als  nein‐ sagende Gewalt auf den Menschen, sondern durchdringt die Körper, produ‐ Steuerung durch diskursive Praktiken  37   ziert Dinge und Diskurse, bringt Wissen hervor, verursacht Lust und konsti‐ tuiert damit sowohl Subjekte als auch Gesellschaft (Foucault 1978: 35). Fou‐ cault gebraucht also einen Begriff der Macht, „der viele einzelne, definierba‐ re und definierte Mechanismen abdeckt, die in der Lage scheinen, Verhalten  oder Diskurse zu induzieren“ (Foucault 1992b: 32).  Die Durchsetzung der Disziplinarmacht  als  spezifische Form moderner  Macht zeigt Foucault (1994) in „Überwachen und Strafen“ exemplarisch an‐ hand der Geschichte des Gefängnisses. Das Gefängnis hat deshalb beispiel‐ hafte Bedeutung, da  sich hier eine Machtform materialisiert, die ebenso  in  anderen  gesellschaftlichen  Institutionen wie  Schule, Armee,  Fabrik,  Spital  usw. zur Anwendung kommt.11 In den hier wirkenden Mikropraktiken der  Macht wird das  Individuum  über  den Körper  abgerichtet  und  überhaupt  erst als Individuum produziert. Durch Strukturierung und Konformisierung  von Körperverhalten werden bestimmte Verhaltensweisen und  Individual‐ typen erzeugt (Foucault 1994: 250). Die Disziplinarmacht kann zwar mit Re‐ pression einhergehen, dennoch betont Foucault  ihren produktiven Charak‐ ter: Sie wirkt nicht  in erster Linie unterdrückend, sondern hervorbringend,  sie steigert die Fähigkeiten der Individuen. Der Mensch wird durch die Dis‐ ziplinierung als nützlicher und gefügiger Körper produziert (Foucault 1994:  176). Das geschieht durch Überwachung, Überprüfung und Beurteilung, die  in den verschiedenen Institutionen ausgeübt werden. Die Disziplinarmecha‐ nismen weiten  sich aus, da  sich einerseits die Disziplinarinstitutionen ver‐ vielfältigen, andererseits die Mechanismen dazu tendieren, sich über die In‐ stitutionen hinaus auszubreiten (Foucault 1994: 271f).  Es  besteht  ein  enger  Zusammenhang  zwischen  den  nicht‐diskursiven  Praktiken der Disziplinierung und den diskursiven Praktiken der Wissen‐ schaft. Die auf den Körper gerichtete Disziplinarmacht ermöglicht den Hu‐ manwissenschaften ein präzises Wissen über den Menschen. Auf der ande‐ ren Seite wird das vielfältige Wissen über die „Funktionsweise“ des Men‐ schen von der Macht genutzt. Es geht also einerseits um die Unterwerfung  und  Nutzbarmachung,  andererseits  um  Funktionen  und  Erklärung  des  menschlichen Körpers. Der „analysierbare Körper“ wird hier mit dem „ma‐ nipulierbaren Körper“ verknüpft  (Foucault 1994: 174f). Auf diesen Zusam‐ menhang von Macht und Wissen wird im Abschnitt 3.3. weiter eingegangen.   Die Bio‐Macht  tritt als weitere Machttechnologie neben der Disziplinar‐ macht auf und löst diese teilweise ab. Sie integriert, modifiziert und benutzt  sie,  vollzieht  sich  aber  in  Form  von  bevölkerungspolitischen Maßnahmen  auf der Ebene der gesamten Bevölkerung. Sie  zielt  auf Probleme, die  auf‐ grund  der  ökonomisch‐soziobiologisch‐demographischen  Veränderungen    11  Als Untersuchungsgegenstand kommt dem Gefängnis deshalb eine Schlüsselrolle zu, weil  es neben der beispielhaften Bedeutung auch eine besondere Stellung einnimmt, da es alle  Facetten der Disziplinartechnologie umfasst (Lemke 1997: 89).  38  Friedrich Arndt/Anna Richter  des 18./19. Jahrhunderts auftraten, wie die öffentliche Hygiene und Gesund‐ heit, die Wanderung der Armen sowie die Schwankungen der Geburtenra‐ ten und Sterbeziffern. Ihre Mittel sind Regulierung und Kontrolle (Foucault  1992a: 166; 1999: 185). Foucault beschreibt die Disziplinen des Körpers und  die Regulierung der Bevölkerung als die beiden Pole, um die herum sich die  moderne Macht organisiert hat. Diese „Macht zum Leben“  ist eine positive  und produktive Macht, die auf das Leben  in  seinen konkreten Funktionen  gerichtet  ist.  Sie  „ist  dazu  bestimmt, Kräfte  hervorzubringen, wachsen  zu  lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernich‐ ten“ (Foucault 1992a: 163). Eine Macht, die das Leben zu sichern hat, bedarf  fortlaufender,  regulierender und korrigierender Maßnahmen,  sie muss das  Lebende  in einem Bereich von Wert und Nutzen organisieren. Um dies zu  erreichen, wird das Subjekt an der Norm ausgerichtet (Foucault 1992a: 171f).  Eine  an  der Norm  ausgerichtete Gesellschaft  benötigt  ein Überwachungs‐  und Kontrollsystem,   „eine  unaufhörliche  Sichtbarkeit  und  permanente  Klassifizierung,  Hierarchisierung  und  Qualifizierung der  Individuen  anhand von diagnostischen Grenzwerten. Die Norm wird  zum Kriterium, nach dem die Individuen sortiert werden“ (Foucault 1976: 72).  Allerdings grenzt Foucault diese disziplinäre Normierung später ab von der  Normalisierung,  die  von  den Dispositiven  der  Sicherheit  ausgehen. Diese  Sicherheitsdispositive  gehen  genealogisch  aus  den  Technologien  und Me‐ chanismen der Bio‐Macht hervor (Kahl 2004: 133). Im Gegensatz zur Diszip‐ linarmacht, welche die Norm präskriptiv voraussetzt und versucht, die  In‐ dividuen nach diesen Vorgaben auszurichten und anzupassen bzw. anhand  solcher Normen zwischen normal und unnormal, geeignet und ungeeignet  zu unterscheiden,  ist der Ausgangspunkt des Sicherheitssystems das empi‐ risch Normale, das als Norm dient. Die Realität selbst wird so als Norm ge‐ nommen. Die absolute Grenzziehung zwischen Erlaubtem und Verbotenem  entfällt, stattdessen wird ein optimales Mittel aus einer Bandbreite von Vari‐ ationen spezifiziert (Foucault 2006: 98; Lemke 1997: 134‐139).  Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Subjekt wurde der Begriff  der Führung bereits angesprochen. Foucault führt diesen Begriff als Problem  der Regierung „fast unbemerkt“ ein (Kögler 2004: 148). Der Begriff der Re‐ gierung bezeichnet eine Form der Macht, die auf das Bewusstsein und damit  auf  die  Selbstkonstitution  der  Subjekte  zielt.  Die  Ausübung  der  Regie‐ rungsmacht besteht  im  „Führen der Führungen und  in der  Schaffung der  Wahrscheinlichkeit“  (Foucault  1987:  255). Die  Führung  der  Subjekte wird  also mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft:   „In der weiten Bedeutung des Wortes  ist Regierung nicht eine Weise, Menschen zu zwin‐ gen, das zu tun, was der Regierende will; vielmehr ist sie immer ein bewegliches Gleichge‐ wicht mit Ergänzungen und Konflikten zwischen Techniken, die Zwang sicherstellen, und  Steuerung durch diskursive Praktiken  39   Prozessen, durch die das Selbst durch sich selbst konstruiert oder modifiziert wird“ (Fou‐ cault 1993: 103f, zit. nach Lemke 1997: 264).  Regierung kann  in diesem Zusammenhang also verstanden werden als Er‐ findung und Förderung von Selbsttechnologien, die an bestimmte Ziele ge‐ koppelt sind bzw. als die Integration von Praktiken der Selbstführung in be‐ stehende Machtverhältnisse. Die Herrschaft über  sich wird zur Bedingung  für die Führung anderer. Durch Selbstpraktiken werden  Inhalte oder Ziele  der Regierungsmacht verinnerlicht.   „Machtausübung bezeichnet nicht einfach ein Verhältnis zwischen  individuellen oder kol‐ lektiven  Partnern,  sondern  die Wirkungsweise  gewisser Handlungen,  die  andere  verän‐ dern“ (Foucault 1987: 254).  Da Foucault in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen Macht  und Gewalt einerseits  (siehe Abschnitt 3.1. Subjekt) und Macht und Über‐ einkunft andererseits einführt, wird die Freiheit zu einem konstitutiven E‐ lement innerhalb von Machtbeziehungen.12 Außerdem unterscheidet er nun  zwischen Macht und Herrschaft: Machtbeziehungen  finden  sich überall  in  der Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen und  in verschiedener Form. Es  sind bewegliche, instabile und umkehrbare Beziehungen (Foucault 1993: 19).  In  Herrschaftszuständen  sind  diese  Machtbeziehungen  erstarrt  und  blo‐ ckiert. Sie kommen zustande, wenn  es  einer gesellschaftlichen Gruppe ge‐ lingt, eine dauerhafte Asymmetrie der Machtverhältnisse zu etablieren. Die‐ se Herrschaftszustände werden mit Hilfe  von  Regierungstechnologien  er‐ richtet und  aufrechterhalten.  In diesem Sinne bildet der Regierungsbegriff  bzw.  der  Begriff  der  Regierungstechnologien  eine  Scharnierfunktion  zwi‐ schen den  strategischen Spielen der Macht und den Herrschaftszuständen  (Foucault 1993: 26f).   Das von Foucault entwickelte Konzept der Macht ist in seiner Komplexi‐ tät nur  zu verstehen, wenn der Begriff des Diskurses  angemessen berück‐ sichtigt wird. Bevor nun also die Frage gestellt werden kann,  inwiefern die  unterschiedlichen  Machtformen  als  Mechanismen weicher  Steuerung  ver‐ standen werden können, muss zunächst der Begriff des Diskurses bei Fou‐ cault geklärt werden.  3.3. Diskurs  Der Begriff des Diskurses steht im Zentrum der Foucault’schen Analyse. Er  steht in einem engen Zusammenhang mit den Begriffen Macht, Wissen und  Wahrheit.  Dabei  unterliegt  seine  Konzeption  und  Blickrichtung  gewissen    12   Macht  ist  nicht Ausdruck  eines Konsenses, wie  die Übereinkunft,  sie  schließt  aber  auch  nicht alle Möglichkeiten aus, wie die Gewalt, sondern erkennt den anderen als „Subjekt des  Handelns“ bis zuletzt an und eröffnet ein Feld von Möglichkeiten (Foucault 1987: 254).  40  Friedrich Arndt/Anna Richter  Veränderungen:  Sollen  zunächst  mit  Hilfe  des  Diskursbegriffs  die  wahr‐ heitskonstitutiven Geltungskriterien von Wissen aufgedeckt werden,13 geht  es später vor allem um das Verhältnis von Macht und Wissen,14 welches im  Diskurs zum Ausdruck kommt.  Anders als bei Jürgen Habermas ist der Diskurs bei Foucault keine Kom‐ munikationsform  und  zielt  nicht  auf  eine  normativ‐ethische  Dimension  (Schrage  1999:  63). Vielmehr  definiert  Foucault Diskurse  als  „eine Menge  von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“ (Foucault  1981: 156).   Bei den Diskursen Foucaults handelt es sich  in erster Linie um sprachli‐ che Praktiken, die sich  jedoch in Gegenständen, Subjektivität oder Instituti‐ onen  materialisieren.  Dementsprechend  betont  Foucault  die  „Materialität  der Diskurse“ (Foucault 1981: 74). Neben dem Diskursbegriff führt Foucault  den  Begriff  des  Dispositivs  ein,  der  sowohl  sprachliche  als  auch  nicht‐ sprachliche  Elemente  umfasst  und  der  die Untersuchung  der Zusammen‐ hänge  zwischen  diskursiven Wissensformationen  und Machtpraktiken  er‐ möglichen  soll. Auch hier bleibt  jedoch die Unterscheidung  zwischen dis‐ kursiven und nicht‐diskursiven Praktiken ungenau (Foucault 1978: 119‐125).  Im  Folgenden werden  diskursive Praktiken  als  sprachliche Praktiken  ver‐ standen, die jedoch immer im Zusammenhang stehen mit nicht‐diskursiven  Praktiken wie z.B. institutionellen Abläufen, medizinischen Untersuchungs‐ praktiken oder Kontrollpraktiken.  In der „Archäologie des Wissens“ geht Foucault (1981) von einer diskur‐ siven Autonomie aus. Diskurse werden hier als übersubjektive Praxis aufge‐ fasst, die sich nach einem inhärenten Regelsystem bilden. Zwar sind Subjek‐ te Träger des Diskurses, sie haben  jedoch nicht die Möglichkeit oder Fähig‐ keit, diesen aktiv zu beeinflussen. Im Gegenteil wird allen Subjekten, die in  diesem diskursiven Feld sprechen, durch die spezifischen diskursiven For‐ mationsregeln uniforme Anonymität auferlegt  (Foucault 1981: 92). Die For‐ mation und Transformation der Diskurse vollzieht sich also autonom.   Foucault erweitert seine Perspektive auf den Diskurs um die Dimension  der Macht und bezieht so soziale Praktiken als Bestimmungsfaktor für Dis‐ kurse  in  seine  Analysen  ein.  In  „Die  Ordnung  des  Diskurses“  (Foucault  2000)  beschreibt  er  sowohl  inner‐  als  auch  außerdiskursive Mechanismen  und Instanzen, welche die Ordnung der Diskurse bestimmen. Interessant ist,  dass durch diese Annahme die Formationsregeln nicht mehr ausschließlich  im Diskurs selbst ruhen, sondern eine dem Diskurs äußerliche Macht hinzu‐ kommt, die ihn durch Kontrolle reglementiert (vgl. Seier 1999: 79).     13  Foucault (1981) bezeichnet dies als „Archäologie des Wissens“.  14  Die Untersuchung dieses Verhältnisses nennt Foucault (2000) „Genealogie“.  Steuerung durch diskursive Praktiken  41   Die Verbindung von Macht und Wissen in Diskursen lässt sich auf unter‐ schiedlichen Ebenen untersuchen. Erstens kann man davon ausgehen, dass  Diskurse Machtwirkungen haben, da sie Gegenstände  in einer spezifischen  und systematischen Weise hervorbringen und diese so  für die Betrachtung  und Erfahrung überhaupt erst zugänglich machen. Wenn auch nicht explizit  formuliert, wird diese Art der Machtwirkung in der „Archäologie des Wis‐ sens“ aufgezeigt (Foucault 1981: 74).   