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Cornelius F. Moriz

Markt und Teilhabe

Über Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-100-7, ISBN online: 978-3-7489-2664-1, https://doi.org/10.5771/9783748926641

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-100-7 VELBRÜCK WISSENSCHAFT M or iz • M ar kt u nd T ei lh ab ePolitische Bemühungen, gedeihliche Lebensbedingungen wohlfahrtsstaatlich für alle zu garantieren, scheitern – so der Autor – an ihrer notorischen Fixierung auf Erwerbsarbeit. Parteiübergreifend lautet das Credo »Sozial ist, was Arbeit schafft!«. Dabei wird übersehen, dass der eigentliche Schlüssel zu sozialer Inklusion und Teilhabe in der kapitalistischen Moderne nicht in Arbeit, sondern schlicht in Geld besteht, und deshalb die in vielen Ländern zu beobachtende Verkür zung von Sozial- auf Beschäftigungspolitik oft lediglich zur Verwandlung von Erwerbslosen in erwerbstätige Arme führt, statt Armut und Ausgrenzung an sich wirksam zu verringern. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die ungleiche Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen systematisch mit den wichtigsten, empirisch verankerten Gerechtigkeitsvorstellungen westlicher Gesellschaften zu vergleichen, um vor diesem Hintergrund die sachlichen und insbesondere normativen Vor- und Nachteile eines Bedingungslosen Grundeinkommens zu diskutieren. Cornelius Friedemann Moriz studierte Soziologie, Ethnologie und Geschichte an der Universität Freiburg i. Br. und promovierte an der Universität Basel. Dort arbeitet er als Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und schreibt derzeit an einem Buch über die Soziologie der Heimat. Cornelius Friedemann Moriz Markt und Teilhabe Über Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne Cornelius Friedemann Moriz Markt und Teilhabe Cornelius Friedemann Moriz Markt und Teilhabe Über Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne VELBRÜCK WISSENSCHAFT Erste Auflage 2016 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2016 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-100-7 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Der Autor dankt der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg für die Gewährung eines Stipendiums sowie dem Dissertationenfonds der Universität Basel und dem Max Geldner-Fonds der Philosophisch- Historischen Fakultät der Universität Basel für die finanzielle Unterstützung der Publikation. Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Teil I: Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne 1. Die Wiederentdeckung der sozialen Frage . . . . . . . . . . . . . . . 25 1.1 Das goldene Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 1.2 Der Untergang Arkadiens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 a) Verteilung der Vermögen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 b) Verteilung der Einkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 c) Zunahme der Armut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Exkurs zur Konzeptualisierung von Armut. . . . . . . 41 d) Prekarität, Exklusion und die Wiederentdeckung der sozialen Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 2. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion I – Zur Inklusivität der Erwerbsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 2.1 Zur ideologischen Inklusivität der Erwerbsarbeit . . . . . . 80 a) Vormoderne Bewertung der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . 80 b) Zur Geschichte der modernen Glorifizierung der Arbeit 83 c) Widersprüche zwischen Ideologie und Realität der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 d) Trotz manifester Widersprüche zwischen Ideologie und Realität: Apotheose der Arbeit in drei Dimensionen . 96 2.2 Zur praktischen Inklusivität der Erwerbsarbeit . . . . . . . 108 3. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion II – Zur Inklusivität des Geldes und zur Exklusivität der Armut 119 3.1 Niklas Luhmanns Systemtheorie der In- und Exklusion 123 a) Inklusion und Exklusion in vormodernen Gesellschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 b) Inklusion und Exklusion in der modernen Gesellschaft 129 c) Zusammenfassung und Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 3.2 Zum Primat des ökonomischen Systems. . . . . . . . . . . . . 147 a) Zahlungsfähigkeit: Existenzgrundlage des modernen Menschen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 INHALT b) Zur intersystemischen Bedeutung des Geldes für die soziale In- und Exklusion. . . . . . . . . . . . . . . . 150 c) Exklusion als intrasystemische Erfolgsbedingung der kapitalistischen Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 d) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Teil II: Zum Problem der sozialen Gerechtigkeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne 4. Ist das fair? – Eine gerechtigkeitsethische Analyse der Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Kapitalismus 217 4.1 Vorüberlegungen zum Maßstab der Gerechtigkeit . . . . . 217 Exkurs zur Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls 222 4.2 Über die Gerechtigkeit sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne . . . . . . . 244 a) Das Prinzip der Gleichheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 b) Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit . . . . . . . . . . . 251 Exkurs zum verdienstethischen Naturalismus von Wolfgang Kersting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 c) Das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . 288 d) Das Prinzip der persönlichen Freiheit . . . . . . . . . . . . 296 e) Das Prinzip der allgemeinen Vorteilhaftigkeit . . . . . . 300 f) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 5. Das Bedingungslose Grundeinkommen – Ein Weg aus der Misere? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 5.1 Zur Lage des politischen Systems und den Chancen der Gerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 5.2 Zur sachlichen Adäquanz des Grundeinkommens . . . . . 327 5.3 Zur normativen Attraktivität des Grundeinkommens. . . 329 a) Verringerung der Ungleichheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 b) Erhöhung der Leistungsgerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . 334 Exkurs zu den angenommenen Effekten eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf die individuelle Arbeits- und Leistungsbereitschaft. . . . . . . . 340 c) Befriedigung der Grundbedürfnisse und reale Freiheit 346 d) Harmonisierung der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . 353 e) Schluss: Das Bedingungslose Grundeinkommen als Chance der Gerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 7 Einleitung Europa ist ein reicher Kontinent. Unter dem Eindruck der seit Jahren andauernden Eurokrise mag dieser Umstand vielleicht etwas in den Hintergrund geraten sein. Doch nach Angaben der Boston Consulting Group, einer der größten Unternehmensberatungen der Welt, steigerte sich das europäische Vermögen in privaten Händen bis zum Jahr 2013 auf fast 38 Billionen Dollar, was rund einem Viertel des globalen Reichtums entsprach.1 Damit rangierte Europa, hinter dem nordamerikanischen Wirtschaftsraum mit 50,3 Billionen, auf dem zweiten Platz, was bedeutet, dass die Kernregionen der westlichen Welt 2013 zusammengenommen nicht weniger als 58 % des weltweiten Privatvermögens kontrollierten. Zwar lagen die Wachstumsraten der vorausgegangenen Jahre in Europa und Nordamerika deutlich unter denen beispielsweise des aufstrebenden asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraumes. Dennoch wuchs der private Reichtum auch im Westen, in Europa, trotz der globalen Finanz- und anschließenden Eurokrise allein zwischen den Jahren 2009 und 2013 um fast 6 Billionen Dollar.2 Mit anderen Worten: Niemals zuvor war der gesellschaftliche Reichtum in Europa größer. Doch obwohl das so ist, lebten nach offizieller Statistik der Europäischen Union im Jahr 2011 ganze 17 % der Europäer, das entspricht etwa 84 Millionen Menschen, unterhalb der Armutsgrenze. Und über 24 % waren infolge materieller Entbehrungen und/oder ihrer schlechten Arbeitsmarktintegration von sozialer Ausgrenzung bedroht.3 Betroffen sind dabei keineswegs nur die derzeit besonders krisengeschüttelten Länder Süd- oder Osteuropas. Auch in Frankreich und Deutschland leben nach Angaben von Eurostat mit rund 14 beziehungsweise 16 % bedeutende Anteile der Bevölkerung in Armut. Und selbst in der reichen Schweiz lag die Armutsquote 2011 bei 15 % und damit nur knapp unter 1 Eingerechnet sind neben dem Barvermögen vor allem Geldanlagen (zum Beispiel Fondsanteile, Aktien, Lebensversicherungen etc.) sowie Rentenansprüche. Immobilien, Betriebsvermögen und Luxusgüter wurden hingegen nicht berücksichtigt. Vgl. Boston Consulting Group: Global Wealth 2014. Riding a Wave of Growth, o. O. 2014, https://www.bcgperspectives.com/content/articles/financial_ institutions_business_unit_strategy_global_wealth_2014_riding_wave_growth/ (23.03.16). 2 Vgl. ebd. sowie Boston Consulting Group: Global Wealth 2012. The Battle to Regain Strength, o. O. 2012, https://www.bcgperspectives.com/content/articles/financial_institutions_corporate_strategy_portfolio_management_global_wealth_2012_ battle_regain_strength/?chapter=2#chapter2_section2 (23.03.16). 3 Vgl. Eurostat: »Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung in der EU27«, Pressemitteilung vom 03.12.2012, http://europa.eu/rapid/press-release_STAT-12-171_ de.htm?locale=en (23.03.16). MARKT UND TEILHABE 8 dem Durchschnitt der EU.4 Was sich daran ablesen lässt, ist, wie ungleich der wachsende Reichtum in den europäischen Ländern verteilt ist. Die Schweiz stellt hierfür ein besonders eindrückliches Beispiel dar. Im Jahr 2010 veröffentlichte das Finanzinstitut Credit Suisse einen Bericht, demzufolge das reichste Prozent der privaten Steuerpflichtigen fast 60 % des steuerbaren Nettovermögens besitzt.5 Dieses eine Hundertstel der Schweizer besitzt demnach mehr als alle anderen Bevölkerungsmitglieder zusammen.6 Doch auch in anderen europäischen Ländern ist die Ungleichheit sehr hoch. In Deutschland zum Beispiel beträgt der Anteil der oberen zehn Prozent der Bevölkerung am gesellschaftlichen Reichtum rund 60 %, während die »untere Hälfte« der Deutschen so gut wie kein Vermögen besitzt und teilweise sogar hochverschuldet ist. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass die Vermögenskonzentration am oberen Ende der Verteilung in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts noch deutlich zugenommen hat.7 Dem Beobachter bietet sich somit ein im Grunde paradoxes Bild. Auf der einen Seite ist die westlich-industrielle Gesellschaftsformation in ökonomischer Hinsicht die mit Abstand produktivste, die die Menschheit je gesehen hat. Doch auf der anderen Seite gelingt es ihr trotz ihres wissenschaftlich-technischen und sozioökonomischen Entwicklungsniveaus offensichtlich nicht, den beispiellosen Reichtum, den sie generiert, auf eine Art und Weise zu verteilen, die jedem Bürger ein sozial inkludiertes Dasein ermöglichen würde, das mit Blick auf die individuellen Lebens- und Verwirklichungschancen den gesellschaftlichen Standards voll entspricht. Stattdessen leiden selbst in den reichsten Ländern der Erde Millionen Menschen unter Armut und sozialer Exklusion, was, abgesehen von weiteren schwerwiegenden Benachteiligungen, beispielsweise zur Folge hat, dass Frauen und Männer aus dem ärmsten Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung im Schnitt rund sieben beziehungsweise 4 Vgl. ebd. Als relative Armutsgrenze dient dabei die in der Forschung wie auch in der Sozialpolitik der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten etablierte 60%-Schwelle des nationalen verfügbaren Medianäquivalenzeinkommens (nach Sozialleistungen), die im ersten Kapitel noch ausführlich erläutert wird. 5 Credit Suisse: Global Wealth Databook, Zürich 2010. 6 Vgl. Ueli Mäder: »Reichtum und Armut. Vermögensentwicklung in Europa und in der Schweiz«, in: Widerspruch, Nr. 61, Dezember 2011, S. 111 –115, hier S. 112. Das Vermögen der 300 reichsten Schweizer vermehrte sich im Übrigen allein 2012 um weitere 31 Milliarden Franken. Vgl. Stefan Lüscher: »Rückblick: Die 300 Reichsten 2012«, in: Bilanz. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin vom 30.11.2012. 7 Vgl. Michael Hartmann: »Klassenkampf von oben. Die gezielte soziale Desintegration«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 9, Berlin 2010, S. 267–277, hier S. 273. EINLEITUNG 9 elf Jahre früher sterben als Frauen und Männer aus dem reichsten.8 Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Dieser Frage möchte ich in der vorliegenden Arbeit nachgehen. Dabei ist unmittelbar ersichtlich, dass sie nicht allein von wissenschaftlichem Interesse ist. Die Frage nach den sachlichen Gründen für die hochgradig ungleiche Verteilungsordnung ist nicht zuletzt von gerechtigkeitsethischer und damit gesellschaftspolitischer Bedeutung. Denn wenn eine Gesellschaft, die sich als demokratische bezeichnet und die moralische Gleichheit der Menschen als Grundpfeiler ihres normativen Selbstverständnisses begreift, trotz ihres überquellenden Reichtums dauerhaft daran scheitert, allen Bürgern die Voraussetzungen für ein gelingendes und möglichst langes Leben als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen zu garantieren, dann stellt das die normative Legitimität ihrer Grund- und Verteilungsordnung substantiell in Frage. Daher geht es im Folgenden auch nicht allein um die rein soziologische Erörterung jener im Wesentlichen marktgesteuerten Mechanismen, die die auseinanderklaffende Verteilung der individuellen Teilhabechancen maßgeblich bedingen. Die soziologische Analyse der Mechanismen sozialer In- und Exklusion dient vielmehr als sachliche Grundlage für die darüber hinausgehende gerechtigkeitstheoretische Analyse, deren Zweck es ist, sich zu den zunehmend asymmetrischen Verteilungsverhältnissen in der kapitalistischen Gesellschaft angemessen positionieren zu können. Demzufolge gliedert sich die vorliegende Arbeit in zwei Teile. Im ersten gilt es zunächst, die angesprochene gesellschaftliche Problemlage am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland exemplarisch darzustellen (Kapitel 1). Dabei wird, vornehmlich auf Basis regierungsamtlichen Materials, noch einmal nachgezeichnet, wie nach dem Abklingen des sogenannten Wirtschaftswunders der 1950er und 60er Jahre, von dem die überwiegende Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung – wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß – profitieren konnte, gesellschaftliche Widersprüche erneut aufbrechen. So nahmen bereits ab Mitte der 1970er Jahre die Arbeitslosenzahlen allmählich wieder zu, und spätestens seit Beginn der 1980er gehört die bis heute anhaltende Massenarbeitslosigkeit wieder zur ständigen Normalität der bundesdeutschen Gesellschaft. Auch die Armut kehrte zurück und mit der vor allem in den 1990er Jahren kontinuierlich steigenden Anzahl ökonomisch wie sozial 8 Vgl. Dorit Kowitz: »Arme sterben früher. Neue Studien belegen endgültig: Reichtum garantiert Gesundheit und ein längeres Leben«, in: Die Zeit, Nr. 29, vom 12.07.2012. Der später noch genauer zu erläuternde Zusammenhang zwischen einer niedrigen sozialen Stellung und einer geringeren Lebenserwartung ist auch für andere (Industrie-)Nationen durch vielfältige Studien gut belegt. Siehe hierzu beispielhaft Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Berlin 2009, insbesondere Kapitel 6: »Gesundheit und Lebenserwartung«, S. 93–107. MARKT UND TEILHABE 10 abgehängter Personen machte sich namentlich in den besonders gefährdeten mittleren und unteren Bevölkerungsschichten ein allgemeines Gefühl der Verunsicherung breit, das den gesellschaftlichen Optimismus der prosperierenden Nachkriegsjahrzehnte weitgehend verdrängte. Vor diesem Hintergrund kam es gegen Ende des 20. Jahrhunderts gleichsam zu einer »Wiederentdeckung« der (eigentlich längst überwunden geglaubten) sozialen Frage, welche Politik und Öffentlichkeit wie auch Teile der Sozialwissenschaft seitdem in Atem hält und nicht zuletzt auch dieser Arbeit ihren Anstoß gab. Dabei ist zu bemerken, dass sich die im ersten Kapitel gebotene Darstellung der wachsenden gesellschaftlichen Verwerfungen im Wesentlichen zwar auf die deutschen Zustände konzentriert, dass jedoch angesichts der bereits genannten Zahlen aus der Statistik der EU sowie einer Vielzahl weiterer (teils später noch zu referierender) empirischer Studien begründetermaßen davon auszugehen ist, dass die entscheidenden Aspekte und Entwicklungen, das heißt vor allem die allgemeine Zunahme von sozialer Ungleichheit, Prekarität, Armut und Exklusion, in gleicher oder zumindest sehr ähnlicher Form auch in anderen Ländern Europas und Nordamerikas zu beobachten sind. Ich nehme deshalb an, dass sich die auf dieser Basis aufbauenden sozialtheoretischen wie gerechtigkeitsethischen Überlegungen und Schlussfolgerungen nicht allein auf die deutsche Gesellschaft beziehen lassen, sondern bis zu einem gewissen Grad auf die moderne, kapitalistische Gesellschaft an sich übertragen werden können. Nachdem also im ersten Kapitel das gesellschaftliche Ausgangsproblem der wachsenden Armut im Reichtum zu beschreiben ist, besteht der zweite Schritt darin, die (bis heute augenscheinlich wenig erfolgreichen) Reaktionen des politischen Systems auf die Krise des Sozialen zu beleuchten (Kapitel 2). Dabei wird deutlich, dass diese Krise bislang hauptsächlich als Krise der Arbeitsgesellschaft wahrgenommen wird. Das hat zur Folge, dass sich die politischen Gegenmaßnahmen in der Regel nicht unmittelbar auf den Abbau von Armut und Ungleichheit richten – zum Beispiel durch intensivierte wohlfahrtsstaatliche Redistribution –, sondern dies vielmehr indirekt durch beschäftigungspolitische Programme zur Verringerung der Arbeitslosigkeit zu bewirken suchen. Als paradigmatisches Beispiel für eine solche Politik kann die Agenda 2010 der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gelten, die zwischen 2003 und 2005 schrittweise umgesetzt wurde und im Besonderen darauf zielte, durch ein ganzes Bündel sozial- und arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen die »Bereitschaft« der Erwerbslosen zu erhöhen, gegebenenfalls auch schlechtbezahlte und prekäre Arbeitsangebote unterhalb ihres vormaligen Qualifikationsniveaus anzunehmen. Doch auch in anderen Ländern wie zum Beispiel Österreich, Polen, Großbritannien und der Schweiz setzten (und setzen) die EINLEITUNG 11 Regierungen im Wesentlichen auf dieselbe Strategie,9 die als »aktivierende Arbeitsmarktpolitik« etikettiert auf die (Re-)Integration angeblich inaktiver Arbeitsloser ins Erwerbsleben abstellt und dies als erfolgversprechende Sozialpolitik verkauft. Was hinter dieser länderübergreifenden Erwerbszentrierung steckt, ist die in der modernen »Arbeitsgesellschaft«, als die sich die bürgerliche Gesellschaft – überraschenderweise affirmativ – häufig selbst beschreibt, weitverbreitete Vorstellung, dass das entscheidende Medium sozialer Inklusion, von dem sogar die Würde und Selbstachtung des Menschen abhänge, eben in der Erwerbsarbeit bestehe. In diesem Sinne äußerte sich beispielsweise der Schweizer Gewerkschaftspolitiker und Nationalrat Corrado Pardini (SP) in einem Streitgespräch mit dem ebenfalls sozialdemokratischen einstigen Bundesratssprecher Oswald Sigg, Gründungsmitglied der Eidgenössischen Volksinitiative Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Allein die Arbeit, so Pardini, bringe die Integration in die Gesellschaft, während die Entkoppelung von Arbeit und Teilhabe, wie sie etwa den Befürwortern eines Bedingungslosen Grundeinkommens vorschwebe, nur dazu führte, dass die leistungslos alimentierten Nicht-Erwerbstätigen nunmehr endgültig von der produktiven Mehrheitsgesellschaft abgeschrieben würden.10 Eine ganz ähnliche Auffassung geht auch aus dem Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung aus dem Jahr 2008 hervor, demzufolge »die Integration Erwerbsfähiger in das Arbeitsleben […] der Schlüssel dafür [ist], Teilhabe- und Verwirklichungschancen für alle Haushaltsmitglieder zu eröffnen.«11 Und im jüngsten Armutsbericht von 2013 interpretierten die Autoren die in den vorangegangenen Jahren ausgerechnet in den unteren Einkommensgruppen gesunkenen Reallöhne sogar als »Ausdruck struktureller Verbesserungen«, weil sie zur Verringerung der Arbeitslosigkeit beigetragen hätten.12 Demnach geht man also davon aus, dass es besser ist, wenigstens ein working poor als nur arm zu sein, und dass Ausbeutung im Vergleich zu Nicht-Ausbeutung für einen Armen insofern gleichsam als Privileg zu betrachten ist. Doch nicht nur in der Politik, auch in der Sozialwissenschaft dominiert zumindest tendenziell eine erwerbszentrierte Sichtweise auf die Mechanismen sozialer In- und Exklusion. Ob 9 Siehe hierzu beispielsweise Karin Scherschel u. a. (Hg.): Neue Prekarität. Die Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik – europäische Länder im Vergleich, Frankfurt/M. / New York 2012. 10 Vgl. Urs Buess u. a.: »Grundeinkommen. Streit um eine Utopie«, in: TagesWoche vom 12.10.2012. 11 Bundesregierung: Lebenslagen in Deutschland. Dritter Armuts- und Reichtumsbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung, Deutscher Bundestag, Drucksache 16/9915, 30. Juni 2008, S. 71. 12 Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Lebenslagen in Deutschland. Vierter Armuts- und Reichtumsbericht, 07. März 2013, S. 334. MARKT UND TEILHABE 12 zum Beispiel in den einschlägigen Beiträgen Martin Kronauers zur Forschung über die Folgen von Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung;13 ob im bekannten Zonenmodell von Robert Castel, demzufolge die kriselnde Arbeitsgesellschaft mehr und mehr in die Zonen der Integration, Prekarität und Entkopplung zerfällt;14 oder ob in der maßgeblich von Heinz Bude und Andreas Willisch angestoßenen »Debatte über die ›Überflüssigen‹«, welche mit den anderen Gesellschaftsmitgliedern nicht (mehr) mithalten könnten und insofern »als die andere Seite des allseits geforderten und gefeierten ›unternehmerischen Selbst‹ [erscheinen]«15 – immer bildet die sogenannte Leistungs- und Arbeitsgesellschaft den ideologischen Referenzpunkt, in Bezug auf den die Begriffe der Exklusion, Prekarität oder des Überflüssigseins überhaupt erst ihren distinktiven Sinn erhalten. Alles in allem scheint demnach in Politik und Öffentlichkeit ebenso wie im Mainstream der Sozialwissenschaft ein durchaus breiter Konsens darüber zu herrschen, dass die Hauptursache für die wachsenden gesellschaftlichen Verwerfungen primär in der Arbeitslosigkeit besteht, weshalb der Kern integrativer Sozialpolitik sowie der Schlüssel für die wirksame Bekämpfung von Armut und Exklusion eben vor allem in erfolgreicher Beschäftigungspolitik zu sehen ist. »Sozial ist, was Arbeit schafft!«, lautet folgerichtig das immer noch zu selten in Frage gestellte Credo,16 das in der europäischen Parteienlandschaft nicht nur von Konservativen und Liberalen, sondern auch und gerade von den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie verteidigt wird.17 Es ist das maßgebliche Ziel des zweiten Kapitels, eben dieses Glaubensbekenntnis der »Arbeitsgesellschaft« als (freilich tiefsitzenden) 13 Vgl. etwa Martin Kronauer u. a.: Im Schatten der Arbeitsgesellschaft. Arbeitslose und die Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M. / New York 1993; ders.: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hochentwickelten Kapitalismus, 2., aktualis. und erw. Aufl., Frankfurt/Main / New York 2010. 14 Vgl. vor allem Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000. 15 Heinz Bude, Andreas Willisch: »Die Debatte über die Überflüssigen. Einleitung«, in: dies. (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008, S. 9–30, hier S. 11. 16 Variationen dieses parteiübergreifenden erwerbsideologischen Glaubensbekenntnisses wären etwa die folgenden auf früheren Wahlkampfplakaten abgedruckten Slogans: »Es gibt viele schöne Plätze in Deutschland. Die schönsten sind für uns Arbeitsplätze« (SPD, Bundestagswahlkampf 1998). »Brüder, durch Sonne zur Arbeit« (Bündnis 90/Die Grünen, Bundestagswahlkampf 2002). »Arbeit soll das Land regieren« (PDS, Bundestagswahlkampf 2002). Der bereits genannte Slogan »Sozial ist, was Arbeit schafft« stammt wiederum von der CDU/CSU, ebenfalls aus dem Bundestagswahlkampf 2002. 17 Beispielsweise lobten der Vorsitzende der SPD und derzeitige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sowie seine Parteigenossin und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die besagten Hartz-Reformen – zu deren schärfsten Kritikern sie einst EINLEITUNG 13 Aberglauben zu erweisen, der auf einer spezifisch neuzeitlichen, der antiken und selbst noch mittelalterlichen Erwerbsethik diametral entgegengesetzten Mischung christlicher, eigentumsphilosophischer, ökonomischer sowie anthropologischer Arbeits(wert)lehren beruht und in der Folge zu einem fatalen Missverständnis bezüglich der sozialintegrativen Effekte einer Erwerbsarbeit einerseits und eines ausreichenden Geldeinkommens andererseits geführt hat. Ich möchte diesen Nachweis erbringen, indem ich zunächst die Geschichte der modernen Glorifizierung der Erwerbsarbeit in der entstehenden kapitalistischen Gesellschaft nachzeichne, um anschließend die tatsächlichen, das heißt praxiswirksamen Integrationseffekte der Arbeit einer ideologiekritischen Analyse zu unterziehen. Im Ergebnis wird sich dann zeigen, dass die integrativen Effekte, die man sich gemeinhin von der Einbindung in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess erhofft, erstens weder auf eine notwendigerweise erwerbsförmige Arbeit beschränkt sind, noch dass sie zweitens für allgemein befriedigende, gegebenenfalls sogar überdurchschnittliche Lebens- und Teilhabechancen unverzichtbar wären. Demgegenüber wird sich drittens der rein instrumentelle Nutzen einer Erwerbsarbeit, mithin der Lohn, für die gelingende Vergesellschaftung all jener, die über keine Einkommensalternativen oder ausreichende Vermögensbestände verfügen, im Kapitalismus als die conditio sine qua non erweisen, woraus wiederum viertens folgt, dass unabhängig von der ideologischen Glorifizierung der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft eben nicht diese das entscheidende Medium sozialer Inklusion repräsentiert, sondern vielmehr das Einkommen oder genauer: das Geld. Das dieser eigentlich evidente Sachverhalt, namentlich infolge besagter Überhöhung der Erwerbsarbeit zu einem moralisch erstrebenswerten Gut an sich,18 nach wie vor systematisch verkannt wird und folglich eine gewisse Konfusion über das Verhältnis von Zweck und Mittel herrscht, dürfte, wie ich gehörten – in einem gemeinsamen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 05. Januar 2015 überraschend deutlich. Es sei unbestreitbar, dass »die Reformen der Agenda 2010 großen Anteil an der erfolgreichen Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit hatten« und nicht zuletzt dadurch die Zuversicht vermittelten, »dass Deutschland es schaffen kann, wenn wir entschlossen handeln.« Siehe Sigmar Gabriel, Andrea Nahles: »Die Fragen von morgen. Zehn Jahre nach den Hartz-Reformen richten wir den Blick nach vorne«, in: Süddeutsche Zeitung vom 05.01.2015. 18 Siehe hierzu beispielsweise die Ausführungen des Sozialphilosophen Wolfgang Kersting, demzufolge »Arbeit nicht nur ein ökonomisch wichtiges, sondern auch ein ethisch wichtiges Gut ist.« Einer Arbeit nachzugehen sei mehr als nur ein Weg zu einem Einkommen: »Einer Arbeit nachgehen ist eine Praxis, die viele Werte in eine Wertverwirklichungssituation verflicht, einer Arbeit nachgehen ist eine Lebensform.« Wolfgang Kersting: »Politische Solidarität statt Verteilungsgerechtigkeit. Eine Kritik egalitaristischer Sozialstaatsbegründung«, in: ders. (Hg.): Politische Philosophie des Sozialstaats, Weilerswist 2000b, S. 202–256, hier S. 253f. MARKT UND TEILHABE 14 argumentieren werde, eine der Hauptursachen für das im Grunde vorhersehbare Scheitern einer vielleicht gutgemeinten, letztlich aber ideologisch fehlgeleiteten Sozialpolitik sein, die sich zum Zwecke der fairen Verteilung der realen Lebens- und Teilhabechancen der Bürger statt auf die intensivierte Redistribution des wachsenden Wohlstands vorrangig auf »aktivierende Beschäftigungspolitik« verlegt. Abhelfen ließe sich dieser Misere lediglich durch ein den realen Verhältnissen angemesseneres Verständnis der Mechanismen sozialer Inund Exklusion, das eben nicht mehr auf der Konzeption der modernen Gesellschaft als »Arbeitsgesellschaft«, sondern vielmehr als einer funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft des Geldes aufbaut, in der die sozialen Beziehungen und Vollzüge und mit diesen die Verteilung der individuellen Teilhabechancen maßgeblich durch das Kriterium der persönlichen Zahlungsfähigkeit reguliert werden. Es gilt folglich, eine monetäre Theorie der In- und Exklusion zu entwerfen, welche die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen und die hochselektive Vermittlung sozial bedingter Lebens- und Verwirklichungschancen wirklichkeitskongruenter als erwerbszentrierte Modelle beschreibt und damit auch als sachliche Orientierungsgrundlage für eine zielführendere Sozialpolitik fruchtbar gemacht werden könnte. Im dritten Kapitel werde ich einen Vorschlag unterbreiten, wie eine solche monetäre Theorie sozialer In- und Exklusion aussehen könnte. Die gesellschaftstheoretische Grundlage liefert dabei die Systemtheorie luhmannscher Provenienz. Dies mag auf den ersten Blick zwar überraschen, da Luhmann, im Gegensatz zu jenen Gesellschaftstheorien, die die Moderne von vornherein dem Wesen nach als kapitalistische, das heißt in erster Linie ökonomisch geprägte beschreiben, den gesamtgesellschaftlichen Primat eines einzelnen, auch und gerade des ökonomischen Teilsystems für die funktional differenzierte Gesellschaft aus Gründen, die ich später noch erläutern werde, an diversen Stellen seines Werks bestritten hat. Doch sprechen mehrere Vorteile dennoch für eine systemtheoretische Herangehensweise. So ist die Systemtheorie nicht nur eine der wenigen soziologischen Großtheorien, die noch den erklärten Anspruch hat, wirklich alles Soziale zu behandeln – und nicht nur Ausschnitte desselben, wie etwa soziale Ungleichheit, (teilsystem-)spezifische Interaktionsmuster, die Besonderheiten der (Post-)Moderne etc. –,19 weshalb sie sich schon deshalb in hohem Maße anbietet, den Vorgang gesamtgesellschaftlicher In- und Exklusion sozialtheoretisch zu durchdenken. Sie hat zudem auch den Vorteil, dass ihr zentrales Paradigma gerade in der Differenz von System und Umwelt besteht, sie methodisch also genau an der für alle sozialen Systeme konstitutiven Grenzziehung zur Umwelt 19 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1984, S. 9f. EINLEITUNG 15 ansetzt und somit, wie Sven Opitz herausgestellt hat, von ihrer gesamten Anlage her auf die Beschreibung und Analyse sozialer Zugehörigkeiten, das heißt von In- und Exklusionsverhältnissen, eingestellt ist.20 Und nicht zuletzt existieren mit Axel Pauls Entwurf einer monetären Theorie der Moderne21 sowie mit Uwe Schimanks Überlegungen zum Verhältnis von funktionaler Differenzierung und Kapitalismus22 inzwischen überzeugende kritisch-konstruktive Theorieanschlüsse an Luhmann, die, wie zu sehen sein wird, zeigen können, dass sich soziologische Systemtheorie und Kapitalismustheorie mitnichten wechselseitig ausschließen, sondern dass sich die kapitalistische Gesellschaft vielmehr gar nicht anders denken lässt denn als funktional differenzierte, während umgekehrt funktionale Differenzierung zumindest tendenziell auf Kapitalismus und damit auf die gesellschaftliche Hegemonie des ökonomischen Systems hinausläuft. Dieses Theoriepotential, das sich aus dem kritisch-konstruktiven Anschluss an die Systemtheorie Niklas Luhmanns und ihrer kapitalismustheoretischen Weiterführung ergibt, soll nun für die Entwicklung einer sachgerechten monetären Theorie sozialer In- Exklusion genutzt werden. Dadurch wird es möglich, zu folgenden, auch empirisch wohlfundierten Einsichten zu gelangen. Zunächst einmal wird bereits mit Luhmann deutlich werden, dass die im ersten Kapitel zu beschreibende Exklusion wachsender Bevölkerungsteile und die damit verbundene soziale Spaltung keineswegs akzidentelle, der funktional differenzierten Gesellschaft sozusagen äußerliche Ursachen hat, sondern vielmehr auf das Prinzip der funktionalen Differenzierung selbst und damit auf die innerste Struktur der modernen Gesellschaft zurückzuführen ist. Denn während in vormodernen Gesellschaften die soziale Inklusion des Einzelnen durch dessen geburtsbedingte Zugehörigkeit zu einer Familie, zu einem Clan oder zu einem Stand vergleichsweise stabil und dauerhaft und vor allem ohne Vorbehalt geregelt war, obliegt die soziale Inklusion in funktional differenzierten Gesellschaften den einzelnen Funktionssystemen, die dabei nach ihren je eigenen, systemrationalen Gesichtspunkten verfahren und deshalb auch nur jene Personen in ihre Vollzüge einbeziehen, deren Inklusion sich – was sich keineswegs von selbst versteht – mit der jeweiligen Funktionslogik vereinen lässt. Die Inklusion ins Wissenschaftssystem zum Beispiel setzt ein gewisses Maß an Bildungsfähigkeit voraus, während ökonomische Partizipation ein Minimum an Zahlungskraft 20 Vgl. Sven Opitz: »Exklusion. Grenzgänge des Sozialen«, in: Stephan Moebius, Andreas Reckwitz (Hg.): Poststrukturalistische Sozialwissenschaften, Frankfurt/M. 2008, S. 175–193, hier S. 178. 21 Vgl. Axel Paul: Die Gesellschaft des Geldes. Entwurf einer monetären Theorie der Moderne, Wiesbaden 2004. 22 Vgl. Uwe Schimank: »Die Moderne: eine funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft«, in: Berliner Journal für Soziologie, 19/2009, Nr. 3, S. 327–351. MARKT UND TEILHABE 16 erfordert. Insgesamt betrachtet heißt das, dass sich die Inklusion als mitwirkungsrelevante Person in die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft eben nicht mehr von selbst ergibt, sondern strukturbedingt immer unter den funktionalen Vorbehalten der Systeme steht und insofern prinzipiell prekär geworden ist. Exklusion dagegen vollzieht sich ganz automatisch, wenn Inklusion missglückt, wenn also die individuellen Bemühungen um Anschluss und Teilhabe aufgrund ihrer Inkompatibilität mit den funktionalen Erfordernissen der Systeme dauerhaft ins Leere laufen. Das aber geschieht in der modernen Gesellschaft nur allzu leicht und massenhaft, weshalb Luhmann deren Sozialstruktur sogar als durch den Unterschied von In- und Exklusion »supercodiert« beschrieben hat.23 Was sich allerdings mit Luhmann allein nicht mehr verstehen lässt, das ist die Frage, aus welchem Grund die Exklusion aus einem Teilsystem die Wahrscheinlichkeit der Exklusion aus anderen, wie sich zeigen wird, ganz erheblich steigert, sodass es im Extremfall zu regelrechten Exklusionskaskaden kommen kann, die das Individuum aus der Gesellschaft überhaupt herausdrängen.24 Luhmann sieht dieses Phänomen der Verkettung von Exklusionen zwar,25 vermag es aber nicht recht zu erklären, weil er von der operativen Geschlossenheit und Unabhängigkeit der einzelnen Funktionssysteme ausging. Doch wenn die Teilsysteme der Gesellschaft tatsächlich unabhängig voneinander operierten, warum sollte dann der Ausschluss aus dem einen den Ausschluss aus anderen »quasi automatisch« nach sich ziehen, wie Luhmann (zu Recht) bemerkt? Im Anschluss an Paul und Schimank werde ich argumentieren, dass sich dieser Widerspruch rasch auflösen lässt, wenn man die Moderne eben nicht mehr nur als funktional differenzierte denkt, sondern vielmehr als funktional differenzierte kapitalistische, die nicht nur als Ganze in zunehmendem Maße von der ökonomischen Akkumulationslogik des Kapitals durchdrungen und beherrscht wird, sondern in der damit auch der individuelle Zugang zu fast allen Teilsystemen unter einem ökonomischen Primat steht.26 Denn weil die Leistungen auch der meisten nicht-wirtschaftlichen Funktionssysteme, ob es sich dabei um medizinische Therapien, Rechtsbeistand oder Nachhilfe handelt, unter rigiden Finanzierungsvorbehalten stehen, das heißt effektiv nur dann erbracht werden, wenn sie auch bezahlt werden, sind davon, wie ich an den einzelnen Funktionssystemen nacheinander durchdeklinieren wer- 23 Vgl. Niklas Luhmann: »Inklusion und Exklusion«, in: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, 3. Aufl., Wiesbaden 2008b, S. 226–251, hier S. 243. 24 Vgl. Paul 2004, S. 228. 25 Vgl. Luhmann 2008b, S. 242. 26 Vgl. Paul 2004, S. 228. EINLEITUNG 17 de, zunächst einmal alle ausgeschlossen, die sich eine Bezahlung schlicht nicht leisten können. Daran jedoch lässt sich eben erkennen, dass infolge der gesamtgesellschaftlichen, die Grenzen des ökonomischen Systems transzendierenden intersystemischen Bedeutung des Geldes im Kapitalismus auch die gesamtgesellschaftliche Inklusion des Einzelnen im Sinne seiner nicht nur formalen, sondern realen Teilhabe an den Chancen und Errungenschaften der Moderne primär zu einer Frage des Geldes geworden ist, wobei es allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt, woher dieses Geld im Einzelfalle kommt, ob es also etwa durch Erwerbsarbeit selbstverdient, durch Spekulation gewonnen, durch Erbschaft zugefallen oder schlicht gestohlen ist. Armut dagegen führt aufgrund der hier nur angedeuteten, später ausführlich zu erläuternden Mechanismen ganz unabhängig vom Erwerbsstatus mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sozialer Marginalisierung und Exklusion, weshalb sich die (nicht nur) von Luhmann konstatierte empirische Differenz von In- und Exklusion auch aus systemtheoretischer Perspektive vorrangig als Differenz von Arm und Reich erweisen wird. Somit stellt sich die entscheidende Frage, warum es dem kapitalistischen Wirtschaftssystem trotz seiner beispiellosen Produktivität nicht gelingt, alle Gesellschaftsmitglieder zu gedeihlichen Konditionen zu inkludieren und ihnen damit die erforderliche Basis für ein gutes Leben zu gewähren. Denn es ist zumindest auf den ersten Blick ja durchaus bemerkenswert, dass die kapitalistische Ökonomie zwar einerseits für ehedem unvorstellbaren gesellschaftlichen Reichtum sorgt, andererseits jedoch beträchtliche Bevölkerungsanteile systematisch davon ausschließt und den erwähnten Exklusionskaskaden dadurch erst den initialen Anstoß gibt. Wie also ist diese Paradoxie zu erklären? Die These, die ich in diesem Zusammenhang vertreten werde, ist, dass es sich hierbei um gar keinen Widerspruch handelt, sondern dass die systematische und von nicht-wirtschaftlichen, beispielsweise moralischen Erwägungen strukturell entlastete Exklusion all jener marktökonomisch »überflüssigen« Individuen, die zur Kapitalakkumulation nichts beizutragen haben, vielmehr als intrasystemisch unverzichtbare Erfolgsbedingung des kapitalistischen Systems zu betrachten ist. Das würde bedeuten, dass die im ersten Kapitel zu beschreibende Armut und millionenfache Exklusion nicht etwa zu konstatieren wäre, obwohl die kapitalistische Gesellschaft insgesamt so reich ist. Die kapitalistische Gesellschaft wäre vielmehr umgekehrt nur deshalb so reich, weil die ihr zugrundeliegende Marktökonomie so erfolgreich zwischen profitablen und unprofitablen Akteuren zu unterscheiden weiß und letztere konsequent mit Exklusion bestraft. Mit anderen Worten: Der kapitalistischen Gesellschaft wäre ihre Spaltung gleichsam als ökonomisches Erfolgsrezept in die Genstruktur hineingeschrieben. MARKT UND TEILHABE 18 Sofern die solchermaßen umrissene soziologische Analyse der monetären Mechanismen sozialer In- und Exklusion zutrifft, ergibt sich daraus eine Reihe gerechtigkeitsethischer Fragen, die im zweiten, politisch-philosophisch ausgerichteten Teil dieser Arbeit behandelt werden. Insbesondere ist zu fragen, ob die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die aus strukturellen Gründen anscheinend gar nicht anders kann, als jene Individuen, die sich für die Kapitalakkumulation als unbrauchbar erwiesen haben, systematisch auszuschließen, vernünftigerweise als moralisch legitim betrachtet werden kann. Dieser Frage nach dem normativen Status und der allgemeinen Zustimmungsfähigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse in der kapitalistischen Moderne werde ich im vierten Kapitel nachgehen, wobei sich grundsätzlich zwei unterschiedliche Wege zu ihrer Beantwortung anbieten. Zum einen wäre es denkbar, die bestehenden Verhältnisse an einer bestimmten, idealtypischen Konzeption der politischen Philosophie zu messen – etwa am Utilitarismus oder an einer egalitären Auslegung des Liberalismus –, die als Maßstab der Gerechtigkeit fungierte. Allerdings würde diese Vorgehensweise das schwierige Problem aufwerfen, wie man die Auswahl der jeweiligen Konzeption begründet. Oder man vergleicht das gesellschaftliche Sein, statt mit einer einzelnen, absolut gesetzten Konzeption der politischen Philosophie, mit den wichtigsten bürgerlichen Gerechtigkeitsprinzipien, die in westlichen Gesellschaften auch tatsächlich von einer Mehrheit der Bevölkerung intuitiv als gültig betrachtet und wertgeschätzt werden und den anzulegenden Maßstab der Gerechtigkeit insofern gleichsam demokratisch definieren. Auf diese Weise würde das Sein der kapitalistischen Gesellschaft an ihren eigenen, soziokulturell wirkmächtigen Vorstellungen moralischen Sollens gemessen. Aus einer Kombination später im Detail darzulegender pragmatischer wie gerechtigkeitsethischer Argumente, die mit den moralischen Akzeptanzbedingungen in der Gesellschaft einerseits die demokratischen Machtverhältnisse und damit die effektiven Realisierungschancen möglicher auf Gerechtigkeit zielender sozialpolitischer Maßnahmen in Rechnung stellen, andererseits aber auch die irreduzible Pluralität und Widersprüchlichkeit normativer Konzeptionen in der Moderne reflektieren,27 beschreite ich im Folgenden den zweiten Weg und vergleiche also die realen Mechanismen, welche die hochgradig ungleiche Verteilung der individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen im Kapitalismus steuern, mit genau den Gerechtigkeitsintuitionen, die in der Gesellschaft wirklich gelten. Vier Prinzipien sind dabei aufgrund ihrer besonders 27 Siehe zur irreduziblen Pluralität moralischer respektive gerechtigkeitsethischer Konzeptionen in der Moderne insbesondere John Rawls: Politischer Liberalismus, 4. Aufl., Frankfurt/M. 2013; ferner Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010. EINLEITUNG 19 hohen Zustimmungswerte in westlichen Bevölkerungen von vorrangigem Interesse: Erstens das Prinzip der Gleichheit, namentlich in seiner Auslegung als individuelle Chancengleichheit, zweitens das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, drittens der Grundsatz der Bedarfsgerechtigkeit und viertens das Prinzip der persönlichen Freiheit.28 Mit dem Prinzip der allgemeinen Vorteilhaftigkeit kommt schließlich noch ein fünfter Referenzmaßstab hinzu, dessen Relevanz sich für den angestrebten Vergleich von Sein und Sollen allerdings nicht unmittelbar aus seiner empirischen Verankerung in der Bevölkerung ergibt, sondern vielmehr berücksichtigt wird, weil er im Falle eines negativen Urteils über die Gerechtigkeit der bestehenden Verhältnisse (gemessen an den ersten vier Prinzipien) vorhersehbar herangezogen werden dürfte, um die kapitalistische Gesellschaftsordnung dennoch, gleichsam in einem zweiten Anlauf, gerechtigkeitsethisch zu legitimieren. Die Argumentation dürfte dann in etwa lauten, dass die maßgeblich durch den Markt regulierte Verteilung der persönlichen Partizipations- und Lebenschancen zwar durchaus mit den intuitiven – um nicht zu sagen »naiven« – Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, wie sie in der Bevölkerung verbreitet sind, konfligieren mag, dass die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aber gleichwohl moralisch gerechtfertigt sei, weil sie im Vergleich zu anderen Gesellschaftsmodellen die Lebenschancen aller Gesellschaftsmitglieder, 28 In Deutschland zum Beispiel erreichen diese vier Prinzipien Zustimmungswerte von rund 74% (Freiheit) bis 93% (Leistungsgerechtigkeit). Siehe hierzu unter anderem: Institut für Demoskopie Allensbach: Was ist gerecht? Gerechtigkeitsbegriff und -wahrnehmung der Bürger, Allensbach 2013; Thomas Volkmann: Deutscher Wertemonitor 2012. Die Freiheit der Gesellschaft, im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Potsdam 2012; Patrick Sachweh: »The Moral Economy of Inequality. Popular Views on Income Differentiation, Poverty and Wealth«, in: Socio-Economic Review, o. O. 2011, S. 1–27; Thomas Hinz, Stefan Liebig: Bericht zur Studie: Einkommensgerechtigkeit in Deutschland, Konstanz / Bielefeld 2010; Anna Klein, Andreas Zick: »Abwertung im Namen der Gerechtigkeit«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 9, Berlin 2010, S. 120–137; Patrick Sachweh u. a.: »Wandel und Reform des deutschen Sozialstaats aus Sicht der Bevölkerung«, in: WSI-Mitteilungen, 11/2009, S. 612–618; Stefan Liebig, Jürgen Schupp: »Leistungs- oder Bedarfsgerechtigkeit? Über einen normativen Zielkonflikt des Wohlfahrtsstaats und seiner Bedeutung für die Bewertung des eigenen Erwerbseinkommens«, in: Soziale Welt, 59/2008, S. 7–30. Doch auch in anderen westlichen Gesellschaften sind die genannten Gerechtigkeitsgrundsätze fest verankert. Siehe hierzu ebenfalls Sachweh 2011; ferner Gordon Marshall u. a.: »What Is and What Ought to Be. Popular Beliefs about Distributive Justice in Thirteen Countries«, in: European Sociological Review, 15/1999, S. 349–367; Jonathan Kelley, M.D.R. Evans: »The Legitimation of Inequality, Occupational Earnings in Nine Nations«, in: American Journal of Sociology, 99/1993, S. 75–125. MARKT UND TEILHABE 20 auch und gerade der ärmsten, maximiere.29 Träfe dies zu, wäre das ein starkes Argument, um Kritik in anderen Gerechtigkeitsdimensionen sozusagen als Ausdruck weltfernen Idealismus sachlich zu relativieren. Was zu sehen sein wird, ist nun in der Tat, dass die Ergebnisse der gerechtigkeitsethischen Analyse und Bewertung der bestehenden Gesellschafts- und Verteilungsordnung nach Maßgabe der ersten vier Gerechtigkeitsprinzipien ausgesprochen kritisch ausfallen. Die bürgerliche Gesellschaft scheitert im Grunde an jeder einzelnen ihrer normativen Leitvorstellungen, wobei sie infolge der Eigengesetzlichkeit der sie fundierenden Eigentums- und Marktordnung teilweise sogar, beispielsweise (und für das bürgerliche Selbstverständnis besonders schmerzhaft) in der Dimension der Leistungsgerechtigkeit, annähernd das Gegenteil des eigentlich Gesollten bewirkt. Was jedoch ebenfalls zu sehen sein wird ist, dass dieser Mangel an Gerechtigkeit durch keine allgemeine, das heißt alle Gesellschaftsmitglieder einbeziehende Vorteilhaftigkeit der kapitalistischen Grundordnung kompensiert wird, sondern dass vielmehr auch in dieser fünften Dimension, nicht zuletzt in ökologischer Hinsicht, vom genauen Gegenteil auszugehen ist. Damit aber wird sich letztlich die Frage stellen, ob und wie man die kapitalistische Gesellschaft jenseits ihrer schieren Faktizität überhaupt noch normativ rechtfertigen könnte. Hierauf eine überzeugende Antwort zu geben, die über die realpolitisch zwar naheliegende, gerechtigkeitsethisch jedoch einigermaßen schwächliche Gegenfrage, was denn die Alternative wäre, hinausreichte, scheint nahezu unmöglich. Ich selbst werde es deshalb auch gar nicht erst versuchen. Stattdessen werde ich in dem diese Arbeit beschließenden fünften Kapitel mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen einen aktuellen gesellschafts- und sozialpolitischen Reformvorschlag diskutieren, dessen Umsetzung (vorerst) zwar noch keinem Ausstieg aus dem Kapitalismus gleichkäme, wenigstens aber seine sozialen Folgen spürbar lindern könnte. Es sind vor allem zwei Gründe, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem möglicherweise allzu radikal erscheinenden Vorschlag rechtfertigen. Zum einen dürfte die Einführung eines Grundeinkommens, sofern es in armutsverhindernder Höhe ausbezahlt würde, mit Blick auf die erfolgreiche Bekämpfung der im ersten Kapitel zu schildernden sozialen Misere und insbesondere, was die Bekämpfung von sozialer Prekarität und Exklusion betrifft, weitaus effektiver und problemangemessener sein, als dies bei den gängigen erwerbszentrierten Ansätzen der Fall ist. Denn ein Grundeinkommen trüge schlicht dem Umstand Rechnung, dass eine hauptsächlich durch Geld integrierte Gesellschaft ersichtlich auch einer monetären Inklusionsgarantie bedarf, sofern die halbwegs gleichberechtigte Inklusion und Teilhabe der 29 So etwa Friedrich August von Hayek in: »Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren«, in: ders.: Rechtsordnung und Handelnsordnung, Tübingen 2003, S. 132–149. EINLEITUNG 21 Gesamtbevölkerung unabhängig von den individuell kaum zu kontrollierenden Wechselfällen des Arbeitsmarktes sein soll. Und zum anderen lässt sich zeigen, dass die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens auch in normativer Hinsicht attraktiv erscheint, weil es mit den angesprochenen Gerechtigkeitsprinzipien, die in der bürgerlichen Gesellschaft fest verankert sind, nicht bloß kompatibel wäre, sondern ihnen sogar – auch wenn dies speziell aus leistungsethischer Perspektive auf den ersten Blick verwundern mag – zu größerer Geltung verhelfen würde. Was allerdings neben diesen später ausführlich zu begründenden Vorzügen ebenfalls nicht vergessen werden darf und was insofern gleichermaßen zu diskutieren ist, ist die Tatsache, dass die Realisierung eines armutsverhindernden Grundeinkommens, das ja mit signifikanten Umverteilungseffekten von oben nach unten verbunden wäre, nicht allein und noch nicht einmal in erster Linie von seiner sachlichen Adäquanz oder normativen Attraktivität abhängt, sondern zunächst einmal von den unterschiedlichen Interessen und konkreten Einflusschancen der gesellschaftlichen Akteure. Denn was bei der politischen Gestaltung der sozialen Grund- und insbesondere Verteilungsordnung vor allem zählt, ist Macht, und nicht Gerechtigkeit.30 Nur, wenn beides zueinanderfindet, hat das Grundeinkommen eine Chance. Zweierlei bleibt schließlich noch vorauszuschicken. Erstens ist zu bemerken, dass sich viele der von mir im Folgenden vorgetragenen Argumente und Darstellungen bereits an anderen Stellen finden und dort nicht selten differenzierter und genauer ausgearbeitet wurden. Um Originalität und Feinheit im Detail ist es mir demnach in dieser Arbeit primär nicht zu tun. Es geht mir vielmehr darum, einerseits einen möglichst umfassenden und von den weitverbreiteten leistungs- wie erwerbsideologischen Eintrübungen freien Blick auf jene tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Mechanismen zu gewinnen, welche die zunehmend diskrepante Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen im Kapitalismus steuern, um auf dieser Basis dann andererseits zu einem eigenständigen und politisch-philosophisch wohlbegründeten Urteil über die Gerechtigkeit und Legitimität der herrschenden Ordnung zu gelangen. Das Ziel ist also, sich gleichermaßen soziologisch aufgeklärt wie gerechtigkeitsethisch reflektiert zur kapitalistischen Moderne ins Verhältnis zu setzen. Dass dieses bewusst sehr weitgefasste und disziplinäre Grenzen zudem fortgesetzt missachtende Theorieprojekt dabei notwendigerweise Gefahr läuft, gelegentlich auf Kosten der Detailgenauigkeit zu gehen und sich dadurch angreifbar zu machen, liegt auf der Hand 30 Siehe hierzu Günter Dux: Von allem Anfang an: Macht, nicht Gerechtigkeit. Studien zur Genese und historischen Entwicklung des Postulats der Gerechtigkeit, Weilerswist 2009. MARKT UND TEILHABE 22 und wird zugunsten der möglichst breiten Gesamtdarstellung in Kauf genommen. Zweitens möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen. Dieser gilt insbesondere Axel Paul, ohne den ich vermutlich (was er wahrscheinlich gar nicht weiß) kein Soziologe geworden wäre und dessen unwahrscheinliche Geduld mich Staunen lehrt. Ferner danke ich Benjamin Schwalb, der mir in zahlreichen Gesprächen, namentlich durch seine Freude an beharrlichem Widerspruch, die Bedeutung wissenschaftlichargumentativer Gründlichkeit immer wieder vor Augen geführt hat. Und nicht zuletzt danke ich meiner Frau für die bedingungslose Unterstützung, die sie mir seit vielen Jahren zuteilwerden lässt. Teil I: Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne 25 1. Die Wiederentdeckung der sozialen Frage 1.1 Das goldene Zeitalter Gründungsmythen spielen für das Selbstverständnis politischer Gemeinschaften eine fundamentale Rolle. Der Sturm auf die Bastille etwa ist aus dem stolzen Kollektivbewusstsein der Franzosen ebenso wenig wegzudenken wie die Boston Tea Party oder die Unabhängigkeitserklärung aus jenem der US-amerikanischen Gesellschaft. Doch während diese Ereignisse zweifellos als historische Wegmarken einer selbstmächtigen emanzipatorischen Entwicklung zu betrachten sind und insofern als gefeierte Referenzpunkte gemeinschaftlicher Identifikation fungieren können, verhält es sich mit der politischen Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland schwieriger. Gegründet unter der Besatzung der drei westlichen Siegermächte im Anschluss an die von den Deutschen zu verantwortenden Verheerungen des Zweiten Weltkrieges ist die eigentliche Staatsgründung der Bundesrepublik und ihre Vorgeschichte statt mit Freude und Stolz untrennbar mit Schuld verbunden. Als Quell nationalen Selbstbewusstseins scheidet sie so gut wie aus. Eine Folge davon ist, dass bundesrepublikanische Selbstbeschreibungen in der Regel nicht mit dem politischen Gründungsakt, sondern mit dem sogenannten Wirtschaftswunder anheben, welches die Nachkriegszeit vielen Deutschen als gleichsam »goldenes Zeitalter« erscheinen ließ und lässt. In gewisser Weise kann man diese frühe, prosperierende Phase der Bonner Republik als das imaginäre Arkadien der Westdeutschen verstehen, das dem gesellschaftlichen Selbstverständnis fortan einen positiven, von den Extremen der nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungspolitik gereinigten Kristallisationskern lieferte und als metaphorischer Hintergrund noch in den »blühenden Landschaften« auszumachen ist, die Bundeskanzler Helmut Kohl im Zuge der Wiedervereinigung den Ostdeutschen versprach. Der Mythos vom Wirtschaftswunder ist sozusagen die »Urgeschichte der Republik«.31 Die reale sozioökonomische Basis für diese Erzählung lieferten die unerwartet hohen Wachstumsraten der fünfziger und sechziger Jahre, die nicht nur in Deutschland, sondern in vielen westlichen Industrienationen zu Vollbeschäftigung und breitgefächertem Wohlstandswachstum führten und damit die allgemeine Hoffnung zu begründen schienen, dass sich die bis dahin weitgehend ungelösten sozialen Gegensätze zwischen den besitzenden und den besitzlosen Klassen möglicherweise doch innerhalb einer marktzentrierten Gesellschaftsordnung überwinden ließen. Vor 31 Vgl. Ralf Hanselle: »Das Wunderland«, in: Das Parlament, Nr. 38/14.09.2009. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 26 allem die – im gewerkschaftlichen Arbeitskampf erst hart zu erkämpfenden – spürbaren Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter, ihre wachsenden Bildungs- und Aufstiegschancen sowie ihre ganz allgemein verbesserte Teilhabe an den Möglichkeiten und Errungenschaften der modernen Gesellschaft widersprachen den apodiktischen Vorhersagen der marxistischen Verelendungstheorie vollkommen und förderten stattdessen auch in weiten Teilen der Arbeiterschaft das grundsätzliche Einverständnis mit dem kapitalistischen System. Fern davon, das Elend der unteren Bevölkerungsschichten – und damit deren »revolutionäres Potential« – zu schüren, mündete die Entwicklung des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus seit den fünfziger Jahren somit statt in der Revolution im »Klassenkompromiss« der westlichen Wohlstandsgesellschaften, in denen die gegensätzlichen Interessen der sozialen Klassen (zum Erstaunen der politischen Linken) zu einem für alle befriedigenden Ausgleich gekommen zu sein schienen. Ihren sozialtheoretischen Ausdruck fand diese unverhoffte Entwicklung namentlich in Helmut Schelskys 1953 erstmals formulierter These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft.32 Das besagte Wirtschaftswunder vor Augen nahm Schelsky an, dass es immer mehr Menschen gelingen würde, aus den unteren Gesellschaftsschichten in die Mittelschicht aufzusteigen, während die Oberschicht, vor allem infolge (nach-) kriegsbedingter Deklassierungsprozesse, sukzessive an Umfang und Bedeutung verliere. Entsprechend komme es zu einem Anschwellen des Mittelstandes, dem schließlich die Mehrheit der Bevölkerung angehöre, sodass er als – in sozioökonomischer wie kultureller Hinsicht – verhältnismäßig einheitliche Schicht das Gesicht der Gesellschaft als Ganzer präge. In Fortführung der Schichtungssoziologie Theodor Geigers33 zeichnete Schelsky gewissermaßen ein Bild, in dem die Mitte der Gesellschaft gleichsam zu dieser selbst geworden ist. Weil mit der Nivellierung der sozialen Lebenslagen zugleich die umfassende Neutralisierung der Klassenspannungen einhergehe, mache es fortan auch keinen Sinn mehr, die moderne Wohlstandsgesellschaft weiterhin in den überkommenen Dichotomien der Klassenanalyse zu denken. Der Dualismus von Bourgeoisie und Proletariat sei nicht länger die dominante Struktur der Gesellschaft. Vielmehr sei durch die neue Mobilität der Klassen eine 32 Vgl. Helmut Schelsky: »Die Bedeutung des Schichtungsbegriffs für die Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft«, in: ders.: Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf / Köln 1965, S. 331–336. 33 Siehe vor allem Theodor Geiger: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, Stuttgart 1932; ders.: Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel, Köln / Hagen 1949. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 27 Dynamik in Gang gekommen, die sich treffend als soziale Entschichtung beschreiben lasse.34 Zwar gab es schon früh Kritik an Schelskys Konzeption, besonders natürlich von Seiten marxistischer oder jedenfalls von der marxistischen Klassentheorie beeinflusster Autoren. Ralf Dahrendorf etwa monierte bereits 1957 in seiner Habilitationsschrift, dass die Persistenz sozialer Ungleichheiten und die nach wie vor geringe Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Hierarchie die Rede von einer Nivellierung der Gesellschaft beziehungsweise von der Relativierung des Konfliktpotentials zwischen den Klassen eigentlich nicht zulasse.35 Dennoch fand das Theorem der nivellierten Mittelstandsgesellschaft gerade auch im außerwissenschaftlichen Bereich breite Resonanz und avancierte im politischen und öffentlichen Diskurs der 50er und 60er Jahre zu einem zentralen Bestandteil bundesrepublikanischer Selbstbeschreibung. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass Schelskys Thesen einem der Nachkriegszeit eigentümlichen »[…] Bedürfnis nach sozialer Harmonie in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs entgegenkam, wo es für viele Menschen darum ging, das Erreichte nicht durch am Gedanken des Klassenkampfes orientierte soziale Auseinandersetzungen zu gefährden.«36 Obwohl also unter den spezifischen und in verschiedenster Hinsicht exzeptionellen Bedingungen des Wirtschaftswunders entstanden, blieb das idealisierte Selbstbild einer relativ ausgewogenen, spannungsfreien Mittelstandsgesellschaft in seiner Wirkung keineswegs bloß auf die prosperierenden Nachkriegsjahre beschränkt; vielmehr prägte dieser Mythos das Selbstbewusstsein und -verständnis der Deutschen weit darüber hinaus. Noch in den 80er Jahren – also bereits nach den tiefen Einschnitten von Ölkrise, Rezession und dem Beginn der seitdem andauernden Massenarbeitslosigkeit – bestimmte der einflussreiche Soziologe Ulrich Beck den sozialen Standort der Deutschen (wie im übrigen auch anderer »fortgeschrittener Gesellschaften«) »jenseits von Klasse und Schicht«.37 Zwar verwies er im Gegensatz zu Schelsky immerhin auf die für ihn »überraschende Stabilität« sozialer Ungleichheiten, die, wie verschiedene Studien zeigten, hinsichtlich ihrer Relationen zwischen den großen Gruppen in den entwickelten Industriegesellschaften weitgehend konstant geblie- 34 Vgl. Helmut Schelsky: Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme, Stuttgart 1955. 35 Vgl. Ralf Dahrendorf: Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, Stuttgart 1957; vgl. Hanselle 2009. 36 Hans Braun: »Helmut Schelskys Konzept der ›nivellierten Mittelstandsgesellschaft‹ und die Bundesrepublik der 50er Jahre«, in: Archiv für Sozialgeschichte, 29/1989, S. 199–223, hier S. 222. 37 So das gleichnamige Kapitel III aus Ulrich Becks Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 121–160. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 28 ben seien. Da sich jedoch andererseits die Lebensbedingungen der Bevölkerung – gemessen vor allem an den Faktoren Einkommen, Bildung, Freizeit und soziale Mobilität – insgesamt radikal verbessert hätten und die Gesellschaft als Ganze somit wie in einem Fahrstuhl eine Etage nach oben gefahren sei, hätten die fortbestehenden Ungleichheitsstrukturen für die Menschen ihre lebenspraktische (und klassenbildende) Bedeutung verloren. Gerade für die benachteiligten Bevölkerungsgruppen am unteren Ende der sozialen Hierarchie sei die umfassende Verbesserung ihrer Lebenslage eine wesentlich einschneidendere Erfahrung, als die nach wie vor gleichen, für das individuelle Lebensglück aber letztlich irrelevant gewordenen Abstände zu den höheren Schichten. Im Zusammenspiel mit den gestiegenen Aufstiegschancen habe dies dazu geführt, dass – und in diesem zentralen Punkt liegt Beck mit Schelsky wieder ganz auf einer Linie – die saturierte bundesrepublikanische Wohlstandsgesellschaft (sowie in unterschiedlichem Ausmaß auch andere westliche Industriegesellschaften) ihren antagonistischen Klassencharakter verloren hätte und sich bereits in den vergleichsweise komfortablen Verhältnissen »jenseits der Klassengesellschaft« befände.38 Wie fest dieses Idealbild einer harmonischen Sozialordnung, in der es kein oben und unten mehr zu geben scheint, bis heute im gemeinschaftlichen Selbstverständnis vieler Bundesbürger verwurzelt ist, lässt sich exemplarisch an der Reaktion des damaligen Vizekanzlers Franz Müntefering (SPD) auf die im Herbst 2006 entbrannte Debatte um die »neuen Unterschichten« ablesen. Der Begriff der Unterschicht, so Münteferings Vorwurf, sei lediglich eine Formulierung »lebensfremder Soziologen«.39 Tatsächlich aber gebe es in Deutschland keine Schichten. Es gebe allenfalls »Menschen, die es schwer haben, die schwächer sind.«40 1.2 Der Untergang Arkadiens Bedauerlicherweise zeigen die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung nun schon seit mehreren Jahrzehnten, dass sich diese euphemistische Sichtweise, die im Grunde noch immer die längst vergangene Ära des Wirtschaftswunders wie eine Fata Morgana vor Augen hat, mit der gesellschaftlichen Realität von heute kaum mehr zur Deckung 38 Ebd., S. 121. 39 Carsten Volkery: »Die SPD scheut das U-Wort«, Spiegel-Online vom 16.10.2006, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,442875,00.html (23.03.16). 40 Hier zitiert aus Hanselle 2009. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 29 bringen lässt.41 So kündigte sich das vorzeitige Ende des Kurzen Traums immerwährender Prosperität42 bereits Mitte der 70er Jahre an, als die Arbeitslosenrate in Deutschland infolge der Ölkrise des Winters 1973/74 erstmals seit Jahrzehnten wieder auf über eine Million angestiegen war.43 Doch auch nachdem sich der Ölpreis und die wirtschaftliche Entwicklung längst wieder normalisiert hatten, ging die Arbeitslosigkeit nicht zurück, sondern schwoll im Gegenteil unaufhaltsam an, bis sie zu Beginn der 80er Jahre sogar die Zwei-Millionen-Marke erreichte. Unter dem Eindruck dieser dramatischen Entwicklung begann man, an rein konjunkturellen Erklärungsmodellen der Arbeitslosigkeit zu zweifeln und auch die Hoffnung auf Vollbeschäftigung vermehrt in Frage zu stellen. Nach und nach wurde die Massenarbeitslosigkeit zu einem festen Bestandteil der sozialen Normalität und bei nüchternen Beobachtern setzte sich die Erkenntnis durch, dass die modernen Industriegesellschaften vermutlich auf Dauer mit einer von den Konjunkturzyklen unabhängigen Sockelarbeitslosigkeit leben müssen.44 Tatsächlich stieg die Arbeitslosenzahl am Ausgang des 20. Jahrhunderts in ganz Europa – trotz des gleichzeitig zu verzeichnenden Wirtschaftswachstums45 – sogar noch weiter an und erreichte in Deutschland erst im Jahr 2005 mit rund 4,9 Millionen ihren vorläufigen Höhepunkt.46 Danach ging die Arbeitslosigkeit amtlichen Statistiken zufolge zwar deutlich zurück und belief sich 2014 auf »nur noch« knapp 41 Wobei ohnehin fraglich ist, ob sie überhaupt jemals mit den sozialen Verhältnissen im Einklang stand. Auf die wohlbegründeten Bedenken Dahrendorfs zum Beispiel habe ich oben bereits hingewiesen. 42 So das gleichnamige Buch von Burkart Lutz: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 1984. 43 Auslöser der Ölkrise (verschiedentlich auch »Ölembargo« genannt) war die erneute militärische Niederlage der arabischen Länder im Jom Kippur-Krieg von 1973 gegen Israel, anlässlich derer die arabisch dominierte Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) bewusst die Fördermenge reduzierte, um die westlichen, Israel unterstützenden Industrienationen empfindlich zu treffen. Siehe Wolfgang Bonß, Wolfang Ludwig-Mayerhofer: »Arbeitsmarkt«, in: Jutta Allmendinger, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.): Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen, Weinheim / München 2000, S. 109–144, hier S. 124. 44 Vgl. ebd., S.124f. 45 Für diesen gesellschaftspolitisch brisanten Sachverhalt des Wirtschaftswachstums ohne Beschäftigungszunahme wurde in den 1990er Jahren in den USA der Begriff des jobless growth geprägt, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch in Deutschland übernommen wurde. 46 Statistisches Bundesamt Deutschland: »Registrierte Arbeitslose, Arbeitslosenquote nach Gebietsstand«, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/LangeReihen/Arbeitsmarkt/lrarb003.html (23.03.16). TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 30 2,9 Millionen,47 doch relativieren sich diese Zahlen schnell, wenn man prüft, wie sie zustande kommen. So weist der Jenaer Soziologe Klaus Dörre mit Recht erstens darauf hin, dass ein guter Teil der gesunkenen Arbeitslosigkeit »schlicht das Ergebnis einer statistischen Bereinigung« darstellt.48 Als arbeitslos würden nur noch solche Personen registriert, die dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung stünden, während die Teilnehmer an behördlichen Arbeitsbeschaffungs- oder Weiterbildungsmaßnahmen (Bewerbungstrainings usw.), die sogenannten Ein- Euro-Jobber sowie temporär erwerbsunfähige Personen in der offiziellen Statistik nicht mehr auftauchten. Rechne man diese Gruppen sowie die stille Reserve arbeitswilliger, aber nicht anspruchsberechtigter Personen zur Gesamtzahl der Erwerbslosen hinzu, würde man auch heute noch eher von fünf als von drei Millionen fehlenden Stellen ausgehen müssen. Zweitens verliere das deutsche »Beschäftigungswunder« zusätzlich an Glanz, wenn man berücksichtige, dass es nicht zuletzt auf der ausgedehnten arbeitsmarktpolitischen Nutzung staatlich geförderter (also steuerstatt unternehmensfinanzierter) Kurzarbeit beruhe, ohne die sich erhebliche Beschäftigungseinbußen während der Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 kaum hätten verhindern lassen.49 Und drittens sei zu bedenken, dass der in der Tat zu beobachtende Anstieg der Erwerbstätigkeit in erster Linie auf der Zunahme atypischer, oftmals prekärer Beschäftigungsverhältnisse und der Ausweitung des Niedriglohnsektors zu Lasten regulärer Arbeitsplätze beruhe.50 Speziell auf diesen letztgenannten, besonders gravierenden Aspekt wird im Zusammenhang mit der Frage nach den sozialintegrativen Effekten von Erwerbsarbeit sowie den gerechtigkeitsethischen Implikationen, die eine Politik mit sich bringt, 47 Vgl. ebd. 48 Klaus Dörre: »Hartz-Kapitalismus. Vom erfolgreichen Scheitern der jüngsten Arbeitsmarktreformen«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 9, Berlin 2010, S. 294–305, hier S. 297. 49 Vgl. ebd., S. 297f. 50 Vgl. ebd. Das Statistische Bundesamt Deutschland nennt für den Zeitraum von 1997 bis 2007 eine Zunahme der Erwerbstätigenzahl um ca. 2,3 Mio. auf 39,694 Mio. Gleichzeitig ist die Anzahl der Normalarbeitsverhältnisse jedoch um über 1,5 Mio. gesunken. Das gesamte Arbeitszeitvolumen blieb dabei mit 47,8 Mrd. Stunden nahezu gleich. Das Beschäftigungswachstum zwischen 1997 und 2007 ist somit vor allem das Ergebnis einer Umverteilung der vorhandenen Arbeit auf mehr Köpfe bei gleichzeitigem Rückgang der Normalarbeit. Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland: »Atypische Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt«, Begleitmaterial zum Pressegespräch am 9. September 2008 in Frankfurt am Main, Wiesbaden 2008, S. 5. Zur Ausdehnung des Niedriglohnsektors siehe zum Beispiel Markus Grabka u. a.: Integrierte Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung, Abschlussbericht zur Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Berlin 2007, S. V. Die Studie bildete eine wichtige Datengrundlage für den Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 31 welche auf die unbedingte Einpassung eines jeden in den Arbeitsmarkt fixiert ist, später noch ausführlich zurückzukommen sein. Die Erosion der nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist neben der inzwischen seit über dreißig Jahren grassierenden Massenarbeitslosigkeit aber auch eine Folge der erneuten Ausbreitung von Lebensverhältnissen, die man treffend nur als Armut bezeichnen kann. Diese Entwicklung kam für viele in den saturierten westlichen Gesellschaften überraschend, da Armut hier in Anbetracht der beispiellosen Wohlstandsexplosion der 50er und 60er Jahre im Allgemeinen nur noch als überwunden geglaubtes Problem vergangener Zeiten oder der weniger entwickelten Länder des globalen Südens betrachtet wurde.51 Doch schon in den späten 80ern und vor allem seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen, die Kritik an dieser Sichtweise äußerten und sie als realitätsfern bezeichneten. Die Wohlfahrtsverbände, die Nationale Armutskonferenz sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund gehörten erwartungsgemäß zu den ersten Organisationen, die entsprechende Untersuchungen vorlegten, welche von einer wachsenden Anzahl wirtschaftlich und sozial abgehängter Personen in Deutschland berichteten.52 Vor diesem Hintergrund fasste der Deutsche Bundestag im Januar 2000 den (reichlich späten) Beschluss, dass die Bundesregierung von nun an regelmäßig in der Mitte der jeweiligen Legislaturperiode einen Armuts- und Reichtumsbericht zu erstatten habe, der über die soziale Lage der Bevölkerung Auskunft erteilt. Die vier Berichte, die seitdem erschienen sind,53 bestätigen die Existenz und Zunahme von Armut und sozialer Ausgrenzung in Deutschland und dokumentieren dabei ein Ausmaß der Prob- 51 Vgl. Herbert Jacobs: »Armut«, in: Jutta Allmendinger, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.): Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen, Weinheim / München 2000, S. 237–268, hier S. 237f. 52 Vgl. zum Beispiel Paritätischer Wohlfahrtsverband: »›… wessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land …‹ Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für die Bundesrepublik Deutschland«, in: Blätter der Wohlfahrtspflege, 136/1989, S. 269–348; Deutscher Caritasverband (Hg.): Arme unter uns. Der Deutsche Caritasverband bezieht Position, Freiburg 1993; Nationale Armutskonferenz in der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Die Bekämpfung von Armut und Unterversorgung in der BRD, o. O. 1993; Walter Hanesch u. a.: Armut in Deutschland, Armutsbericht des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Reinbek 1994. 53 Bundesregierung: Lebenslagen in Deutschland. Erster Armuts- und Reichtumsbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung, Deutscher Bundestag, Drucksache 14/5990, 8. Mai 2001; Bundesregierung: Lebenslagen in Deutschland. Zweiter Armuts- und Reichtumsbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung, Deutscher Bundestag, Drucksache 15/5015, 3. März 2005; Bundesregierung 2008; Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Lebenslagen in Deutschland. Vierter Armutsund Reichtumsbericht, 07. März 2013. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 32 leme, welches nicht nur der sozialen Gerechtigkeit Hohn zu sprechen scheint, sondern darüber hinaus auch den sozialen Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft nachhaltig gefährden könnte. a) Verteilung der Vermögen Die deutsche ist demnach ebenso wie das Gros der anderen westlich-industriellen Gesellschaften weit davon entfernt, eine Gesellschaft jenseits von Klasse und Schicht zu sein. Ihre soziale Hierarchie besteht ungebrochen fort, ist dabei so wenig durchlässig, wie Dahrendorf dies schon vor über fünfzig Jahren kritisierte, und nimmt in ihrer Polarität sogar noch stetig zu. Erkennbar wird dies vor allem an der Entwicklung der privaten Vermögens- und Einkommensverteilung, die durch einen massiven Trend zur fortschreitenden sozialen Polarisierung gekennzeichnet ist. Zunächst zur Vermögensverteilung: Hier fällt als erstes ins Auge, dass der Gesamtbestand des Privatvermögens deutscher Haushalte sich in den vergangenen Jahrzehnten in schöner Kontinuität vergrößert hat, in Westdeutschland alleine zwischen 1983 und 1998 um fast das Zweieinhalbfache.54 In den Folgejahren von 1998 bis 2003 betrug der Zuwachs inflationsbereinigt zehn Prozent,55 und für den Zeitraum zwischen 2002 und 2008 immerhin noch gute sieben Prozent oder umgerechnet 1,1 Billionen Euro.56 Im Ergebnis summierte sich das Bruttovermögen der Deutschen 2007 auf acht Billionen Euro, wobei Grund- und Immobilienbesitz im Wert von 5,3 Billionen den größten Anteil ausmachte. Dem standen Verbindlichkeiten (vorrangig Konsumenten- und Hypothekarkredite) in Höhe von 1,4 Billionen Euro gegenüber, sodass sich das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2007 auf 6,6 Billionen Euro beziffern lässt.57 »Pro Erwachsenen bedeutet das ein 54 Vgl. Peter A. Berger: »Deutsche Ungleichheiten – eine Skizze«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 37/2005, S. 7–16, hier S. 11. 55 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 33. 56 Vgl. Joachim Frick, Markus Grabka: »Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 76/2009, Nr. 4, S. 54–67, hier S. 57. 57 Empirische Grundlage für diese Zahlen sind die Daten der Langzeitstudie Soziooekonomisches Panel (SOEP) der Erhebungsjahre 2002 und 2007. Der zugrunde gelegte Vermögensbegriff umfasst dabei folgende sieben Komponenten: »Selbst genutzter und sonstiger Immobilienbesitz (u. a. unbebaute Grundstücke, Ferien- oder Wochenendwohnungen), Geldvermögen (Sparguthaben, Spar- oder Pfandbriefe, Aktien oder Investmentanteile), Vermögen aus privaten Versicherungen (Lebensoder private Rentenversicherungen, Bausparverträge), Betriebsvermögen (Besitz oder Beteiligung an Firmen, Geschäften oder Betrieben), Sachvermögen in Form wertvoller Sammlungen wie Gold, Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 33 individuelles Vermögen von mehr als 88.000 Euro im arithmetischen Mittel.«58 Deutschland ist ein reiches Land. Daran hat auch die globale Finanzkrise der Jahre 2008/09 nichts Wesentliches geändert. Zwar hat die Anzahl der Armen infolge der Krise weltweit zugenommen,59 doch wuchs im gleichen Zeitraum auch die Anzahl der Millionäre – allein in der Bundesrepublik um rund 51.000 auf nunmehr 861.000 –, deren Gesamtvermögen sich, nach kurzzeitigen Verlusten im Krisenjahr 2008, schon Ende 2009 wieder auf denselben Stand belief, wie vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft.60 Und nur ein Jahr später erreichte das Bruttogeldvermögen der Deutschen mit fast 5 Billionen Euro bereits wieder einen neuen historischen Höchststand,61 wobei sich die positive Entwicklung des Privatvermögens nach aktuellen Analysen des Sozio-oekonomischen Panels aus dem Jahr 2014 ungeachtet der Eurokrise bis heute ungebrochen fortsetzt.62 Der springende Punkt – und das Problem, wenn man so möchte – ist allerdings, dass der Vermögensreichtum in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt ist, und dass diese Ungleichheit noch sukzessive zunimmt.63 So konnten die »unteren« 70 % der nach Vermögen sortierten Bevölkerung im Jahr 2007 entweder nur ein sehr geringes oder überhaupt kein Nettovermögen vorweisen, wobei ihr Anteil am Gesamtversowie Schulden (Konsumenten- oder Hypothekarkredite). Nach Abzug der Verbindlichkeiten […] erhält man das wohlfahrtsökonomisch relevante Nettogesamtvermögen, das Gegenstand der Analysen zur personellen Vermögensverteilung ist«. Vgl. ebd., S. 56f. Da im SOEP jedoch »der gesamte Hausrat sowie der Wert von Kraftfahrzeugen […] nicht gesondert erhoben [wird]«, sei die Vermögenssituation der privaten Haushalte damit insgesamt sogar noch unterschätzt. Vgl. ebd., S. 56, Kasten 1. 58 Markus Grabka: »›Das Risiko der Altersarmut steigt‹. Sieben Fragen an Markus Grabka«, Interview, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 76/2009, Nr. 4, S. 55. 59 Vgl. The World Bank: Global Monitoring Report 2010. The MDGs after the crisis, Washington 2010. 60 Vgl. Cap Gemini, Merrill Lynch: World Wealth Report 2010, S. 6. 61 Vgl. Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB): »Geldvermögen auf Höchststand«, in: Klartext, 02/2011, http://www.dgb.de/themen/++co++85597702-1fe2-11e0-509a- 00188b4dc422 (23.03.16). 62 Vgl. Markus Grabka, Christian Westermeier: »Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 81/2014, Nr. 9, S. 151-164. 63 Die Angaben zur Vermögensungleichheit in diesem Absatz stützen sich noch vorrangig auf die Vermögenserhebungen des SOEPs aus den Jahren 2002 und 2007. Die jüngsten, 2014 publizierten Analysen bestätigen jene aus den vorausgegangenen Erhebungswellen jedoch umfassend. Allerdings verzichte ich auf deren Darstellung im Fließtext, da ihre direkte Vergleichbarkeit infolge kürzlich erfolgter Datenrevisionen im SOEP erschwert ist. Siehe hierzu Grabka / Westermeier 2014. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 34 mögen seit 2002 sogar noch um 1,5 Prozentpunkte gesunken ist und inzwischen unter 9 % beträgt.64 Parallel dazu hat die Anzahl der überschuldeten Haushalte, die fällige Forderungen über einen längeren Zeitraum hinweg nicht mehr bedienen können, erheblich zugenommen.65 Betrachtet man aber auf der Sonnenseite der Verteilung das reichste Zehntel der deutschen Bevölkerung, so zeigt sich, dass dieses 2007 über mehr als 60 % des Nettovermögens verfügen konnte. Darunter besaßen die obersten fünf Prozent 46 % und das oberste Prozent an der Spitze der Vermögenspyramide ganze 23 % von allem. Dabei ist zu beachten, dass gegenüber dem Jahr 2002 die Konzentration der Nettovermögen in diesem obersten Dezil, nicht zuletzt dank der angesprochenen realen Zuwächse beim Geldvermögen, weiter angestiegen ist – allein das oberste Prozent der Vermögensverteilung hat in den letzten fünf Jahren ca. 150 Milliarden Euro dazugewonnen –, während in allen anderen Dezilen, also bei 90 % der Bevölkerung, die Anteilswerte gesunken sind.66 Die Reichen werden mithin reicher, die Armen bleiben arm. Schon vor diesem Hintergrund kann also keine Rede davon sein, dass die Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland ihren hierarchischen Klassencharakter verloren hätte und der grundsätzliche Interessengegensatz zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen überwunden sei. Denn natürlich kommt dem Vermögen eine Vielzahl von Funktionen zu, die für das individuelle Wohlergehen ebenso wie für die Strukturierung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse von entscheidender Bedeutung sind. Als Sachvermögen (zum Beispiel in Form von Wohneigentum, Kraftfahrzeugen usw.) stiftet es unmittelbaren Nutzen und vergrößert so den persönlichen Handlungsspielraum (Nutzungsfunktion); das Aufbrauchen von Vermögen kann der Stabilisierung des Konsums bei Einkommensausfällen oder im Alter dienen (Sicherungsfunktion); eine wichtige Rolle spielt das Vermögen auch bei der Erziehung und Ausbildung von Kindern (Sozialisationsfunktion) sowie als Instrument der intergenerationellen Übertragung von Lebenschancen (Vererbungsfunktion); und vor allem sind größere Vermögen, wie sie insbesondere dem reichsten Zehntel der Bevölkerung zur Verfügung stehen, eine sprudelnde Quelle für weiteres Einkommen (vor allem Pacht- und Mieteinnahmen, Zinserträge, Gewinn- und Kapitaleinkünfte), sozialen Status sowie wirtschaftliche und politische Macht (Einkommensfunktion, soziale Statuserhaltungs- und Machtfunktion).67 Von all diesen Funktionen, welche 64 Vgl. Frick / Grabka 2009, S. 59. 65 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 49ff. 66 Vgl. Frick / Grabka 2009, S. 59, sowie Hartmann 2010, S. 273. 67 Zu diesen Vermögensfunktionen siehe Richard Hauser: »Integrierte Analyse von Einkommen und Vermögen – Forschungsstand und Ausblick«, in: Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG): Weiterentwicklung der Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung, Experten-Workshop am 29.11.2006 in DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 35 die Verhältnisse in der Gesellschaft maßgeblich prägen und die einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die unterschiedlichen Lebensläufe und sozialen Chancen der Menschen entfalten, ist aber die große Mehrheit der Bevölkerung weitestgehend ausgeschlossen. Die meisten Menschen sind deshalb existentiell darauf angewiesen, ihr Auskommen durch den möglichst ununterbrochenen und profitablen Verkauf ihrer Arbeitskraft zu erwirtschaften, wodurch sie gegenüber den Vermögenden in eine strategisch unterlegene Position geraten. Auf dem Arbeitsmarkt realisiert sich diese strukturelle Machtasymmetrie bekanntlich als Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital, den Brentano 1877 in folgendem Zitat beschrieb: »Der vereinzelte Arbeiter […] ist zur Fristung seines Lebens zu fortwährendem Verkaufe gezwungen. Oder soll er seine Ware für einen besseren Markt in der Zukunft bewahren? – Wovon lebt er, während er das Steigen des Preises erwartet?«68 Während die Vermögenden zumindest eine Zeitlang von ihrem Reichtum zehren können, dürfen jene, die nichts als ihre Arbeitskraft zu bieten haben, keine Zeit verlieren. Die einzelne Arbeitskraft ist folglich sehr viel dringender auf die Kooperation mit Kapital angewiesen, als das umgekehrt der Fall ist. Die daraus systematisch resultierende Ungleichheit der Kräfte, die Kapital und Arbeit in zwei gesellschaftliche Lager oder Klassen trennt, jedoch zugleich in einer hierarchischen Beziehung aneinander kettet, ist dem Kapitalismus inhärent. Sie zu überwinden setzte die politische Bereitschaft und Fähigkeit voraus, für die Besitzlosen die gleichen Auswege aus dem Arbeitsmarkt zu schaffen, wie sie den Vermögenden immer schon offen stehen. Das aber könnte nur gelingen, indem man denen, die nichts haben, das Recht auf eine hinreichend gesicherte Existenz auch abseits des Arbeitsmarktes einräumen würde, »von dem sie unabhängig von ihrer Lohnarbeit und ihrer Lohnarbeitsbereitschaft Gebrauch machen« könnten.69 Tatsächlich geschieht jedoch das Gegenteil. So wurde im Zuge der Umsetzung der sogenannten Hartz-Reformen des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes in den Jahren 2003 bis 2005 durch die rotgrüne Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) der Druck auf Arbeitslose, unter Androhung von Leistungskürzungen so schnell wie möglich eine mehr oder weniger beliebige, im Zweifel auch Berlin, Köln 2007, S. 12–29, hier (teils wortgleich) zitiert aus: Frick / Grabka 2009, S. 54. 68 Lujo Brentano: Das Arbeitsverhältnis gemäß dem heutigen Recht, Leipzig 1877, S. 195, hier zitiert aus: Georg Vobruba: »Wege aus der Flexibilisierungsfalle. Die Verbindung von Arbeitszeitverkürzung, Flexibilisierung und garantiertem Grundeinkommen«, in: ders.: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2007b, S. 95–109, hier S. 97f. 69 So die einleuchtende Analyse Georg Vobrubas in: »Der Arbeitsmarkt – ein Markt?«, in: ders. 2007c, S. 111–116, hier S. 115. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 36 nicht-existenzsichernde Arbeit anzunehmen, konsequent erhöht. Zum einen wurde die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für Personen unter 50 Jahren auf maximal zwölf Monate begrenzt.70 Schon nach spätestens einem Jahr der Erwerbslosigkeit droht also der finanzielle Absturz auf das Niveau des Arbeitslosengeldes II, besser bekannt als Hartz IV, welches aus der Zusammenlegung der früheren Arbeitslosen- und Sozialhilfe entstanden ist und mit gegenwärtig 399 Euro71 plus Mietpauschale bestenfalls noch auf Höhe der einstigen Sozialhilfe – statt wie ursprünglich geplant zumindest auf Höhe der alten Arbeitslosenhilfe – angesiedelt ist und damit weit unter der relativen Armutsgrenze liegt.72 Und zum anderen wurden parallel dazu die Zumutbarkeitskriterien für 70 Ältere Erwerbslose erhalten das Arbeitslosengeld unter bestimmten Voraussetzungen auch für einen längeren Zeitraum: Personen zwischen 50 und 55 Jahren bis zu 15 Monate, zwischen 55 und 58 Jahren bis zu 18 Monate und Personen ab 58 Jahren bis zu 24 Monate. Aber in all diesen Fällen wurde die maximale Bezugsdauer im Vergleich zu den früher geltenden Regelungen deutlich verkürzt. Vgl. § 127 Abs. 2 SGB III in der Fassung des siebten Gesetzes zur Änderung des Dritten Buches Sozialgesetzbuch und anderer Gesetze vom 8. April 2008, BGBl. I, S. 681. 71 Regelbedarf für eine alleinstehende oder alleinerziehende Person sowie für Volljährige mit minderjährigem Partner, gültig ab 01. Januar 2015, zu finden auf der Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, http://www.bmas.de/DE/ Startseite/start.html (23.03.16). 72 Im Jahr 2005 erhielt ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger in den alten Bundesländern durchschnittlich 668 Euro, in den neuen Bundesländern nur 584 Euro monatlich (Regelsatz plus Warmmiete). Vgl. Grabka u. a. 2007. Die auf der Datenbasis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2006 ermittelte relative Armutsgrenze (60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens) lag dem Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge aber bei 880 Euro und auf Grundlage der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe der amtlichen Statistik (EVS) des Jahres 2003, die im Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht verwendet wurde, sogar bei 980 Euro. Die unterschiedlichen Zahlen resultieren im Falle der EVS und des SOEPs vor allem aus Stichprobenschwankungen, der unterschiedlichen Repräsentativität der Untersuchungen und der unterschiedlichen Behandlung fehlender oder unplausibler Angaben. Die auf der Datenbasis der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) ermittelte relative Armutsgrenze wiederum, auf die sich der Dritte Armuts- und Reichtumsbericht vorrangig bezieht, lag mit 736 Euro aus methodischen Gründen noch einmal deutlich unter denen der EVS und des SOEPs, weil der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums im Einkommensbegriff der EU-SILC noch nicht berücksichtigt wurde. Da dies jedoch unplausibel ist, schließlich werden so die Wohlfahrtsunterschiede zwischen Personen mit und ohne Wohneigentum systematisch unterschätzt, und folglich auch bei EU-SILC korrigiert werden soll, beziehe ich mich im Rahmen der vorliegenden Arbeit auf die bereits vorhandenen realistischeren Armutsgrenzen des SOEPs und der EVS. Bezeichnend ist allerdings, dass Hartz IV bis heute sogar noch die zu niedrig angesetzte Armutsgrenze auf Basis der EU- SILC deutlich unterschreitet. Vgl. Bundesregierung 2008, S. 23f. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 37 Arbeitsangebote erheblich verschärft, sodass die »Kunden« der lokalen Jobcenter – wie Langzeitarbeitslose im Neusprech der Hartz-Reformen inzwischen genannt werden – leichter zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gezwungen werden können. Alles in allem soll die Lebenslage der auf Sozialleistungen angewiesenen Erwerbslosen möglichst unkomfortabel gestaltet werden, um den Reservationslohn – jenen Lohn, zu dem ein potentieller Arbeitnehmer gerade noch bereit ist, seine Arbeitskraft anzubieten – zu senken und die individuelle »Bereitschaft« zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen.73 Statt also die Dekommodifizierung74 der Arbeit voranzutreiben, das heißt die soziale Sicherheit und Teilhabe auch der Besitzlosen von der Erwerbsarbeit zu entkoppeln und dadurch den strukturellen Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital wenigstens zu mildern, weist die gegenwärtige Sozialpolitik durch die Verallgemeinerung und weitere Forcierung des Arbeitszwangs genau in die entgegengesetzte Richtung. Damit wird die gesellschaftliche Klassenspaltung und das hierarchische Abhängigkeitsverhältnis zwischen der ökonomischen Oberschicht, die immer größere Vermögensbestände kontrollieren kann, und der besitzlosen Mehrheit der Bevölkerung selbst noch in den Sozialgesetzbüchern der Bundesrepublik Deutschland festgeschrieben. b) Verteilung der Einkommen Ein ähnliches Bild wie die Vermögensverteilung bietet auch die Verteilung der Einkommen in Deutschland. Auch hier ist zunächst festzustellen, dass das gesamte verfügbare Einkommen der privaten Haushalte in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Lediglich im Jahr 2009 war aufgrund der globalen Wirtschaftskrise ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von ca. 4,2 % zu verzeichnen, doch schon Ende 2010 überstieg das verfügbare Einkommen mit 2,13 Billionen Euro die Werte von vor der Wirtschaftskrise wieder leicht und bis 2014 ist es auf 2,42 Billionen weiter angewachsen.75 Allein im Zeitraum von 1992 bis 73 Vgl. Dörre 2010, S. 295f. 74 Der Begriff der Dekommodifizierung wurde von Gøsta Esping-Andersen geprägt und meint die Entkopplung der sozialen Sicherheit von den Wechselfällen des Arbeitsmarktes durch sozialstaatliche Sicherungssysteme, welche den Warencharakter der Arbeit – die Karl Polanyi zufolge ohnehin nur eine »fiktive Ware« ist – verringern und die Autonomie der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern vergrößern. Siehe dazu Gøsta Esping-Andersen: The Three Worlds of Welfare Capitalism, Cambridge 1990. 75 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland: »Inlandsprodukt. Bruttonationaleinkommen, verfügbares Einkommen und Volkseinkommen«, https://www.destatis. de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/LangeReihen/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/lrvgr04.html (23.03.16). TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 38 2006 sind die bedarfsgewichteten verfügbaren Jahreseinkommen der privaten Haushalte, gemessen am arithmetischen Mittel, preisbereinigt um gut 1.700 Euro oder zehn Prozent gestiegen und beliefen sich, nach einem vorläufigen Spitzenwert von 19.255 Euro im Jahr 2002, auf durchschnittlich 18.778 Euro im Jahr 2005.76 Allerdings kamen diese Wohlfahrtsgewinne keineswegs allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen zugute. Vielmehr »[sind] die Einkommen der oberen Hälfte der Einkommensbezieher […] schneller gewachsen als die der unteren, das heißt die Einkommensungleichheit hat zugenommen.«77 Besonders deutlich wird die unterschiedliche Entwicklung der Realeinkommen, wenn man sich die Jahre von 2003 bis 2006 vor Augen führt. »Während das oberste Einkommensdezil in diesen Jahren als einzige Gruppe einen Zuwachs von 4,2 Prozent verzeichnen konnte, haben alle andere Einkommensgruppen«, also neunzig Prozent der Bevölkerung, »real Einkommen eingebüßt.« Dabei ist noch zu beachten, dass der Einkommensverlust umso größer ausfiel, je geringer das Einkommen schon vorher war. Vor allem das unterste Einkommensdezil traf es mit einem Verlust von -12 % besonders hart.78 Es verwundert daher auch nicht, dass sich das Verhältnis zwischen den Einkünften des reichsten und ärmsten Einkommensdezils in Deutschland, das Mitte der 1980er Jahre nach Angaben der OECD noch bei 5:1 lag, auf heute 7:1 erhöht hat.79 Insofern bewahrheitet sich also auch hier wieder das Diktum, dass die Reichen zwar immer reicher, die Armen jedoch ärmer werden, erneut. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat, neben den im Kapitalismus generell wirksamen Akkumulationsmechanismen, namentlich die deutsche Steuer-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der vergangenen zwanzig Jahre, die das Anschwellen und Auseinanderdriften der Ränder der Einkommensverteilung nicht nur nicht verhindern konnte, sondern sie sogar noch aktiv vorangetrieben hat. So macht Michael Hartman darauf aufmerksam, dass die Steuerbelastungen der höheren Einkommen durch die Politik erheblich reduziert wurden. Nachdem bereits 1997 die Vermögenssteuer ersatzlos gestrichen wurde, senkte man zwischen 2000 und 2005 auch den Spitzensteuersatz von 53 auf 42 %. Des Weiteren 76 Vgl. Joachim Frick, Markus Grabka: »Schrumpfende Mittelschicht – Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 75/2008, Nr. 10, S. 101– 108, hier S. 101f.; vgl. Bundesregierung 2008, S. 17. 77 Frick / Grabka 2008, S. 102. 78 Vgl. Markus Grabka u. a. 2007, S. III. 79 Vgl. OECD Berlin Centre: »OECD-Papier: Einkommensungleichheit beeinträchtigt das Wirtschaftswachstum«, Pressemitteilung vom 09.12.2014, http://www. oecd.org/berlin/presse/einkommensungleichheit-beeintraechtigt-wirtschaftswachstum.htm (23.03.16). DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 39 müssen Kapitalgesellschaften ihre Gewinne, die aus der Veräußerung von Unternehmen oder Unternehmensanteilen entstehen, seit dem Jahr 2000 überhaupt nicht mehr versteuern. Die 2008 beschlossene Abgeltungssteuer sorgt wiederum dafür, dass Kapitaleinkünfte nicht mehr mit dem persönlichen Steuersatz von bis zu 42 % (früher 53 %) versteuert werden müssen, sondern nur noch mit Abgaben in Höhe von 25 % belastet werden.80 All das kommt vor allem den reichen Bevölkerungsgruppen zugute – namentlich dem obersten Einkommensdezil, das rund 40 % der Markteinkommen kassiert –, während die Bezieher niedriger Einkommen leer ausgehen und wohl als »die eindeutigen Verlierer der letzten Jahre« zu betrachten sind.81 Denn wie bereits angesprochen wurden ja nicht nur die Sozialleistungen, die in den unteren Gesellschaftsschichten oftmals einen wesentlichen, wenn nicht den einzigen Einkommensbestandteil ausmachen, im Zuge der Hartz-Reformen empfindlich gekürzt, ebenso hat sich die Gruppe der besonders armutsgefährdeten Niedriglohnempfänger infolge politischer Entscheidungen seit Mitte der Neunzigerjahre von 14,7 auf 21,5 % beträchtlich vergrößert. Und schließlich kommt hinzu, dass die Politik die indirekten Steuern (vor allem die Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer und Tabaksteuer), welche speziell die unteren und mittleren Einkommensschichten stark belasten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich erhöht hat und diese sich mittlerweile auf über 50 % des gesamten Steueraufkommens – gegen- über 40 % im Jahr 1990 – belaufen.82 Im Ergebnis lassen sich für die Entwicklung der Einkommensverteilung somit folgende Aspekte festhalten: Die gerade für das bundesrepublikanische Selbstverständnis so bedeutsame Mittelschicht83 schrumpft. Zählten im Jahr 2000 noch fast zwei Drittel der Bevölkerung (62 %) zur mittleren Einkommensschicht, waren es 2006 nur noch 54 %.84 Parallel dazu stieg der Bevölkerungsanteil an den Rändern der 80 Vgl. Hartmann 2010, S. 270f. 81 Ebd., S. 270, 272. 82 Ebd. 83 »Als Mittelschicht wird die Bevölkerungsgruppe mit einer relativen Einkommensposition von 70 bis 150 Prozent des Medians bezeichnet.« Als Basis dienen dabei die bedarfsgewichteten jährlichen Nettoeinkommen der privaten Haushalte. Vgl. Frick / Grabka 2008, S. 102f. 84 Ebd., S. 103. Zu erwähnen ist an dieser Stelle die Studie Wie schlecht steht es wirklich um die gesellschaftliche Mitte? Mythen über die Mittelschicht, die unter der Leitung von Dominik Enste durchgeführt und im Januar 2011 vom arbeitgebernahen Roman Herzog Institut veröffentlicht wurde. In dieser Studie wird die Interpretation des Datenmaterials aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) durch die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) scharf kritisiert. Tatsächlich schrumpfe die bundesdeutsche Mittelschicht allenfalls minimal, von einer objektiven Abstiegsgefährdung der Mittelschichtsangehörigen TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 40 Einkommensverteilung, wobei die untersten Schichten, deren bedarfsgewichtetes Nettohaushaltseinkommen weniger als 70 % des Medians beträgt, den größten Zuwachs zu verzeichnen hatten. Ihr Anteil wuchs zwischen 2000 und 2006 um rund 7 % und macht inzwischen über ein Viertel der Gesamtbevölkerung, also über 20 Millionen Menschen, aus. Zwar soll hier nicht unterschlagen werden, dass im gleichen Zeitraum auch die Gruppe jener Personen, die über ein bedarfsgewichtetes Einkommen von mehr als 150 % des Medians verfügen können und insofern als wohlhabend zu bezeichnen sind, leicht zugenommen hat und im Jahr 2006 immerhin ein Fünftel der Bevölkerung umfasste, doch blieb diese Zunahme mit lediglich 2 % klar hinter jener der unteren Einkommensschichten zurück.85 Das bedeutet, dass entgegen der euphemistischen Selbstbeschreibung der deutschen Gesellschaft als einer ausgewogenen Mittelstandsgesellschaft, in der es ein jeder nach Maßgabe der eigenen Kräfte und Anstrengungen zu etwas bringen könne und die vor allem durch die von praktisch allen geteilte Erfahrung des sozialen Aufstiegs geprägt sei, die soziale Abwärtsmobilität, also das Risiko, in einem Jahr sozioökonomisch schlechter dazustehen als heute, überwiegt.86 c) Zunahme der Armut Wenig überraschend geht mit dem Wachstum der sozialen Unterschicht auch die stetige Zunahme der Armut einher. Gemäß der in der könne somit keine Rede sein. Auch hätten sich die Einkommensunterschiede zwischen Mittel- und Oberschicht nicht wesentlich vergrößert; lediglich die Aufstiegschancen aus der sozialen Unterschicht seien in den vergangenen Jahren tendenziell zurückgegangen. Die anfängliche Verwunderung über diese den Aussagen des DIW teils zuwiderlaufenden Ergebnisse legt sich indessen, wenn man sieht, wie die Diskrepanz zustande kommt. Anders als das DIW, welches bei der Analyse der Einkommensentwicklung das gesamte Jahreseinkommen der Privathaushalte berücksichtigt, betrachtet das Roman Herzog Institut lediglich die monatlichen Einkünfte. Das hat beispielsweise zur Folge, dass Phasen vorübergehender Erwerbslosigkeit, welche das jährliche Gesamteinkommen gegebenenfalls stark verringern, oder der Wegfall jährlicher Einmalzahlungen infolge der Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse ebenso wenig in die Bewertung der Gesamtsituation eingehen wie etwa die wachsenden Kapitalerträge insbesondere der oberen Einkommensschichten, welche für die Polarisierung der Einkommensverteilung eine zentrale Rolle spielen. Infolgedessen bleibt das Bild, das in der Studie des von den bayrischen Arbeitgeberverbänden finanzierten Roman Herzog Instituts von der Einkommensentwicklung in Deutschland gezeichnet wird, unvollständig und verzerrt. Unklar ist, was die Forscher des RHI zu dieser letztlich unbefriedigenden Herangehensweise bewogen haben könnte. 85 Vgl. Frick / Grabka 2008, S. 103. 86 Vgl. ebd., S. 104. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 41 internationalen Forschung inzwischen üblichen und auch von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union offiziell verwendeten Definition gilt als arm, wer weniger als 60 % des nationalen mittleren Nettoäquivalenzeinkommens (gemessen am Median) zur Verfügung hat. Es handelt sich hierbei also um einen relativen Armutsbegriff, der sich über die Bezugnahme auf den in der jeweiligen Gesellschaft durchschnittlichen Lebensstandard bestimmt. Um die Vorteile einer solchen relativen Armutskonzeption gegenüber absoluten Begriffsfassungen zumindest im Kontext reicher Länder zu erläutern, sei an dieser Stelle ein Exkurs zu einigen der wichtigeren wissenschaftlichen Modelle und Definitionen von Armut eingefügt, bevor ich im Anschluss daran die Ergebnisse der aktuellen Armutsforschung zur Situation in der Bundesrepublik Deutschland darstellen werde. — Exkurs — zur Konzeptualisierung von Armut Einer der ersten modernen Sozialwissenschaftler, der sich mit der empirischen Erforschung und theoretischen Konzeptualisierung von Armut beschäftigte, war der 1871 im nordenglischen York als Sohn eines Schokoladenfabrikanten geborene Benjamin Seebohm Rowntree. Das Elend vieler Arbeiterfamilien unmittelbar vor Augen, führte er im Jahr 1899 in seiner Heimatstadt eine großangelegte Studie zu den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse durch, in deren Verlauf 11.560 Familien mit insgesamt 46.754 Personen befragt wurden und deren Ergebnisse im Jahr 1901 unter dem Titel Poverty. A Study of Town Life erstmals veröffentlicht wurden.87 In dieser Studie entwickelte Rowntree auf Basis eines am physischen Überleben orientierten Warenkorbes das Konzept einer absoluten Armutsgrenze, die sich in einer entsprechenden, an die jeweilige Haushaltsgröße anzupassenden Geldsumme ausdrücken lässt. Diese Summe markiert das minimale Existenzminimum und soll die unverzichtbaren Ausgaben für Miete, Brennmaterial, Lebensmittel, Kleidung und sonstige lebenswichtige Güter decken.88 Rowntree, der von dem britischen Philanthropen und Sozialforscher Charles Booth und dessen früheren Untersuchungen zu den Lebensverhältnissen der Arbeiter in 87 Benjamin Seebohm Rowntree: Poverty. A Study of Town Life, Nachdruck der 2. Aufl. von 1902, London 1997, S. Ix. 88 Vgl. ebd., Kapitel IV: »The Poverty Line«, S. 86–118. Zusammenfassend vgl. Franz F. Eiffe und Karin Heitzmann: »Armut im Kontext reicher Staaten – Zur wissenschaftlichen Operationalisierung eines normativen Begriffs«, in: Peter Krause, Katharina Spieß (Hg.): Armut und Reichtum, aus der vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgegebenen Reihe Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 75/2006, Nr. 1, S. 43–57, hier S. 46. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 42 London inspiriert war, ging es darum, »die breite Gesellschaft davon zu überzeugen, dass eine signifikante Anzahl in Armut befindlicher Menschen [nämlich fast 30 % der damaligen Gesamtbevölkerung Yorks89, C.M.] nicht einmal ihre grundlegendsten physischen, geschweige denn sozialen Bedürfnisse befriedigen könnten.«90 Vor dem Hintergrund derart extremer gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen relevante Bevölkerungsanteile unter großen Entbehrungen ums schiere Überleben kämpfen müssen und im schlimmsten Fall sogar vom Hungertod bedroht sind, ist die Anwendung des absoluten Armutsbegriffs für die Beschreibung eines Lebens am äußersten Rand der Existenz sicherlich sinnvoll und überdies ein wichtiger Maßstab für die sozio- ökonomische Entwicklung eines Landes, der auch heute noch, vor allem im Kontext des globalen Südens, eine zentrale Rolle spielt.91 Im Kontext moderner Wohlstandsgesellschaften hingegen ist seine Verwendung nur noch wenig aufschlussreich. Dies liegt zum einen an dem erfreulichen Umstand, dass hier kaum noch Menschen armutsbedingt in ihrem physischen Überleben gefährdet sind. Zum anderen aber lassen sich aus dem bloßen Überschreiten der absoluten Armutsgrenze noch keinerlei Aussagen bezüglich der wesentlich voraussetzungsreicheren Integration in das soziokulturelle Leben der Gesellschaft oder die Teilhabe an deren materiellen Errungenschaften ableiten. Gerade dies jedoch, also die möglichst gleichberechtigte soziale Inklusion, ist in den westlichen Demokratien, in denen das mit der europäischen Aufklärung an Bedeutung gewinnende Postulat der Gleichheit zu einer tragenden normativen Säule des bürgerlichen Selbstverständnisses geworden ist, eine nicht zu hintergehende Legitimationsbedingung der demokratischen Gesellschaftsordnung selbst. Das bedeutet zwar ersichtlich nicht, dass soziale Ungleichheit aus den Ländern des Westens verschwunden wäre, doch es heißt sehr wohl, dass sie in der Regel nur noch, falls sie nicht generell abgelehnt wird, als Resultat des Leistungsprinzips und unter der Voraussetzung allgemeiner Chancengleichheit als ethisch gerechtfertigt betrachtet werden kann und insofern als Ergebnis sozialer Verteilungsprozesse prinzipiell erklärungsbedürftig geworden ist.92 89 Rowntree 1997 (1902), S. 117f. 90 Eiffe / Heitzmann 2006, S. 46. 91 Die Weltbank zum Beispiel arbeitet zum Zwecke der internationalen Vergleichbarkeit absoluter Armut mit dem »$1/Day-Standard«: Personen, die weniger als 1,25$ pro Tag (kaufkraftparitätisch umgerechnet in die jeweils lokale Kaufkraft auf Basis des Dollarwertes aus dem Jahre 2005) zur Verfügung haben, gelten als absolut arm. Vgl. Jonathan Henry Haughton und Shahidur R. Khandker: Handbook on Poverty and Inequality, Washington 2009, S. 46. 92 Vgl. Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, Wiesbaden 2004, S. 8. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 43 Anders als absolute Begriffsdefinitionen, die sich vorrangig auf die elementarsten – und damit vergleichsweise universellen93 – Lebensbedürfnisse konzentrieren, bestimmen relative Konzeptualisierungen von Armut ihren Gegenstand deshalb von vornherein in Relation zum materiellen und soziokulturellen Wohlstandsniveau einer jeweiligen Gesellschaft. Peter Townsend94 zum Beispiel definiert Armut als eine Situation, in der es den Betroffenen aus Mangel an Ressourcen unmöglich ist, »an der Gesellschaft in ordentlicher Form teilzuhaben und« – so etwa hinsichtlich der typischen Ernährungsgewohnheiten, Kleidungsstile oder sonstigen Konsum- und Lebensstandards – »dem gewöhnlichen Verhalten zu folgen, das im Allgemeinen erwartet wird.«95 Insofern seien Arme von der normalen Mitgliedschaft in der Gesellschaft weitgehend ausgeschlossen und müssten gewissermaßen in einer »separaten Welt« leben.96 Als Referenzpunkt und Schlüsselbegriff dient Townsend und anderen Vertretern relativer Armutsmodelle somit nicht mehr nur das bloße Überleben, sondern vielmehr die soziale Partizipation der Individuen, welche methodisch zumeist, so auch von Townsend, als Funktion des jeweils verfügbaren Einkommens operationalisiert wird. Auch der auf Otto Neurath zurückgehende Lebenslagenansatz sowie Amartya Sens und Martha Nussbaums Ansatz der Verwirklichungschancen (Capability Approach) betonen die Relativität von Armut,97 kritisie- 93 Dass auch absolute Armutsmodelle relative Komponenten enthalten, soll dabei nicht bestritten werden. Beispielsweise können in Abhängigkeit von den lokalen klimatischen Bedingungen die notwendigen Aufwendungen für Unterkunft und Bekleidung gegebenenfalls stark variieren. Doch bleiben diese Unterschiede im Falle der substantiellen, überlebensrelevanten Bedürfnisse – etwa im Hinblick auf den täglichen Wasser- oder Kalorienbedarf eines Menschen – naturgemäß innerhalb eines kalkulierbaren Rahmens, der die regionen- und kulturübergreifende Definition eines praktikablen absoluten Armutsbegriffs (wie zum Beispiel der in Fußnote 91 erwähnte »$1/Day-Standard« der Weltbank) durchaus zulässt. 94 Vgl. Peter Townsend: Poverty in the United Kingdom, Berkeley 1979. 95 Eiffe / Heitzmann 2006, S. 47. 96 Vgl. ebd. 97 Amartya Sen betont allerdings, dass auch relative Armut einen irreduziblen »absoluten Kern« habe und dadurch von bloßer Ungleichheit qualitativ verschieden sei. Rein relative Armutsdefinitionen, wie sie sich in den Industrienationen aufgrund des breiten Wohlstandswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt haben (wie zum Beispiel jene von Townsend), übersähen mit dem absoluten Gehalt der Armut meist auch diese Differenz und liefen deshalb Gefahr, Armut bloß noch als Variante sozialer Ungleichheit zu betrachten und damit in gewisser Weise zu verharmlosen. Es sei aber ein großer Unterschied, ob eine Person hinsichtlich einer bestimmten Verwirklichungschance nur vergleichsweise weniger oder absolut zu wenig erhalte. Vgl. Amartya Sen: »Poor, Relatively Speaking«, in: ders.: Resources, Values and Development, Oxford 1984, S. 325-345. Ich werde später noch einmal ausführlich auf diese sozialpolitisch wie auch gerechtigkeitstheoretisch überaus TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 44 ren dabei jedoch die in der Wissenschaft verbreitete Fokussierung auf das Einkommen als zu eindimensional und ziehen deshalb noch weitere Faktoren zur Bestimmung von Armut und Wohlergehen heran, die als eigenständig betrachtet und analysiert werden sollen. Nur, so die Annahme, wenn die in der Regel dominierenden Dimensionen des Berufs und des Einkommens durch weitere wie zum Beispiel die Wohnsituation, Gesundheit, Bildung, Freizeit, Erholungsmöglichkeiten usw. ergänzt würden, sei ein umfassendes und wirklichkeitsgetreues Bild von der multidimensionalen Lebenslage der Individuen sowie ihrer tatsächlich vorhandenen – oder nicht vorhandenen – gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten zu gewinnen. Da der Lebenslagenansatz sowie der Capability Approach, die beide, wie Ortrud Leßmann herausgearbeitet hat,98 trotz unterschiedlicher Wurzeln eine Reihe konzeptueller Überschneidungen aufweisen, inzwischen zu einer Art regulativer Leitideen nicht zuletzt der deutschen Armuts- und Reichtumsforschung avanciert sind, sollen sie hier noch einmal kurz rekapituliert werden. Mit dem Lebenslagenansatz verfolgt Otto Neurath das Ziel, das individuelle Wohlergehen einer Person messbar und damit interpersonell vergleichbar zu machen. Da sich das Wohlergehen als subjektives Gefühl aber nicht unmittelbar erheben und noch weniger objektiv vergleichen lässt, schlägt er vor, sich als Hilfskonstruktion an die jeweilige Lebenslage zu halten, die aus verschiedenen Elementen bestehe. Als solche führt er zum Beispiel die »Wohnung, Nahrung, Kleidung, Arbeitszeit usw. […]« auf,99 des Weiteren eine »freundliche menschliche Umgebung«, die »Menge an Malariakeimen«, »Bücher, Theater, Vergnügungen«, »Mu- ßezeit« und ganz allgemein »die Entfaltung der Persönlichkeit«.100 Dabei seien die Lebenslage und damit das Wohlergehen einer Person umso höher einzustufen, je besser sich die Bedingungen in den einzelnen Dimensionen – namentlich in den Schlüsselbereichen Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Einkommen, Bildung und soziale Partizipation – gestalteten, wohingegen Armut einen multidimensionalen Mangelzustand repräsentiere. Kurt Grelling übernahm dieses Modell von Neurath, interpretierte es bedeutsame Differenz zwischen sozialer Ungleichheit auf der einen Seite und Armut respektive Exklusion auf der anderen zurückkommen. 98 Vgl. (auch für das Folgende) Ortrud Leßmann: »Lebenslagen und Verwirklichungschancen – Verschiedene Wurzeln, ähnliche Konzepte«, in: Peter Krause, Katharina Spieß (Hg.): Armut und Reichtum, aus der vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgegebenen Reihe Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 75/2006, Nr. 1, S. 30–42. 99 Otto Neurath: »Ein System der Sozialisierung«, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 48/1920, Nr. 1, S. 44–73, hier S. 58, hier zitiert aus Leßmann 2006, S. 31. 100 Otto Neurath: Empirische Soziologie. Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung, Wien 1931, hier zitiert aus Leßmann 2006, S. 31. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 45 aber an einer entscheidenden Stelle anders: Was Neurath noch Lebenslage nannte, nämlich die tatsächlich realisierten, empirisch beobachtbaren Lebensverhältnisse einer Person, nennt Grelling fortan Lebenshaltung. Die Lebenslage definiert er dagegen als »die Gesamtheit der möglichen Lebenshaltungen, zwischen denen er [ein Mensch, C. M.] am Anfang einer Periode (etwa bei Aufstellung eines Haushaltsplanes) wählen kann […].«101 Durch diese terminologische Verschiebung bleiben die konkreten Lebensverhältnisse von Personen, die lediglich infolge unterschiedlicher Vorlieben oder Wertungen voneinander abweichen, dabei jedoch auf den gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Lebenschancen beruhen, über das Konzept der Lebenslage miteinander vergleichbar. An diese neue Begriffsfassung schloss wiederum Gerhard Weisser an, der schließlich die bis heute prägende Definition der Lebenslage als »Spielraum« formuliert hat: »Als Lebenslage gilt der Spielraum, den die äußeren Umstände dem Menschen für die Erfüllung der Grundanliegen bieten, die er bei unbehinderter und gründlicher Selbstbesinnung als bestimmend für den Sinn seines Lebens ansieht.«102 Wie der Lebenslagenansatz entstand auch der Capability Approach103 des indischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Amartya Sen und der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum in Auseinandersetzung mit dem Problem der individuellen und gesellschaftlichen Wohlfahrtsmessung, und auch ihre Lösung ist nahezu identisch mit jener Otto Neuraths. Wie dieser schlagen Sen und Nussbaum vor, das Wohlergehen einer Person indirekt anhand der leichter zu erhebenden Qualität der objektiven Lebensbedingungen, die ihr Dasein bestimmen, zu ermitteln. Als Gradmesser dienen ihnen dabei die mit Hilfe der jeweils verfügbaren 101 Kurt Grelling: »Zum Prinzip der Güterverteilung«, in: Neunter wirtschaftswissenschaftlicher Rundbrief, Frankfurt/M. 1921, S. 1f., hier zitiert aus Leßmann 2006, S. 32. 102 Gerhard Weisser: Einige Grundbegriffe der Sozialpolitiklehre, Bonn 1957, S. 6, hier zitiert aus Leßmann 2006, S. 33. 103 Zum Capability Approach siehe unter anderem Amartya Sen: »Equality of What?«, in: ders. (Hg.): Choice, Welfare and Measurement, Oxford 1983, S. 353–369; ders.: The Standard of Living, Cambridge 1987; ders.: »Capability and Well-Being«, in: ders., Martha Nussbaum (Hg.): The Quality of Life, Oxford 1993, S. 30–53; ferner Martha Nussbaum: »Aristotelian Social Democracy«, in: R. Bruce Douglas u. a. (Hg.): Liberalism and the Good, New York 1990, S. 203–252; dies.: »Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung des aristotelischen Essentialismus«, in: Micha Brumlik, Hauke Brunkhorst (Hg.): Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1993, S. 323–361; dies.: »Capabilities and Human Rights«, in: Fordham Law Review, 66/1997–98, S. 273–300. Einen guten Einstieg in den Capability Approach bietet Dieter Sturma mit seinem Beitrag: »Universalismus und Neoaristotelismus. Amartya Sen und Martha C. Nussbaum über Ethik und soziale Gerechtigkeit«, in: Wolfgang Kersting (Hg.): Politische Philosophie des Sozialstaats, Weilerswist 2000, S. 257–292. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 46 Ressourcen erreichten »Funktionen« (functionings), unter denen sie die tatsächlich realisierten Verwirklichungschancen eines Menschen im Sinne konkreter Tätigkeiten, Zustände oder Fähigkeiten (doings and beings) verstehen. Als Beispiele für einige zentrale Verwirklichungschancen nennen Sen und Nussbaum unter anderem die Möglichkeit, sich ausreichend ernähren zu können und Zugang zu sauberem Trinkwasser zu haben, frei von vermeidbaren Krankheiten zu sein, ein Dach über dem Kopf sowie den jeweiligen Gepflogenheiten entsprechende Kleidung zu besitzen, des Weiteren reisen, sich bilden oder ungehindert seine Religion ausüben zu können und schließlich ganz allgemein über die notwendigen Mittel zu verfügen, um am Leben der Gemeinschaft teilnehmen und sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen zu können.104 Allerdings, und hierin gleicht der Capability Approach wiederum den Weiterentwicklungen des Lebenslagenansatzes von Grelling und Weisser, bemisst sich auch Sen und Nussbaum zufolge das Wohlergehen eines Menschen nicht so sehr an dem Leben, das er wirklich führt, sondern an den unterschiedlichen Lebensentwürfen, die er auf Basis der ihm verfügbaren Ressourcen und im Rahmen seiner nicht zuletzt rechtlich garantierten Chancen realisieren könnte.105 Auch für Sen und Nussbaum resultiert die vorrangige Betrachtung der Chancen dabei aus der nachvollziehbaren Prämisse, dass freiwilliger Verzicht, beispielsweise auf ein eigenes Auto, einen Arztbesuch, ein Studium oder eine Erwerbsarbeit, gänzlich anders zu beurteilen ist als erzwungener und die möglichst objektive Bestimmung des Wohlergehens einer Person nicht von individuellen Präferenzen verzerrt werden sollte.106 Die Gesamtmenge der wenigstens potentiell zu verwirklichenden Lebensentwürfe – das Bündel möglicher Funktionen also – nennen Sen und Nussbaum das Capability Set (die Menge an Verwirklichungschancen), welches in Analogie zur Lebenslage (verstanden im Sinne Grellings und Weissers) den individuellen Handlungsspielraum für die Lebensführung absteckt. Dabei gilt auch für Sen und Nussbaum, dass das Wohlergehen eines Menschen umso höher einzustufen ist, je zahlreicher und vielfältiger seine Verwirklichungsmöglichkeiten sind, mit denen nicht zuletzt seine persönliche Freiheit zunehme. Wie man sieht, weisen der Lebenslagenansatz und der Capability Approach tatsächlich eine Reihe von konzeptionellen Parallelen auf. 104 Vgl. Sen 1983, S. 162f., und Nussbaum 1993, S. 332–340; weiterhin Leßmann 2006, S. 34 sowie Christian Arndt und Jürgen Volkert: »Amartya Sens Capability-Approach – Ein neues Konzept der deutschen Armuts- und Reichtumsberichterstattung«, in: Peter Krause, Katharina Spieß (Hg.): Armut und Reichtum, aus der vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgegebenen Reihe Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 75/2006, Nr. 1, S. 7–29, hier S. 9. 105 Vgl. Leßmann 2006, S. 34. 106 Vgl. Nussbaum 1997–98, S. 288f.; Arndt / Volkert 2006, S. 22. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 47 Gemeinsam ist ihnen auch der starke normative Gehalt ihres Armutsbegriffs. So ist schon, wie oben bereits angesprochen, die für alle relativen Armutsmodelle fundamentale Grundsatzentscheidung, von Armut nicht erst dann zu sprechen, wenn die physische Existenz bedroht ist, sondern sobald die individuellen Verwirklichungschancen einer Person und ihre sozialen Partizipationsmöglichkeiten signifikant hinter denen zurückbleiben, die den Menschen in der jeweiligen Gesellschaft normalerweise (im Durchschnitt) zur Verfügung stehen, Ausdruck eines immanenten Werturteils, das auf die spezifisch demokratische Idealvorstellung von der gleichberechtigten Teilhabe und Integration zumindest eines jeden Bürgers rekurriert. Die Relationierung des Armutsbegriffs mit dem mittleren Chancen- und Wohlstandsniveau eines Landes ergibt sich also keineswegs notwendig aus der wissenschaftlich (wie auch immer) zu bestimmenden »Natur« des Gegenstandes selbst, sondern in erster Linie aus der ethisch begründeten Auffassung, dass lediglich ein solches Leben als nicht-arm, als ein Leben im Wohlergehen gelten soll und kann, in welchem die genuin soziale Existenzform des Menschen – und nicht bloß ihr körperliches Substrat – angemessene Berücksichtigung findet. Allein, wer diese normative Haltung teilt und damit anerkennt, dass das menschliche Dasein in der Biologie zwar durchaus seine letzte Grenze findet, aber nur im Sozialen sich als gelingendes erweisen und entfalten kann, und dass der soziale Mangel oder Tod, im Sinn von Marginalisierung oder Exklusion, dem biologischen an Schwere vielleicht nicht gleich-, doch oftmals nahekommt (und von so manchem schon als derart unerträglich empfunden wurde, dass er diesen jenem sogar vorgezogen hat), wird weiter auch dem Vorschlag folgen, den Armutsbegriff ganz prinzipiell als relativen zu entwickeln und Armut, mit Ilse Arlt gesprochen, als »Verneinung« zu bestimmen, die man »nicht aus sich selbst heraus verstehen [kann], sondern nur in ihrer Beziehung zu dem Licht, dessen Schatten sie ist, dem menschlichen Blühen und Gedeihen.«107 Noch deutlicher indes tritt die inhärente Normativität des Lebenslagen- wie des Capability-Ansatzes zutage, wenn man ferner über die Frage nachdenkt, ab welchem Level man eigentlich davon ausgehen kann, dass die Verwirklichungschancen einer Person sowohl hinsichtlich ihres Gesamtumfanges wie auch ihrer Qualität im Einzelnen108 als befriedigend angesehen werden können, wo genau man also die (mit dem gesellschaftlichen Wohlstandsniveau variierende) Grenze zwischen einem 107 Ilse Arlt (1925), hier zitiert aus Georg Vobruba: »Arbeit und Essen. Die Logik im Wandel des Verhältnisses von gesellschaftlicher Arbeit und existentieller Sicherung im Kapitalismus«, in: ders. 2007a, S. 47–70, hier S. 47, Fußnote 1. 108 Die Qualität einer Verwirklichungschance hängt von den konkreten doings and beings ab, die sie verspricht, im Falle der Chance auf Bildung also beispielsweise davon, ob lediglich das Lesen und Schreiben erlernt werden kann oder ob zum Beispiel auch ein Universitätsstudium im Bereich des Möglichen liegt. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 48 Leben im Wohlergehen und Armut ziehen muss. Schon eine oberflächliche Betrachtung dieses Problems führt zu dem Ergebnis, dass es hierfür jedenfalls keine wissenschaftlich-exakte Lösung geben kann. Dies liegt zum einen daran, dass bereits in die Auswahl jener unverzichtbaren Verwirklichungschancen (respektive Elemente der Lebenslage), deren Fehlen als Armutsindikator gewertet werden soll, unvermeidlich Werturteile einfließen, die strittig sein können. Selbst wenn man sich im Grunde einig ist, dass zu einem guten Leben mehr als nur das biologisch Nötigste gehört und die Armutsgrenze folglich als soziokulturelles Minimum zu definieren ist, ist mit dieser allgemeinen Formel längst noch nicht geklärt, welche Chancen konkret zu diesem Minimum zu zählen sind, ob beispielsweise die Möglichkeit zu reisen, sich bilden oder im Rahmen demokratischer Prozesse politisch Einfluss nehmen zu können dazugehören soll oder nicht. Und zum anderen bleibt auch dann, wenn über die Liste unentbehrlicher Verwirklichungschancen Konsens besteht, immer noch das mindestens genauso schwierige Problem zu lösen, wie weit diese Chancen im Einzelnen reichen müssen, um als hinreichend bewertet werden zu können. An welchem Punkt zum Beispiel überschreitet die durch Mangel erzwungene Distanz zum Mainstream der Gesellschaft jene Schwelle, hinter der von einer »ordentlichen Teilhabe«109 am vielfältigen Leben der Gesellschaft nicht mehr gesprochen werden kann und Armut beginnt? Was gehört zur ordentlichen, menschenwürdigen Teilhabe einer Person – jenem unbestimmten Referenzpunkt relativer Armutskonzeptionen – überhaupt dazu? Ist es (wenigstens in den hiesigen sozialen Breiten) schon Armut, wenn man auf das gelegentliche Bier oder Gläschen Wein mit Freunden notgedrungen zu verzichten hat? Oder wenn Kinder aus der Stadt Kühe, Ziegen und andere Kuriositäten bestenfalls noch aus dem Discovery Channel kennen, weil das Geld für eine eigene Entdeckungsfahrt aufs Land nicht reicht und der Urlaub auf dem Bauernhof (wie anderswo) sowieso ganz und gar utopisch ist? Zählen Kino und Theater dann und wann zum soziokulturellen Minimum dazu? Oder dass die Kinder in dieser Gesellschaft unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ein Instrument erlernen, Sport treiben sowie, falls nötig, Nachhilfeunterricht bekommen können und auch sonst die gleichen Bildungschancen haben? Genügt es nicht, dem Nachwuchs ärmerer Familien staatlich garantiert und unentgeltlich das schulisch essentielle Basiswissen beizubringen, die höheren Abschlüsse und Studien dann aber unbefangen denen zu überlassen, die sie sich »aus eigener Tasche« auch wirklich leisten können? Es ist evident, dass sich solche und ähnliche Fragen, die für den Armutsbegriff konstitutiv sind und insofern für den Umgang der Gesellschaft mit sozialer Marginalität und Deprivation einen handlungsleitenden wie 109 Eiffe / Heitzmann 2006, S. 47. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 49 handlungslegitimierenden Orientierungsrahmen bilden, letztlich nicht mit den Mitteln der Wissenschaft, sondern nur auf politischem Wege unter Rekurs auf ethisch-moralische Argumente und Werturteile beantworten lassen. Das impliziert auch, dass es dabei aus prinzipiellen Gründen nicht um endgültige Antworten mit universalem Geltungsanspruch gehen kann. Denn unter den spezifischen Erkenntnisvorgaben der aufgeklärten Moderne sind die soziokulturellen Daseinsformen des Menschen und mit ihnen auch Ethik und Moral nicht mehr unmittelbar aus vermeintlich unveränderlichen Gesetzlichkeiten abzuleiten, die (seien sie göttlichen oder natürlichen Ursprungs) jeder menschlichen Sozialität vor- beziehungsweise übergeordnet wären, sondern überzeugend nur noch als im Rahmen gesellschaftlicher Prozesse konstruktiv geschaffene normative Ordnungsformen zu plausibilisieren, die nicht nur zwischen den Kulturen variieren (also nicht gattungs-, sondern gesellschaftsspezifisch sind), sondern auch innerhalb ein und derselben Gesellschaft teils heftig umstritten sein können.110 Folglich sperrt sich auch der Armutsbegriff als normativ fundiertes Gegenstück zum gleichfalls vagen Ideal des guten Lebens aus eben diesen Gründen gegen den Versuch, ihn auf wissenschaftliche Weise ein für alle Mal exakt zu definieren. Er ist und bleibt damit ein genuin politischer Begriff, dessen sachlicher Gehalt sich mittels der Vernunft allein im Rahmen öffentlich geführter Diskussionen näherungsweise bestimmen lässt, in denen unparteilich sowie auf Basis wohlbegründeter und dadurch nachvollziehbar gemachter Argumente um eine wenn schon nicht einmütige, so wenigstens hinreichend konsensfähige Lösung gestritten wird, die wiederum als diskursive Grundlage für gesellschafts- und sozialpolitische Entscheidungen fungieren kann. In diesem Kontext können Wissenschaft und Philosophie die irreduzible Pluralität der normativen Grundannahmen, die den unterschiedlichen Auffassungen von Armut respektive dem soziokulturellen Minimum gesellschaftlicher Partizipation unterlegt sind, zwar niemals gänzlich auflösen; die Entscheidung hierüber bleibt der Politik insofern nicht erspart. Doch wird ihnen die nicht minder bedeutsame Aufgabe zuteil, zum einen über die Mechanismen gesellschaftlicher In- und Exklusion sachlich aufzuklären, das heißt die sozialen Bedingungen zu beschreiben und zu erklären, unter denen die Individuen den Anschluss an das Leben der Gesellschaft stets aufs Neue zu bewerkstelligen haben, ferner diese Bedingungen mit den zentralen Gerechtigkeits- und Wertvorstellungen, die die Gesellschaft zumindest ideell prägen, kritisch zu vergleichen und nicht zuletzt sozialpolitische Lösungsvorschläge prüfend auf ihre sachliche Adäquanz sowie (gerechtigkeits-)ethische Konsistenz hin 110 Zur sozialen Konstruktivität der Moral siehe insbesondere Günter Dux: Die Moral in der prozessualen Logik der Moderne. Warum wir sollen, was wir sollen, 2. Aufl., Weilerswist 2004. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 50 zu befragen, welche die große, noch ausführlich zu erörternde Diskrepanz zwischen normativem Anspruch und sozialer Wirklichkeit, mithin zwischen Sein und Sollen gesellschaftlicher In- und Exklusion vielleicht verringern könnten. Dieses sind auch, wie eingangs dargestellt, die wesentlichen Anliegen der vorliegenden Arbeit. Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus der impliziten Normativität des Lebenslagen- sowie des Capability-Ansatzes111 für die Findung eines gemeinsamen forschungspraktischen Nenners ergeben, konnten die beiden Ansätze die internationale Armutsforschung nachhaltig beeinflussen. Beispielsweise diente das Lebenslagenmodell als konzeptionelle Grundlage für die ersten beiden Armutsberichte der deutschen Bundesregierung, wobei im zweiten Bericht zudem angekündigt wurde, sich künftig auch verstärkt an Sens Capability Approach zu orientieren. Dieser wiederum liegt bereits seit 1990 den jährlich erscheinenden Human Development Reports des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen zugrunde.112 Inhaltlich wird der Einfluss der beiden Ansätze auf die aktuelle Forschung insbesondere daran deutlich, dass in wissenschaftlichen Studien zum Thema Armut wenn möglich eben nicht mehr nur Informationen zu Beruf und Einkommen erhoben werden, sondern ebenso zu den wichtigen Lebensbereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Wohnen, Migration sowie zur politischen und gesellschaftlichen Partizipation.113 Armut und soziale Ausgrenzung werden inzwischen also in der Tat als multidimensionale Problemlagen wahrgenommen. Gleichwohl ist festzustellen, dass die ökonomischen Kategorien Arbeit und Einkommen in der wissenschaftlichen und politischen Praxis nach wie vor eine bevorzugte Stellung einnehmen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Zunächst einmal stellt die Umsetzung komplexer, multidimensionaler Forschungsansätze eine nicht unerhebliche Herausforderung für die empirische Operationalisierung dar.114 Selbst wenn die soeben diskutierten normativen Fragen allesamt geklärt sind (beziehungsweise wären) und man somit weiß, welche Lebensbereiche in welcher Gewichtung zu berücksichtigen sind, bleibt immer noch das technische Problem zu lösen, wie man das Wohlergehen oder auch den Mangel eines Menschen in den verschiedenen Einzeldimensionen praktisch mes- 111 Wie gesagt basieren alle Armutsmodelle, nicht nur der Lebenslagen- und Capability-Ansatz, auf normativen Grundannahmen. Dies ist infolge der beschriebenen Normativität des Armutsbegriffes selbst nicht zu ändern. Es ist allerdings auch gar nicht nötig, sofern besagte Grundannahmen in ihrer Normativität transparent gemacht und nicht etwa hinter pseudowissenschaftlicher Scheinobjektivität verschleiert werden. 112 Vgl. Leßmann 2006, S. 39. 113 Vgl. beispielsweise die anhand dieser Dimensionen strukturierten Armuts- und Reichtumsberichte der deutschen Bundesregierung. 114 Vgl. Leßmann 2006, S. 39f. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 51 sen und anschließend zu einem individuellen Gesamtbefund verrechnen könnte. Nicht zuletzt aufgrund solcher Umsetzungsprobleme erscheinen einkommens- und vermögensbasierte Maße auch weiterhin als praktikabelste Methode für Vergleiche, zum Beispiel zwischen unterschiedlichen Personengruppen, Schichten, Ländern oder Zeitpunkten, sowie zur Darstellung allgemeiner Trends.115 Vor allem aber ist das Einkommen angesichts der elementaren Bedeutung finanzieller Ressourcen für das Leben in modernen Geldgesellschaften immer noch als wichtigster Einzelfaktor anzusehen, der über die Größe und Qualität des individuellen Handlungsspielraums und damit über Armut oder Wohlergehen entscheidet. Zwar trifft es zu – darin ist den Fürsprechern multidimensionaler Ansätze fraglos zuzustimmen –, dass Armut keineswegs allein in finanzieller Not zum Ausdruck kommt, sondern sich gleichfalls und nicht minder folgenschwer in außer-ökonomischen Daseinssphären manifestiert. Ebenso ist darin zuzustimmen, dass, wie zu betonen Sen nicht müde wird, finanzieller Wohlstand nichts weiter als ein Mittel ist, um Wohlergehen und Freiheit zu erreichen.116 Einig weiß sich Sen hierin mit keinem geringerem als Aristoteles, der bereits in seiner mit dem Streben nach Glückseligkeit befassten Nikomachischen Ethik formulierte: »Der Reichtum ist gewiß nicht das gesuchte oberste Gut. Denn er ist nur ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke.«117 Infolgedessen ist es auch nicht möglich, vom materiellen Wohlstand eines Menschen direkt auf sein Wohlergehen zu schließen, da die Umwandlung des einen in das andere sowohl von gesellschaftlichen Umwandlungsfaktoren, etwa der staatlichen Garantie der Freiheitsrechte, dem freien Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem oder der gleichberechtigten Chance zur Teilnahme an demokratischen Wahlen, als auch von persönlichen Umwandlungsfaktoren wie der individuellen Gesundheit, Behinderungen, Bildung, Alter oder Geschlecht abhängt. Es kann daher sein, dass Menschen, deren Einkommen nominell zwar über der Armutsgrenze liegt, die aber aufgrund besonderer Belastungen, wie zum Beispiel einer schweren Behinderung oder Krankheit, auf überdurchschnittliche finanzielle Ressourcen angewiesen sind (für Hilfskräfte, Prothesen, spezielle Vorrichtungen in der Wohnung oder im Auto, kostspielige Therapien usw.), um die gleichen Funktionen verwirklichen zu können wie andere, sich faktisch in einer 115 Vgl. Eiffe / Heitzmann 2006, S. 54. 116 Sen sieht in der Korrektur der vorherrschenden Konzentration auf die Mittel individuellen Wohlergehens sogar eines der Hauptanliegen des Capability Approach: »Der Befähigungsansatz ist insbesondere dazu gedacht, diese Ausrichtung auf Mittel zu korrigieren, und konzentriert sich stattdessen auf die Chance, Zwecke zu erfüllen, und auf die substantielle Freiheit, diese wohlüberlegten Ziele zu erreichen.« Sen 2010, S. 261f. 117 Aristoteles: Nikomachische Ethik, übersetzt von Franz Dirlmeier, Stuttgart 1969, S. 10; hier zitiert aus: Sen 2010, S. 281. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 52 sehr viel schlechteren Lebenslage befinden, als ihre rein materielle Situation zunächst vermuten lässt.118 Doch während demnach richtig ist, dass ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze wenn auch in vielen, so eben längst nicht in allen Fällen als hinreichender Indikator für ein Leben im Wohlergehen interpretiert werden kann und man sich dessen sowohl bei der wissenschaftlichen als auch politischen Beschäftigung mit Armut gewahr sein sollte, um ihr tatsächliches Ausmaß nicht zu unterschätzen, verhält es sich umgekehrt dennoch so, dass die Unterschreitung der finanziellen Armutsgrenze mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in fast allen anderen Lebensbereichen mit schwerwiegenden Benachteiligungen einhergeht. Kein anderer Einzelfaktor – diesen schlichten Sachverhalt scheinen der auf Multidimensionalität geeichte Lebenslagen- und Capability-Ansatz gleicherma- ßen zu unterschätzen – entfaltet im ganzen gesehen eine vergleichbar negative Breitenwirkung, wie es im Falle finanzieller Armut festzustellen ist. Ich werde im dritten Kapitel noch einmal en détail erläutern, auf welche Weise sich der pekuniäre Mangel auch in jenen Subsystemen der Gesellschaft, die vermeintlich anderen als wirtschaftlichen Regeln folgen, zum Nachteil der Betroffenen niederschlägt. Fürs erste mag indes der Hinweis reichen, dass zumindest in modernen Marktgesellschaften ein Einkommen oberhalb der Armutsschwelle zwar nicht als hinreichende, sicherlich jedoch als notwendige Bedingung für ein gelingendes und gesellschaftlich voll integriertes Leben zu betrachten ist, da sowohl Quantität wie Qualität der realisierbaren individuellen Verwirklichungschancen maßgeblich von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln bestimmt werden. Insofern ist der multidimensionale »Spielraum«, von dem Sen und Weisser unisono sprechen, und mit diesem die individuelle Handlungsfreiheit des Menschen im Kapitalismus eben immer auch – und womöglich vor allem – eine Frage des Geldes. Vor diesem, im weiteren Verlauf noch genauer auszuleuchtenden Hintergrund ist es also durchaus (und eben nicht nur aus pragmatischen Gründen) sinnvoll, sich bei der Sozialstrukturanalyse respektive der Untersuchung von Armut und Wohlergehen am Konzept der relativen Einkommensarmut zu orientieren – dies insbesondere dann, wenn damit erstens kein Rückschritt hinter die Erkenntnis der Multidimensionalität von Armut verbunden ist, sondern berücksichtigt und erklärt wird, durch welche Mechanismen sich Geldmangel in vielschichtige, auch nicht-ökonomische Mangelzustände übersetzt, und zweitens die erforderliche Sensibilität für die nicht auszuschließende Notlage von Personen, deren Einkommen oberhalb der rechnerischen Armutsgrenze liegt, gewahrt bleibt. Als arm gelten dann zunächst einmal jene Menschen, 118 Vgl. Sen 2010, S. 284. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 53 deren Nettoeinkommen119 einen bestimmten Prozentsatz des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens, auch Netto- äquivalenzeinkommen genannt, unterschreiten. Letzteres erhält man, indem man das Nettoeinkommen eines Haushalts nicht einfach durch die Anzahl der zu ihm gehörenden Personen teilt, sondern die zweite und jede weitere Person je nach Alter mit einem Gewicht berücksichtigt, das geringer als das der ersten Person ist.120 Hinter dieser Vorgehensweise steckt der Umstand, dass zwei, drei oder x gemeinsam unter einem Dach lebende Personen aufgrund der Kostenersparnisse durch das gemeinsame Wirtschaften nicht das zwei-, drei- oder x-fache Einkommen benötigen, um den gleichen Lebensstandard wie ein Einpersonenhaushalt zu generieren, sondern deutlich weniger (zum Beispiel braucht auch ein Mehrpersonenhaushalt zumeist nur eine Küche, eine Waschmaschine oder ein Auto, zudem fallen die Heiz- und Stromkosten sowie viele andere Aufwendungen pro Kopf niedriger aus usw.). Teilt man nun das Einkommen eines Haushalts durch die Summe der einzelnen Bedarfsgewichte, erhält man sein Nettoäquivalenzeinkommen, das einen realistischen Wohlstandsvergleich nach Zusammensetzung und Einkommen der Haushalte ermöglicht.121 Als relative Armutsgrenze hat sich dabei, wie oben bereits erwähnt, die im Jahre 2001 zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vereinbarte 60 %-Schwelle etabliert, der zufolge als einkommensarm gilt, wer weniger als 60 % des Medianwertes der nationalen Einkommensverteilung zur Verfügung hat.122 In absoluten Zahlen ausgedrückt sind das nach Angaben des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2012 für eine alleinstehende Person netto rund 990 Euro im Monat. Nach Bedarfsgewichten umgerechnet (siehe Fußnote 120) wären das beispielsweise für ein kinderloses 119 Hierzu zählen alle Einkünfte aus selbständiger und unselbständiger Arbeit sowie aus Vermögen, Renten- und Pensionsleistungen, Unterhaltszahlungen oder Transferleistungen zuzüglich des Mietwerts selbstgenutzten Wohneigentums abzüglich Steuern und Sozialbeiträgen. 120 Nach der neuen OECD-Skala, die sich in der internationalen Armutsforschung etabliert hat und auch in den Armuts- und Reichtumsberichten der deutschen Bundesregierung Verwendung findet, wird die erste erwachsene Person eines Haushalts mit dem Faktor 1, jede weitere Person ab 15 Jahren mit dem Faktor 0,5 und unter 15 Jahre alte Kinder mit 0,3 gewichtet. Das verfügbare Nettoeinkommen eines Zweipersonenhaushaltes zum Beispiel müsste somit durch den Faktor 1,5 und das einer vierköpfigen Familie mit zwei kleinen Kindern durch den Faktor 2,1 geteilt werden, um mit dem Einkommen einer alleinstehenden Person auf seine wohlstands- beziehungsweise lebensstandardermöglichende Funktion hin verglichen werden zu können. Vgl. Bundesregierung 2001, S. 20. 121 Vgl. Jacobs 2000, S. 243. 122 Vgl. Eiffe / Heitzmann 2006, S. 53; Bundesregierung 2008, S. 20. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 54 Paar 1.485 Euro oder für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter fünfzehn Jahren 2.079 Euro.123 — Exkursende — Damit kann die Diskussion der relativen Einkommensarmut in Deutschland wieder aufgegriffen werden. Gemessen an der eben genannten 60 %-Schwelle nahm die Einkommensarmut in den vergangenen Jahrzehnten nahezu kontinuierlich zu, wobei dieser langfristige Trend in der letzten Dekade besonders ungünstig verlief. Waren Ende der Siebzigerjahre noch lediglich 9 % der Westdeutschen einkommensarm,124 wuchsen die Quoten für Gesamtdeutschland nach Angaben des DIW allein zwischen 1999 und 2006 von 10,3 % auf einen vorläufigen Höchststand von 14,5 % stark an. Im darauffolgenden Jahr verringerte sich das gesamtgesellschaftliche Armutsrisiko zwar zunächst leicht, stieg dann aber bis 2008 – trotz der verbesserten Lage auf dem Arbeitsmarkt – erneut auf 14 % und infolge der Wirtschaftskrise kurzfristig sogar auf 15 % im Jahr 2009 an.125 2010 ging die Armutsquote schließlich (statistisch allerdings nicht signifikant) auf 14 % zurück, was immer noch rund 11 Millionen Menschen entspricht.126 Deutlich höhere Zahlen werden allerdings in der Integrierten Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung aus 123 Vgl. Markus Grabka u. a.: »Höhepunkt der Einkommensungleichheit in Deutschland überschritten?«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 79/2012, Nr. 43, S. 3–15, hier S. 8. Wie bereits in Fußnote 72 ausgeführt sei auch an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich die auf der (im Dritten Armuts- und Reichtumsbericht vorrangig verwendeten) Datenbasis der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) errechnete relative Armutsgrenze in Höhe von 736 Euro im Rahmen der vorliegenden Arbeit bewusst ausklammere, da im Einkommensbegriff der EU-SILC der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums noch nicht berücksichtigt wird. Auf diesen Umstand ist die deutlich niedrigere Armutsgrenze der EU-SILC hauptsächlich zurückzuführen. Die Folge ist, dass die unter Umständen eklatanten Wohlfahrtsunterschiede zwischen Haushalten mit und ohne Wohneigentum aus methodischen Gründen systematisch unterschätzt werden. Schließlich ist es ein erheblicher Unterschied, ob vom verfügbaren Nettohaushaltseinkommen noch die Miete zu bezahlen ist oder nicht. Für die Zukunft ist allerdings auch bei EU-SILC vorgesehen, den Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums aus dem genannten Grund in den Einkommensbegriff mit einzubeziehen. Vgl. Bundesregierung 2008, S. 23f. 124 Bundesregierung 2001, S. 26. 125 Vgl. Joachim Frick, Markus Grabka: »Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 77/2010, Nr. 7, S. 2–11, hier S. 4.; ferner Grabka u. a. 2012, S. 8. 126 Vgl. ebd. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 55 dem Jahr 2007 genannt, welche im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit erstellt wurde und eine wichtige Datengrundlage für den Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung darstellt. Diesem Gutachten zufolge stieg das Armutsrisiko sogar von 11,8 % im Jahr 2000 auf ganze 18,3 % im Jahr 2006, womit fast fünfzehn statt elf Millionen Menschen unterhalb der relativen Armutsgrenze gelebt hätten.127 Doch von diesen (hier nicht aufzulösenden) statistischen Differenzen abgesehen steht jedenfalls fest, dass es in den vergangenen Jahren in Deutschland zu einem signifikanten Anstieg der Armut gekommen und eine Umkehr dieses Trends bislang nicht abzusehen ist. Vertiefende Analysen ergaben zudem, dass für den größten Teil der Betroffenen, nämlich knapp 80 %, die Armut keineswegs, wie vielfach angenommen wurde, nur ein kurzfristiger, sondern vielmehr ein dauerhafter oder zumindest in kurzen Abständen regelmäßig wiederkehrender Zustand ist,128 und die Armutsgrenze (wenn überhaupt) meist auch nur knapp übersprungen wird.129 Um die Gesamtsituation angemessen beurteilen zu können ist allerdings nicht nur die Höhe der Armutsgrenze selbst sowie die Anzahl der betroffenen Personen von Relevanz, sondern ebenso die Frage, wie weit das durchschnittliche Einkommen der Betroffenen unterhalb der Armutsgrenze liegt. Auskunft hierüber gibt die sogenannte relative Armutslücke, die als Differenz zwischen der Armutsgrenze und dem Median der Nettoäquivalenzeinkommen der Personen unterhalb der Armutsgrenze definiert ist und in Prozent der letzteren ausgedrückt wird. Gemessen an der 60 %-Schwelle hat dieser Indikator für die Armutsintensität in der Zeit von 1998 bis 2006 leicht – wenn auch diskontinuierlich – von 23,3 auf 24,6 % zugenommen.130 Konkret bedeutet das, dass sich das mittlere Äquivalenzeinkommen jener rund elf respektive fünfzehn Millionen Menschen, die 2006 unterhalb der Armutsgrenze in Höhe von 880 Euro131 lebten, auf gerade einmal 664 Euro im Monat belief. Zu bedenken gilt es ferner, dass die zur Chronifizierung neigenden finanziellen Engpässe und Notlagen, mit denen sich wachsende Bevölkerungsanteile zurechtzufinden haben, nicht nur deren gegenwärtige Lebenslage und Verwirklichungschancen beeinträchtigen. Sie haben 127 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. IV. 128 Vgl. ebd., S. VII. 129 Vgl. Jacobs 2000, S. 253f. 130 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 119, Tabelle 44. 131 Die hier genannte Armutsgrenze von 880 Euro bezieht sich noch auf das Jahr 2006; Datengrundlage ist das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführte Sozio-oekonomische Panel. Vgl. Bundesregierung 2008, S. 23. Auf Grundlage aktualisierter Daten (Stand 2010) gibt das DIW inzwischen die im Text weiter oben genannte Armutsgrenze von 990 Euro an. Vgl. Grabka u. a. 2012, S. 8. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 56 darüber hinaus auch zur Folge, dass sich wenigstens ein Fünftel der bundesdeutschen Haushalte außerstande sieht, wirtschaftliche Rücklagen aufzubauen132 und im Gegenteil die Überschuldung von Privathaushalten ständig zunimmt.133 Das aber bietet einigen Anlass zur Sorge, da das Rentensystem jedenfalls so, wie es bisher aufgebaut ist, durch die demographischen Veränderungen vor große Finanzierungsschwierigkeiten gestellt wird, von denen noch nicht recht abzusehen ist, wie sie einmal bewältigt werden sollen; eine ausreichende private Altersvorsorge wäre deshalb eigentlich dringend angeraten. Angesichts dessen steht zu befürchten, dass sich die zum jetzigen Zeitpunkt noch deutlich unterdurchschnittliche Armutsquote älterer Menschen, die im Gegensatz zur insgesamt stark ansteigenden Armutsquote vergleichsweise stabil bei rund 12 % liegt,134 künftig einmal ausgesprochen gering ausnehmen könnte. Altersarmut und damit verbunden die oftmals sehr kostenintensive pflegerische Betreuung älterer Menschen drohen somit, sich in Zukunft mit zu den größten sozialen Problemen der Gesellschaft überhaupt zu entwickeln.135 Freilich sind nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen von Armut bedroht. So sind neben den Arbeitslosen vor allem die schnell wachsende Gruppe der Niedriglohnempfänger, ferner Migranten, Familien, Alleinerziehende und Kinder einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt. Die in Politik und Medien besonders präsenten arbeitslosen Hartz IV-Empfänger stellen also lediglich eine Gruppe neben anderen dar – wenn auch eine stark gefährdete, wie ihre sehr hohe Armutsquote von 53 % im Jahr 2006 belegt.136 Zwar mögen im Falle kurzfristiger Arbeitslosigkeit von weniger als einem Jahr das höhere Arbeitslosengeld I sowie Ersparnisse und private Unterstützungsleistungen von 132 Vgl. Hans-Jürgen Andreß: Armut und Lebensstandard. Zur Entwicklung des notwendigen Lebensstandards der Bevölkerung 1996–2003, Gutachten im Rahmen des Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung, Köln 2004, S. 32. 133 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 49f. 134 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 120. 135 Eben dies befürchtet beispielsweise Baldo Blinkert: »Gesellschaftlicher Wandel und demographische Veränderungen als Herausforderung für die Sicherstellung der Versorgung pflegebedürftiger Menschen«, in: Sozialer Fortschritt, 53/2004, S. 319–325. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beobachtet seit 2007 einen Anstieg der Altersarmut, wobei insbesondere die Entwicklung in Ostdeutschland von Bedeutung ist. Hier erreichen verstärkt Menschen der Nachwendegeneration das Rentenalter, die zuvor längere Zeit arbeitslos gewesen sind. Dies wiederum führt zu entsprechend niedrigen Renten. Vgl. DIW: Statistikdebatte: Kinder- und Jugendarmut ist nach wie vor das drängendste Problem, Pressemitteilung vom 12.05.2011, http://www.diw.de/de/diw_01.c.372595.de/ themen_nachrichten/statistikdebatte_kinder_und_jugendarmut_ist_nach_wie_ vor_das_draengendste_problem.html (23.03.16). 136 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 121, Tabelle 45. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 57 Familienangehörigen in vielen Fällen noch vor Verarmung schützen, doch mit der Zeit wachsen in der Regel auch die finanziellen Probleme und mit ihnen die Gefahr, infolge der schwindenden Konsum- und Teilhabechancen nach und nach im Abseits der Gesellschaft zu stranden. Allerdings sollte man in diesem Kontext auch nicht vergessen, dass es trotz des ausgesprochen hohen Armutsrisikos von Arbeitslosen dennoch wesentlich mehr Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen gibt, die trotz ihrer Erwerbstätigkeit von Armut betroffen sind. Diese häufig als working poor bezeichnete Gruppe, deren Existenz man in Europa lange Zeit auf den US-amerikanischen Arbeitsmarkt beschränkt glaubte, wird auch in der einstmals für ihre vergleichsweise hohen Löhne bekannten Bundesrepublik schon seit längerem größer, wobei das Problem besonders drastisch in den vergangenen Jahren zugenommen hat. So hat sich die Armutsquote unter den Arbeitnehmern allein im Zeitraum zwischen 2000 und 2006 von 6,4 % auf 12 % nahezu verdoppelt.137 Zwar ist dieser Prozentsatz immer noch unterdurchschnittlich und sehr viel niedriger als bei arbeitslosen Personen. Doch da die absolute Anzahl der Erwerbstätigen jene der Erwerbslosen um ein Vielfaches übersteigt, ist trotz des im Vergleich niedrigeren relativen Armutsrisikos von Erwerbstätigen die absolute Anzahl der working poor fast doppelt so groß wie die von arbeitslos gemeldeten Armen. Tatsächlich standen im Jahr 2006 einer Gruppe von maximal 2,4 Millionen arbeitslosen Armen ungefähr 4,2 Millionen Arbeitnehmer gegenüber, die, obwohl sie einer bezahlten Arbeit nachgingen, unterhalb der Armutsgrenze lebten.138 Berücksichtigt man zudem, dass viele erwerbstätige Arme mit Angehörigen zusammenleben, die von ihnen finanziell abhängig sind, erhöht sich die Gesamtzahl der von der working poor-Problematik betroffenen Personen noch 137 Vgl. ebd., S. 120. 138 Eigene Berechnung auf Grundlage der vom Statistischen Bundesamt Deutschland für das Jahr 2006 ausgewiesenen Arbeitslosenzahl von ca. 4,5 Mio., einer Arbeitnehmerzahl (Erwerbstätige abzüglich Selbständige) von ca. 34,7 Mio. sowie den von Grabka u. a. angegebenen relativen Armutsquoten von 53% für die Bezieher von Arbeitslosenunterstützung beziehungsweise 12% für Arbeitnehmer. Dabei dürfte die im Text angegebene Zahl von 2,4 Mio. arbeitslosen Armen sogar noch zu hoch gegriffen sein, weil die vom statistischen Bundesamt ausgewiesene Gesamtzahl von 4,5 Mio. Arbeitslosen auch solche Personen beinhaltet, die trotz ihrer Erwerbslosigkeit keine Arbeitslosenunterstützung beziehen, deren Armutsrisiko mit 38,3% aber erheblich geringer ausfällt als das in der Berechnung verwendete von Arbeitslosen mit Unterstützung. Leider ist mir das aggregierte Armutsrisiko aller Arbeitslosen (mit und ohne Unterstützungsbezug) nicht bekannt. Wichtig für den weiteren Verlauf der Argumentation ist jedoch lediglich, dass die absolute Anzahl arbeitsloser Armer nicht unterschätzt und damit der Abstand zu den working poor nicht überschätzt wird. Vgl. Bundesregierung 2008, S. 73; Grabka u. a. 2007, S. 121, Tabelle 45; Statistisches Bundesamt Deutschland: »Registrierte Arbeitslose, Arbeitslosenquote nach Gebietsstand«. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 58 einmal beträchtlich. Zu einem Teil mag diese unerfreuliche Entwicklung sicherlich die starke Ausbreitung von geringfügiger und Teilzeitbeschäftigung in den letzten Jahren widerspiegeln, doch weist der Wirtschaftswissenschaftler und Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) darauf hin, dass schon Ende der Neunzigerjahre auch die Anzahl der Armen in Vollerwerbshaushalten deutlich über der Anzahl der Armen in Erwerbslosenhaushalten gelegen hat.139 Angesichts der oben angesprochenen Reallohnverluste, welche insbesondere die mittleren und unteren Einkommensschichten in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts zu verschmerzen hatten, dürfte sich die Situation inzwischen noch verschlechtert haben. Irritierend ist vor dem Hintergrund dieser Zahlenverhältnisse natürlich, weshalb die wirtschafts- und sozialpolitische Reaktion auf die Zunahme relativer Armut im Wesentlichen trotzdem nach wie vor dem überparteilichen Credo folgt, dass die beste Sozialpolitik in der Schaffung von Arbeitsplätzen bestünde. Denn die eindimensionale Formel, dass »die Integration Erwerbsfähiger in das Arbeitsleben […] der Schlüssel dafür [sei], Teilhabe und Verwirklichungschancen für alle Haushaltsmitglieder zu eröffnen und damit auch Kinderarmut zu vermeiden«,140 wie es im Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung aus dem Jahre 2008 zu lesen steht, mag zwar in Zeiten hoher Löhne, in denen auch ein einfacher Arbeiter genug Geld verdienen konnte, um mit seiner Familie ein ordentliches Leben zu führen, noch mit einer gewissen Berechtigung als Leitlinie der Politik gedient haben. Heute hingegen, wo die Löhne immer öfter nicht einmal mehr ausreichen, um einen alleinstehenden Arbeitnehmer über die Armutsschwelle zu heben, produziert eine Politik, die sich einseitig darauf versteift, mit allen Mitteln die Erwerbsquote zu erhöhen, hinsichtlich der Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung sogar hochgradig kontraproduktive Effekte. Bislang zumindest scheint dies den politischen Mainstream allerdings wenig zu beeindrucken. Unbeirrt und über so gut wie alle Parteigrenzen hinweg hält man sich mit wenigen Ausnahmen an der vermeintlich unumstößlichen Maxime fest, dass per se sozial sei, was Arbeit schafft. Über die Gründe für diesen Irrglauben und seine gesellschaftswie sozialpolitisch verhängnisvollen Konsequenzen wird im folgenden Kapitel noch zu sprechen sein. Eine weitere in besonderem Maße von relativer Armut betroffene Bevölkerungsgruppe stellen in Deutschland lebenden Migranten und 139 Vgl. Wolfgang Strengmann-Kuhn: »Armut trotz Erwerbstätigkeit in Deutschland – Folge der ›Erosion des Normalarbeitsverhältnisses‹?«, in: Eva Barlösius, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.): Die Armut der Gesellschaft, Opladen 2001, S. 131–150, hier S. 135. 140 Bundesregierung 2008, S. 71. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 59 Personen mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft dar. Ende 2006 zählten 7,3 Millionen Menschen zu dieser Gruppe, was einem Anteil an der Bevölkerung von 8,9 % entspricht.141 Während die gesamtdeutsche Armutsquote der Integrierten Einkommens- und Vermögensanalyse zufolge im Jahr 2006 bei 18,3 % lag, fiel die Quote für Personen mit Migrationshintergrund mit 33,7 % fast zweimal so hoch aus.142 Einer der Hauptgründe für diesen deutlich überproportionalen Anteil ist sicherlich, dass viele Zuwanderer über vergleichsweise geringe oder in Deutschland nicht anerkannte schulische und berufliche Qualifikationen verfügen und infolgedessen oftmals, wenn überhaupt, nur an schlecht bezahlte Arbeitsplätze gelangen. Dieser Sachverhalt setzt sich häufig über Generationen hinweg fort. Denn die Kombination der Herkunft aus sozioökonomisch schlechtgestellten Verhältnissen, die sich – wie später noch eingehend er- örtert werden wird – alleine schon sehr nachteilig auf den schulischen und beruflichen Werdegang auswirkt, mit oftmals gravierenden Sprachbarrieren führt dazu, dass sich Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule meist deutlich schwerer tun als ihre Klassenkameraden und deshalb sehr viel häufiger keinen oder nur einen vergleichsweise schlechten Schulabschluss erreichen. Entsprechend groß sind ihre Schwierigkeiten beim Übergang in eine berufliche Ausbildung beziehungsweise ins Arbeitsleben. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass der Anteil von Ausländern in Berufsausbildungen stetig zurückgeht, etwa ein Drittel der Migranten im Alter von 20 bis 29 Jahren keine Ausbildung hat und folglich auch die Erwerbsquote der Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt deutlich unter jener der autochthonen Bevölkerung liegt.143 Es ist evident, dass all dies für die Verteilung der Markteinkommen keine guten Chancen verspricht und ohne massiv gegensteuernde Fördermaßnahmen seitens des Staates die Gefahr der generationen- übergreifenden Manifestation von Armut und sozialer Ausgrenzung für Personen ausländischer Herkunft extrem groß ist. Dabei sollte man die gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieses Problems nicht unterschätzen. Denn obwohl der Ausländeranteil an der deutschen Bevölkerung weniger als ein Zehntel beträgt, hatten laut PISA-Studie im Jahr 2000 über ein Viertel der Schüler einen Migrationshintergrund.144 Nicht zuletzt in Anbetracht der konstant niedrigen Geburtenrate in Deutschland und des für die Zukunft prognostizierten (beziehungsweise in manchen Berufsfeldern schon heute feststellbaren) Mangels an gut ausgebildeten Arbeitnehmern wäre es daher – von gerechtigkeitsethischen Erwägungen einmal ganz abgesehen – auch aus volkswirtschaftlichen Gründen aus- 141 Vgl. ebd., S. 138. 142 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 125. 143 Vgl. Bundesregierung 2008 S. 147 und Bundesregierung 2005, S. 159ff. 144 Vgl. ebd., S. 159. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 60 gesprochen unvernünftig, die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft durch das sehenden Auges hingenommene ökonomische Herausfallen und gegebenenfalls auch soziokulturelle Entgleiten (das einschlägige Stichwort in diesem Kontext sind die oftmals befürchteten »Parallelwelten«) eines relevanten Anteils der nach Deutschland eingewanderten Menschen nachhaltig zu gefährden. Stark zugenommen hat ferner der Anteil der von finanziellen Nöten betroffenen Familien, deren Armutsquote sich zwischen den Jahren 2000 und 2006 auf 19,2 % mehr als verdoppelt hat.145 Dabei betrifft dieser Anstieg auch Familien mit einem oder zwei Kinder, in ganz besonderem Maße jedoch größere Familien mit drei Kindern und mehr, von denen mit 26,4 % inzwischen mehr als ein Viertel unter Einkommensarmut leidet. Insofern bestätigt sich das Stichwort vom »Armutsrisiko Kind« insbesondere im Falle solcher größeren Familien, was man gerade vor dem Hintergrund der soeben erwähnten demographischen Veränderungen als gesellschafts- und sozialpolitischen Skandal bezeichnen kann.146 Als Hauptursachen sind neben dem vom politischen Mainstream in der Regel zuerst genannten Problem der Arbeitslosigkeit insbesondere die signifikante Ausdehnung des Niedriglohnsektors (und damit verbunden die rapide Zunahme der working poor), die infolge unzureichender Betreuungsangebote immer noch schlechte Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf sowie die zu niedrig angesetzten Sozialausgaben für Familien (auf deren Bedeutung ich gleich noch einmal gesondert zu sprechen kommen werde) und die ungenügenden Effekte des Familienlastenausgleichs zu nennen. Während beispielsweise die Altersgruppe der Nicht-Mehr- Erwerbstätigen im Wesentlichen durch staatliche Alterssicherungssysteme finanziert wird – bislang jedenfalls –, bleibt der Unterhalt der nachwachsenden Generation größtenteils den Eltern überlassen.147 Das hat zur Folge, dass die Eltern zweier Kinder im Vergleich zu einem kinderlosen Ehepaar infolge der direkten Erziehungskosten sowie der sogenannten Opportunitätskosten, die aus dem wenigstens teilweisen Erwerbsverzicht eines oder beider Elternteile resultieren, mit Wohlstandseinbußen von rund 50 % rechnen müssen; entsprechend höher noch fallen die 145 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 122. 146 So zum Beispiel Olaf Groh-Samberg und Matthias Grundmann in: »Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 26/2006, S. 11–18, hier S. 11; differenzierter Christoph Butterwegge und Michael Klundt (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien und Sozialpolitik im demografischen Wandel, Opladen 2002. 147 Im Jahre 1980 beispielsweise lagen die öffentlichen Pro-Kopf-Ausgaben für einen alten Menschen etwa dreimal so hoch wie für einen Jugendlichen. Vgl. Franzxaver Kaufmann: »Generationenbeziehungen und Generationenverhältnisse im Wohlfahrtsstaat«, in: Jürgen Mansel u. a. (Hg.): Generationen-Beziehungen. Austausch und Tradierung, Opladen 1997, S. 17–30, hier S. 20, Fußnote 3. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 61 Einbußen bei drei oder mehr Kindern aus. Um eine Vorstellung zu geben: Der Ökonom Heinz Lammert schätzte 1989 die Höhe allein der Opportunitätskosten im Falle eines durchschnittlich verdienenden Ehepaares mit zwei Kindern auf über 700.000 DM, und bei dieser beträchtlichen Summe sind, wie gesagt, die direkten Kinderkosten noch nicht einmal berücksichtigt.148 Es liegt auf der Hand, dass nur relativ gutverdienende Ehepaare mit diesen finanziellen Belastungen ohne größere Probleme zurechtkommen, während Familien mit unterdurchschnittlichem oder sogar niedrigem Nettoeinkommen davon sehr schnell unter die Armutsgrenze gedrückt werden. Nun könnte man vielleicht annehmen, dass sich die Situation seit 1989 infolge der gestiegenen Frauenerwerbstätigkeit möglicherweise gebessert hat. Stattdessen verweist die UNICEF auf den ernüchternden Sachverhalt, dass, obwohl Mütter in vielen OECD- Staaten heute tatsächlich besser ausgebildet und auch am Erwerbsleben aktiver beteiligt sind als früher, das den jeweiligen Familien zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen sehr oft trotzdem nicht zugenommen und häufig sogar abgenommen hat, weil die Einkommen der Väter insbesondere am unteren Ende der Lohnskala – also genau in jenem Lohnsegment, dessen massive Ausdehnung von der Politik in der jüngeren Vergangenheit aktiv begünstigt und vorangetrieben wurde – seit den Neunzigerjahren erheblich gesunken sind. Besonders ungünstig verlief diese Entwicklung in Ungarn und Deutschland.149 An sich zur eben aufgeführten Gruppe der Familien gehörend, wegen ihres besonders hohen Armutsrisikos aber noch einmal eigens zu erwähnen sind die Alleinerziehenden. Deren Zahl wächst seit vielen Jahren kontinuierlich an und belief sich 2006 auf 1,6 Millionen.150 Darunter dominieren mit 84 % nach wie vor die Frauen.151 Der größte Teil der Alleinerziehenden gehört unteren Einkommensschichten an und vor allem alleinerziehende Mütter sind sehr viel häufiger auf soziale Transferleistungen angewiesen, als das bei allen anderen Bedarfsgemeinschaften der Fall ist.152 Die Armutsquote der Ein-Eltern-Familien verharrt seit den Neunzigerjahren durchgehend bei zum Teil weit über 30 %, fiel jedoch zwischen 2003 und 2006 wenigstens leicht von 38,6 % auf 35,5 %.153 Damit ist indessen immer noch mehr als jede dritte der Familien mit nur einem Elternteil einkommensarm. Als wichtigste Ursachen sind im Wesentlichen dieselben zu nennen wie bei den Familien im Allgemeinen auch, also neben Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen vor allem die un- 148 Vgl. ebd., S. 21. 149 Vgl. UNICEF: Child Poverty in Rich Countries, Report Card No. 6, Florenz 2005a. 150 Vgl. Bundesregierung 2008, S. 87. 151 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 72. 152 Vgl. ebd., S. 63,74. 153 Vgl. Grabka u. a. 2007, S. 122f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 62 genügenden Betreuungsangebote, die zu geringen Sozialleistungen und der unzureichende Familienlastenausgleich. Allerdings wird man davon ausgehen müssen, dass all diese Negativfaktoren aufgrund der fehlenden praktischen und emotionalen Unterstützung eines erwachsenen Partners noch einmal schwerer ins Gewicht fallen und zu einer gravierenden Belastung für das Familienleben werden können. Angesichts des Vorangegangenen verwundert es nicht, dass Kinder in Deutschland sowohl die größte von Armut betroffene Altersgruppe bilden als auch jene, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts den stärksten Zuwachs von Armut hinnehmen musste. Lebten 2003 noch »lediglich« 1,1 Millionen minderjährige Kinder und Jugendliche von der Sozialhilfe und damit unterhalb der relativen Armutsgrenze (60 %-Schwelle),154 so hat sich diese Zahl nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) bis zum Jahr 2006 auf rund 2,5 Millionen mehr als verdoppelt.155 Bei einer aktuellen Kinderzahl von etwa 12 Millionen entspricht das einem Anteil von rund 20 %. Und selbst wenn man die 2011 erfreulicherweise nach unten korrigierten Daten des Sozio-oekonomischen Panels als Grundlage nimmt, liegt die Armutsquote von Kindern immer noch bei 16,4 %. Auch dem SOEP zufolge wäre somit fast jedes sechste Kind in Deutschland von Einkommensarmut betroffen.156 Doch ob nun jedes fünfte oder sechste Kind in Armut aufwächst, fest 154 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 59. 155 Vgl. UNICEF: »Ausgeschlossen« – Kinderarmut in Deutschland, o. O. 2006, http://www.unicef.de/3804.html (04.09.06). 156 Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Statistikdebatte: Kinderund Jugendarmut ist nach wie vor das drängendste Problem, Pressemitteilung vom 12.05.2011, http://www.diw.de/de/diw_01.c.372595.de/themen_nachrichten/ statistikdebatte_kinder_und_jugendarmut_ist_nach_wie_vor_das_draengendste_problem.html (23.03.16). Wie schon die gesamtgesellschaftliche Armutsquote fällt auch der im Dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veröffentlichte Anteil einkommensarmer Kinder auf Basis der EU-SILC mit 12% deutlich niedriger aus. Und auch hier ist wieder der unvollständige Einkommensbegriff, der – im Gegensatz zu jenem des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der amtlichen Einkommens- und Verbrauchsstatistik (EVS) – den Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums unberücksichtigt lässt (ein Mangel, der, wie oben schon gesagt, in künftigen Erhebungswellen der EU-SILC korrigiert werden soll), einer der maßgeblichen Gründe für die abweichenden Befunde. Hinzu kommt allerdings noch, dass das SOEP spezielle Vorkehrungen trifft (zum Beispiel muttersprachliche Fragebögen verwendet), um die Einkommenssituation von Migranten so genau wie möglich erheben zu können. Vgl. Bundesregierung 2008, S. 92. Insgesamt erweist sich das Untersuchungsdesign des SOEPs somit als geeigneter, die sozioökonomische Lebenslage der in Deutschland wohnenden Menschen möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Die Vorteile des EU-SILC scheinen derzeit hingegen im Wesentlichen darauf beschränkt zu sein, eine EU-weite Vergleichsbasis zu liefern. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 63 scheint jedenfalls zu stehen, dass sich seit den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein Trend zur sogenannten »Infantilisierung der Armut« beobachten lässt, der in Deutschland, so die UNICEF, ausgeprägter als in den meisten anderen Industrienationen ausfällt.157 Gerade vor dem Hintergrund der oben beschriebenen parallelen Zunahme sowohl des gesamtgesellschaftlichen Vermögensreichtums der Privathaushalte wie auch der Gesamtsumme ihrer verfügbaren Nettoeinkommen kann man diese Entwicklung kaum anders denn als Bankrotterklärung der bundesdeutschen Sozialpolitik bewerten. Dabei sind insbesondere junge Kinder im Vor- und Grundschulalter, also in jener Lebensphase mit dem größten Potential zur Herausbildung individueller Ressourcen und Kompetenzen, in der eine Reihe wichtiger biographischer Weichenstellungen geschehen, bedroht. Es wird später noch im Detail zu besprechen sein, auf welche Weise sich finanzielle Armut auch in vordergründig nicht-ökonomisch organisierten Dimensionen der sozialen Welt (Politik, Sport, Gesundheit, Recht usw.) in gravierende Benachteiligungen übersetzt und sich das ökonomische System der Gesellschaft insofern auch und gerade für die teilsystem- übergreifende Vermittlung sozialer Partizipation zumindest als primus inter pares erweist. Doch schon an dieser Stelle sei vorweggenommen, dass für Kinder und Jugendliche aus einkommensarmen Familien neben den unmittelbaren materiellen Einschränkungen, die zum Beispiel ihre Wohnsituation, die Ernährung, Kleidung, das Spielzeug etc. betreffen, die indirekten Beeinträchtigungen ihrer soziokulturellen Teilhabeund Entwicklungschancen besonders schwerwiegen. So haben Kinder aus armen Familien zum Beispiel erheblich weniger außerschulische Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten als solche, die in gut situierten Verhältnissen heranwachsen. Sie sind seltener in Vereinen aktiv (schließlich kostet nicht nur die Mitgliedschaft in der Regel Geld, auch die jeweilige Sportausrüstung oder das Musikinstrument und der entsprechende Unterricht sind zu bezahlen), sie nehmen seltener an freiwilligen Kursen innerhalb oder außerhalb der Schule teil (etwa am Kinderturnen, der musikalischen Früherziehung usw.) und sie haben auch häufiger keinen Zugang zu altersgerechten Informationsmöglichkeiten, zum Beispiel im Internet.158 Überhaupt wird das gesamte Spektrum möglicher Freizeit- und Ferienaktivitäten, die ja nicht allein Lebensfreude bereiten, sondern auch, indem sie den persönlichen Horizont erweitern und den Erfahrungsschatz bereichern, überaus lehrreich sein können, durch Armut massiv beschnitten, wodurch der Spielraum von Kindern und Jugend- 157 Vgl. UNICEF: Zusammenfassung der UNICEF-Studie »Kinderarmut in reichen Ländern«, Köln 2005b. 158 Vgl. Gerda Holz: »Lebenslagen und Chancen von Kindern in Deutschland«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 26/2006, S. 3–11, hier S. 8. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 64 lichen, sich auszuprobieren, die Welt zu erleben und dabei auf spielerischem Wege wichtige Kompetenzen für das ganze Leben zu entwickeln, dramatisch reduziert wird. Es ist etwas völlig anderes, ob man die Weite des Meeres, den Geruch eines Kuhstalls, die Faszination eines fremden Landes mit einer andersartigen Sprache und Kultur, die Freude am Wachsen der eigenen Fähigkeiten und Selbstmächtigkeit beim Erlernen einer aus eigenem Interesse gewählten Tätigkeit als Heranwachsender selbst erlebt hat, oder ob man dies alles im besten Falle von anderen, vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen kennt. Armut führt indessen nicht nur zur Verkümmerung des Möglichkeitsraumes von Kindern und Jugendlichen (wie natürlich auch von Erwachsenen), ihre Folgen drohen sich zudem wie ein dunkler Schleier über das tatsächlich geführte Leben der Familien zu legen. Sie verunsichert und beschämt die Betroffenen, belastet mit anhaltenden Sorgen und nimmt dem Dasein von vornherein viel von seiner Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Wird sie in jungen Jahren erlebt, untergräbt sie die Geborgenheit des Kindes und hinterlässt nicht selten ein bleibendes Gefühl der Angst, sodass sie als latente Gefahr selbst dann noch präsent ist, wenn sie, am Kontostand bemessen, einmal überwunden werden konnte.159 Dabei mögen sich die Eltern noch so sehr bemühen – wie sie es entgegen mancher diffamierender Artikel in der Boulevardpresse in aller Regel auch tun160 –, ihre Kinder vor den Auswirkungen der Misere zu beschützen und ihre eigenen Bedürfnisse, oft bis an die Grenze der Selbstaufgabe, zurückstellen, sich vielleicht sogar verschulden – der Verteilungsspielraum bleibt dennoch viel zu klein, um ihnen mehr als nur das Nötigste zu ermöglichen. Insofern haben einkommensschwache Eltern häufig keine andere Wahl, als den Kindern einen Großteil ihrer Wünsche zu 159 Vgl. Petra Hölscher: »Immer musst Du hingehen und praktisch betteln«. Wie Jugendliche Armut erleben, Frankfurt/M. / New York 2003, S. 46. 160 »Die meisten Eltern bemühen sich […], ihre Kinder vor Armut zu bewahren. So kommen verschiedene Studien zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Familie zu dem Ergebnis, dass Eltern eher ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, als dass sie dies ihren Kindern zumuten […].« Vgl. ebd., S. 45. Auch die Sozialforscher Ariadne Sondermann u. a. kommen aufgrund von Interviews mit arbeitslosen Eltern zu dem Ergebnis, dass die in medialen Diskursen oftmals kursierenden Bilder von Müttern und Vätern aus sozialen Randgruppen, die ihre Kinder vernachlässigen und sich von den arbeitsethischen Wertorientierungen der Mehrheitsgesellschaft verabschiedet haben, keineswegs (oder allenfalls ins Ausnahmefällen) der Realität entsprechen. Im Gegenteil seien sie »vor allem darum bemüht, ihren Kindern dazu zu verhelfen, es einmal besser zu haben; problematisch dürften eher ihre geringen Ressourcen sein, die dem Erfolg dieser Bemühungen Grenzen setzen.« Siehe Ariadne Sondermann u. a.: »Die Überzähligen – Teil der Arbeitsgesellschaft«, in: Robert Castel, Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 2009, S. 157–167, hier S. 166. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 65 versagen und hilflos mitanzusehen, wie sie in ihrer Freizeitgestaltung, ihren Hobbies, ihrer Kleidung, häufig auch in ihrem ganzen Auftreten und Selbstbewusstsein immer weiter hinter ihren Altersgenossen zurückbleiben und ausgegrenzt werden, während ihre Potentiale ungenutzt brachliegen. Und als wäre dies für alle Beteiligten nicht schon frustrierend genug, missverstehen viele Kinder die permanenten Versagungen der Eltern oftmals noch als ungerechte Zumutung, als Ausdruck bloßer Willkür oder Folge beruflichen Versagens, die sie jedenfalls an der Realisierung ihrer Wünsche hindert und ihnen darüber hinaus auch noch Scham und Schande vor der Peer-Group einträgt, mit der sie sich identifizieren und an der sie teilhaben wollen, deren Konsum-, Kleidungs- und Verhaltensvorgaben sie aber nicht (mehr) entsprechen können.161 Dass es in einer derart bedrückenden Gemengelage aus ständigen Sorgen und Scham, aus Frustration, Vorwürfen und Ohnmacht nur allzu schnell zu heftigen Konflikten und einer nachhaltigen Beeinträchtigung der innerfamiliären Beziehungen kommen kann, ist nachvollziehbar. Tatsächlich bestätigen US-amerikanische Untersuchungen, »dass sich in Familien mit Partnerkonflikten und häufigen Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Jugendlichen über Geld die Beziehung zwischen diesen verschlechtert und sich als Folge davon externalisierendes wie auch internalisierendes Problemverhalten bei den Mädchen und Jungen verstärkt«.162 Abgesehen davon, dass sich all diese Einschränkungen und psychosozialen Belastungen negativ auf schulische Leistungen und damit auf spätere Berufschancen auswirken (ich komme darauf zurück), führen sie ferner zu einer sukzessiven Ausdünnung des sozialen Netzes der Heranwachsenden, umso länger die Armut andauert. Kinder aus einkommensschwachen Familien gehen beispielsweise seltener zu Geburtstagsfeiern, weil sie kein Geld für die Geschenke haben. Da in diesen Fällen aber zumeist auch die finanziellen Mittel fehlen, um den eigenen Geburtstag gemeinsam mit Gästen zu feiern, werden sie, den unausgesprochenen, gleichwohl wirksamen Regeln der Reziprozität folgend, wiederum selbst deutlich seltener eingeladen. Und weil arme Kinder und Jugendliche zudem weniger oft in Vereinen sind und auch sonst an vielen der üblichen Unternehmungen ihrer Altersgenossen, etwa ins Schwimmbad, Kino oder Konzert zu gehen, seltener und manchmal überhaupt nicht teilnehmen können, fehlen ihnen häufig schlicht die passenden Gelegenheiten, um Sozialkontakte zu knüpfen und dauerhaft zu pflegen. Hinzu kommt schließlich noch, dass die oftmals berechtigte Angst, von den anderen wegen ihrer finanziellen Situation ausgelacht, beschämt oder bemitleidet zu werden, dazu führen kann, »dass sich Jugendliche von selber aus sozialen Beziehungen zurückziehen und sich so mit der Zeit 161 Vgl. Hölscher 2003, S. 45f. 162 Ebd., S. 48. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 66 selbst isolieren.«163 Während sich also auf der einen Seite eine zunehmende »Kommerzialisierung der Kinder- und Jugendkultur vom Mobiltelefon über Markenkleidung bis zur Trendfrisur und Discobesuchen« beobachten lässt, wird auf der anderen Seite das Fernsehen für die Armen zur »Freizeitbeschäftigung Nr. 1«164. In der Summe erweist sich finanzielle Armut somit als der augenscheinlich größte Risikofaktor für die Lebens- und Teilhabechancen der Heranwachsenden.165 Um die Ursachen dieser gerade für ein so reiches Land wie Deutschland ausgesprochen beschämenden Entwicklung besser verstehen zu können und zugleich etwas über mögliche Lösungen zu erfahren, die gegen die Kinderarmut helfen könnten, lohnt sich ein vergleichender Blick in die Länder Skandinaviens, welche im OECD-Vergleich die mit Abstand niedrigsten Armutsquoten unter Kindern vorzuweisen haben, und das obwohl die ökonomischen Bedingungen zum Teil bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausgesprochen ungünstig waren. Finnland beispielsweise war bis in die jüngere Vergangenheit ein vergleichsweise armes Land.166 Noch in den 1930er und 40er Jahren kam es auch in Friedenszeiten häufig vor, dass Kinder infolge von Unterernährung oder unzureichender medizinischer Versorgung starben, und selbst noch in den Siebzigern gaben Mütter insbesondere uneheliche Kinder zur Adoption ins wohlhabendere Ausland frei, um sie vor wirtschaftlicher Armut zu bewahren. Eine beruflich aussichtsreiche Schulbildung, die über die Vermittlung des elementaren Basiswissens hinausging, war in der Praxis so gut wie ausschließlich den Kindern bessergestellter Familien in grö- ßeren Städten vorbehalten. So ergibt sich auf Grundlage dieser historischen Verhältnisse ein Gesamtbild, welches »zunächst eher Vergleiche mit der Dritten Welt als mit [dem] Technologie- und Wohlstandswunderland [zulässt]«, das Finnland heute repräsentiert.167 Es stellt sich somit die Frage, wie es der finnischen Gesellschaft in relativ kurzer Zeit gelingen konnte, trotz ihrer schwierigen Ausgangssituation die weitverbreitete Kinderarmut wirksam abzubauen und sich zu einer im internationalen Vergleich »beispielhaften Kinderwohlstandsgesellschaft«168 mit relativ egalitären Bildungschancen zu entwickeln, während andere Länder wie etwa Deutschland, die schon sehr viel länger zu den führenden Industrie- 163 Ebd., S. 58. 164 UNICEF 2006. 165 Vgl. Holz 2006, S. 10. 166 Zur im Folgenden beschriebenen Situation in Finnland siehe (zum Teil in wörtlicher Übereinstimmung) Aila-Leena Matthies’ aufschlussreichen Beitrag »Was wirkt gegen Kinderarmut? Finnland – Ein Beispiel des nordischen familienpolitischen Modells«, in: Margherita Zander (Hg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis, Wiesbaden 2005, S. 52–69. 167 Ebd., S. 53. 168 Ebd., S. 54. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 67 nationen gehören, hierbei deutlich größere Probleme haben und zum Teil sogar einen signifikanten Anstieg der Kinderarmut verzeichnen müssen. Die finnische Sozialwissenschaftlerin Aila-Leena Matthies führt in diesem Kontext insbesondere folgende Aspekte an: Zunächst einmal belegen internationale Vergleichsstudien wie jene der UNICEF aus dem Jahre 2005 zur Kinderarmut in reichen Ländern169 einen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe der staatlichen Familienunterstützung und der Verbreitung von Kinderarmut. Je mehr Geld ein Staat in soziale Transferleistungen, soziale Dienste (Informationsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Ganztagesschulen usw.) und die dazugehörende Infrastruktur steckt, umso geringer fällt die Armutsquote unter den Kindern aus. Entsprechend sind die jeweiligen Quoten in Ländern, in denen nur eine relativ geringe Bereitschaft zur steuerlichen Umverteilung des Bruttoinlandsproduktes besteht, erheblich höher als in solchen, in denen das, wie in Skandinavien, eben nicht der Fall ist. »Es liegt also nahe«, so Matthies, »die Ursachen für die großen Unterschiede in der Kinderarmut der reichen Länder nicht in der wirtschaftlichen Prosperität, sondern in dem Typus der wohlfahrtsstaatlichen Familienpolitik zu suchen.«170 In den Vereinigten Staaten etwa, in denen das Leitbild des politisch wie ökonomisch möglichst unabhängigen Bürgers dominiert, hat die traditionell weitverbreitete Skepsis gegenüber einem allzu generösen Wohlfahrtsstaat zur Folge, dass im Jahr 2005 fast 22 % der Kinder in Haushalten lebten, die weniger als 50 % des Medianeinkommens zur Verfügung hatten. In Finnland dagegen, das mit über 10 % einen mehr als viermal so großen Anteil des Bruttoinlandsproduktes wie die USA in familienbezogene und sonstige soziale Transferleistungen investierte, lebten lediglich 2,8 % der Kinder unterhalb der 50 %-Schwelle. Deutschland wiederum belegte in besagtem OECD-Vergleich sowohl hinsichtlich der Höhe seiner Sozialtransfers (ca. 7,5 % des BIP) als auch bezüglich der Verbreitung von Kinderarmut (10,2 %, gemessen an der niedrigen 50 %-Schwelle) noch einen der mittleren Plätze, wobei sich der Trend allerdings, wie ausgeführt, zum Schlechteren entwickelt.171 Kinderarmut erweist sich somit, dies gilt es festzuhalten, zumindest unter den insgesamt komfortablen Bedingungen westlicher Industrienationen in der Hauptsache als eine abhängige Variable der jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Bereitschaft zu Umverteilung und wechselseitiger Verantwortungsübernahme, und genau in diesem Punkt unterscheidet sich das nordische Sozialstaatsmodell ersichtlich von anderen. Während die Erziehung, Gesundheit, Ausbildung, Freizeitgestaltung, kurz: das gesamte Wohlergehen der Kinder in Deutschland oder 169 UNICEF 2005a. 170 Matthies 2005, S. 58. 171 Vgl. UNICEF 2005a, S. 4, 23. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 68 den USA noch immer vorwiegend als Privatsache der Eltern angesehen wird, verstehen die skandinavischen Länder all dies sehr viel stärker als gesellschaftliche Aufgabe, weshalb die Finanzierung und Betreuung der Kinder zu einem deutlich größeren Anteil der Gemeinschaft übertragen wird.172 Dies erklärt auch, warum in Finnland und Schweden – im Gegensatz zu allen anderen OECD-Staaten – selbst die Kinder von Alleinerziehenden keinem größeren Armutsrisiko ausgesetzt sind, da ihre Eltern dank der umfangreichen staatlichen Betreuungsangebote einerseits wesentlich weniger Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu bewältigen haben, sie jedoch andererseits durch ausreichende Sozialtransfers gleichermaßen davor geschützt sind, aufgrund von niedrigen Löhnen trotz ihrer Erwerbstätigkeit unter die Armutsgrenze gedrückt zu werden, wie es in vielen anderen Industrieländern bei einer wachsenden Anzahl von Arbeitnehmern der Fall ist. Umgekehrt mag kritisiert werden, dass im nordischen Modell »die Unantastbarkeit der familiären Selbstbestimmung scheinbar einen nicht so hohen Stellenwert wie beispielsweise in Deutschland [hat]«.173 Und tatsächlich häufen sich inzwischen auch in Finnland kritische Äußerungen von Kommentatoren, die in der umfassenden staatlichen Betreuung von frühester Kindheit an nicht so sehr eine familienfreundliche Arbeitsmarktpolitik erkennen als vielmehr eine arbeitsmarktfreundliche Familienpolitik, die letztlich darauf abziele, die familiäre Lebensgestaltung ganz nach den übergeordneten Interessen der Ökonomie zu formen.174 Dieser – im globalisierten Kapitalismus generell zu konstatierende – Primat des (Arbeits-)Marktes, dem sich alle anderen Lebensbereiche anzupassen haben, wird durchaus kontrovers diskutiert, zumal die ständige Abwesenheit der Eltern, namentlich der Väter, für manche neu auftretenden psychosozialen Probleme der Kinder und Jugendlichen verantwortlich gemacht wird.175 Deshalb wird immer häufiger gefordert, die Arbeitszeit zu verkürzen, die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten gleichmäßiger auf alle darauf angewiesenen Personen zu verteilen (natürlich auch, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren) sowie das Erwerbsleben im Allgemeinen, im Besonderen jedoch für die Väter familienfreundlicher zu gestalten. Doch gleichwohl diese Kritik an der sozialen Dominanz der kapitalistischen Ökonomie, welche zum quasireligiösen Fluchtpunkt der modernen Gesellschaft geworden zu sein scheint, durchaus berechtigt ist 172 Vgl. Matthies 2005, S. 59. 173 Ebd. 174 Vgl. Aila-Leena Matthies: »Finnisches Bildungswesen und Familienpolitik: ein ›leuchtendes‹ Beispiel?«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 41/2002, S. 38–45, hier S. 45. 175 Vgl. ebd., S. 39. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 69 und man folglich auch das skandinavische System nicht einfach unreflektiert zu kopieren versuchen sollte, muss man doch einräumen, dass es sich hierbei um eine Kritik auf vergleichsweise hohem Niveau handelt und das nordische Modell insofern trotz allem als inspirierendes Vorbild für andere Länder dienen kann. Denn abgesehen davon, dass die soziale Sicherheit und das individuelle Wohlergehen der Bürger zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nirgendwo in der kapitalistischen Welt weitergehender von den Unwägbarkeiten des Marktes entkoppelt sind als in Skandinavien,176 belegen speziell die erfreulich niedrigen Armutsquoten die große Wirksamkeit und allgemeine Vorteilhaftigkeit des dortigen Wohlfahrtssystems, das sich im internationalen Vergleich vor allem durch seine relativ starken Egalisierungseffekte auszeichnet. Dabei liefern die Wachstumsraten der nordischen Länder gleichzeitig den Beleg, dass hohe Steuern, sozialpolitische Umverteilungsmaßnahmen und umfangreiche öffentliche Ausgaben eine Volkswirtschaft mitnichten zwangsläufig ruinieren müssen, wie die neoliberale Sozialstaatskritik stets behauptet, sondern sie unter Umständen sogar befördern können, sofern sie nur sinnvoll eingesetzt werden.177 Die wichtigste Erkenntnis allerdings, die man aus dem Vergleich mit den nördlichen Nachbarn der Bundesrepublik ziehen kann, scheint indessen zu sein, dass ein funktionierender, auf umfassenden sozialen Ausgleich bedachter Wohlfahrtsstaat eben nicht allein und noch nicht einmal in erster Linie von einer besonders guten wirtschaftlichen Situation abhängt, sondern vor allem von der solidarischen Bereitschaft der Bevölkerung, das Vorhandene auf eine Weise zu verteilen, die möglichst jedem Bürger die Teilhabe an der Gesellschaft erlaubt. Dies zeigt insbesondere die erwähnte Entstehungsgeschichte des finnischen Sozialsystems, das historisch gerade nicht in einer Phase der wirtschaftlichen Prosperität entstand, sondern im Gegenteil vor dem Hintergrund »der tiefen Armut und unterentwickelten Lebenslage des Großteils der Bevölkerung […] in einer Zeit, bevor Finnland 176 Vgl. hierzu Esping-Andersen 1990. 177 Vgl. Matthies 2005, S. 61. Diese Ansicht vertritt im Übrigen auch der amtierende finnische Ministerpräsident und einstige Finanzminister Sauli Niinistö. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 13.11.2012 antwortete er auf die Frage, warum es Finnland trotz der Euro-Krise finanziell immer noch so gut gehe, dass dies an den sehr hohen Steuern liege, die real rund zehn Prozent über jenen in Südeuropa lägen. Der finnische Staat sei nur deshalb so reich sei, weil die Bürger jahrzehntelang viel hätten abgeben müssen. Letzteres würde zwar zahlreiche Finnen ärgern, am Ende aber trotzdem akzeptiert, weil dadurch neben Bildung, Gesundheit und Sicherheit insbesondere eine stabile Gesellschaft garantiert würde. Und daran seien schließlich auch die Besserverdienenden interessiert, die weder Armut noch soziale Unruhen um sich herum haben wollten. Vgl. Sauli Niinistö: »Reich, weil die Bürger viel abgeben mussten«, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 262, vom 13.11.2012, S. 6. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 70 eine wirtschaftliche Entwicklung zu einer Industrienation eingeschlagen hatte und noch ein von Kriegen geplagtes, relativ zurückgebliebenes Agrarland war.«178 Dieser historische Sachverhalt ist all jenen entgegenzuhalten, die den bundesdeutschen Sozialstaat in einer ökonomisch bedingten Finanzierungskrise wähnen und ihn aufgrund seiner angeblich zu hohen Kosten immer weiter zu »verschlanken« trachten, obwohl der gewaltige gesamtgesellschaftliche Reichtum der BRD – immerhin eines der reichsten Länder der Welt – tatsächlich größer ist als jemals zuvor. In diesem Lichte betrachtet erscheinen die zunehmende Armut und Ungleichheit in Deutschland sowie die wachsenden Finanzierungsprobleme des hiesigen Sozialstaats weitaus weniger als Ausdruck einer ökonomischen denn einer gesellschaftsmoralischen Krise, die in der mangelnden Solidarität der Bürger untereinander und ihrer zu geringen Bereitschaft zu sozialer Umverteilung gründet. d) Prekarität, Exklusion und die Wiederentdeckung der sozialen Frage Unter dem Eindruck der beschriebenen Misere, also der nunmehr seit über dreißig Jahren andauernden Massenarbeitslosigkeit, der um sich greifenden Prekarisierung und Devaluierung von Arbeit, dem Wachstum der sozialen Unterschicht und der sichtbaren Ausbreitung von Armut, hat sich in der europäischen Sozialstrukturanalyse seit den frühen Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts der ursprünglich aus dem sozialpolitischen Diskurs Frankreichs stammende Begriff der sozialen Ausgrenzung beziehungsweise Exklusion etabliert. Die Verwendung dieses Begriffs soll verdeutlichen, dass es für eine wachsende Anzahl von Menschen nicht mehr allein darum geht, in der gesellschaftlichen Hierarchie oben oder unten verortet zu sein, sondern vielmehr drinnen oder drau- ßen. Es soll somit betont werden, dass in der modernen Gesellschaft soziale Zugehörigkeit an sich prekär geworden ist und der Ausschluss von dem, was gemeinhin als normale Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft verstanden wird, immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die Betroffenen, die in den französischen Banlieues179 ebenso wie in den deindustrialisierten Gebieten Ostdeutschlands oder den an Zahl und Umfang zunehmenden »Problemvierteln« der meisten europäischen Groß- und Mittelstädte 178 Matthies 2005, S. 65. 179 Siehe dazu die wegweisende Studie Francois Dubets und Didier Lapeyronnies: Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen Gesellschaft, Stuttgart 1994; weiterhin Pierre Bourdieu u. a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 71 anzutreffen sind,180 scheinen dabei im Zuge eines sich schrittweise vollziehenden Prozesses »[…] sozioökonomischer Marginalisierung, lebenskultureller Entfremdung und sozialräumlicher Isolierung den Anschluss an den Mainstream unserer Gesellschaft verloren [zu haben].«181 So verstanden bezeichnet Exklusion »eine Lage struktureller Irrelevanz«,182 in welcher die Individuen zumindest für das normale Funktionieren der Gesellschaft weitgehend bedeutungslos geworden sind und von der Öffentlichkeit oft nur noch als hilfsbedürftige Sozialstaatsklientel oder strafrechtlich verfolgte Delinquenten wahrgenommen werden. Zu denken ist in diesem Kontext beispielsweise an die vielen arbeitslosen Jugendlichen, die infolge schlechter oder fehlender Schulabschlüsse auf dem hart umkämpften Ausbildungs- und Arbeitsmarkt der modernen Wissensgesellschaft praktisch keine Chance haben, jemals wirklich Fuß zu fassen; an Facharbeiter mittleren Alters, deren Arbeitsplätze der Globalisierung oder technischen Entwicklungen zum Opfer gefallen sind und die sich nun, so sie keine neue Anstellung mehr finden können, resigniert vor die Fernsehgeräte in ihren Wohnungen zurückgezogen haben; oder an einkommensschwache Senioren, deren Rente zu knapp ist für gelegentliche Reisen, Theaterbesuche oder andere Hobbies und die in Zeiten ausbleibender Enkel und erodierender Familienstrukturen auch sonst keine sinnvolle Aufgabe mehr haben. Was solche und ähnlich gelagerte Beispiele miteinander verbindet, ist das Merkmal funktionaler Ausschließung und existentieller Überflüssigkeit, das die subjektive Erfahrung der Betroffenen ebenso wie die öffentliche Wahrnehmung prägt. Die kollektive Vorstellungswelt, die dem so umrissenen Begriff sozialer Exklusion den interpretativen Rahmen liefert, ist die einer auf die Spitze getriebenen kapitalistischen Erwerbsgesellschaft, in der im Wesentlichen nur noch zählt, was – oder wer – den priorisierten Profitinteressen des Kapitals von Nutzen ist. Nicht entlohnte Arbeiten und Tätigkeiten, die außerhalb der auf Gewinnmaximierung gepolten Marktwirtschaft verrichtet werden, können immer weniger als Quelle gesellschaftlicher Anerkennung und Integration fungieren, da allgemein die Ansicht vorzuherrschen scheint, dass, was nichts kostet, auch nichts wert sein könne. Demgegenüber hat die Erwerbsarbeit, wie Berthold Vogel zutreffend 180 Siehe zum Beispiel Andreas Willisch: »Drogen am Eichberg oder Feuer im Ausländerheim«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008, S. 50–63; weiterhin die von Dubet / Lapeyronnie 1994 inspirierte Studie Carsten Kellers: Leben im Plattenbau. Zur Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M. / New York 2005. 181 Heinz Bude: »Das Phänomen der Exklusion. Der Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Rekonstruktion«, in: ders., Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008b, S.246–260, hier S. 247. 182 Opitz 2008, S. 175. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 72 konstatiert, »[…] ein nie gekanntes Prestige erlangt. Wer nicht erwerbstätig ist, der ist ein Nichts.«183 Das gelte nicht allein für Arbeitslose, sondern zumindest der Tendenz nach auch für all jene, die infolge famili- ärer Bindungen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht (mehr) am Erwerbsleben teilnehmen können,184 und es gilt ersichtlich ebenfalls, wie man hinzufügen könnte, für jene Menschen, deren beispielsweise künstlerisches oder kulturelles Schaffen sich nicht einmal dann erfolgreich kommerzialisieren ließe, wenn man dies wollte. Selbst die für Frauen früher selbstverständliche Statusalternative der Hausfrau und Mutter, so Vogel weiter, habe heute abgewirtschaftet und brächte kaum noch Anerkennung ein, und was für die Frauen zutreffe, gelte a fortiori für die Männer. In Zeiten der totalen Erwerbsarbeitsfixierung erwiesen sich all die schönen Reden von den neuen Männern und der geteilten Elternverantwortung als hohle Phrasen, die nichts daran ändern könnten, dass ein hauptamtlicher Hausmann oder Vater letztlich bloß ein armer Tropf und jedenfalls kein richtiger Mann sei, und zwar weder in den Augen seiner erwerbstätigen Geschlechtsgenossen noch in denen der Frauen.185 In der Formulierung mag dies vielleicht polemisch klingen, doch im Kern hat Vogel durchaus Recht. Tatsächlich bedingt die weitgehende Fixierung auf die Lohnarbeit, die mit der Entfesselung der kapitalistischen Produktionsweise einhergeht, eine in anderen Gesellschaftsformen undenkbare Entwertung alternativer, insbesondere reproduktiver, indes auch gemeinnütziger, künstlerischer und politischer Tätigkeiten,186 die für die Gesellschaft zwar nach wie vor ganz und gar unverzichtbar sind – und im Übrigen auch in Deutschland ein weit größeres jährliches Arbeitsvolumen umfassen als die bezahlte Arbeit187 –, für die spezifischen Verwertungsinteressen des Kapitals aber allenfalls eine indirekte Rolle spielen. Das daraus resultierende gesellschaftliche Klima hat unter anderem dazu geführt, dass sich inzwischen vor allem gut ausgebildete Frauen – von den Männern ganz zu schweigen – mitunter rechtfer- 183 Berthold Vogel: »Überflüssige in der Überflussgesellschaft? Sechs Anmerkungen zur Empirie sozialer Ausgrenzung«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008, S.154–160, hier S. 156. 184 Vgl. ebd. 185 Vgl. ebd. 186 Siehe hierzu Hannah Arendts in der deutschen Fassung 1960 erschienenes philosophisches Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben, 9. Aufl., München 2010. 187 »Für die unbezahlte Arbeit wurde […] im Jahr 2001 etwa das 1,7-fache an Zeit im Vergleich zur Erwerbsarbeit mit 56 Mrd. Stunden aufgewandt«, so das Statistische Bundesamt Deutschland in seiner zweiten Zeitbudgeterhebung Wo bleibt die Zeit? Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/02, Wiesbaden 2003, S. 11. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 73 tigen müssen, wenn sie sich gegen eine berufliche Karriere entscheiden und stattdessen ganz oder größtenteils der Familienarbeit nachgehen, da dies dem heutigen Idealbild der modernen, selbstbewussten und finanziell unabhängigen Frau diametral widerspricht. Von daher lässt sich auch die wachsende Erwerbsbeteiligung der Frauen nicht nur unkritisch als Ausdruck ihrer grundsätzlich zu begrüßenden Emanzipation interpretieren, sondern ebenso als ein weiterer, ideologisch verbrämter Schritt im umfassenden Prozess der Kommodifizierung menschlicher Arbeit, durch den nun auch die weibliche Arbeitskraft in die Wachstums- und Gewinnmaschinerie des Marktes eingespeist wird. Für diese zweite Lesart, die weniger auf die – für viele sicherlich vorhandenen – emanzipatorischen Effekte einer Erwerbstätigkeit abstellt als auf die umfangreichen Fremdzwänge, die gerade mit abhängigen Beschäftigungsverhältnissen in der Regel verbunden sind, spricht dabei, dass besonders in den an Umfang zunehmenden unteren Einkommensregionen, in denen Frauen überproportional vertreten sind, die jeweiligen Tätigkeitsprofile für die persönliche Entfaltung und subjektive Identifikation meist nur wenig Spielraum bereithalten und finanzielle Motive somit einen Hauptgrund für die Arbeitsaufnahme darstellen dürften. Wo in den ersten drei Jahrzehnten der Bonner Republik noch ein einzelnes Gehalt genügte, um einer ganzen Familie einen befriedigenden Lebensstandard zu ermöglichen, reichen heute oftmals nicht einmal mehr zwei. Gerade angesichts dieser Entwicklung und namentlich der Ausweitung des Niedriglohnsektors wäre es insofern eine Beschönigung und allenfalls die halbe Wahrheit, die wachsende Frauenerwerbsquote und den allgemeinen Prestigegewinn, den die Lohnarbeit zu Lasten unbezahlter Arbeit erfahren hat, alleine oder vorrangig als Trend zu höheren Freiheitsgraden und größerer Autonomie der Individuen zu beschreiben, ohne die gegenläufige Tendenz, die sich aus der fortschreitenden Ökonomisierung der Gesellschaft im Sinne ihrer zunehmenden Unterwerfung unter die Herrschaft des Marktes ergibt, gleichermaßen in Rechnung zu stellen. Doch unabhängig von dieser Frage, ob die Bedeutungszunahme der Erwerbsarbeit in der kapitalistischen Gesellschaft nun zu begrüßen ist, weil sie die Individuen aus den Verkrustungen traditioneller Rollenstrukturen zu befreien hilft, oder ob man sie eher kritisch zu bewerten hat, da sie an die Stelle der letzteren die kaum weniger rigide strukturelle Machtasymmetrie zwischen Kapitalbesitzern und Lohnabhängigen setzt und zementiert – fest steht jedenfalls, dass eine dauerhafte Erwerbsarbeit für die breite Öffentlichkeit sowie für den politischen und wissenschaftlichen Mainstream derzeit als »die zentrale Anerkennungs- und Integrationsmaschine« gilt und eben dies »den Status der Arbeitslosen so prekär werden lässt wie vielleicht noch niemals zuvor.«188 Zwar mag man nicht 188 Vogel 2008, S. 156. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 74 zuletzt angesichts des oben schon erwähnten working poor-Problems begründete Zweifel daran hegen, dass das faktische Integrationspotential der Arbeit für sich genommen auch wirklich hält, was sich die Allgemeinheit davon verspricht – tatsächlich werde ich im weiteren Verlauf argumentieren, dass das eben nicht der Fall ist –, doch entfaltet die Ideologie der Erwerbsarbeitsgesellschaft dessen ungeachtet eine solche normative Bindungskraft, dass sich ihr auch und gerade jene Personen, die den damit verknüpften Ansprüchen und Erwartungen nicht gerecht werden können, kaum zu entziehen vermögen. Wer in einer auf Gewinn und Wachstum fixierten Marktgesellschaft nichts anzubieten hat, was anderen attraktiv genug erscheinen könnte, etwas dafür zu bezahlen, wer noch nicht einmal seine Arbeitskraft halbwegs profitabel verkaufen kann, der gilt schnell als überflüssig, als entbehrlich, als schwach und unselbständig und als jemand, der unter all den produktiven Vollmitgliedern der Gesellschaft nicht recht dazugehören kann. Dies ist der Hintergrund, vor dem der Begriff der sozialen Exklusion gemeinhin Verwendung findet. Allerdings wäre es angesichts der tiefgreifenden Umwälzungen, welche die Arbeitswelt besonders seit den 1990er Jahren erfasst haben, verfehlt, im Umkehrschluss anzunehmen, dass alle, die über einen Arbeitsplatz verfügen, schon deshalb sicher in die Gesellschaft integriert wären. Eine solche Gleichsetzung von Erwerbsarbeit und sozialer Inklusion konnte lediglich in der eingangs beschriebenen, verhältnismäßig kurzen Konsolidierungsphase zwischen dem Wiederaufbau nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Mitte der 1970er Jahre eine gewisse Plausibilität für sich beanspruchen, als die prosperierenden westeuropäischen Länder vorübergehend zu dem gefunden hatten, was Robert Castel einmal »den sozialen Kompromiss des Industriekapitalismus« nannte, welcher einen gewissen, sozialstaatlich flankierten Ausgleich zwischen den auf Wettbewerbsfähigkeit und Profit zielenden Marktinteressen der Unternehmer einerseits und den Interessen der Arbeitnehmerschaft an hohen Löhnen und sozialer Absicherung andererseits gewährleistete.189 Doch mit dem Ende der Vollbeschäftigung aufgrund fortschreitender technisch-betrieblicher Rationalisierung und dem auf der Firmen- wie Arbeitnehmerebene wachsenden Konkurrenzdruck durch die Globalisierung sowie den darauf reagierenden wirtschafts- und sozialpolitischen Gegenmaßnahmen, die den Lehren des Wirtschaftsliberalismus gemäß vor allem auf die Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch Senkung der Lohnkosten, niedrigere Steuern, Kürzung der Sozialleistungen und die Lockerung arbeitsrechtlicher Bestimmungen, namentlich des Kündi- 189 Vgl. Robert Castel: »Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit«, in: ders., Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 2009, S. 21–34, hier S. 21. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 75 gungsschutzes, zielten, brach sich eine Entwicklung Bahn, die in der Arbeits- und Industriesoziologie seitdem als Prekarisierung der Lohnarbeit bezeichnet wird.190 Nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gelten dabei all diejenigen als prekär beschäftigt, »die aufgrund ihres Erwerbsstatus nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genie- ßen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind.«191 Besonders betroffen sind typischerweise gering qualifizierte Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter in Industrie, Baugewerbe, Handwerk und Dienstleistungssektor, ferner die zwischen den Jahren 2000 und 2010 von etwa 340.000 auf mehr als 800.000 Personen stark angewachsene Gruppe der Leiharbeiter sowie die zahlreichen Arbeitnehmerinnen in den »schlecht bezahlten und rechtlich oft vogelfreien Frauenjobs im Reinigungs- und Gaststättengewerbe, im Supermarkt oder bei den Pflegediensten.«192 Doch darüber hinaus erfasst die Prekarisierung auch immer mehr gut ausgebildete Facharbeiter und Angestellte in früher als vergleichsweise beschäftigungssicher geltenden Wirtschaftszweigen wie zum Beispiel der Automobilindustrie, dem Maschinenbau oder dem Banken- und Versicherungswesen. Und auch für Wissenschaftler ist die Kombination von hoher beruflicher Qualifikation, anspruchsvoller Arbeit, befristeten Beschäftigungsverhältnissen und unsicheren Zukunftsaussichten schon seit längerem ein wesentliches Merkmal ihrer universitären Laufbahn.193 Es sind also keineswegs mehr nur die klassischen Randgruppen des Arbeitsmarktes von Prekarität betroffen, sondern in zunehmendem Umfang auch Angehörige der bis vor kurzem eigentlich als abgesichert geltenden gesellschaftlichen 190 Siehe dazu beispielsweise Castel 2000; weiterhin die Beiträge aus dem Sammelband von Robert Castel und Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 2009; ferner Klaus Dörre u. a.: Prekarität. Ursachen, soziale Folgen und politische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Wiesbaden 2011. 191 Berthold Vogel: »Das Prekariat – eine neue soziale Lage?«, in: Robert Castel, Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 2009, S. 197–208, hier S. 198. 192 Ebd., S. 202. Zur Entwicklung der Leiharbeit in Deutschland siehe den Deutschen Gewerkschaftsbund: Leiharbeit in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme nach der Deregulierung, Berlin 2010, S. 3. 193 Vgl. Klaus Dörre: »Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus«, in: Robert Castel, Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. / New York 2009, S. 35–64, hier S. 50. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 76 Mitte, weshalb Castel in diesem Kontext von einer »Destabilisierung der Stabilen« spricht.194 Inzwischen ist bereits jeder vierte Arbeitnehmer atypisch beschäftigt, wobei dies allerdings, wie Klaus Dörre feststellt, nur ein vergleichsweise ungenauer Indikator für den allgemeinen Prekarisierungstrend ist, da er weder die wachsende Anzahl der besonders häufig von finanziellen Problemen und beruflicher Unsicherheit betroffenen Schein- und Soloselbständigen noch die gleichfalls größer werdende Gruppe der überdurchschnittlich armutsgefährdeten Niedriglohnempfänger, die im Jahr 2006 etwa 6,5 Millionen Menschen umfasste, ausreichend berücksichtigt. In Bezug auf letztere ist dabei zu beachten, dass keineswegs nur Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte mit Niedriglöhnen auskommen müssen, sondern auch jeder siebte Vollerwerbstätige weniger als 70 % des Medianlohns verdient (2006), und zudem drei Viertel aller im Niedriglohnsegment Beschäftigten über eine Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss verfügen.195 Häufig pendeln die Betroffenen zwischen Phasen einer mehr oder weniger einträglichen Erwerbstätigkeit, amtlichen Qualifizierungsmaßnahmen und Arbeitslosigkeit hin und her, sodass sie sich als »prekäre Grenzgänger«196 auf dem Arbeitsmarkt in einer fragilen Schwebelage befinden, die von existentieller Unsicherheit und der Unmöglichkeit, konkrete Zukunftspläne zu schmieden und realiter zu verfolgen, gekennzeichnet ist. In gewisser Weise steht somit das gesamte Arbeitsleben »unter dem Stern des Zufälligen und Willkürlichen«,197 was dem Gefühl der Ohnmacht und Fremdbestimmung Vorschub leistet. Gefangen im Niemandsland zwischen der »Zone der Integration«, in welcher die Beschäftigten (noch) über unbefristete Arbeitsverträge, gute Löhne und Mitgestaltungsmöglichkeiten verfügen, und der »Zone der Entkopplung«, in der berufliche und soziale Ausgrenzung kulminieren, muss das Prekariat zu beinahe allem bereit sein und sich jede noch so große Zumutung – zum Beispiel was die Lohnhöhe, die Anzahl der Überstunden oder die Arbeitsbedingungen betrifft – gefallen lassen, um den Sprung in gesicherte Verhältnisse vielleicht doch einmal zu schaffen oder zumindest den totalen Absturz zu verhindern.198 Das millionenfache Schicksal der als »Entbehrliche« oder »Überflüssige« Herabgewürdigten vor Augen, betrachten es dabei viele prekär Be- 194 Castel 2000, S. 357. 195 Vgl. Dörre 2009, S. 46. 196 Vogel 2009, S. 202ff. 197 Pierre Bourdieu: Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft, Konstanz 2000, S. 67, hier zitiert aus Dörre 2009, S. 38. 198 Zu den drei Zonen der (Des-)Integration durch Arbeit – der »Zone der Integration« (1), der »Zone der Prekarität« (2) und der »Zone der Entkopplung« (3) – siehe ebd., S. 48. DIE WIEDERENTDECKUNG DER SOZIALEN FRAGE 77 schäftigte inzwischen fast schon als ein Privileg, ausgebeutet zu werden, denn noch schlimmer als Ausbeutung erscheint ihnen, ignoriert, verachtet und dabei auch noch von den gleichermaßen unnötigen wie sinnlosen »Aktivierungsmaßnahmen« der Behörden gegängelt zu werden.199 Die besorgniserregenden Effekte der miteinander verknüpften Probleme sozialer Exklusion und Prekarität bleiben nun aber keineswegs allein auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt, sondern strahlen weit darüber hinaus auf die gesamte Gesellschaft aus. Die verbreitete Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem sozialen Abstieg betrifft also auch die etablierten mittleren Soziallagen, und obschon, vielleicht auch weil der nach wie vor größere Bevölkerungsanteil in materiell befriedigenden oder sogar wohlhabenden Verhältnissen lebt und arbeitet – und insofern noch viel zu verlieren hat –, ist angesichts der wachsenden sozialen Probleme eine um sich greifende Verunsicherung zur »dominanten Grundstimmung« der Gesellschaft geworden.200 Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass sich häufig auch gut integrierte Beschäftigte, die formal noch über ein arbeits- und tarifrechtlich geschütztes Normalarbeitsverhältnis verfügen, vor dem Hintergrund der forcierten nationalen und internationalen Standortkonkurrenz und der stets drohenden – oder jedenfalls angedrohten – Verlagerung ihrer Arbeitsplätze genötigt sehen, im Rahmen »freiwilliger« Standortvereinbarungen weitreichende lohn- und beschäftigungspolitische Zugeständnisse gegen befristete Arbeitsplatzgarantien einzutauschen.201 Dabei befinden sich die Arbeitnehmer, wie oben bereits erwähnt, infolge ihrer geringeren Mobilität und größeren Abhängigkeit vom guten Willen der Unternehmen generell in der unterlegenen Verhandlungsposition, was zu der desillusionierenden Erfahrung beiträgt, den für sie unkontrollierbaren und negativen Entwicklungen der Arbeitswelt so gut wie machtlos ausgeliefert zu sein. Infolgedessen lässt sich mit der Zunahme von Armut, Exklusion und Prekarität zugleich eine allgemeine, auch und gerade die »Zone der 199 In Anlehnung an ein Zitat von Manuel Castells aus dessen Beitrag »Die zweigeteilte Stadt. Arm und Reich in den Städten Lateinamerikas, der USA und Europas« in: Tilo Schabert (Hg.): Die Welt der Stadt, München 1991, S. 199–216, hier S. 213. 200 Vgl. Gero Neugebauer: Politische Milieus in Deutschland, Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2007. 201 Vgl. Klaus Dörre: »Prekarisierung und Ausgrenzung. Ursachen eines neuen Rechtspopulismus?«, in: Heinz-Hermann Krüger, Udo Schmode (Hg.): Fremd im eigenen Land? Erkundungen in den Zonen der Verwundbarkeit, Hamburg 2008, S. 105–118, hier S. 107f.; ähnlich Jörg Flecker: »Die populistische Lücke. Umbrüche in der Arbeitswelt und ihre politische Verarbeitung«, in: Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Opladen / Farmington Hills 2008, S. 79–100, hier S. 84. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 78 Integration« umfassende subjektive (Selbst-)Disziplinierung der Lohnabhängigen beobachten, die über die sukzessive Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zwar murren mögen, letztlich aber trotz ihrer Unzufriedenheit nicht umhinkönnen, sich als »gefügige Arbeitskräfte« damit abzufinden.202 Denn die bloße Präsenz der beispielsweise als Leiharbeiter, Ein-Euro-Jobber oder Praktikanten prekär Beschäftigten wirkt wie eine beständige Mahnung disziplinierend auf die festangestellten Stammbelegschaften zurück und sorgt im Zusammenspiel mit der drohenden Gefahr des völligen Ausschlusses aus dem Erwerbsleben bislang jedenfalls zuverlässig dafür, dass die Ordnung der bestehenden Verhältnisse und die von den Arbeitgebern geforderte Einsatzbereitschaft der Beschäftigten im Großen und Ganzen gewahrt bleiben.203 Doch natürlich ändert dies nichts an der grundlegenden Tatsache, dass das wohltemperierte Klima der sozialen Sicherheit, das die goldenen Jahre des Aufschwungs und des allgemeinen Wohlstandszuwachses nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs so entscheidend geprägt hat, zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig passé ist. Stattdessen sind für Millionen von Bürgern existentielle Unsicherheit, Armut, Stigmatisierung und Ausgrenzung zu den maßgeblichen Elementen ihres lebensweltlichen Erfahrungshorizontes geworden. Und konnte man bis in die 1970er Jahre hinein wenn schon nicht die Nivellierung der Ungleichheit, so doch wenigstens einen gemeinschaftlich erlebten, gesamtgesellschaftlichen Aufstieg beobachten, der zudem von der wohlfahrtsstaatlichen Kollektivierung und Entschärfung sozialer Risiken flankiert wurde, sind heute spiegelbildlich dazu breite Schichten vom gesellschaftlichen Abstieg bedroht, während der vom Neoliberalismus als wirtschaftsfeindlich und zu bürgerlicher Unmündigkeit erziehend diskreditierte Sozialstaat mehr und mehr zurückgefahren wird. Damit allerdings treten die sozialen Gegensätze zwischen den besitzenden und den besitzlosen Klassen, die von so vielen irrtümlicherweise für bereits überwunden geglaubt waren, dem Kapitalismus indessen unauslöschlich in seine genetische Struktur eingeschrieben sind, mit erneuter Dringlichkeit zutage. Das Ende des Klassenkompromisses der westlichen Wohlstandsgesellschaften führt somit auf direktem Wege zur an sich kaum überraschenden Wiederentdeckung der sozialen Frage, in der mit dem gerechten Ausgleich zwischen den Profiteuren der Marktwirtschaft und jenen expandierenden Gruppen, die von den Märkten marginalisiert und ausgegrenzt werden, nicht weniger als die Legitimität der kapitalistischen Gesellschaftsordnung selbst auf dem Spiel steht. 202 Dörre 2008, S. 108. 203 Vgl. ebd. 79 2. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion I – Zur Inklusivität der Erwerbsarbeit Die politischen Reaktionen auf die sich auswachsende soziale Misere konzentrierten sich zumindest bisher in der Hauptsache auf Maßnahmen und Programme, welche die Verringerung der Arbeitslosigkeit zum vorrangigen Ziel hatten. Da die Politik indes im Rahmen einer privatwirtschaftlich verfassten Ökonomie nicht einfach per Dekret beliebig viele Arbeitsplätze schaffen kann und ihr hierfür auch im öffentlichen Sektor enge Grenzen gesetzt sind, werden indirekte Mittel ergriffen, um die Beschäftigung zu fördern. Als paradigmatisches Beispiel solcher Maßnahmen kann die Agenda 2010 der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder dienen, die zwischen 2003 und 2005 schrittweise umgesetzt wurde. So wurden unter anderem die Sozialleistungen für Erwerbslose gesenkt, was in Kombination mit der Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien für amtliche Arbeitsangebote die individuelle »Bereitschaft« erhöhen sollte, auch niedrig entlohnte Stellen unterhalb des bisherigen Qualifikationsniveaus anzunehmen. Komplementär dazu zielte die Realisierung arbeitgeberfreundlicher Ideen, wie etwa die Verringerung der betrieblichen Lohnnebenkosten (gegenfinanziert durch die stärkere Belastung der Nettolöhne) oder die Lockerung arbeitsrechtlicher Restriktionen, insbesondere des Kündigungsschutzes, auf die Förderung eines günstigen Investitionsklimas, welches die Unternehmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze animieren sollte. Dass die solchermaßen vollzogene Verkürzung von Sozialpolitik auf Beschäftigungspolitik zur raschen Ausdehnung des Niedriglohnsektors und zu einer erheblichen Vermehrung unsicherer Arbeitsverhältnisse führen musste, wurde von Seiten der Regierung dabei bewusst in Kauf genommen. Einer der wesentlichen Gründe für diese keineswegs unproblematische Vorgehensweise ist, dass im politischen – und im Übrigen auch im wissenschaftlichen – Mainstream die Erwerbsarbeit zumeist, wie bei der Erörterung des Exklusionsbegriffs bereits ausgeführt, als das zentrale Medium zur Sicherung sozialer Inklusion betrachtet wird und somit im Mittelpunkt der modernen, »ganz und gar auf Erwerbsarbeit ausgerichtet[en]«204 Arbeitsgesellschaft steht. Die Einbindung erwerbsfähiger Personen in das Arbeitsleben sei, so die Bundesregierung in ihrem 204 Martin Kronauer: »Integration, Gefährdung, Ausgrenzung. Spaltungen am Arbeitsmarkt und ihre Folgen für die Bürgerrechte«, in: Hans-Georg Zilian (Hg.): Insider und Outsider, München / Mering 2004, S. 29–45, hier S. 38. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 80 Dritten Armuts- und Reichtumsbericht aus dem Jahre 2008, »der Schlüssel dafür, Teilhabe- und Verwirklichungschancen für alle Haushaltsmitglieder zu eröffnen und damit auch Kinderarmut zu vermeiden.«205 Folglich müsse, wer die geschilderten Probleme von Armut, Marginalisierung und sozialer Exklusion wirkungsvoll bekämpfen wolle, vor allem – und offenbar um nahezu jeden Preis – die Arbeitslosigkeit verringern. Es ist diese Fixierung auf die Erwerbsarbeit, welche der konsequenten Reduktion von Sozialpolitik auf Maßnahmen der Beschäftigungsförderung maßgeblich mit zugrunde liegt und Politiker unterschiedlichsten Parteizugehörigkeit in dem gemeinsamen Glauben eint, dass per se sozial sei, was Arbeit schafft. So einleuchtend dieser populäre Wahlkampfslogan vielen nach wie vor erscheinen mag, es lassen sich starke Argumente anführen, die zeigen, dass es sich bei ihm um einen gesellschafts- und sozialpolitisch folgenschweren Irrtum handelt, der letztendlich auf einem Missverständnis bezüglich der sozialinklusiven Effekte von Erwerbsarbeit einerseits und eines ausreichenden Geldeinkommens andererseits beruht. Dieses Missverständnis gilt es aufzuklären. Hierfür soll zunächst die soziale Inklusivität der (Erwerbs-)Arbeit betrachtet werden. 2.1 Zur ideologischen Inklusivität der Erwerbsarbeit a) Vormoderne Bewertung der Arbeit Dass die Erwerbsarbeit im Zentrum der modernen, ganz und gar auf sie ausgerichteten Arbeitsgesellschaft stehe und insofern sowohl in praktischer als auch in normativer Hinsicht nicht weniger als den Mittelpunkt des modernen Lebens überhaupt bilde, wird einem Großteil der Menschen in den Industrienationen inzwischen ebenso selbstverständlich erscheinen, wie es das historisch unwahrscheinliche Resultat einer radikalen Umwertung der Arbeit darstellt. Denn so war und ist die Arbeit im Marxschen Sinne des basalen Austauschprozesses »zwischen Mensch und Natur, […] worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert«206, zwar nach wie vor eine nicht zu hintergehende, »von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung«207 – und sind beziehungsweise waren in diesem Sinne trivialerweise alle menschlichen Gesellschaften Arbeitsgesellschaften –, doch wäre es den vormodernen Bürgern der griechisch- 205 Bundesregierung 2008, S. 71. 206 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 23), Berlin 1984, S. 192. 207 Ebd., S. 57. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 81 römischen Antike und des Mittelalters niemals in den Sinn gekommen, sie deshalb schon als primären Fluchtpunkt des Sozialen an sich zu betrachten, um den herum sich alle anderen menschlichen Tätigkeits- und Daseinsformen gruppierten, und mehr noch, sie sogar zur moralischen Referenz des guten, individuell erstrebenswerten Lebens zu erheben. Ganz im Gegenteil sah man im klassischen Altertum in allen Tätigkeiten, die durch die existentiellen Erfordernisse des Lebens erzwungen waren, vor allem in der besonders verachteten körperlichen Arbeit, den Ausdruck der wesentlichen Unfreiheit des Menschen. »Arbeiten hieß, Sklave der Notwendigkeit sein«208, und eben dies war eines freien Mannes nicht würdig. Wahre Freiheit erforderte vielmehr, von den Notwendigkeiten des Daseins unabhängig zu sein und in jedem Augenblick des Lebens nach Belieben über die Verwendung seiner Zeit oder seines Aufenthaltsortes entscheiden zu können. Zu den erstrebenswerten Tätigkeiten, die nach dieser Auffassung für einen freien Bürger noch übrigblieben, zählte Aristoteles neben dem müßiggängerischen »Genuß und Verzehr des körperlich Schönen« sowie der Philosophie im Sinne der Erforschung »dessen, was nie vergeht«, insbesondere das politische Handeln innerhalb der jeweiligen Polis.209 Auch das Mittelalter teilte diese Sicht im Wesentlichen und verband mit Arbeit hauptsächlich Mühsal und Strapazen – von denen die grundbesitzenden Feudalherren aus dem Adel und dem hohen Klerus selbstredend befreit waren. Zwar trifft es zu, dass in der jüdisch-christlichen Tradition eines der wesentlichen Motive für den späteren Bruch des neuzeitlichen Denkens mit der antiken Arbeitsethik schon von Anfang an enthalten war, wurden doch die unaufhörlichen Mühen und Entbehrungen, unter denen die Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies ihr Dasein jeden Tag aufs Neue zu bestreiten haben, bereits in der Genesis als die gerechte Strafe Gottes für den Sündenfall beschrieben. »Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen, alle Tage deines Lebens. […] Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bist du zurückkehrst zum Ackerboden.«210 In diesem alttestamentarischen Mythos liegen die Wurzeln für die spezifisch religiöse Interpretation der Arbeit als eines Gottesdienstes, den im Bewusstsein der Schuld bußfertig auf sich zu nehmen die gottgefällige Pflicht im Grunde eines jeden Menschen sei. Die generelle Abwertung existenznotwendiger Arbeit, wie sie bei den Griechen zu beobachten war, ist deshalb in der jüdisch-christlichen Vorstellungswelt, zumindest dem Grundsatz nach, eigentlich nicht mehr 208 Arendt 2010, S. 101. 209 Vgl. ebd., S. 22f. 210 Gen 3, 17–19. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 82 möglich.211 Dennoch überwog in der gesellschaftlichen Praxis auch im christianisierten Europa bis ins hohe Mittelalter hinein nahezu dieselbe Verachtung der Arbeit, wie sie schon die Antike gekennzeichnet hat. Noch immer sah die aristokratische Elite die Besorgung manueller Arbeiten als knechtisch und in jedem Fall als unter ihrer Würde an, eine Überzeugung, die nicht zuletzt von Thomas von Aquin, dem vermutlich einflussreichsten Philosophen und Theologen des Hochmittelalters – der freilich selbst von adeliger Herkunft war –, ganz selbstverständlich mitgetragen und legitimiert wurde. Thomas, dessen Denken und Werk wesentlich von der aristotelischen Philosophie geprägt war, vertrat dabei nicht nur die Ansicht, dass die Tätigkeiten des Priester- und des Ritterstandes, das heißt die auf Gott gerichtete Vita contemplativa einerseits sowie die Ausübung weltlicher Herrschaft andererseits, sittlich höherstand als die Arbeit der Bauern und Handwerker.212 Er erklärte außerdem explizit, dass lediglich die Notwendigkeit den Menschen zur Arbeit zwinge und letztere somit keineswegs für alle, sondern nur für diejenigen eine unausweichliche Pflicht darstelle, denen andernfalls die Mittel zum Überleben fehlten. »Denn allein die Notwendigkeit des Lebensunterhalts zwingt dazu, mit den Händen zu arbeiten«, so der Aquinate wörtlich.213 Wer jedoch auf andere Einkommensquellen wie zum Beispiel Erbschaften, Mitgiften, Renten oder Abgaben zurückgreifen konnte, der war von dieser Pflicht befreit. Es ist evident, dass diese Argumentation angesichts des Umstandes, dass sich die für das Überleben in der mittelalterlichen Agrargesellschaft bei weitem wichtigste Ressource, das Land, 211 Vgl. Werner Conze: »Arbeit«, in: Otto Brunner u. a. (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 154–215, hier S. 158. 212 »Im Bereich aller Gehaben und Akte [also innerhalb der weltlichen Vita activa, C.M.] ist das Befehlen Sache des Wichtigeren; so befiehlt die Heeresführung als Wichtigere der Schirrmacherei.« Die politisch und militärisch herrschende Aristokratie rangiert somit über dem »weniger wichtigen« Stand der Bauern und Handwerker. Andererseits jedoch schreibt Thomas von Aquin wenige Zeilen später, »[…] daß das beschauliche Leben [gemeint ist die klerikale Vita contemplativa, C.M.] schlechthin besser ist als das tätige Leben,« womit die mittelalterliche Ständeordnung, in welcher der Klerus bekanntlich an der Spitze steht, insgesamt bestätigt wird. Siehe Thomas von Aquin: Summa Theologica, 2,2, Frage 182, Art. 1.2f. (= Heinrich Christmann (Hg.): Die deutsche Thomas-Ausgabe, Bd. 23, Heidelberg u. a. 1954, S. 225f.). Am tiefsten stehen Thomas von Aquin zufolge jene Erwerbsarten, die am wenigsten Geist erfordern und deshalb vor allem den Sklaven (sic!) zukommen; die Parallelen zu Aristoteles sind offenkundig. Vgl. hierzu Johannes Haessle: Das Arbeitsethos der Kirche. Nach Thomas von Aquin und Leo XIII, Freiburg 1923, vor allem Kap. 1, §9.: »Körperliche und geistige Arbeit«, S. 47–51, hier S. 49; vgl. ferner Conze 1972, S. 162. 213 Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, Bd. 3, Teil 2, 3. Buch, Kapitel 135, hg. und übers. von Karl Allgaier, 2. Aufl., Darmstadt 1996, S. 261. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 83 größtenteils in der Hand des Adels und der Kirche befand, de facto auf die implizite Rechtfertigung der feudalen Herrschaftsordnung im Allgemeinen und des Privilegs jedenfalls der körperlichen Arbeitsfreiheit von Aristokratie und Klerus im Besonderen hinauslief. Dieses aristokratische Verständnis von Arbeit, Freiheit und dem guten Leben basierte notwendig auf der Versklavung und Ausbeutung eines Großteils der Bevölkerung. Denn da der Mensch als Gattungswesen den Notdürften seines Lebens naturgemäß unterworfen ist und bleibt, kann er als Individuum nur frei werden (jedenfalls im Sinne der Antike und des Mittelalters), indem er andere unterwirft und notfalls mit Gewalt zwingt, die Notdürfte seines Lebens für ihn mitzutragen.214 Dabei macht er sich den – später auch der kapitalistischen Mehrwertproduktion zugrundliegenden – Kraftüberschuss des menschlichen Körpers zunutze, »dessen Leistungsfähigkeit nicht erschöpft ist, wenn er die eigenen Lebensmittel hervorgebracht hat, sondern imstande ist, einen ›Überschuß‹ zu produzieren, das heißt mehr, als zur ›Reproduktion‹ der eigenen Kraft und Arbeitskraft notwendig ist.«215 Die Freiheit und Würde, von der Aristoteles spricht, hat mithin die Unfreiheit und Rechtlosigkeit der meist durch Kriegsgefangenschaft oder Schuldknechtschaft unfrei gewordenen Arbeitssklaven – wie übrigens auch der ähnlich entrechteten Frauen – zur Voraussetzung, deren Wesen sich in den Augen ihrer Herren »nicht mehr entscheidend von dem eines Haustiers unterschied.«216 b) Zur Geschichte der modernen Glorifizierung der Arbeit Erst im Spätmittelalter setzte sich innerhalb des politisch und wirtschaftlich an Einfluss gewinnenden städtischen Bürgertums allmählich eine veränderte, weniger ablehnende oder bereits affirmative Betrachtung der Arbeit durch. Vor allem die durch die Zunftordnung rechtlich eingerahmte Arbeit der Handwerker, aber auch der an Volumen zunehmende Handel wurden dort inzwischen hoch bewertet und respektiert, worin sich einerseits der sozioökonomische Bedeutungszuwachs nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeiten widerspiegelte und andererseits der fundamentale Wandel, der mit der protestantischen Berufslehre verbunden war, ankündigte.217 Der Kern dieser Lehre bestand in der Radikalisierung der schon im Alten Testament angelegten christlichen Arbeitsethik, mit 214 Vgl. Arendt 2010, S. 101 215 Ebd., S. 105. 216 Ebd., S. 101. 217 Vgl. Conze 1972, S. 163. Zur protestantischen Berufslehre siehe vor allem Max Weber: Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus, 3. Aufl., Weinheim 2000. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 84 der im Zuge der Reformation endlich Ernst gemacht werden sollte und der zufolge die engagierte Wahrnehmung der innerweltlichen Berufspflichten der für jedermann einzige Weg sei, Gottes Willen wahrhaft zu entsprechen. In scharfem Kontrast zur aristotelisch geprägten Philosophie und Theologie, die über fast zwei Jahrtausende hinweg das abendländische Arbeitsverständnis dominiert hatte, stellten die Vordenker der Reformation, allen voran Luther sowie, etwas später und noch energischer, Calvin, im 16. Jahrhundert nicht nur die übergeordnete Stellung der Vita contemplativa über die Vita activa in Frage, vielmehr bestritten sie grundsätzlich, dass das weltabgewandte, kontemplative Klosterleben der Mönche überhaupt in irgendeiner Weise wertvoll oder gar gottgefällig sei. Ganz im Gegenteil sahen die Reformatoren, die sich durch die soziale Erfahrung in ihrer Ansicht bestätigt fühlten, in der mönchischen Lebensführung vor allem das »Produkt egoistischer, den Weltpflichten sich entziehender Lieblosigkeit.«218 Mitglieder des Klerus, die nicht arbeiteten, galten ihnen schlicht als faul und unnütz. Demgegenüber propagierten sie die Auffassung, dass harte Arbeit – und zwar jede, so lange sie erlaubt und nützlich wäre, gleichermaßen – als Gottesdienst aufzufassen und dem Gebet insofern gleichzustellen sei, und, mehr noch, dass nur sie, dass also allein berufliche Anstrengung und Erfolg die Gläubigen der Gnade Gottes versichern könne. In dieser radikalen, die Standesgrenzen konsequent überschreitenden Verallgemeinerung des göttlichen Arbeitsgebotes sowie in der damit verbundenen ungeheuren Aufwertung des weltlichen Berufslebens, die das antike Arbeitsverständnis nachgerade auf den Kopf stellte, sieht Max Weber zu Recht »eine der folgenschwersten Leistungen der Reformation […].«219 Indes richtete sich die reformatorische Kritik am Müßiggang der privilegierten Stände zunächst nur auf den Klerus, ließ die bestehende Herrschaftsordnung ansonsten aber unangetastet. Luther zum Beispiel erklärte die »Eingliederung der Menschen in die gegebenen Stände und Berufe zum direkten Ausfluss göttlichen Willens und also das Verharren des einzelnen in der Stellung und in den Schranken, die Gott ihm zugewiesen hat, [zur] religiöse[n] Pflicht.«220 Die teils rigorose Autoritätsfeindschaft vor allem der auf Calvin zurückgehenden puritanischen Denominationen, wie sie beispielsweise das Mitte des 17. Jahrhunderts in England entstandene Quäkertum kennzeichnete, welches jede menschliche Autorität als »Kreaturvergötterung« brandmarkte und die Unterwerfung unter einen anderen als Gottes Willen rundweg ablehnte, wäre Luther noch fremd gewesen.221 Doch namentlich für das aufstrebende Bürger- 218 Ebd., S. 40. 219 Ebd., S. 41. 220 Ebd., S. 130. 221 Vgl. ebd., S. 92, Fußnote 147. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 85 tum, das gemeinsam mit den Bauern zwar den Hauptanteil der gesellschaftlichen Arbeit zu schultern hatte, von der politischen Macht aber weiterhin so gut wie ausgeschlossen blieb, war es nur ein verhältnismä- ßig kleiner – und aus heutiger Sicht naheliegender – Schritt, die Kritik am Müßiggang der »Oberen« vom christlichen Arbeitsgebot ausgehend auf den Adel auszudehnen, womit dann »schon der späteren revolutionären Gegensätzlichkeit von privilegierten, parasitären und nutzbringenden, schaffenden Ständen präludiert [war].«222 Der Kritik am elitären Privileg der Arbeitsfreiheit korrespondierte dabei spiegelbildlich der nicht minder konsequent geführte Kampf gegen die vermeintliche Arbeitsscheu am unteren Ende der sozialen Hierarchie, im Zuge dessen arbeitslosen Bettlern und Vagabunden deren angeblicher Hang zu »Faulenzerei, Ausschweifung und romantische[r] Freiheitsduselei«223 gründlich ausgetrieben werden sollte. Zu diesem Zweck wurden seit dem 16. Jahrhundert, wiederum hauptsächlich von calvinistischen Ländern ausgehend, sogenannte Arbeitshäuser gegründet, die man bewusst als gefängnisähnliche »Häuser des Schreckens« (Houses of Terror) gestaltete, in welchen einerseits den darin zumeist wegen Bettelei oder Landstreicherei Einsitzenden mit Hilfe eines bis zu vierzehnstündigen harten Arbeitstages, ständigem psychisch-moralischem Druck und fortwährenden Erniedrigungen die sittlichen und praktischen Vorzüge eigenständiger Existenzsicherung erzieherisch nahegebracht, andererseits aber auch die wachsenden Kosten für die kommunale Armenfürsorge begrenzt und die allgemeine gesellschaftliche Erwerbseinstellung gefördert werden sollten.224 In der Summe erweist sich somit die Radikalisierung der christlichen Arbeitsethik durch die Reformation als zentraler ideologischer Wegbereiter für die Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft, in der es – mit Ausnahme höchstens der Kinder, Alten oder Kranken – niemanden mehr geben darf, der sich der für alle gleichermaßen geltenden religiösen Arbeitspflicht entzieht. War die Arbeit ehedem der mit Mühsal und Unfreiheit assoziierte untrügliche Ausweis eines niederen gesellschaftlichen Ranges, um dessentwillen die arbeitenden von den herrschenden Bevölkerungsschichten verachtet oder bestenfalls bemitleidet wurden, entwickelte sie sich von nun an und ganz im Gegenteil zum alleinseligmachenden Instrument der ethisch-moralischen Qualifizierung und Selbstbestätigung des neuzeitlichen Bürgers. Aus dieser ursprünglich religiös begründeten radikalen Um- und Aufwertung der Arbeit heraus 222 Conze 1972, S. 164. 223 So die unmissverständliche Ausdrucksweise des anonymen Verfassers des Essays on Trade and Commerce. Containing Observations on Taxation etc., London 1770, S. 242f., hier zitiert aus Marx 1984, S. 292. 224 Vgl. ebd., weiterhin Conze 1972, S. 165, sowie Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M. 1978, hier S. 145f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 86 gewinnt die heutzutage zwar weitgehend säkularisierte, ihrem inneren Wesen nach aber unverändert normative Bestimmung der modernen Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft, in der nicht nur – wie schlicht in allen menschlichen Gesellschaften – gearbeitet werden muss, sondern in der vielmehr gearbeitet werden soll, überhaupt erst ihren distinktiven Sinn. Der neben dem Denken der Reformation zweite wichtige Begründungsstrang, der maßgeblichen Anteil an der ideologischen Verherrlichung der Arbeit und ihrem »glänzenden Aufstieg […] von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der höchstgeschätzten aller Tätigkeiten«225 hatte, geht auf die bekannte, naturrechtlich argumentierende Eigentumstheorie John Lockes zurück.226 Locke, der, was für das Verständnis seiner Theorie nicht ganz unwichtig sein dürfte, selbst aus einer wohlhabenden Familie der englischen Bourgeoisie stammte und dessen Eltern Puritaner waren,227 der also einerseits die sozioökonomische Interessenlage des aufstrebenden Bürgertums von Haus aus teilte und andererseits mit der protestantischen Sittenlehre und Arbeitsethik bestens vertraut gewesen ist, sah das individuelle Recht auf Eigentum, das andere von der Nutzung ausschloss, einzig durch die Arbeit des eigenen Körpers und das Werk der eigenen Hände als gerechterweise zu begründen an. Mit dieser durchaus revolutionären These stellte er sich offenkundig – wenngleich nicht offen, wie die vorsichtshalber anonyme Publikation der beiden Abhandlungen über die Regierung zeigt – gegen die bis dahin dominierenden feudal-absolutistischen Eigentumstheorien, die allein dem König respektive dem Adel legitime Besitzansprüche einräumten. Ihren Ausgang nimmt Lockes Argumentation dabei vom menschlichen Selbsterhaltungstrieb, welcher, da er der von Gott gegebenen Natur des Menschen entspringe, ein angeborenes Selbsterhaltungsrecht begründe. Aus diesem Naturrecht auf individuelle Selbsterhaltung logisch folgend müsse es den Menschen freistehen, sich der Erde und aller Dinge, die sich darauf fänden, zu bedienen, um ihren Unterhalt zu bestreiten und ihr Dasein zu genießen.228 Dabei ist es für Locke entscheidend, dass die Pflanzen, Tiere und sonstigen nutzbaren Dinge, welche die Erde hervorbrächte, den Menschen gemeinsam gehörten, »weil sie wildwachsend von der Natur erzeugt« würden und deshalb niemand ein ur- 225 Arendt 2010, S. 119. 226 Siehe hierzu das einschlägige V. Kapitel unter der Überschrift »Das Eigentum« aus John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, Abhandl. II, hg. und eigeleitet von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1977, S. 215–231. 227 Vgl. Walter Euchner: »Einleitung des Herausgebers«, in: John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung, hg. und eingeleitet von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1977, S. 9–59, hier S. 11f. 228 Die klassische Stelle, an der Locke das Recht auf Eigentum aus dem angeborenen Recht auf Selbsterhaltung ableitet, findet sich schon in der ersten Abhandlung, § 86; Locke 1977, S. 136. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 87 sprüngliches, die anderen ausschließendes Besitzrecht über irgendetwas haben könne.229 Die Erde sei mithin ein Geschenk Gottes an alle Menschen, und nicht nur an die Angehörigen der adeligen Herrscherhäuser. Das einzige, was jedem Mensch von Anfang an je ganz für sich allein gehöre, woran also ausschließlich er selbst ein unbestreitbares Eigentum habe, das sei die eigene Person sowie das damit untrennbar verwobene Recht auf die Erzeugnisse der eigenen Hände Arbeit. Letzteres resultiere dabei aus dem Umstand, dass der arbeitende Mensch durch die Bearbeitung der in der Natur vorfindlichen Dinge seine unveräußerliche Person mit diesen Dingen vermische, ihnen also etwas Ureigenes hinzufüge und sie eben dadurch in sein persönliches Eigentum verwandle. Denn da die Arbeit, so Locke, »das unbestreitbare Eigentum des Arbeiters ist, kann niemand außer ihm ein Recht auf etwas haben, was einmal mit seiner Arbeit verbunden ist.«230 Seine Grenze finde das solcherma- ßen durch Arbeit gerechtfertigte Eigentum lediglich in den folgenden beiden, erneut naturrechtlich deduzierten Beschränkungen: Erstens müsse der durch Arbeit angeeignete Privatbesitz den anderen »genug und ebenso gutes« übrig lassen, sodass ihnen nicht geschadet und ihr gleichrangiges Recht auf Selbsterhaltung nicht gemindert wird.231 Und zweitens dürfe niemand mehr besitzen, als er auch tatsächlich verwenden könne, bevor es verderbe. Was über diesen Punkt hinausgehe, sei mehr als dem einzelnen zustehe und gehöre daher den anderen. Denn nichts sei von Gott geschaffen worden, damit es die Menschen verkommen ließen oder vernichteten.232 Doch innerhalb dieser – mit der »Erfindung« des Geldes als eines unverderblichen und zumindest theoretisch wertstabilen Gutes sukzessive ausgedehnten und im Prinzip auch große Ungleichheiten zulassenden – Grenzen, deren Aufgabe es ist, den Umfang des Privatbesit- 229 Ebd., S. 216. 230 Ebd., S. 217. 231 Ebd. 232 Vgl. ebd., S. 219. Man denke an dieser Stelle kurz an die Berge von Lebensmitteln, die in den westlichen Überflussgesellschaften Jahr für Jahr im Müll landen, sei es, um das Angebot künstlich zu verknappen und die Preise dadurch hochzuhalten, oder weil die saturierten Konsumenten das ganze Jahr hindurch und auch am späten Abend noch das immer gleiche, überreiche Angebot an makellosen, in Form und Aussehen stets homogenen Produkten fordern, was sich einzig durch systematische Überproduktion und die von vornherein einkalkulierte anschlie- ßende Vernichtung des Überschusses befriedigen lässt. Das Resultat ist, dass rund die Hälfte der hergestellten Lebensmittel weggeworfen wird, allein in Deutschland etwa 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Vgl. Oswald Thurns Dokumentarfilm Taste the Waste aus dem Jahre 2011 beziehungsweise das von Thurn und Stefan Kreutzberger herausgegebene Buch zum Film: Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, Köln 2011. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 88 zes bei aller Unterschiedlichkeit auf ein Maß zu beschränken, das anderen nicht zum Nachteil gereicht, ist es Locke zufolge sowohl geboten als auch der einzig legitime Weg, sich durch die Anstrengungen der Arbeit Eigentum und damit die zum Leben und Genuss desselben erforderlichen Mittel zu beschaffen. Mit diesem Denken, das der liberalen Leistungsgesellschaft heute noch zugrunde liegt, erweist sich Locke als zentraler Philosoph der Emanzipation des Bürgertums aus den obsolet gewordenen Verkrustungen und Zwängen des absolutistischen Systems. Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, dessen Werk bekanntlich bis in die Gegenwart hinein größten Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften hat, knüpfte an Lockes Theorie an. Auch für ihn galt Arbeit, die er zu einem Hauptbegriff der Ökonomie erhob, als die »ursprünglichste Grundlage alle[n] […] Eigentums.«233 Darüber hinaus jedoch entwickelte er den – in etwas weniger elaborierter Form ebenfalls schon bei Locke zu findenden234 – Gedanken systematisch weiter, dass die Arbeit auch dem Prozess der Wertschöpfung ursprünglich zugrunde liege, das heißt als eigentliche Quelle des gesellschaftlichen Wohlstands zu betrachten sei und insofern auch den einzig wahren Maßstab für den Tauschwert respektive Preis aller Waren liefere.235 Insbesondere durch möglichst effiziente Arbeitsteilung, welche die Spezialisierung und Geschicklichkeit der Arbeiter fördere, Zeit einspare und den Einsatz von Maschinen erleichtere, entfalte die Arbeit eine ungeahnte Produktivität, welche für den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt einer Gesellschaft maßgeblich verantwortlich sei.236 Während die Arbeit also für die Reformatoren noch als zwar mühevolle, aber eben darum gottgefällige Pflicht erschien, die es dem höchstpersönlichen Seelenheil zuliebe auf sich zu nehmen galt, und John Locke mit ihr in erster Linie die individuelle Aneignung privaten Eigentums zu rechtfertigen suchte, wird sie bei Smith mithin zum entscheidenden Faktor nicht mehr nur für das Wohlergehen des einzelnen, sondern für das Wohlergehen und die Prosperität der Gesellschaft an sich. Dabei entsprach es dem Ökonomismus des 18. und 19. Jahrhunderts, den Schwerpunkt bei der Betrachtung des individuellen wie des kollektiven Wohlergehens und Glücks von der inneren »Zufriedenheit der Seele« immer stärker auf »den äußerlichen Zustand« 233 Adam Smith: Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes (Der Wohlstand der Nationen), Neu-Isenburg 2009, S. 180. 234 »Denn es ist tatsächlich die Arbeit, die jedem Ding einen unterschiedlichen Wert verleiht.« Locke 1977, S. 225. 235 »Der wirkliche Wert aller Bestandteile des Preises wird, wie zu beachten sein wird, nach der Arbeitsmenge gemessen, die für einen jeden von ihnen zu haben ist.« Smith 2009, S. 99. 236 Vgl. ebd., vor allem das anschauliche 1. Kapitel des 1. Buches: »Teilung der Arbeit«, S. 49–58. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 89 zu verlegen,237 sodass das »physische Glück« gewissermaßen zum wesentlichen »Grund von der moralischen Glückseligkeit« des Menschen wurde.238 Daraus leitete man in einer Art materialistischen Eudämonologie, welche die klassisch-antike wie hochmittelalterliche Lehre von der Glückseligkeit radikal ins Gegenteil verkehrte, Forderungen nach kontinuierlichen Produktivitätssteigerungen und stetigem Wirtschaftswachstum ab, um mittels des individuellen wie auch des Nationalreichtums das allgemeine Glück zu vermehren. »Die Menge der genießbaren Sachen […] muß unaufhörlich vervielfältigt werden […]; desto glücklicher wird die ganze Gesellschaft […]«,239 so lautet das erstaunlich modern klingende Credo des deutschen Nationalökonomen Johann August Schlettweins aus dem Jahre 1773, das man so oder so ähnlich in allenfalls sprachlich modifizierter Form auch heute noch regelmäßig in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen oder den Lehrbüchern der Ökonomie zu lesen bekommt. Die Arbeit, einst ungeliebter Ausdruck ewiger Mühsal und Plackerei, kurz: des genauen Gegenteils eines guten Lebens, ist somit zur hochgepriesenen Quelle des Reichtums und der mit diesem ideologisch gleichgesetzten Glückseligkeit avanciert. Immerhin, dies gilt es zu beachten, verstand man die Arbeit in keiner der bis hierhin genannten neuzeitlichen Denktraditionen schlechterdings als Zweck an sich. Ging es den theologisch argumentierenden protestantischen Berufsethikern eben in erster Linie um innerweltliche Bewährung zum Zwecke der religiös-moralischen Qualifikation beziehungsweise der Vergewisserung des eigenen Gnadenstandes, zielte das gegen den Absolutismus gerichtete liberale Denken Lockes auf die philosophische Rechtfertigung der bürgerlichen Aufstiegs- und Besitzansprüche, während Adam Smith wiederum und die an ihn anknüpfenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorien den Sinn und Zweck der Arbeit im Wohlstand und Glück der Nation erblickten.240 Die Arbeit ist also in jeder dieser Argumentationslinien, in der theologischen genauso wie in 237 So zum Beispiel Johann August Schlettwein, der wichtigste deutsche Vertreter der sogenannten Physiokraten, in: Allgemeine Sätze von der Glückseligkeit der Staaten, Mainz 1782, S.3; hier zitiert aus Conze 1972, S. 175. 238 Johann August Schlettwein, in: Die wichtigste Angelegenheit für das ganze Publikum: oder die natürliche Ordnung in der Politik, Bd. 2, Karlsruhe 1773, S. 288; hier zitiert aus Conze 1972, S. 175. 239 Schlettwein 1773, S. 277ff.; hier zitiert aus Conze 1977, S. 175. 240 Smith selbst war sich allerdings – ganz im Gegensatz zum Mainstream der durch ihn begründeten Nationalökonomie – durchaus darüber im Klaren, dass es sich bei der generalisierenden Identifikation von materiellem Wohlstand und subjektivem Glück lediglich um eine Täuschung handelt. In Wahrheit brächte Reichtum (ebenso wie Macht) nicht viel mehr als »ein paar wertlose Bequemlichkeiten für körperliches Wohlbefinden« zustande. Siehe dazu Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 1977, S. 314f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 90 der eigentumsphilosophischen oder ökonomischen, lediglich ein Mittel, dessen jeweils variierender Zweck außerhalb der Arbeit selbst zu suchen ist. Dies ist einerseits auch bei Karl Marx noch der Fall, der teils direkt, teils vermittelt durch David Ricardo an Smith anschloss, den Begriff der Arbeit indes wie niemand vorher zur theoretischen Entfaltung brachte und ins Zentrum seines ganzen politisch-ökonomischen Denkens rückte. Auch für ihn repräsentierte die Arbeit als produktivste aller Tätigkeiten zunächst einmal eine schlichte, universelle Naturnotwendigkeit, deren Aufgabe es ist, die materiellen Voraussetzungen des menschlichen Lebens erstens zu erhalten und zweitens zu verbessern. Andererseits jedoch, und hierin drückt sich augenscheinlich das philosophische Erbe Friedrich Hegels aus, existiert im Denken (jedenfalls des jungen) Marx‘ neben dieser materialistischen Deutung noch eine zweite, durchaus idealistisch zu bezeichnende, der zufolge Arbeit nicht weniger als das innere Wesen des Menschen ausmache, welches sich im Arbeitsprozess verwirkliche.241 »Die ganze sogenannte Weltgeschichte [ist]«, so Marx, »nichts anders […] als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit.«242 Demnach fielen Zweck und Mittel, Menschwerdung und Arbeit, in eins, würden ununterscheidbar, da die eigentliche Menschlichkeit des Menschen, die ihn von den Tieren trennte, eben in der Arbeit selbst läge. Mit dieser elementaren Wesensbestimmung des Menschen als eines »Animal Laborans«243 schloss Marx, wenn auch kritisch, an eine spezifische Entwicklung innerhalb der bürgerlichen Interpretation der Arbeit an, die im ausgehenden 18. Jahrhundert ihren Anfang nahm und Arbeit mehr und mehr als Selbstzweck deutete. Das Motiv dahinter war im Wesentlichen die bewusste ideologische Abgrenzung von der noch immer müßiggängerischen Welt des Adels, der man das arbeitsame bürgerliche Leben mit wachsendem Stolz als ethisch-moralischen Kontrapunkt entgegenhielt. Nicht mehr als Last – geschweige denn als verachtenswerte Sklaverei – sollte man die Arbeit sehen, sondern als eine aus sich selbst heraus subjektiv erfüllende und identitätsstiftende Tätigkeit, die dem Fleißigen zur Ehre gereiche und an der man zudem, erst einmal daran gewöhnt, auch »viel Vergnügen« fände, sodass man schließlich »gar nicht mehr ohne Arbeit leben [möge].