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Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger, Reinhard F. Hüttl (Ed.)

Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-95832-117-5, ISBN online: 978-3-7489-2667-2, https://doi.org/10.5771/9783748926672

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-117-5 VELBRÜCK WISSENSCHAFT W ei ng ar t u .a . ( H g. ) • P er sp ek ti ve n de r W is se ns ch af ts ko m m un ik at io nHochwertige und unabhängige Wissenschaftskommunikation ist eine entscheidende Voraussetzung für demokratische Gesellschaften und politische Entscheidungen. Aktuell muss sie sich in den Social Media neuen Herausforderungen stellen: Fake News, Hate Speech und automatisierte, auf Bot-Netzwerke gestützte Meinungskampagnen unterminieren das Vertrauen in Fakten und die Objektivität wissenschaftlicher Methoden. Vor diesem Hintergrund gibt der vorliegende Band einen Überblick über das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter. Die Beiträge thematisieren die ökonomische Situation der Wissenschaftskommunikation, insbesondere des Wissenschaftsjournalismus, ebenso wie die mit der Digitalisierung einhergehenden technischen Entwicklungen und die damit eröffneten Chancen und Risiken. Gefragt wird auch, wie die Qualität der Kommunikation erhalten sowie Glaubwürdigkeit und Vertrauen in Medieninhalte hergestellt werden kann. Peter Weingart ist Professor em. für Soziologie an der Universität Bielefeld und seit 2015 South African Research Chair for Science Communication an der Stellenbosch University. Holger Wormer ist Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Davor war er Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung. Andreas Wenninger ist Postdoc am Friedrich Schiedel-Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie der TU München. Reinhard F. Hüttl ist Vorstandsvorsitzender Deutsches GeoForschungsZentrum, Potsdam, sowie acatech Vizepräsident für Internationales. Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl (Hg.) Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl (Hg.) Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter Herausgegeben von Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl VELBRÜCK WISSENSCHAFT Erste Auflage 2017 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2017 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-117-5 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhalt Daniela De Ridder (MdB) Vorwort: Bemerkungen aus der Politik . . . . . . . . . . 9 Stefan Müller (MdB) Wissenschaftskommunikation und soziale Medien. Herausforderungen für die Forschungspolitik . . . . . . . 13 Einleitung Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl Zwischen Euphorie und erster Ernüchterung. Social Media in der Wissenschaftskommunikation . . . . . 19 Wissenschaft und Öffentlichkeit im Wandel Peter Weingart Wissenschaftskommunikation unter digitalen Bedingungen. Funktionen, Akteure und Probleme des Vertrauens . . . . . 31 Elisabeth Hoffmann Verortung der Wissenschafts-PR zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien . . . 60 Christoph Neuberger und Otfried Jarren Thesen zum Wandel der Wissenschaftsöffentlichkeit und zur Wissenschaftsvermittlung im Internet . . . . . . . 65 Axel Bruns Das Modell The Conversation. ›Academic Rigour, Journalistic Flair‹ . . . . . . . . 78 Jan-Hinrik Schmidt Soziale Medien als Intermediäre in der Wissenschaftskommunikation . . . . . . . . . . . 82 Christian Pentzold Wikipedia und Wissenschaftskommunikation . . . . . 116 Markt, Verbreitungen und mögliche Wirkmechanismen von Wissenschaftskommunikation Leyla Dogruel und Klaus Beck Social Media als Alternative der Wissenschaftskommunikation? Eine medienökonomische Analyse. . . . . . . . . . . . 123 Andrea Geipel Die audiovisuelle Vermittlung von Wissenschaft auf YouTube . . . . . . . . . . . . 188 Holger Wormer Mythos Gatewatching. Die erhoffte Korrektivfunktion von Social Media im Lichte von »Dementiforschung« und »Fake News« . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Jonathan Focke Wissenschaft auf Facebook . . . . . . . . . . . . 214 Künftige Perspektiven der Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund technischer Entwicklungen Henning Lobin Aktuelle und künftige technische Rahmenbedingungen digitaler Medien für die Wissenschaftskommunikation . . . . 223 Andreas Wenninger Wissenschaftsblogs und wissenschaftliche Blogosphäre . 259 Andreas Hotho Social Media und Künstliche Intelligenz in der Wissenschaftskommunikation. Ein visionärer Ausblick . . . . 269 Adrian Rauchfleisch Wissenschaft auf Twitter . . . . . . . . . . . . . 291 Wissenschaftskommunikation in den Social Media: über die Debatte zur Wissenschaftskommunikation Sabine Maasen und Andreas Wenninger Schneller, bunter, informativer. Mit Social Media zu einer neuen Wissenschaftskommunikation? . . . . . . . 297 Dietram Scheufele The Science of Science Communication. Forschungsergebnisse aus den USA und ihre Übertragbarkeit auf Deutschland. . . . . . . . . . 331 Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . 337 Mitwirkende der Akademien-Arbeitsgruppe . . . . . . . . 340 9 Daniela De Ridder (MdB) Vorwort: Bemerkungen aus der Politik Bei Anhörungen im Bundestag ist es üblich, dass neben den Stellungnahmen der Expertinnen und Experten auch Drucksachen mit Hintergrundwissen an die Abgeordneten ausgegeben werden. Eine dieser Drucksachen war im Oktober 2015 die Empfehlung der Arbeitsgruppe von Leopoldina, acatech und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften »Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien«. Diese Publikation war das Produkt einer intensiven Auseinandersetzung der Akademien mit dieser wichtigen Thematik. Die Empfehlungen an Wissenschaft, Gesellschaft und traditionelle Medien treffen den Kern der Wissenschaftskommunikation und zeigen deutlich deren Relevanz und deren Perspektiven. Gleichzeitig werden aber Probleme und Herausforderungen nicht verschwiegen. Die Fragestellung der Folgearbeitsgruppe zur »Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter« ist mehr als reizvoll; denn die Sozialen Medien beeinflussen unser aller Leben heute maßgeblich. Als Politikerin weiß ich den direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern sehr zu schätzen. Gleichzeitig kenne ich jedoch auch die Schattenseiten der Kommunikation und Berichterstattung in den Sozialen Netzwerken: So hat die Anonymität im Netz Auswirkungen auf Objektivität, Überprüfbarkeit und Seriosität des geschriebenen Wortes. Diese Entwicklungen haben längst auch die Wissenschaft erreicht und nehmen großen Einfluss auf sie. Daher ist es aus meiner Sicht die richtige Zeit, jetzt auch die Auswirkungen der Social Media auf die Kommunikation in der Wissenschaft näher zu untersuchen. Ich sehe hier einen großen Bedarf, denn die Potenziale, die für die Wissenschaft in den Sozialen Medien liegen, sind enorm: Denken Sie an die großen Reichweiten! Denken Sie an die Möglichkeit für einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren! Denken Sie an die vielfältigen Kanäle, über die neue Daten generiert werden könnten! Oder denken Sie an den direkten Austausch und die Kooperationen, die durch die Sozialen Medien in der Wissenschaft stark vereinfacht werden könnten. Schon die Herangehensweise der Arbeitsgruppe zeigt, wie gut die Fragestellung bei der Arbeitsgruppe der Akademien angesiedelt ist; denn dass die Kernthesen der Gruppe bereits im Vorfeld auf einem Blog1 1 https://scilogs.spektrum.de/Wissenschaftskommunikation-hoch-drei/ DANIELA DE RIDDER 10 vorgestellt und von interessierten Rezipientinnen und Usern diskutiert wurden, greift bereits den Kern der Fragestellung im Untersuchungsdesign auf: Wissenschaft findet nicht mehr nur im vielgescholtenen Elfenbeinturm statt, sondern sie sucht immer stärker den Weg in die Gesellschaft; neben Expertinnen und Experten werden neue Öffentlichkeiten eingebunden. Die Arbeitsgruppe zeigt für mich eindrucksvoll, wie gelingende Wissenschaftskommunikation aussehen kann. Wie wirken sich die Eigenarten von Social Media auf die Kommunikation wissenschaftlicher Inhalte, Designs, Formate und Kanäle sowie ihre Erstellung aus? Ich möchte an dieser Stelle – wie viele Kommentatorinnen und Kommentatoren des Blogs zuvor – die Gelegenheit nutzen und einige Gedanken zur leitenden Fragestellung der Akademien-Arbeitsgruppe in vier Schlaglichtern vorstellen: 1.) Social Media sind kein Allheilmittel ohne Nebenwirkungen Durch die Sozialen Medien – beziehungsweise den professionellen Umgang mit diesen Medien – können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leichter PR-Arbeit für ihre eigene Forschung betreiben. Das ist einerseits positiv, da die Wissenschaft stärker in den öffentlichen Fokus gerückt und Interesse in zahlreichen unterschiedlichen Milieus geweckt wird. Dies setzt auch die digitale Einbindung weiterer Bevölkerungskreise, insbesondere auch aus sozial schwächeren Familien und jenen mit geringem Bildungskapital voraus. Andererseits fällt die objektive Bewertung der Qualität von Forschung schwerer, da der Filter einer kritischen Berichterstattung in diesem Szenario abhanden zu kommen droht oder zumindest geschwächt wird. Ich denke hier insbesondere an den Wissenschaftsjournalismus, der in der Funktion des »gatekeepers« eine wichtige Funktion übernommen hat. Rezipientinnen und Rezipienten sind nicht immer in der Lage, die Relevanz und die Qualität der Forschung zu begutachten, sodass es zu falschen Bewertungen kommen kann. Es muss daher Wege geben, Social Media so zu nutzen, dass die Bedeutung von Forschung sich nicht im Wissenschaftsmarketing erschöpft. 2.) Der Transfer gesicherten Expertenwissens als Aufgabe von Wissenschaftskommunikation ist wichtiger denn je! Angesichts von Fake News muss Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr denn je eine Plattform für die Wissenschaftskommunikation bereitgestellt werden, um Erkenntnisse und Befunde präsentieren zu können. Gleichzeitig kommt der Wissenschaftskommunikation die wichtige Aufgabe zu, Relevanz und Tragweite der Forschung zu verdeutlichen, um nicht trügerische Informationen zu verbreiten. Dabei muss es einen Codex geben, an dem sich die Wissenschaftskommuni- VORWORT 11 kation orientieren sollte. In der Szene existieren bereits viele Initiativen, die solche Leitlinien erarbeitet haben, wie etwa der Siggener Kreis. Jedoch müssen sie auch im Wissenschaftssystem anerkannt und durch einen breiten Konsens getragen werden. 3.) Social Media in der Wissenschaftskommunikation bergen Chancen für mehr Partizipation Durch die Sozialen Medien erreichen Nachrichten aus der Wissenschaft heute viel mehr Menschen als vor 20 Jahren. Gleichzeitig werden auch Menschen erreicht, die zuvor keinen Zugang zur akademischen Welt oder gar zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen hatten. Allerdings werden durch die digitale Kluft gerade ältere Menschen oder Bevölkerungsgruppen mit geringem Bildungskapital nicht in gleichem Maße erreicht. Dennoch bestehen gute Chancen, mehr Menschen für die Wissenschaft zu begeistern. Gleichzeitig müssen alternative – ja traditionelle – Angebote der Wissenschaftskommunikation bestehen bleiben, um dem »digital divide«, also einer Spreizung je nach Zugangschancen zu Sozialen Medien, vorzubeugen. Ich sehe insbesondere durch die Einbindung junger, interessierter Menschen gute Perspektiven, ein positives Bild der Wissenschaft in der Gesellschaft zu zeichnen, gerade auch durch den Kontakt zu Menschen, die aus sozial schwächeren Familien kommen. Es bedarf jedoch einer wirklichen Analyse und Evaluation der bisherigen Wissenschaftskommunikation, um zielgerichtete Strategien entwickeln zu können. Hier muss die Wissenschaftspolitik eine wichtige Rolle spielen, und ich werde mich dafür einsetzen, dass wir die Wissenschaftskommunikation in Zukunft weitaus strategischer, aber auch partizipativer und damit sozial gerechter ausrichten, etwa durch eine eigene Forschungslinie. 4.) Social Media verändern die Arbeitsprozesse von Forscherinnen und Forschern und verlangen nach erweiterten Kompetenzen Die Sozialen Medien sind heute in vielen Bereichen der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. So wird die digitale Entwicklung dazu führen, dass sie zum regulären Aufgabenfeld in der Wissenschaft gehören werden. Jedoch benötigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu entsprechende Kompetenzen. Sie müssen wissen, welcher Content, welche Kanäle und welche Formate für ihre Anliegen die richtigen sind, damit sie die Social Media beherrschen und nicht umgekehrt. Wir müssen daher in der wissenschaftlichen Qualifikation – im Studium anfangen, über die Promotion und erst recht in der Postdoc-Phase – einen weitaus deutlicheren Fokus auf die Vermittlung von kommunikativen und mediale Kompetenzen legen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen so etwa wissen, wie sie verschiedene Akteure in DANIELA DE RIDDER 12 ihre Forschungsarbeit einbinden und wie und von wem ihre Ergebnisse rezipiert werden; denn auch daraus leitet sich die Reputation der Wissenschaft in der Gesellschaft ab. Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben, dass das Thema Wissenschaftskommunikation auch in der Politik gehört und diskutiert wird. Sicher müssen die Initiativen aus der Wissenschaft durchaus noch wortgewaltiger artikuliert werden, und umso präziser sie formuliert werden, umso eher kann es uns gelingen, konkrete Fördermaßnahmen einzuleiten und umzusetzen. 13 Stefan Müller, MdB Wissenschaftskommunikation und Soziale Medien Herausforderungen für die Forschungspolitik Die Mediennutzung ändert sich dramatisch: Das Internet, Soziale Medien und vor allem die mobile Nutzung prägen immer stärker das Medienverhalten der meisten Menschen. Die Medienbranche muss sich angesichts der rasanten Digitalisierung neu aufstellen. Und auch die Wissenschaftskommunikation steht mit dem digitalen Wandel vor neuen Herausforderungen. Nie war es für Wissenschaft und Politik so leicht, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten und diese einzubinden. Im Umkehrschluss heißt das auch: Nie war es für Bürgerinnen und Bürger einfacher, ihre Meinung zu äußern und Wissenschaftler und Forschungsinstitute zu erreichen. Mehr noch: Das Internet ist der Ort geworden, wohin sich politische und gesellschaftliche Debatten zunehmend verlagern. Doch auch für diese Entwicklung gibt es Grenzen: Denn das Digitale kann das Analoge kaum jemals ganz ersetzen. Das Gespräch zwischen Menschen bleibt eine wichtige Grundlage für gelungene Kommunikation. Kein Online-Parlament kann den Bundestag ersetzen. Entscheidend wird also in Zukunft der passende Mix von digitaler und analoger Kommunikation sein. Für die Welt von Wissenschaft und Forschung heißt das: Digitale und Soziale Medien haben eine wichtige Funktion als zusätzliche Kommunikationskanäle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit – neben den klassischen Medien. Die digitalen Medien ermöglichen eine direkte Vermittlung zwischen Sender und Empfänger und erreichen gerade junge Menschen leichter, als es die klassischen Medien vermögen. So sind Forschungsvideos auf YouTube oder Wissenschafts-News auf Facebook auch in Deutschland sehr beliebt und wecken Begeisterung für Forschung. Gleichzeitig existiert beim Einsatz von Social Media in der Wissenschaft immer ein Dilemma: zwischen der verkürzten Darstellung von Forschungsthemen und dem Anspruch an die wissenschaftliche Genauigkeit. Hier gilt es, sorgfältig abzuwägen, welche Inhalte auf welche Weise kommuniziert werden sollten. Zielgruppen, aber auch die Qualität von Informationen, sind hier entscheidende Faktoren. Qualitätsstandards STEFAN MÜLLER 14 auch für die Kommunikation über Social-Media-Kanäle sind deshalb nicht nur wünschenswert, sondern eine notwendige Voraussetzung. Einen richtigen Schritt in diese Richtung machen die »Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR«, die von einem überinstitutionellen Arbeitskreis unter Leitung des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und von Wissenschaft im Dialog entwickelt worden sind. Die Leitlinien greifen auch die durch die Digitalisierung entstehenden Veränderungen im Kommunikationsverhalten aller Beteiligten in der Wissenschaftskommunikation auf und formulieren darauf aufbauend Qualitätsstandards für eine erfolgreiche Kommunikation.1 Auch unabhängig von den Sozialen Medien hat sich die Wissenschaftskommunikation verändert: Sie lässt sich in zwei Phasen einteilen, genauer: in zwei Dekaden. In der ersten Phase, die das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts umfasst, stand die Faszination im Vordergrund. Es ging darum, bei Kindern und Jugendlichen Begeisterung für Forschung zu wecken und Wissenschaft der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In dieser Zeit erlebte das Thema Wissenschaft einen Aufschwung in vielen Medien. Und auch unabhängig vom Wissenschaftsjournalismus hat sich viel getan; davon zeugen diverse Science Center und Technikmuseen sowie Initiativen wie das Haus der kleinen Forscher und Kinderuniversitäten. In der zweiten Dekade stehen Dialog und Nachhaltigkeit im Mittelpunkt aller Aktivitäten. Faszination für die Wissenschaft wecken – das spielt weiterhin eine Rolle. Als entscheidendes Erfolgskriterium gilt jetzt aber der Dialogcharakter der vielen Angebote. Der Erfolg der Wissenschaftskommunikation bemisst sich deshalb vor allem daran, wie gut der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit wirklich funktioniert. Bis heute fällt auf, dass es unterschiedliche Definitionen von Wissenschaftskommunikation gibt. Uns erscheint ein Verständnis geeignet zu sein, das Wissenschaftskommunikation begreift als »alle Formen von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation, sowohl innerhalb als auch außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft, inklusive ihrer Produktion, Inhalte, Nutzung und Wirkungen«2 Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist in der Wissenschaftskommunikation Förderer und Akteur – und möchte insbesondere den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern so- 1 Bundesverband Hochschulkommunikation und Wissenschaft im Dialog (Hrsg.): Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR. Berlin 2016. Quelle: https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/Trends_und_ Themen/Dokumente/Leitlinien-gute-Wissenschafts-PR_final.pdf. Abgerufen am 15.09. 2016 um 11 Uhr. 2 Mike S. Schäfer / Silje Kristiansen / Heinz Bonfadelli (Hrsg.): Wissenschaftskommunikation im Wandel. Köln 2015, S. 13. WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UND SOZIALE MEDIEN 15 wie mit der organisierten Zivilgesellschaft zu gesellschaftlich relevanten Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung vorantreiben. Einige zentrale Instrumente der Wissenschaftskommunikation des BMBF haben sich dabei herauskristallisiert: Dies sind vor allem die Wissenschaftsjahre, der an Bedeutung zunehmende Bereich der Bürgerwissenschaften (Citizen Science), die Bürgerdialoge Zukunftstechnologie und ihre Folgeaktivitäten in dieser Legislaturperiode (ZukunftsForen), die Falling Walls-Konferenzen, und, perspektivisch, das Futurium (vormals: Haus der Zukunft) in Berlin. Mit diesen Aktivitäten erfüllt das BMBF drei zentrale forschungspolitische Ziele: Es kommt erstens der Verpflichtung zur gesellschaftlichen Vermittlung von Forschungsförderung, Innovationspolitik und Forschungsergebnissen nach. Zweitens erhöht es die Wissenschaftsmündigkeit der Bürgerinnen und Bürger durch partizipatorische Formate, die zum gesellschaftspolitischen Dialog über Wissenschaft einladen. Durch die Kommunikation von wissenschaftsrelevanten Themen in der Öffentlichkeit trägt es drittens zur Gewinnung von wissenschaftlichem Nachwuchs bei und begegnet auf diese Weise auch dem Fachkräftemangel. Dabei hat es auch das BMBF mit einer grundlegenden Kräfteverschiebung zu tun. Während die Rolle der professionellen Wissenschaftskommunikation durch Institutionen und Wissenschaftler in den vergangenen Jahren wichtiger geworden ist, wurde der Wissenschaftsjournalismus – insbesondere im Print-Bereich – durch die Digitalisierung, die Sozialen Medien und letztlich auch durch die wirtschaftliche Krise des Print-Journalismus geschwächt. Daraus folgt: Die Wissenschaftskommunikation in den Institutionen ist auf dem Vormarsch. Dennoch ist auch unabhängiger Wissenschaftsjournalismus wichtig für die Darstellung von wissenschaftlichen Ergebnissen, deren Einordnung in einen gesellschaftlichen Kontext sowie für die Vermittlung zwischen Forschung, Wissenschafts-PR und Öffentlichkeit. Dies wurde auch beim öffentlichen Fachgespräch zu »Stand und Perspektiven der Wissenschaftskommunikation« des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages am 14. Oktober 2015 deutlich. Dort wurde unter anderem die Forderung laut, den Umbruch durch die digitalen Medien zu nutzen, »um Geschäftsmodelle für das 21. Jahrhundert zu nutzen«.3 Das BMBF hat die Sozialen Medien längst in seine Wissenschaftskommunikation integriert. Während des ›Wissenschaftsjahrs 2011 – 3 Jan-Martin Wiarda: »Stellungnahme vor dem Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung am 14. Oktober 2015«. Berlin 2015. Quelle: http://www.bundestag.de/blob/391306/f8ddbbed1eeba01cf42c2ac1a9fdf217/stellungnahme_wiarda-data.pdf. Abgerufen am 14.09.2016 um 16.15 Uhr. STEFAN MÜLLER 16 Forschung für unsere Gesundheit‹ wurden erstmals Social-Media-Kanäle bespielt, flankierend zur Online-Kommunikation: Eigene Profile auf Facebook, Twitter und YouTube wurden eingerichtet. Absender ist immer das jeweilige Wissenschaftsjahr. Als Akteur tritt das BMBF nur indirekt auf – als Initiator und Förderer der Wissenschaftsjahre. Die Social-Media-Kanäle im Wissenschaftsjahr steigern ihre Reichweiten kontinuierlich. Die mit Abstand beliebteste Plattform ist die Face book-Seite des Wissenschaftsjahres mit aktuell 42.044 Fans, im Vergleich zu 6.288 Followern auf Twitter und 812 Abonnenten auf YouTube (Zahlen vom 24.07.2017). In den Wissenschaftsjahren haben wir sehr gute Erfahrungen mit Sozialen Medien gesammelt. Wir haben gelernt, dass die Social-Media-Kanäle, allen voran Facebook und Twitter, sich zur wichtigsten Besucherquelle (Referrer) für die Website des Wissenschaftsjahres (www.wissenschaftsjahr.de) entwickelt haben und somit für stetig steigende Zugriffszahlen auf die Website einen entscheidenden Beitrag geleistet haben. Social-Media-Marketing spielt eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Inhalten der Website – und hat gegenüber dem klassischen Suchmaschinen-Marketing (beispielsweise über Goo gle) an Bedeutung gewonnen. Ob analog oder digital – eines gilt sicherlich immer für gute Wissenschaftskommunikation: Wir müssen die Menschen mit unseren Themen packen und die Relevanz für das eigene Leben deutlich machen. Das gelingt am besten, wenn wir gute Geschichten erzählen können und die Dinge so anschaulich wie möglich machen. Dafür brauchen wir gute Erzählerinnen und Erzähler. Authentisch ist dies insbesondere dann, wenn diejenigen erzählen, die Wissenschaft und Forschung betreiben. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind hier also gefordert. Einleitung 19 Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl Zwischen Euphorie und erster Ernüchterung Social Media in der Wissenschaftskommunikation 1. Wissenschaft, Medien und digitale Kommunikation Es ist nicht lange her, dass die in der Mediengeschichte noch jungen Internetplattformen als die große Verheißung einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft gefeiert wurden. Die technisch ermöglichte Kommunikation aller mit allen, scheinbar ohne Kontrolle durch ›Gatekeeper‹ in den Redaktionen der Zeitungen oder Fernsehsender und ohne den für den einzelnen Bürger1 unerreichbaren Kapitalaufwand, der für eine breitenwirksame Kommunikation bis dahin erforderlich war, schien plötzlich möglich geworden zu sein. In der Geschichte der gesellschaftlichen Kommunikation schien die digitale Kommunikation über das Internet die Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks noch in den Schatten zu stellen. Eine epochale Revolution, fürwahr! Nicht nur war die prinzipiell unbegrenzte Reichweite gegeben, darüber hi naus war auch die Beschränkung auf die weitgehende Unidirektionalität der Kommunikation aufgehoben. Das war gleichbedeutend mit der Ermächtigung jedes Einzelnen, am gesellschaftlichen Diskurs direkt teilzunehmen, die ultimative demokratische Ermächtigung. Diese so überzeugende wie verführerische Utopie ist inzwischen der Ernüchterung gewichen. Zwar haben sich eine Reihe interessanter Formate im Bereich der digitalen Wissenschaftskommunikation entwickelt, liefern Suchmaschinen und kollaborative Formate wie Wikipedia beim kompetenten Umgang damit oft hilfreiche und schnelle Antworten auf Fragen, beobachten spezialisierte Blogger auch bisher wenig beachtete Bereiche der Wissenschaft, entstehen neue Diskurse und haben Bürger – zumindest theoretisch – einen viel weitreichenderen und direkteren Zugang zur Wissenschaft oder auch zu Informationen im Allgemeinen. Gleichwohl müssen wir erkennen, dass wir in mehrfacher Hinsicht naiv 1 Der Band verfolgt keine einheitliche Linie zur Genderisierung. Dort wo nur die männliche Form zur Bezeichnung von Personen benutzt wird, sind – von sachlich bedingten Ausnahmen abgesehen – die weibliche Form sowie andere Gender unausgesprochen mit eingeschlossen. P. WEINGART / H. WORMER / A. WENNINGER / R. HÜTTL 20 in der euphorischen Rezeption der neuen Technologie waren. Zum einen war es naiv anzunehmen, dass die neue Technologie gleichsam als ›Allmende‹ etabliert werden würde, ohne Kosten und ohne sie tragende und prägende Interessen. Inzwischen muss jedem Nutzer unausweichlich klar sein, dass er/sie die Dienste nur für die Gegenleistung erhält, wenn nicht Geld, dann persönliche Daten zu liefern, um damit eine ständig raffinierter werdende gigantische Werbeindustrie zu füttern. Die Aufdringlichkeit der Werbespots und noch mehr von versteckter Werbung belastet die Kommunikation zunehmend. Nur sehr wenige Plattformen beziehungsweise Anbieter wie Wikipedia oder die New York Times operieren mit Bezahlmodellen (in Form von Spenden oder von Nutzungsgebühren) und nutzen tatsächlich mögliche Synergien zwischen bewährten redaktionellen Prozessen mit kollaborativen Modellen der Wissensgenerierung. Der weitaus überwiegende Teil der Kommunikation findet aber auf den Servern der quasi-monopolistischen amerikanischen Internetkonzerne statt. Deren massive wirtschaftliche Interessen sind in die bereitgestellten Dienste im wahrsten Sinn des Wortes ›eingebaut‹, in Gestalt der Algorithmen, die die Kommunikationen steuern, selegieren, mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Nur der triviale Sachverhalt, dass diese Algorithmen existieren, deren genaue Funktionsweise im Übrigen nicht zufällig das Geheimnis der Betreiber bleibt, reicht schon aus, um die Beteuerungen zum Beispiel des Eigentümers von Face book, Mark Zuckerberg, es handele sich dabei nur um eine gegen- über dem Kommunikationsgeschehen neutrale Plattform, in das Reich der Zweckpropaganda zu verweisen. Seitdem Volksabstimmungen und politische Wahlen eindringlich Indizien dafür geliefert haben, welcher unkontrollierbare Einfluss von den Social Media ausgehen kann, seitdem die Erosion der guten Sitten, des Schutzes vor Verletzungen der Persönlichkeitsrechte, vor Verleumdung und Beleidigung, die massenweise Verbreitung von ›Fake News‹ zu einem kollektiven Problem geworden sind, und seitdem die Möglichkeiten des Missbrauchs durch den Einsatz von ›Social Bots‹ die Gefahren der Technologie eindringlich vor Augen geführt haben, ist die Notwendigkeit einer wie auch immer gearteten Regulierung der Social Media beziehungsweise der Geschäftspraktiken ihrer Betreiber unabweisbar geworden. Ebenso unabweisbar ist die Notwendigkeit geworden, die Fähigkeiten aller Bürger im Umgang mit verschiedenen Medien und zur kritischen Bewertung von Quellen endlich systematisch zu stärken. Eine weitere Naivität muss hinsichtlich der Fehleinschätzungen der möglichen Folgen der Social Media für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eingeräumt werden. Vielleicht haben es die Kommunikationswissenschaftler ahnen können: neue Kommunikationstechnologien können explosive Wirkungen auf kollektive Meinungsbildung, auf Massenmobilisierung und generell auf die Abläufe der gesellschaftlichen ZWISCHEN EUPHORIE UND ERSTER ERNÜCHTERUNG 21 Kommunikation haben. Heute erscheint uns das Geschrei faschistischer Agitatoren in den 1930er Jahren eher komisch, zu jener Zeit hat es die Massen elektrisiert, weil erstmals Großveranstaltungen durch die neuartige elektrische Verstärkung von den Rednern erreicht werden konnten. Die schiere Amplifizierungswirkung der Social-Media-Plattformen verleiht ihnen ein Mobilisierungspotential, das weit über alles hinausgeht, was bisher bekannt und möglich war – ohne dass auch nur einer der Teilnehmer an der Kommunikation einen Fuß vor die Tür setzen und als Person identifizierbar sein muss. Was das für die Inhalte der Kommunikation, für deren Wirkung auf jeden Einzelnen, für die Demokratie insgesamt bedeutet, beginnen wir nur allmählich wahrzunehmen. Wirklich verstehen tun wir es noch nicht. Viele funktionierende demokratische Gesellschaften haben sich im Laufe ihrer Geschichte für das Modell einer repräsentativen Demokratie entschieden: Gewählte Parlamentarier treffen Entscheidungen und bilden eine Regierung; im Rechtswesen entscheiden davon möglichst unabhängig eingesetzte Richter und Schöffen als Repräsentanten über Recht und Unrecht »im Namen des Volkes«. Auch die hiervon wiederum (gesetzlich geschützte) unabhängige »vierte Gewalt« folgte lange Zeit einem ähnlichen Modell: einer Verbreitung von Informationen durch eine möglichst repräsentative Vielfalt an journalistischen Medien. Vor einer (sofern angesichts der Abhängigkeit von Social-Media-Plattformanbietern überhaupt möglichen) vollständigen Demokratisierung der Medien wäre daher zumindest in Betracht zu ziehen, welche Analogien sich mit den anderen genannten Bereichen des Staatswesens ziehen lassen: Die Grenzen einer möglichst vollständig demokratisierten Regierung zur Anarchie sind ebenso fließend wie jene einer demokratischen Justiz zur bloßen Lynchjustiz, die auf Basis einer sich jeweils ad hoc bildenden Mehrheitsmeinung über Recht und Unrecht urteilt. Insofern ist eine kritiklose Begrüßung einer »Demokratisierung der Medien« durch Social Media als großer Fortschritt für die Demokratisierung zumindest voreilig; es ist jedenfalls keineswegs gesichert, dass das System »Social Media« jenem durch das Grundgesetz in seiner Unabhängigkeit geschützten System von repräsentativen journalistischen Medien für die Versorgung der Bürger mit zuverlässigen Informationen wirklich überlegen ist. Wir erahnen bislang nur, dass der Verlust der sogenannten Intermediäre, das heißt der Journalisten in den Massenmedien, der ›Sprecher‹ der Institutionen wie der Politik, der Wirtschaft oder der Wissenschaft, ein Gerüst von Kommunikationsankern aufzulösen beginnt, an dem sich – ungeachtet aller Skepsis und allen Misstrauens im Einzelfall – der gesellschaftliche Diskurs orientiert hat. Die beiden wichtigsten Institutionen im gesellschaftlichen Institutionengefüge, die für eine fortlaufende Berichterstattung und Informierung, Diskussion unterschiedlicher Inhalte und deren Interpretation verantwortlich sind, Wissenschaft und P. WEINGART / H. WORMER / A. WENNINGER / R. HÜTTL 22 journalistische Medien, werden durch die neuen Technologien in jeweils spezifischer Weise bedroht. Die Medien, das heißt vor allem die Printmedien in Gestalt der gro- ßen Tageszeitungen, die ohnehin schon durch die Ökonomisierung ihres Geschäftsmodells zunehmend in Abhängigkeit von der werbenden Wirtschaft geraten sind – mit nachhaltigen Konsequenzen wie zum Beispiel der Orientierung an Aufmerksamkeitsindikatoren (Auflage, Verkauf, Quote) –, verlieren ihre wirtschaftliche Grundlage im Wettkampf um Werbeetats. Je schärfer die Konkurrenz mit den Internetbetreibern, desto sensationsheischender gerät oft die Berichterstattung. Die Ökonomisierung der medialen Kommunikation lässt deren Qualität also nicht unberührt. Der Qualitätsjournalismus, die vierte Gewalt im demokratisch verfassten Staat und Garant der Machtkontrolle qua kritischen Diskurses, droht zu verschwinden zugunsten einer am Massengeschmack ausgerichteten Trivialberichterstattung (Ausnahmeentwicklungen wie der Abonnentenzuwachs der New York Times nach der Wahl Trumps sind bislang nicht mehr als das). Mit dem Qualitätsverlust der Kommunikation und dem tendenziellen Verschwinden der klassischen Intermediäre kommt es zu einer Erosion des Vertrauens und der Autorität des Journalismus und der Wissenschaft (siehe 2). Das heißt, die gesellschaftliche Kommunikation droht, ihren Bezug auf Fakten, Evidenz und anerkannte Methoden des Erkenntnisgewinns zu verlieren. Sollte sich diese Entwicklung tatsächlich fortsetzen, würde der demokratische und rationale gesellschaftliche Diskurs zusammenbrechen. Er ist demokratisch, weil er die offene Diskussion über Werte und Interessen der Beteiligten erlaubt, und er ist rational, sofern die faktischen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten berücksichtigt werden. An seine Stelle träte die Auseinandersetzung, in der die Machthaber über die technischen Verbreitungsmöglichkeiten die Einstellungen, Emotionen und Handlungen der Massen manipulieren könnten, mit unabsehbaren Folgen für den sozialen Frieden. 2. Eine neue zentrale Rolle der Wissenschaft In der skizzierten Konstellation, in der sich gesellschaftliche Kommunikation angesichts der Digitalisierung befindet, nimmt die Wissenschaft, wie betont, eine zentrale Stellung ein. Deshalb verdienen die Auswirkungen der Digitalisierung, das heißt insbesondere der Social Media, auf die inner- und die außerwissenschaftliche Kommunikation besondere Aufmerksamkeit, und eine Reihe der Probleme, die für die gesellschaftliche Kommunikation allgemein benannt wurden, lassen sich auch speziell für die Wissenschaft benennen. ZWISCHEN EUPHORIE UND ERSTER ERNÜCHTERUNG 23 Es ist unter Beobachtern Konsens, dass mit der Etablierung der Social Media die Grenze zwischen Fachöffentlichkeit und allgemeiner Öffentlichkeit, wenn auch nicht beseitigt, so doch auf spezifische Weise aufgeweicht wird (auch als »Absenkung der Wissenschaftler-Laien-Schwelle« bezeichnet). Die kommunikativen Möglichkeiten der Social-Media-Plattformen sind mit Blick auf die Wissenschaft als Chance ihrer Demokratisierung gesehen worden. Allerdings muss genau präzisiert werden, was damit gemeint sein kann. So begrüßenswert die Teilhabe vieler Bürger an der Wissenschaft ist, so beschränkt ist angesichts des Spezialisierungsgrads die substantielle Teilnahme. Auch hier gilt, dass die Umgehung oder Außerkraftsetzung der innerhalb der Wissenschaft anerkannten Kontroll- und Qualitätssicherungsmechanismen, deren Legitimität zuweilen mit Verweis auf die Demokratisierung bestritten wird, eine ernstzunehmende Bedrohung für das Funktionieren der Wissenschaft darstellt. Genauer gesagt, wissenschaftlich begründete Entscheidungen über Relevanz von Forschungsfragen und Richtigkeit von Forschungsergebnissen können nicht ›von außen‹ getroffen werden. Es gilt auch zu unterscheiden zwischen prinzipiell wissenschaftlich nicht beantwortbaren Fragen, (noch) unsicheren und gesicherten Forschungsergebnissen. In der Öffentlichkeit besteht oft Unklarheit darüber, was es heißt, wenn in der Wissenschaft Dissens über die Deutung von Ergebnissen besteht. Die Wissenschaft ist aber nicht schon deshalb schlecht, weil sie sich von Zeit zu Zeit revidiert, im Licht neuer Ergebnisse eine andere Deutung früherer Ergebnisse erforderlich wird. All das hat jedoch weder mit ›alternativen Fakten‹ zu tun (ein Widerspruch in sich), noch rechtfertigt es, die Existenz von Fakten überhaupt zu bestreiten. Eine andere Grenze ist ebenfalls in Auflösung begriffen. Durch das Mandat der Rechenschaftslegung seitens der wissenschaftlichen Organisationen (Universitäten und Forschungsinstitute) und die politisch verordnete verschärfte Konkurrenz droht die Kommunikation der Wissenschaft in die und mit der Gesellschaft zu einem Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit zu degenerieren. In solcher Kommunikation wird nunmehr kaum unterscheidbar, mit welchem Interesse kommuniziert wird. Kaum etwas ist jedoch der Autorität der Wissenschaft, der das öffentliche Vertrauen gilt, so abträglich gewesen, wie der Zweifel an ihrer möglichst großen Neutralität gegenüber Interessen gleich welcher Provenienz. Verstöße gegen das Neutralitäts- und Objektivitätsgebot etwa in der industriellen Forschung oder in besonders politisierten Forschungsfeldern ändern nichts an der grundsätzlichen Orientierung der Wissenschaft als Institution an ›Wahrheit‹. Das Misstrauen gegenüber Experten und die damit einhergehende Verachtung von Fakten gehen nicht zuletzt auf die Erfahrungen mit ihrer Politisierung zurück. Die aktive Beteiligung wissenschaftlicher Organisationen an offensiver Eigen- P. WEINGART / H. WORMER / A. WENNINGER / R. HÜTTL 24 werbung über die Kanäle der Social Media ist kaum geeignet, das Vertrauen in Objektivität und Neutralität zu stärken, und es ist auch nicht mit informierender und aufklärender Kommunikation zu verwechseln. Die stärkere Öffnung der Wissenschaft zur Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat und die zuerst in der diversifizierten Wissensproduktion in Industrie, NGOs sowie in Think Tanks und deren stärkerer Interessenbindung ihren Ausdruck fand, nunmehr durch die digitale Kommunikation nochmal verstärkt wird, zwingt offensichtlich zu einer sehr viel vorsichtigeren Markierung und Aufrechterhaltung der Grenze zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die gut gemeinte, wohlfeile Rede von Partizipation, Demokratisierung und ›Bürgerwissenschaft‹ (Citizen Science) ist verführerisch und gegebenenfalls irreführend oder gar populistisch, wenn nicht präzise benannt wird, worin die Teilnahme bestehen kann, worauf sie sich beziehen soll, an welche Voraussetzungen seitens der Bürger sie gebunden ist und welche Ziele damit erreicht werden sollen. Berechtigte Kritik an einem sich selbst zugeschriebenen Elitestatus der Wissenschaftler oder an der Distanz der Wissenschaft zur Gesellschaft erfüllt noch nicht die Bedingungen der Demokratisierung in einem Bereich, in dem Mehrheitsentscheidungen keine Aussicht auf Sachgerechtigkeit eröffnen können. Die vielfältigen Übergänge und Schnittstellen wie die wissenschaftliche Politikberatung und die Wissenschaftskommunikation lassen die institutionelle Besonderheit der Wissenschaft empfindlicher für Missverständnisse, grobe Unterscheidungen, Übersehen von Differenzen und terminologische Vereinfachungen werden. 3. Zu diesem Band Die beschriebene Entwicklung lässt sich nicht von einer einzelnen Akteursgruppe aufhalten. Wenn überhaupt ließe sie sich allenfalls abschwächen und umlenken. Seit einer Reihe von Jahren haben sich in Deutschland die wissenschaftlichen Akademien des Themas angenommen und versucht, dieses mit den ihnen zur Verfügung stehenden Instrumenten, den interdisziplinären Arbeitsgruppen unter dem Titel ›Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien‹, vor allem aus der Perspektive der Wissenschaft aufzuarbeiten. Es geht dabei also in erster Linie um Reflexion, Kommentierung und die Markierung erwünschter Zustände. Dabei ging es anfänglich, bevor die Debatte um die Folgen der Social Media angesichts des bereits erwähnten Erfolgs nationalistischer beziehungsweise populistischer Parteien in Europa, der Volksabstimmung zum »Brexit« und zur US-Wahl des Jahres 2016 eine breitere Öffentlichkeit erreicht hatte, auch um ein Gegengewicht zur bis dahin weitgehend kritiklosen und euphorischen Begrüßung der neuen Kommunikationsmöglichkei- ZWISCHEN EUPHORIE UND ERSTER ERNÜCHTERUNG 25 ten auch durch Akteure der Wissenschafts-PR. Zu groß war unter diesen Akteuren offensichtlich die Versuchung, nunmehr unter Umgehung von mitunter missliebigen journalistischen Gatekeepern direkt die eigene Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit kommunizieren zu können, inklusive der Werbebotschaften für die eigene Institution oder Disziplin. Dass man sich damit auch der direkten Konkurrenz einer ebenso ungehinderten Verbreitung von Fake News, Pseudoscience und dem Wettbewerb der nun algorithmischen Gatekeeper würde stellen müssen, wurde (und wird zum Teil bis heute) übersehen. Nachdem von einer ersten Akademien-Arbeitsgruppe im Jahr 2014 vor allem Empfehlungen zur grundsätzlichen Rolle von Medien und Wissenschaft und ihrer Kommunikation in einer Demokratie vorgelegt worden waren, wurden im Juni 2017 die von einer zweiten Arbeitsgruppe erarbeiteten Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation mit speziellem Fokus auf die digitalen Medien und die Social Media der Öffentlichkeit vorgestellt (S. 340 in diesem Band). Der vorliegende Band enthält die im Zusammenhang mit dieser zweiten Arbeitsgruppe erarbeiteten Expertisen (in aktualisierter Fassung) sowie eine Reihe weiterer, eigens verfasster Beiträge zum Thema. Der Band kann deshalb als Ergänzung zu der den Empfehlungen vorausgehenden Analyse gelesen werden. Die Beiträge ergänzen die Empfehlungen und die anhaltenden Debatten um einen angemessen Umgang mit Social Media in der Wissenschaftskommunikation, sie liefern aber darüber hinaus einschlägige Hintergrundinformationen. Sie sollen den Themenkomplex durch weiterführende Erklärungen verständlicher machen und zu weiteren Diskussionen anregen. Dabei haben die He rausgeber auch versucht, zumindest einige Social-Media-Formate etwas genauer beleuchten zu lassen; gleichwohl ist eine detaillierte Berücksichtigung ›der‹ Social Media in der Wissenschaftskommunikation naturgemäß nur exemplarisch zu leisten. Den Herausgebern ist klar, dass es sich dabei nur um ›zwischenzeitliche Wasserstandsmeldungen‹ handelt, dies umso mehr als der bisherige Forschungsstand oft beschränkt, die Entwicklung der Social Media rasant und der politische wie gesellschaftliche Diskurs weit entfernt davon ist, abgeschlossen zu sein. Zu Beginn der Diskussionen in der Arbeitsgruppe im Jahr 2015 war beispielsweise noch kaum die Rede von einer – politisch zunächst immer unpopulären – Regulierung von Social-Media-Plattformen. Quasi zeitgleich mit der Präsentation der Empfehlungen im Juni 2017 sind inzwischen nicht nur entsprechende Gesetzentwürfe wie jene zu einem »Netzwerkdurchsetzungsgesetz« vorgelegt worden; die kontroversen und vielschichtigen Diskussionen zu ihnen zeigen überdies die Komplexität des Gegenstands. Immerhin geht es bei solchen Eingriffen auch um den operativen und technischen Ausgleich zwischen dem Schutz der Persönlichkeit, der informationellen P. WEINGART / H. WORMER / A. WENNINGER / R. HÜTTL 26 Selbstbestimmung auf der einen und der Garantie der sachgerechten Kommunikation und dem Schutz der Meinungsfreiheit auf der anderen Seite – von formaljuristischen Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern einmal ganz abgesehen. Der Band ist in vier Themenkomplexe gegliedert. Dem vorangestellt sind Bemerkungen aus der Politik von Daniela De Ridder (MdB und Mitglied im Ausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des 18. Deutschen Bundestages), und Stefan Müller (MdB des 18. Deutschen Bundestages und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung), die aus jeweils unterschiedlichen politischen Feldern heraus mit den Themen der Digitalisierung der Gesellschaft vertraut sind. Der erste große Themenkomplex (Wissenschaft und Öffentlichkeit im Wandel) handelt vom komplizierten Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit allgemein. Die Beiträge (von Peter Weingart, Christoph Neuberger und Otfried Jarren, Jan-Hinrik Schmidt) untersuchen mit unterschiedlichen Schwerpunkten die historischen und gegenwärtigen Wandlungsprozesse dieses Verhältnisses, die im Kontext einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft und Öffentlichkeit zusehends an Dynamik und Differenzierung gewinnen. Bereits in diesem Oberkapitel wie auch in den Folgenden werden die längeren Kapitel durch Kurzbeiträge ergänzt, die Schlaglichter auf einzelne Social-Media-Formate werfen (von Christian Pentzold, Andrea Geipel, Jonathan Focke, Andreas Wenninger, Adrian Rauchfleisch) oder Exkurse zu bestimmten Teilaspekten der Wissenschaftskommunikation liefern (von Elisabeth Hoffmann, Axel Bruns, Dietram Scheufele). Die Schlaglichter respektive Exkurse stellen wichtige Ergänzungen und Vertiefungen des Bandes insgesamt dar, die für die Leserinnen und Leser allgemein von Interesse sein dürften. Der zweite Themenkomplex (Markt, Verbreitungen und mögliche Wirkmechanismen von Wissenschaftskommunikation) geht der Effizienz von alten und neuen Modellen der medienvermittelten Kommunikation nach. Zum einen vergleichen Leyla Dogruel und Klaus Beck anhand einer medienökonomischen Perspektive die Verbreitungswege über Social Media und klassische Kanäle. Holger Wormer untersucht das Modell des Gatewaching im Vergleich zum Gatekeeping im Hinblick auf die Informationsverbreitung und die Verarbeitung durch Rezipienten, insbesondere bei Fehlinformationen und ihren Richtigstellungen. Der dritte Themenkomplex (Künftige Perspektiven der Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund technischer Entwicklungen) legt den Fokus auf die technische Ebene der Wissenschaftskommunikation mit einem spezifischen Blick auf die Möglichkeiten der Informatik. Beide Autoren (Henning Lobin und Andreas Hotho) gehen ZWISCHEN EUPHORIE UND ERSTER ERNÜCHTERUNG 27 von der aktuellen Situation aus, indem sie die Prozesse und Strukturen digitaler Kommunikationen analysieren und auf dieser Basis mögliche Zukunftsszenarien entwerfen. Am Schluss des Bandes arbeiten Sabine Maasen und Andreas Wenninger in einem kurzen vierten Themenkomplex die Kommunikation rund um das Akademienprojekt – mit und ohne Social Media – auf. Abschließend sollte nicht unerwähnt bleiben, dass alle Autoren des Bandes dazu angehalten waren, Vor- und Nachteile der Verwendung von Social Media zur Wissenschaftskommunikation wenn möglich gleichermaßen darzustellen – entweder im Beitrag selbst oder in der kritischen Auseinandersetzung mit der bisherigen Literatur. Mitunter musste dabei auch die Distanz zum eigenen Forschungsgegenstand angemahnt werden. Fast scheint es im Einzelfall so, als sollte man perspektivisch für die Erforschung der Wirkung neuer Medien eine ›Verblindung‹ (im Sinne einer ›Befremdung der eigenen Kultur‹) einführen, wie sie in klinischen Studien für die Erforschung der Wirkung neuer Therapien zum Standard gehört: Zu groß erscheint mitunter die Versuchung, die Wirkung des Untersuchungsgegenstands bereits in einem positiven Licht zu sehen, wo die Datenlage noch völlig offen ist. Insofern verkennen auch die Herausgeber nicht, dass alle getroffenen Aussagen zu möglichen positiven und negativen Wirkungen und Nebenwirkungen der digitalen Wissenschaftskommunikation und insbesondere der Social Media vorläufig bleiben müssen. Gleichwohl versteht sich dieser Band nicht zuletzt als Aufforderung an die Akteure, (Wissenschafts-)Journalisten und (Wissenschafts-)Blogger, Wissenschaftler und Wissenschafts-PR, sich künftig auch selbstkritischer mit diesem Themenkreis auseinanderzusetzen. Die Herausgeber sowie die Sprecher der Akademien-Arbeitsgruppe im Herbst 2017 Peter Weingart, Holger Wormer, Andreas Wenninger und Reinhard F. Hüttl Wissenschaft und Öffentlichkeit im Wandel 31 Peter Weingart Wissenschaftskommunikation unter digitalen Bedingungen Funktionen, Akteure und Probleme des Vertrauens 1. Das Ausgangsproblem Wissenschaftskommunikation hat Hochkonjunktur. Sie wird inzwischen von vielen Akteuren betrieben, die jedoch zum Teil sehr unterschiedliche Vorstellungen mit dem Begriff verbinden, sehr unterschiedliche Ziele mit ihr verfolgen und unterschiedliche Gruppen adressieren. Diese Popularität könnte zunächst durchaus positiv im Sinne einer besseren Informierung über beziehungsweise als ein größeres Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaft gesehen werden. Aus der Nähe betrachtet erweist sich die unerwartete Popularität jedoch als nicht ganz unproblematisch. Der Wissenschaftskommunikation kommt in modernen demokratischen Wissensgesellschaften insofern eine strategische Bedeutung zu, als sie die Öffentlichkeit über neue wissenschaftliche Erkenntnisse und über die internen Operationsweisen der Wissenschaft informiert und sie damit in den Stand setzt, politische Entscheidungen vor dem Hintergrund verfügbaren, verlässlichen und zuweilen auch unsicheren Wissens kritisch zu beurteilen. Deshalb ist es nicht gleichgültig, ob mit dem Begriff der Wissenschaftskommunikation Akteure und ihre Aktivitäten legitimiert werden, die ganz andere Ziele verfolgen, als zu einer Zeit mit ihm assoziiert wurden, da es noch um die Popularisierung der Wissenschaft ging. Mehrere Herausforderungen stellen sich der Wissenschaftskommunikation, die eine Klärung der Begriffe und Funktionen nahelegen. An erster Stelle ist die Einbindung der Wissenschaft in die Politik zu nennen. Die über mehr als ein Jahrhundert erfolgte Ausweitung der Staatsaufgaben und der dazu parallele, durch die zunehmende Komplexität politischer Entscheidungen intensivierte Zugriff auf wissenschaftliche Expertise hat mindestens seit etwa sechs bis sieben Jahrzehnten zu einer kontinuierlich intensiveren Verwissenschaftlichung der Politik geführt (Weingart/Lentsch 2008). Die Komplexität einer Vielzahl politischer Entscheidungen und ihrer wissenschaftlichen Begründungen setzen mehr als je zuvor ein Mindestmaß an Kenntnis wissenschaftlichen Denkens und wissenschaftlicher Methoden in der Bevölkerung voraus. Besteht dieses Grundverständnis nicht, kann nicht damit gerechnet PETER WEINGART 32 werden, dass komplexe und häufig politisierte Entscheidungen von einem Großteil der Öffentlichkeit nachvollzogen werden. Dann droht die Distanz zwischen politischen Entscheidern und Öffentlichkeit zu groß zu werden, eine Entwicklung, die die Legitimität der ersteren gefährdet. Eine zweite Herausforderung ist die Ökonomisierung speziell der Wissenschaft. Sie schlägt sich unter anderem in der Durchdringung des an sich selbstreferentiell meritokratischen Wissenschaftssystems durch fremdreferentiell marktförmige Mechanismen der Steuerung und Zuweisung von Reputation und Ressourcen nieder. Aufgrund dessen wird der sowohl für die interne als auch für die nach außen an die Öffentlichkeit gerichtete Kommunikation verbindliche Wahrheitscode durch den medial geprägten Aufmerksamkeitscode zumindest ergänzt, soweit die Leistungsanreize auf Aufmerksamkeit optimieren. Das führt potentiell zu Vertrauensproblemen. Eine dritte Herausforderung ist die Digitalisierung, die spezifische Auswirkungen auf die Wissenschaftskommunikation hat. Das betrifft vor allem den drohenden Verlust der Intermediäre – das sind in der internen Kommunikation die Gutachter (Fachkollegen), in der externen die Journalisten und Popularisierer, die bislang im Innenverhältnis die Qualität und im Außenverhältnis die Verlässlichkeit der Kommunikation gewährleisten. Sie stellen zugleich die sozialen Rollen dar, an denen sich all jene orientieren, die die wissenschaftliche Kommunikation ›von außen‹ wahrnehmen. Auf ihnen beruht ihr Vertrauen in sie. Die Social Media eröffnen die Chance der multilateralen Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, mit der auch das Versprechen einer allseitigen Demokratisierung ebenso wie das einer Mobilisierung des aktiven Engagements mit der Wissenschaft seitens Menschen verbunden wird, die nie zuvor erreicht worden wären. Gerade diese Ausweitung der passiven Rezeption wie der aktiven Kommunikation auf die Laienöffentlichkeit und die neuartige Unübersichtlichkeit der Grenze zwischen Fachöffentlichkeit und allgemeiner Öffentlichkeit sowie zwischen Wissenschaftlern und selbst ernannten Kommunikatoren verschärfen das Vertrauensproblem: Wer kommuniziert was mit welchem Interesse? Im Folgenden geht es um die sich aus diesen Herausforderungen ergebenden Probleme, die im Fall der Wissenschaftskommunikation besonders gravierend sind, weil die Wissenschaft die einzige Institution in der Gesellschaft ist, die ihrem Selbstverständnis nach und auch gemäß den Erwartungen der Öffentlichkeit verlässliches, das heißt im Prinzip überprüfbares, objektives Wissen bereitstellt.1 1 Für den Journalismus wird ähnlich und in expliziter Nähe zur Wissenschaft reklamiert, »The general aim is that journalism students receive instruction in the process of knowledge-tested reporting. Such training would educate WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 33 2. Akteure der Wissenschaftskommunikation, Interessen, Adressaten, Formate a) Was ist der Gegenstand der Wissenschaftskommunikation? Bevor der Begriff in Umlauf kam war von Popularisierung die Rede.2 Damit wurde klar bezeichnet, dass es um die Kommunikation wissenschaftlicher Inhalte aus der Wissenschaft an eine außerwissenschaftliche Öffentlichkeit ging. Diese klare, auf der Grenze zwischen der Binnenkommunikation der Wissenschaft und ihrer Vermittlung an die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit beruhende Definition und die dazu gehörende Rolle des Popularisierers, hatten nur für die kurze Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg Gültigkeit, in der die Wissenschaft hinreichend ausdifferenziert war und eine interessierte Öffentlichkeit begann, durch die Massenmedien gestaltet zu werden. Diese Konstellation ist in der Folgezeit aus verschiedenen Gründen aufgelöst worden (Bensaude-Vincent 2001). Zum einen haben Whitley und Bunders darauf hingewiesen, dass auch innerhalb der Wissenschaft ein Transfer von Expertenwissen an Laien stattfindet, nämlich immer dann, wenn zum Beispiel in interdisziplinären Forschungszusammenhängen Experten aus einer Disziplin ihr Wissen an die Mitglieder einer anderen Disziplin kommunizieren (Whitley 1985; Bunders/Whitley 1985). Zum anderen sind die Abgrenzungen der Medien, über die kommuniziert wird, nicht mehr so scharf und eindeutig wie zuvor, so dass es zu Überschneidungen zwischen verschiedenen Publika kommen kann und kommt. journalism students to be truth-seekers in the scientific sense and provide evidence that is always tested against alternative explanations. Philip Meyer has long argued that journalists need to apply the logic of the scientific method to their work – for instance, applying the technique of replication so that other journalists can ›get the same answer‹ […]. As in the sciences, ›true objectivity,‹ Meyer says, ›is based on method, not result‹ […].« (Donsbach 2013, 668). Allerdings genießt er in der Öffentlichkeit nicht das vergleichbare Vertrauen. 2 Vgl. Daum (1998). Eine nach wie vor hilfreiche, umfassende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Facetten der Wissenschaftskommunikation liefern Burns, O’Connor und Stocklmayer (2003). Zur Definition der Wissenschaftskommunikation siehe auch Ad hoc-Gruppe Wissenschaftskommunikation der DGPuK: »Wir begreifen Wissenschaftskommunikation als weites, theoretisch und empirisch zu bearbeitendes, kommunikationswissenschaftliches Forschungsfeld. Dazu gehören externe und interne Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR sowie Wissenstransfer und Wissenskommunikation.« (http:// www.dgpuk.de/wp-content/uploads/2012/11/Selbstverständnispapier-Wiss- Komm-11_20121.pdf (besucht 27.1.2017). PETER WEINGART 34 Neben der innerwissenschaftlichen Kommunikation gibt es die Kommunikation der Wissenschaft, wie sie ursprünglich von Popularisierern wahrgenommen wurde (die es entgegen landläufiger Wahrnehmung auch immer noch gibt). Hier geht es um die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in allgemeinverständlicher Form an eine breite Öffentlichkeit, zumeist in Form von Artikeln in den Wissenschaftsteilen der großen Qualitätszeitungen oder als Sachbuch zu einem wissenschaftlichen Thema (im Unterschied zum an die einschlägigen Spezialisten gerichteten Fachbuch) oder schließlich als TV-Magazinsendung. Von der Kommunikation der Wissenschaft ist die über Wissenschaft zu unterscheiden. Auch wenn diese nicht immer klar voneinander abgrenzbar sind, ist die Unterscheidung sinnvoll, da es sich bei letzterer noch stärker um solche Kommunikation handelt, in der es nicht in erster Linie um wissenschaftliche Inhalte geht, sondern um die Hintergründe ihrer Entstehung oder um deren Einordnung zum Beispiel in einen politischen Kontext oder ganz allgemein um die Analyse der Wissenschaft als Institution, ihre Funktionsweise oder um besondere Risiken und deren Regulierung. Diese zum Teil durchaus kritisch reflektierende Kommunikation ist die Beobachtung zweiter Ordnung der Wissenschaft.3 b) Neben der Unterscheidung des Gegenstands der Wissenschaftskommunikation ist die der Akteure der Wissenschaftskommunikation von Belang. Ursprünglich haben die Wissenschaftler, abgesehen von ihrer innerwissenschaftlichen Kommunikation in Zeitschriften (formale 3 Viele populäre journalistische Wissenschaftssendungen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehören nach dieser strengen Definition nicht unbedingt zum Wissenschaftsjournalismus. Allerdings sind sie mit der Verortung im informierenden Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unzweifelhaft Teil des Systems Journalismus. Man hat es hier – geht man von den kommunizierten Inhalten aus – mit einem Kontinuum zu tun, das von der Vermittlung, Darstellung und Erklärung wissenschaftlicher Sachverhalte an einem Ende (Popularisierung) bis zur sozialen, ökonomischen oder politischen Kontextualisierung neuer Entwicklungen in der Forschung am anderen Ende (journalistische Berichterstattung über Wissenschaft) reicht. Auf diesem Kontinuum bewegen sich sowohl Wissenschaftler (wenn z.B. ein Klimaforscher über die neuesten Modellrechnungen und deren politische Implikationen referiert) als auch Wissenschaftsjournalisten, wenn sie z.B. in einer populären Wissenssendung im Fernsehen wissenschaftliche Erkenntnisse in allgemeinverständlicher Form erklären oder wenn in einer Zeitung wie der FAZ neue Erkenntnisse aus der Zeitschrift Science für eine breite Öffentlichkeit lediglich dargestellt (»übersetzt«) werden. Davon unabhängig ist, ob die jeweiligen Akteure sich als Popularisierer oder als (Wissenschafts-) Journalisten verstehen (zur unterschiedlichen Rolle und zum Unterschied zwischen fremdvermittelter und selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation siehe folgende Abschnitte sowie Seite 46). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 35 Kommunikation) und der Kommunikation auf Konferenzen und in Korrespondenzen (informelle Kommunikation), auch nach außen kommuniziert und dabei die Rolle von Popularisierern wahrgenommen. Inzwischen hat sich unter dem Etikett der Wissenschaftskommunikation eine Vielzahl von Akteuren eingefunden, die in ebenso vielen Formen und mit verschiedenen Motiven Wissenschaft kommunizieren. Neben den Wissenschaftlern sind es Wissenschaftsjournalisten, außerdem die Wissenschaftsorganisationen (Universitäten, Fachgesellschaften, Wissenschaftsministerien) beziehungsweise deren Pressereferate und PR-Abteilungen. Überdies sind Blogger und ›interessierte Laien‹ dazu gekommen, die, häufig dank der sozialen Medien, an der Kommunikation teilnehmen.4 Außerdem lässt sich eine besondere Gruppe hierzu zählen, all jene nämlich, die über Wissenschaft in literarischen Medien kommunizieren, seien es fiktionale Romane oder Filme. c) Ebenso zahlreich und divers wie die Akteure der Wissenschaftskommunikation sind ihre Interessen und Motive, das heißt die Funktionen, die ihre jeweilige Kommunikation hat. Zur Vereinfachung lassen sich den oben unterschiedenen drei Gruppen Interessen zuordnen, wenngleich die relevanten Grenzziehungen nicht immer eindeutig sind.5 Wissenschaftler, Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftsmuseen sowie Science Centers, vereinzelt auch Blogger betreiben Wissenschaftskommunikation primär in aufklärerischer Absicht. Bei dieser Form der Wissenschaftskommunikation geht es vor allem um Information über Entwicklungen in der Forschung. Zuweilen ist damit die Absicht verbunden, Interesse für Wissenschaft zu wecken und darüber indirekt öffentliche Zustimmung zu sichern. Insbesondere in rezenteren Formen dieser Art von Wissenschaftskommunikation wird die Grenze zwischen Aufklärung, Interessenweckung und Werbung oft nicht klar gezogen. In der neueren Diskussion über Veränderungen der Wissenschaftskommunikation wird das Motiv der Aufklärung von dem des Engagements der Öffentlichkeit unterschieden. Aufklärung gilt Vertretern dieser Position als paternalistisch. Deshalb wird dem das weiter reichende Motiv des Engagements der Öffentlichkeit mit und für die Wissenschaft gegenübergestellt. Diese Kommunikation in engagierender Absicht wird sowohl von Wissenschaftlern als auch von Wissenschaftsjournalisten sowie von Bloggern und, wiederum vermittelt über die sozialen Medien, von engagierten Laien betrieben. Das Interesse ist zum Teil 4 Zur Systematik der Akteure siehe Könnecker (2017, Kap.2). 5 In der für das BMBF erstellten Studie Vergleichende Analyse Wissenschaftskommunikation wurden als Ziele der Wissenschaftskommunikation »Wissensvermittlung, Nachwuchsförderung/Edukation, Partizipation und Wissenschaft als kulturelle Aktivität/Unterhaltung« (Weingart et. al. 2007, 4) identifiziert, denen eine Vielzahl unterschiedlicher Formate zugeordnet werden konnte. PETER WEINGART 36 aufklärerisch, zum Teil politisch im Sinne einer ›Demokratisierung der Wissenschaft‹, eines vieldeutigen Programms der Einbeziehung interessierter Laien in die Forschung. Während eine faktische Demokratisierung der Wissenschaft im Sinne einer tatsächlichen Teilnahme von Laien am Forschungsprozess nur in ganz speziellen Ausnahmefällen denkbar und sinnvoll ist (in verallgemeinerter Form jedoch der historisch vollzogenen Differenzierung widersprechen würde), dient die Propagierung dieser radikalsten Form des Engagements seitens der Politik eher deren legitimatorischen Interessen. Auch der Kommunikation in engagierender Absicht geht es letztlich um öffentliche Zustimmung und Vertrauen in Wissenschaft. Die Grenzen zwischen aufklärerischer und engagierender Wissenschaftskommunikation sind ebenfalls fließend. Die schärfere Trennlinie verläuft zwischen den beiden vorgenannten Typen auf der einen und der institutionellen Wissenschaftskommunikation auf der anderen Seite. Sie wird überwiegend in persuasiver Absicht betrieben. Motiviert durch staatliche Anreize, die eine Differenzierung der Universitäten und damit die Konkurrenz unter ihnen bewirken sollen, sind die Universitäten und Forschungseinrichtungen dazu übergegangen, ihre vormaligen Presseabteilungen durch die Rekrutierung von PR-Spezialisten und ehemaligen Wissenschaftsjournalisten zu Referaten für Öffentlichkeitsarbeit auszubauen. Sie sind für die Erstellung einer umfangreichen Palette von Informations- und Werbematerial verantwortlich und betreiben in erster Linie ›Reputationskommunikation‹. Mit der Einführung der Social Media werden auch diese für die Werbekommunikation eingesetzt. Die Grenzen zwischen Information und Persuasion sind ebenfalls zum Teil fließend. Die Magazine der Universitäten und Forschungsorganisationen enthalten Informationen über neue Entwicklungen in der Forschung, die oft die äußere Erscheinungsform journalistischer Produkte haben (und oft auch von Journalisten (mit)produziert werden), aber meistens handelt es sich um Berichterstattung in eigener Sache. Auch die Wissenschaftler selbst sind inzwischen nicht selten mit dem Interesse der Eigenwerbung in der Wissenschaftskommunikation aktiv, das durch Erwartungen der Rechenschaftslegung ebenso angetrieben wird, wie durch die Konkurrenz um Drittmittel (Rödder 2012; Peters 2013). Überdies feuern die von Plattformen wie Research Gate und academia.edu produzierten Aufmerksamkeitskennzahlen die Konkurrenz um Aufmerksamkeit zusätzlich an. Dieser Typus der Wissenschaftskommunikation wird genau wie Produktwerbung betrieben. Es geht um die vorteilhafte Darstellung der eigenen Institution (beziehungsweise im Fall der Wissenschaftler: der eigenen Forschung, auch der eigenen Person) gegenüber einer diffusen Öffentlichkeit. Dies geschieht zuweilen so, dass das institutionelle Interesse nicht offensichtlich ist, etwa durch journalistisch aufgemachte WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 37 Zeitungsbeilagen. Auf diese Weise wird der Werbungscharakter der Kommunikation verschleiert und eine Identität mit aufklärerischer Wissenschaftskommunikation suggeriert. Die überwiegend sehr kostspieligen Universitätszeitschriften, Jahresberichte und Dokumentationen lassen sich häufig nicht von Informationsbroschüren der aufklärerischen Wissenschaftskommunikation unterscheiden. Sie werden zumeist undifferenziert gestreut und ihre Wirkung bleibt ungewiss. d) Eine weitere Unterscheidung betrifft die Adressaten der Wissenschaftskommunikation. Es geht um die Zielgruppen der Kommunikation und die Wirkungen, die die Kommunikationen bei ihnen erreichen sollen. Die aufklärende Wissenschaftskommunikation richtete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an eine allgemeine ›interessierte Öffentlichkeit‹. Ernst Haeckel, der berühmte Popularisierer, richtete seine »Monistischen Studien« an »die denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände« (Haeckel 1901). Seither hat sich nicht nur die Struktur der Öffentlichkeit tiefgreifend verändert, zum Beispiel hinsichtlich der Verteilung von Bildungsabschlüssen, sondern auch die Ziele der Wissenschaftskommunikation haben sich funktional differenziert (Donges/Imhof 2001). Neuere Formen der aufklärenden Wissenschaftskommunikation wie sie zum Beispiel von Museen oder vom Wissenschaftsministerium (BMBF) umgesetzt werden, richten sich an spezifischere Zielgruppen (häufig verschiedener Altersgruppen).6 Wo es der Wissenschaftskommunikation um Aufklärung beziehungsweise Informierung geht, liegt es näher, in Abhängigkeit der erwarteten Wirkung die Zielgruppen präziser zu definieren. Das gilt allerdings auch nicht durchgängig. Die journalistische Wissenschaftskommunikation (wie die Wissenschaftsseiten der Presse, die Wissens- und Wissenschaftsmagazine in Print- und TV-Formaten) richtet sich an eine allgemeine Öffentlichkeit, deren Interesse sie, wo es nicht ohnehin gegeben ist, durch entsprechende Unterhaltungselemente zu gewinnen suchen. Presse und Fernsehen folgen der Medienlogik: die Presse einschließlich des privaten Fernsehens, weil sie werbungs- und abonnentenabhängig ist, das öffentliche Fernsehen, weil es sich ungeachtet seines Bildungsauftrags an Zuschauerquoten orientiert. Die persuasive, von Institutionen (Universitäten, Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsministerien usw.) durchgeführte Wissenschaftskommunikation zielt auf die Erreichung einer möglichst umfassenden Öffentlichkeit, insofern es hier zunächst ›nur‹ um die Erlangung von Aufmerksamkeit an sich geht.7 Das gilt ebenfalls für die großen 6 So richtet sich etwa das ›Haus der kleinen Forscher‹ des BMBF an Grundschulkinder. 7 PR-Abteilungen und Pressereferate wären gut beraten, wenn sie ihre Zielgruppen sorgfältig bestimmen würden, fallen aber zumeist dahinter zurück. PETER WEINGART 38 Kampagnen wie die ›Jahre der Wissenschaft‹, die zwar dem Erscheinungsbild nach dem aufklärenden beziehungsweise informierenden Typ zuzuordnen, de facto aber an ein allgemeines Publikum gerichtet sind. Diese Form der Wissenschaftskommunikation bleibt in aller Regel vergleichsweise ineffektiv.8 Die entscheidende Differenz zwischen den Formaten und den mit ihnen adressierten Öffentlichkeiten besteht also zwischen der Adressierung spezieller Öffentlichkeiten mit dem Ziel der Informierung und Aufklärung einerseits und der Adressierung einer allgemeinen, diffusen Öffentlichkeit mit dem Ziel der Fokussierung von Aufmerksamkeit andererseits. Die aufklärerische, informierende Wissenschaftskommunikation erfolgt mit dem Ziel, bei den Adressaten einen Bildungseffekt zu bewirken. Die persuasive Wissenschaftskommunikation soll bei den Adressaten Akzeptanz und Zustimmung zur Wissenschaft allgemein, zu speziellen Forschungsrichtungen (zum Beispiel Stammzellforschung) beziehungsweise umstrittenen Forschungsergebnissen (anthro pogener Klimawandel) erzielen oder die Namen von Universitäten und Forschungseinrichtungen als Marken etablieren. Ungeachtet der vielfältigen Überschneidungen und Abgrenzungsschwierigkeiten ist das relevante Unterscheidungskriterium die Art der beabsichtigten Wirkung der Kommunikation. Sie ist entweder selbstreferentiell, das heißt bezogen auf die Wirkung der Wissenschaft selbst (der Bildungseffekt), oder fremdreferentiell, das heißt bezogen auf das Image von Wissenschaftsorganisationen gegenüber der Öffentlichkeit oder der Politik, um Zustimmung und letztlich Ressourcen (Billigung von kontroversen Forschungsprogrammen, Bevorzugung in der Mittelverteilung, Geld) zu erhalten. Eine plastische Unterscheidung ist auch die zwischen ›Wahrheitskommunikation‹ und ›Reputationskommunikation‹. Wenn es z.B. Universitäten um die Aufmerksamkeit für ihre besonderen Profile geht, wären in erster Linie potentielle Studenten als Studienplatzbewerber, deren Eltern und Politiker die relevanten Öffentlichkeiten. 8 In dem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es zwar eine umfängliche Forschung zur Rezeption der massenmedialen Wissenschaftskommunikation gibt, aber kaum Forschung zur Rezeption von Formaten, die an unterschiedliche Öffentlichkeiten gerichtet sind oder gar zu den kausalen Wirkungen solcher Formate auf die Rezipienten, die es den Kommunikatoren ermöglichen würde, ihre jeweiligen Medien gezielter einzusetzen oder ggf. auf ihren Einsatz gänzlich zu verzichten. Zur Forschungssituation siehe Metag (2016). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 39 3. Vertrauen in Wissenschaft und die Schlüsselfunktion der Wissenschaftskommunikation Die eingangs konstatierte Hochkonjunktur der Wissenschaftskommunikation verdankt sich nicht unbedingt einem seitens der Öffentlichkeit gestiegenem Interesse an Wissenschaft. Vielmehr sind zu den ursprünglichen Akteuren neue hinzugekommen, ebenso wie zu den ursprünglichen mit der Wissenschaftskommunikation verfolgten Zielen neue hinzugekommen sind. Das wäre an sich kein beachtenswerter Vorgang, wenn er nicht das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft beträfe, das heißt die Beziehung einer der zentralen Institutionen zu ihrer sozialen Umwelt. Wissenschaftskommunikation ist Schnittstelle zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft. Sie erfüllt insofern eine wichtige Funktion, als sie die Gesellschaft mittels ›Übersetzung‹ und gegebenenfalls auch kritischer Einordnung mit dem für ihre vielfältigen Abläufe, ihre wirtschaftlichen, sozialen und politischen Innovationen erforderlichen Problemlösungswissen versorgt. Umgekehrt erhält sie dafür von der Gesellschaft die nötigen Ressourcen. Diese Schnittstellenfunktion ist mit einem doppelseitigen Problem behaftet: die Kommunikation wissenschaftlichen Wissens wird kontinuierlich schwieriger, je weiter die interne Differenzierung der Wissenschaft und damit ihre Spezialisierung fortschreitet. Aufgrund dessen wird es für die gesellschaftliche Öffentlichkeit schwerer, den direkten Nutzen der Wissenschaft nachzuvollziehen, au- ßer, wo er sich unmittelbar in nützlichen (oder riskanten) Technologien realisiert. Zugleich steigt der Ressourcenbedarf der Wissenschaft stetig an. In dieser zunehmend prekären Konstellation wird wechselseitiges Vertrauen immer wichtiger, aber auch immer unwahrscheinlicher. Die Öffentlichkeit muss den Kommunikationen der Wissenschaft vertrauen können, wenn sie Entscheidungen darauf gründen können will, und genau das wird in dem Maß schwieriger, wie das Wissen nicht mehr direkt nachvollziehbar, seine praktische Relevanz nicht immer sogleich erkennbar ist. Die Wissenschaft muss der Zustimmung der Öffentlichkeit vertrauen können, die gleichbedeutend mit Ressourcenzufluss ist und den Fortgang der selbstbestimmten Forschung gewährleistet.9 Angesichts der konstitutiven Unzugänglichkeit der Wissenschaft10 und der sich daraus herleitenden besonderen Bedeutung von Vertrauen 9 Es versteht sich von selbst, dass diese Konstellation für demokratische Gesellschaften gilt, andernfalls wären weder eine Zustimmung der Öffentlichkeit zu Ressourcenzuwendungen noch ein (im Kern) selbstbestimmter Forschungsprozess gegeben. 10 Das heißt: im Sinne ihrer durch Außenstehende nicht nachvollziehbaren, spezialisierten Sprachen, die nur durch jahrelange Ausbildungsprozesse erlernbar sind. PETER WEINGART 40 für die Beziehung der Wissenschaft zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt richtet sich das Augenmerk zuallererst auf die Bedingungen, unter denen Vertrauen beziehungsweise Misstrauen entsteht, sodann auf die Intermediäre, das heißt die Institutionen beziehungsweise Akteure, die die Rolle der Vermittlung zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft übernommen haben. Das betrifft zum einen die Medien in ihren unterschiedlichen Konfigurationen, zum anderen die professionellen Kommunikatoren, die Public Relations beziehungsweise Marketing Agenturen. Über die ›soziale Natur‹ des Vertrauens und die Rolle des Vertrauens für das Funktionieren von Gesellschaft ist, von Simmel bis Luhmann, viel theoretisiert worden (Simmel 1958[1923], 263; Luhmann 1973). Dennoch wird weiterer Konzeptualisierungsbedarf reklamiert, was wohl vor allem damit begründet ist, dass sich die Bedingungen für die Bildung von Vertrauen ebenso wie für die Entstehung von Misstrauen mit Bezug auf die theoretische Vielfalt schwer empirisch festmachen lassen (siehe Schäfer 2016; Engdahl/Lidskog 2014). Die empirischen Untersuchungen zum Vertrauen in Wissenschaft bleiben in aller Regel unterkomplex und auf einfache Fragen beschränkt. Im Vordergrund des Interesses steht die Einstellung der Bevölkerung zu wahrgenommenen Risiken bestimmter Forschungslinien oder Technologien.11 Fragen danach, warum der Wissenschaft als Institution oder Wissenschaftlern als Personen getraut wird oder nicht, welche Eigenschaften und Merkmale für die eine oder andere Einstellung verantwortlich sind, wird nur selten nachgegangen. Gauchat zählt mit einem komplexeren Ansatz zu den Ausnahmen. Er unterstellt mehrere Modelle, die Einstellungen zu Wissenschaft (und einzelnen Forschungslinien) prägen. Sein Ergebnis: Die in der Öffentlichkeit verbreiteten ›kulturellen Vorstellungen‹ (cultural beliefs) darüber, was die Wissenschaft von anderen Institutionen unterscheidet, nämlich die Besonderheit wissenschaftlicher Methoden als Basis für die Objektivität und Interessenneutralität von Wissenschaftlern, weisen den stärksten Zusammenhang zu allgemeinen Einstellungen gegenüber der Wissenschaft auf (Gauchat 2011, 762). Lang und Hallman (2005) haben umfassendes Vertrauen als eine Kombination von Einstufungen zu Kompetenz, Transparenz, öffentlichem Interesse und Ehrlichkeit konzeptualisiert. Das größte Vertrauen wird den Wissenschaftlern, das geringste der Industrie und der Regierung entgegengebracht.12 Critchley (2008) hat gezeigt, dass der Forschungskontext, das wahrgenommene Motiv und die Kompetenz der Wissenschaftler 11 Z.B. Siegrist (2000); siehe auch Ipsos Mori (2014, 79ff). 12 Bedenklicherweise landen auch die Journalisten regelmäßig am unteren Ende der Vertrauensstatistik. Siehe https://www.consultationinstitute.org/ enough-experts-ipsos-mori-veracity-index-2016/ (besucht: 07.08.2017). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 41 wichtige Prädiktoren für Vertrauen in Wissenschaft sind. Die Öffentlichkeit vertraut Wissenschaftlern an Universitäten mehr, und dieses größere Vertrauen beruht zum Teil auf der Wahrnehmung, dass sie mehr im Sinn des öffentlichen Wohls handeln, als die privat finanzierten Wissenschaftler (Critchley 2008, 324).13 Während die Autoren dieser Studien vorrangig daran interessiert waren, ob Vertrauen in die Wissenschaft mit einer positiven Einstellung zu kontroversen Forschungsprogrammen wie Stammzellforschung oder GM Food korreliert, ist für den hier diskutierten Zusammenhang von Interesse, welche Eigenschaften der Wissenschaft zuallererst das Vertrauen begründen. Es zeigt sich, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft auf Wahrnehmungen ihrer gesellschaftlichen Sonderrolle beruht: Stringenz der Methoden der Wissenserzeugung (unter anderem kontrollierte Experimente), Objektivität, Interessenneutralität (»disinterestedness«), institutionelle Unabhängigkeit von partikularen ökonomischen und politischen Interessen (akademische vs. industrielle oder staatliche Forschung) und Orientierung am Gemeinwohl. Der bekannte Professor, der an einer Universität beziehungsweise in einem öffentlichen Forschungsinstitut arbeitet, das heißt der Wissenschaftler und seine Organisation, sind in der allgemeinen Wahrnehmung die Markierungen für das Vertrauen. Vor diesem Hintergrund sind die jüngeren Veränderungen in der Wissenschaftskommunikation zu beurteilen. Wenn gilt, dass die Wissenschaft für die Öffentlichkeit fast ausschließlich über die Wissenschaftskommunikation wahrnehmbar wird, stellt sich die Frage, welche Darstellungen welcher Akteure das Vertrauen in die Wissenschaft für sich reklamieren können. Wenngleich es keine direkten Belege gibt, deuten die unterschiedlichen Studien zu den vertrauensbegründenden Merkmalen der Wissenschaft indirekt darauf hin, dass Identität und Interessen der Wissenschaftskommunikatoren von entscheidender Bedeutung dafür sind, 13 Ähnlich Chalmers/Nicol (2004, 127). Critchley schreibt: »if trust in science is to be maintained and/or restored, efforts need to be made to distance economic incentives both from the regulation of science as well as from the scientists themselves» (2008, 324). Dies wird durch Umfragen gestützt. Ipsos Mori kommt 2014 zu dem Ergebnis: »While people place a great deal of trust in scientists generally, there is still scepticism about the independence of scientists. People tend to make assumptions about the intentions of scientists based on the institutions they work for. In turn, people often base their trust on the perceived intentions of scientists. Therefore, framing is important – a »climate scientist« will be treated differently from a »university lecturer« or a »government expert«. In addition, people want scientists to explain their intentions more, and want to know that scientists consider the social and ethical implications of their work« (Ipsos Mori 2014, 181). PETER WEINGART 42 ob ihre Kommunikation Vertrauen und Glaubwürdigkeit erlangt oder nicht. Ein guter Indikator dafür, wie sensibel die Wissenschaft in ihren internen Kommunikationen mit Interesse umgeht, sind ihre Befangenheitsregeln: Interesse konstituiert Befangenheit und stellt eine unmittelbare Bedrohung von Objektivität dar.14 4. Interessen und Wissenschaftskommunikation Eine tiefgreifende Veränderung des Arrangements zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die Einfluss auf die Darstellung der Wissenschaft gegenüber der Öffentlichkeit hat, ist mit dem Engagement der Politik eingeleitet. In den 1950er Jahren beginnen amerikanische Bundesbehörden, sich mit der populären Vermittlung von Wissenschaft zu befassen.15 Dabei ging es ihnen um die allgemeine Zustimmung der Bevölkerung zum Raumfahrtprogramm und darum, unter Jugendlichen das Interesse an Wissenschaft zu wecken, um Nachwuchswissenschaftler zu werben. Inzwischen ist das Instrument der Wissenschaftskommunikation in seiner modernen Form, das zunächst vor allem in England entwickelt, bevor es in Deutschland eingeführt wurde, in Europa und darüber hinaus etabliert. Das Interesse der Politik richtet sich auf Legitimation in doppelter Hinsicht. Sie muss öffentliche Zustimmung für wissenschaftspolitische Entscheidungen, für umstrittene Programme ebenso wie für Ressourcenzuwendungen in einem Politikbereich gewinnen, der dem Großteil der Öffentlichkeit unbekannt und in der Sache fremd ist. Zumindest für das erste Motiv lassen sich direkte Belege finden. So sagte die ehemalige Bundesministerin Annette Schavan in einem Interview: »Es ist außerordentlich wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger verstehen, welche Bedeutung Wissenschaft und Forschung für ihren Alltag haben, für die Fortentwicklung und damit nicht zuletzt auch für den Wohlstand unserer Gesellschaften. Um dies zu erreichen, ist es wichtig, dass technologische Entwicklungen, neue technische Verfahren und Forschungsergebnisse erklärt werden und gleichzeitig im Dialog zwischen der Wissenschaft und den Bürgerinnen und Bürgern die Chancen und auch die Risiken neuer Entwicklungen diskutiert werden«.16 Diese Standardargumenta- 14 Vgl. dazu die Befangenheitsregeln von Forschungsförderorganisationen: http://www.nsf.gov/pubs/gpg/nsf04_23/appb.jsp ; http://www.dfg.de/formulare/10_201/10_201_en.pdf . 15 »At government agencies such as the Atomic Energy Commission, the National Science Foundation, and the National Aeronautics and Space Administration, ›public education‹ proved an effective institutional rationale for public information activities«. (Lewenstein 1987, abstract) 16 »Wissenschaft ist so populär wie nie zuvor. Interview mit A. Schavan«, in: BMBF (2009, 3). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 43 tion macht deutlich, dass das ursprüngliche Ziel der Popularisierung, die Öffentlichkeit aufzuklären und über Fortschritte des Wissens zu informieren, von dem legitimatorischen Interesse des Ministeriums mit vereinnahmt wird beziehungsweise sich gar nicht davon trennen lässt. Allerdings geschieht dies mit einer bestimmten Verschiebung. Wie der Name der European Science Events Association (EUSEA) offenherzig signalisiert: Die von der Politik inszenierte Wissenschaftskommunikation ist ›eventisiert‹, sie orientiert sich an massenmedialen Formaten und Zielsetzungen.17 Es gilt, die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen zu erreichen. Dies entspricht der Logik sowohl der Werbung als auch der Medien und der Politik. Das heißt, in dem Augenblick, in dem die Politik begonnen hat, sich in der Wissenschaftskommunikation zu engagieren und sie für ihre Ziele zu nutzen, hat sie – über die Wahl der ihr effektiv erscheinenden Instrumente – einen weiteren Akteur mit ins Boot geholt: die Werbewirtschaft. Die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation lässt sich als die Abfolge von Paradigmen verstehen, die alle über die Annahme darüber definiert sind, wie Zustimmung und Vertrauen der Öffentlichkeit am besten einzuholen seien. Während dieses Motiv nach wie vor besteht, fokussiert die Aufmerksamkeit sowohl der Politik als auch der Wissenschaftsorganisationen immer stärker auf die Akzeptanz und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft. Zu Beginn war die Annahme hinsichtlich der Öffentlichkeit die, dass diese mehr über Wissenschaft wissen müsse (das Paradigma der ›scientific literacy‹), ihr Wissen defizitär sei und mehr Wissen die Zustimmung erhöhen würde.18 Seither ist an die Stelle des patriarchal hierarchischen Konzepts des ›Scientific Literacy‹-Defizits über Zwischenstufen (Public Understanding of Science and Humanities – PUSH und Public Engagement with Science and Technology – PEST) schließlich das Konzept des ›Dialogs‹ gesetzt worden. Die Selbstverpflichtung der regierungsamtlichen Wissenschaftskommunikation, mit der Öffentlichkeit in Form des Dialogs zu kommunizieren, 17 Siehe die Website EUSEA: http://www.eusea.info/about/. In einer Pressemitteilung der Universität Heidelberg vom 4. Mai 2007 zum Berliner Symposium »Wissenschaftskommunikation im öffentlichen Raum« hieß es u. a.: »Die Teilnehmer der Berliner Tagung sahen aber auch eine ›Eventisierung‹, die den Dialog zwischen Gesellschaft und Wissenschaft überschatte. Prof. Gerold Wefer von ›Wissenschaft im Dialog‹ forderte eine ›Profilbestimmung und zielgruppenorientierte Formate‹. Wie diese Formate aussehen könnten, blieb auf der Tagung unklar«. http://www.uni-heidelberg.de/presse/news07/ 2705tagu.html (besucht am 4.1.2017). Siehe auch den Überblicksartikel zu Wissenschaftsevents von Fähnrich 2016. Auf die Problematik der durch die Eventisierung naheliegenden Vereinfachung vgl. Scharrer et al. (2016). 18 Zur Kritik am sogenannten ›deficit model‹ siehe Wynne (1991) und Hilgartner (1990). PETER WEINGART 44 markiert das bislang letzte und besonders anspruchsvolle Paradigma, zumindest rhetorisch. Der Darstellung von Borchelt, Friedmann und Holland zufolge geht dieser Wechsel der Kommunikationsstrategie auf die Einsicht der Public Relations Experten zurück. Wissenschaft und Politik hatten als Reaktion auf einen wahrgenommenen Vertrauensverlust gegenüber der Wissenschaft zunächst einen allzu simplen »Madison Avenue approach« der Aufmerksamkeitsbeschaffung verfolgt, der auf der Annahme beruhte, dass »to know us is to love us« (Borchelt/Friedmann/Holland 2010, 65).19 Die Orientierung auf die Formate des Marketing und der Public Relations hat weitreichende Folgen gehabt. Nachdem die Universitäten fast überall neo-liberalen Konkurrenzregimen und den damit verbundenen Anreizsystemen unterworfen worden sind, haben sie den Kampf um allgemeine öffentliche Aufmerksamkeit angetreten. Selbst die Wissenschaftler werden zur Eigenwerbung angehalten. Beides, die institutionelle Aufmerksamkeitswerbung der Universitäten und die Eigenwerbung der Wissenschaftler, erfolgen unter dem Etikett der Wissenschaftskommunikation aber in den Formaten der PR, des Marketing und des Branding. Alternative Formate haben kaum noch eine Chance, in Erwägung gezogen zu werden.20 Seither nimmt – zumindest für die von der Politik und den großen Wissenschaftsorganisationen veranstaltete Wissenschaftskommunikation – die professionelle PR-Community die Aufgaben der Vermittlung der Wissenschaft an die Öffentlichkeit wahr. Sie hat sich in der Wissenschaftskommunikation erfolgreich als eine Berufsgruppe mit eigenen Interessen und eigenen Methoden etabliert.21 Dabei geht es jedoch 19 Dass die Wissenschaftsorganisationen selbst sich blauäugig der PR bedient haben, ohne die Konsequenzen zu bedenken, hat schon 2012 der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbands, Volker Meyer-Guckel, diagnostiziert: »Was in Deutschland unter Wissenschaftskommunikation diskutiert wird, ist in Wirklichkeit Wissenschaftsmarketing. Ein solches Missverständnis, dem viele Wissenschaftler und Institutionen unterliegen, wird langfristig zum Problem für die Wissenschaft«. (Meyer-Guckel 2012). Borchelt, Friedmann und Holland (2010) übersehen wohl, dass es von Seiten der STS-Community schon lange Kritik an der ›paternalistischen‹ Wissenschaftskommunikation gab (vgl. auch Bauer 2009). 20 Zum Einfluss des Branding auf das Selbstverständnis von Universitäten im internationalen Vergleich siehe Delmestri et al. (2015). 21 Das wird durch die Definition von Wissenschaftskommunikation auf der deutschen Wikipedia-Seite dokumentiert: »Wissenschaftskommunikation (synonym Wissenschafts-PR) ist ein neues Feld der Public Relations und beschreibt das Management der öffentlichen Kommunikation in der Wissenschaft«. (https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftskommunikation, besucht am 9.10.2016). Diese Definition unterscheidet sich nicht nur WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 45 nach wie vor letztlich um die (Wieder-)Herstellung von Vertrauen, selbst wenn der ›Dialog‹ mit der Öffentlichkeit ›auf gleicher Augenhöhe‹ und im Ernstfall sogar mit ›offenem Ausgang‹ erfolgen soll.22 Bezeichnenderweise ist die PR bemüht, über die Formulierung von ›Leitlinien guter Praxis‹ (codes of conduct) Vertrauen für sich selbst herzustellen. So reklamieren die Siggener Leitlinien für gute Wissenschafts-PR ›Unabhängigkeit‹ als einen ihrer Wertbezüge.23 In einer Anmerkung wird erläutert, dass PR sowohl für die Wissenschaft als auch für die sie beauftragenden Institutionen spricht. Die Leitlinien selbst sind den Regeln wahrheitsgetreuer Darstellung verpflichtet. Nicht zuletzt deshalb sind sie von den Akademien übernommen worden. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Wissenschafts-PR von Wissenschaftskommunikation im eigentlichen Sinn durch ihre Zielsetzung, ihre Operationslogik und vor allem durch die jeweils hinter ihnen stehenden Interessen unterscheidet, auch wenn es üblich geworden ist, aufklärende und werbende Wissenschaftskommunikation unter demselben Begriff zu subsumieren. Das Vertrauen, um das die Wissenschafts-PR wirbt, wird konstitutiv durch den Umstand bedroht, dass ihre Kommunikationsstrategien im Dienste eines Auftraggebers eingesetzt werden. So ist institutionelle Wissenschaftskommunikation also letztlich immer interessengebundenen markant von der englischen Wikipedia-Definition, sondern auch von einer früheren deutschen Version. Siehe auch die Markierung des Territoriums der PR z.B. gegenüber dem Wissenschaftsjournalismus durch Lars Rademacher (2014). 