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Marco Gerster

Gewalt ohne Grund

Über die narrative Bewältigung von Amokläufen

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-097-0, ISBN online: 978-3-7489-2665-8, https://doi.org/10.5771/9783748926658

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-097-0 V EL BR Ü CK W IS SE N SC H A FT G er st er • G ew al t o hn e G ru nd Dieses Buch beschäftigt sich aus kultursoziologischer Perspektive mit der gesellschaftlichen Bewältigung von Amokläufen. Es thematisiert die sozialen Mechanismen und narrativen Muster, die aus der »grundlosen« Gewalt Sinn und Bedeutung schöpfen. Die Studie folgt einem konstruktivistischen Paradigma: Ihr Ziel ist es nicht, einen Erklärungsversuch zu unternehmen, sondern die Debatte um Amokläufe selbst deutend zu verstehen, um aus den Ergebnissen Erkenntnisse in Bezug auf das Selbstverständnis der Gesellschaft zu gewinnen. Amokläufe sind Beispiele für vermeintlich »grundlose« Gewaltereignisse, die einen ernsten gesellschaftlichen Erklärungsnotstand hervorrufen. Die Beliebigkeit von Tätern und Opfern, das Fehlen von verständlichen Motiven sowie die Ausführung der Taten als rational geplante Exzesse werden in modernen Wissens- und Risikogesellschaften, in denen nichts ohne letzte Ursache bleiben darf, zur Anomalie. In den Debatten um Ursachen und Motive, Schuld und Verantwortung sowie Sicherheit und Prävention zeigt sich, wie gerade das vermeintlich »Sinnlose« zur Sinnstiftung zwingt und das bedrohliche »Nichts« eine Überfülle an Bedeutung produziert. Marco Gerster studierte Soziologie und Politikwissenschaften und wurde 2016 an der Universität Konstanz promoviert. Er war dort am Lehrstuhl für Makrosoziologie von 2010 bis 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und assoziiertes Mitglied am Graduiertenkolleg »Das Reale in der Kultur der Moderne«. Marco Gerster Gewalt ohne Grund Über die narrative Bewältigung von Amokläufen Marco Gerster Gewalt ohne Grund Marco Gerster Gewalt ohne Grund Über die narrative Bewältigung von Amokläufen VELBRÜCK WISSENSCHAFT Dieses Buch wurde gefördert mit Mitteln des im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder eingerichteten Exzellenzclusters der Universität Konstanz »Kulturelle Grundlagen von Integration«. Erste Auflage 2016 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2016 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-097-0 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Teil I: Einführung 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.1 ›Ganz normale Jugendliche‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.2 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2 Forschungsstand und Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.1 Die Frühgeschichte des archaischen Amoklaufs . . . . . . . 24 2.2 Ursachen- und Präventionsforschung im Kontext moderner Amokläufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2.1 Das kranke Individuum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.2 Die kranke Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.3 Institutionen, soziales Umfeld und kollektive Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.2.4 Die Entschuldung des Täters oder: Die Abwesenheit des Bösen? . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.3 Die kulturelle, soziale und historische Konstruktion moderner Amokläufe . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.4 Eigene Perspektive und Arbeitsdefinition . . . . . . . . . . . . 33 2.5 Forschungsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.6 Datenmaterial und Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Teil II: Die Geschichte des Amoklaufs 3 Vom Krieger zum Kranken. Die Frühgeschichte des Amok. . . 43 3.1 Fremdheit und Exotik. Reiseberichte aus dem 16. Jahrhundert und Amok-Krieger in Batavia . . . . . . . . 44 3.2 Exkurs: Mythos und Ritual. Der kěris als erste Waffe des Amok . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3.3 Pathologie und Störfall. Ethnopsychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 3.3.1 Amok als ›Culture-Bound Syndrome‹ . . . . . . . . . 54 3.3.2 Kulturelle Konditionierung von Amok und ritueller Ehrerwerb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 INhALT 3.3.3 Amok als Störung und ›grundloses Verbrechen‹ . . 59 3.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 4 Vom Wahnsinn zum Wertewandel Fünf Fälle von Amok in der modernen Gesellschaft . . . . . . . . 63 4.1 Bremen am 20. Juni 1913 – Ernst Schmidt . . . . . . . . . . . 64 4.2 Degerloch am 4. September 1913 – Ernst August Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 4.3 Köln-Volkhoven am 11. Juni 1964 – Walter Seifert . . . . 70 4.4 Austin, Texas am 1. August 1966 – Charles Joseph Whitman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 4.5 Littleton, Colorado am 20. April 1999 – Eric harris und Dylan Klebold . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 4.6 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Teil III: Theoretische Konzepte 5 Sinn, Ereignis und Erzählung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 5.1 Sinn und Sinnlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 5.2 Ritual und Ereignis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 5.3 Erzählung und Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 5.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 6 Gewalt, Gefühl und Transgression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 6.1 Grenzen: Normalität, Abweichung und Ausnahme. . . . . 107 6.2 Entgrenzung: Exzess, Beziehungs- und Motivlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 6.2.1 Motivlosigkeit und Selbstreferentialität . . . . . . . . 110 6.2.2 Affektive Gewalt: Wut, Zorn, Exzess . . . . . . . . . . 114 6.2.3 Exkurs: Achilles und Aias als literarische Furorsubjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 6.2.4 Beziehungslosigkeit, Gewaltsubjekt und die Gewalt des Symbolischen. . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.3 Eingrenzung: Sanktion, Narration und Performanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 6.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 INhALT 7 Verbrechen, Risiko und Solidarität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 7.1 Verbrechen und Solidarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 7.2 Unreinheit und Ansteckung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 7.3 Angst, Schuld und Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 7.4 Risiko, Gefahr und Prävention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 7.4.1 Risikogesellschaft und kulturelle Ansätze. . . . . . . 145 7.4.2 Risiko, Gefahr und Betroffenheit aus systemtheoretischer Perspektive . . . . . . . . . . . . . . 149 7.4.3 Prävention und Vorsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 7.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Teil IV: Empirische Analyse Die Amokläufe von Erfurt und Winnenden . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 8 Trauma: Diesseits und Jenseits von Sinn und Sprache . . . . . . 163 8.1 Das Einbrechen des Außerordentlichen . . . . . . . . . . . . . 163 8.1.1 Alltag und Ereignis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 8.1.2 Tatbeschreibungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 8.2 Reden, Schweigen und Rituale der Trauer . . . . . . . . . . . 171 8.2.1 Paradoxien der Sprachlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . 172 8.2.2 Rituale der Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 8.2.3 Exkurs: ›Amok‹ als Metapher . . . . . . . . . . . . . . . 180 8.3 Figuren des Außerordentlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 8.3.1 Täter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 8.3.2 Opfer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 8.3.3 helden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 8.3.4 Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 8.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 9 Schuld: Symbole des Bösen und Rituale der Reinigung . . . . . 209 9.1 Jörg K. vor Gericht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 9.2 Gewalt und Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 9.2.1 Negative Zuschreibungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 9.2.2 Positive Zuschreibungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 9.3 Waffen und Schützenvereine. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 9.3.1 Negative Zuschreibungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 INhALT 9.3.2 Positive Zuschreibungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 9.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 10 Krise: Soziales Versagen und Enthymeme der guten Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 10.1 Schulkultur und Bildungspolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 10.1.1 Schulen als Brennpunkte der Gesellschaft . . . . . . 248 10.1.2 Pisa, Schulsysteme und Bildungspolitik . . . . . . . . 250 10.1.3 Prävention und Vorsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 10.2 Familie und Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 10.2.1 Eltern und Familie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 10.2.2 Gesellschaft und Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 10.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 11 Triumph: Rückkehr der Lebenden und Repräsentation der Toten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 11.1 Transformation von Räumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 11.2 Kollektives Erinnern und die Repräsentation der Opfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 11.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 Teil V: Schluss 12 Die narrative Bewältigung von Amokläufen. . . . . . . . . . . . . . 277 12.1 Vom Trauma zum Triumph . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 12.2 In schlechter Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 12.3 Ohne Anfang kein Ende. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 13 Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 13.1 Drei Thesen über Amok . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 13.1.1 Von der Ent-Ritualisierung zur Re-Ritualisierung des Amoklaufs. . . . . . . . . . . . . 282 13.1.2 Ein Plädoyer für die Kategorien der ›Grundund Sinnlosigkeit‹ in der (Gewalt-) Soziologie . . . 283 13.1.3 Amok als ›flottierender Signifikant‹ . . . . . . . . . . . 284 13.2 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 »Immer dort, wo nichts mehr ist, bildet sich eine Art Überfülle.« (Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien) 11 Vorwort Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete Version meiner Dissertationsschrift, die ich am 22.06.2015 am Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz eingereicht und am 19.05.2016 erfolgreich verteidigt habe. Ich danke meinen beiden Gutachtern und mündlichen Prüfern, Prof. Dr. Bernhard Giesen und Prof. Dr. Thomas Kirsch, sowie dem dritten Gutachter und Prüfungsvorsitzenden Prof. Dr. Werner Georg für die interessante Diskussion. Ausgehend von einem ersten, kurzen Exposé eine publikationswürdige Dissertationsschrift zu verfassen ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine persönliche herausforderung. Dass mir dies gelungen ist, habe ich vielen Menschen zu verdanken. Größter Dank gilt meinem Doktorvater Prof. Dr. Bernhard Giesen, der meinen akademischen Weg seit meinem Masterstudium und meiner Einstellung als hilfskraft an seinem Lehrstuhl im Jahr 2007 begleitet und unterstützt hat. Für die richtige Mischung aus Lob und Kritik, Anleitung und Freiheiten, für sein Vertrauen in meine Arbeit sowie für die Möglichkeit, meine Promotion über eine Mitarbeiterstelle an seinem Lehrstuhl zu finanzieren, bin ich ihm sehr dankbar. Ebenfalls danken möchte ich Prof. Dr. Thomas Kirsch, der sich für mein Thema begeistern ließ und mir in Kolloquien, seinen Sprechstunden und nicht zuletzt in seinem umfassenden Gutachten wertvolle Anregungen gab. Das Team von Bernhard Giesen, in dem nicht nur Ideen und gemeinsame Publikationen, sondern auch Arbeitsverträge überdauernde Freundschaften entstanden sind, werde ich in besonderer Erinnerung behalten. Mit Kim-Claude Meyer habe ich jahrelang ein Büro und meinen akademischen Alltag geteilt. Für sein konstantes Feedback, die unzähligen Gespräche über Wichtiges und Unwichtiges, seinen Zuspruch aber auch für das gemeinschaftliche, gelegentliche Zweifeln bin ich ihm sehr dankbar. Werner Binder möchte ich herzlich dafür danken, dass er sich immer die Zeit genommen hat, um mit mir über meine Arbeit zu sprechen. Er hat außerdem die erste vollständige Version gelesen und mit seinen hinweisen die Endfassung an wichtigen Stellen verbessert. Sehr zu schätzen weiß ich auch die zahlreichen, anregenden Gespräche mit Francis Le Maitre, die mir bei der Pointierung vieler Argumente sehr geholfen haben. Dank gebührt ebenfalls Kay Junge, Robert Seyfert, Christoph Schneider, Gerold Gerber, Nils Meise und Yasemin Soytemel, die bei Vorträgen und Kolloquien nie mit hilfreichen Kommentaren und Fragen gespart haben. Darüber hinaus danke ich dem Konstanzer Graduiertenkolleg »Das Reale in der Kultur der Moderne«, insbesondere Prof. Dr. Albrecht VORWORT 12 Koschorke und Dr. Alexander Zons, für die Assoziierung an das Kolleg, die finanzielle Unterstützung meiner Forschungsreisen sowie die Möglichkeit, regelmäßig Kapitel meiner Arbeit im Forschungskolloquium diskutieren zu dürfen. Dem Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz möchte ich dafür danken, dass mein Arbeitsvertrag nach der Emeritierung meines Doktorvaters um ein Jahr verlängert wurde und ich in dieser Zeit meine Dissertationsschrift fertigstellen konnte. Prof. Dr. Jörn Ahrens danke ich für den regen Austausch über das Phänomen Amok und für die Chance, bei der Ausrichtung einer internationalen Gewaltkonferenz mitzuwirken. Insbesondere das Kapitel über Gewalt hat von den Vorträgen und den Diskussionen sehr profitiert. Für die Möglichkeit, das Buch bei Velbrück Wissenschaft zu veröffentlichen, möchte ich dem Verlag und vor allem der Verlagsleiterin Marietta Thien ein herzliches Dankeschön aussprechen. Zu großem Dank bin ich ebenfalls dem Konstanzer Exzellenzcluster »Kulturelle Grundlagen von Integration« verpflichtet, der mich sowohl bei Forschungsreisen als auch bei dieser und anderen Veröffentlichungen finanziell unterstützt hat. Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Familie, insbesondere bei meinen Eltern, für ihren konstanten Zuspruch und ihre Anteilnahme an meiner Arbeit. Mein besonderer Dank gilt schließlich Julia Sutter. Sie hat die Arbeit nicht nur sorgfältig Korrektur gelesen und kritisch kommentiert, sondern mich auch auf jede erdenkliche Art und Weise unterstützt. Ich bin froh und dankbar, sie an meiner Seite zu wissen. Marco Gerster Allensbach, im November 2016 Teil I Einführung 15 1 Einleitung 1.1 ›Ganz normale Jugendliche‹ Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Amok als Form ›grundloser‹ Gewalt. Eine mögliche Erwartung soll gleich zu Beginn zerstreut werden: Es wird im Folgenden weder die Anstrengung unternommen, den gesellschaftlichen Erklärungsnotstand mit eigens formulierten ›Gründen‹ aufzufüllen noch besteht das Ziel, bereits vorhandene Erklärungsangebote als falsch zurückzuweisen. Vielmehr sollen die Erklärungsangebote selbst deutend verstanden und aus einer kultursoziologischen Perspektive nach der diskursiven Produktivität und der narrativen Energie jenes ›Nichts‹ gefragt werden, das sich in der Gewalt von Amokläufen offenbart. Die Zuschreibung ›Grundlosigkeit‹ ruft ambivalente Gefühle hervor. Sie gilt je nach Kontext entweder als Ideal oder aber als Anlass für ernstzunehmendes Unbehagen. Während Grundlosigkeit beispielsweise das wichtigste Moment in der Vorstellung der romantischen Liebe darstellt und für Authentizität steht, wird das gleiche Attribut im Zusammenhang von Verbrechen als grausam, monströs und pathologisch wahrgenommen.1 ›Grundlose‹ oder ›sinnlose‹ Gewalt2 scheint eine letzte Facette einer archaisch anmutenden Kategorie des Bösen zu sein, auf die unsere Gesellschaft und insbesondere deren Medienöffentlichkeit besonders empfindsam reagieren (vgl. Vogl 2003a: 224; Giesen et al. 2014b). »Wer aber nach verbindlichem Sinn sucht, dem muß die Kontingenz zum Bösen werden«, schreibt Rüdiger Safranski in seinem Buch Das Böse oder Das Drama der Freiheit (1997: 220). Safranski entfaltet diese These am Beispiel von Joseph Conrads Heart of Darkness (1899), in dem der erkrankte Agent Kurtz an der einsamen und schweigenden Wildnis verzweifelt und mit den berühmten Worten »The horror! The horror!« sein Leben aushaucht. Doch Safranskis These lässt sich freilich auch in einen größeren Kontext stellen. Eine besondere Form der Kontingenzbewältigung taucht gegen Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Mit dem Rückgang des deterministischen 1 Für eine kultursoziologische Analyse der Phänomene Liebe und Verbrechen vergleiche den gleichnamigen Text von Bernhard Giesen, Kim-Claude Meyer und Marco Gerster (Giesen et al. 2014c). 2 Im Folgenden werden die Begriffe ›sinnlos‹ und ›grundlos‹ synonym verwendet, wohl wissend, dass sie Unterschiedliches betonen. In den Kapiteln 6 und 13.1.2 wird darauf zurückgekommen. TEIL I: EINFÜhRUNG 16 Denkens entstehen probabilistische Modelle, mit denen Kontingenzen operationalisiert und kontrolliert werden sollen. Es kommt zu einer »Zähmung des Zufalls«, wie Ian hacking es formuliert hat: »[T]he taming of chance, that is, of the way in which apparently chance or irregular events have been brought under the control of natural or social law« (hacking 1990: 10). Gesellschaften werden statistisch beschreibbar und bestehen im Durchschnitt aus »normalen Menschen«, die konform zu den geltenden Normen und Werten handeln (vgl. hacking 1990: 2). Extreme Abweichungen von dieser Normalität gelten dann entweder als pathologisch oder – in hinblick auf positives Verhalten – als besonders bewundernswert. Dieser Ansatz lässt jedoch eine dritte Perspektive au- ßer Acht: Der »dämonologische Blick« (vgl. Giesen 2010: 144 ff.) vermutet die Täuschung gerade hinter der harmlos anmutenden Oberfläche. Die Normalität selbst gerät unter Verdacht, heimlich mit dem Bösen im Bunde zu stehen. Ein prominentes Beispiel3 stammt von Christopher R. Browning und seiner Analyse des deutschen Reserve-Polizeibataillons 101 im zweiten Weltkrieg. Am Schluss seines Buches, das den Titel Ganz normale Männer trägt (engl. Ordinary Men, erstmals 1992), kommt Browning zu folgendem Fazit: »In praktisch jedem sozialen Kollektiv übt die Gruppe, der eine Person angehört, gewaltigen Druck auf deren Verhalten aus und legt moralische Wertmaßstäbe fest. Wenn die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 unter solchen Umständen zu Mördern werden konnten, für welche Gruppe von Menschen ließe sich dann noch Ähnliches ausschließen?« (Browning 1993: 247) Die Figur der ganz normalen Männer wird zum Gegenstand eines dämonologischen Blicks, »da ihnen die Bedrohlichkeit des Insignifikanten und damit des Unerkennbaren anhaftet« (C. Schneider 2011: 4). Mit seinem Ergebnis unterstellt Browning jedoch nicht, dass die Täter als ›ganz normale Männer‹ folterten und mordeten, sondern verweist auf die monströse Potentialität, die in der Normalität schlummert und vor 3 Zwei weitere Studien lassen sich nennen. Ein erstes Beispiel stellt das Stanford-Prison-Experiment dar (vgl. Zimbardo 2008). Die in seinem Buchtitel gestellte Frage »how Good People Turn Evil« versucht Philip Zimbardo durch die spezifische Gefängnissituation zu erklären, durch die Übernahme von Rollenmustern (Insassen vs. Wärter) und durch die in der materiellen Umgebung eingelassenen handlungsskripte (z.B. Zellen, Schlagstöcke etc.). Auch wenn Zimbardo nicht von ›normalen‹, sondern von ›guten‹ Menschen spricht, lassen sich das Experiment und dessen Erkenntnisse eindeutig einem Topos der Dämonie des Normalen zuordnen. Das zweite Beispiel ist unter dem Namen »Milgram-Experiment« (vgl. Milgram 1974) bekannt geworden. hier liegen die Ursachen des Kippens der Normalität ins Monströse ebenfalls in der sozialen Situation begründet, indem die »Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität« – so der Untertitel der deutschen Übersetzung –, untersucht wird. EINLEITUNG 17 der sich niemand sicher wissen kann. Sie waren ganz normale Männer. Jeder kann zum Täter und jeder kann zum Opfer von Gewalt werden. Dieser Topos der Dämonie des Normalen beschränkt sich keineswegs nur auf die Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges, sondern er findet sich seit geraumer Zeit auch im Diskurs um Jugendgewalt wieder. Formulierungen wie ›ganz normale Jugendliche‹ oder ›auffällige Unauffälligkeiten‹ zeigen wie im Fall des Reserve-Polizeibataillons 101 die Problematik dessen an, was mit ›Normalität‹ gemeint sein soll. Die Betonung der Normalität schürt den Zweifel an der Richtigkeit der Beschreibung, denn gerade weil die Jugendlichen gewalttätig werden, enttäuschen sie die Erwartungen an den ›normalen‹ Durchschnitt, der eben nicht zur Gewalt greift. ›Normalität‹ scheint hier eher auf eine Art doppelte Identität und verschiedene Rollen hinzuweisen, wie sie auch anderen Sozialfiguren wie dem terroristischen Schläfer oder dem Spion eigen sind. Diese halten das Wissen um ihre Motive und Absichten vor anderen gezielt verborgen, während die potentiellen Opfer der vorgetäuschten Normalität aufsitzen. Dass das Narrativ der ›ganz normalen Jugendlichen‹ in den unterschiedlichsten Kontexten von Jugendgewalt in den letzten Jahren häufig anzutreffen ist, lässt sich anhand einiger Beispiele illustrieren: Die taz vom 6. Mai 1994 zitiert den damaligen Bürgermeister von Lübeck, Michael Bouteiller, im Zusammenhang von Gewalt durch Neonazis mit den Worten: »›Die mutmaßlichen Synagogen-Brandstifter sind ganz normale Jugendliche aus unserer Stadt‹.« – Nach einer Schlägerei auf einem Camperfest in Mecklenburg-Vorpommern ist ebenfalls in der taz vom 13. Mai 1997 zu lesen: »›Das waren ganz normale Jugendliche, wie Überall auch‹, weist er [der Pressesprecher der Rostocker Polizei, M.G.] die Frage nach einem möglichen rechtsgerichteten Milieu zurück.« – In einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 13. August 2001, der sich mit den Unruhen in England beschäftigt, ist zu lesen: »Längst haben wir erfahren, dass keineswegs nur verarmte und perspektivlose Jugendliche aus Problemfamilien sich an den Plünderungen in London, Birmingham und Manchester beteiligt haben. Auch scheinbar ganz normale Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht nutzten die für sie offenbar günstige Gelegenheit.« – Bei einem Missbrauchsfall von Jugendlichen durch Jugendliche erläutert ein Oberstaatsanwalt in der taz vom 26. März 2011: »Es gebe keine hinweise darauf, dass die mutmaßlichen Täter schädliche Neigungen hätten. Es sind ganz normale Jugendliche, sagte Retemeyer. Auch die Familien seien nicht auffällig«. Ein wichtiges Beispiel fehlt noch in dieser Aufzählung. Die soziale Unsichtbarkeit, die mit ihrer Enthüllung gleichzeitig an einen Ausbruch von exzessiver Gewalt gekoppelt ist, wird vor allem seit den letzten zehn Jahren von einem besonderen Gewalttypus verkörpert, um den es in dieser TEIL I: EINFÜhRUNG 18 Arbeit gehen soll: dem Amoklauf.4 Gerade der Amokläufer ist Sinnbild eines »gewendeten, monströsen Mittelmaßes«, so der Kultur- und Literaturwissenschaftler Joseph Vogl (Vogl 2000: 77). Der Umstand, dass die Täter keine ›idealtypischen‹ Massenmörder sind, bringt die Gesellschaft, in deren Mitte sich die Gewalt ereignet, in einen Erklärungsnotstand. Die soziale Katastrophe besteht deshalb auch nicht in erster Linie im Sterben von Opfern. Dies ist selbstverständlich schrecklich und tragisch, aber es kommt in anderen Kontexten ebenfalls vor und muss nicht zwangsläufig skandalisiert werden – man denke etwa an die tausenden Toten, die jährlich an Krankenhauskeimen oder der saisonalen Influenza sterben. Das Unbehagen besteht vielmehr darin, »dass sich die Taten und Ereignisse vom Fundament der Gründe gelöst haben« (Vogl 2004: 145). Dies macht es schwer, den Amoklauf in eine plausible, die Ordnung wieder herstellende Erzählung einzubetten und Präventionsstrategien zu erarbeiten. Der Sinnzwang öffnet zahlreiche Einfallstore für Spekulationen und erschafft immer neue Erklärungsmuster, die um das schwarze Loch des Ereignisses kreisen, von seinem Sog angezogen werden und doch oftmals ins Leere laufen. Dies liegt nicht zuletzt an der Ambivalenz des Phänomens selbst. Es lässt sich in einem komplexen Diskursfeld zwischen Normalität und Ausnahme, Krankheit und Sozialisation sowie Individualisierung und Entindividualisierung verorten. Im Zentrum dieser Antagonismen stehen die Fragen nach Schuld, Zurechnung und Verantwortung und jedes ›Kippen‹ in die eine oder die andere Richtung der Antagonismen führt zu Folgeproblemen für die Gesellschaft, die derartige Gewaltereignisse zu verhindern sucht. Wie die ›ganz normalen Männer‹ sind auch die ›ganz normalen Jugendlichen‹ eine »Figur, mit hilfe derer das Subjekt als Bezugspunkt möglicher Erklärungen angesteuert wird, um es im gleichen Atemzug zu neutralisieren« (C. Schneider 2011: 17). Wenn die Täter aus unserer Mitte kommen und so sind wie wir, dann lässt sich kaum noch von einer Ausnahme sprechen. Wenn Browning die rhetorische Frage stellt, wer vom Einfluss der Gesellschaft oder den Gruppen, in denen er sich bewegt, gefeit ist, dann lässt sich dies auch auf die Diskussion um Amokläufe übertragen: Wenn schlechte Noten, Mobbing, die sogenannten ›Killerspiele‹ oder die Mitgliedschaft im Schützenverein tatsächlich 4 Mit dem Verweis auf Brownings Studie über die »ganz normalen Männer« sollen weder Parallelen zwischen NS-Kriegsverbrechen und Amokläufen gezogen werden, noch soll behauptet werden, dass Amokläufer tatsächlich ganz normale Jugendliche sind. Vielmehr geht es darum, narrative Bewältigungsstrategien freizulegen. Wie im Verlauf der Arbeit noch zu zeigen sein wird, bildet die Erklärung – oder besser: die Nicht-Erklärung – der Kategorie der ›ganz normalen Jugendlichen‹ nur eines unter vielen Narrativen, mit denen versucht wird, das Außerordentliche zu bannen. Die radikale Devianz wird über viele Figuren erzählt (›der Normale‹, ›der Kranke‹, das ›Opfer‹ etc., vgl. 8.3.1). EINLEITUNG 19 Amokläufe auslösen, dann sind mehr ›ganz normale Jugendliche‹ gefährdet als bislang angenommen. Wenn die Täter dagegen pathologisiert und ›entmenschlicht‹ werden, erhalten sie den Status einer Ausnahme. Dies entlässt die Gesellschaft ein Stück weit aus ihrer Verantwortung, was dann aber auch heißt, dass gegen Amokläufe nur noch Vorsorge- und keine Präventionsstrategien mehr greifen (vgl. 7.4.3 und 10.1.3). Es soll an dieser Stelle betont werden, dass die vorliegende Arbeit nicht versucht, die Frage zu beantworten, ob die Täter nun ›ganz normale Jugendliche‹ sind oder nicht, ob man tatsächlich etwas gegen derartige Gewaltereignisse tun kann oder nicht, ob es Gründe für die Gewalt gibt oder nicht. Es geht vielmehr darum, den gesellschaftlichen Erklärungsnotstand selbst zum Thema der Untersuchung zu machen und die ›grundlose Gewalt‹ sowie die ›ganz normalen Jugendlichen‹ als einige Narrative – neben anderen –, zu begreifen, mit denen Amokläufe semantisiert und bewältigt werden. Die empirische Analyse der Medienberichterstattung stellt keine Dekonstruktion der Geschichten und Erklärungen in dem Sinne dar, als dass dem Leser in einem abschließenden Fazit gesagt werden soll, wie es sich ›wirklich‹ verhält. Katastrophen können im Sinne von Marcel Mauss als »totale gesellschaftliche Phänomene« (vgl. Mauss 1990: 17) betrachtet werden, hat Jörg Bergmann einmal in einem Vortrag über Katastrophenkommunikation gesagt. Sie ziehen weite Kreise und haben eine Resonanz in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären wie Kunst, Recht, Moral, Religion oder den Medien. Deshalb sind Krisen, Störungen, Sinnzusammenbrüche und – ganz allgemein – Phänomene des Außerordentlichen aus kultursoziologischer Perspektive besonders interessant. Sie lassen sich als nicht intendierte, gesellschaftsweite Krisenexperimente5 nach Garfinkel begreifen, durch welche die soziale und kulturelle Ordnung sichtbar werden, die im Alltag für gewöhnlich latent bleiben (vgl. Giesen 2004a). 1.2 Überblick Den ersten der fünf großen Teile, zum dem auch die Einleitung gehört, bildet die Einführung in die Arbeit und in das Thema. Nach der Einleitung (Kapitel 1) folgt eine Übersicht des Forschungsstandes zum Thema Amok, in dem drei Perspektiven idealtypisch unterschieden werden: Ethnologische Ansätze, Ursachen und Präventionsforschung sowie konstruktivistische Ansätze. Darüber hinaus werden die übergeordneten Forschungsfragen, das empirische Datenmaterial und der methodische Zugang erläutert (Kapitel 2). 5 Zu Skandalen als »makrosoziale Krisenexperimente« vgl. auch (Binder 2013: 16, 198). TEIL I: EINFÜhRUNG 20 Der zweite große Abschnitt beschäftigt sich mit Amok aus einer historischen Perspektive. In einem ersten Schritt erfolgt eine Rekonstruktion der Ursprünge des Amoklaufs, die zeigen, dass die Gewalt, die wir heute als Amoklauf bezeichnen, eine jahrhundertelange Vorgeschichte hat. Darin wird deutlich, wie sich das Phänomen seit dem 14. Jahrhundert von einem kriegerischen Ritual in Südostasien zu einem pathologischen Störfall in der westlichen Welt seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Es vollzieht sich ein Bedeutungswandel des archaischen Amok, der als leerer Signifikant für bestimmte Formen von Gewalt allmählich in Europa und Amerika auftaucht und auf nicht-erklärbare, ›sinnlose‹ Gewaltereignisse verweist (Kapitel 3). In einem zweiten Schritt werden die ersten Amokläufe, die in der westlichen Welt als solche rezipiert wurden, untersucht: die deutschen Amokläufe am 20. Juni 1913 in Bremen, am 4. September 1913 in Degerloch und am 11. Juni 1964 in Koeln-Volkhoven sowie die amerikanischen Amokläufe am 1. August 1966 in Austin (Texas) und am 20. April 1999 in Littleton. Der These der Ent-Ritualisierung von Kapitel 3 steht nun die These einer Art Re-Ritualisierung gegenüber: Amok ist in der modernen westlichen Welt angekommen. Er hat seinen festen Platz in Diskursen, Medien und dem Repertoire an möglichen handlungen eingenommen (Kapitel 4). Der dritte große Abschnitt umfasst die theoretischen Konzepte der Arbeit. Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Verhältnis von »Sinn, Ereignis und Erzählung« und der Frage, warum sich die Soziologie bisher kaum mit dem Problem der Sinnlosigkeit beschäftig hat, obwohl der Sinnbegriff in den meisten theoretischen Schulen von großer Bedeutung ist. Nach der Diskussion von einigen Möglichkeiten, wie ›Sinnlosigkeit‹ soziologisch verstanden werden kann, geht es darum, Literatur aus der Ereignis- und Erzähltheorie mit einzubeziehen. Eine These des Kapitels lautet, dass ein als sinnlos empfundenes Ereignis gerade dadurch bewältigt werden kann, indem der horror vacui6 erzählerisch in eine Überproduktion an Sinn transformiert wird. Kapitel 6 (»Gewalt, Gefühl und Transgression«) schließt an die vorhergehenden Überlegungen an und konsultiert gewaltsoziologische Arbeiten hinsichtlich des Phänomens der »grundlosen« Gewalt. Auch hier zeigt sich, dass es bislang wenig systematische Auseinandersetzungen zu diesem Desiderat gibt. Der Vorschlag, der in diesem Kapitel skizziert wird, besteht aus drei Schritten: Zuerst werden die Grenzen der Gewalt ausgelotet, um im Anschluss Dynamiken der Entgrenzung sowie soziale Mechanismen der Eingrenzung in den Blick zu nehmen. Von besonderer Relevanz sind Ansätze, die die Innenwelt von Gewalttätern phänomenologisch zu rekonstruieren versuchen und die Gefühlen, der Erfahrbarkeit 6 Zum Problem des horror vacui vgl. auch (Gerster 2016). EINLEITUNG 21 von Gewalt sowie dem performativen Charakter eine wichtige Rolle zusprechen. Ein Plädoyer dieses Kapitels lautet, Gewalt als ›Faszinosum‹, das eben nicht nur abstößt, sondern auch eine attrahierende Wirkung haben kann, ernst zu nehmen. Wer Gewalt ausschließlich als Mittel zum Zweck begreift oder den Griff zur Gewalt allein mit Argumenten des Mangels erklärt – etwa schlechte Integration, prekäre finanzielle Umstände oder mangelndes Selbstbewusstsein –, wird in Bezug auf ›grundlose‹ Gewalt schnell an Grenzen stoßen. Kapitel 7 konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen »Verbrechen, Risiko und Solidarität«. hier wird die These entfaltet, dass nicht nur die Verurteilung von Verbrechen, sondern auch die Formulierung von Risiken, Entscheidern und Sündenböcken solidaritätsstiftend wirkt. Was die Rolle von Amokläufen in der Risikogesellschaft anbelangt, fällt auf, dass sie für die Risikogesellschaft konstitutive Unterscheidungen unterlaufen. Einerseits ist der Amoklauf Sinnbild einer völlig kontingenten, ›menschlichen Naturkatastrophe‹, andererseits manifestiert sich in ihm ein (meistens retrospektiv formuliertes) ›menschliches Risiko‹, das man hätte bemerken müssen oder durch die ›richtigen‹ Entscheidungen beeinflussen können. Im vierten großen Abschnitt werden die Ergebnisse der empirischen Analyse der Berichterstattung über die Amokläufe von Erfurt und Winnenden vorgestellt. Zunächst wird der Amoklauf als traumatisches Ereignis beschrieben, das in den ruhigen Fluss des Alltags hereinbricht. Dieses hereinbrechen der Gewalt wird von Figuren des Außerordentlichen – Tätern, Opfern, helden und Experten –, sowie von Rhetoriken des Unaussprechlichen und Trauerritualen begleitet (Kapitel 8). Daran anschließend wird der Diskurs um Schuld und Verantwortung analysiert. Der Vater des Winnender Amokläufers, die sogenannten ›Killerspiele‹ und Schützenvereine sind prominente Beispiele von ›Symbolen des Bösen‹, denen ein Zusammenhang mit der Gewalt des Amoklaufs zugeschrieben wird. Gesetze, Urteile und Stigmatisierungen lassen sich deshalb als Rituale der Reinigung interpretieren, die das Risiko eines weiteren Amoklaufes verringern sollen. Über derartige Feindbilder und deren Exklusion kann sich eine erschütterte Gesellschaft ihrer kollektiven Identität und Solidarität versichern (Kapitel 9). Kapitel 11 stellt den Begriffen von Schuld und Verantwortung die Konzeption von Krise und relativ diffusem sozialem Versagen von Schule, Familie und allgemein des gesellschaftlichen Wertesystems gegenüber. Diese Diskursstränge haben weniger solidarische Kraft, weil sie sich gegen etwas richten, sondern weil sie Vorstellungen einer guten Gesellschaft (oder Schule, oder Familie) generieren, über die sich eine Gesellschaft integrieren kann (Kapitel 10). Das letzte Kapitel der empirischen Analyse beschreibt Versuche der diskursiven Schließung des traumatischen Ereignisses. Zentrale Bestandteile TEIL I: EINFÜhRUNG 22 der gesellschaftlichen Überwindung von Amokläufen sind das kollektive Erinnern an die Tat sowie die Repräsentation der Opfer, die dadurch wieder ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft erhalten. Darüber hinaus findet eine Transformation von Räumen statt, indem beispielsweise Schulen renoviert und baulich umgestaltet werden, um den Makel des Verbrechens verblassen zu lassen (Kapitel 11). Kapitel 12 fasst die Ergebnisse der empirischen Analyse in Form von drei Narrativen zusammen, in die Amokläufe verwoben werden: Ein aufsteigendes Narrativ »Vom Trauma zum Triumph«, in dem es um die Überwindung eines Einzelereignisses geht; ein absteigendes Narrativ »In schlechter Gesellschaft«, in dem Amokläufe als Symptom einer gesamtgesellschaftlichen Krise der moralischen Ordnung gedeutet werden; und ein zyklisches Narrativ »Ohne Anfang kein Ende«, in dem die Taten selbst miteinander verkettet scheinen, aufeinander verweisen und die narrative Bewältigung selbst unter Verdacht gerät, die Geschichte der Gewalt fortzuschreiben. Der fünfte Abschnitt bildet den Schluss der vorliegenden Arbeit. Kapitel 13 resümiert die zentralen Ergebnisse und stellt diese in Form von drei Thesen dar, die sich aus den Erkenntnissen der theoretischen, historischen und empirischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Amoklauf entwickeln lassen. Abschließend werden offene Fragen diskutiert und ein Ausblick gegeben. 23 2 Forschungsstand und Fragestellung In der soziologischen Forschungslandschaft wird das Phänomen des Amoklaufs weitgehend stiefmütterlich behandelt. Zwar gibt es in den letzten Jahren einige Publikationen zum Thema, doch viele davon neigen zu relativ einfachen Argumentationen, wenig Reflexivität und populärwissenschaftlichen Argumenten. Sie sind für die vorliegende Arbeit nur insofern interessant, als auch sie Beispiele für einen rasant anwachsenden Bedarf an diskursiver Aufarbeitung sowie an gesellschaftlichen Immunisierungsstrategien gegen derartige Gewaltereignisse darstellen – sie dienen also weniger der Erklärung, sondern sind selbst Teil dessen, was erklärt werden soll. Dieses Kapitel wird einen Überblick über die verschiedenen Ansätze geben, die sich mit dem Phänomen Amok beschäftigen. Daran soll deutlich werden, wie sich das vorliegende Forschungsprojekt in dieser Landschaft situiert, wovon es sich abgrenzt und welche Ziele mit ihm verbunden sind. Am Ende folgen eine Arbeitsdefinition sowie die Ausformulierung der konkreten Forschungsfragen. Drei Forschungsperspektiven, die sich hinsichtlich ihres Diskurs- und Erkenntnisstils unterscheiden, sollen idealtypisch differenziert werden: Eine erste Perspektive setzt sich mit der lange zurückreichenden Frühgeschichte des ›wahren Amok‹ im südostasiatischen Raum (2.1, vgl. insbesondere auch Kapitel 3) auseinander. In ethnologischen und ethnopsychiatrischen Arbeiten geht es vor allem um die Deskription und das Verstehen von Amok als rituellem Phänomen in einfachen Gesellschaften. Viele Studien folgen dabei einem kulturrelativistischen Paradigma. Der Stil ist mit zunehmender Aktualität der Texte in der Regel wertfrei. Je älter die Texte sind, desto mehr scheint das Erkenntnisinteresse von der Faszination des Fremden getrieben. Die zweite Perspektive beschäftigt sich mit zeitgenössischen Amokläufen in modernen Gesellschaften. Die Ursachen- und Präventionsforschung (2.2) legt dagegen das Augenmerk weniger auf Deskription und Verstehen, sondern versucht vielmehr, Erklärungen auf der Mikro-, Makro- und der Mesoebene der Gesellschaft zu formulieren. Dabei handelt es sich weniger um Grundlagenforschung, vielmehr werden derartige Ansätze durch gesellschaftliche Problemlagen motiviert. Sobald Kausalitäten im Zusammenhang mit Amokläufen identifiziert sind, können Strategien gefunden werden, um solche Gewaltereignisse zu verhindern oder zumindest unwahrscheinlicher werden zu lassen. Es verwundert daher nicht, dass Arbeiten aus diesem Bereich oft stark normativ aufgeladen sind. TEIL I: EINFÜhRUNG 24 Die dritte und letzte idealtypische Perspektive hat ebenfalls moderne Amokläufe als Untersuchungsgegenstand, jedoch ohne politische, pädagogische oder sozialtechnologische ›Antriebe‹. Studien aus der Soziologie, der Literatur-, Medien- und Geschichtswissenschaft folgen einem konstruktivistischen Paradigma und fragen nach der historischen, sozialen und kulturellen Konstruktion und Bedingtheit dessen, was als Amoklauf bezeichnet wird (2.3). hierbei handelt es sich häufig um eine Art Metabeobachtung beziehungsweise um Beobachtungen zweiter oder dritter Ordnung, in denen versucht wird, Deskriptionen, Erklärungen und Verstehensprozesse selbst zu beschreiben, zu erklären und hermeneutisch auszulegen. 2.1 Die Frühgeschichte des archaischen Amoklaufs An dieser Stelle soll eine kurze Zusammenfassung genügen, da die Frühgeschichte des ›wahren Amok‹ noch ausführlicher in Kapitel 3 besprochen wird: Amok, wie er in den Reiseberichten von Kolonialreisenden aus dem 16. und 17. Jahrhundert beschrieben wird, ist zum einen eine Art rituelle Kriegstechnik, die fest in der südostasiatischen Mythenwelt verankert ist, und zum anderen auch eine gesellschaftlich anerkannte Möglichkeit, die eigene Ehre wiederherzustellen. Der ›wahre‹ Amok ist noch in die Kultur integriert und wird keineswegs als ›sinnloses‹ Gewaltereignis interpretiert. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wird der Amoklauf von den europäischen Beobachtern zunehmend pathologisiert und in einem medizinischen Diskurs verankert: Der Amokkrieger wird zum Kranken, das Ritual zum verstörenden Ereignis. ›Amok‹ als Begriff wird aus seinem ursprünglichen Passepartout herausgelöst und in der westlichen Welt mit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend für Gewaltereignisse benutzt, die nicht erklärt werden können und daher als willkürlich und sinnlos erscheinen. 2.2 Ursachen- und Präventionsforschung im Kontext moderner Amokläufe Der Großteil der zeitgenössischen Forschung beschäftigt sich aus psychologischer und pädagogischer Sicht mit der Frage, wie Amokläufe erklärt und verhindert werden können. Die formulierten Erklärungen, Antworten und Lösungsstrategien lassen sich nach drei Fluchtlinien sortieren, die sich teilweise ergänzen, teilweise aber auch fundamental ausschließen: Aus einer Mikroperspektive erscheint der Amokläufer als krankes Individuum (2.2.1), aus einer Makroperspektive ist der Täter FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 25 Opfer einer ›kranken‹ Gesellschaft (2.2.2), während auf der Mesoebene einzelne Subsysteme oder Institutionen wie Familie oder Schule in die Verantwortung genommen werden (2.2.3). Auffallend ist, dass alle drei dazu tendieren, den Täter gewissermaßen zu entschulden und ihn selbst zum Opfer – seiner Biologie, seines sozialen Umfeldes oder ›der Gesellschaft‹ im Allgemeinen – machen (2.2.4). 2.2.1 Das kranke Individuum Ein gutes Beispiel für Erklärungen, die auf das kranke Individuum abstellen, bildet die Studie des amerikanischen Psychologen Peter Langman Amok im Kopf. Warum Schüler töten (2009). Darin diskutiert Langman verschiedene Ursachen, kommt aber bei seiner Analyse von zehn Täterbiographien zu dem Schluss: »Schul-Amokläufer sind gestörte Individuen. […] Es sind einfach keine normalen Jugendlichen. Es sind Jugendliche mit schweren psychischen Störungen« (Langman 2009: 47). Diese Krankheitsbilder werden differenziert nach »psychopathisch«, »psychotisch« und »traumatisch« erkrankten Tätern (vgl. Langman 2009: 52). Auch der deutsche Psychiater Lothar Adler, der in seinem Buch Amok – Eine Studie (2000) knapp 200 Amokläufe analysiert und verglichen hat, typisiert die Täter nach drei psychopathologischen Merkmalen: die »Schizophrenen«, die »Depressiven« und die »Persönlichkeitsgestörten« (vgl. das Interview mit dem Spiegel am 6. Mai 2005). Die Palette an Ursachen für die – allgemein gesprochen – ›psychischen Probleme‹ ist mannigfaltig und reicht von genetischen Anlagen bis zu sozialen Einflussfaktoren. Besonders häufig wird eine narzisstische Kränkung der Täter als »Schlüsselfaktor« (hoffmann et al. 2009: 200) identifiziert, d.h. die Gewalt resultiert letztlich aus dem Umstand, dass die Täter »selbst Opfer von Demütigungen und Kränkungen waren« (huck 2012: 117). Rekonstruktionen von Tathergang; Biographie, Persönlichkeit, Lebenswelt des Täters; Tatmedium und Dokumente sollen Aufschluss geben, warum es zu einem Amoklauf gekommen ist. Ziel dieser investigativen Anstrengung ist es nicht nur, den konkreten Amoklauf zu erklären und in eine plausible Geschichte einzubetten, sondern auch Täterprofile zu erstellen, die die Früherkennung von potentiellen Amokläufern erleichtern und damit die Wahrscheinlichkeit derartiger Taten verringern sollen. Diese Täterprofile weisen eine Bandbreite von Eigenschaften auf, die beispielsweise von schulischem Versagen über die Faszination von Schusswaffen bis hin zur Affinität zu gewaltverherrlichenden Medien unterschiedlichster Art reichen (vgl. u.a. hoffmann et al. 2009; Bannenberg 2010: 73–136). Es soll an dieser Stelle keine Dekonstruktion von typischen Amokläuferbeschreibungen vorgenommen, sondern nur zu bedenken gegeben werden, dass bestimmte Charakteristika TEIL I: EINFÜhRUNG 26 wie beispielsweise das errechnete Durchschnittsalter aus dem einfachen Mittelwert der wenigen bekannten Fälle genauso wenig aussagen, wie die durchschnittliche Anzahl der abgefeuerten Kugeln – so sinnvoll es auch sein mag, nach biographischen Besonderheiten und Parallelen zu anderen Taten zu suchen. Ohnehin ergeben die verschiedenen Puzzleteilchen nur schwer ein einheitliches, allgemeingültiges Bild und so bleibt auch für Peter Langman ein »unaufklärbarer Rest« (Langman 2009: 9). Denn selbst wenn allen Amokläufern psychische Krankheiten oder die entsprechenden Eigenschaften aus dem generierten Täterprofil – oftmals retrospektiv – attestiert werden, so lässt sich ein Umkehrschluss, dass alle Menschen mit den entsprechenden Eigenschaften potentielle Amokläufer sind, keineswegs ziehen. 2.2.2 Die kranke Gesellschaft Die zweite Erklärungsformel beschäftigt sich nicht mit dem Täter oder seinem persönlichen sozialen Umfeld, sondern ist eine Erzählung der großen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge, die vermeintlich im Argen liegen (vgl. auch Kapitel 10). So zeugt der Amoklauf für den Gefängnispsychologen Götz Eisenberg »von einer Indifferenz und Kälte« (Eisenberg 2000: 13) und ist beispielhaft für »Kollateralschäden einer Modernisierung, die sich blind und gleichgültig gegenüber allem verhält, was nicht markgängig ist und keinen Preis hat« (Eisenberg 2002: 69, hervorhebung im Original). Amokläufer erhalten so den Status eines ›sozialen Typus‹, sie sind gewissermaßen ›Kinder ihrer Zeit‹ und es sei nicht verwunderlich – so die Argumentation –, dass wir uns die verrohten, gewalttätigen Jugendlichen selbst heranziehen. Auch für den Pädagogen hans-Peter Waldrich befindet sich das Individuum in einem zerstörerischen »Sog der Ökonomisierung«, der sich negativ auf das gesellschaftliche Miteinander auswirkt (vgl. Waldrich 2010: 34). Neben dieser relativ umfassenden und allgemeinen Kritik an globalen Prozessen, die niemanden wirklich in haftung nimmt, gibt es aber auch Stimmen, die zur Konstruktion von ›Sündenböcken‹ beitragen. Der Psychologe und Psychotherapeut Georg Milzner etwa vertritt in seinem Buch Die amerikanische Krankheit. Amoklauf als Symptom einer zerbrechenden Gesellschaft die These, »dass der hintergrund des modernen Amoklaufs in den Leitbildern der amerikanischen Kultur zu suchen ist […]« (Milzner 2010: 12). Bemerkenswert ist nicht nur der Umstand, dass sich ein Psychologe für deutsche und amerikanische ›Kultur‹ interessiert, sondern auch der alarmistische Unterton, der anklingt, wenn Milzner die – von ihm durchaus ernst gemeinte – Frage stellt: »Wie vermochte dieser Virus in den Organismus unserer Kultur einzudringen?« (Milzner 2010: 12). Dieser Diskurs, der jenem über den Terrorismus FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 27 ähnelt, operiert mit der Vorstellung von unsichtbaren Gefahren, epidemischen Krankheitserregern, einem ›heiligen‹ Innen sowie einem ›dämonischen‹ Außen (vgl. Giesen 2010: 267). Dieses dämonische Außen sind in diesem Fall die USA und für Milzner steht fest: »Seine Anbindung an die Vereinigten Staaten ist ziemlich eindeutig, und vermutlich breitet er sich als kulturelle Erkrankung dort besonders leicht aus, wo ihm an kultureller Identität wenig entgegensteht« (Milzner 2010: 76). Ein weiteres Argument, das bei unterschiedlichen Autoren auftaucht, betrifft die Vorstellung von Männlichkeit und die Rolle des Mannes in der Gesellschaft. Der Amoklauf ist aus dieser Perspektive vornehmlich ein männliches Problem und dies nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Der amerikanische Soziologe Douglas Kellner vertritt in seinem Buch Guys and Guns Amok (2008) die These, dass Amokläufe wie derjenige an der Virginia Tech im Jahre 2007 neben Waffenfetischismus und Mediengewalt auch im Kontext einer Konstruktion von »ultramasculine male identities« (Kellner 2008: 139) zu deuten sind und fordert daher eine »reconstruction of masculinity« (Kellner 2008: 139), auch wenn natürlich offen bleibt, wie genau man sich dies vorzustellen hat. In ähnlicher Weise äußert sich der Soziologe Ralph W. Larkin, wenn er schreibt, dass »since the emergence of the middle-class youth movement, which challenged the hegemonic ideology of masculinity, America has struggled over masculinity’s definition. This struggle, which has permeated all levels of American society, is an underlying dynamic of school rampage shootings« (Larkin 2011: 316). Auch im deutschen Diskurs zirkuliert dieses Argument. Beispielhaft sind hier die Arbeiten der Kriminologinnen Monika Lübbert und Britta Bannenberg. Lübbert entwirft in ihrem Buch Amok. Lauf der Männlichkeit (2002) das Konzept der »hegemonialen Männlichkeit«, das davon ausgeht, »dass die unterschiedlichen Konflikte eine tiefe Verletzung, Demütigung und Erniedrigung der Männlichkeit des Mann [sic] hervorgerufen haben. Dadurch wurde er in seiner Rolle als Erzeuger, Beschützer und Versorger entmännlicht und in seinem Selbstwertgefühl verletzt« (Lübbert 2002: 90). Während Lübbert also davon ausgeht, dass durch den Amoklauf Männlichkeit wiederhergestellt werden soll, liegt der Fokus von Bannenberg eher auf der Sexualität des Täters. Mit ihren Untersuchungen könne sie zeigen, »dass junge Männer die Taten letztlich auch begehen, weil nach der Pubertät Probleme mit Sexualität und Partnerschaft für sie deutlich und schließlich übermächtig wurden« (Bannenberg 2010: 13).1 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle diese Makroerklärungen deutlich kulturpessimistische Züge tragen und vielleicht gerade aufgrund 1 Statistisch gesehen sind zwar die meisten Amokläufer männlichen Geschlechts, aber es gibt eben auch weibliche Täterinnen und darüber scheint es doch fragwürdig, gerade bei jungen Tätern, die sich noch nicht oder gerade erst in der Pubertät befinden, TEIL I: EINFÜhRUNG 28 ihrer Vagheit rhetorisch so beliebt sind. Die Thematisierung ›des Ganzen‹ – beispielsweise die häufig anzutreffende Aufforderung, endlich eine ›Kultur des hinschauens‹ zu etablieren –, wird intuitiv verstanden, doch konkrete handlungen folgen zu lassen, fällt schwer (vgl. 10.2.2). Der Einzelne sieht sich den Werten, Normen und Institutionen – also den »sozialen Tatsachen« im Sinne Durkheims (1984) – hilflos ausgeliefert. In ihren Konsequenzen und Entlastungsfunktionen gleichen sich die Erzählungen vom kranken Individuum und von der kranken Gesellschaft interessanterweise: ›Die Gesellschaft‹ ist genauso schlecht anzuklagen, wie ›die Natur‹, die sich in Form von Krankheiten, chemischen Prozessen im Gehirn oder hormonen zeigt. 2.2.3 Institutionen, soziales Umfeld und kollektive Akteure Neben einer Mikro- und einer Makroebene lässt sich noch eine dritte Ebene unterscheiden, die zwischen Individuum und Gesellschaft verläuft und Elemente von beiden Ebenen in sich vereinigt. Der Fokus liegt hier nicht auf der Gesellschaft allgemein und auch nicht auf der individuellen Pathologiegeschichte des Täters, sondern auf seinem sozialen Umfeld, auf verschiedenen Institutionen wie Familie oder Schule, auf kollektiven Akteuren wie Vereinen und Verbänden oder auf unterschiedlichen Medien. Diese Erklärungsansätze bilden einen Spagat zwischen dem Anspruch, die Tat aus Konkretem zu erklären und dabei doch Allgemeines zu fordern. Jugendliche fallen einer »Exklusion und Marginalisierung« zum Opfer (Faust 2010), sie leiden unter dem Umstand, »dass Familien als Ort der Stabilität aus wirtschaftlichen Gründen immer brüchiger werden« (Waldrich 2010: 32) und den Schulen wird vorgeworfen, sie begünstigten »die Produktion von Verlierern«, da die Schüler »als ganze Menschen und als Gesamtpersönlichkeit in der Schule nicht akzeptiert werden« (Waldrich 2010: 131). Es gibt einen bunten Strauß an weiteren negativen Einflussfaktoren wie »Sex aus dem Internet«, »Bilderwelten der Gewalt«, die zu einer »Brutalisierung der Gehirne« führen – so einige einschlägige Überschriften in dem Buch In blinder Wut. Amoklauf und Schule von hans-Peter Waldrich (2010). Der entscheidende ›Vorteil‹ bei Diskursen, die auf die Mesoebene der Gesellschaft abzielen, ist ihre kommunikative Anschlussfähigkeit an die unterschiedlichsten Formen von Prävention und Vorsorge. Während ›die Natur‹ und ›die Gesellschaft‹ kommunikative Endpunkte darstellen und als »leere Signifikanten« letztlich nicht hinterfragbar und geheimnisvoll von ›typischen‹ Männerproblemen und Rollenerwartungen zu sprechen, von denen sich viele auch gar nicht auf das Geschlecht als Rolle beziehen, sondern vielmehr auf die Rolle des Ehemannes oder des Vaters. FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 29 bleiben (vgl. Giesen und Seyfert 2013), sind auf der Mesoebene handlungsoptionen gegeben und Zugriffe durch die Politik möglich.2 Gesetze können verabschiedet, geändert oder verschärft werden; die als gefährlich eingestuften Artefakte oder Tätigkeiten – z.B. die sogenannten ›Killerspiele‹ oder Schusswaffen – können strenger reguliert oder ganz verboten werden; Schulen können mehr Psychologen einstellen, Lehrer fortbilden, den Ernstfall proben und architektonische Veränderungen vornehmen und auch die Einsatzkräfte können sich auf diese besondere Form der Gewalt einstellen. Es können sich (teilweise auch konkurrierende) Interessensgruppen, Verbände und Aktionsbündnisse bilden, die versuchen, neben der Erinnerungs- und Trauerarbeit auch Vorschläge für Präventionsmaßnahmen zu erarbeiten. Viele aktuelle Studien zu Amokläufen sind daher auch triadisch aufgebaut. Neben der Definition von Begriffen und einer historischen Kontextualisierung widmen sich viele Autoren den möglichen Ursachen und enden mit Vorschlägen zur Prävention. Drei Beispiele dafür sind die Untersuchung Amok: Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern von Britta Bannenberg (2010), das Buch Amokdrohungen und School-Shootings. Vom Phänomen zur praktischen Prävention von Armin himmelrath und Sarah Neuhäuser (2014) sowie der jüngst erschienene Sammelband Amok und andere Formen schwerer Gewalt: Risikoanalyse – Bedrohungsmanagement – Präventionskonzepte, der von Jens hoffmann und Karoline Roshdi herausgegeben wurde (2015). Bei diesen Studien – wie auch bei vielen anderen – ist das Problem der Sichtbarkeit beziehungsweise der Sichtbarmachung von Gefahren zentral (vgl. auch Kapitel 7). Die kryptischen kriminellen Energien und verbrecherischen Intentionen müssen entschlüsselt werden. »Jedes Leaking als Durchsickern ernst zu nehmen und schon im Vorfeld agieren zu können, bietet wahrscheinlich die größte Möglichkeit, Gefahren abzuwehren«, fordern himmelrath und Neuhäuser in ihrer Schlussbemerkung (2014: 163). Der enge und zwingende Zusammenhang von Kausalität und Prävention scheint vor allem zwei Gründe zu haben. Sie befriedigen erstens das öffentliche Bedürfnis nach Aufklärung und Bewältigung des Außerordentlichen und erleichtern politisches handeln, denn die Aufgabe der Politik ist es ja gerade – zumindest wenn man Luhmann folgt –, die Gesellschaft mit Entscheidungen zu versorgen. Zweitens hängen Kausalität und Prävention schon auf struktureller Ebene zusammen. Die häufige Verknüpfung zwischen Kausalität und Schuld (vgl. 7.3) erleichtert es, die zu erklärenden Phänomene gleichzeitig zum Gegenstand moralischer Kommunikation zu machen. 2 Zum Konzept des »flottierenden Signifikanten« von Claude-Lévi Strauss vgl. auch Kapitel 5.1 und 13.1.3. TEIL I: EINFÜhRUNG 30 2.2.4 Die Entschuldung des Täters oder: Die Abwesenheit des Bösen? Betrachtet man die drei verschiedenen Fluchtlinien, die die aktuelle Debatte um Amokläufe beherrschen, fällt auf, dass alle – obwohl sie auf verschiedenen Ebenen argumentieren – auf eine Art ›Ent-Schuldung‹ des Täters zulaufen. Die Täter sind gerade keine ›souveränen‹ Gewaltsubjekte mit einem autonomen ›Willen zum Bösen‹, sondern sie sind selbst Opfer – von Depressionen, Krankheiten, Stoffwechselprozessen im Gehirn, von gesellschaftlichen Umständen, Zwängen und Fehlentwicklungen, von schlechten Einflüssen aus Familie und Peer-Group. Dass Amokläufern hier eine Sonderrolle zukommt, zeigt auch der Vergleich mit anderen ›monströsen‹ Verbrechen, wie etwa dem Blutbad von Anders Behring Breivik im Jahr 2011 oder dem ›Inzestmonster‹ Josef Fritzl, dessen Vergehen im Jahr 2008 bekannt wurden. Auch wenn beide Gewaltereignisse die Figur des ›normalen Verbrechens‹ sprengen und es große Schwierigkeiten gibt, sie in plausible Erzählungen einzubetten, gelten beide Täter als ›zurechnungsfähig‹ und ein umfassender Diskurs um Schuld und Verantwortung jenseits des Täters blieb aus. Dieser Umstand ist bemerkenswert und veranlasst zu einigen flüchtigen Bemerkungen, die im Laufe der Arbeit wieder aufgegriffen werden. Erstens ist das Alter der Täter von Bedeutung. Auch wenn es erwachsene Amokläufer gibt, sind viele Jugendliche oder junge Erwachsene, sie sind noch nicht vollständig sozialisiert und damit anfällig für Störungen und Fehlentwicklungen. Es fällt daher schwer, ihnen eine autonome, kriminelle Intentionalität zuzuschreiben. Die ›heiligkeit‹ der Kinder verbietet uns, in ihnen eine verbrecherische Energie, eine intrinsische Lust an der Gewalt zu vermuten.3 Zweitens lässt sich eine Gewalttat, die um ihrer selbst willen begangen wird, nicht in unser kulturelles Koordinatensystem einfügen und sie lässt sich daher auch nur schwer erzählen. Die kommunikativen Anschlussmöglichkeiten sind begrenzt, sie vermögen das Bedürfnis der Gemeinschaft nach Aufklärung nicht zu stillen, zumal der Täter selbst meist nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann. Eine Geschichte des Verbrechens, egal ob real oder fiktiv, kommt nicht ohne Motive, Gründe und Kontexte aus (vgl. Giesen et al. 2014c). Ein gesunder, intelligenter, integrierter und unauffälliger Täter mit einem von Gründen und Motiven losgelösten Tötungswillen ist nicht vorstellbar und nicht mit dem vorherrschenden Menschen- und Gesellschaftsbild vereinbar. Daher vermutet die ›hermeneutik des Verdachts‹ gerade bei gravierenden Verbrechen Einflussgrößen jenseits des individuellen 3 Vermutlich tauchen Kinder deshalb auch so oft als dämonische Figuren in horrorfilmen auf. FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 31 Willens zum Bösen. Drittens sind die politischen Spielräume äußerst begrenzt, wenn von einem autonomen Gewaltsubjekt ausgegangen wird. Gegen böse Absichten lässt sich nichts ausrichten und kein Gesetz verabschieden. Doch gerade nach Amokläufen, die zwar selten, aber in hohem Maße öffentlichkeitswirksam sind, wird von der Politik verlangt, dass sie handelt und Erklärungen für das Unerklärliche, heuristiken für das ›auffällig Unauffällige‹ und Präventionsmöglichkeiten für das Unerwartete gefunden werden. 2.3 Die kulturelle, soziale und historische Konstruktion moderner Amokläufe Konstruktivistische Ansätze verzichten weitgehend auf normative Formulierungen und fragen weniger danach, wie es sich ›in Wahrheit‹ verhält, was ›wirklich‹ die Ursache war oder was man ›tatsächlich‹ tun kann. Vielmehr widmen sie sich der gesellschaftlichen Konstruktion von Amokläufen und den sozialen, kulturellen und historischen Umständen ihrer Rezeption. Besondere Bedeutung erhalten deswegen auch die Medien der Repräsentation derartiger Ereignisse, etwa Diskurse und Bilder. Einige historische Studien versuchen beispielsweise, Fälle von weiter zurückreichenden Amokläufen zu rekonstruieren und die Diskurse, in denen sie verortet werden, freizulegen (vgl. Kapitel 4). Von besonderem Interesse sind der Amoklauf von Ernst August Wagner in Stuttgart Degerloch am 4. September 1913 (vgl. Neuzner und Brandstätter 1996; Foerster et al. 1999; hoffmeister 2004; Raden 2009), das Flammenwerferattentat von Walter Seifert in Köln-Volkhoven am 11. Juni 1964 (vgl. Kiehne 1965; Peter 2004) und der Amoklauf des »Sniper in the Tower«, Charles Joseph Whitman in Austin, Texas am 1. August 1966 (vgl. Lavergne 1997). Auch in den Medienwissenschaften gewinnt das Thema Amok an Popularität. So untersucht etwa heiko Christians in seinem Buch Amok. Geschichte einer Ausbreitung (2008) Amok als ein von den Medien konstruiertes Ereignis und nimmt an, dass »die Geschichte des Amok untrennbar verbunden [ist] mit der Geschichte der Nachrichten und Berichte, mit der Geschichte der Globalisierung der Kommunikation« (Christians 2008: 26). Er fragt einerseits nach den verschiedenen Medientypen, die vom Amok berichten – also etwa Reiseberichte aus malaiischer Kolonialzeit, Tagebücher, Novellen oder zeitgenössische Fachbücher etc. – und andererseits nach den Kategorien der jeweiligen Medien, mit denen sie Amokläufe beobachten und Medienereignisse für spezifische Öffentlichkeiten erzeugen (vgl. Christians 2008: 24 ff.). Ein weiteres Beispiel aus den Medienwissenschaften ist die Dissertation Unreine TEIL I: EINFÜhRUNG 32 Bilder. Zur medialen (Selbst-) Inszenzierung von School Shootern (2012) von André Grzeszyk, in der der Autor zum einen annimmt, dass »sich Amok und school shootings als Phänomen erst in Berichten, Erzählungen und vor allem als Bild her[stellen]« und zum anderen versucht, »die Geschichte der school shootings als Geschichte einer Zirkulation von Bildern und Erzählungen, als Geschichte von Inszenierung, Selbstinszenierung und Reinszenierung [zu] modellieren« (Grzeszyk 2012: 13, hervorhebung im Original). Eine andere Form der Repräsentation von Amok – neben Bildern und massenmedialen Diskursen – wird von einigen literaturwissenschaftlichen Arbeiten untersucht. Sie untersuchen Bücher, Novellen und andere Textformen, in denen es um fiktionalisierte Darstellungen von Amokläufen oder amokähnlichen Gewaltexzessen geht. In seinem Buch Ästhetik der Selbstzerstörung. Selbstmordattentäter in der abendländischen Literatur (2010) datiert Arata Takeda beispielsweise den ersten Amoklauf in der Literatur mit dem Wüten des Aias (Sophokles), der, von Athene geblendet, eine Schafsherde foltert und schlachtet, die er als Odysseus’ Gefolgschaft wähnt (vgl. 6.2.3). Auch Johannes Lehmann geht in seiner Schrift Im Abgrund der Wut. Zur Kultur- und Literaturgeschichte des Zorns (2012) auf das Thema Amok ein, wenn er etwa den Bahnwärter Thiel (1888) von Gerhart hauptmann oder den Amokläufer von Stefan Zweig (1922) interpretiert. Ein besonders interessanter Ansatz, dem diese Arbeit viel verdankt, zeigt sich in den zahlreichen Publikationen des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, die sich mit Amok befassen. Vogl interessiert sich für den Transformationsprozess, den das Phänomen Amok durchläuft (vgl. u.a. Vogl 2003a, 2004, 2005, 2010b). Vogl zeigt in einem Dreischritt, wie sich der Amoklauf seit dem 16. Jahrhundert in den Berichten der Kolonialreisenden in Südostasien von einem kriegerischen Ritual im 18. Jahrhundert zu einem pathologischen Ereignis, das von medizinischen Diskursen begleitet wird, entwickelt, und schließlich zu einem symptomatischen Problem der modernen Risikogesellschaft wird, in der Gewalt und das Böse schlechthin zu einer Angelegenheit von Wahrscheinlichkeiten geworden sind. Er begreift den modernen Amokläufer als Sozialfigur der Gegenwart, als »homo aleator«, an dem sich eine »Soziodizee« entzündet: »Als Risiko, als Wahrscheinlichkeit ist das Übel permanent gegenwärtig und doch bloß potenziell, ist es geradezu unanschaulich und abstrakt und doch immer gleich nah. Und wenn es dann eintrifft, weiß man als Betroffener wie als Zuschauer: Es ist nichts als Zufälligkeit, aber es musste geschehen. Es ist diese Soziodizee, aus der uns heute die fahle Gestalt des Amokläufers entgegentritt.« (Vogl 2004: 151) FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 33 Diese These wird insbesondere in der empirischen Analyse der Berichterstattung über die Amokläufe von Erfurt und Winnenden wieder aufgegriffen (vgl. 8.1.2). 2.4 Eigene Perspektive und Arbeitsdefinition Die vorliegende Arbeit folgt dem letzten, konstruktivistischen Paradigma. Es wird nicht darum gehen, in die Polyphonie der Erklärungsversuche einzustimmen, die Ursachen- und Präventionsforschung auf ihre ›Richtigkeit‹ zu prüfen oder einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben. Vielmehr sollen die vermeintlichen Antworten und Erklärungen selbst als zu erklärende Phänomene und damit als Untersuchungsgegenstand behandelt werden. Ziel ist es, mit einer kultursoziologischen Perspektive Einsichten in die gesellschaftliche Debatte um Amokläufe zu gewinnen und die kulturelle Logik, die dem sozialen Umgang mit derartigen Gewaltereignissen zugrunde liegt, freizulegen. Zwei Akzentsetzungen erweisen sich dabei als besonders vielversprechend. Ein erster Ausgangspunkt werden die Arbeiten von Bernhard Giesen sein, die das Außerordentliche in den Mittelpunkt sozialer Wirklichkeit stellen. Giesen bezeichnet »Kultur« als »jenen sinnstiftenden horizont, der im Augenblick des handelns für Ego und Alter ›vorausgesetzt‹ wird, und der damit die Unterwelt des Absurden latent hält« (Giesen 2004a: 76). Gleichwohl ist dieses Andere der Ordnung zugleich ihre konstitutive Kraft: Ambivalenzen und Störungen halten den »Prozess der kulturellen Deutung der Welt« in Gang (Giesen 2010: 9). In den theoretischen Kapiteln (5–7) folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit Phänomenen des Außerordentlichen, die uns bei der Analyse von Amokläufen begegnen: mit Risiken, Gewalt und Ereignissen sowie deren Einhegung durch Prozesse der Narrativierung: »Die Begriffe des Dämons, des Traumas, der Gefahr, des Untergangs, des Risikos oder der Sünde sind – in jeweils verschiedenen kulturellen Modellen – Platzhalter für dieses ›Loch‹ innerhalb der sinnhaften Ordnung der Welt« (Giesen 2004a: 77). Die »Unterwelt des Absurden«, von der Giesen spricht, scheint bei Amokläufen idealtypisch auf. Zweitens folgt diese Arbeit dem Imperativ des von Jeffrey C. Alexander und Philip Smith ausgerufenen ›Strong Program in Cultural Sociology‹. Im Gegensatz zu einer ›Soziologie der Kultur‹, in der ›Kultur‹ eine schwache Stellung einnimmt und von ›hard facts‹ (Ökonomie, Sozialstruktur etc.) erklärt wird, ist ›Kultur‹ im Sinne einer genuinen Kultursoziologie »an ›independent variable‹ that possesses a relative autonomy in shaping actions and institutions, providing inputs every bit as vital as more material or instrumental forces« (Alexander und Smith 2003: 12). TEIL I: EINFÜhRUNG 34 Dieser Ansatz weist eine große Affinität zu Theorien auf, die sich mit Performanzen und Narrationen, Kodes und Klassifikationen beschäftigen, und ist deshalb für eine Analyse von Amokläufen aus kultursoziologischer Perspektive besonders gut geeignet. Bevor die Fragestellung, das Datenmaterial und die methodischen Überlegungen betrachtet werden, ist es sinnvoll, den wichtigsten Begriff der Arbeit zu klären. ›Amok‹ ist kein deutsches Wort, es kommt aus dem Indomalaiischen Sprachgebrauch und bedeutet so viel wie »Wut« oder »Raserei« (vgl. Vogl 2010a: 12).4 In der westlichen Welt wird der Begriff für bestimmte Gewaltereignisse benutzt,5 auch wenn es bislang keine einheitliche juristische oder psychiatrische Definition und daher auch keinen eigenen Tatbestand gibt (vgl. Adler 2000: 29). Einen plausiblen Versuch einer Definition von Amok legen herbert Scheithauer und Rebecca Bondü in ihrem einführenden Buch Amoklauf und School Shooting. Bedeutung, Hintergründe und Prävention (2011) vor: »Bei einem Amoklauf handelt es sich um die (versuchte) Tötung mehrerer Personen durch einen einzelnen, bei der Tat körperlich anwesenden Täter mit (potentiell) tödlichen Waffen innerhalb eines Tatereignisses ohne Abkühlungsperiode, das zumindest teilweise im öffentlichen Raum stattfindet.« (Scheithauer und Bondü 2011: 15) Diese Definition wird hier mit einigen wenigen Ergänzungen übernommen. Erstens sollen nur solche Gewaltereignisse als Amokläufe bezeichnet werden, die sich in ihren Ursachen und Motiven (zunächst) der Deutung verschließen. Damit sind Taten wie das Blutbad von Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 auf der Insel Utøya ausgeschlossen, weil ihr ein ideologisches – als terroristisch gerahmtes – Motiv zugrunde liegt, das der Täter auch auf 1500 Seiten akribisch ausbuchstabierte.6 Auch wenn sich Amokläufe und terroristische Anschläge in ihrem Ablauf in mancher hinsicht ähneln, müssen sie unterschieden werden. Zweitens ist es wichtig, auf die Willkürlichkeit der Opfer hinzuweisen, um Beziehungstaten auszuschließen. Natürlich geschieht die Auswahl des Tatortes nicht völlig zufällig, doch wer schlussendlich zur falschen Zeit am falschen Ort ist, wer getroffen und getötet wird, bleibt kontingent. Schließlich lässt sich die Notwendigkeit der körperlichen Präsenz des Täters dahingehend 4 Auf die Frühgeschichte des Amok wird in Kapitel 3 genauer eingegangen. 5 Dies gilt vor allem für die deutsche Sprache, in der vornehmlich ›Amok‹, ›Amoklauf‹ oder ›Schulmassaker‹ verwendet wird. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch wird dagegen hauptsächlich von ›rampage‹ oder ›school shooting‹ gesprochen. 6 Ein ähnlich gelagerter Fall ist die Schießerei in der Militärbasis Fort hood am 5. November 2009, bei der der Militärpsychiater Nidal Malik hasan 13 Menschen tötete. Nach eigenen Angaben schoss er auf seine Kameraden, weil er das militärische Engagement der Vereinigten Staaten in Afghanistan als ›Krieg gegen die Muslime‹ verurteilte. FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 35 präzisieren, dass es sich bei einem Amoklauf um eine Art rational geplanten Exzess handelt (diese These wird in Kapitel 6 ausgeführt). Die Tat kann wochen- oder monatelang geplant sein, der eigentliche Gefühls- und Gewaltausbruch, der meistens mit dem Tod des Täters endet, vollzieht sich erst mit dem Betreten des Tatortes und dem Abgeben der ersten Schüsse. In der Literatur wird manchmal zusätzlich zwischen dem »klassischen Amoklauf«, der »workplace violence« und den sogenannten »school shootings« unterschieden (vgl. Scheithauer und Bondü 2011: 23 ff.). Letztere betonen den Umstand, dass die Taten »durch bestimmte Erlebnisse im Schulkontext motiviert sind und die Schule daher absichtlich als Tatort sowie Personen innerhalb dieses Kontextes gezielt als Opfer ausgewählt wurden« (Scheithauer und Bondü 2011: 24). Doch auch diese Definition ist nicht ohne Probleme, denn sie wirft die Frage auf, ob beispielsweise der Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 nun als ›school shooting‹ bezeichnet werden sollte, oder aber als ›klassischer Amoklauf‹, da auch Personen zu Tode kamen, die nicht zum Kontext Schule gehören. Auch wenn sich diese Arbeit streng genommen nur mit ›school shootings‹ beschäftigt – zumindest im empirischen Teil –, so wird im Laufe der Arbeit vorwiegend die allgemeine Formulierung ›Amok‹ gewählt. Nach der Rekonstruktion des Forschungsstandes und der eigenen Positionierung geht es nun darum, die konkreten Fragen, die die vorliegende Arbeit beantworten will, zu explizieren und darzulegen, mit welchem Material und mit welcher Vorgehensweise dies erreicht werden soll. 2.5 Forschungsfragen Das Phänomen Amok wird aus drei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Aus einer historischen Perspektive (Kapitel 3 und 4) soll versucht werden, einen Bogen von der archaischen Form des Amoklaufs bis zu seinen modernen Ausprägungen zu spannen. Es wird danach zu fragen sein, wer wann wie über Amok spricht, für wen die Gewalt zum Problem wird und wie die verschiedenen Erklärungsmuster aussehen. Am Ende der beiden Kapitel wird deutlich, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten zwischen der archaischen und der modernen Form des Amoklaufs bestehen. Aus einer theoretischen Perspektive (Kapitel 5–7) wird das Phänomen Amok kultursoziologisch beleuchtet. Folgende Fragen sollen dabei beantwortet werden: Wie lässt sich der Amoklauf gewaltsoziologisch beschreiben? Welche Bedeutung kommt dem Moment des Grundlosen und Sinnlosen in der soziologischen Literatur zu? Stellt das Grund- und TEIL I: EINFÜhRUNG 36 Sinnlose eine zu vernachlässigende Anomalie des Sozialen dar oder lässt es sich als Konzept operationalisieren? Wie lässt sich eine als grundlos verstandene Tat gewalttheoretisch und narrationstheoretisch begreifen? Stellt die Gewalt des Amokläufers eine besondere Form des Verbrechens dar und wie verhält sich eben jenes in Bezug auf seine solidaritätsstiftende Funktion für die Gesellschaft? Welche Rolle spielt Amok in der modernen Risikogesellschaft? Lassen sich die Begriffe Risiko und Gefahr für eine Analyse von Amokläufen fruchtbar machen? Aus einer empirischen Perspektive (Kapitel 8–12) soll anhand der Analyse der Berichterstattung über die beiden Amokläufe von Erfurt (2002) und Winnenden (2009) herausgefunden werden, wie Amokläufe kollektiv bewältigt werden, welche Narrative sich beobachten lassen und – ganz allgemein – welche sozialen Mechanismen es sind, die aus dem vermeintlich grundlosen Gewaltereignis Sinn und Bedeutung schöpfen. Das Moment des Sinn- und Grundlosen wird hier als empirisch und diskursiv produzierte Kategorie verstanden, die im Kontext von Amokläufen auftaucht. An diese allgemeine Frage schließen sich einige konkrete Fragen an: Wie wird das außerordentliche Ereignis gerahmt und kommunikativ angeschlossen? Welche Figuren des Außerordentlichen treten auf den Plan? Wie werden Täter und Opfer beschrieben? Welche Ursachen werden identifiziert und welchen Akteuren und Artefakten wird Verantwortung zugeschrieben? Welche Immunisierungsstrategien gegen das traumatische Ereignis lassen sich beobachten? Wie wird Solidarität unter den Opfern und den Betroffenen generiert? Wie wird das Verbrechen erinnert und repräsentiert? Folgt die kollektive Bewältigung von Amokläufen einem narrativen Muster? Die Beantwortung der Fragen erfolgt in den jeweiligen Kapiteln. Am Schluss der Arbeit werden die zentralen Ergebnisse der gesamten Arbeit in Form von Thesen dargestellt. 2.6 Datenmaterial und Methode Das vorliegende Projekt versucht, einem doppelten Anspruch gerecht zu werden. Das Phänomen des Amoklaufs soll nicht mit einer einseitigen Gewichtung – entweder aus einer theoretischen oder einer empirischen Perspektive – analysiert werden. Beide Perspektiven werden als gleichwertig betrachtet und haben deshalb auch einen ähnlichen Umfang in dieser Arbeit. Es geht sowohl darum, Amokläufe aus kultursoziologischer Sicht theoretisch zu fassen – in diesem Sinne kann also das umfangreiche kultursoziologische und kulturwissenschaftliche Theorieangebot durchaus als ›Material‹ fungieren –, als auch darum, an konkreten Fallbeispielen »mikroskopische Beschreibungen« (Geertz 1983: 30) vorzunehmen und die sozialen Mechanismen und Bedeutungszuschreibungen freizulegen, die bei der gesellschaftlichen Bewältigung von Amokläufen FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 37 auftreten. Auch wenn Empirie und Theorie aus Gründen der Übersichtlichkeit im Textfluss getrennt auftreten, waren sie nicht nur während des Entstehungsprozesses dieser Arbeit eng miteinander verflochten, sondern sie sind auch argumentativ miteinander verschränkt. Die Konzepte über Risiko und Solidarität, Ereignis und Erzählung, Gewalt und Transgression dienen sowohl der theoretischen Erschließung von Amokläufen, als auch als heuristik für die Analyse der Medienberichterstattung. Umgekehrt wurde der theoretische Zugang von der Sichtung des empirischen Materials beeinflusst und begründet. Das empirische Material besteht aus der Berichterstattung einschlägiger Printmedien über die Amokläufe von Erfurt am 26.04.2002 und den Amoklauf von Winnenden am 12.03.2009. Für diese Entscheidung spricht neben der Zugänglichkeit und Operationalisierbarkeit durch den Forscher vor allem der Umstand, dass insbesondere die Massenmedien gesellschaftliche Diskurse abbilden und gleichzeitig zu ihrer Formation beitragen. Der stichprobenartig erfolgte Blick in andere Medien, wie beispielsweise Nachrichtensendungen, zeigte keine maßgeblichen Unterschiede, die nicht in der Logik des Mediums selbst begründet liegen (beispielsweise die andere Gewichtung von Bildern), sodass das hauptaugenmerk auf die Analyse von Printmedien gelegt wurde. Dies hat Auswirkungen auf den Status des empirischen Materials und die Beobachterperspektive, die eingenommen wird. Luhmann beginnt das erste Kapitel seines Buches über Die Realität der Massenmedien mit dem viel zitierten Satz: »Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien« (Luhmann 1996a: 9). In einer Fußnote fügt Luhmann hinzu, dass dies natürlich auch für den Soziologen und die Soziologin gilt. Die Medienberichterstattung über Amokläufe fungiert damit erstens als Zugang für eine Beobachtung erster Ordnung von Amokläufen, die dem Forscher selbst nicht möglich ist. Abläufe, Aussagen von Personen, Auszüge aus Protokollen oder sonstige ›Fakten‹ werden auf einer deskriptiven Ebene übernommen. Zweitens sind Massenmedien zum Teil selbst Beobachtungen zweiter Ordnung, was den Soziologen, der wiederum die Massenmedien beobachtet, als Beobachter dritter Ordnung auszeichnet. Auf einer interpretativen Ebene kann deshalb auch der Frage nachgegangen werden, wie die Berichterstattung beobachtet, also beispielsweise wann welche Experten wie platziert werden und zum Einsatz kommen. Dass diese beiden Ebenen nicht immer auseinanderzuhalten sind ist zwar unvermeidlich, aber es ist dennoch wichtig, darauf hinzuweisen. Die Auswahl der Fälle liegt in der besonderen Qualität der Ereignisse selbst begründet. Auch wenn es Amokläufe oder Gewaltakte, die Ähnlichkeiten mit Amokläufen aufweisen, vor dem Jahr 2002 in Deutschland gegeben hat, gilt der besonders schwere Amoklauf von Erfurt als Zäsur, dem eine besonders große mediale Aufmerksamkeit zuteilwurde, TEIL I: EINFÜhRUNG 38 zumal einer der schwersten Amokläufe in der US-amerikanischen Geschichte (Littleton) nur drei Jahre zurücklag. Der Amoklauf von Winnenden ist einerseits interessant, weil auch er massiv rezipiert wurde und er andererseits in eine bereits bestehende Diskursformation eingebettet wurde, die die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten erlaubt. Was den Untersuchungszeitraum angeht, so liegt der Schwerpunkt der Analyse auf der Berichterstattung innerhalb eines Jahres nach dem jeweiligen Amoklauf. Innerhalb dieses Zeitraumes wurden alle Artikel ausgewählt, in denen die beiden Amokläufe thematisiert wurden. Neben dem Suchen nach dem Schlagwort ›Amok*‹ wurden auch Artikel analysiert, die sich dezidiert auf die konkreten Ereignisse bezogen, auch wenn das Wort ›Amok‹ nicht fiel, sondern etwa Synonyme wie ›Massaker‹, ›Blutbad‹ etc. verwendet wurden. Auch Artikel ohne Schlagwort oder Synonyme wurden in das Datenmaterial einbezogen, wenn sie als zu einer Diskursformation zugehörig empfunden wurden – beispielsweise Waffengesetze, ›Killerspiele‹, Sicherheit an Schulen. Artikel, die außerhalb des Untersuchungszeitraums liegen, wurden dann in das Material aufgenommen, wenn es sich entweder um zyklische Berichterstattung handelte (Jahrestage) oder es bestimmte Ereignisse gab, die die Funktion einer narrativen Schließung für den jeweiligen Amoklauf haben. Dazu gehören Gerichtsprozesse wie derjenige um den Vater des Amokläufers von Winnenden oder die Neueröffnung von Gebäuden und Gedenkstätten. Als Printmedien wurden die Süddeutsche Zeitung (NErfurt= 353; NWinnenden= 235), die Welt (NErfurt= 226; NWinnenden= 217), Die Zeit (NErfurt= 26; NWinnenden= 22) und Der Spiegel (NErfurt= 37; NWinnenden= 18) ausgewählt. Es wird angenommen, dass mit dieser Auswahl ein ausreichend breites intellektuelles und politisches Spektrum der Berichterstattung abgedeckt wird. Darüber hinaus ist damit der Anspruch verbunden, durch die Analyse des empirischen Datenmaterials nicht nur Erkenntnisse zu gewinnen, die sich lediglich auf die konkreten Printmedien beschränken, sondern durch den Imperativ der inhaltlichen Sättigungen auch eine gewisse Repräsentativität des gesamtgesellschaftlichen Diskurses zu gewährleisten. Dieser steht bei der Analyse im Vordergrund, auf detaillierte Unterschiede zwischen den Printmedien wird nicht systematisch, sondern nur beispielhaft eingegangen. Die verwendete Methode stellt eine an den Untersuchungsgegenstand und die Fragestellung angepasste Synthese aus einer qualitativen Inhalts- und Narrationsanalyse sowie dichter Beschreibung und theoretischer Reflexion dar. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring bietet sich vor allem bei einer größeren Datenmenge von »fixierter Kommunikation« (Mayring 2007: 13) – in diesem Fall Zeitungsartikel – an, die systematisch interpretiert werden soll. Auch ihre Vereinbarkeit mit theoretischen Konzepten macht sie für die Beantwortung der explizierten Forschungsfragen geeignet. Die qualitative Inhaltsanalyse FORSChUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG 39 ist theoriegeleitet, d.h. sie »analysiert ihr Material unter einer theoretisch ausgewiesenen Fragestellung; die Ergebnisse werden vom jeweiligen Theoriehintergrund her interpretiert und auch die einzelnen Analyseschritte sind von theoretischen Überlegungen geleitet« (Mayring 2007: 12). Insbesondere auf die qualitative Technik der »Strukturierung« (vgl. Mayring 2007: 82 ff.) wird zurückgegriffen und die Kategorisierung mit dem Programm MAXQDA unterstützt. Diese Vorgehensweise lässt sich fruchtbar mit einer Narrationsanalyse (vgl. 5.3) kombinieren, um das Defizit der Inhaltsanalyse, Zeitstrukturen und die Dramaturgie von Diskursen adäquat zu berücksichtigen, auszugleichen. Das Konzept der Narration und der Narrationsanalyse lässt sich dabei in einem doppelten Sinne verstehen. Erstens – und dieser Punkt ist keineswegs trivial – ist es die Aufgabe einer kultursoziologischen Perspektive als »erzählende Wissenschaft« (Marquard 2000: 63) eine plausible, theoretisch fundierte Geschichte über Amok in der Gesellschaft vorzulegen. Zweitens kann der gesellschaftliche Diskurs über Amokläufe als ›narrativer Diskurs‹ gelesen werden, dessen zentrale Strukturprinzipien analysiert werden können, zu denen die »Verknüpfung der Elemente durch einen mehr oder weniger dramatischen Plot (handlungsstruktur), der der Geschichte zeitliche, räumliche und episodische Strukturen verleiht und Aktantenstrukturen arrangiert«, gehört (Viehöver 2011: 201). Zu den weiteren Strukturprinzipien, die als heuristik fungieren können, gehören auch die binären kulturellen und symbolischen Kodes, die die »civil narratives of good and evil« konstituieren (Alexander 2006: 60). Diese Kodes basieren auf der von Mary Douglas (vgl. Douglas 1985) prominent gemachten Unterscheidung zwischen rein und unrein und können beispielsweise auf der Ebene von »civil« und »anticivil motives« – rational/irrational, sane/mad etc. – (Alexander 2006: 57) in der Berichterstattung über Amokläufe untersucht werden. Die interpretative Arbeit mit dem empirischen Material lässt sich zum einen als »dichte Reflexion« beschreiben, womit gemeint ist »dass ein bestimmtes Theorieangebot herangezogen wird, um das Objekt der Untersuchung […] multiperspektivisch zu interpretieren« (C. Schneider 2006: 45). Wie bereits angedeutet dienen die theoretischen Kapitel über »Sinn, Ereignis und Erzählung« (Kapitel 5), »Gewalt, Gefühl und Transgression« (Kapitel 6) und »Verbrechen, Risiko und Solidarität« (Kapitel 6) gleichermaßen der theoretischen Erschließung des Untersuchungsgegenstandes wie der theoretischen Anleitung für die empirische Analyse. Zum anderen folgt der Anspruch an die Interpretation der Berichterstattung dem Imperativ der »dichten Beschreibung« nach Clifford Geertz. Es geht um das »herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen« (Geertz 1983: 14), wobei sich der Forscher darüber im Klaren sein muss, dass er bereits Interpretationen zweiter oder dritter Ordnung vornimmt. Diese Bedeutungsstrukturen sollen nicht in eindeutige Kausalitätsgefüge TEIL I: EINFÜhRUNG 40 überführt werden, vielmehr besteht der – durchaus demütige – Anspruch von Geertz darin, »Vermutungen über Bedeutungen anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den besseren Vermutungen erklärende Schlüsse zu ziehen« (Geertz 1983: 29 f.). Wenn Kultur als Rahmen definiert wird, innerhalb dessen Ereignisse überhaupt verständlich werden (vgl. Geertz 1983: 21), fragt eine kultursoziologische Perspektive auf das Gewaltereignis Amok gerade nach der Beschaffenheit dieses Rahmens und versucht »den Bogen eines sozialen Diskurses nachzuzeichnen, ihn in einer nachvollziehbaren Form festzuhalten« (Geertz 1983: 28). Teil II Die Geschichte des Amoklaufs 43 3 Vom Krieger zum Kranken. Die Frühgeschichte des Amok In den folgenden Ausführungen soll die Frühgeschichte des Amok nachgezeichnet werden. Es geht darum, die semantischen Wurzeln des malaiischen Wortes ›Amok‹ mit ethnographischem Material zu bekleiden und nachzuvollziehen, wie Amok zu einem Problem und damit zu einem Gegenstand sozialen, politischen und wissenschaftlichen Interesses werden konnte. Die Ambition ist dabei nicht, die Frühgeschichte des Amok besser oder ausführlicher als andere zu erzählen. Das haben die wenigen, aber einschlägigen Autoren wie John C. Spores (1988), heiko Christians (2008) und Joseph Vogl (z.B. 2003a, 2005, 2010a) bereits genauer und umfassender getan, als es an dieser Stelle möglich ist. Das Ziel dieses Kapitels besteht vielmehr darin, einen Überblick über die Forschungsliteratur zum ursprünglichen Amok zu geben, diese Übersicht aber gleichzeitig im hinblick auf die übergeordnete Fragestellung des Projektes zu synthetisieren und den Begriff ›Amok‹ reflektierend und in seiner historisch und kulturell kontingenten Bedeutung und Verwendung einzuführen. Im hintergrund steht dabei die Annahme, dass sich ein (Be-) Deutungswandel des Amok vollzieht, sobald er als bloße Chiffre in die westliche Welt ›importiert‹ wird: Er verliert seine ursprüngliche, kulturelle Bedeutung und avanciert dadurch überhaupt erst zu einem Ereignis, das mit kollektiven Ängsten besetzt wird und die Betroffenen sprachlos zurücklässt. Zugespitzt ließe sich von einem Prozess der Pathologisierung und damit Ent-Ritualisierung des ›wahren Amok‹ sprechen (vgl. auch 13.1.1). In der Auseinandersetzung mit den ethnologischen Arbeiten werden folgende Fragen gestellt: Worin unterscheidet sich der ursprüngliche Amok der Malaien von jenen Gewalthandlungen, die wir in der Gegenwart mit der Bezeichnung ›Amok‹ versehen? Wer beschäftigt sich mit Amok? Wer spricht über ihn? Wie wird der Amoklauf erklärt und welche Akteure, Institutionen und Disziplinen bemühen sich um Erklärungen? In welchem Bedeutungs- und Bezugsrahmen wird das Phänomen Amok aufgespannt? Gefragt werden soll – um es mit Foucault zu sagen – nach den verschiedenen epistemischen Modellen, also den »fundamentalen Codes einer Kultur, die ihre Sprache, ihre Wahrnehmungsschemata, ihren Austausch, ihre Techniken, ihre Werte, die hierarchie ihrer Praktiken beherrschen« (Foucault 1973: 22), innerhalb derer das Phänomen Amok auftritt. Dieses Vorgehen ist nicht nur deshalb wichtig, damit das neuzeitliche Phänomen Amok, das durch die Nachrichten und Feuilletons geistert, vor dem hintergrund seiner Geschichte scharf TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 44 gestellt werden kann, sondern auch, um auf etwaige ›moderne Übersetzungen‹ archaischer Muster aufmerksam zu werden. In einem ersten Schritt werden Reiseberichte aus dem 16. Jahrhundert näher betrachtet, in denen Kolonialreisende in Südostasien Amok als instrumentell einsetzbare Kriegstechnik der indigenen Bevölkerung beschreiben (3.1). Es folgt ein kurzer Exkurs über den kris als erste Waffe des Amok und seine mythischen Wurzeln (3.2). Anschließend werden frühe Texte der Ethnopsychiatrie und Ansätze, die Amok zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ›Culture-Bound-Syndrom‹ begreifen, thematisiert (3.3). Amok bewegt sich noch zwischen rituellem Ehrerwerb und krankhaftem Verhalten, bis er schließlich zum Sinnbild eines ›grundlosen Verbrechens‹ wird und seine rituelle Bedeutung verliert. Diese Entwicklung wird in einem Fazit nochmals zusammengefasst (3.4). Die zeitlichen und epistemischen Kategorien werden idealtypisch dargestellt, da sich die Geschichte des archaischen Amok aufgrund der Quellenlage en détail weder stringent noch frei von Widersprüchen erzählen lässt. 3.1 Fremdheit und Exotik. Reiseberichte aus dem 16. Jahrhundert und Amok-Krieger in Batavia Amok ist für Deutschland – ja für Europa – ein sehr junges Phänomen mit einer gleichwohl jahrhundertelangen Vorgeschichte, über die vor allem die erste Fremderfahrung westlicher Gesellschaften mit der südostasiatischen Welt berichtet. Fest steht, dass Amok als Bezeichnung für ein Gewaltereignis zunächst im Kontext der Kolonialisierung in Reiseberichten auftaucht und ausschließlich im exotisch Fremden verortet bleibt, bevor sich seine Semantik auszubreiten1 beginnt: »Wenn man also fragt: Wie kam der Amok nach Europa?, dann muss man antworten: indem Europa zuerst nach Südostasien ausgriff« (Christians 2008: 75). Die Portugiesen sind die ersten Europäer in Südostasien,2 sie besiedeln die Küsten, errichten häfen und Befestigungsanlagen und kontrol- 1 heiko Christians Untersuchung Amok. Geschichte einer Ausbreitung (2008) kann neben der wichtigen Monographie von John Spores (1988) und den zahlreichen aktuellen Publikationen von Joseph Vogl als Standardwerk und wichtigste systematische Auseinandersetzung mit diesem Thema gesehen werden, auf die in diesem Kapitel oft rekurriert wird. 2 Sie sind zumindest die ersten, die sich dauerhaft niederlassen. Andere Berichte gehen noch weiter zurück. So berichtet der venezianische Kaufmann und Entdeckungsreisende Niccolo di Conti um 1430 von amokartigen Überfällen, die als Alternative zur Sklaverei verübt werden und zu einem ehrenhaften Tod führen sollen: »Debtors are made over to their creditors as slaves, and some of these, preferring death to slavery, will with drawn swords rush on, stabbing all whom they fall in with of VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 45 lieren nach der Eroberung der wichtigen hafenstadt Malakka im Jahre 1511 den Großteil des Seehandels in der Region. Sie machen als erste »Bekanntschaft mit der organisierten militärischen Variante des Amok« (Christians 2008: 75), was sich auch in der Begriffsgeschichte des Amok wiederspiegelt: »Dass es lange Zeit gerade eine portugiesische Vokabel – amoco / amouco für Krieger – ist, die dem malaiischen Wort amuk für wütend Gesellschaft leistet und Konkurrenz macht, ist also kein Zufall« (Christians 2008: 73, hervorhebung im Original). Amok ist noch kein individualpathologisches Ereignis, sondern instrumentell einsetzbare Kriegstechnik, die in Gruppen praktiziert wird: »Initially it referred only to groups of exceptionally courageous men who had taken a vow to sacrifice themselves in battle against an enemy« (Murphy 1971 [2000]: 372). Der Amokkrieger kann nicht nur aus einer bestimmten heroischen Situation heraus geboren werden, die ihn dazu zwingt, zur militärischen Taktik Amok zu greifen, sondern es gibt ihn auch qua ›Anstellung‹. Die ›amoucos‹ sind ganz besondere Diener der indigenen Könige, die einerseits Macht und Prestige durch ihre rasenden Krieger erhalten, die diese aber gleichzeitig mit einer Sakralität ausstatten, die es ihnen erlaubt, sich als ›lebende Tote‹ beziehungsweise ›todgeweihte Lebende‹ (vgl. Spores 1988: 12) jenseits aller Ordnung zu bewegen: »Es wird ihre Verschworenheit, ihre Nähe und Intimität zu Königen und Fürsten angemerkt, und es macht gerade ihren Status aus, dass sie eine symbolische Beziehung zur Symbolik der Macht unterhalten. […] Dieses Königtum ist ein Gefäß, das alle Gewalt umschließt, entfesselte Grausamkeit bindet, und seine Unberührbarkeit lässt sich kaum anders denn als eine Ausnahme verstehen, deren andere Seite sich im entgrenzten Krieg artikuliert. In der Tat sind die kriegerischen ›amucos‹ oder ›amokos‹ durch keine Grenze der Strafgewalt […] aufzuhalten, sie stehen offenbar, wie der Machthaber, jenseits von Recht und Gesetz und erscheinen gerade an dem Platz, an dem der König selbst fehlt.« (Vogl 2005: 195) Diese Gewalt trägt aus der Sicht der Besatzer terroristische Züge und reizt das Imaginäre – »Merkmale von Unbeherrschtheit, von Wildheit und Bestialität [verschmelzen] mit der Gestalt einer Feindschaft, die ebenso unvermittelt wie grenzenlos erscheint« (Vogl 2005: 190). Die Gewalt erscheint deshalb grenzenlos, weil sie sich durch absolute Todesverachtung auszeichnet und weder vor Frauen noch vor Kindern oder Tieren haltmacht. Dass die Amokläufer schwer gefürchtet und »von europäischen henkern in einem Fest der Martern gerichtet werden« (Vogl lesser strength than themselves, until they meet death at the hand of someone more than a match for them. This man the creditors then sue in court for the dead man’s dept« (zitiert nach Murphy 1971 [2000]: 373). TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 46 2005: 192), lässt sich auch mit Michael Taussigs Interpretation der Folter der europäischen Kolonialherren in Kolumbien interpretieren. Das imaginäre Grauen – die Angst vor Geistern, Kannibalen, Tigern, hexen und in diesem Fall: verrückten Amokläufern – erzeugt reales Grauen und reale Gewalt, die sich in grausamen Strafen und Foltern austobt (vgl. Taussig 2010: 44 f.). Nach den Portugiesen sind es vor allem die Niederländer, die als Besatzungsmacht auftreten. Im Jahr 1619 nehmen sie die Stadt Jakarta in Besitz und benennen sie nach Fort Batavia, der hauptstadt der Kolonie Niederländisch-Indien. Nach und nach werden sie die wichtigsten häfen des Archipels kontrollieren und Batavia wird das Verwaltungszentrum einer der mächtigsten Aktiengesellschaften ihrer Zeit – der Vereenigde Oost-Indische Compagnie. Die Expansion ins Innere der Insel gestaltet sich doch zunehmend schwerer als gedacht, hier gibt es keine Unterstützung durch die Geschütze der Kriegsschiffe, die Soldaten sind im Dschungel auf sich allein gestellt. Auch sie müssen Bekanntschaft mit der kriegerischen Variante des Amok machen. In einem von Peter Kirsch rekonstruierten Bericht, der die Asymmetrie des Kampfes deutlich vor Augen führt, heißt es: »Das Land ist leer. Die Bauern sind geflohen. Die Soldaten ziehen in sengender hitze durch verbrannte Dörfer. Sie finden kaum Verpflegung und Wasser. Viele sind erschöpft, krank und mutlos. An Flußübergängen müssen Verschanzungen des Feindes gestürmt werden. Reiterei beunruhigt sie und greift hin und wieder an. Es sind ›dolle Menschen met hangende haren‹. Die Soldaten marschieren in Schlachtordnung, mit brennenden Lunten. Abends müssen sie sich verschanzen und die Ausrüstung sichern, während das undurchschaubare Dunkel ringsum den Feind verbirgt. Amokläufer dringen durch die Verschanzungen ins Lager und stecken Teile davon in Brand.