«244 Besonders anschaulich wird dieses – dem aristotelischen diametral entgegengesetzte – bürgerliche Selbstverständnis und der Stolz, den das moderne Bürgertum aus 241 Hanna Arendt besteht allerdings darauf, dass sich die Doppeldeutig des marxschen Arbeitsbegriffs durch Marx› gesamtes Werk hindurch »von Beginn bis Ende« nachweisen lasse. Arendt 2010, S. 123. 242 Karl Marx: Schriften, Manuskripte, Briefe bis 1844 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Erg.-Bd. 1), Berlin 1968, S. 546. 243 Arendt 2010, S. 121. 244 Joachim Heinrich Campe: Sittenbüchlein für Kinder aus gesitteten Ständen, o. O. 1798, S. 16; hier zitiert aus Conze 1977, S. 172. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 91 der Arbeit bezog, beispielsweise an den vielzitierten Versen aus Friedrich Schillers Glocke von 1799: »Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen seiner Mühe Preis«, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zum allgemeinen Bildungsgut des deutschen Bürgertums gehörten, oder an der folgenden Passage aus einer Rede des liberaldemokratischen Politikers Wilhelm Löwe vor der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche 1848: »Ist früher das Vorrecht heilig gewesen, so ist heute die Arbeit heilig; die freie Arbeit, der Fleiß und die Tätigkeit […] ist heute die höchste Ehre.«245 Von hier aus war es in der Tat, wie Werner Conze bemerkt hat, nur noch ein kleiner Schritt, dass man die »Arbeit selbst zur modernen Religion, zum eigentlichen Sinn des Lebens« erklärte und die »alte Triade ›Bedürfnis – Arbeit – Genuß‹« angesichts des immateriellen Eigenwertes, den man der Arbeit fortan unterstellte, zwar nicht verschwand, in ihrer Bedeutung aber relativiert wurde.246 c) Widersprüche zwischen Ideologie und Realität der Arbeit In der gesellschaftlichen Praxis des 19. Jahrhunderts waren es allerdings im besten Fall die privilegierten Stände des Besitz- und Bildungsbürgertums, das heißt der Unternehmer, Professoren und hohen Staatsbeamten, die in ihrer sozial angesehenen und meist auch einträglichen Arbeit wirklich einen Selbstzweck oder gar ein »Vergnügen« entdecken konnten. Für die breite Masse der Bevölkerung hingegen und insbesondere für das wachsende Proletariat war Arbeit angesichts der häufig fürchterlichen Zustände in den Fabriken sowie der grassierenden Armut und Verelendung wie eh und je von Mühsal, wenn nicht sogar von Qual bestimmt. Dieser Widerspruch von Ideologie und Realität spiegelt sich auch und gerade in der von Marx geprägten Theorie der Arbeiterbewegung wider. Denn so drängt die graue Wirklichkeit der Arbeit, die aller menschlichen Erfahrung nach vor allem von »Not und äußere[r] Zweckmäßigkeit bestimmt ist« und die Marx deshalb zu Recht als »Reich der Notwendigkeit« bezeichnet hat, auf ihre alsbaldige Überwindung (oder zumindest Linderung), beginnt das »Reich der Freiheit« also erst »jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.«247 Andererseits jedoch käme die tatsächliche Überführung der Gesellschaft in eine politisch-ökonomische Sozialordnung, in der die Besorgung der nach wie vor erforderli- 245 Nachzulesen in: Franz Wigard (Hg.): Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Bd. 5, Frankfurt/M. 1848, S. 3899; hier zitiert aus Conze 1977, S. 190. 246 Ebd. 247 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3 (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 25), Berlin 1984, S. 828. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 92 chen Arbeit den Maschinen überlassen bliebe, der bewussten Stilllegung des, jedenfalls nach Marx, größten und menschlichsten Vermögens und damit einer Art Selbstverstümmelung des Menschen gleich.248 Das kommunistische »Reich der Freiheit«, in dem man nach Belieben heute dies und morgen jenes tun könnte, in dem das Jagen, Fischen oder Kritisieren mithin zum reinen Zeitvertreib herabgesunken wäre,249 brächte ihn gewissermaßen um sein wahres Wesen. Dieser »eklatante Widerspruch«, der im Grunde nur die »unerträgliche Alternative zwischen produktiver Knechtschaft und unproduktiver Freiheit« übrig lässt,250 ist nichts anderes als die logische Konsequenz der letztlich – wie so viele anthropologische Wesensbestimmungen – ganz und gar arbiträren, rein weltanschaulich zu begründenden Glorifizierung der Arbeit zum Wesenskern und letzten Daseinszweck des Menschen, die mit den realen Bedingungen des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses wohl kaum jemals zur Deckung kommen dürfte. Dennoch ist diese spezifisch bürgerliche Frage (keine andere gesellschaftliche Großgruppe als das moderne Bürgertum ist von sich aus je auf die Idee gekommen, sie zu stellen, weder der Adel noch die Bauern oder Sklaven und ursprünglich noch nicht einmal das Proletariat, dessen Ehrentitel die Arbeit angeblich ist – lediglich dessen Vordenker, die freilich selbst mehrheitlich aus bürgerlichen Familien stammten), ob die Arbeit eher als Last oder als Lust, als bloße Notwendigkeit oder Selbstzweck, der keiner weiteren Begründung mehr bedarf, zu betrachten ist, bis heute nicht entschieden. Jene, die in der Arbeit mehr erkennen als einen reinen Broterwerb, verweisen in der Regel auf ihre sinn- und identitätsstiftenden Effekte, auf die Befriedigung, die mit dem schöpferischen ins Werk setzen der eigenen Arbeitskraft verbunden sei, oder auf die soziale Anerkennung und die Kontakte, die sie vermittle. Aufgrund dieser immateriellen, auf das positive Erleben des Subjekts bezogenen Erträge besitze das Arbeiten einen Eigenwert, der den instrumentellen Nutzen übersteige. Bestätigt werde dies ex negativo durch arbeitspsychologische Befunde, die zeigten, dass Erwerbslosigkeit nicht nur zu finanziellen Einbußen führe, sondern auch eine Reihe psychischer Beeinträchtigungen begünstige, die von der Verschlechterung des Selbstwertgefühls und psychosomatischen Beschwerden über Depressivität und Angstsymptome bis hin zum Alkohol- und Drogenmissbrauch reichten.251 All das scheint für manche Kommentatoren selbst die zugespitzte These zu 248 Vgl. Arendt 2010, S. 123. 249 Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie (= Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 3), Berlin 1969, S. 33. 250 Arendt 2010, S. 123. 251 Vgl. Gisela Mohr: »Erwerbslosigkeit«, in: Uwe Kleinbeck (Hg.): Arbeitspsychologie, Göttingen 2010, S. 471–520, hier S. 480. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 93 rechtfertigen, dass es, wie beispielsweise der CDU-Politiker und ehemalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen in einem Fernsehinterview einmal äußerte, im Extremfall sogar immer noch besser sei, ein working poor als nur arm zu sein. Skeptisch lässt sich jedoch einwenden, dass die Rede vom ideellen Mehrwert der Arbeit auffallend häufig von Personen geführt wird, die in ihrem eigenen Beruf, zum Beispiel eben als Politiker, Wissenschaftler oder Unternehmer, abwechslungsreiche Tätigkeitsprofile mit vergleichsweise hohen (Selbst-)Verwirklichungs- und Freiheitspotentialen sowie, zumindest auf das gesamte Erwerbsleben bezogen, überdurchschnittlichen Verdienstchancen kombiniert sehen und zudem nicht selten, namentlich im Fall der letztgenannten Gruppe, profunde Eigeninteressen mit der Stilisierung der Arbeit zum Selbstzweck verbinden mögen. Demgegenüber dürfte es etwa einem vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter, der am Fließband eines Zulieferbetriebes in der Automobilindustrie für die gleiche Arbeit nicht nur mehrere Hundert Euro weniger als sein festangestellter Kollege erhält, und damit selbst brutto häufig unterhalb der Armutsgrenze liegt, sondern darüber hinaus auch noch mit den belastenden Konsequenzen der andauernden Beschäftigungs- und Planungsunsicherheit zurechtkommen muss (so stellt zum Beispiel oftmals schon der Umzug an den Arbeitsort angesichts der stets präsenten Kündigungsgefahr ein unvertretbares wirtschaftliches Risiko dar, was stundenlange Arbeitswege nach sich ziehen kann, und auch die Familienplanung wird durch die prekäre Situation vor erhebliche Probleme gestellt), vermutlich sehr viel schwerer fallen, das immaterielle »Glück der Arbeit« zu genie- ßen. Dasselbe wird man, um ein weiteres Beispiel aus der Wirklichkeit der deutschen Arbeitswelt zu nennen, von einer Küchenhilfe annehmen müssen, die an sechs von sieben Tagen in einem Restaurant arbeitet und trotz 42 Wochenarbeitsstunden – die unbezahlten Überstunden gar nicht mitgezählt – am Monatsende auf nicht mehr als 697 Euro netto kommt. Wer wollte ihr die Wut über ihren Job und die »drei Autos« ihres Chefs ernsthaft verübeln?252 Natürlich, das ist zuzugeben, handelt es sich hierbei um zwei extreme Beispiele, die bei weitem nicht die Mehrheit der abhängig Beschäftigten in Deutschland repräsentieren. Richtig ist aber auch, dass, wie oben bereits ausgeführt, infolge der Deregulierung des deutschen Arbeitsmarktes die Gruppe der besonders armutsgefährdeten Niedriglohnempfänger seit den 1990er Jahren sukzessive angeschwollen ist, sich die Zahl der Leiharbeiter in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppelt 252 Diese und weitere anschauliche Fallbeispiele für das Leben der working poor in Deutschland finden sich in dem von Wolfgang Uchatius recherchierten Artikel »Lohnt sich das?«, der in der Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 20, vom 11.05.2006 erschienen ist. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 94 hat und es im Zusammenhang mit dieser tendenziellen Prekarisierung der Lohnarbeit zu einer erheblichen Ausdehnung des Problems der Armut trotz Erwerbstätigkeit gekommen ist. Diese brisante gesellschaftliche Entwicklung ist für eine realistische Einschätzung des von den Arbeitnehmern potentiell wahrgenommenen immateriellen Eigenwertes der Arbeit von großer Bedeutung und somit zu berücksichtigen. Analysiert man zum Beispiel das psychische Wohlbefinden der Erwerbstätigen als Indikator für den subjektiven, die Ebene des rein Instrumentellen übersteigenden Mehrwertes der Arbeit differenzierter als dies gemeinhin geschieht, so stellt man fest, dass die vielfach angeführte gesundheitliche Diskrepanz zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen verschwindet, sobald man letztere nicht mit allen Erwerbstätigen vergleicht, sondern nur jene in die Betrachtung einbezieht, die in sogenannten »bad jobs« beschäftigt sind.253 Denn so trifft es zwar zu, wie das umfangreiche Datenmaterial der Krankenkassen zeigt, dass Arbeitslose im Durchschnitt häufiger erkranken als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, dass beispielsweise arbeitslose Männer, meist infolge psychischer Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, dreimal öfter stationär behandelt werden müssen als Erwerbstätige und auch die ärztlichen Verordnungsraten von Psychopharmaka bei Arbeitslosen dreimal höher als bei Erwerbstätigen sind.254 Doch richtet man den Fokus speziell auf die wachsende Gruppe eben jener prekarisierten Arbeitnehmer, die in geringfügigen, niedrig entlohnten und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen stehen und die zudem oftmals mit besonders problematischen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, so ist im Hinblick auf die physische und vor allem psychische Gesundheit kein Unterschied zu den Arbeitslosen mehr messbar,255 wenn es ihnen psychisch nicht so- 253 Vgl. Mohr 2010, S. 481. 254 Vgl. dies.: »11 Thesen – Positionspapier des Fachbeirates Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen«, in: dies. u. a. (Hg.): Erwerbslosigkeit. Handlungsansätze zur Gesundheitsförderung, Lengerich 2011, S. 15–32, hier S. 16. Zu beachten ist hierbei, dass sich zwar durchaus auch Selektionseffekte nachweisen lassen, die bewirken können, dass »bei einigen Menschen […] psychische Labilität der Erwerbslosigkeit Vorschub leistet« (Selektions- beziehungsweise Drifthypothese), dass diese Effekte indes deutlich schwächer ausfallen als jene, die von der Erwerbslosigkeit ausgehen und das psychische Wohlbefinden vormals gesunder Personen nachhaltig beeinträchtigen (Verursachungs- beziehungsweise Kausalitätshypothese). Vgl. Mohr 2010, S. 470. Bestätigt wird dies unter anderem durch die Ergebnisse einer Metaanalyse von insgesamt 223 Untersuchungen aus unterschiedlichen westlichen Ländern. Vgl. Gisela Mohr, Peter Richter: »Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit und Intervention«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40-41/2008, S. 25–32, hier S. 26. 255 Vgl. David Dooley u. a.: »Underemployment and Depression. Longitudinal Relationships«, in: Journal of Health and Social Behavior, 41/2000, Nr. 4, S. 421– 436; David Dooley, JoAnn Prause: »Effect of Favorable Employment Change on ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 95 gar noch schlechter geht als diesen.256 Die tief frustrierende Erfahrung des äußeren Zwangs und der subjektiven Entfremdung, die mit solchen »bad jobs« sehr häufig verbunden ist, scheint jegliche positiven Effekte, welche die Sphäre instrumenteller Zwecke und Motivationen transzendieren könnten (und die besonders mit selbstgewählten Tätigkeiten unter lebbaren Bedingungen durchaus verbunden sein mögen), von vornherein zu absorbieren. Es ist insofern nur allzu verständlich, dass wenigstens die freiwillige Aufnahme einer solchen Arbeit von Erwerbslosen oftmals nur dann in Erwägung gezogen wird, wenn dies durch eine signifikante Verbesserung ihrer finanziellen Lage – die niederländischen Wirtschaftspsychologen van Raaij und Antonides beispielsweise nennen in ihrer Studie aus dem Jahr 1991 einen Zugewinn von mindestens 9 %257 – kompensiert würde, während Arbeitslosigkeit andernfalls die »attraktivere« Alternative bliebe. Zumindest aus Sicht der unmittelbar Betroffenen ist mithin fraglich, ob es wirklich besser ist, ein working poor als nur arm zu sein. Im Übrigen scheint, entgegen der quasireligiösen Überhöhung der Arbeit zum Wesen und letzten Daseinszweck des Menschen, selbst oberhalb der besonders benachteiligten Arbeitsmarktsegmente in der breiten Masse der Erwerbsbevölkerung die deutlich pragmatischere Einstellung vorzuherrschen, dass Arbeit trotz der gegebenenfalls mit ihr verbundenen immateriellen Gratifikationen letztlich doch eher eine Last als Lust darstelle. Zu diesem Befund kommt jedenfalls der Sozialhistoriker Jürgen Kocka, der eine Reihe populärer Gesellschaftsutopien aus dem 16. bis 20. Jahrhundert als phantastische und zugleich sozialkritische Gegenentwürfe zur grauen Alltagswirklichkeit auf die in ihnen enthaltenen visionären Darstellungen zukünftiger Arbeit (oder vielmehr: Nicht-Arbeit) hin untersucht hat, um daraus, wenn auch indirekte, Rückschlüsse auf die jeweils herrschende Realität des Arbeitens ziehen zu können.258 Übereinstimmend mit den Ergebnissen ähnlich konzipierter Studien, die beispielsweise hunderte von Volksliedern, verbreiteten Redensarten oder Alcohol Abuse. One- and Five-Year Follow-Ups in the National Longitudinal Survey of Youth«, in: American Journal of Community Psychology, 25/1997, Nr. 6, S. 787–807; Zeynep Aycan, John W. Berry: »Impact of Employment-Related Experiences on Immigrants’ Psychological Well-Being and Adaptation to Canada«, in: Canadian Journal of Behavioural Science, 28/1996, Nr. 3, S. 240–251. 256 Dies meinen etwa Mohr und Richter. Vgl. dies. 2008, S. 32. 257 Vgl. Gerrit Antonides, W. Fred van Raaij: »Costs and Benefits of Unemployment and Employment«, in: Journal of Economic Psychology, 12/1991, S. 667–687. 258 Vgl. Jürgen Kocka: »Mehr Last als Lust. Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte«, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Jg. 2005, H. 2, S. 185–206. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 96 Texten auf dieselbe Frage hin analysierten,259 habe sich dabei in bemerkenswerter Eindeutigkeit ein Bild der Erwerbsarbeit rekonstruieren lassen, welches diese durch die Jahrhunderte hindurch in erster Linie als unumgängliche – und insofern durchaus affirmierte –, indes möglichst kurz zu haltende Notwendigkeit wiedergebe, bei der die Mühsal überwiege. Untermauert wird dieses vergleichsweise nüchterne Bild unter anderem durch die klassische Forderung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie nach Arbeitszeitverkürzungen, welche – ungeachtet der parallelen und an sich widersprüchlichen Glorifizierung der Arbeit zum ideologischen Ehrentitel des Proletariats – seit dem 19. Jahrhundert bis in die späten 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein zu den Hauptanliegen der organisierten Arbeiterbewegung zählte. Und auch der Umstand schließlich, dass große Teile der Erwerbsbevölkerung ihrem Ruhestand, sofern er wirtschaftlich gut abgesichert ist, lieber früher als später entgegensehen (man denke nur an die lebhafte Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters), spricht wenigstens tendenziell für das eher instrumentelle Arbeitsverständnis breiter Schichten. d) Trotz manifester Widersprüche zwischen Ideologie und Realität: Apotheose der Arbeit in drei Dimensionen Doch auch wenn sich demnach zumindest die Hochstilisierung der Arbeit zum Wesenskern und eigentlichen Lebenssinn des Menschen – als gewissermaßen finalem Schritt der neuzeitlichen Apotheose des Arbeitens – aufgrund ihrer asketischen, das motivationale Grundgerüst der meisten Menschen überfordernden Radikalität einer umfassenden, alle Berufs- und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen miteinbeziehenden Popularisierung bislang widersetzt hat, ist dennoch festzuhalten, dass es, jedenfalls ursprünglich, in keiner anderen Gesellschaft als jener der europäischen Moderne jemals zu einer vergleichbaren normativen Aufwertung, um nicht zu sagen Verherrlichung der Arbeit gekommen wäre.260 Das Vorangegangene resümierend lassen sich dabei im Wesentlichen drei, sich teilweise überschneidende Dimensionen dieses Moralisierungsprozesses unterscheiden, die tatsächlich Eingang in den präskriptiven Fundus der Gesellschaft gefunden haben. Erstens stellt die Arbeit heute für die Mehrheit der Erwachsenen eine fundamentale ethisch-moralische Verpflichtung dar, der sich, gerade weil sie für das Gros der Menschen eine ungeliebte ist, niemand ohne weiteres entziehen können soll. 259 Vgl. etwa Karl Peppler (Hg.): Die »Deutsche Arbeitskunde«, Leipzig 1940, hier S. 432ff.: »Die deutsche Arbeit in Lied und Literatur«; ferner Keith Thomas (Hg.): Oxford Book of Work, Oxford 1999, S. xVIII; beides zitiert aus Kocka 2005. 260 So auch Kocka, vgl. ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 97 Zwar ist die universelle Geltung dieser Pflicht unter den pluralistischen Verhältnissen der Gegenwart nicht mehr unmittelbar auf ein gemeinsames Fundament religiöser Glaubenssätze zurückzuführen, wie es etwa bei den Puritanern der neuenglischen Kolonien noch der Fall sein konnte. Dennoch stößt das paulinische Diktum: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«,261 auch und gerade in der säkularisierten bürgerlichen Gesellschaft, in der das egalitäre Ideal formaler Gleichberechtigung – das genetisch selbst in der für das jüdisch-christliche Selbstverständnis zentralen Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen gründet – und die Abwesenheit askriptiver Privilegien, namentlich des Privilegs der Arbeitsfreiheit, von grundlegender Bedeutung sind, nach wie vor auf breite Zustimmung. Während sich in vormodernen, nicht-egalitären Gesellschaftsformationen die herrschenden Eliten auf ihre qualitative Verschiedenheit und ihren, sei es religiös oder schlicht gewaltsam »begründeten«, höheren Wert berufen konnten, um ihr Vorrecht auf ein unproduktives Dasein zu Lasten der von ihnen unterworfenen arbeitenden Bevölkerung ideologisch zu rechtfertigen, sind in der zumindest auf formale Gleichheit geeichten bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich oder vermeintlich unproduktive Menschen automatisch dem Generalverdacht ausgesetzt, es sich womöglich auf Kosten Dritter gut gehen zu lassen, weswegen sie als potentielle Vertreter eines moralisch zweifelhaften, tendenziell parasitären und jedenfalls frivolen Lebensstils unter argwöhnischer, nicht selten missgünstiger Beobachtung der anderen stehen.262 Dabei wird nicht nur die generelle Ablehnung eines mehr als irgend nötig auf Arbeit ausgerichteten Lebens kritisiert, schon die bloße Reduzierung derselben auf ein bequemeres Niveau kann in einer Gesellschaft, in der selbst acht Stunden Schlaf bisweilen als Luxus angesehen werden, zu skeptischer Verwunderung, spitzen Kommentaren und einigem Erklärungsbedarf führen. Akzeptiert sind allenfalls Rechtfertigungen, die zum Beispiel auf die Optimierung der sogenannten »Work-Life- Balance« zielen, fördert diese doch nicht zuletzt wieder die Produktivität am Arbeitsplatz, oder die mit gesundheitlichen Problemen, die idealerweise auf ein vorausgegangenes Übermaß an Arbeit schließen lassen, argumentieren. Wer, attestiert etwa durch Herzinfarkt oder Burnout-Syndrom, sprichwörtlich bis zum Umfallen geschuftet hat, dem gesteht man heutzutage verständnisvoll und gerne ein paar Wochen der Erholung zu, damit er sich alsbald mit neu geschöpfter Kraft und frischem Tatendrang aufs Neue in den produktiven Reigen der bürgerlichen Arbeitsge- 261 2 Thess 3, 10. 262 Man denke nur an die teilweise hochemotional geführte Debatte über das vermeintlich überall lauernde »Sozialschmarotzertum«, die im August 2003 durch einen Bericht der Bild-Zeitung über einen in Miami Beach lebenden, von der Bild »Florida-Rolf« genannten Sozialhilfeempfänger angestoßen wurde. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 98 sellschaft einzureihen vermag. Freilich: wieder einzureihen hat er sich – die Pflicht zur Arbeit bleibt sakrosankt. Damit verbunden gilt Arbeit heute zweitens als elementare Grundlage für den legitimen, nach Maßgabe individueller Anstrengung abgestuften Anspruch auf den Besitz von Eigentum und die Partizipation am gesellschaftlichen Wohlstand. Dieses Credo der liberalen Leistungsgesellschaft findet dabei keineswegs nur in den vergleichsweise lichten Reihen des eigentlichen Besitzbürgertums Unterstützung, sondern ebenso unter den Lohnabhängigen, welche die große Mehrheit der Bevölkerung stellen.263 Die Arbeit ist insofern nicht nur eine allgemeine Pflicht, die es eben mit mehr oder weniger Talent und Fleiß einfach zu erfüllen gilt, um sich seines ansonsten gleichen Anteils zu versichern. Sie umreißt vielmehr das soziale Feld, in welchem die modernen Verteilungskämpfe idealiter auszutragen sind und die Gesellschaft anhand der jeweils erbrachten Leistung über das gerechte Maß an Ungleichheit befindet. Dass es sich hierbei um eine bloße Utopie handelt, da die effektiv wirksamen Mechanismen der Aneignung und intergenerationellen Transmission ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals das Leistungsprinzip unter den Verhältnissen der kapitalistischen Moderne faktisch unterlaufen und stattdessen zur leistungsunabhängigen, die unteren Sozialschichten massiv benachteiligenden Perpetuierung des Status quo oder sogar zur weiteren Polarisierung der Gesellschaft beitragen (ich komme darauf zurück), scheint ihrer normativen Geltung und ideologischen Breitenwirkung dabei keinen Abbruch zu tun. Nach wie vor wird sozio- ökonomisch schlechtgestellten Gruppen, zum Beispiel Langzeitarbeitslosen oder Migranten, seitens der etablierten Mehrheitsgesellschaft mangelnde Leistungsbereitschaft unterstellt,264 weshalb es moralisch richtig und sachlich geboten sei, sie mittels behördlich anzuordnender »Aktivierungsmaßnahmen« zu mehr Eigenverantwortung zu erziehen. Der 263 Ablesen lässt sich dies zum Beispiel daran, dass für mehr als 93% der deutschen Bevölkerung »Gerechtigkeit bedeutet, dass das Einkommen einer Person allein von ihrer Leistung abhängt«, während über 88% es tendenziell oder gänzlich ungerecht finden, »wenn die Unterschiede in der Gesellschaft auch widerspiegeln, aus welcher Familie jemand stammt.« Vgl. Klein / Zick 2010, S. 124. 264 So stimmen beispielsweise rund 79% der Deutschen der Aussage tendenziell oder ganz zu, dass sozial schwache Gruppen aktiv zu mehr Eigenverantwortung anzuhalten seien, und fast zwei Drittel meinen, dass sozial Schwache erst lernen müssten, sich selbst zu helfen. Ferner gehen über 68% der Bevölkerung davon aus, dass heutzutage jeder die Möglichkeit habe, »etwas aus sich zu machen«, was den Umkehrschluss nahe zu legen scheint, dass sozioökonomisch schlechtgestellte Gruppen letztlich selbst für ihre Lage verantwortlich seien. Vgl. Eva Gross u. a.: »Die Ökonomisierung der Gesellschaft. Ein Nährboden für Menschenfeindlichkeit in oberen Status- und Einkommensgruppen«, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 9, Berlin 2010, S. 138–157, hier S. 142. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 99 Umstand, dass eine solche rein fiktive »Verwandlung« sozialstruktureller Probleme in individuelle Defizite, die unter staatlicher Ägide zu kurieren seien, objektiv betrachtet ebenso unangemessen wie unfair ist und zudem regelmäßig zu entwürdigenden, manchmal auch absurden Situationen führt – so etwa, wenn arbeitslose Akademiker unter Androhung von Leistungskürzungen zu Schulungen beordert werden, in denen sie das korrekte Formulieren, Falten und Versenden von Bewerbungen studieren; oder wenn Arbeitslose zu Brettspielen genötigt werden, um ihre soziale Kompetenz zu stärken – wird ignoriert. Worum es in erster Linie zu gehen scheint, ist, dass man den Empfängern von Sozialtransfers für die Generosität der Gesellschaft, sie sozusagen unverdient am allgemeinen Wohlstand zu beteiligen, irgendeine Gegenleistung abverlangt, selbst wenn diese häufig in nichts anderem als der sinnlosen und entwürdigenden Simulation von produktiver Arbeit (zum Beispiel in Form ununterbrochener Bewerbungsaktivität, die auch nach dutzenden von Ablehnungen trotz ihrer Aussichtslosigkeit nicht zum Erliegen kommen darf) oder der Bereitschaft zur Therapie ihrer angeblich defizitären Persönlichkeit (mangelndes Engagement, Inflexibilität, Suchtprobleme etc.) besteht. Insofern trifft also der besonders unter neoliberalen Ökonomen verbreitete Ausspruch: »There‘s no such thing as a free lunch«265 (eigentlich: There shall not be such thing as a free lunch), für die liberale Leistungsgesellschaft auf alle Fälle zu. Drittens schließlich repräsentiert Arbeit im Kapitalismus, in dem Profitmaximierung und Wirtschaftswachstum zu quasireligiösen Heilsversprechen geworden sind,266 als kreativer Ursprung des materiellen Reichtums nicht weniger als die gepriesene Quelle des mit diesem identifizierten guten Lebens und der Glückseligkeit. Daher impliziert auch jede Relativierung der zentralen Stellung der Arbeit im Alltag der auf sie fixierten Gesellschaft zugleich die Infragestellung der eudämonistischen Grundüberzeugungen der kapitalistischen Moderne. Denn wer die alle anderen Daseinssphären und Tätigkeitsformen überragende Bedeutung produktiver im Sinne von mehrwertschaffender Arbeit bezweifelt, bezweifelt damit ebenso die sinnstiftende Bedeutung und praktisch-philosophische Substanz der materialistischen Verheißungen des Reichtums, von dessen ewigen Wachstum man sich zwar die parallele Steigerung des gesellschaftlichen wie subjektiven Glücks erhofft, dessen Effekte sich aber in den übersättigten Wohlstandsgesellschaften des Westens längst schon auf die weitestgehend sinnentleerte und gerade deshalb immer 265 Vgl. etwa Milton Friedman: There’s No Such Thing as a Free Lunch, LaSalle 1975. 266 Siehe hierzu Christoph Deutschmanns Großessay: Die Verheißung absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, Frankfurt/M. / New York 1999. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 100 hektischere Anhäufung stets neuer Dinge und Erlebnisse, die die Menschen in ihrem Streben nach Zufriedenheit und Lebensqualität in der Regel keinen Schritt voran bringen, beschränken. Zwar scheint die naheliegende Vermutung durchaus zuzutreffen, dass das durchschnittliche Glücksempfinden in besonders armen Ländern, in denen selbst die elementarsten Grundbedürfnisse häufig nicht für alle sichergestellt sind, deutlich geringer ausfällt als in reichen.267 Dementsprechend kann wirtschaftliches Wachstum hier – sofern es allen Bevölkerungsgruppen und nicht nur den Eliten zugutekommt – tatsächlich zur allgemeinen Verbesserung des Wohlbefindens beitragen, da jeder hinzukommende Euro die unmittelbare Not zu lindern hilft.268 Ebenso trifft es zu, dass auch innerhalb der reichen Länder die Angehörigen der unteren Einkommensschichten im Durchschnitt unzufriedener sind als die der oberen.269 Doch im Gegensatz zu armen Ländern führt in reichen die weitere Zunahme des materiellen Wohlstands eben nicht mehr automatisch zur parallelen Steigerung des gesellschaftlichen Glücks, da sich die Unzufriedenheit der sozioökonomisch schlechtgestellten Gruppen hier in aller Regel nicht mehr aus existentiellen Nöten speist, sondern vielmehr mit ihrer relativen Deprivation zu erklären ist, das heißt mit der subjektiven Erfahrung sozialer Marginalisierung und Exklusion, der nur durch die Verringerung der sozialen Ungleichheit und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der sozialen Partizipationschancen abzuhelfen ist. Zu diesem weitreichenden Resultat gelangt eine von den britischen Sozialwissenschaftlern Richard Wilkinson und Kate Pickett auf Basis jahrelanger empirischer Forschungsarbeit vorgelegte komparative Studie,270 die die enge Korrelation von sozialer Gleichheit und individuellem 267 Dies zeigen insbesondere die zeit- und ländervergleichenden Untersuchungen des World Values Surveys, dessen Ergebnisse und umfangreiches Datenmaterial aus inzwischen fünf weltweiten Erhebungswellen auf der Website des Projektes, das als internationales Netzwerk von Sozialforschern organisiert ist, frei zugängig sind: http://www.worldvaluessurvey.org/wvs.jsp (23.03.16); vgl. weiterhin Ronald Inglehart u. a.: »Development, Freedom, and Rising Happiness. A Global Perspective (1981–2007)«, in: Perspectives On Psychological Science, 3/2008, Nr. 4, S. 264–285; Mathias Binswanger: »Why Does Income Growth Fail to Make Us Happier? Searching For the Treadmills Behind the Paradox of Happiness«, in: The Journal of Socio-Economics, 35/2006, S. 366–381; ders.: Die Tretmühlen des Glücks, 6. Aufl., Freiburg 2011, S. 24ff.; Richard Layard: Die glückliche Gesellschaft, 2. Aufl., Frankfurt/M. 2009, S. 46f. 268 Vgl. etwa Ed Diener, Shigehiro Oishi: »Money and Happiness. Income and Subjective Well-Being Across Nations«, in: Ed Diener, Eunkook M. Suh (Hg.): Culture and Subjective Well-Being, Cambridge 2000, S. 185–218. 269 Vgl. Binswanger 2011, S. 30ff. 270 Wilkinson / Pickett 2009. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 101 Wohlbefinden eindrucksvoll belegt.271 Dieser Zusammenhang bewirkt, dass es den Menschen in relativ egalitären Gesellschaften, wie zum Beispiel den skandinavischen oder der japanischen, im Durchschnitt subjektiv deutlich bessergeht als etwa den Bürgern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens oder Portugals, wo die scharfen sozialen Gegensätze mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Probleme und erheblichen Spannungen einhergehen.272 Das Interessante dabei ist, dass bereits ab einem (aus westlicher Perspektive) erstaunlich niedrigen Einkommensniveau – Wilkinson und Pickett nennen als Anhaltspunkt ironischerweise das kubanische – die subjektive Zufriedenheit und Lebensqualität der Menschen nicht mehr von der absoluten Höhe des Einkommens abzuhängen scheinen, sondern insbesondere von dessen gerechter beziehungsweise als gerecht empfundener Verteilung. Unterstützt wird dieser Befund durch die Ergebnisse des World Values Surveys, die in ähnlicher Weise dokumentieren, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes lediglich bis zu einem Schwellenwert von etwa 15.000 Dollar pro Kopf signifikant zum durchschnittlichen Wohlbefinden seiner Bewohner beiträgt, während darüber hinausgehende Werte in dieser Hinsicht kaum noch positiven Niederschlag finden.273 In den Vereinigten Staaten zum Beispiel hat sich, wie der schweizerische Ökonom Mathias Binswanger berichtet, das reale BIP seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als verdreifacht, ohne dass sich das Glücksempfinden der Bevölkerung auch nur geringfügig verbessert hätte. Noch extremer sei die Entwicklung in Japan verlaufen, wo sich das reale BIP seit 1945 sogar versechsfacht habe, das Glücksempfinden aber ebenfalls konstant geblieben sei. Und auch in den europäischen In- 271 Selbst der egalitaristischen Positionen eigentlich abholde Philosoph und Gerechtigkeitstheoretiker Wolfgang Kersting zeigte sich von Wilkinsons und Picketts Buch, das auf wahren »Halden von Daten« beruhe und dennoch »übersichtlich«, »leicht verständlich« und »erfreulich unaufgeregt« sei, sichtlich beeindruckt. Die verbreitete Common Sense-Überzeugung, »dass eine Gesellschaft bekömmlicher ist, wenn in ihr Gleichheit herrscht und sie darum auch als gerecht, zumindest als gerechter bezeichnet werden kann, […] erfährt durch Richard Wilkinson und Kate Pickett starke Rückendeckung«, so Kersting in seiner Rezension des Buches, die unter dem Titel: »Es schwankt das Fundament des Glücks. Warum rentiert sich gesellschaftliche Gleichheit? Richard Wilkinson und Kate Pickett antworten mit einleuchtenden Zahlen« in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.02.2010 erschienen ist. 272 Siehe hierzu neben Wilkinson / Pickett 2009, S. 33f., auch ein Interview mit Richard Wilkinson, das unter dem Titel: »›Die Mittelklasse irrt‹. Je ungleicher eine reiche Gesellschaft, desto größer ihre sozialen Probleme: Der britische Sozialforscher Richard Wilkinson über die Frage, warum der wachsende Abstand zwischen Arm und Reich schlecht für alle ist« in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 13, vom 25.03.2010, erschienen ist, http://www.zeit.de/2010/13/Wohlstand-Interview-Richard-Wilkinson (23.03.16). 273 Vgl. Inglehart u. a. 2008, S. 268ff., insb. Abb. 2. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 102 dustrienationen, für die seit Beginn der 1970er Jahre entsprechende Daten existieren, seien das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Bürger trotz Wirtschaftswachstum auf freilich hohem Niveau stagniert.274 Im Grunde weisen alle vorliegenden Informationen in dieselbe Richtung: Ist ein bestimmtes (überraschend niedriges) Wohlstandsniveau in einer Gesellschaft erst einmal erreicht, trägt die weitere Vermehrung des materiellen Reichtums nicht mehr zur Verbesserung des durchschnittlichen Wohlbefindens der Menschen bei. Angesichts dessen stellt sich unmittelbar die Frage, wie sinnvoll die moderne Glorifizierung rastloser Arbeit und die quasireligiöse (Selbst-) Verpflichtung der Individuen auf das kapitalistische Programm unaufhörlicher Steigerung des Überflusses eigentlich ist, zumal die negativen Konsequenzen dieser in eudämonistischer Hinsicht ineffizienten, weil materialistisch fehlgeleiteten Ideologie kaum noch zu ignorieren sind. Von den in diesem Text vorrangig interessierenden sozialen Verwerfungen einmal abgesehen, repräsentieren vor allem die durch die Industrialisierung bedingte Zerstörung der Natur, die rücksichtslose Überbeanspruchung der begrenzten Rohstoffreserven sowie die durch anthropogene CO2-Emissionen verursachte Klimaerwärmung globale Probleme von solcher Tragweite, dass man die Legitimität, Rationalität und Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus ohnehin schon ernsthaft bezweifeln muss. Doch der Umstand, dass all diesen Problemen auch und gerade in denjenigen Ländern, die sie mit ihrem verschwenderischen Lebensstil primär zu verantworten haben, seit Jahrzehnten überhaupt keine relevanten Zugewinne an Glück und Wohlergehen der Menschen mehr gegenüberstehen, dass also die industrielle Wachstumsmaschinerie mit all ihren gravierenden Nachteilen in gewisser Weise ganz umsonst heiß läuft, lässt das kapitalistische Wirtschaftsmodell vollends unverantwortlich und absurd erscheinen. Doch trotz dieser fundamentalen Paradoxien, auf die in Teilen275 bereits der Club of Rome vor 40 Jahren erstmals hingewiesen hat, ist zumindest im Mainstream von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft noch immer keine prinzipielle Abkehr von der herrschenden Ideologie rastloser Produktivität und immerwährenden Wachstums erkennbar. Dafür lassen sich sowohl handlungstheoretische wie auch systemlogische Gründe angeben, wobei auf handlungstheoretischer Seite vor allem die Effekte in der Literatur so genannter »Tretmühlen«, namentlich der 274 Vgl. Binswanger 2011, S. 28f. 275 »In Teilen«, da der Club of Rome zwar auf die natürlichen Grenzen des Wachstums hinwies, letzteres jedoch nur aufgrund seiner prognostizierten Endlichkeit, nicht aber hinsichtlich seiner fragwürdigen eudämonistischen beziehungsweise arbeitsethischen Implikationen kritisierte; vgl. Donella Meadows u. a.: The Limits of Growth, New York 1972. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 103 »Statustretmühle« sowie der »Anspruchstretmühle«,276 zu nennen sind. So fördert die besondere Betonung und dezidiert positive Besetzung des Wettbewerbs in der modernen Leistungsgesellschaft einerseits die unablässige interpersonale Statuskonkurrenz (»Mein Haus, mein Auto, mein Boot« usw.), die in praktisch allen Lebensbereichen zu immer neuen Anstrengungen und Überbietungskämpfen anstachelt und anhaltende Zufriedenheit mit dem jeweils Erreichten mindestens erschwert. Andererseits kommt hinzu, dass das persönliche Anspruchsniveau erfahrungsgemäß mit dem jeweils realisierten Lebensstandard wächst. Vor allem die durch materiellen Konsum erzielte Befriedigung währt meist nur kurz und drängt daher besonders in einer Gesellschaft, die das Materielle nachgerade zu vergöttern scheint, zu immer weiterem Konsum, ohne dass diese von Werbung und Medien fleißig in Gang gehaltene Endlosschleife je zu einem Ende kommen würde. Gemeinsam tragen beide Tretmühleneffekte entscheidend zur Formung und Reproduktion des nimmersatten Konsumenten bei, ohne den das kapitalistische Wirtschaftssystem augenblicklich implodieren würde.277 Der Preis allerdings, den die lohnabhängige Bevölkerung für diesen konsumorientierten, in eudämonistischer Hinsicht augenscheinlich wenig zielführenden Lebensstil zu zahlen hat, ist die unbedingte – im Falle ihrer Verschuldung sogar rechtlich fixierte – Verpflichtung zur Erwerbsarbeit, welche zumindest in den mittleren und höheren Einkommensschichten den bei moderateren Ansprüchen erforderlichen Umfang an Lebenszeit regelmäßig, nicht selten sogar ganz erheblich überschreitet.278 Aus systemlogischer Perspektive wiederum erweisen sich diese zu Konsum und Arbeit anheizenden Tretmühlen als zweckdienlich, da sie eine elementare Bedingung für das Wirtschaftswachstum sind, ohne das der 276 Vgl. Binswanger 2006 & 2011, S. 48–83; ferner Layard 2009, S. 53–62. 277 Würden die Kunden in den entwickelten Industriegesellschaften beispielsweise dazu übergehen, ihre Mobiltelefone erst dann zu ersetzen, wenn diese defekt sind und tatsächlich nicht mehr funktionieren, anstatt sie einfach zu verschubladen und neue zu kaufen, und in vergleichbarer Weise auch mit all den anderen Gebrauchsgegenständen, Konsumartikeln und Lifestyle-Produkten verfahren, die für den westlichen Lebensstil so charakteristisch sind (zum Beispiel moderne Multimedia-Geräte, modische Kleidung, »trendige« Einrichtungsgegenstände oder Sportartikel, schicke Automobile usw.), bräche die Wirtschaft binnen kürzester Zeit zusammen. 278 Dass den unteren Einkommensschichten indes kaum Möglichkeiten zur »Mäßigung« ihres Anspruchsniveaus respektive zur Verringerung des Arbeitspensums zur Verfügung stehen, ohne den Anschluss an das gesellschaftliche Leben gänzlich zu verlieren, versteht sich dabei von selbst. Entsprechende Aufforderungen zu mehr Bescheidenheit sind hier also verfehlt und lassen die Gefahr sozialer Exklusion unberücksichtigt. Vielmehr würden die unteren Soziallagen durchaus von einer Verbesserung beziehungsweise Angleichung ihrer materiellen Lebenssituation profitieren. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 104 Kapitalismus nicht funktionieren würde. Nicht nur für Neugründungen, sondern auch, um konkurrenzfähig zu bleiben und im Haifischbecken des Marktes überleben zu können, sind Unternehmen auf kontinuierliche Investitionen angewiesen, zum Beispiel um ihre Produktionsanlagen zu modernisieren oder zu erweitern, neue Märkte zu erschließen oder um innovative Produkte entwickeln und herstellen zu können. Hierzu benötigen sie Kreditgeber, die bereit sind, ihnen das erforderliche Kapital gegen Zinsen zur Verfügung zu stellen. Daraus erklärt sich, dass und warum das Wachstum eben nicht nur ein kontingenter Nebeneffekt, sondern vielmehr eine systematische Bestandsvoraussetzung der schuldenfinanzierten kapitalistischen Wirtschaftsweise ist. Denn der Zins repräsentiert nichts anderes als einen Mehrwert, der von den Schuldnern zusätzlich zum Ausgangswert des eingeworbenen Fremdkapitals erst noch geschaffen werden muss.279 Das Streben nach Wachstum und immer neuen Gewinnen resultiert somit nicht einfach – zumindest nicht allein – aus der persönlichen Profitgier der Unternehmer, »sondern aus [dem] strukturelle[n] Zwang, die einmal aufgenommenen Schulden auch wieder loszuwerden.«280 Dieser fundamentale Zusammenhang von Verschuldung, Zins und Wachstum, dessen gesamtwirtschaftliche Bedeutung man schon daran ablesen kann, dass die durchschnittliche Eigenkapitalquote der europäischen Unternehmen lediglich 35 % beträgt,281 erklärt auch, warum es im Kapitalismus langfristig nur die Alternative zwischen Wachstum oder Rezession geben kann, die bloße Erhaltung des Status quo dagegen nicht vorstellbar ist. Denn abgesehen davon, dass bereits ein wirtschaftliches Nullwachstum (und nicht erst negative Wachstumsraten) die Gewinnerwartungen der Anleger empfindlich schmälert, die Börsenkurse einbrechen lässt und eine Rezession wahrscheinlich macht, bedeutet dauerhaft ausbleibendes Wachstum vor allem, dass Schulden nicht mehr bedient werden können, ein Teil der Unternehmen folglich Insolvenz anmelden muss, die aggregierte Nachfrage sinkt und die Gesamtwirtschaft dadurch in eine sich selbst verstärkende 279 Vgl. Paul 2004, S. 179. 280 Ebd. 281 Vgl. Andreas Trautvetter: Bedeutung der Eigenkapitalausstattung für den Mittelstand, Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut 2011, S. 10. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen liegt mit gerade einmal 25% sogar noch deutlich unter der gesamteuropäischen, jene der US-amerikanischen hingegen mit 45% signifikant darüber. Hintergrund für diese Unterschiede sind die traditionell verschiedenen Finanzierungsweisen der Industrie. Während sich beispielsweise US-amerikanische Unternehmen das benötigte Kapital stärker durch die Ausgabe von Aktien verschaffen (das heißt das Eigenkapital erhöhen), basieren die kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften stärker auf der Kreditvergabe durch Banken. Vgl. Susanne Lütz: »Finanzmärkte«, in: Andrea Maurer (Hg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2008, S. 341–360. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 105 Abwärtsspirale gerät, aus der es ohne erneutes Wachstum kein Entrinnen gibt.282 Insofern treibt also die der kapitalistischen Reichtumsakkumulation ursprünglich zugrundeliegende Verschuldungsdynamik den ökonomischen Wachstumszwang notwendig aus sich hervor. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum der etablierte Mainstream so fixiert an Arbeit, Wachstum und Profitmaximierung als Zentralbegriffen der Gesellschaft festhält und die mit diesem ideologischen Dreiklang verbundenen Ungerechtigkeiten und Verwerfungen, insbesondere die Zunahme von sozialer Marginalisierung und Exklusion sowie die immer katastrophalere Ausmaße annehmende globale Umweltzerstörung, billigend in Kauf nimmt, obwohl alldem zumindest in den entwickelten Ländern längst keine Steigerung des gesellschaftlichen Wohls mehr gegenübersteht und die Gretchenfrage, wie in einer endlichen Welt unendliches Wachstum überhaupt möglich sein soll, nach wie vor offen ist. Denn wer die Arbeit kritisiert – und sei es nur in ihrer glorifizierten Form als unermüdliche, immer produktive, mehrwertschaffende Erwerbsarbeit –, kritisiert damit die aller Technisierung zum Trotz nach wie vor unabdingbare Voraussetzung von wirtschaftlichem Wachstum und Profit und läuft somit – jedenfalls wenn er zu Ende denkt – Gefahr, unversehens auf eine Fundamentalkritik des kapitalistischen Systems als Ganzem zuzusteuern. Das erscheint der Mehrheit der Etablierten nicht opportun; schließlich hat man es gerade unter den bestehenden Verhältnissen vermocht, sich häuslich einzurichten. Andererseits darf jedoch auch nicht verschwiegen werden, dass mit dem vollständigen Scheitern des Realsozialismus die einzige konkrete Systemalternative weggebrochen und diskreditiert ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wüsste daher gar niemand so recht zu sagen, wie ein grundstürzender gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Kapitalismus vernünftigerweise auszusehen hätte und wie man ihn, was eine mindestens genauso schwierige Frage ist, in die Tat umsetzen könnte. Das Beharrungsvermögen der kapitalistischen Praxis und Ideologie ist insofern wenigstens auch der konzeptionellen Schwäche ihrer Gegner geschuldet, die über das Stadium der Kritik häufig nicht hinausgelangen und konstruktive Vorschläge allzu oft vermissen lassen. Damit erübrigt sich die grundsätzliche Kapitalismuskritik zwar keineswegs, denn das Misslingen des sozialistischen Feldversuchs stellt für sich genommen noch kein positives Argument für den Kapitalismus dar, an dessen eigener Zukunftsfähigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowie Gerechtigkeit man davon unbenommen ernstlich zweifeln muss. Doch hat sie es entsprechend schwer, sich über den Kreis all jener hinaus, die sie ohnehin längst teilen, effektiv Gehör zu verschaffen 282 Siehe hierzu Mathias Binswanger: »Is there a growth imperative in capitalist economies? A circular flow perspective«, in: Journal of Post Keynesian Economics, 31/2009, Nr. 707–727. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 106 und nachhaltigen transformatorischen Einfluss auf Gesellschaft und Politik zu entfalten. Solange dies so bleibt, steht zu befürchten, dass man sich in der kapitalistischen Gesellschaft auch weiterhin von den Verheißungen des wachsenden Reichtums blenden lassen wird und infolgedessen an der normativen Überhöhung der Arbeit als dessen kreativen Ursprungs festhält. Ebenso ist nicht abzusehen, dass sich die moralische Verpflichtung zur Arbeit oder ihre – wiewohl fragwürdige – Bedeutung als gerechtigkeitsethischer Verteilungsschlüssel verringern werden. Die zentrale Stellung insbesondere der mehrwertschaffenden Erwerbsarbeit in der ganz und gar auf sie fixierten modernen Arbeitsgesellschaft scheint mithin wie zementiert. Insofern verfehlt, wer keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, die elementaren Normen der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich seit dem Zeitalter der Reformation herausgebildet haben. Exakt dieser Sachverhalt stellt – neben dem handfesten Interesse der Ökonomie an billigen Arbeitskräften – einen ganz entscheidenden, primär also normativ begründeten Erklärungsfaktor dafür dar, weshalb sich die politischen Reaktionen auf die im 1. Kapitel beschriebene soziale Misere in den meisten, selbst sozialdemokratisch regierten Industrienationen bislang eben vorrangig auf Maßnahmen und Programme konzentrieren, welche in erster Linie die Verringerung der Arbeitslosigkeit zum Ziel haben. Denn wer nicht erwerbstätig ist, kann – jedenfalls den dominierenden gesellschaftlichen Moralvorstellungen zufolge – für sich auch nicht beanspruchen, ein vollwertiges und respektables Mitglied der bürgerlichen Produktions- und damit Wertegemeinschaft zu sein, und ist insofern zumindest in moralischer Hinsicht tatsächlich exkludiert. Dies ist zweifellos ein wichtiger Aspekt, repräsentiert doch die Möglichkeit der subjektiven Selbstachtung, die wesentlich von der Anerkennung durch andere beeinflusst wird, ein hohes Gut.283 Allerdings – und hierin liegt das fatale Missverständnis einer auf Beschäftigungspolitik verkürzten Sozialpolitik – resultiert aus dieser gewissermaßen ideologischen Exklusion für sich genommen ebenso wenig der automatische Ausschluss von den vielfältigen Chancen und Errungenschaften der modernen Gesellschaft, 283 Der Philosoph John Rawls etwa zählt das maßgeblich von sozialen Faktoren beeinflusste individuelle Selbstwertgefühl (neben gleichen Rechten, Freiheiten, Chancen sowie Einkommen und Vermögen) mit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Grundgütern, von deren gerechter Verteilung die Gerechtigkeit der Gesellschaft als solcher abhängt. Vgl. John Rawls: Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1975, S. 112f., 479ff. Rawls entwickelt hier einen Gedanken weiter, der bereits bei Adam Smith vorkommt. Auch Smith ging nämlich davon aus, dass die sozioökonomisch voraussetzungsreiche Chance, sich den landestypischen Sitten und Gebräuchen anpassen und sich folglich ohne Scham in der Öffentlichkeit bewegen zu können, zu den ganz und gar unentbehrlichen Lebensbedürfnissen eines Menschen gehört. Vgl. Smith 2009, S. 966f. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 107 die sich ja keineswegs auf die Erwerbsdimension reduzieren lassen, wie umgekehrt die Inklusion in die Produktionsgemeinschaft notwendig mit der Vermittlung über die Erwerbsarbeit hinausreichender Teilhabe- und Verwirklichungschancen einherzugehen braucht. Ein Sklave oder Leibeigener beispielsweise ist nicht schon deshalb als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu betrachten, weil er arbeitet – vielmehr war bis ins späte Mittelalter hinein das genaue Gegenteil der Fall –, und in ganz ähnlicher Weise wird man auch von einem noch so schwer arbeitenden working poor aus heutigen Tagen wohl kaum behaupten können, dass seine konkreten Partizipations- und Lebenschancen jenseits des Arbeitens, obschon formalrechtlich garantiert, den gesellschaftlichen Normalvorstellungen gedeihlicher und gleichberechtigter Inklusion entsprechen. Die ideologische Inklusivität der Erwerbsarbeit geht offensichtlich keineswegs per se mit der praktischen Vollinklusion in das reichhaltige Leben der modernen Gesellschaft einher. Wenn es der Politik daher, wie sie jedenfalls in demokratischen Ländern gemeinhin proklamiert, ernstlich darum geht, allen Bürgern möglichst gleichberechtigte Teilhabe- und Verwirklichungschancen, kurz: ein gutes Leben zu vermitteln, und wenn sie ferner den zentralen Schlüssel hierfür, wie beispielsweise die deutsche Bundesregierung nicht nur in ihren Armutsberichten regelmäßig verlauten lässt, in der Schaffung von Arbeitsplätzen sieht, so ist danach zu fragen, auf welche Weise die Erwerbsarbeit all dies über die bloße Einbeziehung in die Produktionsgemeinschaft hinaus konkret leisten soll und kann. Meine im weiteren Verlauf noch näher auszuführende These hierzu ist, dass die wesentlichen Inklusionseffekte, die tatsächlich mit einer spürbaren Verbesserung der konkreten Partizipationsmöglichkeiten der Menschen einhergehen, letztlich gar nicht von der Erwerbstätigkeit selbst ausgehen, sondern vielmehr von dem Einkommen, das sie vermittelt. Trifft dies zu, so bedeutet das nicht weniger, als dass die gegenwärtig dominierende Wirtschafts- und Sozialpolitik nach der Maxime: Sozial ist, was Arbeit schafft!, welche die massive Ausweitung des Niedriglohnsektors nicht nur in Kauf nimmt, sondern als beschäftigungs- und damit vermeintlich inklusionsfördernde Maßnahme sogar bewusst vorantreibt, vollkommen fehlgeleitet ist und letztlich nicht viel mehr als die von den staatlichen Behörden erzwungene – und darin in fataler Weise an die Frühzeit der Industrialisierung erinnernde – Verwandlung nichtarbeitender in arbeitende Arme betreibt und nicht selten sogar als sozialpolitischen »Erfolg« darzustellen versucht. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 108 2.2 Zur praktischen Inklusivität der Erwerbsarbeit Die Frage, auf welche konkrete Weise die Erwerbsarbeit ihre gemeinhin unterstellte praktisch-inklusive Kraft jenseits ideologischer Aspekte eigentlich entfaltet, ist nicht nur für die Soziologie der Arbeit (beziehungsweise Arbeitslosigkeit) von zentraler Bedeutung, sondern auch und gerade für die Sozialpolitik, die sich so viel von ihr verspricht. Umso erstaunlicher ist es, dass es bislang nur relativ wenige Versuche gegeben hat, eine systematische Antwort auf diese Frage zu formulieren. Eine begrüßenswerte und empirisch fundierte Ausnahme bildet das fünf Analysedimensionen umfassende Modell der Vergesellschaftung durch Erwerbsarbeit, welches von den Soziologen Martin Kronauer, Berthold Vogel und Frank Gerlach als Kontrastfolie entwickelt wurde, um die negativen Auswirkungen der Erwerbslosigkeit methodisch geordnet in den Blick zu bekommen.284 Ich möchte dieses Modell, das mir die wesentlichen Intuitionen auf den Punkt zu bringen scheint, welche von Politik und Öffentlichkeit im Allgemeinen mit Arbeit in Verbindung gebracht werden, hier vorstellen, um auf dem Wege seiner kritischen Diskussion den Nachweis zu erbringen, dass die sozialintegrativen Effekte, die man der Erwerbsarbeit üblicherweise zuspricht, erstens nicht auf diese beschränkt sind, das heißt ebenso oder zumindest in ähnlicher Weise auch von anderen, wenngleich oft weniger prestigeträchtigen Arbeitsformen ausgehen können; und dass sie zweitens weder eine hinreichende, also für sich genommen ausreichende, noch überhaupt notwendige, das heißt für die befriedigende Inklusion des Individuums unter den Verhältnissen der kapitalistischen Moderne unverzichtbare Bedingung repräsentieren, was alleine die Rede von der Erwerbstätigkeit als dem entscheidenden Inklusionsmedium rechtfertigen könnte. (1) Die erste Dimension der Vergesellschaftung durch Erwerbsarbeit besteht Kronauer u. a. zufolge in der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt.285 Durch den vertraglich geregelten Verkauf ihrer Arbeitskraft und die Beschäftigung innerhalb rechtlich normierter Arbeitsverhältnisse würden die Erwerbstätigen in die gesellschaftliche, das heißt den durch persönliche Beziehungen abgesteckten Bereich lediglich privater Tätigkeiten überschreitende Arbeitsteilung eingebunden. Dabei signalisiere die Bezahlung, dass die jeweiligen Arbeitsprodukte und -handlungen gesellschaftlich nachgefragt seien, was auf die Menschen selbst übertragen werde, die sie hervorbrächten. Gemeinsam attestierten die rechtliche Form sowie das wesentliche Element der finanziellen Entloh- 284 Vgl. Martin Kronauer u. a. 1993, S. 23–42. 285 Zum Vergleich dieser und der anderen vier Vergesellschaftungsdimensionen durch Erwerbsarbeit siehe ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 109 nung den Erwerbstätigen mithin ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz und Nützlichkeit und lieferten insofern das konkrete, lebenspraktische Substrat für das subjektive Gefühl, ein anerkanntes Vollmitglied der idealisierten Arbeitsgesellschaft zu sein. (2) Mit der Unterzeichnung des Arbeitsvertrages öffne sich zweitens der Weg für die Vergesellschaftung im praktischen Vollzug des Arbeitens selbst. Dabei beinhalte der Arbeitsprozess – zumindest für abhängig Beschäftigte – immer zwei vergesellschaftende Momente. Zum einen impliziere er, dass die Erwerbstätigen gemeinsam mit anderen, das heißt eingegliedert in ein soziales Kollektiv, ein gemeinschaftliches Produkt herstellten beziehungsweise eine Gemeinschaftsleistung erbringen würden und auf diese Weise ihr individuelles Arbeitsvermögen in die Gesellschaft einbrächten. Dies biete sowohl die Chance subjektiver Identifikation mit der eigenen Tätigkeit als auch die Gelegenheit, mit den Kollegen zu wetteifern und aus der Praxis des wechselseitigen Beurteilens, durch welche der eigenen Arbeit gewissermaßen ein sozialer Spiegel vorgehalten werde, berufliche Identität zu gewinnen. Zum anderen jedoch bedeute abhängige Erwerbsarbeit zugleich, in eine soziale Hierarchie eingebunden zu sein und infolgedessen in verschiedenster Hinsicht sowie in unterschiedlichem Ausmaß fremdbestimmt zu werden. Form und Ausmaß der Fremdbestimmung spielten dabei eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Frage, ob beziehungsweise inwieweit die Umsetzung des eigenen Arbeitsvermögens die Identifikation mit der jeweiligen Tätigkeit tatsächlich zulasse. Die konkreten Vergesellschaftungseffekte der Erwerbsarbeit sind somit auch für das politisch zentrale Thema der Reproduktion der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse von größter Wichtigkeit. (3) Die dritte Vergesellschaftungsdimension durch Erwerbsarbeit sehen Kronauer u. a. im durch den Arbeitslohn ermöglichten Kauf von Gütern und Dienstleistungen für den privaten Konsum. Das selbstverdiente Geld – im Unterschied zu innerfamilialen oder wohlfahrtsstaatlichen Transfers – sei die praktische Voraussetzung dafür, als unabhängiger Akteur auf dem Markt agieren und losgelöst von anderen an den eigenen Präferenzen orientierte Handlungs- und Konsumentscheidungen treffen zu können und sich dadurch aktiv in die Reihen der Konsumgesellschaft zu integrieren. Dabei gehe es infolge der enormen Wohlfahrtssteigerungen in den westlichen Ländern längst nicht mehr allein um die Deckung des lebensnotwendigen Bedarfs, sondern vor allem darum, den geltenden Regeln des anspruchsvollen und höchst voraussetzungsreichen Wechselspiels von sozialer Anpassung, zum Beispiel durch modische Konformität oder den Besitz »angesagter« Lifestyle-Produkte, sowie der Darstellung und Betonung eigener Individualität, etwa durch das stilistische Hinzufügen einer persönlichen Note oder die Kultivierung eines speziellen Lebensstils, entsprechen zu können. Darüber hinaus jedoch hänge TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 110 auch die »soziale Reichweite« einer Person von ihrem verfügbaren Einkommen ab, wodurch sich das Geld als maßgebliches Regulativ sozialer Beziehungen erweise. Denn spätestens jenseits des verwandtschaftlichen Beziehungsnetzes sei es für die Aufrechterhaltung und Pflege auch nur informeller Kontakte unerlässlich, das im Stillen wirksame Gebot der Reziprozität zu beachten und zum Beispiel Einladungen oder Geschenke angemessen zu erwidern. Fehlten die hierzu erforderlichen Mittel, offenbare sich auf ernüchternde Weise nur allzu schnell, »wie sehr zwischenmenschliche Beziehungen von monetären überlagert oder beherrscht sind.«286 (4) Viertens vergesellschafte die Erwerbsarbeit durch die strenge Vorgabe und Reglementierung sozialer Zeit- und Sinnstrukturen. So zwinge das rigide Zeitregime, das mit der Erwerbsarbeit verbunden ist und im Zuge der Industrialisierung mit Hilfe massiver obrigkeitsstaatlicher Zwangsmaßnahmen – es sei nur an die oben erwähnten »Häuser des Schreckens« erinnert – gegen den teils zähen Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt wurde, der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft machtvoll ihren Rhythmus auf. Dabei ist es bemerkenswert zu sehen, dass die im Kultur- und Zeitvergleich ausgesprochen restriktiven kollektiven Zeit- und Sinnvorgaben, die ja als wesentliches Merkmal lebenspraktischer Fremdbestimmung und Disziplinierung zu betrachten sind und besonders in der strengen, von den Arbeitgebern scharf kontrollierten Trennung von Arbeitszeit und Freizeit zum Ausdruck kommen, den Menschen in den modernen Industrienationen mit der Zeit so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie von den meisten inzwischen als quasi »natürliche Einstellung« wahrgenommen werden, die in ihrem subjektiven Zeit- und Sinnerleben als unhinterfragter und allgemein akzeptierter Erfahrungshintergrund wirksam werden. Für die Erklärung dieses eigentlich überraschenden Sachverhaltes dürfte die im vorausgegangenen Kapitel (Kapitel 2.1.) beschriebene ideologische Glorifizierung der Erwerbsarbeit – neben den staatlichen und unternehmerischen Disziplinarmaßnahmen – augenscheinlich eine wichtige Rolle spielen. (5) Mit dieser Thematik eng verbunden nennen Kronauer u. a. als fünfte und letzte Dimension schließlich die Vergesellschaftung der Individuen durch die Normierung kollektiv vorgegebener Muster der individuellen Erwerbsbiographie. So habe sich mit der endgültigen Durchsetzung der industriellen Zeitstrukturen in der Nachkriegszeit die besonders – heute aber längst nicht mehr nur – für männliche Erwerbstätige geltende Vorstellung einer »Normalbiographie« etabliert, die aus der spezifischen Abfolge einzelner Lebensphasen von der Vorbereitung auf das Erwerbsleben, diesem selbst bis hin zum daran anschließenden Ruhestand bestehe. Dieses Biographiemuster sei unbeschadet der Tatsache, dass es für 286 Ebd., S. 35. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 111 viele Millionen aufgrund der seit nunmehr über drei Jahrzehnten andauernden Massenarbeitslosigkeit faktisch nicht oder jedenfalls nicht bruchlos zu verwirklichen ist, noch immer eine machtvolle Norm, die gleich einer verinnerlichten Richtschnur der persönlichen Lebensplanung diene und überdies dem institutionellen Handeln seitens des Staates und der Sozialversicherungssysteme sowie der Tarifvertragsparteien zugrunde liege. Demgemäß stelle die massenhafte Abweichung von der Norm das öffentliche Institutionengefüge ebenso wie die Betroffenen, die ja nicht nur mit den psychischen Folgen ihrer Arbeitslosigkeit, sondern auch mit zum Teil empfindlich verringerten Rentenansprüchen zurechtkommen müssen, vor erhebliche Probleme. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Überlegungen Kronauers u. a. einiges an empirischer Plausibilität für sich beanspruchen können und ihr Analysemodell sehr dazu beitragen kann, sowohl die praktischen Vergesellschaftungseffekte der Erwerbsarbeit als auch, vice versa, die zumeist (aber keineswegs nur!) negativen Phänomene, die mit Erwerbslosigkeit typisch verbunden werden,287 in eine systematische Ordnung zu bringen. Dennoch gibt es eine Reihe kritischer Bemerkungen hinzuzufügen. So ist zunächst einmal ganz grundsätzlich festzustellen, dass sich der Begriff der Arbeit in jenem oben schon erwähnten elementaren Sinne Marx‘, nämlich des basalen Austauschprozesses »zwischen Mensch und Natur, […] worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert«,288 und welcher für die individuelle wie gesellschaftliche (Re)Produktion gänzlich unverzichtbar ist, nicht auf erwerbsförmig verrichtete Arbeiten reduzieren lässt. Vielmehr ist diese zwar irreführende, in der kapitalistischen Gesellschaft aber trotzdem allgemein übliche Engführung des Arbeitsbegriffs selbst schon als augenfälliger Ausdruck und Resultat der ideologischen Überhöhung profitabler, mehrwertschaffender Tätigkeiten zu betrachten, deren Kehrseite naturgemäß in der relativen Entwertung aller anderen Arbeitsformen besteht. Mit großer Deutlichkeit tritt dieser Sachverhalt beispielsweise zutage, wenn man in einem aktuellen Handbuch der Soziologie unter dem Begriff »Arbeit« nachschlägt und zu lesen findet, dass Arbeit selbst in wissenschaftlichen Debatten normalerweise mit 287 Ob beziehungsweise inwieweit Arbeitslosigkeit auch als Befreiung von den Zwängen und Belastungen des Erwerbslebens erfahren wird, hängt neben ihrer Dauer sehr davon ab, wie befriedigend die vorher ausgeübte Tätigkeit subjektiv erlebt wurde, welche alternativen Beschäftigungsformen zur Verfügung stehen und vor allem, ob die finanziellen Verhältnisse weiterhin gesichert sind, oder ob die Betroffenen vielmehr von existentiellen Zukunftsängsten geplagt werden. Siehe hierzu die informative und anschauliche Typologie der subjektiven Erfahrungsweisen und des Umgangs mit Arbeitslosigkeit ebd., vor allem Kap. V: »Ausgrenzungsrisiko und Arbeitslosigkeitserfahrung«, S. 89–217. 288 Marx 1984, S. 192. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 112 Erwerbsarbeit gleichgesetzt werde, von welcher »[…] der weite Bereich der informellen, nicht-offiziellen oder auch autonomen Arbeit, mit dem der ganze ›Rest‹ [sic!] wirtschaftlicher Aktivitäten bezeichnet wird […]«, zu unterscheiden sei.289 Die nicht-erwerbsförmige Arbeit ist hier also zu einer bloßen Residualkategorie geschrumpft, zu etwas Übriggebliebenem, das im Grunde nur noch der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist. Doch es fragt sich, wie sich diese weitverbreitete Betrachtungsweise mit dem Umstand verträgt, dass der vermeintliche Rest in Deutschland (und es ist davon auszugehen, dass es sich in anderen Industrienationen im Wesentlichen genauso verhält) in Wahrheit ein sehr viel größeres Volumen umfasst, als es bei der angeblichen Hauptkategorie selbst der Fall ist. Denn tatsächlich belief sich das Jahresvolumen unbezahlter Arbeit einer repräsentativen Langzeituntersuchung des Statistischen Bundesamtes zufolge im Jahr 2001 mit etwa 96 Mrd. Stunden auf mehr als das 1,7fache der Erwerbsarbeit, deren Volumen lediglich 56 Mrd. Stunden umfasste.290 Wenn angesichts dieser Zahlenverhältnisse die Nicht-Erwerbsarbeit dennoch als Restgröße behandelt wird, so hat man es offenkundig mit einem einigermaßen unbefriedigenden Klassifikationssystem zu tun. Für das Analysemodell Kronauers u. a. ergibt sich daraus, dass mit der Erwerbsarbeit tatsächlich nur der kleinere Teil der gesellschaftlichen Arbeit unter dem Gesichtspunkt ihrer sozialinklusiven Effekte fokussiert wird. Daran gibt es zwar grundsätzlich nichts auszusetzen, doch wird die Reichweite der auf diese Weise gewonnen Erkenntnisse spürbar limitiert, was es besonders im Hinblick auf die hier interessierende Frage, inwieweit die Erwerbsarbeit gewissermaßen als Zentralschlüssel für soziale Teilhabe und individuelle Verwirklichungschancen zu betrachten ist, zu berücksichtigen gilt. Wenn etwa, wie von Kronauer u. a. in den ersten beiden Analysedimensionen ihres Modells vorgeschlagen, die praktische Einbindung in die gesellschaftliche Arbeitsteilung als wichtiges Kriterium für die erfolgreiche Vergesellschaftung des Individuums dargestellt wird, so ist zu konstatieren, dass dieses Kriterium selbstredend auch von nicht-bezahlten Arbeitsformen erfüllt werden kann und insofern kein Alleinstellungsmerkmal der Erwerbsarbeit repräsentiert. Dabei mag es zwar richtig sein, dass ein großer Teil der unbezahlten Arbeit im Lichte der modernen Unterscheidung von privater und öffentlicher Sphäre gemeinhin der zuerst genannten zugeschlagen wird, doch ändert dies für sich genommen selbstredend nichts an ihrer wesentlich sozialen, für die Gesellschaft teils sogar konstitutiven Bedeutung. 289 Hartmut Hirsch-Kreinsen: »Arbeit«, in: Nina Baur u. a. (Hg.): Handbuch Soziologie, Wiesbaden 2008, S. 33–53, hier S. 33. 290 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2003, S. 11. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 113 Auch wenn dieser gesellschaftliche Grundsachverhalt infolge der vorherrschenden Fixierung auf produktive Erwerbsarbeit und die Steigerung der Profite nur allzu oft in den Hintergrund gerät, lässt sich beispielsweise kein Tätigkeitsbereich denken, der für das Soziale schlechthin eine fundamentalere Bedeutung hätte, als die reproduktive Haus- und Familienarbeit, ohne die – im Gegensatz zu sehr vielen prinzipiell durchaus verzichtbaren Formen der Erwerbsarbeit – die Gesellschaft als Ganze schlicht nicht existieren könnte. Zudem spielen sowohl die bewussten (das heißt den Erziehungsprozess aktiv gestaltenden) wie unbewussten Beiträge der Familie zur Sozialisation der nachkommenden Generationen eine kaum zu überschätzende Rolle für das gesamtgesellschaftliche Bildungsniveau und somit auch und gerade für die Produktivität und Leistungsfähigkeit der modernen, hochgradig wissensabhängigen Ökonomie. Die eben nur vermeintlich rein private Angelegenheit der familialen Kinderbetreuung und -erziehung entfaltet mithin weit über das Private hinausgreifende gesellschaftliche Wirkungen. Mit diesem Umstand dürfte wohl die unter dem Eindruck der PISA-Ergebnisse auch in Deutschland wachsende Bereitschaft von Politik und Öffentlichkeit teilweise zu erklären sein, selbst die frühkindliche Erziehung mehr und mehr an eigens dafür ausgebildete Fachleute zu übergeben (das heißt zu professionalisieren und damit in eine bezahlte Erwerbstätigkeit zu verwandeln), um die vor allem in den unteren Gesellschaftsschichten gehäuft vermuteten Defizite elterlicher Erziehung im Interesse der Allgemeinheit zu kurieren. Weiterhin stellt auch die Versorgung der mehr als zwei Millionen Pflegebedürftigen ein wichtiges Beispiel für eine Arbeit dar, die zwar nach wie vor größtenteils, nämlich zu rund 70 %,291 von unbezahltem, überwiegend weiblichem »Privatpersonal« aus dem familialen Umfeld – ohne welches das öffentliche Gesundheits- und Pflegesystem augenblicklich kollabieren würde – erledigt wird, deren private Form indes nicht über ihre hohe und infolge des demographischen Wandels sehr wahrscheinlich noch weiter zunehmende gesamtgesellschaftliche Relevanz hinwegtäuschen sollte. Von vornherein gesellschaftlich orientiert sind dagegen die ungezählten Stunden ehrenamtlicher Arbeit – zum Beispiel bei der freiwilligen Feuerwehr, dem Roten Kreuz, in den zahlreichen Vereinen oder in der Jugendsozialarbeit –, die für das Gemeinwohl von unschätzbarem Wert sind, sowie ferner die Kulturarbeit und Kunst, die häufig nicht nur finanziell desinteressiert, sondern sogar ausdrücklich gegen kommerzielle Interessen gerichtet sind, ohne die eine lebenswerte Gesellschaft aber dennoch (oder gerade deshalb?) unvorstellbar erscheint. Gemeinsam illustrieren und bestätigen diese Beispiele auf anschauliche Weise, dass die subjektiv von vielen als wichtig empfundene Inklusion 291 Vgl. Blinkert 2004, S. 320. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 114 in die soziale Arbeitsteilung und damit das Gefühl, »gesellschaftlich tätig und gebraucht zu werden«,292 mithin zu etwas nütze zu sein, keineswegs allein auf die Erwerbsarbeit beschränkt ist, sondern genauso (und de facto in erheblich größerem Umfang) durch alternative Arbeitsformen bewirkt werden kann. Daran ändert auch deren fehlende Bezahlung nichts. Denn diese mag zwar durchaus als Ausdruck eines ungerechten Mangels an sozialer und ökonomischer Anerkennung wahrgenommen werden, doch ist sie mitnichten ein Beweis für die gesellschaftliche Nutzlosigkeit der jeweiligen Tätigkeit oder gar für die soziale Desintegration der sie verrichtenden Personen; auch nicht-bezahlte Arbeit ist in aller Regel mehr als ein isoliertes Privatvergnügen. Insofern wäre also, wenn überhaupt, jede gesellschaftlich notwendige Arbeit – und nicht allein erwerbsförmig organisierte, wie Kronauer u. a. im Einklang mit der Mehrheitsmeinung zu denken scheinen – als maßgebliches Vehikel für die geglückte gesellschaftliche Inklusion der Individuen zu betrachten. Doch auch dies trifft so nicht zu. Denn gleichwohl sinnvoll nicht bestritten werden kann, dass Arbeit aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive gänzlich unverzichtbar ist, so ist sie es für die über das reine Arbeitsleben hinausgehenden sozialen Teilhabe- und Verwirklichungschancen des Einzelnen doch keineswegs. So gab und gibt es neben der – von den vormodernen Eliten noch offen perhorreszierten – persönlichen Beteiligung am gesellschaftlichen Produktionsprozess auch heute noch (und zwar keineswegs nur für Kinder und Alte) unterschiedliche Alternativen der müßiggängerischen, primär konsumtiven und im Grenzfall sogar vollkommen unproduktiven Teilnahme am vielfältigen und abwechslungsreichen Leben der Gesellschaft. Idealtypisch hierfür wären etwa die sozialen Figuren des reichen Vermögenserbens oder des Rentiers zu nennen, wobei beide Typen in ihrer Existenz genauso wie die Herren der Antike und des Mittelalters de facto von den Leistungen der arbeitenden Bevölkerung profitieren und abhängen. Zwar kann es in solchen und ähnlichen Fällen durchaus zutreffen, dass die subjektiven Zeit- und Sinnstrukturen von den für die breite Masse geltenden Normen mitunter auf eklatante Weise abweichen; ebenso mag es sein, dass mit der Einbindung in die Arbeitswelt eine für viele Menschen der Moderne wichtige Quelle subjektiver Identität und sozialer Anerkennung fehlt. Doch sind diese Verluste, so sie von wohlhabenden Privatiers selber überhaupt als solche wahrgenommen werden (was gelegentlich bezweifelt wird), mit Bestimmtheit zu verkraften, weil und sofern eben alternative Partizipations- und Verwirklichungschancen sowie befriedigende Sozialkontakte jenseits der gesellschaftlichen Produktionssphäre vorhanden sind. Insofern wäre es also auch unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft – ihrer ideologischen Glorifizierung der Arbeit zum 292 Kronauer u. a. 1993, S. 27. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 115 Trotz – verfehlt, die Abweichung von der sogenannten »Normalbiographie« und sogar konsequente, lebenslange Nicht-Arbeit automatisch mit einer Lebenslage zu assoziieren, in welcher die jeweiligen Personen vernünftigerweise als »gesellschaftlich exkludiert« zu bezeichnen wären; »in hohem Maße privilegiert« dürfte den Sachverhalt sowie die Fremdund Selbstwahrnehmung der fraglichen Personen manchmal um einiges genauer beschreiben. Wie sehr dies tatsächlich zutrifft, mag man ungefähr erahnen, wenn man sich im Rahmen eines kleinen Gedankenexperiments beispielsweise die Reaktion eines reichen, gleichwohl arbeitslosen Großaktionärs vorstellt, dem man, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien und um ihm die Chance zu geben, sich als vollwertiges und nützliches Mitglied in die moderne Arbeitsgesellschaft zu inkludieren, einen Job, etwa als Gärtner der städtischen Grünanlagen, als Erntehelfer oder als Raumpfleger, anträgt. Sie wird wahrscheinlich wenig überschwänglich sein. Allerdings können solche und ähnlich gelagerte Beispiele nicht allein als Beleg dafür dienen, dass (Erwerbs-)Arbeit eben keine notwendige, das heißt unverzichtbare Voraussetzung für die ansonsten durchaus befriedigende Inklusion in die kapitalistische Gesellschaft darstellt. Vielmehr verweisen sie implizit zugleich auf die letztlich entscheidende Form der praktischen Vergesellschaftung durch Lohnarbeit, die vielfach auch gemeint ist, wenn Arbeit als probate Therapie gegen sozioökonomische Marginalisierung und Exklusion vorgeschlagen wird: auf ihre instrumentelle Funktion als Einkommensquelle. Denn von den Problemen, mit denen sich Kronauer u. a. zufolge jene Personen, deren Lebenslauf von der normativ gesetzten »Normalbiographie« erkennbar abweicht, hauptsächlich konfrontiert sehen, nämlich erstens dem moralischen Rechtfertigungsdruck gegenüber sich und anderen, nicht zuletzt gegenüber potentiellen Arbeitgebern; zweitens dem subjektiven Gefühl des beruflichen Scheiterns; und drittens schließlich den finanziellen Einbußen, die sich aus der Abweichung von der »Normalbiographie« typisch ergeben (zu denken ist hier nicht nur an die unmittelbaren Einkommensverluste, sondern ebenso an die verringerten Rentenansprüche),293 führt lediglich das letztgenannte Problem mit einiger Notwendigkeit zu sozialer Exklusion im Sinne der empfindlichen Reduktion individueller Teilhabe- und Verwirklichungschancen, und zwar immer dann, wenn alternative Einkommensquellen oder Vermögen nicht vorhanden sind. Das aber heißt, dass die konkreten sozialinklusiven Effekte in dieser zentralen Vergesellschaftungsdimension (der dritten im skizzierten Modell Kronauers u. a.) gerade nicht durch die Erwerbsarbeit selbst, sondern durch das Geldeinkommen, das sie einbringen soll, bewirkt werden. Es 293 Vgl. Kronauer u. a. 1993, S. 39f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 116 geht hier also nicht um den inhärenten Wert der Arbeit als solcher, sondern lediglich um ihre ganz profane Funktion als Gelderwerb. Übrigens lässt sich diese Annahme, dass die im Hinblick auf die konkreten sozialen Partizipationsmöglichkeiten einer Person wirklich entscheidenden In- und Exklusionseffekte nicht von der Arbeit selbst, sondern vom Einkommen ausgehen, nicht zuletzt anhand des empirischen Materials erhärten, das von Kronauer u. a. zu den desintegrativen Folgen fehlender Arbeit selbst zusammengetragenen wurde. Denn so groß das subjektive Frustrationspotential vor allem langanhaltender Erwerbslosigkeit für sich genommen auch sein mag und so belastend diese für das Selbstwertgefühl unter Umständen ist, lässt sich aus der von Kronauer u. a. auf Basis qualitativer Interviews mit Arbeitslosen aufgestellten Typologie der unterschiedlichen Erfahrungsweisen und des Umgangs mit Erwerbslosigkeit doch ablesen, dass die Mehrheit der Arbeitslosen nach wie vor in sozialen Verhältnissen lebt, welche die Rede von gesamtgesellschaftlicher Exklusion im Sinne »sozioökonomischer Marginalisierung, lebenskultureller Entfremdung und sozialräumlicher Isolierung«, durch welche der »Anschluss an den Mainstream der Gesellschaft« verlorengegangen wäre,294 nicht rechtfertigen würde. Die meisten bleiben wenigstens zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit auch weiterhin in ihre bisherigen sozialen Netzwerke, aus denen sie neben emotionaler oftmals auch materielle Unterstützung beziehen, integriert und nehmen auch sonst (mit Ausnahme der Erwerbsarbeit) am normalen Leben der Gesellschaft teil. Manche können den neu hinzugewonnen Freiheitsgraden mitunter sogar positive Seiten abgewinnen. Doch je länger die Arbeitslosigkeit andauert, umso schwerer wiegen meist auch die materiellen Probleme, da die staatlichen Transferleistungen (in Deutschland in der Regel nach einem Jahr) reduziert werden und eventuelle Ersparnisse allmählich verbraucht sind. Die psychischen Belastungen infolge existentieller Nöte und Zukunftssorgen werden daher immer erdrückender, während die potentiell entlastenden sozialen Partizipations- und Verwirklichungschancen infolge des Geldmangels zusehends schrumpfen. Anfangs mag es nur der Urlaub sein, den man sich nicht mehr leisten kann, aber mit der Zeit gewinnen die Einschnitte spürbar an Schärfe. Mit dem Lebensstil der Freunde und Bekannten weiter mitzuhalten und im nuancierten Spiel der wechselseitigen Aufmerksamkeiten den subtilen Regeln der Reziprozität zu genügen wird immer schwieriger. Aus Scham zieht man sich zurück. Langjährige Hobbies oder Vereinsmitgliedschaften müssen aufgegeben werden, weil die anfallenden Kosten nicht mehr bezahlt werden können, und am Ende sind meist schon kleinere Vergnügungen und Annehmlichkeiten wie gelegentliche Kinobesuche, Ausflüge mit den Kindern oder der regelmä- ßige Friseurbesuch kaum noch möglich. Irgendwie »durchzukommen« 294 Bude 2008b, S. 247. ZUR INKLUSIVITÄT DER ERWERBSARBEIT 117 wird unter dem Eindruck der zunehmenden Verarmung zur bestimmenden Maxime des Alltags.295 Es kann niemanden verwundern, dass diese ungünstige Entwicklung für viele der Betroffenen in weitgehender sozialer Isolation endet. Depressionen sind eine häufige Folge. Aber die zentrale Variable für all das ist eben nicht die fehlende Arbeit, sondern das fehlende Geld. Man kann also davon ausgehen, dass mit hinreichenden finanziellen Mitteln ein Großteil der Exklusionseffekte, die von Politik und Öffentlichkeit irrtümlicherweise dem Verlust der Erwerbsarbeit zugerechnet werden, kompensiert werden könnte beziehungsweise gar nicht erst auftreten würde.296 Auch arbeitspsychologische Längsschnittuntersuchungen legen dies nahe. So ist die finanzielle Lage das einzige Merkmal, für das eine Mediatorwirkung bezüglich depressiver Reaktionen auf Erwerbslosigkeit festgestellt werden konnte. Das bedeutet, dass ein Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und Depressivität nicht mehr nachzuweisen war, wenn die Befragten angaben, mit ihren finanziellen Mitteln gut auszukommen.297 Dass es infolgedessen umgekehrt auch keine wirkliche Lösung sein kann, Arbeitslose in sogenannte »bad jobs« zu vermitteln, in denen sie trotz ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin ein Leben in Armut fristen müssen, habe ich weiter oben bereits erläutert. In psychologischer Hinsicht profitieren die working poor jedenfalls nicht davon und 295 Vgl. hierzu die anschauliche, mit zahlreichen Interviewauszügen angereicherte Beschreibung unterschiedlicher Typen subjektiver Erfahrung von beziehungsweise des Umgangs mit Erwerbslosigkeit in Kronauer u. a. 1993, vor allem Kap. V: »Ausgrenzungsrisiko und Arbeitslosigkeitserfahrung«, S. 89–217. 296 Bestätigt wird dies beispielsweise durch die Ergebnisse des Wohlfahrtssurveys, demzufolge sich mit 25% der deutschen Bevölkerung deutlich mehr Menschen infolge von »finanziellen Engpässen« sozial ausgegrenzt fühlen, als zum Beispiel infolge einer »schwierigen Arbeitsplatzsuche« (16,5%) oder aufgrund von arbeitslosen Haushaltsmitgliedern (13,3%). Finanzielle Engpässe stellen damit den wichtigsten Einzelfaktor für subjektive Ausgrenzungserfahrungen dar. Interessant ist ferner, dass mit 19,3% an zweiter Stelle »Probleme im Berufsalltag« genannt werden. Solche können selbstverständlich auch in gesicherten und gutbezahlten Arbeitsverhältnissen vorkommen, doch ist zu erwarten, dass sie in prekären und schlechtbezahlten Jobs besonders häufig sind. Vgl. Petra Böhnke: »Marginalisierung und Verunsicherung. Ein empirischer Beitrag zur Exklusionsdebatte«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008, S. 97–120, hier S. 111, Abb. 6. 297 Vgl. Mohr 2010, S. 475, 491, 495; Michael Frese, Gisela Mohr: »Prolonged Unemployment and Depression in Older Workers: A Longitudinal Study of Intervening Variables«, in: Social Science and Medicine, 25/1987, S. 173–178; Katja Kokko, Lea Pulkkinen: »Unemployment and Psychological Distress. Mediator Effects«, in: Journal of Adult Development, 5/1998, S. 205–217; David Fryer: »Benefit Agency? Labour Market Disadvantage, Deprivation and Mental Health«, in: Psychologist, 8/1995, S. 265–272. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 118 hinsichtlich ihrer konkreten gesellschaftlichen Partizipations- und Verwirklichungschancen erweisen sich die subjektiven Konsequenzen ihrer Verarmung als genauso exkludierend wie bei Arbeitslosen auch.298 Eines der wichtigsten sozialpolitischen Argumente für die bewusste Ausdehnung des Niedriglohnsektors, die Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung, erweist sich damit als verfehlt. In der Zusammenschau ergibt sich für die soziale Inklusivität der Arbeit somit folgendes Bild: Erstens sind die inhärenten, unmittelbar mit der Arbeit selbst verbundenen Vergesellschaftungseffekte, das heißt vor allem die Integration in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess, die Umsetzung des individuellen Arbeitsvermögens sowie das subjektive Gefühl, eine sinnvolle und nützliche Tätigkeit auszuüben, weder notwendig auf eine erwerbsförmige Arbeit beschränkt, noch sind sie zweitens für die Gewährleistung ansonsten normaler, gegebenenfalls sogar überdurchschnittlicher Lebenschancen unverzichtbar. Demgegenüber ist drittens der instrumentelle Nutzen einer Erwerbsarbeit, also der Lohn, für die gelingende Vergesellschaftung all jener, die auf keine Einkommensalternativen oder Vermögen zurückgreifen können, unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne die conditio sine qua non. Das aber heißt viertens, dass ungeachtet der bürgerlichen Glorifizierung der Arbeit im Kapitalismus eben nicht diese das entscheidende Medium der sozialen Inklusion repräsentiert, sondern vielmehr das Einkommen oder genauer: das Geld. Dass dies, nicht zuletzt infolge der dargestellten Ideologie der Arbeit, nicht sauber unterschieden wird und folglich eine gewisse Konfusion über das Verhältnis von Zweck und Mittel besteht, dürfte eine der Hauptursachen für das im Prinzip vorhersehbare Scheitern jener paradoxen Sozialpolitik sein, die sich offiziell zwar die Gewährleistung konkreter Lebens- und Teilhabechancen für alle Bürger auf die Fahnen geschrieben hat, zu diesem Zweck aber vornehmlich auf Beschäftigungspolitik konzentriert. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf die Sinnhaftigkeit, vor allem aber auf die Gerechtigkeit dieser Vorgehensweise zurückkommen. Doch ist es sinnvoll, sich vorher der umfassenden sozialen Inklusivität des Geldes sowie den umgekehrt genauso weitreichenden Exklusionseffekten der Armut zuzuwenden. 298 Vgl. Aycan / Berry 1996; Dooley / Prause 1997; Dooley u. a. 2000; Mohr, Richter 2008. 119 3. Über die Mechanismen sozialer In- und Exklusion II – Zur Inklusivität des Geldes und zur Exklusivität der Armut Die vorausgegangenen Überlegungen machen deutlich, dass ein Verständnis von sozialer In- und Exklusion, welches am Begriff der Arbeit ansetzt und auf ihn beschränkt bleibt, systematisch zu kurz greift und die zentralen Mechanismen, die für die hochgradig selektive Vermittlung gedeihlicher Teilhabe- und Verwirklichungschancen in der kapitalistischen Gesellschaft verantwortlich sind, allenfalls partiell in den Blick bekommt. Entsprechend begrenzt müssen demnach auch die Erfolge sozialpolitischer Maßnahmen, die diesem erwerbszentrierten Integrationsverständnis verhaftet sind, bleiben. Ablesen lässt sich dies bezeichnenderweise daran, dass die Erwerbslosigkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar deutlich zurückgegangen ist – wozu die oben erwähnte Agenda-Politik der Regierung Schröder sicherlich ihren (fragwürdigen) Beitrag geleistet hat –, die Armutsquote nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit 15,5 % aber weiterhin auf hohem Niveau stagniert.299 Das Problem ist schlicht, dass ein auf die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt fixierter Exklusionsbegriff die Mehrheit der tatsächlich betroffenen Personen, bei denen sich die subjektive Erfahrung von Armut und Exklusion mit jener der Ausbeutung am Arbeitsplatz auf fatale Weise verbindet300 oder die dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht (mehr) zur Verfügung stehen, nicht beziehungsweise nur unzureichend berücksichtigt. Abhelfen lässt sich diesem Problem allerdings, indem man die moderne Gesellschaft theoretisch nicht mehr als Arbeitsgesellschaft modelliert, sondern primär als Gesellschaft des Geldes,301 in welcher die sozialen Beziehungen und Vollzüge – und damit die Qualität der individuellen Partizipationsmöglichkeiten – vorrangig durch die unterschiedliche Zahlungsfähigkeit der Individuen reguliert werden. Es gilt also, eine monetäre Theorie der In- und Exklusion zu entwickeln, 299 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland: Datenreport 2011. Der Sozialbericht für Deutschland, Bd. 1, Bonn 2011, S. 154 (Bezugsjahr: 2008, Schwellenwert: 929 Euro pro Monat / 60%-Schwelle). 300 Carsten Keller kommt in seiner bedrückenden Studie zur Dynamik sozialer Ausgrenzung in segregierten städtischen Quartieren sogar zu dem Ergebnis, dass soziale Exklusion nicht etwa nur trotz Erwerbsarbeit vorkommt, sondern dass berufliche Ausbeutung in vielen Fällen vielmehr als konstitutives Element derselben zu betrachten ist. Vgl. Keller 2005, S. 128. 301 Vgl. Paul 2004. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 120 welche die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen und die selektive Vermittlung sozial bedingter Lebens- und Teilhabechancen wirklichkeitsgetreuer als erwerbszentrierte Modelle beschreibt und damit vielleicht als Orientierung für eine zielführendere Sozialpolitik fruchtbar gemacht werden könnte. Wie eingangs angekündigt, liefert die Theoriebasis für dieses Unterfangen die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Dies mag auf den ersten Blick etwas überraschen, hat doch gerade Luhmann eben in ausdrücklicher Opposition zu konkurrierenden Theorien, welche die moderne Gesellschaft als kapitalistische, das heißt primär ökonomisch geprägte begreifen, den gesamtgesellschaftlichen Primat eines einzelnen, auch und gerade des wirtschaftlichen Teilsystems für die funktional differenzierte Gesellschaft der Moderne fast immer vehement bestritten.302 Denn da die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen, etwa die Rechtsprechung, die Erziehung oder die medizinischen Versorgung, für die Gesellschaft gleichermaßen notwendig seien und sich ihr jeweiliger Vorrang somit höchstens situationsweise regeln ließe, sei es, so jedenfalls Luhmann, unmöglich die sie bearbeitenden Teilsysteme in eine hierarchische Ordnung zu überführen.303 Die moderne Gesellschaft sei mithin ohne Zentrum oder Spitze und in diesem Sinne multizentrisch beziehungsweise, mit einem Begriff des Logikers Gotthard Günter, »polykontextural definiert«.304 Dementsprechend könne auch die soziale In- und Exklusion der Individuen keinen gesamtgesellschaftlichen, das heißt teilsystem- übergreifenden Regulationsmechanismen, wie eben monetären, gehorchen.305 Warum also der Rekurs auf die Systemtheorie? Zunächst einmal ist festzustellen, dass mit Axel Pauls Entwurf einer monetären Theorie der Gesellschaft,306 aber auch mit Uwe Schimanks Überlegungen zum Verhältnis von funktionaler Differenzierung und 302 Nur »fast immer«, da Luhmann Anfang der 1970er Jahre durchaus noch selbst Andeutungen zu einem möglichen »Übergang des gesellschaftlichen Primats von der Politik auf die Wirtschaft« gemacht hat, da das Geld in der Moderne »universell relevant in den Sinne [wird], daß es auf alle Dinge und Handlungen beziehbar ist.« Siehe für das erste Zitat Niklas Luhmann: »Wirtschaft als soziales System«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 8. Aufl., Wiesbaden 2009b, S. 256–290, hier S. 275, und für das zweite: ders.: »Knappheit, Geld und die bürgerliche Gesellschaft«, in: Jahrbuch für Sozialwissenschaft, 23/1972, S. 186–210, hier S. 193. 303 Vgl. Niklas Luhmann: »Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition«, in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 1, Frankfurt/M. 1980, S. 9–71, hier S. 28. 304 Claudio Baraldi u. a.: GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3. Aufl., Frankfurt/M. 1999, S. 68. 305 Vgl. hierzu beispielsweise Luhmann 2008b, S. 232. 306 Vgl. Paul 2004. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 121 Kapitalismus inzwischen kritisch-konstruktive Theorieanschlüsse an Luhmann vorliegen, die überzeugend demonstrieren, dass Systemtheorie und Kapitalismustheorie nicht nur keinen Widerspruch darstellen, sondern dass sich die kapitalistische Gesellschaft im Gegenteil »nur als funktional differenzierte Gesellschaft […] angemessen verstehen [lässt], so wie umgekehrt funktionale Differenzierung zwangsläufig auf Kapitalismus hinausläuft.«307 Denn einerseits konnte sich das wirtschaftliche Handeln erst im Zuge der allmählichen Ausdifferenzierung einzelner Funktionssysteme, die sich auf die Bearbeitung je spezifischer gesellschaftlicher Bezugsprobleme spezialisierten – also beispielsweise kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen (Politiksystem), Normen zeitlich stabil und enttäuschungsfest aufrechtzuerhalten (Rechtssystem) oder die Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen (Wirtschaftssystem) –, von den vielfältigen soziokulturellen, politischen und religiösen Bezügen emanzipieren, welche in der vormodernen Hauswirtschaft noch untrennbar mit wirtschaftlichem Handeln amalgamiert waren.308 Erst durch diesen an der Schwelle zur Neuzeit anhebenden Differenzierungsprozess wurde die Entfesselung der Ökonomie und damit die Verselbständigung prinzipiell schrankenlosen kapitalistischen Gewinnstrebens überhaupt möglich. Andererseits jedoch lässt sich angesichts der elementaren intersystemischen Bedeutung des Geldes für die Leistungserbringung auch der nicht-wirtschaftlichen Funktionssysteme eine herausgehobene Position der Wirtschaft kaum leugnen. So stehen die Leistungen praktisch aller Subsysteme – seien es medizinische Therapien, politische Maßnahmen oder Symphoniekonzerte – unter Finanzierungsvorbehalt und werden ohne die ermöglichende Kraft des Geldes schlicht nicht erbracht. Da aber nur die Wirtschaft die individuellen wie institutionellen Akteure der modernen Gesellschaft mit Geld versorgen kann und demzufolge fast alle Bereiche des sozialen Lebens direkt oder 307 Schimank 2009, S. 330. Dass funktionale Differenzierung »zwangsläufig« auf Kapitalismus hinausläuft, mag man angesichts der (inzwischen fast überall wieder verschwundenen) realsozialistischen Regime bezweifeln. Fest steht aber sicherlich, dass infolge der noch zu erläuternden multidimensionalen Funktionalität des Geldes zumindest eine sehr starke Tendenz dazu besteht, die (jedenfalls nach derzeitigem Erkenntnisstand) ohne signifikante Freiheitsverluste politisch allenfalls zu kanalisieren, das heißt in mehr oder weniger sozialverträgliche Bahnen zu lenken ist. 308 Zum Beispiel waren Eheschließungen in der Vormoderne immer auch (unter Umständen sogar nur) von ökonomischen und im Falle der herrschenden Eliten zudem politischen Erwägungen mitbestimmt. Ebenso ließen (beziehungsweise lassen) sich in patriarchalen Gesellschaften die politischen Aufgaben der Familienoberhäupter kaum von ihren wirtschaftlichen oder religiösen Funktionen trennen, etwa wenn es um die ritualisierte Verteilung der Jagdbeute oder die Zuweisung von Arbeiten geht. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 122 indirekt von der Prosperität des Wirtschaftssystems abhängen, konnte sich dessen Rentabilitäts- und Maximierungslogik gleichsam unter der Hand zum gesamtgesellschaftlich dominierenden (allerdings nicht einzigen) Rationalitätsstandard entwickeln.309 Das heißt zwar nicht, dass die teilsystemspezifischen Eigenrationalitäten der anderen Funktionssysteme gänzlich aufgehoben oder überlagert wären und man sich zum Beispiel in der Wissenschaft nicht mehr an der systematischen Unterscheidung von wahr und falsch, im Rechtssystem nicht mehr an der Differenz von Recht und Unrecht oder in der Liebe nicht mehr am Erleben des anderen orientieren würde. Doch üben diese je spezifischen, nicht-wirtschaftlichen Operationslogiken wenn schon nicht keinen, so doch (und zwar selbst im Falle der Politik und des Rechts) einen erheblich geringeren Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen aus, als dies infolge der systemübergreifenden operativen Unentbehrlichkeit des Geldes umgekehrt der Fall ist.310 Das ökonomische System ist insofern nicht einfach ein Funktionssystem neben anderen, sondern dasjenige, das zumindest der gegenwärtigen Gesellschaft deutlicher als alle anderen seinen Stempel aufzuprägen vermag und infolgedessen den gesamtgesellschaftlichen Primat innehat. Nur deshalb, so Schimank, kann man überhaupt davon sprechen, dass eine kapitalistische Wirtschaftsordnung auch eine kapitalistische Gesellschaftsordnung ergibt.311 Folgt man dem so umrissenen Theorieumbau und bricht man also mit dem von Luhmann vertretenen »Systemrelativismus«,312 lassen sich, wie ich zeigen möchte, deutlich fruchtbarere Einsichten in die Prozesse sozialer In- und Exklusion gewinnen, wodurch die Systemtheorie ihr gerade in diesem Kontext ganz erhebliches Analysepotential allererst ausspielen kann. Denn so hält die Systemtheorie ja nicht nur das entsprechende terminologische Instrumentarium parat;313 es handelt sich bei ihr zudem um eine der wenigen soziologischen Universaltheorien, die es sich explizit zur Aufgabe gemacht hat, zu wirklich allen soziologisch relevanten Tatbeständen Aussagen zu formulieren und insofern die Gesellschaft als Ganze (und nicht nur Ausschnitte derselben wie zum Beispiel spezifische Interaktionsmuster, kulturelle Besonderheiten etc.) zu thematisieren.314 309 Vgl. Schimank 2009, S. 331ff. 310 Vgl. Paul 2004, S. 239f. 311 Vgl. Schimank 2009, S. 327. 312 Paul 2004, S. 233. 313 Vgl. vor allem Luhmann 2008b; ders.: »Jenseits von Barbarei«, in: Maxi Miller, Hans-Georg Soeffner (Hg.): Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996a, S. 219–230; ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2, Frankfurt/M. 1998, S. 618–634; zusammenfassend: Sina Farzin: Inklusion / Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung, Bielefeld 2006. 314 Vgl. Luhmann 1984, S. 9f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 123 Schon deshalb sollte sie also geradezu prädestiniert sein, das Phänomen gesamtgesellschaftlicher Exklusion adäquat erfassen und beschreiben zu können. Doch vor allem weist der Soziologe Sven Opitz mit Recht darauf hin, dass die Systemtheorie »[…] die einzige derzeit vorliegende Gesellschaftstheorie [ist], die es erlaubt, Prozesse der sozialen Grenzkonstitution konsequent auf die Diskriminierung von inkludierten und exkludierten Personen zu beziehen.«315 Der Grund für diesen im Kontext der vorliegenden Arbeit entscheidenden Vorteil ist, dass das zentrale Paradigma der Systemtheorie eben gerade in der Differenz von System und Umwelt besteht,316 die soziologische Systemtheorie methodisch also genau an der für jedes soziale System konstitutiven Grenzziehung zur Umwelt ansetzt und insofern von ihrer gesamten Anlage auf die Beobachtung und Analyse von Zugehörigkeiten, mithin von In- und Exklusionsverhältnissen eingestellt ist.317 Dieses Theoriepotential gilt es unter Berücksichtigung der angesprochenen Retuschen zu entfalten. Ich werde hierfür aber zunächst die entsprechenden Überlegungen von Luhmann selbst rekapitulieren, denn schon diese erhellen in einem ersten Schritt wichtige Aspekte der spezifischen Bedingungen, unter denen sich der selektive Prozess sozialer In- und Exklusion in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft vollzieht. Dabei kann man bereits mit Luhmann feststellen und erklären, dass die sicher nicht nur, aber besonders im bürgerlichen Milieu noch immer weitverbreitete Vorstellung, dass die oben beschriebene millionenfache Marginalisierung und Ausgrenzung von Menschen gewissermaßen akzidentellen, das heißt nicht schon in der genetischen Disposition der modernen Gesellschaft angelegten Ursachen geschuldet sei (zum Beispiel vorübergehenden konjunkturellen Schwächephasen, der wohlfahrtsstaatlichen Auszehrung der Wirtschaft oder individuellen Defiziten usw.), die wahren Verhältnisse systematisch verharmlost und man stattdessen vielmehr davon ausgehen muss, dass das unter Umständen epidemische Ausmaße annehmende Phänomen sozialer Exklusion zu den normalen, systembedingten Grundtatbeständen der modernen Gesellschaft gehört. 3.1 Niklas Luhmanns Systemtheorie der In- und Exklusion Der Begriff der sozialen Inklusion bezieht sich in der kritisch an Talcott Parsons anschließenden Systemtheorie Niklas Luhmanns auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, oder genauer: auf die Frage, ob 315 Opitz 2008, S. 177. 316 Vgl. Luhmann 1984, S. 242. 317 Vgl. Opitz 2008, S. 178. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 124 und in welcher Weise Individuen in die gesellschaftliche Kommunikation einbezogen werden. Es geht also nicht um eine irgendwie substantialistisch gedachte Einschließung des ganzen Menschen in eine dinghaft vorgestellte Gesellschaft, zu deren materialen Bestandteil er gewissermaßen würde. Denn Luhmann zufolge besteht die Gesellschaft überhaupt nicht, wie man einer ersten Intuition folgend vielleicht annehmen könnte, aus den Menschen selbst (die freilich zu ihrer vorausgesetzten Umwelt zählen), sondern vielmehr aus dem komplexen Geflecht von deren wechselseitig aufeinander bezogenen und aneinander anschließenden Kommunikationen.318 Das heißt, dass also nicht schon die bloße Koexistenz von Menschen diese zu einer Gesellschaft formt, sondern erst deren wechselseitige kommunikative Bezugnahme aufeinander zur Konstitution der letzteren führt. Auf Grundlage dieser Prämisse können Individuen in einer ersten, abstrakten Fassung des Begriffs folglich dann als sozial inkludiert betrachtet werden, wenn sie im Kommunikationsprozess der Gesellschaft einerseits adressiert werden, ihre eigenen Kommunikationsofferten jedoch andererseits auch Berücksichtigung (mithin: Gehör) finden und als Anlass für kommunikative Anschlussoperationen fungieren – mit anderen Worten also: wenn sie als gesellschaftlich relevante Personen kommunikativ berücksichtigt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff der Person in der systemtheoretischen Terminologie nicht etwa das Bewusstsein oder gar den Körper eines Individuums bezeichnet, sondern ein sozial geformtes »kommunikatives Artefakt«,319 welches als sowohl adressierbare wie die Zurechnung kommunikativer Verantwortung allererst ermöglichende »Identitätsmarke« der gesellschaftlichen Strukturbildung dient und die jeweiligen Erwartungen dirigiert.320 Umgekehrt bedeutet dies allerdings auch, dass eine Person – ganz im Gegensatz zu Bewusstsein und Körper eines Menschen – nur in und durch Kommunikation existiert und mit nachlassender kommunikativer Berücksichtigung als soziale Entität allmählich zu verblassen oder ganz zu verschwinden 318 Wie der Luhmann-Schüler Rudolf Stichweh berichtet, war sich Luhmann lange Zeit nicht sicher, ob man Kommunikation oder Handlung als Letztelement der Gesellschaft zu betrachten habe. Erst in seinem 1984 erschienenen ersten Hauptwerk Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie optierte er endgültig zugunsten von Kommunikation, da die Frage, was als soziale Handlung zu betrachten sei, letztlich nur kommunikativ entschieden werden könne. Vgl. Luhmann 1984, S. 225ff.; ferner Rudolf Stichweh: »Niklas Luhmann«, in: Dirk Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie, Bd. 2, 5., überarb., aktual. und erw. Aufl., München 2007, S. 240–264, hier S. 246f.; Paul 2004, S. 237. 319 Baraldi u. a. 1999, S. 78. 320 Opitz 2008, S. 185. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 125 droht. Sven Opitz bringt diese beunruhigenden Möglichkeit auf die folgende, zugespitzte Formel: »Eine Person spricht – oder sie ist nicht.«321 Folgt man diesem Verständnis, kann soziale Inklusion nicht als statischer Zustand, sondern nur als dynamischer Prozess gedacht und beschrieben werden, innerhalb dessen es den Individuen gelingt, sich stets aufs neue erfolgreich in die gesellschaftliche Kommunikation (und damit in die Gesellschaft als solche) zu integrieren. Sie ist insofern immer nur vorläufig und kann je nach Art und Dichte der kommunikativen Anschlüsse individuell sehr verschiedene Formen, Qualitäten und Intensitäten annehmen. Je unregelmäßiger, sporadischer und problembehafteter jene allerdings werden, desto stärker driften die Betroffenen in Richtung Exklusion. Die mitunter stark differierende Art und Weise, auf die Personen im kommunikativen Gefüge der Gesellschaft Berücksichtigung finden, ist somit durch ein wechselseitiges Bestimmungsverhältnis unmittelbar mit der sozialen Position verknüpft, die sie in der jeweiligen Gesellschaftsordnung einnehmen. Wichtig ist nun, dass die konkreten Ausprägungen sozialer In- und Exklusion nicht nur innerhalb einer Gesellschaft graduell variieren können, sondern dass sich im historischen und interkulturellen Vergleich aus systemtheoretischer Perspektive verschiedene Grundmodi der Inund Exklusion identifizieren lassen, welche sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Form der Primärdifferenzierung, die die Grundstruktur einer Gesellschaft maßgeblich bestimmt (segmentär, stratifikatorisch oder funktional), fundamental unterscheiden. Ich werde diese Grundmodi der Vergesellschaftung im Folgenden kurz skizzieren,322 da ihre Unterschiede für die Verdeutlichung und das Verständnis der prinzipiellen Prekarität, welche die soziale Inklusion der Individuen unter den spezifischen Bedingungen der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft kennzeichnet, von zentraler Bedeutung sind. a) Inklusion und Exklusion in vormodernen Gesellschaften Luhmann unterscheidet im Wesentlichen drei evolutionäre Grundformen sozialer Differenzierung, die Gesellschaften benutzen, um ihre Primäreinteilung zu strukturieren: segmentäre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung.323 Segmentäre Gesellschaften, die vielfach auch als 321 Ebd., S. 186. 322 Für eine ausführliche Darstellung der luhmannschen Theorie sozialer In- und Exklusion siehe Farzin 2006. 323 Die Differenzierung in Zentrum und Peripherie (vgl. etwa Luhmann 1998, S. 663–678) stellt eine Zwischenform von segmentärer und stratifikatorischer Differenzierung dar und ist für die hier verhandelte Thematik sozialer In- und Exklusion ohne Belang; tatsächlich wird sie in den entsprechenden Aufsätzen TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 126 tribale Gesellschaften bezeichnet werden, sind dabei in strukturell, ökonomisch und kulturell gleichförmig aufgebaute lokale Kleinsteinheiten untergliedert und weisen in ihrer einfachsten Form lediglich zwei Ebenen auf: die der überlebenswichtigen Familien beziehungsweise Haushaltsgemeinschaften sowie jene der umfassenden Gesellschaft, die auf diesem relativ geringen Differenzierungsniveau auch »Horde« genannt wird. Zahlenmäßig größere Formationen können darüber hinaus auch Clans, Stämme oder Stammesverbände ausdifferenzieren, wobei sich auch diese auf den einzelnen Ebenen aus jeweils homologen Segmenten zusammensetzen und an der Basis auf der Familie beruhen. In dieser archaischen Gesellschaftsform ergibt sich die soziale Inklusion der Individuen aus der qua Geburt eindeutig fixierten Zugehörigkeit zu einem der Segmente auf der basalen, das alltägliche Leben bestimmenden Ebene der Familie, von der aus alle weiteren gesellschaftlichen Zugehörigkeiten zu übergeordneten Aggregaten (Clans, Stämme usw.) nach klar definierten Regeln, wie zum Beispiel Heirats- oder Aufnahmeregeln, reguliert werden. Soziale Exklusion kann insbesondere in Form der (gewaltsamen) Vertreibung von Personen, zum Beispiel aus Anlass unerträglichen Verhaltens, durchaus vorkommen, ist aber vergleichsweise selten und lässt dem Exkludierten meist nur die Chance, sein Überleben durch die möglichst rasche Aufnahme in ein anderes Segment zu retten.324 Im Unterschied zu segmentären sind stratifizierte Gesellschaften, beispielsweise die europäische Ständegesellschaft des Mittelalters oder die Kastengesellschaft Indiens, nach Luhmann vor allem durch die Ausdifferenzierung stabiler, hierarchisch geordneter Rollen- und Rangunterschiede gekennzeichnet, die – jedenfalls in der okzidentalen Geschichte – hauptsächlich auf allgemein akzeptierten (oder zumindest hingenommenen) Reichtumsunterschieden sowie dem Vermögen der Oberschicht beruhen, sich trotz ihres zahlenmäßig in der Regel relativ geringen Umfangs gegenüber dem Rest der Gesellschaft, im Zweifel mit Gewalt, zu behaupten. Die gesellschaftliche Differenzierung orientiert sich also an hierarchisierten Merkmalen, womit auch die üblichen Selbstbeschreibungen der Gesellschaft als Rangordnung korrespondieren.325 Ordnung ohne Rangdifferenzen ist in stratifizierten Gesellschaften unvorstellbar geworden, wobei zur ideologischen Letztbegründung der Hierarchie normalerweise auf außergesellschaftliche, in erster Linie religiös argumentierende Legitimitätsfiktionen zurückgegriffen wird.326 Luhmanns auch nicht erwähnt. Vgl. zum Beispiel Luhmann 2008b sowie ders. 1996a. 324 Vgl. Luhmann 2008b, S. 229f.; ders. 1998, S. 634–662. 325 Man denke nur an die oben erwähnten Ausführungen Thomas von Aquins. 326 Vgl. Luhmann 1998, S. 680, sowie Farzin 2006, S. 25. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 127 Die soziale Inklusion der Individuen verläuft parallel zur vertikalen Primärdifferenzierung der Gesellschaft und orientiert sich dabei an der individuellen Kasten-, Standes- oder Schichtzugehörigkeit, die sich wiederum aus der familialen Herkunft oder, wie etwa bei unverwandten Abhängigen, der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Familienhaushalt ergibt. Irgendwo, so Luhmann, sei man in stratifizierten Gesellschaften durch Geburt oder Aufnahme »zu Hause«.327 Wichtig dabei ist allerdings, dass die Individuen, wie schon in segmentären Gesellschaften, immer nur einem und nicht mehreren Teilsystemen der Gesellschaft (zum Beispiel mehreren Kasten) zugleich angehören.328 Aus der dadurch eindeutig definierten sozialen Position heraus resultieren dann alle weiteren kasten- oder standesspezifischen Formen und Partizipationsmöglichkeiten an der gesellschaftlichen Kommunikation. In der Praxis bedeutet das, welche Rechte jemandem zustehen, welche Berufe man erlernen und aus- üben darf oder wer als potentieller Ehepartner in Betracht kommt, kurzum: welche konkreten Lebens- und Verwirklichungschancen jemand hat, all das wird primär durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stratum der Gesellschaft geregelt. Insofern konstituiert in stratifizierten Gesellschaften der vor allem qua Geburt zugeschriebene soziale Status mit der hochselektiven Vermittlung unterschiedlicher Kommunikations- und damit Teilhabechancen im Grunde die gesamte Person, was sich in Europa übrigens nicht zuletzt in den bis in die Neuzeit hinein verbreiteten philosophisch-theologischen Vorstellungen von der Unteilbarkeit des Wesens respektive der Seele des Menschen erkennbar widerspiegelt.329 Ähnlich wie in segmentären Gesellschaften ist soziale Exklusion in Form der Ausschließung aus der Schutz und Auskommen gewährenden Hausgemeinschaft auch in stratifizierten Gesellschaften, zum Beispiel aus Gründen der wirtschaftlichen Not, durchaus möglich. Doch sind die Überlebenschancen für die Betroffenen immerhin etwas größer. Denn abgesehen davon, dass der Totalexklusion aus aller gesellschaftlichen Normalität genau wie in segmentären Gesellschaften durch die Inklusion in eine andere Hausgemeinschaft entgangen werden kann, gibt es in komplexeren stratifizierten Gesellschaften häufig gewisse Auffangpositionen für sozial entwurzelte Individuen. Als Beispiel aus dem europäischen Mittelalter lässt sich exemplarisch die Sonderposition des Mönchs beziehungsweise der Nonne mitsamt der eigens für sie geschaffenen, zumindest gegen die übliche »Sozialität mehr oder weniger abgedichteten Institution des Klosters« nennen.330 Andererseits gab es an der Schwelle zur frühen Neuzeit aber auch schon eine relativ große Anzahl von »haus- 327 Luhmann 1998, S. 622. 328 Vgl. Luhmann 2008b, S. 230. 329 Vgl. Farzin 2006, S. 26. 330 Luhmann 2008b, S. 230. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 128 und herrenlosen« und damit aus der stratifizierten Grundordnung der Gesellschaft herausgefallener Menschen, wie zum Beispiel Straßenräuber, Landstreicher, Bettler, desertierte Soldaten usw., deren Schicksal höchst ungewiss war und deren Status als Exkludierte man Luhmann zufolge vor allem daran erkennen konnte, dass die normalerweise gültigen Reziprozitätserwartungen bei ihnen unterbrochen waren. Bettler zum Beispiel empfangen zwar Almosen, die sie aber nicht erwidern. »Der Ausgleich wird übers Jenseits, über Gott geleitet. Er erfolgt fiktiv.«331 Und wer schon erwartet Wiedergutmachung von einem Dieb? Dabei betont Luhmann allerdings, dass trotz des Umstandes, dass sich soziale Exklusion demnach bereits im Mittelalter und besonders in der Frühmoderne zu einem quantitativ nicht unerheblichen Problem entwickelt hat, sich der Grundmodus der stratifikatorischen Differenzierung anhand hierarchisierter Merkmale im Inklusionsbereich der Gesellschaft dennoch erhalten hat. »Was damit nicht erfasst war, blieb undifferenzierter Restbestand«332 und konnte im Normalfall übersehen oder zumindest als abseitige, residuale Existenzform gesellschaftssemantisch relativiert werden. Insofern ähneln sich vormoderne Gesellschaften (segmentäre und stratifizierte) also darin, dass das Phänomen der Exklusion im Sinne der weitgehenden Ausschließung von der Normalität der gesellschaftlichen Vollzüge in der Regel noch keine Ausmaße annimmt, welche diese Normalität selbst in Frage stellen würde. Die elementaren Strukturen der Gesellschaftsordnung bleiben somit weitgehend intakt. Unterschiede bestehen jedoch darin, dass man in stratifizierten Gesellschaften anders als in segmentären allmählich dazu übergeht, die Differenz von In- und Exklusion als innergesellschaftliches Problem zu reformulieren, statt Exkludierte einfach zu vertreiben und ihrem Schicksal zu überlassen beziehungsweise gleich zur Tötung freizugeben.333 Entsprechend gewinnen in der Frühen Neuzeit und vor allem seit dem 18. Jahrhundert sogenannte »totale Institutionen«,334 wie das oben bereits erwähnte Arbeitshaus oder das Gefängnis, verstärkt an Bedeutung und fungieren nunmehr als spezialisierte Disziplinar- beziehungsweise Re-Inklusionsanstalten für verworfene Individuen, die aus der normalen, ständisch geordneten Le- 331 Ebd., S. 231. 332 Luhmann 1998, S. 623. 333 Vgl. ebd., S. 623f. 334 Der Begriff der »totalen Institution« (auch: »totale Organisation«) wurde von Erving Goffman geprägt und bezeichnet Einrichtungen wie Klöster, Gefängnisse, Kliniken, Kasernen etc., in denen die »Insassen« der dort herrschenden Autorität (mehr oder weniger) vollständig unterworfen und von der Außenwelt abgeschnitten sind. Das Leben vollzieht sich nach einem fix vorgegebenen Plan, der praktisch alle Daseinsbereiche determiniert und kaum individuelle Freiraume zulässt. Vgl. Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt/Main 1973. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 129 bensführung herausgefallen sind.335 Soziale Exklusion nimmt also mehr und mehr die paradoxe Form einer einschließenden Ausschließung an,336 wozu das Ideal der rationalen Folgenkontrolle, das sich im Laufe der Aufklärung im Denken der herrschenden Eliten manifestiert hat, einen wichtigen Beitrag geleistet haben dürfte. Auf der anderen Seite begann man in der frühen Neuzeit zudem auch, die wachsende Gruppe der sozial entwurzelten Menschen als willkommenes Rekrutierungsreservoir für die Armee, Handels- oder Kriegsmarine sowie für den wachsenden Arbeitskräftebedarf in der protoindustriellen Produktion in Anspruch zu nehmen und die Differenz von In- und Exklusion auf diese Weise für die beginnenden Umstellung von ständischer auf funktionale Differenzierung innergesellschaftlich zu nutzen.337 Zusammengenommen sind unter dem Gesichtspunkt der Mechanismen sozialer In- und Exklusion für vormoderne Gesellschaften somit insbesondere die folgenden drei Hauptaspekte festzuhalten: Zum ersten galten gesellschaftseinheitliche Prinzipien der Inklusion, hauptsächlich der Geburt, wodurch die soziale Verortung der Menschen sowohl hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status‘ als auch ihrer mit diesem verbundenen Lebens- und Teilhabechancen ebenso eindeutig wie (vergleichsweise) sicher geregelt war. Insofern kann man zweitens von einem hohen Maß an gesamtgesellschaftlicher Integration ausgehen. Drittens schließlich kamen soziale Exklusionen zwar durchaus vor, doch stellten diese ein für die Gesamtgesellschaft eher marginales Problem dar, welches die Sozialordnung an sich lange Zeit weder normativ zu diskreditieren noch in ihrem konkreten Zusammenhalt substantiell zu gefährden vermochte. b) Inklusion und Exklusion in der modernen Gesellschaft All das änderte sich Luhmann zufolge mit der bereits angesprochenen Umstellung von stratifikatorischer auf funktionale Differenzierung der Gesellschaft, die in den europäischen Städten schon im Spätmittelalter begann, sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene indes erst im Laufe des 18. Jahrhunderts durchsetzen konnte und der modernen Gesellschaft nunmehr ihr vertrautes Gesicht verleiht. Funktionale Differenzierung meint, dass sich die Gesellschaft nicht mehr vorrangig in verwandtschaftlich basierte und ideologisch hierarchisierte Teilsysteme gliedert (Stämme, Kasten, Stände usw.), sondern primär durch eine Reihe von Funktionssystemen strukturiert wird, die auf die Bearbeitung je spezifischer 335 Vgl. hierzu auch Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 1976. 336 Vgl. Opitz 2008, S. 188. 337 Vgl. Luhmann 2008b, S. 230f.; ders. 1998, S. 624. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 130 Bezugsprobleme (politische Entscheidungen, medizinische Versorgung, Rechtssicherheit, Bildung usw.) spezialisiert und für diese alleinzuständig sind. So werden in der modernen Gesellschaft beispielsweise nur noch im politischen System kollektiv bindende Entscheidungen gefällt und durchgesetzt, nur noch die Wissenschaft befindet über das, was als gesicherte »Wahrheit« gelten kann und nur noch dem Medizinsystem obliegt die kompetente Diagnose und Therapie des Pathologischen.338 Als wichtigste Funktionssysteme der modernen Gesellschaft sind dabei neben Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht insbesondere das Erziehungs- und Medizinsystem, das Funktionssystem der Intimbeziehungen, ferner die Religion und Kunst sowie das Medien- und Sportsystem zu nennen.339 Soweit die Gesellschaft erst einmal auf funktionale Differenzierung umgestellt ist, impliziert dies, dass keines der Funktionssysteme mehr die Aufgaben eines anderen übernehmen kann. Waren etwa in der historischen Gestalt des mittelalterlichen Lehensherrn politische, ökonomische und gegebenenfalls auch geistliche Funktionen noch untrennbar miteinander verwoben, so kann die heutige Politik (schon allein aufgrund ihrer nach wie vor territorialen Gebundenheit) der modernen Marktwirtschaft lediglich (andererseits: immerhin!) bestimmte rechtliche Rahmenbedingungen setzen, muss dem weiteren ökonomischen Geschehen dann aber erst einmal seinen Lauf lassen. Umgekehrt definiert das Wirtschaftssystem eben nicht nur für das politische Handeln den Bereich des ökonomisch überhaupt Machbaren, bleibt dabei aber beispielsweise dennoch auf den unverzichtbare Rechtssicherheit gewährenden staatlichen Erzwingungsapparat oder die wissenschaftlich angeleitete Entwicklung technischer Innovationen notwendig angewiesen. Die funktionale Spezialisierung auf je spezifische Bezugsprobleme setzt also die einigerma- ßen zuverlässige Bearbeitung anderer Problemlagen durch andere Funktionssysteme voraus, sodass man diese mit Luhmann als zwar »operativ geschlossene«, gleichwohl »strukturell gekoppelte« Systeme beschreiben kann.340 Wie ich bereits moniert habe, folgert Luhmann allerdings aus der wechselseitigen Angewiesenheit der einzelnen Teilsysteme aufeinander, dass diese in funktionaler Hinsicht gleichrangig seien, das heißt in keine Hierarchie der Subsysteme überführt werden könnten. Diese Schlussfolgerung muss jedoch aus den oben genannten Gründen revidiert werden. Die systemübergreifende Bedeutung des Geldes ist in der kapitalistischen Gesellschaft viel zu groß, um die daraus resultierende Vorrangstellung des ökonomischen Systems ignorieren zu können. Ge- 338 Vgl. Farzin 2006, S. 41. 339 Vgl. zu dieser Aufzählung den Sammelband von Gunter Runkel und Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005. 340 Vgl. Luhmann 1998, S. 753, 779. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 131 rade die Analyse der monetär grundierten Mechanismen sozialer In- und Exklusion wird dies mit Deutlichkeit erweisen. Im Allgemeinen lässt sich die Entwicklung zu funktionaler Differenzierung der Gesellschaft durchaus als evolutionäre Errungenschaft betrachten, die mit den Effizienzgewinnen fortschreitender Arbeitsteilung und Spezialisierung auf Rollen- wie Systemebene ungeahnte Leistungssteigerungen ermöglicht hat.341 Andererseits jedoch bringt sie für die Vergesellschaftung der einzelnen Individuen auch einschneidende Ver- änderungen und Risiken mit sich. Denn die Umsetzung funktionaler Differenzierung setzt voraus, dass die Inklusion des einzelnen primär den jeweiligen Funktionssystemen überlassen bleibt, die in dieser Frage nach ihren je eigenen, funktionsrationalen Kriterien verfahren können. Beispielsweise darf die Besetzung einer Professur oder der Position eines Flugzeugkonstrukteurs eben nicht – zumindest nicht allein – von systemfremden Faktoren wie der ethnischen Zugehörigkeit oder der sozialen Herkunft abhängen, sondern muss nach Maßgabe der für die jeweilige Position relevanten Fähigkeiten entschieden werden, sofern die Vorteile der funktionalen Differenzierung nicht leichtfertig verspielt werden sollen.342 Das aber impliziert, so Luhmann, dass sich aus der Inklusion in eines der Funktionssysteme (etwa in die Religion) noch keine zuverlässigen Prognosen für die Inklusion in weitere Funktionssysteme (zum Beispiel ins Erziehungs- oder Politiksystem) ableiten lassen und somit auch die gesamtgesellschaftliche Inklusion der Individuen in der Moderne grundsätzlich unter funktionsspezifische Vorbehalte gestellt, das heißt prinzipiell riskant geworden ist. 341 So auch der grundlegende Tenor in der Differenzierungstheorie. Vgl. zusammenfassend Renate Mayntz: »Funktionelle Teilsysteme in der Theorie sozialer Differenzierung«, in: dies. u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 11–44, hier S. 15. 342 Das heißt zwar ausdrücklich nicht, dass systemfremde, für die eigentliche Funktion augenscheinlich irrelevante Merkmale oder Eigenschaften der Individuen für die Inklusion in die einzelnen Teilsysteme der Gesellschaft überhaupt keine Rolle mehr spielen würden. Die gesellschaftliche Praxis zeigt ganz im Gegenteil, dass gerade die genannten Beispiele, die ethnische und soziale Herkunft, oder auch das Geschlecht nach wie vor von eminenter Bedeutung sind. Doch können diese systemfremden Selektionskriterien die funktionsspezifischen eben nicht mehr ersetzen. So mag es zwar richtig sein, dass Ausländer, Frauen oder »sozial Schwache« in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen erheblich benachteiligt sind. Doch wird andererseits auch, um im skizzierten Bilde zu bleiben, der wohlhabende Sohn aus gutem Hause in aller Regel nur dann Professor oder Flugzeugkonstrukteur (und nicht einfach Privatier), wenn er die hierfür erforderlichen Qualifikationen und Leistungsnachweise vorweisen kann und insofern die funktionsspezifischen Selektionskriterien einigermaßen erfüllt. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 132 Seine semantische Entsprechung findet diese allgemeine Prekarisierung sozialer Inklusion paradoxerweise in den Bürger- beziehungsweise Menschenrechten, die im 18. Jahrhundert aufkamen und seitdem vollmundig individuelle Freiheit und Gleichheit verheißen. Denn wie Luhmann zu Recht betont, bedeutet Gleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft mitnichten das faktische Fehlen oder auch nur die geringere Ausprägung sozialer Ungleichheit, sondern lediglich das rein formale Fehlen ständisch-feudaler, das heißt auf askriptiven Merkmalen beruhender Diskriminierung. Die einzelnen Individuen gleichen sich demnach allenfalls in der theoretischen Unvorhersehbarkeit ihrer aus den verschiedenen Teilsysteminklusionen formierten Gesamtmuster der Inklusion, wobei auch hier zu sehen sein wird, dass die realen Ungleichheiten in der sozialen Praxis aus ökonomischen Gründen sehr viel deutlicher ausfallen, als Luhmann dies in seiner Theorie modelliert hat. Und formale Freiheit wiederum bedeutet zunächst einmal nicht viel mehr, als dass infolge des Wegfalls ständischer Inklusionsautomatismen nunmehr aktive Entscheidungen für den kommunikativen Einbezug in die Teilsysteme der Gesellschaft notwendig geworden sind.343 So betrachtet werden die bürgerlichen Zentralbegriffe der Gleichheit und insbesondere der Freiheit und Autonomie in der modernen Gesellschaft üblicherweise stark idealisiert dargestellt,344 wodurch kaschiert wird, dass den Individuen ohnehin keine andere Wahl bleibt, als die ansonsten ausbleibende soziale Inklusion durch die mehr oder weniger »selbstbestimmte« Kontaktaufnahme mit den einzelnen Funktionssystemen zu bewirken.345 Aus dem Fehlen einer eindeutigen, für alle Teilsysteme der Gesellschaft gleichermaßen geltenden Inklusionsregel (wie eben das Recht der Geburt in vormodernen Gesellschaften) und aus dem Umstand, dass die Individuen aus einsichtigen Gründen ohnehin keinem einzelnen der inzwischen 343 Vgl. Luhmann 2008b, S. 232f. 344 Ein Vorwurf, der in ähnlicher Form schon in den viel früheren Bemerkungen von Karl Marx zur doppelten Freiheit des Lohnarbeiters enthalten ist. Dessen Freiheit besteht in der bürgerlichen Gesellschaft bekanntlich nicht allein in der formellen Verfügungsgewalt über die eigene Person und Arbeitskraft, sondern mindestens ebenso sehr in seiner »Freiheit« von jeglichen Produktionsmitteln, die ihm de facto gar nichts anderes zu tun lässt, als sich auf dem Arbeitsmarkt meistbietend zu verdingen. Die bürgerliche Idealisierung der Freiheit erscheint ohne die Dekommodifizierung der Arbeit somit als einigermaßen fadenscheinige Eskamotage, welche die für den Kapitalismus konstitutiven ökonomisch bedingten Macht- und Herrschaftsdifferentiale zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen verschleiert. Vgl. Marx 1984, S. 183. 345 Vgl. Luhmann 1980, S. 31; ders.: »Die gesellschaftliche Differenzierung und das Individuum«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, 3. Aufl., Wiesbaden 2008a, S. 121–136, hier S. 131f.; vgl. Farzin 2006, S. 30. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 133 hochspezialisierten Teilsysteme mehr exklusiv zugeordnet werden können – denn wie sollte man zum Beispiel ausschließlich im Kunst- oder Wissenschaftssystem existieren können? –, resultiert eine fundamentale »[…] gesellschaftlich[e] Ortlosigkeit des einzelnen, ein[e] sozial[e] Unterdeterminierung dessen, was das Individuum als Einheit im Wortsinn ausmacht.«346 Denn an die Stelle der exklusiven Inklusion der ganzen Person in ein und nur ein qua Geburt festgelegtes Teilsystem der Gesellschaft (ein bestimmtes Segment, eine Kaste, ein Stand usw.) treten unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung nunmehr vielfältige, aber jeweils nur partiale Inklusionen in die verschiedenen Funktionssysteme. Und die damit verbundene Ausdifferenzierung spezialisierter Rollen sowie an die jeweiligen Funktionszusammenhänge gebundener Verhaltensanforderungen und -erwartungen verhindert, dass Personen weiterhin als Ganze adressiert werden können. Diese Entwicklung hat signifikante Verschiebungen der Individualitätssemantik zur Folge, auf die zum Beispiel Sina Farzin hinweist. So konstituiert sich die spezifische Individualität einer Person in der Moderne eben gerade nicht mehr durch die singuläre Zuordnung zu einem bestimmten Teilsystem (wie dies etwa bei einem Mitglied des mittelalterlichen Kriegeradels noch der Fall war), sondern durch die je besondere und einzigartige Kombination vielfältiger Partialinklusionen – am Arbeitsplatz, im Kirchenchor, im Sportverein, im Freundeskreis usw. –, die sich in einer Person bündeln. Die Konstruktion der Einheit des Individuums erfolgt demnach nicht mehr wie früher innerhalb, sondern außerhalb der gesellschaftlichen Teilsysteme (eine gewisse Ausnahme bilden allenfalls familiale beziehungsweise Intimbeziehungen), sodass man mit Blick auf das fragmentierte Individuum sozusagen von einer »Exklusionsindividualität«347 beziehungsweise, mit den Worten des Luhmann-Schülers Peter Fuchs, von einem kommunikativ ausgearbeiteten, mehr oder minder spezifischen »Inklusions/Exklusions-Profil«348 sprechen kann. Von zentraler Bedeutung ist für Luhmann nun die Annahme, dass die Ausdifferenzierung der Teilsysteme der Gesellschaft im Verlauf der Moderne von der prinzipiellen Öffnung sämtlicher Funktionskontexte für alle Teilnehmer des gesellschaftlichen Lebens begleitet wird.349 Denn anders als in stratifizierten Gesellschaften wäre es für die funktionsrational operierenden (das heißt primär auf das vorliegende Bezugsproblem konzentrierten und nur in Bezug auf dieses, also sekundär, an der spezi- 346 Farzin 2006, S. 27. 347 Vgl. ebd., S. 28f. 348 Peter Fuchs: »Die Adressabilität als Grundbegriff der Systemtheorie«, in: Soziale Systeme, 3/1997, S. 57–80, hier S. 65. 349 Vgl. Niklas Luhmann: »Evolution und Geschichte«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, 6. Aufl., Wiesbaden 2009c, S. 187–211, hier S. 200f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 134 fischen Subjektivität der mit ihm befassten Personen interessierten) Subsysteme der modernen Gesellschaft augenscheinlich nicht mehr sinnvoll, die einer Person qua Geburt willkürlich zugeschriebenen Merkmale wie etwa »Qualität« oder »Würde« weiterhin als Selektionsgrundlage zu gebrauchen.350 Für die kommerzialisierte Wirtschaft der Gesellschaft spielt es zum Beispiel überhaupt keine Rolle, ob das Geld, das eine Zahlung leistet, aus der Tasche eines Adeligen oder eines Bürgers stammt – ein Umstand übrigens, der für den Zerfall der Ständegesellschaft, den Aufstieg des Bürgertums und die damit verbundenen semantischen Umstellungen unter dem erwähnten Gesichtspunkt der formalen Egalität von mindestens ebenso großer Bedeutung sein dürfte, wie die komplementären Anstrengungen der politischen Philosophie. Ebenso ist es, um ein weiteres Beispiel zu nennen, für das allein auf die Differenz von Recht und Unrecht fokussierte moderne Rechtssystem in funktionaler Hinsicht irrelevant, wer den Anlass zu entsprechenden Verfahren liefert – zumindest idealiter ist Justitia blind. In diesem Lichte ist es zu verstehen, wenn Luhmann postuliert, dass die Funktionssysteme der Gesellschaft unter Berücksichtigung ihrer je eigenen, funktionsspezifischen Bedingungen zumindest im Prinzip auf die Inklusion der Gesamtbevölkerung angelegt seien und demzufolge jeder einen religiösen Glauben wählen oder es lassen könne, sich theoretisch jeder an der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis beteiligen könne und auch jeder »Anspruch auf ein Minimum an Sozialleistungen, Krankenpflege und ordnungsgemäße Beerdigung habe.«351 An solchen und ähnlichen Formulierungen wird auch offenbar, wie sehr bei Luhmann analytische und normative Überlegungen ineinander übergehen, impliziert doch die bloße Umstellung von askriptiven auf funktionsspezifische Merkmale bei der Diskriminierung der zu inkludierenden oder exkludierenden Individuen für sich genommen längst noch keine Inklusionsgarantie, geschweige denn einen »Anspruch« auf soziale Inklusion. Realisiert werde die potentielle Allinklusion der Gesamtbevölkerung durch die systematische Ausdifferenzierung von Komplementär- beziehungsweise Publikumsrollen, die in funktional differenzierten Gesellschaften zu den bereits in der Vormoderne bekannten Leistungsrollen hinzugetreten sind.352 Während diese dadurch charakterisiert sind, dass die sie ausübenden Personen – Ärzte, Leistungssportler, Wissenschaftler, Geistliche usw. – bestimmte, für das jeweilige Funktionssystem konstitutive Leistungen erbringen, ermöglichen jene auch den übrigen Personen, die nicht über Leistungsrollen am Systemgeschehen partizipieren, 350 Vgl. Baraldi u. a. 1999, S. 80. 351 Luhmann 1998, S. 625. 352 Vgl. Farzin 2006, S. 46. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 135 als Leistungsabnehmer und/oder Beobachter inkludiert zu werden.353 Paradigmatische Komplementär- beziehungsweise Publikumsrollen sind etwa die des Patienten, Schülers oder Studenten im Gesundheits- und Erziehungssystem, des Zuschauers bei Sportveranstaltungen, des religiösen Laien oder auch des Wählers in demokratischen Systemen. Darüber hinaus treten zu diesen teilsystemspezifischen Komplementärrollen in modernen Wohlfahrtsstaaten vielfach noch besondere, mehr oder weniger systematisierte Angebote der Sozialhilfe hinzu, um in prekären Fällen »[…] Zurückbleibenden ein Aufholen zu ermöglichen.«354 Dabei war Luhmann allerdings bis zuletzt unentschieden, ob es sich bei diesen sozialstaatlichen Angeboten insgesamt bereits um ein neu ausdifferenziertes, gewissermaßen als subsidiärer Inklusionsvermittler fungierendes Teilsystem der Gesellschaft handelt, wie beispielsweise Dirk Baecker meint,355 oder eher um relativ weitverstreute, mal mehr mal weniger effektive Bemühungen auf der Ebene von Interaktionen und Organisationen.356 Doch fest steht jedenfalls, dass erst die umfassende Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von Komplementär- und Publikumsrollen die wenigstens potentielle Inklusion der Gesamtbevölkerung überhaupt in den Bereich des Möglichen rückt, weil angesichts der schieren Zahlenverhältnisse nur auf dieser Basis denkbar und realisierbar ist, dass tatsächlich alle Gesellschaftsmitglieder auf die eine oder andere Art an den verschiedenen Funktionssystemen teilnehmen können.357 Dabei gilt es allerdings im Auge zu behalten, dass das solchermaßen dualisierte Schema der sozialen Inklusion in verschiedenster Hinsicht beträchtliche Ungleichheiten impliziert. Denn so bestehen im Hinblick auf den persönlichen Einfluss, das Sozialprestige und materielle Vorteile nicht nur zwischen den Trägern der verschiedenen Leistungsrollen teils erhebliche Differenzen, etwa zwischen Ärzten und Arzthelferinnen, Bühnentischlern und Intendanten oder Arbeitern und Kapitalgebern. Auch das Verhältnis zwischen Leistungs- und Komplementärrollen ist oftmals ausgesprochen asymmetrisch strukturiert (so zum Beispiel zwischen Regierung und Wahlvolk, religiösen Führern und Laien oder, mit umgekehrtem Vorzei- 353 Vgl. Rudolf Stichweh: »Inklusion in Funktionssysteme der modernen Gesellschaft«, in: Renate Mayntz u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 261–293, hier S. 262ff.; ders.: »Leitgesichtspunkte einer Soziologie der Inklusion und Exklusion«, in: ders., Paul Windolf (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 29–42, hier S. 31f. 354 Luhmann 1998, S. 626. 355 Vgl. Dirk Baecker: »Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft«, in: Zeitschrift für Soziologie, 23/1994, S. 93–110. 356 Vgl. Luhmann 1998, S. 633. 357 Vgl. Stichweh 2009, S. 32. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 136 chen, zwischen Hauspersonal und Hausherren oder Prostituierten und Kunden), sodass die Frage, wer wann welche Leistungs- beziehungsweise Komplementärrollen einzunehmen imstande respektive gezwungen ist, offensichtlich von größter gesellschaftspolitischer wie gerechtigkeitsethischer Bedeutung ist. Die potentielle Allinklusion der Bevölkerung geht also keineswegs mit dem Verschwinden von sozialen Ungleichheiten und Ausgrenzungsprozessen einher. Im Gegenteil produziert gerade die moderne Gesellschaft zum Teil extrem divergente Lebens- und Teilhabechancen, und zwar insbesondere dann, wenn die einzelnen Funktionssysteme, namentlich das Erziehungs- und Wirtschaftssystem, streng funktionsrational operieren. Denn vor allem die genannten Systeme nutzen bereits kleinste feststellbare (oder wenigstens imaginierte) »Qualitätsunterschiede« der Subjekte wie der äußeren Bedingungen – zum Beispiel der kindlichen Begabung, der Disziplin, der Bereitschaft zur Subordination, der individuellen Leistungsfähigkeit, der Kreditwürdigkeit, des Standortvorteils etc. –, um sie für das unentwegte Streben nach Optimalität und Fortschritt fruchtbar zu machen.358 Dabei generieren sie naturgemäß – sozusagen als unvermeidliche Kehrseite der Medaille – für all jene Menschen, die den Systemanforderungen nicht genügen, systematisch ungünstige, nicht selten verhängnisvolle und sich zudem selbstverstärkende Selektionseffekte. Legitimatorisch stehen die daraus resultierenden sozialen Ungleichheiten und Marginalisierungen allerdings unter mehreren Bedingungen. Zunächst einmal dürfen sie, wie oben schon erwähnt, ausschließlich auf die operativen Funktionsrationalitäten der Subsysteme zurückzuführen sein, und nicht etwa auf askriptive Merkmale der Personen. Hinzu kommen nach Luhmann aber noch zwei weitere normative Prämissen: So sind zum einen auch funktionsrational begründete Ungleichheiten »von der Semantik der Gesellschaft her«359 nur dann irgendwie tolerabel, wenn sie aufgrund ihrer raschen Veränderlichkeit als lediglich temporär betrachtet werden können. Das heißt beispielsweise, dass großer Reichtum ebenso wie Armut nicht etwa Reichtum oder Armut für alle Zeiten bedeuten und politische Macht nicht ewig dauern darf. Und zum anderen sollten die Ungleichheiten auf die einzelnen Funktionsbereiche beschränkt bleiben. Daher müsse es wirkungsvolle Interdependenzunterbrechungen zwischen den verschiedenen Teilsystemen geben, die zum Beispiel verhinderten, dass sich ökonomisches Kapital quasi automatisch in politische Macht, das Geliebtwerden der Vermögenden oder die Entwicklung feinsinnigen Kunstverstandes übersetzen lässt. Überraschenderweise behauptet Luhmann nun, dass sich beides, das heißt die Temporalisierung ungleicher Lebenschancen ebenso wie effektive Interdependenzunter- 358 Vgl. Luhmann 1998, S. 774. 359 Luhmann 2008b, S. 234. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 137 brechungen zwischen den Systemen, in der modernen Gesellschaft tatsächlich »in erstaunlichem Umfang hat einrichten lassen.«360 Es handele sich also keineswegs nur um legitimatorische Leerformeln, welche die Bevölkerung mit der erheblichen Disparität der Lebensverhältnisse versöhnen und die querziehenden, korrumpierenden Tendenzen namentlich des Geldes überblenden sollen.361 Doch es ist offensichtlich, dass Luhmann mit dieser schwerlich aufrechtzuerhaltenden Behauptung in offenen Widerspruch zur diesbezüglich sehr umfangreichen empirischen Sozialforschung gerät, welche die zeitliche (in manchen Fällen viele Generationen übergreifende) Verfestigung sowie intersystemische »Infekti- ösität« sozioökonomischer Ungleichheit eindrücklich belegt. Schwerer noch als die Fortexistenz und weitere Zunahme sozialer Ungleichheit wiegt für Luhmann allerdings der im ersten Kapitel geschilderte Umstand, dass die funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft das postulierte demokratische Ideal der vollständigen Inklusion der Bevölkerung nicht realisiert.362 Zwar trifft es zu, dass die ständischfeudalen Diskriminierungen der Vormoderne heute überwunden sind. Doch stellen nunmehr die modernen Funktionssysteme entsprechend ihrer jeweiligen Operationslogiken faktisch kaum weniger rigide Zugangsvoraussetzungen auf, welche die subjektiven Partizipationschancen begrenzen und wiederum gerade dann, wenn die Funktionssysteme rational verfahren, automatisch dazu führen, dass bestimmte Personengruppen systematisch exkludiert werden. So ist es beispielsweise richtig, dass sich im Prinzip jeder am wirtschaftlichen Leben der modernen Konsumgesellschaft beteiligen darf – doch kann dies in der Praxis nur, wer über das nötige Geld dazu verfügt. Ebenso steht es heute jedem frei, zu heiraten und eine Familie zu gründen – doch auch dies gelingt faktisch nur dem, der einen anderen dazu verführen und zudem mit dem Ergebnis leben kann. Und am Erziehungssystem nimmt dank allgemeiner Schulpflicht formal gesehen zwar jeder teil – doch ob dabei wirklich etwas »Brauchbares für den Lebenslauf«363 herauskommt oder bloß flüchtige 360 Ebd., S. 234f. 361 In diesen Kontext gehört zum Beispiel auch der sogenannte American Dream, also der Glaube, dass es ein jeder, sofern er nur wirklich will und hart dafür arbeitet, vom »Tellerwäscher zum Millionär« bringen kann. Die Lebenswirklichkeit in den USA wie auch in Europa zeigt, dass sich dieses Wunschdenken für die allermeisten einfachen Arbeiter und Angestellten niemals realisiert, ganz gleich, wieviel und hart sie dafür schuften. Der American Dream bleibt für sie ein blo- ßer Traum. Doch immerhin gelingt es gerade so vielen, dass sich der Mythos erhält und seinen Beitrag zur ideologischen Stabilisierung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung leisten kann. 362 Vgl. Luhmann 1996a, S. 228. 363 Matthias von Saldern: »Erziehungssystem«, in: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie Niklas TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 138 Irritationen erzeugt werden, hängt schließlich auch von individuellen Voraussetzungen wie der persönlichen Erziehungsfähigkeit ab. Insofern darf das postulierte Ideal der eben nur potentiellen Totalinklusion der Bevölkerung nicht über die Faktizität tatsächlich massenhaft vorkommender Exklusionen hinwegtäuschen, die anders als in vormodernen Gesellschaften nicht mehr zufällig oder impulsiv erfolgen, sondern im Gegenteil auf die spezifischen Eigenrationalitäten der Systeme zurückzuführen und insofern als systematisches Resultat der modernen Lebensweise zu betrachten sind. Die Konsequenzen dieses in sozialer Hinsicht schon für sich genommen äußerst problematischen Sachverhaltes werden durch das Ineinandergreifen zweier weiterer Faktoren zusätzlich verschärft. Zum ersten kann die Exklusion aus einem der gesellschaftlichen Teilsysteme in der modernen Gesellschaft nicht mehr einfach durch Aufnahme oder Übersiedeln in ein anderes (zum Beispiel in einen anderen Clan oder Stamm) kompensiert werden, wie dies in segmentären und auch stratifizierten Gesellschaften prinzipiell noch möglich war. Denn wie gesehen, ist es unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung überhaupt nicht mehr vorgesehen oder möglich, dass Individuen, wenn nicht dem einen, dann eben einem anderen Teilsystem – das heißt nur der Wirtschaft oder nur der Religion oder nur dem Recht usw. – als Personen exklusiv angehören.364 Deshalb kann es a priori auch keine sozialen Auffangmechanismen mehr geben, die sich als natürliche Alternative zur Exklusion aus der sozialstrukturellen Verfasstheit der modernen Gesellschaft gewissermaßen von selbst anbieten würden. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die nachträgliche Schaffung umfassender wohlfahrtstaatlicher Sicherungseinrichtungen für all jene, deren Bemühungen um Teilhabe an der Gesellschaft (aus welchen kontingenten Gründen auch immer) misslingen, jedenfalls dann unverzichtbar ist, wenn die bürgerlichen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Solidarität irgendeine lebenspraktische Bedeutung haben sollen. Deutlich wird umgekehrt aber auch, dass sich der Wohlfahrtsstaat als sekundärer Inklusionsagent zu seiner Begründung letztlich nur auf politisch-normative (und insofern »weiche«) Argumente stützen kann, da die Gesellschaft jener Menschen, die sie aus systemrationalen Gründen soeben ausgeschlossen hat, ganz offensichtlich nicht bedarf. Es existiert also jenseits der Moral keinerlei funktionale Notwendigkeit, sich der Exkludierten wirklich anzunehmen.365 Erschwerend kommt zweitens hinzu, dass die Ausschließung aus einem der Funktionssysteme trotz ihrer formalen Unabhängigkeit mit relativ Luhmanns, Wiesbaden 2005, S. 155–194, hier S. 174. 364 Vgl. Luhmann 2008b, S. 241. 365 Man mag einwenden, dass das potentiell systemsprengende Konfliktpotential, das mit massenhafter Marginalisierung und Exklusion einhergehen kann, aus ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 139 hoher Wahrscheinlichkeit weitere Ausschließungen nach sich zieht.366 So verringern beispielsweise schulische Misserfolge im Erziehungssystem sehr schnell auch die individuellen Erfolgsaussichten im ökonomischen System, was wiederum, vermittelt durch den daraus resultierenden Geldmangel, ein relativ hohes Maß an Indifferenz gegenüber dem Rechtscode legal/illegal produzieren kann. Oder wer – wie z.B. die Sans papiers, wie man die vielen »illegalen« Einwanderer in Westeuropa nennt – über keinen Ausweis beziehungsweise keine gültige Aufenthaltsbewilligung verfügt, der kann auch nicht wählen, sein Kind zur Schule anmelden oder die Leistungen des Rechts- und Gesundheitssystems regulär in Anspruch nehmen.367 Das funktionsrationale Operieren der einzelnen Teilsysteme erzeugt also an deren Rändern Exklusionseffekte, die sich wechselseitig verstärken und zu fatalen, häufig nur schwer umkehrbaren Exklusionskaskaden auswachsen können, durch welche dann relevante Teile der Bevölkerung, die nicht selten auch wohnräumlich separiert und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden, von der normalen Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden.368 Allerdings sind an dieser Stelle einige präzisierende Bemerkungen zur Erläuterung der spezifischen Form sozialer Exklusion geboten. Weiter oben habe ich soziale Inklusion mit Luhmann als personalen Einbezug in die kommunikativen Prozesse der funktional differenzierten Gesellschaft definiert. Sozial inkludiert ist nach dieser ersten, abstrakten Fassung des Begriffs also zunächst einmal jeder, der in den operativen Vollzügen der verschiedenen Subsysteme als relevante Person betrachtet und insofern kommunikativ berücksichtigt wird. Exklusion bezeichnet demnach umgekehrt »eine Lage struktureller Irrelevanz«,369 in der es auf die Betroffenen – zumindest innerhalb des durch das dichte Geflecht aus institutionalisierten Verhaltenserwartungen vorstrukturierten Bezugsrahmens sozialer Normalität – gesellschaftlich nicht mehr anzukommen scheint. Hierzu ist zunächst anzumerken, dass Exklusion in der modernen Gesellschaft aus legitimatorischen Gründen nur noch re- Sicht des Gesamtsystems durchaus als zweckrationales Motiv für wohlfahrtsstaatliche Re-Inklusionsmaßnahmen betrachtet werden kann. Und tatsächlich hat dieses Argument in der Geschichte des modernen Wohlfahrtsstaates eine wichtige Rolle gespielt (man denke nur an die Bismarcksche Sozialgesetzgebung). Doch erstens reichen diese auf utilitaristische Weise begründeten Maßnahmen nur genau so weit, wie es für die Aufrechterhaltung des Status quo – und nicht etwa für ein gedeihliches Leben der Benachteiligten – unerlässlich erscheint, und zweitens gibt es probate Alternativen, zu denen namentlich die historisch vielfach »bewährte« und nach wie vor verbreitete gewaltsame Repression gehört. 366 Vgl. Luhmann 2008b, S. 242. 367 Vgl. ebd. 368 Vgl. ders. 1998, S. 630f. 369 Opitz 2008, S. 175. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 140 lativ selten die Form einer expliziten Ausschließung (wie zum Beispiel einer Verbannung) annimmt, und falls doch, zumeist mit der korrektiven Einschließung in ein anderes, häufig eigens darauf spezialisiertes Sozialsystem verbunden wird. So darf etwa der Schulausschluss eines renitenten Kindes nur in Form der Überweisung an eine andere Erziehungseinrichtung erfolgen, während gerichtlich bescheinigte Unmündigkeit in die Psychiatrie und die Verurteilung als Straftäter (zumindest in schweren Fällen) ins Gefängnis führt. Doch im Normalfall vollzieht sich soziale Exklusion vielmehr als sozusagen lautloses und »negationsfreies Geschehen« (Stichweh), das heißt als schleichender, von niemandem ausdrücklich intendierter Prozess der zunehmenden Nicht-Adressierung in den kommunikativen Vollzügen der Funktionssysteme. Denn diese verfügen – ausgenommen vielleicht das politische System mit seinen Melderegistern und Wählerlisten – in der Regel weder über geeignete Such- und Inklusionsmechanismen, um marginalisierte Individuen ausfindig zu machen und kommunikativ einzubeziehen,370 noch über die entsprechende Motivation für ein derartiges (unter Umständen aufwendiges) Prozedere. Warum auch sollte zum Beispiel das ökonomische System nach Personen »fahnden«, die augenscheinlich weder etwas anzubieten haben, das auf den Märkten von Interesse sein könnte, noch über Geld verfügen, um sich als zahlungskräftige Konsumenten am wirtschaftlichen Geschehen aktiv zu beteiligen? Dieses Desinteresse der Systeme an funktional betrachtet schlicht überflüssigen Subjekten führt dazu, dass die Betroffenen Gefahr laufen, allmählich »unsichtbar« zu werden und so ganz einfach vom Monitor jedenfalls der Mainstreamgesellschaft zu verschwinden, und zwar ohne dass dies von der Allgemeinheit groß zur Kenntnis genommen würde oder rückblickend eindeutig zu bestimmen wäre, an welchem genauen Punkt die Anbindung an das normale Leben der Gesellschaft eigentlich gerissen ist.371 Doch noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt ist hinzuweisen. Wenn man soziale Inklusion als Einbezug in die Kommunikation der Gesellschaft definiert, so wird schon nach kurzer Überlegung klar, dass Exklusion im strengen Sinne, das heißt als vollständiger Ausschluss aus jedweder sozialen Beziehung, in der gesellschaftlichen Praxis so gut wie nicht 370 Zu den spezifischen Formen sozialer Exklusion als Spezialfall sozialer Ungleichheit siehe Rudolf Stichweh: »Zum Verhältnis von Differenzierungstheorie und Ungleichheitsforschung«, Working Paper des Instituts für Weltgesellschaft an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld, Bielefeld 2002. 371 Die Unmöglichkeit, die Grenze zwischen dem In- und Exklusionsbereich genau zu bestimmen, entspricht den analogen Problemen bei der exakten Definition der monetären Armutsgrenze. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 141 vorkommt.372 Denn natürlich wird, um ein Beispiel zu nennen, auch mit Bettlern, die in den innerstädtischen Einkaufsmeilen auf die Benevolenz der Passanten hoffen, nach wie vor kommuniziert – und sei es über das Ordnungsamt, das sie zu vertreiben sucht, damit die »Shoppinglaune« der zahlenden Kundschaft nicht verdorben wird. Auch die Millionen von Müllsammlern, die (längst nicht mehr nur in den Ländern der Peripherie) die Hinterlassenschaften der globalisierten Konsumgesellschaft nach wiederverwertbarem Material durchwühlen, bilden nicht nur für sich selbst eine mehr oder weniger differenzierte Sozialordnung, sondern sind, wie marginal und depriviert auch immer, in die Weltwirtschaft involviert. Und erst recht finden sich die argwöhnisch kontrollierten Empfänger staatlicher Sozialleistungen in einem dichten Netz aus Aktivierungs- und Disziplinarmaßnahmen gefangen, das zumindest in dieser Hinsicht eher ein Zuviel als Zuwenig an kommunikativer Berücksichtigung anzeigt. Was diese und ähnlich gelagerte Beispiele nahelegen ist also, dass soziale Exklusion (und zwar nicht nur im erwähnten Sonderfall der einschließenden Ausschließung wie einer Inhaftierung oder Zwangseinweisung in die Psychiatrie) in der Moderne primär als innergesellschaftliches Phänomen zu denken ist, in der es somit nicht um den Ausschluss aus jedweder Sozialität, sondern vielmehr um den unfreiwilligen, den Analyserahmen bloßer Lebensstildifferenzen sprengenden Ausschluss aus der sozialen Normalität geht. Hervorzuheben ist dabei, dass sich dieses Phänomen innergesellschaftlicher Exklusion keineswegs nur als Ausdruck sozialer Zerfallsprozesse deuten lässt. Denn auch wenn der Ausschluss breiter Schichten zwangsläufig wachsenden Widerstand erzeugt und im Extremfall sehr wohl zu einer fundamentalen Destabilisierung der hegemonialen Gesellschaftsordnung führen kann, entfaltet er, zumindest bis zu einer gewissen Schwelle, durchaus auch systemstabilisierende Ordnungseffekte, da sich, wenn schon nicht die Gesellschaft als Ganze (die sich als umfassendes Sozialsystem durch die Grenzen der überhaupt möglichen Kommunikationen definiert)373, so doch die »gute Gesellschaft«, die sich dem modernen Pluralismus der Milieus und Lebensstile zum Trotz doch von einem gewissen intuitiven Grundkonsens getragen weiß, gerade durch den konstitutiven Ausschluss funktional wie normativ entwerteter Seinsund Lebensweisen ihrer eigenen Identität versichert.374 So lassen sich, ins 372 Vollständig exkludiert wäre man so verstanden allenfalls in extremen Ausnahmesituationen, etwa als allein auf einer unbewohnten Insel gestrandeter Überlebender eines Schiffbruchs. 373 »[…] denn alles, was Kommunikation ist, ist Gesellschaft.« Luhmann 1984, S. 555. 374 Man denke hier nur etwa an die oben dargestellte Ideologie der Leistungs- beziehungsweise Arbeitsgesellschaft, welche über die sozialen Milieu- und Schichtgrenzen hinweg hochgradig differente Bevölkerungsgruppen durch die gemeinsame TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 142 Schema funktionaler Differenzierung übertragen, für praktisch alle Teilsysteme der Gesellschaft negativ markierte »Exklusionsfiguren«375 finden, die das jeweils Andere der Systeme repräsentieren und gerade durch ihre sichtbare Devaluierung zur Stabilität der systeminternen Prozesse beitragen. Exemplarisch wären etwa der Ungläubige (Religionssystem), der Verbrecher (Rechtssystem), der adipöse Raucher (Gesundheitssystem), der Unvernünftige (Wissenschaftssystem), der Schulabbrecher (Bildungssystem) oder der Arme (Wirtschaftssystem) zu nennen, wobei sich die dominante Stellung des ökonomischen Systems interessanterweise auch hier wieder ex negativo daran zeigt, dass der Arme, das heißt der ökonomisch Ausgeschlossene, wie keine andere der Exklusionsfiguren auch die ausgrenzenden Attribuierungen der anderen, nicht-wirtschaftlichen Teilsysteme (kriminell, suchtgefährdet, ungebildet usw.) in besonderem Maße auf sich zieht. Was jedoch für alle diese Schattenwesen, die die Randbereiche des Sozialen bevölkern, gleichermaßen gilt, ist jedenfalls, dass sie den geltenden Erwartungsstrukturen der Gesellschaft nicht (mehr) zu entsprechen vermögen und infolgedessen auch nicht als zuverlässig mitwirkungsrelevante Personen Berücksichtigung finden. In eben diesem Sinne, der auf die normierende und insofern ordnungsstiftende Paradoxie einer »internen Exteriorität«376 verweist, sind sie exkludiert.377 Entwertung und Ausgrenzung der »Faulen« (oder jedenfalls derer, die man der Faulheit bezichtigt) vereint. 375 Opitz 2008, S. 189. 376 Ebd., S. 182. 377 Diese paradoxe Fassung des Exklusionsbegriffs im Sinne einer »internen Exteriorität« weist im Übrigen auffallende Parallelen zu Amartya Sens gleichfalls paradoxen Konzeption eines absoluten Kerns relativer Armut auf. Genauso wenig wie der Begriff der sozialen Exklusion in seiner individuellen Tragweite dadurch zu relativieren ist, dass man auf die meist nach wie vor bestehende Inklusion in residuale Kommunikationen, zum Beispiel zwischen Häftling und Gefängnispersonal, verweist, genauso wenig sollte nach Sen relative Armut in westlichen Wohlstandsgesellschaften dadurch verharmlost werden, dass man sie als bloße Ungleichheit, als lediglich statistische Abweichung vom Mittelwert auf einem angeblich noch immer komfortablem Niveau abtut. Denn so räumt Sen zwar ein, dass die Standards für ein Leben im Wohlergehen historisch und kulturell variieren und insofern relativ sind mit der Folge, dass an einem Ort als Armut gilt, was an einem anderen vielleicht als Wohlstand angesehen wird. Doch lebt der Mensch nun einmal hier und jetzt, weshalb er sich an den geltenden Normalitätsvorstellungen der eigenen Gesellschaft und Epoche orientiert und orientieren muss. So wäre beispielsweise eine Person, die lesen und schreiben kann, im europäischen Mittelalter noch als reich an Bildung angesehen worden, während dieselbe Person heute, so sie darüber hinaus nichts gelernt hätte, als ausgesprochen ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 143 c) Zusammenfassung und Kritik Was man also von Niklas Luhmanns Systemtheorie der In- und Exklusion vor allem lernen kann, ist, dass die nach wie vor verbreitete Vorstellung, die im 1. Kapitel beschriebene soziale Ausschließung wachsender Bevölkerungsteile und die damit einhergehende Spaltung der Gesellschaft wäre auf sozusagen akzidentelle Ursachen zurückzuführen und insofern nicht schon in der strukturellen Verfasstheit der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft prädisponiert, unzutreffend ist und den wahren Sachverhalt verharmlost. Natürlich können auch Faktoren wie etwa jahrelange Misswirtschaft seitens der politischen und ökonomischen Eliten, konjunkturelle Schwächephasen und in manchen Fällen vielleicht auch persönlich zurechenbares Fehlverhalten eine wichtige Rolle spielen, doch in aller Regel nur als potentielle Auslöser oder Verstärker gesellschaftlicher Exklusionsprozesse und nicht als deren eigentliche Ursache. So versteht es sich beispielsweise keineswegs von selbst, dass wirtschaftliche Krisen, wie schwer sie auch sein mögen, automatisch zu sozialer Ausgrenzung führen. Stattdessen könnten schließlich auch die verbleibenden Ressourcen gleichmäßig(er) verteilt werden – zumal wenn die nach wie vor vorhandenen Verteilungsspielräume, wie es in den westlichen Gesellschaften ersichtlich der Fall ist, jedes historisch bekannte Maß bei weitem übersteigen378 –, sodass zwar der allgemeine ungebildet gälte. Sie hätte auf dem modernen Arbeitsmarkt, verglichen mit anderen Personen, die zum Beispiel eine Berufsausbildung vorzuweisen haben, nicht einfach schlechtere Chancen (das wäre beschönigend), sondern sehr wahrscheinlich überhaupt keine, sodass sie in dieser elementaren Verwirklichungsdimension der Bildung nicht nur in einem relativen, sondern in einem absoluten Sinn als arm zu betrachten wäre. Sens Argumentation läuft also darauf hinaus, dass zwar die Mittel, die zu einer den sozialen Standards entsprechenden Realisierung basaler Verwirklichungschancen vonnöten sind – zum Beispiel eben um eine den gesellschaftlichen Anforderungen genügende (Aus-)Bildung genießen zu können; sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen zu können; sich frei bewegen zu können; vermeidbare Krankheiten vermeiden zu können usw. –, an Art und Umfang durchaus relativ sein mögen, ihr relativer Mangel jedoch im Hinblick auf die jeweilige Verwirklichungschance zu einem absoluten Scheitern führen kann. Dies ist der gedankliche Hintergrund, vor dem Sen von einem »irreducible absolutist core in the idea of poverty« spricht. Siehe hierzu Sen 1984, S. 332f. 378 Wenn zum Beispiel in den USA, Griechenland oder Spanien Hunderttausende von Menschen im Zuge der Schuldenkrise obdachlos geworden sind, weil sie ihre Kredite oder Mieten nicht mehr bezahlen konnten, und in öffentlichen Einrichtungen, Zelten oder unter Brücken hausen, so ist dies offensichtlich keinerlei substantiellem Mangel geschuldet, sondern ein reines Verteilungsproblem – die zwangsgeräumten Häuser und Wohnungen sind schließlich immer noch vorhanden und stehen einfach leer. Um die Größenordnung dieser bei Lichte betrachtet TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 144 Lebensstandard sinken würde, individuelle oder gruppenbezogene Exklusionseffekte jedoch ausblieben. Insofern besteht das eigentliche Problem augenscheinlich weniger in der jeweils aktuellen wirtschaftlichen Situation als vielmehr in den spezifischen Mechanismen, durch welche die sozioökonomischen Partizipationschancen der Individuen reguliert werden und die, wie gesehen, mit der jeweiligen Gesellschaftsstruktur variieren. Da in der modernen Gesellschaft nun erstens das gesellschaftseinheitliche und vergleichsweise zuverlässige Inklusionsprinzip der stabilen sozialen Zugehörigkeit qua Geburt erodiert ist, zweitens die Inklusion der Individuen fortan also von den funktionsrational operierenden und selegierenden Teilsystemen abhängt und drittens zumindest a priori keinerlei Auffangmechanismen mehr existieren, die sich aus der Struktur funktional differenzierter Gesellschaften heraus quasi von selbst anbieten und notfalls vor Exklusion schützen würden, ist Inklusion in der Moderne prinzipiell prekär geworden. Sie steht strukturbedingt immer unter den funktionalen Vorbehalten der Systeme, ergibt sich also keinesfalls von selbst und ist insofern niemals sicher. Exklusion ist dagegen das, was ganz automatisch stattfindet, wenn Inklusion missglückt, wenn also die individuellen Bemühungen um kommunikative Anschlüsse dauerhaft ins Leere laufen und unberücksichtigt bleiben. Da genau dies aber sehr leicht geschehen kann, weil sich die Teilsysteme der Gesellschaft, allen voran die maximierungsbesessene Ökonomie, eben nicht an den allgemeinen Inklusionsbedürfnissen der Menschen, sondern an ihren eigenen, spezifischen Funktionsrationalitäten orientieren,379 an denen zahllose Individuen und sogar ganze Regionen scheitern, ist die moderne, kapitalistische Gesellschaft notwendig durch die Differenz von Inklusion und Exklusion supercodiert. In der Frühphase der Industrialisierung trat dieser Sachverhalt noch ganz offen zutage. Die systembedingte tiefe Spaltung der Gesellschaft zu leugnen hätte angesichts der massenhaften Verelendung der Arbeiter und besonders der subproletarischen Schichten – die von Marx und Engels bezeichnenderweise kaum anders als von den bürgerlichen Ideologen der Arbeit oder der heutigen Boulevardpresse als »Lumpenproletariat«, als »Abfall« oder als »verfaulte Schicht« diffamiert wurden380 – keinen Sinn gehabt. Entsprechend führte sie unter dem im 19. Jahrhundert stetig skandalösen Absurdität zu verdeutlichen: Für die USA nennt Amnesty International die Zahl von insgesamt 3,5 Millionen Obdachlosen, während etwa 18,5 Millionen Häuser leer stehen. Vgl. Tanuka Loha: »Housing: It’s a Wonderful Right«, http://blog.amnestyusa.org/us/housing-its-a-wonderful-right/ (23.03.16). 379 Ausnahmen bilden hier vermutlich nur die Religion sowie die Familien beziehungsweise Intimbeziehungen. 380 Vgl. Marx 1969, S. 183; ders.: »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, in: ders., Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 8 (August 1851 bis März 1853), Berlin 1960, S. 111–207, hier S. 160f.; dies.: »Manifest der kommunistischen ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 145 wachsenden Problemdruck zur Formulierung der Sozialen Frage, die indes bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ungelöst blieb. Tatsächlich ist sie es – global betrachtet ohnehin – bis heute. Doch die eingangs beschriebene, zwar nur drei Jahrzehnte kurze, dafür aber beispiellose Blütephase des wohlfahrtsstaatlich eingehegten Kapitalismus erlaubte es, sie nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest in den reichen Industrienationen für eine Weile zu vergessen und sich den Tagträumen von nivellierten Mittelstandsgesellschaften und immerwährender Prosperität zu überlassen. Als man in den 1980er Jahren dann unter dem Eindruck der sozialen Veränderungen allmählich wieder aufzuwachen begann, rieb man sich überrascht die Augen und sprach angesichts der sich verschlechternden Verhältnisse plötzlich von einer »neuen Armut« und einer »neuen Unterschicht«, obwohl man doch im Grunde besser nur von einer Rückkehr zur strukturbedingten und im Kern bekannten Normalität der kapitalistischen Moderne sprechen sollte. All das lässt sich schon mit Luhmanns Theorie der In- und Exklusion nachzeichnen und verstehen, doch bleibt die so gewonnene Skizze dennoch unvollständig. Denn gleichwohl Luhmann die prinzipielle Prekarität sozialer Inklusion in der Moderne erkennt und ihm auch die selbstverstärkende Dynamik kaskadenförmig verlaufender Exklusionen nicht entgeht, kann er doch gerade diese fatale Exklusionsdynamik mit den Mitteln seiner Theorie nicht erklären.381 Denn wenn es richtig wäre, dass Partei«, in: Karl Marx: Frühe Schriften, Bd. 2, Darmstadt 1971, S. 816–858, hier S. 830. 381 Der einzige Erklärungsversuch, den Luhmann diesbezüglich überhaupt anbietet, ist unbefriedigend. Er geht davon aus, dass die einzelnen Funktionssysteme vor allem in »Ländern im Differenzierungsprozeß«, das heißt in der Peripherie der Moderne, durch personale Netzwerke, wie sie beispielsweise die süditalienischen Mafia ausgebildet hat, überintegriert sind und deshalb ihre operative Geschlossenheit und Autonomie verlieren beziehungsweise gar nicht erst entwickeln können. Wechselseitige Gefälligkeiten und Gunsterweisungen würden ein teilsystemübergreifendes Geflecht aus Nutzfreundschaften stabilisieren, das die je spezifischen Funktionsrationalitäten unterlaufe und quer zu den Systemgrenzen die Kontrolle über In- und Exklusion übernehme. Dieser »in der modernen Welt als ›Korruption‹ beschrieben[e]« Sachverhalt erkläre, warum die In- beziehungsweise Exklusion in einem System quasi automatisch weitere In- beziehungsweise Exklusionen in anderen Systemen nach sich ziehen könnte. Der Preis für diesen Kurzschluss der Systeme sei allerdings, dass funktionssystemspezifische Rationalitätsgewinne verspielt würden. Daher könne man in einem solchen Fall auch nur von einer »mißlungenen Modernisierung« sprechen. Siehe Luhmann 2008b, S. 234–241. Unbefriedigend ist dieser Erklärungsansatz aus folgenden Gründen: Zum einen bezieht er sich auf einen begrenzten Sonderfall und gerade nicht auf die moderne Gesellschaft als solche; seine Erklärkraft ist insofern begrenzt. Zwar spielen »Networking« und Korruption ohne Zweifel auch in den Zentren der Moderne eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch die sozioökonomische TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 146 die von ihm eher postulierten als auf Basis validen empirischen Materials sachlich begründeten Interdependenzunterbrechungen zwischen den Systemen wirklich griffen, wenn die einzelnen Teilsysteme die soziale Inklusion der Individuen also tatsächlich allein auf Grundlage ihrer spezifischen Funktionskriterien autonom regulierten und man folglich eben nicht von der Inklusion in ein System auf die Inklusion in andere schlie- ßen könnte, dann müssten umgekehrt auch Exklusionen unabhängig voneinander verlaufen, das heißt eine Verkettung von Systemausschlüssen eigentlich ausbleiben. Es bliebe insofern rätselhaft, weshalb die Exklusion aus einem Teilsystem die Exklusion aus anderen wahrscheinlich macht, wie Luhmann selbst – zu Recht – behauptet.382 Das Rätsel löst sich jedoch auf, wenn man Luhmanns eigene, später leider nicht mehr weiterverfolgten Andeutungen zur universellen Relevanz des Geldes in der Moderne aus den frühen 1970er Jahren ernst nimmt und in eine sozusagen monetarisierte Theorie der In- und Exklusion systematisch integriert. Dies impliziert, die empirisch überholte These Luhmanns von der operativen Gleichrangigkeit und Geschlossenheit der verschiedenen Teilsysteme partiell aufzugeben und im Anschluss an die oben dargestellten Theorieumbauten Pauls und Schimanks vielmehr davon auszugehen, dass die Vollzüge der modernen Gesellschaft im Allgemeinen sowie die hier interessierenden Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Besonderen maßgeblich von ökonomischen Faktoren beeinflusst werden. Wie schon erwähnt, heißt das zwar ausdrücklich nicht, dass die spezifischen Funktionsrationalitäten der nicht-wirtschaftlichen Systeme von der Wirtschaft gänzlich ausgehebelt würden, wohl aber, dass die Räume, innerhalb derer sie Anwendung finden können, von ökonomischen Imperativen definiert werden. Demgemäß gehe ich hinsichtlich der Mechanismen sozialer In- und Exklusion davon aus, dass das Risiko gesellschaftlicher Ausgrenzung umso größer ist, je geringer die finanziellen Ressourcen eines Menschen sind, während wirtschaftlicher Wohlstand umgekehrt sehr wahrscheinlich auch mit einem vergleichsweise hohen Maß an Sozialintegration einhergeht.383 Dabei sprechen insbesondere zwei unmittelbar einleuchtende Gründe für die Marginalisierung und Exklusion von Millionen auch hier allein auf mangelnde Beziehungen oder persönliche Feindschaften zurückzuführen wäre wenig plausibel. Und zum anderen lässt sich mit dem Geld ein Medium identifizieren, dessen multidimensionale Fungibilität die Querverbindungen zwischen den Systemen – und damit eben auch die systemübergreifende Verkettung von In- und Exklusionen – ohne Rückgriff auf exogene Faktoren aus der Grundstruktur und inneren Funktionslogik der modernen Gesellschaft selbst erklären kann. Eben dies wird im Folgenden erläutert. 382 Vgl. ebd., S. 242; ders. 1996a, S. 228. 383 So auch Christoph Deutschmann: »Geld als universales Inklusionsmedium moderner Gesellschaften«, in: Rudolf Stichweh, Paul Windolf (Hg.): Inklusion und ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 147 Existenz eines so umrissenen Primats der Ökonomie: Erstens sind die direkten Folgen von Marginalisierung oder Exklusion im Fall des ökonomischen Systems schon für sich genommen weitaus gravierender, als dies bei anderen Systemen, zum Beispiel der Wissenschaft oder der Kunst, zu beobachten ist. Und zweitens beeinträchtigen die systemübergreifenden Effekte wirtschaftlicher Ausgrenzung die soziale Partizipation auch in nicht-wirtschaftlichen Systemen in der Regel sehr viel stärker, als dies umgekehrt der Fall ist. Diese Begründungen, die die gesamtgesellschaftliche Suprematie des ökonomischen Systems im Hinblick auf die hochgradig ungleiche Verteilung der individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen belegen, gilt es nun, en détail zu analysieren und im Rahmen einer umfassenden Beschreibung der Mechanismen sozialer Inund Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne systematisch zu entfalten. 3.2 Zum Primat des ökonomischen Systems a) Zahlungsfähigkeit: Existenzgrundlage des modernen Menschen Noch einmal kurz zusammengefasst bedeutet funktionale Differenzierung mithin nichts anderes als die Spezialisierung auf die optimierte, von anderen Tätigkeiten abgekoppelte Bearbeitung bestimmter, wechselseitig wenn schon nicht immer unverzichtbarer, so doch potentiell relevanter Aufgaben. Es handelt sich insofern um eine spezifische Form der Arbeitsteilung, die in der Moderne, wie gesehen, zur Ausdifferenzierung gesellschaftsweit institutionalisierter, funktionsspezifischer Handlungsbeziehungsweise Kommunikationszusammenhänge geführt hat.384 Doch hat diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung auf den darunter liegenden Ebenen zunächst einmal die auch historisch vorgängige Ausdifferenzierung kontextspezifischer Funktionsrollen (Priester, Richter, Schmied, Arzt usw.) zur Voraussetzung, »die durch den kontinuierlichen Vollzug einer zunächst nur situativ ausgegrenzten Tätigkeit gekennzeichnet sind.«385 Je fortgeschrittener und differenzierter diese spezifische Form der Arbeitsteilung ist, umso größer fallen die jeweiligen Leistungssteigerungen aus, die sich in den verschiedenen Aufgabenbereichen der Gesellschaft aus den Vorteilen der Spezialisierung insgesamt ergeben. Konsultierte man, um ein Beispiel zu nennen, im Mittealter noch ein und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 223–239. 384 Andere, historisch frühere und (soweit man sehen kann) anthropologisch universelle Formen der Arbeitsteilung währen etwa geschlechts- oder altersspezifische. 385 Mayntz 1988, S. 20. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 148 dieselbe Person, wenn man entweder sein Pferd frisch beschlagen lassen wollte oder Zahnschmerzen hatte oder wenn das Pferd Zahnschmerzen hatte, so existieren heute für diese durchaus verschiedenen Belange je eigenständige Professionen (Hufschmiede, Zahnärzte und Tiermediziner), was von allen Beteiligten ohne Zweifel als Gewinn betrachtet wird. Neben diesen Effizienzgewinnen verändern sich durch funktionale Differenzierung aber auch die Beziehungen der Menschen zueinander. So erweitern sich in einer zunehmend differenzierten und arbeitsteilig aufgebauten Gesellschaft zumindest potentiell die Handlungsspielräume der Individuen, da zwar nicht die Notwendigkeit sozialer Bindungen an sich verschwindet, »die einzelnen aber mehr und mehr darin freigestellt sind, an wen sie sich binden.«386 Vor diesem Hintergrund charakterisiert Georg Simmel die fortschreitende Differenzierung der Gesellschaft als eine Entwicklung mit »der Tendenz auf Vermehrung der Freiheit«,387 da sie den Einzelnen mehr als je zuvor aus den traditionalen, eben nicht nur Sicherheit gewährenden, sondern auch beengenden Beziehungsformen herauslöst und so dem Prozess der Individualisierung Bahn bricht. Doch ob diese Entwicklung von den Menschen subjektiv tatsächlich als Vergrößerung ihrer individuellen Freiheit erfahren wird, oder ob in der sozialen Praxis nicht vielmehr die bedrohlichen, desintegrativen Effekte in den Vordergrund treten, dies hängt eben ganz entscheidend von den finanziellen Mitteln ab, die ihnen jeweils zur Verfügung stehen. Denn wie Paul mit Simmel deutlich macht – und ähnlich schon bei Émile Durkheim nachzulesen ist388 –, wachsen mit der fortschreitenden Arbeitsteilung notwendigerweise auch die (nunmehr weitgehend anonymisierten) wechselseitigen Abhängigkeiten der Menschen voneinander. Weil der moderne Mensch so gut wie nichts von dem, »was er zum täglichen Leben braucht, selber erzeugen oder auch nur herbeischaffen [kann]«, ist er »um ein Vielfaches abhängiger von den Diensten und Leistungen seiner Mitmenschen als alle vormodernen Existenzen« und deshalb »in fast allen Lebensvollzügen auf ein kompliziertes, unüberschaubares und – zumindest wenn es sich um eine Marktwirtschaft handelt – auch unkalkulierbares Räderwerk angewiesen.«389 Dabei liegt es auf der Hand, dass sich ein solch komplexes Differenzierungsniveau der Gesellschaft nur unter vollentwickelten geldwirtschaftlichen Bedingungen stabilisieren lässt, unter denen der erforderliche wirtschaftliche Austausch mittels Geld zuverlässig, flexibel und schnell abgewickelt werden kann. Denn 386 Paul 2004, S. 44, in Anlehnung an Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (= Gesamtausgabe, Bd. 11), 2. Aufl., Frankfurt/M. 1995, S. 458. 387 Ebd. 388 Siehe Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt/M. 1992. 389 Paul 2004, S. 44. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 149 nur, wenn sich jedweder Bedarf an Gütern und Dienstleistungen mit Hilfe von Geld sicher und umgehend befriedigend lässt, können sich die einzelnen Individuen auch wirklich darauf einlassen, nur noch ganz bestimmte, nicht selten abseitige Spezialaufgaben zu erledigen (zum Beispiel nur noch Kranke zu pflegen, nur noch Schmetterlinge zu katalogisieren oder nur noch Kinder zu erziehen), ohne sich darüber hinaus um weitere beziehungsweise überhaupt um elementare Aspekte ihrer Subsistenz zu kümmern. Das aber heißt, dass die Ausdifferenzierung eines geldbasierten Wirtschaftssystems, welches die Güter- und Leistungsverteilung über Zahlungen reguliert und garantiert, eine nicht zu hintergehende Strukturvoraussetzung der modernen Gesellschaft als solcher darstellt. Insofern ist es kein Zufall, dass die (gleichwohl schwer zu datierenden) Anfänge der Verselbständigung ökonomischen, das heißt nur noch an seinen Geldfolgen orientierten Handelns – namentlich gegen- über Politik und Religion – auch historisch mit am weitesten zurückreichen.390 Verglichen mit den anderen Funktionssystemen nimmt die Wirtschaft somit eine Sonderrolle ein. Vor diesem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Strukturrelevanz des ökonomischen Systems ist es daher auch und gerade mit Blick auf die persönlichen Partizipations- und Verwirklichungschancen der Menschen nicht nachvollziehbar, wie Luhmann von der Gleichrangigkeit der verschiedenen Funktionssysteme ausgehen kann. Zwar ist zuzugeben, dass auch nicht-wirtschaftliche Funktionen aus Sicht des einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt von elementarer Bedeutung sind. So braucht es beispielsweise das Recht, namentlich das individuelle Vertrags- und Eigentumsrecht, um den geldvermittelten Austausch in der Marktwirtschaft für die Akteure einigermaßen berechenbar zu machen. Und das Recht wiederum braucht eine politische Instanz, die es, im Zweifel mit Gewalt, auch wirklich durchzusetzen imstande ist. Ferner können sich die Leistungen des medizinischen Systems für das subjektive Wohlbefinden als geradezu existentiell erweisen oder, wenn die Medizin mit ihrer Kunst am Ende ist, eben jene der Religion. Doch zunächst einmal ist es für den modernen Menschen ganz und gar unverzichtbar, ökonomisch inkludiert zu sein, das heißt über ausreichend Geld zu verfügen, um sich mit all den Gütern und Dienstleistungen versorgen zu können, die man für ein den gesellschaftlichen Erwartungsstrukturen entsprechendes Leben beziehungsweise zum Leben überhaupt benötigt. Dabei spielt es fürs erste allenfalls eine nebensächliche Rolle, ob das Geld nun 390 »Die Geldwirtschaft entzieht sich schon im Mittelalter der territorialpolitischen Kontrolle und organisiert eine internationale Arbeitsteilung, die ihrerseits das politische Schicksal der Territorien mitbestimmt. Die Einheit von imperium und dominum, von Befehlsgewalt und Landbesitz, geht verloren.« Luhmann 1998, S. 710. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 150 durch Erwerbsarbeit selbstverdient wurde, oder ob es einem in Form von familialen, sozialstaatlichen oder börsenbasierten Transfers als leistungsloses Einkommen »unverdientermaßen« zufließt. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die individuelle Zahlungsfähigkeit. Sie allein – und nicht mehr das Geschick des Jägers, die Findigkeit der Sammlerin oder die Zähigkeit des Bauern – ist die primäre Existenzgrundlage des modernen Menschen. Alles andere ist nachrangig. Beispielsweise nicht an der Produktion wissenschaftlich fundierter »Wahrheiten« teilnehmen zu können, ist den meisten egal. Keinen Sport treiben oder keine Museen besuchen zu müssen erscheint wenigstens vielen als Segen, und selbst ohne Fernsehgerät kann man theoretisch überleben. Kein Geld zu haben bedroht hingegen die individuelle Existenz, und schon deshalb ist festzustellen, dass die Teilhabe an wie die Ausgrenzung von der modernen kapitalistischen Konsumgesellschaft unter dem Primat der Wirtschaft steht, die Frage von sozialer In- und Exklusion heute also tatsächlich mehr als alles andere zu einer Frage des Geldes geworden ist. b) Zur intersystemischen Bedeutung des Geldes für die soziale In- und Exklusion Allerdings sind die unmittelbaren Konsequenzen wirtschaftlicher Ausgrenzung nicht nur für sich genommen bereits wesentlich bedrohlicher als jene, die aus möglichen Benachteiligungen in anderen Teilsystemen der Gesellschaft resultieren. Vielmehr zieht wirtschaftliche Ausgrenzung mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch weitere Exklusionseffekte in anderen Funktionszusammenhängen nach sich und strahlt insofern in die verschiedensten Teilbereiche der Gesellschaft aus. Besonders augenfällig werden die Ansteckungseffekte der Armut, wie in diesem Kapitel zu zeigen ist, am Erziehungssystem und eng damit verbunden an der Wissenschaft sowie ferner am Medizin-, Rechts- und Politiksystem, wobei die individuellen Folgen im Falle dieser zentralen Systeme auch in sozialpolitischer und gerechtigkeitsethischer Hinsicht von besonderer Tragweite sind. Doch auch im Falle der weniger prominenten Teilsysteme lassen sich teilweise gravierende Benachteiligungen, die durch Geldmangel hervorgerufen werden, feststellen. Sport und Kunst Als erstes soll das Sportsystem der Gesellschaft betrachtet werden.391 Grundsätzlich ist es zwar richtig, dass die Partizipation am Sport über 391 Zum Sport als ausdifferenziertem Funktionssystem der Gesellschaft siehe vor allem Uwe Schimank: »Die Entwicklung des Sports zum gesellschaftlichen Teilsystem«, in: Renate Mayntz u. a. (Hg.): Differenzierung und Verselbständigung. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 151 die passive Zuschauerrolle im Prinzip jedem offensteht, der zumindest über ein funktionierendes Fernseh- oder Radiogerät verfügt. Doch um selbst aktiv Sport treiben zu können (sei es in der primären Leistungsrolle des Profisportlers oder in der sekundären des Amateur- beziehungsweise Breitensportlers) braucht man in der Regel Geld, und je nachdem nicht eben wenig. Bei besonders exklusiven Sportarten wie dem Hochseesegeln oder Polo springt dieser Sachverhalt unmittelbar ins Auge, doch auch die meisten der sogenannten Volkssportarten wie Fußball, Radfahren, Skilaufen oder das immer beliebtere Training in kommerziellen Fitnessstudios (das in Deutschland mittlerweile sogar dem Fußball den Rang als Massensportart Nr. 1 abgelaufen hat)392 bedingen zum Teil ganz erhebliche finanzielle Aufwendungen. So sind nicht nur die mitunter hohen Vereins- und Studiomitgliedschaften zu bezahlen, auch aus der Anschaffung teurer und möglichst modischer Funktionsbekleidung sowie der weiteren Ausrüstung, ferner aus allfälligen Reparaturen, Anreisen, Liftpässen, Trainerstunden bis hin zu privat zu finanzierenden sportmedizinischen Untersuchungen und darauf aufbauenden individuellen Trainings- und Ernährungsplänen (die sich selbst unter Breitensportlern wachsender Beliebtheit erfreuen) entstehen fortwährend Kosten, die sich im Laufe des Jahres leicht auf Tausende von Euro aufsummieren können. Selbst vergleichsweise günstige Sportarten wie das Laufen oder Nordic Walking – die allerdings gerade auf Jugendliche angesichts attraktiver erscheinender Trendsportarten wie Snowboarden, Inlineskaten oder das Mountainbiken oftmals nur wenig Anziehungskraft ausüben – erfordern jedenfalls dann, wenn sie regelmäßig, bei jedem Wetter und ohne gesundheitliche Folgeschäden zu provozieren betrieben werden sollen, Ausgaben in Höhe von mehreren Hundert Euro pro Jahr für gute Laufschuhe und die entsprechende Bekleidung. Es evident, dass solche Beträge, die schon für Durchschnittsverdiener eine spürbare Belastung darstellen können, für Personen, deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt, normalerweise nicht zu schultern sind.393 Genau das bedeutet aber Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt/M. / New York 1988, S. 181–232; ferner Rudolf Stichweh: »Sport – Ausdifferenzierung, Funktion, Code«, in: Sportwissenschaft, 20/1990, S. 373–389. 392 Einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte zufolge waren Ende 2011 mehr als 7,3 Millionen Mitglieder in einer der rund 7.300 Fitnessanlagen in Deutschland aktiv. Vgl. Presseportal: »Fitnesswirtschaft wird bunter. Deloitte/DSSV-Studie ›Der Deutsche Fitnessmarkt 2012‹: Fitnessangebote vielseitiger als je zuvor«, http://www.presseportal.de/pm/60247/2224028 (23.03.16). Dem stehen nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aktuell nur 6,9 Millionen Fußballer gegenüber. Vgl. Deutscher Fußball-Bund: »Mitglieder-Statistik«, http://www.dfb.de/index.php?id=11015 (23.03.16). 393 Einem erwachsenen Hartz IV-Empfänger zum Beispiel stehen nach dem am 01. Januar 2011 in Kraft getretenen Gesetz zur Ermittlung der Regelbedarfe nach § TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 152 nichts anderes, als dass zumindest über die aktive Teilhabe am Sportsystem der Gesellschaft keineswegs allein nach Maßgabe der persönlichen Leistungsbereitschaft und -fähigkeit entschieden wird, sondern dass diesen funktionssystemspezifischen Kriterien vielmehr das eigentlich systemfremde Selektionskriterium der individuellen Zahlungsfähigkeit gleichsam als Filter vorgeschaltet ist, der darüber entscheidet, welche Sportarten für wen möglich (und das heißt eben zunächst einmal: finanzierbar) sind und die allzu Zahlungsschwachen gleich ganz aussiebt.394 Diesen bleibt dann lediglich die passive Zuschauerrolle, und auch das meist nur vor ihrem Fernsehapparat. Sehr Ähnliches lässt sich für die Kunst der Gesellschaft sagen. Zunächst einmal ist mit Pierre Bourdieu in Erinnerung zu rufen, dass sich das Interesse und Verständnis für die Kunst als integraler Bestandteil dessen, was in einer Gesellschaft als legitime Hochkultur betrachtet wird, mitnichten gleichmäßig über alle Gesellschaftsschichten verteilt. Vielmehr ist schon die Bestimmung dessen, was überhaupt als Kunst zu gelten hat, das Ergebnis von der Oberschicht beherrschter Distinktionsarbeit, wie auch die 28 des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch 39,96 Euro monatlich für Freizeit, Unterhaltung und Kultur zur Verfügung, wovon auch etwaige Ausgaben für sportliche Aktivitäten bestritten werden müssen. Für Kinder und Jugendliche liegt der entsprechende Betrag bei 35,93 Euro (0–6 Jahre), 41,33 Euro (6–14 Jahre) beziehungsweise 31,41 Euro (14–18 Jahre; sic!), wobei Kinder unter 18 Jahren gegebenenfalls Zusatzleistungen aus dem sogenannten Bildungspaket in Höhe von monatlich 10 Euro (zum Beispiel für Vereinsmitgliedschaften oder Musikunterricht) beziehen können. Angesichts derart knapp bemessener Beträge ist evident, dass der Spielraum für die individuelle Freizeitgestaltung ausgesprochen eng ausfällt und sportliche Aktivitäten, die ja nur einen Teil davon ausmachen, allenfalls in sehr begrenztem Umfang zulässt. Siehe hierzu detailliert den Deutschen Bundestag: Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und FDP. Entwurf eines Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur Änderung des Zweiten und Zwölften Buches Sozialgesetzbuch, Drucksache 17/3404, 26. Oktober 2010, S. 61, 72, 79, 85, 106. 394 Generell bestätigen empirische Untersuchungen, dass das gesamte Freizeitverhalten, also nicht nur der Sport, auch und gerade in der individualisierten Konsumgesellschaft keineswegs allein von subjektiven Präferenzen und Lebensstilen bestimmt wird, sondern maßgeblich vom verfügbaren Einkommen abhängt und insofern als struktureller Ausdruck der jeweiligen sozialen Lage zu deuten ist. Siehe hierzu Bettina Isengard: »Freizeitverhalten als Ausdruck sozialer Ungleichheiten oder Ergebnis individualisierter Lebensführung?«, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 57/2005, H. 2, S. 254–277. Zum spezifischen Einfluss des familialen Sozialstatus auf die Teilhabe am Sportsystem sowie die sportmotorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen siehe zudem die Studie von Markus Klein u. a.: »Sozialstatus, Sportpartizipation und sportmotorische Leistungsfähigkeit«, in: Sport und Gesellschaft, 8/2011, H. 1, S. 54– 79. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 153 subjektive Entwicklung des dazu passenden und insofern legitimen Geschmacks im Verlauf der Sozialisation durch die soziale Herkunft prädisponiert wird. Das bedeutet, dass zwar nicht immer die Produktion, wohl aber die Definition und Rezeption – mithin nicht weniger als die Bedingungen jedes künstlerischen Erfolgs – als Ausdruck schichtspezifischer Unterscheidungs- und Abgrenzungsprozesse zu verstehen sind.395 Doch auch die Ausbildung und Schulung eigener Kunstfertigkeit – und sei es nur als mehr oder minder begabter Laie – wird maßgeblich durch die soziale Lage des Elternhauses beeinflusst, und zwar nicht nur deshalb, weil eben die subjektive Entwicklung der entsprechenden Präferenzen und des Geschmacks davon abhängt, sondern auch, weil sie in aller Regel nicht umsonst ist. Besonders augenfällig wird dies zum Beispiel an den Gattungen der Musik oder des Tanzes, insbesondere des klassischen Balletts, denn um es in diesen Feldern über das Mittelmäßige oder Populäre hinaus wirklich zu etwas zu bringen, reicht bloße Begabung nicht aus. Vielmehr ist es, dem Leistungssport vergleichbar, unerlässlich, von Kindesbeinen an kontinuierlich zu üben und dabei über viele Jahre hinweg von erfahrenen Lehrern unterrichtet zu werden. Die Kosten, die daraus entstehen, steigen mit wachsendem Niveau und können sich bereits bei Anfängern und Schülern ohne professionelle Ambitionen spielend auf weit über 100 Euro monatlich belaufen. Dazu kommen im Falle der Musik dann noch die Anschaffungskosten für das Instrument (eine Ausnahme mag vielleicht der Gesang sein, doch auch hier ist das Vorhandensein eines Klaviers für Stimmübungen oder zur Begleitung hilfreich), die zwar nur einmalig oder wenigstens in relativ großen Abständen anfallen, je nach Instrument aber leicht in die Tausende gehen können.396 Wenn dann die Kandidatinnen und Kandidaten, die eine künstlerische Karriere anstreben, schließlich zu den Aufnahmeprüfungen der Hochschulen für Musik und Tanz erscheinen, haben sie normalerweise also nicht nur selbst ungezählte Übungsstunden, sondern ihre Eltern zudem auch beträchtliche Summen investiert, um ihnen diese (freilich vage) Chance zu ermöglichen. Man sieht also ganz ähnlich wie beim Sport, dass jedenfalls die aktive Partizipation am Kunstsystem in weiten Teilen auch finanzielle Voraussetzungen hat, die in der Regel erfüllt sein müssen, bevor 395 Siehe hierzu Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982. 396 Angesichts dessen wird auch sehr schnell klar, wie beschränkt die Effekte des vom deutschen Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aufgelegten »Bildungspakets« nur sein können. Dieses soll zwar, wie vollmundig proklamiert wird, auch armen Kindern das Mitmachen bei Sport, Spiel und Kultur ermöglichen, doch tatsächlich werden etwa für Vereinsbeiträge oder die Kosten der Musikschule gerade einmal 10 Euro pro Monat übernommen. Das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Bildungspaket siehe die entsprechende Website des BMAS, http://www.bildungspaket.bmas.de/ (23.03.16). TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 154 spezifisch künstlerische Kriterien wie individuelle Begabung, Kreativität und Können überhaupt zur Anwendung kommen. Personen aus armen Familien sind demnach wiederum benachteiligt, da ihnen auch in der Kunst oftmals nur die inaktive Rolle des (Fernseh-)Zuschauers übrigbleibt. Die Folgen dieser Chancenungleichheit bleiben dabei keineswegs auf das Sport- und Kunstsystem beschränkt, sondern sind, wie noch zu sehen sein wird, auch im Gesundheits- und Bildungssystem als schichtspezifische Selektionsverstärker nachweisbar. Massenmedien, Religion und Familien Ein wenig anders verhält es sich dagegen mit dem System der Massenmedien – das heißt Print, Hörfunk, Fernsehen und digitale Medien –, dessen Funktion darin besteht, über die den unmittelbaren Beobachtungs- und Interaktionsrahmen des einzelnen übersteigende Realität zu informieren. Wenn schon nicht alles, wie Luhmann meint, so doch das meiste dessen, »was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir über die Massenmedien.«397 Ihnen kommt in der modernen Gesellschaft somit eine sehr zentrale Stellung zu. Was nun die Mechanismen sozialer In- und Exklusion betrifft, ist festzustellen, dass das Mediensystem im Unterschied zu Sport und Kunst, die neben den primären Leistungsrollen des Profisportlers oder Künstlers eben noch jene sekundären der aktiv partizipierenden Amateure und Laien als Alternative zur reinen Publikumsrolle offerieren, bislang keine vergleichbaren Alternativrollen ausgebildet hat.398 Die breite Masse der Bevölkerung, die nicht als Mediaplaner, Journalist, Rundfunksprecher usw. tätig ist, wird somit als passives Publikum inkludiert. Während aber der Zugang zu einer professionellen Funktionsrolle (wie in praktisch allen Berufsfeldern) 397 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2., erw. Aufl., Opladen 1996b, S. 9. 398 Margot Berghaus bemerkt, dass daran auch Leserbriefe, Anrufe oder Emails an Hörfunk- und Fernsehstationen im Prinzip nichts änderten, da sie Ausnahmen blieben oder gezielt inszeniert und ins Programm integriert würden. Vgl. dies.: »Die Massenmedien der Gesellschaft – beobachtet von Niklas Luhmann«, in: Gunter Runkel, Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 195–221, hier S. 197. Andererseits könnte man vielleicht auch einwenden, dass bestimmte Formen sogenannter Blogs, die sich seit den 2000er Jahren sehr schnell im Internet verbreitet haben, inzwischen durchaus die systematische Gelegenheit bieten, eine Alternativrolle zu jener der professionellen Medienmacher einerseits und des lediglich rezipierenden Publikums andererseits einzunehmen. Hieran lassen sich interessante Fragestellungen, etwa zur möglichen Rolle privater Blogs für die Entwicklung hin zu einer demokratischeren Öffentlichkeit, anschließen. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 155 von einer möglichst erfolgreichen Bildungskarriere abhängt,399 die wiederum entscheidend von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst wird – ich komme darauf zurück –, erweist sich die Inklusion des Publikums als weitgehend voraussetzungslos. Dies wird nicht allein durch erstaunlich flexible Niveauanpassungen erreicht, sondern auch durch die breite, fast omnipräsente Verfügbarkeit medialer Angebote, auf die auch einkommensschwache Personengruppen in aller Regel Zugriff haben.400 Allerdings sollte das weitgehende Fehlen ökonomischer Zugangsbarrieren nicht darüber hinwegtäuschen, dass das konkrete Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten indirekt, das heißt wiederum vermittelt insbesondere durch die Bildung, sehr wohl von sozioökonomischen Aspekten tangiert wird. Von einiger Bedeutung ist dies nicht zuletzt deshalb, weil Information, schon aus Gründen begrenzter Zeit und Aufnahmekapazitäten, notwendig Selektion zur Voraussetzung hat (worüber soll informiert werden und wie?), die Massenmedien also nicht nur informieren, sondern auch selegieren. Sie berichten über dies und lassen jenes aus, produzieren also immer nur ein fragmentarisches und potentiell manipulatives Bild der Wirklichkeit. An diesem Problem lässt sich im Kern zwar nichts ändern, doch wirft es gerade deshalb namentlich in demokratischen Gesellschaften und mit Blick auf das Ideal des mündigen Bürgers sogleich die Frage auf, wie man vernünftig damit umgehen kann. Ein gewisses Maß an kritischer Distanz, die Fähigkeit zur Reflexion der Inhalte, die Nutzung möglichst vielfältiger Informationskanäle und grundsätzlich die gezielte Auswahl der konsumierten Medienangebote nach Maßgabe kriteriell vielleicht nicht wissenschaftlich-exakt, in der konkreten Alltagspraxis gleichwohl leicht festzustellender Qualitätsunterschiede, kurz: ein gerüttelt Maß an Medienkompetenz erscheint in diesem Kontext ganz unverzichtbar, um das überbordende Angebot der Massenmedien sinnvoll für sich zu nutzen und auf diesem Wege zu einem möglichst differenzierten und wirklichkeitskongruenten Bild der Welt zu gelangen. Das Bildungs- und Kulturkapital des Einzelnen spielt hier eine alles entscheidende Rolle. Doch wie man von Bourdieu lernen 399 Beim Film und Fernsehen gibt es immerhin eine gewisse Chance, geringe bis fehlende Qualifikationen durch physische Merkmale zu kompensieren. 400 In Deutschland haben Hartz IV-Empfänger beispielsweise einen gesetzlichen Anspruch auf einen Internet- und Fernsehanschluss, womit umfassende Informationsmöglichkeiten in der Regel gewährleistet sind. Da die Mehrheit der Tagesund Wochenzeitungen zudem viele ihrer Artikel kostenlos online stellen und im Radio regelmäßig Presseschauen ausgestrahlt werden, ist damit auch der Zugang zur Presse impliziert. Hinzu kommt, dass fast jede größere Stadt (bislang wenigstens) über öffentliche Bibliotheken verfügt, die kostenlos oder zu moderaten Konditionen genutzt werden können. Alles in allem wird man demnach davon ausgehen können, dass in westlichen Ländern die Nutzung der Massenmedien normalerweise auch einkommensschwachen Personen möglich ist. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 156 kann (und später noch sehen wird), ist eine wesentliche Grundlage des kulturellen Kapitals eben das ökonomische.401 Nun zur Betrachtung des Religionssystems der Gesellschaft. Ganz ähnlich wie das Mediensystem ist auch die Religion durch die in der Praxis weitgehend ungebrochene Dichotomie von wenigen religiösen Führern einerseits und der großen Mehrheit führungsbedürftiger Laien andererseits geprägt. Man ist also entweder Hirte oder Herdenmitglied, daneben gibt es in der Regel wenig Raum für Uneindeutigkeit. Dabei resultiert das eigentlich erstaunliche, im Kern allen Reformbemühungen bis heute widerstrebende Beharrungsvermögen der (in der Moderne lediglich pluralisierten)402 religiösen Rollendichotomie aus dem Umstand, dass ihre Preisgabe letztlich auf die völlige Beliebigkeit der individuellen Glaubensbekenntnisse hinausliefe. Das aber wäre nicht nur für den solcherart entmachteten Klerus, sondern auch und gerade für die fortan auf sich selbst verwiesenen Gläubigen ausgesprochen unbefriedigend. Denn wie sollte ein nur noch je für sich praktizierter Glauben, der nicht mehr von gemeinschafts- und gewissheitsstiftenden Kollektivritualen getragen und stets aufs neue bestärkt würde, dessen eigene Kontingenz also völlig unverdeckt zutage träte, mit der irreduziblen Kontingenz des Lebens und der Welt fertig werden? Dies setzte eine Festigkeit der individuellen Überzeugungen voraus, die wohl nur von Heiligen aufgebracht wird. Normalsterblichen indes kann hier die spirituelle Führung durch bereits Erleuchtete und das Sicheinfügen in die Gemeinschaft der Gläubigen helfen, persönliche Zweifel zu kompensieren und Sicherheiten dort immerhin zu simulieren, wo Kontingenz und Endlichkeit ansonsten unerträglich schienen. Darin, das heißt in der phantasievollen Bewältigung irreduzibler Kontingenz und Endlichkeit durch die Gemeinschaft, ist die wesentliche Funktion und nach wie vor anhaltende Attraktivität der Religion (in welcher spezifischen Form auch immer) begründet. Entscheidend ist nun, dass die Inklusion ins Religionssystem (darin wiederum den Massenmedien ähnelnd) zumindest über die Publikumsrolle so gut wie keine Voraussetzungen hat.403 Mehr als das Bekenntnis zur geltenden 401 Vgl. Pierre Bourdieu: »Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital«, in: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten (= Soziale Welt, Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 183–198. 402 Im modernen »Supermarkt der Religionen« hat zwar die Vielfalt möglicher Glaubensbekenntnisse zugenommen (sowie die Freiheit, unter ihnen zu wählen oder nicht), doch kommen die wenigsten ohne spirituelles Führungspersonal aus. Anstelle des Pfarrers konsultiert man in religiösen Angelegenheiten nun eben den Zen-Meister, Schamanen oder Yogalehrer, jedenfalls einen (in geschäftlichen Dingen übrigens nicht selten überraschend weltlich agierenden) Ortskundigen, der einem den rechten Weg weist. 403 Die Inklusion über eine Leistungsrolle hingegen (Priester usw.) setzt natürlich sehr wohl gewisse Qualifikationen voraus, die, so sie an entsprechende ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 157 Lehre wird gemeinhin nicht verlangt und insbesondere finanzielle Hürden fehlen.404 Auch die Exklusion aus anderen Teilsystemen beeinträchtigt die religiöse Partizipation normalerweise nicht. Ganz im Gegenteil stellt die Religion gerade für jene »beschädigten Subjekte«, die in der ansonsten durch und durch ökonomisierten Gesellschaft überfordert, entwertet und ausgegrenzt werden, eine Art geistliches Refugium dar, in dem sie für ihre reale Misere wenigstens auf spirituelle Linderung hoffen können. Während also das Mediensystem den deprivierten Randfiguren der Gesellschaft, die ansonsten kaum noch andere Möglichkeiten haben, (soll man sagen: immerhin?) das schale Gefühl der virtuellen Teilhabe am sozialen Leben vermittelt, bietet ihnen die Religion sozusagen spirituellen Unterschlupf. Vor allem aber repräsentiert das Familiensystem der Gesellschaft, das insofern »gegenstrukturell« aufgebaut ist, als es sich gegen die modernen Imperative der Rationalisierung und Maximierung sperrt, das eigentliche Rückzugsgebiet der Individuen.405 Dabei ist es interessant zu sehen, Zertifizierungen durch das Bildungssystem (beispielsweise einen Abschluss in Theologie) gekoppelt sind, wiederum auch von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst werden. 404 Einwenden könnte man zwar, dass speziell die Angebote neuerer religiöser Bewegungen – zum Beispiel transzendentale Meditationsseminare, Yogakurse, Auditings usw. – durchaus mit teilweise hohen Kosten verbunden sein können. Auch kann es vorkommen, dass Religionen bestimmte Personengruppen, etwa aus ethnischen Gründen oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, diskriminieren. Doch zeichnet sich das Religionssystem der modernen Gesellschaft eben gerade durch die Vielgestaltigkeit seiner Angebote aus, sodass gewissermaßen für jeden Geldbeutel und Geschmack etwas dabei sein sollte. 405 Ich möchte an dieser Stelle nur kurz auf die in der systemtheoretischen Literatur oftmals gemachte Unterscheidung zwischen Familie und Intimsystem hinweisen, sie im Text aber nicht weiter vertiefen, da sie mir für den Verlauf meiner Argumentation ohne Belang erscheint. Intimbeziehungen bezeichnen einfach Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen, die in der bürgerlichen Gesellschaft freilich auch als konstitutiver Bestandteil von Familien (ganz gleich, welche konkrete Form diese annehmen) unterstellt werden. Familien umfassen darüber hinaus aber auch die Liebe zwischen Eltern und Kind, sodass in ihnen beide Arten der Liebe integriert werden. Zu erwähnen ist ferner, dass Luhmann die Familien zwar häufig als Funktionssystem bezeichnet (zum Beispiel in Aufzählungen der verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft), sich aber an keiner Stelle ausführlich mit ihnen beschäftigt. Ein Buch mit dem Titel Familie der Gesellschaft fehlt jedenfalls in der entsprechenden Reihe, wie Günter Burkart bemerkt. Gleichwohl zeigt Burkart, dass sich die Gesamtheit der Familien auf systemtheoretischer Basis durchaus sinnvoll als Funktionssystem der Gesellschaft beschreiben lässt. Siehe hierzu seinen instruktiven Beitrag: »Die Familie in der Systemtheorie«, in: ders., Gunter Runkel (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 101–128. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 158 dass die Familien diese besondere Rolle erst nach dem Verlust ihrer in vormodernen Zeiten »zentrale[n] Stellung als multifunktionale Institution« übernehmen konnten.406 Erst die sukzessive Auslagerung vormals familialer Aufgaben wie der ökonomischen Produktion, der politischen Herrschaft, der Rechtsprechung oder der Bildung, in eigens darauf spezialisierte Funktionssysteme entlastete die Familien so weit, dass sie sich zumindest idealiter zu jenen auf Liebe gegründeten intimen Schutzräumen entwickeln konnten, als welche sie die Semantik des Bürgertums seit dem Ende des 18. Jahrhunderts beschreibt. Ihre neben der biologischen Reproduktion wichtigsten Funktionen sind dabei die Primärsozialisation der Kinder sowie die psychische Stabilisation und Regeneration der Individuen, die nur hier als »Vollperson«, das heißt unter Berücksichtigung all ihrer verschiedenen Facetten personaler Identität und Befindlichkeit inkludiert werden. Während Personen in allen anderen Systemen immer nur partiell, also mit Blick auf spezifische Funktionszusammenhänge kommunikative Berücksichtigung finden – etwa als Bankkauffrau und dann eben nicht als Triathletin, Gläubige, Greenpeace-Aktivistin oder Verkehrssünderin –, kann in Familien beziehungsweise Intimbeziehungen im Prinzip alles thematisiert werden, sofern es für die Beteiligten nur irgendwie relevant ist.407 Es fehlt also gerade jene thematische Konzentration, die für die anderen Funktionssysteme konstitutiv ist, und befördert dadurch das psychologisch außerordentlich wichtige subjektive Gefühl, zumindest für bestimmte andere als ganzer Mensch von Bedeutung zu sein. Diese verbliebenen und intensivierten familialen Funktionen sind nicht nur für die Individuen selbst ganz und gar unentbehrlich, sondern auch für die anderen Teilsysteme beziehungsweise die Gesellschaft als Ganze. Denn ohne die reproduktiven und für den Aufbau von Weltvertrauen sowie die gesamte Persönlichkeitsentwicklung elementaren primärsozialisatorischen Leistungen, die nach wie vor hauptsächlich innerhalb der (wie auch immer zusammengesetzten) Familien erbracht werden, kann die Gesellschaft nicht existieren. Und ohne die emotionalen Haltepunkte, welche stabile Intimbeziehungen bieten, fiele es auch Erwachsenen sehr viel schwerer, mit Schicksalsschlägen und einer oftmals problemreichen und wechselhaften Umwelt zurechtzukommen.408 Insofern kann man es mit Luhmann als eine essentielle Funktion der Familien beziehungsweise Intimsysteme betrachten, den anderen Systemen die zuverlässige Rekrutierung diesbezüglich »abgesättigter, ausgeglichener und leistungsfähiger Persönlichkeiten« allererst zu ermöglichen.409 406 Ebd., S. 101. 407 Vgl. hierzu ebd., S. 112–118. 408 Vgl. Niklas Luhmann: Liebe. Eine Übung, Frankfurt/M. 2008c, S. 23f. 409 Ebd., S. 69. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 159 Im Unterschied zu allen anderen Teilsystemen der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft ist die den sozialen Erwartungsstrukturen entsprechende Inklusion ins Familiensystem sowohl über die Leistungsrollen (Liebende, Eltern) als auch über die entsprechende Komplementärrollen (Geliebte, Kinder) vergleichsweise frei von ökonomischen Barrieren. Unmittelbar ersichtlich ist dies im Falle der Kinder, aber auch die Gründung einer Familie ist in der Moderne – anders als noch im Mittelalter – kein Privileg mehr, von dem die Armen grundsätzlich ausgeschlossen wären, von der Liebe ganz zu schweigen.410 Zwar ist es richtig, dass die Partnerwahl nach wie vor von Schichtspezifika beeinflusst wird, wobei wirtschaftliche Erwägungen zumindest auch (offenbar sogar wieder verstärkt) eine Rolle spielen.411 Doch führt dies in der Tendenz eben allenfalls zu endogamen Heirats- und Reproduktionsmustern (und damit zur Kontinuierung sozialer Ungleichheit), nicht aber zur prinzipiellen Exklusion finanzschwacher Bevölkerungsgruppen vom System der Familien und Intimbeziehungen an sich. Weiterhin trifft es auch zu, dass sich chronische Geldsorgen zu einer schweren und konfliktträchtigen psychosozialen Belastung für die einzelnen Familienmitglieder und ihre Beziehungen zueinander auswachsen können, was sich besonders nachteilig auf die individuellen Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen auswirkt und ihre Aussicht jedenfalls auf eine erfolgreiche Partizipation an anderen Systemen signifikant beeinträchtigt. Andererseits ist aber auch hier wieder entgegenzuhalten, dass dies keineswegs zwingend mit dem Ausschluss aus familialen beziehungsweise Intimbeziehungen einhergehen muss, und dass im Gegenteil gerade die familialen Nahbeziehungen oftmals eine der wenigen übriggebliebenen Ressourcen für arme und damit exklusionsgefährdete Bevölkerungsgruppen darstellen, aus denen sie auch dann noch wirtschaftliche und vor allem soziale Unterstützungsleistungen erhalten, wenn nicht-verwandtschaftliche Beziehungsnetzwerke längst zum Erliegen gekommen sind. Insofern bleibt festzustellen, dass Armut Familien zwar massiv unter Druck setzt und die Erfüllung ihrer elementaren Funktionen, das heißt der Kleinkindersozialisation einerseits und der psychisch-emotionalen Stabilisierung ihrer Mitglieder andererseits, erheblich erschwert, gleichwohl aber den Zugang zu trotzdem oder gerade darum als innig und wertvoll erfahrenen Familien- und Intimbeziehungen nicht ausschließt. 410 Tatsächlich weisen Studien schon seit längerem darauf hin, dass Frauen in unteren Bildungs- und Einkommensschichten sogar mehr Kinder gebären als Frauen aus der Mittel- und Oberschicht. Vgl. Carsten Germis, Inge Kloepfer: »Geburtenschwund. Wo kommen die Kinder her?«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.04.2009. 411 Vgl. Markus Grabka: »Ärzte heiraten keine Krankenschwestern mehr«, in: Süddeutsche Zeitung vom 26.06.2009. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 160 Erziehungssystem Ganz anders verhält es sich dagegen mit den Funktionssystemen der Erziehung, Wissenschaft, Medizin, des Rechts und der Politik. Denn in diesen Systemen, die für die moderne Gesellschaft und für die persönliche Inklusion in selbige von besonders großer Bedeutung sind, hängen die individuellen Partizipations- und Verwirklichungschancen (und zwar sowohl im Rahmen der Leistungs- als auch der Komplementärrollen) in einem Maße von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln ab, dass anhaltende Armut eine, zumindest an den geltenden Normalitätserwartungen der Gesellschaft bemessen, akzeptable Teilhabe oftmals unmöglich macht. Die Betroffenen scheitern also an den soziokulturellen Vorgaben der Gesellschaft beziehungsweise werden durch ihre ökonomisch deprivierte Lebenslage in eine Situation gebracht, die Konflikte mit diesen Vorgaben relativ wahrscheinlich macht. In diesem Sinne sind sie dann von einer normalen Teilhabe an den genannten Systemen aus strukturellen Gründen exkludiert. Dazu wird zunächst das schulisch organisierte Erziehungssystem der Gesellschaft betrachtet. Die absichtsvolle, von entsprechenden Programmen (Curricula) angeleitete professionelle Erziehung in eigens darauf spezialisierten Organisationen [Kindergarten, (Berufs-)Schule, Volkshochschule, Universität usw.] ist in der Moderne notwendig geworden, weil die bloß en passant mitlaufende Sozialisation beziehungsweise die mehr oder weniger planlose Erziehung durch Laien (Eltern, Großfamilie, Dorfgemeinschaft) in der Regel nicht mehr ausreicht, um die nachwachsende Generation auf die komplexen Verhaltensanforderungen der funktional differenzierten Gesellschaft adäquat vorzubereiten.412 Neben der Entwicklung soziokultureller Grundkompetenzen, die in den verschiedensten Lebensbereichen relevant und hilfreich sind, hat insbesondere die Übernahme einer Leistungsrolle in einem der Funktionssysteme in der Mehrzahl der Fälle eine umfangreiche, teils viele Jahre dauernde und durch entsprechende Nachweise positiv zertifizierte Bildungskarriere zur unverzichtbaren Voraussetzung. Da viele dieser Leistungsrollen zudem als sekundäre Leistungsbeziehungsweise Berufsrollen strukturell an das Beschäftigungssystem der Wirtschaft gekoppelt sind und die dort zu erzielende Lohnhöhe wiederum maßgeblich vom persönlichen Qualifikationsniveau abhängt, repräsentiert die erfolgreiche (Aus-)Bildung der Individuen zwar nicht das einzige, wohl aber eines der wichtigsten Regulative zumindest für die 412 Zum Erziehungssystem der Gesellschaft siehe vor allem Niklas Luhmanns posthum veröffentlichte Monographie: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/M. 2002. Einen guten Überblick über die teils verstreuten Beiträge Luhmanns zu einer Theorie der Erziehung gibt Saldern 2005. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 161 Verteilung der Erwerbseinkommen.413 Tatsächlich gehen »ökonomische Schätzungen für Deutschland […] von (privaten) Bildungsrenditen in Höhe von 7–10 Prozent pro Bildungsjahr aus.«414 Benachteiligungen im Erziehungssystem produzieren demnach systematisch weitere Benachteiligungen im Wirtschaftssystem. Alles in allem ist dem Erziehungssystem der Gesellschaft somit sowohl für das reibungslose Funktionieren der Systeme als auch für die beruflichen und außerberuflichen Inklusions- und Lebenschancen der Individuen eine außerordentlich große Bedeutung zu attestieren. Historisch lassen sich die Anfänge der Ausdifferenzierung des Erziehungssystems auf das 18. Jahrhundert datieren, als die meisten europäischen Staaten mit der Errichtung öffentlicher Schulen begannen, um auf den gestiegenen Ausbildungsbedarf in der zunehmend arbeitsteiligen und marktorientierten Ökonomie, ferner jedoch auch auf den wachsenden Bedarf an professionellen Mitarbeitern in der bürokratisierten Staats- und Kirchenverwaltung zu reagieren.415 Die Motive waren demnach überwiegend instrumenteller Natur. Hinzu kamen allerdings humanistische Strömungen, welche, geprägt von einflussreichen Denkern wie Johann Gottfried Herder oder Wilhelm von Humboldt, die universelle Bildung des selbstbestimmten, aufgeklärten Individuums zum eigenständigen Ideal erhoben, welches insbesondere in den Reihen des gesellschaftlich erstarkenden Bürgertums großen Anklang fand. Für unterbürgerliche Schichten indes, vor allem für Arbeiter und Bauern (und im Übrigen auch für Frauen), blieb der Zugang zu höherer, insbesondere universitärer Bildung bis tief ins 20. Jahrhundert hinein weitestgehend versperrt. Ungeachtet des demokratischen, in der Bundesrepublik sogar grundrechtlich fixierten Postulats der Chancengleichheit, demzufolge allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Bildungs- und Aufstiegschancen offenstehen sollen, firmierte das »katholische Arbeitermädchen vom Lande« noch in der bundesdeutschen Bildungsdebatte der 1960er Jahre als idealtypische Verkörperung der zentralen Ungleichheitsdimensionen beim Bildungszugang.416 Doch während religionsbezogene, regionale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten dank der fortschreitenden Bildungsexpansion seitdem erheblich reduziert wurden – beispielsweise studieren an deutschen Hochschulen inzwischen etwa genauso viele Frauen wie Männer –, haben sich herkunftsbezogene Ungleichheiten (die im 413 Zur Kopplung funktionsspezifischer Leistungsrollen (Journalist, Lehrer, Arzt, Rechtsanwalt usw.) und Wirtschaftssystem über die Form der professionellen Erwerbsarbeit siehe Stichweh 1988, S. 284. 414 Steffen Hillmert: »Soziale Inklusion und Exklusion: Die Rolle von Bildung«, in: Rudolf Stichweh, Paul Windolf (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 85–100, hier S. 87. 415 Vgl. Luhmann 2002, S. 111f. 416 Vgl. Hillmert 2009, S. 90. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 162 Prinzip überall zu beobachten sind, in Deutschland aber deutlicher als in vielen anderen Ländern) als ausgesprochen persistent erwiesen.417 Dies zeigt sich beispielsweise an der starken Korrelation zwischen der für alle weiteren Bildungsschritte so bedeutsamen Lesekompetenz von Schulkindern und dem sozialen Status ihrer Familie, die in keinem anderen von PISA untersuchten Land so ausgeprägt ist, wie in Deutschland.418 Ferner ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus sozioökonomisch schlechtgestellten Familienverhältnissen ein Gymnasium besuchen, nach wie vor deutlich geringer als die von Kindern, die einen hohen sozioökonomischen Hintergrund haben.419 Und während die Chance, ein Studium aufzunehmen für Kinder, deren Väter selbst über einen Hochschulabschluss verfügen, bei ganzen 83 % liegt, beträgt sie für Kinder ohne studierte Väter lediglich 23 %.420 Die Liste ließe sich verlängern, doch schon diese wenigen Beispiele belegen, dass die soziale Herkunft für die individuellen Erfolgsaussichten im Erziehungssystem – und damit eben auch für die persönlichen Berufs- und Aufstiegschancen – von entscheidender Bedeutung ist. Fern von der demokratischen Idealvorstellung, allen neu in die Gesellschaft hineingeborenen Kindern die gleichen Startchancen zu gewähren, ist das Erziehungssystem somit im Gegenteil ein wesentlicher Faktor für die intergenerationelle Stabilisierung und Reproduktion sozialer Ungleichheit. Die Frage ist, auf welche Weise sich die soziale Herkunft in ungleiche Bildungschancen übersetzt. In diesem Zusammenhang hat sich in der Bildungsforschung die auf Raymond Boudon zurückgehende Unterscheidung von primären und sekundären Herkunftseffekten etabliert.421 Als primärer Herkunftseffekt wird dabei der unmittelbare Einfluss der familialen Lebensverhältnisse auf die tatsächliche Leistungsfähigkeit des 417 Vgl. ebd.; ferner: Heike Solga, Rosine Dombrowski: Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbedarf, Arbeitspapier 171 der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2009, http:// www.boeckler.de/pdf/p_arbp_171.pdf (23.03.16). 418 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 89ff. 419 Thorsten Schneider etwa kommt auf Datenbasis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zu dem Ergebnis, dass Kinder aus sehr einkommensschwachen Haushalten lediglich eine Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als 10% haben, das Gymnasium zu besuchen, während diese Wahrscheinlichkeit für Kinder aus reichen Familien bei fast 90% liegt. Allerdings wird der direkte Einfluss des Einkommens relativiert, wenn die unterschiedliche Bildung der Eltern berücksichtigt wird; vgl. ders.: »Der Einfluss des Einkommens auf die Schulwahl«, in: Zeitschrift für Soziologie, 33/2004, H. 6, S. 471–492, hier S. 482. 420 Vgl. Bundesregierung 2008, S. 68. 421 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 21; Solga und Dombrowski beziehen sich hier auf Raymond Boudons Schrift: Education, Opportunity, and Social Inequality, New York, 1974. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 163 Kindes bezeichnet. Hierbei spielen insbesondere Faktoren wie ein gesichertes, die kognitive Entwicklung anregendes Wohn- und Lernumfeld sowie vielseitige Erfahrungsmöglichkeiten eine zentrale Rolle. Unter sekundären Herkunftseffekten versteht man dagegen den Umstand, dass die hauptsächlich von den Eltern getroffenen Entscheidungen über die schulische Laufbahn ihrer Kinder – zu denken ist hier vor allem an den wichtigen Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe I – selbst bei gleichen Schulleistungen mit der sozialen Herkunft variieren. Beide Effekte sind eng miteinander verwoben, da die Schulleistungen der Kinder am Ende der Primarstufe einerseits die elterliche Wahl der weiterführenden Schule beeinflussen, die Schulwahl jedoch umgekehrt wieder den institutionellen Rahmen für die weiteren Lerngelegenheiten und damit für die weitere Leistungs- und Kompetenzentwicklung der Kinder und Jugendlichen absteckt.422 Sowohl die primären als auch die sekundären Herkunftseffekte werden maßgeblich vom Einkommen und der Bildung der Eltern tangiert. So haben US-amerikanische Langzeituntersuchungen unter Ägide des Bildungs- und Sozialforschers Greg Duncan, der über viele Jahre hinweg intensiv zu den Auswirkungen von Einkommensarmut auf die kindliche Entwicklung geforscht hat, ergeben, dass Armut insbesondere in der frühen Kindheit einen erheblichen negativen Einfluss auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten und die spätere schulische Leistungsfähigkeit von Kindern ausübt. Dieser Einfluss überwiegt dabei auch deutlich die Effektstärke der üblichen Kontrollvariablen wie zum Beispiel der mütterlichen Bildung, der ethnischen Zugehörigkeit oder des Umstandes alleiniger (in der Regel weiblicher) Elternschaft.423 Als Messverfahren dienen neben speziellen Intelligenztests für Kinder im Vor- und Grundschulalter vor allem psychologische Tests, welche die kindliche Verhaltenskompetenz ermitteln. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die in dauerhaft armen Familien heranwachsen, im Alter von 5 Jahren einen im Durchschnitt um 9,1 Punkte niedrigeren IQ aufweisen als Kinder, die in finanziell gesicherten Verhältnissen leben, und zudem häufiger internalisierendes (zum Beispiel übertriebene Sorgen, Ängste oder Traurigkeit) oder externalisierendes (Wutanfälle, Zerstörung eigener oder fremder Spielsachen usw.) Problemverhalten an den Tag legen. Da die Intensität dieser Effekte mit der Armutsdauer korreliert, ist mit Duncan davon auszugehen, dass die negativen Auswirkungen ökonomischer Deprivation kumulativ sind.424 422 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 21; Schneider 2004, S. 474. 423 Vgl. Greg Duncan u. a.: »Economic Deprivation and Early Childhood Development«, in: Child Development, 65/1994, S. 296–318, hier S. 311f. 424 Vgl. ebd., S. 300, 307, 312f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 164 Vermittelt werden die armutsinduzierten Beeinträchtigungen der kognitiven Entwicklungschancen von Kindern durch unterschiedliche Faktoren. Von besonderer Bedeutung ist etwa, ob das heimische Wohn- und Lernumfeld den Kindern geeignete Stimuli für entsprechende Entwicklungsprozesse bietet. Sind zum Beispiel lehrreiche Spielsachen vorhanden, mittels derer die Kinder Farben, Größen oder Formen kennenlernen können? Gibt es interessante Dinge wie einen Globus oder ein Mikroskop und natürlich (altersgerechte, zumindest illustrierte) Bücher und Lexika, mit denen erste Eindrücke über die vielgestaltige Welt jenseits des eigenen Erfahrungshorizontes gewonnen sowie die ersten Leseerfahrungen gesammelt werden können? Sind Musikinstrumente greifbar, die zum spielerischen Nachahmen und Experimentieren einladen? Steht, zumindest nach der Einschulung, ein eigenes Zimmer zur Verfügung, in dem in Ruhe die Hausaufgaben gemacht und gelernt werden kann? Ferner ist auch das äußere Wohnumfeld der Familie von großer Bedeutung. Gibt es beispielsweise die Gelegenheit, gefahrlos im Freien, zum Beispiel im Garten zu spielen und herumzutoben und dabei nicht nur die nähere Umwelt (inkl. Flora und Fauna – Brennnesseln und Nachbarshunden etwa) zu erkunden, sondern auch die wachsenden Fähigkeiten und Grenzen des eigenen Körpers zu entdecken? Oder ist die unmittelbare Umgebung von urbaner Monotonie, von Wohnraumverdichtung, Flächenversiegelung und hohem Verkehrsaufkommen geprägt?425 Unter all diesen und ähnlichen Gesichtspunkten schneiden Kinder aus einkommensschwachen Familien in der Regel deutlich schlechter ab, und zwar insbesondere dann, wenn sie in städtischen »Problemvierteln« heranwachsen. Ein weiteres Thema ist die außerhäusliche Teilnahme an frühkindlichen Bildungsangeboten. In Deutschland nutzen 47 % der Vorschulkinder mindestens ein solches Angebot, zu denen beispielsweise die musikalische Früherziehung, Ballett- und Malschulen oder das Kinderturnen gehören. Da insbesondere die jüngeren Kinder meist von ihren Eltern begleitet werden, stellen diese Angebote auch für die Erwachsenen nicht selten eine willkommene Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch dar und unterstützen insofern die soziale Teilhabe sowohl der Kinder als auch der Eltern.426 Wie förderlich solche Kurse für die Intelligenzentwicklung der Kinder sein können, hat, um ein exemplarisches Beispiel herauszugreifen, jüngst wieder eine Studie des kanadischen Neurowissenschaftlers Sylvain 425 Siehe zur Bedeutung dieser und ähnlicher Faktoren für die kognitive Entwicklung von Kindern Duncan 1994, S. 301, 309f. 426 Vgl. Nicole Schmiade, C. Katharina Spieß: »Einkommen und Bildung beeinflussen die Nutzung frühkindlicher Angebote außer Haus«, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Wochenbericht, 77/2010, Nr. 45, S. 15–21, hier S. 16. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 165 Moreno gezeigt, die ergeben hat, dass Musikunterricht bei Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren nicht nur die musischen Fähigkeiten schult, sondern auch das räumliche Vorstellungsvermögen sowie die sprachlichen Fertigkeiten – und damit die Schuleignung – signifikant verbessert.427 Da aber der Großteil solcher und ähnlicher Bildungsangebote Kosten verursachen (Teilnahmegebühren, Anfahrt, Ausrüstung etc.), die höchstens manchmal nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt sind, haben nicht alle die gleichen Chancen, an ihnen zu partizipieren. Es überrascht daher nicht, dass im untersten Einkommensquintil lediglich 27 %, im obersten dagegen mit 62 % mehr als doppelt so viele Kinder an entsprechenden Angeboten teilnehmen.428 Natürlich verhält es sich in der kapitalistischen Gesellschaft auch mit sonstigen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten im Grunde nicht anders. Denn weil eben fast alle denkbaren Aktivitäten – sei es der Besuch eines Zoos oder eines Planetariums, ein Ausflug ins Erlebnisbad oder der Urlaub in den Bergen – mit finanziellen Aufwendungen verbunden sind, die das Budget einkommensarmer Familien erheblich strapazieren oder schlicht übersteigen,429 reduziert sich der kindliche Erfahrungsspielraum 427 Vgl. Sylvain Moreno u. a.: »Short-Term Music Training Enhances Verbal Intelligence and Executive Function«, in: Psychological Science, 22/2011, S. 1425– 1433. 428 Vgl. Schmiade / Spieß 2010, S. 16, 18. 429 Die deutsche Regelsatzverordnung zum Beispiel, welche Art und Umfang der Hartz IV-Leistungen definiert, sieht für Kinder unter 6 Jahren (beziehungsweise von 6 bis unter 14 Jahren) einen monatlichen Betrag von 35,93 Euro (beziehungsweise 41,33 Euro) für Freizeit, Unterhaltung und Kultur vor. Dazu kommen für Bildungsausgaben noch einmal 98 Cent (beziehungsweise 1,16 Euro) pro Monat sowie, bei Schulkindern, eine jährliche Pauschalleistung in Höhe von 100 Euro für den Schulbedarf. Ferner können aus den Leistungen des Bildungspakets auf Antrag noch bis zu 10 Euro pro Monat für Vereinsmitgliedschaften, Musikunterricht oder ähnliches bezogen werden. Das heißt, dass einem Vorschulkind für sämtliche Freizeit- und Bildungsaktivitäten maximal 46,91 Euro, und einer Schülerin oder einem Schüler unter 14 Jahren maximal 60,82 Euro (inkl. der auf den Monat umgerechneten Pauschalleistung für Schulbedarf) zur Verfügung stehen [gegebenenfalls werden noch die Kosten für Klassenfahrten und, sofern die Versetzung gefährdet ist (aber erst dann), Nachhilfeunterricht vom Sozialamt übernommen]. Vgl. Deutscher Bundestag 2010, S. 72f., 79, 105f. Zum Vergleich: Die Kosten für musikalischen Einzelunterricht (45min pro Schulwoche) belaufen sich an der städtischen Musikschule des Ortes, in dem ich lebe, für ortsansässige Schüler, die von der städtischen Jugendförderung gesondert bezuschusst werden, auf 82 Euro pro Monat. Nicht-ortsansässige Schüler aus dem Umland bezahlen 128 Euro. Dazu kommen die Miet- respektive Anschaffungskosten für das jeweilige Instrument. Selbst die in Gruppen veranstaltete musikalische Früherziehung (60min pro Schulwoche) kostet für Ortsansässige 26 Euro und für Nicht-Ortsansässige 46 Euro (Stand 2012). Für einkommensarme Familien (mit oder ohne TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 166 sehr oft auf die heimischen vier Wände, wo sich das Fernsehen schnell zum (freilich dürftigen) Ersatz für eigene Erlebnisse entwickelt. Statt also die eigene Handlungsmächtigkeit aktiv zu trainieren und auszuprobieren werden arme Kinder häufig von klein auf, das heißt schon während der für ihr gesamtes späteres Leben prägenden Phase der primären Sozialisation, an den passiven, massenmedialen Konsum der (realen oder fiktiven) Erlebnisse anderer als wichtigste Freizeitbeschäftigung gewöhnt. Zwar trifft es sicherlich zu, dass speziell in diesem Zusammenhang auch der Einfluss und das Vorbild der Eltern von maßgeblicher Bedeutung sind. Und auch ganz allgemein ist davon auszugehen, dass vor allem das persönliche Engagement und die Bildung der Eltern einen positiven, die Folgen der Armut lindernden Effekt auf die Intelligenz- und Verhaltensentwicklung ihrer Kinder haben können. Doch insgesamt erweisen sich die von Duncan gemessenen Einkommenseffekte gerade in der besonders vulnerablen Phase der frühen Kindheit als deutlich stärker, was nicht zuletzt durch die positiven oder eben negativen Auswirkungen der finanziellen Situation auf das Familienklima bedingt ist.430 Denn während eine solide Finanzlage auch auf psychosozialer Ebene für eine gewisse Sicherheit sorgt, stellen anhaltende Geldnöte eine gravierende psychische Belastung dar, welche die emotionalen Ressourcen der Eltern oftmals erschöpft und ihr Vermögen, für ein warmes und stabiles Klima innerhalb der Familie zu sorgen, auf eine harte Probe stellt. Nicht wenigen von chronischen Finanzsorgen geplagten Eltern – zumal, wenn sie alleinerziehend sind und/oder in schlechten Arbeitsverhältnissen stehen – fällt es daher trotz aller Bemühungen sehr schwer, ihre Kinder so zu unterstützen und zu motivieren, wie sie es unter weniger prekären Lebensverhältnissen sicherlich könnten. Die besondere Tragik besteht dabei darin, dass somit gerade den Kindern, denen es aufgrund ihrer materiellen Armut ohnehin schon an Lern- und Lebenschancen mangelt, oftmals auch noch jene emotionale Unterstützung und Geborgenheit fehlt, derer sie eigentlich umso dringender bedürfen. Insofern beeinträchtigt Armut die frühkindliche Entwicklung nicht nur direkt durch die materiell bedingten Einschränkungen, sondern ebenso indirekt durch die abträglichen psychischen Effekte, die sie auf die Eltern ausübt.431 Im Ergebnis führt all das dazu, dass viele Kinder aus dauerhaft armen Familien zum Zeitpunkt ihrer Einschulung, verglichen mit Mitschülern aus finanziell gesicherten Verhältnissen, erkennbare Defizite aufweisen. Sie beginnen ihre schulische Laufbahn daher von Anfang an mit einem Hartz IV-Bezug) ist das offensichtlich nicht darstellbar, zumal es sich ja nur um eine Aktivität handelt. Für sportliche und sonstige Aktivitäten ließen sich leicht analoge Überschlagsrechnungen mit vergleichbaren Ergebnissen anstellen. 430 Vgl. Duncan 1994, S. 305, 311f. 431 Vgl. ebd., S. 315. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 167 Handicap, das sich leicht auf ihre gesamte weitere Bildungskarriere und damit auch auf ihre späteren Berufschancen niederschlägt. Dies ist, wie Duncan zu Recht bemerkt, umso mehr der Fall, als Schulen systembedingt dazu tendieren, die Schüler schon sehr früh nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten zu sortieren und mittels Zensuren, Beurteilungen und Empfehlungen entsprechend zu labeln.432 Gerade in Deutschland, wo der biographisch weichenstellende Übergang ins gegliederte Schulsystem der Sekundarstufe I bereits nach der 4. Klasse ansteht, bleibt leistungsschwächeren Schülern nur wenig Zeit, zu ihren Klassenkameraden aufzuschließen. Und tatsächlich kann Duncan auf Basis der US-amerikanischen Panel Study of Income Dynamics (PSID), einer dem deutschen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) vergleichbaren Langzeiterhebung zur Einkommenssituation amerikanischer Haushalte, für die Vereinigten Staaten nachweisen, dass Armut im Vorschulalter nicht nur mit Defiziten zum Zeitpunkt der Einschulung, sondern auch in späteren Phasen der Kindheit und Jugend mit niedrigeren kognitiven Fähigkeiten, häufigerem Sitzenbleiben, häufigeren Schulabbrüchen und größeren Problemen beim Übergang ins Erwerbsleben korreliert. Dabei haben diese Zusammenhänge im Übrigen auch dann Bestand, wenn man auf den Einfluss anderer relevanter Variablen, etwa den Schulabschluss der Mutter, die Familienstruktur oder den Bezug von sozialen Transferleistungen, kontrolliert.433 Zwei Präzisierungen sind indes – nicht zuletzt mit Blick auf eine mögliche Verbesserung der Bildungs- und Sozialpolitik – besonders erwähnenswert: Zum einen sind die Effekte der familialen Einkommenssituation auf die individuellen Bildungschancen in der frühen Kindheit, im Vergleich zu späteren Phasen, besonders schwerwiegend; und zum anderen fällt die Effektstärke in den unteren Einkommensregionen deutlich höher aus, als dies bei Familien mit mittlerem oder hohem Einkommen der Fall ist.434 Es scheint also ein gewisses Sättigungs- 432 Vgl. Greg Duncan u. a.: »How Much Does Childhood Poverty Affect the Life Chances of Children?«, in: American Sociological Review, 63/1998, S. 406–423, hier S. 420. 433 Vgl. ebd. Für Deutschland existieren bislang kaum vergleichbare Studien, die sich auf Basis langfristiger Datenerhebung speziell mit dem Einfluss des Einkommens (beziehungsweise von Einkommensarmut) auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von Kindern beschäftigen. Eine gewisse Ausnahme bildet die Untersuchung von Schneider 2004, in welcher allerdings nicht der Einkommenseinfluss auf die Fähigkeitenentwicklung der Kinder (= primärer Herkunftseffekt), sondern auf die Schulwahl der Eltern für ihre Kinder (= sekundärer Herkunftseffekt) im Fokus steht. 434 Vgl. Duncan 1998, S. 420. Die Ergebnisse Schneiders auf Basis des SOEPs weisen zumindest tendenziell in dieselbe Richtung. Das heißt, auch in Deutschland scheint die familiale Einkommenssituation in der frühen Kindheit eine größere Rolle für die kindliche Leistungsentwicklung zu spielen als in späteren Phasen, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 168 niveau zu geben, ab dem eine weitere Einkommenssteigerung mit keiner signifikanten Verbesserung der kindlichen Entwicklungschancen mehr einhergeht (eine interessante Parallele übrigens zur weiter oben diskutierten Korrelation von Einkommen und subjektivem Glücksempfinden), sodass sich im Lichte dieser Erkenntnis weniger die allgemeine, alle Einkommensschichten gleichermaßen begünstigende, wohl aber die gezielte und spürbare wohlfahrtsstaatliche Anhebung des Einkommens armer Familien der Sache nach als sinnvoll und, zumindest nach meinem Dafürhalten, auch als politisch geboten erweist.435 Was aber die sekundären Herkunftseffekte betrifft – also jene Effekte der sozialen Herkunft, die nicht unmittelbar auf die Leistungsfähigkeit der Kinder wirken, sondern durch schichtspezifische, vorrangig elterliche Entscheidungsprozesse am Ende der Primarstufe den Rahmen für die weiteren schulischen Entwicklungsmöglichkeiten und Lerngelegenheiten abstecken –, so spielt für diese offenbar die Bildung der Eltern (bemessen an ihrem Schulabschluss), eine wichtigere Rolle als das Einkommen. Dies hat jedenfalls eine der wenigen Studien ergeben, die sich für Deutschland mit der Gewichtung des je spezifischen Einflusses des Einkommens respektive der Bildung der Eltern auf deren Wahl einer weiterführenden Schule für ihre Kinder befasst hat.436 So ist etwa die Wahrscheinlichkeit für ein Kind in der 4. Klasse, auf das Gymnasium geschickt zu werden, umso größer, je höher der Bildungsabschluss seiner Eltern ist, und zwar auch dann, wenn man auf die Einflüsse des Familieneinkommens (bemessen an den Einkünften aus dem Jahr vor dem Ende der Grundschulzeit) kontrolliert. Das geht so weit, dass selbst Kinder aus einkommensschwachen Familien, deren Eltern indessen über das (Fach-)Abitur verfügen, immer noch eine erheblich größere Chance haben, das Gymnasium zu besuchen, als Kinder, deren Eltern zwar sehr wohlhabend sind, jedoch nur einen Hauptschulabschluss vorweisen können.437 Die Gründe für die unterschiedlichen Bildungsaspirationen dürften dabei neben den Bestrebungen der höher gebildeten Eltern, einen sound auch hier fallen die entsprechenden Effekte zumindest im Hinblick auf die Chance – oder vielmehr: das Risiko –, nach der 4. Klasse auf die Hauptschule zu kommen, im untersten Einkommensquartil deutlich stärker aus als in den höheren. Allerdings räumt Schneider ein, dass die für eine genauere Untersuchung des Zusammenhangs von Familieneinkommen und kindlicher Leistungsentwicklung erforderlichen Langzeitdaten für Deutschland derzeit nicht vorliegen. Vgl. Schneider 2004, S. 483, 487f. Es gibt meines Erachtens jedoch wenig Grund für die Annahme, dass die in den USA gut erforschten Zusammenhänge zwischen Einkommen und (frühkindlicher) kognitiver Entwicklung in Europa grundsätzlich anders aussehen. 435 So auch Duncan 1998, S. 421. 436 Schneider 2004. 437 Vgl. ebd., S. 483. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 169 zialen Status- und Prestigeverlust ihrer Kinder möglichst zu verhindern, auch in ihrer milieuspezifischen, das heißt durch den sozialen Habitus bedingten und intergenerationell vererbten höheren Wertschätzung von Kulturkapital sowie in ihrer größeren Vertrautheit mit der gymnasialen und potentiell daran anschließenden universitären Bildungskarriere liegen. Demgegenüber schicken formal weniger gebildete Eltern ihre Kinder leider auch dann seltener auf das Gymnasium, wenn deren Schulleistungen dies eigentlich anempfehlen würden.438 Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Lehrer sogar bei gleichen Fähigkeiten und Leistungen sehr häufig (meist unbewusst) jene Schüler bevorzugen und für das Gymnasium empfehlen, die bereits aus den mittleren und höheren Sozialschichten stammen und deshalb hinsichtlich ihrer Sprache, ihrer Umgangsformen, ihrer Lernmotivation, im Grunde hinsichtlich ihres gesamtes Verhaltens einen ähnlichen Habitus erkennen lassen wie sie selbst.439 Das hat zur Folge, dass Kinder aus »bildungsfernen« Haushalten in der Regel deutlich höhere Leistungen erbringen müssen, um seitens der Lehrer eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als dies bei Kindern aus Familien mit hohen Bildungsabschlüssen üblicherweise der Fall ist.440 Bei »lediglich« gleichen Schulleistungen sind sie dagegen signifikant benachteiligt, weshalb von einer leistungsadäquaten und wenigstens in diesem Sinne gerechten Beurteilung am Ende der Primarstufe keine Rede sein kann. Freilich lässt sich speziell an diesem Sachverhalt – anders als an den soeben diskutierten armutsinduzierten Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklungschancen von Kindern – durch einkommensbezogene Interventionen des Sozialstaates allein wenig ändern. Vielmehr sollten die auf habitusbedingte Entscheidungsprozesse zurückzuführenden sekundären Selektionseffekte und die daraus resultierenden Bildungsungleichheiten zum Anlass genommen werden, das dreigliedrige Schulsystem zu reformieren und ernsthaft über die Einführung einer integrierten Gesamtschule, welche den Schülern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen würde, nachzudenken.441 Insofern wären die wohlfahrtsstaatliche Beseitigung familialer Armut und die Reform des Bildungswesens als gleichermaßen 438 Tatsächlich schicken fast alle Eltern aus den oberen Sozialschichten ihre Kinder bei guten Schulleistungen aufs Gymnasium, während Eltern aus den unteren Schichten dies gerade einmal zu rund 38% tun. Und selbst bei mittelmäßigen Schulleistungen möchten noch immer 75% der Eltern aus den oberen Schichten, aber nur 11% der Eltern aus den unteren Schichten ihre Sprösslinge auf dem Gymnasium sehen. Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 23. 439 Vgl. ebd., S. 24; ferner Hillmert 2009, S. 93. 440 Vgl. Schneider 2004, S. 473. 441 So auch Solga / Dombrowski 2009, S. 44. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 170 notwendige, komplementäre Strategien zur Bekämpfung ungleicher Bildungschancen zu betrachten. Der Umstand, dass bei den sekundären Herkunftseffekten das Einkommen der Eltern im Vergleich zu ihrer Bildung eine geringere Rolle spielt, bedeutet aber nicht, dass ihm in diesem Kontext überhaupt keine Bedeutung zukäme. Denn wenn man Grundschulkinder nach den Schulabschlüssen ihrer Eltern [(Fach-)Abitur, Mittlere Reife, Hauptschulabschluss, ohne Abschluss] gruppiert und ihre Chance, auf das Gymnasium zu kommen, getrennt voneinander analysiert, so stellt man fest, dass diese Chance für Kinder aus wohlhabenden Familien, die dem obersten Quartil der Einkommensverteilung angehören, in allen vier Gruppen ungefähr eineinhalb- bis zweimal so groß ist wie für jene, die zum untersten Einkommensquartil gehören.442 Und umgekehrt verringert sich das Risiko, auf die Hauptschule geschickt zu werden, mit steigendem Familieneinkommen ebenfalls signifikant.443 Insofern mag der Einfluss des Einkommens auf die elterlichen Entscheidungsprozesse zwar geringer sein als jener der elterlichen Bildung, doch ist er gleichwohl vorhanden. Vermittelt wird er dabei wiederum vor allem durch primäre Herkunftseffekte, wie ich sie oben beschrieben habe. Denn die mit dem Familieneinkommen (vor allem dem früheren) variierende faktische Leistungsfähigkeit der Kinder geht als wichtige Prämisse in die Entscheidungsfindung der Eltern ein und stellt dadurch auch auf Ebene der sekundären Herkunftseffekte den Zusammenhang von ungleichem Familieneinkommen und ungleichen Bildungsverläufen her.444 Summa summarum zeigt sich also, dass die wesentlichen Gründe für die individuell verschiedenen, sozial hochgradig selektiven Teilhabeund Erfolgschancen im Erziehungssystem der Gesellschaft nicht in diesem selbst, sondern außerhalb seiner liegen.445 Daher nivelliert das Erziehungssystem die soziale Ungleichheit auch nicht, es reproduziert sie. Wie gesehen sind dabei das ökonomische und kulturelle Kapital der Herkunftsfamilie als die entscheidenden Faktoren zu betrachten. Beide Kapitalformen stehen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis zueinander, da die Aneignung des einen durch das Vorhandensein des 442 Vgl. ebd., S. 483 (vor allem Abb. 2), 488. 443 Vgl. ebd., S. 486 (Abb. 3c), 487f. 444 So auch Hillmert 2009, S. 92, und Schneider 2004, S. 488. Schneider verweist allerdings darauf, dass für die definitive Verifizierung der beschriebenen Korrelation noch eine genauere Untersuchung auf Basis von (für Deutschland z. Zt. nicht vorhandenen) Angaben zu Leistungsständen und Einkommen aus mehreren aufeinanderfolgenden Jahren erforderlich wäre. Die Indizien weisen jedoch alle in dieselbe Richtung und für die Vereinigten Staaten ist der in Frage stehende Zusammenhang, wie gesehen, hinreichend dokumentiert. Vgl. eben Duncan 1994, 1998. 445 Vgl. Hillmert 2009, S. 92. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 171 anderen erheblich begünstigt wird. Umgekehrt repräsentiert besonders ökonomische Armut zumindest für die erfolgreiche Inklusion ins Bildungssystem (und nur auf den Erfolg kommt es augenscheinlich an) einen massiven Hemmschuh, da sie nicht nur den äußeren Rahmen der schulischen und außerschulischen Lerngelegenheiten eng begrenzt, sondern dadurch auch die frühkindliche Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten empfindlich beschneidet. Die subjektive Lern- respektive Erziehungsfähigkeit – mithin die elementare Grundlage jedes weiteren Wissenserwerbs und damit zugleich das zentrale funktionsbezogene Selektionskriterium des Erziehungssystems – ist eben keine angeborene, sozusagen natürliche Qualität der Schüler, sondern vielmehr als sich anzueignende Kompetenz zu begreifen, deren Erwerb maßgeblich von finanziellen Ressourcen abhängt. Armut behindert diesen Aneignungsprozess wesentlich und droht damit die individuelle Bildungskarriere von Anfang an auf eine schiefe Bahn zu lenken. Wenn hier nicht frühzeitig gegengesteuert wird, sind spätere Korrekturen, zum Beispiel über den Zweiten Bildungsweg, nur noch relativ schwer möglich und zudem mit erheblichem Aufwand verbunden – weshalb sie in der Praxis auch nur äußerst selten gelingen.446 Besonders gravierend werden die Benachteiligungen im Erziehungssystem dann, wenn das Bildungsniveau einer Person die gesellschaftlich notwendigen und demnach allgemein erwarteten Mindeststandards erkennbar unterschreitet. In diesem zugespitzten Fall, in dem eine gleichberechtigte Teilhabe am sozialen Leben und speziell am Arbeitsmarkt kaum mehr möglich ist, wird in der Forschung von Bildungs- beziehungsweise Kompetenzarmut gesprochen.447 Diese liegt beispielsweise vor, wenn die Lesekompetenz so gering ist, dass allenfalls die fragmentarische Entschlüsselung sehr einfacher und thematisch vertrauter Texte gelingt, hingegen eine irgendwie darüber hinausgehende Einarbeitung in weniger vertraute oder sogar unbekannte Sachgebiete sowie die Reflexion, Bewertung und die sinnvolle, das heißt alltags- und berufsrelevante Bezüge herstellende Integration des Gelesenen in den subjektiven Wissensbestand scheitert. Auch wenn man es kaum glauben mag – auf diesem defizitären Niveau, das gerade einmal der ersten der fünf Kompetenzstufen der PISA-Untersuchungen entspricht, bewegen sich die Fähigkeiten von rund 23 % (sic!) der fünfzehnjährigen Schüler in Deutschland. Mit anderen Worten heißt das, dass fast ein Viertel der 446 Vgl. Heike Solga: »Ausbildungslose und die Radikalisierung ihrer sozialen Ausgrenzung«, in: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige, Hamburg 2006, S. 121–146, hier S. 142. Das Problem ist einfach, dass die Gründe, die zum Scheitern in der Regelschule geführt haben, meist auch zur Folge haben, dass die Angebote des Zweiten Bildungswegs de facto kaum genutzt werden. 447 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 9f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 172 nachwachsenden Generation schlicht nicht über die nötigen Kompetenzen verfügt, die eine erfolgreiche Berufsausbildung erwarten lassen.448 Da eine abgeschlossene Berufsausbildung inzwischen aber – anders als noch in den 1950er und 1960er Jahren – als mehr oder weniger obligatorische Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt zu betrachten ist, haben die betroffenen Schüler eben nicht mehr nur schlechtere Erwerbschancen als früher, sondern im Grunde genommen überhaupt keine.449 Hauptschüler sind besonders betroffen: Etwa 50 % von ihnen erreichen maximal die erwähnte Kompetenzstufe I, wobei zu erwähnen ist, dass 16 % der Hauptschulen – vor allem in Großstädten – aufgrund ihres »kritischen Schulmilieus« schon gar nicht mehr als »beschulbar« gelten.450 Nach dem Vorangegangenen dürfte es sich dabei von selbst verstehen, dass die überwiegende Mehrheit der zu dieser »Risikogruppe« gehörenden Schüler aus den unteren Sozialschichten stammt.451 Natürlich schreit all das förmlich nach sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen, welche die ungleichen Bildungschancen verringern und insbesondere die Kompetenzarmut wirkungsvoll bekämpfen. Denn schließlich beeinträchtigt ein unzureichender Bildungsstand nicht nur die individuellen Erwerbschancen. Er hat darüber hinaus auch einen oftmals ungünstigen Einfluss auf die subjektiven Präferenzen (zum Beispiel was die Ernährungsgewohnheiten oder den Genussmittelkonsum anbelangt) und schränkt zudem den Variantenreichtum der jeweils aktualisierbaren Handlungsoptionen sowie ganz allgemein die Fähigkeit, sich in der immer komplexer werdenden modernen Gesellschaft zurechtzufinden und gegebenenfalls auf Basis von vernünftiger Überlegung und Information aktiv Einfluss zu nehmen, empfindlich ein. Dies wiederum ist nicht nur aus volkswirtschaftlicher Perspektive, sondern auch aus gerechtigkeitsund demokratietheoretischen Erwägungen heraus außerordentlich problematisch. Auch wenn dieser Sachverhalt in der politischen Debatte, die derzeit stark von den Argumenten der ökonomischen Humankapitaltheorie beeinflusst wird, oftmals unterzugehen droht, repräsentiert Bildung im Sinne der Erziehung zu einem autonomen, aufgeklärten Individuum eben doch wesentlich mehr als nur einen wirtschaftlichen Produktionsfaktor. Dennoch sollte man sich von der gegenwärtig vieldiskutierten Intensivierung der Bildungsinvestitionen und entsprechenden Reformen des Schulsystems, so begrüßenswert sie gerade im Hinblick auf die Stärkung der subjektiven Handlungsmächtigkeit wären, nicht 448 So die lapidare Feststellung der Bundesregierung in ihrem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht aus dem Jahre 2005, S. 89. Die Dinge haben sich seitdem allenfalls marginal verbessert. 449 Vgl. Solga 2006, S. 125. 450 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 9f. 451 Vgl. ebd., S. 15; Bundesregierung 2005, S. 89. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 173 zu viel versprechen. Dass sie eine universale Lösung für die eingangs geschilderten Probleme der zunehmenden Prekarisierung und sozialen Exklusion darstellen könnten, wie vielfach unterstellt wird, darf man mit Steffen Hillmert jedenfalls bezweifeln.452 Viel eher ist nämlich davon auszugehen, dass die allgemeine Verbesserung der (Schul-)Bildung – ihre äu- ßerst wichtigen subjektbezogenen Vorteile hier einmal beiseitegelassen – im Grunde lediglich den Verdrängungswettbewerb um die nach wie vor knappen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten auf ein höheres Qualifikationsniveau anheben würde, während jene Personen, die allen individuellen wie bildungspolitischen Bemühungen zum Trotz auch weiterhin keine ausreichenden Bildungsabschlüsse für sich erlangen können, nur umso stärker stigmatisiert und ausgegrenzt würden. Den Integrationsproblemen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft ist auf diesem Wege nicht beizukommen. Wissenschaft Die wenn auch nicht nur, so doch maßgeblich durch Armut bedingten Bildungsungleichheiten wirken sich auch auf die Inklusion ins strukturell eng mit dem Erziehungssystem gekoppelte Wissenschaftssystem der Gesellschaft aus. Denn weil die Wissenschaft im engeren Sinne (= Forschung) im Unterschied zu den anderen Funktionssystemen keine allgemeinzugänglichen, breitenwirksamen Publikums- beziehungsweise Klientenrollen institutionalisiert hat, das heißt vor allem aus professionellen Leistungsrollen besteht, die (zumindest idealiter) allein am systeminternen Relevanzkriterium der Wahrheit orientiert sind (und systemexternen Publikumseffekten mehr oder weniger indifferent gegenüberstehen), wird die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lediglich indirekt über die »Verwissenschaftlichung der Themen des Erziehungssystems und in diesem wiederum primär über die Hochschulerziehung« inkludiert.453 Das allerdings bedeutet nichts anders, als dass auch die Partizipation an Wissenschaft letztlich durch eben jene sozioökonomisch basierten Selektionsmechanismen reguliert wird, die im soeben behandelten Erziehungssystem generell wirksam sind. Besonders augenfällig wird dieser Sachverhalt nicht zuletzt am Beispiel der Hochschulerziehung selbst, die, neben der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, insbesondere der akademischen Schulung für außerakademische Arbeitsfelder (zum Beispiel in Unternehmen, Kliniken, im Staatsdienst usw.) dient: Während dem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht zufolge gut 81 % der Kinder mit einer »hohen« sozialen Herkunft nach der Schule ein Studium beginnen, ist dies bei lediglich 11 % der Kinder aus sozioökonomisch 452 Vgl. Hillmert 2009, S. 97. 