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Dinos Christianopoulos, Zehn »Kleine Gedichte« in:

Initiative Queer Nations, Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Benedikt Wolf, Rainer Nicolaysen (Ed.)

Jahrbuch Sexualitäten 2020, page 218 - 226

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8353-3786-2, ISBN online: 978-3-8353-4534-8, https://doi.org/10.5771/9783835345348-218

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Zehn »Kleine Gedichte« DINOS CHRISTIANOPOULOS Übersetzt und eingeleitet von Benedikt Wolf Dinos Christianopoulos (geboren 1931) wird zur sogenannten Zweiten Generation der griechischen Nachkriegsdichtung gezählt. Sie brach mit dem Pathos der ersten modernistischen Dichtergeneration in Griechenland, der sogenannten Generation von 1930, der die beiden Nobelpreisträger Giorgos Seferis (1900-1971) und Odysseas Elytis (1911-1996) angehörten. Wie andere Vertreter seiner Dichtergeneration, allen voran Manolis Anagnostakis (1925-2005), verwendete Christianopoulos eine eher alltägliche Sprache. Christianopoulos, in dessen Werk männliche Homosexualität eine zentrale Rolle spielt, gehörte zu einer Gruppe von Thessaloniker Schriftstellern, die sich um die von ihm herausgegebene Zeitschrift »Diagonios« (1958-1983) versammelten, unter ihnen die wie er schwulen Literaten Giorgos Ioannou (1927-1985) und Nikos Alexis Aslanoglou (1931-1996). Christianopoulos verfasste auch fiktionale und essayistische Prosa und schuf eine Reihe von populären Liedern, ist jedoch vor allem für seine Lyrik bekannt, nicht zuletzt wegen der kongenialen Vertonung einer Auswahl seiner Gedichte als »Die Lieder der Sünde« (» «, postum 1994) durch Manos Chatzidakis (1925-1994) und deren Interpretation durch Andreas Karakotas.1 Stand Christianopoulos’ lyrische Sprache im ersten Gedichtband »Zeitalter der mageren Kühe« (» «, 1950) noch unter dem deutlichen Einfluss von Konstantinos Kavafis und T. S. Eliot, so entwickelte er in den folgenden Sammlungen einen zunehmend lakonischen, oft umgangssprachlichen bis idiomatischen Stil, der nicht im mindesten daran interessiert ist, homosexuelle Inhalte zu maskieren, aber an die Stelle genital-analer Eindeutigkeit das fetischistische Detail, das geistreiche Wortspiel, die obszöne Metapher treten lässt.2 1 Manos Chatzidakis: . Andreas Karakotas (Gesang), Dora Bakopoulou (Klavier). CD. Seirios 1996. 2 Auf Deutsch liegen meiner Kenntnis nach bislang nur drei Gedichte vor: Dinos Christia- 219zehn »kleine gedichte« Die folgenden zehn titellosen Gedichte sind allesamt der Sammlung »Kleine Gedichte« (» «) entnommen,3 die Christianopoulos ab 1975 in sich wandelnden Fassungen und auf der Grundlage zweier älterer Sammlungen publizierte.4 Die »Kleinen Gedichte« können in mehreren Aspekten als »klein« gelten. Der hervorstechendste unter ihnen ist aber wohl ihre Kürze. Das längste der »Kleinen Gedichte« besteht aus elf, die kürzesten bestehen aus zwei Versen. Christianopoulos selbst hat in diesem Sinne von der »epigrammatischen Form« dieser Gedichte gesprochen.5 nopoulos: Auf dem Weg nach Damaskus / Maria Magdalena. In: Griechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hg. und übersetzt von Danae Coulmas. Frankfurt a. M. 2001, S. 128 f., sowie »Sodomiten« und ebenfalls »Auf dem Weg nach Damaskus« in Lampros Mygdalis: Rainer Maria Rilke und der neugriechische Dichter Dinos Christianopoulos. In: Lenau- Forum 18 (1992), H. 1-4, S. 141-145, hier S. 143 und 144. Dazu kommen Übersetzungen einiger weniger der »Kleinen Gedichte« in Benedikt Wolf: »wir wollen mehr / wir wollen erde«. Die Poetik der sinnlichen Zeichen in Dinos Christianopoulos’ »Kleinen Gedichten«. In: ders. (Hg.): SexLit. Neue kritische Lektüren zu Sexualität und Literatur. Berlin 2019, S. 286-315. Vgl. auf Englisch außerdem die Übersetzungen von Kimon Friar: Dinos Christianopoulos: Three Poems. In: Chicago Review 21 (1969), H. 2, S. 75-78; ders.: Ithaca. In: The Literary Review 16 (1973), H. 3, S. 387; ders.: The Poetry of Dinos Christianopoulos: A Selection. In: Journal of the Hellenic Diaspora 6 (1979), H. 1, S. 68-83. Vgl. für weitere englische und französische Übersetzungen Dimitris Kokoris: [Verzeichnis des poetischen Werks von Dinos Christianopoulos]. In: ders. (Hg.): . . Nikosia 2003, S. 17-23, hier S. 20. 3 Dinos Christianopoulos: . 4. Aufl. Thessaloniki 2004, S. 9, 37, 16, 46, 15, 44, 62, 65, 92 und 52. Die hier vorgenommene Reihung der Gedichte entspricht nicht derjenigen in den »Kleinen Gedichten«, die sich jedoch über die angegebenen Seitenzahlen nachvollziehen lässt. Ich danke dem Verlag Ianos (Thessaloniki) für die Abdruckerlaubnis für Originale und Übersetzungen. 4 Vgl. zur Publikationsgeschichte der »Kleinen Gedichte« Thanasis Markopoulos: . [Dinos Christianopoulos. Der Verzweifelte der Liebe]. In: ders.: . , , , , , , , . Athen 2003, S. 91-109, hier S. 104; Kokoris (wie Anm. 2), S. 17 f. 5 Dinos Christianopoulos: [Einige Worte über meine literarischen Schriften]. In: ders.: . ( , Bd. 5). Athen 1993 [zuerst 1987], S. 9-30, hier S. 17 [meine Übersetzung, B. W.]. 220 dinos christianopoulos 221zehn »kleine gedichte« eine berührung nur genügt nicht ein körper nur ist wenig wir wollen mehr wir wollen erde als wär ich eine nussschale schaukelst du mich wie ungestüme see brichst du herein hier ist kein meer das ist ein sofa deine seemannssitten werden es aus den fugen bringen lass deinen speichel auf mich tropfen lass schlamm mich werden wie lange soll ich trockne erde bleiben? 222 dinos christianopoulos 223zehn »kleine gedichte« ich schlug mein zelt im sand deiner schenkel auf durch deine höhlen schwimme ich an deinen krebsen werd ich satt meine einsamkeit ist wie ein wald aus träumen und du streifst durch meine bäume weder haben meine vögel dir den kopf verdreht noch bewegt das rascheln meiner blätter dich du zertrampelst meine blumen und siehst zu dass du dich fortmachst wie gut wär’s wenn mein dickicht unpassierbar wäre wie gut wär’s wenn du dich in meinem wald verirrtest versenke deine sonne in meinen dunkelsten winkel stoß deine lüge in meine traurigste wahrheit 224 dinos christianopoulos 225zehn »kleine gedichte« dass wir an quellen und an flüssen leben und ihr in flaschen abgefülltes wasser trinkt! ertränke deinen aufstand in meinem blut jeden abend ruft die glocke ihrer schenkel mich zur vesperfeier in den park pflanz deine augen in meine fruchtbare einsamkeit sä deine worte in meinen fetten mist wenn du mich drischst wirst du sprachlos vor der ernte stehen

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Zusammenfassung

Das Jahrbuch Sexualitäten ist ein jährlich erscheinendes Periodikum, das Fragen des Sexuellen in einem weiten Sinne thematisiert - unter anderem in den Bereichen des Gesellschaftlichen, Politischen, Kulturellen, Historischen und Juristischen, in der Medizin und den Naturwissenschaften, in Religion, Pädagogik und Psychologie. Mit Beiträgen u. a. von Seyran Ateş, Adrian Daub, Stefan Donath, Marion Hulverscheidt, Ralf König und Karsten Schubert