« (Kirsch 1994: 193) Ein ähnlicher Fall wird bei der gewaltsamen Übernahme des bis dato unabhängigen, konkurrierenden Pfefferhafens Bantam im Jahre 1682 beschrieben. »Dann gehen die Javanen ›mit einem grausamen Mord-Geschrey‹ auf sie los. […] Die Bantamer antworten mit einem Angriff von opiumberauschten Amokläufern. Außer sich, mit Schaum vor dem Mund, werfen sie sich mit ihren Krisen3 zwischen die Reihen der Musketiere. Aber die balinesischen Pikeniere sind auf der hut, und die wilden Kerle ›spitzeten sich selbsten in der Unserigen Piquen.‹« (Kirsch 1994: 214) Der kriegerische Amok ist auch Bestandteil der südostasiatischen Mythenwelt. Die Legende von hang Tuah (nachfolgend zitiert nach Christians 2008) zeigt, dass nicht nur Amokläufer, die sich im vollen 3 Zum Kris oder kěris als erste, mythische Waffe des Amok vgl. Kapitel 3.2. VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 47 Bewusstsein dem Amoklauf als instrumentelle Kriegstechnik beziehungsweise als Attentat auf unliebsam gewordene Könige oder Besatzungsherren bedienen, als helden gefeiert werden, sondern dass auch gerade diejenigen, die einem Amoklauf Einhalt gebieten und den Rasenden aufhalten, besungen und Gegenstand von Legenden und Erzählungen werden. hang Tuah ist der mythische held des ca. im 16. Jahrhundert entstandenen Epos Hikayat Hang Tuah (Die Geschichte von Hang Tuah), er ist »der Sohn eines gut gestellten Lebensmittelhändlers, der dem Fürsten von Bentan und Singapur auffällt und mit seinen Freunden fortan das Leben eines von vierzig privilegierten Pagen oder Rittern am hof seines Königs führt« (Christians 2008: 142). hintergrund dieser Ehrung hang Tuahs ist sein Einsatz, in dem er den Großwesir vor einer Gruppe von Amokläufern beschützt, die einen Anschlag auf ihn verüben wollen: »Als hang Tuah und seine Freunde die Amokläufer kommen und auf den Großwesir losstürzen sahen, konnten sie nicht länger an sich halten und riefen herausfordernd: ›Bah, was soll denn das nur? Was machen mir die vier Leute; wenn es noch vierzigmal so viel wären, würd ich mich darum sorgen.‹ Damit liefen sie auf den Großwesir zu und stellten sich alle fünf vor ihm auf, während sie ihre Krise zogen.« (zitiert nach Christians 2008: 144) Fasst man die bisherigen Einsichten zusammen, so entsteht ein Bild von einem kriegerischen Amok, der für die kolonialisierten Gebiete in Südostasien vornehmlich ein politisches Problem ist, ein Problem sozialer Ordnung: »Amokfälle geraten auf jeden Fall immer mehr in den Fokus einer intensiveren verwaltungstechnischen Durchdringung der Kolonien und der ihr korrespondierenden Art der Rechtsprechung. Denn Amok stört die öffentliche Ruhe der Verwaltungsstädte, Amok stört Abläufe« (Christians 2008: 124). Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Amok zu einem genuin medizinischen Problem und damit überhaupt erst Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses. Der erste längere deutsche Artikel, Einiges über Amok und Mataglap stammt von Emil Metzger aus dem Jahre 1887. Einerseits bedient der Autor bereits zu Beginn seiner Ausführungen die gängigen Stereotypen, in denen die Malaien als »wilde, blutdürstige Menschenrasse«, als »verwegene Seeräuber« oder »tollkühne Kämpfer« imaginiert werden (vgl. Metzger 1887: 107), andererseits betont er aber auch die Notwendigkeit einer ernsthaften, medizinischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Amok, von dem man doch so wenig weiß. Wenige der vogelfrei gewordenen Amokläufer überleben und diejenigen, die lebendig eingefangen werden, erzählen, sie seien mata glap gewesen, das heißt, ihnen sei schwarz vor Augen geworden und sie könnten sich an nichts mehr erinnern. An diesem Nichtwissen lässt sich TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 48 der Bruch im Diskurs um Amok und das Aufkommen eines ›medizinischen Blicks‹ bereits ablesen: »Noch seltener ist es, daß solche Personen, welche Amok gemacht haben und lebend eingefangen worden sind, unter die Behandlung eines Arztes kommen, so daß eine nähere Untersuchung ihres Körper- und Geisteszustandes möglich wäre. Es ist daher sehr schwierig, allgemein über die Vorbedingungen für einen solchen Wuthausbruch und über die Ursachen, welche ihn zum Ausbruch bringen, zu berichten oder anzugeben, wie denn der Zustand, in dem der Mörder sich befindet, namentlich hinsichtlich seiner Zurechnungsfähigkeit, eigentlich anzusehen ist und ob hier eine besondere, der malayischen, resp. Indischen Rasse eigenthümliche Art von Geistesstörung zu Grunde liegt oder nicht.« (Metzger 1887: 108) Waren die Aussagen und Berichte über Amok bisher vornehmlich in Reiseberichten oder Magazinen zur Länder- oder Völkerkunde zu finden, kumulieren sie nun zunehmend mehr in den neu auftauchenden, medizinischen und neurowissenschaftlichen Journalen. Amok verliert seine ausschließliche Rahmung als Taktik der Kriegsführung, er verliert den Charakter des Absichtsvollen, Intentionalen und wird zu einem ›Vorfall‹ degradiert: »Im Lauf der Jahrhunderte ist der Amoklauf also von einem kriegerischen Ritual zu einem psychiatrischen Vorfall geworden, und somit lässt sich das, was sich im Amok ereignet, nicht einfach als Verbrechen, als wahnsinniger Akt oder Katastrophe begreifen« (Vogl 2003a: 213). Der Täter wird selbst Opfer einer pathologischen Fremdbestimmung, der er sich nicht erwehren kann. Das Phänomen des verdunkelten Auges, mata glap, mit dem der Täter laut Metzger versucht »hiermit eigentlich alles zu entschuldigen, wofür er keine rechte Entschuldigung hat« (Metzger 1887: 109), soll nun mit wissenschaftlichen Überlegungen ausgeleuchtet werden und Aufschluss über die eigentlichen Ursachen des Amok geben: »Amok [wird] ganz langsam – seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts – zum interessanten Gegenstand einer Psychologie und forensischen Psychiatrie, die sich gleichermaßen mit definitorischen Problemen von Krankheit oder Gesundheit und disziplinatorischen Fragen der Schuldoder Unzurechnungsfähigkeit von nichteuropäischen Untertanen auseinanderzusetzen hat.« (Christians 2008: 124) Bevor nun ethnopsychologische Ansätze diskutiert werden, die Amok als ›Culture-Bound Syndrome‹ (CBS) begreifen, soll in einem kleinen Exkurs dem kěris, der ersten Waffe des Amok, einige Aufmerksamkeit geschenkt werden. VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 49 3.2 Exkurs: Mythos und Ritual. Der kěris als erste Waffe des Amok Der kris oder kěris bildet die erste Waffe, die mit dem frühgeschichtlichen Phänomen Amok verbunden wird. Er ist ein asymmetrischer, zumeist geschwungener Dolch, der in ganz Südostasien, insbesondere in Malaysia und auf Java seine Verbreitung findet. Der kěris ist jedoch viel mehr als ein Dolch, er ist kein gewöhnlicher, profaner Gegenstand und lässt sich nicht auf seine Funktion als Waffe reduzieren. Er ist zwar das »eigentliche Medium des Amok« (Christians 2008: 160), lässt sich aber analog der Gabe bei Marcel Mauss als ›Totalphänomen‹ begreifen, das soziale, magisch-religiöse und mythische Elemente in sich vereinigt (vgl. Rassers 1940: 526). Aufgrund seiner kulturellen Bedeutung wurde er sogar von der UNESCO 2005 auf die Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity gesetzt. Der kěris ist ein kultisches Objekt und Gegenstand unterschiedlicher Riten, das zugleich den sozialen Status seines Trägers anzeigt. Form, Klingenlänge, Griffform, Material des Schaftes sowie verschiedene Ornamente und Verzierungen sind die ›feinen Unterschiede‹, die die Distinktion leisten. Die herstellung des kěris und damit der Beruf des Schmiedes genießen besonderes Ansehen im Dorf. Seine Arbeit ist geheimnisumwoben und findet zumeist unter dem Ausschluss öffentlicher Blicke statt, seine sakrale Tätigkeit rückt ihn in die Nähe von Priestern, Prinzen und damit sogar von Göttern, mit denen er in mythischen Erzählungen gelegentlich verschmilzt (vgl. Rassers 1940: 506). So soll beispielsweise Pañji, der mythische held und göttliche Erfinder des kěris und des javanesischen Theaters, im 10. Jahrhundert den ersten Dolch aus seinem Penis gefertigt haben, was seine phallische Bedeutung von Ehre und Männlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes bekräftigt (vgl. Rassers 1940: 503). Eine andere, in ihrer Pointe ähnliche Erzählung beschreibt Isaac Groneman, von dem die ausführlichsten Arbeiten zum javanischen Kris stammen: der halbgöttliche Kriegerhäuptling »SUNAN BÉNAG, der keine Kinder erzeugen wollte und sich jeder Geschlechtsgemeinschaft enthielt, [entfernte] den hierdurch überflüssig gewordenen Körperteil […] und [verfertigte] aus ihm einen kěris, den KJAhI KÅLÅ MUNJÉNG, den er seinem jüngeren Bruder, SUNAN GIRI, als pusåkå [Erbstück, M.G.] zurückliess, von dem er später wieder auf dessen Sohn überging.« (Groneman 1910: 193 f., hervorhebung im Original) Der kěris verweist damit zum einen auf den mythischen helden und steht für Macht, Prestige und Männlichkeit, zum anderen aber auch auf intergenerationale Familien- und Klanstrukturen: TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 50 »[…] each generation receives its kris from the hands of its immediate predecessor. Every kris is therefore in the literal sense of the word a link in the unbroken chain which unites the succeeding generations of mankind with the mythical founders of the groups. In the succession of the generations the kris is the constant element, provided with its distinctive marks it is the materialization of the eternally living clan hero himself.« (Rassers 1940: 523) Der kěris als Totem repräsentiert nicht nur die Gemeinschaft und seinen Besitzer, er ist Kristräger beziehungsweise Gemeinschaft in einem ganz realen Sinne, wie anhand seiner Funktion bei verschiedenen Passageritualen deutlich wird.4 So wird beispielsweise bei der Aufnahme der Jungen in die Gemeinschaft der Männer, die mit der Beschneidung vollzogen wird, die mythische Schöpfung vergegenwärtigt, indem der »mythische Begründer – anwesend durch den kěris – und [der] Initiierte […] durch den Vorgang vereint [werden]« (Spielmann 1991: 120). Die Verbindungen zu den Ahnen und der eigenen Familie werden erneuert und der jetzige kěris-Träger erhält mit seinem Geschenk nicht nur ein für die Gemeinschaft stehendes Totem, sondern einen ›Freund‹ beziehungsweise ein Alter-Ego für sich selbst, das im Kampf für ihn einspringen oder ihn in ›vertraglichen‹ Angelegenheiten vertreten kann. Nach der hochzeit etwa kann es sein, dass der junge Bräutigam für einige Tage in das haus seiner Eltern zurückkehrt und seinen kěris sozusagen als ›Stellvertreter‹ bei seiner Frau belässt: »Then this weapon is so entirely regarded as the equivalent of the bridegroom that the bride is obliged to manifest the same conventional feeling of aversion towards this object as towards the bridegroom himself« (Rassers 1940: 525). Es ist sogar möglich, dass die hochzeit selbst nur mit der Braut und dem kěris des Bräutigams vollzogen wird, sollte es diesem aus bestimmten Gründen nicht möglich sein, dem Ritual beizuwohnen. Wie bei der Initiation der jungen Männer, so werden auch bei der heirat die kosmische Ordnung und der mythische Ursprung performativ aufgeführt beziehungsweise wiederholt. Gefeiert werden die Vereinigung von himmel und Erde, weiblichem und männlichem Prinzip, der »goddess of agriculture with the human prototype of the hunter«, zwischen gewobenem Stoff und geschmiedeter Klinge, die als Materialisation der antagonistischen Aspekte der Gemeinschaft in das Ritual eingebracht 4 Vgl. hierzu auch Émile Durkheims Ausführungen zum Totem in Den elementaren Formen des religiösen Lebens: Nicht der Vogel oder eine Baumsorte als solche werden als Totem verehrt, sondern das übergeordnete Prinzip, die heilige Kraft, die je nach Region oder Stamm ›Mana‹ (Melanesier), ›Orenda‹ (Irokesen), oder ›Wakan‹ (Sioux) genannt wird: »Der Gott des Klans, das Totemprinzip kann also nichts anderes als der Klan selbst sein, allerdings vergegenständlicht und geistig vorgestellt unter der sinnhaften Form von Pflanzen- oder Tiergattungen, die als Totem dienen« (Durkheim 1994: 284). VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 51 werden (Rassers 1940: 558). Der kěris symbolisiert jedoch nicht nur das Prinzip des Männlichen, der Erde beziehungsweise des himmels, sondern er kann darüber hinaus auch für die Einheit der Differenz des bipolaren Kosmos stehen. Neben seiner mythischen Bedeutung, seiner Funktion als Clan-Emblem und als die Gemeinschaft – und den Kosmos als solchen – repräsentierendes Totem, werden dem kěris übernatürliche Kräfte attestiert, die er vor allem im Kampf erhält. Er ist kein toter Gegenstand, sondern vielmehr ein beseeltes, lebendiges Organ: »Significantly, the principle points of the kris are named as if the weapon were human. The blade is the ›eye‹, the hilt the ›head‹, and the sheath the ›body‹ […]. Malays also equate the kris blade to the penis […], both symbolic of male honor and manhood« (Rashid 1990: 81). Er kann mit seinem Besitzer verschmelzen, durch dessen Geist gesteuert in der Dunkelheit umherwandern und nach seinem Opfer suchen5, um es dann zu ›essen‹; bei drohender Gefahr kann er selbstständig aus der Scheide fahren und für seinen herren kämpfen (vgl. hill 1956: 43), aber er fordert auch wiederum Loyalität und den strengen Vollzug von Ritualen: »It is believed that if the cleansing ceremony is not conducted properly, the kris will rattle in its sheath at night« (Rashid 1990: 81). Darüber hinaus kann der kěris auch aus der Distanz ›gewirkt‹ werden, was an die kreolische Religion des Voodoo und der Praktizierung von schwarzer und weißer Magie erinnert: Das bloße Zeigen mit einem kěris auf einen Menschen kann bereits verwunden oder sogar tödlich sein und das Einstechen mit einem kěris běrtuah auf Fußspuren oder Bilder eines unliebsamen Feindes kann zu dessen Tod oder Verhexung führen (vgl. hill 1956: 43). 5 Interessanterweise taucht dieses Motiv auch bei den mythischen wahlverwandten der Amokläufer, den Berserkern auf. Die Saga vom einhändigen Egil und dem Berserkertöter Asmund berichtet: »Egil trat in ihre Schar ein, und er erwies sich als äu- ßerst tapferer Mann. Sie befanden sich den Sommer über auf einer Wikingerfahrt. In den schwedischen Schären kämpften sie mit einem Berserker namens Glammadr. Der hatte eine Wunderwaffe, nämlich eine hellebarde, die konnte sich ihr Opfer selbst aussuchen, sobald er dessen Namen wusste.« Vgl. »Die Saga vom einhändigen Egil und dem Berserkertöter Asmund. Übersetzt und herausgegeben von Rudolf Simek und Reinhard hennig.«, in: Sagas aus Island. Von Wikingern, Berserkern und Trollen, hrsg. Rudolf Simnek, Reinhard hennig, 528–564. Stuttgart: Philipp Reclam 2011, S. 547. hier wird unter anderem auch deutlich, dass neben den barbarischen Berserker-Kriegern der Berserkertöter Asmund der eigentlich held der Erzählung ist (s.o.). TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 52 3.3 Pathologie und Störfall. Ethnopsychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird das Phänomen Amok zunehmend mehr in einem medizinisch-pathologischen Begriffsnetz aufgespannt. In einem der frühen Texte zum Amok im Neurologischen Zentralblatt von 1894 wird die Tat zur »psychische[n] Störung«, die Täter werden zu »Kranken« oder »Patienten« und es wird über »Therapien« jenseits der Unschädlichmachung durch Erschießen nachgedacht (vgl. Rasch 1894: 550 ff.). Als Gegenstand bleibt Amok exotisch, die Zuständigkeiten und die Erklärungsmuster ändern sich jedoch. Amok wird in Europa oder intellektuellen Enklaven wie Singapur6 mit Staunen und Faszination diskutiert, ein tatsächlicher empirischer Vorfall hierzulande scheint jedoch undenkbar. Die Verknüpfung zum Fremden findet nun nicht mehr qua Ritualen, Mythen, indigenen Ehrvorstellungen oder Opium7 statt, sondern wird über die psycho-somatischen, ›natürlichen‹ Anlagen bestimmter ›Rassen‹ hergestellt: »›Amok‹ kommt nur auf dem malayischen Archipel vor und ist der malayischen Rasse eigenthümlich. Es ist kein Fall von Amok bei einer der anderen ostindischen Rassen bekannt geworden und sind sich wohl alle Autoren darin einig, dass diese psychische Störung auf die Malayen beschränkt ist.« (Rasch 1894: 551) Da ein Großteil der Malaien muslimisch ist, verwundert es kaum, dass zeitweise auch die religiöse Gesinnung als Kausalitätszusammenhang bemüht wird, selbst wenn diese Anschauung nur wenig Anhänger findet. Da der Koran den Selbstmord kategorisch verbietet, so die Vermutung, bleibt dem todessehnsüchtigen Individuum allein der Amoklauf als Ausweg und Möglichkeit, durch fremde hand zu sterben. Diese 6 Die ersten systematischen Studien zum Amok wurden von Dr. John Oxley in Singapur durchgeführt. hier findet keine Identifikation mehr mit der Tat statt, nicht mehr Beleidigungen und verlorene Ehre sind die Gründe, die Ursachen sind nicht sozial sondern somatisch. Auch Oxley diagnostiziert die für den Amok charakteristische Amnesie im Anschluss an die Tat (vgl. Oxley 1849). 7 Opium als Ursache für Amok taucht auf fiktionaler Ebene durchaus noch auf. So schreibt beispielsweise hermann hesse in seiner Erzählung Der verbannte Ehemann oder Anton Schievelbeyn’s ohnfreywillige Reisse nacher Ost-Indien (1977: 116): »Gantz anders sind die Indianer beschaffen, von welchen offtmalen einige gemartert, u. von unten auff geredert werden; dann sie geniessen soviel Opium (ein gefehrliches Gewürtz), biß sie gantz rasend werden. Alßdann lauffen sie dorch die Gassen, u. schreyen Amockk, daß bedeutet, daß sie jeglichen umbringen wöllen, der ihnen begegent, u. bringen offt viele um, werden alßdann geredert. Dan die Justitz leydet solche Gottlose Unsinnigkeit nicht.« VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 53 Interpretation wird jedoch bald von den meisten Wissenschaftlern gegen Ende des 19. Jahrhunderts zurückgewiesen. Der medizinische Leiter einer ›Irrenanstalt‹ in Singapur, W. Gilmore Ellis, ist sich sicher: »Amok is a peculiarity of the Malay race, and the fact of their all being Mahomedans has really nothing to do with it« (Ellis 1893: 329). Der Amokläufer leidet vielmehr unter »some form of impulsive insanity« (Ellis 1893: 337), für die der Täter nicht zur Verantwortung zu ziehen ist. Mit der Behauptung, man könne sich intentional in einen Zustand geistiger Umnachtung versetzen, bleibt aber auch bei Ellis noch ein Stück Verantwortung des Täters für seine Tat bestehen, zumindest wenn sich dies nachweisen lässt. Seine Begründung scheint jedoch weniger wissenschaftlicher Natur zu sein; sie spiegelt vielmehr die Zurückhaltung wieder, den Amokläufer in seiner Schuldhaftigkeit zu entlasten und ihn der doch eigentlich »gerechten Strafe« zu entziehen: »Those who wilfully work themselves into, or allow themselves to drift into, a blind rage, and then Amok, although I believe quite unconscious as to their actions whilst running Amok, should, to a certain extent at least, be held responsible for their actions, for they must thoroughly understand what is likely to be the result of that first wilful action. As a man who of his own free will makes himself drunk, and in blind drunken rage, more or less unconscious of his actions, commits a crime, is responsible, so are they.« (Ellis 1893: 337 f.) Entscheidend für den ›true‹ gegenüber dem ›false amok‹ ist seine Motivlosigkeit. Die Ausübung von »simply running amuck« stellt noch keine Wertung des Ereignisses dar und kann sowohl auf vernünftige Gründe wie auch auf Wahnsinn zurückgeführt werden. Nach John D. Gimlette (1901) zeichnet sich ein pathologischer Amoklauf – zumindest aus der medizinischen Sicht der Europäer, für die Malaien kann auch hier immer noch ein Fall von ›spiritual agency‹ vorliegen – durch folgende Charakteristika aus: »It is characterized by: (1) A sudden paroxysmal [anfallartig, M.G.] homicide in the male8 with evident loss of self-control. (2) A prodromal [vorangehend, M.G.] period of mental depression. (3) A fixed idea to persist in reckless homicide without any motive. (4) A subsequent loss of memory for the acts committed at the time.« (Gimlette 1901: 197) Insbesondere für die Jurisprudenz ist es wichtig, die Amok-Fälle medizinisch untersuchen zu lassen und die Beschuldigten eine gewisse Zeit zu observieren, um herauszufinden, ob es sich um einen Fall von ›amok‹ 8 ›Latah‹ wird in der Literatur häufig als weibliches ›Pendant‹ zum männlich dominierten Amoklauf interpretiert. Vgl. dazu die Ausführungen weiter unten zu den kulturgebundenen Syndromen (3.3.1). TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 54 oder ›false amok‹ handelt. Ersterer fällt in die Zuständigkeit von Gerichten, letzterer in die Zuständigkeit von Ärzten: »By no means do I go so far as to say that because a person has run amok that he should be exonerated from all criminality. But if he has the four definite symptoms mentioned above and has committed the act of amok without any possible motive, without profit to himself or any other person, without premeditation and consequently in a manner quite different from that in which murder is generally committed, it seems almost a certainty, at least in the case of a civilized person, that it is due to the mental disturbance of some form of insanity.« (Gimlette 1901: 197) In dieser Aussage wird die Oszillation des Amok zwischen krankhafter Willenlosigkeit und krimineller Intentionalität deutlich vor Augen geführt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird darüber hinaus vermehrt über die kulturellen Bedingungen von Amokläufen gesprochen. Die aufkommende Diskussion um ›Kulturgebundene Syndrome‹ löst die Debatte um ›Rassen‹ in Bezug auf Amokläufe ab. 3.3.1 Amok als ›Culture-Bound Syndrome‹ ›Culture-Bound Syndromes‹9 (CBS) sind psychische oder somatische Symptome, die sich nur in einer spezifischen Kultur beziehungsweise Gesellschaft finden lassen, während die Krankheitsbilder in anderen Kulturen nicht diagnostiziert werden. Biochemische Ursachen oder Organveränderungen sind dabei nicht nachweisbar. Obwohl die kulturgebundenen Syndrome selbst – wie der Name bereits suggeriert – kulturspezifisch auftreten, haben die theoretischen Implikationen über die CBSs universalistischen Charakter. In jeder Kultur gibt es Normen, Werte, existentielle Bedürfnisse (zu leben, zu essen, sich fortzupflanzen etc.), handlungsleitende Prinzipien, Ziele und Strategien, diese Ziele zu erreichen. Gleichermaßen gibt es bestimmte Kompensationsmuster, die bei Nichterfüllung der Zielerreichung greifen und abgerufen werden können (vgl. Carr 1978: 270 f.). Genau diese Stelle 9 Der Begriff wurde erst 1994 in das US-amerikanische Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders aufgenommen. Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1856–1926) gilt neben Pow Meng Yap, auf den der Begriff der ›Culture-Bound Syndromes‹ zurückgeht, als einer der wichtigsten Begründer der Ethnopsychiatrie. Kraepelin, der im Jahre 1904 selbst auf Java war und in einer psychiatrischen Anstalt in Buitenzorg seine Forschungen betrieb, rückt die für die malaiischen Rassen typischen Krankheiten Amok und Latah in die Nähe von Epilepsie, schließt aber auch einen Zusammenhang mit Infektionen von Malaria nicht aus (vgl. Kraepelin 1904 [2000]: 41). VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 55 besetzen nach John E. Carr die Culture-Bound Syndromes: »These coping responses may be judged ›appropriate or inappropriate‹ based on culturally relevant criteria (indigenous or Western). It is those coping responses labeled inappropriate which constitute the phenomena of ›pathology‹ or ›illness‹« (Carr 1978: 271). Entscheidend für die Idee der CBSs ist eine besondere Konzeption von Normalität und Abnormität. »Autopathologisches« Verhalten gilt in der Kultur als abnorm, in der es auftaucht, während dies aus der Außenperspektive nicht der Fall ist (»heteronormal«), beim »autonormalen« Verhalten ist das Gegenteil der Fall: ein bestimmtes Verhalten gilt als normal in der eigenen Gesellschaft, in anderen dagegen als pathologisch (»heteropathologisch«) (Ackerknecht 1943: 30; vgl. auch Yap 1951 [2000]: 183). Natürlich ist diese Unterscheidung auch mit Problemen verbunden, denn es ist nicht immer – oder vielleicht sogar niemals – möglich, lokale Besonderheiten in anderen Kulturen in westliche Kategorien zu übersetzen und es scheint weitgehend willkürlich, ob ein Verhalten als ›Ritual‹ oder als ›Syndrom‹ beschrieben und interpretiert wird (vgl. Littlewood und Lipsedge 1985: 118). Diese Übersetzungsleistung wird insbesondere dann problematisch, wenn ein bestimmtes Verhalten von westlichen Wissenschaftlern klassifiziert und benannt wird, obwohl es keine indigene Bezeichnung dafür gibt. Charles C. hughes wirft deshalb die Frage auf, ob es in manchen Fällen nicht angemessener – und ehrlicher – wäre, anstatt von »culture-bound« von »construct-bound syndromes« zu sprechen (hughes 1985: 3 ff.). Amok als kulturgebundenes Syndrom, das im südostasiatischen Raum verortet wird, bewegt sich in seiner Rezeption zwischen zwei verschiedenen Interpretationen. Zum einen wird Amok als sozial legitimierte ›Institution‹ beschrieben (vgl. 3.3.2). Der Amoklauf ist hier ein intentionaler Akt von Individuen oder Gruppen, der dazu dienen kann, die aufgrund einer Kränkung verlorene Ehre wiederherzustellen oder aber die Ungerechtigkeit der unliebsam gewordenen Kolonialbesatzer zu vergelten. Die zweite Rezeption sieht im Amok eine pathologische Störung, die nicht nur eine Zuschreibung europäischer Psychiater darstellt, sondern die auch von den Einheimischen vor Ort – wenn auch nicht mit gleichem Vokabular – als solche empfunden wird. Ein solcher Amoklauf zeichnet sich durch die vollständige Abwesenheit von individueller Zweckrationalität aus. Wenn überhaupt, so lässt er sich auf externe, nicht soziale Gründe wie Drogen, Krankheit oder Besessenheit zurückführen und endet meist in einer Amnesie des Täters, der anschließend in den Alltag zurückkehren kann. hier wird deutlich, dass es zu einfach wäre, Amok aus der Sicht der indigenen Bevölkerung Südostasiens ausschließlich als ›autonormales‹ Verhalten zu bezeichnen. Auch in der Malaiischen Kultur der Moderne wird Amok fast ausschließlich als pathologisch gerahmt, wie die Studie von John E. Carr und Eng Kong Tan zeigt: TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 56 »The evidence we gathered supports the view that amok is considered a form of mental illness within the Malay culture. Whether or not a subject was amok, once labeled as such the culture channeled him into a psychiatric hospital. No amoks can be found in prisons, or, to our knowledge, in any nonpsychiatric institutions within Malaysia. They have committed crimes, but crimes considered to be the result of insanity.« (Carr und Tan 1976: 1296) Gleichwohl ist es durchaus sinnvoll, zwischen einer Form von »true amok«, der bei den Malaien zu beobachten ist, und den »amok-like attacks« der westlichen Welt zu unterscheiden , die eine »social significance« vermissen lassen. (Yap 1951 [2000]: 187). Neben dem ›Culture-Bound Syndrome‹-Amok sind es vor allem die südost-asiatischen Phänomene latah und koro, die zum Gegenstand ethnopsychiatrischer und anthropologischer Untersuchungen werden.10 Insbesondere die Beobachtungen zu latah sind in diesem Kontext interessant, da es von vielen Autoren als weibliches Pendant zum eigentlich männlich dominierten Amoklauf beschrieben wird. Ein Anfall von latah äußert sich in einem plötzlichen Ausbruch von verbalen Obszönitäten oder chaotisch-willkürlichen Körperbewegungen oder der hyperbolischen Nachahmung der Mimik oder Gestik der sich in der Nähe befindlichen Personen (vgl. Abraham 1912: 438). Neben der Möglichkeit der Verhexung sind es vor allem Erschreckungsszenarien – »an unexpected noise«, »some unlooked-for movement in a bystander« oder »a sudden touch from behind« (Abraham 1912: 439) –, die als Ursachen klassifiziert werden und die wiederum die Nähe zur Epilepsie und zur pathologischen Nervosität aufweisen. Wie der pengamok verfällt die Betroffene in eine Art unfreiwillige Trance und verliert die Kontrolle über ihren Körper und ihre Sprache: »The latah may or may not be fully conscious of what is going on, but if conscious claims afterwards that the whole thing was involuntary« (Kenny 1990: 125). Eine weitere Parallele bildet der Umstand, dass die europäischen Kolonialmächte latah als ›mental disorder‹ definieren, während es für die Malaien und Indonesier deutlich ambivalenter behandelt wird. So sieht sich die von latah betroffene Person gleichzeitig mit der Gefahr konfrontiert, mit der Kontrolle über sich auch die eigene Identität zu verlieren, aber sie kann auch mit der hilfe sakraler Mächte in einen Zustand der Selbsttranszendenz gleiten (vgl. Kenny 1990: 132). Latah oszilliert daher zwischen Ordnungs- und Identitätsverlust und der rituellen Transgression von Grenzen, die Clifford Geertz’ damalige Ehefrau hildred Geertz in die Nähe des heiligen rückt und latah als »a 10 In diesem Zusammenhang wird oftmals auch das »Wild Man« Behavior in Neuguinea (vgl. Newman 1964) oder die »Wihtigo Psychosis« des Nordamerikanischen First Nations Stammes der Cree erwähnt (vgl. Yap 1951 [2000]: 187). VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 57 symbolic play on local values rather than merely a chaotic breakdown« versteht (Kenny 1990: 130).11 Koro, das wörtlich ›Schrumpfen‹ bedeutet, ist dagegen wieder ein Problem der Männer. Diese haben, wenn sie unter koro leiden, eine unbändige Angst davor, dass sich ihr Penis in den Körper zurückzieht und sie daran sterben. Dies führt dazu, dass sie panisch an ihrem Genital ziehen – manchmal auch mit fremdem (männlichen) Beistand, mit hilfsmitteln wie Schnüren oder Seilen – oder schließlich einen erlösenden Trank verabreicht bekommen, der ›maskuline Wirkstoffe‹ enthält (vgl. Edwards 1985: 172). 3.3.2 Kulturelle Konditionierung von Amok und ritueller Ehrerwerb Georges Devereux, der Pionier der Ethnopsychoanalyse, vertritt in seiner Schriftensammlung Normal und Anormal (erstmals 1970) eine radikale, allein an die malaiische Kultur gebundene Lesart vom Amok. Obwohl als Störung identifiziert, werden jene Gewalthandlungen, die sich unter dem Begriff Amok versammeln, als ethnische Störung – im Gegensatz zur idiosynkratischen – und damit als sozial »prästrukturierte Symptome« und kollektiv geteilte »Modell[e] des Fehlverhaltens« ausgewiesen (Devereux 1974: 84). Amok wird hier nicht nur gesellschaftlich eingehegt, sondern sogar antizipiert, indem dem Individuum sozusagen »antisoziale Sozialwerte, die es […] gestatten, in einer sozial gebilligten und manchmal sogar Prestige verbundenen Weise anti-sozial zu sein«, in die hand gegeben werden (Devereux 1974: 67). Gleichzeitig gibt es auch seitens der Gemeinschaft institutionalisierte Formen der Gegenwehr: Gabelstäbe in der Form eines ›Y‹12 stehen am Wegesrand bereit und funktionieren analog zu den »öffentlichen Notrufsäulen in unseren modernen Städten«, während der »Ruf ›Amok! Amok!‹ […] ein sozial anerkanntes Signal [war], auf das die Malaien etwa in der Art reagierten, wie wir auf eine Alarmsirene reagieren« (Devereux 1974: 63). Die Ursprünge der Amok-Krise, die zu einer Stresssituation führen und die wiederum durch gesellschaftlich anerkannte Mechanismen abgeführt und bewältigt werden kann, bleiben in seiner Analyse jedoch diffus und scheinen mehr die widersprüchliche Polyphonie des alten Amok- Diskurses abzubilden. Genannt werden 11 Dies weist Ähnlichkeiten zu der rituellen Beleidigung bzw. Demütigung bei Afrikanischen Amtseinführungsritualen auf wie sie Victor Turner beschrieben hat (vgl. Turner 2005: 162 ff.). 12 Diese besonderen Gabeln wurden gegenüber einfachen Lanzen bevorzugt, da sie ein Durchbohren des Körpers unmöglich machten, das der Amokläufer in Kauf nehmen konnte, um die Opfer weiterhin aus der Nähe anzugreifen. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 58 »[…] ein durch heftiges Fieber bedingtes Delirium, eine wiederholte Beleidigung, der Wunsch, in einer Gloriole auf dem Gipfel eines Leichenberges zu sterben, die Unterwerfung unter die Befehle eines hierarchisch höhergestellten, die vom Kris ausgehende Faszination, eine schwere reaktive Depression, die absichtliche Antizipation des Amok-Verhaltens, eine Art Selbsthypnose, in einer Klage über die Sterblichkeit des Menschen und die Vergeblichkeit seiner Existenz, und noch viele weitere Ursachen.« (Devereux 1974: 88, hervorhebung im Original). Der ›wahre‹ Amok wird bei Devereux also in einen kulturellen Kontext gestellt, der zwar sowohl »Anerkennung als auch die Verurteilung durch die Gesellschaft« (Devereux 1974: 67) bewirken kann, der aber dennoch vorhersehbar und sozial konditioniert erscheint und mit seiner Funktion fester Bestandteil des Repertoires an Bedeutungen, handlungen und Ritualen der malaiischen Gesellschaft ist. Amok kann damit weder als Begriff auf strukturell ähnliche Gewalthandlungen in anderen Kulturen übertragen werden – »Ein Malaie wird nicht Berserker, und ein Wikinger läuft nicht Amok« – noch ist es legitim, die medizinischen und pathologischen Schablonen unserer westlichen modernen Welt anzulegen und den malaiischen Amokläufer beispielsweise als »Paranoiden« zu klassifizieren (Devereux 1974: 88).13 Obgleich Devereux im modernen Kontext nicht von ›Amok‹ sprechen will, überantwortet er das moderne Pendant zur malaiischen Mordwut als idiosynkratische Störung der individuellen Psyche des Täters, dessen Motive und Antrieb allein in einem psychologischen und nicht in einem kulturellen Bezugsrahmen aufzulösen sind: »Kurz, eine Störung, wie häufig sie auch auftreten mag, ist keine ethnische, sofern sie nicht einer kulturellen Strukturierung unterliegt« (Devereux 1974: 90). Dieser Aussage kann sich der Kultursoziologe, der moderne Amokläufe untersucht, sicherlich nicht fraglos anschließen. heiko Christians Kritik ist mit Nachdruck Recht zu geben, wenn er danach fragt, ob nicht die Öffentlichkeit der eigentliche Adressat des Amokläufers ist und ob nicht gerade »der westliche Amoklauf ein Phänomen [ist], das geradezu danach verlangt, mit den neuen postmodernen Kategorien der Theatralität und der Performanz analysiert zu werden?« (Christians 2008: 249). Selbst wenn eine Gesellschaft Amok nicht als ein Spannung abbauendes Mittel kulturell kodiert, sondern aus dem legitimen Repertoire an handlungen ausschließt, zirkulieren über verschiedene Medien in gewisser Weise ›Skripte‹, die abgerufen werden können. Bereits stattgefundene Amokläufe, die Tatabläufe und Protagonisten werden zu Blaupausen, Kopierund Zitatvorlagen oder als Ausgangspunkt weiterer Übertreibungen 13 Der kritische Leser mag jedoch genau dies in Devereux’ Argumentation und seiner ethnozentristisch belasteten Zuschreibung von psychischen Krankheiten entdecken. VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 59 benutzt. Auf die Rolle, die dieser situationelle Determinismus für das Verständnis von ›sinnloser‹ Gewalt spielt, hat bereits Philip Zimbardo verwiesen (Zimbardo 2004: 48 f.). An späterer Stelle wird auf diese Problematik zurückzukommen sein (vgl. 6.2). Wie stark Amok mit der Kultur der Malaien verbunden zu sein scheint, zeigt sich neben der mythischen Bedeutung des kěris auch in der traditionellen Kampfkunst – dem silat, bei dem dieser auch zum Einsatz kommt. ›Latah‹, ›Silat‹ und ›Amok‹ bilden die rituelle Trias und das kulturelle Repertoire eines ›re-entry‹, mit dem verlorene Ehre wiederhergestellt werden kann: »Reviewing the ritual embodiments of Malay silat through its two essential components, ›Rituals outside the Ring‹ and ›Rituals in the Ring‹, it appears that the Malays have two extreme versions of the superhuman complex, one typified in amok-type behavior when a Malay breaks all boundaries of self-control and restraint and attacks without discrimination and inhibition, using physical force as a basis of his strategy, and another in silat when physical force is nurtured and cultured through a complex gambit of body movements, inspired by esoteric ideas of unity and harmony with the supernatural world. Both forms of behavior are concerned with honor lost or vanquished, and silat in upholding and increasing honor. Both highlight the warrior image of the Malay pendekar: in an amok-type attack at the expense of life and reason, and in silat through strategies of defending lives with reason.« (Rashid 1990: 68, hervorhebung im Original) Die Grenze zwischen rituellem Silat, also ›aufgeführtem‹ Amok ohne realem Blutvergießen und zum Amok gesteigertem Silat, in der die sonst so akribisch ausgeführten Kampf- und Tanztechniken exzessiv überschritten werden, ist fließend. 3.3.3 Amok als Störung und ›grundloses Verbrechen‹ Mit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich der Bedeutungswandel des Amok fast vollständig vollzogen: »herkommend von einem kriegerischen Ritual hat der Amoklauf im ethno-psychiatrischen Wissen (beziehungsweise Nicht-Wissen) um 1900 also den Charakter einer sozialen Ereignishaftigkeit angenommen, den Charakter eines Bedrohungsereignisses ganz besonderer Art« (Vogl 2003a: 219). Dass sich insbesondere nun die Psychiatrie dem Amok annimmt, scheint wenig verwunderlich, bezieht sie doch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre eigene Legitimation aus ihrer Auseinandersetzung mit dem ›grundlosen Verbrechen‹, wie Michel Foucault gezeigt hat: TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 60 »Wenn das Verbrechen plötzlich, ohne Vorwarnung, so unvorhersehbar und grundlos hereinbricht, interveniert die Psychiatrie und sagt: Wo niemand sonst im vorhinein dieses drohende Verbrechen aufspüren kann, kann ich als Wissen, als Wissenschaft von der Geisteskrankheit, als die, die den Wahnsinn kennt, diese Gefahr aufdecken, die für alle anderen unerkennbar und unwahrnehmbar ist. Anders gesagt: Sie können das kapitale Interesse verstehen, das die Psychiatrie angesichts des grundlosen Verbrechens, angesichts dieser plötzlich in die Gesellschaft hereinbrechenden und durch keinerlei Verstehbarkeit aufzuklärenden Gefahr, diesen buchstäblich unerkennbaren, das heißt unvorhersehbaren Verbrechen notgedrungen entgegenbringen muss.« (Foucault 2007: 159) Foucault verdeutlicht die Geburt der Psychiatrie aus einem an sich kriminologischen Problem an der Fallstudie von henriette Cornier, die 1825 mit der Begründung »Das war so eine Idee« ein ihr von der Nachbarin anvertrautes, 19 Monate altes Kind mit einem Küchenmesser enthauptet (Foucault 2007: 147 f.). Das ›grundlose Verbrechen‹ bringt die Justiz, die vergeblich nach Ursachen, Gründen, Motiven und anderen Formen der Rationalisierung sucht, in Verlegenheit. Diese hilflosigkeit wird von der Psychiatrie genutzt, um sich selbst zu profilieren. Vermeintlich Unerklärbares soll durch die ›Triebe‹ des Menschen erklärt werden können: »Von der grundlosen Tat ist man zur triebhaften Tat gelangt« (Foucault 2007: 173). Die prekäre Zwischenlage des ›grundlosen Verbrechens‹, das zwischen dem Einzugsbereich des Strafsystems und der Psychiatrie oszilliert, ist auch im 21. Jahrhundert noch von großer Bedeutung, wie der Fall des Massenmörders Anders Behring Breivik zeigt. Das Gericht musste zwischen zwei Gutachten abwägen, von denen das erste Breivik eine paranoide Schizophrenie attestierte, das zweite hingegen von der vollen Schuldfähigkeit des Täters ausging. Breivik wurde schließlich am 24. August 2012 wegen des 77-fachen Mordes zu 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. 3.4 Zusammenfassung Das Phänomen Amok bleibt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts etwas Exotisches, Fremdes, das zwar die wissenschaftliche Neugier und Entdeckerlust von Ethnologen und Psychologen beflügelt, das die Laien und Fachfremden zu hause aber nicht zu beunruhigen hat. Amok ist – so viel scheint auch am Ende des Kapitels klar – kein deutlich definierter Gegenstand, sondern ist einem ständigen Wandel unterworfen, dessen feine Wege, Verzweigungen und Sackgassen nur schwer systematisiert werden können, ohne dabei die Komplexität des Phänomens zu verkennen. VOM KRIEGER ZUM KRANKEN. DIE FRÜhGESChIChTE DES AMOK 61 Nichts desto trotz lässt sich ein zentraler Bruch zwischen dem 16. und 19./20. Jahrhundert ausmachen: »[Amok, M.G.] has shown a marked shift from being a consciously motivated form of behavior to being a dissociation reaction in an otherwise sane individual to an episode in the course of a longer mental disorder. Whether its reported associations with opium in the eighteenth century, nonfebrile somatic diseases in the mid-nineteenth century, and febrile disease in the early twentieth century represent additional shifts is more doubtful; but some changes in both character and incidence have undoubtedly taken place.« (Murphy 1971 [2000]: 379 f.) Dieser Bedeutungswandel des Amokläufers vom Krieger zum Kranken verläuft über zwei zentrale Kategorien, die Zurechnung der Tat zum Täter und die perspektivische Rezeption des Amoklaufs. Aus der Innenperspektive der indigenen Gemeinschaft, aus der der Amokläufer kommt, erscheint die handlung autonormal. Als ritueller Ehrerwerb oder strategische Kriegstechnik liegt eine selbstbestimmte handlung vor, als Trance und Möglichkeit, mit dem heiligen in Kontakt zu treten, dagegen fremdbestimmtes Verhalten. Beides erscheint aus der Außenperspektive (der Besatzer) wiederum als heteropathologisch – im ersten Fall als frühe Form des Terrorismus, im letzten als Krankheit und Besessenheit. Erst durch einen »ethnopsychiatrischen Tourismus« (Vogl 2003a: 211) wird der Amok seiner ihm inhärenten kulturellen Bedeutung beraubt und avanciert für den europäischen Beobachter zum psychiatrischen Vorfall, der als ein die Ordnung gefährdendes, bedrohliches Ereignis von den Kolonialherren gefürchtet und schwer bestraft wird: »Erst das neuere ethnologische, soziologische und psychiatrische Wissen hat dem malaiischen Amok seine abrupte, beunruhigende Figur verliehen, oder umgekehrt: erst jenes Wissen erwies sich offenbar als empfänglich für den grundlosen, unerklärlichen und spontanen Aspekt dieser Täter« (Vogl 2000: 82). Aus dieser Außenperspektive vollzieht sich ein (Be-) Deutungswandel des ›wahren Amok‹, der als bloße Chiffre und leerer Signifikant für bestimmte Formen von Gewalt allmählich nach Europa und Amerika ›importiert‹ wird und dabei weniger erklärt, als auf Nicht- Erklärbares verweist. hier wird deutlich, wie Begriffe, Bedeutungen und ›Sinn‹ im Allgemeinen einer Erosion unterworfen sind, wie Sinnhaftes »als solches ›absterben‹, sich verdinglichen und seine originäre Bedeutung verlieren [kann], um dann mit neuem Sinn ›aufgeladen‹ und ins Zentrum der kulturellen Semiosis zurückgeführt zu werden« (Koschorke 2008: 328). Die eigentliche »Epoche« des modernen Amok (vgl. Vogl 2003b: 14) in der Westlichen Welt wird in der Literatur vorwiegend mit den Amokläufen von Ernst August Wagner in Degerloch (1913) und dem Flammenwerfer-Attentat von Köln-Volkhoven (1964) in Deutschland sowie TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 62 dem ›Sniper in the Tower‹, Charles Whitman (1966), in den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht. Diesen und anderen historischen Fallbeispielen gelten die Ausführungen des nächsten Kapitels. 63 4 Vom Wahnsinn zum Wertewandel. Fünf Fälle von Amok in der modernen Gesellschaft Nachdem die Frühgeschichte des Amok und seine südostasiatische herkunft nachgezeichnet worden ist, soll ein Blick auf die ersten Amokläufe geworfen werden, die in der westlichen Welt als solche rezipiert wurden. Näher betrachtet werden die deutschen Amokläufe am 20. Juni 1913 in Bremen (4.1), am 4. September 1913 in Degerloch (4.2) und am 11. Juni 1964 in Koeln-Volkhoven (4.3) sowie die amerikanischen Amokläufe am 1. August 1966 in Austin (Texas) (4.4) und am 20. April 1999 in Littleton (4.5). Diese exemplarische Auswahl gründet sich darin, dass insbesondere die genannten Ereignisse stark in der Öffentlichkeit rezipiert wurden und ihnen darüber hinaus eine Schlüsselrolle in der Deutung der zeitgenössischen Amokläufe in Deutschland zugewiesen wird. Vor allem der Amoklauf an der Columbine high School wurde von den deutschen Medien mit großem Interesse verfolgt. Er rückte nach dem nur drei Jahre später erfolgten Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und trug zur Formation des deutschen Diskurses um Amokläufe maßgeblich bei. Die zusammengetragenen Informationen und Interpretationen basieren auf der Lektüre von Sekundärliteratur und – soweit dies möglich war – auf der einschlägigen Berichterstattung verschiedener Printmedien innerhalb der ersten Tage und Wochen nach dem jeweiligen Vorfall. Der Fokus bei der Analyse der jeweiligen Fälle liegt auf den verschiedenen Strategien zur Erklärung, Einhegung und Prävention von Amokläufen. Mit Rückblick auf die Frühgeschichte des Amok, die mit seiner Ent-Ritualisierung endet, kann bei der modernen Geschichte des Amok in der westlichen Welt ein Trend zur Re-Ritualisierung festgestellt werden, der spätestens mit dem Massaker an der Columbine high School beginnt. Für die These der Re-Ritualisierung von Amokläufen spricht erstens der Umstand, dass Amok wieder fester Bestandteil eines handlungsrepertoires und damit zum Gegenstand möglicher Nachahmungen wird. Zweitens zeigt sich bei der Analyse der modernen Amokläufe, dass die Erklärungsversuche und Präventionsforderungen ebenso wie die soziale Praxis der Ausstoßung, der Trauer und des Gedenkens rituelle Züge annehmen und sich etablieren. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 64 4.1 Bremen am 20. Juni 1913 – Ernst Schmidt »Der Anfang ist gemacht, das Ende folgt nach!«1 Der Amoklauf des 30-jährigen, anstellungslosen Lehrers Ernst Schmidt an der Sankt-Marien-Mädchenschule in Bremen gilt als der erste dokumentierte Amoklauf in Deutschland. Mit zehn Pistolen und 1000 Schuss Munition dringt Schmidt am Morgen des 20. Juni 1913 in die Schule ein und eröffnet sofort das Feuer. Er schießt wahllos auf die Mädchen, versucht in die Klassenzimmer einzudringen und schießt aus offenen Fenstern auf die flüchtenden Kinder. Einige Lehrer und der hausmeister versuchen den Täter zu überwältigen, zunächst ohne Erfolg. Schließlich gelingt es einem Fuhrmann, Schmidt mit einer heugabel niederzuschlagen, bevor die Polizei eintrifft. Sie nimmt Schmidt in Gewahrsam und rettet ihn vor dem Lynchmord durch die wütende Menge.2 Schmidt wird vor Gericht gestellt, als unzurechnungsfähig erklärt und in einer Bremer Irrenanstalt untergebracht, wo er nach 20 Jahren stirbt. Insgesamt verlieren bei dem Amoklauf fünf Mädchen ihr Leben, viele Menschen werden verletzt. Der Vorfall ähnelt nicht nur in seinem Ablauf jenen Gewalttaten, die heute als Amoklauf bezeichnet werden, er wird von der damaligen Presse auch als solcher beschrieben. So heißt es im Artikel »Schreckenstat eines irrsinnigen Lehrers in einer Mädchenschule in Bremen« der Neuen Freien Presse vom 21. Juni 1913: »An die malaischen Amokläufer wird man gemahnt [sic], die, von plötzlicher Berserkerwut befallen, mit einem Dolch oder einem Beil bewaffnet, sich auf die Straße stürzen und jeden, der ihnen begegnet, verwunden oder töten, bis sie selbst, nach dem Gesetze vogelfrei, eingefangen und überwältigt werden.« 3 Interessant an dieser Aussage ist zum einen der Verweis auf die Frühgeschichte des Amok (vgl. Kapitel 3) und seinen Ursprung im südostasiatischen Raum, zum anderen aber auch der Vergleich mit den ›Berserkern‹. Dies ist – so könnte man vermuten – dem Umstand geschuldet, dass die skandinavischen ›Berserker‹ durchaus Ähnlichkeiten mit malaiischen Amokläufern aufweisen, aber in unserem Kulturkreis und seiner Sagenwelt bekannter sind. Auch von den Berserkern wird berichtet, dass sie, nur mit Fellen oder gar nicht bekleidet, im rauschartigen Zustand in die Schlacht ziehen und weder Schmerzen fühlen noch den Tod fürchten. 1 heinz Jacob Friedrich Ernst Schmidt, zitiert nach dem Prager Tagblatt 168/1913, 21.06.1913. 2 Vgl. Neue Freie Presse 17538/1913, 21.06.1913. 3 Zit. nach Neue Freie Presse 17538/1913, 21.06.1913. VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 65 Der deutsche Diskurs um Amokläufe zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird jedoch eindeutig von psychopathologischen Themen, die um das Problem der ›nervösen Überreizung‹ und des ›Wahnsinns‹ kreisen, beherrscht, was sicherlich mit der damaligen Aktualität und Prominenz der Freudianischen Psychoanalyse im Zusammenhang steht. Die Artikel in den ersten beiden Tagen nach dem Amoklauf zeigen diese Akzentuierung deutlich. Es ist die Rede von den »Schreckenstaten eines Wahnsinnigen«4, eines »Irrsinnigen Lehrers«5, der nicht mehr bei Verstand gewesen sei. Schmidt war bereits in einer Nervenheilanstalt gewesen, wurde als »geheilt« entlassen, sollte aber wenige Monate vor dem Amoklauf wieder eingewiesen werden.6 Er wird als »vollkommen heruntergekommener Mensch« mit einem »sehr menschenscheue[n] und wortkarge[n] Verhalte[n]« beschrieben7 – eine Beschreibung, die uns auch 100 Jahre später noch bekannt vorkommt. Eine weitere Erklärungshypothese zum hintergrund der Tat wird von Schmidt selbst in den Abschiedsbriefen an seine Schwester und an einen Arzt genährt. Darin schreibt er: »Die Jesuiten sind an allem Schuld. Auch die Bewohner des hauses, Oberstraße 33, (des Täters Wohnort), wenn sie auch Sozialdemokraten sind. Jesuiten sind sie doch!«8 Der hass auf Jesuiten und ihre Rolle in Verschwörungstheorien waren zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, da die Jesuitenorden seit dem Jesuitengesetz von 1872 im Deutschen Kaiserreich verboten waren. 9 Auch der Tod von Schmidts Vater am Vortag des Amoklaufs wird vom Täter in sein verschwörungstheoretisches Denken verwoben. Damit wird der Amoklauf neben der Einbettung in einen psychiatrischen (›Wahnsinn‹) und einen sozialen Kontext (›stellenlos‹, ›menschenscheu‹) auch als ›Attentat‹ auf eine verhasste Bevölkerungsgruppe beschrieben, wobei der Krankheitsdiskurs eindeutig überwiegt. Geisteskrankheit, Irrsinn, Wahnsinn und ein Amokläufer, der als ›nervös überreizt‹ beschrieben wird, zeigen das aufkommende Interesse am psychopathologischen Mentalitätszustand von Gewalttätern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dies wird im nächsten Fall noch deutlicher. 4 Zit. nach Reichspost 286/1913, 21.06.1913. 5 Zit. nach Neue Freie Presse 17538/1913, 21.06.1913. 6 Vgl. den Artikel »Onkel, erschieß uns nicht!« auf SpiegelOnline.de, http://einestages.spiegel.de/s/tb/28771/schulamoklauf-1913-in-bremen.html, letzter Aufruf am 2.07.2013. 7 Zit. nach Neue Freie Presse 17538/1913, 21.06.1913. 8 Ernst Schmidt, zitiert nach dem Vorarlberger Tagblatt vom 22. Juni 1913. 9 Vgl. den Artikel »Onkel, erschieß uns nicht!« auf SpiegelOnline.de, http://einestages.spiegel.de/s/tb/28771/schulamoklauf-1913-in-bremen.html, letzter Aufruf am 2.07.2013. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 66 4.2 Degerloch am 4. September 1913 – Ernst August Wagner »Ich wollte immer etwas Besonderes sein und Ungewöhnliches tun, nun ist es ja glücklich so weit. Aber ob es Fürwitz war, ob Wahnsinn, ob Abnormität oder Gemeinheit sans phrase, es steht in Ihrem und jedermanns Belieben zu wählen.«10 In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1913 ermordet der hauptlehrer Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder in ihrer Wohnung in Stuttgart-Degerloch.11 Er betäubt seine Frau mit einem Totschläger, um sie dann mit Messerstichen zu töten. Auch die beiden Söhne und die zwei Töchter werden erstochen aufgefunden. Nach der Tat packt Wagner seine Reisetasche, nimmt drei Pistolen, über 500 Schuss Munition und begibt sich zum Stuttgarter hauptbahnhof. Er nimmt den Zug nach Ludwigsburg und will dort seinen Bruder besuchen, trifft jedoch nur seine Schwägerin an, mit der er sich über die Familie, seine Frau und die Kinder unterhält. Bevor Wagner weiter nach Mühlhausen fährt, gibt er unterschiedliche Briefe und Dokumente auf. An seine Schwester in Berlin schreibt er »Nimm Gift! Ernst«, an die hausbesitzerin seiner Wohnung in Degerloch »Ich bitte um Verzeihung, obwohl ich weiß, daß es keinen Wert hat, es war nicht anders zu machen. E. Wagner«. Seine Manuskripte, vornehmlich Dramen, sendet er unter anderem an Professor Schrempf, der sie für ihn herausgeben soll. Spät in der Nacht erreicht Wagner Mühlhausen. Er legt in vier Scheunen Brand und schießt auf alle männlichen Personen, die er sieht – getroffen werden dennoch auch zwei Mädchen und zwei Frauen. Insgesamt sterben neun Menschen, zwölf werden schwer verwundet. Wagner wird schließlich von einigen Männern überwältigt und selbst schwer verletzt, sein linker Unterarm muss später amputiert werden. Am 6. September wird er erstmals im Bezirkskrankenhaus Vaihingen verhört. Er verbringt sechs Wochen in einer Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen, wird am 24. Dezember 1913 wieder in die Untersuchungshaft nach heilbronn überstellt und wird schließlich nach der Einstellung des Verfahrens in die Irrenanstalt Winnental in Winnenden eingeliefert. hier stirbt Ernst August Wagner am 27. April 1938. 10 Ernst August Wagner in einem Abschiedsbrief an den Religionsphilosophen Christoph Schrempf, den er darum bittet, seine Schriften herauszugeben (zitiert nach Neuzner und Brandstätter 1996: 45). 11 Die inhaltliche Zusammenfassung der Ereignisse folgt der Darstellung des Nervenarztes Robert Gaupp, dessen Patient Wagner war (zitiert nach Neuzner und Brandstätter 1996: 18–32). VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 67 Der Fall Wagner erhält nicht nur zum damaligen Zeitpunkt enorme Aufmerksamkeit durch Medien, Justiz und Ärzte12, sondern beschäftigt auch noch Jahrzehnte später Wissenschaften unterschiedlicher Provenienz, die insbesondere in den psychiatrischen Gutachten wichtige Zeugnisse der damaligen biopolitischen und forensischen Diskurse erkennen.13 Die Berichterstattung in den Tagen nach der Tat formiert sich – neben den anfänglichen und für derartige Ereignisse üblichen Unsagbarkeitsrhetoriken14 – vornehmlich um die Person Ernst August Wagner, der widersprüchlichen Beschreibungen ausgesetzt ist. Die Folge ist die diskursive Konstruktion eines ›dreifachen‹ Ernst Wagner: »Wagner kann der zurechnungsfähige Verbrecher sein, der mit der vollen härte des Gesetzes zu bestrafen ist. Oder aber Wagner ist der Wahnsinnige, der für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden kann und deswegen in die Obhut der medizinischen Institutionen gehört. Oder Wagner ist zwar nicht wahnsinnig, aber eine unmenschliche Bestie. Auch in diesem Fall können die von Menschen für Menschen gemachten Gesetze keine Anwendung finden. Es wäre also das Beste, ihn sofort wie ein Tier zu töten.« (Raden 2009: 37, hervorhebung M.G.) 12 Auch die Literatur nimmt sich dem Fall Wagner an. Nur sechs Jahre nach dem Vorfall erscheint hermann hesses Novelle Klein und Wagner (1973: 19 f.), in dem der Protagonist Friedrich Klein ein Verbrechen imaginiert, das demjenigen von Ernst Wagner ähnelt: »Damals, als er zum erstenmal die Zwangsvorstellung vom Töten seiner Familie hatte, und über diese teuflische Vision zu Tode erschrocken war, da hatte ihn, gleichsam höhnisch, eine kleine Erinnerung heimgesucht. Es war diese: Vor Jahren, als sein Leben noch harmlos, ja beinahe glücklich war, sprach er einmal mit Kollegen über die Schreckenstat eines süddeutschen Schullehrers namens W. (er kam nicht gleich auf den Namen), der seine ganze Familie auf eine furchtbar blutige Weise abgeschlachtet und dann die hand gegen sich selber erhoben hatte. Es war die Frage gewesen, wie weit bei einer solchen Tat von Zurechnungsfähigkeit die Rede sein könne, und im weiteren darüber, ob und wie man überhaupt eine solche Tat, eine solch grausige Explosion menschlicher Scheußlichkeit verstehen und erklären könne.« Anders als Ernst Wagner, der an Tuberkulose stirbt, begeht Klein am Ende der Novelle tatsächlich Selbstmord. 13 Wichtige Beispiele hierfür sind neben dem bereits weiter oben erwähnten Buch von Bernd Neuzner und horst Brandstätter (1996) vor allem der Sammelband Wahn und Massenmord. Perspektiven und Dokumente zum Fall Wagner, der aus einem Symposium zum Fall Wagner 1997 in Tübingen hervorging (Foerster et al. 1999) sowie die 2009 erschienene Monographie Patient Massenmörder. Der Fall Ernst Wagner und die biopolitischen Diskurse von Rolf van Raden (2009). 14 So heißt es im Enz-Boten vom 5. September 1913: »Ein grausames Verbrechen wurde heute Nacht in unserem so friedlichen Ort verführt, so grauenhaft und so erschütternd, daß sich die Feder sträubt, all das Unglück und all den Jammer, von dem unser Ort und seine friedlichen Bürger betroffen wurden, niederzuschreiben« (zitiert nach Raden 2009: 32). Eine Analyse der zeitgenössischen Rhetoriken der Sprachlosigkeit wird in Kapitel 8.2.1 durchgeführt. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 68 Gemeinsam ist den verschiedenen Standpunkten die Referenz auf das Individuum beziehungsweise den Einzeltäter Wagner, während die ›Kausalitäten‹ entweder in der kranken Psyche oder der ›entarteten‹ Biologie zu suchen sind. Entsprechend entbrennt eine Konkurrenz der Deutungseliten, die die Ärzte schließlich gegen die Juristen für sich entscheiden können. Gesellschaftliche Ursachen, beispielsweise in Form von Medienkritik,15 finden zwar Erwähnung, bleiben in ihrer zugeschriebenen analytischen Kraft jedoch weit hinter den medizinischen Diskursen zurück. Auch über Schusswaffen wird am Rande gesprochen, wobei einige Forderungen aus heutiger Perspektive durchaus zu irritieren vermögen. Zwar fordern manche Stimmen ein Gesetz gegen das unbefugte Waffentragen, doch andere sehen genau in der dürftigen Bewaffnung der Mühlhausener Polizei16 und der Dorfbewohner17 das blutige Ausmaß von Wagners Rachefeldzug begründet. Robert Gaupp, Schüler von Emil Kraepelin und Leiter der Tübinger Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten, ist einer der beiden Psychiater, die im Auftrag des Gerichts ein psychologisches Gutachten von Wagner anfertigen, das klären soll, ob Wagner nun zurechnungsfähig ist oder nicht. Aufgrund der Redefreudigkeit des Angeklagten und der zahlreichen Schriften – in Form von Dramen, Briefen und einer umfänglichen Autobiographie – von Wagner selbst, steht Gaupp genügend Material zur Rekonstruktion, Interpretation und Auslegung zur Verfügung.18 Wagners Verbrechen verlaufen nach dem Gutachten entlang von zwei verschiedenen Motivationsketten: hass und Mitleid. Der Plan, alle erwachsenen Männer in Mühlhausen zu töten, gründet auf Wahnvorstellungen und seiner paranoischen Persönlichkeit. Wagner glaubt 15 Das Abendblatt des Schwäbischen Merkurs vom 6. September 1913 schreibt: »Wagner gab sich in seiner freien Zeit sehr viel mit Lektüre ab. Welchen Inhalts diese war, darüber äußerte er sich nie. Es ist aber Anlaß vorhanden zu der Annahme, daß es Stoffe zweifelhafter Art waren« (zitiert nach Raden 2009: 35). 16 »Wäre die Polizei von Mühlhausen in der Lage gewesen, dem Verbrecher mit gleichen Waffen entgegenzutreten, so wäre wahrscheinlich ein großer Teil dieses schweren Unheils von der Gemeinde abgewendet worden« (Mittagsblatt des Schwäbischen Merkurs vom 06.09.1913, zitiert nach Raden 2009: 49). 17 »Wir haben das Waffengesetz noch nicht, und trotzdem hatte in Mühlhausen anscheinend niemand ein Gewehr zur hand, um Wagner in der Notwehr durch einen wohlgezielten Schuß unschädlich zu machen […]. Leben wir unter dem Waffengesetz, so könnte das Fehlen von Schußwaffen, welches in Mühlhausen nur eine zufällige Erscheinung war, zur Regel werden, und das Publikum ist allen Mordgesellen […] schutzlos ausgeliefert« (Enz-Bote vom 09.09.1913, zitiert nach Raden 2009: 49). 18 Die folgenden Ausführungen folgen dem erstmals 1914 erschienen Bericht (bzw. vornehmlich der darin ›zusammenfassenden kriminalpsychologischen und psychiatrischen Beurteilung‹) von Robert Gaupp, der 1996 nachgedruckt und von Bernd Neuzner herausgegeben wurde (Gaupp 1996: 158–188). VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 69 sich verfolgt, verhöhnt und verspottet. Er nimmt an, dass alle Bürger um seine sodomitischen Verfehlungen wissen, von denen jedoch nicht klar ist, ob sie überhaupt stattgefunden haben. Wagner leidet bereits in jungen Jahren unter dem Zwang zur Onanie, weshalb er sich selbst verachtet, sich schuldig fühlt und schon früh Selbstmordgedanken hegt. Der Grundstein für diese Belastung, die später zu seiner Paranoia führen wird, liegt für Robert Gaupp schon in Wagners Familie: Der Vater ist Alkoholiker und die Mutter »eine Frau von düsterer, zum Pessimismus neigender Lebensauffassung, mit einer Neigung zu unbestimmten Verfolgungsgefühlen und mit abnormer geschlechtlicher Erregbarkeit« (Gaupp 1996: 160). Diese Argumentation unterscheidet sich jedoch in ihrer Schlussfolgerung fundamental von unseren heutigen Berichten über zerrüttete Familien, ungeliebte und unverstandene Kinder. Die eigentliche Kausalität liegt nicht in sozialpsychologischen oder sozialstrukturellen Faktoren, sondern vielmehr in einem biologischen Determinismus: »Wagner selbst hat seinen Vater als die hauptquelle der Familiendegeneration bezeichnet. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß er von beiden Eltern seelisch erblich belastet ist. Aber nicht bloß das: Er vereinigte in sich geradezu die pathologischen Wesenszüge der beiden Eltern […].« (Gaupp 1996: 160) An diesem Fall entwickelt Gaupp seine Theorie von der ›echten Paranoia‹ (Raden 2009: 65), die für ihn eng mit der (später rassentheoretisch gewendeten) Vererbungslehre zusammenhängt. So ist die Paranoia für Gaupp »eine aus der Persönlichkeit allmählich herauswachsende Form geistiger Störung, die auf dem Boden der Entartung wächst« (Gaupp 1996: 185). Während das Morden in Mühlhausen auf seinen hass gegen die Bürger zurückzuführen ist und als Rachefeldzug interpretiert werden kann, kommen bei seiner Familie andere Motive zum Tragen. Wagner gibt an, diese aus ›Mitleid‹ getötet zu haben, um ihnen die Schmach seiner sodomitischen Verfehlungen zu ersparen (Gaupp 1996: 159, 177). Auch er selbst hatte geplant, seinen Rachefeldzug nicht zu überleben. Der Fall Wagner zeigt, wie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Amok-Diskurs formiert, der vornehmlich von Ärzten und Psychiatern beherrscht wird. Die ›Sinnlosigkeit‹ des Verbrechens wird in eine medizinische Diagnose überführt, von deren Warte aus handlungs- und Erklärungsmuster sichtbar werden: »So erklärt sich also das ungewöhnlich Rätselvolle und Grauenerregende jener Verbrechen eines gebildeten, im Lehramt stehenden Mannes«, heißt es am Ende des Gutachtens von Robert Gaupp, »aus der furchtbaren Tragik seiner schleichenden, aber allmählich immer tiefer wirkenden Geisteskrankheit« (Gaupp 1996: 188). Neben der Möglichkeit, derartige Verbrechen nun mit psychiatrischen Vokabeln aufzuschlüsseln, sieht die Medizin darüber hinaus ihre Aufgabe auch darin, die Gesellschaft vor jenen geisteskranken, gefährlichen TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 70 Menschen zu schützen: »Nur der Arzt wäre in der Lage gewesen, jene Katastrophe zu verhindern,19 die Ernst Wagner angerichtet hatte. Der Arzt hätte den Wahnsinn Wagners rechtzeitig erkennen können, wenn die Gesetze ihm die Zuständigkeit dazu gegeben hätten« (Raden 2009: 46 f.). Dass die Angst vor geisteskranken Menschen und die Vorherrschaft der psychiatrischen Erklärungsmuster – die zwischenzeitlich allerdings wieder von der rassenhygienischen Ideologie befreit ist – auch hysterische Züge annehmen kann, zeigt der nächste Fall: das Flammenwerferattentat von Köln-Volkhoven am 11. Juni 1964. 4.3 Köln-Volkhoven am 11. Juni 1964 – Walter Seifert »hitler der Zweite kommt!«20 Am Morgen des 11. Juni 1964 betritt der 42-jährige Walter Seifert das Gelände der katholischen Volksschule in Köln-Volkhoven. Er ist mit einer mit brennbaren Chemikalien gefüllten Unkrautspritze, die er als Flammenwerfer benutzt, einer Lanze und einer Schleuder bewaffnet. Nachdem er das Gartentürchen, durch das er das Schulgelände betreten hat, mit einem holzkeil blockiert hat, richtet er den Flammenstrahl zunächst auf spielende Kinder und die aufsichtführende Lehrerin im Schulhof. Danach verfolgt er die fliehenden Schüler, zerstört mit seiner Schleuder die Fenster zu den Klassenräumen und eröffnet wiederum das Feuer. Walter Seifert tötet zwei Lehrerinnen, sieben Schülerinnen und einen Schüler. Um 9.30 Uhr erhalten die Einsatzkräfte die Meldung »Amokläufer in Köln-Volkhoven an der Schule Volkhovener Weg mit Flammenwerfer!« (zitiert nach Kiehne 1965: 68). Der Täter flüchtet. Bei der Verfolgungsjagd wird Walter Seifert angeschossen und kann schließlich überwältigt werden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Täter jedoch bereits von einem Pflanzenschutzmittel getrunken und wird die Nacht nicht überleben. Noch am Tatort führt der Leiter der Mordkommission ein Gespräch mit Walter Seifert, das in einem Bericht festgehalten wird. Auf die eindringlichen Fragen nach dem Motiv und der Wahl der Opfer bekommt der Kommissar keine befriedigenden Antworten: »Frage: ›Warum gerade die Kinder? Mögen Sie Kinder nicht?‹ Antwort: ›Doch‹. Frage: ›Warum denn?‹ Antwort: ›Es ist vielleicht eine verderbte Idee.‹ […] Frage: ›Warum gerade diese Menschen, diese Kinder, diese Schule?‹ Antwort: ›Zufall‹« (zitiert nach Kiehne 1965: 74). 19 ›Verhindern‹ heißt in diesem Zusammenhang nicht nur das Erkennen und Internieren von delinquenten Menschen, sondern es gibt zu dieser Zeit bereits lebhafte Diskussionen um das Vernichten ›lebensunwerten‹ Lebens. 20 Walter Seifert, zit. nach Der Spiegel 44/1968, 28.10.1968. VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 71 Die Suche nach den vermeintlichen Gründen lässt nicht lange auf sich warten. Seifert leidet an Lungentuberkulose, die jedoch von Amtsärzten und Versorgungsämtern nicht in Zusammenhang mit seiner Kriegsgefangenschaft betrachtet wird, weswegen seine Rente gering bleibt. Als auch noch drei Jahre vor dem Amoklauf seine Frau mitsamt dem Baby im Kindsbett sterben, verschärft sich sein hass auf die Ärzte. »Der Arzt ist der größte Armenmassenmörder in der Geschichte der Menschheit«, schreibt Seifert in seinen Aufzeichnungen. Und weiter: »Terror aber kann nur durch Gegenterror beseitigt werden, und wer mir den Schutz des Gesetzes verweigert, zwingt mir die Keule in die hand« (zitiert nach Kiehne 1965: 71 f.). Bereits im August 1954 wird Seifert auf die Notwendigkeit einer Einweisung in eine Anstalt untersucht. Obwohl das Gutachten eines Facharztes die Diagnose ›Schizophrener Defektzustand beziehungsweise paranoide Entwicklung‹ stellt, kommt es zu keiner Unterbringung. Nach dem Vorfall des »Flammenteufels«21 gibt es eine erhitzte öffentliche Debatte um den freien Verkauf von Chemikalien und über Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten.22 Besonders symptomatisch hierfür ist der Fall des Anwaltassessors Dr. Imre Müller in Krefeld, der daher etwas genauer betrachtet werden soll. Am Vormittag des 16. Juni 1964, also fünf Tage nach dem Amoklauf von Walter Seifert, hat Dr. Imre Müller einen Streit mit seiner Sekretärin. Er wirft sie aus seinem Büro und versperrt die Tür, die man nicht abschließen kann, mit einem Tisch, um seine Ruhe zu haben. Als Müller für einen Gerichtstermin nach Duisburg reisen will, wird er am Bahnhof von Polizisten festgenommen und findet sich ein paar Stunden später bis auf die Unterwäsche entkleidet in der geschlossenen Abteilung des Landeskrankenhauses Süchteln.23 Müller, der bereits in den Jahren davor in ärztlicher Behandlung war, sei eine »Gefahr für die öffentliche Ordnung« gewesen, heißt es.24 Er habe die Angestellte geschlagen, habe einen irren Blick gehabt und sei offensichtlich geisteskrank gewesen, teilt der Anwalt, für den Müller arbeitet, der Polizei mit. Diese Überreaktion ist nach dem Spiegel-Reporter Gerhard Mauz zweifelsohne im Zusammenhang mit dem Flammenwerfer-Attentat zu deuten. Im Spiegel vom 28.10.1968 heißt es: »Man darf annehmen, daß sich Dr. Müller tatsächlich unüblich benommen hat. Ob allerdings aus seinem Benehmen auf Gemeingefährlichkeit geschlossen werden muß, darüber würde an einem anderen Tag als diesem wohl schon gegrübelt worden sein. Am 16. Juni 1964, fünf 21 Zit. nach Der Spiegel 21/2002, 18.05.2002. 22 Vgl. Der Spiegel 12/1996, 18.03.1996. 23 Vgl. Der Spiegel 14/1967, 27.03.1967. 24 Zit. nach Der Spiegel 14/1967, 27.03.1967. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 72 Tage nach Köln-Volkhoven, ist jedoch nicht die Stunde für bedächtiges Erwägen.«25 Dr. Imre Müller muss im psychiatrischen Krankenhaus bleiben. Er erhält von zwei Pflegern zwei folgenreiche Spritzen mit schweren Medikamenten, die zu einer Querschnittslähmung führen. Der Fall wird untersucht, doch die beiden Krankenpfleger werden entlastet. Erst drei Jahre später erreicht Müller vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf, dass die Stadt Krefeld die amtsärztlichen Behauptungen widerrufen muss, die zu seiner Einweisung geführt haben. Weitere drei Jahre später erhält er schließlich eine Entschädigung in Form einer Abfindung von 150 000 Mark, einer Erstattung der Krankenkosten und einer monatlichen Rente von 1700 Mark.26 Die beiden Vorkommnisse ereignen sich zu einer Zeit, in der Amts- ärzte und Psychiater ohnehin den Vorwürfen ausgesetzt sind, entweder zu schnell einzuweisen oder zu lange zu zögern. »Im Schatten von Volkhoven war jeder Amtsarzt bereit, lieber einmal zuviel als zuwenig einzuweisen«, resümiert Gerhard Mauz, der den Fall Müller von Anfang bis Ende beobachtet, in der Spiegel-Ausgabe vom 23.02.1970. Volkhoven gilt darüber hinaus als ›Paradebeispiel‹, um die Durchsetzung des umstrittenen Entwurfs von einem »Gesetz über hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten«.27 Nach diesem Entwurf sollten die Gesundheitsämter Nordrhein-Westfalens künftig die Befugnis erhalten, jeden ›auffälligen‹ Bürger vorzuladen, festzuhalten und die Wohnungen von Verdächtigen auch gewaltsam zu öffnen. Die Befugnis sollte »durch Antrag, durch begründete Anregung Dritter oder auf sonstige Weise«28 erteilt werden, was heftige Kritik und die Angst vor unkontrollierbaren Verleumdungen und Gerüchten hervorbrachte. Aufgrund dieser Einwände und der durch hochrechnungen von Ärzten begründeten Befürchtung, im Maximalfall bis zu sieben Millionen Deutsche aufgrund ›geistiger Defekte‹ in Zukunft unter Aufsicht stellen zu müssen, scheiterte das Gesetz. 25 Zit. Nach Der Spiegel 44/1968, 28.10.1968. 26 Vgl. Der Spiegel 12/1996, 18.03.1996. 27 Vgl. Der Spiegel 12/1996, 18.03.1996. 28 Vgl. Der Spiegel 12/1996, 18.03.1996. VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 73 4.4 Austin, Texas am 1. August 1966 – Charles Joseph Whitman »If my life insurance policy is valid please see that all the worthless checks I wrote this weekend are made good. Please pay of all my debts. I am 25 years old and have never been financially independent. Donate the rest anonymously to a mental health foundation. Maybe research can prevent further tragedies of this type.«29 Mit Charles Whitman, dem »Sniper in the Tower«, setzt sich die Geschichte des modernen, westlichen Amok in den Vereinigten Staaten von Amerika am 1. August des Jahres 1966 in Austin, Texas fort und beginnt ihre eigentliche »Laufbahn« (Vogl 2010a: 19). Der Autor Gary M. Lavergne, der über den Fall Whitman eine Monographie geschrieben und die wichtigsten Dokumente zusammengetragen hat, spricht dem Ereignis eine enorme, geradezu traumatische Bedeutung zu, die die Diskussion um Amokläufe in den USA nachhaltig prägt: »With deadly efficiency he introduced America to public mass murder, and in the progress forever changed our notions of safety in open spaces. Arguably, he introduced America to domestic terrorism, but it was terrorism without a cause« (Lavergne 1997: xi). Der Fall Whitman führt auch zu einer Ver- änderung des Strafsystems und zu einer eigenen Kategorisierung – zwar nicht für Amokläufe im Besonderen, aber zumindest für derartige Fälle von Massenmord. Darüber hinaus wird der Vorfall in populärkulturellen Formaten wie Kinofilmen verarbeitet und auch in der Wissenschaftslandschaft ist das Echo deutlich zu vernehmen. Bereits drei Jahre nach Whitmans Amoklauf erscheint im American Journal of Psychiatry ein Artikel von John L. Kuehn und John Burton, in dem sie von einem »Whitman Syndrome« sprechen, das »mean college students with severe global hostility« bezeichnet, »who have had the means (usually firearms) to act out their fears and wishes with deadly efficiency« (Kuehn und Burton 1969: 1594). Die Geschichte von Charles Whitman ähnelt derjenigen von Ernst Wagner. Am Morgen bevor er den Turm besteigt, tötet Whitman zunächst seine Mutter, dann seine Frau. In einem Abschiedsbrief, den er auf die Leiche seiner Mutter legt, schreibt er: »Let there be no doubt in your mind that I loved the woman with all my heart. If there exists a God, let him understand my actions and judge me accordingly« (zitiert nach Lavergne 1997: 103). Wie Wagner will auch Whitman seiner Familie offensichtlich die Schande seines Verbrechens ersparen und sieht deren Tod als ›Erlösung‹. Als er auch seine Frau im Schlaf mit Messerstichen getötet 29 Charles Whitman in einem Abschiedsbrief (zitiert nach Lavergne 1997: 109). TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 74 hat, fährt Whitman mit einem Arsenal an Waffen beladen zur University of Texas und betritt – nachdem er eine Rezeptionistin erschlagen und sich verbarrikadiert hat – die oberste Plattform des Turmes der Universität. Um 11.48 Uhr eröffnet er das Feuer auf beliebige Passanten. Eine schwangere Frau wird zum ersten Opfer. Zunächst erkennt niemand, woher die Schüsse kommen und selbst als der Tower der Universität vermutet wird, gehen die Polizisten und beherzten Bürger, die nun ihrerseits den Turm unter Beschuss nehmen, von mehreren Tätern aus. Da die Polizei auf derartige Situationen weder vorbereitet noch gut genug ausgerüstet ist, dauert es knapp 90 Minuten, bevor der Turm gestürmt und der Schütze um 13.24 Uhr getötet werden kann. Zu dieser Zeit sind bereits 16 Menschen tot und über 30 verletzt. In der Beschreibung der Person Charles Joseph Whitman finden sich Parallelen zu anderen Amokläufern. Die wichtigste bleibt die Unauffälligkeit des Täters. Whitman gilt als ›all-American Boy‹, dessen Durchschnittlichkeit sich in der Retrospektive als ›nette Fassade‹ relativieren wird. Je weniger konkrete Anhaltspunkte es gibt und je beliebiger die Opfer erscheinen, desto mehr Raum erhalten Spekulationen und desto intensiver fällt der öffentliche Diskurs aus. An Ursachen- und Präventionsangeboten gibt es vor allem sieben, die den Fall beherrschen (vgl. Lavergne 1997: 254–271). Die ersten vier bilden Erklärungen mit gro- ßer Reichweite, d.h. es geht um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen oder zumindest um größere Subsysteme oder Subkulturen. So machen beispielsweise antimilitaristische Stimmen im Kontext des Vietnamkrieges Whitmans Ausbildung zum Marine für seine Tat – und vor allem für ihre Durchführung – verantwortlich: Das Töten und der präzise Umgang mit Waffen, so das Argument, wurden ›erlernt‹ und trainiert. Andere wiederum sehen in den zunehmenden Darstellungen von Gewalt in den Medien allen Grund zur Beunruhigung und stellen die auch uns heute sehr vertraute Frage, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum fiktiver Gewalt und realem Blutvergießen besteht. Die dritte Erklärung rückt den rasanten Anstieg und das Ausmaß der ›drug culture‹ in den Vordergrund, da Whitman illegale Substanzen zu sich nahm, auch wenn deren Einfluss auf sein verbrecherisches handeln medizinisch nie bewiesen wurde. Schließlich gibt es eine Debatte um die ›gun culture‹ in den USA, in der über die Verfügbarkeit und die Anzahl der zirkulierenden Waffen diskutiert wird. Das Argument, dass gleichzeitig die Polizei ›aufgerüstet‹ werden soll, wurde schon beim Fall Wagner herangezogen. Die Debatte um Waffen hat auch ein halbes Jahrhundert nach dem Amoklauf von Texas nicht an Bedeutung verloren, weder in den USA noch in Deutschland; hierauf wird zurückzukommen sein (vgl. 9.3). Den letzten drei Diskursfeldern liegen eine Erklärung mittlerer und zwei Erklärungen kleiner Reichweite zugrunde. Erstere rekurriert auf den Umstand, dass Whitman selbst Opfer von häuslicher Gewalt war VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 75 und von seinem Vater geschlagen wurde. In seinen Abschiedsbriefen ist sein hass auf den Vater deutlich erkennbar, was den Schluss nahe legt, zwischen Erleben und Ausüben von Gewalt einen Zusammenhang zu denken. Die Frage der Verantwortung wird hier nicht auf der Makroebene (Gesellschaft) oder der Mikroebene (Individuum) verhandelt, sondern auf der Zwischenebene der Familie, die gewissermaßen als Scharnierstelle zwischen diesen beiden Ebenen fungiert. Zwei vollständig individualisierte und auf die konkrete Person des Täters zugeschnittene Erklärungsversuche beziehen sich dagegen auf Whitmans psychische und somatische Pathologien. Wahnsinn wird ihm attestiert und es scheint ein kleiner Skandal zu sein, dass Whitman tatsächlich einige Wochen vor der Tat mit einem Psychiater über seine Gewaltphantasien gesprochen hat. Die Ärzte dagegen verweisen auf tausende andere Patienten, mit denen sie ähnliche Gespräche führen, ohne dass diese tatsächlich zur Gewalt greifen. Schließlich entdecken Ärzte bei der Autopsie von Whitmans Leiche einen walnussgroßen Tumor im Kopf. Obwohl die Fachwelt keinen kausalen Zusammenhang mit dem Amoklauf sieht, ist die Entdeckung vor allem für Freunde und die Familie eine – wie DIE ZEIT vom 12.08.1966 schreibt – »Erlösung«. Whitmans plötzlicher Gewaltausbruch und seine Persönlichkeitsveränderung erhalten damit nicht nur einen vermeintlichen ›Grund‹; seine Krankheit mindert in dieser Perspektive auch die Schuld eines Täters, der selbst Opfer seiner unbeherrschbar und pathologisch veränderten Natur geworden ist. Auch in den deutschen Medien wird über Charles Whitman diskutiert. Das Magazin Der Spiegel stellt den »blutigsten Amoklauf in der Verbrechergeschichte der Vereinigten Staaten«30 explizit in eine Reihe mit den Taten von Ernst August Wagner und Walter Seifert. »Unberechenbar wie Naturkatastrophen, so verzeichnet es die Kriminalgeschichte«, resümiert der Autor, »kippen scheinbar friedfertige Menschen aus der sozialen Bindung und vollführen, wie von Dämonen getrieben, Massenmord«.31 Auch in einem Artikel der ZEIT wird zunächst die Unbegreiflichkeit der Tat betont, die scheinbar aus dem Nichts über die ahnungslose Gesellschaft hereinbricht und die nicht verhindert werden kann: »Die Tatsache, daß Whitmans Untat zu den ganz seltenen Ausnahmen in der Geschichte der Verbrechen zählt, läßt mit Sicherheit nur einen Schluß zu, nämlich diesen: daß hier eine Kette von vielen Umwelteinflüssen und vielleicht auch psychischen Störungen dazu geführt hat, alle Ventile zu öffnen, die normalerweise angestaute Aggressionsgelüste zurückhalten. Vermutlich hätte man nur ein Glied dieser Kette herauszubrechen brauchen – und das Schreckliche wäre nicht geschehen. Doch 30 Zitiert nach Der Spiegel 33/1966, 08.08.1966. 31 Zitiert nach Der Spiegel 33/1966, 08.08.1966. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 76 exakt (im naturwissenschaftlichen Sinne) können wir nicht ein einziges dieser vielleicht verketteten Merkmale aufzeigen.«32 Gleichzeitig betonen aber sowohl Der Spiegel als auch DIE ZEIT den ansteckenden Charakter des Verbrechens und setzen damit ihre hoffnung auf die Psychiatrie und die forensischen Wissenschaften. Beide zitieren den amerikanischen Gerichtsmediziner Dr. Fredric Wertham, der behauptet, Mord sei »ansteckend wie Masern«.33 Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, so der Autor im Artikel der ZEIT, »daß wir uns der Prophylaxe gegen kriminelle Seuchen mit dem gleichen naturwissenschaftlichen Eifer widmen, der uns von Epidemien wie Pestilenz oder Pocken weitgehend befreit hat«.34 Daher müssen vor allem diese Wissenschaften weiterentwickelt und gefördert werden, um der unsichtbaren Bedrohung durch Massenmörder herr zu werden. Dennoch bleibt der Artikel der ZEIT skeptisch und so lautet das ernüchternde Fazit des letzten Satzes: »Wir müssen mit der Unberechenbarkeit menschlicher handlungen leben«.35 4.5 Littleton, Colorado am 20. April 1999 – Eric harris und Dylan Klebold »Verurteilt uns nicht. Auf diese Weise wollen wir uns verabschieden.«36 Der Amoklauf an der Columbine high School in Littleton, Colorado am 20. April 1999 gilt als der schlimmste Amoklauf in der jüngsten Geschichte und als wichtigster Referenzfall für alle Amokläufe danach. Der 18-jährige Eric harris und der 17-jährige Dylan Klebold töten an diesem Tag zwölf ihrer Mitschüler, einen Lehrer und schließlich sich selbst. Dass die selbstgebauten Rohrbomben nicht detonieren, verhindert ein noch schlimmeres Unglück. Der Amoklauf in Littleton ist der sechste Vorfall innerhalb von 18 Monaten, bei dem mehrere Menschen in einer Schule ihr Leben verlieren, weswegen sich in der Berichterstattung der New York Times Formulierungen wie »Once again«37, »Again«38, »the images are too familiar«39 in den ersten Tagen häufen. Das Wort »Epidemie« 32 Zitiert nach DIE ZEIT 33/1966, 12.08.1966. 33 Zitiert nach Der Spiegel 33/1966, 08.08.1966. 34 Zitiert nach DIE ZEIT 33/1966, 12.08.1966. 35 Zitiert nach DIE ZEIT 33/1966, 12.08.1966. 36 Eric harris und Dylan Klebold in ihrem Abschiedsbrief, zitiert nach Der Spiegel 17/1999, 26.04.1999. 37 Zitiert nach NYTimes, 21.04.1999. 38 Zitiert nach NYTimes, 22.04.1999. 39 Zitiert nach NYTimes, 22.04.1999. VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 77 geistert durch die Presse und der damalige Präsident Bill Clinton versucht in einem Interview, diese Panik zu beschwichtigen.40 Im Vergleich zu den bisher beschriebenen Amokläufen wird der Diskurs um die Ursachen immer komplexer und die sozialen und kulturellen Faktoren gewinnen gegenüber den individuellen an Bedeutung.41 Insbesondere die Debatte um die amerikanischen Waffengesetze wird durch die Tat von Columbine wieder angefacht. Diese »amerikanischen Verhältnisse« werden auch in Deutschland rezipiert und bei politischen Forderungen in Anschlag gebracht. So fordert beispielsweise der damalige Innenminister von Schleswig holstein, Ekkehard Wienholtz, auch für Deutschland eine Verschärfung des Waffenrechts und strengere Kontrollen an Schulen: »Niemand von uns will amerikanische Verhältnisse an deutschen Schulen.«42 Auffällig ist der Verweis auf die »amerikanischen Verhältnisse«, vor denen man sich auch hierzulande schützen muss. Nicht nur der Waffenkult, auch die Traumfrabrik hollywood zählt zu einer Gewaltkultur, die man aus der Ferne kritisch beäugen kann. In einem Artikel des Magazins Der Spiegel ist zu lesen: »Diesen hass verbreiten nicht nur obskure Internet-Seiten oder Gewaltvideos, selbst derzeit laufende Kinoproduktionen wie ›The Matrix‹ gehören vielleicht zu den mörderischen Vorlagen für das Schulgemetzel von Littleton: In dem Film ballert hollywood-Star Keanu Reeves im schwarzen Trench aus einem Schnellfeuergewehr um sich, und in einer Traumsequenz von ›The Basketball Diaries‹ schießt Leonardo DiCaprio auf Lehrer und Mitschüler.« 43 »We are addicted to violence. It sustains and entertains us« heißt es in einem Artikel der New York Times. 44 Darüber hinaus wird die Gothic- Subkultur für die Krise der Jugendkultur mitverantwortlich gemacht. Ein prominenter Musiker, der auf den Künstlernamen »Marylin Manson« hört, steht besonders in der Kritik und sieht sich sogar gezwungen, einige seiner Konzerte abzusagen. Die »bizarre geistige Welt, in der die Täter lebten«45 korrespondiert mit ihrem Status der Außenseiter in ihrer Schule. Als Mitglieder der selbsternannten »Trenchcoat-Mafia« führen sie einen Bandenkrieg gegen die reichen, schönen und erfolgreichen Mitschüler – die »jocks« –, die als sportliche Athleten von den Mädchen umschwärmt werden. Von besonderer Bedeutung ist auch das Datum des 40 Vgl. NYTimes, 21.04.1999. 41 Für eine Analyse des amerikanisches Diskurses um die Ursachen und Erklärungen vgl. den Aufsatz Research in School Shootings von Glenn W. Muschert (2007: 68 f.). 42 Zitiert nach der Süddeutschen Zeitung vom 28.04.1999. 43 Zitiert nach Der Spiegel 17/1999, 26.04.1999. 44 Zitiert nach NYTimes, 22.04.1999. 45 Zitiert nach der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.1999. TEIL II: DIE GESChIChTE DES AMOKLAUFS 78 Amoklaufs, das einen neonazistischen hintergrund nahelegt. Am 20. April 1889 wurde Adolf hitler geboren und wäre am 20. April 1999 110 Jahre alt geworden. Ein besonders verstörendes Detail findet sich in den Notizen des Abschiedsbriefs von Eric harris. Sie zeigen, dass die Täter die Diskurse um Schuld und Verantwortung bei früheren Amokläufen genau verfolgt haben: »Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, nicht die meiner Brüder, nicht die meiner Freunde, nicht die meiner Lieblingsbands, nicht die der Computerspiele, nicht die der Medien. DIE SChULD GEhÖRT MIR!«46 Letztlich beansprucht Eric harris genau das für sich, was ihm die Gesellschaft verweigert: die Autonomie über die eigene Schuld, die Souveränität über das Verbrechen (vgl. 2.2.4). 4.6 Zusammenfassung Verfolgt man die Geschichte des Amoklaufs zwischen den Ereignissen am 20. Juni 1913 in Bremen und am 20. April 1999 in Littleton, lässt sich folgende Beobachtung anstellen: Amok ist in der modernen westlichen Welt angekommen. Er beginnt sich wieder – wie sein mythischritueller Ursprung – als kulturelles Muster zu verfestigen und wird allmählich differenzierten Normalisierungstendenzen unterworfen. Amok ist in seiner Unerwartbarkeit erwartbar geworden: Wo einst Gabelstäbe am Wegesrand bereitstanden, gibt es heute Diskussionen um Frühwarnsysteme in Schulen und öffentlichen Einrichtungen. Amok hat seinen festen Platz in Diskursen, Medien und dem kulturellen handlungsrepertoire eingenommen. Bestimmte Diskursfelder etablieren sich, sie werden umfassender und stellen vermehrt Argumente der unglücklichen Verkettung verschiedener Umstände in den Mittelpunkt. Monokausale Erklärungen, die auf Wahnsinn und Paranoia abstellten, gehen zurück und werden nur zu einem einzelnen Puzzleteilchen im ›großen Ganzen‹ herabgestuft. Sie stehen damit in einer Reihe mit Meso- und Makroerklärungen, die sich kritisch mit der Rolle gewaltverherrlichender Medien, der Verfügbarkeit von Waffen, der Verantwortung von Familie, Schule und sozialem Umfeld sowie dem Niedergang der gesellschaftlichen Werte widmen. Die Debatte um Wahnsinn und Paranoia, die beispielsweise noch bei Ernst August Wagner dominierte, geht in eine Diskussion um Depressionen über. Die Täter, die zunehmend jünger werden und ihre Gewaltexzesse an Bildungseinrichtungen zelebrieren, werden dann zum 46 Eric harris, zitiert nach Joseph Vogl (2010a: 21). VOM WAhNSINN ZUM WERTEWANDEL 79 Sinnbild einer ›Krise der Jugendkultur‹, die aus ›ganz normalen Jugendlichen‹ tickende soziale Zeitbomben macht. Die Gesellschaft erscheint gleichermaßen als Ursprung und Adressat der Gewalt und der Amoklauf wird zu einem Medienereignis par excellence. Amok ist kein kulturgebundenes Syndrom fremder Welten mehr, sondern entspringt der Mitte der Gesellschaft. Damit verliert er die auf eigentümliche Weise beruhigende Eigenschaft des Fremden, des ganz Anderen, der Ausnahme und zwingt die Gesellschaft dazu, selbst wieder ritualisierte Formen der Sinnstiftung zu entwickeln, um den horror vacui zu bewältigen. Bevor in einem umfassenden empirischen Teil eine genaue Analyse dieser Bewältigungsstrategien anhand der deutschen Amokläufe von Erfurt und Winnenden vorgenommen wird, werden im dritten großen Abschnitt dieser Arbeit die theoretischen Konzepte entwickelt. Teil III Theoretische Konzepte 83 5 Sinn, Ereignis und Erzählung Im vorliegenden Kapitel soll versucht werden, einen ersten theoretischen Zugang zum Phänomen ›Amok‹ zu entwickeln. Grundlegend ist dabei die Annahme, dass es sich bei derartigen Gewalttaten um Ereignisse handelt, die unerwartet in den Alltag hereinbrechen und die damit die gesellschaftliche Kommunikation gleichermaßen unterbrechen wie befeuern. An diesen Ereignissen im engeren Sinn – ausgeschlossen sind geplante ›Events‹ – entzünden sich Fragen nach Sinn und kommunikativer Anschlussfähigkeit. Ereignisse zeichnen sich durch Plötzlichkeit aus, sie sind »Ausdruck und Zeichen von Diskontinuität und Nichtidentischem« (Bohrer 1981: 7) und damit zunächst bedeutungsoffen, was sie für eine kultursoziologische Analyse interessant macht. Zu Beginn soll das Verhältnis von Sinn und Sinnlosigkeit bestimmt und auf den bemerkenswerten Umstand eingangen werden, dass die Soziologie ›Sinn‹ als Grundannahme zwar immer voraussetzt, dabei aber vernachlässigt, die Kehrseite des Sinns zu thematisieren und damit nach der Möglichkeit von Nicht-Sinn und Sinnlosigkeit zu fragen (5.1). Im Anschluss daran (5.2 und 5.3) werden mit Performanzen und Narrationen zwei besonders wichtige Modi bei der sozialen Bewältigung von schockierenden Ereignissen betrachtet. hierbei ist eine interessante Paradoxie zu beobachten, die sich in folgender These ausdrücken lässt: In der kollektiven Anstrengung, den horror vacui auszufüllen, wird die Sinnlosigkeit des Ereignisses in eine Überproduktion an Sinn transformiert. Zuvor Belang- und Bedeutungsloses wird der Welt der Spuren und Zeichen zugeschlagen und die Schwierigkeit besteht nun nicht weiter darin, überhaupt Sinn und Bedeutung zu finden, als vielmehr darin, sich auf die ›richtigen‹ Bedeutungsangebote zu einigen und aus diesen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Abschließend folgt ein kurzes Fazit, das die Erkenntnisse nochmals auf die übergeordnete Fragestellung des Projekts zuspitzt (5.4). 5.1 Sinn und Sinnlosigkeit Der Begriff ›Sinn‹ gehört zu den wichtigsten Grundbegriffen in der Soziologie,1 egal welche Färbung er in den verschiedenen Schulen und 1 Der Sinnbegriff ist deshalb so problematisch, weil er ausnahmslos alle Formen von Sozialität durchdringt, gleichzeitig aber aufgrund dieser Selbstverständlichkeit kaum thematisiert wird. Von den Wissenschaften ist es neben der Soziologie vor allem die Philosophie, die ihn als Schlüsselbegriff ernst nimmt und reflektiert: »Je unverzichtbarer etwas für die Selbstverständlichkeit des Lebens ist und je schwieriger begrifflich zu fassen, desto höher ist sein philosophischer Rang« (Figal 2006: 83). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 84 Paradigmen auch erhalten mag. So beschäftigt man sich beispielsweise mit existentiellem Sinn (Sartre 1985), Alltagssinn (Berger und Luckmann 2004), praktischem Sinn (Bourdieu 2010), handlungssinn (Mead 1968; Weber 1972; Schütz und Luckmann 2003) oder kommunikativem Sinn (Luhmann 1984). Wie unterschiedlich die verschiedenen Positionen auch sind, sie werden von dem übergreifenden Ressentiment zusammengehalten, das Gegenteil von Sinn zu thematisieren. Dies wird in den Bereich einer Art ›soziologischen Theodizee‹ verschoben. Während der Ausgangspunkt der Soziologie in der Frage besteht, wie Sinn und Bedeutungen in die Welt kommen und wie diese in sozialen Aushandlungsprozessen generiert werden, scheint ihr zugleich »jegliches Gespür für die Möglichkeit eines Willens nach Nicht-Sinn abhanden gekommen« (C. Schneider 2009: 173, hervorhebung im Original). Im Folgenden wird dieses Desiderat lokalisiert und es werden Möglichkeiten skizziert, wie die Kehrseite des Sinns aus soziologischer Sicht zu betrachten ist, um diese Erkenntnisse in Kapitel 6 auf die Frage nach der Sinn- und Grundlosigkeit von Gewalt zu übertragen. Freilich bleibt die Auswahl der im Folgenden diskutierten Positionen auf die übergeordnete Fragestellung zugeschnitten.2 Zunächst lässt sich Kultur selbst als sinnstiftendes Moment begreifen. Es gehört zur anthropologischen Grundausstattung von Menschen und Gesellschaften, ihre Welt zu ordnen, auf Bedeutungen festzulegen und ihrem »Sinnzwang« (Luhmann 1984: 95) in Form von Institutionen, Normen und Klassifikationssystemen Ausdruck zu verleihen. Die Welt selbst ist dagegen ohne die Menschen, die sie betrachten, interpretieren und in ihr handeln, streng genommen ›sinnlos‹, so Max Weber in seiner berühmten Definition von Kultur: »›Kultur‹ ist ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens« (Weber 1988: 180, hervorhebung im Original). Claude Lévi-Strauss hat in seiner Einleitung in das Werk von Marcel Mauss darauf hingewiesen, dass Zeichenund Symbolsysteme die Welt nicht nur sinnhaft deuten, sondern sich durch eine Art Überproduktion auszeichnen, die selbst wieder problematisiert werden kann. Nicht nur ist die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem notwendigerweise willkürlich, es gibt auch ein Überangebot an Signifikanten im Verhältnis zu den Signifkaten, auf die sie sich beziehen können. »In seinem Bemühen, die Welt zu verstehen«, so die Schlussfolgerung von Lévi-Strauss, »verfügt der Mensch also immer 2 Eine alternative Aufstellung, die sich in Teilen mit dem folgenden Überblick überschneidet, hat Gregor Bongaerts (2012) vorgelegt. In seinem Buch Sinn konzipiert er eine heuristik, die zwischen »subjektiv-egologischem«, »objektiv-kommunikativem« und »inkorporiert-praktischem« Sinn unterscheidet (Bongaerts 2012: 20 ff.), doch auch in dieser Einführung wird das Phänomen der ›Sinnlosigkeit‹ nicht als eigene Fragestellung verfolgt und taucht nur am Rande auf. SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 85 über einen Überschuß an Sinn« (Lévi-Strauss 1989: 39). Dieser Sinnüberschuss kann einerseits Verwirrung stiften, er kann aber auch in Form von »flottierenden Signifikanten« eine besondere Funktion erfüllen (Lévi-Strauss 1989: 39). Lévi-Strauss illustriert diese interessante Beobachtung anhand des Konzepts des ›mana‹, welches eigentlich widersprüchliche Attribute in sich vereint. Als ›bloße Form‹ verweist der flottierende Signifikant auf einen notwendigen Inhalt, ohne diesen jedoch – in einem doppelten Sinne – festzustellen.3 Gerade weil er ›sinnfrei‹ ist, kann er alle möglichen Formen von Sinn aufnehmen (vgl. auch 13.1.3). In ihrem Aufsatz über die Ritual Modes of Signification (1978) weist Barbara A. Babcock auf die ordnungszersetzende Wirkung eines ›Zuviel‹ an Sinn4 hin: »This free play of signification is created and expressed primarily by a surplus of signifiers – a sensory overload, a surfeit of signification which calls the meaning, the significance of everything into question and creates a realm of pure possibility« (Babcock 1978: 294). Dieser Raum an Möglichkeiten und folglich an verschiedenen und konkurrierenden Sinnangeboten kann dazu führen, dass anstatt Antworten auf Fragen nur weitere Fragen und Ungereimtheiten produziert werden. Jeder Diskurs, so Babcock, »by means of a surplus of signifiers paradoxically both questions and reaffirms social, cultural, and cosmological orders of things« (Babcock 1978: 296). Der Umstand, dass jede kulturelle Ordnung kontingent und damit immer auch anders möglich wäre, wird im Alltag normalerweise nicht thematisiert. Gleichwohl existieren und verdichten sich diese ausgeschlossenen Möglichkeiten zu einer »Unterwelt des Absurden« (Giesen 2004a: 75). Diese ist zwar notwendig und konstitutiv für die soziale Wirklichkeit, aber nur, weil sie von der Kultur als »sinnstiftendem horizont« latent gehalten wird (Giesen 2004a: 76). Die herstellung von Latenz erfolgt nach Giesen beispielsweise über die unübersteigbare Wirklichkeit von Ritualen und Mythen, über Symbole sowie über Prozesse der Normativierung und Rationalisierung (Giesen 2004a, 2010: 56–66). Mit Ritualen und Erzählungen werden sich die nächsten beiden Unterkapitel etwas ausführlicher befassen; Normativierung und Rationalisierung spielen bei Verbrechens- und Risikodiskursen eine wichtige Rolle, die in Kapitel 7 behandelt werden. Freilich sind Gewissheiten nicht prinzipiell unhinterfragbar. Der Mensch hat die Fähigkeit zur Negation5 und kann sich erst dadurch mit 3 Dass auch der Begriff »Gesellschaft« als semantischer Platzhalter fungiert, darauf haben Bernhard Giesen und Robert Seyfert hingewiesen (Giesen und Seyfert 2013). 