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Karl-Heinz Göttert, Wollt ihr den totalen Krieg? Der Lautsprecher und die Medialisierung der Stimme des Politikers in:

Gerhard Paul, Ralph Schock (Ed.)

Sound der Zeit, page 291 - 298

Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute

1. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8353-1568-6, ISBN online: 978-3-8353-2688-0, https://doi.org/10.5771/9783835326880-291

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WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? 291 Öffentliches Reden mit natürlicher Stimme Zu Beginn der europäischen Kultur tauchen zwei Figuren auf, die vor großem Publikum reden: der Schauspieler und der politische Redner. Beide pflegen ihre Stimme mit professionellen Methoden, wie wir aus Biografien, aber auch aus dem (Stimme und Gestik gewidmeten) actio Kapitel der Rhetorik wissen. Als äußere Hilfsmittel existierten in der Antike lediglich akustisch günstige Räume wie die Theater, die ein Auftreten vor bis zu 14.000 Zuschauern bzw. Zuhörern gestatteten. Nach dem Untergang des Römischen Reiches brachen diese Traditionen ab, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gab es vor allem für Politiker keine vergleichbaren Herausforderungen. Eine erste Wende brachte die Entwicklung in England, wo im 17. Jahrhundert ein Parlament und damit ein Forum für Redeschlachten entstand. Eine erhebliche Steigerung der Größenverhältnisse erfolgte dann mit der Französischen Revolution. Die von Jacques- Louis David gemalte Schwurszene im Ballhaussaal von Versailles, wo sich der Dritte Stand im Juni 1789 auf die Ausarbeitung einer Verfassung verpflichtete, zeigt eine Massenveranstaltung. In der Gesetzgebenden Versammlung saßen 745 Delegierte sowie ca. 1.200 Zuschauer, die jeden Redner vor schwerste Aufgaben stellten, auch wenn die amphitheatralisch angeordneten Säle zuerst des Ballhauses, dann der Königlichen Reitschule in Paris wenigstens äußerlich günstige Verhältnisse boten. Unter diesen Bedingungen konnte kein Politiker Bedeutung erlangen, der nicht über eine kraftvolle Stimme verfügte. Dies galt etwa für Mirabeau, der 251-mal in der Nationalversammlung das Wort ergriff, teilweise mehrmals am Tag. Robespierre, Danton, Saint-Just – alle waren stimmbegabt und schufen einen pathetischen Redestil, ohne den eine Verständigung kaum möglich war. In Deutschland ergaben sich vergleichbare Verhältnisse erstmals in der Frankfurter Paulskirche, wo das gewählte Parlament 1848 eine Verfassung ausarbeitete, die dann freilich nicht in Kraft trat. Hier mussten Redner vor 585 Abgeordneten und ca. 2.000 Zuhörern auf den Galerien sprechen, und zwar unter akustisch eher ungünstigen Verhältnissen. Die zahlreichen zeitgenössischen Berichte he- Wollt ihr den totalen Krieg? Der Lautsprecher und die Medialisierung der Stimme des Politikers Karl-Heinz Göttert Gut zwei Wochen nach der Kapitulation der 6 Armee im Kessel von Stalingrad hielt der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels eine Rede im Berliner Sportpalast Das Thema war die Treue zum »Führer« auch im Angesicht schwerster Katastrophen Geladen waren überzeugte Anhänger des Regimes In zehn rhetorischen Fragen fasste Goebbels sein Anliegen zusammen, stets unterbrochen von frenetischen Ja Rufen Nach der vierten Frage, der nach der Bereitschaft zum »totalen Krieg«, wurde die Rede benannt Diese Goebbels Rede war nur dank einer Technik möglich, deren Entwicklung erst wenige Jahre zurücklag 1926 hatte die riesige Halle eine Lautsprecheranlage erhalten Goebbels sprach bzw schrie bei seiner Rede im Februar 1943 jedoch noch so, wie er es seit seinen Anfängen gewohnt war Dies bewirkte eine »unnatürliche« Steigerung der Stimme, die zum weiteren Auftrumpfen im medialen Bereich passte: zum Fahnenmeer, zu den Nazi Emblemen, zum Aufmarsch mit Musik Noch nach 1945 fielen