22 In diesem Zusammenhang sind die bei Borchelt et al. (2010) und anderswo zu findenden Hinweise darauf interessant, dass der angestrebte ›Dialog‹ mit der Öffentlichkeit fast nirgendwo wirklich umgesetzt wird. Eine 2008 für das BMBF durchgeführte Studie zur Situation der Wissenschaftskommunikation kam zu dem Schluss: »Obwohl es mit den Wissenschaftsjahren gelungen ist, eine große Reichweite zu erzielen und eine Vielzahl von Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation zu bündeln, ist das Ziel eines gesellschaftlichen (Meinungs-)Dialogs mit der Öffentlichkeit bisher nicht erreicht worden. Zudem werden mit den verschiedenen Projekten der Wissenschaftsjahre vor allem bereits Interessierte angesprochen, d.h. große Bevölkerungsteile werden nicht erreicht. Dies ist […] für die Situation der Wissenschaftskommunikation in Deutschland allgemein charakteristisch«. (https://www.academia.edu/7062351/Bericht_zum_Projekt_Vergleichende_Analyse_Wissenschaftskommunikation). 23 Vgl. http://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/user_ upload/LEITLINIEN_WISSPR_17_11_Druck_komprimiert.pdf. Reiner Korbmann hat in seinem Blog sehr pointiert auf die Widersprüche und unbeabsichtigten Grenzüberschreitungen der Wissenschafts-PR am Beispiel der Leitlinien des Siggener Kreises verwiesen. Siehe https://wissenschaftkommuniziert.wordpress.com/2015/11/04/leitlinien-zur-sackgasse-fuenfeinwuerfe-zu-den-leitlinien-guter-wissenschafts-pr/ (besucht 31.12.2016). PETER WEINGART 46 Überzeugungsstrategien verpflichtet. Der vermeintliche Rückzug auf die Funktion des Managements des ›trust portfolios‹ der beauftragenden (Wissenschafts-)Organisationen, die Betonung von Unabhängigkeit und Transparenz unterstreichen diesen Sachverhalt nur und offenbaren das Dilemma jeder PR und jeder Werbung, trotz des verfolgten Interesses Vertrauen erwecken zu müssen.24 Mit der Fokussierung der Interessenbindung der politischen und der institutionellen Wissenschaftskommunikation, die inzwischen den größten Teil der Kommunikation darstellen, soll nicht deren Legitimität bestritten werden. Es geht vielmehr darum, die, bei aller Überschneidung der Formen, unterschiedliche Zielsetzung gegenüber der aufklärenden Kommunikation klar zu markieren. Es wäre Teil der behaupteten Transparenz und Dialogbereitschaft gegenüber der Öffentlichkeit und überdies vertrauensbildend, wenn die Urheber beziehungsweise Auftraggeber der Kommunikationen offengelegt werden würden, damit die Rezipienten selbst die Schlussfolgerungen ziehen können, die sich für sie aus dieser Information ergeben. Wenn zum Beispiel in Medienkooperationen der Auftraggeber der entsprechenden Zeitungsbeilagen oft nur schwer zu identifizieren ist, muss die Frage gestellt werden, warum die Identität des Auftraggebers wie überhaupt der Umstand interessierter Kommunikation in diesen Formaten kaschiert werden. Die Widersprüchlichkeit ist offenkundig: Der politischen und mehr noch der institutionellen Wissenschaftskommunikation geht es zwar um die Gewinnung von Vertrauen für die Wissenschaft, aber weil es ihr auch um die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft geht, muss sie ihr institutionelles Interesse soweit möglich verbergen, um die Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden. Ist es ein Zufall, dass die Evaluationen der inzwischen von der gemeinnützigen GmbH ›Wissenschaft im Dialog‹ (WiD) veranstalteten Wissenschaftskommunikationskampagnen zwar Fragen nach der Erreichung der Ziele hinsichtlich der interessierten Besucher und der bei ihnen erzielten Lernerfolge stellen, aber nicht zu dem Vertrauen der Besucher in die ihnen dargebotenen Informationen?25 5. Die Krise der Intermediäre und die fehlende Medienbewertungskompetenz Das Problem des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit des Wissenschaftskommunikators verschärft sich vor dem Hintergrund der Krise 24 Siehe Borchelt et al. (2010, 68). 25 In der Evaluation des vom BMBF initiierten und finanzierten ›Nanotrucks‹ kommen die Begriffe ›Vertrauen‹ und ›Glaubwürdigkeit‹ kein einziges Mal vor (vgl. com.X 2014). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 47 des Wissenschaftsjournalismus und des Siegeszugs der Social Media. Der in den Qualitätsmedien beheimatete Wissenschaftsjournalismus ist ›fremdvermittelte‹ Wissenschaftskommunikation ohne spezifisches institutionelles Interesse. Er verspricht insofern den ›reinsten‹ Typ informierender und aufklärender Wissenschaftskommunikation, als er ›Beobachtung zweiter Ordnung‹ der Wissenschaft ist. Zur Zeit seiner Entstehung Mitte der 1930er Jahre hat sich der Wissenschaftsjournalismus noch in einer Popularisierungsfunktion gesehen, der Vermittlung der Wissenschaft als erstaunenswert. Im Verlauf der Zeit hat sich dieses Selbstverständnis dahingehend gewandelt, dass er sich als kritischer Beobachter mit ›Gatekeeper-Funktion‹ versteht (Nelkin 1987; Blöbaum 2017; Schäfer 2007, 207). Vor allem seitdem der Begriff der ›Lügenpresse‹ im öffentlichen Diskurs (wieder) aufgetaucht ist, wird das Vertrauen in die Medien diskutiert. Die dazu durchgeführten Untersuchungen ergeben kein eindeutiges Bild.26 Dennoch bleiben die Qualitätsmedien sowie öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk nicht zuletzt wegen ihrer wahrgenommenen Unabhängigkeit für die Hälfte bis zwei Drittel der Bevölkerung vertrauenswürdig. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass diese ›Vertrauensquote‹ von Land zu Land unterschiedlich ausfällt: Während sie in Finnland mit zwei Drittel am höchsten ist, liegt sie zum Beispiel in den USA mit einem Drittel fast am Ende der Skala der untersuchten Länder.27 26 Vgl. dazu Reinemann/Fawzi (2016); Carsten Reinemann, »Die ›Vertrauenskrise‹ der deutschen Medien – Fakt oder Fiktion?« Vortrag auf der 11. dbb Medienkonferenz »Reformdruck, Sparzwang, Glaubwürdigkeitsproblem – öffentlich-rechtlicher Rundfunk bleibt unverzichtbar« Berlin am 19.09.2016 (http://www.dbb.de/teaserdetail/artikel/oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-bleibt-unverzichtbar-1/archivliste/2016/September.html). Während eine vom Bayrischen Rundfunk in Auftrag gegebene Untersuchung zwar ein relativ hohes Vertrauen in öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk gefunden haben will, steht dem der von etwa einem Drittel der Befragten geäußerte Verdacht der Abhängigkeit dieser Medien von Politik und Wirtschaft gegenüber. Vgl. http://www.dbb.de/teaserdetail/artikel/ oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-bleibt-unverzichtbar-1/archivliste/2016/ September.html (zuletzt besucht 9.1.2017). Ein ähnlich gemischtes Bild hat auch Infratest gefunden. Siehe www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/glaubwuerdigkeit-der-medien/ (zuletzt besucht 9.1.2017). Ein differenziertes Bild aufgrund neuerer Ergebnisse geben Jackob et al. 2017. Zum Vertrauen in Institutionen generell siehe http:// www.edelman.com/insights/intellectual-property/2016-edelman-trust-barometer/executive-summary/ (besucht: 8.10.2016). 27 Siehe Reuters Digital News Report (Newman/Fletcher/Levy/Nielsen 2016, 93). Zur Methodenkritik siehe Reimann/Fawzi (2016). PETER WEINGART 48 Zeitungen und TV-Sender unterliegen ebenfalls Interessen, insofern als sie abhängig von Werbung sind. Die Zeitungen ebenso wie die privaten TV-Sender sind Wirtschaftsunternehmen, die renditeorientiert operieren müssen. Allerdings können sich die werbungsabhängigen Medien dadurch ihre Unabhängigkeit erhalten, dass beziehungsweise wenn sie ihre Inserenten streuen und keinem erlauben, eine monopolähnliche Stellung zu erringen.28 Geschieht dies dennoch, verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Ein weiteres Risiko für das Vertrauen in die Medien besteht in der Wirkungsweise einiger der sogenannten Nachrichtenwerte, die die Operationslogik der Massenmedien darstellen (Ruhrmann/Göbbel 2007). Die Boulevardpresse, die stärker auf Sensationalisierung, Emotion und Identifikation setzt als die Qualitätszeitungen, hat eine geringere Glaubwürdigkeit. Das wiederum hängt von der jeweiligen Leserschaft, ihren sozialstrukturellen und demographischen Eigenschaften ab. Je höher der Bildungsgrad und der Informationsgrad betreffend Wissenschaft, desto stärker das Misstrauen gegenüber der Sensationalisierung von Wissenschaft durch die Medien, wenngleich allgemein die Wahrnehmung von Sensationalisierung durch die Medien nur einen geringen Einfluss darauf hat, was die Menschen glauben und was nicht (Ipsos Mori 2014, 83). Die von Ruhrmann und Göbbel beobachtete Entwicklung der Nachrichtenwerte unter dem Einfluss von Ökonomisierung und Aktualitätszwang, zum Beispiel die Entpolitisierung der Nachrichten und der Trend zu Amüsement, haben keinen systematischen Einfluss auf die Berichterstattung über Wissenschaft (Ruhrmann/Göbbel 2007, 67–68). Bauers Langzeituntersuchung der Presseberichterstattung über Wissenschaft zeigt, dass die Aufmerksamkeitszyklen und die Gegenstände weitgehend die Sensibilität der Medien gegenüber ihrer Umwelt widerspiegeln (Bauer et al. 2006, 121f). Das wird man auch für die disziplinären beziehungsweise thematischen Schwerpunkte sagen können. Traditionellerweise erhalten medizinische und biologische, aber auch technische und astronomische sowie umweltwissenschaftliche Themen die größte Aufmerksamkeit in den Medien, wobei die Werte zeitbedingt 28 Zum Zusammenhang von Werbung und traditionellem Journalismus siehe McChesney: »Advertisers supported the news because they had no other choice if they wished to achieve their commercial goals; they had no intrinsic attachment to the idea of a free press. The rise of advertising as the primary basis of support prompted the development of professional journalism, in part to protect the content of the news from direct commercial influence; advertising generally was regarded as a necessary evil for the subsidization of journalism« (2014, 7). Dort auch zum wirtschaftlichen Niedergang der Presse in den USA und zum Aufstieg der Internetkonzerne. Siehe ebenfalls Pickard (2015). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 49 schwanken und neue Themen alte ablösen.29 Die einen bedienen das verbreitete Interesse des Publikums an der eigenen Gesundheit, die anderen die Faszination, von Tieren bis zum Weltall. Der Qualitätsjournalismus kann aufgrund all dessen als der wichtigste Gatekeeper und Intermediär in der Wissenschaftskommunikation gelten, weil er mehrere Kriterien erfüllt: Unabhängigkeit von partikularen Interessen, weites Mandat der Berichterstattung, große Reichweite und Meinungsvielfalt der Gatekeeper. Dies sind die Eigenschaften, die einen guten Journalismus zur ›vierten Gewalt‹ in demokratisch verfassten politischen Systemen machen – als kritische Beobachtungsinstanz, die von Regierungen Rechenschaft ihres Handelns einfordert und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Für diese Funktion des Journalismus in demokratischen Gesellschaften gibt es keine Alternative. Aber eben diese Eigenschaften sind derzeit bedroht, und insbesondere der Wissenschaftsjournalismus ist gefährdet. Die Digitalisierung der Medienlandschaft bedroht das bisherige Geschäftsmodell der Qualitätsprintmedien insgesamt, damit auch ihre Rolle als Gatekeeper und als vertrauenswürdige Quelle im Bereich der Wissenschaftskommunikation. Darüber hinaus bedroht sie das Vertrauen in jegliche Kommunikation, so dass auch vermeintlich alternative Kommunikationswege dem Misstrauen gegenüber den Quellen unterliegen. Die ökonomische Krise der Qualitätsprintmedien hat im Wesentlichen zwei zum Teil zusammenhängende Ursachen: die Hinwendung der jüngeren Medienkonsumenten zu den digitalen Medien und die Werbung, die ihnen dorthin folgt und als wesentliche finanzielle Basis weitgehend entfällt.30 Der CEO der New York Times, Mark Thomson, erklärt: »The plain truth is that advertising alone will not support quality journalism« (Thomson 2016, 108). Die New York Times hat inzwischen eine Vorreiterrolle in der Entwicklung eines digitalen Subskriptionsmodells eingenommen und damit ihren wirtschaftlichen Niedergang erfolgreich gestoppt, aber eine erhebliche Zahl US-amerikanischer Zeitungen ist vom Markt verschwunden oder nur noch im Internet verfügbar.31 Die 29 »Wissenschaftsjournalismus und die digitale Revolution. Ein Ausblick auf die nächsten 20 Jahre. Präsentation auf dem Holtzbrinck Verlegergespräch. 29. September 2015 in Berlin«. Bauer spekuliert über die Gründe für die Abfolge von Schwerpunkten in der Berichterstattung über medizinische und biomedizinische Themen sowie die Dominanz der Physik zwischen den 1930er und 1980er Jahren und sieht sie in gesellschaftlichen Trends (Bauer 1998). Siehe auch Elmer/Badenschier/Wormer (2008) sowie Volpers/Summ (2015). 30 Zahlen zur finanziellen Entwicklung finden sich bei Lobigs (2014, 171f). 31 Siehe http://newspaperdeathwatch.com/ sowie die ausführlichere Liste bei Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_defunct_newspapers_of_ the_United_States, (beide besucht 10.1.2017). PETER WEINGART 50 Folgen dieser Entwicklung beschränken sich nicht auf den ökonomischen Aspekt, sondern sie reichen von der Verschiebung der vorrangigen Informationsquellen von den Print- zu den digitalen Medien über die Auflösung der Grenzen zwischen genuinen und persuasiven Inhalten bis zur Unfähigkeit der Rezipienten, Informationsquellen kritisch einschätzen und zwischen Fakten und ›fake‹ unterscheiden zu können. In den USA erhalten 2001 52,6 Prozent der Rezipienten ihre Informationen zu aktuellen Nachrichten (»current news«) aus dem Fernsehen, 7,2 Prozent aus dem Internet und 28,8 Prozent aus Zeitungen. 2014 waren die entsprechenden Zahlen 42,5 Prozent, 37,4 Prozent und 10,6 Prozent. 2014 erhielten 67 Prozent der Erwachsenen (80 Prozent der 18–34 Jährigen) ihre Informationen zu bestimmten wissenschaftlichen Problemen (»specific scientific issues«) aus dem Internet, nur 3 Prozent aus Zeitungen (National Science Board 2016, Figure 7.7, Table 7.4). Für Deutschland sind die Zahlen (noch) nicht ganz so dramatisch, aber der Trend geht in dieselbe Richtung: Die Bedeutung der Tageszeitungen nimmt ab, die des Internet nimmt zu, und vor allem unter den Jugendlichen dominiert Informationsbeschaffung über dieses Medium.32 Hinsichtlich der verschwimmenden Grenzen zwischen journalistischen und persuasiven Inhalten weist Lobigs auf den hier wirksamen Mechanismus hin: »Content Marketing bzw. Native Advertising schlägt Journalismus. Doch auch hierhinter steht eine unerbittliche Marktmechanik. Echter Journalismus ist im neuen Paradigma nicht mehr refinanzierbar und wird durch Content Marketing ersetzt. Da erstens das alte Paid-Media-Werbemodell kaputt ist, setzen zweitens die Werber auf Content Marketing und Owned Media, um mit Premium-Inhalten zahlungskräftige Zielgruppen überhaupt noch zu erreichen, womit sie aber drittens auch noch das Paid-Content-Modell für den Journalismus kaputt machen – weil sie kostenlos genau das pushen, was der Journalismus eigentlich verkaufen will« (Lobigs 2016). Die (bittere) Ironie dieser Entwicklung ist, dass das Vertrauen, das den journalistischen Medien, bei aller möglichen und berechtigten Kritik an Fehlentwicklungen, vorenthalten wird, ausgerechnet den Medien entgegengebracht wird, die es am wenigsten verdienen. Allerdings ist dies nicht mehr ein auf informierter Skepsis und Reflexion sich gründendes, sondern nur noch ›blindes‹ Vertrauen. Eine Untersuchung der Medienbewertungskompetenz von Schülern und Studenten amerikani- 32 Siehe https://de.statista.com/themen/101/medien/ (besucht 10.1.2017). Speziell zur Mediennutzung durch Jugendliche siehe den Bericht des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen Grunddaten Jugend und Medien 2016, http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/ Grundddaten_Jugend_Medien.pdf (besucht 10.1.2017). Siehe auch acatech et al. (2017, S. 32f). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 51 scher High Schools und Universitäten hat verschiedene Kompetenzen im Umgang mit dem Internet getestet, so die Fähigkeit, auf Webseiten bezahlte Werbung von journalistischen Nachrichten zu unterscheiden. Angesichts des vermehrten native advertising ist das eine wichtige Medienkompetenz. Mehr als 80 Prozent der Schüler haben trotz des Hinweises auf sponsored contents diese Werbung für echte Nachrichten gehalten. Nur 20 Prozent konnten bei der Betrachtung eines Fotos auf einer Webseite erkennen, ob das Bild die dazugehörige Meldung überzeugend als Evidenz belegte und fragten nach seiner Quelle. Weniger als ein Drittel der befragten College Studenten konnte von den Autoren eines Tweets auf die Qualität des gesendeten Inhalts rückschließen. Das Résumé der Autoren: »At present, we worry that democracy is threatened by the ease at which disinformation about civic issues is allowed to spread and flourish« (Stanford History Education Group 2016, 7). Ähnlich äußert sich der Philosoph Michael P. Lynch in der New York Times: »…there are reasons to think we are no closer to an informed citizenry understood in that way than we ever have been. Indeed, we might be further away« (Lynch 2016). 6. Schlussbemerkungen: Social Media, Wissenschaftskommunikation, Vertrauen Seitdem vermutet wird, dass die Wahl des amerikanischen Präsidenten ebenso wie die Entscheidung für den Brexit durch die Manipulation der Wähler mittels Fake News in den Social Media zumindest beeinflusst wurde, ist das naive Vertrauen in deren Funktion zugunsten von Transparenz, Partizipation und Demokratie nachhaltig zerstört.33 Inzwischen müsste jedem Nutzer von Facebook, Twitter und anderen Plattformen bekannt sein, dass er/sie Abhängige/r einer Kommunikationstechnologie ist, deren Operationslogik der der Werbeindustrie folgt. Deren Algorithmen dienen nicht der freien und umfassenden Kommunikation, sondern der gezielten, individuell zugeschnittenen und immer erfolgreicher manipulierenden kommerziellen Werbung mit dem Ziel der Überzeugung zugunsten des Verkaufs.34 In einer Hinsicht ähneln sie damit strukturell den herkömmlichen Massenmedien: Sie dienen der Verbreitung für beliebig viele Werber. In einer anderen 33 Zur Einschätzung des Einfluss von Fake News auf die Wahl siehe Allcott/ Gentzkow (2017). 34 Die Einschätzungen der Erfolge solcher Manipulationsversuche gehen auseinander. Kritisch: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/donald-trumpund-die-daten-ingenieure-endlich-eine-erklaerung-mit-der-alles-sinn-ergibt-a-1124439.html PETER WEINGART 52 Hinsicht unterscheiden sie sich von diesen: sie werden als Kommunikationsplattformen sowohl für private Trivialmitteilungen als auch für die Kommunikation wichtiger Informationen genutzt. Der Versuch einer Trennung von redaktionellen Inhalten und Anzeigen/Werbung, wie er die klassischen Medien noch kennzeichnet, entfällt weitgehend. Durch ihre umfassende Funktionalität haben sie eine enorme Suggestivität, ermöglichen technisch eine ungeahnte Reichweite und generieren sekundär Nutzerdaten, die das Geschäftsmodell der Plattformbetreiber allererst lukrativ machen. Bei Facebook, Twitter und ähnlichen Social Media handelt sich um eine vorrangig soziale Technologie, deren Folgen, im Unterschied zu denen anderer Technologien, nicht primär physisch, sondern sozialer Art, somit oft indirekt und längerfristig und deshalb schwerer zu diagnostizieren sind. Die politischen Implikationen dieser Technologie zeichnen sich erst allmählich ab, aber die Konfliktlinie wird zunehmend klarer erkennbar. Mark Zuckerberg, der Gründer und Besitzer von Facebook, ist 2016 angesichts der wachsenden Zahl von Fake News und Hatespeech über Facebook sowohl in den USA als auch in Europa unter Druck geraten. Die bezeichnende Verteidigung Zuckerbergs unter anderem gegen die Anschuldigungen der Beihilfe zur Volksverhetzung war die Behauptung, Facebook sei kein Medienunternehmen, sondern eine Werbeplattform, das Angebot einer Infrastruktur.35 Das heißt, die Betreiber hochgradig meinungswirksamer Kommunikationsplattformen lehnen journalistische Verantwortung mit dem Hinweis ab, keine eigenen Inhalte zu produzieren, greifen aber direkt (über Zensur) oder indirekt (über die Algorithmen) in die Gestaltung der Inhalte ein. Die Bund-Länder Kommission für Medienkonvergenz hat das Problem der unscharfen Grenze zwischen klassischen Medienunternehmen und den neuen Werbekonzernen inzwischen wenigstens in den Blick genommen.36 Wie lange sich die Unternehmen, die Social Media Plattformen anbieten, noch auf die Position der ohne journalistische Medienverantwortung operierenden Werbefirmen werden zurückziehen können, hängt vom politischen Mut der nationalen und europäischen Regierungen ab. Im Januar 2017 hat Facebook reagiert und angekündigt, Falschmeldungen identifizieren und durch den deutschen Recherchedienst Correctiv überprüfen 35 Siehe http://www.newsslash.com/n/8159-zuckerberg-facebook-soll-kein-medienkonzern-werden (besucht 11.1.2017); http://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-mark-zuckerberg-a-1119746.html (besucht 11.1.2017) sowie den Blog von Fabian Mirau: https://www.basicthinking.de/blog/2016/11/29/facebook-fakenews-verantwortung/ (besucht 11.1.2017). 36 Siehe Bericht Bund Länder Kommission Medienkonvergenz Juni 2016 https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BK- M/2016/2016-06-14-medienkonvergenz-bericht-blk.pdf (besucht 11.1.2017). WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 53 lassen zu wollen. Dies wäre ein erster, wenn auch nur punktuell wirksamer Schritt, die Meinungs- und Pressefreiheit gegen den Missbrauch der sozialen Netze zu schützen, ohne deren technische Möglichkeiten zu beschränken. Angesichts des Gesamtaufkommens an Kommunikationen sind die paar Leute, die die Prüfung übernehmen sollen, bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein und somit wahrscheinlich nur eine Zwischenlösung.37 Das gilt ebenso für das am 30. Juni 2017 vom Deutschen Bundestag verabschiedete Netzwerkdurchsetzungsgesetz, dessen Bezeichnung schon darauf hinweist, dass das Problem nicht in der mangelnden Strafbarkeit bestimmter Inhalte besteht, sondern in der strafrechtlichen Verfolgung beziehungsweise der Durchsetzung seitens der Betreiber von Facebook und Twitter.38 Die offenkundige Frage ist also, ob die Autorität des Kontrolleurs ausreicht, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu haben, von der Kapazität der Überprüfungen ganz abgesehen. Was, wie dargestellt, für die allgemeine Kommunikation gilt, hat besondere Bedeutung für die Wissenschaftskommunikation. Ihre zentrale Funktion im gesellschaftlichen Diskurs leitet sich vom Monopol der Wissenschaft für Wahrheitsbehauptungen, deren Überprüfung und Bestätigung oder Widerlegung ab. Letztlich rekurrieren auch der in- 37 Der Medienrechtler Rolf Schwartmann kommentierte u. a.: »Verbände von Presse und privatem Rundfunk könnten sich gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf ein Siegel einigen, mit dem jeder Inhalt dieser Herkunft im Netz gekennzeichnet würde. Herkunftsangabe sind ein bewährtes Mittel, um Transparenz und Vertrauen zu schaffen« (2017, 9). Zum Zweifel an dieser Lösung und dem Einwand, dass das Problem an den Fake News nicht ihre Produktion, sondern die Empfänglichkeit der Öffentlichkeit für sie ist (Kaube 2017). »Correctiv versteht sich als Antwort auf eine Medienkrise, in der Verlage und Zeitungen Etats kürzen müssen, um schwächelnde traditionelle Geschäftsmodelle aufzufangen, wodurch die Wächterfunktion der Medien gefährdet sei. Durch sein neues Modell will Correctiv investigativen, aufklärenden Journalismus für alle Verlage und Sender in Deutschland erschwinglich und zugänglich machen« https://de.wikipedia. org/wiki/Correctiv (besucht am 16.1.2017). Kritisch: https://www.heise.de/ tp/features/Facebook-Wahrheitspruefer-Correctiv-verstrickt-sich-in-Widersprueche-3605916.html 38 Deutscher Bundestag (18. Wahlperiode): Drucksache 18/13013. Das Gesetz ist, erwartbar, umstritten, weil es in den Augen seiner Kritiker die Meinungsfreiheit einschränkt. Die den Plattformbetreibern auferlegte Pflicht, bei Androhung hoher Strafen, strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen, schiebt diesen die Verantwortung der Entscheidung über die Strafbarkeit zu. Unabhängig von der letztlichen Lösung solcher Probleme ist die gute Nachricht, dass die medienrechtliche Relevanz der Social Media Plattformen Gegenstand politischer Diskussionen geworden ist. PETER WEINGART 54 vestigative Wissenschaftsjournalismus und eine innovative nach dessen Prinzipien arbeitende Plattform wie Correctiv auf wissenschaftlich begründete beziehungsweise begründbare Fakten. Indem Themen mit wissenschaftlichem Inhalt, zum Beispiel aus den Gesundheits- und Ernährungswissenschaften, über den Klimawandel und die Möglichkeiten seiner Vermeidung oder über die Risiken neuer Methoden der Bio- und der Nanotechnologie, eine immer größere Rolle im öffentlichen Diskurs spielen und damit gegebenenfalls auch Gegenstand politischer Entscheidungen werden, gewinnt die Wissenschaftskommunikation an Bedeutung für den demokratischen Willensbildungsprozess. Das gilt immer dann, wenn es um unsichere beziehungsweise umstrittene Forschungen mit weittragenden politischen Implikationen geht, wenn die darauf gründenden Entscheidungen einen hohen Politisierungsgrad erreichen und im Extremfall den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden können. Es ist deshalb nur konsequent, aber gleichwohl bemerkenswert, dass das World Economic Forum digitale Fehlinformation in den Social Media in ihre Liste der wichtigsten Bedrohungen der menschlichen Gesellschaft aufgenommen hat (World Economic Forum 2014; Del Vicario 2015). Damit wird die Dimension des Problems umrissen, das die neuen Kommunikationstechnologien heraufbeschworen haben, und gleichzeitig angedeutet, dass der sich vollziehende dramatische Wandel noch nicht abgeschlossen und die angemessenen regulatorischen Maßnahmen noch nicht definiert sind. In medienökonomischen und politikwissenschaftlichen Diskursen wird angemahnt, die von den Medien ausgehende Informierung der Öffentlichkeit als allgemeines Gut zu betrachten und damit der medienrechtlichen (statt der kartellrechtlichen) Regulierung zu unterwerfen (McChesney 2014; Pickard 2015). Die wahrheits- und faktenorientierte Kommunikation seitens der Medien und der Wissenschaft ist verfassungsrechtlich geschütztes Allgemeingut. Die Social Media daran zu prüfen, erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt die anstehende grundsätzliche politische Entscheidung, die auch der Bedeutung der Wissenschaftskommunikation entsprechen würde und Ausgangsbasis für alle weiteren erforderlichen Maßnahmen bilden könnte. Literatur acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.) (2017): Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie, München. WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION UNTER DIGITALEN BEDINGUNGEN 55 Allcott, Hunt/Gentzkow, Matthew (2017): »Social Media and Fake News in the 2016 Election«, https://web.stanford.edu/~gentzkow/ research/fakenews.pdf (besucht 30.1.2017). Bauer, Martin W. (1998): »The medicalization of science news – From the ›rocket scalpel‹ to the ›gene-meteorite‹ complex«, Social Science Information 37, 4, S. 731–751. 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Auch wenn es theoretisch möglich wäre, sich neben der Arbeit als Kommunikationsbeauftragte seriös und kontinuierlich wissenschaftlich zu betätigen, sieht die Rolle dies nicht vor. PR-Profis in Forschungseinrichtungen und Hochschulen werden nicht dafür bezahlt und sind nicht autorisiert, eigene wissenschaftliche Aussagen zu treffen. Öffentlichkeit und Medien nutzen sie nicht als primäre Auskunftgeber sondern als Vermittler von Informationen, Stellungnahmen und Kontakten. Diese Vorbemerkung führt zum ersten Grenzstein der Verortung. Kann sich die Wissenschafts-PR der Wissenschaft zurechnen? Sofern sie nicht von Wissenschaftlern, sondern von hauptberuflichen Kommunikationsprofis betrieben wird, kann sie dies eindeutig nicht. Gleichfalls sieht die Rolle nicht vor, dass Wissenschafts-PR journalistisch tätig ist. Auch dort, wo sie ähnlich wie Journalismus arbeitet und ihre Produkte journalistischen Qualitätsansprüchen nahe kommen, ist sie immer im Auftrag tätig. Ihr fehlt daher das Merkmal der Unabhängigkeit. Um die Frage nach der Eigendynamik von Public Relations insgesamt zu beantworten, hilft zunächst ein Blick auf die Definition. Grunig und Hunt beschreiben PR bereits 1984 wertneutral als die Gestaltung der Beziehungen von Institutionen und Unternehmen zur Öffentlichkeit beziehungsweise deren Teilgruppen.2 Sie wäre demnach Teil des Austauschs zwischen Systemen und nicht selbst ein System. 1 Leiterin Presse und Kommunikation der Technischen Universität Braunschweig 2 James E. Grunig/Todd Hunt (1984): Managing Public Relations. Fort Worth: Harcourt Brace Jovanovich College Publishers: »part of the management of communication between an organization and its publics«. Die Definition ist heute noch so aktuell wie damals. Sie wird jedoch selten genutzt, da es offensichtlich schwer fällt, den Begriff nicht pejorativ zu verwenden. So gut wie VERORTUNG DER WISSENSCHAFTS-PR 61 Wie verhält sich dies im Rahmen des Wissenschaftssystems? Das Begriffsfeld hat Mike S. Schäfer vor kurzem abgegrenzt.3 Wissenschafts-PR lässt sich als eine der Unterkategorien von Wissenschaftskommunikation einordnen: Sie gehört zur externen, selbst vermittelten Wissenschaftskommunikation. Auch auf dieser Stufe gibt es Unterkategorien, nämlich die nicht primär interessengeleitete und die primär (partikular) interessengeleitete Kommunikation. Wissenschafts-PR ist durch ihre Auftragsbindung immer geleitet von Partikularinteressen.4 Dies sagt allerdings noch nicht viel über ihre Ziele oder Inhalte aus. Auch die (Wissenschafts-)Kommunikation ganz allgemein wird und wurde immer von sehr unterschiedlichen Interessen geleitet, vom Informationsaustausch und der Aufklärung (etwa über Impfungen, Klimawandel, Fracking) über die Legitimierung von Steuergeldern bis hin zum Versuch, die Wettbewerbspositionierung der Institution zu verbessern. Das gilt unabhängig davon, ob die PR-Abteilung oder die Leitung spricht oder ob einzelne Wissenschaftler oder Laien kommunizieren. Auch in der institutionellen PR-Arbeit, beispielsweise einer Forschungseinrichtung oder Hochschule, kann das Spektrum der Botschaften von wettbewerbs- bis gemeinwohlorientiert, von sachlich-informativ bis persuasiv reichen.5 Sie teilt mit anderen Akteuren partiell immer wird die Tätigkeit im Kontext ihrer Ziele beschrieben. Öffentlichkeitsarbeit sei »eine Art Werbung, die ein Unternehmens [sic!] oder eine Organisation in der Öffentlichkeit betreibt, um das eigene Ansehen zu verbessern«, meint Google Definition (https://www.google.de/search?q=%C3%B6ffentlichkeitsarbeit&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b&gfe_rd=cr&dcr=0&ei=Ab-vWaHZHtD08Ae9i6LgDA, besucht 06.09.2017) zu wissen. 3 Mike S. Schäfer (2017): »Wissenschaftskommunikation ist Wissenschaftsjournalismus, Wissenschafts-PR … und mehr«, http://www.wissenschaftskommunikation.de/wissenschaftskommunikation-ist-wissenschaftsjournalismus-wissenschafts-pr-und-mehr-3337/ (besucht 06.09.2017). 4 Wissenschaft im Dialog gGmbH und Bundesverband Hochschulkommunikation (2016): »Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR«, https://www. wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/user_upload/LEITLINI- EN_WISSPR_17_11_Druck_komprimiert.pdf (besucht 06.09.2017). Im Leitlinienprozess haben wir sehr viel Wert darauf gelegt, zu verdeutlichen, dass Wissenschafts-PR, ganz gleich ob primär persuasiv oder informativ/ aufklärerisch, durch ihre Auftragsbindung schon per se immer interessengeleitet ist. Deshalb kann sie den Journalismus nicht ersetzen und soll nicht mit ihm verwechselt werden. Die Leitlinien selbst verstehen sich als Selbstverpflichtung im Sinne einer gemeinwohlorientierten, faktenbasierten und selbstreflexiven Wissenschafts-PR. 5 In der aktuellen Debatte um den Science March und dessen politische Motivierung finden sich etliche Botschaften und Slogans, die gleichzeitig gemeinwohlorientiert intendiert und ausgesprochen persuasiv sind, z.B. ELISABETH HOFFMANN 62 Ziele, Inhalte und Methoden. Was sie unterscheidet, ist die Bindung an (institutionelle beziehungsweise partikulare) Interessen. Damit rückt das institutionelle Umfeld für die Verortung in den Vordergrund.6 Auch Matthias Kohring und Frank Marcinkowski betrachten die Wissenschafts-PR nicht isoliert in Form der Arbeit von Kommunikationsabteilungen als eigendynamisches System. Sie nehmen die Medialisierung des Wissenschaftssystems insgesamt im institutionellen Kontext in den Blick. Ziele, Inhalte und Methoden basieren demnach auf gefühlten oder tatsächlichen Erwartungen von Politik, Mittelgebern und Gesellschaft im Wettbewerb der Institutionen beziehungsweise im Zuge des New Public Managements an Hochschulen.7 Dies könne dann soweit führen, dass die Themen aufgrund ihrer Medienwirksamkeit und nicht mehr allein aufgrund der wissenschaftlichen Relevanz gesetzt werden.8 Wenn Sichtbarkeit die Goldwährung für wissenschaftliche Reputation ist, so meint dies heute nicht nur die Sichtbarkeit innerhalb der Scientific Community, sondern auch die Aufmerksamkeit von potenziel- »Wissenschaft schafft eine bessere Demokratie«, »Wissenschaft ist keine Meinung«, »alle Kinder sind geborene Forscher«. 6 Es gibt bisher noch wenig Forschung über die genaue Einbindung einzelner Kommunikationsabteilungen an Hochschulen in das institutionelle Umfeld, über ihre zentrale und dezentrale Verortung, ihre Aufgaben und Ressourcen. Um diese zu quantifizieren hat der Bundesverband Hochschulkommunikation eine Studie (»Hochschulkommunikation heute: Berufsbilder, Akteursrollen, Spannungsfelder«) unter Leitung von Prof. Annette Leßmöllmann am Institut für Germanistik, Abteilung Wissenschaftskommunikation des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) initiiert. Ein Zwischenbericht zur ersten Welle ist online einsehbar: »Hochschulkommunikation erforschen. Hochschulkommunikatoren als Akteure: Ergebnisse einer Online-Befragung - 1. Welle«, https://www.geistsoz.kit.edu/germanistik/2489. php (besucht 06.09.2017). 7 Wie in Unternehmen soll sich die Wettbewerbsposition, flankiert durch professionelle Kommunikation, verbessern. Gleichwohl weiß jeder Manager, dass die beste Kommunikation auf Dauer nicht hilft, wenn das Produkt den Botschaften nicht gerecht wird. Es wäre sinnlos, von einem »eigendynamischen System« der Unternehmens-PR zu sprechen. Selbst dann, wenn einflussreiche PR auf die Produktentwicklung zurückwirkt und diese dahingehend berät, wie sie den Ansprüchen der Zielgruppen bzw. Kunden gerecht wird, bleibt sie Auftragnehmerin der Unternehmensleitung. Sie vermittelt nach wie vor als Teil des »Systems« Unternehmen zwischen beiden Systemen und ist nicht selbst System. 8 Frank Marcinkowski/Matthias Kohring/Andres Friedrichsmeier/Silke Fürst (2013): »Neue Governance und die Öffentlichkeit der Hochschulen«, in: Edgar Grande, Dorothea Jansen, Otfried Jarren, Arie Rip, Uwe Schimank und Peter Weingart (Hrsg.), Neue Governance der Wissenschaft. Reorganisation – externe Anforderungen – Medialisierung, Bielefeld: transcript. VERORTUNG DER WISSENSCHAFTS-PR 63 len Förderern, Kooperationspartnern und Drittmittelgebern. Es ist naheliegend, so die Kritik, dass versucht wird, diese über das innerwissenschaftliche Profil hinaus auf dem Wege der Medienarbeit, des Lobbying und des Marketing zu adressieren.9 Ganz gleich, ob sie aufklärerisch und faktengetreu oder persuasiv arbeitet – Wissenschafts-PR steht im Zentrum der Schnittstelle zwischen dem Wissenschaftssystem beziehungsweise dessen institutioneller Verkörperung und den Medien beziehungsweise der Öffentlichkeit. Ihr Ziel ist es, den Austausch zwischen diesen zu gestalten. Das macht sie zu einem Instrument, Mitspieler oder im weitesten Sinne auch Stellvertreter der Medialisierung. Sie befindet sich damit inmitten eines hoch dynamischen Spannungsfelds. Sie kann dementsprechend ebenso ein Werkzeug wie ein exzellenter Seismograph für die aus diesen Spannungen resultierenden Bewegungen und »tektonischen Verwerfungen« sein, aber kaum deren Verursacherin. Auch jenseits des institutionellen Wettbewerbs und der Marktorientierung des Wissenschaftssystems erfährt die Wissenschaftskommunikation eine Aufwertung. So machen die öffentliche Hand ebenso wie private Stiftungen das Bemühen um gesellschaftliche Akzeptanz in Form von Transparenzoffensiven, Bürgerbeteiligung und Wissenschaftskommunikation zunehmend zur Nebenbedingung der Förderwürdigkeit von Forschungsprojekten. Öffentliche und private Zuwendungsgeber fördern inzwischen in diversen Programmen die Wissenschaftskommunikation als erwünschte Zusatzleistung, immer mehr nicht allein im Sinne der eigenen institutionellen Sichtbarkeit, sondern auch unter dem Leitbild der Gemeinwohlorientierung.10 »Die Wissenschaft muss lernen zuzuhören, sprechen kann sie schon«, hat Johannes Vogel, Direktor des Berliner Naturkundemuseums in einem Interview mit Andreas Sentker und Manuel Hartung in der ZEIT 9 Matthias Kohring/Frank Marcinkowski/Christian Lindner/Sarah Karis (2013): »Media orientation of German university decision makers and the executive influence of public relations«, Public Relations Review 39, 3. S. 171–177. 10 »Wir wollen Bürgerinnen und Bürger und die Akteure der Zivilgesellschaft konsequent in die Diskussion um Zukunftsprojekte und die Ausgestaltung von Forschungsagenden einbinden. Wir wollen neue Formen der Bürgerbeteiligung und der Wissenschaftskommunikation entwickeln und in einem Gesamtkonzept zusammenführen.« (Deutschlands Zukunft gestalten – Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 18. Legislaturperiode, https:// www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2013/2013-12-17-koalitionsvertrag.pdf, S. 106, besucht 06.09.2017) Vgl. das Konzept der »Responsible Research and Innovation« als Querschnittsaufgabe im Europäischen Rahmenprogramm Horizon 2020 (https://ec.europa.eu/programmes/ horizon2020/en/h2020-section/responsible-research-innovation, besucht 06.09.2017). ELISABETH HOFFMANN 64 am 20. April 2017 erklärt. Wissenschafts-PR kommt damit immer mehr in die Rolle, nach der Sprecher- auch die Zuhörerfunktion stellvertretend wahrzunehmen, indem sie Botschaften auch von außen empfängt und nach innen weiterleitet und die Wissenschaft für die Fragen, Interessen und Sorgen aus der Gesellschaft sensibilisiert. Die aktuellen Eingriffe in die Freiheit von Forschung und Lehre, unter anderem in den USA, der Türkei, in Ungarn und Russland scheinen die Notwendigkeit, den Dialog über Wissenschaft zu fördern, zu bestätigen. Sie haben ebenfalls eine Aufwertung der Wissenschaftskommunikation im politischen Umfeld zur Folge. Angesichts wissenschaftsbeziehungsweise expertenfeindlicher Tendenzen, die sich selbst bei bestimmten bundestagsfähigen Parteien in Deutschland zu verfestigen scheinen, wird der Ruf nach Wissenschaftskommunikation als Mittel der gesellschaftlichen Verankerung der Wissenschaft als solcher lauter. Die Institutionen erfahren, dass sie sich nicht nur im Wettbewerb mit ihresgleichen befinden, sondern dass die Wissenschaft mit »alternativen Fakten«, Verschwörungstheorien und Esoterik um Deutungshoheit und Glaubwürdigkeit konkurriert. Dergestalt steht hinter den Debatten rund um die Rolle und den Einfluss der Wissenschafts-PR nicht allein die Frage, ob Wettbewerbsorientierung und New Public Management der Wissenschaft gut tun. Es darf auch diskutiert werden, welche Chancen (und Risiken) die (incentivierte) Nähe zur Gesellschaft birgt beziehungsweise wie sie die Wissenschaft verändern wird. Der Science March am 22. April 2017 hat die entsprechenden Fragen zumindest zaghaft neu aufgeworfen – prägnante Antworten stehen allerdings noch aus. Ob die PR von ihren Kompetenzen Gebrauch machen kann, zwischen den Belangen der gesellschaftlichen Dialoggruppen einerseits und den Werten, Methoden und Errungenschaften der Wissenschaft andererseits zu vermitteln, anstatt die Einrichtungen schwerpunktmäßig im Wettbewerb miteinander zu inszenieren, entscheidet sie jedenfalls nicht allein. Sie kann und sollte sich dazu positionieren und um Verständnis und Rückendeckung seitens der Leitungen und der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, für die sie spricht, werben. Die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen jenseits des Wettbewerbs bieten Chancen, sich im Sinne der »Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR«11 auf die gemeinsamen Kernbotschaften zu konzentrieren. Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Leitlinien gibt es dazu allerdings im Wissenschaftsbetrieb noch kein einheitliches Votum. 11 Siehe Anm. 3. 65 Christoph Neuberger und Otfried Jarren Thesen zum Wandel der Wissenschaftsöffentlichkeit und zur Wissenschaftsvermittlung im Internet These 1: Die Wissensordnung trennte bislang relativ strikt zwischen der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit und der wissenschaftsjournalistischen Publikumsöffentlichkeit. Auch zwischen der nichtöffentlichen Wissensproduktion und -prüfung sowie der öffentlichen Wissensverbreitung als Phasen des Wissensprozesses wurde in beiden Öffentlichkeiten deutlich unterschieden. Diese Grenzziehungen werden derzeit unscharf (Thesen 4 und 5). Daher ist es sinnvoll, sich die bisherige Architektur der Wissensordnung zunächst noch einmal zu vergegenwärtigen. Die Wissenschaftsöffentlichkeit ist zweigeteilt (Neuberger 2014, 335–337): Sie besteht aus einer Fachöffentlichkeit, in der die Leistungsträger des Teilsystems, das heißt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, unter sich bleiben (»Scientific Community«), sowie einer Publikumsöffentlichkeit, in welcher der Wissenschaftsjournalismus zwischen dem Wissenschaftssystem auf der einen Seite und der breiten Öffentlichkeit auf der anderen Seite vermittelt. Mit Vermittlung sind hier sämtliche journalistische Leistungen gemeint wie das Verbreiten von Nachrichten, die kommentierende Stellungnahme und das Moderieren öffentlicher Diskurse. In der Fachöffentlichkeit übernehmen die Wissenschaftler selbst fast alle Rollen: Als Forscher produzieren sie Wissen, als Kommunikatoren präsentieren sie es, als Reviewer prüfen sie die eingereichten Manuskripte ihrer Kolleginnen und Kollegen vor der Veröffentlichung, und sie sind es auch, die schließlich die publizierten Forschungsergebnisse rezipieren und im Diskurs kommentieren. Dagegen gibt es in der Publikumsöffentlichkeit eine klare Rollentrennung zwischen Sprechern verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme, die durch Public Relations und Werbung partikulare Interessen in der Öffentlichkeit verfolgen, dem (weitgehend nur rezipierenden) Massenpublikum sowie dem professionellen Journalismus, der als Gatekeeper zwischen Sprechern und Publikum steht. Wie die Wissenschaft, so ist auch der Journalismus am Leitwert »Wahrheit« orientiert (Neuberger 2017). Allerdings will er als Ergebnis nicht wie die Wissenschaft allgemeines Kausalwissen (»Gesetze«) gewinnen, sondern spezielles Faktenwissen über aktuelle Ereignisse. Das journalistische Streben nach Objektivität wird durch konkurrierende CHRISTOPH NEUBERGER / OTFRIED JARREN 66 Ziele (wie Geschwindigkeit und Unterhaltsamkeit) sowie den starken Einfluss partikularer Interessen (z. B. durch die Abhängigkeit von Anzeigenkunden und Quellen) beeinträchtigt. In der institutionellen Wissensordnung der Gesellschaft lassen sich die Alltagsrationalität der Laien und die professionellen Rationalitäten der Leistungserbringer in den verschiedenen Teilsystemen (wie Politik, Wirtschaft und Kunst) unterscheiden. Zu letzteren zählen auch die wissenschaftliche und die journalistische Rationalität. Diese Rationalitäten verfügen über jeweils eigene Verfahren der Genese, Prüfung und Verbreitung von Wissen (zum Begriff der »Wissensordnung« vgl. z. B. Spinner 1994; Weingart 2001). Im Journalismus kreuzen sich die vielfältigen Erwartungen an die Rechtfertigung von Wissen, da Akteure in allen Teilsystemen via Massenmedien ihre teilsysteminterne und -externe Umwelt beobachten und beeinflussen (Neuberger 2016). Speziell dem Wissenschaftsjournalismus ist es aufgetragen, zwischen der wissenschaftlichen Rationalität auf der einen Seite sowie der Laienrationalität des breiten Publikums und anderen professionellen Teilsystemrationalitäten auf der anderen Seite zu vermitteln und sie jeweils in beide Richtungen zu übersetzen. Im Folgenden werden thesenhaft die Veränderungen der hier beschriebenen Wissensordnung durch Medialisierung (Thesen 2 und 3) und Digitalisierung (Thesen 4 und 5) skizziert, bevor die Konsequenzen der erodierenden Wissensordnung diskutiert werden (These 6).1 These 2: Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Publikumsöffentlichkeit nimmt zwischen den wissenschaftlichen Organisationen und Communities aufgrund der Ausdifferenzierung im Wissenschaftssystem zu. Bislang waren die wissenschaftliche Fach- und die wissenschaftsjournalistische Publikumsöffentlichkeit relativ deutlich voneinander getrennt. Allerdings passte sich die Wissenschaft schon in der Vor-Internet-Ära zunehmend der Medienlogik an (z. B. Schäfer 2008; Peters 2012; Franzen 2014). Um die Medienresonanz wie die allgemeine öffentliche Sichtbarkeit zu erhöhen, wurde die Wissenschafts-PR ausgebaut, professionalisiert und intensiviert, was zur Verschiebung des Kräfteverhältnisses zu Gunsten der PR führte. Der professionelle Journalismus ist auch durch seine ökonomische Krise geschwächt (Lobigs 2016). Als negative Folgen der Medialisierung für die Wissenschaft gelten unter anderem die Auswahl von Themen und Fächern nach medialer Attraktivität und Sensationalismus (Marcinkowski/Kohring 2014). Was sind die Ursachen der Medialisierung? Die durch Differenzierungsprozesse im tertiären Sektor entstandene Institutionen- wie Or- 1 Als aktuelle Bestandsaufnahmen der Wissenschaftskommunikation vgl. Schäfer/Kristiansen/Bonfadelli (2015); Bonfadelli et al. (2017) THESEN ZUM WANDEL DER WISSENSCHAFTSÖFFENTLICHKEIT 67 ganisationsvielfalt und die durch Politik ausgelöste Konkurrenz im gesamten Wissenschaftssystem (New Public Management, Exzellenzinitiativen, Projektfinanzierung und anderes mehr) hat zu einer Intensivierung von Profilbildung mit entsprechenden Kommunikationsaktivitäten geführt. Unabhängig von den gestiegenen Umwelterwartungen an das Wissenschaftssystem mit seinen zahlreichen Teilsystemen, die über Massenmedien und Social-Media-Plattformen an das Wissenschaftssystem herangetragen werden, ergeben sich aus der funktionalen Differenzierung und dem Wachstum des Wissenschaftssystems steigende interne wie externe Kommunikationsanforderungen. Dieser Wettbewerb hat den Bedarf auch an institutioneller Kommunikation ansteigen lassen (Krücken/Hüther 2016). Die funktionale Differenzierung im Wissenschaftssystem hat in relativ kurzer Zeit zur Herausbildung unterschiedlicher Institutionen geführt (wie Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien). Das organisationale Feld von Wissenschaft und Hochschule war schon immer weit, aber durch die institutionelle Ausdifferenzierung und das Wachstum der letzten drei Jahrzehnte entstanden neue und komplexe Kooperations- und Konkurrenzbeziehungen, partiell sogar global (Konkurrenz der Weltregionen). Die institutionelle Ausdifferenzierung unter Wettbewerbsbedingungen führt zu Kooperationsstrategien, beispielsweise zwischen Universitäten auf nationaler (z. B. German U15) und europäischer Ebene (z. B. LERU: League of European Research Universities). Kooperationsstrategien erfordern eine spezifische Profilbildung, die zu entsprechenden kommunikativen Aktivitäten führt. Mit »Strategischen Partnerschaften« oder »Allianzen« werden bestimmte Ziele angestrebt und Leistungen versprochen. Kommunikative Effekte werden somit auch durch die sich verschärfende intra- und interinstitutionelle Konkurrenz ausgelöst. Institutionelle Konkurrenz wird, so im Fall der Universitäten, zudem durch politisch induzierte Wettbewerbe (bspw. Exzellenzinitiative, »Great Challenges« und HORIZON 2020) ausgelöst. Allein die institutionelle Differenzierung – betrieben von der Politik aufgrund unsicherer Erwartungen an Wissenschaft und Hochschulen bezüglich ihrer Beiträge für eine gute gesellschaftliche Zukunft generell – löst massive (nationale) Wettbewerbe aus, und dies mit den entsprechenden kommunikativen Folgen (Grande et al. 2013; Krücken 2014). Selbst dann, wenn durch politische Anreize kein Hochschul-, Forschungs- oder Bildungsmarkt angestrebt war, so ist nun einer entstanden – und dieser verlangt nach Wettbewerbshütern wie nach Agenturen, die diese Entwicklung beobachtend vergleichen. Diese haben sich beispielsweise in Form von Akkreditierungs- wie Rankingagenturen institutionalisiert und kommunizieren ihre Befunde. Auf diese kommunikativen Mitteilungen reagieren die Fach-Communities wie die CHRISTOPH NEUBERGER / OTFRIED JARREN 68 Wissenschaftsinstitutionen durch Profilbildung, das heißt auch mittels Marketing, PR und Wissenschaftskommunikation. Internationale Rankings, die Internationalisierung in der Lehre, die europäische Bologna-Reform, die Globalisierung der Publikationssysteme usw. zeitigen Folgen: Wettbewerbsfähigkeit, Exzellenz und vernetzte Forschung erfordern für Institutionen, Standorte oder Communities einen hohen Ressourceneinsatz, und dieser muss organisationsintern wie -extern kommunikativ vermittelt und begründet werden. Das traditionelle Politikfeld der Wissenschaftspolitik wird also mehr und mehr durch Innovations- und Wettbewerbsanforderungen überwölbt. Das führt zu neuen Akteuren (bspw. ERC), zu neuen Regimen (bspw. Akkreditierungen) und generell zu neuen Regeln und Normen für die Leistungserbringung und -messung (New Public Management, Governance). Der traditionelle wissenschaftliche Wettbewerb innerhalb von wie zwischen Disziplinen wird um den institutionellen Wettbewerb erweitert. Im Zuge der Standortwissenschaftspolitik wie der Profilbildung nimmt der institutionelle Wettbewerb innerhalb einer nationalen, europäischen oder sogar globalen Fachgemeinschaft zu, was sich in medial verbreiteten Rankings niederschlägt (Werron/Ringel 2015). Zugleich nehmen damit die Wettbewerbe zwischen Fachgemeinschaften an den Standorten zu, was wiederum weitere kommunikative Aktivitäten anstößt, beispielsweise im Bereich Outreach. These 3: Die bisherige Wissensordnung wurde durch die traditionellen Massenmedien stabilisiert. Wissenschaft und Forschung werden zum überwiegenden Teil öffentlich finanziert. Vor allem Hochschulen sind dominant von staatlichen Beiträgen abhängig. Wissenschafts-, Hochschul- und wesentliche Forschungsthemen werden damit stets politisch und damit potenziell gesamtgesellschaftlich verhandelt. Wissenschaftsthemen, fachliche und institutionelle, werden vor allem von den Massenmedien behandelt, damit findet eine Kopplung an das politische System statt. Im Kern ist es die mediale Berichterstattung über die Wissenschaft, die ihr die Rückbindung an die lokalen oder nationalen Erwartungsstrukturen der Gesellschaft ermöglicht, und zwar sowohl an die Institution insgesamt als auch an die einzelnen wissenschaftlichen Leistungserbringer. Dieser Modus ist für demokratische Systeme konstitutiv und auch für Hochschulen wie Forschungsanstalten als öffentliche Einrichtungen grundsätzlich angemessen. Das Wissenschaftssystem erhält auf diesem Wege seine Legitimität. Die notwendige wissenschaftliche Autonomie kann unter diesen Bedingungen aber nur gewahrt bleiben, wenn die Wissenschafts- und Hochschulpolitik in Anerkennung der Notwendigkeit des autonomen Status der Wissenschaft (und ihrer Institutionen) agiert. Wissenschafts- wie Hochschulpolitik vertragen keine Tages- und Par- THESEN ZUM WANDEL DER WISSENSCHAFTSÖFFENTLICHKEIT 69 teipolitik. Zur Vermeidung von spontanen, populistischen politischen Übergriffen ist deshalb eine sowohl kenntnisreiche wie kritisch-distanzierte Beobachtung des Politikfeldes, von einzelnen forschungspolitischen Prozessen, von Akteuren wie von Institutionen durch den Journalismus in den Massenmedien wichtig. Was in den Medien vorkommt, was berichtet und bewertet wird, bestimmt für politische Akteure und für die allgemeine Öffentlichkeit das Bild von dem, was Hochschule, Forschung und Wissenschaft ausmacht. Durch die mediale Vermittlung, die ein hohes Maß an Unabhängigkeit garantiert, wird die bestehende Wissensordnung durch kritische journalistische Darstellung wie Reflektion systematisch kritisiert und entwickelt. Die Massenmedien beobachten aber immer weniger systematisch und fachkompetent die Entwicklung im Bereich des Wissenschaftssystems. Marktzwänge und die Aufmerksamkeitsökonomie steuern die Berichterstattung, und diese Entwicklung wirkt auf das Wissenschaftssystem zurück, ablesbar etwa an einem Anstieg von PR- und Marketing-Aktivitäten (Blattmann et al. 2014). Medieninduzierte Starsysteme oder Prominenz-Faktoren, dem Wissenschaftssystem im Kern fremd, wirken sich dann auch wissenschaftsintern aus (Rödder 2014). Die öffentliche Wahrnehmung von der Institution wie von der Leistungserbringung sind zunehmend mediengeprägt und damit abhängig vom Medienbild. Dieses Bild wiederum kann politische Entscheidungen nachhaltig beeinflussen, weil die Politik das Wissenschafts- und Hochschulsystem weitgehend über die Medien beobachtet und bezogen auf Interessen von Wählergruppen handelt. Durch Social Media kommen nun beständig andere Beobachtungen und Analysen über das Wissenschaftssystem hinzu, die der Einordnung wie der Bewertung bedürfen. Diese Leistung kann nur von einer vom Wissenschaftssystem unabhängigen Institution wie dem Journalismus in den herkömmlichen (Massen-)Medien verlässlich, das heißt professionell und dauerhaft erbracht werden. Die Reduktion von Wissenschaftsredaktionen, der Abbau von Stellen im Bereich des Wissenschaftsjournalismus, der Rückgang bei den Wissenschaftsseiten in der Presse oder bei den Sendeplätzen für Wissenschaftsthemen im Rundfunk hat insoweit auch Folgen für die bestehende Wissensordnung der Gesellschaft. These 4: Im Internet sinkt die Gatekeeper-Schwelle sowohl in der Fachals auch in der Publikumsöffentlichkeit. Jeder kann relativ ungehindert publizieren. Die in These 1 skizzierte institutionelle Wissensordnung hat sich durch die Digitalisierung und den dadurch ausgelösten Strukturwandel der Öffentlichkeit im Internet ein weiteres Mal deutlich verändert. Während in den traditionellen Massenmedien einseitige, einstufige, punktuelle und zentral über wenige Gatekeeper vermittelte Kommunikation dominiert CHRISTOPH NEUBERGER / OTFRIED JARREN 70 hat, erleichtert das technische Potenzial des Internets wechselseitige, mehrstufige, sequentielle und dezentrale Kommunikation. Besonders Social Media tragen dazu bei, die mit dem Internet verknüpften Erwartungen auf mehr Partizipation, Interaktion und Transparenz in der öffentlichen Kommunikation zu erfüllen. Zu den Social Media zählen Blogs, Microblogging-Dienste (z.B. Twitter), Podcasts, soziale Netzwerk-Plattformen (z.B. Facebook), Videoplattformen (z. B. YouTube) sowie Wikis (z. B. Wikipedia).2 Das Internet führt dazu, dass zwei Schwellen gesenkt werden, die bisher die Wissenschaftsöffentlichkeit bestimmt haben: die Gatekeeper-Schwelle und die Wissenschaftler-Laien-Schwelle. In der Fach- wie der Publikumsöffentlichkeit, wie aber auch zwischen diesen beiden Öffentlichkeitssphären musste früher eine Gatekeeper-Schwelle erfolgreich überwunden werden, damit Forschungsergebnisse oder Nachrichten öffentlich werden konnten. In den traditionellen Massenmedien Presse und Rundfunk steht der professionelle Journalismus zwischen den Sprechern, zu denen er einen weitgehend exklusiven Zugang besitzt, sowie dem Massenpublikum. Diese zentrale und zumeist auch monopolhafte Vermittlerrolle begründet seine Macht; er kann weitgehend alleine über Publikation und Nicht-Publikation wie auch über die Publikationsform entscheiden. In der Fachöffentlichkeit gibt es ebenfalls eine Gatekeeper-Schwelle: Fachverlage, unterstützt durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Reviewer, Herausgeber und Redakteure, nehmen diese Vermittlerrolle ein. Im Internet kann nun prinzipiell jeder (Wissenschafts-)Akteur in jeder Phase publizieren. Traditionelle Gatekeeper als Prüf- und Auswahlinstanzen lassen sich im Internet zumindest grundsätzlich umgehen (Disintermediation). In der Publikumsöffentlichkeit können sich Sprecher direkt an ihre Zielgruppe wenden, und das Publikum kann in die Sprecherrolle wechseln und sich öffentlich auf Online-Foren zu Wort melden (Neuberger 2009), auch zu Wissenschaftsthemen – sei es in der Wikipedia, sei es auf YouTube (Welbourne/Grant 2015). Redaktionen können – analog zu Open Science – ihre Produktion transparent machen (Meier/Reimer 2011). Der professionelle Wissenschaftsjournalismus verliert damit sein Monopol als Gatekeeper, muss sich der Konkurrenz mit anderen Anbietern von Wissenschaftsthemen stellen und seine Rolle neu bestimmen, zum Beispiel als Moderator des öffentlichen Diskurses oder als Navigator, der dem Publikum hilft, sich im Internet zu orientieren. Die Wissenschafts-PR gewinnt einen direkten Zugang zum Publikum und kann ebenfalls neue Leistungen anbieten (Aggregation, Archivierung, 2 Zur Verwendung von Social Media in der Wissenschaftsöffentlichkeit vgl. Albrecht/Herbst/Pscheida (2014); Neuberger (2014); Fuchs-Kittowski/ Parthey/Umstätter (2015); Pscheida et al. (2015); König/Nentwich (2017); Pscheida (2017); Kapidzic (2018, i.E.). THESEN ZUM WANDEL DER WISSENSCHAFTSÖFFENTLICHKEIT 71 Bürgerdialog usw.), wodurch zugleich der Aufwand für PR steigt, und es bedarf auch größerer Anstrengungen, um hohe Reichweiten zu erzielen, die bislang Massenmedien garantieren konnten. Politische und ökonomische Interessenvertreter können ebenfalls ungehindert durch journalistische Gatekeeper die Meinungsbildung beeinflussen oder Laien manipulieren (z.B. im Bereich der Gesundheitsinformation: Fuchs 2016), wodurch Wissenschaftsvertreter in die Defensive geraten können, zum Beispiel im Diskurs über den Klimawandel (Schäfer 2012). Auch in der Fachöffentlichkeit ist die strikte Trennung zwischen der nichtöffentlichen Herstellung und öffentlichen Darstellung von wissenschaftlichem Wissen in einer abschließenden, formalisierten Publikation aufgeweicht. Die bisher nichtöffentlichen Phasen wissenschaftlicher Produktion und Prüfung können transparent und damit allgemein zugänglich gemacht werden (Scheliga/Friesike 2014): das Forschungshandeln (Open Science), die Begutachtung (Open Peer Review) und die gewonnenen Daten, auf denen die Ergebnisse basieren (Open Data). Wissenschaftler können am Peer Review vorbei ihre Ergebnisse ver- öffentlichen (Self Publishing). Die breite Beobachtung und Beteiligung unterstützen im Internet neue Intermediäre wie Social Network Sites (Researchgate, Academia.eu usw.) und Suchmaschinen (Google Scholar usw.), die dadurch Macht über die wissenschaftliche Kommunikation gewinnen (Jordan 2014; Li et al. 2014; Franzen 2017). Die Quantifizierung wissenschaftlichen Erfolgs (Altmetrics) und die öffentliche Einsehbarkeit der Resultate verschärfen vermutlich den Wettbewerb im Wissenschaftssystem. In Social Media wird auch die informelle Kommunikation unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die etwa der persönlichen Selbstdarstellung und sozialen Vernetzung dient, mediatisiert und damit ebenfalls zu einem Teil dieses Wettbewerbs, in dem der Erfolg zum Beispiel durch die Zahl der Likes auf Facebook gemessen wird. Personal Branding wird so zu einer zusätzlichen Karriereanforderung für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Kapidzic 2018, i.E.). These 5: Im Internet sinkt auch die Wissenschaftler-Laien-Schwelle zwischen Fach- und Publikumsöffentlichkeit. Nicht-Wissenschaftler gewinnen Einblick in das Wissenschaftssystem und können partizipieren. In der Vor-Internet-Ära bestand zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern, das heißt zwischen Fach- und Publikumsöffentlichkeit eine hohe Schwelle, die von Seiten der Laien und gesellschaftlicher Interessengruppen kaum überwunden werden konnte. Eine Ausnahme bildeten nur (vor allem politische) Konflikte um Forschungsvorhaben oder Befunde. Im Internet wird die Wissenschaftler-Laien-Schwelle nun grundsätzlich gesenkt, sodass sich beide Öffentlichkeiten vermischen (Peters et al. 2014). Dadurch hat das Publikum einen einfacheren Zugang zu Wissenschaftsquellen, es kann sich an Wissenschaft beteiligen CHRISTOPH NEUBERGER / OTFRIED JARREN 72 (Citizen Science: Riesch/Potter 2014; Wiggins/Crowston 2015) und sich kritisch mit ihr auseinandersetzen (Bürgerdialog). Auf diese Weise lassen sich Partizipations- und Emanzipationserwartungen besser erfüllen. Dennoch bleiben – gerade im Fall der Wissenschaft – die Zugangs- und Beteiligungschancen ungleich verteilt (Brossard 2013; Schäfer 2015; Su et al. 2015). Interessengruppen haben es leichter, durch Kampagnen das Wissenschaftssystem zu beeinflussen. In umgekehrter Richtung können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler direkt an das breite Publikum wenden (Liang et al. 2014; Schneider 2017). Das Wissenschaftssystem muss sich auf diese neuen Anforderungen erst einstellen. So ist wissenschaftsintern zu klären, wer für die nun möglichen Austauschbeziehungen zuständig sein soll: zentrale PR-Stellen oder die Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler selbst? Überdies stellt sich damit die Frage, wie den Wünschen nach Transparenz oder Beteiligung normativ angemessen und funktional adäquat entsprochen werden kann. Damit kommen auf das Wissenschaftssystem ähnliche Fragen zu wie vor einiger Zeit auf das Wirtschaftssystem (Compliance, Social Responsibility, Good Governance). These 6: Die bisherige Wissensordnung erodiert. Wissenschaft und Journalismus werden als epistemische Autoritäten in Frage gestellt. Die in der Eingangsthese beschriebenen Kontexte, Phasen und hierarchischen Positionen in der bisherigen institutionellen Wissensordnung in Wissenschaft und Journalismus geraten durch Medialisierung (Thesen 2 und 3) und Digitalisierung (Thesen 4 und 5) durcheinander. • Medialisierung: Durch die politisch gewollte institutionelle Konkurrenz entwickeln die Wissenschaftsorganisationen spezifische Formen der strategischen Kommunikation. Sie treten kommunikativ in den Wettbewerb untereinander. Neben die fachöffentliche, von Peers getragene und verantwortete (Wissenschafts-)Kommunikation tritt die publikums-öffentliche, von Leitungspersonen geprägte institutionelle Kommunikation mit der Gefahr der Dominanz persuasiver Formen (Werbung, Marketing, PR) und der weitgehenden Anpassung an die Medienlogik. • Digitalisierung: Im Internet können auch bislang nichtöffentliche Phasen der Wissensproduktion (Forschen, Recherchieren, Prüfen) transparent werden. Außerdem verwischt die Grenze zwischen Fachund Publikumsöffentlichkeit. Dadurch vermischen sich Wissensformen, die nach unterschiedlichen Rationalitätsstandards geprüft werden. Unterschiedliche Ansprüche an Wissen und erreichte Gewissheitsgrade sind nicht mehr nach Kontexten und Phasen getrennt und eindeutig metakommunikativ markiert (Neuberger 2017). Daraus resultiert nicht nur Unsicherheit für Rezipienten über den Status THESEN ZUM WANDEL DER WISSENSCHAFTSÖFFENTLICHKEIT 73 von Wissensangeboten, sondern es verschärfen sich auch Konkurrenz und Konflikte zwischen Wissensanbietern. Beide Veränderungen tragen dazu bei, dass Wissenschaft und (Wissenschafts-)Journalismus als bislang weitgehend akzeptierte epistemische Autoritäten unter Druck geraten. Sie werden grundsätzlich und massiv öffentlich kritisiert (»Lügenpresse«-Vorwurf, »Antiakademismus«). Hinter solchen kampagnenhaft vorgetragenen Angriffen stehen vielfach politische und ökonomische Interessen. An erster Stelle hat die wissenschaftsfeindliche Haltung des US-Präsidenten Donald Trump Kritik und Widerstand ausgelöst (z. B. Deininger 2017). Durch das Verrutschen der Maßstäbe für Wahrheitsansprüche (»postfaktisches Zeitalter«) eröffnen sich auch mehr Spielräume für Täuschung und »Bullshit« (Frankfurt 2006), besonders im Kontext von Social Media. Die bisherige Ordnung der Wissensgenese, -prüfung und -verbreitung ist damit in Frage gestellt. Wissenschaft und (Wissenschafts-)Journalismus müssen sich dieser Herausforderung stellen. Dies bedeutet: Sie sollten ihr jeweiliges Wissens- und Wahrheitsverständnis dem Laienpublikum erklären, dabei auch die Grenzen der Geltung falliblen Wissens deutlich machen, und sie sollten die Defizite alternativer Wissensansprüche kritisieren und Motive von Wissenschaftskritikern offenlegen (zur aktuellen Debatte vgl. z. B. Fischer/ Strohschneider 2017; Schmitt/Schnabel/Sentker 2017). Die Akademien richten in ihrer Stellungnahme zahlreiche weitere wichtige Empfehlungen an (Forschungs-)Politik, Wissenschaft und Bildung (acatech/Leopoldina/ Union 2017). Hervorzuheben ist der Rat, die Rollenaufteilung zwischen Wissenschafts-PR und Wissenschaftsjournalismus zu respektieren und Letzteren zu stärken, da der Journalismus auch im Internet notwendig bleibt, auch wenn er hier sein Gatekeeper-Monopol verloren hat. Gerade in einem Umfeld, in dem sich Wissen unterschiedlicher Herkunft und Güte mischt, ist eine Instanz wichtig, die dem Publikum Orientierung gibt. Literatur acatech/Leopoldina/Union (Hrsg.) (2017): Social Media und Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie. Stellungnahme. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. München. Albrecht, Steffen/Herbst, Sabrina/Pscheida, Daniela (2014): »Wissenschaft im Modus 2.0? Potenziale und Realisierung von E-Science am Beispiel der sächsischen Wissenschaftslandschaft. 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Der Ursprung dieses Modells in Australien ist dabei kein Zufall: Die australische Medienlandschaft wird von einer kleinen Zahl einflussreicher Medienhäuser dominiert, unter denen besonders Rupert Murdochs erzkonservative News Corporation eine marktbeherrschende Rolle einnimmt und so auch erheblichen Einfluss auf die Politik ausübt. Besonders bei Themen, zu denen wissenschaftliche Forschung wichtige Impulse beitragen könnte (Klimawandel, Energie-, Sozial-, und Wirtschaftspolitik), bleiben kritische wissenschaftliche Stimmen daher oft von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen oder werden nur stark ideologisch verfremdet zitiert. Als von Dritten unabhängige öffentliche Plattform für wissenschaftlich fundierte Beiträge sucht The Conversation in Australien diese durch Marktversagen geschaffene Lücke zu füllen; ihre britischen, amerikanischen und südafrikanischen Ableger sprechen ähnliche Tendenzen in jenen Märkten an. The Conversation arbeitet als gemeinnütziges Unternehmen, das von Spendengeldern, Stiftungen, aber insbesondere auch durch Universitäten und Forschungsinstitutionen finanziert wird.2 Die Zusammensetzung 1 Disclaimer: Im Zeitraum von 2017–19 leitet der Autor ein Forschungsprojekt zur Auswirkung von Onlinepublikationsplattformen auf die Wissenschaftskommunikation, das von The Conversation als Forschungspartner unterstützt wird. 2 Die Liste der Unterstützer ist für jeden Ableger auf der jeweiligen Webseite einsehbar (für Australien z.B. hier: https://theconversation.com/au/partners). Alle Weblinks des Beitrags wurden zuletzt aufgerufen am 18.10.2017. DAS MODELL THE CONVERSATION 79 der Unterstützergruppe ist dabei für jeden Landesableger dem nationalen Umfeld entsprechend unterschiedlich, allgemein aber von akademischen Partnern dominiert; in Australien etwa steuern 38 von 39 Universitäten Gelder bei. Die Webseite von The Conversation blieb daher bislang werbefrei. Aufgrund der gemeinnützigen Ausrichtung ist es zudem auch möglich, alle Inhalte unter Creative-Commons-Lizenzen zu veröffentlichen und sie so auch für die Weiterverbreitung und Zweitveröffentlichung auf anderen Nachrichtenplattformen bereitzustellen – wovon Anbieter von den australischen öffentlich-rechtlichen Medien ABC und SBS bis hin zur indischen Tageszeitung The Hindu, aber auch kleinere fachspezifische Publikationen teilweise regen Gebrauch machen. Auch CNN, The Guardian oder die Huffington Post haben bereits Conversation-Inhalte weiterveröffentlicht. Die Medienhäuser müssen sich dabei an die Weiterveröffentlichungsregeln von The Conversation halten und die Artikel praktisch 1:1 übernehmen.3 Die Nachrichtenagentur Associated Press ist mit The Conversation US sogar eine formelle Partnerschaft eingegangen, über die täglich eine Auswahl von Artikeln durch ihr Netzwerk weiterveröffentlicht wird. Die australische Stammredaktion der Conversation umfasst an die 30 Mitarbeiter/innen, wogegen andere Länderredaktionen bislang noch von kleineren Teams geführt werden. Besonders bemerkenswert an The Conversation ist ihr innovatives redaktionelles Modell, das als Journalismusdienstleistung oder ›journalism-as-a-service‹ bezeichnet werden kann. In ihrer Grundform werden alle Inhalte der Conversation von Akademiker/innen (bis Ende 2016 etwa 43.000 Forscher/innen, von PhD-Student/innen bis zu emeritierten Professor/innen) an teilnehmenden Universitäten und ähnlichen Forschungseinrichtungen erstellt. Diese Vorlagen werden dann durch das Redaktionspersonal in Absprache mit den akademischen Autor/innen mit Hinblick auf die Zugänglichkeit für ein Allgemeinpublikum überarbeitet; die Redakteur/innen greifen dabei auf ihre Berufserfahrung als praktizierende Journalist/innen zurück, lassen den faktischen Inhalt des Artikels jedoch unberührt. (Im Falle möglicherweise kontroverser Beiträge lädt die Redaktion dabei manchmal noch weitere Autor/innen ein, neue Forschungsergebnisse in zusätzlichen Artikeln kritisch zu beleuchten und so divergierende Meinungen besser darzustellen.) Die 3 In den Regeln (https://theconversation.com/au/republishing-guidelines) heißt es u.a.: »Unless you have express permission from the author, you can’t edit our material, except to reflect relative changes in time, location and editorial style. If you need to materially edit our content please contact us.« So wurde etwa ein Beitrag von The Conversation (https://theconversation. com/friday-essay-the-australian-mosque-65101) im Guardian übernommen als: www.theguardian.com/world/2016/sep/23/tin-sheds-temples-past-present-potential-australian-mosques AXEL BRUNS 80 endgültige Zustimmung zur Publikation des jeweiligen Artikels liegt dabei allerdings bei den Forscher/innen als eigentlichen Autor/innen – das Conversation-Modell invertiert somit das sonst übliche Verhältnis zwischen Forscher/in und Wissenschaftsjournalist/in, in dem Forscher/ innen als Informationsquellen statt als Autor/innen dienen und generell wenig Kontrolle über die resultierende Berichterstattung haben.4 Artikelvorschläge werden über die Webseite der Conversation ebenfalls meist von den Akademiker/innen selbst eingereicht, wobei bei der Auswahl durch die Redaktion in erster Linie die Qualität der Ideen und nicht die Relevanz zum aktuellen Tagesgeschehen ausschlaggebend ist. Präsentiert werden diese Inhalte auf der Webseite der Conversation jedoch unter den von konventionellen Nachrichtenseiten bekannten Rubriken von Politik bis Kultur. Zusätzlich gehen die Conversation-Redakteur/innen mitunter auch proaktiv auf Akademiker/innen zu, deren Forschungsarbeiten in aktuellen Kontexten relevant sein könnten. The Conversation bietet daher von Zeit zu Zeit auch Themenschwerpunkte etwa zu Wahlen, anderen Großereignissen oder kontroversen Themen an. Besonders in Australien werden Akademiker/innen auch dazu herangezogen, die Aussagen von Politiker/innen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen (›fact checking‹). Nach der unter politischem Druck erfolgten Einstellung ähnlicher Aktivitäten durch die öffentlich-rechtliche ABC unterhält The Conversation damit die letzte dezidierte ›Fact Check Unit‹ in den australischen Medien. (In Großbritannien bietet The Conversation einen ähnlichen Service unter dem Namen ›Hard Evidence‹.) Im Hinblick auf wachsende internationale Besorgnis über die Rolle von absichtlich durch politische Akteure gestreute ›fake news‹ haben diese Aktivitäten sicherlich eine große Bedeutung; ob sie jedoch auch die für ›fake news‹ besonders empfänglichen Publikumsgruppen erreichen, muss noch untersucht werden. Durch diese Aktivitäten hat The Conversation ein beträchtliches Publikum erreicht. International zieht die Webseite selbst nach eigenen Angaben etwa 3,3 Millionen Besucher/innen pro Monat an, und 35 Millionen weitere Leser/innen werden durch Republikationen erreicht;5 4 Anmerkung der Herausgeber: Aus journalismustheoretischer Sicht handelt es sich somit allerdings gleichzeitig auch nicht um eine – wie sonst meist der Funktion des Journalismus zugeschriebene – Fremdbeobachtung des Systems Wissenschaft, sondern letztlich um eine Selbstbeobachtung stark im Wissenschaftssystem verorteter Vorgänge durch Akteure des Wissenschaftssystem als Autoren, worauf hier allerdings nicht weiter eingegangen werden kann. 5 Dieses erweiterte Publikum wird durch einen industrieüblichen Pixel Counter erfasst. Die Republishing Guidelines der Conversation verlangen die Einbeziehung einer unsichtbaren Grafik, deren Abrufe zur Leserzählung benutzt werden: »If you’re republishing online, you must use our page view DAS MODELL THE CONVERSATION 81 von diesen Leser/innen gehören über vier Fünftel einem nichtakademischen Allgemeinpublikum an.6 Derlei Statistiken erfasst die Conversation-Plattform im Übrigen auch selbst in detaillierter Form und stellt sie in Folge auch wieder einzelnen Autor/innen sowie deren Forschungseinrichtungen über ein internes Dashboard zur Verfügung; dies dient sowohl zur persönlichen Verfolgung der Artikelergebnisse durch Akademiker/innen als auch zur Erfassung institutioneller ›impact metrics‹ durch die Forschungsinstitutionen, die mittels des Dashboards auch ihre eigenen Ergebnisse mit denen ähnlicher Institutionen vergleichen können. Zum Teil werden solche Messungen der Forschungsresonanz in der weiteren Gesellschaft auch schon durch Forscher/innen wie Institutionen im Verlauf von Beförderungsverfahren genutzt und tragen damit zur Ausweitung von Publikationsmetriken über konventionelle bibliometrische Daten hinaus bei. Wie auch im Falle anderer alternativer Metriken (›Altmetrics‹) sind die Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Betrieb dabei noch nicht endgültig abzusehen: In schlecht austarierten Bewertungssystemen könnten sich Teilnehmer zum Beispiel durch eine Vielzahl schnell verfasster Beiträge einen Vorteil verschaffen, falls diese als einem einzelnen hochspezialisierten Magazinartikel äquivalent bewertet würden. ›Gaming the system‹ durch skrupellose Teilnehmer ist hier zumindest theoretisch eine Gefahr. Mit ihrer innovativen Publikationsphilosophie, die insbesondere die Befindlichkeiten der akademischen Autor/innen anspricht und diese so zentral bei der Entwicklung der Inhalte involviert, hat The Conversation es geschafft, an die 43.000 akademische Autor/innen für sich zu gewinnen. Sie repräsentiert damit eine Art Crowdsourcing-Modell, in dem eine Vielzahl von unterschiedlich häufig beitragenden Teilnehmer/ innen durch die journalistischen Dienstleistungen einer wesentlich kleineren Zahl festangestellter Redakteur/innen koordiniert werden – ein Prozess, der letztendlich eine Webseite von ebenso großer Diversität wie Qualität7 hervorbringt. counter, link to us, and include links from our story. Our page view counter is a small pixel-ping image (invisible to the eye) that allows us to know when our content is republished, and gives our authors sense of the size of audience and which publications they’re reaching.« 6 Eine Gesamtübersicht zu diesen Statistiken stellt The Conversation auf https://theconversation.com/au/audience bereit. 7 Aussagekräftige Studien zur Bewertung der (journalistischen) Qualität der Beiträge sind uns indes bisher nicht bekannt. 82 Jan-Hinrik Schmidt Soziale Medien als Intermediäre in der Wissenschaftskommunikation 1. Einleitung Das Internet hat seit Beginn seiner gesellschaftlichen Etablierung in den 1990er Jahren in allen Bereichen unseres Lebens grundlegende Veränderungen angestoßen, so auch in der internen und externen Wissenschaftskommunikation (Dernbach et al. 2012; Weingart/Schulz 2014; Lüthje 2014; Schäfer et al. 2015a, b): Die Zahl der Kommunikationskanäle hat sich vervielfältigt und es sind neue Modalitäten der Wissensvermittlung entstanden, die teilweise interaktiver und dialogorientierter sind, als es die massenmediale Berichterstattung über Wissenschaft in den Print- oder Rundfunkmedien sein konnte. Aber die Orientierung in der Informationsvielfalt kann dadurch auch schwerer fallen, weil sich Fragen der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens in neue Kommunikatoren und Kanäle stellen, die sich noch nicht mit Hilfe erlernter Routinen und Muster – zum Beispiel die Orientierung an etablierten publizistischen Marken – beantworten lassen. In den letzten Jahren haben die »sozialen Medien« den Wandel und die Dynamik von gesellschaftlicher Kommunikation noch beschleunigt. Dieses Label, oft auch in der englischen Fassung »Social Media«, gilt als Sammelbegriff für eine Reihe von Gattungen und Plattformen der Online-Kommunikation, »die es Menschen ermöglichen, Informationen aller Art zugänglich zu machen und davon ausgehend soziale Beziehungen zu knüpfen und/oder zu pflegen« (Taddicken/Schmidt 2017, 8; allgemein zu sozialen Medien auch Schmidt 2011; Michelis/Schildhauer 2015). Es ist eng mit Vorstellungen eines »participatory web« (Blank/ Reisdorf 2012) verbunden, also einem Internet, in dem Menschen auch ohne besondere technische Kenntnisse an Debatten teilhaben, ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen und eigene Inhalte veröffentlichen können. Diese partizipativen Potentiale gelten, so viele Annahmen, auch für die Wissenschaftskommunikation; Leßmöllmann (2012) konstatiert etwa, dass soziale Medien und durch sie ermöglichte »kooperative mediale Nutzungsformen [...] das wissenschaftliche Arbeiten, etwa durch die öffentliche Diskussion von Ergebnissen jenseits der üblichen akademischen Publikationswege [verändern können; JHS]. Durch Social Media kann sich damit der öffentliche Umgang mit Methoden, Daten und SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 83 Schlussfolgerungen aus den verschiedensten Wissenschaftsbereichen verändern« (ebd., 255). Ein noch weiter reichendes Szenario skizziert die »Cyberscience 2.0« (Nentwich/König 2012; König/Nentwich 2014), in der digitale Infrastrukturen für die Wissenschaftskommunikation zum einen die (wissenschaftsinternen) Prozesse der Wissensproduktion, zum anderen aber auch das (wissenschaftsexterne) Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft ändern würden. Soziale Medien seien diesem Verständnis nach »new windows in the ivory tower« (Nentwich/König 2012, 151). In teilweise starkem Kontrast zu diesen Szenarien stehen hingegen empirische Befunde zur tatsächlichen Übernahme sozialer Medien in die individuellen oder institutionellen Kommunikationsrepertoires wissenschaftlicher Akteure. Zwar konstatiert eine Anfang 2015 durchgeführte Befragung deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass internetbasierte kollaborative Werkzeuge und soziale Medien gerade unter jüngeren Befragten zunehmend verbreitet sind (Dzyek 2015, 142ff.). Neben Kohorteneffekten, weil nachrückende Nachwuchswissenschaftler/innen mit sozialen Medien auch im privaten Bereich vertraut seien, herrsche mittlerweile wohl auch ein gewisser sozialer Druck, kollaborative Werkzeuge zum Beispiel in Teams von Autor/ innen für das Verfassen wissenschaftlicher Texte einzusetzen (ähnlich auch Kieslinger 2015). Und doch existieren offensichtlich auf verschiedenen Ebenen Barrieren für die Nutzung sozialer Medien (Acord/Harley 2012; Kieslinger 2015): Individuelle Faktoren, zum Beispiel persönliche Vorbehalte gegenüber einer als »Selbstdarstellung« wahrgenommenen Kommunikation via Blogs oder Twitter, aber auch die Sorge vor einem Verschwimmen der Grenze zwischen privaten und beruflichen Rollen, treffen auf strukturelle Faktoren des Wissenschaftssystems, die zum Beispiel die Zuschreibung von Reputation und Karrierechancen an andere Kommunikationsformen1 knüpfen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit von Forschungs- und Bildungseinrichtungen müsse auf dem Weg zu einer »institutionelle[n] Wissenschaftskommunikation 2.0« (Rümmele 2012) Ressourcen anders einsetzen und sich stärker in Richtung einer Dialogorientierung ausrichten. Gerade diese Anforderung, darauf weisen empirische Befunde von Bräutigam/ Ettl-Huber (2013) oder Lee/VanDyke (2015) ebenfalls hin, kann aber eine große Hürde für professionelle 1 Dies kann sich, wie Herrmann-Giovanelli (2013) zeigt, ein genereller Hemmschuh für externe Wissenschaftskommunikation sein. Drei der vier von ihr ermittelten Wissenschaftskommunikationstypen äußern die Sorge vor wissenschaftlichem Reputationsverlust aufgrund von »zuviel« Medienpräsenz, obgleich diese Medienpräsenz – im Gegensatz zu den in der Untersuchung nicht explizit berücksichtigen sozialen Medien – durch journalistische Anfragen oder Einladungen noch einer gewissen Vorfilterung unterliegt. JAN-HINRIK SCHMIDT 84 Kommunikator/innen sein, die noch im Paradigma der eher einseitigen, massenmedial-publizistischen Kommunikation verwurzelt seien. Diese einleitenden Bemerkungen zeigen bereits, dass der Wandel von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsberichterstattung eng verwoben ist mit dem generellen Wandel von Online-Öffentlichkeit (Neuberger 2009; Schmidt 2013). Die vorliegende Expertise setzt in dieser Hinsicht an der Bestandsaufnahme an, die Neuberger (2014) verfasst hat, legt aber einen erkennbar anderen Schwerpunkt: Ihr Ziel ist es, das Zusammenspiel von wissenschaftsinterner Kommunikation, Wissenschaftsjournalismus und sozialen Medien zu beschreiben und insbesondere zu diskutieren, wie sich Prozesse der Filterung und Präsentation von wissenschaftlichem Wissen wandeln, wenn (wissenschafts-) journalistische Inhalte in die beziehungsweise aus den sozialen Medien wandern und dort zugleich neue Intermediäre entstehen, die eigenen Logiken der Selektion und Aufbereitung von Informationen folgen. Die Argumentation geht dazu in folgenden Schritten vor: Kapitel 2 vergleicht grundlegende Funktionalitäten zentraler Social-Media-Angebote, während Kapitel 3 vier Arenen der (Wissenschafts-)Kommunikation im Internet skizziert, die sich durch ihre Konstellationen von Kommunikator und Publikum einerseits sowie durch ihre Selektions- und Präsentationsregeln für kommunizierte Inhalte andererseits unterscheiden. In Kapitel 4 werden schließlich soziale Medien als Intermediäre der Wissenschaftskommunikation beschrieben und drei grundlegende Organisationsprinzipien identifiziert, die die gegenwärtige »kommunikative Architektur« dieser sozialmedialen Intermediäre kennzeichnen. Kapitel 5 nimmt einen zusammenfassenden Ausblick vor und benennt einige Bereiche, in denen erkennbar Forschungsbedarf besteht. 2. Kommunikative Funktionalitäten sozialer Medien im Vergleich Der Sammelbegriff »Soziale Medien« vereint eine Reihe von unterschiedlichen Gattungen der Online-Kommunikation, die sich in ihrer Funktionsweise und ihrer Verbreitung deutlich unterscheiden (vgl. Taddicken/ Schmidt 2017). Aus Platzgründen verzichtet dieser Beitrag darauf, die Merkmale dieser Gattungen sowie den Einsatz in der Wissenschaftskommunikation detailliert vorzustellen; näher ausgeführt ist dies im Text von Lobin in diesem Band sowie in der Entwurfsversion dieser Expertise2 zu finden. Zweck dieses Abschnittes ist es vielmehr, für die jeweils wichtigs- 2 http://www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumstruktur_nach_Website/ Acatech/root/de/Projekte/ Laufende_Projekte/WOEM2/Expertise_Schmidt_ Entwurf.pdf. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 85 ten Vertreter von Netzwerkplattformen (Facebook) und User-generated content (UGC)-Plattformen (YouTube), für Weblogs sowie für Twitter und Wikipedia als prominenteste Vertreter des Microblogging beziehungsweise der Wikis grundlegende Kommunikationsfunktionen vergleichend gegenüber zu stellen (vgl. Tabelle 1). Die Funktionalitäten sind in drei Gruppen unterteilt, die das »Senden« beziehungsweise »Empfangen« von Informationen sowie die Organisation sozialer Kontakte abdecken. In Hinblick auf das »Senden« beziehungsweise Zur-Verfügung-Stellen von Informationen zeigt die Gegenüberstellung, dass jeweils unterschiedliche Kommunikationseinheiten den Fokus der Nutzung bilden. Dabei gilt es zwischen dem »Microcontent« im Sinne einer kleinsten referenzierbaren Einheit sowie den diese bündelnden, meist an einzelne Sprecher/innen gekoppelten »Kanälen« zu unterscheiden. Ersteres sind also Status-Updates, Tweets, Videos oder Blog-Einträgen, letzteres Profile (Facebook), Accounts (Twitter) oder Channels (YouTube) beziehungsweise ein Weblog als Ganzes. Die Wikipedia funktioniert in dieser Hinsicht deutlich anders – die kleinsten referenzierbaren Einheiten sind hier einzelne Artikelversionen, also Bearbeitungsstände zu einem bestimmten Zeitpunkt, die in ihrer Summe die Entstehung des jeweils aktuellen Stands eines Artikels nachvollziehbar machen. Diese Einheiten beziehungsweise die sie bündelnden Kanäle sind bei der Wikipedia und Twitter sowie im Falle der Blogs üblicherweise öffentlich zugänglich, wobei es bei prinzipiell auch die Möglichkeit gibt, einzelne Einträge oder den Account als Ganzes nur eingeschränkt zugänglich zu machen. YouTube und Facebook haben teils sehr differenzierte »Privatsphäre-Einstellungen«, die die Sichtbarkeit beispielsweise nur auf bestimmte Personen oder nur auf eine Teilmenge der eigenen Kontakte beschränken helfen. Eine Gemeinsamkeit aller Angebote ist, dass Inhalts-Einheiten von anderen Nutzerinnen und Nutzern kommentiert werden können, wobei die Kommentare bei Twitter und der Wikipedia nicht direkt an der jeweiligen Einheit (dem Tweet beziehungsweise der Artikelversion) sichtbar angeheftet sind, sondern in separaten Tweets (sogenannten @-replies) oder der getrennt im Wiki geführten Diskussionsseite enthalten sind. Weitere Formen der Anschlusskommunikation, nämlich das Weiterleiten und Bewerten von einzelnen Einheiten, sind bei Facebook, YouTube und Twitter möglich, bei Blogs und der Wikipedia hingegen nicht vorgesehen (wenn man von der Option absieht, durch »social buttons« Schnittstellen zu anderen sozialen Medien wie Facebook oder Twitter herzustellen, die diese Funktionen unterstützen). Blogs und die Wikipedia sind sich auch in der Hinsicht ähnlich, dass sie keine Funktionen vorsehen, das Beziehungsgeflecht mit anderen Nutzerinnen und Nutzern sichtbar zu machen. Für die anderen Angebote ist dies hingegen eine charakteristische Funktionalität: Bei persönlichen Facebook-Profilen werden reziproke Beziehungen als »Freunde« JAN-HINRIK SCHMIDT 86 N et zw er kp la tt fo rm Fa ce bo ok Pe rs on al P ub li sh in g W eb lo gs M ic ro -B lo gg in g T w it te r V id eo pl at tf or m Y ou T ub e W ik i W ik ip ed ia St at us -U pd at e B ei tr ag ( »P os ti ng «) B ei tr ag ( »T w ee t« ) V id eo (s eg m en te ) A rt ik el ve rs io n N ut ze rp ro fil W eb lo g N ut ze ra cc ou nt C ha nn el A rt ik el A bh än gi g vo n in di vi du el le n Pr iv at sp hä re ei ns te llu ng en ( öf fe nt lic h vs . b es tä ti gt e K on ta kt e vs . s el bs t de fin ie r b ar e Te ilm en ge n de r K on ta kt e In d er R eg el ja (p as sw or tg es ch üt zt e W eb lo gs m ög lic h) In d er R eg el ja (g es ch üt zt e A cc ou nt s m ög lic h) A bh än gi g vo n Pr iv at sp hä re ei ns te llu ng d es U rh eb er s (ö ff en tl ic h vs . n ur fü r sp ez ifi sc he K on ta kt e vs . nu r m it K en nt ni s de r U R L ) Ja E in be tt un g bz w . 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Diese explizit gemachten sozialen Kontakte sind aber nicht alleine Ausdruck von sozialen Beziehungen, sondern sie dienen auch – bei Facebook mittelbar, bei Twitter und YouTube vorrangig – dazu, den Informationsfluss zu strukturieren. Alle drei Angebote stellen ihren Nutzern dazu einen »Radar«-Bereich zur Verfügung, in dem sie neue Inhalte aus ihrem Kontaktnetzwerk empfangen können: Bei Facebook ist dies der »Newsfeed«, für den algorithmisch Hauptnachrichten aus dem gesamten Strom neuer Status-Updates identifiziert werden; bei Twitter ist es die »Timeline« und bei YouTube ein separater Bereich auf der Startseite, wo die neuen Beiträge der abonnierten Kanäle (»subscriptions«) eingesehen werden können. Dort werden zudem auch Videos angezeigt, die basierend auf früheren Nutzungsepisoden und weiteren algorithmisch generierten Empfehlungen ausgewählt wurden. 3. Arenen der (Wissenschafts-)Kommunikation im Internet Während die bisherigen Bemerkungen zur Rolle sozialer Medien in der Wissenschaftskommunikation an der Unterscheidung von Gattungen und ihren Funktionalitäten orientiert waren, soll im Folgenden der Blick auf »Kommunikationsarenen« erweitert werden. Damit sind, in Anlehnung und Weiterführung von Schmidt (2013), Bereiche der (Online-) Öffentlichkeit gemeint, in denen jeweils eine spezifische Konstellation von Akteuren (Kommunikator und Publikum) auf Grundlage eigener Selektions- und Präsentationsregeln sowie spezifischer Software-Architektur Informationen bereitstellt und beobachtet. Vier solcher Arenen werden im Folgenden näher beschrieben und auf ihre Bedeutung in der Wissenschaftskommunikation hin untersucht. Zwei davon (massenmediale Öffentlichkeit und Expertenöffentlichkeit) existierten bereits vor der Etablierung des Internets, während die zwei anderen Arenen (kollaborative Öffentlichkeit und persönliche Öffentlichkeit) erst durch digitale Medien, insbesondere die sozialen Medien, möglich geworden sind. Tabelle 2 fasst die wesentlichen Merkmale der vier Arenen zusammen. 