4 In ähnlicher Weise versucht auch Luhmann den Begriff der Sinnlosigkeit zu beschreiben: in einer Verwirrung von Zeichen (s.u.). 5 Dieser Fähigkeit misst auch Luhmann enorme Bedeutung bei, da durch die Negation Komplexität gesteigert werden kann. Die Negation – die selbst wiederum negiert werden und damit zur grundlegenden Konfiguration von Konflikten führen TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 86 der Frage nach Alternativen befassen und sich mit einem ›Nichts‹ in Beziehung setzen. Wie das Loch ohne die Wand, in der es klafft, nicht existieren kann, so weist auch Jean-Paul Sartre darauf hin, dass das Nichts nur ein vom Sein entliehenes Dasein haben kann: »Nicht-Sein gibt es nur auf der Oberfläche des Seins« (Sartre 1985: 55, hervorhebung im Original). In analoger Weise kann die Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit immer nur vor dem hintergrund einer kulturellen Ordnung sichtbar und thematisiert werden. Insbesondere in der Konfrontation mit anderen Kulturen, Fremden und Fremdem, aber auch bei Katastrophen oder in der Plötzlichkeit von Ereignissen scheint diese Kehrseite der sozialen Ordnung auf und stellt Selbstverständlichkeiten in Frage: »Die Begriffe des Dämons, des Traumas, der Gefahr, des Untergangs, des Risikos oder der Sünde sind – in jeweils verschiedenen kulturellen Modellen – Platzhalter für dieses ›Loch‹ innerhalb der sinnhaften Ordnung der Welt« (Giesen 2004a: 77). Mythische Erzählungen, Rituale und Bilder können außerordentliche Antworten auf außerordentliche Fragen und Probleme sein, die in Zeiten der Krise, der Angst und der Unordnung auftauchen: »Ritualisierung fängt den möglichen Absturz in die absurde Gegenwelt auf, Mythisierung spannt einen Schirm der fraglos gültigen Erzählungen auf, Ikonisierung schiebt sich zwischen uns und den monströsen Rohzustand der Welt« (Giesen 2010: 59). Sie transformieren unaussprechliche Ereignisse in sinnvolle Geschichten und befriedigen gleichzeitig das Bedürfnis nach existentiellem Sinn. Mythen und Rituale geben Antworten auf die von Leibniz formulierte Frage »Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?«, sie erzählen von Anfang und Ende, Leben und Sterben, Glück und Leiden – sie kompensieren den horror vacui, die große Angst vor der Leere. Drängt sich diese problematische – im Vergleich zu unproblematischen, alltäglichen (s.u.) – Sinnfrage in Form einer »Perhorreszierung von Sinnlosigkeit« dennoch beispielsweise bei Katastrophen auf, wird sie meistens Deutungseliten und Legitimationsexperten überantwortet (Koschorke 2008: 324, hervorhebung im Original). Theologen versuchen das Leid der Welt mit dem Verweis auf Gottes Gnade zu lindern, Terrorismusexperten erklären den Terror, Meteorologen das Entstehen von Tsunamis und Atomphysiker die Gefahr von Kernschmelzen. Der Verweis auf Experten muss jedoch nicht zu einer alleinigen, konsensuell abgesicherten Deutung eines Geschehens führen (vgl. 8.3.4). Journalisten, Kulturpessimisten, Experten und Wissenschaftler jedweder Provenienz, frönen dem gebotenen Deutungszwang und versuchen sich in ihren hermeneutischen Künsten wechselseitig zu überbieten. Bestimmte Ereignisse reizen diese Deutungsmaschinerie und kann – bleibt notwendigerweise mit demjenigen verbunden, das sie negiert. Negation bedeutet nicht die Abwesenheit von Sinn, im Gegenteil: »Negation ist keine Vernichtung, sondern ein Modus der Erhaltung von Sinn« (Luhmann 2005b: 44). SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 87 zeigen ihr zugleich ihre Grenzen auf. In der Polyphonie der Erklärungen scheint oft nur eines klar – dass es mehr Fragen als verlässliche Antworten gibt. Der sinnstiftende horizont der Kultur wird aber nicht nur in Situationen des Außerordentlichen virulent, er bedingt auch unseren Alltag. Dieser Alltagssinn ist in der Regel völlig unproblematisch, es herrscht common sense: »Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird als Wirklichkeit hingenommen. Über ihre einfache Präsenz hinaus bedarf sie keiner zusätzlichen Verifizierung. Sie ist einfach da – als selbstverständliche, zwingende Wirklichkeit« (Berger und Luckmann 2004: 26, hervorhebung im Original). Wir leben und handeln in einer Welt, die von uns als subjektiv sinnhaft wahrgenommen wird und von der wir gleichzeitig annehmen, dass andere diese Ansicht teilen.6 Wir gehen davon aus, dass wir unsere Mitmenschen verstehen und von ihnen ebenso verstanden werden – dies ist die Welt, wie sie sich in der »natürlichen Einstellung des Alltags« zeigt: »In der natürlichen Einstellung finde ich mich immer in einer Welt, die für mich fraglos und selbstverständlich ›wirklich‹ ist. Ich wurde in sie hineingeboren und ich nehme es als gegeben an, daß sie vor mir bestand. Sie ist der unbefragte Boden aller Gegebenheiten sowie der fraglose Rahmen, in dem sich mir die Probleme stellen, die ich bewältigen muß. Sie erscheint mir in zusammenhängenden Gliederungen wohlumschriebener Objekte mit bestimmten Eigenschaften.« (Schütz und Luckmann 2003: 30) ›Sinnlosigkeit‹ kann in der sinnhaften Welt des Alltags beispielsweise in Form von enttäuschten Erwartungen in bestimmten Situationen auftauchen. So können handlungen, die im Kontext A angebracht sind, im Kontext B unangemessen sein: Wer der Trauergemeinschaft auf einer Beerdigung gratuliert und dem Geburtstagskind sein Beileid ausspricht, wird vermutlich nur Stirnrunzeln erzeugen. Auch eine mangelnde Aufmerksamkeit beziehungsweise eine falsche Aufmerksamkeitsrichtung oder zu starkes oder zu schwaches Engagement sind Beispiele für die Störanfälligkeit situativer Rahmen (Goffman 1977: 376 ff.). Mögliche Reaktionen auf derartige Situationen sind wohlwollendes Ignorieren (Quine’s principle of charity), Taktgefühl (Goffman 2004: 212 ff.) oder das Ansprechen des Missverständnisses in der hoffnung, dieses kommunikativ reparieren zu können. Dieses ›Aus-dem-Rahmen-Fallen‹ kann die Soziologin oder der Soziologe auch intentional in Form von 6 Die Referenz auf Sinn gleicht dementsprechend mehr sich an Aufmerksamkeiten orientierenden, »schwankenden ›Sinnfenstern‹«, was verhindert, dass »die ständige Referenz auf Sinn, d.h. permanenter ›Sinnstress‹, zum Zusammenbruch der alltäglichen Funktionen und Verrichtungen« und zum »Sinninfarkt« führt (Koschorke 2008: 324 f.). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 88 Krisenexperimenten zur Anwendung bringen, um dadurch die latenten Ordnungs- und Erwartungsstrukturen sichtbar zu machen: »The operations that one would have to perform in order to multiply the senseless features of perceived environments; to produce and sustain bewilderment, consternation, and confusion; to produce the socially structured affects of anxiety, shame, guilt, and indignation; and to produce disorganized interaction should tell us something about how the structures of everyday activities are ordinarily and routinely produced and maintained.« (Garfinkel 1989: 37 f.) Auch in der soziologischen handlungstheorie ist Sinn ein zentraler Begriff. In seiner berühmten und vielzitierten Definition von handeln schreibt Max Weber: »›handeln‹ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußerliches oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden« (Weber 1972: 1). Dieser Sinn muss weder objektiv ›richtig‹ noch metaphysisch ›wahr‹ sein. Die Soziologie sieht sich mit der Aufgabe betraut, eben diesen subjektiv gemeinten Sinn (sozialen) handelns freizulegen um damit »soziales handeln deutend [zu] verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich [zu] erklären« (Weber 1972: 1). Verstehen meint damit zum einen ein ›aktuelles Verstehen‹ des gemeinten Sinns (»Der Mann hackt holz.«) und zum anderen auch ein ›erklärendes Verstehen‹, das die Motivation des handelnden und den Sinnzusammenhang, in dem die handlung eingebettet ist, zu ergründen versucht (»Der Mann hackt holz, weil er ein Feuer machen möchte.«). Die handlungstypen des ›zweckrationalen‹, ›wertrationalen‹, ›traditionalen‹ und ›affektuellen‹ handelns sind hinsichtlich des Aspekts ihrer sinnhaften Orientierung hierarchisch angeordnet. Die letzten beiden Typen stehen nach Weber sogar »ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man ein ›sinnhaft‹ orientiertes handeln überhaupt nennen kann« (Weber 1972: 12). Das Problem der Sinnlosigkeit in Anschluss an Max Webers handlungstheorie lässt sich in vier Richtungen weiterverfolgen. Erstens gibt es bestimmte Formen des Verhaltens, dem per se kein subjektiver Sinn zugesprochen werden kann. Biologische Prozesse mögen zwar für den menschlichen Körper Funktionen erfüllen und daher durchaus sinnvoll sein, aber ihnen liegen keine Intentionalität und damit keine sinnhafte Orientierung zugrunde.7 hier liegt zwar kein Sinn vor, aber diese Abwesenheit ist völlig unproblematisch. Zweitens gibt es eine Art »Sinnfremdheit«, die jedoch nicht an die Abwesenheit von Sinn, sondern vielmehr 7 Freilich ist damit nicht ausgeschlossen, dass beispielsweise ein husten oder Blinzeln auch intentional aufgeführt werden kann. SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 89 an die Unfähigkeit des Beobachters gebunden ist, eben jenen zu (re)konstruieren: »›Sinnfremd‹ ist nicht identisch mit ›unbelebt‹ oder ›nichtmenschlich‹. Jedes Artefakt, z.B. eine ›Maschine‹, ist lediglich aus dem Sinn deutbar und verständlich, den menschliches handeln (von möglicherweise sehr verschiedener Zielrichtung) der herstellung und Verwendung dieses Artefakts verlieh (oder verleihen wollte); ohne Zurückgreifen auf ihn bleibt sie gänzlich unverständlich. Das Verständliche daran ist also die Bezogenheit menschlichen handelns darauf, entweder als ›Mittel‹ oder als ›Zweck‹, der dem oder den handelnden vorschwebte, und woran ihr handeln orientiert wurde« (Weber 1972: 3) Diese Bedeutungsoffenheit kann drittens dazu führen, dass Interpretationen, Zuschreibungen und Deutungen konkurrieren können oder aufgrund dieser verwirrenden Vielfalt von Alternativen gar kein subjektiver Sinn rekonstruiert werden kann, der von der Gemeinschaft der Beobachtenden als solcher akzeptiert würde. hier zeigen sich die ordnungsgefährdenden Tendenzen von Ambivalenzen und Indifferenzen auf der handlungsebene. Schließlich ist es auch möglich, dass der subjektive Sinn – beispielsweise der Spaß zu Morden – nicht zum Repertoire an legitimen Motiven einer Gesellschaft gehört und daher nicht als sinnvoll betrachtet wird, auch wenn die handlung selbst sinnhaft gewesen sein mag (vgl. Kapitel 6). George h. Mead kritisiert die Vorstellung von Sinn »als psychisches Anhängsel«, als »Idee« oder »Bewußtseinszustand« (Mead 1968: 115, 118) und verortet ihn daher innerhalb des Bereichs von Beziehungen zwischen handelnden Akteuren. Auch wenn ein handeln von Ego, das auf Alter bezogen ist, natürlich ein Motiv und eine Intention haben kann, so entsteht der eigentliche Sinn der handlung erst in der Dreiecksbeziehung zwischen »Geste«, »anpassender Reaktion« und »Resultante« (Mead 1968: 120). Ob eine ausgestreckte hand als Gruß freundlich angenommen oder als feindseliger Angriff abgewehrt wird, hängt von der Reaktion desjenigen ab, der die hand ergreifen oder abwehren kann und diese Reaktion wiederum kann im Konsens der beiden handelnden enden – sie begrüßen sich wie geplant – oder aber es entsteht ein Konflikt. Natürlich kann man nicht sagen, eine handlung sei sinnlos, solange keine Reaktion darauf erfolgt ist, aber mit Mead ist darauf hinzuweisen, dass handlungen zunächst bedeutungsoffen sind und die Sinnzuschreibung kommunikativen Aushandlungsprozessen unterworfen ist. Eine andere Bedeutung erhält der Sinnbegriff als Kommunikationsmedium in der Systemtheorie. ›Sinn‹ ist für Niklas Luhmann ein in seiner Universalität kaum überbietbares ›Super-Medium‹ der Kommunikation psychischer und sozialer Systeme. Sinn kann dabei immer nur auf weiteren Sinn verweisen und selbst der Versuch, so etwas wie ›Sinnlosigkeit‹ TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 90 systemtheoretisch zu denken, scheitert an der Voraussetzung von Sinn für jede Art der Negation: »Sinn ist also eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie. Ihre Aufhebung wäre im strengsten Sinne ›annihilatio‹ – und das wäre Sache einer undenkbaren externen Instanz« (Luhmann 1984: 96). Das Ende des Sinns ist damit das Ende des Systems überhaupt: »Für die Systemtheorie ist das Sinnlose nicht eine mögliche Erfahrung, sondern das unmögliche Ende des Erfahrbaren überhaupt« (C. Schneider 2014: 366, hervorhebung im Original). Luhmann geht von einem »präsemiotischen Sinnkonzept« aus (Stäheli 2000: 70) und kann deshalb auch das Problem der »Sinnlosigkeit« zu einem marginalen »Spezialphänomen« degradieren, das lediglich in einer »Verwirrung von Zeichen« auftritt (Luhmann 1984: 96). Gleichwohl gibt es nach Alois hahn zumindest auf der Beschreibungsebene von Sinnsystemen, die sich selbst als Ganzheit thematisieren, Tatbestände wie etwa »Sinnlosigkeit« oder »Sinnfreiheit« (vgl. hahn 1987: 164). Diese werden zwar sinnvoll kommuniziert und können dadurch aus systemtheoretischer Sicht nicht sinnlos sein, dennoch markieren sie eine – nur von innen berührbare – Grenze8 des Sinnsystems: Sie deuten an, »daß es etwas außerhalb geben müßte« (Luhmann 1996b: 9). Dieses ›Außen‹, das sich doch immer schon im ›Innen‹ des Sinnsystems befindet, kann auch eine positive Wirkung entfalten, indem Sinn aus Nicht-Sinn generiert werden kann: »In negativistischer Sicht ist das Negative nicht die bloße Grenze und das Andere, Äußere des Verstehens, sondern zugleich dessen Kern. Das Sinnlose wird zum Grund der Sinnstiftung und deutenden Auslegung. Dabei gehört es zur herausforderung kultureller Arbeit, auch das Nichtverstandene, ja, das Nichtassimilierbare und Nichterzählbare nicht einfach auszuschließen oder zu verdrängen, sondern es als Anderes im horizont sinnhafter Verständigung zu erinnern und zu reflektieren.« (Angehrn 2009: 37) Ein Ausdruck der kulturellen Arbeit am Sinnlosen zeigt sich in der performativen Bearbeitung von Ereignissen, die nun etwas genauer betrachtet wird. 8 In seinem Aufsatz über »Leere Signifikanten und die diskursive Konstruktion des Bösen« beschäftigt sich Ernesto Laclau auch mit der unmöglichen Möglichkeit, die Grenzen eines Systems zu denken: »Wir müssen uns hier nicht mit einem Zuviel oder Zuwenig an Signifikation beschäftigen, sondern mit der präzisen theoretischen Möglichkeit von etwas, das aus dem Inneren des Signifikationsvorgangs auf die diskursive Präsenz von dessen Grenzen verweist« (Laclau 1995: 186). SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 91 5.2 Ritual und Ereignis Ereignisse, die mit Gewalt oder traumatischen Erfahrungen verbunden sind, können sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene Anlässe sein, sich mit der Frage nach Sinn auseinanderzusetzen. Terroranschläge, Attentate, Amokläufe und Naturkatastrophen erschüttern die alltägliche Lebenswelt und stellen Selbstverständlichkeiten in Frage. Ereignisse zeigen eine Zäsur an, sie markieren eine Grenze zwischen vorher und nachher und werden idealtypisch als singulär gedacht. Freilich gibt es auch geplante, vorhersehbare und wiederholbare Ereignisse wie Fußballmeisterschaften oder Bundestagswahlen. Man kann sich allerdings dar- über streiten, ob hier überhaupt noch von Ereignissen die Rede ist, oder ob es nicht angebrachter wäre, hier von Events zu sprechen. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ereignissen lässt sich in zweierlei hinsicht beantworten. Zum einen wird in der – zumeist philosophischen – Literatur darauf verwiesen, dass das Ereignis in seinem Eintreten insofern keinen Sinn haben kann, weil die Zuschreibung von Sinn und Bedeutung notwendigerweise immer erst nach dem Ereignis stattfinden kann, wenn sich das Ereignis schon längst verflüchtig hat.9 Derrida argumentiert, »dass das Sprechen vom Ereignis, die Mitteilung von Wissen über das Ereignis, die Singularität des Ereignisses in gewisser Weise a priori und immer schon verfehlt – durch die einfache Tatsache, dass das Sprechen zu spät kommt und die Singularität in der Generalität verliert« (Derrida 2003: 21, hervorhebung im Original). Zum anderen lassen sich diese nachträglichen Sinnstiftungsprozesse und möglichen Widerstände, mit denen diese zu kämpfen haben, selbst in den Blick nehmen. Rituale sind neben Erzählungen solche Sinnstiftungsprozesse, die im Folgenden etwas genauer betrachtet werden. Drei idealtypische rituelle Reaktionen auf traumatische Gewaltereignisse können identifiziert werden: 1. Die Kommunikation selbst – und hierzu zählt auch das rituelle Schweigen –, die die basale 9 Medientheoretisch lassen sich nach Matthias Thiele (2006) drei Zugänge zur Frage nach dem Ereignis und dessen Kommunikation unterscheiden. Ereignisse werden entweder als ›vormedial‹ betrachtet, was die Medien auf eine bloße Abbildungsfunktion beschränkt; oder die »Konstruktionsleistung und die Eigenlogik des Mediums [tritt] in den Vordergrund«, was zu einer Unterscheidung von ›genuinen‹, ›mediatisierten‹ und ›inszenierten‹ Ereignissen führt –, oder Ereignisse gelten schließlich als vollkommen konstruiert und besitzen keine von ihrer mediatisierten Aufbereitung unabhängige Existenz (vgl. Thiele 2006: 123). Die anschließenden Ausführungen folgen vornehmlich dem zweiten Modell, betonen aber zunächst weniger die inhaltliche Ebene medialer Berichterstattung, sondern die funktionale Rolle von Kommunikation allgemein für die kollektive Bewältigung von katastrophalen Ereignissen. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 92 Anschlussfähigkeit des Ereignisses garantiert und dadurch rituelle Funktionen erfüllt; 2. die rituelle Trauer unter und mit den Opfern und Betroffenen, die Solidarität stiftet (vgl. 8.2.2) und 3. die rituelle Ausstoßung von Verantwortlichen und Schuldigen, also einer Form der Solidarität, die aus einem Engagement gegen bestimmte Akteure generiert wird (vgl. Kapitel 9). Betrachten wir für den ersten Punkt der funktionalen Rolle von Kommunikation im Allgemeinen ein etwas längeres Zitat von Niklas Luhmann aus seiner Schrift Soziale Systeme (1984): »Zu den wichtigsten Leistungen der Kommunikation gehört die Sensibilisierung des Systems für Zufälle, für Störungen, für ›noise‹ aller Art. Mit hilfe von Kommunikation ist es möglich, Unerwartetes, Unwillkommenes, Enttäuschendes verständlich zu machen. ›Verständlich‹ heißt dabei nicht, daß man auch die Gründe zutreffend begreifen und den Sachverhalt ändern könnte. Das leistet die Kommunikation nicht ohne weiteres. Entscheidend ist, daß Störungen überhaupt in die Form von Sinn gezwungen werden und damit weiterbehandelt werden können.« (Luhmann 1984: 237) Ereignisse, die per Definition überraschend und außerordentlich sind, müssen wieder in »Normalstrukturen der Erwartbarkeit zurückgebettet werden«, um anschlussfähiges handeln zu ermöglichen (Luhmann 1984: 392, 438). Es gilt, die unwahrscheinlichen Ereignisse nachträglich zu plausibilisieren: »Das Ereignis, eben erst aus dem Kontext beliebiger Vorkommnisse, aus der Entropie herausgehoben, wird erneut in einen Kontext eingelassen und so in die Ordnung der medialen Welt eingefügt« (Engell 1996: 138). Die Singularität des Ereignisses wird aufgehoben, indem es in einen Bezugsrahmen zu anderen Ereignissen gestellt wird, es »wirkt auf sie ein und empfängt ihre Wirkungen. Das Ereignis wird produktiv« (Engell 1996: 138). Ereignisse werden zu Ursachen oder zu (möglichen) Folgen anderer Ereignisse, sie verschwinden mit dem Zeitpunkt ihres Sich-Ereignens und doch »vollzieht jedes Ereignis eine Gesamtveränderung von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart – allein schon dadurch, daß es die Gegenwartsqualität an das nächste Ereignis abgibt und für dieses (für seine Zukunft also) Vergangenheit wird« (Luhmann 1984: 390). Sie werden zu Zäsuren und Schlüsselereignissen, nach denen ›nichts mehr so ist, wie es einmal war‹ und nach denen niemand weiß, ›wie die Zukunft aussehen‹ oder ›wie das Leben weitergehen‹ soll. In der »Ereignisdarstellung [verdichtet sich] die Differenz von Vorher und Nachher« (Luhmann 1984: 482).10 Das Ereignis irritiert, es drängt sich auf, es »geschieht […] nicht nur, es widerfährt denen, denen es bemerkbar wird« (Seel 2003: 39, hervorhebung im Original). Erklärungen und Ursachen sollen gefunden, Präventions- und Vorsorgestrategien 10 Reinhart Koselleck spricht von einem »Minimum von Vorher und Nachher«, das aus einer »Begebenheit« ein »Ereignis« macht (Koselleck 1983: 561). SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 93 ausgearbeitet werden, um eine ungewisse Zukunft erwartbar und erträglich zu machen beziehungsweise bestimmte zukünftige Gegenwarten zu verhindern. Über das Unaussprechliche muss gesprochen, das Unerklärliche muss erklärt werden – auch wenn zunächst Rhetoriken der Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit den Diskurs beherrschen (vgl. 8.2.1). Die eigentliche Funktion dieser Kommunikation liegt nicht im inhaltlichen Ausfüllen eines ›schwarzen Loches‹ – das ohnehin vielleicht alle Vorschläge, Interpretationen und Kausalketten absorbiert – sondern in der Kommunikation selbst. Ein Blick in die Empirie zeigt: Im Falle von Amokläufen ist zu hören von ›Szenarien aus Erfurt‹ oder ›amerikanischen Verhältnissen‹ aus Littleton oder der Virginia Tech, die zu monströsen ›Wiederholungen‹ oder ›Rückschlägen‹ werden.11 Entscheidend ist hier, dass über das Ereignis gesprochen wird, auf welche Art und Weise scheint für seine Bewältigung zunächst zweitrangig. Aus einem solchen Repertoire, das umso reichhaltiger ist, je mehr es solche Ereignisse gibt, wird also zunächst geschöpft um den akuten Bruch im Alltag, den die Katastrophe auslöst, möglichst schnell zu überbrücken. Auch wenn das Ereignis selbst sich noch in seinen Facetten und Einzelheiten der Diskursivierung entzieht, evoziert es sofort Assoziationen, Affekte, Bilder und Diskurse von anderen Amokläufen, die der eigentlichen Erzählung des Ereignisses vorangestellt werden. Jenseits von – oftmals auch rückblickend zugeschriebenen – subjektiven Gründen des Täters wird der Amoklauf in einen multikausalen Bezugsrahmen gestellt, den es zunächst auseinanderzudividieren gilt, um ihn anschließend wieder zu einer glaubhaften, die Ordnung wieder herstellenden Geschichte zu synthetisieren. Es gilt nach Spuren und Indizien zu suchen, nach Puzzleteilchen und Zeichen, die ihren Status wechseln – belanglose Situationen werden zu hilferufen, Unauffälligkeiten werden zu Signalen, die bei Eltern, Lehrern und dem sozialen Umfeld auf taube Ohren gestoßen sind. Sowohl die Kriminalistik als auch der öffentlich Diskurs betreiben somit eine Spurensuche, um das Ereignis handhabbar zu machen. Spuren fungieren hier als »Nahtstelle der Entstehung von Sinn aus Nichtsinn« (Krämer 2007b: 13). Dies veranschaulicht den gesellschaftlichen Sinnverdacht, denn eine Spur verweist auf etwas Abwesendes, zwar nicht in der eindeutigen, repräsentativen Funktion eines Zeichens, aber doch zumindest insoweit, als eine Abwesenheit präsentiert wird, die – am Ende der Spurensuche – zumindest in der Theorie in eine offensichtliche, indexikalische Beziehung transformierbar bleiben 11 So äußerte sich beispielsweise ein Lehrer am Tag nach dem Amoklauf in Erfurt folgendermaßen: »Mir kommt es langsam so vor […] als übernähmen wir alles von den Amerikanern. Es ist wie eine Sucht. Gilt das jetzt auch für Gewalttaten an der Schule?« (SZ vom 27.04.2002) TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 94 muss (vgl. Krämer 2007a: 166). Doch worin besteht die Abwesenheit bei einem Amoklauf? Täter und Opfer sind bekannt, was jedoch meistens fehlt ist das Motiv, der Antrieb, die innere Welt des Täters. Diese ist mit dem Tod des Täters unmittelbar unverfügbar geworden und zwingt daher zu mittelbaren Deutungen und Interpretationen. Insofern lässt sich die Frage stellen, ob Spuren und die Abwesenheit, auf die sie verweisen, zwangsläufig der Welt der Dinge angehören müssen, wie die aktuellen Theorien zur Spur als Technik der Wissensgenerierung annehmen (vgl. Krämer 2007b: 15). Die Spur oszilliert immer zwischen der Möglichkeit und Unmöglichkeit zu Wissen. Sie kann zwar zu einem Instrument werden, »um Abwesendes in Anwesendes, Unverfügbares in Verfügbares, Unkenntnis in Wissen zu transformieren« und doch gilt sie zugleich in ihrem ›unwiederbringlichen Vergangensein‹ als »als Inkarnation dessen, was für uns unerreichbar ist – und bleibt« (Krämer 2007a: 156 f.). Spurensuche und Spurenlese sind damit nicht nur Möglichkeiten, kommunikative Leerstellen zu besetzen, sondern sie sind selbst Teil eines diffizilen, sozialen Aushandlungsprozesses12, in dem verhandelt wird, was als Spur zu gelten hat und was nicht: »Die Semantik der Spur entfaltet sich nur innerhalb einer ›Logik‹ der Narration, in der die Spur ihren ›erzählten Ort‹ bekommt. Doch es gibt stets eine Vielzahl solcher Erzählungen. Daher sind Spuren polysemisch: Diese Vieldeutigkeit der Spur ist konstitutiv, also unhintergehbar. Etwas, das nur eine (Be-)Deutung hat und haben kann, ist keine Spur, vielmehr ein Anzeichen.« (Krämer 2007b: 17, hervorhebung im Original) Offizielle Abschlussberichte, die ein Ergebnis dieser diskursiven Aushandlungsprozesse darstellen und schriftlich fixieren und institutionell beglaubigen, wie es aus der Sicht von Experten ›wirklich war‹ erscheinen erst Wochen oder sogar Monate nach der eigentlichen Tat. Zwei Paradoxien sind festzuhalten, mit denen das Verhältnis von Kommunikation und Ereignis beschrieben werden kann: 1. Das an sich ›reine‹ und damit inkommunikable Ereignis wird in der Folge kommunikativ bewältigt, als Medien-Ereignis aufbereitet, mitkonstituiert und modifiziert. 2. Diese kommunikative Bewältigung schockierender Ereignisse, die uns als plötzlich aufscheinende »Unterwelt des Absurden« die Krise und den Zusammenbruch von Sinn, adäquater Sprache und kultureller Ordnungsleistung entgegentreten (vgl. Giesen 2004a: 76), führt zu einer erhöhten ›Geschwätzigkeit‹, zu einem Überschuss an 12 ›Evidenz-Effekte‹ (vgl. Lethen 2006) sollen die Plausibilität der Spuren garantieren, aus denen wiederum die kohärente Erzählung abgeleitet werden soll. Ungereimtheiten, Auffälligkeiten, aber auch Spuren, die sich von Counter-Strike bis Death Metal bereits bei anderen Amokfällen bewährt haben, werden als kommunikative ›Verstärkungsgeneratoren‹ benutzt. SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 95 Sinnproduktion oder anders und in Anlehnung an Wittgenstein umformuliert: Worüber man nicht sprechen kann, darüber kann man – offensichtlich – auch nicht schweigen. Beim zweiten Typ der rituellen Reaktionen auf Gewaltereignisse, Todesfälle und Unfälle, der rituellen Trauer, handelt es sich um Rituale im engeren Sinne. Mit Roy A. Rappaport kann das Ritual grundlegend als »performance of more or less invariant sequences of formal acts and utterances not entirely encoded by the performers« definiert werden (Rappaport 1999: 24, hervorhebung im Original). Rituale bedingen die körperliche Anwesenheit der Ritualteilnehmer und sind – anders als bloße Gewohnheiten – soziale Angelegenheiten und kollektiv verpflichtend. Sie sind im strengen durkeimianischen Sinne ›soziale Tatsachen‹, die eine überindividuelle Wirkmächtigkeit besitzen und als unabhängig von persönlichen Vorlieben und Interessen wahrgenommen werden. Ritualen wird eine andere, höhere Wirklichkeit als der des Alltags zugeschrieben (Soeffner 2000: 208; Giesen 2010: 59), weshalb sie insbesondere bei Katastrophen und Lebenskrisen wie Geburt, Tod, heirat und Adoleszenz vorkommen. Rituale erzeugen Fraglosigkeit und einen un- überbietbaren Geltungsanspruch, der insbesondere in Zeiten der Unbeständigkeit und des Zweifels Sicherheit bietet (Giesen 2010: 60). Sie sind gleichermaßen Ereignis und beziehen sich auf vergangene Ereignisse, indem sie diese wiederholen und re-präsentieren. Durch ihre Eigenschaft als ›Ereignisse zweiter Ordnung‹ lässt sich das Außerordentliche bewältigen: Das Ritual »blurs the frightening impact of the original event, it softens the edge of suddenness of true events, it pales down the dread of the original epiphany, it allows us to cope with the extraordinary as something that has happened before« (Giesen 2006: 339). Folgt man den Ritualtheorien von Arnold van Gennep (1999) und Victor Turner (2005, 2009), so sind die meisten – wenn nicht gar alle – Rituale durch Transformationsprozesse gekennzeichnet. Diese Übergangs- oder Schwellenrituale weisen drei Phasen auf: In der Trennungsphase wird das rituelle Subjekt aus seiner früheren Sozialstruktur herausgelöst und isoliert; in der Schwellenphase, der sogenannten ›Liminalität‹, befinden sich die Neophyten in einer Zwischenlage, in der sie von sozialstrukturellen Zwängen befreit sind und sich »zwischen den vom Gesetz, der Tradition, der Konvention und dem Zeremonial fixierten Positionen« befinden; in der Angliederungsphase wird das rituelle Subjekt wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, meist in einer höheren Position (Turner 2005: 94 f.). In der liminalen Phase bilden die Schwellenwesen eine ›Communitas‹, eine Gemeinschaft Gleicher, in der Standesunterschiede und sämtliche anderen Differenzen, die die Sozialordnung auszeichnen, aufgehoben sind (Turner 2005: 96). Man muss sich nicht nur auf archaische Stammesrituale beschränken, um von der identitäts- und sinnstiftenden sowie der transformativen und TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 96 kathartischen Funktion von Ritualen zu sprechen. Auch in modernen Gesellschaften haben Rituale nichts von ihrer Gültigkeit verloren, auch wenn die Zugehörigkeit zu einer Ritualgemeinschaft – beispielsweise zu einer religiösen – in vielen Fällen der individuellen Entscheidung überlassen bleibt. Gerade bei Katastrophen von nationalem oder gar internationalem Ausmaß und Interesse zeigt sich jedoch die integrative Macht von Ritualen. Für einen bestimmten Zeitraum nach dem Eintreten eines traumatischen Ereignisses folgen viele Äußerungen und handlungen, die unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, einer Logik der Trauer. Sie stiftet Solidarität unter und mit den Opfern und Betroffenen und führt dazu, dass die Gesellschaft und die Gemeinschaften näher zusammenrücken und sich als Communitas erfahren. Die körperliche Anwesenheit von Mit-Leidenden bei Trauergottesdiensten, Gedenkfeiern, Lichterketten und Demonstrationen lindert den Schmerz und das erfahrene Leid, auch ohne Erklärungen und Argumente. Die Zusammenkunft der rituellen Gemeinschaft selbst ist Botschaft und Ausdruck genug. In diesem Einzugsbereich der Trauer gelten sowohl formale wie informelle Regeln, wer wann in welcher Form trauern darf, zu trauern hat oder wer von der Trauergemeinschaft ausgeschlossen bleibt (vgl. Kapitel 8.2.2). Bestimmte Trauer-Möglichkeiten wie Versammlungen, Feiern oder Gottesdienste werden institutionell bereitgestellt oder von den Menschen selbst organisiert. Es gibt ein kollektives Bedürfnis nach der Mitteilung von Trauer und Mitgefühl, die (teilweise) öffentlich vollzogen werden muss, um die solidarische Wirkung nach Außen und die gleichermaßen kathartische wie entlastende Wirkung für die Mitgefühl-Spendenden selbst zu gewährleisten; wenn man sonst nichts tun und verstehen kann, so kann man zumindest Trost spenden. Die dritte rituelle Reaktion auf traumatische Gewaltereignisse stiftet nicht Solidarität unter den Betroffenen und Opfern mit denselben, sondern gegen potentielle Täter, Schuldige oder bloße Verdächtige. Diese Form der rituellen Ausstoßung wird an dieser Stelle nur der Vollständigkeit wegen erwähnt – sie wird uns noch ausführlicher in Kapitel 9, das den Diskurs um ›Schuld‹ untersucht, beschäftigen. 5.3 Erzählung und Diskurs Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Ereignisse Kommunikation hervorbringen, verstärken und kanalisieren. Dieses ›Sprechen über ein Ereignis‹ lässt sich mit zwei prominenten Begriffen weiter präzisieren: dem Diskurs und der Erzählung (oder auch: Narration). Da dem Modus des Erzählens grundlegendere, anthropologische Qualitäten zugeschlagen werden, soll zunächst dieser Begriff geklärt werden, um SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 97 anschließend auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Diskursen einzugehen. In hinblick auf das Anliegen der Untersuchung können drei verschiedene Perspektiven auf das Phänomen der Narration identifiziert werden. Der erste – für den Soziologen nur bedingt interessante – Ansatz ist genuin literatur- und medienwissenschaftlichen Ursprungs und erhebt die Erzählung selbst zum Untersuchungsgegenstand. Erzählungen zeichnen sich durch Anfang und Ende, Plot und Erzähler sowie handelnde Akteure wie helden, helfer und halunken aus. Diese Strukturen der Erzählung wie Erzählzeit und erzählte Zeit, Perspektiven, Erzählinstanzen und Adressaten etc. lassen sich umfassend analysieren, wie einer der Klassiker der Erzähltheorie, Gérard Genette, in seinem Werk über Die Erzählung (1998) ausführlich dargestellt hat. Die zweite Perspektive begreift das Erzählen als anthropologische Grundausstattung und betont die Bedeutung, die Geschichten und dem Erzählen für Menschen, Gesellschaften und Kulturen zukommt. Für den deutschen Philosophen und Juristen Wilhelm Schapp sind Menschen »immer in Geschichten verstrickt« (Schapp 2012: 1). Geschichten sind gerade keine »Gebilde höherer Art«, die – so die Beispiele von Schapp –, Menschen, Tiere und häuser in Beziehung zueinander setzen, sondern er vertritt die These, »daß gerade die Geschichten das Grundlegende sind und erst aus den Geschichten Menschen, Tiere und häuser heraustreten« (Schapp 2012: 85). Der Mensch erschließt und erschafft sich die Welt nicht nur als »homo Ludens« (huizinga 1987) oder »homo Faber« (Max Frisch), sondern auch als »homo Narrans« (Fisher 1985). »Wir Menschen müssen erzählen«, schreibt Odo Marquard in seinem Aufsatz Narrare necesse est (Marquard 2000: 60). »Das war so und bleibt so. Denn wir Menschen sind unsere Geschichten, und Geschichten muss man erzählen.« Es geht hier nicht darum, literaturwissenschaftliche Methoden in den Bestand soziologischer Methodologie zu integrieren oder literarische Werke aus literatursoziologischer Sicht auf ihren gesellschaftlichen Einfluss oder ihren sozialen Entstehungskontext hin zu untersuchen, sondern das Erzählen als soziale Praxis und sinnstiftendes Moment ernst zu nehmen (vgl. Müller-Funk 2002). Die Erzählung stellt eine »elementare Form der kulturellen Repräsentation« dar, wie Werner Binder in seiner Arbeit über den Abu-Ghraib-Skandal gezeigt hat (Binder 2013: 90–103). Damit ist das Narrativ nicht nur eine Gattung, sondern eine »kulturelle Kraft«, die uns dazu befähigt, »aus einer chaotischen Welt und den in ihr stattfindenden, unverständlichen Ereignissen Sinn herauszuholen« (Bal 2006: 9). »Bezwingung von Angst, Sinnstiftung, Orientierung« sind die klassischen Funktionen, die dem Erzählen zugeschrieben werden, doch Albrecht Koschorke weist in seinem Buch Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie (2012) darauf hin, dass Erzählungen auch ein zerstörerisches Potential TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 98 innewohnt und sich die These von den positiven Funktionen auch problemlos umdrehen lässt (Koschorke 2012: 10 ff.). Verschwörungstheorien können beispielsweise auch kollektive Ängste erzeugen, Sinnsysteme in Frage stellen und das Denken-wie-üblich und die gewohnten Orientierungen unterlaufen (vgl. Meyer 2013: 78 f.). In Erzählungen vollzieht sich eine dramaturgische und dynamische Bearbeitung von Ereignissen, die über eine bloße dokumentarische oder deskriptive Darstellung hinausgeht. Es geht nicht nur darum, einzelne Episoden aneinanderzureihen, sondern »ausgehend von zerstreuten Einzelereignissen signifikante Gesamtheiten zu bilden« (Ricoeur 1987: 60). Im sinnstiftenden Moment der Erzählung spielt daher die Zuordnung von Beziehungen und Kausalitäten, Gründen und Motiven und generell die »Zurechnung von Begebenheiten auf Akteure« eine herausragende Rolle (Koschorke 2012: 79; vgl. auch P. Smith 2005: 18). Die Wirkmächtigkeit einer Geschichte ist jedoch nicht zwangsläufig daran gebunden, ob sie ›objektiv wahr‹ ist. »Ereignisse und Zusammenhänge«, so Albrecht Koschorke, »die mit hoher affektiver Energie wiedergegeben werden, erscheinen am Ende als wirklich und sozial unumgänglich« (Koschorke 2012: 104). Beispielsweise wird die nachdrücklich und wiederholt vorgetragene Eigenschaft der ›sozialen Isolation‹ von Amokläufern zum signifikanten Puzzleteilchen in der Biographie des »Protagonisten« und damit auch salonfähig für die politische Agenda, obwohl diese Eigenschaft kein Spezifikum von Gewalttätern darstellt. Die dritte, für unser Projekt ebenfalls sehr anschlussfähige Perspektive befasst sich nicht mit einer konkreten Erzählung als Explanandum, sondern betrachtet ihre Untersuchungsgegenstände selbst als Erzählungen, wodurch das Konzept der Narration als Explanans selbst analytische Kraft bekommt. Beispiele hierfür sind Jean-François Lyotard (1999), der etwa von den gescheiterten großen Legitimationserzählungen der Moderne (grand récits) spricht, die sich zugunsten postmoderner, lokaler Narrative (petits récits) verflüchtigt haben oder hayden White (1991), der in seiner Metahistory die Geschichtsschreibung selbst als Text begreift und diese mit poetologischen Kategorien beschreibt, die er vom kanadischen Literaturwissenschaftler Northrop Frye entlehnt. Frye vertritt in seinem Buch Analyse der Literaturkritik (1964) (orig. Anatomy of Criticism) die These, dass sich alle literarischen Gattungen vom Mythos ableiten lassen.13 Seine Einteilung in die vier verschiedenen ›mythoi‹ oder ›generischen handlungen‹ Komödie, Romanze, Tragödie und Satire lassen sich jedoch nicht nur für die Analyse fiktiver Texte und Filme als heuristik in Anschlag bringen, sondern lassen sich auch für 13 Nachhaltig beeinflusst wurde Frye durch die Werke von C.G. Jung und James George Frazer, die er unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten liest (Segal 2007: 113). SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 99 eine kultursoziologische Betrachtung der (massenmedialen) Resonanz auf bestimmte Ereignisse und damit der Art und Weise, wie diese erzählt und dargestellt werden, fruchtbar machen. Dies hat unter anderem Philip Smith in seinem Buch über die kulturelle Logik des Krieges gezeigt (P. Smith 2005: 20). Fryes Kategorien lassen sich zum einen als jahreszeitlicher Kreis anordnen, in dem Frühling (Komödie), Sommer (Romanze), herbst (Tragödie) und Winter (Satire) einem ewigen Zyklus unterworfen sind – der auch den Zyklus der himmelskörper, der Natur und das Leben und Sterben des helden symbolisiert –, zum anderen lassen sich aber auch Gegensatzpaare mit unterschiedlichen Logiken bilden. Komödie und Romanze besitzen eine aufsteigende Erzählstruktur. Die Komödie beginnt mit einer anfänglichen, bedrohlichen Verwirrung, die sich in Form von Verwechslungen, Widerständen und unerfüllten Wünschen äußern kann, und sie endet etwa mit einer hochzeit, einer Versöhnung, jedenfalls mit einem glücklichen Ende und der nachhaltigen Bekehrung des Widersachers (Frye 1964: 167): Ebenezer Scrooge, der grantige Geizkragen aus Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte bekommt nach seinem Besuch der drei Geister ein weiches herz; hugh Grant und Julia Roberts dürfen sich als Anna Scott und William Thacker am Ende von Notting Hill nach vielem hin und her doch noch den Bund fürs Leben reichen. Auch in der Romanze – die bei Frye keine Liebesgeschichte ist, sondern idealtypisch als Ritterromanze auftritt – lässt sich eine Aufwärtsbewegung verzeichnen. In ihr verkörpern »die tugendhaften helden, die schönen heldinnen die Ideale und die Bösewichte die Mächte, die deren herrschaft bedrohen« (Frye 1964: 189). Die Romanze folgt der Logik des Abenteuers und der heldengeschichte. Der held zieht zur gefahrvollen Reise aus, geht aus einem finalen Kampf mit den Mächten des Bösen siegreich hervor – wozu auch der heldenhafte Tod gerechnet werden kann –, kehrt schließlich triumphierend in seine heimat zurück und wird dort mit Ruhm und Ehre überschüttet (vgl. auch Campbell 1999). Die Dialektik zwischen guten und bösen Mächten ist klar gezeichnet und sie verlangt am Ende auch eine klare, d.h. radikale Lösung, in der der Drache besiegt, der Bösewicht verhaftet oder getötet und die Welt nochmals gerettet werden konnte. Die literarischen und popkulturellen Beispiele sind so zahlreich, dass es an dieser Stelle nicht notwendig ist, eines zu explizieren. Die generischen handlungen der Tragödie und der Satire sind dagegen abwärtsgerichtet. Auch in der Tragödie gibt es helden, doch diese »ragen so sehr über ihre menschliche Landschaft hinaus, daß sie gleichsam unausweichlich die sie umgebenden Kräfte auf sich leiten, so wie hohe Bäume eher vom Blitz getroffen werden als Grasbüschel« (Frye 1964: 210). Das tragische Scheitern des helden steht dabei entweder schon unausweichlich in den Sternen geschrieben oder es ist die notwendige Folge einer sündigen Verfehlung des Protagonisten. Während die Komödie die TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 100 Familie schlussendlich zusammenführt, löst die Tragödie diese auf – Ödipus erschlägt seinen Vater und heiratet seine Mutter. In der Satire (oder Ironie) kann es am Ende keine befriedigende Auflösung zwischen guten und bösen Kräften geben. Der Bösewicht kann prinzipiell siegreich sein, das Gute ist fragil und gelangt – wenn überhaupt – nur durch Paradoxien und Zufall zum Ziel und nicht durch die eindeutige, moralische und physische Standhaftigkeit des helden wie in der Romanze. Oftmals lassen sich auch gar keine moralischen Antagonisten ausmachen, es herrschen Absurdität, Ambivalenz und Chaos, sodass der »Leser nicht recht weiß, woran er mit dem Autor ist oder welche Stellung er selbst nun eigentlich beziehen soll« (Frye 1964: 227). Philip Smith entwickelt in Anlehnung an Frye ein Modell, das auch die Kultursoziologie für die Analyse von gesellschaftlichen Diskursen anwenden kann (P. Smith 2005: 23 f.). Er unterscheidet zwischen den drei Genregattungen low mimesis, tragedy/romance und apocalypse, die sich durch vier verschiedene Spannungsbögen bestimmen lassen: das Ausmaß der moralischen Polarisierung zwischen Protagonisten und Antagonisten, die Motivation des Protagonisten zwischen profanen und ideellen Zielen, die Reichweite oder Bedeutsamkeit des Interesses auf lokaler, nationaler oder globaler Ebene und schließlich die daraus resultierenden beschränkten, erweiterten oder außerordentlichen handlungsspielräume. Im Genre des low mimesis gibt es keine Zuspitzung auf moralisch integre helden und verwerfliche Bösewichter. Es geht um alltägliche, meist lokale Interessen und das politische Tagesgeschäft im ruhigen Fluss des Gewohnten, »talk is usually about mundane themes such as efficiency and price, routines and procedures« (P. Smith 2005: 25). In den Genres tragedy/romance treten dagegen moralisch deutlich schärfer gezeichnete Gegensätze auf den Plan. Es gibt ein überlokales Interesse, das kollektive Emotionen und die Bereitschaft, einer außergewöhnlichen Situation mit außerordentlichen Mitteln zu begegnen, mit sich bringt. Triumph oder Niederlage stehen auf dem Spiel, die sich entweder ins Positive (romance) oder ins Negative (tragedy) wenden können. Dieser Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen spitzt sich im Genre der Apokalypse zu: »When radical evil is afoot in the world there can be no compromise, no negotiated solution, no prudent efforts to effect sanctions or to maintain a balance of power. This evil is so absolute that there is no possibility for trust or for upward conversion of the bad through reason or happenstance as there may be in romance; in consequence that evil must be destroyed. In such apocalyptic narratives events are seen as unequivocally world-historical, and as in need of heroic interventions, for the object of struggle is the future destiny of the planet or civilization.« (P. Smith 2005: 27) SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 101 Smith argumentiert, dass es nur aufgrund dieses apokalyptischen Narrativs möglich war, nach 9/11 einen Krieg der USA gegen den Irak zu rechtfertigen und die vielen menschlichen und monetären Opfer in Kauf zu nehmen. Die Rede von Massenvernichtungswaffen im Irak oder der Entwicklung der Atombombe im Iran beschwören Schreckensszenarien herauf, die es zu verhindern gilt – um jeden Preis. Abschließend soll nun der Begriff des Diskurses thematisiert werden. Die Diskursanalyse hat als sozial- und kulturwissenschaftliche Methode seit der intensiven Rezeption der Werke von Michel Foucault gro- ße Konjunktur. Doch das Feld bleibt unübersichtlich. Es hat eine Reihe von Erweiterungen, Verfeinerungen und Neujustierungen gegeben, sodass sich um die Diskursanalyse und die Diskurstheorien selbst ein umfassender wissenschaftlicher Diskurs gebildet hat, der unterschiedliche Akzentsetzungen unter diesem Begriff vereint.14 Es gibt kulturalistische, linguistische und historische Ansätze, kritische und wissenssoziologische Diskursanalysen und auch die Untersuchungsgegenstände reichen von einzelnen Gesprächen und Texten auf der Mikroebene bis zur Makroanalyse historischer Semantiken. Als grundlegende – und für unser Vorhaben ausreichende – Definition lassen sich Diskurse mit Reiner Keller als »mehr oder weniger erfolgreiche Versuche verstehen, Bedeutungszuschreibungen und Sinn-Ordnungen zumindest auf Zeit zu stabilisieren und dadurch eine kollektiv verbindliche Wissensordnung in einem sozialen Ensemble zu institutionalisieren« (Keller 2007: 7). Damit sind auch schon einige Unterschiede zum Konzept der Erzählung benannt: Während bei Erzählungen die Zeitlichkeit sowie die dramaturgische Darstellung und Verknüpfung von Ereignissen im Vordergrund steht, geht es bei Diskursen vornehmlich um epistemische Systeme und Fragen der Macht. In seiner Antrittsvorlesung Die Ordnung des Diskurses am Collège de France beschreibt Michel Foucault die grundlegende Prämisse, die sich durch alle seine Forschungen ziehen wird, nämlich »daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird« (Foucault 2003: 10 f.). Die Grenzen des Diskurses, zwischen Sagbarem und nicht Sagbarem, zwischen (diskursinterner) Wahrheit und Irrtum, zwischen zugänglichen Regionen des Diskurses und abgeschirmten, ist an historische, kulturelle und soziale Kontexte gebunden. Es bilden sich Diskursfelder heraus – Wahnsinn und Sexualität sind beispielsweise derartige Diskurse, mit denen Foucault sich ausgiebig beschäftigt –, die nach unterschiedlichen Logiken Wissens- und Bedeutungszusammenhänge generieren. Diese materialisieren sich wiederum in Dispositiven wie bestimmten Architekturen und Technologien, in Akteuren, Praktiken und Institutionen 14 Für eine gute Übersicht vgl. das Einführungsbuch zur Diskursforschung von Reiner Keller (2007: 13–60). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 102 (vgl. Keller 2011: 252–260). Diskurse sind – und hier kann man das Vokabular von Bourdieu bemühen – sowohl strukturierte wie auch strukturierende Struktur. Diskurse bilden das Soziale ab, sie geben Auskunft darüber, womit sich eine Gesellschaft beschäftigt, mit welchen Problemen, Fragen und Spannungen sie sich konfrontiert sieht und wie die Grabenkämpfe um die Deutungshoheit der entsprechenden Phänomene verlaufen. Gleichzeitig besitzen Diskurse eine große Wirkmächtigkeit, sie sind sinnstiftend und fungieren als Anleitung für mögliche handlungen. Diskurse können daher als »›Substrat‹ gesellschaftlicher Prozesse, als in sich heterogene Produktionsbedingungen einer – gesellschaftlichen – Wirklichkeit gelten« (Bublitz 2003: 9). Auch das Verhältnis zwischen Ereignis und Diskurs ist dialektisch. Zum einen können Ereignisse diskursive Felder erzeugen. So spricht man nach Amokläufen beispielsweise über Medienkompetenz (9.2), Waffen (9.3), Sicherheit an Schulen (10.1), über die mediale Berichterstattung oder über die Werte und Moralvorstellungen unserer Gesellschaft im Allgemeinen (10.2). Zum anderen fügen sich Ereignisse aber auch in die bereits bestehende Diskurslandschaft ein und führen zu einer Aktivierung bereits bestehender, aber in den Aufmerksamkeitsschatten geratener, latenter Diskurse. So wird die Diskussion um Waffen nach dem Amoklauf von Winnenden nicht von Neuem begonnen, sondern sie verweist auf bereits bestehende Aussagen und rekurriert auf ältere Amokläufe, allen voran die Taten von Erfurt oder Columbine. Mit Jürgen Link kann weiterhin zwischen verschiedenen Reichweiten von diskursiven Ereignissen unterschieden werden (Link 1999: 150 f.). Während diskursive Mikroereignisse als einfache und konkrete Aussagen innerhalb eines bestehenden Diskurses zu verstehen sind, die diesen konstituieren und in Gang halten, bezeugen diskursive Makroereignisse die großen historischen Umbrüche, beispielsweise der Einfluss der Entdeckung von Viren und Bakterien in Bezug auf den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheiten. Derartige Ereignisse können allerdings erst aus zeitlicher Distanz als solche gewürdigt und erkannt werden. Schließlich kann man von diskursiven Ereignissen mittlerer Reichweite sprechen, auch wenn Link auf diese nicht weiter eingeht. Eine mögliche Bestimmung könnte lauten, dass jene als Schlüsselereignisse auftreten, die bestimmte diskursive Felder erst nachhaltig erzeugen oder wieder auf den Plan rufen, ohne dass dabei von historischen Umbrüchen die Rede sein muss. Solche Diskurse entstehen oftmals aus Themen,15 die eine ›diskursive Energie‹ besitzen. Dies bedeutet nach Link zum einen, dass sich diesen Themen kontroverse Debatten 15 Je nachdem ob sich ein Thema mit einem klar umrissenen Gegenstand und dafür geeignetem Spezialwissen befasst, oder ob diskursübergreifende Aussagen formuliert werden, spricht Link von ›spezialdiskursiven‹ oder ›interdiskursiven‹ Themen (Link 1999: 153). SINN, EREIGNIS UND ERZÄhLUNG 103 entzünden und sie ganz allgemein wie Magneten »sehr viele Aussagen um sich […] kumulieren« (Link 1999: 152 f.). 5.4 Zusammenfassung Amok konfrontiert die Gesellschaft mit der Fragilität der sozialen Ordnung und der Kontingenz der sozialen Wirklichkeit. Die Gewalt verlangt nach kulturellen und sozialen Mechanismen, um das bedeutungsoffene und zunächst ›sinnlos‹ erscheinende Ereignis zu bearbeiten. Performanzen und Erzählungen schreiben Sinn und Bedeutung zu, stellen Bezüge und Kohärenzen her und stiften Identität und Solidarität. Während derartige Bewältigungsstrategien durchaus schon im Kontext anderer Katastrophen, Krisen oder Skandale Eingang in soziologische Analysen gefunden haben, wird das Problem, das man als ›soziale Sinnkrise‹ bezeichnen kann, eher vernachlässigt. Das Problem der ›Sinnlosigkeit‹ darf nicht einfach mit dem Einwand, es handele sich um eine paradoxe Gedankenspielerei, banalisiert werden. Es wurde ersichtlich, dass es unterschiedliche Wege gibt, sich dieser Frage anzunähern. Es ist nicht in erster Linie der Verlust von ›existentiellem Sinn‹ oder die ›richtige‹ Rekonstruktion des subjektiv gemeinten Sinnes des Gewalttäters, der uns aus kultursoziologischer Perspektive interessiert. Spannender ist vielmehr der Umstand, dass sowohl die Ereignishaftigkeit des Amoklaufs als auch dessen ›Sinnlosigkeit‹ selbst diskursiven Zuschreibungsprozessen unterworfen sind. Sinnlosigkeit wird nur innerhalb der (sinnhaften und sinngenerierenden) Kultur zum Problem und das Ereignis lässt sich nicht ohne das Sprechen vom Ereignis denken. Die ›soziale Sinnkrise‹ ist eine Art nichtintendiertes, gesellschaftsumfassendes Krisenexperiment im Sinne Garfinkels und wird von verschiedenen Publika und verschiedenen kollektiven Akteuren unterschiedlich in Angriff genommen. hier wird die doppelte Bedeutung der ›sozialen Sinnkrise‹ deutlich. Während es kurz nach dem Ereignis darum geht, überhaupt Sinn und Bedeutung zuzuschreiben, entsteht schnell ein Überangebot an Erklärungen und Motiven und damit ein Kampf um Deutungshoheiten um die Plausibilität der konkurrierenden Erzählungen. 104 6 Gewalt, Gefühl und Transgression Trotz der mittlerweile anwachsenden Literatur über Amokläufe sind diese aus gewalttheoretischer Perspektive erstaunlicherweise kaum erschlossen.1 Dies wird im vorliegenden Kapitel nachgeholt und es soll versucht werden, Amok als spezifische Gewaltform theoretisch zu erfassen. Im Anschluss an die Überlegungen des vorangegangenen Kapitels sollen die Möglichkeit von ›sinnloser Gewalt‹ diskutiert werden. Wer diese Frage aufwirft, sieht sich zunächst mit dem unbequemen Vorwurf konfrontiert, es müsse demnach auch so etwas wie ›sinnvolle‹ Gewalt geben. Dies scheint jedoch nur aus einer normativen Perspektive skandalös, die hier freilich nicht verhandelt werden soll. Aus dieser Sicht scheint die Lage ohnehin eindeutig: Gewalt ist – wie man weiß – keine Lösung und sie kann daher auch nur in den seltensten Fällen ›sinnvoll‹ sein. Treten solche Fälle dennoch ein – Notwehr wäre ein Beispiel –, so bedarf die Gewalt der kollektiven, d.h. demokratisch-rechtlichen und moralischen Legitimation. Eine soziologische Perspektive auf ›sinnlose Gewalt‹ muss sich dagegen von einem ethisch-normativen Sinnbegriff freimachen und andere Probleme adressieren.2 An dieser Stelle sollen klassische und aktuelle Gewalttheorien hinsichtlich der ›Anomalie‹ der ›sinnlosen Gewalt‹ befragt und es soll versucht werden, diese weiterzuführen. Um dem Problem der ›sinnlosen Gewalt‹ auf die Spur zu kommen, wird im Folgenden eine analytische Dreiteilung vorgenommen – wohlwissend, dass bei empirischen Beispielen Überschneidungen möglich sind: Es geht um Grenzen der Gewalt (1.), um Dynamiken der Entgrenzung3 (2.) sowie um soziale Mechanismen der Eingrenzung (3.). Ausgehend von der Annahme, dass nicht jede Form von Gewalt irritiert und 1 Gleichwohl finden sich bereits bei soziologischen Klassikern Passagen, die auf das Problem der selbstreferentiellen Gewalt verweisen. So schreibt beispielsweise Georg Simmel in seinem Aufsatz über den Streit: »Wo er [der Kampf, M.G.] nun aber ausschließlich durch den subjektiven terminus a quo bestimmt wird, wo innere Energien vorhanden sind, die eben nur durch den Kampf als solchen befriedigt werden können – da ist sein Ersatz durch andres unmöglich, da ist er sein eigener Zweck und Inhalt und deshalb von jedem Beisatz andrer Formen völlig frei« (Simmel 1908 [1983]: 195). 2 Angesichts der semantischen Irrwege scheint es angebracht, den Begriff der ›sinnhaften‹ Gewalt anstelle der ›sinnvollen‹ zu bevorzugen, da der erstere mehr auf handlungstheoretische denn auf normative Fragen verweist. 3 Die Überlegungen zur ›Entgrenzung‹ haben sehr von der internationalen Konferenz ›Entgrenzte Gewalt‹ profitiert, die im herbst 2013 in Gießen stattfand und von Jöhrn Ahrens, Daniel Ziegler, Christer Petersen, Peter Klimczak, Bernhard Giesen und mir organisiert wurde. Im herbst 2015 erschien bei palgrave macmillan der daraus hervorgegangene Sammelband Framing Excessive Violence. Discourse GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 105 zum Gegenstand öffentlicher Empörung wird, soll zunächst das Verhältnis von Normalität, Abweichung und Ausnahme in Bezug auf Gewalt bestimmt werden (6.1). Anschließend geht es um die Frage, welche Formen, Typen und Dimensionen von Gewalt es sind, die als verstörend empfunden werden. Motivlosigkeit und Exzess sind Beispiele für jene Entgrenzung von Gewalt, die sich mit Rhetoriken der Normalität und der Abweichung nicht mehr einfangen lassen (6.2). Abschließend sollen die Strategien der Eingrenzung von Gewalt kurz angeschnitten (6.3) und eine Zusammenfassung der Erkenntnisse in Bezug auf das Phänomen Amok gegeben werden (6.4). Bevor die einzelnen Fragen bearbeitet werden, sollen einige allgemeine Bemerkungen zum Problem der Gewalt vorangestellt werden. Gewalt scheint eine gewisse Widerständigkeit zu besitzen, sie »muß irgendetwas an sich haben, das es ihr ermöglicht, sich allen Begriffsnetzen, so sorgfältig diese auch geknüpft sein mögen, zu entziehen« (Bauman 1996: 36). Der wissenschaftliche Diskurs um Gewalt ist entsprechend heterogen.4 Seit Mitte der 80er Jahre hat sich in der Gewaltsoziologie eine Debatte entwickelt, in der sich insbesondere die Positionen der »Innovateure« und »Mainstreamer« unterscheiden lassen (vgl. Nedelmann 1997; Imbusch 2004). Während es den Vertretern der »Mainstreamer« allen voran um Ursachenforschung geht, um Fragen des ›Warum‹, um Risiken und Präventionsstrategien, versuchen die sogenannten »Innovateure« Gewalt als Phänomen sui generis in den Blick zu nehmen und mittels dichter Beschreibung ›Was‹ und ›Wie‹ Fragen zu beantworten.5 Da sich insbesondere letztere in Bezug auf die Gewalt des Amok als anschlussfähig erweisen, liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels auf den Theorien & Dynamics, der von Daniel Ziegler, Steffen Krämer und mir herausgegeben wurde (Ziegler et al. 2015). 4 Ein prominenter Streitpunkt bildet etwa die Frage nach der Möglichkeit von »struktureller Gewalt« (Galtung 1975), »symbolischer Gewalt« (Bourdieu und Passeron 1973) oder ›psychischer Gewalt‹. Letztere wird deshalb als eigenständige Kategorie abgelehnt, weil auch sie letztlich nicht ohne den Bezug auf den Körper auskommen kann: »Psychische Gewalt besteht in der Drohung, auf den Körper reduziert zu werden« (Reemtsma 2008: 129, hervorhebung im Original). 5 Die wechselseitige Kritik beider Fronten aneinander ist mannigfaltig. Zum einen erscheint die Suche nach Motiven und einem subjektiv gemeinten Sinn selbst nicht sonderlich sinnvoll, um eine bestimmte Form von Gewalt zu fassen, da gleiche Motive zu unterschiedlicher Gewalt führen können und zum anderen scheinen sich derartige ›Auftragsforscher‹ der Rezeption von Motiv-, Grund- und Sinnlosigkeit bzw. der Möglichkeit der Selbstreferentialität von Gewalt vollständig zu verweigern (vgl. Nedelmann 1997: 63). Vertreter der ›Innovateure‹ wie Wolfgang Sofsky sehen sich wiederum mit der Kritik konfrontiert, sie ließen eine Solidarisierung mit den Opfern zugunsten einer »Ästhetisierung auch noch der grausamsten Formen von Gewalt« vermissen (hüttermann 2004: 122). Was für die einen noch eine angemessene ›dichte Beschreibung‹ ist, halten andere schon für obszön (vgl. Sofsky 1997: 105). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 106 und Ansätzen, die sich unter dem Schlagwort der ›Innovateure‹ versammeln lassen. Eine Arbeitsdefinition von Gewalt wird den Überlegungen von Bernhard Giesen entliehen, der einen phänomenologischen Zugang wählt (Giesen 2010: 128–130): Gewalt ist intentional verübter Zwang oder Verletzen anderer Körper gegen deren Willen. Die Grundkonstellation einer Gewaltbeziehung – zwischen Täter und Opfer – ist damit zutiefst asymmetrisch. Zum Problem wird Gewalt nicht nur für diejenigen, die sie erleiden, sondern auch für die beobachtenden, unbeteiligten Dritten, die auch nicht notwendigerweise körperlich anwesend sein müssen. In letzter Instanz müssen Gerichte entscheiden, ob Gewalt vorliegt oder nicht. Diese Beobachterperspektive ist für die kultursoziologische Analyse von Gewalttaten besonders interessant. Gewalt wird »zumeist als außerordentliches Ereignis empfunden und tritt in dieser Außerordentlichkeit in Gegensatz zum ruhigen Fluss des Alltags, der unsichtbarer hintergrund bleibt« (Giesen 2010: 130). Eine besondere Bedeutung kommt deshalb der Erzählung, Rahmung und Einordnung der außerordentlichen Gewalt durch die beobachtenden Dritten, z.B. die Massenmedien, zu. Von besonderer Relevanz sind auch Ansätze, die die Innenwelt von Gewalttätern phänomenologisch zu rekonstruieren versuchen und die Gefühlen, der Erfahrbarkeit von Gewalt sowie ihrem performativen Charakter eine wichtige Rolle zusprechen. Gewalt ist und bleibt ein ›Faszinosum‹, das eben nicht nur abstößt, sondern gleichermaßen eine attrahierende Wirkung haben kann. »Irgendetwas an der Tat zieht den Täter immer an, nicht nur der Ertrag«, so Jan Phillip Reemtsma in seinem Buch Vertrauen und Gewalt (2008: 107). Diese These darf nicht mit einer heroisierung von Gewalt verwechselt werden. Es wäre naiv und wissenschaftlich fahrlässig zu verkennen, »dass die Gewalt eine Möglichkeit des Ausdrucks ist, der sich jedermann jederzeit bedienen kann, und dass diese Möglichkeit unter manchen Umständen attraktiv sein kann« (Baberowski 2012: 37). Wer Gewalt ausschließlich als Mittel zum Zweck begreift oder den Griff zur Gewalt mit Argumenten des Mangels erklärt – etwa schlechte Integration, prekäre finanzielle Umstände oder mangelndes Selbstbewusstsein6 –, wird in Bezug auf Amok schnell an Grenzen stoßen. 6 Roy F. Baumeister formuliert sogar die entgegensetzte These: »Violent acts follow from high self-esteem, not from low self-esteem« (Baumeister 2001: 25; 128–168). GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 107 6.1 Grenzen: Normalität, Abweichung und Ausnahme Betrachtet man das Phänomen der Gewalt aus einer anthropologischen Perspektive, so wird schnell deutlich, dass Gewalt – ungeachtet der historischen, kulturellen und sozialen Besonderheiten – zum Mensch-Sein dazugehört. Auch wenn wir normalerweise erwarten, in unserem Alltag nicht von Gewalt betroffen zu werden (vgl. Ahrens 2011: 73), so sind wir dennoch wenig überrascht, dass Menschen einander Gewalt antun. Der Mensch weiß, er kann sterben und er weiß auch: er kann andere sterben lassen. Der Mensch zeichnet sich – so heinrich Popitz in seinem Buch Phänomene der Macht (1992) – durch »Verletzungsmacht und Verletzungsoffenheit« (1992: 61) aus. Er ist Körper und dieser Körper kann von anderen verletzt werden – geschieht dies intentional, liegt nach Popitz Gewalt vor (1992: 48). Machtverhältnisse im Besonderen und soziale Beziehungen im Allgemeinen gründen so letztendlich auf (der Möglichkeit von) Gewalt.7 Nicht nur weil Gewalt angewendet wird, auch und gerade weil es enorme Anstrengungen gibt, sie latent zu halten, sie zu beschwichtigen oder zu verhindern, kann sie als starker Motor des Sozialen betrachtet werden: Gewalt ist »kein bloßer Betriebsunfall sozialer Beziehungen, keine Randerscheinung sozialer Ordnungen«, sondern die »Macht zu töten und die Ohnmacht des Opfers sind latent oder manifest Bestimmungsgründe der Struktur sozialen Zusammenlebens« (Popitz 1992: 57). Aus makrosoziologischer Sicht bildet die Institutionalisierung bestimmter Formen von Gewalt einen weiteren Aspekt, der es ermöglicht, Gewalt unter Bedingungen von Normalität zu betrachten. Unser modernes Denken über Gewalt ist gekennzeichnet durch ihre Unterteilung in zwei Kategorien: Die Staatsgewalt als »Durchsetzung von Recht und Ordnung« sorgt dafür, dass wir von der schmutzigen, unerwünschten Form des Zwangs, den Bauman »Gewalt« nennt, verschont bleiben beziehungsweise dass jene, die zu Gewalt greifen, sanktioniert werden (Bauman 1996: 39).8 Dieses Verhältnis ist freilich ein dialektisches. 7 Wie Popitz untersucht Wolfgang Sofsky Gewalt aus einer anthropologischen und phänomenologischen Perspektive und erteilt Vertretern einer naturalistischen Auffassung, die in der Gewalt eine Art von verrohter, triebhafter Natur sehen, eine – zugegebenermaßen etwas kulturpessimistische – Absage: »Gewalt ist der Kultur inhärent. Durch und durch ist sie von Tod und Gewalt geprägt« (Sofsky 2005: 217). 8 Dass diese Sanktionierung bzw. das Aufrechterhalten von Ordnung selbst auf Gewalt gründet oder diese zumindest als handlungsoption verfügbar hält, wird gerne unterschlagen. Die Künstlichkeit dieser Klassifikation offenbart sich beispielsweise auch in Skandalen um Polizeigewalt, in der die Grenzen zwischen der notwendigen TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 108 Norm und Abweichung, Regel und Regelverletzung, Tabu und Transgression, heiliges und Profanes bedingen einander und so können wir auch der Kehrseite dessen, was wir für erstrebenswert halten, ein ordnungsstiftendes Moment zubilligen (vgl. Giesen 2010). In Kapitel 7 wird noch ausführlich gezeigt werden, dass Skandale und kollektiv sanktionierte Verbrechen Solidarität erzeugen und identitätsstiftend wirken. Deshalb ist die eigentlich paradox anmutende Behauptung aufzustellen, dass Gewalt als abweichendes Verhalten ›normal‹ – im Sinne von ›normalisierenden Effekten‹ – sein kann. Normen sind »kontrafaktisch stabilisierte Erwartungen« (Luhmann 2008b: 39), die gerade bei regelverletzendem und sanktioniertem Verhalten aufrechterhalten und gestärkt werden. Staatsgewalt als notwendige Ausnahme untergräbt weder die Gültigkeit des Gewaltverbots noch wird sie selbst zur immer und alleine gültigen Regel erhoben – wäre dies der Fall, würden wir die Staatsform wohl als pathologisch bezeichnen. Neben einer anthropologischen und einer institutionellen Perspektive lassen sich verschiedene Typen von Gewalt näher betrachten, die als ›normale Abweichung‹ gelten und im öffentlichen Diskurs nur selten skandalisiert werden. Gewalt gilt meistens dann als weniger monströs, wenn Motive und Zwecke die Tat begleiten, die von unbeteiligten Dritten verstanden und nachvollzogen werden können. Raubüberfälle etwa gelten zwar sicherlich nicht als feine Art, um an Geld oder bestimmte Objekte zu kommen, das Motiv selbst bleibt jedoch ›verständlich‹. Diese Gewalt als Mittel zum Zweck wird in der Gewalttheorie unterschiedlich bezeichnet, auch wenn die Pointierung ähnlich gelagert ist. In seinem Traktat über die Gewalt (2005) versucht Wolfgang Sofsky beispielsweise verschiedene Gewalttypen entlang der Weberianischen handlungstypen zu entwickeln.9 Dem zweckrationalen handeln entspricht die »instrumentelle Gewalt«, die von Kosten-Nutzen-Kalkülen begleitet wird, von »um-zu-Motiven« und einem festgezurrten Regelwerk, das sie in Schranken hält: »Der Zweck dirigiert die Gewalt und rechtfertigt ihren Gebrauch. Er kanalisiert die Aktivitäten, gibt Richtung und Ende vor, begrenzt Einsatz und Ausmaß« (Sofsky 2005: 52). Instrumentelle Gewalt ist nicht nur deshalb gesellschaftlich eingegrenzt und eingehegt, weil sie – auch wenn sie verurteilt wird – nicht als rätselhaft empfunden wird, sondern auch weil sich die Gewalt gewissermaßen selbst begrenzt. Gewalt als Mittel zum Zweck zu begreifen heißt zum einen, dass Gewalt nicht angewendet werden muss, wenn das Ziel auch staatlichen Gewalt und derjenigen, die eigentlich verhindert werden soll, verwischt werden. In dieser Ambivalenz – und gewissermaßen auch: Scheinheiligkeit – liegt für Bauman das eigentliche Problem des modernen Umgangs mit Gewalt. 9 ›habituelle‹ und ›affektive‹ Gewalt werden wir weiter unten als Fälle von entgrenzter Gewalt behandeln. GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 109 über andere Mittel erreicht werden kann und zum anderen, dass Gewalt als Mittel dann obsolet wird, wenn das Ziel erreicht ist. Eine ähnliche Terminologie benutzt Jan Philipp Reemtsma in seiner Monographie Vertrauen und Gewalt (2008), in der er »lozierende«, »raptive« und »autotelische Gewalt« unterscheidet, von denen uns zunächst nur die erste interessiert. »Lozierende Gewalt« bezieht sich auf den Körper, dem Gewalt angetan wird, nur insofern, als er als verfügbare Masse angesehen wird, als Objekt ist er »im Weg oder muss irgendwo hingebracht werden« (Reemtsma 2008: 106). Je nachdem, ob der Körper als hindernis zu verschwinden hat, wie beispielsweise ein Wachmann in den Augen eines Einbrechers, oder eine Freiheitsstrafe des vielleicht gefassten Täters, bei der der Körper einen ausgewählten Ort nicht verlassen darf, spricht Reemtsma von »dislozierender« oder von »captiver« Gewalt (vgl. Reemtsma 2008: 108). Auch wenn dieser Typ eine gewisse Nähe zur instrumentellen Gewalt aufweist, lässt er sich doch nicht vollständig auf diesen üblichen Begriff reduzieren. Instrumentalität und Zweckrationalität unterstellen einen starken Zukunftsbezug und eine genaue Abwägung von Zielen, Mitteln und Risiken, die keineswegs immer uneingeschränkt gegeben sind. Der Begriff der lozierenden Gewalt dagegen ist allgemeiner, er beschreibt sowohl Vorfälle, in denen der Wachmann umgebracht oder betäubt wird, während es in jedem Falle für die Zukunft günstiger wäre, sich statt Mord ›nur‹ Körperverletzung als Anklage einzuhandeln.10 Neben der Nachvollziehbarkeit von Motiven spielt die Beziehungskonstellation zwischen Täter und Opfer eine weitere wichtige Rolle bei der Frage, welche Gewalt als monströs und schrecklich angesehen wird. Gewalt, die aus starken Emotionen resultiert, gilt dann als weniger beunruhigend, wenn Täter und Opfer sich persönlich kennen. In diesem Fall neigen wir dazu, die Gewalt »als Beziehungskatastrophen zu betrachten, denen man zwar durch Erziehung, Vorsicht und Takt entgehen kann, die aber nicht immer zu vermeiden sind« (Giesen 2010: 131). Der klassische Mord aus Eifersucht schockiert zwar die Menschen im näheren sozialen Umfeld der Betroffenen, füllt aber selten über mehrere Tage oder 10 Reemtsma weist darüber hinaus zu Recht darauf hin, dass sich die meisten Gewaltformen funktional interpretieren lassen (Reemtsma 2008: 113 f.). Verschiedene Beobachterperspektiven müssen hier unterschieden werden. Während eine Phänomenologie der Gewalt versucht, eine Beobachterperspektive erster Ordnung von Täter und/oder Opfer einzunehmen und sich dahingehend beispielsweise unterschiedliche Körperbezüge unterscheiden lassen, können dieselben Formen aus einer Beobachterperspektive zweiter Ordnung einen zweckrationalen Anstrich erhalten, der sich mit dem oder der handelnden bzw. Gewalt erleidenden Individuen nicht decken muss. Beispiele hierfür wären intentional angeordnete Vergewaltigungen im Krieg zur Demoralisierung der gegnerischen Truppen oder öffentliche Folter und willkürliche Bestrafung als performative Zurschaustellung von Macht. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 110 Wochen die Schlagzeilen. Dreht man das Verhältnis um und denkt man instrumentelle Gewalt mit einer unpersönlichen Beziehung zusammen, ist der Fall schon komplizierter. Ein Banküberfall, bei dem Menschen verletzt werden oder eine Entführung, bei der es um Lösegeld oder ein Fluchtfahrzeug geht, lässt sich noch in eine Erzählung mit Motiven und Gründen einbetten. »habituelle Gewalt« (Sofsky 2005: 53) und das völlig emotionslose Töten – man denke nur an die Vernichtungsmaschinerie im Zweiten Weltkrieg – erscheinen uns dagegen genauso bestialisch und grausam, wie affektive Gewalt, die sich bis zum Exzess steigern kann. Sowohl ein ›zu viel‹ als auch ein ›zu wenig‹ von Emotionalität und Rationalität kann zu Schwierigkeiten führen, die Gewalt zu plausibilisieren. 6.2 Entgrenzung: Exzess, Beziehungs- und Motivlosigkeit Es wird nun versucht, anhand des Konzeptes der ›Entgrenzung‹ diejenigen Formen und Ausprägungen von Gewalt zu bestimmen, gegen die sich eine Gesellschaft nur schwer immunisieren kann und die sich auch nur schwer erzählen lassen. Sie sprengen die Normalität der Gesellschaft auf und lassen sich als »Phänomene eines radikalen Schreckens« (Ahrens 2011: 76) nicht mehr ohne Weiteres in die gesellschaftliche Normalität einbinden. Die soziale Ordnung schließt zwar die Möglichkeit ihrer Missachtung ein, aber es gibt eine radikale Devianz, die nicht nur in ihrer schieren Quantität den Gesellschaftsvertrag untergräbt – dies ist das Argument, das Popitz in seinem Aufsatz Über die Präventivwirkung des Nichtwissens (2006) anführt –, sondern die eine besondere Qualität besitzt und die dadurch – so Jörn Ahrens – die Möglichkeit von Gesellschaft selbst in Frage stellt (2011: 78). Wie im vorangegangenen Unterkapitel wird wieder nach anthropologischen Voraussetzungen, nach Gründen und Motiven, nach Emotionen und nach der Beziehung zwischen Täter und Opfer gefragt. 6.2.1 Motivlosigkeit und Selbstreferentialität Wenn heinrich Popitz von einer »Entgrenzung des menschlichen Gewaltverhältnisses« (Popitz 1992: 48 ff.) spricht, so hat er dabei zweierlei im Sinn. Zum einen bezieht er sich mit dieser These auf die »relative Instinktentbundenheit«, die es dem Menschen ermöglicht, Gewalt als handlungsoption ständig präsent zu halten. Der Griff zur Gewalt ist damit zwar nicht zwangsläufig notwendig, aber immer möglich. Zum anderen bezieht sich die Entgrenzung auf das menschliche Vorstellungsvermögen GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 111 – »[v]orgestellte Gewalt«, so Popitz, »irrlichtert in Tagträumen und Alpträumen aller Art« (Popitz 1992: 51). Gewalt ist »Jedermanns-Gewalt«, die sich in einem völlig kontingenten Bezugsrahmen ereignen kann, der es unter Umständen unmöglichen machen kann, einen subjektiven Sinn und Kausalitäten zu erkennen: »Der Mensch muß nie, kann aber immer gewaltsam handeln, er muß nie, kann aber immer töten – einzeln oder kollektiv – gemeinsam oder arbeitsteilig – in allen Situationen, kämpfend oder Feste feiernd – in verschiedenen Gemütszuständen, im Zorn, ohne Zorn, mit Lust, ohne Lust, schreiend oder schweigend (in Todesstille) – für alle denkbaren Zwecke – jedermann.« (Popitz 1992: 50) Die meisten Gewalttheorien verweigern sich der Rezeption von Motiv-, Grund- und Sinnlosigkeit beziehungsweise der Möglichkeit der Selbstreferentialität von Gewalt vollständig (vgl. Nedelmann 1997: 63). Dieser Umstand ist bemerkenswert, da es nicht die Möglichkeit der Selbstreferentialität von handlungen allgemein ist, die weitläufig abgelehnt wird. Im Bereich von Kunst, Liebe, Spiel, teilweise auch von Sport ist es durchaus üblich, von handlungen zu sprechen, die ihren Sinn in sich selbst haben.11 Es gibt weder theoretische noch empirische Gründe, die dafür sprechen, Gewalt als handlungstypus von dieser Möglichkeit auszuschließen. Unterstützung findet diese These in den Arbeiten von Popitz, Sofsky, Reemtsma und Sutterlüty. Für Popitz ist die letzte Möglichkeit der Steigerung von Gewalt die Tötung. Diese »absolute Gewalt« entspricht einer vollkommenen Macht über Leben und Tod, die in der modernen Gesellschaft einzig und allein in der Staatsmacht monopolisiert ist.12 Figuren wie Attentäter, Märtyrer oder eben Amokläufer heben diese Vollkommenheit der Macht performativ auf und stellen das System selbst in Frage – darauf wird beim Konzept der Gewalt des Symbolischen nach Jean Baudrillard zurückzukommen sein. Die Gewalt um ihrer selbst willen bezeichnet Popitz als »bloße Aktionsmacht«. Sie unterscheidet sich von der »bindenden Aktionsmacht« darin, dass sie kein dauerhaftes Machtgefälle konstituieren soll, sondern »ihren Sinn im Vollzug selbst hat« (Popitz 1992: 48). Liegt eine Glorifizierung der Gewalt und eine »Indifferenz gegen die Leiden des Opfers« vor, so handelt es sich um »totale Gewalt« (Popitz 1992: 68). 11 Schon in der Nikomachischen Ethik unterschied Aristoteles zwischen Praxis und Poiesis: »Das hervorbringen hat ein Ziel außerhalb seiner selbst, das handeln nicht« ( VI, 1140 b6–8). 12 Dieser Spielraum der Macht bleibt idealerweise latent, unsichtbar und genau dieses Geheimnis der Undurchschaubarkeit liegt nach Elias Canetti im Zentrum der Macht (vgl. Canetti 2006: 343). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 112 Wolfgang Sofsky wiederum bezeichnet diese selbstreferentielle Form als »absolute Gewalt«: »Gewalt wird grundlos, absolut. Sie ist nichts als sie selbst. Absolute Gewalt bedarf keiner Rechtfertigung« (Sofsky 2005: 52 f.). Sofsky will seine Form der Gewaltforschung mit der »Sinnfrage« verschonen. Er dekonstruiert sowohl wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussionen, indem er das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung in einer ›an sich sinnlosen‹ Welt, das hinter ihnen steht, freilegt. Die »Illusion der Kultur« führt zu der Unterstellung, »noch für das Ärgste müsse es stets Sinn und Grund geben« (Sofsky 1997: 105), während Versuche, Umstände aufzudecken und Kausalitätsbeziehungen nachzuweisen zwar »plausible Geschichten [erbringen], aber keine Erklärungen« (Sofsky 2002: 26). Das terminologische Pendant zur »totalen Gewalt« bei Popitz und zur »absoluten Gewalt« bei Sofsky bildet die »autotelische Gewalt« bei Reemtsma. Auch er diagnostiziert »eine gewisse emotionale (und im Gefolge intellektuelle) Scheu, autotelische Gewalt überhaupt als existent […] wahrzunehmen« (Reemtsma 2008: 117). Dieser Typ der Gewalt behandelt den Körper nicht als sexuelles Objekt (»raptive Gewalt«) oder als hindernis, das, wenn der Körper als hindernis verschwindet, dazu führt, dass die Gewalt ausbleibt, sondern sie »zielt auf die Integrität des Körpers, sei die Zerstörung letal oder nicht«, sie »zerstört den Körper nicht, weil es dazu kommt, sondern um ihn zu zerstören« (Reemtsma 2008: 116 f., hervorhebung im Original). Reemtsma attestiert insbesondere dieser Gewaltform eine Sonderrolle und unserer Kultur Probleme, sie sinnhaft einzuhegen und mit ihr umzugehen. Dass die autotelische Gewalt und die Vermischung mit ihr und anderen Typen so schwer zu fassen ist und bei uns »keinen kulturellen Ort« mehr hat (Reemtsma 2008: 123), verdankt sich auch ihrer vollständigen Asymmetrie. Während lozierende und raptive Gewalt ein Vermeidungspotential haben – lozierende Gewalt in der konsensuellen Machtausübung, raptive Gewalt in der gemeinsamen Lust – lässt die autotelische Gewalt ein solches »Komplement« nicht zu (Reemtsma 2008: 137 ff.). Sie entzieht sich den gängigen Konzepten von Gewalttätigkeit und veranschaulicht wie keine andere das menschliche Bedürfnis, die Welt und die Phänomene in ihr sinnvoll zu deuten. Die Steigerungslogik von Gewalt, an deren Ende die autotelische Gewalt steht, die uns hilflos zurücklässt, wird von Reemtsma folgendermaßen zusammengefasst: »›Sinnlose Grausamkeit‹ heißt die erwähnte Wortmünze, und man möchte gleich eine Einrede starten: Als ob es sinnvolle Grausamkeit gäbe! Aber sicher gibt es die, lautet die Gegenrede, darum reden wir ja so. Wer einen hart anpackt, weil er an dessen Geld will – nun, es ist nicht schön von ihm, aber so ist die Welt, und dafür haben wir die Polizei und die Gerichte und die Gefängnisse, aber schlägt einer, wenn er das Geld GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 113 schon hat, den andern tot, vielleicht weil er keinen Zeugen will, nun ja, das wird als Mord gerechnet – aber wenn er ihn nicht totschlägt, sondern totquält? Wir sind nicht nur entsetzt, sondern auch auf irgendeine Weise hilflos – gewiss, auch das lässt sich als juristischer Tatbestand fassen, aber wir sind trotzdem unsicher, ob das wirklich greift. Und verstehen? – Es ist etwas in die Welt eingebrochen, die von uns vorher alles andere als idealisiert worden ist, im Gegenteil, wir sind abgebrüht – aber das?« (Reemtsma 2008: 121) Eine letzte Form von selbstreferentieller Gewalt soll mit Ferdinand Sutterlüty beschrieben werden. Er nimmt in seiner Studie über Gewaltkarrieren (2002) keine phänomenologische und damit theoretische Beobachterperspektive erster Ordnung der Täter ein, sondern fragt nach der konkreten Erlebnisqualität und den Dynamiken der Gewaltausübung von Jugendlichen, indem er sie in Interviews selbst zu Wort kommen lässt. Sein Beitrag zur ›intrinsischen Motivation‹, mit dem er das Problem der oft als ›sinnlos‹ oder ›grundlos‹ titulierten Gewalt empirisch ausleuchten und auch theoretisch weiterführen will, ist hier besonders interessant. Er schließt sich einerseits mit seiner Kritik an rationalistischen Ansätzen an den oben erwähnten Bruch in der Gewaltforschung an, andererseits nimmt er Phänomene der Gewalt auch empirisch ernst und kann sich dem üblichen Vorwurf einer prosaischen heroisierung von Gewalt durch fiktionale, übertriebene Beispiele leicht entziehen. Sein Verständnis von Gewalthandlungen, das er aus den Geschichten von ehemaligen Neonazis und jugendlichen Bandenführern gewinnt, begreift Gewaltsituationen als dynamische Prozesse. Motive können sich im Verlauf der Gewaltausübung ändern: Einem Freund bei einem Angriff beizustehen kann sich zum Genuss der Überlegenheit und einem Rausch der Macht steigern, obwohl der Täter schon längst zum Opfer geworden ist und vielleicht wehrlos am Boden liegt. »Intrinsische können sich mit anderen – extrinsischen – Motiven verbinden, sich im Zuge gewalttätiger handlungsabläufe von diesen ablösen und«, so Sutterlüty, »die Oberhand gewinnen, wenn die Täter von ihren rauschhaften Erfahrungen gefesselt sind« (2002: 77). In diesen Situationen kann von einem »handeln unter Sicherheit« und der möglichst genauen Einschätzung der Risiken und der erwartbaren handlungsfolgen keine Rede sein, was jedoch viele rationalistische Ansätze seiner Meinung nach verkennen. Vielmehr finden viele Gewalthandlungen oft unter »Bedingungen extremer Unsicherheit« statt (Sutterlüty 2002: 351). Dies kann zur Attraktivität einer Situation beitragen, in der sich die Beteiligten wie in einem Spiel bewähren müssen, ohne den Ausgang zu kennen. Nach Sutterlüty besteht eine weitere Fehleinschätzung rationalistischer Gewalttheorien darin, »den Akteur von seiner biographischen Vorgeschichte [zu] isolieren« (Sutterlüty 2002: 353). Nicht nur die TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 114 Rekapitulation der Situation und der sich in ihr entfaltenden Dynamik sind für ein Verständnis von Gewalt wichtig, sondern auch das Einbeziehen des sozialen Umfeldes. Die letzte – und für diesen Kontext wichtigste – Kritik bezieht sich dezidiert auf Gewalthandlungen mit »intrinsischer Motivation«, »die sich den Kategorien von Mittel und Zweck gänzlich entziehen« (Sutterlüty 2002: 356). Drei Bezugspunkte intrinsischer Gewaltmotive lassen sich aus seinem Datenmaterial verdichten (Sutterlüty 2002: 97 ff.): Der Triumpf der physischen Überlegenheit (Bezugspunkt zum Täter), der Genuss der Schmerzen des Anderen (Bezug zum Opfer) sowie die Überschreitung des Alltäglichen (Bezug zur Interaktionssituation als Ganze). Die Erfahrbarkeit der Gewalthandlung selbst und keine ex post oder ex ante verliehene Legitimation, das exzessive Erlebnis reiner Gegenwart ohne Zukunftsbezug stehen hier im Mittelpunkt: »Solche Motive können auf zweierlei Weise auftreten: Zum einen können sie im Zuge einer situativen Dynamik zu instrumentellen oder normativen Tatmotiven hinzutreten und, einmal handlungsleitend geworden, den Täter zu einem exzessiven Gebrauch der Gewalt treiben. Zum anderen können sie sich verselbstständigen, so dass der Täter keiner Ziele und Zwecke jenseits der Gewalterfahrung mehr bedarf und die Aussicht auf die Euphorie der Tat bereits die aktive Suche nach Situationen der Gewaltausübung beherrscht«. (Sutterlüty 2002: 93) Interessanterweise sind sich die Jugendlichen, die über ihre Gewalterfahrungen sprechen, darüber bewusst, dass die Gewalt um ihrer selbst willen, die durchaus auch sexuell konnotierte »Geilheit auf Gewalt«, wie sie Buford anhand der Gewalt von hooligans beschrieben hat (1992), sozial geächtet wird und auf Unverständnis stößt. Dies kann einerseits dazu führen, dass ein Verbot seine Transgression nur umso attraktiver macht und andererseits dazu, dass die »Jugendlichen die unheimliche Motivationsbasis ihrer Gewalt im Modus legitimierender und entschuldigender Situations- und Selbstbeschreibungen wegdefinieren« (Sutterlüty 2002: 95). 6.2.2 Affektive Gewalt: Wut, Zorn, Exzess Ein weiteres Konzept von Gewalt und Entgrenzung lässt sich mithilfe des Verhältnisses von Gewalt und Emotion entwickeln. Was ein instrumenteller Begriff von Gewalt unterschätzt, ist, dass Gefühle während der Ausführung von Gewalt eine eigene Dynamik entfalten können, »die allererst die Motive erzeugen, die sie tragen und begleiten« (Sofsky 2002: 24). Im Folgenden werden die Emotionen ›Wut‹ und ›Zorn‹ GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 115 näher betrachtet und es wird die These aufgestellt, dass sich die Gewalt des Amok genau zwischen diesen beiden bewegt. Aristoteles beschreibt den Zorn als ein »mit Schmerz verbundenes Streben nach einer vermeintlichen Vergeltung für eine vermeintliche herabsetzung einem selbst oder einem der Seinigen gegenüber von solchen, denen eine herabsetzung nicht zusteht« (Rhetorik, 1378a). Auch die althochdeutsche Bedeutung von Zorn als »Beleidigung« oder »Streit« (vgl. Rattner 1998: 82) verweist auf eine Kränkung beziehungsweise einen Ehrverlust.13 Anders als Wut kann der Affekt Zorn aber auch positiv konnotiert sein und sogar ethisch gefordert werden, wenn es sich um ein erlittenes Unrecht handelt, das von einem ganzen Kollektiv als solches betrachtet wird und nicht nur einer pathologischen, narzisstisch anmutenden Kränkung eines Einzelnen entstammt. Zorn ist nicht blind, er »behält sein Ziel im Auge« (Sofsky 2009: 223). Während sich Wut in einem Ereignis explosionsartig ausbreitet, glimmt der Zorn zunächst auf kleiner Flamme. Zorn »ist ein Prozeß. Er unterhält sich selbst, baut auf sich auf, gewinnt an Fahrt, schlägt endlich in Tobsucht um, wenn er des Opfers habhaft wird« (Sofsky 2009: 223). Der Zorn zeigt trotz seiner Leidenschaftlichkeit eine deutlichere Nähe zur Rationalität, als es die Wut vermag. So erklärt Seneca in De Ira seinem Schüler Novatus: »Denn wiewohl der Zorn vernunftwidrig ist, kann er doch nur da hochkommen, wo Vernunft vorhanden ist« (Seneca 1992: 103). Eine Möglichkeit, das ›sinnlose‹ Ereignis des Amoklaufs in eine sinnhafte Erzählung einzubetten, bildet dementsprechend die Kodierung der Tat als Racheakt (vgl. 8.3.1). Während sich der Täter selbst als heros stilisiert, erscheint er aus der Beobachterperspektive als ›Opfer‹ der Gesellschaft, als Außenseiter, der an der Gemeinschaft – oder am ›System‹ – , das ihm Unrecht getan hat, Rache nimmt: »Er wollte buchstäblich eine Institution ermorden«, interpretiert Manfred Schneider die Tat des Emsdetter Schoolshooters Sebastian Bosse (M. Schneider 2010: 642). Der Amokläufer dreht das Prinzip des Girard’schen Sündenbockmechanismus – salopp formuliert ›alle gegen einen‹ – um, und bringt der Gesellschaft ihre eigene, also seine erlittene Gewalt ins heilige Zentrum wieder zurück. Anders jedoch als bei klassischen Modi zur (Wieder-) herstellung von Ehre wie dem Wettkampf oder dem Duell, ist die Aktion 13 Nach Georg Simmel gibt es vor allem zwei Möglichkeiten, das ›Ichgefühl‹ hervorzuheben und ins Licht der Aufmerksamkeit zu stellen. Während Stolz und Ehre eine positive heraufsetzung desselben darstellen, bildet Scham das negative Äquivalent, das »den ganzen Menschen und nicht nur ein lokalisiertes Interesse betrifft« (Simmel 1901 [1983]: 143). Eine Vermutung wäre nun, dass der Täter versucht, die (vermeintlich) erlittene Kränkung in einem exzesshaften Gewaltausbruch in triumphalen Stolz zu transformieren und diesen vor einem weitaus größeren Publikum als jenem, welches ursprünglich für die ›herabdrückung des Ichgefühls‹ (Simmel) verantwortlich war, aufzuführen. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 116 des Amokläufers auf eine zutiefst asymmetrische Beziehung ausgelegt, der sich die Opfer nicht verweigern können und in der sie vollständig unterlegen sind. Während die Tat aus der Außenperspektive als feiges, schmutziges Verbrechen entlarvt wird,14 befindet sich der Täter in einer heroischen Welt, die von einer – obgleich pervertierten, da regellosen – »Pflicht zur Rache« (Ossowska 2007: 92) bestimmt ist. Der Amokläufer wird zum realen, selbst ernannten Agenten in einem von Sloterdijk als ›Racheromantik‹ beschriebenen Zeitgeist, in dem es von – zumeist fiktiven – Robin hoods und fledermausartigen Superhelden, die sich über das Gesetz und die dekadent gewordene Gesellschaft erheben, nur so wimmelt (vgl. Sloterdijk 2006: 87). Die Figur des Amokläufers verläuft zwischen Realität und Fiktion, die sich in ihm wechselseitig verschränken und gegenseitig beeinflussen. Amokläufe werden in Film, Literatur und Musik, aber auch in Computerspielen wie dem Super Columbine Massacre Role Playing Game fiktionalisiert und ihre Protagonisten gelangen über Forumseinträge als »eigenständige heldenfigur« (Christians 2008: 56, hervorhebung im Original) wieder zurück ins Repertoire möglicher Nachahmungen, weswegen die Medien unterschiedlichster Provenienz unter Generalverdacht geraten (vgl. 9.2). Wut ist dagegen von anderer Beschaffenheit. Der Begriff hat seine etymologischen Wurzeln im althochdeutschen »wuot«, das so viel wie »Raserei«, aber auch »Besessenheit« oder »Geisteskrankheit« bedeuten kann (vgl. Rattner 1998: 82). Im Wutanfall bricht sich die »affektive Gewalt« Bahn, sie verläuft im strengen Gegensatz zur »instrumentellen Gewalt« »eruptiv, expansiv, diskontinuierlich. Emotionen erzeugen eine eigene Wirklichkeit der Gewalt. […] Im Exzeß erfaßt die Gewalt den Täter ganz und gar. Er ist jenseits seiner selbst« (Sofsky 2005: 56). Die Gewalt kennt keine natürliche Grenze außer der Erschöpfung des Wütenden: »Ist das erste Objekt demoliert, springt sie sofort weiter. Wut ist blind, ungestüm, maßlos und daher für Beschwichtigung unzugänglich« (Sofsky 2009: 222). Im Gegensatz zum Zorn ist Wut weitaus weniger geordnet, weder in ihrer Richtung noch ihrer Zeitstruktur (vgl. Demmerling und Landweer 2007: 308). Und doch gibt es, wie das Beispiel Amok zeigt, auch den kalkulierten, planmäßigen Exzess. Der Täter wählt den Ort des Verbrechens aus, besorgt Waffen und Kleidung, reflektiert über sein Vorhaben in Tagebüchern, Abschiedsbriefen oder gar in öffentlichen Foren. »Doch so langwierig die Vorbereitungen«, betont Wolfgang Sofsky, »der Affekt des Amok entsteht erst während der Tat, nachdem Wege 14 An einem vierstündigen Amok-Themenabend auf dem Kanal VOX am 10. September 2010, in der sich auch verschiedene Wissenschaftler zu Wort meldeten, wurde diese ›Feigheit‹ besonders stark hervorgehoben und nachdrücklich wiederholt. Dies kann als Versuch interpretiert werden, dem mimetischen Begehren, das das Medium Fernsehen auszulösen vermag, den Wind aus den Segeln zu nehmen. GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 117 und Ziele planmäßig abgesteckt sind« (Sofsky 2002: 44). Die von langer hand geplante Zukunft wird in der Entladung des Ereignisses zur reinen Gegenwart.15 »Dem Zornigen, wie dem Glücklichen, schlägt keine Stunde«, schreibt Sloterdijk (2006: 96).16 Es ist unter anderem das Verdienst der Arbeiten von Georges Bataille, die Gewaltforschung, aber auch die Sozialtheorie um die Konzepte von Transgression und Exzessivität zu bereichern.17 Für Bataille stellt die Transgression das Verbot keineswegs grundlegend in Frage: »Die Übertretung ist keine Negation des Verbotes, sondern geht über das Verbot hinaus und vervollständigt es« (Bataille 1986: 59, hervorhebung im Original). Dieses Ganze aus Verbot und Verletzung ist für Bataille sinnstiftend für das Soziale schlechthin. Die Verbote gehören der profanen, ›homogenen‹ Welt der Arbeit an, der Vernunft, der Produktion und der Ökonomie, während in der (Selbst-) Überschreitung der Zugang zum heiligen, zur Welt des ›heterogenen‹ besteht. Das Verletzen der sich selbst auferlegten Verbote ist damit mitnichten ein Rückfall in einen animalischen, chaotischen Naturzustand. Der Mensch verletzt die Gebote und er weiß, dass er sie verletzt – dieser Umstand mag es ja gerade sein, der die Transgression gleichzeitig attraktiv und gefährlich macht: »Es ist die menschliche Welt, die, in der Negation des Tierischen oder der Natur geformt, sich selbst negiert und in dieser zweiten Negation über sich selbst hinausgeht, ohne jedoch wieder zu dem zurückzukehren, was sie ursprünglich negiert hatte« (Bataille 1986: 81 f., hervorhebung im Original). Auf die Übertretung des Verbotes folgt entweder – wenn diese beispielsweise beim Fest kollektiv organisiert wird – die Rückkehr in den ruhigen Fluss des Alltags oder aber die Sanktion des Regelbruchs befriedet die kollektiv aufgewühlten Emotionen (vgl. Kapitel 7). Für Bataille bildet die Übertretung jedoch nicht nur die logisch zwingende Kehrseite der sozialen Ordnung, sondern sie besitzt eine zutiefst existentialistische Qualität. Als ›diskontinuierliche‹ Lebewesen entfremden wir uns aufgrund des Todesbewusstseins von der Welt und von unseren Mitmenschen. Das eigene Leben und das der Anderen ist endlich, diskontinuierlich, wohingegen wir uns den Tod als unendlich und damit kontinuierlich denken. In ähnlicher Weise wie bei Freuds Todestrieb gibt es auch bei Bataille eine tiefe Sehnsucht des Menschen »nach der verlorenen Kontinuität« (Bataille 1986: 14), nach Einheit mit der Welt. Die 15 Der Exzess der Gewalt gleicht einem flow-Erlebnis, jenem Prozess des »einheitlichen ›Fließen[s]‹ von einem Augenblick zum nächsten« (Csikszentmihalyi 1985: 58), in der handlung und Bewusstsein zusammenfallen. 