Politiker der älteren Generation bei Reden vor Mikrofon mit dieser »Unnatürlichkeit« auf, sodass der Sozialdemokrat und ehemalige KZ Häftling Kurt Schumacher englische Studenten an die Nazis erinnerte 292 KARL-HEINZ GÖTTERT ben immer wieder die Wirkung der Redner im Allgemeinen und ihre Stimme im Besonderen hervor. So werden dem ersten Präsidenten, Heinrich von Gagern, von Freunden und Kritikern beste Fähigkeiten bescheinigt. Nur zögernd erlangten stimmlich minder begabte Politiker Gewicht, wenn sie in den entstehenden Parteien gut verankert waren. Fürst Felix Lichnowsky etwa war ein geachteter Vorkämpfer der Rechten, obwohl er dünn und heiser sprach. Bernhard Eisenstuck, ein Linker, setzte sich trotz pfeifender und sich überschlagender Stimme (in breitestem Sächsisch) durch. Noch waren dies Ausnahmen, noch dominierten die guten Sprecher. Jacob Grimm, der selbst ins Paulskirchen-Parlament gewählt worden war und dort viermal das Wort ergriff, sprach später resigniert über »diese Schreier«, die ihm das romantische Konzept eines in der Versammlung sich artikulierenden »Volksgeistes« zerstörten, also allein mit ihrer Stimmgewalt Macht ausübten. Damit fiel ein Schatten auf demokratische Institutionen, der sich noch in den »Schreiern von Weimar« unheilvoll zeigen sollte. Auch der Eintrag im Grimmschen Wörterbuch, in dem das Parlament als eine »Gesellschaft« erläutert ist, »worin beraten oder tumultiert wird«, verdeutlicht eine Konstante der Parlamentsverachtung, die letztlich mit der Dominanz der (bloß) starken Stimme einhergeht. Es scheint kein Zufall zu sein, dass der Parlaments-Verächter Bismarck stimmlich unbegabt war und im Reichstag nur schwer verstanden wurde, wenn er auch, was eine erst kürzlich aufgetauchte Sprechprobe belegt, keine Fistelstimme besaß (→  gauß, s.  31). Die Verkabelung der Sprache Schon lange war man auf der Suche nach Hilfsmitteln gewesen, die eine Verständigung über größere Entfernung ermöglichen würden. Im 17. Jahrhundert tauchten akustische Theorien zusammen mit praktischen Erfindungen von Sprachrohren auf. 1789 schlug ein Anonymus eine Stimmmaschine vor, bei der der Redner eine Art akustischen Hohlspiegel im Rücken hat. Zu dieser Zeit wurde auch der optische Telegraph entwickelt, welcher mit seinen unterschiedlichen Armstellungen codierte Botschaften über Kilometer hinweg vermittelte. Eine völlig neue Situation aber entstand mit der Entdeckung der Elektrizität. Schon 1753 verband ein Tüftler einen Sender und einen Empfänger durch 24 Drähte, womit sich buchstabenweise Wörter austauschen ließen. Samuel Thomas von Soemmerring entwickelte 1811 einen elektrochemischen Telegraphen, Werner von Siemens 1846 einen elektromagnetischen Zeigertelegraphen, der 1848 Nachrichten vom Frankfurter Parlament nach Berlin übermittelte. Wenige Jahre zuvor hatte in Amerika der Kunstprofessor Samuel F. B. Morse einen Apparat entwickelt, mit dem sich Telegramme beim Empfang aufschreiben ließen, woraufhin 1848 bis 1851 die großen Telegraphengesellschaften Associated Press in New York, Reuter’s Telegram Company in London und der Vorläufer von Wolff ’s Telegraphenbüro in Berlin entstanden. Mit den Kabelverlegungen zuerst im Mittelmeer, dann im Ärmelkanal zwischen Dover und Calais und schließlich mit den transkontinentalen Verbindungen bis Indien und Amerika war binnen weniger Jahre fast die ganze Welt verknüpft. Man kann die Wirkung auf die Zeitgenossen an den triumphalen Berichten in der Presse verfolgen. Jede gelungene Kabelverlegung wurde als Sternstunde der Menschheit gefeiert, Rückschläge führten alsbald zu neuerlichen Anläufen unter Einsatz gigantischer Mittel, welche Ingenieure und Unternehmer wie Werner von Siemens zu Helden der Nation machten, aber auch von einer baldigen Einheit der Menschheit träumen ließen. Eine Zeitschrift wie Die Gartenlaube berichtete mit Abbildungen über die technischen Details. Nur zeigte sich bald die Verwundbarkeit des Systems. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs kappten die Alliierten sämtliche deutsche Seekabel, sodass der Kontakt mit den afrikanischen Kolonien buchstäblich abgeschnitten war. Der Verlust der Seekabel war 1918 sogar Bestandteil des Versailler Vertrags. Aber auch darauf sollte eine Antwort folgen. Ab 1897 experimentierte der Italiener Guglielmo Marconi mit drahtloser Telegraphie, 1901 gelang ihm die Übertragung des ersten Morsezeichens über den Atlantik, 1902 folgte die erste Depesche. Damit be- WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? 293 gann ein Wettlauf. In Deutschland gründete Siemens zusammen mit der AEG die Tochtergesellschaft Telefunken, die die Entwicklung vorantrieb. Nachdem England kurzfristig ein Monopol behauptet hatte, kam es 1906 zu einem Abkommen, das die Interessen international regelte (»Die Luft ist frei.«). Nur profitierte von alldem zwar die Kommunikation, aber nicht die Stimme. Die Wende in dieser Hinsicht brachte die Erfindung des Telefons, von dem der hessische Lehrer Philipp Reis 1861 eine Vorform entwickelte, ehe der amerikanische Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell 1876 sein Patent anmeldete (ganze zwei Stunden vor Elisha Gray, woran sich über 600 Prozesse anschlossen). Eigenartigerweise wurde es nur zögernd angenommen, die Gartenlaube berichtete mit eher ironischem Unterton über nun möglich gewordene Liebeserklärungen per Draht. Auf der großen Pariser Weltausstellung 1881 wurde eine Telefonische Opernüber tragung vorgestellt, eine frühe Form des Rundfunks. Damit war der Durchbruch erzielt. In Amerika begann eine Verdrahtung der Städte, die das Telefon schon 1885 zur alltäglichen Erscheinung machte. Das erste Fernsprechamt in Berlin hatte 1881 zwar nur 48 Teilnehmer, aber der Aufstieg erfolgte rasch. 1928 betrug das deutsche Fernkabelnetz 1,6 Mio. km, die Zahl der Anschlüsse lag bei 3 Mio. Mit der Verbreitung des Telefons ging die nächste große Errungenschaft einher. In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entstand eine frühe Form des Rundfunks, die alsbald zum »Rundfunkfieber« führte. 1918 wurde in Deutschland unter Hans Bredow die Reichsfunkkommission als Organ der Reichspost errichtet. Von dort aus kam es zum Aufbau eines »Zentralfunks« für »lautsprechende Telefone«, der 1923 auf Sendung ging, ein knappes Jahr nach der BBC in London. Rasch fielen die Kosten für entsprechende Empfangsgeräte, die monatliche Gebühr lag mit zwei Mark leicht unter dem Monatsabonnement für eine Tageszeitung. Die Verkabelung der Sprache fand im drahtlosen Funk ihren vorläufigen Höhepunkt. Noch immer aber gab es keine Möglichkeit, die Stimme zu verstärken. Was fehlte, war der Lautsprecher. Die Erfindung des Lautsprechers Die frühesten Belege für die Konstruktion von Lautsprechern datieren ab 1920. Eine amerikanische Firma ging damals mit einer Versuchsanlage für die Übermittlung von Nachrichten und das Ankündigen von Zügen auf den Markt. 1924 erfolgte eine Ansprache des englischen Königs im Wembley- Stadion von London, 1925 die Übertragung einer Wahlrede in New York. 1924 / 25 tauchten Verstärkungseinrichtungen für Ansprachen im Freien auch in Deutschland auf. Eine Fachzeitschrift wie der Funk Anzeiger berichtete von guten Ergebnissen etwa bei der Glockenweihe vor dem Kölner Dom. Die Kölnische Volkszeitung schrieb, dass die Rede des Kardinals dank des »Lautverstärkers« der Firma Siemens und Halske auf dem gesamten Domplatz bis in die angrenzenden Straßen verstanden worden sei, allerdings habe es auch »ein starkes Mittönen aus dem Apparat« gegeben. Hauptinitiator bei Siemens und Halske war Professor Ferdinand Trendelenburg, welcher auch die erste Lautsprecheranlage im Kölner Dom errichtete. Aufgrund der akustisch schwierigen Verhältnisse im Dom installierte er