3.1 Arena der massenmedialen Öffentlichkeit Die Arena der massenmedialen Öffentlichkeit wird insbesondere von journalistisch-publizistischen Online-Angeboten gebildet, die durch Merkmale der Aktualität, Universalität, Periodizität und Publizität so- SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 89 Arena Zutrittshürden für Kommunikatoren Publikum Kriterien der ... ... Selektion von ... Präsentation von Information Information Massenmediale Öffentlichkeit (z.B. tagesschau.de) Hoch Dispers, unbekannt unverbunden Redaktionelle Nachrichtenwerte bzw. -faktoren Vorgaben journalistischer Gattungen Expertenöffentlichkeits (z.B. Journal of Science Communication) Sehr hoch Fachgemeinschaft Disziplinäre bzw. Vorgaben thematische journalistischer Einschlägigkeit; Gattungen Peer review Kollaborative Öffentlichkeit (z.B. Wikipedia) Niedrig Nicht festgelegt Enzyklopä- bzw. Intersubjektiv dische nachvollziehbar; Relevanz Falsifizierbar Persönliche Öffentlichkeit (z.B. Facebookprofil) Niedrig Erweitertes soziales Netzwerk Persönliche Relevanz Authentizität, Subjektivität Tabelle 2: Typen und Merkmale von Kommunikationsarenen Quelle: Modifizierte Fassung von Schmidt 2013, 44 wie durch redaktionelle Autonomie gekennzeichnet sind (Neuberger et al. 2009, 200ff.). Die Leistung – und gesellschaftliche Funktion – der massenmedialen Arena beruht darauf, dass in ihr institutionalisiert und auf Dauer gestellt gesellschaftlich relevante Themen ausgewählt und für ein disperses Publikum aufbereitet und verbreitet werden. In dieser Arena besteht eine relativ klare Trennung zwischen den »Sendern« und den »Empfängern« beziehungsweise zwischen der journalistischen Leistungsrolle und der Publikumsrolle. Zudem sind die Zutrittshürden als Kommunikator in dieser Arena vergleichsweise hoch: Zwar ist »Journalist/in« kein geschützter Beruf, doch um für massenmedial-publizistische Onlineangebote tätig sein zu können, müssen professionelle Standards und Vorgaben eingehalten, wie sie im generellen Medienrecht, aber auch in standeseigenen Selbstverpflichtungen (z.B. dem Pressekodex) formuliert sind. In Hinblick auf die Selektion von Informationen sind dies insbesondere die etablierten Nachrichtenwerte beziehungsweise Nachrichtenfaktoren, die das gesellschaftlich Relevante vom weniger Relevanten trennen (Maier et al. 2010). Im Hinblick auf die Aufbereitung und Präsentation von Informationen sind es beispielsweise die Anforderungen etablierter journalistischer Darstellungsformen wie der Nachricht oder des Kommentars, in wachsendem Maße auch onlinespezifische Formen der multimedialen Aufbereitung (Matzen 2010). JAN-HINRIK SCHMIDT 90 Diese Akteurskonstellationen sowie Selektions- und Präsentationsregeln gelten auch für den Wissenschaftsjournalismus. Allerdings zeigen sich hier, ähnlich wie im Journalismus generell, Verschiebungen und Erweiterungen von redaktionellen Strukturen, journalistischen Praktiken sowie damit einhergehenden Normen und Rollenverständnissen, die mit dem Bedeutungsgewinn von sozialen Medien in Verbindung stehen (Fahy/Nisbet 2011; in Hinblick auf Nachrichtenjournalismus allgemein auch Loosen/Schmidt 2012). In Bezug auf die Selektion von Informationen bedeutet dies, dass Journalistinnen und Journalisten in wachsendem Maße auch soziale Medien beobachten, um Themen für die Berichterstattung zu generieren oder Quellen zu identifizieren (Neuberger et al. 2014). Viele Wissenschaftsjournalist/innen nutzen mittlerweile »Science Blogs« oder Twitter-Accounts von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Recherche, wobei sie verschiedene Kriterien anlegen, um die Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte zu beurteilen, zum Beispiel den Bezug auf peer-review-geprüfte Veröffentlichungen oder die Reputation der bloggenden Person beziehungsweise seiner oder ihrer Heimatinstitution (Colson 2011; Littek 2012). Brüggemann/Engesser (2014) fanden in einer Befragung von Journalistinnen und Journalisten, die zum Klimawandel arbeiten, allerdings Hinweise darauf, dass solche Personen, die dem herrschenden »Klimakonsens« eher skeptisch gegenüberstehen, tendenziell seltener auf wissenschaftliche Quellen zurückgreifen. Widersprüchliche Befunde gibt es zur möglichen journalistischen Präferenz für diejenigen Science Blogs, die von anderen Wissenschaftsjournalist/innen geführt werden. Während in der Befragung von Littek (2012) entsprechende Aussagen mehrheitlich abgelehnt wurden, fand Colson (2011) Hinweise auf eine solche In-Group-Orientierung, gerade weil Journalistinnen und Journalisten angeben, sie würden den Science Blogs aus dem Kollegenkreis stärker vertrauen, weil diese ähnlichen Selektions- und Präsentationsregeln folgen. Aber auch in Hinblick auf die Präsentation von Wissenschaftskommunikation erweitert sich die Arena der massenmedialen Öffentlichkeit, weil und insoweit Wissenschaftsredaktionen soziale Medien als weiteren Verbreitungskanal nutzen. Im März 2012 ermittelte der Science Blogger Marc Scheloske (2012) bereits 58 deutschsprachige Twitteraccounts von Wissenschaftsredaktionen, von denen 30 dem Journalismus im engeren Sinn zuzuordnen waren.3 Und wie im Zusammenhang mit UGC-Plattformen bereits erwähnt wurde, wird der der Großteil der populärsten Video- und Podcasts der Kategorie »Wissenschaft« von wis- 3 Die von Scheloske kuratierte Liste wissenschaftsjournalistischer Twitteraccounts ist unter https://twitter.com/Werkstatt/lists/wissenschaftsjournalismus/members zugänglich. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 91 senschaftsjournalistischen Redaktionen oder individuellen Journalistinnen und Journalisten produziert.4 Verbunden mit diesen Veränderungen in Praktiken journalistischer Selektion und Präsentation von Wissenschaftsthemen erweitert sich augenscheinlich auch das journalistische Rollenselbstverständnis. Fahy/ Nisbet (2011) beispielsweise konstatieren auf Grundlage von qualitativen Interviews mit elf prominenten Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten aus den USA und Großbritannien, dass die etablierten Selbstbilder als »Vermittler« und »Themensetzer«, aber auch die (wissenschaftskritische) »Watchdog«-Rolle nach wie vor hochgehalten wird.5 An ihre Seite treten allerdings neu akzentuierte Rollenfacetten, insbesondere die Weiterentwicklung vom »gatekeeper« zum »Kurator«, der das Publikum auf interessante Informationen und Themen hinweist, die unter anderem den sozialen Medien entspringen. 3.2 Arena der Expertenöffentlichkeit Die Arena der Expertenöffentlichkeit findet sich im Bereich der spezialisierten Informationsangebote, mit den wissenschaftlichen Fachjournalen als prototypischem Beispiel. Der Zutritt als Kommunikator stellt sehr hohe Anforderungen, in der Regel eine spezialisierte wissenschaftliche Ausbildung und disziplinäre Sozialisation, um den akzeptierten Wissensstand, aber auch die jeweils eigenen Standards der Erzeugung und Validierung neuen Wissens zu erlernen (Knorr-Cetina 2002). Für die Aufbereitung der Informationen werden Kriterien der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit des Erkenntniswegs und der dargestellten Befunde angelegt. Zudem gilt zumindest in der Regel das Ziel, Aussagen zu treffen, die prinzipiell falsifizierbar sind (Popper 1934/1976). Gemeinsam ist Angeboten dieser Arena auch, dass die Selektion auf Mechanismen des »Peer Review« beruht, bei dem Angehörige der gleichen (oder zumindest einer verwandten) Disziplin die Güte der wissenschaftlichen Befunde überprüfen. Wie in der Einleitung bereits skizziert, stößt das Internet Veränderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation an, die Auswirkungen auf die Expertenöffentlichkeit haben. Es beschleunigt und öffnet beispielsweise die Distribution von Informationen in den Expertenöffentlichkeiten, 4 Vgl. http://www.podcast.de/kategorie/Wissenschaft/?sort=subscribers&order=desc; Stand 1.2.2016. 5 Eine quantitative Analyse des Rollenverständnisses deutscher Wissenschaftsjournalisten auf Grundlage der JourID-II-Studie (die allerdings bereits 2006 und damit vor dem Aufkommen sozialer Medien veröffentlicht wurde) findet sich bei Blöbaum (2008). JAN-HINRIK SCHMIDT 92 zum Beispiel durch preprint-Server oder open-access-Journale, aber auch durch Aktivitäten etablierter wissenschaftlicher Verlage und Journale, die in eigenen Social-Media-Kanälen auf Neuerscheinungen hinweisen (De Groote 2012) oder ihre wissenschaftlichen Publikationen um social-media-typische Elemente anreichern (Stewart et al. 2013). Die Prognose, solche Erweiterungen des klassischen gedruckten Journals würden auch zu offeneren Auswahl- und Prüfprozessen führen (Nentwich/König 2010), hat sich bislang allerdings nicht bewahrheitet, auch weil es Bedenken seitens der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die Reputation von Gutachter/innen wie von Autor/innen könnte unter solchen »open peer review«-Verfahren leiden (Acord/Harley 2012).6 Hingegen hat sich Anschlusskommunikation zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen in deutlichem Maße in die sozialen Medien verlagert beziehungsweise wird dort sichtbar. Dies kann in manchen Fällen sogar Formen eines »post-publishing peer review« annehmen, wenn die akademischen Kolleginnen und Kollegen publizierte Befunde oder Methoden diskutieren (Mandavili 2011) und dabei wissenschaftliche Qualitätskriterien heranziehen. Resonanz auf Veröffentlichungen ist eine wesentliche Grundlage für sogenannte Altmetrics, also Indikatoren für wissenschaftliche Güte von Artikeln, die als Ergänzung oder Alternative zum Citation Index angesehen werden: »altmetrics examine the content of the social Web in order to provide either an alternative or an enhancement to the use of journal impact factors and click-through rate analysis to measure the impact and value of scholarly work« (Galligan/ Dyas-Correia 2013, 56). Mittlerweile existieren mehrere Systeme und Anbieter von »altmetric«-Kennzahlen, die sich vor allem darin unterscheiden, welche Quellen, in welchem Verhältnis beziehungsweise mit welcher Gewichtung zur Berechnung der Scores einbezogen werden. Der »Altmetric Score« beispielsweise, den das britische Unternehmen altmetric.com anbietet, bezieht laut eigenen Angaben »Social media like Twitter, Facebook, Google+, Pinterest and blogs[,] Traditional media – both mainstream (The Guardian, New York Times) and science specific (New Scientist, Scientific American) [– and] Online reference managers like Mendeley and CiteULike« ein (Altmetric 2015, o. S.). Dadurch können aber auch Beurteilungen oder Bezugsnahmen einfließen, die sich nicht an wissenschaftsinternen Qualitätskriterien orientieren, sondern von Wissenschaftsjournalist/innen oder Laien hergestellt werden. 6 Es gibt vereinzelte Beispiele für den erfolgreichen Einsatz von alternativen Formen des Review, z.B. die offene Diskussionsmöglichkeit zu eingereichten Aufsätzen beim »Athmospheric Chemistry and Physics«-Journal, die aber eher die Ausnahmen sind, die die Regel bestätigen. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 93 3.3 Arena der kollaborativen Öffentlichkeit Die dritte Arena, die kollaborative Öffentlichkeit, wurde faktisch erst durch die technischen Funktionen des Internets möglich gemacht, die den niedrigschwelligen Zutritt zu Informationssammlungen für jede interessierte Person erlauben. Sie lässt sich exemplarisch an der Online-Enzyklopädie »Wikipedia« erläutern, die das das etablierte Genre der Enzyklopädie transformiert hat, indem nicht mehr nur einige wenige Expertinnen und Experten die Beiträge bestreiten. Vielmehr macht die zugrunde liegende Wiki-Software das gemeinsame Bearbeiten von Lexikoneinträgen prinzipiell jeder Person mit einem Internetzugang möglich, weil weder Programmierkenntnisse noch eine Registrierung oder Ähnliches vorausgesetzt werden. Nichtsdestotrotz besteht ein deutliches Beteiligungsgefälle: Der ganz überwiegenden Mehrheit von passiv rezipierenden Nutzerinnen und Nutzern steht eine kleine Gruppe von aktiven Autorinnen und (meist) Autoren gegenüber, innerhalb derer sich zudem ein gestuftes Netzwerk von Positionen mit korrespondierenden Aufgaben und Ressourcen herausgebildet hat (Stegbauer 2009). Die Teilhabe, gerade in zentralen Positionen, ist an die Kenntnis spezifischer Selektions- und Präsentationsregeln geknüpft. So leitet das Kriterium der »enzyklopädischen Relevanz« das Fortschreiben beziehungsweise Löschen neu angelegter Artikel an. Für die Darstellung von Informationen zu einem Thema gilt hingegen, neben einer Reihe von stilistischen Leitlinien, vorrangig das Kriterium des »Neutralen Standpunkts«. Beide Kriterien werden in Streitfällen von den aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Wikipedia diskursiv überprüft, um – zumindest idealerweise – die Qualität der Wikipedia sukzessive zu verbessern (Pentzold 2007). Dem Selbstverständnis der Wikipedia als Enzyklopädie zufolge flie- ßen wissenschaftliche Erkenntnisse in jeden Artikel der Wikipedia ein, ohne dass die Beiträge selbst aber den Darstellungs- und Argumentationsweisen eines wissenschaftlichen Textes folgen sollen. In den Richtlinien für Autor/innen findet sich unter der Überschrift »Was Wikipedia nicht ist« der Hinweis: »Wikipedia dient nicht der Theoriefindung, sondern der Theoriedarstellung. In Artikeln sollen weder neue Theorien, Modelle, Konzepte oder Methoden aufgestellt, noch neue Begriffe etabliert werden. Ebenso unerwünscht sind nicht nachprüfbare Aussagen. Ziel des Enzyklopädieprojektes ist die Zusammenstellung bekannten Wissens«.7 Aussagen in einem Wikipedia-Artikel sollen durch Belege gestützt werden; dabei wird wissenschaftlicher 7 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Was_Wikipedia_nicht_ist; Stand 1.2.2016. JAN-HINRIK SCHMIDT 94 Fachliteratur Vorrang gegeben beziehungsweise besondere Bedeutung zugemessen.8 3.4 Arena der persönlichen Öffentlichkeit Auch die letzte hier zu beschreibende Arena beruht auf den gesunkenen technischen Hürden, Informationen über räumliche oder zeitliche Distanzen zugänglich zu machen. Während Wikis daraus kollaborative Informationssammlungen entstehen lassen, unterstützen Netzwerk- und UGC-Plattformen wie auch die Werkzeuge des »personal publishing«, also Blogs oder Twitter, das Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten, in denen Menschen Informationen insbesondere nach Kriterien der persönlichen Relevanz auswählen und zur Verfügung stellen (vgl. Schmidt 2011, 107ff.). Das adressierte Publikum ist nicht die disperse unbekannte »Masse«, sondern üblicherweise das eigene erweiterte soziale Netzwerk, also das Geflecht von Personen, zu denen bereits Beziehungen existieren, seien es freundschaftliche Bindungen, ein geteiltes thematisches Interesse oder Ähnliches. Die vorrangigen Kriterien für die Aufbereitung von Informationen sind Subjektivität und Authentizität – in persönlichen Öffentlichkeiten wird erwartet, dass »die Person hinter dem Text« sichtbar wird und ihre eigenen Erfahrungen oder Meinungen mitteilt. Das schließt Inszenierung im Sinne der strategischen Kontrolle über das Preisgegebene und das Verschwiegene nicht aus; sich des potentiellen Publikums seiner Selbstdarstellung bewusst sein und diese daran auszurichten ist vielmehr eine wichtige Facette des kompetenten Umgangs mit sozialen Medien, auch und gerade in Hinblick auf den Schutz der eigenen Privatsphäre. Der dominierende Kommunikationsmodus ist die Konversation, mithin der Austausch und Dialog zu Zwecken der Beziehungspflege und Vergewisserung über die eigene Identität und Position in sozialen Netzwerken. Nicht alle Facebook-Profile, Twitter-Accounts oder Blogs sind automatisch persönliche Öffentlichkeiten; es lassen sich dort auch zahlreiche Kanäle finden, die zum Beispiel von Unternehmen oder Organisationen geführt werden, oder in denen zwar Individuen kommunizieren, sich dabei aber an Selektions- und Präsentationsregeln aus den anderen Arenen orientieren. Doch viele persönliche Social networking service (SNS)-Profile oder Blogs von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fallen in diese Arena, weil sie neben personenbezogenen Informationen im engeren Sinne, auch Hinweise auf Aktivitäten, Expertise, und/ oder akademischen Output liefern und zu Anschlusskommunikation im 8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Keine_Theoriefindung; Stand 1.2.2016. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 95 Sinne von »conversational scholarship« (Gregg 2006) einladen. Viele »science blogger« etwa schätzen die »›water cooler‹ quality« (Kouper 2010, 8) dieser persönlichen Öffentlichkeiten, weil sie ihre Fachthemen mit einem kleinen, aber interessierten und kenntnisreichen Kreis von Fachkolleginnen und -kollegen diskutieren, dabei aber auch ohne Sanktionsfurcht vom Thema abweichen und andere Belange ansprechen können (vgl. auch Littek 2012). Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist der Umgang mit der Zurechenbarkeit beziehungsweise Pseudonymität von Kommunikation in persönlichen Öffentlichkeiten. In Hinblick auf die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und daran anschließende Diskussionen gibt es starke Anreize, Facebook- oder Twitteraccounts wie auch Blogs unter dem »Klarnamen« zu führen, um vom möglichen Reputationsgewinn (wissenschaftsintern wie -extern) zu profitieren. Doch in den Fällen, in denen Wissenschaftler/innen ihre persönliche Öffentlichkeit weniger als Ort des Austauschs zu Forschungsthemen im engeren Sinn verstehen, sondern sich eher auf Einblicke in das akademische Leben konzentrieren und zum Beispiel bürokratische Abläufe an einer Universität oder Fallstricke der wissenschaftlichen Karriere kritisch oder auch satirisch thematisieren, kann die Entscheidung für ein Pseudonym fallen. Es dient in diesen Fällen dann der Wahrung der eigenen Privatsphäre wie auch dem Schutz von anderen Personen oder Institutionen, die angesprochen oder kritisiert werden (Dennen 2009; Colson 2011). 3.5 Informationsfluss zwischen den Arenen Die vorgeschlagene Unterscheidung von Arenen der (Wissenschafts-) Kommunikation im Internet verspricht drei Vorteile: Erstens lenkt sie den Blick weg von einer auf Gattungen oder einzelne Plattformen zentrierten Perspektive, die immer das Risiko birgt, der technischen Dynamik hinterher zu hinken, während Akteurskonstellationen und Mechanismen der Selektion und Präsentation von wissenschaftlichem Wissen tendenziell stabiler sind. Zugleich lässt sich so beschreiben, dass ein und dasselbe technische Format (z. B. ein Twitter-Account oder ein Blog) in ganz unterschiedlicher Art und Weise verwendet werden kann, sodass auf dieser Grundlage angelegte Kanäle unterschiedlichen Arenen zuzurechnen sind. Hopke/Simis (2015) beispielsweise zeigen für die Debatte zu »Fracking«, einer gesellschaftlich umstrittenen Technologie der Ölförderung, dass auf Twitter viele unterschiedliche Akteure daran teilhaben; während Accounts von politischen Aktivistinnen und Aktivisten für die meisten Tweets verantwortlich sind, werden journalistische (individuelle oder redaktionell geführte) Accounts sehr häufig erwähnt JAN-HINRIK SCHMIDT 96 beziehungsweise referenziert. Persönliche Twitter-Accounts von Wissenschaftler/innen spielen hingegen nur eine marginale Rolle. Zweitens erlaubt es die Arenaperspektive, die Darstellung von wissenschaftlichem Wissen auf format- oder gattungsübergreifende Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen. Shan et al. (2014) etwa verglichen die öffentliche Diskussion zwischen verschiedenen Arenen anhand der Berichterstattung über einen Lebensmittelskandal in Tageszeitungen, Nachrichten auf Twitter sowie Beiträgen in Blogs und Foren. Die journalistische Berichterstattung bezog signifikant mehr wissenschaftliche Expertenquellen mit ein und betonte häufiger wissenschaftliche Aspekte des Themas als die Beiträge in den sozialen Medien; letztere wiederum bezogen sich signifikant häufiger auf Berichterstattung aus publizistischen Medien und stellten häufiger die öffentliche Reaktion auf den Skandal in den Mittelpunkt. Lörcher/Taddicken (2015) haben untersucht, wie in verschiedenen Arenen Existenz, Bewertung und Folgen des anthropogenen Klimawandels diskutiert werden. Demnach sind sich Inhalte, die in der massenmedialen Arena sowie in zwei klimawissenschaftlichen Blogs kommuniziert wurden, relativ ähnlich. Ein starker Kontrast bestand allerdings zu den ebenfalls analysierten Diskussionsarenen (sowohl in spezifischen Foren als auch in den Kommentarbereichen zu publizistischen Online-Angeboten), wo sich deutlich stärker ambivalente beziehungsweise diversifizierte Positionen, das heißt insbesondere auch Skepsis oder gar Leugnung des anthropogenen Klimawandels, finden ließen. Ein dritter Vorteil der Arenenperspektive ist, Prozesse des Informationsflusses zwischen Teil-Öffentlichkeiten in den Blick nehmen zu können. Dieser Beitrag kann es nicht leisten, solche Prozesse detailliert zu analysieren und dazu auch die Rolle der Wissenschafts-PR systematisch einzubeziehen (vgl. hierzu unter anderem Bräutigam/Ettl-Huber 2013; Friedrichsmeier/Laukötter/Marcinkowski 2015). In den vorigen Ausführungen wurde aber verschiedentlich bereits darauf hingewiesen, dass das »Inter-Arena-Agenda-Setting« über unterschiedlichen Pfade ablaufen kann, darunter auch das klassische Modell von (externer) Wissenschaftskommunikation: Hier findet Wissen, das in der Arena der Expertenöffentlichkeit selektiert, geprüft und aufbereitet wurde, seinen Weg in die massenmediale Arena. Gerade die persönlichen Öffentlichkeiten können in diesem arenenübergreifenden Informationsfluss mittlerweile aber eine wichtige Mittlerrolle spielen, zum Beispiel wenn Wissenschaftsjournalist/innen Blogs oder Twitter-Accounts von Wissenschaftler/innen oder Forschungseinrichtungen folgen und so auf neue Veröffentlichungen aufmerksam werden oder den Kontakt zu Expertinnen und Experten herstellen. Ein anderer Vermittlungspfad, der im Zusammenhang mit Altmetrics bereits angesprochen wurde, läuft von der Kommunikation in Arenen SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 97 der persönlichen Öffentlichkeit zurück zum Output der Expertenöffentlichkeit, weil der Impact der wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht mehr nur in Zitationen, sondern auch durch Indikatoren der Anschlusskommunikation in sozialen Medien ausgedrückt wird. Verschiedene Studien haben sich insbesondere am Beispiel von Twitter mit den Zusammenhängen zwischen diesen Arenen befasst, ohne bislang jedoch disziplinübergreifend vergleichbare Befunde liefern zu können. Bei Liang et al. (2014) etwa finden sich Hinweise darauf, dass »online buzz (e.g., being mentioned on Twitter) further amplifies the impact of communicating science through traditional outlets on the scholar’s scientific impact« (ebd., 781/782). Rauchfleisch (2015) zeigte für den speziellen Fall der Kommunikationswissenschaft, dass Reichweite und Zentralität in den twitterbasierten Netzwerken mit der »Offline-Zentralität« einer Person im wissenschaftlichen Feld, gemessen über den zitationsbezogenen H-Index, korreliert. Pujari et al. (2015) fanden hingegen bei ihrer Analyse der Twitter-Aktivitäten von Informatiker/innen keinen Zusammenhang zwischen Follower- und Tweet-Strukturen einerseits und Ko-Autor/innen- oder Zitationsbeziehungen andererseits. Shuai et al. (2012) berichten allerdings von Hinweisen auf starke Zusammenhänge zwischen Erwähnungen von wissenschaftlichen Aufsätzen auf Twitter, ihrem Download auf der Plattform arXiv.org sowie Zitationen innerhalb der folgenden Monate. 4. Soziale Medien als Intermediäre Die vorangegangenen Kapitel haben sich der Bedeutung sozialer Medien für die Wissenschaftsberichterstattung in zwei Schritten genähert. Zunächst konnte die gattungsbezogene Perspektive wesentliche formale Merkmale und Funktionalitäten der sozialen Medien herausarbeiten. Die arenenbezogene Perspektive hat darauf aufbauend verschiedene Konstellationen von Kommunikatoren sowie den sie leitenden Selektions- und Präsentationsregeln identifiziert, die die Vermittlung von wissenschaftlichem Wissen prägen. Dieses Kapitel vollzieht nun den dritten Schritt der Argumentation und arbeitet heraus, welche Besonderheiten soziale Medien als Intermediäre haben. Dazu wird Abschnitt 4.1 zunächst begriffliche Grundlagen erörtern, bevor die Abschnitte 4.2 bis 4.4 drei zentrale Organisationsprinzipien der gegenwärtigen Intermediäre beschreiben. 4.1 Was ist ein Intermediär in der Wissenschaftsberichterstattung? Der Begriff »Intermediär« konnotiert zunächst recht allgemein die vermittelnde Rolle eines Akteurs oder Systems. Demnach könnte zum JAN-HINRIK SCHMIDT 98 Beispiel ein Wissenschaftsmagazin im Radio oder ein Fachjournal, aber auch ein einzelnes Doktoranden-Blog oder der YouTube-Channel einer Forschungseinrichtung als Intermediär bezeichnet werden, weil und insoweit diese Angebote Informationen an ein Publikum vermitteln. Im Folgenden soll Intermediär aber in einem eingeschränkteren Sinne und unter Bezug auf die Differenzierungen aus den vorangegangenen Kapiteln verstanden werden: Intermediäre sind solche Formate sozialer Medien, die verschiedene »Kanäle« (die wiederum einzelne Microcon tent- Einheiten umfassen) bündeln, ohne dabei auf bestimmte Inhalte oder Präsentationsformen festgelegt zu sein.9 Ein Intermediär generiert also selbst kein eigenes wissenschaftliches Wissen, stellt aber die Voraussetzungen zur Verfügung, dass andere dieses verbreiten beziehungsweise auffinden können. Intermediäre sind somit vor allem im Bereich der Netzwerkplattformen wie Facebook, ResearchGate und Academia sowie der UGC-Plattformen wie YouTube oder Slideshare zu finden. Aber auch Twitter (nicht aber einzelne Twitteraccounts) oder Blogportale (nicht aber einzelne Blogs) lassen sich als Intermediäre deuten. Intermediäre beschreiben sich selbst oft als »Plattformen«, die keine eigenen Inhalte produzieren und zudem den vorgehaltenen oder erschlossenen Informationen und Inhalten gegenüber grundsätzlich neutral gegenüber eingestellt seien. Gillespie (2010) hat allerdings gezeigt, dass diese Selbstzuschreibung in hohem Maße diskursiv-strategisch motiviert ist: Die Betreiber hätten ein Interesse daran, gerade gegenüber politisch-regulierenden Akteuren zu signalisieren, dass sie keine direkte Verantwortung für die auf ihrer »Plattform« bereitgestellten Inhalte trügen (mithin auch kein Regulierungsbedarf bestehe). Sie verdecken mit dieser Bezeichnung jedoch, dass sie durchaus Entscheidungen treffen, die bestimmte Inhalte und Praktiken bevorzugen oder erschweren. Wer oder was aber agiert in diesen Fällen als Intermediär? Anders gefragt: Wo ist die »Handlungs- und Entscheidungsmacht« zu suchen, die eine Intermediärsrolle auf eine spezifische, prinzipiell auch empirisch beschreibbare Art und Weise konstituiert? Die kurze Antwort: Die Intermediärsrolle entsteht erst im Zusammenspiel von Softwaresystemen mit ihren Spezifizierungen von Abläufen, von Betreibern mit spezifischen strategischen Interessen, und von Nutzerinnen und Nutzern mit spezifischen geteilten Praktiken. Ausführlicher: Intermediäre sind diesem Verständnis nach erstens Softwaresysteme aus dem Bereich der sozialen Medien, die spezifische 9 Dies schließt nicht aus, dass Intermediäre Restriktionen hinsichtlich der Art der vermittelbaren Inhalte besitzen, die technisch bedingt sein können (z.B. lässt sich auf einer Videoplattform kein Word-Dokument hochladen, und Twitter hat eine Zeichenbegrenzung pro Tweet) oder in rechtlichen Grenzen (z.B. der Meinungsäußerung oder des Urheberrechts) liegen. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 99 Funktionalitäten für – unter anderem – das Zur-Verfügung-Stellen und das Finden beziehungsweise Rezipieren von wissenschaftlichem Wissen unterstützen (siehe Tabelle 1 oben). In diesen Funktionalitäten kristallisieren sich bereits Entscheidungen und Selektionen, zum Beispiel nur bestimmte Medienformate zu unterstützen, bestimmte Indikatoren und Metriken der Nutzung (wie Abrufe eines Videos oder Blogeintrags) zwar zu erheben, aber nicht öffentlich sichtbar anzuzeigen, oder in Kommentarbereichen die Beiträge von Redaktionsmitgliedern besonders hervorzuheben. Den Nutzerinnen und Nutzern treten diese Funktionalitäten über »user interfaces«, also Benutzerschnittstellen gegen- über; die dahinterliegenden spezifischen Modelle, Datenstrukturen und Algorithmen, die das Funktionieren der Softwaresysteme erst erlauben, sind in der Regel aber ein »black box« und nur für die Entwickler/ innen zugänglich. Die Gestalt eines konkreten Softwaresystems wiederum ist abhängig von Vorgaben und Entscheidungen der Betreiber, die diese entweder selbst entwickeln (lassen) oder existierende Software, zum Beispiel die als open source verfügbare Blog-Software »Wordpress« oder das »MediaWiki«, für den eigenen Gebrauch anpassen. Ihre Interessen und Ziele bestimmen, zweitens, die Intermediärsrolle maßgeblich mit; insbesondere die Geschäftsmodelle, mithin die Frage der Finanzierung des Betriebs einer Plattform, wirkt sich auf die konkrete Gestaltung eines Intermediärs aus, zum Beispiel in Bezug auf die Öffnung oder Abschottung von Inhalten, auf das Einblenden von Werbung, auf das Tracken von Merkmalen der Nutzerinnen und Nutzer, auf das Anbieten zusätzlicher kostenpflichtiger Services, etc. (grundlegend zur Entwicklung der Geschäftsmodelle sozialer Medien siehe Goff 2013; Kolo 2017). Etablierte wissenschaftliche Verlage beispielsweise erweitern ihr Unternehmensportfolio um Angebote aus dem Bereich der sozialen Medien, zum Beispiel durch Kooperationen, durch eigene startupähnliche Initiativen oder durch den Aufkauf einschlägiger Plattformen. Stewart et al. (2013) konstatierten allerdings, dass noch nicht abzusehen sei, welche Geschäftsmodelle sich mittel- und langfristig für Wissenschaftsverlage im Bereich der sozialen Medien durchsetzen werden. Umgekehrt hat die Konkurrenz zwischen den Verlagen bereits zu sichtbaren Konflikten geführt: So verschickte die niederländische Verlagsgruppe Elsevier, die im Jahr 2013 die Plattform Mendeley aufgekauft hatte, Abmahnungen an verschiedene akademische Netzwerkplattformen mit dem Vorwurf, durch das Bereitstellen von Aufsätzen aus Elsevier-Journalen durch Nutzerinnen und Nutzer der Plattform würde das Copyright verletzt (van Noorden 2014). Betreiber sozialer Medien müssen aber nicht zwingend kommerzielle Interessen haben; die Wikipedia wird zum Beispiel von einer gemeinnützigen Stiftung (der »Wikimedia Foundation«) getragen, die den JAN-HINRIK SCHMIDT 100 Betrieb der Online-Enzyklopädie und anderer Projekte vor allem über Spenden finanziert. Auch viele individuell geführte Science Blogs werden ohne direkte Gewinnerzielungsabsicht, wohl aber mit der Hoffnung auf Reputationsgewinn, geführt. Zur Rolle und zum Funktionieren als Intermediär sind letztlich, drittens, immer auch Nutzerinnen und Nutzer notwendig, also Akteure (ob Individuen oder Organisationen wie Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, Parteien, Initiativen oder Ähnliches), die sich der Softwaresysteme bedienen, um jeweils eigene kommunikative Ziele zu erreichen. Erst wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Wissenschaftsjournalist/innen sowie die interessierte Bevölkerung eine konkrete Plattform zur Recherche, zur Verbreitung und zur Diskussion über Wissenschaftsberichterstattung nutzen, wird diese Plattform als Intermediär in der Wissenschaftskommunikation relevant. Dies klingt trivial, ist aber angesichts der in Kapitel 1 zitierten empirischen Studien zur ungleichen Verbreitung und zu möglichen Nutzungsbarrieren sozialer Medien unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern betonenswert. Aus den bisherigen Bemerkungen folgt, dass soziale Medien nicht automatisch eine bestimmte Intermediärrolle einnehmen, die stabil beschreibbar wäre. Alle drei beschriebenen Elemente – die softwaretechnische Gestalt, die strategischen Ziele und Finanzierungsmodelle der Betreiber sowie die Nutzerschaft und ihre Praktiken – sind tendenziell sehr dynamisch, sodass neue Intermediäre in die Wissenschaftskommunikation eintreten oder existierende ihre Bedeutung schleichend einbü- ßen können. Zudem kann sich die »Intermediär-Architektur«, also das Gefüge von kommunikativen Optionen und Praktiken, im Lauf der Zeit wandeln, zum Beispiel weil bestimmte Software-Funktionalitäten oder Betreibermodelle Konjunktur haben oder an Bedeutung verlieren. Mit diesen Einschränkungen der (zeitlichen) Gültigkeit im Hinterkopf lassen sich nichtsdestotrotz drei grundlegende Organisationsprinzipien identifizieren, die gegenwärtig die Intermediärsrolle in der Wissenschaftskommunikation kennzeichnen: Die Entbündelung und Neubündelung von Informationen aus unterschiedlichen Quellen und Arenen; die Tendenz zur Personalisierung von Informationsangeboten; die Konvergenz von Konversation und Publikation. 4.2 Ent- und Neubündelung von Informationen Das erste zentrale Organisationsprinzip von Intermediären ist, dass sie Informationen aus unterschiedlichen Quellen beziehungsweise Arenen zugänglich machen. Professionell produzierte journalistisch-redaktionelle Nachrichten oder von Expertinnen und Experten verifiziertes Wissen können ebenso wie Artikel aus einer kollaborativ erstellten In- SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 101 formationssammlung oder nutzergenerierte Inhalte durch Intermediäre zugänglich gemacht werden – entweder, indem ihre Urheber selbst dort aktiv sind und Informationen einspeisen, oder indem Nutzerinnen und Nutzer auf diese Inhalte hinweisen. Dieses Zugänglich-Machen beziehungsweise vermitteln beinhaltet, dass Informationen aus ihrem Ursprungskontext gelöst und als »Microcontent«, also als einzelne Informationseinheit, vom Intermediär neu gebündelt werden. Es bringt unter Umständen aber das Problem mit sich, dass dadurch Kontextmerkmale wie die Ursprungsquelle oder das ursprüngliche Veröffentlichungsdatum verloren gehen können, die für die Einordnung der Information oder Zuschreibung von Vertrauen wichtig sind. Nutzerinnen und Nutzer von Intermediären rezipieren Informationen dadurch nicht mehr in etablierten publizistischen Paketen mit eigenen zeitlichen Rhythmen und redaktioneller Gestaltung (wie zum Beispiel der Fernseh- oder Radio-Sendung, oder der Ausgabe einer Tageszeitung oder eines wissenschaftlichen Journals), sondern in Form von augenblicklich erstellten, oft auch ständig aktualisierten »Trefferlisten«, »Streams« oder »Feeds«. Diese neuen Informationsbündel können durchaus auch wieder redaktionell ausgewählt und zusammengestellt (»kuratiert«) sein – die oben erwähnten Portale für Wissenschaftsblogs nehmen beispielsweise eine redaktionelle Auswahl von empfehlenswerten Beiträgen aus den einzelnen Blogs vor, und auch die Wikipedia-Startseite enthält täglich aktualisierte Verweise auf Artikel, die von engagierten Wikipedianer/innen ausgewählt werden. Doch deutlich weiter verbreitet, auch wegen der fehlenden Skalierbarkeit von (ressourcenintensiver) redaktioneller Filterung, ist die algorithmische Filterung von Informationen, beispielsweise durch Prüfung der Relevanz für einen Suchbegriff oder durch das bevorzugte Anzeigen von Informationen, die aus dem Kontaktnetzwerk eines Nutzers oder einer Nutzerin stammen. Intermediäre fördern somit Prozesse der »Algorithmic Media Production« und der damit einhergehenden »Algorithmic Media Consumption« (Napoli 2014); Entscheidungen und Mechanismen der Produktion und Distribution von Inhalten, aber auch der Auswahl von Inhalten für das Rezipieren werden ganz wesentlich von computerisierbaren Prozeduren und Parametern beeinflusst. Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren die Debatten über möglicherweise mangelhafte Transparenz und »accountability« von Algorithmen angefacht, insbesondere in denjenigen Fällen, wo Algorithmen als »subjective decision makers« agieren und Informationen nach Kriterien weitergeben oder vorenthalten, die auch anders hätten gewählt werden können (Tufekci 2015). JAN-HINRIK SCHMIDT 102 4.3 Personalisierung Die algorithmische Bündelung von Informationen findet auf Intermedi- ären derzeit vornehmlich in einer Form statt, die die Tendenz zur Personalisierung von Informationsangeboten fördert. Zwei Faktoren wirken hierbei zusammen: Erstens beruht die personalisierte Bündelung darauf, dass Intermediäre solche Informationen bevorzugt anzeigen, die aus dem Kontaktnetzwerk des Nutzers oder der Nutzerin stammen. Dies ist also gewollte und bewusste Personalisierung – Nutzer/innen selektieren bestimmte Quellen, werden zum »Follower«, »Subscriber« oder »Fan« eines anderen Kanals, und fügen so dem eigenen Informationsstrom eine weitere Quelle hinzu. Personalisierung geschieht zweitens aber auch unbemerkt oder sogar ungewollt, weil Intermediäre Empfehlungs- und Filtermechanismen einsetzen, die vergangenes Nutzungsverhalten oder Metadaten über eine Person und ihre soziale Einbettung auswerten, um bestimmte Information ein- beziehungsweise auszublenden. Die Folgen dieser Entwicklung für die individuelle Informiertheit, aber auch für gesellschaflichen Zusammenhalt, werden unter dem Stichwort der »Filter Bubble« (Pariser 2011) diskutiert. In dieser Diagnose kommen drei Faktoren zusammen: Sozialpsychologische Faktoren im Informationsverhalten wie zum Beispiel der Wunsch nach Meinungsbestätigung oder die Tendenz zur Vermeidung kognitiver Dissonanz (vgl. als Forschungsüberblick zur »selective exposure« in der Onlinekommunikation Brundige 2010), soziologische Faktoren wie zum Beispiel die Tendenz zu Homophilie in sozialen Beziehungsgeflechten (vgl. den Überblick bei McPherson et al. 2001) sowie technologische Faktoren im Sinne der Architektur oder »affordances« konkreter Softwaresysteme (vgl. unter anderem Zillien 2008). Allerdings ist unklar, inwiefern die oben benannten sozialpsychologischen, soziologischen und technologischen Faktoren tatsächlich einzig in Richtung einer Personalisierung (und in letzter dystopischer Konsequenz: Fragmentierung oder gar Atomisierung) von Filterblasen und »Echo Chambers« (Sunstein 2009; vgl. auch Filipovic 2013) wirken, oder ob die Online-Kommunikation nicht auch Gegentendenzen wie das »inadverted exposure« (Brundige 2010) fördert, also die Konfrontation mit überraschenden und nicht gezielt gesuchten Informationen (vgl. unter anderem Kim et al. 2013; Willson 2014; feuilletonistisch zum Beispiel Passig 2012; Kappes 2012). Die genannten Studien widmen sich der Frage nach der Existenz von Filterblasen und Echokammern in der Regel mit dem Ziel, Folgen für gesellschaftlich-politische Meinungsbildung einzuschätzen; inwiefern diese Mechanismen auch für wissenschaftliche Informationen existieren, ist erst ansatzweise empirisch untersucht. Den Befunden von Jang (2014) zufolge wählen Menschen aus der Berichterstattung zu wissenschaftlichen Themen eher solche Informationen aus, die »challenging« SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 103 statt »supporting information« enthalten – dies gilt allerdings weniger stark für Menschen mit höherem wissenschaftlichen Wissen sowie stärker ausgeprägter Religiosität. Eine italienische Forschergruppe hingegen hat in zwei Studien die Kommunikationsprozesse in mehr als 60 Facebookgruppen untersucht, von denen etwa eine Hälfte verschwörungstheoretisch ausgerichtet war, die andere Hälfte hingegen »science news« verbreitete (Bessi et al. 2015; Del Vicario et al. 2016; Bessi 2016). Sie fanden Ähnlichkeiten in den zeitlichen Mustern der Informationsverbreitung wie auch in den sprachlichen Strukturen der Diskussionen, aber erkennbar voneinander separierte Nutzergruppen, die sie als »echo chambers« bezeichnen. Allerdings zeigte sich im Publikum der wissenschaftlich ausgerichteten Seiten eine größere Tendenz dazu, sich auch in Debatten auf verschwörungstheoretischen Seiten einzuschalten, während umgekehrt das verschwörungstheoretische Publikum stärkere Anzeichen von »cognitive closure« – gemessen anhand der Facebook-Aktivität – an den Tag legte. 4.4 Konvergenz von Konversation und Publikation Das dritte Organisationsprinzip gegenwärtiger Online-Intermediäre bezieht sich auf die Kommunikationsmodi, die sie ermöglichen. In vordigitalen Zeiten gab es eine relativ klare Trennung zwischen dem Kommunikationsmodus des »Publizierens« und dem der »Konversation«: Ersterer war an Print- oder Rundfunkmedien gebunden, die Informationen vorrangig nach journalistischen Kriterien auswählten, aufbereiteten und an ein disperses Publikum »sendeten«; in den Bemerkungen zur massenmedialen Arena oben wurde dieser Modus näher beschrieben. Der Modus der Konversation hingegen verweist auf eine tendenziell dialogische Form der Kommunikation, bei der Sender- und Empfängerrolle rascher wechseln. Sie findet sich zum einen in der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, aber auch in der medienvermittelten interpersonalen Kommunikation, zum Beispiel im Brief oder im Telefonat. Die sozialen Medien setzen eine Entwicklung fort, die bereits im World Wide Web angelegt ist: Beide Kommunikationsmodi nähern sich an, es kommt zur Konvergenz von Konversation und Publikation. Diese Konvergenz besteht in zweierlei Hinsicht. Erstens sind professionell-publizistische Kommunikatoren, ob journalistische Redaktionen oder Akteure der PR und Öffentlichkeitsarbeit, in wachsendem Maße mit eigenen Profilen, Channels und Accounts in den sozialen Medien aktiv, um ihre Inhalte auch auf diesem Wege zu verbreiten. In den personalisierten Quellenrepertoires der Nutzerinnen und Nutzer können diese publizistischen Angebote gleichberechtigt neben privaten Accounts von Freunden und Bekannten stehen, die möglicherweise ebenfalls auch JAN-HINRIK SCHMIDT 104 Hinweise auf interessante publizistische Informationen weiter verbreiten. Zweitens stoßen die Kommunikationsangebote in den sozialen Medien (in unterschiedlichem Ausmaß) Anschlusskommunikation der Nutzerschaft an, die die publizistischen Inhalte kommentiert, lobt, kritisiert, empfiehlt etc., dabei aber in aller Regel eher konversational gehalten ist. Diese Konvergenz von Konversation und Publikation, die soziale Medien als Intermediäre auszeichnet, ist auch für die Kommunikation zu wissenschaftlichen Themen von Bedeutung. Mittlerweile liegt eine Reihe von Studien vor, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie in der Anschlusskommunikation zur Wissenschaftsberichterstattung alternative Perspektiven oder gar Wissenschaftskritik zur Sprache kommt. Mahrt/Puschmann (2014) beispielsweise untersuchten die Kommentare zu 25 Blogeinträgen über fünf verschiedene kontroverse Themen (zum Beispiel zum Reaktorunglück in Fukushima). Bei jedem dieser Themen waren Kommentare mehrheitlich darauf ausgerichtet, zusätzliche Informationen und Perspektiven zum Beitragsthema zu liefern. Bewertungen des Blogeintrags, also explizite Zustimmung oder explizite Kritik, kamen in unterschiedlichen Verhältnissen vor, waren aber in Summe nie so häufig wie die ergänzenden Informationen. Mahrt/Puschmann (2014) schließen daraus, dass Science Blogs dazu dienen könnten, »discussions with a scholarly component in a forum where experts relay information to non-experts and engage in discussion with them« (ebd., 13) zu fördern. Dies müsse aber nicht zwangsläufig geschehen, denn zwischen der Komplexität des Blogbeitrags und der der Kommentare besteht ein positiver Zusammenhang: Beiträge, die sich eher eine Alltagssprache bedienten, enthielten auch viele entsprechende Kommentare, während Beiträge, die eine fachspezifische Terminologie benutzten, viele Kommentare mit entsprechend komplexer Sprache nach sich zogen, also augenscheinlich vor allem die Diskussion in einer Fachgemeinschaft förderten. Studien zur Anschlusskommunikation in der Wissenschaftsberichterstattung massenmedialer Arenen kommen zu einem etwas anderen Bild: Auf Grundlage einer Untersuchung von Leser/innenkommentaren zur Berichterstattung über Reproduktionsmedizin zieht Haake (2015) den Schluss, Leserinnen und Leser würden in ihren Beiträgen nicht generell die publizistische Behandlung oder die in ihr aufgegriffenen wissenschaftlichen Erkenntnisse kritisieren oder übernehmen, sondern vielmehr um eine weitere Perspektive ergänzen: »Wissenschaftliches Wissen und seine Vermittlung durch Journalisten und Experten wird also nicht systematisch einer Kontrolle und Kritik unterzogen; indem es jedoch von den Lesern in einem weniger wissenschaftlichen, sondern eher alltäglichen, gesellschaftlichen Kontext diskutiert wird, der zwar selten durch persönliche Erfahrung aber dennoch durch einen Bezug zur eige- SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 105 nen Lebenswelt hergestellt wird, können eigene Deutungen und Bewertungen in die öffentliche Debatte eingebracht und legitimiert werden« (ebd., 216). In ähnliche Richtung deuten die Befunde von Len-Rios et al. (2014), die Kommentare zu Artikeln untersuchten, die den Stand des wissenschaftlichen Wissens zum Stillen behandelten: Der Analyse zufolge waren Kommentare, die das Thema vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen diskutierten, deutlich häufiger als solche, die sich mit der wissenschaftlichen Evidenz auseinandersetzten. Weil in sozialen Medien und Kommentarbereichen publizistischer Medien die Anschlusskommunikation öffentlich stattfindet, kann sie die Wahrnehmung eines Themas auch über dessen Darstellung im Ursprungsartikel hinaus prägen. Neben zusätzlichen Argumenten oder persönlichen Bewertungen hat dabei auch die Tonalität der Kommentare einen Einfluss: Anderson et al. (2014) zeigten in einem Experiment zur Wahrnehmung von Nanotechnologie, dass »those who are exposed to uncivil deliberation in blog comments are more likely to perceive the technology as risky than those that are exposed to civil comments« (ebd., 381) – aber nur wenn die betreffenden Personen entweder im Vorfeld schon eine eher kritische Haltung zur Nanotechnologie hatten oder aber stark religiös sind. Diese Befunde wurden von der Redaktion eines populären US-amerikanischen Wissenschaftsblogs (popsci.com) als ein Beweggrund dazu angeführt, die eigenen Kommentarbereiche abzuschalten. Wie eine von Walsh (2015) durchgeführten Analyse auf der Seite eine Woche vor der Deaktivierung ergab, waren allerdings nur etwa vier Prozent der Kommentare tatsächlich »uncivil«, während sich die überwiegende Mehrheit mit den in Blogbeiträgen präsentierten Fakten oder daraus folgenden gesellschaftlich-politischen Konsequenzen auseinandersetzte. 5. Strukturwandel von (Wissenschafts-)Öffentlichkeit: Ausblick und offene Fragen Soziale Medien beschleunigen einen Strukturwandel von Öffentlichkeit, der auch die Wissenschaftsöffentlichkeit und Wissenschaftskommunikation berührt: Sie stellen neue Räume für Interaktion und Informationsaustausch zur Verfügung, erweitern existierende Arenen der massenmedialen Öffentlichkeit und Expertenöffentlichkeit und sie ermöglichen neuartige Formen der Selektion und Präsentation von Informationen, die sich in Arenen der kollaborativen Öffentlichkeit und der persönlichen Öffentlichkeit manifestieren. In diesem Zuge sind Intermediäre entstanden, die für ihre Nutzerinnen und Nutzer in der Informationsvielfalt vermitteln helfen: »Netzgiganten« wie Facebook, YouTube, Twitter JAN-HINRIK SCHMIDT 106 oder die Wikipedia gehören dazu, aber auch spezialisierte akademische Netzwerkplattformen und Blogportale. Ihr Bedeutungsgewinn im Zuge der letzten zehn Jahre ist ein Ausdruck der »platformization of the web« (Helmond 2015), also einer tendenziellen Ablösung des offenen Hypertext-Modells von durch Hyperlinks verbundenen einzelnen Webseiten hin zu einer technischen wie ökonomischen Konzentration auf wenige große Anbieter von Plattform-Infrastrukturen. Gerade Facebook agiert in dieser Hinsicht mit der klar erkennbaren Strategie, einen »walled garden« zu errichten, also so viele Daten und Inhalte wie möglich innerhalb des eigenen Angebots zu halten oder durch Schnittstellen (wie den »like«-Button, den andere Webseiten einbinden können) den Zugriff auf Nutzungsverhalten außerhalb der eigenen Plattform zu erhalten. Abgesehen von den offensichtlichen Risiken, die aus dieser Entwicklung für die Überwachbarkeit von Nutzerinnen und Nutzern sowie den Verlust ihrer informationellen Selbstbestimmung folgen können, steht diese Strategie auch dem Ursprungsgedanken des World Wide Web entgegen: Statt vieler dezentraler Informationsangebote, die durch Hyperlinks miteinander verbunden sind, ohne dass ein einzelner Akteur dieses Geflecht von Texten und Verbindungen kontrollieren würde, propagiert Facebook das Ziel, den »social graph« der Nutzerinnen und Nutzer (ihre persönlichen Merkmale und Präferenzen genauso wie ihre Interaktionen und Kontakte) möglichst vollständig abzubilden und zu kontrollieren, mithin zu monopolisieren. Derzeit scheint das Feld der Wissenschaftskommunikation genug Potenzial für alternative Plattformen zu bieten, auch wenn nicht abzuschätzen ist, welche der hier vorgestellten Angebote tatsächlich mittelund langfristig tragfähig sein werden. Insbesondere für Verlage eröffnen die sozialen Medien interessante Möglichkeiten, den Kern der eigenen publizistischen Tätigkeit um weitere Angebote und Dienstleistungen zu ergänzen und so auch neue Geschäftsfelder zu erschließen. Allerdings ist aus gesellschaftlicher Sicht wünschenswert, dass weder die sich neu formierende Öffentlichkeit noch das Feld der »Wissenschaftskommunikation 2.0« von kommerziell ausgerichteten Intermediären alleine beherrscht wird, sondern dass es auch alternative Formen der »commons-based peer production« (Benkler 2006) gibt, die idealerweise gesamtgesellschaftliche statt unternehmens- oder shareholder-fokussierte Interessen vertreten. Einige erfolgreiche Gegenmodelle kamen in dieser Expertise zur Sprache: Die (spendenfinanzierte) Wikipedia oder das Blogportal hypotheses.org, das von verschiedenen wissenschaftsnahen Einrichtungen und Stiftungen getragen wird, wären hier zu nennen; auch weite Teile der Blogosphäre sind nicht-kommerziell ausgerichtet und dem Ideal des dezentralen Informations- und Meinungsaustauschs verpflichtet. SOZIALE MEDIEN ALS INTERMEDIÄRE 107 Wie die weitere Entwicklung der Online-Öffentlichkeit im Allgemeinen und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit im Speziellen gesellschaftlich gestaltet werden kann, wenn zentrale technische und ökonomische Weichenstellungen schon seit Jahren eher dem Silicon Valley als europäischen Hochschulen entspringen, ist offen. Die Entscheidung des europäischen Gerichtshofs, das Safe-Harbor-Abkommen für ungültig zu erklären (vgl. EuGH, Urteil vom 6. Oktober 2015, Rs. C-362/14) und so eine für international agierende Intermediäre wesentliche Praxis – die transatlantische Speicherung und Verarbeitung von Daten – auszusetzen, hat zumindest ein Gegenzeichen gesetzt, auch wenn unklar ist, ob das an seine Stelle getretene »Privacy Shield«-Abkommen substantielle Verbesserungen bringt (Beuth 2016). In Deutschland befasste sich seit Ende 2014 eine Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz mit Fragen der Plattform- und Intermediärsregulierung, die im Sommer 2016 ihren Bericht vorlegte. Darin finden sich unter anderem Empfehlungen, das System der Medienregulierung stärker technologieneutral (und damit einheitlicher) auszurichten. Intermediäre sollten in diesem Zuge insbesondere auf Grundsätze der Diskriminierungsfreiheit und Transparenz verpflichtet werden können, gleichzeitig aber auch in Systemen der Ko- und Selbstregulierung mit in die Gestaltung und Prüfung der für sie geltenden Regularien eingebunden werden (vgl. Bund-Länder-Kommission 2016). Auch wenn in diesen Fällen die Wissenschaftskommunikation also nicht im Zentrum des Interesses steht, wird sie von möglichen Entscheidungen auch betroffen sein – gemessen an den Idealen der Wissenschaftskommunikation scheinen Regulierungsziele wie Offenheit der Märkte für neue und alternative Anbieter, die Transparenz von Selektionskriterien und die Diskriminierungsfreiheit der präsentierten Inhalte sinnvoll. Nicht zuletzt hat die vorliegende Expertise deutlich gemacht, dass in vielen Bereichen schlicht noch zu wenig empirisch gesichertes Wissen über den Stellenwert sozialer Medien in und für die Wissenschaftskommunikation vorliegt. Mindestens in den folgenden Fragen besteht daher dringender Forschungsbedarf: • Eine Reihe regelmäßig durchgeführter Befragungen misst zuverlässig die Verbreitung sozialer Medien in der Bevölkerung; für die Verbreitung unter Wissenschaftler/innen wie auch unter professionellen Kommunikatoren an Hochschulen und in Forschungseinrichtungen liegen jedoch keine vergleichbaren Erhebungen vor. • Ergänzend wären repräsentative empirische Erhebungen wünschenswert, die Auskunft über die Nutzung von wissenschaftlichen Inhalten in den verschiedenen Online-Arenen geben: Über welche Wege sind Menschen mit wissenschaftlichem Wissen konfrontiert und welchen Stellenwert haben dabei die unterschiedlichen Kommunikatoren und JAN-HINRIK SCHMIDT 108 Präsentationsformen, zum Beispiel für die Zuschreibung von Glaubwürdigkeit? Für wissenschaftliche Kontroversen oder auch »normales« wissenschaftliches Wissen könnten so auch die Pfade der Vermittlung zwischen den Arenen vergleichend rekonstruiert und erklärt werden. • Angesichts der beschriebenen Strukturprinzipien von Intermediären besteht dringender Forschungsbedarf zu den Auswirkungen der algorithmischen Filterung und Personalisierung von Informationen. Entsprechende Studien sollten sich zum einen auf die Informiertheit der Nutzerschaft konzentrieren, also beispielsweise untersuchen, welchen Stellenwert wissenschaftliche Quellen in den Informationsrepertoires der Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien haben. Zum anderen fehlen bislang aber auch Befunde dazu, inwieweit gerade die akademisch-spezialisierten Intermediäre zu einer Verbreiterung oder Verengung von Informationsquellen beitragen, zum Beispiel durch die algorithmische Verstärkung disziplinärer Echokammern. Literatur Alle Onlinequellen waren am 10.10.2016 verfügbar. 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Dabei vereint die Online-Enzyklopädie im Grunde zwei Aspekte: eine elektronisch verfügbare, freie enzyklopädische Ressource und ein Kollektiv unbezahlter Autoren (und weniger Autorinnen). Auf beiden Ebenen ist das Projekt Beispiel für die Leistungsfähigkeit nutzergenerierter Wissensproduktion im Internet (Pentzold 2016). Allgemein gesprochen sind Wikis, als technische Basis des Vorhabens, Anwendungen im World Wide Web, mit denen Hypertextdokumente direkt im Browser angelegt, editiert und mit anderen Dokumenten verlinkt werden können. Jede Inhaltsseite wird standardmäßig von einer Diskussionsseite begleitet. Im Vergleich zu anderen wiki-basierten Vorhaben und im Verhältnis zur Erstellung freier Informationsgüter generell ist Wikipedia extrem erfolgreich: Ca. 2,5 Millionen Einträge allein in der deutschsprachigen Version, rund 2 Millionen registrierte Benutzerkonten in dieser Ausgabe und (gemäß des zu Amazon gehörenden Marktforschungsdienstes alexa.com) Platz 6 populärer Webseiten mit mehr als 8,2 Milliarden Zugriffen pro Monat für die Variante in Englisch dokumentieren ihre Bedeutung als online verfügbares Referenzwerk (Stand: Januar 2017; Wikipedia:Statistik). Auch wenn die Zahl aktiv beteiligter Autoren relativ gering ist (ca. 1.000 regelmäßige Schreiber in der deutschsprachigen Fassung), wird häufig auf Wikipedia verwiesen, wenn es darum geht, die Leistungskraft und den kulturellen wie ökonomischen Wert von Freiwilligenarbeit zu unterstreichen (Sunstein 2006). Mit ihrer Zielrichtung, Arbeitsweise und dem erreichten Volumen ist die Wikipedia auf der einen Seite wichtiger Referenzpunkt von Wissenschaftskommunikation – und selbst Katalysator des Wandels digitaler, vernetzter Formen von Wissens- und Wissenschaftsvermittlung, -präsentation und -zirkulation. Auf der anderen Seite geben wissenschaftliches Arbeiten und wissenschaftliche Ansprüche Orientierung für die Wikipedianer und helfen ihnen, ihr Arbeitsethos und Werkkonzept zu formulieren. Als Online-Plattform und Arena kollaborativer Öffentlichkeit, wie Jan-Hinrik Schmidt sie klassifiziert (in diesem Band), wird Wikipedia von einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, von akademischen Verbänden wie auch von Wissenschaftsorganisationen als stark WIKIPEDIA UND WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 117 frequentierte Informationsressource wahrgenommen. Dies bedeutet zweierlei: Einmal bestehen Bestrebungen, wissenschaftlichen Persönlichkeiten, Einrichtungen, Initiativen, Themen oder Konzepten zu einem Eintrag zu verhelfen. Im Grunde laufen diese Ansinnen und damit verknüpfte Editiervorhaben den editorischen Anforderungen der Wikipedia-Nutzer nicht grundlegend zuwider, solange sie den editorischen Anforderungen an Belegbarkeit und Relevanz entsprechen. Zudem wird die Wikipedia als kostenlose Informationsquelle genutzt, wobei insbesondere der Gebrauch unter Schülern und Studierenden eine intensive Debatte um ihre didaktischen Implikationen und die Zulässigkeit ihrer Nutzung angestoßen hat (Tohidinasab/Jamali 2013; Garrison 2015). Darüber hinaus haben die Autoren innerhalb des internen Arbeitszusammenhangs Regeln entwickelt, die begründete Belege für eingebrachte Inhalte fordern. Wissenschaftlich erzeugte und veröffentlichte Einsichten und Überlegungen sollen in diesem Sinn nicht nur sicherstellen, dass keine Falschinformationen in das Referenzwerk eingehen. Darüber hinaus wollen die Editoren mittels wissenschaftlich generierter und geprüfter Quellen den enzyklopädischen Wert von Themen klären. »Wikipedia should cover topics considered noteworthy in the outside world, as determined by reliable, independent secondary sources«, definieren Ayers, Matthews und Yates (2008, 18) dementsprechend Relevanz durch Belegbarkeit. Das Anführen publizierter Konzepte, Forschungsansätze und Studienergebnisse erfolgt indessen nicht reibungslos, sondern gibt Anlass zu mitunter verwickelten Debatten auf den zu jedem Eintrag gehörigen Diskussionsseiten, in denen die wissenschaftliche Triftigkeit von Theorien, die Korrektheit von Resultaten oder auch die Wertigkeit von Veröffentlichungsformaten bestritten oder verteidigt werden. Zudem sind um rationalen Diskurs bemühte Wissenschaftler die bevorzugte Referenz des Selbstverständnisses von Wikipedianern als bedachte und gewissenhafte Editoren – »if it helps, imagine a bunch of old professors sitting around a library table discussing one of the esteemed fella’s submissions to the encyclopedia« (Harrington 2001). Anleihen nimmt diese klischeehafte Vorstellung am Idealbild der Republic of Science und damit an den von Merton (1973, 7–40) formulierten wissenschaftlichen Normen, insbesondere den Forderungen nach Kommunalismus (die Wissenschaft soll kooperativ geschehen), Universalismus (die Wissenschaft soll offen für alle Befähigten sein und die Ergebnisse und Methoden sollen offen gelegt werden), Uneigennützigkeit (die Wissenschaft soll nicht vom unmittelbaren persönlichen Interesse der Forschenden abhängen) und Skeptizismus (Forschungsergebnisse sollen im Prinzip überprüfbar sein). In dieser Lesart nehmen die Autoren folglich nicht wissenschaftliche Reputation und Status zu Anhaltspunkten ihres Selbstverständnisses, sondern den wissenschaftlichen Diskurs um das beste Argument. In der CHRISTIAN PENTZOLD 118 Realität der Arbeitsprozesse tritt indessen der Apparat an wikipedia-internen Regeln und hierarchischen Positionsgefügen hinzu, sodass sich Nutzer in editorischen Fragen fallweise auch gegen Fachwissenschaftler durchsetzen können (Stegbauer 2009). Hinsichtlich der Mechanismen zur Qualitätssicherung stellten Stvilia und Kollegen (2008) außerdem fest, dass die Autoren der englischsprachigen Version ähnliche Informationsqualitätsprobleme wahrnahmen und Maßstäbe der Qualitätssicherung entwarfen, wie sie vergleichbar auch im Herstellen gedruckter Lexika zum Tragen kamen. Demnach wären gute Wikipedia-Artikel solche, die verständlich, richtig und nachprüfbar sind, die in einer stabilen Version vorliegen, in gutem Stil und in Einklang mit den Regeln der Wikipedia verfasst sind, wenig Widerspruch hervorrufen und eine angemessene und lizenzrechtlich unbedenkliche Bebilderung aufweisen. Damit versuchen die Autoren die Güte der Inhalte und ihrer Darstellung abzusichern, wobei die Ausformulierung von Relevanznormen und formalen Gestaltungskriterien häufig als Reaktion auf Kritik an der Zuverlässigkeit und Neutralität der Ressource erfolgte. Die offenen Schreib- und Redaktionsprozesse machen das Verbreiten falscher und unbestätigter Informationen möglich, wobei abgesehen von immer wieder publik werdenden groben Fehlern systematischere Vergleiche mit einschlägigen Referenzwerken der Wikipedia ein ähnlich hohes Korrektheitsniveau attestieren (Giles 2005; Magnus 2009). Problematischer als die Frage konkret feststell- und korrigierbarer Fehler ist das Interesse an einseitigen beziehungsweise vorteilhaften Darstellungen, welches die Artikel aufgrund ihrer hohen Sichtbarkeit auf sich ziehen. Weil Wikipedia eine prominente Referenz für Informationen aller Art ist, existieren intensive Anstrengungen, etwa seitens von Public Relations-Agenturen und Interessengruppen, die Präsentation von Themen oder Personen zu beeinflussen. So versuchen sie beispielsweise, Informationen mit zum Teil zweifelhafter wissenschaftlicher Überprüfbarkeit strategisch einzubringen oder Fakten zu unterschlagen beziehungsweise die Beschreibung von Sachverhalten bis in den Wortlaut hinein zu kontrollieren – ein markantes Beispiel scheint der Eintrag zu »Wissenschaftskommunikation« selbst zu sein, der den Fokus auf marktliche Kommunikation lenkt und damit in inhaltlicher Breite und Gewichtung deutlich vom englischsprachigen Pendant »science communication« abweicht. Auf diese Weise wird eine möglichst neutrale und umfassende enzyklopädische Darstellung kompromittiert. WIKIPEDIA UND WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 119 Literatur Ayers, Phoebe/Matthews, Charles/Yates, Ben (2008): How Wikipedia Works. And how you can be part of it. San Francisco: No Starch Press. Garrison, John C. (2015): »Getting a ›quick fix‹: First-year college students’ use of Wikipedia«, First Monday, 20(10): Online: http://128.248.156.56/ojs/index.php/fm/article/view/5401 Giles, J. (2005). »Internet encyclopedias go head to head«, Nature 438: 900–901. Harrington, Bryce (2001): »A few comments about Wikipedia«, Nachricht an: Wikipedia-l, abgerufen am: 18.12.2011, http://lists.wikimedia.org/pipermail/wikipedia-l/2001-January/000004.html Magnus, P.D. (2009): »Early responses to false claims in Wikipedia«, First Monday 13(9). Online: http://firstmonday.org/article/view/2115/2027 Merton, Robert K. (1973): The Sociology of Science. Chicago: University of Chicago Press. 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Einführung Ausgehend von einer Bestandsaufnahme der vielfach als »Krise« apostrophierten medienökonomischen Situation des Wissenschaftsjournalismus in den klassischen publizistischen Medien sowie der Wissenschafts-PR unter Online-Bedingungen ist dieser Beitrag der Frage gewidmet, wie alternative Vermittlungsformen von Wissenschaft – konkret Wissenschaftskommunikation über Social Media, selbstvermittelt durch Wissenschaftsorganisationen und Wissenschaftler1 – aus medienökonomischer Sicht zu bewerten sind. Dabei steht zum einen die Frage nach der Effektivität im Vordergrund – was kann Social-Media-Wissenschaftskommunikation selbstvermittelt durch Akteure aus dem Wissenschaftssystem leisten und was nicht? Handelt es sich bei beiden Formen um funktionale Äquivalente? Zum anderen wird die Kostenseite dieser selbstvermittelten Kommunikation betrachtet, um aus medienökonomischer Sicht die Effizienz dieses – so unsere These – nur vermeintliche ›alternativen Weges‹ zu bewerten. Um ein anschaulicheres Bild zu zeichnen, entwickeln wir drei Varianten möglicher selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation, die auf unterschiedlichen Ressourceneinsätzen, Zielreichweiten und Strategien beruhen. Damit wird das gesamte Spektrum des Möglichen sicherlich nicht abgebildet, aber es können einige grundlegende und differenzierende Einsichten gewonnen werden. Einige unserer Modellannahmen beruhen dabei auf Hintergrundgesprächen mit erfahrenen Social-Media-Experten. Die nicht ohne Weiteres valide bestimmbaren monetarisierbaren Kosten und Nutzen müssen in den Kontext aufmerksamkeitsökonomischer beziehungsweise öffentlichkeitstheoretischer Bedingungen von Wissenschaftskommunikation gestellt werden: Quantität und Qualität des Publikumskontaktes, thematische Schwerpunkte beziehungsweise Medialisierbarkeit unterschiedlicher Wissenschaftsthemen oder gar 1 Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird nachfolgend nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 124 Wissenschaftsdisziplinen sowie die Ressourcenstärke verschiedener Anbieter (einzelne Forschende, einzelne Hochschulen, Großforschungseinrichtungen oder national agierende Forschungsorganisationen) sollten als Faktoren berücksichtigt werden. 2. Hintergrund: Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR unter Online-Bedingungen 2.1 Zur aktuellen Lage des Wissenschaftsjournalismus aus medienökonomischer Sicht Die folgende medienökonomische Analyse resümiert zunächst die Finanzierungsprobleme von Wissenschaftsjournalismus und beruht dabei vorrangig auf der partiellen Übertragbarkeit der Befunde und Schlussfolgerungen von Lobigs (2014) und Siegert (2014) auf den Wissenschaftsjournalismus. Darüber hinaus lassen sich einige Spezifika des Wissenschaftsjournalismus aus medienökonomischer Sicht ergänzen, die im Ergebnis erklären helfen, wo genau und warum in diesem »Kleinstressort« (Ruß-Mohl 2012, 82) die Finanzierungsprobleme besonders schwerwiegend und möglicherweise folgenreich sind. Wir betrachten Wissenschaftsjournalismus also im Wesentlichen als thematisch spezialisierte Form und publikumsmäßig fokussierten Teil von Qualitätsjournalismus. Für die später vorzunehmende Beurteilung der Frage nach potentiellen Alternativen für einen gegebenenfalls in der Krise befindlichen Wissenschaftsjournalismus verstehen wir Alternativen ökonomisch im Sinne funktionaler Äquivalente, deren Kosten und Nutzen verglichen werden können. Ausgangspunkt muss daher die Bestimmung der Funktionen von Wissenschaftsjournalismus sein, ohne die zum Teil kontrovers geführte Debatte der letzten Jahrzehnte hier abbilden zu können. Kohring beschreibt und kritisiert das »Paradigma Wissenschaftsjournalismus« auf der Grundlage der zentralen Funktionszuweisungen, die in der Praxis wie in der Forschung weitgehend geteilt wurden beziehungsweise werden. Demnach delegiert das Wissenschaftssystem die Aufgabe, Wissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln, an die Journalisten, und zwar auf spezifische, der Logik des Wissenschaftssystems (und nicht des Journalismus) folgende Weise. Es geht demnach um den einseitigen Informationstransfer aus der Wissenschaft an die Öffentlichkeit, und zwar im Sinne eines Dolmetschers auf verständliche Art, aber gemäß der Wahrheitskriterien der Wissenschaft, ihrer Relevanzzuschreibungen und Systematik. Ergänzt wird diese Informations(transport)funktion durch eine Bildungs- und Aufklärungsfunktion und die Akzeptanzfunktion. Hierbei SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 125 geht es um die Bewältigung von Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit ebenso wie um die Affirmation von Wissenschaft als fortschrittliche Problemlösungsinstanz sowie um die gesellschaftliche Legitimation öffentlicher Finanzierung. Eher selten wird hingegen laut Kohring die Kritik- und Kontrollfunktion als Teil der Aufklärungsfunktion erwähnt (vgl. Kohring 1997, 77–84). Kohring hält das Paradigma Wissenschaftsjournalismus für eine normative Zweckprogrammierung von Journalismus aus der Sicht des Wissenschaftssystems, was er journalismustheoretisch kritisiert, auch weil die funktionale Trennung zwischen Journalismus und PR verwässert werde (vgl. Kohring 1997, 84–85 und 280; 118–121). Unabhängig davon, ob man Kohrings systemtheoretischen Entwurf und seiner Kritik des Paradigmas Wissenschaftsjournalismus in allen Punkten folgt, machen seine Überlegungen auf funktionale Unterschiede aufmerksam, die für unsere medienökonomische Analyse relevant sind: Die Vermittlung von Wissensbeständen durch Wissenschaftsjournalismus erfolgt »autonom«, also von einem unabhängigen Standpunkt außerhalb des Wissenschaftssystems aus – so wie dies auch für den Politik-, Wirtschafts- oder Sportjournalismus erfolgt beziehungsweise erfolgen sollte. Der Wissenschaftsjournalismus ist nicht am Eigeninteresse eines wissenschaftlichen Akteurs ausgerichtet, wenn er nicht »die Glaubwürdigkeit seiner Beobachterposition […] gefährden« (Kohring 1997, 279) will. Die Funktion der Kritik und Kontrolle, aber auch die Relevanzzuschreibung von Themen erfolgt durch Wissenschaftsjournalismus in Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe – und nicht nach Maßgabe von Partialinteressen, deren Durchsetzung die Primärfunktion von PR darstellt.2 Hierbei handelt es sich um eine funktionale Differenzierung, auch wenn sie im Einklang mit normativen Unterscheidungen stehen mag. Im Rahmen dieser Studie, der unter anderem das Argument des funktionalen Äquivalents zugrunde liegt, beziehen wir uns auf die Funktionen von Wissenschaftsjournalismus und möglicher Alternativen. Die sich aus der Autonomie der Vermittlerposition ergebende Glaubwürdigkeit von Wissenschaftsjournalismus dürfte nicht nur für unabhängige Kritik und Kontrolle, sondern für die Erfüllung der (normativ durchaus umstrittenen) Akzeptanzfunktion relevant sein. Es empfiehlt sich, die pauschale Diagnose einer medienökonomisch verursachten Krise des Wissenschaftsjournalismus nicht unhinterfragt zu übernehmen, um direkt nach funktionalen Äquivalenten Ausschau zu halten. Wir halten zunächst eine differenzierte Betrachtung von Wissenschaftsjournalismus anhand systematisch zu unterscheidenden Medienorganisationstypen für notwendig. 2 Vgl. hierzu Jarren/Röttger (2015, 35). Das schließt nicht aus, dass PR auf der Makroebene »in Summe« auch eine gesellschaftliche Funktion erbringt. Dabei handelt es sich aber um einen Emergenzeffekt, und nicht um den bezahlten Sinn der Auftragskommunikation. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 126 Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil findet Wissenschaftsjournalismus in General Interest-Pressemedien (Tages- und Wochenzeitungen) statt, die insgesamt aufgrund eines Wandels der Mediennutzung (verbunden mit einem sehr starken und anhaltenden Auflagenverlust innerhalb des letzten Jahrzehnts) und mangelhafter Geschäftsmodelle für die Onlinevermarktung ökonomisch unter starkem Druck stehen. Zu einem anderen Teil handelt es sich um Qualitätsjournalismus im Sinne eines Fachjournalismus für Special Interest-Medien,3 vor allem im Pressesektor (für eine Übersicht siehe: Meier/Feldmeier 2005, 206). Die Special Interest-Presse basiert zwar in weiten Teilen auf ähnlichen Finanzierungsmodellen, indem sie auf die Vermarktung klar definierter Zielgruppen auf den Werbemärkten setzt, folgt aber partiell (und vermutlich gerade in der Wissenschaftsberichterstattung) anderen Regeln als die General Interest-Presse. Darüber hinaus findet Wissenschaftsjournalismus Platz in den Rundfunkmedien: Im privatwirtschaftlichen Rundfunksektor greifen ebenfalls die ökonomischen Mechanismen des Werbemarktes, während Pay-Spartenkanäle in Deutschland von vergleichsweise geringer Marktbedeutung sind. Im privatrechtlichen Hörfunk spielt aufgrund der Formatierung Wissenschaftsjournalismus faktisch keine Rolle. Für öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Fernsehen ergibt sich aufgrund der Beitrags-finanzierung eine grundlegend andere Finanzierungsbasis für Qualitätsjournalismus insgesamt und damit auch für Wissenschaftsjournalismus (für eine Übersicht siehe Dormeier 2006, 146–149). Der öffentlich-rechtliche Rundfunk stellt insofern den medienökonomisch einfachsten Organisationstyp dar, als er seine systematische Legitimation aus dem Programmauftrag bezieht, der als öffentliche Aufgabe (bzw. meritorisches Gut) eine besondere Finanzierungsform rechtfertigt. Die Mischfinanzierung der Hauptfernseh- und meisten Hörfunkprogramme (mit der hier relevanten Ausnahme von Deutschlandradio) aus Werbeeinnahmen (3–5 Prozent), sonstigen Erlösen und Rundfunkgebühren beziehungsweise -beiträgen (rund 85 Prozent) (vgl. Beck 2012, 203) ist zwar immer wieder Gegenstand medienpolitischer Kontroversen. Das Grundmodell einer auskömmlichen Beitragsfinanzierung steht jedoch aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht zur Disposition. Selbst wenn Initiativen zur Abschaffung der Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mittelfristig erfolgreich sein sollten, 3 Die Fachpresse im eigentlichen Sinne umfasst wissenschaftliche Fachzeitschriften sowie an spezifische Branchen und Berufsgruppen gerichtete Zeitschriften. Ihre Lektüre setzt Fachkenntnisse voraus, über die ein breiteres Publikum in der Regel nicht verfügt. Als primär internes Kommunikationsmedium, das sich an eine Scientific oder Professional Community wendet, wird die Fachzeitschrift deshalb hier nicht weiter berücksichtigt. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 127 gefährdet das dessen Finanzierung nicht. Die derzeitige Finanzsituation ist ausgesprochen günstig, denn die Umstellung von der Rundfunkgebühr auf einen haushaltsbezogenen Rundfunkbeitrag sowie die veränderte Gebührenpflicht für Betriebsstätten hat zu einer deutlichen Steigerung der Einnahmen geführt: Betrugen die Gebühreneinnahmen im Jahr 2000 noch 5,78 Milliarden Euro, so waren es 2010 bereits 7,31 Milliarden und 2015 aufgrund der Umstellung auf ein Beitragssystem sogar 8,1 Milliarden Euro, übrigens bei ebenfalls steigenden Werbeeinnahmen.4 Laut KEF-Bericht zählen Programme aus Wissenschaft und Kultur zu den preiswert zu produzierenden: Die Produktionskosten pro Minute betragen nur 2.300 Euro, während es bei Politik und vor allem bei Sport- (11.500 Euro) und Unterhaltungsprogrammen (4.400–6.300 Euro/Minute) deutlich höhere Kosten sind (vgl. KEF 2014, 37).5 Eventuell zu beobachtende Veränderungen der publizistischen Qualität im öffentlich-rechtlichen Sektor können daher nicht auf Finanzierungsprobleme oder gar -krisen zurückgeführt werden, sondern müssen als Folge organisationsinterner strategischer (Fehl-)Entscheidungen sowie ordnungspolitischer Vorgaben (bzw. deren Interpretation durch die Leitungsebene der Rundfunkanstalten) betrachtet werden. Aufgrund der bereits unter anderem von Lobigs (2014, 173) kritisch angesprochenen mangelnden Transparenz lassen sich keine belastbaren Aussagen über den Ressourceneinsatz für die Wissenschaftsberichterstattung oder gar deren Veränderung im Zeitverlauf gewinnen. Leichter verfügbar sind Informationen über das Programmangebot: Für den Hörfunk lässt sich feststellen, dass mit dem Start des digitalen DeutschlandRadio-Programms DR-Wissen im Jahre 2010 ein relevantes Spartenprogramm hinzugekommen ist. Einschränkend muss angemerkt werden, dass dieses Programm keine über UKW verbreitete Hörfunkwelle ist, sondern ein digitales Angebot mit sehr geringer Reichweite. Die oftmals als »Verspartung« kritisierte Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Anstalten kann dazu führen, wissenschaftsjournalistische Inhalte aus den »Hauptprogrammen« abzuziehen und in ein despektierlich »Programm-Ghetto« genanntes Zielgruppenangebot mit geringer Reichweite zu »verbannen«. Ob dies im Falle von DR-Wissen zutrifft, müsste genauer untersucht werden; evident ist derzeit, dass Beiträge auf der neuen Plattform zweitverwertet werden und den interessierten Nutzern längerfristig und komfortabler zur Verfügung gestellt werden als im rein linearen Programm einer klassischen Hörfunkwelle. Für das Fernsehen liegen aufgrund der kontinuierlichen Programmforschung der Landesmedienanstalten vergleichbare Longitudinaldaten 4 Vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/rundfunkbeitrag-bringt- 2015-rund-8-1-mrd-euro-ein-14287603.html (7.8.2016) 5 Die Berechnung der Minutenkosten haben wir Haucap/Kehder/Loebert (2015, 18) entnommen. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 128 zum Angebot öffentlich-rechtlicher wie privatrechtlicher Veranstalter vor (vgl. ALM 2012, 272; 286–287 sowie die landesmedienanstalten 2015, 254; 268–269). Addiert man die Anteile der Kategorien »Bildung, Wissenschaft und Forschung«, »Natur und Umwelt« sowie (eine gewisse Unschärfe in Kauf nehmend) »Verbraucher- und Gesundheitsthemen«6 an der Fernsehpublizistik (also ohne Unterhaltung, Werbung etc.), dann ergibt sich bezogen auf die letzten Jahre folgendes Bild für die Programmleistungen (Tab. 1). Tabelle 1: Anteil von Wissenschaftsthemen im deutschen Fernsehen »Wissenschaftsanteil« an der Fernsehpublizistik (Prozent) 2010 2014 RTL 2,1 2,9 Sat1 3,3 3,2 ProSieben 3,7 3,4 VOX 3,1 2,4 RTL II 4,1 1,4 kabel eins 4,0 8,5 ARD Das Erste 5,1 5,0 ZDF 7,9 6,9 * Daten für das erste Halbjahr (1. Erhebungswelle) Bei der Interpretation der Prozentwerte für die öffentlich-rechtlichen und die privaten Angebote muss unbedingt berücksichtigt werden, dass die Grundgesamtheit (Sendeminuten für Fernsehpublizistik) sich systematisch unterscheidet. Während der Anteil der Fernsehpublizistik bei RTL noch bei 34,8 Prozent (für 2010) liegt, beträgt er bei Sat.1 nur noch 20,8 Prozent (2010) und bei kabel eins lediglich 17,3 Prozent. Bei den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen hingegen macht die Fernsehpublizistik, also journalistischer Inhalt, insgesamt 43,4 (ARD) beziehungsweise 53 Prozent (ZDF) aus.7 Das heißt, nicht nur die relativen Anteile von »Wissenschaft« an den journalistischen Programmbestandteilen sind bei den öffentlich-rechtlichen (insbesondere dem ZDF) erkennbar höher, sondern auch bei der Betrachtung der absoluten 6 Gesundheitsthemen dürften in erheblichem Maße wissenschaftsbasiert berichtet werden, was für Verbraucherthemen nur begrenzt gilt, hier aber aufgrund der publizierten Daten nicht getrennt werden kann. 7 Für das erste Halbjahr 2014 betragen diese Werte: ARD 47,4%, ZDF 45,5%, Sat.1 15,9%, RTL 26,4%. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 129 Anteile (letztlich: gesendete Programmminuten) wird der Systemunterschied noch deutlicher. Bezogen auf die letzten vier Jahre zeichnen sich insgesamt keine schwerwiegenden Rückgänge für Wissenschaftsthemen ab. Mit Bezug auf die Reichweite liegen Wissens- beziehungsweise Wissenschaftssendungen im Fernsehen in der Größenordnung zwischen einer knappen Million und themenabhängig etwa zwei Millionen Menschen.8 Dabei zählen Wissenschaftsthemen nicht zu den präferierten Prime Time-Angeboten; bei beiden Medienorganisationstypen sind die Wissenschaftsanteile während der zuschauer- und werbeattraktiven Stunden zwischen 18 und 23 Uhr geringer. Deutlicher ist diese kommerzielle Orientierung bei den privatrechtlichen Anbietern (RTL 1,3 im Vergleich zu 2,9 Prozent), während beispielsweise das ZDF für 2014 noch 5,8 Prozent »Wissenschaftsanteile« in der Prime Time (im Vergleich zu 6,9 Prozent gesamt) aufzuweisen hat. Im Vergleich zu 2010 ergeben sich keine bemerkenswerten Veränderungen. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch eine Inhaltsanalyse zur Struktur und Umfang von Wissenschaftssendungen im europäischen Fernsehen (2007–2008) von Lehmkuhl (2013) und Kollegen (Lehm kuhl et al., 2012). Mit Bezug auf die 94 untersuchten deutschen Wissenschaftssendungen zeigt sich, dass diese vornehmlich den öffentlich-rechtlichen Sendern zugerechnet werden können, wobei hier insbesondere die dritten Programme mit vergleichsweise niedrigen Marktanteilen die höchsten Sendezeiten auf sich vereinen (vgl. Lehmkuhl 2013, 418). Hinzukommt, dass der weitaus größte Anteil (86 Prozent) des Angebots in den dritten Programmen zur besten Sendezeit zwischen 19 und 23 Uhr ausgestrahlt wird (ebd.). Eine Ausnahme bildet dabei lediglich das bei Pro7 ausgestrahlte unterhaltungsorientierte Format »Galileo«, das zur Abendzeit gesendet wird. Zusammenfassend kann man mit Blick auf den Wissenschaftsjournalismus im Rundfunk folgendes feststellen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk weist – auftragsgemäß – stabil höhere Anteile von Wissenschaftsjournalismus in der Fernsehpublizistik auf als die privatrechtlichen Programme. Anzeichen für eine Krise des Wissenschaftsjournalismus im Rundfunk sind zumindest auf der Ebene von Umfängen nicht nachweisbar. Gleichwohl stellt sich die Frage, inwiefern Wissenschaftsinhalte insbesondere in den Dritten eher auf Randzeiten verdrängt werden und als Programmfüller 8 Für »Galileo« (ProSieben) wird als durchschnittliche Zuschauerzahl 1,56 Millionen, bei den vermeintlich werberelevanten 14–49-Jährigen 1,04 Millionen angegeben (http://www.quotenmeter.de/n/61922/quotencheck-galileo [17.02.2016]; die dreiminütige Kurzsendung »wissen vor acht« (ARD) erreicht zur Primetime vor der Tagesschau etwa 1,5 Millionen Menschen (http://www.daserste.de/programm/quotendetail.asp [17.02.2016]). LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 130 dienen, so dass hier aus programmpolitischer Sicht eine prominentere Platzierung von Wissenschaftsinhalten gefordert werden kann.9 Offen bleiben müssen an dieser Stelle die Frage nach möglichen Veränderungen der journalistischen Qualität (Recherche, Vielfalt, Darstellung) einzelner Beiträge oder Sendungen sowie die grundlegende Frage, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk aufgrund seines Funktionsauftrages und der sehr guten Finanzausstattung nicht deutlich mehr (auch) für die Wissenschaftsberichterstattung in den verbliebenen Hauptprogrammen (einschließlich der Prime Time) sowie über neue Plattformen und Distributionswege leisten könnte (vgl. hierzu auch Lobigs 2014, 173–174). Der Zeitschriftenmarkt ist seit langem durch eine Differenzierung in Richtung Special Interest gekennzeichnet. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ausdifferenzierung und einer Individualisierung von Lebensstilen können durch thematisch spezialisierte und formal entsprechend angepasste Presseprodukte Zielgruppen erreicht werden, die für die werbetreibende Wirtschaft sowie als Käufer- und Abonnentengruppen für die Verlage attraktiv sind. Dies gilt insbesondere für Wissenschaftsmagazine, die sich ebenso wie Politik- und Wirtschaftstitel an einer im Hinblick auf Einkommen und Bildung gehobenen Leserschaft ausrichten (vgl. Nowak/Hallemann 2009, 108). Insgesamt ist der rund 1600 Titel umfassende relevante Markt10 der Publikumszeitschriften sogar durch eine weitere Zunahme der Titel, allerdings bei einer erkennbaren Auflagenkonzentration und insgesamt rückläufiger Gesamtauflage, gekennzeichnet (vgl. Vogel 2014, 347–351). Die Abgrenzungen der einzelnen Genres und die Zuordnung konkreter Titel sind im bunt schillernden Zeitschriftensektor, der zudem völlig unzureichend publizistikwissenschaftlich erforscht ist, besonders schwierig. Gleiches gilt auch für unsere noch immer rudimentäre Kenntnis der Betriebswirtschaft von Zeitschriften (Kosten- und Erlösstrukturen), zumal sich aufgrund der extremen Heterogenität wenig verallgemeinern lässt (vgl. Beck 2012, 114–117). Grundsätzlich gelten pressetypische Charakteristika auch für Wissenschaftsmagazine wie Spektrum der Wissenschaft, Bild der Wissenschaft, 9 Siehe hierzu auch die vom deutschen Verband der Wissenschaftsjournalisten initiierte Aktion keine-nische.de, die sich gegen Budgetkürzungen für einzelne Wissenschaftsformate sowie die Kündigung der WDR-Beteiligung an der Wissenschaftssendung ›nano‹ richtet. 10 Die Gesamtzahl der Zeitschriften liegt in Deutschland deutlich höher, da der Zeitschriftenbegriff unscharf gefasst und meist nur gegenüber dem Tageszeitungsbegriff (mindestens zweimaliges Erscheinen je Woche) abgegrenzt wird. Relevant im Rahmen dieser Expertise sind aber professionell redaktionell gestaltete und vertriebene Zeitschriften, die für ein breiteres Publikum erhältlich sind, sich aus Werbeerlösen teilfinanzieren und aus diesem Grund der Auflagenkontrolle durch IVW unterliegen. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 131 Zeit Wissen, Spiegel Wissen, GEO, Geo special etc., das heißt, auch diese Special Interest-Publikationen hängen von zwei durch die sogenannte Anzeigen-Auflagen-Spirale aneinander gekoppelten Märkten (Leserkäufer- und Anzeigenmarkt) ab,11 verursachen hohe First Copy-Kosten und einen beträchtlichen Vertriebsaufwand, solange sie als gedruckte Exemplare verbreitet und gegebenenfalls auch remittiert werden. Typisch und für Verlage besonders attraktiv ist daher die Vertriebsform des Abonnements (vgl. Beck 2012, 112–117). Die Abhängigkeit vom Werbemarkt schlägt sich bei den Publikumszeitschriften insgesamt sehr deutlich im Verlust von Anzeigenerlösen nieder. Bei nahezu stabilen Bruttoerlösen gingen die entscheidenden Nettoeinnahmen (also nach Abzug von Rabatten etc.) von 2008 (1693 Millionen Euro) um 36,5 Prozent auf 1075 Millionen Euro im Jahre 2015 zurück (vgl. Vogel 2014, 348 auf der Basis von Nielsen-Daten beziehungsweise Vogel 2016, 322). Aus öffentlich zugänglichen Daten der IVW, die 217 »Wissensmagazine« erfasst, lässt sich zumindest die Auflagenentwicklung ausgewählter Wissenschaftsmagazine ablesen, während die Erlöse aus der Werbung fraglich bleiben müssen. Die Erfassung durch die IVW ist nur für Titel beziehungsweise Verlage sinnvoll, die nennenswerte Einnahmen aus der Werbung erzielen, insofern sind die Angaben nicht für den gesamten Zeitschriftensektor repräsentativ. Tabelle 2: Auflagentrends ausgewählter Wissensmagazine 2005–2015 Titel verkaufte Auflage* III/2015 verkaufte Auflage* III/2005 bild der wissenschaft 60.565 84.956 -28,71 GEO 195.991 415.527 -52,83 GEO Special 31.622 83.621 -62,18 National Geographic (D) 110.804 219.617 -49,55 P.M. 158.080 378.247 -58,21 Psychologie heute 77.062 84.637 -8,95 Spektrum der Wissenschaft 60.442 85.752 -29,52 ZEIT WISSEN 63.038 53.799 +17,17 * Abo gesamt und EV-Verkauf Quelle: http://www.ivw.eu/aw/qa [08.06.2017] Insgesamt ergibt sich im mittelfristigen (nicht marktrepräsentativen) Vergleich ein erheblicher, zum Teil dramatischer Rückgang der 11 Zur ökonomischen Erklärung wird die Theorie der zweiseitigen Märkte mit indirekten Netzwerkeffekten herangezogen, vgl. hierzu Dewenter/Rösch (2015, 115–196). LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 132 verkauften Auflagen um ein Viertel bis zu zwei Dritteln. Ausnahmen bilden die Spin Offs beziehungsweise Line Extensions großer Marken, insbesondere der erfolgreichen Wochenzeitung Die ZEIT mit einem beachtlichen Wachstum oder seit langem eingeführte Zeitschriften mit einer klaren fachlichen Fokussierung wie Psychologie heute, die vergleichsweise moderate Einbußen hinnehmen musste. Es ist offenbar nicht gelungen, die Verluste bei den gedruckten Exemplaren durch Paid Content-Angebote im Netz zu kompensieren. Nur wenige Electronic Paper-Titel sind überhaupt bei der IVW gemeldet. Spektrum der Wissenschaft mit einem Printverlust von rund 25.000 Exemplaren in den letzten zehn Jahren weist für 2015 gerade einmal 1.947 verkaufte ePaper aus (was etwa 8 Prozent der Printverluste ausmacht). Auch hier wäre systematischere Forschung notwendig und hilfreich, aber der grundlegende Befund scheint relativ klar: Die ökonomische Basis der Wissensmagazine schrumpft auf dem Leser- und in der Folge auf dem Anzeigenmarkt; die publizistische Bedeutung der Special Interest-Zeitschriften für die Wissenskommunikation nimmt, jedenfalls gemessen an der regelmäßig über der verkauften Auflage liegenden Reichweite, deutlich ab. Eine Substitution beziehungsweise Kompensation durch die Online-Angebote der professionellen Redaktionen und Verlage findet bislang offenkundig nicht statt. Vor dem Hintergrund der insgesamt negativen Auflagenentwicklung bei den Wissenschaftszeitschriften dürfte die Publikation presseähnlicher PR-Produkte in gedruckter oder in Online-Form durch die Wissenschaftsinstitutionen selbst wenig erfolgversprechend sein. Zudem könnten selbst im Erfolgsfalle solche Wissensmagazine negative Auswirkungen auf den unabhängigen Wissenschaftsjournalismus zeitigen, denn sie konkurrieren dann um Leser in einem ohnehin schrumpfenden Markt (vgl. Ruß-Mohl 2012, 101–102). Auch die wirtschaftliche Entwicklung der Wochen-, Sonntags- und vor allem der Tagespresse ist durch Auflagenrückgänge gekennzeichnet, wobei die »Tageszeitungskrise« den Kern der viel diskutierten »Medienkrise« ausmacht (vgl. Jarren 2012, 170; Lobigs 2014, 144–149). Diese Entwicklungen sollen hier nur anhand einiger aktueller Daten im Überblick verdeutlicht werden: Die Titelzahl der Sonntagszeitungen hat langfristig zugenommen; die Auflage lag 2015 bei 2,74 Millionen Exemplaren (BDZV 2015, 276, 274). Während die Welt am Sonntag stabile Auflagenzahlen von rund 400.000 zwischen 2004 und 2014 aufweist, konnte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sogar Auflagengewinne verbuchen: von 298.667 verkauften Exemplaren (IV/2004) steigert sie sich um knapp 7 Prozent auf 319.465 zehn Jahre später.12 12 Datenquelle: http://www.ivw.eu/print/print [15.1.2016] SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 133 Die Wochenzeitungen weisen bei leichten Schwankungen über mehr als drei Jahrzehnte eine stabile Gesamtauflage von 1,7 Millionen (2015) auf (Media Perspektiven 2015, 46), allerdings verlieren die beiden Nachrichtenmagazine deutlich, während die Wochenzeitung Die ZEIT gewinnt: Tabelle 3: Auflagentrends ausgewählter Wochenpresse-Titel Titel verkaufte Auflage* IV/2014 vekaufte Auflage* IV/2004 Veränderung in Prozent Focus 256.697 504.198 -49,09 Der Spiegel 635.464 903.291 -29,65 Die ZEIT 431.515 407.431 + 5,91 * Abo gesamt und EV-Verkauf Quelle: http://www.ivw.eu/aw/qa [08.06.2017] Weitaus schwieriger ist die Lage durchgängig bei der überregionalen und regionalen Tagespresse: Die verkaufte Gesamtauflage der Tageszeitungen (Print) ist im vergangenen Jahrzehnt um ein Viertel von 21,7 Millionen Exemplaren (2004) auf 16,1 Millionen (2015) zurückgegangen, während die ePaper-Auflagen 2014 gerade einmal bei rund 780.000 Exemplaren lagen (vgl. Media Perspektiven 2011, 47; Media Perspektiven 2014, 48; BDZV 2015, 274, 284). Die Nettowerbeeinnahmen sind entsprechend seit Jahren absolut und relativ (im Vergleich zu den anderen Werbeträgern) rückläufig: Von 2005 (4476,6 Millionen Euro) sanken sie bis 2013 um rund ein Drittel (auf 2929,8 Millionen Euro) (vgl. Röper 2014, 255 auf der Basis von ZAW). Bedenkt man, dass sich die durchschnittliche Tageszeitung traditionell zu etwa zwei Dritteln aus Werbeeinnahmen finanzierte, dann wird deutlich wie tiefgreifend der Wandel ist. Mittlerweile hat sich das Geschäfts- beziehungsweise Erlösmodell zwangsläufig geändert, ohne die Verluste kompensieren zu können: Knapp 60 Prozent der Erlöse stammen nun aus dem Vertrieb (Abonnement und Einzelverkauf), nur noch ein Drittel aus der klassischen Anzeigenwerbung, der Rest aus Fremdbeilagen (vgl. Keller/Eggert 2015, 57). Die Gesamtumsätze der Tageszeitungswirtschaft aus Anzeigen und Vertrieb sind von 2005 bis 2014 um 14 Prozent gesunken (vgl. Keller/Eggert 2015, 66).13 Hier setzen die Kostenwettbewerbsstrategien der Verlage an, die im »Medienkrise«-Diskurs (zu Recht) kritisch 13 Das muss sich allerdings nicht unbedingt bzw. in gleichem Maße als Rückgang der Unternehmensgewinne nieder-schlagen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es aber rational, die traditionell ohnehin schon sehr hohen Renditen der Branche (vgl. Lobigs 2014, 175, 181) weiter zu steigern, um keine Gewinneinbußen oder gar Betriebsverluste zu gewärtigen LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 134 diskutiert werden und auch für den Wissenschaftsjournalismus relevant sind (vgl. hierzu beispielsweise für die Wirtschaftspresse: Beck/Reineck/ Schubert 2010, 91–186). Berichte aus Wissenschaft und Forschung sind, sofern sie keinen speziellen Bezug zu lokalen Universitäten oder Forschungseinrichtungen haben, von bundesweitem Interesse; sie können daher grundsätzlich auch leicht national vermarktet und in verschiedenen Regionen mehrfachverwertet werden. Auch eine Zusammenlegung von Redaktionen (Fusionen, Zentralisierungen, verlagsweite Newsdesks) ist hier vergleichsweise einfach umzusetzen. Solche Maßnahmen können Vor- und Nachteile haben: Für die Qualität der einzelnen journalistischen Produkte können solche Maßnahmen von Vorteil sein, zumindest sind sie nicht zwingend nachteilig. Immerhin sind größere Redaktionen tendenziell leistungsfähiger. De facto schrumpfen die Wissenschaftsredaktionen insgesamt aber eher, wie Daten von Ruß-Mohl aus dem Jahre 2010 (also noch vor den jüngsten Kürzungs- und Entlassungswellen) zeigen: Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde die Wissenschaftsredaktion auf drei Stellen halbiert, bei der Süddeutschen Zeitung arbeiteten statt acht nur noch sechs festangestellte Redakteure14, bei der Neuen Zürcher Zeitung betrugen die Stelleneinsparungen ebenfalls rund ein Viertel. Die Redaktionszusammenlegungen bei Du- Mont Schauberg haben dazu geführt, dass die Wissenschaftsredaktion der Frankfurter Rundschau von zwei auf 3,8 Planstellen aufgestockt wurde, allerdings bedient diese Redaktion nun auch den Kölner Stadtanzeiger, die Hallesche Zeitung sowie die Berliner Zeitung, deren Wissenschaftsredaktion komplett gestrichen wurde (vgl. Ruß-Mohl 2012, 92, 95). Diese Trends dürften sich eher fortgesetzt haben und sind auch wenig überraschend, denn die Einsparung von Wissenschaftsjournalisten ist schließlich der Sinn solcher Kostenreduktionsmaßnahmen. Auf der anderen Seite entstehen neue Redakteursstellen für Wissenschaftsjournalismus im Online-Sektor, etwa bei Spiegel Online (vgl. Peters et al. 2014, 751); in der Summe dürfte der Trend aber eher negativ sein. Wo aus mehreren kleinen ressourcenschwachen Wissenschaftsredaktionen eine größere, leistungsfähigere entsteht, verringert sich aber die Vielfalt der Berichterstattung. Nun mögen Vielfaltsgesichtspunkte bei der Wissenschaftsberichterstattung normativ nicht ganz so wichtig sein wie bei der Politikberichterstattung, aber die Verringerung der unabhängig voneinander arbeitenden Redaktionen (und des Personals) bei einer Beibehaltung des Gesamtpublikationsraums führt notwendigerweise zu einem geringeren Output, das heißt, es werden insgesamt weniger Themen und Berichte mit Wissenschaftsbezug publiziert. Hierdurch erhöht sich 14 Wobei anzumerken ist, dass damit die Anzahl der Wissenschaftsredakteure noch immer doppelt so hoch ist als im Jahr 2000 mit lediglich drei festen Redakteuren. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 135 tendenziell der Selektionsdruck und die ohnehin aufgrund von Themenund Disziplinenprominenz, Darstellbarkeit, Visualisierbarkeit, unterstelltem Nutzwert etc. ungleichen Publikationschancen verschieben sich tendenziell weiter in Richtung Top-Themen. Ruß-Mohl (2012, 97) sieht in den crossmedialen Newsrooms eine Triebkraft für die Verwandlung des Wissenschaftsjournalismus in einen Wissenschaftsjournalismus, bei dem »Medien seltener über einzelne Forschungsprojekte berichten – aber dafür öfter die Expertise von Wissenschaftlern heranziehen, um tagesaktuelle Fragen zu klären.« Solche aus unserer Sicht plausiblen Hypothesen bedürfen weiterer, empirischer Prüfung durch Inhalts- und Vielfaltsanalysen, die bislang gerade für die Lokal- und Regionalpresse kaum vorliegen. Hinweise auf die Stützung dieser These lassen sich bestehenden inhaltsanalytischen Untersuchungen entnehmen. Die zwei Erhebungszeitpunkte vergleichende Inhaltsanalyse dreier überregionaler Tageszeitungen von Elmer et al. (2008) zeigt beispielsweise, dass der beobachtete Anstieg an Wissenschaftsberichterstattung von 2003/4 zu 2006/7 vorrangig auf die steigende Anzahl an Artikeln außerhalb des Wissenschaftsressorts zurückgeführt werden kann (vgl. Elmer et al. 2008, 883). Auch die Strategie des Outsourcing zur Kostenreduktion in den Redaktionen eignet sich grundsätzlich gut für das Wissenschaftsressort: Hier sind Aktualitätsdruck und die Notwendigkeit einer möglichst engen Einbindung in die redaktionellen Abläufe vergleichsweise gering, zudem werden ohnehin unterschiedliche fachliche oder gar wissenschaftsdisziplinäre Expertisen benötigt, die nicht unbedingt in einer Person vereinigt sind. Nachteilig bei dieser Strategie kann sich die Tatsache auswirken, dass viele freie Journalisten gezwungen sind, auch für deutlich besser zahlende PR-Agenturen zu arbeiten, was ihre Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit gefährdet (Deprofessionalisierung). Die im Vergleich zu einem Redakteursgehalt geringen Honorare für freie Journalisten erhöhen den Effizienzdruck auf Freie, was tendenziell eine besonders gründliche und aufwändige Arbeitsweise nicht befördern dürfte. Auch die Wahrscheinlichkeit der Mehrfachverwertung wächst durch die Ökonomisierung wissenschaftsjournalistischer Tätigkeit, da Freie letztlich als »Ein-Mann-Unternehmen« arbeiten. Wissenschaftsbeiträge können noch preiswerter durch die Nutzung von Agenturmaterial (etwa von dpa oder spezialisierten Anbietern) oder gar die Übernahme von PR-Material (vgl. auch Siegert 2014, 116–117, 125–126, Ruß-Mohl 2012, 89 sowie Abschnitt 2.2) beschafft werden. Fengler und Ruß-Mohl (2005, 159) sprechen von einer PR-Aufrüstungsund Redaktions-Abrüstungsspirale, da es zu einer sich wechselseitig beschleunigenden Dynamik kommen kann. Mit dem praktisch ungefilterten Einzug der PR in den redaktionellen Teil wird eine funktionale (und wichtige normative) Schwelle überschritten, aus Kostengesichtspunkten liegt dies allerdings nahe. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 136 Als radikale Form der Kosteneinsparung käme die Schließung des Ressorts oder gar die Einstellung der Wissenschaftsberichterstattung insgesamt infrage. Aus ökonomischer Sicht spräche für eine solche Maßnahme, dass es keinen relevanten ressortspezifischen Anzeigenmarkt gibt, der für eine unmittelbar ressortspezifische Refinanzierung sorgt. Im Unterschied zu den Ressorts Wirtschaft, Kultur, Lokales oder Politik sowie Sparten wie »Motor« oder »Freizeit«, die spezifische Anzeigenkunden wie Unternehmen und Organisationen aus dem Verbreitungsgebiet anziehen, schalten Universitäten oder Forschungseinrichtungen kaum Anzeigen.15 Mit Blick auf den Werbemarkt muss allerdings angemerkt werden, dass die durch Wissenschaftsberichterstattung erreichten Zielgruppen mit formal eher höherer Bildung und meist höherem Nettohaushaltseinkommen für die werbetreibende Industrie insgesamt durchaus attraktiv sind. Das Interesse der Tageszeitungsleser an Themen aus »Wissenschaft und Technik« ist vorhanden, und wächst im Gegensatz zum Interesse an Wirtschaft oder Politik sogar, auch wenn es insgesamt deutlich geringer ausgeprägt ist als das an den klassischen Ressorts: Aus repräsentativen Befragungen von gelegentlichen Zeitungslesern ab 16 Jahren geht hervor, dass sich 2003 27 Prozent für Wissenschaft und Technik in der Tageszeitung interessierten, 2014 hingegen 31 Prozent; die Werte für Wirtschaft (34 bzw. 38 Prozent) oder Lokales (83 bzw. 86 Prozent) liegen allerdings deutlich darüber (BDZV 2015, 297 auf der Basis von Allensbacher Archiv und IfD-Umfragen 7040 und 110254). Es besteht also nicht unbedingt die Aussicht, mithilfe von Wissenschaftsberichterstattung ganz neue zusätzliche Leser zu gewinnen, wohl aber die Chance, die Soziodemographie der eigenen Leserschaft »aufzuwerten«, indem man diese Zielgruppen und Milieus durch Wissenschaftsberichterstattung an einen Titel bindet.16 Eine mögliche inhaltliche Rückwirkung soll zudem nicht unerwähnt bleiben: Die Ausrichtung an den Interessen besonders zahlungskräftiger Zielgruppen bedeutet etwas anderes als die Reproduktion der Wissenschaftssystematik und wissenschaftlicher Relevanzkriterien im Ressort (Eigenlogik der Wissenschaft) oder eine Repräsentation des öffentlichen Themeninteresses (publizistische Eigenlogik). Das heißt, es könnten zum Beispiel diejenigen Wissenschaftsthemen besonders häu- 15 Auch der Markt akademischer Stellenanzeigen hat sich längst in den Online-Sektor verlagert. Verlagsbeilagen wie etwa die der Berliner Universitäten im »Tagesspiegel« stellen keinen unabhängigen Wissenschaftsjournalismus dar, sondern primär organisationsbasierte Reputationskommunikation. 16 Unter Wettbewerbsbedingungen mag dieses Argument überzeugen, allerdings findet regionaler Wettbewerb auf dem Tageszeitungsmarkt längst nicht mehr überall statt. Bereits 2008, also vor der jüngsten Konzentrationswelle, konnten nur noch 42% der Leser zwischen zwei oder mehr Zeitungen wählen (vgl. Beck 2012, 146–147). SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 137 fig selektiert und präsentiert werden, die mit bestimmten Lebensstilen, Gesundheits- und Ernährungskonzepten etc. verbunden sind (vgl. Siegert 2014, 118), während andere über keine werberelevante Zielgruppe verfügen, möglicherweise aber gesellschaftlich (und wissenschaftlich) bedeutsamer sind. Den begrenzten Wettbewerbsvorteilen stehen beim Betrieb eines eigenen Wissenschaftsressorts vergleichsweise hohe Kosten gegenüber, wenn die Redaktion mit fachwissenschaftlich ausgebildeten Journalisten arbeitet und im Sinne des Qualitätsanspruchs ein hoher Zeitaufwand für Recherchen und Gegenrecherchen entsteht (vgl. Siegert 2014, 111). Professionell betriebene wissenschaftsjournalistische Onlineangebote im World Wide Web könnten theoretisch kompensieren, was durch tatsächliche oder drohende Einbußen an Print-Publikationsraum verloren geht. Aus medienökonomischer Sicht ist dies jedoch zumindest in absehbarer Zeit nicht realistisch. Das Fehlen etablierter Paid Content-Modell beziehungsweise deren zögerliche Markteinführung sprechen ebenso dagegen wie die oben gemachten Ausführungen zur Logik des Werbemarktes. Tatsächlich handelt es sich bei einem großen Teil des journalistischen Qualitätsangebotes im Netz um mehrfach verwendetes Material der Presse- oder Rundfunkmedien (vgl. Lobigs 2014, 176–177). Auch jüngere Qualitätsjournalismus-Projekte mit neuen Finanzierungsmodellen wie beispielsweise Krautreporter ändern hieran wenig, vor allem nicht für das Wissenschaftsressort: Eine nicht repräsentative Analyse ergibt, dass im Zeitraum von Oktober 2014 bis Januar 2016 insgesamt 20 Beiträge dort publiziert wurden, die unter dem Suchbegriff »Wissenschaft« auffindbar sind. Betrachtet man die Themenschwerpunkte näher, dann stellt sich heraus, dass vor allem politisch kontroverse und verbraucherrelevante Fragen offenbar gute Chancen aufweisen: Fünf Beiträge behandelten Ernährungsfragen einschließlich Gentechnik, zwei Beiträge beschäftigten sich mit Medienfragen, einzelne Beiträge mit Transgender (am Beispiel Mannings), Linguistik (aus Anlass von Einreisekontrollen) oder Energie (vor dem Hintergrund der Energiewende).17 Der Versuch, unter dem Titel »Substanz« ein spezielles Wissenschaftsmagazin online zu betreiben, ist 2015 vorerst aus wirtschaftlichen Gründen gescheitert. Statt der mindestens notwendigen 5.000 Abonnenten konnte nur eine dreistellige Zahl erreicht werden.18 Grundsätzlich muss man eher davon ausgehen, dass die zunehmende Relevanz der Onlinekommunikation im WWW in der Summe den 17 vgl. https://krautreporter.de/search?term=Wissens [27.06.2016] 18 vgl. http://www.zeit.de/2015/29/wissenschaftsmagazin-substanz-droht-konkurs) [08.08.2016]. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 138 Qualitätsjournalismus schwächt, jedenfalls solange bis Bezahlmodelle der weit verbreitete Normalfall geworden sind. Bis dahin werden weiter Werbeinvestitionen, die früher für die Finanzierung von Journalismus genutzt werden konnten, in die Onlinemedien abwandern. Dort fließen sie aber gerade nicht in journalistische Angebote, sondern in Suchmaschinen, Plattformen und Portale ganz anderer Art. Im Jahr 2014 lagen die Nettowerbeeinnahmen für Online- und Mobile-Werbung bei 1.344,22 Millionen Euro, was einer Steigerung von 6,6 Prozent gegen- über dem Vorjahr entsprach. Gemessen an den Gesamtwerbeeinnahmen der Medien von (netto) 15.322,08 Millionen Euro ist dies zwar noch kein überragender Anteil, aber immerhin schon mehr als der Marktanteil der weiter rückläufigen Publikumszeitschriften (1.190,00 Millionen Euro). Vor allem jedoch bedeuten 1,3 Milliarden Euro Werbeinvestitionen im Onlinesektor bei einem insgesamt sogar leicht rückläufigen Gesamtwerbemarkt schlichtweg rund 1,3 Milliarden weniger für Journalismusfinanzierung(vgl. ZAW 2015, 9).19 Die viel diskutierten Alternativen zur Finanzierung von Qualitätsjournalismus erweisen sich, wie zum Beispiel Lobigs (2014, 191–196) gezeigt hat, bei näherer Betrachtung schon aufgrund ihres ökonomischen Potentials als wenig realistisch. Bürgerjournalismus bildet per definitionem (und Selbstverständnis) kein funktionales Äquivalent zu professionellem Journalismus, die Finanzierung durch die Crowd oder gar die Einzelfinanzierung via Micro Payment beinhalten das Risiko der Fehlallokation: Zwar wird dann, stärker als je zuvor, nur für das bezahlt, was der Markt (in Gestalt der User) tatsächlich nachfragt. Die Folge davon wäre eine strikte Ausrichtung journalistischer Produktion an Nutzerwünschen bereits auf der Mikroebene (Themenselektion, Recherche und Verfassen eines einzelnen Beitrages), was die aus den werbefinanzierten Medien bekannten Trends zum Ratgeberjournalismus und zur Entertainisierung keineswegs abschwächt. Versteht man (Wissenschafts-)Journalismus als öffentliche Aufgabe beziehungsweise als meritorisches Gut, wofür der Stand der medienökonomischen Forschung spricht, dann wird folglich nicht »automatisch« dasjenige Gut produziert, das gesellschaftlich sinnvoll wäre – auch wenn dies als schwer bestimmbar gelten muss. Das heißt, die allokative Effizienz von Crowdfunding und User Payments wäre möglicherweise geringer als die von redaktionell verantwortetem Journalismus. Unabhängig davon, wo man die Ursachen für den Strukturwandel des Qualitäts- und damit tendenziell auch des Wissenschaftsjournalismus sieht, ob in »Konsolidierungsstrategien« (wie Lobigs 2014, 147– 19 Hier müssten natürlich die Anteile an den Onlinewerbeinvestitionen abgezogen werden, die in die Finanzierung journalistischer Online-Inhalte flie- ßen, die aber derzeit nicht ermittelbar sind. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 139 148) oder in »Kommerzialisierungs- und Profitmaximierungsstrategien« (Meier 2012, 23), bleibt nach unserer Einschätzung festzuhalten: • Aus medienökonomischen Gründen ist nicht pauschal »der Wissenschaftsjournalismus« strukturell bedroht, sondern es lassen sich relevante Mediensektoren und Medienorganisationstypen identifizieren, bei denen realistische Gefahren bestehen und andere, für dies nicht zwangsweise gilt. Für den Rundfunk, insbesondere den öffentlich-rechtlichen, bestehen keine strukturellen wirtschaftlichen Gefährdungen im Hinblick auf Qualitäts- und Wissenschaftsjournalismus; Ähnliches dürfte übrigens für den hier nicht betrachteten Sachbuchmarkt gelten. Anders sieht dies strukturell für die Zeitschriften sowie die Wochen- und Tagespresse aus, wobei hier vor allem die Tageszeitungen sowie die Wissensmagazine unter starkem ökonomischen Druck stehen. • Wie auch immer die unternehmerischen Strategien der Verlage motiviert sein mögen, festhalten lässt sich ein sehr klarer Trend zum Kostenwettbewerb (vgl. Siegert 2014, 111), der mit einiger Wahrscheinlichkeit Folgen für die Qualität und die Vielfalt haben wird. • Die redaktionellen Kooperations- und Konzentrationsstrategien (Zentralisierung, Fusionierung), Mehrfachverwertungs- und Mehrfachverwendungsstrategien für journalistische Inhalte oder gar die vollständige Zusammenlegung beziehungsweise Übernahme von Verlagsunternehmen reduzieren ceteris paribus ebenso wie die kostensparende Nutzung von Agenturbeiträgen oder gar PR-Material zwangsläufig den Publikationsraum für journalistische Wissenschaftsberichterstattung. »Konsolidierungsfusionen« mögen zwar die hierdurch entstehenden größeren wirtschaftlichen Einheiten stärken und ihre Überlebensfähigkeit im Wettbewerb erhöhen sowie die notwendigen Ressourcen für qualitativ hochwertigen Wissenschaftsjournalismus in einer Redaktion sichern helfen. Aber diese vergleichsweise besser mit Personal, Budget und Expertise ausgestatteten Redaktionen werden weiterhin nur einen Wissenschaftsteil (Rubrik, Seite, Buch) produzieren, und zwar aus betriebswirtschaftlichen Gründen keinen umfangreicheren als zuvor. • Die meisten Wissenschaftsthemen sind aufgrund eines Forschungsbezugs national vermarktbar; Ausnahmen stellen Berichte mit einem primären oder starken Bezug zu lokalen oder regionalen Wissenschaftsorganisationen beziehungsweise zur Wissenschaftspolitik dar. Deshalb liegt die Nutzung von Synergieeffekten in diesem Ressort aus zeitungsbetriebswirtschaftlicher Sicht besonders nahe, auch für wirtschaftlich leistungsfähige und ressourcenstarke Verlage. In LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 140 der Folge sinken, bezogen auf einen nicht unwesentlichen Teil der überwiegend lokal und regional strukturierten bundesdeutschen Print-Öffentlichkeit die Chancen für Wissenschaftsthemen in der Berichterstattung. 2.2 Wandel der Wissenschaftskommunikation Jenseits der – wie hier gezeigt nur partiellen – ökonomischen Krise des Wissenschaftsjournalismus gibt es ein grundlegendes Interesse auch von wissenschaftlichen Akteuren, die Selektionsprozesse journalistischer Gatekeeper nicht nur durch »klassische« PR und Pressearbeit zu beeinflussen, sondern sie womöglich vollständig zu umgehen. Dahinter steht der Wunsch, die eigenen Themen und Relevanzzuschreibungen in die Öffentlichkeit zu tragen, und aufgrund der eigenen fachlichen Kompetenz nicht durch journalistische Verkürzungen, Popularisierungen oder gar Missverständnisse beeinflusste Aussagen in den Diskurs einzubringen. Die Jülicher Wissenschaftler-Befragung hat dementsprechend ergeben, dass »zahlreiche Wissenschaftler Kommunikationsformen, die ihnen ermöglichen würden, unter Umgehung des Journalismus als Vermittler direkt mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren« (Peters 2012, 337), begrüßen würden. Im Zuge der Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation zumindest an Teil-Öffentlichkeiten lässt sich eine zunehmende Professionalisierung der Kommunikationsaktivitäten von Unternehmen und Organisationen generell beobachten, die sich auch für wissenschaftlichen Einrichtungen zeigt. Als eigentlicher Auslöser für die Professionalisierung und Institutionalisierung von Wissenschaftskommunikation beziehungsweise-PR gilt jedoch weniger die Onlinekommunikation als die in den 1990-er Jahren in Großbritannien angestoßene Bewegung des Public Understanding of Science (PUS) beziehungsweise in Deutschland die Variante des die Geistes- und Kulturwissenschaften (Humanities) einschließenden PUSH. Diese Ansätze verfolgen das Ziel, den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern – mit der strategischen Ausrichtung, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz von Wissenschaft zu erreichen (vgl. Dernbach et al. 2012, 6; Sava 2011, 8–9; Göpfert 2008, 215). Die im Rahmen von PUSH initiierte finanzielle und politische Förderung von Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Institutionen und Akteure selbst wird durch Veränderungen von Medienstrukturen und Bedingungen journalistischer Produktion flankiert, die sich durch die zuvor skizzierte Schwächung es Qualitätsjournalismus auszeichnen (vgl. Göpfert 2008, 218–219). Relevanzzuwachs und Professionalisierung der PR für wissenschaftliche Organisationen finden ihren Ausdruck auch im Ressourceneinsatz SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 141 (vgl. Raupp 2008, 382–383; Meier/Feldmeier 2005, 212): Bereits vor fünf Jahren hatten über 90 Prozent der Hochschulen und über drei Viertel der außeruniversitären Forschungseinrichtungen20 Abteilungen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (vgl. Höhn 2011, 195), die meist aber nur mit ein bis zwei Mitarbeiterstellen ausgestattet waren, während nur ein Prozent über zehn oder mehr Vollzeitstellen verfügte (vgl. ebd., 201). Eine Studie von Marcinkowski und Kollegen, die sich mit organisationsbezogenen Bedingungen öffentlicher Wissenschaftskommunikation durch Wissenschaftler auseinandersetzt, belegt einen positiven Zusammenhang zwischen einer professionalisierten PR-Infrastruktur bei Wissenschaftsorganisationen und der Anzahl pressebezogener Aktivitäten von Wissenschaftlern (vgl. Marcinkowski et al. 2014, 73). Hier schließt sich die Frage an, inwiefern Kommunikationsaktivitäten wissenschaftlicher Organisationen und Institutionen überhaupt Wissenschaftskommunikation oder primär interessengeleitete, organisationsbezogene PR darstellen (vgl. Shipman 2014, 1; Wormer 2016). Um diese Frage zu beantworten bedarf es zunächst einer Systematisierung der unterschiedlichen Formen von Wissenschaftskommunikation. Auf die Probleme der Unschärfe dieses »Sammelbegriffs« wurde bereits an unterschiedlichen Stellen verwiesen (ausführlich: Burns et al. 2003), so dass hier auf ein funktionales Verständnis zurückgegriffen wird. Grundlegend umfasst Wissenschaftskommunikation jegliche Kommunikationsaktivitäten, die Informationen über wissenschaftliche Erkenntnisse oder Konzepte beinhalten – so dass darunter sowohl wissenschaftliche Publikationen als auch Pressemitteilungen von Wissenschaftsorganisationen, wissenschaftsjournalistische Produkte oder Zwischenformen subsumiert werden können (vgl. Shipman 2014, 1). Für eine Abgrenzung dieser unterschiedlichen Formen von Wissenschaftskommunikation – die jeweils unterschiedliche Logiken, Zielsetzungen und anvisierte Publika aufweisen – schlagen wir in Ergänzung bestehender Kategorisierungen (vgl. Hagenoff et al. 2007, 7) folgende Systematik vor (vgl. Abbildung 1). Für eine grundlegende Unterteilung folgen wir der Differenzierung von Wissenschaftskommunikation in zunächst interne (scholarly communication) und externe (science communication), wobei sich erstere noch in informale und formale interne Wissenschaftskommunikation aufteilt. 20 Höhn (2011) hat insgesamt 248 Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen standardisiert befragt. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 142 Die externe Wissenschaftskommunikation lässt sich anhand der Vermittlungsart (vgl. dazu Schönhagen 2004, 214–216) weiter in fremdund selbstvermittelte Kommunikation unterteilen. Fremdvermittlung umfasst insbesondere den Wissenschaftsjournalismus, der – unter mehr oder weniger starker Einbindung von Inputs aus der Wissenschafts-PR – wissenschaftliche Themen an die Öffentlichkeit kommuniziert. Als selbstvermittelt erfassen wir solche Formen von Wissenschaftskommunikation, die von (institutionellen und individuellen) Akteuren auf direktem Wege unter Umgehung einer Vermittlungsleistung außerhalb des eigenen Systems (Wissenschaft) an jeweilige Zielgruppen (Öffentlichkeit, Anspruchsgruppen) vermittelt werden. Damit entspricht diese Unterscheidung der in anderen Publikationen gewählten Differenzierung zwischen indirekter (Wissenschaftsjournalismus) und ›direct-to-consumer‹ Wissenschaftskommunikation, die im Wesentlichen die institutionellen Formen von Wissenschafts-PR umfasst (vgl. Wormer 2016). Für die Frage nach funktionalen Äquivalenten zur Wissensvermittlungsfunktion von Wissenschaftsjournalismus ist es wesentlich, bei der selbstvermittelten Wissenschaftskommunikation zwischen einerseits primär durch Partikularinteressen geleiteter Wissenschafts-PR und andererseits nicht-primär interessengeleiteter Wissenskommunikation zu unterscheiden. Während die erste Form der Kommunikationsaktivitäten von Wissenschaftsinstitutionen oder einzelnen Wissenschaftlern erfasst, die im Wesentlichen auf die eigene Reputation ausgerichtet sind, Abbildung 1: Systematisierung von Wissenschaftskommunikation SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 143 stellt die zweite Form von diesen Akteuren direkt an die Öffentlichkeit vermittelte Angebote dar, die überwiegend den Logiken der journalistischen Darstellung und Vermittlung ähneln und Wissenschaftsthemen ohne institutionelle Orientierung an eigenen Interessen an die Öffentlichkeit kommunizieren. Diese Form entspräche dann dem funktionalen Äquivalent des Wissenschaftsjournalismus, jedoch selbstvermittelt durch die jeweiligen Akteure. Es ist allerdings anzunehmen, dass in der Realität der Großteil der selbstvermittelten Wissenschaftskommunikation auf Wissenschafts-PR entfällt, die das vorrangige Ziel verfolgt, eine positive Darstellung der jeweiligen Einzelperson (individuelle Wissenschafts-PR) oder Organisation (institutionelle Wissenschafts-PR) in der Öffentlichkeit zu erreichen und auf organisationsstrategische Zielsetzungen wie das Erlangen von Bekanntheit oder die Profilierung (positives Image; »Reputationskommunikation«) bei Anspruchsgruppen zielt (vgl. Carver 2014, 1). Darauf deuten beispielsweise ältere Befunde zu den Schweizer Universitäten hin, deren Pressemitteilungen zu zwei Dritteln keinen inhaltlichen Wissenschafts- und Forschungsbezug aufweisen, sondern klassische Organisations-PR darstellen (vgl. Ruß-Mohl 2012, 102). Inwiefern selbstvermittelte Wissenschaftskommunikation vom Potential Gebrauch macht, wissenschaftsbezogene Informationen in Eigenverantwortung aufzubereiten und an die interessierte Öffentlichkeit zu verbreiten – ohne dass diese Reputationsinteressen vertreten, sondern vergleichbar mit journalistischen Logiken beziehungsweise Motivationen an der Aufklärung, Information und Orientierung zu wissenschaftlichen Themen und deren Bezüge für die Öffentlichkeit ausgerichtet sind, bleibt empirisch zu prüfen. Nachfolgend wird zunächst diskutiert, inwiefern wissenschaftliche Akteure, insbesondere Organisationen das Potential von Onlinemedien zur Umsetzung selbstvermittelter Formen der Wissenschaftskommunikation nutzen. 2.3 Selbstvermittelte Wissenschaftskommunikation in den klassischen Onlinemedien Die Onlinemedien, insbesondere das World Wide Web, haben seit rund zwei Jahrzehnten die Möglichkeiten, ohne journalistische Vermittlung direkt mit einem dispersen Publikum zu kommunizieren, erheblich erweitert. Zuvor galten Broschüren, Flyer, Bücher, Zeitungs- und Zeitschriftenbeilagen etc. als Medien der Wissenschafts-PR, doch Aufwand und Kosten der Onlinemedien liegen deutlich unter denen von Printmedien. Zudem sind direkte Adressierung und Vertrieb nicht mehr notwendig, weil es sich bei den Onlinemedien grundsätzlich um Pull-Medien handelt. Angebote im Web sind öffentlich und für jedermann LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 144 zugänglich, der materielle Vertrieb wird durch den elektronischen Abruf ersetzt. Auch die Produktion von Medienangeboten ist online weitaus preiswerter, da Druckkosten entfallen und Content Management-Systeme, die zunehmend von Laien bedient werden können, Kosten für professionelles Layout und Grafikdesign zumindest stark reduzieren. Der Publikationsraum im Netz ist nahezu unbegrenzt, die Selektion der Inhalte muss sich nicht an knappen Ressourcen (Raum, Kosten) orientieren, und aufgrund der Speicherung bleiben einmal produzierte Inhalte beliebig lange präsent und damit abrufbar. Auch was die Nutzung betrifft, spricht einiges für selbstvermittelte Wissenschaftskommunikation über Onlinemedien – diese sind als Informationsquelle über Wissenschaftsthemen mittlerweile etabliert, auch wenn die traditionellen Medien noch immer einen Vorsprung aufweisen: Laut Wissenschaftsbarometer 2015, der auf einer nicht-repräsentativen Telefonbefragung21 basiert, informieren sich 42 Prozent »oft« oder »manchmal« im Internet über Wissenschaft und Forschung, 66 Prozent tun dies via Fernsehen und 52 Prozent mittels Presse (vgl. WiD 2015, 8). Betrachtet man die durchschnittliche Sehdauer derjenigen, die das Fernsehen nutzen, dann entfallen täglich fünf Minuten (3 Prozent der Sehdauer) auf die Themen »Natur und Wissenschaft« (Frey-Vor/Mohr 2015, 465). Auf der Basis von Eurobarometer-Daten von 2013 kommen Peters et al. (2014, 751) zu dem Schluss, dass noch immer Fernsehen (65 Prozent) und Zeitungen (33 Prozent) die Hauptinformationsquellen für Wissenschafts- und Technikthemen darstellen. Websites rangieren mit 32 Prozent aber fast gleichauf, während nur 10 Prozent der Befragten sich via Social Media und Science Blogs informierten. Den Kommunikations- und Kostenvorteilen der Onlinemedien stehen allerdings auch einige Nachteile hinsichtlich des Nutzens gegen- über: Solange Onlinemedien als Pull-Medien fungieren, wie dies bei den herkömmlichen webbasierten Angeboten der Fall war, können die Kommunikatoren nicht davon ausgehen, dass sie »automatisch« genutzt werden, schon gar nicht von den definierten Zielgruppen, die man mit adressiertem PR-Material erreichen kann. Diese Online-Angebote müssen also vermarktet werden, was mit der offline und online zu organisierenden Bekanntmachung von Webpräsenzen (Homepages) beginnt und bis zur Suchmaschinenoptimierung (SEO) reicht. Die oben skizzierten Kostenvorteile haben es nunmehr auch ressourcenschwachen Akteuren, im Grunde bis »hinunter« zum privaten User, ermöglicht öffentlich zu kommunizieren (vgl. Trench 2008b, 134). Ge- 21 Es handelt sich zwar um eine ADM-gemäße Stichprobe von 1.004 Personen, aber um eine Telefonumfrage im Festnetz (vgl. WiD 2015, 32), d. h. Menschen, die ausschließlich Mobilanschlüsse besitzen, wurden nicht berücksichtigt. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 145 rade dies führt aber in ein »publizistisches Paradox«: Je leichter es im Netz wird zu publizieren (also eine technische Reichweite von Milliarden Usern zu erzielen), umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich eine größere Öffentlichkeit zu realisieren (soziale Reichweite). Während technische und soziale Reichweiten der publizistischen Medien in positiver Korrelation standen (und stehen), ist dies bei den Onlinemedien gerade nicht der Fall. Um also in der Fülle des unübersichtlichen Angebotes erfolgreich zu kommunizieren, bedarf es zum Teil aufwändiger Strategien. Die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie greifen auch unter Onlinebedingungen, nur dass die Selektionsleistungen auf die einzelnen Nutzer verlagert werden (vgl. z. B. Rössler/Beck 2001). Peters et al. (2014, 751) gehen davon aus, dass Online-Angebote der Wissenschaftskommunikation vor allem dann genutzt werden, wenn es um die gezielte Informationssuche geht. Die klassischen wissenschaftsjournalistischen Formen bieten hier zu wenig zielgenaue Information, aber sie werden für ihre Thematisierungs- und Orientierungsleistungen geschätzt, die vermutlich nicht im selben Umfang von Websites übernommen werden können. Der selbstvermittelte Kommunikationsweg kann insofern von strategischem Vorteil für Wissenschaftsakteure sein, als journalistische Gatekeeper, die den begrenzten publizistischen Raum der klassischen Medien nach professionellen Selektionskriterien zuweisen, vollständig umgangen werden (vgl. auch Neuberger 2014, 324). Allerdings gehen auch die Vorteile der journalistischen Selektions- und Vermittlungsleistung verloren. Journalistische Medien stellen ein Erfahrungs- und Vertrauensgut dar, das heißt, die journalistische Selektion »im Auftrag« der Mediennutzer beruht auf einem Vertrauensverhältnis, und die journalistischen Produkte genießen eine vergleichsweise höhere Glaubwürdigkeit als erkennbare PR-Produkte. Publizistische Medien vermitteln den Wissenschaftsakteuren relativ klar definierte Zielgruppen, die durch die Publikumsforschung werbefinanzierter Medien beschrieben werden. Das Publikum der selbstvermittelten Kommunikation muss dagegen den Weg zum Angebot selbst finden, entweder aufgrund von Suchanfragen über Suchmaschinen oder die Direkteingabe einer URL.22 Typischerweise werden Websites als Homepages von Wissenschaftseinrichtungen geführt, ihre Funktion liegt bislang primär in der organisationsbezogenen Kommunikation und weniger in der Wissenskommunikation (vgl. Trench 2008a, 192). Diese größtenteils auf (knappe) staatliche Finanzierung und Drittmittel angewiesenen Institutionen stehen zunehmend unter dem Druck, sich gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Stakeholdern zu rechtfertigen und um die knappen finan- 22 Erst durch den crossmedialen Einsatz von Social Media zeichnet sich hier ein Wandel von den Pull- in Richtung Push-Medien ab (vgl. Kap. 3). LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 146 ziellen Ressourcen zu konkurrieren (vgl. Sava 2011, 6; Borchelt et al. 2010, 68). In der Folge sind Forschungsorganisationen und Universitäten gezwungen, sich mehr und mehr einer Marktlogik zu unterwerfen (vgl. Marcinkowski/Kohring 2014, 4; Borchelt et al. 2010, 65). Dies wirkt sich auf ihre Kommunikationsaktivitäten beziehungsweise ihre Public und Media Relations aus, die sich den Marketingstrategien kommerzieller Akteure und Kommunikatoren annähern: Die Sichtbarkeit der eigenen Organisation entwickelt sich zu einer zentralen Währung nicht nur kommunikativer, sondern potentiell auch der wissenschaftlichen Aktivitäten etwa im Hinblick auf den Einwerbungserfolg von Drittmitteln (Sava 2011, 11).23 Zusammengenommen begünstigen die zuvor skizzierten Entwicklungen also die Herausbildung und Stärkung von PR-Aktivitäten wissenschaftlicher Organisationen und Institutionen. Dieser Anstieg externer selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation verfolgt somit insbesondere den Zweck der Legitimation von Wissenschaft in der Gesellschaft (vgl. Lüthje 2015, 52), und nicht primär der wissensorientierten Vermittlung wissenschaftlicher Tatsachen und Forschungsbefunde. Mit Blick auf die eingangs gestellte Frage nach der Leistungsfähigkeit von selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation lässt sich konstatieren, dass die von Partikularinteressen geleitete Kommunikation von Wissenschaftsorganisationen gerade über die Onlinemedien eben kein funktionales Äquivalent zu einer Wissenskommunikation mit dem Ziel der Vermittlung von wissenschaftlichen Befunden und Erkenntnissen (»Wahrheitskommunikation«) darstellt.24 Individuelle und institutionalisierte Wissenschaftskommunikation kann beides leisten, wie groß jedoch die tatsächlichen Anteile beziehungsweise Schnittmengen von Wissenskommunikation und Kommunikation von Wissenschaftsorganisationen sind, bleibt eine offene empirische Frage. Tendenziell ist von einer Verschiebung zugunsten von Wissenschaftskommunikation als PR auszugehen: Die zuvor skizzierten Entwicklungen haben zusammengenommen dazu geführt, dass insbesondere Push-Informationen im Rahmen der verstärkten PR Aktivitäten wissenschaftlicher Institutionen an Bedeutung gewonnen haben, was sich etwa an einer verstärkten Orientierung an den Interessen der Stakeholder zeigt, denen gegenüber sich Wissenschaft vermeintlich rechtfertigen muss (vgl. Claessens 2014, 1). In der Folge erfüllt externe Wissen- 23 Dies führe Marcinkowski und Kohring zufolge zu einem Übergewicht wissenschaftsfremder Motive für Kommunikationsanstrengungen: »Science communication is therefore a gateway for non-scientific motives, relevance criteria and dynamics, and that, from the perspective of science, is anything but good news« (Marcinkowski/Kohring 2014, 5). 24 Die Unterscheidung von Reputations- und Wahrheitskommunikation in der Wissenschaft geht auf Luhmann (1990) zurück (vgl. Wormer 2016, 5) SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 147 schaftskommunikation, die von Institutionen bereitgestellt wird, häufig eher die Funktionen von PR als für die Öffentlichkeit relevante Information: »the purpose is much less that of providing accessible information on matters of public relevance than it is of boosting the profile and reputation of the organisation« (Trench 2008b, 135). Es zeigt sich somit die Tendenz, dass aufgrund veränderter Logiken (marktorientiertes Anreizsystem) der Wissenschaftskommunikation Wissenschaft zunehmend über sich berichtet anstelle Wissenschaft selbst in den Fokus der Kommunikation zu stellen (vgl. Marcinkowski/Kohring 2014, 5). Dass sich ein solcher Reputationsgewinn in der öffentlichen Wahrnehmung positiv auf das Wissenschaftssystem auswirken kann, zeigt eine Untersuchung von Sanz-Menéndez et al. (2014): Ein Interesse an wissenschaftlichen Themen wirkt sich demnach positiv auf die Zustimmung für staatliche Ausgaben für Wissenschaft und Forschung aus. 3. Social Media als Alternative für die Wissenschaftskommunikation? 3.1 Ausgewählte Onlinemedien selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation: Wissenschaftsblogs, Social Network Services, Microblogging und YouTube Der folgende Abschnitt gibt eine Übersicht über die Social-Media-Anwendungen, die aufgrund ihrer Reichweite unter Internetnutzenden als relevante Medien der Onlinekommunikation eingeordnet werden können und folglich potentiell geeignet sind, als Plattformen für die selbstvermittelte Kommunikation wissenschaftlicher Themen durch Universitäten und Forschungseinrichtungen genutzt zu werden. Dabei steht im Mittelpunkt, inwiefern Social Media bereits als Kommunikationsmedien ›professioneller‹ und institutioneller Kommunikatoren Anwendung finden.25 3.1.1 Wissenschaftsblogs Als eine Form der »älteren« Social-Media-Anwendungen lassen sich Blogs einordnen, deren Einsatz im Rahmen der Wissenschaftskommunikation 25 Hierbei sei zudem auf die mittlerweile zahlreich vorhandenen Publikationen verwiesen, die Social Media aus PR-Sicht betrachten und Strategien erläutern, die Organisationen einsetzen können, um ihre Anspruchsgruppen über die ›neuen Medien‹ zu erreichen (vgl. u. a. Bernet 2010; Ceyp/Scupin 2013; Däumler/Hotze 2015; Dannhäuser 2015; Yu/Houg 2014). LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 148 bereits in einigen Studien untersucht wurde (siehe dazu die Meta-Analyse in Neuberger 2014). Da Blogs plattformunabhängig bereitgestellt werden können und in der Folge keine Strukturierung der Inhalte erfordern, sondern individualisiert und zu geringen Kosten betrieben werden können, werden diese insbesondere von einzelnen Wissenschaftlern genutzt, die individuell zu ihrer Person oder wissenschaftlichen Themenschwerpunkten ein Blog betreiben (vgl. Trench 2008a, 192). Wissenschafts-, Science- oder Sci-Blogs sind dabei an die wissenschaftliche Community, aber auch an interessierte Laien adressiert. Als Kommunikationsmedium sind sie für Dialoge beziehungsweise Feedback angelegt und bilden damit eine über das bloße Informationsangebot klassischer Websites (Pull-Medium) hinausgehende Form der öffentlichen Kommunikation im Internet unter Umgehung professioneller Kommunikatoren wie Journalisten (vgl. Batts et al. 2008, 1837; Colson, 2011, 890). Auch wenn Blogs das Potential bieten, mit der Öffentlichkeit (Laien) in Kontakt zu treten, haben sie sich bislang nur in begrenztem Umfang als Kommunikationsplattform für Wissenschaftskommunikation etabliert (vgl. Trench 2012, 275–276). Für Deutschland schätzt Littek die Zahl der Science-Blogs ausgehend von 180 im Jahre 2008 auf 400–500 im Jahre 2010 (vgl. Littek 2012, 78). Fischer hat disziplinäre Ungleichgewichte in der Blogosphäre beobachtet: Naturwissenschaftler eröffnen Blogs, »während Sozialwissenschaftler seltener sind und Geisteswissenschaftler kaum in Erscheinung treten. Die Ursache dieser Unterschiede ist unklar« (Fischer 2012, 364). Scheloske bestätigt diese thematische Konzentration auf Klima, Astronomie und Raumfahrt sowie weitere Naturwissenschaften (vgl. Scheloske 2012, 268). Peters et al. (2014, 751–752) kommen aufgrund von verschiedenen Umfragen unter Wissenschaftlern zu dem Schluss, dass diese nach wie vor die klassischen Tageszeitungen für meinungsrelevanter halten und etliche dort auch ihre Artikel publizieren. Insgesamt ergibt sich der Eindruck einer Professionalisierung und Konsolidierung der Wissenschaftsblogosphäre. In den letzten zehn Jahren haben sich Blog-Plattformen etabliert, wie beispielsweise Scienceblogs.de, die aktuell 36 Blogs indiziert und seit 2014 Teil der Konradin Mediengruppe ist (bild der wissenschaft, natur, Damals, wissen. de, wissenschaft.de, scinexx.de).26 Auch Sci-Logs, ein internationales Blogportal, wird von einem Fachzeitschriften-Verlag (Spektrum der Wissenschaft) geführt. Seit 2010 gibt es einen Wettbewerb zum »Wissenschaftsblog des Jahres«; zu den Preisträgern gehören Blogs von Einzelanbietern, zunehmend aber von Redaktionen (wie Wissenschaft aktuell mit sieben Redakteuren27 oder gar professionellen Qualitätsmedien 26 http://scienceblogs.de/about/ [28.01.2016] 27 http://www.wissenschaft-aktuell.de/ueberuns.html [28.01.2016] SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 149 aus dem Pressesektor, wie Planckton von der FAZ28). Wissenschaftsblogs zählen wie Blogs insgesamt mittlerweile zum Standardportfolio eingeführter Medienmarken aus Presse und Rundfunk und erfüllen strategische Funktionen für diese Medienunternehmen: Erstens sind sie symbolischer Ausweis von Modernität und Interaktionsbereitschaft, also Teil des Medienimages. Zweitens stellen sie Elemente des multimedialen Marketings dar, das heißt, sie verschaffen den »Muttermedien« (bzw. deren Websites) Reichweiten und beziehen umgekehrt auch Publikumsreichweiten von diesen, was sich in Grenzen auch bei der Werbevermarktung – vor allem mit Blick auf jüngere Zielgruppen – bemerkbar machen dürfte. Ohne den multimedialen Verbund beziehungsweise ohne professionelles Portal und Marketing dürfte ein Wissenschaftsblog kaum kostendeckend oder gar gewinnbringend zu betreiben sein. Die von manchen erhoffte stärkere Partizipation der Zivilgesellschaft an wissenschaftlichen beziehungsweise wissenschaftsbezogenen Debatten hat sich bislang nicht erfüllt. Das Wissenschaftsmagazin Popular Science hat in den USA die Leserkommentare sogar wieder abgeschafft, weil sie den öffentlichen Dialog eher behindert als befördert haben (vgl. Peters et al. 2014, 750). 3.1.2 Social Network Services: Facebook Unter Internetnutzern erfreuen sich Social Networks wie Facebook, Instagram aber auch berufsbezogene Portale wie Xing großer Beliebtheit (vgl. Tippelt/Kupferschmitt 2015). Mit über einer Milliarde Nutzern weltweit ist Facebook darunter das soziale Netzwerk mit der größten Reichweite. Es bietet den Mitgliedern eine Austauschplattform um Kontakte zu pflegen und sich selbst in öffentlichen oder halb-öffentlichen Profilen darzustellen (vgl. Boyd/Ellison 2007; O’Regan 2015, 97). Die Vernetzung mit anderen Nutzern ist das zentrale Merkmal sozialer Netzwerke und macht diese Plattformen auch für professionelle Kommunikatoren (Journalismus, PR) interessant, da Informationen durch Weiterleitung von Mitgliedern an die eigenen Kontakte verbreitet werden (»social navigation«, vgl. u. a. Rössler et al. 2014, Schmidt et al. 2009). Die Auswahlentscheidungen professioneller Gatekeeper werden durch diese nutzergesteuerte Informationssuche und -weitergabe »viral« ergänzt, so dass Nutzer sozialer Netzwerke von den Selektionsleistungen ihrer Kontakte profitieren. Gleichzeitig greift Facebook selbst in die Vernetzung der Nutzer ein, indem auf Basis von Nutzerverhalten und 28 http://blogs.faz.net/planckton/ [28.01.2016] sowie https://wissenschaftkommuniziert.wordpress.com/ 2016/01/05/ prosit-2016-der-wissenschafts-blogdes-jahres-2015-ist-gewaehlt/ [28.01.2016] LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 150 -interessen Vorschläge für andere Seiten oder Profile verbreitet werden. Diese Diffusion von Informationen macht die Plattform für professionelle Kommunikatoren, die auf diese Weise die Ausschöpfung ihrer Zielgruppen maximieren können, besonders interessant. Facebook erzielt einen Großteil der Erlöse mit Werbeeinnahmen und bietet Unternehmen die Möglichkeit, auf Basis gesammelter nutzer- und nutzungsbezogener Daten Zielgruppen vergleichsweise exakt anzusprechen – Kriterien wie Soziodemographie, persönliche Interessen, geographische Daten und nutzungsbezogene Aktivitäten lassen sich als Filter für die Platzierung zielgruppenorientierte Angebote heranziehen (vgl. O’Regan 2015, 97). Facebook hat sich daher mit steigender Verbreitung zur attraktiven Werbe- und Marketing-Plattform für Unternehmen entwickelt (vgl. Thummes/Malik 2015, 111). Neben Werbeschaltungen haben Unternehmen beziehungsweise Organisationen ebenso die Möglichkeit, mit eigenen Facebook-Seiten im Netzwerk vertreten zu sein – diese können kostenlos erstellt werden und werden dargestellt wie private Profile. Nutzende können »Fans« der Seite werden und mit den jeweiligen Organisationen beziehungsweise Marken in Kontakt treten (vgl. O’Regan 2015, 97; Däumler/Hotze 2015, 23) – wobei sich, zumindest für deutschsprachige Angebote zeigt, dass die Möglichkeiten der Interaktion mit den Konsumenten etwa durch Dialoge nur sehr begrenzt verwirklicht werden (vgl. Thummes/Malik 2015, 126). Mit Bezug auf eine Nutzung von sozialen Netzwerken wie Facebook in der Wissenschaft werden insbesondere die wissenschaftsinterne Vernetzung, aber auch die Kommunikation nach »außen« zur Interaktion mit der interessierten Öffentlichkeit genannt (vgl. Nentwich/König 2014, 114). 3.1.3 Microblogging: Twitter Die Microblogging-Plattform Twitter nimmt seit 2006 eine Zwischenstellung zwischen One-to-one- oder One-to-few-orientiertem Messaging und öffentlichem Blog-Postings ein. Als Merkmale lassen sich die Schnelligkeit der Informationsübermittlung nennen sowie die Begrenzung der Nachrichten (»Tweets«) auf 140 Zeichen – aus diesem Grund wird Twitter häufig zur Echtzeit/Live-Berichterstattung über aktuelle Ereignisse eingesetzt (vgl. dazu ausführlich: Lee 2014; Machill et al. 2013). Informationen lassen sich mit Hilfe von Twitter schnell an die eigenen Abonnenten des Accounts (»Follower«) verteilen, wobei die Diffusion von Informationen zusätzlich durch die Funktion des ›retweet‹ beschleunigt werden kann, indem Personen bereits gesendete Informationen an den eigenen Follower-Kreis weiterleiten. Tweets können dabei neben Textinhalten auch Bilder oder Links zu Videos oder Websites enthalten. Zudem können Tweets mit einem Schlagwort (»Hashtag«) SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 151 versehen werden, um die Information für Interessierte auffindbar zu machen. Erste Nutzungsanalysen zeigen, dass Twitter eher für eine wissenschafts- und fachinterne Kommunikation eingesetzt wird, wie etwa das Verweisen auf Publikationen (vgl. Weller/Puschmann 2011) oder als Kommunikationstool während Konferenzen (vgl. Reinhardt et al. 2009, 145) sowie ein gewisses Potential für Anwendungen in der Lehre besitzt. Der Dienst eignet sich insbesondere, um eine abgegrenzte Öffentlichkeit von Interessierten (Follower) zu erreichen. Insgesamt lässt sich Twitter somit vorrangig als Ergänzung weiterer Plattformen der Wissenschaftskommunikation begreifen, das als Promotion-Instrument für die eigene Forschung oder Publikationen betrachtet werden kann (vgl. Puschmann 2014, 104). So zeigt beispielsweise eine Inhaltsanalyse von »Toptweets« auf Twitter aus dem Jahr 2010 die hohe Bedeutung insbesondere professionelle Kommunikatoren (Journalisten, Nachrichtenagenturen und andere) auf die über ein Drittel der analysierten Tweets entfielen (vgl. Neuberger et al. 2010, 75). In eine ähnliche Richtung deutet auch die Studie von Rauchfleisch (2015), der die Twitteraktivitäten deutscher Kommunikationswissenschaftler untersucht. Die Ergebnisse bestätigen wiederum, dass mit Bezug auf die fachliche Nutzung von Twitter der Bezug auf Konferenzen im Vordergrund steht während die Plattform kaum zur öffentlichen Kommunikation über Forschung genutzt wird (vgl. Rauchfleisch 2015, 121). 3.1.4 Videoplattformen: YouTube Videoplattformen wie YouTube halten Videoinhalte on Demand bereit, die Nutzende selbst einstellen und mittels Streaming-Technologie abrufen können (vgl. Rudolph 2014, 56). Mit mehr als einer Milliarde monatlicher Nutzer ist die 2006 gegründete Videoplattform YouTube eines der verbreitetsten Social-Media-Angebote und besetzt nach Google und Facebook die Position der meist-abgerufenen Webseite weltweit.29 Dem Namen der Plattform entsprechend können sowohl private als auch professionelle Anbieter hier Videoinhalte hochladen, die dann online abrufbar sind und auch in Form von Kommentaren bewertet beziehungsweise kommentiert werden können. Angemeldete Nutzer können bei YouTube einen Kanal einrichten, der alle ihre veröffentlichten Videos sammelt und einige private Informationen über den »Anbieter« bereithält (vgl. Däumler/Hotze 2015, 251). Nutzende können zudem einzelne Kanäle abonnieren und werden beim Einstellen neuer Inhalte auf der Plattform direkt informiert. Zudem 29 http://www.alexa.com/topsites [19.01.2016] LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 152 besteht die Möglichkeit, Videos auf YouTube in die eigene Webseite zu integrieren (»embedding«), so dass sie dort direkt abgespielt werden können. Die Bandbreite von Kanalinhabern reicht über einfache Internetnutzer, die eher zufällig gedrehte Filme einstellen, bis hin zu Profis, die ihre aufwändigen YouTube-Kanäle regelmäßig mit neuen Inhalten bestücken und dafür an Werbeeinnahmen beteiligt werden. Wesentlich für das Betreiben eines eigenen YouTube Kanals ist dabei insbesondere, dass regelmäßig neuer Content bereitgestellt und dieser für eine Auffindbarkeit von Suchmaschinen optimiert (Search Engine Optimization, SEO) ist: Während 2013 jede Minute bereits 100 Stunden Videomaterial auf YouTube eingestellt wurden,30 hat sich diese Zahl bis 2015 nochmals vervierfacht, so dass minütlich etwa 400 Stunden Videomaterial hinzukommen31. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass YouTube durch einen beträchtlichen »Long Tail« geprägt ist – von den 4.320 Minuten Videomaterial, das weltweit pro Minute auf der Plattform eingestellt wird, sind lediglich 5,5 Minuten den 1.000 reichweitenstärksten Kanälen zuzurechnen. Von den Top 1.000-Kanälen zählen wiederum nur 21 zur Rubrik »Sciene & Tec«.32 Mittlerweile hat sich auch die Vermarktung von YouTube-Kanälen professionalisiert, wie die Herausbildung von Multi-Channel-Netzwerken zeigt, die YouTuber in Bereichen wie Produkt, Programmieren, Finanzierung und Vermarktung unterstützen.33 Insgesamt zeigt sich damit die Tendenz, dass sich die Plattform von nutzergenerierten Inhalten hin zu professionell erstellten Videos orientiert – und damit den Logiken traditioneller kommerzieller Medienanbieter immer mehr anpasst (vgl. Kim 2012, 54). Neben Videoblogs und selbst-erstellten Musikvideos bilden Tutorial-Videos, die Anleitungen und Ratgeber für verschiedene Alltags-Probleme bereithalten, einen bedeutenden Anteil der nutzergenerierten Inhalte (vgl. Mende et al. 2013, 47). Auch eine aktuelle Übersicht über die YouTube-Kanäle in Deutschland mit den höchsten Abrufzahlen beziehungsweise Abonnenten bestätigt, dass der Schwerpunkt auf unterhaltungs- und ratgeberorientierten Beiträgen liegt34. Erste Antworten auf die Frage, wie (erfolgreich) Wissenschaft auf YouTube kommuniziert wird, bietet eine Bachelorarbeit aus dem Stu- 30 http://youtube-global.blogspot.de/2013/05/heres-to-eight-great-years.html [19.01.2016]. 31 http://www.googlewatchblog.de/2015/07/aktuelle-statistiken-youtube-pro/ [21.01.2016} 32 https:/ /www.openslatedata.com/news/youtube-top-1000-channels-by-openslate.html [20.01.2016] 33 https://support.google.com/youtube/answer/2737059 [19.01.2016] 34 http://socialblade.com/youtube/top/country/de/mostsubscribed [20.01.2016] sowie Koch/Liebholz 2014 SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 153 diengang Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund (Metzen 2014). Anhand einer Stichprobe von 36 an die Allgemeinheit gerichteten Wissenschaftskanälen auf YouTube mit 1287 eingestellten Videos untersucht die Autorin sowohl die Produzenten als auch die Inhalte (Themen) der eingestellten Angebote. Die Ergebnisse zeigen, dass der Großteil der Wissenschaftskanäle von Wissenschaftsinstitutionen beziehungsweise -organisationen eingestellt (42 Prozent), während Laien an zweiter Stelle (31 Prozent) und Medienunternehmen an dritter Stelle (19 Prozent) folgen. Eine Aufteilung in nutzergenierte und professionelle Angebote macht die Dominanz professioneller Anbieter sichtbar (worunter auch die Wissenschaftsorganisationen zählen). Mit Bezug auf die in den Videos angesprochenen Themen zeigt sich zudem, dass eher naturwissenschaftliche Themen wie Physik, gefolgt von Biologie, Astronomie, Technik und Medizin dominieren. Diese Schwerpunktsetzung bleibt auch bestehen, wenn ausschließlich die Videos von Wissenschaftsorganisationen betrachtet werden (vgl. Metzen 2015, 64). 3.2 Social-Media-Strategien institutioneller Wissenschaftskommunikatoren Eine erste systematische Annäherung an die Frage, wie Social Media bislang für die selbstvermittelte Wissenschaftskommunikation von Wissenschaftsorganisationen eingesetzt werden, bietet wiederum eine Bachelorarbeit der TU Dortmund, die inhaltsanalytisch die Social Media Angebote von 149 Instituten der Max-Plack-Gesellschaft (MPG), der Fraunhofer Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft untersucht (vgl. Hopius 2015). Die Ergebnisse zeigen, dass Social Media zwar genutzt werden – jedoch nicht voll allen Instituten gleicherma- ßen. Nur 38 Prozent der Institute verweisen auf ihrem Online Auftritt auf Social Media Angebote, wobei hier insbesondere Twitter, gefolgt von Facebook und YouTube (21 Prozent) die dominierenden Dienste darstellen (vgl. Hopius 2015, 29–30). Thematisch sind Angebote aus den Ingenieurwissenschaften und der Biologie vorherrschend (vgl. ebd., 34). Insgesamt kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass »soziale Netzwerke in der Wissenschafts-PR […] noch nicht so weit verbreitet [sind], wie es die Fachliteratur vermuten lässt« (Hopius 2015, 41). Ergänzt werden diese Befunde durch eine interne Studie der Social-Media-Kommunikation innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft, die belegt dass Social Media insbesondere zur Außendarstellung der Organisation, gefolgt von Wissenskommunikation allgemein eingesetzt werden und dass die Angebote vorrangig die breite Öffentlichkeit sowie Journalisten LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 154 ansprechen sollen (vgl. Leibniz-Gemeinschaft 2014, 4–5). Dies steht in enger Verbindung mit den Zielen, die mit der Social-Media-Strategie verfolgt werden, die sich vorrangig auf die Steigerung des Bekanntheitsgrades der jeweiligen Einrichtung bei bestimmten Zielgruppen bezieht (vgl. ebd., 14; für eine ähnliche Einschätzung mit Bezug auf die Helmholtz-Gesellschaft siehe Krause, 2015). Vorrangig kommen dabei Twitter, Facebook und eigene Blogs zum Einsatz, während etwa Videoportale nur für eine geringe Anzahl der Institute eine relevante Plattform der Kommunikation darstellt. Auf organisatorischer Ebene zeigt sich zudem, dass die Initiative, Social Media als Kommunikationskanäle zu nutzen, insbesondere von der Marketing-Abteilung ausgeht. Diese ist zugleich auch überwiegend für die Bearbeitung und Pflege der Aktivitäten auf den Plattformen verantwortlich ist (vgl. Leibniz-Gemeinschaft 2014, 10–11). 3.3 Nutzenpotenziale von Social Media für die institutionelle Wissenschaftskommunikation: Reichweiten und Zielgruppen Der mögliche Nutzen von Social-Media-Angeboten für die Wissenschaftskommunikation lässt sich zunächst mit Bezug auf die mögliche Reichweite bewerten: Diese beträgt für Onlinemedien allgemein in Deutschland fast 80 Prozent, wobei sich das Wachstum zuletzt sehr stark abgeschwächt hat und umgekehrt immer noch gilt, dass ein Fünftel der Bevölkerung ab 14 Jahren nicht einmal »gelegentlich« online geht. Die Tagesreichweite aller Onlinemedien insgesamt liegt bei 63 Prozent (vgl. Frees/Koch 2015, 367) und damit immer noch unterhalb des Fernsehens (80 Prozent) sowie des Hörfunks (74 Prozent), jedoch deutlich höher als bei der Tageszeitung (33 Prozent) (vgl. Media Perspektiven 2015, 65). Noch immer ist die Nutzung in den verschiedenen Altersgruppen sehr ungleich ausgeprägt: Bei den 14–29-jährigen Onlinern beträgt die Reichweite fast 100 Prozent, die Tagesreichweite rund 95 Prozent, bei den 50–59-Jährigen sind nur 83 Prozent online, 56 Prozent täglich, und bei den über 60-Jährigen sind es nur noch 50 beziehungsweise knapp 30 Prozent Tagesreichweite (vgl. Frees/Koch 2015, 367). Bei der Nutzung von Social Media reduzieren sich die Reichweiten nochmals, was in der populären Debatte gerne übersehen wird: Von den Onlinern (also 80 Prozent der Bevölkerung) nutzen zwischen 59 Prozent (Instant Messanger) und nur sieben Prozent (Twitter) einzelne Social-Media-Plattformen »gelegentlich«; die täglichen Reichweiten liegen zum Teil deutlich darunter, bei den Sozialen Netzwerkdiensten beispielsweise bei nur 22 Prozent, für Twitter bei nur 1 Prozent der Onliner (vgl. Tippelt/Kupferschmitt 2015, 443). Bezogen auf die Gesamtbevöl- SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 155 kerung ab 14 Jahren ergeben sich damit Social-Media-Nutzungsquoten zwischen fünf und unter 50 Prozent. Konkret zeigt sich, dass Online-Netzwerke wie Facebook eine sehr hohe (wenn auch seit 2013 leicht sinkende) Popularität besitzen – 43 Prozent (24 Millionen) der deutschen Internetnutzer sind zumindest selten auf solchen Plattformen aktiv, wobei knapp 90 Prozent davon zu den Facebook-Nutzern zählen. Auch hier zeigt sich ein deutlicher Alterseffekt: Während über 70 Prozent der 14–29-Jährigen Facebook nutzen, ist es bei den ab Menschen ab 50 lediglich jeder Fünfte (vgl. Tippelt/Kupferschmitt 2015, 433). Für Twitter lässt sich konstatieren, dass weltweit etwa 320 Millionen aktive Nutzern35 eine große (technische) Reichweite von Tweets ermöglichen, da die gesendeten Beiträge öffentlich sichtbar sind und, zumindest theoretisch, von allen Nutzern gelesen werden können. Allerdings zeigt sich eine de facto weitaus geringere Reichweite für Twitter in Deutschland, auch wenn dieser Dienst immer häufiger als journalistisches Recherchewerkzeug genutzt wird und als Quelle für Informationen in Massenmedien auftaucht. Auswertungen aus 2013 zeigen, dass lediglich 1,17 Millionen Personen selbst aktiv twittern (vgl. Busemann 2013, 398). Wiederum bestätigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Altersgruppen – während von den 14–29 Jährigen immerhin 13 Prozent den Dienst zumindest selten nutzen, sind es lediglich drei Prozent der über 50-Jährigen; ebenso sind Männer etwas häufiger auf Twitter aktiv als Frauen (vgl. Tippelt/Kupferschmitt 2015, 443). Videoplattformen wie YouTube genießen in Deutschland eine hohe Popularität: Über 60 Prozent der Internetnutzer gaben an, zumindest selten eine Videoplattform wie YouTube zu nutzen, darüber hinaus gibt gut ein Drittel der Befragten an, auf Facebook eingestellte Videoinhalte zu nutzen. Mit eingestellten Videos hat Facebook großen Erfolg, so dass in 2014 erstmal mehr Videos auf Facebook angeschaut wurden als bei YouTube selbst.36 Erneut zeigt sich hier ein klarer Alterseffekt, da unter den 14- bis 29-Jährigen 86 Prozent der Internetnutzer zumindest selten auf Videoportalen unterwegs sind. Zudem zählen 46 Prozent dieser Altersgruppe zu den Abonnenten von YouTube-Kanälen bestimmter Anbieter (vgl. Kupferschmitt 2015, 385–386). 35 https://about.twitter.com/de/company [16.01.2016] 36 http://www.futurebiz.de/artikel/facebook-videos-mehr-views-youtube/ [20.01.2016]. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass dies in enger Verbindung mit der auto-play-Einstellungen bei Facebook steht, so dass Videos in der Timeline von Facebook abgespielt werden, sobald ein/e NutzerIn darüber scrollt. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 156 Tabelle 4: Reichweite (Nutzung)* von Social-Media-Angeboten in Deutschland Social-Media-Angebot Onliner gesamt** Onliner 14–29 Jahre Online-Netzwerke (einschl. Facebook) 43 % 73 % Twitter 7 % 13 % Videoplattformen 62 % 86 % Videos auf Facebook 30 % 57 % * Angabe basiert auf zumindest seltener Nutzung ** ab 14 Jahre Quelle: Tippelt/Kupferschmitt 2015, 443 Systematische Übersichten dazu, wie wissenschaftsbezogene Informationen in Social Media genutzt und rezipiert werden, stellen noch ein Forschungsdesiderat dar, so dass aus für eine Bewertung des Nutzenpotentials auf einige sehr globale Befragungsdaten, erste explorative Arbeiten und unsystematische Marktbeobachtungen zurückgegriffen werden muss. Von den zwei Drittel der Bevölkerung ab 14 Jahren, die überhaupt Onlinemedien zur Information über Wissenschaft und Forschung nutzen, vertrauen viele den traditionellen Quellen beziehungsweise professionellen journalistischen Kommunikatoren, 81 Prozent nutzen Websites und Mediatheken bekannter Publikumsmedien, nur 35 Prozent die Websites der Wissenschaftsorganisationen und Forschungsinstitute. Social-Media-Quellen werden ebenfalls weniger für die Information über Wissenschaft genutzt als journalistische Onlinemedien: 45 Prozent nutzen YouTube, 33 Prozent Blogs und Foren, und nur 32 Prozent Social Network Services und Microblogs (Twitter) (vgl. WiD 2015, 10). Mit Bezug auf journalistische wissenschaftsbezogene Formate, die über Social Media verfügbar gemacht werden, lässt sich zumindest für einige Angebote eine vergleichsweise hohe Reichweite aufzeigen. So zeigt eine Auswertung der Social-Media-Aktivitäten für den Sender SWR, dass die wissenschaftsbezogene Sendung »Planet Wissen« mit über 36.000 Fans bei Facebook zu den erfolgreichsten Angeboten des Senders zählt (vgl. Knauth 2015). Auch wissenschaftsbezogene Fernsehformate, die auf YouTube verfügbar sind, können nennenswerte Reichweiten auf sich vereinen: Das populäre Wissenschaftsformat »Galileo« von Pro7 beispielsweise erreicht bei YouTube bis zu sieben Millionen Abrufe für auf den eigenen Kanal eingestellte Videos. Auch Beiträge der Wissenschaftssendung »Quarks und Co.« des WDR, die von Privatnutzern auf YouTube eingestellt wurden, zählen bis zu einer halben Million Abrufe. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 157 Über die Nutzung derjenigen wissenschaftsbezogenen Social-Media-Inhalte, die nicht durch professionelle Medien organisiert werden, sondern selbstvermittelt durch Wissenschaftler und Wissenschaftsinstitutionen angeboten werden, ist das empirische Wissen noch lückenhafter: Die vergleichsweise professionellen Social-Media-Angebote der Leibniz-Gemeinschaft37, der Helmholtz Gesellschaft38, der Fraunhofer- Gesellschaft39 und der Max-Planck Gesellschaft40 können teilweise mit den Reichweiten professioneller journalistischer Wissenschaftsbeiträge konkurrieren. Einige der Social-Media-Aktivitäten der Helmholtz-Gemeinschaft sind dabei sehr erfolgreich – wie der Audio-Podcast41 »Resonator«, der bereits über eine Million Mal heruntergeladen wurde42 sowie einige Blog-Angebote, die beispielsweise Expeditionen begleiten oder Aktivitäten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) dokumentieren.43 Diese Angebote bilden jedoch eine (positive) Ausnahme, insgesamt zeichnen sich eher geringe Zugriffszahlen auf über Social Media vertriebene Angebote zur Wissenschaftskommunikation ab. Auch für Wissenschaftsblogs bleibt derzeit nur die unsystematische Bezugnahme auf Beispiele: Das kommerzielle, einer Wissenschaftspresse-Agentur zuzurechnende Blog Wissenschaft aktuell weist in seinen (jüngsten) Mediadaten für 2013 eine Reichweite von gut 100.000 und knapp 240.000 Seitenabrufe aus, wobei allerdings unklar bleibt, ob es sich um Unique User handelt und welcher Zeitraum zugrunde liegt.44 Als weiteres Beispiel sei hier nochmals auf das Verlagsangebot scienceblogs.de verwiesen, das pro Monat etwa 220.000 Unique User und 280.000 Abrufe ausweist. Hier schreiben Wissenschaftler und Journalisten, zur erreichten Zielgruppe werden folgende soziodemographische Angaben gemacht: knapp 60 Prozent der Nutzer sind Männer, zwei Drittel zwischen 14 und 39 Jahren alt und ein knappes Drittel verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 3.000 Euro45. Für Blogs, die weder über eine professionelle Redaktion verfügen, noch über eine der einschlägigen Portale oder Plattformen auffindbar sind, 37 http://www.leibniz-gemeinschaft.de/medien/ [23.02.2016] 38 http://social.helmholtz.de/ [23.02.2016] 39 https://www.fraunhofer.de/de/ueber-fraunhofer/profil-selbstverstaendnis/social-media.html [23.02.2016] 40 http://www.mpg.de/socialmedia/netiquette [23.02.2016] 41 Für die besondere Bedeutung von Podcasts für die Kommunikation von Wissenschaftsthemen siehe auch Birch/ Weitkamp 2010. 42 http://resonator-podcast.de/2015/res074-eine-million-downloads/#comment-10942 [23.02.2016] 43 http://www.dlr.de/blogs/ [23.02.2016] 44 Vgl. http://www.wissenschaft-aktuell.de/mediadaten.pdf [26.07.2016] 45 vgl. http://www.interactivemedia.net/de/mediadaten_pdf [22.02.2016] LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 158 dürften die Reichweiten deutlich schwächer ausfallen. Ein Großteil der Aufmerksamkeit konzentriert sich auf wenige »erfolgreiche« Blogs, die wiederum Themen wie Impfung oder Klimawandel aufgreifen und damit entweder große Gruppen von Betroffenen einschließen oder an gesellschaftliche Debatten anschließen, die in der journalistischen Berichterstattung zeit-gleich thematisiert werden (bzw. darauf direkt rekurrieren). Die mit dem Bloggen verbundene Idee des direkten Ansprechens der breiten Öffentlichkeit und der Demokratisierung von Wissenschaft hat sich also insgesamt trotz jahrelanger Erfahrung noch nicht bestätigt: Als vorrangige Motive des wissenschaftlichen Bloggens lassen sich der wissenschaftsinternen Austauschs und die Sichtbarkeit bei Stakeholdern (insbesondere Förderern) identifizieren (vgl. Puschmann 2014, 94). Hinzu kommt, dass der Gestaltung von Blogs eine wesentliche Bedeutung für den Reichweitenerfolg zukommt. Mit Bezug auf Wissenschaftsblogs zeigt die inhaltsanalytische Untersuchung von Mahrt und Puschman (2014) beispielsweise, dass eine allgemein verständliche Sprache einen Erfolgsfaktor bildet – Blogs die in sprachlich sehr anspruchsvoll geschrieben sind, erhalten im Durchschnitt weniger Kommentare. Insgesamt bestätigt sich die für Blogs allgemein getroffene Einordnung, was das Verhältnis dieser selbstvermittelten Kommunikationsformen zum Journalismus betrifft: Blogs stellen keine funktionalen Äquivalente dar, sondern dienen insbesondere als Ergänzung für eine tiefergehende Beschäftigung mit Themen. Auch wenn Wissenschaftsorganisationen ein großes Angebot an Online-Videos bereitstellen, zeigt sich bei der Reichweite ein gegenteiliges Bild. Während die Videos von Produktionsfirmen und Laien (diejenigen Anbieter, die Teil eines Multi-Channel-Networks sind) jeweils sechsstellige Abonnentenzahlen und mehrere Millionen Aufrufe aufweisen können, kommen die Angebote von Wissenschaftsorganisationen lediglich auf weniger als 1.000 Abonnenten und nicht einmal 200.000 Abrufe (vgl. Metzen 2015, 68–69). Ähnlich verhält es sich mit den Nutzerkommentaren – hier stechen die Angebote von Laien heraus, die die meisten Kommentare auf sich vereinen können, während die Wissenschaftsorganisationen so gut wie keine Kommentare generieren (vgl. ebd., 70). Mit Blick auf die Community-Funktion von YouTube zeigt sich also, dass es professionelle Kommunikatoren deutlich schwerer haben, sowohl Klickzahlen als auch Feedback auf ihre eingestellten Videos zu generieren. Zusammenfassend kommt Metzen zu dem Schluss: »Schaut man sich schließlich an, wer auf YouTube Erfolg hat, so ist das Ergebnis eindeutig: Hohe Klick- und Abonnentenzahlen werden von Laien generiert, sowie von Produk-tionsfirmen, die eine laienähnliche Herangehensweise haben … es scheint sich eine eigene YouTube-Kultur herausgebildet zu haben« (Metzen 2015, 72). SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 159 Zusammenfassen lässt sich der bislang empirisch sehr bedingt abgesicherte Forschungsstand mit Blick auf allgemeine Social-Media-Nutzungsdaten und die Spezifika von Wissenschaftsangeboten wie folgt: Social Media, insbesondere YouTube und Facebook können relevante Reichweiten bei jüngeren Nutzergruppen erzielen. Damit kann ein Publikum angesprochen werden, das zumindest über die Tageszeitungen und Angebote öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, auf die jedoch ein Großteil der wissens- beziehungsweise wissenschaftsbezogenen Angebote entfällt, weniger gut erreichbar ist. In sehr eingeschränktem Maße gilt dies für Twitter, wenn es als Promotion-Tool in Verbindung mit Verweisen auf selbst betriebene Plattformen wie Blogs oder klassische Homepages eingesetzt wird. Gegenüber den herkömmlichen Online-Formen der institutionellen Wissenschaftskommunikation eröffnen Social-Media-Dienste weitaus bessere Adressierungsmöglichkeiten sowie die Chance, Pull-Angebote und Push-Angebote zu verbinden. Die Social-Media-Angebote einzelner Wissenschaftler und der Wissenschaftsinstitutionen bewegen sich in einem intensivierten Wettbewerb um die nach wie vor begrenzte Aufmerksamkeit des Publikums, denn die Anzahl der Angebote wächst mit den sinkenden Kosten. Professionelle journalistische Angebote, insbesondere solche der bekannten Medienmarken dürften bei diesem Kampf um Aufmerksamkeit ebenso im Vorteil sein wie hinsichtlich Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Erfolgreiche institutionelle Wissenschaftskommunikation dürfte daher gezwungen sein, sich einer ähnlichen Marktlogik zu unterwerfen, wie sie Siegert (2014, 126–132) für die Wissenschaftsberichterstattung in den publizistischen Medien unter Kostenoptimierungsdruck aufgezeigt hat. Demnach sind »Verkürzung und Vereinfachung«, die »Bevorzugung einzelner Disziplinen« und »einzelner Wissenschaftler«, die Unterhaltsamkeit (»Entertainisierungsfähigkeit«) von Themen sowie ihr Nutzwert im Sinne einer Ratgeberfunktion wichtige Kriterien der Gestaltung beziehungsweise Faktoren des Publikumserfolgs. Bei einer Kosten- und Nutzenabwägung stellt sich nun die Frage, ob diese möglicherweise aus der Wissenschaftsperspektive problematischen Folgen durch die selbstvermittelte Kommunikation von Wissenschaftsakteuren via Social Media wirklich behoben oder nicht viel eher wiederholt beziehungsweise verstärkt werden. Den Reichweiten- und Zielgruppenpotentialen, die Social Media für die selbstvermittelte Wissenskommunikation beziehungsweise PR bieten, stehen jedoch auch personelle und finanzielle Kosten gegenüber, die im Folgenden analysiert werden sollen. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 160 3.4 Kosten und Nutzen von Social Media für die institutionelle Wissenschaftskommunikation 3.4.1 Kostenlogik professioneller Social-Media-Kommunikation Auch im Hinblick auf die ökonomische Einordnung professioneller Social-Media-Kommunikation hinkt die kommunikationswissenschaftliche Forschungsliteratur der Medienentwicklung weit hinterher, dies gilt in besonderem Maße für nicht unternehmensbezogene Kommunikationsangebote wie die Wissenschaftskommunikation mithilfe von Social Media. Wir beziehen unsere folgenden Überlegungen daher auf einige allgemeine Mechanismen der Social-Media-Kommunikation und auf Erfahrungen aus anderen Anwendungsbereichen. Ergänzend haben wir Praxisliteratur (Michelis 2015a, 2015b; Gysel/Michelis/Schildhauer 2015, Bernet 2010) genutzt sowie zwei informelle Experteninterviews geführt. Um das ökonomische Spektrum der Social-Media-Strategien zu verdeutlichen, entwickeln wir schließlich drei Varianten für den Social-Media-Einsatz von Wissenschaftskommunikatoren. Grundsätzlich werden im Social-Media-Sektor mit Blick auf eine Kosten-Nutzen Kalkulation aus Sicht professioneller Kommunikatoren drei Kategorien beziehungsweise Logiken unterschieden (vgl. Corcoran 2009; Turban et al. 2015, 83–85): (1) Owned Media umfassen Social-Media-Angebote, die sich zumindest weitestgehend im Besitz beziehungsweise der Kontrolle der jeweiligen Kommunikatoren befinden. Dazu zählen beispielsweise eigene Webseiten, Blogs, Facebook-Auftritte sowie ein Twitter- oder YouTube Kanal, die mit eigenen Inhalten bespielt werden können. (2) Paid Media46 bezeichnen demgegenüber solche Social-Media-Angebote, die sich im Besitz anderer Anbieter befinden und die von den jeweiligen individuellen oder institutionellen Kommunikatoren bezahlt werden, um PR oder Werbeinhalte an Nutzende zu übermitteln. Darunter lassen sich alle möglichen Online-Werbeformen, die auf Social-Media-Plattformen eingestellt werden, aber auch gesponserte Beiträge auf Facebook oder YouTube, promoted tweets auf Twitter ebenso wie optimierte Suchanfragen (SEO) fassen. (3) Bei den sogenannten Earned Media werden die eigenen Kunden oder Anspruchsgruppen selbst zum »Kanal« und verbreiten im Sinne von Multiplikatoren Informationen der Organisation weiter 46 Es handelt sich hierbei nicht um den viel diskutierten Paid Content, sondern um bezahlte Vermittlungsleistungen im Sinne von Kontakten. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 161 (z. B. Blogger, Journalisten, Meinungsführer). Dies geht jedoch mit einem vergleichsweise hohen Kontrollverlust über die vermittelten Inhalte und deren Bewertung einher. In der Organisationskommunikation und PR galten die meisten Social Media anfangs grundsätzlich als Owned Media, da die Investitionskosten für die Einrichtung eines Facebook- oder Twitter-Accounts praktisch bei null liegen und mit der Adressierung von vorrangig ohnehin in Social Media aktiven Personen innerhalb der Anspruchsgruppen geringe Investitionen für die Reichweitenerzielung getätigt wurden. Mittlerweile hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Social Media keine »Selbstläufer« sind, die »automatisch« eine große Reichweite und die gewünschte Zielgruppe erreichen. Dies gilt gerade unter den Bedingungen eines raschen Wachstums an Angeboten und des daraus resultierenden verschärften Wettbewerbs um Aufmerksamkeit. »Die Zeit der reinen ›Graswurzel-Sozialmedien‹ ist wohl vorbei«, bemerkt Leßmöllmann (2012, 257) treffend. In Abhängigkeit von den anvisierten Reichweiten und den Inhalten wandeln sich Owned Media-Angebote, wie beispielsweise ein von einer Wissenschaftsorganisation selbst betriebener YouTube-Kanal oder eine Facebook-Seite, zu einem kostenintensiveren Paid-Angebot. Social Media haben zunächst das Potential, im Sinne von Push-Medien ein Publikum aus Interessierten Personen zu erreichen, die als Fans (Facebook), Abonnenten (YouTube), RSS Feeds (Blogs) oder Follower (Twitter) dem Angebot bereits folgen. Im Idealfall, etwa bei besonders attraktivem Inhalt, können diese Nutzer als Promotoren und Multiplikatoren (Earned Media) fungieren und das Angebot »viral« an das eigene soziale Netzwerk anderer Nutzer weiterverbreiten. Soll jedoch ein möglichst disperses Publikum im Sinne der allgemeinen Öffentlichkeit, wie sie von den traditionellen Massenmedien hergestellt wird, erreicht werden, entwickeln sich Inhalte in Social Media zu Paid-Angeboten, die auf professioneller Vermarktung basieren und gegen Entgelt prominent bei möglichen Zielgruppen platziert werden (promotete Tweets bzw. Posts, gesponserte Videos). Für die weiteren Überlegungen erscheint es deshalb hilfreich, zunächst die Arbeitsschritte und Kostenfaktoren des Social-Media-Einsatzes in den Grundzügen darzustellen: Am Anfang sollte die Entwicklung einer Kommunikationsstrategie stehen, die Ziele (Reichweiten, Zielgruppen), Inhalte und einen Zeitplan umfassen. Voraussetzung für die Strategieentwicklung sind detaillierte Kenntnisse der einzusetzenden Medien, des medialen Umfeldes und natürlich der eigenen Organisation. Die Definition der Zielgruppe umfasst je nach Kommunikationsziel eine soziodemographische LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 162 Beschreibung im Hinblick auf Alter, Geschlecht, formale Bildung, Haushaltseinkommen und sozialem Milieu. Aus strategischer Sicht sollten auch Zielvorgaben für die Größe des Publikums formuliert werden, wenn man sich nicht mit vagen Vorstellungen (»möglichst viele/ alle«) zufrieden geben möchte. Die Selektion der Inhalte bezieht sich auf Forschungsthemen, -befunde, -berichte und die Forscher, die hierfür verantwortlich sind und die fachwissenschaftliche Kompetenz für eine richtige Darstellung besitzen. Die Auswahl der Inhalte muss sich zudem an den technischen Gegebenheiten der Medien sowie an den sozialen Regeln ihres Gebrauchs orientieren, was entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen voraussetzt. Ähnlich wie bei einer Werbe- oder herkömmlichen PR-Kampagne muss dann ein Mediaplan entwickelt werden, aus dem hervorgeht, wann auf welchen Social-Media-Plattformen was kommuniziert wird, gegebenenfalls auch in welcher Frequenz Content benötigt wird, um eine kontinuierliche Präsenz mit einem für Nutzer interessantem Neuigkeitswert zu erzielen. Teil eines solchen Plans stellen Überlegungen zur crossmedialen Promotion, zum Beispiel mittels Twitter, Facebook oder konventioneller E-Mail- und Newsletter-Verteiler dar. Für eine realistische Kostenkalkulation eines professionellen Betriebs von Social Media fallen neben Kosten zur Reichweitenerzielung Produktions- und Betriebsaufwendungen an: Für die Erstellung eines ansprechenden Social-Media-Angebots (z. B. Einrichtung eines YouTube-Kanals, einer Facebookseite) müssen einmalige Produktionskosten (Design, zielgruppengerechte Aufmachung) eingeplant werden. Wissenschaftsorganisationen verfügen über eine große Anzahl möglicher Autoren (insbesondere Wissenschaftler), die als Experten für ein thematisches Feld zur Verfügung stehen und mit Bezug auf konkrete Forschungsprojekte und -ergebnisse auch Anlässe für Kommunikationsaktivitäten liefern. Gleichzeitig bringen jedoch nicht alle Personen gleichermaßen das Wissen und die Fähigkeiten sowie die Motivation für die zielgruppengerechte Aufbereitung der Informationen, insbesondere für Laien, mit. Daher sind im Rahmen der Einrichtung von Social-Media-Kanälen auch Schulungskosten für Autoren zu kalkulieren, um diese mit den spezifischen Produktionsprozessen und Anforderungen für Video- und Textproduktion in den einzelnen Social Media vertraut zu machen. Ein solcher Schulungskurs mit bis zu drei Personen kostet nach Experteneinschätzung rund 1.500 Euro. Häufig empfiehlt es sich hierbei auf externe Dienstleistungen ( Social-Media-Berater oder -Agenturen) zurückzugreifen, die Unterstützung bieten, um eine integrierte Social-Media-Strategie zu entwickeln und die einzelnen Angebote einzurichten. Darüber hinaus entstehen für die Inhalte-Erstellung, insbesondere bei einer Plattform wie You- Tube, regelmäßig Kosten für die Produktion von Videos, die entweder SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 163 in-house oder extern produziert werden. Für ein professionelles Video sind hier 2–3 Personentage zu kalkulieren – wobei dies nur einen groben Richtwert darstellt, da die Aufwendungen in Abhängigkeit von Recherchetätigkeiten, Einholen von Urheberrechten und Post-Produktion erheblich variieren können (vgl. Bernet 2010, 106). Daneben fallen regelmäßige Betriebskosten für Social-Media-Angebote an, die sich neben der Erstellung von Inhalten (in Eigen-Regie oder als Auftragsproduktion mit entsprechenden Außenkosten) auf die zielgruppenspezifische Vermarktung und Betreuung des Angebots (Erstellung eines Redaktionsplans, Cross-Channel-Aktivitäten zur Vernetzung der Social-Media-Angebote, Dialogorientierung wie das Lesen und Beantworten von Nutzerkommentaren, die Planung und Durchführung von Marketing sowie das Monitoring wie die Auswertung von Abrufstatistiken) beziehen. Für die Betreuung eines YouTube-Kanals werden aus Praxissicht zwischen 25 und 40 Stellenprozente eines Social- Media-Managers budgetiert (vgl. Bernet 2010, 106). Social-Media-Experten kalkulieren mit mindestens vierstelligen Werbebudgets für die Erzielung einer Reichweite von 100.000 Views auf YouTube – unter der Bedingung, dass zudem zuvor in eine professionelle Videoproduktion investiert wurde und ein für anvisierte Zielgruppen ansprechender Inhalt vorliegt. Die Möglichkeiten einer Refinanzierung der eigenen YouTube-Angebote zum Beispiel durch Werbeerlöse scheinen für institutionelle Wissenschaftskommunikatoren (abgesehen von normativen Fragen) ökonomisch im Regelfall eher gering zu sein: Genaue Daten zur Finanzierung beziehungsweise Kosten- und Erlösstruktur von YouTube-Kanälen sind bislang zwar kaum verfügbar, in der Branche gilt aber die Marke von 100.000 Abonnenten als Schwelle für den Eintritt in die Gewinnzone (vgl. Meyer 2013). Im Umkehrschluss kann man davon ausgehen, dass alles darunter den Betrieb eines YouTube-Kanals zum Zuschussgeschäft macht. Die Verwendung von Facebook (FB) führt nach erfolgter Einrichtung von Facebook-Seiten, FB-Gruppen oder Community Pages zu laufenden Kosten. Durch das »Liken« (»Gefällt mir«-Funktion) einer FB-Seite kann sich diese zwar »ohne eine direkte Einflussnahme von Seiten des Anbieters viral verbreiten. In der Praxis zeigt sich aber, dass die Anzahl der Fans einer FB-Seite ohne eine eigentliche ›Initialzündung‹ nur sehr langsam wächst« (Gysel/Michelis/Schildhauer 2015, 275). Notwendig ist eine Marketing-Kampagne, die nicht nur eine ausreichende Menge an Facebook-Nutzern erreichen muss, sondern auch solche Zielgruppen, die inhaltlich interessiert sind und zur Weiterverbreitung beitragen. Die Kampagne muss also die in der Strategie formulierten sozio- und psychografischen Merkmale der Zielgruppe berücksichtigen und die Nutzer zur Aktivität motivieren (vgl. ebd., 276–277). Der laufende Betrieb muss ebenfalls organisiert und finanziert werden, um eine dauerhafte LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 164 Bindung der Facebook-Fans zu erreichen. Social-Media-Praktiker empfehlen die permanente Profilaktualisierung mit drei bis vier Updates pro Woche, vorzugsweise zwischen 10 und 14 sowie zwischen 17 und 21 Uhr – also zur »Primetime« sozialer Netzwerke (vgl. Gysel/Michelis/ Schildhauer 2015, 283). Sollen die Stärken von Social Media als interaktionserleichterndes Medium genutzt und das Feedback der Nutzer eingebunden werden, dann ist ein Monitoring des Angebotes sowie eine Beantwortung der eingehenden Anfragen ein weiterer Kostenfaktor. Und schließlich sollte der Kommunikationserfolg des Social-Media-Einsatzes in Gestalt von Nutzungsstatistiken, Feedback-Auswertungen und gegebenenfalls darüber hinausgehenden Nutzungs- und Wirkungsstudien evaluiert werden. Aufgrund mangelnder Daten fällt es derzeit nicht leicht, den Aufwand für ein erfolgreiches Social-Media-Angebot zu beziffern. Nach den von uns recherchierten Angaben muss man von mindestens einer, in der Regel schon aufgrund der unterschiedlichen Medienkompetenzen eher zwei Vollzeitstellen für Social-Media-Manager ausgehen, was Bruttogehaltskosten von etwa 60.000 bis 120.000 Euro pro Jahr entspricht. Hinzu kommen bei solchen Inhouse-Minimalbesetzungen Kosten für externe Beratungen und Dienstleistungen sowie Außenkosten für Werbe- und Marketingmaßahmen (»gekaufte Reichweiten«). Für die institutionelle Wissenschaftskommunikation gilt zudem, dass im Vergleich zu Unternehmen oder Parteien äußerst heterogene Inhalte angeboten und vermarktet werden müssen, etwa wenn man an das Fächerspektrum und die Vielfalt von Forschungsaktivitäten denkt. Das bedeutet aber, dass zum Beispiel jedes einzelne YouTube-Video je nach fachlicher Thematik und Zielgruppe einzeln vermarktet werden muss. Sofern die personal- und kostenaufwändige Etablierung eines YouTube-Channels mit »Stammpublikum« gelingt, reduzieren sich diese Kosten zwar erheblich, allerdings verursacht der erfolgreiche Betrieb eines solchen Kanals nach Einschätzung der von uns befragten Experten jährliche Kosten in fünfstelliger Höhe. Vor diesem Hintergrund erscheinen die bisher von Wissenschaftsorganisationen aufgewendeten Ressourcen äußerst knapp bemessen: Mit Bezug auf das verfügbare Budget für Social-Media-Anwendungen gibt beispielsweise der Großteil der befragten Leibniz-Institute an, dass weniger als 1.000 Euro im Jahr 2013 dafür zur Verfügung standen – zudem wird als Vorbehalt gegenüber diese Social-Media-Aktivitäten insbesondere der hohe (personelle, zeitliche und finanzielle) Aufwand genannt (vgl. Leibniz-Gemeinschaft 2014, 10–12). Insgesamt dürfte trotz der lückenhaften Datenlage deutlich geworden sein, dass Social Media, sofern sie auf eine relevante Reichweite zielen, keine kostenlosen Earned oder Owned Media darstellen, son- SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 165 dern im Sinne von Paid Media Kosten für den Anbieter verursachen, auch beziehungsweise gerade wenn virale Effekte sowie Kosten- und Kommunikationsvorteile von Social Media als Zielgruppenmedien genutzt werden sollen. Auf der Grundlage unserer Onlinerecherchen und Gespräche versuchen wir im Folgenden unterschiedliche Modelle des Social-Media-Einsatzes durch Wissenschaftskommunikatoren zu skizzieren. Dabei geht es uns nicht um eine exakte Kostenkalkulation oder gar Modellrechnungen, sondern um eine Illustration der möglichen Bandbreite. 