Zweitens ist die Produktion von wissenschaftlichem Wissen, welches sich  im Diskurs organisiert, mit gesellschaftlichen Machtpraktiken verbunden. Es  gibt  „keine Machtbeziehung  [...],  ohne  dass  sich  ein  entsprechendes Wis‐ sensfeld  konstituiert,  und  kein Wissen,  das  nicht  gleichzeitig Machtbezie‐ hungen  voraussetzt  und  konstituiert“  (Foucault  1994:  39).  Die Ausübung  von Macht, so Foucault, bringe Wissen hervor. So entstand z.B. das Wissen  über den menschlichen Körper aus einer Gesamtheit von Disziplinarinstitu‐ tionen wie Gefängnis,  Schule, Armee, Fabrik und  Spital,  in denen,  ausge‐ hend  von  einer Macht  über den Körper,  organisches  und  physiologisches  Wissen möglich wurde  (Foucault  1976:  94). Wichtig  ist dabei  festzuhalten,  dass das Verhältnis von Macht und Wissen ein wechselseitiges Erzeugungs‐ verhältnis ist. Es handelt sich weder um ein Kausalverhältnis, in dem eines  vom anderen aus erklärt werden könnte, noch kann eines auf das andere re‐ duziert werden (vgl. Kahl 2004: 68f).  Drittens hat  jedes Wissen Machteffekte. Ebenso wie durch Machtprakti‐ ken  Wissen  hervorgebracht  wird,  konstituiert  Wissen  Machtverhältnisse.  Foucault definiert Wissen als „Erkenntnisverfahren und ‐wirkungen […], die  in einem bestimmten Moment und  in einem bestimmten Gebiet akzeptabel  sind“ (Foucault 1992b: 32). Als Wissen gilt also das, was in einer Gesellschaft  als  „das Wahre“ Geltung  hat. Wahrheitswirkungen  entstehen  im  Inneren  der Diskurse. Sie sind  jedoch in sich weder wahr noch falsch, sondern „das  Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und  das Wahre mit  spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird“  (Foucault  1978: 53). Wahrheit wird also durch machtvolle Prozesse der Ein‐ und Aus‐ schließung  von Wissen  erzeugt. Anders  gesagt wird Wahrheit  durch  den  Ausschluss  von  Wissen  produziert,  der  aufgrund  von  gesellschaftlichen  Machtverhältnissen durchgeführt wird. Foucault  spricht  in diesem Zusam‐ menhang auch von einer „allgemeinen Politik“ oder der „politischen Öko‐ nomie“ der Wahrheit, die jede Gesellschaft habe,   „d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse  funktionieren  lässt; es  gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aus‐ sagen ermöglichen und den Modus  festlegen,  in dem die einen oder anderen sanktioniert  werden; es gibt bevorzugte Techniken und Verfahren zur Wahrheitsfindung; es gibt einen  Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht“ (Foucault 1978:  51).   42  Friedrich Arndt/Anna Richter  Auf diese Weise wird Wissen  erst  zu  gesellschaftlich wirksamem Wissen,  also zur Wahrheit. Foucault geht davon aus, dass der „Wille zur Wahrheit“,  der die westlichen Gesellschaften seit dem Mittelalter durchdringt „der Wis‐ senschaft [Machteffekte] verliehen und jenen vorbehalten hat, die einen wis‐ senschaftlichen Diskurs  führen“  (Foucault  2001:  25). Der wissenschaftliche  Diskurs  führt Machtwirkungen mit sich und  treibt sie voran,  indem er die  Subjekte beurteilt, verurteilt, klassifiziert und zu Handlungen zwingt, und  ihnen  eine  bestimmte  Art  zu  leben  oder  zu  sterben  entsprechend  seiner  Wahrheit auferlegt (Foucault 2001: 39). Er wirkt also direkt auf das Verhal‐ ten und das Handeln der Subjekte.   Durch den Zusammenhang zwischen Wissen, Macht und Diskursen, sind  die Diskurse nicht mehr hermetisch abgeschlossen,  sondern  stehen nun  in  einem wechselseitigen Erzeugungsverhältnis mit  gesellschaftlichen Macht‐ praktiken.  Durch  seine  Beweglichkeit  kann  der  Diskurs,  der  einerseits  Machtverhältnisse  produziert,  befördert  und  verstärkt,  sich  dieser  Macht  auch  entgegenstellen,  sie  unterminieren  oder  aufhalten  (Foucault  1992a:  122). Nimmt man nun die oben dargestellte autonome Handlungsfähigkeit  der Subjekte ernst, so muss man davon ausgehen, dass Diskurse auch durch  subjektives Handeln  beeinflusst werden  können,  auch wenn  Foucault das  nicht  explizit  formuliert.  Entsprechend  kann  nun  im  folgenden Abschnitt  nach Formen weicher Steuerung durch diskursive Praktiken  im Anschluss  an die Macht‐ und Diskurskonzepte Foucaults gefragt werden.  3.4. Steuerungsmechanismen  Im  Folgenden  sollen  die  von  Foucault  aufgezeigten Machtformen  zusam‐ mengefasst werden. Anhand der Definitionsmerkmale weicher Steuerung –  Intentionalität und Horizontalität –  soll überprüft werden,  inwiefern diese  Machtformen als Mechanismen weicher Steuerung aufgefasst werden kön‐ nen. Dabei soll zwischen den unter 2.1. dargestellten anonymen, unbewuss‐ ten,  subversiven  und  erneuernden  Intentionen  unterschieden werden. Als  horizontal  gilt  die  Machtausübung,  wenn  sie  ohne  den  Einsatz  formaler  Sanktionen wirksam ist.  3.4.1. Wahrheitskonstitution durch Diskursmacht und Diskurskontrolle  Die Regeln der Diskurskontrolle, die Foucault  (2000)  in „Die Ordnung des  Diskurses“  beschreibt,  stellen  die  „allgemeine  Politik  der  Wahrheit“  dar,  nach denen  in einer Gesellschaft Wahrheit produziert wird  (Foucault 1978:  51). Diese Regeln der Diskurskontrolle stellen machtvolle Prozesse der Ein‐  und Ausschließung von Wissen dar. Durch diese Prozesse wird die Wahr‐ heit  mit  „spezifischen  Machtwirkungen  ausgestattet“  (Foucault  1978:  53).  Gleichzeitig geht Foucault davon aus, dass Macht nur über die Produktion  Steuerung durch diskursive Praktiken  43   von  Wahrheit  ausgeübt  werden  kann.  Machtbeziehungen  funktionieren  durch die Produktion, Akkumulation und Zirkulation des wahren Diskurses  (Foucault 2001: 38).  In den westlichen Gesellschaften wird die Wahrheit  in  wissenschaftlichen Diskursen produziert  (Foucault  1978:  52,  2000:  16). Die  Regeln der Diskurskontrolle  sind hier demnach  in  erster Linie die  spezifi‐ schen  Regeln,  nach  denen  wissenschaftliches  Wissen  hervorgebracht  und  organisiert wird. Im wissenschaftlichen Diskurs wird also Wissen hervorge‐ bracht und mit Wahrheit  ausgestattet.15 Dieses mit Wahrheit  ausgestattete  Wissen findet auch Eingang in den politischen Diskurs, in dem der Zustand  der Gesellschaft, ihre Probleme sowie die möglichen Lösungswege definiert  werden.   Die Machtwirkungen, die von der Wahrheit ausgehen, beruhen  erstens  darauf, dass durch die Konstitution von Wahrheit anderes Wissen als falsch  ausgeschlossen  wird.  Zweitens  konstituieren  sich  Subjekte  innerhalb  von  „Wahrheitsspielen“  (Foucault  1993:  23) und handeln  entsprechend der be‐ stehenden Wahrheit. Damit  lassen sich zwei unterschiedliche Machtmecha‐ nismen der Wahrheitskonstitution durch Diskursmacht und Diskurskontrol‐ le unterscheiden.  Erstens werden durch die Regeln der Diskurskontrolle spezifische Wahr‐ heitsbereiche  geschaffen,  wodurch  anderes  Wissen  vom  Diskurs  ausge‐ schlossen wird. Zum Zwecke der Steuerung können diese Kontrollmecha‐ nismen,  nach  denen  wissenschaftliche  oder  politische  Wahrheit  erzeugt  wird, verändert werden. Zweitens  können diese Wahrheiten oder wahren  Diskurse intentional eingesetzt werden und so das Handeln der Subjekte be‐ einflussen. Beide Machtmechanismen  können  intentional  im  Sinne der  In‐ tention  als  Erneuerungsleistung  in  der  diskursiven  Praxis  aufgefasst wer‐ den. Sie sollen nun anhand unterschiedlicher Beispiele erläutert werden.  (1) Wissenschaftlicher Diskurs: Als  Beispiel  für  die  Errichtung  spezifi‐ scher Regeln, nach denen  im wissenschaftlichen Diskurs Wahrheit erzeugt  wird, soll hier die Methode der evidenzbasierten Medizin (EbM) angeführt  werden.16 Holmes et al. (2006) zeigen, dass die Bewegung der evidenzbasier‐ ten  Medizin  und  die  mit  ihr  verbundenen  Methoden  medizinischer  For‐ schung weder den Fortschritt noch die natürliche Entwicklung der medizi‐   15   Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Frage, inwiefern und mit welchen Kon‐ sequenzen die Funktion der Wahrheitserzeugung, die Foucault  in den westlichen Gesell‐ schaften dem wissenschaftlichen Diskurs zuschreibt, auch durch andere Diskurse (wie z.B.  religiöse Diskurse) erfüllt werden kann.   16   Evidenzbasierte Medizin  ist  eine  in den  neunziger  Jahren  entwickelte Methode  ,  bei der  Entscheidungen zur Behandlung von Patienten ausdrücklich auf der Basis der „besten zur  Verfügung stehenden Daten“ getroffen werden sollen (Deutsches Netzwerk Evidenzbasier‐ te Medizin e.V. 2008). Diese Daten liefern randomisierte, kontrollierte klinische Studien und  besonders systematische Übersichten dieser Studien (Sackett et al. 1997: 645). Medizinische  Studien werden dafür entsprechend der EbM‐Kriterien bewertet.   44  Friedrich Arndt/Anna Richter  nischen Wissenschaft  spiegeln. Vielmehr wird  nachgewiesen,  dass  es  sich  hier um einen gewollten Prozess handelt, in dem die EbM als „Wahrheitsre‐ gime“ etabliert, und damit andere Forschungsmethoden und anderes Wis‐ sen ausgeschlossen werden (Holmes et al. 2006: 180).   „Consequently, EBHS  [evidence‐based health  sciences]  comes  to be widely  considered as  the truth. When only one method of knowledge production is promoted and validated, the  implication is, that health sciences are gradually reduced to EBHS. Indeed, the legitimacy of  health sciences knowledge that is not based on specific research designs comes to be ques‐ tioned if not dismissed altogether” (Holmes et al. 2006: 181).  Die EbM und die ihr zugrunde liegenden Methoden können also als spezifi‐ sche  Regeln  der Diskurskontrolle  angesehen werden, mit  deren Hilfe  be‐ stimmte Aussagen als „wahr” klassifiziert werden, während gleichzeitig an‐ dere Aussagen und anderes Wissen disqualifiziert und ausgeschlossen wer‐ den. Das Beispiel zeigt, dass Regeln der Diskurskontrolle in Form von wis‐ senschaftlichen Forschungsansätzen und den dazugehörigen Methoden  in‐ tendierte Prozesse sind, die horizontal durchgesetzt werden, da ihre Durch‐ setzung nicht durch formale Sanktionen abgesichert wurde. Da es sich nicht  allein um die Reproduktion, sondern um die Veränderung bestehender oder  Erfindung neuer Forschungsansätze handelt, kann die Errichtung oder Ver‐ änderung von Regeln der Diskurskontrolle als Mechanismus weicher Steu‐ erung verstanden werden.  Durch  den  Diskurs  der  evidenzbasierten  Medizin  werden  zweitens  „Wahrheiten“ oder  „Bereiche des Wahren“ geschaffen, die dann  ihrerseits  wiederum Machtwirkungen erzeugen. So wird in dem oben zitierten Artikel  gezeigt, wie  politische  Entscheidungen  aufgrund der  Ergebnisse  der  EbM  durchgesetzt  werden  konnten  (Holmes  et  al.  2006:  181).  Diese  Form  der  Machtausübung  kann  als  Steuerung  verstanden  werden,  da  bestimmte  Wahrheiten  intentional  eingesetzt  werden,  um  bestimmte  Ziele  zu  errei‐ chen.17 Da jedoch niemand durch formale Sanktionen dazu gebracht werden  kann, diese Wahrheiten zu glauben und dementsprechend zu handeln, son‐ dern lediglich informale Sanktionen des Ausschlusses drohen bzw. Anreize  bestehen, entsprechend dieser Wahrheit zu handeln,  ist es eine horizontale  Art der Steuerung. Folglich  ist die Konstitution von Wahrheit zur Diskurs‐ strukturierung ein Mechanismus weicher Steuerung.  (2) Politischer Diskurs: Im politischen Diskurs wird ein allgemeingültiges  Wissen als Wahrheit über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft kon‐ stituiert. Dieses Wissen entsteht durch Statistiken und Umfragen einerseits,  andererseits durch Aufnahme wissenschaftlicher Diskurse in den politischen    17   Hier geht es nicht um die Frage des tatsächlichen Wahrheitsgehalts und auch nicht darum,  bestimmte Wahrheiten als Ideologie zu entlarven. Es geht vielmehr um die Machtwirkun‐ gen, die mit dem Einsatz wissenschaftlicher Wahrheiten erzielt werden können.  Steuerung durch diskursive Praktiken  45   Diskurs, wobei  diese  durch  die  Integration  verändert werden.18  Letzteres  kann  auf  verschiedenen Wegen  geschehen: direkt, durch den Einsatz  von  Expertenkommissionen  oder  die  Erstellung  von  Studien  zu  bestimmten  Problemfeldern, oder eher  indirekt, durch wissenschaftlich erzeugte Wahr‐ heiten, die gesellschaftlich wirksam werden.   Diese Situationsdefinition wirkt einerseits auf politische Funktionsträger,  in  dem  erstens  bestimmte  Dinge  problematisiert  werden  und  dadurch  Handlungsdruck  erzeugt  wird,  zweitens  werden  die  Bereiche  möglicher  Handlungen  oder  Interventionen  strukturiert  und  begrenzt.  