zahlreiche Einzellautsprecher, während ihm in Räumen wie dem Berliner Sportpalast ein einziger Großlautsprecher genügte, um bis zu 20.000 Personen zu erreichen. Dabei zeigt speziell die Errichtung der Lautsprecheranlage im Sportpalast, welche Probleme mit der neuen Technik auftraten. Es gab nicht nur Beschwerden über das Dröhnen der Lautsprecher und das Pfeifen der Mikrofone. Es gab auch grundsätzliche Zweifel, ob mit der medialisierten Stimme nicht ein Stück der Persönlichkeit verloren ginge. Kein Redner konnte mehr zum David werden, der dem Goliath Publikum Paroli bot. Überhaupt war die Frage, ob die natürliche Stimme nicht die Persönlichkeit ausmachte, die für den Erfolg einer Rede immer als entscheidend gegolten hatte. Es ist bezeichnend, dass die Politiker der Weimarer Republik die neue Technik durchweg ablehnten. Dies galt schon für den Rundfunk, der bis 1933 keine einzige Reichstagssitzung übertragen durfte. Die Wiedergabe einer Brüning-Rede aus dem Sportpalast am 11. März 1932 hat eher Seltenheitswert – 294 KARL-HEINZ GÖTTERT der Reichskanzler selbst war über die Sendung nicht informiert worden und fand, als er sie abends zufällig hörte, lediglich die Tatsache mitteilenswert, dass er sich trotz des Durcheinanders im Saal nicht verhaspelt habe. Im Falle des Lautsprechers aber artikulierte sich die Ablehnung noch deutlicher. Obwohl jeder Politiker die Nöte kannte, die mit Ansprachen vor großem Publikum ohne Verstärkungsmöglichkeit verbunden waren, lehnte man den Lautsprecher durchweg ab. Der Deutsche Reichstag erhielt bis zuletzt keine Anlage, was im Ausland übrigens seine Parallelen fand. Ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung lag offenbar in den Erfahrungen mit der politischen Rede im 19. Jahrhundert. Die Parlamentarier, die vor Tausenden sprachen, hatten aus dem persönlichen Auftreten ein wesentliches Stück der Wirkung erzielt. Mochte der Lautsprecher die Stimme unterstützen, der Persönlichkeit half er nicht. Die Nationalsozialisten jedoch gingen das Wagnis begeistert und bedingungslos ein. Binnen eines Jahrzehnts wurde das Medium zum festen Bestandteil ihrer Strategie, ja zuallererst als Waffe auf- bzw. ausgebaut. Im Rückblick hielt Hitler fest: »Ohne Kraftwagen, ohne Flugzeug und ohne Lautsprecher hätten wir Deutschland nicht erobert.« Spätere Beobachter haben es ebenfalls notiert. Nach einem Wort von Marshall McLuhan verdankte Hitler seinen Sieg »nur dem Radio und den Lautsprecheranlagen«. Der Lautsprecher als Bestandteil totaler Propaganda Dabei entstammte Hitler ebenso wie Goebbels der lautsprecherlosen Zeit, in der beide die Grundlagen ihrer Erfolge legten. Hitler sprach in den Münchner Versammlungssälen, die er auf ihre Akustik überprüft hatte, vor bis zu 2.500 Zuhörern, im Riesensaal des Zirkus Krone auch vor 6.500. Goebbels berichtet in seinen privaten Tagebüchern von der Erschöpfung, die mit den ständigen Reden verbunden war, zwischen dem 1. Oktober 1924 und dem 1. Oktober 1925 sprach er 189-mal (»Dabei kann man schon draufgehen.«). Auch er kannte sich mit der Akustik seiner Säle aus, schätzte den in Hamburg-Sagebiel besonders. Noch teilte er dabei die Zurückhaltung der Weimarer Politiker gegenüber der Technik. Das Radio lehnte er als »modernes Verspießungsmittel« ab. Aber dann kam es zur Wende. Die Propaganda soll mit »neuesten und präzisesten Methoden« den »Sieg« bringen, notierte er, und dazu gehörten die neuen Medien, speziell auch der Lautsprecher. Wann genau der Lautsprecher zum ersten Mal benutzt wurde, ist schwer festzustellen. »Heute probt der Chef im Sportpalast den Lautsprecher aus. Draußen grauer Herbst«, steht im Tagebuch von Goebbels unter dem 22. Oktober 1928. Aber dieser Termin dürfte kaum mit der Nachricht zusammenfallen, wonach Hitler sich bei seiner ersten Erfahrung mit der neuen Technik begeistert zeigte. Wie berichtet, reichten die Anfänge