3.4.2 Social-Media-Varianten für die Wissenschaftskommunikation Die drei hier skizzierten Szenarien enthalten Schätzwerte für den personellen und finanziellen Aufwand sowie Annahmen über den jeweils typischer Weise zu erwartenden Nutzen. Wir beginnen mit einer sehr kostengünstigen Basisvariante (A), die von einzelnen Wissenschaftlern betrieben werden kann, schließen dann eine mittlere Variante (B) an, wie sie für einzelne Institute als Einstiegsoption nahe liegen könnte. Die dritte Variante (C) hingegen zielt auf eine professionelle und im Social- Media-Umfeld wettbewerbsfähige Anlage der Kommunikationsaktivitäten. Für eine Übersicht der drei Varianten im Vergleich siehe Tabelle 5. Variante A Individuelle Forschende können mit sehr geringem finanziellen Aufwand ein Blog sowie eine Facebook-Seite einrichten, auf denen vor allem Texte und Links zu anderen Materialien enthalten sind. Ebenfalls praktisch kostenlos wäre eine Erweiterung um einen Twitter-Account. Mit einem handelsüblichen Smartphone lassen sich zudem kleine Videos drehen, die auf YouTube hochgeladen werden können. Vorausgesetzt, dass die technische Grundausstattung (PC, Netzzugang, Smartphone) ohnehin vorhanden sind, entstehen auf der Kostenseite bei dieser Basisvariante lediglich Personalkosten beziehungsweise Opportunitätskosten, da Arbeitszeit für Kommunikationszwecke statt für andere Aufgaben verwendet wird. Die regelmäßige, mindestens wöchentliche Bestückung der FB-Seite mit neuen Inhalten, das tägliche Twittern und das Verfassen eines wöchentlichen Blogbeitrags sowie das Erstellen und Hochladen beziehungsweise Einbinden eines kurzen Videos dürften mit wöchentlich etwa 3–4 Stunden zu bewältigen sein. Eine wesentliche Voraussetzung bei der Umsetzung dieser Variante liegt jedoch in der Motivation der jeweiligen Akteure selbst, die ein entsprechendes Interesse und Wissen mitbringen müssen, um die eigene LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 166 Forschung einem Laienpublikum zu präsentieren. Ausschlaggebend für wissenschaftliches Bloggen scheint eine starke intrinsische Motivation zu sein; Fischer spricht von »Überzeugungstätern«, die zum Teil beträchtlichen Aufwand betreiben, ohne ein strenges Kosten-Nutzen-Kalkül im Hinterkopf zu haben (vgl. Fischer 2012, 265). Ganz ähnlich berichten Ranger und Bultitude (2014, 7) von einer idealistischen Einstellung der Scienceblogger. Auch die Unzufriedenheit mit den Vermittlungsleistungen des Wissenschaftsjournalismus scheint eine motivierende Rolle zu spielen (vgl. Colson 2011, 900). In dieser Basisvariante A sind keinerlei Marketingmaßnahmen und -investitionen enthalten, sodass die erzielte Reichweite in der Regel marginal bleiben muss. Mit großer Wahrscheinlichkeit bewegt sich die Zielgruppe überwiegend im Kreise der persönlichen Bekannten sowie der Kollegen und es werden nur wenige fachlich interessierte Laien erreicht. Insofern liegt es auf der Hand, dass hier keinerlei funktionale Äquivalente zu anderen, professionellen Formen der Wissenschaftskommunikation entstehen. Erst sobald (Wissenschafts-)Journalisten im Rahmen von Onlinesuchen auf eines der Angebote stoßen und dies im Rahmen der eigenen Recherchen für Wissenschaftsthemen berücksichtigen, besteht die Chance fremdvermittelt eine größere Laienöffentlichkeit zu erreichen. Bei Journalisten scheinen diese Blogs aber auf wenig Resonanz zu stoßen, weil sie die Qualität der Informationen nicht leicht einschätzen können (vgl. Colson 2011, 900–901). Variante B Diese Variante weist vermutlich die größte Nähe zur gegenwärtigen Situation institutioneller Wissenschaftskommunikation auf: Es gibt eine zumindest rudimentäre Social-Media-Strategie und arbeitsteilig ausgeführte Medienaktivitäten unter Einbezug einer vorhandenen Pressestelle oder PR-Abteilung. Externe Beratungs- und Dienstleistungen werden nur im Einzelfall in Anspruch genommen und es existiert kein Budget für den »Kauf von Reichweiten« bei Facebook, dem Google Display Network oder dem Einsatz von Suchmaschinenoptimierung, insbesondere für Videos. Während Blogs ausschließlich von einigen individuellen Mitgliedern der Forschungsinstitution betrieben werden, stehen Facebook, Twitter und YouTube im Mittelpunkt der Aktivitäten, die mit den anderen PR-Maßnahmen, insbesondere der Website der Institution und von der Presse- beziehungsweise PR Abteilung verantwortete Blogs verknüpft sind. In der Presse- und PR-Abteilung sind zwei bis drei Mitarbeiter neben anderen Aufgaben mit den zentralen Social-Media-Aktivitäten sowie der Organisation von dezentralen Zulieferungen betraut. Bei letzterem SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 167 geht es vor allem um die Beschaffung beziehungsweise Produktion von Content aus der eigenen Wissenschaftsinstitution sowie die Motivation und Anleitung der beschäftigten Wissenschaftler. Der personelle Aufwand für Social Media beläuft sich auf ein Vollzeitäquivalent, also etwa 60.000 Euro Arbeitgeberbrutto im Jahr. In Analogie zu online verfügbaren Kalkulationsbeispielen aus der Human Relations-Branche (vgl. Kununu 2013) kann man von folgenden Mindestkosten ausgehen: Wenn Strategie und Konzeption sowie die laufende Betreuung von Face book und Twitter durch Festangestellte (oder gar Praktikanten) erfolgt, bleiben die Außenkosten für die Gestaltung durch Webdesigner mit etwa 5.000 Euro jährlich überschaubar. Sofern die Organisation auch ein Video-Angebot bereitstellen will, erfolgt die Produktion von Videos in dieser Variante nicht mehr mittels des eigenen Smartphones, sondern semiprofessionell mit einer digitalen Videokamera und einem Schnittprogramm. Die Erstellung eines kurzen Videos dürfte dann im Durchschnitt einige Hundert, aber in der Regel nicht mehr als 1.000 Euro kosten. Da die Wissenschaftsinstitution keinen eigenen You Tube-Channel betreibt, werden solche Videos eher sporadisch produziert und mehrfach verwertet (Website, Facebook, YouTube). Bei 15 bis 20 Videos im Jahr entstehen daher Kosten von rund 10.000 Euro. Insgesamt kostet diese semiprofessionelle Social-Media-Variante etwa 70.000 bis 90.000 Euro im Jahr, wenn man Gemeinkostenanteile au- ßen vor lässt. Mit Variante B werden neben den Mitarbeitern der eigenen Institution und deren Umfeld sowie den wissenschaftlichen Kollegen je nach Bekanntheitsgrad der Institution und Attraktivität der Angebote vermutlich einige Tausend bis Zehntausend Laien »viral« erreicht. Darüber hinaus steigt die Wahrscheinlichkeit, von recherchierenden Journalisten wahrgenommen und in den publizistischen Medien thematisiert zu werden, beträchtlich. Auch wenn mit den Social-Media-Angeboten selbst noch keine Reichweiten erzielt werden, die mit den wissenschaftsjournalistischen Medien vergleichbar sind, handelt es sich in Anbetracht der geringen Kosten um eine attraktive Option. Variante C Die professionellste Variante institutioneller Wissenschaftskommunikation via Social Media orientiert sich an der Praxis und dem Ressourceneinsatz kommerzieller Organisationen; sie zielt auf eine breite Ansprache der allgemeinen Öffentlichkeit im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Entsprechend hoch fallen bei Variante C die Investitions- und Betriebskosten aus. Greift man wiederum auf die öffentlich verfügbaren Kalkulationsbeispiele LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 168 zurück, kommt man auf Kosten von mindestens 140.000 Euro.47 Für eine solche Variante gehen wir von zwei bis drei Stellen für erfahrene Social- Media-Manager inhouse aus, was zu Grundkosten von etwa 120.000– 150.000 Euro führt. Bei Facebook können online nach soziodemografischen Merkmalen und Themeninteressen zusammengestellte Zielgruppen gegen Bezahlung adressiert werden. Will man beispielsweise Menschen erreichen, deren Profildaten Interesse für die Zeitschriften GEO und Spektrum der Wissenschaft sowie für die Max-Planck-Gesellschaft offenbaren, die in Deutschland leben und 18 Jahre oder älter sind, kann man grundsätzlich 160.000 Personen über diesen Weg erreichen. Als Tagesreichweite werden zwischen 15.000 und 40.000 Nutzer prognostiziert. Das hierfür notwendige Werbebudget beläuft sich allerdings auf 200 Euro am Tag, also rund 6.000 Euro im Monat. Ein zweites Beispiel soll hier genügen: Die technische Reichweite für Deutsche über 18 Jahre mit Interesse an Biologie, Umwelt und Klima, Nachhaltigkeit und Sonnenenergie beläuft sich auf 7,5 Millionen Beim Einsatz von täglich 100 Euro Werbebudget werden zwischen 20.000 und 53.000 Nutzer prognostiziert. Um einen YouTube-Channel zu starten, sollte nach Einschätzung der von uns befragten Experten ein Grundstock von 50 hochwertigen Videos vorhanden sein. Rechnet man hierfür jeweils 1–2 Manntage, kommen 70–100 Arbeitstage oder Kosten in Höhe etwa 60.000 Euro zusammen. Als monatliches Webebudget wurden uns 5.000 Euro je Kanal und als laufende Betriebskosten etwa 3.000 Euro pro Jahr genannt. Hinzu kommen Kosten für weitere externe Beratungs- und Dienstleistungen wie Suchmaschinenoptimierung (SEO), crossmediales Marketing sowie »gekaufte Reichweiten: Als werbewirtschaftliche »Währung« gelten für YouTube die »Cost per view« (15 Sekunden), die je nach Werbemaßnahmen mit fünf bis 50 Eurocent zu Buche schlagen; bei dem oben genannten Werbebudget könnte man also vermutlich eine Reichweite von einigen Zehntausend Views kaufen. 47 vgl. Kununu (2013) sowie das Kalkulationsportal eines Dienstleisters unter: http://www.socialmedia-kalkulator.de/ SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 169 Tabelle 5: Kostenstruktur von Social-Media-Varianten im Vergleich Angebot Kostenposition Variante A (Basisangebot) Variante B (Profi I) Variante C (Profi II) Blog/ Microblog Konzeption & Erstellung Erstellung ›in-house‹; Eigenarbeit (2–10h) Webdesigner: 2000 € Agentur: 3000 € Inhalteproduktion Erstellung durch einzelne Wissenschaftsakteure 2–4h pro Woche ∙ Cross-Promotion von Blog-Angeboten einzelner Organisationsmitglieder ∙ regelmäßige Erstellung von Beiträgen durch PR- Abteilung ∙ ca. 6h pro Woche ∙ Cross-Promotion von Blog-Angeboten einzelner Organisationsmitglieder ∙ regelmäßige Erstellung von Beiträgen durch Social- Media-Mana ger ∙ ca. 10h pro Woche Betreuung 0,5h pro Woche 2h pro Woche 4h pro Woche Vermarktung – Intermediäre Crosspromotion Intermediäre Crosspromotion Soziale Netzwerke (Facebook) Konzeption & Erstellung Erstellung inhouse; Eigenarbeit (2–10h) Webdesigner: 5000 € Agentur: 6000 € Inhalteproduktion Erstellung durch eizelne Wissenschaftsakteure 1–2h pro Woche ∙ Anleitung und zielgruppengerechte Aufbereitung von Zulieferungen einzelner Organisationsmitglieder ∙ Eigene Beiträge durch PR-Abteilung ∙ 2–3h pro Woche ∙ Anleitung und zielgruppengerechte Aufbereitung von Zulieferungen einzelner Organisationsmitglieder ∙ Eigene Beiträge durch Social- Media-Manager ∙ 4–6h pro Woche Betreuung 0,5h pro Woche 1h pro Woche 2–4h pro Woche (einschl. Evaluation) Vermarktung – – 6000 € pro Monat (Werbebudget) LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 170 Videoplattform (YouTube) Konzeption & Erstellung Erstellung inhouse; Eigenarbeit (2–10h) Agentur: 5000 € (Einbindung auf eigener Website) Agentur: 10.000 € (YouTube Kanal mit Redaktionsplan) Inhalteproduktion Erstellung durch einzelne Wissenschaftsakteure 3–4h pro Woche ∙ Erstellung semi-professioneller Videos (200–1000 € pro Video) ∙ 10–15 Videos pro Jahr ∙ Erstellung professioneller Videos (800–1000 € pro Video) ∙ 50 Videos pro Jahr Betreuung 0,5h pro Woche 2h pro Woche 4h pro Woche (einschl. Evaluation) Vermarktung – 5000 € (Werbebudget, SEO- Kos ten) Variante A (Basisangebot) Variante B (Profi I) Variante C (Profi II) Wöchentlicher Zeitaufwand gesamt Pro einzelnem Wissenschaftsakteur 1–6h pro Woche ∙ Variierender Zeitaufwand für Zulieferungen individueller Akteure ∙ PR Abteilung: 20h (anteilig verteilt auf PR-/Presse-Mitarbeiter/Hilfskräfte) ∙ Variierender Zeitaufwand für Zulieferungen individueller Akteure ∙ Social Media Verantwortliche: 80–100h pro Woche Gesamtkosten 0 (bei Nutzung organisationsinterner Infrastruktur, z. B. Server), abzüglich individueller Opportunitätskosten (Arbeitszeit) Einmalig: 10.000–15.000 € Betrieb: 60.000– 70.000 € pro Jahr (Anteile der Mitarbeiterstellen, zusätzliche Kosten für die Videoproduktion, Weiterbildungs-/Schulungskosten Einmalig: 20.000–25.000 € Betrieb: 180.000– 200.000 € (Personalkosten für Social Media Manager, Kosten für die Videoproduktion, Vermarktungsbudget Kalkulierte Reichweite 0–500 Personen (vorrangig persönliches Netzwerk, Anspruchsgruppen) 1000–10.000 (vorrangig Anspruchsgruppen, zusätzlich thematisch Interessierte 10.000–200.000 (neben Anspruchsgruppen auch breitere, thematisch interessierte Öffentlichkeit SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 171 Dieser kursorische Blick auf die Potentiale von Social Media zeigt zweierlei: Zum einen lassen sich mit überschaubarem Ressourceneinsatz (zwischen 60.000 und 200.000 Euro/Jahr in den Varianten B und C) nennenswerte Reichweiten in fünfstelliger Größenordnung erzielen, wenn man von der Owned und Earned-Media-Idee Abschied nimmt und Social Media als professionell betriebene Paid Media behandelt. Die inhaltliche Autonomie bleibt dabei trotz gegebenen-falls notwendiger Anpassungen aus Gründen des Marketings deutlich größer als beim Wissenschaftsjournalismus mit seinen Gatekeepern. Zum anderen wird deutlich, dass sich die Social-Media-Reichweiten im Erfolgsfall (!) auf dem Niveau von lokalen oder regionalen Printmedien sowie Wissenschaftsmagazinen bewegen dürften, also weder an die Fernseh-Reichweiten noch an die der Wochen- und Sonntagspresse sowie der überregionalen Qualitätspresse heranreichen. Anhand der drei exemplarisch vorgestellten Varianten selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation über Social Media (vgl. auch Tab. 5) lässt sich zeigen, dass diese Form der selbstvermittelten Kommunikation bei einem gewissen (und für die Erzielung von Reichweiten notwendigen) Professionalisierungsgrad (Variante B und C) substantielle finanzielle und zeitliche Aufwendungen bedeutet, die sowohl in die Erstellung und Produktion von Inhalten, als auch die Betreuung und Evaluation der Angebote eingebracht werden müssen. Gleichzeitig, und das zeigt auch die Übersicht der drei skizzierten Varianten im Vergleich, ist die Kosten-Nutzen Bewertung von Social-Media-Kommunikation nur sehr begrenzt überhaupt verlässlich kalkulierbar und in hohem Maße von weiteren Faktoren beeinflusst. Organisationsbezogene Determinanten, wie die technische und personelle Infrastruktur der PR- und Presse-Stellen an Forschungseinrichtungen und Universitäten, aber auch die Bereitschaft der Wissenschaftler selbst Inhalte aufzubereiten und sich mit der Vermittlung von Expertenwissen an die Öffentlichkeit (Laien) auseinanderzusetzen und die Erfordernisse von Social-Media-Kommunikation zu berücksichtigen, bilden dabei wesentliche Einflussfaktoren. Zudem ist zu vermuten, dass disziplin- beziehungsweise themenbezogene Spezifika, die für die fremdvermittelte Wissenschaftskommunikation konstatiert wurden, ebenso für die selbstvermittelte Social-Media-Kommunikation gelten – neben geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen, die bereits im Rahmen des Wissenschaftsjournalismus weniger stark repräsentiert sind, lässt sich vermuten, dass insbesondere Themen, die geringe Anknüpfungspunkte an aktuelle gesellschaftliche Diskurse beziehungsweise Geschehnisse haben, wesentliche höhere Aufmerksamkeitshürden überwinden müssen und in der Folge höhere finanzielle und personelle Aufwendungen bedeuten. LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 172 3.4.3 Social-Media-Wissenschaftskommunikation im Wissenschaftssystem Die Einblicke in die Funktionsweisen und medienökonomischen Mechanismen auf der Mikroebene einzelner Akteure haben die große Varianz der Möglichkeiten aufgezeigt. Werfen wir nun abschließend einen Blick auf das Wissenschaftssystem insgesamt, also die eher volkswirtschaftliche Makroebene. Social-Media-Aktivitäten, die nicht vorrangig der Reputationskommunikation und der Adressierung politischer und gesellschaftlicher Stakeholder der jeweiligen Wissenschaftsorganisation dienen, sondern der Wissenskommunikation im engeren Sinne, müssen im Wesentlichen dezentral organisiert werden. Dies liegt gerade an den Spezifika und Stärken von Social Media, die viel stärker als klassische Pressemitteilungen auf Authentizität und Autorenprinzip (Wissenschaftler als Kommunikatoren) beruhen. Das bedeutet, dass mindestens jedes einzelne Institut einer Forschungseinrichtung oder Universität, womöglich sogar die einzelnen Arbeitsbereiche (Abteilungen, Lehrstühle, Forschergruppen etc.) selbst direkt via Social Media kommunizieren müssen. Den jeweiligen Zentralen kommen hingegen strategische und koordinierende Funktion zu. In Deutschland gibt es 82 Institute der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), 66 Fraunhofer-Institute, 18 Institute beziehungsweise Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) und 89 Forschungseinrichtungen innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft (WGL), insgesamt also rund 250 Institute (vgl. Hopius 2015, 25–26), die einen entsprechenden Ressourcenaufwand betreiben müssten. Hinzu kommen »insgesamt 415 Hochschulen, davon 106 Universitäten, sechs Pädagogische Hochschulen, 16 Theologische Hochschulen, 51 Kunsthochschulen, 207 Fachhochschulen und 29 Verwaltungsfachhochschulen«48, die sich wiederum in Fakultäten, Institute und Lehrstühle aufgliedern. Im Vergleich zum konventionellen System, das auf professionalisierter Medienarbeit durch die Zentralen der Wissenschaftsorganisationen und dem Wissenschaftsjournalismus als korrespondierendem Gegenstück beruht, führt die dezentrale Logik von Social Media zu einem deutlichen Anstieg des Kommunikationsaufwands für die institutionelle Wissenschaftskommunikation. In diesem Zusammenhang muss auch auf die ungleiche Ressourcenausstattung verschiedener Wissenschaftsinstitutionen hingewiesen werden. Bereits heute verfügen große Universitäten und Forschungseinrichtungen über PR-Abteilungen mit zehn und mehr Mitarbeitern, bei kleineren Hochschulen und Fachhochschulen handelt es sich hingegen 48 https://www.bmbf.de/de/studium-70.html [3.2.2016] SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 173 oft um übersichtliche Stabstellen (vgl. von Aretin 2012, 232). Die ohnehin vorhandenen Chancenvorteile der besser ausgestatteten Institutionen öffentliche Resonanz in den publizistischen Medien zu erhalten, wird durch Social Media keineswegs nivelliert, denn auch hierfür sind – zusätzliche – Ressourcen notwendig. Leistungen für die Einrichtung und den kontinuierlichen Betrieb von Social-Media-Angeboten verursachen zusätzlichen Aufwand in den betreffenden Abteilungen, da die herkömmliche Medienarbeit und die anderen Formen der Public Relations weiterhin betrieben werden müssen. Es findet, wie die Erfahrungen von Industrieunternehmen und anderen Organisationen auch nach Auskunft der befragten Experten zeigen, keine Substitutionseffekte statt. Vielmehr sind die neuen »Kanäle« komplementäre oder supplementäre Angebote »on top«. 4. Kosten und Nutzen von Social Media in der selbstvermittelten Wissenschaftskommunikation Wissenschaftsblogs haben sich in professionalisierter Form auf einem niedrigen Niveau etabliert, der notwendige Ressourceneinsatz ist niedrig geblieben. Sie besitzen das Potential, unter Umgehung journalistischer Gatekeeper selbstvermittelt mit einem allerdings sehr begrenzten Laienpublikum zu kommunizieren. Eine Verbreiterung und Vergrößerung der Öffentlichkeit setzt eine Einbindung in Plattformen sowie ein multimediales Marketing voraus. Disziplinär und thematisch konzentrieren sich die Angebote mit höheren Reichweiten auf Natur- und Technikwissenschaften sowie Themen wie Astronomie, Raumfahrt, Klimawandel. Ein funktionales Äquivalent zum Wissenschaftsjournalismus, aber auch zu anderen Formen der Wissenschaftskommunikation mithilfe von Online- und Offline-Medien stellen Wissenschaftsblogs bislang nicht dar. Die Effizienz solcher Blogs muss mit Blick auf Quantität und Qualität des erreichten Publikums trotz der geringen Kosten als gering eingestuft werden. Wissenschaftsblogs können jedoch als Teil eines umfassenden wissenschaftsjournalistischen oder eines Wissenschafts-PR-Konzeptes strategisch sinnvoll sein. Soziale Netzwerke wie Facebook bietet einzelnen Wissenschaftsakteuren ebenso wie Wissenschaftsinstitutionen das Potential, unter Umgehung wissenschaftsjournalistischer Selektionslogiken selbstvermittelt mit einem breiteren Laienpublikum zu kommunizieren und dabei bestimmte Zielgruppen zu adressieren. Solange Facebook-Präsenzen als bloße Pull- beziehungsweise Opt-in-Angebote gestaltet werden, bleiben die Reichweiten trotz Social Navigation und viralen Effekten (durch usergenerierte Likes und Vernetzungen) begrenzt. Vor dem Hintergrund LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 174 eines intensivierten Wettbewerbs um Aufmerksamkeit erbringt erst eine Paid-Media-Strategie (Kauf von Reichweiten innerhalb der Zielgruppen, Crossmedia Channel-Marketing etc.) nennenswerte Effizienzsteigerungen. Der Ressourcenaufwand für Erstellung und Pflege eines Angebotes ist begrenzt: über tatsächliche Nutzung, Wirkung und wahrgenommene Glaubwürdigkeit im Vergleich zum Wissenschaftsjournalismus liegen keine fundierten Forschungsergebnisse vor. Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass eine substitutive Nutzung erfolgt, sodass soziale Netzwerke wie Facebook kein funktionales Äquivalent zum Wissenschaftsjournalismus darstellen. Der Microblogging-Dienst Twitter bietet lediglich das kommunikative Potential als ergänzendes Medium innerhalb einer crossmedialen Social-Media-Strategie (Promotion für andere Angebote) sowie für aktuelle Nachrichten, die sich nicht nur an die Teilnehmer einer Konferenz (interne Wissenschaftskommunikation), sondern auch an Journalisten richten können (Media Relations). Die Videoplattform YouTube hat sich professionalisiert und der Logik kommerzieller Medienanbieter angenähert, das heißt, die Erzielung nennenswerter Reichweiten in einem noch immer rapide wachsenden Angebot erfordert eine kostenintensive Strategie. Dies beginnt bei der regelmäßigen Programmierung eines eigenen Kanals mit professionell produzierten Videos, reicht über die Suchmaschinenoptimierung (SEO) bis hin zu Marketing- und Werbemaßnahmen. Die Marktlogik der Wissenschaftsthematisierung dominiert auch werbefinanzierte Videoplattformen, das heißt medizinische und naturwissenschaftliche Themen, insbesondere aus Physik, Astronomie, Biologie und Technik haben signifikant höhere Chancen als andere Disziplinen und Themen. Die Chancen für Wissenschaftsinstitutionen im Wettbewerb mit Laienanbietern und professionellen Medienanbietern, die Bewegtbildinhalte zweitverwerten, zu konkurrieren sind gut, wenn die Bereitschaft und die Möglichkeit der Institutionen gegeben sind, in ein solches Angebot zu investieren und es dauerhaft finanzieren. Bislang erfolgt die Nutzung von YouTube komplementär zur klassischen Medien- beziehungsweise Fernsehnutzung, sodass hier nicht von einem vollständigen funktionalen Äquivalent gesprochen werden kann. Die Kosten für den Social-Media-Einsatz im Rahmen der selbstvermittelten Wissenschaftskommunikation sind äußerst variabel, gemessen am bisherigen Ressourceneinsatz der Wissenschaftsinstitutionen jedoch nicht unerheblich. Das ungefähre Spektrum, das wir anhand von drei Varianten skizziert haben, reicht von nahezu Null (für die individuelle Enthusiasten-Variante) bis zu einem Jahresbudget von 200.000 Euro. Übersetzt in Stellen kann dies aber für bestehende PR-Stellen der Organisationen eine Mehrbelastung von 20 Prozent bedeuten, weil Social SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 175 Media eine zusätzliche Anforderung stellen, ohne auf der anderen Seite zu Rationalisierungs- oder Einspareffekten zu führen. 5. Fazit und Ausblick 5.1 Zentrale Befunde Die Formel »Medienkrise = Krise des Qualitätsjournalismus = Krise des Wissenschaftsjournalismus« ist in dieser Form nicht haltbar. Ökonomische Gründe für eine verschlechterte Lage des Wissenschaftsjournalismus gelten für die Tageszeitungen und die Wissenschaftsmagazine im Printsektor, aber nicht für den Wissenschaftsjournalismus insgesamt. Näher zu analysierende quantitative und qualitative Einbußen des Wissenschaftsjournalismus werden bislang nicht durch neue journalistische Onlineangebote im WWW kompensiert; neue Erlös- beziehungsweise Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding oder die Herausgabe von institutionellen Wissensmagazinen bieten bislang keine funktionsfähigen Alternativen. Die Vorstellung, die von Wissenschaftlern beziehungsweise wissenschaftlichen Institutionen betriebene Wissenschaftskommunikation könne insbesondere mithilfe von Social Media und professionalisierter PR Mängel des Wissenschaftsjournalismus ausgleichen, erweist sich bei näherer Betrachtung als nicht realistisch: Wissenschaftsjournalismus hat im gesellschaftlichen Auftrag eine distanziert-kritische Fremdbeobachtung von Wissenschaft zu erbringen, deren Ergebnisse auch einen wichtigen Input für das Wissenschaftssystem darstellen. Institutionalisierte Wissenschafts-PR hat einen anderen Auftrag, nämlich in einem zunehmend kompetitiven Feld für eine konkrete Wissenschaftsorganisation öffentliche Reputation, gesellschaftliche Legitimation und letztlich ökonomische Ressourcen sichern zu helfen. Funktional (und normativ) bleibt deshalb fremdvermittelte professionelle Kommunikation durch Journalisten nicht substituierbar. Social Media können in der internen und externen Wissenschaftskommunikation eine wichtige Rolle spielen, aber nicht als funktionales Äquivalent von Wissenschaftsjournalismus. Nicht nur hinsichtlich des Vertrauens in die Selektionsleistung und die Glaubwürdigkeit in Bezug auf Wahrhaftigkeit und Ausgewogenheit der Wissenschaftskommunikation, auch hinsichtlich der Reichweiten und der erzielten Aufmerksamkeit schneiden die Angebote des professionellen Wissenschaftsjournalismus regelmäßig deutlich besser ab. Zur Erinnerung: Bei Social Media geht es eher um Reichweiten im vier- bis fünfstelligen Bereich, bei der Presse um fünf- bis sechsstellige Dimensionen LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 176 und beim Fernsehen um sechs- bis siebenstellige Werte. Dies gilt auch für die Online-Angebote der eingeführten Medienmarken und -anbieter. Um in der Aufmerksamkeitskonkurrenz der durch Onlinemedien bereicherten Öffentlichkeit relevante Reichweiten zu erzielen, müssen professionelle Paid-Media-Strategien entwickelt und angewendet werden. Dies bedeutet für Wissenschaftsakteure und -institutionen einen erheblichen Ressourcenaufwand, der zu den bisherigen Aufgaben und Leistungen hinzukommt. Onlinemedien können gegenüber konventionellen Medien (Broschüre, Flyer, Buch etc.) zwar Kosten sparen und Zielgruppen genauer adressieren helfen, bedürfen aber der aktiven und professionellen Vermarktung. Das Erzielen öffentlicher Aufmerksamkeit mag zwar in zunehmendem Maße auch ohne journalistische Gatekeeper möglich sein, allerdings bedeutet dies keineswegs, dass die Mechanismen und Logiken des Agenda Setting und der Nachrichtenfaktoren obsolet würden. Die bisherigen Analysen weisen auf ungleich zwischen den Institutionen, Disziplinen und Themen verteilte Chancen hin – auch in den Online- und den Social Media. 5.2 Forschungsdesiderata und -bedarf Bei der Erstellung dieser Analyse und der Recherche von Daten ist deutlich geworden, dass ein grundlegender Mangel an medienökonomischer Forschung zur Wissenschaftspublizistik herrscht, nach unserer Wahrnehmung übrigens auch international. In vielen Fällen waren wir auf – mehr oder weniger plausible – Folgerungen angewiesen, die wir auf der Grundlage allgemeiner Befunde und Daten zum Qualitätsjournalismus beziehungsweise zur Organisationskommunikation gezogen haben. Wir haben dabei versucht, einigen bekannten oder doch evident erscheinenden Besonderheiten des Ressorts Wissenschaft beziehungsweise von Wissenschaftsinstitutionen Rechnung zu tragen. Dies kann und soll jedoch nicht über den Mangel an spezifischer Forschung hinwegtäuschen. Insbesondere fehlen Studien zu den Kosten von Wissenschaftsjournalismus in Qualitätsmedien im Binnenvergleich zwischen den Ressorts ebenso wie im intermedialen Vergleich. Ähnliches gilt für die Seite der Wissenschaftsakteure und -institutionen mit ihren Presse- und PR-Stellen sowie gegebenenfalls Social-Media-Maßnahmen. Um nicht nur die Kostenseite besser einschätzen zu können, sondern auch die Nutzenseite, bedarf es spezifischer Erhebungen zur Nutzung von wissenschaftsjournalistischen Angeboten wie zur Nutzung selbstvermittelter institutioneller Wissenschaftskommunikation. Solche Erhebungen müssten ressort- beziehungsweise medienspezifisch soziodemographische Beschreibungen der Nutzer sowie ihrer Nutzungsweise und SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 177 Nutzenerwartungen fokussieren, damit die Kommunikatoren den konkreten Nutzen von Wissenschaftskommunikation, auch bezogen auf Werbemärkte, beurteilen können. Ohne solche Daten lassen sich auch einfache Fragen, wie etwa »Lohnt sich ein Wissenschaftsressort für eine regionale Qualitätszeitung?«, nicht valide beantworten. Eine zentrale Frage für die Bestimmung des funktionalen Nutzens und mithin zur Beurteilung von funktionaler Äquivalenz stellt die Frage der Zuschreibung von Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Nutzer in die Quellen beziehungsweise Kommunikatoren dar. Diese Frage muss ressort- beziehungsweise kommunikatorbezogen für die Wissenschaftskommunikation möglichweise anders als für Politik oder Wirtschaft beantwortet werden. Vielleicht (sic!) ist die Reputation von Hochschulen und Forschungseinrichtungen umso vieles höher als die von Parteien, Regierungen und Banken, dass auch ihre Glaubwürdigkeit als Kommunikatoren der selbstvermittelten Kommunikation zumindest näher beim Journalismus liegt. Wenn dies so wäre, dann müssten die Potentiale selbstvermittelter Wissenschaftskommunikation im Vergleich mit dem fremdvermittelten Journalismus höher bewertet werden. Empirisch ist dies aber eine offene Frage. Auch die Angebotsseite selbst erscheint uns erst unzureichend erforscht, insbesondere mit Blick auf die Aktivitäten und den Ressourceneinsatz der PR-Stellen von Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen. Vieles deutet darauf hin, dass ein ganz überwiegender Teil der Ressourcen und der Inhalte nicht der Wissenskommunikation (im Sinne der Vermittlung von Wissen), sondern der auf Reputation und Akzeptanz zielenden strategischen Organisationskommunikation dient. Hier geht es nicht um die normative Frage, ob dies zu Fehlentwicklungen im Wissenschaftssystem führt (wofür einiges spricht), sondern um die schlichte Feststellung, ob die gegenwärtigen Strukturen und Strategien mit der Vorstellung in Einklang zu bringen sind, dass selbstvermittelte Wissenschaftskommunikation ein funktionales Äquivalent zum Wissenschaftsjournalismus darstellt oder künftig darstellen könnte. Unsere provisorische Antwort fällt ausgesprochen skeptisch aus, bedarf aber weiterer Forschung. Aus medienökonomischer Sicht wäre auch ein besonderes Augenmerk auf die Programmleistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die hierfür eingesetzten Ressourcen zu richten. Gerade vor dem Hintergrund des besonderen öffentlichen Auftrags und der exzellenten und nachhaltigen Finanzierung tauchen hier Fragen nach effektiver Leistung (Recherche, Präsentation, Programmierung) sowie effizientem Mitteleinsatz auf, die aufgrund der vorherrschenden Intransparenz der Anstalten nicht ohne Weiteres zu beantworten sind. Inhaltsanalytisch zu untersuchen wäre ferner, in welchem Maße wissenschaftspublizistische Inhalte in den Onlinemedien (vom selben LEYLA DOGRUEL / KLAUS BECK 178 Anbieter) mehrfachverwendet oder (durch Syndication beziehungsweise Verkauf von Verwertungsrechten) mehrfachverwertet werden. Erst auf der Grundlage solcher »Überschneidungsanalysen« können die medienökonomische Strategie und – zumindest theoretisch – auch deren Erfolg erkannt werden. Vergleichende Analysen von Input und Output wären auch für die Verwendung von Agentur- und PR-Material in journalistischen und nicht-journalistischen Angeboten sinnvoll. Nur auf dieser Grundlage ließe sich auch der publizistische Mehrwert von Onlinemedien, einschließlich Social Media, für die Wissenschaftskommunikation ermitteln. Für die sich vergleichsweise dynamisch entwickelnden Social Media gelten viele dieser Desiderata analog, zum Teil sogar in verschärfter Form: Wir besitzen kaum systematisches Wissen über die wissenschaftsbezogenen Angebote, der hierfür aufgewendeten Ressourcen sowie die Nutzung in all den oben angesprochenen Facetten: Soziodemographie, Nutzungsdauer und -häufigkeit sowie Nutzungserwartungen und Vertrauen beziehungsweise Glaubwürdigkeitsattributionen. Hier haben wir auf allgemeine Daten zur Social-Media-Nutzung zurückgreifen müssen, was aber nur provisorische Aussagen erlaubt. Notwendig wären zur Bestimmung des Nutzens auch qualitative Nutzungsstudien: Was bedeutet es beispielsweise, wenn in einer Arbeitspause oder mobil zur Überbrückung von Wartezeiten ein visuell reizvolles oder gar spektakuläres YouTube-Video über den »Urknall« rezipiert wird? Geht es um Unterhaltung oder Information, und besteht ein Unterschied zur Lektüre eines Tageszeitungsartikels aus dem Wissenschaftsressort oder der abendlichen Rezeption eines Wissenschaftsmagazins? Ohne einen tieferen Eindruck von der Kontaktqualität spezifischer Medien zu erlangen, sind weiterführende Fragen nach dem tatsächlichen Nutzen von medialen Reichweiten schwer zu beantworten. Wenn man von der Annahme ausgeht, dass Wissenschaftskommunikation weniger werberelevant als andere Ressorts ist, dann wird die kommerzielle Mediennutzungsforschung hier wenig Aufschluss geben. Der Kommerzialisierungsgrad der meisten Angebote erscheint so gering, dass eine solche Art der Forschung gar nicht finanzierbar ist (Blogs, privat betriebene YouTube-Kanäle). Dort, wo gegebenenfalls interessante Ergebnisse vorliegen, sind diese in der Regel nicht publiziert, sondern betriebsinterne Daten (Verlage, Rundfunkanbieter). Sogar differenzierte, zum Beispiel ressortspezifische Nutzungsdaten (Abrufdaten, Hörund Sehbeteiligung, Leserfrequenz) sind Mangelware. SOCIAL MEDIA ALS ALTERNATIVE 179 Literatur ALM Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2012): Programmbericht 2011. Fernsehen in Deutschland. Berlin: Vistas. Batts, Shelley A./Anthis, Nicholas J./Smith, Tara C. (2008): »Advancing Science through Conversations: Bridging the Gap between Blogs and the Academy«, PLoS Biol 6 (9), S. e240. BDZV Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (Hrsg.): (2015): Zeitungen 2015/16. Berlin: ZV. 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Der leichte Zugang zur Plattform, die weite Verbreitung sowie das vielfältige Angebot sind Gründe für die Marktdominanz der Plattform. Andere Anbieter, wie zum Beispiel vimeo oder vevo,1 versuchen durch die Spezialisierung auf eingeschränkte Zielgruppen dagegenzuhalten. Über die Startseite der Plattform gelangt man direkt auf die Videoseite, die wiederum zur Seite des YouTube-Kanals führt, auf der das Video hinterlegt ist.2 Häufiger aber ist der Zugang zu Videoseiten über Suchmaschinen (z.B. Google), soziale Netzwerke (z.B. Facebook oder Twitter), Blogs oder Online-Artikel. Wer selbst Videos hochladen möchte, muss sich hierfür ein Konto auf der Plattform anlegen und einen Kanal erstellen. In den letzten Jahren ist eine zunehmende Professionalisierung der Plattform zu beobachten, befeuert vor allem durch die Einführung kommerzieller Werbemodelle sowie die Einflussnahme großer Unternehmen und 1 vimeo zieht vor allem Beiträge von Künstlern, Grafikern und Designern an, die sich hier mit hochwertigen Produktionen von YouTube abheben wollen. vevo ist eine Plattform, auf der ausschließlich Musikvideos veröffentlicht werden. 2 Ein YouTube-Kanal stellt den individuellen Bereich von Account-Inhabern dar. Darin werden eigene Videos, Playlists (Videosammlungen) und Informationen gesammelt und individuell dargestellt. AUDIOVISUELLE VERMITTLUNG VON WISSENSCHAFT AUF YOUTUBE 189 Medienanbieter (Kim 2012). Kanäle, die in technischer Hinsicht schlicht Sammlungen von Videos darstellen, dienen den betreffenden Produzenten zunehmend zur Etablierung einer eigenen Marke sowie der Zuordnung zu unterschiedlichen Formaten. Besonders beliebte Formate sind neben Tutorials (klassische Anleitungsvideos, zum Beispiel Make-Up-Tutorials) (Morain et al. 2012), Beiträge zu Videospielen (sogenannte ›Let’s Plays‹3), Comedy-Sendungen, Nachrichtenformate (z.B. ›Le Floid‹4) sowie Wissens(chafts)-Kanäle. Fanden sich auf der Plattform 2015 noch 1 Millionen Kanäle zum Thema ›Science‹ findet man 2017 bereits 15 Millionen Kanäle und ca. 34 Millionen Einzelvideos. Ständig wechselnde Algorithmen zur Kategorisierung5 sowie die hohe Mobilität von Inhalten auf der Plattform (Kanäle werden gelöscht, neue kommen hinzu) machen eine genaue Quantifizierung existierender Kanäle zum Thema Wissenschaft nahezu unmöglich. Dennoch lässt sich durch die doch recht deutliche Zunahme an Kanälen zum Thema ›Science‹ eine wachsende Bedeutung der Plattform für die Wissenschaftskommunikation ablesen. Als Plattform hat YouTube mittlerweile einen unbestreitbaren Einfluss auf die Art, wie audiovisuelle Informationen vermittelt, aufgenommen und verbreitet werden (Gillespie 2010). Empfehlungsalgorithmen beeinflussen maßgeblich, welche Videos gefunden und gegebenenfalls auch gesehen werden. Wie genau der Algorithmus funktioniert, gibt YouTube nicht preis. Vermutlich fließen verschiedene Charakteristiken der plattformspezifischen Erfolgsmessung (z.B. Views, Likes, Kommentare) in die algorithmisch generierten Rankings von Videos ein. Ähn- 3 In ›Let’s Play‹ Videos werden Videospiele vor der Kamera gespielt und zeitgleich kommentiert. 4 Hinter dem YouTube-Kanal ›Le Floid‹ steht der deutsche Webvideoproduzent Florian Mundt, der 2015 durch ein Interview mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel auch außerhalb von YouTube bekannt wurde. 5 Zentral stellt sich hier die Frage, wann ein YouTube-Kanal bzw. ein YouTube-Video der Kategorie Wissenschaft/Science zuzuordnen ist. Auf der Plattform selbst wird dies über die Verschlagwortung durch die Produzenten sowie den Such-Algorithmus definiert. In Untersuchungen zu dem Thema variieren die Herangehensweisen zur Bestimmung, wann ein Video der Wissenschaftskommunikation zugeordnet werden kann stark. So orientieren sich Welbourn/Grant (2015, S.5) an die Kategorisierung durch die ›Scopus Science Subject Areas‹ (physical, life, health, social sciences), während Morcillo et al. (2015) ihre Auswahl anhand der YouTube Liste ›Science&Education‹ begründen und diese mit nationalen Listen erfolgreicher YouTube-Kanäle verglichen. Geipel (2018) verfolgt in ihrer Arbeit eine ähnliche Strategie und kombiniert die Ergebnisse aus der Suche nach dem Schlagwort ›Science‹ mit Listen erfolgreicher Wissenschafts-YouTube-Kanäle (z.B. auf Blogs, in Journals, wie Nature oder auf Twitter) und orientiert sich so an der plattforminternen Definition des Begriffs. ANDREA GEIPEL 190 lich wie bei anderen sozialen Plattformen werden Nutzerpräferenzen nicht nur anbieterseitig für die Erstellung der Rankings herangezogen, sondern haben auch Einfluss auf die Videoproduktion anderer Nutzer. Damit entsteht ein Kreislauf, welcher Trends erzeugt und auch für Filterblasen und Echokammern verantwortlich ist. Wissenschaft auf YouTube Trotz der hohen Anzahl wissenschaftsbezogener Videos und der großen Verbreitung von YouTube generell gibt es bislang kaum belastbare Untersuchungen zur Akzeptanz der Plattform unter Wissenschaftlern. Laut der Untersuchung von Dzeyk (2013) nutzen in Deutschland 76,1 Prozent der darin befragten 2.006 Wissenschaftler Video/Foto Community Portale, wobei diese hauptsächlich in Lehrkontexten eingesetzt werden. Nach Collins et al. (2016) nutzen Wissenschaftler YouTube hingegen nur sehr selten.6 Nur zwei von 470 befragten internationalen Wissenschaftlern gaben an ›andere soziale Medien‹ in ihrer Arbeit zu nutzen, worunter in der Untersuchung auch YouTube fiel. Im innerwissenschaftlichen Kommunikationskontext scheint You- Tube bislang kaum Beachtung zu finden. Beim Blick auf die Plattform finden sich nur vereinzelte Beispiele. Eines dieser Formate ist der ›Video Abstract‹. Journals wie The Cell Press oder das New Journal of Physics nutzen dieses Format seit Beginn der 2000er Jahre (Berkowitz 2013) als audiovisuelle Zusammenfassung wissenschaftlicher Publikationen. Beide Zeitschriften sind, neben anderen, mit eigenem Kanal auf der Plattform YouTube vertreten. Mit dem Format erhoffen sich Journal-Herausgeber ebenso wie Wissenschaftler mehr Aufmerksamkeit für die publizierten Artikel. Ob die Veröffentlichung solcher Videos tatsächlich den Impact wissenschaftlicher Publikationen positiv beeinflusst, konnte allerdings in der einen bislang veröffentlichten Untersuchung nicht nachgewiesen werden (Spicer 2014). Weitere Beispiele finden sich in dem einzigen wissenschaftlichen Peer-Review-Videojournal (Journal of Visualized Experiments – JoVE7), welches auch einen Kanal auf der Plattform unterhält, ebenso wie 6 Die Ergebnisse beider Studien sind nur schwer zu vergleichen, da sowohl die Stichproben, als auch die abgefragten Kategorien stark variieren und wenig differenziert eingeführt wurden. So wird bei der Studie von Dzeyk (2013) You- Tube in einer Kategorie mit Mediatheken sowie Foto Community Portalen abgefragt. Generell lässt sich beobachten, dass YouTube in Untersuchungen zur Nutzung von sozialen Medien unter Wissenschaftlern nur selten abgefragt wird oder aber anderen Kategorien zugeordnet wird. Grund hierfür scheint u.a. die Frage nach der Definition des Begriffs der ›sozialen Medien‹ zu sein. 7 https://www.youtube.com/channel/UCfAU7jYQT17mDSUqRNWmgUQ (aufgerufen am 25.07.2017) AUDIOVISUELLE VERMITTLUNG VON WISSENSCHAFT AUF YOUTUBE 191 in einzelnen von Forschungseinrichtungen hochgeladenen Aufzeichnungen von Fachtagungen und Konferenzen. Von größerer Bedeutung scheint YouTube für die externe Wissenschaftskommunikation zu sein. So nutzen 44 Prozent der insgesamt 1.004 in Deutschland lebenden Befragten YouTube oder ähnliche Videoplattformen um sich über Wissenschaft und Forschung zu informieren. (Wissenschaft im Dialog 2015). Hochschulen nutzen die Videoplattform zur Wissenschafts-PR genauso wie zur archivarischen Bereitstellung von Lehrinhalten und erreichen damit möglicherweise eine über ihre studentische Kernzielgruppe hinaus potentiell breitere Öffentlichkeit (Wannemacher 2013). Deutlich mehr Aufmerksamkeit als Kanäle wissenschaftlicher Einrichtungen haben allerdings Kanäle von Privatpersonen (Allgaier 2016). Welbourne und Grant (2015) führen dies auf die Bevorzugung user-generierter Inhalte im Gegensatz zu professionell produzierten Inhalten zurück. Betrachtet man allerdings die in den letzten Jahren zunehmende Professionalisierung der Plattform als solche, stellt sich die Frage, ob nicht mittlerweile professionell produzierte Inhalte – vor allem auch von Privatpersonen – dominieren und andere Faktoren den Erfolg wissenschaftlicher Online-Videos beeinflussen. Weiterführende Untersuchungen stehen hierzu noch aus. Es lässt sich allerdings eine große Anzahl unterschiedlicher Genres und Subgenres beobachten und damit viele unterschiedliche Arten Wissenschaft auf YouTube zu kommunizieren (Morcillo et al. 2015). So findet man Experimentiervideos (z. B. Phil’s Physics8), Musikparodien aus der Physik (acapella Science9), Animationen (z. B. kurzgesagt – in a nutshell10), ›live drawings‹ (z. B. asapSCIENCE11) oder auch Sitcoms über das Universitätsleben (The Lab12). Die Produzenten sind nur selten Teil der institutionalisierten Wissenschaft oder haben eine journalistische Ausbildung. Als zentralen Grund für die Produktion von Wissenschaftsvideos auf YouTube wird deshalb häufig das eigene Interesse am Fach genannt (Geipel 2018). Welche Formate erfolgreich sind (also die höchsten Abonnenten- beziehungsweise Klickzahlen vorweisen können) scheint dabei unabhängig von Genre und Thema zu sein. Studien, die hierzu Aussagen treffen fehlen allerdings bislang. Welche YouTube-Kanäle beziehungsweise welche Videos aus Sicht der Wissenschaftskommunikation als besonders empfehlenswert gelten entscheidet seit 2013 die Jury des bundesdeutschen Webvideo-Wettbewerbs ›Fast Forward Science‹ von der Initiative 8 https://www.youtube.com/channel/UCE2hJ9CYR57BYhk3TjGVG6w (aufgerufen am 24.07.2017) 9 https://www.youtube.com/user/acapellascience (aufgerufen am 24.07.2017) 10 https://www.youtube.com/user/Kurzgesagt (aufgerufen am 24.07.2017) 11 https://www.youtube.com/user/AsapSCIENCE (aufgerufen am 24.07.2017) 12 https://www.youtube.com/user/watchTheLab (aufgerufen am 24.07.2017) ANDREA GEIPEL 192 Wissenschaft im Dialog.13 Aber auch die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft veröffentlicht auf der eigenen Webseite Rezensionen zu Webvideos14 und versucht damit online veröffentlichte audiovisuelle Beiträge zu wissenschaftlichen Themen nachträglich zu kuratieren. Implikationen für die Wissenschaftskommunikation Obwohl Wissen beziehungsweise Wissenschaft auf YouTube immer noch ein Nischenthema15 ist, lässt sich ein stetiges Wachstum von Wissens- beziehungsweise Wissenschaftsvideos auf der Plattform beobachten. Welche Videoproduzenten am meisten Aufmerksamkeit in Form von Abonnements oder Klicks bekommen hängt auf YouTube nicht mehr von wissenschaftlicher Reputation oder einer journalistischen Ausbildung ab. Stattdessen tritt ein plattformspezifisches Wissen in den Mittelpunkt, welches es den Produzenten ermöglicht sich an die Interessen der Nutzer sowie die Gegebenheiten der algorithmischen Verteilung von Inhalten anzupassen und damit dauerhaft sichtbar zu sein. Damit betreten neue Akteure die Arena der Wissenschaftskommunikation, neue Genres, Mischformate und Kommunikationsformen werden etabliert und beeinflussen damit vielleicht auch das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Für die institutionalisierte Wissenschaftskommunikation ergibt sich die Möglichkeit, gemeinsam mit diesen Akteuren neue Wege zu gehen, zu experimentieren und zu kooperieren. Ein positives Beispiel für eine solche Kooperation ist die Zusammenarbeit zwischen dem erfolgreichen YouTuber Brady Haran (Sixty Symbols, Numberphile16) und der Universität von Nottingham. Diese Form der Zusammenarbeit ist nicht zuletzt deshalb hervorzuheben, da wissenschaftliche Institutionen bislang häufig mit Skepsis auf YouTube-Kanäle von Nicht-Wissenschaftlern reagieren. Dabei bieten Kooperationen mit 13 Die Gewinnervideos des diesjährigen sowie der vorherigen Ausschreibungen lassen sich online abrufen: http://www.fastforwardscience.de/gewinner/2016.html (aufgerufen am 24.07.2017) 14 http://www.spektrum.de/video/ (aufgerufen am 24.07.2017) 15 Während die beliebtesten YouTube-Channels weltweit Abonnentenzahlen im zweistelligen Millionenbereich (bis zu 50 Millionen Abonnenten) vorweisen können, finden sich im Bereich Wissenschaftskommunikation nur vereinzelt Kanäle mit annährend vergleichbaren Zahlen (z.B. vSauce mit ca. 12 Millionen Abonnenten oder kurzgesagt – in a nutshell mit ca. 4 Millionen Abonnenten) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/368975/umfrage/beliebteste-youtube-channels-weltweit-nach-anzahl-der-abonnenten/ (aufgerufen am 25.07.2017) 16 https://www.youtube.com/user/sixtysymbols; https://www.youtube.com/ user/numberphile (aufgerufen am 24.07.2017) AUDIOVISUELLE VERMITTLUNG VON WISSENSCHAFT AUF YOUTUBE 193 YouTubern Forschungseinrichtungen die Möglichkeit eigene Themen zu platzieren ohne sich zeit- und kostenintensiv mit den plattformspezifischen Kommunikationsregeln auseinandersetzen zu müssen. Zwar verspricht die Plattform nach wie vor, dass Videos ohne großen Aufwand hochgeladen werden können. Aufbau, Etablierung und Aufrechterhalten eines eigenen Kanals sind allerdings, nicht zuletzt durch die Professionalisierung innerhalb der letzten Jahre, mit einem erheblichen zeitlichen und teils auch kostenintensiven Aufwand verbunden. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, warum Einrichtungen eigene Kanäle hauptsächlich als Archiv nutzen und weniger zur Etablierung einer eigenen Zuschauerschaft. Gerade um der Verbreitung von Fehlinformationen oder Verschwörungstheorien entgegen zu wirken ist aber die Präsenz von Wissenschaftsjournalismus und Forschung besonders wichtig (Allgaier 2016; Brossard 2013). Wahrscheinlich wird aber auch eine höhere Präsenz wissenschaftsjournalistischer oder forschungsbezogener Inhalte nicht verhindern, dass zunehmend Akteure sozialer Plattformen und damit das Wissen um den Umgang mit plattformspezifischen Algorithmen das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit beeinflussen werden. Videoplattformen wie YouTube fördern so eine unterhaltungsorientierte Präsentation wissenschaftlicher Inhalte, bei der vor allem die kommunizierende Person als Marke im Mittelpunkt steht. Möglicherweise können so neue Zielgruppen erreicht werden und neue Kommunikationsformate halten Einzug in Wissenschaftsjournalismus und institutionalisierte Wissenschaftskommunikation. Wie genau allerdings die Wissenschaftskommunikation beeinflusst wird sollte Gegenstand weiterer Untersuchungen sein. Neben einem generellen Forschungsbedarf zur Kommunikation von Wissenschaft auf YouTube (neben klassischen quantitativen Erhebungen sind dies auch qualitative Untersuchungen zu dem Einfluss von Algorithmen auf Genrezugehörigkeit und Markenbildung) ist ganz besonders der Mangel an Untersuchungen zu Nutzungsverhalten und Partizipation (z.B. über die Kommentarfunktion) festzustellen. Literatur Alexa (2017): »The top 500 sites on the web«. Online verfügbar unter http://www.alexa.com/topsites, zuletzt geprüft am 18.07.2017. Allgaier, Joachim (2016): »Wo Wissenschaft auf Populärkultur trifft«, in: Thilo Körkel und Kerstin Hoppenhausn (Hrsg.): Web Video Wissenschaft – Ohne Bewegtbild läuft nichts mehr im Netz: Wie Wissenschaftsvideos das Publikum erobern, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft, S. 1–10. ANDREA GEIPEL 194 Berkowitz, Jacob (2013): »Video abstracts, the latest trend in scientific publishing. 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[…] Um nicht nur über die eigenen Produkte zu referieren, greift McDonald’s in den Print- und Out-of-Home-Motiven verbreitete Mythen auf: ›Küssen macht schwanger. Glaub nicht alles, was man dir erzählt‹ steht auf einem Plakat – inklusive Hinweis auf die Website mit Erklärungen und Hintergründen.« (W&V 2017) Die Idee, wissenschaftliche Mythen oder überhaupt verschiedene Formen von Falschinformationen in der digitalen Welt nachträglich einfangen und schnell korrigieren zu können, ist nicht nur als Instrument der Unternehmens-PR verlockend. Auch scheint die Alltagsrationalität – zumindest auf den ersten Blick – eine Reihe von Indizien für die Annahme zu liefern, dass dies effizient möglich sein könnte: Sehen nicht viele Augenpaare (z.B. in einer großen social media community1) in jedem Fall mehr als nur einige wenige Augenpaare in einer kleinen Redaktion? Erlauben digitale Kommentarfunktionen nicht eine direkte Kontrolle und On-site-Korrektur von Fehlern? Haben Watchblogs wie zum Beispiel www.bildblog.de mit ihrer Korrektivfunktion nicht eine erhebliche potenzielle Reichweite, die in der klassischen Sender-Empfänger-Welt der Printmedien so kaum realisierbar war? Verleihen Blogs wie retractionwatch.com (um ein Beispiel aus der primär innerwissen- 1 Gerne wird hier auch die Metapher von einer »Schwarmintelligenz« bemüht, die allerdings in Teilen unzutreffend ist, weil diese im eigentlichen Sinne voraussetzt, dass der jeweils einzelne Akteur nicht durch die Entscheidung der anderen Akteure beeinflusst wird. MYTHOS GATEWATCHING 197 schaftlichen Kommunikation aufzugreifen) Korrekturen und Rücknahmen von Fachartikeln nicht endlich eine angemessene Sichtbarkeit und Reichweite?2 Die Idee des Gatewatching im Vergleich zum Gatekeeping Viele dieser zunächst intuitiv plausibel erscheinenden Ideen lassen sich mit dem Konzept eines »Gatewatching« beschreiben, das ein redaktionelles »Gatekeeping« durch Journalisten in weiten Teilen ersetzen können soll (vgl. Bruns 2009): Während Redaktionen in den traditionellen Medienprozessen wie Schleusenwärter oder Torwächter darüber entscheiden, welche Nachrichten aus der Flut von Informationen schließlich durchgelassen und weiter verbreitet werden, kann dieser Prozess nach der Theorie des »Gatewatching« weitgehend entfallen – und durch eine nachträgliche Beobachtung und Bewertung dessen, was nun frei durch die geöffneten Schleusentore auf den digitalen Informationsmarkt fließt, ersetzt werden.3 Frühe Verfechter dieser Idee wie Paul Levinson scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass auf diese Weise auch Falschinformationen besser erkannt werden können: »[…] there are no guarantees that information we may find on a Web page is truthful – any more than there are guarantees that the information presented to us by the gatekept media of newspapers and television is true. But […] unless every single Web page on a given subject is tainted with the same misinformation, we are likely sooner or later in our extensive browsings on the Web to come across information that exposes the deceptive myth.« (Levinson 1999, 163; zitiert nach Bruns 2009, 116). Bruns selbst stellt bereits a priori fest: »Gatewatching, nicht Gatekeeping stiftet im Internet Nutzen.« (ebd., 117). Nun scheint der Grundton der Verfechter des Gatewatching-Konzepts insgesamt auch von einer (in Teilen sicherlich berechtigten) Unzufriedenheit mit der journalistischen Qualität des Gatekeeping in angelsächsischen Ländern getragen zu sein; so werden vom Wording 2 Streng genommen wäre hier allerdings bereits einzuwenden, dass Bildblog und auch Retraction Watch ursprünglich in erster Linie von Journalisten gegründet wurden, letztlich auf der Basis von (wissenschafts-)journalistischen Redaktionsprozessen arbeiten und somit eher der klassischen Medienselbstkontrolle zuzurechnen wären als einem Gatewatching durch eine Web-Community. 3 Im ausführlichen Modell wird hier noch zwischen mehreren Toren (Eingangstor, Ausgangstor, Antworttor) unterschieden, was für die behandelte Fragestellung jedoch von untergeordneter Bedeutung ist. HOLGER WORMER 198 her klassischen »medieninstitutionellen Hegemonien« mit ihren »Türdrachen« (= Redakteure) die nach hehren Motiven handelnden Nutzer als »Bibliothekare« und »Unterstützer« (ebd.: 9–10) gegenüber gestellt – immerhin mit der Einschränkung, dass »die Situation in Deutschland vielleicht noch deutlich positiver ist«, da das Land über »eine starke öffentlich-rechtliche Rundfunktradition und eine recht vielfältige und unabhängige Printmedienlandschaft« verfügt (ebd.: 5). Zweifellos hängt die Frage nach der Funktionalität des Gatekeeping- im Vergleich zum Gatewatching-Modell immer auch davon ab, wie gut die handelnden Akteure ihrer jeweils zugewiesenen Aufgabe nachkommen4 – wobei man für einen Vergleich nicht einerseits apodiktisch die Idee vom »objektiven«, »unparteiischen« und »interessenlosen« Gatekeeper-Journalisten zum unrealistischen »Ideal« mit »wenigen Ausnahmen« erklären (ebd.: 6) und auf der anderen Seite von der Prämisse einer idealisierten, stets im Sinne von Bibliothekaren (gänzlich ohne Partikularinteressen?) handelnden Nutzercommunity ausgehen sollte. Gatewatching: eine oft vergebliche Mühe? Wie groß aber ist überhaupt die tatsächliche Evidenz für die Annahme, dass ein nachträgliches Gatewatching digital verbreiteter Informationen (und Falschinformationen) das Modell eines vor Verbreitung solcher Informationen stehenden Gatekeepings adäquat ersetzen könnte? Diese Frage soll hier zunächst viel grundsätzlicher gestellt und dabei weniger aus der Akteurs- als aus der Rezipientenperspektive betrachtet werden: Wie plausibel ist die Annahme, dass das Gatewatching-Konzept dem Gatekeeping-Konzept im Hinblick auf die Qualität der beim Endnutzer ankommenden und von diesem behaltenen (!) Information tatsächlich überlegen ist? Im Mittelpunkt soll dabei die Frage stehen, inwieweit ohne funktionierendes Gatekeeping ungefilterte, auf den Informationsmarkt gelangende Falschinformationen bis hin zu gezielt verbreiteten 4 Weitere Voraussetzung ist natürlich, dass ein funktionierendes Gatekeeping durch journalistische Massenmedien von den politischen Rahmenbedingungen her überhaupt möglich ist, sprich: die Pressefreiheit im betreffenden politischen System überhaupt gewährleistet ist und journalistische Medien ihrer zugewiesenen Aufgabe in einer Demokratie zumindest im Grundsatz nachkommen können und wollen. Dass ein Gatewatching besser sein kann als ein dysfunktionales Gatekeeping (etwa im Sinne einer staatlichen Zensur von Informationen vor ihrer Verbreitung), erscheint demgegenüber trivial – setzt allerdings voraus, dass auch die Akteure des Gatewatching im Netz nicht zensiert werden, weder als einzelne Akteure, noch durch zeitweises Abschalten ganzer Plattformen (wie in der Vergangenheit etwa in der Türkei im Falle von Twitter geschehen.) MYTHOS GATEWATCHING 199 Fake News tatsächlich wirksam wieder eingefangen und nachhaltig im Bewusstsein der Nutzer korrigiert werden können. Um die Wirkung beziehungsweise Effizienz der nachträglichen Richtigstellung einer Falschinformation beurteilen zu können, sind mindestens zwei grundsätzliche Aspekte von Bedeutung: 1.) Inwieweit kommt eine nachträgliche Richtigstellung bei den Rezipienten überhaupt an beziehungsweise welche Verbreitung und Reichweite gegenüber einer ursprünglichen (fehlerhaften) Ausgangsnachricht finden solche Korrekturen? 2.) Wie werden Nachrichten und vergleichbare Informationen, wenn sie ihren Weg zum Nutzer erst einmal gefunden haben, dann überhaupt aufgenommen? Konkret: Welches Wahrnehmungspotenzial besitzt die nachträgliche Richtigstellung, um sich (etwa in puncto Verstehens- und Behaltensleistung der Rezipienten) gegenüber dem Inhalt einer ursprünglichen, fehlerbehafteten Nachricht durchsetzen zu können? Lewandowsky et al. (2012, 107) unterscheiden analog dazu das Vermögen, sein Zielpublikum überhaupt zu erreichen, sowie die kognitiven Variablen, die bei der Verarbeitung einer Falschinformation und ihrer Korrektur im Bewusstsein des einzelnen Rezipienten wirksam sind. Der Beitrag fokussiert im Folgenden auf diese beiden Aspekte auf der Rezipientenseite. Reichweite von Richtigstellungen und Werbealgorithmen als Gatekeeper Für einen umfassenden Vergleich der potenziellen Leistungsfähigkeit des Gatekeeping- und des Gatewatching-Konzepts stellt sich auch die Frage, inwieweit sich mit dem Wegfall eines redaktionellen Gatekeepings und der massiven quantitativen Zunahme von Informationen insgesamt das Verhältnis von kursierenden richtigen und falschen Informationen sowie von Falschinformationen und deren Korrekturen auf dem Nachrichtenmarkt verändert. Mit anderen Worten: Ob sich der Anteil an Fehlinformationen dadurch womöglich überproportional erhöht. Allerdings liegen bisher nicht einmal zuverlässige Daten vor, wie häufig Nutzer zum Beispiel mit »Fake News« konfrontiert werden (vgl. Müller/Denner 2017, 11), geschweige denn zum Verhältnis von richtigen Informationen zu deren Korrekturen.5 Es muss daher offen bleiben, ob das browsing des 5 Gleichwohl weisen die Autoren bereits darauf hin: »›Fake News‹ verbreiten sich vor allem über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Soziale Medien verstärken die Durchsetzungsfähigkeit absichtlicher Falschmeldungen, da sie inzwischen vielen Menschen als (politische) Informationsquelle dienen (Pew Research Center 2015; TNS Infratest 2016). Produzenten von HOLGER WORMER 200 Durchschnittsnutzers im Sinne Levinsons (1999, 197) in der Regel ausreichend »extensiv« ist, um tatsächlich irgendwann auf die richtige Information oder gar die gezielte Korrektur einer Falschinformation zu stoßen. Betrachtet man konkrete Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaftskommunikation, so stellt sich die Reichweite von Richtigstellungen bei potenziellen Rezipienten zumindest als sehr limitiert dar: Für die primär innerwissenschaftliche Kommunikation zeigen Arbeiten aus dem Bereich der Bibliometrie, dass selbst zurückgezogene Arbeiten (»retracted papers«) oft kontinuierlich weiter zitiert werden (vgl. z. B. Madlock-Brown/Eichmann 2015). In der breiten Öffentlichkeit halten sich bestimmte Mythen (etwa aus dem Bereich der Ernährungswissenschaften) beharrlich. Aus der eigenen journalistischen Praxiserfahrung ist zu berichten, dass nachträgliche Korrekturen etwa bei der Deutschen Presse-Agentur in den Redaktionen der Medienhäuser (trotz Verbreitung über den gleichen dpa-Kanal) im täglichen Nachrichtengeschäft nur äußerst selten zu einer Korrektur des Fehlers in der letztlich veröffentlichten Nachricht führten; offenbar wurden die Korrekturen in den Redaktionen im übrigen Nachrichtenfluss schlicht übersehen. In einigen Fällen mag ein (banaler) Grund für die offensichtlich limitierte Reichweite von Korrekturen gegenüber der Reichweite einer fehlerhaften Ausgangspublikation deren weniger prominente Darstellung sein. Internationale Fachjournale kamen ihrer Pflicht zur Ver- öffentlichung der »correction« oder »retraction« einer Monate oder Jahre zuvor auf den vorderen Seiten prominent publizierten wissenschaftlichen Originalveröffentlichung oft dadurch nach, dass sie hierfür im hinteren Teil des Journals eine »Schmuddelecke« einrichteten, die nur von besonders aufmerksamen Lesern überhaupt wahrgenommen wurde. Dieses Vorgehen wies durchaus Parallelen zur gängigen Praxis von journalistischen Medienhäusern auf, die – sofern überhaupt eine Kultur der Fehlerkorrektur aus eigenem Antrieb bestand – diese Korrekturen ebenfalls nicht sonderlich prominent platzierten. Nicht umsonst hat es sich in der Rechtsprechung zum Presserecht inzwischen durchgesetzt, dass zumindest auf juristischem Wege durchgesetzte Korrekturen oder Gegendarstellungen an ähnlicher Stelle zu erfolgen haben wie die Ausgangsnachricht; wenn es etwa um Persönlichkeitsrechte Prominenter geht, die auf der Titelseite verletzt wurden, muss die betreffende Gegendarstellung ebenfalls prominent (also gegebenenfalls auch auf der Titelseite) und »in optischer Aufmachung, Schriftbild usw. der Erstmitteilung gleichwertig« abgedruckt werden (Branahl 2009, 291). Falschmeldungen haben in sozialen Netzwerken nur einen geringen Kostenaufwand, um Falschmeldungen zu verbreiten (Allcott/Gentzkow 2017).« (Müller/Denner 2017, 8) MYTHOS GATEWATCHING 201 Nun handelt es sich bei einer Gegendarstellung um mehr als um eine bloße Korrektur, wie sie im Mittelpunkt dieses Beitrags steht. Für die Reichweite von Korrekturen im Internet und speziell in den Social Media kommt nämlich noch ein anderer zentraler Faktor hinzu: der von den Auswahlalgorithmen der jeweiligen Plattform6 überhaupt zugestandene Wert von Korrekturen und Richtigstellungen für die Weiterverbreitung. Denn letztlich sind die Social-Media-Plattformen alles andere als frei von Gatekeepern; nur haben hier Algorithmen die journalistischen Gatekeeper ersetzt (vgl. Herbst 2016) – und wählen in der Regel erst recht primär nach Kriterien aus, die Verfechter des Gatewatching zuvor journalistischen Gatekeepern unterstellten: nach den Werbe- und Marktinteressen der betreffenden Medienhäuser. Wer in seinem Social-Media-House aber Traffic generieren will, füttert über die Filter seiner Gatekeeper-Algorithmen seine User-Community wohl eher mit neuen schillernden Nachrichten als mit langweiligen und (vielleicht von spektakulären Ausnahmen abgesehen) wenig beachteten und von den Nutzern kaum weiter geteilten Richtigstellungen. Algorithmen wählen Korrekturen in der Regel eben gerade nicht für die weitere Verbreitung aus.7 Naturgemäß beschränkt sich die Problematik der Gatekeeping-Algorithmen nicht auf die Verbreitung von Richtigstellungen, sondern betrifft auch die Verbreitung von Nachrichten, die dem eigenen Weltbild oder den eigenen Nutzergewohnheiten widersprechen, generell – mit den möglichen Folgen einer »Filter Bubble«, von »Echo Chambers« und »digitalen Schweigespiralen«. Hierzu hat die Arbeitsgruppe der Wissenschaftsakademien in ihren Empfehlungen bereits eine Zusammenfassung aktueller Arbeiten versucht (acatech et al. 2017, 23–24): »Die Metapher der Echo Chamber verweist auf das Phänomen, dass sowohl die Ausbildung von sozialen Netzwerken als auch die Rezeption, Verbreitung und Bewertung von Informationen innerhalb solcher Netzwerke von den spezifischen Ansichten und Meinungen ihrer Mitglieder sowie weiterer Beteiligter beeinflusst sind. Das kann dazu führen, dass unliebsame Meinungen und Informationen nicht mehr wahrgenommen werden und infolgedessen keine Auseinandersetzung der eigenen Weltanschauung mit anderen Sichtweisen stattfindet.« […] Die vermehrte Nutzung von Social Media und die algorithmische Filterung von Online-Informationen (Filter Bubble) können die Effekte, die von Echo Chambers 6 Im Grundsatz stellt sich die gleiche Frage auch für Suchmaschinen-Algorithmen, bei denen das Auffinden eines kritischen Blogs oder einer journalistischen Nachrichtenseite aber in der Regel etwas besser funktionieren dürfte. 7 Zitiert nach José van Dijk, personal communication, Treffen bei acatech mit den Sprechern der AG Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien, Berlin 7. Oktober 2016. HOLGER WORMER 202 ausgehen, verstärken und beschleunigen. Im schlimmsten Fall kann das zu einer ›digitalen Schweigespirale‹ führen […]. Mit dem von Eli Pariser geprägten Begriff der Filter Bubble ist die durch Algorithmen vorgenommene und auf einzelne Nutzer bezogene selektive Auswahl und Präsentation von Informationen auf Internetseiten oder bei Apps gemeint. Diese algorithmische und personalisierte Filterung von Informationen erzeugt im Resultat eine primär auf eigene Interessen und Gewohnheiten des jeweiligen Nutzers bezogene Informationswelt.« Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang auch, welchen Einfluss gekaufte Meinungsagenten (etwa im Sinne von Social Bots als Mittel der schwarzen PR) auf die öffentliche Meinungsbildung in den Social Media entfalten können (für eine Übersicht zu Social Bots: acatech et al. 2017: 39). Die wenigen einigermaßen aussagekräftigen Studien zur Verbreitung von wissenschaftlichen Informationen im Vergleich zu Verschwörungstheorien (z. B. Del Vicario et al. 2016) erlauben bisher allerdings kein abschließendes Urteil darüber, wie der Wettbewerb zwischen Falschinformationen und korrekten Informationen (oder gar Korrekturen) im Detail ausgehen wird. Es erscheint jedoch mehr als fraglich, dass die potenzielle Reichweite von Richtigstellungen im Netz jene von Falschinformationen dominieren kann. Im Gegenteil: Anekdotische Beispiele dokumentieren sogar, dass sich Fake News im Social Web sogar besser verbreiten könnten als echte Nachrichten. So erreichte beispielsweise die gefälschte Nachricht über »Gratis-Führerscheine für Flüchtlinge« Anfang Juli 2017 laut buzzfeed Deutschland »in den vergangenen Monaten mehr Interaktionen in sozialen Netzwerken […] als jeder einzelne Artikel der großen Nachrichtenportale Spiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Stern oder Tagesschau. […] Seit Veröffentlichung hat der Artikel auf Facebook mehr als 53.000 Interaktionen erhalten, also Reaktionen, Kommentare und Shares.« (Schmehl 2017)8 Wahrnehmungs- und Behaltenspotenzial von Richtigstellungen Selbst wenn die Korrektur einer Falschinformation oder eines wissenschaftlichen Mythos die Rezipienten im physikalisch-medialen Sinne erreicht, stellt sich die Frage inwieweit diese Korrektur auch im psycho- 8 Der beste echte Beitrag im gleichen Zeitraum ist demnach ein Artikel bei Spiegel Online mit 44 000 Facebook-Interaktionen: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/koerperbild-bei-frauen-fuer-mehr-dicke-maedchen-in-leggins-kolumne-a-1148907.html . MYTHOS GATEWATCHING 203 logischen Sinne wahrgenommen, verarbeitet und behalten wird, inwieweit sie also den Kopf des einzelnen Rezipienten »erreicht« – und die Falschinformation dort nachhaltig ersetzt. Nur in diesem Falle könnte man wohl auch im Hinblick auf die Rezeptionsseite tatsächlich von einem erfolgreich funktionierenden »Gatewatching« sprechen. Der Versuch, medial bereits verbreitete (Falsch-)Information nachträglich zu korrigieren beziehungsweise zu dementieren, hat in der klassischen Medienwelt eine lange Geschichte; die Hamburger Morgenpost (2009) erklärte das Dementi vor einigen Jahren sogar zum »schillerndsten Kommunikationsmittel überhaupt«. Der Begriff »Dementi« leitet sich laut Duden vom französischen »démentir« ab, was so viel wie »leugnen« oder »Lügen strafen« (»mentir« = lügen) bedeutet. Der Ruf (also die Glaubwürdigkeit und damit auch Wirksamkeit) einer Richtigstellung per Dementi scheint in der alten Medienwelt allerdings eher schlecht zu sein; der zitierte Morgenpost-Beitrag listet dazu eine Reihe prominenter Beispiele auf – vom Dementi des Plans, eine Mauer zu errichten, bis hin zur Barschel- oder Clinton-Lewinsky-Affäre. Ferner wird der Sprecher des Bundesverbands deutscher Pressesprecher zitiert, es komme für Firmensprecher eigentlich darauf an, Situationen zu vermeiden, die ein Dementi erfordern (ebd.). Aus medienrechtlicher Perspektive wird zwar die Notwendigkeit von Dementis in der Krisenkommunikation gesehen (»im Sinne der Glaubwürdigkeit des Unternehmens« (Prinz 2013: 231)), wobei aber gleichzeitig unterstrichen wird, dass nur weitere juristische Mittel die Glaubwürdigkeit eines Dementis verbessern können (etwa in dem Sinne: »Seht her: Nicht nur der Inhaber, Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzende dementiert, sondern auch ein Gericht ist von der Unwahrheit der Vorwürfe so überzeugt, dass es eine Unterlassungsverfügung erlässt.« (ebd., 231)).9 Für juristische Maßnahmen liegt ebenfalls eine Untersuchung vor, die die potentielle Wirkung von Gegendarstellungen untersucht hat (Petersen 2006). Demnach deuten die Ergebnisse eines Experiments mit rund 2000 Befragten darauf hin, dass »die Wirkung einer Gegendarstellung in ihrer Stärke tatsächlich, wie in der juristischen Literatur angenommen, ungefähr dem Effekt eines einzelnen [Hervorhebung durch den Verfasser], gleich langen Zeitungsartikels entspricht.« Gleichwohl sei sie »jedoch nicht annähernd in der Lage, eine Rufschädigung, die durch 9 Allerdings verweist der Autor auch auf die Grenzen juristischer Maßnahmen (ebd. 231): »Mit einer Vielzahl von Unterlassungsansprüchen kann man auch die Verbreitung unwahrer Behauptungen im Internet stoppen. Das ist allerdings nur juristische Theorie, weil sich die Gerüchte meistens so schnell verbreiten, dass schon wegen der Bearbeitungsdauer der Gerichte gar nicht schnell genug gehandelt werden kann.« HOLGER WORMER 204 eine umfangreiche flankierende Berichterstattung ausgelöst wird, auszugleichen.« (ebd. 2006: 153) Nun beziehen sich die untersuchten Beispiele (ebenso wie die klassischen Dementis) auf die politische Kommunikation, und die Glaubwürdigkeit einer Gegendarstellung dürfte nicht nur die eines bloßen Dementis übersteigen (siehe Zitat Prinz oben), sondern auch von der Glaubwürdigkeit des dementierenden Akteurs abhängig sein. Aus psychologischer Perspektive wird die Wirksamkeit eines Dementis oder einer Richtigstellung aber noch aus anderen Gründen als begrenzt angesehen, die nicht unbedingt mit dem Vertrauen in den jeweiligen Absender zusammenhängen muss. So haben Lewandowsky et al. in zahlreichen Arbeiten auf viel grundsätzlichere Probleme hingewiesen, die dazu führen, dass die Korrektur von Falschinformation äußerst schwierig und meist ineffizient ist. In einer Literaturübersicht einer Reihe von empirischen Befunden kommen die Autoren zusammenfassend zu dem Schluss: Die Rücknahme einer zuvor verbreiteten Fehlinformation eliminiert diese Falschinformation in den seltensten Fällen. Dies gilt selbst dann, wenn die Korrektur glaubwürdig war, von den Rezipienten verstanden und sogar behalten wurde und diese keinen (z. B. weltanschaulichen)10 Grund haben, an der Fehlinformation festzuhalten (vgl. Lewandowsky et al. 2012, 113–114). Chan et al. (2017) kommen auf der Basis einer Meta-Analyse zu dem Schluss, dass eine detaillierte Korrekturnachricht zwar das Behalten der Korrektur verbessert, gleichzeitig aber auch die Persistenz der Falschinformation in den Köpfen der Rezipienten erhöht. Als Gründe dafür, warum es sich als extrem schwierig erwiesen hat, zuvor desinformierte Menschen auch nur auf den gleichen Glaubensstand zurückzubringen wie Menschen, die nie mit der Fehlinformation konfrontiert worden sind, listen Lewandowsky et al. sowie Chan et al. eine Reihe von Erklärungsansätzen auf, die im Folgenden mit eigenen Worten zusammengefasst sind: 1.) Einer gängigen Theorie nach konstruieren sich Menschen »mentale Modelle« davon, wie Ereignisse ablaufen. Wird nun eine Falschinformation in so einem Ereignisverlauf als falsch deklariert, so hinterlässt die Korrektur eine Lücke. Vereinfacht gesagt entsteht hierdurch eine Irritation – und es ist für das Gehirn einfacher, trotz 10 Korrekturen, die den Weltanschauungen und Grundhaltungen einer Person widersprechen, gelten als besonders aussichtslos. »If one’s investment in a consistent worldview is strong, changing that worldview to accommodate inconsistencies may be too costly or effortful.« (ebd.: 120). Da diese spezielle Problematik aber enge Bezüge zu dem bereits angesprochenen Phänomen der Filter Bubble aufweist, wird diese hier nicht weiter vertieft. MYTHOS GATEWATCHING 205 des Wissens um den enthaltenen Fehler an dem zuvor »gelernten« Modell festzuhalten, als dieses komplett umzuwerfen.11 2.) Die Korrektur einer Falschinformation führt nicht dazu, dass die ursprüngliche Information im Gedächtnis gelöscht wird. Versucht man sich später an ein Ereignis oder eine Nachricht zu erinnern, konkurrieren somit die falsche und die korrigierte Information miteinander – und es ist keineswegs sichergestellt, dass die eigentlich gültige Information auch als solche identifiziert wird. 3.) Die Geschwindigkeiten, mit denen die eigentliche Information und ihr Kontext vergessen werden, unterscheiden sich in der Regel (vgl. auch Skurnik et al. 2005; Peter/Koch 2015, 4–5; zum Vergessen einer Quelle als Kontextinformation: Kumkale/Albarracín 2004). Besonders eindrücklich kann man sich das an Beispielen klarmachen, bei denen eine Falschinformation durch bloße Negation korrigiert wurde: Hier verblasst das »nicht« der Korrektur meist leichter als die falsche Information selbst.12 4.) Wird eine Falschinformation (ähnlich wie bereits unter Punkt 2 skizziert) bei ihrer Korrektur wiederholt, erhöht dies auch die Vertrautheit dieser Information. Vertrautes und Geläufiges (und somit auch vielfach in Social Media Wiederholtes und Geteiltes) kann vom Gehirn flüssiger verarbeitet werden und erhält so im Allgemeinen eine höhere Glaubwürdigkeit zugeschrieben (vgl. auch Peter/ Koch 2015: 5). Ein derartiger Korrekturversuch wird somit zum Boomerang (»Backfire«). 5.) Nicht nur a priori geläufige und vertraut klingende, sondern auch ganz generell einfache Informationen werden leichter rezipiert und behalten. Können also einfache und somit »kognitiv attraktive« Mythen nur mit einer komplexen wissenschaftlichen Erklärung richtiggestellt werden, so stellt sich womöglich ein »overkill backfi- 11 Es handelt sich um eine sehr vereinfachte Darstellung. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die Mechanismen hinter dem Konzept noch wenig verstanden sind. Zum mentalen Modell und der Untersuchung von Nachwirkungen von (insbesondere fiktionalen) Medieninhalten vgl. in der deutschsprachigen Literatur z.B. Spilski (2011). 12 In einer Lehrveranstaltung erwies sich folgendes Beispiel bei Studierenden als besonders geeignet, um den Sachverhalt zu illustrieren: Der Dozent dementiert ein (fiktives) Gerücht, er habe ein Alkoholproblem, mit den Worten: »Es stimmt nicht, dass ich ein Alkoholproblem habe.« Unter den Studierenden bestand Einigkeit darüber, dass sie beim ersten Ehemaligentreffen fünf oder zehn Jahre später vermutlich im Kopf haben würden, dass doch bei dem Dozenten »irgendwas mit Alkohol« gewesen sei – wahrscheinlich ohne sich dabei an die Negation zu erinnern. Auch die wiederholte Korrektur des Gerüchts, dass Barack Obama nicht in Kenia geboren ist, dürfte die Verbreitung des entsprechenden Gerüchts noch verstärkt haben. HOLGER WORMER 206 re effect« (Lewandowsky et al. 2012, 122–123) ein – für den Rezipienten ist es bequemer, beim einfachen Mythos zu bleiben. Ein klassisches Experiment, auf das sich auch eine Reihe von Autoren beziehen, ist ein fiktives Feuer in einem Lagerhaus, zu dem Probanden zunächst Falschinformationen erhielten, bevor falsche Teile der Geschichte richtig gestellt wurden. Obwohl sie sich die Korrektur nicht nur merkten, sondern diese sogar akzeptierten, hinterließ die Falschinformation doch Spuren, da sich die Testpersonen beim Beantworten von Fragen weiterhin darauf bezogen (Cook/Lewandowsky 2011). In einer jüngeren empirischen Studie konnten Peter und Koch (2015) den beschriebenen Boomerang (oder »Backfire«)-Effekt auch für eine spezifische journalistische Berichterstattung bestätigen – und kommen sogar zu dem Schluss, dass die Stärke und Folgenschwere des Phänomens bisher womöglich unterschätzt wurde (ebd., 17–18). Denn anders als in vielen früheren Studien untersuchten die Autoren auch, wie Falschinformationen die Urteilsbildung der Rezipienten beeinflussen. Wenngleich die Autoren in ihrem Experiment speziell die Berichterstattung über einen medizinischen Test zur Krebsdiagnose untersucht hatten, gehen sie davon aus, dass das Risiko eines »Backfire«-Effekts nicht nur auf die Medizinberichterstattung beschränkt, sondern auch auf andere journalistische Beiträge übertragbar ist, die Mythen korrigieren möchten und diese dabei explizit und prominent wiederholen. Der Wettlauf von Falschinformation und Korrekturen in Social Media Es spricht viel dafür, dass die in experimentellen Settings zur Wirkung von Korrekturen bei Informationskampagnen und journalistischen Beiträgen reproduzierbaren Effekte in ähnlicher Form auch bei der Korrektur von Mythen und Fehlinformationen gelten, die in Social Media kursieren. So weisen bereits Peter und Koch (2015, 17) darauf hin, dass es sich dabei um den beschriebenen »backfire effect« handelt, der mehrfach und für verschiedene Arten von Informationen bestätigt werden konnte. Für die Social Media liefert die Journalistin Evelyn Roll ein eindrückliches Beispiel: »Am 9. November um 12.26 Uhr postete Tobias Weihrauch, ein offenbar etwas rechtschreibschwaches Mitglied der Grünen auf Facebook: ›Meine Freunde, Trumps Wahlsieg hat gezeigt, dass Rechtspopulismus sich durchsetzt. Genauso wird es auch 2017 in Deutschland passieren. Die AFD wird viele Stimmen sammeln. Wir müssen bis zur nächsten Wahl MYTHOS GATEWATCHING 207 unser Bestes geben und so viele Afrikaner und Syrer wie möglich in unser Land holen! Leider werden immer mehr Gewalttaten von Flüchtlingen publiziert, da die Medien nicht mehr mit uns zusammen arbeiten. Daher fordere ich alle Grünen dazu auf Flüchtlinge zu unterstützen egal wie intigrationswillig oder kriminel sie sind. Wir haben nicht mehr lange Zeit, bis das dritte Reich zurückkehrt!‹ Zwei Tage später war klar: Der Verfasser heißt weder Tobias Weihrauch, noch ist er Mitglied der Grünen. Auch sein Profilbild im Originalbanner der rheinland-pfälzischen Grünen war ein Fake, das geklaute und horizontal gespiegelte Selbstporträt eines hessischen Fotografen – alles gelöscht inzwischen und nicht mehr zurückverfolgbar. Als die Fälschung aufflog, war sie schon dreimal um die Welt gelaufen, tausendfach geteilt, zitiert, hämisch kommentiert von Anhängern rechtspopulistischer Parteien, von ultrarechten Online-Krawall-Medien und Hetz-Blogs, wahrscheinlich auch von weiteren Fake-Accounts und außerdem von Bots, von automatisierten Skripten also, die nur aussehen, als seien sie Menschen mit Erkenntnissen und Meinungen, aber auch vom Pressesprecher der CSU-Landtagsfraktion und von einem sonst immer eher schlauen Menschen bei der Bild-Zeitung«.13 Jenseits solcher Beispiele mit anekdotischer Evidenz gibt es inzwischen zumindest auch einige wenige Studien, die die Verbreitung von Falschinformationen in Konkurrenz zu deren Richtigstellungen systematisch untersuchen. Exemplarisch sei hier eine Arbeit von Starbird et al. 2014 genannt, die nach der Untersuchung der »Misinformation on Twitter« nach dem Boston Marathon Bombing im Jahr 2013 zu dem Schluss kommen: »Our findings suggest that corrections to the misinformation emerge but are muted compared with the propagation of the misinformation.« (Starbird et al. 2014, 654). Allerdings besteht hierzu noch erheblicher Forschungsbedarf, insbesondere auch deshalb, weil die meisten identifizierten Studien auf der Stufe stehen bleiben, lediglich die Verbreitung von Falschinformationen und evtl. ihrer Korrekturen zu untersuchen, nicht aber deren Wirkung. Hinzu kommt, dass die Idee des Gatewatching-Konzepts Phänomene einer gezielten Desinformation durch (vermeintliche) Gatewatcher praktisch ausklammert. Dagegen weisen beispielsweise del Vicario et al. (2016) darauf hin: »Often conspiracists will denounce attempts to debunk false information as acts of misinformation. […] Massive digital misinformation is becoming pervasive in online social media to the extent that it has been listed by the World Economic Forum (WEF) as one of the main threats to our society.« Neben den korrekturwilligen Au- 13 Insofern ist der Fall natürlich auch ein Beispiel für das Mitversagen eines – hier nachgeschalteten – journalistischen Gatekeepings, wenngleich nicht gerade eines »Qualitätsmediums«. HOLGER WORMER 208 genpaaren multipliziert sich im digitalen Zeitalter eben auch die Zahl jener Akteure, die ein Interesse an der gezielten Weiterverbreitung einer Fehlinformation haben. Müller und Denner (2017, 6) weisen in ihrem bereits mehrfach zitierten Gutachten, das mit der Endkorrektur dieses Beitrags erschien, darauf hin: »Auch wenn die Forschung noch am Anfang steht, lässt sich bereits schlussfolgern, dass »Fake News« zu einer qualitativen Veränderung der gesellschaftlichen Diskussionsstruktur und -kultur beitragen: »Fake News« können einen begrenzten, aber dennoch vorhandenen Einfluss auf die Meinungsbildung der Bürgerinnen und Bürger haben. Sie unterscheiden sich von klassischen Falschmeldungen, den »Zeitungsenten« des analogen Zeitalters, vor allem darin, dass sie bewusst lanciert werden. Ihre massenhafte Verbreitung umgeht professionell arbeitende Journalisten, die bei einer wiederholten Verbreitung von Falschmeldungen eine Rufschädigung fürchten müssten. Sie geschieht über soziale Netzwerke im Internet. Diese Plattformen haben die Verbreitung von Nachrichten insgesamt demokratisiert, ermöglichen dadurch aber auch jedem die gezielte Streuung von Falschmeldungen.« Die eingangs erwähnte Werbekampagne zeigt zudem exemplarisch, dass sogar die – tatsächliche oder angebliche – Aufklärung von Mythen auch ganz anderen Interessen dienen kann als der bloßen Verbreitung von Wahrheiten. Fazit Die Frage nach der tatsächlichen Praktikabilität, Wirksamkeit und Effizienz eines »Gatewatching« als kollektive Form der Dementierung und Korrektur von bereits verbreiteten (Falsch-)Informationen ist komplex. Es spricht nach einer ersten Durchsicht der vorliegenden Literatur aber viel dafür, dass die Wahrnehmung und Wirkung nachträglicher Richtigstellungen von bereits veröffentlichten Informationen auch in Internet und Social Media äußerst beschränkt sein dürfte. Cook und Lewandowsky (2011: 1), die bereits an anderer Stelle zitiert wurden, fassen die Situation in einem »Debunking«-Handbuch, das sich unter anderem an Journalisten richtet, so zusammen: »Indizien sprechen dafür, dass unabhängig davon, wie vehement und wiederholt wir falsche Informationen korrigieren – z. B. dadurch, dass die Richtigstellung immer und immer wieder wiederholt wird – ihr Einfluss doch erkennbar bleibt. Die alte Weisheit stimmt – etwas Dreck bleibt immer hängen. […] Es ist nicht nur schwierig, fehlerhafte Infor- MYTHOS GATEWATCHING 209 mationen zu neutralisieren – ein Gerücht auszuräumen, kann dieses in den Köpfen der Leute sogar verstärken. Verschiedene ›Bumerang-Effekte‹ sind beobachtet worden, die sich dadurch ergeben, dass Gerüchte geläufiger werden, dass zu viele Argumente aufgezählt werden, oder dass Beweise vorgebracht werden, die unsere Weltanschauung ins Wanken bringen.« Daraus ergibt sich im digitalen Medienzeitalter eine fast paradoxe Situation: Grundsätzlich sind zuverlässige Informationen gerade auch aus der Wissenschaft so leicht und schnell zugänglich wie nie zuvor. Zudem lassen sich Informationen – ein Stück weit durchaus im Sinne Levinsons (1999, 197) – auf vielfältige Weise überprüfen, sofern man entsprechende Such- und Bewertungsstrategien beherrscht. Insofern ist es ein absolut notwendiger Schritt, endlich konsequent jene Medien- und Quellenkompetenz zu vermitteln, die bisher oft nur auf dem Papier von Lehrplänen gefordert wird. Ebenso grundsätzlich ist es allerdings auch dann mehr als fraglich, ob die Bevölkerung im Durchschnitt angesichts der geschilderten Effekte tatsächlich besser informiert werden kann als im Zeitalter des klassischen, der massenweisen Verbreitung vorgeschalteten »Gatekeepings« von Informationen. Tendenziell könnten Informationen und Korrekturen aus der Wissenschaft (aus den oben unter 5. genannten Gründen) sogar einen generellen Nachteil im Wettbewerb um die Glaubwürdigkeit und die potenzielle Behaltensleistung haben – und das womöglich nicht nur bei Korrekturen. In gewisser Weise lassen sich die beiden Konzepte »Gatekeeping« und »Gatewatching« mit zwei Varianten im Umgang mit einem Umweltproblem vergleichen: Man kann entweder von vornherein versuchen, die (in diesem Falle) digitale Umwelt möglichst wenig zu kontaminieren (Gatekeeping), oder man setzt darauf, dass jede Kontamination von einer Kläranlage der Netzcommunity nachträglich wieder gereinigt wird (Gatewatching). Allerdings gilt auch im letzten Falle: Wenn vorher weniger Schmutz hineingekippt wird, ist die Umwelt hinterher auch leichter zu reinigen. Und: Die hier diskutierten Effekte weisen darauf hin, dass man die digitale Umwelt von so mancher Falschinformation, die diese kontaminiert, nur schwerlich überhaupt wieder reinigen kann, wenn sie einmal in diese Umwelt entlassen worden ist. Insofern dürfte es fatal sein, das System des Gatekeeping durch professionellen Journalismus, bei all seinen Schwächen, komplett aufzugeben. Neuberger (2014, 318) beschreibt die neuen Herausforderungen des Journalisten bereits so: »Seine Aufgabe im Internet lässt sich am besten mit drei Rollen umreißen: mit der Navigator-, Moderator- und Produzentenrolle.« Dem mag man an dieser Stelle weiterhin (oder erneut) dezidiert die Rolle des Gatekeepers von Informationen hinzufügen: Wenngleich ein Gatekeeping nicht mehr am kaum wirklich zu kon- HOLGER WORMER 210 trollierenden Eingangsgate der digitalen Informationswelt realistisch ist, so doch inmitten derselben. Der neue Gatekeeperjournalist versucht als eine Art Zwischentorwärter an wichtigen Schnittstellen zumindest den Weiterfluss unsinniger oder falscher Informationen zu blockieren und durch korrekte Informationen zu ersetzen. In Bezug auf die Kommunikation von Wissenschaft, aber auch von anderen Informationen, spricht nach derzeitigem Stand jedenfalls einiges dafür, dass sich die Idee, Gatewatching sei dem Gatekeeping-Konzept überlegen oder zumindest äquivalent zu diesem als ein Mythos entpuppen könnte, den es seinerseits zu dementieren gilt. Demgegen- über erscheinen eine Reihe kollaborativer Modelle vielversprechend, bei denen Gatewatcher professionelle Gatekeeper unterstützen, die ihrerseits beispielsweise moderne und professionelle Methoden zur Verifikation anwenden (vgl. z. B. das Reveal-Projekt der EU zur »Social Media Verification«: www.revealproject.eu). Einen Mehrwert für die Wissenschaftskommunikation in die breite Öffentlichkeit könnte auch eine Weiterentwicklung des aus der Wissenschaft stammenden Modells eines kombinierten »Open Peer Review« (z. B. Pöschl 2012) bilden. Hier bleibt das Gatekeeping – idealerweise vor der Erst- und nochmals vor der Letztveröffentlichung – erhalten, wird aber durch ein Gatewatching ergänzt.14 Solche komplementären Ansätze oder eben »Symbiosen zwischen industriellem und partizipativem Journalismus« (Bruns 2009, 126–127) werden auch von vehementen Vertretern der Gatewatching-Idee nicht völlig abgelehnt, wobei die Definition des Verhältnisses von Gatekeepern und Gatewatchern von Fall zu Fall sicher unterschiedlich bewertet wird. Auch Neuberger verneint die These, dass »Laien mit Hilfe von Social Media diese Aufgaben bewältigen und den professionellen Journalismus ersetzen könnten. […] Die Beziehung zwischen Journalismus und Social Media dürfte weniger konkurrierend als vielmehr komplementär und integrativ sein.« (2014, 318). An einigen Stellen wird angesichts der De-facto-Konkurrenz um Aufmerksamkeit, in der große Plattformen und Journalismus nun doch stehen, eine gezielte zusätzliche (Neu-) Stärkung des journalistischen Gatekeepings und der Qualitätssicherung desselben nötig sein – von unter Beachtung der Meinungsfreiheit zu 14 Wenngleich die primär innerwissenschaftliche Kommunikation nicht im Fokus dieses Beitrags steht, so sei abschließend doch darauf hingewiesen, dass die zunehmende Unübersichtlichkeit von Preprint-Servern und Vorabver- öffentlichungen ein Problem darstellen. So werden viele, eigentlich erst zur Diskussion gestellte Beiträge (etwa bei F1000) bereits zitiert wie eine final begutachtete und angenommene Fachveröffentlichung. Auch der ungebrochene Aufschwung von Preprint-Servern arxiv.org und www.biorxiv.org hebelt letztlich die wissenschaftliche Prüfung (das »Gatekeeping« der Wissenschaft) vor der Verbreitung einer Information aus. MYTHOS GATEWATCHING 211 entwickelnden Regulierungsvorgaben der Social-Media-Plattformen bis hin zu Vorschlägen, dass sich jedermann als potenzieller Gatekeeper vor der Verbreitung von Nachrichten aus der Wissenschaft ein persönliches Moratorium auferlegen sollte, bevor er oder sie die Nachricht weiterverbreitet (vgl. z. B. Oransky/Marcus 2016). Ohne Akteure und funktionierende Prozesse des Gatekeepings in Wissenschaft und Medien wird die Qualität der Information, die in der breiten Öffentlichkeit wirklich ankommt und im Gedächtnis hängen bleibt, gerade im Zeitalter gezielter Desinformation jedenfalls eher abnehmen. Für all jene, die (ob professionell oder privat) Informationen verbreiten, sollte daher gelten: Jede Information, die von vornherein mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt ist, ist besser als eine nachträglich korrigierte Information. Insofern hat die Ermahnung zur Sorgfalt (oder eben zum Gatekeeping) bereits vor der Erstveröffentlichung und -verbreitung, wie man sie als Motto der Nachrichtenagentur UPI kennt, auch oder gerade im digitalen Zeitalter nichts an Aktualität verloren: »Get it first, but first, get it right.« Literatur Branahl, Udo (2009): Medienrecht. Eine Einführung. 6. Überarbeitete und aktualisierte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Bruns, Axel (2009): »Vom Gatekeeping zum Gatewatching. Modelle der journalistischen Vermittlung im Internet«, in: Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet. Profession – Partizipation – Technisierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften , S. 107–128. Chan, Man-pui Sally/Jones, Christopher R./Jamieson, Kathleen Hall/Albarracín, Dolores (2017): Debunking: A Meta-Analysis of the Psychological Efficacy of Messages Countering Misinformation, Psychological Science, First published online: September 12, 2017. https://doi. org/10.1177/0956797617714579 . Cook, John/Lewandowsky, Stephan (2011): Widerlegen, aber richtig. Deutsche Übersetzung von The Debunking Handbook. St. Lucia: Australia: University of Queensland. November 5. ISBN 978-0-646-56812- 6. [http://sks.to/debunk]; Abrufbar unter: https://skepticalscience.com/ docs/Debunking_Handbook_German.pdf [Abgerufen 14.07.2017] Del Vicario, Michelo/Bessi, Alessandro/Zollo, Fabiana/Petroni, Fabio/ Scala, Antonio/Caldarelli, Guido/Stanley, H. Eugene/Quattrociocchia, Walter (2016): »The spreading of misinformation online«, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, PNAS, 113 (3), S. 554–559. 