Andererseits  wirkt die Situationsdefinition selbst bereits handlungsstrukturierend auf die  Steuerungsadressaten,  indem bestimmte Handlungen  ermöglicht oder  ein‐ geschränkt werden. Wenn die Steuerungsadressaten eine bestimmte Wahr‐ heit als Wahrheit akzeptieren,  ist davon auszugehen, dass  sie  ihre Verhal‐ tensformen und Handlungsziele dementsprechend ausrichten. Befehle und  Zwang  können  so  hinter  den  Gesetzmäßigkeiten  der  Wahrheit  und  der  Notwendigkeit ihrer Imperative zurücktreten und werden überflüssig. Hier  handelt es sich um einen Mechanismus weicher Steuerung, da Subjekte Wis‐ sen und Wahrheit gezielt einsetzen, um den Diskurs und damit das Handeln  oder Verhalten der Steuerungsadressaten zu beeinflussen  (Intention als Er‐ neuerungsleistung). Da Diskurse nie ausschließlich durch  formale Sanktio‐ nen bestimmt werden können (Versuche dazu lassen sich in  jedem totalitä‐ ren Regime  nachweisen),  sondern  aus  unterschiedlichen Aussagen  entste‐ hen, die den jeweils gültigen Formationsregeln entsprechen müssen, ist die‐ se Form der Steuerung, die darauf zielt, den politischen Diskurs zu beein‐ flussen, horizontal.  Als  Beispiel, wie  durch  die Herstellung wissenschaftlicher Wahrheiten  der politische Diskurs beeinflusst werden kann, soll hier die Initiative Neue  Soziale Marktwirtschaft (INSM) genannt werden. Die INSM wurde  im Jahr  2000 von den  regionalen Arbeitgeberverbänden der Metall‐ und Elektroin‐ dustrie ins Leben gerufen und wird mit € 8,5 Mio. jährlich vom Arbeitgeber‐ verband Gesamtmetall finanziert. Ihr Ziel ist es, die Einstellung der Öffent‐ lichkeit  zu marktwirtschaftlichen Reformen  zu  verändern  (Speth  2003:  34;  Kutz/Nehls 2007: 1). Die  INSM arbeitet  in einem Netzwerk zusammen mit  wissenschaftlichen Instituten und spezialisierten Agenturen für Internetauf‐   18   Diskurse  lassen  sich  nicht  durch  den  Bezug  auf  ein  gemeinsames Objekt  unterscheiden,  sondern dadurch, dass die diskurskonstitutiven Aussagen nach den gleichen Formationsre‐ geln gebildet werden. Wenn nun also Aussagen aus dem medizinischen Diskurs in den po‐ litischen Diskurs eingehen, ist das nur dadurch möglich, dass sie sich den hier wirksamen  Formationsregeln anpassen.   46  Friedrich Arndt/Anna Richter  tritte und TV‐Produktionen. Hinzu kommt die Kooperation mit Zeitungen  in einzelnen Projekten (Kutz/Nehls 2007: 1f; Speth 2003: 34).19  Im Mittelpunkt der Arbeit der Initiative stehen wissenschaftliche Studien  und Rankings, die von der INSM bei wissenschaftlichen Instituten, wie dem  im Zusammenhang mit der Gesundheitsreform  im Dezember 2006 viel zi‐ tierten Kieler  Institut  für Mikrodatenanalyse,  in Auftrag  gegeben werden.  Die INSM vermarktet diese Studien über die Platzierung in den Medien. So  wurde die Studie zur Gesundheitsreform im Rahmen einer Pressekonferenz  der INSM vorgestellt, wobei in der umfangreichen Berichterstattung zu die‐ ser Studie lediglich in zwei deutschen Zeitungen die INSM als Auftraggeber  genannt wurde (Kutz/Nehls 2007: 3). Die Veröffentlichung der Daten, die in  dieser Studie ermittelt worden waren,  führte dazu, dass mehrere Minister‐ präsidenten  damit  drohten,  die  Gesundheitsreform  zu  blockieren,  sollten  nicht  weitere  Änderungen  vorgenommen  werden  (Süddeutsche  Zeitung,  17.12.2006: 1).   Der Mechanismus, über den hier Macht ausgeübt wird,  ist keine klassi‐ sche Lobbyarbeit, bei der versucht wird, auf den Gesetzgebungsprozess di‐ rekt Einfluss zu nehmen, sondern die Herstellung gesellschaftlich wirksamer  „Wahrheiten“  durch  Rankings  und  wissenschaftliche  Studien,  aber  auch  durch  Diskussionsveranstaltungen  oder  Experteninterviews  in  Zeitungen.  Die Reaktionen auf die Studie zur Gesundheitsreform zeigt, wie wirkungs‐ voll diese Form der Steuerung sein kann.  3.4.2. Disziplinarmacht als Form weicher Steuerung?  Beschäftigt man sich mit den Mechanismen der Disziplinarmacht, so scheint  es  sich  zunächst  zwar um  intentional  ausgeführte Abrichtungsprozeduren  zu handeln, die  jedoch  in einem eindeutig hierarchisch strukturierten Um‐ feld stattfinden. Die Anpassung der Arbeiter an den Produktionsablauf, die  Abrichtung der Soldaten und die Zusammensetzung  ihrer Kräfte  zu  einer  schlagkräftigen Armee sind von Fabrikbesitzern und obersten Heerführern  intendierte Prozesse. Das  alles  funktioniert mittels hierarchischer Überwa‐ chung, Sanktionen und Prüfungen. Folgt man jedoch Foucaults Argumenta‐ tion weiter, kommt man  zu  einem  entgegengesetzten Ergebnis. Die  inten‐ dierten Prozesse werden zu anonymen Machtbeziehungen, die ebenso hori‐ zontal wie von unten nach oben wirken können (Foucault 1994: 228).   Durch  diese  anonymen  und  horizontalen Machtbeziehungen wird Ge‐ sellschaft als solche erst erzeugt. Es handelt sich dabei um einen vielschich‐ tigen Prozess mit zirkulären Macht‐ und Wissenseffekten zwischen den un‐ terschiedlichen  Disziplinarinstitutionen  (Kahl  2004:  115).  Gesellschaftliche    19   Magnus‐Sebastian Kutz und Sabine Nehls nennen hier die FAZ, das manager magazin, die  Fuldaer Zeitung und die Zeitschrift Eltern (Kutz/Nehls 2007: 2).  Steuerung durch diskursive Praktiken  47   Ordnung beruht demnach nicht in erster Linie auf den Gesetzen des staatli‐ chen Rechtssystems, sondern auf den unzähligen disziplinären Machtbezie‐ hungen,  durch  die  die  Subjekte  unterworfen,  abgerichtet  und  hervorge‐ bracht werden:  „Die wirklichen und körperlichen Disziplinen bildeten die  Basis und das Untergeschoss zu den  formellen und rechtlichen Freiheiten“  (Foucault 1994: 285).   Die Disziplinarmacht  ist demnach  eine horizontale,  aber  auf  anonymer  Intentionalität  beruhende  Form  der  Macht  und  kann  aus  diesem  Grund  nicht als Steuerung verstanden werden. Da sie  jedoch als Funktionsvoraus‐ setzung der formellen und rechtlichen Freiheiten bezeichnet wird, sollte im  Hinblick auf eine Theorie weicher Steuerung stets gefragt werden, inwiefern  weiche  Formen der  Steuerung mit disziplinären Zwangsverfahren  zusam‐ men wirken.  3.4.3. Wahrheitskonstitution durch biopolitische Normalisierung  Foucault beschreibt, wie von der Biopolitik Normalisierungsprozesse ausge‐ hen, durch die bestimmte Wahrheiten erzeugt werden. Ebenso wie bei der  diskursiven Wahrheitskonstitution gibt es auch bei der Wahrheitskonstituti‐ on  durch  biopolitische Normalisierung  unterschiedliche Ansatzpunkte,  an  denen Macht wirken kann. Das sind zum einen  jene Prozesse, in denen die  Normen  erzeugt  werden,  zum  anderen  die  Prozesse  der  Normalisierung  selbst.  Ausgangspunkt  der  Normbildungsprozesse  sind  empirisch  erfassbare  Phänomene, die auf der  individuellen Ebene zufällig und unvorhersehbar,  auf der kollektiven Ebene der Bevölkerung jedoch mit Hilfe statistischer Me‐ thoden messbar und berechenbar sind. Diese Phänomene erhalten durch die  statistischen Untersuchungsmethoden  eine  eigenständige Form. Die Norm  wird hier also nicht als gegeben vorausgesetzt, sondern als optimales Mittel  aus  einer  Bandbreite  von Variationen  ermittelt  (Foucault  2006:  98;  Lemke  1997:  188‐193). Wichtig  ist  hier,  dass  es  sich  dabei  nicht  um  „natürliche“  Formen oder reine Abbildungen der Wirklichkeit handelt, sondern dass die‐ se Formen abhängig sind von den angewandten Methoden. Sie sind durch  diskursive  und  nicht‐diskursive  Praktiken  hervorgebracht,  die  auf  gesell‐ schaftlichen Machtverhältnissen beruhen (vgl. Abschnitt 3.2. Macht und 3.3.  Diskurs). Normen werden also in spezifischer Form hervorgebracht und ha‐ ben als Abbild der Wirklichkeit, als gesellschaftliche Wahrheit, Geltung. Auf  diese Weise wird Normalität erzeugt, die ihrerseits Machtwirkungen hat, da  sie scheinbar natürliche Orientierungs‐ und Handlungsraster zur Verfügung  stellt. Da Normen  also Machteffekte  erzeugen, muss  zunächst der Prozess  der Herausbildung, in dem die Normen ihre spezifische Form erhalten, sel‐ ber schon als Machtwirkung verstanden werden. Hier erhalten die Normen  48  Friedrich Arndt/Anna Richter  ihre spezifische Gestalt, die wiederum bestimmt, welche Macht von den  je‐ weiligen Normen ausgeht.  Die  in den Normbildungsprozessen  erzeugte Normalität  bildet  sodann  Orientierungs‐ und Handlungsraster, die einerseits auf die Subjekte bezogen  werden können und  auf die  sich die Subjekte andererseits  selbst beziehen  können. Normalisierung wirkt  damit  sowohl wahrheits‐  als  auch  subjekt‐ konstituierend.20 Auf  die  subjektkonstituierende Wirkung  der Normalisie‐ rung soll im nächsten Abschnitt (3.4.4. Beeinflussung von Subjektivierungs‐ formen als Mechanismen weicher Steuerung) näher eingegangen werden.   Die als Wahrheit erzeugte Normalität bildet die Grundlage für bevölke‐ rungspolitische Interventionen, indem sie als Orientierungsleistung den ge‐ wünschten Soll‐Zustand des Normalen ebenso wie den Ist‐Zustand der Ab‐ weichungen sichtbar macht und so den Maßstab bildet, nach dem sich Ge‐ sellschaften organisieren und  an dem  sie  sich  selbst kontrollieren können.  Dadurch werden Zielrichtungen und Inhalte der Interventionen strukturiert.   Die  Interventionen  zur Veränderung oder Regulierung von kollektiven  Phänomenen  (auf der Ebene der Bevölkerung)  zielen  auf die die Bevölke‐ rung  konstituierenden  Subjekte. Diese  sollen  durch  globale Mechanismen  erfasst und dazu gebracht werden, so zu handeln oder sich so zu verhalten,  dass auf der Ebene der Bevölkerung ein Gleichgewicht erreicht wird. Es geht  hier um die Verkoppelung von Daten und Grenzwerten mit Interventionen,  die dadurch möglich wird, dass die Daten  als Träger von Wahrheit  aner‐ kannt sind. Es wird also Normalität erzeugt, um die Bevölkerung um einen  Bereich des Normalen  zu  organisieren. Dementsprechend  bezeichnet Her‐ bert Mehrtens die Normalisierung auch als Kontrolltechnik.   „Die ‚Lawine der Zahlen’, die im 18. und so recht dann im frühen 19. Jahrhundert losbricht,  ist ein spezifisches Orientierungswissen, das als Handlungswissen konzipiert ist und auch  als solches fungiert. Aber es ist beides, es informiert und formt Erwartungen, die im ‚Nor‐ malfall’ keine Aktivitäten nach sich ziehen, und ist, falls Interventionsmöglichkeiten vorlie‐ gen, Auslöser und Steuerungselement der Aktivitäten“ (Mehrtens 1999: 60).   Die  Prozesse  der  Normbildung  und  der  Normalisierung  können  sowohl  ordnungserhaltende als auch ordnungsverändernde Wirkung haben. Wenn  durch Interventionen gesellschaftliche Veränderungen erzielt werden sollen,  werden zu diesem Zweck Daten über den bestehenden Zustand der Gesell‐ schaft ermittelt. Die Ermittlung der Norm bildenden Daten erfolgt horizon‐ tal, da sie nicht zentral  festgelegt werden, sondern  in unterschiedlichen  In‐ stitutionen dezentral ermittelt werden, und intentional, da sie als Grundlage  von Interventionen dienen. In Bezug auf Steuerung stellt sich nun die Frage,    20   Natürlich hat  auch die Wahrheit  selbst  subjektkonstituierende Wirkung. Hier besteht  ein  enger Zusammenhang, da die Normalisierung einerseits durch  ihre  individuierende Wir‐ kung Subjekte erzeugt, andererseits aufgrund ihres Wahrheitsgehalts.   Steuerung durch diskursive Praktiken  49   ob Normen in spezifischer Form intentional erzeugt werden können, d.h. in  der Art, dass der  spezifische  Inhalt der Norm bereits die Zielrichtung der  Interventionen  vorgibt.  In  Bezug  auf  die  Ergebnisse  in  Abschnitt  3.4.1.  Wahrheitskonstitution durch Diskursmacht und Diskurskontrolle, lässt sich  dazu  sagen, dass bei der Auswahl von Untersuchungsmethoden durchaus  bereits  bestimmte Ziele  intendiert  sein  können. Da  das  aber  nicht  so  sein  muss,  ist davon auszugehen, dass  in Bezug auf Prozesse der Normbildung  neben der Intention als Erneuerungsleistung auch anonyme und unbewuss‐ te Intentionalität eine Rolle spielen.  Die Machteffekte, die von den Normen  in  Form von Normalisierungs‐ prozessen ausgehen, sind dagegen  immer  intentional, sofern sie als Versu‐ che auftreten, auf der Ebene der Bevölkerung bestimmte Effekte hervorzuru‐ fen. Dabei handelt es sich um Intention als Erneuerungsleistung in der dis‐ kursiven  Praxis.  Die  Machteffekte  können  sowohl  in  Form  vertikaler  als  auch horizontaler Machtausübung in Erscheinung treten. Horizontale Wirk‐ samkeit entfalten Normen dann, wenn Subjekte ihr Verhalten freiwillig oder  aus Angst vor  informellen Sanktionen  (die Stigmatisierung als „unnormal“  oder „verrückt“) an gesellschaftlich gültigen Normen ausrichten.   Bei der Erzeugung von Normalität handelt  es  sich um  ein Zusammen‐ spiel diskursiver und  nicht‐diskursiver Praktiken. Am Beispiel der  kindli‐ chen Entwicklung  soll dies verdeutlicht werden. Zunächst werden  in wis‐ senschaftlichen Diskursen Normalitätskriterien entwickelt. Sie entfalten ihre  Machtwirkung  als  nicht‐diskursive Praktiken  an  all den Kindern, die  sich  nicht der Norm  entsprechend  entwickeln. Diese werden unterschiedlichen  Prozeduren unterworfen, um  sie  an die Norm  anzupassen  (von Kranken‐ gymnastik  und  Logopädie  bis  zu  psychiatrischen  Behandlungen).  