zwar bis 1924 zurück, aber die ersten festen Installationen kamen später. Seit 1927 gab es die Lautsprecherwagen der Firma Siemens, die für Großveranstaltungen aller Art konzipiert waren und in den deutschen Städten für Aufsehen sorgten. Entscheidend aber ist die Tatsache, dass man die Vorteile der Verwendung sofort durchschaute. Dies dürfte mit der Inszenierung der Rednerauftritte als Massenspektakel zusammenfallen. Der Einzug unter Marschmusik mit Trommeln und Fahnenschwenken gehörte ebenso dazu wie die Ausschmückung des Saals mit Nazi-Emblemen, die mit ihren Hakenkreuzen und Adlern imperialer Machtdemonstration römischer Provenienz nachempfunden waren. Zu diesen Gigantismen passte der Lautsprecher. Wenn Hitler schon in Mein Kampf vehement auf die Überlegenheit des Wortes gegenüber der Schrift hingewiesen hatte, so eröffnete das medial verstärkte Wort eine neue Dimension der Massenbeeinflussung. Längst hatte Goebbels die Übertragung auf Plätze außerhalb der Veranstaltung organisiert, um auf diese Weise die Zahl der Teilnehmer noch einmal zu steigern. Die Rede Hitlers im Sportpalast am 10. Februar 1933 wurde in Berlin an zehn Stellen von Riesenlautsprechern übertragen, um die sich die Massen scharten (→  epping-jäger, s.  171). Auch eine Rede Hitlers in der Provinzstadt Lemgo vom 12. Januar 1933 wurde auf den Vorplatz übertragen. Zur Vorbereitung des 1. Mai, also kurz nach der Macht- WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? 295 übernahme, hieß es: »Gigantische Lautsprecher sind aufgestellt.« Dabei zeigt die Rede vom 10. Februar einen weiteren Schritt im Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten: Sie wurde auch live im Rundfunk übertragen, womit Goebbels seine einstigen Schmähungen korrigierte. Auch die Rede zum totalen Krieg vom 18. Februar 1943 wurde selbstverständlich live im Rundfunk gesendet. Mikrofon und Lautsprecher führten bei alldem keineswegs zu einer Änderung des gewohnten Auftretens oder zur Drosselung des stimmlichen Aufwands. Exaltierte Gestik und Geschrei blieben erhalten, als wäre der Lautsprecher nie erfunden worden. Allenfalls nahm Goebbels auf das Nachhallen der unterschiedlichen Echos Rücksicht und zerhackte die gebrüllten Sätze in kleine Portionen. Wiederum ist er mit seinen Tagebuchnotizen Zeuge dafür, wie Mikrofon und Lautsprecher nicht zur Schonung oder Abschwächung führten, sondern den einmal entwickelten Stil nur gigantisch vergrö- ßerten. In der Zeit seines Redeverbots in Berlin im Januar / Februar 1932 notierte er in der veröffentlichten Fassung seiner Tagebücher Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei: »Außer den Roten freut sich nur noch einer: meine Stimme!« Ansonsten blieb es bei seinen Klagen, dass er stockheiser sei. Dabei war sich Goebbels durchaus der Probleme bewusst, die sich aus der technischen Verstärkung der Stimme ergaben. Anlässlich einer der Einführungsreden vor dem Auftritt Hitlers im Berliner Sportpalast am 10. Februar 1933 bemerkt er zu einem Auftritt im Rundfunk: »Ich schleppe mich mit meiner eben ausgestandenen Krankheit hin. Gebe zuerst vom Rednerpodium aus der Presse eine Lektion und spreche dann durch die Sender einen 20-minütigen Einführungsbericht über den Sportpalast. Das geht besser, als ich erwartet hatte. Allerdings ist es ein eigentümliches Gefühl, plötzlich vor einem toten Mikrofon zu stehen, während man bisher nur gewohnt war, vor lebendigen Menschen zu sprechen, sich von ihrer Atmosphäre hochheben zu lassen und aus ihren Gesichtern die Wirkung der Rede abzulesen.« Und weiter heißt es zur Lautsprecherübertragung durch den Rundfunk: »Ich erfahre abends durch Ferngespräche mit den verschiedenen Gauen, dass die Rede von einer fabelhaften Wirkung auch im Lautsprecher war. Der Lautsprecher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heute noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben unsere Gegner nichts damit anzufangen gewusst. Umso besser müssen wir lernen, damit umzugehen.