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Andrea Kretschmann

Regulierung des Irregulären

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-094-9, ISBN online: 978-3-7489-2661-0, https://doi.org/10.5771/9783748926610

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-094-9 V EL BR Ü CK W IS SE N SC H A FT Kr et sc hm an n • R eg ul ie ru ng d es Ir re gu lä re nZwischen 2006 und 2009 wurde die so genannte ›24-Stunden-Pflege‹ – Pflege und Betreuung für ältere Menschen in Privathaushalten rund um die Uhr – in Österreich rechtlich reguliert. Damit wurde den in diesem Feld Beschäftigten und Beschäftigenden erstmals die Möglichkeit eröffnet, ein Arbeitsverhältnis auf Angestellten- oder Selbständigenbasis zu unterhalten. Der in Österreich seit den 1990er Jahren bestehende irreguläre Markt für Carework, auf dem vorwiegend Migrantinnen slowakischer Herkunft und Angehörige von Pflegebedürftigen in ArbeitgeberInnen-ArbeitnehmerInnen-Beziehungen agieren, sollte auf diese Weise regularisiert werden – ein politisches Anliegen, das sich als relativ erfolgreich erwies. Das Buch untersucht aus rechtssoziologischer Perspektive, wie die betreffenden AkteurInnen die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in ihrem Alltag umsetzen. Die Arbeit bedient sich hierfür Pierre Bourdieus fragmentarischer Rechtssoziologie und entwickelt diese mit Hilfe neuerer praxistheoretischer Strömungen entscheidend weiter. In enger Verzahnung von Theorie und Empirie werden auf dieser Grundlage zum einen die Beschaffenheit rechtskonformer Handlungsorientierungen, zum anderen die Möglichkeiten und Grenzen regulativen Rechts in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungen im Privathaushalt untersucht. Andrea Kretschmann, Dr. phil, ist Forscherin am Centre Marc Bloch in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziologie der Gewalt und des Konflikts, Soziologie des Staates, Rechtssoziologie und Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle und soziologische Theorie. Andrea Kretschmann Regulierung des Irregulären Carework und die symbolische Qualität des Rechts Andrea Kretschmann Regulierung des Irregulären Carework und die symbolische Qualität des Rechts Andrea Kretschmann Regulierung des Irregulären Carework und die symbolische Qualität des Rechts VELBRÜCK WISSENSCHAFT Die Autorin dankt dem Deutschen Akademikerinnenbund e.V. für die finanzielle Unterstützung der Buchpublikation. Erste Auflage 2016 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2016 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-094-9 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1 Einleitung: Recht und Care . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2 Regulierung und soziale Intelligibilität im Care-Regime . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.1 Die gesellschaftliche Organisation von Care in Österreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.1.1 Das konservativ-korporatistische Care-Regime . . 28 2.1.2 Die Krise der privaten Erbringung von Care . . . . 34 2.1.3 Die irreguläre Beschäftigung von MigrantInnen. . 41 2.1.4 Die (rechts-)politische Auseinandersetzung um die ›24-Stunden-Pflege‹ (2006–2009) . . . . . . . 49 2.1.5 Rechtliche Ausformungen der Regulierung . . . . . 57 2.1.6 Spuren der Regularisierung – eine quantitative Annäherung . . . . . . . . . . . . . 71 2.2 Soziale Intelligibilität im Feld des Rechts . . . . . . . . . . . . 82 2.2.1 Zwang, Anerkennung, Legitimität . . . . . . . . . . . . 82 2.2.2 Rechtspraxeologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 2.2.3 Integrierte Perspektiven – Rechtsregel und soziale Regelmäßigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 2.3 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 2.3.1 Zwischenfazit: Die Regulierung des Irregulären. . 130 2.3.2 Weiterführende Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 3 Forschungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 3.1 Problemzentriertes Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 3.2 Feldphase und Datendokumentation . . . . . . . . . . . . . . . 140 3.3 Auswertung der Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 4 Die symbolische Qualität des Rechts im Kontext der Regulierung von Care . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 4.1 Die Regulierung als ›Angebotsnorm‹ . . . . . . . . . . . . . . . 155 4.1.1 Das Reziprozitätsprinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 INhALt 4.1.2 Das Recht auf soziale Absicherung . . . . . . . . . . . 172 4.2 Die Regulierung als autoritative Vorgabe . . . . . . . . . . . . 182 4.2.1 Recht und Ordnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 4.2.2 Die Bekräftigung der Verbotsnorm . . . . . . . . . . . 192 4.3 Die Regulierung als objektive Zwangsstruktur . . . . . . . . 203 4.3.1 Das Sanktionsrisiko. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 4.3.2 Sanktionsbereitschaft im sozialen Umfeld . . . . . . 218 4.4 Exkurs: handlungsspielraum und sense juridique . . . . . 225 4.4.1 Das Spiel mit der ›Amnestie‹ . . . . . . . . . . . . . . . . 226 4.4.2 Das Spiel mit der Inkrementalität der Regulierung 234 4.5 Die Regulierung im Kontext antonymischer Sozialbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 4.5.1 Soziale Inferiorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 4.5.2 Der Wert einer kontinuierlichen Versorgung mit Care . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 4.6 Die Regulierung in ihrer symbolischen Qualität . . . . . . . 261 4.6.1 Soziale Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 4.6.2 Die gesellschaftliche Aufwertung von Carework . 271 4.7 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 5 (Rechts-)Soziologische und gesellschaftspolitische Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 5.1 Zur Ambivalenz von Regulierung und Konformität im Care-Regime . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 5.2 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Anhang 1: Liste der tabellen und Abbildungen . . . . . . . . . . . 329 Anhang 2: Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Anhang 3: transkriptionsregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Dank. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 7 Vorwort Rechtliche Regulierung gewinnt als thema der Rechtssoziologie wieder zunehmend an Bedeutung, wie etliche neuere Studien zeigen. Andrea Kretschmann legt eine rechtssoziologische Arbeit zur rechtlichen Regulierung bis dato irregulärer Arbeitsverhältnisse auf dem Gebiet der 24-Stunden-Pflege in Österreich im Jahr 2008 vor. Seit den entsprechenden Novellierungen können Staatsangehörige aus EU-Ländern entweder als Selbständige oder in Anstellungsverhältnissen rechtmäßig in Österreich Pflegebedürftige in deren haushalt betreuen. Die Umsetzung dieser Regelungen hängt stark von den Deutungsleistungen der betroffenen Personen – der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und der helferinnen und helfer – ab. Die Studie wendet sich diesen Deutungsleistungen als den Bedingungen faktischer Rechtsgeltung zu und untersucht sie als Ausdruck der symbolischen Qualität des Rechts, die in unterschiedlichen Sichtweisen der betroffenen Personen(gruppen) zum Ausdruck kommt. Dabei wird gezeigt, dass die vordergründig liberale Gesetzgebung in der Umsetzung eher managerial geprägte Beziehungen zwischen Betreuten bzw. deren Angehörigen und den Pflegepersonen fördert und damit bestehende Asymmetrien eher verfestigt bzw. neue Risiken für die Pflegenden schafft. Die insgesamt doch rechtsaffinen Perspektiven, die sich aus diesen sehr unterschiedlichen sozialen Lagen heraus entwickeln, kann man, so die these, aus den im Feld sich bildenden habitusformationen sowie aus Spezifika der sozialen Lage der einzelnen Akteure erklären. Empirische Rechtsgeltung ergibt sich dann gewissermaßen als ein Produkt äußerer, nämlich rechtlicher und sozialstruktureller Bedingungen und innerer, inkorporierter handlungsschemata, Interessen bzw. Legitimitätsüberzeugungen. Vor dem hintergrund rechtlicher Liberalisierung einerseits und persistenter struktureller Zwänge des rechtlichen und pflegerischen Feldes andererseits resultieren unterschiedliche Durchsetzungschancen für die Interessen der Pflegenden auf der einen Seite und diejenigen der Betreuten sowie ihrer Angehörigen auf der anderen. Für die Pflegenden ergeben sich im Endeffekt trotz rechtlicher Verbesserungsversuche kaum relevante Zuwächse an Arbeits- und Lebensqualität. Einerseits profitieren zwar alle Betroffenen von der Regulierung, andererseits sanktioniert das Recht nunmehr die vormals illegale Form der Arbeitsbeziehung, ohne die damit verbundenen Probleme und Nachteile für die Pflegenden zu beseitigen. Rechtliche Inklusion bedeutet, wie Kretschmann zeigt, in diesem Zusammenhang zwar »Normalisierung und damit Enttabuisierung und öffentlich sichtbare Anerkennung der 24-Stunden-Pflege. Enttabuisiert und anerkannt werden so gleichzeitig aber auch relativ entrechtete Beschäftigungen im Privathaushalt«. Die VORWORt 8 Verrechtlichung, so der abschließende Gesichtspunkt, enthält aber auch einen überschießenden, utopischen Gehalt emanzipatorischer Potenziale, der den Prozess weiterer, verbesserter Regulierung antreiben könnte. Die Bedingungen und Folgen dieser Verrechtlichungs- und Regulierungsprozesse deutlich herausgearbeitet zu haben ist das Verdienst der vorliegenden Arbeit. Andrea Kretschmann setzt sich in theoretischer hinsicht vor allem mit praxistheoretischen Konzepten im Anschluss an Bourdieu und Schatzki auseinander. In Abgrenzung zu theorien rationaler Wahl, systemtheoretischen und normtheoretischen herangehensweisen versteht sie Rechtsbefolgung als das Zusammenspiel inkorporierter habitusformationen, sozialer Ressourcen, Strukturen des rechtlichen Feldes und symbolischer Gewalt und definiert sie als »je individuelle Aneignung der Strukturen beziehungsweise Zuweisungsakte des rechtlichen Felds auf der Grundlage dispositionaler handlungsschemata«. Aus der Analyse von Interviews mit Betroffenen rekonstruiert sie diese handlungsschemata und zeigt, dass sich trotz unterschiedlicher Auswirkungen der Gesetzesreform bei hilfebedürftigen und Angehörigen einerseits und beim Pflegepersonal andererseits jeweils schlüssige Praktiken im Umgang mit den neuen Regelungen entwickeln und diesen damit faktische Wirksamkeit verleihen. Die Arbeit entfaltet dieses Argument sowohl in Auseinandersetzung mit den relevanten theorieangeboten als auch auf der Basis umfangreicher empirischer Analysen. Dabei überzeugt vor allem der große Bogen von den makrosoziologischen und wohlfahrtstheoretischen Überlegungen und Daten über die fein ausgearbeitete Darstellung der Rechtslage vor und nach der Novellierung hin zu den Interaktionsanalysen des empirischen teils und wieder zurück zu theoretischen Generalisierungen und einem Ausblick auf weitere Forschungsfragen. In theoretischer hinsicht gelingt es Frau Kretschmann, die Bourdieu’sche theorie für die rechtssoziologische Analyse nutzbar zu machen. Das ist deshalb schon bemerkenswert, weil Bourdieu selbst sich zu diesem thema nur sehr sporadisch geäußert hat und auch in der Literatur nur wenige Vorarbeiten geleistet sind. Vor diesem hintergrund eines anhaltenden Mangels an gehaltvoller theorie auf dem Gebiet der Rechtssoziologie legt Andrea Kretschmann eine theoretisch kluge und empirisch aussagekräftige Studie vor, die einen gleichermaßen innovativen wie bereichernden Beitrag zur soziologischen Debatte über rechtliche Regulierung leistet. Alfons Bora 9 1 Einleitung: Recht und Care Am 1. Juli 2008 ging Maria Bednová zur Wirtschaftskammer im dritten Wiener Bezirk Landstraße. Begleitet wurde sie von Walter hofinger, dem Sohn der betreuungs- und auch ein wenig pflegebedürftigen 86-jährigen Josephine hofinger. Nach dem Eintreten zog Walter hofinger eine Wartenummer und beide setzten sich auf die braunen Stühle der Sitzreihe im Vorraum. Es war leer hier am Mittag und so traten Maria Bednová und Walter hofinger bereits nach etwa zehn Minuten in das Büro der zuständigen Sachbearbeiterin ein. Nach weiteren zehn Minuten schloss Walter hofinger die tür wieder hinter ihnen. Maria Bednová hatte ihren slowakischen Reisepass vorgelegt und ihre Geburtsurkunde, Walter hofinger zusätzlich ein Meldezettel-Formular, das von Maria Bednová und Josephine hofinger unterschrieben war und Maria Bednovás Wohnsitz in Wien bestätigte, außerdem noch weitere Unterlagen. Walter hofinger war Jurist, er wusste, was alles vorzulegen ist, um von der Wirtschaftskammer für Maria Bednová eine Bestätigung über ein Gewerbe der Personenbetreuung für die ›24-Stunden-Pflege‹ der 86-Jährigen zu erhalten. In den letzten Wochen waren sie damit beschäftigt gewesen, alles hierfür Notwendige zusammenzusuchen. Das war nicht leicht, denn Maria Bednová pendelte im Zwei-Wochen-Rhythmus zwischen Wien und dem slowakischen Ort Prešov, wo sie aufgewachsen war und 27 Jahre lang gearbeitet hatte. Dort lebte sie, wenn sie nicht im haushalt von Josephine hofinger wohnte und arbeitete. Die Sprachschwierigkeiten, die sich besonders mit den behördlichen Papieren ergaben, hatten in diesem Zusammenhang zusätzliche Probleme bereitet. Skizziert wird hier der auf den ersten Blick banale Vorgang einer Gewerbeanmeldung. Maria Bednová und Walter hofinger werden nicht die Einzigen gewesen sein, die an diesem tag und in diesen Wochen die für sie zuständige Wirtschaftskammer aufsuchten. Die Anmeldung ist der Kulminationspunkt einer ganzen Reihe von Aktivitäten: von Vorüberlegungen, Gesprächen, hoffnungen, Verunsicherungen, Konflikten, Deutungs- und Informationsversuchen usw. usf. Denn das, was mit der Anmeldung vollzogen wird, ist die Regularisierung von vormals irregulärer Pflege-, Betreuungs- und hausarbeit, kurz, von Carework1. Es ist 1 Das semantische Feld des englischen Begriffs ›Care‹, der hier sowohl haushaltsund Sorge-, mithin auch Pflege- und Betreuungsarbeiten umfasst, ist deutlich weiter gesteckt als jenes des alltagssprachlich geläufigeren Begriffs der Pflege; letztere wird heute in erster Linie immer noch ausschließlich mit dem physischen Versorgungsbedarf von Pflegebedürftigen in Zusammenhang gebracht. In weiten teilen der sozialwissenschaftlichen Forschung hat es sich deshalb durchgesetzt, die englische Begriffsverwendung vorzuziehen. In Anlehnung an diese Praxis wird hier und EINLEItUNG: RECht UND CARE 10 konkreter der Vollzug von Rechtskonformität im Zuge einer von breiten öffentlichen Diskussionen begleiteten rechtlichen Regulierung: nämlich jener der seit den 1990er Jahren als Bagatelldelikt gehandhabten so genannten ›24-Stunden-Pflege‹.2 Im Italienischen (und mittlerweile auch im EU-Kontext) hat man für den Übergang von der Irregularität zur Regularität sogar einen Begriff: Als »Emersione«, vom italienischen ›Auftauchen‹ kommend, bezeichnet man es, wenn sich dieser Wechsel vollzieht (vgl. Burroni/Crouch 2008: 456f.). Rechtssoziologisch ist die Gewerbeanmeldung, die den Übergang von der Irregularität in die Regularität markiert, kein belangloser Vorgang. Das anhand der fiktiven Geschichte von Maria Bednová und Walter hofinger dargestellte, im Zuge der rechtlichen Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in Österreich massenhaft zu beobachtende Phänomen der rechtlichen Normbefolgung ist vielmehr im Kontext eines grundlegenden, die Rechtssoziologie seit ihrer Begründung beschäftigenden Problems zu sehen. Gemeint ist die Frage nach jenen spezifisch rechtssoziologischen Mechanismen, über die »law in the books« zu »law in action« wird (Pound 1910), denn regulatives Recht3 und seine Durchsetzung sind niemals deckungsgleich (Banakar 2013: 11; Bora 2012). Zu tun hat dies damit, dass die Implementation von Rechtsbeständen stets eine Intervention darstellt: Regulierungen können den horizont des Denkmöglichen verengen und zu spezifischen handlungen anleiten. Umgekehrt kann das Scheitern von Regulierungen Spannungen und Widerstände hervorrufen (vgl. Klampfl/Lanziger 2006). Nachzuvollziehen, ob und wie Menschen sich an rechtliche Vorgaben anpassen, ist rechtssoziologisch zentral, um zu verstehen, ob und wie Recht seine Autorität und im Folgenden von Care beziehungsweise Carework und Careworkers gesprochen (zur Verwendung des Begriffs Care siehe eingehend 2.1). Mit dem Begriff der Irregularität wird in der Literatur Unterschiedliches bezeichnet (Geissler 2006: 195). hier werden mit ihm bezahlte Beschäftigungen außerhalb der Grenzen des verwaltungsrechtlich Zulässigen verstanden: Anders als dem Begriff der Illegalität fehlt ersterem der an strafrechtlichen Kriterien orientierte diskursive Zuschreibungscharakter (vgl. Sciortino 2004: 17) und somit seine negative Konnotation (Vogel/Cyrus 2008: 1). Irreguläre Arbeit ist dabei von informeller Arbeit zu unterscheiden, da diese auch unbezahlte Arbeit einschließt (Bachinger 2009; Kristof/Schernhorn 2002; Pfau-Effinger 2009). 2 Mit der Regulierung greifen die AdressatInnen streng genommen auf so genannte dispositive, also lediglich Möglichkeiten bereithaltende Rechtsnormen zurück, deren Nichtinanspruchnahme noch kein Rechtsbruch ist. Für jenen AdressatInnenkreis, der vorher irregulär beschäftigte oder irregulär beschäftigt war, kommt die Regulierung jedoch als Frage der Rechtsbefolgung ins Spiel, weil diese das irreguläre handeln de facto beschränken soll. 3 hier und im Folgenden verstehe ich unter Regulierung »eine rechtliche und/oder politische Operation [...], die darauf zielt, einen Zustand in einem zu regulierenden Bereich [...] zu beeinflussen« (Bora 2012: 351; vgl. hierzu eingehend 2.2.3). EINLEItUNG: RECht UND CARE 11 Legitimität erlangt (Dworkin 1977). Schließlich ist jede moderne Rechtsordnung auf die Folgebereitschaft der ihr Unterworfenen angewiesen (vgl. Weber 1964). Konformität ist damit kein rechtssoziologisches Sonderproblem, vielmehr betrifft sie das Recht in seiner unmittelbaren Existenz. Austin Sarat bringt dies auf den Punkt, wenn er formuliert: »Law without obedience is a contradiction in terms.« (Sarat 1993: 647; vgl. auch Ewick/Silbey 1992: 738) Wie Emersione und damit wie Rechtskonformität im Zuge der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in Österreich entsteht und vollzogen wird, ist thema der vorliegenden Arbeit. Die hier aufgeworfene Frage nach der ›Regulierung des Irregulären‹ zielt damit auf nichts Geringeres als auf das Verhältnis von Recht und RechtsadressatInnen, und zwar denjenigen abseits der rechtlichen Administration4. In einem weiteren Sinne impliziert das hier formulierte Forschungsinteresse die Frage nach dem Zustandekommen ›faktischer‹, also empirischer ›Rechtsgeltung‹ (Blankenburg 1977; Geiger 1964)5 und mithin rechtlicher Autorität und Legitimität (Bourdieu 1987b)6. Faktische Rechtsgeltung bzw. Rechtskonformität interessieren dabei aber nicht nur als soziales Phänomen, sondern auch in ihrer theoretischen Konzeption. Angelegt wird insofern ein doppeltes Erkenntnisinteresse. Dieses lautet: Wie lässt sich Rechtskonformität in Bezug auf die Regulierung irregulärer Beschäftigungen in der ›24-Stunden-Pflege‹ in österreichischen Privathaushalten theoretisch und empirisch untersuchen und deuten? Die vorliegende Arbeit will damit ebenfalls in doppelter hinsicht eine Forschungslücke füllen: Zum einen will sie die Spezifika der Adaption von rechtlichen Regulierungen im Bereich Carework untersuchen – einem rechtssoziologisch bisher gänzlich unbeachteten thema, dessen Bearbeitung Aufschluss darüber geben kann, wie Regulierungen in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungsverhältnissen in Privathaushalten gegenwärtig funktionieren. Um sich diesem Forschungsziel theoretisch annähern zu können, bedarf es für die Betrachtung von Rechtskonformität jedoch neuer theoretischer Werkzeuge. Erarbeitet wird deshalb zum anderen ein praxeologisches Begriffsverständnis. Es wird daher zweitens das Ziel verfolgt, theoretische Instrumente für eine kultursoziologische Analyse von Rechtskonformität bereitstellen zu 4 hier und im Folgenden stelle ich auf die Angehörigen der Pflegebedürftigen und die Careworkers gegenstandsbezogen als ›den AdressatInnenkreis‹ ab. 5 Für eine ausführliche Darlegung meines Verständnisses von faktischer/empirischer Rechtsgeltung bzw. Rechtskonformität siehe 2.2.3. 6 Unter der Autorität des Rechts verstehe ich in Anlehnung an Pierre Bourdieu gegenstandsbezogen dessen Effektivität auf Grundlage des potenziellen Zwangscharakters des Rechts. Die Legitimität des Rechts definiere ich – ebenfalls unter Bezugnahme auf Bourdieu – als Effektivität auf Grundlage normativer sowie ›instinktiv praktischer‹ Bezüge der RechtsadressatInnen (vgl. hierzu 2.2). EINLEItUNG: RECht UND CARE 12 können. Empirisch umgesetzt wird die Untersuchung mittels der Erhebung und Auswertung von rund 30 qualitativen, parallel zum Regulierungsprozess geführten Interviews mit Careworkers sowie mit Angehörigen von Pflegebedürftigen – letztere sind es, die die ›24-Stunden-Pflege‹ zumeist als ›sekundär‹ Betreuende begleiten. Nachfolgend führe ich dieses Vorhaben genauer aus: Zunächst zum sozialen Phänomen. In der vorliegenden Arbeit wird die rechtliche Regulierung von ›24-Stunden-Pflege‹ für ältere Menschen in österreichischen Privathaushalten, die zwischen 2006 und 2009 vollzogen wurde und die mit obigem Anmeldevorgang bereits ausschnitthaft benannt ist, untersucht. Mit ihr ist eine Problembearbeitung des themas ›Care‹ für ältere Menschen angesprochen, wie sie in den wohlhabenderen westlichen Demokratien des liberalen und konservativen Wohlfahrtsstaatstyps gegenwärtig Konjunktur hat, und die, so ist anzunehmen, auch in Zukunft noch andauern wird. In diesen Ländern haftet dem thema Pflege und Betreuung für ältere Menschen politisch eine Dringlichkeit an, die der Frage nach Möglichkeiten und hindernissen rechtsregulativer Umstrukturierungen von Carework eine besondere Aktualität verleiht. Denn die Versorgung älterer pflege- und betreuungsbedürftiger Menschen wird in fachlichen wie öffentlichen Diskussionen seit einigen Jahren immer stärker problematisiert, scheint doch die Gewährleistung einer ausreichenden Versorgung älterer Menschen zunehmend ungesichert. Besonders dem für viele vorrangigen Wunsch, zu hause versorgt zu werden (Mühlberger et al. 2008: 11; Rudda/Marschitz 2006), ist derzeit nur schwer nachzukommen. Ausgangspunkt dieses Problemdrucks sind zunächst gravierende Ver- änderungen der Demografie. Österreich bildet hierfür nur ein Beispiel, ähnliche Entwicklungen finden sich auch in den anderen westlichen Ländern (vgl. Federici 2012a: 76). hier gibt es nicht nur eine große Anzahl älterer Menschen, die Pflege und Betreuung benötigen, geradezu brisant sind auch die Erwartungen von WissenschaftlerInnen und DemografInnen über das weitere Anwachsen dieser Zahlen (Appelt/Reiterer 2010). Vor dem hintergrund steigender Lebenserwartungen in der Bevölkerung erhöht sich zudem die pro Person in Anspruch genommene Pflege- und Betreuungszeit (Mühlberger et al. 2009: 14; vgl. Statistik Austria 2015: 27ff.). So stieg die Zahl der PflegegeldempfängerInnen in Österreich zwischen 2001 und 2013 um 27,1% (Statistik Austria 2013). Aktuell sind es über 450.000 Personen, die einer Pflege beziehungsweise Betreuung bedürfen (vgl. Statistik Austria 2016). Mit dem Mangel an Pflegepersonal und den Problemen der Finanzierung von Carework korrespondieren zudem veränderte Bedingungen auf sozialer und gesellschaftspolitischer Ebene. So hat sich der Lebenswandel der informell hauptsächlich Pflegenden und Betreuenden – der Frauen – in den letzten Dekaden entscheidend verändert. Es reicht hier EINLEItUNG: RECht UND CARE 13 vorerst aus, allein die stark angestiegene Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt anzuführen (Appelt/Reiterer 2010: 139; Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2003: 44). Besonders für diese Gruppe intensivieren sich im Zuge dessen Vereinbarkeitsprobleme (vgl. Caixeta et al. 2004). Bei den Angehörigen der Pflegebedürftigen entsteht vor diesem hintergrund zunehmend der Wunsch, Care von dritten Personen auf bezahlter Basis verrichten zu lassen (vgl. Caixeta et al. 2006). Begleitet wird diese Entwicklung von einem infolge von Neoliberalisierungstendenzen (Jessop 2002) in Umbau versetzten Wohlfahrtsstaat (Lessenich 2012a: 107ff.), der bei der Pflege und Unterstützung älterer Menschen trotz des erhöhten Care-Bedarfs weiterhin maßgeblich auf familiäre Gewährleistungsstrukturen setzt. Zwar wurde das Angebot an ambulant arbeitenden, mobilen Diensten in den letzten Dekaden erheblich erweitert (Krenn et al. 2010). Bei einem intensiven Pflege- und Betreuungsbedarf sind die gegebenen Möglichkeiten für die meisten Pflegebedürftigen jedoch kaum finanzierbar (Bachinger 2009: 119). Um die Verwandten zu hause versorgen zu können, hat der Mangel an finanzierbarem Pflegepersonal in Österreich seit Mitte der 1990er Jahre (Österle/hammer 2007: 22) zu einem Rückgriff auf das Angebot von weiblichen Arbeitskräften aus dem Ausland geführt – vor allem bei einem Pflege- und Betreuungsbedarf von bis zu 24 Stunden täglich. hierbei entstanden transnationale (Glick Schiller/Basch/Blanc-Szanton 1992) ArbeitgeberInnen-ArbeitnehmerInnen-Konstellationen zwischen in Österreich lebenden Angehörigen und – in überwiegendem Maße – Frauen aus den 2004 beziehungsweise 2007 der Europäischen Union beigetretenen osteuropäischen Nachbarländern, die zwischen ihrem Arbeitsplatz und heimatort zweiwöchentlich pendeln. In Österreich waren die Beschäftigungsverhältnisse durch ihre Irregularität gekennzeichnet und damit einhergehend durch ihre geringe Formalisierung und Bezahlung. Vor der rechtlichen Regulierung standen, um hier nur die wichtigsten zu nennen, arbeitsrechtliche und krankenpflegerechtliche Normen einer regulären Beschäftigungsmöglichkeit entgegen. Es waren zumeist Slowakinnen, die unter fremdenrechtlichen Beschränkungen auf dem Arbeitsmarkt in einem Bereich arbeiteten, der ohne formalen Qualifikationsnachweis nur Verwandten von Pflegebedürftigen regulär zugänglich war, bis man in Österreich über eine Serie von Gesetzesreformen eine bundesweite – und für BürgerInnen der EU einheitliche – Lösung durchsetzte. Ausgehend von einer öffentlichen Diskussion um die irregulären Beschäftigungen startete im Jahr 2006 ein zunächst politischer, dann rechtlicher Prozess der Regulierung. Seit Anfang des Jahres 2008 können sich in Österreich alle UnionsbürgerInnen regulär, sei es selbständig oder angestellt, als ›Personenbetreuer‹ in der ›24-Stunden-Pflege‹ betätigen. Carework im Privathaushalt beziehungsweise dessen Wandel wurde als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung erst in der letzten EINLEItUNG: RECht UND CARE 14 Dekade entdeckt (vgl. Geissler 2010a: 931). Für den deutschsprachigen, darunter auch den österreichischen Kontext gibt inzwischen eine beachtliche Anzahl mikrosoziologischer Arbeiten fundierte Einblicke in die Arbeits- und Lebensverhältnisse von migrantischen Careworkers in Privathaushalten und teilweise auch in die ihrer ArbeitgeberInnen (z.B. Apitzsch/Schmidbaur 2010; Kałwa 2007; Karakayalı 2010; Metz- Göckel et al. 2010; für den österreichischen Kontext siehe z.B. Appelt et al. 2010; Bachinger 2009; Caixeta et al. 2004, 2006; Gendera 2007; Schmid 2009a). Angeregt werden diese Forschungstätigkeiten durch das Interesse an irregulärer oder gering qualifizierter Arbeit, Migrationswegen sowie Formen transnationaler Migration und teilweise auch der Arbeit im Privathaushalt. All diesen Arbeiten ist jedoch gemein, dass sie die Rolle von Rechtsetzungen oder auch Rechtsprechungen weitgehend ausklammern und ihre Forschungsfragen entweder auf das irreguläre oder das reguläre Beschäftigungsverhältnis hin anlegen. Die Rolle rechtlicher Regulierungen für weiblich und migrantisch konnotierte, gering formalisierte und gering bezahlte Beschäftigungen im Privathaushalt – und damit die Frage der Vermittlung zwischen mikrosoziologischen und sich wandelnden makrosoziologischen Phänomenen im Care-Bereich (Geissler 2010b: 217f.) – bleibt innerhalb der befassten teilsoziologien immer noch weitgehend unberücksichtigt (vgl. Dies. 2010a: 949f.). Recht bildet in diesen Zusammenhängen stets nur die »background variable« (Mundlack/Shamir 2008: 161). Lediglich von arbeitssoziologischer Seite aus stellt man erste Fragen nach den Motivationen für Regularisierungen von Beschäftigungen im Privathaushalt, wobei hier vor allem Momente des Scheiterns von Regularisierungspolitiken thematisiert und mit Spezifika von Care im Privathaushalt in Zusammenhang gebracht werden (so z.B. Geissler 2006; Weinkopf 2001, 2003; vgl. ähnlich innerhalb der Migrationssoziologie Karakayalı 2010 und einige Beiträge in dem Sammelband von Scheiwe/Krawietz 2010a, vgl. außerdem Scheiwe/ Krawietz 2014).7 Diese Ergebnisse sind hochgradig relevant, sie vernachlässigen aber die diesbezüglich wirksam werdenden rechtlichen Mechanismen (vgl. Dies. 2010b) und damit die Frage danach, wie Regulierungen von Carework in Privathaushalten unter den gegenwärtig gegebenen gesellschaftspolitischen Bedingungen subjektiv gültig und faktisch geltend werden. Wie derartige Regularisierungen im spezifischen Anwendungsbereich der ›24-Stunden-Pflege‹ vonstattengehen und das hervorbringen, was hier mit Rechtskonformität bzw. faktischer Rechtsgeltung und rechtlicher Autorität beziehungsweise Legitimität gefasst wird, ist mithin eine ausstehende empirische Frage. 7 Ausnahmen bestehen auch für Arbeiten im politikwissenschaftlichen Bereich (Bachinger 2009, 2010; Schmid 2010) EINLEItUNG: RECht UND CARE 15 Insbesondere mit der österreichischen, im Vergleich zu anderen betroffenen Ländern besonders weit ausgearbeiteten Gesetzeslage, deren Implementation zudem als relativ erfolgreich bezeichnet werden kann (Bachinger 2010: 410; Schmid 2009b: 73f.)8, wird die Frage nach der Adaption der rechtlichen Vorgaben seitens der sozialen AkteurInnen virulent. Das österreichische Beispiel wird darüber hinaus in den letzten Jahren immer wieder von politischen VertreterInnen in anderen Ländern, etwa Deutschland, in die Diskussion gebracht.9 Indem die vorliegende Arbeit einen Einblick in die Dynamiken und Spezifika rechtlicher Regulierungen von ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten privathaushaltlichen Beschäftigungen zu geben vermag, versucht sie insofern eine Forschungslücke hinsichtlich eines sozialen Phänomens zu füllen, das die gesellschaftliche Organisation von Care nicht nur für den österreichischen Kontext maßgeblich verändert hat. Insofern die Regulierung Diskussionen über ähnliche Regulierungen in anderen Ländern anregt, könnte sie Carework vielleicht sogar noch über die österreichischen Pflegehaushalte hinausgehend prägen. Wie aber lässt sich Rechtskonformität als Resultat politisch-rechtlicher Regulierungen theoretisch untersuchen? Die vorliegende Arbeit schlägt vor, sich diesbezüglich weniger an die herkömmlichen theoretischen Perspektiven, Konzeptionen und Begriffsdefinitionen der Rechtssoziologie zu halten. Dies nicht so sehr, weil diese teils unausgearbeitet bleiben, teils nicht mehr dem Stand der soziologischen theoriedebatte entsprechen. Vielmehr wird in Rechnung gestellt, dass die für sich genommen jeweils plausiblen und teilweise auch überaus komplexen Befolgungstheorien der Rechtskonformitätsforschung – Zwangs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien – in ihren derzeitigen Ausprägungen jeweils nur teilerklärungen für das Phänomen bereithalten (Friedman 1972: 220; García Villegas 2011: 287; tittle 1977), sich gleichzeitig aber sozialtheoretisch als inkompatibel erweisen: Maßgeblich den Paradigmen des homo oeconomicus und des homo sociologicus angehörend, 8 Angesichts der Vielzahl der AkteurInnen im Gesetzgebungsprozess sind rechtliche Zielsetzungen kaum auf einen Nenner zu bringen (Friedman 1972: 208f.). hier wird vereinfachend davon ausgegangen, dass neben symbolischen Gesetzgebungseffekten, die ihre Wirkung unabhängig von ihrer faktischen Geltung erzielen (Gusfield 1967: 175), dennoch vorrangig auf die faktische Geltung abgestellt wurde. Mit Almut Bachinger (2010: 410) kann angenommen werden, dass die Regulierung »eine gesetzeskonforme Beschäftigung von 24-Stunden-PflegerInnen [...] ermöglichen [sollte], ohne die bis dahin gängige Praxis einzuschränken«. 