Vom  Schulalter an beginnt außerdem aufgrund dieser Normvorgaben eine stren‐ ge Selektion  (Gomolla/Radtke 2000: 321‐341). Diese kann nach Foucault als  Teilung zwischen Normalen und Anormalen verstanden werden.   „Die  ‚verhaltensauffälligen’ oder  ‚lernschwachen’ Schülerinnen und Schüler etwa erhalten  ihre Charakterisierung sowie die Absonderung  in Sonderschulen durch eben  jene Verhal‐ tens‐ und Leistungsnormen, welche das Gebiet des Normalen festlegen“ (Sohn 1999: 10).  Die Funktion dieser Normalisierungsprozesse ist einerseits die von Foucault  so  eindrücklich  geschilderte  Nutzbarmachung  der  Individuen,  anderseits  die Aufrechterhaltung  bzw.  die Herstellung  gesellschaftlicher Differenzie‐ rung. Auf  diese Weise wird  eine  spezifische  Form  gesellschaftlicher Ord‐ nung produziert und reproduziert (Intention als Erneuerungsleistung).   Das  Beispiel  macht  deutlich,  dass  Normen  sowohl  Machtwirkung  in  Form von hierarchisch durchgesetzten Gesetzen oder Verordnungen entfal‐ ten können (z.B. verbindliche Sprachtests), aber ebenso horizontal,  in Form  unverbindlicher Vorgaben für Eltern, Ärzte, Erzieher, Lehrer usw. da sie mit  bestimmten  Wahrheitsgehalten  geladen  sind  (vgl.  Abschnitt  3.4.1.  Wahr‐ 50  Friedrich Arndt/Anna Richter  heitskonstitution  durch  Diskursmacht  und  Diskurskontrolle).  Normalisie‐ rungsprozesse  können  also  eindeutig  als  Steuerungsmechanismen  angese‐ hen werden, die sowohl horizontal als auch vertikal wirken können.  3.4.4. Beeinflussung von Subjektivierungsformen als Mechanismus  weicher Steuerung  Die  Macht,  durch  welche  die  Selbstkonstitution  der  Subjekte  beeinflusst  wird, versucht Foucault mit dem Begriff der Führung  zu  fassen.  In  seiner  Doppeldeutigkeit bezeichnet dieser Begriff einerseits das Anführen anderer  und die Selbstführung  (Foucault 1987: 255). Diese Führungsmacht  struktu‐ riert die Handlungs‐ und Verhaltensweisen der Subjekte,  indem sie auf die  Selbstkonstitution der Subjekte einwirkt. Sie verknüpft also die Führung der  Subjekte mit  der Weise  ihrer  Selbstführung. Die  Führungsmacht  kann  so  auch ohne die Ausübung von direktem Zwang wirken. Durch die Entwick‐ lung oder Förderung von Selbsttechniken, die an bestimmte Ziele gekoppelt  sind, können Handlungs‐ und Verhaltensweisen gesteuert werden. Außer‐ dem können bestehende Praktiken der Selbstführung modifiziert und so  in  Herrschaftsstrukturen  integriert  werden.  Durch  die  intentionale  Vorgabe  oder  die  Beeinflussung  von  Selbstpraktiken  können  Steuerungsleistungen  erzielt  werden  (Intention  als  Erneuerungsleistung).  Diese  Form  der  Steu‐ erung ist horizontal, da die Subjekte freiwillig die vorgegebenen Selbstprak‐ tiken  annehmen  oder  durch  subtilen  Zwang,  jedoch  nicht  durch  formale  Sanktionen dazu gebracht werden. Bei der Entwicklung oder Modifizierung  von Selbstpraktiken handelt es sich demnach um intentionale und horizon‐ tale Machtausübung und damit um einen Mechanismus weicher Steuerung.   Ulrich Bröckling zeigt diese Art der „Führung von Führungen“ am Bei‐ spiel des Total Quality Managements  (TQM). Diese Methode der Organisati‐ ons‐  und Unternehmensführung  zielt  darauf  ab,  die  individuellen  Selbst‐ entwürfe  und  Selbstverwirklichungsansprüche  zu  aktivieren,  um  sie  zur  Optimierung des Produktionsprozesses zu nutzen (Bröckling 2000: 142).   Die  in Abschnitt  3.4.3.  (Wahrheitskonstitution durch biopolitische Nor‐ malisierung) beschriebenen Prozesse wirken ebenfalls auf zweifache Weise  subjektkonstituierend. Zum einen werden Subjekte durch Teilungspraktiken  der Macht als gesunde oder kranke, verrückte oder geistig normale, krimi‐ nelle oder nicht‐kriminelle Subjekte  erzeugt. Hier handelt  es  sich um  eine  Technik der Disziplinarmacht, die, wie in Abschnitt 3.4.2. (Disziplinarmacht  als  Form  weicher  Steuerung?)  gezeigt,  nicht  den  Kriterien  weicher  Steu‐ erung entspricht. Zum anderen erzeugen sich die Subjekte selbst, indem sie  sich mit bestimmten Normen identifizieren oder sich von ihnen abgrenzen.  Durch die empirische Ermittlung des Durchschnitts, der dann als das Nor‐ male in einer Gesellschaft Geltung hat, werden Modellvorlagen oder Muster  Steuerung durch diskursive Praktiken  51   bestimmter  Subjektivitäten  geschaffen.  Diese  sind  erstens  mit  einem  Wahrheits‐ oder Wirklichkeitswert ausgestattet und zweitens mit bestimm‐ ten Verhaltensweisen verbunden. Die  Individualität und  Identität der Sub‐ jekte  bildet  sich  im Verhältnis  zu dem  so  erzeugten Normalen,  indem  sie  sich in ein bestimmtes Verhältnis zu einer bestehenden Norm setzen. Durch  die Identifizierung mit bestimmten Normalitätsvorgaben legen Subjekte ihre  Identitäten  fest. Dadurch werden die Handlungsoptionen der Subjekte ein‐ geschränkt,  da  sie  sich  in Übereinstimmung mit  ihrer  Identität  verhalten.  Dies  kann  absolut  freiwillig  geschehen  aufgrund  der  Erwartung,  die  das  Subjekt an sich selbst stellt, um die eigene Identität zu konstituieren oder ihr  zu entsprechen. Die Einschränkung kann aber auch durch gesellschaftliche  Erwartungen und die damit verbundenen Zwangswirkungen  erfolgen. Sie  wirken  jedoch  allein  aufgrund  informaler  Sanktionen.  Es  wurde  gezeigt,  dass Subjekte unterschiedliche Identitäten entwickeln, die  immer veränder‐ bar sind. Darin  liegt nun der Ansatzpunkt für Steuerung: die Veränderung  oder Konstitution identitätsstiftender Normen, die über die Selbstkonstituti‐ on der Subjekte ihr Verhalten bestimmt.   Sabine Hark spricht in diesem Zusammenhang der Normalisierung und  Subjektformierung von der „Macht als normalisierender Norm, die mittels  wissenschaftlich‐technologischer Kategorien arbeitet“ (Hark 1999: 71). Sie ist  von  der  disziplinarischen Normierung  zu  unterscheiden,  die  die  Subjekte  nicht in Bezug auf einen Durchschnitt, sondern auf eine präetablierte Norm  identifiziert.  In  den Normalisierungsprozessen  der  Bio‐Macht werden  die  Subjekte dagegen in aufeinander bezogene Gruppen verteilt, die sich selbst  beobachten.  „Die Subjekte greifen nun selbst normalisierend  in die Überwachung  ihres Selbst ein.  [...].  Normen werden ex post errechnet, die Individuen übernehmen ihre Adjustierung an diesen  Werten selbst“ (Hark 1999: 74).  Die Ausübung dieser Form der Macht  ist horizontal, da das Normale nicht  zentral  festgelegt  ist,  sondern dezentral  in wissenschaftlichen  Institutionen  ermittelt und durch mediale Aufarbeitung vermittelt wird. In welcher Form  die  normalisierende  Norm  von  den  Subjekten  rezipiert  wird,  kann  nicht  durch die Androhung oder den Einsatz formaler Sanktionen bestimmt wer‐ den. Hier wirken gesellschaftliche Machtmechanismen, die durch die Sub‐ jekte  internalisiert  sind und  allein durch  informale Sanktionen  abgesichert  werden,  z.B. der Ausschluss  aus  bestimmten Gruppen. Diese Macht  kann  sowohl durch  intentionales Handeln  ausgeübt werden, wenn  individuelle  oder kollektive Subjekte versuchen die Definition bestimmter Normen ziel‐ gerichtet zu beeinflussen, oder durch habitualisierte oder institutionalisierte  Handlungen,  die  bestehende  Normen  fortschreiben  (anonyme  und  unbe‐ wusste Intentionalität und Intention als Erneuerungsleistung in der diskur‐ siven Praxis).  52  Friedrich Arndt/Anna Richter  3.4.5. Steuerung durch Widerstand  Foucault zeigt an verschiedenen Stellen, dass Wahrheitsregime kritisierbar  sind  und Widerstand  gegen Macht‐  und Herrschaftsbeziehungen  geleistet  werden kann. Freiheit als Existenzbedingung der Macht  impliziert, dass  in  jeder Machtbeziehung die Möglichkeit des Widerstands gegeben  ist. Durch  die Möglichkeit des Selbstbezugs können  sich die Subjekte der Macht und  dem Wissen, durch die sie konstituiert werden und sich selbst konstituieren,  auch entgegenstellen. Das  ist die Grundlage, auf der Widerstand entstehen  kann. Konkret kann Widerstand sehr unterschiedliche Formen annehmen, er  besteht nicht allein im Bezug des Selbst auf sich (Foucault 1993: 27). Zu die‐ sen konkreten Formen des Widerstandes äußert sich Foucault  jedoch nicht,  sondern  betont,  dass  diese  stets  abhängig  sein müssten  vom  spezifischen  Typ der Herrschaft (Foucault 1993: 20).  Durch die Unterscheidung  zwischen Macht und Herrschaft wird deut‐ lich, dass sich der Widerstand nicht gegen Machtbeziehungen im Allgemei‐ nen richtet, da diese in allen sozialen Beziehungen vorhanden sind, sondern  gegen Herrschaftszustände,  in  denen Machtbeziehungen  unbeweglich  ge‐ worden sind. Ziel des Widerstandes ist die Eröffnung eines Feldes bewegli‐ cher Machtbeziehungen, in denen dann Freiheit als Praxis verwirklicht wer‐ den kann.  Widerstand geht von einem veränderten Bewusstsein der Subjekte aus,  das durch Selbstbezug und Freiheit entstehen kann. Dieses artikuliert sich in  diskursiven  und  nicht‐diskursiven  Praktiken.  So  können  Subjekte  versu‐ chen,  sich bestimmter Diskurse zu bemächtigen, um  sie  in  ihrem Sinne zu  interpretieren.  Wahrheitsansprüche  können  auf  unterschiedlichen  Ebenen  kritisiert  und  als Vorgaben  für Verhaltensweisen  oder Handlungen  abge‐ lehnt  werden.  Außerdem  ist  die  „allgemeine  Politik  der  Wahrheit“  nicht  endgültig festgelegt, sondern es besteht immer die Möglichkeit, einzelne Re‐ geln zu verändern, zu ersetzen oder sogar das gesamte Spiel der Wahrheit  umzugestalten.  Widerstand kann als weiche Steuerung bezeichnet werden, da er auf ge‐ sellschaftliche Veränderung zielt und sowohl intentional als auch horizontal  ausgeübt wird. Es wurde  gezeigt, dass die Möglichkeit des Widerstandes  auf  frei  und  selbstbewusst  handlungsfähigen  Subjekten  beruht,  die  zwar  durch Macht und Wissen erzeugt werden, die sich diesen  jedoch auch wi‐ dersetzen können. Widerstand ist also immer intentional im Sinne der sub‐ versiven  Intentionalität. Da die Wirkung des Widerstands nicht durch  for‐ male Sanktionen erzielt werden kann, sondern durch die Veränderung des  subjektiven und kollektiven Bewusstseins und den damit verbundenen ver‐ änderten Handlungs‐  und Verhaltensweisen  einsetzt,  ist  Steuerung  durch  Widerstand immer horizontal.   Steuerung durch diskursive Praktiken  53   Allerdings stellt sich die Frage, ob Widerstand einen eigenständigen Me‐ chanismus darstellt, da er der Macht stets inhärent und damit in allen darge‐ stellten  Steuerungsmechanismen  enthalten  ist.  Es  ist  also  vielmehr  davon  auszugehen, dass alle beschriebenen Steuerungsmechanismen auch als Wi‐ derstandspraktiken genutzt werden können.     Um die Macht‐ und Diskurstheorie  Foucaults  nach Mechanismen weicher  Steuerung zu befragen, musste zunächst geklärt werden, inwiefern mit Fou‐ cault intentional handelnde Subjekte gedacht werden können, da Steuerung  als  intentionale Machtausübung definiert wurde. Es  ließ  sich  zeigen, dass  mit der Einführung des Selbstbezugs  sowie der Betonung des Zusammen‐ hangs von Macht und Freiheit, dies durchaus möglich ist. In einem zweiten  Schritt wurden die unterschiedlichen Machtformen  sowie der Zusammen‐ hang zwischen Macht und Diskurs bei Foucault untersucht. Daraus wurden  dann die drei Steuerungsmechanismen Wahrheitskonstitution  durch Diskurs‐ macht und Diskurskontrolle, Wahrheitskonstitution durch biopolitische Normalisie‐ rung  sowie  Beeinflussung  von  Subjektivierungsformen  entwickelt. Weiter  ließ  sich zeigen, dass durch Widerstand zwar horizontale Steuerungsleistungen  erbracht werden können, es sich hierbei jedoch nicht um einen eigenständi‐ gen Mechanismus weicher Steuerung handelt. Da die Disziplinarmacht eine  auf anonymer Intentionalität beruhende Machtform darstellt, können durch  sie  keine  Steuerungsleistungen  erbracht werden. Es  sollte  jedoch  stets  ge‐ fragt  werden,  inwiefern  weiche  Formen  der  Steuerung  mit  disziplinärer  Macht zusammen wirken.  Mit der Macht‐ und Diskurstheorie Foucaults können verschiedene Me‐ chanismen weicher Steuerung  aufgezeigt werden. Die  spezifischen Durch‐ setzungsprozesse dieser Mechanismen lassen sich jedoch mit Foucault nicht  erfassen. Gerade deshalb erscheint es  sehr gewinnbringend, diesen Ansatz  weiter zu verfolgen, um die gefundenen Mechanismen mit ihren konkreten  Funktionsbedingungen  und  in  ihrer  Beziehung  untereinander  weiter  zu  konkretisieren.  