453 Stichweh 1988, S. 275f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 174 schlechtgestellten Familien der Fall. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass »die Chance eines Kindes aus einem Elternhaus mit ›hohem‹ sozialen Status, ein Studium aufzunehmen, 7,4-fach größer [ist] als die eines Kindes aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialen Status.«454 Dabei spielen die beschriebenen schulischen Selektionseffekte eine maßgebliche Rolle, doch auch wenn man die demzufolge bereits selbst hochselektive Gruppe der Studienberechtigten [also der Personen mit (Fach-) Abitur] für sich betrachtet, stellt man fest, dass sich Personen aus niedrigen Sozialschichten im Vergleich deutlich seltener für ein Hochschulstudium entscheiden, wobei die meisten dieser Personen finanzielle Gründe (welche sowohl die direkten Studienkosten als auch die indirekten Opportunitäts- und Transaktionskosten beinhalten) für ihre Entscheidung gegen ein Studium angeben.455 Auch hier wieder erweisen sich Kinder aus wohlhabenden Familien, die über die wirtschaftlichen Ressourcen für eine einigermaßen komfortable und fruchtbare456 Ausdehnung der Aneignungsphase kulturellen Kapitals über die Schulzeit hinaus verfügen, als in besonderem Maße privilegiert. Insofern zeigt sich also, dass auch die Inklusion ins Wissenschaftssystem, vermittelt durch die mit der Schichtzugehörigkeit variierenden günstigen oder ungünstigen Teilhabeund Erfolgschancen im Erziehungssystem, in erheblichem Umfang von wirtschaftlichen Zugangsvoraussetzungen abhängt. Medizinsystem Als nächstes soll das Medizinsystem der Gesellschaft, das für die individuellen Lebenschancen ersichtlich von einiger Bedeutung ist, betrachtet werden. Das konstitutive Bezugsproblem dieses Systems ist Krankheit, seine Funktion demnach Diagnose und Therapie derselben auf Grundlage der Systemcodierung krank/gesund. Dieses System kommt immer dann ins Spiel, wenn Menschen »nicht mehr problemlos als organische oder psychische Grundlage der Kommunikation dienen [können].«457 Wie im Falle der meisten professionellen Leistungsrollen in den Funktionssystemen der modernen Gesellschaft hat auch die Besetzung der 454 Bundesregierung 2005, S. 94. 455 Vgl. Solga / Dombrowski 2009, S. 32. 456 Es ist beispielsweise sowohl für die Dauer des Studiums als auch für den Studienerfolg von erheblicher Bedeutung, ob Studierende für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen oder nicht (was nicht zuletzt darauf Einfluss hat, ob die Semesterferien neben der Erholung auch für berufsrelevante Praktika genutzt werden können oder nicht) und ob darüber hinaus Mittel für Auslandsaufenthalte, Sprachurlaube, Exkursionen usw. zur Verfügung stehen. Es geht also nicht allein um die Frage, ob überhaupt ein Studium aufgenommen wird, sondern auch darum, unter welchen günstigen oder ungünstigen Bedingungen dies geschieht. 457 Baraldi u. a., S. 115. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 175 medizinischen Leistungsrollen (Arzt, Apotheker, Physiotherapeut etc.) den durch Bildungszertifikate bestätigten Nachweis entsprechender Qualifikationen zur Voraussetzung und hängt insofern, wie gesehen, von sozioökonomischen Faktoren ab. Die breite Masse der Bevölkerung wird jedoch nicht über eine Leistungsrolle, sondern über die systemspezifische Klientenrolle des Patienten inkludiert. Dabei spielen allerdings keineswegs nur rein medizinische Aspekte eine Rolle, denn um tatsächlich als Patient behandelt zu werden, braucht es nicht nur eine Krankheit, sondern zunächst einmal Geld, um die Leistungsträger des medizinischen Systems entsprechend zu motivieren. Zahlungen sind demnach eine conditio sine qua non dafür, dass das Medizinsystem der kapitalistischen Gesellschaft mit der Krankenbehandlung überhaupt beginnt. Allerdings, und dies gehört sicherlich mit zu den größten Errungenschaften des modernen Wohlfahrtsstaates, werden diese Zahlungen wenn auch nicht in allen, so doch in vielen westlichen Ländern von (mehr oder weniger) solidarisch konzipierten Institutionen wenigstens teilweise übernommen.458 In Deutschland ist hier etwa die Gesetzliche Krankenversicherung zu nennen, die sich bekanntlich über die nach dem Einkommen gestaffelten Beiträge ihrer Mitglieder finanziert, jedoch unabhängig von der individuellen Beitragshöhe die Kosten für medizinisch notwendige Leistungen übernimmt. Dadurch kommt es zu einem Transfer zwischen Gesunden und Kranken sowie zwischen einkommensstärkeren und -schwächeren Personen. Auf diese Weise werden Zahlungen als unabdingbare Voraussetzung für die Inklusion des einzelnen ins Medizinsystem zwar nicht abgeschafft, doch hängt diese nun immerhin nicht mehr allein von der hochgradig ungleich verteilten individuellen Zahlungsfähigkeit, sondern von der kollektiven Zahlungskraft der Solidargemeinschaft ab. Bedenklich stimmt indessen, dass eben diese kollektive Zahlungsfähigkeit (und im Übrigen auch die Zahlungsbereitschaft) der Solidargemeinschaft auch in der Bundesrepublik, die an sich immer für ihr gut ausgebautes Gesundheitswesen bekannt gewesen ist, mehr und mehr zu schwinden scheint. Als Hauptgrund werden im Allgemeinen die seit den späten 1970er Jahren rasch steigenden Gesundheitskosten genannt, die 458 Die Unterschiede zwischen den Ländern bei der Kostenübernahme für Leistungen des Gesundheitswesens sind jedoch groß. So spielen beispielsweise in den stärker privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystemen Großbritanniens oder der Vereinigten Staaten »direkte Käufe von Gesundheitsleistungen beziehungsweise Zuzahlungen« (und damit die individuelle Zahlungskraft der Patienten) eine wesentlich größere Rolle als in der Bundesrepublik oder in Skandinavien. Vgl. Thomas Lampert u. a.: Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit, Expertise des Robert Koch-Instituts zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2005, S. 21. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 176 im Zuge der oben bereits erwähnten Agenda 2010 der Regierung Schröder im Jahr 2004 gemeinsam mit dem Inkrafttreten der Hartz-Gesetze schließlich zur Umsetzung weiterer auf Kostensenkung abzielender Gesundheitsreformen führten. Wesentliche Eckpunkte dieser und früherer Reformen waren neben der Einführung einer pro Quartal zu entrichtenden Praxisgebühr in Höhe von 10 Euro die Erhöhung von Zuzahlungen (zum Beispiel für Medikamente, Zahnersatz oder medizinische Hilfsmittel) beziehungsweise die gänzliche Streichung einzelner Posten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen. Beispielsweise nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel, Brillengestelle, die Fahrtkosten zu ambulanten Behandlungen oder Verhütungsmittel für über 20-Jährige müssen von den Patienten nunmehr selbst getragen werden. Da diese Kosten in den ohnehin sehr knapp bemessenen Regelsätzen des Arbeitslosengeldes II aber keine Berücksichtigung finden, sehen sich nicht wenige Hartz IV- Empfänger und andere einkommensarme Personen von medizinisch eigentlich gebotenen Leistungen des Gesundheitswesens faktisch ausgeschlossen. Dementsprechend häufen sich die Berichte von Ärzten, die sich ursprünglich der ehrenamtlichen und kostenlosen Betreuung von Obdachlosen und Drogenabhängigen widmeten, dass mit den Hartzund Gesundheitsreformen sozusagen eine neue, aus der Mitte der Gesellschaft herausgedrängte Klientel entstanden ist und sich der Zulauf zu ihren Praxen dadurch spürbar erhöht hat. Zwar existiert, so der Soziologe Thomas Lampert, der für das mit der Gesundheitsberichterstattung des Bundes beauftragte Robert Koch Institut Berlin arbeitet, bislang noch kein statistischer Nachweis für diesen Zusammenhang, doch deuteten die Indizien durchaus darauf hin, dass die Krankenbehandlung auch in Deutschland wieder verstärkt zu einer Frage der individuellen Zahlungsfähigkeit geworden ist.459 Hinzugefügt werden muss dabei, dass der in der öffentlichen Debatte vielfach als »Kostenexplosion« überzeichnete Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben, der die Einsparungen legitimieren soll, dadurch zu relativieren ist, dass die Ausgaben im Verhältnis zum gleichfalls gestiegenen Bruttoinlandsprodukt in Wahrheit weitgehend konstant geblieben sind. Die eigentliche Problematik resultiert daher nicht so sehr aus den wachsenden Kosten des medizinischen Systems, sondern vielmehr aus dem verteilungspolitisch ohnehin fragwürdigen Umstand, dass – namentlich infolge der Lohnstagnation sowie der oben skizzierten, politisch ins Werk gesetzten steuerlichen Entlastung der oberen Vermögens- und Einkommensgruppen – trotz des insgesamt wachsenden Volkseinkommen der Brutto-Lohnanteil an diesem gesunken und die Finanzierungsbasis 459 Vgl. Kowitz 2012. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 177 der Sozialversicherungen dementsprechend erheblich geschrumpft ist.460 Deshalb und aufgrund der in die gleiche Richtung wirkenden Tatsache, dass sich das Verhältnis von Beitragszahlern zur Gesamtheit der Leistungsabnehmer infolge der demographischen Entwicklungen weiter verschlechtern wird, ist abzusehen, dass der Finanzierungsdruck auf die Sozialkassen, namentlich die Renten-, Pflege- und eben die Krankenkassen, noch spürbar zunehmen wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es ratsam, über eine Umstellung der Finanzierungsweise des medizinischen Systems von der Beitrags- auf Steuerfinanzierung nachzudenken, um die Finanzierung unmittelbar an die Entwicklungen des gesamten Volkseinkommens zu koppeln und dadurch wieder auf ein breiteres Fundament zu stellen – dies zumindest dann, wenn die kollektive Zahlungsfähigkeit der Solidargemeinschaft und damit der von ökonomischen Barrieren freie Zugang zu den Leistungen des Medizinsystems für jedermann erhalten bleiben soll. Andernfalls droht – ganz im Sinne jener wirtschaftsliberalen Marktapologeten, die sich ihren Ruf nach Freiheit und Eigenverantwortung in der Regel auch sehr gut leisten können – tatsächlich, dass die Verantwortung für die Bezahlung der Krankenbehandlung, ungeachtet sowohl der medizinischen Chancen und Notwendigkeiten als auch der massiven Ungleichheit der individuellen Kaufkraft, in Zukunft noch sehr viel deutlicher als bisher auf das einzelne Individuum zurückverlagert wird. Das hieße nichts anderes, als die unter Umständen existentielle Frage, wer als Patient in welchem Umfang ins Medizinsystem der funktional differenzierten Gesellschaft inkludiert wird und wer nicht, in erster Linie den gegenüber dem Wohlergehen der Menschen gänzlich indifferenten, allein am Profit orientierten Mechanismen des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu überlassen. Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich sehr gut an den US-amerikanischen Verhältnissen studieren, wo die Sorge für Gesundheit und Krankenbehandlung traditionell nicht als solidarisch zu bewältigende Gemeinschaftsaufgabe, sondern als individuelle Privatangelegenheit betrachtet wird – und wo infolgedessen wie in einem Entwicklungsland jedes Jahr rund 45.000 Menschen mit niedrigem Einkommen an den vermeidbaren Folgen einer fehlenden Krankenversicherung sterben.461 Die übergeordnete Bedeutung des ökonomischen Systems offenbart sich indes nicht allein daran, dass die Inklusion ins Medizinsystem 460 Vgl. Monika Jungbauer-Gans, Werner Schneider: »Gesundheit«, in: Jutta Allmendinger, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.): Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen, Weinheim / München 2000, S. 201–236, hier S. 212. 461 Dies ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2009, die in den Vereinigten Staaten für einigen Diskussionsstoff sorgte und den (inzwischen umgesetzten) Plänen des amtierenden Präsidenten Barack Obama zur Einführung einer gesetzlichen Krankenkasse starken Rückenwind verlieh. Vgl. David TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 178 finanzielle Voraussetzungen hat. Vielmehr korreliert schon das Risiko, überhaupt zu erkranken und sogar vorzeitig zu sterben, mit dem sozio- ökonomischen Status einer Person. Während Reichtum die Chance auf ein gesundes und langes Leben signifikant verbessert, leiden Arme häufiger an Krankheiten und scheiden erheblich früher aus dem Leben – eine existentiellere Form der Ausschließung lässt sich kaum denken. Insofern korrespondiert dem positiven Wert der ökonomischen Systemcodierung (reich) der positive Codewert des medizinischen Systems (gesund), während umgekehrt die negativ besetzen Codewerte der beiden Systeme (arm/krank) ebenfalls in einer engen, teils unmittelbar ursächlichen Beziehung zueinander stehen. So belegen regierungsamtliche Statistiken aus Deutschland, dass einkommensarme Erwachsene öfter von Herzinfarkten, Schlaganfällen, Adipositas, chronischer Bronchitis, Depressionen und (jedenfalls die Männer) Leberzirrhose betroffen sind und zudem eine um das Zweifache erhöhte vorzeitige Sterblichkeit aufweisen.462 Und auch Kinder und Jugendliche, die in armen Verhältnissen aufwachsen, leiden überdurchschnittlich oft an gesundheitlichen Beschwerden, welche die physische wie psychische Leistungsfähigkeit empfindlich schwächen. Zu nennen sind hier beispielsweise starkes Übergewicht, Asthma, häufige Kopfschmerzen, starke Nervosität, Einsamkeit, Schlafstörungen, körperliche und/oder intellektuelle Entwicklungsverzögerungen sowie kinderpsychiatrische Störungen.463 All dies führt schlussendlich zu dem für eine demokratische Gesellschaft ausgesprochen problematischen Ergebnis, dass die Frauen und Männer des reichsten Viertels der Bevölkerung eine um acht beziehungsweise elf Jahre (sic!) höhere Lebenserwartung als die Frauen und Männer aus dem ärmsten Viertel genießen.464 Die Gründe für diesen ausgeprägten Zusammenhang von sozioökonomischer Deprivation und erhöhtem Krankheits- beziehungsweise Sterblichkeitsrisiko sind vielfältiger Natur. Einerseits kann sich Armut mehr oder weniger direkt auf die Gesundheit auswirken. Beispielsweise kommen in armen Haushalten insbesondere dann, wenn beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen oder es sich um eine Ein-Eltern-Familie handelt, aus einer Kombination von Kosten- und Zeitgründen sehr oft Fertiggerichte auf den Tisch, die zwar billig, aber auch ungesund und verhältnismäßig kalorienreich sind.465 Im Zusammenspiel mit den oben erläuterten, ebenfalls durch Geldmangel induzierten Einschränkungen U. Himmelstein u. a.: »Health Insurance and Mortality in US Adults«, in: American Journal of Public Health, 99/2009, Nr. 12, S. 2289–2295. 462 Vgl. Bundesregierung 2005, S. 131f. 463 Vgl. ebd., S. 139; Österreichische Armutskonferenz: Armut kann ihre Gesundheit gefährden. Warnung der Armutskonferenz, Leseheft 2, o. J., S. 4f., http://www. armutskonferenz.at (23.03.16). 464 Vgl. Kowitz 2012. 465 Vgl. Österreichische Armutskonferenz o. J., S. 4. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 179 sportlicher und sonstiger Freizeitaktivitäten, die mangels Alternativen vielfach durch ausgedehnten, überwiegend bewegungsfreien Medienkonsum kompensiert werden, ist Übergewicht eine sehr häufige Konsequenz. Diese Kombination aus Übergewicht und Bewegungsmangel stellt wiederum eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen (zum Beispiel Diabetes) sowie orthopädische Beschwerden dar. Die Österreichische Armutskonferenz weist ferner, um ein weiteres Beispiel zu nennen, darauf hin, dass ein wichtiger Grund für asthmatische Erkrankungen, die bei Kindern aus wirtschaftlich schlechtgestellten Familien überproportional häufig diagnostiziert werden, in feuchten Wohnungen zu sehen ist.466 Vor allem jedoch implizieren die anhaltenden Geldnöte, der ständige erzwungene Verzicht, die Tendenz zu sozialer Ausgrenzung und Isolation sowie die chronischen Zukunftsängste, mit denen Arbeitslose ebenso wie die steigende Anzahl prekär Beschäftigter tagtäglich fertig werden müssen, enormen psychosozialen Stress, der gegebenenfalls die ganze Familie beeinträchtigt und sehr schnell auf die psychische und physische Gesundheit durchschlagen kann.467 Armut, Erschöpfung und Angst wirken insofern »wie ein schleichendes Gift im Körper«,468 dem auf Dauer auch die stärksten Widerstandskräfte zu unterliegen drohen, was nicht zuletzt die vielfach dokumentierte gesteigerte Anfälligkeit für gesundheitsriskanten Substanzkonsum in den unteren Sozialschichten teilweise zu erklären hilft. Andererseits wirken sich sozioökonomische Benachteiligungen indirekt auf die Gesundheit aus, wobei Bildung eine entscheidende Mittlerrolle einnimmt. Denn wie gesehen, erreichen die Angehörigen der unteren Sozialschichten im Durchschnitt niedrigere Bildungskompetenzen und -abschlüsse, was einmal in einer schwächeren Position auf dem Arbeitsmarkt resultiert und zum anderen die Variabilität und Spannbreite der konkret umsetzbaren Handlungsalternativen, das heißt die subjektive Handlungsfähigkeit, deutlich einschränkt. Sie sind deshalb häufiger gezwungen, physisch wie psychisch belastende, insbesondere prekäre und schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse einzugehen und folglich in höherem Maße gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, während das demnach eigentlich umso wichtigere Wissen über Gesundheitsgefahren, und insofern das Bewusstsein sowie die praktische Kompetenz für eine gesundheitsgerechte Lebensführung, oftmals nur unzureichend entwickelt sind.469 Allerdings sollte man sich, ähnlich wie schon mit Blick 466 Vgl. ebd. 467 Vgl. Lars Kroll, Thomas Lampert: Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit (= GBE Kompakt. Zahlen und Trends aus der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 3/2012, H. 1, hrsg. vom Robert Koch Institut Berlin), Berlin 2012. 468 Kowitz 2012. 469 Vgl. Jungbauer-Gans / Schneider 2000, S. 161. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 180 auf die Erwerbschancen, auch für die Gesundheit von einer allgemeinen Verbesserung der Bildung nicht zu viel versprechen. Denn zum einen haben jüngste Untersuchungen des Berliner Robert Koch Instituts gezeigt, dass sich der mit Arbeitslosigkeit vielfach einhergehende gesundheitsriskante Lebensstil in der Regel erst während der Arbeitslosigkeit Bahn bricht, und zwar keineswegs nur bei Unterprivilegierten; vielmehr sei das Phänomen bildungsunabhängig und trete, wie Thomas Lampert erläutert, bei gebildeten Absteigern aus der Mittelschicht genauso auf.470 Und zum anderen lebten Erwerbstätige in prekären und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen zwar ähnlich gesundheitsbewusst wie Beschäftigte in sicheren und gutbezahlten Jobs, doch seien sie trotzdem viel häufiger krank. Armut und Angst vor der Zukunft verursachten also ganz unabhängig vom individuellen Bildungsstand psychosozialen Stress und erhöhten eben dadurch die Anfälligkeit für Krankheiten.471 Auch in diesem Zusammenhang ist die vielfach als solches beschworene »Bildungsexpansion« mithin kein Allheilmittel – im Übrigen ebenso wenig wie die kontraproduktive Ausdehnung des Niedriglohnsektors –, sondern lediglich ein wichtiges Element einer umfassenderen Sozialpolitik, deren wesentliches Fundament aus der generellen Beseitigung von Armut und der bedingungslosen, individuelle Sicherheit stiftenden Garantie sozialer Teilhabe bestehen sollte. Rechtssystem Auch im Rechtssystem der Gesellschaft sind, entgegen dem vielfach proklamierten und in den meisten Demokratien verfassungsrechtlich fixierten Grundsatz der universalen Gleichheit vor dem Gesetz, gravierende Benachteiligungen der unteren, wirtschaftlich schlechtgestellten Sozialschichten zu konstatieren. Die gesellschaftliche Funktion des Rechts ist es, ein allgemeinverbindliches, Komplexität reduzierendes System von Handlungsorientierungen auf Dauer zu stellen, indem die Geltung bestimmter, in Gesetzesform gegossener normativer Erwartungen kontrafaktisch, das heißt auch im Falle ihrer Enttäuschung, garantiert wird.472 Sanktionen führen dabei jedermann vor Augen, dass der Delinquent im Unrecht war und die gebrochene Norm weiterhin gilt.473 Das Recht gewährleistet somit verlässliche, auf die Differenz von Recht und Unrecht bezogene soziale Erwartungsstrukturen, an die man sich halten kann. Treten Streitfälle auf, wird im Rahmen gerichtlicher Verfahren entschieden, wer im Recht ist und wer nicht. Das Recht löst also Kon- 470 Vgl. Kroll / Lampert 2012; Kowitz 2012. 471 Vgl. ebd. 472 Vgl. Niklas Luhmann: Rechtssoziologie, 3. Auf., Opladen 1987, S. 38f., 100f. 473 Vgl. ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 181 flikte, in dem es diskriminiert, das heißt für den einen und gegen den anderen entscheidet,474 und insofern auf dem Boden der de jure für alle gleichermaßen geltenden Gesetze folgenreiche Asymmetrien produziert. Wer in einem letztinstanzlichen Prozess verliert, findet sich in eine Position gebracht, in der ihm alle weiteren legalen Mittel aus der Hand geschlagen sind und sich ihm die volle Macht des Souveräns an seiner eigenen Ohnmacht offenbart. Solchermaßen exponiert ist er aus dem Kreis der rechtschaffenen Bürger ausgeschlossen und dazu verurteilt, gerade als stigmatisierte Exklusionsfigur des Rechts dessen Geltung symbolisch zu bestätigen. Natürlich mag es Gründe für diese nach der Schwere des Vergehens abgestuften Prozedur geben, die in modernen Staaten zudem diskreter und weniger drastisch als in vormodernen auszufallen pflegt, wo öffentliche, oft sehr grausame Bestrafungen zwecks Abschreckung und demonstrativer Zurschaustellung der Macht gebräuchlich waren.475 Dennoch können die Konsequenzen einer Verurteilung für die soziale Existenz der Betroffenen nach wie vor sehr schwerwiegend sein, sodass die Frage, wer aus welchen Gründen und mit welchen Chancen, seinen Rechtsansprüchen Geltung zu verschaffen, in die Mühlen der Justiz gerät, von größter individueller wie gesellschaftspolitischer Bedeutung ist. Was den kommunikativen Einbezug in die Prozeduren des modernen Rechtssystems betrifft, so bestehen im Prinzip zwei komplementäre Alternativen: Man kann entweder selbst klagen oder beklagt werden. In beiden Fällen spielen finanzielle Aspekte für die persönlichen Erfolgsaussichten eine wesentliche Rolle. Wer zum Beispiel beabsichtigt, privatrechtliche Ansprüche im Wege einer Klage vor Gericht geltend zu machen, muss sich darüber im Klaren sein, dass gegebenenfalls hohe Kosten auf ihn zukommen. Denn die Zivilprozessordnung der meisten westlichen Rechtsstaaten sieht vor, dass die Kosten eines Verfahrens von der unterlegenen Seite zu tragen sind beziehungsweise, falls eine Klage nur in Teilen zum Erfolg führt, nach Entscheidung des Gerichts anteilig auf die involvierten Parteien verteilt werden. Die Verfahrenskosten setzen sich dabei im Wesentlichen aus den Gerichtsgebühren, den Anwaltskosten der Beteiligten, Sachverständigenhonoraren sowie eventuellen Reisekosten zusammen und können sich zu hohen Summen aufaddieren. Für potentielle Kläger heißt das, dass sie nicht nur das Honorar für ihren Anwalt zumindest vorfinanzieren, sondern darüber hinaus auch das Prozessrisiko in Kauf nehmen müssen, im Falle der teilweisen oder vollständigen Klageabweisung auf ihren eigenen Ausgaben sitzenzubleiben und schlimmstenfalls auch noch die der gegnerischen Partei aufgebürdet zu bekommen. Angesichts dessen erschließt sich, dass die sozusagen 474 Vgl. Baraldi u. a. 1999, S. 147. 475 Vgl. hierzu etwa die schonungslose Darstellung vor- beziehungsweise frühmoderner öffentlicher Bestrafungspraktiken in Foucault 1976, S. 9–12. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 182 eigensinnige Selbstinklusion in die Kommunikationsprozesse des Rechtssystems nicht allein von juristischen, sondern zunächst einmal von finanziellen Erwägungen – nämlich der Frage, ob man sich das Prozessrisiko vernünftigerweise überhaupt leisten kann – abhängt. An diesem Sachverhalt ändert im Grundsatz auch die in manchen Ländern gewährte staatliche Prozesskostenhilfe nichts, da sie, so jedenfalls in Deutschland, wenn irgend möglich an den Staat zurückzuzahlen ist und ohnehin nur die eigenen Anwalts- und Gerichtskosten abdeckt. Sie hat indes keinen Einfluss auf die Kosten, die im Falle einer Klageabweisung dem Gegner zu erstatten sind. Wer den Prozess also verliert, muss zumindest die Ausgaben der gegnerischen Partei, insbesondere deren Anwaltshonorare, aus eigener Tasche bezahlen.476 Das dürfte gerade für diejenigen Personen, die aufgrund ihres niedrigen Einkommens tatsächlich Anspruch auf Prozesskostenhilfe hätten, oftmals Grund genug sein, angesichts der möglicherweise untragbaren finanziellen Konsequenzen auf das Wagnis einer Klageerhebung vorsichtshalber zu verzichten und ihre unter Umständen sehr wohl berechtigten Ansprüche hintanzustellen. Insofern heißt, theoretisch im Recht zu sein, jedenfalls für einkommensschwache Personen noch lange nicht, vor Gericht auch wirklich Recht zu bekommen. Armut stellt aber nicht nur deshalb eine Barriere für die gleichberechtigte Inklusion ins Rechtssystem dar, weil sie es erschwert, Konflikte aus eigenem Antrieb einer richterlichen Schlichtung zuzuführen. Vielmehr kann sie auch in anerkannten Rechtsstaaten einen negativen Einfluss auf das Urteil selbst ausüben. Veranschaulichen lässt sich dieser juristisch einigermaßen bedenkliche Sachverhalt zwar nicht nur, besonders eindrücklich indes am Beispiel des US-amerikanischen Strafrechtssystems. Anders als in der Bundesrepublik, wo die eigentliche juristische Entscheidungsgewalt in den Händen professionell ausgebildeter Berufsrichter liegt, fällt in den USA eine aus Laien gebildete Jury das Urteil. Der Richter übernimmt hier eher eine Art Schiedsrichterrolle zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung und unternimmt – ebenfalls im Unterschied zu deutschen Gerichten, die zu eigener Ermittlungstätigkeit verpflichtet sind und, falls nötig, Sachverständige bestellen oder Zeugen vorladen – keine eigenen Schritte zur Aufklärung der für eine gerechte Urteilsfindung erforderlichen Fakten. Und während die Staatsanwaltschaft in Deutschland gehalten ist, nicht nur nach belastenden, sondern gleichermaßen nach entlastenden Indizien und Beweisen zu forschen und 476 Vgl. Bundesministerium für Justiz: Beratungs- und Prozesskostenhilfe, Berlin 2009, S. 8; eine Ausnahme gilt lediglich (immerhin) in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen: »Hier hat die Partei, die den Prozess in der ersten Instanz verliert, die Kosten des gegnerischen Rechtsanwalts/der gegnerischen Rechtsanwältin nicht zu erstatten.« Ebd. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 183 im späteren Verfahren zu berücksichtigen, das heißt eine möglichst objektive Ermittlung des Sachverhaltes anzustreben, sind US-amerikanische Staatsanwälte einseitig auf die Belastung der Angeklagten spezialisiert. Dementsprechend kommt der Kompetenz und Professionalität der Verteidigung in den USA eine noch einmal größere Bedeutung als in Deutschland zu.477 Das Problem daran ist, dass Angeklagte in einem amerikanischen Strafprozess das Geld für ihre Verteidigung größtenteils selbst aufbringen müssen. Die von staatlicher Seite bewilligten Zuschüsse für Arme reichen in der Regel nicht aus, um aufwendige Ermittlungsmethoden oder teure Gutachten zu ihrer Entlastung zu bezahlen.478 Vor diesem Hintergrund kann es niemanden überraschen, dass im Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten wohlhabende Angeklagte, die sich für ihre Verteidigung notfalls ein ganzes Team hochbezahlter Spezialisten und umfangreiche Untersuchungen leisten können – man denke etwa an den weltweit bekannt gewordenen Fall O. J. Simpsons –, im Durchschnitt wesentlich günstigere Urteile zu erwarten haben als die überproportional häufig nicht-weißen Angehörigen der sogenannten underclass, die auf einen schlechtbezahlten, nicht selten ebenso wenig qualifizierten wie motivierten Pflichtverteidiger angewiesen sind, der aus Kompetenz- und Geldmangel zu einer effektiven Verteidigung oftmals kaum imstande ist. Insofern demonstriert das Beispiel der Vereinigten Staaten exemplarisch, dass auch in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften die wahren Gründe dafür, warum das Rechtssystem für den einen und gegen den anderen entscheidet, nicht selten außerhalb desselben liegen. Die im Hinblick auf das Rechtssystem vermutlich größte Benachteiligung der sozioökonomisch marginalisierten Bevölkerungsschichten ist aber darin zu sehen, dass sie unter Verhältnissen zu leben gezwungen sind, die eine gewisse Indifferenz gegenüber dem Rechtscode legal/illegal (welche, wie Luhmann zu Recht betont, »auch als Indifferenz interpretiert werden muss und nicht etwa als Präferenz für Kriminalität«)479 begünstigt und damit die Wahrscheinlichkeit, früher oder später einmal als Angeklagter vor Gericht zu landen und verurteilt zu werden, signifikant erhöhen. Claus Schäfer zum Beispiel geht mit dem Harvard-Ökonomen Richard B. Freeman davon aus, dass der sprunghafte Anstieg der US-Kriminalität in den 1990er Jahren (die früher ein durchaus mit Europa vergleichbares Niveau aufwies), vor allem mit der um sich greifenden Armut 477 Zum Vergleich des deutschen und US-amerikanischen Strafrechtssystems siehe Volker Ratzmann: »Im Namen des Gesetzes«, in: Freiheit für Mumia! Hintergründe eines Fehlurteils und juristische Fakten gegen einen drohenden Justizmord, Bremen 1997, S. 9–19, hier S. 12ff. 478 Vgl. ebd., S. 13f. 479 Luhmann 2008b, S. 243. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 184 zu erklären sei, welche insbesondere die Männer dazu zwinge, für ihren Lebensunterhalt kriminell zu werden.480 Auch Loic Wacquant, einer der wichtigsten Schüler Pierre Bourdieus, vertritt diese Position und verweist dabei auf die unzureichende Höhe der amerikanischen Sozialhilfe, die vielen Ghettobewohnern schlicht keine andere Wahl lasse als eben den »Rückgriff auf die informelle Ökonomie der Straße.«481 Allerdings geht es bei dem Zusammenhang von Armut und Delinquenz keineswegs immer um absolute Armut im oben erläuterten Sinne einer physischen Existenzbedrohung. Vielmehr produziert, wie Judith und Peter Blau gezeigt haben, gerade relative Armut im Sinne der innergesellschaftlichen, nicht mehr als bloße Differenz des Lebensstils zu relativierenden Exklusion von den gesellschaftsüblichen Errungenschaften und Chancen unter den betroffenen Gruppen ein signifikant gesteigertes Gewalt- und Kriminalitätspotential. Nicht nur, besonders aber in demokratischen Gesellschaften, in denen askriptive Ungleichheiten ihre einst fraglos hingenommene Legitimität verloren haben, führen allzu diskrepante Lebenslagen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu massiven Interessenskonflikten und latenter Aggression. Denn den allgemeinen Wohlstand und die vielfältigen Verwirklichungschancen der Mittel- und Oberschicht unmittelbar vor Augen zu haben, für sich selbst jedoch in unerreichbarer Ferne zu wissen, hat speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich mit den Vorgaben und Zielen der modernen Konsumgesellschaft identifizieren, große Frustration und Wut zur Folge.482 Die daraus resultierende Häufung von Konflikten und Kriminalität ist insofern gerade kein Ausdruck einer die Lebensweise und Wertvorstellungen der sozioökonomisch inkludierten Mehrheitsgesellschaft grundsätzlich negierenden »Subkultur der Armut«, sondern ihrer – paradoxen – Affirmation. In nur wenigen Studien wird dieser Devianz produzierende Zusammenhang zwischen der gesellschaftlich im Prinzip erwünschten allgemeinen Identifikation mit den soziokulturellen Standards sowie dem durch das demokratische Gesellschaftsmodell vermittelten, allseits geteilten Anspruch auf ein diesen Standards entsprechendes Leben einerseits, und den dazu in krassem Widerspruch stehenden, hochgradig ungleich verteilten individuellen Verwirklichungschancen andererseits so eindrücklich geschildert, wie in jener von Francois Dubet und Didier 480 Vgl. Claus Schäfer: »Niedrigere Löhne – bessere Welten?«, in: WSI-Mitteilungen, 52/2000, Nr. 8, S. 534–551, hier S. 547; Richard B. Freeman: When Earnings Diverge. Causes, Consequences, and Cures for the New Inequality in the U.S., Washington 1997. 481 Loic Wacquant: »Amerika als verkehrte Utopie«, in: Pierre Bourdieu u. a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997, S. 169–178, hier S. 174. 482 Vgl. Judith Blau, Peter Blau: »The Cost of Inequality. Metropolitan Structure and Violent Crime«, in: American Sociological Review, 47/1982, S. 114–129. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 185 Lapeyronnie, die 1994 nach zehnjähriger Feldforschung unter dem Titel Im Aus der Vorstädte erschien.483 Die Autoren beschreiben darin die wesentlich von Arbeitslosigkeit, Armut und Tristesse geprägte Lebenslage in den Banlieues französischer Großstädte. Vor allem für dort lebende Jugendliche ist die relative Aussichtlosigkeit ihrer Situation oftmals nur schwer zu ertragen. Ihre Chancen auf eine feste Arbeit und ein befriedigendes Einkommen sind gering. Aus Sicht einer Gesellschaft, die sich selbst als Arbeitsgesellschaft bestimmt, sind sie ganz einfach überflüssig, um nicht zusagen wertlos. Werden sie unbequem, kann man sie vermeintlich wie »Dreck« mit dem Kärcher entfernen, wie der frühere französische Innenminister (und spätere Staatspräsident) Nicolas Sarkozy anlässlich einer Schießerei zwischen verfeindeten Banden in einem der Pariser Vororte vorschlug. Für die Jugendlichen ist die subjektive Erfahrung ihrer Exklusion dabei umso schmerzhafter, als sie eben durch eine Gesellschaft vollzogen wird, deren typische Lebensentwürfe, Wünsche und Zielvorgaben von ihnen durchaus positiv besetzt werden, an denen sie sich also selbst orientieren – und zu denen im Übrigen auch gar keine legitimen Alternativen mehr bestehen. Während zum Beispiel ein jugendlicher Bauer in der feudalen Ständeordnung und noch der jugendliche Arbeiter der frühen Industriegesellschaft einzig das als Ziel ins Auge fasste, was tatsächlich im Bereich seiner objektiven, durch Stand und Klasse vorbestimmten (und beschränkten) Möglichkeiten lag, haben sich die Vorstellungen von einem gelingenden Leben in der heutigen Wohlstands- und Konsumgesellschaft auf einem sehr viel höheren Niveau über die Schichtgrenzen hinweg weitgehend demokratisiert. Neben den omnipräsenten Massenmedien suggerieren dabei insbesondere die Schulen, dass dem Tüchtigen die Zukunft offensteht und sein Fleiß sich einmal lohnen wird.484 Von diesen an der Mittelschicht geeichten Versprechungen sind auch die sozioökonomisch Abgehängten affiziert, das heißt auch sie wollen, was alle wollen (Arbeit, schöne Kleidung, ein Auto, ein Eigenheim), doch sehen sie oft keine Möglichkeit, diese Wünsche auf legalem Wege zu verwirklichen. Man muss es nicht guthei- 483 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994. 484 Wie sehr die Aufrechterhaltung dieser Fiktion von den Schulen normativ erwartet wird, lässt sich beispielsweise an den teilweise empörten Reaktionen ablesen, welche durch die 2007 im deutschen Fernsehen ausgestrahlte WDR-Dokumentation Die Hartz IV Schule von Eva Müller ausgelöst wurden. In der Dokumentation wurde über eine Förderschule berichtet, in der aufgrund der schlechten Berufsaussichten von Förderschülern das Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen zum Bestandteil des regulären Unterrichts gemacht wurde, um die Jugendlichen möglichst praxisgerecht auf ihre zu erwartende Laufbahn vorzubereiten. Obwohl diese unorthodoxe, desillusionierte Vorgehensweise durchaus realitätsangemessen ist, wurde die damit verbundene Relativierung der schulischen Erwerbsorientierung vielfach kritisiert. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 186 ßen, doch kann man vielleicht nachvollziehen, dass gerade Jugendliche, wütend und von ihrer Chancenlosigkeit frustriert, nach »innovativen«, notfalls eben illegalen Wegen suchen (Diebstahl, Raub, Betrug, Drogenhandel …), um wenigstens den äußerlichen, zum Beispiel durch Markenkleidung oder Handys dokumentierten »Anschluss« an die Gesellschaft irgendwie herzustellen. Auch das sogenannte »riot shopping«, wie die zahlreichen, z. T. im Fernsehen übertragenen Plünderungen im Zuge der englischen Jugendrevolte im Jahr 2011 pointiert genannt wurden, sind in diesem Lichte zu verstehen.485 Zentraler Begriff dieser von der Theorie Robert K. Mertons486 inspirierten Erklärung ist für Dubet und Lapeyronnie dabei der »deviante Konformismus«, das heißt der (von vielen Jugendlichen als mehr oder weniger legitimer Umverteilungsmechanismus dargestellte) in sich widersprüchliche Versuch, durch abweichendes Verhalten konformistische Ziele zu erreichen. Gerade weil sich Kriminelle in der Regel mit den gängigen Vorstellungen von sozialem Erfolg identifizierten, ihnen der »Haupteingang« zur Gesellschaft indes versperrt bleibe, versuchten sie es sozusagen durch die Hintertür.487 Es liegt auf der Hand, dass diese zwar aus der Not geborene (und insofern irgendwie verstehbare), darum aber nicht weniger konfliktbehaftete Praxis die soziale Exklusion der Akteure und die Ressentiments, manchmal sogar Verachtung, mit der man ihnen begegnet, spätestens im Moment ihrer Ergreifung und Verurteilung nur noch weiter verstärkt. Natürlich lässt sich nicht jede Form der Kriminalität auf diese vergleichsweise rationale Weise erklären. Insbesondere vielen Gewaltdelikten, wie sie in manchen städtischen Problemvierteln an der Tagesordnung sind, eignet ein überschießendes, irrationales Moment, das sich mit den »Notwendigkeiten« des devianten Konformismus nicht mehr begründen lässt und deshalb auch sehr unberechenbar erscheint. Wenn zum Beispiel exkludierte Jugendliche, wie es in den französischen Banlieues häufiger geschieht, Autos stehlen, um sich aus Spaß halsbrecherische Verfolgungsjagden mit der Polizei zu liefern und sie anschließend, anstatt sie zu verkaufen, aus purer Zerstörungslust einfach zu Schrott fahren und anzünden (sogenannte »Rodeos«); wenn sie sich ohne erkennbaren Anlass prügeln oder gänzlich Unbeteiligte mit manchmal unfassbarer Brutalität attackieren; wenn aufgebrochene Wohnungen (die meist im eigenen Quartier liegen) nicht nur ausgeraubt, sondern zusätzlich verwüstet, oder um ihre Wertsachen bereits »erleichterte« Diebstahlopfer (die 485 Zu den UK-Riots im Jahre 2011 siehe vor allem die von der britischen Tageszeitung The Guardian in Zusammenarbeit mit der London School of Economics and Political Science herausgegebene Studie: Reading the Riots. Investigating England’s Summer of Disorder, London 2011. 486 Vgl. etwa Robert K. Merton: »Sozialstruktur und Anomie«, in: ders.: Soziologische Theorie und soziale Struktur, Berlin 1995, S. 126–154. 487 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994, S. 49f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 187 man nicht selten persönlich kennt) auch noch geschlagen und getreten werden; wenn sogar die städtischen Jugendzentren, die von den Jugendlichen normalerweise selbst in Anspruch genommen werden, im Zuge von Ausschreitungen in Schutt und Asche gelegt werden, dann hat all das mit krimineller Rationalität nicht mehr viel zu tun.488 Es handelt sich vielmehr um impulsive Ausbrüche einer ökonomisch desinteressierten – oder besser: nicht mehr interessierten –, ziellosen, exzessiven, oftmals selbstzerstörerischen Gewalt, in der sich ein blinder Hass sowohl auf die Gesellschaft, zu der die Jugendlichen eigentlich dazugehören wollen, die ihre Bedürfnisse aber konsequent ignoriert, als auch auf sich selbst, auf ihr ganzes aussichtsloses Dasein explosionsartig zum Ausdruck bringt.489 In einer Hinsicht allerdings erscheint die ansonsten recht diffuse, wenig zielgerichtete (und noch weniger zielführende) Wut der Exkludierten als durchaus gerichtet. Auffallend häufig zielt sie nämlich auf einen ganz bestimmten, besonders verhassten Gegner: die Polizei. Unabhängig davon, um welche Länder oder Städte es sich im Einzelnen handelt, vor allem von marginalisierten Jugendlichen (deren Eltern oftmals Immigranten sind) wird die Polizei fast nie als »Freund und Helfer« wahrgenommen, sondern eher als Verkörperung von staatlicher Gewalt, Rassismus und Willkür.490 Schon der geringste Anlass, etwa eine vermeintlich oder tatsächlich rassistisch motivierte Personenkontrolle – von schwerwiegenderen Zwischenfällen ganz zu schweigen –, kann als Auslöser für im Zweifel heftige, nicht selten gewaltsam endende Auseinandersetzungen genügen. Die bürgerkriegsähnlichen Aufstände in Los Angeles 1992 zum Beispiel, die landesweiten Unruhen in den französischen Banlieues im Sommer 2005 oder die erwähnte Jugendrevolte in London 2011 entzündeten sich allesamt an Zwischenfällen mit der Polizei.491 Und auch in Deutschland nimmt die gegen Polizeibeamte gerichtete Gewalt seit Jahren stetig zu, wie eine vertrauliche Studie des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts vor kurzem ergab. Vor allem soziale Brennpunkte 488 Vgl. hierzu ebd., vor allem Kapitel 4: »La galère«, S. 103–128. 489 Ähnlich Blau / Blau 1982. Die beiden sprechen in diesem Kontext von einer allgemeinen, diffusen Feindseligkeit (»diffuse hostility«), welche durch askriptive Ungleichheit erzeugt würde und sich infolge fehlender politischer Rahmung beziehungsweise Lenkung in hochgradig irrationalen Gewaltakten äußere. Vgl. ebd., S. 119. 490 Vgl. Dubet / Lapeyronnie 1994, S. 114f. 491 In Los Angeles war der Freispruch von vier Polizisten, die wegen der brutalen, auf Video aufgezeichneten Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King vor Gericht standen, der Auslöser der Unruhen. In Frankreich ging es um den Tod zweier Jugendlicher mit Migrationshintergrund, die vor der Polizei geflohen waren. Und in England gab der Tod des farbigen Mark Duggan, der von Polizeibeamten erschossen worden war, den Anstoß für die Ausschreitungen. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 188 und Bereiche mit hohem Migrantenanteil entglitten der staatlichen Kontrolle mehr und mehr.492 Dabei ist es nicht schwer zu verstehen, woher diese vielfach dokumentierte besondere Feindschaft zwischen exkludierten Jugendlichen und der Polizei rührt. Zum einen sind die beiden Seiten aufgrund der beschrieben Häufung von Devianz und Kriminalität in den entsprechenden Quartieren schon fast so etwas wie »natürliche Gegner«, die wie in einem von den gesellschaftlichen Verhältnissen vorgezeichneten Drama erwartungsgemäß aufeinanderprallen. In die Skripte ihrer jeweiligen Rollen, welche die Akteure anzunehmen vielleicht nicht immer förmlich gezwungen sind, die zu spielen aber vor allem die Jugendlichen unter dem Druck ihrer deprivierten Lebenslage zumindest verleitet, wenn nicht gar gedrängt werden, ist der in Rede stehende Antagonismus von vornherein fest eingeschrieben. Und zum anderen agiert die Polizei aus Sicht der Exkludierten auch nicht einfach als Hüter von Recht und Gesetz, sondern vielmehr als symbolischer Repräsentant eben jener ambivalent betrachteten Gesellschaft, die sie verstößt, die sowohl ihre Hoffnungen und Wünsche auf sich zieht als auch ihren aus der Enttäuschung ob der Zurückweisung gespeisten Zorn, welcher sich schließlich, sozusagen stellvertretend, an den immerhin greifbaren Polizisten entlädt. In diesem Lichte besehen wird insgesamt deutlich, dass die tieferen Gründe für die erhöhte Anfälligkeit sozioökonomisch marginalisierter Randgruppen sowohl für jene Delikte, die dem devianten Konformismus zuzuordnen sind, als auch für Gewaltverbrechen (und im Übrigen auch für Rauschgiftkriminalität) eben nicht auf individuelle Dispositionen zurückgeht, sondern primär sozialstrukturellen Ursachen geschuldet ist. Das Risiko, mit dem Gesetz ernstlich in Konflikt zu geraten und als stigmatisierter Krimineller aus der »guten Gesellschaft« exkludiert zu werden (mit existentiellen Konsequenzen wie zum Beispiel jahrelanger Inhaftierung, verschlechterten Arbeitsmarktchancen usw.), ist demnach keineswegs gleichmäßig verteilt, sondern trifft infolge der schlechteren 492 Jörg Diehl: »LKA-Studie. Immer mehr Polizisten im Dienst verletzt«, in: Spiegel- Online vom 04.05.2012, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegenpolizisten-immer-mehr-beamte-werden-verletzt-a-831194.html (23.03.16). Auch das Kriminologische Institut Niedersachsen bestätigt die Zunahme der Gewalt gegen Polizeibeamte sowie den (vor allem in städtischen Gebieten) auffallend hohen Anteil jugendlicher Täter nicht-deutscher Herkunft. Vgl. Christian Pfeiffer u. a.: 7 Thesen zur Gewalt gegen Polizeibeamte. Erste Ergebnisse einer Polizeibefragung in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen, Kriminologisches Institut Niedersachsen, Hannover 2010a; ferner ders. u. a.: Gewalt gegen Polizeibeamte. Ausgewählte Befunde zu den Tätern der Gewalt, Zwischenbericht Nr. 2, Kriminologisches Institut Niedersachsen, Hannover 2010b. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 189 Lebensbedingungen die ärmeren Gesellschaftsschichten in deutlich höherem Maße. Dies ist – neben den oben besprochenen, finanziell bedingt geringeren Chancen, Rechtsansprüche auf dem Verfahrensweg erfolgreich durchzufechten – der wichtigste Wirkungszusammenhang, durch den sich die dem Recht ursprünglich äußerlichen Exklusionseffekte wirtschaftlicher Armut auch auf das Rechtssystem der Gesellschaft übertragen. Von elementarer Bedeutung ist dieser gerechtigkeitsethisch kritisch zu bewertende Sachverhalt dabei nicht nur für die Delinquenten selbst, sondern auch für die Gesellschaft als Ganze, die mit den dysfunktionalen Folgen der Kriminalität, beispielsweise mit der daraus resultierenden Unsicherheit, ebenfalls zurechtkommen muss. Doch darin besteht wohl letztlich der Preis, den gerade jene Gesellschaften, die sich selbst als demokratische beschreiben, für das lebensweltliche Auseinanderdriften ihrer Mitglieder bezahlen.493 Politiksystem Schließlich seien noch die Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Falle des politischen Systems der Gesellschaft analysiert. Zunächst zu dessen Funktion: Die primäre Funktion der Politik besteht darin, kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.494 Diese (strukturell eng mit dem Recht gekoppelte) Funktion muss auf die ein oder andere Weise in jeder Gesellschaft erfüllt sein, doch ist sie für die hochkomplexe Gesellschaft der Moderne von besonderer Bedeutung. Denn je differenzierter und pluralistischer eine Gesellschaft ist, umso zahlreicher und potentiell widersprüchlicher sind die individuellen Handlungsmöglichkeiten und Interessen der Menschen, und umso häufiger kommt es dadurch zu Konflikten, »die nicht mehr durch Rückgriff auf Wahrheiten oder gemeinsame Überzeugungen gelöst werden können, sondern eben nur noch durch Entscheidung.«495 Es geht in der modernen Politik also um die auf dem staatlichen Gewaltmonopol aufruhende und erst dadurch selbst monopolisierbare Chance, für alle, die zur Gesellschaft dazugehören, rechtsverbindlich festzulegen, wie man sich in Bezug auf bestimmte Sachverhalte, die als gesamtgesellschaftlich relevant betrachtet werden, zu verhalten hat.496 Unverzichtbare Voraussetzung hierfür ist Macht im Sinne des Vermögens, »durch eigene Entscheidung für 493 Eben so argumentieren auch Judith und Peter Blau. Vgl. Blau / Blau 1982. 494 Vgl. Niklas Luhmann: »Soziologie des politischen Systems«, in: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 8. Aufl., Wiesbaden 2009a, S. 194–223, hier S. 200f. 495 Ebd., S. 200. 496 Vgl. Kai-Uwe Hellmann: »Spezifik und Autonomie des politischen Systems. Analyse und Kritik der politischen Soziologie Niklas Luhmanns«, in: Gunter Runkel, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 190 andere eine Alternative auszuwählen« und diese Entscheidung auch und gerade dann durchsetzen zu können, wenn dies den Absichten und Interessen des anderen nicht entspricht.497 Erreicht wird letzteres durch das In-Aussicht-Stellen von noch unangenehmeren Alternativen, unter denen die Anwendung physischer Zwangsmittel die inzwischen dem Staat vorbehaltene Ultima Ratio darstellt.498 Der spezifische Code des politischen Systems ist demnach die Differenz von Machthabern und Unterworfenen respektive von Regierenden und Regierten. Die spannende Frage ist, auf welche Weise sich die politische Inklusion und speziell die Zuordnung zu einer der beiden Seiten der für das politische System konstitutiven Differenz von Regierenden und Regierten in der Praxis vollzieht. In demokratischen Gesellschaften stehen hierfür unterschiedliche Publikumsrollen zur Verfügung, die zum Beispiel vom Wähler über den Steuerzahler, Antragsteller, Leserbriefschreiber, Beschwerdeführer bis hin zum Mitglied eines Interessenverbandes reichen.499 Die breite Masse der Bevölkerung wird über solche Publikumsrollen inkludiert und nimmt insofern typisch eine Doppelstellung als Entscheidungsempfänger und eben als Wähler ein.500 Der politischen Semantik zufolge geht dabei zumindest formal betrachtet alle Staatsgewalt vom Volke aus, welches sie in seiner Rolle als Wahlvolk ausübt. Insofern symbolisiert der Wähler in seiner Gesamtheit die einzig legitime Quelle demokratischer Macht, deren dominante Flussrichtung über die politischen Parteien, das Parlament sowie die bürokratische Verwaltung zu ihm selbst, nun in seiner Rolle als Entscheidungsempfänger, zurückkehrt.501 Gibt man dem Begriff der politischen Herrschaft allerdings einen substantielleren, weniger unbestimmten Sinn und definiert man ihn beispielsweise klassisch mit Max Weber als die konkrete »Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden«,502 verflüchtigt sich die Vorstellung einer effektiv wirksamen Herrschaftsbeteiligung des einzelnen Wählers rasch. In diesem praktischen Sinne hat das Volk noch nie geherrscht und tut es auch in der Demokratie nicht.503 Außerdem bieten Wahlen ohnehin nur gelegentliche, auf einige vorselektierte Alternativen beschränkte und zudem (vor allem Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft. Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, Wiesbaden 2005, S. 13–51, hier S. 23. 497 Luhmann 2009a, S. 206. 498 Vgl. ebd., S. 207. 499 Vgl. ebd. 500 Vgl. Niklas Luhmann: Grundrechte als Institution. Ein Beitrag zur politischen Soziologie, Berlin 1965, S. 150. 501 Vgl. Luhmann 2009a, S. 208f. 502 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Neu Isenburg 2005, S. 38. 503 Vgl. Luhmann 1965, S. 138f. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 191 in repräsentativen Demokratien) sehr unspezifische Möglichkeiten der politischen Partizipation. In diesem kühleren Lichte erscheint die Inklusion ins Politiksystem der Gesellschaft über die Rolle des Wählers daher zwar als weitgehend voraussetzungslos und infolgedessen relativ universell, in Bezug auf den faktischen Herrschaftsvollzug aber auch als einigermaßen marginal. Mit Luhmann ist die eigentliche Funktion des Wählens deshalb auch ganz anders zu bestimmen, nämlich weniger als reale Beteiligung an, sondern als prozessuale Legitimierung von demokratischer Herrschaft. Ein Mindestmaß an Legitimität ist prinzipiell nötig, da sich keine Herrschaft allein auf physische Zwangsmittel begründen kann. Die allumfassenden Kontroll- und Drohmechanismen, die eine reine Gewaltherrschaft erfordern würde, wären selbst in wenig differenzierten Gesellschaften viel zu aufwendig und teuer, um Herrschaft dauerhaft stabilisieren zu können. Zudem wäre das Risiko von Rebellionen stets präsent. Gerade totalitäre Systeme wissen das und investieren viel in Propaganda, um sich wenigstens den Anschein von Legitimität zu geben. Liberale Gesellschaften hingegen, die diesen Weg nicht einschlagen, in denen jedoch über einen minimalen Grundrechtekonsens hinausreichende gemeinsame Überzeugungen (zum Beispiel traditioneller, religiöser oder ideologischer Natur) als halbwegs homogene Basis legitimer Herrschaft fehlen, stützen letztere stattdessen auf periodisch abgehaltene Wahlen. Legitimität bezeichnet dabei den an sich unwahrscheinlichen Fall, dass es von der breiten Masse der Bevölkerung im Voraus und pauschal für richtig gehalten wird, lediglich durch die Grundrechte eingeschränkte Entscheidungen der politischen Führungselite widerstandslos zu akzeptieren.504 Mit anderen Worten, es geht beim aktiven Wahlrecht durchaus nicht vorrangig um die generalisierte Beteiligung am tatsächlichen Vollzug von Herrschaft, sondern vielmehr um die stabile Generalisierung der gesellschaftlichen Zustimmung und Unterstützung für das politische System. Diese Überlegungen leiten erneut zu der Frage hin, wie die individuellen Chancen für eine faktische Beteiligung an politischer Herrschaft im Sinne des Zugangs zu politisch tatsächlich einflussreichen Entscheidungspositionen gesellschaftlich verteilt sind. Und hier zeigt sich, dass diese Chancen keineswegs gleichmäßig über die Gesellschaft gestreut sind. Zwar trifft es zu, dass sich in modernen Demokratien de jure jeder Staatsbürger zu Wahlen aufstellen oder auf andere Weise politisch engagieren kann. Dennoch belegen zahlreiche Untersuchungen, dass das bürgerschaftliche Engagement bereits auf den unteren Ebenen der politischen Mitarbeit in Institutionen wie zum Beispiel Gewerkschaften, Umweltschutzorganisationen, Parteien oder Bürgerinitiativen sehr ungleich verteilt ist. Tatsächlich korreliert es in erster Linie mit der sozialen 504 Vgl. ebd., S. 141. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 192 Schichtzugehörigkeit, wobei neben und vermittelt durch ökonomische Faktoren insbesondere die persönliche Bildung, die als politisch relevante Kernkompetenz entsprechendes Engagement in jeder Hinsicht begünstigt, von eminenter Bedeutung ist. Allgemein ist daher festzustellen, dass die faktische Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen in den oberen Sozialschichten wesentlich ausgeprägter ist, als in den unteren.505 Besonders augenfällig wird dieser Sachverhalt, wenn man speziell die individuellen Zugangschancen zu den politischen Spitzenämtern, mithin den eigentlichen Leistungsrollen des politischen Systems, in der höheren Verwaltung (vornehmlich dem Kanzleramt, den Ministerien und den nachgeordneten Behörden) und im Parlament betrachtet. So belegt unter anderem ein vom Berliner Institut für Sozialforschung im Rahmen der deutschen Armuts- und Reichtumsberichterstattung erstelltes Gutachten506 ähnlich wie die »Potsdamer Elitestudie«,507 dass der Zugang zu den politischen Führungspositionen (und noch deutlicher übrigens zu jenen in der Wirtschaft508) maßgeblich durch materielles Vermögen, das wiederum die Akkumulation von Bildungskapital sowie das Knüpfen karriereförderlicher Kontakte erleichtert, erheblich begünstigt wird. Und dasselbe gilt im Wesentlichen auch für andere westliche Länder wie zum Beispiel Frankreich, Großbritannien oder die USA, in denen neben der Herkunft aus einer der oberen Gesellschaftsschichten insbesondere der Besuch sozial hochselektiver universitärer Kaderschmieden, wie etwa der Sciences Po Paris, Oxford, Harvard oder Yale, ein entscheidendes Regulativ für den Zugang zu gesellschaftlichen Elitepositionen darstellt. All das impliziert, dass die politische Inklusion über einflussreiche Leistungsrollen, das heißt der Zugang zu wirklicher politischer Macht, eben nicht primär durch persönliche Überzeugungskraft und Leistung, »sondern […] weitgehend durch materielle und immaterielle Privilegien gesteuert 505 Vgl. etwa Dietrich Engels: Armut, soziale Ausgrenzung und Teilhabe an Politik und Gesellschaft, Köln 2004, S. 33ff. 506 Eva Schulze u. a.: Privilegierte Lebenslagen als Grundlage sozialer Hierarchie, Gutachten des Berliner Instituts für Sozialforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, Berlin 2003 (unveröff.), hier zitiert aus Engels 2004, S. 31f. 507 Jörg Machatzke: »Die Potsdamer Elitestudie – Positionsauswahl und Ausschöpfung«, in: Wilhelm Bürklin, Hilke Rebenstorf (Hg.): Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997, S. 35–68. 508 Zu den sozial hochgradig selektiven Rekrutierungsmechanismen der ökonomischen Führungseliten siehe namentlich Michael Hartmann: »Leistung oder Habitus? Das Leistungsprinzip und die soziale Offenheit der deutschen Wirtschaftselite«, in: Uwe Bittlingmayer u. a. (Hg.): Theorie als Kampf. Zur politischen Soziologie Pierre Bourdieus, Opladen 2002, S. 361–377; ders.: »Eliten in Deutschland. Rekrutierungswege und Karrierepfade«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 10/2004, S. 17–24. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 193 [wird]«, die innerhalb einer relativ kleinen Schicht mit hohem Lebensstandard und Status durch Vererbung weitergegeben werden.509 Die politische Elite rekrutiert sich somit – der feudalen Oberschicht von einst darin nicht unähnlich – zu erheblichen Anteilen aus sich selbst, während Aufstiegsprozesse allenfalls eingeschränkt gelingen.510 Demnach steht auch die Inklusion ins Politiksystem der Gesellschaft unter einem ökonomischen Primat, der die ärmeren Bevölkerungsteile vom Einbezug in die relevanten politischen Entscheidungsprozesse de facto ausschließt. Die gesamtsystemstabilisierenden Effekte dieses demokratietheoretisch einigermaßen bedenklichen Sachverhaltes, durch welche die eingangs konstatierte Polarisierung der Gesellschaft und die soziale Exklusion relevanter Bevölkerungsteile nachgerade zementiert wird, sind evident. Denn offensichtlich werden auf diese Weise gerade diejenigen Bevölkerungsgruppen von effektiver Einflussnahme ausgegrenzt, die von politischen Veränderungen – insbesondere von einer gleichmäßigeren Verteilung der materiellen Güter und individuellen Lebenschancen – am meisten profitieren würden. Stattdessen wird das politische System vor allem von den höheren und höchsten Sozialschichten beherrscht, deren gesellschaftliche Vormachtstellung schon durch ihre intersystemisch folgenreiche wirtschaftliche Dominanz begründet ist und deren substantielles Interesse von daher gerade nicht in tiefgreifenden Veränderungen, sondern vielmehr in der Konservierung des Status quo besteht. Diese ökonomisch-politische Hegemonie der wohlsituierten Schichten zu durchbrechen hätte zur unabdingbaren Voraussetzung, dass sich die deprivierten, rein zahlenmäßig durchaus relevanten Bevölkerungsgruppen zu gemeinsamen Aktionen zusammenschlössen, sich also politisch organisierten, um systematisch öffentlichen Druck aufzubauen und die eigenen Interessen wirkungsvoll und zielgerichtet zu vertreten. Die deprivierten Gruppen müssten sich mithin, um die marxsche Terminologie zu gebrauchen, in und durch die politische Tat von einer zersplitterten, durch das gemeinsame Merkmal ihrer sozioökonomischen Marginalisierung noch lediglich äußerlich als solche bestimmten »Klasse an sich« zu einer politisch handlungsfähigen, von einem inneren Zusammengehörigkeitsgefühl getragenen »Klasse für sich« entwickeln.511 Das allerdings setzte wiederum ein gemeinsames Konfliktbewusstsein voraus, mehr noch, eine gemeinsame Theorie der gesellschaftlichen Ungleichheit und Widersprüche, die als kollektiver Interpretationshintergrund der einigermaßen homogenen Deutung der bestehenden Verhältnisse und da- 509 Engels 2004, S. 34. 510 Vgl. ebd. 511 Siehe Karl Marx: »Das Elend der Philosophie«, in: ders., Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 4 (Ökonomische Manuskripte 1863-1868), Berlin 1972, S. 63– 182, hier S. 180f. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 194 mit als Orientierungsgrundlage für die rationale Vorbereitung und zielführende Umsetzung politischer Aktionen dienen könnte. Diese elementaren Voraussetzungen sind empirisch aber nicht gegeben. Dabei ist der Grund für das fehlende Klassen- und Konfliktbewusstsein sowie die daraus resultierende kollektive Handlungsunfähigkeit der Exkludierten weniger ihre verschiedentlich herausgestellte soziale Heterogenität, welche in der Praxis verhindern würde, dass sich zum Beispiel der langzeitarbeitslose Archäologe mit dem von Erwerbsarmut betroffenen Hilfsarbeiter nachhaltig identifizierte.512 Denn empirisch ist die Gruppe der von Armut und sozialer Exklusion betroffenen Personen wesentlich homogener, als dies manchmal dargestellt wird. Je niedriger die soziale Schicht, umso wahrscheinlicher werden Marginalisierungserfahrungen.513 Es sind nach wie vor in erster Linie die Angehörigen des Arbeitermilieus, die mit Problemen wie Bildungs- und Kompetenzarmut, schlechten Berufsaussichten und anhaltender (Erwerbs-)Armut und infolgedessen mit teils massiven Inklusionsproblemen zu kämpfen haben.514 Zwar hat die soziale Abwärtsmobilität, wie oben geschildert, in den vergangenen Jahren durchaus zugenommen und ist inzwischen sogar größer als die Chance eines gesellschaftlichen Aufstiegs. Entsprechend ist die allgemeine Verunsicherung (Prekarisierung) besonders in der unteren Mittelschicht in der Tat zur »dominanten Grundstimmung« geworden.515 Doch von substantiellen Exklusionserfahrungen, wie sie die sozioökonomisch abgehängten Gruppen betreffen, bleibt die Oberund Mittelschicht (bisher jedenfalls) noch weitestgehend verschont.516 Insofern ist einer der vermutlich wichtigsten Gründe dafür, warum sich die große und noch weiter wachsende Gruppe der von Armut und 512 Gerade Heinz Bude betont immer wieder die vermeintliche Heterogenität der von Exklusion Betroffenen. Exklusion sei ein transversales Phänomen, das quer zur vertikalen Schichtung der Gesellschaft alle sozialen Ebenen und Milieus gleichermaßen betreffe und verunsichere und so zu einer Destabilisierung der gesellschaftlichen Mitte führe. Vgl. etwa Heinz Bude u. a.: »›Die Überflüssigen‹. Ein Gespräch zwischen Dirk Baecker, Heinz Bude, Axel Honneth und Helmut Wiesenthal«, in: ders., Andreas Willisch (Hg.): Exklusion. Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt/M. 2008a, S.31–49; ders. 2008b; ders.: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München 2010, S. 33f. 513 Vgl. Böhnke 2008, S. 111. 514 Vgl. Keller 2005, S. 125f.; ferner Olaf Groh-Samberg: »Armut und Klassenstruktur. Zur Kritik der Entgrenzungsthese aus einer multidimensionalen Perspektive«, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 56/2004, H. 4, S. 653–682. 515 Vgl. Neugebauer 2007. 516 Wenngleich die Entwicklungen in krisengebeutelten Ländern wie den USA, Griechenland oder Spanien derzeit auf beängstigende Weise vor Augen führen, wie schnell relevante Bevölkerungsteile aus der etablierten Mitte herausgebrochen und in den sozialen Abgrund gerissen werden können. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 195 Ausgrenzung betroffenen Personen bislang nicht zu einer politisch handlungsfähigen »Klasse für sich« formiert hat, eben nicht in ihrer vermeintlichen Heterogenität, sondern im Gegenteil vor allem in der verbreiteten Bildungs- und Kompetenzarmut zu sehen, die sie als relativ homogene Gruppe wesentlich charakterisiert. Es ist demnach gerade die zu verändernde soziale Randlage selbst, die, durch die oben erläuterten sozio- ökonomischen Mechanismen bedingt, die Akkumulation von Bildungskapital behindert und damit die für die machtvolle Durchsetzung von gesellschaftlichen Veränderungen unverzichtbare politische Interpretations- und Organisationsfähigkeit der Exkludierten untergräbt. Infolgedessen führt der schwelende Konflikt zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen in aller Regel nicht zu rationalen, politisch zielführenden Kollektivaktionen der letzteren, die beispielsweise eine gleichmäßigere Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer und Chancen zum Ziel hätten. Stattdessen kommt es vielmehr zu dem, was Lewis A. Coser einmal als »unrealistische« Formen der Konfliktaustragung bezeichnet hat, in denen sich die angestaute Frustration und Wut der marginalisierten Gruppen oft ausgesprochen destruktiv entlädt, die aber aufgrund ihrer politischen Sinn- und Ziellosigkeit keinen sozialen Wandel herbeiführen können.517 Die oben beschriebenen Formen des devianten Konformismus, vor allem aber die oftmals blindwütige, irrationale und nicht selten selbstzerstörerische Gewalt von marginalisierten Jugendlichen können hierfür als einschlägige Beispiele dienen.518 Sie ermöglichen in erster Linie situativen Spannungsabbau, tragen aber gerade dadurch zur Manifestation der sozialen Spaltung bei. Mit anderen Worten, solange der unorganisierte »Widerstand« der Exkludierten hauptsächlich darin besteht, sich gegenseitig zu bestehlen, die Autos der eigenen Nachbarn anzuzünden oder sich sinnlose Straßenkämpfe mit der Polizei zu liefern, so lange hat man auf Seiten der Privilegierten nicht viel zu befürchten; all das wird an der bestehenden Verteilungsordnung erst einmal nichts ändern. Auf mittlere Sicht besteht allerdings durchaus die reale Gefahr, dass aufgrund der anhaltenden Unfähigkeit des politischen Systems, die sich aus dem (sozialstrukturell bedingten) politischen Unvermögen und der effektiven Machtlosigkeit der marginalisierten Schichten einerseits sowie den kurzfristigen, auf egoistische Besitzstandswahrung zielenden Interessen der Etablierten andererseits ergibt, dass infolge dieser Unfähigkeit, für sozial ausgewogene und gerechte Verhältnisse zu sorgen und den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Arm und Reich einer Lösung 517 Lewis A. Coser: »Sozialer Konflikt und die Theorie des sozialen Wandels«, in: Heinz Hartmann (Hg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie, 2., umgearbeitete Aufl., Stuttgart 1973, S. 414–429, hier S. 428, Anmerkung 37. 518 So auch Blau / Blau 1982, S. 119. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 196 zuzuführen, die Gesellschaft, vom blinden Profit- und Wachstumszwang der Märkte unaufhaltsam angeschoben, wie auf zwei divergierenden Schienensträngen immer weiter auseinandertreibt und die gewalttätige, unkontrollierte Sprengung der sozialen Ordnung am bitteren Ende steht. Dabei sollte man sich allerdings keinen teleologischen Geschichtsträumereien hingeben. Dass auf den materialistisch fehlgeleiteten Irrsinn der für Mensch und Natur gleichermaßen zerstörerischen kapitalistischen Maximierungsökonomie notwendig das kommunistisch-ökologische Utopia folgt, lässt sich, jedenfalls bei Lichte besehen, aus keinem historischen Bewegungsgesetz sicher ableiten. Das 20. Jahrhundert hat auf grausame Weise vor Augen geführt, welche extremen Alternativen es gibt. Insofern sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Westen mit seinen politisch-liberalen Grundwerten der Freiheit, Demokratie und individuellen Menschenrechte, mit der Herrschaft des Gesetzes und auch mit seinen kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften, sehr viel zu verlieren hat. Zwar ist, wie aus dem Vorangegangenen deutlich geworden sein dürfte, vor allem das Ideal der gleichberechtigten, über ihre bloß formale Zusicherung hinausgehenden multidimensionalen Partizipation an den vielfältigen Facetten des gesellschaftlichen Lebens nur höchst unvollständig realisiert. Die Armen jedenfalls sind aufgrund der beinahe alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung der Gesellschaft und der damit verbundenen systemübergreifenden Unentbehrlichkeit des Geldes vom etablierten Leben der anderen de facto exkludiert. Doch werden dadurch nicht die angesprochenen politisch-sozialen Werte und Errungenschaften diskreditiert, sondern vielmehr die unkontrollierte Hypertrophie der kapitalistisch-industriellen Wirtschaftsform, deren systemisch und global entgrenzte Profit- und Konkurrenzlogik die Weltgesellschaft (auf nationaler wie internationaler Ebene) in Gewinner und Verlierer spaltet und zudem in eine ökologische Katastrophe von ungeahntem Ausmaß treibt.519 Insofern ist die Feststellung keineswegs 519 Man muss sich im Hinblick auf den zuletzt genannten Punkt nur einmal vergegenwärtigen, dass aktuelle Klimastudien prognostizieren, dass das offizielle Ziel der Weltklimapolitik, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, infolge der rasanten globalen Ausbreitung der kapitalistisch-industriellen Produktionsweise und der damit verbundenen Zunahme der anthropogenen CO2- Emissionen schon jetzt nicht mehr einzuhalten ist und man stattdessen vielmehr mit einem Temperaturanstieg von ca. vier Grad rechnen muss, selbst wenn die Weltgesellschaft von nun an radikal umsteuert. Trifft dies zu – und es spricht einiges dafür –, wird die Erde noch zu Lebzeiten der nächsten Generation zu einem lebensfeindlicheren Planeten, als sie es in der Geschichte der Menschheit jemals gewesen ist. Vor allem infolge der Veränderungen der Küstenlinien und Vegetationsmuster, der Trinkwasserknappheit und der irreversiblen Verwüstung fruchtbarer Ackerböden wäre die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen existentiell bedroht. Und die Ursache für all das ist nichts anderes als die kapitalistische ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 197 übertrieben, dass zumindest eine gedeihliche und lebenswerte Zukunft für sehr viele Menschen davon abhängen wird, ob es dem politischen System doch noch gelingt, den gesamtgesellschaftlichen Primat und damit seine demokratische Entscheidungsfähigkeit zurückzugewinnen und die Hegemonie des kapitalistischen Wirtschaftssystems zugunsten einer an Gemeinwohl und Nachhaltigkeit statt an Wachstum und Profit orientierten Politik zu überwinden. c) Exklusion als intrasystemische Erfolgsbedingung der kapitalistischen Wirtschaft Wie aus dem Vorangegangenen deutlich geworden ist, spiegelt sich der bereits von Paul und Schimank systemtheoretisch herausgearbeitete gesamtgesellschaftliche Primat des ökonomischen Systems also auch und gerade in den Mechanismen der sozialen In- und Exklusion wider, die in der kapitalistischen Gesellschaft wesentlich durch die individuelle Zahlungs(un)fähigkeit gesteuert werden. Die ökonomische Exklusion ist, da sie den Einzelnen vom Tropf der in der Moderne lebenswichtig gewordenen marktwirtschaftlichen Versorgung mit dem Notwendigen (und Schönen) entkoppelt, nicht nur für sich genommen weitaus bedrohlicher als die Exklusion aus anderen Systemen. Sie verschlechtert darüber hinaus auch noch die individuellen Teilhabe- und Erfolgsaussichten in fast allen anderen Funktionssystemen und erweist sich somit auch als intersystemisch folgenschwer. Summa summarum ist die soziale Inklusion unter den ökonomisierten Bedingungen der kapitalistischen Moderne demnach mehr als alles andere zu einer stets aufs Neue gestellten Frage des Geldes geworden. Es ist bemerkenswert, dass Luhmann diese stete Gefährdung, die sich aus dem neuzeitlichen Bedeutungsgewinn der Geldwirtschaft gegenüber der naturalwirtschaftlichen Subsistenzökonomie sowie der aus dieser Umstellung resultierenden notorischen Infragestellung der sozialen Inklusion für den Einzelnen ergibt, im Grunde bis zuletzt entgangen ist. Maximierungsökonomie sowie die absurde Vorstellung, dass die obsessive Vermehrung des materiellen Reichtums zu einer irgendwie vergleichbaren Steigerung des subjektiven Wohlbefindens führen könnte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Vgl. zur Entwicklung des Weltklimas Frank Drieschner: »Der große Selbstbetrug«, in: Die Zeit, Nr. 41, vom 04.10.2012. Drieschner bezieht sich insbesondere auf die Forschung von Kevin Anderson und Alice Bows, die für den britischen Forschungsverbund Tyndall Centre for Climate Change Research arbeiten, welches wiederum die anerkannte Datengrundlage für die internationale Weltklimapolitik liefert. Vgl. insbesondere Kevin Anderson, Alice Bows: »Beyond ›Dangerous‹ Climate Change. Emission Scenarios for a New World«, in: Philosophical Transactions of the Royal Society, 369/2011, Nr. 1934, S. 20–44. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 198 So erkennt er in der wachsenden Bedeutung des Geldmediums, die mit der funktionalen Ausdifferenzierung des ökonomischen Systems einhergeht, in erster Linie die sozusagen als Rationalisierungschance zu bewertende Möglichkeit einer »Konzentration der Vorsorge für die Zukunft.« In einer Geldwirtschaft brauche man »im Grunde nur noch [sic!] für Geld zu sorgen, um der Zukunft im Rahmen des technisch und gesellschaftlich Möglichen gewachsen zu sein.« In dieser Hinsicht löse Geld religiöse Sicherungsmittel ab und werde »zum god term im Bereich der Wirtschaft.«520 Ermöglicht wird diese – für Luhmann offenbar gänzlich unkritische – sozialevolutionäre Errungenschaft im Wesentlichen dadurch, dass das Geld, erst einmal etabliert, nicht nur das ultimative Tauschmittel schlechthin repräsentiert, sondern zudem als Wertspeicher fungiert, wodurch ihm, wie Paul ausführt, das ebenso attraktive wie ungemein beruhigende Potential zuwächst, heute schon sicherzustellen, dass man seine Bedürfnisse auch morgen noch befriedigen kann, und zwar ohne dass man sich jetzt schon festzulegen hätte, welche es überhaupt sind.521 Dem Geld gelingt mithin das Kunststück, die tendenziell widersprüchlichen Bemühungen um Sicherheit auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite zum Ausgleich zu bringen und insofern sowohl Stabilität als auch Kreativität zu befördern. »Nichts beruhigt die Nerven und stimuliert die Phantasie gleichermaßen wie ein wohlgefülltes Bankkonto.«522 Allerdings ist damit eben auch gesagt, woraus sich das in einer Geldwirtschaft maßgebliche Bedrohungspotential für die soziale Existenz des Einzelnen ergibt, nämlich aus einem leeren Bankkonto. Denn es steht keineswegs fest – und ist sogar höchst unwahrscheinlich –, dass es jedermann auch wirklich gelingt, sich auf dem Markt genügend Geld zu beschaffen, um seine aktuellen Bedürfnisse befriedigen zu können und darüber hinaus auch für die Zukunft gewappnet zu sein. Dass dieser empirisch eigentlich offensichtliche und elementare Sachverhalt von Luhmann einigermaßen arglos übersehen beziehungsweise ignoriert wurde, ist letzten Endes nur schwer nachzuvollziehen.523 Zwar öffnete eine Reise nach Brasilien Anfang der 1990er Jahre Luhmann immerhin die Augen für das Phänomen der Exklusion an sich. 520 Luhmann 2009b, S. 269. 521 Vgl. Paul 2004, S. 241. 522 Ebd., S. 242. 523 Eine mögliche Erklärung dafür, dass sich Luhmann der Einsicht in die gesellschaftliche Vorrangstellung des ökonomischen Systems und der damit verbundenen intersystemischen Dominanz des Geldmediums verschloss, könnte darin bestehen, dass es sich dabei schlicht um eine im Kern normative Positionierung handelt. Luhmann, der in der Zeit des Nationalsozialismus aufwuchs und bei Kriegsende erst 17 Jahre alt war, fürchtete offenbar die Gefahr der Entdifferenzierung durch die totalitäre Politisierung sämtlicher Gesellschaftsbereiche, die er als Tendenz im Politiksystem genuin angelegt sah. Vor diesem Hintergrund hätten ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 199 Nach dem – anscheinend nicht ganz freiwilligen – Besuch einer dortigen Favela, wie die Elendsquartiere in südamerikanischen Großstädten bekanntlich heißen, wurde ihm offenbar bewusst, dass die soziale Marginalisierung bis hin zur Ausschließung breiter Schichten entgegen allen Versprechungen der Moderne auch in der funktional differenzierten Gesellschaft durchaus vorkommt.524 Er verarbeitete diese Erfahrung in seinem oben bereits mehrfach zitierten Aufsatz »Inklusion und Exklusion«,525 mit dem dieses Begriffspaar endgültig (wenngleich späten) Einzug in die luhmannsche Systemtheorie hielt. Doch weil sich Luhmann eben der Einsicht in die Dominanz des ökonomischen Systems und damit in die funktionale Zentralität des Geldes in der kapitalistischen Moderne auch weiterhin verschloss, konnte es ihm aus theorietechnischen Gründen nicht gelingen, die nunmehr durchaus wahrgenommene prinzipielle Prekarität sozialer Inklusion und die selbstverstärkende Dynamik kaskadenförmig verlaufender Exklusionen systematisch zu erklären. Er erkennt zwar die aus ihrer genetischen Struktur resultierende »Supercodierung« der kapitalistischen Gesellschaft durch die Differenz von Inund Exklusion, sieht aber die monetäre Verknüpfung, durch welche die einzelnen Partialexklusionen aus den verschiedenen Funktionssystemen miteinander verkettet sind und sich zur Totalexklusion verdichten, nicht. Sein Bild einer systematisch unverbundenen, irreduziblen Multidimensionalität der Exklusion bleibt daher notwendig unscharf. Erst die optische Korrektur dieser – übrigens an nicht wenige seiner orthodoxen Schüler vererbten – Sehschwäche durch die systematische Berücksichtidie bürgerlichen Grundrechte, wie er 1965 in Grundrechte als Institution schrieb, die Funktion, das Hegemoniestreben der Politik zu begrenzen und die operative Autonomie und Gleichrangigkeit der anderen Funktionssysteme zu garantieren. Das impliziert, dass zumindest der frühe Luhmann mitnichten davon ausging, dass sich Autonomie und Gleichrangigkeit der Systeme im Zuge der funktionalen Differenzierung irgendwie von selbst einstellen würden, sondern vielmehr durch die grundrechtlich fixierte Selbstbeschränkung der Politik allererst herzustellen seien. Angesichts Luhmanns späterer Tendenz jedoch, die operative Autonomie und Gleichrangigkeit der Systeme als faktisch gegebenes und quasi-natürliches Equilibrium zu deklarieren (siehe zum Beispiel Luhmann 1980, S. 28), scheint es daher, als wäre hier eine ursprünglich politisch-normative – und als solche durchaus berechtigte – Forderung durch theoretische Alchemie in empirische Faktizität »verwandelt« worden. In der Konsequenz entging Luhmann, dass die Gefahr der totalitären Unterwerfung der Gesellschaft keineswegs nur vom politischen System droht. 524 Vgl. hierzu die (keineswegs gänzlich unberechtigte) Polemik von Hartmut Esser: »Inklusion und Exklusion – oder: die unvermutete Entdeckung der leibhaftigen Menschen und der Not in der Welt durch die soziologische Systemtheorie«, in: Oskar Niedermayer, Bettina Westle (Hg.): Demokratie und Partizipation. Festschrift für Max Kaase, Wiesbaden 2000, S. 497–416, hier S. 411f. 525 Luhmann 2008b; ferner ders. 1996a sowie 1998, S. 618–634. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 200 gung der gesamtgesellschaftlichen, das heißt die Grenzen der einzelnen Funktionssysteme transzendierenden Zentralität des Geldes erlaubt es, die Spaltung der Gesellschaft als finales Resultat jener unseligen Exklusionskaskaden zu begreifen, die ihren Ursprung im funktionsrationalen Operieren und Selegieren des ökonomischen Systems haben und sich von dort auf die beschriebene Art und Weise über fast alle Gesellschaftsbereiche hinweg fortsetzen. Der initiale Impuls für den multidimensionalen Ausschluss von den Vollzügen und Errungenschaften der modernen Gesellschaft besteht somit in der ökonomischen Exklusion, die sich im verstetigten Unvermögen der betroffenen Personen, sich durch kontinuierliche und ausreichende Zahlungen immer wieder neu in den Strom der wirtschaftlichen Kommunikationen und Austauschverhältnisse zu integrieren, äußert. Diese Überlegungen laufen ganz automatisch auf die Gretchenfrage hinaus, aus welchen Gründen das auf freien Wettbewerbsmärkten basierende kapitalistische Wirtschaftssystem seit seiner Durchsetzung nicht nur für ehedem unvorstellbaren Reichtum gesorgt hat, sondern zugleich beträchtliche Bevölkerungsteile konsequent davon ausschließt. Denn es ist ja durchaus bemerkenswert, dass es der – rein ökonomisch betrachtet – mit Abstand produktivsten Wirtschaftsform, die die Menschheit je gesehen hat, faktisch nicht einmal in ihren Kernländern zuverlässig gelingt,526 alle Menschen auf einigermaßen befriedigende und halbwegs demokratische Weise an der überbordenden Vielfalt ihrer Chancen und Errungenschaften zu beteiligen. Die frappierende und im Prinzip nach wie vor konstante Diskrepanz zwischen der erstaunlichen Produktivität des Kapitalismus auf der einen Seite und der Faktizität massenhafter Prekarisierung und Exklusion auf der anderen erneuert und bestärkt dabei den alten Verdacht, dass zwischen beidem ein systematischer (und nicht etwa nur akzidenteller) Zusammenhang besteht. Und so lautet die hier vertretene und im weiteren Verlauf näher zu begründende These auch dahingehend, dass die ökonomische – und in der Folge gesamtgesellschaftliche – Marginalisierung und Ausgrenzung signifikanter Bevölkerungsteile nicht weniger als eine unhintergehbare intrasystemische Erfolgsbedingung des kapitalistischen Wirtschaftssystems repräsentiert. Allerdings wäre es wenig vielversprechend, sich bei der Begründung dieser These weiterhin an der Systemtheorie Luhmanns zu orientieren, in deren allzu harmloser Konzeptualisierung der modernen Geldwirtschaft die existentielle Notwendigkeit, für hinreichende finanzielle Mittel zu sorgen, um an der ökonomischen Kommunikation zuverlässig 526 Von den Ländern der Peripherie einmal ganz zu schweigen – wovon sich jeder überzeugen kann, der sich mit den Arbeitsbedingungen an der »verlängerten Werkbank« des Westens (sei es in der Textil-, Computer-, Lebensmittel- oder anderen Industrien) einmal redlich auseinandergesetzt hat. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 201 partizipieren zu können, augenscheinlich noch nicht einmal als potentielles Problem erkannt, geschweige denn als strukturelles systematisch in die Theorie integriert wurde. Deshalb soll sich an dieser Stelle einem Ökonomen zugewandt werden, der zwar zeitlebens als leidenschaftlicher Fürsprecher der freien Marktwirtschaft aufgetreten ist, andererseits jedoch, indem er deren innere Funktionslogik luzide wie sonst kaum jemand auf den Begriff gebracht hat, die systematische Ausgrenzung und relative Verarmung ganzer Gruppen als inhärenten Bestandteil, sozusagen als »notwendiges Übel« kapitalistischer Ökonomie, plausibel beschrieb. Die Rede ist von Friedrich August von Hayek, dessen Analyse der Marktordnung als eines sich über preisförmig codierte Kommunikationen selbstorganisierenden Systems zudem nahtlos in die übergreifende Gesellschaftstheorie Luhmanns einfügen lässt. Auf diese Weise erhält die hier vorgetragene monetäre Theorie gesellschaftlicher Teilhabe gewissermaßen ihren Schlussstein, durch den sich das Gesamtbild der Mechanismen sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne erst komplettiert. Die überlegene Produktivität marktbasierter Ökonomie beruht im Wesentlichen auf den selektiven Effekten des Wettbewerbs, den Hayek einmal treffend als »Entdeckungsverfahren« für möglichst zweckdienliche und effiziente Produktionsweisen bezeichnet hat.527 Um sich in der Konkurrenz um potentielle Abnehmer gegen andere Anbieter behaupten zu können, sind Marktakteure stets gehalten, die von ihnen offerierten Güter und Leistungen möglichst attraktiv zu gestalten, wobei (unterstellte) Qualität und Preis die beiden maßgeblichen Stellschrauben repräsentieren. Dementsprechend streben sie ununterbrochen nach der qualitativen Verbesserung und innovativen Erweiterung ihres Angebots sowie nach rationelleren, das heißt kosten- und ressourceneffizienteren Herstellungsmethoden, um ihre Absatz- und Gewinnchancen zu optimieren. Der Wettbewerb führt deshalb dazu, dass, so Hayek, Kundschafter auf der ständigen Suche nach unausgenützten, profitablen Gelegenheiten sind, die allerdings, wenn sie erst einmal entdeckt wurden, auch von anderen genutzt werden können.528 Auf diesem Wege generiert der Markt – durch den oben beschriebenen Zusammenhang von Verschuldung, Zins und Wachstum noch zusätzlich befeuert – jene unheimliche, vorwärtspeitschende Entwicklungsdynamik und Innovationskraft, die den Kapitalismus von allen anderen bekannten Wirtschaftsformen fundamental unterscheidet und die Produktions- und Lebensbedingungen in den Industrieländern in wenigen Jahrhunderten auf historisch beispiellose Art und Weise revolutioniert hat. 527 Vgl. Hayek 2003. 528 Vgl. ebd., S. 143. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 202 Dabei ist indessen besonders zu betonen, dass die kapitalistische Dynamik, sobald die zugrundeliegenden Wettbewerbsmärkte erst einmal eingerichtet sind, es keineswegs mehr erfordert, dass jeder Marktteilnehmer gleichermaßen vom individuellen Streben nach Gewinnmaximierung angetrieben wird. Es ist also nicht, jedenfalls nicht allein, der neurotische Wunsch nach unentwegter persönlicher Bereicherung, der den Konkurrenzmechanismus am Laufen erhält. Es verhält sich vielmehr umgekehrt so, dass der Konkurrenzmechanismus jeden, der überhaupt auf ein Markteinkommen angewiesen ist – und das sind in der Moderne so gut wie alle –, unerbittlich zwingt, sich schon aus Gründen der Selbsterhaltung an die kompetitiven Spielregeln des Marktes anzupassen. Insofern treibt die innere Strukturlogik des Marktes die einzelnen Akteure, ob sie nun wollen oder nicht, pausenlos gegeneinander und nötigt ihnen den wirtschaftlichen Kampf um Abnehmer schlicht auf.529 Es ist deshalb auch allenfalls von sekundärer Bedeutung, welche ethisch-moralischen Motive und Überzeugungen die Marktakteure im Einzelfall bewegen. So kann zum Beispiel der Vorstand eines Unternehmens die Schließung eines Werkes, welche die Entlassung von Tausenden von Mitarbeitern zur Folge hat, in ethischer Hinsicht durchaus bedauern und dennoch gezwungen sein, sie aus wettbewerbstechnischen Gründen zu veranlassen. Die entschieden amoralische, allein an Geldfolgen orientierte Marktlogik macht es unausweichlich, dass ökonomische Ineffizienz – ob sie nun an spezifische Produktionstechniken, Standorte, einzelne Unternehmen, ganze Branchen oder Individuen gebunden ist – durch den Wettbewerb identifiziert und systematisch abgestellt wird, ganz gleich, welche sonstigen, zum Beispiel eben sozialen oder ökologischen »Kollateralschäden« sich daraus ergeben. Es ist exakt diese hochfunktionale, im Zweifel aufoktroyierte Spezialisierung auf rein ökonomische Problemstellungen und Programme, welche die stupende Leistungsfähigkeit des ausdifferenzierten, das heißt von nicht-ökonomischen Problemen strukturell entlasteten kapitalistischen Wirtschaftssystems begründet. Die kommunikative Infrastruktur liefert dabei das geldbasierte Signalsystem der Preise. In der globalisierten, hochgradig arbeitsteiligen und durch vielgliedrige Interdependenzketten integrierten Ökonomie kann die effiziente Nutzung des weitverstreuten Wissens und der Fähigkeiten der Akteure ersichtlich nicht mehr darauf beruhen, dass jedermann die konkreten Bedingungen und Umstände, unter denen die von ihm nachgefragten Güter und Dienstleistungen bereitgestellt werden, im Einzelfall kennt. So ist es schon für gewerbliche, vor allem aber für private Abnehmer kaum möglich, beispielsweise von allen Details über die Herstellungsmethoden in der Textil- oder Lebensmittelindustrie, die Gewinnung seltener Erden für die Handyproduktion oder die Entsorgung der 529 Vgl. ebd., S. 144. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 203 Hinterlassenschaften der kapitalistischen Konsumgesellschaft Kenntnis zu haben. Und selbst wenn es im Prinzip möglich wäre (was es in vielen Fällen nicht ist), sich all diese Informationen nach und nach zu beschaffen, wäre dies in der Regel viel zu zeitaufwendig und teuer. Doch der springende Punkt ist, dass dies in einem marktbasierten Wirtschaftssystem mit funktionierendem Preismechanismus auch gar nicht nötig ist, da zumindest alle ökonomisch relevanten Informationen bereits in den Preisen kondensiert sind, die es allein zu vergleichen gilt.530 Ob zum Beispiel der relativ niedrige Preis für Rohkaffee oder Kakao in bestimmten Ländern auf günstigen Anbaubedingungen, einer ausgefeilten Agrartechnologie oder der preiswerten Nutzung von Kinderarbeit beruht, ist für den gewerblichen wie auch privaten Durchschnittskunden allenfalls von sekundärer Bedeutung. Für ihn genügt es, sich einfach an den Preisen zu orientieren, um erfolgreich am Markt agieren zu können. Mehr als den Preis braucht (und will man oftmals) im Kapitalismus gar nicht wissen.531 Allerdings funktioniert der Signalmechanismus der Preise – und damit das Marktsystem als Ganzes – nur, wenn man ihm seine Flexibilität weitgehend belässt. Denn die wechselseitige Anpassung der ineinander 530 Hayek zufolge ist in diesem Umstand auch die Hauptursache für die ungleich größere ökonomische Effizienz und Leistungsfähigkeit der Marktordnung gegen- über einer zentral gelenkten Wirtschaftsordnung zu sehen. Denn während in die Steuerung der letzteren nur die im Vergleich notwendig begrenzteren Kenntnisse und Ideen der zentralen Planungsbehörden einfließen, ermöglicht die komplexitätsreduzierte Kommunikation über Preise, in denen vielfältigste Informationen zu übersichtlichen und leicht handzuhabenden Signalen verdichtet sind, das weitverstreute Wissen aller Marktakteure für die wirtschaftliche Produktion auszunutzen. Vgl. ebd., S. 138. 531 Man mag an dieser Stelle vielleicht zu Recht darauf hinweisen, dass das ökologische und soziale Bewusstsein vieler Konsumenten in den vergangenen Jahren zugenommen hat und der Absatz von Bio- und Fairtrade-Produkten infolgedessen gestiegen ist. Nico Stehr spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer »Moralisierung der Märkte«, im Zuge derer normative Bewertungen und Entscheidungsmotive auch in der Wirtschaft (erneut) an Bedeutung gewännen und die reine Preisorientierung relativiert würde; vgl. Nico Stehr: Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007. Allerdings wird man, so begrüßenswert die Zunahme des ökologisch und/oder gerechtigkeitsethisch bewussten Konsums zweifellos ist, doch einräumen müssen, dass es sich dabei nach wie vor um ein Nischenphänomen handelt. So lag zum Beispiel der Bio-Anteil am gesamten deutschen Lebensmittelmarkt im Jahr 2011 bei lediglich 3,7% und der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee und von Bananen sogar bei nur 2%. Vgl. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft: Die Biobranche 2012. Zahlen, Daten, Fakten, S. 16, http://www.boelw.de/ (23.03.16); Fairtrade Deutschland: »Absatz Fairtrade-Produkte im Einzelnen«, http://www.fairtrade-deutschland.de/produkte/absatz-fairtrade-produkte/ (23.03.16). Von einer allgemeinen TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 204 verschlungenen individuellen Pläne und Handlungen, durch die sich die Marktordnung dynamisch konstituiert und erhält, erfolgt im Wesentlichen durch Rückkopplungseffekte, die den einzelnen Akteuren unmissverständlich anzeigen, welche Aktivitäten sich finanziell lohnen und welche nicht. Negative Rückkopplungen sind dabei – ähnlich wie bei biologischen Anpassungsprozessen – besonders effektiv. Denn während steigende Preise lediglich als fakultativer Anreiz für eine Intensivierung des entsprechenden Engagements fungieren können, lassen fallende Marktpreise den Akteuren ab einer gewissen Schwelle gar keine andere Wahl, als ihr Angebot schleunigst zu verbessern, Kosten einzusparen oder sich gleich nach einträglicheren Geschäftsfeldern umzusehen. Die systematische finanzielle »Bestrafung« – und das heißt in letzter Konsequenz eben: die ökonomische Marginalisierung bis hin zur Exklusion – jener Akteure, deren Angebot an der Nachfrage vorbeigeht oder im Vergleich zu teuer ist, erweist sich demnach als unverzichtbare, zu immer neuen Höchstleistungen allererst antreibende Voraussetzung einer insgesamt prosperierenden Marktwirtschaft. Insofern sind relative Armut und soziale Exklusion keineswegs ökonomisch dysfunktionale oder akzidentelle Phänomene, sondern ganz im Gegenteil – jedenfalls solange die damit verbundenen sozialen Spannungen nicht in unkontrollierbare Revolten umschlagen – als intrasystemische, das heißt der inneren Funktionslogik der Märkte selbst entspringende Erfolgsbedingung der kapitalistischen Gesamtwirtschaft zu betrachten.532 Gemeinsam mit dem zerstörerischen Raubbau an der Natur bilden sie sozusagen die hässliche Kehrseite des – wenigstens in materialistischer Hinsicht – einzigartigen Reichtums, den die janusköpfige kapitalistische Gesellschaft in so kurzer Zeit anhäufen konnte. So gesehen mag die Smithsche Behauptung also durchaus zutreffen, dass die berühmte »unsichtbare Hand« des Marktes – die im religiös geprägten Denken von Smith letztlich nichts anderes als eine Mittlerin der göttlichen Vorsehung war533 – die eigeninteressierten ökonomischen Bestrebungen der Marktakteure auf eine Weise dirigiert, durch die sich der gesamtgesellschaftliche materielle Wohlstand sukzessive vergrößert.534 Doch können davon eben keineswegs alle, die darauf angewiesen wären, auch nur annähernd im selben Maße profitieren. Hayek hat insofern absolut Recht, wenn er betont, dass die Marktwirtschaft lediglich die Chancen einer beliebigen Person verbessert, aber keineswegs garantiert, Tendenz zur »Moralisierung der Märkte« kann angesichts solcher Zahlen keine Rede sein. 532 Vgl. Friedrich August von Hayek: »Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit«, in: ders.: Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik, Tübingen 2004b, S. 186–196, hier S. 192. 533 Vgl. David Graeber: Schulden. Die ersten 5.000 Jahre, Stuttgart 2012, S. 50. 534 Vgl. Smith 2009, S. 524. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 205 dass auch die tatsächlichen Ergebnisse ihres wirtschaftlichen Handelns einigermaßen befriedigend sein werden.535 Selbst wenn man in der Theorie vielleicht einen leidlich harmonischen Zustand imaginieren könnte, in dem es trotz der Konkurrenz jedermann gelänge, ein Markteinkommen zu erwirtschaften, das zumindest die elementaren Grundbedürfnisse deckte, war und ist es in der ökonomischen Praxis vielmehr die Regel, dass dies relevanten Bevölkerungsgruppen aus unterschiedlichen Gründen nicht gelingt. So wäre es beispielsweise vollkommen realitätsfern anzunehmen, dass jeder Akteur tatsächlich imstande ist, jederzeit flexibel und schnell auf die volatilen Preissignale des Marktes zu reagieren. Auf Ebene der Unternehmen bedeutet dies im ungünstigsten Fall schlicht die Insolvenz und Einstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit. Auf der Personenebene hingegen resultieren daraus Armut und Not. Denn genauso wenig, wie jeder bankrottgegangene Unternehmer stets mit einer neuen, aussichtsreichen Geschäftsidee aufwarten und Investoren dafür gewinnen kann, sind arbeitslose oder schlechtbezahlte Arbeitnehmer immerfort in der Lage, die Basis ihres Einkommens, das heißt ihre Arbeitskraft, etwa durch Umschulung oder berufliche Weiterbildung qualitativ so zu verbessern und an die aktuelle Nachfrage anzupassen, dass sie damit gedeihlichere Löhne erzielen beziehungsweise überhaupt jemanden finden könnten, der bereit wäre, etwas dafür zu bezahlen. Insofern fungieren die verfallenden Marktpreise für bestimmte Angebote und Qualifikationen oftmals nicht mehr als konstruktiv aufzugreifende Hinweise für die betroffenen Berufs- und Personengruppen selbst, die ihrer sozioökonomischen Marginalisierung aus eigener Kraft häufig nichts mehr entgegenzusetzen haben. Sondern sie fungieren als abschreckende Signale für andere, insbesondere neu auf den (Arbeits-)Markt drängende Akteure, sich frühzeitig nach (hoffentlich!) profitableren Berufs- und Tätigkeitsfeldern umzusehen. Die vom Markt bereits Exkludierten bleiben der Gesellschaft unterdessen als »soziales Problem« erhalten. Ein weiteres in der Struktur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse angelegtes Problem besteht darin, dass der technische Fortschritt und die permanenten Rationalisierungsbemühungen, zu denen die Unternehmen durch den Konkurrenzmechanismus gezwungen sind, die systematische Produktion eines relativen Überangebots von Arbeitskräften begünstigt. Dieses bekanntlich schon von Marx beschriebene Phänomen setzt insbesondere die Preise für geringqualifizierte Arbeit unter Druck und damit einen Teufelskreis in Gang, dem die besitzlosen Arbeitnehmer ohne politische Unterstützung kaum entrinnen können.536 So wäre es, wie Georg Vobruba einleuchtend erklärt, aus marktstrategischen Gründen eigentlich im Interesse aller lohnabhängigen Arbeiter, 535 Vgl. Hayek 2003, S. 138. 536 Vgl. etwa Marx 1984, S. 660, 674. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 206 das preismindernde Überangebot an Arbeitskraft zu verknappen, um die Löhne insgesamt zu stabilisieren. Doch weil der einzelne Arbeiter auf den möglichst ununterbrochenen Verkauf seiner Arbeitskraft existentiell angewiesen ist, ist eine »künstliche« Angebotsverknappung aus ökonomischem Kalkül, wie das bei anderen Waren zumindest in gewissen Grenzen möglich ist, undenkbar. Im Gegenteil sind gerade die unteren Einkommensschichten bestrebt, dem aus dem Überangebot resultierenden Preisverfall durch ein Mehrangebot an (nicht zuletzt weiblicher) Arbeitskraft zu begegnen, um das Gesamteinkommen irgendwie zu halten. Doch in der Summe beschleunigt das den Lohnrückgang natürlich umso mehr.537 Berücksichtigt man diesen Zusammenhang, wird die fundamentale Arbeitnehmerfeindlichkeit jener durch den Neoliberalismus propagierten, regelrecht perversen Arbeits- und Sozialpolitik, die wie die eingangs beschriebenen Hartz-Reformen der deutschen Regierung Schröder ganz bewusst auf die Senkung des Reservationslohns zielt, besonders augenfällig. Denn anstatt den Teufelskreis von Lohnverfall und Überangebot durch die Dekommodifizierung der Arbeit zu durchbrechen, heizen ihn die nicht nur in Deutschland eingeführten Workfare- Maßnahmen, die zusätzliche »Anreize« für die Aufnahme von Niedriglohnarbeit schaffen sollen, auch noch weiter an.538 Zu alldem kommt schließlich noch hinzu, dass infolge der globalen gesellschaftlichen Strukturveränderungen, zu denen insbesondere die Erosion – manchmal auch: die bewusste Unterminierung – traditioneller, nicht-kapitalistischer Wirtschaftsformen gehört, und der damit einhergehenden intensivierten Kommerzialisierung der Lebensführung die weltweite Anzahl auf Geldlöhne angewiesener Personen rapide wächst, ohne dass auch nur annähernd genügend und vor allem hinreichend bezahlte Arbeitsplätze vorhanden wären. Entsprechend registrierte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits 2005, also noch vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, 191,8 Millionen offiziell gemeldete Arbeitslose und damit trotz des vorausgegangenen kräftigen Wirtschaftswachstums über 34 Millionen mehr als zehn Jahre zuvor.539 Inzwischen aber fehlen aufgrund der anhaltenden Krise offiziellen Angaben zufolge sogar rund 200 Millionen Jobs (knapp 19 Millionen allein in Europa), und die ILO geht zudem davon aus, dass angesichts der demographischen und sozialstrukturellen Entwicklungen in den kommenden zehn Jahren mindestens 400 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssten, nur um den weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen – und damit eine weite- 537 Vgl. Vobruba 2007b, S. 99. 538 Zum Zusammenhang von »aktivierender Arbeitsmarktpolitik« und sozialer Prekarität in Europa siehe beispielsweise die Beiträge in Scherschel u. a. 2012. 539 International Labor Organization: Global Employment Trends, Brief, January 2006, S. 2. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 207 re Verschärfung des Lohndrucks – zu verhindern.540 Man braucht wahrhaftig kein Pessimist zu sein, um daran zu zweifeln, dass dies gelingt. Alles in allem wird man somit auch in Zukunft vernünftigerweise damit rechnen müssen, dass es selbst bei positiver gesamtgesellschaftlicher Wohlstandsentwicklung keineswegs allen, die darauf angewiesen wären, möglich sein wird, ein existenzsicherndes Markteinkommen – von einem darüber hinausgehenden Wohlstandsniveau ganz zu schweigen – zu erwirtschaften. Millionen von Menschen, mitunter sogar ganze Regionen haben einfach, sei es vorübergehend oder auf längere Sicht, nichts anzubieten, was anderen Marktteilnehmern etwas dafür zu bezahlen wert wäre. Im Extremfall existieren sie sozusagen vollständig am Markt vorbei. Wie schon erwähnt, war dies in der Geschichte des Kapitalismus tatsächlich auch weniger die Ausnahme als vielmehr die Regel. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es für große Teile der Arbeiterschaft ganz selbstverständlich, dass die Löhne für die Existenzsicherung unzureichend waren und, wie es in vielen Ländern der Peripherie auch heute noch der Fall ist, durch zusätzliche Naturaleinkommen, etwa aus Gemüsegärten und Kleintierzucht, ergänzt werden mussten. Daher rühren beispielsweise die traditionelle Kleintierzucht der Bergleute oder die Bezeichnung »Eisenbahnerkuh« für die Ziege. Verschwunden sind solche aus der Not geborenen »Income Mixes« in den westlichen Industriegesellschaften erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die rasche Urbanisierung den Resten der Naturalökonomie endgültig die Grundlage entzog und sich die Lohnabhängigkeit der besitzlosen Bevölkerungsteile vervollständigte.541 Dass diese Entwicklung in sozialer Hinsicht zunächst einigermaßen unproblematisch verlief, verdankt sich dabei hauptsächlich dem im ersten Kapitel skizzierten Umstand, dass während des einzigartigen wirtschaftlichen Aufschwungs in der Nachkriegszeit für einige wenige Jahrzehnte sogar mehr als genug gutbezahlte Arbeitsplätze zur Verfügung standen. Doch mit dem Ende des goldenen Zeitalters und der raschen Rückkehr von Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarität tritt die fundamentale Gefährdung des Einzelnen und die soziale Sprengkraft, die sich aus der totalen Marktabhängigkeit der ökonomischen und damit auch der gesamtgesellschaftlichen Inklusion im entwickelten Kapitalismus ergibt, in ungeschminkter Offenheit zutage. Eine Rückkehr zu subsistenzwirtschaftlichen Formen der Existenzsicherung ist für die Mehrheit der Bevölkerung faktisch ausgeschlossen und die traditionellen, namentlich 540 International Labor Organization: Global Employment Trends 2012, Genf 2012, S. 9. 541 Vgl. hierzu Georg Vobruba: »Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft«, in: ders.: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2007d, S. 119–144. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 208 verwandtschaftsbasierten Versorgungs- und Sozialbeziehungen, in welche die Menschen früherer Epochen normalerweise lebenslang integriert waren und aus denen sie wichtige Unterstützungsleistungen beziehen konnten, sind im Zuge der Modernisierung und Individualisierung erodiert und brüchig geworden. Alternative Formen des solidarischen Zusammenlebens und -arbeitens jenseits marktwirtschaftlicher Strukturen und Imperative sind zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen (und werden zum Beispiel im Rahmen kleiner kommunitaristischer Kooperativen und intentionaler Gemeinschaften durchaus erprobt), stellen bislang aber noch keinen praktikablen Ausweg auf gesamtgesellschaftlicher Ebene dar. Infolgedessen haben sich sozialstaatliche Transferleistungen in der vollends entfalteten Gesellschaft des Geldes zum wichtigsten Substitut für insuffiziente Markteinkommen entwickelt, wobei auch sie sogar in den wohlhabendsten Industrieländern in der Regel viel zu niedrig angesetzt werden, um Armut und soziale Ausgrenzung effektiv zu verhindern. Damit manifestieren sich die prinzipielle Prekarität der individuellen Partizipation und die polarisierende Differenz von Inklusion und Exklusion notwendig als strukturbedingte Wesensmerkmale der funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft. Beides ist die logische Folge gerade des systemrationalen, effizienzsteigernden Operierens der Wirtschaft, das den gesamtgesellschaftlichen geldwerten Reichtum unentwegt vergrößert, ihn jedoch ohne Rücksicht auf die persönlichen Bedürfnisse der Individuen allein nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten höchst ungleich verteilt. Die vielbeklagte Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, ihre »soziale Kälte« und das ernüchternde Gefühl vieler Menschen, im Grunde nur noch nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit und ökonomischen Rentabilität beurteilt zu werden, all das ist insofern kein Zeichen für eine prinzipielle Schwäche des Kapitalismus, sondern vielmehr der systembedingte Preis für seinen materiellen Erfolg. d) Fazit Vor diesem Hintergrund wäre es widersinnig – wiewohl manche unverdrossene Marktapologeten dies nach wie vor tun –, eine Lösung der sozialen Misere etwa von den Selbstheilungskräften des Marktes zu erwarten, ist doch gerade die konsequente Ausscheidung unrentabler Elemente Ausdruck seiner Gesundheit und Vitalität. Warum auch sollte der Markt eben jene, die er aufgrund der ökonomischen Unzulänglichkeit des von ihnen Angebotenen soeben exkludiert hat, plötzlich doch wieder zu gedeihlichen Bedingungen inkludieren? »Das ökonomische System«, so Günter Dux lapidar, »kann keiner anderen Logik folgen als der Logik der Kapitalakkumulation. Es braucht, wen es braucht und ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 209 lässt außen vor, wen es nicht braucht.«542 Das kapitalistische System ist mithin der Grund für die sozialen Probleme und kann zumindest aus sich selbst heraus nicht auch die Lösung sein. Infolgedessen ist es genauso verfehlt, seine diesbezüglichen Hoffnungen auf ein gerechtigkeitsethisch verantwortlicheres (im Sinne von solidarischerem) Verhalten der einzelnen Marktakteure, namentlich der Unternehmer und Manager zu richten. Denn deren spezifische Amoralität, das heißt ihre primäre Fokussierung auf die Optimierung der Gewinne, der alle anderen Handlungsmotive untergeordnet werden, resultiert systematisch eben nicht aus ihrer persönlichen Verantwortungslosigkeit oder Selbstsucht (gleichwohl beides natürlich vorkommt), sondern aus dem skizzierten Wachstums- und Konkurrenzmechanismus des Marktes, welcher der in letzter Zeit verstärkt eingeforderten sozialen und ökologischen Verantwortung der Wirtschaft enge Grenzen setzt. Ein Unternehmen, das infolge seiner ethisch-ökologischen Korrektheit Verluste machte und vom Markt verschwände, könnte überhaupt keine Verantwortung mehr tragen, während eine Firma, die im Wettbewerb bestehen will, außer dem Profit keine anderen unverhandelbaren Ziele haben sollte. Das schließt ein entsprechendes sozial-ökologisches Engagement der Unternehmen zwar sicherlich nicht aus, relativiert jedoch seine potentielle Reichweite und Bedeutung ganz erheblich. Viel eher schon könnte man eigentlich von Seiten der Verbraucher eine stärkere Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Konsequenzen ihres Konsumverhaltens erwarten, wäre es doch für sie grundsätzlich ein leichtes, beispielsweise den Konsum konventionellen Kaffees zu reduzieren und mit dem eingesparten Geld auf fair gehandelte Produkte umzusteigen oder einfach weniger und dafür ökologisch unbedenklich hergestelltes Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu essen. Doch abgesehen davon, dass auch dies an den Grundprinzipien der auf Gewinne zielenden Konkurrenzwirtschaft nicht das Geringste ändern würde, scheint zumindest das praxiswirksame Verantwortungsbewusstsein des Durchschnittskonsumenten (bislang) ebenfalls in erster Linie dem eigenen Vorteil verpflichtet zu sein.543 Wenn daher eine befriedigende Antwort auf die soziale Frage gefunden werden soll; wenn also, wie Dux es formuliert, Gerechtigkeit sein soll, dann dürfte sie wohl kaum aus dem ökonomischen System heraus zu erwarten sein. Es ist vielmehr die originäre Aufgabe der Politik, 542 Günter Dux: Warum denn Gerechtigkeit? Die Logik des Kapitals. Die Politik im Widerstreit mit der Ökonomie, Weilerswist 2008, S. 26. 543 Ich habe bereits weiter oben darauf hingewiesen, dass der ethisch und/oder ökologisch bewusste Konsum nach wie vor nicht viel mehr als ein zweifellos begrü- ßenswertes Nischenphänomen darstellt. Der Mehrheit der Verbraucher sind Bioprodukte und Erzeugnisse aus fairem Handel schlicht zu teuer. Vgl. hierzu u. a. Michael Bauchmüllers Artikel: »Die Umwelt steht an zweiter Stelle«, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, Nr. 16, vom 19./20.01.2013, S. 5. TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 210 »Strategien zu entwickeln, die die für die Gesellschaft negative Inklusionskapazität des ökonomischen Systems auffangen.«544 Nur die Politik ist demokratisch legitimiert und zumindest theoretisch in der Lage, allgemeinverbindliche Maßnahmen und Regeln durchzusetzen, die den individuellen Inklusionsbedürfnissen der Menschen Rechnung tragen und damit der sozialen Gerechtigkeit Geltung verschaffen. Die systembedingte Amoralität der marktwirtschaftlichen Akteure (im Sinne ihrer primären Orientierung an monetären Handlungsfolgen) innerhalb des ökonomischen Systems und innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen nolens volens zu akzeptieren, schließt ja keineswegs aus, einerseits die rechtsverbindlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns ethisch zu fundieren und andererseits die gesamtgesellschaftlichen Folgen der kapitalistischen Ökonomie gegebenenfalls nach Maßgabe gerechtigkeitsethischer Kriterien politisch so zu korrigieren, dass Armut und Exklusion eben doch wirksam verhindert werden. Dies setzte – neben dem entsprechenden politischen Willen – zunächst einmal voraus, dass das politische System gegenüber dem ökonomischen seine demokratisch legitimierte soziale Gestaltungshoheit zurückgewinnt und aktiv wahrnimmt, dass also die gegenwärtige Hegemonie der kapitalistischen Wirtschaft gebrochen und der gesamtgesellschaftliche Primat stattdessen auf die Politik (zurück-)verlagert wird. Dem steht freilich eine Reihe von Hindernissen entgegen. Beispielsweise ist das ökonomische System inzwischen längst globalisiert, während die Politik noch immer primär in den Nationalstaaten verankert ist und mit den aus dieser territorialen Segmentierung resultierenden Beschränktheiten zu kämpfen hat. Entsprechend fällt es internationalen Unternehmen verhältnismäßig leicht, sich unliebsamen Maßnahmen der Politik zu entziehen beziehungsweise durch die Androhung von Standortverlagerungen Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszu- üben. Gerade letzteres verdeutlicht dabei noch einmal die finanzielle Angewiesenheit der Politik auf die Ökonomie, deren Prosperität die Basis für ein ausreichendes Steueraufkommen und damit für die Handlungsfähigkeit des Staates darstellt. Auch ein starkes Politiksystem kommt deshalb nicht umhin, zwischen ökonomischen und gerechtigkeitsethischen Erfordernissen abzuwägen. Der springende Punkt ist aber, dass sich daraus eben kein prinzipieller Vorrang des Wirtschaftlichen ableiten lässt, wie viele, vor allem neoliberale Ökonomen und selbst Politiker nach wie vor behaupten. Denn es ist eben nicht so simpel, wie der Physiokrat Johann August Schlettwein noch meinte, dass die »unaufhörliche Vervielfältigung der genießbaren Sachen«545 automatisch zu einer irgendwie entsprechenden Steigerung 544 Dux 2008, S. 26. 545 Schlettwein 1782, S. 3. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 211 des gesellschaftlichen Glückes führt – vielmehr ist das genaue Gegenteil der Fall. Die kapitalistische Wachstumsökonomie vernichtet die Natur und spaltet die Gesellschaft. Sie zerstört damit systematisch sowohl die natürlichen als auch die sozialen Grundlagen für ein gedeihliches und zukunftsfähiges Zusammenleben. Das Absurde daran ist, dass, wie zu sehen war, im Grunde alle zu dieser Thematik überhaupt vorliegenden Untersuchungen darauf hindeuten, dass die Zufriedenheit und das subjektive Wohlbefinden der Menschen bereits ab einem relativ bescheidenen Niveau – auf dem selbstverständlich die elementaren Grundbedürfnisse wie Ernährung, Gesundheit, Schutz, Bildung usw. gesichert sein müssen – gar nicht mehr mit der absoluten Höhe des gesellschaftlichen Wohlstandes, geschweige denn mit seiner unaufhörlichen Vermehrung korrelieren, sondern vielmehr mit seiner als gerecht empfundenen, möglichst ausgewogenen Verteilung. Spätestens, wenn diese Schwelle überschritten ist – was im Falle der westlichen Industrienationen ersichtlich längst geschehen ist –, sollte sich das Hauptaugenmerk einer am Wohlergehen der Gesamtbevölkerung gelegenen Politik daher weniger auf die Profitinteressen der Wirtschaft als auf die aktive Herstellung und Bewahrung sozial gerechter Verhältnisse konzentrieren. Dafür wären im Zweifel selbst spürbare gesamtgesellschaftliche Wohlstandseinbußen in Kauf zu nehmen546 – und gerade für die übersättigten Konsumgesellschaften Europas und Nordamerikas auch durchaus zu verkraften –, sofern dadurch die durch den Markt hervorgerufene Spaltung der Gesellschaft verringert, der soziale Zusammenhalt wieder gestärkt und damit die allgemeine Zufriedenheit der Menschen, die sich eben nicht umstandslos aus dem Bruttoinlandsprodukt ableiten lässt, befördert würden. Mit anderen Worten: Ist die materielle Grundversorgung erst einmal gesichert, hängen Lebensqualität und Glück in der Gesellschaft nicht mehr so sehr vom weiteren Wohlstandswachstum, sondern vor allem von der sozialen Gerechtigkeit ab, die zu fördern eine essentielle Bedingung für die Legitimität des politischen Systems als solchem darstellt. Es wäre zu begrüßen, wenn dieser Sachverhalt von den noch immer größtenteils auf Wachstum fixierten politischen Entscheidungsträgern stärker zur Kenntnis genommen würde.547 An diesem Punkt der Überlegungen angelangt, stößt man bei näherem Hinsehen allerdings rasch auf ein gravierendes Problem, nämlich 546 Dies im Übrigen umso mehr, als eine umweltverträgliche und nachhaltige Entwicklung der globalen Ökonomie angesichts der Endlichkeit der Welt ohne Mä- ßigung und Verzicht namentlich der führenden Industrienationen sehr wahrscheinlich unmöglich ist. 547 Immerhin empfiehlt mittlerweile auch die Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages in ihrem abschließenden Bericht, den Lebensstandard nach anderen Werten als nur dem Bruttoinlandsprodukt zu ermitteln. So solle zukünftig unter anderem die Einkommensverteilung, TEIL I: ÜBER DIE MECHANISMEN SOZIALER IN- UND ExKLUSION 212 auf die schwer zu beantwortende Frage, was soziale Gerechtigkeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne eigentlich genau bedeuten soll. Was ist konkret damit gemeint, wenn man fordert, dass sich das politische System stärker als bisher um die Herstellung und Bewahrung sozial gerechter Verhältnisse kümmern sollte? Welche gerechtigkeitsethischen Kriterien lassen sich als Maßstab für die Beurteilung der sozialen Verhältnisse und Entwicklungen überhaupt angeben? Das Problem besteht darin, dass der Begriff der sozialen Gerechtigkeit eine semantische Eindeutigkeit suggeriert, die weder in der politischen Praxis noch in der politischen Philosophie auch nur ansatzweise gegeben ist. Tatsächlich kursiert in der modernen Gesellschaft, die sich von keinem einheitlichen Fundament ethisch-moralischer Überzeugungen mehr getragen weiß, eine Pluralität höchst unterschiedlicher, teils konfligierender Gerechtigkeitsvorstellungen, die regelmäßig zu entsprechend diskrepanten Einschätzungen der sozialen Lage führen. Ob man etwa in der »progressiven Einkommenssteuer […] ein funktionales Äquivalent zur sozia listischen Enteignung« zu erkennen glaubt – wie Peter Sloterdijk vor nicht allzu langer Zeit in einem vielbeachteten Essay –, mit dessen Hilfe der kleptokratische Staat, »einem geldsaugendem und geldspeienden Ungeheuer gleich«, sozialpolitische »Daseinswattierungen« finanziere und den von neidischen Ressentiments beseelten »Unproduktiven« dadurch erlaube, sich illegitimer Weise an den »Leistungsträgern« – die darauf überraschenderweise nicht einmal in der vorgeblich plausibelsten Reaktion: dem »antifiskalischen Bürgerkrieg«, Zuflucht nähmen – schadlos zu halten;548 oder ob man sozialstaatliche Umverteilungsprogramme vielmehr als wohlbegründetes und notwendiges Korrektiv für gerechtigkeitsethisch fragwürdige Verteilungs- und Akkumulationseffekte der Marktwirtschaft (beziehungsweise der ihr zugrundeliegenden kapitalistischen Eigentumsordnung) betrachtet, all das ist nicht allein und nicht einmal in erster Linie das Resultat differenter Lagebilder, sondern ihrer divergenten Interpretation. Das heißt, dass dasselbe Ausmaß an sozialer Ungleichheit unter Umständen, zum Beispiel am Leistungsprinzip bemessen, als durchaus legitim betrachtet werden kann, während es aus egalitaristischer Perspektive gänzlich skandalös erscheint. Die Idee der sozialen Gerechtigkeit ist demnach kein strenger Monismus, sondern ein multidimensionales, mitunter schillerndes Konzept, das eine Mehrzahl die soziale Situation in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Arbeit sowie der Zustand der Umwelt berücksichtigt werden. Es bleibt indes abzuwarten, welche realpolitischen Effekte diese im Prinzip richtige Empfehlung zeitigt. Vgl. Michael Bauchmüller: »Wohlstand der Deutschen soll neu bemessen werden«, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 23, vom 28.01.2013. 548 Peter Sloterdijk: »Die Revolution der gebenden Hand«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.06.2009. ZUR INKLUSIVITÄT DES GELDES UND ZUR ExKLUSIVITÄT DER ARMUT 213 ethischer Prinzipien zur Bewertung der gesellschaftlichen Verteilungsverhältnisse keineswegs widerspruchsfrei in sich vereint. Um zu einer differenzierten gerechtigkeitsethischen Einschätzung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im Allgemeinen und der im Vorausgegangenen analysierten monetären Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Besonderen zu gelangen, erweist es sich daher als geboten, diese, wie angekündigt, mit den wichtigsten Gerechtigkeitsprinzipien, welche die modernen Demokratien wenigstens ideell prägen, einzeln zu vergleichen. Nur auf diesem Wege scheint es mir möglich, sich ein fundiertes und der Vielschichtigkeit des sozialen Gerechtigkeitsbegriffs angemessenes Urteil über die ethische Zustimmungsfähigkeit der gegenwärtigen sozioökonomischen Verhältnisse und Entwicklungen zu bilden. Von diesem Urteil hängt dann nicht zuletzt ab, ob man der bestehenden Gesellschaftsordnung auch und gerade gegenüber den vielen Millionen, die systematisch marginalisiert und ausgrenzt werden, den berechtigten Anspruch auf Legitimität und damit auf Gefolgschaft zubilligen will – oder ob die wachsende Spaltung der Gesellschaft sowie die trotz des ungeheuren Reichtums zu konstatierende Ausbreitung von Armut, Ausbeutung und Exklusion nicht vielmehr aktiven Widerstand gegen den Kapitalismus nahelegen und rechtfertigen. Teil II: Zum Problem der sozialen Gerechtigkeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne 217 4. Ist das fair? – Eine gerechtigkeitsethische Analyse der Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Kapitalismus 4.1 Vorüberlegungen zum Maßstab der Gerechtigkeit In den vorausgegangenen Kapiteln ging es um die möglichst detaillierte soziologische Beschreibung und Erklärung der spezifischen Mechanismen, welche die soziale Zugehörigkeit der Individuen respektive ihre Ausschließung von den Bedingungen eines gedeihlichen Lebens in der kapitalistischen Gesellschaft regeln. Dabei war zunächst einmal das Problem genauer zu bestimmen, das dieser Arbeit überhaupt erst ihren Anstoß gab, das heißt die wachsende sozioökonomische Ungleichheit, die sich am unteren Ende der sozialen Hierarchie in steigenden Armutsquoten sowie in der deprimierenden Erfahrung sozialer Ausgrenzung niederschlägt, darüber hinaus jedoch auch zu einem bis in die mittleren Soziallagen hineinreichenden Gefühl der allgemeinen Verunsicherung und Prekarität beiträgt. In scharfem Kontrast zu dieser Entwicklung steht die erstaunliche Stabilität und sogar Zunahme des Reichtums an der Spitze der Gesellschaft, wodurch der soziale Zusammenhalt weiter geschwächt und gesellschaftliche Desintegrations- und Spaltungsprozesse zusätzlich beschleunigt werden (Kapitel 1). In einem zweiten Schritt galt es, gewissermaßen die politische Standardantwort auf diese sich auswachsende soziale Misere einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei zeigte sich, dass die in Wissenschaft und Politik immer noch weitverbreitete erwerbsideologische Annahme, dass der entscheidende Schlüssel zu sozialer Inklusion und gedeihlichen Verwirklichungschancen in einer Erwerbstätigkeit bestehe, und dass sich dementsprechend die gesellschaftlichen Desintegrationsprobleme durch wirtschafts- und vor allem beschäftigungspolitische Maßnahmen in den Griff bekommen ließen, ein Irrtum ist, der letztlich auf einem Missverständnis bezüglich der sozialinklusiven Effekte einer Erwerbsarbeit einerseits und eines ausreichenden Geldeinkommens andererseits beruht. Denn gleichwohl die positiven, das heißt vor allem berufliche Identität und Anerkennung sowie subjektiven Sinn stiftenden Effekte, die zumindest mit guten Arbeitsplätzen potentiell verbunden sein können, nicht zu bestreiten sind, war doch zu sehen, dass diese auch für ein gutes und sozial integriertes Leben keineswegs unverzichtbar sind (Kapitel 2). TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 218 Im Gegensatz dazu führt jedoch der Mangel an Zahlungsmitteln ganz unabhängig vom jeweiligen Erwerbsstatus mit großer Wahrscheinlichkeit zu empfindlichen Einschränkungen der individuellen Lebensund Teilhabechancen, sodass jedenfalls bei anhaltender Armut die Ausschließung der Betroffenen (ob erwerbstätig oder nicht) von dem, was der Mainstream der Gesellschaft als gutes Leben für sich in Anspruch nimmt, am vorhersehbaren Ende steht. Insofern erwies sich im Vorangegangenen also das Geld, und nicht die Arbeit, als zentrales Inklusionsmedium der kapitalistischen Moderne, wobei sich dessen zunehmende Ungleichverteilung – das heißt der sich verschärfende Gegensatz von Arm und Reich mitsamt den daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen – zudem nicht nur als dem Kapitalismus inhärente Struktureigentümlichkeit, sondern sogar als notwendige Voraussetzung für die effiziente Funktion und den Erfolg der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft herausgestellt hat (Kapitel 3). Auf dieser Basis soll es nun also in einem vierten Schritt darum gehen, die erläuterten Mechanismen sozialer In- und Exklusion einer gerechtigkeitsethischen Analyse zu unterziehen, um zu einem reflektierten Urteil über den normativen Status und die Zustimmungsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu gelangen. Der gesellschaftliche Ist-Zustand soll gewissermaßen mit dem normativ erwünschten Soll-Zustand systematisch verglichen werden, um daraus wohlbegründete und nicht zuletzt politisch orientierende Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dieser Vergleich kann grundsätzlich auf zwei verschiedene Weisen geschehen. Zum einen kann die gesellschaftliche Realität an einer moralischen Idealvorstellung sozialer Gerechtigkeit bemessen werden, die zum Beispiel aufgrund religiöser oder philosophischer Erwägungen als Maßstab gesetzt wurde. So könnte man die institutionelle Ordnung der Gesellschaft und die aus ihr hervorgehende Verteilung von Chancen und Privilegien beispielsweise mit den Gerechtigkeitsprinzipien des egalitären Liberalismus von John Rawls,549 mit dem libertären Eigentumsabsolutismus Robert Nozicks550 oder auch mit der humanistisch geprägten Gerechtigkeitsinterpretation des sogenannten Nonegalitarismus vergleichen, für den im deutschsprachigen Raum vor allem Angelika Krebs551 und Wolfgang Kersting552 stehen. Die zweite Möglichkeit besteht hingegen darin, den gesellschaftlichen Ist-Zustand, statt mit den theoretischen Konstrukten einzelner Philosophen, mit den in der jewei- 549 Vgl. vor allem John Rawls: »Gerechtigkeit als Fairneß«, in: ders.: Gerechtigkeit als Fairneß, hg. von Otfried Höffe, Freiburg / München 1977, S. 84–124; ders. 1975. 