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Unter Wissenschaftlern scheint Facebook ähnlich verbreitet zu sein: In einer Befragung des Journals Nature gaben 40,5 Prozent von rund 3500 befragten Wissenschaftlern aus 95 Nationen an, regelmäßig Facebook zu nutzen (vgl. van Noorden 2014). Von 778 befragten Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen nutzen 58 Prozent soziale Netzwerke wie Facebook (vgl. Pscheida et al. 2014). In der großen Mehrheit verwenden befragte Wissenschaftler Facebook allerdings nur für private Zwecke. Wird Facebook im beruflichen Kontext eingesetzt, dann zumeist mindestens wöchentlich oder häufiger (vgl. van Norden 2014; Pscheida et al. 2014; Collins et al. 2016). Als »All-in-One-Medium« (Busemann/Gscheidle 2010) bündelt Facebook verschiedene Social-Web-Anwendungen auf einer Plattform. Neben dem Versenden privater Nachrichten oder der Kommunikation innerhalb von Chatrooms (Gruppen) können die Nutzer Status-Updates in Form von Texten, Links, Fotos oder (Live-)Videos verbreiten. Dabei lässt sich einstellen, ob die Inhalte öffentlich oder nur für eine definierte Gruppe von Nutzern (z. B. Freunde oder Freunde von Freunden) sichtbar sind. Andere Nutzer wiederum können die Inhalte bewerten, kommentieren oder teilen. Zentrales Element von Facebook ist der Newsfeed. Dort bekommen die Nutzer Inhalte und Interaktionen anderer Nutzer und Profile angezeigt. Die im Newsfeed angezeigten Inhalte werden algorithmisch gefiltert und ausgespielt (vgl. Facebook 2017). Der zugrundeliegende Algorithmus wird fortwährend modifiziert, über die genaue Funktionsweise macht Facebook keine Angaben. Welche Inhalte den Nutzern angezeigt werden, hängt aber unter anderem davon ab, mit welchen Inhalten die Nutzer in der Vergangenheit interagiert haben und wie oft ein Inhalt bereits bewertet, kommentiert oder geteilt wurde (vgl. Facebook 2017; Rixecker 2016). Diskutiert wird zurzeit, inwiefern WISSENSCHAFT AUF FACEBOOK 215 diese algorithmische Filterung der Inhalte zum Entstehen sogenannter Filter-Bubbles beiträgt (vgl. Lobin und Schmidt in diesem Band). Dadurch, dass der Algorithmus bevorzugt solche Inhalte ausspielt, die den Vorlieben und Ansichten eines Nutzers entsprechen, besteht das Risiko, dass die Informationssphäre des Nutzers für andere Ansichten und Angebote zunehmend unzugänglich wird. Auch wenn Facebook ursprünglich der Kommunikation innerhalb von persönlichen Öffentlichkeiten diente, sind heute professionelle Kommunikatoren (Unternehmen, Organisationen, Medien) in gro- ßer Zahl vertreten. Sie können ebenso wie Personen eigene Profile anlegen, die sich dann wiederum von anderen Nutzern abonnieren lassen. Unternehmen und Organisationen haben zudem die Möglichkeit, die Reichweite ihrer Inhalte zum Beispiel durch gesponserte Posts im Netzwerk gegen Gebühr zu erhöhen (vgl. Dogruel/Beck in diesem Band). Wissenschaftsinterne Kommunikation Unter Wissenschaftlern ist Facebook als professionelles Kommunikationsmedium im Vergleich zu spezialisierten Social Networks wie Research Gate oder zum Microblogging-Dienst Twitter von eher geringer Bedeutung – was sich auch im überschaubaren Forschungsstand zur internen Wissenschaftskommunikation bei Facebook spiegelt. Zwar sind viele Wissenschaftler bei Facebook registriert, allerdings geben sie in Befragungen an, das Netzwerk kaum für professionelle Zwecke zu nutzen (vgl. van Norden 2014; Pscheida et al. 2014; Collins et al. 2016). Über wissenschaftliche Inhalte kommunizieren Wissenschaftler bei Facebook am ehesten noch mit Freunden und Bekannten (vgl. Collins et al. 2016) oder in geschlossenen Gruppen. Als Austausch- und Diskussionsplattform für aktuelle Publikationen und Forschung wird Facebook kaum genutzt. Die geringe Bedeutung von Facebook als wissenschaftsinterne Netzwerkplattform ist unter anderem damit zu erklären, dass bei Facebook von Anfang an die private Nutzung dominierte (vgl. Lobin in diesem Band) und sich mit ResearchGate, Academia und Mendeley alsbald äquivalente Netzwerkplattformen mit ähnlichen Funktionsweisen aber klarer Fokussierung auf die Wissenschaft etablierten. Ein weiteres Motiv für die Nichtnutzung von Facebook im professionellen Kontext sind Vorbehalte vieler Wissenschaftler gegen die Nutzungsbedingungen und Datenschutzpolitik des Netzwerks (vgl. Pscheida et al. 2014). JONATHAN FOCKE 216 Öffentliche Wissenschaftskommunikation Einen größeren Stellenwert nimmt Facebook bei der Kommunikation von Wissenschaft in der allgemeinen Öffentlichkeit ein, sowohl durch Wissenschafts-PR als auch durch den Wissenschaftsjournalismus. Wie Studien aus den USA, aus Kanada, Spanien und Deutschland zeigen, ist der Zugang zu aktuellen Nachrichten über den Newsfeed einer der wesentlichen Gründe für Facebook-Mitglieder, das soziale Netzwerk zu nutzen (vgl. Hermida et al. 2012; Mitchell et al. 2013; Masip et al. 2015; Wladarsch 2014). Aufgrund der verbreiteten Nutzung von Facebook gerade auch bei jüngeren Zielgruppen versuchen etablierte Massenmedien zunehmend, das Netzwerk als weiteren Distributionsweg für ihre Inhalte einzusetzen. So sind etwa wissenschaftsjournalistische Angebote wie Spiegel Wissen, Quarks & Co, Galileo oder Zeit Wissen mit eigenen Profilen vertreten. Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahren – vor allem im englischsprachigen Markt – zahlreiche Angebote entstanden, die Wissenschaftsinhalte primär oder sogar ausschließlich auf Facebook beziehungsweise in anderen sozialen Netzwerken verbreiten (z. B. »I fucking love Science« (IFLS), »Smart is the New Sexy«, »Hashem Al-Ghaili«), teils mit über 20 Millionen Followern. Zwar sind solche Reichweiten nach wie vor die Ausnahme und die Inhalte werden mitunter als sehr boulevardesk kritisiert. Immerhin aber handelt es sich bei IFLS laut Columbia Journalism Review um die erste derartige Marke (»one-woman brand«), die sich komplett ohne Unterstützung der Mainstream-Medien aufgebaut habe (Fitts 2014). Wissenschaftler selbst sind Befragungen zufolge eher skeptisch, ob Facebook eine geeignete Plattform für externe Wissenschaftskommunikation ist – zum einen aufgrund des herausfordernden Umgangs mit unsachlichen Nutzerkommentaren (vgl. Collins et al. 2016, Allgaier et al. 2013), zum anderen ganz generell aus Skepsis gegenüber dem unklaren Umgang von Facebook mit den Nutzerdaten (vgl. Nentwich/König 2013). Systematische Untersuchungen zum Einsatz von Facebook in der externen Wissenschaftskommunikation sind rar. Eine erste auf deutsche Wissenschaftsinstitutionen bezogene Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass von insgesamt 149 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft immerhin knapp 30 Prozent bei Facebook vertreten sind (vgl. Hopius 2015). Im Unterschied zu Twitter lässt sich mit Facebook potenziell ein breiteres und vor allem junges Massenpublikum ansprechen (vgl. Bik/Goldstein 2013). Weniger geeignet ist Facebook für die Kommunikation mit Journalisten und anderen Multiplikatoren. Für die Wissenschaftskommunikation könnte Facebook zudem ein geeigneter Kanal sein, um anti- beziehungsweise pseudo-wissenschaftlichen Inhalten entgegenzutreten. Wie verbreitet solche Inhalte bei Facebook sind, ist bislang WISSENSCHAFT AUF FACEBOOK 217 nur in Ansätzen untersucht. Eine erste Analyse von englischsprachigen Facebook-Angeboten aber zeigt, dass von den 30 mitgliederstärksten Facebook-Seiten und -Gruppen zum Thema Impfen 43 Prozent überwiegend Positionen von Impfgegnern enthielten (vgl. Buchanan/Beckett 2014). Insgesamt kann Facebook also eine vor allem für die wissenschaftsexterne Kommunikation nützliche Plattform sein, da sich mit keinem anderen sozialen Netzwerk potenziell mehr Menschen erreichen lassen. Problematisch beim Einsatz von Facebook ist allerdings die große Abhängigkeit vom Newsfeed-Algorithmus, der es seit einer Umstellung im Jahr 2016 für Medien- und Unternehmensprofile schwieriger macht, große Reichweiten und Interaktionsraten zu erzielen (vgl. Beuth 2016). Diese sind teils nur noch mithilfe von Marketingkampagnen zu erreichen. Zu beachten ist außerdem, dass Verlinkungen auf eigene Webangebote vom Algorithmus gegenüber originär erstellten Inhalten wie Fotos und Videos benachteiligt werden. Für ein erfolgreiches, reichweitenstarkes Facebook-Profil müssten Wissenschaftskommunikatoren neben dem allgemeinen Communitymanagement also zusätzlich in die Produktion geeigneter Facebook-Inhalte (z. B. Webvideos, Fotos, Grafiken) investieren, die über das bloße Verlinken auf Institutshomepages hinausgehen. Literatur Allgaier, Joachim/Dunwoody, Sharon/Brossard, Dominique/Lo, Yin- Yueh/Peters, Hans Peter (2013): »Journalism and Social Media as Means of Observing the Contexts of Science«, BioScience, Vol. 63, Nr. 4, S. 284–287 Beuth, Patrick (2016): »Algorithmus gegen Aufmerksamkeitsdefizit«, ZEIT Online, URL: http://www.zeit.de/digital/internet/2016-06/ facebook-newsfeed-algorithmus-geaendert-medien [Zugegriffen: 30.03.2017] Bik, Holly M./Goldstein, Miriam C. (2013): »An Introduction to Social Media for Scientists«, PLOS Biology, Vol. 11, Nr. 4 Buchanan, Rachel/Beckett, Robert D. 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Wiesbaden: Springer VS, S. 113–130 Künftige Perspektiven der Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund technischer Entwicklungen 223 Henning Lobin Aktuelle und künftige technische Rahmenbedingungen digitaler Medien für die Wissenschaftskommunikation 1. Einleitung Der vorliegende Artikel untersucht die Frage, wie sich die Angebote im Bereich von Social Media heute darstellen und wie sie sich in den nächsten Jahren voraussichtlich entwickeln werden. Der Fokus liegt dabei auf der Entwicklung der technischen Infrastruktur und deren Einfluss auf die verschiedenen Aspekte wissenschaftlicher Kommunikation. Einen Schwerpunkt bilden dabei einerseits die Auswirkungen der Automatisierung, im Bereich der Wissenschaftskommunikation die Entwicklung von spezifischen Scores und Altmetriken, andererseits die Etablierung neuartiger Vermittlungskanäle für wissenschaftliche Themen. Diese Thematik soll in Hinsicht auf fünf Aspekte untersucht werden: • technische Voraussetzungen von Social-Media-Formaten • Szenarien für die zukünftige Entwicklung • Auswirkungen auf das Nutzerverhalten • automatisierte Texterstellung • Entwicklung der Darstellung und Vermittlung von Wissenschaft Dabei wird ein Bogen geschlagen zwischen den Grundlagen und Voraussetzungen über den Status Quo bis hin zu den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen, die gegenwärtig absehbar sind. Es werden sowohl die allgemeinen Verwendungsweisen sozialer Medien thematisiert, ihre Funktion in der internen Wissenschaftskommunikation als auch ihre Nutzung für die externe Wissenschaftskommunikation. Diese integrierte Darstellung trägt der Tatsache Rechnung, dass sich in vielen Fällen einerseits keine klaren Grenzen ziehen lassen, die innerwissenschaftlichen Entwicklungen andererseits den externen teils voranlaufen, teils nachfolgen. Der Beitrag wird sich zunächst in Teil 2 mit dem ersten dieser Aspekte befassen, bevor in Teil 3 (Digitale Texte in der Wissenschaft) die Spezifika von Texten in der Wissenschaft und die bisherige Entwicklung des digitalen Lesens und Schreibens wissenschaftlicher Publikationen diskutiert wird. In Teil 4 werden die wichtigsten absehbaren Entwicklungen HENNING LOBIN 224 dargestellt, nämlich Plattformen, Bewertungs- und Empfehlungsalgorithmen sowie die automatisierte Inhaltserstellung. Teil 5 enthält einen Ausblick auf die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wissenschaftliche Institutionen und die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in die Öffentlichkeit. 2. Technische Voraussetzung von Social-Media-Formaten Als »soziale Medien« werden solche Medienangebote definiert, die es Nutzern erlauben, Informationen oder Medieninhalte in virtuellen Gemeinschaften zu erstellen oder zu distribuieren (vgl. Obar/Wildman 2015). Von den vielen verschiedenen Arten sozialer Medien – Klassifikationen können nach Inhaltstypen, Kommunikationsweise oder Funktion vorgenommen werden – sind im Bereich der Wissenschaft vor allem Blogs und Microblogs, soziale Netzwerke und Foren von Bedeutung. Diese vier Typen sozialer Medien bilden den Ausgangspunkt der nachfolgenden Darlegungen; dabei wird zugleich auf eine Berücksichtigung solcher digitalen Publikationsformate (z. B. digitale Zeitschriften) oder Repositorien (Forschungsdatenrepositorien, Informationsquellen wie Google Scholar) verzichtet, denen das kollaborative Elemente fehlt und sie somit nicht als soziale Medien qualifiziert, auch wenn sie weit verbreitet und für den wissenschaftlichen Prozess von großer Bedeutung sind. 2.1 Blogs und Blog-Plattformen Weblogs, kurz Blogs, haben sich frühzeitig als eine originäre wissenschaftliche Kommunikationsform im Internet etabliert. Grundlegendes Merkmal eines Blogs ist es, dass Beiträge chronologisch geordnet publiziert werden und Leser die Möglichkeit haben, die einzelnen Beiträge zu kommentieren. Der Autor eines Blogs kann darüber hinaus weitere Informationen, etwa Links zu themenverwandten Blogs, vorsehen. Integraler Bestandteil von Blogs ist auch eine spezifische Autorenumgebung, mit dem der Betreiber eines Blogs nicht nur die Beiträge schreiben und verwalten, sondern auch Leserkommentare bei Bedarf zurückweisen kann. 2.1.1 Technische Voraussetzungen Die technischen Voraussetzungen für Blogs werden entweder als Dienstleistung bereitgestellt oder vom Nutzer auf einem eigenen Server selbst RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 225 geschaffen. In beiden Fällen kommen Software-Pakete zum Einsatz, die sich in ihren wesentlichen Eigenschaften stark ähneln. Eines der am weitesten verbreiteten und zugleich ältesten Beispiele für ein Blog Content Management System bildet neben Systemen wie Joomla oder TextPattern die freie Software WordPress. WordPress unterstützt das Erstellen und Publizieren von Blog-Beiträgen, deren Kategorisierung und Verschlagwortung, das Erstellen und Verwalten von Kommentaren zu Beiträgen und die Bereitstellung von Zusatzinformationen wie Links zu weiteren Blogs oder über Plug-Ins die Einbindung von Informationen aus weiteren Kanälen, etwa Twitter. Zwei weitere wichtige Merkmale von Blogs, die auch in WordPress unterstützt werden, sind die Verwendung von dauerhaften, sich in der weiteren Nutzung des Blogs nicht mehr ändernden Links auf die einzelnen Beiträge und Kommentare (sogenannte »Permalinks«) und die Unterstützung von Web-Feeds, die die technische Kommunikation mit Feed-Readern gewährleistet. Feed-Reader unterstützen einen Leser bei der Verwaltung mehrerer Blogs (und ähnlicher sich kontinuierlich ändernder Informationsquellen) über eine einheitliche, integrierende Oberfläche. Bekannte kommerzielle Betreiber von Blog-Plattformen sind Blogger. com und Tumblr, wobei durch Einbindung in umfassendere Plattformen sozialer Medien faktische Schwerpunktsetzungen in Hinsicht auf Nutzermerkmale und Inhalte entstehen. So wurde Blogger.com 2003 von Google erworben (vgl. Rosenberg 2009); Tumblr wurde 2013 von Yahoo übernommen mit dem expliziten Ziel, mehr Nutzer im Alter von 18 bis 24 Jahren anzusprechen (vgl. Budde 2013). Einen Mittelweg zwischen Einzelblog und kommerzieller Blog-Plattform bilden Blog-Portale, die eine von Administratorseite festgelegte Anzahl von Einzelblogs umfassen und dafür die notwendige technische Infrastruktur bereitstellen. Blog-Portale werden zum Teil von etablierten Nachrichtenanbietern betrieben (siehe z. B. blogs.faz.net) oder von Institutionen (z. B. der Heinrich-Böll-Stiftung, siehe www.boell.de/de/ blogs). Über die frei verfügbaren Software-Pakete lassen sich auch solche Portale recht leicht konfigurieren und von einem Unternehmen oder einer Institution betreiben. 2.1.2 Aktuelle Situation für den Bereich der Wissenschaftskommunikation Wissenschaftliche Blogs richten sich größtenteils an eine Öffentlichkeit von Nicht-Spezialisten im jeweiligen Fachgebiet und thematisieren oftmals Aspekte der wissenschaftlichen Tätigkeit, die über die eigentlichen Forschungsthemen hinausreichen (etwa weitergehende Fragen zur Methodik, das wissenschaftliche Lebensumfeld, Bezug zu HENNING LOBIN 226 Anwendungsbereichen etc.). Wissenschaftlichen Bloggern ist es dabei aber wichtig, mit ihren Beiträgen als Experten ihres Fachgebiets in Erscheinung zu treten. Eine wichtige Motivation dabei stellen die inhaltlichen und formalen Freiheiten dar, die beim wissenschaftlichen Bloggen bestehen (vgl. Jarreau 2015). Im Bereich der Wissenschaft treten Blogs derzeit oftmals über Blog-Portale hervor. Im deutschsprachigen Raum sind die bekanntesten und reichweitenstärksten die vom Verlag Spektrum der Wissenschaft betriebene Plattform SciLogs (scilogs.spektrum.de) sowie das Science- Blogs-Portal (scienceblogs.de), das von der Konradin Mediengruppe (»Bild der Wissenschaft«) betrieben wird. Beide Portale sind Teil eines internationalen Netzwerks von Blog-Portalen in unterschiedlichen Sprachen. Die Blogs – Mitte 2016 aktiv bei den SciLogs 55, bei ScienceBlogs 40 – werden redaktionell auf Antrag oder durch Einladung zusammengestellt, jedoch nicht weitergehend redaktionell betreut. Autoren dieser Blogs sind aktiv an Hochschulen und Forschungseinrichtungen tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber in beiden Fällen auch Journalistinnen und Journalisten, bei den SciLogs sogar bei einem (allerdings derzeit nicht mehr aktiven) Blog die Forschungskommunikationsabteilung von BASF (»BASF: Reactions«). Die einzelnen Beiträge dieser Blogs erscheinen nicht nur auf der jeweiligen Blog-Homepage, sondern auch in übergeordneten Aggregationsstufen, die nach Themengebieten gruppiert sind. Auf diese Weise kann ein Nutzer die Beiträge der Blogs in einem ganzen Bereich im Auge behalten. Anzahl und Länge der Kommentierungen können von Beitrag zu Beitrag und von Blog zu Blog sehr unterschiedlich ausfallen. Die Auswertung von Beiträgen des eigenen Blogs des Autors (»Die Engelbart-Galaxis« bei den SciLogs) zeigt eine Streuung von drei bis 202 Kommentare, wobei der Median der Kommentarzahl pro Beitrag auf den SciLogs generell bei ca. fünf liegen dürfte. Auch in der Länge variieren die Kommentare beträchtlich, von wenigen Wörtern bis hin zu mehrere Tausend Wörter umfassenden Erwiderungsartikeln. Dabei zeigt sich auch, dass die Anzahl der diskutierenden Leser bei häufig kommentierten Beiträgen nach kurzer Zeit bereits stark abnimmt und die Diskussion danach in einem zuweilen sehr kleinen Kreis über einen sehr langen Zeitraum (bis zu vier Wochen) geführt wird. Der professionelle Wissenschaftsblogger Florian Freistetter, der seinen Blog auf ScienceBlogs betreibt, erzielt mit seinen Beiträgen bis zu mehrere Tausend Klicks täglich und kann durchschnittlich 50 bis 100 Kommentare verzeichnen (vgl. Freistetter 2014, zum Thema überhaupt auch Littek 2012). Während die redaktionell ausgewählten Blogs in kommerziellen wissenschaftlichen Blog-Portalen eine gewisse Basis-Aufmerksamkeit erfahren, ist dies bei einem relativ frei nutzbaren wissenschaftlichen Blogportal wie de.hypotheses nicht unbedingt gegeben. Zu den redakti- RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 227 onell ausgewählten Beiträgen auf der deutschen Homepage finden sich nur in sehr wenigen Fällen einige wenige Kommentare. Das vom Deutschen Historischen Institut Paris und der Max Weber Stiftung getragene Blog-Portal umfasste Ende 2015 157 Blogs. 2.2 Microblogs Microblogging-Dienste wie Twitter oder Instagram haben in den letzten Jahren vor allem aufgrund der zunehmenden Marktdurchdringung durch Smartphones einen großen Aufschwung erlebt. Es handelt sich um soziale Medien, die sich durch kurze Text-, Link-, Bild- oder Video-Beiträge auszeichnen und die Kommunikation unter den Nutzern durch eine Art Abo-System gewährleisten. Im Gegensatz zu sozialen Netzwerken ist es bei echten Microblogs üblicherweise nicht möglich, Beiträge nur für einen eingeschränkten Nutzerkreis zugänglich zu machen, alle Beiträge werden potentiell nach dem Prinzip einer many to many-Kommunikation distribuiert. Twitter hat seine marktbeherrschende Stellung insbesondere durch die Verwendung seiner Nutzer bei Großereignissen unterschiedlicher Art erzielen können, sei es bei Katastrophen, Medienereignissen, Wahlen oder Revolutionen. 2.2.1 Technische Voraussetzungen Twitter ist als datenbankbasiertes System implementiert in der Programmiersprache Scala, wodurch es in der Lage ist, 10–20.000 Datenbankabfragen pro Sekunde zu verarbeiten (vgl. Malik 2013). Wie viele andere Anbieter wird bei Twitter in hohem Maß auf die Verwendung von Open Source-Software wert gelegt, so etwa beim Nutzer-Interface (vgl. Gomes 2009). Die einzelnen Postings, »Tweets« genannt, werden mit einer eindeutigen Adresse versehen und ergänzt um Informationen zur Georeferenzierung auf dem Server abgelegt. An die Tweets können auch Fotos und seit kurzer Zeit auch kurze Videos angehängt werden. Internet-Adressen werden automatisch in ein gekürztes Format überführt, so dass auch lange Adresse als Teil der 140 Zeichen nicht überschreitenden Tweets verschickt werden können. Als Nutzer kann man andere Nutzer sowie Inhalte über Schlagwörter suchen. Jeder Nutzer kann anderen Nutzern folgen und von diesen verfolgt werden (»Follower«). Die Tweets der Nutzer, denen man folgt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge auf einer Übersichtsseite. Interessante Tweets können an die Follower weitergeleitet (»Retweet«) oder mit einer positiven Bewertung versehen werden, beides wird beim Tweet für alle Nutzer sichtbar vermerkt. Tweets können auf diese Weise HENNING LOBIN 228 in wenigen Zyklen immense Verbreitung erfahren, wenn sie durch Nutzer mit vielen Followern »retweetet« werden. Die Anzahl von Followern von internationalen Stars, aber auch Institutionen oder Medien geht zuweilen in die Millionen, und auch diese Information ist für jeden Nutzer sichtbar. Eine Erwähnung des eigenen Accounts, neue Follower, Retweets und »Likes« werden einem Nutzer sofort in einem eigenen Bereich mitgeteilt, so dass die Rezeption von Tweets nachvollzogen werden kann. Auf einer Profilseite werden Basisinformationen zum Nutzer sowie eine chronologische Liste seiner Tweets angezeigt. In ihrer Summe ermöglichen diese einfachen Funktionen eine hocheffiziente situationsbezogene Kommunikation, in der temporär intensiv behandelte Themen durch statistische Textauswertung als »Trending Topics« hervortreten und ihrerseits die weitere Kommunikation zu strukturieren erlauben. Microblogging-Angebote wie Instagram und Vine besitzen ähnliche Funktionen, stellen aber das Posten von Fotos beziehungsweise kurzen Videosequenzen ins Zentrum ihrer Systeme. Auch soziale Netzwerke wie Facebook oder Google+ lassen sich als Microblogging-Plattformen beschreiben, hier bilden jedoch die Kontaktlisten und Gruppenzugehörigkeiten den jeweiligen sozialen Kommunikationsrahmen. Kommerzielle Microblogging-Angebote versuchen sich aus Werbeeinnahmen, insbesondere »gesponserten« Postings, zu finanzieren, stellen ihre Daten aber auch Unternehmen zur Verfügung, die daraus wirtschaftlich interessante Informationen extrahieren – oder analysieren diese Daten selbst, um die Ergebnisse davon zu vermarkten. Microblogging-Angebote sind aufgrund ihrer zentralisierten Funktionsweise von globalen Internetunternehmen abhängig. So wird der Dienst Twitter vom gleichnamigen, seit 2006 an der Börse notierten Unternehmen getragen (das sich bislang nicht in der Gewinnzone befindet, vgl. Goldman 2016), Instagram gehört zum Facebook-Konzern, der erst seit 2012 betriebene Videodienst Vine wurde bereits kurz nach seiner Gründung von Twitter übernommen (vgl. Fried 2012). In Unternehmen und Institutionen werden nicht-öffentliche Microblogging-Dienste für interne Kommunikationszwecke eingesetzt – hierfür stehen entsprechende Server-basierte Software-Pakete zur Verfügung (z. B. GNU social). 2.2.2 Aktuelle Situation für den Bereich der Wissenschaftskommunikation Im Bereich der internen Wissenschaftskommunikation kann sicherlich Twitter als das am weitesten verbreitete soziale Medium angesehen werden. Viele Wissenschaftler und wissenschaftliche Institutionen setzen es zum Kontakt mit der Fachgemeinschaft und für Zwecke der RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 229 externen Wissenschaftskommunikation ein. Berühmtheiten wie der britische Biologe Richard Dawkins bringen es auf 1,5 Millionen Follower, ein Spitzenmaß für »normale« Wissenschaftler liegt bei bis zu zehntausend Follower (z. B. der Klimatologe Stefan Rahmstorf und der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch), der Median dürfte hingegen bei lediglich drei- bis fünfhundert Followern liegen (vgl. dazu auch Rauchfleisch 2015). Die Grenzen von Fachkommunikation und öffentlicher Wissenschaftskommunikation sind dabei fließend. Nentwich et al. (2009) sehen als Funktionen von Micro-Blogging in Forschung und Lehre die soziale Komponente, das kontextangereicherte Suchen und Veröffentlichen, die Konferenzbegleitung, die Verwendung in der Lehre und das Reputationsmanagement. Auch für die externe Wissenschaftskommunikation und die Öffentlichkeitsarbeit sehen sie erhebliche Potenziale, die seitdem (die Studie erschien bereits 2009) auch vielfach genutzt werden. Sowohl bei der individuellen als auch bei der institutionellen Nutzung sehen sie ein neues Verhältnis zwischen Beruflichem und Privatem, eine Vermischung, die auch zu einer erhöhten Personalisierung und Authentizität von Wissenschaft in der Außenwahrnehmung beitragen kann. Holmberg et al. (2014) zeigen für die Gruppe der Astrophysiker, dass bezüglich der Twitter-Nutzung unter Wissenschaftlern bestimmte Muster zu erkennen sind. So engagieren sich intensive Nutzer weniger in Konversationen, sondern verbreiten vermehrt ohne deutliche Wertungen Informationen in ihren Netzwerken. Die Autoren stellten außerdem fest, dass trotz der fachlichen Homogenität deutliche Bündelungseffekte entlang der unterschiedlichen wissenschaftlichen Funktionen bei der Netzwerkbildung zu verzeichnen sind. In einer anderen Studie fanden Holmberg/Thelwall (2014) deutliche Unterschiede in der Twitter-Nutzung in unterschiedlichen Disziplinen. Biochemiker etwa »retweeten« deutlich häufiger als Wissenschaftler anderer Disziplinen, im Gebiet der Digital Humanities und der Cognitive Science werden vor allem Diskussionen geführt, in den Wirtschaftswissenschaften Links geteilt. In Bezug auf die Begleitung von Publikationsprozessen durch Twitter stellen Shuai et al. (2012) fest, dass die Anzahl der Erwähnungen einer Publikation in Tweets statistisch signifikant korreliert mit der Zahl an Downloads des Papiers auf Preprint-Archiven, und auch das zeitliche Verhältnis der Twitter-Erwähnungen zum Publikationszeitpunkt erlaubt Rückschlüsse auf die Zitier-Häufigkeit nach Erscheinen des Papiers. Weller et al. (2011) analysieren die Verwendung von Twitter auf Konferenzen und zeichnen anhand von Links, die in Tweets geteilt wurden, die Verbreitungsdynamik dieser Informationen nach. Für die externe Wissenschaftskommunikation besteht das Problem, dass Microblogging-Dienste nur eine sehr geringe Nutzungsdurchdringung aufweisen, die in den letzten Jahren sogar noch stagniert hat (vgl. HENNING LOBIN 230 Tippelt/Kupferschmitt 2015). Wissenschaftliche Institutionen nutzen Twitter vor allem für den Verweis auf Inhalte an anderer Stelle oder die Platzierung von Fotos und Bildern. Accounts wie der der DLR (»@ DLR_de«) können mehrere Zehntausend Follower aufweisen und vereinzelt hohe Retweet-Zahlen erhalten. Im Sinne einer Strategie, möglichst viele soziale Medien in der externen Wissenschaftskommunikation anzusprechen, sind viele wissenschaftliche Institutionen auch in diesem Dienst vertreten. Auch der Umstand, dass Twitter sich gerade bei Journalisten großer Beliebtheit erfreut, ist ein Grund für die Twitter-Präsenz wissenschaftlicher Institutionen. 2.3 Soziale Netzwerke Soziale Netzwerke, genauer: »Social Network Services« (SNS), besitzen die primäre Aufgabe, soziale Beziehungen zwischen ihren Nutzern zu organisieren. Dies geschieht auf der Basis von Profilseiten für die einzelnen Nutzer und einer Repräsentation der sozialen Verbindungen, die dieser Nutzer unterhält. Über dieses soziale Netzwerk (im soziologischen Sinne) können Informationen und Medieninhalte verbreitet, kommentiert und bewertet werden. Der Strom der aktuellen Aktivitäten wird dabei oft in einer chronologisch sortierten Neuigkeitenliste organisiert. SNS sind Web-basiert, und die großen Anbieter integrieren zunehmend auch weitere Internet-Dienste, etwa Email, Chat, Microblogging usw., in ihre Systeme. Die Abgrenzung von SNS zu anderen sozialen Medien ist deshalb schwierig, weshalb zum Teil auch Angebote wie Twitter und Instagram den SNS zugerechnet werden. In der englischsprachigen Wikipedia werden derzeit mehr als 100 SNS aufgeführt (vgl. Wikipedia 2015). 2.3.1 Technische Voraussetzunngen Das mit großem Abstand bedeutendste SNS mit mehr als 1,5 Milliarden Nutzern ist nach wie vor Facebook (vgl. Statista 2015), es kann aufgrund seiner Entstehungsgeschichte als Prototyp einer SNS aufgefasst werden. Facebook ist als eine monolithische Web-Anwendung realisiert, die über eine Vielzahl von Servern distribuiert ist, die mittlerweile international verteilt sind und auch über das Tor-Netzwerk im »Darknet« zur Verfügung stehen, um Zugangsbeschränkungen in Ländern mit Internet-Zensur zu umgehen (vgl. Paul 2012; Schmidt 2014). Dieses System gewährleistet die Facebook-Basisfunktionen wie die Chronik (engl. »Timeline«), Suche, Foto- und Video-Einbindung, Bezahl-Funktionen, den Messenger-Dienst, Ereignisse oder geografische Funktionen. Die Chronik ist dabei zu einem entscheidenden Instrument im Umgang mit RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 231 dem System geworden, da dem jeweiligen Nutzer hier aus der Vielzahl möglicher Informationen aufgrund eines in seiner Funktionsweise nicht öffentlich dokumentierten Algorithmus eine auf ihn abgestimmte Auswahl angezeigt wird. Seit 2010 steht daneben Entwickeln die sogenannte Facebook Platform zur Verfügung, mit der von dritter Seite Plug-Ins wie etwa Spiele realisiert werden können. Auf diese Weise wurde Facebook auch für die Entwickler-Gemeinschaft geöffnet, was zu einem enormen Anstieg externer Anwendungen führte. Zentrales Element der Plattform ist die sogenannte »Graph API«, mit der auf die in der Facebook-Datenbank enthaltenen Objekte (Profile, Bilder, Ereignisse, Seiten) und deren Relationen zueinander zugegriffen werden kann (vgl. Facebook 2011). Facebook finanziert sich vor allem durch personalisierte Werbung auf der Webseite (vgl. O’Dell 2011). Da sich über Facebook auch Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen und öffentliche Personen als sogenannte »Seiten« darstellen lassen, bietet das Unternehmen dafür ein Facebook-interne Bewerbung gegen Gebühr, wodurch diese Seiten als Werbebanner auf geeigneten Profilseiten oder Suchanfragen angezeigt werden. Es ist davon auszugehen, dass Facebook auch mit den Nutzerdaten selbst zunehmend Datenhandel betreibt, da dies in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen als Möglichkeit genannt wird (vgl. Facebook 2015). Ein Teil der Aktien des Unternehmens wird an der Börse gehandelt, der größere Teil befindet sich in der Hand von einigen Investoren, zu denen weiterhin auch der Gründer Mark Zuckerberg gehört (vgl. Yahoo 2015). Facebook betreibt eine aggressive Übernahmepolitik. Neben Instagram wurde 2014 der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp übernommen. Facebook verfolgt damit die Strategie, seinen Nutzern nach und nach eine Plattform anzubieten, in der sämtliche Kommunikations- und Informationsbedürfnisse befriedigt werden können. Zu dieser Strategie passt beispielsweise auch, dass mit »Instant Articles« Verleger von Periodika seit 2015 ihre Artikel Facebook-Nutzern direkt in deren Chronik anzeigen lassen können, ohne dass diese die Anwendung verlassen müssen. Diese Artikel wurden bislang von einer eigenständigen Redaktion ausgewählt und positioniert, mittlerweile jedoch wird diese Aufgabe durch einen Algorithmus erledigt, was inzwischen immer wieder zur Kritik von Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern und Kommunikationswissenschaftlern führt (vgl. Schulz 2016). 2.3.2 Aktuelle Situation für den Bereich der Wissenschaftskommunikation Aufgrund der Vielzahl an Funktionen und der flexiblen Erweiterungsmöglichkeiten hätte sich Facebook durchaus auch als ein vollwertiges HENNING LOBIN 232 SNS im Bereich der internen Wissenschaftskommunikation etablieren können. Dies ist jedoch nicht geschehen, vermutlich wegen der von Anfang an dominierenden privaten Nutzung dieses Netzwerks. Im deutschsprachigen Bereich wurden parallel zum Aufstieg von Facebook einerseits an Hochschulen spezielle Lehr-/Lernplattformen wie etwa Stud.IP eingeführt, die zumindest in der ersten Zeit ähnliche Funktionen zum Aufbau und Verwaltung von sozialen Netzwerken besaßen und intensiv genutzt wurden. Andererseits entstand mit Xing (unter diesem Namen seit 2007, gegründet 2003 als »OpenBC«) ein »professionelles« SNS, das sich auf die Verwaltung beruflicher Kontakte konzentrierte und auch in der Wissenschaft genutzt wurde und wird. Erst 2008 entstand mit ResearchGate das erste und heute erfolgreichste SNS, das sich speziell an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richtet. Es hatte 2015 nach eigenen Angaben acht Millionen Mitglieder. Eine zentrale Funktion ist die Verknüpfung von Publikationen und deren Autoren; monatlich werden zwei Millionen Paper dem Netzwerk von Nutzern zugefügt (vgl. Kerkmann 2015). Diese Publikationen werden nicht als PDF-Dokumente angezeigt, sondern intern in das »RG Format« konvertiert, dass eine zeichengenaue kollaborative Kommentierung und Zitierung erlaubt. In diesem durch Publikationen »befeuerten« sozialen Netzwerk werden ständig neue Verbindungen berechnet und dem Nutzer vorgeschlagen, sowohl zu Personen als auch zu Publikationen. Darüber hinaus besteht auch ResearchGate bei der zentralen persönlichen Einstiegsseite aus einer Chronik und einer Art Email-System. Die aus Facebook bekannte Statusnachricht erscheint hier als die Möglichkeit, das eigene soziale Netzwerk mit einer Frage zu konfrontieren. Entsprechend werden auf einer eigenen Seite Fragen anderer Nutzer präsentiert, deren Beantwortung diesen nahegelegt werden. Auch Publikationen, die für einen Nutzer aufgrund seiner im Profil angegebenen Arbeitsgebiete von Interesse sein könnten, werden auf einer eigenen Seite algorithmisch zusammengestellt. Ähnlich wie bei Xing spielt auch ein integrierter Stellenmarkt eine herausgehobene Rolle. Ein wichtiges Element der Nutzung von ResearchGate ist die kontinuierliche Berechnung eines Wertes, der den Impact der eigenen Publikationen, aber auch deren Anzahl und die kommunikative Intensität des Nutzers kennzeichnet. Damit soll über den reinen Publikationsimpact hinaus den Angaben des Netzwerks zufolge jeder wissenschaftliche Diskussionsbeitrag beim Reputationsaufbau berücksichtigt werden. Dieser sogenannte »RG Score« ist realisiert als ein dezimaler Zahlenwert, die Nutzer des Systems können gegenseitig ihre Werte sehen. Darüber hinaus wird für den eigenen Score ein Perzentilwert errechnet. Der RG Score hat mehrfach Kritik auf sich gezogen. Murray (2014) zeigen etwa, dass selbst ein »schlafender« Nutzer aufgrund der automatischen Verbindung zu vermeintlichen Koautoren hohe Werte bei seinem Score erzielen RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 233 kann. Auf der anderen Seite zeigen Beiträge wie der von Hoffmann et al. (2015), dass ein solcher »Altmetrik« genannter alternativer Reputationsoder Impact-Maßstab (weiteres dazu siehe unten) tatsächlich genutzt werden kann, um den Impact einer Person beziehungsweise Publikation in der Wissenschaft differenzierter zu erfassen. Andere SNS für den wissenschaftlichen Bereich sind Academia.edu, das einen Schwerpunkt legt auf den Austausch wissenschaftlicher Publikationen unter den Bedingungen von Open Access, und Mendeley, das inzwischen von der weltweit größten wissenschaftlichen Verlagsgruppe Elsevier übernommen wurde (vgl. Lunden 2013). Sowohl ResearchGate als auch Academia.edu sind derzeit noch unabhängige, von Investorenkapital getragene Unternehmen ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell. Allerdings suchen sie offenbar die Nähe zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen, um mit diesen Kooperationen zu vereinbaren. Bekanntester Partner von ResearchGate ist etwa die Max-Planck-Gesellschaft (vgl. Hohensee 2010). Mit dieser Strategie treten derartige SNS zumindest potentiell in Konkurrenz zu den sogenannten Forschungsinformationssystemen (FIS), die von Forschungseinrichtungen derzeit mit der Zielsetzung eingeführt werden, ein auf die Institution bezogenenes Forschungscontrolling zu ermöglichen. Anders als in der internen spielt Facebook in der externen Wissenschaftskommunikation durchaus eine wichtige Rolle, da es weiterhin das am weitesten verbreitete und genutzte SNS darstellt (vgl. Tippelt/ Kupferschmitt 2015). Folglich ist so gut wie jede größere wissenschaftliche Institution mit einer eigenen Seite darauf vertreten. Die Institutionen nutzen ihre Präsenz dazu, mit kurzen Beiträgen auf ihre eigenen Web-Präsenzen und Blogs zu verweisen, so dass hier zumeist nicht sehr umfangreiche Kommunikationsstränge zu verzeichnen sind. Ausnahmen gibt es jedoch auch hier: So verzeichnen die Facebook-Präsenzen der DLR (»DLRde«) und des Deutschen Wetterdienstes (»Deutscher- Wetterdienst«) als große Institutionen, die Themen von hohem öffentlichen Interesse vertreten, bei einzelnen Beiträge sehr hohe Zahlen von »Shares« und »Likes« und oftmals auch eine zweistellige Zahl von Kommentaren. Bei der Suche nach wissenschaftlichen Themen stößt man in Facebook auch auf privat betriebene Seiten, die wie zum Beispiel »IFeakingLoveScience« eine sehr hohe Wahrnehmung zu verzeichnen haben (vgl. Krause 2016). Die Möglichkeiten, die SNS bieten, lassen sich auch für wissenschaftskritische Kommunikation nutzen, die teilweise schwer von der offiziellen institutionellen Kommunikation zu unterscheiden ist. So existiert auf Facebook neben der offiziellen Präsenz des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung (»mpibr«) auch eine inoffizielle Seite gleichen Namens, die offenbar von Tierversuchsgegner betrieben wird und in ihren Beiträgen ausschließlich die Praxis der Tierversuche in diesem Max-Planck-Institut kritisiert. HENNING LOBIN 234 2.4 Foren, Mailinglisten und Wikis Als letzte kurz zu betrachtende Formen sozialer Medien sollen einige einfachere, nicht-kommerzielle Anwendungen mit zum Teil bereits recht langer Historie thematisiert werden. Webforen erfreuen sich in Fachvereinigungen weiterhin großer Beliebtheit, da sie oftmals mit Mailinglisten verbunden sind. Die LinguistList etwa existiert seit 1990 als ein internationales Kommunikationsinstrument in der Sprachwissenschaft mit mehreren zehntausend Abonnenten, auf der Webseite der Liste werden Diskussionen in einem Forum dokumentiert. Die deutschsprachige Mailingliste H-Soz-Kult, Teil des Netzwerks geisteswissenschaftlicher Foren H-Net, verbindet in ähnlicher Weise Mailingliste und Foren und konnte sich damit als führende Kommunikationsplattform in der deutschen Geschichtswissenschaft etablieren. Zur Verwaltung von Foren oder den damit eng verwandten Boards existieren frei verfügbare Software-Pakete, die auch durch Fachverbände auf ehrenamtlicher Basis leicht betrieben werden können. Auch das kooperative Verfassen von Texten mittels Wikis kann als die Anwendung eines sozialen Mediums verstanden werden. Wikis werden einerseits für interne Zwecke eingesetzt, um ein strukturiertes Wissensmanagement zu ermöglichen, andererseits um öffentlich Wissensbestände zu erfassen. Das bekannteste Beispiel dafür stellt Wikipedia dar, aber es existieren auch fachbezogene wissenschaftliche Angebote. Teilweise werden Wiki-Plattformen auch für die projektbezogene Erfassung von Wissensbeständen eingesetzt. Eine auf abgeschlossene, ad hoc gebildete kleinere Gemeinschaften bezogene kooperative Texterstellung kann durch kooperative Texteditoren realisiert werden. Systeme wie Etherpad oder Google Docs erlauben anders als Wiki-Systeme die gleichzeitige Erstellung und Bearbeitung eines Textes durch mehrere Autoren. Insbesondere bei der gemeinsamen Arbeit an wissenschaftlichen Papieren oder Forschungsanträgen wird diese Form des kollaborativen Schreibens häufiger eingesetzt. 2.5 Tendenzen einer zukünftigen Entwicklung Um die technischen Entwicklungen für eine künftige Wissenschaftskommunikation verstehen zu können, ist es ratsam, sich die bisherigen Entwicklungen in Erinnerung zu rufen. Die in den 1940er Jahren entwickelten ersten Computer haben das Rechnen mechanisiert, so wie 500 Jahre zuvor Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern das Schreiben mechanisiert hat. Die grundlegenden Überlegungen von Alan Turing sind bald darauf in die Architektur von Computern eingeflossen, bei denen Programme und Daten im selben Speicher RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 235 liegen (grundlegend dazu siehe Dyson 2013). Die dabei im Zentrum stehende Fähigkeit, Daten automatisch zu manipulieren können, bildet eine wesentliche Triebkraft der Digitalisierung: die Automatisierung. Coy (1994) versteht dies als die erste Phase der Computernutzung – der Computer entsteht als ein Automat, in den Daten und Programme hineingegeben werden und der wiederum Daten als Ergebnis ausgibt. Die Automatisierung erstreckt sich auf alle Arten von Daten – zunächst auf Zahlen und Berechnungen, dann auf Texte, später auf Bilder, Grafiken, Klänge und Videos. Alles, was digital kodiert werden kann, kann auch den Input bilden für automatische Berechnungs- und Manipulationsprozesse. Die Daten können Zahlen sein, der digitale Code kann aber auch für andere Arten von Daten stehen: für Schriftzeichen, Bild-, Ton-, Video-Daten und so weiter. Dem Computer selbst ist es gleichgültig, was die Nullen und Einsen in seinem Speicher bedeuten, er manipuliert sie nach den Vorschriften eines Programms. Computer waren deshalb von Anfang an nicht nur Rechenmaschinen, sondern allgemeine Datenverarbeitungsmaschinen. Etwa 25 Jahre später nahm die Computerentwicklung eine zweite Stufe. Beispielhaft dafür kann die Erfindung der Computer-Maus durch Douglas Engelbart angesehen werden: die Integration verschiedenartiger Daten und ihre unmittelbare Manipulation. Der Computer wurde zum Werkzeug – Coys zweite Phase –, zu einem Gerät, das mit dem menschlichen Benutzer interagieren konnte. Dafür war es notwendig geworden, Daten unterschiedlicher Art – Zahlen, Schrift, Grafiken, Bilder – dem Menschen in einer ihm zugänglichen Weise darzustellen. Das Grafik-Display, heute eine Selbstverständlichkeit jedes Computers, und die Bedienung per Tastatur und Maus, zusammengefasst als grafische Benutzeroberfläche bezeichnet, wurden zum neuen Leitbild der Computernutzung. Die dritte Entwicklungsstufe schließlich wurde mit der Vernetzung der Computer seit Beginn der 1990er Jahre im World Wide Web eingeläutet. Zwar waren auch schon zuvor Computer über Datenleitungen miteinander verbunden, das Internet war bereits Ende der 1960er Jahre entwickelt worden. Doch in der Verbindung von Vernetzung und grafischer Benutzeroberfläche kommunizierten nicht mehr lediglich Rechner miteinander, Daten und Programme wurden vielmehr zu einem weltumspannenden Netzwerk von Informationen und Funktionen miteinander verwoben. Der Computer wurde damit nach Coy zu einem Medium, das uns den Zugang dazu ermöglicht. Automatisierung, Datenintegration und Vernetzung – das sind die Triebkräfte der Digitalisierung. Sie wurden zwar jeweils mit dem zeitlichen Abstand von etwa 25 Jahren wirksam, heute sind sie jedoch in jedem Computer, in jedem Smartphone, Laptop oder Tablet gleichzeitig vorhanden. Menschen nutzen den Computer (vgl. Lobin 2014), HENNING LOBIN 236 1. indem sie ihre eigenen kognitiven Kapazitäten durch automatisch ablaufende Datenverarbeitungsprozesse erweitern oder ergänzen (hybride Nutzung), 2. indem sie mit dem Computer interaktiv arbeiten und dabei visualisierte symbolische Repräsentationen unterschiedlicher medialer Zeichensysteme auf einer Fläche manipulieren (multimediale Nutzung) und 3. indem sie mit Hilfe des Computers mit anderen Menschen kommunizieren oder Kommunikate austauschen (soziale Nutzung). Alle drei Nutzungstendenzen werden auch bei der zukünftigen Wissenschaftskommunikation eine wichtige Rolle spielen. In Abschnitt 4 sollen deshalb wissenschaftliche Publikationen, soziale Netzwerke als Plattformen der Wissenschaftskommunikation sowie Bewertungs- und Vorschlagsalgorithmen in Hinblick auf diese drei Nutzungstendenzen betrachtet werden. Zuvor werden in Abschnitt 3 die Besonderheiten von Texten in der internen und externen Wissenschaftskommunikation erörtert. 3. Digitale Texte in der Wissenschaft 3.1 Spezifische Merkmale wissenschaftlicher Texte Wissenschaftliche Texte weisen drei besondere Merkmale auf, die sich direkt aus der Zielsetzung der wissenschaftlichen Kommunikation ableiten lassen (vgl. z. B. Kalverkämper/Baumann 1996). An oberster Stelle steht das Ziel, durch einen wissenschaftlichen Text Authentizität zu vermitteln, also deutlich zu machen, dass der Autor beziehungsweise die Autoren eines Textes zugleich auch die Urheber der dargestellten Inhalte sind. Das Konzept der Autorschaft und dessen Signalisierung (Namenskennzeichnung, Zugehörigkeit zu einer Institution und so weiter) ist deshalb bei wissenschaftlichen Textsorten besonders ausgeprägt. Ein zweites kommunikatives Ziel besteht darin, die Objektivität der Darstellung zu markieren. Dies geschieht durch den Gebrauch eines anerkannten Fachvokabulars und die Vermeidung wertender oder umgangssprachlicher Ausdrücke. Darüber hinaus kommen rhetorische Mittel zum Einsatz, durch die die Abwägung zwischen unterschiedlichen Positionen und die Berücksichtigung anderer Auffassungen demonstriert werden. Ein drittes Ziel ist die intertextuelle Einbettung des Textes, das heißt die Bezugnahme auf andere, ältere Publikationen zum gleichen Thema. Die intertextuelle Einbettung folgt besonders strikten Regeln, durch die mithilfe von einheitlichen bibliografischen Angaben RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 237 und Zitierweisen eine klare Abgrenzung zwischen bereits bekanntem »Alt« und fortschrittlichem »Neu« vorgenommen werden kann. In der Wissenschaft bildet die prinzipielle Veränderlichkeit digitaler Texte eine Herausforderung, fußt doch das wissenschaftliche Publizieren in hohem Maße auf der genauen zeitlichen Einordnung und Unveränderlichkeit bereits publizierter Texte. Die kontinuierliche Veränderung eines Textes, wie sie etwa von Nachrichtenportalen im Internet praktiziert wird, wäre für einen wissenschaftlichen Aufsatz undenkbar. Selbst in wissenschaftlichen Online-Zeitschriften werden deshalb fixierte Textfassungen – meist im PDF-Format – vorgehalten, die mit einer eindeutigen Datumsmarkierung versehen sind. Mit der Bereitstellung von digitalen Texten im PDF-Format wird dieser auch seitenorientiert gegliedert und gegen nachträgliche Veränderungen gesperrt. Eine auf unterschiedliche Zielmedien optimierte Darstellungsweise wird bei wissenschaftlichen Aufsätzen und Monografien deshalb bislang kaum praktiziert. Ein etwas anderes Bild ergibt sich bei wissenschaftlichen Lehrbüchern. Da diese nicht als Teil des zentralen wissenschaftlichen Diskurses verstanden werden, sondern mit ihnen eher didaktische Ziele verfolgt werden, besteht auch eine größere Offenheit bei der Anwendung originär digitaler Publikationsverfahren. Manche Lehrbücher sind als E-Books verfügbar und enthalten dabei spezifische interaktive Elemente. Auch E-Book-Reader werden bedient – der Springer-Verlag oder Wiley Blackwell etwa bieten einen Teil ihrer Lehrwerke in Amazons Kindle-Shop an, andere Verlage, so die beliebte UTB-Reihe, arbeiten mit eigenen Online-Shops und speziellen Buchformaten. 3.2 Bisherige Entwicklung des Schreibens und Lesens 3.2.1 Multimedialisierung von Texten Für die Multimedialisierung wissenschaftlicher Texte können Präsentationsfolien als prototypischer Fall angesehen werden, deren Darstellungsweise durchaus in andere wissenschaftliche Textsorten auszustrahlen beginnt. Schematisierte Darstellungen in der Wissenschaft, etwa die abstrakte Darstellung eines Modells durch dessen Komponenten und die Beziehungen zwischen diesen, besitzen eine ganze Reihe von interessanten Eigenschaften: Sie sind von vornherein weniger stark durch eine bestimmte Sprache geprägt und lassen sich somit leichter in andere Sprachen übertragen. Sie können deshalb als ein Element der Internationalisierung der Wissenschaft verstanden werden. Auf internationalen Tagungen bilden visuelle Präsentationen zuweilen den einzigen Verständnisanker in Vorträgen, bei denen die Redner in einer ihnen nicht sehr geläufigen Fremdsprache HENNING LOBIN 238 sprechen. Schematisierte Darstellungen basieren auf visuellen Metaphern – etwa eine Waage oder ein Kreislauf –, die günstigstenfalls auf einen Schlag erfasst werden können und für das sprachliche Verständnis einen Rahmen bilden. Generell verschiebt sich der Raum der argumentativen Metaphorik durch visuelle Metaphern, weil dabei rhetorische Argumentationsfiguren, wie sie in traditionellen Vorträgen vorkommen, vermieden werden. Schematisierte Darstellungen müssen mit einer »Erzählung« kombiniert werden, weil in ihnen vieles erklärungsbedürftig bleibt (vgl. Lobin 2013). All diese Effekte abstrahierender schematisierter Darstellungen verbinden sich auch mit ihrer Verwendung in E-Book-Umgebungen. 3.2.2 Kollaboratives Schreiben Wissenschaftliches Schreiben war schon immer sozial angelegt – in Gestalt des Einflusses der wissenschaftlichen Diskussion auf das Schreiben des Einzelnen und in Gestalt des tatsächlich gemeinsamen Schreibens einer wissenschaftlichen Publikation. Ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Aufsätze in Zeitschriften ist von mehr als nur einem Autor verfasst. Wiki-Systeme und kooperative Editoren, bei denen mehrere Autoren gleichzeitig an einem Textdokument arbeiten können, bilden deshalb eine wichtige Unterstützung des sozialen Schreibens in der Wissenschaft. Was schon heute beim kollaborativen Schreiben weit verbreitet ist, sind die im Textverarbeitungsprogramm Word vorgesehenen Funktionen zur Nachverfolgung von Änderungen und zur Kommentierung eines Texts. Eine systematische »Versionierung« der Textfassung erfolgt dabei nicht (oder nur von explizit gespeicherten Fassungen), zwei Dokumente können aber auf ihre Differenzen hin überprüft werden. Änderungen gegenüber einer vorherigen Textfassung werden gut nachvollziehbar visualisiert und können ihrerseits angenommen oder abgelehnt werden. Nicht nur die Urheber der Texteinheiten, sondern auch die der Änderungen und Kommentierungen werden dabei erfasst. Kollaboratives Schreiben erfolgt in der Wissenschaft auch in einem erweiterten Sinne, den Nentwich/König (2012) dem Phänomenkomplex »Cyberscience 2.0« zuordnen. Vor allem wissenschaftliche Blogs stellen eine Form der digitalen Wissenschaftskommunikation dar, die zwischen dem traditionellen Aufsatz und informellen Kommunikationsformen wie Diskussion oder Leserbrief anzusiedeln sind. 3.2.3 Soziales Lesen Der Lesevorgang ist ein kognitiv sehr anstrengendes Unterfangen, das eine Menge Übung und Kontrolle erfordert. Wir müssen uns beim Lesen RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 239 auf den Text konzentrieren. Trotzdem gibt es Wege, den eigentlichen, asozialen Leseprozess sozial aufzuladen. Der einfachste ist der, das Gelesene mit anderen zu teilen, sie auf den eigenen Lesestoff hinzuweisen. Dem entspricht auf der anderen Seite die Aufnahme der Hinweise anderer. Auf diese Weise wird das Lesen in einen umfassenden sozialen Austausch integriert. Die akademische Vorlesung etwa hat sich aus der Kommentierung von kanonischen Werken antiker Gelehrter heraus entwickelt. Digitalisierung und Vernetzung erleichtern dies nun ungemein, so dass die Sozialität seit einiger Zeit als ein technologischer Megatrend erkennbar wird. Bei der Kulturtechnik des Lesens ist heute von Social Reading die Rede (vgl. überblicksartig dazu Pleimling 2012). Amazon verkauft nicht nur Bücher (und vieles andere), sondern ist zugleich eine Web-2.0-Plattform, in der die Leser der gekauften Bücher eigene Bewertungen und Rezensionen publizieren können. Diese Rezensionen können selbst wieder bewertet (»War diese Rezension hilfreich? Ja/Nein«) und kommentiert werden. Die Rezensenten können durch die Anzahl ihrer Rezensionen, deren Bewertung und die Angabe eines Klarnamens besondere Reputation aufbauen. Natürlich nutzt ein Online-Händler wie Amazon diese Informationen dazu, seinen Kunden möglichst passgenaue Kaufempfehlungen zu geben. Interessant ist es trotzdem, für nahezu jedes Buch Einschätzungen erhalten zu können, die über den Klappentext hinausgehen. Spezialisierte Plattformen bieten ähnliches für Leser bestimmter Gattungen, Themen oder Autoren. 3.3 Digitale wissenschaftliche Publikationen Die Online-Zeitschrift PLOS ONE, ein für die Autoren gebührenpflichtiges Open-Access-Journal (www.plosone.org), ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Digitalisierung von Lesen und Schreiben auf den Umgang mit Forschungsergebnissen auswirkt. Beiträge werden in dieser Online-Zeitschrift viel schneller publiziert als in traditionellen wissenschaftlichen Zeitschriften, selbst wenn diese neben ihrer Druckversion auch digitale Ausgaben anbieten. Trotzdem wird bei PLOS ONE ein Begutachtungsprozess durchgeführt, der die Qualität der Beiträge sicherstellt. Aber auch nach der Publikation der begutachteten Beiträge geht der Publikationsprozess weiter: Sie können kommentiert werden, und die Autoren können Fehler korrigieren und Veränderungen vornehmen, die bei den Beiträgen dokumentiert werden. Grafiken und Bilder werden in unterschiedlichen Formaten zum Download bereitgestellt – sogar als Präsentationsfolien –, und ergänzende Materialien wie etwa Forschungsdaten können den Beiträgen als Dateien beigefügt sein. Autoren und Leser können bei jedem Artikel verfolgen, wie oft er angesehen, zitiert, in HENNING LOBIN 240 Twitter erwähnt oder kommentiert wurde. Die Einträge in der Literaturliste eines Beitrags sind im Volltext verlinkt, über einen direkten Verweis auf Google Scholar kann man sehen, in welchen Fachpublikationen diese Artikel sonst noch zitiert werden. Die wissenschaftlichen Artikel in PLOS ONE machen also konsequent Gebrauch von den Möglichkeiten des digitalen und vernetzten Lesens und Schreibens. Weil die Begutachtung sich jedoch nur auf die wissenschaftliche Plausibilität der Methoden beschränkt, nicht aber auf die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, und weil die Autoren selbst den Publikationsprozess finanzieren (und nicht etwa die Leser), wird PLOS ONE von etablierten Konkurrenten als eine etwas fragwürdige Reaktion auf den in der Wissenschaft bestehenden Publikationsdruck kritisiert (vgl. Giles 2007). Anfang 2016 betragen die Gebühren in den verschiedenen Ausgaben der Zeitschrift zwischen 1.495 und 2.900 US-Dollar.1 Forschungsinstitutionen müssen sich heute tatsächlich fragen, ob sie ihren knapp bemessenen Publikationsetat für den Zugang zu teuren Verlagsprodukten aufwenden oder für die kostenintensive Publikation in frei zugänglichen Online-Journalen wie diesem. (Die Bedeutung von Open Access im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Zeitschriften und Monografien wird ausführlich von Hagner (2015) diskutiert.) Open Humanities Press, eine Initiative von Geisteswissenschaftlern, möchte offene Publikationen ohne zusätzliche Kosten herausgeben und hat dazu sogar ein eigenständiges Format geschaffen: das Liquid Book.2 Jeder Interessierte kann inhaltliche oder formale Änderungen in einem solchen elektronischen Buch vornehmen, Kommentare und Verweise nach Belieben integrieren und es auch frei für eigene Zwecke verwenden. Ein Herausgebergremium bewertet die Veränderungen des Textes lediglich mit dem Ziel, eine Fassung des Buchs »einzufrieren« und als stabile Fassung zu publizieren. Die Bewertung von Forschungsleistungen, die sich zu einem wesentlichen Teil an eigenständigen Publikationen, ihrer Zahl und dem Status der Publikationsorgane bemisst, muss von den Geldgebern der Forschung an derartige Veränderung des Publikationswesens angepasst werden. 3.4 Umgang mit wissenschaftlicher Literatur Der Umgang mit wissenschaftlicher Literatur spielte sich bis vor einigen Jahren vor allem in Bibliotheken ab. Dort standen die Bücher und die Zeitschriften, in denen neue Forschungsergebnisse publiziert werden und die die Grundlage für jede weitere Publikation bilden. Ein Wissen- 1 vgl. www.plos.org/publications/publication-fees/ 2 vgl. http://www.openhumanitiespress.org/liquid-books.html RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 241 schaftler, der sich mit einem bestimmten Problem befasste, hatte dort verschiedene Möglichkeiten, um die für ihn wichtigen Texte zu finden: den Katalog, Fachbibliografien, die Literaturlisten bereits publizierter Werke oder den auf sein Fachgebiet spezialisierten Bibliothekar. Jeder einzelne Schritt dieses Umgangs mit wissenschaftlicher Literatur hat sich durch die Digitalisierung verändert, manches, etwa die Nutzung von Karteikarten, ist inzwischen vollkommen verschwunden. Viele Werke, die in den Forschungsbibliotheken zu finden sind, stehen dort nicht mehr auf Regalbrettern, sondern sind digital auf Servern gespeichert. Vor allem bei wissenschaftlichen Zeitschriften ist die Digitalisierung weit fortgeschritten – es gibt kaum noch Titel, die nicht auch in digitaler Form abrufbar wären. Aber auch ganze Bücher und Buchkapitel werden heute bereits für die Forschung als digitale Texte in großer Zahl zur Verfügung gestellt. Die Wissenschaftler können dadurch ihr eigenes Lesen durch Suchfunktionen ergänzen. Die automatische Suche nach Schlüsselwörtern in Texten ist ja nichts anderes als ein sehr schnelles, aber »dummes« Lesen durch den Computer. Die Möglichkeiten der automatischen Suche erleichtern den Umgang mit wissenschaftlichen Texten enorm, schafft es doch kein Forscher heute mehr, den Überblick über alle Publikationen in seinem Fachgebiet zu behalten. Zukünftig werden spezialisierte Suchmaschinen diese Art der Suche nach wissenschaftlichen Informationen noch besser unterstützen, so wie es heute in Ansätzen mit »Google Scholar« und von wissenschaftlichen Bibliotheken bereitgestellten Diensten geschieht. Wissenschaftliche Publikationen werden den Lesern primär in digitaler Form zur Verfügung gestellt werden, so dass ein Forscher nicht nur die bibliografischen Angaben der Publikationen zu einem bestimmten Thema verwaltet, sondern ganze Fachbibliotheken aufbauen kann. Diese werden in speziellen Datenbanken gepflegt, die eng mit dem Textverarbeitungssystem zusammenwirken. Wie so etwas aussehen kann, kann man heute schon bei einem Literarturverwaltungssystem wie Citavi sehen. Diese Datenbank erlaubt es dem Wissenschaftler, die Forschungsliteratur in einem verschachtelten Schlagwortsystem zu organisieren, mit dem etwa der inhaltliche Aufbau einer geplanten Publikation nachgezeichnet wird. Zitate und Ideen zu einzelnen Publikationen sind einerseits mit diesem Projekt verbunden, können andererseits aber auch mit eigenen Schlagwörtern versehen werden. Die Recherche nach Forschungsliteratur und die Übernahme in das System laufen teilweise automatisch ab, und Verweise und Zitate können mit einem Tastendruck in die Textverarbeitung aufgenommen werden. Dort wird nach Fertigstellung eines Textes die gesamte verwendete Literatur automatisch in die Bibliografie übernommen. Citavi kann sogar aus dem Schlagwortsystem eine in Kapitel und Abschnitte gegliederte Textdatei ableiten, in der die verwendete Literatur, Zitate und Ideen eingeordnet sind. Die HENNING LOBIN 242 Übergänge zwischen wissenschaftlichem Lesen, der Organisation von Literatur und dem Schreiben verschwimmen dadurch immer mehr. Durch digitale Formen der Publikation hat sich die Situation für Laien zwar verbessert, jedoch nicht grundsätzlich gewandelt. Aufgrund restriktiver Lizensierungsregeln der Verlage ist es wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland grundsätzlich nicht möglich, urheberrechtlich geschützte Online-Publikationen über die eigene Institution hinaus einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eingeschränkte Möglichkeiten der Einsichtnahme liefert die Ausschnitt-Ansicht von Google Books und die »Blick ins Buch«-Funktion von Amazon, über die wissenschaftliche Werke zum Teil vollständig eingesehen werden können. 4. Absehbare Entwicklungen 4.1 Plattformen Die Entwicklung wissenschaftlicher SNS, der Vergleich mit allgemeinen SNS wie Facebook und die Veränderungen der wissenschaftlichen Kommunikation und des Umgangs mit wissenschaftlichen Publikationen legen es nahe, als eine zentrale zukünftige Entwicklung im Bereich sozialer Medien in der Wissenschaft die Etablierung von umfassenden Plattformen zu prognostizieren. Eine derartige Plattform ähnelt einem wissenschaftlichen SNS wie ResearchGate, unterscheidet sich davon allerdings dahingehend, dass sie um eine vollständige Arbeitsumgebung ergänzt ist, einen »Wissenschaftler-Arbeitsplatz«, wie er auch von einigen in den letzten Jahren vom BMBF geförderten Großprojekten (etwa DARIAH oder TextGrid) angestrebt wurde. Wie hat man sich eine solche »Plattform für alles« vorzustellen? Zunächst einmal bietet sie eine laufend aktualisierte Chronik aktueller Ereignisse im eigenen Netzwerk, wie man sie von Facebook kennt. Parallel dazu werden Microblogging-Dienste wie Twitter erfasst und ihre Nutzung über eine einheitliche Oberfläche unterstützt. Generell wäre eine Plattform als ein »Meta-SNS« auszulegen, das nicht etwa ein exklusives »Bekenntnis« des Nutzers erwartet, sondern auch Zugänge zu weiteren bevorzugten sozialen Medien eröffnet. Dies würde es auch nahelegen, Blogs und Feeds von periodisch aktualisierten Webseiten zu berücksichtigen und eine in ähnlicher Weise kategorisierbare Informationsverwaltung zu ermöglichen, wie es bei elaborierten Feed-Readern, etwa Feedly, möglich ist. Hinsichtlich der Nutzung von Kontakten sind gerade im wissenschaftlichen Kontext Funktionen sinnvoll, die – ähnlich wie beim »professionellen« SNS Xing – Verbindungsketten zwischen noch nicht RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 243 miteinander verbundenen Nutzern berechnet und Profilbesucher zu registrieren erlaubt. Für Verwaltung und Bearbeitung wissenschaftlicher Literatur kann man sich für eine übergreifende Plattform eine Funktionalität vorstellen, die jene existierenden von ResearchGate und der des besonders leistungsfähigen Literaturverwaltungsprogramms Citavi miteinander vereint. Dies würde die Integration von Recherche-Funktionen erfordern, die Möglichkeit einer hierarchischen Verschlagwortung von Publikationen wie auch einzelner Zitate und Anmerkungen, die Verbindung mit Volltexten, wie es schon in wissenschaftlichen SNS geschieht, und die Verzahnung mit einem Editor, in dem die eigene wissenschaftliche Schreibtätigkeit erfolgen kann. Die Kommentierung und Annotation von Publikationen muss dabei sowohl in einem privaten als auch in einem öffentlichen Modus bezüglich des eigenen sozialen Netzwerks erfolgen können, indem die Auseinandersetzung eines Nutzers mit einer Publikation auch im Netzwerk (für andere als Chronik-Eintrag sichtbar) publiziert wird (Social Reading-Funktionalität). Bei der Realisierung von Recherche-Funktionen wäre die Berücksichtigung der eigenen institutionellen Zugriffsrechte (etwa über die UB der eigenen Universität) naheliegend. Die bisherigen unabhängig voneinander erfolgten Einzelentwicklungen miteinander in Verbindung zu bringen, stellt eine besonders Herausforderung dar. Inwieweit dabei von der Funktion eines wissenschaftlichen SNS auszugehen ist, von einer vernetzten Literaturverwaltung, von kooperativen Editoren, von den existierenden »Wissenschaftler-Arbeitsplätzen« oder gar von Forschungsinformationssystemen ist eine derzeit nicht klar zu beantwortende Frage. Fest steht jedoch, dass die Bedürfnisse der wissenschaftlichen Nutzer im Vordergrund der zukünftigen Entwicklung stehen müssen. Für die externe Wissenschaftskommunikation werden zukünftig auch die allgemeinen SNS eine wichtige Rolle spielen. Durch die ständige Integration neuer Funktionen in Systeme wie Facebook oder die miteinander verzahnten Google-Tools (Email, Google+, Drive, Documents etc.) bekommen sie nach und nach den Charakter einer in sich geschlossenen Plattform. Schon heute findet zudem auch per Facebook Wissenschaftskommunikation statt, und die Funktion der Instant Articles stellt auch für wissenschaftliche Inhalte einen ernstzunehmenden Distributionsweg dar. Die dabei von einzelnen Autoren beschriebene Problematik, dass die zugrunde liegenden Algorithmen eine nicht dokumentierte Funktionsweise aufweisen, verkompliziert allerdings die Nutzung von SNS für die externe Wissenschaftskommunikation zunehmend (vgl. Schulz 2016). Wie schon Zeitungs- und Zeitschriftenverlage könnten auch wissenschaftliche Institutionen dazu gezwungen sein, mit den Betreibern von SNS Abkommen zu treffen, um eine Sichtbarkeit der eigenen HENNING LOBIN 244 Themen und Belange auch innerhalb der »Filter Bubble« eines Nutzers zu gewährleisten. 4.2 Bewertungsalgorithmen Wenn wissenschaftliche Kommunikation in sozialen Medien oder gar auf einer homogenen Plattform stattfindet, dann werden sämtliche Kommunikationsschritte dokumentiert und können den Gegenstand quantitativer oder qualitativer Auswertungen bilden. Diese Möglichkeit bildet die Grundlage für die Berechnung sogenannter Altmetriken, ein Begriff, der erst 2010 von Priem et al. (2010) eingeführt wurde, um auch soziale Medien in die Berechnung des Impacts eines wissenschaftlichen Artikels einbeziehen zu können. Altmetriken sind allerdings auch dazu geeignet, nicht nur Artikel, sondern auch Personen, Institutionen, Bücher, Präsentationen oder Forschungsprimärdaten mit einem Score zu belegen. So bewertet der bereits oben erwähnte »RG Score« von ResearchGate Nutzer mit ihrer Bedeutung im Netzwerk und nur indirekt deren Publikationen. Auch wenn etwa von Alhoori/Furuta (2014) festgestellt wird, dass Altmetriken durchaus keine völlig anderen Ergebnisse erbringen als traditionelle zitationsorientierte Berechnungsweisen von Impact-Faktoren, werden doch zunehmend eigenständige Verfahren entwickelt, die neuartige Analysemethoden fruchtbar machen (zur Kategorie »Netzwerk-Zentralität« siehe zum Beispiel Hoffmann et al. 2015). Auch die Art der Interaktion mit dem Forschungsartikel gerät zunehmend in den Blick. Lin/Fenner (2013) schlagen dafür eine Klassifikation vor, bei der ausgehend vom reinen Aufruf eines Artikels die schrittweise wachsende »Verbindlichkeit« der Bezugnahme auf den Artikel berücksichtigt wird: Den zweiten Schritt nach dem Aufruf stellt der Download des Artikels dar, den dritten Schritt sodann die inhaltliche Diskussion, dann die Empfehlung in einem sozialen Netzwerk, um schließlich die aktive »Nutzung« des Artikels im Rahmen einer Zitation zu erreichen. Insofern können sich also auch die kommunikativen Aktivitäten in Blogs, Microblogs und SNS auf den Score auswirken. Die Kommunikation entkoppelt sich auf diese Weise von der ursprünglichen Diskussion zum eigentlichen Gegenstand und öffnet sich der kommunikativen Dynamik in sozialen Medien, in der die Experten-Laien-Barriere sehr viel weniger hoch ist. Auch wenn bislang mit derartigen Konzeptionen von Altmetriken nur wenig Erfahrungen gewonnen wurden, so kann doch prognostiziert werden, dass auf diese indirekte Weise in höherem Maße als bei den herkömmlichen Verfahren zur Impact-Bestimmung die Interessen einer außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit eine Rolle spielen werden. RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 245 Während diese quantitativen Verfahren mittlerweile als gut etabliert gelten können, da sie sich mit anerkannten Verfahren der Bibliometrie in Verbindung setzen lassen, gibt es zwei Bereiche, bei denen zukünftig erhebliche Bedeutungszuwächse zu verzeichnen sein werden. Dies ist zum einen das algorithmische Bewerten von Wissenschaftlern selbst, zum anderen die qualitativ inhaltliche Auswertung von Kommunikationsprozessen. Für den ersten Bereich gibt es, anders als beim Scoring von Artikeln, keine Vergleichswerte. Inwieweit sich der »Impact« eines Wissenschaftlers unabhängig von seinen Publikationen messen lässt und in welcher Weise sein kommunikatives Verhalten dabei einzufließen hat, ist eine offene Frage. Trotzdem haben wissenschaftliche SNS damit begonnen, solche Scores zu berechnen. Der zweite Bereich, der sehr viel deutlicher in den Vordergrund treten wird, ist die qualitative Auswertung von Kommunikationsprozessen. Während in der Bibliometrie eine über die Zitation als solche hinausgehende Analyse der Bezugnahme auf einen Artikel nur ansatzweise geschieht (vgl. etwa Shotton 2010), werden mit den Methoden der Sentiment Analysis seit einiger Zeit Meinungen, Einschätzungen und Trends, auch in ihrem zeitlichen Verlauf, aus sozialen Medien extrahiert. Dabei kommen Verfahren der computerlinguistischen Analyse zum Einsatz, die die Formulierung der Erwähnungen von Personen, Produkten, Publikationen oder Themen berücksichtigen. Derartige Verfahren arbeiten entweder mit Lernalgorithmen (vgl. z.B. Scheible 2014) oder mit Wissensrepräsentationen (Wiegand 2011). Weitergehende Sentiment-Analysen würden nicht nur die lokal verfügbaren linguistischen Informationen berücksichtigen, sondern auch den größeren Zusammenhang, das heißt auf Text- oder Diskursebene (vgl. Liu 2015). Dabei werden beispielsweise die Bezugnahmen in einem längeren Diskussionsverlauf analysiert oder die thematische Entwicklung der einzelnen Diskussionsbeiträge, da diese sich oftmals von der ursprünglich diskutierten Thematik im Rahmen eines längeren Diskurses entfernen. Anhand derartiger Verfahren werden zukünftig Kommunikationsprozesse in sozialen Medien auch inhaltlich sehr viel genauer ausgewertet und entsprechende Altmetriken deutlich verbessert werden können. Sofern das Nutzerverhalten für die Berechnung derartiger Scores herangezogen wird, eröffnen sich damit auch neue Möglichkeiten für deren Manipulation. Ansätze sind heute schon in sozialen Medien zu verzeichnen. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, die Kommunikation über sogenannte Bots zu automatisieren. Es gibt Schätzungen, dass etwa auf Twitter zehn Prozent aller Accounts nicht von Menschen, sondern von Programmen betrieben werden. Im Bereich der Wissenschaft ließe sich dies leicht mit einem Inventar von Zitaten, Links und Referenzen realisieren, vorzugsweise mit Publikationen eines Autors, dessen Altmetrik-Scores auf diese Weise erhöht werden sollen. Eine HENNING LOBIN 246 weitere Möglichkeit besteht im Aufbau ganzer Gruppen künstlicher Accounts, die gegenseitig miteinander kommunizieren, um etwa Erwähnungen, Bezugnahmen und Diskussionen zu bestimmten Autoren oder Publikationen zu erzeugen. Zwar ist es durchaus möglich, aufgrund des Kommunikationsverlaufs solche unechten Diskussionen zu identifizieren, aber die Anpassung an menschliches Verhalten wird in diesem Bereich schnell zu erzielen sein. Für die Betreiber von wissenschaftlichen Social-Media-Plattformen erwächst daraus die kontinuierliche Aufgabe, der Entwertung einer verwendeten Altmetrik entgegenzusteuern, so wie Suchmaschinen-Betreiber dauerhaft die Manipulation durch »Suchmaschinen-Optimierung« zu bekämpfen haben, bei der für bestimmte Web-Seiten mit ähnlichen Mitteln ebenfalls höhere Scores erzielt werden sollen, um sie weiter oben in den Ergebnislisten zu platzieren. 4.3 Empfehlungsalgorithmen Eine zweite Gruppe von Algorithmen, die im Zusammenhang mit zukünftigen Entwicklungen betrachtet werden muss, bilden solche Algorithmen, durch die Empfehlungen für den Nutzer generiert werden (sogenannte Recommendation Systems, siehe als Überblick Brusilovsky et al. 2007). Im Rahmen einer wissenschaftlichen Social-Media-Plattform können sich derartige Empfehlungen auf andere Nutzer mit ähnlichen wissenschaftlichen Profilen beziehen, auf für einen Nutzer als relevant erachtete Publikationen, auf die Auswahl in der Chronik anzuzeigender Ereignisse oder auf Suchergebnisse, um nur einige Beispiele zu nennen. Damit sind ähnliche Aspekte erfasst wie der Anzeige möglicherweise interessanter Produkte bei Amazon, des Vorschlags von neuen »Freunden« oder die Filterung der Chronik bei Facebook und die nutzerspezifische Auswahl von Suchergebnissen bei Google. Wenn mit Bezug auf diese Plattformen von einer Filter Bubble gesprochen wird (Pariser 2012), in der sich ein Nutzer befindet, so kann dies in ähnlicher Weise auch für wissenschaftliche Plattformen konstatiert werden. Der Nutzer befindet sich aufgrund der speziell auf ihn zugeschnittenen Empfehlungen und Angebote zunehmend in einer abgeschlossenen »Blase« von aufeinander verweisenden Informationen, deren weitere Nutzung ihn immer weiter von außerhalb liegenden Angeboten entfernt und seine Informationssphäre zu einem mehr oder minder abgeschlossenen Netzwerk werden lässt. Auf inhaltlicher Seite entspricht dies Meinungsinseln, wissenschaftlichen Paradigmen und theoretisch-methodischer Homogenität, was letzten Endes zum Rückgang an wissenschaftlicher Innovationsfähigkeit führen kann. Gleichzeitig findet eine Verstärkung auch der Zentren derartiger Netzwerke statt, die eine überproportional wachsende Zahl von Verbindungen RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 247 aufweisen – ein Effekt, der auch als »Superstar-Ökonomie« bezeichnet wird (vgl. z.B. Brynjolfsson/McAfee 2014) und statistisch zu einem starken Abfall des Zentrums gegenüber der Peripherie in Hinsicht auf die Zahl der Netzwerk-Verknüpfungen führt. In Hinsicht auf das Scoring von Personen wird damit auch eine überproportionale Aufwertung im Rahmen von wissenschaftlichen SNS bewirkt. Empfehlungsalgorithmen sind unterschiedlich ausgeprägt. Bei der Methode des Collaborative Filterung werden Ähnlichkeiten zu anderen Objekten oder Personen gesucht und deren Verhalten für die Auswahl einer Empfehlung herangezogen. Dieser Ansatz führt zu umso besseren Ergebnissen, je mehr Vergleichsdaten zur Verfügung stehen. Inhaltsbasiertes Filtering arbeitet dagegen auf Nutzerprofilen, um dazu passende Empfehlungen zu ermitteln. Auf wissenschaftlichen SNS wie ResearchGate werden aus diesem Grund die Interessens- und Spezialisierungsgebiete der Nutzer abgefragt, in Verbindung mit kollaborativem Filtering werden darauf aufbauend weitere Merkmale empfohlen beziehungsweise abgefragt. So wie die Personalisierung durch Empfehlungsalgorithmen im Internet-Handel eine sehr wichtige Rolle spielt, dürfte sich die gleiche Bedeutung derartiger Algorithmen auch für die wissenschaftliche Nutzung in SNS ergeben. Manipulationsmöglichkeiten entstehen dabei aufgrund des Scorings auf der Grundlage von Altmetriken, die mit den Bewertungsalgorithmus in einen selbstverstärkenden Kreislauf eintreten können. Über die Manipulation von realen oder vorgetäuschten Profilen können Empfehlungen generiert werden, die sich nach Annahme durch einen Nutzer auf die Bewertung des Empfohlenen oder seiner Publikationen auswirken kann. Auch der Aufbau des Netzwerks selbst kann über die Manipulation von Vorschlägen beschleunigt werden. Momentan gibt es für Nutzerprofile in ResearchGate keine Obergrenzen für die Angabe von Interessensgebieten, so dass mit einem sehr breit angelegten Profil hohe Empfehlungsraten erzielt werden können. 4.4 Automatisierung der Inhaltserstellung 4.4.1 Unterstützung des Schreibprozesses Entwicklungen zur Unterstützung und Automatisierung des Schreibprozesses haben in den vergangenen Jahren in großer Zahl stattgefunden und sind zum Teil in kommerzielle Anwendungen eingegangen. So bilden die Wortvervollständigungs- und Wortvorschlagsfunktionen für Smartphone-Tastaturen Beispiele für den Einzug einer intelligenten Schreibunterstützung in den Alltag. Trotzdem gibt es bislang keine Systeme, die verschiedenen Einzelentwicklungen zu integrieren versuchen. Auf HENNING LOBIN 248 der Grundlagen dessen, was bereits heute an technischen Möglichkeiten geschaffen worden ist (vgl. dazu Lobin 2014) kann allerdings eine Vision des unterstützten Schreibens skizziert werden: Die Schrifteingabe per Tastatur wird nach wie vor eine effiziente Methode darstellen, Texte in den Computer zu bekommen. Das System wird jedoch verfolgen, was geschrieben wird, und Fehler und Unklarheiten von selbst korrigieren. Die akustische Eingabe gesprochener Sprache wird mit der manuellen Eingabe kombiniert werden, so dass ein fließender Übergang zwischen Tippen und Diktieren erreicht wird. Das Formulieren selbst wird mit Funktionen zur Wortvervollständigung und Wortvorschlägen unterstützt. Feststehende Wendungen werden vom System als Ganzes in den Text eingefügt und bezüglich der Wortformen angepasst. Das Textverarbeitungsprogramm kann dem Schreiber außerdem Vorschläge zur Umformulierung unterbreiten, mit denen ein besserer Stil oder größere Verständlichkeit erzielt werden. 4.4.2 Automatische Übersetzung Eine weitergehende Funktion der Textverarbeitung stellt die automatische Übersetzung dar, die auch in Gestalt eines unterstützten Schreibens in der Fremdsprache zur Verfügung steht. Das Schreiben in einer Fremdsprache wird dadurch so gut unterstützt, dass damit ein publizierbarer Text erstellt werden kann – die maschinelle Übersetzung allein wird das auch in der Zukunft nicht leisten können. Die aktive Schreibunterstützung bezieht sich allerdings nicht nur auf fremdsprachliche Texte, sondern auch auf unterschiedliche Stil- und Verständnisebenen. Das Programm kann etwa einen wissenschaftlichen Text stilistisch vereinfachen. Für die größeren Textstrukturen werden durch das System Vorgaben gemacht, so dass sämtliche inhaltlichen und formalen Aspekte einer Textsorte vom Schreiber berücksichtigt werden können. Dabei werden formularartige Eingabeverfahren gewählt, was im endgültigen Text nicht mehr sichtbar ist. Auch in diesem Bereich wird der Übergang zur automatischen Textgenerierung fließend sein: Wenn sich ein Schreiber mit den Vorschlägen des Systems zufrieden gibt, genügen wenige Angaben in Listenform, um einen passablen Text, etwa einen Bericht oder ein Protokoll, zu erstellen. Ist der Autor ambitionierter, entwickelt er den Text in einem Dialog mit dem System und kann dabei seine eigenen Vorstellungen von Inhalt und Form besser umsetzen. 4.4.3 Automatisierte und unterstützte Textgestaltung Die Integration weiterer Medien wird durch das System ebenfalls in einer Weise unterstützt, dass technische und gestalterische Fragen ent- RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 249 fallen. Möchte der Autor andere Medien in den Text integrieren, kann er dies durch einfache Anweisungen tun, der Text passt sich automatisch an die integrierten Medien an. So werden Hyperlinks erzeugt oder vorgeschlagen und die Textgliederung angepasst. Auch Formulierungen, die auf andere Medienelemente verweisen, werden eingefügt oder angeglichen. Der Autor wird außerdem dabei unterstützt, den Text auf unterschiedliche Nutzungsformen abzustimmen. Das Textverarbeitungssystem der Zukunft ist in der Lage, aus einem durchgehenden Sachtext eine Präsentation zu erstellen, bei der inhaltliche Einheiten zu »Folien« gegliedert und für die visuelle Rezeption optimiert sind. Dies schließt auch die Generierung von grafischen Varianten eines Textes ein, etwa die Visualisierung einer Argumentation oder eines zeitlichen Prozesses. 4.4.4 Automatische Textgenerierung Wie bei der Entwicklung des Autos aus den verschiedenen Fahrer-Assistenzsystem in den nächsten Jahren das vollautomatische Fahren hervorgehen wird, so bilden auch die skizzierten technischen Unterstützungsverfahren für das Schreiben die Grundlage für die vollautomatische Erzeugung von Texten. Zwar ist die Textgenerierung seit langem Gegenstand der computerlinguistischen Forschung, doch erst neuerdings gibt es Internet-Dienstleister, die sie tatsächlich einsetzen. Bei der völlig freien, also ohne Versatzstücke erfolgenden automatischen Generierung von Texten werden als Ausgangspunkt Informationen benötigt, die in einer textuellen Form vermittelt werden sollen. Besonders gut kann dies dort gelingen, wo Aufbau und sprachliche Umsetzung der entstehenden Texte besonderen Regeln unterliegen. Bei Wettervorhersagen ist dies beispielsweise der Fall, bei medizinischer Korrespondenz oder für technische Dokumentationen (vgl. Bateman 2010 und Carstensen 2012). Wissenschaftlich gesehen fließen bei der Textgenerierung verschiedene Forschungsbereiche zusammen: die logische Repräsentation von Wissen, die Planung kommunikativer Strategien, die Auswahl von Wörtern, Wendungen und grammatischen Konstruktionen (vgl. MacKeown 1992 und Horacek 2010). Dabei kommen auch parametrisierte Formulierungsmuster zum Einsatz, die ja auch wir Menschen ständig nutzen, wenn wir schreiben, wie sie auch in wissenschaftlichen Texten immer wieder vorkommen. Die Nutzung solcher Muster ist es auch, was die Textgenerierung inzwischen zu einem anwendbaren Produkt hat werden lassen. Die amerikanische Firma Narrative Science ist hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt zur Erzeugung von sprachlichen Beschreibungen von Baseball-Spielen. Ausgangspunkt waren dabei tabellarische Daten zum Spiel: Punkte, Auswechslungen von Spielern, Fouls und so weiter. Einen HENNING LOBIN 250 solchen Mechanismus bietet Narrative Science nun seinen Kunden an, Kunden, bei denen viele Daten anfallen, die aber auch gedeutet werden müssen. Daten, die verarbeitet werden können, stammen etwa aus Geschäfts- oder Finanzvorgängen, von Webseiten oder sozialen Netzwerken. Das System analysiert und interpretiert diese Daten, um daraus einen Text zu erzeugen – Zusammenfassungen für Führungspersonen, Anschreiben an Endkunden oder Webseiten-Profile (siehe www. narrative science.com). Die Firma unterhält mit seiner Software sogar einen eigenen, vollautomatisch generierten Blog auf der Internet-Plattform des Wirtschaftsmagazins Forbes.3 Dort findet man die typische Börsen-Berichterstattung zu Unternehmen oder Branchen, bei denen gerade interessante Entwicklungen zu verzeichnen sind. Jemand, der nicht weiß, dass diese Beiträge von einem Computerprogramm verfasst worden sind, wird dies auch nicht bemerken. Ein anderer Anbieter einer ähnlichen Software, die sich stärker an Journalisten zur Unterstützung ihrer Arbeit richtet, ist Automated Insights (www.automatedinsights.com). Mit dieser Software bietet ein Sportinformationsdienstleister seinen Medienkunden beispielsweise automatisiert erstellte Artikel individuellen Zuschnitts an (vgl. Schade 2014a). Zuvor schon hatte die Los Angeles Times angekündigt, über Berichte zu Erdbeben ab einer bestimmten Stärke mit automatisch erstellten Artikeln zu berichten (vgl. Schade 2014b). Derartige Beispiele zeigen zugleich aber auch, dass die automatische Berichterstattung im Bereich des Wissenschaftsjournalismus noch nicht unmittelbar bevorsteht, sind doch die zu beschreibenden Sachverhalte viel stärker konventionalisiert als Artikel im Bereich der Wissenschaftskommunika tion. Die wichtigste Aufgabe von Wissenschaftsjournalisten ist es ja, nicht nur wissenschaftliche Fakten zu vermitteln, sondern diese einzuordnen, zu bewerten und verständlich zu machen. Viel eher ist es jedoch denkbar, bestimmte Teile der innerwissenschaftlichen Textproduktion zu automatisieren, etwa die textuelle Zusammenfassung von tabellarisch erfassten Forschungsdaten. Eine solche Textgenerierung ist realisierbar, da sie in ähnlicher Weise wie die Anwendungen im Bereich des Sport- und Nachrichtenjournalismus auf wiederkehrende Strukturen zurückgreifen kann. Gleichwohl würde aber auch ein solcher Einsatz eher den Charakter eines Schreibunterstützungssystems für wissenschaftliche Texte besitzen. Für die externe Wissenschaftskommunikation werden derartige Möglichkeiten bislang nicht auf breiter Basis genutzt. Aufgrund der wenig konventionalisierten Form von wissenschaftlichen Meldungen ist damit auch nicht in naher Zukunft zu rechnen. Eine einfache Form von automatisierter Inhaltserstellung liegt allerdings bei der automatischen 3 Siehe www.forbes.com/sites/narrativescience/ RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 251 Generierung von Tweets und Facebook-Nachrichten vor, die etwas aus Blog-Plattformen heraus angestoßen wird. 5. Ausblick: Auswirkungen Der Einfluss der Digitalisierung ist für Wissenschaftler in ihrer täglichen Arbeit sehr deutlich spürbar. Die größten Veränderungen haben sich für sie mit den erweiterten Möglichkeiten zu Kommunikation und Kooperation ergeben. Entscheidend ist dabei die durch das Internet erzielte Geschwindigkeitserhöhung der Kommunikation. Zwar ist auch heute die Publikation von wissenschaftlichen Ergebnissen in Aufsätzen, Artikeln oder Büchern mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung verbunden, früher galt dies allerdings auch für die direkte Kommunikation zwischen Forschern auf brieflichem Wege. Die digitale Kommunikation hat die Verzögerung bei der Verschickung schriftlicher Nachrichten auf Sekundenbruchteile zusammenschrumpfen lassen, so dass aus einer asynchronen, schrittweise erfolgenden Kommunikationskette ein synchrones, in Echtzeit ablaufendes Geschehen wurde. Durch Blogs, Twitter, Email, Web-Plattformen und soziale Netzwerke ist ein Kommunikationsraum entstanden, in dem Wissenschaftler unmittelbar davon erfahren, was die Kollegen gerade tun, was sie interessiert, wo sie zusammenkommen und welche Meinungen sie vertreten. Die Vielfalt der Forschung wird dabei nicht mehr horizontal im zeitlichen Verlauf gefiltert, durch Verlage, Gutachter und Tagungskomitees, sondern gleichsam vertikal, durch die Teilhabe an einem vernetzten, digitalen Kommunikationsprozess. Was wissenschaftlich wichtig wird, wird unmittelbar ausgehandelt, und wer dabei nicht mitmacht, hat geringere Chancen, mit seinen Ergebnissen Einfluss und Bedeutung zu erlangen. Im Bereich der internen Wissenschaftskommunikation ist es vor allem relevant, wer mit wem kommuniziert. Ein wichtiges Ziel effektiver Wissenschaftskommunikation ist demnach nicht das Kommunizieren als solches, sondern das Erreichen von und der Austausch mit erwünschten Adressaten und Adressatengruppen. Eine auf Altmetriken basierende Erfassung, wer mit wem über Social Media kommuniziert, kann nicht nur für externe Beobachtungen durch die Politik oder Verwaltungen eine Rolle spielen, sondern zunehmend auch in der wissenschaftsinternen Beobachtung, weil derartige Parameter auch Begutachtungen und Berufungsverfahren beeinflussen können. Mit dem Wandel der wissenschaftlichen Kommunikation verändert sich auch die institutionelle Organisation von Wissenschaft. Für viele Wissenschaftler ist es zwar ziemlich unerheblich, in was für eine institutionelle Struktur sie eingebettet sind, solange sie ihrer Forschungsarbeit nachgehen können und dafür geeignete Bedingungen vorfinden. HENNING LOBIN 252 Trotzdem sind sie dabei Teil einer Hierarchie, auf deren höheren Ebenen Entscheidungen getroffen werden, die ihre Arbeit direkt betreffen können. Ihre eigentliche Identität beziehen Wissenschaftler jedoch aus ihrer Fachgemeinschaft, die durch Publikationsorgane, Verbände, Gremien und Tagungen geprägt ist. Aber auch hier gibt es Hierarchien, die meist schwer erkennbar sind; in ihnen wird entschieden, wie Gelder verteilt, Themen gesetzt und Karrieren gefördert (oder blockiert) werden. In der digitalen Wissenschaftskommunikation hingegen wird der Einfluss auf das Fach durch die Wirkung der Kommunikation gebildet. So können auch jüngere, noch nicht etablierte Wissenschaftler großen Einfluss gewinnen, und offizielle Institutionen und Fachgemeinschaften verlieren an Bedeutung. Anders als in früheren Zeiten sind deshalb auch der etablierte Wissenschaftler gezwungen, sich in diesem weitgehend hierarchiefreien Kommunikationsraum zu bewegen, wenn sie wissen wollen, was in ihrem Fach geschieht. Denn hier findet die tatsächliche Forschungstätigkeit ihren unmittelbaren Widerhall. Die Gesellschaft erhält durch die Offenheit der digitalen Medien die Möglichkeit, leichter den wissenschaftlichen Diskurs direkt zu verfolgen und sogar daran teilzunehmen – etwa durch Blogs und Microblogs. Allerdings ist auch weiterhin die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse durch den Wissenschaftsjournalismus notwendig. Dieser erhält die Möglichkeit, aufgrund der weniger deutlich ausgeprägten Grenzziehungen der verschiedenen Bereiche stärker auch selbst in diesen Diskurs einzugreifen, Zusammenhänge aufzuzeigen oder Positionierungen zu hinterfragen. Zugleich eröffnen sich dem Journalisten auch neue Perspektiven, Wissenschaft als Diskurs darzustellen und über die von der Genie-Ästhetik inspirierten »Meistererzählungen« hinauszukommen. Wissenschaftler selbst müssen zunehmend erfahren, dass durch die Auflösung der Geschlossenheit wissenschaftlicher Milieus ein zunehmender Rechtfertigungsdruck auf ihre Arbeit von außen entsteht. Deshalb ist die Darstellung von Wissenschaft durch Wissenschaftler selbst nicht nur leichter möglich, sondern auch von immer größerer Bedeutung. Durch die dabei erfolgende Weitung der Perspektive können dabei zugleich Impulse in die wissenschaftliche Tätigkeit zurückwirken. In Bezug auf die verschiedenen Typen sozialer Medien stellt sich die Frage, wie die Grenzziehung zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation zukünftig aussehen wird. Blogs und Microblogs sind ihrer Natur nach nicht auf die interne Kommunikation beschränkt und sind grundsätzlich mit einer »Öffnungsperspektive« versehen. Ein wissenschaftlicher Blog richtet sich in den seltensten Fällen nur an die Fachgemeinschaft, und in offenen Microblogs ist eine Grenzziehung von vornherein unmöglich. Beide Kommunikationsformate können als ein neuer Typus von Wissenschaftskommunikation betrachtet werden, bei dem die Unterscheidung nach Kategorien wie »intern« und »ex- RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 253 tern« erodiert. Dies verkompliziert die Situation der externen Wissenschaftskommunikation eher, als dass es sie vereinfacht: Auch bei dem scheinbar direkten Zugriff auf Texte von Wissenschaftlern entfällt die Vermittlungsaufgabe keineswegs. Vielmehr müssen bei der Wissenschaftsvermittlung die spezifischen kommunikativen Rahmenbedingungen für Blogs und Microblogs eingehalten werden, wenn keine unbeabsichtigten Wirkungen entstehen sollen. Für wissenschaftliche Institutionen ergibt sich damit die Aufgabe, neben den klassischen Formaten der externen Wissenschaftskommunikation nun auch diese sich informell zwischen interner und externer Kommunikation bewegenden Formate zu bedienen. Aus Sicht des Wissenschaftsjournalismus entstehen dadurch jedoch auch neue Chancen für die Vermittlung, die im Bereich der Wissenschaft ebenso aufgegriffen werden sollten, wie es durch institutionelle Blogger und Twitterer etwa von Fernsehredaktionen oder Nachrichtenmedien vorgemacht wird. Für wissenschaftliche SNS wie ResearchGate ergibt sich ein anderes Verhältnis zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation. Derartige Plattformen sind ausschließlich für den internen wissenschaftlichen Austausch konzipiert und erfordern eine explizite Registrierung. Allerdings ist auch bei diesen Systemen denkbar, dass sie zukünftig im Sinne einer ähnlichen Integrationsstrategie, wie sie allgemeine Netzwerke wie Facebook verfolgen, auch öffentlich zugängliche Informationsangebote, gewissermaßen als »Schaufenster« der Wissenschaft, vorsehen. Dies könnte in Form von populärwissenschaftlichen Artikeln, Blogs oder für die breitere Öffentlichkeit gedachten Microposts geschehen. Im Falle einer weiterhin aufrecht erhaltenen Abschottung gegenüber der externen Wissenschaftskommunikation fällt dem Wissenschaftsjournalismus die Aufgabe zu, die interne Dynamik solcher Netzwerke, die Trends und »Stars« in den verschiedenen disziplinären Bereichen für die Vermittlung in die Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Es ist deutlich, dass sich mit den beiden letztgenannten Punkten – den zunehmenden Abgrenzungsproblemen zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation und der bislang noch völlig unklaren Rolle von wissenschaftlichen SNS – auch für die Erforschung wissenschaftlicher Kommunikationsprozesse zentrale Handlungsfelder verbinden. Literatur Alhoori, Hamed/Furuta, Richard (2014): »Do Altmetrics Follow the Crowd or Does the Crowd Follow Altmetrics?