4. Weiche Steuerung bei Laclau und Mouffe  Das Diskursverständnis von Foucault und Laclau/Mouffe kann mit einigen  Modifikationen durchaus miteinander verbunden werden, insofern es, trotz  unterschiedlicher  Vorgehensweisen,  um  die  bestimmten  Regeln  folgende  machtvolle Produktion von Bedeutungen diskursiver Ordnungen geht. Al‐ lerdings  liegt  der  analytische  Schwerpunkt  etwas  anders:  Beschäftigt  sich  Foucault zumeist mit der grundsätzlichen Analyse der Kontingenz und mit  dem Aufweisen der Entstehungsbedingungen  von Dispositiven  sowie mit  den  subjektkonstituierenden  Wirkungen  (über  Subjektivierung,  Normie‐ 54  Friedrich Arndt/Anna Richter  rung,  etc.),  die  von  diesen  ausgehen,  so wird  bei  Laclau/Mouffe  eine  bei  Foucault oft vermisste Theorie des Politischen hinzugefügt, die auch politi‐ sche  Subjekte  wieder  einführt  –  wenngleich  mit  einigem  theoretischem  Aufwand. Laclaus und Mouffes  theoretischer Ansatz eignet sich besonders  gut  für die Zwecke einer Theorie weicher Steuerung, weil sie darin etliche  Debatten  poststrukturalistischer  Theorie  aufnehmen  und  nicht  zuletzt  ein  Konzept politischen Handelns vorlegen. Außerdem hat  sich mit der Essex  School eine Reihe jüngerer ForscherInnen mit den theoretischen Werkzeugen  Laclaus  und  Mouffes  an  empirische  Politikanalyse  gemacht,  so  dass  die  Anwendungsmöglichkeiten auch von Mechanismen weicher Steuerung viele  Anknüpfungspunkte  finden  können  (vgl.  Laclau  1994;  Norval  1996;  Ho‐ warth et al. 2000; Torfing/Howarth 2003; für die deutsche Diskussion Non‐ hoff 2006, 2007).  Noch  im 1985 erschienenen „Hegemony and Socialist Strategy“21 orien‐ tierte sich der Diskursbegriff von Laclau/Mouffe an der  frühen Konzeption  Foucaults  (wie  etwa  in der „Archäologie des Wissens“),  insbesondere was  die Frage des Subjekts betrifft: Wie bei Foucault bieten demnach Diskurse  bestimmte Subjektpositionen, also Orte, von denen aus wirksam gesprochen  werden kann, an denen sich Subjekte bilden. Einzelne Individuen nehmen je  nach Diskurs verschiedene Subjektpositionen ein. Der Eigenbeitrag von Sub‐ jekten  ist  jedoch nicht groß beziehungsweise wird gar nicht eingehend the‐ matisiert.  In gewisser Weise kann besonders die spätere Entwicklung Laclaus und  Mouffes als Fortführung des späteren Foucaults gelten  (Torfing 2005: 159),  insofern  sie  den  Fokus  auf  die  Konstruktion  der  diskursiven  Regeln  in  Machtkämpfen richten.  Um die politische Theorie von Laclau/Mouffe für Mechanismen weicher  Steuerung  fruchtbar  zu machen,  sollen hier  zunächst  einige Grundkatego‐ rien  ihrer Theorie  soweit erläutert werden, wie es  für das Verständnis des  folgenden Anschlusses an weiche Steuerung notwendig erscheint.  4.1. Theoretische Grundlagen bei Laclau und Mouffe  Der Diskurs wird bei Laclau und Mouffe entschieden nicht nur als Wort und  Schrift aufgefasst,  sondern es wird durchgehend das, was bei Foucault oft  als außerdiskursiv auftaucht, als Teil des Diskurses gesehen. „Diskurs“ wird  damit  koextensiv mit  dem  Sozialen  selbst,  insofern  alle Handlungen  und  Objekte nur dann sozial wirksam sind, wenn  ihnen eine bestimmte Bedeu‐ tung  zugeschrieben wird  (Laclau  1993:  435). Der Diskurs  bei  Laclau  und  Mouffe ist also das, was in einer Lesart Foucaults als Dispositiv verstanden    21   Im Deutschen  erschienen  als  „Hegemonie und  radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion  des Marxismus“ (Laclau/Mouffe 1991).  Steuerung durch diskursive Praktiken  55   wird: die wirksame Verbindung verschiedener Elemente, die (nicht nur phy‐ sische) Objekte mit Bedeutung herstellt. Der Diskurs ist  insofern wirkungs‐ voll, als er den Bedeutungshorizont der handelnden Individuen bestimmt, ja  darüber hinaus ihre Identität erst ermöglicht. Insofern steht das Diskursver‐ ständnis von Laclau/Mouffe durchaus in der Tradition des späten Foucault,  der die Machtwirkungen auch nicht‐diskursiver Praktiken mitberücksichtig‐ te.  Bedeutungen  entstehen,  in  der  strukturalistischen  Theorietradition  be‐ trachtet, immer erst in relationalen Systemen von Differenz und Äquivalenz  (d.h. z.B. um „Vater“ zu verstehen, muss eine Beziehung zu „Mutter“ und  „Tochter“ oder „Sohn“ hergestellt werden). Ein Diskurs  ist also ein relatio‐ nales  System  von  Bedeutungszuschreibungen, welches  die  Existenzbedin‐ gungen jedes bedeutungsvollen Objekts darstellt. Differenzbeziehungen fin‐ den sich zum Beispiel in exklusiven Einteilungen in Gruppen von „Arbeits‐ losen“,  „Angestellten“,  „Selbstständigen“,  etc., während Äquivalenzbezie‐ hungen hergestellt werden können, wenn die Gleichheit der Elemente be‐ tont werden  soll wie  im Fall nationaler  Identität  („Jeder von uns  ist Deut‐ scher“). Anders als in einem strikt verstandenen Strukturalismus wird aller‐ dings bestritten, dass ein System von Bedeutungen, das auf  solchen Diffe‐ renzen  und  Äquivalenzen  basiert,  jemals  völlig  in  sich  geschlossen  sein  kann.  Es  treten  nämlich  in  jedem  solchen  System  immer  wieder  Unent‐ scheidbarkeiten auf, die nicht mit bestehenden Regeln  einzuordnen  sind –  einfachstes Beispiel wäre ein multinationaler Familienhintergrund und/oder  eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wie schon bei Foucault  (vgl. 3.3.),  ist der  Diskurs also deswegen ambivalent und nicht abschließbar, weil er seine Ne‐ gation immer schon als notwendiges Abgrenzungselement beinhaltet.  Da  die  Bedeutungen  grundsätzlich  auch  anders  sein  könnten,  sie  also  kontingent sind, können sie auch verändert werden. Die Signifikanten (das,  was Objekte – die Signifikate – bezeichnet) sind Gegenstand von ständiger  Reartikulation, in der die Bedeutung sich wandelt. Wenn es gelingt, die Be‐ deutung von Signifikanten (z.B. „Demokratie“; „Volk“; „Gerechtigkeit“; etc.)  teilweise zu fixieren, dann besteht eine Hegemonie (Laclau/Mouffe 1991; Lac‐ lau 1993: 435), eine  teilweise Vereinheitlichung eines diskursiven Felds um  einen oder mehrere „Knotenpunkte“ (Laclau 1990: 28). Die Fixierung ist kon‐ tingent;  sie  ist  eine Möglichkeit, die Elemente miteinander zu verknüpfen;  andere  ebenfalls  mögliche  Ensembles  wurden  per  Entscheidung  ausge‐ schlossen, obwohl die Wahl zwischen verschiedenen Bedeutungsrelationen  innerhalb des Diskurses unentscheidbar wäre. Hiermit wird deutlich, dass das  relationale Ensemble von Bedeutungen, die einen Diskurs ausmachen, nicht  aus sich selbst heraus erklärt wird, sondern durch eine externe Kraft, die he‐ gemoniale Kraft. Diese ist natürlich umkämpft – in hegemonialen Kämpfen  56  Friedrich Arndt/Anna Richter  (die entsprechend durch Machtbeziehungen geprägt sind) wird um Bedeu‐ tungszuschreibungen gerungen.  Das  Politische  ist  entsprechend  diesem  Verständnis  sehr weit  gefasst  –  nicht  nur  die  klassischen Räume  offizieller  Politik,  sondern  alle  Entschei‐ dungen auf innerhalb der bestehenden Ordnung nicht entscheidbarem Ter‐ rain sind letztlich politisch, da sie eine Machtausübung darstellen. Alle Prak‐ tiken, die entweder konstitutiv oder subversiv auf die bestehende hegemo‐ niale Ordnung rekurrieren, sind politische Praktiken. Potentiell können alle  Elemente des Diskurses politisch umkämpft sein – wenn sie allerdings lange  anerkannt sind, lagern sie sich als sedimentierte Selbstverständlichkeiten ab  und können nur mit größerem Aufwand wieder reaktiviert werden. Sie bil‐ den dann das, was das Soziale genannt wird, das das Gegenstück zum Politi‐ schen  darstellt.  Das  Soziale  hat  stets  einen  politischen  Hintergrund,  der  durch die Sedimentierung vergessen oder verschleiert  ist; unter neuen Be‐ dingungen  kann  selbstverständlich  Soziales  aber  immer  wieder  politisch  werden  und  damit  antagonistisch  umkämpft  (Laclau  1990:  33‐36). Da  die  konkurrierenden  Bedeutungsrelationen  einerseits  jeweils  kontingent  sind,  andererseits aber auch sich gegenseitig ausschließend, stellen sie einen An‐ tagonismus dar.22 Antagonismen strukturieren daher das gesamte Feld des  Politischen.  Sie  sind  eben  jenes Element des Ausschlusses, das die  Schlie‐ ßung des Diskurses, die Konstituierung  eines  abgeschlossenen,  objektiven  Ganzen, verunmöglicht.  Wenn Entscheidungen in hegemonialen Kämpfen auf dem Feld des Un‐ entscheidbaren gefällt werden, wer  führt diese Kämpfe, wer  ist politisches  Subjekt oder Akteur? Steht in den 1980er Jahren noch eine Subjektkonzepti‐ on, die an der Zuweisung von Subjektpositionen durch den Diskurs geprägt  ist, in der Laclau/Mouffe’schen Theorie, so ändert sich Ende der 1980er Jahre  unter dem Einfluss des Lacan‐Verständnisses von Slavoj Žižek der Subjekt‐ begriff. Das Subjekt wird nun verstanden als ein Ort des Mangels, der Unde‐ finiertheit,  der  sich  widerstreitenden  Versuchen  der  Identifikation  gegen‐ über sieht. Die Kategorie des Subjekts bleibt bei Laclau lange unklar, da mit  Einführung der Lacan’schen Kategorien zwei Begründungen für den Status  des  Subjekts vorliegen. Zum  einen  eine  strukturelle: Kein  System von Be‐ deutungsrelationen kann geschlossen sein, weswegen Unentscheidbarkeiten  auftreten müssen, die durch Subjekte entschieden werden müssen. Zum an‐ deren  eine verdeckt  anthropologische: Das Subjekt hat  in der Lacan’schen  Perspektive  einen  nie  ganz  repräsentierbaren  Kern,  der  nach  Schließung  strebt, die das Subjekt jedoch nie vollständig erreichen kann, weswegen die    22  Antagonismus wird  abgegrenzt  von  einem Widerspruch  in  einem  System: Während  ein  Widerspruch Teil des Systems ist (etwa ein notwendiges Moment einer Dialektik), so ist ein  Antagonismus nicht notwendig widersprüchlich, sondern ein inkommensurables Anderes,  ein konstitutives Außen (Laclau 1990: 7‐18).  Steuerung durch diskursive Praktiken  57   Identifikationen sich immer fortsetzen. Entsprechend dem Fokus auf Identi‐ fikationen rückt die Konstitution politischer  Identitäten  in den Mittelpunkt  des  Interesses. Auf diesen  Identifikationsversuchen  liegt der  Schwerpunkt  bei der Anwendung für weiche Steuerungsmechanismen.  Bedingung der Möglichkeit politischen Handelns  ist die Dislokation. Sie  bezeichnet das Moment, das nicht  im hegemonialen Diskurs fixiert werden  kann;  sie passt  in  anderen Worten nicht  in die dominierende  symbolische  Ordnung. Die Reaktion auf solch eine Dislokation ist eine Krise, aus der eine  Vielzahl von umkämpften Signifikanten  (floating  signifiers) hervorgeht, mit  denen versucht wird, eine neue Hegemonie zu schaffen, die die Dislokation  einschließt. Vollständige Schließung  ist  jedoch nie möglich. Daher wird  in  einer hegemonialen Ordnung versucht um tendenziell „leere Signifikanten“  (d.h. Begriffe, die so viel umfassen, dass sie vielseitig deutbar sind wie etwa  „Freiheit“ oder „soziale Marktwirtschaft“ etc.) herum, Identitäten zu konsti‐ tuieren, die vorgeben, die gegebenen Probleme mit den akzeptierten Grund‐ werten einer Gemeinschaft zu lösen (Laclau 1990; 2000).  4.2. Dislokation und Hegemonie: Weiche Steuerung bei Laclau und Mouffe  Steuerungstheoretisch  ist der Zusammenhang von Subjektkonzeption, Dis‐ lokation  und  politischem  Handeln  von  besonderem  Interesse.  Dies  wird  deutlich an der näheren Bestimmung des Begriffs der Intentionalität, die für  weiche Steuerung gegeben sein muss.  Die  unbewusste  Intentionalität  ist  für  eine  Perspektive,  die  mit  Lac‐ lau/Mouffe auf weiche Steuerung blickt, nur eingeschränkt wirksam – inso‐ fern nämlich, als dass die Subjektkonzeption einen grundlegenden Mecha‐ nismus der Identifikation beinhaltet, nach dem versucht wird, den definito‐ rischen Mangel des Subjekts zu füllen, zu identifizieren oder zu definieren.  Dies entspricht dem anthropologischen Moment  in der Theorie: Notwendi‐ gerweise gehört dieser Mechanismus zu Subjekten dazu. Der Diskurs als die  strukturelle  Seite des Prozesses  kann das dislokative Element nicht  in die  bestehende Ordnung einbauen, führt die Individuen damit in eine identitäre  Krise und zwingt  sie damit, zu handeln, um  sich mit einer der möglichen  Reformulierungen zu identifizieren.  4.2.1. Identifikation als Leistung weicher Steuerung  Eine klare  Intention  (subversiv oder als Erneuerung  in der diskursiven Praxis)  tritt in hegemonialen Kämpfen auf, in denen die Dislokation die bestehende  hegemoniale Ordnung verunsichert hat. Dies wäre  also die  Intention, den  Begriff  X  (z.B.  „Demokratie“)  als  X1  („Abstimmung  über  die  besten Mei‐ nungsführer alle vier Jahre“), nicht als X2 („Mitbestimmung in allen Lebens‐ bereichen auf täglicher Basis“) zu verstehen.  