550 Vgl. Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia, München 2006. 551 Vgl. Angelika Krebs (Hg.): Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik, Frankfurt/M. 2000. 552 Vgl. Kersting 2000b. IST DAS FAIR? 219 ligen Gesellschaft empirisch tatsächlich geltenden Konzeptionen sozialer Gerechtigkeit zu vergleichen. Es geht hier also darum, das gesellschaftliche Sein an eben jenen normativen Leitvorstellungen zu messen, die von der Allgemeinheit auch wirklich als legitimer Referenzmaßstab für die Gerechtigkeit (oder Ungerechtigkeit) der gesellschaftlichen Ordnung allgemein akzeptiert und hochgehalten werden. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft soll an ihren eigenen soziokulturell wirkmächtigen Gerechtigkeitsstandards gemessen werden.553 Wie ich im Vorangegangenen bereits angedeutet habe, wähle ich in der hier vorliegenden Untersuchung den zweiten Weg, und zwar aus zwei Gründen. Der erste ist pragmatischer Natur und rasch erklärt. In Demokratien kommt es auf Mehrheiten an. Alle sozialpolitischen Vorhaben, die darauf abzielen, die im ersten Kapitel beschriebene soziale Misere auf die eine oder andere Weise zu bewältigen, müssen also (wie politische Projekte überhaupt) mit den empirischen, auch und gerade gerechtigkeitsethischen Akzeptanzbedingungen in der Gesellschaft abgeglichen werden, um eine Chance auf Realisierung zu haben. Das hat zur Voraussetzung, dass sich bereits die zugrundeliegende Bewertung der sozialen Situation, auf die hin politisch reagiert werden soll, auf normative Kriterien stützt, die in der Bevölkerung fest verankert sind und insofern faktische Geltung besitzen. Die theoretischen Reflexionen der politischen Philosophie spielen demgegenüber allenfalls eine sekundäre Rolle. Zwar kann und soll die Philosophie gerade in pluralistischen Gesellschaften, in denen neben Interessen vor allem auch Einstellungen und Werthaltungen divergieren und nicht selten konfligieren, sicherlich eine instruktive Funktion im Rahmen der politischen Debatte übernehmen. So kann sie etwa die von den verschiedenen Parteien ins Feld geführten Argumente einer kritisch-distanzierten Prüfung unterziehen, sie präzisieren, in ihrem Gewicht gegeneinander abwägen oder Inkonsistenzen offenlegen. Die Philosophie kann ferner die oftmals impliziten normativen Intuitionen, die den Argumenten und Positionen der politischen Kontrahenten unterliegen, systematisch herausarbeiten und explizieren und dadurch einen wertvollen Beitrag zu einer aufgeklärteren und offeneren Diskussion leisten. Und natürlich kann sie auch versuchen, bestimmte Positionen oder Vorhaben mit guten Gründen zu rechtfertigen, um mit deren theoretischer Verankerung im professionellen moralphilosophischen Diskurs einen höheren Verbindlichkeitsanspruch zu begründen und ihnen so einen 553 Diese grundsätzliche Unterscheidung zwischen einem normativen und einem empirischen Weg, um herauszufinden, »wann etwas gerecht oder ungerecht ist«, findet sich unter anderem auch bei den empirischen Gerechtigkeitsforschern Stefan Liebig und Meike May. Während Philosophie und politische Theorie den ersten Weg einschlügen, wähle die empirische Gerechtigkeitsforschung den zweiten. Vgl. Stefan Liebig, Meike May: »Dimensionen sozialer Gerechtigkeit«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 47/2009, S. 3–8, hier S. 3. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 220 Vorteil in der politischen Auseinandersetzung zu verschaffen. All das ist zweifellos wichtig und von elementarer Bedeutung für einen lebendigen und (zumindest auch) vernunftgeleiteten demokratischen Diskurs. Doch so erhellend und bereichernd die Explikationen der politischen Philosophie auch immer sein mögen – solange Platons Philosophenherrschaft noch nicht errichtet ist, ist die entscheidende Instanz im Rahmen demokratischer Prozesse eben nicht der Philosoph, sondern der Wähler, den es mehrheitlich zu überzeugen und für die Realisierung politischer Ideen zu gewinnen gilt. Für den hier interessierenden Kontext bedeutet das, dass die philosophische Bewertung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die gerechtigkeitsethischen Argumente, die womöglich für die Umwälzung derselben sprechen, in sich noch so konsistent und stichhaltig sein können – solange sie nicht an den in der Bevölkerung faktisch etablierten pluralistischen Gerechtigkeitsvorstellungen anknüpfen und eine breite gesellschaftliche Überzeugungskraft entfalten, so lange bleiben sie in der politischen Praxis weitgehend wirkungslos. Schon unter pragmatischen Gesichtspunkten erscheint es mir deshalb vernünftiger und politisch ertragreicher, die angestrebte gerechtigkeitsethische Analyse der geschilderten Mechanismen sozialer In- und Exklusion, statt auf Basis rein theoretischer Modelle, anhand der in der Gesellschaft empirisch geltenden Gerechtigkeitsstandards durchzuführen.554 Der zweite Grund, der für diese Vorgehensweise spricht, ist hingegen theoretischer Natur und erfordert etwas mehr Raum zu seiner Erklärung. Er basiert auf dem grundsätzlichen Zweifel daran, dass es überhaupt möglich ist, eine konsensfähige, einheitliche und hinreichend präzise Formel der Gerechtigkeit, die als universell gültiger Maßstab für die Bewertung der gesellschaftlichen Verhältnisse dienen könnte, mit den Mitteln undogmatischer, das heißt nicht auf bloße Glaubenssätze rekurrierender vernünftiger Argumentation letztgültig zu begründen. Und tatsächlich kursiert ja nicht nur unter den »Laien« in Politik und Öffentlichkeit, sondern auch und gerade unter den moraltheoretischen Virtuosen der politischen Philosophie eine Vielzahl unterschiedlicher, teils hochgradig widersprüchlicher Gerechtigkeitsvorstellungen, wobei eine diskursive Konsensfindung faktisch nicht in Aussicht steht und auch sonst in keiner Weise ersichtlich ist, wie über die definitive Vorzugswürdigkeit eines oder mehrerer der konkurrierenden Prinzipien vernünftig zu entscheiden wäre. Der Kern des Problems scheint mir dabei darin zu bestehen, dass bei der philosophischen Begründung der verschiedenen 554 Zu diesem pragmatischen Argument angeregt wurde ich unter anderem durch die entsprechenden Ausführungen Georg Vobrubas in dessen Aufsatz: »Gute Gründe reichen nicht. Zur neuen Diskussion eines garantierten Grundeinkommens«, in: ders.: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2007e, S. 177–189, hier S. 181f. IST DAS FAIR? 221 Gerechtigkeitsmodelle meist von unterschiedlichen Grundwerten (Freiheit, Gleichheit, Würde, Solidarität usw.) ausgegangen wird, die als normative Prämisse in die Begründung einfließen und sie von Anfang an in eine bestimmte Richtung lenken, selbst aber nicht argumentativ begründet, sondern schlechterdings gesetzt beziehungsweise als gerechtigkeitsethische Intuition aus dem Common Sense übernommen werden. Die Folge ist, dass man je nachdem, welchen dieser Werte man subjektiv präferiert und zum normativen Ausgangs- beziehungsweise Richtpunkt seiner Argumentation erhebt, zu völlig unterschiedlichen Vorstellungen darüber gelangen kann, wie eine gerechte Grundordnung der Gesellschaft dem Prinzip nach auszusehen hat. Wer zum Beispiel in der moralischen Gleichheit der Menschen den höchsten Wert und damit die Maxime der Gerechtigkeit erkennt, der wird sozialer Ungleichheit grundsätzlich kritisch gegenüberstehen und sie zumindest mit einer besonderen Rechtfertigungspflicht belegen. Er könnte demzufolge etwa fordern, dass Ungleichheiten nur dann als legitim betrachtet und hingenommen werden, wenn sie auf von den Individuen selbst verursachten, das heißt individuell zurechenbaren unterschiedlichen Leistungen und Verdiensten beruhen. Diese Kombination aus egalitären und verdienstethischen Gesichtspunkten ist in westlichdemokratischen Gesellschaften bekanntlich weitverbreitet. Man könnte jedoch auch, noch immer vom Prinzip der Gleichheit ausgehend, den aus dieser Warte ebenfalls plausiblen Grundsatz formulieren, dass soziale Ungleichheit überhaupt nur dann zu rechtfertigen ist, wenn sie auch und vor allem den am schlechtesten gestellten Mitgliedern einer Gesellschaft zum größtmöglichen Vorteil gereicht, sodass also die Verletzung des Prinzips der Gleichheit und die relative Schlechterstellung der einen infolge der Privilegierung der anderen immerhin durch die absolute Verbesserung der Lebenslage auch der am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder aufgewogen würde. Und in der Tat lautet so auch der als »Differenzprinzip« bezeichnete und inzwischen berühmt gewordene erste Teil des zweiten Gerechtigkeitsgrundsatzes von John Rawls, den dieser in seinem Opus Magnum: Eine Theorie der Gerechtigkeit, aufstellt.555 Da ebendiese Theorie der Gerechtigkeit von Rawls einerseits die vermutlich wichtigste Gerechtigkeitstheorie des 20. Jahrhunderts darstellt, die nicht nur zur Wiederbelebung der politischen Philosophie geführt hat,556 sondern diese bis heute maßgeblich prägt (gerade auch jene An- 555 Siehe zum Differenz- beziehungsweise Unterschiedsprinzip Rawls 1975, S. 95f., und zu den beiden Gerechtigkeitsgrundsätzen ebd., S. 81ff. 556 Die Wiederbelebung war notwendig geworden, nachdem Peter Laslett die politische Philosophie in seiner Einleitung zum ersten Band der Reihe Philosophy, Politics and Society, Oxford 1956, für tot erklärt hatte. Vgl. ebd., S. VII. Erledigt TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 222 sätze, die dem Rawlsschen Egalitarismus kritisch gegenüberstehen); da sich jedoch andererseits an ihr zugleich auch der präformierende, die ganze Konzeption von vornherein in eine bestimmte Richtung kippende Einfluss der normativen Prämissen exemplarisch herausarbeiten lässt, die gerechtigkeitsethischen Theorien als wissenschaftlich nicht einzuholende Setzung häufig zugrunde liegen, möchte ich an dieser Stelle etwas genauer auf sie eingehen. Dabei geht es mir nicht um eine umfassende Darstellung und Kritik der Rawlsschen Theorie, sondern lediglich um die Verdeutlichung ihrer letztgültig nicht zu begründenden – allenfalls mehr oder weniger überzeugend zu plausibilisierenden – moralphilosophischen Voraussetzungen, die dem spezifisch westlichen, individualistisch-liberalen Überzeugungsschatz der politischen Moderne entstammen.557 — Exkurs — zur Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls Rawls steht mit seiner Gerechtigkeitstheorie in der neuzeitlichen Tradition der Theorie des Gesellschaftsvertrages, wie sie etwa von John Locke, Jean-Jacques Rousseau oder Immanuel Kant vorgelegt wurde.558 Solche Vertragstheorien sind im Grunde Gedankenexperimente, mittels derer das Gerechte im Rahmen einer hypothetischen Verfassungswahl diskursiv ermittelt und legitimiert werden soll. Die rechtfertigungstheoretische Grundidee ist dabei immer dieselbe, wie Wolfgang Kersting ausführt: Es könne nur dann gerecht und legitim sein, von den Menschen zu verlangen, dass sie sich bestimmten Verfassungsgrundsätzen unterwerfen und den sozialen und politischen Institutionen fügen, »wenn diese Menschen sich […] in einer ursprünglichen Situation der Gesellschaftsgründung auch selbst auf diese Grundsätze und Institutionen hätten einigen habe sie der logische Positivismus, demzufolge ethisch-moralische Aussagen letztlich unbegründbar und demnach nicht wahrheitsfähig seien. Dieser, am rigiden Kriterium der empirischen Überprüfbarkeit ausgerichteten Wissenschaftstheorie folgend, drohten die traditionellen ethischen Denksysteme, so Laslett, auf subjektive Stimmungsbekundungen und Geschmacksäußerungen, wenn nicht sogar auf bloße »assemblages of nonsense« reduziert zu werden. Ebd., S. Ix. Da die politische Philosophie aber einen Teilbereich der Ethik repräsentiere, stelle der logische Positivismus folglich auch deren Sinnhaftigkeit grundsätzlich in Frage. Das Zutrauen in die »normative Leistungsfähigkeit« der politischen Philosophie kehrte erst mit der Veröffentlichung der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit im Jahre 1971 wieder zurück. Vgl. Wolfgang Kersting: John Rawls zur Einführung, Neufassung, Hamburg 2001, S. 19. 557 Vgl. ders.: Theorien der sozialen Gerechtigkeit, Stuttgart / Weimar 2000a, S. 80. 558 Vgl. Rawls 1975, S. 27. IST DAS FAIR? 223 können.«559 Der Gesellschaftsvertrag ist demzufolge eine Art gedanklicher Probierstein (Kant), mit dem allgemeinverbindliche Verfassungsund Gerechtigkeitsprinzipien gefunden und auf ihre universale Zustimmungsfähigkeit hin überprüft werden sollen. Grundsätze, die diesen Test nicht bestehen, bei denen man also vernünftigerweise nicht davon ausgehen kann, dass die Verfassungswähler ihnen in der ursprünglichen Situation der Gesellschaftsgründung zugestimmt hätten, sind aus vertragstheoretischer Sicht illegitim und haben keinen Anspruch auf Geltung. Dabei versteht sich von selbst, dass die rein theoretischen, lediglich in den Köpfen einzelner Philosophen geschlossenen Verträge in der gesellschaftlichen Praxis über keinerlei faktische Bindungskraft verfügen. Doch können im Idealfall immerhin die Gründe, die die Vertragstheoretiker für die hypothetische Einigung auf bestimmte Verfassungsgrundsätze vorbringen, überzeugen und damit die Behauptung stützen, dass diese Grundsätze im Vergleich zu anderen vernünftigerweise vorzuziehen sind.560 So betrachtet geht es in der Vertragstheorie also nicht in erster Linie um den Vertrag selbst, sondern vielmehr um die philosophische Plausibilisierung der guten Gründe, aufgrund derer man die in Rede stehenden Prinzipien akzeptieren sollte (oder eben nicht), wenn man sich denn in der hypothetischen Situation der ursprünglichen Verfassungswahl befände. Rawls‘ Ziel ist es nun, mit Hilfe eines solchen kontraktualistischen Gedankenexperiments die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit zu ermitteln. Es geht ihm also nicht etwa darum, gültige Kriterien für die Bewertung der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit individueller Handlungen, Einstellungen, Entscheidungen oder Urteile aufzustellen. Sondern für ihn »ist der erste Gegenstand der Gerechtigkeit die Grundstruktur der Gesellschaft, oder genauer: die Art, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte und -pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen.«561 Den gedanklichen Hintergrund bildet dabei die sozialtheoretisch einleuchtende Annahme, dass »die Gesellschaft als ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil« betrachtet werden kann.562 Da kein Individuum auf sich allein gestellt zu existieren in der Lage ist, war und ist jeder Mensch vom Augenblick seiner Geburt an in ein historisch und kulturell zwar erstaunlich flexibles – zum Beispiel mehr oder weniger dichtes oder differenziertes –, grundsätzlich aber unentrinnbares Netz aus sozialen Beziehungen und Abhängigkeiten eingesponnen, wobei die Struktur und Beschaffenheit dieses Interdependenzgeflechts maßgeblich über die Bereitstellung und Verteilung der für das Gelingen der individuellen Lebenswege er- 559 Kersting 2000a, S. 68f. 560 Vgl. ebd., S. 69. 561 Rawls 1975, S. 23. 562 Ebd., S. 105. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 224 forderlichen Grundgüter entscheidet. Zu den letzteren zählt Rawls dabei all jene materiellen wie immateriellen Dinge, die für die erfolgreiche Realisierung von Absichten und Plänen ausschlaggebend sind und von denen er deshalb annimmt, dass ein vernünftiger Mensch davon »lieber mehr als weniger haben möchte.«563 Die wichtigsten Grundgüter sind neben Rechten, Freiheiten und Chancen insbesondere das Einkommen und Vermögen, wobei Rawls zudem auch (ähnlich wie Adam Smith und Amartya Sen) dem Selbstwertgefühl und dessen sozialen Bedingungen einen zentralen Stellenwert einräumt.564 Der springend Punkt ist nun, dass diese zumindest für ein gutes Leben unverzichtbaren Grundgüter, wie Rawls mit Recht hervorhebt, gesellschaftliche Güter sind, die von niemandem alleine, sondern nur im Kollektiv bereitgestellt werden können. So hängen die effektiven Chancen, Freiheiten und Rechte, die ein Mensch genießt, nicht von diesem selbst, sondern in erster Linie von der institutionellen Grundordnung der Gesellschaft ab, in der er lebt.565 Ebenso ist der Reichtum einer Gesellschaft, gleichwohl er sich meist in den Händen von Wenigen konzentriert, tatsächlich das gemeinschaftliche Produkt der Vielen, die ihn mit ihrer Arbeit kooperativ hergestellt haben; seine ungleiche Verteilung korreliert dabei höchstens zum Teil mit der individuell erbrachten Leistung und hängt stattdessen wiederum vorrangig von der gesellschaftlich institutionalisierten Grund- und Verteilungsordnung ab. All das läuft auf die soziologisch wie personentheoretisch einsichtige Erkenntnis hinaus, dass sich niemand selbst verursacht, dass also niemand das, was er ist oder hat, die soziale Position, die er oder sie in der Gesellschaft einnimmt und die Privilegien oder Lasten, die damit verbunden sind, (allein) sich selbst verdankt, sondern dass die individuellen Lebenschancen und -verläufe zunächst einmal von der Gesellschaftsstruktur und dem sozialen Ort, an dem man seinen Lebensweg beginnt, bestimmt werden. Das heißt zwar nicht, dass die (mehr oder weniger) autonomen Entscheidungen und persönliche Anstrengungen der Individuen überhaupt keine Rolle spielten, doch handelt und entscheidet der Einzelne eben immer innerhalb eines sozial bereits vorstrukturierten Rahmens, der, wie gesagt, die Bedingungen für den Erfolg der individuellen Pläne und Absichten definiert. Vor diesem Hintergrund der kaum zu überschätzenden Bedeutung der gesellschaftlichen Grund- und Verteilungsordnung für das persönliche Lebensglück wird unmittelbar verständlich, weshalb Rawls in der Gerechtigkeit, genauso wie in der Wahrheit im Falle von Gedankensystemen, nicht weniger als »die erste Tugend sozialer Institutionen« erkennt und dementsprechend fordert, dass genauso, wie »eine noch so elegante 563 Ebd., S. 112. 564 Vgl. ebd. Zum Selbstwertgefühl siehe zudem ebd., S. 479ff. 565 Vgl. ebd., S. 113. IST DAS FAIR? 225 und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie« fallengelassen werden müsse, wenn sich herausstellte, dass sie unwahr ist, auch »noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abge- ändert oder abgeschafft werden [müssen], wenn sie ungerecht sind.«566 Die entscheidende Frage bleibt allerdings, auf welche konkreten Gerechtigkeitsgrundsätze sich die Verfassungswähler in der ursprünglichen Situation der Gesellschaftsgründung als Maßstab für die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Institutionen und Verteilungsstrukturen wohl einigen würden. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass das Ergebnis der hypothetischen Verfassungswahl entscheidend davon abhängt, wie der Urzustand, in dem diese Wahl getroffen wird, theoretisch modelliert wurde. Thomas Hobbes zum Beispiel stellte ihn sich in seiner Schrift über den Leviathan von 1651 bekanntlich als a-sozialen beziehungsweise vorsozialen Zustand vor, in dem neben natürlicher Ressourcenknappheit vor allem Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen und das natürliche Selbsterhaltungsstreben die egozentrisch-aggressiv agierenden Individuen in einen erbarmungslosen »Krieg eines jeden gegen jeden« hineintreibt.567 In dieser einigermaßen unerquicklichen Situation wird also die Selbsterhaltung des einen permanent durch das gleichgerichtete Selbsterhaltungsstreben aller anderen existentiell gefährdet. Vor dem Hintergrund eines solchermaßen in ein geradezu apokalyptisches Licht getauchten (freilich wenig realistischen) »Naturzustandes« erscheint es in der Tat plausibel, dass das vordringliche Anliegen jedenfalls der Hobbesschen Verfassungswähler in der Bestimmung einer sozialen Grundordnung besteht, in der Gewaltfreiheit und körperliche Unversehrtheit von einer eigens zu schaffenden, mit Zwangsmitteln bewehrten staatlichen Zentralgewalt gewährleistet werden. Hobbes zufolge einigen sich die Bürger des Naturzustandes deshalb auf eine im Gesellschaftsvertrag fixierte, freiwillig herbeigeführte Selbstentmachtung zugunsten eines unumschränkten, dafür jedoch Frieden, Recht und Ordnung garantierenden Souveräns, weil ihnen dies angesichts der ansonsten fortbestehenden ständigen Bedrohung von Leib und Leben auf lange Sicht als einzige erfolgversprechende Überlebensstrategie erscheint.568 Doch von diesem ganz basalen Grundanliegen der individuellen Selbsterhaltung einmal abgesehen, sind die Hobbesschen Verfassungswähler vergleichsweise anspruchslos. An darüber hinausreichenden gesellschaftspolitischen Zielen, die im Rahmen der Vertragsschließung festgeschrieben werden müssten, 566 Ebd., S. 19. 567 Thomas Hobbes: Leviathan, mit einer Einf. und hg. von Hermann Klenner, Darmstadt 1996, S. 104. 568 Vgl. Wolfgang Röd: »Thomas Hobbes«, in: Otfried Höffe (Hg.): Klassiker der Philosophie, Bd. 1, S. 280–300, hier S. 292ff.; ferner Kersting 2000a, S. 70. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 226 sind sie offenbar noch nicht interessiert und insbesondere Fragen der Verteilungsgerechtigkeit stehen überhaupt nicht zur Debatte.569 Ganz anders verhält es sich dagegen in der Rawlsschen Theorie. Während Hobbes den Leviathan unter dem bedrückenden Eindruck des jahrelangen und verlustreichen Englischen Bürgerkrieges von 1642-49 schrieb, dessen chaotische Verhältnisse seine Vorstellung vom »Naturzustand« sehr wahrscheinlich maßgeblich geprägt haben, entwickelte Rawls seine Theorie der Gerechtigkeit hauptsächlich in den 1960er Jahren, das heißt genau inmitten jenes gesellschaftlich stabilen und ökonomisch blühenden »goldenen Zeitalters« des Westens, von dem eingangs die Rede war. Die Probleme, die sich dem gerechtigkeitstheoretischen Denken stellten, waren dementsprechend völlig andere und insbesondere durch ein wesentlich höheres Anspruchsniveau gekennzeichnet. Rawls ging es nicht mehr nur um die Frage nach der Legitimität einer staatlichen Zentralgewalt, die gerade einmal Leib und Leben garantierte, sondern um das bereits skizzierte, ungleich schwerer aufzulösende Problem, wie denn über diese Minimalanforderung hinaus die sozial gerechte Verteilung sowohl der Chancen, Rechte und Pflichten als auch und gerade des gesellschaftlichen Reichtums auszusehen hat. An diese weitergehende Fragestellung angepasst konzipierte er das Konfliktszenario des Urzustandes, das »seine« Verfassungswähler mit Hilfe des Gesellschaftsvertrages zu überwinden beabsichtigen, theoretisch wesentlich voraussetzungsvoller als Distributionskonflikt einer zwar noch ungeordneten, aber immerhin schon kooperierenden und insofern bereits sozial gerahmten Produktionsgemeinschaft, die sich zusammenfindet, um den moralisch inakzeptablen Wildwuchs der materiellen wie immateriellen Güterverteilung zu beenden und die Grundsätze einer wohlgeordneten Gesellschaft, in der die Kooperationsgewinne und -lasten gerecht verteilt sind, zu bestimmen.570 Allerdings ist gerade die allgemeine Vorzugswürdigkeit bestimmter Verfassungsgrundsätze, von denen man also annehmen darf, dass ihnen jeder vernunftbegabte Mensch nach reiflicher Überlegung zustimmen würde, vor dem Hintergrund des Rawlsschen, auf distributive Gerechtigkeit zielenden Ursprungsszenarios deutlich komplizierter zu begründen, als noch auf Basis des Hobbesschen Krieges aller gegen alle. Denn während es relativ leicht einzusehen ist, dass ein gewisses Mindestmaß an Ordnung, Rechts- und Lebenssicherheit letztlich im wohlverstandenen Interesse eines jeden liegt, da ansonsten auch der Stärkste noch die Realisierung seiner Lebenspläne durch anarchische Einbrüche von Gewalt gefährdet sehen muss, sind die Grundsätze einer allgemein als ausgewogenen und gerecht empfundenen Verteilung von Reichtum, Macht 569 Vgl. ebd., S. 77. 570 Vgl. Kersting 2000a, S. 71. IST DAS FAIR? 227 und anderer Privilegien weitaus weniger evident. Tatsächlich lässt sich an der politischen und philosophischen Debatte heutiger wie vergangener Tage sogar ablesen, dass kaum etwas so umstritten und von partikularen Interessen durchwirkt zu sein scheint, wie die Antwort auf die Frage danach, was und wieviel einem Menschen gerechterweise zusteht und was nicht. Wie also sollte man begründet entscheiden können, welche universalen Verteilungsgrundsätze die Verfassungswähler wohl präferieren würden? Um dieses Problem theoretisch in den Griff zu bekommen und zu allgemeingültigen, das heißt von jedermann vernünftigerweise als vorzugswürdig betrachteten Gerechtigkeitsgrundsätzen zu gelangen, führt Rawls ein spezielles Element in seine Theorie ein, und zwar den sogenannten »Schleier des Nichtwissens«.571 Dieser Schleier sorgt dafür, dass die Verfassungswähler nichts wissen, was die Unparteilichkeit und Fairness ihrer Entscheidung beeinträchtigen könnte. Vor allem wissen sie nichts über ihre spätere Position in der Gesellschaft, über ihre Klassenzugehörigkeit oder ihr Einkommen und Vermögen sowie über ihren sozialen Status oder ihre natürlichen Eigenschaften wie Intelligenz, Körperkraft und ähnliches. Die verschleierten Verfassungswähler wissen also nichts, was sie dazu verführen könnte, von der neutralen Orientierung an der allgemeinen, für jeden geltenden Vorzugswürdigkeit der fraglichen Grundsätze zu ihren eigenen Gunsten abzuweichen und lediglich im Sinne ihrer individuellen Partikularinteressen zu entscheiden.572 Wenn jemand zum Beispiel wüsste, dass er reich ist, dann fände er es womöglich ganz vernünftig, für Grundsätze einzutreten, denen zufolge steuerliche Umverteilungsmaßnahmen als ungerecht zu bewerten sind, während er, wenn er arm wäre, höchstwahrscheinlich für das genaue Gegenteil einträte.573 Ohne den Schleier des Nichtwissens wäre also zu erwarten, dass die vielfältigen gesellschaftlichen oder natürlichen Zufälligkeiten, infolge derer sich die Menschen in ungleichen Situationen mit unterschiedlichen Interessen wiederfinden, auf ihre Entscheidung über die Grundsätze der Gerechtigkeit durchschlagen und das Ergebnis der Verfassungswahl klientelpolitisch verfälschen würden. Da jedoch die Devise: »Jedem nach seiner Machtstellung« Rawls zufolge zumindest keine legitime Gerechtigkeitsmaxime darstellt,574 sondern Gerechtigkeit vielmehr erfordere, dass niemand aufgrund gesellschaftlicher oder natürlicher Umstände und Zufälle bevorzugt oder benachteiligt wird, dass also die moralische Gleichheit aller Menschen respektiert wird und demgemäß auch niemand die Verteilungsgrundsätze allein auf seine eigenen Verhältnis- 571 Rawls 1975, S. 159ff. 572 Vgl. ebd. 573 Vgl. ebd., S. 36. 574 Vgl. ebd., S. 165. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 228 se zuschneiden kann, ist die Beschränkung der Kenntnisse, über die die Menschen im Urzustand verfügen, für Rawls eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass die Verfassungswahl zu einem für alle gleicherma- ßen befriedigenden und fairen Resultat führen kann.575 Der Schleier des Nichtwissens sorgt gewissermaßen virtuell dafür, dass sich alle Beteiligten in derselben, austauschbaren Lage befinden und infolgedessen gar nicht anders können, als sich bei ihrer Entscheidung allein von solchen allgemeinen Gesichtspunkten leiten zu lassen, die den Interessen eines jeden zufällig ausgewählten Bürgers in gleicher Weise Rechnung tragen. Das bedeutet, dass die Verschleierung der Menschen im Urzustand nicht nur die Unparteilichkeit und Fairness, sondern auch die Einvernehmlichkeit der Entscheidung über die Grundsätze der Gerechtigkeit (und damit deren Allgemeingültigkeit) sicherstellt. Denn wenn unter den beschriebenen Bedingungen, die eine Art archimedischen Punkt gerechtigkeitstheoretischer Reflexion definieren, irgendjemand nach reiflicher Überlegung einer bestimmte Gerechtigkeitsvorstellung den Vorzug gibt, dann tun es Rawls zufolge alle, und es kommt automatisch jene Einstimmigkeit zustande, welche die reale Gerechtigkeitsdebatte in aller Regel erkennbar vermissen lässt. Einwenden ließe sich, dass es sich bei dieser Vorstellung vom Schleier des Nichtwissens lediglich um eine weitere rein theoretische Ziselierung handelt, welche die Bedingungen des kontraktualistischen Gedankenexperiments etwas genauer spezifiziert. Doch Rawls betont, dass sich der solchermaßen definierte Urzustand bei genauerem Hinsehen tatsächlich als ein Zustand erweist, in den ein oder mehrere Menschen jederzeit eintreten könnten, indem sie nämlich dessen Beschränkungen schlicht zur Grundlage ihrer gerechtigkeitsethischen Überlegungen machten, indem sie also einfach gemäß den entsprechenden Restriktionen dächten. So, wie die Vertragstheorie generell nicht mehr und nicht weniger als ein rein gedanklicher Probierstein für die legitimationstheoretische Überprüfung und Kritik konkurrierender Gerechtigkeitsauffassungen darstellt, ist demnach auch der Urzustand für Rawls nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als eine virtuelle Situation, auf die man sich gedanklich einlassen und deren besonderen Blickwinkel man sich zu eigen machen kann, um die Frage der sozialen Gerechtigkeit aus einer möglichst vernünftigen, fairen und unparteilichen, das heißt die moralische Gleichheit der Menschen in Rechnung stellenden Perspektive zu beleuchten.576 Doch welches sind denn nun die Grundsätze der gerechten Gesellschafts- und Verteilungsordnung, die sich auf diesem gedankenexperimentellen Wege ermitteln lassen? Rawls zufolge sind es die folgenden beiden: Erstens solle »jedermann […] gleiches Recht auf das umfangreichste 575 Vgl. ebd., S. 36, 162. 576 Vgl. ebd., S. 161f. IST DAS FAIR? 229 System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.« Und zweitens seien »soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten […] so zu gestalten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.«577 Die beiden Grundsätze beziehen sich dabei auf jeweils eine von zwei unterschiedliche Seiten oder Dimensionen der Sozialstruktur, die sich dem Rawlsschen Verständnis zufolge analytisch trennen lassen und von denen die erste für die institutionelle, politisch-rechtliche Verankerung der gleichen Grundfreiheiten, die zweite hingegen für die Herstellung sozialer und insbesondere wirtschaftlicher Ungleichheit verantwortlich sind. Zu den wichtigsten Grundfreiheiten rechnet Rawls neben der politischen Freiheit (das heißt dem aktiven und passiven Wahlrecht) sowie der Rede-, Versammlungs-, Gewissens- und Gedankenfreiheit vor allem die persönliche Freiheit, zu der der Schutz vor psychologischer Unterdrückung, körperlicher Misshandlung und Verstümmelung gehört (Unverletzlichkeit der Person). Und auch das Recht auf persönliches Eigentum sowie den Schutz vor willkürlicher Festnahme und Haft (Gesetzesherrschaft) zählen für Rawls zu jenen fundamentalen Freiheiten, auf deren Gleichverteilung sich die Verfassungswähler im ersten Grundsatz der Gerechtigkeit einigen würden. Aus dem zweiten Grundsatz geht wiederum hervor, dass die gesellschaftliche Verteilung von Einkommen, Vermögen, Macht, Ansehen und anderen Privilegien keineswegs notwendigerweise gleich sein muss, sofern nur alle Gesellschaftsmitglieder von einer entsprechenden Ungleichverteilung profitieren und die gesellschaftlichen Ämter und Positionen, mit denen die in Rede stehenden Privilegien zusammenhängen, für alle zugänglich sind.578 Diese Grundsätze sollen in »lexikalischer Ordnung« stehen und zwar derart, dass der erste Grundsatz dem zweiten vorausgeht. Das bedeutet, dass Beschneidungen der im ersten Grundsatz verbürgten gleichen Grundfreiheiten selbst durch noch so große gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vorteile nicht gerechtfertigt oder ausgeglichen werden können. Es gibt demnach einen absoluten Vorrang der Freiheit gegenüber der Maxime ökonomischer Leistungsfähigkeit und allen Kalkulationen, die auf die Maximierung des Nutzens und die Steigerung des gesellschaftlichen Lebensstandards zielen. Und auch im zweiten Grundsatz ist eine ganz ähnliche Vorrangregel enthalten. Denn auch hier existiert 577 Ebd., S. 81. Es handelt sich bei diesem Zitat um eine erste, noch vorläufige Formulierung der beiden Gerechtigkeitsgrundsätze, die Rawls im weiteren Verlauf seiner Argumentation schrittweise präzisiert. Da jedoch bereits in dieser ersten, noch relativ übersichtlichen Formulierung die hier interessierenden Aspekte schon enthalten sind, beziehe ich mich der Einfachheit halber auf sie. 578 Vgl. ebd., S. 81f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 230 ein Primat der im zweiten Teil fixierten fairen Chancengleichheit gegen- über dem Differenzprinzip des ersten Teils. Das heißt, dass gesellschaftliche und wirtschaftlichen Ungleichheiten prinzipiell im Einklang mit dem Grundsatz der Chancengleichheit stehen müssen, und Chancenungleichheiten zwischen den Menschen demzufolge selbst dann als illegitim zu betrachten sind, wenn sie womöglich zur sozioökonomischen Verbesserung der Lebenslage benachteiligter Gesellschaftsmitglieder beitragen könnten.579 Was bleibt, ist, noch die Frage zu beantworten, wie Rawls die Behauptung, dass sich die Verfassungswähler im Urzustand tatsächlich für die solchermaßen skizzierten, lexikalisch geordneten Gerechtigkeitsgrundsätze entscheiden würden, genau begründet. Die Hauptlinien seiner Argumentation verlaufen dabei wie folgt: Weil die Menschen im Urzustand aufgrund ihrer Verschleierung nichts über die gesellschaftliche Position wissen, die sie später einmal einnehmen werden, haben sie, wie gesehen, keine Möglichkeit, sich für Grundsätze einzusetzen, die ihnen im Vergleich zu anderen Personen besondere Vorteile verschaffen würden. Aber natürlich haben sie umgekehrt auch nicht den geringsten Anlass, sich mit weniger als einem gleichen Anteil an den gesellschaftlichen Grundgütern zufriedenzugeben. Vor dem Hintergrund der Rawlsschen Ursprungskonzeption und der Auffassung, dass die Gesellschaft eben nicht als Ansammlung unabhängiger Akteure, sondern als Kooperationsgemeinschaft zu betrachten ist, die das zu Verteilende gemeinschaftlich erzeugt, erscheint es daher durchaus einleuchtend und vernünftig, dass sich die Menschen in einem ersten Schritt auf einen Gerechtigkeitsgrundsatz einigen würden, der eine Gleichverteilung insbesondere der Freiheiten und Chancen sowie des Einkommens und Vermögens fordert.580 Allerdings spricht dieser Umstand Rawls zufolge keineswegs dagegen, dass sich die Verfassungswähler, ausgehend von ihrer ersten Einigung auf das Grundprinzip einer ursprünglichen Gleichverteilung, im weiteren Verlauf auf gewisse Ausnahmeregeln verständigen, die zumindest solche Ungleichheiten, die allen zugutekommen, zulassen. Zwar nimmt er an, dass am unkonditionalen Vorrang der gleichen Grundfreiheiten sowie der fairen Chancengleichheit prinzipiell festgehalten würde, da man nur so der Gefahr einer andernfalls möglichen Instrumentalisierung von Einzelnen oder Gruppen zugunsten wirtschaftlicher Vorteile wirksam begegnen könne. Nur unter der unbedingten Garantie der gleichen Grundfreiheiten und Chancen könnten sich die Menschen wirklich sicher sein, dass ihr ureigenes Interesse daran, niemals als bloßes Mittel missbraucht, sondern immer (auch) »als Zweck an sich« behandelt zu 579 Vgl. ebd., S. 82f. 580 Vgl. ebd., S. 174f. IST DAS FAIR? 231 werden, tatsächlich respektiert wird.581 Doch ganz anders verhält es sich dagegen mit jenen Ungleichheiten, die lediglich das Einkommen und Vermögen oder den gesellschaftlichen Einfluss betreffen. Denn wenn es in diesen Bereichen, so Rawls, Ungleichheiten gäbe, die – beispielsweise als Bedingung ökonomischer, technischer oder organisatorischer Effizienz – dazu führten, dass es jedem besser ginge als in der Ausgangssituation der Gleichheit, warum sollte man sie dann nicht zulassen?582 Schließlich geht es den Rawlsschen Verfassungswählern ja gerade darum, Regeln zu bestimmen, die die Grundstruktur der Gesellschaft auf eine Art und Weise ordnen, die den Ansprüchen und Interessen der Menschen am meisten dient. Es wäre demnach auch und gerade aus Sicht der am schlechtesten gestellten Gesellschaftsmitglieder schlichtweg irrational, sozioökonomische Ungleichheiten per se und damit selbst dann auszuschließen, wenn sie selber davon profitieren würden. Genau diese Überlegung ist es, die die allgemeine Zustimmung zum Differenzprinzip so plausibel macht: Es trägt einerseits dem Umstand Rechnung, dass man sich im Urzustand, wie Rawls ihn modelliert, zunächst wohl tatsächlich auf eine Gleichverteilung einigte, und umreißt andererseits die vernünftigen Ausnahmen, in denen eine Abweichung von der ursprünglichen Gleichheit im wohlverstandenen Interesse aller liegt und insofern als gerechtfertigt betrachtet werden kann. So gesehen repräsentiert das – theorieimmanent durchaus schlüssige – Differenzprinzip im Grunde genommen nichts anderes, als eine im Kern egalitaristische Legitimationsbedingung gerechter Ungleichheit.583 Abschließend ist festzuhalten, dass Rawls die beiden Grundsätze als sogenannte »Maximin-Lösung des Problems der sozialen Gerechtigkeit« 581 Vgl. ebd., S. 205f. 582 Vgl. ebd., S. 175. 583 Ähnlich wie das Differenzprinzip kann auch das Leistungsprinzip als eine Legitimationsformel sozialer Ungleichheit betrachtet werden, die einen egalitaristischen Kern hat. Auch hier wird von einer ursprünglichen moralischen Gleichheit der Menschen ausgegangen, die ungleiche Lebensbedingungen und Verwirklichungschancen nur dann zulässt, wenn diese auf individuell zu verantwortenden Leistungsunterschieden beruhen. Allerdings verwirft Rawls dieses Legitimationsprinzip sozialer Ungleichheit, und zwar aus folgendem Grund: Wie von der empirischen Sozialforschung bestätigt wird, hängen die ungleichen Lebenserfolge und -misserfolge der Menschen signifikant von den teils erheblich differierenden natürlichen und gesellschaftlichen Startvoraussetzungen ab, unter denen sie ihr Leben beginnen. Da sich aber niemals präzise herausrechnen lässt, wie groß der Anteil dieser zufälligen und damit unverdienten Startvoraussetzungen im Vergleich zu den persönlich zurechenbaren Anstrengungen an den jeweiligen Erfolgen und Misserfolgen ist, ist die moralische Verdienstkategorie Rawls zufolge als Ganze analytisch unbrauchbar, um die bestehenden sozialen Ungleichheiten erklären und legitimieren zu können. Hinzu kommt noch, dass die verteilungsrelevanten Güter in der Regel ohnehin gesellschaftliche Güter und insofern das TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 232 versteht.584 Die Verfassungswähler legen sich darauf fest, weil sie eben sicher sein wollen, dass die durch sie fixierte institutionelle Grundstruktur der Gesellschaft eine Verteilung garantiert, in der auch und gerade die am schlechtesten gestellten Personen noch mit einem akzeptablen Mindestmaß an Grundgütern versorgt sind. Genauer gesagt wählen sie unter den verschiedenen denkbaren Grundsätzen also jene, bei denen das garantierte Minimum an Grundgütern größer ist als bei allen anderen (und insofern maximiert ist) und gänzlich unannehmbare Verteilungen ausgeschlossen sind. Durch den Schleier des Nichtwissens dazu gezwungen, müssen sich die Verfassungswähler präventiv in die Lage der am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder versetzen und damit deren Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schon aus reiner Vorsicht zum ausschlaggebenden Maßstab der sozialen Gerechtigkeit an sich erheben. Sie, die am wenigsten Begünstigten, sind es also, vor denen sich jene, die aus der gesellschaftlichen Kooperationsgemeinschaft die grö- ßeren Vorteile für sich herauszuziehen imstande sind, für ihre Privilegien zu rechtfertigen haben. — Exkursende — Es sei an dieser Stelle noch einmal betont, dass es mir mit dieser zweifellos fragmentarischen Skizze der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit natürlich nicht um eine umfassende Darstellung zu tun ist.585 Es geht mir lediglich darum, an einer der prominentesten und nach wie vor einflussreichsten Gerechtigkeitstheorien der Moderne jene Elemente in Erinnerung zu rufen, an denen sich der präformierende Einfluss der normativen Prämissen, die der ganzen Argumentation richtungsweisend zugrunde liegen, ihrerseits aber schlicht auf Setzung beruhen und insofern keinerlei Anspruch auf absolute Geltung oder allgemeine Konsensfähigkeit besitzen, exemplarisch herausarbeiten lässt. Zu diesem begrenzten Zweck sollte das Vorangegangene allerdings genügen. Der erste Aspekt, auf den ich in diesem Zusammenhang eingehen möchte, ist der Umstand, dass bereits die vertragstheoretische Grundidee, Produkt gemeinschaftlicher Leistungen sind. Und auch hier wäre es offenkundig ein aussichtsloses Unterfangen, die jeweiligen Anteile der ineinandergreifenden Anstrengungen und Verdienste als Berechnungs- und Rechtfertigungsgrundlage sozialer Ungleichheit hinlänglich präzise bestimmen zu wollen. Doch dazu später mehr. 584 Rawls 1975, S. 177. 585 Eine fundierte Gesamtdarstellung und Kritik der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie findet sich zum Beispiel in Kersting 2000a, S. 68–171; zum Einstieg siehe zudem ders. 2001; eine ebenfalls exzellente und dabei konzise Zusammenfassung bietet Amartya Sen; vgl. Sen 2010, S. 80–102. IST DAS FAIR? 233 dass das Gerechte auf dem Wege einer ursprünglichen Verfassungswahl allererst zu bestimmen wäre, dass sich also eine verfassungsgebende Versammlung erst diskursiv darauf zu verständigen hätte, was denn eigentlich als gerecht und ungerecht betrachtet werden soll, keineswegs selbstevident ist, sondern den ganz spezifischen Erkenntnisvorgaben der westlichen Moderne entspringt. In ihr spiegelt sich einerseits die – zwar schon in der Antike aufscheinende, sich aber erst in der Neuzeit auf breiterer Linie durchsetzende – Überzeugung wider, dass die soziokulturellen Formen, in denen Menschen ihr gemeinschaftliches Leben führen, keinen unabänderlichen Regeln folgen, sondern von den Menschen selbst geschaffene Konstruktionen sind, die als solche bewusst gestaltet werden können. Erst aus dieser Perspektive können dann auch die moralischen Grundsätze des Guten und Gerechten nachvollziehbar als etwas beschrieben werden, das nicht etwa durch die universalen, »ewigen« Gesetze Gottes oder der Natur vorgegeben wären, sondern als normative Ordnungsstrukturen der Gesellschaft einer positiven Setzung bedürfen. Und andererseits impliziert der liberale Gedanke, dass nur jene Verfassungsgrundsätze allgemeine Geltung beanspruchen können, denen die ihnen Unterworfenen aus freien Stücken einvernehmlich zugestimmt haben, das mit traditionalen Vorstellungen radikal brechende normative Ideal eines zunächst einmal souveränen, selbstmächtigen Individuums, das von allen religiösen und sozialen Fesseln befreit völlig autonom über seine Verbindlichkeiten und mögliche Freiheitsbeschränkungen entscheidet.586 Es ist aber – historisch und global betrachtet ohnehin – einigermaßen offensichtlich, dass über beide Vorannahmen, das heißt über die sozialkonstruktivistische Negation überpositiver Normen ebenso wie über das seinerseits normative Ideal individueller Autonomie, kein übergreifender Konsens besteht. Zwar mögen beide Prämissen zumindest in der pluralistischen Welt des Westens, wo der einst hegemoniale Einfluss traditionaler, namentlich religiöser Weltanschauungen immerhin relativiert wurde, und hier speziell in wissenschaftlich-aufgeklärten Kreisen durchaus über einigen Rückhalt verfügen. Von ungeteilter Zustimmung kann indes keine Rede sein. Dabei stehen nicht bloß religiöse Fundamentalisten (wie sie zum Beispiel durch christlich-militante Abtreibungsgegner in den USA oder die augenscheinlich auch in Europa einflussreichen Vertreter eines ultraorthodoxen Islam repräsentiert werden) der an Blasphemie grenzenden positivistischen Relativierung ihrer Glaubensinhalte ablehnend, wenn nicht sogar feindselig gegenüber. Auch aus Sicht von vielen im Grunde aufgeklärten Anhängern universaler Menschenrechte, die in diesen eben mehr als nur kulturspezifische und damit kontingente Errungenschaften erkennen wollen – nämlich angeborene und unveräußerliche 586 Vgl. Kersting 2000a, S. 68f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 234 Grundrechte, die allen staatlichen Gesetzen vorgängig und damit übergeordnet sind –, kann die positivistische Auffassung von Recht und Moral als problematisch und potentiell gefährlich bewertet werden. Was die beiden ansonsten so disparaten Gruppen miteinander verbindet, ist also, dass sie der legitimationstheoretischen Grundidee normativer Geltung durch diskursive Konsensfindung mindestens im Hinblick auf die jeweils letzten normativen Richtpunkte ihres Denkens und Handelns kritisch gegenüberstehen und deshalb nicht selten versuchen, wenigstens diese letzten Werte vor dem Säurebad ergebnisoffener Diskurse zu bewahren. Ein aufschlussreiches Beispiel für einen solchen Versuch stellt etwa die sogenannte »Ewigkeitsklausel« des deutschen Grundgesetzes dar. Diese in Artikel 79 Abs. 3 fixierte Bestimmung besagt unter anderem, dass jede Verfassungsänderung, durch welche der in Artikel 1 niedergelegte Grundsatz von der Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Unveräußerlichkeit der Menschenrechte tangiert würde, generell unzulässig ist. Die Paradoxie dieser Klausel besteht dabei darin, dass sie nicht weniger als das Kunststück vollbringen soll, mit den Mitteln des positiven Rechts wenigstens bestimmten, als besonders wichtig erachteten Normen zu einem überpositivem Status zu verhelfen, um sie so ihrer ansonsten durchaus möglichen Infragestellung im Rahmen parlamentarischer Diskurse auf ewig zu entziehen. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil selbstverständlich jede von Menschen geschaffene Verfassung von Menschen auch wieder geändert werden kann. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, gibt er ein so beredtes Zeugnis für das auch in der Moderne nicht versiegte Bedürfnis nach unverrückbaren, letzten Werten, die, ob nun von Gott offenbart oder in der menschlichen Natur angelegt, jedenfalls ein für alle Mal fixiert sein und damit grundsätzlich nicht zur Debatte stehen sollen. Wer von der Existenz solcher überpositiven Werte wahrhaft überzeugt ist – und man muss davon ausgehen, dass das global betrachtet nach wie vor die Mehrheit aller Menschen ist –, wird vermutlich wenig geneigt sein, sie der aus seiner Sicht ebenso überflüssigen wie riskanten und je nachdem auch frevelhaften Prozedur einer gedankenexperimentellen Überprüfung auszusetzen. Es ist vielmehr zu erwarten, dass er sich aus tiefer normativer Überzeugung gar nicht erst auf das von Rawls vorgeschlagene kontraktualistische Verfahren zur Ermittlung des Gerechten einlassen und stattdessen einfach auf den sakrosankten, eben nicht weiter zu hinterfragenden Status seiner letzten Werte und Normen pochen wird. Wer zum Beispiel aufrichtig an die Gerechtigkeit und universale Gültigkeit der individuellen Menschenrechte und damit an die substantielle Gleichberechtigung von Männern und Frauen glaubt, der wird sich diesbezüglich sehr wahrscheinlich genauso wenig zu einem echten im Sinne von tatsächlich ergebnisoffenen Diskurs, in dem das zu Ermittelnde nicht schon im Voraus für ihn feststünde, bereit IST DAS FAIR? 235 erklären, wie umgekehrt ein religiöser Traditionalist, der seinerseits zutiefst von der Gottgewolltheit einer hierarchischen Geschlechterordnung überzeugt ist. Doch ohne die prinzipielle Bereitschaft, die normative Gültigkeit der in Rede stehenden Grundsätze einer wirklich vorbehaltlosen diskursiven Prüfung zu unterziehen, macht das ganze kontraktualistische Gedankenexperiment keinen Sinn. Insofern zeigt sich, dass die gesamte Theorie des Gesellschaftsvertrages auf dem Vertrag selbst äußerlichen, letztlich kontingenten Grundvoraussetzungen beruht, die zwar durchaus erfüllt sein können, es aber keineswegs notwendigerweise sind. Und es versteht sich von selbst, dass überall dort, wo letzteres der Fall ist, wo also kein Konsens über die Bedingungen und die prinzipielle Legitimität des kontraktualistischen Verfahrens besteht, auch die ermittelten Gerechtigkeitsgrundsätze auf keine allgemeine Zustimmung und normative Gültigkeit hoffen können. Aber nicht nur die voluntaristische Grundidee der Vertragstheorie an sich, dass also das Gerechte überhaupt durch eine bewusste Vernunftentscheidung inhaltlich zu bestimmen und zu legitimieren wäre, ist kontingenter Ausdruck einer moralphilosophischen Strömung, die dem spezifisch westlichen, durch die Aufklärung geprägten antitraditionalistischen Denken der Moderne entspringt. Auch und vor allem der Gedanke, dass diese Entscheidung einvernehmlich getroffen werden muss, und dass sich somit jeder verhandlungsfähige Mensch unabhängig von Geschlecht, Alter, Stand, Klasse, Ethnie usw. gleichberechtigt in die Vertragsverhandlungen einschalten und mit gleichem Stimmrecht an der eigentlichen Verfassungswahl beteiligen darf, entstammt ersichtlich dem individualistisch-liberalen Überzeugungsschatz der europäischen Moderne. Nur vor diesem ganz spezifischen moralphilosophischen Hintergrund ist es zu verstehen, dass der in der Tradition der Aufklärung stehende Rawls wie selbstverständlich die normativ bereits hochgradig aufgeladene, systematisch indes nicht weiter begründete Behauptung aufstellt, dass sich im Urzustand nur dann unparteiliche und allgemeingültige Gerechtigkeitsgrundsätze aushandeln ließen, wenn sich eben alle Vertragspartner in einer fairen Situation befänden und als moralische Subjekte gleich behandelt würden. Nur, wenn diese Prämisse erfüllt ist und mithin alle Verfassungswähler die gleichen Rechte haben, niemand bevorzugt oder benachteiligt wird und niemand die gesuchten Grundsätze auf seine persönlichen Verhältnisse zuschneiden kann, könne man also vernünftigerweise davon ausgehen, dass das Ergebnis der Verhandlungen allen Menschen gleichermaßen zum Vorteil gereicht und eben deshalb auch von allen gleichermaßen als gerecht akzeptiert wird. Das Problem an dieser Argumentation ist jedoch, dass durch die dezidiert demokratisch-egalitäre Konstruktion der Entscheidungssituation im Urzustand der egalitaristische Charakter der beiden daraus abgeleiteten Gerechtigkeitsgrundsätze vorweggenommen wird. Würde man die TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 236 Bedingungen der Verfassungswahl anders modellieren – und verzichtete man beispielsweise auf den Unparteilichkeit erst garantierenden Schleier der Unwissenheit –, dann käme man auch zu ganz anderen Ergebnissen. Entsprechend wäre die systematische Begründung dafür, warum man die Verhältnisse im Urzustand so und nicht anders konzipiert, eigentlich von entscheidender legitimationstheoretischer Bedeutung, denn ist sie nicht überzeugend, sind es die jeweiligen Gerechtigkeitsgrundsätze genauso wenig. Im Falle Rawls‘ verhält es sich nun so, dass er die Rechtfertigung für seine Ursprungskonstruktion letztlich aus dem Common Sense gewinnt. Er führt also keine wissenschaftlich-rationalen Argumente für die Plausibilisierung »seines« Urzustandes an, sondern verlässt sich auf die intersubjektive Überzeugungskraft des gesunden Menschenverstandes, oder genauer gesagt dessen, was er selber als westlich geprägter Philosoph mit einer persönlichen Neigung für die Gleichheit darunter versteht. So müsse man, um eine bestimmte theoretische Konkretisierung der ursprünglichen Entscheidungssituation zu rechtfertigen, einfach zeigen, »daß diese allgemein akzeptierte Bedingungen erfüllt.« Dabei solle jede dieser Bedingungen möglichst »natürlich und einleuchtend sein.« Und genau in diesem Sinne erscheint es Rawls »als vernünftig und allgemein akzeptabel, daß durch die Wahl der Grundsätze niemand […] bevorzugt oder benachteiligt werden sollte«, dass zudem »niemand die Grundsätze auf seine eigenen Verhältnisse zuschneiden können soll«, und dass eben wie gesagt alle Menschen »im Urzustand gleich seien.«587 Doch abgesehen davon, dass der empirische Nachweis, dass bestimmte normative Prämissen als Bedingung einer gerechten Entscheidungssituation mehrheitlich akzeptiert würden, für sich genommen ohnehin noch kein Beweis dafür wäre, dass man diese zunächst nur faktisch geltenden Normen auch aus rational motivierten moralphilosophischen Erwägungen heraus wirklich akzeptieren sollte, liefert Rawls überhaupt keine substantiellen Belege oder vernunftbasierten Argumente dafür, dass die von ihm aufgezählten Bedingungen im Urzustand tatsächlich so natürlich und einleuchtend und vor allem auch allgemein akzeptiert sind, wie er unterstellt. Er belässt es stattdessen bei seinen eher intuitiven Bemerkungen, die freilich wenig mit einer allgemeingültigen wissenschaftlichen Begründung, sondern mehr mit einem subjektiven Bekenntnis zu jenen liberalen Grundüberzeugungen, von denen soeben die Rede war, zu tun haben. Das jedoch heißt, dass die Rawlssche Theorie der Gerechtigkeit, so elaboriert und konsistent sie in sich auch immer sein mag, auch in diesem Punkt auf normativen Prämissen gründet, die keine universale Geltung besitzen, und dass man für die auf diesem Fundament entwickelten Gerechtigkeitsgrundsätze demzufolge ebenfalls keinen Anspruch auf Letztgültigkeit erheben kann. Nur also, wenn man die individua- 587 Rawls 1975, S. 35f. IST DAS FAIR? 237 listisch-liberale Grundgesinnung von Rawls schon teilt, wird man seiner Argumentation (gegebenenfalls) folgen und seiner egalitaristischen Auffassung von sozialer Gerechtigkeit zustimmen können. Teilt man sie hingegen nicht, steht im Grunde die gesamte Theorie in Frage. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass die egalitaristische Deutung der Gerechtigkeit als Gleichheit, die ja zunächst einmal von der moralischen Intuition ausgeht, dass niemandem aufgrund von Dingen, für die er nichts kann, im Leben schlechter dastehen soll als andere,588 sogar dann nicht unumstritten ist, wenn die kontingenten, auf Unparteilichkeit und Fairness zielenden demokratischen Entscheidungsbedingungen des Rawlsschen Urzustandes theoretisch im Großen und Ganzen akzeptiert werden. So dürfte sich selbst unter den entschiedensten liberalen Egalitarismuskritikern beispielsweise kaum jemand finden, der die Menschenrechte, in denen die normativen Kernelemente der Rawlsschen Ursprungskonzeption ersichtlich enthalten sind, nicht anerkennen würde, und dennoch stehen viele der Behauptung, dass sich die Menschen im Urzustand unisono auf die von Rawls vorgeschlagenen Gerechtigkeitsprinzipien einigen würden, mehr als skeptisch gegenüber. Warum zum Beispiel, so der Einwand der bekennenden Nonegalitaristin Angelika Krebs, sollten sich die Rawlsschen Verfassungswähler, anstatt sich auf die durchaus etwas kleinlich wirkende und zudem fortlaufende Korrekturen implizierende Maxime der Gleichverteilung zu versteifen, nicht einfach auf eine Schwellenkonzeption einigen, die dem Suffizienzprinzip gemäß »das Schlimmste verhindert und jedem genug, eine Schwelle menschenwürdiger Lebensbedingungen, zusichert, darüber hinaus aber Spielraum zum Beispiel für die Anerkennung besonderer […] Verdienste, für Eigeninitiative und Glück lässt?«589 Was hinter diesem nicht einfach von der Hand zu weisenden Einwand steckt, ist der prinzipielle Zweifel an der von Rawls und anderen Egalitaristen unterstellten Prämisse, dass Gleichheit einen Eigenwert besitzt und insofern ein eigenständiges und unabgeleitetes Primärziel von Gerechtigkeit darstellt.590 Dieser Auffassung zufolge wäre soziale Gerechtigkeit ein im Wesentlichen relationales Konzept, demzufolge den Menschen bestimmte Grundgüter (Chancen, Rechte, Einkommen usw.) vor allem deshalb zustünden, weil andere ebenfalls darüber verfügen. Es ginge also nicht in erster Linie um den inhärenten Wert der verschiedenen Güter 588 Vgl. Angelika Krebs: »Einleitung: Die neue Egalitarismuskritik im Überblick«, in: dies. (Hg.): Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik, Frankfurt/M. 2000a, S. 7–37, hier S. 7. 589 Angelika Krebs: »Gerechtigkeit«, unveröffentlichtes Skript zur Vorlesung an der Universität Basel, Frühjahrssemester 2012. Auch Wolfgang Kersting plädiert für Suffizienz statt Gleichheit als sozialstaatlicher Redistributionsmaxime. Siehe dazu Kersting 2000b, vor allem S. 237–246. 590 Vgl. Krebs 2000a, S. 15. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 238 an sich, sondern primär um deren Verteilung und die diesbezüglichen, möglichst symmetrisch zu gestaltenden Relationen der Menschen zueinander. Genau diese Sichtweise wird aber seitens des Nonegalitarismus scharf kritisiert, da in diesem vielmehr umgekehrt davon ausgegangen wird, dass zumindest die elementaren Standards der Gerechtigkeit, die sich auf besonders wichtige Grundgüter (zum Beispiel Nahrung, Obdach, medizinische Grundversorgung etc.) beziehen, nicht-relationale und insofern absolute Standards repräsentieren, die jedem unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung menschenwürdige Lebensbedingungen garantieren sollen. Beispielsweise sollte man einem Menschen, der an Hunger oder Krankheit leidet, Krebs zufolge nicht etwa deshalb helfen, weil es anderen besser geht als ihm, sondern einfach darum, weil Hunger und Krankheit für jeden Menschen schreckliche Zustände seien, denen man aus humanitären Gründen grundsätzlich abhelfen müsse. Die Frage, was die Gesellschaft Hungernden oder Kranken gerechterweise schuldet, wäre mithin völlig unabhängig davon zu beantworten, wie die Betroffenen in Relation zu anderen gestellt sind.591 Harry Frankfurt fasst den Kern dieses statt an Gleichheit an der individuellen Menschenwürde orientierten Arguments folgendermaßen zusammen: Gleichheit oder Ungleichheit bezeichne lediglich eine rein formale Eigenschaft der Beziehung zwischen zwei Dingen (wie zum Beispiel den Lebenslagen zweier Menschen), aus der man für sich genommen aber noch nichts über den Wert oder die normative Vorzugswürdigkeit eines der beiden Dinge ableiten könne. Daraus sei zu schließen, dass es nicht formale, sondern nur substantielle Bestimmungen sein könnten, die eine genuin moralische Bedeutung hätten. Folglich komme es aus gerechtigkeitsethischer Perspektive auch überhaupt nicht darauf an, wie das Leben von Menschen im Vergleich zu anderen aussehe (dies sei im Grunde vollkommen irrelevant), sondern allein darauf, ob diese Menschen über die erforderlichen Mittel verfügen, um ein in absoluter Hinsicht gutes Leben führen zu können oder nicht.592 Dabei mag es dann zwar durchaus zutreffen, dass sich mit der Erfüllung jener substantiellen Gerechtigkeitsstandards, die sich auf elementare Grundgüter beziehen und jedem ein wenigstens von existentiellen Mängeln befreites Leben garantieren sollen, gleichsam automatisch so etwas wie eine Sockelegalität einstellt; insofern spiele Gleichheit also auch im Nonegalitarismus eine gewisse Rolle. Doch handle es sich hierbei eben nur um eine unintendierte Nebenfolge, die sich gewissermaßen zufällig aus der Verwirklichung der praktischen Bedingungen universaler Menschwürde als eigentlichem Referenzpunkt sozialer Ge- 591 Vgl. ebd., S. 17f. 592 Vgl. Harry Frankfurt: »Gleichheit und Achtung«, in: Angelika Krebs (Hg.): Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik, Frankfurt/M. 2000, S. 38–49, hier S. 41. IST DAS FAIR? 239 rechtigkeit ergebe. An der entschiedenen Ablehnung eines unabgeleiteten Eigenwertes der Gleichheit (und dementsprechend auch der egalitaristischen Deutung von Gerechtigkeit) ändere dies nichts. Natürlich ließen sich verhältnismäßig leicht egalitaristische Gegenargumente finden, mit denen man auf die nonegalitaristische Kritik insbesondere der Rawlsschen Theorie reagieren könnte. Beispielsweise könnte man zunächst einmal entgegnen, dass sich die Berücksichtigung relationaler und nicht-relationaler Dimensionen der Gerechtigkeit wechselseitig ja nicht auszuschließen braucht. So spricht zum Beispiel nichts dagegen, einerseits auf die Unverhältnismäßigkeit sozioökonomischer Ungleichheiten hinzuweisen, die weder durch das Leistungs- oder Differenzprinzip noch sonst wie gerechtfertigt sind, und andererseits auch solche Ungerechtigkeiten, die aus der Verletzung absoluter Gerechtigkeitsstandards resultieren (zum Beispiel willkürliche Verhaftung oder Folter), gleichermaßen im Blick zu behalten. Man könnte ferner zu bedenken geben, dass empirische Untersuchungen zum sozialen Gerechtigkeitsempfinden herausgefunden haben, dass es den Menschen, anders als Frankfurt behauptet, sehr wohl darauf ankommt, wie sie im Vergleich zu anderen stehen, und dass neben Diskriminierung vor allem extreme Ungleichheiten, die den sozialen Zusammenhalt zu sprengen drohen und dabei den Eindruck entstehen lassen, dass Arm und Reich gar nicht mehr zur selben gesellschaftlichen Welt gehören, im Allgemeinen als ebenso belastend wie ungerecht empfunden werden.593 Daran anschließend könnte man dann wiederum die Frage diskutieren, ob denn die wahrgenommene Ungerechtigkeit, die vermeintlich mit der Verletzung absoluter Gerechtigkeitsstandards zusammenhängt, in vielen Fällen nicht vielmehr auf relationalen Missständen beruht. Denn so werden selbst existenzbedrohende Mangelsituationen für sich genommen meist gar nicht als Ungerechtigkeit, sondern schlicht als humanitäre Notlage gewertet, sofern sie erstens nicht von Menschen absichtlich herbeigeführt oder bewusst geduldet werden und zweitens alle gleichermaßen davon betroffen sind. Zu einer sozialen Ungerechtigkeit würde zum Beispiel eine Hungersnot (die so oder so eine menschliche Katastrophe darstellt) dementsprechend erst dann, wenn sie als vermeidbare Folge anthropogener Faktoren zu betrachten ist und die vorhandenen Ressourcen zudem ungleichmäßig (etwa nach Maßgabe der ökonomischen, politischen oder militärischen Machtverhältnisse statt nach Bedürftigkeit) verteilt würden. Aber dann bestünde zumindest die gerechtigkeitsethische Problematik (im Gegensatz zur humanitären) eben nicht in der Verletzung absoluter Standards, sondern in der letztlich durch Machtdifferentiale ermöglichten Miss- 593 Vgl. Sachweh 2011, S. 1–27, hier S. 3. Zu den negativen Auswirkungen sozialer Ungleichheit für den Einzelnen wie auch die Gesamtgesellschaft siehe Wilkinson / Pickett 2009. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 240 achtung der moralischen Gleichheit aller Menschen. Nicht der Hunger selbst, so würde ich annehmen, verletzte also die Würde und das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen, sondern vielmehr die Gleichgültigkeit derer, die eigentlich für Abhilfe sorgen könnten und dennoch untätig bleiben.594 Und nicht zuletzt könnte man dem humanistisch geprägten Nonegalitarismus schließlich noch entgegenhalten, dass seine einseitige Fokussierung auf die allgemeine Menschenwürde als Grundwert und Maxime der Gerechtigkeit nicht minder kontingent ist als die Rawlssche Konzentration auf Gleichheit – einmal ganz davon abgesehen, dass durch diese künstliche Gegenüberstellung, wie sie zumindest bei radikalen Egalitarismuskritikern wie Frankfurt festzustellen ist, die fundamentale Bedeutung der Gleichheit für die Menschwürde gänzlich aus dem Blick gerät.595 Doch ich möchte diese Auseinandersetzung zwischen dem Egalitarismus und seiner nonegalitaristischen Kritik inhaltlich gar nicht weiter ausführen, denn worauf es mir an dieser Stelle ankommt, das ist gerade nicht die Frage, welche der beiden Seiten die stärkeren Argumente für sich ins Felde führt. Worauf ich eigentlich hinauswill, ist vielmehr, dass auch dann, wenn man sich im Großen und Ganzen auf demselben individualistisch-liberalen Wertefundament bewegt, wenn man also beispielsweise die Prinzipien der Demokratie, der Fairness und der individuellen Freiheit sowie die grundlegenden Menschenrechte anerkennt, die gleichwohl bestehende Heterogenität der in diesen normativen »Common Ground« eingelassenen Gerechtigkeitsgesichtspunkte dazu führt, dass je nachdem, welchen der verschiedenen Gesichtspunkte (Freiheit, Gleichheit, Verdienst, Würde, Solidarität usw.) man persönlich präferiert und zum privilegierten Leitwert seiner Theorie erhebt, 594 Vgl. hierzu die Feststellung von Jean-Jacques Rousseau: »Nicht die Natur der Dinge bringt uns zur Raserei, sondern nur der böse Wille.« Hier zitiert aus Isaiah Berlin: »Zwei Freiheitsbegriffe«, in: ders.: Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/M. 2006, S. 197–256, hier S. 203. Indirekte Unterstützung erfährt diese Behauptung durch den oben bereits diskutierten Umstand, dass absolute Armut für sich genommen zu keiner signifikanten Steigerung von Kriminalität und Gewalt führt, soziale Ungleichheit und vor allem relative Armut sowie die damit verbundene extrem frustrierende Erfahrung der Exklusion von Chancen und Errungenschaften, die für besser gestellte Gesellschaftsmitglieder durchaus vorhandenen sind, hingegen schon. Vgl. Blau / Blau 1982; ähnlich Wilkinson / Pickett 2009, S. 153– 169. 595 Diese zuletzt erwähnte Kritik trifft indes nicht auf alle Nonegalitaristen zu. So berücksichtigt beispielsweise Angelika Krebs durchaus die Bedeutung der Gleichheit im Kontext der allgemeinen Menschenwürde und räumt zudem ein, dass der Humanismus relationalen Gerechtigkeitsgesichtspunkten durchaus nicht notwendigerweise jede Geltung absprechen muss. Aber natürlich liegt der Schwerpunkt auch bei ihr auf absoluten Standards der Gerechtigkeit. Vgl. Krebs 2000a; dies. 2012. IST DAS FAIR? 241 eben sehr unterschiedliche und teils auch widersprüchliche Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit herauskommen. Das Problem dabei ist, dass sich – zumindest mit den Mitteln der Wissenschaft – keineswegs immer zweifelsfrei entscheiden lässt, welchem der konkurrierenden Gerechtigkeitsmodelle man den Vorzug geben sollte. Denn es kann durchaus vorkommen, dass selbst gegensätzliche Konzeptionen auf gleichermaßen vernünftigen, gewichtigen und insofern überzeugenden Gründen beruhen. Die Annahme, dass sich im Zuge egalitärer und unparteilicher Aushandlungsprozesse eine eindeutige und konsensfähige Formel der Gerechtigkeit oder wenigstens eine systematische Rangordnung ineinandergreifender Prinzipien herauskristallisieren würde, erweist sich mithin als irreführend. Und tatsächlich räumt sogar Rawls diesen Umstand, dass die Meinungen der Menschen über die vernünftigsten Maximen der Gerechtigkeit sehr wohl divergieren können, zumindest in seinen späteren Arbeiten selber ein. So schreibt er in Das Recht der Völker, dass es eben nicht nur eine einzige, sondern viele Formen des Liberalismus und verwandter Auffassungen gebe, die in einer Familie gleichermaßen vernünftiger politischer Konzeptionen inhaltlich zum Ausdruck kämen. Seine eigene Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness sei insofern lediglich eine unter anderen, wie groß ihre besonderen Vorzüge auch sein mögen.596 Freilich kritisiert Amartya Sen völlig zu Recht, dass nicht ganz klar ist, wie Rawls mit den weitreichenden Konsequenzen, die sich aus diesem überraschenden – nichtsdestotrotz richtigen – Zugeständnis für seine Theorie ergeben, eigentlich umzugehen gedenkt. Denn ursprünglich zielte er ja durchaus auf die möglichst eindeutige Bestimmung der Grundsätze einer idealen Gesellschaftsordnung, in der die Freiheiten, Chancen und Privilegien der Menschen wirklich gerecht verteilt wären. Sobald er jedoch den Absolutheitsanspruch seiner Theorie preisgibt, leidet diese unter einer gewissen Beliebigkeit und man landet eben exakt bei der schwierigen – und von Rawls unbeantworteten – Frage, wie man zwischen konkurrierenden Gerechtigkeitsprinzipien, denen man ihre jeweilige Vernünftigkeit und Unparteilichkeit nicht einfach absprechen kann, sinnvoll selegieren sollte.597 In seinem jüngsten Buch Die Idee der Gerechtigkeit illustriert Sen dieses moralphilosophische Dilemma anhand eines höchst anschaulichen Beispiels.598 Man möge sich vorstellen, man hätte zu entscheiden, welches der drei Kinder Anne, Bob und Carla eine Flöte haben soll, um die sie sich streiten. Anne möchte die Flöte für sich, 596 Vgl. John Rawls: Das Recht der Völker, Berlin / New York 2002, S. 176, hier zitiert aus: Sen 2010, S. 40. 597 Vgl. ebd. 598 Ich orientiere mich bei der nun folgenden Wiedergabe des Beispiels unmittelbar an der Senschen Darstellung. Vgl. ebd., S. 41f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 242 weil sie als Einzige Musikunterricht hatte und das Instrument, im Gegensatz zu den anderen, auch wirklich spielen kann. Sie empfände es deshalb als ungerecht, wenn man ausgerechnet ihr die Flöte vorenthielte. Bob wiederum macht geltend, dass er viel ärmer als die andern beiden ist und als einziger noch keine Spielsachen besitzt. Wenn er also die Flöte bekäme, hätte er auch etwas zum Spielen, während Anne und Carla trotzdem noch genügend hübsche Dinge zum Zeitvertreib besäßen. Doch Carla wendet ein, dass sie immerhin diejenige gewesen ist, die die Flöte in mühevoller Arbeit selbst gebaut hat, und jetzt, wo sie endlich damit fertig ist, wolle sie sie aus einsichtigen Gründen auch behalten. – Wer also soll die Flöte nun bekommen? Für einen eingefleischten Libertären mag die Sache womöglich leicht erscheinen. Er wird sich einfach auf das individuelle Recht berufen, über die Erträge eigener Arbeit frei verfügen zu können und die Flöte dementsprechend Carla belassen; sie zu enteignen wäre aus seiner Sicht eine grobe Ungerechtigkeit.599 Ein Egalitarist hingegen verwiese auf die Gleichheit aller Menschen und fühlte sich sehr wahrscheinlich moralisch geradezu verpflichtet, die Flöte Bob zu geben, um die allzu diskrepanten Lebenslagen einander anzunähern. Doch wieder anders ein Utilitarist: Orientiert am größten Glück der größten Zahl entschiede er vermutlich zugunsten Annes; und zwar nicht allein, wie Sen meint, weil ihr eigenes Vergnügen aufgrund der Tatsache, dass nur sie die Flöte wirklich spielen kann, den größten Zuwachs erführe, sondern, wie man hinzufügen möchte, auch das der anderen! Es ist unschwer zu erkennen, dass sich für jede dieser Alternativen, die jeweils unterschiedliche Grundvorstellungen und Leitwerte sozialer Gerechtigkeit ins Zentrum stellen, vernünftige Begründungen vorbringen lassen, die zumindest in westlich-liberalen Gesellschaften den meisten Menschen intuitiv einleuchten und, obschon sie sich wechselseitig widersprechen, auch nach reiflicher Überlegung gleichermaßen Bestand haben. Ferner wird man Sen darin zustimmen müssen, dass sich vermutlich keine der alternativen Argumentationen ohne eine gewisse Willkür über die anderen stellen lässt.600 Die Pluralität gleichrangiger, miteinander konkurrierender Gerechtigkeitsprinzipien ist also – jedenfalls auf dem gegenwärtigen Diskussionsstand der politischen Philosophie – konsensuell nicht aufzuheben. Für den Kontext der hier vorliegenden Untersuchung heißt das aber, dass es sachlich eben nicht zu rechtfertigen wäre, eine bestimmte der gängigen philosophischen Gerechtigkeitsauffassungen quasi willkürlich herauszupicken und zum alleinigen Universalmaßstab der so- 599 Zu bedenken ist, dass die Entscheidung schon erheblich schwerer fiele, wenn mehrere Personen an der Herstellung beteiligt gewesen wären und zudem unterschiedliche Produktionsfaktoren ins Spiel kämen. 600 Vgl. Sen 2010, S. 42. IST DAS FAIR? 243 zialen Verhältnisse zu verabsolutieren. Denkbar wäre es allenfalls, statt einer einzelnen eine Auswahl der einflussreichsten normativen Theorien zu einer Art multiparadigmatischem philosophischem Gerechtigkeitsstandard zusammenzufassen, doch würde auch das noch eine inhaltlich nur schwer zu begründende Selektion voraussetzen. Vor diesem gerechtigkeitstheoretischen Hintergrund und im Zusammenspiel mit dem oben bereits ausgeführten pragmatischen Argument der demokratischen Realisierungschancen sozialpolitischer Maßnahmen, die auf die Korrektur der ungleichen Verhältnisse im Kapitalismus zielen, erscheint es mir daher sowohl in praktischer als auch in moralphilosophischer Hinsicht wesentlich plausibler und einfacher, die gerechtigkeitsethische Analyse und Kritik der in den vorausgegangenen Kapiteln untersuchten Mechanismen sozialer In- und Exklusion anhand genau jener normativen Leitvorstellungen durchzuführen, die von der Allgemeinheit – und nicht nur von einzelnen Philosophen – als empirisch gültiger Referenzmaßstab für die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Ordnung faktisch akzeptiert und hochgehalten werden. Zwar wird auch auf diese Weise das Problem der Heterogenität und Widersprüchlichkeit der konkurrierenden Gerechtigkeitsprinzipien nicht gelöst. Doch bietet sich so immerhin der für ein Denken, das irgendwie an sozialer Wirksamkeit interessiert ist, kaum zu überschätzende Vorteil einer direkt(er)en Anschlussfähigkeit der theoretischen Reflexion an die gesellschaftspolitische Praxis. Die soziologische Gesellschaftskritik, die sich auf dieser demokratischen Basis entfalten lässt, erhält dann eine spezifische, betont undogmatische »Wenn-Dann-Form«, die man folgendermaßen abstrahieren kann: Wenn an bestimmten Gerechtigkeitsgrundsätzen festgehalten werden soll, weil sie nach reiflicher Überlegung und Diskussion allgemein als vorzugswürdige Kriterien oder Maßstäbe einer gerechten Gesellschaftsordnung angesehen werden, dann lässt sich an diesen Grundsätzen gemessen eben dieses oder jenes Urteil über die Realität des gesellschaftlichen Ist-Zustandes fällen.601 Dabei ist zu erwarten, dass entsprechend der Verschiedenartigkeit der einzelnen Grundsätze auch die Bewertungen der sozialen Verhältnisse unterschiedlich oder sogar widersprüchlich ausfallen. Doch ist die Heterogenität der gerechtigkeitsethischen Beurteilungen dann wenigstens der prinzipiell hinzunehmende, empirisch rückgebundene Ausdruck der legitimen demokratischen Vielfalt normativer Überzeugungen in der Bevölkerung. Die Gesellschaft wird also nicht anhand abstrakter, rein philosophischer Konstruktionen, die mehr oder weniger überzeugen, sondern am multi- 601 Vgl. die formal ähnlich aufgebaute ideologiekritische Argumentation bei Hartmut Rosa: »Kapitalismus als Dynamisierungsspirale – Soziologie als Gesellschaftskritik«, in: Klaus Dörre u. a. (Hg.): Soziologie, Kapitalismus, Kritik. Eine Debatte, 4. Aufl., Frankfurt/M. 2012, S. 87–125, hier S. 93. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 244 dimensionalen Maßstab der lebendigen, tatsächlich wirkmächtigen Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen gemessen, deren soziale Beziehungen die Gesellschaft überhaupt erst konstituieren. Eine unmittelbare Folge dieser für den normativen Pluralismus der modernen Gesellschaft sensiblen Vorgehensweise besteht dann allerdings darin, dass es bei dem daran anschließenden politischen Bemühen um soziale Gerechtigkeit und die Korrektur gesellschaftlicher Missstände nicht darum gehen kann, eine in jeder Hinsicht vollkommene, absolut gerechte Gesellschaftsordnung zu erreichen. Denn aufgrund der Divergenz der zu berücksichtigenden Grundsätze dürften sich Zielkonflikte – zum Beispiel zwischen Forderungen der Leistungsgerechtigkeit auf der einen Seite und Gleichheit auf der anderen – prinzipiell kaum ausschließen lassen. Das Streben nach Gerechtigkeit wird sich also sehr wahrscheinlich mit bescheideneren Zielen zufriedengeben müssen und sich realistischer Weise darauf konzentrieren, mit dem nötigen Augenmaß zwischen den verschiedenen Ansprüchen, die sich aus den einzelnen Gerechtigkeitsprinzipien ergeben, zu vermitteln, um auf diese Weise zu einem möglichst austarierten Kompromiss zu gelangen. Das heißt aber auch, dass man sich soziale Gerechtigkeit in diesem Sinne kaum als stabilen Zustand vorstellen kann, den es gewissermaßen nur einmal zu erreichen und fortan zu bewahren gälte. Soziale Gerechtigkeit erweist sich aus dieser demokratischen Perspektive vielmehr als höchst fragiler Balancezustand, der durch die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklungen und insbesondere durch die Dynamik der Kapitalakkumulation permanent aus dem Gleichgewicht zu geraten droht und demzufolge in fortlaufenden Aushandlungsprozessen stets von neuem ermittelt und erstritten werden muss. So gesehen wäre Utopia also weniger ein Land, dass man einfach nur entdecken müsste; es erscheint vielmehr als ständige Bewährungsprobe, der sich eine Gesellschaft, der an der normativen Legitimität ihrer Grund- und Verteilungsordnung wirklich gelegen ist, mit großer Beharrlichkeit immer neu zu stellen hat. 4.2 Über die Gerechtigkeit sozialer In- und Exklusion unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne Doch welches sind denn nun die normativen Grundprinzipien, die in westlichen Demokratien als faktisch gültiger Referenzmaßstab für die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der sozialen Verhältnisse allgemein akzeptiert und hochgehalten werden? In Deutschland jedenfalls lassen sich auf Basis unterschiedlicher Studien der empirischen Gerechtigkeitsforschung insbesondere vier Prinzipien identifizieren, die für die Bevölkerung, wie eingangs erwähnt, von elementarer Bedeutung zu sein scheinen: IST DAS FAIR? 245 Erstens das Prinzip der Gleichheit, speziell in seiner Auslegung als individuelle Chancengleichheit, zweitens das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, drittens der Grundsatz der Bedarfsgerechtigkeit und viertens das Prinzip der persönlichen Freiheit.602 An diesen in der Bevölkerung fest verankerten Gerechtigkeitsprinzipien, von denen man annehmen kann, dass sie in vergleichbarer Form auch in den meisten anderen europäischen Ländern gelten, sollen nun, wie angekündigt, die in den vorausgegangenen Kapiteln diskutierten Mechanismen sozialer In- und Exklusion und die damit zusammenhängende, hochgradig ungleiche Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen nacheinander gemessen werden. Das gesellschaftliche Sein soll also mit dem gesellschaftlichen Sollen systematisch verglichen werden, um auf Basis dieses Vergleichs zu einem wohlbegründeten Urteil über den gerechtigkeitsethischen Status und die normative Zustimmungsfähigkeit der gegenwärtigen sozioökonomischen Verteilungsordnung und Entwicklungen zu gelangen. Ergänzt werden die vier genannten Prinzipien allerdings von einem fünften, nämlich dem Prinzip der allgemeinen Vorteilhaftigkeit. Dessen Relevanz für den hier vorliegenden Kontext ergibt sich jedoch nicht direkt aus empirischen Erhebungen. Ich berücksichtige diesen Grundsatz vielmehr aus dem bereits in der Einleitung genannten Grund, dass er im Falle eines kritischen Urteils über die Gerechtigkeit der bestehenden Verhältnisse (gemessen an den ersten vier Prinzipien) womöglich dazu dienen könnte, das zugrundeliegende kapitalistische Gesellschaftsmodell dennoch zu legitimieren. Das zu erwartende Argument dürfte dann in etwa lauten, dass die ungleiche Verteilung der gesellschaftlichen Chancen und Privilegien, wie sie durch die eigenlogische, auf kontinuierliche Kapitalverwertung und -vermehrung gerichtete Prozessualität des Marktes unweigerlich erzeugt wird, zwar dem intuitiven Gerechtigkeitsempfinden der Menschen widersprechen mag, dass die Marktordnung als solche aber trotzdem gerechtfertigt sei, weil sie der gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung mehr als alle anderen bekannten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen nütze. Davon profitierten letztendlich auch die schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen, deren relativer Anteil am materiellen Reichtum zwar durchaus klein wäre, absolut betrachtet aber immer noch größer als in anderen Systemen. Diesem Argument zufolge würde die kapitalistische Gesellschaftsordnung das oben erläuterte Rawlssche Differenzprinzip also tatsächlich erfüllen, sodass sie trotz der mit ihr verbundenen, teils extremen Ungleichheit durch ihre allgemeine, gesamtgesellschaftliche Vorteilhaftigkeit legitimiert wäre. Wie noch zu sehen sein wird, hat beispielsweise Friedrich August von Hayek die 602 Vgl. hierzu unter anderem Institut für Demoskopie Allensbach 2013; Volkmann 2012; Sachweh 2011; Hinz / Liebig 2010; Klein / Zick 2010; Sachweh u. a. 2009; Liebig / Schupp 2008. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 246 Marktwirtschaft mit diesem keineswegs unproblematischen Argument verteidigt. Doch der Reihe nach. a) Das Prinzip der Gleichheit Ich beginne mit dem Prinzip der Gleichheit. Zunächst ist festzustellen, dass Gleichheit im Sinne radikaler Besitz- oder Einkommensgleichheit in Deutschland nur wenig Zuspruch erfährt. So stimmten im Jahr 2010 lediglich 22 % der bundesdeutschen Bevölkerung der Aussage, dass »alle Menschen gleich viel besitzen [sollten]«, voll und ganz oder zumindest eher zu, und nur 15 % waren der Meinung, dass »Gerechtigkeit bedeutet, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft das gleiche Einkommen haben.«603 Insofern erscheint die oben dokumentierte Existenz sozialer Ungleichheit für sich genommen zunächst einmal relativ unproblematisch. Dieser Eindruck ändert sich jedoch, sobald man nach den grundsätzlichen Bedingungen fragt, unter denen soziale Ungleichheit als legitim oder illegitim betrachtet wird. Zum Beispiel halten es über 86 % der Deutschen für ungerecht, »wenn die Unterschiede in der Gesellschaft auch widerspiegeln, aus welcher Familie jemand stammt«, und fast 90 % halten es für falsch, »wenn Kinder aus angesehenen Familien auch bessere Chancen im Leben haben.«604 Demgegenüber vertreten über 93 % der Befragten die Ansicht, dass soziale Gerechtigkeit vielmehr gebietet, dass das Einkommen einer Person allein von ihrer Leistung abhängt,605 wobei – und dieser Punkt scheint den Deutschen besonders wichtig – jeder Bürger unabhängig von seiner sozialen Herkunft oder seinem Geschlecht die gleichen Chancen bei der Bildung und im späteren Beruf haben sollte.606 Mit anderen Worten heißt das, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland Abweichungen von sozioökonomischer Gleichverteilung grundsätzlich zwar durchaus als gerechtfertigt zu akzeptieren bereit ist, dies aber nur, wenn sie durch das Leistungsprinzip gedeckt sind und zudem Chancengleichheit herrscht. Es dürfte jedoch schon aus dem Vorausgegangenen deutlich geworden sein, dass diese für liberale Demokratien eigentlich elementaren Bedingungen gerechtfertigter Ungleichheit in der gesellschaftlichen Praxis mitnichten erfüllt sind, was es im folgenden Unterkapitel dann auch noch einmal gesondert herauszuarbeiteten und zu diskutierten gilt. 603 Klein / Zick 2010, S. 124. 604 Ebd. 605 Vgl. ebd. 606 Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2013, S. 12ff. IST DAS FAIR? 247 Zuvor noch einige Anmerkungen zur Gleichheit: Die grundsätzliche gesellschaftliche Akzeptanz potentieller Abweichungen vom Prinzip der Gleichverteilung darf auch unabhängig von der Frage, ob diese Abweichungen gegebenenfalls durch differierende, persönlich zurechenbare Anstrengungen und Verdienste gerechtfertigt sein könnten, keineswegs zu der Annahme verleiten, dass jedwedes Ausmaß an sozialer Ungleichheit von den Menschen als legitim empfunden würde. Ich verweise hier exemplarisch auf eine Forschungsarbeit von Thomas Hinz und Stefan Liebig zur Einkommensgerechtigkeit in Deutschland, aus der hervorgeht, dass die seit den 1990er Jahren stetig zunehmende Einkommensungleichheit von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als zu groß oder sogar viel zu groß betrachtet wird.607 Zwar müsse nicht jeder das gleiche verdienen, sofern unterschiedliche Berufe, Qualifikationen oder Leistungen gewisse Einkommensdifferenzen begründeten. Doch das gegenwärtige Ausmaß an sozialer Ungleichheit wird von den meisten Befragten als ungerecht wahrgenommen und kritisiert, wobei vor allem die Extrema an den Rändern der Einkommensverteilung spürbar nach oben beziehungsweise unten korrigiert werden sollten.608 Das heißt, dass Leistung und persönliches Verdienst in den Augen der Bevölkerung lediglich notwendige, jedoch keineswegs hinreichende Bedingungen gerechter Ungleichheit darstellen und das Prinzip der Meritokratie soziale Ungleichheit demzufolge nur bis zu einem bestimmten Grade rechtfertigen kann. Bestätigt und ergänzt werden diese Befunde unter anderem durch eine qualitative Studie zur »Moral Economy of Inequality«, in der Patrick Sachweh den gängigen Ansichten über Einkommensungleichheit, Armut und Reichtum nachgegangen ist. Auch Sachweh kommt zu dem Ergebnis, dass in westlich-liberalen Gesellschaften zwar ein gewisses Maß an verdienstethisch legitimierter Ungleichheit allgemein akzeptiert würde – während askriptive Ungleichheit generell als ungerechtfertigt abgelehnt wird –,609 dass es jedoch erkennbare Grenzen dieser Akzeptanz gebe. So ist nicht nur die normative Überzeugung weitverbreitet, dass es eine finanziell abzusichernde Untergrenze menschwürdigen Lebens geben sollte, unter die niemand, aus welchen Gründen auch immer, fallen dür- 607 51,6% der von Hinz & Liebig befragten Personen empfinden die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland als »zu groß«, 39,1% als »viel zu groß«. Hinz / Liebig 2010, S. 5. 608 Vgl. ebd., S. 8, 12f. 609 Vgl. Sachweh 2011, S. 5. Sachweh stützt sich an dieser Stelle einerseits auf die Ergebnisse seiner eigenen Forschung, andererseits auf die thematisch einschlägige Literatur, namentlich auf Lars Osberg, Timothy Smeeding: »›Fair‹ Inequality? Attitudes toward Pay Differentials. The United States in Comparative Perspective«, in: American Sociological Review, 71/2006, S. 450–473; Marshall u. a. 1999; James Kluegel, Eliot Smith: Beliefs about Inequality. Americans View of What Is and What Ought to Be, New York 1986. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 248 fe (eine Auffassung, auf die im Kontext der Bedarfsgerechtigkeit noch zurückzukommen sein wird). Es ist weiterhin auch so, dass Ungleichheiten, die im ökonomischen Bereich – jedenfalls unter den genannten Bedingungen – vielleicht noch akzeptiert würden, auf deutliche Kritik stoßen, sobald sie auch in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen Ungleichheiten nach sich ziehen, die mit dem Ideal der demokratischen Gleichheit konfligieren. Ein solcher Konflikt läge zum Beispiel vor, wenn ökonomischer Wohlstand auch zu größerem politischem Einfluss, besseren Bildungschancen oder zu einer besseren medizinischen Versorgung verhelfen würde.610 Das auf demokratische Gleichheit insistierende Gerechtigkeitsempfinden der Bürger verlangt demnach, dass die ökonomische Ungleichheit in ihren Auswirkungen auf die Sphäre der Ökonomie beschränkt bleibt, dass es also effektive Interdependenzunterbrechungen im luhmannschen Sinne gibt, die verhindern, dass sich ökonomische Vor- oder Nachteile in korrespondierende Vor- oder Nachteile in anderen Teilsystemen der Gesellschaft übersetzen. Die gesellschaftliche Realität allerdings wird diesem Anspruch, wie gesehen, nicht im mindestens gerecht. Vielmehr verhält es sich unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne genau umgekehrt: Wer im ökonomischen System gut aufgestellt ist, genießt dank der intersystemischen Fungibilität des Geldes auch in der Mehrzahl der anderen Systeme weitreichende Privilegien, während Armut zu systemübergreifenden und sich wechselseitig verstärkenden Exklusionseffekten führt. Wirksame Interdependenzunterbrechungen existieren nicht oder greifen allenfalls unzureichend. Die Folge ist, dass Arme eben tatsächlich über weniger politischen Einfluss verfügen, schlechtere Bildungschancen haben und im Durchschnitt sogar erheblich früher sterben, als das in den wohlsituierten Gesellschaftskreisen der Fall ist. Wer arm ist, ist vom normalen Leben der Gesellschaft praktisch exkludiert und lebt insofern fast schon wie in einer anderen, abgeschlagenen sozialen Welt. Gerade das läuft den egalitären Gerechtigkeitsorientierungen demokratischer Gesellschaften aber besonders zuwider. Denn wie Sachwehs Untersuchung zeigt, ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Akzeptanzbedingungen sozialer Ungleichheit in Demokratien, dass sie in einem halbwegs moderaten Rahmen bleibt, innerhalb dessen sich die Menschen bei allen Unterschieden noch ein und derselben Lebenswelt zugehörig fühlen können. Die massenhafte erzwungene Exklusion der Armen ist mit dieser 610 Vgl. Sachweh 2011, S. 6; vgl. weiterhin ders. u. a.: »The Moral Economy of Poverty. On the Conditionality of Public Support for Social Assistance Schemes«, in: Steffen Mau, Benjamin Veghte (Hg.): Social Justice, Legitimacy and the Welfare State, Aldershot 2007, S. 123–142; siehe auch Kelley / Evans 1993, S. 109; Jens Becker u. a.: »Einstellungen zum Reichtum in Deutschland«, in: WSI-Mitteilungen, 62/2009, S. 158–164, hier S. 163. IST DAS FAIR? 249 Gerechtigkeitsauffassung jedoch gänzlich unverträglich – im Übrigen kaum anders, als die freiwillige »Selbstexklusion« von manchen Reichen, deren mitunter ostentativ zur Schau gestellter luxuriöser Lebensstil den gemeinschaftlichen Horizont eines »normalen Lebens« im Grunde nicht minder sprengt.611 Was man nach alldem sagen kann, ist also, dass das relationale Kriterium der Gleichheit – anders, als non-egalitaristische Philosophen wie Harry Frankfurt oder Angelika Krebs glauben – für das soziale Gerechtigkeitsempfinden demokratischer Gesellschaften eben doch eine fundamentale und eigenständige, das heißt unabgeleitete Rolle spielt. Und auch wenn es dabei nicht um absolute Besitz- oder Einkommensgleichheit geht, so doch darum, dass alle Bürger zumindest in vergleichbarer Form an den Chancen und Errungenschaften der modernen Gesellschaft partizipieren können. Niemand soll von den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens, das den soziokulturell gültigen gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen entspricht, unfreiwillig exkludiert sein, und niemand soll sich dank seines Reichtums allzu weit von den anderen entfernen oder sich gar über sie erheben können. Die soziale Ungleichheit darf mithin kein Ausmaß annehmen, das den sozialen Zusammenhalt und den Charakter der demokratischen Gesellschaft als einer lebensweltlich zusammengehörenden Gemeinschaft von Gleichen substantiell gefährdet.612 Ist dies aber dennoch der Fall – und nach Ansicht von über 90 % der Deutschen ist die soziale Ungleichheit zu groß oder sogar viel zu groß613 –, so hat dies gravierende negative Konsequenzen, die dann allerdings nicht mehr »nur« die Exkludierten betreffen, sondern die gesellschaftlichen Lebensbedingungen insgesamt erheblich beeinträchtigen614 und insofern auch die grundsätzliche allgemeine Vorteilhaftigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wie sich zeigen wird, nachhaltig in Frage stellen. Zusammengefasst verletzen die von krasser Ungleichheit geprägten ökonomischen Verteilungsstrukturen im Kapitalismus und die daraus 611 Vgl. Sachweh 2011, S. 3, 12–19. 612 Dieser Sachverhalt lässt übrigens auch an der Rawlsschen Annahme zweifeln, dass das Differenzprinzip tatsächlich konsensfähig wäre. Denn spätestens, wenn die Schwelle zu einem lebbaren Dasein auch von den am schlechtesten gestellten Gesellschaftsmitgliedern überschritten wurde, ist davon auszugehen, dass eben nicht mehr jedes noch so große Ausmaß sozialer Ungleichheit einfach damit legitimiert werden könnte, dass auch die »Worst-Off« irgendwie davon profitieren. Man muss vielmehr damit rechnen, dass spätestens ab diesem Zeitpunkt die relative Ausgeglichenheit der gesellschaftlichen Verteilungsordnung eine eigenständige Bedeutung erhält und der oben erläuterten Rawlsschen »Maximin-Lösung des Problems der sozialen Gerechtigkeit« (Rawls 1975, S. 177) Grenzen setzt. 613 Vgl. Hinz / Liebig 2010, S. 5. 614 Vgl. Wilkinson / Pickett 2009. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 250 resultierenden Unterschiede der individuellen Lebens- und Teilhabechancen die gesellschaftlich verankerten egalitären Gerechtigkeitsauffassungen westlicher Demokratien demnach mindestens in dreifacher Hinsicht: Erstens konfligieren die außerökonomischen Selektionseffekte ökonomischer Ungleichheit ersichtlich mit der demokratischen Gleichheit der Bürger und insbesondere mit dem Grundsatz der Chancengleichheit. Dies wiegt besonders schwer in den Fällen von Politik, Bildung und Medizin, da diese Teilsysteme der Gesellschaft für die individuelle Selbstbestimmung, die persönliche und berufliche Entwicklung sowie das Wohlbefinden der Subjekte von gleichsam existentieller Bedeutung sind. Aber auch in den anderen Sozialdimensionen ist die ökonomisch hochgradig selektive Determination der individuellen Handlungs- und Möglichkeitsräume gerechtigkeitsethisch nicht zu vermitteln. Zweitens übersteigen die gegenwärtigen Unterschiede zwischen den Lebenslagen der Menschen augenscheinlich eine Schwelle, bis zu der soziale Ungleichheit in demokratischen Gesellschaften überhaupt rechtfertigungsfähig erscheint. Dadurch tritt der für den Kapitalismus konstitutive Gegensatz zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen umso schärfer hervor, was besonders für viele Ältere, die noch von den vergleichsweise harmonischen (indes exzeptionellen) Verhältnissen der prosperierenden Nachkriegsjahrzehnte geprägt sind, desillusionierend sein dürfte und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft langsam aber sicher zerfrisst. Vor allem die systembedingte Exklusion der Armen aus der gemeinschaftlichen Lebenswelt repräsentiert dabei einen Vorgang, der mit der demokratischen Intuition einer irgendwie noch akzeptablen Ungleichheit gänzlich unvereinbar ist, und dies erst recht in einer Gesellschaft, deren beispielloser Reichtum buchstäblich überquillt. Drittens schließlich wird auch die prozedurale Bedingung legitimer Ungleichheit, die für das normative Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist und in der weitverbreiteten Idee der Leistungsgerechtigkeit zum Ausdruck kommt, im Kapitalismus nicht erfüllt. Die bestehende Verteilungsordnung lässt sich auch aus größter Ferne nicht als faires Resultat unterschiedlicher Verdienste beschreiben und aus der Nähe besehen erweist sich die – mit wachsendem Einkommen übrigens immer nachdrücklicher vorgetragene615 – Rechtfertigungsrede von der Meritokratie im Grunde nur als reine Ideologie. Deutlich wurde dieser für die sogenannte »Arbeits-« respektive »Leistungsgesellschaft« einigermaßen peinliche Sachverhalt bereits bei der Analyse der monetären Mechanis- 615 »Die Ergebnisse zeigen tatsächlich unterschiedliche Gerechtigkeitsorientierungen nach Einkommen. Das Leistungsprinzip erfährt in der Gruppe der Personen mit hohem Einkommen (Pro-Kopf-Einkommen ab 2.598 Euro) am meisten Zuspruch, während Arme (Pro-Kopf-Einkommen unter 650 Euro) es signifikant seltener unterstützen.« Klein / Zick 2010, S. 127. IST DAS FAIR? 251 men sozialer In- und Exklusion. Ich werde ihn nun noch einmal aus einer gerechtigkeitsethischen Perspektive aufgreifen. b) Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit Wie schon gesagt, handelt es sich beim Prinzip der Leistungsgerechtigkeit um eine Legitimationsformel sozialer Ungleichheit, die – ähnlich dem Rawlsschen Differenzprinzip – einen egalitaristischen Kern hat. Ausgehend von der demokratischen Grundüberzeugung der ursprünglichen Gleichheit der Menschen werden Ungleichheiten nur dann – und auch nur innerhalb der soeben diskutierten Grenzen – als gerechtfertigt akzeptiert, wenn sie auf individuell zurechenbaren Leistungsdifferenzen beruhen. Als wichtiges Kriterium gelten dabei die differentiellen Fähigkeiten und Qualifikationen, die unterschiedliche Berufe erfordern. Je größer und voraussetzungsreicher jene sind, umso größer sind normalerweise auch das entsprechende Einkommen und die mit diesem verbundenen Vorteile, die in der Marktgesellschaft als angemessen empfunden werden.616 Die Verknüpfung von Beruf, Qualifikation und Verdienst beruht dabei auf der zwar nicht völlig falschen, soziologisch aber verkürzten und sozusagen nur die halbe Wahrheit widerspiegelnden Vorstellung, dass die Inkorporierung berufsspezifischen Wissens (wie von kulturellem Kapital überhaupt) nicht delegiert werden kann, sondern unter mehr oder weniger großen Anstrengungen persönlich geleistet werden muss und von daher eine vermeintlich ideale Bemessungs- und Vergleichsgrundlage für das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit bietet.617 Nicht nur in Deutschland, wo die Zustimmungswerte der Bevölkerung bei über 93 % liegen, sondern in allen westlichen Demokratien bildet das Leistungsprinzip einen zentralen (wenn auch nicht für sich allein stehenden) Pfeiler im normativen Grundgerüst der Gesellschaft.618 Allerdings ergibt die Anwendung des meritokratischen Prinzips zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit logisch nur dann einen Sinn, wenn in der jeweiligen Gesellschaft auch allgemeine Chancengleichheit, wie sie von der breiten Mehrheit der Bevölkerung aus normativen Gründen ohnedies gefordert wird, lebenspraktisch (und nicht nur formal) realisiert ist. Nur, wenn die Menschen im Wettlauf um gesellschaftliche Güter, Chancen und Privilegien wenigstens in etwa von derselben Linie und unter einigermaßen vergleichbaren Bedingungen starten, lassen sich die 616 Vgl. Sachweh 2011, S. 5. 617 Vgl. Bourdieu 1983. 618 Speziell für Deutschland siehe Klein / Zick 2010, S. 124. Zur transnationalen Akzeptanz des meritokratischen Prinzips vgl. unter anderem Sachweh 2011, S. 5; Marshall u. a. 1999, S. 358; Kluegel / Smith 1986, S. 112. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 252 Resultate der sozialen Konkurrenz auch überzeugend als fairer Ausdruck unterschiedlicher Leistungen deuten und legitimieren – schließlich würde man ja auch einen Sieg bei der Tour der France wohl kaum als besonders verdienstvoll ansehen, hätte der Gewinner des Maillot Jaune immer nur die halbe Strecke zurückzulegen gehabt oder wäre er (als einziger) gedopt gewesen. Ist Chancengleichheit also nicht gegeben, fehlt damit eine unverzichtbare soziale Voraussetzung fairen Wettbewerbs und somit auch der Leistungsgerechtigkeit als solcher. Für den hier vorliegenden Kontext bedeutet das, dass der systematische Vergleich zwischen dem gesellschaftlichen Sein und dem normativen Prinzip der Leistungsgerechtigkeit formal in zwei Schritten zu erfolgen hat: Zunächst ist zu prüfen, ob die Bedingung echter Chancengleichheit in der sozialen Praxis (wenigstens näherungsweise) erfüllt ist, und anschließend muss man klären, ob beziehungsweise inwieweit die ungleiche Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen tatsächlich etwas mit messbaren Leistungsunterschieden zwischen den Individuen zu tun hat. Chancen(un)gleichheit Was den ersten Schritt betrifft, so kann ich mich vergleichsweise kurz fassen, da ich die in diesem Zusammenhang entscheidenden Punkte bereits ausführlich erläutert habe: Echte Chancengleichheit ist in der kapitalistischen Gesellschaft faktisch nicht gegeben, da infolge der weitgehenden Ökonomisierung des Sozialen sowohl Quantität als auch Qualität der individuellen Inklusions- und Verwirklichungschancen in fast allen gesellschaftlichen Teilsystemen – Ausnahmen bilden allenfalls die Religion, Massenmedien, Familien und Intimbeziehungen – entscheidend von den finanziellen Ressourcen abhängen (direkt oder indirekt), die jeweils zur Verfügung stehen. Ob es dabei um die konkreten Bildungschancen und mit diesen nicht nur um die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und Autonomie, sondern auch um die späteren Berufs- und Verdienstaussichten geht; ob man die für den Lebenslauf gegebenenfalls richtungsweisende Chance ins Zentrum stellt, in einem stabilen sozialen Umfeld fernab von städtischen Problemzonen, alltäglicher Kriminalität und Tristesse heranzuwachsen; ob man den Blick auf die Chance richtet, ein von vermeidbaren Krankheiten freies Leben zu führen und einem vorzeitigen Tod zu entgehen; oder ob man die über gelegentliche Wahlen hinausgehenden politischen Gestaltungspotentiale der Bürger sowie ihre effektiven Zugangschancen zu gesellschaftlichen Machtpositionen analysiert – immer zeigt sich das gleiche Bild, dass nämlich die wirklich aussichtsreichen Lebenswege grosso modo jenen Glücklichen vorbehalten sind, die zumindest aus den mittleren, besser noch den oberen, wohlsituierten Gesellschaftsschichten stammen und so ab dem Tage ihrer Geburt IST DAS FAIR? 253 vom Vorhandensein und der Vererbung des familialen Kapitals in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen profitieren. Die Angehörigen der unteren Sozialschichten sind demgegenüber von Anfang an benachteiligt und haben in der Regel umso geringere Erfolgs- und Aufstiegschancen, je schlechter sie gestellt sind – und umso dringender eine Verbesserung ihrer Lebenslage gerade deshalb eigentlich wäre. Insofern ist also nicht einfach »jeder seines eigenen Glückes Schmied«, wie viele Menschen in den hochindividualistischen Gesellschaften des Westens im Einklang mit der gängigen Ideologie nach wie vor glauben oder zumindest hoffen.619 Alle Menschen stehen vielmehr auf den Schultern von anderen, denen sie ihr individuelles wie gesellschaftliches Dasein allererst verdanken, und je nachdem, wie hoch sie dadurch in der sozioökonomischen Verteilungsordnung positioniert werden, beginnen sie ihre Lebensläufe eben von sehr verschiedenen und vor allem unterschiedlich vielversprechenden Ausgangspunkten, die es dem einen leichter, dem andern aber umso schwerer machen. Aus diesem schichtspezifischen Selektionseffekt ergibt sich dann auch jenes augenfällige intergenerationelle Beharrungsvermögen der von Ungleichheit geprägten Kapitalstrukturen, von dem etwa bei Pierre Bourdieu an zentraler Stelle die Rede ist.620 Denn indem die ungleichen Verteilungsstrukturen dafür sorgen, dass eben nicht allen alles gleichermaßen möglich ist, sondern die Kinder der Bessergestellten auch sehr viel bessere Chancen im Leben haben, tragen sie automatisch zur fortlaufenden Reproduktion der bestehenden Verteilungs- und Herrschaftsordnung bei. Dass diese quasifeudale Zementierung der sozialen Ungleichheit ausgerechnet unter dem ideologischen Deckmantel der Leistungsgerechtigkeit verläuft, erscheint dabei besonders perfide. Denn so trifft es zwar zu, dass auch die Sprösslinge der privilegierten Gesellschaftsschichten normalerweise nicht um die höchstpersönliche Inkorporierung des erforderlichen Kulturkapitals herumkommen, um in gesellschaftliche Spitzenpositionen mit all ihren materiellen und immateriellen Vorteilen zu gelangen. Auch sie müssen also durchaus einiges an Anstrengung auf sich nehmen, um sich bestmöglich zu qualifizieren und ihr berufliches Leistungspotential mit den entsprechenden Abschlüssen und Titeln unter Beweis zu stellen.621 Doch besteht ein ganz entscheidendes Merkmal ihrer 619 Gemäß dem Freiheitsindex Deutschland 2013 glauben immerhin 49% der Deutschen tatsächlich, dass jeder »seines Glückes Schmied« und insofern für seine soziale Lebenslage selber verantwortlich sei, während nur 33% die Gegenposition vertreten, dass »die einen oben, die anderen unten [sind].« John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung e. V. (Hochschule Heidelberg): Freiheitsindex Deutschland 2013. Wie halten die Deutschen mit der Freiheit?, Heidelberg 2013, S. 7. 620 Vgl. Bourdieu 1983. 621 Beispielsweise ist ein Hochschulabschluss in allen entwickelten Industrieländern heute eine nahezu unverzichtbare Voraussetzung, um eine wirtschaftliche TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 254 sozialen Privilegierung gerade in den besonders günstigen Bedingungen, unter denen sich in ihrem Falle die Inkorporierung jenes Bildungskapitals, das ihnen später gegebenenfalls die Türen zu den begehrten Positionen öffnet, vollziehen kann – und die mit den oben geschilderten wesentlich schlechteren Ausgangsbedingungen der Kinder aus einkommensschwachen oder gar armen Familien überhaupt nicht zu vergleichen sind. Das jedoch heißt, dass die klassenspezifische Verteilung der unterschiedlich einträglichen beruflichen Fähigkeiten und Qualifikationen selbst eine abhängige Variable eben jener gesamtgesellschaftlichen Ungleichheit darstellt, die sie eigentlich begründen und normativ rechtfertigen soll. Schon deshalb erweisen sich verdienstethische »Erklärungen« der gesellschaftlichen Einkommensunterschiede – die, wie erwähnt, in den oberen Einkommensgruppen am meisten Zuspruch erfahren622 – vorwiegend als interessenbasierte, die realen Verhältnisse geradezu auf den Kopf stellende Ideologie. Erschwerend kommt hinzu, dass sich massive herkunftsbedingte Selektionseffekte beim Zugang zu gesellschaftlichen Elitepositionen selbst dann noch beobachten lassen, wenn die in Frage kommenden Kandidatinnen und Kandidaten formal über dieselben Qualifikationen verfügen. So hat Michael Hartmann für die Rekrutierung des wirtschaftlichen Führungspersonals gezeigt, dass sogar dann, wenn man nur die Karrierechancen von Personen miteinander vergleicht, die mit dem Doktorgrad alle gleichermaßen den höchsten Bildungstitel erworben und damit ein zumindest sehr ähnliches Maß an Fähigkeiten und Anstrengungen nachgewiesen haben,623 »die Chancen, in den Vorstand oder die Geschäftsführung eines der 400 größten deutschen Konzerne zu gelangen, in den letzten 40 Jahren für Promovierte aus dem Bürgertum im Durchschnitt um 70 Prozent und für die aus dem Großbürgertum um 150 Prozent höher [lagen] als für die Promovierten aus den Mittelschichten und der Arbeiterklasse.«624 Demnach lässt sich der Umstand, dass in Europa wie in den USA über drei Viertel der Topmanager aus Familien stammen, die eben zum Bürger- oder Großbürgertum und damit etwa zu den obe- Führungsposition übernehmen zu können. Vgl. Michael Hartmann: »Wer wird Manager? Soziale Schließung durch Bildungsabschlüsse und Herkunft im internationalen Vergleich«, in: Rudolf Stichweh, Paul Windolf (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit, Wiesbaden 2009, S. 71–84, hier S. 72. 622 Vgl. Klein / Zick 2010, S. 127. 623 Wobei man mit Hartmann allerdings davon ausgehen kann, dass gerade die Promovierten aus einfachen Arbeiter- und Angestelltenfamilien sogar ein noch deutlich höheres Maß an Begabung und Fleiß aufbringen mussten, um die Benachteiligungen im Bildungssystem, mit denen sie aufgrund ihrer sozialen Herkunft fertig werden mussten, zu kompensieren. Vgl. Hartmann 2004, S. 19. 624 Hartmann 2009, S. 76. IST DAS FAIR? 255 ren 3,5 % der Bevölkerung gehören,625 nicht allein mit den beschriebenen schichtspezifischen Selektionseffekten des Bildungssystems erklären, das den bürgerlichen Nachwuchs nach wie vor privilegiert und den Kreis der für wirtschaftliche (wie sonstige) Elitepositionen überhaupt in Frage kommenden Personen dadurch ohnehin schon drastisch einengt. Die soziale Herkunft entfaltet darüber hinaus auch ganz direkte Auswirkungen auf die Karrierechancen der Individuen, wie bekanntlich noch vor Hartmann für die deutsche Gesellschaft Bourdieu für die französische in zahlreichen Studien herausgearbeitet hat. Das entscheidende Scharnier zwischen Herkunft und Karriere besteht dabei im klassenspezifischen Habitus der jeweiligen Bewerber, das heißt in ihrem ganzen sozialisationsbedingten Auftreten und Verhalten, in ihrer typischen Art zu denken, sich zu kleiden, zu sprechen usw., die sich im Laufe ihrer Kindheit und Jugend gleichsam zu ihrem Wesen, zu ihrer zweiten, nunmehr gesellschaftlich geprägten Natur verfestigt hat und ihre soziale Zugehörigkeit zu einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu unübersehbar zum Ausdruck bringt. So lässt sich bereits in der Schule feststellen, dass Lehrkräfte jene Schüler, die aus den mittleren und höheren Soziallagen stammen und damit in der Regel einen ähnlichen Habitus aufweisen wie sie selbst, bei der Notengebung und der Empfehlung für eine weiterführende Schule intuitiv bevorzugen, sodass Kinder aus den unteren Sozialschichten auch bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und gleicher Leseleistung deutlich schlechtere Noten und sehr viel seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als ihre bessergestellten Mitschüler.626 Diese das Leistungsprinzip durchkreuzende Belohnung von sozialer Ähnlichkeit (respektive Bestrafung von sozialer Differenz) setzt sich im Berufsleben unvermindert fort. Vor allem in den Chefetagen des ökonomischen Systems herrscht statt des meritokratischen offenbar ein Prinzip, das Hartmann treffend mit den Worten »Bürgerkinder suchen Bürgerkinder« beschreibt und darauf hinausläuft, dass, wer in den Vorstand eines großen Unternehmens möchte, in seinem Habitus denjenigen gleichen sollte, die dort üblicherweise bereits sitzen.627 Neben intimen Kenntnissen der klassenspezifischen Dress- und Verhaltenscodes, einer ausgeprägten unternehmerischen Einstellung sowie einer breiten bildungsbürgerlichen Allgemeinbildung spielen insbesondere persönliche Souveränität und der selbstverständliche Umgang mit Macht eine zentrale Rolle – Eigenschaften also, an denen es sozialen Aufsteigern nicht selten erkennbar mangelt. Das Motiv der verantwortlichen Entscheidungsträger für die intuitive Bevorzugung von Kandidaten, die densel- 625 Vgl. ebd., S. 74f. 626 Vgl. ebd., S. 79; ebenso Solga / Dombrowski 2009, S. 24, und Hillmert 2009, S. 93. 627 Hartmann 2009, S. 82. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 256 ben (groß-)bürgerlichen »Stallgeruch« an sich tragen, besteht dabei in dem gerade unter Topmanagern weitverbreiteten Glauben, selbst genau der richtige Mann – denn Männer sind es in der Regel – am richtigen Platz zu sein, was es wiederum nur folgerichtig und sozusagen ganz natürlich erscheinen lässt, systematisch nach Kollegen zu suchen, die ungefähr die gleichen an sich selbst geschätzten Eigenschaften und sozialen Herkunftsmerkmale aufweisen.628 Das Ergebnis ist dann eben die quasifeudale, meritokratischen Prinzipien hohnsprechende soziale Schließung der ökonomischen Führungselite gegenüber Personen, die nicht schon aus der »besseren Gesellschaft« stammen. Alles in allem kann von echter Chancengleichheit in der kapitalistischen Moderne mithin keine Rede sein. Die Kinder der mittleren und oberen Sozialschichten haben dank der größeren sozioökonomischen Ressourcen ihrer Familien erstens nicht nur sehr viel bessere Bildungsund damit auch Berufschancen als Kinder aus den unteren Soziallagen. Sie profitieren zweitens auch und vor allem von ihrem klassenspezifischen Habitus, der besonders für den Zugang zur wirtschaftlichen Elite, in ähnlicher, gleichwohl abgeschwächter Form jedoch auch zu den anderen zentralen Eliten in Politik, Verwaltung oder Justiz, einen kaum aufzuholenden Vorsprung darstellt.629 Für die sogenannte »Leistungsgesellschaft«, die sich noch dazu als demokratische beschreibt, wiegt dieser doppelte Befund natürlich schwer, bedeutet er doch nichts anderes, als dass mit Chancengleichheit und fairem Wettbewerb eine in sachlogischer wie normativer Hinsicht gleichermaßen unverzichtbare Grundvoraussetzung der Leistungsgerechtigkeit als einem der mit Abstand wichtigsten Legitimationskonzepte der bürgerlichen Gesellschafts- und Verteilungsordnung faktisch nicht gegeben ist. Schon aus diesem ersten Grunde, der fehlenden Chancengleichheit, ist demnach also festzustellen, dass die scharfen sozialen Ungleichheiten, die die kapitalistische Gesellschaft charakterisieren und spalten, jedenfalls mit dem Leistungsprinzip unmöglich zu rechtfertigen sind. Sie erweisen sich vielmehr, zumindest an diesem urliberalen Gerechtigkeitsmaßstab gemessen, schlichtweg als illegitim. — Exkurs — zum verdienstethischen Naturalismus von Wolfgang Kersting Die soeben ausgeführte Kritik am Prinzip der Meritokratie, die sich an der empirischen Ungleichheit der individuellen Ausgangschancen entzündet, ist weder völlig neu noch theoretisch unerwidert geblieben. In der politischen Philosophie war es vor allem John Rawls, der im Rahmen 628 Vgl. ebd. 629 Vgl. ebd., S. 83; ferner Hartmann 2004, S. 19ff., sowie ders.: Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt/M. 2007. IST DAS FAIR? 257 seiner bereits angesprochenen Theorie der Gerechtigkeit einige der prominentesten Argumente gegen das im Common Sense so fest verankerte Verdienstprinzip geliefert hat. Folgerichtig ist es dann auch seine Argumentation, gegen die sich wiederum die von Wolfgang Kersting vorgetragene Verteidigung einer naturalistischen Verdienstethik in erster Linie richtet. Obwohl ich die grundsätzlichen Zweifel Rawls‘ an der Annahme, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die sinnvolle Anwendung des Leistungsprinzips zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit tatsächlich gegeben sind, wie gesagt teile und das Unterfangen Kerstings, die Verdienstkategorie durch bewusste Nicht-Berücksichtigung differentieller Startbedingungen von Lebensläufen vor der zersetzenden Wirkung dieser Zweifel zu retten, sowohl in personentheoretischer als auch politisch-normativer Hinsicht letztlich für wenig überzeugend halte, scheint es mir aus Gründen einer möglichst differenzierten Darstellung dennoch geboten, zumindest die Grundlinien des verdienstethischen Naturalismus à la Kersting nachzuzeichnen und zu diskutieren. Dies will ich an dieser Stelle tun. Stein des Anstoßes ist für Kersting, dass Rawls den Verteilungsgrundsatz: »Jedem nach seinem Verdienst« rundweg ablehnt. Die zugrundeliegende Argumentation von Rawls deckt sich dabei weitgehend mit der oben gerade ausgeführten: Es gehöre zu den – im Grunde evidenten – »Fixpunkten unseres moralischen Urteils […], daß man seine natürlichen Gaben ebensowenig verdient hat wie seine Ausgangsposition in der Gesellschaft.«630 Das eine sei nur das genetisch fixierte Ergebnis einer »Lotterie der Natur«, das andere lediglich Ausdruck sozialer Kontingenz, und insofern sei beides unter moralischen Gesichtspunkten vollkommen willkürlich.631 Wenn jedoch die ungleichen Ausgangsbedingungen und Erfolgschancen der individuellen Lebenskarrieren moralisch willkürlich sind, seien es unvermeidlich auch die ungleichen Verteilungsstrukturen, die sich im Laufe der Zeit auf Grundlage dieser kontingenten Bedingungen herausbilden. Für Rawls wäre es deshalb eine krasse Form der Ungerechtigkeit, wenn eine Gesellschaft die soziale Ungleichheit, die sich solchermaßen von reinen Zufälligkeiten (natürlichen wie sozialen) bedingt auf Basis durch keinerlei Verdienste zu rechtfertigender Ausgangspositionen entwickelt, einfach hinnehmen würde.632 Eine wohlgeordnete Gesellschaft müsse sich vielmehr fortlaufend um die gerechtigkeitsethische Korrektur der kontingenzverursachten, sich stets aufs neue herstellenden und reproduzierenden sozialen Ungleichheit bemühen, wobei die beiden oben erläuterten egalitär-liberalen Gerechtigkeitsgrundsätze als normative Richtschnur zu fungieren hätten. Hinzuzufügen ist, 630 Rawls 1975, S. 345. 631 Ebd., S. 94. 632 Vgl. ebd., S. 92f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 258 dass auch die gerade in der jüngeren Politik vielfach diskutierten Bemühungen um »faire Chancengleichheit«, die über die rein formale hinausgehen soll und beispielsweise durch die Professionalisierung und Ausweitung öffentlicher Bildungs- und Erziehungsangebote im vorschulischen Bereich oder die Einrichtung von Gesamtschulen, in denen die Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft über einen längeren Zeitraum gemeinsam (voneinander) lernen sollen, auf den Abbau klassenspezifischer Selektionseffekte im Bildungssystem zielen, an der kritischen Haltung Rawls‘ gegenüber dem Leistungsprinzip nichts ändern. Denn selbst wenn der Einfluss gesellschaftlicher Zufälligkeiten durch derlei bildungspolitische Maßnahmen tatsächlich ausgeschaltet würde – was unwahrscheinlich ist –, könnten diese für sich genommen gleichwohl nicht verhindern, dass die in moralischer Hinsicht genauso willkürlichen und unverdienten natürlichen Begabungsunterschiede auch weiterhin auf die Lebenskarrieren und damit auf die Einkommens- und Vermögensverteilung durchschlagen. Und außerdem ließen sich herkunftsbedingte Chancenungleichheiten in der Praxis ohnehin nicht zuverlässig ausschalten, so lange die traditionelle Gemeinschaftsform der Familie in irgendeiner Form weiterbesteht und also die Kindererziehung nicht mehr oder weniger vollständig in die egalisierenden Hände des Staates übergegangen ist.633 Insofern bleibt echte Chancengleichheit, wie man mit Rawls plausibel resümieren kann, voraussichtlich eine Utopie, sodass folglich auch das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit bis auf weiteres seiner Anwendungsgrundlage entbehrt. Während Kersting dem ersten Teil dieser zusammenfassenden Bemerkung im Wesentlichen zustimmt, weist er die im zweiten Teil gezogene Schlussfolgerung entschieden zurück. So räumt er zwar ein, dass die Talente und ihre Entfaltungschancen eines Individuums, seine persönliche Einsatzbereitschaft und Sozialkompetenz, sein Ehrgeiz und sein Durchsetzungsvermögen, selbst sein Charakter und damit im Grunde sein gesamtes Leistungsprofil »sowohl von genetischen Dispositionen als auch von einem gedeihlichen sozialen Entwicklungsklima abhängig [ist]« und sich demzufolge einem ganzen »Gewebe kontingenter Einflüsse und Gegebenheiten verdankt«.634 Auch für Kersting ist es deshalb gar keine Frage, dass die Lebenserfolgsressource, die sich jeder selbst ist, und das gesellschaftliche Umfeld, von dem aus er oder sie sich allererst zum Einsatz bringen kann, das heißt die ganze schicksalhafte Basis der differierenden Lebens- und Verwirklichungschancen, zufällig und demnach meritorisch unverdient ist. Zumindest in dieser Hinsicht stehe die Empirie 633 Vgl. ebd., S. 93f. 634 Kersting 2000b, S. 226. IST DAS FAIR? 259 also aufseiten Rawls‘. Doch die entscheidende Differenz zu diesem635 besteht eben darin, dass Kersting in jenem Umstand überhaupt kein gerechtigkeitsethisches Problem erkennt, auf das der Sozialstaat korrektiv zu reagieren hätte.636 Er fordert vielmehr, die natürlichen und sozialen, namentlich familialen Ausgangsungleichheiten in verdienstethischer Hinsicht zu »entdramatisieren« – man könnte auch einfach sagen: zu ignorieren – und die ganze, all die kontingenten, gleichwohl identitätskonstitutiven Einflüsse und Umstände in sich integrierende Person zur selbstmächtigen und das heißt ebenso eigenverantwortlichen wie legitime Verdienstansprüche generierenden Autorin ihres Lebens zu erklären.637 Es sind hauptsächlich zwei Argumente, die Kersting zu dieser eigentlich kontraintuitiven verdienstethischen Neutralisierung ungleicher Startchancen bewegen. Erstens hält Kersting das Rawlssche Argument von der moralischen Willkür der Natur für vollkommen abwegig beziehungsweise für »grotesk unvernünftig.«638 Denn die Natur handle nicht und sie treffe auch keine Verteilungsentscheidungen über die genetische Ausstattung der Menschen. Dementsprechend sei auch die Rede von moralisch willkürlichen und insofern unverdienten natürlichen Begabungen im Grunde Ausdruck einer »grammatikalischen Verfehlung«, die aus einer unstatthaften Subjektivierung faktisch unbeseelter und absichtsloser Naturprozesse resultiere. Berücksichtige man dies, erweise es sich schlicht als »semantischer Unfug«, die an Subjektivität und Verantwortlichkeit gebundene Grammatik der moralischen Willkür vom »Innenraum gesellschaftlich-politischen Handelns« auf den naturgemäß amoralischen »Vorhof der genetisch bedingten Naturausstattung« auszudehnen, zumal sich dieser der menschlichen Kontrolle ohnedies entziehe. Wenn die Gerechtigkeitstheorie diese Grenze überschreite und darauf abziele, die natürlichen Verteilungsmuster oder die aus ihnen resultierenden sozialen Ungleichheiten trotzdem einer moralischen, wohlfahrtsstaatlich umzusetzenden Korrektur zu unterwerfen, dann überdehne sie damit den Bereich menschlicher Verantwortlichkeit und verwandle sich in »hybride Anmaßung«. So vorteilhaft also die natürliche Begabungsausstattung 635 Und im Übrigen auch zur breiten Mehrheit der Bevölkerung, die es, wie schon gesagt, als ungerecht empfindet, »wenn die Unterschiede in der Gesellschaft auch widerspiegeln, aus welcher Familie jemand stammt.« Siehe Klein / Zick 2010, S. 124. 636 Vgl. Wolfgang Kersting: »Facetten der Gerechtigkeit«, in: Leviathan, 35/2007, Nr. 2, S. 193–211, hier S. 203f. 637 Ders. 2000a, S. 158, 367ff. 638 Ebd., S. 122. Soweit nicht anders vermerkt, basiert die in diesem Absatz nun folgende (teils wortgleiche) Zusammenfassung der Kritik Kerstings an Rawls’ Argument der moralischen Willkür der Natur auf eben dieser Stelle beziehungsweise auf den unmittelbar folgenden Seiten. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 260 des einen für seine persönlichen Erfolgsaussichten im Leben auch immer sein mögen und so dürftig sich die Begabungen des anderen im Vergleich dazu auch ausnehmen – hier sei nichts Ungerechtes vorgefallen, hier seien keine unverdienten Auszahlungen vorgenommen worden, hier sei nichts moralisch Ungerechtfertigtes oder Willkürliches geschehen, und zwar deshalb nicht, weil die unterschiedliche Naturausstattung der Menschen grundsätzlich außerhalb des Bereichs sinnvoller moralischer Beurteilung liege und die soziale Gerechtigkeit von daher einfach nichts angehe. Daraus folge zwar nicht, dass sich gerechtigkeitsethisch motivierte Umverteilungen zwischen Arm und Reich niemals vernünftig begründen ließen. Daraus folge aber durchaus, dass sich Umverteilungen des gesellschaftlichen Reichtums jedenfalls nicht auf Grundlage des Rawlsschen Paradigmas egalitaristischer Verteilungsgerechtigkeit begründen ließen, demzufolge der Sozialstaat als »moralische Korrekturveranstaltung, als kompensatorisches Ausgleichsprogramm kontingenzverursachter Ungleichheit« zu begreifen wäre.639 Zumindest die natürlichen Ausgangsungleichheiten seien vielmehr mitsamt den aus ihnen hervorgehenden sozialen Unterschieden als moralisch respektive verdienstethisch neutral zu betrachten – und insofern erst einmal zu akzeptieren.640 Das zweite Argument, das Kersting gegen die von Rawls und anderen vorgetragene, sich auf die ungleichen Ausgangschancen der Menschen stützende Ablehnung des Verdienstprinzips in Stellung bringt, lautet, dass die Rigidität des hinter dieser Ablehnung steckenden Verdienstbegriffs, demzufolge ausschließlich jene Leistungen, die vollkommen selbstverursacht sind, als Grundlage für berechtigte Verdienstansprüche gewertet werden könnten, in personentheoretischer Hinsicht letztlich auf die Zerstörung personaler Identität und in gerechtigkeitsethischer 639 Ders. 2000b, S. 204f. 640 Um die unterstellte Absurdität der Rawlsschen Vorstellung, dass die Ungleichheit der natürlichen Ausgangschancen sozialstaatlich zu kompensieren wären, weiter zu verdeutlichen, wirft Kersting außerdem die Frage auf, wie weit die Korrekturen im Rahmen eines solchen metaphysisch-hybriden Defatalisierungsauftrags der egalitären Gerechtigkeit eigentlich gehen sollen. Schönheit zum Beispiel sei in einer äußerlichkeitskultischen Gesellschaft wie der derzeitigen zweifellos eine soziale Macht, die sich nicht unerheblich auf den Lebenserfolg auswirken könne. Doch sei es deshalb wirklich die Aufgabe des Staates, beispielsweise durch die Einführung einer Schönheitssteuer, freie Kosmetik oder kostenloses Hanteltraining dafür zu sorgen, dass die bei der natürlichen Ästhetiklotterie augenscheinlich Zukurzgekommenen entschädigt werden und die unverdiente Privilegierung der Schönen gebrochen wird? Worauf Kersting mit diesem und ähnlich gelagerten Beispielen offensichtlich hinauswill, ist, dass die gerechtigkeitsethische Kritik natürlicher Ausgangsungleichheiten nicht nur eine grammatikalische Verfehlung darstellt, sondern zudem auf moralisch einigermaßen groteske und politisch absurde Egalisierungsprogramme hinauszulaufen droht. Vgl. ebd., S. 229ff. IST DAS FAIR? 261 Hinsicht auf die Enteignung der Person hinausliefe.641 Denn wenn nur noch das als Eigenes, Persönliches, als genuiner Ausdruck autonomer Subjektivität und Handlungsmacht verstanden werden darf, was sogar in seinen personalen Voraussetzungen allein durch einen selbst verursacht ist – was könnte dieses wahrhaft Eigene dann überhaupt noch sein? Schließlich verdankt sich jeder allen anderen, sind alle als Menschen in ihrer Leiblichkeit wie in ihrem durch und durch sozialen Habitus immer fremdverursacht, sodass demnach kein Entscheidung, Handlung, Fähigkeit oder Leistung allein einer Person selbst zugeschrieben werden kann. Für Kersting folgt aus dieser – nach meinem Dafürhalten durchaus realistischen – Sichtweise, dass sich Personen »in Knotenpunkte äu- ßerer Verursachungsketten« auflösten und dadurch sozusagen von sich selbst enteignet würden.642 Ganz gleich, welche Anstrengungen und Mühen der Einzelne auch auf sich nehme, immer schon sei seine Leistung durch deren unverdiente Basis kontaminiert und infolgedessen meritokratisch entwertet. Niemand verdiene somit irgendetwas, und niemand habe ein natürliches Anrecht auf die von ihm erarbeiteten Güter – so laute die zwar durchaus konsequente, in ihren subjektivitätstheoretischen wie moralphilosophischen Implikationen jedoch desaströse Quintessenz des Rawlsschen Verantwortungskausalismus, in dem mit der Radikalisierung des Prinzips der Selbstverursachung die Verdienstethik auf eine Spitze getrieben worden sei, auf die kein Mensch mehr folgen könne.643 Erschwerend komme dabei noch hinzu, dass aus denselben Gründen, aus denen niemand etwas verdiene, auch niemand mehr verantwortlich gemacht werden könnte für das, was er begangen hat. Denn der Kriminelle ist nicht mehr und nicht weniger als der Verdienstvolle das Produkt seiner genetischen Anlagen und der sozialen Verhältnisse, unter denen er herangewachsen ist. Insofern zerstöre das Rawlssche Kontingenzargument also nicht nur die gängigen meritokratischen Zuschreibungskonventionen, sondern spiegelbildlich dazu auch die üblichen Konventionen der Zuschreibung moralischer Verantwortlichkeit.644 Wenn aber der Einzelne weder eigene Verdienste erringen, noch persönliche Schuld auf sich laden könne, wenn er also gar nichts mehr allein sich selber zurechnen dürfe, so höre er damit letztlich auf, als eigenständiges, selbstverantwortliches Individuum überhaupt zu existieren. Seine personale Identität hätte sich, verschlungen in ein unentwirrbares Geflecht sozionaturaler Kausalbeziehungen, gleichsam verflüchtigt, und als Leistungssubjekt stünde er, jedweder Verdienstansprüche beraubt, mit leeren Händen da. Damit wäre das autonome, sich namentlich in der Arbeit selbst 641 Vgl. ebd., S. 212f., 226f. 642 Ebd., S. 216. 643 Vgl. ebd., S. 212, 214. 644 Vgl. ebd., S. 216. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 262 verwirklichende Subjekt – mithin nicht weniger als der idealisierte Protagonist der Aufklärung, des Liberalismus und der bürgerlichen Leistungsgesellschaft – in personentheoretischer wie meritokratischer Hinsicht ein für alle Mal erledigt. Es kann nicht überraschen, dass diese Fundamentalkritik des Verdienstprinzips für einen bekennenden Liberalen wie Kersting, der lebensethische Selbständigkeit als oberste Maxime bürgerlichen Daseins und eine eigenverantwortlich unter den Kompetitionsbedingungen des Marktes angebotene sowie nach dessen Gesetzen entlohnte Erwerbsarbeit als maßgebliche Quelle von Selbstwertgefühl und Grundvoraussetzung von sozialer Anerkennung und Inklusion betrachtet,645 eine regelrechte Provokation darstellt. Kersting wirft Rawls (beziehungsweise dem Egalitarismus als solchem) vor, in unmäßigem Moralismus die Reichweite seiner einschlägigen Argumente und vor allem deren in subjekttheoretischer wie moralphilosophischer Hinsicht zerstörerischen Konsequenzen massiv unterschätzt zu haben.646 Diese unterminierten jedoch tragende Pfeiler des bürgerlichen Selbstverständnisses und Gerechtigkeitsempfindens und seien insofern vollkommen inakzeptabel. Die – im Grunde also rein normativ begründete! – Unannehmbarkeit der Rawlsschen Position respektive ihrer Folgen verlange daher die umfassende Revision der gerechtigkeitsethischen Würdigung jener unverdienten natürlichen wie gesellschaftlichen Ausgangsungleichheiten, die überhaupt erst zur Negation des Leistungsprinzips geführt hätten. Genauer gesagt brauche es die schon erwähnte »verdienstethische Entdramatisierung der Differenz […] von Natur und Gesellschaft«, denn wenn sich die differentiellen natürlichen und gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen der individuellen Lebenskarrieren autonomer Selbstverursachung notwendigerweise entziehen, letztere jedoch aufgrund einer »personentheoretischen Illusion« zum entscheidenden Kriterium persönlicher Verdienste erhoben worden sei, dann bleibe, so jedenfalls Kersting, vernünftigerweise gar nichts anderes übrig, als »die verdienstethische Diskreditierung der natürlichen und sozialen Bestimmungsfaktoren des Selbst rückgängig zu machen und die kontingente Person selbst zum Ausgangspunkt verdienstethischer Zurechenbarkeit zu machen.«647 Das also ist es, was Kersting mit verdienstethischem Naturalismus meint: Um das Leistungsprinzip und damit die bürgerliche Idealvorstellung einer durch persönlich zurechenbare unterschiedliche Anstrengungen und Verdienste gerechtfertigten vertikalen Differenzierung der Gesellschaft irgendwie zu retten, sollen die hochgradig ungleichen Startbedingungen der Individuen, die einen Gutteil der Leistungsunterschiede allererst begründen, bewusst ig- 645 Vgl. Kersting 2007, S. 205f. 646 Vgl. Kersting 2000b, S. 228. 647 Ebd., S. 233, 235f. IST DAS FAIR? 263 noriert und die einzelne Person dann unabhängig von ihren jeweiligen Ausgangschancen »in ihrer natürlichen Beschaffenheit und mit all ihren durch ihr soziales Herkunftsmilieu bestimmten Eigenschaften zum ungeteilten Subjekt eines fundamentalen Anspruches auf all die durch Einsatz ihrer Talente, Fähigkeiten und Kompetenzen erarbeiteten Güter erklärt [werden].«648 Auf dieser – die empirische Realität nur ausgesprochen selektiv zur Kenntnis nehmenden – gerechtigkeitstheoretischen Grundlage sei dann schließlich die Rawlssche Ablehnung des Verdienstes ihrerseits zurückzuweisen. Doch ist diese Apologetik des Verdienstprinzips, die auf nichts anderem als der im Grunde fatalistischen Hinnahme und bewussten gerechtigkeitsethischen Ausblendung massiver Chancenungleichheiten beruht, wirklich überzeugend? Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Zunächst muss man feststellen, dass Kersting das zugrundeliegende Problem, dass in der sogenannten Leistungsgesellschaft zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit nämlich individuelle Leistungen miteinander verglichen werden sollen, die sich aufgrund ihrer vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen eigentlich gar nicht miteinander vergleichen lassen, ja nicht etwa löst, sondern einfach durchstreicht. Weil ihm die personentheoretischen und moralphilosophischen Konsequenzen augenscheinlich missfallen, die sich aus der empirisch angemessenen gerechtigkeitsethischen Berücksichtigung der multikausalen äußeren Bedingtheit individueller Fähigkeiten und Handlungen ergeben, will Kersting quasi einfach so tun, als spielten diese vielfältigen Bedingungen für die komparative verdienstethische Bewertung persönlicher Leistungen und die damit zusammenhängende Legitimation abgestufter sozioökonomischer Privilegien gar keine Rolle. Dann natürlich erscheint es weiterhin auch nur logisch, die Profite der marktwirtschaftlichen Produktion, wie Kersting es durchaus vorschlägt, unabhängig von ihren die besitzenden Klassen einseitig begünstigenden Entstehungsbedingungen einfach dort zu belassen, wo sie infolge der kapitalistischen Produktionskausalitäten hinfallen,649 und dabei schlicht zu unterstellen, dass die vorhersehbaren Akkumulationseffekte in der Oberschicht, die damit ganz automatisch einhergehen, zumindest durch die naturalistische Ausdeutung des Verdienstprinzips schon irgendwie gedeckt sein mögen. Doch es scheint mir einigermaßen evident, dass man so nicht gut argumentieren kann. Das bloße Missfallen einer die eigene Weltanschauung zwar konterkarierenden, gleichwohl schlüssigen und empirisch wohlfundierten Position sollte vernünftigerweise nicht dazu führen, diese einfach durch philosophische Verkürzungen zu neutralisieren. Es ist eben eine anthropologische Tatsache, dass Menschen als durch und durch soziale Wesen in ihrem ganzen Dasein 648 Kersting 2000a, S. 158. 649 Vgl. ebd., S. 144f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 264 und in all ihren Handlungen direkt oder indirekt von anderen abhängen und deshalb keines ihrer positiven wie negativen Handlungsresultate allein sich selber zuschreiben könnten oder müssten. Und es ist evident, dass diesem Sachverhalt auch und gerade in verdienst- und verantwortungsethischer Hinsicht Rechnung getragen werden muss, selbst wenn das bedeutet, dass die überkommenen meritokratischen wie moralphilosophischen Zuschreibungskonventionen, die auf der faktisch unhaltbaren – in den hochindividualistischen Gesellschaften des Westens allerdings sehr populären – Fiktion eines völlig autonomen und mit absoluter Willensfreiheit begabten Subjekts basieren, aufgegeben oder zumindest stark relativiert werden müssen.650 Hingegen wider besseres Wissen gleichsam nur so zu tun, als gäbe es dieses vollkommen eigenständige Subjekt, dem alleine man persönliche Schuld anlasten oder Meriten zubilligen könnte, befriedigt weder das sachliche Erkenntnisinteresse noch das wirklichkeitssensible gerechtigkeitsethische Bewusstsein. Dazu kommt, dass der Begriff des persönlichen Verdienstes durch seine Dekontextualisierung von personalen Handlungsvoraussetzungen, wie sie im verdienstethischen Naturalismus Kerstings vorgenommen wird, viel von seinem eigentlichen Bedeutungsgehalt zu verlieren scheint. Denn wenn man beispielsweise davon spricht, dass sich jemand um etwas verdient gemacht hat, oder dass jemand für seine Verdienste geehrt werden soll, dann bezieht man sich dabei in der Regel auf eine besonders anerkennungswürdige, beachtliche oder bedeutsame, das heißt im Vergleich zu anderen irgendwie herausragende Anstrengung oder Leistung. Eine schlichte Handlung wird also erst dadurch zu einem besonderen Verdienst, dass sie sich von anderen positiv abhebt, über das Gewöhnliche hinausragt und eben deshalb besondere Privilegien, wie zum Beispiel ein überdurchschnittliches Einkommen, rechtfertigt. Genau darin 650 In der neuro- und kognitionswissenschaftlich informierten Bewusstseinsphilosophie sowie in der subjektivitätsphilosophisch interessierten Neurobiologie werden die Implikationen, die sich aus der Infragestellung traditioneller Konzeptionen von Willensfreiheit und subjektiver Autonomie durch neuere Ergebnisse der Hirnforschung für das Verständnis von Freiheit, Schuld und Verantwortung, und damit nicht zuletzt für die Praxis des Strafrechts, ergeben, übrigens schon seit Jahren intensiv diskutiert. Siehe hierzu beispielsweise Thomas Metzinger, Wolf Singer: »Ein Frontalangriff auf unsere Menschenwürde«, gemeinsames Interview, in: Gehirn & Geist, 2002, Nr. 4, S. 32–35; Wolf Singer: Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt/M. 2003; ders.: »Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden«, in: Christian Geyer (Hg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente, Frankfurt/M. 2004, S. 30–65; Michael Pauen, Gerhard Roth: Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Frankfurt/M. 2008; Stefanie Hubig, Gerhard Roth (Hg.): Schuld und Strafe. Neue Fragen, Tagungsband, München 2012. IST DAS FAIR? 265 besteht die Essenz der Verdienstgerechtigkeit, dass nämlich eine allgemein nachvollziehbare Korrelation zwischen den persönlichen Leistungen der Menschen und ihrer sozioökonomischen Lebenslage zu erkennen ist, und dass demzufolge nur besondere Meriten eine besonders vorteilhafte Lebenslage gerechtigkeitsethisch legitimieren können. Vor allem in demokratischen Gesellschaften, in denen sich die Menschen grundsätzlich als Gleiche betrachten und privilegierte Positionen der meritokratischen Rechtfertigung bedürfen, wäre die Berücksichtigung dieser Maxime, wie gesehen, eigentlich von elementarer Bedeutung. Doch um das Besondere einer Handlung überhaupt vergleichend feststellen zu können, ist es erforderlich, den jeweiligen Handlungskontext systematisch mitzuberücksichtigen. Und zu diesem zählen neben den äußeren Umständen sowie den gleichgerichteten Anstrengungen Anderer auch die natürlichen und insbesondere sozialen Startbedingungen, unter denen man seine Lebenskarrieren beginnt und die sich als habituell verfestigter, konstitutiver Bestandteil der Persönlichkeit zeitlebens auf die Befähigungen, Handlungsweisen und Erfolgschancen auswirken. Das jedoch heißt, dass ein und dieselbe Handlung oder Handlungsabfolge in Abhängigkeit davon, wer sie ausführt, durchaus als mehr oder weniger verdienstvoll betrachtet werden kann. Um ein Beispiel zu nennen: Natürlich wird auch dem Sohn aus gutem Hause, dessen Vater Arzt und Mutter promovierte Kunsthistorikerin ist, einiges an Fleiß und Anstrengung abverlangt, um nach einem exzellenten Abitur selbst ein erfolgreiches Medizinstudium zu absolvieren und anschließend die Praxis seines Vaters zu übernehmen. Auch seine Leistung ist mithin der Anerkennung würdig. Doch ist es nicht noch wesentlich beachtlicher, wenn zum Beispiel die Tochter einer alleinerziehenden und geringqualifizierten Frau, die sich und ihre drei Kinder mit einem Mix aus Sozialleistungen und Nebenverdiensten mehr schlecht als recht über Wasser hält, gegen alle Statistik ein so gutes Abitur erreicht, dass ihr das (notgedrungen selbstfinanzierte) Medizinstudium offensteht und sie später eine eigene Praxis eröffnen kann? Muss man nicht davon ausgehen, dass in ihrem Fall ein deutlich höheres Maß an Begabung, Fleiß und Anstrengung nötig war und insofern eine erheblich größere Leistung erbracht wurde, um die vielfältigen sozialen und finanziellen Benachteiligungen, mit denen sie im Laufe ihrer Bildungskarriere bis zur Approbation herkunftsbedingt sehr wahrscheinlich zu kämpfen hatte, erfolgreich auszugleichen? Und hat man es demnach nicht mit einem die tatsächliche Leistung geradezu verstümmelnden Verdienstbegriff zu tun, wenn man die völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen, von denen aus das Ziel (hier also die eigene Praxis) jeweils zu erreichen war, bei der meritokratischen Evaluation der individuellen Lebensläufe einfach außer Acht lässt? Vieles spricht dafür, dass man das genau so sehen muss, und dass man deshalb für eine faire und realistische Einschätzung der Lebensleistung TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 266 eines Menschen – und damit für die Einschätzung dessen, was ihm dem verdienstethischen Prinzip zufolge gerechterweise zusteht – gar nicht anders kann, als die jeweiligen Ausgangschancen grundsätzlich mitzubedenken. Andernfalls könnte man ja auch so tun, als würde die Leistung zweier Alpinisten jeweils dasselbe Maß an Anerkennung verdienen, obwohl der eine den Berg vom Fuße bis zum Gipfel allein aus eigener Kraft erklommen hat, während der andere den größten Teil des Weges mit der Seilbahn gefahren ist. Oben sind sie am Ende schließlich beide. Richtig ist allerdings, dass die meritokratische Berücksichtigung der ungleichen Startchancen notwendigerweise dazu führt, dass die Verdienste eines Menschen nie wirklich exakt bestimmt werden können. Denn in der Praxis lässt sich niemals ganz genau sagen, inwieweit Handlungserfolge (oder -mißerfolge) tatsächlich selbstverursacht sind, und bis wohin sie auf persönlich unverdienten (oder unverschuldeten) Voraussetzungen beruhen. Das aber heißt, dass das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, das in der Bevölkerung so große Zustimmung erfährt, zwangsläufig ein relativ grober und unpräziser Gerechtigkeitsmaßstab bleiben muss, der stark auf subjektive Intuition und Mutmaßung angewiesen ist. Damit soll zwar nicht unbedingt gesagt sein, dass der Gedanke der Anerkennung und Belohnung besonderer Verdienste in jeder Hinsicht undurchführbar ist.651 Doch damit wird deutlich, dass das Verdienstprinzip über den in der modernen Gesellschaft letztlich unverbindlichen Rahmen mehr oder weniger intuitiver Achtungserweise hinaus allenfalls in ganz spezifischen, klar umrissenen Handlungsfeldern, in denen die Voraussetzungen und Kriterien der Leistungserbringung eindeutig definiert und festgestellt werden können – wie zum Beispiel im organisierten Wettkampfsport mit seinen detaillierten Reglements und ausdifferenzierten Geschlechts-, Alters- und Leistungsklassen –, sinnvoll angewendet werden kann, während es sich dagegen als viel zu vage, interpretationsbedürftig und fehleranfällig erweist, um auch für die gesamtgesellschaftliche Verteilung des Reichtums und der sozialen Teilhabechancen – bei der es mithin um sehr viel mehr geht als bloß um ein paar Pokale und Medaillen, nämlich um die elementaren Grundvoraussetzungen eines guten Lebens – als sachlich und gerechtigkeitsethisch einigermaßen angemessenes Distributionsprinzip gelten zu können. Dieser Einsicht in die grundsätzliche evaluative Unschärfe der Leistungsprinzips hat man sich gerade in der gerechtigkeitstheoretischen Reflexion zu stellen – man kann sie nicht einfach durch eine krude Naturalisierung des persönlichen Verdienstes »entdramatisieren«, ohne dadurch sozusagen mutwillig hinter das empirisch wie moralphilosophisch Wissbare und Begründbare weit zurückzufallen. 651 Wovon John Rawls allerdings aus eben diesen Gründen überzeugt ist. Vgl. Rawls 1975, S. 346. IST DAS FAIR? 267 Dass diese Einsicht respektive das ihr zugrundeliegende und wachgehaltene Bewusstsein für die äußere Bedingtheit individueller Leistungen dann, sozusagen als Preis der Erkenntnis, auf die Zerstörung personaler Identität sowie die verdienstethische Enteignung der Person hinauslaufe, ist dabei nicht mehr als eine nun ihrerseits dramatisierende Übertreibung Kerstings. Denn das Bewusstsein um die natürliche und gesellschaftliche Bedingtheit des Subjekts impliziert keineswegs notwendigerweise die personentheoretische Auflösung desselben »in Knotenpunkte äußerer Verursachungsketten.«652 Vielmehr sind die Menschen eigenständige und ungeteilte Individuen, die ihr Verhalten auf Basis von je nach Situation mal mehr, mal weniger eigenmächtig und bewusst getroffenen Entscheidungen selbst steuern und insofern auch persönliche Verdienste erringen oder Schuld auf sich laden können. An diesem, sich in den konventionellen Vorstellungen von individueller Verantwortlichkeit widerspiegelnden Sachverhalt einer die Verdienstansprüche ebenso wie Schuldvorwürfe rechtfertigenden Selbststeuerung der Person, sozusagen an ihrer operativen Geschlossenheit, soll also überhaupt nicht gerüttelt werden. Der springende Punkt ist nur, dass genauso wenig bestritten werden kann, dass die ganze Gestalt der habitualisierten Selbststeuerung, der bewussteren ebenso wie der unbewussteren, ein, wie Norbert Elias es nennt, soziales Verflechtungsprodukt ist, welches sich im Rahmen des genetisch Möglichen und vor allem während des niemals endgültig abgeschlossenen Sozialisationsprozesses in einem kontinuierlichen Hin und Her von Beziehungen zu anderen Menschen herausbildet, sodass sich die leiblich fundierte personale Identität des erwachsenen Individuums generell als gesellschaftsspezifische Identität herausstellt.653 Was immer die Menschen tun, tun sie also durchaus selbst, aber auf Grundlage der natürlichen und gesellschaftlichen Dispositionen, die ihrem Selbst erst seine typische Gestalt geben. Meritokratisch gewendet heißt das, dass die Menschen als Leistungssubjekte sehr wohl persönliche Verdienstansprüche erwerben können (zum Beispiel auf die Früchte ihrer Arbeit) – nur eben kaum jemals alleine.654 Und umgekehrt sind sie auch im Schlechten für ihre Taten verantwortlich – aber auch das wohl 652 Kersting 2000b, S. 216. 653 Vgl. zum wechselseitigen Konstitutionsverhältnis von Individuum und Gesellschaft die nach wie vor grundlegenden Arbeiten von Norbert Elias, und zwar neben seinem Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt/M. 1969, sowie seiner bis heute kaum rezipierten Symboltheorie, Frankfurt/M. 2001, insbesondere das Buch über Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt/M. 1991, hier S. 47. 654 Und zwar einfach deshalb nicht, weil all diejenigen, die die Hervorbringung besagter Früchte direkt oder indirekt überhaupt erst ermöglicht haben (beispielsweise die Eltern, Lehrer, Geschwister, Freunde, Mentoren, Kollegen usw.), quasi als Koproduzenten zu betrachten sind. In gewisser Weise sind Menschen also TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 268 nur in den seltensten Fällen vollkommen allein. Insofern ist die Befürchtung, dass die verdienstethische Berücksichtigung der vielfältigen natürlichen wie sozialen Bestimmungsfaktoren des Selbst automatisch zur Vernichtung personaler Identität und zur gerechtigkeitsethischen Enteignung der Person führen könnte, gänzlich unbegründet. Es geht nicht um die Zerstörung des Subjekts oder die Negation sämtlicher meritokratischer Ansprüche, sondern lediglich um die empirisch wie personentheoretisch wohlbegründete gesellschaftliche Relativierung, im Sinne eines In-Beziehung-Setzens, persönlicher Verdienste und Verantwortlichkeiten, die deren realistischere und damit auch gerechtere Einschätzung – wenn auch nicht ihre genaue Quantifizierung! – erlaubt. Dies aber sollte allenfalls denjenigen beunruhigen, der sich wider besseres Wissen noch immer, und sei es nur ideell, an der Fiktion eines völlig unabhängigen und deshalb potentiell alleinverantwortlichen Handlungssubjekts festklammert. Wer sich jedoch die fundamentale Gesellschaftlichkeit des menschlichen Individuums bewusst hält, den wird auch die korrespondierende Gesellschaftlichkeit der von diesem hergestellten Güter und Leistungen kaum irritieren. Bleibt schließlich noch zu klären, was von Kerstings einigermaßen polemisch vorgetragener Fundamentalkritik an Rawls‘ angeblich komplett abwegigem und »grotesk unvernünftigem« Argument von der moralischen Willkür der Natur zu halten ist.655 In der Tat erscheint die Rawlssche These, dass nicht nur die gesellschaftliche, sondern ebenso die natürliche Ungleichheit der individuellen Ausgangschancen, die zum Beispiel aus angeborenen Unterschieden der Begabung, der körperlichen Merkmale und Fähigkeiten sowie psychischer Dispositionen entsteht, als ungerecht zu bewerten sei und infolgedessen nach wohlfahrtsstaatlicher Kompensation verlange, intuitiv als völlig überzogen und bei näherer Betrachtung dann tatsächlich als Ergebnis eines moralphilosophischen Kategorienfehlers, der in der unzulässigen Übertragung der an Subjektivität und Verantwortlichkeit gebundenen Moral auf geist- und absichtslose Naturprozesse, die sich gleichsam jenseits von Gut und Böse in ihrer schieren Faktizität einfach vollziehen, besteht. Und auch wenn man darum die insofern also weder gerechte noch ungerechte, sondern moralisch schlicht neutrale Ungleichheit der natürlichen Startbedingungen und die aus dieser sich ergebenden sozioökonomischen Verteilungsmuster mitnichten fatalistisch akzeptieren muss, zum Beispiel, weil sich die politische Gemeinschaft ja durchaus dazu entschließen kann, aus Solidarität zumindest jene zu unterstützen, die bei der Lotterie der Natur ein besonders schlechtes Los gezogen haben und beispielsweise mit einer nicht nur selbst »Gemeinschaftsprodukte«, sondern können auch gar nichts anderes als Gemeinschaftsprodukte produzieren. 655 Kersting 2000a, S. 122. IST DAS FAIR? 269 Behinderung zur Welt gekommen sind, so lassen sich dementsprechende Umverteilungen jedenfalls nicht damit rechtfertigen, dass die von der Natur Bevorzugten,656 etwa die besonders Schönen oder Hochbegabten, unverdientermaßen in den Genuss moralisch willkürlicher und insofern ungerechter Privilegien gekommen wären, die es aus verdienstethischen Gründen nun irgendwie zu korrigieren gälte. Insofern hat Kersting sicher recht: Zumindest, was die naturbedingte Ungleichheit der Ausgangschancen betrifft, ist einfach nichts Ungerechtes geschehen, was der Sozialstaat wiedergutzumachen hätte – einmal ganz davon abgesehen, dass auch gar nicht klar wäre, wie ein solches kompensatorisches Ausgleichsprogramm naturbedingter Ungleichheit, zum Beispiel eben der Schönheit, überhaupt aussehen sollte. Dennoch halte ich drei Bemerkungen für notwendig. Erstens liefert die solchermaßen durchaus plausibel begründete Zurückweisung verdienstethisch motivierter Egalisierungsprogramme naturbedingter Ausgangsungleichheiten noch kein überzeugendes Argument gegen die wohlfahrtsstaatliche Angleichung gesellschaftlich bedingter Ausgangsunterschiede. Denn während sich die genetisch bedingte Naturausstattung der Individuen der menschlichen Kontrolle und Verantwortlichkeit auch heute noch weitestgehend entzieht, sind die sozialen und das heißt menschengemachten Ursachen der Chancenungleichheit, die mit der institutionellen Grundstruktur der Gesellschaft zusammenhängen und vor allem in der massiven, sich selbst stabilisierenden respektive sogar noch weiter verschärfenden Polarisierung der gesellschaftlichen Einkommens- und Kapitalverteilung zu sehen sind, seit jeher zentraler, oft heißumkämpfter Gegenstand aktiver politischer Gestaltung und von daher auch politisch zu verantworten. Sie sind als unmittelbares Ergebnis politisch-ökonomischer Verteilungskämpfe demnach alles andere als moralisch neutral und gehen die soziale Gerechtigkeit sehr wohl etwas an. Was, müsste man eigentlich fragen, wenn nicht die sozial konstruierte, anthropogene Grundund Verteilungsstruktur der Gesellschaft, die eben kein Fatum, sondern dem politischen Zugriff verfügbar ist und von der die Start- und Lebenschancen der Menschen wie sonst von kaum etwas abhängen, sollte denn sonst genuiner Gegenstand der sozialen Gerechtigkeit sein? Während es also auf der einen Seite – mit gewissen Einschränkungen, auf die ich gleich eingehen werde – durchaus vernünftig erscheint, die natürlichen Ausgangsungleichheiten erst einmal zu akzeptieren, spricht auf der anderen Seite alles dafür, die politischen Handlungsspielräume, die mit dem bereits in der Antike aufscheinenden, allerdings erst in der Neuzeit voll zum Durchbruch gelangenden Bewusstsein um die soziale Konstruktivität und damit Machbarkeit der gesellschaftlichen 656 Wobei schon diese Formulierung strenggenommen auf eine unzulässige Subjektivierung hindeutet, »bevorzugt« die Natur doch schließlich niemanden. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 270 Verhältnisse einhergehen,657 gezielt dafür zu nutzen, um die gesellschaftlich bedingte Ungleichheit der individuellen Ausgangschancen aus Gründen der Gerechtigkeit zu minimieren. Hierfür reicht es dann allerdings nicht aus, wie Kersting zu glauben scheint, lediglich »ein System der institutionellen Sicherung der schwachen und äußeren Chancengleichheit zu etablieren«,658 das sich damit begnügt, für allgemein zugängliche und vertikal wie horizontal hinreichend ausdifferenzierte Bildungseinrichtungen zu sorgen, die jedem »eine seiner Talentausstattung, Interessenausrichtung und Lebensplanung entsprechende Entwicklung seiner Begabungen und Anlagen gestattet.«659 Denn wie oben erläutert, ist der Einfluss der sozialen Herkunft und vor allem des in der Familie zur Verfügung stehenden ökonomischen und kulturellen Kapitals auf die (früh-) kindliche Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten, Begabungen und Interessen und damit auch auf die schulischen Erfolgschancen viel zu dominant, als dass ihn ein lediglich in formaler Hinsicht allen Kindern gleichermaßen offenstehendes Bildungs- und Erziehungssystem auch nur annähernd ausgleichen könnte. Aus diesem Grund, weil also die wirklich entscheidenden Faktoren für die individuellen Bildungs- und Karrierechancen, jedenfalls solange die Kindererziehung noch nicht vollständig verstaatlicht ist, außerhalb des Bildungssystems liegen, muss es diesem zwangsläufig misslingen, reale Chancengleichheit zu gewähren – es trägt stattdessen fortlaufend zur Reproduktion der Ungleichheiten bei. Wer daran ernstlich etwas ändern und dem demokratischen Ziel, zumindest die gesellschaftlich bedingte Ungleichheit der individuellen Lebens- und Entwicklungschancen zu verringern, näherkommen will, der wird deshalb nicht umhinkönnen, deren eigentliche Ursache, nämlich die massive Ungleichheit der gesellschaftlichen Reichtumsverteilung, die durch die eigenlogische, allein auf Kapitalvermehrung fixierte Prozessualität des Marktes unweigerlich erzeugt wird, durch staatliche Umverteilung systematisch zu korrigieren. Nur, wenn die sozioökonomischen Lebensverhältnisse der Familien wenn schon nicht gleich, so wenigstens nicht allzu ungleich sind, kann man realistischerweise hoffen, dass auch die effektiven Bildungs-, Entwicklungs- und Karrierechancen der aus diesen Familien hervorgehenden Kinder einander ähneln. Nicht um die Gleichschaltung der Lebenspraxen geht es dabei, sondern ganz im Gegenteil um die redistributiv ermöglichte Anhebung und Vergrößerung der die autonome Realisierung unterschiedlichster Lebensstile zulassenden praktischen Verwirklichungschancen namentlich der unteren, bislang abgeschlagenen Bevölkerungsgruppen. Die von den wirtschaftsliberalen Kritikern sozialstaatlicher Umverteilungsprogramme gewöhnlich 657 Vgl. Dux 2004, S. 130ff. 658 Kersting 2007, S. 204. 659 Ders. 2000a, S. 363. IST DAS FAIR? 271 propagierte Alternative dazu, nämlich die wachsenden Profite der kapitalistischen Reichtumsproduktion zugunsten angeblicher Effizienzgewinne oder aus Gründen einer naturalistisch verstümmelten Verdienstethik einfach dort zu belassen, wo sie gemäß den marktwirtschaftlichen Produktionskausalitäten ohnedies hinfallen, liefe dagegen auf nichts anderes als die endlose Perpetuierung der durch das unverkürzte Leistungsprinzip jedenfalls nicht legitimierten politischen und ökonomischen Herrschaftsverhältnisse hinaus. Mir fällt kein Grund ein, warum man das akzeptieren sollte. Zweitens halte ich es keineswegs für ausgemacht, dass aus Kerstings überzeugender Zurückweisung der Rawlsschen These, dass die naturbedingten und insofern moralisch neutralen Ausgangsungleichheiten durch staatliche Redistribution kompensiert werden müssten – etwa so, als wären die von der Natur Begünstigten, die Starken, Schönen, Klugen usw., aus gerechtigkeitsethischen Gründen dazu verpflichtet, als Wiedergutmachung für ihr unverdientes Glück die Pechvögel der Naturlotterie für deren Misere zu entschädigen –, auch umgekehrt folgt, dass die natürlichen Startunterschiede für die Entscheidung darüber, ob eine individuelle Leistung als besonders anerkennungswürdig und damit als verdienstethische Grundlage für privilegierte Ansprüche auf gesellschaftliche Güter betrachtet werden sollte, überhaupt keine Rolle spielten. Denn es ist eines, Wiedergutmachung abzulehnen, wo es gar nichts wiedergutzumachen gibt, weil weder etwas Ungerechtes geschehen noch eine moralisch verantwortliche Instanz zu identifizieren wäre. Es ist aber etwas völlig anderes, die gesellschaftliche Verteilungsordnung, das heißt die Basis der individuellen Lebens- und Verwirklichungschancen, auf den meritokratischen Vergleich von Leistungen gründen zu wollen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen fairerweise überhaupt nicht zu vergleichen sind. Wie ich mich im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Ausgangsunterschieden bereits zu plausibilisieren bemüht habe, besteht der Grundgedanke des Leistungsprinzips doch eben darin, dass nur besondere Leistungen besondere Privilegien rechtfertigen, dass man aber, um die Besonderheit einer Leistung wirklich feststellen zu können, deren spezifische Voraussetzungen kennen und berücksichtigen muss; und dasselbe gilt genauso im Kontext der natürlichen Startbedingungen. Ich möchte dies an einem zurückliegenden realen Beispiel aus der Praxis des gymnasialen Sportunterrichts veranschaulichen. Für einen in sportlicher Hinsicht durchschnittlich talentierten Jugendlichen ist es normalerweise auch ohne besonderes Training kein Problem, tausend Meter in einer passablen Zeit zu laufen und dafür mit einer ordentlichen Note belohnt zu werden. Ganz anders aber sah die Sache seinerzeit aus Sicht eines etwas weniger sportlichen Jungen aus, der zudem an starkem Asthma litt. Diesem Jungen war es zunächst völlig unmöglich, mehr als wenige hundert Meter durchzulaufen, von tausend ganz zu schweigen. Es TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 272 gelang ihm jedoch, seine Ausdauer durch diszipliniertes, intensives Training in der Freizeit so sehr zu verbessern, dass er bei der Notengebung am Ende des Schuljahres die tausend Meter unter Aufbietung all seiner Kräfte erfolgreich absolvieren konnte. Das Problem dabei war nur, dass er trotz allem so langsam lief, dass seine Zeit gemäß der Notenskala mit null Punkten zu bewerten war. Während also die gesunden, sportlichen Schüler ohne größeres Zutun eine gute Zensur erhielten, wurde die Leistung des besagten Jungen de facto als Totalversagen eingestuft. Aber entspricht diese Bewertung wirklich den intuitiven Vorstellungen persönlicher Verdienstlichkeit? Ist tatsächlich die gängige Auffassung, dass die Anstrengungen und das Durchhaltevermögen dieses Jungen sowie die Tatsache, dass er die tausend Meter schlussendlich geschafft hat, keine Anerkennung verdienen und erst recht keinen Anspruch auf eine wenigstens halbwegs ordentliche Note begründen? Ich denke, dass genau das Gegenteil der Fall ist, und dass an diesem Beispiel in aller Deutlichkeit erkenntlich wird, zu welchen eklatanten Ungerechtigkeiten die systematische verdienstethische Ausblendung der einer individuellen Leistung jeweils zugrundeliegenden natürlichen oder gesellschaftlichen Startbedingungen führen kann. Nur, wenn man das bloße objektive Schnellersein, losgelöst von den personalen Voraussetzungen, für sich genommen bereits als Verdienst auffasste, würde es die grundsätzliche Privilegierung des Schnelleren vor dem Langsameren meritokratisch legitimieren. Dann aber könnte man gemäß derselben Logik auch sagen, dass der Weltrekord eines Läufers generell verdienstvoller ist – und damit zum Beispiel eine größere Prämie rechtfertigt –, als der langsamere Weltrekord einer Läuferin über dieselbe Distanz. Genau das würde man jedoch unter Verweis auf die unterschiedlichen physischen Voraussetzungen von Männern und Frauen normalerweise vehement bestreiten, und in der Tat belief sich die Prämie für einen Weltrekord bei der letzten Leichtathletikweltmeisterschaft von 2013 für Männer wie Frauen gleichermaßen auf 100.000 Dollar.660 Daran kann man sehen, dass die natürlichen Ausgangsunterschiede der Menschen, im Gegensatz zu den gesellschaftlichen, in moralischer Hinsicht zwar durchaus neutral sein mögen und insofern auch keine gerechtigkeitsethisch begründeten Kompensationen erfordern – zum Beispiel, indem man den besonders talentierten Läufern Zusatzgewichte in die Taschen schöbe –, dass sie aber, exakt wie die gesellschaftlichen, für eine angemessene, allgemein als fair empfundene Bewertung der auf ihnen aufbauenden Leistungen sehr wohl zu berücksichtigen sind. Das gesamte System ausdifferenzier- 660 Vgl. International Association of Athletics Federations (IAAF): »TDK and Toyota to support US$100,000 World Record Programme – Moscow 2013«, Pressemitteilung vom 06.08.2013, http://www.iaaf.org/news/press-release/tdk-andtoyota-to-support-us100000-world-reco (23.03.16). IST DAS FAIR? 273 ter Geschlechts-, Alters-, Gewichts- und sonstiger Leistungsklassen im Sport trägt genau dieser Einsicht Rechnung und hat die Funktion, zugunsten eines möglichst ausgewogenen und fairen Wettbewerbs nur solche Athleten miteinander konkurrieren zu lassen, die in etwa über dieselben Voraussetzungen verfügen. Ein regulärer Kampf zwischen zwei so ungleichen Gegnern wie Vitali Klitschko und Regina Halmich ist dadurch von vornherein ausgeschlossen. Nun kann man zwar, wie Kersting es tut, durchaus einwenden, dass das Leben eben kein Wettlauf ist,661 sondern nach anderen, unsportlicheren Regeln verläuft. Dem ist zweifellos zuzustimmen. Nur, und das ist der springende Punkt, sollte man dann selbstredend auch nicht so tun, als hätten die divergierenden Verläufe der individuellen Lebenskarrieren und die ungleiche Verteilungsstruktur der realen Lebens- und Teilhabechancen ursächlich allzu viel mit persönlichen Verdiensten im Sinne von moralisch besonders anerkennungswürdigen Handlungen zu tun. Denn genauso wenig, wie man es als besonders verdienstvoll betrachten würde, wenn Vitali Klitschko die nicht einmal halb so schwere Regina Halmich in einem Boxkampf k. o. schlüge, ist es besonders anerkennungswürdig, wenn das geborene Genie seine weniger begabten Klassenkameraden in der Schule überflügelt, der Sohn eines wohlhabenden Bankiers eine erfolgreichere Karriere als seine frühere Kommilitonin aus der Arbeiterschicht hinlegt oder ein multinationaler Großkonzern einen kleinen Mitbewerber vom lokalen Markt verdrängt. In all diesen Fällen handelt es sich schlicht um die objektiven Resultate ungleicher Kämpfe, die aufgrund der zugrundeliegenden Chancenungleichheit von vornherein zu prognostizieren waren. Mit moralischen Verdiensten, Fairness oder Gerechtigkeit hat das wenig zu tun. Die Lebenswirklichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft wird vielmehr in fast all ihren Facetten und von frühester Kindheit an von der normativ völlig indifferenten Sachlogik der marktwirtschaftlichen Konkurrenz geprägt, in der es nicht um die Moral, sondern bestenfalls um den halbwegs gesetzeskonformen Sieg des Stärkeren über den Schwächeren geht. Ob diese Siege dabei auf asymmetrischen Macht- und Kräfteverhältnissen beruhen, spielt für das ökonomische Ergebnis keine Rolle. – Für die Verdienstethik aber schon! Einen, in welcher Hinsicht auch immer, offensichtlich schwächeren Konkurrenten zu besiegen, mag ja durchaus profitabel und überdies legal sein – eine Ruhmestat ist es aber nicht. Und genau deshalb lassen sich die persönlichen, in besonderer Weise anerkennungswürdigen moralischen Verdienste eines Menschen, die gemäß dem Leistungsprinzip seine soziale und ökonomische Besserstellung gerechtigkeitsethisch legitimieren könnten, auch unmöglich einschätzen, ohne dabei seine individuellen Ausgangsbedingungen, die gesellschaftlichen wie eben auch die 661 Kersting 2000a, S. 371ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 274 natürlichen, bewusst in Rechnung zu stellen. Dass dies dann, wie oben bereits ausgeführt, die unvermeidliche evaluative Unschärfe des meritokratischen Prinzips bedingt und dessen gesamtgesellschaftliche Anwendbarkeit als basales Legitimationsprinzip sozialer Ungleichheit dadurch fundamental in Frage stellt, und dass dies weiterhin wenn schon nicht zur völligen meritokratischen Enteignung der Person, so doch zu einer gewissen gesellschaftlichen Relativierung beziehungsweise Kollektivierung individueller Verdienstansprüche führt, ist eine auf den ersten Blick vielleicht irritierende, rational jedoch unabweisbare Konsequenz. Sich ihr zu verschließen und die reale Chancenungleichheit der Menschen in meritokratischer Hinsicht einfach auszublenden, hieße, wie schon erwähnt, die schiere Faktizität der sozioökonomischen Machtverhältnisse mittels einer mutwillig verstümmelten, den semantischen Kern des Verdienstbegriffs systematisch verfehlenden Verdienstethik pseudomoralisch zu rechtfertigen. Drittens schließlich ist noch zu anzumerken, dass sich der »Vorhof der genetisch bedingten Naturausstattung« der menschlichen Kontrolle und Verantwortlichkeit auch keineswegs so vollständig entzieht, wie Kersting suggeriert.662 Auch die Naturausstattung ist daher mitnichten in jeder Hinsicht moralisch neutral. Zum einen scheinen sich die gezielten medizinisch-technischen, auch pränatalen Selektions- und Zugriffsmöglichkeiten auf das menschliche Erbgut immer weiter zu entwickeln, sodass sich zumindest darüber spekulieren lässt, inwieweit dadurch rein genetische Differenzen in normative Probleme der Gengerechtigkeit verwandelt und somit in den »Innenraum gesellschaftlich-politischen Handelns«663 verschoben werden. Wenn zum Beispiel durch In-vitro-Fertilisation erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in die Gebärmutter einer Präimplantationsdiagnostik unterzogen werden, um Gendefekte auszuschließen oder das gewünschte Geschlecht zu bestimmen, dann wird dadurch die Naturausstattung eines Menschen zum objektiven Entscheidungsgegenstand eines anderen, was neben medizinethischen auch gerechtigkeitsethische Fragen aufwirft. Sogar die positive Beeinflussung erblich bedingter Eigenschaften ist längst nicht mehr nur Utopie.664 Und zum anderen können menschliche Handlungen auch indirekte, gleichwohl bewusst in Kauf genommene Auswirkungen auf die Gesundheit und das Erbgut Dritter haben. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn in der Plantagenwirtschaft des globalen Südens chemische Spritzmittel 662 Kersting 2000b, S. 210. 663 Ebd. 664 Man erinnere sich beispielsweise an den moralisch besonders umstrittenen Fall jener gehörlosen Eltern aus Großbritannien, die mittels künstlicher Befruchtung ein möglichst ebenso gehörloses Kind zu bekommen wünschten. Vgl. Gina Thomas: »Schweres Erbe erwünscht«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.03.2008. IST DAS FAIR? 275 eingesetzt werden, die nicht »nur« die Gesundheit der meist ungeschützten – und ohnedies schon ausgebeuteten – Landarbeiterinnen und Landarbeiter gefährden, sondern über die Schädigung des Erbguts auch zu angeborenen Krankheiten und Behinderungen der nachkommenden Generationen führen.665 Ähnliche Konstellationen mit potentiell vergleichbaren Folgen liegen vor, wenn etwa das Trinkwasser durch industrielle Umweltgifte kontaminiert oder die natürlichen Lebensgrundlagen durch die zivile und militärische Nutzung der Kernenergie verseucht werden. Mit Heinrich Popitz könnte man solche Fälle als Ausdruck der »datensetzenden Macht« des Menschen beschreiben, die darin besteht, durch die technisch-artifizielle Manipulation der Natur über die Lebensbedingungen anderer, unter Umständen sehr viel später oder weit entfernt lebender Menschen entscheiden zu können.666 Was aber all diese Beispiele gleichermaßen demonstrieren, ist jedenfalls, dass auch die natürlichen, im Sinne von genetisch fixierten Ausgangsbedingungen der Individuen keineswegs ausschließlich naturbedingt, das heißt allein durch die absichtslosen, anonymen und insofern moralisch neutralen Prozesse der Natur bestimmt sein müssen, sondern dass sie gar nicht so selten, direkt oder indirekt, von subjektiv durchaus bewussten und zurechenbaren Handlungsentscheidungen verantwortlicher Menschen beeinflusst werden und somit sehr wohl von höchster gerechtigkeitsethischer Relevanz sein können. Auch die natürliche Ungleichheit der Individuen kann also durchaus innerhalb des Bereichs moralischer Beurteilung liegen, ist also keineswegs grundsätzlich als moralisch neutral zu betrachten; es kommt vielmehr darauf an, ob sie wirklich naturbedingt oder eben doch anthropogenen Ursprungs ist. Summa summarum scheint mir demnach festzustehen, das Kerstings Versuch, das Verdienstprinzip respektive die bürgerliche Vorstellung, die kapitalistische Verteilungsordnung ließe sich auf eine meritokratische Legitimationsgrundlage stellen, durch die weitgehende Ignoranz der eben dieser Verteilungsordnung zugrundeliegenden sozialen Chancenungleichheit zu retten, als gescheitert zu betrachten ist. Der verdienstethische Naturalismus ist nicht nur ideologisch motiviert, insofern ihm vor allem das weltanschaulich begründete Unbehagen an den personentheoretischen wie verdienstethischen Konsequenzen, die sich aus der Rawlsschen Fundamentalkritik des Verdienstprinzips seiner Ansicht nach ergeben, den Anstoß gab. Der verdienstethische Naturalismus basiert vor allem auf einer personentheoretisch wie verdienst- und 665 Siehe hierzu als exemplarisch herausgegriffenes Beispiel unter vielen Michael Höft: »Das Bella-Crema-Geheimnis. Pestizide satt. Was sich hinter dem brasilianischen Kaffeeanbau verbirgt«, in: Die Zeit, Nr. 8, vom 21.02.2013. 666 Vgl. Heinrich Popitz: Phänomene der Macht, 2., stark erw. Aufl., Tübingen 1992, S. 29ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 276 verantwortungsethisch unhaltbaren künstlichen Isolierung, oder auch: normativen Verabsolutierung, des handelnden Subjekts von den dieses allererst konstituierenden und in seinen realen Handlungsmöglichkeiten wenn schon nicht determinierenden, so jedenfalls zeitlebens mitbestimmenden natürlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Dies ist nicht nur theoretisch unbefriedigend, es führt auch, paradoxerweise, geht es Kersting doch gerade um die Rettung des Verdienstbegriffs, zu dessen semantischer Entkernung, weil fortan nur noch das Ergebnis, nicht mehr jedoch dessen mehr oder weniger verdienstvolle Entstehungsgeschichte mit all ihren für eine wirklich faire Beurteilung des persönlichen Verdienstes relevanten Bedingungsfaktoren in den Blick genommen wird. Wenn man daher das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit als normativen Maßstab an die gesellschaftlichen Verteilungsverhältnisse anlegen will, dann kommt man nach alldem nicht umhin, die individuellen Ausgangschancen der Menschen systematisch mitzuberücksichtigen. Diese aber sind, wie ausführlich dargelegt wurde, von massiver Ungleichheit geprägt. Daraus folgt, dass eine in sachlogischer wie normativer Hinsicht unverzichtbare Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb, die Chancengleichheit, faktisch nicht gegeben ist, und sich die ausgeprägte sozio- ökonomische Ungleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft demzufolge auch nicht verdienstethisch rechtfertigen lässt. Schon deshalb also erweist sich die in der kapitalistischen Moderne gegebene Verteilungsordnung, zumindest am Leistungsprinzip gemessen, schlicht als ungerecht. — Exkursende — Mechanismen der Reichtumsverteilung Die scharfe Ungleichheit der gesellschaftlichen Reichtumsverteilung widerspricht aber nicht nur darum dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, weil reale Chancengleichheit unter den Bedingungen des Kapitalismus eine Illusion ist, sondern auch, weil das Kriterium des persönlichen Verdienstes, entgegen den landläufigen Vorstellungen einer wenigstens im Idealfall meritokratisch geordneten Gesellschaft, ohnedies nur von nachrangiger Bedeutung für die ökonomische Gesamtverteilung ist. Es handelt sich, wie vor allem Hayek immer wieder betont hat,667 bei der Idee, die marktwirtschaftlich verfasste Gesellschaft könnte die einzelnen Menschen nach ihren persönlichen Meriten – oder gar nach ihren Bedürfnissen! – belohnen, einfach um einen Irrglauben, der auf einem Missverständnis der tatsächlichen Distributionsmechanismen beruht. Denn zum ersten spielt die (dem Leistungsprinzip ersichtlich widersprechende) 667 Siehe zum Beispiel Hayek 2004b, S. 188ff. IST DAS FAIR? 277 Vererbung des ökonomischen Kapitals eine ganz entscheidende Rolle für die materiellen Verteilungsverhältnisse einer Gesellschaft. Tatsächlich dürfte sogar kaum eine Institution für die Reproduktion sozioökonomischer Ungleichheit von größerer Bedeutung sein.668 Ich möchte dies anhand einiger Zahlen veranschaulichen. In praktisch allen Ländern der Erde konzentriert sich der Großteil des privaten Reichtums in den Händen einer kleinen Elite schwerreicher Vermögensbesitzer. Jens Beckert zufolge belaufen sich die Besitzanteile des obersten Dezils, je nach Land, auf 40 bis 60 % des insgesamt vorhandenen Privatvermögens, wobei allein das reichste Prozent der Haushalte bis zu 40 % – in einigen Ländern sogar noch mehr – besitzt.669 In Deutschland zum Beispiel verfügt das oberste Zehntel der nach dem Vermögen sortierten Bevölkerung, wie eingangs schon dargelegt, über knapp zwei Drittel des Privatvermögens, während die untere Hälfte der Bevölkerung praktisch überhaupt keine Vermögenswerte vorzuweisen hat.670 Diese Ungleichheit der Besitzverhältnisse spiegelt sich auch in den Erbschaften wider. Bei rund 800.000 Todesfällen pro Jahr schätzt Beckert die Gesamtsumme der jährlichen Erbschaften auf 75 bis 100 Milliarden Euro (Tendenz steigend),671 wobei der Löwenanteil auf eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe entfällt.672 Genaue Zahlen seien zwar schwer zu bekommen, da vor allem die wohlhabenden Schichten aufgrund der gesellschaftspolitischen Brisanz der Thematik verständlicherweise um Verschwiegenheit bemüht und zudem durch das Bank- und Steuergeheimnis geschützt seien. Doch sagen lässt sich beispielsweise, dass die gerade einmal 650 besonders großen Erbschaften und Schenkungen, die 2010 einen Betrag von fünf Millionen Euro überstiegen, zusammengerechnet mehr als ein Drittel der gesamten steuerpflichtigen Erbschaften und Schenkungen in Deutschland ausmachten, was die extreme Ungleichheit der zugrundeliegenden Vermögensverteilung eindrücklich demonstriert.673 Auf der anderen Seite liegen durchschnittlich zwei Drittel, mithin der Großteil aller Erbschaften, unter 50.000 Euro, während sich 668 Vgl. Jens Beckert: »Erben in der Leistungsgesellschaft«, in: MPIfG Jahrbuch 2013-2014, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln 2013b, S. 57–61, hier S. 57. Grundlegend zur gesellschaftlichen Bedeutung der Institution der Erbschaft siehe ders.: Unverdientes Vermögen. Soziologie des Erbrechts, Frankfurt/M. 2004; ders.: Erben in der Leistungsgesellschaft, Frankfurt/M. 2013a. 669 Vgl. ders.: »Wie viel Erbschaftssteuern?«, MPIfG Working Paper 07/4, Max- Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln 2007, S. 5. 670 Vgl. Frick / Grabka 2009, S. 59. 671 Vgl. Jens Beckert: »Der Charakter eines Menschen zeigt sich beim Erben«, in: Süddeutsche Zeitung vom 03.08.2012. 672 Ders.: »Das ungleiche Erbe«, in: Böll Thema, 2005, Nr. 1, S. 28–29, hier S. 28. 673 Vgl. ders. 2012. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 278 höchstens 20 % auf mehr als 100.000 Euro und sogar nur 2,5 % auf mehr als 500.000 Euro belaufen.674 Für die untere, vermögenslose Bevölkerungshälfte – das heißt für jeden zweiten Bürger – spielen Erbschaften jedoch ohnehin keine Rolle, denn sie geht aufgrund der familialen, meist schichtinternen Transmission des Kapitals normalerweise leer aus.675 Vererbt wird demnach nicht nur das Vermögen, wie Beckert zu recht konstatiert, vererbt wird vor allem die soziale Ungleichheit, für deren unveränderte intergenerationelle Reproduktion die Institution der Erbschaft maßgeblich verantwortlich ist.676 Wer sich in der bürgerlichen Gesellschaft also auf der relativ schmalen, dafür umso helleren Sonnenseite der Kapitalverteilung wiederfindet, und wer zur breiten Masse der gänzlich oder nahezu vermögensfreien Lohnabhängigen gehört, das ist, entgegen der gerade bei den Etablierten so beliebten Erzählung von der demokratischen Leistungsgesellschaft, augenscheinlich sehr viel weniger eine Frage der persönlichen Anstrengung und des Verdienstes als vielmehr eine Frage der Geburt – worin man eine fatale Ähnlichkeit zu vormodernen Gesellschaftsformen erkennen mag. Auf Basis der schweizerischen Verhältnisse, wo lediglich zehn Prozent der Erben drei Viertel der Erbschaften einstreichen und die Hälfte der Nachlässe an Personen fließt, die bereits Millionäre sind, bringt Ueli Mäder die Sachlage folgendermaßen auf den Punkt: »Oligarchische Prozesse unterlaufen meritokratische. In viel Reichtum steckt wenig eigene Leistung.«677 Dem ist nichts hinzuzufügen. Hervorheben sollte man mit Beckert aber noch einmal, warum die quasifeudale, weitgehend leistungsunabhängige Reproduktion der extrem polarisierten Kapitalverteilung, jedenfalls für demokratische Gesellschaften, so überaus problematisch ist. Erstens sind sowohl der private Vermögensbesitz als auch der Anteil der daraus bezogenen Kapitaleinkünfte in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen,678 was wiederum, wie übrigens auch die vor kurzem erschienene Studie von Thomas Piketty über Das Kapital im 21. Jahrhundert eindrucksvoll bestätigt hat, zur deutlichen Zunahme der Vermögenskonzentration und damit zur weiteren Verschärfung der sozialen Ungleichheit mit all ihren für die Gesamtgesellschaft so negativen Konsequenzen geführt hat.679 Dies ist zweitens auch und gerade deshalb so bedenklich, weil vor allem große Vermögen nicht nur wirtschaftliche Herrschaft sichern, sondern darüber hinaus auch eine bedeutsame Quelle gesellschaftlicher und politischer 674 Vgl. ebd. und ders. 2005, S. 28. 675 Vgl. ders. 2013b, S. 59. 676 Vgl. ders. 2005, S. 28. 677 Mäder 2011, S. 113. 678 Vgl. Beckert 2007, S. 5. 679 Vgl. Thomas Piketty: Capital in the Twenty-First Century, Cambridge 2014. IST DAS FAIR? 279 Macht darstellen. Das Kapital ist, um es mit Bourdieu zu sagen, eine gesellschaftliche »Kraft, die dafür sorgt, dass nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist«, und dessen Verteilungsstruktur infolgedessen der Struktur der sozialen Herrschaftsverhältnisse entspricht.680 Zunehmende Vermögenskonzentration bedeutet mithin zunehmende Machtkonzentration, was demokratische Willensbildungsprozesse mindestens gefährdet. Es verwundert daher nicht, dass die Institution der Erbschaft gerade im politischen Liberalismus aufgrund ihrer sowohl das Leistungsprinzip als auch die Demokratie unterminierenden Effekte schon seit dem späten 18. Jahrhundert ausgesprochen kontrovers diskutiert wird.681 Und drittens schließlich ist der Besitz von Vermögen, wie später noch einmal genauer erläutert wird, eine wesentliche Voraussetzung persönlicher Freiheit und politischer Unabhängigkeit. Auch deshalb ist die vollständige oder jedenfalls weitgehende – und noch dazu meritokratisch unverdiente – Exklusion der großen Mehrheit der Bevölkerung682 von privatem Kapitalbesitz so kritisch zu bewerten, zumal wenn man bedenkt, dass der gesamtgesellschaftliche Reichtum ja immer größer wird. Insofern liefe die Verringerung der scharfen Vermögensungleichheit durch staatliche Umverteilung also zunächst einmal auf die demokratische Verbreiterung des Vermögensbesitzes in der Gesellschaft hinaus.683 Zum zweiten muss man sich aber, nach der Betrachtung der Erbschaft, noch einmal vor Augen führen, dass auch der eigentliche, grundlegende Mechanismus marktwirtschaftlicher Distribution mit meritokratischen Erwägungen oder Forderungen so gut wie nichts zu tun hat. Tatsächlich organisiert sich der Markt und mit diesem die Primärverteilung der Gewinne, wie ich im Kontext der sozialen Exklusion als intrasystemischer Erfolgsbedingung kapitalistischer Ökonomie bereits erläutert habe, ja nicht über normative Maximen, sondern in erster Linie schlicht über den Preismechanismus respektive das im wesentlichen amoralische Prinzip von Angebot und Nachfrage unter den Bedingungen marktwirtschaftlicher Konkurrenz.684 Das heißt, welchen Preis ein Akteur für die von ihm zu Markte getragenen Güter, Leistungen oder für seine Arbeitskraft schlussendlich erhält, hängt höchstens sekundär davon ab, wieviel Zeit, Anstrengung und Mühen ihn die Bereitstellung seines Angebots gekostet 680 Bourdieu 1983, S. 50. 681 Vgl. Beckert 2013a, vor allem S. 41–64. 682 Es handelt sich tatsächlich um die große Mehrheit, denn wie oben bereits ausgeführt, können 70 % der deutschen Bevölkerung entweder nur ein sehr geringes oder eben überhaupt kein Vermögen ihr Eigen nennen. Vgl. Frick / Grabka 2009, S. 59. 683 Vgl. Beckert 2007, S. 6. 684 Vgl. hierzu sowie zum unmittelbar Folgenden Hayek 2003, 2004b und ders.: »Der Atavismus ›sozialer Gerechtigkeit‹«, in: ders.: Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik, Tübingen 2004c, S. 197–208. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 280 hat. Eine Ware ist vielmehr genau so viel wert, wie ein Kunde dafür zu zahlen bereit ist. Das entscheidende Kriterium besteht also nicht in den persönlichen Verdiensten und schon gar nicht in den Bedürfnissen des Anbieters, sondern einzig und allein in der jeweiligen Attraktivität des Angebotenen für den potentiellen Käufer. Und es ist evident, dass beides keineswegs harmonisch zusammenfallen muss, dass es im Gegenteil sogar häufig vorkommt, dass der Wert, den eine Ware für den potentiellen Empfänger hat, den dieser also de facto bezahlen würde, von dem, was man in verdienstethischer Hinsicht vielleicht als gerechten, den in der Ware manifestierten Anstrengungen und Fähigkeiten angemessenen Preis erwarten würde, bedeutend abweicht. Dabei wäre es allerdings verkehrt, wenn man die Verantwortung für diese den Anbieter nicht selten in seiner wirtschaftlichen Existenz bedrohende Diskrepanz einseitig diesem selbst zuschieben wollte, zum Beispiel in dem man ihm vorhielte, dass er eben besser auf die Preissignale hätte achten sollen um etwas anbieten zu können, was für mögliche Abnehmer vielleicht von größerem Interesse gewesen wäre. Denn zum einen ist die Bereitstellung zahlreicher Erzeugnisse und Leistungen, beispielsweise in Kunst und Kultur, in der Alten- und Krankenpflege oder in anderen gemeinwohldienlichen Bereichen, sogar von größtem gesellschaftlichem Interesse – und von daher auch zweifellos verdienstvoll –, nur leider rein ökonomisch betrachtet so unrentabel, dass sie in der auf Profit geeichten Marktökonomie, wenn überhaupt, lediglich in relativ geringem Umfang belohnt wird. Der nur an monetären Gewinnen orientierte Markt scheitert insofern systematisch daran – beziehungsweise ist strukturell gar nicht darauf ausgelegt –, die Anbieter solcher zum Teil sicherlich unverzichtbaren Leistungen und Produkte, die jedoch zur Kapitalakkumulation unmittelbar nichts beitragen können oder sollen und deren gesellschaftlicher Wert sich geldlich auch kaum präzise beziffern lässt, mit einem in meritokratischer Hinsicht angemessenen Lohn zu versorgen. Dazu kommt, dass die Preissignale oftmals viel zu volatil sind, um auch nur mittelfristige Planungs- und Entscheidungssicherheit bieten zu können. So können verschiedenste unvorhergesehene Faktoren wie zum Beispiel Kriege, politische Umbrüche oder Naturkatastrophen, aber auch technischer Fortschritt oder der Wandel der Moden gerade unter den Bedingungen der globalisierten Weltwirtschaft ökonomische Anpassungsprozesse und damit Veränderungen im Preis- und Lohngefüge bewirken, die viel zu plötzlich und schnell vonstattengehen, als dass der einzelne immer die Chance hätte, seine wirtschaftliche Existenzgrundlage effektiv darauf einzustellen. Es ist deshalb ein Regelfall kapitalistischer Ökonomie, dass Marktakteure unter Entwicklungen leiden – oder auch von ihnen profitieren –, die sie persönlich weder zu verantworten haben noch IST DAS FAIR? 281 hätten vorhersehen können.685 Dementsprechend wäre es auch völlig absurd, wenn man beispielsweise behaupten wollte, dass ein europäischer Textilarbeiter, dessen Arbeitsplatz aus Kostengründen nach Fernost verlagert wurde und der vielleicht zu alt ist, um noch eine andere Lohnarbeit zu finden, seine Erwerbslosigkeit und den damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Abstieg meritokratisch irgendwie verdient hätte. Und genauso absurd wäre es, käme man umgekehrt auf die Idee, dass der Hungerlohn, den stattdessen nun eine asiatische Näherin dank ihrer geglückten »Inklusion« in die kapitalistische Weltleistungsgesellschaft für die profitable Ausbeutung ihrer Arbeitskraft erhält, auch nur das geringste mit Leistungsgerechtigkeit zu tun hätte. Die Realität ist einfach, dass sich der Markt, genau wie Hayek es beschreibt, weder um die moralischen Verdienste noch um die Bedürfnisse der einzelnen Akteure schert, sondern schlicht ein allein an Rentabilität orientiertes und genau deshalb so effizientes Organisationsprinzip der wirtschaftlichen Kapitalakkumulation repräsentiert. Wer davon substantiell zu profitieren vermag, der kann sich, einerlei, ob verdient oder nicht, glücklich schätzen. Wem dies aber nicht gelingt, der bleibt eben außen vor. So einfach ist das. Natürlich soll mit all dem keineswegs gesagt sein, dass die Marktwirtschaft ein reines Glücksspiel wäre, in dem etwa persönliche Anstrengung, Durchhaltevermögen und Fleiß keinerlei Bedeutung hätten. Selbstverständlich sind die individuelle Leistungsbereitschaft und vor allem -fähigkeit nach wie vor erfolgsrelevante Faktoren, die systematisch zu trainieren und zu entwickeln in der Konkurrenz den Ausschlag geben kann. Nur deshalb lohnt es sich ja zumeist auch wirtschaftlich, Zeit, Geld und Mühen in die berufliche Qualifikation zu investieren. Und auch nur deshalb repräsentiert die leistungsförderliche innerfamiliale Transmission des kulturellen Kapitals einen so wichtigen, wenn auch mit der Chancengleichheit konfligierenden Wettbewerbsvorteil im Rennen um berufliche Bildungs- und Karrierechancen. Aber der springende Punkt ist eben, dass auch die beste Ausbildung, die größte Einsatzbereitschaft und 685 Es ist wichtig zu sehen, dass sich nicht nur das Scheitern in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz, sondern ebenso der Erfolg regelmäßig hochgradig kontingenten Faktoren verdankt. Die Missernte des einen lässt die Kasse des anderen klingeln; das Glück, in den schwankenden Konjunkturen der modernen Medienund Populärkultur den Massengeschmack zu treffen, kann aus einem mittelmä- ßig begabten Mauerblümchen einen millionenschweren Superstar machen; und auch eine rein zufällige Erfindung wie zum Beispiel die des Wirkstoffs Sildenafil kann sich zum Verkaufsschlager eines Unternehmens entwickeln. Allerdings haben auch solche Erfolgsgeschichten eben nur sehr bedingt etwas mit dem meritokratischen Ideal eines allein durch Anstrengung und Fleiß erarbeiteten und demnach moralisch verdienten Erfolges zu tun. Vgl. hierzu beispielsweise Sighard Neckel: »Blanker Neid, blinde Wut? Sozialstruktur und kollektive Gefühle«, in: Leviathan, 27/1999, H. 2, S. 145–165, hier S. 153ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 282 das längste Durchhaltevermögen keinerlei Garantie für ein auskömmliches Markteinkommen bieten; all das erhöht zwar sicherlich die Erfolgsaussichten, mehr aber nicht. Was in letzter Instanz zählt, ist einzig und allein, dass jemand, aus welchen kontingenten Gründen auch immer, bereit ist, für die angebotene Ware zu bezahlen.686 Wer jedoch trotz aller Bemühungen partout niemanden findet, der ihm das, was er anzubieten hat, auch abnähme, steht mit leeren Händen da. Millionen von Menschen, sogar ganzen Regionen, geht es so. Ob sie das verdient haben, ist ökonomisch gesehen irrelevant. (Un-)Bestimmtheit des Verdienstbegriffs Im Prinzip würden schon die bis hierhin aufgeführten Gründe, also erstens das Fehlen von Chancengleichheit und zweitens die Tatsache, dass die gesellschaftliche Distribution des Reichtums offenkundig durch andere als verdienstethische Mechanismen gesteuert wird, in erster Linie nämlich a) durch die Institution der Erbschaft und b) durch das preisvermittelte Prinzip von Angebot und Nachfrage, bei weitem ausreichen, um die gängige Vorstellung, dass die soziale Ungleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft durch das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit normativ gedeckt wäre, als unrealistisches Wunschdenken (respektive als interessenbasierte Ideologie) zurückzuweisen. Dennoch sind abschließend noch ein dritter und vierter Grund zumindest kurz zu erwähnen. Das dritte Argument, das gegen die Möglichkeit der leistungsethischen Legitimation der bestehenden Verteilungsordnung spricht, besteht darin, dass unabhängig von den genannten Anwendungsproblemen auch gar nicht klar wäre, wie man das zugrundeliegende Distributionskriterium des persönlichen Verdienstes überhaupt erst so genau definieren wollte, dass es als hinreichend präziser Vergleichsmaßstab für die differenzierte sozioökonomische Belohnung der einzelnen Marktakteure dienen könnte. Denn wie vergleicht man zum Beispiel die Leistungen eines schlechtbezahlten Altenpflegers, der unter wachsendem Zeitdruck seine anstrengende Arbeit verrichten muss und von dessen Belastbarkeit und fachlichen Kompetenz, aber auch von dessen Geduld, Empathiefähigkeit und Freundlichkeit die Gesundheit und insbesondere das seelische Wohlergehen der ihm anvertrauten, an ihrem Lebensabend angelangten Menschen maßgeblich abhängen, auf sinnvolle Weise mit der ebenfalls anspruchsvollen und wichtigen Tätigkeit eines gutbezahlten Toningenieurs, der bei einem Automobilhersteller an der Optimierung des 686 Eben deshalb sei das »Spiel der Katallaxie«, wie Hayek die Marktwirtschaft bekanntlich nennt, ebenso ein Geschicklichkeits- wie Glücksspiel. Man kann durch Geschicklichkeit, Kraft und Anstrengung seine Chancen erhöhen, das Glück aber niemals erzwingen. Vgl. Hayek 2004c, S. 200. IST DAS FAIR? 283 möglichst maskulinen und dynamischen Klangs eines Sportwagens tüftelt? Und kann man denn, wie die stark differierende Entlohnung ja suggeriert, nach reiflicher Überlegung wirklich zu der Ansicht gelangen, dass die Arbeit des Toningenieurs, gemessen am Kriterium des persönlichen Verdienstes, wertvoller, bedeutsamer oder anerkennungswürdiger ist, als die des Altenpflegers? Woran, abgesehen von rein ökonomischen Rentabilitätserwägungen, wollte man die zugrundeliegende Interpretation des Verdienst- oder Leistungsbegriffs denn festmachen? An der subjektiven Begeisterung des Fahrers, die sich beim rasanten Hochbeschleunigen seines Wagens womöglich einstellt? Oder am jahrelangen Studium, das nötig war, um dieses Ergebnis zu erzielen? Und warum sollten diese Aspekte (Kundenzufriedenheit und Qualifikation) wichtiger oder verdienstvoller sein und damit eine deutlich höhere Position in der sozioökonomischen Hierarchie der Gesellschaft rechtfertigen, als das physische und psychische Wohlergehen von Menschen, die allein nicht mehr zurechtkommen? Wie ließe sich das gerechtigkeitsethisch begründen? Rein ökonomisch gesehen dürfte das kein Problem sein, trägt das eine schließlich zur Kapitalakkumulation bei, das andere jedoch nicht. Aber das wäre eben nur dann eine auch normativ tragfähige Begründung, wenn die unentwegte Vermehrung des materiellen Reichtums nicht nur eine eigenständige moralische Qualität aufwiese, sondern darüber hinaus auch noch von grö- ßerer moralischer Bedeutung wäre als das Wohlergehen der Menschen. Beides freilich ist absurd. Oder wie setzt man, um ein zweites Beispiel zu nennen, die Leistung des Managements eines Unternehmens in ein gerechtes Verhältnis zur Leistung der Belegschaft? Die Arbeit beider Seiten, der Führungskräfte ebenso wie der »einfachen« Arbeiter und Angestellten, ist für den Unternehmenserfolg gleichermaßen unverzichtbar – wie also bestimmt man den Gewinnanteil, der beiden Seiten fairerweise zusteht? Selbst wenn man davon ausginge, dass die berufliche Qualifikation in diesem Kontext dank der in sie eingeflossenen persönlichen Anstrengungen grundsätzlich ein plausibler Indikator für die individuelle Leistung wäre, dass also die gesamte oben diskutierte Problematik der ungleichen Bildungsund Berufschancen nicht zum Tragen käme, wie könnte man dieses Maß dann in eine differenzierte Lohntabelle übersetzen? Um wieviel höher sollte etwa das Jahresgehalt eines studierten Ökonomen, der statt drei Jahren Berufsausbildung sechs Jahre Studium absolviert hat, denn liegen? Um das Doppelte? Oder müsste man hier, um dies genauer sagen zu können, die gesamte voraussichtliche Lebensarbeitszeit als Berechnungsgrundlage heranziehen? Sollte es weiterhin eine, absolut oder relativ zu bestimmende, Obergrenze geben, die die Einkommen der Führungsebene nicht übersteigen dürfen, wie zum Beispiel die Initiatoren der eidgenössischen »Eins-zu-zwölf-Initiative« dachten? Und falls ja, wo genau müsste diese liegen und warum? Oder ist es vielleicht gar nicht (nur) die TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 284 höhere Qualifikation, die die Spitzeneinkünfte des Topmanagements begründen, sondern vielmehr die besondere Bürde der Verantwortung, die es für den Erfolg des Unternehmens trägt? Und wenn das so wäre, wie verhält sich diese Last der Verantwortung dann qualitativ und quantitativ im Vergleich zu den vielfältigen gesundheitlichen Belastungen, die gerade in den geringqualifizierten Berufsgruppen so verbreitet sind, und wie könnte man dieses Verhältnis wiederum in eine verdienstethisch angemessene und hinreichend präzise bestimmbare Einkommensdifferenzierung übertragen? Und könnte man außerdem, entgegen der üblichen Auffassung, nicht auch einmal versuchsweise annehmen, dass es eigentlich gerade die geringqualifizierten Arbeiten mit wenig Verantwortung sind, die aufgrund der häufig stupiden Monotonie und der begrenzten Mitbestimmungs- und Selbstverwirklichungspotentiale mit einem höheren Einkommen »entschädigt« werden müssten als die meist erheblich angenehmeren und interessanteren Tätigkeiten der Hochqualifizierten, die normalerweise auch wesentlich größere Entscheidungs- und Entfaltungsspielräume bieten? Die Liste solcher bewusst etwas plakativ zugespitzten Beispiele und Fragen ließe sich beliebig verlängern, aber schon jetzt dürfte ersichtlich sein, dass es wohl kaum eine Chance gibt, für all diese Fragen eine auch nur ansatzweise konsensfähige, übergreifende und in sich konsistente normative Lösung zu finden.687 Der Leistungs- beziehungsweise Verdienstbegriff, das heißt der normative Zentralbegriff der bürgerlichen Leistungsgesellschaft, ist moralisch viel zu komplex und vielschichtig und von subjektiven Überzeugungen durchtränkt, als dass er unter den pluralistischen Verhältnissen der Moderne einen übergeordneten, homogenen Bezugspunkt der sozialen Verteilungsgerechtigkeit abgeben könnte.688 Er erweist sich in definitorischer Hinsicht mithin als chronisch 687 Die ökonomische Lösung ist natürlich das Geld in seiner spezifischen Funktion als universeller Wertmaßstab, der die unterschiedlichsten Güter und Leistungen, befreit von moralischen Erwägungen, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten mittels des Preises präzise zu vergleichen erlaubt. 688 Zu dieser Einschätzung gelangt auf Basis der Literatur sowie eigener Erhebungen übrigens auch Patrick Sachweh. Zwar sei die grundsätzliche Bedeutung des Leistungskriteriums, zumindest für die ökonomische Sphäre, unbestritten, doch variieren eben die Vorstellungen darüber, wodurch sich Leistung beziehungsweise Verdienst inhaltlich bestimmen lässt. Dass persönliche Anstrengungen, Durchhaltevermögen, die investierte Zeit, Qualifikation sowie auch die Ergebnisse der jeweiligen Tätigkeiten eine Rolle spielen, scheint klar zu sein. Aber in welchem Verhältnis stehen diese Aspekte zueinander und wie lassen sich die unterschiedlichen Ergebnisse miteinander vergleichen? Dazu kommt, dass vor allem in den höheren Bevölkerungsschichten Verdienstlichkeit auch davon abhängt, welchen Wert die Ergebnisse einer Handlung für andere haben – aber wie sollte man das, jenseits des Marktes, präzise bestimmen? Vgl. Sachweh 2011, S. 12, Fußnote 11. IST DAS FAIR? 285 unterbestimmt. Es misslingt darum nicht nur systematisch, die Tätigkeiten unterschiedlicher Berufs- und Handlungsfelder (zum Beispiel eben des besagten Altenpflegers auf der einen und Toningenieurs auf der anderen Seite) in eine allgemein zustimmungsfähige und insofern universell gültige, verdienstethisch begründete Rangordnung mit entsprechender Belohnungsstruktur zu bringen; selbst innerhalb ein und desselben Feldes ist zumindest die Frage nach den genauen Relationen und Abständen zwischen den Belohnungen für unterschiedliche Leistungen (wie etwa von Management und Arbeitern), das heißt die Frage der meritokratischen Verhältnismäßigkeit des jeweiligen Gewinnanteils, alles andere als unumstritten. Auch deshalb also, aufgrund der fundamentalen kriteriellen Unbestimmtheit und Vagheit des Verdienstbegriffs, die konsensfähige und präzise normative Vergleiche unterschiedlicher Berufe und Handlungen generell verhindert, ist das Leistungsprinzip als umfassendes gerechtigkeitsethisches Legitimationsprinzip der kapitalistischen Verteilungsordnung grundsätzlich unbrauchbar.689 Entwertung nicht-erwerbsförmiger Arbeit Damit komme ich zum vierten und letzten Argument, das ich gegen die Vorstellung, die soziale Ungleichheit in der modernen Gesellschaft sei verdienstethisch legitim, in Stellung bringen möchte.690 Bislang ging es ja vor allem, außer im Zusammenhang mit der Institution der Erbschaft, um die Frage, inwieweit die markwirtschaftliche Primärverteilung etwas mit dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit zu tun hat. Es ging darum, ob die Marktakteure alle dieselben Ausgangschancen haben, ob sich die Distribution der Marktgewinne überhaupt am Leistungskriterium ori- 689 Um es noch einmal an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Um unterschiedliche Längen interpersonell vergleichbar zu machen, braucht es ein sozial normiertes Drittes, das als objektiver, präzise definierter Vergleichsmaßstab dienen kann. Diese Funktion übernimmt seit dem 18. Jahrhundert der Meter, der inzwischen die international geltende Basiseinheit der Länge darstellt. Die Kategorie des persönlichen Verdienstes respektive der Leistung soll im meritokratischen System eigentlich die analoge Aufgabe wie der Meter im metrischen übernehmen und an Stelle verschiedener Längen unterschiedliche Handlungen hinsichtlich ihrer moralischen Verdienstlichkeit interpersonell vergleichbar machen. Das Problem ist nur, dass eben, anders als im Falle des Meters, keine universell gültige Definition des Verdienstes existiert, sodass höchst unterschiedliche Verdienstvorstellungen miteinander um die Funktion des Maßstabs konkurrieren. Der intersubjektive Vergleich der moralischen Qualität verschiedener Handlungen wird dadurch mindestens erschwert, teilweise unmöglich. 690 Die Zählung soll natürlich nicht suggerieren, dass es sich hierbei um eine vollständige, abgeschlossene Auflistung handelt; womöglich ließen sich noch weitere Argumente finden. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 286 entiert und schließlich, ob dieses Kriterium hinreichend genau definiert ist, um die unterschiedlichen Marktaktivitäten miteinander vergleichen zu können. Das Ergebnis war in allen drei Fällen negativ. Nun kommt aber noch hinzu, dass der deutlich größere Teil der gesellschaftlichen Arbeit ohnedies jenseits des Marktes und demnach unentgeltlich verrichtet wird, sodass sich die Frage stellt, wie sich dieser Umstand eigentlich mit dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit verträgt. Um die oben bereits erwähnten Relationen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: In Deutschland umfasst das Jahresvolumen unbezahlter Arbeit mit rund 96 Milliarden Stunden mehr als das 1,7fache der Erwerbsarbeit,691 und man kann davon ausgehen, dass es sich in anderen Industrienationen ähnlich verhält. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Haus- und Familienarbeit, das heißt um die Unterstützung, Pflege und Betreuung anderer Haushaltsmitglieder, ums Einkaufen, Kochen, Putzen, Aufräumen, Wäsche waschen, die Gartenarbeit usw., darüber hinaus jedoch auch um Ehrenämter und politische Aktivitäten. Obwohl die Verrichtung dieser Arbeit zweifellos gesellschaftlich notwendig ist, sichert sie denjenigen, die sie leisten – und das sind nach wie vor in erster Linie Frauen –,692 keine eigenständigen Verdienstansprüche auf einen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum. Das allerdings ist, wenn einer Leistungsgesellschaft ausgeht, durchaus überraschend, erweckt es doch, gerade angesichts des in der Moderne vorherrschenden Materialismus, unweigerlich den Anschein, als handle es sich bei unbezahlter Arbeit gleichsam um eine wertlose Leistung, die jedenfalls keine ökonomischen Anerkennung verdient. Doch lässt sich eine solch umfassende Devaluierung nicht-erwerbsförmiger Arbeit auch verdienstethisch rechtfertigen? Aus welchen Gründen sollte etwa, um ein zugegebenermaßen etwas konservatives Beispiel zu nehmen, die Arbeit einer Hausfrau und Mutter, die sich um den gemeinsamen Haushalt und die Kinder kümmert und nebenbei noch ihre Schwiegereltern versorgt, denn weniger verdienstvoll sein als die Erwerbstätigkeit ihres Gatten? Und wenn das nicht so wäre, warum hat sie dann, von einem Taschengeld mal abgesehen, keinen verbindlichen Anspruch auf einen substantiellen Anteil am Gehalt ihres Mannes, obwohl sie doch zur Realisierung des gemeinsamen Lebensentwurfs nicht weniger beiträgt als dieser? Schließlich könnte weder sie noch er das Leben führen, zu dem sie sich als Ehepartner und Eltern gemeinschaftlich entschlossen haben, wenn nicht beide ihren Teil gleichermaßen dazu beitrügen. Warum also haben nicht auch beide gleichermaßen Anspruch auf die Früchte, die sie auf Basis ihrer partnerschaftlichen Lebensführung arbeitsteilig erwirtschaften? 691 Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2003, S. 11. 692 Vgl. ebd., S. 14ff. IST DAS FAIR? 287 Dieselbe Frage lässt sich auch, vielleicht sogar noch etwas deutlicher, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene formulieren, denn auch hier ist evident, dass die Reproduktionsfähigkeit der Gesellschaft als Ganzer existentiell von eben jenen Arbeiten abhängt, die typischerweise von unbezahlten Frauen erledigt werden. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Gesellschaft relativ leicht auf einen Großteil der marktwirtschaftlich bereitgestellten Güter und Dienstleistungen verzichten könnte, ohne dadurch ihre grundsätzliche Überlebensfähigkeit zu verlieren, während dies im umgekehrten Falle schlichtweg unmöglich wäre. Die menschliche Gesellschaft ist ersichtlich weder auf die Arbeit von Smartphone-Konstrukteuren noch von Supermodels oder Soziologen angewiesen, doch die Haus- und Familienarbeit ist für das Soziale schlechthin konstitutiv. Und auch wenn damit keiner, zur neuzeitlichen Apotheose der Erwerbsarbeit gleichsam spiegelbildlichen, traditionalistischen Überhöhung von Heim und Familie das Wort geredet sein soll – erschöpft sich doch gerade das menschliche Dasein eben nicht in seiner bloßen Reproduktion –, lässt das Bewusstsein um die unhintergehbare anthropologische Bedeutung reproduktiver Tätigkeiten deren radikale Entwertung in der kapitalistischen Gesellschaft zumindest in einem ausgesprochen fragwürdigen Licht erscheinen. Ist es denn nicht, so müsste man vor diesem Hintergrund eigentlich gerade aus verdienstethischer Perspektive fragen, eine ungeheuerliche, die meritokratischen Verhältnisse geradezu ins Gegenteil verkehrende Ungerechtigkeit, dass diejenigen, die mit ihrer unverzichtbaren, gleichwohl unvergoltenen Arbeit überhaupt erst die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die kapitalistische Reichtumsproduktion schaffen, systematisch um eigenständige Verdienstansprüche auf einen gerechten Anteil geprellt und damit dauerhaft in eine hierarchisch untergeordnete gesellschaftliche Position gedrängt werden, in der sie vom guten Willen ihrer Lebenspartner abhängig sind? Ist das nicht ein wenig so, als wedelte der Schwanz mit dem Hund, und zwar sowohl was die gesellschaftliche Notwendigkeit der in Rede stehenden Arbeiten als auch ihren quantitativen Umfang betrifft? Und müsste demzufolge die nicht-erwerbsförmige Verrichtung gesellschaftlich notwendiger Arbeit aus Gründen der Gerechtigkeit nicht wenigstens mit einem der Erwerbsarbeit vergleichbaren, eigenständigen Anspruch auf Beteiligung am gesellschaftlichen Wohlstand verbunden sein, der redistributiv gewährleistet wird? Sicherlich, die Interessen des Kapitals mögen dem entgegenstehen, da es naturgemäß daran interessiert ist, den Umfang und Wert der Arbeit, die es direkt oder indirekt zu entlohnen hat, möglichst klein zu halten. Ebenso ist leicht zu durchschauen, weshalb nicht wenige der in den meisten Industrieländern typischerweise noch immer männlichen »Haupternährer« der Familie von eigenständigen und gleichberechtigten Ansprüchen oder gar Zugriffsrechten ihrer Ehefrauen, die sich um Haus und Kinder kümmern, im Grunde nichts wissen wollen (auch TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 288 wenn es inzwischen sicher inopportun sein mag, dies auch offen zuzugeben). Doch sind solche ökonomischen respektive an der Perpetuierung der gesellschaftlichen wie innerfamilialen Machtasymmetrien interessierten »Argumente« auch in gerechtigkeitsethischer Hinsicht überzeugend und insofern geeignet, um den Wert und die elementare Verdienstlichkeit nicht-erwerbsförmiger Arbeit sowie der mit ihrer Verrichtung erworbenen autonomen Ansprüche auf eine angemessene Beteiligung am gesellschaftlichen Wohlstand ernstlich zu bestreiten? Ich glaube kaum, dass man das vernünftigerweise behaupten kann. Auch aus diesem vierten Grunde – der verdienstethisch illegitimen sozialen wie ökonomischen Entwertung nicht-erwerbsförmiger, gleichwohl gesellschaftlich notwendiger Arbeit – ist also festzustellen, dass sich die extreme Ungleichheit der kapitalistischen Verteilungsordnung durch das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit nicht rechtfertigen lässt. Die soziale Ungleichheit hat hinsichtlich ihrer realen Entstehungs- und Reproduktionsbedingungen einfach nur sehr wenig mit persönlich zurechenbaren Leistungsunterschieden zu tun. Sie basiert vielmehr auf ausgeprägten sozioökonomischen Machtdifferentialen, die sich im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen (allen voran der kapitalistischen Markt-, Eigentums- und Geschlechterordnung) sowie katalysiert durch sozial geprägte individuelle Dispositionen (wie dem Habitus) zu reproduzieren vermögen, die sich bei näherer Betrachtung wiederum selbst als Produkte eben dieser Machtdifferentiale erweisen und infolgedessen optimal auf deren Stabilisierung abgestimmt sind.693 Die soziale Ungleichheit reproduziert sich insofern gleichsam wie von selbst. Demzufolge, so lautet der abschließende Befund, ist die durchaus populäre Selbstbeschreibung der kapitalistischen Gesellschaft als einer meritokratisch geordneten Arbeits- oder Leistungsgesellschaft nichts als plane bürgerliche Ideologie, die den amoralischen, schlicht machtbasierten Herrschafts- und Verteilungsverhältnissen wenigstens den Anschein moralischer Legitimität verleihen soll. Die Realität indessen sieht anders aus. c) Das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit Die dritte Maxime der Gerechtigkeit, an der die gesellschaftliche Verteilung der individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen gemessen werden soll, ist das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit, das in der Bevölkerung westlicher Länder ebenfalls fest verankert ist.694 In Deutschland findet es mit 80 bis 87 % ähnlich hohe Zustimmungswerte wie die Prinzipien der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit, wobei nicht verschwiegen 693 Vgl. Bourdieu 1983, S. 50 und S. 75, Anmerkung 1. 694 Vgl. Sachweh 2011, S. 5. IST DAS FAIR? 289 werden soll, dass Befragte mit hohem Einkommen dem Bedarfsprinzip, genau umgekehrt wie beim Leistungsprinzip, deutlich seltener zustimmen als andere.695 Doch davon unberührt besteht dennoch ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, dass der Staat die Absicherung der individuellen Grundbedürfnisse garantieren sollte, sodass niemand, aus welchen Gründen auch immer, unter die Schwelle eines menschenwürdigen, sozial inkludierten Lebens geraten muss. Dies würde gemeinhin selbst dann als ungerecht betrachtet, wenn die marktökonomisch bedingte Entstehung solcher Notlagen formal im Einklang mit prozeduralen Gerechtigkeitsprinzipien wie dem Leistungsprinzip stünde.696 Dahinter steckt die weitverbreitete Überzeugung, dass es so etwas wie einen allgemein akzeptierten, normalen Lebensstandard gibt, der grundsätzlich jedem verfügbar sein sollte. Armut jedoch schließt von der gemeinsamen Normalität des gesellschaftlichen Lebens aus, gefährdet damit den sozialen Zusammenhalt und wird deswegen als höchst problematisch kritisiert.697 Dass es dabei allerdings nicht um die Einforderung eines möglichst luxuriösen Lebensstils für alle, sondern um bescheidenere Ziele geht, lässt sich exemplarisch anhand der Äußerung einer ungelernten Arbeiterin aus einem Interview mit Patrick Sachweh illustrieren. Nicht so viel wie ein Millionär wolle sie besitzen, lediglich genug, um am täglichen Leben teilnehmen und beispielsweise ins Kino oder gelegentlich einmal shoppen gehen zu können. »Just being able to take part!«, das ist es, was sie möchte und worauf auch das Bedarfsprinzip im Wesentlichen zielt. 698 Allerdings fangen hier schon wieder die Probleme an. Denn auch wenn klar ist, dass nach Ansicht der Mehrheit die Grundbedürfnisse eines jeden wohlfahrtsstaatlich abzusichern sind, ist alles andere als klar, wo genau jene »Schwelle menschenwürdiger Lebensbedingungen«, die nicht zuletzt auch für die an Suffizienz statt Gleichheit als staatlicher Redistributionsmaxime orientierten Non-Egalitaristen so bedeutsam ist, eigentlich liegen soll.699 Wo genau beginnen Not und Unterversorgung, die die Menschenwürde substantiell gefährden? Hier stößt man augenscheinlich erneut auf das bereits ausführlich diskutierte Problem, das 695 Vgl. Klein / Zick 2010, S. 124. Die Werte variieren mit der genauen Fragestellung. So stimmen rund 80% der Interviewten der Aussage: »Der Staat sollte für alle einen Mindestlebensstandard garantieren« eher (ca. 26%) oder voll und ganz (ca. 54%) zu, während gut 87% mit der Aussage, dass »die Sicherung der Grundbedürfnisse aller in unserer Verfassung verankert sein [sollte]«, eher (ca. 27%) oder voll und ganz (ca. 61%) einverstanden waren. Siehe hierzu auch Allensbach 2013, S. 5f. 696 Vgl. Sachweh 2011, S. 11f., 20. 697 Vgl. ebd., S. 3,12ff., 20. 698 Vgl. ebd., S. 13. 699 Krebs 2012; siehe auch Kersting 2000b, S. 244ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 290 im Kontext der Konzeptualisierung von Armut schon verhandelt wurde und das im Kern darin besteht, dass man sich, um die Grenze zu einem menschenunwürdigen Leben in Armut bestimmen zu können, zunächst darauf verständigen muss, was denn überhaupt zu einem menschenwürdigen, guten Leben, das zu ermöglichen der Staat verpflichtet wäre, dazugehört. Genau dieses Problem dürfte sich aber aufgrund der vielfältigen normativen Implikationen, die damit verbunden sind, zumindest keiner wissenschaftlich-exakten Lösung zuführen lassen, sodass nichts anders übrigbleibt, als im Rahmen möglichst demokratischer und vernunftbestimmter Prozesse politisch darüber zu entscheiden. Für die hier vorliegende Frage, ob beziehungsweise inwieweit die realen gesellschaftlichen Verhältnisse und insbesondere die Verteilung der individuellen Lebensund Teilhabechancen mit dem normativen Grundsatz der Bedarfsgerechtigkeit vereinbar sind, ergibt sich daraus allerdings die nicht unerhebliche Schwierigkeit, dass angesichts der Vagheit des Bedarfsbegriffs gar nicht ohne weiteres zu sagen wäre, was denn eigentlich genau als Maßstab für den Vergleich von Sein und Sollen dienen kann. Wie also soll man mit dieser Schwierigkeit umgehen? Zunächst einmal schlage ich vor, davon auszugehen, dass dem Bedarfsprinzip im Regelfall dann Genüge getan ist, wenn niemand gezwungen ist, in Armut zu leben. Dies erscheint plausibel, weil in demokratischen Gesellschaften, in denen sich die Bürger grundsätzlich als Gleiche betrachten, soziale Ungleichheit, die ein akzeptables Maß überschreitet – wie es etwa in Deutschland nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Fall ist – und die insbesondere dazu führt, dass Personen oder Gruppen aufgrund ihrer Armut aus der gemeinsamen Lebenswelt exkludiert werden, im Allgemeinen eben als ungerecht und infolgedessen als korrekturbedürftig betrachtet wird. Das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit erfordert demnach, dass Armut effektiv verhindert wird – was im Übrigen auch mit den üblichen Absichtserklärungen der Politik weitgehend zur Deckung kommt. Allerdings erwiesen sich bei der näheren Bestimmung der Armut, wie oben erläutert, wiederum drei genuin normative Fragen als ausschlaggebend. Erstens ist zu entscheiden, ob man Armut als absoluten, das heißt lediglich an physiologischen Grundbedürfnissen orientierten Mangelzustand versteht, oder ob man Armut relativ zum durchschnittlichen Lebensstandard der jeweiligen Gesellschaft definiert und demzufolge auch solche Lebenslagen als Armut begreift, in denen die Menschen zwar genug zum Überleben haben, aber zu wenig, um auch an den vielfältigen soziokulturellen Errungenschaften und Verwirklichungschancen teilhaben zu können, die gerade die moderne Gesellschaft ihren Bürgern normalerweise bietet. Entscheidet man sich für letzteres, muss man dann zweitens klären, welche konkreten Verwirklichungschancen respektive Elemente der Lebenslage als so bedeutsam einzustufen sind, dass ihr Fehlen als Armutsindikator zu werten ist, und IST DAS FAIR? 291 drittens schließlich, wie weit diese Chancen im Einzelnen reichen müssen, um in qualitativer wie quantitativer Hinsicht als hinreichend betrachtet werden zu können. Selbst wenn man sich beispielsweise darauf verständigt hat, dass Bildung, Mobilität und die Teilhabe an den Freizeitangeboten der Gesellschaft zu den Grundbedürfnissen eines Menschen gehören, ist damit ja noch lange nicht geklärt, ob sich das lediglich auf die schulische Elementarbildung oder auch auf höhere Bildungschancen, auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder auf ein eigenes Auto, auf einen gelegentlichen Kinobesuch oder auf die umfassendere Nutzung kommerzieller Freizeitangebote bezieht. All diese und ähnliche Fragen sind jedoch mindestens näherungsweise zu beantworten, um mit der Armutsgrenze jene Schwelle menschenwürdiger Lebensbedingungen definieren zu können, vor deren Unterschreitung der Staat seine Bürger prinzipiell schützen soll. Was nun die erste Frage betrifft, so lässt sich diese noch relativ leicht beantworten: Es wäre vollkommen absurd und widerspräche zudem auch dem Wunsch der Mehrheit nach einer gemeinsam geteilten soziokulturellen Lebenswelt, wollte man ausgerechnet in der mit Abstand reichsten Gesellschaftsform, die die Menschheit je gesehen hat, lediglich physiologische Grundbedürfnisse wohlfahrtsstaatlich absichern. Die soziokulturellen Grundbedürfnisse des Menschen, insbesondere sein Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und Teilhabe, sind bei der Konzeptualisierung und Bekämpfung von Armut selbstverständlich mitzuberücksichtigen. Man kann den Menschen, und demzufolge auch ein ihm gemäßes, menschengerechtes Leben, bei Lichte besehen ohnehin nicht gut auf rein körperliche Aspekte reduzieren. Denn wenn sich überhaupt etwas von universeller Gültigkeit über die menschliche Natur sagen lässt, dann doch wohl das, dass der Mensch eben kein solitäres Lebewesen ist, das sich, wie zum Beispiel Igel oder Skorpione, lediglich zur Paarungszeit oder während der Brutpflege mit anderen zusammentut, sondern dass er ein eminent soziales Wesen ist, das in seiner ganzen natürlichen Anlage und Bedürftigkeit auf ein Leben in gesellschaftlich konstruierten soziokulturellen Daseinsformen, wie immer diese im Einzelnen beschaffen sein mögen, ausgerichtet ist. Insofern gehört zu einem wirklich menschlichen, im Sinne von der menschlichen Natur entsprechenden guten Leben nicht nur die Befriedigung der elementaren physischen Bedürfnisse, sondern mindestens genauso sehr die verlässliche Inklusion ins soziale Treiben der Gesellschaft.700 Ein menschliches Individuum aus 700 Siehe hierzu insbesondere Martha Nussbaums hochinteressanten Vorschlag einer auf transkulturellen Erfahrungen aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit aufbauenden Liste elementarer menschlicher Funktionsfähigkeiten und Verwirklichungschancen, die sie als universelle anthropologische Voraussetzungen eines gelingenden menschlichen Lebens betrachtet. Neben der TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 292 eben diesem auszuschließen oder es lediglich in defizitärer, randständiger Form daran teilhaben zu lassen, bedeutet deshalb, ihm die Grundvoraussetzung zur Verwirklichung seiner spezifischen Menschlichkeit zu nehmen und ihm somit auch die Chance auf ein menschenwürdiges Leben zu versagen. Eine ernsthaft an Bedarfsgerechtigkeit interessierte Gesellschaft kann nicht umhin, dies zu berücksichtigen. Mit Blick auf die zweite und dritte Frage fällt eine Antwort allerdings erheblich schwerer. Denn auch wenn es mithin vergleichsweise einfach ist, sich darauf zu einigen, dass die Befriedigung der soziokulturellen Grundbedürfnisse, insbesondere des Bedürfnisses nach sozialer Inklusion, zu einem guten, menschengerechten Leben tatsächlich dazugehört und durch den Wohlfahrtstaat somit prinzipiell zu gewährleisten ist, gehen die Ansichten darüber, welche konkreten Verwirklichungschancen bis zu welchem genauen Grade unter diese wohlfahrtsstaatliche Gewährleistungspflicht fallen, in der politischen Praxis ebenso wie in der öffentlichen Meinung de facto weit auseinander.701 Und natürlich Befriedigung körperlicher Grundbedürfnisse (Hunger, Durst, Sexualität, Vermeidung von Krankheit und Schmerz usw.) nennt sie vor allem zwei darüber hinausreichende Fähigkeiten, die sie für besonders wichtig hält und die das Leben erst zu einem spezifisch menschlichen machen würden: Zum einen die Fähigkeit zum eigenständigen Gebrauch praktischer Vernunft. Denn anders als bei biologisch (weitgehend) determinierten Tieren sei für das menschliche Tun kennzeichnend, dass es kraft praktischer Vernunft geplant und organisiert würde. Menschen können sich bewusst entscheiden und ihr Verhalten auf Basis von Vernunft steuern, das heißt sie führen ihr Leben aktiv (und müssen dies auch tun!). Nimmt man ihnen diese Möglichkeit, nimmt man ihnen damit eine elementare Verwirklichungschance spezifisch menschlicher Existenz. Und zum anderen seien sie eben genuin soziale Wesen, für deren Wohlergehen es unverzichtbar wäre, für und mit anderen leben und sich auf verschiedenste Formen familialer wie gesellschaftlicher Interaktion einlassen zu können. Menschen sind dieser plausiblen Sichtweise zufolge also durchaus autonome Individuen, die ihr eigenes Leben zu führen prinzipiell imstande sind. Doch damit es sich dabei auch um ein gutes Leben handelt, brauchen sie zumindest die Chance, es in Gemeinschaft führen zu können. Vgl. Nussbaum 1993, S. 339f. 701 Man denke nur an die etwas sonderbare Diskussion im Herbst 2010 über die Frage, ob Alkohol und Tabak zu den Grundbedürfnissen, die im Regelsatz für das Arbeitslosengeld II zu berücksichtigen sind, dazugehören oder nicht. Das Arbeitsministerium unter Führung der damaligen (nicht nur in dieser Hinsicht ausgesprochen protestantisch agierenden) Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte Berichten zufolge offenbar vor, beides aus dem Regelsatz zu streichen. Dies hätte beispielsweise bedeutet, dass Bier, das etwa in Bayern nicht nur den Status eines auch steuerlich begünstigten Grundnahrungsmittels besitzt, sondern in Form des »gemeinsamen Feierabendbiers« in ganz Deutschland gewissermaßen eine soziokulturelle Institution darstellt, nicht mehr zum Existenzminimum gerechnet worden wäre. Es ist dem klaren Verstande freilich unmittelbar ersichtlich, IST DAS FAIR? 293 stünde es mir weder zu noch wäre es inhaltlich plausibel, hier, wo echter Konsens realistischerweise kaum zu erwarten ist und man sich infolgedessen mit der möglichst konstruktiven politischen Bewältigung des Dissenses zufriedengeben muss, eine vermeintlich universelle Lösung präsentieren zu wollen. Doch immerhin gibt es eine pragmatische und naheliegende Alternative, die den angestrebten Vergleich zwischen der realen Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen einerseits und dem Ideal einer gemessen am Bedarfsprinzip gerechten Gesellschaft andererseits trotzdem durchzuführen erlaubt. Und zwar lassen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse statt an einem komplexen und nur schwer zu operationalisierenden multidimensionalen Armutsindex auch am vergleichsweise einfach zu bestimmenden Maßstab der relativen Einkommensarmut messen. Denn wie ich mich in den vorausgegangenen Kapiteln darzulegen bemüht habe, führt Einkommensarmut aufgrund der zentralen intersystemischen Bedeutung des Geldes als universalem Inklusionsmedium der kapitalistischen Gesellschaft in fast allen Lebensbereichen respektive Teilsystemen automatisch zu empfindlichen Einschränkungen der individuellen Partizipations- und Verwirklichungschancen, die sich nur allzu leicht zu multidimensionalen Exklusionskaskaden verketten können. Und auch wenn das nichts daran ändert, dass Geld nicht das höchste Gut, sondern lediglich »ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke ist«, wie schon Aristoteles zu Recht betont hat,702 eignet es sich unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne daher eben doch als relativ zuverlässiger indirekter Indikator für die Frage, ob beziehungsweise inwieweit es einer Person wohl gelingen kann, (nicht nur) ihre Grundbedürfnisse hinreichend zu befriedigen.703 Zu dieser rein sachlichen Adäquanz kommt dann aber erfreulicherweise noch hinzu, dass sich überdies auch die Länder der Europäischen Union im Kontext ihrer Anstrengungen im Kampf gegen soziale Exklusion bereits 2001 verbindlich auf die oben erläuterte 60 %-Schwelle als relative Armutsgrenze geeinigt haben, sodass Einkommensarmut als probates Kriterium defidass derartige Bestrebungen jedenfalls keine konsensuelle Umsetzung erhoffen lassen. 702 Aristoteles 1969, S. 10. 703 Sicherheitshalber möchte ich auch an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass das Unterschreiten der relativen Armutsgrenze zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu gravierenden Benachteiligungen in fast allen Lebensbereichen führt und insofern eben auch als Indikator für eine insgesamt defizitäre Lebenslage fungieren kann, das Überschreiten hingegen keineswegs automatisch auf ein Leben im Wohlergehen hindeuten muss, da beispielsweise chronische Erkrankungen, Behinderungen oder altersbedingte Beeinträchtigungen zu einem erhöhten Finanzbedarf führen können. Dessen muss man sich gewahr sein, um das reale Ausmaß der Armut in einer Gesellschaft nicht möglicherweise zu unterschätzen. Siehe hierzu obigen »Exkurs zur Konzeptualisierung von Armut«. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 294 zitärer Lebenslagen auch auf politischer Ebene als allgemein anerkannt gelten kann.704 Summa summarum erscheint es mir deshalb sowohl in sachlich-pragmatischer als auch in politisch-normativer Hinsicht nur angemessen, die auf 60 % des mittleren Einkommens festgelegte relative Armutsgrenze auch im hier vorliegenden Kontext als Maßstab für die Frage, ob die gesellschaftlichen Verhältnisse dem Grundsatz der Bedarfsgerechtigkeit genügen oder nicht, zu verwenden. Und wie fällt das Ergebnis des solchermaßen am Bedarfsprinzip orientierten Vergleichs zwischen Sein und Sollen aus? Um es in einem Wort zu sagen: Schlecht. Obwohl Europa, wie eingangs bereits ausgeführt, im Jahr 2013 die zweitreichste Wirtschaftsregion der Erde war, sich das europäische Privatvermögen bis zu diesem Zeitpunkt auf fast 38 Billionen Dollar (und damit auf rund ein Viertel des weltweiten Gesamtreichtums) gesteigert hatte und die Europäer allein zwischen 2009 und 2013 trotz der Eurokrise einen privaten Vermögenszuwachs von immerhin fast 6 Billionen Dollar verbuchen konnten,705 lebten 2011 mit 17 % nicht weniger als 84 Millionen Europäer in Armut. Und betroffen sind dabei keineswegs nur die besonders krisengeschüttelten Länder Süd- und Osteuropas, sondern auch wohlhabende Länder wie Frankreich und Deutschland, wo sich die Armutsquoten ebenfalls auf 14 beziehungsweise 16 % beliefen. Und selbst in der reichen Schweiz lag die Armutsquote, bemessen an der 60 %-Schwelle, 2011 bei 15 % und damit nur knapp unter dem Durchschnitt der EU.706 Welche gravierenden Konsequenzen sich aus der Armut für das subjektive Wohlergehen der Betroffenen ergeben, habe ich oben ausführlich diskutiert. Von gleichberechtigten und menschengerechten Verwirklichungschancen kann jedenfalls keine Rede sein. Und sofern man das elementare Bedürfnis nach sozialer Teilhabe und Inklusion, das heißt das Grundbedürfnis, an der soziokulturellen Normalität der Gesellschaft halbwegs auf Augenhöhe partizipieren zu können, als Kriterium der Bedarfsgerechtigkeit akzeptiert, wird man angesichts der europäischen Armutsquoten und der mit diesen verbundenen millionenfachen Exklusion gar nicht anders können, als von einem umfassenden und angesichts des vorhandenen Reichtums geradezu skandalösen Scheitern am Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit zu sprechen. Die krasse Ungleichheit der kapitalistischen Verteilungsordnung ist demzufolge nicht nur insofern empörend ungerecht, als sie jedwedes Maß verloren hat und den Prinzipien der Meritokratie förmlich Hohn spricht, sondern auch, weil sie mit den soziokulturellen Grundbedürfnissen zahlloser unter Marginalisierung und Ausgrenzung leidender Menschen ersichtlich unvereinbar ist. 704 Vgl. Eiffe / Heitzmann 2006, S. 53; Bundesregierung 2008, S. 20. 705 Vgl. Boston Consulting Group 2012; dies. 2014. 706 Vgl. Eurostat 2012. IST DAS FAIR? 295 Hinzufügen muss man noch, dass es selbst hier, in den reichen Industrieländern des Westens, keineswegs nur die soziokulturellen Grundbedürfnisse sind, deren Befriedigung durch die Einkommensarmut beeinträchtigt wird. Vielmehr erstrecken sich die armutsbedingten, vor allem durch die zermürbenden Effekte chronischer Geldsorgen und Zukunfts- ängste psychophysisch vermittelten Defizite auch auf den Bereich der elementaren körperlichen Grundbedürfnisse. Zwar leiden einkommensarme Menschen in den reichen Ländern normalerweise keinen Hunger und auch Obdachlosigkeit oder andere Aspekte absoluter, das physische Überleben unmittelbar bedrohender Armut kommen vergleichsweise selten vor.707 Doch wie oben ausgeführt belegen regierungsamtliche Statistiken zweifelsfrei die deutlich erhöhte gesundheitliche Belastung und Anfälligkeit einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen für psychische und physische Erkrankungen, was in der Summe dazu führt, dass Frauen und Männer aus dem ärmsten Viertel der Gesellschaft eine durchschnittlich um acht beziehungsweise elf Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen und Männer aus dem reichsten Viertel haben.708 Diese vorzeitige und sozusagen finale »Exklusion« nicht nur aus dem gesellschaftlichen Leben ist nun aber kein gleichsam natürliches Schicksal, das heißt keinen anonymen und moralisch neutralen Naturprozessen geschuldet, sondern der erschreckende, gerechtigkeitsethisch mehr als fragwürdige Effekt der anthropogenen, hochgradig asymmetrischen Verteilungsstruktur individueller Lebens- und Verwirklichungschancen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nicht »nur« die Befriedigung soziokultureller Grundbedürfnisse, sondern auch die des allen Menschen gemeinsamen existentiellen körperlichen Grundbedürfnisses, eine möglichst gute Gesundheit zu haben, prinzipiell vermeidbare Krankheiten auch tatsächlich vermeiden zu können und vor allem keinen vorzeitigen Tod zu erleiden,709 ist demnach keineswegs allen Bürgern gleichermaßen vergönnt, sondern – ungeachtet demokratischer Versprechungen – zunächst einmal eine Frage der sozioökonomischen Position. Wenn man daher das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit und damit die in der Bevölkerung fest verankerte Idee, dass jedermann unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung zumindest seine Grundbedürfnisse befriedigen können und ins normale soziokulturelle Leben der Gesellschaft inkludiert sein sollte, als legitimen Maßstab der Gerechtigkeit akzeptiert, dann wird man wohl zu keinem anderen Befund kommen können, als dass die moderne, kapitalistisch verfasste 707 Und wenn doch, dann häufig »nur«, weil grundsätzlich vorhandene sozialstaatliche Unterstützungsangebote von den Betroffenen, beispielsweise aus Unwissenheit oder Scham, nicht in Anspruch genommen werden. 708 Vgl. Kowitz 2012. 709 Siehe hierzu Nussbaum 1993, S. 339. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 296 Gesellschaft auch an diesem Maßstab scheitert und insofern auch in dieser Hinsicht als in hohem Maße ungerecht zu bewerten ist. d) Das Prinzip der persönlichen Freiheit Der vierte Grundsatz der Gerechtigkeit, an dem die gesellschaftlichen Verhältnisse gemessen werden sollen, ist das Prinzip der persönlichen Freiheit. Auch dieses genießt in den liberal-demokratischen Ländern des Westens traditionell große Wertschätzung und wird etwa einer periodischen Repräsentativbefragung im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zufolge von immerhin 74 % der deutschen Wahlberechtigten als »sehr wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft« betrachtet.710 Käme es hypothetisch zum Konfliktfall zwischen möglichst großer sozialer Gleichheit auf der einen Seite und Freiheit auf der anderen, dann hätte sich 2013 eine relative Mehrheit von 47 % der Deutschen im Zweifel für die Freiheit entschieden, während nur (andererseits: immerhin) 36 % der Befragten die Gleichheit präferierten.711 Persönliche Freiheit kann insofern sicherlich als einer der zentralen Grundwerte der westlichen Gesellschaft gelten. Was die rein formalen, rechtsstaatlich garantierten Bürger- und Freiheitsrechte betrifft, wird man vermutlich auch kaum bestreiten wollen, dass sich diese in den reichen Demokratien Europas und Nordamerikas auf einem vergleichsweise hohen Niveau bewegen.712 Sobald man persönliche Freiheit jedoch im Sinne konkreter Verwirklichungschancen interpretiert, sieht die Sachlage anders aus. Individuelle Selbstbestimmung und die eigenverantwortliche Gestaltung des Lebens haben nicht unerhebliche materielle, in der kapitalistischen Gesellschaft namentlich finanzielle Voraussetzungen, ohne die der tatsächliche Genuss der bürgerlichen Freiheitsrechte weitgehend verhindert und diese somit zu handlungspraktisch nutzlosen Postulaten degradiert werden. Wenn jedoch, so Kersting, »der Wert des Freiheitsrechts im Zustand der Mittellosigkeit verschwindet, wird aus der Grammatik unserer ethisch-politischen Selbstverständigung das naturrechtliche Herzstück 710 Volkmann 2012, S. 9. 711 Die restlichen Befragten blieben unentschieden. Vgl. John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung e. V. 2013, S. 10, 18. 712 Gleichwohl man eine Gefährdung derselben, beispielsweise durch die Bürgerrechte einschränkende Gesetze im Rahmen des sogenannten »Krieges gegen den Terror« – man denke nur an den USA Patriot Act in Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 – oder durch die anscheinend nahezu allumfassende Überwachung der Onlinekommunikation durch die Geheimdienste, auch in den westlichen Ländern kaum leugnen kann. Aber das ist ein anderes Thema. IST DAS FAIR? 297 herausgebrochen.«713 Dem ist im Grunde durchaus zuzustimmen. Was nutzen einem denn die grundrechtlich verbriefte Handlungsfreiheit oder Freizügigkeit, wenn einen die Armut zu Passivität verdammt? Was kann man denn in einer Gesellschaft, in der nahezu alles etwas kostet, ohne Geld schon tun? Auch die Meinungsfreiheit, wohlverstanden als das überaus zeitraubende Recht, sich auf Basis von Information, Bildung und kognitiver Schulung ein möglichst begründetes und wirklichkeitsgerechtes Urteil über die eigenen Lebensumstände sowie die natürliche und gesellschaftliche Welt bilden zu können, um auf dieser wohlfundierten Basis aktiv in den öffentlichen Diskurs und das politische Geschehen eingreifen zu können, hat vielfältige sozioökonomische Voraussetzungen, die, wie gesehen, gerade in den armen Bevölkerungsteilen, in deren Interesse die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse eigentlich besonders läge, in der Regel nicht erfüllt sind. Die effektive Nutzung der Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit wiederum erfordert, sobald der enge Rahmen des eigenen Quartiers einmal überschritten wird, ein Mindestmaß an Mobilität, was die Möglichkeiten einkommensschwacher Personen häufig ebenfalls übersteigt. Und das Recht auf Eigentum beziehungsweise die freie Verfügung über selbiges ist ohnedies ein Recht, das aus Sicht des Habenichts ganz und gar bedeutungslos erscheint. Alles in allem ist zu sehen, dass die meisten »Verwendungen der Freiheit«, verstanden als reale Verwirklichungschancen, direkt oder indirekt von ökonomischen Ressourcen abhängen und deshalb vor allem den etablierten mittleren und oberen Gesellschaftsschichten dienen, während sie für die anderen zunächst einmal ohne Belang sind.714 Das Problem besteht einfach darin, dass sich die allzu idealistische Hoffnung der liberalen Philosophen aus der Frühzeit der politischen Moderne (wie zum Beispiel Locke, Smith, Kant oder Mill), dass der rechtsstaatliche Schutz vor staatlicher Willkür und insbesondere der Schutz des privaten Eigentums im Verein mit der Gewährleistung politischer und vor allem marktwirtschaftlicher Grundfreiheiten gleichsam von selbst, wie von einer unsichtbaren Zauberhand bewirkt, zu einem gesellschaftlichen Idealzustand führen würde, in dem jeder das größtmögliche Wohlergehen für sich genießen könnte, im Zuge der Industrialisierung und der mit dieser einhergehenden ungeheuren Verelendung 713 Kersting 2000a, S. 32. 714 Ganz ähnlich sieht das übrigens auch Hayek, der jedoch immerhin davon ausgeht, dass die mehr oder weniger exklusive Nutzung der Freiheitsrechte durch die kapitalbesitzende und deshalb (!) unabhängige soziale Elite im Rahmen einer marktwirtschaftlich verfassten Gesellschaft langfristig zum Wohle aller gereiche und insofern durch das Prinzip der allgemeinen Vorteilhaftigkeit wenigstens indirekt gedeckt sei. Dazu gleich mehr. Vgl. Friedrich August von Hayek: »Freiheit und Unabhängigkeit«, in: ders.: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, Tübingen 2002c, S. 261–276, hier S. 263f. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 298 großer Teile der Fabrikarbeiter rasch als reines Wunschdenken herausstellte.715 Die Sprengung der feudalen Bande und die Entwicklung der formal freiheitlich verfassten Marktgesellschaft vermehrte zwar durchaus den Wohlstand der Nationen, spaltete diese aber zugleich in die immer reicher werdende Klasse der bürgerlichen Kapitalbesitzer auf der einen Seite und jene der »doppelt freien«716 Lohnabhängigen auf der anderen. Und auch wenn sich die Lebensbedingungen der letzteren zumindest in den hochentwickelten Kernländern des Kapitalismus – sehr viel weniger allerdings, wenn überhaupt, in der kapitalistischen Peripherie – seitdem zweifellos verbessert haben, hat sich an der grundsätzlichen Asymmetrie der Verteilungsverhältnisse dadurch kaum etwas verändert. Zudem gelingt es auch heute noch erheblichen Bevölkerungsteilen eben nicht, ein auskömmliches Markteinkommen, das ihnen ein sozial inkludiertes und halbwegs selbstbestimmtes, freies Leben oberhalb der Armutsschwelle ermöglichen würde, zu erwirtschaften, wobei infolge der beschriebenen Funktionslogik des explizit auf Konkurrenz – das heißt auf nichts anderem als dem zwar mit ökonomischen Mitteln geführten, in sozialer Hinsicht gleichwohl existentiellen Kampf der Anbieter um 715 Vgl. Kersting 2000a, S. 57. Eine nicht unerhebliche Bedeutung für diese frappierende Diskrepanz zwischen den großen Hoffnungen der frühen Liberalen und den tatsächlichen Verwirklichungschancen breiter Schichten der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft dürfte dabei der wiederum von Hayek hervorgehobene Umstand haben, dass in der Zeit, in der die Grundsätze des Liberalismus ursprünglich einmal entstanden sind, noch wesentlich mehr Menschen als heute – C. Wright Mills zufolge Anfang des 19. Jahrhunderts nämlich nicht weniger als vier Fünftel der Erwerbstätigen – hinsichtlich der Erwirtschaftung ihres Lebensunterhaltes unabhängig waren und infolgedessen von der staatlichen Gewährleistung ökonomischer Grundfreiheiten, zumindest in der Theorie, sehr viel unmittelbarer profitierten. Doch schon während des 19. Jahrhunderts kippte dieses Verhältnis allmählich – hauptsächlich infolge der Verringerung der Agrarbevölkerung –, sodass bereits Mitte des 20. Jahrhunderts die überwiegende Mehrheit existentiell auf eine abhängige Lohnarbeit angewiesen war. Damit hatten sich die sozioökonomischen Grundlagen des politischen Liberalismus fundamental geändert: Sein eigentlicher Protagonist, der selbständig agierende Eigentümerproduzent, der über Produktionsmittel verfügt und die von ihm hergestellten Produkte selbst zu Markte trägt, war von einer alltäglichen Figur des wirtschaftlichen Lebens zu einer vergleichsweise seltenen, dank wachsender Kontrolle über das gesamtgesellschaftliche Kapital allerdings immer mächtigeren Ausnahmeerscheinung geworden. Siehe hierzu Hayek 2002c, S. 261f. Es stellt sich die Frage, ob sich angesichts dieser Entwicklung genuin wirtschaftsliberale Positionen (im Unterschied zu politisch liberalen Auffassungen) mit dem ursprünglichen Leitgedanken des Liberalismus, nämlich der größtmöglichen realen Freiheit des einzelnen Individuums, überhaupt noch vereinen lassen. 716 Zur »doppelten Freiheit« des Lohnabhängigen siehe Marx 1984, S. 183, beziehungsweise in dieser Arbeit Fußnote 344. IST DAS FAIR? 299 die Gunst der potentiellen Kunden – gegründeten kapitalistischen Wirtschaftssystems auch gar nicht davon auszugehen ist, dass dies allen, die darauf zwingend angewiesen wären, überhaupt gelingen kann. Im Gegenteil war vielmehr zu sehen,717 dass die Armut und soziale Exklusion der Unterlegenen als hochfunktionale, weil sozialdisziplinierende Effekte gerade des systemrationalen, effizienz- und damit reichtumssteigernden Operierens der Marktwirtschaft zu den charakteristischen, sozusagen ganz normalen Struktureigentümlichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft dazugehören. Außerdem war zu sehen, dass daran auch die bislang allzu behutsamen Korrekturen der marktwirtschaftlichen Primärverteilung – neben familialen und caritativen insbesondere durch sozialstaatliche Kapital- und Einkommenstransfers – im Grunde kaum etwas zu ändern vermögen.718 Die unmittelbare Folge dieser Misere besteht aber keineswegs »nur« darin, dass Armut und Exklusion die Betroffenen zu einem wenig menschengerechten Dasein in weitgehender Passivität verurteilen, in dem sie die formal betrachtet ja durchaus offenstehenden Handlungsfreiräume faktisch nicht für sich nutzen können. Armut und Prekarität halten die Betroffenen vielmehr durch den »stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse«719 in hochgradig asymmetrischen gesellschaftlichen Machtstrukturen gefangen, in denen sie aufgrund ihrer existentiellen wirtschaftlichen Abhängigkeit gar nicht anders können, als sich den prinzipiell maßlosen (wie ein kurzer Blick in die Geschichte ebenso wie auf die »verlängerte Werkbank« des heutigen Kapitalismus zeigt) Forderungen des strukturell überlegenen Kapitals – respektive der diesem etwa durch Workfare-Maßnahmen sekundierenden Arbeits- und Sozialämter – im Zweifel zähneknirschend zu beugen, wenn sie denn überhaupt irgendwie existieren wollen. Von einer freiheitlich-demokratischen, einigermaßen ausgewogenen gesellschaftlichen Machtverteilung kann angesichts dessen schwerlich die Rede sein, zumal den auf ein möglichst kontinuierliches Lohneinkommen angewiesenen Erwerbstätigen vor dem Hintergrund massenhafter Arbeitslosigkeit noch nicht einmal die Chance, wenigstens den Beruf oder den jeweiligen Arbeitgeber frei wählen und gegebenenfalls auch wechseln zu können – was für Hayek übrigens nicht weniger als die zentrale Voraussetzung für die Freiheit der 717 Siehe hierzu ausführlich Kapitel 3.2.c zur Exklusion als intrasystemischer Erfolgsbedingung der kapitalistischen Wirtschaft. 718 Man wird vielleicht einwenden, dass sozialstaatliche Transferleistungen die marktbedingte Armutsquote immerhin verringern. Das ist richtig. Ganz ohne sozialstaatliche Intervention sähe es natürlich noch schlimmer aus. Dennoch lebten 2011 eben rund 84 von 494 Millionen Europäern (bezogen auf die damalige EU27) in Armut – und zwar nach Sozialleistungen. Vgl. Eurostat 2012. 719 Marx 1984, S. 765. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 300 Lohnabhängigen darstellt720 –, tatsächlich gegeben wäre. Eingedenk der realen Machtverhältnisse auf dem globalen Arbeitsmarkt müssen Millionen von Arbeitern vielmehr nehmen, was sie bekommen; Ansprüche zu erheben entspräche nicht ihrer Position. Zusammenfassend lässt sich daher resümieren, dass sich die strukturelle Abhängigkeit der Besitzlosen und vor allem Armut und Prekarität unter den geldwirtschaftlichen Bedingungen der kapitalistischen Moderne automatisch in ein hohes Maß an persönlicher Unfreiheit übersetzen und damit die faktische Herrschaft des Kapitals besiegeln. Natürlich heißt das nicht, dass das Prinzip der persönlichen Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt nicht zur Geltung käme. Wer über genug Geld verfügt, kann in den westlichen Ländern vermutlich größere Freiräume genießen, als dies in der Geschichte der Menschheit jemals der Fall gewesen ist. Doch es ist eben festzustellen, dass die persönlichen Freiheitsgrade stark mit den verfügbaren finanziellen Ressourcen korrelieren, dass die realen Freiräume, Verwirklichungschancen und Machtpotentiale der wenigen Reichen mithin sehr viel größer sind als die der breiten Masse der Lohnabhängigen, und dass vor allem für Arme persönliche Freiheit und Autonomie in verschiedenster Hinsicht ein reichlich abstraktes und wenig praxiswirksames Versprechen bleibt. Insofern scheitert die liberale Marktgesellschaft am Grundsatz der Freiheit sicherlich nicht vollständig, wie nicht zuletzt der Vergleich mit feudalen oder totalitären Gesellschaftsformen aus Vergangenheit und Gegenwart belegt, aber sie verwirklicht ihn doch nur defizitär und vor allem in sozialer Hinsicht hochgradig selektiv. Wenn daher das Prinzip der persönlichen Freiheit wirklich für alle Menschen gleichermaßen gelten und insbesondere realisierbar sein soll – und ein geringerer Anspruch käme für eine Demokratie wohl kaum in Frage –, dann besteht in gesellschafts- wie verteilungspolitischer Hinsicht offensichtlich erheblicher Handlungsbedarf. e) Das Prinzip der allgemeinen Vorteilhaftigkeit Bis hierhin fiel der Vergleich des gesellschaftlichen Seins mit den normativen Forderungen der Gerechtigkeit, wie sie sich aus den in der Bevölkerung tatsächlich verankerten gerechtigkeitsethischen Überzeugungen ergeben, wenig erfreulich aus. Es ist vielmehr eine scharfe, in einigen Dimensionen sogar zunehmende Diskrepanz zu konstatieren, die sich zwischen Anspruch, Selbstbeschreibung und Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft auftut. Von einer gerechten Verteilung der gesellschaftlichen Güter, Chancen und Privilegien kann ersichtlich keine Rede sein, 720 Vgl. Hayek 2002c, S. 263ff. IST DAS FAIR? 301 was im Übrigen auch mit der intuitiven Mehrheitsmeinung zur Deckung kommt.721 Allerdings könnte man nun, wie ich oben bereits angedeutet habe, an dieser Stelle vielleicht einwenden, dass das alles zwar sicherlich zutreffen mag, dass also die asymmetrische Verteilungsordnung, wie sie durch die konkurrenzbasierte, allein auf Kapitalvermehrung gerichtete Prozessualität des Marktes systematisch erzeugt wird, mit dem intuitiven Gerechtigkeitsempfinden der Menschen durchaus konfligiert, dass die kapitalistische Marktordnung als solche aber dennoch legitim sei, weil sie der gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung eben mehr als alle anderen bekannten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen diene. Und davon profitierten schließlich auch und gerade die schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen, deren relativer Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zwar zugegebenermaßen klein wäre, absolut gesehen aber immer noch größer als in anderen, zum Beispiel planwirtschaftlichen Systemen. Unter dem Strich wäre die kapitalistische Gesellschaftsordnung also trotz der eklatanten Ungleichheit, die mit ihr verbundenen ist, durch ihre allgemeine Vorteilhaftigkeit indirekt gerechtfertigt. Sie erfüllte somit quasi das oben erläuterte Rawlssche Differenzprinzip, demzufolge soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten genau dann legitim seien, wenn sie letztlich auch »den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen.«722 Es war insbesondere Friedrich August von Hayek, der die marktwirtschaftlich verfasste Gesellschaft mit genau diesem Argument zeitlebens gegen den Vorwurf ihrer Ungerechtigkeit verteidigt hat. Mit diesem Maßstab der allgemeinen Vorteilhaftigkeit und damit normativen Legitimität gilt es nun, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse abschließend zu vergleichen. Damit weiche ich allerdings von meiner bisherigen Vorgehensweise insofern ab, als ich diesen Vergleichsmaßstab in erster Linie eben nicht, wie die vorherigen, aus der empirischen Gerechtigkeitsforschung entnehme, sondern mich zunächst einmal von der politischen Philosophie Rawls‘ und Hayeks leiten lasse. Denn die empirischen Befunde deuten ja eigentlich darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit jedenfalls der deutschen Bevölkerung die ungleichen Lebensbedingungen gerade nicht als gerechtfertigt betrachtet und der marktwirtschaftlichen Grundordnung insofern keineswegs unvoreingenommen gegenübersteht. Doch immerhin lassen sich auch im empirischen Überzeugungshaushalt der Gesellschaft Anhaltspunkte dafür finden, dass der Gedanke, dass Wettbewerb und Marktwirtschaft für das 721 Dies jedenfalls in Deutschland, wo knapp 80 % der Bevölkerung speziell mit der Gerechtigkeit der Einkommensverteilung »überwiegend unzufrieden« (50%) oder »sehr unzufrieden« (29%) sind, und über 90 % die soziale Ungleichheit im Allgemeinen als »zu groß« (51,6%) oder sogar »viel zu groß« (39,1%) empfinden. Siehe dazu Volkmann 2012, S. 49, sowie Hinz / Liebig 2010, S. 5. 722 Rawls 1975, S. 336. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 302 erfolgreiche Funktionieren der modernen Gesellschaft durchaus von einiger Bedeutung und in diesem Sinne eben von allgemeinem Vorteil sind, auch in der Bevölkerung grundsätzlich auf ein gewisses Maß an Zustimmung stößt. Zwar erwies sich die Unterstützung für Wettbewerb und Marktwirtschaft als wesentlichen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren als rückläufig und im Vergleich zu eminenteren Werten wie Freiheit oder sozialer Gerechtigkeit, die 2012 von 74 beziehungsweise 69 % der Befragten als »sehr wichtig« eingestuft wurden, überdies als auffallend schwach. Denn lediglich 24 % betrachteten den Wettbewerb, 27 % die Marktwirtschaft als »sehr wichtig« für eine gut funktionierende Gesellschaft.723 Rechnet man jedoch diejenigen Personen, die beides zumindest als »eher wichtig« ansehen, hinzu, kommt man auf aggregierte Zustimmungswerte von immerhin 81 % für den Wettbewerb und 86 % für die Marktwirtschaft,724 sodass man füglich davon ausgehen kann, dass die These, dass die marktwirtschaftliche Verfassung der modernen Gesellschaft zumindest im Prinzip von allgemeiner Vorteilhaftigkeit wäre, sehr wohl von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung tendenziell akzeptiert wird.725 Deshalb und aufgrund der Tatsache, dass der Kapitalismus ungeachtet seiner kaum zu übersehenden sozialen und gerechtigkeitsethischen Defizite auch im politisch-öffentlichen und sozialtheoretischen Diskurs nach wie vor notorisch damit zu rechtfertigen versucht wird, dass er letzten Endes eben doch jedermann zum größtmöglichen Vorteil gereiche, scheint es mir geboten, genau diese Behauptung unter besonderer Berücksichtigung der sozialen wie ökologischen Auswirkungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im Folgenden noch einmal kritisch zu hinterfragen. Da Hayeks Apologetik der Marktgesellschaft in diesem Zusammenhang geradezu als paradigmatisch gelten kann, möchte ich zunächst damit beginnen, dessen zwei Hauptargumente noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen. Es handelt sich dabei zum einen um ein politischnormatives, zum anderen um ein ökonomisches Argument. Das politisch-normative Argument postuliert, dass die persönliche Freiheit der Bürger, verstanden als geistige wie handlungstechnische Freiheit unter dem für alle gleichermaßen geltenden Gesetz und unter Abwesenheit staatlicher Willkür,726 lediglich in einer Gesellschaft garantiert werden könne, die wirtschaftlich auf einer liberalen Marktordnung gründe, in der ein jeder in eigener Verantwortung seine ökonomischen Interessen 723 Vgl. Volkmann 2012, S. 9f. 724 Im Falle von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit wären es jeweils 98 %. Vgl. ebd. 725 Gleichwohl wie gesagt das reale Ausmaß der durch die Marktwirtschaft hervorgerufenen sozialen Ungleichheit als überzogen und ungerecht kritisiert wird. Vgl. ebd., S. 49; Hinz / Liebig 2010, S. 5. 726 Vgl. etwa Friedrich August von Hayek: »Liberalismus«, in: ders.: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, Tübingen 2002b, S. 88–119, hier S. 90ff. IST DAS FAIR? 303 frei verfolgen könne. Denn je stärker der Staat das wirtschaftliche Streben der Menschen etwa zugunsten vermeintlicher Gemeinwohlziele reguliere, umso deutlicher beschneide er damit ersichtlich die individuelle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, was im Extremfall einer zentral gelenkten Planwirtschaft notwendigerweise dazu führe, dass selbst so elementare Entscheidungen wie die über den schulischen Werdegang oder die Berufs- und Stellenwahl dem subjektiven Willen des Einzelnen entzogen und zwecks Realisierung der übergeordneten, gesamtgesellschaftlichen Planziele notwendigerweise staatlichen Behörden überantwortet werden müssten. Demzufolge hingen die persönliche Freiheit des Individuums und die marktwirtschaftliche Verfassung der Gesellschaft also untrennbar zusammen.727 Allerdings ist Hayek klar, dass dieses Argument nur diejenigen von der Vorzugswürdigkeit der liberalen Marktordnung überzeugen kann, die – wie er selbst – in der Freiheit ebenfalls einen höchsten Wert erkennen, den es unbedingt zu schützen gilt und der zudem Vorrang vor anderen Werten, wie etwa der Gleichheit oder Verteilungsgerechtigkeit, genießt. Doch diese normative Präferenz für die Freiheit speise sich in der Regel weniger aus den intersubjektiven Quellen der Vernunft, als aus subjektiven, schwerlich zu verallgemeinernden Gefühlen und Einstellungen, die insbesondere von denen geteilt würden, die in unfreien, totalitären Gesellschaften ihre persönlichen Erfahrungen zu machen hatten.728 Für Hayek selber bildeten dabei vor allem der deutsche und italienische Faschismus sowie der sowjetische Sozialismus den persönlichen Erfahrungshintergrund, vor dem seine bereits 1944, das heißt noch während des Zweiten Weltkrieges, mit der Veröffentlichung des Buches The Road to Serfdom729 anhebenden Warnungen vor den Gefahren des Totalitarismus sowie sein dagegengesetztes, lebenslanges Plädoyer für die freiheitliche Marktgesellschaft zu verstehen sind. Um aber auch diejenigen, die die Freiheit eben nicht als höchsten Wert betrachten, sondern anderen politisch-normativen Idealen den Vorzug geben – wie zum Beispiel jene 36 % der Deutschen, die sich im Konfliktfall zwischen Freiheit und Gleichheit für letztere entschieden –,730 trotzdem von der allgemeinen Vorteilhaftigkeit des Kapitalismus überzeugen zu können, braucht es mithin ein zusätzliches, pragmatischeres, nicht auf moralischen Konsens angewiesenes Argument. Und dieses glaubt Hayek eben in der ungeheuren ökonomischen Produktivität zu finden, die den 727 Vgl. hierzu beispielsweise ders.: »Der Mensch in der Planwirtschaft«, in: Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik, Tübingen 2004a, S. 153– 170. 728 Vgl. ders.: »Die Ursachen der ständigen Gefährdung der Freiheit«, in: ders.: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, Tübingen 2002a, S. 63–68. 729 Ders.: The Road to Serfdom, Chicago 1944. 730 Vgl. John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung e. V. 2013, S. 18. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 304 Kapitalismus vor allen anderen bekannten Wirtschaftsformen auszeichne und die, wie oben dargelegt, neben der vorwärtspeitschenden Dynamik des ökonomischen Konkurrenzkampfes namentlich auf der durch den Preismechanismus ermöglichten besonders effizienten Nutzung des weitverstreuten Wissens und der unterschiedlichen Fähigkeiten der Marktakteure beruhe, die durch ein komplexes Netz aus vielgliedrigen Interdependenzketten zur inzwischen längst globalen Marktgesellschaft verflochten sind.731 Weil die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Marktes durchweg jedermann zugutekomme – schließlich könnten auch die Anteile der am schlechtesten Gestellten in einer reichen Gesellschaft grö- ßer sein als in einer armen –, liefere sie unabhängig von politisch-normativen Grundsatzdiskussionen ein tragfähiges, vermeintlich wertneutrales Fundament für die allgemeine Konsensfähigkeit des kapitalistischen Systems. Im Grunde schließt Hayek mit diesem Argument an genau jene fragwürdige materialistische Eudämonologie an, von der im Zusammenhang mit der neuzeitlichen Apotheose der Erwerbsarbeit oben bereits die Rede war und die besonders schön in der im Kern bis heute gängigen Vorstellung des frühen deutschen Nationalökonomen Johann August Schlettwein aus dem 18. Jahrhundert zum Ausdruck kommt, dass eben die ganze Gesellschaft umso glücklicher wäre, je schneller und unaufhörlicher »die Menge der genießbaren Sachen« vervielfältigt würde.732 Persönliche Freiheit und gesamtgesellschaftlicher Reichtum – das sind also die beiden Hauptargumente, die (nicht nur) von Hayek für die unterstellte allgemeine Vorteilhaftigkeit und damit normative Legitimität der liberalen Marktgesellschaft ins Feld geführt werden.733 Die Frage ist allerdings, ob diese Argumente auch einer genaueren gerechtigkeitsethischen Überprüfung standhalten. Ich denke nicht, dass das der Fall ist, und werde im Folgenden vier Gründe dafür nennen. Zum ersten war bereits zu sehen, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft lediglich in rein formaler Hinsicht als für alle Bürger gleichermaßen realisiertes Ideal betrachtet werden kann. Versteht man Freiheit dagegen im Sinne realer Handlungs- und Verwirklichungschancen, so lässt sich kaum leugnen, dass es sich dabei um ein höchst ungleich verteiltes gesellschaftliches Gut handelt, das vor allem den Etablierten zur Verfügung steht, während die sozioökonomisch schlecht Gestellten von seinem Genuss recht weitgehend ausgeschlossen sind. Die Freiheit der liberalen Marktgesellschaft ist insofern zuvorderst die Freiheit der Wohlhabenden, die sie auch effektiv für sich zu nutzen in der Lage sind. Tatsächlich bestreitet auch Hayek diesen Umstand keineswegs. Auch er sieht, dass viele »Verwendungen der Freiheit« nur für die Wenigen, die dank ihres Kapitalbesitzes 731 Vgl. Hayek 2002a. Zur Produktivität der Marktordnung siehe ders. 2003. 732 Schlettwein 1773, S. 288. 733 Vgl. Hayek 2002b, S. 104. IST DAS FAIR? 305 ökonomisch unabhängig sind, wirklich eine konkrete Bedeutung haben, während sie für alle anderen persönlich ohne Belang sind.734 Doch geht er eben davon aus, dass der exklusive Gebrauch, den die sozioökonomische Elite der Gesellschaft insbesondere von ihrer wirtschaftlichen Freiheit macht, dank des damit verbundenen Beitrages zur Erhaltung der kapitalistischen Wettbewerbsordnung und somit zur gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsvermehrung schlussendlich allen Gesellschaftsmitgliedern zugutekommt. So gesehen muss man also präzisieren: Die liberale Marktgesellschaft ist keineswegs insofern von allgemeiner Vorteilhaftigkeit, als sie jedermann zu auch nur annähernd vergleichbaren realen Handlungsspielräumen und Verwirklichungschancen verhelfen würde. Von allgemeiner Vorteilhaftigkeit ist sie allenfalls in der Hinsicht, als sie trotz ihrer – von Hayek offenbar als unproblematisch wahrgenommenen – undemokratischen um nicht zu sagen quasifeudalen Verteilung (nicht nur) der persönlichen Handlungsfreiheiten auch den unteren Gesellschaftsschichten zu einem vergleichsweise hohen materiellen Lebensstandard verhilft. Ob dies dann allerdings ausreicht, um wirklich davon sprechen zu können, dass die kapitalistische Gesellschafts- und Verteilungsordnung allen Bürgern zu ihrem Vorteil gereicht, das ist die Frage. Ich selbst bezweifle es, was mich zum zweiten Argument gegen die These von der allgemeinen Vorteilhaftigkeit und Legitimität des Kapitalismus führt. Richtig ist sicherlich, dass der materielle Lebensstandard auch der schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen in westlichen Industriegesellschaften in der Regel deutlich höher ist, als das anderswo in Raum und Zeit der Fall (gewesen) sein mag. Blendet man also die kruden Ausbeutungsverhältnisse, wie sie an der verlängerten Werkbank des Westens vielerorts noch immer an der Tagesordnung sind und von denen alles andere als absehbar wäre, dass sie irgendwann einmal tatsächlich zum Wohle aller überwunden werden, aus der Betrachtung aus und reduziert man zudem die Bedürfnisse des Menschen gedanklich auf die rein materielle Dimension, dann könnte man vielleicht wirklich zu dem Befund gelangen, dass die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung von allgemeinem Vorteil ist. Sobald man aber konzediert, dass Menschen eben nicht nur physische Grundbedürfnisse haben, sondern ihre spezifische Menschlichkeit gerade in der Verwirklichung ihrer über das rein Materielle weit hinausreichenden sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, wird man, wie ich mich im Kontext der Bedarfsgerechtigkeit schon darzulegen bemüht habe, wohl sehr viel eher dazu neigen, selbst in den immer reicher werdenden Kernländern des Westens – von der Peripherie ganz zu schweigen – von einem umfassenden sozialen Scheitern des Kapitalismus zu sprechen. 734 Ders. 2002c, S. 263. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 306 Denn wie gesehen, leiden aufgrund der rigorosen Profit- und Konkurrenzlogik des Marktes allein in Europa Abermillionen von Menschen an Einkommensarmut und sozialer Exklusion, sodass sie trotz des gesamtgesellschaftlichen Reichtums und trotz ihrer im Vergleich zur Dritten Welt guten materiellen Versorgung nicht am normalen Leben der Gesellschaft teilnehmen können und insofern auch nicht wirklich dazugehören. So begrüßenswert die Beseitigung der absoluten Armut von daher auch immer sein mag, repräsentiert sie für sich genommen eben doch noch lange keinen hinreichenden Indikator für die Beseitigung sozialer Ausgrenzung respektive die Realisierung gesamtgesellschaftlicher Integration. Tatsächlich könnte man sich sogar leicht eine Gesellschaft vorstellen, deren materieller Lebensstandard unter dem heutigen in Europa oder Nordamerika läge, in der das subjektive Wohlergehen auch und gerade der am schlechtesten gestellten Personen aber trotzdem höher wäre, weil und sofern das Vorhandene gleichmäßiger verteilt, Ausgrenzung wirksam verhindert und der gesellschaftliche Zusammenhalt sowie die gerechtigkeitsethische Zufriedenheit der Bevölkerung mit den bestehenden Verhältnissen dadurch nachhaltig gestärkt würden. Vor diesem Hintergrund jedoch erscheint die Behauptung Hayeks, dass sich der Kapitalismus losgelöst von der Frage nach einer möglichst ausgewogenen und fairen Verteilung allein schon deshalb als sachlich wie moralisch vorzugswürdig erweise, weil er den Gesamtbestand des materiellen Reichtums und damit auch die, wohlgemerkt, nur potentiellen Anteile der »Worst-Off« unentwegt vergrößere, einfach allzu verkürzt und holzschnittartig. Aus Sicht der Exkludierten jedenfalls dürfte die Vorteilhaftigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum mindesten in Frage stehen. Zu bedenken gilt es in diesem Zusammenhang des weiteren (drittens) aber auch, dass bemerkenswerterweise selbst aus Sicht der sozioökonomisch etablierten, mittelständischen und oberen Bevölkerungsschichten die generelle Vorteilhaftigkeit des marktwirtschaftlichen Systems mitnichten so eindeutig feststeht, wie man vielleicht glauben könnte. Denn wie ich oben bereits erläutert habe, verhält es sich mit dem subjektiven Wohlergehen der Menschen eben keineswegs so simpel, wie zum Beispiel Schlettwein noch dachte. Zwar trifft es augenscheinlich zu, dass die wirtschaftliche Vermehrung der »genießbaren Sachen« in besonders armen Ländern, in denen selbst die elementarsten körperlichen Grundbedürfnisse noch nicht für alle sichergestellt sind, in der Tat zur Steigerung des gesamtgesellschaftlichen Wohlbefindens führen kann, sofern auch wirklich alle Bürger – was sich beileibe nicht von selbst versteht – am Wachstum partizipieren.735 Doch sobald ein gewisser, aus westlicher 735 Siehe hierzu unter anderem das umfangreiche Datenmaterial auf der Website des bereits in Fußnote 267 erwähnten World Values Surveys, der als Gemein- IST DAS FAIR? 307 Perspektive überraschend niedriger Schwellenwert – im World Values Survey wird auf Basis zeit- und ländervergleichender Untersuchungen als Orientierungsgröße ein jährliches Bruttoinlandsprodukt von gerade einmal 15.000 Dollar pro Kopf genannt – überschritten wird, tragen weitere gesellschaftliche Wohlstandszuwächse für sich genommen nicht mehr automatisch zur weiteren Verbesserung des individuellen Wohlbefindens bei.736 In Europa, Japan und den USA zum Beispiel – also in den technisch hochentwickeltsten und reichsten Industrieregionen der Welt – hat sich das Bruttoinlandsprodukt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durchaus (ganz im Sinne Schlettweins) vervielfacht, während das subjektive Wohlergehen der Menschen trotzdem stagnierte.737 Der Grund hierfür scheint schlicht darin zu bestehen, dass ab einem bestimmten Sättigungsniveau, auf dem die wichtigsten, insbesondere physiologischen Grundbedürfnisse von jedermann zuverlässig befriedigt werden können, das individuelle Wohlbefinden eben nicht mehr von der absoluten Höhe des jeweiligen Anteils am materiellen Reichtum der Gesellschaft bestimmt wird, sondern vielmehr von der relativen. Die Menschen wollen also nicht einfach immer mehr, sondern es genügt ihnen, wenn sie jedenfalls nicht (wesentlich) weniger als die anderen bekommen. Und auch wenn das, wie gesehen, nicht unbedingt auf die verteilungspolitische Maximalforderung hinauslaufen muss, dass etwa jedermann genau dasselbe besitzt oder verdient, so heißt es doch, dass die Besitz- und Einkommensunterschiede, wenn sie denn als gerecht empfunden werden sollen, erstens nicht allzu groß und zweitens meritokratisch legitimiert sein sollten.738 Beides aber ist im Kapitalismus ersichtlich nicht der Fall. Vielmehr tendieren liberale Marktgesellschaften – zumindest ohne massive redistributive Eingriffe seitens des Staates – systembedingt zu drastischen, gerechtigkeitsethisch weitgehend illegitimen sozialen Ungleichheiten,739 die aber nicht »nur« das physische und psychische Wohlergehen der Armen, sondern aller Gesellschaftsmitglieder erheblich beeinträchtigen.740 Der soziale Abstieg und die millionenfache Exklusion breiter Bevölkerungsschichten wirken auf alle wie ein bedrohliches Menetekel und führen zur existentiellen Verunsicherung der Bevölkerung bis weit in die Mittelschicht hinein. Statusängste und stressbedingte psychische wie physische schaftsprojekt eines internationalen Netzwerkes von Sozialforschern seit 1981 in regelmäßigen Wellen (mittlerweile fünf) durchgeführt wird, http://www.worldvaluessurvey.org/wvs.jsp (23.03.16); vgl. weiterhin Inglehart u. a. 2008; Binswanger 2006; ders. 2011, S. 24ff.; Layard 2009, S. 46f.; Diener / Oishi 2000. 736 Vgl. Inglehart u. a. 2008, S. 268ff., insb. Abb. 2. 737 Vgl. Binswanger 2011, S. 28f. 738 Vgl. unter anderem Sachweh 2011. 739 Vgl. hierzu beispielsweise Piketty 2014. 740 Vgl. Wilkinson / Pickett 2009, S. 207ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 308 Erkrankungen nehmen in den Industriegesellschaften – ungeachtet ihrer Häufung in den unteren Sozialschichten – gemeinsam mit der Ungleichheit auf allen Ebenen der sozialen Stufenleiter zu,741 und auch der gesellschaftliche Drogen- und Medikamentenkonsum sowie die Kriminalität korrelieren deutlich mit dem Ausmaß der sozialen Ungleichheit innerhalb eines Landes. Beispielsweise sind Gewaltverbrechen in einer Gesellschaft umso häufiger, je stärker die sozialen Lebenslagen divergieren, was sich in Zahlen etwa darin ausdrückt, dass die Mordrate in den besonders ungleichen Vereinigten Staaten rund viermal so hoch ist wie in Großbritannien und sogar über zwölfmal so groß wie im vergleichsweise egalitären Japan.742 Dazu kommt, dass die Allgegenwart und ideologische Überhöhung konkurrenzorientierten, das heißt fortwährend nach Dominanz und Überbietung strebenden Verhaltens, zu dem bereits die Kinder in einem, statt auf persönliche Entfaltung, vor allem auf Produktivität und Marktfähigkeit geeichten Schulsystem mittels fein abgestimmter, hierarchisierender Belohnungs-, Sanktions- und Prüfungsmethoden gedrillt werden,743 und das auch sonst in fast alle, auch nicht-ökonomischen Lebensbereiche eingesickert ist – man denke nur an die wachsende Bedeutung gesundheitlich-ästhetischer Selbstoptimierung durch sportive Praktiken für die soziale Positionierung in der modernen Leistungsgesellschaft –,744 die Qualität der gesellschaftlichen Beziehungen fühl- und 741 Wilkinson und Pickett zufolge haben insbesondere Depressionen und Angststörungen in den entwickelten Gesellschaften seit den 1950er Jahren tatsächlich messbar zugenommen. Es handele sich also nicht nur um einen statistischen Effekt oder das Ergebnis einer gesteigerten Diagnosehäufigkeit respektive gesellschaftlichen Sensibilität gegenüber psychischen Leiden. Vgl. ebd., S. 48f. Doch im Grunde ist diese Frage – ob psychische Krankheiten tatsächlich zunehmen oder nur öfter diagnostiziert werden – für die hier vorliegende Argumentation ohnedies von nachgeordneter Bedeutung. Denn worauf es mir an dieser Stelle vor allem ankommt, ist der Umstand, dass psychische Erkrankungen in einer Gesellschaft jedenfalls umso verbreiteter sind, je größer die soziale Ungleichheit ist. Und genau dies lässt sich im Ländervergleich offenbar eindeutig belegen. Vgl. ebd., S. 85, 208. 742 Vgl. ebd., S. 89f., 159f. 743 Siehe zu den »Mitteln der guten Abrichtung« insbesondere Foucault 1976, S. 220–250. 744 Vgl. unter anderem Nina Degele, Gabriele Sobiech: »›Fit for Life‹? – Soziale Positionierung durch sportive Praktiken«, in: Schahrzad Farrokhzad, Claudia Combrink (Hg.): Arenen der Weiblichkeit. Frauen, Körper, Sport (= Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 31/2008, H. 69), Köln 2008, S. 109–118; Stefanie Duttweiler, Robert Gugutzer: »Körper – Gesundheit – Sport. Selbsttechnologien in der Gesundheits- und Sportgesellschaft«, in: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 35/2012, H. 1, S. 5–19; Kai Ginkel: »Der Zwang zur Vitalität. Zu den Techniken und sozialen Konsequenzen der Selbstoptimierung«, in: IST DAS FAIR? 309 messbar verschlechtert.745 In einer Gesellschaft, in der es von klein auf ständig darum geht, sich gegen andere durchzusetzen, um in der sozialen Rangordnung nach oben zu klettern oder wenigstens nicht abzustürzen, wächst der gesellschaftliche Vergleichs- und Bewertungsdruck für viele Menschen in kaum noch erträgliche Dimensionen, während der soziale Zusammenhalt, das gegenseitige Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft schwinden. Wer nicht mithalten kann, sei es beruflich oder privat – und im Wettbewerb gehören Abgehängte und Verlierer per definitionem immer mit dazu –, fühlt sich rasch als minderwertiger »Versager«, der sich als zu dumm, zu träge, zu dick, zu inkompetent, angesichts der vielen smarten Leistungsträger als jedenfalls nicht gut genug erwiesen hat. Das Gefühl der Scham, des Ehrverlustes und der persönlichen Erniedrigung sind fast unvermeidlich die Folge, doch liegt eben genau darin, das heißt in der zwar massenhaften, unter den individualisierten Bedingungen der Moderne gleichwohl isoliert erlebten demütigenden Erfahrung des eigenen Ungenügens und der mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung, nachweislich einer der schädlichsten sozialpsychologischen Stressfaktoren überhaupt, der nicht nur viele seelische und körperliche Erkrankungen begünstigt, sondern ebenso gesamtgesellschaftliche Pathologien, wie etwa die erwähnte Gewaltkriminalität oder die Erosion des sozialen Zusammenhaltes und Vertrauens.746 Und natürlich kommt all das nur umso deutlicher zum Tragen, je größer die Bedeutung der sozialen Konkurrenz und umso ausgeprägter die Ungleichheit in einer Gesellschaft ist. Aus diesem Grunde schneiden unter den reichen Ländern jene mit relativ moderaten Unterschieden (wie zum Beispiel die skandinavischen oder Japan) mit Blick auf praktisch alle ernstzunehmenden gesundheitlichen und sozialen Probleme747 sehr viel besser ab als diejenigen, die im Vergleich dazu von hoher Ungleichheit geprägt sind.748 All das führt zu dem empirisch wohlfundierten Ergebnis, dass egalitäre Gesellschaften, die sich – wie jene archaischen Wildbeutergemeinschaften, Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 35/2012, H. 1, S. 20–29. Grundlegend zum Diktat fortwährender Selbstoptimierung siehe Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007. 745 Gemessen am sozialen Zusammenhalt, am Vertrauen, am sozialen Engagement und am Auftreten von Gewalt. Vgl. Wilkinson / Picket 2009, S. 221. 746 Vgl. ebd., S. 53ff., 153ff. 747 Neben den bereits erwähnten Angststörungen und Depressionen, dem Drogenmissbrauch und der Gewaltkriminalität sowie der sozialen Desintegration und dem gesellschaftlichen Vertrauensverlust beispielsweise auch Herzkrankheiten, Adipositas, vorzeitige Sterblichkeit, Bildungsarmut, geringe Aufstiegschancen und überbelegte Gefängnisse, um nur einige mehr zu nennen. Für all diese gesundheitlichen und gesamtgesellschaftlichen Pathologien belegen diverse Untersuchungen die enge Korrelation mit der sozialen Ungleichheit. Vgl. ebd. 748 Vgl. ebd., S. 199ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 310 in denen der anatomisch moderne Mensch zu weit mehr als 90 % seiner Geschichte gelebt hat – stärker durch Kooperation und Ausgewogenheit als durch Konkurrenz und Statushierarchien auszeichnen, die also in ihrer ganzen Grund- und Verteilungsstruktur gerade nicht dem kapitalistischen Normalfall entsprechen, nicht nur für die am schlechtesten gestellten, sondern für alle Gesellschaftsmitglieder sehr viel vorteilhafter sind.749 Denn nicht nur die Lebensqualität der unteren Bevölkerungsgruppen steigt mit gleicheren Verhältnissen – obschon die Verbesserungen in ihrem Fall besonders spürbar sind –, auch die mittleren und oberen Schichten profitieren von den insgesamt harmonischeren, stressfreieren und gesünderen Bedingungen.750 Damit gelange ich zu meinem vierten und vielleicht gravierendsten Einwand gegen die These von der allgemeinen Vorteilhaftigkeit des kapitalistischen Gesellschaftsmodells, nämlich dessen desaströse Auswirkungen auf die Umwelt und das Leben auf der Erde. Die westlich-industrielle, auf ununterbrochenes Wachstum und Konsum notwendig angewiesene Wirtschaftsform ist nach allem, was derzeit bekannt ist, mit einem nachhaltigen Leben auf diesem Planeten gänzlich unvereinbar.751 Seit rund 40 Jahren verbrauchen die Menschen jährlich mehr natürliche Ressourcen, als die Erde regenerieren kann. Infolgedessen ist bereits heute, so das Ergebnis des jüngst erschienenen Living Planet Report 2014, ein Punkt erreicht, an dem rechnerisch 1,5 Erden benötigt würden, um die Ökosystemleistungen, die die Menschheit (insbesondere in den reichen Ländern) Jahr für Jahr verzehrt, dauerhaft bereitzustellen.752 Und wenn es so weitergeht, wovon angesichts der weltwirtschaftlichen Entwicklungen auszugehen ist – man denke nur an das rapide Wirtschaftswachstum Chinas oder Indiens – würden 2030 sogar zwei 749 Ich erinnere an dieser Stelle auch noch einmal an die bereits oben zitierte (Fußnote 172) Äußerung des finnischen Ministerpräsidenten Sauli Niinistö, demzufolge die relative Stabilität und Ausgewogenheit der finnischen Gesellschaft maßgeblich auf den hohen Steuern beruhe, die die Bürger zu entrichten hätten. Über diese würden zwar nicht wenige Finnen murren, doch letztendlich akzeptierten sie sie eben doch, weil dadurch neben Bildung, Gesundheit und Sicherheit insbesondere stabile soziale Verhältnisse garantiert würden. Und daran seien schließlich auch und gerade die Besserverdienenden interessiert, die weder Armut noch soziale Unruhen um sich herum haben wollten. Vgl. Niinistö 2012. 750 Vgl. Wilkinson / Picket 2009, S. 199ff. 751 Zur generellen Unverträglichkeit von Kapitalismus und ökologischer Nachhaltigkeit siehe insbesondere das jüngste und ebenso informative wie ernüchternde Buch von Naomi Klein: This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate, New York 2014. 752 Vgl. WWF Deutschland: Living Planet Report 2014, Kurzfassung, Berlin 2014, S. 26. IST DAS FAIR? 311 Erden gebraucht, um den überschießenden Bedarf zu stillen.753 Dieser massive und augenscheinlich wenig nachhaltige Ressourcenmissbrauch hat nicht nur maßgeblich zur Vernichtung zahlloser Ökosysteme und damit einhergehend zu einem drastischen Verlust der Biodiversität um ca. 52 Prozent (sic!) allein zwischen 1970 und 2010 beigetragen,754 weshalb man Naomi Klein übrigens auch nur zustimmen kann: »Our economic model is at war against life on earth.«755 Er hat auch dazu geführt, dass die anthropogenen CO2-Emissionen in den letzten Jahren – ungeachtet sämtlicher UN-Klimakonferenzen und halbherzigen Bemühungen der nationalen Regierungen, Unternehmen und Konsumenten – auf ein höheres Niveau geklettert sind als jemals zuvor.756 Nach Angaben des Weltklimarates der Vereinten Nationen ist die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre inzwischen so hoch wie seit 800.000 Jahren nicht mehr, und wenn fortgefahren wird wie bisher, wird die globale Mitteltemperatur bis ins Jahr 2100 voraussichtlich um nicht weniger als 3,7 bis 4,8 Grad steigen.757 Um eine solch existentielle Katastrophe, die nach Einschätzung des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon den Frieden und die Zukunftschancen von Milliarden Menschen gefährden würde,758 überhaupt noch verhindern zu können und die Erderwärmung in einem wenigstens halbwegs beherrschbaren Rahmen von unter 2 Grad zu halten, wären tiefgreifende und vor allem schnelle Erfolge bei der Senkung der Treibhausgasemissionen vonnöten,759 doch dürften diese ohne rigorose staatlich-regulatorische Eingriffe in die kapitalistische Wachstumsökonomie – die letztendlich auf eine Abkehr vom globalen Wirtschaftswachstum zielen müssten – de facto unmöglich sein. Ohnedies prognostizieren Forscher des britischen Tyndall Centers for Climate Change Research, dass das offizielle Ziel der Weltklimapolitik, 753 Vgl. Weis: »Geplündert. Über den Zustand des Planeten«, in: Süddeutsche Zeitung vom 01.10.2014, S. 16. 754 Man muss sich das wirklich bewusst machen: In gerade einmal 40 Jahren haben sich beispielsweise die Populationen der weltweit untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische mehr als halbiert, und daran war zwar nicht immer, hauptsächlich jedoch der Mensch und vor allem der kapitalistische Raubbau an der Natur schuld. Vgl. WWF Deutschland 2014, S. 26. 755 So die kanadische Publizistin pointiert im Videotrailer zu ihrem bereits genannten Buch This Changes Everything (Klein 2014), http://thischangeseverything. org/ (23.03.16). 756 Jörg Häntzschel: »Unsere letzte Chance ist die Klimakatastrophe. Naomi Klein rechnet mit dem Radikalkapitalismus ab«, in: Süddeutsche Zeitung vom 20.09.2014, S. 13. 757 Vgl. WWF Deutschland 2014, S. 31. 758 Vgl. SZ: »Klimawandel bedroht Frieden. UN-Generalsekretär mahnt Staaten eindringlich zum Handeln«, in: Süddeutsche Zeitung vom 24.09.2014, S. 1. 759 Vgl. WWF Deutschland 2014, S. 31. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 312 die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen – ein Ziel übrigens, das von Vertretern afrikanischer Staaten, denen eine solche Erwärmung bereits Tausende Tote brächte, als »sanktionierter Genozid« bezeichnet wurde760 –, infolge der epidemischen Ausbreitung der kapitalistisch-industriellen Produktionsweise und der damit verbundenen Zunahme der CO2-Emissionen schon jetzt nicht mehr einzuhalten ist, selbst wenn die Weltgesellschaft, was gelinde gesagt unrealistisch ist, sofort, gleichsam im Zuge einer fulminanten »ökologischen Weltrevolution«, radikal umsteuerte.761 Vielmehr wäre selbst dann noch mit einem Temperaturanstieg von mindestens vier Grad zu rechnen, einem Wert also, der in der internationalen Debatte über den Klimawandel eigentlich lange Zeit als sozusagen finales Desaster galt und die Erde noch zu Lebzeiten der nachfolgenden Generationen in einen gefährlicheren, unwirtlicheren und lebensfeindlicheren Planeten verwandeln würde, als sie es in der gesamten Menschheitsgeschichte jemals gewesen ist.762 Vor allem die Veränderungen der Küstenlinien und Vegetationsmuster, der Mangel an Trinkwasser und die irreversible Verwüstung fruchtbarer Ackerböden würde Milliarden Menschen ihre Überlebensgrundlage entziehen. Natürlich, Wissenschaftler können sich irren. Vielleicht haben wir ja Glück, und es ist in diesem Fall tatsächlich so. Und vielleicht kommt zu diesem Glück dann noch hinzu, dass sich die Menschheit plötzlich doch besinnt und es ihr sogar gelingt, in einem globalen Kraftakt, der von der gemeinsamen (im Grunde auch nicht allzu komplizierten) Erkenntnis getragen wird, dass ein Wirtschafts- und Lebensstil, der in einer endlichen Welt auf unendliches Wachstum setzt, so oder so sein Ende finden wird, das Ruder doch nochmal herumzureißen und alle Maßnahmen, die für die Einhaltung wenigstens der Zwei-Grad-Grenze erforderlich wären, ungeachtet ihrer zwangsläufig wachstums- und damit kapitalismusfeindlichen Effekte unverzüglich umzusetzen. Doch sehr wahrscheinlich ist das sicher nicht. Von einer gesellschaftlich breit abgestützten Einsicht in die strukturelle Maßlosigkeit und Lebensfeindlichkeit des kapitalistischen Systems und einer korrespondierenden Bereitschaft zu radikalen Veränderungen und vor allem auch zum Verzicht (beispielsweise auf Flugreisen, Massenkonsum, Verbrennungsmotoren, den übermäßigen Genuss tierischer Produkte usw. usf.) ist besonders in den reichen und mächtigen Ländern derzeit wenig zu spüren. Nach wie vor zählen Wachstum und Arbeitsplätze, so kurzsichtig, irrational und egozentrisch das auch immer sein mag, mehr als Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. Und genau deshalb muss man eben – einmal ganz 760 Häntzschel 2014. 761 Vgl. Drieschner 2012. Drieschner stützt sich, wie oben (Fußnote 519) bereits angemerkt, vor allem auf Anderson / Bows 2011. 762 Vgl. ebd. IST DAS FAIR? 313 davon abgesehen, dass schon die bestehenden Umweltschäden und jene, die selbst bei einem »moderaten« Temperaturanstieg von lediglich zwei Grad noch zu erwarten wären, bereits schlimm genug ausfielen – realistischerweise einfach damit rechnen, dass sich das Weltklima wesentlich lebensfeindlicher entwickeln wird, als das zumindest in den öffentlich kommunizierten, höchstwahrscheinlich allzu optimistischen Zielsetzungen der internationalen Klimapolitik nach wie vor in Aussicht gestellt wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir daher unabweisbar, dass die These von der allgemeinen Vorteilhaftigkeit des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells aufgegeben werden muss. Denn um an dieser Vorstellung vernünftigerweise festhalten zu können, müssten die Verteidiger der Marktökonomie ganz konkret und eingedenk dessen, was auf dem Spiel steht, auch zuverlässig aufzeigen, dass und wie die skizzierten Probleme, das heißt erstens die sozioökonomisch hochgradig selektive und undemokratische Verteilung realer Handlungsfreiheiten, zweitens die soziale Exklusion erheblicher Bevölkerungsteile, drittens die individuellen wie gesamtgesellschaftlichen Pathologien, die mit ausgeprägten Ungleichheiten typisch einhergehen, und viertens die schlechterdings verheerenden Umweltzerstörungen, die durch den Kapitalismus hervorgerufen werden, innerhalb der Grenzen und Systematik einer liberalen Marktgesellschaft doch noch, und zwar möglichst schnell, gelöst werden können. Genau das dürfte aber wenigstens im Falle der ökologischen Misere de facto unmöglich sein und hinsichtlich der sozialen Probleme zudem auf permanente staatlich-redistributive Korrekturen der marktwirtschaftlichen Primärverteilung in einem Umfang hinauslaufen, der zumindest in Frage stellte, ob beziehungsweise inwieweit man es dann überhaupt noch mit einer liberalen Marktwirtschaft im herkömmlichen Sinne zu tun hätte. Rational betrachtet wird man deshalb kaum anders können, als den letztlich ideologischen Versuch, die strukturelle, gerechtigkeitsethisch mehr als fragwürdige Asymmetrie der kapitalistischen Macht- und Verteilungsverhältnisse gleichsam in einem zweiten Anlauf moralisch damit zu rechtfertigen, dass man auf die angeblich gesamtgesellschaftlichen – und das könnte in der globalisierten Moderne nur bedeuten: weltgesellschaftlichen – Vorteile der Marktordnung verweist, schlichtweg als gescheitert zu bewerten. Gerade aus globaler Perspektive scheint vielmehr das exakte Gegenteil der Fall. f) Fazit Die Aufgabenstellung dieses vierten Kapitels bestand darin, die vorausgehend geschilderte soziale Ungleichheit sowie die erläuterten Mechanismen sozialer In- und Exklusion, das heißt die Mechanismen, welche TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 314 die soziale Positionierung der Individuen und damit die Verteilung der ungleichen Partizipations- und Verwirklichungschancen in der modernen, funktional differenzierten kapitalistischen Gesellschaft steuern, einer gerechtigkeitsethischen Analyse zu unterziehen, um dadurch zu einem reflektierten Urteil über den normativen Status und die Zustimmungsfähigkeit dieser Gesellschaftsordnung zu gelangen. Als Bewertungsrundlage dienten dabei vorrangig jene Gerechtigkeitsauffassungen, die in den westlichen Demokratien empirisch tatsächlich verbreitet sind, die also nicht nur von einigen Philosophen, sondern von der Mehrheit der Bevölkerung als vorzugswürdige normative Prinzipien für die moralische Bewertung der sozialen Verhältnisse allgemein geschätzt und anerkannt werden. Kurz gesagt sollte das Sein der bürgerlichen Gesellschaft also an genau jenem Sollen gemessen werden, das sie selbst als legitimen Referenzmaßstab der Gerechtigkeit vorgibt. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Schere zwischen Arm und Reich ist weit geöffnet und öffnet sich in vielen Ländern sogar noch immer mehr. Die Grenzen akzeptabler Ungleichheit sind längst gesprengt. Chancengleichheit gibt es im Grunde nur auf dem Papier, sodass, wer arm geboren wird, auch beste Chancen hat, arm (und früh) zu sterben. Soziale Aufstiegschancen existieren zwar, sind de facto aber klein und lassen sich auch durch Leistung nur bedingt verbessern. Überhaupt haben weder Entstehung noch Reproduktion der sozialen Ungleichheit mit persönlich zurechenbaren Leistungsunterschieden allzu viel zu tun. Meritokratisch legitim sind sie jedenfalls nicht, weshalb sich auch die gängige Idealisierung der bürgerlichen Gesellschaft als Leistungsgesellschaft im Wesentlichen als plane Ideologie erweist. Selbst elementare Grundbedürfnisse können trotz des überquellenden Reichtums der westlichen Länder von Millionen nicht oder nur unzureichend befriedigt werden, wobei gerade der für Menschen besonders eminente Wunsch nach soziokultureller Inklusion und Teilhabe am Leben der Gesellschaft massenhaft verwehrt bleibt. Fern davon, bloß akzidentelle, dem Kapitalismus gleichsam äu- ßerliche Phänomene zu sein, gehören Prekarität, Marginalisierung und Exklusion infolge der allein auf Wachstum und Profit fixierten Prozessualität des Marktes zur quasi in die Genstruktur der kapitalistischen Moderne hineingeschriebenen Alltäglichkeit dazu. Und damit ist auch klar, dass Freiheit, obwohl sie als formale Chance auf ein von äußeren Zwängen freies, selbstbestimmtes Leben vermutlich in keiner anderen Gesellschaftsform jemals größer war, im Sinne echter Verwirklichungschancen zumindest für jene sozial und ökonomisch Exkludierten, die sich deren Realisierung schlicht nicht leisten können, kaum mehr als ein leeres (und im Grunde durchaus zynisches) Versprechen bleibt. IST DAS FAIR? 315 Wenn daher die aufgeführten Prinzipien der Gerechtigkeit – das heißt die Prinzipien der Gleichheit,763 der Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit sowie der Freiheit – zugrunde gelegt werden, weil mehrheitlich die Überzeugung besteht, dass es sich dabei um gute, moralisch vorzugswürdige Kriterien handelt, um die Gerechtigkeit und Legitimität der gesellschaftlichen Grund- und Verteilungsordnung zu bewerten, dann fällt die normative Evaluation der kapitalistischen Verhältnisse recht eindeutig aus: Sie erweisen sich in jeder der untersuchten Dimensionen als ebenso ungerecht wie illegitim, und es gelingt auch nicht, sie sozusagen indirekt über ihre vermeintlich allgemeine Vorteilhaftigkeit zu rechtfertigen. Die kapitalistische Gesellschaft scheitert demnach an ihren eigenen bürgerlich-liberalen Auffassungen von Gerechtigkeit, und sie muss dies auch ganz notwendig, weil die in Rede stehenden Gerechtigkeitsvorstellungen eben in einem unaufhebbaren Widerspruch zur spezifischen Profitlogik und den erläuterten Funktionserfordernissen des ökonomischen Systems stehen. So lange also die maßgeblichen Impulse für die konkrete Ausgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht von der wenigstens potentiell an der Realisierung einer gerechten, für jedermann gedeihlichen und überdies auch ökologisch verträglichen Grund- und Verteilungsordnung interessierten Politik, sondern von der strukturbedingt amoralischen, das heißt in letzter Konsequenz nur an Rentabilität orientierten und auf unentwegte Kapitalakkumulation festgelegten Ökonomie des Marktes ausgehen; so lange also der gesamtgesellschaftliche Primat statt beim politischen System bei der kapitalistischen Wirtschaft liegt und die moderne Gesellschaft in eben diesem Sinne eine kapitalistische bleibt, so lange werden Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit nicht sein. Dieser Befund der strukturellen Ungerechtigkeit der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht nur von akademischem Interesse. Denn wie Sighard Neckel unter Bezug auf Freud und Rawls deutlich machen kann,764 fehlen einer Gesellschaft, deren Grund- und Verteilungsordnung von dauerhafter Ungerechtigkeit geprägt ist, die symbolischen Ressourcen, die nötig wären, um den Neid, der mit gesellschaftlicher Ungleichheit einhergeht, in der sozialen Praxis konstruktiv zu verarbeiten und so in möglichst produktive, wenigstens jedoch sozialverträgliche Bahnen zu lenken. Hinter dieser Behauptung steckt dabei die sozialpsychologisch einleuchtende Grundannahme, dass der moralisch in der Regel zwar weithin diskreditierte,765 deshalb aber nicht weniger omnipräsente Neid 763 Gleichheit wohlgemerkt nicht verstanden im Sinne totaler, sozusagen kommunistischer Einkommens- und Besitzgleichheit, sondern, wie oben erläutert, erstens im Sinne einer gemeinsamen Zone lebensweltlicher Normalität, in der die sozialen Abstände nicht zu groß werden, und zweitens im Sinne fairer, demokratischer Chancengleichheit. 764 Vgl. Neckel 1999. 765 Im Christentum gilt Neid bekanntlich sogar als eine der sieben Todsünden. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 316 keineswegs grundsätzlich als Ausdruck eines missgünstigen, anti-sozialen oder gar destruktiven Charakters gedeutet werden muss. Es handelt sich beim Neid, verstanden als das subjektive Begehren der gesellschaftlichen Position, Güter oder Chancen eines (bessergestellten) anderen, vielmehr um ein ganz normales, auf sozialem Vergleich beruhendes menschliches Gefühl, in dem durchaus auch Anerkennung mitschwingen kann und das außerdem, insofern es den Neider dazu motiviert, dem Beneideten aktiv nachzueifern, um sich das Begehrte auf normkonforme Weise selber anzueignen, automatisch zur affirmativen Reproduktion der gesellschaftlichen Werteordnung beiträgt. Allerdings hat die in diesem Sinne konstruktive Bewältigung des Neides eben zweierlei zur Voraussetzung: Erstens muss die Aneignung der beneideten Positionen oder Güter (in demokratischen Gesellschaften) grundsätzlich jedermann offenstehen; das Gebot der Chancengleichheit muss mithin erfüllt sein. Und zweitens sollte die soziale Ungleichheit auch sonst den Forderungen der gesellschaftlich geltenden Gerechtigkeitsprinzipien genügen, da die subjektiv empfundene Gerechtigkeit und Legitimität der bestehenden Verhältnisse nach Freud die notwendige psychologische Bedingung dafür ist, dass der einzelne von seinem Neid absehen und missgünstige oder gar destruktive Affekte erfolgreich dämpfen und im Idealfall sublimieren kann.766 Die Menschen brauchen demnach das Gefühl, dass es einigermaßen gerecht zugeht in der Welt, um vor dem Abgleiten ins Ressentiment bewahrt zu bleiben. Rawls zufolge ist es deshalb auch ein zentrales Gebot einer jeden »wohlgeordneten Gesellschaft«,767 dass ihre Güter und Chancen in einer Weise verteilt sind, dass die verbleibende Ungleichheit weder die Selbstachtung noch das Gerechtigkeitsempfinden speziell der schlechter gestellten Bevölkerungsmitglieder verletzt und diese somit vom Gefühl der Missgunst und dessen schädlichen Auswirkungen entlastet sind.768 Ist dies jedoch nicht der Fall, bleibe das Gefühl des Neides gleichsam hilflos und unbewältigt zurück, sodass man es im Extremfall geradezu moralisch übelnehmen könne, von den ungerechten Verteilungsverhältnissen überhaupt erst neidisch gemacht zu werden, und zwar insbesondere dann, wenn die Gesellschaft derart große Unterschiede der individuellen Lebens- und Verwirklichungschancen zulasse, dass dadurch die Selbstachtung der Schlechtgestellten quasi zwangsläufig herabgesetzt werden müsse.769 In solchen Fällen, in denen die Unzufriedenheit über die allzu große Ungleichheit der gesellschaftlichen Chancen- und Güterverteilung mithin berechtigt ist, hält Rawls Neid, Missgunst und sogar Hass trotz ihrer potentiell gravierenden anomischen 766 Vgl. Neckel 1999, S. 151. 767 Zum Begriff der »wohlgeordneten Gesellschaft« siehe Rawls 1975, S. 493ff. 768 Vgl. Neckel 1999, S. 152. 769 Vgl. Rawls 1975, S. 579. IST DAS FAIR? 317 Effekte für ebenso verständlich wie moralisch entschuldbar, weil dann eben »die neiderregenden Umstände so zwingend [sind], daß man, so wie die Menschen nun einmal sind, von niemandem vernünftigerweise verlangen kann, seine Haßgefühle [sic!] zu überwinden.«770 Wenn daher Millionen von Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft ohne ihr eigenes Verschulden dauerhaft in Armut leben, obwohl der Reichtum überquillt; wenn das elementare menschliche Grundbedürfnis nach sozialer Teilhabe und Inklusion massenhaft und systematisch missachtet wird; wenn soziale Aufstiegschancen gerade denen, die darauf eigentlich besonders angewiesen wären, de  facto fehlen; und wenn sich die gesamte kapitalistische Verteilungsordnung in praktisch jeder denkbaren Hinsicht schlicht als ungerecht erweist, dann ist es nach alldem wohl ebenso verständlich wie vorhersehbar, dass die erniedrigende Erfahrung der sozialen Marginalisierung und Exklusion bei zahllosen, gerade auch jungen Menschen nur allzu leicht in blinde Wut, Hass und Gewalt umschlagen kann.771 Eben das belegen die (teils oben schon geschilderten) jahrzehntelangen Erfahrungen mit der selbst durch massive polizeiliche Repression nicht in den Griff zu bekommenden Kriminalität und Gewalt in US- und lateinamerikanischen Elendsvierteln, den französischen Banlieues oder im Kontext der UK-Riots gleichermaßen. Auch der gewaltbereite Rechtsextremismus, wie er sich beispielsweise in Ostdeutschland besonders einzunisten vermocht hat, findet in grassierender Prekarität und Ausgrenzung einen äußerst fruchtbaren Nährboden.772 Und wenn man daher für einen Moment davon absieht, dass die Opfer dieser entweder unpolitischen oder politisch fehlgeleiteten – und insofern selber ungerechten – Kriminalität und Gewalt in der Regel nicht das geringste mit den eigentlichen Ursachen der gesellschaftlichen Misere zu tun haben, sondern häufig selbst, nicht selten sogar denselben sozialen Randgruppen entstammen wie die Täter; wenn man also davon absieht, dass sich das hinter alldem steckende gesellschaftliche Konfliktpotential (bisher) nicht in rationalen, politisch zielführenden Kollektivaktionen äußert, sondern sich gewöhnlich in den zersplitterten, wenig konstruktiven und manchmal sogar völlig irrationalen, selbstzerstörerischen 770 Ebd. 771 So auch Neckel 1999, S. 160ff. 772 Zum Zusammenhang von Armut, Prekarität und Rechtsextremismus siehe beispielsweise Christoph Butterwegge: »Armut, Rechtsextremismus und Sozialpolitik. Über die Zusammenhänge zwischen der Gesellschaftsentwicklung, prekären Lebenslagen und rassistische Ideologien und Gewalttaten«, in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 25/1995, H. 2, S. 107–118, sowie die Beiträge im Sammelband von Christoph Butterwegge und Gudrun Hentges (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Opladen / Farmington Hills 2008. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 318 Formen einer »unrealistischen Konfliktaustragung«773 entlädt, die zwar der angestauten Frustration und Wut der Exkludierten kurzfristig ein Ventil verschaffen, aber ganz sicher keine substantiellen Veränderungen der gesellschaftlichen Verteilungsordnung bewirken; kurz, wenn man von der zumeist ersichtlich destruktiven Form des »Widerstandes« der ausgegrenzten Schichten absieht, dann könnte und sollte vielleicht durchaus einmal die grundsätzliche Frage gestellt werden, warum sich die häufig jugendlichen Delinquenten eigentlich überhaupt an die Regeln einer Gesellschaft halten sollten, die selbst ihre elementarsten Bedürfnisse konsequent ignoriert und ihrer ganz offensichtlich entbehren kann? Warum sollten sie, wie es zum Beispiel ein Jugendlicher aus einer Pariser Banlieue in seiner Empörung drastisch aber treffend formuliert, »die Fresse halten,« wie es seine Eltern getan hätten, und sich zudem »an die Spielregeln halten, obwohl die Würfel von Anfang an gezinkt waren?«774 Warum also sollten die Exkludierten die Normen ausgerechnet jener ungerechten Gesellschaftsordnung respektieren und damit auch noch zu deren Reproduktion, das heißt letztlich zu ihrer eigenen Ausgrenzung beitragen, die sie unter notorischer Missachtung sämtlicher geltender Gerechtigkeitsprinzipien systematisch exkludiert? Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, darauf eine überzeugende Antwort zu finden. Vielleicht, weil es keine gibt, weil die bestehenden Verhältnisse eben allzu empörend und ungerecht sind und die wachsende Spaltung der Gesellschaft sowie die trotz ihres ungeheuren Reichtums zu konstatierende Ausbreitung von Armut, Ausbeutung und Exklusion tatsächlich den aktiven politischen Widerstand gegen den Kapitalismus nahelegen und rechtfertigen. 773 Zur Unterscheidung von »realistischen« und »unrealistischen« Formen gesellschaftlicher Konfliktaustragung vgl. Coser 1973, S. 428, Anmerkung 37; in dieser Arbeit siehe meine Ausführungen zum Politiksystem in Kapitel 3.2.b. 774 Kollektiv Rage: Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin 2009, S. 164f. 319 5. Das Bedingungslose Grundeinkommen – Ein Weg aus der Misere? 5.1 Zur Lage des politischen Systems und den Chancen der Gerechtigkeit Die vorausgegangene soziologische wie gerechtigkeitsethische Analyse der gesellschaftlichen Grund- und Verteilungsordnung ist im Ergebnis überaus frustrierend. Das soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft sowie die massenhafte Exklusion für die Profitsteigerung überflüssiger oder gar kontraproduktiver Menschen ist – jedenfalls aus Sicht des Kapitals – nicht etwa ein Systemdefekt, sondern Resultat gerade des funktionsrational operierenden Wirtschaftssystems, dessen »prozedurale Logik der Kapitalakkumulation […] mit dem Interesse aller an einer gedeihlichen Lebensführung nicht zur Deckung zu bringen [ist].«775 Demzufolge ist die faktische Spaltung der Gesellschaft – genauso wie die globale Vernichtung der Natur – offenbar der Preis, den namentlich die Habenichtse dieser Welt für den überschießenden Lebensstil der etablierten Mittel- und Oberschichten der kapitalistischen Konsumgesellschaft zu entrichten haben. Dass dies dann in diametralem Widerspruch zu praktisch allen normativen Postulaten liberaler Demokratien steht, und dass das idealistische Projekt der Aufklärung, für faire Verhältnisse zu sorgen, unter denen jedermann ein selbstbestimmtes, von der Willkür der Mächtigen wie auch von den Zwängen der Armut befreites Leben führen kann, somit gescheitert ist, ist im Grunde evident.776 Nachvollziehbar dürfte inzwischen aber auch geworden sein, dass und warum dieses Projekt, zumindest unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne, ohnedies von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Denn die bürgerliche Gesellschaft gründet nun einmal nicht auf Moral oder Gerechtigkeit, sondern auf dem maßgeblich von Eigennutz und Konkurrenz regierten Markt. Er ist das Herz der Gesellschaft des Geldes und sein Rhythmus gibt den Takt an, zu dem ein jeder, dem irgendwie an Inklusion gelegen ist, zu tanzen hat. Es sind deshalb ersichtlich keine normativen Erwägungen, die das Geschehen und die grundlegenden Strukturen der Moderne im Wesentlichen bestimmen, sondern ökonomische, die der kapitalistischen Steigerungslogik folgen und damit das pure materialistische Eigeninteresse zur Maxime des Sozialen erheben. 775 Dux 2009, S. 212. 776 Vgl. ebd., S. 224; ähnlich Rosa 2012, S. 95ff. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 320 Aus gerechtigkeitsethischer Perspektive mag man das vielleicht bedauern. Doch Bedauern allein reicht nicht, um der gesellschaftlichen Übermacht des Kapitals Paroli zu bieten. Es bräuchte vielmehr eine effektive Gegenmacht, die imstande und auch willens wäre, der sich selbst beschleunigenden Dynamik des Marktes und dem uferlosen (und schon deshalb ebenso irrationalen wie gefährlichen) Gewinnstreben der Akteure normative Grenzen zu setzen, um so erst die Voraussetzung für gerechtere und nachhaltigere Verhältnisse zu schaffen. Doch wer könnte diese Gegenmacht schon sein? Eigentlich wäre hier die Politik gefragt, denn nur die Politik ist demokratisch legitimiert und zumindest theoretisch in der Lage, allgemeinverbindliche Regeln zu fixieren sowie Strukturen zu schaffen, die den Forderungen der Gerechtigkeit und damit insbesondere dem Interesse der sozioökonomisch Schlechtgestellten an einem nicht-defizitären, sozial inkludierten Leben in der Mitte der Gesellschaft Rechnung trügen. Doch mit der Politik ist es vertrackt; allzu große Hoffnungen sollte man derzeit vermutlich nicht auf sie setzen. Es sind vor allem zwei Gründe, die skeptisch machen.777 Erstens hinken die nach wie vor nationalstaatlich segmentierten politischen Systeme – trotz aller (freilich umstrittenen) Bemühungen um die Errichtung supranationaler Strukturen und Institutionen – dem heute längst globalisierten System der Weltwirtschaft weit hinterher. Dies erlaubt es dem Kapital, sich der gerechtigkeitsethisch motivierten Inanspruchnahme durch die national gebundene Politik nicht nur äußerst erfolgreich zu entziehen, sondern dieser durch Androhung potentieller Standortverlagerungen (mit entsprechenden Steuerausfällen und Arbeitsplatzverlusten) vielmehr umgekehrt das eigene Interesse an optimalen Akkumulationsbedingungen als gesamtpolitischer Entscheidungsmaxime aufzuzwingen. Die Globalisierung zementiert und verstärkt mithin die Hegemonie des ökonomischen Systems, und es ist gegenwärtig in keiner Weise ersichtlich, wie eine auf die Marktwirtschaft ideologisch festgelegte Politik diese Entwicklung umkehren und durch die staatliche Redistribution des Reichtums für gerechtere Verhältnisse sorgen sollte. Aber selbst wenn einmal versuchsweise angenommen würde, dass dies wider Erwarten doch irgendwie gelänge und sich die Politik also die praktische Gestaltungshoheit über die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückerkämpfte – sei es durch die supranationale Wiedereinhegung und Inpflichtnahme des Kapitals oder durch die bewusste Inkaufnahme nationalökonomischer Einbußen oder beides –, stieße man nichtsdestoweniger auf ein zweites Problem, das der redistributiven Egalisierung oder wenigstens Annäherung der Lebenslagen im Wege stünde, nämlich auf die Mehrheitsregel des demokratischen Systems. In Demokratien 777 Siehe zu diesen beiden Gründen die prägnanten Ausführungen in Dux 2009, S. 212–217. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 321 regieren bekanntlich Mehrheiten, und diese werden nach wie vor von Gruppen gebildet, die sich, wie Dux zu Recht unterstreicht, vom ökonomischen System vergleichsweise gut bedient wissen und als sogenannte »Mitte« der Gesellschaft empfinden und formieren.778 Denn wirklich schlecht geht es in den immer reicher werdenden Ländern Europas ja trotz allem »nur« einer relativen Minderheit – namentlich den rund 17 % einkommensarmen Europäern779 –, deren politisches Organisations- und Artikulationsvermögen aus den oben erläuterten Gründen zudem schwach ausgeprägt ist und deren unmittelbaren verteilungspolitischen Interessen von denen der etablierten Mehrheit, jedenfalls kurzfristig und rein ökonomisch gedacht, grundverschieden sind. Während die abgehängten und besitzlosen Schichten, deren Einkommen an oder unterhalb der Armutsgrenze liegt, von der signifikanten Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums direkt profitierten, sind die mittleren und oberen Schichten, je mehr sie dadurch verlieren würden, umso weniger daran interessiert. Statt auf die substantielle Neugestaltung der gesellschaftlichen Grund- und Verteilungsordnung zielen sie deshalb vielmehr auf den weiteren Ausbau oder zumindest auf die Bewahrung ihrer eigenen Privilegien. Im Bewusstsein, in der Marktgesellschaft gut aufgestellt zu sein und ideologisch auf diese fixiert, setzen sie ihr politisches Gewicht, unterstützt von den überwiegend neoliberal eingestellten Wirtschaftsredaktionen der Medien, vehement und zum Teil durchaus aggressiv dafür ein, die sozioökonomischen Verhältnisse im Wesentlichen so zu belassen, wie sie sind. Die etablierte »Mitte« fordert und bewirkt mithin die politische Gestaltung der Gesellschaft genau nach Maßgabe dessen, was sie als ihr eigenes wirtschaftliches Interesse versteht. Und genau darum, so Dux pointiert, solle auch eher der Sockel der Steuerprogression angehoben werden als das Versorgungsniveau der Arbeitslosen. Und eher solle der Staat die Möglichkeit schaffen, den eigenen Kindern etwas zu hinterlassen, als den Kindern der Armen aus der Armutsecke zu helfen.780 Unter den Bedingungen der Mehrheitsregel transformieren sich also die ökonomischen Machtdifferentiale ins politische System,781 und das bedeutet, dass sich sozial gerechtere im Sinne von allen Bürgern umfassende Lebens- und Verwirklichungschancen garantierende gesellschaftliche Verhältnisse durch demokratisch bewirkte Umverteilung nur dann realisieren ließen, wenn sich signifikante Teile der etablierten Mehrheit plötzlich doch gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen mit den Randständigen solidarisierten und freiwillig mehr – teils wesentlich mehr – von ihrem Wohlstand abgäben. 778 Vgl. ebd., S. 213. 779 Vgl. Eurostat 2012. 780 Vgl. Dux 2009, S. 213. 781 Vgl. ebd. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 322 Besonders wahrscheinlich erscheint mir ein solches Szenario allerdings nicht. Denn schon ein flüchtiger Blick auf die maßgeblichen Triebfedern der menschlichen Geschichte, unter denen Machtstreben und Habgier eine herausragende Rolle spielen, oder auf die frappierende Egozentrizität und Rücksichtlosigkeit des heutigen, moralische wie ökologische Bedenken gleichermaßen konsequent ignorierenden Freizeit- und Konsumverhaltens westlicher Durchschnittsverbraucher lässt an der Möglichkeit praxiswirksamer, das heißt über Lippenbekenntnisse hinausreichender gesamt- respektive weltgesellschaftlicher Solidarität ernstlich zweifeln.782 Und folgt man Dux, ist das auch gar nicht weiter überraschend. Denn die Moral im Sinne der reflexiv als Verpflichtung empfundenen subjektiven Bereitschaft, im Handeln nicht nur die eigenen Interessen zu verfolgen, sondern (auch) jenen der anderen bewusst Rechnung zu tragen,783 ist als effektives Medium der Handlungsregulation im Wesentlichen auf kleine, insbesondere familiale Gemeinschaften beschränkt, die durch soziale Nähe gekennzeichnet sind und in denen die sozialen Beziehungen emotional unterfüttert sind.784 Nur hier findet der einzelne das in der Dichte der Gemeinschaft wurzelnde subjektive Motiv, sich mit dem anderen wirklich zu identifizieren und im Rahmen konkreter Handlungen aktiv für ihn Partei zu ergreifen. In der modernen Massengesellschaft jedoch, wo die Menschen einander überwiegend als anonyme Fremde begegnen – wenn sie sich denn überhaupt begegnen; einem Großteil selbst jener Personen, von deren Leistungen wir existentiell abhängen, begegnen wir schließlich nie –, fehlt der Moral mit dem Gefühl der inneren Verbundenheit schlechterdings »der emotionale Unterbau und das persönliche Interesse am anderen und damit viel, was die Parteinahme für den anderen zu bewirken vermag.«785 Es verwundert deshalb auch nicht, dass das abstrakte Wissen um die millionenfache Exklusion von Unbekannten und selbst das Wissen um übelste, menschenverachtende Ausbeutungsverhältnisse – etwa in der Textilindustrie, bei der Gewinnung seltener Erden für die Handyproduktion oder auf den Plantagen des 782 Ich habe oben (Fußnote 531) bereits erwähnt, dass sich zum Beispiel der Bio-Anteil am gesamten deutschen Lebensmittelmarkt im Jahr 2011 auf lediglich 3,7 % und der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee und von Bananen sogar auf nur 2 % belief. Und in der reichen Schweiz, die momentan als »Weltmeister« im moralisch motivierten Konsum von Produkten aus dem Fairem Handel gilt, gaben die Konsumenten 2012 im Schnitt gerade einmal 50 Franken dafür aus. Das ist noch nicht einmal ein Tropfen auf dem heißen Stein, geschweige denn ein effektives Mittel für die Bekämpfung von Armut und Exklusion. Vgl. Swiss Fair Trade: »Der Faire Handel in der Schweiz«, http://www.swissfairtrade.ch/fairerhandel/zahlen-und-fakten/ (23.03.16). 783 Vgl. Dux 2004, S. 180f. 784 Vgl. ebd., S. 138f. 785 Ebd., S. 178. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 323 globalen Südens – letztlich kaum einen systemrelevanten Niederschlag im politischen oder ökonomischen Handeln der Etablierten findet. Vor die Wahl gestellt, wiegt das persönliche Interesse an niedrigen Steuern und billigen Konsumgütern regelmäßig schwerer als das Elend fremder Menschen, mit dem es sich gefühlsmäßig anscheinend sehr viel leichter leben lässt als mit dem eigenen Verzicht. Der Fremde bleibt in der Regel einfach viel zu fern, als dass sein Leid nachhaltig berührte und dadurch auch handlungspraktisch motivieren könnte, gerade im Widerstreit der Interessen von den eigenen Zielen abzusehen und zu seinen Gunsten zu entscheiden. Entsprechend schwer fällt es, unter den Bedingungen der anonymen Massengesellschaft der Moderne an eine umfassende Solidarisierung der etablierten Mittel- und Oberschicht mit der abhängten Unterschicht zu glauben. Die anthropologisch vor allem auf den Nahbereich eingestellte emotionale Empfänglichkeit des Menschen und der daraus resultierende »Schwächeanfall der Moral gegenüber dem Fremden in der eigenen Gesellschaft« sprechen ersichtlich dagegen.786 Und genau deshalb bestünden eben selbst dann noch erhebliche Zweifel am praktischen Vermögen des politischen Systems, auf demokratischem Wege für gerechte und nachhaltige Produktions- und Verteilungsverhältnisse zu sorgen, wenn es diesem gelänge, den Primat in der Gestaltung der Gesellschaft von der Ökonomie zurückzuerobern. Vor diesem wenig ermutigenden Hintergrund stellt sich die Frage, aus welchem Grund es am Ende dieser Arbeit angelangt eigentlich noch Sinn machen sollte, sich, wie eingangs angekündigt, ausgerechnet mit der mäßig realistischen Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens zu befassen. Denn ein Grundeinkommen, das wirklich in armutsverhindernder Höhe ausbezahlt würde und somit das Einkommen der vielen Millionen, die derzeit nach Sozialleistungen immer noch unterhalb der 60 %-Armutsschwelle leben, zumindest auf Höhe derselben anhöbe, lie- ße sich logischerweise nur durch eine im Vergleich zu heute deutlich intensivierte steuerliche Umverteilung von oben nach unten realisieren. Das aber setzte eben jene praktische Solidarisierungsbereitschaft der etablierten Mehrheit voraus, die ich aus den soeben genannten Gründen bezweifle. Warum also sollte man sich die Mühe machen, davon überhaupt noch zu sprechen? Wäre es nicht klüger, es an dieser Stelle einfach damit bewenden zu lassen und die relative Aussichtslosigkeit der sozialen und ökologischen Misere schlechterdings zu akzeptieren? Schließlich können Probleme, wie Wolfgang Streeck nüchtern konstatiert, durchaus »so beschaffen sein, dass« – auch wenn das niemand hören mag – »es für sie keine Lösung gibt oder jedenfalls keine hier und jetzt realisierbare.«787 786 Ebd., S. 286. 787 Wolfgang Streeck: »Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus«, Berlin 2013, S. 8. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 324 Und es steht zu befürchten, dass man es mit der in dieser Arbeit analysierten, durch das kapitalistische Gesellschaftsmodell systematisch produzierten Misere tatsächlich mit einem Problemkomplex zu tun haben könnte, für den es zumindest innerhalb dieser Gesellschaftsordnung keine realistische Lösung gibt. Betreibt man also nicht eine Art realitätsferne (und unredliche) »Happy-End-Soziologie«, wenn man der desillusionierenden Analyse der in Rede stehenden gesellschaftlichen Probleme gleichsam zur Beruhigung und Wiederherstellung des Systemvertrauens sofort eine passende Lösung nachschiebt, auch wenn man selbst bestenfalls vage an die Möglichkeit ihrer Umsetzung glaubt? Die Gefahr besteht. Die faktischen Realisierungschancen eines armutsverhindernden Bedingungslosen Grundeinkommens (ebenso wie anderer radikaler Umverteilungsmodelle) sind zweifellos gering. Die Gründe dafür sind teils genannt, teils werden sie im Folgenden noch erläutert. Dazu kommt, dass ein Grundeinkommen ohnehin nur einen Lösungsvorschlag für den einen der beiden großen Problembereiche darstellen würde, die mit dem Kapitalismus verbunden sind, nämlich für den sozialen,788 während der andere, das heißt die kaum weniger schwerwiegende Zerstörung der Natur, erst einmal gar nicht davon berührt würde. Das Bedingungslose Grundeinkommen wäre demzufolge höchstens eine »halbe Lösung«, und eine ziemlich unwahrscheinliche dazu. Und dennoch meine ich, dass es sich lohnen könnte, sich auch mit dieser unrealistischen und imperfekten Idee näher zu befassen. Denn auch wenn man augenscheinlich feststellen muss, dass das politische Projekt der Moderne, für gerechte Verhältnisse zu sorgen, die jedem Menschen ein freies und gutes Leben ermöglichen, vorerst gescheitert ist, so ist es das eben auch nur vorerst.789 Die strukturbedingten Pfadabhängigkeiten, die gesellschaftlichen Prozessen innewohnen und diesen ihre spezifische Richtung geben, sind keine das Soziale schlechthin determinierenden »Naturgesetze«, die den Lauf der Geschichte quasi vorhersagbar machten. Unter der anthropologischen Grundvoraussetzung der menschlichen Weltoffenheit und der damit einhergehenden irreduziblen Kontingenz des Sozialen findet Gesellschaft vielmehr prinzipiell, so festgefahren sie auch immer scheinen mag, vor einer offenen Zukunft statt.790 Überraschungen sind insofern durchaus möglich und es ist bei aller begründeten Skepsis keineswegs gesagt, dass diese notwendigerweise unangenehm sein müssen. Kaum etwas von dem, was das Leben in der heutigen Ge- 788 Wobei es auch für diesen Problembereich kein Panazee wäre, sondern von weiteren gesellschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel gesetzlichen Mindestlöhnen, der Absicherung von Sonderbedarfen chronisch kranker oder behinderter Menschen, der auf reale Chancengleichheit zielenden Reform des Bildungssystems u. a. m. begleitet werden müsste. 789 Vgl. Dux 2009, S. 224ff. 790 Vgl. Streeck 2013, S. 10. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 325 sellschaft ganz selbstverständlich auszeichnet, wäre vor drei oder vier Generationen überhaupt nur vorstellbar gewesen, geschweige denn, dass man es für wahrscheinlich gehalten hätte. Warum also sollte es mit der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, zu der die Einführung eines Armut effektiv verhindernden Bedingungslosen Grundeinkommens dank seiner die Lohnabhängigen ermächtigenden Effekte ein erster Schritt sein könnte, notwendigerweise etwas anderes sein? Zugegeben, sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass sich eine Mehrheit organisieren lässt, die wirklich bereit wäre, ein solches, von vielen als ebenso utopisch wie radikal betrachtetes gesellschaftliches Großprojekt politisch mitzutragen; das dürfte nach allem mehr als deutlich geworden sein. Möglich ist es aber schon, zumal sich, wie ich zeigen werde, sehr wohl überzeugende sachliche und normative Gründe dafür ins Feld führen lassen. Sofern man also überhaupt noch auf die Chance einer demokratischen Lösung der Misere hofft,791 scheint es daher durchaus vernünftig und sogar geboten, sich – statt zu resignieren – auch mit solchen Vorschlägen ernsthaft zu befassen, die auf den ersten Blick vielleicht tatsächlich abseitig und phantastisch wirken. Dass dies dann selbstredend keinerlei Gewähr dafür bietet, sie auch wirklich einmal realisiert zu sehen, gilt es in einer kontingenten Welt zu akzeptieren. Zwei Dinge könnten jedoch dazu beitragen, die Realisierungschancen eines Bedingungslosen Grundeinkommens – oder anderer wohlfahrtsstaatlicher Redistributionsmaßnahmen, die auf eine ausgewogenere Verteilungsordnung zielen – immerhin zu erhöhen. Zum ersten wäre es wichtig und förderlich, wenn sich jene sozioökonomisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die von der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums am meisten profitierten, als politisches Machtpotential stärker – beziehungsweise überhaupt einmal – organisierten, um der Forderung nach gerechten Verhältnissen entsprechenden Nachdruck zu verleihen.792 Dies geschieht gegenwärtig, soweit ich sehe, allenfalls sporadisch.793 Allerdings habe ich oben auch schon ausgeführt, 791 Was angesichts der sozioökonomischen Entwicklungen in Europa mitnichten selbstverständlich ist. Selbst Altkanzler Helmut Schmidt äußerte in einer Diskussion über die Euro-Krise mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im Rahmen des Zeit-Wirtschaftsforums am 2. Dezember 2012 in Hamburg die Befürchtung: »Wir sind am Vorabend der Möglichkeit einer Revolution in Europa.« Siehe unter anderem David Böcking: »Altkanzler zur Eurokrise. Schmidt empfiehlt ein bisschen Vertragsbruch«, in: Spiegel Online, http://www.spiegel. de/wirtschaft/soziales/euro-altkanzler-helmut-schmidt-verteidigt-regelverstoesse-a-866156.html (23.03.16). Mitschnitte der Diskussion finden sich auf http:// www.youtube.de. 792 Vgl. Dux 2009, S. 216f. 793 Zu denken wäre hier beispielsweise an die in den letzten Jahren immer wieder aufflackernden, teils gewaltsamen Massenproteste gegen Armut und Arbeitslosigkeit TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 326 dass und warum genau dies, das heißt die aktive Formierung der von Armut und Ausgrenzung betroffenen Individuen zu einem politisch handlungsfähigen Kollektiv, das sich der gemeinsamen, sonstige Differenzen relativierenden sozioökonomischen Interessen bewusst und dementsprechend in der Lage wäre, diese im Rahmen einer rationalen Konfliktaustragung auch machtvoll zu vertreten, unter den gegebenen Bedingungen so schwerfällt. Denn es ist eben gerade die gesellschaftliche Randlage selbst, die den Aufbau von sozialem wie kulturellem Kapital massiv behindert und damit die für die effektive Durchsetzung einer gesellschaftlichen Neuordnung unverzichtbare politische Interpretations- und Organisationsfähigkeit der Exkludierten systematisch untergräbt. Statt in wirksamen Kollektivaktionen verpufft das (im Prinzip keineswegs zu unterschätzende) Widerstandspotential der unteren Sozialschichten daher regelmäßig in besagten »unrealistischen Konflikten«, die zu nichts führen, während die Bessergestellten ihren materiellen Interessen nur allzu gut Gehör und Geltung zu verschaffen wissen. Umso bedeutsamer wäre deshalb ein zweiter Punkt. So sollte es in der politischen Auseinandersetzung durchaus hilfreich sein, wenn es allgemein überzeugend zu begründen gelänge, dass umfassende wohlfahrtsstaatliche Redistributionsmaßnahmen, die jedermann mit den nötigen Mitteln für ein gedeihliches und sozial voll inkludiertes Leben versorgten, zwar den ökonomischen Interessen namentlich der Oberschicht und eines Teils der (oberen) Mittelschicht zuwiderliefen, dafür aber den auch von diesen mehrheitlich geteilten Gerechtigkeitsprinzipien zu größerer Geltung verhülfen, wodurch die normative Konsistenz und Legitimität der Gesellschaftsordnung insgesamt gestärkt würde. Genau dieser Nachweis soll in diesem die vorliegende Arbeit beschließenden Kapitel erbracht werden. Dabei soll indes nicht nur gezeigt werden, dass ein durch Umverteilung finanziertes Bedingungsloses Grundeinkommen in praktisch allen vorstehend diskutierten Dimensionen für ein wesentlich höheres Maß an sozialer Gerechtigkeit sorgte. Sondern auch, dass durch die solchermaßen bewirkte Reduktion der eklatanten und überaus konfliktträchtigen Diskrepanz von Sein und Sollen das gesamte Sozialklima und der Zusammenhalt der bürgerlichen Gesellschaft spürbar verbessert würde, was dann eben nicht nur den unteren, sondern letztlich auch den etablierten Schichten zugutekäme, selbst wenn diese dafür auf einen Teil ihres materiellen Wohlstands verzichten müssten. Insofern soll also nicht nur die partikulare, sondern vielmehr die gesamtgesellschaftliche Vorteilhaftigkeit (und somit Legitimität) eines Bedingungslosen Grundeinkommens erwiesen werden. Doch bevor ich dies – mithin die allgemeine normative Attraktivität eines Bedingungslosen Grundeinkommens in Griechenland, Italien oder Spanien. Von einem konstanten und politisch wohlorganisierten Gegendruck kann jedoch ersichtlich keine Rede sein. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 327 – im Einzelnen begründen werde, gilt es noch, auch dessen sachliche Adäquanz kurz zu erörtern. 5.2 Zur sachlichen Adäquanz des Grundeinkommens Die sachliche Angemessenheit eines Bedingungslosen Grundeinkommens erschließt sich im Grunde unmittelbar aus der im ersten Teil dieser Arbeit dargelegten Analyse der Mechanismen sozialer In- und Exklusion unter den spezifischen Bedingungen der kapitalistischen Moderne. So hat sich gezeigt, dass die in den meisten Industrienationen nach wie vor dominierende sozialpolitische Strategie der Inklusion durch Arbeit systematisch scheitern muss, weil es, wie aufgrund der konkurrenzbasierten Akkumulationslogik des Marktes gar nicht anders zu erwarten ist, Millionen von Lohnabhängigen dauerhaft misslingt, sich zu Konditionen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die ihnen ein gutes, selbstbestimmtes und den gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen entsprechendes Leben erlauben würde. Es wurde außerdem deutlich, dass eine »aktivierende« Arbeits- und Sozialpolitik, die dennoch auf diese Strategie setzt und die, statt die Dekommodifizierung der Arbeit voranzutreiben und dadurch die Teilhabe an der Gesellschaft von den unkontrollierbaren Wechselfällen des Arbeitsmarktes zu entkoppeln, den Arbeitszwang durch Workfare-Maßnahmen sogar noch weiter erhöht, damit nichts anderes als die gesetzliche Zementierung der strukturellen Machtasymmetrie zwischen Kapital und Arbeit sowie die Prekarisierung mindestens der unteren Arbeitsmarktregionen bewirkt. Statt für faire und ausgeglichene Verhältnisse zu sorgen, läuft also die bewusste Verknüpfung der staatlichen Daseinsfürsorge mit einer rechtlich kodifizierten und sanktionsbewehrten Arbeitspflicht faktisch auf ein entwürdigendes Disziplinarregime hinaus, in dem ausgerechnet jene Personen, die in der Marktordnung ohnehin schon am schlechtesten gestellt sind, zu billigen und notgedrungen willfährigen Arbeitskräften degradiert werden. Dabei resultiert diese an der ersichtlich allzu simplen Devise: Sozial ist, was Arbeit schafft! ausgerichtete Politik – sofern sie nicht einfach ökonomischem Kalkül entspringt – wie gesehen aus einem letztlich ideologisch begründeten Missverständnis hinsichtlich der sozialinklusiven Effekte einer Erwerbsarbeit auf der einen Seite und eines hinreichenden Geldeinkommens auf der anderen. Denn was sich letzten Endes als tatsächlich unverzichtbares und universales Inklusionsmedium der kapitalistischen Gesellschaft herausgestellt hat, ist eben nicht die glorifizierte (Erwerbs-)Arbeit, sondern vielmehr das Geld, und dass dieser schlichte Sachverhalt so beharrlich ignoriert wird – Mittel und TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 328 Zweck mithin vertauscht werden –, erwies sich als eine der Hauptursachen für das anhaltende Versagen des politischen Systems, eine stabile und faire Sozialordnung zu etablieren, die wirklich jedermann zum Vorteil gereicht. Vor diesem Hintergrund, dass also das Geld das zentrale Inklusionsmedium der kapitalistischen Gesellschaft ist, das allein die umfassende Teilhabe an den vielfältigen Chancen und Errungenschaften der Moderne sichern kann, und ausgehend von der demokratischen Prämisse, dass jeder Mensch unter gleich welchen Umständen, das heißt bedingungslos und nur aufgrund seines Menschseins das Recht und die Möglichkeit haben sollte, sich als Gleicher unter Gleichen – und nicht etwa als Zwangsangehöriger einer staatlich subventionierten Dienstklasse – ins tägliche Leben der Gesellschaft zu integrieren, erscheint es daher evident, dass die Zahlung eines Bedingungsloses Grundeinkommens, das Armut wirksam verhindern und jedermann mit ausreichenden finanziellen Mitteln versorgen würde, eine sachlich wesentlich angemessenere und somit auch erfolgversprechendere Strategie zur sozialen Inklusion der Gesamtbevölkerung darstellen würde, als es die bisherige, erwerbszentrierte Sozialpolitik realistischerweise jemals sein kann. Die sachliche Adäquanz eines Grundeinkommens rührt dabei schlicht aus dem Umstand, dass es den faktischen, das heißt geld-, nicht arbeitsgesteuerten Mechanismen sozialer In- und Exklusion im Kapitalismus tatsächlich Rechnung trüge und insofern berücksichtigte, dass eine in erster Linie monetär integrierte Gesellschaft verständlicherweise auch eine monetäre Integrationsgarantie benötigt, wenn denn, wie gesagt, die halbwegs gleichberechtigte Inklusion der Gesamtbevölkerung wirklich sein soll.794 Dabei ist klar, dass auch ein Grundeinkommen nicht alle gesellschaftlichen Probleme quasi auf einen Streich lösen könnte. Es ist vielmehr als einzelnes Element einer umfassenderen emanzipatorischen Politik zu begreifen, die eine gerechtere (und überdies auch nachhaltigere) Gesellschaftsordnung zum Ziel hat. Auch ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde zum Beispiel gesetzliche Mindestlöhne, die sozialstaatliche Finanzierung von Sonderbedarfen bei chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, die Reform des Bildungswesens zur Erhöhung der sozialen Durchlässigkeit und Chancengleichheit, die Demokratisierung betrieblicher Mitbestimmung sowie andere gesellschafts- und sozialpolitische Maßnahmen nicht ersetzen. Es wäre mithin kein Allheilmittel. Doch indem es eben jedem ein hinreichendes Minimum an Zahlungsfähigkeit 794 Dass allerdings die Abkehr von der erwerbsfixierten und deshalb systematisch zu kurz greifenden Sozialpolitik keineswegs bedeuten muss, auch auf die sehr wohl wünschenswerte Förderung von guten Arbeitsplätzen (mit guten Arbeitsbedingungen, guter Entlohnung, fairen betrieblichen Mitgestaltungsmöglichkeiten usw.) zu verzichten, dürfte sich dabei von selbst verstehen. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 329 garantierte, sicherte es damit nicht mehr und nicht weniger als die in der kapitalistischen Moderne für alle gleichermaßen geltende conditio sine qua non gesellschaftlicher Existenz und Inklusion. Zumindest an den funktionalen Erfordernissen gleichberechtigter sozialer Partizipation gemessen, erweist sich ein unkonditioniertes, armutsverhinderndes Grundeinkommen insofern als durchaus problemadäquat. 5.3 Zur normativen Attraktivität des Grundeinkommens Auf Basis des Vorangegangenen und mit Blick auf die demokratischen Realisierungschancen scheint mir deshalb die entscheidendere Frage zu sein, ob ein Bedingungsloses Grundeinkommen nicht nur rein technisch seinen Zweck – das heißt die Inklusion der Gesamtbevölkerung – erfüllte, sondern dabei auch mit den grundlegenden Gerechtigkeitsmaximen der Gesellschaft kompatibel bliebe und insofern zumindest prinzipiell mehrheitsfähig ist. Diese Frage gilt es nun zu diskutieren. Dabei werde ich mich aus denselben, bereits erörterten Gründen an den gleichen normativen Leitvorstellungen orientieren, die mir auch bei der vorausgegangenen gerechtigkeitsethischen Analyse der sozialen Ungleichheit sowie der Mechanismen sozialer In- und Exklusion als Maßstab dienten und die mithin im normativen Überzeugungshaushalt der Gesellschaft fest verankert sind. Das genaue Ziel ist, zu prüfen, ob beziehungsweise inwieweit ein Grundeinkommen mit den in Rede stehenden Gerechtigkeitsprinzipien wirklich vereinbar ist, ob es diesen in der Praxis vielleicht sogar zu größerer Geltung verhelfen würde und ob es sich von daher politisch tatsächlich lohnen könnte, dafür zu werben und dafür zu streiten. Zwei kurze Bemerkungen sind indes voranzustellen. Erstens ist zu sagen, dass ich die eher technische Frage nach der konkreten Finanzierung eines Bedingungslosen Grundeinkommens bewusst ausklammere, weil ich davon ausgehe, dass die wesentliche Hürde für dessen Einführung nicht in substantieller Knappheit und daraus resultierenden finanziellen Engpässen besteht, sondern vielmehr in der unvermeidlichen Redistribution des gesellschaftlichen Reichtums. Das eigentliche Problem besteht demnach gar nicht in der prinzipiellen Finanzierbarkeit, sondern vielmehr in der altbekannten politisch-ökonomischen Frage, wer warum wieviel des Vorhandenen bekommen soll. So existieren etwa für Deutschland Berechnungen, die ergeben, dass ein Grundeinkommen in Höhe von 800 bis 1.000 Euro, was ungefähr der nationalen 60 %-Armutsschwelle entspricht, sehr wohl zu bezahlen wäre – nur eben nicht, ohne die höheren Einkommensgruppen steuerlich TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 330 stärker zu belasten.795 Die Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen der Partei DIE LINKE hat beispielsweise ausgerechnet, dass ein Grundeinkommen in Höhe von 1.076 Euro, das die Lebenslage insbesondere der unteren Einkommensschichten erheblich verbessern und Armut weitgehend beseitigen würde, die effektive steuerliche Gesamtbelastung von alleinstehenden Personen ab einem monatlichen Bruttoeinkommen von 7.000 Euro im Vergleich zu heute spürbar und progressiv erhöhte.796 Dies gefiele nicht jedem, was aber nichts daran ändert, dass es grundsätzlich dennoch möglich wäre. Überhaupt ist nicht einzusehen, warum es einer politischen Gemeinschaft spätestens dann, wenn die physischen Überlebensgrundlagen allgemein gesichert sind, aus wirtschaftlichen Gründen denn nicht möglich sein sollte, das kollektive Gesamtprodukt der gesellschaftlichen Arbeit – wie groß oder klein es auch immer sein mag – so zu verteilen, dass jeder einen vergleichbaren Anteil erhält, der ihm nicht nur das blanke Überleben, sondern soziale Inklusion und Teilhabe am Leben der Gesellschaft erlaubt. Immerhin war genau das in den materiell bedeutend ärmeren, gleichwohl egalitären Wildbeutergesellschaften, in denen die Menschheit während des bei weitem größten Teils ihrer Geschichte gelebt hat, durchaus die Regel.797 Dass es nun ausgerechnet auf dem historisch einzigartigen Entwicklungsniveau der modernen Gesellschaft und im vollen Bewusstsein um die soziale Konstruktivität und Machbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse ökonomisch unmöglich sein sollte, den vorhandenen Wohlstand und damit die indi- 795 Siehe hierzu beispielsweise die im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführte und vom Sachverständigenrat für Wirtschaft – trotz Kritik – im Kern bestätigte Modellrechnung von Michael Opielka und Wolfgang Strengmann-Kuhn: »Das solidarische Bürgergeld. Finanz- und sozialpolitische Analyse eines Reformkonzepts«, in: Michael Borchard (Hg.): Das solidarische Bürgergeld. Analysen einer Reformidee, Stuttgart 2007a, S. 13–141; dies.: Sachverständigenrat: Solidarisches Bürgergeld beseitigt Armut weitgehend, 2007b, http://www.wiwi.unifrankfurt.de/~strengma/Stellungnahme_Buergergeld_SVR.pdf (23.03.16); Sachverständigenrat für Wirtschaft: »Das solidarische Bürgergeld – Keine Alternative zum heutigen Sozialstaat«, Auszug aus dem Jahresgutachten 2007/08, Ziffern 324–353, Wiesbaden 2008; Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in und bei der Partei DIE LINKE: Broschüre zum vollständig überarbeiteten Konzept der BAG Grundeinkommen DIE LINKE, Berlin 2014. 796 Bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von beispielsweise 10.000 € erhöhten sich die tatsächlichen Abzüge (Einkommenssteuer + Sozialversicherungsbeiträge) im Fall einer alleinstehenden Person von heute ca. 4.400 € auf rund 5.100 €. Vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in und bei der Partei DIE LINKE 2014, S. 37f. 797 Ich habe oben bereits erwähnt, dass die frappierende Ungleichheit, die insbesondere die kapitalistische Gesellschaft prägt, historisch gesehen eine Anomalie darstellt. »Mehr als 90 Prozent unserer Menschheitsgeschichte lebten wir fast ausnahmslos in sehr egalitären Gesellschaften.« Wilkinson / Pickett 2009, S. 234. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 331 viduellen Lebens- und Verwirklichungschancen der Menschen gleichmä- ßiger als heute zu verteilen – und auf nichts anderes zielt ja ein Bedingungsloses Grundeinkommen –, ist schlechterdings absurd. Wenn daher die Einführung eines Grundeinkommens scheitert, dann wohl kaum aus Gründen materieller Knappheit, sondern allein aufgrund der fehlenden politischen Bereitschaft der herrschenden Mehrheit zur aktiven Parteinahme für den »Fremden in der eigenen Gesellschaft«798 und zu dementsprechender Redistribution. Eben deshalb erscheint es vorrangig, sich bei der Diskussion des Grundeinkommens zunächst auf dessen politischnormative Dimension zu konzentrieren. Denn ohne den überzeugenden Nachweis seiner gerechtigkeitsethischen Attraktivität und Vorzugswürdigkeit wird sich die demokratische, das heißt von einer Mehrheit konsensuell mitgetragene Realisierung eines Grundeinkommens – ohnedies schon unwahrscheinlich genug – niemals bewerkstelligen lassen. Zweitens weise ich darauf hin, dass ich die folgende gerechtigkeitsethische Diskussion des Grundeinkommens zugunsten der Generalisierbarkeit der Argumente nicht auf Basis eines (oder mehrerer) der bereits konkret ausgearbeiteten Vorschläge und Konzepte führen werde, wie sie in der aktuellen Debatte kursieren.799 Ich orientiere mich stattdessen an einem abstrakten Modell, das abgesehen von der auf behördliche Bedürftigkeitsüberprüfungen verzichtenden individuellen Auszahlungsweise namentlich durch zwei formale Bedingungen charakterisiert wird, von denen sich die eine aus der vorangegangenen sozialtheoretischen Analyse der Mechanismen sozialer In- und Exklusion ergibt, während die andere vorweggenommener Ausdruck gerechtigkeitsethischer Überlegungen ist, die ich im weiteren Verlauf noch ausführlich erläutern werde. Die erste Grundbedingung ist die armutsverhindernde Höhe. Aufgrund der beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Exklusionseffekte, die mit Armut verbunden sind, kann ein Grundeinkommen den intendierten Zweck, jedem Menschen ein gutes und sozial inkludiertes Leben zu ermöglichen, das den gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen entspricht, nur dann erfüllen, wenn es hoch genug angesetzt ist. Als Richtwert orientiere ich mich dabei ein weiteres Mal an der europaweit anerkannten 60 %-Armutsgrenze, und zwar aus denselben sachlich-pragmatischen wie politisch-normativen Gründen, die mich auch schon dazu bewogen haben, diese Schwelle als Maßstab für die Bedarfs- 798 Dux 2004, S. 286. 799 Zum Vergleich der wichtigsten Grundeinkommensmodelle in Deutschland siehe zum Beispiel Ronald Blaschke: »Aktuelle Ansätze und Modelle von Grundsicherungen und Grundeinkommen in Deutschland. Vergleichende Darstellung«, in: ders. u. a. (Hg.): Grundeinkommen. Geschichte, Modelle, Debatten, Berlin 2010b, S. 301–382; ferner Frieder Neumann: »Das Grundeinkommen: Bilanz einer Utopie. Eine gerechtigkeitstheoretische Bestandsaufnahme der deutschen Debatte«, in: Zeitschrift für Sozialreform, 57/2011, H. 2, S. 119–148. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 332 gerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse anzulegen (siehe dazu Kapitel 4.2.c). Unterstützt wird diese Setzung allerdings durch den Umstand, dass auch das Europäische Parlament die Unterschreitung der 60 %-Schwelle als validen Indikator für soziale Ausgrenzung wertet und den Europäischen Rat deshalb bereits 2008 aufgefordert hat, »eine EU- Vorgabe für Mindesteinkommenssysteme […] zu vereinbaren, die eine Einkommensstützung in Höhe von mindestens 60 Prozent des nationalen Medianäquivalenzeinkommens leisten sollen.«800 Für Deutschland würde das bedeuten, dass der effektive monatliche Auszahlungsbetrag eines Grundeinkommens – ausgehend von der auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels berechneten Armutsgrenze von 2010 – mindestens 990 Euro betragen müsste.801 Die zweite unverzichtbare Voraussetzung, die ein Grundeinkommen nach der hier vertretenen Auffassung zu erfüllen hat, besteht in seiner prinzipiellen Bedingungslosigkeit. Seine Gewährung darf also an keinerlei Zwang zur Arbeit oder zu sonstigen Gegenleistungen gebunden sein. Denn nur unter der Prämisse seiner absoluten Bedingungslosigkeit kann das Grundeinkommen, wie ich darlegen werde, sein emanzipatorisches Potential tatsächlich entfalten, das heißt die reale Freiheit des Einzelnen wirklich erweitern und vor allem die normativ durch nichts legitimierte strukturelle Machtasymmetrie zwischen Kapital und Arbeit lindern. Die Kopplung des Grundeinkommens an eine behördlich durchgesetzte Arbeitspflicht liefe hingegen auf die Schaffung – respektive Erhaltung – eben jener durch den »stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse«802 gefügig gemachten Dienstklasse hinaus, von der schon verschiedentlich die Rede war. Damit soll zur gestellten Frage zurückgekehrt werden. Sie lautet also, ob beziehungsweise inwieweit sich ein solchermaßen bewusst nur allgemein umrissenes Grundeinkommen, dessen Hauptmerkmale in der armutsverhindernden Höhe sowie in seiner Bedingungslosigkeit bestehen, mit den einzelnen in der bürgerlichen Gesellschaft normativ geltenden – wenngleich nicht realisierten – Gerechtigkeitsprinzipien verträgt. Diese 800 Europäisches Parlament: Bericht über die Förderung der sozialen Integration und die Bekämpfung der Armut, einschließlich der Kinderarmut, in der EU, o. O. 2008, S. 11, Ziffer 12, http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc. do?pubRef=-//EP//TExT+REPORT+A6-2008-0364+0+DOC+xML+V0//DE (23.03.16); hier zitiert aus Blaschke 2010b, S. 308. 801 Vgl. Grabka u. a. 2012, S. 8. Die Frage, ob ein Grundeinkommen für Kinder niedriger ausfallen könnte oder sollte, werde ich an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. Es scheint jedoch durchaus plausibel zu sein, einen geringeren Betrag zu veranschlagen. Tatsächlich scheint darüber auch in der Mehrzahl der gegenwärtig diskutierten Grundeinkommensmodelle Konsens zu bestehen. Siehe dazu Blaschke 2010b. 802 Marx 1984, S. 765. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 333 Frage gilt es nun ohne weitere Einlassungen zu diskutieren. Dabei werde ich in derselben Reihenfolge vorgehen, wie schon beim vorausgegangenen Vergleich der gesellschaftlichen Verhältnisse mit den normativen Grundüberzeugungen der Bevölkerung. Ich beginne also mit dem Prinzip der Gleichheit. a) Verringerung der Ungleichheit Unter dem Gesichtspunkt der Gleichheit ist zunächst einmal festzustellen, dass die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens die soziale Ungleichheit durch steuerliche Redistribution sowie die Anhebung insbesondere der unteren Lebenslagen zwar signifikant verringern, nicht jedoch aufheben würde. Es käme mithin zu keiner gleichsam radikalkommunistischen Nivellierung der Einkommensunterschiede und erst recht nicht zur Beseitigung der noch deutlich ausgeprägteren Vermögensungleichheit. Der Effekt bestünde lediglich in der bedingungslosen Garantie eines Armut und Ausgrenzung verhindernden Mindesteinkommens, unter das niemand, unter welchen Umständen auch immer, absinken müsste, das jedoch darüber hinausgehende Einkünfte selbstredend zulässt, und dass insofern allenfalls als Instrument eines unkonditionierten wohlfahrtsstaatlichen Sockelegalitarismus, keineswegs jedoch der egalitaristischen Planierung jedweder Unterschiede begriffen werden kann. Allerdings ist dies in gerechtigkeitsethischer Hinsicht auch gar kein Nachteil, sondern vielmehr als Vorteil zu betrachten, da die überwiegende Mehrheit jedenfalls der deutschen Bevölkerung soziale Gerechtigkeit sowieso nicht im Sinne totaler Einkommens- oder Besitzgleichheit versteht.803 Was sich jedoch die große Mehrheit der Menschen durchaus wünscht, ist die spürbare Verringerung der sozialen Unterschiede. So empfinden über 90 % der Deutschen das tatsächliche Ausmaß der bestehenden Ungleichheit als ungerecht,804 wobei vor allem die durch Armut erzwungene Exklusion »nach unten« wie auch die durch Reichtum ermöglichte Selbstexklusion »nach oben« in der Regel als hochproblematisch bewertet wird. Denn beides verletzt eine der wichtigsten normativen Akzeptanzbedingungen sozialer Ungleichheit, die in demokratischen Gesellschaften eben darin besteht, dass eine gemeinsame »Zone der Normalität« prinzipiell erhalten bleibt und sich somit alle Gesellschaftsmitglieder trotz aller Unterschiede immer noch ein und derselben Lebenswelt zugehö- 803 Lediglich 22 % der Deutschen sind der Auffassung, dass alle Menschen gleich viel besitzen sollten, und sogar nur 15 % betrachten Einkommensgleichheit als Bedingung sozialer Gerechtigkeit. Vgl. Klein / Zick 2010, S. 124. 804 Vgl. Hinz / Liebig 2010, S. 5. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 334 rig fühlen können.805 An diesem Punkt würde ein Grundeinkommen als gerechtigkeitsethisches Korrektiv wirken, das mit den herrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen nicht nur kompatibel, sondern diesen sogar förderlich wäre. Indem es Armut einerseits verhinderte, zu seiner Finanzierung jedoch andererseits die hohen Einkommen steuerlich stärker in die Pflicht zu nehmen wären, kappte es gewissermaßen die Extrema der Verteilung und stabilisierte somit das Zentrum der Gesellschaft. Dass dies dann über die Stärkung des sozialen Zusammenhalts sowie des allgemeinen Eindrucks, dass es »gerecht zugeht in der Welt«, zu einer gewissen Harmonisierung der Gesamtgesellschaft beitragen und insofern für im Grunde jeden von Vorteil sein dürfte, ist dabei als positiver Nebeneffekt zu betrachten, den es an späterer Stelle noch einmal gesondert aufzugreifen gilt. Schließlich leistete die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens auch einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung realer Chancengleichheit. Ich habe bereits darauf verwiesen, dass der normativen Forderung, dass alle Menschen unabhängig von Herkunft oder Geschlecht die gleichen Lebens- und Entwicklungschancen (vor allem in Bildung und Beruf) haben sollten, in westlichen Gesellschaften eine besonders hohe gerechtigkeitsethische Bedeutung zukommt.806 Und insofern ein Grundeinkommen eben dazu betrüge, die Startbedingungen der individuellen Lebensläufe wenigstens in monetärer Hinsicht einander anzunähern, käme es dieser zentralen Forderung der Gerechtigkeit sicherlich entgegen. Da dieser Aspekt aber auf das Engste mit dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit verwoben ist, erscheint es sinnvoll, ihn auch gemeinsam mit diesem zu behandeln. b) Erhöhung der Leistungsgerechtigkeit Wenn man bedenkt, dass das meritokratische Prinzip im normativen Selbstverständnis der bürgerlichen Arbeits- oder Leistungsgesellschaft zu den mit Abstand wichtigsten Grundsätzen der Gerechtigkeit gehört,807 ist evident, dass die Frage, ob beziehungsweise inwieweit ein Grundeinkommen damit kompatibel wäre, für dessen Realisierungschancen von kaum zu überschätzender Bedeutung ist. Allerdings wird man auf den ersten Blick vermutlich wenig geneigt sein, zumindest dem Bedingungslosen 805 Vgl. Sachweh 2011, S. 3, 12–19. 806 Vgl. Klein / Zick 2010, S.124; Institut für Demoskopie Allensbach 2013, S. 12ff. 807 In Deutschland liegen die Zustimmungswerte der Bevölkerung für das Leistungsprinzip wie gesehen bei über 93 %. Vgl. Klein / Zick 2010, S. 124. Zur transnationalen Akzeptanz des meritokratischen Prinzips siehe beispielsweise Sachweh 2011, S. 5; Marshall u. a. 1999, S. 358; Kluegel / Smith 1986, S. 112. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 335 Grundeinkommen ein in dieser Hinsicht positives Zeugnis auszustellen, da es schließlich jedem ein von jeglichem Leistungszwang befreites und dabei trotzdem auskömmliches, gutes Leben in finanzieller Sicherheit gewähren soll. Aus rein meritokratischer Perspektive muss eine solche moralisch unverdiente »Faulenzerprämie« (zunächst jedenfalls) geradezu absurd erscheinen. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich auf Basis der vorangegangenen gerechtigkeitsethischen Analyse der gesellschaftlichen Mechanismen, die die Reproduktion der sozialen Ungleichheit und damit die Verteilung der individuellen Lebens- und Teilhabechancen im Kapitalismus faktisch steuern, wenigstens vier Gegenargumente nennen lassen, welche die verdienstethische Kritik eines Bedingungslosen Grundeinkommens nicht nur relativieren, sondern vielmehr dessen positive Effekte für die Chancengleichheit und damit für die normative Anwendungsbedingung des Leistungsprinzips zur Legitimation sozialer Ungleichheit herausstellen. Zum ersten ist in diesem Kontext erneut daran zu erinnern, dass das Leistungsprinzip in einer marktbasierten Gesellschaftsordnung aus strukturellen Gründen ohnehin nicht erfüllt wird. Denn entgegen der (gerade bei Gutverdienern) populären, gleichwohl irrigen Vorstellung, dass es sich bei der Marktordnung um eine Leistungsordnung handelt, orientiert sich die marktwirtschaftliche Primärverteilung des gesellschaftlichen Wohlstands höchstens teilweise an den persönlichen Anstrengungen und Verdiensten der Akteure.808 Der letztlich entscheidende Mechanismus marktwirtschaftlicher Distribution besteht jedoch im preisvermittelten Prinzip von Angebot und Nachfrage, das von einer Vielzahl kontingenter und für den Einzelnen somit unkontrollierbarer Faktoren beeinflusst wird. Es ginge deshalb völlig an der Realität vorbei und wäre zudem ausgesprochen ungerecht, würde man den vielen Millionen, denen die erfolgreiche Integration in den (Arbeits-)Markt aus Gründen misslingt, die ersichtlich außerhalb ihrer persönlichen Kontrolle und Verantwortlichkeit liegen, für die sie also überhaupt nichts können und unter deren Folgen sie unverschuldet leiden, ein Grundeinkommen ausgerechnet mit verdienstethischen Argumenten verweigern.809 Und Entsprechendes gilt natürlich genauso umgekehrt. Denn ebenso wenig, wie die gescheiterte (Arbeits-)Marktintegration ohne weiteres als Beleg persönlich zurechenbarer Leistungsunfähigkeit oder -wil- 808 Von den in Kapitel 4.2.b erläuterten definitorischen wie evaluativen Unschärfen der Verdienstkategorie an dieser Stelle ganz zu schweigen. 809 Tatsächlich besagt ja auch das paulinische Diktum, das von den Befürwortern des Leistungsprinzips im vorliegenden Zusammenhang oftmals bemüht wird, eben nicht, dass wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll. Sondern es besagt, dass wer nicht arbeiten will, auch nicht essen soll. Dieser kleine, gerechtigkeitsethisch jedoch bedeutsame Unterschied wird in der öffentlichen Debatte regelmäßig unterschlagen. Vgl. 2 Thess 3, 10. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 336 ligkeit gedeutet werden kann, können Markterfolge und wirtschaftlicher Wohlstand umstandslos auf persönliche Verdienste zurückgerechnet werden. Zwar mögen Anstrengung, Fleiß und Können durchaus – wenngleich mitnichten zwingend810 – eine gewisse Rolle spielen, doch sind diese meritokratisch ausgezeichneten Faktoren gegenüber kontingenten, moralisch unverdienten Einflussgrößen in der Regel eben kaum zu quantifizieren und können deshalb legitimatorisch auch nicht dazu dienen, sich beispielsweise der intensivierten steuerlichen Inpflichtnahme für die Finanzierung eines Grundeinkommens zu entziehen. Was es stattdessen verdienstethisch zu reflektieren und in seinen personen- wie gerechtigkeitstheoretischen sowie nicht zuletzt verteilungspolitischen Konsequenzen anzuerkennen gilt, ist schlechthin der oben ausführlich diskutierte Umstand, dass der Einzelne im Grunde nichts von dem was er hat oder ist, allein sich selbst zu verdanken (oder zuzuschreiben) hat, dass er vielmehr in seiner gesamten sozialen Existenz und in all seinen Handlung von einer komplexen Vielzahl natürlicher wie gesellschaftlicher Kontingenzen abhängt, und dass insofern auch die gesamtgesellschaftliche Verteilungsordnung nicht als das gerechte Resultat differentieller Verdienstlichkeiten der einzelnen Individuen begriffen werden kann. Trifft dies aber zu, wird die meritokratische Kritik des Bedingungslosen Grundeinkommens schon dadurch substantiell geschwächt. Noch stärker relativiert sich diese Kritik indes, wenn man sich – zweitens – auch noch einmal die mit dem Leistungsprinzip mindestens genauso konfligierende Bedeutung der Vererbung für die Reproduktion der sozialen Ungleichheit vor Augen führt. Da ich die wesentlichen gerechtigkeitsethischen Implikationen dieser Thematik bereits in Kapitel 4.2.b erörtert habe, kann ich an dieser Stelle auf eine detaillierte Darstellung verzichten. Abermals umreißen will ich lediglich die ungefähre Größenordnung, um die es geht. So entfällt von den 75 bis 100 Milliarden Euro, die in Deutschland Jahr für Jahr vererbt werden,811 ein Großteil auf eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe. Ablesen lässt sich dies zum Beispiel daran, dass die gerade einmal 650 mit mehr als fünf Millionen Euro besonders lukrativen Erbschaften und Schenkungen im Jahr 2010 über ein Drittel der gesamten Erbmasse auf sich vereinen konnten, während sich im Durchschnitt zwei Drittel der Nachlässe (bei insgesamt rund 800.000 Todesfällen pro Jahr) auf weniger als 50.000 Euro belaufen.812 Dabei geht die untere, weitgehend vermögenslose Bevölkerungshälfte normalerweise ganz leer aus, weil Erbschaften für sie aufgrund der familialen, meist schichtinternen Transmission des Kapitals nur selten 810 Vgl. Neckel 1999. 811 Tendenz steigend; vgl. Beckert 2012. 812 Vgl. ebd. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 337 eine Rolle spielen.813 Noch schärfer treten die quasifeudalen Reproduktionsmechanismen der polarisierten Kapitalverteilung – und damit, was praktisch auf dasselbe hinausläuft, der gesellschaftlichen Verteilung von Macht – am Beispiel der Schweiz hervor, wo die oberen zehn Prozent der Erben nicht weniger als drei Viertel der Erbmasse erhalten und die Hälfte davon an Personen fließt, die schon Millionäre sind.814 Insofern hat Beckert sicher Recht: Vererbt wird mitnichten nur das Vermögen, vererbt wird vor allem die soziale Ungleichheit.815 Wenn aber auf der einen Seite die meritokratisch ungedeckte intergenerationelle Weitergabe und Akkumulation des Kapitals innerhalb einer sehr kleinen und (einfluss-)reichen Bevölkerungsgruppe gesellschaftlich im Allgemeinen widerspruchslos hingenommen wird; wenn die Gesellschaft also einerseits bereit ist, stillschweigend zu akzeptieren, dass eine kleine, privilegierte Minderheit durch Erbschaft mühelos an einen Großteil des wohlgemerkt gesellschaftlich produzierten Reichtums gelangt, dann offenbarte es nun doch ein irritierendes Ausmaß an moralischer Flexibilität, wenn man auf der anderen Seite ein im Vergleich dazu ganz und gar bescheidenes Bedingungsloses Grundeinkommen, das gerade so vor Armut schützte, unter Verweis auf dasselbe soeben ignorierte Leistungsprinzip plötzlich ablehnen würde. Mit den Anforderungen einer vernünftigen und in sich konsistenten gerechtigkeitsethischen Theorie moralischer Verdienstlichkeit jedenfalls wäre eine derart schizophrene Haltung ersichtlich unvereinbar. Während nun die beiden soeben aufgeführten Argumente die meritokratische Kritik am Bedingungslosen Grundeinkommen durch den Hinweis darauf zu entschärfen suchen, dass sich die Verteilungsstruktur der kapitalistischen Gesellschaft ohnehin nicht nach verdienstethischen Gesichtspunkten herstellt und reproduziert und insofern völlig unklar ist, warum im einen Fall verboten sein soll, was im andern gang und gäbe ist, lassen sich darüber hinaus auch plausible Gründe dafür nennen, dass ein unkonditioniertes Grundeinkommen dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit in gewisser Weise sogar zuträglich wäre. Denn wie zu sehen war, besteht ja eine der meritokratisch krassesten Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Verteilungsordnung in der systematischen sozialen wie ökonomischen Devaluierung nicht-erwerbsförmiger Arbeit. So wird auch nach Jahrhunderten kapitalistischer Ökonomie der mit Abstand größere Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit – von der Familien- und Pflegearbeit über die Kunst und Kulturarbeit bis hin zu Ehrenämtern und politischem Engagement – noch immer außerhalb des Marktes verrichtet,816 und obwohl damit nicht weniger als das sozia- 813 Vgl. ders. 2013b, S. 59. 814 Vgl. Mäder 2011, S. 113. 815 Vgl. Beckert 2005, S. 28. 816 Siehe für Deutschland Statistisches Bundesamt 2003, S. 11. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 338 le Fundament für alles weitere gelegt wird, sichert diese Arbeit dennoch keine gleichwertigen und eigenständigen Ansprüche am gesellschaftlichen Reichtum. Gerade am Leistungsprinzip bemessen ist dies ein im Grunde unerhörter, insbesondere Frauen massiv diskriminierender Zustand. Auch in diesem Kontext könnte nun – und darin besteht das dritte Argument gegen die verdienstethisch begründete Ablehnung eines Bedingungslosen Grundeinkommens – selbiges erneut die Funktion eines gerechtigkeitsethischen Korrektivs übernehmen. Denn indem es jedem einen individuellen Anspruch auf einen hinreichenden Mindestanteil am Wohlstand der Gesellschaft rechtlich garantierte, trüge es damit ganz automatisch zur längst überfälligen praktisch-ökonomischen Anerkennung auch jener moralischen Verdienste bei, die mit nicht-erwerbsförmiger Arbeit erworben werden.817 Insofern erwiese sich ein Bedingungsloses Grundeinkommen nicht nur als kompatibel mit dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, sondern es verhülfe diesem in der Praxis sogar zu größerer gesellschaftlicher Geltung. In dieselbe Richtung weist auch, wie angedeutet, das vierte Argument, dass nämlich die reale Chancengleichheit durch ein Grundeinkommen erhöht und somit die Voraussetzung zumindest für die unverkürzte Anwendung des Leistungsprinzips zur Legitimation sozialer Ungleichheit verbessert würde. Wie oben gezeigt (Kapitel 3.2.b), ist dauerhafte Armut einer der schädlichsten Faktoren für die kognitive und psychische Entwicklung von Kindern. Das hat zur Folge, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien von Anfang an erheblich schlechtere Bildungsund somit auch Berufschancen haben, als es bei Kindern aus Familien mit mittlerem und hohem Einkommen der Fall ist. Statt jedem Kind die gleichen Chancen und insofern eine gemeinsame, demokratische Ausgangsbasis für den individuellen Erwerb je unterschiedlicher Meriten zu bieten, trägt das Bildungssystem mithin zur fortlaufenden Reproduktion sozialer Ungleichheit systematisch bei. Dieser aus meritokratischer Perspektive hochproblematische Effekt würde durch ein armutsverhinderndes Grundeinkommen zwar nicht völlig aufgehoben, in seiner Stärke jedoch immerhin gelindert.818 Zwar würde auch ein Grundeinkommen 817 Ähnlich Axel Paul: »›Es ist unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben‹. Vom Sinn des Sozialstaats«, in: Sociologia Internationalis: 46/2008, Nr. 1, S. 1–30, hier S. 24. 818 Auch Yannick Vanderborgth und Philippe Van Parijs gehen davon aus, dass von einem armutsverhindernden Grundeinkommen »wie von den anderen Formen zur Sicherung des Familieneinkommens […] mit einer positiven Wirkung auf die Gesundheit und die schulische Ausbildung der Kinder zu rechnen [ist].« Siehe dies.: Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, mit einem Nachwort von Claus Offe, Frankfurt/M. / New York 2005, S. 83. Unterstützung erfährt diese Auffassung nicht zuletzt durch die oben (Kap. 3.2.b) referierte Forschung von Greg Duncan u. a., die bestätigt, dass Armut die DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 339 nichts daran ändern, dass sich das mit der sozialen Schicht- respektive Milieuzugehörigkeit nach Art und Umfang teils erheblich variierende kulturelle Kapital, das in einer Familie vorhanden ist und weitergegeben werden kann, mehr oder weniger begünstigend auf die Entwicklung der individuellen Bildungsfähigkeit sowie die darauf aufbauende schulische und akademische Karriere auswirken kann. Und es ist auch richtig, dass der herkunftsbedingte soziale Habitus eines Menschen seine wesentliche Bedeutung für dessen reale gesellschaftliche Erfolgsaussichten höchstwahrscheinlich weiterhin behalten würde. Vor allem, wenn es um den Zugang zu gesellschaftlichen Spitzenpositionen geht, dürften also die individuellen Erfolgs- und Aufstiegschancen für Angehörige der unteren, mittleren und oberen Gesellschaftsschichten nach wie vor beträchtlich differieren. Doch gerade deshalb gälte es umso mehr, zumindest die besonders gravierenden armutsinduzierten Chancenungleichheiten, die durch wirtschaftliche Umverteilung ja verhältnismäßig leicht zu korrigieren wären, so weit wie möglich abzubauen und dadurch wenigstens tendenziell für eine leistungsgerechtere Grund- und Verteilungsordnung der Gesellschaft zu sorgen. Auch wenn das Grundeinkommen sicherlich kein Allheilmittel wäre, schiene es demnach doch immerhin als sachlich wie gerechtigkeitsethisch plausibler Schritt in die richtige Richtung. Alles in allem erweist sich also die intuitive, verdienstethischen Vorbehalten geschuldete Ablehnung eines Bedingungslosen Grundeinkommens als unbegründet. Sie basiert nicht nur auf inadäquaten Vorstellungen bezüglich der realen Mechanismen marktwirtschaftlicher Distribution. Sie misst zudem mit zweierlei Maß und verkennt vor allem, dass die eigentlich schon längst gebotene ökonomische Anerkennung nicht-erwerbsförmiger Arbeit sowie die spürbare Verbesserung der effektiven Chancen namentlich der unteren Einkommensgruppen dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit nicht nur nicht widersprächen, sondern im Gegenteil zugutekämen. Gerade aus meritokratischer Perspektive ließe sich die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommen insofern durchaus mit guten Gründen vertreten. Was damit jedoch noch nicht geklärt ist, ist die keineswegs triviale Frage, welche motivationalen Effekte sich auf die individuelle Leistungsbereitschaft ergäben. Was würde es mit Blick auf die allgemeine Arbeitsmotivation denn wohl bedeuten, wenn plötzlich nicht mehr nur die kapitalbesitzende Elite, sondern jedermann die bedingungslose Chance hätte, auch ohne Lohnarbeit ein befriedigendes und halbwegs abgesichertes Leben jenseits der Armut zu führen? Da es sich bei dieser Frage, bei der die implizite Sorge mitschwingt, dass am Ende womöglich niemand mehr zur Arbeit ginge, in erster Linie weniger um ein Bildungschancen von Kindern massiv verschlechtert, was die gezielte und spürbare wohlfahrtsstaatliche Anhebung des Haushaltseinkommens armer Familien bildungs- und sozialpolitisch nahelege. Vgl. Duncan u. a. 1998, S. 421. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 340 gerechtigkeitsethisches Problem handelt – schließlich stünde diese Chance von nun an jedem gleichermaßen offen –, sondern um eines, das vor allem die gesellschaftliche Funktionalität des Grundeinkommens tangiert, werde ich es im Folgenden gesondert diskutieren. — Exkurs — zu den angenommenen Effekten eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf die individuelle Arbeits- und Leistungsbereitschaft Das Nachdenken über die potentiellen Effekte eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf die individuelle Arbeits- und Leistungsbereitschaft bleibt notwendigerweise spekulativ, da es bislang noch nirgendwo in der skizzierten Form realisiert wurde. Seine Umsetzung käme somit einem gesellschaftlichen Sprung ins Ungewisse gleich. Nichtsdestominder – oder auch gerade deshalb – könnte das begründete Spekulieren darüber, was denn wohl mit Blick auf die Erwerbsmoral der Individuen tatsächlich zu erwarten wäre, durchaus hilfreich sein, zumal bei allen Unwägbarkeiten manches ohnehin gar nicht so ungewiss erscheint. So ist erstens noch einmal bewusst zu machen, dass ein Grundeinkommen ja lediglich vor Armut schützen soll. Es dient (und reicht) mithin allein dazu, die elementaren physischen und soziokulturellen Grundbedürfnisse bedingungslos zu sichern, per definitionem jedoch nicht, ein luxuriöses oder auch nur durchschnittliches Dasein leistungslos zu finanzieren. 60 % des nationalen Medianeinkommens sind mit Blick auf den gesellschaftlich normalen Konsum- und Lebensstandard schließlich nicht allzu viel, sodass auch weiterhin genügend finanzielle Anreize für die Erwirtschaftung »eines im Prinzip beliebig über das Grundeinkommen hinausgehenden Mehrverdienstes« bestehen blieben.819 Hinzu kommt zweitens, dass die immateriellen Anreize und Belohnungen, die gerade von den Apologeten der Erwerbsarbeit als wesentlicher Quelle subjektiver Identität, sozialer Anerkennung und gesellschaftlicher Integration 819 Ebd. Tatsächlich bescheidet sich ja auch heute schon kaum jemand freiwillig mit einem Einkommen, das gerade so auf Höhe der Armutsgrenze liegt. Andernfalls wäre die auf ununterbrochenen und sich ständig steigernden Konsum verwiesene kapitalistische Wachstumsökonomie längst kollabiert. Abgesehen davon ist zudem zu berücksichtigen, dass sich die monetären Arbeitsanreize speziell für jene Personen, die gegenwärtig von Hartz IV leben und infolge der heute geltenden hohen Anrechnungssätze bei Zuverdiensten von der Aufnahme einer geringbezahlten Nebentätigkeit eher abgehalten werden, durch die Einführung eines Grundeinkommens sogar vergrößern sollten. Denn »mit einem Grundeinkommen lohnt sich jeder noch so kleine Hinzuverdienst.« Siehe Ingrid Hohenleitner, Thomas Straubhaar: »Grundeinkommen und soziale Marktwirtschaft«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 51-52/2007, S. 11–18, hier S. 14. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 341 gemeinhin so hervorgehoben werden und die mit guten Arbeitsplätzen zweifellos verbunden sind, durch ein Grundeinkommen ja überhaupt nicht geschmälert würden, und dass es drittens vielmehr umgekehrt keineswegs weit hergeholt ist, dass diese positiven, zur Arbeit motivierenden Effekte beispielsweise im Fall der vielen prekären Beschäftigungsverhältnisse, die ansonsten mit der ständigen, krankmachenden Angst vor Jobverlust und Abstieg verbunden sind, dank der psychologisch ebenso beruhigenden wie befreienden Wirkung einer ausreichenden, bedingungslosen Existenzgarantie nicht selten allererst zum Tragen kämen.820 Bedenkt man dies, scheint daher die Befürchtung, dass ein Großteil der Bevölkerung die Arbeit nach der Einführung eines Grundeinkommens einfach einstellen würde, übertrieben und unnötig dramatisierend. Womit hingegen schon zu rechnen wäre, ist, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das Armut effektiv verhinderte, den »Anreiz«, gegebenenfalls auch eine besonders schlechtbezahlte Arbeit anzunehmen, die ein gutes Leben nicht gewährleisten kann und noch dazu mit besonders belastenden und entfremdenden Arbeitsbedingungen verbunden ist, ganz erheblich reduzieren würde. »Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse«,821 der bislang zuverlässig dafür sorgt, dass auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt unter dem Deckmantel sogenannter Vertragsfreiheit, in Wahrheit jedoch aus reiner Existenznot stets genügend »leistungsbereite«, notgedrungen willfährige und vor allem billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen – sei es als akademischer Projekt- oder landwirtschaftlicher Saisonarbeiter, als Haushaltshilfe, als private Pflegekraft oder auch als Sexarbeiterin –, würde mithin ein gutes Stück weit aufgehoben. Entsprechend ist davon auszugehen, dass Lohnarbeit in Zukunft tatsächlich nicht mehr in jedem Fall und zu allen Konditionen als lohnenswerte Alternative betrachtet würde, und dass die bewusste Entscheidung gegen eine Erwerbstätigkeit – insbesondere die Entscheidung gegen die erniedrigende Ausbeutung als working poor – infolgedessen höchstwahrscheinlich häufiger als bisher zu erwarten wäre. Bereits in dieser nur partiellen Dekommodifizierung der Erwerbsarbeit, die das strukturelle Machtgefälle zwischen Kapital und Lohnabhängigen sowie die Erpressbarkeit der letzteren ja nicht beseitigen, sondern lediglich verringern würde, sehen nicht wenige, insbesondere marktliberale Kritiker des Grundeinkommens einen massiven wirtschaftlichen 820 Vgl. Erich Fromm: »Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens für alle«, in: ders.: Erich Fromm. Gesamtausgabe in zwölf Bänden, Band V, München 1999, S. 309–316, hier S. 310. Ganz ähnlich sehen das auch Hohenleitner und Straubhaar: »Infolge der größeren Freiheit bei der Berufswahl und der Freiwilligkeit bei der Erwerbsentscheidung verbessert das Grundeinkommen die Leistungsbereitschaft und Motivation. Der Aspekt der Sinnhaltigkeit von Arbeit gewinnt an Bedeutung.« Hohenleitner / Straubhaar 2007, S. 14. 821 Marx 1984, S. 765. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 342 Fehlanreiz, der die Leistungsbereitschaft »ganzer Gesellschaftsschichten« untergrabe und diese zum Nichtstun verleite. Vor allem jene Gruppen, die am Markt eben nur geringe Lohnaussichten hätten, würden regelrecht dazu verführt, sich aus dem Erwerbsleben zu verabschieden und damit letztlich aufs Abstellgleis der bürgerlichen Leistungsgesellschaft zu befördern. Dort würden sie von den produktiven Bevölkerungsteilen dann nicht nur abgeschrieben, sondern sie hätten sich als Bürger gleichsam selbst entmündigt und diskreditiert.822 Was von den Befürwortern eines Grundeinkommens als legitime – und den Vermögenden immer schon offenstehende – Chance begrüßt wird, sich den Zumutungen namentlich der unteren Arbeitsmarktregionen gegebenenfalls selbstmächtig entziehen zu können, wird von dessen Kritikern also als gesamtwirtschaftlich dysfunktionaler und erwerbsmoralisch fragwürdiger Angriff auf die Leistungsbereitschaft vielleicht nicht nur, vor allem aber der unteren Gesellschaftsschichten perhorresziert.823 Was jedoch ist von solcherlei Kritik zu halten? Nun, zunächst einmal ist festzustellen, dass der durch ein Grundeinkommen ermöglichte freiwillige Rückzug aus dem Erwerbsleben überhaupt nur dann als Problem erscheint, wenn man eben grundsätzlich der Meinung ist, dass die Erwerbsarbeit zwingend als zentrale subjektive Sinndimension, als maßgebliche Instanz gesellschaftlicher Inklusion und insofern als unverzichtbare Voraussetzung eines gelingenden Lebens betrachtet werden muss. Genau dies ist aber, wie ich mich im Vorangegangenen zu zeigen bemüht habe, keineswegs der Fall. Dementsprechend sitzt der erwerbsideologische, in autonomieethischer Hinsicht ohnedies ausgesprochen bedenkliche Paternalismus, der in der Vorstellung mitschwingt, dass man insbesondere die Angehörigen der unteren Einkommensgruppen durch die Beibehaltung des wirtschaftlichen Arbeitszwangs im Zweifel zu ihrem eigenen Glück zwingen (respektive vor der 822 Vgl. etwa Lukas Rühli, Mitglied der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Think Tank for Economic and Social Issues in: »Einkommen ohne Grund. Warum das bedingungslose Grundeinkommen keines seiner Versprechen hält« (= Avenir Standpunkte 5), April 2014, S. 7, http://www.avenir-suisse.ch/37222/ einkommen-ohne-grund/ (23.03.16). 823 Rühli zum Beispiel macht das ganz deutlich. Er sorgt sich ausdrücklich nicht um die Erwerbsmoral »einer schon gut ins Erwerbsleben integrierten Person mit erheblichem [sic!] Einkommen«, auf deren Arbeitswillen die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens »wahrscheinlich keine allzu drastischen Auswirkungen« haben dürfte. Seine eigentliche Sorge gilt vielmehr – neben heranwachsenden Menschen, von denen es angeblich naiv wäre anzunehmen, dass sie ohne den Druck, Geld zu verdienen, genügend für ihre berufliche Integration unternähmen – explizit jenen Schichten mit schlechten Verdienstaussichten, die man vor der ebenso unvernünftigen wie unverantwortlichen Selbstexklusion bewahren und insofern gleichsam vor sich selbst schützen müsse. Vgl. ebd. DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN – EIN WEG AUS DER MISERE? 343 entmündigenden Selbstexklusion aus der schönen Welt der Lohnarbeit bewahren) müsse, von vornherein jenem fehlerhaften Verständnis von sozialer In- und Exklusion auf, das es eigentlich längst zu überwinden gälte. Man befindet sich eben nicht schon deshalb automatisch auf dem »Abstellgleis«, weil man keiner bezahlten Arbeit nachgeht. Ohne diese erwerbsideologische Eintrübung erscheint aber die eigensinnige Verweigerung zumindest schlechter Lohnarbeit, die mit Erwerbsarmut, ständiger Unsicherheit und schlechten Arbeitsbedingungen einhergeht, und deren pathogene Effekte selbst dann mindestens so gravierend wie die der Arbeitslosigkeit sind, wenn letztere ebenfalls mit Armut verbunden ist,824 weniger als Beleg einer zweifelhaften Erwerbsmoral, denn als nachvollziehbarer und vernünftiger Ausdruck verantwortlicher Selbstsorge. Und das Bedingungslose Grundeinkommen stellt sich aus dieser Perspektive dann auch nicht etwa als Fehlanreiz, sondern vielmehr als Garant eines würdevollen, gesunden und menschengerechten Lebens dar. Darüber hinaus jedoch wäre es zudem eine unzulässige Verkürzung, setzte man die Relativierung ökonomischer Erwerbszwänge umstandslos mit der Relativierung individueller Leistungsbereitschaft als solcher gleich. Schließlich sind weder die Motive noch die tatsächliche Realisierung des individuellen Leistungsvermögens aufs Ökonomische beschränkt. André Gorz etwa hat vielmehr zu Recht mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass der Wunsch nach einem ausreichenden und sicheren Einkommen lediglich die eine Sache ist, »das Bedürfnis zu werken, zu wirken und zu handeln, sich an anderen zu messen und von ihnen anerkannt zu werden« hingegen eine völlig andere, »die weder in der ersten aufgeht noch mit ihr zusammenfällt.«825 Es wäre deshalb ein Missverständnis, nähme man an, dass das Grundeinkommen einfach ein Leben ohne jede Arbeit ermöglichen solle. Es geht vielmehr darum, die Arbeit wenigstens zum Teil von der Tyrannei des Lohnsystems zu befreien und in autonomer Selbsttätigkeit jenseits kapitalistischer Ökonomie aufzuheben.826 Indem das Grundeinkommen den Lebensunterhalt und damit, so Zygmunt Baumann, »den Felsen, den alle Lebenspläne und Hoffnungen brauchen, um machbar und sinnvoll zu sein und um die Energie zu ihrer Verwirklichung aufzubringen,«827 bedingungslos garantierte, schüfe es also die materielle Basis, das persönliche Leistungsvermögen selbstbestimmt in solchen erzieherischen, pflegerischen, künstlerischen, philosophischen, politischen, gemeinwohldienlichen, selbstversorgeri- 824 Zu den pathogenen Effekten sogenannter »bad jobs« siehe Mohr / Richter 2008, S. 32; Mohr 2010, S. 481; dies. 2011, S. 24; ferner Aycan / Berry 1996; Dooley / Prause 1997; Dooley u. a. 2000. 825 André Gorz: Arbeiten zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/M. 2000, S. 102. 826 Vgl. ebd., S. 119. 827 Zygmunt Baumann: Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit, Hamburg 2000, S. 255. TEIL II: ZUM PROBLEM DER SOZIALEN GERECHTIGKEIT 344 schen und sonstigen individuellen wie kollektiven Tätigkeiten umzusetzen, die, selbst wenn – oder gerade weil – sie in finanzieller Hinsicht unrentabel sind, subjektiv als sinn- und wer