«. IEEE/ACM Joint Conference on Digital Libraries (JCDL) 8th–12th September 2014, City University London, London, United Kingdom. HENNING LOBIN 254 Bateman, John A. (2010): »Angewandte natürlichsprachliche Generierungs- und Auskunftsysteme«, in: Kai-Uwe Carstensen, Christian Ebert, Cornelia Ebert, Susanne Jekat, Ralf Klabunde und Hagen Langer (Hrsg.), Computerlinguistik und Sprachtechnologie. Eine Einführung. 3. Auflage. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, S. 633– 641. Brusilovsky, Peter/Kobsa, Alfred/Nejdl, W. 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Von Anfang der 2000er Jahre stieg die Zahl der Blogs – mindestens bis 2012 – kontinuierlich und massiv an. Ranger/Bultitude (2016, 362) sprechen von 150 Millionen Blogs weltweit im Jahr 2011. Schätzungen von 2016 gehen von 200.000 sehr aktiven Blogs im deutschsprachigen Raum aus (Buggisch 2016). Die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt zwar laut dem Global Digital Report 2017 das Internet und weit mehr als ein Drittel davon nutzen aktiv Social Media (vgl. Himmelberg 2017). In Deutschland jedoch stehen laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 Blogs an letzter Stelle der Onlinetätigkeiten, das heißt, 2016 rezipierten nur sieben Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren Blogs wöchentlich (n=1264) und nur zwei Prozent täglich (n=1508) (vgl. Koch/Frees 2016, 428f.). Auch wenn der Hype um Blogs nachgelassen hat (vgl. Spehr 2016) und deren Anzahl nicht mehr so rasant zunimmt wie zuvor, so haben diese sich als ein spezifisches Format innerhalb der Medienlandschaft etabliert. Im Bereich der Wissenschaftskommunikation führen Blogs vor allem auf der Angebotsseite ein Nischendasein. Moosmüller (2012, 170) etwa betrachtet die Wissenschaftsblogs in Deutschland als »Randerscheinung«. Grob geschätzt liegt die Zahl der Wissenschaftsblogs in Deutschland irgendwo zwischen 200 bis 1000. Littek (2012) geht bspw. von 400–500 aus. Vor allem im Hinblick auf die geschätzte Mindestzahl von 200.000 sehr aktiven Blogs insgesamt ist das eine verschwindend geringe Zahl. Laut einer Befragung des Wissenschaftsbarometer (2016, 43) informieren sich aber immerhin 33 Prozent derjenigen, die sich im Internet zu Wissenschaft und Forschung informieren (n=693), auch über Blogs und Online-Foren.1 Selbst bei den über 60-Jährigen sind es noch 23 Prozent. 1 Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Blogs und Online-Foren zwei unterschiedliche Formate sind und der Anteil der Blognutzung daran im Dunkeln bleibt. ANDREAS WENNINGER 260 Wie im Internet allgemein kommt es auch im Bereich der Wissenschaftsblogs zunehmend zu Konzentrationsprozessen, das heißt, sie sind mittlerweile häufig Teil von Verlagshäusern, Medienkonzernen, Hochschulen und Forschungsorganisationen. ›Freie‹ und ›ungebundene‹ Einzelblogs werden tendenziell seltener.2 In Deutschland gibt es drei große wissenschaftliche Blogportale, SciLogs.de, ScienceBlogs.de, Hypotheses.org3 und vereinzelte unabhängig davon aufgesetzte Wissenschaftsblogs, wie etwa Wissenschaft kommuniziert4 oder Archaeologik5. Spezifika und Funktionen von (Wissenschafts-)Blogs Blogs sind ein spezifisches Format innerhalb der Social Media. Sie zeichnen sich, bei aller thematischen und funktionellen Diversität, durch charakteristische Eigenschaften aus: (1.) Blogs ermöglichen die einfache und kostengünstige Veröffentlichung von Inhalten (Texte, Bilder, Filme). (2.) Diese Inhalte können in der Regel von Jedermann kommentiert werden und das ohne Zeichenbegrenzung. Die Kommentare werden chronologisch veröffentlicht.6 (3.) Vor der Veröffentlichung von Blogbeiträgen findet meist keine professionelle Qualitätskontrolle statt, der/die Blogbetreiber entscheiden allein,7 ob/wann ein Beitrag veröffent- 2 Ähnlich Spehr (2016): »Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes als, sagen wir es ruhig: Verleger.« 3 Die SciLogs (https://scilogs.spektrum.de/) werden vom Verlag Spektrum der Wissenschaft betrieben und sie sind Partner von ZEIT-Online. Die Science- Blogs (http://scienceblogs.de/) sind in den USA entstanden und haben einen Ableger in Brasilien. In Deutschland werden sie mittlerweile von der Konradin Medien GmbH betrieben. Hypotheses (http://de.hypotheses.org/) legt seinen Fokus auf Geistes- und Sozialwissenschaften und bietet Blogs in englischer, französischer und spanischer Sprache an. Angeboten wird es von der Initiative Centre pour l’édition électronique ouverte (Cléo), einer Vereinigung französischer Universitäten und Forschungseinrichtungen [Alle Links im Fließtext geprüft am 13.08.2017]. 4 https://wissenschaftkommuniziert.wordpress.com/ 5 http://archaeologik.blogspot.de/ 6 Hier gibt es unterschiedliche Varianten: (a) Kommentare werden ohne jegliche Prüfung unmittelbar veröffentlicht und im Nachhinein ggf. gelöscht oder modifiziert; (b) Kommentare werden erst nach einer kurzen Prüfung (im Rahmen der Netiquette) veröffentlicht oder (c) Kommentare sind nur für angemeldete Mitglieder oder (d) gar nicht möglich. 7 Eine Ausnahme stellen Blogs von Autorenteams oder PR-Blogs von Institutionen dar. WISSENSCHAFTSBLOGS UND WISSENSCHAFTLICHE BLOGOSPHÄRE 261 licht wird. (4.) In Blogs dürfen und sollen ausdrücklich Persönliches und subjektive Sichtweisen einfließen. An diese charakteristischen Eigenschaften werden häufig für den Bereich der Wissenschaftskommunikation spezifische positive Erwartungen geknüpft. Dabei werden meist die Chancen solcher Medien gesehen: etwa Geschwindigkeitsvorteile bei der Wissensproduktion und -vermittlung, möglicher globaler fachlicher Austausch, Beteiligung der Öffentlichkeit und erhöhte Aufmerksamkeit, individuellere Kontrollmöglichkeiten und Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und damit verbundene Karrierechancen, verständliche und attraktive Vermittlung von Wissen auch an bildungsferne Zielgruppen usw. Auf der anderen Seite gibt es aber auch kritische Beobachter, die stärker die jeweiligen Risiken betonen: Mangelnde Qualitätskontrollen (kein redaktionelles 4-Augenprinzip, kein Peer-Review oder Ähnliches vor der Veröffentlichung) erhöhten das Risiko für eine zunehmende Politisierung und Medialisierung der Wissenschaft und führten zur Verflachung von Inhalten, im schlimmsten Fall beförderten sie die Verbreitung von Fake News und die Entstehung von Echo-Chambers. Eine fundierte und für alle wissenschaftlichen Blogaktivitäten gleichermaßen gültige Einschätzung von Chancen und Risiken fällt jedoch schwer (dazu unten mehr). Wissenschaftsblogs im speziellen zeichnen sich dadurch aus, dass ein oder mehrere Autoren,8 idealtypischerweise in regelmäßigen Abständen Texte veröffentlichen, die in irgendeiner Weise Bezug zur Wissenschaft haben. Inhalte und Ziele von Wissenschaftsblogs können unter anderem sein: • Das Berichten über Forschungsergebnisse, Tagungen, Neuerscheinungen. • Die Erläuterung wissenschaftlicher Verfahrensweisen. • Die Kommentierung aktueller (wissenschaftsbezogener) Medienberichterstattung. • Die Darstellung persönlicher – forschungsbezogener oder thematischer – Interessen und Vorlieben. • Die Kontrolle und Prüfung von wissenschaftlichen Aussagen, Texten etc. (wie bspw. der Blog Retraction Watch; vgl. dazu auch Holger Wormer in diesem Band). 8 Der Personenkreis der Betreiber von Wissenschaftsblogs ist sehr heterogen, von Studenten, Doktoranden, Postdoktoranden, Professoren, Journalisten, PR-Mitarbeitern und schwer spezifizierbaren interessierten ›Laien‹ ist alles dabei. Eine Studie zum Blogportal SciLogs.de ergab, dass 46 Prozent der Befragten einen Doktorgrad haben. Die überwiegende Mehrheit dort ist männlich, mittleren Alters und (akademisch) gebildet (vgl. Puschmann 2014, 5f.). ANDREAS WENNINGER 262 • Das Berichten über wissenschaftliche Organisationen (Hochschulen, Forschungseinrichtungen etc.). • Das Verbreiten von Hinweisen auf Call for Papers, Stellenauschreibungen, Stipendien etc. • Das Anstoßen von Debatten. • Das Erzeugen einer virtuellen, wissenschaftlichen Blogger-Community, insbesondere bei Blogportalen (vgl. Bell 2012; für den Fall eines Community-Building im Rahmen des Einzelblogs Badscience9 von Ben Goldacre siehe Riesch/Mendel 2014, 2015). Wissenschaftliche Blogs lassen sich nicht nur anhand ihrer Inhalte spezifizieren, sondern auch und vor allem hinsichtlich ihrer Form und Art der Darstellung. • Blogtexte treten oft in Serie auf, das heißt, sie werden häufig über lange Zeiträume fortgeschrieben. Ein Beispiel sind die »Sternengeschichten« mit der aktuellen Folge 246 von Florian Freistetter.10 Hier verschwimmen Formate aus der Belletristik (Fortsetzungsroman) mit wissenschaftlichen Formaten (wissenschaftlicher Text). Kunst und Wissenschaft, Unterhaltung und Information vermischen sich. • Häufig beziehen sich einzelne Blogbeiträge von unterschiedlichen Blogs stark aufeinander und ergänzen sich. Dadurch konstituieren sie eine wissenschaftliche Blogosphäre. • Wie alle Social Media vernetzen sich auch Blogs mit einer Vielzahl an anderen Medienformaten: Es werden YouTube-Videos und Podcasts eingebunden, Twitter-Hashtags benutzt, auf Wikipedia-Beiträge und Facebook-Seiten verwiesen, Fotos und andere visuelle Darstellungen aller Art (z.B. Comics, Gyphys) in die Texte eingebaut etc. Dadurch entsteht im Internet ein aufeinander verweisendes Netzwerk von wissenschaftlichen Inhalten und Darstellungsformen. Einzelne Beiträge sind so Teil eines wissenschaftlichen ›Kosmos‹, mit unklaren Grenzen und vielen Strängen, je nachdem, welchen Verlinkungen der User weiter folgt. (Vgl. auch Lobins Einschätzung einer zukünftigen Entwicklung in diesem Band.) • Blogs zeichnen sich – dem Ideal nach – auch dadurch aus, dass sie ein interaktives Medium sind, das einen Austausch und Dialog zwischen Blogautoren, Blogger-Kollegen und anderen Usern ermöglicht. Auch über die Kommentarfunktion können die Texte 9 http://www.badscience.net/ 10 http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2017/08/11/sternengeschichten-folge-246-der-dunkle-fluss/ WISSENSCHAFTSBLOGS UND WISSENSCHAFTLICHE BLOGOSPHÄRE 263 weitergeschrieben oder umgeschrieben,11 kommentiert, bewertet oder anderweitig gerahmt werden – und das potentiell unendlich lange und ohne Zeichenbegrenzung. Im positiven Fall führt das zu einer qualitativen Verbesserung der Texte, im schlimmsten Fall zu heftigen emotionalisierten Auseinandersetzungen (Flaming) und zum Ausschluss von Kommentierenden. Insgesamt lässt sich aber beobachten, dass die meisten wissenschaftlichen Blogs wenig kommentiert werden. Mehr als zehn Kommentare pro Blogposting sind selten. All dies zusammengenommen macht es schwer, die Funktion(en) von Wissenschaftsblogs auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Noch schwerer fällt ihre Verortung im Feld der Wissenschaftskommunikation, da sie zum einen dort in spezifischer Form überall vorkommen12 (wissenschaftsintern,13 im Journalismus, als PR-Tool, in institutionell ungebundener Form14) und sie zum anderen in sich meist nicht homogen sind, weder auf der Ebene der Blogs noch auf der Ebene der Blogpostings.15 »Yet while the use of blogs has increased in a variety of scholarly contexts, a number of issues have prevented science blogs from achieving wide-spread success and it is unclear what role exactly they will play in the future.« (Puschmann 2014, 14) Schwierigkeiten der Bewertung von Wissenschaftsblogs Diese Heterogenität von Wissenschaftsblogs macht es nahezu unmöglich, pauschal eine Bewertung des wissenschaftlichen Bloggens vorzunehmen: 11 So kommt es immer wieder vor, dass Textstellen in einem Blogtext durch Kommentare verändert werden. Meistens wird dies durch die Blogautoren dann im Text sichtbar gemacht, z. B. durch [Einschübe in eckigen Klammern] oder durchgestrichene Textstellen. 12 Bell (2012: 259) beobachtet entsprechend Spannungen »between groups defining themselves as scientists, journalists and bloggers, particularly where professional scientists argue that their non-professional approach to science media may provide truer or more accurate picture of science, and journalists argue back with a sense of the Forth Estate, and that they provide a[n] opportunity to critique«. Jedoch sei es das primäre Ziel aller Beteiligten, diese Grenzen aufzulösen und damit die Chancen zur Kollaboration zu erhöhen (vgl. ebd.). 13 Vgl. etwa den Theorieblog (https://www.theorieblog.de/) oder den SozBlog (http://soziologie.de/blog/). 14 Vgl. etwa den Blog Archaeologik (http://archaeologik.blogspot.de/). 15 Exemplarisch dafür z.B. der Blog Erklärfix (http://scienceblogs.de/erklaerfix/). ANDREAS WENNINGER 264 »As such, talking about ›science blogs‹ as a single homogeneous category is inadequate, and we recognize the wide diversity within the genre« (Ranger/Bultitude 2016, 362; vgl. auch Riesch/Mendel 2014, 55). Der Forschungsbedarf ist immens, vor allem in inhaltsanalytischer Sicht. Dabei müsste zunächst einmal geklärt werden, welche Elemente der Blogosphäre (Blogportale, Einzelblogs, einzelne Blogbeiträge, vernetzte Beiträge) man mit welchen klassischen Wissenschaftskommunikationsformen überhaupt sinnvoll vergleichen soll oder kann.16 Je nachdem für welche Vergleichsgrundlage man sich entscheidet, variiert die Einschätzung und die davon abhängige Kritik. Legt man den Maßstab wissenschaftlich oder journalistisch geprüfter Kommunikationsbeiträge an, so fallen folgende Kritikpunkte auf: – In nahezu allen Blogbeiträgen sind überdurchschnittlich viele sprachliche und formale ›Fehler‹ enthalten. – Der argumentative Nachvollzug innerhalb eines Blogbeitrags fällt entweder häufig schwer oder bleibt sehr alltagsweltlich und manchmal auch oberflächlich. – Die Autoren befassen sich unter anderem mit Themengebieten, zu denen sie nicht selbst geforscht haben bzw. in denen sie sich nicht als Experten ausgezeichnet haben. – Regelmäßig werden verschiedene Medienformate miteinander arrangiert (siehe oben), ohne dass expliziert wird, welche Funktion das innerhalb eines Textes einnehmen soll (Erläuterung, Vertiefung, Unterhaltung, Illustration etc.). – Im Vergleich zu formalen wissenschaftlichen Beiträgen fällt auf, dass inhaltliche Verweise oft auf frei verfügbare Internetquellen beschränkt bleiben (ein Social-Media-Experte wies dies im Rahmen einer Anhörung der Akademien-Arbeitsgruppe Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Phase 2): Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien als bewusste Strategie aus). Welche relevanten Quellen dabei ausgelassen werden, bleibt intransparent. Es ist fraglich, ob durch diesen Vergleich mit formaler und geprüfter Wissenschaftskommunikation die Erwartungen an Wissenschaftsblogs nicht zu hoch gehängt werden. Vor dem Hintergrund bisheriger Inhaltsanalysen zu Wissenschaftsblogs sind die Kommunikationen dort eher mit informellen Kommunikationsformen zu vergleichen, wie sie etwa auf Konferenzen oder auf den Fluren in Forschungseinrichtungen stattfinden 16 Etwa mit geprüften Fachartikeln (Peer-Review), mit Vorträgen auf Fachtagungen, mit ›populärwissenschaftlichen‹ Kommunikationsformen, mit journalistischen (redaktionell geprüften) Beiträgen, mit künstlerischen Formen oder mit Darstellungen der Boulevard-Presse. WISSENSCHAFTSBLOGS UND WISSENSCHAFTLICHE BLOGOSPHÄRE 265 (vgl. Trench 2012). Inna Kouper (2010, 8), die elf Science Blogs in den USA untersucht hat, charakterisiert Wissenschaftsblogs als »virtual water cooler for graduate students, postdoctoral associates, faculty, and researchers from a variety of disciplines and areas of inquiry«. Ebenso wertet sie die inhaltliche Qualität: »The conversations in science blogs are also of ›water cooler‹ quality. Bloggers alternate explanations and critical commentary with quick personal opinions, re-posting of content from news sources and other blogs, and humorous and sarcastic remarks. Readers respond with similar actions and in addition to topic developments offer quick personal judgments, insulting and sarcastic remarks, and personal details.« (Ebd.) Aktuellere Beobachter/innen stellen ähnliches fest. Puschmann (2014, 9ff.) konstatiert anhand einiger inhaltsanalytischer Studien ein eher geringes sprachliches Komplexitätslevel bei Blogpostings und schließt sich dem Votum von Kouper an (vgl. ebd., 14). Auch Herbold (2015) verweist auf große qualitative Unterschiede: »Texte im Netz [...] unterscheiden sich hinsichtlich Niveau und Komplexität, auch Standardlängen gibt es nicht. Manche Einträge sind kurz und anschaulich, andere lang und ohne Vorwissen kaum lesbar. Meist ist der Tonfall deutlich persönlicher als bei einem wissenschaftlichen Aufsatz, gelegentlich auch mal richtig bissig – je nach Zielgruppe oder Wirkungsabsicht«. Die Motivationen von populären Wissenschaftsbloggern liegen laut Umfragen primär in einer ›Liebe zur Wissenschaft und zum Schreiben‹ (vgl. Puschmann 2014, 6ff.) und meist nicht darin, wissenschaftliche Bildung oder wissenschaftliches Engagement beim Publikum zu erhöhen (vgl. Ranger/Bultitude 2016, 366ff.). Auch betonen die Blogger keine institutionellen, staatlichen oder gesellschaftlichen Interessen (ebd.). Sie wähnen sich in einer Gruppe von Gleichgesinnten, die einfach ›Spaß‹ an Wissenschaft und am Schreiben hat. Deswegen liegt es nahe, dass sie ihr Bloggen primär attraktiv gestalten möchten, anstatt über ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu reflektieren. Laut einer international vergleichenden Studie geben aber 84 Prozent der Wissenschaftsblogger an, dass es ihr Ziel sei, die allgemeine Öffentlichkeit zu erreichen (Pusch mann 2014, 7). Diese ›unübersichtliche‹ Gemengelage erschwert es erheblich, den Einfluss von Wissenschaftsblogs im Feld der Wissenschaftskommunikation einzuschätzen. Sie sollte Wissenschaftsblogger aller Couleur aber eigentlich nicht davon entbinden, ihre jeweiligen Abhängigkeiten, Interessen und Rollen möglichst transparent zu machen und ihr Bloggen möglichst seriös zu gestalten, bei allen Zugeständnissen hinsichtlich zielgruppengerechter und attraktiver Kommunikation. Das Kritische daran ist nicht, dass Blogs qualitativ gesehen der informellen (Wissenschafts-)Kommunikation ähneln, sondern dass informelle Kommunikationen vor dem Internetzeitalter selten Öffentlichkeiten erreichten. Die ANDREAS WENNINGER 266 Grenzen zwischen formeller und informeller und zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation scheinen in diesen Kommunikationsumgebungen zu erodieren (vgl. Shanahan 2011; Ranger/Bultitude 2016). Diese Grenzauflösungen und -verschiebungen kann man als »neue Fenster im Elfenbeinturm« (Nentwich 2010; vgl. auch Mahrt/ Puschmann 2012) positiv werten, aber ebenso als problematisch erachten, zumal diese neuen Öffnungen auch bisher Ausgeschlossenes (z. B. ›pseudowissenschaftliche‹ Themen) in die (öffentliche) Wissenschaftskommunikation hineinziehen (vgl. Wenninger 2012, 102ff.; Riesch/ Mendel 2012). Eine mögliche Gefahr liegt bspw. darin, dass vermeintliche Wissenschaftsgegner in inszenierten ›Schaukämpfen‹ symbolisch exkludiert werden, wobei die geführten Auseinandersetzungen oft ein Mindestmaß an Seriosität vermissen lassen (vgl. Wenninger 2016, 43ff.). Unter den Wissenschaftsbloggern selbst sorgen diese Grenzkämpfe – als spezifische Form von wissenschaftlichem »Blogging Activism« (Mendel/ Riesch 2014, 63) – jedenfalls hin und wieder zu Konflikten und Rauswürfen.17 Für ›nichtwissenschaftliche Dritte‹ dürfte es ohnehin zunehmend schwierig sein, im Netz ›echte Wissenschaft‹ zu erkennen. Literatur ARD/ZDF (2016): »ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. Kern-Ergebnisse«, Projektgruppe ARD/ZDF-Multimedia, 12.10.2016. Online verfügbar: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Onlinestudie_2016/ Kern-Ergebnisse_ARDZDF-Onlinestudie_2016.pdf [geprüft am 22.09.2017]. 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Online verfügbar: http://t3n.de/news/ 17 Beispiele hierzu finden sich unter (die Fokussierung auf das Blogportal ScienceBlogs.de ist dem Datenmaterial aus meinem Dissertationsprojekt geschuldet, in dem dieses Portal genauer untersucht wurde): http://scienceblogs.de/primaklima/2009/07/11/gott-und-scienceblogs/ ; http://scienceblogs.de/alles-was-fliegt/2010/10/29/in-eigener-sache-warum-ich-scienceblogs-verlasse/?all=1 ; http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2008/12/01/ aluminium-adhs/ ; http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2008/08/07/ lob-der-krankheit-scienceflops/?all=1 WISSENSCHAFTSBLOGS UND WISSENSCHAFTLICHE BLOGOSPHÄRE 267 blogs-deutschland-ende-mitnichten-zahlen-infografik-683271/ [geprüft am 22.09.2017]. Herbold, Astrid (2015): »Bloggende Wissenschaftler. Kurz und persönlich«, Der Tagesspiegel, 19.02.2015, online verfügbar: http://www. tagesspiegel.de/wissen/bloggende-wissenschaftler-kurz-und-persoenlich/11396556-all.html [geprüft am 12.08.2017]. 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Waren die PCs vor 30 Jahren groß und klobig und wurden nur zum einfachen Editieren und Abspeichern von Texten verwendet, erlaubt die Technik heute komplizierte Berechnungen innerhalb kürzester Zeit auf Hardware, die jedem zum Teil bereits in Form von Smartphones zur Verfügung steht. Wesentlich für die Wissenschaftskommunikation sind der Austausch und die Analyse von Nachrichten, Informationen oder auch komplexeren Zusammenhängen zum Beispiel aus Netzwerken, wie man sie im Web oder in Social-Media-Plattformen wie Twitter findet. Dies geht sogar so weit, dass Computer mittlerweile selbstständig im Netz agieren und zum Beispiel selbstständig Nachrichten als Bot absenden oder auf Anfragen bei Servicedienstleistern vollautomatisch in Form von Chatbots reagieren. Der Computer ist zur Drehscheibe der Kommunikation geworden. Die meisten Computer sind im Zeitalter des Internets miteinander vernetzt und können miteinander Informationen austauschen. Nur einige wenige Suchmaschinen vermitteln heute den Zugang zu den Informationen beziehungsweise zum Wissen der Welt, wobei deren Algorithmen zum Ranking und zur Bewertung der Ergebnisse und damit zur Auffindbarkeit von Informationen nicht bekannt sind. Diese Firmen sind in der Lage und haben die Ressourcen, die gesuchte Information in der Masse der Daten im Web zu finden. Der Computer wandelt sich damit vom einfachen Hilfsgerät wie der Schreibmaschine zum wichtigen und zentralen Akteur im World Wide Web, der nicht nur die Daten und Informationen speichert, sondern auch den Zugang zum Wissen durch die clevere Verarbeitung und Aufbereitung ermöglicht. Die Menge an Information und Akteuren im Internet steigt rasant. In diesem Spannungsfeld fällt es immer schwerer, reale Nachrichten von künstlich erzeugten zu unterscheiden. ANDREAS HOTHO 270 Dabei spielt es keine Rolle, ob es menschengemachte Fake News sind oder Bots per Algorithmus Nachrichten im Netz verbreiten. Die Masse an Informationen, die in kürzester Zeit zu verarbeiten ist, kann man als Nutzer nicht mehr überschauen und bewerten. Dem Menschen fällt es zunehmend schwerer, wesentliche von unwesentlichen Informationen bei dieser Überfrachtung zu trennen. Der Mensch wird sich Algorithmen der Künstlichen Intelligenz1 (KI) bedienen müssen, um auch in Zukunft effizient mit Daten, Informationen und Wissen umgehen zu können. Die neuen Möglichkeiten haben auch Einfluss auf die Forschung und die Kommunikation von Forschungsergebnissen. Die Revolution beim Zugang zum Rohstoff Wissen wurde ausgelöst durch die technischen Entwicklungen im Internet und der Informationstechnologie: immer mehr Speicher und immer schnellere Rechner kombiniert mit besseren Algorithmen. Auch die Rolle der Wissenschaftskommunikation hat sich dadurch völlig verändert. Heute kann jeder Anbieter von Information für alle anderen im Internet sein. Damit ist man in der Lage, schnell verschiedenste Quellen für Informationen miteinander zu vergleichen und abzuwägen. Dieser Vorteil kann verloren gehen, wenn zu viele Informationen aus Quellen unterschiedlichster Qualität stammen. Die Kontrolle und die Prüfung der Verlässlichkeit der zur Verfügung gestellten Informationen fallen nicht nur immer schwerer, sondern können durch gezielte und nicht leicht nachvollziehbare Manipulationen im Internet fast unmöglich gemacht werden. In diesem Spannungsfeld veröffentlichen Wissenschaftler ihre Ergebnisse im Internet und vermarkten und diskutieren sie im Social Web. Allerdings kann dies auch jeder Nichtwissenschaftler tun. Das Social Web hat die Grenzen zwischen Informationsanbieter und Konsument aufgelöst und beeinflusst auf diese Weise die Aufgaben der Wissenschaftskommunikation. Der Zugriff auf wissenschaftliche Ergebnisse erfolgt immer seltener über Bibliotheken und in kontrollierter Form. Wissenschaftler und Soziale Netzwerke der Wissenschaftler stellen »graue« Literatur zur Verfügung, und die Glaubwürdigkeit und Korrektheit der Ergebnisse sind nicht immer einfach zu bestimmen. Ergebnisse müssen nicht mehr nur für ein anderes Publikum aufbereitet und deren Konsequenzen hinterfragt werden, sondern immer häufiger muss die Qualität der Ergebnisse kritisch beleuchtet und kontrolliert werden, da diese zunehmend ohne vorherige Prüfung (etwa durch ein Peer Review) an die Öffentlichkeit gelangen. Die Entwicklung der Technik im Bereich der KI ist so weit fortgeschritten, dass nicht nur der Zugang zu den Informationen durch Com- 1 KI beschreibt die Idee, dass Maschinen in der Lage sind zu lernen das menschliche Verhalten nachzustellen und so eine künstliche Intelligenz entsteht. Auf eine Definition sei an dieser Stelle verzichtet. Einen Überblick findet man in z. B. in Russell und Norvig (2004). SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 271 puter erfolgt, sondern die Computer mittels Machine Learning (Teil der KI, Details siehe unten) auf immer mehr Informationen Zugriff haben und diese auch verarbeiten und verknüpfen können. Heute können Computer den Inhalt von Bildern erkennen und gesprochene Sprache in Text übersetzen und diesen soweit analysieren, dass wesentliche Themen erkannt werden. Die enthaltenen Fakten können vorhandenen Wissensbasen wie Googles Knowledge Graphen2 hinzugefügt und mit Informationen des Social Web kombiniert werden. Im Ergebnis beeinflussen diese Informationsstücke den Zugang von Nutzern, Journalisten und Wissenschaftlern zu weiteren Informationen und Wissen im Netz. Dies hat wiederum Einfluss auf die Wissenschaftskommunikation und führt zu neuen Herausforderungen, da – ebenso wie in allen anderen Bereichen des World Wide Web – sowohl der Informationszugang als auch die Information selbst und damit das Wissen manipuliert werden können, ohne dass dies leicht zu entdecken wäre. Der freie Zugang zu Informationen ist aber ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft, der in Zeiten von Big Data (Definition siehe unten), immer weiter steigender Informationsmenge und einem durch Algorithmen kontrollierten Zugriff auf die Information und dem damit verbundenen Wissen nicht mehr garantiert werden kann beziehungsweise immer schwerer und aufwendiger wird. Dieser Artikel diskutiert ausgehend von den technischen Möglichkeiten aus Sicht der Informatik und hier im Speziellen der KI, dem Maschine Learning (ML) und dem Sozialen Web die Auswirkungen der Technik auf die Wissenschaftskommunikation und zeigt mögliche Probleme und Chancen auf. Internet zum Informationsaustausch Tim Berners Lee, der Erfinder und Begründer des World Wide Web (siehe Berners-Lee/Fischetti 1999) hatte 1989 wie alle Wissenschaftler das Problem, die Forschungsergebnisse und damit Daten, Informationen und Wissen effizient mit Kollegen auszutauschen. Mit dem Hypertextprotokoll stellte er einen Weg vor, der einen leichteren Austausch von Informationen erlaubte. Seit 2004 befindet sich das bis dahin relativ statische Internet im Umbruch und ergänzt die technische Vernetzung mit kollaborativen Elementen. Es werden neue Dienste angeboten, und der Nutzer erhält bis dahin unbekannte Interaktionsmöglichkeiten. Diese 2 Wissen ist für Maschinen nur sehr schwer zu verarbeiten. Im Knowlede Graph werden Wissensbruchstücke in maschinenverarbeitbarer Form abgelegt und können so effizient z.B. zur Beantwortung von Fragen aber auch in Suchanfragen eingebaut werden, https://googleblog.blogspot.de/2012/05/ introducing-knowledge-graph-things-not.html (14.8.2017). ANDREAS HOTHO 272 neue Generation des WWW ist unter dem Begriff »Web 2.0« bekannt, wobei die 2.0 die zweite Generation des Netzes anzeigt. Die Dienste erlauben jedem Nutzer, auf einfache Weise Informationen anzubieten und zu konsumieren. Seit 2010 wird der Begriff Web 2.0 durch den Begriff »Social Media« verdrängt. Letzteres umfasst in seiner Breite alle Dienste und die Interaktionen im »Neuen Web«, ohne dass der Nutzer das Gefühl hat, er müsste eine entsprechende Software der Version 2.0 installieren.3 Dabei verbindet der Begriff »Social Media« die sozialen Interaktionen des neuen Web mit den Ideen des Informationsaustausches, der auch klassischen Medien zugrunde liegt. Einen Überblick über die Social Media Dienste gibt Abbildung 1 und zeigt dabei die Bandbreite an Diensten, die sich seit dem Start entwickelt haben. Hierbei findet man neben mittlerweile klassischen Web 2.0 Systemen wie Wikis, Blogs, Bookmarking und Frage/Antwort Systemen, auch Systeme für Bilder, Musik, Radio, Videos, Dokumente, Spiele, Clouds im Allgemeinen, Crowdsourcing und vieles mehr. Eine besondere Rolle und Beachtung haben in den letzten Jahren die Sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook erfahren. Die Vielfalt der Informationsverbreitung und Konsumierung umfasst mittlerweile jeden Teil des Webs – und durch Smartphones getrieben auch immer häufiger alle Teile des täglichen Lebens. Für Wissenschaftler stehen eine Reihe von Social Media Werkzeugen im Web bereit. Das beginnt mit Systemen zum gemeinsamen Schreiben von Aufsätzen in Google Docs oder ShareLatex (letzteres für die Naturwissenschaften), geht über den Austausch von Folien durch zum Beispiel Slideshare bis hin zu Dokumentenservern und Cloudspeichern wie arXiv.org. Spezielle Netze für Forscher wie ResearchGate oder academia.edu, aber auch die Seiten der Verlage erlauben mittlerweile einen einfachen Zugriff für jedermann auf die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler und stellen damit für Wissenschaftsjournalisten eine wichtige Quelle dar. Verlage beschränken allerdings den Zugriff, um Geld zu verdienen, und so hat man nur auf einen Teil oder Ausschnitt der Volltexte Zugriff und muss für den Rest bezahlen. Häufig nutzen Wissenschaftler mehr oder weniger öffentliche Tools zur Verwaltung ihrer wissenschaftlichen Literatur, zum Beispiel Mendely, CiteUlike oder BibSonomy, die jedem Einblick in die aktuellen Forschungsinteressen erlauben. Wissenschaftler und Journalisten können so einfach wissenschaftliche Aufsätze im Netz suchen, zugreifen, verwalten und mit anderen teilen und diskutieren. Der öffentliche Zugriff auf die Forschungsergebnisse wird durch den erhöhten Druck der Forschungsorganisationen inzwischen besser, da die Ergebnisse immer häufiger als Open Access veröffentlicht werden und so jedem zur Verfügung stehen. 3 http://www.henningschuerig.de/2010/social-media-statt-web-20/ (14.8.2017) SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 273 Abbildung 1: Social Media Prisma4 Der neue Rohstoff: Daten Insbesondere durch Social Media Systeme gibt es immer mehr Daten im Netz, auf die im Grunde jeder zugreifen kann. Dass jeder Daten ins Netz stellen kann, ändert nichts an den zwei zentralen Problemen – beziehungsweise verschärft diese sogar noch: Erstens, wie finde ich Informationen? Und zweitens, wie vertrauenswürdig sind diese? Zu Erstens: Heute nutzen normalerweise alle eine der großen Suchmaschinen (Google, Bing, Yandex, Baidu, etc.), um eine gewünschte Information zu finden. Obwohl die Suchmaschinen einen sehr umfangreichen Index haben, wird ein großer Teil der Daten im Netz von ihnen nicht erfasst. Der verdeckte Teil der Daten im Web ist auch bekannt unter dem Begriff Deep Web (Bergmann 2001). Auf diesen Teil hat man nur über spezielle Seiten Zugriff, wie zum Beispiel Web Mail oder Online Banking. Die Menge an Daten, die Suchmaschinen erfassen und auf die man über diese zugreifen kann, ist schon sehr groß, aber die eigentlich auf der Welt vorhandene Datenmenge ist noch deutlich größer, was das Finden von Informationen sehr schwer macht. 4 http://ethority.de/social-media-prisma/ (14.8.2017) ANDREAS HOTHO 274 Zu Zweitens: Hat man Informationen gefunden, stellt sich die Frage, wie man die Verlässlichkeit beziehungsweise Korrektheit prüft. Diese Aufgabe kam und kommt eigentlich den klassischen Medien zu, die aber durch die Geschwindigkeit und die enorme Menge der Daten des Webs nicht immer die Möglichkeit haben, rechtzeitig alle Informationen zu prüfen. Auch hat man nicht immer Zugriff auf alle Informationen, wie etwa jene im Deep Web. Noch komplizierter wird es, wenn die Überprüfung der Informationen nur noch durch wenige hoch qualifizierte Wissenschaftler möglich ist, aber jeder im Grunde Behauptungen und Ergebnisse ungeprüft und augenscheinlich seriös ins Netz stellen kann (weitere Überlegungen zu diesem Thema findet man im Verlauf dieses Aufsatzes). Um das Wachstum der Datenmenge in den letzten Jahren zu verdeutlichen, soll der Bücherbestand der Library of Congress als Vergleich dienen. 2011 schrieb Ashenfelder5 im Blog der Library of Congress über eine Studie von Lyman und Varian von 1999 (bei der es um eine Abschätzung des Datenwachstums pro Jahr ging), dass die Library of Congress ca. 26 Mill. Bücher hatte. Scannt und komprimiert man jedes Buch, braucht man ca. 8 MB pro Buch und ca. 200 TB Platz für die Bilder. Geht es nur um den Text, hilft folgende Überlegung aus den Kommentaren des Blogs: Ausgehend von 26 Mill. Büchern mit ca. 500 Seiten pro Buch und 2000 Buchstaben pro Seite erhält man bei 1 Byte pro Buchstabe ca. 26 TB Daten. In einem späteren Blogeintrag von 20126 werden die Zahlen von 2009 diskutiert. Man schätzt, dass sich alle Daten der Library of Congress auf ca. 3 PB7 belaufen, inklusive Foto, Film und Musikmaterial der Bibliothek. Im gleichen Zeitraum umfasste Facebooks Fotosammlung ca. 140 Mrd. Fotos und war damit mehr als 10.000-mal größer als die Library of Congress. Und noch eine Zahl macht die Menge der Daten transparent: Alle Nachrichten, die bis 2011 auf Twitter geschrieben wurden, umfassen ca. 20 TB, liegen mit ihrem Datenvolumen also auch in der Größenordnung der Library of Congress.8 Andrei Broder, Informatiker bei Google, nannte in seiner Keynote auf der WWW Conference 2015 einige Zahlen, die klar machen, welche Datenmengen Google täglich verarbeitet.9 Google sammelt ca. 20 Mrd. Seiten pro Tag. Das ist ca. 8000-mal mehr, als Altavista 1995 verarbeitete. Der Index ist 100 PB groß und enthält ca. 60 Billionen Web-Adressen. 5 http://blogs.loc.gov/thesignal/2011/07/transferring-libraries-of-congress-of-data/ (14.8.2017) 6 http://blogs.loc.gov/thesignal/2012/03/how-many-libraries-of-congress-does-it-take/ (14.8.2017) 7 ein Petabyte (1PB) sind 1024 Terabyte 8 http://www.pcmag.com/article2/0,2817,2382347,00.asp (14.8.2017) 9 https: / / twitter.com/search?q=%23www2015%20keynote%20 broder&src=typd (14.8.2017) und https://twitter.com/miha_jlo/ SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 275 Interessant ist auch die Anzahl der Suchanfragen mit ca. 3 Mrd. pro Tag, wobei aber ca. 15 Prozent der täglichen Anfragen noch nie zuvor gestellt wurden. Google umfasst dabei nur einen kleinen Bruchteil der gesamten auf ca. 43 TB/s geschätzten Internetkommunikation,10 womit unmittelbar klar wird, dass die Menge der Daten, die heute täglich durch das Internet fließen, ein Vielfaches des in der Library of Congress gespeicherten Wissens umfasst. Es sei hier noch angemerkt, dass die Bücher in der Library of Congress dort schon sehr lange stehen und auch noch stehen werden. Viele der Daten im Netz sind morgen schon gelöscht und für immer verloren. Die Menschheit vergisst und verliert damit wichtige Teile ihrer digitalen Geschichte. Bei Alltagsnachrichten mag das in Ordnung sein, aber ein Blog eines Wissenschaftlers kann durchaus wertvolle Informationen für die Nachwelt enthalten. Ausnahme ist das Internet Archive,11 das aber auch nicht alle Informationen erfassen kann. Big Data erhält vor dem Hintergrund dieser Zahlen eine ganz neue Dimension, und die enorme Masse der Daten stellt offensichtlich ein Problem für die Verarbeitung allein durch Menschen dar. Selbst mit Hilfsmitteln wie Suchmaschinen und Maschine Learning und Data Mining Methoden ist es schwer, die »Nadel im Heuhaufen« zu finden. In der Masse der Daten kann man alles verstecken. Das Finden der richtigen und wichtigen Informationen gerade für die Wissenschaftsjournalisten und die Prüfung der Glaubwürdigkeit werden in vielen Fällen schwerer – oder erfordern zumindest neue Strategien und Fähigkeiten. Den neuen Rohstoff Daten gibt es in unglaublichen Mengen, aber der Zugriff auf die darin enthaltenen wichtigen Informationen und das Wissen sind nur mit Hilfsmitteln wie dem Computer möglich. Daten, Informationen und Wissen in der Wissenschaftskommunikation Die Definition von Daten, Informationen und Wissen ist umstritten und erfolgt in der Literatur unterschiedlich. In North 2013 sind Daten uninterpretierte Symbole und damit der Rohstoff, der im Kontext zu Information wird. Demnach ist zum Beispiel 23° ein Symbol bestehend aus drei Zeichen, in dem Fall einer Zahl, die eine Temperatur (Kontext) angibt. Das Symbol könnte man so auf der Festplatte eines Computers als »Daten« ablegen. Wenn der Kontext der Messung bekannt ist – »es status/601660434895122433 (14.8.2017) 10 https: / /www.lifewire.com/worldwide-internet-activity-in- realtime-3486148 (14.8.2017) und http://www.internetlivestats.com/one-second/ (14.8.2017) 11 https://archive.org/index.php (14.8.2017) ANDREAS HOTHO 276 handelt sich um eine Temperatur« – wird die 23° zu einer Information, die mit weiterem Wissen über den Ort und die Zeit eine Handlung erlaubt. Zusammengefasst: Viele Informationen und Daten die in einen Zusammenhang gestellt sind und verarbeitet werden durch Menschen, werden zu Wissen und erlauben Handlungen. In diesem Aufsatz reicht diese einfache Definition der Begriffe, um den Übergang von Daten zu Information und Wissen zu verstehen. Am Beispiel der Wissenschaft und der Arbeit von Wissenschaftlern wird der Übergang zwischen Daten, Informationen und (neuem) Wissen im Folgenden weiter verdeutlicht. Was machen Wissenschaftler, wenn sie forschen? Wissenschaftler lesen Aufsätze von Kollegen, bauen sich dadurch einen neuen Kontext und können so Daten und Informationen in dem Kontext und vor ihrem eigenen Hintergrund interpretieren und verarbeiten. Auf diese Weise stellen sie neue Hypothesen oder Theorien auf, die sie dann zum Beispiel anhand von Experimenten validieren und beweisen. Sie sammeln also gezielt neue Daten, um Theorien und Hypothesen zu prüfen, zu verifizieren und zu widerlegen. Die gesammelten Daten werden ausgewertet und im Ergebnis können sie neue Erkenntnisse gewinnen und neues Wissen erzeugen. Diese Ergebnisse veröffentlichen sie in Form von Text, damit ihre Kollegen diese Ergebnisse verstehen und prüfen können. Im Endeffekt integrieren sie das gefundene Wissen in ihr eigenes Wissen. Die meisten Ergebnisse werden noch immer in Form von Artikeln, Aufsätzen oder Büchern aufgeschrieben, um sie mit den Kollegen zu teilen. Diese werden in Bibliotheken, aber immer häufiger in den Portalen der Wissenschaftsverlage, manchmal auch in Blogs veröffentlicht und sind zunehmend durch die Open Access Initiativen auch frei zugänglich im Internet verfügbar. Heute werden nicht nur die Erkenntnisse, sondern immer häufiger auch alle Daten und Zwischenergebnisse im Internet auf Datenmanagementplattformen wie Zenodo12 veröffentlicht. Software und ihre Versionen, die für Experimente verwendet wurden, findet man auf Softwareentwicklungsplattformen wie GitHub.13 Social Media spielen bei der Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse nur eine untergeordnete Rolle. Zwar wird von Konferenzen in Social Media berichtet, Vorträge auf den Konferenzen werden aufgezeichnet und im Web zur Verfügung gestellt. So wird indirekt über Social Media auf aktuelle Arbeiten verwiesen. Auch gibt es wissenschaftliche Blogs, die Ergebnisse präsentieren. Auf Slideshare findet man Folien von Vorträgen, und YouTube oder spezielle Plattformen wie VideoLectu- 12 https://zenodo.org (14.8.2017) 13 https://github.com (14.8.2017) SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 277 res14 enthalten wissenschaftliche Vorträge. Die Lehre erfolgt auch über MOOCs (Massive Open Online Course) und ist so für jeden nutzbar. Profile von Wissenschaftlern findet man auf typischen Jobplattformen wie LinkedIn aber auch auf ResearchGate oder Mendely. Letztere dienen eher dem Sammeln und dem Austausch von wissenschaftlichen Arbeiten. Aber wenngleich die Bedeutung von Social Media für die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren zugenommen hat, so nutzt die Wissenschaft Social Media wenig für die Präsentation der Ergebnisse oder für die Lehre, die meist als klassischer Unterricht abgehalten wird. Gleichwohl hat sich auch ein eigenes Ökosystem von Social Media Tools im Forschungsumfeld etabliert. Tabelle 1 gibt einen Eindruck von Systemen, die man im Allgemeinen im Bereich Social Media nutzt (rechte Spalte) und für die entsprechende Kategorie eine Liste von Systemen, die in der Forschung genutzt werden (linke Spalte), wobei die Listen nicht komplett sind und Wissenschaftler auch allgemeine Tools nutzen. Wissenschaft Allgemein • Google Scholar • Scholarpedia • Reviewsysteme • Google • Wikipedia • Foren • Research Gate • Academia • BibSonomy • CiteUlike • Mendeley • Facebook • Twitter • LinkedIn • Google+ • LibraryThing • Sharelatex • arXiv • Reddit • Math Stack Exchange • GoogleDoc • DropBox • WerWeissWas • Stack Exchange Der erste Teil der Tabelle zielt primär auf die Informationssuche und -speicherung. Im zweiten Teil geht es vor allem um Soziale Netzwerke und die Counterparts in der Wissenschaft und wie man die Kommunikation und Organisation unterstützt. Der letzte Teil zielt auf die Erstellung von Dokumenten und die Klärung von Fragen durch die Social Web Gemeinschaft. Man sieht hier eindrucksvoll, dass es mittlerweile eine Reihe von Social Media Tools für die Wissenschaft gibt, die auch die Arbeit der Wissenschaftler deutlich verbessert. 14 http://videolectures.net (14.8.2017) Tabelle I: Social Media Tools für die Forschung ANDREAS HOTHO 278 Informationsfluss im Internet Ob nun Social Media oder klassische Webseiten: Basis des Informationsaustausches ist das Internet. Die von den Militärs im 20. Jahrhundert entwickelte technische Basis des Internets ist grundsätzlich dezentral angelegt und soll auch funktionieren, wenn große Teile des Netzes ausfallen. Es gibt also keine Zentrale, die »das Internet ist« und dieses steuert, sondern jeder der Rechner, der mit dem Internet verbunden ist, übernimmt einen Teil der Aufgaben und stellt damit auch das Internet dar. Die technischen Protokolle wie zum Beispiel TCP/IP stellen die Basis für die Verbindung zwischen Rechnern im Netz her und transportieren die Daten. Darauf bauen die Anwendungen wie Email, Messenger, Telefon, Skype, (eigene) Webseiten, aber auch alle Social Media Plattformen wie Twitter, Facebook, YouTube und alle anderen genannten auf. Kennt man die IP-Adresse und den Dienst, zum Beispiel eine Webseite, kann man auf die Seite und damit auf die Informationen zugreifen. Auch der Email-Dienst ist dezentral organisiert und jeder könnte sich einen eigenen Mailserver aufsetzen und betreiben. Auch Messenger-Dienste sind nicht auf zentrale Server angewiesen. Skype war einer der ersten kommerziellen, zumindest anfangs Peer2Peer basierten Messenger. Eine Kontrolle des Informationsflusses im Netz ist auf Grund seiner Struktur grundsätzlich sehr schwer und nur mit sehr hohem Aufwand an zentraler Stelle umzusetzen. Das ist und war eine Designentscheidung bei der Schaffung des Internets. In der Konsequenz erklärt dies, warum jeder Informationen, aber auch Dienste ins Netz stellen kann, und warum man Suchmaschinen braucht, um den Zugriff zu organisieren. Zugriff und Kontrolle von wissenschaftlichen Ergebnissen Wie aber findet man die im Netz grundsätzlich vorhandenen Daten, Informationen und Dienste der Wissenschaftler? Wenn man den Zugriffspunkt nicht sowieso schon kennt, benötigt man eine Suchmaschine, in der man nach Servern, Diensten, Dokumenten, also nach der Information sucht, um dann darauf zugreifen zu können. Auch andere Dienste wie zum Beispiel das durch die Community gepflegte und gerade geschlossene DMoz15 vermitteln den Zugang zu Informationen. Ohne diese Vermittler, die ständig das Internet mit Crawlern durchsuchen, die Informationen aktualisieren und damit den Zugriff auf aktuellste Informationen ermöglichen, wird es schwer, im Internet auf die grundsätzlich frei verfügbaren Informationen zuzugreifen. 15 http://www.dmoz.org (14.8.2017) SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 279 Auch wenn die Informationen auf Webseiten dezentral sind und jeder auf diese zugreifen kann, hat man ohne eine Suchmaschine wie Google, Bing oder Yahoo also keine Chance, die gesuchte Information zu finden. Durch die unglaubliche Masse an Informationen ist es zudem nicht einfach möglich, sich eine Kopie des schnell verändernden Internets anzulegen. Das trifft leider auch auf wissenschaftliche Arbeiten und Ergebnisse zu. Zwar kann man hoffen, dass sich die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse noch bei den zentralen Wissenschaftsverlagen befinden und so die Situation für Wissenschaftler besser ist. Das gilt aber nur, wenn Bibliotheken auch Kopien aller Veröffentlichungen hätten, was längst nicht mehr für alle Veröffentlichungen zutrifft. Nicht alle Arbeiten sind verfügbar und frei zugänglich, obwohl sie publiziert wurden. Früher wurden Bücher und Zeitschriften durch die Bibliotheken gekauft und auf Dauer bereitgestellt.16 Heute erwerben die Bibliotheken Lizenzen für den Zugriff auf die eBooks der Verlage und vermitteln auf diesem Wege einen temporären Zugriff auf die Veröffentlichung. Meist dürfen die Bibliotheken aber keine eigene Kopie der Artikel speichern. Auch die Artikel aus dem Netz können sie nicht einfach so zur Verfügung stellen oder archivieren. Der Zugriff auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse wird immer mehr durch die Verlagsindustrie kontrolliert, die damit versucht, so lange wie möglich Geld zu verdienen. Die Bibliotheken können den Forschern also immer seltener den dauerhaften Zugang zu den Ergebnissen der Kollegen gewähren. Auch sind sie nicht in der Lage, ihrem Archivierungsauftrag nachzukommen und die neusten Veröffentlichungen für die Nachwelt aufzubewahren. Damit wird ein zentraler Eckpfeiler der Wissenschaft angegriffen. Die wissenschaftliche Information und der Zugang zu dieser wird immer mehr von Verlagen und Suchmaschinen kontrolliert und nicht mehr von Wissenschaftlern, Bibliotheken und Universitäten. Eine Information im Netz, die nicht auf den vorderen Plätzen in Google erscheint, wird nur mit viel Aufwand gefunden. Dies gilt auch für die Wissenschaft, wobei dieser Effekt durch die persönlichen Treffen auf Konferenzen und Workshop gemildert wird. Auch gibt es keinen Grund, warum die Wissenschaft für die Bereitstellung der eigenen Ergebnisse überhaupt noch Geld zahlen muss. Frei zugängliche Tools wie Google Scholar oder ResearchGate zeigen den Weg, machen aber auch wieder abhängig. Bezahlt wird nicht in Form von Geld, sondern durch die Nutzungsdaten. Die Anbieter dieser Tools haben natürlich die Kontrolle über die Informationen und Ergebnisse und auch einen sehr leichten Zugang für die eigene Nutzung. 16 Anmerkung der Herausgeber: Auf der anderen Seite sei allerdings ergänzend darauf hingewiesen, dass der Zugriff auf bestimmte Werke trotz des Systems von Fernleihe o.Ä. zwischen den verschiedenen Bibliotheken mitunter umständlich und aufwändig war. ANDREAS HOTHO 280 Qualitätssicherung: Reputation und Glaubwürdigkeit Die Wissenschaft lebt von der Glaubwürdigkeit und ihrer internen Kontrolle. Wissenschaftler haben in der Gesellschaft eine hohe Reputation, und wissenschaftliche Erkenntnisse sind insbesondere in Deutschland entsprechend anerkannt. Woher kommt dieses hohe Ansehen? Der wissenschaftliche Qualitätssicherungsprozess ist entsprechend ausgefeilt und versucht, mögliche Fehler frühzeitig und effektiv zu finden und zu verhindern. Erkenntnisse sind so zu präsentieren, dass Kollegen diese nachvollziehen und zugehörige Experimente wiederholen können. Im wissenschaftlichen Diskurs setzen sich die Wissenschaftler mit den Ergebnissen der Kollegen auseinander und entwickeln diese weiter. In der Praxis bedeutet dies im Idealfall, dass nach dem Schreiben eines wissenschaftlichen Aufsatzes dieser einen Begutachtungsprozess durchläuft. Nur Aufsätze, deren Ergebnisse laut Gutachter richtig und wichtig sind und die die wissenschaftlichen Erkenntnisse angemessen präsentieren, werden in den entsprechenden Zeitschriften veröffentlicht. Je renommierter die Zeitschrift, desto härter und zum Teil auch länger ist der Prüfungsprozess. Aber auch nach der Veröffentlichung erfahren die Ergebnisse stetig eine Weiterentwicklung und Kontrolle durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Sollten sich Ergebnisse als falsch herausstellen, dann werden sie idealerweise revidiert und korrigiert. Dies ist nicht ungewöhnlich, sondern der normale Fortschritt. In der heutigen sehr schnelllebigen Zeit dauert der Qualitätssicherungsprozess in manchen Forschungsfeldern zum Teil viel zu lange, und mancher Wissenschaftler ist der Meinung, dass es auch ausreicht, wenn man erst nach der Veröffentlichung die Qualität der Arbeit prüft. Daher werden immer häufiger Ergebnisse vorab auf Preprint-Servern wie ar- Xiv veröffentlicht und erst dann der wissenschaftlichen Qualitätssicherung unterzogen. Manche Aufsätze werden nie geprüft, unterscheiden sich aber kaum von den geprüften Arbeiten. Trotzdem wird auch bei solchen Arbeiten die gleiche Qualität und Reputation projiziert. Dies kann fatale Folgen haben, da die Chance steigt, dass immer mehr Aufsätze mit Fehlern veröffentlicht werden. Darunter würde die Reputation der Wissenschaft leiden und das gesamte System gefährdet. Daten, Text und Wissen generieren Die bisherigen Mechanismen der wissenschaftlichen Qualitätssicherung lassen sich durch die direkte elektronische Verbreitung von Informationen beziehungsweise Veröffentlichungen immer weiter aufweichen. Das digitale Zeitalter erlaubt sogar die Generierung wissenschaftlicher Informationen selbst bis hin zur Manipulation und automatischen Pro- SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 281 duktion von »Fake Science«. Damit könnte man sich nicht nur effektiv eine Reputation aufbauen, die nicht gegeben ist. Vielmehr würde man dem bisherigen Wissenschaftssystem auch nachhaltig Schaden zufügen, da fake und reale Erkenntnisse nur mit erheblichem Aufwand voneinander zu unterscheiden wären und so die Qualitätssicherung weiter untergraben werden würde. Im Grunde benötigt man zur automatischen Erstellung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung lediglich Primärdaten für die wissenschaftliche Arbeit, Methoden zur automatischen Auswertung und Verfahren zur Generierung von Veröffentlichungen, die zumindest plausibel aussehen und eine erste Prüfung überstehen. Social Media stellt schon heute die dafür notwendigen Werkzeuge bereit. Kombiniert man dies mit Methoden der automatischen Textverarbeitung, so kann man erstaunliche Ergebnisse erzielen. Daten der Crowd Die Erhebung von Daten für wissenschaftliche Arbeiten ist aufwendig und teuer. Um die Kosten zu reduzieren, greifen auch Wissenschaftler für die Datenbeschaffung immer häufiger auf Nutzer im Netz zurück. Manchmal sind auch die Nutzer selbst die Datenquelle und werden entsprechend angefragt. Für diese Aufgaben gibt es verschiedene Varianten im Social Web, wie zum Beispiel Crowdsourcing, häufig in Form von bezahlten Minijobs, kollaborative Social Media Plattformen wie Bookmarking-Systeme zum Sammeln von Favoriten, Büchern oder Bildern und Wikis wie zum Beispiel Wikipedia bis hin zu echten Citizen Science Projekten, bei denen zum Beispiel Freiwillige der Wissenschaft nach festgelegten Standards beim Auswerten von Sternenbildern17 des Hubble Teleskops helfen. Andere Citizen Science Projekte unterstützen das Sammeln von Umweltdaten, wie zum Beispiel die Feinstaubbelastung oder die Belastung mit Rußpartikeln durch günstige Hardware, zum Beispiel Everyaware18 und geben den Bürgern damit Einblick in die wirkliche Belastung der Luft mit Schadstoffen. Gleichzeitig erhalten Wissenschaftler nicht nur Forschungsdaten, sondern auch Feedback und Eindrücke der Bürger. Dabei haben sowohl die Bürger als auch die Wissenschaftler gemeinsame Ziele und kooperieren in solchen Projekten. Diese Kooperation zwischen Bürgern, Nutzern und Wissenschaftlern ist sehr nützlich und hilft der Wissenschaft bei der Lösung kompli- 17 https://www.galaxyzoo.org (14.8.2017) 18 http://www.everyaware.eu (14.8.2017); [Anmerkung der Herausgeber: für eine Übersicht von Citizen Science Projekten in Deutschland siehe www.buergerschaffenwissen.de] ANDREAS HOTHO 282 zierter Fragestellungen. Neben Erfolgen wie Wikipedia oder reCAPT- CHA,19 wo viele nützliche Informationen zusammengetragen werden konnten, kann sich auch die Crowd irren oder missbraucht werden. Risiken reichen von der effektiven Verteilung von Spamaufgaben durch Crowdsourcing-Plattformen bis hin zum verteilten Textschreiben und zur Manipulation von Bewertungen in Online-Shops. Solche Crowdsourcingansätze finden auch in der Wissenschaft Anwendung, so dass man sich nicht nur Abschlussarbeiten schreiben lassen kann, sondern auch Onlinebewertungen von Arbeiten entsprechend einfach manipuliert werden können. Daten maschinell erzeugen Neben der manuellen Gewinnung von Daten durch die Crowd, deren Qualität bestimmt nicht immer wissenschaftlichen Standards genügt, besteht auch die Möglichkeit, zum Beispiel Text automatisch zu generieren. Dazu gibt es im Web eine Reihe von Tools, wie zum Beispiel Sci- Gen. 20 Dieses Tool wurde ursprünglich erstellt, um die Glaubwürdigkeit und Qualität des wissenschaftlichen Begutachtungsprozesses kritisch zu hinterfragen. Nach Auswahl eines Themas und der Autorennamen generiert die Seite im Grunde Arbeiten, deren Texte zwar der typischen englischen Grammatik genügen, wissenschaftliche Begriffe enthalten und auch so aussehen wie ein wissenschaftlicher Aufsatz, sonst aber keinen sinnvollen Inhalt aufweisen. Es gibt eine ganze Reihe von Webseiten im Internet, die Zufallstext (Random Text) generieren können. Allerdings wird dem Leser relativ schnell klar, dass der Text keinen Sinn enthält. Besser – aber immer noch entsprechend inhaltsfrei – sind gelernte Textgeneratoren, die Texte eines bestimmten Stils wie zum Beispiel Gedichte (Barbieri et al. 2012) generieren können.21 Dabei können Texte heute schon themenspezifisch sein und für Frage-und-Antwort-Aufgaben die Antworten generiert werden. Die aktuelle Forschung ist in der Lage, die Antworten passend zum Thema und konsistent zu generieren (Li et al. 2016). Noch gelingt es nicht, Text in hoher Qualität automatisch zu erstellen. Für einfache Aufgaben kommen aber schon heute Bots, die Text erzeugen, zum Einsatz, und falls man nicht aufpasst, kann ein wissen- 19 reCAPTCHA prüft anhand von für Menschen einfachen und für Maschinen schweren Aufgaben, ob der Nutzer eines Systems ein Mensch oder eine Maschine ist https://www.google.com/recaptcha/intro/invisible.html (14.8.2017) 20 https://pdos.csail.mit.edu/archive/scigen/ (14.8.2017) 21 Beispiele mit Neuronalen Netzen findet man unter: http://karpathy.github. io/2015/05/21/rnn-effectiveness/ (14.8.2017) SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 283 schaftlicher Fake-Aufsatz auch ohne reale Ergebnisse veröffentlicht werden. Der Fortschritt im Bereich des Maschine Learning und der Text Analyse, vielleicht auch in Kombination mit der Crowd, könnte hier in naher Zukunft auch zu automatisch erzeugten und qualitativ scheinbar besseren Aufsätzen führen. Diese wären dann nicht mehr ganz so einfach von richtigen Aufsätzen zu unterscheiden und würden für die wissenschaftliche Qualitätssicherung ein Problem darstellen. Chancen und Risiken von Social Media und automatischer Textanalyse Welche Konsequenz hat ein Veröffentlichen ohne Qualitätssicherung auf die Ergebnisse und deren Nutzbarkeit sowie den Missbrauch der Reputation durch Nichtwissenschaftler? Wie leicht ist es, einen Artikel, der nur anscheinend ein wissenschaftlicher Artikel ist, zu veröffentlichen? Heute kann jeder leicht im Internet eine Webseite erstellen. Immer häufiger haben Wissenschaftler neben der Homepage an der Universität auch eine eigene Webseite außerhalb der Universität und bei Wissenschaftsportalen wie ResearchGate, auf der sie wissenschaftliche Ergebnisse präsentieren. Da fällt eine Seite oder ein Profil mit falschen Informationen nicht auf, und man erlangt scheinbar die gleiche Reputation wie ein richtiger Wissenschaftler. Social-Media-Systeme machen also das Erstellen der angeblichen Wissenschaftlerhomepage oder eines Fakeprofiles leicht. Wie leicht ist es aber, mit den Mitteln des Machine Learning gleich einen ganzen wissenschaftlichen Aufsatz zu generieren? Die meisten Schritte beim Schreiben einer Publikation finden bereits mit umfangreicher digitaler Unterstützung statt. Der folgende exemplarische Ablauf zur Erstellung einer Publikation illustriert den Einsatz von Social Media Tools in diesem Prozess: Nachdem sich der Wissenschaftler das Thema gesucht hat, findet man die Informationen zu verwandten Arbeiten im Internet bei Diensten wie ResearchGate, BibSonomy, Google Scholar oder auch bei den Webauftritten der Wissenschaftsverlage. Die Metadaten für die Literaturliste kann man direkt als BibTeX-File oder schon in formatierter Form bekommen. Das BibTeX verwendet man in Tools wie ShareLatex, bei denen man gemeinsam mit Kollegen am Aufsatz schreiben kann. Beim Schreiben, also dem eigentlichen Verfassen des Aufsatzes, werden nicht nur die Ergebnisse der Experimente vorgestellt, sondern man nutzt auch die Referenzen, um zu erklären, welcher Teil der Arbeit neu ist und wie man auf vorherigen Arbeiten aufbaut. Hat man die Arbeit fertig gestellt, kann das PDF nach Erstellen eines Accounts bei arXiv hochgeladen werden. Damit wäre der Aufsatz ANDREAS HOTHO 284 veröffentlicht. Dieser gesamte Prozess der Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten wird also durch Tools im Netz unterstützt. Solche Werkzeuge und Tools können allerdings von Forschern und Nichtforschern gleichermaßen genutzt werden und vereinfachen somit natürlich auch die Erstellung von Aufsätzen ohne tatsächlichen wissenschaftlichen Mehrwert. Der größte Aufwand beim Erstellen einer Veröffentlichung ist noch immer das eigentliche Schreiben des Aufsatzes. Auch dafür gibt es mittlerweile Unterstützung, die ebenfalls missbraucht werden kann. Neben einfachen Strategien wie dem Kopieren von Textteilen aus vielen unterschiedlichen Aufsätzen von anderen Autoren kann man sich Text von der Crowd im Internet schreiben lassen. Noch einfacher geht es mittels Tools wie ScienceGen (oder SciGen, siehe oben), indem man sich die Aufsätze mit Hilfe von Natural Language Processing Tools generiert. Die mit einfachen Textgenerationsmodellen erzeugten und in Form gebrachten Texte erwecken zumindest für den Laien den Eindruck, dass es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt. Reichert man einen solchen Artikel noch mit einer Reihe von Fremdworten einer Disziplin an, beziehungsweise schreibt man unter Nutzung der genannten Tools gezielt einen solchen pseudowissenschaftlichen Artikel, so hat der Laie keine Chance mehr, die Qualität des Inhaltes einzuschätzen. Dies würde einem Experten beim Lesen der Arbeit sofort auffallen. Allerdings muss der Experte auch die Zeit haben, den Aufsatz zu prüfen, was leider immer schwerer wird. So entstehen immer mehr ungeprüfte Arbeiten, die sich auch noch gegenseitig zitieren und die schlussendlich auf den Profilen der vermeintlichen Forscher erscheinen. Das alles ist möglich, da das PDF eines solcherart generierten Aufsatzes wiederum leicht auf arXiv hochgeladen werden kann und damit ohne Qualitätssicherung veröffentlicht ist. Solange niemand den Aufsatz aus dem System prüft und löscht, bleibt für Fachfremde die Qualität der Arbeit verborgen. Auch nach der Veröffentlichung eines Aufsatzes bleibt im Grundsatz natürlich noch die Möglichkeit, die Ergebnisse beziehungsweise den Sinn des Inhalts zu überprüfen. Nutzen und prüfen kann die Ergebnisse im Grunde jeder. Die Aufsätze sind aber normalerweise so geschrieben, dass Fachkollegen die Ergebnisse nutzen und auch die Korrektheit prüfen. Zudem wiederholen Kollegen im Idealfall die Experimente und erweitern diese dann um eigene neue Ideen. Je komplizierter indes die Methoden, Verfahren beziehungsweise die Zusammenhänge sind, desto weniger Menschen gibt es auf der Welt, die in der Lage sind, die Forschung zu bewerten und zu prüfen oder gar zu reproduzieren. Damit wird es natürlich auch leichter, denjenigen Nutzern, die nicht vom Fach sind, falsche Ergebnisse zu präsentieren. Zusammen mit dem bisher auch bei vielen Laien verankerten Wissen, dass eigentlich nur geprüfte SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 285 Ergebnisse in Fachpublikationen veröffentlicht werden und dass Nutzer diesen Ergebnissen daher vertrauen können, kann man auch »Fake«-Aufsätze leichter veröffentlichen – und Laien vertrauen dann womöglich den falschen Ergebnissen. Dies kann sogar innerhalb der Wissenschaft ein Problem darstellen: Neben dem Wissenschaftler des Faches können auch Wissenschaftler angrenzender Fachgebiete Ergebnisse nutzen. Diese vertrauen – wie die Laien – den Ergebnissen ihrer »vermeintlichen« Kollegen und sind nicht immer in der Lage, die Korrektheit der Methode zu prüfen. Auch (Wissenschafts)-Journalisten greifen auf wissenschaftliche Aufsätze für ihre Arbeit zurück. Der Zugang zu Fachveröffentlichungen ist heute gerade nicht mehr auf Bibliotheken beschränkt, sondern man findet die Arbeiten wie oben schon geschrieben oft auch auf den Webseiten der Wissenschaftler. Leider macht das die Unterscheidung zwischen wichtigen und qualitativ hochwertigen Arbeiten und »Fake«-Aufsätzen gerade für den Laien oder für fachfremde Kollegen sehr schwer. Das Social Web macht die Erstellung und Verbreitung von Informationen auch für wissenschaftliche Arbeiten nochmals sehr viel einfacher. Zusammen mit Zitaten von anderen Aufsätzen und Likes und Retweets von Nutzern im Social Web, die nicht immer die Inhalte im Detail beurteilen können, entsteht schnell das Problem, dass falsche Ergebnisse nicht nur unentdeckt bleiben, sondern auch noch schnell populär werden können. Bei offensichtlich falschen Ergebnissen ist dies kritisch, aber es wird häufig schnell aufgedeckt. Die Crowd kann sich aber gerade bei komplizierten Zusammenhängen leichter irren, und dies kann lange verborgen bleiben. Kritisch wird es, wenn Interessengruppen diesen Prozess gezielt nutzen, um falsche Ergebnisse möglichst populär zu machen und damit unentdeckt zu bleiben (so geschehen durch die NSA mit der Hintertür bei der Verschlüsselung).22 Machine Learning und Textanalyse Grundlage für viele der zuvor skizzierten Ansätze der Informationssuche und -verbreitung bis hin zur automatisierten Texterstellung ist das »Machine Learning«. Darunter versteht man im Allgemeinen die Fähigkeit einer Maschine aus Beispielen, also aus gegebenen Daten, zu lernen, mit dem Ziel die eigene Erfahrung für weitere Aktionen zu verbessern. Die Algorithmen der Maschine lernen Modelle aus Daten, die Muster beschreiben oder die Vorhersage von Zuständen erlauben (Kohavi/Provost 1998, Mitchell 1997). Machine Learning ist ein Teilbereich der In- 22 https://arstechnica.com/security/2014/01/how-the-nsa-may-have-put-abackdoor-in-rsas-cryptography-a-technical-primer/ (14.8.2017) ANDREAS HOTHO 286 formatik, spezieller der KI und ist seit 2016 mit den Erfolgen von Deep Learning (Deng/Yu 2014), eines speziellen Machine Learning Ansatzes, in aller Munde. Es gibt mittlerweile unzählige Einführungen in Machine Learning, auch für unterschiedlichste Programmiersprachen. (Technische Details sind nicht Gegenstand dieses Aufsatzes). Die aus den Daten gewonnenen Zusammenhänge, genauer Modelle, werden in vielen Bereichen der IT eingesetzt und sind gerade im Internet und im Social Web omnipräsent. Das beginnt bei den Anzeigen auf den Webseiten mit Nachrichten oder den Empfehlungen für Bücher, Filme oder Waren im Allgemeinen. Auch die Prognose von Aktienkursen ist ein Thema. Neuerdings werden Brennpunkte für kriminelle Aktivitäten zur Vorbeugung von Straftaten vorhergesagt oder man nutzt Social Media zur Identifikation von Krankheitsausbrüchen. Nicht so offensichtlich ist die Nutzung von Machine Learning in Smartphones zur Erkennung von gesprochener Sprache oder zur Gesichtserkennung. Hier wurden in den letzten Jahren signifikante Fortschritte erzielt, die fast unbemerkt mittlerweile von jedermann genutzt werden. Es gibt aber auch noch weitaus spektakulärere Beispiele. So fahren heute Autos fast autonom durch unsere Straßen. Vor Jahren hat der Supercomputer den Menschen beim Schach besiegt. Heute schafft das eine Software auf einem Standardcomputer. IBM hat mit ihrem Computer Watson 2011 das Spiel Jeopardy gegen menschliche Champions gewonnen und 1 Million Dollar Preisgeld bekommen.23 Bemerkenswert ist bei diesem Spiel, dass neben der richtigen Strategie auch viel kontextabhängiges Faktenwissen in der richtigen Zeit zur gesuchten Frage verbunden werden muss. Eine Überraschung gelang im letzten Jahr dem Googles DeepMind Team mit dem Sieg über den Go Meister Lee Sedol mit 4:124 mit dem System AlphaGo (Silver et al. 2016). Damit hat der Computer in einem Spiel gewonnen, das von der Komplexität der Züge die von Schach um ein Vielfaches übersteigt. Der Sieg einer Maschine wurde hier nicht erwartet, zeigt aber den Fortschritt, der im Bereich Machine Learning gemacht wurde. Im Jahr 2017 gewann ein Computerprogramm mit dem Namen Libratus in einem Pokerturnier gegen vier der weltbesten Spieler beim Spiel »no-limit Texas Hold’em«,25 das sich in einer ähnlichen Komplexitätsklasse wie Go bewegt. Hierbei musste der Computer Strategien entwickeln und Züge planen, ohne dass alle im Spiel befindlichen Karten bekannt sind. 23 https://en.wikipedia.org/wiki/Watson_(computer) (14.8.2017) und http://ibmresearchnews.blogspot.de/2011/12/dave-ferrucci-at-computer-history.html?m=1 (14.8.2017) 24 https://www.youtube.com/watch?v=vFr3K2DORc8&t=1h57m (14.8.2017) 25 https://www.theguardian.com/technology/2017/jan/30/libratus-poker-artificial-intelligence-professional-human-players-competition (14.8.2017) SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 287 Machine Learning lässt sich auf Texte und Daten aus der Wissenschaft anwenden und wird auch für diese Gebiete aktiv weiterentwickelt. Bei der Analyse von Texten im Internet bekommt man es schnell mit sehr großen Datenmengen unterschiedlichster Art zu tun, bekannt unter dem Begriff »Big Data«. Die Anwendung von Machine Learning auf diese sehr großen Datenmengen stellt eine eigene Forschungsherausforderung für die Informatik dar. Man kann aber grundsätzlich diese Art von Analysen auf alle Daten, auch Forschungsdaten wie Primärdaten, aber auch auf die Aufsätze der Forscher anwenden. Dies kann zusätzlich mit Informationen und Feedback aus dem Social Web kombiniert werden. Im Ergebnis ist man in vielen Fällen in der Lage, die »Wichtigkeit« von Aufsätzen anhand von Analysen auf allen Daten im Web und mittels alternativer Metriken (bekannt unter dem Stichwort Altmetrics) wie Downloadzahlen oder Tweets und Likes vorherzusagen – und zwar Jahre bevor man über die Anzahl der Zitationen dieses Signal beobachten kann. Basierend auf solchen Informationen, aber auch auf den von Forschern gesammelten Aufsätzen, lassen sich Forschungstrends und Themen der Forschung in der Zukunft bestimmen. Die Maschine kann mit Hilfe von Methoden, wie sie im Computer Watson zum Einsatz kommen, Ergebnisse unterschiedlichster Arbeiten zusammentragen und kombinieren. Mit Empfehlungssystemen und Filtern könnten dann die Relevanz für Personen berechnet und Themen ausgewählt werden. Auch kann man mittlerweile automatisch Zusammenfassungen von Aufsätzen berechnen, wobei hier noch deutliche Schwachstellen zu beobachten sind. Wie schon beschrieben, ist heute schon das Generieren von Artikeln mittels Machine Learning möglich. Zusammengefasst kann die Maschine Daten sammeln, verarbeiten und kombinieren, analysieren, die Wichtigkeit bestimmen und aus der Kombination neue Ergebnisse in Textform generieren. Alle Elemente sind mittlerweile in unterschiedlichen Qualitäten vorhanden. Zwar ist es noch nicht soweit, dass die Maschine alle Daten aufbereitet und den Forschungsprozess komplett übernimmt, aber im Grundsatz lässt sich die Kette schon heute schließen. Nehmen wir an, die Maschine sucht sich ein zukunftsträchtiges Forschungsthema anhand der erkennbaren Trends unter den bisher vorhandenen Forschungsaufsätzen. Sie sammelt alle relevanten Papiere und kann die Auswertungen aus Aufsätzen sammeln, zusammenfassen und mit anderen, passenden Fakten aus weiteren Arbeiten verbinden. Dann könnte neues Wissen in Form von Hypothesen anhand der Kombination neuer Fakten abgeleitet werden. Die Maschine könnte die Hypothesen durch Analyse weiterer Arbeiten prüfen und mittels Internet Aufträge für Experimente im Internet in Auftrag geben und so neue Forschungsergebnisse berechnen. Damit könnte Wissen wieder ins Netz, in die Sozialen Medien etc. eingespeist werden – und der Mensch müsste erst in letzter Instanz ANDREAS HOTHO 288 prüfen, ob das in der Form von Maschinen erzeugte Wissen überhaupt korrekt ist. Viele der Bausteine hierfür sind schon da, und aktuelle Arbeiten im Bereich Semantic Web zielen auf die Sammlung von Wissen in maschinenverarbeitbarer Form (Staab/Studer 2009) und erlaubten die Kombination von Fakten und Beziehungen und damit den Umgang mit Wissen. Auch Google versucht immer mehr Informationen in Form von Fakten in seinem Knowledge Graphen zu integrieren und so die Suche direkt nach Fakten und Antworten, und nicht wie heute nach den Dokumenten mit den Antworten, zu ermöglichen. Auch die Social Web Community, gefördert durch die Wikipedia Foundation, versucht mit WikiData eine ähnliche Ressource aufzubauen und damit das Wissen der Menschen in eine Form zu bringen, die Maschinen die Nutzung erlaubt. Die Forschungsgemeinschaft hat alle Daten in der Cloud zusammengetragen, die in den letzten Jahren in Form von RDF, dem W3C Standard für Metadaten oder anderen maschinenverarbeitbaren Formen veröffentlicht wurden. Die so entstandene Linked Open Data Cloud (siehe Abbildung 2) zeigt eindrucksvoll, dass sehr viele Daten mittlerweile in für Maschinen einfach nutzbarer Form vorliegen. Immer mehr Projekte basieren auf diesen Daten und zeigen, wofür eine solche Wissensbasis, also die Cloud, genutzt werden kann. Fazit Über das World Wide Web, dem für den Endnutzer bedeutendsten Teil des Internets, stehen heute im Grunde alle jemals elektronisch gespeicherten Informationen der Welt zur Verfügung. Schon heute gibt es viel zu viel Text in der Welt, werden jeden Tag zu viele Nachrichten und Messages in den sozialen Netzwerken erzeugt, um diese alle lesen zu können. Wer entscheidet künftig welche Information heute wen erreicht? Wer selektiert, filtert und präsentiert? Schon heute kommen zur Filterung von Nachrichten Maschine Learning-Algorithmen zum Einsatz, um den Aufwand zu reduzieren, aber auch um die Nachrichten für den Nutzer zu personalisieren. Der Nutzer merkt gar nicht mehr, dass ihm Informationen nicht zur Verfügung gestellt werden. Wird in naher Zukunft der Journalist durch eine Maschine ersetzt? Diese könnte dann einen Artikel personalisiert für den Nutzer generieren und damit in diesem Sinne viel »besser« berichten? Wird in naher Zukunft auch der Wissenschaftler ersetzt? Wer forscht in Zukunft, wer berichtet und wer entscheidet? Der Computer? Die KI? Die Basistechnologien für die Verarbeitung von Texten und Daten, für das Lernen von Modellen und Hypothesen, die Repräsentation von Fakten und von Wissen und die Kombination dieser Wissensstücke zu SOCIAL MEDIA UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ 289 Abbildung 2: Linking Open Data cloud diagram 2017, by A. Abele, J.P. Mc- Crae, P. Buitelaar, A. Jentzsch and R. Cyganiak. http://lodcloud.net neuem Wissen sind bereits vorhanden. Auch kann die Maschine gesprochene Sprache in Text übersetzen, den Text verarbeiten und neuen Text genieren und so in den Wissensprozess der Wissenschaft einschleusen und im Social Web verbreiten. Noch ist es nicht so weit, aber an jedem Baustein wird geforscht, und das mit enormen Tempo. Ist es also nur noch eine Frage der Zeit? Literatur Barbieri, Gabriele/Pachet, François/Roy, Pierre/Esposti, Mirko Degli (2012): »Markov Constraints for Generating Lyrics with Style«, Proceedings of the 20th European Conference on Artificial Intelligence. Montpellier, France: IOS Press, S. 115–120. Bergman, Michael K. (2001): »White Paper: The Deep Web: Surfacing Hidden Value«, Journal of Electronic Publishing 7 (1). Berners-Lee, Tim/Fischetti, Mark (1999): Weaving the web: The original design and ultimate destiny of the world wide web by its inventor. San Francisco: Harper. 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In Deutschland wird Twitter jedoch nur von fünf Prozent der Bevölkerung regelmäßig genutzt (ARD/ZDF-Onlinestudien 2015–2016, 2016) und nur von 13 Prozent der deutschen Wissenschaftler – unter anderem deswegen, weil viele Wissenschaftler keinen direkten Nutzen für ihre Arbeit sehen (Osel 2015). Im englischsprachigen Raum sind soziale Netzwerke und speziell Twitter in der Wissenschaftskommunikation indes »today’s reality« (Brossard/Scheufele 2013, 41). Daher überraschten die Ergebnisse einer großangelegten Befragung im Journal Nature (van Noorden 2014) wenig: Neben den stark wissenschaftlich geprägten Plattformen GoogleScholar und ResearchGate wird auch Twitter mittlerweile von Forschern als akademisch relevante Plattform wahrgenommen. Die Nutzungsmuster unterscheiden sich jedoch je nach Disziplin (Lobin in diesem Band): Forscher sind auf Twitter, um Diskussionen zu folgen, Zitationsraten zu erhöhen, neue Publikationen zu entdecken oder um mit anderen Forschern in Kontakt zu treten, was im Idealfall sogar zu Kooperationen und gemeinsamen Publikationen führt (Darling et al. 2013; Rauchfleisch 2015). Speziell in Forschungsfeldern, die eine politische Dimension haben, wird Twitter aktiv genutzt – zum Beispiel zum Klimawandel oder zur Stammzellforschung. Hier ziehen einzelne Wissenschaftler (in den konkreten Beispielen etwa Michael E. Mann oder Paul Knoepfler) zahlreiche Follower an. Wissenschaftsinterne Kommunikation Ein Großteil der bisherigen Studien fokussiert sich auf Wissenschaftler als Twitter-Nutzer. Auf wissenschaftlichen Konferenzen wird Twitter von Forschern verwendet, um auf Publikationen, Poster oder auf die eigene Forschung hinzuweisen (Puschmann 2015). Aber auch im wissenschaftlichen Alltag ist Twitter nützlich, da es viele etablierte Wissenschaftler auf der Plattform gibt, die neue Publikationen weiterempfehlen (Savage 2015). Des Weiteren können sich Nachwuchsforscher auf Twitter mittels spezieller Hashtags (z.B. #PhDchat) miteinander austau- ADRIAN RAUCHFLEISCH 292 schen (Ferguson/Wheat 2015). Neben diesen akteurszentrierten Untersuchungen gibt es auch eine große Anzahl Studien zum Thema alternative Metriken (»Altmetrics«; vgl. acatech et al. 2017: 43; Lobin in diesem Band; Priem et al. 2010). Dabei handelt es sich um schnell erfassbare, auf Onlinekommunikation basierende bibliometrische Kennzahlen, die eine potentielle Alternative zu traditionellen Messungen wie zum Beispiel der Anzahl erhaltener Zitationen sind. Es zeigte sich zum Beispiel, dass die Anzahl Tweets zu einer Publikation bis zu einem gewissen Grad die Anzahl zukünftiger Zitationen voraussagen kann (Shuai et al. 2012). Von der Wissenschaft in die Gesellschaft In der externen Wissenschaftskommunikation hat Twitter in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, da es eine der wenigen wissenschaftlich relevanten Plattformen ist, auf der Akteure aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen (z. B. Politik und Medien) in unterschiedlichen Arenen aufeinandertreffen (Schmidt in diesem Band). Besonders im Journalismus spielt Twitter inzwischen eine wichtige Rolle, da sich viele Informationen zuerst über Twitter verbreiten und Journalisten die Plattform auch zur Quellensuche nutzen. Neben dem Zugang zu fachlichen Debatten auf Twitter (van Noorden 2014) bietet die Plattform auch die Möglichkeit, persönliche Netzwerke zu den Medien aufzubauen (Sullivan 2016). Interaktionen mit wissenschaftsexternen Akteuren auf Twitter können sogar einen positiven Einfluss auf den wissenschaftlichen Erfolg haben und zu mehr Zitationen führen (Liang et al. 2014). Diskussionen über wissenschaftliche Themen auf Twitter Immer wieder gibt es thematisch geprägte Diskussionen über Wissenschaft auf Twitter (z. B. #marchforscience, #cop21). Dabei geht es weniger um einen Dialog als vielmehr um die Verbreitung von Informationen und Meinungen. Die Zeichenbeschränkung auf Twitter sowie die ephemere Kommunikation verhindern tiefgreifende Debatten über einen längeren Zeitraum. Generell dominieren bei wissenschaftlichen Themen (z. B. Klimawandel) auf Twitter immer noch klassische Massenmedien als Quelle (Büchi 2016; Veltri/Atanasova 2015). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Twitter wissenschaftsintern eine nützliche Plattform sein kann, um aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen und Themen zu folgen. Besonders im zweiten Bereich, der WISSENSCHAFT AUF TWITTER 293 Kommunikation in die Gesellschaft, bietet sich Twitter als Plattform für Wissenschaftler an, da auf anderen primär wissenschaftsspezifischen Plattformen (z. B. ResearchGate) in erster Linie wissenschaftsinterne Akteure erreicht werden. Twitter bietet die Möglichkeit, einerseits direkt mit einem Laienpublikum zu kommunizieren (zumindest in den USA), andererseits direkt mit Journalisten in Kontakt zu treten und dadurch Zugang zur Medienöffentlichkeit zu erhalten. Wie generell bei aktuellen Ereignissen fungiert Twitter auch bei wissenschaftlichen Themen als Empfehlungssystem (Büchi 2016), das Themen filtert und bündelt. Einschränkend ist allerdings zu erwähnen, dass in jüngerer Zeit auch vermehrt die Rolle von Twitter bei der Verbreitung von Falschinformationen diskutiert wird (vgl. Wormer in diesem Band) und wissenschaftsfeindliche Akteure Twitter nutzen, um sich miteinander zu vernetzen (Rauchfleisch 2017). Literatur acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.) (2017): Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie. München. ARD/ZDF-Onlinestudien 2015–2016 (2016): »Nutzung von Onlinecommunitys 2015 und 2016 – mindestens wöchentlich«. Abgerufen von http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=570 [ abgerufen am 22.09.2017]. Brossard, Dominique/Scheufele, Dietram A. (2013): »Science, New Media, and the Public«, Science, 339(6115), S. 40–41. doi:10.1126/science.1232329 Büchi, Moritz (2016): »Microblogging as an extension of science reporting«, Public understanding of science, 1–16. doi:10.1177/0963662516657794 Darling, Emily/Shiffman, David/Côté, Isabelle/Drew, Joshua (2013): »The role of Twitter in the life cycle of a scientific publication«, Ideas in Ecology and Evolution, 6, S. 32–43. doi:10.4033/iee.2013.6.6.f Ferguson, Hazel/Wheat, Katherine L. 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Prolog: Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation durch Social Media? Derzeit fordern digitale Medien, allen voran das Internet und Social Media, die Wissenschaftskommunikation stark heraus. Eine fast un- überblickbare Form- und Rollenvielfalt verschiebt klassische mediale, professionelle und institutionelle Gefüge. Die Einschätzungen der Lage und ihrer weiteren Entwicklung fallen dabei hoch ambivalent aus: Wie nie zuvor scheint der Traum von Transparenz und Teilhabe der Gesellschaft an Wissenschaft sich zu verwirklichen. Wie nie zuvor fürchtet man sich jedoch zugleich vor dysfunktionalen Phänomenen wie Echo Chambers, Hate Speech oder den neuen großen Intermediären (Facebook, Google, Twitter, YouTube etc.). Am Fall der Aushandlungen, welche die Arbeitsgruppe Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Phase 2): Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien (AG 2)1 selber geführt und bei weiteren Akteuren (Wissenschaftler, Journalisten, PR sowie ungebundener Kommunikatoren im Netz) ausgelöst hat, erkunden wir, wie diese Herausforderungen die Erwartungen an wahrheitsorientierter und zugleich zugänglicher Kommunikation über Wissenschaft erhöhen und zu allerlei Grenzziehungsund Positionierungsarbeiten der beteiligten Akteure Anlass geben. Auch die Arbeitsgruppe (inkl. der beiden Autoren dieses Beitrags) kann sich der Grenzziehungs- und Positionierungsarbeit nicht entziehen. Gerade der Einsatz einer solchen Arbeitsgruppe fordert ja Sondierungen und Stellungnahmen aller heraus: Wenig verwunderlich, fallen sie in Phasen, 1 Wir benutzen die ›inoffiziell‹ etablierten Akronyme, wenn wir von den beiden Arbeitsgruppen sprechen, die im Rahmen der Kooperationsprojekte der Akademien (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften) eingesetzt wurden: Zum Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (AG 1) und Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Phase 2): Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien (AG 2). SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 298 in denen Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien für die Wissenschaftskommunikation (noch) nicht klar, heterogen, gelegentlich partikular, nicht selten kontrovers sind. Was diesen Fall auszeichnet, ist, dass es sich nicht nur um eine beratende Kommunikation über, sondern zugleich auch mit den Akteuren im Feld handelt, die hier ganz unterschiedliche Rollen, Interessenlagen, gelegentlich auch Geschäftsmodelle im Blick haben. Dies führt zu einer spezifischen Intensität der Befassung, die sich hin und wieder auch in Polemik und Immunisierungsstrategien gegenüber Kritik äußert. Das Ziel dieses Beitrages ist, eine Perspektive vorzuschlagen, die diese Positionierungen zunächst rekonstruiert, um sodann im Epilog einen Perspektivenwechsel anzuregen: Die mit diesen Positionierungen verbundenen Aushandlungen können helfen, die immer bedeutsamer werdende Aufgabe namens Wissenschaftskommunikation als hoch arbeitsteilige Aktivität mit wachsender interner Differenzierung zu betrachten, die durch neue Technologien und mediale Formate mit vorangetrieben wird. Alle Akteure und Medien suchen immer neue, je spezifische Kombinationen von Wahrheitsorientierung und Zugänglichkeit auf – in evaluativer Perspektive fallen jene Akteure und/oder (Sozialen) Medien negativ auf, die diesen Balanceakt nicht einlösen beziehungsweise keine funktionalen Äquivalente für Reputation oder Professionalität als Gewissheits- und Glaubwürdigkeitskriterien anbieten. Digitale Souveränität, von der heute oft als individuelle und institutionelle Medienkompetenz die Rede ist, stellt sich aus dieser Perspektive als Imperativ verantwortlicher Mitgestaltung der sich soeben weiter differenzierenden Domäne Wissenschaftskommunikation dar – durch kontroversielle Aushandlungen hindurch und trotz heterogener Positionen. 1. Wissenschaftskommunikation: Mit dem Blick zurück nach vorn Wissenschaft und Kommunikation von Wissenschaft an heterogene Öffentlichkeiten koevoluieren sowohl miteinander als auch mit den medientechnologischen Infrastrukturen. Schon ein kursorischer Blick in die Geschichte der Popularisierung ist dafür instruktiv (dazu Orland 1996; Shinn/Whitley 1985; Daum 2006): Ab 1850 galt es als besonders ›modern‹, einem interessierten Massenpublikum die Errungenschaften von Naturwissenschaften und Technik in eingängiger und ansprechender Weise näher zu bringen. Eine Initialzündung wird in der Londoner Weltausstellung 1851 vermutet (Béguet 1990, Raichvarg/Jacques 1991). 