58  Friedrich Arndt/Anna Richter  Was passiert nun in einem Prozess der Identifikation? Ist in einem ersten  Moment zunächst nur die Notwendigkeit gegeben, die Dislokation  in eine  neue Ordnung miteinzufassen, sie also gewissermaßen diskursiv zu domes‐ tizieren,  so  entsteht  im Laufe des daraufhin  entbrennenden hegemonialen  Kampfes zwischen verschiedenen neuen Möglichkeiten hegemonialer Ord‐ nung eine neue Subjektidentität derjenigen, die gemeinsam eines der Projek‐ te artikulieren. Die hier erbrachte Steuerungsleistung ist eben jene Identifika‐ tion, die erst  im Steuerungsprozess entsteht – zunächst war nur der Wille,  den Mangel zu füllen, präsent. Doch das Füllen der leeren Intention ist not‐ wendig und damit  ist die Tatsache der darauf  folgenden  Identifikation not‐ wendig,  ihre Richtung  jedoch kontingent. Ein Beispiel eines solchen Mecha‐ nismus weicher Steuerung ist in identitär motivierter politischer Mobilisati‐ on zu finden (Torfing 2005: 167). Zwischen verschiedenen Gruppen, die sich  identitär angegriffen fühlen oder deren Anliegen nicht politisch aufgenom‐ men  werden,  kann  eine  Äquivalenzkette  hergestellt  werden,  die  die  Ge‐ meinsamkeiten  der Gruppen  (eine  universalisierende Gleichartigkeit)  und  ihrer Forderungen unterstreicht – dies geschieht durch ebensolche  tenden‐ ziell  leeren Signifikanten  (etwa „Gerechtigkeit“, „Revolution“ etc.), wie  sie  auch von der hegemonialen Ordnung verwendet werden. Die erneuernde,  reartikulative  Intentionalität  solcher Mechanismen  liegt  auf  der Hand,  da  die entsprechenden Gruppen ein klares identitäres Anliegen haben, so dass  sie Elemente der Ordnung  in  neue Beziehungen  zueinander  setzen. Hori‐ zontal  sind die Mechanismen durch das  gemeinsame,  und  in diesem  Fall  auch subversive, Handeln, das nicht mit formalen Sanktionen drohen kann.  Es  sieht  dabei  zunächst  so  aus,  als wäre dies  ein Beispiel  von  Selbststeu‐ erung,  da  Steuerungssubjekt  und  Steuerungsadressat  dieselbe Gruppe  ist.  Das  aus  steuerungstheoretischer  Sicht Verwirrende  daran  ist  jedoch,  dass  das  Steuerungssubjekt  sich  eben  erst  im  Steuerungsprozess  bildet und  als  dieses Subjekt auftritt, so dass die zunächst vorhandene Steuerungsintention  (nämlich eine  Identifikation herbeizuführen, um eine Entscheidung zur  In‐ tegration eines neuen Moments in die diskursive Ordnung zu erreichen) ei‐ nen dann doch anonymen Ursprung (anonyme Intention) hat. Denkt man an  empirische Anwendbarkeit, ist diese kompliziert aussehende Situation aber  unproblematischer: Da der Wille zur Identifikation ohnehin den Status einer  quasi‐anthropologischen  Konstante  hat  (er  ist  das  Movens  jedes  sozialen  Wandels), kann die Analyse dort ihren Anfang nehmen, wo eine erste Iden‐ tifikationsleistung bereits stattgefunden und die politische Auseinanderset‐ zung  um  alternative  Bedeutungsrelationen  begonnen  hat  und  sie  diese  durch  Logik  der  Äquivalenz  oder  Logik  der  Differenz  stärken:  Ein  Ur‐ sprungsmoment  ist,  hier  ähnlich  wie  Foucault,  eben  nicht  auszumachen.  Praktisch sind es einzelne Akteure, die die Äquivalenzkette herstellen und  Steuerung durch diskursive Praktiken  59   damit einen Steuerungsversuch starten; ob dieser dann erfolgreich ist, ist ei‐ ne Frage politischer Auseinandersetzung und nur empirisch zu klären.  Im  Fortgang  eines  Prozesses  nach  einer Dislokation  sind  verschiedene  Phasen  unterscheidbar.  Im  Sinne  des  hegemonialen  Politikverständnisses  wird versucht, auf die auftretende Krise eine bestimmte  Interpretation der  Gründe für die Krise und der richtigen Lösungsstrategien zu etablieren. Die‐ ser Erklärungsversuch hat den Status eines Mythos. Ein Mythos ist ein Ver‐ such der Reorganisation der Bedeutungselemente der Ordnung, der  nicht  ausschließlich aus der bestehenden Ordnung hervorgeht.23 Die dislokalisier‐ ten Elemente werden neu arrangiert und somit ein neuer Raum der Reprä‐ sentation geschaffen. Er geht oft  aus  spezifischen Erfahrungen bestimmter  Gruppen  hervor,  die  in  der  bestehenden  Ordnung  Probleme  hatten.  Ge‐ winnt ein solcher Mythos so stark an symbolischer Kraft, dass er die Hand‐ lungsweisen und damit den weiteren Fortgang über die Krise hinaus und  auf anderen Feldern bestimmt, so spricht man von einem sozialen Imaginären.  In diesem Fall werden die konkreten Erfahrungen der Gruppe, die zum Ent‐ stehen des Mythos beigetragen haben,  abstrahiert,  zur Metapher gemacht,  die nun nicht nur  für die  am Anfang  stehenden konkreten Anliegen,  son‐ dern für  jedes soziale Anliegen die Folie oder den Vorstellungs‐ und Argu‐ mentationshorizont abgibt (Laclau 1990: 60ff; Norval 1996).  Es sind auch weniger kritische Beispiele als das Handeln von marginali‐ sierten Gruppen denkbar: So wurde beispielsweise anhand der Einführung  der Apartheid in Südafrika ab 1948 gezeigt, wie in den vorhergehenden Jah‐ ren  auf verschiedene dislokative Ereignisse  (z.B.  steigende Kapitalisierung  der Landwirtschaft,  rasche Urbanisierung, Folgen des  zweiten Weltkriegs)  die  hegemoniale  Ordnung  des  Segregationismus  versagte  und  ein  politi‐ scher Kampf um eine neue Ordnung geführt wurde, aus der schließlich die  Gesetze von 1948 hervorgingen (Norval 1996).  4.2.2. Perpetuierende Praktiken  Diese hier  skizzierten Prozesse  sind Beispiele  für  jene Situation,  in der die  hegemoniale  Ordnung  umkämpft  ist  und  ein  alternativer  Identifikations‐ prozess angestoßen wird –  insofern handelt es sich dabei um weiche Steu‐ erung als eine subversive Praxis, die erst später unter Umständen eine neue  hegemoniale Ordnung konstituiert  (vom Mythos zum  sozialen  Imaginären  und Hegemonie). Weich gesteuert werden kann aber auch durch eine von  vornherein perpetuierende Praxis, die die bestehende hegemoniale Ordnung  stützt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Um Steuerung kann es sich bei  perpetuierenden Praktiken nur handeln, wenn nicht, wie in einem sich selbst    23   Dieser  Begriff  des Mythos weicht  deutlich  von  herkömmlichen Verwendungsweisen  ab.  Zum herkömmlichen Mythosgebrauch Speth (2000); Speth/Wolfrum (1996).  60  Friedrich Arndt/Anna Richter  regulierendem System, das Handeln die bloße Fortsetzung der bestehenden  Ordnung darstellt, stattdessen muss ein Element der Umformung, der Neu‐ eingliederung eines Elements oder Ähnliches dazukommen. Perpetuierende  Praktiken, die steuernd wirken, sind dann all jene, die die bestehende hege‐ moniale Ordnung  bekräftigen,  sei  es  in Ritualen,  routinisierten Umgangs‐ weisen  etwa mit bestimmten Bevölkerungsgruppen  etc., wenn  sie  ein neues  Element in diese bestehende Ordnung einfügen. Ist dies nicht der Fall, handelt es  sich nicht um Steuerungshandeln. Bei dieser Unterscheidung handelt es sich  um  eine Gratwanderung:  Echtes  Steuerungshandeln  ist  nur möglich  nach  einer  Dislokation,  also  einem  Infragestellen  der  bisherigen  Ordnung.  Die  subversiven  Richtungen  weicher  Steuerung  stellen  alternative  Gegenord‐ nungen dar, die perpetuierenden Praktiken fügen neue Elemente hinzu, set‐ zen  aber wesentliche  Bestandteile  der  alten  Bedeutungsordnung  fort  und  verfestigen sie weiter. Die Frage nach der genauen Grenzziehung zwischen  beiden  ist nicht drängend: Es handelt sich eher um die zwei Extreme eines  Kontinuums. Von einer subversiven Praxis  ist dann eindeutig zu sprechen,  wenn die zentralen Knotenpunkte oder tendenziell leeren Signifikanten, die  das Bedeutungsensemble hegemonial organisieren, in Frage gestellt werden;  ist dies nicht der Fall, muss die relative Bedeutsamkeit der Veränderungen  hinzugezogen werden.  Alle  perpetuierenden  Praktiken,  sowohl  die,  die  der  Steuerung  zuzu‐ rechnen sind als auch andere (also nicht‐intentionale), tragen weiter zur Se‐ dimentierung und Institutionalisierung der Ordnung bei, so dass der politi‐ sche Ursprung der Bedeutungsrelationen (also ihre Kontingenz) zunehmend  verschleiert wird. Aufgebrochen wird dieser Prozess wiederum erst durch  neue Dislokationen, die die bisherigen naturalisierten Selbstverständlichkei‐ ten überfordern und nach  einer neuen hegemonialen Ordnung verlangen.  Die Steuerungsleistung von perpetuierenden Praktiken ist dementsprechend  die Stabilisierung und Sedimentierung der hegemonialen begrifflichen Ord‐ nung. Durch einen intentionalen politischen Akt wird zukünftige Steuerung  des  bisherigen  Steuerungsobjekts  unwahrscheinlich  (bzw.  tendenziell  un‐ möglich) gemacht.24    24   Diese Überlegung zeigt große Ähnlichkeit zu Foucaults Analyse der Gouvernementalität: In  einer bestimmten Form des Liberalismus wurde die Überzeugung, dass prinzipiell zu viel  regiert werde, zum eigentlichen Regierungsmodus; Freiheit von staatlicher Steuerung wur‐ de zur Bedingung der Aufrechterhaltung eines spezifischen Regierungstypus (vgl. Foucault  2003a, 2003b), der sich nun anonym als zunehmend allgemein akzeptierte Selbstverständ‐ lichkeit fortsetzt.  Steuerung durch diskursive Praktiken  61   4.2.3. Steuerungsmechanismen  Identifikation und Perpetuierung (von Bedeutungszuschreibungen) sind die  Leistungen, die bei weicher Steuerung erbracht werden; hier soll jetzt spezifi‐ ziert werden, durch welche Mechanismen diese Leistungen  zustande  kom‐ men.  Angesichts der Ausführungen können drei Steuerungsmechanismen an‐ hand  ihrer Konstitutionslogik unterschieden werden: Steuerung durch Kate‐ gorisierung  (Logik der Differenz)  und  Steuerung  durch  Inklusion  (Logik der  Äquivalenz);25 diese kann erweitert werden und stellt als Steuerung durch lee‐ re Signifikanten (Laclau 2002) einen eigenständigen dritten Fall dar.  Bei der Steuerung durch Kategorisierung werden die unterschiedlichen Ele‐ mente  eines Diskurses  säuberlich voneinander getrennt. So wird versucht,  ihre jeweilige relationale Bedeutung weitgehend festzuschreiben. Jedem Ele‐ ment wird mittels dieses Mechanismus ein fester Platz zugewiesen: Es han‐ delt  sich  um  die  Zuschreibung  bestimmter  Bedeutungen,  die  Zuweisung  von getrennten Subjektpositionen innerhalb eines Diskurses – kurz: all das,  was man einer  funktionierenden „Ordnung des Diskurses“ zuschreibt. Die  Forderung  und  Durchsetzung  bestimmter  Partikularrechte  für  bestimmte  Gruppen, etwa Berufsgruppen oder Unterschiede im Zugang zu Ressourcen  oder Partizipation anhand ethnischer oder sozioökonomischer Trennlinien,  sind  Beispiele  für  Steuerung  durch Kategorisierung. Horizontal  ist  dieser  Mechanismus, weil Bedeutungszuschreibungen nicht auf  im Vorhinein for‐ mal festgelegte Weise sanktioniert und damit nicht rein hierarchisch durch‐ gesetzt werden können. Natürlich kann hierarchisch festgelegt werden, etwa  per Gesetz, wer einer bestimmten Statusgruppe angehört und wer nicht. Im  Regelfall – und auch  im Gesetzesfall garantiert dies erst die Wirksamkeit –  funktioniert eine Kategorisierung  jedoch horizontal: Die Zuschreibung von  Subjektpositionen  erfolgt  durch  ein  Zusammenwirken  mehrerer  Akteure  und der Annahme durch die Adressaten, die dann wiederum in Reartikula‐ tionen zum Wandel der Kategorisierung beitragen. Dies geschieht also nicht  vermittels formaler Sanktionen, sondern gerade mit informalen Sanktionen.  Der oder die Steuerungssubjekte befinden sich mit den Adressaten  in einer  Interaktion auf gleicher Ebene: Ohne deren tatsächliche Annahme (d.h. über  die Angst vor Repression hinausgehende Anerkennung oder Habitualisie‐ rung,  jedenfalls  Sedimentierung  als  Paradebeispiel  informaler,  positiver  Sanktionierung), wäre die Steuerung nicht erfolgreich. Diese Hinweise zur  Horizontalität gelten  für  alle drei Mechanismen.  In Hinsicht  auf die  Steu‐ erungsintention  sind  alle  drei  Intentionalitätstypen  denkbar:  Intention  als  Erneuerungsleistung tritt in genau jenem Fall der Reartikulationspraxis auf,  in der die Zuschreibungen geändert werden. Eine unbewusste Intentionali‐   25   Vgl. Laclau/Mouffe (1991: 183).  62  Friedrich Arndt/Anna Richter  tät wäre beispielsweise dann denkbar, wenn die Grundlage der Kategorisie‐ rung  in  nicht‐reflektierten  historischen  Erfahrungen  liegt, wie  es  etwa  im  Falle autoritärer Strukturen durch Zuschreibungen  eines klaren Oben und  Unten der Fall  ist. Subversive  Intentionalität  ist besonders  als Widerstand  auf eine Steuerung durch leere Signifikanten denkbar (siehe unten).  Steuerung durch Inklusion bedeutet, identitär zu Beginn noch ganz unter‐ schiedliche Elemente gleichzusetzen,  in dem sie alle zusammen von einem  konstitutiven Außen  abgegrenzt werden.  