16 Sloterdijk kommt es in seinem Buch Zorn und Zeit nicht darauf an, eine Trennung zwischen ›Zorn‹ und ›Wut‹ einzuführen, weshalb er an dieser Stelle den Begriff ›Zorn‹ verwendet, obwohl er eigentlich einen Wütenden beschreibt. 17 Zur Bedeutung von Georges Bataille für die Gewaltsoziologie vgl. Michael Riekenberg (2012) und auch Giesen et al. (2012) . TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 118 Erfahrbarkeit dieser Kontinuität ist für Bataille in der Erotik, im Tod und in der Gewaltsamkeit möglich. Er vertritt die These, »daß uns nur die Gewalttätigkeit, eine unsinnige Gewalttätigkeit, wenn sie die Grenzen der auf Vernünftigkeit reduzierbaren Welt durchbricht, die Kontinuität aufschließt!« (Bataille 1986: 137). Der unüberwindliche Graben zwischen ›homogener‹ und ›heterogener‹ Welt – die die Gesellschaft als ›verfemten Teil‹ ausschließt –, verläuft nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern auch im Individuum selbst. Für Bataille ist das Individuum keine wesenhafte Einheit, sondern es ist hin- und hergerissen zwischen der Welt der Vernunft, seiner sich selbst auferlegten Regeln und deren Überschreitung. ›Souveränität‹ bei Bataille heißt demnach, dieses Andere nicht zu verdrängen, sondern anzuerkennen. Souveränität ist triumphierende Subjektivität über die Welt und maximale Selbst-Entgrenzung: »Souveränität kommt allein demjenigen zu, der prinzipiell alles negiert, was die Autonomie seiner Entscheidungen einschränkt« (Bataille 1978: 48). Im Gewaltexzess gerät der Täter in einen »Rausch der Selbststeigerung« (Giesen 2010: 132) und die Todesverachtung rückt den souveränen Menschen in die Nähe von göttlichen helden (vgl. Giesen 2004b). In seinen Ausführungen zu Spiel und Ernst (2001) verknüpft Bataille seine Vorstellung von Souveränität mit Johan huizingas Theorie des Homo Ludens (huizinga 1987).18 Im Spiel entdeckt Bataille eine Sphäre des heterogenen, in der sich Menschen der unproduktiven Verausgabung hingeben und die zweckrationale, vernünftige Welt des homogenen hinter sich lassen können. In unserer modernen Gesellschaft wird das Spiel jedoch als lächerliches und zahmes Anhängsel der Arbeit herabgewürdigt. Im Gegensatz dazu wird das ›wahre‹ oder ›starke‹ Spiel, in dem der Spieler »sein Leben aufs Spiel setzt« und so »die Frage von Leben und Tod stellt« (Bataille 2001: 318, hervorhebung im Original), entweder tabuisiert oder – wie im Falle von Extremsportarten wie Free Climbing – nur von ›Verrückten‹, endorphinsüchtigen Einzelnen oder Subkulturen praktiziert. Als ein zutiefst sakrales und damit ambivalentes Moment steht das ›wahre‹ Spiel immer schon in Verbindung mit den dämonischen Kräften der Gesellschaft. Es überschreitet die Verbote des Alltags, es fordert eine »Entfesselung von Gewalt […], es erschreckt und reißt nur zum Entsetzen hin« (Bataille 2001: 325). Überträgt man diese These auf den Amokläufer, so kann man sagen, dass dieser mit seiner Gewalt und Todesbereitschaft einer ›Gesellschaft der schwachen Spiele‹ ein archaisches, ›starkes Spiel‹ zurückbringt, das sie längst bezähmt zu haben glaubte. In der Rekapitulation von Batailles Theorie der Überschreitung ist festzustellen, dass jede Entgrenzung ihr notwendiges, positives Komplement 18 Zum Phänomen des Spiels aus soziologischer Perspektive vgl. auch (Gerster 2013). GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 119 braucht, damit man überhaupt von Entgrenzung und Exzess sprechen kann. Allein im letztmöglichen Akt der Souveränität, dem eigenen Tod, scheint die totale, nicht wiederherstellbare Entgrenzung möglich, nur um sich im gleichen Augenblick mit dem Tod des Bewusstseins des souveränen Menschen auch schon wieder aufzulösen. Dennoch sieht auch Bataille das Problem einer drohenden »endlosen Übertretung« gegeben, »denn es ist schwieriger, einen einmal entfesselten Sturm einzudämmen« (Bataille 1986: 61). Auch wenn sich die endlose Übertretung bei Bataille mehr auf kollektive Rituale bezieht, in denen »das Gesetz ohnmächtig wurde« (Bataille 1978: 61), so ist mit diesen Überlegungen dem Phänomen der idiosynkratischen Ent-Grenzung von Gewalt, wie sie sich im Amoklauf offenbart, näherzukommen. Unterstützung für dieses Argument lässt sich in Foucaults Text Zum Begriff der Übertretung (1974) finden. Auch für Foucault ist das Verhältnis von Übertretung und Verbot ein komplementäres, denn er fragt sich, ob »sich die Übertretung in dieser Bewegung reiner Gewalt überhaupt auf etwas anderes hin entfesseln [kann] als auf das sie Fesselnde, auf diese Grenze und das, was sie umgrenzt?« (Foucault 1974: 74). Die Grenzüberschreitung, die die Grenze respektiert und hervorhebt, ist die »sonnige Kehrseite der satanischen Verneinung« (Foucault 1974: 76). hier wird der Einzugsbereich dessen, was unter dem Problem des ›Bösen‹ verhandelt wird, erreicht.19 In diesem Sinne ist das ›Böse‹ eben keine einfache Grenzüberschreitung, sondern ein Akt, der die Grenze selbst in Frage stellt und der eine Rückkehr zu einem Zustand diesseits der Grenze unmöglich macht. In ihrem Buch Das Böse denken (2006) schreibt die Philosophin Susan Neiman: »Das Böse ist nicht bloß das Gegenteil, sondern auch der Feind des Guten. Das wahrhaft Böse strebt danach, moralische Unterscheidungen selbst auszulöschen« (Neiman 2006: 420). Man kann kritisch fragen, ob eine theoretische Auseinandersetzung mit dem ›Bösen‹ überhaupt weiterführend ist, da es sich eigentlich um eine theologische Kategorie handelt. Gleichwohl verweisen Menschen in ihren Erzählungen auf ein ›Böses‹, was es als empirische Kategorie für den Soziologen durchaus wieder interessant macht. Es geht dann weniger darum, was sich tatsächlich hinter dieser Chiffre verbirgt, also ob es ›das Böse‹ wirklich gibt, sondern darum, den »myth of pure evil« (Baumeister 2001: 60–96) als sozial äußerst wirkmächtigen Mechanismus ernst zu nehmen. Nach Roy F. Baumeister zeichnet sich der Mythos vom »reinen Bösen« vor allem dadurch aus, dass die Opfer als unschuldig und gut erscheinen, während die Täter, die zur Gewalt aus reiner Lust am 19 Für eine kultursoziologische Perspektive auf das Böse vgl. (Alexander 2003; Gerster 2014). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 120 Leiden anderer greifen,20 die Kehrseite der Ordnung darstellen und au- ßerhalb der Gesellschaft verortet werden (Baumeister 2001: 72 ff.). Das Böse realisiert sich, so Jörn Ahrens, als »Gestalt annehmende Negation der Bedingungslagen gesellschaftlicher Ordnung« (Ahrens 2012: 159). Vom Bösen wird meistens dann gesprochen, »wenn handlungsweisen im Raum der Gesellschaft erscheinen, die von jenem sozial-normativen, ethisch-moralischen Kontext radikal abgekoppelt erscheinen« (Ahrens 2012: 158). Die hauptfunktion der Erzählung vom Bösen liegt für Baumeister deshalb auch in der Selbstvergewisserung der Gesellschaft: »The Myth encourages people to believe that they are good and will remain good no matter what, even if they perpetrate severe harm on their opponents. Thus, the myth of pure evil confers a kind of moral immunity on people who believe in it« (Baumeister 2001: 95 f.). Baumeister weist hier zurecht darauf hin, dass das ›Böse‹ immer auch eine Frage der Perspektive ist und die Gefahr besteht, dass diejenigen, die im Namen des ›Guten› das vermeintlich und aus ihrer Sicht ›Böse‹ bekämpfen, aus einer dritten Perspektive doch nicht so gut und unschuldig sind, wie sie angeben. 6.2.3 Exkurs: Achilles und Aias als literarische Furorsubjekte Literarisch sind es unter anderem21 Achilles und Aias, die als ›Furorsubjekte‹ berühmt geworden sind. Achilles’ Zorn, der bereits im ersten Vers des ersten Gesanges der Ilias besungen und angekündigt wird, gründet allerdings weniger auf der Wiederherstellung seiner eigenen Ehre, als vielmehr auf der Rächung seines Freundes Patroklos, der durch die hand hektors stirbt. Erst nach dessen Tod greift Achilles überhaupt erst in den Kampf ein, er wütet wie ein Berserker und bringt ›zehntausend Schmerzen über die Achaier‹: 20 Reemtsma spricht in diesem Zusammenhang von einem »autotelischen Bias« und meint damit, dass Opfer der Gewalt oft dazu neigen, die Gewalt als grausam und sinnlos und den Täter als sadistisch und pervers wahrzunehmen (Reemtsma 2008: 129 ff.). 21 Ein weiteres, prominentes Beispiel ist Michael Kohlhaas. In heinrich von Kleists Erzählung (2008) zieht der Pferdehändler Kohlhaas in einen Krieg gegen die Obrigkeit. Ausgangspunkt ist die Misshandlung seiner Pferde, die er als Pfand auf dem Rittergut des Junkers Wenzel von Tronka zurücklässt. Nachdem seine Klagen abgewiesen werden, nimmt Kohlhaas das Recht in die eigene hand und beginnt seinen zerstörerischen Rachefeldzug durch das Land. Am Ende wird Kohlhaas wegen Bruch des Landfriedens hingerichtet. Die Tragik des eigentlich rechtschaffenden Pferdehändlers wird bereits auf im ersten Absatz der Erzählung beschrieben: »[D] ie Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder« (von Kleist 2008: 7). GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 121 »Und wie ein heftig brennendes Feuer durchrast die tiefen Schluchten Des ausgedörrten Gebirges, und es brennt das tiefe Gehölz, Und überall treibt vor sich her der wirbelnde Wind die Flamme: So wütete er überall mit der Lanze, einem Daimon gleichend, Ihnen nachsetzend und sie tötend, und es floß von Blut die schwarze Erde.« (homer 2007: Gesang XX, Vers 490–494) Doch Achilles’ Zorn versiegt nicht. Selbst als er hektor erschlagen hat ignoriert er die Totenrituale und verwehrt zunächst seine Bestattung und schleift den Leichnam tagelang um Patroklos’ Grab: »So mißhandelte dieser den göttlichen hektor im Zorn.« (homer 2007: Gesang XIV, Vers 22). Bemüht man Aurel Kolnais Phänomenologie feindlicher Gefühle, so ließe sich Achilles’ Antrieb auch mit Hass umschreiben, der auch über den Tod des verhassten Subjektes hinaus andauern kann und der frei von jedweder teleologischen Komponente sich mit einer »Atmosphäre ›absoluter‹ Vernichtung« umgibt (Kolnai 2007: 108). Erst als sogar die Götter Achilles’ Grausamkeit nicht weiter hinnehmen können, gibt er hektor zur Bestattung frei. Die Geschichte des Aias, des größten helden der Griechen nach Achilles und ersten literarischen Amokläufers (vgl. Takeda 2010), ist besonders tragisch. Nach dem Krieg um Troja und Achilles’ Tod steht für Aias fest: er ist der rechtmäßige Erbe der Waffen des berühmten Achilles. Ihm, der so tapfer an dessen Seite gekämpft und die Befreiung des Leichnams des Patroklos erst möglich gemacht hat, gebühren Ruhm und Ehre: »Doch das glaub ich zu wissen: wenn Achilleus, Als er noch lebte, seiner Waffen wegen Einem der Preis der Bestheit hätte zuerteilt – Kein andrer hätte sie erlangt als ich! Nun aber haben sich die beiden Atreussöhne Dem Mann von schurkischer Gesinnung, dem Odysseus, Zugewandt und verworfen dieses Mannes – zeigt auf sich – bessere Kraft!« (Sophokles 1994: Vers 441–448) Stattdessen reißt der listige Odysseus die Waffen an sich, worauf Aias im Zorn ein Attentat auf Odysseus und seine Gefährten plant. Athene durchkreuzt jedoch seinen Rachefeldzug. Sie trübt seine Wahrnehmung, »ihm wildverworrene Bilder vor die Augen werfend« (Sophokles 1994: Vers 52), sodass sich sein Zorn auf eine herde Vieh ergießt, die er nicht nur im Wahn mordet und buchstäblich ein Blutbad anrichtet, sondern die er auch noch foltert. Er glaubt Odysseus an einen Pfahl gebunden und hat vor, diesen nach langem Auspeitschen zu töten: »So, daß sie nie dem Aias mehr die Ehre rauben!« (Sophokles 1994: Vers 98). Währenddessen betrachten Odysseus und Athene das schaurige Schauspiel des TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 122 armen Aias. »Was brauchte er so sinnlos seine hand?« wundert sich Odysseus und die Göttin Athene erklärt: »Vom Zorn beschwert der Waffen des Achilleus wegen« (Sophokles 1994: Vers 40 f.). Als Aias schließlich von der Täuschung und seinen Gräueltaten erfährt, erkennt er, dass er nicht nur seine verlorene Ehre nicht wieder hat herstellen können, sondern dass er sich nun auch noch mit Schuld und Scham beladen hat. Der ersten, menschlichen Kränkung durch Odysseus, wird eine noch schwerwiegendere, auf die göttliche Macht der Athene zurückgehende Schmähung hinzugefügt, der Aias hilflos ausgeliefert ist: »Athene hat den Vergelter in einen Amokläufer verwandelt und ihn zum Gespött der Öffentlichkeit gemacht« (Takeda 2010: 102). Aias ist verzweifelt: »Und nun, was soll ich tun? Wo ich den Göttern | Verhaßt bin offenbar, und es verabscheut | Das heer mich der hellenen, und es haßt | Ganz Troja mich und hier dieses Gefild!« (Sophokles 1994: Vers 456–459). Die letzte ›Erprobung‹, die ihm noch bleibt, um sein Gesicht zu wahren, ist der Sturz in das Schwert: »Aias’ eigenhändig herbeigeführter Tod ist die einzig wirksame Waffe gegen den von Athene eingeleiteten Plan. Aias stellt seine Willenskraft auf eine [Probe], wie er es selbst nennt: Er will seinem Schicksal nicht nachgeben, sondern ihm die Stirn bieten« (Takeda 2010: 107) – »Nein, würdig leben oder würdig sterben | Geziemt dem rechten Manne« (Sophokles 1994: Vers 479 f.). 6.2.4 Beziehungslosigkeit, Gewaltsubjekt und die Gewalt des Symbolischen In hinblick auf die Beziehung zwischen Täter und Opfer erscheinen uns vor allem diejenigen Gewalttaten als vollständig rätselhaft, die sich weder auf die Emotionalität einer persönlichen Beziehungsgeschichte noch auf rationale Gründe zurückführen lassen und die sich gegen anonyme Opfer richten. Beispiele hierfür sind nicht nur Amokläufe, sondern auch Berichte von grundlos zusammengeschlagenen Personen an Bahnsteigen oder auf öffentlichen Plätzen. Die Anonymität der Gewaltbeziehung ist deshalb skandalös und beunruhigend, weil sowohl Täter als auch Opfer austauschbar und damit Prävention und Vorsorge schwierig werden: »Diese Verunsicherung und Ohnmacht des unbeteiligten Publikums wird mit starken Gefühlen bewältigt. Wir werden von einer unbestimmten Wut ergriffen, die sich Objekte sucht, wir verlangen harte Bestrafung, schärfere Gesetze, besseren Schutz und neigen dazu, Verdächtige sofort für Schuldige zu halten«. (Giesen 2010: 132) Diese Gewalt hat – wie terroristische Anschläge – einen besonders starken performativen Charakter, da das Publikum nicht nur die direkt Betroffenen umfasst, sondern auf eine gesamte Medienöffentlichkeit GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 123 ausgeweitet wird. Derartige Gewaltereignisse sind in einem doppelten Sinne ›symbolisch‹. Erstens bezieht sich die Symbolhaftigkeit auf den Ort und die Zeit. Dies wird am Beispiel der Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon im Jahre 2001 unmittelbar evident – der Angriff galt eben nicht ›nur‹ unschuldigen Zivilisten, um dadurch Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern dem wirtschaftlichen und militärischen Zentrum der Vereinigten Staaten oder sogar der gesamten westlichen Welt, wie es in der Berichterstattung hieß. Für unser Anliegen genauso interessant ist eine Lesart der ›symbolischen Gewalt‹ – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Konzept von Bourdieu (1973) – nach Jean Baudrillard. Mit seinen Überlegungen, die er in Der symbolische Tausch und der Tod (2011) formuliert hat, lässt sich ein Teil der hilflosigkeit unserer Gesellschaft im Umgang mit ›sinnloser Gewalt‹ verstehen. Nach Baudrillards Analyse leben wir in einer Gesellschaft, die den Tod ins Imaginäre verdrängt, die Toten und die Alternden ausschließt und mit Tabus belegt. Lässt sich beispielsweise der archaische Amok noch als Ritual und damit als symbolischer Tausch begreifen (vgl. Kapitel 3), erscheint er in unserer Gesellschaft als gefährliche Gabe, auf die unser System nicht mehr zu antworten vermag. Amokläufer, Terroristen und Selbstmörder schleudern dem System ihren Tod entgegen, der sich jeder Verhandelbarkeit und der Logik der Vernunft entzieht. Den Attentäter zu töten stellt das ›Gleichgewicht‹ des Systems nicht wieder her, weil der Tod des Attentäters gerade sein ›Einsatz‹ war und schon ›gegeben‹ wurde. Da sich das System nicht vollends gegen das Prinzip des Symbolischen immunisieren kann, macht es sich genau dort angreifbar: »Die Polizei, die Armee, sämtliche Institutionen und die ganze Gewaltmobilisierung der Macht vermögen nichts gegen den winzigen, aber symbolischen Tod eines einzelnen oder einiger weniger. Denn dieser zieht sie auf eine Ebene, auf der für sie keine Antwort mehr möglich ist« (Baudrillard 2011: 81). Mit dem Tod des Amokläufers wie mit jedem souverän gegebenen Tod »fällt die symbolische Schuld unweigerlich auf das System selbst zurück: Aus der Gegengabe wird […] eine Gabe, die ihrerseits erwidert werden muss. Das System, so die Folgerung, muss seinen eigenen Tod geben, will es der symbolischen Verpflichtung nachkommen« (Strehle 2012: 83). Während in einfachen Gesellschaften noch all jene Situationen als gefährlich galten, in denen der symbolische Tausch misslang – beispielsweise bei Initiation, hochzeit oder Begräbnis –, so gilt umgekehrt in einer vom ›Realitätsprinzip‹ dominierten Gesellschaft jede symbolische Gabe als gefährlich. Als letzten Beitrag zur Problematik der entgrenzten Gewalt sollen die Überlegungen des französischen Soziologen Michel Wieviorka näher betrachtet werden. Dieser entwirft in seinem Buch Die Gewalt (2006) eine Typologie der Täter und vertritt eine subjektzentrierte Gewalttheorie, die – neben historischen Analysen im ersten Abschnitt des Buches – die TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 124 Protagonisten der Gewalt selbst in den Blick nimmt und beansprucht, im Gegensatz zu den klassischen Gewalttheorien, »die Subjektivierungsund Entsubjektivierungsprozesse mit einzubeziehen« (Wieviorka 2006: 112, hervorhebung im Original). Gewalt wird hier als Ressource beziehungsweise als Strategie verstanden, mittels derer ein Subjekt versucht, sich selbst zu konstruieren. Den ersten Tätertypus bildet das »frei flottierende Subjekt«, das – den postmodernen Termini folgend – insofern von einem Sinnverlust bedroht ist, als es sich mit kontingenten Lebensentwürfen konfrontiert sieht: mit Orientierungslosigkeit, sich auflösenden Bezugssystemen, Ungerechtigkeit oder Stigmatisierungen. Dieser Sinnverlust wird zu einem Vakuum, das unter anderem durch Gewalt gefüllt werden kann, durch Solidarisierung mit Gleichgesinnten, um der Entsubjektivierung, dem Gefühl, sich nicht ernst genommen zu fühlen, entgegenzuwirken (Wieviorka 2006: 188). Eine Möglichkeit, seiner Unzufriedenheit und Orientierungslosigkeit Ausdruck zu verleihen, ist der Griff zu (selbst-) zerstörerischer Gewalt, die von keinen konkreten ideologischen Zielsetzungen begleitet wird. Ein Beispiel hierfür wären Vandalismus und Bandenkriminalität als Form von ›expressiver Gewalt‹, wie sie François Dubet anhand der Jugendgewalt in den französischen Vorstädten beschrieben hat (vgl. Dubet 1997).22 Der zweite Typus, das »hypersubjekt«, fühlt sich anders als das frei flottierende Subjekt nicht von Sinnverlust oder Ohnmacht bedroht, vielmehr wird ein Sinnüberschuss, eine »Überfülle an Sinn in handlung umgesetzt« (Wieviorka 2006: 128 f.). Märtyrer, Glaubenskrieger oder (Selbstmord-) Attentäter werden von religiösen oder politischen Ideologien und Werten geleitet, die sie als Subjekte vollständig in Anspruch nehmen und definieren. Als charismatische (Anti-) helden stilisiert, heben sie dank ihrer »triumphant subjectivity« (Giesen 2004b: 17 f.) die geordnete Welt des Alltags aus ihren Angeln und kämpfen je nach Beobachterperspektive für Freiheit und Unabhängigkeit oder gegen das legitime politische System. Das »Nicht-Subjekt« zeichnet sich weder durch Sinnverlust noch durch Sinnüberschuss, sondern vielmehr dadurch aus, dass es als ›Rädchen im Getriebe‹ Gewalt als ›sinnvolle‹ handlung eines anderen, als bloßen Auftrag sozusagen prozessiert. Die Gewalt wird nicht zum Füllen 22 Zu einem ähnlichen Schluss kommt Zygmunt Bauman, wenn er eine Verbindung zu neotribalistisch postulierten Gemeinschaften herstellt: »Je lauter man schreit, desto eher wird man wahrgenommen, um so gewisser ist also die eigene Existenz. […] In der schockierenden Macht des Schocks läßt sich daher eine Steigerungstendenz feststellen, wobei die besondere Findigkeit und Bosheit, Grundlosigkeit und Sinnlosigkeit gewalttätiger handlungen geradewegs als beste Strategie gilt« (Bauman 1996: 59 f.). Freilich müsste man hier kritisch einwenden, ob es sich nicht um ein Paradox handelt, von ›Sinnlosigkeit‹ als einer Strategie zu sprechen. GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 125 eines Vakuums oder als Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Subjektivität benutzt, sie entspricht der handlung eines auf seine Rolle reduzierten, von seiner (persönlichen) Subjektivität befreiten Individuums (vgl. Wieviorka 2006: 191). Probleme der Verantwortungszuschreibung treten hier auf, denn wenn die handlung eines Nicht-Subjektes sich durch die »Abwesenheit, also einem ›Nicht-Sinn‹« (Wieviorka 2006: 131) auszeichnet, führt dies zur einer Entschuldung des Täters. Wie bei dem weiter oben kritisch betrachteten Begriff der ›habituellen Gewalt‹ bleibt auch hier fraglich, inwieweit ein Individuum »ohne jeden Bezug zu [seiner] persönlichen Subjektivität« (Wieviorka 2006: 191) Gewalt ausüben kann und ob die Passivität der Gehorsamkeit nicht nur nach außen hin als eine Exkulpationsstrategie missbraucht wird, indem man sich beispielsweise auf den ›Befehlsnotstand‹ beruft. Auch das »Antisubjekt« entwirft sich selbst nicht als politischen Akteur oder versucht, sich durch seinen Gewaltakt Ausdruck zu verschaffen. Willkür, Grausamkeit und Gewalt als Selbstzweck zeichnen hier das Bild einer gesellschaftlich und kulturell ›unbestimmten‹ Gewalt, die sich nicht an sozialen Beziehungen, Ideologien oder kollektiven Zielen orientiert (vgl. Wieviorka 2006: 192). Wie Reemtsma, der die autotelische Gewalt durch die Abwesenheit eines symmetrischen Komplements charakterisiert, beschreibt Wieviorka die Gewalt des Antisubjekts als rein »destruktiv, niemals konstruktiv«, es spricht »seinen Opfern die elementarsten Rechte ab, es entsubjektiviert sie« (Wieviorka 2006: 193). Wieviorka gesteht zu, dass diese Phänomene der Gewalt sehr selten sind. Dennoch bildet für ihn die Gewalt des Antisubjekts eine rohe, ›reine‹ Form von Gewalt, sie ist »deren tiefster, da reinster und radikalster Kern« und möglicherweise »definiert sie Gewalt sogar sehr viel mehr und viel besser als jede andere Dimension« (Wieviorka 2006: 148). Das »überlebende Subjekt« schließlich wird von Wieviorka nur marginal behandelt. Seine fundamentale Gewalt sichert »als ›ursprünglicher Lebensnarzissmus‹ […] das Überleben des Selbst und erlaubt demjenigen, der zu ihr greift, seine eigene haut zu retten« (Wieviorka 2006: 196). 6.3 Eingrenzung: Sanktion, Narration und Performanz Bevor die vorangestellten Überlegungen mit der ausgehenden Frage nach der Gewalt des Amok verknüpft werden, soll die Triade der Grenzmechanismen in Bezug auf Gewalt vervollständigt und kurz über die Möglichkeit der ›Eingrenzung‹ von Gewalt gesprochen werden. Teilweise wurden beziehungsweise werden die Argumente in den anderen Theoriekapiteln ausgeführt und an entsprechender Stelle soll ein Verweis TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 126 genügen. Es gibt vor allem drei elementare Strategien der Eingrenzung von Gewalt: Sanktionierung, Narration und Performanzen. Die Sanktionierung der Gewalttat durch das Kollektiv wirkt identitäts- und solidaritätsstiftend, die Gemeinschaft versichert sich durch die Ablehnung eines Verbrechens ihrer selbst (vgl. Kapitel 7). Die Gewalt wird, indem sie kollektiv verurteilt und im Namen der Gesellschaft bestraft wird, in das soziale Gefüge fest verankert beziehungsweise zurückgeholt. Entscheidend ist dabei, dass es einen oder mehrere Schuldige gibt, die den öffentlichen Zorn auf sich ziehen und bändigen können. Ob dies der Gewalttäter selbst ist, seine Familie oder versagende Staatsorgane spielt nicht die entscheidende Rolle. Eine weitere Möglichkeit der Eingrenzung von Gewalt bildet ihre Einbettung in eine plausible Erzählung (vgl. Kapitel 5). Sind Täter und Opfer (vielleicht auch helden) identifiziert, Zusammenhänge hergestellt und Motive und Ursachen erläutert, verliert die Gewalt an Schrecklichkeit. Sie wird in einen Verweisungszusammenhang mit anderen Taten gestellt, sie wird typisiert und ist damit vergleichbar. Genauso wie die juristisch eindeutige Beantwortung der ›Schuldfrage‹ aus soziologischer Sicht nicht das Entscheidende ist, so gilt dies auch für die Erzählung und den öffentlichen Diskurs. Kathartisch für die Gesellschaft wirkt, dass über das Ereignis gesprochen wird, es erzählbar wird und dadurch angeeignet werden kann, die Erzählungen selbst können variieren. So kann die Gewalttat beispielsweise domestiziert und gezähmt werden, indem einfache Gründe und Motive gefunden werden, die von gewöhnlichen Menschen zeugen und die den Gewalttäter als ›einen von uns‹ erscheinen lassen. Dies ist einerseits beruhigend, weil dann Pädagogisierungsmaßnahmen greifen, andererseits beunruhigend, weil jeder ›normale‹ Mensch zum Täter werden kann. Die andere Möglichkeit besteht in der Dämonisierung des Täters. Die integrative Kraft der Erzählung kommt hier allerdings mehr durch Ausgrenzung der Gewalt und des Täters – als bestialisch, barbarisch, unmenschlich – zustande, anstatt durch ihre Eingrenzung. Die Dämonisierung ist einerseits beruhigend, weil der Täter ›keiner von uns‹ ist und daher die eigene Identität, die Werte und Moralvorstellungen nicht hinterfragt werden müssen, andererseits ist sie beunruhigend, weil Präventions- und Vorsorgestrategien weitgehend ausgeschlossen sind. Schließlich leisten Performanzen von Politikern, Betroffenen, Opfern, Aktionsbündnissen oder spontanen Demonstranten einen Beitrag zur Eingrenzung der Gewalt. Gerade performativer Gewalt, wie sie sich idealtypisch im Amok und im Terror darstellt, muss selbst mit der integrativen Kraft von Ritualen der Solidarität begegnet werden. Oftmals stellen Performanzen die (zunächst) einzige Möglichkeit dar, solange sich das Ereignis noch der Erzählbarkeit entzieht und es entweder (noch) keine Schuldigen gibt oder diese nicht (mehr) bestraft werden können. GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 127 6.4 Zusammenfassung Im Verlauf des Kapitels wurde gezeigt, dass nicht jede Form der Gewalt in gleicher Weise problematisch ist. Auch wenn Gewalt laut Definition immer schon etwas Außerordentliches ist, das den ruhigen Fluss des Alltags unterbricht, so lassen sich die meisten Gewaltereignisse relativ problemlos integrieren und kommunikativ anschließen. Obschon wir erwarten, im Alltag nicht Opfer von Gewalt zu werden, ist uns die Erfahrung von Gewalt – etwa durch die Medienberichterstattung oder durch den Konsum fiktionaler Inhalte – keineswegs fremd. Wir sind mit einer Vielzahl von möglichen Motiven und Ursachen vertraut und können die meisten Gewaltereignisse ›verstehen‹, selbst wenn wir sie als unmoralisch ablehnen. Es gibt allerdings auch Gewaltereignisse, die mit dieser ›normalen‹ Gewalt nichts mehr gemein haben und die die Bewältigungskräfte der Gesellschaft massiv herausfordern. Die Frage nach der Sinnlosigkeit oder Sinnhaftigkeit bleibt auch nach den bisherigen Ausführungen schwierig und es muss, bevor man zu einer befriedigenden Lösung gelangt, differenziert werden, worauf sich die Eigenschaft ›sinnlos‹ hinsichtlich der Gewalt des Amok bezieht. Entscheidend hierfür ist zunächst, welche Perspektive eingenommen wird. Aus der Sicht der Opfer erscheint die Tat beispiellos, grausam und das Leiden als sinnlos. Gewisse Motive wie Groll auf die Ungerechtigkeit der Welt, die Klassenkameraden, die Lehrer und Eltern erscheinen zwar noch als verständlich, doch die daraus abgeleiteten handlungsziele erscheinen als maßlos übertrieben und in Bezug auf das vermeintlich erlittene Unrecht des Täters keineswegs angemessen und zu rechtfertigen. Was den Amoklauf als ein so bedrohliches und monströses Ereignis erscheinen lässt, ist dabei nicht das Moment der Rachenahme per se – von prügelnden Schuljungen, eifersüchtigen Ehemännern und in Gewaltspiralen gefangenen Nationen kann man tagtäglich in der Zeitung lesen. Es ist vielmehr die als unangemessen empfundene Überreaktion eines vermeintlich gekränkten Täters – der sich ja auch offiziell hätte beschweren oder das Ganze mehr mit humor nehmen können – und die doch insgesamt wenig zielgerichtete, diffuse Rache, die sich in einer Art »beliebigen Feindschaft« niederschlägt: »Er kommt aus dem Unauffälligen; er folgt dem Gesetz der Serie23; seine Wahl ist beliebig und seine Wahllosigkeit exakt« (Vogl 2003a: 223). Die Chiffre ›Sinnlosigkeit‹ ist dann 23 Was den Amokläufer jedoch vom Serienkiller unterscheidet, dessen Opfer sicherlich auch beliebig sein können und nur dazu dienen, sein Mordbedürfnis zu befriedigen, ist seine Weigerung, in einen geordneten Alltag zurückzukehren. Mit der Tat setzt der Amokläufer seinem Leben einen infernalen Schlussakkord. Er richtet sich am Ende selbst oder provoziert seine Erschießung durch die Einsatzkommandos. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 128 als Verurteilung und herabwürdigung einer Gewalttat zu verstehen, die man aus moralischen Gründen nicht nachvollziehen kann und deren ›Begründung‹ durch den Täter nicht als legitim definiert wird. Auf einer etwas wertfreieren Ebene sind wir aber durchaus in der Lage, kognitiv zu ›verstehen‹, was passiert ist, dass nämlich ein Mensch möglichst viele andere Menschen töten wollte. Im Vokabular handlungstheoretischer Modelle könnte man sagen, wir verstehen die Mittel, jedoch nicht die Ziele (Weber); wir verstehen die Um-zu-, jedoch nicht die Weil-Motive (Schütz). Da eine Anerkennung eines ›Motivs‹ zum sinnlosen Töten aus moralischen Gründen nicht möglich ist, verbannen wir es in den Bereich des Absurden und Pathologischen. Aus der Perspektive des Täters dagegen ist die Tat keineswegs sinnlos. Im Töten und der eigenen Todesverachtung stecken Momente der Souveränität und der Selbstüberhöhung – auch wenn die Gesellschaft diesen Umstand gerne als ›verfemten Teil‹ (Bataille) auszuschließen versucht. Der Täter wird zum negativen ›helden‹, über den gesprochen, der gefürchtet, vielleicht auch bewundert wird. So mag der ›Sinn‹ eines Amoklaufs zum einen darin liegen, eine größtmögliche Anzahl von Menschen zu töten und dabei selbst zu sterben, zum anderen aber auch darin, selbst zum Gegenstand öffentlicher Diskurse zu werden, um dadurch ›Anerkennung‹ zu gewinnen. Der Amoklauf ist in ähnlicher Weise wie der terroristische Anschlag eine theatralische Darbietung für ein Publikum. Genauer gesagt gibt es zwei Publika, von denen das erste, das im direkten Umfeld der Tat entsteht, direkt in Opfer verwandelt wird: Alle sich in Reichweite des Täters befindlichen Personen sind gefährdet. Das andere Publikum ist die schockierte Medienöffentlichkeit, die in der Beunruhigung zurückbleibt, dass jeder hätte getroffen werden können. Die Gewalt des Amok ist performativ. Der Täter wählt einen öffentlichen Ort, in vielen Fällen eine Schule, und einen offenen, keinen heimlichen Modus des Tötens. Er selbst will im Augenblick der Tat zugegen sein und nicht hinterhältig und unerkannt Bomben legen. Jede Gewalt hat einen kommunikativen Aspekt und dieser wird in dreierlei hinsicht deutlich. Erstens evoziert das Gewaltereignis selbst Diskurse und Erzählungen über die Tat, den Täter und die Opfer, über Schuld und Unschuld, Prävention und Vorsorge. Zweitens gibt die Gewalt nach Reemtsma »auch eine Auskunft über den Täter und sagt, wer er ist und wer er sein will« (Reemtsma 2008: 107) und – dies wäre ein dritter kommunikativer Aspekt – sie gibt auch Aufschluss über das Selbstbild einer Gesellschaft, wie sie ist, wie sie sein möchte und wie sie mit derartigen Gewaltereignissen umgeht. Neben den unterschiedlichen Perspektiven von Täter, Opfer und Publikum kann die Gewalt des Amok selbst noch aus einer phänomenologischen Perspektive näher betrachtet werden. Diese stellt sich als eine GEWALT, GEFÜhL UND TRANSGRESSION 129 Zwischenlage dar. Sie changiert zwischen den Emotionen Wut24 und Zorn – zwischen maßlosem, blindem Exzess und ›vernünftiger‹ Planung. So kann die Wahl des Ortes bei einem School Shooting nur schwer als willkürlich bezeichnet werden und auch die Beschaffung von Waffen und Kleidung braucht langen Vorlauf, sodass die Tat auch nicht allein als affektiver Kurzschluss auftritt. Abschiedsbriefe oder Ankündigungen im Internet zeigen sehr wohl, dass sich die Täter über ihre Tat im Klaren sind und genau wissen, was sie vorhaben. Andererseits bleibt es weitgehend dem Zufall überlassen, wen die Gewalt tatsächlich erreicht und Versuche, bestimmte Muster zu erkennen, laufen oftmals ins Leere. Die Gutachten im Fall Winnenden zeigen dies und belegen, dass Tim Kretschmer wahllos getötet hat. Dass diese Amokläufe in der einschlägigen Literatur oft als ›zielgerichtete Gewalt an Schulen‹ bezeichnet werden, verwundert daher und ist nur zum Teil richtig. Es handelt sich beim Amok also um einen paradox anmutenden Fall von einem geplanten Exzess. ›Sinnlosigkeit‹ in dieser Lesart wäre dann die negative Bewertung einer selbstreferentiellen Gewalt, die deswegen ›grundlos‹ ist, weil sie keine weiteren Begründungen außerhalb ihrer selbst sucht. Jede Form des autotelischen handelns, beispielsweise auch das Spiel, kann dann als eigentlich ›sinnlose handlung‹ beschrieben werden. Während das Spiel der Kinder aber gewissermaßen als ›heilig‹ gilt, finden wir bei der sich selbst genügenden Gewalt das dämonische Pendant. 24 Amok ist eine besondere Form des Wutausbruchs, die sich wiederum bereits im Begriff selbst abzeichnet. So vermischen sich in der Geschichte des Wortes »Amok« einerseits der portugiesische Begriff amoco oder amouco für »Krieger« und der malaiische Ausdruck amuk für »wütend« (vgl. Christians 2008: 73). Vgl. auch Kapitel 3. 130 7 Verbrechen, Risiko und Solidarität Im dritten und letzten Theoriekapitel soll der Amoklauf schließlich als Phänomen der Risikogesellschaft beschrieben werden. Dabei wird an die Überlegungen zur ›sinnlosen‹ Gewalt und ihrer Narrativierung angeknüpft. Den Ausgangspunkt bildet die durkheimianische These von der solidaritätsstiftenden Wirkung von Verbrechen (7.1), die im Falle von Amokläufen nur bedingt zutrifft. Amokläufe unterlaufen die üblichen Zuschreibungen von ›normalen Verbrechen‹ aufgrund der Beliebigkeit von Tätern und Opfern. Das Ereignis ist im klassifikatorischen Sinne ›unrein‹ und affiziert deshalb ganz unterschiedliche Akteure, Artefakte oder Vorstellungen, die mit ihm im Zusammenhang stehen (7.2). Die fehlende gesellschaftliche Anerkennung der Amokläufer als ›souveräne‹ und ›autonome‹ Gewaltsubjekte führt zu Kausalitätsfiktionen und einer frei flottierenden Schuld, die dazu dienen, die Ordnung wiederherzustellen (7.3). Aufgrund der Kontingenz der Gewalt und der Angst vor weiteren Taten werden Amokläufe in die Kommunikation über Risiken und Gefahren, Sicherheit und Prävention eingespeist (7.4). Nicht nur die Bestrafung von Schuldigen generiert Solidarität, sondern – so die These – auch Angst- und Risikokommunikation. Sie stellen den Versuch dar, das für Amokläufe konstitutive Nichtwissen zu kompensieren, Zusammenhänge sichtbar und die Gewalt damit erwartbar und beherrschbar zu machen. 7.1 Verbrechen und Solidarität Das Verhältnis zwischen Verbrechen und gesellschaftlicher Ordnung ist dialektisch. Zum einen offenbart das Verbrechen die Fragilität und Kontingenz der Ordnungskonstruktionen. Es lässt die eigentlich latent gehaltene »Unterwelt des Absurden« (Giesen 2004a: 76) bedrohlich aufscheinen und doch konstituieren sich gerade die Regeln durch die Möglichkeit von Regelbrüchen und Ausnahmen, ja Ordnung ganz allgemein durch das Außerordentliche, wie Bernhard Giesen in Zwischenlagen. Das Au- ßerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit (2010) ausführlich gezeigt hat. Neben der These von der Einheit der Differenz von Übertretung und Verbot, wie sie vor allem Georges Bataille vertreten hat (vgl. Bataille 1986: 59 ff.), lassen sich auch soziale Mechanismen genauer in den Blick nehmen, die sich aus dem Verhältnis von Ordnung und Verbrechen speisen. Als einer der wichtigsten soziologischen Beiträge, in denen das Verbrechen hinsichtlich seiner positiven Funktion für die Gesellschaft untersucht wird, gilt freilich Émile Durkheims Werk Über soziale VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 131 Arbeitsteilung (2004). Das Verbrechen, so ließe sich pointieren, erzeugt Solidarität unter denjenigen, die es ablehnen. Entscheidend ist – und hier nimmt Durkheim gewissermaßen den Labeling Approach vorweg –, dass nicht anhand der intrinsischen Eigenschaften der handlungen selbst entschieden werden kann, was als heldentat gefeiert und was als Verbrechen verurteilt wird, sondern dass dies vielmehr von der kollektiven Resonanz auf dieselben abhängt.1 Eine handlung ist nach Durkheim dann kriminell, »wenn sie starke und bestimmte Zustände des Kollektivbewußtseins verletzt« (Durkheim 2004: 129). Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das sakrale Zentrum der Gesellschaft: die Wert-, Normund Moralvorstellungen, die eine überindividuelle Wirkmächtigkeit besitzen: »Wenn wir die Unterdrückung des Verbrechens verlangen, dann wollen wir uns nicht persönlich rächen, sondern etwas heiliges, das wir mehr oder weniger undeutlich als außerhalb und über uns stehend empfinden« (Durkheim 2004: 150). In der Bestrafung und Verurteilung von Verbrechen und Normverstößen versichert sich die Gesellschaft ihrer Identität und kann sich in diesen Zeiten der Krise und des Außerordentlichen als zusammengehöriges Kollektiv erfahren; das »Verbrechen bringt also das Bewusstsein aller ehrbaren Leute enger zusammen und verdichtet sie« (Durkheim 2004: 152 f.). Es ist insbesondere die mechanische Solidarität, die bei schweren Verbrechen aktiviert wird. Im Gegensatz zur organischen, bei der es um zivilrechtlich-bürokratische Ausgleichsmaßnahmen und Schlichtungen geht, fühlt die mechanisch solidarisierte Gemeinschaft das Verbrechen auf die Gemeinschaft als Ganze bezogen – Falschparker müssen in Gottes Namen zahlen, zankende Nachbarn nachgeben, doch Terroranschläge und Amokläufe gehen alle an, weil grundsätzlich jeder potentiell betroffen ist. Die mechanische Solidarität, aus der Durkheim das Strafrecht ableitet, verlangt nach der Tilgung der Sünde, die aus dem Verletzen des Gesellschaftsvertrages entstanden ist. Die Strafe gilt nicht der persönlichen Rache der unmittelbar Betroffenen, ihre »wirkliche Funktion ist es, den sozialen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten, indem sie dem gemeinsamen Bewußtsein seine volle Lebensfähigkeit erhält« (Durkheim 2004: 159). Auch in George h. Meads Analyse der Psychologie der Strafjustiz (1987) erfüllt das Verbrechen eine wichtige Funktion für die Gesellschaft. Er kommt in ähnlicher Weise wie Durkheim zu dem Schluss, dass sich die »heftigen Reaktionen gegen die Kriminalität« in einem »Gefühl der Solidarität mit der Gruppe« offenbaren (Mead 1987: 265). In der gemeinsamen »aggressiven haltung« gegen deviante Personen 1 Mit dieser Perspektive lässt sich auch dem Umstand Rechnung tragen, dass formales Recht und kollektives Rechtsempfinden nicht immer deckungsgleich sind. Was auf dem Papier als Raubkopie teilweise schwer geahndet wird, verletzt bei einem Großteil der Gesellschaft und ganzen Subkulturen keineswegs die Kollektivgefühle. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 132 oder Gruppen treten die sonst im Alltag virulenten Interessenunterschiede oder sozialstrukturellen Differenzen weitgehend in den hintergrund: »Auf nichts können sich Menschen schneller einigen als auf einen gemeinsamen Feind« (Mead 1987: 280). Auch wenn diese kollektive Solidarität für Mead die Gefahr in sich birgt, die individuellen Interessen zu vernachlässigen beziehungsweise gleichzuschalten, besteht an der positiven Funktion des Kriminellen für die Gesellschaft kein Zweifel, denn »ohne den Verbrecher [würde] der Zusammenhalt der Gesellschaft verschwinden, und die universalen Güter der Gemeinschaft würden in einander gegenseitig abstoßende, individuelle Partikel zerfallen« (Mead 1987: 270). Durkheim und Mead haben gemein, dass sie sich weniger mit den manifesten Funktionen (den Folgen für die Täter), als mit den latenten Funktionen (den Folgen für die Gemeinschaft) des Verbrechens beschäftigen. Obwohl die latenten Funktionen weder zwangsläufig bekannt noch beabsichtigt sein müssen, kommt ihnen die wichtigere Bedeutung zu und auch der beobachtende Soziologe kann durch das Bestimmen und Analysieren von latenten Funktionen Überraschendes entdecken (Merton 1995: 48 ff.). Die Plausibilität von manifesten Funktionen zu erklären muss dagegen den subsysteminternen Experten überantwortet werden – der Soziologe ist beispielsweise nur wenig qualifiziert, den Zusammenhang zwischen Regentanz und tatsächlicher Wetterlage zu kommentieren, die solidaritätsstiftende Wirkung des Regentanzes als Ritual dagegen schon. Nicht nur hinsichtlich des Verbrechens gilt es, nach latenten Funktionen Ausschau zu halten. Auch bei moralischer Kommunikation, der Exklusion von Sündenböcken oder der Formulierung von Risiken und Strategien ihrer Bewältigung kann ihre Analyse wertvolle Einsichten eröffnen. Aus systemtheoretischer Perspektive lässt sich ergänzen, dass in Bezug auf das Verbrechen Erwartungen sowohl beim Eintreten des Erwarteten als auch im Enttäuschungsfall aufrechterhalten werden. Luhmann definiert Normen als »kontrafaktisch stabilisierte Erwartungen«, die den Enttäuschungsfall voraussehen, miterwarten, diesen aber für die Erwartung selbst als irrelevant erklären (Luhmann 2008b: 39, hervorhebung im Original). Im Falle der Regelverletzung wird deshalb auch nicht die Erwartung angepasst (kognitive Erwartung), sondern die Erwartung wird gerade im Enttäuschungsfall beibehalten, sie ist normativ. Dennoch betont auch Luhmann die Rolle der Reaktion auf die enttäuschte Erwartung, die öffentlich sichtbar sein muss, soll die Erwartung auch in Zukunft erwartet werden können: »Eine Erwartung, die laufend enttäuscht wird, ohne Gegenausdruck zu finden, verblaßt. Sie wird unmerklich verlernt, so daß man sich schließlich an die Enttäuschung gewöhnt und sich nur noch gelegentlich daran erinnert, was man eigentlich erwartet hatte« (Luhmann 2008b: 41). VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 133 Berechtigte Kritik an diesem Argument der Selbstverstärkungseffekte von Regel und Ausnahme – die weiter unten noch im Kontext von Risiken, Gefahren und Sicherheit zu diskutieren sein werden – ist von heinrich Popitz in seinem berühmten Aufsatz Über die Präventivwirkung des Nichtwissens (2006) vorgetragen worden. Er betont die Entlastungsfunktion der sogenannten »Dunkelziffer« und erteilt – je nach Perspektive utopischen oder dystopischen – Vorstellungen einer perfekten Verhaltenstransparenz eine Absage: »Eine Gesellschaft, die jede Verhaltensabweichung aufdeckte, würde zugleich die Geltung ihrer Norm ruinieren« (Popitz 2006: 164). Es bedarf also einer gesunden Menge an »Dramatisierung« von Normverletzungen, um die Norm sichtbar zu halten, sie aber nicht durch Überbeanspruchung zu profanieren und schließlich zu »verbrauchen«: »Wenn die Norm nicht mehr oder zu selten sanktioniert wird, verliert sie ihre Zähne, – muß sie dauernd zubei- ßen, werden die Zähne stumpf« (Popitz 2006: 171). Während bei Popitz nur das Nichtwissen um die Abweichung positive Effekte hat, betont Günther Ortmann den Umstand, dass Abweichungen insbesondere für Institutionen2 funktional oder zumindest nicht dysfunktional sind (Ortmann 2003: 198). Plausibilität gewinnt diese These nicht nur aufgrund der vielen empirischen Beispiele von kleinen Dienstwegen, zugedrückten Augen und gewaschenen händen. Abweichendes Verhalten kann sogar gefordert werden, wenn zum Beispiel der eigentlich vertraglich legitime ›Dienst nach Vorschrift‹ als äußerst unangenehme Streikmethode taugt. Oder es wird einfach geduldet und der Willkürlichkeit oder stillen Übereinkunft mit den Macht Ausübenden überantwortet, die die leichte Verspätung so lange nicht monieren, wie die Arbeiter auch bereit sind, Überstunden zu machen. Ortmann vertritt sogar die These, dass »Regelverletzungen […] das Schmiermittel des großen Räderwerks [sind]. […] Organisationen brauchen Regelverletzungen, und die interessante Differenz ist insoweit nicht länger die zwischen Regeleinhaltung 2 Dieses Argument findet sich auch in Luhmanns Dissertation über Funktionen und Folgen formaler Organisation (erstmals 1964). Tolerierte Abweichungen führen »auf die tieferliegende Einsicht zurück, daß soziale Systeme eine widersprüchliche Normorientierung erfordern und daß, wenn sie sich eine widerspruchsfreie formale Normordnung schaffen, ein gewisses Maß an Illegalität unvermeidlich wird« (Luhmann 1972: 305). Das Beharren auf Regeln und die Toleranz von Regelverletzungen können zu wertvollen, zwischenmenschlichen Ressourcen werden, zu Waffen und Tauschobjekten: »Regeln sind aus diesem Grunde hartumkämpfte Ecksteine jeder Positionsstrategie in arbeitsteilig differenzierten formalen Organisationen. Ihr strategischer Wert liegt nicht darin, daß sie unbedingt exakt befolgt werden, sondern darin, daß sie bestimmte Personen oder Positionen die Möglichkeit zuspielen, über Befolgung und Nichtbefolgung und über die dazwischenliegenden Nuancen zu entscheiden und sich durch welche Entscheidung auch immer Vorteile zu sichern« (Luhmann 1972: 310). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 134 und Regelverletzung, sondern die viel schwierigere, unübersichtlichere, oft unbestimmbare Differenz zwischen akzeptierter/akzeptabler und inakzeptabler – und dann gar: zwischen gerechter und ungerechter – Regelverletzung.« (Ortmann 2003: 202, hervorhebung im Original) Der entscheidende Unterschied zu Durkheim ist, dass die Funktionalität der Regelverletzung hier ohne Sanktion auskommt. Die Praxis der Normanwendung beziehungsweise Nichtanwendung und die abweichende handlung selbst werden in den Blick genommen und nicht nur zur blo- ßen Kontrastfolie degradiert, vor der sich die Regel besonders deutlich abzeichnet. Wie bereits weiter oben angedeutet, sind diese Ansätze, die in der Nachfolge von Durkheim die (emotionale) Resonanz auf bestimmte handlungen betonen, unter dem Begriff Labeling Approach bekannt geworden. Siegfried Lamnek zufolge suchen die Theorien des Labeling Approach »nicht nach Ursachen, die vor dem Auftreten des abweichenden Verhaltens liegen, sondern die Abweichung wird als Zuschreibungsprozess des Attributes der Devianz zu bestimmten Verhaltensweisen im Rahmen von Interaktionen verstanden« (Lamnek 1999: 217, hervorhebung im Original). Im Stufenmodell der Konstruktion abweichenden Verhaltens, bei dem das Verbrechen eine besonders schwere Form darstellt, spielt folglich nicht die Regelverletzung per se die entscheidende Rolle. Viel wichtiger ist laut howard S. Becker die Notiz der Regelverletzung, die ablehnende Reaktion anderer, die Anwendung und Aktivierung der Regel und schließlich die Sanktionierung der devianten handlung, die den handelnden zum Regelverletzer oder gar zum Außenseiter stigmatisiert: »Der Mensch mit abweichendem Verhalten ist ein Mensch, auf den diese Bezeichnung erfolgreich angewandt worden ist; abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen so bezeichnen« (Becker 1973: 8). Es lassen sich unterschiedliche Dimensionen unterscheiden, die sich auf die Zuschreibung des abweichenden Verhaltens auswirken. Zum einen ist die Zeit entscheidend, zu der die zur Diskussion stehende handlung ausgeführt wird (vgl. Becker 1973: 11). Lautes Musikhören mag am Tage noch toleriert werden, aber die Nachtruhe stören und doch ist im Schutz der Nacht wiederum Anderes möglich als am helllichten Tage. Auch in Zeiten des Karnevals und des Festes sind rituelle Überschreitungen und Entgrenzungen möglich, die sonst im Alltag streng sanktioniert werden. Zum anderen hängen die graduellen Unterschiede bei der Reaktion auf deviantes Verhalten – und damit eben auch die graduellen Unterschiede hinsichtlich der integrativen Wirkung – auch vom Status und der sozialen Position desjenigen ab, der sie begangen hat und darüber hinaus auch von denjenigen, die die handlung betreffen: »Bis zu welchem Grade eine handlung als abweichend behandelt wird, hängt auch davon ab, wer sie begeht und wer das Gefühl hat, von ihr geschädigt VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 135 worden zu sein. Regeln scheinen auf einige Menschen unnachgiebiger angewandt zu werden als auf andere« (Becker 1973: 11). Werden Akteure mit hohem Status und Vorbildfunktion bei deviantem Verhalten beobachtet, kann die Reaktion sehr heftig sein. Mögliche Gründe hierfür reichen von politischem Kalkül über Einschaltquoten und Leserschaften bis zur ehrlichen Sorge, das deviante Verhalten könnte nachgeahmt werden und das Vertrauen in Recht und Ordnung Schaden nehmen. Betrachtet man den Kreditskandal des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff oder die Plagiatsvorwürfe gegen den ehemaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg, spielen sicherlich verschiedene Faktoren eine Rolle. Die Reaktion kann aber auch nachgiebig ausfallen: Der Respekt vor Amt und Charisma oder das Fürchten einer Eskalation der Situation beispielsweise auf Länderebene können dazu führen, dass Verfehlungen heruntergespielt oder wohlwollend ignoriert werden. haben die Akteure einen niedrigen sozialen Status können ebenfalls rigide und nachgiebige Reaktionen unterschieden werden. Die Toleranzbereitschaft sinkt, wenn Personen oder Gruppen zu symbolischen Sündenböcken gemacht werden und sie steigt beziehungsweise wird erst gar nicht aktiviert, wenn die entsprechenden Akteure oder Gruppen kaum oder gar nicht unter öffentlicher Beobachtung stehen. Sie ›sind es nicht wert‹, dass man sich über die Vergehen aufregt und über sie berichtet. Vor dem hintergrund der hier diskutierten Ansätze lässt sich fragen, ob jedes Verbrechen trotz der gegebenen emotionalen Ablehnung der Gesellschaft Solidarität generiert und auf welche Weise. Bei besonders gravierenden Fällen von autotelischer Gewalt, die nur schwer zu begreifen sind (vgl. Kapitel 6), in denen der Täter nicht überlebt und auch nicht bestraft werden kann, funktioniert dieser Mechanismus nicht ohne Weiteres. Die festgestellte individuelle Schuld des Täters allein hat nur bedingt integrierende Kraft. Steht kein – in der Terminologie René Girards – ›versöhnendes Opfer‹ zur Verfügung, das von der Gesellschaft real oder symbolisch exkludiert werden kann, diffundiert der soziale Zorn in die unterschiedlichsten Richtungen, bis er sich an konkrete Akteure, Gruppen oder Objekte heftet und kanalisiert entladen werden kann (vgl. Kapitel 9). Damit schützt sich die Gesellschaft vor »ihrer eigenen Gewalt, [das Opfer] lenkt die ganze Gemeinschaft auf andere Opfer außerhalb ihrer selbst« (Girard 1994: 18, hervorhebung im Original). Diese Konstruktion von ›Sündenböcken‹ folgt meist besonders einfachen Kausalitätsmodellen und blüht in Zeiten der Krise, der Uneindeutigkeit und der unsichtbaren Bedrohungen: »[S]capegoating and the other types of hostility are more likely to occur in situations of maximum ambiguity« (Cohen 1980: 193). Genauso wie ›zu viele‹ und ›zu kleine‹ Abweichungen die Aktivierung des Regelbewusstseins unterlaufen, ließe sich behaupten, dass auch besonders schwere Gewalttaten weder als Ausnahme noch als Regelbruch TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 136 betrachtet werden, sondern die Regel selbst beschädigen, Vertrauen entziehen und den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt infrage stellen (vgl. auch Ahrens 2011: 78).3 Fragen nach Selbstverständlichem und dem Selbstverständnis der Gesellschaft, nach ihren Wertvorstellungen, nach sozialer Ungleichheit und Missständen, nach Medien-, Menschenund Geschlechterbildern müssen gestellt und diskutiert werden. Das Ereignis kann zur Zäsur werden, die im Dunst anomischer Zweifel zu Neubestimmungen, Gesetzesänderungen und der Formulierung anderer moralischer Standards führen kann. Insofern müssen die funktionalistischen Theorien des Verbrechens nach Durkheim weniger als statische, sondern als dynamische Modelle begriffen werden. Nach bestimmten Verbrechen kehrt die Gesellschaft nicht einfach zum status quo der verteidigten Moralvorstellungen zurück, sondern es entstehen neue Diskurse, die wiederum Einfluss darauf haben können, was als empörend gilt und was nicht. Insbesondere der Amoklauf, in dem sich die (weitgehende) Beliebigkeit von Täter und Opfern vereinigt, scheint zu derartigen Phänomenen zu gehören. Die Täter sind durchschnittliche, ›ganz normale Jugendliche‹ und doch ›auffällig unauffällig‹ (vgl. 8.3.1). Sie sind Beispiele einer »monströsen hypernormalität« (Parr 2009: 30) – oder wie es Joseph Vogl formuliert hat: Amokläufer folgen dem Gesetz von »monströsen Gewöhnlichkeiten« (Vogl 2000). Zum einen wird hier die (scheinbare) Normalität selbst als Abweichung empfunden, die man hätte bemerken müssen und zum anderen scheint das Ausmaß und die Schwere der Tat als derartig monströs, dass man sie mit juristischen Kategorien nur schwer zu behandeln vermag. So gibt es im Falle des Amoklaufs beispielsweise keine einheitliche juristische oder psychiatrische Definition und daher auch keinen eigenen Tatbestand (Adler 2000: 29). Da der Amokläufer aus der Mitte der Gesellschaft kommt, lässt er sich auch nicht einfach als Feind von außen dämonisieren. Entweder ist der Täter doch ›einer von uns‹, dann aber steht die Gesellschaft selbst in der Verantwortung und muss sich selbstkritisch fragen, wie Derartiges passieren konnte – oder aber der Täter wird in einem Maße pathologisiert, dass er aus der Gemeinschaft (der moralisch integeren und vernünftig 3 hier können Foucaults Überlegungen zur Überschreitung und zu den Monstrositäten weiterhelfen. Er beschreibt die Übertretung in Anlehnung an Bataille als notwendiges Komplement zur Grenze, unterscheidet hiervon jedoch die »satanisch[e] Verneinung« (Foucault 1974: 76), die die Grenze selbst auflösen will bzw. als »endlose Übertretung« (Bataille 1986: 61) nicht wieder auf die Seite der Regel und der Ordnung zurückzubringen ist. Der Amokläufer wäre in der Terminologie von Foucault eine Art klassifikatorisches und moralisches ›Monster‹, das sich »automatisch außerhalb des Gesetzes stellt« und dessen »beunruhigende Fähigkeit […] darin gründet, daß es das Gesetz, obwohl es dieses verletzt, verstummen läßt« (Foucault 2007: 77). VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 137 handelnden) ausgeschlossen wird. Dann aber muss man sich fragen, ob überhaupt irgendwelche Konsequenzen zu ziehen sind (vgl. 8.3.1). Insbesondere diese Formen von schwerer Gewalt, die eine gesamtgesellschaftliche Reichweite besitzen und nicht über einfache Kausalitäten erklärt werden können, führen zu moralischen Paniken (7.3) und Risikodiskursen (7.4). Deren solidaritätsstiftende Wirkung fungiert zum einen als Äquivalent für die ausbleibende Bestrafung des Täters; zum anderen werden durch diese Reaktionen aber auch Möglichkeiten für Veränderungen und Entwicklungen geschaffen. Es reicht dann eben nicht, die offensichtliche Schuld des Amokläufers festzustellen – für ein solches Verbrechen kann und darf nicht nur ein einzelner verantwortlich sein. Nur wenn sich Umrisse aus dem Schatten der »Latenzkausalität« (Beck 1986: 97) herausschälen, kann man etwas tun. 7.2 Unreinheit und Ansteckung »Die Furcht vor dem Unreinen und die Reinigungsriten stehen im hintergrund all unserer Gefühle und Verhaltensweisen, die sich auf Verfehlung beziehen«, schreibt Paul Ricoeur in seinem Buch über die Symbolik des Bösen (1971: 33). Das ›Böse‹ ist hier freilich nicht im metaphysischen Sinne zu verstehen. Es sind keine den Phänomenen inhärenten Eigenschaften, die sie als ›unrein‹ klassifizieren, »die Befleckung ist kein Flecken, sondern wie ein Flecken; sie ist ein symbolischer Flecken« (Ricoeur 1971: 45). Die Klassifizierung erfolgt qua Zuschreibung und damit analog des bekannten Thomas-Theorems: »Befleckt ist nur, was für befleckt gehalten wird« (Ricoeur 1971: 46). Die Bedeutung der Unterscheidung von ›Reinheit‹ und ›Unreinheit‹ als anthropologische Grundlage aller sozialen Wirklichkeit kann nicht überschätzt werden. ›Reinheit‹ verweist erstens auf die Notwendigkeit des Menschen, seiner (Um)Welt mithilfe von Unterscheidungen, Klassifikationen, Mythen und Ritualen Bedeutung zuzuschreiben und sie als sinnhaft und geordnet wahrzunehmen. »Die Sehnsucht nach eindeutigen Trennlinien und klaren Begriffen«, so Mary Douglas in Reinheit und Gefährdung, »gehört zu unserem menschlichen Sein« (Douglas 1985: 211). Etymologisch leitet sich unser Wort ›rein‹ vom indogermanischen ›*krei-‹ ab, was so viel wie ›sichten‹ oder ›scheiden‹ bedeutet (Mende 2007: 293). Zweitens verweist diese Differenzmetaphorik auf ein normatives Potential. Mit dem Begriff der ›Reinheit‹ ist das Streben nach ihr fest verbunden (Mende 2007: 292). Für Sigmund Freud sind Reinheitsvorschriften und Tabus deshalb auch elementar wichtig für eine Kultur. Sie sind das erste ›Recht‹ (Freud 1979: 94) und bilden die elementaren Formen religiöser – und damit in Anlehnung an Émile Durkheim und TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 138 Mary Douglas sozialer Ordnung. Diese Ordnung hat zwei Aufgaben: Sie muss alles ausschließen, was den vorherrschenden Klassifikationen widerspricht oder sich ihnen entzieht und dabei gleichzeitig Strategien bereitstellen, wie im Falle einer Verunreinigung verfahren werden soll. Damit ist bereits Mary Douglas’ Definition von Schmutz angedeutet. Dieser ist entgegen unseres Alltagsverständnisses, das von pathologisch-hygienischen Diskursen überformt ist, das Nebenprodukt eines symbolischen Systems: »Schmutz ist dann niemals ein einmaliges, isoliertes Ereignis. Wo es Schmutz gibt, gibt es auch ein System. Schmutz ist das Nebenprodukt eines systematischen Ordnens und Klassifizierens von Sachen, und zwar deshalb, weil Ordnen das Verwerfen ungeeigneter Elemente einschließt« (Douglas 1985: 52). Je eindeutiger die ›Strukturlinien‹ eines Systems definiert sind, desto stärker droht die Gefahr einer Verunreinigung. Die Unterscheidung zwischen Innen und Außen kann dabei in beide Richtungen virulent werden. Das Beispiel des menschlichen Körpers als Mikrokosmos der sozialen Ordnung zeigt, dass Körperflüssigkeiten wie Speichel, Blut, Eiter und Samen verunreinigende Kräfte erhalten, sobald sie nach außen gelangen und die Körpergrenzen passiert haben. Dreck ist dagegen, solange er sich auf Feld und Wiesen befindet, fruchtbare Erde, im Mund und anderen Körperöffnungen dagegen ekelerregende Substanz. Mary Douglas beschreibt vier Arten der sozialen Verunreinigung: »Erstens die Gefahr, die die äußeren Begrenzungen bedroht, zweitens die Gefahr, die durch das Überschreiten innerer Trennlinien des Systems ausgelöst wird; drittens die Gefahr, die die Randbereiche der Trennlinien umgibt. Die vierte Gefahr kommt aus dem inneren Widerspruch, der entsteht, wenn einige Grundpostulate von anderen Grundpostulaten in Frage gestellt werden, so dass sich das System an bestimmten Punkten selbst zu bekämpfen scheint« (Douglas 1985: 162). Bei den Umgangsmöglichkeiten unterscheidet Douglas weiterhin zwischen dem Schmutzigen als Anomalie, die aufgrund fehlender Klassifikationsmuster nicht eingeordnet werden kann, und dem Schmutzigen als ambivalentem Phänomen, für das mehrere Klassifikationen zutreffen können. Während Ignorieren immer eine mögliche Lösung von Widersprüchen darstellt, können für Anomalien neue Klassifikationsmuster geschaffen beziehungsweise bei Ambivalenzen Entscheidungen für eine geltende Klassifikation getroffen werden. Auch radikale Möglichkeiten sind denkbar. ›Schmutzbejahende‹ Gesellschaften wie die archaischen Stammeskulturen gliedern das Unreine und das Dämonische in ihre Ordnung ein, während ›schmutzverneinende‹ Gesellschaften das Anomale, Zweideutige, Liminale, Unheimliche und Unreine verbannen, ausstoßen oder sogar töten (vgl. Gerster 2014). Die Fragen, die sich die Anthropologin, aber auch der die moderne Gesellschaft beobachtende Soziologe stellen muss, lautet also: »[W]hat is being judged impure; then, who is accused of causing the impurity; VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 139 and who are the victims? What are the processes for removing the stain, washing out or canceling the impurity?« (Douglas und Wildavsky 1982: 37). Auch wenn Mary Douglas zurecht darauf hinweist, »daß zwischen Reinheitsvorschriften und moralischen Vorschriften keine enge Korrespondenz besteht« (Douglas 1985: 170), so ist doch der partielle Zusammenhang außerordentlich interessant. Erstens kann das Verbrechen selbst verunreinigende Wirkungen haben. Tod und Gewalt sind ansteckend und es kann sich ein ›Einzugsbereich des Verbrechens‹4 herausbilden, der die unterschiedlichsten Phänomene kontaminieren kann. Nach einem Amoklauf kann beispielsweise die Tat für die Angehörigen, für die Schule, für die Stadt, das Bundesland oder sogar die Bundesrepublik als Makel empfunden werden oder die Räumlichkeiten, die mit der Tat in Zusammenhang stehen, sind für die profane Welt verloren (vgl. 11.1). Das Familienhaus wird für die Angehörigen unbewohnbar, die Klassenräume der Schule müssen architektonisch verändert werden. Zweitens lassen sich die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf bestimmte Verbrechen als Reinigungsrituale beschreiben. Es geht weniger darum, den tatsächlichen Täter zu bestrafen – dies ist im Falle des Amoklaufs ohnehin meistens nicht mehr möglich –, sondern darum, die soziale Ordnung wieder herzustellen und sich den eigenen, als heilig geltenden Werten zu versichern. In Anlehnung an Durkheim betont Philip Smith diese Aufgabe der Bestrafung in seinem Buch Punishment and Culture (2008): »We should understand the tie between punishment and the social not as primarily political or administrative but rather as revolving around signifiers of order and disorder, purity and pollution, the sacred and evil as well as ritualized and regulatory efforts to influence these. […] The legitimacy of any given activity or policy depends upon a perceived ability to classify, regulate, and purify – to produce and maintain a surplus of order over disorder.« (Smith 2008: 13) Auch die kollektiven Gefühle, die die Reinigungsrituale oder ihre Forderung begleiten, sind ansteckend und verstärken sich gegenseitig. Die mechanische Solidarität kann nach Durkheim zu einer Überschusshandlung führen und die Forderung nach Rache und Sühne kann vom eigentlichen Verbrechen auf andere Phänomene überspringen: »Die Leidenschaft, die die Seele der Strafe ist, hält erst inne, wenn sie sich erschöpft 4 René Girard führt dies anhand eines Selbstmörders aus: »Ein Mensch erhängt sich; sein Leichnam ist unrein, aber auch der Strick, an der er sich aufgehängt hat, der Baum, an dem dieser Strick befestigt ist, der Boden im Umkreis dieses Baumes; die Unreinheit nimmt ab im Verhältnis zur Entfernung von der Leiche. Alles stellt sich so dar, als würde vom Ort der Gewalttat und den von ihr direkt betroffenen Objekten eine unmerkliche Ausstrahlung ausgehen, die alle Objekte in der Nähe durchdringt und sich mit größerem raum-zeitlichen Abstand verliert« (Girard 1994: 48). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 140 hat. Wenn sie also den zerstört hat, der sie unmittelbar hervorgerufen hat, bleiben ihr noch Kräfte, und sie wirkt auf ganz mechanische Weise weiter« (Durkheim 2004: 135). Drittens lässt sich das Verhältnis umdrehen und so können auch Verunreinigungen zu Unglück und Verbrechen führen. Damit wird erklärbar, warum sich gerade um Waffen und Killerspiele Risikodiskurse verdichten. Diese werden zu unreinen, gefährlichen Objekten stilisiert, die die Gewaltbereitschaft erhöhen, die Empathie senken und ›Anleitungen‹ für Amokläufe bereitstellen können (vgl. 9.2 und 9.3). 7.3 Angst, Schuld und Moral Die Vorstellungen von Verunreinigung sind eng mit Fragen nach Schuld und Verantwortung verbunden: »Pollution beliefs trace causal chains from actions to disasters« (Douglas und Wildavsky 1982: 36). Nicht nur in einfachen Gesellschaften wird jeder Tod als ›Mord‹ betrachtet,5 auch in modernen Gesellschaften bleiben Unglücke in der Regel nicht dem Zufall überlassen. So unvermeidlich die ›normalen Katastrophen‹ (Charles Perrow) sind, genauso unvermeidlich ist, dass sich jemand dafür verantworten muss. Sobald sich technische, soziale oder Naturkatastrophen ereignen, werden Schuld- und Kausalitätsfragen verhandelt. Diese machen das Ereignis zwar nicht ungeschehen, dafür jedoch erzähl- und handhabbar; sie bieten Ansätze für zukünftige Präventions- und Vorsorgemaßnahmen und entfalten in der Gemeinschaft der Betroffenen ihre identitätsstiftende Wirkung – zumindest wenn plausible Antworten gefunden werden können. Die »forensische Kraft« der Verunreinigung führt dabei zu Solidaritäten unter denjenigen, die die Beschuldigungen (gemeinsam) aussprechen und sie lässt sich gleichzeitig als Indikator für den Solidaritätsgrad einer Gesellschaft oder bestimmter Gruppierungen betrachten: »In short, the stronger the solidarity of a community, the more readily will natural disasters be coded as signs of reprehensible behavior. Every death and most illnesses will give scope for defining blameworthiness. Danger is defined to protect the public good and the incidence of blame is a by-product of arrangements for persuading fellow members to contribute to it. Pollution seen from this point of view is a powerful forensic resource. […] A common danger gives them [the members of the community, M.G.] a handle to manipulate, the threat of a communitywide pollution is a weapon for mutual coercion.« (Douglas 1992: 6) 5 »In der Vorzeit ist in den Augen der Menschen immer die Gewalttätigkeit die Ursache des Todes: Sie konnte auf magische Weise wirken, aber es gibt immer einen Verantwortlichen; es liegt stets Mord vor« (Bataille 1986: 43). VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 141 Die moderne Angst vor unsichtbaren Gefahren entspricht der archaischen Angst vor dämonischen Kräften, die sich hinter einer harmlosen Fassade verbergen können: »Der erste und elementarste Schritt zur Bewältigung des Dämonischen besteht daher darin, es sichtbar zu machen, ihm einen Namen und ein Gesicht zu geben und die Geschichte seines Wirkens zu erzählen« (Giesen 2010: 144). Konnte man sich in einer polytheistischen Welt die unerklärlichen und verborgenen Determinismen noch als das Wirken von Göttern und Dämonen denken, ist in der Risikogesellschaft an »die Stelle einer anthropomorphen Interpretation von Natur und Umwelt […] das moderne, zivilisatorische Risikobewußtsein mit seiner nicht wahrnehmbaren und doch überall präsenten Latenzkausalität getreten« (Beck 1986: 97). Gleichwohl gehören die Angst vor unsichtbaren Dämonen und die »magischen Thematisierungsformen« (Giesen 1983: 236, ff.) von gesellschaftlichen Störungen sowie deren Begegnung mit Reinigungsritualen keineswegs nur noch einer archaischen, lang vergangenen Zeit an, wie im Verlauf des Kapitels zu zeigen sein wird. Das Problem vieler Gefährdungen ist ihre Unsichtbarkeit. Krankheiten, Viren, Smog, Strahlen aller Art, aber eben auch viele ›personale Risiken‹ entziehen sich der direkten Wahrnehmung. Bei Amokläufern scheint jede Suchheuristik zu versagen, kann sie doch nur nach ›auffälligen Unauffälligkeiten‹, nach ›ganz normalen‹, vielleicht etwas stillen jungen Männern suchen – und selbst das scheint nach dem geplanten Amoklauf einer Schülerin in St. Augustin am 12. Mai 2009 bei aller Statistik nicht mehr uneingeschränkt gültig. Insbesondere bei der Angst vor Unsichtbarem treibt die Imagination die buntesten Blüten und die Gefahr »ist dabei umso bedrohlicher und plötzlicher, je unsichtbarer die Bedrohung ausfällt« (Giesen 2010: 267). Unter dem »dämonologischen Blick« gerät die sichtbare Welt und die alltägliche Normalität unter Verdacht: »Die Dinge sind nicht immer das, als was sie uns erscheinen – hinter der Oberfläche verbirgt sich eine Wirklichkeit, die eine stärkere Wahrheit haben kann als diese. Die Welt steht unter Verdacht. Der in die Welt projizierte Anlass für diesen Verdacht der Täuschung ist das Wirken des Dämonischen. Es ist zunächst unsichtbar und diese Unsichtbarkeit ist der Grund für das elementare Grauen, das es hervorruft.« (Giesen 2010: 144) In der einschlägigen Literatur wird ›Angst‹ oftmals von ›Furcht‹ abgegrenzt.6 Während Furcht zumeist unmittelbare, konkrete Furcht vor 6 Diese Unterscheidung wurde vor allem von Søren Kierkegaard in seinem Buch Der Begriff Angst (1984) und in Martin heideggers Schrift Sein und Zeit (1979) prominent gemacht: »Das Wovor der Angst ist völlig unbestimmt. […] In der Angst begegnet nicht dieses oder jenes, mit dem es als Bedrohlichem eine Bewandtnis haben könnte« (heidegger 1979: 186). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 142 etwas ist, äußert sich Angst diffuser, sie heftet sich an alles und nichts zugleich (vgl. Bourke 2005: 189). Ängste sind irrational und wirken handlungshemmend oder führen zu relativ unkontrollierten Reaktionen – die Angstrhetorik ist »zwar handlungsnah aber realitätsfern«, schreibt Luhmann (2008c: 162) –, weshalb es die Aufgabe der Gesellschaft ist, ›irrationale Ängste‹ systemspezifisch in ›rationale Furcht‹ zu überführen: »The ›work‹ of fear is commercial work: converting anxieties into fears is the function of a range of new professionals and, in pharmaceutical terms, is big business. It has also a political function: scapegoating, for instance, enables a group to convert an anxiety into fear, thus influencing (for instance) voting preferences against an ›outsider‹ group.« (Bourke 2005: 190) Die gemeinsame Furcht vor etwas wirkt daher auch integrativer, man fühlt sich als bedrohte Gruppe verbunden und kann als Teil eines Kollektivs an der Rettung mitwirken; Angst dagegen trägt nur über Umwege zur Stärkung der solidarischen Bande7 bei (vgl. Bourke 2005: 191). ›Angst-Themen‹ können sich zu moralischen Komplexen verdichten: »Wer Angst hat, ist moralisch im Recht, besonders wenn er für andere Angst hat und seine Angst einem anerkannten, nicht pathologischen Typus zugerechnet werden kann« (Luhmann 2008c: 160). Dadurch entfaltet Angst-Kommunikation ihre solidarische Kraft, sie eröffnet handlungsspielräume, die nicht ignoriert werden dürfen: Angst »macht es zur Pflicht, sich Sorgen zu machen, und zum Recht, Anteilnahme an Befürchtungen zu erwarten und Maßnahmen zur Abwendung der Gefahren zu fordern« (Luhmann 2008c: 161). Dabei spielt es keine Rolle, ob die Angst begründet ist oder tatsächlich als psychologisches Faktum in den Köpfen Einzelner existiert; was zählt ist lediglich die Kommunikation über Angst, die sich dadurch selbst bestätigt und verstärkt (vgl. Luhmann 2008c: 159). Insbesondere nach Unfällen, Skandalen oder sonstigen Ereignissen, die mit kollektiven Ängsten oder Empörung besetzt sind, entsteht ein emotional sensibles Klima, auf dessen Nährboden Verdächtigungen und Beschuldigungen prächtig gedeihen: Gammelfleisch, Kampfhundebesitzer oder kirchliche Würdenträger – potentiell alles und jeder kann Gegenstand von sogenannten ›moralischen Paniken‹ werden, die in Aufmerksamkeitswellen aufbranden und wieder in Vergessenheit geraten. 7 Die Angst liegt für Ulrich Beck im Kern des Kollektivbewusstseins der Risikogesellschaft. Seiner Meinung nach hat die Aussage Ich habe Angst! die Aussage Ich habe Hunger!, die sich auf die Klassengesellschaft bezog, abgelöst: »An die Stelle der Gemeinsamkeit der Not tritt die Gemeinsamkeit der Angst. Der Typus der Risikogesellschaft markiert in diesem Sinne eine gesellschaftliche Epoche, in der die Solidarität aus Angst entsteht und zu einer politischen Kraft wird« (Beck 1986: 66, hervorhebung im Original). VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 143 Prominent geworden ist dieses Konzept vor allem durch den britischen Soziologen Stanley Cohen, der das Phänomen anhand von zwei jugendlichen Subkulturen, den sogenannten ›Mods and Rockers‹, in den 1960er Jahren beschrieben und entwickelt hat.8 In seiner viel zitierten Passage heißt es: »Societies appear to be subject, every now and then, to periods of moral panic. A condition, episode, person or group of persons emerges to become defined as a threat to societal values and interests; its nature is presented in a stylized and stereotypical fashion by the mass media […] Sometimes the object of the panic is quite novel and at other times it is something which has been in existence long enough, but suddenly appears in limelight. Sometimes the panic passes over and is forgotten, except in folklore and collective memory; at other times it has more serious and long-lasting repercussions and might produce such changes as those in legal and social policy or even in the way the society conceives itself.« (Cohen 1980: 9) Cohen entwirft in seiner Studie ein Modell, das sich durchaus verallgemeinern und auf andere Phänomene übertragen lässt. Sein Ansatz lässt sich einem kontextuellen Konstruktivismus zuordnen, der weder eine objektivistisch-realistische Position einnimmt noch die zur Diskussion stehenden Phänomene auf ›bloße Konstruktionen‹ reduziert, wie dies im radikalkonstruktivistischen Paradigma vorzufinden ist (Goode und Ben- Yehuda 2011: 23 f.). Der Fokus von Cohens Studie liegt dementsprechend nicht darauf, dass das deviante Verhalten der ›Mods and Rockers‹ lediglich auf sozialen Zuschreibungen beruht, sondern vielmehr darauf, wie diese ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gelangen, wie sie dort behandelt werden und welche Wirkmächtigkeiten, Ängste und moralische Diskurse sich entfalten können. Entscheidend für den Beginn einer moralischen Panik ist zunächst, dass über bestimmtes Fehlverhalten öffentlich berichtet wird. Diese Medienberichterstattung zeichnet sich durch eine übertriebene, meist verzerrte und stereotypisierte Darstellung aus (Cohen 1980: 31 f.) – so werden in der »Killerspiel«-Debatte beispielsweise alle Computerspieler zu empathielosen, vereinsamten und gewaltbereiten ›Stubenhockern‹ stilisiert (vgl. 9.2.1). Bedenken und Beunruhigung bilden nur eine Seite der Medaille. Um als ›moral panic‹ klassifiziert zu werden, muss den thematisierten Objekten oder Akteuren zusätzlich eine gewisse Aversion entgegenschlagen (vgl. Thompson 1998: 9). Überarbeitete Lehrer oder alleinerziehende Mütter sind zwar 8 Wie nachhaltig Cohens Buch die Soziologie, die sich mit sozialen Problemen und abweichendem Verhalten beeinflusst hat und wie aktuell seine Fragestellung immer noch ist, zeigt auch der von Sean P. hier herausgegebene Sammelband Moral Panic and the Politics of Anxiety (2011), in dem die Theorie Cohens ausführlich diskutiert wird und als Grundlage weiterführender Überlegungen dient. TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 144 auch Gegenstand einer kollektiven Sorge, und doch werden diese nicht zwangsläufig zu Feindbildern, mit denen man nicht mehr sprechen kann und die es am besten auszugrenzen oder loszuwerden gilt. Darüber hinaus wird der Vorfall nicht als singulär gedacht, sondern vielmehr als grundsätzliches Problem, dem die Annahme zugrunde liegt, »that what had happened was inevitably going to happen again« (Cohen 1980: 38). Schließlich lassen sich Prozesse der Symbolisierung beobachten, die die unter Verdacht geratenen Phänomene mit Bedeutungen aufladen: »There appear to be three processes in such symbolization: a word (Mod) becomes symbolic of a certain status (delinquent or deviant); objects (hairstyle, clothing) symbolize the word; the objects themselves become symbolic of the status (and the emotions attached to the status)« (Cohen 1980: 40). Wie der durchaus normativ besetzte Begriff bereits andeutet, haftet den moralischen Paniken ein gewisses Maß an Irrationalität, Beliebigkeit und Unverhältnismäßigkeit an. Dennoch soll er als analytische Kategorie nicht aufgegeben werden. Vielmehr soll in einem späteren, empirischen Schritt untersucht werden, wie bestimmte Akteure und Phänomene als ›Folk Devils‹ ins Visier geraten und als solche diskursiv produziert werden, ohne dabei selbst in Versuchung zu geraten, Wertungen vorzunehmen (vgl. Kapitel 9). Zu der ersten Phase der Medienberichterstattung kommen weitere gesellschaftliche Reaktionen hinzu. Eine anwachsende Sensibilisierung führt dazu, dass sich die Symbole und die affektive Besetzung der ›Folk Devils‹ als »visible reminders of what we should not be« (Cohen 1980: 10) verselbständigen und auf andere Akteure und Objekte ausgreifen können. Der frei flottierende Verdacht heftet sich vor allem an bislang neutrale oder ambivalente Phänomene, um sie mit hilfe von moralischen Codes in die Eindeutigkeit zu überführen: Sportwaffen werden zu ›Mordwaffen‹, Computerspiele zu »Killerspielen«. Risiken und Gefahren sind ansteckend. Wo diese lauern, mag sicherlich noch Weiteres befürchtet werden. Die ›Folk Devils‹ geraten ins Visier von »social control agents«, die Petitionen starten, demonstrieren, Gesetze erlassen, Gesetze anwenden oder die als deviant klassifizierten Phänomene strategisch für anderweitige, möglicherweise politische Ziele benutzen (Cohen 1980: 85, 139). Die von einer moralischen Panik erfasste Öffentlichkeit verlangt nach Entscheidungen – vor allem nach Verboten. Es schlägt die Stunde der ›moralischen Unternehmer‹ und ›moralischen Kreuzfahrer‹, die in einer Art »heiliger Mission« ihre Dienste anbieten, neue Regelungen und Gesetze fordern und dadurch abweichendes Verhalten im Sinne des Labeling Approach kommunikativ (mit)erzeugen (Becker 1973: 133 ff.). Diejenigen, die den Zeigefinger erheben, müssen allerdings nicht immer zu den direkt Betroffenen gehören. Die moralischen Unternehmer geraten dann in Deutungskämpfe und »Definitionskonkurrenzen« (Giesen 1983: 232) mit anderen Advokaten vermeintlich VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 145 klarer Interessengruppen, die sich selbst nur unzureichend artikulieren können. Ihre Situation ist deshalb dilemmatisch, weil sie nicht nur gegenüber anderen Deutungseliten oder Experten, sondern auch gegenüber einer kritischen Medienöffentlichkeit glaubhaft vermitteln müssen, dass die thematisierten Probleme zwar gravierende sind, es aber trotzdem in ihrer Kompetenz liegt, sie zu lösen: »Strategisches Ziel für die Medienaktivitäten moralischer Unternehmer muß es daher sein, die Thematisierungsintensität zwischen der kritischen Beruhigungs- und der gleichfalls kritischen Dramatisierungsschwelle zu halten« (Giesen 1983: 235). 7.4 Risiko, Gefahr und Prävention 7.4.1 Risikogesellschaft und kulturelle Ansätze Nach den Themenkomplexen Verbrechen, Verunreinigung und Beschuldigung lohnt es sich, die Begriffe Risiko und Risikogesellschaft näher in den Blick zu nehmen. Letztere lässt sich mit Mary Douglas direkt aus dem Beschuldigungssystem tribaler Gesellschaften ableiten: »Of the different types of blaming system that we can find in tribal society, the one we are in now is almost ready to treat every death as chargeable to someone’s account, every accident as caused by someone’s criminal negligence, every sickness a threatened prosecution. Whose fault? is the first question. Then, what action? Which means, what damages? what compensation? what restitution? and the preventive action is to improve the coding of risk in the domain which has turned out to be inadequately covered. Under the banner of risk reduction, a new blaming system has replaced the former combination of moralistic condemning the victim and opportunistic condemning the victim’s incompetence.« (Douglas 1992: 15 f.) Schenkt man den Nachrichten glauben, leben wir in äußerst unsicheren Zeiten.9 Die hiobsbotschaften reichen von Naturkatastrophen bis zu technischen Unfällen, wobei historisch und kulturell variabel bleibt, welcher Anteil der Schuld dem Menschen und seinem Unvermögen, die Natur beziehungsweise die Technik entweder zu beherrschen oder ad- äquat zu behandeln, zugeschlagen wird. Doch die Risikoproblematik reicht auch bis in den banalen Alltag hinein, in dem jede handlung unerwünschte Nebenfolgen haben kann, die man so vorher nicht hat antizipieren können. Ein beliebtes Beispiel ist Charles Perrows verzweifelter Bewerber, der himmel und hölle in Bewegung setzt, um nur rechtzeitig 9 »Willkommen in der Welt hochriskanter Technologien!« heißt es gleich im ersten Satz von Charles Perrows Buch über die Normalen Katastrophen (Perrow 1988: 15). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 146 zum Vorstellungsgespräch zu kommen – und der natürlich kläglich scheitert (Perrow 1988: 18 ff.): Die Kaffeekanne wegen der schussligen Freundin gesprungen, der Autoschlüssel verliehen, des Nachbars Wagen in der Werkstatt, die Busfahrer im Streik und alle Taxen belegt. Und selbst der noch so verwegene Plan, »beim nächsten Mal zwei Autos zu organisieren, zusätzlich ein Taxi vorzubestellen und sich den Kaffee selbst zu machen« (Perrow 1988: 20), könnte sich aufgrund der Komplexität unseres Gesellschaftssystems und der engen Kopplung in Wohlgefallen auflösen. Der Kontingenz kann man nicht entkommen, die Zukunft ist und bleibt unvorhersehbar. Damit ist schon ein ganz allgemeiner Risikobegriff umrissen: »Unter einem Risiko ist der in einer handlungsgegenwart antizipierbare mögliche Schaden zu verstehen, der sich als Folge der gegenwärtigen handlung ergeben könnte« (Nassehi 1997b: 254). Es war vor allem Ulrich Beck, der mit seinem Buch über die Risikogesellschaft (1986) die wissenschaftliche Diskussion um den gesellschaftlichen Umgang und die Produktion von Risiken angestoßen und in der Soziologie prominent gemacht hat.10 Beck glaubt, mit dem Konzept der Risikogesellschaft ein neues Paradigma diagnostiziert zu haben, dessen Kernfrage lautet: »Wie können die im fortgeschrittenen Modernisierungsprozeß systematisch mitproduzierten Risiken und Gefährdungen verhindert, verharmlost, dramatisiert, kanalisiert und dort, wo sie nun einmal in Gestalt ›latenter Nebenwirkungen‹ das Licht der Welt erblickt haben, so eingegrenzt und wegverteilt werden, daß sie weder den Modernisierungsprozeß behindern noch die Grenzen des (ökologisch, medizinisch, psychologisch, sozial) ›Zumutbaren‹ überschreiten?« (Beck 1986: 26) Das Neue an diesem Modernisierungsprozess ist, dass er reflexiv geworden ist (vgl. Beck 1986: 26). Die kritische Selbstbeobachtung der Gesellschaft entlarvt die technologischen Lösungen von heute als Probleme von morgen und stellt die Selbstverständlichkeit eines ausschließlich positiv konnotierten Fortschrittsbegriffs in Frage. Atomkraftwerke, Erdölförderung oder Gentechnik werden so zu Geistern, die man mit bestem Wissen und Gewissen gerufen hat, und die man nun nicht mehr loswird. In diesem Sinne sieht sich die Risikogesellschaft, die die Klassen- und Mangelgesellschaft abgelöst hat, nicht nur mit den unterschiedlichsten Gefährdungen konfrontiert, sondern sie muss sich auch eingestehen, dass sie die Risiken selbst produziert. hier changiert Becks Diagnose zwischen stilistisch wunderbar vorgetragenem, analytischem Scharfsinn und polternder, kulturpessimistischer Polemik. »[O]hne komplizierte Klassikerexegese, aber auch ohne die Anstrengung des Begriffs 10 Dass dies nicht nur im akademischen Betrieb, sondern auch in der Öffentlichkeit hohe Resonanz gefunden hat, lässt sich sicherlich auch mit dem im gleichen Jahr der Veröffentlichung stattgefundenen Reaktorunglück von Tschernobyl erklären. VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 147 im theoretischen Sinne« (Nassehi 1997b: 253) befasst sich Beck mit der Risikoproblematik, die er jedoch mit der intuitiven Plausibilität einer Katastrophensemantik referiert, der man einfach gerne glauben schenken möchte. Kritisiert wurde Beck vor allem wegen seiner (impliziten) Annahme, Risiken eine gewisse objektive Realität zuzusprechen. Diese spiegelt die eine Seite einer dualistischen Debatte wieder, die von Wolfgang Krohn und Georg Krücken (1993) als »Differenz zwischen Objektivismus (Zunahme tatsächlicher Gefährdungen) und Konstruktivismus (Zunahme sozialer Sensibilität) in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung« beschrieben wurde (Krohn und Krücken 1993: 9, hervorhebung im Original). Prominente Vertreter dieses Einwandes sind Jeffrey Alexander und Philip Smith (1996), die Becks Risikogesellschaft weniger als rationalen, denn als »mythical discourse« verstehen: »The questions of when, and how, a ›risk‹ is detected, and of how these risks are placed on the social agenda, are not raised. It is simply the sheer objective enormity of risk that creates its apperception« (Alexander und Smith 1996: 254). Auch die Arbeiten von Mary Douglas und Aaron Wildavsky (Douglas und Wildavsky 1982; Douglas 1992), die sich mit ihrem sozial- und kulturkonstruktivistischen Ansatz am anderen Ende der Debatte befinden, bieten keine uneingeschränkte Alternative, obgleich sie wichtige Bausteine für eine kultursoziologische Perspektive auf Risiken liefern. Wichtiger für diese erscheint ohnehin ihre an Durkheims Religionssoziologie angelehnte, allgemeine Theorie zur Reinheit und Gefährdung. Ähnlich wie Paul Ricoeurs phänomenologische Untersuchungen zum Bösen, die er entlang der Trias von Makel, Sünde und Schuld entfaltet (Ricoeur 1971), nimmt Mary Douglas in ihrer Studie die einfachen Stammeskulturen als Ausgangspunkt. Diese archaischen Vorstellungen von Sakralität, Tabu und Verunreinigung werden als anthropologische Konstanten betrachtet, mit denen sich auch moderne Vorstellungen von Risiken erklären lassen: »The language of danger, now turned into the language of risk« (Douglas 1992: 14). Diese These ist allerdings nicht mit der weiter unten von Luhmann vorgeschlagenen Differenzierung zwischen Risiko und Gefahr zu verwechseln. Douglas geht es vielmehr darum zu zeigen, nach welchen Mustern Gemeinschaften grundsätzlich mit Verunreinigungen umgehen, unabhängig davon, wie sich das Vokabular und die oberflächlichen Konzepte geändert haben. Douglas und Wildavsky gehen davon aus, dass die Risikowahrnehmung sozialen Prozessen unterworfen ist. Diese wiederum hängen vom Wissen und den verschiedenen Formen sozialer Organisation ab, die erst festlegen – in den Worten der Autoren: selektieren – vor welchem hintergrund aus positiv formulierten Werten und Normen bestimmte Phänomene als riskant gelten und andere nicht und mit welcher Dringlichkeit diese Risiken behandelt werden (Douglas und Wildavsky 1982: 8 TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 148 f.). Dabei nimmt die Akzeptanz von Risiken ab, je mehr diese als unfreiwillig11 und die Folgen als schwer irreversibel erscheinen. Mit dem von Mary Douglas in Ritual, Tabu und Körpersymbolik entwickelten Grid/Group-Modell12 arbeiten Douglas und Wildavsky drei verschiedene »risk portfolios« (Douglas und Wildavsky 1982: 122) heraus: Markt (low grid/low group), Hierarchie (high grid/high group) und Sekte beziehungsweise Enklave (low grid/high group). Markt und Hierarchie befinden sich im Zentrum der Gesellschaft, wobei erstere sich vornehmlich vor einem innersystemischen Zusammenbruch des ökonomischen Systems fürchten, letztere dagegen vor internationalen Kriegen. Während Markt und Hierarchie grundsätzlich noch optimistisch sind und glauben, die herausforderungen meistern zu können, schwingen apokalyptische Propheten der Sekten an der Peripherie ihre Reden. Sie glauben an die Korruption des Zentrums, an Verschwörung und Verunreinigung: »The sect needs enemies« (Douglas und Wildavsky 1982: 124). Gerade die Sensibilität für technologische Risiken lässt sich laut Douglas und Wildavsky aus der Konjunktur von Umwelt- und Ökologiebewegungen, die der Logik der Sekte folgen, ableiten. Kritisch einwenden lässt sich wiederum die perspektivische Schieflage (vgl. Krohn und Krücken 1993: 12 f.; Alexander und Smith 1996: 256 f.): Risiken sind nicht objektiv gegeben, aber auch nicht – wie Douglas und Wildavsky – andeuten, einfach kulturell determiniert und auf die spezifische Eigenlogik des Organisationstypus Sekte zurückzuführen. Zwar mag es zutreffen, dass gerade Gruppierungen mit starkem Kollektivbewusstsein (high group) und relativ einfachen Klassifikationsmustern wie gut/böse, rein/unrein (low grid) zu finden sind – man denke beispielsweise an die Aktionsbündnisse, die oftmals nach Amokläufen entstehen –, aber die Theorie kann die Frage nicht beantworten, wann und unter welchen Umständen derartige Advokaten überhaupt entstehen. Vielmehr gilt es, ein dynamisches Modell zu entwerfen, das erklären kann, wann welche Phänomene zu Risiken stilisiert werden, durch welche Akteure und auf welche Art und Weise. hier lässt sich an den von Alexander und Smith vorgezeichneten Weg anschließen, indem Risikodiskurse empirisch analysiert und auf utopische und dystopische Narrative hin untersucht werden, die erst festlegen, was als rein oder unrein, heilig oder dämonisch zu gelten hat (vgl. Alexander und Smith 1996: 261). 11 Mit Luhmann müsste man hier schon von Gefahren sprechen. 12 Die Group-Achse misst die Intensität der Gruppenzugehörigkeit, die Grid-Achse die Komplexität und das Ausmaß von Klassifikationsmustern und handlungsleitenden Strukturen. VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 149 7.4.2 Risiko, Gefahr und Betroffenheit aus systemtheoretischer Perspektive Neben den klassischen soziologischen und anthropologischen Ansätzen von Beck und Douglas wurde der Risikobegriff vor allem in theoretischer hinsicht im Umfeld von Luhmanns Systemtheorie entwickelt und diskutiert (vgl. Nassehi 1997a; hahn 1998; Japp 2000; Luhmann 2003). Auch dieser Ansatz bildet vielversprechende Anknüpfungspunkte, die die bisherigen Erkenntnisse erweitern. Risiken lassen sich aus dieser Perspektive in eine Zeit- und eine Sozialdimension auffächern. Sie sind Zeitprobleme, wie sie sich ganz grundsätzlich für menschliches Zusammenleben darstellen: Vergangenes können wir nicht mehr ändern, Zukünftiges nicht wissen und in der Gegenwart müssen wir dennoch handeln. Zeit und Zeitlichkeit sind darüber hinaus beobachterabhängige Kategorien. Setzt man die Trias Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft voraus,13 so können wir quasi-objektiv nur festhalten, dass die Vergangenheit eben vergangen, die Zukunft noch nicht eingetreten ist und sich die Gegenwart14 mit ihrem Eintreten sofort auch schon wieder verflüchtigt: »Das Rätsel der Zeit besteht darin, dass sie nur als etwas existiert, das nicht existiert: als Vergangenheit und Zukunft, die nie gegeben sind, jedoch als Inaktualitätshorizont einer nicht dauernden Gegenwart aktuell werden« (Esposito 2010: 34). Ereignisse, Bestände, Inhalte und Wertungen sind nicht objektiv gegeben, sondern sozialen Zuschreibungsprozessen unterworfen, die in der Gegenwart verhandelt werden. Man kann hier mit Luhmann von gegenwärtiger Vergangenheit und gegenwärtiger Zukunft sprechen (vgl. Luhmann 2003: 48). Risiken sind besondere Zeitprobleme. Sie entfalten ihre Wirkmächtigkeit im hinblick auf eine Zukunft, bei der bis zum Moment der tatsächlichen, empirischen Erfahrung unsicher bleibt, ob der befürchtete Schaden nun eintreten wird oder nicht. In dieser Zeitstruktur stehen Risiken für »›handlungsaktivierende Noch-Nicht-Ereignisse‹, die »eine Zukunft [meinen], die es zu verhindern gilt« (Beck 1986: 43 f., hervorhebung im Original). Risiken sind damit zwar nur imaginiert und doch haben sie – analog des bekannten Thomas-Theorems – in der Gegenwart ganz reale Auswirkungen: »Sie sind in einem zentralen Sinne zugleich wirklich und unwirklich« (Beck 1986: 44, hervorhebung im Original). 13 Diese gilt natürlich nicht bzw. nur eingeschränkt für Gesellschaften mit einem zyklischen Zeitverständnis im Gegensatz zu unserem linearen. 14 »Wenn man die Zeit mit hilfe der Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft beobachtet, ist die Gegenwart der blinde Fleck dieses Beobachtens, das ›überall und nirgends‹ dieses Konzepts von Zeit. Oder, wie wir auch sagen können: die Repräsentation von Gleichzeitigkeit in der Zeit« (Luhmann 2003: 50). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 150 Risiken gründen auf einer bloßen »Kausalitätsvermutung«, sie »müssen immer hinzugedacht, als wahr unterstellt und geglaubt werden« (Beck 1986: 37). Risiken sind dabei niemals nur neutrale Prozentangaben für die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Schadens. Gewinnt die Risikokommunikation im öffentlichen Diskurs erst einmal an Fahrt und ist die zu erwartende Schädigung hinreichend groß, spielen Zahlen keine Rolle (vgl. Douglas 1992: 40). Ob eine lebensbedrohliche Situation mit einer Wahrscheinlichkeit von 10%, 20% oder 30% eintritt, ist für die potentiell Betroffenen kaum relevant, für sie ist nur entscheidend, dass ein solches Risiko besteht und dass dieses eliminiert werden muss. In ähnlicher Weise führt die Aussicht auf einen enormen Gewinn bei relativ niedrigem Einsatz zur Vernachlässigung von Wahrscheinlichkeiten (vgl. Sunstein 2007: 62). Anders lässt sich die massive Beteiligung an Lotterien nicht erklären, wo doch die Wahrscheinlichkeit, seinen Einsatz (immer wieder) zu verlieren deutlich höher ist, als mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 140 Millionen einen Volltreffer zu landen. Entgegen der allgemeinen Akzentuierung der Risikotheorien auf den Aspekt der Zukunft, soll an dieser Stelle betont werden, dass Risiken im Anschluss an Luhmann als vergangene, gegenwärtige und zukünftige Risiken virulent werden können – auch wenn die Bezugsgröße freilich immer die Gegenwart bleiben muss. 1. Eingetroffene Risiken und damit ein mangelndes Risikobewusstsein beziehungsweise falsche Entscheidungen oder Unterlassungen können als gegenwärtige Vergangenheit thematisiert werden, die wiederum Auswirkungen auf die Gegenwart und zukünftiges Risikobewusstsein hat. 2. Die Zukunft ist prinzipiell ungewiss und unverfügbar. Von der Risikoeinschätzung und Planung der gegenwärtigen Zukunft hängt ab, welche zukünftigen Gegenwarten realisiert werden. 3. Durch das tatsächliche handeln und Entscheiden setzt man sich in der Gegenwart immer schon Risiken aus, auch und gerade wenn man versucht, Risiken zu vermeiden. Aus vergangenen Risiken gilt es zu lernen, gegenwärtige müssen vermieden werden und zukünftige Risiken gilt es zu prognostizieren. Es gibt verschiedene Strategien, das Zukunftsproblem von Risiken zu adressieren – auch wenn es niemals vollständig gelöst werden kann. Eine banale, doch nicht zu unterschätzende Einsicht kann beispielsweise lauten, sich auf Unerwartbares einzustellen: »Wir können […] nur erwarten, überrascht zu werden – das wenigstens wissen wir und können damit rechnen« (Esposito 2010: 28). Eine zweite Möglichkeit bilden Prognosen und Wahrscheinlichkeiten. Diese räumen die Kontingenz zwar nicht beiseite, erzeugen aber eine beruhigende Illusion von Quasi-Tatsachen, die mit der verzaubernden Wirkung von Zahlen versichert VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 151 werden. Schließlich bilden Misstrauen und Vertrauen Mechanismen, mit der Unverfügbarkeit der Zukunft umzugehen.15 Wer »Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg. Er handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre. Man könnte meinen, er überwinde die Zeit, zumindest die Zeitdifferenzen« (Luhmann 2000: 9). Georg Simmel bezeichnet Vertrauen als »hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches handeln darauf zu gründen« (Simmel 1908 [1983]: 263). Dies kann zum einen reflektiert geschehen, indem Wissen und Nichtwissen16 bezüglich des Eintretens etwaiger Geschehnisse sowie die eigenen Erfahrungen abgewogen werden. Zum anderen kann man im Sinne der ›natürlichen Einstellung des Alltags‹ (Schütz), darauf vertrauen, dass die Welt und die Umstände von gestern und heute auch die von morgen sein werden. Eine Möglichkeit, den Umgang einer Gesellschaft mit Kontingenzen näher zu bestimmen, bildet Luhmanns Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr.17 Während Gefahren extern zugerechnet werden, d.h. keine Folgen von eigenen Entscheidungen sind, werden Risiken intentional gedacht, sie sind »Aspekte der Beobachtung von Entscheidungen« (Luhmann 2003: 114). Sowohl Risiken als auch Gefahren weisen den gleichen Bezugspunkt auf, der jedoch aus einer jeweils verschiedenen Beobachterperspektive erfasst wird: »Wir stehen vor einem klassischen Sozialparadox: Die Risiken sind Gefahren, die Gefahren sind Risiken, weil es sich um ein und denselben Sachverhalt handelt, der mit einer Unterscheidung beobachtet wird, die eine Differenz der beiden Seiten verlangt« (Luhmann 2003: 117). Mit zunehmender Ausdifferenzierung der Gesellschaft wächst auch deren Trend, Gefahren zunehmend als Risiken zu kodieren und damit eine unverfügbare Zukunft kalkulierbar zu machen (vgl. hahn 1998: 51). Es entsteht eine ›Kultur des Risikos‹, »die [sich] auf die Überzeugung [gründet], dass Berechenbarkeit eine zureichende Form von Beherrschbarkeit darstellt« (Münkler 2010: 27). Die ›Kulturen des Risikos‹ unterscheiden sich nach Münkler von den ›Welten der Sicherheit‹ dahingehend, dass letztere das »Unverfügbare, das nicht Vorhersehbare, das mit Übermächtigung Drohende« nicht mit Wahr- 15 Luhmann unterscheidet hier zusätzlich noch zwischen Vertrauen und hoffnung: »Ein Fall von Vertrauen liegt nur dann vor, wenn die vertrauensvolle Erwartung bei einer Entscheidung den Ausschlag gibt – andernfalls handelt es sich um eine bloße hoffnung. […] Vertrauen reflektiert Kontingenz, hoffnung eliminiert Kontingenz« (Luhmann 2000: 28 f.). 16 Nach Simmel oszilliert Vertrauen genau in dieser Zwischenlage von Wissen und Nichtwissen: »Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen« (Simmel 1908 [1983]: 263). 17 herfried Münkler macht eine ähnliche Unterscheidung, wenn er von Gefahr versus Bedrohung spricht: »Die Differenz zwischen Gefahr und Bedrohung ist eine von Kontingenz und Intention« (Münkler 2010: 11). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 152 scheinlichkeiten zähmen, sondern versuchen, Gefahren und Bedrohungen »›draußen‹ [zu] halten und so Räume [zu] schaffen, die sich von ihrer Umgebung durch ein deutlich höheres Sicherheitsniveau unterscheiden« (Münkler 2010: 11). Doch die Kulturen des Risikos und die Welten der Sicherheit sind nur um den Preis ihrer eigenen Paradoxien zu haben, die den Konzepten auf Schritt und Tritt folgen wie ein Schatten. Die Risikoeinschätzung ist selbst kontingent, denn nach Luhmann gehört es zur »Riskanz des Risikos, dass die Einschätzung mit der Zeit variiert« (Luhmann 2003: 51), je nachdem ob ein Schaden eingetreten ist oder eben nicht. Jedes Vorsorgeprinzip führt damit unweigerlich in ein unauflösbares Paradoxon: »[S]owohl ein Tätigwerden als auch Nichttätigwerden und alles, was dazwischen liegt« (Sunstein 2007: 14) birgt Risiken. Gegen Wasserrohrbrüche kann man sich versichern und gegen Krankheiten impfen lassen, doch Versicherungsgesellschaften können Konkurs anmelden und Impfungen Impfschäden verursachen. Es scheint so, als müsste man mit dem Risiko, sich für oder gegen bestimmte Risiken zu entscheiden, leben. Ein weiteres Paradoxon ergibt sich aus dem Umstand, dass die zunehmende Transformation von Gefahren in Risiken, die eigentlich zu deren Vermeidung oder Minimierung beitragen soll, faktisch zu einer Zunahme von Risiken führt. Ein klassisches Beispiel ist Luhmanns ›Regenschirm-Dilemma‹: »Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, daß man durch Regen naß wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegenzulassen.« (Luhmann 2008a: 363) Die Paradoxie, Risiken nur mit Entscheidungen zu bewältigen, die selbst riskant sind, zeigt sich in ähnlicher Weise auch in der Produktion und der Wahrnehmung von Sicherheiten. Bei verschärften Gesetzen bleibt fraglich, ob sie auch tatsächlich scharf genug sind, hohe Mauern könnten immer noch nicht hoch genug sein. Insbesondere die sichtbare Produktion von Sicherheit steigert die Bedenken und erhöht die Besorgnis. Nach Münkler besteht die Paradoxie der Sicherheitskommunikation gerade darin, »dass die Welten der Sicherheit ein Bedürfnis nach Sicherheit beziehungsweise komplementär dazu ein Gefühl von Unsicherheit hervorbringen, das umso höher ist, je größer die Sicherheitszusagen sind« (Münkler 2010: 12). Die Produktion von Sicherheit steigert darüber hinaus nicht nur den Zweifel an der Sicherheit, sondern trägt gleichzeitig auch zu einer erhöhten Risikobereitschaft bei, die die Sicherheitsmaßnahmen sabotieren können: »Wer sich abgesichert weiß, kann bei gleicher Risikobereitschaft um so mehr riskieren« (Luhmann 2003: 123). VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 153 In der Sozialdimension der Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr spielen Entscheider, Betroffene und Opfer die zentrale Rolle. Entscheider und Betroffene bilden komplementäre Figuren, da Entscheidungen immer Betroffenheit erzeugen. Es ergibt sich eine zirkulär verlaufende Visibilisierung: »So wie für den Entscheider das Risiko sichtbar wird, so durch das Risiko der Entscheider« (Luhmann 2005a: 144). So klar und einfach die systemtheoretischen Definitionen sind, so unscharf können sie in der empirischen Welt werden. Oftmals ist nicht klar, wer wann und ob überhaupt jemand irgendetwas entschieden hat und schon gar nicht, wer davon betroffen ist: »Es gibt […] in der Akkumulation von Entscheidungseffekten, in Langzeitauswirkungen nicht mehr identifizierbare Entscheidungen, in überkomplexen und nicht mehr tracierbaren Kausalverhältnissen Bedingungen, die erhebliche Schäden auslösen können, ohne auf Entscheidungen zurechenbar zu sein, obwohl es klar ist, daß es ohne Entscheidungen nicht zu solchen Schäden hätte kommen können«. (Luhmann 2003: 35) Entscheidungen und Betroffenheit sind selbst Aushandlungsprozessen und Zuschreibungen unterworfen. So kann ein Firmenvorstand zum symbolischen Entscheider stilisiert werden, um als Sündenbock die Verantwortung eines Skandals auf sich zu nehmen und das Ansehen der Firma zu retten, obwohl vielleicht nicht er, sondern ein Anderer das Entscheidende entschieden hat. Die Politik hat den Auftrag, die Gesellschaft mit bindenden, demokratisch legitimierten Entscheidungen zu versorgen: »Politisches handeln dient im wesentlichen dazu, die Komplexität der gesellschaftlichen Möglichkeiten so weit zu reduzieren, dass verbindlich und ohne das Risiko erheblichen Widerstandes entschieden werden kann« (Luhmann 2010: 126). Dass aus pragmatisch verständlich Gründen nicht alle Menschen entscheiden können, kann einerseits als Entlastung empfunden werden, da man selbst vielleicht gar nicht entscheiden wollte, sich nicht kompetent genug fühlt oder die Last der Verantwortung nicht tragen möchte. Andererseits wäre man nach Krisen und fatalen Entscheidungen doch gerne nochmals explizit gefragt worden und man hätte sicherlich anders entschieden. Das Verhältnis zwischen Entscheidern und Betroffenen bleibt nicht zuletzt deswegen problematisch, weil es ein zutiefst asymmetrisches ist. Die (potentiell) Betroffenen sind in der Regel – Ausnahmen bilden Volksentscheide – von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen, da sie nur entscheiden können, wer entscheiden soll beziehungsweise mit ihrer (Wahl-)Entscheidung eigentlich nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass bestimmte Politiker die Möglichkeit bekommen, Entscheidungen zu treffen. Jenseits aller Sachfragen kann diese fehlende Reziprozität allein schon der Grund sein, warum bestimmte Entscheidungen kategorisch abgelehnt werden, wie sich bei bestimmten Protesten TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 154 gegen Großprojekte – die verfahrenstechnisch durchaus legitim sind – zeigt: »So ›rational‹ der Entscheider auch immer Risiken und Chancen abwägen mag, sind die Betroffenen dadurch gar nicht zu erreichen, denn ihre Betroffenheit resultiert allein aus dem Umstand, die Entscheidungsfolgen nicht selber verursacht zu haben« (Japp 2000: 65 f., hervorhebung im Original). Der Unterscheidung von Luhmann zwischen Entscheidern und Betroffenen lässt sich noch eine dritte Kategorie hinzufügen: Opfer. Betroffenheit lässt sich auch im Vorfeld möglicher Entscheidungen – von denen man sich betroffen glaubt, sollte die Entscheidung tatsächlich gefasst werden – oder Katastrophenszenarien artikulieren und argumentativ einbringen. Opfer sind nicht nur potentiell Betroffene, sondern ohne eigenes Verschulden tatsächlich massiv geschädigte oder sogar getötete Akteure, deren Unglück hätte verhindert werden können und müssen: »Only if at least vague information about the risk of catastrophe were available, if precautions could have been taken, if the presence in the area of risk and danger could have been avoided, is the term ›victim‹ justified. […] Victimization presupposes the – at least partial – attribution of responsibility to outside agencies – it assumes the innocence of the victim.« (Giesen 2004b: 46 f.) Der Tod der unschuldigen Opfer wird zu ›tales of void‹ verwoben, »their suffering has no meaning, they face the void, the nothingness, the absurdity of death without hope or consolation« (Giesen 2005: 101). Dieses ›sinnlose Leiden‹18 findet seine sinnhafte Materialisierung in Gedenkstätten, Tafeln und Kondolenzbüchern, die den objektivierten Opfern wieder einen Namen, einen Gesicht und einen Platz im Zentrum der Gemeinschaft zurückgeben (vgl. Giesen 2004b: 54 ff.; vgl. 11.2). Während bei Opfern in den meisten Fällen evident ist, warum und dass Menschen zu Opfern geworden sind19 – man denke an Flugzeugabstürze, kontaminierte Spritzen oder Reaktorunglücke – wird direkte wie indirekte Betroffenheit in stärkerem Maße öffentlich kommunikativ ausgehandelt. Diese Zuschreibung kann dabei sowohl intuitiv-emotional erfolgen, wie man sich zum Beispiel von Starkstrommasten oder handystrahlen gefährdet fühlen kann, obwohl die wissenschaftliche Legitimation derartiger Ängste unbegründet oder zumindest zweifelhaft ist. Auf der anderen Seite stehen die Experten, die aufgrund ihres ganz 18 Vgl. dazu den Aufsatz »Das sinnlose Leiden« von Emmanuel Lévinas (Lévinas 1995) und Kapitel 8.3.2. 19 Freilich gibt es auch komplizierte Zuschreibungsprozesse, die nicht nur über körperliches Leid bestimmen, wer in einem bestimmten Kontext – zum Beispiel das nationalsozialistische Deutschland – als Opfer zu gelten hat und wer nicht. So gibt es eine Debatte darüber, ob die Toten unter der Zivilbevölkerung nun als Täter gestorben sind oder ihrerseits selbst zu ›Opfern des Systems‹ wurden. VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 155 spezifischen Wissens bestimmte Risiken diskutieren, die von den Laien weder nachvollziehbar sind noch als besonders brisant für ihre eigene Lebenswelt empfunden werden – Betroffenheit kann ›verordnet‹ werden. Sie wird selbst zum Objekt von Expertenentscheidungen, die »Reichweite und Art der Gefährdung, Bedrohungsgehalt, Personenkreis, Spätfolgen, Maßnahmen, Verantwortliche, Entschädigungsansprüche« feststellen (Beck 1986: 71). hier wird die Verschränkung von Risiko- und Wissensgesellschaft20 besonders deutlich, denn »Risiken entstehen ja im Wissen und können damit im Wissen verkleinert, vergrößert oder einfach von der Bildfläche des Bewußtseins verdrängt werden« (Beck 1986: 100). Betroffenheit in der Risikogesellschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die eigene Betroffenheit mit den »eigenen Wissensmitteln und Erfahrungsmöglichkeiten nicht entscheidbar [ist]« (Beck 1986: 70, hervorhebung im Original). Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig Wissen kann das Risikobewusstsein steigern: »[A]ngesichts unserer zufälligen und mangelhaften Anpassungen an unsere Lebensbedingungen [ist] kein Zweifel, daß wir nicht nur so viel Wahrheit, sondern auch so viel Nichtwissen bewahren und so viel Irrtum erwerben, wie es für unser praktisches Tun zweckmäßig ist« (Simmel 1908 [1983]: 258). Neben den Diskrepanzen zwischen Experten und Laien, Wissen und Nichtwissen lässt sich auch ein »Auseinandertreten von öffentlicher Sorge und privater Betroffenheit« feststellen: »Wer öffentlich vor dem drohenden Unheil warnt, kann sich dennoch als private Person von der Betroffenheit ausnehmen« (Giesen 2010: 263). Das öffentliche Warnen vor Gefahren und Risiken birgt sogar eine gewisse Faszination – zumindest für die Nichtbetroffenen, die die Betroffenen beobachten. Bernhard Giesen spricht hier von ›Kassandrarufen‹, jener Seherin, deren dunkle Voraussagen paradoxerweise ignoriert werden müssen, um ihre Rolle als Seherin nicht zu gefährden: »Wir hören Kassandras Rufen danach zu, weil wir nicht annehmen, dass sie über unsere eigene Zukunft redet, sondern über die von anderen Menschen. Unsere eigene künftige Lage wird – davon gehen wir aus – vom Unglück verschont bleiben, während die der anderen gefährdet ist, wenn sie diese Gefährdung nicht in Rechnung stellen sollten.« (Giesen 2010: 263) Freilich kann auch genau das Gegenteil der Fall sein. Betroffenheit kann moralisch gefordert werden, auch und gerade dann, wenn man selbst nicht direkt betroffen ist, »manche [können] sich schon durch das Betroffensein anderer betroffen fühlen« (Luhmann 2003: 121). Insbesondere dann, »wenn die ›Betroffenen‹ ihre Lebenslage nicht selbst als 20 Laut Ulrich Beck wird Betroffenheit in der Klassengesellschaft noch unabhängig vom Expertenwissen erfahren – der Betroffene braucht niemanden, der ihm sein hungergefühl wissenschaftlich bestätigt (vgl. Beck 1986: 70 f.). TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 156 problematisch einschätzen, keine hilfsbedürftigkeit artikulieren und damit auch nicht als anerkannte Bezugs- und Bewertungsinstanzen […] gelten können« (Giesen 1983: 232), betreten Advokaten das Feld, um im Namen derjenigen zu sprechen, die im öffentlichen Diskurs keine Stimme und kein Gewicht haben. 7.4.3 Prävention und Vorsorge Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Ungewissheiten im Allgemeinen und die Paradoxien der Risikokommunikation am Beispiel von Amokläufen zu verhandeln. Nach Wolfgang Bonß lassen sich drei Dispositive unterscheiden: Kalkulation und Inkaufnahme von (Rest-) Risiken, Prävention und Schadensvermeidung sowie Kommunikation und Politisierung des Risikodiskurses (vgl. Bonß 1995: 247). Da man jedoch davon ausgehen muss, dass jede Strategie zumindest zum Teil an den öffentlichen Diskurs gebunden ist und unter Beobachtung der Öffentlichkeit steht, lässt sich das Dispositiv ›Kalkulation und Inkaufnahme‹ nur schlecht öffentlich kommunizieren. Einerseits lässt sich kaum ein Risikopotential aller Menschen, die potentiell dazu fähig sind, einen Amoklauf durchzuführen, berechnen und ethisch vertreten und andererseits lässt sich eine Inkaufnahme als Unfähigkeit der Politik interpretieren, ihre Aufgabe der Versorgung der Gesellschaft mit Entscheidungen wahrzunehmen. Die zweite Strategie kann nach Bonß in primäre Prävention und sekundäre Vorsorge unterschieden werden: »Während die primäre Prävention darauf abzielt, Schäden gar nicht erst eintreten zu lassen, soll die sekundäre Vorsorge unabwendbare Schädigungen möglichst frühzeitig erkennen und in ihren Folgen begrenzen« (Bonß 1995: 244, hervorhebung im Original). Im ersten Fall ist das Ziel die Verhinderung des Amoklaufs. Die Früherkennung von ›auffälligen‹ Jugendlichen, also die Sichtbarmachung von potentiellen Tätern, verschärfte Waffengesetze, Kontrollen an Schulen etc. sollen verhindern, dass überhaupt etwas passiert. Die sekundäre Vorsorge dagegen greift in Form von Notfallplänen wie dem Verbarrikadieren von Türen, verschlüsselten Durchsagen und gut ausgebildeten Sondereinsatzkommandos, Psychologen etc. dann, wenn es bereits zu einem Vorfall gekommen ist. Die Kommunikation und die Politisierung des Risikos versucht sich schließlich dadurch zu entparadoxieren, dass »akzeptable Risiken und Schadensfälle diskursiv bestimmt und konsensuell abgesichert werden« (Bonß 1995: 247) und dass »Schäden […] dann im Nachhinein – je nach funktionssystemspezifischer Referenz – wissenschaftlich-technisch, rechtlich und politisch oder aber moralisch beobachtet und bearbeitet werden [können], so dass man das Risiko des Risikos gar nicht mehr zu VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 157 Gesicht bekommt« (Nassehi 1997a: 45). Dadurch ist es auch möglich, die Paradoxien der Zeitdimension aufzulösen und »die radikale Differenz von gegenwärtigen Entscheidungsgegenwarten und zukünftigen Folgegegenwarten wenn nicht zu überwinden, so doch zumindest abzumildern« (Nassehi 1997a: 45). 7.5 Zusammenfassung Verbrechen und deviantes Verhalten sind soziale Zuschreibungen, die von der emotionalen Resonanz der Gesellschaft oder einer Gruppe auf das entsprechende Verhalten abhängen. Das relativ statische Modell der funktionalistischen Theorien zum Verbrechen muss überdacht werden. Zwar gibt es auch ›eindeutige‹ Verfehlungen, die relativ leicht erklärt, kommunikativ behandelt und abgeschlossen werden können, um danach zum status quo der Wertvorstellungen zurückzukehren. Ein Mord aus Eifersucht wird zwar als empörend empfunden, aber nach der gebührenden Bestrafung des Täters gibt es nur selten weiteren Diskussionsbedarf. Andere, besonders schwere Verbrechen dagegen – wie terroristische Anschläge und Amokläufe – fallen nicht unter diese Kategorie. Ihr Auftreten wird nicht als normale Ausnahme empfunden, die juristisch problemlos repariert werden könnte. Das Selbstverständnis der Gesellschaft gerät ins Wanken und die Unmöglichkeit der Alleinschuld des Täters evoziert Fragen nach anomischen Zuständen. Die offensichtliche Schuld des Täters wird nur als Teilschuld empfunden, weshalb ihre Feststellung auch nur bedingt integrierend wirkt. Verbrechen wie Amokläufe sind daher auch im klassifikatorischen Sinne unrein, da die üblichen Zuschreibungen fehlgehen und Kontexte überhaupt erst diskursiv ausgehandelt werden müssen. Der gesellschaftliche Zorn sucht sich andere Ventile. Bleibt es bei paranoider Angst- und Gefahrenkommunikation und apokalyptischen Narrativen, verharrt die Gesellschaft in diesem Stadium der Unsicherheit. Dies ändert sich mit der Transformation von Gefahren- in Risikokommunikation. Während die manifeste Funktion von Risikodiskursen in der politischen, juristischen und ethischen Neujustierungen des gesellschaftlichen Werteapparates besteht, liegt die latente Funktion in der rituellen Beschuldigung und Ausstoßung von Sündenböcken sowie der Selbstversicherung, wodurch Solidaritäten generiert werden. Darüber hinaus entstehen durch die Risikokommunikation möglicherweise neue Erklärungsmuster und Tatbestände, die wiederum Auswirkungen darauf haben, was als deviant empfunden wird und wie diese Verbrechen in Zukunft verarbeitet werden. Es bleiben noch das Verhältnis von Amok und Risikogesellschaft sowie einige kultursoziologische Elemente einer Risikotheorie zu bestimmen: 1. Risiken sind weder real gegebene Tatbestände noch objektive TEIL III: ThEORETISChE KONZEPTE 158 Aussagen über Wahrscheinlichkeiten. Was als Risiko gilt und was nicht, variiert mit der Kultur, der Zeit, bestimmten Ereignissen, die als Trigger fungieren können und es kommt auf diejenigen an, die ein Risiko vortragen und auf diejenigen, die es betrifft. Damit sind Risiken auch Bestandteil von Selektionsprozessen: Risiken mit geringer Wahrscheinlichkeit, geringer Schadens- oder Gewinnerwartung werden kaum wahrgenommen; Risiken mit geringer Wahrscheinlichkeit, hoher Gewinn- und niedriger Schadenserwartung werden eingegangen (Lotto), Risiken mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber hoher Schadenserwartung (Lebensgefahr) dagegen eher selten. 2. Die Selektion von Risiken folgt meistens der Unterscheidungslogik rein/unrein, weswegen Risikokommunikation extrem ansteckend ist. Wo einmal Risikoherde bestimmt sind, können andere nicht weit sein. 3. Nicht nur die Verurteilung von Verbrechen, sondern auch die Formulierung von Risiken, Entscheidern und Sündenböcken wirken solidaritätsstiftend. Gleichzeitig gilt aber auch hier die »Präventivwirkung des Nichtwissens« (Popitz 2006). Risikoherde zu bestimmen und Anschlussstellen für zukünftige Entscheidungen zu ermöglichen, schafft Vertrauen. Zu viele Risiken oder die Dramatisierung des Umstandes, dass jede Entscheidung selbst wieder neue Risiken mit sich bringt, führen dagegen zu einem schwindenden Sicherheitsbewusstsein und Misstrauen in die Entscheider, die Probleme tatsächlich lösen zu können. Das Phänomen Amok entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung zu den Kategorien ›Risiko‹ und ›Gefahr‹ und genau in dieser Ambivalenz gründet das kollektive Unsicherheitsempfinden und die öffentliche Empörung. Die prekäre Situation des Amoklaufs besteht darin, dass er erst retrospektiv als Risiko kodiert wird – das man hätte bemerken müssen oder durch die ›richtigen‹ Entscheidungen beeinflussen können. Während der Tat verwandelt der Amokläufer – wie auch der Terrorist und der Attentäter – »mögliche Risiken in manifeste Gefahren zurück« und »beansprucht damit das Format von Naturkatastrophen, von ›höherer Gewalt‹« (Kluge und Vogl 2009: 141). Er wird nach Joseph Vogl zum idealtypischen »homo aleator«, zum ›Zufallsmenschen‹ stilisiert (Vogl 2004: 151, hervorhebung im Original). Dieser wird als »Sinngeber und Apokalyptiker des Risikos« zu einem Protagonisten in einer »analytische[n] und politische[n] Umgangsweise mit Gefahren, Schäden und Katastrophen« (Vogl 2000: 87). Gerade bei Amokläufen klafft die Diskrepanz zwischen einer einzigen, destruktiven Intentionalität und einem vollkommen unüberschaubaren Kreis von Betroffenen, was zeigt, dass diese Problematik nicht mit Fokus auf potentielle Betroffene gelöst werden kann: »Erst diese Art diffuser Betroffenheit vom extrem unwahrscheinlichen, aber doch nicht auszuschließenden Fall macht die asymmetrische VERBREChEN, RISIKO UND SOLIDARITÄT 159 Struktur des Problems deutlich: Der soziale Zugriff kann nur an der Entscheidung einsetzen und nicht an der Betroffenheit. Und dies ganz unabhängig von der Art des Zugriffs. Die Betroffenen sind eine amorphe Masse, die sich nicht in Form bringen lässt.« (Luhmann 2003: 120) Nimmt man die analytische Trennung von Risiko und Gefahr von Luhmann genau, so findet nicht nur eine Transformation von der ›Gefahr Amok‹ in ein ›Risiko Amok‹ statt, sondern für alle zukünftigen Amokläufe gilt, dass sie sowohl Risiko als auch Gefahr sind, denn was für den einen ein Risiko darstellt – beispielsweise in verkehrter Richtung auf der Autobahn zu fahren – kann für alle anderen, die in die Reichweite möglicher Konsequenzen der handlung kommen, eine Gefahr darstellen, weil sie keinen Einfluss nehmen können und von einer ›externen‹ Intentionalität abhängen. Die Risikodiskurse in Bezug auf Amok müssen noch weiter differenziert werden. Während der Amokläufer und solche, die es werden könnten, Risiken erster Ordnung sind, lassen sich die verschiedenen Faktoren und Umstände, die die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen (vermeintlich) positiv beeinflussen, als Risiken zweiter Ordnung betrachten. Daher scheint das kollektive Sicherheitsempfinden umso stärker, je mehr Entscheider ausgemacht werden können, um handlungsspielräume zur Verhinderung von Katastrophen zu eröffnen. Amok als Risiko ist damit nicht nur ein Problem der Vergangenheit, dessen Wahrnehmung fundamental gescheitert ist, sondern zugleich eine Chance, die Risiken zukünftiger Amokläufe zu adressieren und die bedrohliche Kontingenz derartiger Ereignisse zu bewältigen. Teil IV Empirische Analyse 162 Die Amokläufe von Erfurt und Winnenden Im vorliegenden vierten großen Abschnitt dieser Arbeit werden zwei konkrete empirische Fallbeispiele untersucht und diese genauer analysiert. Den ersten Fall bildet der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002. Der Täter, der 19-jährige ehemalige Schüler des Gymnasiums Robert Steinhäuser, tötet 16 Menschen und am Ende sich selbst. Der Amoklauf am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule und der näheren Umgebung von Winnenden stellt den zweiten Fall dar. Der 17-jährige Tim Kretschmer, ebenfalls Schüler der betroffenen Schule, tötet 15 Menschen und schließlich sich selbst. Die Darstellung der Ergebnisse folgt erstens einer thematischen Kategorisierung. Aufgrund von einigen inhaltlichen Überschneidungen werden die Amokläufe von Erfurt und Winnenden bewusst parallel interpretiert, um Redundanzen zu vermeiden. In den Zusammenfassungen am Ende der jeweiligen Kapitel sowie an ausgewählten Stellen wird auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten eingegangen. An dieser Stelle soll nochmals betont werden, dass es bei der empirischen Analyse nicht um die Rekonstruktion oder Dekonstruktion von ›Wahrheit‹ geht. Vielmehr soll die diskursive Logik der Bewältigung von Amokläufen in den Blick genommen und gefragt werden, wann wie und von wem über Amokläufe gesprochen wird, welche Akteure wichtig sind, welche Antworten auf welche Fragen gegeben werden, welche Ereignisse und Nicht-Ereignisse sich in der Folge der Amokläufe beobachten lassen. Zweitens folgt die Darstellung einer zeitlichen Kategorisierung, indem die Kapitel chronologisch aufeinander aufbauen. Sie beschreiben die Narrativierung des Ereignisses von seinem Einbruch (Kapitel 8), über seine Bewältigung (Kapitel 9 und 10) bis zu seiner diskursiven Schlie- ßung (Kapitel 11). Insbesondere Kapitel 12 thematisiert die Chronologie insgesamt und es werden drei verschiedene Narrative mit verschiedenen Erzählrichtungen vorgestellt. 163 8 Trauma: Diesseits und Jenseits von Sinn und Sprache Amokläufe manifestieren sich als radikale Einbrüche in den friedlichen Alltag und stellen Selbstverständlichkeiten in Frage. Die Gewaltereignisse traumatisieren nicht nur die Angehörigen der Opfer und die helfer, sondern auch Schulen, Gemeinden und das öffentliche Leben der Bundesrepublik insgesamt, weshalb man sowohl von individuellen als auch von sozialen und kulturellen Traumata sprechen kann (vgl. Alexander et al. 2004). Bernhard Giesen definiert »Trauma« wie folgt: »Sometimes […] external forces invade violently and unexpectedly the personal realm of our existence and remind us suddenly of our mortality. Later on, after a period of latency, we remember this shocking intrusion again and again, we revive it in our dreams, we talk about it, etc. We call this ruminating memory a ›trauma‹. Remembering a trauma refers to our mortality not merely as a potentiality but as an event that could have happened to us, that was almost real.« (Giesen 2004b: 8) Mit dem diskursiven Ausdruck dieser kollektiven, traumatischen Erfahrungen wird sich das erste Kapitel der empirischen Analyse befassen. Insbesondere in der Berichterstattung kurz nach dem Amoklauf werden eine Sinnkrise und ein Erklärungsnotstand ausgerufen, die überwunden werden müssen. Dabei zeigen sich verschiedene Spannungsverhältnisse, innerhalb derer das Ereignis situiert werden kann. Zunächst wird der Amoklauf als Einbruch in den Alltag erzählt und es lassen sich verschiedene Tatbeschreibungen identifizieren (8.1). Ein zweites Spannungsverhältnis wird daran deutlich, dass der Amoklauf sowohl zum Sprechen als auch zum Schweigen; sowohl zum handeln als auch zum Unterlassen auffordert (8.2). Diesen ersten Zugang zum Ereignis – Diesseits und Jenseits von Sinn und Sprache – begleiten vier verschiedene Figuren des Außerordentlichen: Täter, Opfer, helden und Experten (8.3). 8.1 Das Einbrechen des Außerordentlichen 8.1.1 Alltag und Ereignis In der Berichterstattung kurz nach dem Ereignis bildet die friedliche Normalität des Alltags den erzählerischen Ausgangspunkt, vor dessen hintergrund sich die plötzlich hereinbrechende, außerordentliche Gewalt abhebt. »Und wer rechnet auch mit Schüssen in einer deutschen TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 164 Schule an einem ganz normalen Frühlingsmorgen?«, fragt der Spiegel1 zwei Tage nach dem Amoklauf von Erfurt. Auch die Welt spricht von einem »sonnigen Frühlingstag mitten in Deutschland.«2 Während der Verweis auf das gute Wetter und auf die blühende Jahreszeit, die symbolisch mit neuem Leben verknüpft ist, den jähen Einbruch der Gewalt kontrastiert, betonen die rhetorische Frage und die Formulierung »mitten in Deutschland« die Kontingenz des Ereignisses (vgl. 8.1.2). Ähnliche Formulierungen finden sich auch kurz nach dem Amoklauf von Winnenden. »Um 9.15 Uhr war es noch ein normaler Mittwoch in Winnenden«, heißt es etwa im Spiegel.3 Neben der zeitlichen Normalität wird darüber hinaus auch eine lokale Idylle beschworen, die die Katastrophe noch unverständlicher macht. Winnenden wird als »Kleinstadt in der schwäbischen Provinz« beschrieben, in der die Wolken »über Residenzschloss und Fachwerkhäusern« hängen und »Schneematsch im Schatten der Stadtmauer« lag.4 Insbesondere von überregionalen Medien wird der provinzielle Charakter betont, etwa wenn von der Welt erklärt wird, dass Winnenden zwischen dem »Buchenbach« und dem »Zipfelbach« liegt.5 Aber auch Erfurt, das als Landeshauptstadt von Thüringen sicher nicht zur Provinz gerechnet werden kann, wird einerseits als völlig normale und durchschnittliche Stadt beschrieben, andererseits im Vergleich zu anderen Städten aufgewertet. So heißt es im Spiegel: »Erfurt ist gepflegter als Berlin, schöner als hamburg, ungekünstelter als Tübingen, vom Krieg verschont, vom Sozialismus nicht zur Modellstadt verdammt. Erfurt ist eine Stadt im menschlichen Maß.«6 Schließlich wird neben der zeitlichen, örtlichen und klimatischen Normalität noch die ereignislose Banalität des Schulalltags betont, die sich plötzlich in ein chaotisches Katastrophenszenario verwandelt: »Es gab Reis mit huhn in der Kantine des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums und Johanna S. aus der 7 c hatte im Speisesaal gerade ihren Teller vor sich abgestellt, da sah sie draußen Schüler davonrennen«7, ist im Spiegel zu lesen. Auch beim Amoklauf von Winnenden wählt der Spiegel in den ersten Artikeln nach dem Ereignis diese dramatische Form der Erzählung: »Der Unterricht plätscherte dahin, noch knapp eine halbe Stunde durchhalten bis zur großen Pause. Dann geht die Tür auf. Im Rahmen steht eine dunkel gekleidete Gestalt, in der hand eine Pistole.«8 1 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 2 »Der Tod im Schulhaus«, Die Welt, 27.04.2002. 3 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 4 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 5 »Die Tragödie von Winnenden«, Die Welt, 12.03.2009. 6 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 7 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 8 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 165 Diese Art der Beschreibung leistet mehr als bloßen Informationsgewinn. Indem banale Begebenheiten wie der Mensa- oder Stundenplan dem Amoklauf vorangestellt werden, wird beim Leser eine Art »suspense« erzeugt (im Gegensatz zu »surprise«), in der die unvermeidliche Katastrophe bereits antizipiert wird. Eine ähnliche Wirkung erzielt die Darstellung von Einzelereignissen in minimalen Zeiteinheiten. Ein derartiger protokollarischer Bericht findet sich beispielsweise nach Erfurt im Spiegel: »Um 11.05 Uhr hörte der Biologielehrer Andreas Förster ›irgendwelchen Lärm‹. […] Um 11.06 Uhr war oben in der dritten Etage auch hannes N. auf dem Gang.«9 Ähnliches lässt sich auch nach Winnenden beobachten: »Um 9.15 Uhr war es noch ein normaler Mittwoch […]. Gegen 9.30 Uhr betrat ein 17-Jähriger die Albertville-Realschule und suchte das Obergeschoss auf. […] Gegen 9.50 Uhr kidnappte der Täter ein Auto […]. Er hat 15 Menschen getötet, er setzt sich den Lauf an die Schläfe, er drückt ein letztes Mal ab. 12.30 Uhr, ein Mittag in Deutschland.«10 In dieser protokollarischen Darstellung kommen die Akteure häufig auch selbst zu Wort, was die dramatische Intensität noch weiter steigert. Die Zitate können dabei einerseits als Erinnerung an das Geschehene gerahmt werden: »Die 15-jährige Betty erzählt: ›Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz, aber dann rief jemand: ›Rennt! Rennt!‹ Dann habe ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fernstern gesprungen sind.‹«11 Die Mikro-Ereignisse können andererseits aber auch im Präsens erzählt werden: »Schreie, Chaos, ›Runter!‹, ruft Frau Braun. Die Schüler reißen die Tische um, werfen sich auf den Boden, suchen Deckung hinter den Pulten. holz splittert, Querschläger fliegen durch die Luft, Patrik ist verletzt und merkt es nicht.«12 Wie der ›Reporter vor Ort‹ in der Nachrichtensendung vermittelt diese Rhetorik Unmittelbarkeit. Sie stellt den Versuch dar, die raum-zeitlichen Grenzen des Printmediums zu überbrücken. Es wird deutlich, dass in der dramatischen Erzählung der ersten Tage der Berichterstattung nicht nur erste ›Fakten‹ im Vordergrund stehen, sondern vor allem Emotionen und persönliche Schicksale. Eine Schülerin des Gutenberg-Gymnasiums »weinte leise und wiederholte immer wieder: ›Das war der reinste Terror.‹«13 Auch Einsatzkräfte werden zitiert: »Als die ersten Beamten eintreffen und das Gebäude betreten, werden sie von dem Amokläufer sofort angegriffen. Ein 42jähriger Polizist stirbt sofort. Später sagt der Einsatzleiter 9 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 10 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 11 »Die Tragödie von Winnenden«, Die Welt, 12.03.2009. 12 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 13 »18 Tote bei Amoklauf in Gymnasium«, Süddeutsche Zeitung, 27.04.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 166 unter Tränen: ›Seine Tochter hat heute Geburtstag.‹«14 Während Experten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen für die ›Fakten‹ zuständig sind (vgl. 8.3.4), geht es bei Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens um performative Trauer (vgl. 8.2), und bei Augenzeugenberichten von helfern und Betroffenen um subjektives Erleben. 8.1.2 Tatbeschreibungen Es gibt drei entscheidende Gegensatzpaare, die für die Beschreibung von Amokläufen charakteristisch sind: Der Amoklauf bewegt sich in seiner Bewertung zwischen Determinismus und Kontingenz (1.), zwischen Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit (2.) und zwischen Exzess und Rationalität (3.). Diese Ambivalenz eines ›sowohl als auch‹ stellt jedoch nur auf den ersten Blick ein ›Defizit‹ dar. Zwar steht die Bedeutungsoffenheit zunächst dem Streben nach Ordnung und Eindeutigkeit entgegen, doch der Begriff ermöglicht gleichzeitig gerade durch seine Offenheit die Vereinbarkeit von eigentlich Unvereinbarem und trägt damit zur gesellschaftlichen Integration des schrecklichen Ereignisses bei. Auf diese These wird zurückzukommen sein (vgl. 13.1.3). Der erste Antagonismus zwischen Determinismus und Kontingenz (1.) verdeutlicht in empirischen Kategorien das, was Joseph Vogl auf theoretischer Ebene »Soziodizee« genannt hat: Der Amoklauf ist »nichts als Zufälligkeit, aber es musste geschehen« (Vogl 2004: 151). Der Determinismus bezieht sich einerseits auf den Tötungswillen des Täters selbst: »Wer so weit aus dem, was wir als Normalität empfinden, herausgestürzt ist, dass er sich und andere umbringen will, der wird Wege und Mittel finden.«15 Gegen diese souveräne Entscheidung ist auch das Gewaltmonopol des Staates machtlos: »Kein Gesetz kann eine monströse Gewaltorgie wie die von Winnenden verhindern.«16 Der Determinismus bezieht sich andererseits aber auch auf die Biographie des Täters und bestimmte Anzeichen, die man hätte erkennen müssen. Beispiele für handlungen oder Charaktereigenschaften, die erst retrospektiv zu hinweisen werden, gibt es zuhauf. Robert Steinhäuser hatte laut einer Mitschülerin auf einer Klassenfahrt »›seine hand zur Pistole‹ gemacht und ›mit hasserfülltem Gesicht auf seinen Lehrer Lippe‹ gezielt.«17 Über Tim Kretschmer berichtet ebenfalls eine ehemalige Klassenkameradin: »›Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur 14 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.04.2002. 15 »Menschen töten, Waffen auch«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 16 »Bürger und Waffen«, Die Welt, 19.03.2009. 17 »Der Einzelgänger«, Die Welt, 29.04.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 167 so Ballerspiele gespielt.‹«18 Es ist sogar möglich, das Argument des Determinismus vollständig gegenüber Einwänden zu immunisieren: Die oft beschworene Normalität des Täters (vgl. 8.3.1) war derart unauffällig, dass man sie schon wieder als Abweichung interpretieren konnte. Das gegenläufige Narrativ sieht im Amoklauf gerade keine sich lange angekündigte Katastrophe, sondern ein völlig kontingentes Ereignis. Tausende Jugendliche spielen ›Killerspiele‹, sehen sich horrorfilme an, werden gemobbt, sind durchschnittlich in der Schule, sind im Schützenverein, sind ›auffällig unauffällig‹ und laufen nicht Amok. Während sich die Namen von Tätern und Opfern, von Stadt und Schule unterscheiden, bleibt die grundlegende Frage nach dem Warum unverändert: »Aber wieso gerade in Erfurt? Wieso an diesem Tag, in diesem Gymnasium?«19 Kontingenz betont die Möglichkeit gegenüber dem Notwendigen, was insbesondere bei Gewaltereignissen für Unbehagen sorgt und im Falle von terroristischen Anschlägen strategisch genutzt wird. Weil jeder potentiell zum Opfer werden kann, wird über Amokläufe diskutiert, obwohl die Chancen, tatsächlich Opfer eines Verbrechens zu werden, unwahrscheinlich gering sind: »Die Ermordeten von Erfurt sind die Opfer eines sinnlosen, zynischen Zufalls geworden. Eine menschliche Zeitbombe hat sie in den Tod gerissen. Das hätte auch in Plön passieren können, oder in Mainz.«20 Genau besehen ist die Kontingenz eine doppelte: Sowohl Täter als auch Opfer sind austauschbar. Selbst wenn Motive und Faktoren rekonstruiert werden können, bleibt ein letzter Rest an Unerklärlichem bestehen, der sich nicht auflösen lässt. Über die Ermittlungen im Falle des Amoklaufs von Winnenden schreibt die Süddeutsche Zeitung: »Doch auch ein noch so genaues Psychogramm des Täters und seines Umfelds wird letztlich nicht erklären können, warum er am Mittwoch mit der Pistole seines Vaters zum Morden loszog. Die Tat bleibt unbegreiflich. Auch wenn das nur schwer auszuhalten ist.«21 Die Kontingenz äußert sich auch in Repräsentationen des Verbrechens (vgl. auch Kapitel 11). Während in der Regel die Namen der Opfer genannt werden22, um sie wieder in die Gemeinschaft zurückzuholen, besteht bei Tätern die Gefahr, dass die Gedenkstätten und Gräber zu Pilgerstätten werden, die man eigentlich vermeiden möchte. Im Fall der Repräsentation der Opfer von Winnenden werden beispielsweise wei- ße Stellwände mit den Namen der Opfer auf einem Platz aufgestellt, während eine Tafel leer bleibt. Damit ist offen, ob diese Leere für die 18 »Schwarz wie der Tod«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 19 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 20 »Er kam nicht vom anderen Stern«, Die Zeit, 02.05.2002. 21 »Die Stunde der Sterndeuter«, Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009. 22 Ausnahmen sind die Grabmale des unbekannten Soldaten, die an sämtliche gefallene Soldaten erinnern, deren Namen teilweise nicht mehr bekannt sind. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 168 Kontingenz der Opfer oder des Täters stehen soll: »Ist diese Tafel für den Täter Tim Kretschmer, der schließlich auch gestorben ist bei seiner Wahnsinnstat? Oder gemahnt sie daran, dass so etwas wie am 11. März 2009 in der baden-württembergischen Kleinstadt jederzeit auch andernorts passieren könnte, mit weiteren Toten?«23 Der zweite Antagonismus in hinblick auf die Tatbeschreibungen ist durch den Unterschied zwischen Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit gekennzeichnet (2.). Aus der ersten Perspektive wird der 26. April 2002 »zum Tag eines Verbrechens, das es so nicht gegeben hatte, nicht mal in Amerika und natürlich nicht in Deutschland, nicht in einer Schule und nicht durch einen so jungen Täter.«24 Der »schlimmste Amoklauf in der Geschichte der Bundesrepublik«25 ist »beispiellos.«26 Ähnliche Formulierungen finden sich auch nach dem Amoklauf von Winnenden. Der 11. März 2009 wird zu einem »dieser Tage, an denen der Republik die Metaphern ausgehen, weil es keine Vergleiche mehr gibt: unvorstellbar eben.«27 Winnenden kämpft mit »der wohl schlimmsten Krise, die die Stadt je erlebt hat«28 und auch der damalige Kultusminister helmut Rau sagt bei einer Ansprache in einer Turnhalle, »der Schule sei ›die größte Katastrophe passiert, die man sich vorstellen kann.‹«29 Die Betonung der Einzigartigkeit sowie die Verwendung von Superlativen aller Art korrespondieren mit der Vorstellung eines plötzlich eingetretenen, kontingenten Ereignisses, wie sie weiter oben beschrieben wurden, und werden oftmals von paradoxen Rhetoriken des Unaussprechlichen begleitet (vgl. 8.2.1). Das Verhältnis zwischen Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit weist große Ähnlichkeiten zur Dialektik von Kontingenz und Determinismus auf. Die eigentlich antagonistischen Beschreibungen schließen einander nicht aus, sondern werden im Begriff des Amoklaufs zusammengebunden: Amokläufe geschehen plötzlich und unerwartet und doch kündigen sie sich an; sie sind einzigartig und beispiellos und doch stehen sie in einer Reihe mit anderen beispiellosen und einzigartigen Verbrechen. Der Lehrerverbandspräsident Josef Kraus spricht nach Erfurt vom »traurigste[n] Schultag in der deutschen Geschichte seit 1945«30 und der Spiegel zieht eine Parallele zu den Anschlägen auf das World Trade Center: Erfurt sei für Deutschland »ein wenig so wie der 11. September für Amerika.«31 23 »›Wir bleiben fassungslos zurück‹«, Süddeutsche Zeitung, 18.03.2009. 24 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 25 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.06.2002. 26 »18 Tote bei Amoklauf in Gymnasium«, Süddeutsche Zeitung, 27.04.2002. 27 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 28 »Ein Ort, eine Trauer, eine Frage«, Die Welt, 13.03.2009. 29 »Schwarz wie der Tod«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 30 »Massaker an Erfurter Gymnasium«, Die Welt, 27.04.2002. 31 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 169 Vor allem aber werden Bezüge zu anderen Amokläufen hergestellt. Nach Erfurt spricht der Lehrerverband von »›amerikanischen Verhältnissen in Deutschland‹«32 und die Zeit titelt: »Columbine in Thüringen.«33 Winnenden wiederum wird von Christiane Alt, der Direktorin der Albertville-Realschule, als »›grauenvoller Rückschlag‹«34 empfunden. Es entsteht eine komplizierte Verweisungsstruktur, in der Winnenden im Schatten von Erfurt steht und Erfurt wiederum als Import der »Vorbilder« von Columbine. Der Amoklauf erscheint so aus der Perspektive von Kulturund Medienkritikern letztlich als Kopie ohne Original, deren Verbreitung über das Internet immer einfacher wird (vgl. 12.3). So wie Kontingenz und Einzigartigkeit zusammenhängen, so sind auch Determinismus und Vergleichbarkeit wahlverwandt. Vorbilder können nachgeahmt werden und auch im oft auftauchenden Begriff der »Vorläufer«35 scheint eine schicksalshafte Fortsetzung beziehungsweise die Erwartung einer solchen bereits angelegt. Der dritte Antagonismus zwischen Exzess und Rationalität (3.) bezieht sich auf die Planung und Durchführung der Tat. Auf der einen Seite erscheint der Amoklauf als Ergebnis einer langfristigen, rationalen Planung. Das moderne School Shooting weicht damit von Beschreibungen von archaischen Amokläufen ab, bei denen der Amokläufer über einen überschaubaren Zeitraum in ein geistig abwesendes ›Brüten‹ versinkt, bevor die Gewalt abrupt aus ihm herausbricht (vgl. 3.1). Robert Steinhäuser aber »hat nicht spontan gehandelt. Er plante das Verbrechen mit Sorgfalt«36 und dies »passt auf den ersten Blick nicht so recht zum Bild des wild um sich schießenden Amokläufers.«37 Er benutzt seine Waffe mit »mörderischem Kalkül und tödlicher Sicherheit«38 und hat eben »nicht blindwütend, sondern äußerst gezielt wütend seine Waffe bewusst auf Lehrerinnen und Lehrer gerichtet.«39 Es ist gerade das Ausmaß und die ruhige Vorgehensweise, die den Amoklauf nicht als affektive Entladung erscheinen lässt: »Wer die Türen von Klassenzimmern aufreißt und die anwesenden Lehrkräfte hinrichtet, und dies ein Dutzend mal, ist nicht einfach ›ausgerastet‹, sondern vollzieht eine wohl vorbereitete Tat, die sich von keinerlei Gewissensregung ablenken lässt.«40 Ähnliche Formulierungen finden sich auch nach dem Amoklauf von Winnenden. Interessanterweise wird hier selbst eine mögliche Motivlosigkeit als in- 32 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.04.2002. 33 »Columbine in Thüringen«, Die Zeit, 02.05.2002. 34 »Grauenvoller Rückschlag«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 35 Zum Beispiel in: »Viele Vorläufer«, Die Welt, 12.03.2009. 36 »Vom Bösen will niemand reden«, Die Welt, 02.05.2002. 37 »›Mal so richtig aufräumen‹«, Die Zeit, 02.05.2002. 38 »›Sinnlose Begrenzung‹«, Die Zeit, 02.05.2002. 39 »Eines gab es in Erfurt nicht: einen Amoklauf«, Die Zeit, 21.11.2006. 40 »Tödliche handlungsmuster«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 170 tentionales Vorhaben gedeutet: »Eine Ankündigung der Tat haben die Ermittler nicht gefunden. Auch kein Motiv. Vielleicht gehörte das auch zum Plan.«41 Joseph Vogl, der kurz nach Winnenden von der Zeit interviewt wird, ist der Meinung: »›Man darf nicht übersehen: Amokläufe, vor allem die school shootings, sind oft als Medienereignisse geplant und werden als solche vollzogen. Man sagt, was man tut. Es sind scheinbar kalte Taten, die mit Kalkül durchgeführt werden.‹«42 Dem rationalen Kalkül der Planung steht der Exzess der Durchführung gegenüber. häufig ist vom »Exzess von Erfurt«43 die Rede, von der »Gewaltorgie eines 19-Jährigen«44, vom »Wahn des Todesschützen«45, der – als er von einem ehemaligen Lehrer erkannt und angesprochen wird –, ausgesehen habe »als erwache er aus einem Rausch.«46 Auch Tim Kretschmer »stürzte sich in eine Orgie der Gewalt«,47 der Amoklauf wird zu einem »sprachlose[n] Ausbruch.«48 Diese Formulierungen weisen auf den irrationalen Charakter, der dem Amoklauf ebenfalls innezuwohnen scheint, hin. Wolfgang Sofsky betont nach beiden Amokläufen den Vollzug der handlung und das Erleben des Täters und kritisiert den therapeutischen Blick, der »die Gewalt als Aktivität, den Exzess, den Lustzustand jenseits der Grenze«49 verleugnet. Er beschreibt den Moment des Kippens von einer – möglicherweise über einen langen Zeitraum – gewachsene Kränkung zur konkreten Rache: »Der Zorn eskaliert zu Wut.«50 Zu einer ähnlichen Unterscheidung kommt der Jugendpsychiater Reinhart Lempp: »Der Entschluss zur Tat sei zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen noch lange nicht gefasst. Die gedanklichen Vernichtungsspiele dienten immer noch der psychischen Entlastung des Kindes von der als feindselig und ablehnend erlebten Umwelt. Erst unmittelbar vor der Tat kommt es, so Lempp, zu einem akuten Realitätsverlust, einer Art Zwang, durch den der Minderjährige wie im Rausch die innerlich tausendfach durchlebte Tat auch ausführt.«51 Es ist entweder die kühle Rationalität, mit der die Gewalt geplant wurde, die sie als etwas besonders Monströses erscheinen lässt oder aber die 41 »16 Tote, kein Tatmotiv«, Süddeutsche Zeitung, 23.05.2009. 42 »Krieg im Frieden«, Die Zeit, 19.03.2009. 43 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 44 »Gewalt in der Schule«, Süddeutsche Zeitung, 06.09.2002. 45 »Eine Frage der Moral«, Die Zeit, 23.05.2002. 46 »Zehn Minuten, zwanzig Tote«, Der Spiegel, 30.12.2002. 47 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 48 »Unser aller Größenwahn«, Der Spiegel, 11.04.2009. 49 »Gewalt aus Leidenschaft«, Die Welt, 19.03.2011. 50 »Bestürzende Banalität«, Die Welt, 12.03.2009. 51 »Wir sind so verdammt göttlich«, Die Zeit, 19.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 171 Mischung aus Nüchternheit und Raserei (vgl. 6.2.2). Sowohl ein ›zu viel‹ als auch ein ›zu wenig‹ an affektiver Energie im Kontext von Gewalt erzeugt ein massives, öffentliches Unbehagen (vgl. Giesen 2010: 131 ff.). Damit einher geht eine diskursive ›Entmenschlichung‹ des Täters, der entweder zur »Maschine«52 oder zum »Monster«53 wird. Wie bei Joseph Fritzl oder den NS-Einsatzgruppen äußert sich auch beim Amoklauf ›das Böse‹ in der Kopplung einer kühlen Rationalität mit einer hei- ßen, orgiastischen Gewalt.54 8.2 Reden, Schweigen und Rituale der Trauer Die vermeintliche Grundlosigkeit in Bezug auf das handeln der Täter (vgl. 8.3.1) und das Leiden der Opfer (vgl. 8.3.2) zeigt sich auch in besonderen Formen der Kommunikation über das traumatische Ereignis. In der Berichterstattung finden sich viele Beispiele für eine »Paradoxie der Kommunikation über Inkommunikabilität« (Luhmann und Fuchs 1989: 17). In ihr wird ein »Schweigen ohne Anschlussfähigkeit«55 (Luhmann und Fuchs 1989: 17) suggeriert – indem z.B. davon gesprochen wird, dass über das Schreckliche eigentlich gar nicht gesprochen werden könne –, was jedoch gleichzeitig wieder kommunikativ eingeholt wird (8.2.1). Dieses ›Schweigen‹ lässt sich jenem rituellen Schweigen gegenüberstellen, das als intendierte und nicht aus einem Mangel geborene Kommunikation eine andere Art der Anschlussfähigkeit erzeugt als das Sprechen über das Unaussprechliche. Um dieses Schweigen und um Trauerrituale nach Amokläufen im Allgemeinen soll es in Kapitel 8.2.2 gehen. 52 »Maske als Machtverstärker«, Der Spiegel, 06.05.2002. 53 »Siebzehn Mal Selbstmord«, Die Welt, 04.05.2002. 54 In seiner Studie Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen (2005: 78) zeigt Peter Strasser, wie die Vorstellung vom Bösen im 19. Jahrhundert auf die ungezähmte Natur des Menschen selbst zurückgeführt wird. In dieser Vorstellung ist gerade jene Unterscheidung zwischen »heißer« und »kalter« Natur zentral: »Die ›gefühllose, mitleidlose‹ Natur und die Natur als dämonischer Schoß der Unordnung; die Natur als das ganz Andere des Menschen, das Kalte und absolut Fremde, als die Grenze der Empathie und des mimetischen Impulses, und die Natur als hitze, als das, was wir, die Kulturwesen, nicht sein dürfen – das freie Fließen der Ströme des Es: beides Bilder, die für ein Draußen stehen, dessen Implosion in das Innen der Kultur Vernichtung bedeutet. Sowohl die kalte als auch die heiße Natur tötet. Die Bestie ist kalte und heiße Natur in einem.« Vgl. auch meinen Aufsatz zum Problem des Bösen aus kultursoziologischer Perspektive (Gerster 2014). 55 Das tatsächliche ›Schweigen ohne Anschlussfähigkeit‹ befindet sich dagegen außerhalb des Kommunikationssystems und lässt sich nicht beobachten (vgl. 5.1). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 172 8.2.1 Paradoxien der Sprachlosigkeit Genauso wie das Problem der ›Sinnlosigkeit‹ nur innerhalb des Sinnsystems verhandelt werden kann, genauso wenig lässt sich von ›Sprachlosigkeit‹ außerhalb des Kommunikationssystems sprechen. Beide Systeme sind ›blind‹ für ihre eigenen Grenzen: »Eine solche Kommunikation [seiner eigenen Grenze, M.G.] würde darauf hinauslaufen, das zu kommunizieren, was außerhalb oder jenseits der Kommunikation liegt. […] Die Grenze der Kommunikation kann sich insofern nur als Zusammenbruch der Kommunikation manifestieren« (Wiechens 2009: 257). Sobald die Grenze der Sprache rhetorisch bemüht wird, verschwindet sie. »Man kann nicht nicht kommunizieren«, heißt die berühmte These des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (1969: 53, hervorhebung im Original), die nicht nur bei mikrosozialen Situationen und Interaktionen zutrifft, sondern auch bei gesellschaftlicher Krisenkommunikation. Was sich daher nach Amokläufen oder anderen schwerwiegenden Katastrophen beobachten lässt, ähnelt den Prinzipien einer ›Negativen Theologie‹, die das Wesen Gottes gerade in seiner Nichtbestimmbarkeit sieht und nur negative Aussagen als ›wahr‹ betrachtet. Die daraus entstehenden Paradoxien des Sprechens über Sprachlosigkeit im Falle von Amokläufen, nämlich gerade über das Unaussprechliche sprechen zu müssen, beziehen sich entweder auf das Erfahren und Erleiden von Gewalt (Opferperspektive) oder auf die Gründe und Motive der Ausübung von Gewalt (Täterperspektive): Es handelt sich um die Rhetorik der Unerklärbarkeit (1.), die Rhetorik der Unbegreiflichkeit (2.) und die Rhetorik der Unaussprechlichkeit des Leidens (3.). In der Rhetorik der Unerklärbarkeit (1.) wird die Diskrepanz zwischen den offenen Fragen und den (noch) nicht vorhandenen Antworten betont. Die narrative Bewältigung des Ereignisses kreist um die Frage ›Warum?‹. Diese wird auch auf Schildern bei Gedenkfeiern und Trauermärschen visualisiert, sie symbolisiert dadurch die kommunikative Leerstelle und verweist auf den Versuch, die Grenzen des Sagbaren anzudeuten. Die Semantik der Unerklärbarkeit findet sich nach beiden Amokläufen. »Der Tag von Erfurt ist ein Tag, an dem selbst Forscher nichts mehr erklären können, die schon 300-Seiten-Bücher über Gewalt in der Schule geschrieben haben«56, heißt es in einem Artikel des Spiegel, in dem der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer als Beispiel für die sprachlosen Forscher dient. Auch Bundespräsident Johannes Rau spricht in einem Gedenkgottesdienst für die Opfer von Erfurt die Abwesenheit von Erklärungen an: »›Wir haben keine Antwort, wollen 56 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 173 auch keine schnelle Antwort.‹«57 Ähnliche Aussagen finden sich auch nach dem Amoklauf von Winnenden. So nennt der amtierende Ministerpräsident von Baden-Württemberg Günther Oettinger die Tat »›grauenvoll und in keiner Form erklärbar.‹«58 Mit der Erkenntnis der Unerklärbarkeit ist – ähnlich wie bei der Unmöglichkeit der Versprachlichung von Gefühlen (s.u.) – oftmals die Forderung nach Schweigen verbunden, das als eine besondere ›Sprache der Trauer‹ empfunden wird und das sich von den Fragen und der Geschwätzigkeit der Journalisten abhebt (vgl. 8.2.2): »Trauer heißt, zu akzeptieren, dass es keine Antwort gibt auf dieses Warum; Trauer ist die Sprache derer, denen die Worte und Lösungen fehlen. Die öffentliche Trauer in Winnenden hat gezeigt, dass ein ganzes Land keine Antwort hat, keine dieser einfachen jedenfalls, die sich zu Gesetzen und Programmen formen können.«59 In der Wissensgesellschaft wird das (nicht-konstitutive) Nichtwissen zum Skandal: »Nichts kränkt eine Gesellschaft, die so viel über sich zu wissen meint wie unsere, mehr als Ratlosigkeit«.60 Die Rhetorik der Unbegreiflichkeit (2.) betont weniger die brüchigen oder fehlenden Glieder in der Kausalitätskette des Ereignisses als vielmehr das gefühlte Unvermögen, den Amoklauf in seiner schieren Möglichkeit und in seinem Ausmaß überhaupt mit den Kategorien des Denkens zu bewältigen und ihm in der symbolischen Ordnung der Gesellschaft einen Ort einzuräumen. Diskutiert wird nicht die Frage, warum der Amokläufer dies getan hat, sondern das Unverständnis, dass ein solches Verbrechen überhaupt verübt werden kann. Es geht dabei nicht nur um ein Nicht-Wissen, das sich im Laufe der Zeit und der Ermittlungen in Wohlgefallen auflösen müsste, sondern um ein Nicht-Verstehen- Können, das die großen Fragen nach Leben und Tod begleitet: »Sprachlosigkeit frisst sich durch die Stadt: Je mehr die Ahnung vom Ausmaß der Tat ins Bewusstsein der Menschen sickert, desto unbegreiflicher wird das, was sie eigentlich zu begreifen versuchen.«61 Wenn vom ›Unbegreiflichen‹ und ›Unfassbaren‹ die Rede ist, tauchen oftmals Formulierungen auf, die sowohl die Einzigartigkeit, als auch die Vergleichbarkeit der Tat hervorheben (vgl. 8.1.2). Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder schreibt in einem offenen Brief an die Angehörigen der Opfer von Erfurt, der Amoklauf sei eine »singuläre Tat, die unsere Vorstellungskraft übersteigt.«62 Viele Einsatzkräfte betonen dagegen, dass gerade im Vergleich zu anderen Katastrophen dieser Amoklauf eine Sonderrolle 57 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.04.2002. 58 »Tag der Trauer für ganz Deutschland«, Die Welt, 12.03.2009. 59 »Wenn die Alles-Erklär-Gesellschaft Pause macht«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. 60 »Das Kasperle der Grausamkeit«, Die Zeit, 09.05.2002. 61 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 62 »Gewalt eindämmen«, Die Welt, 04.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 174 einnimmt. Eine Notärztin glaubte, »schon alles gesehen zu haben, was ein Mensch ertragen kann«, doch der »Notruf mit der Einsatznummer 20688 […] sprengte den Rahmen. Den Rahmen ihrer Erfahrungen, den Rahmen des Vorstellbaren, den Rahmen dessen, was Menschen für möglich halten.«63 Formulierungen der maximalen Steigerung sowie der Unmöglichkeit des Vergleichs finden sich auch sieben Jahre später nach dem Amoklauf von Winnenden: »Es war einer dieser Tage, an denen der Republik die Metaphern ausgehen, weil es keine Vergleiche mehr gibt: unvorstellbar eben.«64 hier wird die Paradoxie der Sprachlosigkeit besonders deutlich: Indem der Amoklauf in die Kategorie der unvorstellbaren Verbrechen eingereiht wird, findet gleichzeitig eine Typisierung statt, die den Vergleich, den sie eigentlich auszuschließen versucht, überhaupt erst ermöglicht. Über das Unfassbare und Unbegreifbare zu sprechen bedeutet eine erste Aneignung und kommunikative Weiterbehandlung des traumatischen Ereignisses. Die Rhetorik der Unaussprechlichkeit des Leidens (3.) rekurriert schließlich auf die Schwierigkeit, emotionales Erleben generell in Sprache zu übersetzen. Jede Art der Schilderung des erlittenen Leidens muss zwangsläufig scheitern, sie wird als unzureichend und unangemessen empfunden. In Weiler zum Stein, dem heimatort des Amokläufers von Winnenden, herrscht »Trauer, eine ganz fassungslose Traurigkeit.«65 Nach dem Amoklauf von Erfurt zitiert die Welt Bundespräsident Johannes Rau mit den Worten, »es sei nicht in Worte zu fassen, ›was wir in Deutschland jetzt empfinden.‹«66 Die Sprache versagt dabei nicht nur in dem Bemühen, die Gefühlszustände adäquat zu beschreiben, sondern sie versagt auch bei dem Versuch, Worte für die Betroffenen zu finden. Noch einmal soll aus der Trauerrede des ehemaligen Bundespräsidenten zitiert werden, um diesen Punkt zu verdeutlichen: »›Ich kann nicht mehr tun als sagen, Deutschland trauert mit Ihnen … Ich glaube, dass menschliche Worte jetzt die nicht erreichen können, die in Trauer sind.‹«67 Metakommunikative Äußerungen und Selbstreferenzen dieser Art gelten dabei oftmals als Garanten für Authentizität, weshalb sie häufig bei sozialen Performanzen zum Zug kommen. Eine Möglichkeit, der empfundenen und ›tatsächlichen‹ Sprachlosigkeit einerseits, sowie der Superlative des Verbrechens andererseits Ausdruck zu verleihen, sind Farben. ›Schwarz‹ steht für den Abgrund, für das unerträgliche ›Nichts‹, für die Trauer und das Schweigen der Opfer 63 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 64 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 65 »Die Spuren der Verzweiflung«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 66 »Massaker an Erfurter Gymnasium«, Die Welt, 27.04.2002. 67 »Fassungslosigkeit und Entsetzen«, Die Welt, 29.04.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 175 wie für den hass des Täters. »Schwarz wie der Tod«68 ist der Amokläufer über den Frieden des beschaulichen Ortes Winnenden hereingebrochen. Auch im Lokalblatt Winnender Zeitung bleibt die Titelseite am Tag nach dem Amoklauf schwarz mit folgender Überschrift: »Warum? Fassungslosigkeit nach dem Amoklauf.« Der Amokläufer schlüpfe in die Rolle eines »schwarzen Rächers«69, dessen schwarze Vermummung ein »Symbol für den Selbstmord […] und für die Rache« darstellt, so die Kriminologin Britta Bannenberg. Die zum Vergleich herangezogenen Amokläufer von Columbine, Eric harris und Dylan Klebold, trugen ebenfalls schwarze Kleidung und »weideten sich in ihrer Erregung und Vorfreude [monatelang] auf den schwarzen Ruhm, der ihnen in der Nachwelt der Ausgestoßenen beschieden sein würde.«70 Die Täter werden dämonisiert, sie werden zu unmenschlichen Monstern, die eine »schwarze Magie«71 besitzen, die im Falle von Erfurt nur der Lehrer heise zu brechen im Stande war, indem er den maskierten Robert Steinhäuser beim Namen rief. Neben den Akteuren (Täter, Opfer), den Motiven und Gefühlen (hass und Rache für die Täter, Trauer und Fassungslosigkeit bei den Opfern), taucht die Symbolik der ›Farbe‹ Schwarz auch in Bezug auf die Zeitlichkeit des Ereignisses auf. Sie steht sowohl für die Plötzlichkeit, in der die Gewalt hereinbricht als auch für einen Makel (vgl. 7.2), den ein bestimmtes Datum für ein bestimmtes Kollektiv in der Erinnerung an das Ereignis trägt. So wird beispielsweise der 26. April 2002 in mehreren Medien zum »schwarzen Freitag«72 von Erfurt erklärt. 8.2.2 Rituale der Trauer Mechanische Solidarität wird nicht nur über gemeinsame Feindbilder oder Gefahren erzeugt, sondern auch über Rituale der Trauer in der Folge von Katastrophen. Die Rhetoriken der ›Einheit‹, die bei öffentlichen Ansprachen oder Trauerfeiern zu hören sind, zeigen jene »Solidarität, die aus den Ähnlichkeiten entsteht« (Durkheim 2004: 181), sehr deutlich. »›Dieses Verbrechen hat wie kaum ein anderes Deutschland in Trauer und Anteilnahme vereint‹«73, beschreibt Bundeskanzler Gerhard Schröder den Amoklauf von Erfurt und nach Winnenden spricht Bundesprä- 68 »Schwarz wie der Tod«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 69 »Rache an der ganzen Welt«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 70 »Wir sind so verdammt göttlich«, Die Zeit, 19.03.2009. 71 »Die Magie der beherzten Tat«, Die Welt, 29.04.2002. 72 So zum Beispiel in folgenden Artikeln: »Bernhard Vogel fand nach der Wahnsinnstat die richtigen Worte«, Die Welt, 30.04.2002; »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002; »Ein leises Schluchzen in tödlicher Stille«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 73 »›Dieses Verbrechen hat Deutschland in Trauer vereint‹«, Die Welt, 30.08.2005. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 176 sident horst Köhler zu den hinterbliebenen der Opfer während eines Trauergottesdienstes: »›Ganz Deutschland trauert mit Ihnen.‹«74 Insbesondere bei Personen des öffentlichen Lebens, denen eine repräsentative Funktion zugeschrieben wird, finden sich derartige Formulierungen. Für einen bestimmten Zeitraum nach dem Eintreten eines traumatischen Ereignisses folgen viele Äußerungen und handlungen, die unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, einer Logik der Trauer. In ihrem Einzugsbereich gelten sowohl formale wie informelle Regeln, wer wann in welcher Form trauern darf, zu trauern hat oder wer von der Trauergemeinschaft ausgeschlossen bleibt. Bestimmte Trauer-Möglichkeiten wie Versammlungen, Feiern oder Gottesdienst werden institutionell bereitgestellt oder von den Menschen selbst organisiert. Es gibt ein kollektives Bedürfnis nach der Mitteilung von Trauer und Mitgefühl, die (teilweise) öffentlich vollzogen werden muss, um die solidarische Wirkung nach außen und die gleichermaßen kathartische wie entlastende Wirkung für die Mitgefühl-Spendenden selbst zu gewährleisten; wenn man sonst nichts tun und verstehen kann, so kann man zumindest Trost spenden. Das Land Baden-Württemberg richtet bereits zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden ein Online-Kondolenzbuch ein, das von Ministerpräsident Günther Oettinger eröffnet wird und das schon bis zum 28.04.2009 insgesamt 1376 Einträge zählt. Über diese und andere Internet-Plattformen können raum-zeitliche Grenzen überwunden und doch diskrete Distanz gewahrt werden. Von symbolischen Vertretern der Stadt, der Gemeinde, der Nachbargemeinde, des Bundeslandes, der Bundesrepublik und auch von verschiedenen Verbänden wie dem Lehrerverband oder dem Landesschülersprecher wird dagegen erwartet, dass sie ihrer Trauer und ihrem Mitgefühl öffentlich Ausdruck verleihen – ob den geäußerten Gefühlen tatsächliche Gefühle entsprechen, ist für das Protokoll der performativen Trauer schlicht irrelevant. Trotzdem muss die soziale Performanz authentisch wirken, wenn sie nicht scheitern und die Betroffenheit als politisches Kalkül enttarnt werden soll. Feuchte Augen und Zittern in der Stimme werden beispielsweise beim damaligen Bundespräsidenten horst Köhler zu körperlichen Effekten der Evidenz für seine authentische Betroffenheit: »Bei der Trauerfeier für die Menschen, die beim Amoklauf in Winnenden erschossen worden waren, hat er fast geweint. Niemand hätte ihm deshalb Kalkül unterstellt. Köhler, der keinerlei schauspielerisches Talent hat, wirkte nicht betroffen, er war es.«75 Während die performative Trauer der symbolischen Vertreter von Bund, Ländern und anderen Verbänden die gesamte deutsche Öffentlichkeit adressiert, folgt die Trauer der direkt oder mittelbar Betroffenen 74 »Stille Trauer in Winnenden«, Die Welt, 23.03.2009. 75 »Angespannt zur Schlacht ums Schloss«, Süddeutsche Zeitung, 18.05.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 177 einer anderen Logik. Angehörige, Freunde, Nachbarn und Bekannte sowie Mitbürgerinnen und Mitbürger sind in einer Communitas der Trauer verbunden, die stark über körperliche Anwesenheit und Intimität kodiert wird. Obwohl auch ihre Rituale und Zeremonien von der Öffentlichkeit beobachtet werden, zeigt sich hier, wie prekär die Grenze zwischen ›echter‹ Trauergemeinschaft und ›bloßem‹ Publikum ist. Die verstärkte Medienpräsenz nach Winnenden wird zum störenden Dritten, der das bunte Treiben mit voyeuristischem, ökonomischem Kalkül be- äugt und der die soziale Wirkung des Rituals gefährdet – »Lasst uns in Ruhe trauern«76 wird den beharrlichen Journalisten entgegengehalten. Mit den Paradoxien der Sprachlosigkeit korrespondiert offensichtlich auch ein tatsächliches Bedürfnis nach Schweigen, was sich in Gedenkminuten und ›Räumen der Stille‹ äußert. Diese Sprachlosigkeit ist nicht als Defizit zu verstehen, die über die Betroffenen hereinbricht, sondern sie wird rituell geregelt und findet in der Gemeinschaft statt. Gemeinsames Schweigen bekundet Solidarität innerhalb einer Gemeinschaft, die sich auch ohne Worte versteht. Diesem Schweigen steht die ›Geschwätzigkeit‹ der Außenstehenden gegenüber: Vor den Medienvertretern, die die Betroffenen filmen, fotografieren und befragen wollen, müssen sich die Schüler in »dreh- und interviewfreie[n] Zone[n]« zurückziehen und »›Zuflucht‹«77 suchen. Das Sprechen selbst – von den ›richtigen‹ Worten einmal abgesehen – wird zur unreinen handlung, das die Trauer und das Leiden der Opfer verhöhnt und profaniert. Auch die Alltagskommunikation ist im raum-zeitlichen Einzugsbereich des Verbrechens nicht mehr uneingeschränkt möglich, Small-Talk gilt gerade in der kurzen Zeit nach dem Ereignis als unangebracht. In dieser hinsicht lassen sich Amokläufe sowohl als ›lähmende‹ wie auch als ›produktive‹ Ereignisse beschreiben. Sie evozieren weitere Ereignisse und handlungen, wie beispielsweise die Trauerfeiern und Staatsakte am 3. Mai 2002 (Erfurt) oder am 21. März 2009 (Winnenden) und sie stellen gleichzeitig Formen von ›Enteignissen‹ dar – so der Begriff von Valentin Rauer, der dies anhand der Reaktionen auf den 11. September 2001 in einem Vortrag beschrieben hat –, die Unterbrechungen und Absagen nach sich ziehen. Nach dem Amoklauf von Erfurt, der sich mitten im Wahlkampf ereignet, lassen sich derartige Absagen beispielsweise in der Politik beobachten. Der Wahlkampf zur Bundestagswahl im September 2002 »nahm eine Auszeit«78, was sich in der gesamten Parteienlandschaft wiederspiegelt: »Bereits am Sonntag hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder angesichts der Ereignisse eine SPD-Wahlkampfveranstaltung in Duisburg abgesagt. 76 »Die Fähigkeit zu trauern«, Süddeutsche Zeitung, 17.03.2009. 77 »Ein Ort, eine Trauer, eine Frage«, Die Welt, 13.03.2009. 78 »Ich oder der?«, Der Spiegel, 29.04.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 178 Am Montag folgten ihm die Granden von Union und FDP. Statt, wie geplant, in Berlin ihr Wahlkampfprogramm zu präsentieren, fuhren Edmund Stoiber und Angela Merkel – wie zuvor bereits Schröder und Joschka Fischer – nach Erfurt.«79 Darüber hinaus kommt es bei sportlichen Veranstaltungen zu Absagen. So sagt etwa der Thüringer Fußball-Verband »als Reaktion auf den Amoklauf an einer Erfurter Schule mit 17 Toten alle für Samstag in Erfurt angesetzten Punktspiele ab.«80 Auch die in der Kritik stehende Computerspiel-Szene ist vom Amoklauf als ›Enteignis‹ gleich in zweierlei hinsicht betroffen: Veranstaltungen wie das Turnier das »›Große Beben‹«81 in Erfurt werden abgesagt, während eigene Formen der performativen Trauer von der Öffentlichkeit skandalisiert werden. Wer unter Verdacht steht, eine (Teil-) Schuld an der Katastrophe zu tragen, muss sich zwar zum Amoklauf äußern, gleichzeitig wird diesen Reaktionen häufig aber ein Mangel an Authentizität unterstellt (s.u.). Auch der Amoklauf von Winnenden gilt als Zäsur, nach der es innezuhalten gilt und die den gewohnten Gang des Alltags unterbricht. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung zieht Parallelen zu der Zeit nach dem 11. September 2001: »Damals war die ganze Welt im Schockzustand. Niemand wusste: Wie lang ist Schweigen geboten? Wie lang muss das normale Leben aussetzen? Ab wann darf man eigentlich wieder lachen? Als sich damals harald Schmidt als Erster wieder mit Scherzen vor die Kamera traute, hielt ganz Deutschland den Atem an: Geht das? Darf der das? Auch in Winnenden schweben diese Fragen jetzt ständig über allem. Wochenlang wurde alles abgesagt, das ganze Leben geradezu: der Auftritt des Amaryllis Quartetts, der Seniorentanz im ›Schloss-Café‹, die Vernissage von Dorothea Geppert-Beitler. Auch der ›Tag des Baumes‹, die Aktion ›Winnenden putzt‹, die Jugendgemeinderatswahl, die Sportlehrerehrung, abgesagt wurde sogar der Auftritt des regionalen Comedy-Stars Andreas Müller im 40 Kilometer entfernten Böblingen.«82 Wie nach Erfurt werden auch nach Winnenden Computerspiel-Turniere abgesagt. Der raum-zeitliche Einzugsbereich des Verbrechens (vgl. 7.2) erstreckt sich dabei weit über die betroffene Stadt hinaus: »Die Stadt Stuttgart hat angesichts des Amoklaufs von Winnenden einen Computerspiele-Wettbewerb an diesem Freitag abgesagt.«83 Auch in Karlsruhe findet nach »wochenlangem Streit um ein Treffen von Computerspiel-Fans«84 79 »Laut und hilflos«, Die Welt, 30.04.2002. 80 »Spiele in Erfurt nach Amoklauf verschoben«, Die Welt, 27.04.2002. 81 »Ich komm’ als Terrorist!«, Süddeutsche Zeitung, 16.05.2002. 82 »Zwei Monate nach dem Amoklauf«, Süddeutsche Zeitung Magazin, 29.05.2009. 83 »›Counter Strike‹-Turnier wird abgesagt«, Süddeutsche Zeitung, 24.03.2009. 84 »Im Bannkreis der hexenjäger«, Die Welt, 27.05.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 179 die geplante Spielenacht nicht statt. Sogar im 250 km entfernten München wird der »Starkbieranstich auf dem Nockherberg«85 abgesagt. Während eine ganze Nation in Trauer vereint ist, werden stark in der Öffentlichkeit rezipierte Feiern und Feste zu unangemessenen Events, die sich aus der solidarischen Gemeinschaft der Trauernden ausgrenzen. Besonders interessant ist überdies die Frage, welche Akteure und Gruppen dem öffentlichen Gebot der performativen Trauer folgen. Eine erste Vermutung lautet, dass es insbesondere jene Gruppen sind, die unter starker öffentlicher Beobachtung stehen und die mit dem traumatischen Ereignis entweder überhaupt nicht oder wenn, dann nur im hinblick auf die Opferperspektive in Verbindung stehen. Während also die Fußball-Bundesliga am Wochenende nach dem Amoklauf von Winnenden mit Trauerflor spielt und dies als »Zeichen der Anteilnahme mit den Opfern«86 bewertet wird, scheitert die Performanz der als Sündenböcke stilisierten Akteure oder findet erst gar nicht statt. Die Gedenkminute und die auf halbmast wehenden Flaggen auf der Nürnberger Waffenmesse IWA werden skeptisch zur Kenntnis genommen: »Auf Nürnbergs Waffenmesse IWA, einer der größten der Welt, gedenkt man der Toten von Winnenden – die Geschäfte stört das kaum […] Tatsächlich verliert sich die Erinnerung an die Attentate weitgehend in den hallen, zwischen Tontauben, vergoldeten Sturmgewehren und digitalen Schießständen. Mittags präsentiert ein gut gelaunter herr die neuesten Entwicklungen der italienischen Waffenschmiede Beretta.«87 Ein weiteres Beispiel betrifft die sogenannten ›Killerspiele‹. Aus der Innenperspektive der E-Sports Vertreter wird die Bekundung von Trauer und Beileid als Schuldeingeständnis empfunden, weshalb eine solche kategorisch abgelehnt wird. »Und es ist immerhin das erste öffentliche Counterstrike-Duell nach dem Amoklauf von Winnenden. Eine Schweigeminute für die 16 Menschen, die dabei starben, gibt es an diesem Abend nicht. Weil man da keinen Zusammenhang sehe, sagt Ibrahim Mazari, einer der Veranstalter. Und auch weil dies ein ›Zugeständnis einer Teilschuld‹ wäre.«88 hier zeigt sich unter anderem die prekäre Situation von Akteursgruppen, denen eine Verantwortung für den Amoklauf unterstellt wird – sowohl das Ausbleiben als auch das Stattfinden einer performativen Trauer kann skandalisiert werden. 85 »Nockherberg-Derblecken ist abgesagt«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 86 »Kurz gemeldet«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 87 »›Viel Komfort für den Schützen‹«, Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009. 88 »Ballerei auf großer Bühne«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 180 8.2.3 Exkurs: ›Amok‹ als Metapher Wer die Medienberichterstattung nach Artikeln über Amokläufe durchforstet, stellt fest, dass der Begriff ›Amok‹ häufig auftaucht, ohne dass es im Kontext um einen eigentlichen Amoklauf geht. Sowohl die Themenkomplexe, die sich um einen Amoklauf formieren, als auch der Begriff selbst können sich vom konkreten Phänomen lösen und sich als Metapher parasitär an andere Diskurse anheften. Kommunikationsstrategisch betrachtet handelt es sich bei dieser metaphorischen Verwendung um eine Art ›Verstärkungsgenerator‹, um dem eigenen Standpunkt die notwendige Dringlichkeit zu verleihen. Wer von einem ›Amoklauf‹ spricht, wählt bewusst einen Superlativ, um sich Gehör zu verschaffen. Dieser These soll in diesem kurzen Exkurs nachgegangen und untersucht werden, in welchen Kontexten der Begriff ›Amok‹ anzutreffen ist. ›Amok‹ steht erstens für Unbeherrschbarkeit, Kontrollverlust oder Verselbstständigung von Personen, kollektiven Akteuren, bestimmten Techniken, ganzen Systemen oder Ideologien. Mehr als nur einmal wird beispielsweise der 2003 verstorbene FDP-Politiker Jürgen Möllemann wegen seinen Behauptungen, Ariel Sharon und Michel Friedmann hätten den Antisemitismus in Deutschland verstärkt, als »politische[r] Amokläufer«89 bezeichnet. Ein zweites Beispiel findet sich im Kontext der Syrien-Krise 2012. Nach einem Massaker von Assad an seiner eigenen Bevölkerung fragt der Spiegel: »Wieso unternimmt die Welt nichts, um den Amoklauf des syrischen Regimes zu stoppen?«90 Doch nicht nur Menschen können ›Amok laufen‹. Der schwedische Finanzminister Anders Borg gab zum Problem der Finanzkrise zu bedenken: »›Wenn das Bonussystem Amok läuft, dann ist das ein Gesellschaftsproblem.‹«91 Eine Verwendung im Kontext von Technologien erinnert an die fiktional oft beschworene herrschaft der Maschinen über die Menschen. Die Sicherheitsexpertin Claudia Eckert warnt davor, Sicherheitsvorkehrungen in Alltags-Technologien wie in Aufzügen oder Garagenöffnungen zu vernachlässigen, da diese als schwächste Glieder zu potentiellen Angriffszielen werden: »›Was ist, wenn die Amok laufen?‹«92 Das letzte Beispiel betrifft die rasante Ausbreitung gefährlicher Ideen und Ideologien wie am Beispiel des Nationalsozialismus deutlich wird: »Wo Ideen Amok gelaufen waren, ließ sich nicht mehr auf der Ebene der 89 Zum Beispiel in: »Möllemann ist nicht zu stoppen«, Süddeutsche Zeitung, 29.05.2002. 90 »Assads willige helfer«, Der Spiegel, 04.06.2012. 91 »Künftig nur noch Festgehälter«, Süddeutsche Zeitung, 25.03.2009. 92 »hacker von Beruf«, Süddeutsche Zeitung, 05.05.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 181 Diplomatiegeschichte oder mit strukturellen ökonomischen Modellen argumentieren.«93 Zweitens wird der Begriff ›Amok‹ gebraucht, wenn es um unverhältnismäßiges handeln geht, wenn Entgleisungen und Transgressionen stattfinden, die als ungerechtfertigt, irrational, emotional oder exzessiv betrachtet werden. Auch hier kann es sich wieder um Personen, Regierungen oder Organisationen handeln. So wird die akribische juristische Untersuchung in der Telekom-Datenaffäre aus der Sicht der Betroffenen als »juristischer Amoklauf«94 bezeichnet; die Zahlung von acht Millionen Euro als Ablöse im Fußball wird zum »Amoklauf«95 des Vereins Schalke; die »Fehleinschätzungen« und häufigen Spielerein- und –verkäufe des damaligen Schalke-Trainers Felix Magath werden im Internet kommentiert mit »›Dieser Trainer läuft Amok!‹«96 Aus diesen Beispielen lässt sich auch eine allgemeine These formulieren: Krisen- und Katastrophenkommunikation im Kontext verschiedener Ereignisse können sich mischen und dadurch über die entsprechende Wortwahl gegenseitig verstärken. Das Beispiel der Finanzkrise im Jahre 2010 zeigt, wie sich neben dem ›amoklaufenden Bonussystem‹ noch zwei weitere Katastrophenszenarien in die Berichterstattung mischen: So spricht man etwa von einem »Erdbeben«97 an der Börse oder einem »Finanz-Gau«98 in der europäischen Währungsunion. Diese Beobachtung kann an dieser Stelle jedoch nur angeschnitten werden und müsste gesonderte Aufmerksamkeit erhalten. 8.3 Figuren des Außerordentlichen Katastrophen werden von verschiedenen liminalen Figuren der Transzendenz begleitet, die das Außerordentliche repräsentieren und damit erzählbar machen. Bernhard Giesen identifiziert in seinen Überlegungen zur Phänomenologie der Ausnahme (2010: 67–87) drei Figuren des Au- ßerordentlichen: helden, Täter und Opfer. »Die erste imaginiert das Außerordentliche als schöpferisches Charisma und souveräne Setzung der Ordnung, also eine Figur der Fülle und des unfassbaren Überflusses; die zweite geht aus von der Geltung einer rechtlichen Ordnung und imaginiert Liminalität als Devianz und Verbrechen, also eine Figur der Störung und des Widerspruchs; die dritte 93 »Wenn Ideen Amok laufen«, Süddeutsche Zeitung, 03.11.2009. 94 »Anklage in der Telekom-Affäre verzögert sich«, Süddeutsche Zeitung, 18.04.2009. 95 »Brandgefährliche Sehnsucht«, Süddeutsche Zeitung, 31.10.2009. 96 »›Dieser Trainer läuft Amok!‹«, Süddeutsche Zeitung, 04.02.2011. 97 »Finanzkrisen entstehen wie Erdbeben«, Süddeutsche Zeitung, 23.09.2010. 98 »Warten auf die Katharsis«, Süddeutsche Zeitung, 22.03.2010. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 182 gewinnt den Bezug auf die Transzendenz durch das absolute Alleinsein und die Sinnleere, also eine Figur des Mangels.« (Giesen 2010: 75) Diesen Figuren lässt sich noch eine weitere hinzufügen: der Experte. Experten verfügen über ein spezialisiertes Sonderwissen, das sie von der Allgemeinheit und vom Allgemeinwissen abhebt (vgl. Sprondel 1979: 149) und das vor allem in außerordentlichen Situationen nachgefragt wird. Diese vier Figuren und ihre Rolle im Diskurs um die Amokläufe von Erfurt und Winnenden sollen im Folgenden betrachtet werden. 8.3.1 Täter Ohne Zweifel kommt den Tätern der Amokläufe die wichtigste Bedeutung zu. Auffallend ist zunächst der unterschiedliche Umgang mit den Namen der Amokläufer – sowohl in den verschiedenen Medien der Berichterstattung, als auch im direkten Vergleich der beiden Amokläufe. Analysiert man alle Artikel in hinblick darauf, ob der Name des Täters anonymisiert oder ob der volle Name genannt wird, erhält man ein interessantes Ergebnis. In der Berichterstattung über den Amoklauf von Erfurt benutzt der Spiegel ausschließlich den ausgeschriebenen Namen ›Robert Steinhäuser‹, während Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und Die Welt zumindest in einigen wenigen Fällen die Abkürzung ›Robert S.‹ verwenden. Das übliche, den Regeln des Pressekodex entsprechende Ziel von Abkürzungen ist der Schutz von Tätern, Opfern und von Angehörigen derselben. Gleichwohl liegt laut Presserat die Verantwortung, zwischen dem ›Informationsinteresse der Öffentlichkeit‹ und dem ›Persönlichkeitsrecht des Betroffenen‹ abzuwägen, letztlich in den händen der Journalisten. Der Presserat kann zwar Leitfäden, Richtlinien und auch ›Rügen‹ formulieren, doch rechtlich bindend sind diese nicht. Das Argument des Täterschutzes scheint im Fall von Erfurt nur von marginaler Bedeutung zu sein und der Umstand, dass in zwei Medien sowohl der volle Name als auch dessen Abkürzung verwendet wird, rechtfertig es, von einer Art ›Scheinanonymisierung‹ zu sprechen. Wer den Namen einmal vollständig nennt, kann nicht mehr argumentieren, es gehe ihm um den Schutz von Persönlichkeitsrechten – die Gründe müssen also offensichtlich andere sein. Betrachtet man die Berichterstattung von Erfurt und Winnenden im direkten Vergleich fällt auf, dass sich das Verhältnis von Anonymisierung und vollem Namen im Spiegel, in der Zeit und in der Welt umkehrt. Während beim Amoklauf von Erfurt der ausgeschriebene Name ›Robert Steinhäuser‹ dominiert, ist es beim Amoklauf von Winnenden die anonymisierte Form ›Tim K.‹. Der Spiegel, Die Zeit, Die Welt und die Süddeutsche Zeitung nennen alle den vollen Namen des Täters, wenn auch deutlich seltener als beim Amoklauf von Erfurt. Dies TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 183 überrascht im Falle der Süddeutschen Zeitung, die die Verwendung des vollen Namens folgendermaßen rechtfertigt: »Erstens ist die für eine Kriminalitätsberichterstattung typische Kollision mit der Unschuldsvermutung zugunsten eines Beschuldigten auszuschließen; es bestehen keine Zweifel an der Täterschaft. Zweitens ist die sonst so schwerwiegende Gefährdung der Resozialisierung zu vernachlässigen, denn der Täter ist tot. Drittens liegt die ›Besonderheit des Falles‹, mit der Gerichte oft argumentieren, in der Schwere des Verbrechens. Am 11. März wurde ein Mensch zu einem Massenmörder, von denen es in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur sehr wenige gegeben hat. Tat und Täter sind damit leider Teil der Zeitgeschichte.«99 Betrachtet man allerdings die tatsächlich veröffentlichten Artikel ergibt sich ein anderes Bild. In 32 Artikeln wird der volle Name genannt (im Gegensatz zu den 86 Artikeln im Fall von Erfurt), doch in 36 Fällen wird auch hier die Formulierung ›Tim K.‹ gewählt. Angesichts der zitierten Begründung für den vollen Namen liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Nennung oder Nicht-Nennung des Namens um ein Stilmittel handelt und dass sowohl der volle Name als auch seine Scheinanonymisierung symbolisch aufgeladen werden. Letztlich wird mit ›Tim K.‹ oder mit ›Tim Kretschmer‹ mehr transportiert als eine bloße Information: Das Nennen des vollen Namens gleicht einer kollektiven Katharsis: Das Verbrechen kann zugerechnet und die Schuld personalisiert werden. Der Täter hat einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte. Die Scheinanonymisierung einer längst bekannten Person betont, dass der Täter trotz der eindeutigen Identifizierung unverfügbar und rätselhaft bleibt. Formulierungen wie ›Wer ist dieser Tim K.?‹ zeigen genau dieses Missverhältnis zwischen dem eindeutigen Wissen um den Täter und dem uneindeutigen, unvollständigen Wissen um dessen Motive und dessen Innenleben. Die Scheinanonymisierung verweist auf die Entfremdung einer eigentlich bekannten Person, deren Name nichts mehr aussagt und der austauschbar geworden ist. Über den Unterschied zwischen Erfurt und Winnenden wird noch ausführlicher zu reden sein. An dieser Stelle soll nur festgehalten werden, dass der deutliche Unterschied bei der Verwendung der Namen auch auf die unterschiedlich akzentuierten Täternarrative zurückzuführen ist. Tim K. passt nicht ins Bild eines ›klassischen Amokläufers‹. Robert Steinhäuser gilt als Problemschüler, Einzelgänger und Computerfreak – Tim K. kommt dagegen aus gut situiertem hause, ist ein durchschnittlicher Schüler und in Sportvereinen aktiv. Je dominanter das Narrativ des ›ganz normalen Jugendlichen‹ ausfällt, desto schwieriger wird es, auf typisierte Erklärungen zurückzugreifen. 99 »In eigener Sache«, Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 184 Diese Art der Täternarrative erzählen eine Geschichte des Täters, die entweder die Unmöglichkeit und Unwahrscheinlichkeit des Gewaltereignisses betont oder die im Gegenteil plausibilisieren soll, warum die Tat verübt wurde. Mit der Unmöglichkeit korrespondieren die Narrative des ganz normalen Jugendlichen (1.) und des souveränen Bösen (2.); auf die Möglichkeit verweisen die Narrative des gekränkten Rächers (3.), des realitätsentrückten Einzelgängers (4.) und des Kranken (5.), die sich alle drei entweder auf soziale oder individuelle Ursachen beziehen. Diese widersprüchlichen Beschreibungen der Amokläufer werden – so die These – von einem weiteren Narrativ der harmlosen Fassade (6.) zusammengehalten, das auf die Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äußerem Verhalten verweist. Dieses Argument schließt die Täternarrative ab. Das Narrativ des ganz normalen Jugendlichen (1.), das bereits in der Einleitung angesprochen wurde (vgl. Kapitel 1), findet sich bei beiden untersuchten Amokläufen. Es fungiert zum einen als ›Nicht-Erklärung‹, die das schockierende Ereignis rahmt, zum anderen lässt die unterstellte Normalität die Tat erst besonders ungeheuerlich werden. Robert Steinhäuser gilt als »unauffällig«100 und als »unscheinbarer junger Mann«101 mit »geordneten Familienverhältnissen.«102 Die »ganz normale und vor allem intakte Familie«103 lebt in einem »ostdeutsche[n] Idyll«104 und in einem »bürgerliche[n] Viertel.«105 Er ist ein »durchschnittlicher Schütze«106 und sei laut seinen Schießübungsleitern »sehr folgsam, anstellig, gelehrsam gewesen.«107 Auch bei Tim Kretschmer finden sich Beschreibungen eines »stillen, aber nicht unfreundlichen Typen«108 mit durchschnittlichen Schulleistungen. Er spielt Tischtennis, macht Armwrestling und ist keineswegs ein klassisches Opfer von Mobbing. Laut dem Abschlussbericht der Behörden sei der Täter »nicht mehr Zielscheibe gewesen als viele andere Jugendliche auch.«109 Die Informationen, die vor allem zu Beginn der Berichterstattung kursieren, klingen »nach einem unauffälligen Leben«110 und auch die Nachbarn sprechen von den Kretschmers als einer »Bilderbuchfamilie.«111 Diese wohnt in »einer 100 »Der Einzelgänger«, Die Welt, 29.04.2002. 101 »Debatten ohne Ende«, Süddeutsche Zeitung, 15.04.2003. 102 »›Mal so richtig aufräumen‹«, Die Zeit, 02.05.2002. 103 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 104 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 105 »Der Einzelgänger«, Die Welt, 29.04.2002. 106 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 107 »Einsam und aggressiv«, Die Welt, 30.04.2002. 108 »530 Zeugen, 400 Spuren, 300 DNA-Proben«, Die Welt, 23.05.2009. 109 »16 Tote, kein Tatmotiv«, Süddeutsche Zeitung, 23.05.2009. 110 »Schwarz wie der Tod«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2009. 111 »Die Tragödie von Winnenden«, Die Welt, 12.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 185 kleinen, beschaulichen Stadt im Speckgürtel von Stuttgart«112 und der Vater führt ein mittelständisches Unternehmen, ist großzügig und engagiert sich in der Gemeinde. ›Normalität‹ wird auch im direkten Vergleich zu Erfurt über negative Aussagen hergestellt: »Tim Kretschmer, 17, war anders als seine Vorgänger. Er war kein gescheiterter Gymnasiast wie der Erfurter Amokläufer Robert Steinhäuser, der seinen Eltern bis zum Schluss vorgegaukelt hatte, er lerne fleißig fürs Abitur.«113 Obwohl das Narrativ des ›ganz normalen Jugendlichen‹ beständig jeden Amoklauf begleitet, wird es im Laufe der Berichterstattung zunehmend porös und anfällig für Zweifel. Die ›Normalität‹ gerät unter Verdacht, als bloße Fassade das Anormale, Monströse zu verkleiden. Darüber hinaus kann Normalität selbst unter bestimmten Vorzeichen als Abweichung empfunden werden. Diese Kippfigur lässt sich durch die paradoxe Formel der auffälligen Unauffälligkeit beschreiben, die freilich nur aus der Gegenwart auf bereits Vergangenes angewendet werden kann. Da der Amoklauf aus einer (scheinbaren) Normalität herausgebrochen ist, bleiben letztlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder manifestiert sich in der Normalität der Täter tatsächlich eine Art ›Banalität des Bösen‹ und die radikale Devianz der Tat lässt sich nicht auf eine radikale Devianz des Täters zurückführen oder aber – und dies gilt als weniger beunruhigend, weil sonst buchstäblich jeder zu allem fähig wäre – die Normalität war eben doch nicht so normal, wie sie schien. Robert Steinhäuser war »[a]uffallend unauffällig – eine paradoxe Formel. […] Jemand, der extrem gewalttätig ist, 16 Menschen ermordet und am Ende sich; der ein Leid in Familien entfacht, das man nicht beschreiben kann – so einer kann kein Durchschnittstyp sein, muss irgendwie herausgehoben sein schon zuvor, und sei es durch seine Unauffälligkeit.«114 Das ›muss‹ in der Formulierung ist dabei symptomatisch für den kollektiven Deutungszwang und das Unbehagen, keine befriedigende Erklärung für das schreckliche Verbrechen finden zu können. Der Spiegel berichtet ebenfalls bereits in der zweiten Ausgabe nach dem Amoklauf von »vielen grauenhaften Fehlern in dieser Geschichte einer schrecklich normalen Familie.«115 Auch die Normalität von Tim Kretschmer kippt in eine als anormal empfundene »hypernormalität« (vgl. auch Parr 2009: 30 ff.): »Folgt man ihren [den Bekannten des Täters, M.G.] Beschreibungen, dann war er tatsächlich einer, der so unauffällig war, dass es auffiel.«116 Auf dieses Paradox wird später beim Narrativ der doppelten Persönlichkeit zurückgekommen. 112 »Stilles Städtchen im Stuttgarter Speckgürtel«, Die Welt, 12.03.2009. 113 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. 114 »Mutmaßungen über Robert S.«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 115 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 116 »Die Spuren der Verzweiflung«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 186 Das Narrativ des souveränen Bösen (2.) beschreibt den Täter als autonomes Gewaltsubjekt und den Akt der Gewalt als Produkt eines freien Willens zum Bösen (vgl. auch 2.2.4).117 Dieses Narrativ verweist deshalb auf die Unmöglichkeit des Amoklaufs, weil die vermeintlichen Motive der Tat – beispielsweise der ›Spaß‹ am Töten – nicht als legitime Erklärungen gewertet werden, aber die Ursachen sich dennoch nicht aus gesellschaftlichen Umständen ableiten lassen. Für Roman herzog ist die Schuldfrage des Amoklaufs von Erfurt eindeutig geklärt: »Die 16 Opfer von Erfurt hat nicht irgendjemand, auch nicht die Gesellschaft, auf dem Gewissen, sondern der Schütze selbst.