« Genau dies geschah. Aber es geschah im Sinne eines Einbaus in die massenpsychologisch angelegte Szenerie insgesamt. Statt zu einer Einbuße an persönlicher Nähe zu führen, wie es andere befürchteten, steigerte der Lautsprecher eher umgekehrt die Pseudo-Intimität, die mit dem Aufgehen des Einzelnen in der Masse immer schon programmiert war. Dank der – nie zuvor erreichten – Masse an Zuhörern verstärkte sich auch deren Reaktion: Dem Dröhnen des Lautsprechers antwortete der kollektive Schrei. Daraus aber ergibt sich, dass es keineswegs das Wort war, dessen neue Reichweite den großen Erfolg ausmachte. Zur nationalsozialistischen Taktik gehörte die Kulisse, die Inszenierung mit allen Mitteln des Gigantischen, des Scheins. Während die Weimarer Politiker dem Lautsprecher misstrauten, weil er die Wirkung des gesprochenen Wortes dank der Unpersönlichkeit zu schmälern schien, nutzten die Nationalsozialisten genau umgekehrt das Potenzial dieser Unpersönlichkeit bzw. funktionierten es um in Richtung Entpersönlichung. Mediengeschichtlich war das eine ein Missverständnis, das andere ein Missbrauch. Gerade dasjenige, was der Lautsprecher anbot und in der Zukunft auch leisten sollte, fiel vorläufig zwischen den Extremen durch. Letzte Missverständnisse Der Lautsprecher hatte in Deutschland mit den Nationalsozialisten seinen Durchbruch erfahren und war entsprechend belastet. Beim weiteren Ausbau lässt sich ein erhebliches Zögern beobachten – der Schock der Vergangenheit saß tief. In einer Stellungnahme zum Problem im Jahre 1946, freilich speziell auf die Predigt bezogen, sprach sich der selbst in den Faschismus verstrickte Rhetoriklehrer Fritz Schweinsberg in seiner Schrift Stimmliche Ausgestaltung im Dienst der Kirche gegen die Technik aus. Er beschwor vehement die Ne- 296 KARL-HEINZ GÖTTERT beneffekte, die das lebendige Wort, das natürliche Auftreten des Redners beeinträchtigten. Die »tote Maschine« gebe lediglich »ein mechanisches Bild« und vergrößere nicht nur die Reichweite der Stimme, sondern auch deren Mängel, heißt es. Wo der Lautsprecher als »Notbehelf« sein Recht habe wie etwa im Kölner Dom, riet er zu vollem Stimmgebrauch – »als ob das Mikrofon nicht da wäre«: Eine Predigt in der Kirche dürfe jedenfalls »niemals das Wesen einer Rundfunksendung annehmen«. Ohne den »persönlichen Stimmklang« höre die Predigt auf, »im ureigensten Sinne Predigt zu sein; denn das Erleben beim Rundfunkempfang ist – auch bei größter Vollkommenheit des Empfangs – nicht dasselbe wie beim unmittelbaren Hören eines Sprechers«. Mag sein, dass Schweinsberg reumütig den natürlichen Redner zurückhaben wollte, nachdem die Technik gerade in den Untergang geführt hatte. Aber dieser Untergang verdankte sich ja nicht der Technik als solcher, sondern nur ihrem massenpsychologisch bestimmten Einsatz – und natürlich den Zielen, die damit verfolgt wurden. Ein Zeugnis des Missverständnisses lässt sich aber auch in der Politik finden. Als der von den Nazis einst verfolgte Kurt Schumacher sofort nach Kriegsende vor englischen Studenten eine Rede über den friedlichen Neuaufbau Europas hielt, wurde er für seine Ideen mit Enthusiasmus aufgenommen, aber die Form des Vortrags rief geradezu Bestürzung hervor. Sie erinnerte die Engländer mit dem »lauten Schreien« direkt an die braune Vergangenheit. Der französische Publizist Alfred Grosser beobachtete an Schumacher dasselbe: »Er brüllte! Das ließ sich beinahe mit Goebbels vergleichen.