So werden Elemente  in  einer Ä‐ quivalenzkette miteinander verbunden, deren Gemeinsamkeiten auf relativ  abstrakter Ebene  liegen. Ein einfaches Beispiel  ist ein nachbarschaftlich or‐ ganisierter Protest gegen den Bau einer Autobahn: Die in anderen Hinsich‐ ten so heterogene Bevölkerung der Nachbarschaft wird durch das gemein‐ same Anliegen als Gruppe konstituiert, die sich nach außen gegen die Ande‐ ren  (andere Nachbarschaften, die nicht vom Bau betroffen  sind; die Stadt‐ verwaltung, etc.) abgrenzt und so innere Geschlossenheit erreicht. Die neue  Identifikation als Steuerungsleistung ermöglicht auch neue Formen und Zie‐ le politischen Handelns. Dieses Beispiel zeigt eine subversive  Intention,  ist  aber auch als reartikulativ‐erneuernde Intention denkbar: die NGO, die eine  bereits als zusammengehörig verstandene Gruppe um neue Elemente – so‐ wohl personelle als auch inhaltliche – erweitert und ihr so eine neue Bedeut‐ samkeit und Handlungsorientierung gibt.  Steuerung durch leere Signifikanten: Ein klassisches Beispiel für diesen Me‐ chanismus sind Diskurse des Nationalismus, also solche Diskurse, die über  eine begrenzte Ebene hinaus den Bedeutungshorizont einer großen Gruppe  gewährleisten. Als solche sind sie auf einer abstrakteren Diskursebene ange‐ siedelt, aber dies  ist nicht nur eine analytische Unterscheidung: Durch die  größere Allgemeinheit  ist  auch  der  Signifikant  tendenziell  entleerter,  um‐ fasst  somit  noch  mehr  heterogene  Elemente  und  hat  eine  enorme  hand‐ lungsstrukturierende Wirkung. Wir gehören alle zur Nation, obwohl wir vor  kurzem doch noch als Parteigänger der Konservativen und der Sozialisten  oder aber als Angestellte und Unternehmer, Männer und Frauen voneinan‐ der getrennt waren. Das, was uns vereint, ist das konstitutive Außen der an‐ deren Nationen, die eine uns fremde Identität und Kultur haben, die unsere  gefährdet – und  sei  es nicht physisch gefährdet,  so  in  jedem Falle  symbo‐ lisch.  Durch  die  gleichsetzende  Wirkung  des  Mechanismus  wird  der  be‐ zeichnende Begriff zunehmend von seiner Bedeutung entleert, da er auf eine  große Zahl heterogener Elemente weist, die nur durch das konstitutive Au‐ ßen vereint werden: so wird er zum tendenziell leeren Signifikanten. Dieser  wirkt als imaginäre Schließung des Diskurses, in dem nun alle Elemente in  ihrer  Beziehung  zum  zentralen  leeren  Signifikanten  Bedeutung  haben.  So  scheint er die Sehnsucht nach einem geschlossenen Ganzen zu verwirklichen  –  jedenfalls so lange, bis Dislokationen die durch leere Signifikanten herge‐ Steuerung durch diskursive Praktiken  63   stellte  und wirkende  hegemoniale Ordnung  vor  neue Herausforderungen  stellen.  Außer  der  unbewussten  Intention  sind  besonders  reartikulativ‐ erneuernde Intentionen denkbar; hier trifft dann zu, was oben zu perpetuie‐ renden Praktiken erläutert wurde.  Der Mechanismus der Kategorisierung einerseits und die Mechanismen  der Inklusion und der leeren Signifikanten andererseits wirken in entgegen‐ gesetzte  Richtungen:  Innere Kategorisierung  läuft  einer  Vereinheitlichung  zuwider. Dass keine der Mechanismen sich des Diskurses ganz bemächtigen  können, bedeutet, dass  sie die  jeweilige widerständige Praxis des  anderen  darstellen.  4.3. Politisches Handeln, Steuerung und Sedimentierung/Institutionalisierung  Angesichts  dieser Mechanismen  stellt  sich  die  Frage, wie  sich  der  Begriff  weicher Steuerung dann noch von politischem Handeln per se unterscheiden  lässt. Schon der Begriff des Politischen ist ja hier sehr weit gefasst – handelt  es  sich  tatsächlich  auch noch um Steuerung? Politische Steuerung wird  in  der Einleitung dieses Bandes verstanden als der Versuch, die Handlungsop‐ tionen der Steuerungsadressaten einzuschränken oder zu strukturieren. Sie  ist  intentionale und horizontale Handlungsbeeinflussung. Politisches Han‐ deln im Sinne von Laclau/Mouffe ist jede konstitutive oder subversive Praxis  bezüglich  der  bestehenden  hegemonialen  Ordnung.  Die  weichen  Steu‐ erungsmechanismen müssen daher so beschaffen sein, dass es sich auch tat‐ sächlich um Steuerungsmechanismen handelt und nicht um politische Me‐ chanismen allgemein. Ein gewisses Maß an  intentional‐horizontaler Hand‐ lungsbeeinflussung und ‐strukturierung ist mit gutem Willen in jedem poli‐ tischen Handeln zu finden. Es macht aber nur Sinn, davon abgegrenzt von  weicher Steuerung zu sprechen, wenn das Steuerungsobjekt, verstanden als  der bei den Adressaten zu steuernde Bereich, ausreichend eng gefasst wird  und  bereits  vor der  eigentlichen  Steuerungshandlung  identifiziert werden  kann – dies umso mehr, als dass das Steuerungssubjekt, wie oben gesehen,  keine ganz unproblematische Kategorie darstellt. Wie eng das Steuerungs‐ objekt (oder besser: das Steuerungsfeld) vorher bestimmt sein muss und an‐ hand welcher Kriterien dies zu geschehen hat, ist zu diskutieren: Reicht ein  politisches Thema, muss es eine angebbare Agenda von gewünschten Hand‐ lungsfolgen  sein  oder  sich  auf  einen  bestimmten  eingegrenzten  Zeitraum  beziehen? An diesem Punkt ist auch für eine vorherige Unterscheidung der  Analyseebenen zu plädieren: Handelt es sich um eine abstraktere Ebene, so  ist das Steuerungsobjekt oder ‐feld entsprechend breiter als im Falle lokaler  Steuerungsmechanismen auf Mikroebene  (siehe die vier Analyseebenen  im  folgenden Abschnitt).  Die hier vorgenommenen Einschränkungen bedeuten nicht, dass andere  Formen  politischen  Handelns  nicht  wichtige  handlungsstrukturierende  64  Friedrich Arndt/Anna Richter  Wirkungen haben können, die sowohl empirisch analysiert als auch theore‐ tisch begriffen werden sollten – es handelt sich dann nur nicht um weiche  Steuerung. Es ist gut möglich, dass ein und derselbe Sachverhalt sowohl als  Mechanismus weicher Steuerung als auch in anderer Hinsicht als ein politi‐ scher  Mechanismus  jenseits  von  Steuerung  verstanden  werden  kann.  Es  kommt dementsprechend auf den analytischen Blickwinkel an, von dem aus  die politischen Phänomene untersucht werden.  Dies sei am Beispiel eines weiteren Feldes diskursanalytischer Theorie il‐ lustriert, um die Richtung einer Operationalisierung aufzuzeigen. Die Ana‐ lyse von Diskursen (bzw. Dispositiven) selbst, wie sie an Foucault und ande‐ re anschließende Diskursanalysen vornehmen, könnte dann an eine Theorie  weicher  Steuerung  angeschlossen werden. Der Nachweis  der  Kontingenz  bestimmter diskursiver Selbstverständlichkeiten, wie er  in Diskursanalysen  zu erbringen versucht wird, oder deren Dekonstruktion, ist mit dem weiten  Verständnis politischen Handelns ebenfalls als politischer Akt zu verstehen.  Doch nur bei der richtigen Positionierung und Anwendung im Diskurs ge‐ mäß  noch  genauer  anzugebender  Kriterien  (bezüglich  der  Analyseebene  und  dem  Steuerungsfeld,  siehe  oben)  kann  eine  solche  politische  Bedeu‐ tungsdekonstruktion Steuerungsleistungen, nämlich geplante Verschiebun‐ gen  der  diskursiven Ordnung,  erbringen. Dies  setzt  freilich  eine  entspre‐ chende Rezeption und damit bereits eine Stellung  im Diskurs als  legitimer  Sprecher  voraus, die  ihrerseits  am politisch umkämpften Wandel der dis‐ kursiven Ordnung hängt – insofern zeigt sich einmal mehr der stets relatio‐ nale und reflexive Charakter der poststrukturalistischen Herangehensweise.  Ein Beispiel wäre ein dekonstruktives Projekt ethnischer Kategorien (Rasse,  Identität) als Teil einer Aufklärungskampagne einer Bürgerinitiative gegen  Rassismus.  Zu  fragen  bleibt  natürlich, worin der Mehrwert  einer  solchen Betrach‐ tungsweise gegenüber anderen Theorien der politischen Theorie und Sozio‐ logie liegt. Verbindungen deuten sich klar an zu Mechanismen symbolischer  Steuerung als auch zu Ansätzen der  Institutionenforschung, nämlich dann,  wenn es um sedimentierte Bedeutungsordnungen geht, die nicht mehr (und  noch nicht) durch Dislokationen gebrochen werden – hier käme man auch  wieder zu Foucault zurück, mit dessen Instrumenten sich sedimentierte Dis‐ kursordnungen analysieren und  fassen  lassen.  Institutionen  sind aus  einer  diskurstheoretischen Sicht verstetigte Bedeutungsmuster und Praktiken, die  tief  im  Sediment  des  Sozialen  eingebettet  sind  und  nur mit  großem Auf‐ wand  in Frage  zu  stellen  sind.26  In diesem Bereich müssen  entsprechende    26   Vgl. die Beschreibung von  Institutionen  als  Symbolsystemen von Göhler  (2007). Die An‐ knüpfungspunkte hierzu sind vielfältig, auch wenn die Vermittlung der semiotischen mit  der hermeneutischen Herangehensweise noch genauer zu klären ist.  Steuerung durch diskursive Praktiken  65   Mechanismen weicher Steuerung ergänzt werden durch eine weitere sozial‐ theoretische Fundierung in Institutionen und Diskursen.  Trotz  dieser  verbleibenden  Desiderate  hält  der  Ansatz  Laclaus  und  Mouffes weiterführende  Instrumente  zur Analyse  von Mechanismen wei‐ cher  Steuerung  bereit.  Die  Mechanismen  der  Steuerung  durch  Inklusion,  durch Kategorisierung und durch  leere  Signifikanten bieten  eine überzeu‐ gende Grundlage  für die Analyse  intentionaler Beeinflussungsversuche  in  politischen Konflikten. Dies gilt insbesondere dann, wenn auch die diskurs‐ theoretischen Potentiale zur Analyse des Steuerungskontexts und nicht nur  des Steuerungshandelns selbst genutzt werden.  5. Zusammenführung, Fazit und Ausblick  Abschließend  sollen  die  identifizierten  Mechanismen  weicher  Steuerung  schematisch  zusammengefasst und  in unterschiedliche Diskursebenen  ein‐ geordnet werden. Um die Analyseebenen von Diskursen deutlicher unter‐ scheiden zu können, ist es hilfreich, verschiedene Diskursebenen voneinan‐ der abzugrenzen, anhand derer wir die Mechanismen aufschlüsseln. Alves‐ son und Karreman (2000) unterscheiden pragmatisch vier Arten von Analy‐ seebenen, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen sollen: auf der einen  Seite  diejenige,  die  als  Theorie  bildender DISKURS  (capital D)  bezeichnet  wird und auf der zwischen Meta‐Diskurs und Groß‐Diskurs (grand discourse)  unterschieden wird: Ersteres bezieht sich auf die großen paradigmatischen  Entwicklungen,  die  den  gesamten  Horizont  des  Denkbaren  prägen  (z.B.  Aufklärung, Moderne etc.), zweiteres auf  thematische Felder, die den Kon‐ text des Denkbaren dieses Feldes abstecken (z.B. Nationalismus, Neolibera‐ lismus  etc.).  Auf  der  lokalen  Seite  des  Diskurses  wird  zwischen  Mikro‐ Diskurs und Meso‐Diskurs unterschieden: Ersterer meint die detaillierte Un‐ tersuchung sprachlicher Praktiken in spezifischem Kontext (also z.B. konkre‐ te  Textanalyse),  letzterer  sucht  jenseits  enger  Textanalyse  nach  weiteren  wiederkehrenden Mustern. Obgleich  all diese Ebenen  faktisch  zusammen‐ hängen,  soll  zur  Gewährleistung  analytischer  Klarheit  versucht  werden,  zwischen den Ebenen zu unterscheiden.  5.1. Zusammenfassung und Verbindungen  Es hat sich gezeigt, dass sich bei Foucault vor allem auf der konkreten Ebene  der Meso‐  und Mikro‐Diskurse  Steuerungsmechanismen  zur  horizontalen  Handlungsbeeinflussung  finden  lassen.  Das  begründet  sich  damit,  dass  Machtwirkungen auf einer höheren Ebene zwar durchaus als Ausdruck von  Absichten und Zielsetzungen verstanden werden können, diese sich  jedoch  nicht mehr auf eine Person oder Gruppe zurückführen lassen. So ist die Ver‐ 66  Friedrich Arndt/Anna Richter  änderung der Regeln der Diskurskontrolle auf der Meso‐Ebene des Diskurses zu  verorten. Auch die  intentionale Konstitution und der Einsatz  von Wahrheit  zur Diskursstrukturierung; die Ermittlung von Normen zur Kontrolle und Orga‐ nisation der Gesellschaft sowie jene Steuerungsmechanismen, die auf die Ver‐ änderung von Subjektivierungsformen zielen (Modifizierung oder Entwicklung  von Selbstpraktiken mit bestimmten Zielen; Veränderung oder Konstitution identi‐ tätsstiftender Normen), befinden sich auf dieser Analyseebene. Allein die Steu‐ erung durch Widerstand ist auf der Mikro‐Ebene anzusiedeln.  Wenn Macht der Name ist, den man einer komplexen strategischen Situa‐ tion  in  einer Gesellschaft  gibt,  ist  ihre Rückführung  auf  einzelne  Subjekte  nach Foucault nicht möglich, da niemand „das gesamte Macht‐ und Funkti‐ onsnetz  einer Gesellschaft  in  der Hand“  hat  (Foucault  1992a:  116). Aller‐ dings, und das ist für unseren Zusammenhang wichtig, gibt sich die Macht  in Form von Taktiken „in ihrem beschränkten Bereich häufig unverblümt zu  erkennen“ (Foucault 1992a: 116). Auch die Widerstandskämpfe, anhand de‐ rer er Machtverhältnisse analysieren will, beschreibt Foucault als „unmittel‐ bare Kämpfe“, in denen die Leute diejenigen Machtinstanzen kritisieren, die  ihnen am nächsten sind (Foucault 1987: 246). Daraus ergibt sich die Analyse  von  Steuerungsmechanismen  innerhalb  dieser  „beschränkten  Bereiche“  bzw.  anhand  der  „unmittelbaren Kämpfe“. Diese müssen  jedoch  stets  im  Zusammenhang mit den Meta‐ und Groß‐Diskursen gesehen werden.  