9 So zum Beispiel durch die CDU/CSU (tagesspiegel v. 17.04.2011) oder von Vorstandsmitgliedern des Bundesverbands haushaltshilfe und Seniorenbetreuung anlässlich der Einführung des Mindestlohns von 8,50 für Careworkers ab dem Jahr 2015 (Süddeutsche Online v. 14.12.2014). EINLEItUNG: RECht UND CARE 16 führt die Rechtskonformitätsforschung entweder Analysen subjektiver Interessen und Wünsche durch; dabei unter Ausklammerung kollektiver Strukturen. Recht scheint von hier aus betrachtet ausschließlich als positives oder negatives Sanktionsinstrument auf. Oder die Rechtskonformitätsforschung untersucht kollektive Strukturen, interessiert sich dabei aber nicht für die spezifischen hieraus resultierenden handlungsakte und -sequenzen in ihrer Gleichheit und Differenz. Die Wirksamkeit des Rechts wird hier maßgeblich als homogen konzipiert. Dieser Perspektivendualismus jedoch lässt ungeklärt, ob und wie konkrete (rechts-)strukturelle Faktoren in ihrer je individuellen Adaption für die Individuen konkret handlungsanleitend werden, bildet die Verwobenheit von Struktur und handlung unter den bestehenden Erklärungsansätzen konzeptionell-begrifflich doch eine Leerstelle.10 Es ist dieser hintergrund, vor dem RechtssoziologInnen von einem theoriedefizit in Bezug auf die Frage der Rechtskonformität sprechen (Fisahn 1999: 16; Friedman 1972; García Villegas 2011; Kaufmann 1985: 187; Opp 1974: 214; Raiser 2009: 255; tittle 1977; Wagner 2010: 7). Dies voraussetzend ist es sinnvoll, einen gänzlich neuen theoretischen Zugang in die Rechtskonformitätsforschung einzuführen, jedoch ohne dabei ganz von den bisher bestehenden Erkenntnissen abzusehen. Gleichwohl hier keineswegs davon ausgegangen wird, dass der gewählte Zugang die einzige Möglichkeit darstellt, sich der skizzierten Problematik theoretisch anzunähern, erscheinen mir an dieser Stelle kultursoziologische Angebote aus dem Bereich der Praxistheorien (so auch Fisahn 1999; Litowitz 2000; Morlok/Kölbl 1998) als geeignet. Aufs Äußerste zusammengefasst stelle ich voran, dass ich für die vorliegende Arbeit im Anschluss an die Praxis- und (rechtssoziologische) Feldtheorie Pierre Bourdieus (Bourdieu 1979, 1987a, 1987b, 2001a), die neuere praxistheoretische Strömung um theodore Schatzki (Schatzki 1996; Schatzki/ Knorr-Cetina/von Savigny 2001; Schatzki 2002) sowie ethnomethodologische Denkfiguren (R. habermas 2008) ein praxis- und feldtheoretisch fundiertes Deutungsangebot von Rechtskonformität unterbreite. Dies geschieht mit dem Ziel, die rechtsbezogenen handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen unter Berücksichtigung zentraler Prämissen aus post-souveränen handlungstheorien und unter heuristischer Integration der bisherigen theoretischen Verständnisse von Rechtskonformität analysieren zu können. Die Auswahl der theorie mag angesichts der recht blassen traditionspfade, die Kulturtheorien innerhalb der Rechtssoziologie im Allgemeinen 10 Die Relation zwischen Recht und RechtsadressatInnen betonend siehe schon Carbonnier (1967: 139), Ihering (1965[1884]: 296), Llewellyn (1967: 65; 85) und Rümelin (1925: 26). Zur empirischen Unterbestimmtheit dieses Verhältnisses siehe Kaufmann (1985: 187ff.) sowie Silbey (2005: 357; 2010: 473). EINLEItUNG: RECht UND CARE 17 und Bourdieus fragmentarische Rechtssoziologie im Besonderen bisher hinterlassen haben, überraschen. Neuere Kulturtheorien, darunter insbesondere Praxistheorien und speziell Bourdieus Rechtsverständnis, stehen innerhalb der Rechtssoziologie immer noch am Anfang. Dies gilt vor allem für den deutschsprachigen Raum: Gewannen praxeologische Strömungen in der Rechtssoziologie im englischsprachigen Kontext ab den 1990er Jahren wachsende Bedeutung (vgl. Banakar/travers 2005a: xii; vgl. Bora 2007: 230), so spielen sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis heute eine stark untergeordnete Rolle (Kretschmann 2016). Praxistheoretische Versuche der Deutung von Rechtskonformität bilden darüber hinaus insgesamt eine Leerstelle. Ausnahmen stellen diesbezüglich die Aufsätze von Martin Morlok und Ralf Kölbl (1998) sowie von Douglas Litowitz (2000) dar.11 Mit Andreas Fisahns »theorie der Rechtsbefolgung« (1999) ist weiter die einzige praxistheoretische Monographie in diesem themenfeld gegeben. In ihr greift der Autor in nicht geringem Umfang auf das Werk Bourdieus zurück, noch maßgeblicher übernimmt er aber Begriffsbildungen von Antony Giddens. Obwohl die Arbeit wesentlich über den bisherigen theoretischen Diskussionsstand hinausführt, hat sie aufgrund ihrer spezifischen rechtstheoretischen Grundausrichtung innerhalb der Rechtssoziologie bislang keinen Anschluss gefunden. Ich sehe hier ebenfalls von einer maßgeblichen Bezugnahme auf Fisahn ab, denn die Kombination von Bourdieu und Giddens lässt für die in dieser Arbeit angelegte Fragestellung entscheidende Fragen offen (vgl. hierzu eingehend 2.2). Weshalb wird für die theoretische Annäherung an die Rechtskonformität des AdressatInnenkreises ein praxeologischer Zugang gewählt? Kultursoziologische Ansätze stellen die schwierige Frage der Vermittlung von Struktur und handlung ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung und thematisieren damit jenen Aspekt, der für die Problematik des theoriedefizits in der Rechtskonformitätsforschung bestimmend ist. Auch die Praxeologie hat sich der Überwindung des Antagonismus von Struktur und handlung verschrieben, dabei unter Berücksichtigung spezifisch handlungs- beziehungsweise praxistheoretischer Gesichtspunkte (siehe unter anderem Bourdieu 1979, 1987a, 2001a; Foucault 1998, 1991; Garfinkel 1967; Giddens 1979, 1997; Schatzki 1996, 2002). Für die Frage nach der Rechtskonformität des AdressatInnenkreises hält innerhalb dieses Forschungsstrangs Bourdieus Werk die avancierteste Perspektive bereit: Ausgangspunkt seiner handlungstheorie ist die Vorstellung, dass jede gesellschaftliche Ordnung sich die Subjekte zurichtet, die sie benötigt, um soziale Ordnungsbildung zu gewährleisten. Recht wird in diesem Zusammenhang differenz- beziehungsweise feldtheoretisch als 11 Zu einem auf Bourdieu basierenden Versuch der Erklärung devianten Verhaltens siehe García Villegas (2011). EINLEItUNG: RECht UND CARE 18 ein die Subjekte zu spezifischen handlungslogiken und -abläufen veranlassender sozialer ›Mikrokosmos‹ begriffen: Als kultureller, mithin symbolisch operativer Regulierungsmechanismus12 schreibt er sich in die Subjekte ein. Dabei sind es die Praktiken der AkteurInnen, die unter Adaption der sozialen Strukturen das Kollektive re-produzieren. Die Stärke von Bourdieus Praxeologie und Feldtheorie ist es zum einen, die Logiken politisch-rechtlicher Regulierungen mit den handlungsorientierungen der in spezifischen handlungsfeldern positionierten AdressatInnen in Zusammenhang bringen zu können. Mit dem Begriff des habitus wird es möglich, einen dezentrierten, Struktur und handlung verbindenden Subjektbegriff aufzugreifen. Recht kommt in diesem Zuge als Bedingung und Effekt einer mehr oder weniger unmerklichen Anpassung der AkteurInnen an die innerhalb eines Feldes gegebenen Regeln, mithin als soziale Erkennbar- und Zuordenbarkeit der Subjekte gewährleistende soziale Intelligibilität in den Blick (Bourdieu 1979: 172). Zum anderen bildet Bourdieus Praxeologie einen geeigneten Ausgangspunkt, um Abschreckungs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien heuristisch zusammenführen zu können. Ergänzungen beziehungsweise Verschiebungen von Bourdieus Denkgerüst für das hier zu entwickelnde Verständnis von Rechtskonformität werden jedoch dort nötig, wo Bourdieu stark strukturalistische tendenzen erkennen lässt. Diesbezüglich werden unter Rückgriff auf ethnomethodologische Denkfiguren, unter anderem in der Rezeption der praxistheoretischen Strömung um Schatzki (Schatzki 1996; Schatzki/Knorr Cetina/von Savigny 2001; Schatzki 2002), Adaptionen vorgenommen. Bearbeitet wird auf diese Weise Bourdieus tendenziell strukturdeterministische Konzeption des habitus, die wenig Raum für Widerständigkeit lässt, sowie Bourdieus Marginalisierung von Laien bei der Rechtsproduktion, denn diese impliziert wiederum Leerstellen bezüglich der rechtlichen Vergesellschaftung dieser. Methodisch schließe ich das thema mittels der Erhebungsmethode des problemzentrierten Interviews (Witzel 1982, 1985, 2000; Witzel/ Reiterer 2012) und des Auswertungsverfahrens der Grounded theory (Glaser/Strauss 2010[1967]) auf. Zwischen Juni 2008 und Februar 2009 wurden parallel zum rechtlichen Regulierungsprozess insgesamt 33 Interviews mit Careworkers sowie mit Angehörigen von Pflegebedürftigen geführt. Die Interviews mit den Angehörigen führte ich selbst, die Interviews mit den Careworkers wurden von einer slowakischsprachigen Interviewerin geführt und anschließend übersetzt. Mit der Methode des Interviews schließe ich an die übliche Vorgehensweise innerhalb 12 Der für diese Arbeit verwendete Untertitel ›Carework und die symbolische Qualität des Rechts‹ geht auf den titel »Die symbolische Qualität des Rechts« eines themenschwerpunkts in der Zeitschrift Juridikum (4/2012) zurück, den ich gemeinsam mit Walter Fuchs und Ilse Koza herausgab. EINLEItUNG: RECht UND CARE 19 der Rechtskonformitätsforschung an, bearbeite die Frage der Rechtsbefolgung jedoch anders als diese anhand von qualitativen anstatt mittels quantitativer Verfahren. An das erhobene Material wird die Frage herangetragen, mit welchen subjektiven Sichtweisen die im Regulierungsprozess der ›24-Stunden-Pflege‹ ausgebildeten handlungsorientierungen der AkteurInnen korrespondieren. In einem weiteren Sinn wird gefragt, wie und in welchem Kontext das Recht faktische Geltung und damit Autorität und Legitimität erlangt. Ziel der Arbeit ist es, eingehend zu analysieren, wie die AkteurInnen des AdressatInnenkreises sich zur Regulierung von Carework ins Verhältnis setzen, um nähere Erkenntnisse über rechtliche Regulierungen von ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungen in Privathaushalten zu gewinnen. Vor diesem hintergrund sollen empirische Erkenntnisse über einen bisher gänzlich unerforschten, aber rechtssoziologisch und gesellschaftspolitisch äußerst relevanten Bereich erarbeitet werden, die auch für die Migrationssoziologie, die Arbeitssoziologie und die Pflegewissenschaften Anschlussstellen bereithalten können. Die Untersuchung ist dabei von der Annahme geleitet, dass die handlungsorientierungen der AdressatInnen von einem Nebeneinander unterschiedlicher Rechtsbezüge gekennzeichnet sind. Darüber hinaus wird angenommen, dass die Rechtskonformitäten der zwei untersuchten sozialen Gruppen13 sich nicht ausschließlich auf ihre unterschiedlichen sozialgruppenspezifischen Positioniertheiten zurückführen lassen – auch wenn diese mit den Spezifika der Vergesellschaftung innerhalb des hochgradig von asymmetrischen Machtbeziehungen strukturierten handlungsbereichs der ›24-Stunden-Pflege‹ verbunden sind. In rechtssoziologisch-theoretischer hinsicht verfolgt die Studie das Ziel, ein Deutungsangebot für Rechtskonformität zu entwickeln, mit dem sich die rechtsaffinen handlungen der sozialen AkteurInnen mittels eines subjekttheoretisch avancierten handlungsbegriffs im gesamten Spannungsfeld von Zwang, Anerkennung und Legitimität untersuchen lassen. hiermit wird nicht nur eine Weiterentwicklung von Bourdieus – innerhalb der (deutschsprachigen) Rechtssoziologie so wenig rezipierten – Rechtsdenkens betrieben. Insofern das erarbeitete Verständnis von Rechtskonformität auch auf andere empirische Bereiche übertragbar 13 hier und im Folgenden spreche ich von den Angehörigen der Pflegebedürftigen und den Careworkers jeweils als ›sozialen Gruppen‹ – freilich mit Einschränkungen, kann hier doch kaum davon die Rede sein, dass jeweils gemeinsame Ziele verfolgt werden. Wohl aber sind für soziale Gruppen allgemein als charakteristisch beschriebene Merkmale wie Interaktionen und Kommunikationen zwischen den Individuen gegeben, sowie das Gefühl, einer Gruppe anzugehören (zum Begriff der sozialen Gruppe siehe allg. Schäfers 2008: 96f.). EINLEItUNG: RECht UND CARE 20 ist, beansprucht die Arbeit zudem, einen über den spezifischen Fall der Regulierung von Care hinausgehenden Beitrag für die Rechtssoziologie zu leisten. 21 2 Regulierung und soziale Intelligibilität im Care-Regime Im vorliegenden Kapitel untersuche ich die für die Arbeit zentralen Begriffe und deduziere die Relevanz meiner Fragestellung nach der Regularisierung vormals irregulären Careworks. Ich untergliedere das Kapitel in drei Abschnitte. Den Bezugspunkt des ersten Abschnitts bildet der Wandel von Wohlfahrtsstaatlichkeit in Österreich im Kontext ökonomischer, demografischer und kultureller transformationen hin zu einer Krise der privaten Erbringung von Care, aus dem heraus die analysierte rechtliche Regulierung und Regularisierung eines irregulären Marktes für Carework hervorgeht. hierfür erörtere ich Carework innerhalb seines wohlfahrtsstaatlichen Gefüges zunächst in seinen regulär erbrachten Formen und Charakteristiken. Eine solches Vorgehen ist aus zwei Gründen geboten: Zum einen berücksichtigt es, dass der österreichische Wohlfahrtsstaat auf die Organisation und Repräsentation von Carework seit einigen Dekaden eine stark strukturierende Wirkung hat, die auch auf individueller Ebene handlungsorientierungen und Selbstverhältnisse hervorbringt. Zum anderen lässt sich von hier aus die Ausbildung eines irregulären Markts für Carework vertiefend nachvollziehen. Für die Rekonstruktion dieser Entwicklungen verschränke ich Erkenntnisse aus der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaatenforschung sowie der Migrationssoziologie. Zunächst beschreibe ich das Leitbild eines familienorientierten Caregiving beziehungsweise Carework in Österreich entlang von Gøsta Esping-Andersens typologie wohlfahrtsstaatlicher Regime (1990) und bestimmter geschlechter- beziehungsweise kultursoziologischer Erweiterungen seines Modells. Die Entwicklungen hin zu einem care deficit (hochschild 1995: 332) und der wohlfahrtsstaatlich angeleiteten teil-Formalisierung von Care beschreibe ich entlang ökonomischer, sozialstruktureller und kultureller, aber auch demografischer Veränderungen. Um die Soziogenese des irregulären Marktes für Carework zu rekonstruieren, ergänze ich Ergebnisse aus der Wohlfahrtsstaatenforschung und der Arbeitssoziologie mit dem migrationssoziologischen Konzept des labour supply systems (Sassen 1988). Des Weiteren gehe ich auf die rechtspolitische Objektivierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in ihrer politischen Dynamik und ihrer rechtlichen Dimension ein. In einer ersten empirischen Annäherung bestimme ich die Regulierung abschließend quantitativ. Dieser Schritt ist aus zwei Gründen relevant. Zum einen lässt sich darlegen, welche numerische Dimension der Regulierung in ihrer ersten Phase zukommt. Zum anderen kann festgestellt REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 22 werden, dass in ihrer Folge tatsächlich Regularisierungen vormals irregulärer Beschäftigungen erfolgen. Der zweite Abschnitt widmet sich der Entwicklung des für die vorliegende Arbeit maßgeblichen Verständnisses von Rechtskonformität. Den Bezugspunkt bildet unter Rekurs auf Pierre Bourdieu (1979) eine kulturtheoretische, praxeologische Perspektive, die ich um ethnomethodologische Denkfiguren ergänze. Vor diesem hintergrund definiere ich Rechtskonformität als soziokulturelle Praxis, die sich einerseits aus in relativem Maße subjektivierenden Struktureffekten ergibt, die andererseits aber auch durch Eigensinnigkeiten bestimmt ist. Rechtskonformität stelle ich damit wesentlich in den Kontext einer unmerklichen Anpassung der AkteurInnen an die innerhalb eines Feldes gegebenen Regeln, mithin sozialer Intelligibilität. Der angelegte Zugang verläuft dabei quer zu den herkömmlichen theoretischen Deutungsangeboten innerhalb der Rechtssoziologie. Vom Raster der Abschreckungs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien Abstand zu nehmen ist nötig, da diese jeweils nur teilerklärungen für rechtskonformes handeln anbieten, dabei aber nicht ohne Probleme wechselseitig integrierbar sind. Dagegen ermöglicht es der hier angelegte alternative Deutungsrahmen mit seinem kulturtheoretischen Programm der Vermittlung von Struktur und handlung, die verschiedenen Erklärungsansätze heuristisch zusammenzudenken. In einem ersten Schritt stelle ich die verschiedenen theoretischen Verständnisse rechtskonformer handlungsorientierungen vor und unterziehe sie einer kritischen Würdigung. In einem zweiten Schritt präsentiere ich die rechts praxeologische Perspektive. Ich erörtere zunächst Bourdieus handlungsverständnis im Allgemeinen und im Kontext des Rechts im Besonderen. Ins Zentrum stelle ich dabei die analytischen Begriffe Habitus und Feld. Bourdieus als zu statisch kritisierten habitusbegriff dynamisiere ich im Anschluss mit hilfe von ethnomethodologischen Konzepten in der Rezeption der Praxistheorie um theodore Schatzki (Schatzki 1996; Schatzki/Knorr-Cetina/von Savigny 2001; Schatzki 2002) unter maßgeblicher Berücksichtigung der Arbeiten von Andreas Reckwitz (2000, 2003, 2004, 2008). Auch Bourdieus Feldbegriff erweitere ich um eine auf ethnomethodologischen Denkfiguren beruhende Grenzverschiebung: Um Leerstellen bezüglich der rechtlichen Vergesellschaftung von Laien zu bearbeiten, integriere ich ›gewöhnliche‹ AkteurInnen partiell in das rechtliche Feld. Im Anschluss hieran bestimme ich Rechtskonformität als relativen Konvergenzeffekt von habitus und Feld. Im letzten Abschnitt des Kapitels stelle ich die in dieser Arbeit eingenommene rechtssoziologisch-kulturtheoretische Perspektive im Kontext der gesellschaftlichen Organisation von Care zusammenfassend dar und zeige ihre disziplinäre Relevanz auf. Abschließend destilliere ich die sich aus diesen Ergebnissen für die weitere Analyse ergebenden Fragen. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 23 2.1 Die gesellschaftliche Organisation von Care in Österreich Mit dem Adjektiv ›konservativ‹ grenzt die vergleichende Wohlfahrtsstaatenforschung primär familienorientierte Muster wohlfahrtsstaatlicher Regulierung idealtypisch von primär markt- oder staatsorientierten Kontexten ab. Dabei entspricht dem Dreieck Familie, Markt oder Staat das Dreieck der ›Regime‹, namentlich des liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes. Die typologie geht auf Esping-Andersens prominente Studie »the three Worlds of Welfare Capitalism« (1990) zurück. Sie interessiert sich dafür, wie sich in kapitalistischen Gesellschaften politische Arbeitsmarktregulierung und die Regulierung sozialer Sicherungssysteme gegen- und wechselseitig bedingen und beeinflussen. Dabei versteht Esping-Andersen Arbeit und Wohlfahrt, zumindest in seinen früheren Schriften, als antagonistische Faktoren, die einander ergänzen (Esping-Andersen 1987: 6): Der sozialpolitisch dekommodifizierende Eingriff entspricht der Kommodifizierung von Arbeitskraft, die wohlfahrtsstaatliche Leistung entspricht dem Ausmaß getätigter Arbeit. Dieser Zusammenhang ist in den sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes am stärksten, in den liberalen am geringsten ausgeprägt (siehe ausführlich Ders. 1990). Mittels des von Esping-Andersen konzipierten Modells werden die einzelnen Regime aber nicht nur untereinander vergleichbar, sie lassen sich auch jedes für sich genauer charakterisieren. Konservative Wohlfahrtsstaaten etwa können Esping-Andersen (1990) zufolge anhand von drei Charakteristika beschrieben werden: Erstens zeichnen sie sich durch einen mittleren Grad von durch Dekommodifizierung gewährleisteter sozialer Sicherheit aus. Richtungsweisend hierfür ist das an die Erwerbsarbeit geknüpfte Prinzip der Sozialversicherung. Zweitens werden in konservativen Regimes auch bei der Absicherung von Risiken Statusunterschiede aufrechterhalten. Drittens richtet sich der Fokus stärker auf die Familie als auf den Staat oder den Markt. Dem konservativen Modell werden zudem korporatistische, etatistische und paternalistische Strukturen zugeschrieben (Ullrich 2005: 50). Korporatismus bezeichnet gemeinhin eine Akkordierung der Interessen von Angestellten, ArbeiterInnen und BeamtInnen bei Aufrechterhaltung von Statusunterschieden, Etatismus eine starke Staatszentrierung und Paternalismus eine Politik der ›wohlwollenden‹ staatlichen Bevormundung (ebd.). Für die Analyse der rechtlichen Regulierung von Carework ist die Perspektive der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung anzuwenden, weil sie es erlaubt, Care im Kontext seiner maßgeblich strukturierenden Kräfte zu betrachten. Esping-Andersens typologie ist jedoch, REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 24 insbesondere im Kontext von Care (Geissler 2002a: 189), nicht anwendbar, ohne dass geschlechtersoziologische Kritiken berücksichtigt werden. Diese gehen von der Beobachtung aus, dass das Kriterium der Marktunabhängigkeit als maßgebliches konstitutives Moment des Wohlfahrtsstaats allein auf den »male breadwinner« (Lewis 1992) abstellt – also den männlichen Lohnbezieher und Familienernährer –, und nicht berücksichtigt, dass für unterschiedliche soziale Gruppen in Wohlfahrtsstaaten unterschiedliche Vergesellschaftungsweisen greifen (vgl. Langan/ Ostner 1991; Pateman 1988). Damit bleiben die ungleich schlechteren, lediglich ›abgeleiteten‹ Chancen des Zugangs zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen vor allem von Frauen gegenüber Männern ausgeklammert (Gelphi et al. 1984; Gordon 1990; Ostner 1995; Pfaff 1992; Sassoon 1987). Ausgeklammert wird ebenfalls, dass die zumeist von Frauen getragene, nicht kommodifizierte Reproduktionsarbeit keine Entsprechung in termini politischer und sozialer Rechte hat (Barrett 1983; haug 1996; Lister 1993; Walby 1994). Als weitere Kritik an Esping-Andersens typologie wird formuliert, dass die Analyse von Wohlfahrtsregimen allein aus der Klassenperspektive erfolgt. hierdurch bleibe unberücksichtigt, dass auch andere Faktoren, insbesondere Geschlechterverhältnisse, die Entstehung und Ausgestaltung von Wohlfahrtsregulierungen prägten (Geissler 2005; Lewis/Daly 1998; Pfau-Effinger 2000; Sainsbury 1994, 1996). Es sei zu berücksichtigen, dass wohlfahrtsstaatliche Regulierungen stets gebunden seien an historisch spezifische »tiefgreifende, gesamtgesellschaftliche kulturelle Werte und Leitbilder zur Familie und zu den Geschlechterbeziehungen« (Pfau-Effinger 2005b: 3; vgl. Duncan 1996; Pfau-Effinger 1996; ähnlich Sackmann/häußerman 1994). Umgekehrt wird in Bezug auf die Wirkungsebene von Sozialpolitiken darauf hingewiesen, dass diese bestimmte Geschlechterverhältnisse auf kultureller Ebene festschreiben (Connell 1990; Dackweiler 2006; Pfau-Effinger 2000). Um den Nexus von wohlfahrtsstaatlicher (Arbeitsmarkt-) Regulierung und informell erbrachter Reproduktionsarbeit eingehender darstellen, einordnen und untersuchen zu können, haben sich daher innerhalb der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaatenforschung komplexere Ansätze entwickelt, die sich jedoch alle mehr oder weniger eng an Esping-Andersens typisierung orientieren.1 Für die vorliegende Untersuchung bieten die Arbeiten Birgit Pfau-Effingers (2000, 2001, 2005a; vgl. Bang/Jensen/Pfau-Effinger 2000) einen konstruktiven Ansatz. Die Autorin hat ein Klassifikationsmodell entwickelt, das ergänzend zur klassischen Wohlfahrtsregime-Analyse »Geschlechterpolitiken« berücksichtigt: Unter systematischer Einbeziehung soziokultureller Beziehungen fokussiert es darauf, wie der Wohlfahrtsstaat Geschlechterbeziehungen, 1 Zu nennen sind hier etwa die Arbeiten von Fagan/O’Reilley (1998), Gottfried/ O’Reilly (2002), hirdman (1994) und Pfau-Effinger (z.B. 2000). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 25 Familie und Care einschließlich der sozialen Rechte von Caregivers reguliert (Pfau-Effinger 2005b: 3; vgl. ähnlich bereits Pfau-Effinger/Geissler 1992: 366f.). Im Anschluss an dieses Modell lässt sich herausstellen, dass für ein differenziertes Verständnis von Care im Wandel wohlfahrtsstaatlicher Politiken nicht nur wohlfahrtsstaatliche, ökonomische und arbeitsmarktpolitische, sondern zusätzlich auch kulturelle Aspekte einzubeziehen sind (vgl. hierzu auch Geissler 2005; Pfau-Effinger 1996, 2005a). Auf diese Weise lassen sich herkömmliche Darstellungen in der Wohlfahrtsstaatenforschung differenzieren, die für staatliche Regulierungen einseitig institutionelle Dimensionen als wirkmächtige Faktoren berücksichtigen (Pfau-Effinger 1996: 463ff.; vgl. auch Pfau-Effinger/ Geissler 1992). hieran schließe ich nachfolgend an. Zusätzlich reflektiere ich nachfolgend demografische und migrationspolitische Einflüsse. Zunächst ist jedoch die Frage zu klären, was in der vorliegenden Arbeit mit dem Anglizismus Care beziehungsweise Carework bezeichnet wird, und warum hier und im Folgenden nicht auf den alltagssprachlich geläufigeren Begriff der Pflege abgestellt wird. Für eine erste Annäherung ist der Blick in »Langenscheidts taschenwörterbuch Englisch« (Klatt et al. 1983/84) aufschlussreich, in dem care mit den Begriffen Sorge, Sorgfalt, Obhut, Pflege und ärztliche Behandlung erklärt wird. Damit wird das semantische Feld deutlich weiter gesteckt als mit dem Begriff Pflege, denn diese wird immer noch in erster Linie mit der physischen Versorgung von Pflegebedürftigen in Verbindung gebracht. Genau dieser Zusammenhang wird jedoch unter anderem in der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaaten- und Migrationsforschung nicht nur in Bezug auf die Pflege älterer Menschen, sondern auch in Bezug auf die Erziehung beziehungsweise die Begleitung von Kindern oder Menschen mit Behinderung als verkürzt problematisiert (z.B. Conradi 2001: 13; Geissler 2010a; Karakayalı 2010: 21f.; Precarias a la Deriva 2004). Die Kritik knüpft direkt an ein Grundargument aus der marxistisch-feministischen hausarbeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre an, in der es vor allem darum ging, ein neues Verständnis von hausarbeit als produktiver Arbeit zu entwickeln (so z.B. Dalla Costa 1973). Relevant ist im hier vorliegenden Zusammenhang die Feststellung, dass hausarbeit, da man sie vom Bereich der Wertschöpfung als dekommodifizierter tätigkeit abgegrenzt hatte, nicht als Arbeit betrachtet wurde. Man naturalisierte sie als Aufgabenbereich der Frau, indem fürsorgende und andere tätigkeiten innerhalb des haushalts an einen »weiblichen Sozialcharakter« gekoppelt wurden (vgl. Beck-Gernsheim 1980; ähnlich hausen 1978: 163ff.). In der hausarbeitsdebatte wurde dieser Zustand als ein historisch gewachsener gefasst, der sich in Zuge der Industrialisierung herausgebildet hatte: In Ablösung von der bäuerlichen Produktionsweise entstand mit dem Aufkommen der Lohnarbeit der haushalt als von der Öffentlichkeit getrennte private Sphäre, wobei die Reproduktionsarbeit REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 26 dem privaten, die produktive Arbeit dem öffentlichen Bereich zugeordnet wurde (Richarz 1997). Während die Männer einer Erwerbsarbeit nachgingen, kam den Frauen der Bereich des Reproduktiven zu (Beck- Gernsheim 1980: 23ff.).2 Erst in diesem Zuge bildete sich die den Frauen zukommende ›hausarbeit‹ heraus (Bock/Duden 1977). In der Folge wurde der private Bereich »in seiner ökonomischen Bedeutung abgewertet« und als Ort des Emotionalen konstruiert; die Wirtschaft als rationale Sphäre wurde nur noch als Marktwirtschaft verstanden (Geissler 2010a: 932). Der marxistische Feminismus kritisierte vor allem, dass dadurch die Frauen von den Löhnen der Männer abhängig wurden und die Reproduktionsarbeit qua Vergeschlechtlichung aus dem Arbeitsbegriff herausfiel – was wiederum die Arbeit der Frauen unsichtbar machte (Bock/Duden 1977: 124ff.). Ebendieser Mechanismus spiegelt sich auch im Begriff der Pflege wieder, der sich vorrangig auf die naturwissenschaftlich-medizinischen tätigkeitsbereiche des Carework bezieht, weniger aber auf die als ›weiblich‹ gerahmten Anteile der Arbeit (vgl. Bischoff 1992: 17; 31).3 Dass im Privathaushalt auch gearbeitet wird, wird heute zwar kaum noch angezweifelt (vgl. Kristof/Scherhorn 2002: 513). Innerhalb der Geschlechtersoziologie wird jedoch davon ausgegangen, dass die dem Privaten zugeordnete Arbeit bis heute abgewertet wird (Geissler 2010b). In weiten teilen der sozialwissenschaftlichen Diskussion hat es sich deshalb durchgesetzt, die arbeitssoziologisch geläufige trennung von instrumentellen und rationalen tätigkeiten auf der einen und kommunikativen und emotionalen tätigkeiten auf der anderen Seite zu überwinden (dies. 2010a: 934) und unter ›Pflegearbeit‹ immer auch Beziehungs- und Einfühlungsarbeit zu verstehen. Auch haushaltstätigkeiten werden darunter gefasst (z.B. Anderson 2000; Barbagallo/Federici 2012; Bock/Duden 1977; hess 2005; Lutz 2007). Dies gilt auch für jene Forschungen, die sich wie die vorliegende Arbeit speziell mit der Pflegeversorgung älterer Menschen in Privathaushalten beschäftigen (Karakayalı 2010: 22). Mit dem Begriff Care wird in diesen Arbeiten auf tätigkeiten wie Pflegen und Betreuen, aber auch Aufräumen, Putzen, Zubereiten von Essen, Einkaufen und teilweise auch auf Garten- und Reparaturarbeiten am haus verwiesen. 2 Diese Aufteilung stellte sich zunächst in bürgerlichen Kreisen ein, da die Frauen der unteren Klassen weiterhin auf außerhäusliche Arbeit angewiesen waren. Erst später wurde das bürgerliche Modell hegemonial (Federici 2012a). 3 Ein derartiges Verständnis von Pflege manifestiert sich mit der Verberuflichung beziehungsweise Professionalisierung der (Kranken-)Pflege endgültig Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Klindt 1998; Krampe 2009: 35ff., 118f.). Mit zunehmendem Einfluss der naturwissenschaftlichen Medizin wurde die zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu ausschließlich weibliche Pflegerin tendenziell als »hilfskraft« des Arztes konzipiert – entlang der Attribute Dienerschaft, Folgsamkeit und weibliche Fürsorge (Schroeter 2006: 53; dies partiell relativierend Kreutzer 2006). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 27 Zusätzlich werden auch die nicht-instrumentellen – sozialen, kulturellen, affektiven und emotionalen – Dimensionen der Beschäftigung als Arbeitsleistung reflektiert (z.B. Gendera 2007; Gendera/haidinger 2007; Gutiérrez-Rodríguez 2007; Karakayalı 2010; Knijn/Kremer 1997; Krenn 2004; Krenn et al. 2010: 131). Indem Carework erfordert, das eigene Selbst insbesondere auch emotional in die Arbeitssituation einzubringen – im Rahmen von Interesse an und Aufmerksamkeit für die pflegebedürftige Person –, zeichnet es sich hochgradig durch Beziehungsarbeit aus. Bock und Duden sprachen erstmals im Jahr 1977 davon, dass Carework nicht ohne »Liebe« verrichtet werden könne (vgl. auch Gendera 2007; Gendera/haidinger 2007; hausen 1978; Krenn 2004: 60ff.) beziehungsweise nicht ohne einen »überproportionale[n] Einsatz der eigenen Subjektivität in den Arbeitsprozess« (haidinger 2008: 35; vgl. Kretschmann 2010b). Denn neben den körperlichen Aspekten der Arbeit besteht ein großer teil der tätigkeit darin, die Wünsche und Bedürfnisse, Ängste, Sorgen und Nöte der pflegebedürftigen Personen zu erkennen und zu wissen, wie aus der Situation des Bedürfnisses heraus Gefühle der Erleichterung, des Wohlbefindens, der Zufriedenheit, Entspannung etc. produziert werden könnten. Nicht zuletzt schließt hieran die Beobachtung an, dass Carework in hinblick auf Qualifikationsanforderungen keineswegs voraussetzungslos ist, sondern besondere ethische und emotionale Kompetenzen erfordert, ebenso wie koordinative Fähigkeiten, Diskretion und Verlässlichkeit (Geissler 2006: 199ff.; hess 2005; Kararakyalı 2010). Der Begriff Care, für den eine »adäquate, alle im Begriff [...] enthaltenen Implikationen wiedergebende Übersetzung nicht existiert« (Karakayalı 2010: 22), vermag diese verschiedenen Dimensionen der tätigkeit zu integrieren. Deshalb hat es sich inzwischen durchgesetzt, in deutschsprachigen Arbeiten parallel zu einem weit gefassten Verständnis von »haushaltsarbeit« – verstanden als hausarbeit, Pflege und Erziehungsarbeit (so etwa Geissler 2002b: 31; haidinger 2008; Karakayalı 2010; Lutz 2007) – den im Englischen geprägten Begriff des »social care« (siehe etwa Lewis/Daly 1998; O’Connor 1996; tronto 1996) zu verwenden, etwa in Form von care (Conradi 2001; Eckart 2000; Pfau- Effinger 2005b), caring (hess 2005), caretaking (Caixeta et al. 2004) oder carework (Gendera 2007; Gendera/haidinger 2007; Karakayalı 2010). In der vorliegenden Arbeit orientiere ich mich an diesem Sprachgebrauch und verwende für den Bereich der Pflege- und Betreuungsarbeit, verstanden als Kombination von Sorge- und hausarbeit, den Begriff des Caring. In Anschluss an Ungerson (2005) unterscheide ich das informelle Caregiving vom formalisierten Carework; beides umfasst »the provision of daily social, psychological, emotional, and physical attention for people« (Knijn/Kremer 1997: 330). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 28 Die Begriffe ›24-Stunden-Pflege‹, ›24-Stunden-Betreuung‹, ›Personenbetreuung‹, ›Pflegenotstand‹ oder ›Betreuungsnotstand‹ hingegen sind feststehende Begriffe der sozialpolitischen Debatte und teilweise auch des Rechts. Da sie den hier untersuchten Beschäftigungen soziologisch nicht gerecht werden, berücksichtige ich sie allein unter Reflexion ihres sozial- und rechtspolitischen Charakters im Kontext der zu skizzierenden rechtspolitischen Praxen und rechtlichen Grundlagen. Weiter ist darauf hinzuweisen, dass ich den terminus ›Pflegebedürftige‹ hier nicht in seiner administrativen Bedeutung verwende – pflegebedürftig sind in Österreich Personen, die im Durchschnitt Betreuungs- und hilfeleistungen von mehr als 65 Stunden im Monat benötigen4 –, sondern in seiner alltagssprachlichen Bedeutung: Damit beziehe ich mich auf alle pflegebedürftigen älteren Menschen unabhängig davon, ob deren Pflegebedürftigkeit der formalen Definition entspricht. In den nachstehenden Abschnitten nehme ich entlang der oben vorgestellten Konzeptualisierungen eine zusammenfassende Darstellung von Carework im Kontext des österreichischen Wohlfahrtsstaates vor. Ich gehe dabei in erster Linie auf jene Aspekte ein, welche unmittelbar mit meiner Forschungsfrage nach der Regularisierung vormals irregulären Careworks in Zusammenhang stehen. Mit den Arbeiten u.a. von Appelt et al. (2010), Bachinger (2009), Caixeta et al. (2004; 2006), Gendera (2007) und Schmid (2009a) liegen zudem einschlägige und hochaktuelle Studien zur Entwicklung von Carework in Österreich unter maßgeblicher Einbeziehung des wohlfahrtsstaatlichen Kontexts vor, in denen reguläre wie auch irreguläre Arbeit berücksichtigt wird – sowohl aus der Perspektive derer, die Carework beziehen, als auch derer, die sie anbieten. Auf diese Studien sei an dieser Stelle verwiesen. 2.1.1 Das konservativ-korporatistische Care-Regime Der österreichische Wohlfahrtsstaat wird vorwiegend als korporatistisch-konservativ eingestuft, da er sich von den liberalen und den sozialdemokratischen Regimes durch seine starke Grundausrichtung auf die Familie anstatt auf den Markt oder den Staat unterscheidet (Obinger/tálos 2010, 101; Österle/Friedl/Leitner 2010: 69f.; Preglau 2010: 153; tálos/Fink 2001). Nicht alle sich hieraus ableitenden charakteristischen Merkmale sollen an dieser Stelle dargelegt werden. Um nachfolgend zu erörtern, wie der österreichische Wohlfahrtsstaat ein familialisiertes und vergeschlechtlichtes Care-System stützt, das im Rahmen 4 Zum Zeitpunkt der Regulierung reichten diesbezüglich noch 60 Stunden aus; Erhöht wurde die Stundenzahl erst im Jahr 2015. Vgl. https://www.help.gv.at/Portal. Node/hlpd/public/content/194/Seite.1940259.html#Aenderung [15-03-2016]. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 29 ökonomischer, demografischer, sozialstruktureller und kultureller Wandlungserscheinungen in die Krise gerät, weshalb es indirekt irreguläre Beschäftigungen im Care-Bereich anreizt, lege ich den Schwerpunkt auf die sozialen Sicherungssysteme. Für den angesprochenen Zusammenhang ist zunächst bedeutsam, dass die soziale Absicherung im österreichischen Wohlfahrtsstaat mittels Zwangsversicherung mit wenigen Ausnahmen an das System der Erwerbsarbeit gebunden ist (Dackweiler 2003: 81ff.; Obinger/tálos 2010: 101f.): Unfall- und Krankenversicherungs-Sachleistungen bestehen unabhängig vom Einkommen und damit der Beitragshöhe. Für die meisten anderen Leistungen, so etwa die Arbeitslosen- und Pensionsversicherung, gilt das Äquivalenzprinzip. Das bedeutet, dass Ansprüche sich in ihrer höhe und Dauer nach dem Einkommen richten. hierbei sind wiederum die Einkommenshöhe, die (ununterbrochene) Dauer der Erwerbstätigkeit sowie die Art des Beschäftigungsverhältnisses entscheidend. (Care-bedingte) Nicht-Erwerbstätigkeiten führen umgekehrt zu ökonomischen Nachteilen in der Absicherung. Regina-Maria Dackweiler (2003: 93) weist darauf hin, dass »in der Regel [...] nur ein ›Normalarbeitsverhältnis‹, welches idealtypischerweise unbefristet, vollzeitig und ununterbrochen ist und einer Erwerbskarriere von 40 bis 45 Jahren entspricht, eine existenzsichernde Pension (Erwerbsunfähigkeits-, Alters- und hinterbliebenenpension) auszulösen« vermag. In Bezug auf soziale Rechte wird der in der Familie geleisteten Arbeit damit kein »systematische[r] Stellenwert« (Geissler 2002a: 188) zugesprochen; das österreichische Wohlfahrtssystem ist vielmehr wesentlich am Konzept des »male breadwinner« (Lewis 1992) ausgerichtet – auch wenn diesbezüglich mittlerweile Einschränkungen in Rechnung zu stellen sind (Pfau-Effinger 2005b, 2005c). Zurück geht die Politik der ›Versorgerehe‹ auf Gesetzgebungen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Einführung einer erwerbsarbeitsabhängigen Sozialversicherung gegen die Risiken Krankheit und Unfall bei gleichzeitiger Verabschiedung geschlechtsbezogener, die Frauenerwerbsarbeit beschränkender Schutzbestimmungen zementierte ohnehin bestehende tendenzen der Familialisierung – und beförderte kulturelle Vorstellungen einer abhängigen, versorgenden und fürsorgenden Ehefrau (Dackweiler 2003: 84). Die – wenn auch unter Abschwächungen – bis heute andauernde Fortsetzung einer derartigen geschlechterpolitisch konservativen Ausrichtung kann mit der vergleichsweise starken verhandlungsdemokratischen Ausprägung österreichischer Politik in Form von Korporatismus und Konkordanzdemokratie in Zusammenhang gebracht werden, ebenso wie mit einer bis in die 1980er Jahre hinein bestehenden keynesianischen Steuerungspolitik (ebd.: 85ff.). Zum einen sorgte die korporatistische, ›sozialpartnerschaftliche‹ Interessenvermittlung seitens des Staates, der Gewerkschaften und Unternehmerverbände und die konkordanzdemokratische Bearbeitung politischer Sachverhalte REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 30 durch die Parteien für ein politisches Klima zentralistischer Politikaushandlung bei gleichzeitiger Konfliktvermeidung (Gehrlich 1996) – mit dem Resultat »segmenthaft verfestigt[er] und autoritativ abgesichert[er]« Machtbereiche (Fürstenberg 1985: 29ff.). Dabei wurden geschlechteregalisierende themen als potenziell konfliktive Verhandlungsgegenstände eher ausgespart (Dackweiler 2003: 86). Zum anderen war die Sozialpartnerschaft in ihren Mehrheitsverhältnissen stark männlich dominiert, so dass sich ein auf klassischen vergeschlechtlichten Rollenverteilungen basierender »Grundkonsens der Sozialpartnerschaft« (ebd.: 86ff.) herausbilden konnte. Verfestigt wurde die so genannte Versorgerehe weiter durch die marktwirtschaftlich keynesianische Orientierung des »Austrokeynesianismus«: Indem die Produktion und die Beschäftigung dem Ziel einer kontinuierlichen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage untergeordnet wurde, kam es bis in die Mitte der 1980er Jahre hinein zu einer relativ starken Stabilisierung der Lohn- und Preispolitik (Dackweiler 2003: 86f.; Fürstenberg 1985: 30; Guger/Marterbauer 2007: 259f.). Mit ihr einher ging die Verfestigung vergeschlechtlichter Einkommens- und Arbeitsverteilungen (Dackweiler 2003: 88). Partiell aufgebrochen wird das konservativ-korporatistische Modell in geschlechterpolitischer hinsicht erst mit der Abkehr vom Austrokeynesianismus Mitte der 1980er Jahre (Atzmüller 2008; Unger 1999). Zwar sind Frauen aufgrund des – vermittelt über den Ehemann – nur sekundären Zugangs zu Leistungsbezügen bis heute immer noch Benachteiligungen ausgesetzt. Auch bestehen Ungleichheiten bei der höhe und/ oder Dauer der Bezüge im Rahmen des Äquivalenzprinzips. hier sind, wohlfahrtsregulatorisch bedingt, geringere Partizipationschancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, Berufsunterbrechungen und schlechtere Berufseintrittschancen zu nennen (Dackweiler 2003: 94ff.). Jenen Untersuchungen, die konstatieren, dass für Frauen immer noch Statusungleichheiten bestehen, ist daher zuzustimmen (so etwa ebd.; tálos 2008: 73). Unter maßgeblicher Referenz auf Pfau-Effinger (2005b, 2005c; vgl. auch Pfau-Effinger/Geissler 2005) ist jedoch zu berücksichtigen – und dieser Aspekt wird in der wohlfahrtsstaatlichen Literatur weitgehend vernachlässigt –, dass innerhalb des konservativen Regimes mittlerweile ein »dualer« Weg beschritten wird, für den unter anderem die Stärkung sozialer Rechte im Bereich von Care kennzeichnend ist. Im Bereich der ›Geschlechterpolitik‹ ist vor diesem hintergrund von Ausbautendenzen und damit von Wandlungserscheinungen auszugehen (ebd.) – und zwar entgegen dem ab Mitte der 1990er Jahre vollends einsetzenden trend, wohlfahrtsstaatliche Leistungen und Sicherungen zurückzubauen beziehungsweise zu reduzieren. Wie ist dieser ›negative‹ trend des Wohlfahrtsststaates genau zu charakterisieren, und in welcher Relation stehen dazu Veränderungen in der sozialen Absicherung im Bereich von Care? Im Zuge der DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 31 Wachstumskrisen der spätindustriellen Gesellschaften und der Durchsetzung finanzmarktkapitalistischer Strukturen, verfestigt hoher Arbeitslosenraten und starker demografischer Veränderungen manifestiert sich in den 1990er Jahren in Österreich mit leichter Verzögerung zu den anderen europäischen Ländern eine neoliberal-konservative Wende wohlfahrtsstaatlicher Politiken (vgl. Natmessnig 2010: 177f.; tálos 2004; tálos/Fink 2001: 17). Regulationstheoretisch lässt sich diese Entwicklung im Kontext des Übergangs in ein neoliberal restrukturiertes Akkumulations- und Regulationsregime verorten: Im Zuge von Strukturanpassungspolitiken treten Lohnsenkung, Rationalisierung und Arbeitsintensivierung tendenziell an die Stelle von Massenproduktion und -konsumption, ökonomischem Wachstum und Vollbeschäftigung (Jessop 2002). Mit Joachim hirsch kann diese Entwicklung auf eine kurze, idealtypische Formel gebracht werden: Der »Fordismus« als spezifische Form kapitalistischer Vergesellschaftung weicht dem »Postfordismus« (hirsch/Roth 1986; hirsch 1995, 2001). hatte man dem Wohlfahrtsstaat für die Nachkriegszeit, nicht anders als in den anderen westlichen Demokratien, angesichts seines beträchtlichen Ausbaus (tálos 2008: 71) ein goldenes Zeitalter zugeschrieben (Flora 1986: XXII), so findet dieses in diesem Zuge ein Ende. Seitdem entwickeln sich viele wohlfahrtsstaatlich eingefasste Bereiche rückläufig (vgl. Fraser 1994: 592; vgl. Lessenich 2012b: 158f.): Ausbauprogramme werden in teilen eingestellt oder in ihrem Umfang reduziert, bestehende Leistungen zurückgebaut. Sozialleistungen werden allgemein stärker an Marktbeziehungen gebunden. Es ist genau dieser Zeitraum, in dem für die Gruppe der Kinder und der Pflegebedürftigen einkommensunabhängige Care-Leistungen hinzukommen, ebenso wie für Angehörige Rechte erweitert werden, Care zu hause zu leisten (vgl. Behning/Leitner 1998: 790f.; Fleischer 2013; hammer/Österle 2001; Pfau-Effinger 2005b: 6; Preglau 2010: 160; zur fehlenden Rechtsstellung der Caregiver siehe kritisch noch im Jahr 1998 Pfeil: 62f.). Die konservativ-familienorientierte Politik des österreichischen Wohlfahrtsstaates wird mit diesen Regulationen nicht gänzlich aufgegeben, aber an veränderte Bedingungen angepasst. Denn in Verbindung steht diese Entwicklung mit einer verstärkten Kommodifizierung der Arbeitskraft von Frauen und dem Wandel des Leitbilds der Versorgerehe (Pfau-Effinger 2005b: 7) sowie mit einer Intensivierung der Beschäftigung Dritter in den Privathaushalten (Geissler 2006: 194). Pfau- Effinger (1998, 2004) zufolge bleibt die skizzierte Entwicklung hierbei zentral an das Modell der Familie gekoppelt, das sich nun als »Vereinbarkeitsmodell der männlichen Versorgerehe« (Dies. 2000) fassen lässt. Eine stärkere Ausrichtung am geschlechter-egalisierenden Konzept des »citizenship« (vgl. Andersen et al. 2005; Fraser 1994) anstatt an jenem der Familie lässt sich deshalb nur bedingt ausmachen. Die österreichische Wohlfahrtspolitik entwickelt sich damit gemäß der europäischen REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 32 tendenz eines relativen »weakening of family based concepts of social care« (Geissler/Pfau-Effinger 2005: 10). Was bedeutet dies konkret für die Versorgung Pflegebedürftiger? In konservativen Wohlfahrtsstaaten werden vorrangig Risiken für Lohnarbeit abgefedert, während »die Sorgearbeit in der Familie als institutionell kaum unterstützungsbedürftig wahrgenommen« wird (Geissler 2002a: 185). Auch das österreichische Modell betont nach wie vor die Verantwortung der Familien für die Versorgung Pflegebedürftiger (Kreimer 2004), obwohl mittlerweile eine Struktur monetärer transfers geschaffen und das Angebot an Dienstleistungen in diesem Bereich ausgeweitet wurde. Eingeführt wird damit – ganz entsprechend dem europäischen trend zu dieser Zeit (vgl. Behning 2005) – die Einbindung der Familien in ein universell konzipiertes Pflegeversicherungssystem mit dem Ziel ihrer Entlastung (vgl. Obinger/tálos 2010: 111). Pflegebedürftigkeit wird seit 1993 als »eigenständiges Risiko« anerkannt (Behning/Leitner 1998: 793; Kreimer/Schiffbänker 2005; Meichenitsch/Österle 2008: 4); diesem wird seitdem aus allgemeinen Budgetmitteln mittels Geldleistungen, aber auch durch Sachmittel, Rechnung getragen (vgl. Behning 2005: 80; Nowak et al. 2011: 26). Care wird so erstmals in größerem Umfang formalisierbar; als in teilen vergütete tätigkeit wird es entweder von Familienangehörigen, einem Mix aus sozialen Diensten und Familienangehörigen oder, wie später noch ersichtlich wird, irregulär Beschäftigten übernommen. Dies bedeutet eine massive Veränderung, insofern die Versorgung Pflegebedürftiger bis dahin fast ausschließlich informell innerhalb der Familie erbracht wurde (vgl. Behning 2005: 73; vgl. hammer/Österle 2001: 62), auch wenn dies für den Großteil der erbrachten Pflege freilich bis heute gilt (Krenn et al. 2010: 127; vgl. ausführlich 2.1.2).5 Das 1993 eingeführte Pflegegeld bildet fortan die tragende Säule des Pflegesystems. Konkret erhalten die Pflegebedürftigen einkommens- 5 Zwar übernahmen bereits seit der frühen Neuzeit immer wieder auch Dritte Care- Aufgaben, Angehörige von Mönchsorden etwa. Nur wenig später entstehen karitative Frauenvereinigungen und Schwesternorden (Seidler 1993[1966]: 81ff.). Mit herausbildung des modernen Nationalstaates wurde Carework zunächst breitenwirksam als Familienpflege naturalisiert, parallel dazu wurde sie im 19. Jahrhundert stärker in Form institutioneller Versorgung gewährleistet. Zunächst betraf dies arme Pflegebedürftige, die zusammen mit Verarmten und hilflosen der unteren Klassen in dieser Zeit erstmals auch durch staatliche beziehungsweise kommunale Anstalten und Versorgungshäuser versorgt wurden (Kondratowitz 1990a: 117ff.), wobei zu berücksichtigen ist, dass erst im 19. Jahrhundert das heutige Verständnis des Alters entsteht (Ehmer 2008). Bis dahin war für die Aufnahme das Lebensalter häufig weniger relevant als etwa das Geschlecht, der Familienstand, die Konfession und der Grad der Bedürftigkeit (Kondratowitz 1990a; Ders. 1990b). An die kommunale Versorgung armer Pflegebedürftiger schließt im Übergang zum 20. Jahrhundert die stärker spezialisierte und exklusive Versorgung ökonomisch besser DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 33 unabhängig pauschalisierte monetäre Zuschüsse, um pflegeunterstützende Dienstleistungen zukaufen zu können; eingerichtet wird ein so genanntes cash for care- oder auch Geldleistungssystem (Ungerson/Yeandle 2007: 189ff.). Auf diese Weise soll der oder die Pflegebedürftige »in die Lage versetzt werden, sich [die] Pflege selbst zu organisieren« (Behning/Leitner 1998: 793). Das Pflegegeld ist dabei siebenstufig ausdifferenziert: Je nach behördlicher Bedarfseinschätzung können im Zeitraum der Regulierung monatlich minimal 154,20 Euro, maximal 1.655,80 Euro bezogen werden.6 Zudem einigten sich Bund und Länder darauf, ein ausreichendes Angebot an Pflegedienstleistungen anzubieten oder durch Dritte erbringen zu lassen. Außerdem wurden Mindeststandards für diese Dienste festgelegt (Pallinger/Pfeiffer 2013: 287). Dies betrifft stationäre, teilstationäre und ambulante Angebote an Sachleistungen durch Pflege- und Altenheime sowie durch soziale Dienste (vgl. Nowak et al. 2011: 25). De facto existiert jedoch – unter anderem aufgrund der fehlenden Rechtsansprüche der Pflegebedürftigen an Sachleistungen (Pfeil 1998: 62) – immer noch ein regional sehr unterschiedlich ausdifferenziertes Angebot. Gegenüber den Absicherungen anderer sozialer Risiken – etwa Unfall-, Kranken-, Pensions- oder Arbeitslosenversicherung, die im ausgehenden 19. Jahrhundert und der Ersten Republik entstehen (tálos/Fink 2001: 3) – wird Pflegebedürftigkeit damit vergleichsweise spät in ein allgemeines Vorsorgesystem eingebunden.7 Die Integration setzt erst nach der massiven Expansion des Wohlfahrtsstaates in den Nachkriegsjahrzehnten ein. gestellter Menschen in so genannten »Altenheimen« an (Kondratowitz 2005). Mit der Verarmung von teilen des Bürgertums und des Mittelstands im Zuge der Weltwirtschaftskrise kamen noch mehr spezialisierte Einrichtungen hinzu. Es entstanden erstmals moderne Pflegeeinrichtungen ausschließlich für ältere Menschen auch mit weniger exklusivem Status, die »Rentner-heime«, wobei monetäre Gründe für die massenhafte Institutionalisierung der älteren Menschen in diese Einrichtungen wesentlich waren (Ders. 1990a: 128ff.). heutzutage korrespondiert die Autonomisierung der Lebensentwürfe der pflegenden Generation mit einer wachsenden Sensibilisierung gegenüber den Bedürfnissen und Wünschen der Pflegebedürftigen: Vorstellungen einer individualisierten – und das bedeutet weitgehend einer nicht institutionalisierten – Versorgung im Alter rücken dort in den Vordergrund, wo Selbstbestimmung und Autonomie zu gesellschaftlichen Grundwerten geworden sind. Die institutionelle Pflege wird demgegenüber diskursiv zunehmend als inhuman empfunden (Behning 2005: 88). 6 Stand: 1.1.2013, vgl.: http://www.help.gv.at/Content.Node/36/Seite.360516.html [23-12-2014]. Zur höhe des Pflegegelds seit dem 1.1.2016 siehe https://www.help. gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/36/Seite.360516.html [15-03-2016]. 7 Bis zur Einführung des Pflegegelds im Jahr 1993 hatten nur Personen, die eine Pension oder einen Ruhegenuss bezogen, Anspruch auf eine Unterstützung im Fall von Pflegebedürftigkeit in Form des sogenannten hilflosenzuschusses (Grillberger 2008: 129ff.). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 34 Der Absicherung der Pflegeversorgung Anfang der 1990er Jahre ist dieser Entstehungskontext bereits anzusehen (vgl. Behning 2005: 88). Denn indem mit dem Pflegegeld ein Primat monetärer transfers gegenüber Sachleistungen eingeführt wird, steht es gleichzeitig für den Anfang einer »Vermarktlichung« der Pflegeversorgung (Österle/hammer 2004: 13), also der »Öffnung des Feldes öffentlicher, kollektiver Wohlfahrtsproduktion für privatwirtschaftliche Akteure und konkurrenzökonomische Mechanismen« (Lessenich 2012a: 114), bei gleichzeitiger Entlassung der Pflegebedürftigen in die – wenn auch relative (Krenn et al. 2010: 129f.) – ›Konsumentensouveränität‹ (vgl. Österle/hammer 2007). Eine wachsende Nachfrage nach Carework – in Anspruch genommen auf regulärer wie auf irregulärer Basis –, integriert die haushalte nicht nur stärker in das Gefüge wohlfahrtsstaatlicher Leistungen in Form der Inanspruchnahme sozialer Dienste, sie integriert sie auch stärker in Marktbeziehungen (vgl. Geissler 2006: 194). Nachfolgend wird beschrieben, wie sozio-ökonomische, politische und kulturelle Entwicklungen diesen Schritt zunehmend notwendig erscheinen lassen. 2.1.2 Die Krise der privaten Erbringung von Care Generationsbeziehungen basieren auf Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Großeltern, »bei denen alle Beteiligten im Grundsatz bereit sind, füreinander zu sorgen, ohne dafür eine unmittelbare Belohnung zu erwarten« (Bertram 2000: 101). Im Übergang zum Postfordismus ändert sich dies grundlegend: Die kulturelle Norm des Caregiving gegen- über der älteren Generation, sofern als »private responsibility of individual women« (Fraser 1994: 600) begriffen, ist seitdem nicht mehr ohne Weiteres gültig. Eine besondere Relevanz kommt hierbei der veränderten Rolle zu, die Frauen innerhalb der Gesellschaft einnehmen. In diesem Zusammenhang sind zunächst Studien anzuführen, die wesentlich auf die stärkere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt verweisen. Wie vorangehend dargestellt, war noch die Zeit des Austrokeynesianismus von einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung geprägt, die die erwerbsarbeitsförmige Produktionsarbeit für Männer und die häusliche Reproduktionsarbeit für Frauen zur Norm erhob. Im Übergang zum neoliberalen Regime relativiert sich diese Ordnung (Appelt/Reiterer 2010: 137; Kreimer 2009; Rosenberger 2000: 419ff.; tálos 1999: 252f.), wobei tendenziell mehr Frauen eine »doppelte Vergesellschaftung« (Becker-Schmidt 1987) erfahren. Für die hauptsächlichen AkteurInnen im handlungsfeld Care – die Frauen (Bundesministerium für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz 2003: 45) – entstehen somit doppelte Belastungen. Studien belegen, dass der Versuch, sowohl den Anforderungen DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 35 an die Lohnarbeit gerecht zu werden als auch in der Familie anfallende Care-Aufgaben zu erbringen, viele Frauen in ihrer Lebensführung vor Widersprüche und Vereinbarkeitsprobleme stellt (so etwa Caixeta et al. 2004). Diese werden noch durch zusätzlich gestiegene Flexibilitätsanforderungen hinsichtlich Arbeitszeit und -ort verschärft: Die Erwartung kurzfristiger Verfügbarkeiten sowie Mobilitätsanforderungen erschweren Bedingungen des Caregiving innerhalb der Familie. Die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt ist jedoch nur ein Aspekt, der gesellschaftliche Imperative des Caring für Frauen tendenziell zurücktreten lässt. Bedeutsam sind ebenfalls Erscheinungen kulturellen Wandels (vgl. hierzu konzeptuell Geissler 2010a: 943ff.; Pfau- Effinger/Geissler 2005; vgl. Behning/Leitner 1998: 788). Denn mit jenen sozio-ökonomischen und politischen Veränderungen der letzten 30 bis 40 Jahre (vgl. Natmessnig 2010: 177ff.; tálos/Fink 2001: 17), die oben als Übergang zum Postfordismus beschrieben wurden, stehen kulturelle Wandlungserscheinungen in Wechselwirkung, die für beträchtliche Verschiebungen innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der sozialen Positionen von Frauen sorgen. Ebenso ändern sich Lebensentwürfe, Wünsche und Bedürfnisse von Frauen in dieser Zeit grundlegend (vgl. Dackweiler 2003: 94; Pfau-Effinger 2005b: 5). So haben Deutungen, welche Frauen die alleinige Zuständigkeit für Care-Aufgaben zusprechen, in den letzten Dekaden deutlich an Überzeugungskraft verloren, ebenso wie Care-Aufgaben sich vom Paradigma der klassischen ›Versorgerehe‹ in kultureller hinsicht tendenziell entkoppelten. hierfür zentral ist die zunehmende Orientierung am Gedanken der Gleichstellung der Geschlechter (ebd.: 4). Auch eine autonome und individuell erfüllte Lebensführung steht stärker im Vordergrund (vgl. Behning/Leitner 1998: 788). Deutlich wird dies etwa daran, dass immer mehr Frauen den eigenen haushalt gegenüber der Familiengründung oder dem partnerschaftlichen Zusammenleben vorziehen (ebd.), mit der Folge einer Pluralisierung von Lebensformen zu Ungunsten familialer haushaltsformen und zugunsten einer kontinuierlich steigenden Zahl der Einpersonenhaushalte (Eurostat 2003: 3; Neuwirth 2011; Statistik Austria 2013; vgl. tálos 2002: 17). Familie und haushalt sind vor diesem hintergrund längst nicht mehr in eins zu setzen (vgl. Geissler 2010a: 932). Zunehmend weniger wollen und müssen Frauen ihre Lebensführung in diesem Kontext durch die Zuständigkeit für Care bestimmen lassen. Es wird hier schnell deutlich: Die seitens der Politik forcierte Festlegung der Frauen auf unentgeltlich erbrachte familiäre Aufgaben steht nicht nur im Widerspruch zu ihrer beruflichen Realität, sondern vielfach auch im Widerspruch zu ihren individuellen Lebensentwürfen. Vor dem hintergrund dieses Wandels, den ich in Anlehnung an Birgit Geissler auch für Österreich als »kulturellen Paradigmenwechsel« beschreibe (vgl. Geissler 2002b: 44 für den deutschen Kontext), verbreitert sich REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 36 die Akzeptanz einer Formalisierung von Carework und verringert sich die Bereitschaft zum Caring innerhalb der Familie. Im Zuge einer ver- änderten Ordnung ökonomischer Produktion und veränderter kultureller Normen beginnt sich also eine neue Ordnung sozialer Reproduktion abzuzeichnen, auch wenn in überwiegendem Maße immer noch weibliche Angehörige das Caring übernehmen. Im gleichen Zeitraum steigt der Bedarf an Care exponentiell an, da der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, nicht anders als in den meisten anderen Ländern der Europäischen Union, kontinuierlich zunimmt (World health Organization 2000: 47; vgl. World health Organization 2011). Bereits zwischen 2001 und 2013 erhöhte sich die Zahl der PflegegeldempfängerInnen um 27,1% (Statistik Austria 2013). hieran gemessen kann davon ausgegangen werden, dass im Zeitraum der Regulierung über 435.000 Personen, also etwa 5 % der Bevölkerung, in Österreich einer Pflege beziehungsweise Betreuung bedürfen (vgl. Pallinger/Pfeiffer 2013: 283).8 Auch die kontinuierlich steigende Lebenserwartung trägt zu einer Erhöhung der pro Person in Anspruch genommenen Pflege- und Betreuungszeit bei (Kytir/Münz 1992: 5; Mühlberger et al. 2009: 14). Steigende Lebenserwartungen und schrumpfende Geburtenraten lassen ÖkonomInnen von einer jährlichen Steigerung des Nettoaufwands für Pflege von durchschnittlich 2,7 % sprechen (Juraszovich/Ostermann 2012: iv). Die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung verändert sich also mit dem Effekt eines größeren Bedarfs an Care. Vor dem hintergrund dieser Entwicklungen stößt das oben skizzierte informell-familiäre Modell der Pflegeversorgung in den letzten Dekaden immer mehr an seine Grenzen. Während die Zahl der Pflegebedürftigen exponentiell ansteigt, sinkt gleichzeitig das familiäre Pflegepotenzial. Die Entwicklung hin zu einer Verknappung verfügbaren Caregivings stellte erstmals Arlie Russell hochschild (1995: 214) für den US-amerikanischen Kontext heraus. Infolge der verstärkten Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt beobachtete sie die herausbildung eines »care deficits«. Ein solches Defizit für die Gewährleistung von Care ist auch für den österreichischen Kontext zu konstatieren. So lässt sich davon sprechen, dass die private Erbringung von Care in die Krise gerät (vgl. für den US-amerikanischen Kontext ähnlich Federici 2012b: 237ff.; für den deutschen Kontext Jurczyk 2010).9 Zum Ausdruck kommt dies inzwi- 8 Im Januar 2016 liegt diese Zahl bereits bei über 452.828 Personen: Statistik Austria (2016) errechnet diese Größe auf Basis der Anzahl der PflegegeldbezieherInnen. Da jedoch nicht alle Pflege- und/oder Betreuungsbedüftigen Pflegegeld beziehen, dürfte die tatsächliche Anzahl höher liegen. 9 Mit Federici (2012b: 237) ist jedoch hinzuzufügen, dass Care für ältere Menschen in kapitalistischen Gesellschaften nie unproblematisch war, »both because of the devaluation of reproductive work in capitalism and because the elderly, far from DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 37 schen auch in einem breiten öffentlichen Problembewusstsein, das als »Regiment der Sorge« (Denniger et al. 2010: 207) in marktaffinen Medienberichterstattungen ihren wesentlichen Ausdruck findet (vgl. Dackweiler 2006). Die Einführung des Pflegegelds und die Verbreiterung des Angebots an Dienstleistungen stellt in diesem Zusammenhang eine erste wohlfahrtsstaatliche Reaktion auf den größeren Bedarf an Care durch Dritte dar (vgl. Juraszovich/Ostermann 2012: 26ff.), denn die vormals von den Familienangehörigen unbezahlt erbrachte Arbeit muss nun neu verteilt, und hierfür müssen Anreize geschaffen werden (vgl. allg. Federici 2012a: 73). Gleichzeitig nimmt die Sozialpolitik in diesem Zuge erstmals Abstand von der politischen »Normalitätsfiktion« (Bonß/Plum 1990) der Verfügbarkeit einer für das Caring unentgeltlich aufkommenden Familie, denn mit Einführung des Pflegegelds wird die Möglichkeit einer teil-Formalisierung für Care geschaffen. Unter Verweis auf Pfau- Effinger (2005b) lässt sich eine derartige Einbindung von Care in wohlfahrtsstaatliche Strukturen als teil jenes »dualen« Wegs beschreiben, mit dem sich das »Vereinbarkeitsmodell der modernen Versorgerehe« etabliert. In ähnlicher Weise werden derartige Entwicklungen mit einer stärkeren Orientierung am wohlfahrtsstaatlichen Konzept von »citizenship« in Zusammenhang gebracht, insofern bisher informell erbrachte Care- Leistungen in hinblick auf die Vereinbarkeit mit dem Beruf sowie die Altersabsicherung stärker berücksichtigt werden (z.B. Andersen et al. 2005). Auch wenn die Krise der privaten Erbringung von Care mit der Einführung des Pflegegeldes entschärft wird, so wird sie doch keineswegs gelöst. Denn der duale Weg befördert weiterhin Pflege zu hause, ist weiterhin familialisierend und weiterhin vergeschlechtlichend. Dabei bestehen zwischen den wohlfahrtsstaatlichen Regulierungen und den sozialstrukturellen und kulturellen Entwicklungen erhebliche Ungleichzeitigkeiten (allg. siehe Bang/Jensen/Pfau-Effinger 2000: 129f.). Defizite und Ambivalenzen ergeben sich vor allem aus dem Umstand, dass mit der Pflegeversicherung nur Anteile des notwendigen Bedarfs an Care abgedeckt werden. Ungerson formuliert, dass cash for care-Systeme wie das österreichische »simply provide monies for the care users, and do not regulate at all« (2006: 58). Unter Rückgriff auf die vergleichende Wohlfahrtsstaatenforschung ist freilich zu bemerken – und auch Ungerson argumentiert genau genommen in diesem Sinne –, dass Geldleistungssysteme wie das österreichische aufgrund der Möglichkeit der freien Wahl zukaufbarer Leistungen ganz eigene Anreizstrukturen etablieren. Allgemein werden been treasured, as they were in many pre-capitalist societies as depositories of the collective memory and experience are seen as no longer productive. In other words, elder care suffers from a double cultural and social devaluation.« REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 38 den geldleistungsbasierten Pflegeversicherungssystemen vier Effekte zugeschrieben: Erstens wird die tendenz zu einer Pflegeversorgung zu hause angesprochen (Badelt et al. 1997; Behning 2005: 80f.), zweitens wird die mehrheitliche Familialisierung von Carework herausgehoben (Evers 1997: 516f.). Drittens beobachten ForscherInnen weiterhin eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung (ebd.: 517) und viertens wird die Etablierung irregulärer Beschäftigungsverhältnisse betont (Behning 2005: 80f.; van hooren 2008; Österle/hammer 2007: 29; Ungerson/Yeandle 2007). Entsprechend zeigen empirische Untersuchungen, dass die meisten Pflegebedürftigen in Österreich auch nach Einführung des Pflegegelds weiterhin zu hause gepflegt und betreut werden (Krenn et al. 2010: 127). Ihr Anteil macht 80 bis 85 % aus, gegenüber 15 %, die in stationären Einrichtungen leben (Nowak 2011: 26). Die hierfür bereitgestellte finanzielle Unterstützung durch das Pflegegeld ist dabei bedarfsorientiert, aber nicht bedarfsdeckend. Das bedeutet, dass die bereitstehenden Mittel oft nicht ausreichen, um den Bedarf an Care durch den Kauf der angebotenen Leistungen abdecken zu können. Der Schutz vor dem Risiko, pflegebedürftig zu werden, wird lediglich auf »basalem Niveau« gewährleistet; eine bedarfsgerechte Versorgung erfordert den Einsatz von Eigenleistungen durch die Betroffenen (Appelt/Reiterer 2010: 130). Im stationären wie im ambulanten Bereich übersteigen die monetären Aufwände die Pflegegeldleistungen um ein Vielfaches, zumindest, insofern ein permanenter Pflege- beziehungsweise Betreuungsaufwand notwendig ist.10 Die Unterstützungsstrukturen für pflege- und betreuungsbedürftige Menschen innerhalb ihrer haushalte sind regelhaft zudem lediglich als ambulante Dienste und damit als punktuelle Versorgungsleistungen konzipiert (siehe etwa Krenn et al. 2010). Diese funktionieren zeitlich und sachlich meist nach starren Vorgaben und sind von häufigen Personalwechseln gekennzeichnet (ebd.). Eine reguläre 24-stündige Versorgung im Privathaushalt existierte vor der rechtlichen Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ nur in Einzelfällen und auf Basis individueller Vereinbarungen. Zweitens wird auch am österreichischen Fall die weiterhin starke Familienorientierung der Pflegepolitik anschaulich: Liegt ein Pflege- oder Betreuungsbedarf vor, so ist dieser bei seiner Externalisierung 10 Ein Unterschied der Förderung zwischen der Inanspruchnahme von häuslichem und stationärem Caring besteht grundsätzlich nicht. In beiden Fällen wird das Pflegegeld auf die entstehenden Kosten angerechnet, alle weiteren Ausgaben müssen durch Pension, Einkommen oder Vermögen gedeckt werden. hier bestehen auch Regressansprüche gegenüber Dritten. Erst nach Ausschöpfung dieser Quellen kann auf Sozialhilfe beziehungsweise Mindestsicherung zurückgegriffen werden (vgl. Pfeil 1998), wenn auch nur bei stationärem Aufenthalt. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 39 aus der Familie beziehungsweise dem haushalt mit einem finanziellen Mehraufwand verbunden, weil entstehende Kosten privat abgedeckt werden müssen. Die Care-Aufgaben aus dem haushalt der Angehörigen auszulagern, ist deshalb oft nicht möglich. In der Regel wird in den Familien unter Einbeziehung der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen eine Versorgung arrangiert, die stark auf dem »Rückgriff auf unbezahlte bzw. nur symbolisch abgegoltene Betreuungsarbeit von informell pflegenden Familienmitgliedern und FreundInnen« beruht (Gendera/haidinger 2007: 6). Auch für den österreichischen Kontext greift das lediglich bedarfsorientierte Pflegegeld als ein derartiger Anreiz für »Self-Servicing« (Dallinger/Eichler 2010: 172; Finch 1989) – dem ›Selbermachen‹ von Care durch die Familienmitglieder (vgl. Ungerson 2005: 51). Die im Jahr 1977 eingeführte Pflegefreistellung von der Arbeit und die seit 1997 bestehende (und 2003 beziehungsweise 2009 noch einmal verbesserte) Möglichkeit der freiwilligen Pensionsversicherung soll familiäres Caregiving und Carework zusätzlich anregen (Preglau 2010: 160). Die Möglichkeit zur sozialen und ökonomischen »Defamilialisierung« ist dabei ein Privileg spezifischer Angehöriger: Die Option einer ganz oder teilweisen Externalisierung von Care haben letztlich nur finanziell bessergestellte Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, da diese das nur bedarfsorientierte Pflegegeld durch eigene Mittel aufstocken und die Arbeit so gänzlich auslagern können (vgl. Österle/Friedl/Leitner 2010: 75). hinter der Familialisierung von Care im derzeitigen Pflegegeldmodell verbirgt sich drittens noch ein weiterer Aspekt: ihre weiterhin bestehende Feminisierung. Studien zeigen, dass die Verantwortung für die Pflege und Betreuung innerhalb der Familien zumeist jenen Personen im haushalt zufällt, die eine Nebenerwerbstätigkeit ausüben oder keinerlei Beschäftigung nachgehen (z.B. Gutiérrez Rodríguez 2007; Appelt et al. 2010). Zu dieser Gruppe gehören vorrangig Frauen, auch wenn ein leicht steigender Männeranteil für Caregiving beziehungsweise Carework zu verzeichnen ist (Schneider et al. 2006: 20): Nach den zuletzt verfügbaren Daten des Mikrozensus sind es in Österreich 8,5 % der Frauen und 4,7 % der Männer, die Pflege- und Betreuungsleistungen übernehmen (Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz 2003). Innerhalb der gendersensiblen Wohlfahrtsstaatenforschung wird jedoch argumentiert, dass die Ungleichverteilung der Arbeitsbelastung im Bereich des Caring auch unter dem Vorzeichen des ›Aufholens‹ reflektiert werden muss: So könne die allmähliche Formalisierung von Care für bestimmte Kontexte, insbesondere für Länder mit einem vergleichsweise geringen Anteil an Frauenbeschäftigung, eine Brücke schlagen, um REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 40 Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren (Geissler 2005: 212).11 Zudem sei zu berücksichtigen, dass selbst teil-Formalisierungen von Care zu einer stärkeren Sichtbarkeit und Anerkennung der Arbeit führen könnten (Ungerson 2005: 59). Gleichzeitig wird jedoch eingewendet, dass Carework im Privathaushalt sich nachteilig auf die »Anerkennungsordnungen in der Arbeitswelt« (Geissler 2002a: 188) und damit auf Karriereoptionen auswirkt (Ungerson 2005: 60). Das unspezifisch vergebene Pflegegeld führt in Österreich, welches im Bereich der Frauenerwerbsarbeit nur einen leichten Aufholbedarf zu verzeichnen hat12, jedoch nur unwesentlich zu einer Angleichung in der Geschlechterverteilung der Beschäftigten. Ein hierfür wesentlicher Aspekt ist, dass das mit der Einführung des Pflegegelds zusätzlich geschaffene Angebot an formalen Care-Dienstleistungen von vornherein als atypische Beschäftigung konzipiert wird, das sich de facto als »Zuverdienstmodell für Frauen« etabliert (Krenn et al. 2004: 8). Denn derartige Beschäftigungsverhältnisse setzen voraus, dass diese von Personen ausgefüllt werden, die sich anderweitig sozial versichern können – beispielsweise über eine Ehe oder transferleistungen (Bachinger 2009: 226). Wie oben dargestellt, sind dies in der Regel Frauen. Vor dem hintergrund der skizzierten Effekte muss das österreichische Modell deshalb auch nach Einführung des Pflegegelds als ein geschlechtsspezifisch ausgebautes Pflegesystem beschrieben werden (Behning 1999). Zusammenfassend lässt sich formulieren: Mit der Bedarfsorientierung der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen bleibt die Krise der privaten Erbringung von Care ungelöst. Zum einen sind die ambulanten Dienste nicht immer in einem ausreichenden Maße verfügbar. Zum anderen sind sie, da sie nur als stundenweise Unterstützung konzipiert sind, so kostenintensiv, dass sie für die meisten haushalte kaum für längere Zeitspannen finanzierbar sind (Krenn et al. 2010: 27ff.). Die (weiblichen) Familienangehörigen werden so nur partiell von Care-Aufgaben entlastet und, sofern sie sich das Pflegegeld selbst auszahlen, bleibt ihre Vergütung gemessen an der geleisteten Arbeit eher auf einer symbolischen Ebene angesiedelt. Das österreichische Pflegeversorgungssystem konzipiert Care damit weiterhin in starkem Maße »als unbezahlte bzw. schlecht bezahlte, familiär erbrachte Arbeit und stattet den Pflegeversorgungsbereich nur 11 In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass auch alle Berufsgruppen der mobilen Pflege für Carework im Privathaushalt ›Frauendomänen‹ sind, insofern über 90 % der hier Beschäftigten weiblich sind (Krenn et al. 2010: 140ff.). 12 Die kontinuierlich angestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen hat in Österreich noch nicht zu einer vollständigen Angleichung von Frauen und Männern im Berufsleben geführt (Kreimer 2009: 35) – dies auch, weil die zunehmende Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt in starkem Maße durch atypische Beschäftigungen gekennzeichnet ist (Bauer/Eichwalder 2003: 512; Wroblewski/Leitner 2005: 163ff.). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 41 schwach aus« (heitzmann/Schenk 2009: 139; so auch Krenn 2014). Gerade bei Pflegebedürftigen, die rund um die Uhr Unterstützung benötigen, sehen deshalb viele Angehörige einen weit größeren Bedarf für eine Auslagerung der Arbeit an Dritte. Maßgeblich zeigte sich dies an der Entwicklung eines Markts, auf dem sich der Bedarf an Care nicht nur vergleichsweise kostengünstig, sondern vor allem vollständig abdecken lässt – ermöglicht durch die irreguläre Beschäftigung von MigrantInnen aus den umliegenden osteuropäischen Nachbarländern. 2.1.3 Die irreguläre Beschäftigung von MigrantInnen Während die ab den 1990er Jahren entstehenden Dienstleistungen für Carework erstmals auf breiterer Ebene teil-Formalisierungen ermöglichen, lässt sich zeitgleich die Entstehung eines vollständig kommodifizierten Markts für Carework beobachten. Im gleichen Zeitraum, in dem auch das Pflegegeld eingeführt wird, beginnt Carework von MigrantInnen aus den osteuropäischen Nachbarländern (den heutigen ›neuen‹ EU-Ländern) für Pflegebedürftige in Österreich eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Freilich reicht der Umstand, dass MigrantInnen in österreichischen Privathaushalten Dienste, und dabei unter anderem auch Carework verrichten, historisch wesentlich weiter zurück. Schon im Zuge der mit der Industrialisierung und Verstädterung verbundenen großen Wanderungsbewegungen übernahmen MigrantInnen in den Privathaushalten der oberen Stände haushalts- sowie pflegerische und betreuerische Aufgaben; DienstbotInnen wurden mit »dem Erstarken der bürgerlichen Familie um die Jahrhundertwende [...] gar zum zentralen Merkmal eines bürgerlichen Lebensstils« und stellten zu jener Zeit ein »Massenphänomen« dar (haidinger 2008: 39). In der Zweiten Re publik warb man erstmals gezielt Pflegekräfte an, diesmal für den institutionellen Sektor – als KrankenpflegerInnen (Lenhart 2010). Anfang der 1990er Jahre gelangt das Phänomen der Care-Migration jedoch zu einer neuen Ausprägung. Neben dem Caring von Angehörigen und mobilen Diensten entwickelt sich die vergleichsweise kostengünstige Arbeitskraft von irregulär Beschäftigten zu einem dritten, das Pflegesystem aufrecht erhaltenden Grundpfeiler (so auch Grubner 2007: 9). Für die letzten Dekaden lässt sich diesbezüglich von der Entstehung eines irregulären »Markts« für migrantische Arbeitskräfte in der häuslichen Pflege sprechen (Bachinger 2009), der sich über individuelle Netzwerke der MigrantInnen und der Pflegebedürftigen beziehungsweise ihrer Angehörigen etabliert. Entsprechend arbeiten fast ausnahmslos Frauen auf diesem Markt. Überwiegend verfügen diese über eine slowakische Staatsbürgerschaft (vgl. 2.1.6). Mit Bettina haidinger (2013) ist allerdings auf die gängige Praxis der Beschäftigung nicht nur arbeits-, REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 42 sondern auch aufenthaltsrechtlich undokumentierter MigrantInnen in diesem Sektor hinzuweisen. Schätzungen gehen davon aus, dass kurz vor der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ etwa 40.000 MigrantInnen in Österreich in diesem Bereich tätig waren.13 Die österreichische Entwicklung spiegelt damit tendenzen, die seit den 1980er und 1990er Jahren für viele der wohlhabenderen westlichen Demokratien des liberalen und konservativen Wohlfahrtsstaatstyps zu verzeichnen sind (vgl. theobald 2009: 34f.): Es entsteht eine neue internationale Arbeitsteilung, bei der Frauen aus einkommensschwächeren Ländern und Regionen aus Osteuropa, Afrika, Lateinamerika und Asien einen beträchtlichen teil der Reproduktionsarbeit in westlichen Ländern übernehmen (Barbagallo/Federici 2012: 10; Gather/Geissler/Rerrich 2002). Dabei wird vermutet, dass in Westeuropa unter den Careworkers Frauen aus Ost- und Südosteuropa die größte Gruppe darstellen (Geissler 2006: 199). MigrantInnen in der ›24-Stunden-Pflege‹ werden neben Österreich vor allem in südeuropäischen Ländern und in Deutschland beschäftigt (theobald 2009: 34). hintergründe dieser Entwicklung liegen – wie oben beschrieben – in einer gesunkenen familiären Pflegebereitschaft und einer gewachsenen Akzeptanz für die Externalisierung der Pflege durch Zukauf von Leistungen. hinzu kommt, dass von der Sozialpolitik für die pflegebedürftige Generation nur verknappte Mittel bereitgestellt werden. Zudem wurde bereits darauf hingewiesen, dass den cash for care-Systemen eine wesentliche Rolle für die Entstehung irregulärer Märkte zugeschrieben wird: Da die Pflegegeld-BezieherInnen die Geldleistungen investieren können, ohne Nachweise über deren Verwendung erbringen zu müssen, greifen sie auf die kostengünstigste Variante der irregulären Arbeit zurück (Österle/hammer 2007: 29; Ungerson/Yeandle 2007: 189ff.). Mit Ungerson (2005: 52) lässt sich formulieren: »[…] the introduction of cash for care policies, particularly where there is no regulation of their ultimate destination, can encourage the further development of care work that is carried out by untrained, unskilled, unprotected and even undocumented labour. While care work has traditionally been regarded as the particular territory of working-class women socialised and willing to nurture, embedded in these policies there are incentives to encourage this even further. By leaving the recruitment, management and payment of these workers to individual care consumers, the likelihood is that such consumers will seek out labour that is cheap, and yet authentically ›caring‹. the cheapest labour will be ›grey‹: invisible and hence untaxed, and yet visible enough to be relatively 13 Die Schätzzahl stammt vom Vorstand des Dachverbands der österreichischen Pflegeheimträger und wurde in der Folge von politischen AkteurInnen aufgegriffen. Eine exakte Quantifizierung irregulärer Beschäftigungsverhältnisse ist jedoch kaum möglich. Auf die genannte Zahl wird deshalb an dieser Stelle nur unter Vorbehalt Bezug genommen (vgl. hierzu ausführlich 2.1.6). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 43 easily accessed by elderly care users with good local networks built up over long biographies. thus, such caring labour will be unprotected by social rights and employment regulation.« Für Österreich lässt sich hinzufügen, dass sich im Gegensatz zu den regulär angebotenen Dienstleistungen mit irregulärer Arbeit der gesamte Bedarf an Care abdecken lässt, so dass die Arbeit vollständig externalisiert werden kann.14 Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Etablierung des irregulären Markts eine ›Politik des Gewährenlassens‹ zugrundeliegt. Für die Phase der konservativ-neoliberalen Wende der Sozialpolitik sprechen Wolfgang Streeck und Kathleen thelen (2005: 33) allgemein von einer Zunahme von Politiken »by default: by letting things happen that are happening anyway«. Derartige Veränderungen in den wohlfahrtsstaatlichen Regulierungen werden vielfach mit politischen Wahrnehmungen einer »Strukturkrise« (Lessenich 2006: 181) innerhalb der Wohlfahrtsstaaten in Zusammenhang gebracht, denen man mit einer Verschlankung der Sicherungssysteme beizukommen versucht, bei gleichzeitiger Stärkung der privaten Vorsorge. Auch für den österreichischen Kontext lässt sich eine solche Entwicklung beobachten (Atzmüller 2008: 42; tálos 1999: 272ff.; vgl. Mühlberger et al. 2008: 53): Den wohlfahrtsstaatlichen Steuerungsoptimismus der 1970er und 1980er Jahre löst ab den 1990er Jahren sukzessiv eine Politik der Problemverwaltung ab und ergänzt die klassischen, auf die Ursachen sozialer Probleme gerichteten und um Inklusion bemühten Regulierungspolitiken durch manageriale Maßnahmen (vgl. allg. Banakar 2013: 16). Von irregulären Beschäftigungen wird profitiert (vgl. Federici 2012a: 77, 2012b: 240), denn mit diesen wird nicht nur der Bedarf an Care weitgehend abgedeckt, sondern es sind für den Staatshaushalt, wie immer bei irregulärer Arbeit, 14 Mit der hier vorgelegten Erklärung, dass irreguläre Beschäftigungen im Care-Bereich durch zu geringe Regulierungen entstehen, widerspreche ich dem im sozialwissenschaftlichen Diskurs allgemein bestimmenden neoklassischen Erklärungsansatz für deren Existenz. Diesem zufolge sind staatliche ›Überregulierungen‹ für irreguläre Beschäftigungen wesentlich: Diese entstünden dann, wenn ›zu hohe‹ Steuern und Versicherungen eingefordert würden (z.B. Schneider/Enste 2000). Anzuzweifeln ist die neoklassische Argumentation weiter angesichts von Studien im Bereich des Caring in den europäischen Ländern, die zeigen, dass irreguläre Beschäftigungen in gut ausgebauten Wohlfahrtsstaaten seltener als in schwachen Wohlfahrtssystemen vorkommen: So weisen die skandinavischen Länder und die Niederlande, westliche Demokratien des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatstyps also, in weniger großem Ausmaß irreguläre Care-Märkte auf als die liberalen oder konservativen Regimes (theobald 2009: 28). hierzu äquivalent verhält sich übrigens die Akzeptanz für irreguläre Beschäftigungen im Privathaushalt in den einzelnen europäischen Ländern. So ist diese etwa in Deutschland höher als in den skandinavischen Ländern (Pfau-Effinger 2009: 89). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 44 auch Kosteneinsparungen gegeben. Zwar entstehen durch die irreguläre Arbeit ›Ausfälle‹ im Bereich steuerlicher Abgaben. Gleichzeitig aber erwächst dem Staat keine finanzieller Aufwand, da die Careworkers als irregulär Beschäftigte das Sozialsystem nicht in Anspruch nehmen: Sie sind nicht kranken-, arbeitslosen- und unfallversichert und sie erhalten im Alter keine Pension (vgl. Gendera/haidinger 2007: 31).15 Der Entwicklung des irregulären Markts wird folglich stattgegegeben, indem man die irregulären Beschäftigungen als »minor offenses« (Pfau-Effinger 2009: 89) betrachtet. Dies entspricht auch der Beobachtung Almut Bachingers (2009: 8), die im Zusammenhang mit den irregulären Beschäftigungen von einer »Politik des Wegschauens« spricht. Drittens müssen als begünstigende Faktoren für die Entstehung irregulärer Beschäftigungen migrationspolitische Aspekte einbezogen werden. Unter Verweis auf Ergebnisse aus der Migrationsforschung ist darauf hinzuweisen, dass nationale Ökonomien mit dem Zugriff auf migrantische Arbeitskraft kaum allein auf ein ›natürlich‹ gewachsenes Angebot reagieren. Vielmehr ist die Verfügbarkeit von Arbeitskräften in bestimmten Sektoren häufig auf Politiken fremden- und beschäftigungsrechtlicher Ein- und Ausschlüsse zurückzuführen (z.B. Cuttitta 2010: 28f.; Gutiérrez-Rodríguez 2007; Mezzadra 2007: 183). Diese Beobachtung lässt sich auf den Bereich des Carework übertragen. In Anlehnung an Saskia Sassen beschreibe ich die Verfügbarkeit eines ständig ausreichenden Angebots an migrantischer Arbeitskraft für die ›24-Stunden-Pflege‹ zu bezahlbaren Konditionen als das Ergebnis eines migrationspolitisch hergestellten »labor supply-systems« (Sassen 1988: 37) 16. Auch dieses geht davon aus, dass die Arbeitskraft von MigrantInnen kaum naturwüchsig gegeben ist. Vielmehr ist es Sassen zufolge von der je spezifischen M igrationspolitik abhängig, in welchen Sektoren MigrantInnen sich für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, ebenso wie Migrationspolitiken die dort vorherrschenden Arbeitsbedingungen prägen. Migrationspolitiken legen demnach fest, in welchen Sektoren, über welchen Zeitraum und unter welchen arbeitsrechtlichen Bedingungen MigrantIn nen in den jeweiligen Nationalstaaten arbeiten (und teilweise erst einreisen) dürfen: Mit der beschäftigungsrechtlichen Beschränkung ausreichend besetzter und der Freigabe personell schlecht ausgestatteter Arbeitsbereiche werden die Möglichkeiten der MigrantInnen, 15 Dies bedeutet gleichzeitig, dass irregulär Beschäftigte tendenziell in ihr herkunftsland zurückkehren, wenn ihre Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird oder ihre physische und/oder psychische Gesundheit eine Berufstätigkeit nicht mehr länger zulässt (vgl. Sassen 1988: 39). Soziale Kosten fallen dann auf das herkunftsland zurück. 16 Sassens Analysen haben unterschiedliche historische Modelle des labor supplys auf globaler Ebene zum Gegenstand. hier wird freilich nur Bezug auf die aktuellen von ihr beschriebenen Entwicklungen genommen. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 45 Arbeitskraft anzubieten, insofern auf spezifische Weise kanalisiert. In der Folge entsteht auch in Branchen mit geringer Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen ein Arbeitskräfteangebot (ebd.: 37ff.). Dies gilt ebenso für die Aufnahme einer irregulären Beschäftigung, sofern die Möglichkeiten, eine reguläre tätigkeit auszuüben, begrenzt sind. Beschäftigungspolitiken im Sinne des labour supply-systems inkludieren MigrantInnen damit selektiv und differenziell (ebd.). Die innereuropäische Migration mit ihren beschäftigungsrechtlichen Beschränkungen für die BürgerInnen der 2004 beziehungsweise 2007 beigetretenen EU-Länder ist ein teil dieser selektiven Politik des Ein- beziehungsweise Ausschlusses, das MigrantIn nen für den Arbeitsmarkt auf verschiedenen Lohnniveaus in unterschiedlichen Arbeitsbereichen verwertbar macht. hier machen abgestufte BürgerInnenrechte (vgl. hess/Kasparek 2010: 16) MigrantInnen in der häuslichen Pflege zu flexiblen und preisgünstigen AnbieterInnen von irregulären Dienstleistungen zu Konditionen, die sich für österreichische Arbeitskräfte als höchst unattraktiv darstellen (Kretschmann/Pilgram 2012; vgl. Kretschmann 2010a): Wo für reguläres Carework rund um die Uhr etwa 7.500 Euro monatlich aufgewendet hätten werden müssen, deckten zwei MigrantInnen die gleiche Arbeit für insgesamt ein Viertel bis ein Drittel des Betrags ab (vgl. Pock 2007: 172).17 Mit der Auslagerung von Care an MigrantInnen sind die Pflegebedürftigen somit nicht nur in einen wohlfahrtsstaatlichen, sondern auch in einen migrationspolitischen Kontext eingebunden. Charakteristika der irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ Wie nun sind die irregulären Beschäftigungen in Österreich seit den 1990er Jahren bis zur Regulierung konkret beschaffen und was sind ihre rechtlichen Rahmenbedingungen? In rechtlicher hinsicht sind die Beschäftigungen der slowakischen Staatsangehörigen irregulär, weil diese als EU-BürgerInnen außerhalb der EU-15-Gruppe noch nicht sozial- und arbeitsrechtlich gleich gestellt sind (Bach/Sterbling 2008).18 Zwar benötigen die Careworkers für Österreich keinen Aufenthaltstitel, dürfen aber ohne gesonderte 17 Pock (2007: 172) berechnet noch vor der Regulierung: »Würde man eine Rundum-die-Uhr Betreuung unter [...] öffentlich- und arbeitsrechtlichen Bedingungen bereitstellen wollen oder müssen, so müsste man in einem Monat fünf Betreuungskräfte im Ausmaß von 40-Stundenwochen-Arbeitsverhältnissen durchgehend beschäftigen, um einen Pflegebedürftigen zu hause zu betreuen. Würde dieser Pfleger brutto 1.500 Euro pro Monat (also inklusive mit den Dienstgeberbeiträgen und Lohnnebenkosten) verdienen, was eine sehr niedere Entlohnung in diesem Bereich wäre, würde die monatliche Pflegeleistung 7.500 Euro ohne Materialaufwand wie Essen, Windeln etc. kosten.« 18 Für die Slowakei wurden die Übergangsregelungen im Jahr 2011 aufgehoben, für Rumänien und Bulgarien galten sie bis 2014. Sie betrafen alle StaatsbürgerInnen REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 46 Beschäftigungsbewilligung nicht unselbständig oder innerhalb eines freien Dienstvertrags (tálos/Fink 2000) arbeiten. Denn zu dieser Zeit galten noch Sonderregeln für die BürgerInnen aus den ›neuen‹ EU-Ländern (Schuhmacher/Peyrl 2006: 230f.). Darüber hinaus existierte in Österreich vor der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ überhaupt kein rechtliches Modell, um unausgebildete Personen – und formal gesehen fielen die meisten Careworkers in die Kategorie der Unausgebildeten, da ihre eventuell bestehenden Qualifikationen nicht anerkannt waren – in Privathaushalten pflegebedürftiger älterer Menschen zu beschäftigen. Diese Möglichkeit bestand bis dahin nur für Familienangehörige. Insofern lag bis zur Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ eine doppelte Irregularität vor.19 In gesellschaftlicher hinsicht ist für die irregulären Beschäftigungen in der Summe eine relativ große Sichtbarkeit gegeben (vgl. Ungerson 2005: 52). Irreguläre Beschäftigungen im Bereich des Caring, auch wenn sie tendenziell eher nur für einen kleinen teil der Bevölkerung, haushalte mit vergleichsweise hohen Einkommen, leistbar waren (Bachinger 2009: 119), schienen ubiquitär und es wurde relativ offen mit ihnen umgegangen (Kretschmann 2010b). Man kann deshalb von ihnen als »folk crimes« sprechen (vgl. Ross 1961: 232). Für die Beteiligten ist dies eine wichtige Voraussetzung, um sich ein Beschäftigungsverhältnis selbst organisieren zu können. Aufseiten der ArbeitgeberInnen erledigen dies die nächsten Angehörigen, da die Pflegebedürftigen dazu selbst nicht mehr in der Lage sind (für den deutschen Kontext beobachtet dies auch Evers 1997: 511f.). Diese aktivieren für die Kontaktaufnahme ihre persönlichen Netzwerke. Auch für die weitere Betreuung des Beschäftigungsverhältnisses stehen die Angehörigen im Verlauf bereit. Sie agieren in diesem Zusammenhang wesentlich als ArbeitgeberInnen. Zudem stellen Vermittlungsagenturen Kontakte zwischen den zwei Parteien her (Pock 2007: 173; Rudda/Marschitz 2006; Schmid/Prochazkova 2006; Österle/hasl/Bauer 2013). Bei ihnen handelt es sich um transnational operierende (Klein-)Unternehmen, die sich aus Gebühren von ArbeitnehmerInnen- und teilweise auch von ArbeitgeberInnenseite finanzieren. Die Agenturen liefern über die Kontaktherstellung hinaus auch organisatorische Ressourcen wie transportmöglichkeiten zwischen dem Wohnort der Careworkers und dem haushalt der Pflegebedürftigen. aus solchen EU-Beitrittsländern, die im Rahmen der letzten zwei EU-Erweiterungen aufgenommen wurden und seitdem ein Aufenthaltsrecht in Österreich inne haben: Seit Mai 2004 galt dies also für Personen aus den neu hinzugekommenen Mitgliedsstaaten tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, für die Slowakei und Slowenien, ausgenommen waren von Anfang an Malta und Zypern. hier galt die Restriktion des Ausländerbeschäftigungsgesetzes nicht. Im Januar 2007 traten Bulgarien und Rumänien der EU bei (Bach/Sterbling 2008). 19 Zu den rechtlichen Gegebenheiten siehe ausführlich 2.1.5. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 47 Auch die Care-Migration selbst wird als transnationale Migration beschrieben (vgl. Gendera 2007; haidinger 2013; Karakayalı 2010; Lutz 2002; Phizacklea 2003; Schilliger 2014; Schilliger 2015a). Derartige Migrationsbewegungen sind dabei weder durch eine einmalige Migration aus dem herkunftsland in ein Zielland charakterisiert noch durch die dauerhafte Rückkehr von MigrantInnen in ihr herkunftsland nach einer längeren Periode der Migration in ein Zielland (Glick Schiller/Basch/ Blanc-Szanton 1992). Vielmehr ist von regelmäßig wiederkehrenden Bewegungen zwischen zwei oder mehr Orten auszugehen. So ist für die ›24-Stunden-Pflege‹ zu beobachten, dass die Careworkers zwei oder drei Wochen in der Wohnung der pflegebedürftigen Person leben, während sie die restliche Zeit in ihrem herkunftsland verbringen. In der Regel werden deshalb pro Pflegehaushalt zwei Careworkers (als sogenannte »live ins« (Anderson 2000)) beschäftigt (einschränkend Bachinger 2010: 409; vgl. 2.1.6). Das heißt, dass mehrere Orte gleichzeitig einen elementaren Bestandteil im Leben der MigrantInnen bilden können (Pries 2001: 49). Für die hier untersuchten Beschäftigungen ist dies jedoch nur eingeschränkt zu beobachten, denn die transnationale Migration wird hier eher als Möglichkeit gesehen, den Lebensmittelpunkt im herkunftsland beibehalten zu können (vgl. Morokvasic 1994). Es wird so tendenziell der Zweck verfolgt, trotz erschwerter Bedingungen ökonomischer teilhabe im herkunftsland zu hause bleiben und dort den Lebensstandard erhalten oder verbessern zu können (ebd.). Dennoch entstehen durch die Care-Migration eigene Sozialräume, in denen sich Netzwerke, Kommunikationen und Lebenspraxen entwickeln (Phizacklea 2003; für Österreich siehe Gendera 2007). Die Arbeit in den haushalten umfasst sowohl Sorge- als auch hausarbeiten; teilweise fallen auch medizinisch-krankenpflegerische tätigkeiten an. Gemäß der eingangs beschriebenen Logik der Abwertung von Carework wird der Arbeit allgemein wenig Attraktivität zugesprochen. Zum einen dient der vergeschlechtlichte Charakter der Arbeit als transmitter für ein besonders machtförmig strukturiertes Verhältnis in den Beschäftigungsverhältnissen. Zur Naturalisierung von Care als spezifisch weiblicher tätigkeit kommt hinzu, dass Carework als schwer standardisierbare tätigkeit kaum systematisiert und vollumfänglich darstellbar ist (vgl. Geissler 2006: 201; hess 2005; Karakayalı 2010; Schilliger 2014). Es ist auch dieser hintergrund, der dazu führt, dass ArbeitgeberInnen die verrichteten tätigkeiten über weite Strecken gar nicht als Arbeit wahrnehmen (so z.B. Bachinger 2009; Federici 2012a: 76f.; Gendera 2007; Gendera/haidinger 2007; Geissler 2006: 200; hess 2005; Karakayalı 2010; Schilliger 2014). Daran ändert auch der Umstand wenig, dass die Arbeit der MigrantInnen häufig vormals unbezahlt erbrachtes Caring österreichischer Frauen ersetzt und von diesen nun als Arbeitgeberinnen begleitet wird (hess 2005). Wo die geleistete Arbeit REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 48 auch als solche wahrgenommen wird, wird sie darüber hinaus häufig, trotz der Existenz auch »freundschaftlicher Machtbeziehungen« (haidinger 2004: 70), dem niedrigen Status von Carework im Privathaushalt entsprechend herabgewürdigt oder ihre Umsetzung wird als unzureichend kritisiert (Caixeta et al. 2004, 2006; haidinger 2012: 414). Asymmetrische Machtkonstellationen werden auch anhand der zu selbst verrichteten Arbeiten differierenden Anforderungen deutlich, denn für hausarbeiten, sofern sie von Dritten formell durchgeführt werden, gestalten diese sich in der Regel höher (Weinkopf 2003: 141). Zum anderen strukturiert der irreguläre Charakter der Beschäftigungen, da er ein »demokratische[s] Defizit in den Arbeitsbeziehungen« (Gather/Geissler/ Rerrich 2002: 11) aufweist, diese als besonders asymmetrische Machtverhältnisse. hiermit korrespondiert, dass den in den haushalten beschäftigten MigrantIn nen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit häufig Eigenschaften der Rückständigkeit, Dummheit, Unzivilisiertheit, usw. angelastet und bildungs- oder klassenspezifische Statusunterschiede vorausgesetzt werden, obgleich diesbezüglich teilweise nur geringe Differenzen bestehen (hess 2005; Karakayalı 2010). Derartige Vorstellungen adaptieren häufig wertend ungleiche ökonomischen Situationen der herkunftsländer (vgl. haidinger 2012: 417ff.). Vor dem hintergrund der geschilderten Arbeitsbedingungen bestehen für die Careworkers besondere Risiken der Marginalisierung. Neben arbeits- und sozialrechtlichen Defiziten, wie sie üblicherweise mit der Irregularität einhergehen20, spielen vorher erworbene berufliche Qualifikationen nur eine untergeordnete Rolle. Selten wird ausgebildetem Krankenpflegepersonal in der ›24-Stunden-Pflege‹ mehr gezahlt als Personen ohne Ausbildung; häufig sind den ArbeitgeberInnen die Qualifikationen der bei ihnen beschäftigten Careworkers nicht einmal bekannt. Zum anderen bestehen Marginalisierungsrisiken auf einer persönlichen Ebene. Die irreguläre Beschäftigung, ebenso wie die 24-stündige Verfügbarhaltung, schränken die Möglichkeiten, während der Arbeitsphasen mit anderen Personen in Kontakt zu treten, stark ein. In der Folge reduzieren sich Kontakte, sofern sie überhaupt gepflegt werden, auf das ethnische Netzwerk. Die transnationale Lebensweise erschwert darüber 20 Für die irregulär Beschäftigten existiert weder ein Kündigungsschutz noch eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, und die fehlende soziale Absicherung der Careworkers bedingt, dass diese bei Krankheit – wenn überhaupt – nur im herkunftsland, nicht aber in Österreich vollständig abgesichert sind. Das gleiche gilt für den Fall der Arbeitslosigkeit. Erst Mitte 2014 richtete man, zunächst bis Ende 2014 befristet, eine Vertretung für irregulär Beschäftigte ein, mit deren Unterstützung Ansprüche auf Entgelt und Sozialleistungen geltend gemacht werden können (siehe http://undok.at [15-03-2016]). Nicht unproblematisch dürften sich solche Verfahren jedoch weiterhin »aufgrund der Beweislagen und schwer aufzutreibender ZeugInnen« (haidinger 2008: 40) erweisen. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 49 hinaus das Aufrechterhalten von Kontakten und Beziehungen im herkunftsland (haidinger 2012: 426f.). Nicht zuletzt müssen eigene Sorge- Bedürfnisse hintangestellt werden, so dass für das Caring der eigenen Kinder oder Pflegebedürftigen wiederum Verwandte oder (unter Bezahlung) Dritte verpflichtet werden müssen. hochschild (2000: 134f.) hat dieses Phänomen in Anlehnung an das Konzept des brain drain mit dem inzwischen empirisch vielfach belegten Konzept des »care drain« gefasst. Unter Abzug verfügbarer Arbeitskraft für Care entstehen ihr zufolge »global care chains«. MigrationsforscherInnen haben vor diesem hintergrund betont, dass diese neue Form der globalen Arbeitsteilung soziale Ungleichheiten produziert, die »along chains of care« transferiert werden (Kofman/Raghuram 2004: 5). 2.1.4 Die (rechts-)politische Auseinandersetzung um die ›24-Stunden-Pflege‹ (2006–2009) Im Zuge des Rückgangs der Dienstbotenbeschäftigung seit Mitte des 20. Jahrhunderts, dem technischen Fortschritt und der zunehmenden Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt hatte man dem Arbeitsplatz Privathaushalt als Ort ›vormoderner‹ Beschäftigung noch sein Absterben prognostiziert (Coser 1973). Mit der Ablösung vom Fordismus lässt sich jedoch Gegenteiliges beobachten. Neben dem Caregiving von Müttern, töchtern oder Ehefrauen ist ein Zuwachs von formellen Beschäftigungen im Privathaushalt auszumachen, darunter nicht nur auf regulärer, sondern ganz maßgeblich auch auf irregulärer Basis (vgl. für den deutschen Kontext Geissler 2010b: 209). In vielen der betroffenen Länder haben arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Diskussionen deshalb die Frage nach der Förderung regulärer Beschäftigungen auf den Plan gerufen. Auf welche Weise verstärkte Anreize für reguläre Beschäftigungen geschaffen werden können – in Form z.B. von Dienstleistungsagenturen oder Pflegepools –, darüber wird etwa in Deutschland schon länger nachgedacht und anhand unterschiedlicher regionaler, landes- oder auch bundesweiter Modelle erprobt (Bittner/Weinkopf 2002; Geissler 2006, 2010a; Karakayalı 2010; Lutz 2009: 44ff.; Pfau-Effinger 2009; Scheiwe/ Krawietz 2010a; Weinkopf 2001, 2003). Für Italien (Dallinger/Eichler 2010: 11; Da Roit 2009; van hooren 2008: 12; Simonazzi 2009: 145f.), Griechenland, Spanien und Portugal (Bettio/Simonazzi/Villa 2006: 275) sind regelmäßig durchgeführte Amnestien nicht nur arbeits-, sondern gleichzeitig auch aufenthaltsrechtlicher Natur charakteristisch. In Österreich wurde die Frage nach Möglichkeiten der Regularisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ – einer »Emersione« (Burroni/Crouch 2008, 456f.), um an dieser Stelle die treffende italienische (und mittlerweile auch im EU-Kontext gebräuchliche) Begriffsverwendung für den REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 50 Wechsel vom arbeitsrechtlich irregulären in den regulären Status einzuführen – parteipolitisch erstmals in den 2000er Jahren thema (Kretschmann 2010a; Schmid 2010). hierfür ausschlaggebend war weniger die Auffassung, dass Regelungsbedarf bestünde als vielmehr, dass organisierte Interessengruppen, namentlich die Interessenvertretungen der Pflege- Berufsgruppen21 und der Ärztekammer, irreguläre Beschäftigungen als problematisch einstuften. Diese Kenntlichmachung initiierte eine breit geführte öffentliche Debatte. Die seit Jahren immer wieder aufflackernde Pflegedebatte hatte sich vor diesem hintergrund ab Ende 2006 auf die Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ verengt. Zwar hatte es in den vorangegangenen Jahren immer wieder vereinzelt kritische Medienberichte über die irregulären Beschäftigungen gegeben, ebenso wie in verschiedenen Bundesländern gelegentlich Personen angezeigt wurden, die ebensolche unterhielten. Doch erst die erwähnten InteressenvertreterInnen und die Ärztekammer vermochten die Frage der gesellschaftlichen Zuständigkeit und Gewährleistung von Care für ältere Menschen zentral in der sozialpolitischen Debatte zu platzieren. Indem sie im Sommer 2006, zeitgleich zum Vorwahlkampf für die Nationalratswahlen, gehäuft Anzeigen wegen irregulärer Beschäftigungen lancierten (vgl. Schmid 2009b) und gleichzeitig einen ›Pflegenotstand‹ innerhalb des regulären Sektors konstatierten, kennzeichneten sie die irregulären Beschäftigungen als Effekt eines unterfinanzierten Pflegesystems, dem es sowohl an ausgebildeten Arbeitskräften wie auch an entsprechenden Arbeitsplätzen fehle. hiermit einhergehende Forderungen betrafen den Ausbau des Pflegesystems im Rahmen der bisher bestehenden Modelle – von heimen, tagesstätten und der mobilen Pflege – sowie die Durchsetzung bestehender Rechtsnormen im Bereich der irregulären Beschäftigungen. Die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ sollte, so die Forderung, anders als bisher konsequent sanktioniert werden, da sie Lohndumping und Qualitätsminderung in der Pflege Vorschub leiste und die bisherigen Professionalisierungserfolge innerhalb der Pflegeberufe gefährde. Die Debatte ließ die irregulären Beschäftigungen in einer Weise öffentlich werden, die ein politisches handeln für die Verantwortlichen unumgänglich machte. hatte die staatliche Strategie bisher darin bestanden, gegenüber den irregulären Beschäftigungen systematisch wegzusehen, so wurde diese Praxis mit der Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ illegitim. 21 Die Fachgruppenvereinigung für Gesundheitsberufe besteht aus VertreterInnen der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GDG), der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft VIDA, der Gewerkschaft der Privatangestellten Druck und Papier (GPA-djp) und der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) unter dem Dach des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 51 Erst die öffentliche Skandalisierung kennzeichnete die Normbrüche mithin als problematisch (vgl. Popitz 1968: 14). Die staatlichen AkteurInnen hatten die ›24-Stunden-Pflege‹ also nicht von sich aus auf der Agenda. Im Regulierungsprozess wurden von daher keine bestehenden Programme präsentiert, vielmehr handelte es sich um spontanes und ungeplantes Experimentieren unter Wahlkampfbedingungen, nachdem Versuche, das thema von der politischen tagesordnung zu drängen, gescheitert waren: Weder überzeugten rhetorische Versuche der Negation eines ›Pflegenotstandes‹22, noch solche der Zurückweisung staatlicher Verantwortung für Care23. Vorwürfe unter anderem gegen den damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und den Bundespräsidenten heinz Fischer, selbst irreguläre Beschäftigungen zu unterhalten24, ließen die Debatte zum Wahlkampfthema avancieren und beschäftigten die Parteien noch die gesamte XXIII. Legislaturperiode. Auch noch bei den vorgezogenen Neuwahlen im Jahr 2008 nahm die thematik eine prominente Rolle ein (Bachinger 2009: 115ff.). Die Regulierung, die in erster Linie einen öffentlichen Skandal und Konflikte eindämmen sollte, war deshalb maßgeblich geprägt durch Strategien und Logiken des Wahlkampfs. Die politischen AkteurInnen waren in diesem Zusammenhang besonders empfänglich für Positionen und Stimmungslagen der öffentlichen Debatte. hierin liegt die Ursache für den inkrementellen Charakter der Regulierung, das heißt für die nur schrittweise Umsetzung der Rechtsetzungen und Novellierungen. Innerhalb der Parteienlandschaft, unter den SozialpartnerInnen sowie den Organisationen der sozialen träger und den SeniorInnenorganisationen sah man die bestmögliche Lösung zur Behebung des Konfliktfalls anders als die Interessengruppen jedoch weniger in der Sanktionierung der irregulären Beschäftigungen, sondern in der Etablierung neuer arbeitsrechtlicher Modelle für Carework (Rudda/Marschitz 2006). Damit war eine rechtspolitische Objektivierung des Phänomens angedacht. Die Regulierung war durch zwei zentrale Aspekte charakterisiert: zum einen durch das Bestreben, mit Ressourcen hauszuhalten, zum anderen durch das hinwegsehen über prinzipielle Strukturprobleme des Pflegesystems. Der politische Leitspruch des damaligen Sozialministers Erwin Buchiger lautete »Legalität, Leistbarkeit und Qualitätssicherung« (Prochazkova/Rupp/Schmid 2008: 2), wobei – wie nachfolgend noch deutlich werden wird –, nur die beiden erstgenannten Aspekte grundlegend berücksichtigt wurden. 22 So geäußert vom damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (Der Standard Online v. 21.08.2006). 23 Ob Kinderbetreuung oder Pflege, man könne nicht bei jedem Problem sofort nach dem Staat rufen, erklärte Schüssel (Kurier v. 13.08.2006). 24 So etwa im Leserbrief von Dr. hans Weiss (Der Standard Online v. 20.08.2006). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 52 Für eine Legalisierung der irregulären Beschäftigungen entschied man sich, weil die Umsetzbarkeit einer systematischen Sanktionierung irregulären Careworks aufgrund des verfassungsrechtlich gesondert berücksichtigten Schutzes der Privatsphäre kaum ohne Weiteres möglich war. Schwer wog auch der Umstand, dass aufgrund des Wahlkampfes den Erwartungen der WählerInnenschaft möglichst entsprochen werden sollte. So entsprach eine Regularisierung in weiten teilen der öffentlichen Meinung. Aussagekräftig ist diesbezüglich, dass sich schon früh einzelne Beamte der KIAB-Dienststellen (Kontrolle illegaler Beschäftigter) weigerten, Fällen irregulärer Beschäftigung von Careworkers weiterhin nachzugehen. So äußerte sich ein Fahnder im Zuge der Pflegedebatte in den Medien: »Diese Einsätze sind uns zutiefst zuwider. Das ist unmenschlich, wir wollen nicht mehr einschreiten.«25 Zudem sah man es als wichtig an, keine Versorgungslücken entstehen zu lassen. Schnell wurde entschieden, dass zumindest der Interessenvertretung der Pflege- Berufsgruppen und der Ärztekammer in ihrer Forderung nach einem größeren Angebot an Arbeitsplätzen im Pflegesektor entsprochen werden musste. Vermieden werden sollte jedoch, den Arbeitsmarkt für ausländische Careworkers generell zu öffnen: Es wurde befürchtet, dass die Mi grantInnen dann ›in Konkurrenz‹ zu inländischen ArbeitnehmerInnen und DienstleisterInnen in den bereits bestehenden Beschäftigungsverhältnissen treten und sich so in der ›24-Stunden-Pflege‹ eine ›Versorgungslücke‹ ergeben würde (so auch vertreten von Rudda/Marschitz 2006).26 Darüber hinaus sollten die alternativ zu den irregulären 25 Kurier v. 05.10.2006. 