6 Millionen Besucher pilgerten zum Kristallpalast in den Londoner Hydepark und erlebten dort ›ein Fest des Fortschritts‹. Insbesondere in den SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 299 Jahren 1860–1895 explodierte der Markt für populärwissenschaftliche Medien unterschiedlichster Art: Zeitschriften, Sachbücher oder literarische Werke, Buchreihen, Bilder, wissenschaftliches Feuilletons in der Tagespresse, Ausstellungen, Museen, populäre Vorträge, aber auch Theaterstücke und Spiele entwickelten sich zu einem eindrucksvollen Markt der Populärwissenschaft. Bis zur Jahrhundertwende hatte sich die allgemein verständliche und unterhaltsame Verarbeitung der jüngsten Wissenschafts- und Technikentwicklung einen derart festen Platz in der bürgerlichen Öffentlichkeit erobert, dass bereits zeitgenössische Beobachter ihre Wirkung auf die öffentliche Meinung priesen. Der Chemiker Wilhelm Ostwald beispielsweise rühmte die ›Chemischen Briefe‹, die Justus von Liebig 1841 verfasste. Er sah in ihnen die Prototypen einer Populärwissenschaft und bezeichnete Liebig deshalb als den »Vater der volkstümlichen naturwissenschaftlichen Literatur …, die eine große Anzahl vorzüglicher Werke hervorgebracht hat, in denen wissenschaftliche Zuverlässigkeit mit allgemeiner Zugänglichkeit glücklich verbunden sind« (Ostwald 1985, 28). Folgen wir Ostwalds Einschätzung und den Millionen von Bürgern des vorletzten Jahrhunderts, so sieht die Popularisierung nach einem Erfolgsprogramm für eine gedeihliche Verbindung der Produktion von Wahrheit und ihrer Kommunikation an die Öffentlichkeit aus. Man wundert sich allenfalls, dass schon damals das Angebot erstaunlich diversifiziert war; auch das Publikum wurde differenziert: Friedlieb Ferdinand Runge beispielsweise verfasste Chemiebücher für Ärzte, Apotheker, Landwirte, Fabrikanten, Gewerbetreibende, Färber, Drucker, Dachdecker, Volksschüler, Zeichner, Maler, Verzierer, Zeugdrucker – auch für Hausfrauen (vgl. Runge 1988). Auch die Autorenschaft wurde immer diverser: Nicht nur Wissenschaftler, auch Literaten wie Jules Vernes trugen popularisierende Werke bei. Viele fühlten sich dabei hehren Zielen verpflichtet: der bürgerlichen Emanzipation, dem sozialen Fortschritt und immer wieder der Nützlichkeit und der Verwertbarkeit des Wissens. Last but not least diversifizierten sich auch die Medien der Wissensvermittlung: So hielten in populärwissenschaftlichen Medien etwa die Fotografie und der Dokumentarfilm Einzug. Andreas Daum spitzt dies in Bezug auf die Geschichte des Wissenschaftsjournalismus idealtypisch auf fünf Phasen zu (vgl. Daum 2008).2 • Um 1700: Wissenschaft institutionalisiert sich und es erscheinen ers- 2 Daum verwendet einen weiten Begriff von Wissenschaftsjournalismus, der im Prinzip jegliche Form der Wissenschaftspopularisierung (heute würde man sagen Wissenschaftskommunikation) meint (vgl. Daum 2008, 156). Angesichts der aktuellen Differenzierung der professionellen Wissenschaftskommunikation teilen wir diese Subsumption nicht. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 300 te Zeitschriften und weitere Formen des öffentlichen Austauschs wie Salons und Kaffeehäuser. • Mitte des 18. Jahrhunderts: Die Zahl und Vielfalt von Zeitschriften nimmt stark zu; auch die Inhalte, Publika verbreitern und die angestrebten Ziele wandeln sich. Korrekte und zugleich unterhaltsam dargebotene Aufklärung3 ist eine von ihnen. »Davon waren keineswegs allein medizinische und naturwissenschaftliche Themen betroffen. Die sozialen Aufgaben des Staates, die rechte ökonomische Ordnung, die Jurisprudenz und die Technik rückten nun in den Mittelpunkt aufklärerischen Medienarbeit.« (Daum 2008, 156 f.) • 1890 bis 1960: Durch eine immer stärker spezialisierte Wissenschaft vergrößert sich die »Kluft zum breiten Publikum« (ebd., 164). Neue »Sinnvermittler« (ebd., 166) verstärken einen »Trend zur Politisierung, Ideologisierung und weltanschaulichen Lagerbildung « (ebd., 164). Rationalismus und Empirismus geraten in die Kritik (ebd., 166); der (deutsche) Wissenschaftsjournalismus (ebd., 166) teilt sie und zeigt zunehmend professionelles Selbstbewusstsein. • Seit 1960: Mit der Institutionalisierung des Wissenschaftsjournalismus geht eine »neue Medialisierung« einher, an der auch das Verbreitungsmedium Fernsehen beteiligt ist. »Seit den 60er Jahren und als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Politisierungsprozesses wurde zudem von Wissenschaft und Universitäten verstärkt erwartet, sich gegenüber Steuerzahlern und der breiten Öffentlichkeit demokratisch zu legitimieren; Universitäten bedurften nun der Pressestellen und einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit« (ebd., 168). • 1990er Jahre: Der Wissenschaftsjournalismus erlebt eine vorübergehende Hochphase. Indizien dafür sind hohe Quoten der zahlreichen Fernseh- und Printformate; die Einrichtung fester Stellen für den Wissenschaftsjournalismus sowie spezifischer Studiengänge und Bildungswege für Wissenschaftsjournalisten. Kurz: Seit der Institutionalisierung der modernen (Natur-)Wissenschaft wurde auch Wissenschaftskommunikation oder Wissenschaftsvermittlung betrieben, und dies in vielfältigen (und auch immer »neuen«) Medientechnologien sowie mit ganz verschiedenen Interessen. 3 »Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis heute haben Wissenschaftsjournalisten und Nicht-Journalisten, z. B. Universitätsprofessoren, die sich gelegentlich journalistisch äußerten – nicht nur schlicht Wissen vermittelt, das an anderer Stelle hervorgebracht wurde. Sie haben vielmehr als publizistische Protagonisten vielfältige Öffentlichkeiten geschaffen und damit aktiv die Wechselwirkungen von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft mitbestimmt. Sie haben direkt und indirekt wissenschaftspolitisch gewirkt.« (Daum 2008, 162, Hervorhebungen durch die Verfasser). SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 301 »Im übertragenen wie im wörtlichen Sinne handelte es sich bei populärwissenschaftlichen Unternehmungen um Schauplätze, auf denen verschiedene Akteure mit- oder gegeneinander um die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Wissen, um Bildung, Information und Weltanschauung rangen. Hier erprobten Wissensproduzenten verschiedenster Couleur ihre neuen Anschauungen und Erkenntnisse, hier etablierten und professionalisierten sich die ›Experten‹ und übten sich in einer Rhetorik der Vertrauensbildung.« (Brecht/Orland 1999, 8) 2. Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter: what’s new? Im Zeitalter des Internets forcieren die sogenannten Social Media seit etwa Mitte der 2000er Jahre eine neuerliche Umbruchsituation: Wissenschaftskommunikation findet nun auch hier statt und bietet den Lesern durch Kommentarfunktionen oder kollaborative Techniken neuartige Möglichkeiten einer Beteiligung. Auch die professionelle Wissenschaftskommunikation bedient sich dieser Medien – ebenso wie zum Teil die Wissenschaftler selbst. Unter der schon länger erhobenen Forderung einer Demokratisierung von Expertise scheinen unter der neuen medientechnologischen Bedingung Interaktivität, Dialog auf Augenhöhe und Partizipation der Vielen endlich einlösbar zu sein. Doch auch wenn aus Sicht der Öffentlichkeit der Information, der Unterhaltung sowie seit den 1990ern ihrer aktiven Involvierung in Wissenschaft (Public Engagement in Science, PEST, neuerdings auch: Open Science, Open Access und Citizen Science) der Primat zukommt, so tritt aus Sicht der Wissenschaft eine andere Funktion in den Vordergrund, die der Sicherung ihrer Legitimation und ihrer Förderung. Beides: Beteiligung und Legitimationssicherung trifft unter digitalisierten Bedingungen auf neue Chancen der Produktion von Wissenschaft ebenso wie von Wissenschaftskommunikation: Zu den Wissenschaftlern selbst, die sich dieser Aufgabe neben ihrem Kerngeschäft Forschung und Lehre sowie seit einiger Zeit auch dem Wissenstransfer widmen, sowie dem professionellen Wissenschaftsjournalismus kommt zum einen eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit an Universitäten und Forschungseinrichtungen (Wissenschafts-PR) hinzu. Mindestens ebenso bedeutsam sind zum anderen die institutionell ungebundenen Kommunikatoren im Netz: Durch Blogger, Twitterer, YouTuber, Wikipedianer, Facebook-User etc. differenziert sich auch das Feld der Wissenschaftskommunikation weiter. Auch die akademischen und professionellen Akteure artikulieren sich zum Zwecke der Wissenschaftskommunikation nicht mehr nur analog, sondern auch digital. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 302 Alle Beteiligten registrieren diesen Wandel; und alle teilen erhebliche Ansprüche an qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation: Uneinig sind sie sich indessen darin, was genau qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation ist.4 Was ist der gute Mix aus Wahrheit und Klarheit, was befriedigt die Ansprüche an Demokratisierung, Professionalität und verletzt weder Legitimations- noch Reputationsfunktionen? Noch nie war die Popularisierung von Wissenschaft frei von der Skepsis, dass Unterhaltung und Vereinfachung der Wissenschaft mehr schade als nütze; Popularisierer aus der Wissenschaft selbst werden bis zum heutigen Tage aufmerksam beobachtet. Die Ausgangsbeobachtung der Beteiligten ist: Unter der Bedingung von Social Media steigern sich die ambivalenten Erwartungen an, ebenso wie die ambivalenten Effekte von, Wissenschaftskommunikation nochmals (vgl. acatech et al. 2017, 29f.). Sie lösen unter denen, die sich an ihr aktiv beteiligen, zum Teil heftige Diskussionen aus: Was sind die (neuen?) Rollen von Wissenschaft, Wissenschaftsjournalismus, Wissenschafts-PR sowie den »freien« Kommunikatoren im Netz? Und sie lösen medienpolitische Regulierungsbedürfnisse und wissenschaftspolitischen Beratungsbedarf5 aus. Die AG 2 ist eines der jüngeren Beispiele für eine derartige wissenschaftspolitisch orientierte Beratungsinitiative. Sie wird im Folgenden als Teil der auch wissenschaftspolitisch und technologiegetriebenen Differenzierung professioneller Wissenschaftskommunikation analysiert, in die sie selbst verwoben ist. Wir beobachten hier eine anhaltende Positionierungs- und Grenzziehungsarbeit, die Wissenschaftskommunikation über das Kriterium »Qualität« und das Medium »Professionalität« neu arrondiert. Die dabei identifizierten Akteursgruppen der Wissenschaftskommunikation und Feldeinteilungen (Journalismus, PR ...) werden aus dieser Perspektive durch die Positionierungs- und Grenzarbeit laufend neu akzentuiert und konturiert. 4 ... etwa vergleichbar mit oder aber funktional äquivalent zu den Berufsnormen, wie sie der Wissenschaftsjournalismus mit einer entwickelten Medien-Ethik und Medien-Rechtsprechung ausgebildet hat. Entscheidend dabei ist eine gewisse Intersubjektivierbarkeit dessen, was Qualität ausmacht. In den neuen Formen der Social Media ist eben Vergleichbares noch auszuhandeln (vgl. dazu die Empfehlung 8 zum Code of Conduct in der Stellungnahme der AG 2, acatech et al. 2017, 9 und 54) 5 Deutlich wird dieser Regulierungs- und Beratungsbedarf z. B. an den Leitlinien für gute Wissenschafts-PR des Siggener Kreises (vgl. acatech et al. 2017, 58f.), dem öffentlichen Fachgespräch zum Thema »Stand und Perspektiven der Wissenschaftskommunikation« im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des 18. Deutschen Bundestags (vgl. acatech et al. 2017, 59) sowie am »Netzwerkdurchsetzungsgesetz« und den damit verbundenen Selbstregulierungen von Plattformbetreibern wie Facebook. SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 303 3. Ein Feld in Bewegung: Wissenschaftskommunikation und Social Media Wenngleich AG 2 einen breiten Begriff von Wissenschaftskommunikation verwendet (vgl. acatech et al. 2017, 19f), so liegt der Fokus doch dezidiert auf den diversen wissenschaftsexternen Kommunikationsformen: Wie gestaltet sich das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und (politischer) Öffentlichkeit unter den Bedingungen von Social Media?6 Denn soeben entstehen durch Social Media neue Fragen: Welche Publika werden adressiert beziehungsweise involviert und welche Funktionen kommen solchen Kommunikationen zu? (Vgl. Weingart in diesem Band.) Auch stellt sich die Frage nach der Qualität des Wissenschaftsbezugs, da Kommunikationen hier i.d.R. weder ein Peer-Review-Verfahren noch eine redaktionelle Bearbeitung durchlaufen. Beide Fragen verschärfen sich mit Blick auf das, was man ein neues Genre der Wissenschaftskommunikation nennen könnte: Blogs und andere Formate im Feld der Social Media (vgl. auch Bauer 2017). Hier werden nur selten wissenschaftsinterne Kommunikationen, etwa Fachartikel oder Fachvorträge, einfach für weitere Publika zugänglich gemacht, wie bei E-Books oder E-Journals. Vielmehr bilden sich ganz neue Kommunikationsformen aus, deren Strukturen und Funktionen sich im Verhältnis von Wissenschaft, Medien und (politischer) Öffentlichkeit erst noch einspielen (müssen). Auch gibt es kaum gesichertes Wissen aus der Forschung über diese neuen Kommunikationsformen.7 Selbst wenn Wissenschaftler zu ihren Fachthemen einen Blog betreiben, Podcasts oder YouTube-Videos produzieren, Facebook-Seiten (bspw. »I Fucking love Science«) bespielen oder an Science Slams teilnehmen, begegnet man stets einem Konglomerat aus Populärkultur, Unterhaltung, Kunst, Wissenschaft etc. – in je unterschiedlichen Konfigurationen. Am Schnittpunkt von Demokratisierung und Digitalisierung der Wissenschaft ereignet sich angesichts der Herausforderungen durch ungebundene Wissenschaftskommunikation im Netz eine Forcierung latenter Positionierungs- und Grenzziehungsarbeit zwischen wissenschaftsgetriebener, journalistischer, PR-orientierter und »freier« 6 Der Zusammenhang etwa von Social Media und wissenschaftsinternen Kommunikationszusammenhängen, wie er im Kontext von Open-Access thematisiert wird (vgl. dazu Weingart/Taubert 2016), war explizit nicht Gegenstand der Arbeitsgruppe. 7 Auf den nur unzureichenden Forschungsstand über Social Media und Wissenschaftskommunikation wurde bereits in der AG 2-Stellungnahme hingewiesen (acatech et al. 2017, 7 und 56f.). Siehe auch Schäfer et al. (2015, 24); Bonfadelli et al. (2017). SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 304 Wissenschaftskommunikation.8 Während die Arbeitsgruppe selbst und die von ihr involvierten Experten die Erfordernisse qualitativ hochstehender Wissenschaftskommunikation im Kontext demokratischer Wissensgesellschaften in den Mittelpunkt rückten,9 wählen wir hier eine andere Perspektive: Die Auseinandersetzungen und Positionierungen, die den Wandel der Wissenschaftskommunikation durch Social Media begleiten, werden durch die Frage angetrieben, wer und wie legitimerweise Wissenschaftskommunikation betreiben kann. Im Unterschied zu inhaltlichen Auseinandersetzungen (etwa zum Klimawandel), haben die AGs und die sie umgebenden Diskussionen und Auseinandersetzungen Wissenschaftskommunikation mit Social Media selbst zum Thema. Unsere Vermutung ist, dass insbesondere diese selbstbezügliche Thematisierung von Wissenschaftskommunikation Grenzziehungen und Positionierungen in Gang setzen, die diese Frage der Befähigung zur Wissenschaftskommunikation mit Social Media ins Zentrum rückt. Schaut man auf digitalisierte Wissenschaftskommunikation aus der Warte eines neuen Genres, zeigt sich erstens, dass sie bisherige Formate nicht selten durchkreuzt: ein Blog mit Wissenschaftsbezug kann wahrheitsorientierte, PR- und/oder journalistische orientierte Kommunikationsformen enthalten etc. Zweitens sind sie i.d.R. nicht als abgeschlossene Kommunikationsbeiträge zu verstehen, wie es für einen Fachartikel, ein Sachbuch, oder eine Fernsehdokumentation gilt. Drittens: Rezeption und Produktion fallen sozial und zeitlich immer mehr zusammen. Bloggerinnen und Blogger scannen das Web, sie lesen, sie rezipieren; sie entscheiden sich, andere auf Inhalte hinzuweisen, diese Inhalte zu kommentieren und immer wieder neue Postings zu schreiben. Diese für Blogs typische »semiotische Bewegung« ist eine »sich dauernd drehende Rezeptions-Produktionsbewegung, die zu keinem Ende kommt«. (Eigner 2003, 123). Blogs sind die »Knotenpunkte verzweigter Kommunikationsnetzwerke, deren Strukturen sich (auch) in Abhängigkeit von den Ereignissen in anderen Kommunikationsnetzwerken entwickeln.« (Ebd.) Uneindeutigkeit, Unabgeschlossenheit, 8 Auch die Unterteilung in Kommunikationen in der Wissenschaft (wissenschaftsinterne Kommunikation), aus der Wissenschaft heraus (Wissenschafts-PR) und über Wissenschaft (Massenmedien/Journalismus), wie sie im Sammelband von Schäfer et al. (2015) vorgenommen wird, ›umschifft‹ die Frage danach, was es mit den neuen Kommunikationsformen in und über Wissenschaft auf sich hat. 9 Diese Kontextualisierung teilen wir als Mitglieder der Arbeitsgruppe. Aus dieser Perspektive steht die Analyse digital vermittelter Wissenschaftskommunikation v. a. unter Selektions- und Glaubwürdigkeitsfragen; es geht um die Herstellung eines nennenswerten Publikums, um eine wachsende Zugangs-, Nutzungs- und Wissenskluft, und nicht zuletzt um algorithmische Verstärkung der Angebotsauswahl (vgl. Schäfer et al. 2015, 25). SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 305 netzwerkförmige Prosumption – all dies setzt digitalisierte Wissenschaftskommunikation als Kommunikationsform unter Druck. Sie reagiert auf Forderungen nach Teilhabe und Transparenz an die Wissenschaft; dabei unterbindet sie nicht, unterläuft jedoch in zunehmendem Maße die für Wissenschaft essentiellen Gewissheitsforderungen über Reputation qua individueller oder institutioneller Autorenschaft oder professioneller Normen. Was sich auf der Makroebene als Strukturwandel von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien fassen lässt (vgl. Schmidt in diesem Band), artikuliert sich auf der Mesoebene als Aushandlung legitimer Professionen und Institutionen im Feld der Wissenschaftskommunikation und auf der Mikroebene als Hervorbringung neuer Genre der Kommunikationen von und über Wissenschaft an externe Publika. Um einige damit verbundene Verschiebungen zu beobachten, untersuchen wir im Folgenden jedoch nicht die Wissenschaftskommunikationen über Social Media selbst, sondern das, was das heterogene Feld der Wissenschaftskommunikatoren aus Anlass und im Rahmen einer wissenschaftlichen Politikberatung (AG 2) dazu äußert: etwa über die Akteure und deren Relevanz und Reichweite oder über technologische Bedingungen und deren Risiken – und wie sich dabei – teils unversehens – die für legitim erachteten Artikulationsformen und -formationen verändern.10 Die These ist, dass sich die Erwartungen an wahrheitsorientierter und zugleich zugänglicher Kommunikation über Wissenschaft erhöhen und zu allerlei heterogenen, teils partikularen und kontroversiellen Grenzziehungs- und Positionierungsarbeiten aller beteiligten Akteure Anlass geben. Dies beginnt schon mit der Aufgabe, die AG 2 gegenüber der AG 1 zu positionieren (Abschnitt 4) und zeigt sich dann in wichtigen Aspekten des Beratungprozesses (Abschnitt 5) sowie in der Rezeption der Stellungnahme der AG 2 (Abschnitt 6) immer wieder neu. Das Ziel dieses Beitrages ist indessen, zum Schluss einen Perspektivenwechsel anzuregen: Die mit diesen Positionierungen verbundenen Aushandlungen sind zwar schwierig, aber angesichts der Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation durch Social Media ebenso 10 Die Materialien der Analyse stellen Dokumente dar, die hauptsächlich im Kontext der AG 2 angefallen sind, in Teilen aber auch zu dem Vorgängerprojekt der AG 1. Zum einen sind das Selbstbeschreibungen des Projektes in veröffentlichten Texten, auf Homepages der Akademien und Fremdbeschreibungen in öffentlichen Texten aller Art (Zeitungsartikel, Blogeinträge, Facebook-Kommentare, Twitter-Beiträge, YouTube-Videos etc.), in denen die AG 1 und 2 dargestellt und/oder thematisiert werden. Zum anderen beziehen wir uns auf Sitzungsprotokolle, Interviewtranskripte, etc. Alle Dokumente sind einer Argumentationsanalyse unterzogen worden (vgl. Toulmin 1975; Wengeler 2003). Dieser Beitrag stützt sich auf prägnante Beispiele. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 306 unvermeidlich wie nützlich, um die immer bedeutsamer werdende Aufgabe namens Wissenschaftskommunikation reflexiv zu gestalten. Heterogenität der Perspektiven deuten nicht nur auf Probleme (etwa der Klärung von Gewissheit und Glaubwürdigkeit des Kommunizierten), sondern auch auf eine zunehmende interne Differenzierung des Feldes der Wissenschaftskommunikation hin, die durch neue Technologien, neue mediale Formate und neue Akteure mit vorangetrieben wird. 4. AG 2: Fortsetzung alter ›Frontstellungen‹ oder Beginn eines neuen Projektes? Die AG 2, das sagt schon die Nummerierung der Phase, sieht sich in der Nachfolge der AG 1 (Laufzeit: 4/2015 – 06/2017). Von Phasen zu sprechen suggeriert zunächst eine lediglich zeitliche Abfolge im Rahmen eines thematischen Zusammenhangs. Es geht um das Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien, innerhalb dessen der Schwerpunkt von Phase 2 auf der Beschäftigung speziell mit Social Media liegt. Was jedoch als schiere Chronologie auftritt (auf Schritt 1 folgt Schritt 2), avancierte schnell zum zentralen Aushandlungspunkt: Ist die AG 2 lediglich eine Fortsetzung von AG 1 (Social Media treten zum Arsenal der Medien für Wissenschaftskommunikation hinzu) oder signalisiert sie eine Transformation der Fragestellung (Social Media treiben eine neue Wissenschaftskommunikation hervor)? Bereits im Kontext der AG 1 führte dieser Punkt im öffentlichen Diskurs zur Bildung von ›Fraktionen‹: Arbeitsgruppe und Akademien auf der einen Seite und eine Vielzahl von Kritikern, insbesondere aus der Blogosphäre und oft aus der Wissenschafts-PR, auf der anderen Seite. Während die Bedeutung der Social Media auch von der ersten Arbeitsgruppe nicht bestritten, sondern aus pragmatischen Gründen für eine eigene, weitere Arbeitsgruppe reserviert wurde,11 hielten Kritiker der AG 1 die weitgehende Aussparung des Themas für eine ›Rolle rückwärts‹.12 11 »So bedürften die ›neuen Medien‹ (Web 2.0, soziale Medien) einer eingehenderen Betrachtung.« (acatech et al. 2014, 3) 12 https://scilogs.spektrum.de/quantensprung/rolle-vorwaerts-oder-rueckwaerts-%E2%80%93-woem/ (zugegriffen am 09.08.2017) SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 307 Die sachliche Frontstellung lautet: Das Projekt der AG 2 sei ein von ›ewig Gestrigen‹ geführtes Projekt, vergleichbar mit der Position der katholischen Kirche13 zur Abtreibungsdebatte. In diesem Zusammenhang wird wiederholt der Vorwurf geäußert, es gehe den Protagonisten der AG 2 darum, den eigenen Experten-Status nicht zu gefährden. Social-Media-Experten stehen hier – so die diskursive Positionierung – in Konkurrenz zu klassischen Experten, die aus einem vermeintlich ›überholten‹ System stammten und von dort aus über Social Media berieten. Die professionelle Frontstellung lautet: akademische Wissenschaftler versus Social-Media-Experten. In polemischer Zuspitzung: autokratische Könige gegen demokratische Volksvertreter (vgl. auch den Blogbeitrag von Josef König zur AG 214). Jenseits solcher Polemik ist indessen festzuhalten, dass der Gegenstand der Beratung von Beginn an hoch kontrovers gesehen wurde: Ist Wissenschaftskommunikation unter digitalisierten Bedingungen lediglich ein zwar wichtiger, aber weiterer Aspekt, der in eine nächste Arbeitsgruppe ausgelagert werden kann, oder vollzieht sich eine Änderung der Wissenschaftskommunikation insgesamt, die von Beginn an in ihren verschiedenen Aspekten berücksichtigt werden muss? Im Hin und Her der Vorwürfe sowie in dem, was die AG 2 und ihre Sprecher dezidiert als Richtigstellungen vorbringen,15 kommt es dennoch 13 Tobias Meier wähnt allerdings gar die katholische Kirche und den Papst moderner als die AG 2: http://scienceblogs.de/weitergen/2016/03/ was-der-papst-kann-koennen-wir-schon-lange-wissenschaftskommunikation-in-den-sozialen-medien/ (zugegriffen am 09.08.2017) 14 http://www.widderworte.de/2017/07/man-fuehlt-absicht-und-man-ist-verstimmt/ (zugegriffen am 09.08.2017) 15 http://www.medien-doktor.de/medizin/?sprechstunde=das-maerchen-von-den-vergessenen-neuen-medien-und-warum-sich-die-journalisten-nicht-selbst-vergessen-sollten (zugegriffen am 09.08.2017) SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 308 nicht zur Auflösung, sondern zur Verfestigung der Grenzziehung, die immer neue Varianten einzieht, so etwa die des Elfenbeinturms versus Echo Chamber: die AG 2 sei im Elfenbeinturm eingeschlossen,16 wohingegen umgekehrt der Vorwurf lautet, dass die Kritiker der AG 2 als Early Adop ters beziehungsweise Digital Natives, »zwischen Twitter und Blogs kein Gehör« für andere Sichtweisen fänden. Die Emotionalisierung der Debatte ist ein weiteres Indiz dafür, dass es allen Beteiligten sehr ernst ist: Es geht allen um die Legitimität ihrer Überzeugungen (Transparenz von und Teilhabe an Wissenschaft durch zugängliche Kommunikation) und die Bedeutung ihrer Profession oder Aktivität für qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation unter digitalisierten Bedingungen. Der Konflikt entsteht nicht um das was, sondern um wer und wie. Ein erster Versuch, dem Konflikt um das wer (betreibt legitime Wissenschaftskommunikation) zu begegnen, bestand in einer gegenüber der AG 1 neuartigen Zusammensetzung der AG 2. Neben einigen Mitgliedern aus der ersten Gruppe wurde sie disziplinär, professionell und generationell sehr viel heterogener zusammengesetzt. Auch das Wissen um und/oder der Umgang mit digitalen Medien im Feld der Wissenschaftskommunikation war ein Kriterium der Einladung zur Mitwirkung im Akademienprojekt der AG 2. 5. AG 2: Analytische Skizze Die folgenden analytischen Skizzen beleuchten prototypische Momente des Beratungsprozesses zur Herausforderung der Wissenschaftskommunikation durch Social Media: Die »Anhörungen und Expertengespräche« zeichnen deren Bedeutung aus Sicht von Aktiven im Feld nach (a); der Projektblog stellt ein Experiment dar, über Social Media nicht nur zu räsonieren, sondern in der Praxis der Arbeitsgruppe auch zu nutzen (b); der Workshop positioniert die Funktionen des Analogen und des Digitalen zueinander im Feld der Wissenschaftskommunikation, hier repräsentiert vor allem durch YouTube und Twitter (c).17 16 Die Metapher des Elfenbeinturms, in die durch Social Media neue Fenster eingebaut würden, wird häufig auch in der Forschungsliteratur zum Thema Wissenschaftskommunikation und Web 2.0 verwendet (vgl. Nentwich 2010; Mahrt/Puschmann 2012; einige Beiträge in Dernbach et al. 2010; in Bezug auf Blogs kritisch dazu Wenninger 2016, 43). 17 Zum methodischen Vorgehen s. Fußnote 10. SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 309 (a) Anhörungen und Expertengespräche Akademien-Arbeitsgruppe stehen neben der Möglichkeit, schriftliche Expertisen in Auftrag zu geben, die Formate ›Anhörungen‹ und ›Expertengespräche‹ zur Verfügung, um Informationen von externen Experten zu erhalten. Wie im Methodenteil der Stellungnahme (vgl. acatech et al. 2017, 62) angeführt, wurden zwar fünf Anhörungen durchgeführt, doch schon sie waren bezeichnenderweise hoch interaktiv – ebenso wie die fünf weiteren Expertengespräche im Rahmen kleinerer Teilnehmerkreise und in unterschiedlichen Settings. Bezeichnend daran ist die diskursive Orientierung aller Beteiligten – und zwar hinsichtlich des Respekts vor den verschiedenen Herausforderungen der Social Media für die Wissenschaftskommunikation: den technologischen (z. B. algorithmisch unterstützter Journalismus), den professionellen (insbesondere das Verhältnis von Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR) sowie den Herausforderungen für die Herstellung und das Erreichen von Öffentlichkeiten (auch angesichts neuer Formen des Gatekeeping). Die Arbeitsgruppe ließ zunächst bewusst offen, ob sie am Ende Handlungsempfehlungen oder – angesichts der Dynamik des Feldes und des unzureichenden Forschungsstandes – eher ein ›Thesenpapier‹ formulieren werde.18 Die Fragen an die Experten reichten von: »Erfüllen Wissenschafts-PR und nicht-institutionelle Wissenschaftskommunikation ähnliche Funktionen wie der Wissenschaftsjournalismus (Kritik und Kontrolle)?« und »Gibt es in diesen Bereichen einheitliche Normen/Konventionen?« über: »Gibt es Qualitätskontrollen und wenn ja, welche?« bis hin zu: »Wie entwickelt sich das Feld weiter?« sowie »Wie ist der Stand der Forschung (Erforschung von Wissenschaftskommunikation im Feld des Digitalen)?« Mit Blick auf die erste Frage finden sich gegenläufige Positionierungen: • An diesem Punkt sehen sich Wissenschafts-PR und nicht-institutionelle Wissenschaftskommunikatoren in einer Allianz seriöser, professionellen Standards genügender Wissenschaftskommunikation. Aus ihrer Warte sind Social Media nichts weiter als spezifische Kommunikationskanäle, mit denen Viele und insbesondere Jüngere zu erreichen seien. Qualitätsprobleme ergäben sich vor allem dann, wenn diese Medien nicht von etablierten und seriösen Wissenschaftlern, 18 Ausschlaggebend für den Stimmungsumschwung war der eindringliche Appell von Daniela De Ridder auf dem öffentlichen Workshop, der Politik möglichst Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Dies wurde von vielen Teilnehmern des Workshops positiv aufgenommen, so dass die Mehrheit in der Gruppe sich für das klassische Akademienformat ›Stellungnahme‹ mit Empfehlungen aussprach. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 310 Journalisten, Kommunikatoren etc. genutzt würden. Sie sehen sich tendenziell als Ergänzung und Partner des klassischen Wissenschaftsjournalismus, dessen Bedrohtheit sie aber auch sehen (und beklagen). • Journalisten und Forscher hingegen äußern sich demgegenüber ambivalenter: Journalisten erkennen auf der einen Seite Innovationspotentiale, so etwa hinsichtlich Layout und Inhalt, auf der anderen Seite aber sehen sie ihre Existenzgrundlage bedroht, sofern nicht neue Geschäftsmodelle für (Online-)Wissenschaftsjournalismus gefunden würden. Wissenschafts-PR könnten zwar Partner für bestimmte Formen der Berichterstattung sein, zum Beispiel kurze Informationen über neue Forschungsergebnisse. Sobald aber kritisch und unter Einbezug von Hintergrundinformationen berichtet werden soll, seien PR-Abteilungen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen eher hinderlich, weil es zunehmend schwer wird, direkt mit Wissenschaftlern zu kommunizieren. • Etablierte Wissenschaftler (Forscher im Feld der Wissenschaftskommunikation aber auch Wissenschaftler in Leitungsfunktionen) schließlich positionieren sich unterschiedlich, je nachdem, ob sie selbst intensiv Social Media nutzen oder nicht. Die Social-Media-Nutzer sind meist gut mit institutionellen und nicht-institutionellen Kommunikatoren vernetzt und positionieren sich tendenziell auf Seiten der Befürworter von Social Media. Wissenschaftler, die Social Media bislang wenig bis gar nicht nutzen positionieren sich dagegen als ›reine‹ Beobachter oder als ›Kritiker‹. Alle Beteiligten betonen jedoch, dass das Feld einem rasanten Wandel unterliege, dem sich niemand entziehen könne, indessen die Wahrung inhaltlicher Qualität wichtig und die Bildung von Standards und Verfahren hilfreich sei. Allerdings scheiden sich die Geister, wenn es um die Frage geht, wie eine möglichst hohe Qualität erreicht werden kann und wodurch hohe Qualität sich überhaupt auszeichnet. Alte Fragen, die die Geschichte der Popularisierung durchziehen, stellen sich durch digitale Technologien und Social Media neu: Wie verhalten sich seriöse Information und Unterhaltung zueinander? Reichen persönliche Standards aus oder bedarf es feldübergreifender Qualitätskriterien, die wissenschaftlichen und/oder journalistischen Kriterien funktional äquivalent sind (vgl. Arnold 2008 für den Journalismus und die Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis für die Wissenschaft von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2013)? Dass dies Fragen des akademischen oder professionellen ›Ethos‹ sind, pointiert ein Gesprächspartner mit einem instruktiven Vergleich. Mit Blick auf die Vermittlung von Lehrinhalten in Schulen und Bildungseinrichtungen wies er darauf hin, dass Lernprozesse immer weniger konzeptgesteuert, sondern vielmehr »toolgetrieben« seien. Die Faszination SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 311 immer neuer Kommunikationsmedien und -formate verdränge zunehmend pädagogisch-didaktische Überlegungen. Deutlich wurde aber auch, dass mehr Medienkompetenz professionelle Wissenschaftskommunikation unterstützen könne, indem sie zur Wahl geeigneter medialer Formate ermächtige. Hohe Klickzahlen, positive Rückmeldungen von Usern, Teil eines Netzwerks digitaler Wissenschaftskommunikation zu sein, ersetzen nicht, ergänzen aber klassische Qualitätskriterien akademischer und/oder journalistischer Provenienz.19 (b) Projektblog: Wissenschaftskommunikation hoch 3 Als die AG 2 im Mai 2015 startete, war noch nicht beschlossen, ob und auf welche Weise der eigene praktische Umgang mit Social Media stattfinden solle. Die AG einigte sich jedoch schnell darauf, dass die Nutzung von Social Media – im Rahmen der Ressourcen, die der Arbeitsgruppe zur Verfügung standen – aus mehreren Gründen sinnvoll sein kann: Zum einen, um die Arbeitsweise der Arbeitsgruppe (auch für die Internetöffentlichkeit) transparenter zu machen, als das bei AG 1 möglich war.20 Zum anderen deshalb, um nun auch Stimmen einzufangen, die sonst ungehört blieben und dadurch gegebenenfalls auch Diskussionen in den Social Media anzuregen. Man erhoffte sich mithin erhöhte Transparenz und breitere Streuung von Informationen für das Publikum und inhaltlichen Input durch das Publikum. Hinsichtlich der Intransparenzvorwürfe bestand aber auch Einigkeit darüber, dass es ein unumgänglicher Modus der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung und politischen Entscheidungsfindung ist, weiterhin auch im Modus von Arbeitsgruppensitzungen und Expertengesprächen zu arbeiten, deren Inhalte nicht öffentlich begleitet werden.21 19 So z.B. in der Diskussion um sog. Altmetrics (vgl. acatech et al. 2017, 42 f.). 20 Der Vorwurf des Elfenbeinturms und der Arkanpolitik wurde im Zusammenhang der AG 1 vor allem von Manfred Ronzheimer geäußert (vgl. Kap. 6 in diesem Beitrag). 21 Vgl. zu den paradoxen Wirkungen von Transparenz hinsichtlich demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse den außerordentlich instruktiven Beitrag von Max-Otto Baumann (2014, insbesondere 412ff.): Dazu gehören informationelle Überforderung des Bürgers, die relative Bedeutungslosigkeit von nicht-repräsentativen Online-Eingaben, sowie die nachweisliche Verletzung von Gütekriterien politscher Kommunikation wie Wahrheit (Stichwort: Leugnung des Klimawandels) und Aufrichtigkeit (Stichwort: fehlende Reformen im Datenschutz). Baumanns These: Die Politik sei – unter Bedingungen der Transparanz – zur aktiven Öffentlichkeitsarbeit gezwungen, sie stelle Öffentlichkeit bedarfsgerecht her, statt sich auf die vorgefundene zu SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 312 Bereits auf der ersten AG-Sitzung im Mai 2015 wurde beschlossen, einen Projektblog22 einzurichten. Mit Carsten Könneker (Mitglied der AG und Mitbegründer des deutschen Blogportals der Scilogs) bot sich die Möglichkeit, einen Projektblog auf dem Blogportal der Scilogs einzurichten. Unter der Beratung von Lars Fischer (deutscher Wissenschaftsblogger-Pioneer, Wissenschaftsjournalist und Redakteur bei den Scilogs) wurde sodann ein Projektblog eingerichtet mit dem Titel »Wissenschaftskommunikation hoch drei«.23 Der Blog hatte drei Funktionen: • Transparenz: Regelmäßige Berichte über die Treffen und Arbeitsschritte der AG; • Information während des Prozesses: Vorabveröffentlichung der von der AG in Auftrag gegebenen schriftlichen Expertisen mit Einverständnis der Autoren; • Inhaltliche Inputs: Freigabe der Blogpostings zum Kommentar durch interessierte User. Bis Juli 2017 wurden 21 Blogpostings veröffentlicht, davon 15 mit fachlichem Inhalt. Die Kommentierung der Blogbeiträge verlief unterschiedlich. Die Gesamtzahl der Kommentierungen beläuft sich auf 111 Kommentare, wobei ein Großteil davon durch wenige sehr aktive User generiert wurde. Allgemein variierte die Anzahl an Kommentaren pro Blogposting zwischen 0 und 22. Nur fünf der 21 Postings bekamen mehr als zehn Kommentare. Die Höchstzahl an Kommentaren erlangte ein Blogposting von Klaus Beck (2016). Diese vergleichsweise rege Beteiligung lag wohl an der Form des Beitrags (kurze ›streitbare‹ These). Ansonsten weckten die ersten Beiträge neuer Autoren etwas Aufmerksamkeit, die dann im Zeitverlauf tendenziell nachließ. Diese Zurückhaltung beim Kommentieren lag mitunter daran, dass viele Beiträge sehr lang und akademisch gehalten waren, was bei ›typischen‹ Wissenschaftsblogs unüblich ist. Dennoch beziehen. Die durch den Takt der digitalen Öffentlichkeit beschleunigte Demokratie gerate zur Dauerkampagne, entziehe sich der parlamentarischen Kontrolle, und schließlich: wer wen durch laufende Beobachtung der Beobachter beinflusse, werde immer unklarer. 22 Projektblogs zeichnen sich dadurch aus, dass sie häufig als Kommunikationsmittel von Projektmitgliedern untereinander dienen. In unserem Fall haben wir uns für eine offene Form entschieden, die auch und gerade für alle anderen sichtbar ist. Darüber hinaus sollte auch aktive Beteiligung in Form von Kommentaren zu den einzelnen Postings (ohne Anmeldung) für jedermann möglich sein. Nach einer kurzen Prüfung auf etwaige Verstöße gegen die Netiquette, wurden so die allermeisten Kommentare freigeschalten. 23 https://scilogs.spektrum.de/Wissenschaftskommunikation-hoch-drei/ (zugegriffen am 09.08.2017) SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 313 gab es fruchtbare und teils sehr ausführliche inhaltliche Auseinandersetzungen. Prototypisch dafür steht der folgende Auszug aus einem Austausch zwischen dem Autor Henning Lobin und dem User Fritz Iversen:24 Der Blog diente der Arbeitsgruppe also nicht nur als Transparenz- und Kommunikationsmedium: Wichtige Aspekte der Blogdiskussionen flossen auch in die anschließende Stellungnahme zur AG 2 ein und wurden somit konstitutiver Teil der Beratungstätigkeit: Zum einen wurde das Thema des Kuratierens zentral im Kasten »Intermediäre, Gatekeeping und Kuratierung« (acetech et al. 2017, 12) behandelt, das auf eine der 24 Fritz Iversen ist selbst auch als Blogger aktiv: http://www.neues-schreiben. de/ (zugegriffen am 09.08.2017) SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 314 Diskussionen im Projektblog zurückzuführen ist.25 Zum anderem wurde das von Scilogs-Blogger Markus Pössl in einer Blogdiskussion erwähnte Beispiel einer astronomischen, wissenschaftsinternen Facebook-Gruppe26 integriert (ebd., 36). Nicht erfüllt wurde hingegen die Hoffnung auf Beteiligung von ›externen‹ Personen. Das lag nicht zuletzt an dem Umstand, dass sich nur sehr wenige Kommentare einfanden, die nicht aus dem Kreis von Personen stammten, die entweder Mitglied der Arbeitsgruppe oder aktiv auf dem öffentlichen Workshop oder durch Expertengespräche in die Arbeit der Arbeitsgruppe eingebunden waren (54 von 111).27 Für diese geringe Ausstrahlung des Blogs gibt es eine Reihe von Gründen, unter anderem das spezialisierte Thema, das hohe Niveau der Beiträge sowie die geringe Bewerbung des Blogs. Die aktive Mobilisierung von (teils anonymen) Publika ist eine wichtige Aufgabe bei der effektiven Gestaltung von Blogs – und gelingt ganz generell (und nicht nur in diesem Fall) für spezialisierte Themen nur bedingt. (c) Öffentlicher Workshop (März 2016): analog/digital Umso bedeutsamer war es, dass die Arbeitsgruppe einen öffentlichen Workshop veranstaltet hat, um erste Zwischenergebnisse zu präsentieren und zu diskutieren. Auch hier wurde experimentiert: Analoge, (Fach-)Vorträge, kurze Diskussionen und Panels wurden mit digitalen Medien verbunden, vor allem YouTube28 und Twitter. Inhaltlich stan- 25 https://scilogs.spektrum.de/Wissenschaftskommunikation-hoch-drei/wissenschaftskommunikation-unter-sozialmedialen-bedingungen-teil-4/ (zugegriffen am 09.08.2017) 26 https://scilogs.spektrum.de/Wissenschaftskommunikation-hoch-drei/soziale-medien-wissenschaftskommunikation-status-quo/ (zugegriffen am 09.08.2017) 27 Auch hier gilt, dass auch die ›externen Kommentare‹ durch wenige aktive User generiert wurden, was die tatsächliche Anzahl an Personen auf höchstens zehn minimiert. 28 YouTube als Medium ereilte das Schicksal eines technischen Problems: Das Aufzeichnen vor Ort führte vereinzelt zu den üblichen technischen Irritationen. In der begleitenden Twitter-Kommunikation (siehe unten) wurde der Link allerdings immer wieder verbreitet, vor allem als es zu technischen Schwierigkeiten gekommen ist, und in Echtzeit schnell ein neuer Link verbreitet werden musste. Ein Beispiel dafür: https://twitter.com/snurb_dot_ info/status/710744438549712901 (zugegriffen am 09.08.2017). Es wurden aber immerhin um die fünf Stunden von der Veranstaltung übertragen: https://www.youtube.com/watch?v=3blrT4JWY-Y&feature=youtu.be. Auf dem entsprechenden Link zum Workshop auf dem acatech-YouTube-Channel ist bis heute (zugegriffen am 09.08.2017) kein einziger Kommentar SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 315 den die Autoren der von der Arbeitsgruppe beauftragten schriftlichen Expertisen (und diverser Blogbeiträge im Projektblog) im Zentrum. Sie wurden jeweils kommentiert von zwei weiteren eingeladenen Experten aus dem Bereich der Wissenschaftskommunikation, einem aus dem Bereich Forschung und einem weiteren aus der Praxis (Medien/ Journalismus/PR). Gerahmt wurde der Workshop mit weiteren eingeladenen Experten aus dem Bereich der Politik (Daniela De Ridder), dem Bereich der internationalen Forschung zum Thema Social Media (Axel Bruns) und dem Bereich der Informatik (Andreas Hotho). Zwar wurde darauf geachtet, Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Journalismus/Medien und Wissenschaftskommunikatoren von Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen in Kontakt miteinander zu bringen: Stellvertreter aus der ›freien‹ Social-Media-Sphäre (etwa Blogger wie Florian Freistetter29) sowie praktizierende Wissenschaftler, die Social Media nutzen, waren zwar im Workshop-Design nicht vertreten, konnten sich indessen als Diskutanten oder über Social Media einschalten. Das relevante Social Media auf dem Workshop war Twitter-Kommunikation. Hier fällt auf, dass sie hauptsächlich als Begleiterscheinung von zentralen Projektabschnitten beziehungsweise -ereignissen auftritt. Gibt man bei Twitter die Hashtags #wöm beziehungsweise #wöm2 ein, erscheinen sämtliche dazu erfolgten Tweets in umgekehrt chronologischer Reihenfolge. Immerhin wurde so viel Traffic während des Workshops mit dem Hashtag #wöm2 erzeugt, dass dieser zeitweilig auf Nummer drei der in Deutschland meist benutzten Hashtags geriet.30 Dies erschwert zwar eine qualitative Auswertung der Twitter-Kommunikation; interessant ist jedoch, dass ein erheblicher Teil der Tweets von aktiven Teilnehmern erstellt wurde, unter anderem von Henning Lobin, Jan-Hinrik Schmidt, Axel Bruns, Henning Krause und Andreas Hotho. Auch Mitglieder der Arbeitsgruppe (Carsten Könneker, Jule Sprecht, Elisabeth Hoffmann) waren während der Veranstaltung auf Twitter aktiv. Darüber hinaus wurden auch etliche Beiträge von bekannten Bloggern und Wissenschaftskommunikatoren gepostet (z. B. von Tobias Maier, Josef König, Phillip Schroegel, Marc Scheloske, Lars Fischer, Wissenschaft im Dialog, NaWik, Reinhold Leinfelder, André Lampe), die entweder im Publikum waren oder den Stream verfolgten, aber keine aktive Sprecher-Rolle innehatten. Twitter zeigt sich hier als eingegangen. Der Link wurde 484 mal aufgerufen und hat ein Like und ein Dislike erhalten. 29 Allerdings gab es Austausch mit Florian Freistetter im Rahmen einer nichtöffentlichen Anhörung mit der Arbeitsgruppe. 30 Zumindest twitterte das die Seite Trending Germany: https://twitter. com/TrendingGermany/status/710766223982776320 (zugegriffen am 09.08.2017) SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 316 Begleitmedium laufender Kommunikationen sowie als Ersatzplattform für fehlende analoge Kommunikationschancen. In Bezug auf die Inhalte der Twitterkommunikation lassen sich idealtypisch vier Typen von Tweets unterscheiden: Erstens gibt es Kommentare, die direkt und selektiv auf ein Geschehen vor Ort Bezug nehmen, seien es die technischen Schwierigkeiten, einzelne Folien, auffallende Inhalte der gerade Vortragenden oder auch Fotos31 der Veranstaltung. Ein Beispiel dafür ist die Aussage von Daniela De Ridder, Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus dürften auch mit mehr Eros betrieben werden. Dieser Punkt wurde von vielen auf ganz unterschiedliche Weise aufgegriffen und führte gar zu (›stammtischartigen‹) Diskussionen zwischen den Twitterern, wie im folgenden Beispiel zwischen Philipp Hummel (freier Wissenschaftsjournalist) und Marc Scheloske (Wissenschaftsblogger, freier Wissenschaftsjournalist und Berater für Online-Wissenschaftskommunikation, sowie Dozent beim Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation – NaWik). Im Kontext des öffentlichen Workshop der AG 2 finden sich zweitens Beispiele für Begleitdiskurse zwischen den Vortragenden vor Ort und dem Publikum. Hier können etwa Nachfragen gestellt und bestimmte Aussagen ›auf den Punkt gebracht‹ werden. Das zeigt beispielsweise eine Twitter-Konversation zwischen Axel Bruns (vgl. Autoreninfos in diesem Band) und Klaus Mickus (Verlagsmanager und freier Berater im Bereich digitaler – wissenschaftlicher – Kommunikation) während des Workshops, bei der es um Metriken in der Wissenschaftskommunikation geht.32 In vielen Fällen werden drittens Vortragende, die Vorträge, die Veranstaltung als Ganzes oder die AG im Allgemeinen bewertet. Ein frühes Beispiel für eine im allgemeinen positive Bewertung hinsichtlich der AG 2 bietet Lars Fischer: 31 Anhand von Bildern kann im Übrigen die für Wissenschaftskommunikation knapp bemessene Zeichenbeschränkung umgangen werden. 32 https://twitter.com/snurb_dot_info/status/710775599195938816 (zugegriffen am 09.08.2017) SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 317 Beispiele für negative Bewertungen zu einzelnen Aussagen sehen etwa folgendermaßen aus: Die letzte Aussage nimmt Bezug auf einen Kommentar, der kurz zuvor auf dem Workshop vorgebracht wurde (Mike S. Schäfer alias mss7676), der seinerseits einen Punkt aus dem Vortrag von Leyla Dogruel kritisiert (»Social Media als funktionelles Äquivalent des Wissjourn zu betrachten, ist fragwürdig«). Marc Scheloske stimmt dem nicht nur zu, sondern positioniert sich noch stärker als Schäfer selbst dagegen (»[...] es ist Quatsch«). Tweets wie solche sind indessen nur zu verstehen und einzuordnen, wenn man die analog vorgebrachte Aussage und ihre Kontextualisierung im Vortrag kennt: Mike Schäfer äußert relativ vorsichtig Kritik, die von Scheloske zunächst wohlwollend aufgegriffen wird und dann mit einer eher alltagsweltlichen Bewertung gesteigert wird. Mike Schäfer wird explizit adressiert (@mss7676),33 womit Scheloske eine Art ›Verbrüderung‹ inszeniert. Ein anderer Beobachter – Tobias Maier (promovierter Biologe, Wissenschaftsblogger und wissenschaftlicher Leiter des NaWik) – bezieht sich nicht nur auf einen kleinteiligen Punkt eines Vortragenden, sondern zieht ein Zwischenfazit zur gesamten Arbeit der AG 2. 33 Dadurch bekommt Schäfer eine Nachricht darüber, dass er kommentiert wurde. Es ist eine empirisch interessante Frage, ob das Nichtreagieren auf solche Tweets als Zustimmung gewertet werden kann oder eher umgekehrt als höfliches Ignorieren. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 318 In dieser Weise steigern Twitterkommunikationen die Dynamik von wertenden Kommunikationen und reproduzieren die alte ›Frontstellung‹ zwischen den ›ewig Gestrigen Schwarzmalern im Elfenbeinturm‹ und den ›Praktikern am Puls der Zeit‹. Viertens ist auffällig, dass viele Kommentare unterschiedliche Formen der ›Belustigung‹ (etwa Ironie oder Sarkasmus) annehmen, mit der ›versteckte‹ Äußerungen vorgenommen werden. Das erfüllt auch die Funktion, in Echtzeit ein Stimmungsbild in die Internetöffentlichkeit zu transportieren sowie spezifische Positionierungen nahezulegen: • zur kommunikativen Qualität der Tweets (Andrea Kamphuis ist promovierte Biologin, sie arbeitet als freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin und ist im Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen tätig): • zu Tagclouds, die in einigen Vorträgen vorkamen. Sie dienen den Kritikern der AG 2 als Insignien eines lange zurückliegenden Web 1.0 und stellen quasi eine Versinnbildlichung des ›Ewiggestrigen‹ dar.34 • zu schlechtem Moderieren35 oder dem (unprofessionellen) Umgang mit Social Media (Richard Zinken ist derzeit Director Digital Development International des Scientific American, dem Mutterunternehmen von Spektrum der Wissenschaft) 34 FFS kommt aus der Chatsprache und ist ein Akronym von »For Fuck’s Sake«, was so viel heißt wie »Um Himmels Willen« oder »Verdammt«. 35 https://twitter.com/weitergen/status/710833749055950848 (zugegriffen am 09.08.2017) SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 319 Kurz: Twitter-Kommunikationen werden, wie auch in diesem Fall, primär dafür genutzt, aktuelle Geschehnisse in Echtzeit zu kommentieren, Spezialdiskussionen zu führen, Bewertungen zu posten und Stimmungsbilder zu vermitteln. Längere öffentliche Berichte und Kommentare (hauptsächlich über Social Media, insbesondere in Blogs) schließen sich jeweils an wichtige Projektereignisse (Ankündigung des Projektes, Start der Arbeitsgruppe, Öffentlicher Workshop, Veröffentlichung der Stellungnahme und Abschlussveranstaltung) an. Die Links dazu werden auch in Twitter-Nachrichten verbreitet und vielfach weitergeleitet, meist mit einem kurzen Teaser versehen. Folgendes Beispiel illustriert das, indem der Social Media Manager der Helmholtz-Gemeinschaft Henning Krause einen Bericht des Wissenschaftsbloggers und Beraters für Wissenschafts- und Technikkommunikation Reiner Korbmann verlinkt und positiv bewertet – und sich damit gleichzeitig als Kritiker der AG 2 zu erkennen gibt. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 320 Bereits die Titel solcher Berichte und deren Kommentierung in Tweets verdeutlichen insgesamt, dass die Arbeit der AG 2 (»Die Wissenschaft«) als rückständige und abgeschottete Veranstaltung konstruiert wird. Auch hier wird die bereits in der AG 1 beobachtbare Gegenüberstellung von ›Elfenbeinturm‹ und ›digitaler Wirklichkeit‹ aufgerufen, die keinen Kontakt zueinander hätten (»Parallelwelten«). Die eigene Rolle wird entsprechend im Bereich der Wissenschaftskommunikations-»Praktizierenden« verortet. Henning Krause ist Social Media Manager der Helmholtz Gemeinschaft,36 (Mit-)Gründer von Wissenschaftspodcast-Kanälen37 und Betreiber eines Blogs.38 In Verbindung mit solcher Art von Kritik steht eine Selbstpositionierung als moderner Zeitgenosse, als ›Digital Native‹, der keine Schwierigkeiten hat, als Redner und Zuhörer vor Ort zu sein und gleichzeitig kompetent über das Thema und die Veranstaltung zu twittern und/oder zu bloggen. 6. Was lehrt die Rezeption der AG 2 in der (Social-)Media-Öffentlichkeit? Eine hilfreiche Übersicht vieler Kommentare zur AG 1 und AG 2 findet man im Blog Plazeboalarm von Marcus Anhäuser.39 Dort tauchen allerdings nur die Berichte zu den jeweiligen Abschlussveranstaltungen auf, diejenigen zum öffentlichen Workshop fehlen. Im Unterschied zur ersten Abschlussveranstaltung der AG 1 ist bei jener der AG 2 auffallend, dass zwar einige Kommentare im Internet veröffentlicht wurden, aber bis zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Kapitels nur ein klassisch-journalistischer Bericht.40 Nun interessiert im vorliegenden Beitrag in Hinblick auf diese Berichte nicht, ob diese jeweils recht haben oder nicht. Vielmehr wollen wir auch hier schlaglichtartig zeigen, dass in den Berichten wiederkehrende Topoi zu finden sind, die eine Grenzziehungssarbeit sichtbar machen, die eine Voraussetzung für bestimmte Positionierungen darstellt. Im Wesentlichen lassen sich drei wiederkehrende Topoi41 rekonstruieren, 36 https://www.helmholtz.de/ueber_uns/presse_und_medien/social_media/ (zugegriffen am 09.08.2017) 37 https://resonator-podcast.de/ und https://raumzeit-podcast.de/ (zugegriffen am 09.08.2017) 38 http://divergent.de/ (zugegriffen am 09.08.2017) 39 http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/empfehlungen-fuer-eine-besser-wissenschafts-pr-allerorten/ 40 Der Artikel erschien am 29.06.2017 auf taz.de und ist von Manfred Ronzheimer verfasst, der seit langem die AG 1 und AG 2 aktiv begleitet: Vgl. http://taz.de/Wissenschaftskommunikation-verbessern/!5422188/ 41 Die angeführten Topoi sind nicht vollständig und auch ihre Trennung ist analytischer Art. D.h. die Argumentationen sind natürlich vielfältiger, wie es hier erscheint und häufig sind die Topoi auch miteinander verwoben. SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 321 die die Kommentierungen des Workshops und der Abschlussveranstaltung dominieren. Digitalisierung der Wissenschaftskommunikation als evolutionärer Prozess, der nicht aufzuhalten ist: Auf dieser Basis wird die Trennung von ›angepassten‹ und ›unangepassten‹ Akteuren in diesem Prozess konstruiert. Evolution wird in diesem Zusammenhang stets im Sinne einer fortschrittlichen Weiterentwicklung interpretiert. Man solle zum Beispiel »sich medial modern verhalten und nicht die fahrenden Züge verpassen« (Leßmöllmann 2017) Am besten angepasst sind diejenigen, die Social Media zwar intensiv, aber vor allem kreativ und seriös nutzen. Demgegenüber stünden Akteure, die diesen Prozess unterdrückten oder verzögerten, sei es aus Gründen des Machterhalts oder weil sie mit der Entwicklung nicht Schritthalten können (fehlende Medienkompetenz). Lars Fischer spricht in dieser Hinsicht von einer »Schockstarre« gegenüber dem Wandel (Fischer 2017). Auf den ersten Blick sei die Stellungnahme der AG 2 erfreulich; auf den zweiten Blick aber zeige sich, dass »die« Wissenschaft den sozialen Medien »ängstlich«42 gegenüber stünde. »Und so verwundert es nicht, dass Social-Media-affine Wissenschaftskommunikatoren aus verschiedensten Disziplinen und Einrichtungen sich auf wissenschaftskommunikation.de mehrheitlich negativ über die Stellungnahme geäußert haben.« (Oswald 2017; Hervorhebung durch die Verfasser) Hinsichtlich einer möglichen Steuerung des Prozesses bauen die Social-Media-Befürworter auf Selbstregulierung und auf möglichst wenige Eingriffe nach dem Laissez-faire-Prinzip. Damit wenden sie sich explizit gegen die Social-Media-Skeptiker (die AG als Stellvertreter ›der‹ Wissenschaft), die diesen Prozess mit Regularien verhindern wollten, um ein überholtes System künstlich am Leben zu halten. Dieser diskursiven Logik zufolge, werden viele Gestaltungsversuche der Arbeitsgruppe als »wesensfremde Regelung« von Seiten der Politik (vgl. Wandt/ Marsch 2017) beschrieben. Ein interessanter blinder Fleck in dieser Gegenüberstellung liegt darin, dass der Evolution dennoch ›nachgeholfen‹ werden muss, indem die vermeintlichen Fortschritts-Verhinderer bekämpft werden müssten und laufend neue Aufrufe zur stärkeren und angemesseneren Nutzung von Social Media abgegeben werden. Warum aber eine »konstruktive Förderung aller zentralen Akteure und Möglichkeiten der Wissenschaftskommunikation« (Lugger 2017; Hervorhebung durch die Verfasser) nicht auch einer Einmischung gleichkäme, 42 Die Debatte beinhaltet einige solcher emotionalisierenden und psychologisierenden Zuschreibungen, vielfach verwendet ist die vermeintliche »Furcht« vor Social Media. Die stärkere Betonung von Risiken statt Chancen in der Stellungnahme der AG 2 zeige, dass »der Ton der ganzen Studie [...] von Furcht geprägt« (Korbmann 2017) sei. SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 322 die gegebenenfalls die ›Evolution‹ verhindere, wird nicht thematisiert. Es findet sich unmittelbar nach Abschluss des Projekts lediglich eine Stimme, die sich positiv auf die tendenziell skeptische Grundhaltung der Stellungnahme der AG 2 bezieht: »Ein solcher Zugang ist auch durchaus geboten – da sich der ›Hype‹ um die neuen Möglichkeiten der Kommunikation ohnehin von selbst Bahn bricht.« (Schneider 2017)43 Transparenz durch Social Media versus Intransparenz der klassischen wissenschaftskommunikativen Verhältnisse: Während letztere dazu diene, die Eliten vor kritischen Nachfragen zu schützen, erscheint Transparenz prinzipiell als etwas ›Gutes‹, das es in sämtliche wissenschaftliche und politische Verfahren und Abläufe einzubauen gelte. Dabei schwingt latent der Zentralverdacht mit, dass ›die‹ Wissenschaft (Elfenbeinturm) in Vertretung der Akademien zusammen mit der Politik (Arkanpolitik) einen Pakt geschlossen hätten, die Bürger möglichst aus Entscheidungsprozessen herauszuhalten. »Über zwei Jahre zog sich die Gruppe in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurück, traf sich mehrmals im Jahr, hörte ausgewählte Sachverständige an und gab Gutachten in Auftrag. Strikt wurde darauf geachtet, dass die Beratungen über eine bessere Öffentlichkeit nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Auch Anfragen der taz nach Themen der Expertisen wurden abschlägig beschieden – Geheimhaltungsstufe eins.« (Ronzheimer 2014).44 Vor dem Hintergrund der politikberatenden Funktion der Arbeitsgruppe wird hier ein Misstrauen gegenüber der Arbeitsgruppe sichtbar, dass evtl. nicht die ›richtigen‹ Institutionen / Akteure diese Beratungsfunktion einnehmen. Auch in diesem Zusammenhang findet eine Emotionalisierung statt, die Arbeitsgruppe habe »Angst« vorm Volk und vor dem lauten Gebrüll vor der Tür (König 2017). Der Intransparenz-Vorwurf wird verwoben mit machttheoretischen Argumentationen (vgl. Baumann 2014 und Fußnote 22 weiter oben). Die Verweigerung, Social Media selbst konstruktiv zu nutzen und die vermeintlich fehlende Empfehlung an die Politik, diese prinzipiell zu fördern und deren Chancen in den Vordergrund zu stellen, wird als Versuch gewertet, die Bevölkerung – wie Lakaien (vgl. König 2017) – auf Distanz zu halten. Auf beiden Seiten scheint im Diskurs eine pauschale Gleichsetzung von Social Media stattzufinden. Auf der einen Seite führten Social Media zu mehr Transparenz, die wiederum die Voraussetzung für eine stärkere Partizipation der Bevölkerung an Wissenschaft und Gesellschaft darstelle. Dies wiederum führe letztlich zu einer demokratischeren Gesellschaft. Social-Media-Skeptiker kehren die Argumentation 43 Martin Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter Wissenschaft des Südwestrundfunk Baden-Baden und Vorsitzender der Wissenschafts-Pressekonferenz e.v. (WPK). 44 http://www.taz.de/!5035947/ (aufgerufen am 09.08.2017) SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 323 lediglich um. Social Media führe zu unkontrollierbaren Effekten wie Fake News, Hate Speech, Echo Chambers etc. die letztlich demokratiegefährdend wirkten. Deutlich weniger diskutiert werden hingegen neue Intransparenzen, denen Social Media nicht zuletzt in technomedialer Hinsicht unterliegen, zum Beispiel aufgrund der Funktionsweise von Algorithmen, der Unberechenbarkeit viraler Prozesse und deren Selbstverstärkungseffekte usw. (vgl. aber acatech et al. 2017, 45f.). Dem Intransparenz-Vorwurf sehr ähnlich ist die wiederkehrende Behauptung, Social Media führten (eigentlich) zu einem Abbau von zentralistischen Strukturen und zu einer Abschwächung von Hierarchien. Das führe auch in der Wissenschaft dazu, dass ›Experten‹ und ›Laien‹ in den neuen Kommunikationsräumen völlig gleichgestellt seien. Social Media scheinen dabei wie eine ›Gleichmachungstechnologie‹ zu funktionieren. Auch in diesem Fall wird das Vermeiden dieser Kommunikationsformen mit einer machttheoretischen Argumentation verknüpft. »Es gibt keine Informationshierarchien mehr. Der Blog oder der Tweet eines weltweit bekannten Wissenschaftlers wiegt genauso schwer wie der eines Studenten oder gar eines Esoterikers, für den Kommentar zum Blogpost oder für den Antwort-Tweet steht genauso viel Raum zur Verfügung wie für den Anstoß. Kommunikation, in der sie nicht ganz oben in der Hierarchie stehen, sind Wissenschaftler aber nicht gewohnt. Entsprechend schwer wird es ihnen fallen, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen.« (Korbmann 2016) Das Gegenargument, auch die Direktkommunikation sei nicht von den Zwängen journalistischer Selektion und Präsentation befreit »stimmt doch nun wirklich nicht« (Pössel 2017). Auch Julia Wandt (Leiterin der Stabsstelle Kommunikation und Marketing, Sprecherin der Universität Konstanz sowie Vorsitzende im Bundesverband Hochschulkommunikation) und Ulrich Marsch (Leiter des Corporate Communication Center und Pressesprecher der Technischen Universität München sowie Vorstandsmitglied im Bundesverband Hochschulkommunikation) schreiben in Bezug auf die Regulierungsvorschläge der Arbeitsgruppe, Social Media würden zeitgleiche Kommunikation weltweit ermöglichen und so zu mehr Dialog führen. Diesen Prozess durch staatliche Zwangsmaßnahmen einzudämmen, sei ein falscher Weg: »Sind es nicht genau diese Verhaltensweisen, die immer mehr Menschen das Gefühl geben, nicht mitreden und mitbestimmen zu können – mit den Effekten, die wir in den westlichen Demokratien zurzeit mit Sorge beobachten?« (Wandt/ Marsch 2017) Diese diskursive Konstruktion führt dazu, dass bestimmte Vorschläge der Arbeitsgruppe ohne weitere inhaltliche Auseinandersetzung diesem Feindbild zugeschoben werden. Die Empfehlung zur Schaffung einer unabhängigen Plattform für Wissenschaftskommunikation, die gerade als Gegengewicht zu global-zentralistischen Unternehmen wie Google, SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 324 Facebook, Twitter, YouTube etc. gedacht ist, wird so etwa selbst als ›zentralistische Plattform‹ (vgl. Lugger 2017, Weißkopf 2017, Krause 2017) beschrieben, welche zum Ziel habe, im Besitz der ›einzigen Wahrheit‹ zu sein (vgl. Lugger 2017, König 2017). Die Empfehlung war bewusst offen formuliert, mit dem Hinweis auf Prüfung und konkrete Umsetzung durch ein heterogen besetztes Expertengremium – auch die Form eines dezentralen Netzwerkes wäre dabei ja denkbar. An keiner Stelle wurde im öffentlichen Diskurs versucht, diesen Pfad aufzunehmen und Modelle für eine realistische Plattform anzudenken. Auch hier scheint wieder der Kampf darum geführt zu werden, welche Akteursgruppe legitim solche Vorschläge machen darf. Den Akademien wird unterstellt, eine ›dezentrale, freie und vielfältige Wissenschaftskommunikationslandschaft‹ mit Regulierungsversuchen einzuengen und in diese mit Gewalt eine staatlich-zentralistische »Deutschland-Plattform« einzufügen. Die Gegenposition möchte stattdessen vielmehr die bestehende bunte Landschaft selbst fördern. Konkrete Ideen, wie dies umzusetzen sei, fehlen im Diskurs, ebenso wie eine Erklärung, wie es trotz dieser bunten Wissenschaftskommunikation zu Trump, Brexit und Co. kommen konnte. »Natürlich fliegt durch die Internet-Welt viel Schrott. Das heißt aber nicht, dass diese Welt an sich problematisch ist. Sondern, dass man mit den Werkzeugen dieser Welt gute und relevante Dinge tun kann.« (Leßmöllmann 2017) Wieder gilt, dass die Mehrzahl der Akteure offenbar das Ziel einer qualitativ hochwertigen und unabhängigen Wissenschaftskommunikation verfolgt, und zwar im Dienst von Transparenz und Teilhabe.45 Dies artikuliert sich im Diskurs zwischen den verschiedenen Akteursgruppen jedoch maßgeblich über Grenzziehungen und Positionierungen. Man kann das bedauern, wenn es um eine bedeutsame Thematik geht, die wichtige Implikationen für die Wissenschaft, die Öffentlichkeit(en) und die Medien (alte wie neue) hat. Aus diskursanalytischer Perspektive indessen handelt es sich um Aushandlungen und damit: Be- und Verarbeitungen von erheblichen Herausforderungen, die die Social Media für Professionen und Institutionen im Feld der Wissenschaftskommunikation bedeuten. 45 Davon unbenommen sind zwar Partikularinteressen, wie sie etwa durch Wissenschafts-PR zuweilen vorgetragen werden können. Doch – like it or not – auch sie gehört zur neuen Positivität des Feldes Wissenschaftskommunikation, muss sich jedoch ggf. evaluativ den Vorwurf gefallen lassen, die (wenn auch ihre spezifische) Balance von Wahrheit und Zugänglichkeit zugunsten institutioneller Werbung zu gefährden. SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 325 Epilog: Digital souveräne und responsible Wissenschaftskommunikation Kann es im Feld der Wissenschaftskommunikation angesichts dieser (und vieler weiterer, ungenannter) Kontroversen überhaupt jemals so etwas wie digitale Souveränität, von der derzeit allenthalben die Rede ist, geben? Oder steht sie auch nur in Aussicht? Zu dieser Frage möchten wir abschließend noch eine Überlegung anstellen. Unter Souveränität versteht man zunächst allgemein die Fähigkeit zu Selbstbestimmung, die sich durch Eigenständigkeit und Unabhängigkeit ausdrückt. Souveränität grenzt sich einerseits von Autonomie und andererseits von Heteronomie ab: Digitale Souveränität bezeichnet in diesem Sinne die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln und Entscheiden im digitalen Raum. Gerade in einer digital vernetzten Welt gibt es jedoch keine Autonomie. Vor allem in der digital vernetzten Welt gilt es, mit soziotechnischer Heteronomie, die mit immer neuen Autoren-Nutzer, Themennetzen und Kommunikationswelten und -medien auch heraufbeschworen wird, Umgang zu pflegen. Die neuen digitalen Möglichkeiten im Feld der Wissenschaftskommunikation, die sich für einzelne Bürger und kollektive Akteure aus Wissenschaft, Journalismus, PR und ungebundener Kommunikation bieten, werden sich dauerhaft nur dann erweitern, wenn wir uns erlauben, die Perspektive zu verschieben: von den Grenzziehungsarbeiten zum Objekt der Grenzziehung, hier der Wissenschaftskommunikation selbst. Das Konzept des Grenzobjekts wurde von Susan Leigh Star (1989) entwickelt: Grenzobjekte (boundary objects) sind plastisch, werden von verschiedenen Gruppen unterschiedlich interpretiert, enthalten aber genug unveränderlichen Inhalt, um eine globale Identität zu wahren. Instruktiv für unseren Zusammenhang ist: Grenzobjekte erlauben Kooperation ohne Konsens (vgl. Star 2004); vielfältige Perspektiven ohne übergreifende Abstimmung. Dies gilt auch für Wissenschaftskommunikation heute: Immer mehr Akteure betreiben sie auf immer mehr Kanälen mit unterschiedlichen Zielen und Effekten. Angesichts der wachsenden Bedeutung und des Umfangs wissenschaftskommunikativer Aufgaben handelt es sich mittlerweile um ein Projekt, das vieler Stimmen und (Kommunikations-)Kanäle bedarf – ebenso wie laufender kritischer Selbst- und Fremdbeobachtung, um dysfunktionale Effekte zu identifizieren und um (gemeinsam oder in Konkurrenz) Mittel zu erkunden, mit denen man sie möglicherweise bändigen kann. In dieser – nur lose koordinierten Weise – sind Grenzziehungen und Positionierungen, zu denen sie Anlass geben, hilfreich, um die Varianzen möglicher Wissenschaftskommunikation auszuloten – derzeit SABINE MAASEN / ANDREAS WENNINGER 326 maßgeblich herausgefordert durch Social Media. Denn letztlich geht es auf der Makroebene um nichts weniger als um einen Strukturwandel von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien: Er artikuliert sich – stets kontrovers – auf der Mesoebene als Kontroverse über ›vorwärtsgewandte‹ Professionen und ›um wirkliche Transparenz bemühte‹ Institutionen im Feld der Wissenschaftskommunikation. Er artikuliert sich – stets kontrovers – auf der Mikroebene unter anderem über immer neue Versuche, Social Media nicht nur als neues, teils ergänzendes Genre der Kommunikationen von und über Wissenschaft an externe Publika zu nutzen, sondern über Teilhabe und erweiterte Autorenschaft außerdem Enthierarchisierung und Dezentralisierung voranzutreiben. Auch die wissenschaftliche Politikberatung selbst, das lehrt das hier betrachtete Fallbeispiel der AG 2, ist nicht nur von dieser Herausforderung betroffen, sondern gestaltet sie nolens volens mit – als Vehikel und Teil der damit verbundenen und von ihr ausgelösten Kontroversen. Die Forderung nach digitaler Souveränität ist deshalb zwar auch als Forderung nach individueller oder institutioneller Medienkompetenz zu verstehen. Aus der hier vorgeschlagenen Perspektive stellt sie sich jedoch überdies als Imperativ verantwortlicher Gestaltung der sich soeben weiter differenzierenden Domäne Wissenschaftskommunikation dar. Die neuen Möglichkeiten gilt es, aktiv und allseits selbstkritisch zu erkunden: Die AG 2 war ein Beispiel für eine institutionell angeregte und unterstützte Reflexion auf die Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien für die Wissenschaftskommunikation, die sich sonst weitgehend fragmentiert und weniger sichtbar findet. Zum einen hat sie auch andernorts wiederkehrende Kontroversen nur nochmals deutlich gemacht; zum anderen hat sie wichtige Akteure in einem Prozess zusammengeführt und die Notwendigkeit der anhaltenden Reflexion auf Social Media für die Wissenschaftskommunikation auf die wissenschaftspolitische Agenda gesetzt. Denn: Für die Wissenschaft ebenso wie für alle professionellen Akteure steht viel auf dem Spiel. Insbesondere die wichtige Ressource Vertrauen ist nicht aus dem Auge zu verlieren. AG 3? Literatur acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.) (2017): Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie, München. Online verfügbar unter http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/social-media-und-digitale-wissenschaftskommunikation-2017/ [zuletzt geprüft am 22.09.2017]. SCHNELLER, BUNTER, INFORMATIVER 327 acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (Hrsg.) (2014): Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien, München. 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Scheufele The Science of Science Communication Forschungsergebnisse aus den USA und ihre Übertragbarkeit auf Deutschland In recent years, scientific bodies in the U.S., such as the National Academies of Sciences, Engineering and Medicine (NASEM) or the American Association for the Advancement of Science (AAAS) have shifted their approach to science communication away from what were often well-intended efforts guided by bench scientists’ intuitions, but not by empirical data or systematic insights from empirical social science. Recognizing this problem, especially NASEM spearheaded a series of efforts to understand what the scientific community can learn from different disciplines in the social sciences – including communication science, psychology, sociology, decision sciences and political science – about how audiences make decisions and form opinions about emerging science, how social networks and other group dynamics shape the emergence of societal debates about science, and how larger political and media environments influence exchanges among different public, scientific and political stakeholders. The genesis of these efforts were two research colloquia organized by NASEM to assess the state of what has been called the »Science of Science Communication« (Fischhoff & Scheufele 2013, 2014), i.e., empirical, data-driven approaches from the social sciences to creating more effective communication among scientists, the public and other stakeholders. Partly based on these two colloquia, NASEM also convened a consensus study committee to synthesize what we know and do not know from existing bodies of research about (1) how scientific controversies emerge and develop, (2) how to effectively communi cate about the best available science and its societal implications during controversies, and (3) what questions have yet to be answered in order to allow practitioners and members of the scientific community to more effectively communicate about science (National Academies of Sciences 2016a). The NASEM report was focused on a set of specific questions posed to the committee, and placed relatively less emphasis on areas that some times overlap with the field of science communication, such as scientific literacy (National Academies of Sciences 2016c), informal science learning (National Academies of Sciences 2016b), or public en- DIETRAM A. SCHEUFELE 332 gagement (National Research Council 2008), and that were covered extensively in other NASEM reports. The report also focused primarily on scientific controversies in the U.S., which raises the question to which degree some of its findings are generalizable to Europe and other international settings. What we know A large body of literature in the U.S., Europe, and to some degree also Asia, provides insights into how audiences process (quantitative) information about risk (National Research Council 1996), and how to best communicate risk-related information and evaluate those communication efforts (for an overview, see Fischhoff, Brewer, & Downs 2011). These insights, of course, are mostly useful in settings when scientists communicate directly with affected audiences. This includes doctor-patient interactions, but also informational campaigns or other communications by governmental agencies during disasters, food recalls or when new technologies are introduced. As soon as science communication extends into more political or even politicized settings, the dynamics surrounding an effective ex change or arguments and information among all affected stakeholders becomes much more complex (Scheufele, Hall Jamieson, & Kahan 2017). Recent debates about embryonic stem cell research, genetically modified organisms, and human genome editing are good illustrations. The field of science of science communication has focused its attention on a number of related themes two of which are particularly worth highlighting. The first theme that has received extensive attention from U.S. researchers is framing. It refers to the idea the way information is presented heavily influences which mental schemas audiences use to categorize and interpret that information (Scheufele 2013). As a result, the imagery or terminology that is used describe emerging technologies might lead audiences to connect the technology to particular risks or benefits, regardless of the scientific basis for those claims. The »Frankenfood« frame used by environmental activists is a good example. Even though the phrase itself offers no scientific facts or arguments, the cultural schemas we all associate with Mary Shelley’s »Frankenstein« immediately connect genetically modified crops to mental images of scientific hubris, unnatural experiments, and unintended consequences. The unanswered question for science communication is to which degree some of these frames work in different cultural contexts. We know that frames are particularly powerful if they play to and resonate with underlying culturally-shared schemas (Cacciatore, Scheufele, & Iyengar 2016). Frankenstein is likely to be a widely-shared schema with reso- THE SCIENCE OF SCIENCE COMMUNICATION 333 nance across cultural contexts. It is much less clear, however, if frames playing to ideas of naturalness or economic progress will be equally effective across cultural contexts that may differ significantly with respect to the mental schemas held by audiences about what is considered natural or what economic progress looks like. A second theme that has received significant attention from U.S. social scientists across disciplines is the role of values in science communication and especially the idea of motivated reasoning (Kunda 1990). Motivated reasoning refers to the idea that audiences – if confronted with the same information – will weigh those pieces of information more heavily that fit their pre-existing values or beliefs (confirmation bias) and weigh those pieces of information less heavily that do not (disconfirmation bias). As a result, information gets assimilated into existing individual or even group beliefs systems rather than the reverse, i. e., those beliefs being adjusted based on new and potentially contradictory information. In the long term, motivated reasoning also explains the emergence of different groups in the U.S. with diametrically-opposed beliefs on the scientific validity of climate change research, vaccine safety, or the health effects of genetically modified organisms (Scheufele 2014). Motivated reasoning in the U.S. is often driven by religiosity (Ho, Brossard, & Scheufele 2008), political ideology (Cacciatore, Binder, Scheufele, & Shaw 2013; Druckman 2012), and other values that might not map cleanly onto other countries or cultures. It is therefore unlikely we see motivated reasoning and resulting group polarization play out to the same degree in many European countries that have much lower levels of religiosity, for example (Scheufele, Corley, Shih, Dalrymple, & Ho 2009). At the same time, however, the emergence of viable political fringe groups in Germany, the Netherlands and France with at least partly anti-science party platforms are likely due to a similar value-driven filtering of information. What we don't know The NASEM report on science communication also identified a number of research needs that will require more attention from social scientists. One is particularly worth highlighting in this context: the fundamental changes brought about by emerging media infrastructures (for an overview, see Brossard 2013). In particular, the U.S. has seen at least three related trends in how science news are consumed and produced. First, audiences are shifting from legacy media, such as traditional newspapers and television, to online sources (National Science Board 2016). While it is unclear how much online content still draws from legacy media sources, channels of distribution are undergoing fundamen- DIETRAM A. SCHEUFELE 334 tal changes with more than six in ten Americans now reporting getting news from social media (The Pew Research Center 2017). This is related to a second development, i.e., the decline of traditional science journalism, with fewer and fewer newspapers having formal science sections or science writers on staff. Third, in order to stay competitive, U.S. news media rely more and more on targeted information delivery, with content in online environments being tailored toward user preferences, using audience metrics and consumer data. Most of this is driven by economic concerns. As former Politico executive editor and Washington Post reporter Jim VandeHei put it: »Survival [for news media] depends on giving readers what they really want, how they want it, when they want it, and on not spending too much money producing what they don’t want« (Rutenberg 2017). As a result of these economic pressures to narrowcast (as opposed to broadcast) news, scientifically uninterested audiences are likely to be exposed to less and less scientific content over time. In some ways, the U.S. is both unique and ahead of the curve in how its news environments have developed. At the same time, however, comparative data show that other countries face changes in their news infrastructures that might follow somewhat different trajectories but are not any less transformative. The most recent Reuters Digital News Report (Newman, Fletcher, Kalogeropoulos, Levy, & Nielsen 2017), for example, shows that growth rates for use of social media as news source are in the double digits in many European countries (e.g., France: 38%, Germany: 29%). Similarly, two thirds of all respondents worldwide now report no longer getting news directly through delivery mechanisms controlled by legacy media. This includes 25% of users encountering news during online searches and 23% relying on social media. And these developments are not showing any signs of slowing down, with the highest proportions of those naming online or social media as their main source of news being in the 18–24 and 25–34 year-old brackets, and the highest proportions of those relying on print newspapers or television being 45 years or older. Next steps This leaves the U.S., Europe and other parts of the world with lots of open questions about how to navigate these new information environments. How can we ensure that the best available science is heard in public debates surrounding issues, such as human genome editing or vaccine safety, when science journalism in its traditional forms is increasingly struggling to find viable business models and interested audiences? What are the advantages and pitfalls of new information environments that THE SCIENCE OF SCIENCE COMMUNICATION 335 flatten information hierarchies among experts and non-experts? And how can we utilize many of these emerging tools for new forms of public engagement about science, talking advantage of the affordances of these new technologies, while avoiding the detrimental effects that some of these new communication modalities can have on the democratic conversations we need to have around emerging science (Brossard & Scheufele 2013a, 2013b)? Literatur Brossard, Dominique (2013): »New media landscapes and the science information consumer«, Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(Supplement_3), 14096. doi:10.1073/pnas.1212744110 Brossard, Dominique/Scheufele, Dietram A. (2013a): »Science, new media, and the public«, Science, 33(6115), 40–41. doi:10.1126/science.1232329 Brossard, Dominique/Scheufele, Dietram A. (2013b, March 13): »This story stinks«, The New York Times, p. 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Axel Bruns, ARC Future Fellow und Professor im Digital Media Research Centre an der Queensland University of Technology, Brisbane. Forschungsschwerpunkte: Journalismus, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Social Media, digitale Forschungsmethoden, Big Data. Daniela De Ridder, Dr. rer. pol., MdB, Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Arbeitsschwerpunkte: Bildungsforschung, Telekommunikation, Stadt- und Regionalforschung, Gender Studies, Migration. Berichterstatterin u.a. für Fachhochschulen/ HAW und Wissenschaftskommunikation. Leyla Dogruel, Juniorprofessorin für Mediensysteme und Medienleistungen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Forschungsschwerpunkte: Medienökonomie, Medieninnovationen und die Zuwendung zu digitalen Medien. Jonathan Focke, Wissenschaftsjournalist (M.A.). Multimedia-Redakteur in der Wissenschaftsredaktion des Westdeutschen Rundfunks. Andrea Geipel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im digital/media/lab des Munich Center for Technology in Society der Technischen Universität München. Forschungsschwerpunkt: Einfluss von Social Media Plattformen, etwa YouTube, auf Modelle der Wissenschaftskommunikation. Elisabeth Hoffmann, Dr. phil., Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation der Technischen Universität Braunschweig, Mitinitiatorin des Siggener Kreises zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation. Andreas Hotho, Prof. für Data Mining und Information Retrieval, Informatik, an der Universität Würzburg. Forschungsschwerpunkte: Data Science, Text Mining und Semantic Web mit dem Fokus auf Social Media, historischen Texten und Web Daten, ersteres auch in Kombination mit Sensor Informationen, Betreiber des Social-Bookmarking- und Publikationsverwaltungssystem BibSonomy.org. PERSPEKTIVEN DER WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 338 Reinhard F. Hüttl, Prof. Dr. rer. nat. habil, Vorstandsvorsitzender Deutsches GeoForschungsZentrum, Potsdam, sowie acatech Vizepräsident für Internationales. Otfried Jarren, Prof. für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Politische Kommunikation, Medien und sozialer Wandel, Mediensystem und Medienstrukturen, Kommunikations- und Medienpolitik. Henning Lobin, Prof. für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik im Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Forschungsschwerpunkte: multimodale und soziale Formen der Wissenschaftskommunikation, Texttechnologie, computerunterstütztes Lesen und Schreiben. Sabine Maasen, Prof. Dr., Friedrich Schiedel-Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie und Direktorin des Munich Center for Technology in Society (MCTS) an der TU München. Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Technosciences, Neurotechnologische Arrangements von Selbst und Gesellschaft, Kollaborative Produktion von Wissen. Stefan Müller, Mitglied des Deutschen Bundestages, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung bis 24. Oktober 2017. Christoph Neuberger, Prof. für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt »Medienwandel« an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Forschungsschwerpunkt: Wandel von Medien, Öffentlichkeit und Journalismus im Kontext der Digitalisierung, Medienqualität und -regulierung. Christian Pentzold, Dr. phil., Juniorprofessor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen. Forschungsschwerpunkte: Herstellung und Aneignung vernetzter Medientechnologien, Medienbezogene Praxisformen, Zeit und Kommunikation, Digitale Daten. Adrian Rauchfleisch, Dr. phil., Postdoc an der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Politische Kommunikation, Onlinekommunikation und Wissenschaftskommunikation. Dietram A. Scheufele, Prof. für Kommunikationswissenschaft am College of Agricultural & Life Sciences der University of Wisconsin-Madi- DIE AUTORINNEN UND AUTOREN 339 son. Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftskommunikation, Öffentliche Meinung, Politische Kommunikation, Governance. Jan-Hinrik Schmidt, Dr., Senior Researcher für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung Hamburg. Forschungsschwerpunkte: Soziale Medien, Onlineforschung, Kommunikationssoziologie. Peter Weingart, em. Prof. für Soziologie (Wissenschaftssoziologie und -politik), Universität Bielefeld. Seit 2015 South African Research Chair for Science Communication, Stellenbosch University. Editor der Zeitschrift Minerva. Probleme der Wissenschaftskommunikation, Medialisierung der Wissenschaft, wissenschaftliche Politikberatung. Andreas Wenninger, Postdoc am Friedrich Schiedel-Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie der TU München. Forschungsschwerpunkte: Social Media, Wissenschaftskommunikation, Citizen Science, Qualitative Sozialforschung. Holger Wormer, Dipl.-Chem., Prof. für Wissenschaftsjournalismus, Techn. Universität Dortmund. Forschungsschwerpunkte: Qualität, Ethik und Funktion der Kommunikation in Wissenschaft und Medien. Recherche, Vermittlung und Nachrichtenwerte im Wissenschaftsjournalismus. Datenjournalismus und Scientific Literacy. PERSPEKTIVEN DER WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 340 Mitwirkende in der Akademien-Arbeitsgruppe »Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Phase 2): Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien«1 Arbeitsgruppe Prof. Dr. Peter Weingart (Sprecher) Universität Bielefeld Prof. Holger Wormer (Sprecher) TU Dortmund Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl (Sprecher) GFZ Potsdam und acatech Heidi Blattmann Wissenschaftspublizistin und ehemalige Ressortleiterin Wissenschaft, Neue Zürcher Zeitung Dr. Elisabeth Hoffmann TU Braunschweig Prof. Dr. Otfried Jarren Universität Zürich Prof. Dr. Carsten Könneker Karlsruher Institut für Technologie Nicola Kuhrt Deutsche Apotheker Zeitung online (DAZ. online) Prof. Dr. Martin Lohse Universität Würzburg Prof. Dr. Sabine Maasen TU München Prof. Dr. Christoph Neuberger LMU München Prof. Dr. Alfred Pühler Universität Bielefeld Dr. Evelyn Runge Martin Buber Society, The Hebrew University of Jeruem Prof. Dr. Dietram A. Scheufele University of Wisconsin-Madison Prof. Dr. Jule Specht Humboldt-Universität zu Berlin Wissenschaftlicher Mitarbeiter Andreas Wenninger TU München Koordinator PD Dr. Marc-Denis Weitze acatech Geschäftsstelle 1 Onlineauftritt der Arbeitsgruppe: http://www.acatech.de/de/projekte/laufende-projekte/wissenschaft-oeffentlichkeit-medien-2.html ; siehe außerdem die Stellungnahme von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften: Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie. München 2017, online abrufbar unter: http://www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumstruktur_nach_Website/Acatech/root/de/Publikationen/Kooperationspublikationen/WOM2_Stellungnahme_web_FINAL.pdf

Zusammenfassung

Öffentliche Kommunikation sieht sich derzeit durch »Fake News« und »Hate Speech« im Internet und zum Teil maschinell gesteuerte Kampagnen in den sozialen Netzen bedroht. Echokammern, Filterblasen und Social Bots sind nur einige Schlagworte in der Debatte. Diese Bedrohungen betreffen besonders die Wissenschaftskommunikation, weil sie das Vertrauen in Fakten und in die Objektivität wissenschaftlicher Methoden unterminieren.

Der Band gibt einen Überblick über das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit vor dem Hintergrund der aktuellen Medienentwicklungen. Das Thema wird von Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Kommunikationswissenschaft, (Wissenschafts-) Soziologie, Journalismusforschung, (Computer-)Linguistik, Medienwissenschaft und Informatik sowie aus praktischen Bereichen der Wissenschaftskommunikation beleuchtet. Die Schwerpunkte liegen auf der ökonomischen Situation der Wissenschaftskommunikation, hier insbesondere des Wissenschaftsjournalismus, auf den mit der Digitalisierung einhergehenden technischen Voraussetzungen und den damit eröffneten Chancen und Risiken, insbesondere im Hinblick auf die Erhaltung der Qualität der Kommunikation sowie der Herstellung von Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Medieninhalte.

References

Zusammenfassung

Öffentliche Kommunikation sieht sich derzeit durch »Fake News« und »Hate Speech« im Internet und zum Teil maschinell gesteuerte Kampagnen in den sozialen Netzen bedroht. Echokammern, Filterblasen und Social Bots sind nur einige Schlagworte in der Debatte. Diese Bedrohungen betreffen besonders die Wissenschaftskommunikation, weil sie das Vertrauen in Fakten und in die Objektivität wissenschaftlicher Methoden unterminieren.

Der Band gibt einen Überblick über das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit vor dem Hintergrund der aktuellen Medienentwicklungen. Das Thema wird von Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Kommunikationswissenschaft, (Wissenschafts-) Soziologie, Journalismusforschung, (Computer-)Linguistik, Medienwissenschaft und Informatik sowie aus praktischen Bereichen der Wissenschaftskommunikation beleuchtet. Die Schwerpunkte liegen auf der ökonomischen Situation der Wissenschaftskommunikation, hier insbesondere des Wissenschaftsjournalismus, auf den mit der Digitalisierung einhergehenden technischen Voraussetzungen und den damit eröffneten Chancen und Risiken, insbesondere im Hinblick auf die Erhaltung der Qualität der Kommunikation sowie der Herstellung von Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Medieninhalte.