«118 Genau diese Schuld119 wird, so die Vermutung der Welt, dem Täter zum postmortalen Ruhm: Robert Steinhäuser »handelte terroristisch und herostratisch. Er wollte Schrecken verbreiten und diesen Schrecken mit seinem Namen verbinden.«120 Zu einer ähnlichen Ansicht gelangt auch der Kriminologe Christian Pfeiffer: »›Entweder wollte der Mörder einmal einen Tötungsakt zelebrieren, dafür spricht etwa die Pumpgun, oder er wollte in das Buch der Rekorde.‹«121 Eine weitere Konnotation erlangt der Begriff des Bösen, wenn die Welt etwa die Gewalt von Robert Steinhäuser als »Dschihad des Bösen«122 bezeichnet: Der Amokläufer wird zum Terroristen ohne Ideologie. Eine Vermutung ist, dass sich die Katastrophenkommunikationen über verschiedene Ereignisse angleichen und vermischen. So wird aus dem Terrorist ein Amokläufer und aus dem Amoklauf ein säkularisierter »Dschihad« (vgl. 8.2.3). Wer vom Bösen spricht, meint meistens nicht nur die Abwesenheit des Guten (Augustinus), sondern die Abwesenheit jeglichen Sinns (vgl. 5.1). Der »Einbruch«123 oder »Ausbruch«124 des Bösen charakterisiert ein Ereignis, das sich jedem Verstehen zu entziehen scheint und deshalb nichts als Sprachlosigkeit bewirkt: 117 Manchmal verweist der Begriff des ›Bösen‹ allerdings nicht auf einen freien Willen, sondern wird ins Dämonische verkehrt. In dieser Perspektive wirkt das Böse als allgemeines Prinzip durch bestimmte Menschen, was sie mehr zu ›Besessenen‹ als zu souveränen Entscheidern werden lässt. 118 »Was lehrt uns Erfurt?«, Die Welt, 06.05.2002. 119 Aus dem Abschiedsbrief von Eric harris, einem der beiden Amokläufer von Littleton, haben wir bereits zitiert (vgl. Kapitel 4.5): »Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, nicht die meiner Brüder, nicht die meiner Freunde, nicht die meiner Lieblingsbands, nicht die der Computerspiele, nicht die der Medien. DIE SChULD GEhÖRT MIR!« (zitiert in Vogl 2010a: 21). 120 »Vom Bösen will niemand reden«, Die Welt, 02.05.2002. 121 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 122 »Die Verwirrungen des Zöglings Robert«, Die Welt, 29.04.2002. 123 »Eine Blume für die Lehrer«, Die Welt, 04.05.2002. 124 »Mörder und Bücher«, Die Welt, 04.05.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 187 »Die Stille von Erfurt war vielleicht der Beginn einer solchen Prüfung: Man wird stumm, wenn man sich den eigenen Abgründen nähert und sich gestehen muss, dass es die Endlagerung des Unguten nicht gibt, dass das Böse ein restlos nicht aufklärbares Phänomen bleiben wird.«125 Ein weiteres Zitat aus der Süddeutschen Zeitung greift ein Problem auf, das bereits im Kapitel über Gewalt diskutiert wurde (vgl. 6.4). So lässt sich nämlich das Problem der »Sinnlosigkeit« in hinblick auf die Perspektive von Täter und Opfer unterscheiden. Während das Leiden der Opfer grundsätzlich als ›sinnlos‹ beschrieben wird (vgl. 8.3.2), kann das Ausüben von Gewalt insofern ›sinnhaft‹ sein, als mit ihm bestimmte positive Emotionen verbunden werden. »Nun gibt es freilich Leute wie den Bundespräsidenten Rau, die weder Dichter sind noch sich auf das kleine, aber sehr menschengemäße ›Warum?‹ beschränken dürfen. Ihres Amtes ist es, selbst da noch nach dem Sinn zu fragen, wo nach allgemeinem Dafürhalten von Sinn keine Rede mehr ist, und folgerichtig klagte Johannes Rau, in Erfurt seien siebzehn Menschen ›sinnlos ermordet worden‹. Das ist zweifellos richtig, wenn damit gesagt werden soll, dass ein höherer Sinn in dieser Untat weder zu erkennen ist noch auch nur erwogen werden kann. Falsch ist es insofern, als das Böse seinen ganz eigenen, fürchterlichen Sinn hat. Dass wir davon eine Ahnung bekommen haben, ist das eigentlich Schreckliche an den Erfurter Schrecknissen.«126 Dieses Moment zeigt sich auch in der Diskussion um den Täter von Winnenden. Der als Geisel genommene Autofahrer berichtet von seiner Unterhaltung mit Tim Kretschmer: »Er habe den 17-Jährigen gefragt: ›Warum machst du so einen Scheiß?‹ […] Ganz laut hat er geantwortet: ›Aus Spaß, weil es Spaß macht.‹«127 Wolfgang Sofsky ist einer der wenigen Gewaltforscher, der sich dem Phänomen der ›Gewalt aus Leidenschaft‹ annimmt. Ein etwas längeres Zitat aus seinem Artikel, der in der Welt veröffentlich wurde, soll unsere Analyse des Narrativs des souveränen Bösen vorerst abschließen: »Der populäre Therapiekult glaubt beharrlich an die heilbarkeit des Bösen. Aber wer Gewalt auf die Autoritätsbindung williger Befehlsempfänger zurückführt, unterschlägt den Spaß an der Schikane und die Eigeninitiative der Mörder. Wer auf biografische Defizite oder soziale Umstände setzt, streicht die Verantwortung von Tätern, die sich ihre Gelegenheiten kaltblütig und planmäßig selber schaffen. Und wer voller Empathie Terror und Attentate für die Sprache von Verzweifelten hält, der will nicht wahrhaben, dass die meisten Mörder weder arm, ausgegrenzt, ungebildet noch neurotisch sind. […] Der therapeutische Blick verleugnet die 125 »Das Requiem von Erfurt«, Süddeutsche Zeitung, 04.05.2002. 126 »Das Streiflicht«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 127 »Geisel des Amokläufers äußert sich erstmals«, Süddeutsche Zeitung, 19.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 188 Gewalt als Aktivität, den Exzess, den Lustzustand jenseits der Grenze. Und er hat keinerlei Sinn für den Ablauf der Gewalttat, in der psychische und soziale Tatsachen geschaffen werden, die in keinem Verhältnis zur Vorgeschichte stehen.«128 Zu den Tätergeschichten, die Erklärungen für das Unerklärliche liefern sollen, gehören zunächst die Kategorien der Rache und der Kränkung (3.), die eng miteinander verwoben sind (vgl. 6.2.2). Sie finden sich vornehmlich im Falle des Täters von Erfurt. Robert Steinhäuser gilt als gescheiterter Schüler, der oftmals fehlt, schlechte Zensuren schreibt und Arztatteste fälscht, weswegen er schließlich der Schule verwiesen wird. Aufgrund des besonderen Schulgesetzes in Thüringen muss Steinhäuser die Schule ohne Abschluss verlassen (vgl. 10.1.2). Ein Angebot, auf ein anderes Gymnasium zu wechseln, nimmt er nicht mehr wahr. Für die Rahmung und Erklärung des Erfurter Amoklaufs ist das Narrativ der Kränkung und der daraus resultierenden Rache zentral. Der Schulverweis wird als erlittenes Unrecht empfunden und als »Blamage, die er vor allen geheim hielt. Auch vor der eigenen Familie – die ging Morgen für Morgen davon aus, dass Robert für das Abi büffelte. Deshalb die Rache vom Freitag, diese Serie von hinrichtungen und Bestrafungen.«129 Der Amokläufer wird zum »Racheengel, der da bewaffnet durch die Flure der Schule zog, die ihn verstoßen hatte«130 und die Tat wird zum »Racheakt«.131 Robert Steinhäuser passt in das Bild von Amokläufern, die an den »Ort einer Kränkung«132 zurückkehren. In diesem Narrativ wird die Grenze zwischen Schuld und Unschuld von Täter und Opfern etwas verwischt. Während die individuellen Opfer als unschuldig betrachtet werden, ist dies im Falle der Institution nicht mehr so leicht zu rechtfertigen. Das Verbrechen erscheint als verstehbare handlung, die aber freilich immer noch als unangemessen betrachtet wird. Darüber hinaus lassen sich Parallelen zu Beschreibungen des archaischen Amoklaufs im südostasiatischen Raum beobachten, der u.a. als rituelle Wiedererlangung verlorener Ehre interpretiert wird (vgl. 3.3.2). Mit leichten Einschränkungen verweist auch der Psychiater Lothar Adler auf die Frühgeschichte des Amok in Bezug auf den Täter von Erfurt: »›Robert wollte seine Ehre und sein Selbstwertgefühl wieder herstellen – wobei ich allerdings bezweifle, dass er in diesem Stadium noch in moralischen Kategorien gedacht hat.‹«133 Eng verbunden mit dem Motiv, die verloren geglaubte Ehre wiederherzustellen, ist das Ziel, die Ehre zu steigern 128 »Gewalt aus Leidenschaft«, Die Welt, 19.03.2011. 129 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 130 »Das Kasperle der Grausamkeit«, Die Zeit ,09.05.2002. 131 »Debatten ohne Ende«, Süddeutsche Zeitung, 15.04.2003. 132 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.04.2002. 133 »›Und dann ist er Rambo‹«, Der Spiegel, 06.05.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 189 und über einen Akt von performativer Gewalt ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu gelangen. Im Abschlussbericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium heißt es: »Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass sich Robert Steinhäuser durch die Begehung des Massenmordes am 26.04.2002 an einem mehr oder weniger abstrakten Feindbild, den Lehrern, die aus seiner Sicht an seinem Schulausschluss für das Scheitern seiner Schullaufbahn und für seine berufliche Perspektivlosigkeit verantwortlich waren, rächen wollte, und zwar am symbolträchtigen letzten Tag der schriftlichen Abiturprüfung. Allerdings wollte er nach der insoweit von dem OFA-Team abweichenden Auffassung der Kommission diesen Rachegedanken mit der mindestens gleichwertigen Zielstellung verknüpfen, sich über einen medienwirksamen Gewaltexzess Berühmtheit zu verschaffen.«134 Bei Winnenden taucht das Motiv der Rache aufgrund einer Kränkung eher marginal auf. Tim Kretschmer ist kein Musterschüler, aber lässt sich auch nicht mit dem Narrativ eines gescheiterten Schülers fassen; er wird gemobbt, aber nicht mehr oder weniger als andere Schüler auch (s.o.). hinzu kommt, dass der Amoklauf an seiner Schule beginnt, aber nicht dort endet und deshalb die anderen Örtlichkeiten nur schwer als ›Orte der Kränkung‹ identifiziert werden können. Zwar gibt es auch Formulierungen wie die in der Süddeutschen Zeitung, nach der Tim Kretschmer seine Schule offensichtlich aufsuchte »um mit einem Massaker Rache zu nehmen – für Erfahrungen, die sich ihm als seelische Beschädigungen darstellten«135, aber die meisten Verweise auf die Themen Narzissmus, Kränkung und Rache bleiben in der Regel ohne einen konkreten Bezug auf die Biographie des Täters. Die Verweise dienen lediglich dazu, das Bild eines ›typischen‹ Amokläufers zu entwerfen. Die zweite Kategorie der narrativen Plausibilisierung der Tat bezieht sich ebenfalls auf mehr oder weniger ›soziale‹ Ursachen: Die mangelhafte Integration des Täters in seine Familie und in Freundeskreise führt zu einem gesteigerten Konsum von gewaltverherrlichenden Medien, die ihn schließlich zu einem realitätsentrückten Einzelgänger (4.) werden lassen. Manchmal verläuft die Argumentation allerdings zirkulär und es ist oft nicht ganz klar, ob nun das gesteigerte Interesse an Filmen, Spielen oder Waffen zur Isolation führt (vgl. 9.2 und 9.3) oder der Rückzug in Welten fiktiver Gewalt nur ein Symptom von gescheiterten Sozialbeziehungen darstellt. In beiden Fällen werden jedoch – egal, wie die Richtung der Kausalitäten verläuft –, der übermäßige Konsum von fiktiver 134 Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium, vorgelegt von Karl heinz Gasser, Malte Creutzfeldt, Markus Näher, Rudolf Rainer und Peter Wickler, Erfurt, den 19. April 2004, S. 300. 135 »Ich bin wertvoll«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 190 Gewalt sowie der ›Waffenfetischismus‹ letztlich an das Funktionieren oder Nichtfunktionieren von sozialen Beziehungen rückbezogen. Für den Spiegel ist Robert Steinhäuser einer »dieser Schüler, der immer allein sitzt. […] Er war der Junge, der sich nicht verliebt, auch mit 17, mit 18 nicht, in diesem Alter, in dem alle Sinne auf Empfang stehen.«136 Auch für die Welt »ist bewiesen: Robert S. war ein Einzelgänger.«137 Während diese Beschreibung vermutlich für sehr viele junge Erwachsene zutreffend ist, kommen bei dem Täter von Erfurt die massiven schulischen Probleme hinzu (vgl. das Narrativ des gekränkten Rächers), die er offensichtlich nicht mehr allein bewältigen kann. Der Psychologe Steffen Dauer beschreibt Amokläufer allgemein als »›sehr introvertiert [und] wenig im sozialen Umfeld integriert«138, was auf soziale Defizite auf Seiten der Täter schließen lässt. Das Narrativ der Isolation kann aber auch das Gegenteil bedeuten: Die sozialen Defizite liegen dann nicht beim Täter sondern in seinem sozialen Umfeld, das die Zeichen nicht erkannt hat. Für Thomas Krüger, den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, liegt das Problem »›bei den Menschen. Der Schüler war mit seinen Problemen allein.‹«139 Auch in einer Formulierung der Welt bleibt es zumindest ambivalent, ob der Mangel an Bezugspersonen ausschließlich auf den Täter zurückzuführen ist oder ob jene selbst mehr Engagement hätten zeigen müssen: »Robert Steinhäuser war ein unauffälliger junger Mann. Gekannt haben ihn viele, aber zum Schluss gab es niemanden, dem er sich hätte anvertrauen können – keinen Kumpel, keinen besten Freund, keine Freundin, nicht einmal die Eltern.«140 Ob Robert Steinhäuser aufgrund seiner schlechten schulischen Leistungen von seinen Eltern unter Druck gesetzt wurde, bleibt in der öffentlichen Debatte weitgehend offen. Einerseits hätten die Eltern keine »übersteigerte[n] Erwartungen«141 gehabt, aber bei seinen Problemen auch nicht geholfen; andererseits zitiert der Focus aus einem Bericht des Thüringer Landeskriminalamtes, »der 19-jährige Robert Steinhäuser [habe] dem Erfolgsdruck seiner Eltern nicht standgehalten.«142 Weil der Verbrecher in der Regel als Außenseiter imaginiert wird taucht auch bei Robert Steinhäuser diese Kausalitätsunterstellung auf: Er wird »vom kontaktgestörten Jugendlichen zum rächenden Massenmörder.«143 Im Anschluss an Durkheims Theorie des egoistischen Selbstmordes (vgl. Durkheim 1983) könnte man formulieren: Wenn sich das soziale Band, das das Individu- 136 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 137 »Siebzehn Mal Selbstmord«, Die Welt, 04.05.2002. 138 »Das Drama von Erfurt«, Die Welt, 27.04.2002. 139 »›Da verläuft ein tiefer Riss‹«, Die Welt, 30.04.2002. 140 »Einsam und aggressiv«, Die Welt, 30.04.2002. 141 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 142 »Erfurter Todesschütze anonym beigesetzt«, Die Welt, 13.05.2002. 143 »›Und dann ist er Rambo‹«, Der Spiegel, 06.05.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 191 um mit der Gesellschaft verbindet, lockert oder ganz abreißt, hängt das Individuum nicht nur weniger am eigenen Leben, sondern neigt auch verstärkt zum Verbrechen. Mit der sozialen Isolation von Robert Steinhäuser werden sein übermäßiger Konsum von gewaltverherrlichenden Medien sowie ein pathologisches Interesse an Waffen eng diskursiv verbunden. Der Täter »war ein Einzelgänger und liebte Waffen. Steinhäuser zog sich stundenlang in sein Zimmer zurück, um brutale Videos anzuschauen und sich in gewaltverherrlichende Computerspiele wie ›Counter Strike‹ zu vertiefen.«144 Die Polizei findet in seinem Zimmer »zwölf Videokassetten mit ›dunklen, Blut triefenden und Gewalt verherrlichenden Filmen‹«145 und Musik »von jener Art, die nicht mehr wirklich Musik ist.«146 Dieses Zusammenspiel aus Waffenfetischismus, Filmen, Computerspielen, Musik sowie der Rezeption von früheren Amokläufen führt dazu, dass »sich in der Psyche des Robert Steinhäuser die Grenzen so sehr verrückt [haben], dass er die Verzweiflungstat Selbstmord herostratisch als Massenmord inszenierte.«147 Über die Ansteckungsmagie von Waffen und fiktiver Gewalt wird noch ausführlich gesprochen; an dieser Stelle soll nur betont werden, dass die verschwimmende Grenze zwischen Fiktion und Realität problematisiert wird und die Angst darin besteht, dass fiktive Gewalt zu realem Blutvergießen verführen kann (vgl. 9.2.1). Wie die Isolierung von seinem sozialen Umfeld kann auch die Flucht in imaginäre Welten selbst wieder soziale Ursachen haben. Der Medientheoretiker Peter Weibel spricht in Bezug auf die Mediennutzung von Robert Steinhäuser beispielsweise von einer »soziale[n] Verelendung«148, die der Realitätsflucht bereits vorausgegangen sein müsse. Im Falle des Täters von Winnenden lässt sich das Narrativ der Isolation und der Flucht in fiktive Realitäten ebenfalls finden, jedoch in deutlich schwächerer Form. Aufgrund seiner Mitgliedschaften im Tischtennis, im Armwrestling und im Schützenverein lässt sich nur schwer von sozialer Isolierung sprechen. Dennoch wird Tim Kretschmer als ruhiger und verschlossener Schüler beschrieben, der in der »sechsten oder siebten Klasse […] den Anschluss an die anderen Schüler verlor.« 149 Aufgrund seiner schrecklichen Tat ist es retrospektiv fast nicht mehr möglich, von einer gelungenen sozialen Integration zu sprechen, ohne die 144 »Debatten ohne Ende«, Süddeutsche Zeitung, 15.04.2003. 145 »Immer noch Rätsel um Erfurter Amoklauf«, Die Welt, 10.05.2002. 146 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 147 »Menschen töten, Waffen auch«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 148 »Wenn Literaten Literaten vorwerfen, sie seien Literaten«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. 149 »Das letzte Spiel«, Die Zeit, 19.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 192 Sozialisationsinstanzen gleich mitanzugreifen. Genau dies lässt sich jedoch im Falle der Eltern des Amokläufers beobachten: »›Tims Vater wollte einen Star aus ihm machen‹, sagen ehemalige Mitspieler. ›Der war ehrgeizig. Ehrgeiziger als der Sohn.‹ Jörg K. wurde Vorstandsmitglied des Tischtennisvereins, er habe Einfluss nehmen wollen, erzählen Mitglieder des Clubs. Als dem Vater das Mannschaftstraining nicht mehr reichte, bezahlte er Tim einen Privattrainer. Bei den Spielen sahen ihn andere Vereinsmitglieder nervös an der Bande stehen, und wenn Tim Fehler machte, sei der Vater laut geworden. Wenn Tim verlor, habe es Ärger gegeben, sagen die Mitspieler, und wenn Tim gewann, habe der Vater ihn mit Geld belohnt.«150 Problematisiert werden nicht ein Mangel an Engagement oder ein Mangel an sozialem oder ökonomischen Kapital der Eltern, sondern das Gegenteil: Der große Garten, drei teure Autos in der Einfahrt, das große haus, ein mittelständischer Unternehmer als Vater – all das verweist nicht auf ein Unterschichten-Problem, sondern auf Probleme eine scheinbaren Wohlstandsidylle. In dieser hinsicht unterscheiden sich die Täternarrative bei Erfurt und Winnenden fundamental. Gemeinsamkeiten bestehen wiederum in einem für den Amoklauf konstitutiven Nicht-Wissen: »Natürlich hat niemand Tim K. verstanden, kam niemand an den 17-Jährigen heran, nicht seine Eltern, nicht seine Schwester, nicht seine Freunde. Erst recht nicht seine Lehrer und seine Mitschüler. Tim K. fühlte sich unverstanden, und er war es auch. Wie sollte man ihn verstehen? Er sagte nichts. Er war allem Anschein nach ein Teenager, der Probleme hatte, erwachsen zu werden. Wie groß die Probleme wirklich waren, konnte – nach allem, was man bisher weiß – niemand ahnen.« 151 Auch seine Isolation wird mit Waffen und Computerspielen in Verbindung gebracht. Tim Kretschmer »war Zeugenaussagen zufolge geradezu süchtig nach Computer-Ballerspielen, prahlte mit Waffennachbildungen und den echten Pistolen und Gewehren seines Vaters, ließ die Schule schleifen und hatte kaum Freunde.«152 Auch der Umstand, dass er »auf seinem Rechner 200 Pornobilder speicherte«153, auf denen gefesselte Frauen zu sehen sind, wird als deviantes Verhalten bewertet. Dies verweist auf verschiedene Versuche, dem Unerklärlichen eine Erklärung zu geben. Erstens wird seine sexuelle Devianz – was die Erwähnung dieser Information zweifelsohne suggeriert – mit realer Gewaltbereitschaft in Verbindung gebracht. Zweitens stellt die Information einen Versuch dar, die Kontingenz der Opferwahl zu reduzieren, indem angenommen 150 »Das letzte Spiel«, Die Zeit, 19.03.2009. 151 »Auffallend unauffällig«, Die Welt, 13.03.2009. 152 »Tim K. soll gern horrorfilme gesehen haben«, Die Welt, 29.09.2010. 153 »Das letzte Spiel«, Die Zeit, 19.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 193 wird, dass der Täter vornehmlich Frauen im Visier hatte.154 Schließlich wird auf die allgemeine Gefährlichkeit des Internets verwiesen, vor dem man insbesondere Minderjährige schützen muss, damit sie nicht – wie Tim Kretschmer – Bilder sehen oder Spiele spielen, die nicht für ihr Alter bestimmt sind. Gerade wenn Altersgrenzen unterschritten und die ›normale‹ Konsumdauer überschritten sind, droht das bereits angedeutete Risiko, dass das fiktive Erleben von Gewalt in reale Taten übersetzt wird (vgl. 9.2.1). Nach Ansicht des psychiatrischen Gutachters Reinmar du Bois »habe Tim K. seine ›Counter Strike‹-Erfahrungen in die Realität umgesetzt: Seine Kleidung ähnelte jener der Spielfiguren, und scheinbar emotionslos tötete er die meisten seiner Opfer mit gezielten Kopfschüssen – in dem blutrünstigen Computerspiel wird dies besonders honoriert.«155 Darüber hinaus beschäftigt sich der Täter von Winnenden – wie Robert Steinhäuser – mit früheren Amokläufen: »Nach der Auswertung des Computers steht nun zumindest fest, dass Tim K. in den Tagen vor der Tat im Internet zu Amoktaten an der Columbine-highschool und am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt recherchierte.«156 Interessant, doch letztlich unbeantwortbar bleibt die Frage nach der scheinbar endlosen Verweisungsstruktur von Amokläufen (vgl. 13.1.3). Auch wenn der Amoklauf von Littleton im Jahre 1999 von besonderer Bedeutung ist, weil er weltweit massiv rezipiert wurde, stellt er doch keineswegs den ›Ursprung‹ dar. Winnenden verweist auf Erfurt, Erfurt auf Littleton, Littleton (vielleicht) auf Austin, Texas usw. Der Amoklauf bleibt eine Kopie ohne Original, eine Wiederholung ohne erstes Ereignis. Das Narrativ des Kranken (5.) entwirft das Bild eines pathologischen Täters, der unter somatischen und/oder psychischen Beschwerden leidet, die wiederum in Zusammenhang mit dem Verbrechen gebracht werden. Dieses Narrativ des kranken Individuums führt zu einer Teil-Entschuldung (vgl. auch 2.2.1), da die Krankheit im Widerspruch zu einem freien, souveränen Willen zum Bösen steht. Der Amokläufer ist vielmehr selbst Opfer seiner eigenen ›Natur‹. Damit steht das Narrativ des Kranken dem Narrativ des souveränen Bösen diametral entgegen. Bei Tim Kretschmer steht beispielsweise das Thema »Depression« im Vordergrund: »Psychologische hilfe hatte Tim K. nötig. Fünf Mal war er im Jahr 2008 in psychologischer Behandlung – der spätere Amokläufer war depressiv.«157 Eine Psychotherapeutin äußert den Ver- 154 Diese Behauptung wird im offiziellen Abschlussbericht jedoch widerlegt. Dass vor allem Frauen und Mädchen zu den Opfern zählen, erklären die Ermittler über deren Position in den Klassenzimmern. 155 »›So eine Wut, so ein hass‹«, Der Spiegel, 14.09.2009. 156 »530 Zeugen, 400 Spuren, 300 DNA-Proben«, Die Welt, 23.05.2009. 157 »Auffallend unauffällig«, Die Welt, 13.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 194 dacht auf »atypischen Autismus«, »zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Spielsucht« sowie auf »schizophren[e] Psychose«, kommt jedoch ein halbes Jahr vor dem Amoklauf noch zu dem Schluss, »dass bei Tim K. ›keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung‹ vorliege.«158 In einem anderen psychiatrischen Gutachten heißt es, der Täter habe an einer »›ängstlich vermeidenden Persönlichkeitsstörung‹«159 gelitten. Zwei Monate vor dem Amoklauf erhält Tim Kretschmer einen Musterungsbescheid, aus dem hervorgeht, dass er »wegen seiner Depressionen vom Wehrdienst befreit«160 ist. Bereits Jahre vor der Tat informiert sich der Täter im Internet über psychische Krankheiten und versucht sich sogar an einer Art Selbstdiagnose: »Tim Kretschmer war sich offenbar bewusst, dass etwas nicht stimmte mit ihm, dass sein Leben in eine falsche Richtung lief. Er suchte hilfe im Internet und gab im Frühjahr 2008 Stichwörter in Suchmaschinen ein, Begriffe, die das zusammenfassen sollten, was ihm an sich aufgefallen war. Er meinte schließlich, eine bipolare-Störung festgestellt zu haben. So steht es in einem 67-seitigen psychiatrischen Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart.«161 Aufgrund dieser Erkenntnisse steht unter anderem im Prozess gegen den Vater des Amokläufers die Frage im Raum, ob die Eltern von Tim Kretschmer seine psychischen Probleme unterschätzt hätten (vgl. 9.1 und 10.2.1). Auch bei Robert Steinhäuser findet eine Pathologisierung statt, allerdings fällt sie deutlich diffuser aus als sieben Jahre später. Dies mag einerseits damit zu tun haben, dass der Diskurs um Depression zwischen 2002 und 2009 generell zugenommen hat. Der stark öffentlichkeitswirksame Freitod des depressiven Torhüters Robert Enke am 10. November 2009 fällt in das Jahr des Amoklaufs von Winnenden und befeuert die gesellschaftliche Debatte um Depressionen zusätzlich. Andererseits gibt es in der Diskussion um Robert Steinhäuser kaum offizielle Dokumente oder Aussagen, die seinen pathologischen Charakter in gleicher Weise wie bei Tim Kretschmer bestätigen. In Übereinstimmung mit dem Narrativ der Rache aufgrund einer Kränkung ist die Rede von einer »schwere[n] narzisstische[n] Störung«162 und davon, dass er »möglicherweise depressiv«163 gewesen sei. Aufgrund seines hohen Konsums von ›Killerspielen‹, der schlechten Schulleistungen und der immer komplexer werdenden Lügengeschichten spricht auch der Abschlussbericht 158 »›So eine Wut, so ein hass‹«, Der Spiegel, 14.09.2009. 159 »Tim K. – Amoklauf nach ›Gefühlsstau‹«, Die Welt, 10.12.2010. 160 »Die Waffen nieder«, Die Zeit, 19.03.2009. 161 »Winnenden-Täter brauchte hilfe«, Süddeutsche Zeitung, 09.09.2009. 162 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. 163 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 195 der Kommission Gutenberg164 von »Persönlichkeitsverlust« bei gleichzeitiger »unrealistische[r] Selbstüberschätzung«. Dennoch unterscheiden sich die Logiken der diskursiven Pathologisierung der beiden Täter. Während bei Winnenden das Narrativ des kranken Individuums eher auf die Tragik abzielt, die Krankheit des Täters unterschätzt und nicht behandelt zu haben, wird der Amoklauf von Erfurt häufig selbst pathologisiert. Bereits drei Tage nach der Tat ist ein Kinderarzt der Meinung, »der Täter müsse krank gewesen sein. Er spricht von Psychopathologie, Introversion, Frustration und Dekompensation.«165 Aus der Tat selbst wird geschlussfolgert, dass der Täter krank gewesen sein muss, weil kein gesunder Mensch – so jedenfalls die Prämisse dieser Argumentation – so etwas tun würde und nicht umgekehrt. Eine weitere, allgemeine Pathologisierung von Amokläufen zeigt sich auch in der häufigen Verwendung des Wortes »Wahnsinn«. Im Kontext von Erfurt sprechen sowohl der Spiegel166 als auch die Süddeutsche Zeitung167 von einer »Wahnsinnstat«, die Welt vom Amokläufer als einem »Wahnsinnigen.«168 In der Zeit dagegen taucht eine derartige Formulierung nicht auf. Den Amoklauf von Winnenden bezeichnen wiederum die Süddeutsche Zeitung169 und die Zeit170 als »Wahnsinnstat«, während die anderen beiden Printmedien den Ausdruck zwar verwenden, dies aber nicht im konkreten Bezug auf den Amoklauf von Winnenden tun. Die Welt spricht vom »Wahnsinn des Amoktäters von Ansbach«171 und der Spiegel beschäftigt sich mit den Amokläufen in Finnland: »Nach zwei Amokläufen in der jüngsten Vergangenheit haben aber auch die Finnen erkennen müssen, dass die totale Freiheit auch die Freiheit beinhaltet, etwas Wahnsinniges zu tun.«172 Diese Beobachtungen lassen einige interessante Vermutungen zu: Da Robert Steinhäuser als Person weniger Gegenstand einer medizinisch-pathologischen Diskussion ist, wird die Tat selbst pathologisiert und aus dem Bereich der gesellschaftlichen ›Normalität‹ ausgeschlossen. Der ›Wahnsinn‹ verweist hier weniger auf ein individuelles, psychopathologisches Phänomen, mit dem sich die Tat erklären lässt. Vielmehr spiegelt die häufige Verwendung die moralische Verurteilung des Verbrechens durch die Gesellschaft wieder. Der Begriff 164 Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium, vorgelegt von Karl heinz Gasser, Malte Creutzfeldt, Markus Näher, Rudolf Rainer und Peter Wickler, Erfurt, den 19. April 2004, S. 297 f. 165 »Erfurt und die Schatten des Bösen«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 166 »Pfusch am Kind«, Der Spiegel, 13.05.2002. 167 »Reality Bytes«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 168 »Schweigeminute in allen Klassenzimmern«, Die Welt, 29.04.2002. 169 »›Wir bleiben fassungslos zurück‹«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 170 »Schießen ist kein Menschenrecht«, Die Zeit, 12.08.2010. 171 »Amok im Jugendbuch«, Die Welt, 25.09.2009. 172 »Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 196 ›Wahnsinn‹ taucht in den Artikeln darüber hinaus auch weitgehend isoliert auf und wird nicht in einem medizinischen Kontext platziert. Von einem schrecklichen Verbrechen wird umgekehrt auf ein vermeintlich pathologisches Innenleben geschlossen, anstatt eben jenes für die Erklärung der Tat heranzuziehen. Genau dies ist bei Tim Kretschmer der Fall, der nachweislich an Depressionen und anderen Psychopathologien gelitten hat. Da die kranke Psyche des Täters als Erklärung herangezogen wird, fällt die moralische Verurteilung der Tat als Solche über die Metaphorik des ›Kranken‹ geringer aus. Im letzten Narrativ der harmlosen Fassade (6.) werden die bisherigen Aspekte zusammengebunden und es wird nicht versucht, die Ambivalenz in Eindeutigkeit zu überführen. Indem zwischen innerem Erleben und äußerem Verhalten des Täters unterschieden wird, kann dieser sowohl normal als auch krank, sowohl auffällig als auch unauffällig sein. Das Problem wird dem Bereich der (An-)Zeichen – dem sogenannten ›Leaking‹ – zugeschlagen, die bestimmte Personen hätten erkennen können. Mit diesem Narrativ lässt sich die paradoxe Formulierung von der ›auffälligen Unauffälligkeit‹ genauer beschreiben. Über Robert Steinhäuser ist im Spiegel zu lesen: »War Robert Steinhäuser also ein netter, fröhlicher Typ, ein junger Mann mit vielen Freunden, der nur die eine entscheidende Niederlage in seinem Leben nicht verkraften konnte? Oder war er ein Wahnsinniger, ein blutrünstiger Killer, dem nur ein Funke für sein grausiges Feuerwerk fehlte? Beide Geschichten werden in Erfurt erzählt, und in Wahrheit, das macht seinen Fall so irrwitzig, war Steinhäuser wohl beides ein bisschen: lange Jahre ein Clown seiner Klasse, ein netter Junge, der den Auftritt vor Publikum liebte – und am Ende ein Racheengel in eigener Sache, vor zwei Jahren schon von der Bahn abgekommen, gedemütigt, ein Waffennarr, kalt bis ins herz.«173 In ähnlicher Weise wird auch sieben Jahre später über Tim Kretschmer berichtet: »Er hat offenbar in zwei getrennten Welten gelebt, der Amokschütze von Winnenden. Nach außen hin war er ein völlig durchschnittlicher Jugendlicher. Ein bisschen zurückgezogen vielleicht, aber keinesfalls ein erkennbarer Psychopath. […] Doch nur die wenigsten Menschen wussten, wie es in ihm aussah. Offenbar litt der Täter an einer gefährlichen Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und Größenwahn«174 Der Umstand, dass die Täter keine klassischen Täterbiographien in Form von zerrütteten Familienverhältnissen oder selbst erlittener Gewalt aufweisen, sondern in der Regel aus behüteten Verhältnissen der Mittel- und 173 »Mörderischer Abgang« Der Spiegel, 29.04.2002. 174 »Die Spuren der Verzweiflung«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 197 Oberschicht stammen, »macht diese Form der Gewalt so unheimlich, auch deshalb erschüttert sie so sehr. Sie bricht scheinbar aus dem Nichts ins Leben ein, sie ist hinter der Fassade der Normalität gewachsen, und erst im Nachhinein wird offenbar, welcher Abgrund sich hinter der Fassade auftat.«175 Gerade weil die Täter in der Regel im Vorfeld nicht zu erkennen sind und ein unsichtbares, soziales Risiko darstellen, wird anderen, materiellen Risikofaktoren wie Waffen oder Computerspielen umso größere Beachtung geschenkt. Da sich diese Risiken leicht visualisieren lassen, ist mit ihnen die hoffnung verknüpft, Einsichten in das eigentlich intransparente Innenleben von Amokläufern und damit Strategien der Prävention zu erarbeiten. Bevor die Opfer als weitere Figuren des Außerordentlichen betrachtet werden, sollen die zentralen Aspekte noch einmal zusammenfasst werden: Die Analyse der Darstellung und Beschreibung der Täter von Erfurt und Winnenden in der Berichterstattung zeigt eine Konstruktion von Täterschaft über verschiedene Narrative, die sich teilweise ergänzen, manchmal aber auch ausschließen. Die identifizierten Narrative tauchen bei beiden Amokläufen auf, scheinen aber jeweils unterschiedlich stark gewichtet. Das dominante Täternarrativ bei Erfurt ist der gescheiterte Schüler, der Rache an der ihm verhassten Institution nimmt. Auch der Konsum von Musik, Filmen und Computerspielen ist im Jahre 2002 noch ein größeres Thema als sieben Jahre später. Dies mag zum einen darauf zurückzuführen sein, dass die Sensibilität gegenüber virtueller Gewalt aufgrund der großen Verbreitung und Ausdifferenzierung eher abnimmt, während die sogenannten Ego-Shooter zu Beginn ihrer Popularisierung grundsätzlich noch stärker unter Beobachtung stehen. Zum anderen wird die gefährliche Isolation bei Erfurt noch stärker mit dem Medienkonsum assoziiert als bei dem Täter von Winnenden, der immerhin in verschiedenen Vereinen war und die Möglichkeit der Vernetzung über Medien generell größer geworden ist und an Akzeptanz gewonnen hat. Das dominante Täternarrativ in Winnenden ist dagegen die Leidenschaft für Waffen, seine Depressionen, aber auch seine Normalität als Teil einer erfolgreichen und gehobenen Mittelschichtsfamilie. Darüber hinaus verschmilzt die Frage nach den Ursachen in Winnenden schnell mit der Ermöglichung der Tat und der Frage, inwieweit der Vater eine Schuld an der Tragödie trägt (vgl. 9.1). 8.3.2 Opfer Die liminale Figur des Täters verweist zugleich auf die ihr komplementäre Figur: das Opfer. Während sich der Täter durch eine triumphale 175 »hass auf alles«, Süddeutsche Zeitung, 31.12.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 198 Subjektivität auszeichnet, werden die Opfer durch das Erleiden von Gewalt auf ihre bloße Körperlichkeit reduziert und drohen ihre Subjektivität zu verlieren: »Victims are impersonal subjects, they have no face, no voice and no place« (Giesen 2004b: 53). Dies ist auch der Grund, warum die Gemeinschaft große Anstrengungen unternimmt, die Würde der Opfer zu restituieren, sie in die Gemeinschaft zurückzuholen und ihnen ihren Platz, ihren Namen und ihre Stimme zurückzugeben (vgl. Giesen 2004b: 48). An anderer Stelle wird darauf zurückgekommen (vgl. 11.2). Darüber hinaus entspricht der Grundlosigkeit der Gewalt die empfundene Sinnlosigkeit ihres Erleidens.176 In seinem Aufsatz Das sinnlose Leiden (Lévinas 1995: 19) formuliert Emmanuel Lévinas: »Das Unheil im Schmerz, das Schädliche schlechthin, ist die Unübersehbarkeit und gleichsam der tiefste Ausdruck der Absurdität. Daß das Leiden als reines Phänomen, zutiefst, ohne Nutzen: sinnlos sei, daß man ›für nichts‹ leide, ist als das mindeste, was man darüber sagen kann.« Von entscheidender Bedeutung im öffentlichen Diskurs um die Opfer von Amokläufen ist die Frage nach der Kontingenz ihrer Wahl. Der Amokläufer von Erfurt tötet 16 Menschen: sieben Lehrerinnen, vier Lehrer, eine Referendarin, eine Schulsekretärin, einen Schüler, eine Schülerin und einen Polizeihauptmeister. Der Amokläufer von Winnenden tötet 15 Menschen: Drei Lehrerinnen, einen Schüler, acht Schülerinnen, einen Mitarbeiter einer Psychiatrie, einen Verkäufer in einem Autohaus sowie einen Kunden. Aufgrund dieser Befunde überrascht es nicht, dass in der Diskussion um Erfuhrt Lehrer als Opfer im Fokus stehen: »Polizeichef Grube erzählt, der Täter habe Türen geöffnet, habe sie wieder geschlossen, wenn kein Lehrer zu erblicken war. Wenn er aber einen Lehrer entdeckte, habe er gezielt gefeuert. Die beiden Schüler, die 14-jährige Susann hartung und der 15-jährige Ronny Möckel, seien durch das Durchschießen einer Tür getötet worden.«177 Dieses Narrativ steht in einem engen Zusammenhang mit dem Täternarrativ des gescheiterten Schülers, der am Ort seiner Kränkung Rache nimmt. Obwohl sich der Amoklauf von Winnenden nicht nur auf die Albertville-Realschule beschränkt, spielt der Ort auch bei Tim Kretschmer eine große Rolle: »Offenbar hat Tim K. gezielt die Räume der Schule aufgesucht, in denen er im Jahr zuvor noch selbst im Unterricht saß. ›Ich weiß nicht, was das Klassenzimmer zu tun haben soll mit den Kindern, die dann dort waren‹, sagt Petra I. fassungslos.«178 Trotz dieser Gemeinsamkeit, die den sogenannten »school shootings« auch ihren Namen gibt, wird nach Winnenden weniger über die ermordeten Lehrer diskutiert. Dies mag einerseits 176 Jan Philipp Reemtsma spricht hier von einem »autotelischen Bias« (Reemtsma 2008: 129). 177 »›Mal so richtig aufräumen‹«, Die Zeit, 02.05.2002. 178 »Ein Ort, eine Trauer, eine Frage«, Die Welt, 13.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 199 damit zusammenhängen, dass der Amokläufer auch Personen erschießt, die nicht dem Kontext Schule zuzuordnen sind, und andererseits damit, dass vornehmlich Schülerinnen zu den Opfern zählen. Daher interpretiert Alice Schwarzer den Amoklauf von Winnenden als Tat eines Frauen hassers: »Der Amokläufer war keineswegs wahllos, er hat seine Opfer durch gezielte Kopfschüsse regelrecht hingerichtet. Tim K. erschoss drei Lehrerinnen und acht Schülerinnen, sieben weitere überlebten. Nur einer der Toten in der Schule war männlich: ein Junge albanischer herkunft. Erst außerhalb der Schule hat er dann auf der Flucht wahllos um sich geballert und dabei auch noch drei zufällig anwesende Männer getötet.«179 Die Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, »dass Tim Kretschmer nicht gezielt Mädchen und Lehrerinnen erschossen hat. […] [D]ie große Zahl der weiblichen Toten sei eher Zufall. ›Bei den Opfern in den Klassenräumen handelte es sich um die am nächsten zu ihm befindlichen Personen.‹«180 Auch bei Robert Steinhäuser gibt es Stimmen, die das gezielte Töten von Lehrern zumindest einschränken. Der Psychotraumatologe Andreas Müller-Cyran ist der Meinung, dass sich der Täter »›von Lehrern in seinem Selbstwertgefühl gekränkt [fühlte], deshalb hat er sich Lehrer als Opfer gesucht. Um eine gezielte Rache ging es ihm nicht, er hat ja auch Lehrer erschossen, die er gar nicht weiter kannte.‹«181 Die Wahl der Opfer erscheint damit zugleich zielgerichtet und willkürlich. Zielgerichtet erscheint sie deshalb, weil die Amokläufer in beiden Fällen ihre eigene Schule aufsuchen und gewissermaßen Rollenträger ins Visier nehmen – also LehrerInnen im Falle von Erfurt, SchülerInnen im Falle von Winnenden und eben nicht oder nur zweitrangig Passanten oder anderweitige Personen, die nicht im Kontext Schule auftreten. Willkürlich oder zufällig sind die Opfer deshalb, weil jenseits von bestimmten Rollen die Personen selbst eher unwichtig sind, es also keine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer gibt. In seinem Buch über das Attentat schreibt Manfred Schneider: »Während die Schauplätze von den Akteuren bewusst ausgewählt werden, sind die Opfer meist vom Zufall bestimmt. Die mörderischen und selbstmörderischen Aktionen gelten Institutionen und nicht Personen. Sie sind abstrakt« (M. Schneider 2010: 642). Die Individuen sind unschuldig; über die Schuld und Verantwortung der Institution Schule lässt sich dagegen streiten (vgl. 10.1). Wie bereits im theoretischen Kapitel über Gewalt diskutiert wurde, lässt gerade diese Beziehungslosigkeit den Amoklauf als ›grundlose‹ Gewalt erscheinen (vgl. 6.2). Wolfgang Sofsky schreibt in der Welt: »Vom tödlichen Familiendrama unterscheidet sich der Amok durch seine Wahllosigkeit. 179 »Die Tat eines Frauenhassers«, Die Welt, 16.03.2009. 180 »16 Tote, kein Tatmotiv«, Süddeutsche Zeitung, 23.05.2009. 181 »Es war Selbstmord«, Die Zeit, 16.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 200 Der Zorn eskaliert zur Wut. Sie nimmt auch Fremde ins Visier, die zufällig des Weges kommen. In der Aktion macht der Täter keinen Unterschied mehr. Von den Opfern will er nichts. Ihr Tod ist völlig sinnlos.«182 Die Beziehungslosigkeit zwischen Täter und Opfer, die sich sowohl in der Kontingenz der Täter als auch der Opfer darstellt, ist neben ihrer Form des rationalen Exzesses einer der hauptgründe, warum Amokläufe ein massives gesellschaftliches Unbehagen zur Folge haben. Wenn jeder zu allem fähig ist und alle potentiell betroffen sind, dann hat man es mit jenen unsichtbaren Gefährdungen zu tun, die das Imaginäre besonders reizen und kollektive Ängste schüren (vgl. 7.2). Der Individualität der eigentlichen (Todes-)Opfer steht deshalb auch die Kollektivierung und Ausweitung von potentieller Betroffenheit gegenüber. Zunächst gehören nicht nur die getöteten Menschen zu den Opfern, sondern auch Verletzte und andere Augenzeugen: »Opfer der furchtbaren Tat sind auch all die Schüler und Lehrer, die mitansehen und erleben mussten, was am vergangenen Freitag am Gutenberg- Gymnasium geschehen ist. Sie waren in Todesangst. Sie haben erleben müssen, wie einer der ihren, ein Schüler wie sie, zu einem Massenmörder geworden ist.«183 Nach dem Amoklauf von Tim Kretschmer gehören auch die körperlich Unversehrten zu den »unsichtbaren Opfer[n] von Winnenden«184, die unter ihren Erinnerungen leiden. Schließlich können auch ganze Kollektive ohne konkreten Bezug auf Individuen zu Betroffenen185 werden. Auf kommunaler Ebene nahm der Amokläufer »an diesem Tag eine ganze Stadt zur Geisel«186; der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Oettinger, verweist auf eine landesweite Betroffenheit, wenn er auf einer Pressekonferenz sagt: »›Getroffen ist ganz Baden-Württemberg‹«187 und auch auf Bundesebene trifft der Amoklauf »auch die gesamte Gesellschaft. Denn die Gewalttäter wählen ihre Opfer nicht als einzelne Individuen aus; sie sind beliebige Objekte ihrer Willkür. Es kann jeden treffen – und das macht die Gewalt zu einem Politikum.«188 182 »Bestürzende Banalität«, Die Welt, 12.03.2009. 183 »›Die furchtbare Spur des Todes macht uns ratlos‹«, Süddeutsche Zeitung, 04.05.2002. 184 »Eine Leiche zu viel«, Der Spiegel, 10.12.2012. 185 Mit Betroffenheit ist hier mehr als bloße Anteilnahme gemeint. Wir können auch von einem fernen Unglück in emotionaler Weise betroffen ohne in seinen Auswirkungen getroffen zu sein. 186 »Eine Leiche zu viel«, Der Spiegel, 10.12.2012. 187 »Die Tragödie von Winnenden«, Die Welt, 12.03.2009. 188 »Unser Recht auf Schutz«, Die Welt, 20.08.2011. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 201 8.3.3 Helden Jede Geschichte braucht helden. helden werden mit übermenschlichen Kräften assoziiert, sie suchen das Abenteuer und verachten den Tod, sie verkörpern die kollektive Identität der Gemeinschaft und sind doch in der Regel zur Einsamkeit verdammt (vgl. Campbell 1999; Giesen 2004b: 15 ff.). Insbesondere in Zeiten der Krise werden helden benötigt, in ihnen verdichten sich Sinn, Mut und die Aussicht, dass doch nicht alles verloren scheint. Gleichzeitig sind helden jedoch auch extrem fragile Figuren. heldentum und Charisma können nur schwer auf Dauer gestellt werden. Nach der heroischen Tat droht bereits die Banalität des Alltäglichen und der ehrerbietende Blick weicht dem Zweifel. Im Kontext der Amokläufe von Erfurt und Winnenden gibt es vor allem zwei Kategorien von helden. Die erste Kategorie bezieht sich auf konkrete Einzelpersonen, den Lehrer Rainer heise in Erfurt und den PKW Fahrer Igor W. in Winnenden. Die zweite Kategorie bezieht sich auf Gruppen von Akteuren, vor allem Lehrer, Rettungs- und Einsatzkräfte. Beleuchtet wird zunächst die Geschichte des (tragischen) helden Rainer heise: Dieser hatte den Täter Robert Steinhäuser erkannt, direkt angesprochen und hatte es geschafft ihn in ein Klassenzimmer einzuschließen, in dem er sich schließlich erschoss. Im Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium schildert der Lehrer die Situation wie folgt: »Und als wir uns so gegenüberstanden, da habe ich zumindest eins gewusst: erschießen kann er dich, aber hinknien wirst du dich nicht. Ich habe dann so an meinen Oberkörper gefasst und hab dann eben gesagt: du kannst mich jetzt erschießen. Da zögerte er so, ich guckte ihn an, wir hatten wirklich einen Augenkontakt, wir haben uns fest in die Augen geguckt und da sehe ich dann so […], wie der Revolver nach unten geht und er sagt so: herr h., für heute reichts.«189 Von einem »mutigen Lehrer«190 ist die Rede, den Innenminister Schily sogar – gegen dessen Willen – für das Bundesverdienstkreuz vorschlägt. Weil heise jedoch mehrere Interviews gibt, obwohl er keine Erfahrung im Umgang mit Medien hat, wird er vom »Opfer zum helden zum Wichtigtuer«191 und schließlich gar zum »gehasste[n] held«192, der beschimpft wird und Morddrohungen erhält. Obwohl im Bericht der Expertenkommission »kein Anhaltspunkt dafür vorliegt, dass die 189 Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium, vorgelegt von Karl heinz Gasser, Malte Creutzfeldt, Markus Näher, Rudolf Rainer und Peter Wickler, Erfurt, den 19. April 2004, S. 120. 190 »Erfurt-Schock«, Die Welt, 29.04.2002. 191 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 192 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 202 Aussage erfunden ist oder in ihrem Kern Abweichungen von der Realität enthält«193, wird seine Geschichte immer wieder angezweifelt. Seine Schuldirektorin wird in der Süddeutschen Zeitung mit der Aussage zitiert, »›er hätte auch ein leiserer held sein können‹«194, was auf die bereits weiter oben beschriebene Problematik des heldentums verweist: Der held braucht das Publikum und die Beteuerungen, kein held sein zu wollen, tragen zusätzlich zur weiteren Charismatisierung bei. Zu viel Nähe, Intimität und Information führen jedoch schließlich zur Veralltäglichung des Charismas und nähren die Zweifel, ob der heldentat tatsächlich heldenhafte Motive zugrunde liegen. Die Geschichte von Igor W. weist deutliche Parallelen zum ersten Fall auf. Nachdem er in der Albertville-Realschule ein Blutbad angerichtet hat, steigt Tim Kretschmer zu Igor W. ins Auto und zwingt ihn mit vorgehaltener Waffe zu einer Fahrt Richtung Wendlingen. »›Soll ich mal Spaß machen und die Autos und die Fahrer abknallen?‹«195 zitiert der Fahrer den Amokläufer später bei der Polizei. Igor W. schafft es, nahe einer Autobahnausfahrt aus dem Wagen zu springen. Zwar rettet er damit ›nur‹ sein eigenes Leben, aber die Medien wollen seine »heldengeschichte«196 dennoch hören. Als herauskommt, dass er seine Geschichte exklusiv für viel Geld an eine Talkshow und ein Wochenmagazin verkauft haben soll, kippt auch sein heroismus in den Augen der Öffentlichkeit in Wichtigtuerei. Der Pakt von helden mit den Medien wird offensichtlich als unehrenhaft empfunden obwohl sich beide gegenseitig brauchen. helden werden entgegen dem bekannten Sprichwort eben nicht dadurch zu Superhelden, weil sie sich selbst, sondern weil andere sie für super halten und daraus kein Geheimnis machen. Der zweiten Kategorie gehören vor allem Lehrer, Polizisten und andere Einsatzkräfte an. Während beiden Amokläufen helfen Lehrer, die Schüler zu evakuieren, Türen zu verbarrikadieren oder schützen die Kinder sogar mit dem eigenen Körper. Nach Erfurt »stießen die Ermittler auf Beispiele von Mut und Selbstlosigkeit. Drei Lehrerinnen hatten bis zuletzt versucht, ihre Schüler zu retten – offenbar ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben.«197 Nach Winnenden sagt Stuttgarts Regierungspräsident Johannes Schmalz, die »Lehrerinnen und Lehrer […] ›haben sich heldenhaft verhalten und ein noch größeres Blutbad verhindert.‹«198 Jun- 193 Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium, vorgelegt von Karl heinz Gasser, Malte Creutzfeldt, Markus Näher, Rudolf Rainer und Peter Wickler, Erfurt, den 19. April 2004, S. 129. 194 »In Erfurt hat der Unterricht wieder begonnen«, Süddeutsche Zeitung, 07.05.2002. 195 »Eine Waffe und viele Schlussfolgerungen«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 196 »Eine Waffe und viele Schlussfolgerungen«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 197 »›Nachhaltig gestört‹«, Der Spiegel, 13.05.2002. 198 »113 Kugeln kalte Wut«, Der Spiegel, 16.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 203 ge Schüler, die ihre Eindrücke malend verarbeiten, schreiben auf Plakate: »Polizisten sind helden.«199 Doch nicht nur der Einsatz des Lebens, sondern auch der seelischen Gesundheit der vielen Rettungshelfer wird als heroisch angesehen. Nach beiden Amokläufen wird eine Debatte über traumatisierte helfer geführt, denen nach ihrem Einsatz selbst geholfen werden muss. Auch bei Gruppen von heldenhaften Akteuren gibt es Zweifel. Zumindest nach Erfurt gab es fast zwei Jahre nach der Tat eine weitere Untersuchung durch das Justizministerium von Thüringen. Angehörige der Opfer erheben schwere Vorwürfe gegenüber der Einsatzleitung, die nicht schnell genug gehandelt und die Rettungsteams nicht rechtzeitig zu den Verletzten vorgelassen habe.200 Es werden sogar einige Strafanzeigen gegen unbekannt vorgebracht, doch das Verfahren wird schließlich eingestellt.201 Im Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium heißt es: »Dass die zu Tage getretenen Mängel und Versäumnisse bei diesem konkreten Einsatz letztlich ohne schwere unmittelbare Folgen blieben, da die Opfer nicht früher notmedizinisch hätten versorgt oder gar gerettet werden können, ist lediglich der besonderen Situation geschuldet, die eine frühere Bergung nicht zuließ, und der Tatsache, dass es für die Opfer keine Überlebenschancen gab.«202 Diese Diskussion ist symptomatisch für die frei flottierende Schuld nach Amokläufen. Gerade weil der Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann und der Amoklauf die Vorstellung eines ›normalen Verbrechens‹ sprengt, entsteht ein besonders kompliziertes Geflecht aus Kausalitäten und Verantwortlichkeiten. 8.3.4 Experten Die Experten stellen eine letzte Kategorie der Figuren des Außerordentlichen dar, die letztlich alle Krisen und Katastrophen begleiten und deren Sonderwissen abgefragt wird. Die Experten, die im diskursiven Zentrum und im Umfeld von Amokläufen auftauchen, sind keineswegs ausschließlich Intellektuelle oder Zugehörige zu bestimmten Eliten. Das Sonderwissen bestimmter Experten besteht nicht oder nur zweitrangig aus institutionalisiertem kulturellen Kapital im Sinne von Bourdieu, sondern 199 »Ein Ort, eine Trauer, eine Frage«, Die Welt, 13.03.2009. 200 Vgl. »Massaker von Erfurt wird erneut untersucht«, Süddeutsche Zeitung, 16.01.2004. 201 »Ermittlungen nach Amoklauf in Erfurt eingestellt«, Die Welt, 10.08.2004. 202 Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium, vorgelegt von Karl heinz Gasser, Malte Creutzfeldt, Markus Näher, Rudolf Rainer und Peter Wickler, Erfurt, den 19. April 2004, S. 293. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 204 auch aus praktischem Wissen verschiedener Lebenswelten oder aus einem besonderen Schatz an Erfahrung. Geht es um das Thema Schule, können nicht nur Bildungsminister und Schuldirektorinnen zu Wort kommen, sondern auch Lehrer und Schüler, die in der Krise plötzlich zu Experten werden, weil sie über ein (vermeintlich) exklusives Wissen oder eine besondere Erfahrung verfügen. Experten werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in verschiedenen Kontexten angerufen. Neben einzelnen Zitaten von Experten, die die Information oder die Bewertung von Journalisten unterstreichen sollen, gibt es auch ›Experteninterviews‹, deren Bedeutung besonders ins Gewicht fällt. Es sollen jene Interviews mit Experten näher betrachtet werden, deren übergeordnetes Thema Amokläufe sind oder in denen zumindest auch konkrete Fragen zu Amokläufen gestellt werden. Im untersuchten Datenmaterial finden sich insgesamt 85 dieser Interviews, die sich verschiedenen Kategorien zuordnen lassen. Auf den beiden wichtigsten Kategorien – Psychiatrie/ Psychologie und Politik – liegt der Fokus im Folgenden. Darüber hinaus lassen sich vor allem vier idealtypische Erkenntnisinteressen der Interviews identifizieren, die sich natürlich überschneiden und von denen auch mehrere innerhalb eines Interviews vorkommen können. Ein erstes Erkenntnisinteresse besteht in der Identifikation von Ursachen; ein zweites in der Formulierung von Möglichkeiten der Prävention; ein drittes in der Bereitstellung von Praxis- und Kontextwissen (z.B. historische Vergleiche, Erfahrungen als Lehrer, Schüler, Schütze, Gamer etc.); und schließlich im Erlangen von Einsichten in das emotionale Erleben von Betroffenen. Die Untersuchung wird sich vor allem auf die ersten beiden Typen von Experten beschränken, da diese am häufigsten auftauchen, und in Bezug auf die anderen werden nur ein paar allgemeine Bemerkungen gemacht. Die stärkste Gruppe mit 20 Interviews stellen die Experten aus den Bereichen von Psychologie und Psychiatrie dar. Traumatherapeuten wie Georg Pieper203, Polizeipsychologen wie Uwe Füllgrabe204, Rechtspsychologen wie Dietmar heubrock205 oder Kinder- und Jugendpsychiater wie Georg Romer206 obliegt die Aufgabe, die Perspektive der Täter und Opfer einzunehmen und deren Innenleben zu imaginieren. Gerade weil man die Täter nicht mehr fragen kann, die Opfer (noch) nicht sprechen können und das Gefühlsleben von Menschen ohnehin einer Black Box gleicht, die nur bedingt versprachlicht werden kann, braucht es Experten, die Auskunft darüber geben, wie ›man‹ sich (als Täter, Opfer, 203 »›Die Angst schleicht sich in alle Köpfe‹«, Der Spiegel, 29.04.2002. 204 »›Der Täter genießt seine Macht‹«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 205 »›Wir hatten schon Achtjährige, die sich umbringen wollten‹«, Die Welt, 08.11.2004. 206 »Ultimativer Nervenkitzel«, Die Zeit, 19.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 205 Betroffener) fühlt. »›Was geht in einem Jugendlichen vor, der plötzlich beschließt, seine Gewaltphantasien in die Tat umzusetzen?‹«207 lautet die Frage eines Journalisten der Süddeutschen Zeitung an den Kinder- und Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder. Insbesondere in den ersten Tagen nach dem Ereignis werden Psychologen, Psychiater und Therapeuten konsultiert, die eine erste Form von Anschlusskommunikation ermöglichen. Sie informieren über Familienumstände, klären über psychische Krankheiten wie Narzissmus und Depression auf, versuchen, die Motive der Täter zu (re)konstruieren und vergleichen Tat und Täter mit anderen Beispielen, zu denen bereits mehr Informationen vorliegen. Gleichzeitig werden diese Experten aber auch befragt, wenn es um das Erleben und Leiden der Opfer geht, die man (noch) nicht selbst befragen kann oder die ihr traumatisches Erlebnis ohnehin nur beschweigen können. »›Was widerfährt Menschen, die solche Taten erleben?‹«, wird etwa die Trauma-Therapeutin Marion Krüsmann gefragt.208 Die Betroffenen selbst kommen eher in kurzen Statements zu Wort, längere Interviews finden meist erst nach mehreren Monaten statt. Das Sprechen über und mit den Opfern dient – ähnlich wie bei Tätern – nur teilweise dem bloßen Informationsgewinn. Dass das Erlebte schrecklich gewesen sei, könnte ein etwas zynischer Zeitungsleser einwenden, hätte man sich auch denken können. Zwei latente Funktionen bestehen vielmehr darin, den Opfern und Betroffenen ihre geraubte Subjektivität und damit ihren Platz in der Gemeinschaft zurückzugeben (vgl. Giesen 2004b: 48)209, oder aber – und dies wäre ebenfalls eine eher zynische Interpretation – das kathartische Sprechen über das Erlebte evoziert bei der Leserschaft einen faszinierenden Schauer, der mit der Schaulustigkeit bei Katastrophen zu vergleichen ist und der von dem Gedanken genährt wird, dass auch man selbst hätte zum Opfer werden können. Neben der Innenperspektive der Täter und Opfer werden Psychologen auch zu Rate gezogen, wenn es um die Bewertung von vermeintlichen Schuldigen geht. Es werden Geschlechterfragen verhandelt, warum Männer Waffen verehren und Mädchen seltener Ego Shooter spielen, ob die Medienberichterstattung tatsächlich zu Nachahmungseffekten führt und wie es möglich ist, dass Realität und Fiktion in den Rachephantasien der Täter verschwimmen. Diese Einsichten in die Opfer- und Täterperspektiven einerseits und die Bewertung von Verantwortlichkeiten andererseits sind immer auch mit Apellen der Vor- und Nachsorge verbunden. Während die betroffenen Familien, Schüler und Lehrer psychologisch betreut werden, wird versucht, aus dem sozialen Umfeld, den rekonstruierten 207 »›Eine Gewöhnung an das virtuelle Töten‹«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. 208 »›Da liegt alles blank‹«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 209 Dieser Prozess erreicht in der Errichtung von Gedenkstätten seinen höhepunkt (vgl. 11.2). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 206 Motiven und dem psychopathologischen Zustand der Täter ein Profil zu erstellen, das die Früherkennung von zukünftigen Taten ermöglichen soll. Den Experten obliegt die Aufgabe, das System geheimer Zeichen, mittels derer sich Amokläufe ankündigen, zu entschlüsseln und besorgten Eltern, Lehrern oder Mitschülern bereitzustellen. Die zweitgrößte Gruppe von Experten stellen Politiker mit 16 Interviews dar. In ihnen geht es weniger um das Imaginieren von Erleben, sondern um Präventionsmöglichkeiten durch den Staat. Es wird diskutiert, welche Gesetze die schrecklichen Ereignisse nicht verhindern konnten und welche Maßnahmen für die Zukunft sinnvoll sind. »›Welche Lehren muss die Bildungspolitik aus Erfurt ziehen?‹«210 lautet gleich die erste Frage des Spiegels an die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Auch die Justizministerin herta Däubler-Gmelin wird nach Erfurt gleich zu Beginn des Interviews mit der Welt gefragt, ob ihr Gesetze einfielen, »›mit denen eine solche Tat verhindert oder zumindest [hätte] erschwert werden können?‹«211 Thematisch werden vor allem die Bereiche Mediengewalt (vgl. 9.2), Waffengesetzgebung (vgl. 9.3) und Bildungspolitik (vgl. 10.1.2) bedient – also eben jene Bereiche, in die von der Politik tatsächlich korrigierend und regulierend eingegriffen werden kann. Gleichzeitig werden aber auch gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen zum Gegenstand gemacht, auf die sich alle einigen können, weil niemand konkret dafür in haftung genommen werden kann (vgl. 10.3). Auf das formale Argument, dass der Amokläufer von Erfurt mit 19 Jahren erwachsen gewesen sei und deshalb die Eltern nicht davon unterrichtet wurden, dass ihr Sohn der Schule verwiesen worden war, wendet der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) ein: »›Aber um Formalitäten geht es nicht. Eine Gesellschaft, in der so viel Aggressivität vorhanden ist, in der Druck auf die Schüler ausgeübt wird, in der der Leistungsgedanke überhandnimmt, in der empfinden manche Schülerinnen und Schüler Schule als Kampf oder Bedrohung.‹«212 Während nach Erfurt vor allem über Bildungspolitik gesprochen wird, werden Politiker nach Winnenden häufiger zur Waffengesetzgebung befragt. Auf die Frage des Spiegels, wie viele Schusswaffen es in Deutschland geben dürfe, antwortet Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD): »›Jäger und Sportschützen könnten mit einem Zehntel auskommen. Machen wir uns doch nichts vor: Jede Waffe birgt eine tödliche Gefahr. Kinder spielen vielleicht damit; es kommt zu Unfällen. Mir ist natürlich bewusst, dass sich Verbrechen mit Schusswaffen nicht völlig verhindern lassen. Aber wir können sie erschweren. Wir müssen sie erschweren.‹«213 210 »›Lernfreundlicheres Klima‹«, Der Spiegel, 06.05.2002. 211 »›Gewalt als Normalität‹«, Die Welt, 04.05.2002. 212 »›Man muss die Wurzel ausreißen‹«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 213 »›Das ist Waffenfetishismus‹«, Der Spiegel, 23.03.2009. TRAUMA: DIESSEITS UND JENSEITS VON SINN UND SPRAChE 207 In einem anderen Experteninterview spricht sich Bayerns Sozialministerin Christine haderthauer in der Welt für die Kontrolle von privaten Waffenbesitzern aus: »›In Österreich sind unangemeldete Kontrollen in Privathaushalten möglich. Warum sollten sie bei uns nicht möglich sein? Wer Waffen im Privatbesitz haben will, muss zu unangemeldeten Kontrollen bereit sein.‹«214 Betrachtet man die Figuren des Außerordentlichen insgesamt, lassen sich Zusammenhänge in Bezug auf ihre Gewichtung in beiden Amokläufen erkennen. In Erfurt steht der Täter als rächender Schulversager im Vordergrund; die Opfer sind vorwiegend Lehrer, die heldenfigur ist ebenfalls ein Lehrer. Im übergeordneten Kontext Schule werden deshalb Experten auch vorwiegend zu Pisa, Bildungspolitik und Schulgesetzen befragt. Es kommen mehr Lehrer und Schüler zu Wort als in den Experteninterviews in Winnenden. Darüber hinaus werden nach Erfurt mehr Künstler und Regisseure zum Thema Amok befragt. Dies könnte daran liegen, dass nach diesem Amoklauf mehr über die Rolle von Medien und Computerspielen und die Gefahr ihrer Nachahmung gesprochen wird. Nach Winnenden stehen dagegen vor allem die Waffen im Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit. Vater und Sohn waren im Schützenverein, die Tatwaffe gehörte dem Vater und wurde nicht ordnungsgemäß verschlossen. Deshalb kommen Schützen zu Wort und werden Politiker nach dem Waffengesetz befragt. Dass mehr Angehörige der Opfer als Experten auftreten, liegt daran, dass nach Winnenden das ›Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden‹ (seit 18. November 2009 ›Stiftung gegen Gewalt an Schulen‹) ins Leben gerufen wird und viele Angehörige deshalb auch die Öffentlichkeit suchen. 8.4 Zusammenfassung Die Berichterstattung der ersten Tage und Wochen nach dem jeweiligen Amoklauf ist dadurch geprägt, dass die Grenzen von Sinn und Sprache ausgelotet werden. Das traumatische Ereignis wird analog einer negativen Theologie als Leerstelle beschrieben, deren einzig positiv bestimmbare Elemente negative sind: Das, was geschehen ist, ist unbeschreiblich, unbegreiflich; das entstandene Leid ist unermesslich. Diese negativen Aussagen sind jedoch nicht mit tatsächlicher Sprachlosigkeit zu verwechseln, im Gegenteil: Die (vermeintlich) grund- und sinnlosen Gewaltereignisse besitzen eine weit überdurchschnittliche narrative Energie, die sich in ihrer Folge entlädt: Gerade über das Unaussprechliche lässt sich nicht schweigen. In diesem Paradoxon liegt ein erster sozialer Mechanismus produktiver Sinnstiftung. Die Leere des ›Warum?‹ ruft verschiedene 214 »›Eine Kultur des Kampftrinkens‹«, Die Welt, 11.04.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 208 Narrative hervor, die eine erste kommunikative Anschlussfähigkeit gewährleisten. Wer war der Täter, wer die Opfer, wie lässt sich die Tat beschreiben? Die Erklärungs- und Deutungsangebote bleiben ambivalent und widersprüchlich. Aufgrund der Schwere des Verbrechens und weil der Täter selbst nicht mehr befragt und zur Verantwortung gezogen werden kann, zieht der Deutungszwang weitere Kreise als bei ›normalen‹ Verbrechen, bei denen sich Gründe und Motive leichter rekonstruieren lassen. Es entsteht eine frei flottierende Schuld, die sich an unterschiedliche Akteure und Phänomene heftet, denen ein Zusammenhang mit dem Amoklauf unterstellt wird. Dies stellt die nächste idealtypische Phase der kollektiven Bewältigung von Amokläufen dar, welcher sich das nächste Kapitel zuwendet. 209 9 Schuld: Symbole des Bösen und Rituale der Reinigung Der traumatischen Sprachlosigkeit folgt der öffentliche Zorn. Da die Täter in der Regel das Verbrechen nicht überleben, konzentriert sich die kollektive Erregung nicht nur auf sie, sondern diffundiert in unterschiedliche Richtungen. Die Suche nach den persönlichen Motiven wird auf allgemeinere Wirkungsmechanismen ausgedehnt, denen die Amokläufer selbst ausgesetzt waren. In bestimmten Personen, Gruppen und Objekten verdichtet sich die Vermutung, dass sie im Zusammenhang mit der ausgebrochenen Gewalt stehen. Sie werden zu Symbolen des ›Bösen‹ stilisiert, welches ansteckend wirkt, sichtbar gemacht werden muss und dadurch die Selbstreinigungskräfte der Gesellschaft aktiviert. Der symbolischen Schuld entspricht eine symbolische Tilgung. Anders als die Rhetorik der Krise und des sozialen Versagens, die in Kapitel 10 besprochen wird, weist das Sprechen über Symbole des Bösen eine »Feindsemantik« auf, »die auf Eindeutigkeit beruht und das Übel mit Namen und Gesicht versieht« (Giesen 2014a: 194). Im Folgenden sollen vor allem drei dieser Symbole des Bösen analysiert werden, die zu unterschiedlichen Reinigungsritualen führen: der Vater des Amokläufers von Winnenden (9.1), der Zusammenhang zwischen Amok und Gewaltdarstellungen in den Medien (9.2) und Waffen (9.3). 9.1 Jörg K. vor Gericht Die einzige Person, der jenseits des Täters eine konkrete (Mit-)Schuld an dem verübten Verbrechen zugeschrieben wird, ist der Vater des Winnender Amokläufers, Jörg Kretschmer. Da er und insbesondere sein Gerichtsverfahren von zentraler Bedeutung für die Geschichte um den Amoklauf von Winnenden sind, wird ihm ein gesondertes Kapitel gewidmet. Dabei wird allein nach der gesellschaftlichen Funktion des Gerichtsverfahrens für die kollektive Bewältigung des Amoklaufs gefragt werden und Fragen nach der tatsächlichen Schuld, Unschuld oder Mitschuld unberührt gelassen. Interessanter als die manifeste Funktion der Bestrafung der Verletzung des Waffengesetzes sowie der tatsächlichen Schuldfrage ist ohnehin die latente Funktion der Debatte um Jörg Kretschmer. Der Vater des Amokläufers wird, so die These, zum Sinnbild der Angst vor Schusswaffen in Privathaushalten (vgl. 9.3.1) und zum Symbol eines familiären Versagens, über das in der Folge von Amokläufen häufig diskutiert wird (vgl. 10.2.1). Darüber hinaus fungiert Jörg Kretschmer als TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 210 emotionaler ›Blitzableiter‹, an dem sich die kollektive Empörung über den Amoklauf entlädt. In seiner Anklage und Verurteilung manifestieren sich das kollektive Bedürfnis nach Verantwortung, die der eigentliche Täter nicht mehr übernehmen kann, und nach Aufklärung, die der Täter nicht mehr leisten kann. Die Verurteilung zeigt deutlich, dass die Anwendung von Recht der moralischen Entrüstung der Gesellschaft Rechnung tragen muss und das Gericht nicht nur Recht sprechen, sondern das Verbrechen sühnen muss. Ausgangspunkt der Anklage stellt der Umstand dar, dass Tim Kretschmer 15 Menschen mit der Waffe seines Vaters erschießt, die er unverschlossen im elterlichen Schlafzimmer vorfindet. Doch dieser unstrittige Aspekt steht nicht im Zentrum des Verfahrens. Vielmehr geht es um die Frage, ob der Vater die Tat seines Sohnes hätte erahnen können und müssen: »Das Gericht hat sich zu einer umfangreichen Beweisaufnahme entschlossen, der Ablauf des Amoklaufs und die familiären Verhältnisse in Tims Elternhaus sollen umfassend aufgeklärt werden.«1 Gegen einen bloßen Strafbefehl (wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz) und für eine Anklage sprechen die besondere Qualität des Verbrechens und die öffentliche Resonanz: »Da waren die empörten Angehörigen, die vielen Trauernden, die Verletzten, die traumatisierten Kinder, der öffentliche Friede zerstört – die Erschütterung hatte im ganzen Land nachgehallt, wochenlang. Sogar der Bundespräsident war zur Trauerfeier gekommen. Aus der Sicht des Generalstaatsanwalts führte deshalb kein Weg an einer öffentlichen hauptverhandlung vorbei. Auch das Stuttgarter Justizministerium wollte es so.«2 Bevor genauer auf die Symbolik und die latenten Funktionen des Prozesses eingegangen wird, soll er zunächst in seinem Ablauf skizziert werden: Der erste Prozesstag beginnt am 16.09.2010 am Landgericht Stuttgart. Am 10. Februar 2011 wird Jörg Kretschmer wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in 13 Fällen und Verstoß gegen das Waffenrecht zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Der Richter begründet das Urteil damit, dass die Tat für den Vater trotz aller Schwierigkeiten »›erkennbar, vorhersehbar und vermeidbar gewesen [sei].‹«3 Die Verteidigung legt Revision ein. Im Frühjahr 2012 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers auf, weil eine wichtige Zeugin nicht vernommen werden kann. Eine Therapeutin von Tim Kretschmer hatte sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht und ihre Verschwiegenheitspflicht berufen, 1 »›Laute Vorwürfe, leises Verständnis‹«, Süddeutsche Zeitung, 17.09.2010. 2 »Gefühlte Gerechtigkeit«, Der Spiegel, 08.11.2010. 3 »›Die Tat war erkennbar, vorhersehbar und vermeidbar‹«, Süddeutsche Zeitung, 11.02.2011. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 211 die ihr laut der Einschätzung des BGh nicht zustand. Der zweite Prozess beginnt am 14.11.2012. Am 1. Februar 2013 wird Jörg Kretschmer erneut verurteilt: Zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Die von der Verteidigung eingelegte Revision wird bald darauf zurückgezogen und das Urteil wird rechtskräftig. In der Debatte um Jörg Kretschmer zeigen sich die verunreinigende Kraft und die Ansteckungsmagie des Verbrechens deutlich: Der Vater trägt nicht nur seine eigene Schuld, sondern auch die seines Sohnes. »Eigentlich müsste heute in Stuttgart ein anderer vor Gericht stehen«4, heißt es in einem Artikel der Welt, und auch für die Süddeutsche Zeitung wird »so verhandelt, als säße nicht der Vater des Täters, sondern der Täter selbst auf der Anklagebank.«5 Grund dafür ist jene frei flottierende Schuld, die in der Folge von Amokläufen entsteht und die sich an bestimmte Akteure und Objekte heften kann: »Die Angehörigen der Opfer wollen, dass dafür jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Der 17-jährige Amokläufer brachte sich selbst um. Jetzt soll sein Vater für die Tat büßen.«6 Die große Anzahl an körperlich präsenten Klägern, Nebenklägern und Anwälten; die Forderung nach Anwesenheit und Reue des Vaters (s.u.) sowie die enorme öffentliche Aufmerksamkeit zeigen, dass in diesem Prozess mehr als nur Recht gesprochen wird: »Es scheint, als trete neben den Staat und sein Strafmonopol eine andere, urtümlichere Form der Rechtsprechung, als forderten hier die Geschädigten, wie in der mittelalterlichen Fehde, in direkter Konfrontation Genugtuung vom Täter.«7 Dabei wäre es zu einfach, der Objektivität des Gerichts die Emotionalität und Irrationalität der persönlich Betroffenen gegenüberzustellen. Das Gericht scheint ebenfalls bemüht, die Verletzung der Kollektivgefühle zu sühnen. Obwohl für Durkheim das Bedürfnis nach Rache in modernen Gesellschaften besser kanalisiert wird, hält er in seinen Überlegungen zur mechanischen Solidarität fest: »Die Strafe ist also für uns dasselbe geblieben wie für unsere Väter. Sie ist noch immer ein Racheakt, der auf Sühne aus ist. Was wir aber rächen und was der Verbrecher sühnt, ist die Verletzung der Moral« (Durkheim 2004: 138). In der Forderung nach ›Rechtsfrieden‹ kommt das Gericht genau diesem Bedürfnis nach und geht dabei weit über die formale Anwendung von Paragraphen hinaus. Vor diesem hintergrund lässt sich auch die Skandalisierung des Verhaltens des Angeklagten deuten. Unabhängig davon, ob und für was der Vater des Amokläufers letztlich verurteilt wird, steht sein Auftreten während des Gerichtsverfahrens unter der strengen Beobachtung der 4 »Die Schuld des Vaters«, Die Welt, 16.09.2010. 5 »Vaterland«, Süddeutsche Zeitung, 01.10.2010. 6 »Waffe im Schlafzimmer«, Süddeutsche Zeitung, 13.11.2009. 7 »Vaterland«, Süddeutsche Zeitung, 01.10.2010. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 212 (Medien-)Öffentlichkeit und der Angehörigen der Opfer. Skandalisiert wird zum einen Jörg Kretschmers häufige Abwesenheit, die – so die Verteidigung – auf seine schwache psychische Verfassung zurückzuführen ist. Grund dafür seien die zahlreichen Morddrohungen gegen seine Person. Allein die Anwesenheit des Angeklagten wird schon als Teil einer gerechten Strafe empfunden, der er sich mit seiner Abwesenheit zu entziehen versucht: »Für die Beweisaufnahme und das Urteil scheint dieser Umstand unerheblich. Für den tieferen Sinn des Verfahrens ist er bedeutend. Die Nebenkläger sind frustriert: ›Es war für uns wichtig, dass der Vater hier sitzen und sich das alles anhören musste‹, sagt Doris Kleisch. ›Das war auch eine Art Strafe, und die erspart er sich jetzt.‹«8 Die Angehörigen der Opfer wollen »dem Mann ins Gesicht sehen, dessen Sohn ihre Familien zerstört hat.«9 Eine weitere Skandalisierung betrifft den Umstand, dass Jörg Kretschmer über lange Zeit keine Reue und keine Gefühlsäußerung zeigt. Wiederum unabhängig von einer juristischen Verurteilung werden Bewegtheit, Blickkontakt oder Weinen als Ausdruck menschlicher Größe und Anstandes gedeutet und als angemessene Reaktion auf das Verbrechen seines Sohnes erwartet. Über die Besonderheit des Lachens und des Weinens gibt uns die philosophische Anthropologie Auskunft. Sie sind nach helmuth Plessner »weder Gesten noch Gebärden und haben doch Ausdruckscharakter. Ihre Undurchsichtigkeit und gewissermaßen Sinnlosigkeit, d.h. ihre Ungeprägtheit und Unartikuliertheit, ist gerade ihrem Ausdruckssinn wesentlich« (Plessner 1961: 89). Weil Lachen und Weinen »keine symbolische Prägung« haben und »als unbeherrschte und ungeformte Eruptionen des gleichsam verselbständigten Körpers in Erscheinung [treten]« (Plessner 1961: 40) gelten sie als Garant für Authentizität. Die Schwester eines Opfers richtet sich direkt an den Angeklagten: »›Überlegen Sie es sich, zeigen Sie ein bisschen Menschlichkeit. Das würde uns sehr helfen.‹«10 Von einer anderen Angehörigen heißt es: »hätte Jörg K. den hinterbliebenen ›nur ein einziges Mal eine ehrliche und vor allem persönliche Entschuldigung vorgebracht und nicht eine von Anwälten ausformulierte Erklärung‹, hätten die hinterbliebenen versucht, dem Vater des Täters zu verzeihen, sagte sie.«11 Unabhängig davon, ob eine eingeforderte Gefühlsäußerung noch performativ zu überzeugen mag, da sie sich ja gerade durch Spontaneität auszeichnet, hat eine Entschuldigung auch formale Konsequenzen. Wie bereits bei den gescheiterten Trauerperformanzen zu sehen war (vgl. 8.2.2), bedeutet eine öffentliche Entschuldigung mitunter das 8 »Gefühlte Gerechtigkeit«, Der Spiegel, 08.11.2010. 9 »Die Schuld des Vaters«, Die Welt, 16.09.2010. 10 »Aufreißende Wunden«, Süddeutsche Zeitung, 15.11.2012. 11 »Amoklauf-Prozess. hinterbliebene greifen Vater an«, Die Welt, 22.09.2010. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 213 tatsächliche Eingestehen von Schuld. Der Anwalt von Jörg Kretschmer erklärt: »›Das Strafverfahren selbst behindert so etwas‹ […] ›Wenn ich der Meinung bin, dass herr K. keine fahrlässige Tötung begangen hat, kann ich ihm nicht raten, sich dafür zu entschuldigen.‹«12 Erst sehr spät im Verfahren kommt Jörg Kretschmer dem Bedürfnis nach Emotionalität nach und räumt »unter Tränen« ein: »›Ich fühle mich verantwortlich für meinen Sohn Tim und für die Fehler, die ich gemacht habe.‹ Der 52-jährige Sportschütze ging erstmals in dem Verfahren persönlich auf die hinterbliebenen ein: ›All das tut mir leid. Dass sie ihre Kinder und Männer verloren haben, dafür möchte ich allen hinterbliebenen mein Mitgefühl aussprechen.‹«13 Anhand der Skandalisierung des Verhaltens von Jörg Kretschmer lassen sich bereits einige der latenten Funktionen des Prozesses ablesen. Nicht der Täter oder der Vater des Täters stehen im Vordergrund, sondern die Betroffenen: »Dieser Prozess sollte vor allem für die Opfer da sein, das war die Idee. Er sollte den Nebenklägern Solidarität demonstrieren und Genugtuung geben.«14 Neben der tatsächlichen (Mit-)Schuld von Jörg Kretschmer geht es darum, »unter den Augen der Öffentlichkeit die Wahrheit hinter einer monströsen Tat [zu] ermitteln; das Geschehene aufarbeiten; Rechtsfrieden schaffen.«15 Unabhängig vom Ausgang des Prozesses ist es für die Angehörigen der Opfer »wichtig, dass er überhaupt stattfindet.«16 Neben den Angehörigen und der (Medien-)Öffentlichkeit im Allgemeinen gibt es noch zwei weitere Publika, für die der Prozess eine symbolische Wirkung haben soll. Dies sind zum einen sämtliche Waffenbesitzer, die durch den »›generalpräventiven Aspekt‹ der Anklage« darauf aufmerksam gemacht werden sollen, »›wie gefährlich es ist, eine Waffe im haus zu haben‹«17, so Claudia Krauth, eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Weitere Adressaten stellen die Politik und die Familien dar. Für Gisela Mayer, die ihre Tochter verloren hat, ist der Prozess ein Signal: »›Wie geht der Staat mit der familiären Verantwortung um?‹«18 Bevor jedoch ausführlich auf Waffen (vgl. 9.3) und die Rolle der Familie (vgl. 10.2) eingegangen wird, soll das Verhältnis von Gewalt und Medien betrachtet werden. 12 »Gefühlte Gerechtigkeit«, Der Spiegel, 08.11.2010. 13 »Verteidigung beantragt Freispruch für Vater von Tim K.«, Die Welt, 07.02.2011. 14 »Gefühlte Gerechtigkeit«, Der Spiegel, 08.11.2010. 15 »Gefühlte Gerechtigkeit«, Der Spiegel, 08.11.2010. 16 »Im Namen des Sohnes«, Süddeutsche Zeitung, 13.09.2010. 17 »Die Schuld des Vaters«, Die Welt, 16.09.2010. 18 »Prozess gegen Vater von Tim K. gefährdet«, Die Welt, 17.03.2010. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 214 9.2 Gewalt und Medien Die erste große Gruppe von Phänomenen neben Schusswaffen, denen ein Gefährdungspotential und eine Mitschuld an Amokläufen zugeschrieben werden, umfasst Medien verschiedenster Art, in denen Gewalt konsumiert und/oder simuliert werden kann. Bevor die sozialen Mechanismen der Dämonisierung derartiger Medien erörtert werden, soll eine knappe Zusammenfassung zeigen, um welche Typen von Medien es sich handelt. Einen ersten Typus stellen visuelle Medien dar, in denen gewalthaltige Inhalte passiv konsumiert werden. Darunter fallen vor allem Fernsehformate und Kinofilme, teilweise aber auch andere Quellen aus dem Internet. Nach dem Amoklauf von Littleton am 20. April 1999 (vgl. Kapitel 4.5) gab es beispielsweise eine Diskussion um den Film Matrix, die auch Deutschland erreichte. Die Protagonisten in diesem Film tragen lange schwarze Ledermäntel, mit denen sich auch viele Amokläufer in Szene setzten. In die Gruppe der Gewaltvideos fallen zwar auch Mitschnitte von realen Gewalttaten mit Kameras oder Smartphones – beispielsweise bei Demonstrationen oder auch bei Schlägereien auf dem Schulhof oder öffentlichen Plätzen –, doch das Argument der medialen Repräsentation steht hier nicht im Vordergrund, sondern die Gewalt selbst. Einen zweiten Typus bilden auditive Medien. Die Täter von Columbine, Eric harris und Dylan Klebold, hörten die Musik von Rammstein, KMFDM und Marilyn Manson, während Robert Steinhäuser, der Täter von Erfurt, Alben der Band Slipknot besaß, welche unter anderem aufgrund von Liedtiteln wie »People=Shit« in die Schlagzeilen geriet. Den letzten und wichtigsten Typus bilden Computerspiele, in denen Gewalt nicht nur passiv konsumiert, sondern auch aktiv simuliert werden kann. Dies ist vor allem beim Genre der ›Ego-Shooter‹ der Fall, welche im öffentlichen Diskurs oft als ›Killerspiele‹ bezeichnet werden. Der Begriff Ego-Shooter bezieht sich dabei auf die Perspektive des Spielers. Dieser sieht die Computerwelt aus der Sicht der Spielfigur, während auf dem Bildschirm nur die eigene virtuelle hand zu sehen ist, die eine Waffe trägt. Seit dem Amoklauf von Erfurt ist es insbesondere das Spiel Counter-Strike, das stellvertretend für das Genre diskutiert wird. In diesem Spiel, das ausschließlich über das Internet mit und gegen reale Spieler gespielt werden kann, stehen sich zwei Teams gegenüber: Während ein Einsatzkommando Geiseln befreien oder eine Bombe entschärfen muss, versuchen die Terroristen ebendies zu verhindern. Auch nach dem Amoklauf in Littleton wurde über Computerspiele diskutiert. Damals stand Doom, einer der ersten Ego-Shooter, in der Kritik. Der Diskurs um Gewalt und Medien lässt sich in zwei große Kategorien unterteilen: in negative Fremdzuschreibungen (9.2.1) und positive SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 215 Selbst- und Fremdzuschreibungen (9.2.2). Der diskursiven Konstruktion dieser Zuschreibungen und ihrer Logik der Differenz zwischen dem Reinen und dem Unreinen (vgl. 7.2) widmen sich die folgenden Betrachtungen ausführlich. 9.2.1 Negative Zuschreibungen Die negativen Zuschreibungen unterscheiden sich dahingehend, ob den zur Debatte stehenden Medien ein generelles oder ein graduelles Gefährdungspotential zugesprochen wird. In der ersten negativen Zuschreibung wird die fiktive Gewalt in den Medien ganz allgemein (1.) problematisiert. Die sogenannten ›Killerspiele‹ als solche sind das Problem und sollten von der Politik verboten, von den Jugendlichen gemieden und am besten gar nicht erst produziert werden. Sie stehen für eine Verrohung von Kultur und Gesellschaft durch das »Blut-Business« und die »freie hasswirtschaft.«19 In dieser Logik der magischen Kausalität gelten bestimmte Produkte als zutiefst unrein und ansteckend. Der amerikanische Militärpsychologe und Gewaltforscher Dave Grossman20 ist der Ansicht, dass »eine ganze Kultur der Gewalt entstanden [ist] – ein neues, medial vermitteltes Produkt. Nur dass es sich hier um ein giftiges und abhängig machendes Produkt handelt, das von der Medienindustrie bewusst an Kinder vermarktet wird.«21 Nicht nur im Spiegel, auch in der Süddeutschen Zeitung taucht der toxikologische Bezug auf: »Das schleichende Gift der Bilder ist nicht harmlos.«22 Unrein sind überdies nicht nur die Produkte selbst, sondern auch diejenigen, die mit ihnen in Berührung kommen. In der Debatte um den Deutschen Computerspiel-Preis und dessen Austragungsort gibt es zum Beispiel ein Plädoyer dafür, der Stadt Leipzig, die sich als Veranstalter ebenfalls beworben hatte, die Preisverleihung zu überlassen: »Bayern wäre endlich sauber.«23 Die Dämonisierung der ›Killerspiele‹ als aus der Welt zu schaffendes Übel führt zu Reinigungsritualen, wie sie Girard im Kontext seiner Sündenbock-Theorie beschrieben hat. ›Killerspiele‹ können als »ansteckendentdifferenzierende« (Girard 1992: 28) Artefakte interpretiert werden, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lassen 19 »Die freie hasswirtschaft«, Der Spiegel, 06.05.2002. 20 Dave Grossman wurde durch sein Buch On Killing (1996) bekannt. In Stop teaching our kids to kill (1999) schreibt er: »Screen violence is toxic, whether on TV, in movie theaters, on videotapes, or in video games« (Grossman und Degaetano 1999: 3). 21 »Kultur der Gewalt«, Der Spiegel, 05.08.2002. 22 »Tödliche handlungsmuster«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. 23 »Games sind wie Kinderporno?«, Die Welt, 04.04.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 216 (s.u.). Diese Angst vor Entdifferenzierung korrespondiert wiederum mit einer Stereotypisierung der Beschuldigten, die nach Girard den Gedanken erleichtert, »eine kleine Gruppe von Individuen oder sogar ein einzelner könne sich trotz schwacher Kräfte für die Gesellschaft insgesamt als äußerst schädlich erweisen« (Girard 1992: 26). Die Ausstoßung und Verfolgung – so der Titel von Girards Buch – lässt sich in Bezug auf die ›Killerspiele‹ anhand von drei Beispielen verdeutlichen. Erstens gibt es Versuche, derartige Produkte zu verbieten, sie aus den Jugendzimmern zu ›verbannen‹ und ihre ›Verbreitung einzudämmen‹ – eine Formulierung, wie sie sich auch in der Debatte um die Schweine- oder die Vogelgrippe findet. Bayerns damaliger Innenminister Joachim herrmann setzt sich vehement dafür ein, die ›Tötungstrainigssoftware‹ zu verbieten: »Solche Spiele haben meines Erachtens bei uns nichts verloren.«24 Zweitens nimmt Galeria Kaufhof nur acht Tage nach dem Amoklauf von Winnenden sämtliche Videospiele aus dem Programm, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Eine Sprecherin des Konzerns wird folgendermaßen zitiert: »Wir tun das, um aus gesellschaftspolitischer hinsicht ein Zeichen zu setzen.«25 Noch öffentlichkeitswirksamer ist ein drittes Beispiel einer symbolischen Ausstoßung. Das ›Aktionsbündnis Winnenden‹ vernichtet etwa ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden in einer öffentlichen Aktion ›Killerspiele‹, indem unter anderem Spiele wie Counter-Strike in aufgestellten Mülltonnen entsorgt werden. Der Vorstand des Bündnisses, hardy Schober, erklärt: »Wir wollen, dass diskutiert wird und ein Zeichen setzen, dass Killerspiele aus den Kinderzimmern verbannt werden.«26 In dieser Semantik wird deutlich, dass Dialog und Medienkompetenz zu kurz greifen. Verbannen und Vernichten hei- ßen die Imperative, mit hilfe derer das Unreine auf Abstand gebracht werden soll. Die weiteren negativen Zuschreibungen verweisen auf ein Gefährdungspotential, dessen Ausmaß von unterschiedlichen Faktoren – wie dem Alter der Spieler oder der Detailtreue der dargestellten Gewalt – abhängt. Der erste und wichtigste Faktor betrifft den »Vermischungsschmutz« (vgl. Enzensberger 1968), der durch die Ununterscheidbarkeit und die nicht intendierten Wechselwirkungen zwischen Realität und Fiktion entsteht (2.). Es geht nicht um die virtuelle und simulierte Gewalt generell, sondern um die realistische, detailgetreue Darstellung, beispielsweise in Form von Blut, Kopfschüssen, abgetrennten oder verrenkten Gliedma- ßen oder Schmerzensschreien. Nach dieser Logik ist die Gefährlichkeit von medialer Gewalt umso höher, je realistischer sie dargestellt wird. 24 »Innenminister herrmann will Killerspiele verbieten«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 25 »Erste Warenhauskette sortiert Killerspiele aus«, Süddeutsche Zeitung, 19.10.2009. 26 »Counter-Strike in den Müll«, Süddeutsche Zeitung, 19.10.2009. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 217 Der Kinder- und Jugendpsychiater Georg Romer sagt in einem Interview mit der Zeit: »Je naturalistischer Computerspiele sind, desto schädlicher sind sie. Real existierende militärische Waffen, Kampfanzüge und präzise Tötungsdarstellungen mit Blutspritzern und herausquellenden Därmen bewirken zusammen mit der Ego-Shooter-Perspektive des Spielers eine maximale Direktidentifikation mit der Kämpferrolle.«27 Zu den realistischen Effekten und der Ich-Perspektive des Spielers auf visueller Ebene kommt noch die Möglichkeit der haptischen Erfahrung virtueller Gewalt hinzu. Beim Spiel Mad World für die Konsole Wii wird das Töten von Gegnern nicht einfach nur per Mausklick, sondern – ganz ›real‹ – mit dem eigenen Körper und dem tatsächlichen Bewegen von Armen und händen vollzogen: »Damit der Protagonist seine Kettensäge nach unten sausen lässt, muss auch der Spieler den Steuerstock nach unten sausen lassen. Er streckt den Arm nach vorne und reißt ihn zurück, wenn die Figur dem Gegner das herz herausreißen soll. Bisher ging es in Diskussionen um den Realismus der grafischen Darstellung, nun geht es um die Steuerung. Der Spieler hämmert nicht mehr nur auf die Tastatur ein, sondern vollführt den Akt des Tötens auf geradezu sadistische Weise.«28 Die Gefährlichkeit der Ansteckungskraft des Virtuellen schlägt sich vor allem in drei Wirkungen nieder, die sich nach verschiedenen Graden anordnen lassen: Desensibilisierung, Stimulation und Nachahmung. Auf eine vierte, kathartische Wirkung, wird später bei den positiven Zuschreibungen eingegangen. Das Argument der Desensibilisierung geht davon aus, dass der übermäßige Konsum von Gewalt (s.u.) zu einem Verlust an Empathie in der wirklichen Welt führt: »In der Tat selbst mischt sich beides, der virtuelle Drill, der ethische Barrieren senkt – und der Drang, sich einmal in der realen Welt auszuprobieren«.29 Auch für den Kinder- und Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder führen gewaltverherrlichende Spiele »zu einer Abstumpfung, zu einer Gewöhnung an Gewalt und zu einer Bagatellisierung von dem, was potentielle Opfer erleben«.30 Die These von der Stimulation nimmt einen stärkeren Wirkungsgrad als die der Desensibilisierung an: Empathie geht nicht nur verloren, sondern die Aggressivität und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung werden verstärkt. Laut der Sozialpsychologin Barbara Krahé »›gibt [es] 27 »Ultimativer Nervenkitzel«, Die Zeit, 19.03.2009. 28 »Computerspiele. Waffen, die keiner kontrollieren kann«, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2009. 29 »Vom Bildschirm in die Wirklichkeit«, Die Welt, 13.03.2009. 30 »Eine Gewöhnung an das virtuelle Töten«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 218 mittlerweile einen relativ breiten Konsens in der Wissenschaft, dass derartige Killerspiele die Aggressivität der Nutzer verstärken‹«.31 Es gibt aber auch Stimmen in der Berichterstattung, die auf die heterogenität der wissenschaftlichen ›Wahrheiten‹ und auf die Problematik vermeintlich objektiver Zahlen und ›Fakten‹ verweisen. So kommentiert ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung verschiedene Erkenntnisse eines Psychologen-Kongresses zum Thema Gewalt in den Medien: »Nachgewiesen ist nach Ansicht aller Redner, dass bei zehn bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Aggressionsbereitschaft durch den Konsum von Gewaltfilmen und Spielen erhöht werde; das beträfe 1,5 Millionen junger Leute in Deutschland«.32 Offen bleibt in dieser Argumentation freilich, welche 10–15% von der Ansteckungsmagie der virtuellen Gewalt betroffen sind und genau dies ist ein weiterer Grund zur Beunruhigung: Man ist sich der Gefährlichkeit zwar sicher, doch diese wirkt im Unsichtbaren und Ungefähren. Die dritte und folgenreichste Wirkung, die gewaltverherrlichenden Medien zugeschrieben wird, ist eine mimetische. Filme und Spiele erzeugen Skripte und Vorbilder, Motive und Ziele, die übernommen, nachgeahmt und übertroffen werden können. Virtuelle und reale Gewalt fallen zusammen und verschränken sich in zirkulärer Weise: Die ›virtuelle Tötungssimulation‹ verführt zur realen Wiederholung, die reale Gewalt läuft unter populärkulturellen Vorzeichen ab und kann selbst wieder zum Objekt der Nachahmung werden.33 Die Gefahr eines Realitätsverlusts besteht dann, wenn die spielerische Wirklichkeit von der alltäglichen nicht mehr unterschieden werden kann, wenn – in der Terminologie von Johan huizinga – der »Zauberkreis des Spiels« (vgl. huizinga 1987: 20) zum Bannkreis wird, den der Spielende nicht mehr selbstreflexiv hinterfragen und verlassen kann (vgl. Gerster 2013: 95–110). Der Realitätsverlust birgt die Gefahr eines Realitätsdurchbruchs, d.h. die Ver-Wirklichung der bisher nur imaginierten Gewalt. Ihre Facetten und Ausdrucksformen sind – darauf wurde bereits im Kapitel über Gewalt hingewiesen (vgl. Kapitel 6) – aufgrund der »Uferlosigkeit unserer Vorstellungsfähigkeit« (Popitz 1992: 51) grenzenlos. Bestätigt sehen sich Anhänger dieser These auch aufgrund von anderen Gewalttaten, die das Ergebnis mimetischen handelns gewesen sein sollen. Im März des Jahres 1996 spaltete ein 14-Jähriger nach dem 31 »›Ich mach‘ Schaschlik aus dir!‹«, Süddeutsche Zeitung, 12.10.2012. 32 »Die Ursache der Wirkung«, Süddeutsche Zeitung, 27.07.2002. 33 In dieser Argumentation zeigt sich eine alte Angst vor der verschwimmenden Grenze zwischen Realität und Fiktion. Bereits Don Quijote »versenkte sich so tief in die Bücher«, »dass ihm das Lügengebäude der phänomenalen Phantastereien, von denen er las, ganz unverrückbar wurde und es für ihn auf Erden keine wahrere Geschichte gab« (Don Quijote von der Mancha, hanser Verlag 2008, Neu übersetzt von Susanne Lange, S. 31). SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 219 Vorbild des fiktiven Massenmörders Jason, der selbst eine Neuauflage des horrorfilms Freitag, der 13. darstellt, seiner zehnjährigen Cousine den Schädel. Am Tag des Amoklaufs von Erfurt lief die Fortsetzung Jason X in den amerikanischen Kinos und der Umstand, dass der Film wenig später auch in deutschen Kinos anlaufen sollte, wird vom Spiegel folgendermaßen kommentiert: »›Jason X‹ heißt der Film, der in hunderten US-Kinos anlief; das deutsche Publikum soll er im Spätsommer beglücken – und das, obwohl bereits eine echte Blutspur der Kinofigur ›Jason‹ nach Deutschland führt. Sie belegt, wie verhängnisvoll sich Fiktion und Realität bisweilen in den hirnen junger Filmkonsumenten vermischen«.34 Das Unbehagen an der Ausbreitung und Ansteckung zeigt sich nicht nur darin, dass die ›falschen‹ Jugendlichen die ›falschen‹ Medien konsumieren oder dass indizierte Produkte freilich auch weiterhin fröhlich unter Minderjährigen getauscht werden, sondern es zeigt sich auch im zunehmenden Unvermögen, das Eigenleben und die nicht intendierten Nebenfolgen von kulturellen Artefakten zu kontrollieren. »Denn was uns gegenwärtig erschreckt«, diagnostiziert die Süddeutsche Zeitung, »ist ja der Umstand, dass es uns offenbar nicht gelungen ist, die Gewalt in ihrem virtuellen Aggregatzustand einzuzäunen. Es sieht so aus, als habe sich die Büchse der Pandora geöffnet, als sei die Gewalt aus den Filmen, wohin wir sie glaubten verbannt zu haben, in unsere Wirklichkeit zurückgekehrt«.35 Einmal erschaffen, werden Computerspiele zu »Waffen, die keiner kontrollieren kann«36, so die Überschrift eines weiteren Artikels aus der Süddeutschen Zeitung. Die Angst vor der mimetischen Wirkung von virtueller Gewalt findet sich in allen Medien und nach beiden Amokläufen, die untersucht wurden. So heißt z.B. die Unterschlagzeile des Artikels »Tödliche handlungsmuster« aus der Süddeutschen Zeitung: »Du sollst dir kein Bildnis machen: Brutale Filme und Videospiele liefern die Blaupause für Amokläufe und sollten deshalb verboten werden«.37 Auch der bereits weiter oben zitierte Psychiater Franz Joseph Freisleder warnt: »Die Videospiele liefern dann oft die Vorlage für die Choreografie der Tat. ›Sie sind regelrechte Ideengeber‹«.38 Die Notwendigkeit, diese »Ideen« von der alltäglichen Wirklichkeit getrennt zu halten, sieht auch die Zeit, die in einem Interview mit dem Psychiater Georg Romer nach dem Amoklauf von 34 »Die freie hasswirtschaft«, Der Spiegel, 06.05.2002. 35 »Die Büchse der Pandora«, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2002. 36 »Waffen, die keiner kontrollieren kann«, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2009. 37 »Tödliche handlungsmuster«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. 38 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 220 Winnenden fragt: »Also heißt es verhindern, dass echte und künstliche Welt im Spielerkopf ineinanderfließen?