« Peter Merseburger erinnert mit Recht an die Voraussetzungen der einstigen lautsprecherlosen Zeit und gibt zu verstehen, dass Schumacher einer Generation angehörte, die zu sehr mit den alten Bedingungen verbunden war, um sich rasch genug umstellen zu können. Dazu gehörte die Überzeugung, dass das Vertreten einer Meinung an Auftreten gebunden ist. Der stimmliche Anteil dieses Auftretens, ein Pathos, das untrennbar mit Lautstärke verbunden war, war mit dem neuen Medium jedoch obsolet geworden. Dass die öffentliche Stimme als private daherkommen konnte, verdankte sich Lernprozessen, die man im Ausland unter demokratischen Bedingungen machte, in Deutschland aber dank des nationalsozialistischen Missbrauchs verpasst hatte. WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? 297 Literatur Alfons Arenhövel (Hrsg.): Arena der Leidenschaften. Der Berliner Sportpalast und seine Veranstaltungen 1910-1973, Berlin 1990. Horst Bartel (Hrsg.): August Bebel. Eine Biographie, Berlin 1963. Peter Dahl: Radio, Reinbek 1983. Elektrotechnischer Anzeiger, Berlin 1884 ff. Elektrotechnische Zeitschrift, Berlin 1879 ff. Cornelia Epping-Jäger: LautSprecher-Passagen, in: Irmela Schneider / Cornelia Epping-Jäger (Hrsg.): Formationen der Mediennutzung III, Bielefeld 2008. Joachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1973. Iring Fetscher: Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast 1943: »Wollt ihr den totalen Krieg?«, Hamburg 1998. Heinrich Fraenkel / Roger Manvel: Goebbels. Eine Biographie, Köln / Berlin 1960. Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, München u. a. 1987. Funk-Anzeiger. Zeitschrift für die gesamte drahtlose Fern meldetechnik, Berlin 1923 ff. Joseph Goebbels: Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, München 1937. Karl-Heinz Göttert: Geschichte der Stimme, München 1998. Eberhard Klöss (Hrsg.): Reden des Führers, München 1967. Winfried B. Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland, Frankfurt a. M. 1965. Peter Longerich: Joseph Goebbels. Biographie, Berlin 2010. H. Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle, Düsseldorf / Wien 1978. Medienchronik Massenbeschallung, www.medienstimmen.de. Peter Merseburger: Der schwierige Deutsche. Kurt Schumacher, Stuttgart 1995. Reginald H. Phelps: Hitler als Parteiredner im Jahre 1920, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11 (1963) 3, S. 274-289. Fritz Schweinsberg: Stimmliche Ausdrucksgestaltung im Dienste der Kirche, Heidelberg 1946. Hartmut Stirner: Agitation und Rhetorik Ferdinand Lassalles in der Tradition der frühen sozialistischen deutschen Arbeiterbewegung, Marburg 1978. Ferdinand Trendelenburg: Aus der Geschichte der Forschung im Hause Siemens, Düsseldorf 1975. Ders.: Klänge und Geräusche, Berlin 1935.

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References

Zusammenfassung

Der Klang der Geschichte zwischen den Medienrevolutionen des beginnenden und des endenden 20. Jahrhunderts.

Wie klangen Städte und Fabriken zu Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts? Wie entwickelten sich Aufzeichnungsmedien? Wie unterscheiden sich der Erste und der Zweite Weltkrieg akustisch? Wie wurde und wird mit Tönen Politik gemacht? Welche Schlager, Kampflieder und Hymnen haben sich in unserem Gedächtnis verewigt? Hatte die DDR einen anderen Klang als die BRD? Welche Lieder und Melodien bestimmen das Selbstverständnis von Menschen, Gruppen und Nationen? Wie entwickelte sich die akustische Überwachung?

Einen Großteil unserer Orientierung in der Welt gewinnen wir über das Hören. Das Ohr nimmt vor allem den emotionalen Aspekt einer Information auf. Manche Geräusche sind lebenslang im Unterbewusstsein gespeichert. Klänge können Erinnerungsorte sein und Identität stiften. Musik kann aufwühlen und erregen, sie kann Widerstand erzeugen, mit ihr kann aber auch gefoltert werden. Dieser Band thematisiert die Verfolgung sogenannter »entarteter Musik«, unvergessliche Rundfunkreportagen und zentrale Ansprachen des Jahrhunderts ebenso wie die Geschichte des Hörspiels, musikalische Schlüsselwerke der Moderne, Werbejingles, Filmmusiken, Fluglärm und den verführerischen Klang von Stöckelschuhen.