26 Die ÖVP schlug vor diesem hintergrund zunächst vor, die ›24-Stunden-Pflege‹ nach der Au Pair-Regelung zu regulieren. Der damalige Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Martin Bartenstein sah dagegen in der Senkung der Mindestverdienstgrenze für Schlüsselkräfte in der Pflege von 1.500 auf 1.200 Euro eine Möglichkeit. Die in österreichischen haushalten arbeitenden MigrantInnen aus den ›neuen‹ EU-Ländern könnten, so Bartenstein, auf diese Weise regulär beschäftigt werden (APA OtS v. 08.08.2006). Die rechten Parteien sprachen sich in der Intention, ausländische Arbeitskräfte abzuwehren, am längsten für eine Sanktionierung der irregulären Pflege aus. Die FPÖ schlug zur Schließung der bei einer Eindämmung der irregulären Beschäftigung zu erwartenden Versorgungslücke die Einführung eines verpflichtenden Pflegehalbjahres für MedizinstudentInnen vor. Das BZÖ dachte daran, Arbeitslose zu diesem Zweck umzuschulen. (Den gleichen Vorschlag machte auch der Präsident der Wirtschaftskammer Österreichs, Christoph h. Leitl). Am nächsten kam der schließlich erfolgenden Regelung der Vorschlag von SPÖ und Österreichischem Gewerkschaftsbund (ÖGB), die bisher irregulär Beschäftigten nach dem hausgehilfen- und hausangestelltengesetz zu beschäftigen (Bachinger 2009: 116). Der ÖGB hatte sich in Verteidigung des Normalarbeitsverhältnisses nach anfänglicher Unterstützung der Pönalisierungsforderungen schließlich doch für die Regularisierung der Beschäftigungen ausgesprochen. Mit seinem Vorschlag, ein neues Beschäftigungsmodell mit Entlohnung nach Kollektivvertrag DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 53 Beschäftigungen entstehenden Angebote, sofern die Regulierung als Regularisierung erfolgreich sein sollte, für die Betroffenen finanzierbar bleiben. Das reguläre Versorgungsmodell sollte auf den Erhalt der ohnehin bestehenden Beschäftigungen abzielen, bei gleichzeitiger Vermeidung von Mehraufwand an staatlichen, aber auch an privaten Ressourcen. Um öffentlichen und privaten Mehraufwänden, wie sie bei rechtlichen Regularisierungen durch die in der Regel steigenden Einkommen und die Inklusion in die sozialen Sicherungssysteme anstehen (vgl. Weinkopf 2001, 2003), zu vermeiden, erschien als ein gangbarer Weg, den irregulären Markt bei möglichst geringen Änderungen in eine reguläre Form zu ›transferieren‹. hierfür sprach auch, dass man keine Möglichkeit sah, die irreguläre Praxis kurzfristig durch alternative Angebote zu ersetzen. Man orientierte sich deshalb im Wesentlichen an einer »Rechtfertigung der Praxis« (Bachinger 2009: 123f.). Innerhalb dreier Jahre, im Zeitraum von 2006 bis 2009, wurden für die ›24-Stunden-Pflege‹ zwei Modelle etabliert, eines der selbständigen und eines der unselbständigen Beschäftigung. Damit wurde die ›24-Stunden-Pflege‹ in das übrige Pflegesystem integriert – als eine weitere Leistung am Markt für Care. Ihre Passförmigkeit erhielten die Modelle zum einen durch die nahezu unveränderte Überführung der irregulären in reguläre Beschäftigungen. So ist die rechtliche Regelung vor allem im Bezug auf die Arbeitszeitregelung in ihrer Entgrenzung von Arbeit und Leben so bisher ungesehen (vgl. Binder/Fürstl-Grasser 2008: 4). Dies lässt sich für das Selbständigen- und das Angestelltenmodell konstatieren. Im Angestelltenmodell bleibt etwa, um eine 14-tägige durchgängige ›Betreuung‹ zu ermöglichen, ein Recht auf Pausen und freie tage ausgeklammert (vgl. Scherz 2007: 6), wodurch ein neues, von bisher bestehenden arbeitsrechtlichen Errungenschaften wesentlich abweichendes Arbeitszeitregime entsteht. Das Selbständigenmodell konstruiert demgegenüber abhängige als unabhängige Beschäftigung (vgl. Moritz 2007: 150; Ivansits/Weissensteiner 2008: 397ff.) – mit den aus anderen tätigkeitsbereichen bereits bekannten Konsequenzen für Scheinselbständige (Krenn et al. 2010). Dem Angestelltenmodell wurde dabei von ExpertInnen von Anfang an eine Feigenblattfunktion zugeschrieben, und zwar für die Einführung des sozialversicherungsrechtlich minimal ausgestatteten Selbständigenmodells: Es sei zu erwarten, dass die sozialrechtlich besser abgesicherte Anstellung aufgrund der entstehenden Mehrkosten für die ArbeitgeberInnen in der Praxis kaum Anwendung finden würde. Die Einführung des Angestelltenmodells verschleiere, dass man mit dem Selbständigenmodell scheinselbständige tätigkeiten etablieren wolle. Empirisch betrachtet ist zu entwickeln, vertrat er am ehesten noch die Interessen der ArbeitnehmerInnen (ebd.: 117). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 54 der Anteil der Angestellten gegenüber den Selbständigen denn auch verschwindend gering. Als Ergebnis der rechtlichen Regularisierung entwickelte sich das Selbständigenmodell zur geläufigeren Variante. Regularisierung war und ist gleichbedeutend mit dem Selbständigenstatus (vgl. 2.1.6). Rechtssoziologisch formuliert ist die Einführung des Angestelltenmodells als symbolische Rechtsetzung einzustufen – verstanden im Sinne von Joseph Gusfield (1967) als Produktion von Recht, die vorwiegend aus Rechtfertigungszwecken vorgenommen wird und kaum darauf ausgerichtet ist, auch zur Anwendung zu kommen. Zum anderen wurde der von den Interessengruppen in termini eines ›Pflegenotstands‹ konstatierte Mangel an Pflegefachkräften auf parteipolitischer Ebene auf einen ›Betreuungsnotstand‹ reduziert. Dadurch wurde die Einführung niedriger Qualitätsstandards möglich. Um entsprechend der irregulären Praktiken regularisieren zu können, setzte man auf Dequalifizierung und Entspezialisierung – und damit letztlich auf Deprofessionalisierung. Man argumentierte, es gäbe keinen wie von den Interessenvertretungen der Pflege-Berufsgruppen behaupteten ›Pflegenotstand‹, sondern lediglich einen ›Betreuungsnotstand‹. Damit dequalifizierte man die in den Pflegehaushalten zu verrichtende Arbeit. Da in der ›24-Stunden-Pflege‹ nicht gepflegt, sondern nur betreut werde, bedürfe es auch keiner Qualifikation. Die Entspezialisierung wurde mit der unbezahlten Arbeit von pflegenden Angehörigen in Zusammenhang gebracht, die für dieselbe Arbeit schließlich auch keine Ausbildung vorweisen könnten. Rechtlich wird gleichzeitig zwischen Betreuungsleistungen, hauswirtschaftlichen und pflegerischen tätigkeiten unterschieden. Als so genannte ›Personenbetreuer‹ können die Careworkers auf diese Weise weder unter das hausgehilfen- und hausangestelltengesetz noch unter das Gesundheits- und Krankenpflegerecht subsumiert werden. Im Zuge der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ als ›Betreuung‹ wurde der in der Irregularität bestehende nicht professionalisierte Status der Beschäftigungen so festgeschrieben. Eine derart liberale Ausgestaltung der Beschäftigungen war möglich, weil die durch Anzeigen und Verwaltungsstrafen angestoßene öffentliche Debatte zunächst vor allem auf die Umgehung des Ausländerbeschäftigungsgesetzes gerichtet war und weil Careworkers in der Öffentlichkeit keine Stimme hatten27. Vor diesem hintergrund wurden berufs-, 27 Zentral hängt dies mit der fehlenden Vertretung durch Interessenorganisationen zusammen. Erst nach der Regulierung, im Frühjahr 2009, begann der ÖGB (umgesetzt durch GPA-djp und VIDA), sich mit der slowakischen Konföderation der Gewerkschaftsbünde (KOZ SR) im Rahmen des europäischen Kooperationsprojekts ZUWINBAt konkret über und aktiv für die Belange von Menschen auszutauschen und einzusetzen, deren räumlicher Bezug ein transnationaler ist, unter anderem auch im Bereich der regulären ›24-Stunden-Betreuung‹. Die Interessenvertretung kann, da die meisten Careworkers selbständig beschäftigt sind, jedoch DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 55 arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Fragen, mithin die Interessen der Careworkers, kaum diskutiert (vgl. Bachinger 2009: 116ff.); die Debatte konzentrierte sich einseitig auf die Gewährleistung von Care (Kretschmann 2009a: 12). Damit ähnelte sie anderen politischen Diskussionen zur Frage der Regulierung irregulären Careworks in Europa, die ebenfalls weniger stark im Bereich der Arbeitsmarkt-, sondern der Sozialpolitik stattfinden (Larsen/Joost/heid 2009: 9). Care wird hier vorrangig unter der Fragestellung der Erhöhungen staatlicher transferleistungen und der Pflegequalität diskutiert (ebd.). Diese diskursiven Bedingungen waren es, auf deren Grundlage suggeriert werden konnte, die Regulierung entspreche den Interessen aller Beteiligten (vgl. Kretschmann 2009a, 2009b, 2010b).28 Unberücksichtigt blieb im Zuge der Regulierung des Weiteren, dass die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ nur für einen kleinen teil der Bevölkerung – haushalte mit vergleichsweise hohem Einkommen – leistbar ist. Indem die Regulierung den monetären staatlichen Einsatz nach einem Nullsummenspiel gestaltete, zielte sie weiterhin nur auf diesen »relativ kleinen Kreis von NutzerInnen« (Bachinger 2009: 119). So hat die Regulierung für solche Personen, die finanziell nicht in der Lage sind, die ›24-Stunden-Pflege‹ an eine dritte Person abzugeben, kaum Relevanz. Rechtlich bedeutet dies, dass sich seit Mitte des Jahres 2007 UnionsbürgerInnen regulär, seien sie selbständig oder angestellt, in der ›24-Stunden-Betreuung‹ betätigen können. Bis zum Jahr 2006 gab es für Personengruppen aus den ›neuen‹ EU-Beitrittsländern weder europarechtlich noch nach österreichischem Recht eine Möglichkeit, auf einer regulären Basis längerfristig und regelmäßig in Österreich Carework zu leisten. Erstmals existierte nun ein Modell, nach dem die Careworkers des irregulären Markts ihre tätigkeit auch langfristig und regelmäßig regulär ausüben und nach dem Angehörige von Pflegebedürftigen Careworkers langfristig und regelmäßig regulär beschäftigen können. Zwar konnten sich Selbständige seit dem EU-Beitritt der im Jahr 2004 hinzugekommenen Staaten auf die Dienstleistungsfreiheit als eine der vier Grundfreiheiten der Europäischen Gemeinschaft beziehen, wenn sie in ihrem herkunftsland ein Gewerbe angemeldet hatten. Sie durften seitdem nach Österreich »herüberarbeiten«, wenn die Beschäftigung nur für die kleine Gruppe der Unselbständigen tätig werden. Siehe http://www.zuwinbat.at [15-03-2016]. 28 Maßgeblich kam hierbei ein ökonomisches Argument zum Zug: Aufgrund der zwischen Österreich und der Slowakei bestehenden unterschiedlichen Lohnniveaus existiere für die Careworkers auch nach der Regularisierung noch ein Verdienstvorteil: »Die Nichteinhaltung von arbeits- und sozialrechtlichen Standards und Gesetzen wurde mit den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen und den Einkommensvorteilen (im Vergleich zum Lohnniveau im herkunftsland), die die Pflegekräfte ohnehin genießen, legitimiert.« (Bachinger 2009: 122) REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 56 vorübergehender Natur war, beispielsweise während einer zweiwöchigen Vertretungsphase (vgl. Binder 2008: 64). Vor der Regulierung wiesen jedoch nur vereinzelt Vermittlungsagenturen auf diese Möglichkeit der regulären Beschäftigung hin.29 Entscheidender ist, dass die genannte Form der Beschäftigung – abseits der öffentlichen Debatte stehend und von den politischen Verwaltungen ausgeklammert – in Österreich unter Beschäftigten und ArbeitgeberInnen weitgehend unbekannt war, und dass sie deshalb keine übliche Praxis darstellte.30 Dass diese Möglichkeit nur selten genutzt wurde, mag seinen Grund zudem in der allgemeinen Wahrnehmung von Carework als abhängiger Beschäftigung gehabt haben. Die Definition der ›24-Stunden-Pflege‹ als vorrangig selbständig ausgeübter tätigkeit kristallisierte sich erst als Ergebnis der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ zwischen 2006 und 2008 heraus und wurde in der Folge vielfach als Scheinselbständigen-Regelung kritisiert (so z.B. Bachinger 2009; Gendera 2011; Ivansits/Weissensteiner 2008; Moritz 2007: 150; Kretschmann/Pilgram 2012: 397ff.). Das mit der Regulierung entwickelte, heute gültige Konstrukt, welches die ›24-Stunden- Pflege‹ als selbständige tätigkeit rahmt, wäre denn auch kaum ohne eine institutionell durchgesetzte Definition aufrechtzuerhalten gewesen. So schreiben Caixeta et al. (2004: 23) noch vor der Regulierung, dass das ›herüberarbeiten‹ als selbständige DienstleisterIn auch von den Möglichkeiten abhängig ist, sich problemlos »als solche im jeweiligen herkunftsland etablieren zu können«.31 Die Regulierung der vormals irregulären Beschäftigungen hatte somit zwei wesentliche Schwerpunkte: Zum einen wurden rechtliche 29 Fälschlicherweise bezog man sich dabei anstatt auf die Dienstleistungsfreiheit (bis zum 1.12.2009 nach Primärrecht Art. 49 EGV, ab dem1.12.2009 nach Art. 56 AEUV) auch immer wieder auf die in Österreich erst seit Ende 2009 im Umsetzungsprozess begriffene EU-Dienstleistungsrichtlinie. 30 Zu vernachlässigen ist auch, dass Careworkers vor der Regulierung vereinzelt als haushaltshilfen vermittelt wurden, denn streng genommen war auch dies irregulär, da nicht allein haushaltstätigkeiten ausgeführt wurden. Bei dieser Form der Vermittlung wurden Personen von einer Firma innerhalb eines ›neuen‹ EU-Landes auf Werkvertragsbasis oder innerhalb eines Anstellungsverhältnisses entsendet. Dabei wurde ein Vertrag zwischen dem entsendenden Unternehmen und den DienstleistungsempfängerInnen geschlossen. Steuern und Sozialabgaben wurden in dem Land gezahlt, von dem aus Arbeitskräfte entsendet wurden. 31 Die Dienstleistungsfreiheit dürfte in Zukunft jedoch öfter in Anspruch genommen werden. Denn seitdem Österreich mit der Regularisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ seine Rechtslage geändert hat, lässt sich eine Konkretisierung der diesbezüglichen Gesetzgebung auch in denjenigen Ländern beobachten, aus denen eine Vielzahl derjenigen Personen kommt, die im Bereich persönlicher Dienstleistungen in Österreich arbeiten. Für das Jahr 2008 wurde beispielsweise eine Novelle zur slowakischen Gewerbeordnung erarbeitet, »in der tätigkeiten der Sozialdienstleistungen im Bereich der Personenbetreuung explizit als Gewerbe angeführt werden« DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 57 Beschränkungen für den bis dato irregulären Markt aufgehoben. Zum anderen wurde die rechtliche Inklusion eines vormals nicht durch das Recht eingefassten Bereichs vorgenommen. Die Regulierung war damit nur insofern eine Regularisierung, wie mit ihr vormals irreguläre Beschäftigungsverhältnisse in eine reguläre Form überführt werden sollten. 2.1.5 Rechtliche Ausformungen der Regulierung Wenn rechtliche Regulierungen, wie hier, als Reaktionen auf mitunter skandalisierend und moralisierend vorgetragene Regelungsbedürfnisse vorgenommen werden, folgen Gesetzesinitiativen nicht selten populistischen Bedürfnissen und Rationalitäten. Ohne Recht verkürzt als Instrument zu begreifen, auf das politische AkteurInnen einen unmittelbaren Zugriff haben, lässt sich mit Luhmann (1993: 81) bemerken, dass es in derartigen Kontexten doch so eingesetzt werden kann, dass es droht, korrumpiert zu werden. Die Normgenese orientiert sich dann nicht mehr so sehr an rechtsstaatlichen Verfahren der Rechtsherstellung; es dominiert vielmehr der ›kleine Ausnahmezustand‹: Recht wird über Ausnahmeregelungen entwickelt und/oder als Ausnahme in Recht gesetzt. Wenn Rechtsetzungen und Novellierungen die nötige Vorlaufzeit fehlt, um Informationen über die zu regulierenden sozialen Phänomene einzuholen und abzuwägen, entbehren neu geschaffene Gesetze eines reflexiven Entwicklungsprozesses, dessen Fehlen die Rechtmäßigkeit neuen Rechts tendenziell in Zweifel ziehen kann (ebd.). Es sind vor allem solche Rechtsentwicklungen, bei denen Rechtsetzung und Implementation teilweise verschmelzen (vgl. De Bakker 2003: 222): Gesetze werden dann an der Realität erprobt; der Reflexionsprozess gleichsam nachgelagert. Mögliche unintendierte Wirkungen und Effekte werden anschließend mittels rechtlicher Nachbesserungen ausgeglichen. Eine solche Charakteristik ist auch der hier zu betrachtenden Regulierung zuzusprechen. hervorzuheben ist dabei die Fragmentierung des Prozesses der Rechtsetzung, der von Oktober 2006 bis Oktober 2008 reichte. Die letzten Gesetze und Verordnungen traten Anfang 2009 in Kraft. Unter anderem mit der Verordnung zur Ausländerbeschäftigung, dem Pflege-Übergangsgesetz, dem hausbetreuungsgesetz, dem Gesundheitsberufe-Rechtsänderungsgesetz, dem Pflege-Verfassungsgesetz und schließlich der Änderung des Bundespflegegeldgesetzes und des Bundesfinanzgesetzes wurden zeitversetzt Änderungen im Fremdenrecht, im Arbeits- und Steuerrecht, im (Wirtschaftskammer 2010b: 2). Die bereits vor der Regulierung bestehende Möglichkeit, Carework in der Slowakei als Gewerbe anzumelden, wird mit der Konkretisierung der slowakischen Gewerbeordnung somit gesetzlich noch einmal unterstrichen. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 58 Sozialversicherungsrecht und im Verfassungsrecht vorgenommen. Aufgrund der hier vorliegenden inkrementalen Rechtsentwicklung ist davon auszugehen, dass sich Rechtsentwicklungen und Rechtswirkungen teilweise gegenseitig bedingten. Die einzelnen Schritte der Regulierung sind untenstehend in einer Zeitleiste (tab. 1) zusammengefasst und werden nachfolgend eingehend systematisch beschrieben. Vorweggenommen sei an dieser Stelle, dass mit der Regulierung ein Gesetzespaket entstand, das es allen Unionsbürger- Innen auf selbständiger oder angestellter Basis ermöglicht, Personen in Privathaushalten zu ›betreuen‹ und unter bestimmten Voraussetzungen auch zu ›pflegen‹.32 Gesetz Kundmachung in Kraft außer Kraft Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung (BGBl. II Nr. 405/2006) 25.10.2006 01.11.2006 - Übergangsbestimmungen bis zur Neuregelung der Pflege (Pflege-Übergangsgesetz) (BGBl. I Nr. 164/2006) 22.12.2006 23.12.2006 30.06.2007 hausbetreuungsgesetz – hBeG und Änderung der Gewerbeordnung 1994 (BGBl. I Nr. 33/2007) 29.06.2007 01.07.2007 - Verordnung des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit über Maßnahmen, die Gewerbetreibende, die das Gewerbe der Personenbetreuung aus- üben, zur Vermeidung einer Gefährdung von Leben oder Gesundheit bei der Erbringung ihrer Dienstleistung zu setzen haben (BGBl. II Nr. 152/2007) 02.07.2007 01.07.2007 - Änderung des Bundespflegegeldgesetzes (BGBl. I Nr. 34/2007) 29.06.2007 01.07.2007 - 32 Die Welt der Gesetzestexte ist männlich. Um die Rechts- und Verwaltungstermini korrekt bezeichnen zu können, wird die geschlechtergerechte Schreibweise in diesem Abschnitt ausgesetzt. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 59 Änderung des Pflege-Übergangsgesetzes (BGBl. I Nr. 50/2007) 31.07.2007 01.07.2007 31.12.2007 Änderung des Bundespflegegeldgesetzes und des Bundesfinanzgesetzes 2007 (BGBl. I Nr. 51/2007) 31.07.2007 01.07.2007 - Standes- und Ausübungsregeln für Leistungen der Personenbetreuung (Verordnung) (BGBl. I Nr. 278/2007) 12.10.2007 15.10.2007 - Pflege-Verfassungsgesetz (BGBl. I Nr. 43/2008) 26.02.2008 26.02.2008 30.06.2008 Gesundheitsberufe-Rechts- änderungsgesetz 2007 (BGBl. I Nr. 57/2008) 09.04.2008 10.04.2008 - Verordnung des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit, mit der die Ausländerbeschäftigungsverordnung geändert wird (BGBl. II Nr. 291/2008) 13.08.2008 13.08.2008 - Änderung des Bundespflegegeldgesetzes (BGBl. I Nr. 128/2008) 20.10.2008 01.01.2009 - Änderung der Einstufungsverordnung zum Bundespflegegeldgesetz (BGBl. II Nr. 469/2008) 16.12.2008 01.01.2009 - Zeitleiste: Rechtsetzungen und Novellierungen Tab. 1 Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung Mit der Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung (AuslBVO; BGBl. II Nr. 405/2006; in Kraft 01.11.2006) wurden zuallererst die Übergangsbestimmungen der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit für solche Menschen, die in Privathaushalten Pflege- und Betreuungsarbeit leisteten, aufgehoben. Für die Regularisierung wurde die Änderung notwendig, weil Österreich für Bürger außerhalb der EU- 15-Gruppe im Rahmen der Übergangsbestimmungen entsprechende Beschränkungen des Arbeitsmarktzugangs aufrecht erhielt (Schuhmacher/ Peyrl 2006: 68). Gemeint sind alle Unionsbürger, die im Rahmen der REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 60 letzten zwei EU-Erweiterungen aufgenommen wurden, mit Ausnahme von Malta und Zypern. Für die Slowakei wurden die Übergangsregelungen allerdings im Jahr 2011 aufgehoben; für Rumänien und Bulgarien galten sie noch bis 2014. Personen aus diesen Ländern benötigten, sofern sie ein Gewerbe in Österreich nach nationalem Recht anmelden oder sich dort anstellen lassen wollten, jedoch bereits mit Änderung der AuslBVO keine Beschäftigungsbewilligung nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz (AuslBG) mehr. Die Problematik der Beschäftigung eines Ausländers ohne Arbeitsgenehmigung entfiel somit. Zuvor waren gegen den Arbeitgeber nach § 28 AuslBG für die Beschäftigung eines jeden unberechtigt beschäftigten Ausländers 1.000 bis 10.000 Euro, im ersten und weiteren Wiederholungsfall 2.000 bis 20.000 Euro Geldstrafe wegen Verwaltungsübertretung zu verhängen gewesen. Erfolgte für den Arbeitgeber innerhalb eines zweijährigen Zeitraums dreimalig eine rechtskräftige Bestrafung gemäß § 28 Abs. 1 Z 1, so konnte diesem nach § 30 AuslBG für maximal ein Jahr untersagt werden, Ausländer zu beschäftigen, wobei hiervon bestehende Beschäftigungsverhältnisse ausgenommen waren (Schumacher/Peyrl/Neugschwendter 2012: 257f.). Für den Ausländer waren keine Verwaltungsstrafen zu verhängen. Bedingung für die Ausnahme aus dem Ausländerbeschäftigungsgesetz, wie sie mit der Änderung der AuslBVO in Kraft tritt, ist allerdings, dass die Careworkers direkt im Privathaushalt, bei den Angehörigen der gepflegten Person oder bei einer inländischen Firma angestellt sind oder aber einer Person oder der Firma ihre Dienstleistungen direkt anbieten. Zunächst galt, dass die zu pflegende Person mindestens Pflegegeldstufe 3 nach dem Bundespflegegeldgesetz (BPGG) oder dem Landespflegegeldgesetz (LandespflegegeldG) oder eine bundeslandspezifische vergleichbare Leistung erhalten muss, damit die geänderte Ausländerbeschäftigungsverordnung Anwendung finden kann. Später wurde diese Regelung mit der Verordnung zur Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung (BGBl. II Nr. 291/2008) jedoch auf demenzerkrankte Personen der Pflegestufen 1 und 2 ausgeweitet. Auch, dass die Sozialversicherung in Österreich zu zahlen ist, wurde im Rahmen dieser Änderung der AuslBVO festgelegt. Die Regelung der fremdenrechtlichen Fragen sorgte für eine Gleichstellung von europäischen und österreichischen Staatsbürgern in arbeitsrechtlicher hinsicht – jedoch mit Einschränkungen bestimmter, sich aus der Beschäftigung ableitender sozialer Rechte. Betroffen hiervon waren ›Personenbetreuer‹ aus Ländern, für die noch EU-Übergangsfristen galten (siehe oben). So waren Angestellte wie Selbständige in Österreich aus diesen Ländern von der Absicherung des Risikos der Erwerbslosigkeit ausgeschlossen: Auf Arbeitslosengeld und Mindestsicherung konnten sie nicht zurückgreifen, da sie aufgrund der für sie geltenden DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 61 beschäftigungsrechtlichen Beschränkungen dem Arbeitsmarkt nicht uneingeschränkt zur Verfügung standen und so die Voraussetzungen für Arbeitslosengeld (bei ehemals Angestellten) und Mindestsicherung (bei Selbständigen) nicht erfüllten. Neben dem fehlenden Anspruch auf monetäre Leistungen im Fall der Erwerbslosigkeit implizierte dies auch das herausfallen aus der Krankenversicherung bei ruhendem oder abgemeldetem Gewerbe. Es entstand auf diese Weise ein Arbeitsbereich, in dem die Betroffenen trotz eingezahlter Sozialversicherungsbeiträge über keinerlei Absicherung gegenüber dem Risiko der Arbeitslosigkeit verfügten.33 hausbetreuungsgesetz und Änderung der Gewerbeordnung Entgegen dem Gesundheits- und Krankenpflegerecht, dem zufolge pflegerische tätigkeiten nur von qualifizierten Personen auszuführen sind, sofern es sich nicht um Familienangehörige handelt, erfolgte das Caring nach der bis dahin bestehenden Gesetzeslage faktisch noch weiterhin widerrechtlich durch Personen ohne (anerkannte) Qualifikation. Erst über ein halbes Jahr nach Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung, im Juni 2007, wurde mit dem hausbetreuungsgesetz (hBeG) und der Änderung der Gewerbeordnung 1994 (BGBl. I Nr. 33/2007; in Kraft 01.07.2007) festgelegt, dass das Betreuen ohne Qualifikation in den Privathaushalten der zu Pflegenden beziehungsweise ihrer Angehörigen im Rahmen der ›24-Stunden-Pflege‹ sowohl auf selbständiger wie auch auf angestellter Basis erlaubt ist.34 Die AuslBVO bezieht sich sowohl auf Pflege als auch auf Betreuung, weil zum Zeitpunkt der Verabschiedung des 33 Der Zugang zu bestehenden Rechten wird teilweise auch durch die Behördenpraxis erschwert. Probleme ergeben sich hier beim Zugang zu Sozialleistungen im Fall einer längeren Unterbrechung der Arbeit, wie am Beispiel der Karenzzeit erläutert werden soll. Können Careworkers kein (regelmäßiges) Einkommen vorweisen, wird ihnen trotz eines gegenteiligen Beschlusses der Kommission der EU (damals EG-Kommission) für die soziale Sicherheit der Wanderarbeitnehmer (Be (Kom) 2006/442/EG) (dieser besagt, dass Mutterschaft mit Erwerbstätigkeit gleichzusetzen ist) vom österreichischen Finanzamt und der Sozialversicherungsanstalt das Recht auf Familienbeihilfe abgesprochen. Da diese Praxis mit dem Verlust der Krankenkassenmitgliedschaft einhergeht, können die Careworkers so nicht nur auf die ihnen zustehenden Gelder nicht zugreifen, sondern entbehren für sich und ihre Kinder einer Krankenversicherung. Viele der derart betroffenen Careworkers melden sich deshalb in der Slowakei freiwillig arbeitslos. Die Anmeldung dient den österreichischen Behörden wiederum als weiteres Argument, um den Anspruch zu negieren. Die Praxis der österreichischen Behörden, die Zustellung amtlicher Mitteilungen in die Slowakei zu verweigern, erschwert darüber hinaus die Einhaltung von Ein- und Widerspruchsfristen. 34 Dass selbständige ›Personenbetreuer‹ Pflegebedürftige in ihrem eigenen haushalt aufnehmen, ist jedoch ausgeschlossen (Binder 2008: 21). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 62 Gesetzes noch unklar war, ob die nachfolgenden rechtlichen Einfassungen auch die Pflege mit einbeziehen würden. Im hBeG ist nun nur noch die Betreuung erfasst. Reguliert wird an dieser Stelle insofern die Versorgung betreuungs-, nicht aber pflegebedürftiger Personen.35 Da qualifizierte Pflegetätigkeiten den Pflegeberufen vorbehalten bleiben sollten (Bachinger 2010: 405), wurde die Betreuung nicht im Gesundheits- und Krankenpflegerecht geregelt. Stattdessen wurde ein gänzlich neues Gesetz verabschiedet: das zum teil auf dem hausgehilfen- und hausangestelltengesetz (hGhAG, BGBl. Nr. 235/1962) beruhende und für Selbständige und Angestellte gleichermaßen geltende hausbetreuungsgesetz (hBeG) (vgl. Scherz 2007: 6). Laut der ersten Fassung des hBeG umfasst die Betreuung ganz in diesem Sinne gerade keine tätigkeiten, die unter das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG, BGBl. I Nr. 108/1997) fallen, sondern »hilfestellung insbesondere bei der haushalts- und Lebensführung« (hBeG § 1 Abs. 3 Z 1) sowie sonstige Anwesenheit aufgrund von Betreuungsbedürftigkeit. Darunter fallen erstens haushaltsnahe Dienstleistungen wie die Zubereitung von Mahlzeiten, Besorgungen, Reinigungstätigkeiten, hausarbeiten und Botengänge, das Lüften, die Betreuung von tieren und Pflanzen sowie die Wäscheversorgung (Waschen, Bügeln, Ausbessern). Zweitens betrifft dies die Unterstützung bei der Lebensführung, insbesondere die Gestaltung des tagesablaufs, die hilfestellung bei alltäglichen Verrichtungen, sowie drittens die Gesellschafterfunktion. Diese beinhaltet das Gesellschaftleisten, Konversationen, die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Kontakte, die Begleitung bei diversen Aktivitäten und die Führung des haushaltsbuchs mit Aufzeichnungen über für die betreute Person getätigte Ausgaben. Angestellte Für Angestellte in Privathaushalten oder bei Wohlfahrtsverbänden gilt, dass nach einer maximal 14-tägigen Schicht eine ebenso lange Freizeit zu gewähren ist. In der »Freizeitperiode« darf auch nicht in einem anderen haushalt gearbeitet werden (Moritz 2007). Weiter ist die Unterbringung der Arbeitskraft im Privathaushalt während der Zeit der Betreuung gesetzlich geregelt. Zudem wird eine Mindestarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche festgelegt. Auch die Regelung, dass im längsten Fall 128 Stunden pro Woche (inklusive Bereitschaft) mit drei Stunden Pause täglich gearbeitet werden darf (zweimalig ist darin eine halbstündige Pause am Stück zu gewähren), hat ihren Geltungsbereich nur für die Gruppe der Angestellten. hält sich die angestellte Arbeitskraft länger in dem haus der/des Pflegebedürftigen auf, gilt dies nicht als Arbeit. Zwar 35 Als Konsequenz können Arbeitnehmer aus diesen Ländern »daher auch als Pflegekräfte ohne Beschäftigungsbewilligung beschäftigt werden, die aber nicht unter das hBeG, sondern unter das hGhAG fallen« (Binder 2008: 61f.). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 63 macht das hBeG Anleihen bei dem arbeitsrechtlich relativ gut abgesicherten hGhAG. Das Recht auf Pausen und freie tage wurde im hBeG jedoch eigens noch einmal reduziert. Die im hausgehilfen- und hausangestelltengesetz festgeschriebenen freien Sonntage oder freien halbtage wurden explizit herausgenommen (vgl. Scherz 2007: 6). Dadurch wird nicht nur eine 14-tägige durchgängige Betreuung ermöglicht, sondern gleichzeitig »ein eigenständiges Arbeitszeitmodell geschaffen, das von den bestehenden Arbeitszeitregelungen in wesentlichen Bestimmungen abweicht« (Binder/Fürstl-Grasser 2008: 4). Während die Bezahlung bei den Selbständigen individuell ausgehandelt wird, erfolgt die Entlohnung im Angestelltenverhältnis ab dem 01.01.2009 nach bundeslandspezifisch festgelegten Mindestlöhnen.36 Die meisten der arbeitszeitrechtlichen Regelungen bestehen demnach nur für die Gruppe derer, die nach den Bestimmungen des hBeG als Angestellte arbeiten. Selbständige Für die Mehrzahl der Careworkers – dies sind die als ›Personenbetreuer‹ selbständig Gewerbetreibenden –, sind naturgemäß keinerlei arbeitszeitrechtliche Standards festgelegt (Binder 2008: 19). Jene Aspekte im hBeG, die sich vom hGhAG ableiten, gelten für sie nicht. Lediglich die Bestimmungen über die Qualitätssicherung und die geänderte Gewerbeordnung (GewO), die §§ 159 und 160, legen im hBeG Rechtsnormen für sie fest. Das HBeG mit seiner Novelle zur Gewerbeordnung ist das zentrale Gesetzeswerk für die rechtliche Regelung der arbeits-, sozial- und berufsrechtlichen Grundlagen für die ›Personenbetreuung‹. Es ermöglicht jedoch keineswegs erstmalig die Ausübung eines Gewerbes als ›Personenbetreuer‹, sondern »präzisiert« mit den hier gesetzten Vorschriften im hBeG lediglich die bereits bestehenden gewerblichen Regelungen (Binder 2008: 141) (siehe auch 2.1.4). Im Falle selbständiger tätigkeit ist ein freies Gewerbe anzumelden und sich bei der gewerblichen Sozialversicherungsanstalt zu versichern (Schmid 2009a: 125). Entsprechend dem Charakter selbständiger tätigkeit entstehen insofern »keine Ansprüche auf einen bestimmten Mindestlohn, auf Urlaub, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall usw.« (Schön et al. 2008: 23). Das 36 In Wien etwa war zum Zeitpunkt der Regulierung für Kranken- und Altenbetreuer ohne (anerkannte) Qualifikation vom 1. bis 5. Berufsjahr eine monatliche Mindestsumme von 1.068 Euro auszuzahlen. Ab dem 5. Berufsjahr und ab dem 11. Berufsjahr erfolgte noch einmal eine Lohnerhöhung. Für Betreuungsarbeiten zwischen 22.00 Uhr und 6.00 Uhr waren monatlich zusätzlich 430,30 Euro zu veranschlagen. Weiter bestand Anspruch auf eine Weihnachtsremuneration in der höhe eines Monatsbezugs und auf einen Urlaubszuschuss, der gemäß § 9 hGhAG zu berechnen ist (BGBl. II Nr. 377/2009). Für eine Übersicht über die aktuellen tarife siehe http://www.kollektivvertrag.at/kv/mindestlohntarif-fuer-im-haushaltbe schaeftigte-oesterreich-arb [15-03-2016]. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 64 Selbständigen-Modell wird in der rechtswissenschaftlichen Literatur allerdings als rechtswidrig kritisiert, da die tätigkeit alle Merkmale einer abhängigen Beschäftigung aufweist. Laut Sebastian Schumacher, Johannes Peyrl und thomas Neugschwendter (2012: 262) gilt eine tätigkeit als selbständig, wenn einige der folgenden Kriterien vorliegen: »Fehlen der persönlichen Abhängigkeit vom Auftraggeber (Dispositionsfreiheit hinsichtlich Arbeitsort, -zeit, und arbeitsbezogenes Verhalten), kein Weisungsrecht des Auftraggebers, eigene Betriebsstätte und Betriebsmittel, Vertretungsbefugnis (d.h. der Werkunternehmer kann das Werk auch von einer anderen Person ausführen lassen), mehrere Auftraggeber bzw. Kunden, herstellung eines konkretisierbaren Werkes«. All dies ist der einschlägigen Literatur zufolge im Fall der Personenbetreuung nicht gegeben (z.B. Moritz 2007: 150; Ivansits/Weissensteiner 2008: 397ff.). Arbeitgeber und Dienstgeber Zusätzlich wurde festgelegt, dass Arbeitgeber und Dienstgeber neben den Pflegebedürftigen auch deren Angehörige sein können, wobei die Definition von Angehörigen im hBeG bewusst weit gefasst wurde. Denn das hBeG definiert nicht, wer als Angehöriger gilt, und auch auf andere Rechtsvorschriften wird nicht verwiesen. Weiter können auch soziale Dienste und auf Gewinn ausgerichtete Organisationen, wie die Vermittlungsagenturen es sind, als Arbeitgeber oder Dienstgeber auftreten. Unwesentlich ist dabei, ob diese ihren Sitz in Österreich oder im Ausland haben (vgl. Binder 2008: 30ff.). Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die Beschäftigungsverhältnisse zumeist von Dritten eingerichtet und betreut werden, namentlich den Familienangehörigen, Bekannten oder den Vermittlungsagenturen. Erweiterung des Geltungsbereichs der ›Personenbetreuung‹ im HBeG und in der AuslBVO In der Novelle zur AuslBVO war es Unionsbürgern nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft bisher nur gestattet worden, Pflege- und Betreuungsleistungen im Privathaushalt auszuführen, sofern die Pflegebedürftigen mindestens über Pflegestufe 3 verfügen. Mit Einführung des hBeG und der Änderung der Gewerbeordnung erweiterte man diesen Geltungsbereich: Im hBeG wurde festgelegt, dass auch solche Pflegebedürftigen, die nur in Pflegestufe 1 oder 2 eingestuft sind, aber aufgrund einer Demenz ständiger Betreuung bedürfen, nun eine ›Personenbetreuung‹ in Anspruch nehmen dürfen. Begründet wurde diese Ausweitung mit den erhöhten Anforderungen, die eine demenzgerechte Betreuung an Carework stellt. Zunächst waren mit dieser Regelung jedoch nur Personen der EU-15-Staaten angesprochen. Erst mit der Verordnung zur Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung (BGBl. II Nr. 291/2008) (siehe oben) erhielt sie auch für die ›neuen‹ EU-Bürger Gültigkeit. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 65 Vermittlung von ›Personenbetreuern‹ Die Änderung der Gewerbeordnung umfasst zudem die Vermittlung von ›Personenbetreuern‹. Vorgenommen wird auf diese Weise eine teil-Regularisierung für die Praxen der Vermittlungsagenturen. ›Amnestie‹ und Amnestie Fast zeitgleich mit der Änderung der Ausländerbeschäftigungsverordnung, also ab Ende 2006, wurde das Pflege-Übergangsgesetz verabschiedet (BGBl. I Nr. 164/2006; in Kraft 23.12.2006). Alltagssprachlich wurde es als ›Amnestie‹ bezeichnet, weil mit ihm bis Ende Juni 2007 (außer Kraft 30.6.2007) bestimmte Verwaltungsstrafbestimmungen des Arbeitsund Sozialversicherungsrechts ausgesetzt wurden, um eine Übergangslösung bis zur Neuregelung der ›24-Stunden-Pflege‹ zu schaffen. Die hemmschwelle für die (gewerbliche) Anmeldung der vormals irregulären Beschäftigungsverhältnisse sollte so gesenkt werden.37 Mit der Änderung des Pflege-Übergangsgesetzes Ende Juli 2007 (BGBl. I Nr. 50/2007; in Kraft 01.07.2007) wurde die ›Amnestie‹ bis einschließlich 31.12.2007 noch einmal verlängert, weil einen Monat nach Einführung des hBeG immer noch geringe Anmeldezahlen zu verzeichnen waren. Die eigentliche Amnestie – der Straferlass – wurde jedoch im Pflege- Verfassungsgesetz (BGBl. I Nr. 43/2008) geregelt: Diese erst Ende Februar 2008 (in Kraft 26.02.2008), zwei Monate nach Ablauf der ›Amnestie‹ entstandene Regelung legte fest, dass alle zu dieser Zeit laufenden Verfahren bezüglich einer unangemeldeten Arbeit im Bereich der Personenbetreuung einzustellen sind, wenn die tätigkeit vor dem 01.01.2008 beendet wurde. Einzustellen war ebenfalls, wenn im Falle einer Überprüfung durch Sozialversicherungsträger oder Finanzverwaltungen die im Zeitraum vom 01.01.2008 bis 30.06.2008 erbrachten tätigkeiten unverzüglich, spätestens aber bis zum 31.07.2008 angemeldet wurden. Das Pflegeverfassungsgesetz war Resultat der Diskussionen um die ›fehlende‹ Aussetzung zivilrechtlicher Ansprüche im Pflege-Übergangsgesetz. Während die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen durch die Aussetzung der Verwaltungsstrafbestimmungen des Arbeits- und Sozialversicherungsrechts vor Verwaltungsstrafen geschützt waren, konnten Careworkers weiterhin mit möglichen Nachforderungen in Bezug auf die Sozialversicherung, auf die Einkommensdifferenz zu den bestehenden tarifen des Kollektivvertrags und in Bezug auf das 13. und 14. 37 Konkret wurden vier Verwaltungsstrafbestimmungen ausgesetzt: § 23 des hGhAG (BGBl. Nr. 235/1962), § 13 des Bundesgesetzes zur Vereinheitlichung des Urlaubsrechts und der Einführung der Pflegefreistellung (BGBl. Nr. 390/1976), § 22 des Arbeitskräfteüberlassungsgesetzes (BGBl. Nr. 196/1988) sowie die §§ 111-113 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 66 Monatsgehalt belastet werden. Das Pflegeverfassungsgesetz setzte diese zivil- beziehungsweise arbeits- und sozialrechtlichen Ansprüche der Careworkers außer Kraft (vgl. Bachinger 2010: 405f.). Erst ab dem 01.01.2008 waren Verstöße gegen die Melde-, Anzeige- und Auskunftspflicht gemäß § 111 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) wieder von der Bezirksverwaltungsbehörde zu bestrafen. Im Selbständigenmodell betrifft dies die Careworkers, im Angestelltenmodell die Arbeitgeber. Die Behörde ist allerdings ermächtigt, »bei einem erstmaligen ordnungswidrigen handeln, gering fügigem Verschulden und unbedeutenden Folgen die Geldstrafe herabzusetzen« (Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz 2009: 36). Im Falle negativer Sanktionierung müssen selbständige Careworkers zusätzlich Sozialversicherungsleistungen nachzahlen. Diese sind in ihrer höhe abhängig von der Dauer der Beschäftigung. Die Krankenkasse kann sie bis zu fünf Jahre rückwirkend unter eigenständiger Vorschreibung des Beitragssatzes pflichtversichern (Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz 2009: 36f.). Zudem werden gemäß § 113 ASVG von den Gebietskrankenkassen Beitragszuschläge erhoben, »wenn die Anmeldung zur Sozialversicherung nicht oder verspätet erstattet, das Entgelt nicht oder verspätet gemeldet oder ein zu niedriges Entgelt gemeldet wird, bzw. wenn Fristen für die Vorlage von Versicherungs- oder Abrechnungsunterlagen nicht eingehalten werden« (Ders. 2009: 36f.). Auch hier ist die höhe abhängig von der Art des Verstoßes, aber auch von der ökonomischen Situation der den Normverstoß begehenden Person. Gesundheitsberufe-Rechtsänderungsgesetz Ein knappes Jahr nach Einführung des hBeG, im Frühjahr 2008, wurde an diesem noch einmal eine Änderung vorgenommen – mittels des Gesundheitsberufe-Rechtsänderungsgesetzes (GesBRÄG; BGBl.  I Nr. 57/2008; in Kraft 10.04.2008). War im hBeG festgelegt gewesen, dass die Arbeit keine tätigkeiten umfasst, die unter das Gesundheitsund Krankenpflegerecht fallen, so wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen für pflegerische tätigkeiten mit dem GesBRÄG nun so geändert, dass nach dem hBeG unter bestimmten Voraussetzungen genau solche tätigkeiten durchgeführt werden dürfen. Um pflegerische tätigkeiten handelt es sich, wenn »Umstände vorliegen, die aus medizinischer Sicht für die Durchführung durch Laien (also Personenbetreuer/innen) eine Anordnung durch einen/n Angehörige/n des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege erforderlich machen« (Binder 2008: 51). hans Binder stellt weiter fest: »Daraus ist der Umkehrschluss zu ziehen, dass diese tätigkeiten durch Personenbetreuer/innen auch ohne DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 67 Anordnung solange ausgeübt werden können, als keine medizinische Indikation vorliegt.« (ebd.: 51) Mit dem GesBRÄG wurde darauf eingegangen, dass viele tätigkeiten durch die ›Betreuung‹ nach dem hBeG nicht abgedeckt waren, da die Careworkers auch pflegerische Aufgaben übernahmen, obwohl die Pflege im Gegensatz zur Betreuung eine spezifische Qualifikation erfordert. Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit wurde der Begriff der Betreuung im GesBRÄG ausgeweitet. Möglich wurde dies, weil pflegerische tätigkeiten zu Unterstützungsleistungen umdefiniert wurden. Fortan ist die ›hilfe‹ bei oraler Nahrungs- und Arzneimittelaufnahme, Körperpflege, An- und Ausziehen, toilettenbenutzung, Aufstehen, Setzen und Bewegen mit dem Begriff der ›Betreuung‹ erfasst. Es wird jedoch – um nur ein Beispiel zu nennen – bei der oralen Nahrungs- und Arzneimittelaufnahme unterstützt, nicht aber Medizin oder Nahrung verabreicht. Rechtlich lässt sich so weiterhin von Betreuung sprechen, obwohl de facto pflegerische tätigkeiten ausgeführt werden. Nur dann, wenn eine medizinische Indikation vorliegt, so dass eindeutig pflegerische tätigkeiten wie z.B. das Verabreichen von Injektionen vonnöten sind, muss die tätigkeit auf den Careworker übertragen werden. Dies erfolgt mittels der gezielten Anleitung durch eine Fachkraft. Erfolgen kann die Übertragung nur in Einzelfällen in hinblick auf eine spezifische Pflegeperson; es wird also keine generelle Eignung bescheinigt. Somit dürfen ›Personenbetreuer‹ sogar bestimmte Arzneimittel und Injektionen etc. verabreichen sowie Verbände anlegen, wenn diese tätigkeiten schriftlich übertragen werden (GuKG BGBl. Nr. 108/1997 § 15 Abs. 7). Änderung des Bundespflegegeldgesetzes Ein zusätzlicher Anreiz, sich als pflegebedürftige Person oder als Angehöriger für ein angemeldetes Beschäftigungsverhältnis zu entscheiden, wurde mit der Änderung des Bundespflegegeldgesetzes (BPGG) (BGBl. I Nr. 34/2007 und BGBl.  I Nr. 51/2007) im Juli 2007 (beide in Kraft 01.07.2007) und noch einmal Anfang 2009 (BGBl. I Nr. 128/2008; in Kraft 01.01.2009) gegeben. Unabhängig von Einkommen und Vermögen erhalten Pflegebedürftige ein nach Pflegestufen differenziertes Pflegegeld, wobei die höhe der Aufwendung an den jeweiligen Betreuungs- und hilfebedarf bedarfssichernd angelehnt ist (vgl. 2.1.1). Für die Pflegebedürftigen wurde nun ab 01.07.2007 zusätzlich die Möglichkeit geschaffen, eine Förderung beim Bundessozialamt zu beantragen, sobald zunächst mindestens Pflegestufe 5 (BGBl. I Nr. 34/2007) und eine »bis zu 24-Stunden-Betreuung« vorlagen (§ 21b BPGG, BGBl. I Nr. 34/2007).38 38 Voraussetzung für die Bewilligung ist die Einstufung der zu pflegenden Person in die Pflegegeldstufen 5 bis 7, für die Pflegestufen 3 und 4 ist es notwendig, ein auf REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 68 Einen Monat später entschied man sich, die Beantragung einer zusätzlichen Förderung auch für Personen mit mindestens Pflegestufe 3 ab Juli 2007 rückwirkend zu ermöglichen (BGBl. I Nr. 51/2007). Mit der letzten für die ›24-Stunden-Pflege‹ unmittelbar relevanten Änderung des BPGG und der Änderung der Einstufungsverordnung zum Bundespflegegeldgesetz (EinstV) (BGBl. II Nr. 469/2008; in Kraft 01.01.2009) wurden seit Januar 2009 schließlich auch an Demenz erkrankte Pflegebedürftige der Pflegstufen 1 und 2 zuschussberechtigt (BGBl. I Nr. 128/2008). Der Personenkreis, der eine zusätzliche Förderung beantragen kann, wurde damit seit Mitte 2007 kontinuierlich erweitert. Ein Rechtsanspruch besteht, anders als beim Pflegegeld, jedoch nicht – somit auch keine Klagsmöglichkeit im Fall einer verweigerten Zahlung. ›Sozialversicherungskosten-Transfer‹ Die zusätzliche Förderung sollte in etwa den Betrag umfassen, der seit der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ an Mehrkosten hinzukam. Zwar lag dieser Betrag in der überwiegenden Zahl der Fälle bei den Beschäftigten, sofern diese nämlich selbständig waren und ihre Sozialversicherungsbeiträge selbst abführten, doch sollten die Pflegebedürftigen beziehungsweise ihre Angehörigen die Mehrkosten übernehmen, die den Beschäftigten aus dem Sozialversicherungsbeitritt entstehen würden. Mit einer Fördersumme von maximal 800 Euro monatlich für zwei unselbständige oder 225 Euro monatlich für zwei selbständige Careworkers schien sich dieser Gedanke noch unzureichend niederzuschlagen. Ab herbst 2008 wurde daher mit der Änderung des Bundespflegegeldgesetzes (BGBl. I Nr. 128/2008) die Förderhöhe mit monatlich 1.100 Euro beziehungsweise 550 Euro noch einmal angehoben und tilgte erst jetzt etwa den Betrag, der für die Sozialversicherung der jeweils zwei Beschäftigten eines haushalts anfällt. Die Förderung deckt die Sozialversicherungsbeiträge für Selbständige jedoch nur solange ab, wie die Gewerbetreibenden noch Unternehmensstarthilfe beziehen. Nach dreijähriger Führung eines Gewerbes ist dann mit etwa um ein Drittel höheren Beiträgen zu rechnen; die darin enthaltenen Krankenkassenbeiträge werden bereits nach zwei Jahren nachbemessen.39 Aufgrund der mit 537,78 Euro relativ niedrig angesetzten Bemessungsgrundlage bei Neugründung des Gewerbes für die Pensionsversicherung (siehe Gewerbliches Sozialversicherungsgesetz (GSVG) §§ 25, 25a) sind zudem Nachzahlungen zur Pensionsversicherung bereits für die ersten Jahre zu erwarten. Es ist au- ßerdem zu betonen, dass für die Pflegebedürftigen keine gesetzliche Verfachliche Expertise gestütztes Gutachten vorzulegen, in dem der tatsächliche Bedarf für eine ›24-Stunden-Pflege‹ festgestellt ist. 39 Siehe http://portal.wko.at/wk/format_detail.wk?AngID=1&StID=330190&DstID =16 [23-12-2014]. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 69 pflichtung besteht, die an sie ausgezahlte Förderung auch an die Beschäftigten weiterzureichen.40 Aufhebung der Vermögensgrenze Mit der vorletzten hier aufgeführten Novelle zum BPGG (BGBl.  I Nr. 51/2007; in Kraft 01.07.2007) wurde zusätzlich die Vermögensgrenze für die Beantragung einer Förderung bei ›24-Stunden-Pflege‹ aufgehoben. Diese hatte in den meisten Bundesländern bei 5.000 Euro, später bei 7.000 Euro, in anderen bei 10.000 Euro gelegen. Die Einkommensgrenze von monatlich 2.500 Euro bleibt jedoch bestehen. Als Einkommen gelten alle regelmäßigen Geldleistungen; auch das Pflegegeld fällt darunter. Qualitätssicherung Im Anschluss an die im Rahmen der Pflegedebatte geführte Diskussion um die Qualität von Carework wurden in unterschiedlichen Gesetzen so genannte qualitätssichernde Maßnahmen für die ›Personenbetreuung‹ festgelegt. Zusätzlich sind in Verordnungen spezifische Kontrollaufgaben und Nachweispflichten angeführt, die eine gewisse Qualität der Pflege gewährleisten sollen. Zunächst werden Qualitätssicherungsmaßnahmen mit dem hBeG im Rahmen der »handlungsleitlinien für den Alltag und den Notfall« festgeschrieben. Eine Kontrolle der »betreuerischen« tätigkeiten soll gewährleistet werden, indem individuell in einem schriftlichen Vertrag festzuhalten ist, welche tätigkeiten zu verrichten sind, wie häufig diese durchgeführt werden sollen und welche die Anwesenheitspflichten sind.41 Außerdem ist das Führen eines haushaltsbuchs mit einer Aufbewahrungsfrist von zwei Jahren vorgeschrieben. Zeitgleich mit dem hBeG, am 01.07.2007, trat die Verordnung des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit über Maßnahmen, die Gewerbetreibende, die das Gewerbe der Personenbetreuung ausüben, zur Vermeidung einer Gefährdung von Leben oder Gesundheit bei der Erbringung ihrer Dienstleistung zu setzen haben (BGBl. I Nr. 152/2007) in Kraft. Kurze Zeit später, am 15.10.2007, folgte die Verordnung des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit über Standes- und Ausübungsregeln für Leistungen der Personenbetreuung (BGBl. I Nr. 278/2007). Auch die zweite Verordnung legt fest, dass ein Betreuungsvertrag abzuschlie- ßen ist. Darin sollen der Beginn und die Dauer des Werkvertrages sowie 40 In der Praxis wird die Förderung zumeist an die Beschäftigten weitergegeben. In anderen Fällen teilen sich beide Parteien die Sozialversicherungsbeträge – die hälfte übernimmt der Careworker, die andere hälfte übernehmen die Angehörigen. 41 Bei den Angestellten haben dieselben Regelungen nicht den Charakter einer Vereinbarung, sondern einer »Verpflichtung aus dem Arbeitsverhältnis« (Binder 2008: 130). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 70 die höhe und Fälligkeit des Werklohns festgehalten werden. Weiter wird vermerkt, ob bei Verhinderung für Vertretung zu sorgen ist und dass das Beschäftigungsverhältnis mit dem tod der zu betreuenden Person endet. Außerdem wird darin eine beiderseitige zweiwöchige Kündigungsfrist festgehalten. In der Verordnung vom Juli 2007 sind weiter rechtliche Bestimmungen zur »Vermeidung der Gefährdung von Gesundheit und Leben der zu betreuenden Person« festgelegt. Diesen zufolge sollen die Beschäftigten Maßnahmen treffen, die Unfälle bei der Erbringung der haushaltnahen Dienstleistungen möglichst verhüten, zudem besondere Vorschriften bei der Zubereitung von Mahlzeiten für den oder die Pflegebedürftige beachten, drittens kommt ihnen die »Berücksichtigung der körperlichen Mobilität des zu Betreuenden« zu. hBeG und die Verordnungen ergänzen sich hier in ihren Inhalten. Die Vereinbarung über handlungsleitlinien für Alltag und Notfall und die Inhalte des Betreuungsvertrags finden sich in der Praxis in einem Dokument wieder. Vordrucke solcher Formulare stehen inzwischen vielfach auf Webseiten verschiedener Organisationen und Institutionen zum Download bereit. Darüber hinaus konkretisierte das GesBRÄG die Qualitätssicherungsmaßnahmen des hBeG und der Verordnungen im April 2008 für die neu hinzugekommene Möglichkeit der Übertragung pflegerischer tätigkeiten. In ihm ist festgehalten, dass diese durch eine Fachkraft kontrolliert und dokumentiert werden müssen. Die Eignung für die pflegerische tätigkeit eines Careworkers kann durch die Fachkraft innerhalb von 24 Stunden widerrufen werden. Des Weiteren muss der Careworker auch hier die eigenen pflegerischen tätigkeiten dokumentieren. Zudem wurde die Gewährung einer zusätzlichen Förderung nach dem BPGG an spezifische Qualifikationskriterien gebunden: Ansprüche auf eine Förderung können nur diejenigen erheben, deren Betreuungskräfte bis 01.01.2009 seit mindestens 6 Monaten Erfahrung in der Betreuung haben, oder wenn die fachliche Eignung durch Experten nachgewiesen ist.42 Die EntscheidungsträgerInnen über die zusätzlichen Förderungen nach dem Bundespflegegeld können zudem in Form von hausbesuchen überprüfen, ob eine angemessene ›Betreuung‹ gegeben ist. Die hausbesuche werden durch diplomiertes Pflegepersonal vorgenommen und sollen möglichst im Beisein der Angehörigen erfolgen. Sind Pflege und Betreuung verbessernde Maßnahmen notwendig, können die kontrollierenden Personen über die verschiedenen Möglichkeiten informieren, aber auch gezielt Maßnahmen einleiten. Mit der gesetzlichen Ausgestaltung der qualitätssichernden Maßnahmen ist indes noch keine tatsächliche Qualitätssteigerung garantiert. Mit den Anordnungen nach hBeG und der Verordnung über Standes- und 42 Die fachliche Eignung kann zudem durch eine bei den Wohlfahrtsverbänden absolvierte Ausbildung erreicht werden. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 71 Ausübungsregeln für Leistungen der ›Personenbetreuung‹, welche besagt, dass tätigkeiten und Betreuungszeiten vertraglich festzuhalten sind, ist vorerst nur die Möglichkeit einer vertraglichen Basis geschaffen, mit welcher versucht wird, Art und Umfang der Arbeit zu konkretisieren. Auch im GesBRÄG wird nicht für eine faktische Verbesserung der betreuerischen Qualität gesorgt, insofern mit der Übertragbarkeit pflegerischer tätigkeiten eine Verringerung der Qualifikationsanforderungen vorgenommen wird. Vielmehr geht es an dieser Stelle darum, »die Legalisierung der Betreuungsverhältnisse nicht durch eine Mindestqualifikation« zu erschweren (Ivansits/Weissensteiner 2008: 402). Lediglich mit der Bundespflegegeldnovelle werden Voraussetzungen geschaffen, größeren Fahrlässigkeiten zu begegnen, wenn auch um den Preis eines Eingriffs in die Privatsphäre in Form von hausbesuchen. Für das Jahr 2007 ist bekannt, dass im Auftrag des Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutzs tatsächlich 17.000 solcher hausbesuche durch das Kompetenzzentrum »Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege« der Sozialversicherungsanstalt der Bauern durchgeführt wurden (Binder 2008: 126). 2.1.6 Spuren der Regularisierung – eine quantitative Annäherung Über die Entwicklung und Anzahl der bis zur Regulierung irregulär beschäftigten MigrantInnen gibt es naturgemäß keine verlässlichen Informationen. Irreguläre Arbeit kann nur schwer quantifiziert werden (vgl. S. Karakayalı 2010: 266; vgl. Geissler 2006: 196); dies gilt besonders dort, wo private haushalte ArbeitgeberInnenfunktionen übernehmen (vgl. Schupp 2002: 50). Bei allen Versuchen handelt es sich letztlich um Methoden ›intelligenten Ratens‹. Um auf Zahlen irregulär Beschäftigter schließen zu können, verwenden KriminologInnen und DevianzsoziologInnen entweder hellfelddaten angezeigter Delikte oder Dunkelfelddaten, die aus Befragungen Beteiligter zusammengestellt werden (vgl. Coleman/Moynihan 1996: 46ff.). Nichts davon ist hier gegeben, nicht zuletzt auch aufgrund der tatsache, dass für irreguläres Carework keine nennenswerte behördliche Kontroll- und Sanktionierungspraxis besteht, aus der sich Dunkelfelddaten gewinnen ließen. Lenhart und Österle (2007: 8) bemerken denn auch richtig: »Bis heute wurden vor allem Schätzungen publiziert, die keinen klaren Aufschluss über das Ausmaß der Migration von Pflegekräften [...] geben können.« (so auch Schmid 2010: 179) So beruht die in der Pflegedebatte immer wieder kolportierte Zahl von 40.000 irregulär Beschäftigten und 20.000 irregulär beschäftigenden haushalten lediglich auf einer Schätzung des Vorstands des Dachverbands der Pflegeheimträger aus dem Jahr 2003, der diese höchstwahrscheinlich aus der damaligen Anzahl von PflegegeldbezieherInnen REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 72 in den drei höchsten Stufen ableitete.43 Inzwischen geht man jedoch davon aus, dass nur etwa 80 % der Pflegebedürftigen mit ›24-Stunden- Pflege‹ zwei Careworkers beschäftigen (Bachinger 2010: 409; Schmid 2009b: 59). Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Grenzen zwischen regulären und irregulären Beschäftigungsformen oftmals flie- ßend sind (Karakayalı 2007). Für den hier betrachteten Zusammenhang könnte das etwa heißen, dass ein Careworker zwar ein Gewerbe, nicht aber die gleichfalls verpflichtende Sozialversicherung angemeldet hat. An dieser Stelle kann daher keine Aussage darüber getroffen werden, inwieweit gegenwärtig noch irreguläre Beschäftigungen vorliegen, sondern nur ein erster quantitativer Überblick über die Dynamik und die Dimension der Regulierung gegeben werden. Von hier aus sollen weiter einige vorsichtige Ableitungen hinsichtlich der Regularisierung von Carework vorgenommen werden. Die nachfolgend ausschnitthaft dargestellte Felderkundung fragt nach Regularisierungen, beansprucht aber nicht, diese vollständig abzubilden. Aussagen darüber, in welchem Ausmaß die Beschäftigten ihre Arbeit seit der Möglichkeit zur Regulierung angemeldet haben, lassen sich – unter anderem aufgrund unzuverlässiger quantitativer Datengrundlagen zum Umfang der irregulären, aber auch der regulären Beschäftigungen –, nur unscharf treffen. In diesem eingeschränkten Sinne quantitativ Vermutungen anzustellen, dass tatsächlich in nicht unerheblichem Maße Regularisierungen vorgenommen wurden, ist jedoch relevant, da sich hierdurch die ungefähre Verbreitung der in der vorliegenden Arbeit auf qualitativer Ebene untersuchten Emersione- Prozesse aufzeigen lässt. Weiter ist zu betonen, dass sich die Situation in Österreich damit anders als in anderen europäischen Ländern darstellt: Für letztere wird davon ausgegangen, dass entsprechende Regulierungen häufig nur geringe Effekte zeitigen (Da Roit 2009; Karakayalı 2010a; Weinkopf 2001, 2003). Ich komme zur Datengrundlage und ihrem Gehalt: Mittels einer Sekundärdatenauswertung aller Anmeldungen von Gewerben der ›Personenbetreuung‹ bei der Wirtschaftskammer und aller Meldungen bei der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft für die Jahre 2007 bis 2009 eruiere ich diese auf einer quantitativen Ebene im Zeitverlauf. Auf Basis von Daten der Wirtschaftskammer und der Sozialversicherungsanstalt können darüber hinaus Aussagen über die Staatsangehörigkeit und das Geschlecht der selbständig Beschäftigten getroffen werden. Ich ziehe beide Datensätze heran, da sowohl die Gewerbeanmeldung als auch die Anmeldung bei der Sozialversicherung im Fall einer selbständigen Beschäftigung oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze für 43 Sozialministerium, Persönliche Mitteilung. Zu den Pflegestufen siehe http://www. statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/bundespflegegeld/020069.html [15-03-2016]. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 73 die Etablierung eines regulären Beschäftigungsverhältnisses zentral sind. Um Informationen über die Zahl der unselbständig Beschäftigten zu erhalten, greife ich für die Jahre 2008 bis 2012 zusätzlich auf Daten des Bundessozialamts zurück. Diese geben jedoch keine Auskunft über Beschäftigungszahlen. Mit ihnen lassen sich lediglich Relationen von selbständiger und unselbständiger Beschäftigung einschätzen. Darüber hinaus nehme ich Ergebnisse aus ExpertInneninterviews (Meuser/Nagel 2009) mit AllgemeinärztInnen und BetreiberInnen von Vermittlungsagenturen auf. Mit Blick auf diese wie auch auf die Anmeldezeitpunkte für Gewerbe und Sozialversicherung im Kontext der einzelnen rechtlichen Schritte im Regulierungsprozess lassen sich die Daten der Vollerhebung deuten. So wird nachfolgend nicht davon ausgegangen, dass die Anmeldungen von Gewerbe und Sozialversicherung allein neu eingegangene Beschäftigungsverhältnisse spiegeln. Zwar lassen sich keine Aussagen darüber treffen, welcher Anteil der irregulären Beschäftigungen tatsächlich regularisiert wurde. Wohl aber lässt sich, wie untenstehend mit Blick auf die prozessproduzierten Daten und die Interviews dargestellt wird, mit einiger Sicherheit behaupten, dass erhebliche Anteile an irregulärer Beschäftigung eine reguläre Form annahmen. Datengrundlagen sind dabei (in unregelmäßigen Abständen erhobene) prozessproduzierte Daten der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) und der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), über die ich durch Antworten auf persönliche Anfragen Zugang erhielt (1)44; vier jeweils halbstündige ExpertInneninterviews mit Allgemein- ärztInnen, sowie jeweils einstündige Gespräche mit BetreiberInnen von insgesamt drei Vermittlungsagenturen (2). (1) Über die Daten der Sozialversicherungsanstalt werden Selbständige erfasst, insoweit ihre tätigkeit über der Geringfügigkeitsgrenze liegt und damit sozialversicherungspflichtig ist. Zusätzlich gibt die Mitgliederstatistik der Gewerblichen Wirtschaft einen Einblick in alle Anmeldungen eines Gewerbes der ›Personenbetreuung‹. Für die Daten der Wirtschaftskammer ist zu berücksichtigen, dass diese die ›Berufsgruppe Personenbetreuer‹ erfassen, einer im Zuge des Regulierungsprozesses entstehenden Kategorie. Diese existiert jedoch, auch wenn sie bereits seit 2007 in den Daten der Mitgliederstatistik der Wirtschaftskammer auftaucht, offiziell 44 Die unterschiedlichen Erhebungszeitpunkte der Wirtschaftskammer-Daten ergeben sich daraus, dass ihrer Statistikabteilung Daten nur in unregelmäßigen Abständen zur Verfügung gestellt werden. Die Daten der Sozialversicherungsanstalt werden in der Regel in zweimonatigen Abständen erhoben. Die Daten der Sozialversicherungsanstalt wurden jedoch soweit möglich den Stichtagen der Mitgliederstatistik der WKO angepasst, da von der Sozialversicherungsanstalt Daten nur in sehr geringem Ausmaß angefordert werden konnten. Bei der Datenanforderung von der Sozialversicherung beschränkte ich mich deshalb auf jeweils vergleichbare Stichtage. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 74 erst seit dem Jahr 2010. Von da an wird sie unter der Kategorie ›selbständige Personenbetreuer‹ weitergeführt (Wirtschaftskammer 2010a: 30). Da die Zuordnung der Gewerbeberechtigungen zu den einzelnen Fachorganisationen bis 2010 von den Kammern in den einzelnen Bundesländern vor Ort erfolgte und unklar ist, nach welchen Gesichtspunkten dies jeweils stattfand, sind die Daten der Gruppe der ›Personenbetreuer‹ mit der Gruppe der ›selbständigen Personenbetreuer‹ nicht ohne Weiteres vergleichbar.45 Weiter ist für beide dieser Kategorien unklar, welche Leistungen die InhaberInnen des Gewerbes der ›Personenbetreuung‹ beziehungsweise der ›selbständigen Personenbetreuung‹ im Detail anbieten.46 In der Gruppe der ›Personenbetreuer‹ könnten neben den Careworkers für ältere Menschen theoretisch auch andere Betreuungsleistungen wie etwa die Betreuung von Menschen mit Behinderung erfasst sein. Statistiken allein für den Bereich der Personenbetreuung älterer Menschen werden nicht geführt. Die Daten müssen deshalb nicht unbedingt die tatsächliche Zahl der für diese Untersuchung relevanten Sozialversicherten und Gewerbetreibenden wiedergeben, sondern können möglicherweise etwas höher ausfallen. Es lässt sich jedoch ein maßgeblicher Anstieg der Zahlen für die Berufsgruppe ›Personenbetreuer‹ in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Inkrafttreten zentraler, auf die ›24-Stunden-Pflege‹ bezogener Gesetze und Gesetzesnovellierungen erkennen; zudem tritt die Kategorie ›Personenbetreuer‹ erstmals überhaupt im Jahr 2007, also entsprechend dem frühestmöglichen Anmeldezeitpunkt für die ›24-Stunden- Pflege‹ in der WKO-Mitgliederstatistik auf. Insofern gehe ich davon aus, dass die Zahl der anderweitig beschäftigten ›Personenbetreuer‹, sofern existent, eher gering ist. Für die Erfassung der unselbständig Beschäftigten können lediglich Informationen des Bundessozialamts, genauer Anträge auf Förderung einer Personenbetreuung durch Pflegebedürftige, herangezogen werden.47 Auch auf diese erhielt ich über Antworten auf persönliche Anfragen Zugriff. Mit den Daten des Bundessozialamts werden jedoch keine Anmeldungen von Beschäftigungen Unselbständiger erfassbar. Es lässt sich lediglich das Ausmaß der beantragten Förderungen48 für Personenbetreuungen durch Pflegebedürftige nachvollziehen. (2) Die vier im Jahr 2008 im Zeitraum Juni bis November durchgeführten halbstündigen ExpertInneninterviews mit AllgemeinärztInnen und die einstündigen Gespräche mit vier BetreiberInnen von insgesamt drei Vermittlungsagenturen erfolgten aus der Überlegung heraus, dass 45 Wirtschaftskammer Österreich, Antwort auf persönliche Anfrage. 46 Wirtschaftskammer Österreich, Antwort auf persönliche Anfrage. 47 Für Arbeiten im Privathaushalt nimmt etwa der hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger keine Aufgliederung nach tätigkeiten, sondern lediglich nach der Wirtschaftsklasse der DienstgeberInnen vor. 48 Es ist zu berücksichtigen, dass es sich hierbei nur um Förderanträge, nicht um Bewilligungen handelt. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 75 sowohl ÄrztInnen als auch Vermittlungsagenturen über ihre Arbeit mit einer mehr oder weniger großen Gruppe von irregulär Beschäftigten zu tun haben und somit, wie es für das ExpertInneninterview Voraussetzung ist, über ein »Sonderwissen« (Meuser/Nagel 2009: 468) über die Geschehnisse in den Pflegehaushalten verfügen; die ÄrztInnen über den Kontakt mit den PatientInnen, die Vermittlungsagenturen über den Kontakt entweder mit den ArbeitgeberInnen und/oder den ArbeitnehmerInnen.49 Beide Gruppen waren potenziell an der Regularisierung beteiligt: Die ÄrztInnen waren teilweise in bürokratischer hinsicht gefordert, etwa sofern Pflegebedürftige beziehungsweise Angehörige für die steuerliche Geltendmachung der ›24-Stunden-Pflege‹ eine ärztliche Bescheinigung benötigten; die Vermittlungsagenturen waren durch ihre KundInnen wie durch eigene Geschäftsstrategien mit dem thema konfrontiert. Für die Auswahl der Vermittlungsagenturen wurde auf eine möglichst große heterogenität der Firmen abgestellt. Interviews wurden jedoch lediglich mit solchen Agenturen geführt, die allein ›24-Stunden-Pflege‹ vermitteln. Dabei wurde eine Agentur erfasst, die von der Zentralslowakei aus, und eine, die von Österreich in Wien aus Vermittlungen vornimmt. Die dritte Agentur mit hauptsitz in Westösterreich hatte Büros in Österreich und der Slowakei. Für die Erhebung ist zusammenfassend vorauszuschicken, dass Careworkers und ArbeitgeberInnen die Beschäftigung zumeist im letztmöglichen Zeitraum der durch die Aussetzung bestimmter sozial- und arbeitsrechtlicher Verwaltungsstrafbestimmungen garantierten Straffreiheit angemeldet haben. Das Angestelltenmodell bildet die absolute Ausnahme, während das Selbständigenmodell zur ›normalen‹ Form der angemeldeten ›24-Stunden-Pflege‹ wird. Die Mehrzahl der Anmeldungen wurde durch Frauen slowakischer Staatsbürgerschaft vorgenommen. Selbständig Beschäftigte Geht man mithilfe von Daten der Wirtschaftskammer zunächst von den Anmeldezahlen der Gewerbetreibenden aus (aktives und ruhendes Gewerbe50), so wird deutlich, dass sich zu Beginn der Möglichkeit zur 49 Die ExpertInnengespräche wurden als Leitfadeninterviews zur Abfrage von Kontextwissen konzipiert (vgl. Meuser/Nagel 2009: 470ff.; siehe zu leitfadenorientierten Interviews eingehend 3.1). Die Interviews mit den ÄrztInnen und BetreiberInnnen der Vermittlungsagenturen wurden transkribiert und qualitativ inhaltsanalytisch nach Mayring (1994; 2000) ausgewertet. 50 Personen können ihre kostenpflichtige, gewerbliche Ausübungsberechtigung in Zeiten, in denen sie ihrem Gewerbe nicht nachgehen, zeitweilig ruhend stellen. Damit entfallen die Beiträge zur gewerblichen Sozialversicherung; ebenso halbieren sich die Beiträge bei der Wirtschaftskammer. Die Gewerbeberechtigung kann durch eine Wiederbetriebsmeldung jederzeit wieder aktiviert werden. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 76 Anmeldung eines Gewerbes am 01.07.2007 (also mit Inkrafttreten des hausbetreuungsgesetzes) nur wenige Personen anmeldeten. Die erste Anmeldung ist im Februar 2007 zu verzeichnen; hier scheint die Kategorie ›Personenbetreuer‹ erstmals in der Mitgliederstatistik auf. Bis Ende 2007 waren lediglich 144 Personen als Gewerbetreibende – und damit als selbständig beschäftigt – gemeldet.51 Im April 2008, also nach dem erstmaligen Ablauf der Aussetzung bestimmter sozial- und arbeitsrechtlicher Verwaltungsstrafbestimmungen (›Amnestie‹) am 30.6.2007 beziehungsweise der Verlängerung ihrer Dauer bis zum 31.12.2007, aber noch vor dem Ende der zweiten Verlängerung am 31.07.2008, waren hingegen schon 3.952 Anmeldungen erfolgt. Bis zum September 2008 hatte sich die Gruppe der Gewerbetreibenden auf 13.282 Personen erhöht. Berücksichtigt werden muss hier, dass Straffreiheit galt, sofern die Beschäftigung bis einschließlich 31.07.2008 angemeldet wurde. Die kontinuierliche Steigerung der Anmeldezahlen – im Mai 2009 liegen 19.135 Anmeldungen vor, im Oktober 2010 sind es 32.517, und im Dezember 2012 sind 51.392 Personen verzeichnet –, ist entweder darauf zurückzuführen, dass viele Beschäftigte und Angehörige trotz Ablaufen der Aussetzung der sozial- und arbeitsrechtlichen Verwaltungsstrafbestimmungen mit der Anmeldung noch gewartet haben, weil sie keine rechtlichen Konsequenzen befürchteten, oder dass sie sich erst nach Einführung der regulären Möglichkeit dazu entschlossen haben, nun auf eine ›24-Stunden-Pflege‹ zurückgreifen zu wollen. Die Daten der SVA weisen im Vergleich stetig geringere Anmeldezahlen aus. So waren im Januar 2008 1.105 Personen als selbständige ›Personenbetreuer‹ zur Sozialversicherung gemeldet, im April 2008 lagen 3.447 Anmeldungen vor und bis zum September 2008 hatte sich die Gruppe der Sozialversicherten auf 11.287 Personen erhöht. Im Mai 2009 lag die Zahl der Sozialversicherten bei 14.126. Die im Vergleich zu den Daten der Wirtschaftskammer geringeren Anmeldezahlen bei der SVA haben mehrere Gründe. Zum einen werden von der Sozialversicherungsanstalt nur die aktiv Einzahlenden gezählt. Zum anderen können Anmeldungen bei der Sozialversicherung – auch nach Einführung so genannter One Stop Shops52 im Februar 2008 – oftmals mehrere Monate dauern, da die Behörde bis zu drei Monate Zeit hat, Angemeldete in das Gewerberegister einzutragen (Binder 2008: 139). Ein großer teil der nach dem 31.07.2008 als neu angemeldet verzeichneten Per- 51 Datengrundlage: Wirtschaftskammer Österreich, Antwort auf persönliche Anfrage. 