«39 Mit der Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität hängen die Faktoren Alter (3.) und Konsumdauer (4.) eng zusammen. Die Gefährlichkeit von Filmen und Spielen entfaltet sich nach dieser Logik vor allem dann, wenn sie in die hände von Minderjährigen fallen. Im bereits weiter oben zitierten Interview der Zeit mit Georg Romer gibt der Kinderpsychiater zu bedenken: »Die Grenze zur realen Welt verschwimmt. Umso mehr, je jünger der Spieler ist und je mehr er spielt. Wenn Kinder mit zehn oder zwölf an solche Spiele kommen, wird das hochgefährlich. Deshalb brauchen wir Normen, die sicherstellen, dass unter 18-Jährige von solchen Darstellungen verschont bleiben.« 40 Diese Vorsichtsmaßnahmen lassen sich jedoch nicht nur entwicklungspsychologisch, sondern auch kultursoziologisch erklären: Erst wenn die rituelle Initiation vollzogen und die Schwelle zur Erwachsenenwelt überschritten wurde, steht den jungen Erwachsenen auch der »verfemte Teil« (Bataille) der Gesellschaft offen. Man mag horrorfilme, Pornographie und den Gang ins Bordell für unanständig halten und doch ist sich unsere Gesellschaft darin einig, das Recht auf Selbstbestimmung der ›Unterhaltung‹ von mündigen Bürgern nicht zu beschneiden. Die Fälle von Erfurt und Winnenden sind Beispiele für die Verletzung eines Berührungstabus mit dem dämonischen heiligen mit fatalen Folgen. Beide Täter besaßen Computerspiele, die entweder auf dem Index standen oder in ihrem Alter – Tim Kretschmer war 17 Jahre alt – (noch) nicht hätten gespielt werden dürfen. Der Verweis auf das Alter ermöglicht eine zirkuläre Beschuldigung, während die Kette der Kausalitäten um weitere Glieder bis zur Verantwortungsdiffusion verlängert wird. Eltern und Politik stellen die Spieleindustrie vor die Frage, warum überhaupt derartige Produkte auf den Markt kommen, während die hersteller auf die bereits bestehenden Jugendschutzgesetze verweisen, die von Eltern – die nicht wissen, was ihre Kinder spielen – und Verkäufern – die das Alter nicht kontrollieren – nicht ordnungsgemäß umgesetzt werden. Nicht die Medien an sich gelten hier also als gefährlich, sondern nur ein bestimmter Umgang. Dementsprechend lauten die Imperative zur Lösung des Problems auch nicht ›Vernichten‹, sondern ›Regulieren‹: Altersempfehlungen müssen überprüft und rechtlich bindend sein, Eltern müssen ›hinschauen, was ihre Kinder machen‹, Filme dürfen nur zu bestimmten Uhrzeiten gezeigt oder müssen zensiert werden und die Verkaufspraxis muss über stichprobenartige Testkäufe kontrolliert werden. Der frühere Ministerpräsident von 39 »Ultimativer Nervenkitzel«, Die Zeit, 19.03.2009. 40 »Ultimativer Nervenkitzel«, Die Zeit, 19.03.2009. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 221 Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, forderte z.B. in einem Gespräch mit dem Spiegel: »Es gibt jedes Wochenende eine hand voll horror- und Zombiefilme im Fernsehen, die Zuschauer durch extreme Gewalt zu gewinnen versuchen. Auch manche Zeichentrickserien sind äußerst brutal. Solche Filme müssen runter vom Bildschirm oder zumindest in verschlüsselter Form gesendet werden«.41 Die heiligkeit der Kinder gilt unbedingt und wird oft dann argumentativ ins Feld geführt, wenn Widerreden ausgeschlossen werden sollen. Wer sich für den Schutz von Kindern und Minderjährigen einsetzt und sich um sie sorgt beansprucht damit, im Recht zu sein und integere Ziele zu verfolgen (vgl. auch 7.3). Umgekehrt werden diejenigen skandalisiert, die die körperliche und geistige Unversehrtheit der Schutzbefohlenen nicht im Blick haben. Dave Grossman, der bereits weiter oben zitiert wurde, postuliert: »Wir brauchen mehr Regulierung. Mediale Gewalt sollte wie Pornografie gehandhabt werden: ein Produkt, das Erwachsene haben können, vor dem Kinder aber geschützt werden. Wer Kindern trotzdem Zugang verschafft, macht sich strafbar«.42 Der andere bereits angedeutete Faktor der Konsumdauer bezieht sich auf die Dosierung der als toxisch vermuteten Inhalte. Den meisten Tätern wurde in den Abschlussberichten ein überdurchschnittlich hoher Konsum von gewaltverherrlichenden Medien attestiert. Während ein reflektierter, maßvoller Umgang mit virtueller Gewalt kein Grund zur Sorge ist, kann erhöhter, exzessiver Konsum einerseits zum bereits erwähnten Realitätsverlust führen. Andererseits begünstigen süchtig machende Computerspiele, die ihre Konsumenten bei zu langer Benutzung mit einem Spieltrieb infizieren, den Abfall schulischer Leistungen und soziale Desintegration – beide gelten ihrerseits als unheilvolle Vorboten und signifikante Erklärungen für Gewaltereignisse: »Schwerer dürfte wiegen, dass es Computerspiele ermöglichen, sich dem Morden allein und über lange Zeit hinzugeben. Das gewalttätige Spiel wird nicht als geselliges Tun aus dem Alltag herausgelöst, sondern kann sich umgekehrt in den Alltag Vereinzelter hineinfressen und unter Umständen neurotisch verfestigen. Zumal dann, wenn das Spiel zur Kompensation von Demütigungen gesucht wird.«43 In der Diskussion um das graduelle Gefährdungspotential spielt noch eine weitere Kategorie eine große Rolle – die Geschlechtszugehörigkeit der Spielenden (5.). Sowohl der Konsum virtueller als auch das Aus- üben realer Gewalt wird häufig den männlichen Jugendlichen zugeordnet. Auch im Diskurs um Amokläufe dominiert diese Perspektive, da 41 »›Runter vom Bildschirm‹«, Der Spiegel, 06.05.2002. 42 »›Kultur der Gewalt‹«, Der Spiegel, 05.08.2002. 43 »Die Partie mit dem Tod«, Die Welt, 07.06.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 222 die meisten – aber keineswegs alle44 – Täter männliche Jugendliche oder junge Erwachsene sind. Sie werden erstens als besonders empfänglich beschrieben und diese Empfänglichkeit wird sowohl mit sozialen (Rollen) wie mit biologischen Determinismen (Testosteron) erklärt. Was für die einen Grund zur Beunruhigung ist, wird von anderen – wie hier von dem Tatort-Autor Fred Breinersdorfer – benutzt, um die Medien zu entschuldigen: »Aber alle wissenschaftlichen Untersuchungen weisen darauf hin, dass es nur ganz enge Problemgruppen von verwahrlosten männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 15 sind, die sich von den Medien zur Gewalt stimulieren lassen. Dass die Medien allein Schuld sein sollen, weise ich mit Entrüstung von mir.«45 Männliche Jugendliche gelten darüber hinaus als stärker suchtgefährdet: »Auffällig ist, dass Jungen deutlich häufiger und länger vor dem Computer spielen als Mädchen […] und auch häufiger in eine Abhängigkeit verfallen. So gelten lediglich 0,8 Prozent der Mädchen als abhängig oder suchtgefährdet, aber 7,7 Prozent der Jungen.«46 Die zweite Rolle, die Männlichkeit im Diskurs um Medien und Gewalt spielt, lässt sich mit einem Zirkelschluss beschreiben, der analog zu dem allgemeineren Verhältnis zwischen Realität und Fiktion funktioniert, nämlich »dass Gewaltbilder – besonders jene, die einen Männlichkeitsentwurf abbilden – bisweilen gern als Vorbild dienen und imitiert werden.«47 Gesellschaftliche Rollenbilder werden u.a. in popkulturellen Formaten fiktionalisiert und/oder übertrieben und diese fiktionalisierten und veränderten Skripte dienen ihrerseits wieder als Objekte der Nachahmung und spielen in die Sozialisation von männlichen heranwachsenden hinein. Auch psychoanalytische Erklärungen werden benutzt, beispielsweise wenn es um die Rolle von verschiedenen Waffentypen geht. Die Pumpgun etwa »bedient die Fantasien von pubertierenden Jugendlichen besonders, das Nachladen imitiert die Masturbationshandlung.«48 Die Lösungen in Bezug auf das bedingte Gefährdungspotential zielen vor allem auf Kontrolle und Zensur einerseits sowie Medienkompetenz 44 Ein Beispiel für eine weibliche Täterin stellt der versuchte Amoklauf der damals 16 jährigen Tanja O. dar, die am 11. Mai 2009 mit einem Schwert und selbstgebastelten Brandsätzen in das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin eindrang. Interessanterweise wurde über diesen Fall nicht im selben Ausmaß berichtet wie über die Amokläufe von Erfurt oder Winnenden. Dies mag einerseits vielleicht dem Ausbleiben von Todesopfern geschuldet sein, könnte aber auch damit zu tun haben, dass hier die gängigen Täternarrative nicht greifen (vgl. 8.3.1). 45 »Ein Attentat wie aus dem Drehbuch«, Die Welt, 30.04.2002. 46 »Gewaltorgien am Computer«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 47 »Die Macht der bösen Bilder«, Die Zeit, 16.05.2002. 48 »Der Computer ist ein guter Freund für den Gewalttätigen«, Die Welt, 29.04.2002. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 223 andererseits: »Sinnvoll aber sei, die Altersgrenze von derzeit zwölf Jahren anzuheben. Gelernt werden müsse vor allem der kontrollierte Umgang mit dem PC. Die Spieldosis also macht das Gift.«49 Wie über Zigaretten, Alkohol und Glücksspiel muss auch über »Killerspiele« aufgeklärt werden. Kompetenter im Umgang mit ihnen soll aber nicht nur die leicht verführbare Jugend werden, sondern auch Eltern sollen Internetkurse besuchen und einen Medienführerschein erwerben. Es geht nicht vornehmlich um Verbote, die ohnehin nur zur Übertretung reizen, sondern um Dialog – mit den Spielern, den eigenen Kindern und der Spieleindustrie. Es geht darum, diese für viele faszinierenden Spiele zu verstehen und Berührungsängste abzubauen und der Medienverwahrlosung durch Medienkompetenz herr zu werden. 9.2.2 Positive Zuschreibungen Neben den negativen Zuschreibungen, die in den verschiedenen Medien ein mehr oder weniger großes Gefährdungspotential vermuten, finden sich auch Berichte, die Filme, Computerspiele oder Musik zwar thematisieren, aber nicht – oder positiv – bewerten. Eine erste, neutrale Kategorie ist die Normalität (1.) der zur Diskussion stehenden Artefakte. Diese Normalität bezieht sich auf die schiere Existenz von virtuellen und auditiven Gewaltdarstellungen, die sich geschichtlich weit zurückverfolgen lassen, die es auch in der Zukunft vermutlich noch geben wird und die daher eine anthropologische Färbung bekommen. Gerade weil es einen so hohen Konsum von medialer Gewalt gibt, der in der Regel nicht zu realer Gewalt führt, spricht dies eher für die Normalität der Phänomene als für ihre Pathologie: »Denn dann würden täglich Tausende von Teenagern weltweit zu Maniacs werden, müssten die Sicherungen der Battlezone-Kämpfer in den virtuellen Internet-Arenen weit häufiger durchknallen. Ja, es würden horden sozial degenerierter Zombies auf ihre Mitmenschen losgehen. Denn wütende junge Männer, frustrierte Schüler und vernachlässigte Kinder gibt es zuhauf – und gerade Berserker-Videospiele werden weltweit millionenfach verkauft.«50 Eine weitere neutrale Zuschreibung stellt Medien aller Art unter den Schutz der Kunstfreiheit (2.), die nicht beschnitten werden darf.51 Die 49 »Verloren in Zeit und Raum«, Süddeutsche Zeitung, 16.07.2009. 50 »Reality Bytes«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 51 Diese trifft vornehmlich die populärkulturellen Formate, während hochkulturelle Produkte dem Vorwurf der Selbstgenügsamkeit und Verherrlichung von Gewaltdarstellungen meist dadurch entgehen, indem sie vehement behaupten, diese gerade ironisch zu brechen (vgl. etwa den Film Funny Games von Michael haneke). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 224 Kunst als eigenlogisch organisierte Wertsphäre (Weber) kann, muss sich aber nicht für das (vermeintlich) moralisch Richtige und Gute einsetzen und auch die Qualität ist kein Kriterium, das festlegt, was als Kunst zu gelten hat und was nicht: »Zivilisation heißt unterscheiden können zwischen Wirklichkeit und Kunst; und als ›Kunst‹ dürfen auch schlechte Filme oder Rocksongs gelten.«52 Die Kunstfreiheit betrifft überdies nicht nur die kulturellen Artefakte, sondern auch die Freiheit ihres Konsums, wie der damalige Vorstand des netzpolitischen Vereins Cnetz, Peter Tauber (CDU) betont: »›Computerspiele sind längst Teil unserer Kultur, teilweise sind sie sogar Kunst. Wir leben in einem freien Land, in dem viele Menschen gern Ego-Shooter spielen. Darunter sind nicht nur Bekloppte, sondern Rettungssanitäter genauso wie Richter, Architekten oder Bundestagsabgeordnete wie ich.‹«53 Freilich bleibt die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst fließend und muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Daher wundert es nicht, wenn das Argument der Kunstfreiheit auch als Beispiel für falsch verstandene Toleranz benutzt wird, bei der »aus jeder menschenverachtenden Gewaltszene potenziell schützenswerte Kunst«54 werden kann. Mit den ersten beiden Kategorien der Normalität und der Kunstfreiheit hängt eine dritte Perspektive zusammen, die in den Medien – vor allem in den Computerspielen – ein Kulturgut (3.) sieht. Im Kontext der Preisverleihung für das Spiel Crysis 2 betont der Medienpädagoge Martin Geisler in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: »hier muss auch außerhalb der Pädagogik eine Akzeptanz des Computerspiels erfolgen. Es handelt sich um ein Kulturgut.«55 Unabhängig vom Geschmack und subkulturellen Ausnahmen, gelten Kulturgüter als schützenswert durch die gesamte Gesellschaft: »Der Staat will von nun an Videospiele als Kulturgut fördern. Im vergangenen Jahr nahm der Deutsche Kulturrat den Spieleverband GAME auf.«56 Mit den Kulturgütern hängen wiederum bestimmte »Kulturtechniken«57 zusammen, die von jüngeren und älteren Generationen unterschiedlich gut beherrscht werden. Während es für Kinder und Jugendliche ganz normal ist, mit neuen Medien aufzuwachsen, können dieselben Phänomene aus der Sicht älterer Generationen als gefährlich wahrgenommen werden. Eine vierte Kategorie, die sich den neutralen Zuschreibungen zuordnen lässt, ist die Symptomatik (4.). In dieser Logik stellt der Konsum von 52 »Anarchie und Alltag«, Die Welt, 04.05.2002. 53 »›Eine Invasion Außerirdischer‹«, Der Spiegel, 30.04.2012. 54 »Eine Frage der Moral«, Die Zeit, 23.05.2002. 55 »›Ein Spiel ist ein Kulturgut‹«, Süddeutsche Zeitung, 28.04.2012. 56 »Die ›beste Innovation‹ fiel aus; Der erste deutsche Computerspiel-Preis reduziert seinen Gegenstand wieder auf ein Kinder- und Jugendvergnügen«, Die Welt, 02.04.2009. 57 Vgl. den Artikel »Kulturkampf im Kinderzimmer«, Der Spiegel, 15.08.2005. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 225 virtueller oder auditiver Gewalt nicht die Ursache von realer Gewalt dar, sondern bildet diese lediglich insofern ab, als ein Bedürfnis nach virtueller mit einem Bedürfnis nach realer Gewalt korrespondiert und diese sich nicht zwingend gegenseitig beeinflussen. Symptomatisch können die mediale Gewalt und deren Konsum dabei sowohl auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene sein. Auf der Makroebene wird die materielle (Pop-)Kultur zu einem Spiegel, an dem sich die tieferliegenden Probleme ablesen lassen. »Filme erzeugen die Krankheiten nicht, sie machen sie sichtbar«, sagt beispielsweise der Film- und Fernsehproduzent Günter Rohrbach, »[s]ie sind Indikatoren, sie senden Signale aus.«58 Das Argument der Mimesis wird umgedreht: Nicht die Nachahmung der virtuellen Gewalt ist das Problem, vielmehr ahmt die Unterhaltungsindustrie reale Gewalt nach und stellt ein Angebot für eine spezifische Nachfrage bereit: »Es wird nur wenig geschaffen, was nicht als unterschwelliges Bedürfnis bereits vorhanden ist.«59 Eine ähnliche Logik findet sich auf der Mikroebene der konkreten Täter: »Wer am Computer ›Doom‹ spielt, Slipknot hört und dunkle Kleidung mag, läuft nicht mit Vaters Waffen in die Schule. Aber wer mit Vaters Knarre in die Schule geht, spielt so etwas wie ›Doom‹, hört lebensüberdrüssigen Krach und trägt gern Schwarz. Es wäre auch ein Wunder, wenn Kultur und Leben miteinander nichts zu schaffen hätten. Wird das Leben feindselig, wird die Kultur es auch und schlägt im schlimmsten Fall zurück.«60 ›Schuld‹ am Amoklauf von Erfurt ist deshalb auch das ›wahre Leben‹ und nicht die Kulturindustrie, dessen bloßes Abbild sie ist: »Die Deformationen, die Steinhäuser im wahren Leben erfahren hat, sind ursächlich. Das Spielen von Computerspielen ist dafür symptomatisch. Und eben nicht umgekehrt.«61 Auch der Computerspieleentwickler John Romero ist sich sicher: »›Diese Jungs hatten schon mentale Probleme, bevor sie an die Spiele kamen.‹«62 Schließlich lassen sich auch dezidiert positive Zuschreibungen identifizieren, die in der virtuellen Gewalt nicht nur keine Ursachen, sondern sogar positive Qualitäten erkennen. Die Annahme einer kathartischen (5.), sensibilisierenden Wirkung des Konsums von Gewalt bildet das positive Pendant zur Angst vor Desensibilisierung, Stimulation und Nachahmung. In der Logik des Katharsis-Arguments führt das Spielen von ›Killerspielen‹ oder das Ansehen von Kriegsfilmen keineswegs dazu, die 58 »Die Büchse der Pandora«, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2002. 59 »Der Computer ist ein guter Freund für den Gewalttätigen«, Die Welt, 29.04.2002. 60 »Mädchen lesen Bücher; Und manche Jungs laufen Amok. Ihre Vorbilder finden sie in der Popkultur«, Die Welt, 14.03.2009. 61 »Störfall«, Süddeutsche Zeitung, 11.08.2012. 62 »Vergewaltigung verkauft sich nicht«, Der Spiegel, 10.03.2003. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 226 virtuelle Gewalt in reale Gewalt zu übersetzen, im Gegenteil: Die fiktive Gewalt soll vor realer Gewaltausübung bewahren, indem die vorhandenen, aggressiven Energien anderweitig und auf harmlose Weise ›abgeführt‹ werden oder weil sich in der moralischen Bewertung von Gewalt durch die Rezipienten mittels der Auseinandersetzung etwas geändert hat. Diese Funktion der ›Ersatzbefriedigung‹ beziehungsweise der ›Psychohygiene‹ wird sogar als kulturelle Leistung schlechthin bezeichnet: »In zivilisierten Gesellschaften ist physische Gewalt im täglichen Umgang geächtet. Weil das so ist, haben wir uns die Medien erfunden, die Bücher und Filme, die diese Verbote missachten dürfen. Gewalt in Filmen ist ein Surrogat für erlittene Frustrationen, also ein Zivilisationserfolg. Wir lassen unserer Phantasie freien Lauf und entschädigen uns so für den Verzicht auf Verhaltensformen, die uns die Wirklichkeit versagt.«63 Das Argument des Katharsis-Effekts taucht nach beiden Amokläufen in allen untersuchten Printmedien auf, allerdings weniger mit einem konkreten Wahrheitsanspruch, sondern eher in Begleitung von – oftmals suggestiven – Fragen oder Formulierungen im Konjunktiv. Kaum überraschend ist deshalb auch die Beobachtung, dass der Katharsis-Effekt vornehmlich von denjenigen vorgetragen wird, die vom öffentlichen Diskurs negativ betroffen sind – von den Spielern, Spieleentwicklern und Regisseuren. Nach dem Amoklauf von Erfurt wurde etwa über den Tatort ›Gewaltfieber‹ (Folge 488, Erstausstrahlung am 02.12.2001) diskutiert, in dem eine Schülerin einen tödlichen Rachefeldzug an ihrer Schule unternimmt. Der Autor, Fred Breinersdorfer, äußert sich in einem Interview mit der Welt wie folgt: »Wir brauchen Filme in einem populären Genre wie dem ›Tatort‹, mit denen sich auch junge Leute identifizieren können und wo die Sinnlosigkeit von Gewalt dargestellt wird. Im übrigen [sic!] haben Gewaltdarstellungen immer auch eine kathartische Funktion«.64 Auch dem Kino werden derartige Qualitäten zugeschrieben. Nach einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung sei es – trotz vieler Gewaltereignisse – nicht wünschenswert, von einem »friedfertigen Kino« zu träumen: »Aber Irritation, Schock und grausame Verunsicherung gehören zum Kino von Anfang an – es ist durchaus ein Medium der Aggression, einer heilsamen Aggression, der man sich bewusst aussetzt«.65 Abschlie- ßend soll ein Beispiel aus dem Diskursfeld der sogenannten ›Killerspiele‹ angeführt werden. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung ist Alexej Paschitnow, der Erfinder des berühmten Computerspiels Tetris, der Meinung, »dass die Leute in einer harmlosen Art ihren inneren 63 »Die Büchse der Pandora«, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2002. 64 »Ein Attentat wie aus dem Drehbuch«, Die Welt, 30.04.2002. 65 »Rituale der Gewalt«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 227 Stress abbauen, wenn sie brutale Spiele spielen. Ich glaube sogar, dass dies ihre hauptmotivation ist«.66 Eine zweite, positive Zuschreibung, die sich vornehmlich auf Computerspiele bezieht, sieht in ihnen weniger eine isolierende als vielmehr eine vergemeinschaftende Wirkung (6.). Anders als das Spiel Doom, über das noch im Kontext des Amoklaufs von Littleton diskutiert wurde, ist der Ego-Shooter Counter-Strike ein Multiplayer-Spiel, das nur online mit und gegen andere Spieler gespielt werden kann. Zusammenarbeit ist daher bereits im Spielkonzept angelegt: »Es ist ein Teamspiel, bei dem sich Mannschaften per Zuruf oder über Kehlkopfmikrofone koordinieren, als wären sie die GSG9. Blindes Ballern oder Alleingänge helfen niemandem weiter«.67 Die vergemeinschaftende Wirkung bleibt indes nicht nur auf die ›Begegnung‹ von virtuellen Avataren beschränkt. Auf Turnieren und sogenannten LAN-Partys (Local Area Network) treffen sich dutzende, manchmal hunderte Spieler und kommunizieren über den spielimmanenten Chat oder über ein headset. Die Clans und Spieler treffen sich, tauschen sich aus und bilden eine eigene Subkultur. Counter-Strike könne daher »auf bizarre Weise68 das Gemeinschaftsgefühl stärken«.69 Ein letztes Beispiel findet sich im Kontext der öffentlichen Vernichtung von ›Killerspielen‹ durch das ›Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden‹, als einige Mitglieder des Verbandes für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) eine Gegenveranstaltung mit dem Titel »Videospiele für Integration«70 durchführen. Eine dritte Perspektive betont den pädagogischen Wert, den Computerspiele besitzen (7.). Am und mit dem Computer werden wichtige Kompetenzen gelernt, die in einer zunehmend technisierten und arbeitsteilig ausdifferenzierten Welt immer wichtiger werden: »Denn diese Spiele sind der Vorschein auf die Welt der Arbeit von morgen. Mit ihnen lernen Kinder und Jugendliche – ob es uns gefällt oder nicht – kooperativ in vernetzten Systemen nicht nur vorgegebene Aufgabenstellungen zu lösen, sondern auch, sich eigene auszudenken. Die globale Werkbank des Computerzeitalters lässt grüßen. Ego-Shooter- Spiele sind Lernspiele für die Welt von morgen.«71 Die Computerspieler lernen – jenseits von Unterhaltung und Gemeinschaftserfahrung – »Kooperation und Kommunikation in 66 »›Wir sind nicht für schlechte Noten verantwortlich!‹«, Süddeutsche Zeitung, 27.06.2009. 67 »hol die Geiseln aus dem Keller«, Die Zeit, 01.08.2002. 68 In dem Ausdruck »auf bizarre Weise« wird deutlich, dass virtuelle Zusammenkünfte dennoch weniger »wert« sind als Face-to-Face-Interaktionen. 69 »Die freie hasswirtschaft«, Der Spiegel, 06.05.2002. 70 »Krieg um Computerspiele in Stuttgart entbrannt«, Die Welt, 17.10.2009. 71 »Computerspiele sind gut«, Die Welt, 12.06.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 228 dreidimensionalen, digitalen Räumen.«72 In diesem Sinne haben Spiele, die sich eigentlich vom Ernst der Arbeit abgrenzen (vgl. Gerster 2013), eine durchaus ernste Bedeutung. Ihre latente Funktion ist die Aneignung von essenziellen Fähigkeiten wie »Koordination der Bewegungen, logisches Denken, vorausschauendes handeln, Fähigkeiten wie Selbstvertrauen, Teamwork, Verdauen von Niederlagen.«73 Eine vierte und letzte Kategorie der positiven Zuschreibungen bildet der Electronic Sport (8.). Computerspiele wie Counter-Strike oder Halo werden von professionellen E-Sportlern auf großen, internationalen Turnieren gespielt. Sie organisieren sich in verschiedenen Ligen wie der ESL (Electronic Sports League) oder der NGL (Netzstatt Gaming League), erhalten Geld und Material von Sponsoren (beispielsweise von Chip-herstellern) und können bei einem Sieg durchaus hohe Preisgelder erhalten. Ein Beispiel hierfür stammt aus der Welt: »Nils Waldowski, 21 Jahre alt, ist Leistungssportler – und sein Team das beste in Deutschland. Mehr als 1,5 Millionen Spieler gibt es inzwischen hierzulande, die wie er regelmäßig online spielen. Als Mitte April die Netzstatt Gaming League (NGL), eine von mehreren konkurrierenden Ligen für Computerspieler, die Deutschen Meisterschaften in einem Berliner Kino ausrichtete, verfolgten mehr als 1500 Zuschauer die Spiele in den Kinosälen. Die NGL schüttete 50 000 Euro Preisgeld aus. Konzerne statteten Teams mit Trikots, Rechnern und Unterkunft aus.«74 In dieser Beschreibung wird deutlich, dass Sport und E-Sport gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen. Es geht um Wettkampf, Teamgeist, Taktik und nur peripher um Gewalt, Blut und virtuelle Grausamkeit. Bevor der Diskurs um Waffen und Schützenvereine untersucht wird, soll erörtert werden, ob und inwiefern sich die Diskurse um Gewalt und Medien nach Erfurt und Winnenden unterscheiden. Vergleicht man die Berichterstattung über Erfurt und Winnenden genau innerhalb eines Jahres in Bezug auf die Anzahl der Artikel, deren übergeordnetes Thema mediale Gewalt ist, fällt auf, dass sich die Anzahl der Artikel, die sich mit dem Thema ›mediale Gewalt‹ auseinandersetzen, bei beiden Amokläufen deutlich unterscheidet. Waren es in der Folge von Erfurt noch 102 Artikel, sind es nach Winnenden nur noch 59. Auch ohne die anderen Artikel mit einzubeziehen, in denen das Thema ebenfalls auftaucht, ist dieser Unterschied deutlich. Die ungleiche Gewichtung des Themas lässt sich vor allem auf die unterschiedlichen Täternarrative zurückführen. Obwohl auf den Computern beider Täter Ego-Shooter gefunden werden, ergänzen sie das Bild des gescheiterten Schülers Robert Steinhäuser besser als dasjenige von Tim Kretschmer. Das Schulversagen wird mit 72 »hol die Geiseln aus dem Keller«, Die Zeit, 01.08.2002. 73 »An der Spielzeug-Front«, Süddeutsche Zeitung, 04.04.2009. 74 »Wenn ›Killer-Spiele‹ die Massen verzaubern«, Die Welt, 26.04.2005. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 229 eben jener ungünstigen Freizeitbeschäftigung und der Vereinzelung assoziiert, während Tim Kretschmer – zumindest augenscheinlich – besser integriert war. Darüber hinaus wurde das populäre Spiel Counter-Strike, an dem sich der Diskurs entzündet, im Jahr 2000 veröffentlicht, während es 2009 kein Novum mehr darstellt. 9.3 Waffen und Schützenvereine Der Diskurs um Waffen und Schützenvereine taucht nach jedem Amoklauf auf. Waffen sind zutiefst sakrale und damit ambivalente Objekte. Sie befinden sich laut Wolfgang Sofsky in einem »Zustand der Potentialität« (Sofsky 2005: 28), sie können Leben schützen und auslöschen, sie sind »inkorporierte Gewalt und symbolische Gewalt in einem« (Sofsky 2005: 29). Waffen stehen für die staatliche Ordnungsmacht, aber auch für verbrecherische Subversion und Anarchie, für den Exzess des Krieges und die Sicherung des Friedens. Auch hier kann wieder zwischen negativen und neutral-positiven Zuschreibungen unterschieden werden. 9.3.1 Negative Zuschreibungen Eine erste Kategorie der negativen Zuschreibungen fasst in ähnlicher Weise wie bei der Diskussion um Gewaltdarstellung in den Medien die Waffen generell als gefährlich auf (1.). Ausgenommen von dieser Logik sind lediglich die Berufsgruppen der Soldaten, Polizisten, Sicherheitsbeamten und Jäger, die eine tatsächliche Bedürftigkeit nachweisen können. Alle anderen Waffenbesitzer – seien es Sammler, Sportler oder sonstige Privatpersonen – werden von dieser Bedürfnislogik ausgeschlossen. Die Unschuldsvermutung wird umgedreht: Wer Waffen erwirbt, besitzt und benutzt obwohl er nicht zur Gruppe der beruflichen Waffenträger gehört, macht sich verdächtig und läuft Gefahr, pathologisiert zu werden: »Kein gesunder Mensch braucht tödliche Waffen als Mittel zum Spaß.«75 Waffen sind aus dieser Perspektive niemals nur harmloses Sportgerät, sondern »Mordinstrumente«76 oder wie es eine Artikelüberschrift aus der Süddeutschen Zeitung pointiert: »Die Waffen sind das Übel.«77 Während die bereits oben diskutierten ›Killerspiele‹ die ›Software‹ darstellen, handelt es sich bei Millionen von Pistolen und Gewehren um die »tödliche hardware«78, die hinter den Amokläufen stehen. 75 »Alles ganz normal«, Süddeutsche Zeitung, 11.02.2011. 76 »Voll ins Schwarze getroffen«, Der Spiegel, 06.05.2002. 77 »Die Waffen sind das Übel«, Süddeutsche Zeitung, 25.05.2009. 78 »Die Waffen nieder«, Die Zeit, 19.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 230 Partei- und medienübergreifend finden sich deshalb auch Forderungen, die Bundesrepublik generell und vor allem die Privathaushalte ›abzurüsten‹. Wo Waffen verfügbar sind, ließe sich die Argumentation zuspitzen, liegt Kriegsgeruch in der Luft. Der damalige Innensenator von Berlin, Ehrhart Körting (SPD), ist in einem Interview mit dem Spiegel der Meinung: »›Machen wir uns doch nichts vor: Jede Waffe birgt eine tödliche Gefahr. Kinder spielen vielleicht damit; es kommt zu Unfällen. Mir ist natürlich bewusst, dass sich Verbrechen mit Schusswaffen nicht völlig verhindern lassen. Aber wir können sie erschweren. Wir müssen sie erschweren.‹«79 Der bayrische Landesinnenminister, Joachim herrmann (CSU), kommt zum gleichen Schluss: »›Jede Waffe weniger bedeutet ein Mehr an Sicherheit für alle!‹«80 Die generelle Gefährlichkeit von Waffen lässt sich noch an zwei weiteren Beispielen verdeutlichen. Das erste betrifft die Amnestie, die nach dem Amoklauf von Winnenden vom 25.07. bis zum 31.12.2009 festgelegt wird. Alle Bürger werden dazu aufgerufen, Waffen, die sie illegal besitzen – z.B. weil sie sie geerbt haben –, straffrei abzugeben. Dass diesem Aufruf so viele Menschen folgen, lässt sich sicherlich nicht nur dadurch erklären, dass die Besitzer illegaler Waffen entweder plötzlich Angst bekommen, entdeckt zu werden oder den finanziellen Aufwand scheuen, die illegalen Waffen ordnungsgemäß anzumelden und in den dafür vorgesehenen Sicherheitsschränken unterzubringen. Es ist sicher plausibel anzunehmen, dass ein zunehmendes Interesse darin besteht, die Artefakte, an denen nun der Makel des Verbrechens haftet, loszuwerden und symbolisch ein Zeichen zu setzen: »Wer die Polizei von sich aus über nicht registrierte Waffen in seinem haushalt informiert, darf auf Straffreiheit hoffen. Dies gilt vor allem für geerbte Revolver oder Gewehre, die etwa seit Jahren auf dem Dachboden schlummern.«81 Der Ausdruck »Schlummern« ist an dieser Stelle besonders interessant und verdient noch ein paar zusätzliche Bemerkungen. Bedenkt man das Gegenteil von ›Schlummern‹, nämlich ›Erwachen‹, wird deutlich, dass Waffen hier im Sinne von Latour als »Aktanten« begriffen werden, die ein Eigenleben entwickeln können. Latour selbst hat sich zu dieser Problematik und zu den beiden antagonistischen Positionen der Moralisten und der Materialisten geäußert, die er im Kontext seiner Akteur-Netzwerk-Theorie in Bezug auf die Vereinigten Staaten beschreibt. Auch wenn sich die Diskurse im Vergleich zu Deutschland unterscheiden, lässt sich zumindest dieser Antagonismus problemlos verallgemeinern. Für die Moralisten ist die Waffe »nur ein Werkzeug, ein Mittel, ein ganz neutraler Träger eines dahinterstehenden Willens« (Latour 1998: 32). Von diesem Willen hängt 79 »›Das ist Waffenfetischismus‹«, Der Spiegel, 23.03.2009. 80 »Teilerfolg bei Abgabe illegaler Waffen«, Die Welt, 30.12.2009. 81 »hunderte bringen illegale Waffen freiwillig zur Polizei«, Die Welt, 26.05.2009. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 231 nun ab, ob die Waffe wohlüberlegt und gesetzestreu oder unrechtmäßig eingesetzt wird. Für die Materialisten dagegen macht die Waffe in der hand »aus dem unschuldigen Bürger einen Täter. Natürlich macht die Waffe den Schuß, die Tat zunächst nur möglich, doch sie gibt auch eine Anweisung, sie (ver)führt die hand« (Latour 1998: 32). Für das zweite Beispiel ist das Verhältnis von Zentrum und Peripherie relevant. Während das Zentrum mit Identität, helligkeit, Macht und dem heiligen in Verbindung gebracht wird, gilt die Peripherie eher als Ort des »linken Sakralen«, wie es in der Tradition des Collège de Sociologie genannt wird. Roger Caillois (1988: 65) schreibt: »Um diesen beruhigenden, warmen, offiziellen Kern herum entwickeln große Städte dann einen Gürtel aus Schatten und Elend mit schlecht beleuchteten, unsicheren Straßen, wo zwielichtige hotels, Spelunken und allerlei Spielformen heimlicher Etablissements stehen, wo man Landstreicher, Prostituierte und Gesetzlose jeder Art vermutete.« Neben Friedhöfen, Gefängnissen, Bordellen und psychiatrischen Anstalten befinden sich häufig auch Schießplätze an den Rändern der Stadt. Dies hat wie bei den anderen Beispielen weniger mit einer tatsächlichen Gefährdung (von durch die Luft fliegenden Kugeln, Pfeilen usw.) als vielmehr mit ihrer Ambivalenz und ihrer symbolischen Gefährlichkeit zu tun. Vor diesem hintergrund lässt sich auch erklären, warum es nach dem Amoklauf von Winnenden plötzlich ein Skandal ist, wenn Schützenvereine Räumlichkeiten in Schulen anmieten oder sogar neue Einrichtungen für Schützen an Schulen gefördert und geschaffen werden: »Dabei hat sich offenkundig lange niemand gestoßen am Sport der Schützen. Nicht einmal in den Schulen. Denn ausgerechnet dort, wo Kinder ›zur Friedensgesinnung‹ erzogen werden sollen, üben abends in den Kellern die örtlichen Schützenvereine. Morgens Bio, abends ballern.«82 Wieder zeigt sich die symbolische Verschmutzung im Sinne von Mary Douglas: Schießstände in Schulen sind ›fehl am Platz‹. Die zweite Kategorie der negativen Zuschreibungen bezieht sich nicht auf Waffen generell, sondern nur auf bestimmte Waffentypen (2.). Ein erstes Beispiel stellen die sogenannten Pumpguns dar, deren Verbot diskutiert und Ende 2002 schließlich umgesetzt wird. Sie werden weniger mit Beruf und Sport als vielmehr mit helden und Anti-helden in wehenden Mänteln auf der Leinwand assoziiert, weshalb ihre Gefährlichkeit auch nicht nur in ihrer Durchschlagskraft, sondern vor allem in ihrer Vermischung mit fiktiver Gewalt zu suchen ist. Der Saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) »stellt sich auch die Frage, ob bestimmte Waffenarten nicht generell verboten werden sollten. ›Weder 82 »Zielsicher ins Leben«, Süddeutsche Zeitung, 25.05.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 232 zur Jagdausübung noch zur Ausübung des Schießsports braucht man Pumpguns.‹«83 Ein zweites Beispiel betrifft die Automatik der Waffen. Zwar kann jede Waffe – auch das alltägliche Küchenmesser – zu tödlichen Verletzungen führen, doch bei halb- oder vollautomatischen Schusswaffen können besonders viele Menschen in sehr kurzer Zeit zu Schaden kommen: »Auch halbautomatische Selbstladeflinten werden vorläufig nicht mehr genehmigt: ›Die sind noch wesentlich gefährlicher als die Pumpguns, weil man alle Schüsse ohne Nachladen hintereinander abfeuern kann‹«84, so Wilhelm Bauer, Leiter der Waffenabteilung im Kreisverwaltungsreferat München. Insgesamt droht hier eine Vermischung der symbolisch getrennten Wertsphären ›Krieg‹ und ›Alltag‹ beziehungsweise ›Arbeit‹ und ›Sport‹, wie sie bereits oben in der Vokabel der notwendigen ›Abrüstung‹ angeklungen ist. Nach dem Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) »sollte zudem ›grundsätzlich gelten, dass Schusswaffen, die bei der Polizei und oder beim Militär eingesetzt werden, im Schießsport nichts zu suchen haben‹.«85 Im dritten Beispiel wird die Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinkaliber relevant. In ähnlicher Weise wie bei der Schussfrequenz werden Waffen wie die Beretta, die der Amokschütze von Winnenden benutzte, mehr den beruflichen Waffenträgern zugeordnet, während es für den sportlichen Wettkampf ausreichend sei, mit kleinkalibrigen Waffen oder gar ausschließlich mit Luftgewehren zu schießen: »Für sportliche Zwecke würden genug Luftpistolen, Wettbewerbsgewehre und ähnlich harmlose Schießwerkzeuge übrig bleiben.«86 Wer also diese Waffen wider aller rationalen Bedürftigkeit dennoch besitzt und benutzt, muss sich rechtfertigen: »Nach Winnenden nun ist die Frage, ob großkalibrige Pistolen oder Revolver in Privathand etwas zu suchen haben, nicht von der hand zu weisen. Es sind zuallererst diese Waffen, die auf Waffennarren eine Faszination ausüben.«87 Eine rhetorische Frage der Zeit lautet deshalb: »Müssen junge Leute Sport treiben mit Pistolen, deren Durchschlagskraft größer ist als die von Polizeiwaffen?«88 Die »tödlichen Sportwaffen«89 werden schließlich auch Gegenstand der Initiative »Keine Mordwaffen als Sportwaffen«, die sich nach dem Amoklauf von 83 »Das Waffenrecht wird weiter verschärft«, Die Welt, 08.05.2002. 84 »Pistole und Gewehr – erst mit 21 Jahren«, Süddeutsche Zeitung, 16.05.2002. 85 »Drastische Einschränkungen«, Der Spiegel, 30.03.2009. 86 »Weniger Waffen, mehr Sicherheit«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 87 »Bürger und Waffen«, Die Welt, 19.03.2009. 88 »Abrüstung gescheitert«, Die Zeit, 28.05.2009. 89 »Schießen ist kein Menschenrecht«, Die Zeit, 12.08.2010. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 233 Winnenden formiert. Auf ihrer Internetseite richten sie folgenden Appell90 an den Deutschen Bundestag: »Neun Schüler, drei Lehrerinnen und drei Passanten sind am 11. März 2009 beim Winnender Schulmassaker erschossen worden, mit einer Sportwaffe. Schon nach dem Schulmassaker in Erfurt (2002) hatten Bundesregierung und Bundestag ausreichend Zeit, den Besitz von tödlichen Waffen für den Schießsport zu unterbinden. Wir brauchen kein halbherzig geändertes Waffengesetz. Wir wollen ein Verbot von Mordwaffen als Sportwaffen – sofort. Solche Waffen dürfen nicht länger verkauft und benutzt werden. Erst dann können Schulen sichere Orte sein.« Was unter »Mordwaffen« verstanden werden soll, wird in einem weiteren Absatz erklärt: »Als Mordwaffen sind hier gemeint: Schusswaffen, die für das Töten oder Verletzen von Menschen hergestellt werden, egal welchen Kalibers, sowie sonstige Schießsportwaffen, mit denen man leicht und schnell viele Menschen töten kann. Alternativ verwenden selbst Olympia-Sportschützen schon heute weniger gefährliche Waffen, wie Druckluftwaffen und Lichtpunktpistolen.« Eine dritte Kategorie der negativen Zuschreibungen stellt die Anzahl (3.) der Waffen dar – sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Die Gefährlichkeit der Artefakte entsteht durch ihre schiere Menge, während das subjektive und kollektive Sicherheitsgefühl mit der ›Abrüstung‹ und ›Entwaffnung‹ der deutschen Privathaushalte steigt. Auf kollektiver Ebene wird zunächst die gesellschaftsweite Waffenverbreitung skandalisiert: »Deutschland ist ein Land unter Waffen: Rund 30 Millionen Schießeisen sind über die Republik verstreut.«91 Auch die Zeit kommt zu einer erschreckenden Erkenntnis: »Das Massaker von Winnenden brachte es an die Öffentlichkeit: Deutschland ist bis an die Zähne bewaffnet.«92 Zu der hohen Anzahl von Waffen kommen noch das Defizit, »dass in Deutschland immer noch keiner weiß, wie viele Waffen es eigentlich gibt«93 und die Gefahr einer »›unkontrollierten Waffenvermehrung in unserem Land‹«94 – so der damalige Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Fritz Behrens (SPD), hinzu. Wie bei den geheim zirkulierenden und getauschten »Killerspielen« zeigt sich im Diskurs um Waffen eine Angst, die einer viralen Logik folgt und die umso heftiger ausfällt, je unsichtbarer und unkontrollierbarer die Gefährdung ausfällt. Für den SPD Innenexperten Andreas Dressel ist deshalb auch »›die massive Präsenz von Waffen in Privathaushalten ein Risiko, das minimiert 90 www.sportmordwaffen.de, letzter Aufruf am 06.06.2014. 91 »Die Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 92 »Die Waffen nieder«, Die Zeit, 19.03.2009. 93 »Die Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 94 »Präventionsrat kommt im Juli«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 234 werden muss.‹«95 Die Gleichung »Je weniger scharfe Waffen in einem Land verbreitet sind, desto sicherer lebt man dort«96 kann deshalb auch nur durch den Abbau der Waffenpräsenz aufgelöst werden: »›Jede Waffe weniger ist eine gute Waffe‹«97, so Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei. Neben der allgemeinen Menge von Waffen in der Bundesrepublik wird auch die konkrete Anzahl von Waffen einzelner Besitzer thematisiert. Welche Menge an Waffen noch normal und vernünftig, welche zur übertriebenen Sammelleidenschaft zählt und welche schließlich auf ein pathologisches Verhalten verweist, ist jedoch weniger eine fixe Größe, sondern variiert mit den verschiedenen Ereignissen, im Kontext derer sie diskutiert werden. Nach dem Amoklauf von Winnenden fragt etwa der Spiegel: »Wofür braucht ein Sportschütze wie Tims Vater 15 Waffen?«98 Wie schon bei den verschiedenen Waffentypen kommt auch bei dieser Kategorie die Frage nach dem Bedürfnis auf, von der selbst berufliche Waffenträger nicht verschont bleiben. Der bereits oben zitierte Ehrhart Körting ist der Meinung: »›Mir hat noch niemand erklären können, warum ein Jäger 20 Gewehre haben muss. Das ist Waffenfetischismus. Ich finde, zwei Waffen tun es für einen Jäger auch.‹«99 Genauso gibt es »›aus sportlicher Sicht keinen vernünftigen Grund, weshalb 20 oder mehr Waffen in einem haushalt vorhanden sein müssen‹«100, zitiert die Süddeutsche Zeitung den bereits oben genannten Ulrich Mäurer. Eine weitere Kategorie bezieht sich auf die Legalität oder Illegalität (4.) des Waffenbesitzes. Wie bereits erwähnt dürfen nur bestimmte Personen in Deutschland Waffen besitzen. Neben Polizisten, Sicherheitsdiensten und Förstern, denen ein Waffenschein neben dem Besitz auch das Führen von Waffen erlaubt, sind es vor allem Jäger, Sport- und Brauchtumsschützen, die mit einer Waffenbesitzkarte bestimmte Waffen legal erwerben dürfen. Die unbekannte große Zahl von illegalen Waffen sowie ihre unsichtbare Zirkulation auf dem Schwarzmarkt schürt das kollektive Unbehagen, dass diese in die falschen hände geraten können: »›Das Problem‹, sagte Otto Schily, ›sind nicht die legalen, das Problem sind die illegalen Waffen.‹«101 Freilich schützt Legalität niemals vor Missbrauch und doch macht sich derjenige verdächtig, der Waffen illegal erwirbt: Wer das Gesetz in diesem Fall bricht, der ist potentiell noch zu mehr und zu Schlimmerem fähig. Problematisiert werden hier also weder die Waffen allgemein noch die bestehenden Gesetze – man 95 »hamburg soll beim Waffenrecht aktiver werden«, Die Welt, 14.05.2009. 96 »Weniger Waffen, mehr Sicherheit«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 97 »Die Söhne wissen immer wo die Waffe ist«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 98 »Die Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 99 »Das ist Waffenfetischismus«, Der Spiegel, 23.03.2009. 100 »TÜV-Termin für Waffenbesitzer«, Süddeutsche Zeitung, 30.03.2009. 101 »Mörderischer Abgang«, Der Spiegel, 29.04.2002. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 235 kann nicht verbieten, sich nicht an die Gesetze zu halten –, sondern vielmehr die unzureichende Transparenz und das mangelnde Wissen, das Staat und Behörden über die tatsächlichen Besitzer von Waffen und deren Aufenthaltsorte haben.102 Ein zentrales Waffenregister und Apelle, illegale Waffen abzugeben, sollen dem entgegenwirken; Anreize in der Form einer zeitlich begrenzten Amnestie sowie einer ›Abwrackprämie‹ sollen den Prozess beschleunigen. Das Verdächtigungsschema setzt sich fort: Wer dem Aufruf, die Waffen abzugeben, nicht folgt, macht sich verdächtig. Das Problem besteht allerdings darin, dass nach dem Aufruf vornehmlich legale Waffen abgegeben wurden. Was man also erreicht – so lautet die Kritik – ist, dass Menschen ohne kriminelle Energie legale Waffen abgeben, während die eigentlich unreinen Phänomene von der Aktion unberührt bleiben: »›Erfasst werden natürlich nur die legalen Waffen. Die illegalen Waffen – deren Zahl auf etwa zehn Millionen geschätzt wird – stellen nach wie vor ein erhebliches Gefährdungspotenzial dar‹«103, so der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Doch die integrative Kraft der symbolischen Ausstoßung bleibt. Die fünfte Kategorie bezieht sich auf das Alter und die Reife (5.) derjenigen, die Waffen erwerben, besitzen und benutzen. Die hierarchie der Gefährlichkeit geht einher mit bestimmten Altersgrenzen. Genauso wie bestimmte Filme oder Spiele erst mit sechs, zwölf, 16 oder 18 Jahren konsumiert werden dürfen, gibt es bei den verschiedenen Waffentypen Auflagen. Während Jugendliche ab zwölf Jahren unter Aufsicht mit Luftpistolen und Luftgewehren üben dürfen, müssen sie für das Schießen mit großkalibrigen Waffen 14 Jahre (vor Winnenden) beziehungsweise 18 Jahre (nach Winnenden) alt sein. Von dem Aspekt der Ausübung des Schießsports abgekoppelt ist der erlaubte Erwerb von Waffen, der nach dem Amoklauf von Winnenden in Bezug auf großkalibrige Waffen auf 21 Jahre angehoben wurde. Waffen sind wie Zigaretten, Alkohol, Killerspiele oder Pornographie bedingungslos also nur der Welt der Erwachsenen vorbehalten und müssen von der friedlichen und unschuldigen Welt der Kinder strikt getrennt gehalten werden. Daher wird auch die Empfehlung des Präsidenten des Deutschen Schützenbundes, Kinder am besten schon mit acht Jahren schießen zu lassen, stark skandalisiert, gerade weil sie kurz nach dem Amoklauf von Winnenden stattfand: 102 Der unsichtbaren Illegalität einer großen Summe von einzelnen Waffen stehen die sichtbare Legalität und die massive Organisationspotenz der Waffen-Lobby entgegen, deren Ein- und Vermischung mit der politischen Sphäre zunehmend skandalisiert wird. 103 »Zeigt her eure Waffen«, Die Welt, 20.11.2012. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 236 »Machen wir unsere Schulen sicherer, indem die Kinder früher mit Waffen umzugehen lernen? Die Bemerkung, würdig der goldenen Zitrone für das unpassendste Wort zur unpassendsten Zeit, zeigt leider eines: Die Schützen-Funktionäre wollen weder sehen noch verstehen, welches Risiko der massenhafte Privatbesitz von Waffen ist.«104 In Ausnahmefällen bedarf es eines Antrages oder der Supervision: »Minderjährige Schützen sollen bei ihrer Schießausbildung von psychologisch geschultem Personal betreut werden.«105 Aber nicht nur das biologische Alter spielt eine Rolle, sondern die davon weitgehend unabhängige psychologische Reife, die garantieren soll, dass die Waffen nicht in falsche hände geraten: »So ist künftig auch für Sportschützen, die mit großkalibrigen Waffen schießen, ein psychologisches Gutachten notwendig.«106 Neben dem Zeitpunkt, der mit der Vollendung eines bestimmten Lebensjahres eintreten muss, ist auch die Zeitdauer zwischen Eintritt in den Schützenverein und dem Erwerb einer Waffe von Bedeutung. Nach einem Artikel des Spiegel sollten die Schützen »erst nach drei Jahren regelmäßigen Schießens im Verein eigene Waffen erwerben dürfen, nicht wie bisher nach einem Jahr.«107 Die Dauer des Umgangs mit gefährlichen Artefakten bleibt jedoch ambivalent. Einerseits wird davon ausgegangen, dass die Kompetenz im Umgang mit Waffen steigt und dadurch zum Sicherheitsempfinden beiträgt, andererseits sind es gerade die ›Waffenfetischisten‹, ›Waffennarren‹ und Sammler, die schon sehr lange mit den Waffen in Berührung sind. Die letzte Kategorie der negativen Zuschreibungen thematisiert die Aufbewahrung und damit den Zugang zu Waffen (6.), die bei den meisten Amokläufen relevant werden: »Und fast ausnahmslos gilt für junge Amokläufer: Ausschlaggebend für die Verwirklichung ihrer Pläne war stets die rasche Verfügbarkeit von Waffen. Die meisten Täter stammen aus haushalten mit Waffen – meist dem Arsenal von Schützen.«108 Wenn sich die Waffen schon in den Privathaushalten befinden, müssen sie deshalb an speziellen Orten untergebracht und vor den Augen und dem Zugriff von Unbefugten verwahrt und separiert werden. Dafür vorgesehen sind Waffenschränke, die am besten durch biometrische Sperren gesichert sein sollen und die je nach Art und Anzahl der darin lagernden Waffen unterschiedlich beschaffen sein müssen.109 Auch Waffen und Munition müssen getrennt gelagert werden. Die nicht vorschriftsgemäße Aufbewahrung der Tatwaffe des Amoklaufs von Winnenden gilt als ein 104 »Waffen töten, Spiele nicht«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. 105 »Neues Waffenrecht erhöht Altersgrenze auf 21 Jahre«, Die Welt, 15.06.2002. 106 »Sportschützen gegen neues Waffengesetz«, Süddeutsche Zeitung, 17.06.2002. 107 »Drastische Einschränkungen«, Der Spiegel, 30.03.2009. 108 »Weniger Waffen, mehr Sicherheit«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 109 »Pistole und Gewehr – erst mit 21 Jahren«, Süddeutsche Zeitung, 16.05.2002. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 237 entscheidender Faktor für die Möglichkeit der Tat, weshalb sich der Vater von Tim Kretschmer auch vor Gericht verantworten muss (vgl. 9.1): »Da lag sie, wo auch sonst: im Elternschlafzimmer. Im Kleiderschrank. Im Fach mit den Pullovern. Ganz hinten. Da, wo die Deutschen ihre goldene Uhr verstecken, ihr Sparbuch. Alles, was ihnen wichtig ist. Alles, was sie nah bei sich haben wollen. Ihre Waffe.«110 Gerade nach dem Amoklauf von Winnenden werden Stimmen laut, die die regelmäßige Kontrolle der vorschriftsmäßigen Aufbewahrung von Waffen und Munition fordern: »›Wir müssen alles tun, dass Kinder nicht an Waffen kommen‹«111, so Kanzlerin Angela Merkel. Die bei den anderen Kategorien bereits vorhandene Verdachtslogik greift auch hier: Wer sich nicht kontrollieren lässt, macht sich verdächtig: »Waffenbesitzer sollen verpflichtet werden, den Kontrolleuren Zutritt zu gewähren. Tun sie dies nicht, bedeutet dies eine Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht, die Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit als Waffenhalter begründen würde.«112 Doch selbst wenn die Waffen ordnungsgemäß verwahrt werden und die Kinder – wider aller Wahrscheinlichkeit – nicht um ihren Ort und die Zugriffsmöglichkeiten wissen, bleibt das Problem der Präsenz der Waffe selbst: »Es ist offenbar nicht ein Tätertyp, der zur Schusswaffe greift, es ist die bereitliegende Waffe, die Täter aller Art verführt. Nimm mich – ich bin da!«113 9.3.2 Positive Zuschreibungen Auch bei der Diskussion um Waffen und Schützenvereine gibt es positive Zuschreibungen. Die erste Kategorie der Tradition und der Waffenkultur (1.) stellt das Gegenteil zum Vorwurf des Waffenkultes und des Waffenfetischismus dar. Der Deutsche Schützenbund wurde als »der älteste Sportverband Deutschlands«114 1861 gegründet und für den SPD Politiker Dieter Wiefelspütz ist es eine Tatsache, dass das Waffenrecht »›zur kulturellen Tradition dieses Landes gehört.‹«115 historisch gehen die Schützenvereine auf die Kriege des Mittelalters und die städtischen Milizen zurück, die die Städte im Angriffsfall verteidigten: »Diese Aufgabe schuf Identität, Gruppensolidarität, heimatgefühl.«116 Der traditionelle Bestandteil »deutscher heimatkultur«117 ist vor allem in den 110 »Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 111 »Kanzlerin fordert mehr Waffenkontrollen«, Die Welt, 16.03.2009. 112 »Unangemeldete Kontrollen«, Süddeutsche Zeitung, 08.05.2009. 113 »hinter Schloss und Riegel«, Die Zeit, 23.09.2009. 114 »Aussitzen im Wohnwagen«, Süddeutsche Zeitung, 28.08.2009. 115 »Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 116 »›Die Söhne wissen immer, wo die Waffe ist‹«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 117 »Der Sturm nach Winnenden«, Süddeutsche Zeitung, 20.05.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 238 ländlichen Gebieten präsent, wo die Schützenvereine einen wichtigen Beitrag zum sozialen Leben leisten. Das Beispiel Bayern zeigt: »Bayern hat besonders viele Schützen. Es liebt die Tradition, es ist katholisch – und ländlich. Das Schützenwesen, einst zum Schutz der Städte geboren, ist längst eine Tradition der Provinz.«118 Neben dem Bürgerrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ließe sich sogar von einer – wiederum historisch verankerten – Bürgerpflicht in Bezug auf den Umgang mit Waffen sprechen. Denkt man an den Wehrdienst (auch wenn dieser zur freien Wahl geworden ist), muss man »feststellen, dass das Erlernen des Schießens zu den staatsbürgerlichen Pflichten gehört.«119 Da das Militär jedoch zu den beruflichen Waffenträgern gehört, bleiben hier die Skandalisierungen nach Amokläufen in der Regel aus. Die zweite Kategorie, Sport (2.), schließt direkt an die erste Kategorie an, betont allerdings weniger den kulturgeschichtlichen hintergrund von Schützenvereinen, sondern den Umstand, dass es sich bei deren Tätigkeiten neben Traditionspflege eben um Sport handelt. Formulierungen wie ›ein Sport wie jeder andere‹ sind uns bereits aus der Diskussion um Computerspiele bekannt. Rückendeckung für dieses Argument bekommen die Berliner Schützenvereine vom Landessportbund Berlin. Dessen Präsident Peter hanisch spricht sich kurz nach dem Amoklauf von Winnenden »›gegen eine Generalverdächtigung der Schützenvereine des organisierten Sports aus, die ein wichtiges und respektiertes Glied der Sportfamilie sind.‹«120 Trotz des Selbstbewusstseins der Schützenvereine und des (für viele zu) großen Einflusses der ›Waffen-Lobby‹ macht sich eine zunehmende Sensibilisierung der unter Verdacht stehenden ›Folk Devils‹ auch semantisch bemerkbar. Als der mittlerweile verstorbene Präsident des Deutschen Schützenbundes ein Jahr nach dem Amoklauf von Erfurt die Nürnberger Waffenmesse eröffnet, »ist unter seinen Sportkameraden das Wort Waffe tabu, von Sportgeräten soll die Rede sein.«121 Für den erfolgreichen Sportschützen Norbert Ettner bleibt für seine Kollegen, »wollen sie als Sportler ernst genommen werden, nur eine Chance: Eine deutlichere Abgrenzung von Waffenliebhabern und militärisch motivierten Schützen […]. Und ein offener und kritischer Umgang mit dem Sportgerät, das in den Augen der meisten Menschen immer eine Waffe bleiben wird.«122 Den Schützen, die sich in Sportverbänden oder traditionsreichen Vereinen organisieren, wird darüber hinaus eine pädagogische Rolle (3.) 118 »Schützenvereine«, Die Zeit, 26.03.2009. 119 »Bürger und Waffen«, Die Welt, 19.03.2009. 120 »Sportbund stärkt Sportschützen den Rücken«, Die Welt, 18.04.2009. 121 »Schützen-Präsident Ambacher will trotz Skandal im Amt bleiben«, Die Welt, 15.03.2003. 122 »Die Aufsicht beim Entsichern«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 239 zugesprochen. Sie leisten wertvolle Jugendarbeit, vermitteln ehrenamtliches Engagement, soziale Kompetenzen, Werte und Disziplin, die den Jugendlichen auch in anderen Lebensbereichen – z.B. der Schule – von Nutzen sind: »Die Schützenvereine werben aktiv schon um die ganz Jungen. Sportschießen, so schreibt etwa der Verband hannoverscher Schützenvereine, fördere die Konzentration und mache intelligent: ›Schüler, die regelmäßig den Schießsport trainieren, bringen auch in der Schule bessere Leistungen als Nicht-Schützen.‹«123 Schützenvereine sind also nicht nur nicht verantwortlich für Amokläufe, sie erfüllen sogar eine über ihre Partikularinteressen hinausgehende, gesamtgesellschaftliche Funktion, die sie vermeintlich von anderen Beschuldigten abgrenzen soll. Wolfgang Kink, 1. Landesschützenmeister im Bayerischen Sportschützenbund, hat etwa den Anspruch: »›Unser Ziel ist es, die Jugendlichen von der Stra- ße oder den gefährlichen Computerspielen wegzubringen, damit sie sich zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln.‹«124 Neben dem interessanten Aspekt, dass sich die von der Öffentlichkeit Beschuldigten gegenseitig beschuldigen, wird an dieser Aussage die uns schon bekannte Differenz zwischen Vereinzelung und Vergemeinschaftung wieder thematisiert. Schützenvereine werden als »soziale Grundversorgung der Gemeinde, neben der Kirche und der Freiwilligen Feuerwehr«125 beschrieben, sie sind »gerade auf dem flachen Land wichtige Agenturen der sozialen Integration.«126 Ein letzter positiver Aspekt betrifft die Arbeitsplätze (4.), die an der Waffenindustrie hängen. Arbeitsplätze gelten generell – und in Zeiten der Wirtschaftskrise umso mehr – als zu bewahrendes Gut, unabhängig davon, was mit den produzierten Waffen hinterher geschieht. Vertreter der Waffenindustrie reagieren daher empfindlich auf Bestrebungen, das Waffenrecht noch weiter zu verschärfen und ihre Produkte zu tabuisieren: »›Immerhin geht es um Zehntausende von Arbeitsplätzen, vorrangig im Mittelstand‹, die ›sinnlos gefährdet‹ seien, wie Peter Mank behauptet, Inhaber einer weltweit operierenden Munitionsfirma. ›Die Exportquote in unserer Branche ist hoch‹, sagt Mank, ›und das ist auch gut so.‹«127 Bevor die Diskurse um Mediengewalt und Waffen noch einmal zusammenfasst werden, wird wieder ein kurzer Vergleich zwischen Erfurt und Winnenden angestellt. Die Debatte um Waffen wird nach Winnenden deutlich intensiver geführt als nach Erfurt. Das Verhältnis der Gesamtanzahl der Artikel beträgt 128:72. Während im Falle von Erfurt vor allem in den ersten beiden Monaten nach dem Amoklauf über Waffen 123 »Schützen im Visier«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 124 »Ohne Disziplin geht nichts«, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2009. 125 »Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. 126 »Demokratie, das heißt schießen«, Die Welt, 08.06.2011. 127 »Angst vor den Schützen«, Der Spiegel, 23.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 240 und Schützenvereine diskutiert wird, ist die Intensität nach Winnenden über einen längeren Zeitraum konstant. Dies liegt daran, dass die Tatwaffe von Tim Kretschmer weitaus stärker im Fokus der Ermittlungen und der Öffentlichkeit steht als bei Robert Steinhäuser. Der Umstand, dass der Vater des Winnender Amokläufers die Waffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrte, löst eine breite Debatte um eine Teilschuld des Vaters sowie um eine erneute Verschärfung des Waffengesetzes aus (vgl. 9.1), das bereits nach Erfurt erneuert worden war. Dass insbesondere zum Jahreswechsel verstärkt über das Thema diskutiert wird liegt am Zeitraum der Amnestie für die Rückgabe illegaler Waffen, die am 25. Juli beginnt und am 31. Dezember endet. 9.4 Zusammenfassung Waffen, mediale Gewalt und – zumindest im Fall Winnenden – Jörg K. werden zu ›Symbolen des Bösen‹, denen eine Mitschuld an den schrecklichen Ereignissen zugesprochen wird. Aus kultursoziologischer Perspektive ist jedoch weniger interessant, ob eine tatsächliche Verantwortung vorliegt oder nicht. Interessanter ist die symbolische Schuld, die wiederum die symbolischen, aber nicht weniger wirkmächtigen Selbstreinigungskräfte der Gesellschaft aktiviert. Auch wenn sich die frei flottierende Schuld an prinzipiell alles heften kann, sind die untersuchten Phänomene besonders ›gefährdet‹. Die verunreinigende Kraft des Verbrechens ist so groß, dass sie sämtliche Menschen im direkten Umfeld miterfasst. Insbesondere Eltern, Geschwister, Freunde oder Lehrer ›hätten es wissen müssen‹, der Makel geht auf den Vater des Amokläufers von Winnenden über, der selbst nicht mehr bestraft werden kann. Auch bei Waffen und Computerspielen zeigt sich der raum-zeitliche Einzugsbereich des Verbrechens (vgl. 7.2). Die Skandalisierungsintensität nimmt umso weiter zu, je näher sich die entsprechenden Artefakte, Akteure oder handlungen zeitlich und/oder räumlich an einem Amoklauf befinden: Die Stadt Stuttgart sagt beispielsweise ein Counter-Strike-Turnier ab, das am 27.03.2009 und damit nur knapp zwei Wochen nach dem Amoklauf von Winnenden in nächster geographischer Nähe stattfinden sollte128; private und öffentliche Fernsehsender nehmen bestimmte Filme 128 Der Stuttgarter Oberbürgermeister wird mit den Worten zitiert: »›Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren.‹«, zitiert in: »›Counter-Strike‹-Turnier wird abgesagt«, Süddeutsche Zeitung, 24.03.2009. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 241 und Serien aus dem Programm129; das Stattfinden der Nürnberger Waffenmesse130 nur wenige Tage nach dem Amoklauf von Winnenden wird als Affront und die auf halbmast wehenden Fahnen als unglaubwürdig angesehen. Waffen und vor allem ›Killerspiele‹ sind äußerst ambivalente Phänomene, die besonders leicht zum Gegenstand von »moralischen Paniken« werden können (vgl. Cohen 1980: 193). Sie bedrohen die Grenze zwischen der als gut und unschuldig imaginierten Innenwelt von Jugendlichen und den schädlichen Einflüssen von außen. Die Befleckung, so Paul Ricoeur, zielt auf die »Minderung der Existenz, den Verlust des Personenkerns« (1971: 51) und verführt damit zum Verbrechen. Darüber hinaus verschwimmt bei beiden Fällen die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Ernst und Spiel. Amokläufer bedienen sich in vielen Fällen an fiktivem Material, indem sie bestimmte Kleidung tragen, besondere Posen einnehmen oder in ihren privaten Aufschrieben auf derartige Inhalte Bezug nehmen. Das Führen und Benutzen von Waffen – real oder fiktiv – unterläuft die Trennung der symbolischen Sphären ›Alltag‹ und ›Krieg‹. Der Alltag stellt die ruhige, geordnete Welt des Gewohnten und »homogenen« (Bataille) dar, Krieg und Gewalt finden dagegen jenseits des Alltags statt. Während sich die Menschen bemühen, »den verfemten Bereich, in dem die Gewalt des Todes wütet – der für ansteckend gehalten wird – von dem Bereich, in dem das friedliche Alltagsleben abläuft, zu trennen« (Bataille 1978: 51), verschränken sich – so die These – bei Waffen und ›Killerspielen‹ die homogene und heterogene Welt auf eine für die Gesellschaft beunruhigende Weise. Beide verlassen die eigentlich harmlose Welt der Unterhaltung und des Sports, des Spiels und der Simulation und werden mit einer Ernsthaftigkeit aufgeladen, die zur Vorsicht und Prävention zwingt: »Killerspiele« im Kinderzimmer und Schusswaffen unter dem Kopfkissen stören die kulturelle Ordnung, sie sind in Mary Douglas’ Schmutzverständnis »fehl am Platz« (Douglas 1985: 52) und damit immer schon potentielle Gefährdung. »Letzten Endes«, schreibt René Girard (1992: 35), »rufen alle extremen Eigenschaften von Zeit zu Zeit den Zorn des Kollektivs hervor, und zwar nicht nur Extreme wie Reichtum und Armut, sondern auch Erfolg und Mißerfolg, Schönheit und häßlichkeit, Laster und Tugend, 129 »Bereits am Tag des Amoklaufs in Erfurt haben das Erste und Pro Sieben Filme aus dem Programm genommen. ARD-Sprecher Bernhard Möllmann: ›Wir haben sofort alle Comedy-Sendungen und den TV-Krimi Kuriere des Todes aus dem Sendeplan geworfen.‹ Wegen ›unpassender Titel‹ ersatzlos gestrichen wurden außerdem die Spielfilme Massaker im Morgengrauen, Das mörderische Klassenzimmer, Mord nach Schulschluss und Terror an der Schule, deren Ausstrahlung innerhalb den kommenden sechs Wochen geplant war.«, zitiert in: »Keine Gewalt«, Süddeutsche Zeitung, 04.05.2002. 130 »Viel Komfort für den Schützen«, Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 242 Anziehung und Abstoßung […].« Jede Abweichung von einem imaginierten Normalzustand erhöht die Gefahr der Verfolgung. Die Reinigungsrituale, deren vornehmliches Ziel es ist, Ordnung in die Unordnung zu bringen (vgl. Kapitel 7.2), lassen sich dahingehend unterscheiden, ob sie die unreinen Phänomene inkludieren oder exkludieren. Inkludierende Verfahren begrenzen, beschränken, kontrollieren das Unreine, sie klären auf und fördern das Verstehen und den verantwortungsvollen Umgang. Exkludierende Verfahren grenzen das Unreine aus, indem sie es verbieten oder gar vernichten. Das Schaffen neuer oder die Veränderung bestehender Gesetze kann sowohl inkludierenden als auch exkludierenden Charakter haben, wie die rechtlichen Entwicklungen nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden zeigen. Betrachtet werden zunächst die Gesetzesänderungen bezüglich der Medien im Jahr 2002. Verabschiedet am 23. Juli 2002, tritt das neue »Jugendschutzgesetz« (JuSchG) am 1. April 2003 in Kraft. Es vereint in sich das bisherige »Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit« (JÖSchG), das am 4. Dezember 1951 erlassen und am 6. Januar 1952 wirksam wurde131, und das »Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften und Medieninhalte« (GjS) vom 14. Juli 1953. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS), die es seit dem 14. Juli 1953 gibt, heißt fortan »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien« (BPjM), wodurch dem Umstand Rechnung getragen wird, dass die Bedeutung von elektronischen Medien gegenüber den schriftlichen stark zugenommen hat.132 Eine Neuigkeit besteht darin, dass es mehr ›Anregungsberechtigte‹ gibt, die einen Antrag auf Prüfung einer Indizierung eines Films oder eines Computerspiels stellen können, den die Bundesprüfstelle bearbeiten muss. Neben sämtlichen Behörden dürfen alle Träger der freien Jugendhilfe derartige Anregungen geben. Die Angaben zur Altersbeschränkung sind bei der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) und der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) relativ identisch. Sie reichen von ›Freigegeben ohne Altersbeschränkung‹ über ›Freigegeben ab sechs Jahren‹, ›Freigegeben ab zwölf Jahren‹, ›Freigegeben ab sechzehn Jahren‹ bis ›keine Jugendfreigabe‹ (bei der FSK galt vor der Gesetzesnovellierung noch die Formulierung ›Nicht freigegeben unter achtzehn Jahren‹). Die FSK ist zwar freiwillig, in der Praxis hat sich die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) jedoch freiwillig dazu verpflichtet, nur kontrollierte und mit einer Empfehlung versehene Produktionen zu veröffentlichen. Die USK Kennzeichnung von 131 Der Vorgänger, das ›Reichsgesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften‹, wurde am 12. Dezember 1926 verabschiedet. 132 http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/Aufgaben/geschichte.html, letzter Zugriff am 18.02.2014. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 243 Computerspielen ist dagegen seit der Erneuerung des Jugendschutzgesetzes rechtlich verpflichtend. Auch das Waffengesetz von 1976 wird zwischen den Amokläufen von Erfurt und Winnenden gleich mehrmals grundlegend verschärft. Interessanterweise werden die Ereignisse auf der Internetseite des Bundesinnenministeriums explizit thematisiert. So werden die Veränderungen im Jahr 2002 »in Reaktion des Amoklaufs in Erfurt am 26. April 2002 erarbeitet«133 und auch die Novellierung des Waffenrechts 2009 ist eine »Konsequenz aus dem Amoklauf in Winnenden am 11. März 2009«.134 In der Novelle vom 11. Oktober 2002 werden u.a. die sogenannten Pumpguns verboten, die Aufbewahrungsbestimmungen verschärft, die Altersgrenze für den Erwerb und Besitz großkalibriger Waffen für Sportschützen auf 21 Jahre angehoben und es wird die Erfordernis eines psychologischen Gutachtens über die persönliche Eignung von Waffenbesitzern unter 25 Jahren eingeführt. Weitere Änderungen, die zum 1. April 2008 in Kraft treten, betreffen das mit Strafen bedrohte Führen von ›Anscheinswaffen‹ (Feuerwaffenimitaten) und die Einführung von Blockiersystemen für Erbwaffen. Am 25. Juli 2009 wird eine weitere Verschärfung wirksam. Zum einen wird auch die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen angehoben. Jugendliche müssen nun das 18. Lebensjahr vollendet haben. Zum anderen werden die Möglichkeit von ›verdachtsunabhängigen Kontrollen‹ in Bezug auf die Aufbewahrung sowie die Erlaubnis einer fortlaufenden Prüfung des Bedürfnisses einer Person, Waffen zu besitzen, eingeführt. Schließlich wird zum 1. Januar 2013 ein Nationales Waffenregister eingerichtet, in dem die Informationen über den Waffenbesitzer, den Zeitpunkt sowie den Ort des Erwerbs zentral gebündelt werden. Das Abbauen von Berührungsängsten als inkludierendes Verfahren lässt sich vor allem in der Diskussion um Computerspiele beobachten.135 Obwohl die Debatte um ›Killerspiele‹ nach dem Amoklauf von Erfurt deutlich heftiger geführt wird, gibt es nach Winnenden Workshops, um Bundestagsabgeordneten136 sowie Eltern, Lehrern und 133 http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Sicherheit/Waffenrecht/Waffengesetz-Novelle-2002/waffengesetz-novelle-2002_node.html, letzter Aufruf am 18.02.2014. 134 http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Sicherheit/Waffenrecht/Aenderungen-Waffenrecht-2009/aenderungen-waffenrecht-2009_node.html, letzter Aufruf am 18.02.2014. 135 Schützenvereine betreiben natürlich auch Öffentlichkeitsarbeit und versuchen, Vorurteile abzubauen, aber in den untersuchten Printmedien wird dies kaum thematisiert. Auch die Interviews oder Erfahrungsberichte von – teilweise verdeckt geführten – teilnehmenden Beobachtungen scheinen mehr die skeptische Erwartungshaltung zu bestätigen, vgl. z.B. der Artikel »Gut Schuss« im Zeit Magazin vom 03.09.2009. 136 »Ballern im Bundestag«, Der Spiegel, 21.02.2011. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 244 Sozialpädagogen137 die Welt von Ego-Shootern näher zu bringen. Die eigene Erfahrung soll die Medienkompetenz fördern und die Lebenswelt der Jugendlichen erschließen. Freilich bleiben diese Initiativen nicht ohne Gegenwehr. Verstehen wird aus der Perspektive der Kritiker mit Verharmlosung verbunden, die nicht nur die Gefährlichkeit der fiktiven Gewalt unterschätzt, sondern darüber hinaus auch die Opfer realer Gewalt verhöhnt. Neben der Beschuldigung von Waffen und fiktiver Gewalt durch den öffentlichen Diskurs lassen sich auch Reinigungsrituale innerhalb der zur Diskussion stehenden Gemeinschaften erkennen. Der öffentlichen Beschuldigung als Kollektiv durch Opfer, Betroffene, Politiker und Aktionsbündnisse halten die »Folk Devils« z.B. die individuelle Schuld von devianten Individuen entgegen und greifen damit zu einem »Bad Apple« Narrativ (vgl. Binder 2013: 378 ff.). Dies lässt sich als Versuch interpretieren, der erzürnten Gesellschaft ein ›versöhnendes Opfer‹ (Girard) anzubieten, um ihre Integrität wieder herzustellen: In Einzelfällen übertreiben es Individuen mit dem Konsum von fiktiver Gewalt oder der Anzahl der Waffen, während das Image der Gruppe gewahrt bleibt. »›Wenn einer 15 Waffen daheim hat wie der Vater des Amokläufers […], dann ist das ein Waffennarr‹«138, meint beispielsweise der Schützenmeister Dieter Pichlmeier. Ähnliche Individualisierungsversuche finden sich auch bei der Community der Computerspieler. Der ehrenamtliche Manager einer Counter-Strike Mannschaft, hubert Sallerstorfner, ist sich sicher: »Wenn jemand zehn Stunden pro Tag vor dem Computer hocke, dann ›stimme auch sozial etwas nicht.‹ Aber bei seinen Spielern sei das etwas anderes.«139 Eine zweite Form der Selbstreinigung besteht darin, in die Beschuldigung der anderen ›Folk Devils‹ einzustimmen. Während die Spieler von Counter-Strike darauf verweisen, dass Pixel nicht töten, sondern nur reale Waffen, hat sich beispielsweise der Landesschützenmeister Wolfgang Kink zum Ziel gesetzt, »›die jugendlichen von der Straße oder den gefährlichen Computerspielen wegzubringen, damit sie sich zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln.‹«140 Sowohl im Diskurs um Gewalt und Medien als auch um Waffen und Schützenvereine taucht der Antagonismus zwischen einer mimetischen und einer kathartischen Wirkung der jeweiligen Phänomene auf. Daher soll auf diesen Punkt noch einmal genauer eingegangen werden. Beide Begriffe werden vor allem mit der Tragödientheorie von Aristoteles und seiner Poetik (2008) assoziiert, aber sie haben längst in die 137 »Lasche Kontrolle«, Die Zeit, 26.03.2009. 138 »›Wir werden wieder zu kämpfen haben‹«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2009. 139 »Ballerei auf großer Bühne«, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2009. 140 »›Ohne Disziplin geht nichts‹«, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2009. SChULD: SYMBOLE DES BÖSEN UND RITUALE DER REINIGUNG 245 verschiedensten Disziplinen und Theorierichtungen Eingang gefunden.141 Für Aristoteles ist die Nachahmung (mimesis) ein »Teil des dem Menschen von seiner Natur her eigentümlichen Verhaltens, und zwar von Kindheit an« (Poetik, 1448b, 6–7). Die Fähigkeit zur Nachahmung ist dabei nicht nur als anthropologische Konstante von großer Bedeutung, sie kommt auch als Methode in der Kunst zur Anwendung. So ahmt beispielsweise die Tragödie nach Aristoteles eher überlegene Charaktere nach, während sich die Komödie mehr den unterlegenen zuwendet. Generell ist es möglich, sich über das künstlerische Abbild auch Schreckliches, »wie zum Beispiel die Gestalten abscheulichster Kreaturen und toter Körper« mit wohligem Schauer anzueignen, die uns in der Realität mit Ekel und Widerwillen erfüllen würden (Poetik, 1448b, 13–14). Die Tragödie erfüllt hier eine besondere Funktion. Das Publikum, das das Leben und Leiden der Akteure, ihre Verfehlungen und Emotionen genauso durchlebt, erfährt dadurch selbst eine moralische Katharsis: »Durch Mitleid und Furcht bewirkt sie eine Reinigung eben dieser Gefühle« (Poetik, 1449b, 29–30). Übertragen auf den Diskurs um mögliche Ursachen von Amokläufen finden sich diese beiden Pole wieder. Entweder wird dem Schießsport oder dem Konsum von medialer Gewalt eine reinigende Wirkung attestiert – frei nach dem Motto: wer sich auf diese Art und Weise abreagiert, brauche dies in der realen Welt nicht mehr zu tun –, oder aber die fiktive Abbildung und Nachahmung von Gewalt führt zur Ausübung von realer Gewalt. Diese Angst ist freilich keineswegs neu. Die Problematik der Nachahmung von medialen Inhalten ist so alt wie die Medien selbst. Die Selbstmorde, die sich im Kontext der Erscheinung von Goethes Werk Die Leiden des jungen Werther häuften, galten lange als »radikalste Form der Medienwirkung überhaupt« (Andree 2006: 16) und sie sind auch heute noch unter dem Begriff des Werther-Effektes bekannt.142 Aber nicht nur in fiktiven Medien wird diese Gefahr gesehen. Durch die Medienberichterstattung können Amokläufer ›Vorbilder‹ und zum Gegenstand von heroenverehrung werden, was sich in einem vermehrten Auftreten von Trittbrettfahrern und Nachahmungstätern in den Wochen und Monaten kurz nach einem Amoklauf zeigt. 141 Für die Soziologie ist hier beispielsweise Gabriel Tardes Werk über Die Gesetze der Nachahmung (2009) zu nennen. 142 Goethe selbst nahm zu den Vorwürfen in Dichtung und Wahrheit Stellung: »Wie ich mich nun aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen; und was hier im Anfang unter wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum und dieses Büchlein, was mir so viel genützt hatte, ward als höchst schädlich verrufen« (Goethe 1988: 589 f.). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 246 Man kann festhalten: In der Diskussion um Jörg K., ›Killerspiele‹ und Schützenvereine geht es auf einer manifesten Ebene um die Feststellung von tatsächlicher Schuld. Auf einer latenten Ebene greifen klassische Sündenbock-Mechanismen, die für die Selbstreinigung der Gesellschaft von der verunreinigenden Gewalt sorgen. Dabei ist nicht gesagt, dass Computerspiele tatsächlich keinen Einfluss haben oder Jörg K. die Waffe nicht doch hätte sicherer verwahren müssen, aber für die solidarische Kraft der Ausstoßung und Verfolgung reichen eine Vergegenständlichung des vermeintlich Bösen und die Unterstellung von Kausalität aus. Es geht um ein Bedürfnis nach Eindeutigkeit in Zeiten der Unsicherheit, nach handlungen in Zeiten der hilflosigkeit, nach Antworten in Zeiten der Fragen, nach Schuldigen in Zeiten der Katastrophe, nach Bestrafung in Zeiten des öffentlichen Zorns, nach Prävention in hinblick auf eine ungewisse Zukunft. 247 10 Krise: Soziales Versagen und Enthymeme der guten Gesellschaft Im vorangegangenen Kapitel wurden die relativ konkreten Schuldzuweisungen erörtert, die für die kollektive Bewältigung von Amokläufen eine wichtige Rolle spielen. Waffen, »Killerspiele« oder der Vater des Amokläufers von Winnenden werden zu Symbolen des ›Bösen‹, denen eine konkrete Verantwortung für die Tat attestiert wird und die deshalb auch konkreten Sanktionen ausgesetzt sind (Verbieten, Regulieren, Einsperren etc.). Von dieser »Feindsemantik« (Giesen 2014a: 194) unterscheidet sich die »Krisensemantik«, die gerade nicht auf Eindeutigkeit, sondern auf Ungefährem beruht: Krisenbewusstsein entsteht »in einer temporalen Zwischenlage, in der eine besondere Verbindung von Wissen und Nicht-Wissen vorausgesetzt wird« (Giesen 2014a: 193). Es besteht eine vage Ahnung ob der Gefahren, Risiken und Fehlentwicklungen, wann und in welcher Form diese sich jedoch in konkreten Katastrophen manifestieren, ist ungewiss. So gibt es diskursive Schauplätze, die sehr diffus und allgemein angelegt sind, die aber dennoch im Zusammenhang mit Amokläufen diskutiert werden: die Bereiche Schule, Familie und Werte. Sie verweisen auf zentrale Aspekte des kollektiven Selbstverständnisses von Gesellschaften. Die angesprochenen Akteure (Lehrer, Eltern, deutsche Staatsbürger) sind zwar prinzipiell adressierbar, aber nicht konkret genug, um Sündenbock- Mechanismen in Gang zu setzen. Deshalb kann man auf Missstände hinweisen, Veränderungen und Verantwortungen einfordern, ohne dass sich einzelne Personen oder Gruppen ganz direkt angesprochen und angegriffen fühlen müssen. Die häufig beschworene ›Kultur des hinschauens‹ ist ein solcher semantischer Platzhalter, der alle drei Bereiche gleichzeitig abdeckt und Verantwortung gleichermaßen zuschreibt und diffundiert. Es entsteht ein moralischer Diskurs, der über die eigentlich vorausgesetzte »mittlere Distanz« (vgl. Giesen 2014b: 107 ff.) hinausgeht. Weder uns persönlich nahe stehende Personen noch die Gesellschaft werden im Allgemeinen mit hoher Intensität moralisch be- und verurteilt. Dass die Deutschen diese und jene schlechte Angewohnheit haben wird nur die wenigsten tatsächlich erzürnen, da man sich leicht hinter dem Ungefähren des ›Man‹ verbergen und sich als Ausnahme betrachten kann. Im Falle von gewonnenen Weltmeisterschaften schließt man sich dem kollektiven ›Wir‹ an, bei kollektivem Versagen beschreibt ›Man‹ die Anderen. Martin heidegger schreibt in Sein und Zeit (1979): »Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 248 sich gleichsam leisten, daß ›man‹ sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man ›war‹ es immer und doch kann gesagt werden, ›keiner‹ ist es gewesen.« (heidegger 1979: 127) Dieses diffuse soziale Versagen von Schule (10.1) sowie Familie und Gesellschaft (10.2) wird im Folgenden erörtert. Im Unterschied zu den Diskursfeldern, die sich über die Kategorie der ›Schuld‹ beschreiben lassen, lässt sich folgende These formulieren: Während die Diskussion um Waffen und fiktionale Gewalt Solidarität über die Exklusion von »Sündenböcken« generiert und einen Überschuss (an Gewalt, Waffen etc.) problematisiert, geht es in der Debatte um Schule, Familie und Gesellschaft um Fragen der Integration und die Beseitigung eines Mangels (an Erziehung, Werten, ›Kultur‹). Was allerdings genau an die Stelle des Mangels treten soll, bleibt in der Regel unbestimmt. Fragt man nach der sozialen Funktion dieser Debatten für die Gesellschaft, spielt dieses vermeintliche Defizit wiederum keine Rolle, im Gegenteil. Genauso wie es bei der Frage nach der Schuld und Unschuld von Computerspielen und Schützenvereinen aus kultursoziologischer Perspektive letztlich nicht um die ›Wahrheit‹, sondern um die Generierung von Solidarität über Zuschreibungsprozesse geht, zeigt sich in der Debatte um Schule, Familie und Werte die Integration der Gesellschaft über eine konstitutive Leerstelle (vgl. auch Giesen und Seyfert 2013). 10.1 Schulkultur und Bildungspolitik Die verstärkte Thematisierung von Schulen nach Amokläufen scheint zunächst banale Gründe zu haben. Zum einen sind die meisten Amokläufer selbst Schüler, zum anderen gehören zu ihren Opfern vornehmlich Lehrer und Mitschüler, weshalb Amokläufe auch oft als »schwere zielgerichtete Gewalt an Schulen« bezeichnet werden.1 Interessanter aber sind die Bedeutungen und Erwartungen, die mit der Institution Schule verknüpft sind und die nach Amokläufen expliziert werden. 10.1.1 Schulen als Brennpunkte der Gesellschaft Als entscheidende Sozialisationsinstanzen sind Schulen weit mehr als bloße Bildungseinrichtungen, in denen Wissen vermittelt, abgefragt und 1 Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die Eigenschaft »zielgerichtet« nur bedingt zutrifft, da zwar die Orte gezielt gewählt werden, nicht aber die Opfer (vgl. 2.4). KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 249 zertifiziert wird. Sie befinden sich »im Zentrum der Gesellschaft«2 und gelten als »Enklave der humanität.«3 Umso verstörender ist es deshalb, dass »eine solche Mordtat gerade an einer Schule geschehen ist.«4 Die Institution Schule wird damit zu einem ›Brennpunkt‹ von Gesellschaft im doppelten Sinne: Erstens wird sie Opfer von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, denn »fast alles Übel, unter dem diese leidet, befällt auch die Schulen.«5 Die Schule ist seit jeher »ein Problemfeld, das wohl am bedrängendsten die Spannungen, Konflikte und Defizite einer Gesellschaft spiegelt.«6 Sie wird zu einem Prisma, durch welches man die gesellschaftlichen Verhältnisse beobachten und den Puls des Gemeinwesens fühlen kann. Zweitens wird die Schule als Generator und Mikrokosmos verstanden, in dem Gesellschaft stattfindet und maßgeblich ›produziert‹ wird. Damit wird der Schule ein weitaus höheres Maß an Verantwortung in Bezug auf Gewaltereignisse, die sich im schulischen Kontext abspielen, zugeschrieben. Wenn man davon ausgeht, »dass die Schule den ganzen Menschen fordert und formen will«, so ist es kein Zufall, wenn »dann auch sie verantwortlich gemacht wird, wo das scheitert.« 7 Es entsteht eine zyklische Argumentation: Schulen werden Opfer einer Gewalt, die aus der Mitte der Gesellschaft stammt, für die sie gleichzeitig stehen. Bei beiden Perspektiven wird die radikale Devianz des Täters mit dem institutionellen Versagen synchronisiert und beide werden wechselseitig füreinander symptomatisch. Insbesondere nach Erfurt und dem Schulverweis von Robert Steinhäuser wird die Schule zu einem zentralen Moment in der Polyphonie der Erklärungen: In der Tat »kristallisiert sich etwas, was in viel geringerer Form Alltag ist«8, sie sagt »vielleicht mehr über die deutsche Schulwirklichkeit aus, als Lehrer, Politiker und Eltern wahrhaben wollen.«9 Der Amoklauf gibt Anlass dazu, über allgemeine Fehlentwicklungen im Kontext Schule nachzudenken – auch ohne direkte Kausalitäten zwischen Ereignis und sozialem Versagen. Jeder Amoklauf wird in die allgemeine Problematik der Gewalt an Schulen eingereiht und als besonders tragisches Exempel einer Besorgnis erregenden Entwicklung angeführt. Auch wenn die Menge an Artikeln, in denen eine Zunahme der Quantität und Qualität von Gewalt an Schulen angenommen wird, überwiegt, bleibt das Feld unübersichtlich. Glaubt man den verschiedenen zitierten Studien, so hat die Gewalt an Schulen gleichzeitig zugenommen und nicht zugenommen. Während der 2 »Die verletzliche Schule«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 3 »Die Schule und das krumme holz«, Die Welt, 07.05.2002. 4 »Die Schule und das krumme holz«, Die Welt, 07.05.2002. 5 »Die verletzliche Schule«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. 6 »›Bis zur Rohheit wild und ungebärdet‹«, Die Welt, 04.07.2003. 7 »Die Schule und das krumme holz«, Die Welt, 07.05.2002. 8 »›Ein Verlust von Regeln und Grenzen‹«, Die Welt, 29.04.2002. 9 »Zwischen Erfurt und Pisa«, Die Zeit, 02.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 250 Spiegel eine Studie vom Magazin für die Polizei zitiert, die davon ausgeht, »dass von einer generellen Zunahme der Gewalt an Schulen nicht gesprochen werden könne«10, beruft sich die Welt nur ein paar Monate später auf eine Studie der Bruderhilfe Familienfürsorge, deren Ergebnis es ist, dass das »Ausmaß von Gewalt an deutschen Schulen […] nach Ansicht von Lehrern und Eltern in den vergangenen zwei bis drei Jahren deutlich zugenommen [hat].«11 Diese Gegenüberstellung hat jedoch nur einen illustrativen Zweck. Es geht an dieser Stelle nicht darum zu klären, ob die Gewalt selbst oder vielleicht nur die Sensibilität zugenommen hat oder welche Gewaltbegriff den Studien eigentlich zugrunde liegt.12 Interessanter ist vielmehr, dass Amokläufe in bereits bestehende Debatten über Jugendgewalt oder Gewalt an Schulen eingebettet werden, obwohl viele Täternarrative daraus nur wenige Rückschlüsse zulassen. Die wenigsten Täter entsprechen dem Bild eines gewalterleidenden oder gewaltausübenden Schülers. Die Debatte um Schulgewalt dient vornehmlich der kommunikativen Anschlussfähigkeit von Amokläufen und der Einordnung eines vermeintlich ›sinnlosen‹ Geschehens.13 10.1.2 Pisa, Schulsysteme und Bildungspolitik Nach dem Amoklauf von Robert Steinhäuser werden ›Erfurt‹ und ›PISA‹ zu Schlagworten für ein systemisches Versagen von Schulen und der deutschen Bildungspolitik. Beide Themen liegen zeitlich nah beieinander und verstärken sich deshalb gegenseitig: »›Nach Erfurt‹ ist neben ›nach PISA‹ das zweite Trauma des deutschen Schulsystems.«14 Der Diskurs ist deshalb so intensiv, weil bei Robert Steinhäuser – im Gegensatz zu Tim Kretschmer – das Narrativ des gescheiterten Schülers, der Rache an der Schule nimmt, von zentraler Bedeutung für die Erklärung der Tat ist. Als hintergrund für die vermeintliche ›Rache‹ gilt ein Schulverweis wegen mehrmaligen Schwänzens und dem Fälschen von Attesten. Weil der Ausschluss-Antrag nicht von der Lehrerkonferenz beschlossen wird wie es das Schulgesetz fordert, gerät das Gutenberg-Gymnasium 10 »Kampf mit harten Bandagen«, Der Spiegel, 06.05.2002. 11 »Studie: Gewalt an Schulen hat deutlich zugenommen«, Die Welt, 12.09.2002. 12 Wer Gewalt beispielsweise nicht nur physisch definiert, sondern auch Drohungen und Beleidigung als ›verbale Gewalt‹ einstuft, wird vermutlich zu weitaus düsteren Ergebnissen kommen. 13 Allerdings finden sich in der Berichterstattung auch einige Artikel, die sich vornehmlich mit Gewalt an Schulen beschäftigen und die Erfurt oder Winnenden lediglich am Ende oder am Schluss erwähnen. Die (unterstellte) Wahlverwandtschaft zwischen Amok und ganz unterschiedlichen Themen – Gewalt, Bildung, Werte etc. – garantiert und stärkt die Dringlichkeit des eigenen Standpunktes. 14 »Viel zugemutet«, Süddeutsche Zeitung, 04.06.2002. KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 251 selbst in die Kritik: »Die Schule machte Robert ein Angebot zum Verlassen der Bildungseinrichtung, das dieser nicht ablehnen konnte. So gelang es, räumt ein Lehrer freimütig ein, den lernfaulen Schüler ›unbürokratisch‹ loszuwerden.«15 Da Robert Steinhäuser bereits volljährig ist, werden seine Eltern nicht benachrichtig. Er wird nicht zum Abitur zugelassen und muss – aufgrund des besonderen Schulgesetzes von Thüringen – die Schule ohne jedweden Abschluss verlassen (vgl. 8.3.1). Zwischen schulischem Versagen – des Schülers und der Institution – und der Gewalt wird deshalb ein Zusammenhang vermutet. Auf der Suche nach »Rezepte[n] gegen den Gewaltvirus« schreibt die Süddeutsche Zeitung: »Pisa und jetzt Erfurt zwingen uns dazu, über den Wert von Bildung und Erziehung nachzudenken.«16 Obwohl die Diskussion um das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland keineswegs neu ist, manifestiert sich im gescheiterten und exkludierten Schüler von Erfurt das tragische Nebenprodukt einer von vielen als ungerecht empfundenen Selektion: »Der Thüringer Amoklauf ist ein Einzelfall – und stellt doch das selektive Schulsystem in Frage.«17 Zwei Änderungen des Thüringer Schulgesetzes lassen sich unmittelbar auf den Amoklauf zurückführen: Zum einen sollen, wie in den meisten anderen Bundesländern auch, die »Thüringer Gymnasiasten am Ende der 10. Klasse einen Schulabschluss erhalten«, zum anderen »werden künftig auch die Eltern eines volljährigen Schülers bei schweren Verstößen gegen die Schulordnung benachrichtigt, falls ihr Sprössling dem nicht ausdrücklich widersprochen hat.«18 Nach Erfurt wurde dieses Gesetz auch in Bayern »als Konsequenz aus dem Amoklauf von Erfurt«19 geändert. Mit der Kritik am selektiven Schulsystem geht die Problematisierung des Leistungsdrucks, der auf den Schülern lastet, einher. Auf die Frage des Spiegels, ob »›wir über Leistung in der Schule generell neu nachdenken [müssen]‹«, antwortet Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn von der SPD: »›Ja. Leistung wird zu oft über Druck erzeugt. Wir brauchen ein lernfreundlicheres Klima, in dem Jugendliche von sich aus Leistung erbringen.‹«20 Der Leistungsdruck in und durch die Schule erscheint sogar als Form der Gewalt, die zu Gewalt gegen die Schule führen kann. »Offenbar steckt in der Institution Schule eine strukturelle Gewalt«, so der Berliner Bildungsforscher Wolfgang Edelstein, »die in extremen Fällen eine irrationale gewaltsame Reaktion hervorruft.«21 Dieses Thema wird nach Winnenden wieder aufgegriffen, obwohl das 15 »›Nachhaltig gestört‹«, Der Spiegel, 13.05.2002. 16 »Rezepte gegen den Gewaltvirus«, Süddeutsche Zeitung, 10.05.2002. 17 »Zwischen Erfurt und Pisa«, Die Zeit, 02.05.2002. 18 »Gesetze gegen die Angst«, Die Zeit, 24.04.2003. 19 »Schulgesetz in Bayern wegen Erfurt geändert«, Süddeutsche Zeitung, 05.06.2002. 20 »›Lernfreundliches Klima‹«, Der Spiegel, 06.05.2002. 21 »›Unsere Schule ruft Gegengewalt hervor‹«, Die Zeit, 09.05.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 252 Narrativ des gescheiterten Schülers bei Tim Kretschmer nicht im Vordergrund steht. Bei einer Gedenkfeier von Schülerinnen und Schülern in München »machten die Schüler vor allem den Leistungsdruck und die Selektion im Bildungssystem dafür verantwortlich, dass junge Leute wie Tim K. als einzigen Ausweg das Morden sehen.«22 Pädagoge und Psychoanalytiker Kurt Singer verallgemeinert diesen Zusammenhang zwischen Leistungsdruck und dem Griff zur Gewalt: »›Alle Amokläufer‹, sagt Singer, ›waren gescheiterte Schüler. In unserer Schule herrscht das Prinzip Scheitern vom Anfang bis zum Abitur.‹«23 Neben strukturellen und bildungspolitischen Aspekten wird auch über die mangelnde Anerkennung der Institution Schule und der Rolle der Lehrer durch die Gesellschaft diskutiert: »Die Lehrer sind – neben und nach den Eltern – die tragenden Säulen der Zivilgesellschaft, die wichtigsten Erwachsenen im Leben von Kindern und Jugendlichen. Sie sind die ersten Menschen, die gegenüber dem Kind die Ansprüche der Gesellschaft formulieren und durchsetzen müssen. Gewalt gegen Lehrer ist Gewalt gegen die Gesellschaft. Ein Anschlag dieses Schreckensausmaßes gegen Lehrer ist ein Anschlag auf die Zivilisation, wie die Selbstmordattentate vom 11. September.«24 Dieses Bild korrespondiert mit der Vorstellung von Schulen als ›Zentren der Gesellschaft‹ (s.o.) und macht deutlich, warum eine breite gesellschaftliche Debatte über Schulen nach Amokläufen notwendig ist. Der Amoklauf meint hier gerade kein Verbrechen, das sich über ein zerrüttetes Verhältnis zwischen sich bekannten Personen erklären lässt – wie z.B. eine Attacke eines Schülers auf einen bestimmten Lehrer aufgrund einer schlechten Zensur –, sondern der Amoklauf richtet sich gegen Funktionsträger und die Institution Schule selbst. Dies macht es notwendig, nicht nur über individuelles Fehlverhalten, sondern auch über systemisches Versagen nachzudenken. Werden Schulen und Lehrer als zentrale Akteure der Gesellschaft begriffen, die die heranwachsenden eben auf jene vorbereiten sollen, scheint eine wechselseitige Bezugnahme zwischen Schule und Gesellschaft notwendig: Während Lehrer »mehr Anerkennung«25 und eine »höhere Wertschätzung«26 seitens der Gesellschaft erfahren sollen, darf ihre Aufgabe gleichzeitig nicht nur auf die Vermittlung von Fachwissen reduziert werden. »Lehrer müssten befähigt werden, nicht nur Wissen zu vermitteln«, so die Politikerin Katrin Göring-Eckardt, »sondern auch Lebenskompetenz. Themen wie Konfliktbewältigung und 22 »Schüler kritisieren Leistungsdruck«, Süddeutsche Zeitung, 25.03.2009. 23 »›In unseren Schulen herrscht das Prinzip Scheitern‹«, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2009. 24 »Eine Blume für die Lehrer«, Die Welt, 04.05.2002. 25 »Clement drängt auf Verbot von Gewaltvideos«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 26 »Was uns die Schule wert ist«, Süddeutsche Zeitung, 02.05.2002. KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 253 Demokratiefähigkeit müssten stärker zu Gegenständen des Unterrichts werden.«27 »Lebenskompetenz« dient hier als semantischer Platzhalter, der ganz unterschiedliche Erwartungen bündelt, die an Schule und Lehrer gestellt werden. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn wählt eine ähnliche Formulierung: »›Das Leben muss in die Schule kommen und die Schule ins Leben.‹«28 Daran anschließen lassen sich Überlegungen zur sogenannten »Schulkultur«, deren »Erneuerung« oft gefordert wird. »Deutschland braucht eine neue Schulkultur«29 heißt es etwa im Spiegel. Meteorologisches Vokabular ist ein weiteres Beispiel für ›leere Signifikanten‹. Bildungsstaatssekretär Thomas härtel (SPD) betont beispielsweise, »dass an den Schulen ein Klima des Vertrauens herrschen müsse, um Aggressions- und Gewaltbereitschaft abzubauen.«30 Schulen sollen ein Ort mit einer »offene[n] Atmosphäre«31 und einem »sozialverträglichen Schulklima«32 sein. Auf diese Rhetorik des Ungefähren wird im Kapitel über die Wertediskussion (11.2.2) sowie im daran anschließenden Fazit (11.3) noch einmal ausführlich eingegangen. 10.1.3 Prävention und Vorsorge Die in theoretischer Perspektive bereits diskutierte Unterscheidung zwischen Prävention und Vorsorge (vgl. 7.4.3) findet sich im empirischen Material insbesondere im Diskursfeld Schule wieder. Während sich Prävention auf Maßnahmen bezieht, die einen Amoklauf bereits im Vorfeld verhindern sollen, geht es bei Vorsorge darum, durch entsprechende Vorkehrungen den Schaden bei einem schon eingetretenen Amoklauf zu minimieren. Zu den Präventionsmaßnahmen gehören etwa das zusätzliche Einstellen von Pädagogen und Psychologen – Streichungen oder Kürzungen solcher Stellen werden dagegen skandalisiert –, das Entwickeln von Deeskalationstrainings und Anti-Gewalt-Programmen sowie das Einsetzen von Vertrauenslehren, -schülern und Streitschlichtern. Weil sich in der Figur des Amokläufers der gescheiterte Schüler und die gescheiterte Schule in besonders tragischer Weise manifestieren, erhalten derartige Vorschläge nach Amokläufen eine besondere Brisanz: »Wie wichtig dies ist, hat auch Erfurt gezeigt.