Bei Laclau und Mouffe liegt der Fall etwas anders. Hier lassen sich inten‐ tionale Steuerungsakteure nicht nur auf einer konkreten Ebene des Wider‐ stands oder der Selbsttransformation finden, sondern auch auf der abstrak‐ teren Ebene des Groß‐Diskurses. Denn die Strategien, mit denen bestimmte  Gruppen versuchen, ihre Reorganisation der Elemente hegemonial (zum so‐ zialen  Imaginären)  werden  zu  lassen,  beziehen  sich  zwar  zu  Beginn  auf  konkrete  Anhaltspunkte  innerhalb  einer  politischen  Auseinandersetzung,  weiten  sich aber  in der Folge  (bei Erfolg) zum Horizont des Denkbaren  in  allen Bereichen aus. So ließe sich die Entwicklung eines konkreten Nationa‐ lismus zunächst sicher als Antwortmöglichkeit auf konkrete Anforderungen  einer bestimmten Gruppe lesen, doch wird er in der Folge für viel weiter rei‐ chende Projekte gebraucht, so dass die grundlegenden Handlungsmöglich‐ keiten  nur  noch  in  Kategorien  der  Nation,  der  Zugehörigkeit  oder  des  Fremden, gedacht werden können. Das heißt  freilich nicht, dass bei Laclau  und Mouffe  jemand „das gesamte Macht‐ und Funktionsnetz einer Gesell‐ schaft  in der Hand“ hat – doch die am Beginn der herrschenden begriffli‐ chen Ordnung  stehende  Entscheidung  über Alternativen  der Domestizie‐ rung der Dislokation  (ihr politischer, kontingenter Charakter)  ist das Werk  subjektiver Handlung.  Grundlegend  wichtig  für  weiche  Steuerung  scheint  die  Beschreibung  Foucaults  über den Zusammenhang  von Regierungstechniken und  Selbst‐ Steuerung durch diskursive Praktiken  67   praktiken. Durch die Verinnerlichung bestimmter  Inhalte oder Ziele durch  die  zu  steuernden  Subjekte  (also durch die Steuerungsadressaten) werden  hierarchische Formen der Machtausübung entweder überflüssig oder abge‐ sichert. Ähnliches gilt für die Konstitution von Wahrheit und die Erzeugung  von Normalität: Wenn  es gelingt, bestimmte gesellschaftliche Konstellatio‐ nen als Wahrheiten erscheinen zu lassen, können Befehle und Zwang hinter  den Anforderungen der Wahrheit und den Gesetzmäßigkeiten der Normali‐ tät  zurücktreten. Alle Mechanismen  zielen  direkt  auf  die  Individuen  und  nur vermittelt über Individuen auf die Beeinflussung von Gruppen oder der  gesamten Bevölkerung. Auch bei Laclau und Mouffe ist das handelnde Sub‐ jekt der die Ebenen vermittelnde Akteur; der Ort der Selbsttransformation  (Foucault) ist hier der Ort der politischen Entscheidung.  Die  Steuerung  durch  Widerstand  entsteht  auf  lokaler  Ebene.  Durch  die  Techniken der Selbstführung kann es dem Subjekt gelingen, das Selbst als  Gegenposition  zu  den  Machtverhältnissen  aufzubauen.  Widerstand  ist  demnach zu verstehen als Widerstand gegen bestehende Subjektivierungs‐ formen und damit verbunden als Suche nach neuen Formen der Subjektivi‐ tät  (Foucault 1987: 250). Diese kann sich dann zu einem Gegendiskurs  for‐ mieren und  so den  herrschenden Diskurs  beeinflussen. Eine  solche  Suche  nach Subjektivitätsformen lässt sich bei Laclau und Mouffe in den stets fort‐ schreitenden Versuchen der  Identifikation  ausmachen, die  immer unabge‐ schlossen bleiben; z.B. als widerständige Steuerung durch Inklusion in einer  sozialen Bewegung von Schwulen/Lesben, die sich als homosexuelle Subjek‐ te  konstituieren,  trotz  identitärer  Unterschiede  wie  Herkunft,  politischer  Einstellung u.ä.  Die  bei  Foucault  beschriebenen Regierungstechniken  können  von  allen  Subjekten, Gruppen und Institutionen ausgeübt werden, die entsprechende  Sprecherpositionen  in einer bestehenden diskursiven Ordnung einnehmen.  Demnach  ist die Ausübung von Regierungstechnologien nicht an staatliche  Strukturen gebunden und kann ebenso  in Räumen begrenzter Staatlichkeit  wirken. Gleiches gilt für die diskursive Herstellung von Wahrheit. Die Ver‐ bindung der Analyse politischer Handlungsmöglichkeiten mit der Untersu‐ chung  erleichternder/ermöglichender  Sprecherpositionen  ist  ein  Desiderat  sowohl der Foucault’schen Perspektive als auch jener von Laclau und Mouf‐ fe (vgl. 4.3.).  5.2. Steuerungsmechanismen im Überblick  Nach dem Durchgang durch die Diskurstheorien von Michel Foucault sowie  von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sollen hier die  identifizierten Me‐ chanismen weicher Steuerung systematisch zusammengefasst werden.   Für  die Meta‐Ebene wurden  dabei  keine  Steuerungsmechanismen  aus‐ gemacht. Dies  ist angesichts des Gegenstandsbereichs dieser Analyseebene  68  Friedrich Arndt/Anna Richter  nur  natürlich  –  es würde  doch  sehr  verwundern,  beispielsweise  den Ge‐ samthintergrund der Entzauberung der Welt im okzidentalen Rationalismus  als intentionale Steuerungsleistung zu beschreiben.    Groß‐Diskurs: Ø Steuerung durch leere Signifikanten (4.2.3.).    Meso‐Diskurs: Ø Steuerung durch Inklusion (4.2.3.); Ø Steuerung durch Kategorisierung – auch als Gegenbewegung zu Steu‐ erung durch leere Signifikanten (4.2.3.); Ø Steuerung durch Beeinflussung von Selbstpraktiken (3.4.4.); Ø Steuerung durch Wahrheitskonstitution (3.4.1.); Ø Steuerung durch Normalisierung (3.4.3.).    Mikro‐Diskurs: Ø Steuerung durch Widerstandskämpfe – kann auf Meso‐Ebene ausge‐ weitet werden (3.4.5.); Ø Steuerung durch subversive Praktiken des Selbst – wirkt zusammen  mit Ebene des Groß‐Diskurses (3.4.4. und 3.4.5.).  Steuerung durch diskursive Praktiken  69   Abbildung: Weiche Steuerung durch diskursive Praktiken  Die Abbildung soll hier die unterschiedlichen Ebenen und Bereiche der Me‐ chanismen  illustrieren und zeigt mögliche Verbindungen an. Sie kann aber  konkrete,  empirische  Untersuchungen  nicht  vorwegnehmen.  Mit  solchen  Analysen ließe sich die Abbildung spezifizieren und das Zusammenwirken  der verschiedenen Ebenen für den untersuchten Einzelfall konkreter fassen.  Anhand  des  letzten  genannten Mechanismus,  Steuerung  durch  Praktiken  des Selbst, sei erneut darauf verwiesen, dass die systematische Unterteilung  in Analyseebenen zwar analytisch hilfreich sein kann, jedoch nicht den Blick  auf  den  spezifischen  Mehrwert  dieser  diskurstheoretischen  Betrachtungs‐ weise verstellen darf: Denn Mechanismen der Diskursstrukturierung wirken  gerade im notwendigen Zusammenspiel von abstrakter und konkreter Ebe‐ ne. Die  konkreten  Selbstpraktiken  eines  Individuums  ermöglichen  ein  ge‐ wisses Maß an subjektiv intendierter Selbsttransformation, werden dem In‐ dividuum  gleichzeitig  jedoch  nahegelegt,  vorgebahnt  und  erleichtert: Die  Subjekte, die den vorgefundenen Diskurs durch die konkrete Praktik trans‐ formieren, sind notwendigerweise in diesen Diskurs eingebunden. In ande‐ ren Worten: Es  ist  nicht möglich,  das  eine  (das  Subjekt)  ohne das  andere  (den Diskurs) zu denken. So hängt die säuberlich getrennte Ebene des Groß‐ Diskurses  notwendig mit der Ebene der Mikro‐Diskurse,  vermittelt durch  Meso‐Diskurse,  zusammen.  Das  Feld  all  dieser  Praktiken  ist  durchzogen  durch die hegemoniale Ordnung bzw. die bestehende Wahrheitspolitik.  In  70  Friedrich Arndt/Anna Richter  der Abbildung soll dies durch die grauen Pfeile im Hintergrund verdeutlicht  werden. Die kleinen  schwarzen Pfeile verweisen  auf  in den Mechanismen  angelegte Wechselwirkungen untereinander und zwischen den verschiede‐ nen  Ebenen. Die  rechte  Seite  der Abbildung  hat  in  Bezug  zur  erbrachten  Steuerungsleistung  tendenziell eher den Bereich einzelner  Individuen zum  Gegenstand, die  linke  Seite  eher den Bereich der  inhärenten Organisation  des Diskurses. Doch  auch hier gilt: Es  sollte deutlich geworden  sein, dass  zwischen  diesen  Bereichen  nicht  faktisch  getrennt werden  kann,  sondern  nur zum Zwecke analytischer Übersicht.  5.3. Ausblick  In  den  Mechanismen  weicher  Steuerung  durch  diskursive  Praktiken,  die  hier vorgestellt wurden, kommen solche, die ausschließlich den Typen der  unbewussten oder der anonymen  Intention zuzurechnen wären, nicht vor,  da  sie  dem  mit  Steuerung  verbundenen  Verständnis  von  Intentionalität  kaum  in Einklang  zu  bringen  sind. Die  anonymen Wirkungen und damit  Leistungen,  die  der Diskurs  ausübt,  können  natürlich  dennoch  sinnvoller  Teil politischer Analyse sein. Dies könnte auf zwei Arten geschehen:  Akzeptiert man  intransparente,  unbewusste  Intentionen  oder  anonyme  Intentionen,  so  steht  einer Ex‐post‐Analyse  solcher Mechanismen  auch  als  Steuerungsmechanismen nichts im Wege – dieser Weg wurde hier bewusst  nicht gewählt, wäre aber möglicherweise anschlussfähig an einige psycho‐ analytisch  geprägte  Ansätze  politischer  Analyse  (vgl.  Butler  2001;  Žižek  1999).  Wie zum Ende des dritten und vierten Abschnitts bemerkt, kann die A‐ nalyse der anonymen Wirkungen von Diskursen als notwendiges Komple‐ mentär der Analyse  politischer  Steuerungsmechanismen die  institutionali‐ sierten,  fest verankerten oder  eben  sedimentierten Machtwirkungen  freile‐ gen, die das Umfeld und die Ermöglichungsbedingungen von Steuerungs‐ mechanismen darstellen. Denn diese bereits wirksamen Bedeutungsmuster  geben  ja gerade vor, welche konkrete Form Steuerungsversuche durch dis‐ kursive Praktiken überhaupt nehmen können. Diese stehen nicht  im  leeren  Raum, sondern finden immer bereits Strukturen vor, deren Bedeutungen ge‐ rade Gegenstand der Steuerungsversuche sind.  Die  hier  vorgestellten  Ergebnisse  lassen  deutlich werden,  dass Mecha‐ nismen der weichen Steuerung durch diskursive Praktiken ein sehr weites  Feld, letztlich empirisch zu erarbeitender, politischer Analyse für eine Steu‐ erungsperspektive öffnet.  Im hier vorgelegten Rahmen sind weitere Ergän‐ zungen denkbar, die die unterschiedlichen Mechanismen präzisieren  oder  erweitern. Nicht weiter verfolgt wurden hier beispielsweise poststrukturalis‐ tisch inspirierte Arbeiten in der feministischen Forschung, besonders zu Me‐ chanismen der Normierung und der Anerkennung  (vgl. Butler 2001) – ein  Steuerung durch diskursive Praktiken  71   Blick  in diesen und andere verwandte, auch empirische Forschungsstränge  könnte den Blick auf weitere Mechanismen, besonders auf der Meso‐ und  Mikro‐Ebene, lenken.  Der vorliegende Beitrag sollte einen ersten steuerungstheoretischen Blick  auf diskurstheoretische Ansätze bieten, die besonders vielversprechend er‐ schienen. Es wurde gezeigt, dass das analytische Potential dieser Theorien  auch  für  die  Perspektive  weicher  Steuerung  spannende  Einsichten  ver‐ spricht, wenn  sowohl die  steuerungstheoretische  Sichtweise den Blick  auf  diskursiv wirkende Mechanismen richtet als auch die poststrukturalistische  Denkweise den Schritt in eine eher handlungstheoretische Richtung wagt.  Literatur  Alvesson,  Mats/Karreman,  Dan  2000:  Varieties  of  Discourse.  On  the  Study  of  Organizations  through Discourse Analysis, in: Human Relations 53: 9, 1125‐1149.  Blackburn, Simon 1996: The Oxford Dictionary of Philosophy, Oxford.  Bröckling, Ulrich 2000: Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts‐ und Selbstmana‐ gement, in: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hrsg.): Gouvernementa‐ lität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/Main, 131‐167.  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References

Zusammenfassung

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes verfolgen das Ziel, andere als die klassischen Formen politischer Steuerung zu identifizieren. Für diese Möglichkeit der informalen Steuerung prägen sie, analog zu „soft power“, den Begriff „weiche Steuerung“. Dabei gehen sie von der Überlegung aus, dass Steuerung einen Sonderfall der Machtausübung darstellt, denn Steuerung ist nichts anderes als intentionale Macht­ausübung. Weiche Steuerung wird demzufolge als intentionale und horizontale Machtausübung begriffen. Der so gewonnene Zugang wird in der Einleitung vorgestellt.

In den folgenden drei Beiträgen werden neuere Machtkonzepte auf ihr steuerungstheoretisches Potential hin ausgelotet. In Anknüpfung an Foucault und Laclau/Mouffe wird nach den Steuerungswirkungen gefragt, die sich durch diskursive Praktiken ergeben. Im Anschluss an Habermas und die Sprechakttheorie wird die Macht von Argumenten in Steuerungsprozessen diskutiert. Die dritte Studie schließlich fragt nach Möglich­keiten und Bedingungen weicher Steuerung vermittels Symbole. Auf diese Weise werden die Konturen eines systematischen und theoriegeleiteten Konzepts von weicher Steuerung herausgearbeitet.