52 In der öffentlichen Verwaltung bezeichnen One Stop Shops Orte, an denen bürokratische Angelegenheiten, für die sonst mehrere Institutionen aufgesucht werden müssten, bei nur einer Stelle erledigt werden können (von Lucke 2008: 43ff.). Damit sollen sie Verwaltungsangelegenheiten für die RechtsanwenderInnen vereinfachen. DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 77 sonen ist insofern wahrscheinlich noch dem Anmeldezeitraum bis zum 31.07.2008 zuzuordnen, jenem Zeitraum also, in dem für die irreguläre Beschäftigung noch Straffreiheit galt. So erklärt sich möglicherweise der große Anstieg von bei der SVA gemeldeten ›Personenbetreuern‹ im September 2008 auf 9.056 durch den Umstand, dass viele Selbständige sich zum letztmöglich straffreien Zeitraum, also gegen Ende des Juli 2008, angemeldet haben. Die Differenz der Zahlen zwischen Gewerbeanmeldungen und Pflichtversicherten weist weiter darauf hin, dass viele Careworkers zwar ein Gewerbe angemeldet haben, aber keine Sozialversicherungszahlungen tätigen. Es kann sich dabei nicht um Personen handeln, deren Gewerbe ruht und die deshalb nicht sozialversicherungspflichtig sind, denn diese sollten auch in der Statistik der Wirtschaftskammer nicht auftauchen, da deren Daten sich im Gegensatz zur Sozialversicherung auf aktive und ruhende Gewerbe beziehen. Vielmehr ist der statistische Unterschied einerseits mit der größeren Erfassungslatenz zu erklären, andererseits mit der geringfügigen Beschäftigung einiger der Gewerbetreibenden, die bei einem Verdienst unter 357 Euro gar nicht sozialversicherungspflichtig werden. In Betracht gezogen werden müssen in diesem Zusammenhang jedoch auch teil-reguläre Beschäftigungsverhältnisse. Umgekehrt können Mehrfachmitgliedschaften bei der Wirtschaftskammer vorliegen, wenn beispielsweise eine Person gleichzeitig in verschiedenen Bundesländern pflegt und betreut. Zu berücksichtigen ist allgemein, dass die Daten der Wirtschaftskammer über der Zahl der tatsächlich Beschäftigten, die Daten der Sozialversicherungsanstalt über der Zahl der tatsächlich Sozialversicherten liegen dürfte: So könnte eine höhere Zahl der Sozialversicherten durch die quartalsweise Abrechnung der Sozialversicherung bedingt sein. Wird das Beschäftigungsverhältnis erst nach Beginn eines neuen Quartals beendet, oder gibt es zwischenzeitlich Unterbrechungen des Beschäftigungsverhältnisses, so ist diese Person trotzdem noch für die nächsten drei Monate als sozialversicherungspflichtig gemeldet. Für die Zahl der Gewerbetreibenden gilt, dass sie sich im Falle der Beendigung der Beschäftigung aus Unkenntnis über die Notwendigkeit dieses Schritts häufig nicht vom Gewerbe und von der Sozialversicherung abmelden. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die Entwicklung der Anmeldezahlen aller selbständig Beschäftigter bei der Wirtschaftskammer und der Sozialversicherung für den Zeitraum Januar 2008 bis Mai 2009. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 78 Gewerbetreibende (WKO)P ichtversicherte (SVA) ›Personenbetreuer‹ (gewerblich gemeldet, p ichtversichert) Quelle: eigene Berechnung Abb. 1 Aufgrund des kontinuierlichen Anstiegs der Anmeldungen parallel zur Regulierung lässt sich die Vermutung anstellen, dass die Anmeldungen von Gewerbe und Sozialversicherung nicht allein neu eingegangene Beschäftigungsverhältnisse erfassen, sondern dass es sich hierbei in teilen auch um Regularisierungen bereits vorhandener Beschäftigungen handelt. Zwar ließe sich einwenden, dass die reguläre ›24-Stunden-Pflege‹ schlagartig für solche Pflegebedürftigen salonfähig geworden sein könnte, die vorher anderweitig Care in Anspruch nahmen und in diesem Zuge auf die ›24-Stunden-Pflege‹ umstiegen. Weitere hinweise darauf, dass erhebliche Anteile vormals irregulär erbrachter Arbeit einer Regularisierung zugeführt wurden – Arbeit also, die nicht informell von Familienangehörigen, sondern von MigrantInnen oder anderweitigen Personen ggf. ohne Arbeitserlaubnis und/oder krankenpflegerische Ausbildung rund um die Uhr erbracht wird (vgl. 2.1) –, ergeben sich jedoch zusätzlich aus der Auswertung der ExpertInneninterviews. Die Interviews mit den ÄrztInnen ergaben, dass diese ein starkes Interesse ihrer PatientInnen an der Regularisierung erkennen konnten: Zwei der interviewten ÄrztInnen berichteten, dass alle ihre PatientInnen mit ›24-Stunden-Pflege‹ ihre irregulären Beschäftigungen zum spätest möglichen Zeitpunkt regularisierten. Zwei weitere interviewte ÄrztInnen verfügten diesbezüglich über keinerlei Informationen. Anhand der Interviews mit den BetreiberInnen der Vermittlungsagenturen lässt sich DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 79 herauslesen, dass sich sowohl die ArbeitgeberInnen als auch die ArbeitnehmerInnen mit der Regulierung zumindest abwägend auseinandersetzten. Den Äußerungen der AgenturbetreiberInnen zufolge war auf KundInnenseite zunächst große Verunsicherung und Unruhe aufgrund der Regulierung festzustellen: Alle interviewten AgenturbetreiberInnen erzählten von telefonanrufen, in denen KundInnen sich über die Regularisierung zu informieren versuchten oder in denen sie direkt um Orientierungshilfe baten. hierbei fiel jedoch auf, dass Nachfragen bei den hauptsächlich von Österreich aus betriebenen Agenturen fast ausschließlich vonseiten der ArbeitgeberInnen getätigt wurden. Dieser Umstand ist vermutlich weniger darauf zurückzuführen, dass die Careworkers weniger Nachfragebedarf haben, sondern dass die Vermittlungsagenturen von den Beschäftigten eher als Organisationen wahrgenommen werden, die von ihrer Irregularität beziehungsweise Abhängigkeit in unangemessener Weise profitieren, anstatt dass sie in ihrem Interesse handeln würden. Zwar ist der starke Impetus auf die Verunsicherung der KundInnen in den Interviews höchstwahrscheinlich auch damit in Zusammenhang zu bringen, dass die AgenturbetreiberInnen sich gegen ihr fragwürdiges Image in der Öffentlichkeit zur Wehr setzen wollten, indem sie sich (nicht zuletzt auch in Konkurrenz zu den anderen Agenturen) als kompetente und unterstützende Organisationen darstellten, die es auch in einem völlig unübersichtlichen Regulierungsprozess noch schafften, hilfestellung zu leisten – etwa in Form der Versendung von eigens erstelltem Informationsmaterial zur Regulierung. Die von den AgenturbetreiberInnen beschriebene Verunsicherung, soviel sei an dieser Stelle vorgegriffen, spiegelt sich jedoch in starkem Maße auch in den Interviews wieder, die ich mit den Angehörigen und den Careworkers führte. Die zwei von Österreich aus agierenden Agenturen sahen die Regulierung zudem als Chance, ihr eigenes Unternehmen aus einem rechtlichen ›Graubereich‹ hinausführen zu können, indem sie die Betroffenen entweder zur Regularisierung anregten – etwa indem sie den haushalten Informationsmaterial zusandten –, oder aber indem sie den Betrieb gänzlich auf reguläre Beschäftigungen umstellten und die Regulierungen allesamt selbst durchführten. Personen, die weiterhin ein irreguläres Beschäftigungsmodell vorzogen, wurden dann nicht weiter als KundInnen der Agentur geführt. Laut Auskunft derjenigen Agentur, die auf das letztgenannte Modell setzte, handelte es sich bei den Personen, die sich von der Agentur trennten, jedoch um eine Minderheit. Die von der Slowakei aus arbeitende Agentur wiederum lehnte die Regularisierung vollkommen ab und vermittelte weiterhin nur irregulär beschäftigte Careworkers. Resümierend ist festzuhalten: Auf Grundlage der Interviews lässt sich feststellen, dass einige Careworkers und Angehörige vormals irreguläre in reguläre Beschäftigungen überführten. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 80 Unselbständig Beschäftigte Wie oben beschrieben, existieren für die abhängig Beschäftigten keine Anmeldedaten, so dass in diesem Bereich keine Aussagen über Anmeldungen getroffen und auch keine Anmeldedynamiken dargestellt werden können. Eine grobe Orientierung über die Anzahl der unselbständig Beschäftigten geben lediglich die Menge der von Pflegebedürftigen gestellten Anträge auf Fördergelder für die ›24-Stunden-Pflege‹. Diese lag im Jahr 2008 bei 178 Förderungen, im Jahr 2009 waren es 148; im Jahr 2010 kamen weitere hundert Förderungen hinzu. hierbei ist jedoch in Betracht zu ziehen, dass nicht alle Pflegebedürftigen auch eine Förderung beantragen53, wenn man davon ausgeht, dass – wie oben dargestellt – nur etwa 80 % der Pflegehaushalte im zeitlichen Wechsel zwei Careworkers beschäftigen.54 Zumindest etwas genauer lassen sich die Daten auslegen, wenn man sie ausgehend von der nachfolgend dargestellten tabelle 2 in ein Verhältnis zu den beantragten Förderungen für unselbständige Beschäftigungen beim Bundessozialamt setzt. Jahr Anträge bei Selbständigkeit Anträge bei Unselbständigkeit 2008 3.863 178 2009 4.101 148 2010 5.695 100 2011 6.606 122 2012 7.379 286 Quelle: eigene Berechnung Tab. 2 Deutlich zeigen sich in der tabelle große Unterschiede bei der Zahl der beantragten Förderungen bei selbständiger und unselbständiger Beschäftigung. Die Daten legen die Vermutung nahe, dass die tatsächliche Anzahl der abhängig Beschäftigten weit unter der Zahl der selbständig Beschäftigten liegt. Es lässt sich hieraus schließen, dass die selbständige Beschäftigung das maßgebliche Modell darstellt, in dem ›24-Stunden- Pflege‹ regulär ausgeübt wird. Angesichts der geringen Zahlen beantragter Förderungen kann das unselbständige Beschäftigungsmodell damit als Ausnahmemodell betrachtet werden. 53 Ein Grund hierfür mag die Beschäftigung von nicht sozialversicherungspflichtigen Personen sein, da für diese Gruppe keine Förderungen beantragt werden können. 54 Das Sozialministerium schätzt die Zahl der unselbständig Beschäftigten seit Mitte 2008 ähnlich zu den Zahlen des Bundessozialamts immer wieder auf »einige wenige hundert« Personen (Kleine Zeitung v. 07.11.2009; vgl. auch Salzburger Nachrichten Online v. 01.12.2008; Salzburger Nachrichten Online v. 14.07.2010). DIE GESELLSChAFtLIChE ORGANISAtION VON CARE IN ÖStERREICh 81 Selbständige Beschäftigungen: Geschlecht und Staatsangehörigkeit Die Anmeldungen der selbständigen ›Personenbetreuer‹ lassen sich des Weiteren punktuell nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit spezifizieren. Die Zuordnung des Geschlechts wurde für mich durch die Wirtschaftskammer anhand zusätzlicher Informationen zur Mitgliederstatistik ermittelt. Aus den Zahlen des übergeordneten Fachverbands für die ›Personenbetreuer‹ (Allgemeiner Fachverband des Gewerbes, Nr. 151), der allerdings auch zahlreiche andere Gewerbegruppen zusammenfasst, geht im Jahr 2008 ein Anstieg um ca. 16.000 Mitglieder bei den Frauen hervor, verglichen mit nur 1.500 bei den Männern. Der prozentuale Anteil von Frauen in diesem Fachverband ist zwischen dem 31.12.2007 und dem 31.12.2008 – dem Zeitraum, in dem die ersten Anmeldungen vorgenommen wurden – von 49,0% auf 62,1% gestiegen. Dies ist ein indirekter hinweis auf zahlreiche Anmeldungen weiblicher Careworkers, denn der Zuwachs entspricht etwa dem Zuwachs des Gewerbes in der Kategorie ›Personenbetreuer‹. Die Staatsangehörigkeit der selbständigen ›Personenbetreuer‹ wurde für mich für das Jahr 2009 von der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft ermittelt. In diesem Zeitraum fällt der größte teil der gewerblichen Anmeldungen bei der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft mit 14.062 Personen auf slowakische StaatsbürgerInnen. Die zweitgrößte Gruppe von ›Personenbetreuern‹ (2.465 Personen) besitzt die rumänische Staatsbürgerschaft. ÖstereicherInnen bilden mit 640 Personen die drittgrößte Gruppe. Dahinter folgen ungarische, tschechische, polnische, bulgarische und slowenische StaatsbürgerInnen. Staatsbürgerschaft Anzahl Personen absolut Prozent slowakisch 14.062 73,5 rumänisch 2.465 12,9 österreichisch 640 3,3 ungarisch 594 3,1 tschechisch 443 2,3 polnisch 442 2,3 bulgarisch 183 1,0 slowenisch 95 0,5 Quelle: Berechnung der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft Tab. 3 REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 82 Angesichts dieser Daten kann davon ausgegangen werden, dass in erster Linie Frauen slowakischer Staatsbürgerschaft Carework in österreichischen Privathaushalten nachgehen.55 Ihre überproportionale Präsenz unter den angemeldeten Careworkers lässt eine quantitativ ähnliche Platzierung dieser Gruppe auch innerhalb des Dunkelfelds vermuten. 2.2 Soziale Intelligibilität im Feld des Rechts Mit Bezug auf die geschlechtersensible Wohlfahrtsstaatenforschung und die Migrationssoziologie habe ich aufgezeigt, dass rechtliche Regularisierungen irregulären Careworks im Zuge der Krise der Erbringung von Care politisch bedeutsam werden. Um zu untersuchen, wie die rechtlichen Regulierungen von den Betroffenen adaptiert werden, lege ich im nachfolgenden Abschnitt mein Verständnis von Rechtskonformität dar. Ich greife hierfür, wie eingangs dargestellt, auf Bourdieus praxeologischen handlungs- und Feldbegriff zurück. Diesen ergänze ich in zweifacher hinsicht um ethnomethodologische Denkfiguren. Ich unterbreite damit den Vorschlag einer theoretischen herangehensweise, die rechtskonforme handlungsvollzüge unter heuristischer Integration der zentralen Rechtsbefolgungstheorien sowohl in ihrer Kollektivität wie auch in ihrer Individualität zu untersuchen vermag. 2.2.1 Zwang, Anerkennung, Legitimität Die Frage nach der Annäherung von Menschen an rechtliche Vorgaben, mithin dem Zustandekommen faktischer Geltung, ist keineswegs neu. Sie steht vielmehr von Anfang an im Zentrum nicht nur der rechtssoziologischen teildisziplin, sondern der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Recht überhaupt (Dworkin 1977). Bis heute stellt das Phänomen der Rechtskonformität eine der Grundfragen der Rechtssoziologie dar. Dabei haben sich sehr unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Frage entwickelt, wie handlungsorientierungen von RechtsadressatInnen – in diesem Fall Laien – im Kontext des Rechts zu konzipieren sind (Raiser 2009: 254; Rottleuthner 1981: 109). Die vorliegende Untersuchung greift nicht auf die herkömmlichen Ansätze der Rechtskonformitätsforschung zurück, sondern auf praxeologische Denkfiguren, die 55 Berechnungen auf Grundlage des aktuellsten derzeit verfügbaren Datenmaterials des hauptverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger geben ein strukturell identisches Bild. Demnach stellen auch im Jahr 2012 Personen aus der Slowakei den größten Anteil an ›Personenbetreuern‹ (vgl. Kurier Online v. 26.01.2014). SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 83 handlungs- und strukturtheoretische Aspekte miteinander verbinden. Den Ausgangspunkt hierfür bildet eine dreifache Skepsis: erstens gegen- über ökonomisch-individualistischen Ansätzen im Paradigma des homo oeconomicus, deren Modelle im Modus zweckrationalen Entscheidungshandelns gebaut sind, zweitens gegenüber Ansätzen im Paradigma des homo sociologicus, welche die AkteurInnen als bloße trägerInnen sozialer Strukturen normativ idealisieren. Drittens wird kritisch auf Zugänge rekurriert, die, da sie die AkteurInnen vollständig systemischen Funktionsweisen unterstellen, zumindest ihrer tendenz nach als »textualistisch« (Reckwitz 2004: 42f.) bezeichnet werden können. Um dies zu konkretisieren: Angesprochen ist erstens die utilitaristische handlungsphilosophie, wie sie von Jeremy Bentham (1970[1789]) und John Stuart Mill (2004[1861]) ausging und später in theorien des Rational Choice (Coleman 1990), der Neuen Politischen Ökonomie (Kirsch 2004) und der economic analysis of law (Becker 1968; Coase 2003[1960]; Posner 1977; Ders. 1993) elaboriertere Formen annahm.56 Die aus diesen theorierichtungen hervorgegangenen Ansätze bilden heute bezüglich der Frage rechtskonformer handlungsorientierungen das dominante Erklärungsmuster (García Villegas 2011: 265; Raiser 2009: 254). Die ökonomischen Ansätze sind in ihrer handlungserklärung dezidiert zweckorientiert: Sie setzen autonome und rationale AkteurInnen voraus, die ihre handlungen nach maximalen Lustgewinn-Chancen ausrichten. Für die handlungsentscheidung des homo oeconomicus impliziert dies die Identifikation individueller Präferenzen und die informierte Abwägung der verschiedenen handlungsalternativen gemäß der Regel der Lustmaximierung. Für die Befolgung von Gesetzen stehen mithin keine Einstellungen oder Werte, sondern (rechtliche) Restriktionsbedingungen im Mittelpunkt. Da Normen innerhalb des Rational-Choice- Ansatzes stets als individuelle Präferenzen oder sanktionierte (soziale) Erwartungen Berücksichtigung finden, wird Rechtsfolgebereitschaft unter dem Gesichtspunkt formeller und informeller Sanktionen betrachtet. Folgerichtig wird Rechtkonformität hier nicht notwendig mit der Verinnerlichung der Rechtsnormen verbunden (vgl. Raiser 2011: 63). »Some persons become criminals«, erläutert etwa Gary Becker (1968: 176) das Prinzip im strafrechtlichen Kontext, »not because their basic motivation differs of that from other persons, but because their benefits and costs differ«. In der Version von Karl-Dieter Opps mehrstufigem Kausalmodell liegen dem Grad der Rechtsbefolgung zentral die Wirksam- 56 Siehe in dieser Forschungstradition thematisch einschlägig exemplarisch Becker/ Landes (1974), Calabresi (1970; 1985), Landes/Posner (1987; 2003), Shavell (2004) sowie tittle (1977). Für den deutschsprachigen Kontext siehe exemplarisch Amelang (1986); Diekmann (1980), Frank (1986), Opp (1971; 1973: 190ff.; 2010), Rottleuthner (1987: 57; 64ff.; 1992: 123) und Schulte (1986). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 84 keitsfaktoren Informiertheitsgrad, Grad der normativen Abweichung von informellen Normen und Erwartung negativer oder positiver Sanktionen zugrunde (Opp 2010: 36f.; vgl. auch Diekmann 1980: 33; Eifler 2010: 101f.). Ihre Sanktionsorientierung macht die ökonomischen Ansätze zu Abschreckungstheorien: Für die Einhaltung der Gesetze wird, neben dem Einfluss informeller Sanktionen, die Zwangsbewehrtheit des Rechts zentral gesetzt. Allerdings haben die Rational-Choice-Ansätze ihre Maximen in den letzten Dekaden deutlich abgeschwächt, indem sie die zentralen Begriffe Rationalität, Information und Entscheidung erheblich ausweiteten (vgl. Lucke 2010, 80; vgl. trasler 1993). In den aktuellen Modellen wird Rationalität nicht mehr entlang ›objektiver‹ Kriterien gemessen und es wird keine umfassende Informiertheit mehr vorausgesetzt, vielmehr wird von subjektiven Rationalitäten und einer den Möglichkeiten entsprechenden Informiertheit ausgegangen. Die Präferenzentscheidung befreite man vom notwendig langwierigen Räsonieren und integrierte so spontanes handeln. Die Erweiterungen tragen kriminologischen und rechtssoziologischen Erkenntnissen Rechnung, insofern die neuen Modelle etwa handlungsentscheidungen einbeziehen, die keinen ›objektiv‹ vernünftigen Maßstäben folgen (Block/heineke 1975), die im Affekt geschehen (Ferrell et al. 2005; Katz 2000; Presdee 2000) oder denen, wie es der Normalfall ist, nur geringe beziehungsweise äußerst latente Rechtskenntnisse zugrunde liegen (Blankenburg 1998; Ewick/Silbey 1998; Lautmann 1980)57. thomas Raiser weist jedoch darauf hin, 57 Am Aspekt der Rechtskenntnis setzten auch die Forschungen aus der Knowledge and Opinion about Law-tradition (KOL-Forschungen) an, die heute jedoch nur noch disziplinhistorische Relevanz haben. Rechtskonformität von AkteurInnen wurde hier positivistisch (Luhmann 1972a: 5f.) von dem Wissen über die Rechtsinhalte und den rechtlichen Konsequenzen des handelns abhängig gemacht (z.B. Aubert 1956, 1966; Kulcsár 1980, 198ff.; Walker/Argyle 1964), ebenso wie von der Vertrautheit mit dem Recht (z.B. Berkowitz/Walker 1967; Walker/Argyle 1964). Empirische Forschungen zeigten jedoch, dass Individuen in der Regel nur über geringe Rechtskenntnisse verfügen, ebenso wie ihre Meinungen zum Recht außerordentlich unbestimmt sind und bezüglich spezifischer Rechtsinhalte kaum variieren (z.B. Kutchinsky 1973: 105; Pichler/Giese 1993: 84, 266f.; Podgorecki et al. 1973: 71). Allenfalls für den Bereich des Strafrechts sind besondere Variationen auszumachen (Röhl 2013: 295). Sorokin (1967: 89) bemerkt dazu: »So wird auch eine Norm nicht dadurch zur Rechtsnorm, daß sie im Gesetzbuch oder in den Statuten des Staates enthalten ist: Die meisten Menschen kennen diese Gesetzbücher und Statuten überhaupt nicht, sie haben sie nie aufgeschlagen und gelesen.« Mittlerweile ist es unbestritten, dass sich der Grad der Rechtskenntnisse nicht als hauptsächlicher Faktor für Rechtsbefolgung fassen lässt. Unklar bliebe andernfalls, warum sich die AkteurInnen trotz ihrer durchschnittlich geringen Rechtskenntnisse maßgeblich rechtskonform verhalten. Nikolaus Dimmel weist zudem darauf hin, dass im Gegenteil manche Rechtsabweichungen Rechtskenntnisse sogar voraussetzen (1986: 152). Ein Verdienst der KOL-Forschungen ist jedoch der SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 85 dass die mit der Erweiterung einhergehenden Komplexitätssteigerungen für empirische Forschungen kaum noch zu bewältigen sein dürften (Raiser 2009: 255). Grundsätzlicher wird das Rational-Choice-Modell in der Literatur für seinen voluntaristischen Charakter kritisiert: Es bliebe bei dem Gebrauch von Regelungsangeboten stehen und ließe deren hintergründe – etwa, auf welcher Basis die den AkteurInnen oder ganzen Kollektiven zugrundeliegenden spezifischen Präferenzentscheidungen ›Sinn‹ ergeben und über gewisse Zeiträume und räumliche Grenzen hinweg stabil bleiben – außer Acht. Auf diese Weise würden einzelne handlungsakte atomistisch erklärbar, nicht aber kollektive handlungsmuster.58 Von einem hinreichenden Begriffssystem zur Erklärung rechtskonformer handlungsorientierungen könne bezüglich der Rational-Choice-Ansätze deshalb keine Rede sein (Fisahn 1999: 72; Lind/tyler 1988: 228ff.; Rottleuthner/Rottleuthner-Lutter 2010, 31; Simon/Kunow 1975: 298; teubner 1992: 142f.; vgl. Bora/Epp 2000: 6; vgl. Friedman 1972: 220ff.; vgl. Vollmer 1996: 148f.; einschränkend zu Faktoren, die von den Rational-Choice-Ansätzen nicht aufgegriffen werden, siehe außerdem selbst Opp 2010, 57). Mit jenen Ansätzen, die ihre AkteurInnen an die ›Außenwelt‹ der Normen binden, sind zweitens Autoren wie Émile Durkheim (1984[1897], 1992[1895], 1998) und talcott Parsons (1972, 1986) gemeint.59 Auch Max Weber (1922a, 1960, 1985[1921/1922]) ist hier zuzurechnen, wenngleich dieser, wie weiter unten ersichtlich wird, eine Sonderrolle einnimmt, insofern er verschiedene rechtssoziologische Konzeptionen der Rechtsbefolgung zu integrieren versucht. Die hier versammelten Ansätze sind im Gegensatz zu den theorien und Modellen des Rational Choice kaum systematisch ausgearbeitet; sie umfassen »only isolated, though frequent, references« (García Villegas 2011: 265). Die normtheoretischen Ansätze gehen, anders als die zweckorientierte handlungserklärung, nicht von einem subjektiven Wollen aus. Sie rücken ein soziales empirische Beleg von geschlechts-, alters-, konfessions- und schichtspezifischen Differenzen in Bezug auf Einstellungen zum Recht (z.B. Pichler/Giese 1993: 83ff.; 264; Podgòrecki et al. 1973; vgl. Raiser 2011: 57). Für elaborierte Kritiken an den KOL-Forschungen siehe etwa Dimmel (1986) oder Smaus (1981). 58 Dem normtheoretisch beziehungsweise kulturtheoretisch inspirierten Versuch, aus dem handeln der einzelnen AkteurInnen kollektive Phänomene abzuleiten, wie ihn Coleman (1990) theoretisch vollzieht, folgt die Rechtssoziologie in ihren empirischen Modellen bislang noch nicht: So bemerkt etwa Rottleuthner zur Erklärungskraft seines Modells, das dieses nur den »Gebrauch von Regelungsangeboten« erfasst, nicht aber »die weiteren Folgen oder Wirkungen dieser Aktivitäten« und damit die »Wirksamkeit eines Gesetzes« (1992: 125). 59 Siehe außerdem in dieser tradition exemplarisch Albrecht (1980), Geiger (1964), Schulte (1986), Sorokin (1967: 95), Sumner (1906) und Wagner (2010). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 86 Sollen in den Mittelpunkt, wobei an die Stelle der handlungsziele bei Rational-Choice-Ansätzen normativ verstandene Komplexe von Regeln treten, die kollektiv und zwingend wirken. Zwei Ausprägungen, deren Differenzen sich am Regelbegriff festmachen lassen, sind an dieser Stelle zu unterscheiden: In der ersten Variante werden Regeln als den AkteurInnen äußerliche, Druck ausübende so ziale Erwartungen gefasst. Durkheim ist hier zuzurechnen: Für ihn stehen die Regeln »außerhalb der einzelnen« (1984[1897]: 107). Sie sind »mit zwingender Gewalt ausgestattet [...], kraft deren sie sich ihnen aufdrängen« (ebd.). Die zweite Variante – hier ist Parsons anzusiedeln – versteht Regeln als internalisierte, von sozialen Erwartungen unbeeinflusste Wertekomplexe, die gleichsam als innerer Zwang zur Geltung kommen. In beiden Ausprägungen aber nehmen die Regeln die Rolle von Ge- und Verboten ein, die vorgeben, welche handlungen und handlungsmuster ›auszuwählen‹ sind. Rechtskonformität wird demgemäß als normativer Konsens verstanden, er wird – entweder als Fremd- oder als Selbstzwang – mit generalisierten beziehungsweise sozialisatorisch verinnerlichten Normen in Zusammenhang gebracht. »Normen«, fassen Martin Morlok und Ralf Kölbl (1998: 141) zusammen, »fordern Befolgung, und der Normdruck erzeugt [...] Konformität.« Die VertreterInnen der normorientierten Ansätze sind AnhängerInnen der Anerkennungstheorie, der zufolge Rechtskonformität sich als ein Ergebnis eben der Anerkennung der Rechtsordnung oder der Grundzüge der Verfassung darstellt. Gegenüber den normorientierten Perspektiven lässt sich kritisch einwenden, dass es kaum plausibel erscheint, handeln als ausschließlich an Normen ausgerichtet vorauszusetzen (Rottleuthner/Rottleuthner-Lutter 2010: 22). Zu offensichtlich sind einzelne handlungsakte oder auch Sequenzen von handlungen denkbar, die abseits von normativen Vorgaben ablaufen, denen man ihre Sinnhaftigkeit und ihre Ansiedelung innerhalb geordneter Strukturen aber nicht absprechen würde (vgl. allg. Reckwitz 2000: 140). Aus rechtswissenschaftlichwertrelativistischer Perspektive wurde denn auch zu bedenken gegeben, dass die Annahme eines mit dem Recht homolog gehenden Wertekonsenses nicht der Realität entspreche (z.B. Kelsen 1994[1934]: 15f.).60 An dieser Stelle kann exemplarisch auf Weber verwiesen werden, der diesen Einwand schon früh erkannte und ihm – mittels der Integration von Abschreckungs- und Anerkennungstheorien – Rechnung zu tragen versuchte. Rechtskonformität ist für ihn zunächst bedingt durch die Möglichkeit, die Rechtsregeln zwangsweise durchzusetzen: »[h]öchst massive 60 Auch assoziieren die normtheoretischen Ansätze Fragen der Rechtskonformität in der Regel abbildtheoretisch mit reinen Bewusstseinsphänomenen, wodurch die Verinnerlichung von Rechtsnormen in den Bereich der Psychologie verschoben wird (so z.B. Geiger 1964: 341; kritisch ähnlich Lautmann 1980: 172f.) SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 87 Motive der Furcht und der hoffnung – Furcht vor der Rache magischer Mächte oder des Machthabers« (Weber 1985[1921/1922]: 822) stehen dem Rechtsbruch entgegen. Das zweite Explanans findet sich in der Internalisierung der Rechtsnormen. Das »›Legitimitäts‹-Einverständnis« werde hergestellt durch Formen der herrschaft, die sich als legitim darzustellen vermögen (Ders. 1922a: 446). Demzufolge gehorchen »die Gehorchenden aus dem Grunde [...], weil sie die herrschaftsbeziehung für sich ›verbindlich‹ auch subjektiv ansehen« (ebd.). Was auf den ersten Blick nach einer plausiblen Integration beider handlungserklärungen aussieht, weist jedoch über die normorientierten Ansätze nicht hinaus, da auch bei Weber die negativen Sanktionen letztlich als zwingende normative Regeln auftreten. So gesehen mündet die Zwangsbewehrtheit des Rechts bloß wieder in den soziologischen Normbegriff (Röhl 2013: 233). Webers Ansatz erweist sich jedoch in anderer hinsicht als instruktiv, denn er trägt zur Anregung eines dritten Explanans für Rechtskonformität bei: den Legitimitätstheorien. Mit seinem Fokus auf Legitimität verschiebt Weber die Frage der Rechtsfolgebereitschaft von den RechtsadressatInnen auf die herrschenden (vgl. Vismann 2012: 7f.), woran später verschiedene sozialwissenschaftliche AutorInnen anschließen sollten. Gehen die normtheoretischen Ansätze von der Wirksamkeit der Norm aus, so liegt der Fokus bei den Legitimitätstheorien weniger auf der Norm als auf den Konformitätseffekten der rechtlichen Organisationsstruktur. Exemplarisch sei hier mit Niklas Luhmanns theoriebildung der Legitimation durch Verfahren (Luhmann 1981, 1985, 1993, 2001[1969]) die theoretisch avancierteste herangehensweise vorgestellt.61 Bezug nimmt diese neben der politischen Wahl auf die Bereiche der Rechtsetzung, der Rechtsprechung und der Administration. Luhmann hält Webers Legalitätsglauben grundsätzlich für plausibel, kritisiert ihn aber als hochgradig unspezifisch (Ders. 2001[1969]: 28ff.). Mit 61 Von der Auseinandersetzung mit dem Legitimitätsbegriff habermas’ (1976: 1998) wird hier unter anderem aufgrund seines normativen Charakters abgesehen. Ausgelassen werden außerdem zwei weitere Perspektiven: Dies ist einmal die weniger soziologisch als sozialpsychologisch orientierte, maßgeblich entweder auf instrumentelles oder normorientiertes handeln abstellende (Bora/Epp 2000: 1) procedural justice-Forschung (siehe exemplarisch Bierbrauer/Gottwald/Birnbreier-Stahlberger (1995); Gross Cunha/de Oliveira/de Oliveira Ramos (2013); Lind/tyler (1988); Sunshine/tyler (2003); thibaut/Walker (1975); tyler (2006); tyler/huo (2002)) sowie die maßgeblich auf politische Legitimitätsprozesse abstellende, demokratietheoretisch inspirierte Akzeptanzforschung (siehe exemplarisch Lucke (1995, 1996, 1998, 2010); Schreiner (1998); Weinberger (1998)). Zur systemtheoretischen Rezeption siehe exemplarisch Bora (1993, 1999), Bora/Epp (2000); Machura (1997, 2001); Röhl/Machura (1997); teubner (1984, 1985), Willke (1983) sowie Vollmer (1996). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 88 Weber konzipiert er Legitimität zunächst als eine von inhaltlichen und materiellen Grundlegungen unabhängige Größe. Gegen Weber entledigt er sich allerdings der normativen Begründung, die dessen Legitimitätsbegriff eigen ist. Für Luhmann sind es allein prozedurale Abläufe, die zur Rechtsfolgebereitschaft führen: Rechtskonformität ist nicht Resultat eines normativen Konsenses, sondern Effekt verbindlicher Entscheidungsfindungen im Verfahrensverlauf, wie sie durch Rollenadaptionen der Verfahrensbeteiligten zustande kommen (ebd.: 82ff.). Die Übernahme von Rollen hat kontingenzschließende Funktion, da sie Erwartungen gemäß der Verfahrenslogik umstrukturiert und die AkteurInnen so an ein dem Verfahren gemäßes handeln bindet (ebd.). Widerstände haben nur dann Platz, wenn sie entsprechend den Regeln des Verfahrens artikuliert und eingebracht werden (ebd.: 116ff.). Auch mit den Verfahrensbeteiligten solidarisieren kann sich nur, wer teil des Verfahrens ist. Dem Verfahren ist vor diesem hintergrund eine integrative Funktion zuzusprechen – selbst wenn die an ihm Beteiligten Kritik am Verfahrensverlauf, seiner Grundlegung oder seinen Inhalten üben (vgl. Luhmann 1972b: 263f.). Rechtsfolgebereitschaft konzipiert Luhmann genau deshalb lediglich als Akzeptanz, nicht als Akzeptabilität, das heißt er misst der Rollenadaption weder eine innerliche noch eine inhaltliche Entsprechung zu (Ders. 2001: 82); diese ergibt sich für ihn nahezu »motivlos[...]« (Ders. 2001[1969]: 28). Die Platzierung rechtskonformer handlungsorientierungen abseits von Normen oder Interessen ist jedoch kritisch zu sehen: Zu offensichtlich sind Verfahren denkbar, in denen die Beteiligten mit den Verfahrensregeln auch normativ (zur identitätsstiftenden Funktion von Verfahren vgl. Bora/Epp 2000) und im Sinne ihrer Interessen konform gehen – oder aber sich umgekehrt, von der ihnen zugewiesenen Rolle absehend, deviant verhalten (zu letzterem siehe auch Luhmann 2001[1969], 90; vgl. zudem einschränkend zu Luhmanns Verfahrensbegriff habermas 1976: 41; Offe 1976: 85ff.; Vollmer 1996: 153f.). So ist im historischen Rückblick nur auf jene zahlreichen Beispiele zu verweisen, in denen der Gerichtssaal bewusst als politische Bühne genutzt wurde (vgl. Fisahn 1999: 131). Rechtskonformes handeln allein aus systemischen Anforderungen, mithin aus extramentalen Kommunikationsvorgängen in der tendenz textualistisch abzuleiten, scheint vor diesem hintergrund zwar nicht falsch, aber unzureichend.62 Zum anderen – und dieser Aspekt wiegt insbesondere in hinblick auf die hier formulierte Fragestellung 62 Vgl. hierzu jedoch handlungstheoretisch inspirierte Relektüren von Luhmanns Systemtheorie, die sich unter dem Stichwort des Wandels von Anschlussbeziehungen für die Frage interessieren, wie auch Abweichung bzw. die Entstehung von Neuem möglich ist (z.B. Mölders 2012). hieran ließe sich, wollte man die systemtheoretische Lesart weiterverfolgen, für die Rechtskonformitätsforschung anschließen. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 89 schwer – bleiben im Rahmen der Legitimitätstheorien Fragen nach der Rechtsfolgebereitschaft außerhalb konkreter Verfahren ungeklärt (Ders. 1999: 134). Zwar weitet Luhmann das Prinzip der Absorption individuellen Protests am Beispiel der Wahl politischer VertreterInnen auf Prozesse außerhalb des Gerichtssaals aus und ergänzt es um eine Art negatives Gleichheitsprinzip, dem alle gleichermaßen unterworfen sind. Auf Fragen der konkreten Rechtsfolgebereitschaft Einzelner vermögen die erarbeiteten sozialen Mechanismen jedoch keine befriedigenden Antworten zu geben (ebd.). Man müsste wohl an Luhmanns Konzeption des Rechtsetzungsverfahrens ansetzen, um von hier aus Rechtskonformität auch außerhalb der konkreten Interaktion in Gerichtsverfahren denken zu können. Mit Luhmann wäre dann allerdings von der bindenden Wirkung des Verfahrens abzugehen (2001[1969]: 194) und stattdessen die »symbolische Identifikation auf Distanz« (Ebd.) auszubauen, die er für solche Fälle heranzieht. Dem folgend wäre man dann aber nicht mehr bei Webers Verfahrensbegriff, sondern, wie nachfolgend noch ersichtlich wird (vgl. 2.2.2), mit Durkheim ganz wie Bourdieu bei der Wirkkraft von Symbolen. Es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, noch eingehender auf die verschiedenen theoretischen herangehensweisen, ihre Probleme und Potenziale einzugehen, auch wenn ich damit Vereinfachungen billigend in Kauf nehme und Verbindungsversuche einzelner Erklärungsansätze untereinander bewusst unterschlage. Für umfassende Darstellungen des Forschungsstands sei an dieser Stelle auf die Monographien von Andreas Fisahn (1999) und Doris Lucke (1995) verwiesen. Mittels der vorgenommenen Erläuterungen lassen sich gewisse tendenzen pointieren, und einzig darauf kommt es mir für das nachfolgende Argument an. So divers die theoretischen Perspektiven auf Rechtskonformität sich darstellen und so verschieden sie präzise Beobachtungen und Einblicke ermöglichen: Unterscheiden lassen sich drei verschiedene Ansätze, von denen ich den ersten stark vereinfachend als im Paradigma des homo oeconomicus, den zweiten als im Paradigma des homo sociologicus platziert und den dritten – zumindest seiner tendenz nach – als textualistisch orientiert beschrieben habe. Auf der einen Seite werden Analysen subjektiver Interessen und Wünsche durchgeführt, jedoch ohne diese systematisch in Verbindung mit kollektiven Strukturen zu bringen. Das Recht wird hier ausschließlich in Gestalt erteilter Sanktionen oder Anreize sichtbar. Auf der anderen Seite steht die Untersuchung von kollektiven Strukturen, ohne dass die spezifischen hieraus resultierenden handlungsakte und -sequenzen in ihrer Gleichheit und Differenz in den Blick kämen. hier rückt in erster Linie eine jeweils vor allem in ihrer homogenität vorgestellte beziehungsweise erklärte Wirksamkeit des Rechts oder der Rechtsinstitution in den Blick. Die Bruchlinie verläuft klar ersichtlich entlang eines Kernproblems der Soziologie, welches – je nach theoretischer Verortung REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 90 – als Frage etwa nach dem Verhältnis von personaler und sozialer Identität, von Individuum und Gesellschaft oder auch von agency und structure beschrieben wurde (Wagner 2010: 7). Ungenau bestimmt bleibt, ob und wie die spezifischen Akte des Rechtssystems und anderer struktureller Faktoren für die Individuen in spezifischer Weise handlungsanleitend werden. Denn keine der gegenübergestellten Perspektiven berührt konzeptionell-begrifflich in ausreichendem Maße jene Ebene der gesellschaftlichen Wirklichkeit, auf der Struktur und handlung sich begegnen. Vor über 30 Jahren formulierte hubert Rottleuthner folgendes Forschungsdesiderat (1981: 112): »Wir suchen eine theorie, die nicht nur das Verhalten der Rechtsgenossen zum Gegenstand hat, sondern ebenso das des Rechtsstabs.