«33 Auch die Lehrer selbst sollen in 27 »›Nur das Waffenrecht ändern reicht nicht‹«, Süddeutsche Zeitung, 13.05.2002. 28 »Pfusch am Kind«, Der Spiegel, 13.05.2002. 29 »Pfusch am Kind«, Der Spiegel, 13.05.2002. 30 »Schweigeminute in allen Klassenzimmern«, Die Welt, 29.04.2002. 31 »Berliner Schüler und Lehrer fassungslos«, Die Welt, 30.04.2002. 32 »Zwischen Erfurt und Pisa«, Die Zeit, 02.05.2002. 33 »Ein Versprechen ohne Folgen«, Süddeutsche Zeitung, 27.09.2002. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 254 »›Gewaltprävention‹ und ›Konfliktmanagement‹«34 ausgebildet werden. Damit ist die hoffnung verbunden, Anzeichen und Warnsignale ›gefährdeter‹ Schüler zu entziffern, um rechtzeitig intervenieren zu können. Weil es sich beim Amokläufer um eine unsichtbare soziale Bedrohung handelt, besteht das hauptproblem darin, bestimmte Risikofaktoren zu identifizieren und sichtbar zu machen (vgl. 7.5). Diese Form der Prävention gipfelt in der Entwicklung von »Checklisten, nach denen Pädagogen bei Gewalt, Mobbing oder Gewaltandrohung vorgehen sollten«35 oder sogar von computergestützten Programmen für »Bedrohungsmanagement, das Lehrern, Schulpsychologen und Polizeibeamten helfen soll, Gewaltdrohungen zu bewerten – und somit auch zu verhindern, dass Kinder unnötig als potentielle Täter stigmatisiert werden.«36 Der ›auffälligen Unauffälligkeit‹ wird mit einem Aufgebot an Typologisierungen und Kategorien der Devianz begegnet, mit denen Lehrer das für Amokläufe konstitutive Nicht-Wissen kompensieren sollen. Aber auch Kinder und Jugendliche müssten »›ganz stark sensibilisiert‹ werden«37 glaubt der bayerische Schulpsychologe hans-Joachim Röthlein. Diese Formen der Prävention setzen eine gewisse homogenität und Verstehbarkeit der Verbrechen, auf die man besser achten soll, voraus. Deshalb ist die kriminalistische Aufarbeitung eines Amoklaufs, die Rekonstruktion von Motiven und durchgesickerten Anzeichen – das sogenannte ›Leaking‹ – so wichtig für die Verhinderung einer Wiederholung: »Die Aufklärung des Verbrechens holt die Tat in den Bereich der verständlichen handlungen zurück« (Giesen et al. 2014c: 92). Trotz aller Bemühungen, die Intransparenz des Verbrechens auszuleuchten, bleibt ein unauflösliches Restrisiko bestehen: »Es gebe keine hundertprozentige Sicherheit, warnte auch SPD-Chef Franz Müntefering: ›Es wird immer wieder Menschen geben, die aus der Spur kommen und gewalttätig werden.‹«38 Auch mit Pädagogik und Anti-Gewalt-Projekten lässt sich eine »›Wahnsinnstat‹«39 nicht verhindern, so Eva-Maria Volland, Pressesprecherin des Schulreferats München. Diese Äußerungen stehen der Prämisse des verstehbaren Verbrechens entgegen. Der Amokläufer wird pathologisiert, dem Bereich der Vernunft vollständig entzogen und wird damit zum ganz Anderen, der sich nicht mehr integrieren lässt. An diesem Antagonismus wird ersichtlich, was bereits an anderer Stelle thematisiert wurde: Der Amoklauf gilt sowohl als ›grundloses‹ wie auch als ›verstehbares‹ Verbrechen (vgl. 8.1.2). Dies hat für die betroffene Gesellschaft eine doppelte Ent- 34 »Behörde will Waffenverbot an Schulen ins Gesetz schreiben«, Die Welt, 02.07.2002. 35 »Studie: Gewalt an Schulen hat deutlich zugenommen«, Die Welt, 12.11.2002. 36 »Unwillig und überfordert«, Der Spiegel, 26.11.2007. 37 »Kurzes Erwachen«, Der Spiegel, 28.10.2002. 38 »›Kein Gesetz hätte diesen Amoklauf verhindern können‹«, Die Welt, 13.03.2009. 39 »Wehrlos gegen Wahnsinn«, Süddeutsche Zeitung, 27.04.2002. KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 255 lastungsfunktion: Man kann Präventionsstrategien erarbeiten und sich im Falle ihres Scheiterns gegebenenfalls darauf berufen, dass es letztlich doch nicht in der Macht – der Schule, der Eltern, der Freunde – lag, die schicksalshafte und damit unabwendbare Katastrophe abzuwehren. Tritt die Katastrophe trotz aller präventiven Anstrengungen doch ein, sollen Maßnahmen der Vorsorge greifen: Notfallknöpfe, von innen leichter verschließbare Türen und ein besonders geschultes Polizeipersonal sollen das Ausmaß eindämmen. Insbesondere bei der Polizei lässt sich seit Erfurt eine Veränderung beobachten. Während der Erfurter Amokläufer noch als Geiselnehmer behandelt und eine Verhandlung mit ihm angestrebt wurde, sind die Beamten nun dazu angehalten, den Täter schnellstmöglich zu stoppen und sich auch erst danach um mögliche Opfer zu kümmern. Einen weiteren Überblick über mögliche Vorsorgemaßnahmen bietet die Forderung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst: »Der von den Schulrektoren in Zusammenarbeit mit den Eltern, den Sach- und Schulaufwandsträgern, der Polizei, Feuerwehr, der Rettungsdienste und des Jugendamtes auszuarbeitende Sicherheitsplan – der später bei allen beteiligten Stellen deponiert werden soll – umfasst nahezu alle Bereiche. Er soll die Frage der Zuständigkeiten in und außerhalb der Schule geregelt haben, Evakuierungsmaßnahmen und Sammelplätze in und außerhalb des Schulbereichs festlegen, Fragen der Benachrichtigung von Eltern ebenso beantworten wie die Koordination der Elternbetreuung. Notfallkoordination und Alarmierung sind genauso enthalten wie Regelungen, nach denen die Kinder abgeholt werden sollen. ›Darüber hinaus sollten auch Fragen der baulichen, technischen und aufsichtlichen Maßnahmen geklärt werden‹, verlangt das Ministerium.«40 An dieser Debatte wird deutlich, dass der Amoklauf als feste Größe und wahrscheinliches Risiko fest in den Erwartungshorizont der Gesellschaft integriert ist. Während nach Erfurt vor allem Forderungen und Möglichkeiten diskutiert wurden, kommen nach Winnenden schon erste Bewertungen hinzu. Eine pessimistische Einschätzung bezüglich des Erfolgs von Prävention und Vorsorge stammt von der Welt: »In der Albertville-Realschule in Winnenden hatten solche Trainings stattgefunden – genutzt hat es nicht. Für den Ernstfall war sogar ein Code vereinbart, mit dem per Lautsprecher vor einem Amokläufer gewarnt werden sollte: ›Frau Koma kommt‹ hieß die Losung, mit dem rückwärts gelesenen Wort Amok (›Koma‹) als zentraler Botschaft. Doch zum Absetzen des Notrufs kam es nicht mehr.«41 40 »Ministerium verlangt Sicherheitskonzept gegen Amokläufer«, Süddeutsche Zeitung, 02.07.2002. 41 »›Frau Koma kommt!‹«, Die Welt, 13.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 256 Die Diskussion um Prävention und Vorsorge bleibt deswegen in einem unauflöslichen Spannungsverhältnis zwischen der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Erkennung und Verhinderung eines erwartbaren und doch vollständig kontingenten Gewaltereignisses. Der Vergleich der Berichterstattung über beide Amokläufe zeigt, dass es deutliche Unterschiede in der Relevanz des Themas ›Schule‹ nach Erfurt und nach Winnenden gibt. So beschäftigen sich im Jahr 2002 dreimal so viele Artikel mit dem Thema wie im Jahr 2009. Dies ist vor allem auf das vorrangige Täternarrativ zurückzuführen: Robert Steinhäuser gilt als gescheiterter Schüler, der von der Schule verwiesen wird, während Tim Kretschmer zwar kein Musterschüler war, seine Leistungen aber auch nicht über Gebühr problematisiert wurden. Auf drei Ebenen ist die Institution Schule nach Erfurt zentral. Erstens steht das Gutenberg- Gymnasium selbst in der Kritik, beim Verweis von Robert Steinhäuser das Schulgesetz missachtet zu haben. Zweitens wird über das Thüringer Schulgesetz debattiert, das es bis zum Amoklauf von Erfurt nicht vorsah, beim Scheitern am Abitur zumindest einen Realschulabschluss anzuerkennen. Drittens steht das gesamtdeutsche Bildungssystem in der Diskussion, da sich die Debatten um Erfurt und die schlechten Pisa-Ergebnisse vermischen und verstärken. Nach Winnenden vermengt sich dagegen das Diskursfeld ›Schule‹ mit dem sehr präsenten Thema ›Waffen‹, indem beispielsweise über Sicherheit an Schulen diskutiert wird und geplante oder vorhandene Schießstätten an Schulen skandalisiert werden. 10.2 Familie und Werte Das zweite große Diskursfeld, das der Kategorie des sozialen Versagens zugeordnet werden kann, umfasst die Debatte um ›Familie und Werte‹. Wie beim Themenfeld ›Schule‹ geht es in Bezug auf ›Familie‹ sowohl um die konkreten Familien der Täter wie auch um die Institution Familie allgemein. Die Diskussion um Werte thematisiert dagegen ausschließlich die moralische Verfassung der gesamten Gesellschaft und stellt Fragen nach der kollektiven Identität. 10.2.1 Eltern und Familie Der Diskurs um Familien- und Elternversagen in der Folge von Amokläufen wirft interessante Fragen auf. Man kann sich zum Beispiel fragen, warum dies überhaupt zum Problem wird, da die Täter von Erfurt (Robert Steinhäuser, 19) und Winnenden (Tim Kretschmer, 17) entweder schon volljährig waren oder zumindest nicht mehr als Kinder zu KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 257 bezeichnen sind. Wann werden Eltern aus der Verantwortung entlassen, für ihre Kinder bei Vergehen zu haften? Dies hängt offensichtlich nicht nur mit dem Alter der Täter zusammen. Vermutlich würde ein 19-jähriger Täter, der bereits in einer eigenen Wohnung wohnt, seinen Lebensunterhalt selbstständig bestreitet und seit Jahren eine Ausbildung absolviert, keine derartige Debatte nach sich ziehen. Die Amokläufer von Erfurt und Winnenden jedoch wohnten noch bei ihren Eltern und gingen noch zur Schule, die als Institution selbst zum Opfer wurde. Schüler als Täter verweisen auf die komplementären Rollen ›Lehrer‹ und ›Eltern‹ – und werfen deshalb Fragen nach Verantwortung und Versagen auf. Die Debatte um Familie und Eltern impliziert zudem ein bestimmtes Täternarrativ: Die Amokläufer sind keine autonomen Gewaltsubjekte, sondern ›Produkt‹ einer gescheiterten Sozialisation. Im Diskurs um famili- äres Versagen lassen sich vor allem zwei Kategorien unterscheiden: Die erste bezieht sich auf die konkreten Familien der Amokläufer, die zweite auf Familie als gesamtgesellschaftliche Institution. Das Versagen der Eltern der Amokläufer äußert sich in zweierlei hinsicht: Es geht einerseits um nicht erkannte Anzeichen lange vor der Tat, die die Eltern hätten misstrauisch werden lassen müssen und andererseits um die Verhinderung des Amoklaufs am Tag des Verbrechens selbst. Die Rekonstruktion des 26. April 2002 macht derartige Signale zumindest retrospektiv sichtbar: »Dann suchte Robert seine Jacke, die schwarze, und als er sie nicht fand und in der Waschmaschine vermutete, brüllte er herum. Der stille Robert. hätten die Eltern solche Kleinigkeiten als Zeichen deuten, hätten sie Verdacht schöpfen können? Oder müssen?«42 Andere Stimmen vermuten die Ursache der Katastrophe insgesamt darin, dass die Eltern ihren Sohn »nicht mehr erreichten und irgendwann aufgaben.«43 Die Schuld, die Tat nicht geahnt und verhindert und die Schuld, sie durch die vermeintliche Vernachlässigung überhaupt erst ermöglicht zu haben, fließen in diesem Beispiel ineinander. Das Narrativ der versagenden Familie im Kontext von Winnenden ist komplizierter. Was die im Schlafzimmerschrank der Eltern nicht ordnungsgemäß verwahrte Waffe betrifft (vgl. 9.1), scheint der Fall klar: »Nicht das Waffenrecht hat also versagt, sondern die Eltern.«44 Dies betrifft jedoch nur die vereinfachte Möglichkeit, das Verbrechen durchzuführen. Schwieriger wird es, aus der ›normalen‹, gut situierten und in die Gemeinschaft integrierten Familie, in der der Vater ein erfolgreicher Unternehmer ist, Ursachen für die Tat selbst abzuleiten. Die Zeit zitiert in ihrem Artikel »Das letzte Spiel« Klassenkameraden und Vereinskollegen aus dem Tischtennis-Klub, die von einem überehrgeizigen Vater und einem Sohn sprechen, 42 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 43 »Das Spiel seines Lebens«, Der Spiegel, 06.05.2002. 44 »Verschärfung des Waffenrechts beschlossen«, Die Welt, 28.05.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 258 der dessen Erwartungen nicht gerecht werden konnte.45 Wieder kann es an dieser Stelle nicht um die Frage der ›Wahrheit‹ gehen. Interessant ist vielmehr, dass offensichtlich nicht nur ein ›zu wenig‹ an Erziehung, sondern auch ein überambitioniertes Verhalten des Vaters problematisiert wird. Weitgehende Einigkeit besteht darin, dass die Eltern etwas hätten bemerken müssen: »Zwar hätten die Eltern von Tim K. den konkreten Amoklauf kaum voraussehen können. Doch offensichtlich scheint, dass sie die Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes über Monate hinweg ignoriert haben.«46 Vor allem aus der Perspektive der Opfer stellt sich darüber hinaus sogar die Frage nach der rechtlichen Verantwortung: »›Die Eltern sind im juristischen Sinne mitverantwortlich für die Tat. Das Gutachten zeigt, sie hätten wissen müssen, dass Tim gefährlich ist‹, sagt der Anwalt der Opferfamilien, Jens Rabe.«47 hier zeigt sich deutlich, wie diejenigen Personen, die sich in raum-zeitlicher und sozialer Nähe zum Verbrechen aufhalten, in einen Bannkreis der frei flottierenden Schuld geraten und diese geradezu magnetisch anziehen. häufiger als über die konkreten Familien48 wird jedoch über die Familie als gesellschaftliche Institution diskutiert. Genauso wie sich an den Schulen der Gesundheitszustand der Gesellschaft ablesen lässt (s.o.), wird die Familie als Fundament des Sozialen schlechthin betrachtet: »Weil die Familie so immens wichtig ist für die Qualität unserer Gesellschaft, ist es ein Appell an alle: Mut zu den Grundwerten unserer Verfassung, Mut zu Erziehung, zu Regeln und zu Maßstäben, die den Menschen Sicherheit und unserer Gesellschaft inneren Zusammenhalt geben.«49 Die Kausalität, mit der familiäres Versagen und Amokläufe verbunden scheinen, wird verallgemeinert und in einen gesamtgesellschaftlichen Bezugsrahmen gestellt. »Die Kette des Versagens beginnt bei den Eltern«50 heißt es nach Erfurt im Spiegel oder »Wo die Familie versagt, helfen weder die besten Schulen noch die strengsten Gesetze«51 in der Zeit. Auch sieben Jahre später müssen laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung die »Ursachen für Amokläufe […] in der Familie gesucht werden.«52 Das familiäre ›Versagen‹ kann sich auf unterschiedliche Aspekte beziehen. In quantitativer hinsicht wird der Mangel an Erziehung als Mangel an Zeit, die für die Kinder investiert wird, verstanden: »Erziehung braucht Geduld und Zeit. Die haben deutsche Eltern offenbar kaum 45 »Das letzte Spiel«, Die Zeit, 19.03.2009. 46 »›So eine Wut, so ein hass‹«, Der Spiegel, 14.09.2009. 47 »Winnenden-Täter brauchte hilfe«, Süddeutsche Zeitung, 09.09.2009. 48 Eine Ausnahme bildet die Debatte um die Schuld von Jörg Kretschmer, dem Vater des Amokläufers von Winnenden (vgl. 9.1). 49 »Erziehung ist, wo Familien sind«, Die Welt, 29.05.2002. 50 »Statt Frühstück Tom und Jerry«, Der Spiegel, 10.06.2002. 51 »Er kam nicht vom anderen Stern«, Die Zeit, 02.05.2002. 52 »Orte der Kränkung«, Süddeutsche Zeitung, 04.04.2009. KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 259 noch.«53 Die »Familien zerfallen«54, sie »versag[en] zusehends, und an ihre Stelle treten Schlüsselkinder, die sich unbeaufsichtigt lieber dem Fernsehprogramm widmen als ihren hausaufgaben.«55 Alleinerziehende Mütter, zu viel arbeitende Väter und generell das zerbrochene »Mutter-Vater-Kind-Modell« führen häufig zu »einer seelischen Verwahrlosung vieler Kinder.«56 Neben dem Appell an die Eltern, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, sollen andere Sozialisationsinstanzen gestärkt werden, um die Defizite der Familien auszugleichen. So soll beispielsweise mit »Ganztagsschulen gegen Elternversagen«57 vorgegangen werden. Der Mangel an Erziehung kann aber auch in qualitativer hinsicht verstanden werden. So muss laut dem Vorsitzenden der CDU-Wertekommission Christoph Böhr in den Familien zur »›Gesprächskultur‹ zurückgefunden werden«58 und heiner hellmann vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen rät Eltern, »sich den Kindern positiv zuzuwenden. ›Ich würde mir wünschen, dass es so etwas wie einen Führerschein für Eltern gibt.‹«59 Erziehung wird damit zum gesellschaftlichen Auftrag und die Eltern zu einer Institution, die ›man‹ verbessern muss: »Da ginge es, außerdem, um die Bereitschaft zur Einmischung: Nichts gilt heute als schlimmer, als Eltern für ihren Erziehungsstil zu kritisieren. Aber genau das müssten wir tun: es manchen Eltern nicht durchgehen lassen, dass ihre Kinder andere quälen. Und diejenigen ansprechen, die ihre Kinder niemals loben.«60 Werden junge Menschen »›erzieherisch schwach versorg‹«, so der Erziehungswissenschaftler Peter Struck, »›können sie über innere Not und Ausweglosigkeit zu tickenden Zeitbomben werden.‹«61 Anders als bei der Quantität ist es bei der Qualität der Erziehung und Betreuung nur bedingt möglich, andere Sozialisationsinstanzen mit in die Verantwortung zu nehmen: »Die Schule kann die emotionale Stabilität, die eine Familie bieten sollte, nicht ersetzen.«62 Eltern haften für ihre Kinder – nicht nur auf Baustellen, sondern auch im Falle von Amokläufen. Drei Aspekte dieser ›haftung‹ können unterschieden werden: 1. Das pädagogische Versagen der Eltern der Amokläufer, das sich entweder über zu viel oder zu wenig Engagement äußert, führt dazu, dass es überhaupt zu einem Amoklauf kommt. Der Täter ist 53 »Statt Frühstück Tom und Jerry«, Der Spiegel, 10.06.2002. 54 »Er kam nicht vom anderen Stern«, Die Zeit, 02.05.2002. 55 »Statt Frühstück Tom und Jerry«, Der Spiegel, 10.06.2002. 56 »Statt Frühstück Tom und Jerry«, Der Spiegel, 10.06.2002. 57 »Pfusch am Kind«, Der Spiegel, 13.05.2002. 58 »CDU will nach Erfurt Wertediskussion neu beleben«, Die Welt, 21.05.2002. 59 »Niedersachsen ist Schlusslicht bei Schulpsychologen«, Die Welt, 16.03.2009. 60 »Sekunden der Stille«, Die Zeit, 26.03.2009. 61 »Lange prüft Sicherheit an Schulen«, Die Welt, 29.04.2002. 62 »Die verletzliche Schule«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 260 dann kein autonomes Gewaltsubjekt, sondern ›Opfer‹ der sozialen Umstände, in denen er lebt. 2. Das familiäre Versagen bezieht sich nicht ursächlich auf den Amoklauf, sondern lediglich auf die verunglückte Verhinderung seiner Durchführung: Die Eltern ›hätten es kommen sehen müssen‹ und haben die Zeichen am Tag der Tat nicht erkannt. Die ›Souveränität‹ des Täters ist hier deutlich größer. 3. Der ›Familie‹ als gesamtgesellschaftliche Institution wird ein Versagen attestiert. Die Gesellschaft muss den Familien und Eltern auf die Finger schauen und sie bei Bedarf kritisieren. Forderungen nach mehr ›erzieherischer Versorgung‹, mehr ›Zuwendung‹ oder einer besseren ›Gesprächskultur‹ sind Beispiele für leere Signifikanten. Die moralische Kommunikation – gewissermaßen von Dritten über Dritte –, die von Anwesenheiten losgelöst ist, erfüllt für Luhmann eine »Erlösungsfunktion«: »Sie erleichtert es, über andere schlecht zu reden, und bewirkt zugleich eine Überschätzung des Guten, eine Überschätzung moralischer Konformität, weil sie die abstrakte, für ›alle anderen‹ geltende Meinung des Guten bestätigt« (Luhmann 2008d: 113). Die These, die bereits angesprochen und in der Zusammenfassung des Kapitels noch einmal pointiert wird, ist, dass es bei dem Diskurs um Eltern und Familie weniger um konkrete Probleme und handlungsanweisungen geht, sondern vielmehr um die moralische Selbstvergewisserung in Zeiten der Krise. 10.2.2 Gesellschaft und Werte Während sich Schule und Familie noch als Institutionen innerhalb der Gesellschaft begreifen lassen, verweist die Wertediskussion nach Amokläufen auf die kollektive Selbstbeschreibungsebene der Gesellschaft als Ganze. Diese ist für eine kultursoziologische Analyse besonders interessant. Obwohl das Verbrechen für die Ordnung konstitutiv ist und sich die moralische Gemeinschaft der Betroffenen gerade durch die Sanktionierung der Verfehlung festigt (vgl. 7.1), wird dieser moralische Konsens der Gesellschaft nach einem Amoklauf nicht einfach nur rhetorisch aufgerufen und bekräftig, sondern auf den Prüfstand gestellt. Dies scheint insbesondere bei ›grundlosen‹ Verbrechen der Fall zu sein. Die Täter bilden dann keine ›normale‹ Ausnahme mehr, sondern werden zu einem gesellschaftlichen Symptom, zu einem Mikro-Makro-Link, der auf mehr verweist als nur auf eine idiosynkratische Verfehlung. Wie schon bei den Phänomenen Schule und Familie trägt die Diskussion um Werte deutlich kulturpessimistische Züge. Ein erster Aspekt der Gesellschaftskritik betrifft die Idee des Leistungsprinzips und die damit verbundene Wirtschafts- und Gesellschaftsform des Kapitalismus. Nach dem Amoklauf von Erfurt »verfiel« etwa der damalige Bundesinnenminister Otto Schily »in aufgewühlter Stimmung gar KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 261 in Anflüge von Kapitalismuskritik. Ein ums andere Mal geißelte der Sozialdemokrat das übertriebene ›Konkurrenzdenken‹ in der Gesellschaft.«63 Wir befänden uns in einer Gesellschaft – so Schily weiter in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung –, in der der »Leistungsgedanke überhandnimmt.«64 Auch die Zeit beteiligt sich an dieser Debatte: »Erfolg und Leistung sind die letzten Maßstäbe dieser Gesellschaft. Das Netz, das die Gewalt bändigen soll, ist brüchig geworden, die Tradition hat keine Bindekraft mehr. Wo ist der Raum für Muße, Fantasien und Träume? Wozu erziehen wir unsere Kinder?«65 Der letzte Satz suggeriert nicht nur ein allgemeines, kollektives Versagen, sondern deutet darüber hinaus eine Art direkte Kausalität an: Wir selbst erziehen unsere Kinder zu Amokläufern. Interessant ist an dieser Stelle auch das stark inklusive ›Wir‹, das im Gegensatz zu den Eltern und Familien (vgl. 10.2.1) die Kindeserziehung der gesamten Gesellschaft überträgt und nicht als exklusives ›Wir‹ beide gegeneinander ausspielt. Die ›traditionellen Werte‹, mit denen die Leistungs- oder ›Ellenbogengesellschaft‹ gerne kontrastiert wird, werden häufig mit christlichen Werten assoziiert: »Da alle anderen Götter abgedankt haben […], bleibt als letzter der Gott des Geldes. Wer ihm nicht dienen will, muss sehen wo er bleibt.«66 Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen bildet eine zweite Kategorie von gesamtgesellschaftlichen Missständen. Teilweise wurde dieser Aspekt schon in anderen Zusammenhängen behandelt – z.B. bei den Täter- (vgl. 8.3.1) und Opfernarrativen (vgl. 8.3.2) –, doch an dieser Stelle werden Männlichkeit und Weiblichkeit im übergeordneten Gesellschaftszusammenhang diskutiert. Da es für die Jungen »schwieriger geworden [ist], zu erfahren, was sinnvolle Männlichkeit ist«, ist es beispielsweise für den Soziologen und Gutachter des Europarats für Männer- und Geschlechterfragen, Walter hollstein, wichtig, »dass die Geschlechterpolitik nicht weiterhin auf dem männlichen Auge blind ist.«67 Dieser Mangel an männlichen Vorbildern und Bezugspersonen wird häufig auf die zunehmende Anzahl alleinerziehender Mütter sowie auf die Mehrheit der Grundschullehrerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen zurückgeführt. Deswegen seien »Jungen in der Schule benachteiligt, Frauen im Job.«68 Darüber hinaus spielen die jeweiligen geschlechtsspezifischen Erwartungen bei der Erklärung von männlichen Amokläufern eine große Rolle. »Den Grund für die geschlechtsspezifische Konzentration« sieht der Psychologe Armin Schmidtke »hauptsächlich in 63 »Tugendwächter unter sich«, Der Spiegel, 06.05.2002. 64 »›Man muss die Wurzel ausreißen‹«, Süddeutsche Zeitung, 30.04.2002. 65 »Wenn der Druck steigt«, Die Zeit, 02.05.2002. 66 »Wenn der Druck steigt«, Die Zeit, 02.05.2002. 67 »›Killerspiele machen niemand zum Amokläufer‹«, Die Welt, 14.03.2009. 68 »Jungen in der Schule benachteiligt, Frauen im Job«, Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 262 gesellschaftlichen Mechanismen: Von Männern werde noch immer härte erwartet. Frauen hingegen sei es erlaubt, auf Verletzungen ›weich zu reagieren.‹«69 Männer – so ließe sich das Argument zuspitzen – sind selbst ›Opfer‹ ihrer gesellschaftlichen Sozialisation und werden deshalb häufiger zu Tätern. Für Alice Schwarzer ist dagegen gerade nicht ein Mangel an Männlichkeit von Bedeutung, es fehle vielmehr das »Gegenteil: ein Mehr an Menschlichkeit!«70 In dieser durchaus radikalen Ansicht wird Männlichkeit selbst problematisiert: »In quasi allen Fällen von Männergewalt in Friedenszeiten spielt der Männlichkeitswahn – also die verunsicherte Männlichkeit, verbunden mit einem Größenwahn – eine zentrale Rolle. Die männlichen Allmachts- und Todesfantasien sind das Dynamit.«71 In Übereinstimmung mit dieser Lesart erkennt Schwarzer in der Tat von Winnenden deshalb auch eindeutig das »Motiv Frauenhass.«72 häufiger als die Themen Kapitalismus, Leistungsgesellschaft oder der Kampf der Geschlechter wird der Komplex »Werte« ganz allgemein und bedeutungsoffen diskutiert. Der konkreten Zäsur durch das Gewaltereignis (von Erfurt, Winnenden …) steht die diffuse moralische Kommunikation gegenüber, die gerade deswegen so integrativ und solidaritätsstiftend ist, weil es kaum möglich ist, der moralischen Bestandsaufnahme und den daraus resultierenden Forderungen zu widersprechen. Für CDU-Vizefraktionschefin Karen Koop zeigt Erfurt, »wie zerbrechlich die Gesellschaft sei. Jeder Einzelne sei jetzt gefordert, am Wertekonsens mitzuarbeiten.«73 Dabei liegt natürlich völlig im Ungefähren, von welchem Wertekonsens nun die Rede ist und wie eine aktive Mitarbeit an einem solchen auszusehen hat. Auch laut Bundeskanzlerin Angela Merkel »müssen wir jetzt gründlich miteinander über den Zustand und die Grundwerte unseres Gemeinwesens reden.«74 Obwohl das Wertefundament der Gesellschaft latent bleibt und nicht ausbuchstabiert wird – oder sogar: nicht ausbuchstabiert werden kann –, lässt sich dennoch schnell Einigkeit darüber erzielen, dass die Dinge in die falsche Richtung laufen und handlungsbedarf besteht. »›Die Gesellschaft hält ihre Grundorientierungen nicht mehr aufrecht‹«75, ist Psychologe Wolfgang Bergmann überzeugt. Der Amoklauf wird nicht nur zum Sinnbild von verlorengegangenen Werten, sondern wird darüber hinaus auch als Chance begriffen, ebendies zu ändern. Die Krise macht die soziale Ordnung und 69 »›Männer schießen, weil sie nicht weinen dürfen‹«, Süddeutsche Zeitung, 08.05.2002. 70 »Die Tat eines Frauenhassers«, Die Welt, 16.03.2009. 71 »Die Tat eines Frauenhassers«, Die Welt, 16.03.2009. 72 »Die Tat eines Frauenhassers«, Die Welt, 16.03.2009. 73 »Nachdenkliche Debatte im hamburger Parlament«, Die Welt, 10.05.2002. 74 »Schule ohne Leistung ist wirklichkeitsfremd«, Die Welt, 21.05.2002. 75 »Das Drama des modernen Kindes«, Die Zeit, 08.08.2002. KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 263 die Notwendigkeit ihrer Reparatur erst sichtbar: »Erfurt könnte – wenigstens vorübergehend – die Maßstäbe dafür verrücken, was wichtig ist und was nicht.«76 Wiederum bleibt offen und der Interpretation des ›Publikums‹ überlassen, was es als ›wichtig‹ empfindet und was nicht. Dass ›man‹ sich nach einem derartig schrecklichen Ereignis wieder auf ›Wichtiges‹ zurückbesinnen muss, wird wohl kaum jemand in Frage stellen. Ein weiteres Beispiel soll zeigen, wie weit sich die Wertediskussion vom eigentlichen Epizentrum des Ereignisses entfernen kann beziehungsweise welche thematischen Distanzen die Verweisungen überbrücken. Die Diskussion um den öffnungsfreien Sonntag wird mit dem Amoklauf von Erfurt in Zusammenhang gesetzt, sodass sich beide gegenseitig verstärken: »›Der Sonntag ist Gottes Tag‹«, so die Bischöfin Maria Jepsen, »[e]r stelle einen hohen kulturellen Wert dar und diene der Ruhe und dem Gespräch. Das Geschehen von Erfurt zeige, wie nötig Wertesysteme für die Gesellschaft seien.«77 Schließlich lässt sich noch eine letzte rhetorische Figur beobachten, die wohl am deutlichsten illustriert, was es mit dem ›leeren Signifikanten‹ der gesellschaftlichen Werte auf sich hat. Das Sprechen von ›Kulturen‹ evoziert eine Fülle von vagen Assoziationen und kann deswegen leichter Zustimmung und Gemeinschaftlichkeit generieren als exakte Erkenntnisse oder Forderungen, denen man leichter widersprechen kann. Es verwundert deshalb auch nicht, dass vor allem Akteure aus dem politischen Feld sowie Experten diese ›Rhetorik des Kulturellen‹ aufgreifen: Der Erziehungsexperte Dieter Lenzen fordert eine »›Kultur des hinsehens‹«78; der Chef des Philologenverbandes, hans-Peter Meidinger, eine »›Kultur des hinschauens und hinhörens‹«79; der Pfarrer Dieter Breit eine »›Kultur der Achtsamkeit‹«80; der Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Julian Nida-Rümelin, ein positiveres »›kulturelle[s] Gesamtklima in Deutschland‹«81; Edmund Stoiber eine »›Kultur des mitfühlenden Miteinanders‹«82, Wolfgang Thierse eine »›Kultur der Anerkennung‹«83 und heiko Gentzel (SPD) eine »Kultur des Zuhörens«84, während René Faccin vom Landeselternausschuss eine »Kultur der Verrohung«85 diagnostiziert. In diesen Beispielen wird der Begriff ›Kultur‹ vor allem im 76 »Ich oder der«, Der Spiegel, 29.04.2002. 77 »Sonntagsschutz«, Die Welt, 30.04.2002. 78 »Schweigeminute in allen Klassenzimmern«, Die Welt, 29.04.2002. 79 »›Frau Koma kommt!‹«, Die Welt, 13.03.2009. 80 »›Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit‹«, Süddeutsche Zeitung, 19.03.2009. 81 »Punktsieg für reale Gräuel«, Der Spiegel, 13.05.2002. 82 »Regierung und Union für schärferes Waffenrecht«, Süddeutsche Zeitung, 06.05.2002. 83 »Thierse: Schülern nicht zu viel abverlangen«, Süddeutsche Zeitung, 04.07.2002. 84 »Thüringens merkwürdige Schulordnung«, Süddeutsche Zeitung, 24.05.2002. 85 »Gewalt an Schulen nimmt zu«, Die Welt, 12.03.2010. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 264 Sinne seines etymologischen Ursprungs – Kultivieren, Bearbeiten und vor allem: Pflegen –, verstanden und stark normativ eingefärbt. Die gewissermaßen ins Soziale gewendeten Sinne – Sehen, hören, Fühlen – stehen für das heilige Zentrum der Gesellschaft, für Solidarität, Kommunikation und das soziale Band, das die Individuen mit der Gesellschaft und untereinander verbindet. Waren in Bezug auf die Themen Medien, Waffen und Schule noch deutliche Unterschiede zwischen der Berichterstattung nach Erfurt und Winnenden zu erkennen, findet sich in Bezug auf das Thema Familie und Werte weitgehende Übereinstimmung. Bei beiden Amokläufen ist die Intensität der Berichterstattung während der ersten drei Wochen nach der Tat am höchsten. Erst an Monats- oder Jahrestagen oder im Kontext eines weihnachtlichen Jahresrückblicks, bei dem generell mehr über Werte diskutiert wird, nimmt die Berichterstattung wieder zu. 10.3 Zusammenfassung Die Diskurse um Schule, Familie und Gesellschaft beschreiben ein vermeintliches soziales Versagen, vor dessen hintergrund die Amokläufe von Erfurt und Winnenden überhaupt erst möglich waren. Anomische Zustände mangelnder Regulierung durch Werte und Normen (Durkheim) führen dazu, dass Individuen ›aus der Spur‹ geraten, durch das schützende Netz der Gesellschaft fallen und diese selbst attackieren. Gleichzeitig wird über Fragen der guten Gesellschaft und wie diese sich integrieren soll, diskutiert. Die moralische Ordnung der Gesellschaft sowie die zentralen Aspekte ihrer kollektiven Identität sind jedoch weder eindeutig noch omnipräsent. Sie bleiben im ruhigen Fluss des Alltags in der Regel latent und werden nur in Zeiten der Krise aufgerufen und expliziert (vgl. Giesen 2004a). Bei den Versuchen der Selbstvergewisserung und der Explikation von Selbstverständlichem zeigt sich, dass diese Vorstellungen einer Logik des Ungefähren folgen. Man weiß zwar, dass man sich nach Katastrophen auf das ›Wesentliche‹ zurückbesinnen muss, doch worin dieses Wesentliche besteht, bleibt unbestimmt: »Diese Unausweichlichkeit verborgener und unbestimmter Voraussetzungen lässt sich auf mehrfache Weise begründen. Sie ergibt sich allein schon aus dem Umstand, dass niemals alle Regeln der kulturellen Grammatik gleichzeitig zum Thema gemacht werden können« (Giesen et al. 2014a: 8). Das Funktionieren des Alltags sowie der gesellschaftliche Konsens über das, was die Gesellschaft zusammenhält, beruhen eben nicht auf Transparenz und explizitem Wissen: »Erst im Zwielicht des Ungefähren, das im taghellen Bewusstsein freilich immer wieder geleugnet und ausgeblendet werden muss, bildet sich Gemeinschaftlichkeit« (Giesen et KRISE: SOZIALES VERSAGEN UND ENThYMEME DER GUTEN GESELLSChAFT 265 al. 2014a: 8). Für die Konstruktion von Gemeinschaftlichkeit über ein ungefähres Verständnis davon, was der Gemeinschaftlichkeit zugrunde liegt, spielen ›leere Signifikanten‹ eine entscheidende Rolle: Begriffe wie ›Gesellschaft‹, ›Werte‹ oder das ›soziale Miteinander‹ verweisen auf alles und beschreiben gleichzeitig nichts. Der ›Leere‹ an konkreter Bedeutung entspricht ein Überfluss an möglichen Assoziationen und Bedeutungen, die die leeren Signifikanten in hohem Maße kommunikativ anschlussfähig machen. Insbesondere öffentliche Kommunikation, muss »ihre Botschaft so formulieren, dass sie von jedem […] abgenommen werden kann. Dies kann durch den Appell an scheinbar unbestreitbare moralische Grundsätze, durch die Erinnerung an eine gemeinsame triumphale oder traumatische Vergangenheit, durch die Beschwörung bedrohlicher Gefahren oder aber durch die Aufweichung des Bildes ins Ungefähre des ›Wir‹ geschehen.« (Giesen et al. 2014a: 18) Eine rhetorische Figur, die sich durch die Diskurse über das soziale Versagen im Kontext von Amokläufen zieht und die die kulturelle Logik des Ungefähren bestens illustriert, ist das Enthymem. Aristoteles bezeichnet das Enthymem in seiner Rhetorik (2002) als »rhetorische Deduktion« (Rhetorik, 1356b, 4–5) mit der Besonderheit, dass in der Verknüpfung logischer Argumente bestimmte Prämissen ausgelassen werden: »Fehlen kann in einem Enthymem grundsätzlich das, was sich von selbst versteht« (Sprute 1982: 130). Ist die fehlende Prämisse bekannt, so Aristoteles, »braucht man nichts zu sagen, selbst nämlich ergänzt dies der Zuhörer« (Rhetorik, 1357a, 18–19). Sein Beispiel ist die Aussage, Dorieus habe einen Kranzwettstreit gewonnen. Bei dieser Aussage ist klar, dass es sich nur um die Olympischen Spiele handeln kann, da diese einen Kranz als Preis haben. Vereinfacht gesagt wird im Enthymem also etwas ausgelassen, was vom Publikum verstanden und vervollständigt wird und worüber leicht Einigkeit zu erzielen ist: »Das beweisende Enthymem besteht darin, dass man Schlussfolgerungen aus dem zieht, worüber Übereinstimmung besteht« (Rhetorik, 1396b, 27–28). Laut Aristoteles bereitet es den Zuhörenden sogar Freude, die Lücke zu schließen. Die oft zitierten Wendungen der ›Schulkultur‹ oder der ›Kultur der Achtsamkeit‹ sind Beispiele für Enthymeme der ›guten Gesellschaft‹, die in Folge von Katastrophen und Krisen zur Selbstvergewisserung der Gesellschaft in unsicheren Zeiten beitragen, da sie von der Mehrheit der Menschen intuitiv verstanden werden und kaum Widerstand erzeugen. Enthymeme haben noch eine weitere Eigenschaft, die erklärt, warum sie häufig in Krisenkommunikationen auftauchen: Sie eröffnen Assoziationspielräume und ermöglichen die Verknüpfung von prinzipiell unterschiedlichen Problemen und Zusammenhängen. Ein Beispiel für das Enthymem als Analysewerkzeug stammt von Craig Smith, der die Reden von George W. Bush im Anschluss an den 11. September 2001 analysiert TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 266 hat. Mit dem ›Kampf gegen das Böse‹ konnte Bush – so die These von Smith – sowohl auf den Terrorangriff adäquat reagieren, als auch andere Themen seiner Agenda mit in seine ›Mission‹ aufnehmen und sich zugleich einer breiten Zustimmung sicher sein: »With the suicide bombers dead, the particular agents who perpetrated the acts of 9/11 could not be punished for the acts and, thus, other agents of evil would have to be punished and thwarted. This move would undergird the administration’s master enthymeme of evil – a set of premises that would insulate his Iraq policies from Democrats’ critiques and enable his supporters to amalgamate 9/11, Saddam hussein, abortion, a stem cell research, 1980s defense cuts, and Senator Kerry’s ›nuanced‹ positions into a concern for ›moral values.‹« (C. A. Smith 2005: 37) Das Enthymem der guten Gesellschaft ermöglicht es, in der Folge von Amokläufen ganz unterschiedliche Themen zusammenzubringen: Den schulisch gescheiterten Amokläufer mit der Institution Schule, die Institution Schule mit den Rollenbildern und –erwartungen an Schüler, Lehrer und Eltern und alle Phänomene zugleich mit dem Niedergang der Werte in unserer Gesellschaft. 267 11 Triumph: Rückkehr der Lebenden und Repräsentation der Toten Der raum-zeitliche Einzugsbereich des Verbrechens, über den in hinblick auf Counter-Strike-Turniere oder Schießstätten an Schulen bereits gesprochen wurde, betrifft natürlich auch den Ort des Verbrechens selbst. In seinen Ausführungen zur mechanischen Solidarität schreibt Émile Durkheim, dass »manchmal der Ort des Verbrechens, die Instrumente, die zum Verbrechen gedient haben, die Eltern des Schuldigen an der Schande teil[nehmen], mit der wir den Verbrecher bestrafen« (Durkheim 2004: 139). Es finden symbolische Reinigungsrituale statt, die den Täter, seine Familie und alle Akteure und Artefakte, denen eine Mitverantwortung zugeschrieben wird, aus der moralisch guten Gemeinschaft ausschließen. Der Makel betrifft jedoch interessanterweise nicht nur Täter, sondern auch die Opfer. Während sich die Angehörigen und Betroffenen in Trauerritualen ihrem Schmerz entäußern und sich der kollektiven Solidarität der Gemeinschaft versichern, müssen auch die Orte des Verbrechens symbolisch gereinigt werden. So wird beispielsweise das haus der Eltern des Amokläufers von Winnenden noch im gleichen Jahr der Tat zum Verkauf angeboten, wobei die »›Geschichte des Objektes‹«1 etwaigen Interessenten nicht mitgeteilt wird. Der Ort des Verbrechens muss – um wieder profan oder rituell genutzt werden zu können – entweder seine Geschichte verlieren oder aber transformiert werden (11.1): Er muss von einem Ort des Traumas und des Dämonischen entweder zu einem Ort des Triumphes und des heiligen werden oder wieder zu einem Ort, der wieder profan genutzt werden kann.2 Auch die Opfer müssen ein Passageritual durchlaufen: Sie erhalten wieder einen Namen und einen neuen Status, werden von der Peripherie in die Mitte der Gesellschaft zurückgebracht, erinnert und repräsentiert (11.2). 11.1 Transformation von Räumen In Bezug auf die Transformation von Räumen sind die betroffenen Schulen von Erfurt und Winnenden von besonderer Bedeutung. Nach der Tat findet im Gutenberg-Gymnasium lange Zeit kein Unterricht statt und 1 »haus des Amokläufers wird verkauft«, Süddeutsche Zeitung, 23.11.2009. 2 Zur Transformation von Orten vgl. auch den Aufsatz von Phil Smith über The Elementary Forms of Place (1999). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 268 die Schüler werden in anderen Schulräumen der Stadt untergebracht.3 Das Gebäude wird zwar nicht abgerissen, dafür aber wird »es vollständig entkernt, nur die Fassade bleibt erhalten.«4 Diese Reparaturmaßnahmen gehen über den rein materiell entstandenen Schaden deutlich hinaus und können nur als symbolische Reinigung eines symbolischen Makels interpretiert werden. Die Einweihung des sanierten Gebäudes am 29.08.2005 wird deshalb auch als triumphale ›Rückkehr‹ – in die Normalität, den Alltag, das Leben etc. – verstanden: »Dreieinhalb Jahre nach dem Massaker von Erfurt kehren die Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in ihre renovierte Schule zurück.«5 Doch nicht nur Lehrer und Schüler, auch das »Leben kehrt zurück ins Erfurter Gutenberg-Gymnasium.«6 Die Schuldirektorin Christiane Alt bezeichnet die Sanierung der Schule als »›Wiedergeburt‹«7, was wiederum auf die frühere, negative Besetzung des Gebäudes und die heimsuchung des Verbrechens verweist. Die Transformation der Schule ist jedoch mehr als eine bloße Wiederherstellung des Zustandes vor dem Amoklauf. So sagt beispielsweise harald Döring, der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Gutenberg-Gymnasiums, in der Thüringer Landeszeitung, die renovierte Schule sei »›zum Symbol des Selbstbehauptungswillens einer Schulgemeinschaft geworden.‹«8 Die Rückkehr an den einstigen Ort des Verbrechens, der wieder profan genutzt werden kann und der darüber hinaus den Triumph über das Verbrechen symbolisiert, markiert den ersten Schritt einer rituellen Schließung des traumatischen Ereignisses. Die Erinnerung der Opfer, auf die weiter unten noch weiter eingegangen wird, markiert einen zweiten. Der Fall Winnenden zeigt einen ähnlichen Prozess einer rituellen Schließung. Die Schüler müssen auch hier nach dem Amoklauf die Schule verlassen, erst zehn Wochen später werden sie wieder gemeinsam in einer Containerschule unterrichtet: »Die rund 600 Schüler waren nach der Bluttat zunächst auf Schulen im Landkreis verteilt worden. Mit der Containerschule wollen Stadt- und Schulverwaltung den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich wieder als Schulgemeinschaft zu fühlen.«9 Die Schule selbst wird nach langer Diskussion, »ob solch ein Gebäude überhaupt noch genutzt werden kann«10 umgebaut und erweitert, 3 Vgl. »Politische Vorwürfe nach Erfurter Amoklauf«, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2002. 4 »Schuld hat, wer schießt«, Der Spiegel, 26.01.2004. 5 »Chronik«, Der Spiegel, 05.09.2005. 6 »Rückkehr an einen neuen Ort«, Süddeutsche Zeitung, 30.08.2005. 7 »›Dieses Verbrechen hat Deutschland in Trauer vereint‹«, Die Welt, 30.08.2005. 8 »Ummauert von Angst und Schweigen«, Die Welt, 29.08.2005. 9 »Realschüler in Winnenden beziehen Containerschule«, Die Welt, 18.05.2009. 10 »Ein Ort, eine Trauer, eine Frage«, Die Welt, 13.03.2009. TRIUMPh: RÜCKKEhR DER LEBENDEN UND REPRÄSENTATION DER TOTEN 269 »auch um die dramatischen Bilder möglichst vergessen zu machen.«11 Obschon dies letztlich nicht vollständig möglich ist, wollen die meisten Schüler laut dem Schulpsychologen hans-Joachim Röthlein wieder zurück an ihre Schule, »›auch um sich nicht von einem Täter vertreiben zu lassen.‹«12 Wichtig bleibt die Transformation der konkreten Tatorte, die entweder ihrer Geschichte beraubt werden und eine neue Funktion bekommen oder aber explizit als Ort der Trauer ausgewiesen werden: »Keiner der drei ›Taträume‹ trägt noch seinen alten Namen, keiner wird mehr für den Unterricht genutzt. In einen wird die Bibliothek einziehen, in einem anderen wird die Schüler AG T-Shirts bedrucken. Und im dritten soll unter Anleitung eines Museumsmachers eine Gedenkstätte entstehen.«13 Der Wiedereinzug in die Alberville-Realschule findet am 12.09.2011 statt und auch dieses Ereignis wird zu einem Akt der triumphalen Rückkehr und der Überwindung des Amoklaufs: »Und jetzt, zum Schulanfang in zehn Tagen, kommt die Albertville-Realschule nach hause. Er [der Schulpsychologe Peter heinrich; M.G.] würde weniger von einer Rückkehr reden, sagt heinrich. ›Das ist eine Rückeroberung.‹«14 Interessanterweise findet lediglich an den konkreten Tatorten der Schulen eine aktive Transformation hin zu einer Symbolik des Triumphes statt. Der Zeitpunkt des Verbrechens und die Stadt, in der der Amoklauf geschieht, bleiben mit einem Makel behaftet. So gilt etwa der 26. April 2002 noch drei Jahre später als der »Schwarze Freitag von Erfurt«15 und der damalige Innenminister von Baden-Württemberg, heribert Rech, glaubt: »›Winnenden ist ein eher unauffälliges Städtchen. Aber diese Geschehnisse und der Name werden untrennbar miteinander verbunden bleiben. Das ist jedem Baden-Württemberger klar.‹«16 11.2 Kollektives Erinnern und die Repräsentation der Opfer Die Repräsentation der Opfer sowie das kollektive und wiederkehrende Erinnern des Ereignisses ist der zweite Schritt in Richtung einer rituellen Schließung.17 Wie bereits im Diskurs um die Opfer angesprochen wurde (vgl. 8.3.2), geben Denkmäler den entsubjektivierten Opfern ihren Na- 11 »Weniger Strafe, aber die gleiche Schuld«, Die Welt, 02.02.2013. 12 »Die Fähigkeit zu trauern«, Süddeutsche Zeitung, 17.03.2009. 13 »Rückeroberung«, Süddeutsche Zeitung, 03.09.2011. 14 »Rückeroberung«, Süddeutsche Zeitung, 03.09.2011. 15 »Ummauert von Angst und Schweigen«, Die Welt, 29.08.2005. 16 »Amoklauf von Tim K.«, Die Welt, 05.12.2009. 17 Jan Assmann betont die kulturelle und gesamtgesellschaftliche Bedeutung derartiger Rituale und Symbole der Erinnerung. Beim Totengedenken handelt es sich TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 270 men und ihren Platz in der Gesellschaft zurück: »Das Medium zur Repräsentation von Sinnleere sind Gedenkstätten und Denkmäler. Text und Sprache, also die Medien der Rechtssprechung, werden durch Schweigen und Leerstellen ersetzt. Auf symbolische Weise bringt man so die Opfer aus dem Niemandsland zurück in die Mitte der Gemeinschaft […]« (Giesen 2010: 85 f.). Natürlich geht es bei derartigen Ritualen nicht oder nur eingeschränkt um die Opfer selbst, sondern um die Gemeinschaft, die ihren Verlust und die Sinnlosigkeit ihres Sterbens bewältigen muss. Reinhart Koselleck beschreibt in seinem Aufsatz über Kriegerdenkmale, dass die Funktion der Denkmäler, die an einen gewaltsamen Tod erinnern, über die bloße Erinnerung der Toten hinausgeht. Durch die Repräsentation werden die Opfer »in einer bestimmten hinsicht identifiziert« – beispielsweise als heldenhafte Einsatzkräfte oder engagierte Pädagogen –, und auch die »überlebenden Betrachter selber [werden] unter ein Identitätsangebot gestellt, zu dem sie sich verhalten sollen oder müssen« (Koselleck 1979: 256). In den kollektiven Erinnerungsritualen zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen der Re-Präsentation einer als leidvoll empfundenen Vergangenheit und einer Zukunft, die es positiv zu gestalten gilt, während man in der Gegenwart Normalität leben muss. Mit dem Gedenken gehen deshalb immer auch Fragen nach den gemeinsam geteilten Werten und Normen einher. Am 26.08.2005 wird eine Gedenktafel für die Opfer des Amoklaufs von Erfurt am Gutenberg-Gymnasium angebracht. Auf ihr ist das Datum »26. April 2002«, die Namen der Opfer sowie der Satz »Verbunden mit der hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt« zu lesen. Das Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft wird hier besonders deutlich. Die Opfer von Erfurt sind zwar nicht im eigentlichen Sinne ›für eine gute Sache‹ gestorben, aber dennoch wird ihr sinnloses Sterben in einen größeren Sinnzusammenhang gestellt – eben einer ›Zukunft ohne Gewalt‹ –, der ihnen nachträglich wieder Bedeutung verleihen soll. Es ist dabei kein Zufall, dass die Repräsentation des Täters sowohl bei Erfurt als auch bei Winnenden ausbleibt. Die einzigen Ausnahmen finden sich in den großen Trauerfeiern kurz nach den Amokläufen, in denen auch für die Täter manchmal Kerzen aufgestellt werden – separiert von denjenigen, die für die Opfer stehen. Dass Robert Steinhäuser auf der Gedenktafel vorkommt, erscheint unmöglich: »Seinen Namen«, sagt die Schuldirektorin Christiane Alt, »kenne jeder.«18 Während es also bei den Opfern um ein explizites Erinnern geht, handelt es sich im Bezug auf den Täter und den Tatort um ein Verdrängen. ihm zufolge »um Ursprung und Mitte dessen, was Erinnerungskultur heißen soll« (Assmann 2002: 60 f.). 18 »Christiane Alt, Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums«, Süddeutsche Zeitung, 07.07.2005. TRIUMPh: RÜCKKEhR DER LEBENDEN UND REPRÄSENTATION DER TOTEN 271 In der Schule selbst gibt es einen »›Raum der Stille‹«19, der allerdings – wie auch die Gedenktafel –, nicht explizit auf den Amoklauf verweist. Der Begriff ›Amok‹ taucht in beiden Fällen nicht auf. Eine mögliche Interpretation ist, dass mit einer zu expliziten Erinnerung an das Verbrechen immer auch schon eine Repräsentation des Bösen einhergeht20, das eigentlich gebannt werden soll: Ein »Mahnmal zum Gedenken an den Amoklauf vom Freitag«21 beziehungsweise einen »Ort des Erinnerns soll es nirgendwo in Erfurt, weder in der Stadt, noch an der Schule, geben.«22 Einen solchen Ort des Erinnerns gibt es jedoch auf virtueller Ebene. Auch auf der Internetseite des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt (www.gutenberggymnasium.de) gibt es eine Rubrik »Gedenken«, die auf eine Seite verlinkt, auf der nochmals die Namen der Opfer sowie Fotos von der Gedenktafel und davor abgelegten Blumenkränzen zu sehen sind.23 Ein expliziter Verweis auf den Amoklauf fehlt hier ebenfalls. Der Tag des Verbrechens wird mit »der Tag, der vieler Menschen Leben gravierend veränderte« umschrieben, erst weiter unten auf der Seite ist von den »Opfer[n] der Bluttat« die Rede. Das Aussprechen des Verbrechens und des Täters wird vermieden. Darüber hinaus gibt es noch die Gedenkseite »www.amoklauf-in-Erfurt.de«, auf der einige Dokumente wie Trauerreden, Dokumentationen, Statements oder Fotos aufgerufen werden können. Interessanterweise gibt es auch eine Rubrik »Winnenden«, unter der ebenfalls einige Fotos und Berichte eingesehen werden können. Die Repräsentationen im Falle von Winnenden zeigen einige Parallelen, aber auch einige Unterschiede. Vor der Albertville-Realschule in Winnenden liegen in einem Beet zwischen Blumen Steinplatten, auf denen die Namen der Opfer eingraviert sind. Auf drei weiteren Tafeln sind die Schriftzüge »11. März 2009«, »Wir gedenken der Opfer des Amoklaufs und hoffen auf eine Zukunft ohne Gewalt« sowie »Der Mensch geht, die Liebe bleibt« eingraviert. hier wird die Art des Gewaltverbrechens deutlich erwähnt. Eine Gedenktafel am Eingang der Schule wurde verworfen: »›Weil‹, wie die Rektorin sagt, ›der 11. März zu einem Teil unseres Lebens geworden ist.‹ Man aber nicht wolle, dass er unser Leben dominiert.«24 Auch hier zeigt sich wieder das Dilemma der Repräsentation der Opfer: Diese droht immer von der Würdigung der Opfer in das Stigma des Verbrechens zu kippen und dabei nicht nur einen Teil 19 »Rückkehr ins Gutenberg«, Süddeutsche Zeitung, 07.07.2005. 20 In ähnlicher Weise stellt Karl heinz Bohrer in seinem Buch über die Imaginationen des Bösen die Frage, ob »das Kunstwerk – sofern es denn das Böse darstellt – selbst Anteil an dem von ihm dargestellten Bösen [hat]?« (2004: 33). 21 »Gutenberg-Gymnasium bleibt als Schule erhalten«, Die Welt, 29.04.2002. 22 »Schuld hat, wer schießt«, Der Spiegel, 26.01.2004. 23 Vgl. http://www.gutenberggymnasium.de/neu/gedenken.html, letzter Aufruf am 27.11.2014. 24 »Eine Spur, die nie ganz verweht«, Die Welt, 12.03.2010. TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 272 der Geschichte – der Gemeinschaft, der Schule, etc. – zu erinnern, sondern sie darauf zu reduzieren. In der Schule selbst wird vier Jahre nach dem Amoklauf ein Tatraum als Gedenkraum eröffnet. In diesem befinden sich 15 Pulte mit den Namen und Fotos der Ermordeten. Auf der schlichten, weißen Rückwand ist »11.03.2009« und darunter »9.33 Uhr –« zu lesen. Zwei weitere Taträume sind inzwischen umgebaut und werden als Bibliothek und als Raum, in dem T-Shirts bedruckt werden, genutzt. Auffallend ist auch hier, dass es keinen Verweis auf Tim Kretschmer im Gedenkraum gibt. »›Ziel des Raumes ist‹«, so der Rektor Sven Kuck, »›nicht die Tat, nicht den Täter, sondern die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen.‹«25 Dass die Ansteckungsmagie des Verbrechens dennoch am Tatort haftet, verdeutlicht eine Aussage des Winnender Oberbürgermeisters hartmut holzwarth: »›Der Täter hat durch seine Tat diesen Raum belegt. Es könnte eine Aufgabe sein, durch das Gedenken und die Erinnerung an die Opfer diesen Raum zurückzugewinnen.‹«26 Wie bei Erfurt ist auch hier das Narrativ der Rückeroberung aufzufinden. Auf der Internetseite der Albertville-Realschule Winnenden (www.arswinnenden.de) gibt es keine Rubrik, dafür aber auf der rechten Seite – egal, welche Verlinkung man aufruft –, ein Bild mit von herzen umrahmten Sternchen, das die Überschrift »Zum Gedenken an die Opfer des 11. März 2009« trägt. Klickt man auf dieses Bild, erscheint es in vergrö- ßerter Ansicht mit folgender Erläuterung: »Die 15 Sterne stehen für die 15 Opfer des 11. März 2009. Sie sind umgeben von vielen verschiedenen herzen, die symbolisch dafür stehen, dass wir die Opfer in unseren herzen bewahren. Sie stehen aber auch zusammen mit dem Schutzengel symbolisch dafür, dass unser Weg in die Zukunft ein Weg mit hoffnung, Glaube und Liebe ist.« Im Unterschied zu Erfurt wird fünf Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden eine offizielle Gedenkstätte eröffnet: »Acht Tonnen wiegt der Ring aus rauem Stahl. Wer sich durch eine schmale Öffnung zwängt, kann die eingravierten Namen auf der Innenseite der Skulptur erkennen und in der Ferne die Albertville-Realschule. Den Ort, wo alles begann. […] Fünf Jahre nach dem Amoklauf ist die neue Gedenkstätte im Stadtgarten fertiggestellt. Doch die physischen und psychischen Wunden, die das Verbrechen hinterlassen hat, sind noch nicht verheilt.«27 An dieser Gedenkstätte zeigt sich neben dem Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit (Leid), Gegenwart (Normalität) und Zukunft (hoffnung) noch ein weiteres: dasjenige zwischen Nähe und Ferne. 25 »15 Pulte mit Namen der Ermordeten«, Waiblinger Kreiszeitung, 09.03.2013. 26 »15 Pulte mit Namen der Ermordeten«, Waiblinger Kreiszeitung, 09.03.2013. 27 »Späte Rechnung«, Der Spiegel, 10.03.2014. TRIUMPh: RÜCKKEhR DER LEBENDEN UND REPRÄSENTATION DER TOTEN 273 Nicht jeder Ort scheint gleichermaßen für eine Gedenkstätte geeignet. Diese darf nicht zu nah am Tatort sein – zumindest wenn er weiterhin profan genutzt werden soll –, um die ständige Re-Präsentation der leidvollen Erfahrung und die Überlagerung der kollektiven Identität durch das Verbrechen zu verhindern. Dennoch muss eine gewisse Nähe gewahrt werden, eine Gedenkstätte in Stuttgart für die Opfer von Winnenden ist nicht denkbar. Der Gedenkraum wiederum muss in der Schule und damit gewissermaßen am Tatort selbst eingerichtet werden. Interessanterweise werden in diesem Raum auch der Autoverkäufer und ein Kunde in den Pulten repräsentiert und nicht in einer gesonderten Weise beim Autohaus. Damit ist der Amoklauf eindeutig als ›School Shooting‹ identifiziert, an das offiziell und institutionell erinnert werden muss. 11.3 Zusammenfassung Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Repräsentation und das kollektive Erinnern an Amokläufe von verschiedenen Spannungsverhältnissen geprägt sind.28 In zeitlicher Perspektive geht es darum, einen Bogen von einer als leidvoll empfundenen Vergangenheit zu einer hoffnungsvollen Zukunft zu schlagen. Die Gegenwart steht unter dem Imperativ der ›Rückkehr zur Normalität‹. Während die Opfer durch Gedenktafeln und generell durch die Nennung ihrer Namen wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft geholt werden, bleiben die Gewalt der Tat und der Täter von dieser ›Rückholaktion‹ ausgeschlossen. Sie werden verdrängt und kaum erwähnt. Die diskursiven und rituellen Zentripetalkräfte der Gesellschaft re-integrieren die Opfer, die Zentrifugalkräfte exkludieren den Täter und verbannen ihn aus der Mitte der Gesellschaft. Damit einher geht ein Spannungsverhältnis, das die axiale Dimension der Repräsentation der Opfer und die Nicht-Repräsentation des Täters betrifft. Trotz oder gerade wegen der Leerstelle verweisen die Opfer immer auch schon das Verbrechen und das Stigma, das mit ihm verbunden wird. Die Analyse des öffentlichen Diskurses zeigt die Schwierigkeiten, die mit der Planung und Durchführung von Gedenkstätten verbunden sind. Das Symbol für eine ›hoffnungsvolle Zukunft‹ ist ohne den gleichzeitigen Verweis auf die düstere Vergangenheit nicht zu haben. Das Böse bleibt kopräsent. Dieser Umstand führt wiederum zur räumlichen Dimension der Repräsentation. Die Orte der Erinnerung dürfen weder zu weit entfernt noch zu nah am Zentrum der kollektiven Identität der Gemeinschaft stehen: Die Gedenktafeln befinden sich nicht über dem Eingang der Schulen, weil sie dadurch die Schulen auf eben jenes Ereignis reduzieren würden; 28 Vgl. dazu die elementaren Unterscheidung in der Welt in die räumliche, zeitliche und axiale Dimension von Bernhard Giesen (vgl. Giesen 2010: 37–56). TEIL IV: EMPIRISChE ANALYSE 274 die ›Räume der Stille‹ befinden sich zwar in der Schule oder sogar in einem der Taträume, können aber nicht mehr profan genutzt und müssen deshalb separiert werden; der Gedenkring im Falle von Winnenden wird im Stadtpark eingeweiht, der sich in einiger Distanz, aber in Sichtweite der Schule befindet. Mit der Transformation der Orte des Verbrechens und der Re-Subjektivierung der Opfer ist die letzte Phase der kollektiven Bewältigung von Amokläufen bestimmt. Während die juristische Aufarbeitung im Falle von Erfurt beendet ist und die Ermittlungen gegen die Einsatzkräfte abgeschlossen sind, sind im Kontext des Amoklaufs von Winnenden noch juristische Fragen offen. Das Landgericht Stuttgart entschied im August 2015, dass der Vater des Amokläufers für die Behandlungskosten der betroffenen Schüler, Eltern und Lehrer aufkommen muss. Die höhe wurde noch nicht festgesetzt. Die Klage des Vaters gegen das Zentrum für Psychiatrie, in dem Tim K. behandelt wurde, wurde vom Landgericht heilbronn im April 2016 abgewiesen. Selbst wenn alle Fragen irgendwann geklärt sein sollten, bleiben die Ereignisse präsent. Sie re-präsentieren sich in Form von sich wiederholenden Erinnerungsritualen und manifestieren sich als Angst vor einem erneuten Ausbrechen der Gewalt. Ohne letzte Ursache und als fortwährendes Risiko kann es keine endgültige Schließung geben. Wie kaum eine andere Form der Gewalt bleibt der Amoklauf im Sinne von Derrida ein Gespenst, jenes »Anwesende ohne Anwesenheit, dieses Da-Sein eines Abwesenden oder eines Entschwundenen« (Derrida 1996: 22). Das Gespenst lässt sich weder beschwören noch verbannen, »weil es mit der Wiederkehr beginnt« (Derrida 1996: 28, hervorhebung im Original). Teil V Schluss 277 12 Die narrative Bewältigung von Amokläufen Im vorherigen großen Abschnitt (Kapitel 8–11) wurden die empirischen Ergebnisse der Analyse der Amokläufe von Erfurt und Winnenden dargestellt. Auch wenn die Kategorisierung und Kodierung vornehmlich nach inhaltlichen Kriterien erfolgte, lässt sich eine chronologische Struktur bereits erkennen, auf die nun genauer eingegangen wird. Die Frage nach der narrativen Bewältigung von Amokläufen, auf die schon der Untertitel der Arbeit verweist, soll in diesem Kapitel beantwortet werden. Drei übergeordnete Narrative lassen sich identifizieren. Das erste Narrativ Vom Trauma zum Triumph besitzt eine aufsteigende (12.1), das zweite Narrativ In schlechter Gesellschaft eine absteigende (12.2) und das letzte Narrativ Ohne Anfang kein Ende eine zirkuläre Erzählstruktur (12.3). 12.1 Vom Trauma zum Triumph Geburt und Tod – streng genommen: das Geborenwerden und Sterben von anderen – sind elementare triumphalistische und traumatische Grenzerfahrungen. Weder können wir uns vorstellen, was wir vor unserer Geburt waren noch was wir nach unserem Tod sein werden, »triumph and trauma represent ultimate breaks and ruptures in the construction of meaning« (Giesen 2004b: 8). Gerade weil sie sich zunächst der Zuschreibung von Sinn und Bedeutung entziehen, stellen triumphalistische und traumatische Erfahrung Nuklei von persönlicher und kollektiver Identität dar. Sie sind Thema von Bildern, Ritualen und Erzählungen, die das Außerordentliche repräsentieren. Auch Amokläufe werden zu einem wichtigen Motor von kollektiver Identität und lassen sich als Geschichten vom Trauma zum Triumph erzählen. Dieses Narrativ hat einen konkreten Amoklauf als Gegenstand und lässt sich in drei gleichgewichtige Abschnitte untergliedern. Den Beginn der Erzählung (1) markieren das plötzlich hereinbrechende Gewaltereignis, der Tod der Opfer, die Trauer der Angehörigen und Bekannten sowie die Verstörung der Öffentlichkeit. Sie sind die Protagonisten der Erzählung, die zunächst das Erleben und Erleiden der Tat ins Zentrum rückt. Entsetzen, Sprachlosigkeit und Fragen dominieren die Berichterstattung. Die Mitte der Erzählung (2) kreist um die Leerstelle der Ursachen und Motive, die der Tat zugrunde liegen. Die Rahmung des Amoklaufs gleicht in ihrer Logik einem Kriminalroman, in dem der Täter zwar TEIL V: SChLUSS 278 bereits feststeht, die Motive und Gründe jedoch im Dunkeln liegen. Die für diese Form typische »Reihenfolge der Entdeckungen« (Caillois 1998: 158) zeigt sich in der Diskussion um Amokläufe in einer Mischung aus Notwendigkeiten, die unweigerlich zum Verbrechen führen mussten, und einer gescheiterten Risikowahrnehmung, die diese Notwendigkeiten wieder untergräbt und die Schuld auf verschiedene Schultern verteilt. Der Amoklauf erhält »eine Geschichte, [eine] handlung und [eine] Dramaturgie« und wird wieder Bestandteil »der sozialen Regulierung von Alltag und Normalität« (Ahrens 2011: 80). Die Protagonisten in der Mitte der Erzählung sind Experten, die Erklärungen und Präventionsmöglichkeiten anbieten. Psychologen, Psychiater und Pädagogen geben Einsichten in die Perspektive von Tätern und Opfern, während Politiker sich mit der Frage beschäftigen, wie mit gesetzlichen Geboten und Verboten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen genommen werden kann. Als Antagonisten stehen vor allem der Täter selbst sowie Schuldige und Verantwortliche im Fokus der Erzählung. Sie werden entweder – wie im Falle des Vaters des Amokläufers von Winnenden – vor Gericht gestellt und verurteilt oder – wie Waffen und »Killerspiele« – als unreine Phänomene stigmatisiert. helden und Anti-helden, Gefahren und Risiken sowie die Polarität zwischen Gut und Böse sind kennzeichnend für das romantische Genre im Sinne von Northrop Frye (vgl. 5.3). Die triumphale Überwindung des Verbrechens bildet das Ende (3) dieses aufsteigenden Narrativs. Antworten, wenn auch keine finalen, sind gefunden und in Form von Abschlussberichten aufgeschrieben, die Sprachlosigkeit der Angehörigen ist weitgehend überwunden, die Schüler können in ihre renovierte Schule zurück und die Toten können repräsentiert und öffentlich erinnert werden: »Triumphs represent the feeling of sovereign life, of crisis and transition, of a new beginning, and thereby they represent the moment of birth« (Giesen 2004b: 8). Räume und Objekte des Gedenkens bleiben gleicherma- ßen Zeichen der Solidarität wie auch dunkles Zentrum der kollektiven Identität von den betroffenen Schulen und Gemeinden. Trotz des Endes der Erzählung bleiben sie Anlaufstellen für jenes rituelle Erinnern, in dem die Geschichte vom Sieg der Lebenden über den Tod immer wieder aufs Neue erzählt wird. 12.2 In schlechter Gesellschaft Im zweiten, absteigenden Narrativ In schlechter Gesellschaft bildet der konkrete Amoklauf nicht den Beginn der Erzählung, sondern wird in eine bereits bestehende Erzählung eingefügt, die von der Krise der moralischen Ordnung der Gesellschaft handelt. Das Gewaltereignis wird als Symptom und als – wenn auch krasses – Beispiel einer allgemeinen DIE NARRATIVE BEWÄLTIGUNG VON AMOKLÄUFEN 279 Fehlentwicklung gedeutet: Eltern haben den Kontakt zu ihren Kindern verloren; die Lehrerschaft ist mit ihren Schülern überfordert; die Schulen sind unterfinanziert; in Film und Fernsehen dominieren Sex und Gewalt; in Ego-Shootern wird das virtuelle Töten simuliert; Geld regiert die Welt und der arbeitsfreie Sonntag soll abgeschafft werden. Alle diese Ausdrucksformen eines kulturpessimistischen Unbehagens sind zwar für sich genommen nicht schuld und können auch schlecht in haftung genommen werden, in ihrer Summe jedoch haben sie dazu beigetragen, dass es zu einem solch schrecklichen Verbrechen kommen konnte. Die ersten beiden Narrative unterscheiden sich vor allem in zwei wichtigen Punkten. Anders als das erste Narrativ vom Trauma zum Triumph, in dem ein Einzelereignis wie der Amoklauf von Erfurt oder von Winnenden erzählt wird, stellt das Narrativ In schlechter Gesellschaft erstens eine Art Metanarrativ dar, dem mehrere Ereignisse zu- und viele kleinere Narrative untergeordnet werden können. Zweitens differieren beide Narrative hinsichtlich der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit von Amokläufen. Während das Einzelereignis trotz der Rekonstruktion von Motiven und hintergründen weitgehend kontingent bleibt, erscheint es in einem größeren Zusammenhang weitaus stärker determiniert. Obwohl beide Erzählrichtungen entgegengesetzt sind, lassen sie sich interessanterweise parallel erzählen: Es ist möglich, die Geschichte von Winnenden sowohl als kontingentes Gewaltereignis mit triumphalistischer Überwindung von Tod und Leid zu erzählen, als auch den Amoklauf als Beispiel für den allgemeinen Niedergang der moralischen Verfassung der Gesellschaft zu betrachten. Warum es ausgerechnet Winnenden (oder Erfurt oder …) getroffen hat – so ließe sich pointieren –, ist weiterhin unklar, aber dass sich ein solches Ereignis früher oder später ereignen musste, steht außer Frage. Die Gesellschaft selbst erscheint hier gewissermaßen als Kollektivakteur einer tragischen Erzählung, die am Ende schlecht ausgehen muss. 12.3 Ohne Anfang kein Ende Das dritte Narrativ Ohne Anfang kein Ende hat eine zyklische Struktur und fungiert als Bindeglied zwischen den Ereignissen. Amokläufe gelten hier weder als vollständig kontingente Einzelereignisse noch als Symptome eines gesamtgesellschaftlichen Versagens, sondern scheinen vielmehr selbst miteinander verkettet zu sein. Die Tat von Winnenden verweist auf Erfurt, Erfurt auf Columbine und Columbine auf Texas usw., ohne dass sich dabei ein Endstück dieser Verkettung identifizieren ließe. Egal wie weit man die Geschichte des Amoklaufs zurückverfolgt, die Taten bleiben letztlich Kopien ohne Original. Amokläufe führen zu einer »Krise der Repräsentation« (Giesen 2014c: 166 ff.), indem TEIL V: SChLUSS 280 sie bereits vergangene Ereignisse mimetisch verdoppeln, und sie führen zu einer Krise der Kausalität (vgl. Gerster 2016), da die konkreten Wirkungsmechanismen dieser fatalen Verkettung letztlich doch im Dunklen bleiben. Insbesondere die Kausalrichtungen sind schwer zu identifizieren. Suchen sozial isolierte Jugendliche Trost in virtuellen Welten oder führt ein übermäßiger Konsum von »Killerspielen« zu Abstumpfung und Vereinzelung? Diszipliniert eine Mitgliedschaft im Schützenverein einen Schüler und unterrichtet ihn in Verantwortung oder verführt die Waffe in der hand zum Verbrechen? Ist die fiktive Gewalt im Kino, im Fernsehen oder in Computerspielen Ursache oder Symptom eines Niedergangs der Werte? Die Krise der Kausalität bleibt – trotz aller Erklärungsversuche. »Ohne eine Antwort auf die Fragen zu finden, die sich mit school shootings stellen«, schreibt André Grzeszyk in seiner medienwissenschaftlichen Dissertation über Amokläufe, »werden die Täter nach jedem neuen Fall in Ahnengalerien aufgereiht, in wuchernden Sequenzen, die sich allein konstatieren lassen. Jenseits der Sprache bleibt nur das Zeigen« (Grzeszyk 2012: 11, hervorhebung im Original). Es gibt vor allem zwei Eben dieser fatalen Verkettung der Ereignisse. Erstens stellen die Medien Verweise zwischen den Taten her: »Columbine in Thüringen«, beschreibt ein Artikel in der Zeit vom 02.05.2002 den Amoklauf von Erfurt; »Grauenvoller Rückschlag« titelt die Süddeutsche Zeitung am 12.03.2009 nach dem Amoklauf von Winnenden und meint damit Erfurt. Im ersten Fall wird eine Kontinuität aufgemacht – Amokläufe gibt es nicht nur in Amerika, sondern sie gibt es jetzt auch bei uns –, im zweiten Fall eine Diskontinuität – man glaubte, dem Problem einigermaßen herr geworden zu sein und doch ereignete sich ›Erfurt‹ ein weiteres Mal. Obwohl jeder Amoklauf seine eigene Erzählung mit jeweils spezifischen Kapiteln generiert – die Computerspiele und die Rache an der Schule in Erfurt, die Depressionen von Tim K. und die unverschlossene Waffe in Winnenden –, werden sie narrativ miteinander verknüpft. Ein und derselbe Amoklauf wird dann je nach Perspektive zur Kopie (Erfurt von Columbine) oder zur Vorlage (Erfurt für Winnenden) und verweist dabei zugleich auf Taten, die vor und nach dem Ereignis liegen. Diese endlosen Verweisungsstrukturen – und dies wäre die zweite Ebene – werden natürlich nicht nur von den Medien kopiert. Sie können auch von (potentiellen) Tätern rezipiert werden, die die Erzählung als handlungsskript auslegen und in die Tat umsetzen. Die Täter haben ihre Vorbilder und wollen selbst als Vorbilder unsterblich werden. Dieses dritte Narrativ lässt sich nur bedingt als ›Bewältigung‹ begreifen, beschreibt es doch in reflexiver Weise gleichzeitig ein Unbehagen an der Narration selbst. Der Akt des Erzählens droht sich zu verselbstständigen und viral auszubreiten: »Die mediale Verbreitung des handlungsmusters wird zur grundlegendsten Voraussetzung für dessen Erscheinen« (Grzeszyk 2012: 13). Menschen sind »immer in Geschichten verstrickt«, DIE NARRATIVE BEWÄLTIGUNG VON AMOKLÄUFEN 281 wurde Wilhelm Schapp bereits zitiert (Schapp 2012: 1). Die Politik und die Wissenschaft, die Medien und die Täter hören die Geschichten der Gewalt und schreiben sie fort. Auch dieses Buch bildet keine Ausnahme. 282 13 Schluss Nachdem Amokläufe aus historischer (Teil II), theoretischer (Teil III) und empirischer Perspektive (Teil IV) erschlossen worden sind, sollen nun am Ende dieser Arbeit die zentralen Ergebnisse zusammengefasst, offene Fragen diskutiert und ein Ausblick gegeben werden. Zunächst erfolgt die Darstellung der Ergebnisse anhand von drei Thesen, die sich aus den drei Perspektiven entwickeln lassen. 13.1 Drei Thesen über Amok 13.1.1 Von der Ent-Ritualisierung zur Re-Ritualisierung des Amoklaufs Aus der Perspektive der westlichen Welt beginnt die Geschichte des Amoklaufs mit den Reiseberichten aus Südostasien im 16. Jahrhundert. Amok als Kriegstechnik oder als Ritual zur Wiedererlangung verlorener Ehre ist ein fester Bestandteil der indigenen Gemeinschaften. Erst durch den ›pathologischen Blick‹ der Kolonialherren gelangt Amok als sinnloses Ereignis und krankhafte Erscheinung als Phänomen nach Europa und Amerika. Der Amoklauf verliert seine ihm inhärente kulturelle Bedeutung und wird fortan vornehmlich für völlig unverständliche, exzessive Gewaltereignisse gebraucht. Nicht mehr die Gesellschaft ist Ursprung und Adressat der Gewalt, sondern das kranke Individuum. Betrachtet man allerdings die moderne westliche Geschichte von Amokläufen, die trotz einiger Vorläufer mit der Tat an der Columbine highschool in Littleton 1999 beginnt, lassen sich Tendenzen einer Re-Etablierung von Amokläufen als Ritual beobachten. Obwohl Amokläufe weiterhin gesellschaftlich geächtet werden, zirkulieren zunehmend Bilder, Skripte und Geschichten über sie, die Nachahmungen ermöglichen. Amok als Medien-Ereignis adressiert wieder die gesamte Gesellschaft und lässt sich auch nicht mehr ausschließlich durch individuelle Pathologien erklären. Die Entwicklung der Frühgeschichte kehrt sich um: Amok wird wieder kollektiviert. Unsere Gesellschaft hat einen ritualisierten Umgang mit der Gewalt gefunden, wie die sich wiederholenden Erklärungs- und Präventionsversuche zeigen. Amokläufe sind in ihre Abnormalität normal und in ihrer Unberechenbarkeit wahrscheinlich geworden. Trotz der massiven Verstörung, die Amokläufe auch weiterhin hervorrufen, haben sich Strukturen entwickelt (mediale, politische, wissenschaftliche usw.), innerhalb derer Amokläufe als kontingente Ereignisse erwartet, gedeutet, erzählt und überwunden werden können. Amok SChLUSS 283 ist in der modernen, westlichen Welt angekommen und hat den Status einer Ausnahme verloren. 13.1.2 Ein Plädoyer für die Kategorien der ›Grundund Sinnlosigkeit‹ in der (Gewalt-) Soziologie ›Grundlosigkeit‹ und ›Sinnlosigkeit‹ sind keine klassischen soziologischen Begriffe. Die Soziologie hat als Wissenschaft im Gegenteil große Schwierigkeiten damit, sich mit der Abwesenheit von Sinn und Gründen zu beschäftigen. Johannes Weiß sieht ein Grundlagenproblem der Soziologie darin, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht thematisiert, sondern verzweifelt versucht, ›positive‹ Soziologie zu sein. Eine »negative Soziologie«, wie Weiß (1995: 246) sie fordert, expliziert »die Grenzen soziologischer Erklärungsmöglichkeiten (d.h. die Grenzen der Wirksamkeit sozialer Determinismen).« Im Folgenden soll versucht werden, ›positive‹ und ›negative‹ Soziologie zu verbinden und einen Vorschlag einzubringen, wie die handlungstheoretische Unmöglichkeit des sinnlosen handelns dennoch mit der Möglichkeit von soziologischen Kategorien des ›Sinnlosen‹ und ›Grundlosen‹ vereinbart werden kann. Betrachtet wird dabei zunächst die handlungstheoretische Unmöglichkeit des sinnlosen handelns paradigmatisch anhand der Ansätze von Schütz und Weber. hier ist es besonders wichtig, zwischen den Attributen ›grundlos‹ und ›sinnlos‹ zu unterscheiden. Während ›Grundlosigkeit‹ auf nicht vorhandene oder unbekannte ›Weil-Motive‹ verweist, thematisiert die Frage nach ›Sinnlosigkeit‹ ›Um-zu-Motive‹. Erstere sollen Aufschluss über Ursachen und Auslöser in der Vergangenheit, letztere über Ziele in der Zukunft geben. Auch wenn sich ›Um-zu-Motive‹ möglicherweise erst im Vollzug der handlung selbst einstellen und ›Weil-Motive‹ dem handelnden selbst unbekannt sein können, sind beide Motive konstitutiv für das handlungsmodell für Schütz. Auch bei Weber scheint der Ausdruck ›sinnloses handeln‹ selbst sinnlos zu sein. Selbst bei affektivem, aber auch bei traditionellem handeln muss ein gewisses Maß an ›subjektivem Sinn‹ vorhanden sein, wenn das einzuordnende Phänomen nicht zum bloßen ›Verhalten‹ degradiert werden soll. Nimmt man die Perspektive der Täter ein, kann die Gewalt aus handlungstheoretischer Perspektive deshalb weder ›grundlos‹ noch ›sinnlos‹ sein, weil sie mit ihr durchaus einen subjektiven Sinn und Motive verbinden: Die Täter wollen Rache nehmen, herr über Leben und Tod sein, berühmt werden usw. Nimmt man dagegen die Perspektive der Gesellschaft ein, stellt sich die Frage, wie solche Motive und Gründe bewertet werden. Wer als Ermittler oder als Journalist, als Wissenschaftler oder als Angehöriger von Opfern versucht, den subjektiv gemeinten Sinn eines Amokläufers zu rekonstruieren, mag bestimmte Interpretationen favorisieren und andere TEIL V: SChLUSS 284 ausschließen und für illegitim halten. Die Erhabenheit, die der Täter durch die Gewalt erfahren will, evoziert beim Publikum lediglich Entsetzen und Unverständnis. Wir müssen also die Gewalthandlung von ihrer gesellschaftlichen Rezeption und ihrer moralischen Bewertung entkoppeln und fragen, auf was ›Grundlosigkeit‹ und ›Sinnlosigkeit‹ als kollektive Zuschreibung letztlich verweisen. Dies wäre erstens die weitgehende Kontingenz von Tätern und Opfern (Vergangenheitsbezug), zweitens unverhältnismäßige und illegitime Ziele (Zukunftsbezug) und drittens die Gewalt selbst als rational geplanter Exzess (Gegenwartsbezug). In Bezug auf den letzten Fall des Zusammenhangs zwischen Gewalt und Gegenwart fällt auf, dass es einige Ansätze gibt, die Grenzfälle des handelns untersuchen, diese aber nur selten in der Gewaltforschung Anwendung finden. Konzepte des »Flow« oder der »intrinsischen Motivation« (Csikszentmihalyi) werden ohne zu zögern im Kontext von Extremsportarten und spielerischem Treiben diskutiert, sobald sie aber in die diskursive Nähe von Gewalt gebracht werden, stellt sich ein allgemeines Unbehagen ein. Eine reine Lust an der Gewalt erscheint monströs und undenkbar. 13.1.3 Amok als ›flottierender Signifikant‹ Amok als Begriff ist bedeutungsoffen. Er lässt sich im Sinne von Lévi- Strauss als »flottierender Signifikant« begreifen, der – wie der Begriff des mana – die Funktion hat, »sich der Abwesenheit von Sinn entgegenzusetzen, ohne selber irgendeinen Sinn mitzubringen« (Lévi-Strauss 1989: 40). Der flottierende Signifikant kann viele Widersprüche in sich vereinigen und gerade aufgrund seiner ›Sinnfreiheit‹ alle möglichen Formen von Sinn in sich aufnehmen (vgl. auch Giesen und Seyfert 2013). Die Berichterstattung über Amokläufe weist eine Menge antagonistischer Beschreibungen auf: Determinismus vs. Kontingenz, Rationalität vs. Exzess, Einzigartigkeit vs. Vergleichbarkeit, Normalität vs. Ausnahme, Gesundheit vs. Krankheit, individuelle vs. kollektive Schuld usw. ›Amoklauf‹ ist keine juristische Kategorie und es gibt keine allgemeingültige Definition. Dennoch hat sich ein Deutungshof um den Begriff gebildet und viele Assoziationen haben sich etabliert, die auch die metaphorische Verwendung des Begriffs einschließen. Wenn Finanzmärkte oder Politiker ›Amok laufen‹, hat man eine Vorstellung davon, was dies zu bedeuten hat. Gerade durch diese »symbolische Überdeterminiertheit« (Binder 2013: 90) lässt sich das Ereignis kommunikativ anschlie- ßen und integrieren. Die (vermeintliche) Sinnlosigkeit der Gewalt wird diskursiv in eine Überproduktion an Sinn verwandelt, die Sprachlosigkeit weicht der Geschwätzigkeit und die (vermeintliche) Grundlosigkeit offenbart einen ganzen Abgrund voller Gründe. Durch die Polyphonie SChLUSS 285 der Erklärungen wird das konturlose Ereignis nicht nur gerahmt, sondern geradezu überformt: das zu Erklärende droht unter dem Ballast der Erklärungen zu verschwinden. Die Leere wird zur Überfülle, der Sinnverlust endet in einer Sinnflut. Diese Flüchtigkeit von Sinn und Bedeutung, von Schuld und Kausalität – im wörtlichen Sinne – festzustellen, ist der Antrieb der öffentlichen Debatte um Amokläufe. Dem Entdifferenzierungsproblem, das mit Amok als flottierendem Signifikanten korreliert, wird deshalb auch mit Tendenzen zur Vereindeutigung begegnet. Ambivalente Phänomene, denen eine Kausalität bezüglich der Taten zugeschrieben wird, werden dämonisiert: Computerspiele werden zu »Killerspielen«, Sportwaffen zu Mordwaffen. 13.2 Ausblick In jeder Arbeit bleiben Fragen offen. Eine theoretisch wie empirisch vollständig hermetisch abgeriegelte Arbeit erscheint weder glaubwürdig noch durchführbar. In der vorliegenden Arbeit ist der Fokus auf die beiden deutschen Amokläufe in Erfurt und Winnenden gelegt worden und die diskursiven und narrativen Strategien wurden analysiert, mit denen versucht wird, das verstörende Ereignis kollektiv zu bewältigen. Dabei haben einschlägige Printmedien – vor allem auf der textlichen Ebene – als empirisches Datenmaterial gedient. In einem weiteren Schritt könnten die Bildebene sowie andere, audiovisuelle Medien noch stärker mit einbezogen werden. Darüber hinaus wäre es interessant, weitere Fälle aus Deutschland zu betrachten – so zum Beispiel die Amokläufe in Emsdetten am 20.11.2006 oder in Ansbach am 17.09.2009 – und/oder andere Fälle aus anderen Ländern mit in den Vergleich aufzunehmen. Insbesondere eine Gegenüberstellung der Rezeption von Amokläufen in Deutschland und in den USA – vor allem die Debatten nach den Amokläufen in Aurora am 20.07.2012 und in Newton am 14.12.2012 – wäre äußerst reizvoll. Gerade in Bezug auf die Bewertung der Rolle von Schusswaffen wären hier vermutlich deutliche Unterschiede zu erwarten. Darüber hinaus ließen sich noch andere Formen von vermeintlich grundloser Gewalt in den Blick nehmen. Zwei vielversprechende Fallstudien wären der »Amokflug« des Andreas Lubitz im März 2015 oder der sogenannte Inzest-Skandal um Josef Fritzl im Jahr 2008. Gewalt ohne Grund führt zu einem akuten Erklärungsnotstand in modernen Gesellschaften. Dies ist weniger deshalb der Fall, weil das Gewaltmonopol des Staates verletzt wird – darin bestehen große Gemeinsamkeiten mit anderen schweren Verbrechen. Terroranschläge wie diejenigen in Paris am 13. November 2015 sind zwar schrecklich, doch TEIL V: SChLUSS 286 sie ließen sich binnen weniger Stunden in ein Narrativ des islamistischen Terrors einbetten, das uns spätestens seit 9/11 nur allzu bekannt ist. Das Verstörende an Amokläufen liegt an der Entkopplung von handlungen, Motiven und Ursachen sowie an der Kontingenz von Tätern und Opfern. Die Gewalt stellt eine Bedrohung für das gesellschaftliche Selbstverständnis und für das Vertrauen in das soziale Band dar, das das Individuum an die Gesellschaft und die Menschen untereinander bindet. In der Wissensgesellschaft wird die frei flottierende Kausalität zur Anomalie; in der Risikogesellschaft wird das unberechenbare Ereignis zum Skandalon. »Das zufällige Ereignis«, schreibt Jean Baudrillard, »nimmt einen Sinn und eine Intensität an, den wir vernünftigen Ereignissen nicht mehr beimessen« (Baudrillard 1983: 81). Gerade das vermeintlich Zufällige beflügelt die Imagination und bringt die gesellschaftliche Deutungsmaschinerie in Gang. Und doch bleiben Grund- und Sinnlosigkeit ambivalent. Kontingenz vermag nicht nur zu irritieren, sie kann auch entlasten: »So können wir uns zwar vom moralischen Standpunkt aus gesehen durch alle möglichen Arten von Alibis (einschließlich dem Zufall) vor der fatalen Verkettung von Ereignissen schützen; vom symbolischen Standpunkt aus gesehen, widerstrebt uns jedoch eine neutrale, durch den Zufall gelenkte Welt, die harmlos und sinnlos wäre, genauso sehr wie eine Welt, in der alles von den objektiven Ursachen beherrscht würde.« (Baudrillard 1983: 99) Ein absoluter Determinismus erscheint genauso monströs wie absolute Kontingenz. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der wachsenden Popularität von Verschwörungstheorien, in denen das Moment des Zufälligen einer Logik des Verdachts unterworfen und systematisch ausgeschlossen wird. Vielleicht ist es sogar beruhigend, die Möglichkeit einer Gewalt ohne Grund hinzunehmen. Die Suche nach Gründen mag einen Abgrund offenbaren, der weitaus beunruhigender ist als deren Abwesenheit. 287 Literatur Abraham, Johnston J. (1912): »Latah and Amok«, in: British Medical Journal i: 438–439. Ackerknecht, Erwin h. (1943): »Psychopathology, Primitive Medicine and Primitive Culture«, in: Bulletin of the History of Medicine 14: 30–67. Adler, Lothar (2000): Amok. Eine Studie. München: Belleville. Ahrens, Jörn (2011): »Anthropologie als Störfall. Gesellschaftliche Bearbeitungen von Gewalt«, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaft 2/2011. Störfälle, hrsg. Lars Koch, Christer Petersen und Joseph Vogl, 73–83. Bielefeld: transcript Verlag. Ahrens, Jörn (2012): Wie aus Wildnis Gesellschaft wird. Kulturelle Selbstverständigung und populäre Kultur am Beispiel von John Fords »The Man Who Shot Liberty Valance«. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Alexander, Jeffrey C. (2003): »A Cultural Sociology of Evil«, in: Ders: The Meanings of Social Life. 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Babcock, Barbara A. 85 Baberowski, Jörg 106 Bal, Mieke 97 Bannenberg, Britta 25, 27, 29, 175 Bataille, Georges 117 ff., 128, 130, 136, 140, 220, 241 Baudrillard, Jean 111, 123, 286 Bauman, Zygmunt 105, 107 f., 124 Baumeister, Roy F. 106, 119 f. Beck, Kurt 221 Beck, Ulrich 137, 141 f., 146 f., 149 f., 155 Becker, howard S. 134 f., 144 Behrens, Fritz 233 Ben-Yehuda , Nachman 143 Berger, Peter L. 84, 87 Bergmann, Jörg 19 Binder, Werner 19, 97, 244, 284 Bohrer, Karl heinz 83, 271 Bondü, Rebecca 34 f. Bongaerts, Gregor 84 Bonß, Wolfgang 156 Bourdieu, Pierre 84, 102, 105, 123, 203 Bourke, Joanna 142 Brandstätter, horst 31, 66 f. Breivik, Anders B. 30, 34, 60 Browning, Christopher R. 16, 18 Bublitz, hannelore 102 Buchkremer, Gerhard 31, 67 Buford, Bill 114 Bulmahn, Edelgard 206, 251, 253 Burton, John 73 Bush, George W. 265 f. Caillois, Roger 231, 278 Campbell, Joseph 99, 201 Canetti, Elias 111 Carr, John E. 54 ff. Christians, heiko 31, 43 ff., 58, 116, 129 Clinton, Bill 77 Cohen, Stanley 135, 143 f., 241 Conrad, Joseph 15 Di Conti, Niccolo 44 Cornier, henriette 60 Csikszentmihalyi, Mihaly 117, 284 Däubler-Gmelin, herta 206 Degaetano, Gloria 215 Demmerling, Christoph 116 Derrida, Jacques 91, 274 Devereux, Georges 57 f. DiCaprio, Leonardo 77 Dickens, Charles 99 Don Quijote 218 Douglas, Mary 39, 137 ff., 145, 147 ff., 231, 241 Dubet, Francois 124 Durkheim, Émile 28, 50, 130 ff., 134, 136 f., 139 f., 147, 175, 190, 211, 264, 267 Edwards, James W. 57 Eisenberg, Götz 26 Ellis, W. Gilmor 53 Engell, Lorenz 92 Enzensberger, Christian 216 Esposito, Elena 149 f. Personenregister PERSONENREGISTER 305 Faust, Benjamin 28 Figal, Günter 83 Fischer, Joschka 178 Fisher, Walter R. 97 Foerster, Klaus 31, 67 Foucault, Michel 43, 59 f., 101, 119, 136 Frazer, James G. 98 Freisleder, Franz J. 205, 217, 219 Freud, Sigmund 65, 117, 137 Friedmann, Michel 180 Frisch, Max 97 Fritzl, Joseph 30, 171, 285 Frye, Northrop 98 ff., 278 Galtung, Johan 105 Garfinkel, harold 19, 88, 103 Gaupp, Robert 66, 68 f. Geertz, Clifford 36, 39 f., 56 Genette, Gérard 97 Van Gennep, Arnold 95 Gerster, Marco 15, 20, 118 f., 138, 171, 218, 228, 280 Giesen, Bernhard 15f., 19, 27, 29 f., 33, 85 f., 94 f., 104, 106, 108 f., 117 f., 122, 124, 130, 141, 144 f., 154 ff., 163, 171, 181 f., 198, 201, 205, 209, 247 f., 254, 264 f., 270, 273, 277 ff., 284 Gimlette, John D. 53 f. Girard, René 115, 135, 139, 215 f., 241, 244 Von Goethe, Johann W. 245 Goffman, Erving 87 Goode, Erich 143 Göring-Eckart, Katrin 252 Grant, hugh 99 Groneman, Isaac 49 Grossman, Dave 215, 221 Grzeszyk, André 32, 280 Zu Guttenberg, Karl-Theodor 135 hacking, Ian 16 hahn, Alois 90, 149, 151 haneke, Michael 223 harris, Eric 76, 78, 175, 186, 214 hasan, Nidal M. 34 hauptmann, Gerhart 32 heidegger, Martin 141, 247 f. heise, Rainer 175, 201 hektor 120 f. herrmann, Joachim 216, 230 herzog, Roman 186 hesse, hermann 52, 67 hier, Sean P. 143 hill, A. h. 51 himmelrath, Armin 29 hitler, Adolf 70, 78 hoffmann, Jens 25, 29 hoffmeister, Maren 31 homer 121 huck, Wilfried 25 hüttermann, Jörg 105 hughes, Charles C. 55 huizinga, Johan 97, 118, 218 Imbusch, Peter 105 Japp, Klaus P. 149, 154 Jung, Carl G. 98 Keller, Reiner 101 f. Kellner, Douglas 27 Kenny, Michael G. 56 f. Kiehne, Karl 31, 70 f. Kierkegaard, Søren 141 Kirsch, Peter 46 Klebold, Dylan 76, 175, 214 Von Kleist, heinrich 120 Klimczak, Peter 104 Kluge, Alexander 158 Köhler, horst 176 Kohlhaas, Michael 120 Kolnai, Aurel 121 Körting, Erhart 206, 230, 234 Koschorke, Albrecht 61, 86 f., 97 f. Koselleck, Reinhart 92, 270 Kraepelin, Emil 54, 68 Krämer, Steffen 105 Krämer, Sybille 93 f. Kretschmer, Jörg 209 ff., 258 Kretschmer, Tim 129, 162, 166, 168, 170, 183 ff., 187, 189, 191 ff., 196, 198 ff., 202, 210, GEWALT OhNE GRUND 306 220, 228 f., 237, 240, 250, 252, 256, 272 Krohn, Wolfgang 147 f. Krücken, Georg 147 f. Kuehn, John L. 73 Laclau, Ernesto 90 Lamnek, Siegfried 134 Landweer, hilge 116 Langman, Peter 25 f. Larkin, Ralph W. 27 Latour, Bruno 230 f. Lavergne, Gary M. 31, 73 f. Lehmann, Johannes F. 32 Leibniz, Gottfried W. 86 Leonhardt, Martin 31, 67 Lethen, helmut 94 Lévinas, Emmanuel 154, 198 Lévi-Strauss, Claude 84 f., 284 Link, Jürgen 102 f. Lipsedge, Maurice 55 Littlewood, Roland 55 Luckmann, Thomas 84, 87 Lübbert, Monika 27 Luhmann, Niklas 29, 37, 84 ff., 89 f., 92, 108, 132 f., 142, 147 ff., 159, 171, 260 Lyotard, Jean-François 98 Magath, Felix 181 Manson, Marilyn 77, 214 Marquard, Odo 39, 97 Mäurer, Ulrich 232, 234 Mauss, Marcel 19, 49, 84 Mauz, Gerhard 71, 72 Mayer, Gisela 213 Mayring, Philipp 38 f. Mead, George h. 84, 89, 131 f. Mende, Dirk 137 Merkel, Angela 178, 237, 262 Merton, Robert K. 132 Metzger, Emil 47 f. Meyer, Kim-Claude 15, 98 Milgram, Stanley 16 Milzner, Georg 26 f. Möllemann, Jürgen 180 Müller, Imre 71 f. Müller, Peter 231 Müller-Funk, Wolfgang 97 Münkler, herfried 151 f. Müntefering, Franz 254 Murphy, henry B. 45, 61 Muschert, Glenn W. 77 Nassehi, Armin 146 f., 149, 156 f. Nedelmann, Birgitta 105, 111 Neiman, Susan 119 Neuhäuser, Sarah 29 Neuzner, Bernd 31, 66 f. Newman, Philip L. 56 Novatus 115 Ödipus 100 Odysseus 32, 121 f. Oettinger, Günther 173, 176, 200 Ortmann, Günther 133 f. Ossowska, Maria 116 Oxley, John 52 Pañji 49 Parr, Rolf 136, 185 Paschitnow, Alexej 226 Patroklos 120 f. Perrow, Charles 140, 145 f. Peter, Barbara 31 Petersen, Christer 104 Pfeiffer, Christian 186 Plessner, helmuth 212 Popitz, heinrich 107, 110 ff., 133, 158, 218 Van Raden, Rolf 31, 67 ff. Rappaport, Roy A. 95 Rasch, Chr. 52 Rashid, Razha 51, 59 Rassers, Willem h. 49 ff. Rattner, Josef 115 f. Rau, Johannes 172, 174, 187 Rauer, Valentin 177 Rech, heribert 269 Reemtsma, Jan Ph. 105 f., 109, 111 ff., 120, 125, 128, 198 PERSONENREGISTER 307 Reeves, Keanu 77 Ricoeur, Paul 98, 137, 147, 241 Riekenberg, Michael 117 Roberts, Julia 99 Robertz, Frank J. 25, 29 Romer, Georg 204, 217, 219 f. Roshdi, Karoline 25, 29 Safranski, Rüdiger 15 Sartre, Jean-Paul 84, 86 Schapp, Wilhelm 97, 281 Scheithauer, herbert 34 f. Schily, Otto 201, 206, 234, 260 f. Schmidt, Ernst 64 f. Schmidt, harald 178 Schneider, Christoph 16, 18, 39, 84, 90 Schneider, Manfred 115, 199 Schober, hardy 216 Schrempf, Christoph 66 Schröder, Gerhard 177 f. Schütz, Alfred 84, 87, 128, 151, 283 Schwarzer, Alice 199, 262 Seel, Martin 92 Segal, Robert A. 98 Seifert, Walter 31, 70 f., 75 Seneca, Lucius A. 115 Seyfert , Robert 29, 85, 248, 284 Sharon, Ariel 180 Simmel, Georg 104, 115, 151, 155 Sloterdijk, Peter 116 f. Smith, Craig A. 265 f. Smith, Philip 33, 98 ff., 139, 147 f., 267 Soeffner, hans-Georg 95 Sofsky, Wolfgang 105, 107 f., 110 ff., 114 ff., 170, 187, 199, 229 Sophokles 32, 121 f. Spielmann, Wolfgang 50 Spores, John C. 43 ff. Sprondel, Walter M. 182 Sprute, Jürgen 265 Stäheli, Urs 90 Stoiber, Edmund 178, 263 Strasser, Peter 171 Strehle, Samuel 123 Struck, Peter 259 Sunstein, Cass R. 150, 152 Sutterlüty, Ferdinand 111, 113 f. Takeda, Arata 32, 121 f. Tan, Eng K. 55 f. Tarde, Gabriel 245 Tauber, Peter 224 Taussig, Michael 46 Thiele, Matthias 91 Thierse, Wolfgang 263 Thompson, Kenneth 143 Von Tronka, Wenzel 120 Tuah, hang 46 f. Turner, Victor 57, 95 Viehöver, Willy 39 Vogl, Joseph 15, 18, 32, 34, 43 ff., 48, 59, 61, 73, 78, 127, 136, 158, 166, 170, 186 Wagner, Ernst A. 31, 61, 66 ff., 73 ff., 78 Waldrich, hans-Peter 26, 28 Watzlawick, Paul 172 Weber, Max 84, 88 f., 108, 128, 224, 283 Weiß, Johannes 283 Wertham, Fredric 76 White, hayden V. 98 Whitman, Charles J. 31, 62, 73 ff. Wiechens, Peter 172 Wieviorka, Michel 123 ff. Wildavsky, Aaron 139 f., 147 f. Wittgenstein, Ludwig 95 Wolf, Igor 201 f. Wulff, Christian 135 Yap, Pow Meng 54 ff. Ziegler, Daniel 104 f. Zimbardo, Philip G. 16, 59 Zweig, Stefan 32

Zusammenfassung

Amokläufe sind Beispiele für vermeintlich »grundlose« Gewaltereignisse, die einen ernsten gesellschaftlichen Erklärungsnotstand hervorrufen. Die Beliebigkeit von Tätern und Opfern, das Fehlen von verständlichen Motiven sowie die Ausführung der Taten als rational geplante Exzesse werden in modernen Wissens- und Risikogesellschaften, in denen nichts ohne letzte Ursache bleiben darf, zur Anomalie. Das vorliegende Buch beschäftigt sich aus kultursoziologischer Perspektive mit der gesellschaftlichen Bewältigung von Amokläufen. Es thematisiert die sozialen Mechanismen und narrativen Muster, die aus der »grundlosen« Gewalt Sinn und Bedeutung schöpfen. Die Studie folgt daher einem konstruktivistischen Paradigma. Ihr Ziel ist es nicht, einen Erklärungsversuch zu unternehmen, sondern die Debatte um Amokläufe selbst deutend zu verstehen, um aus den Ergebnissen Erkenntnisse in Bezug auf das Selbstverständnis der Gesellschaft zu gewinnen. Inhaltlich gliedert sich die Arbeit in drei Abschnitte. Aus einer historischen Perspektive wird der Ursprung des archaischen Amoklaufs im südostasiatischen Raum beleuchtet und mit den ersten modernen, als »Amokläufe« beschriebenen Ereignissen in Deutschland und Amerika verglichen. Den theoretischen Zugang bildet die Auseinandersetzung mit Phänomenen des Außerordentlichen: Ereignis und Erzählung, Gewalt und Überschreitung, Risiko und Solidarität. Von besonderer Bedeutung sind die Erkenntnis, dass es bislang wenig systematische Auseinandersetzungen mit dem Problem der Grund- und Sinnlosigkeit in der (Gewalt-)Soziologie gibt sowie Vorschläge, diesem Desiderat kultursoziologisch beizukommen. In der empirischen Analyse wird die printmediale Berichterstattung über die deutschen Amokläufe von Erfurt (2002) und Winnenden (2009) mit den Methoden der qualitativen Inhalts- und Narrationsanalyse untersucht. In den Debatten um Ursachen und Motive, Schuld und Verantwortung sowie Sicherheit und Prävention zeigt sich, wie gerade das vermeintlich »Sinnlose« zur Sinnstiftung zwingt und das bedrohliche »Nichts« eine Überfülle an Bedeutung produziert.

References

Zusammenfassung

Amokläufe sind Beispiele für vermeintlich »grundlose« Gewaltereignisse, die einen ernsten gesellschaftlichen Erklärungsnotstand hervorrufen. Die Beliebigkeit von Tätern und Opfern, das Fehlen von verständlichen Motiven sowie die Ausführung der Taten als rational geplante Exzesse werden in modernen Wissens- und Risikogesellschaften, in denen nichts ohne letzte Ursache bleiben darf, zur Anomalie. Das vorliegende Buch beschäftigt sich aus kultursoziologischer Perspektive mit der gesellschaftlichen Bewältigung von Amokläufen. Es thematisiert die sozialen Mechanismen und narrativen Muster, die aus der »grundlosen« Gewalt Sinn und Bedeutung schöpfen. Die Studie folgt daher einem konstruktivistischen Paradigma. Ihr Ziel ist es nicht, einen Erklärungsversuch zu unternehmen, sondern die Debatte um Amokläufe selbst deutend zu verstehen, um aus den Ergebnissen Erkenntnisse in Bezug auf das Selbstverständnis der Gesellschaft zu gewinnen. Inhaltlich gliedert sich die Arbeit in drei Abschnitte. Aus einer historischen Perspektive wird der Ursprung des archaischen Amoklaufs im südostasiatischen Raum beleuchtet und mit den ersten modernen, als »Amokläufe« beschriebenen Ereignissen in Deutschland und Amerika verglichen. Den theoretischen Zugang bildet die Auseinandersetzung mit Phänomenen des Außerordentlichen: Ereignis und Erzählung, Gewalt und Überschreitung, Risiko und Solidarität. Von besonderer Bedeutung sind die Erkenntnis, dass es bislang wenig systematische Auseinandersetzungen mit dem Problem der Grund- und Sinnlosigkeit in der (Gewalt-)Soziologie gibt sowie Vorschläge, diesem Desiderat kultursoziologisch beizukommen. In der empirischen Analyse wird die printmediale Berichterstattung über die deutschen Amokläufe von Erfurt (2002) und Winnenden (2009) mit den Methoden der qualitativen Inhalts- und Narrationsanalyse untersucht. In den Debatten um Ursachen und Motive, Schuld und Verantwortung sowie Sicherheit und Prävention zeigt sich, wie gerade das vermeintlich »Sinnlose« zur Sinnstiftung zwingt und das bedrohliche »Nichts« eine Überfülle an Bedeutung produziert.