« Seine Aussage scheint an Aktualität bis heute nichts verloren zu haben: Auch gegenwärtig sehen RechtssoziologInnen in Bezug auf die Frage der Rechtskonformität keine hinreichend komplexen theorieangebote gegeben (Fisahn 1999: 16; Friedman 1972; García Villegas 2011; Kaufmann 1985: 187; Opp 1974: 214; Raiser 2009: 255; tittle 1977; Wagner 2010: 7). Wenig sinnvoll wäre es an dieser Stelle, beide Fragerichtungen gegeneinander auszuspielen, wurde doch gezeigt, dass diese jeweils für sich plausible, wenn auch in keiner Weise abschließende theoretische Erklärungen für das Phänomen der Rechtskonformität bereitstellen: »None of these perspectives can completely explain the phenomenon [...], although they all shed light on some of its basic aspects.« (García Villegas 2011: 287; vgl. tittle 1977) Insofern stehen die Perspektiven in einem komplementären, sich ergänzenden Verhältnis zueinander und können als zwei beziehungsweise drei Seiten eines rechtssoziologischen Analyseprojekts begriffen werden (vgl. Friedman 1972: 220). Auf die Relevanz eines Denkens in Relationen, sofern von den Aktivitäten des Rechts und den RechtsadressatInnen die Rede ist, wurde bereits früh hingewiesen. Schon Jean Carbonnier (1967: 139), Rudolph von Ihering (1965[1884]: 296), Karl Llewellyn (1967: 65, 85) oder Max Rümelin (1925: 26) sahen an dieser Stelle Bedarf63, und nicht umsonst hat, wie obenstehend deutlich wurde, Weber an verschiedenen Stellen seines Werks immer wieder Versuche unternommen, nicht nur auf die Perspektive des Gehorchens, des Glaubens oder des blinden tuns, sondern auch auf die Perspektive des herrschens abzustellen. Beim Versuch der Integration der verschiedenen Perspektiven stößt man – will man wesentliche theoretische Pro bleme nicht eskamotieren – jedoch auf Widerstand, denn die Perspektiven stehen inkommensurabel gegeneinander. Die jeweiligen soziologischen Fundierungsvokabulare sind gänzlich verschieden angelegt, 63 Kaufmann (1985: 187ff.) und Silbey (2005: 357, 2010: 473) weisen zudem auf die empirische Unterbestimmtheit dieses Verhältnisses hin. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 91 so dass die opponierenden Fragerichtungen sozialtheoretisch in einem inkompati blen Spannungsverhältnis stehen. Es scheint deshalb hilfreich, auf andere Begrifflichkeiten zurückzugreifen, die die Debatte um Rechtskonformität bereichern und Ausgangspunkt für Analysen sein können – ohne von den bisherigen rechtssoziologischen Erkenntnissen vollständig abzusehen. Ohne suggerieren zu wollen, dass ausschließlich der hier gewählte theoretische Zugang Möglichkeiten bereithält, um sich der skizzierten Problematik anzunähern, kann dies meines Erachtens durch den Rückgriff auf kulturtheoretische, konkreter praxeologische Ansätze gelingen, die die Vermittlung von Struktur und handlung in den Mittelpunkt ihres Erkenntnisinteresses stellen. Vereinzelt legen das auch rechtssoziologische Publikationen nahe (siehe Fisahn 1999; Litowitz 2000; Morlok/Kölbl 1998; in Bezug auf abweichendes Verhalten siehe Villegas 2011). Nachfolgend wird dieses Unternehmen, bei dem ich mich vor allem auf Pierre Bourdieus praxeologischen handlungs- und Feldbegriff beziehe, erörtert. 2.2.2 Rechtspraxeologie Zu den praxeologischen Perspektiven können nach Reckwitz (2004: 42) die Ethnomethodologie harold Garfinkels, die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, die handlungskunstanalyse Michel de Certeaus, die Analyse der Selbsttechniken des späten Michel Foucault, die Strukturierungstheorie von Anthony Giddens, die theorie der Performativität Judith Butlers, Ansätze aus den science studies und schließlich Bourdieus theorie der Praxis gezählt werden. Praxeologische Strömungen gewannen in der Rechtssoziologie und der sozialwissenschaftlichen Rechtsforschung ab den 1990er Jahren verstärkt an Bedeutung und finden seitdem langsam, aber kontinuierlich breitere Anwendung (vgl. Banakar/travers 2005a: xii; vgl. Bora 2007: 230; vgl. ähnlich für Frankreich Noreau/ Arnaud 1998). Ein wichtiger Ausgangspunkt für die sich entwickelnde Forschungsrichtung war die Kritik an einer instrumentellen Blickrichtung auf das Recht, wie sie vonseiten gesellschaftskritischer Analysen in marxistischer tradition betrieben wurde. Recht wurde darin in erster Linie als Ausdruck herrschender Interessen und ökonomischer Bestimmungen, mithin als Unterdrückungsinstrument gegenüber den Machtlosen betrachtet. ›Klassenjustiz‹ war hier das Stichwort (vgl. kritisch Bourdieu 1987b: 814; Coombe 1989; R. habermas 2008: 19ff.; Steinmetz 2002: 7ff.). Recht und Rechtsunterworfene derart antagonistisch gegen- überzustellen, erschien aus praxeologischer Perspektive als verkürzt, sah man das Recht der Gesellschaft auf diese Weise doch als etwas äußerlich Angetragenes an (Buchanan 1994; R. habermas 2003, 2008; Steinmetz 2002; vgl. Nader 2002; vgl. Silbey 2005: 327). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 92 Eine wichtige Bezugsgröße dieser Kritiklinie war ein poststrukturalistischer Machtbegriff, wie ihn prominent Michel Foucault formuliert hatte: Macht war in diesem Verständnis kein Prinzip und keine an sich bestehende Größe; sie war den Dingen nicht äußerlich, sondern emergierte noch aus den periphersten Verzweigungen des Sozialen. Damit wies sie nicht nur einen repressiven, sondern auch einen ermöglichenden, produktiven Charakter auf (Foucault 1991). Macht musste die Rechtssubjekte aus dieser Perspektive immer schon durchkreuzen – gänzlich unabhängig von ihrer sozialen Position. Ebenso einflussreich für die Entwicklung rechtspraxeologischer Perspektiven war die Kritik am Funktionalismus, wie sie phänomenologische DenkerInnen formulierten. Diese zogen in Zweifel, dass die Rechtspraxis soziale Realität einfach nur abbilde, stattdessen nahmen sie an, dass Recht an der Konstruktion sozialer Wirklichkeit selbst mit beteiligt sei. Besonders herauszuheben ist an dieser Stelle der Einfluss von Clifford Geertz (z.B. Geertz 1983: 232). Vor allem Strömungen aus der Anthropologie, der Kultur- und der Geschichtswissenschaft diskutierten und verwendeten praxeologische Zugänge. Diese entsprachen für viele dem Forschungsziel, eine Perspektive ›von unten‹ zu etablieren. hatte man sich bis dahin fast ausschließlich mit der ExpertInnenperspektive befasst und Laien eine eher passive Rolle zugewiesen, so sollten letztere nun als handelnde und das Recht mit aushandelnde Subjekte in den Blick rücken. Diese Zugangsweise implizierte, den Zugriff des Rechts auf das Soziale nicht erst an der Schwelle institutioneller Konfliktlösung zu sehen, sondern ihm eine Wirkmächtigkeit auch für die Ebene des Alltags zuzusprechen. herauszuheben ist für diese Perspektive neben bestimmten rechtsgeschichtlichen Strömungen innerhalb der historischen Kulturforschung und der Rechtsanthropologie (Dinges 1994; R. habermas 2008; Lüdtke 1989; Nader 2002; Starr/ Collier 1987; Steinmetz 2002) vor allem die stärker soziologische Forschungsrichtung der legal consciousness studies (Bumiller 1988; Ewick/ Silbey 1995, 1998; hunt 1996; McCann 1992; McCann/March 1995; Sarat 1990). In sozialtheoretischer hinsicht weisen die verschiedenen praxeologischen Strömungen ein Modell sinnorientierter handlungsbeschreibung und -erklärung auf. Dem homo eoconomicus und dem homo sociologicus stellen sie das animal symbolicum (Cassirer) gegenüber. Im Gegensatz zu den zweck- und normorientierten typen der handlungserklärung nehmen die praxeologischen Ansätze an, dass handeln ausschließlich innerhalb von symbolischen Wirklichkeiten organisiert ist. Diese sind jedoch nicht als Vorgefundene zu verstehen, sondern sie werden von den AkteurInnen, indem sie Bedeutungszuschreibungen entlang kultureller SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 93 Sinnrepertoires vornehmen, selbst hergestellt.64 Ausgangspunkt dieser Prämisse ist die Überlegung, dass nicht jedes handeln interessengeleitet ist und nicht jedes handeln normorientiert. Es wird jedoch angenommen, dass jedes handeln notwendig an Sinnzuschreibungen gebunden ist. handhabbar wird die soziale Wirklichkeit für die Individuen, weil sie mit ihren Bedeutungszuschreibungen bestimmte Dinge denkbar und andere wiederum undenkbar machen; ihre spezifischen Wirklichkeitskonstruktionen haben so zugleich ermöglichenden und verunmöglichenden Charakter. Die praxeologische handlungsbeschreibung und -erklärung beruht so wesentlich auf dem Prinzip der Kognition – nicht verstanden im Sinne einer Bewusstseinsleistung, wie dies eine psychologische Lesart nahelegen würde, sondern spezifisch kulturtheoretisch als symbolische Konstitutionsleistung. Es lässt sich hier unter Adaption des Begriffsinventars von J. R. Searle von »kognitiven ›konstitutiven‹ Regeln der Bedeutungszuschreibung« sprechen, die zum einen die atomistischen handlungsziele der zweckrationalen handlungserklärung ablösen und zum anderen Abstand nehmen von den »normativen ›regulativen‹ Regeln« der normorientierten Zugangsweisen (Reckwitz 2000: 131). Das bedeutet nicht, dass Interessen- und normgeleitete handlungen vonseiten der praxeologischen Zugänge negiert würden. Aber sie werden jeweils als Resultate der individuell hergestellten Wahrnehmungs-, Denkund handlungsschemata betrachtet. Wie später noch ersichtlich wird, ermöglicht eine derartige sozialtheoretische Grundlegung die Integration von Abschreckungs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien, denn sie vermag strategisches handeln (gleich, ob auf der Grundlage von Interessen oder als Fremdzwang), handeln auf der Grundlage von Selbstzwang und handeln im Rahmen von ›selbstverständlichen‹ Routinen, wie sie unter anderem in Verfahren beobachtbar sind, zusammen zu lesen. Der praxeologische Zugang eröffnet so die Möglichkeit, sich begrifflich-theoretisch den rechtskonformen handlungsorientierungen von AkteurInnen anzunähern, ohne von den bisherigen rechtssoziologischen Erkenntnissen gänzlich absehen zu müssen. Diese können vielmehr im Rahmen eines soziologischen Fundierungsvokabulars nutzbar gemacht werden. Für die vorliegende Untersuchung eignen sich konkret die Arbeiten von Bourdieu als Ausgangspunkt für eine praxeologische Perspektive auf Rechtskonformität. Ein zentraler Ansatzpunkt von dessen ›theorie der Praxis‹ beziehungsweise ›Praxeologie‹ (Bourdieu 1979, 1987a, 2001a) war seine Kritik am antagonistischen Denken von handlung und Struktur, wie es sich auch in der Debatte um Rechtskonformität bestimmend 64 Innerhalb der Kulturtheorien hat es sich deshalb durchgesetzt, nicht von einer Rationalität im Sinne Max Webers oder von einem Wissensbestand, sondern von konkurrierenden Wahrheiten zu sprechen (vgl. etwa Bourdieu 1979: 203). Dem schlie- ße ich mich hier an. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 94 abbildet. Zur Überwindung dieses Perspektivendualismus erarbeitete er eine Sozialtheorie, die AkteurInnen und ihre Beziehungen zu den sozialen Strukturen fokussiert und dabei sowohl Elemente der strukturalistischen Kulturtheorie als auch phänomenologische Denkfiguren aufnimmt. Damit kennzeichnen sein Vorhaben zwei epistemologische Brüche: Dem »subjektivistischen« handlungsvoluntarismus der handlungstheoretischen und interpretativen Ansätze begegnet Bourdieu mit strukturalistischen Denkfiguren; zum anderen relativiert er den »objektivistischen« Strukturdeterminismus unter Rückgriff auf interpretative Ansätze entscheidend zugunsten einer stärker akteursabhängigen, mithin konstruktivistisch-strukturalen Perspektive (Bourdieu 1992b: 135ff.). In Verbindung mit den zentralen Begriffen ›habitus‹, ›praktischer Sinn‹, ›soziales Feld‹ ›symbolische Gewalt‹ sowie der Vorstellung von der Inkorporation kollektiver Strukturen erarbeitet er einen elaborierten Rahmen, mit dem er Soziales zu untersuchen vermag.65 Es sei an dieser Stelle vorweggenommen, dass Bourdieu auf diese Weise nicht nur den herkömmlichen soziologischen handlungsbegriff entscheidend transformiert, sondern tiefgehende Eingriffe auch in die Architektur des Sozialen vornimmt: in die Konzeption des Akteurs, des Subjekts, der sozialen Ordnung und der sozialen Reproduktion. Mich interessiert Bourdieu, der ein breit gestreutes Set begrifflicher Analysewerkzeuge entwickelte, vor allem in hinblick auf die dezidiert kulturtheoretischen Aspekte seiner Arbeit. Erstens greife ich auf die praxeologische Grundlegung Bourdieus zurück. Da er mit ihr strategisches 65 Bourdieus theorieverständnis unterscheidet sich dabei von jenem des für diese Arbeit einschlägigen rechtssoziologischen Forschungsstands: Vor dem hintergrund der Annahme, dass handeln stets im Rahmen individuell hergestellter symbolischer Wirklichkeiten stattfindet, betrachtet er jeden theoretischen Forschungsakt immer schon als empirische Konstruktionsleistung, jeden empirischen Forschungsakt dagegen immer schon als theoretisch, arbeitet letzterer doch notwendig stets mit theoretischen Annahmen über das, was untersucht wird (Wacquant 1996: 61). In dem Versuch, die geläufige Unterscheidung von theorie und Praxis aufzubrechen, rekurriert Bourdieu deshalb bewusst nicht auf eine umfassend ausgearbeitete Gesellschaftstheorie, sondern auf eine eklektizistische Auswahl relativ offener Begriffe und Konzepte, die bezogen auf den jeweils zu untersuchenden Gegenstand partikular als sensibilisierende Instrumente fungieren (Bourdieu/Wacquant 1996: 125; vgl. auch Bourdieu 1992b: 57f.). Dieser Zugang trifft sich mit einer in teilen der Rechtssoziologie vorherrschenden Skepsis gegenüber der Idee einer allgemeinen theorie der Rechtswirksamkeit: Zu sehr, so wird angenommen, variieren die durch die Gesetze gestellten Anforderungen, zu unterschiedlich sind die AdressatInnenkreise (Bankenburg 1977: 41; García Villegas 2011: 285ff.; Silbey 2005: 355; vgl. außerdem Chambliss 1966: 75; Schulte 1986: 137). Anschaulich wird dies, wenn man etwa das sozial besonders kontrollintensive strafrechtliche Vergehen mit nur in geringem Maße von sozialer Kontrolle durchsetzten Bereichen wie etwa dem Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung gegeneinanderhält. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 95 handeln, handeln auf der Grundlage von Selbstzwang und handeln im Rahmen von ›selbstverständlichen‹ Routinen zusammen denkt, bildet sie einen zentralen Ausgangspunkt, um Abschreckungs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien unter Berücksichtigung eines dezentrierten Subjektbegriffs theoretisch zusammenzuführen. Zweitens interessiert mich Bourdieus Auffassung des Sozialen, denn von ihr ausgehend unternimmt er den Versuch, Recht und Rechtsentwicklung in die Gesellschaft zu re-integrieren. Daran schließt sich drittens das Interesse an Bourdieus Symboltheorie an, durch die er dem Recht die Möglichkeit zuerkennt, abseits der direkten Interaktion von AkteurInnen in Rechtsinstitutionen in der sozialen Welt zu zirkulieren. Diese drei Gesichtspunkte bilden für mich die Grundlage, um die handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen mittels eines komplex angelegten und rechtssoziologisch inte grativen handlungsbegriffs zu betrachten, in den, wie später noch ersichtlich wird, die Strukturen und Mechanismen des Rechts implizit immer schon eingelassen sind. An dieser Stelle ist jedoch einschränkend darauf hinzuweisen, dass Bourdieu sich nie systematisch mit dem Recht auseinandergesetzt hat und dass sein Rechtsdenken auch innerhalb der Rechtssoziologie bislang immer noch relativ unerschlossen ist (Conradin 2008: 438; Conradintriaca 2014: 15; García Villegas 2004: 57; Guibentif 2010)66. Weder entwickelte er eine theorie des Rechts und noch weniger eine theorie der Rechtsbefolgung (vgl. Madsen 2006: 2). Seine Erkenntnisse zum Recht sind überwiegend Nebenprodukte seiner theoretischen und methodologischen Überlegungen.67 RechtssoziologInnen kommt es jedoch zugute, dass Bourdieu in seiner Praxeologie die juridische Regel zum Prototypen 66 Zur geringen Rezeption von Bourdieus Rechtsverständnis mag einerseits die Bruchstückhaftigkeit seines Rechtsdenkens beigetragen haben, andererseits der Umstand, dass sich seine thesen erst vor dem hintergrund seines Gesamtwerks erschließen (vgl. Madsen/Delazay 2002: 188). Schwierigkeiten dürfte den LeserInnen auch bereitet haben, dass Bourdieus rechtssoziologische Skizze sich keiner rechtstheoretischen Strömung zuordnen lässt. Mauricio García Villegas (2004: 58) hingegen nimmt an, dass die fehlende Auseinandersetzung mit Bourdieus Rechtsdenken vor allem der Marginalität der Rechtssoziologie in Frankreich geschuldet ist – ein hinweis, der für diese Arbeit zusätzlich aufgegriffen wird. Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass Bourdieus Rechtssoziologie verschiedentlich inhaltlich kritisiert wurde. Der zentralste Einwand ist wohl in dem Vorwurf zu sehen, Bourdieu habe das transformatorische Potenzial des Rechts übersehen (García Villegas 2004: 67). Von anderer Seite kritisiert man Bourdieus Beschränkung auf den Nationalstaat als Bezugsrahmen. Probleme des Rechtspluralismus und transnationale Rechtsentwicklungen blieben so unverstanden (Delazay/Garth 1996). 67 Die wichtigsten Eckpunkte von Bourdieus Rechtsdenken finden sich in seinen Aufsätzen »habitus, code et codification« (1986), »Force of Law« (1987b), »Les juristes, gardiens de l’hypocrisie collective« (1991) und »Das Recht und die Umgehung des Rechts« (2006). Darüber hinaus sind Passagen in »Rede und Antwort« REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 96 handlungsanleitender kollektiver Kriterien gemacht hat (vgl. Bourdieu 1979: 203ff.). Ging es Bourdieu in seinen früheren, stärker handlungstheoretischen Arbeiten um eine Überwindung des ›Legalismus‹ – der strukturalistischen Vorstellung einer bruchlosen Regelübernahme –, so rückt das Recht als Gegenstand erst in seinen späteren, stärker feldtheoretischen Arbeiten in den Fokus. Die Folge ist ein vorrangig feldtheoretischer Zugriff auf das Recht, der in analytisch-empirischer hinsicht die Vergesellschaftung des Rechtsstabs gegenüber jener der Laien favorisiert und mit einer relativen Zentrierung auf den Gerichtsprozess bezüglich der Frage nach der Reproduktion des Rechts einhergeht. Auch wenn die in der vorliegenden Arbeit aufgeworfene Fragestellung nach handlungsorientierungen von ›gewöhnlichen‹ AkteurInnen unterhalb der Schwelle des Gerichtsprozesses einen wenig entwickelten Bereich von Bourdieus Rechtsdenken fokussiert, liefert sein Werk doch wichtige Anhaltspunkte, rechtskonforme handlungsvollzüge zu verstehen und zu erklären (vgl. Fisahn 1999; vgl. García Villegas 2011; vgl. Litowitz 2000; vgl. für auf Bourdieus Rechtsdenken aufbauende Forschung allg. Noreau/Arnaud 1998: 267ff.).68 Zwei Kritikpunkte gegenüber Bourdieus Werk müssen jedoch berücksichtigt werden, die eine Ergänzung beziehungsweise Verschiebung seines Denkgerüsts erfordern und seinen Strukturalismus ein Stück weit relativieren. Die erste Kritik bezieht sich auf Bourdieus Praxeologie. Bourdieu muss sich hier den Vorwurf des handlungsdeterminismus gefallen lassen: Zu Recht wird bemängelt, dass er den AkteurInnen ein zu geringes Maß an Eigensinn zugesteht, um die Ausnahme von der Regel und die Genese von Neuem angemessen erklären zu können. Dieser Kritik begegne ich mittels neuerer praxistheoretischer Konzeptionen, die (1992b) zu berücksichtigen, hier insbesondere »Von den Regeln zu den Strategien«, »Die Kodifizierung« und »Sozialer Raum und symbolische Macht«. 68 Zu einem ähnlichen Versuch siehe an dieser Stelle insbesondere Andreas Fisahns »theorie der Rechtsbefolgung« (1999). Fisahn bezieht sich hier auf Bourdieus Feldtheorie, übernimmt jedoch maßgeblicher Bestandteile aus dem Werk von Antony Giddens. Obwohl die am Beispiel von Vollzugsdefiziten im Umweltrecht entwickelte rechtstheoretische Arbeit wesentlich über den Diskussionsstand der bisherigen theoretischen Ansätze hinausführt, hat die Rechtssoziologie diese bisher nicht zur Kenntnis genommen. hier wird von einem Rückgriff auf Fisahns theorie abgesehen, weil sie wesentliche Probleme der theoretischen Konzeption von Rechtskonformität, wie sie für diese Untersuchung relevant sind, offen lässt. Zum einen wird die Frage der Widerständigkeit von handlungsvollzügen mit dem Verweis auf hans Joas’ relativ voraussetzungsloser Konstatierung der »Kreativität des handelns« (vgl. Alkemeyer/Villa 2010: 317) nur unzureichend gelöst. Zum anderen wird die Problematik der objektiven Vergesellschaftung von Laien innerhalb des rechtlichen Felds gänzlich ausgeklammert. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 97 unter Rückgriff auf ethnomethodologische Denkfiguren einen stärkeren Fokus auf handlungsunregelmäßigkeiten zu legen vermögen. Die zweite Kritik betrifft Bourdieus Rechtsdenken, genauer die Marginalisierung von Laien für die ›Rechtsproduktion‹. Ich greife diese Kritik auf, da sie Leerstellen bezüglich der Frage der rechtlichen Vergesellschaftung von Laien offenlegt. Der genannten Problematik begegne ich dabei durch eine vorsichtige Annäherung an eine ethnomethodologische Denkfigur, wie sie unter anderem in den legal consciousness studies vertreten wird. Innerhalb dieser wird die Gleichursprünglichkeit der Praktiken von Laien und ExpertInnen für die Rechtsproduktion, die hier in relativierender Weise übertragen wird, angenommen, wodurch die rechtliche Vergesellschaftung der erstgenannten in Alltagskontexten umfassend theoretisch konzipierbar wird. Nachfolgend erörtere ich zunächst Bourdieus handlungsbegriff und ergänze ihn, wie oben beschrieben, um neuere praxistheoretische Erkenntnisse. Wie handeln im Kontext des Rechts möglich ist, wird sodann in Zusammenhang mit Bourdieus Konzept der sozialen Felder und deren Symbolträchtigkeit herausgearbeitet. Die unterrepräsentierte rechtliche Vergesellschaftung der Laien ergänze ich um deren par tielle Inklusion in das rechtliche Feld. Zusammen bilden die Begriffe die Grundlage, um im nachfolgenden teilabschnitt Bourdieus Verständnis juridisch regelgeleiteter Praktiken zu destillieren. Erzeugungsgrundlage für Praktiken: Der habitus Mit seinem Forschungsprogramm will Bourdieu »daran [...] gemahnen, daß es neben der ausdrücklichen Norm oder dem rationalen Kalkül noch andere Erzeugungsprinzipien von Praktiken gibt« (Bourdieu 1992b: 99). Er fragt: »Wie können Verhaltensweisen geregelt sein, ohne daß ihnen eine Befolgung von Regeln zugrunde liegt?« (ebd.: 85f.) In seinem »Entwurf einer theorie der Praxis« beantwortet Bourdieu diese Frage mit dem Konzept des habitus, verstanden als dem »Erzeugungsmodus der Praxisformen« (Ders. 1979: 164). Die Konvergenz der handlungen sieht er zentral bestimmt durch das, was er die kollektiven Schemata des habitus oder auch Dispositionen nennt. Bourdieu konzipiert den habitus als vermittelnden Mechanismus zwischen Struktur und handlung beziehungsweise Akteur und Feld. Damit sind ihm zwei Mechanismen eigen: Zum einen ist er opus operatum oder ›strukturierte Struktur‹, agierend als Produkt historischer und sozialer Bedingungen und Kämpfe, die sich in ihn eingeschrieben haben und in ihm fortwirken, die also gleichsam seine Natur geworden sind. Er ist aber auch modus operandi, also ›strukturierende Struktur‹: Von ihm gehen auf der Grundlage seiner historischsozialen Strukturiertheit handlungen aus, die wiederum andere handlungen anreizen (ebd.: 164f.). Damit bildet er »ein generierendes Prinzip REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 98 jener regelhaften Improvisation, die man auch gesellschaftliche Praxis nennen kann« (Krais 2004: 192). Bourdieu konzipiert den habitus einerseits als Produkt von kollektiven Strukturen, die als inkorporierte soziale Zwänge Gestalt annehmen – dies ermöglicht ihm der Rückgriff auf strukturalistische Denkfiguren. Der habitus ist für Bourdieu aber auch, das macht die Bezugnahme auf interpretative theorien und der Bruch mit dem Strukturalismus möglich, kognitives und somit letzten Endes schöpferisches Prinzip. Er lässt sich als ein Komplex kognitiver Schemata verstehen, auf deren Grundlage die AkteurInnen die Gegenstände wahrnehmen, bewerten und klassifizieren und auf deren Grundlage sie schließlich handeln: Er ist das tor zur »praktischen Erkenntnis der sozialen Welt« (Bourdieu 1979: 148). Schemata respektive Dispositionen sorgen für die habitualisierung von handlungsmustern und sie halten handlungsrepertoires bereit, die es ermöglichen, auf beliebige Situationen wie selbstverständlich zu reagieren (ebd.: 204). Die Schemata will Bourdieu jedoch nicht als vorgefundene verstanden wissen; sie werden vielmehr erworben. Der Akteur eignet sie sich in Auseinandersetzung mit den objektiven Bedingungen, die immer schon als gesellschaftlich vermittelte gedacht sind, an. Der Unterschied zu den dargestellten normtheoretischen Ansätzen wird hier deutlich: Die AkteurInnen greifen nicht auf eine bestehende symbolische Ordnung zurück und bilden diese durch ihre handlungen ab, sondern stellen soziale Wirklichkeit durch das treffen sinnhafter Unterscheidungen selbst erst her. Bourdieu bezeichnet den habitus deshalb auch als »praktischen Operator für die Umwandlung der Dinge in distinkte und distinktive Zeichen« (Bourdieu 1982: 284). Mit Reckwitz soll an dieser Stelle auf die differenztheoretische Konzeption des habitus hingewiesen werden: Wie im strukturalistischen Differenzsystem erhalte im habitus »das einzelne Sinnelement seinen Sinn erst durch die Unterscheidung zu den anderen Elementen« (Reckwitz 2000: 326; siehe etwa Bourdieu 1998a: 21). Im Gegensatz zum Strukturalismus aber seien die der Unterscheidung dienenden Praktiken bei Bourdieu nicht unveränderbar, sondern historisch kontingent (ebd.). Mit dem habitus ist mithin kein mechanistisches Prinzip beschrieben, sondern es bestehen handlungsspielräume. Diese ergeben sich aus den individuell je spezifischen Weisen des Wahrnehmens, Bewertens und Klassifizierens von Gegenständen auf der Grundlage der habitusschemata. Der habitus umreißt lediglich die Grenzen des für ihn denk- und machbaren, jedoch ohne deren konkrete Gestalt zu bestimmen (Bourdieu 2001b: 165f.). Bourdieu geht so von einer kollektiven, dem Subjekt vorgängigen Sinnstruktur aus, die im Akteur mental verwurzelt ist, wobei die vorgängige Sinnstruktur wiederum als Produkt sozialer Praktiken verstanden werden muss. Der habitus ist auf diese Weise »determiniert und schöpferisch zugleich«; er reproduziert die habitusschemata, als »Erzeuger von Praktiken« passt er diese aber individuell je situativ an (Rehbein SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 99 2011: 87). Entscheidend ist nun, dass er auf diese Weise permanent an der Konstitution neuer beziehungsweise veränderter Strukturen beteiligt ist. Dass es zur Gleichförmigkeit der Praktiken über Zeit und Raum hinweg kommt, erklärt Bourdieu auch damit, dass die verschiedenen inkorporierten habitusschemata kollektiven Ressourcenverteilungen entsprechen, dass sie also in bestimmter Weise sozialgruppenspezifisch angelegt sind (Bourdieu 1982: 279). Das bedeutet jedoch nicht, dass die Zugehörigkeit zur gleichen sozialen Gruppe oder Klasse den AkteurInnen in der gleichen sozialen Situation zwingend identische handlungen abverlangt, da die handlungen der AkteurInnen wie oben erwähnt auf individuell unterschiedlichen Sinnkonstruktionen beruhen (Ders. 2001a: 190f.). Wenn vorangehend das kognitive Prinzip des habitus betont wurde, so ist in diesem Zusammenhang herauszuheben, dass die subjektive Perspektive des Verstehens bei Bourdieu nicht ›intellektualistisch‹ oder ›rationalistisch‹ gedacht ist. ›Verstehen‹ siedelt Bourdieu nicht im Bewusstsein an, sondern er fundiert es in der sinnlich-materiellen Praxis der AkteurIn nen; der Begriff des Akteurs gegenüber jenem des Subjekts ist mithin bewusst gewählt. Mit Martin heidegger begreift Bourdieu handeln als Auseinandersetzung der AkteurInnen mit einer Umwelt, in die sie zuallererst körperlich eingelassen sind. Die AkteurInnen sind für Bourdieu insofern zuallererst Körper; mentale Aspekte kommen zum Zuge, insoweit sie sich infolge der körperlichen Situiertheit der AkteurInnen intentional auf die handlungssituation richten. Die individuelle ›Verinnerlichung‹ des Sozialen, der habitus, ist insofern eine körperliche Eigenschaft. Es sind inkorporierte Schemata, mit denen die AkteurInnen auf die Welt zugreifen.69 handeln gestaltet sich vor diesem hintergrund als sinnliche tätigkeit. Das impliziert, dass es nicht in erster Linie intellektuelle Interpretationen der sozialen Welt sind, mit denen die Ak teur Innen ihrer Umwelt auf der Grundlage des habitus und seiner Schemata Sinn zuschreiben. Vielmehr ist bezüglich der Frage des Erkennens und handelns regelhaft von vorreflexivem Routinehandeln auszugehen. Die Routinen basieren auf einem ›praktischen Sinn‹, der als Ordnungssinn zu verstehen ist: Er hilft den AkteurInnen, sich »mit der automatischen Sicherheit eines Instinkts« in der Welt zurechtzufinden und sich ›sinnvoll‹, das heißt sozial anerkannt respektive intelligibel handelnd zu bewegen ( Bourdieu 1987a: 191). Mit der Intelligibilität eines Akteurs ist seine soziale Erkennbarkeit und/oder Anerkennung angesprochen (Ders. 1979: 172). Diese entsteht, wenn er sein handeln entlang der Regeln eines Feldes beziehungsweise der in ihm vorgegebenen 69 Dies zeigt sich auch anhand der Einschreibungen der habitusschemata in den Körper, welche sich im Sonderfall der »hexis« noch in den mikroskopischsten Körperbewegungen ausdrücken. Struktur wird in diesem Zusammenhang zur ›natürlichen‹ Geste, haltung, Regung (Bourdieu 1987a: 127). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 100 Positionalitäten ausrichtet, wobei der nach bekannten Kriterien durchgeführte Regelbruch hierin eingeschlossen ist. Der praktische Sinn ist der Schlüssel zu der Frage, warum die AkteurInnen die soziale Welt einzuschätzen und handlungsvollzüge wie selbstverständlich auszuführen vermögen, obwohl die Logiken des sozialen Raums gar nicht immer regelhaft antizipiert werden können (Ders. 1985: 16f.). Mit dem Konzept des praktischen Verstehens denkt Bourdieu die habitusschemata als Ermöglichungsstruktur, als lebenspraktische handlungskapazitäten, die den Zugriff auf neue Situationen ermöglichen (Bourdieu 1979: 204). Deshalb muss der habitus von der Regel unterschieden werden. Regeln – und hierzu zählen als besondere, kodifizierte auch jene des Rechts –, regulieren lediglich das partielle Versagen des habitus, sie kompensieren seine Fehlgänge (ebd.: 215). Damit kann ein erster Vorgriff auf die Wirkungsweise von Rechtsregeln gegeben werden: Für den Akteur bedeuten sie – hier ist Bourdieu ganz bei Webers »formalen Qualitäten des modernen Rechts« (Weber 1922b: 502) – handlungsorientierung im Sinne der Vorhersehbarkeit und Kalkulierbarkeit der durch das Recht strukturierten Welt (vgl. Bourdieu 1987b: 849). Die Orientierung am praktischen Sinn jedoch impliziert, dass das rechtsregelgeleitete handeln nie mechanisch an die Autorität des Rechts oder einzelner Gesetze gekoppelt werden kann. Stets spielen zusätzlich soziale Faktoren außerrechtlicher Art eine Rolle (Bourdieu 1987b: 828, 2006: 24f.; vgl. ähnlich García Villegas 2011). Durch die Verortung der habitusschemata im Körper stößt der Versuch, den habitus willentlich zu verändern, jedoch auf besondere Probleme – ohne dass davon auszugehen wäre, dass er Veränderungen gegenüber vollständig resistent wäre. Bourdieu schreibt dem habitus eine »Erfinderkunst« (Bourdieu 1987a, 104) zu, die jedoch den Rahmen der »geregelten Improvisation« (Ders. 1979: 179) nicht verlässt. Der habitus als ein System von Dispositionen wird von Bourdieu als träge begriffen: Einmal eingeübte Muster kann er auch unter besonderen Willensanstrengungen nur schwer verändern. In der Regel greift er auf Bedingungen und Einflüsse zurück, über die er seine bisherige Gestalt verwirklichen kann (vgl. Ders. 2001a: 192). Es ist dieser Mechanismus, der den AkteurInnen ihren Subjektstatus und ihre Identität verleiht (Reckwitz 2008: 41f.). Um in relativem Maße abseits des habitus zu handeln, bedarf es nach Bourdieu besonderer Bedingungen in Form von Krisen – ein Aspekt, auf den untenstehend noch genauer eingegangen wird. Es wird hier schnell ersichtlich, dass Bourdieus handlungsverständnis nichts gemein hat mit der bewusstseinstheoretischen Konnotation eines die Bedingungen des eigenen handelns überblickenden Subjekts, wie es etwa innerhalb des Rational-Choice-Ansatzes vorherrscht: »Weil die handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr handeln mehr SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 101 Sinn, als sie selber wissen.« (Bourdieu 1987a: 127) trotzdem der Akteur sein eigenes handeln als bewusst und autonom erlebt, bleibt er gebunden an die Geschichte seines Gewordenseins. Der nur in actu existierende habitus ist black box im Sinne eines dem Alltagsverstand unzugänglichen Aufschreibesystems wie auch operationalisierendes Instrument beim Blick auf die Welt. Die ›handlungsentscheidungen‹ des Akteurs vollziehen sich weder spontan noch determiniert, sondern im Zusammentreffen von habitus und objektivem Ereignis (vgl. Bourdieu 1979: 182). Norm- und zweckorientiertes handeln sind in diesem Verständnis nicht ausgeschlossen, aber sie müssen stets im horizont des die subjektiven handlungsziele motivational anleitenden habitus gedacht werden. In dieser hinsicht ist der habitus »Erzeugungsprinzip von Strategien«: Im Ringen um die gesellschaftliche Position und Identität bringt er je individuelle Interessen, mithin zweckorientierte handlungen hervor (Bourdieu 1985: 16, 1989: 398). Die Strategien sind jedoch in den wenigsten Fällen im Bewusstsein der AkteurInnen verankert – intentionales handeln stellt für Bourdieu die Ausnahme dar (ebd.: 398, 1998a: 139ff.). Kurzum: Bourdieus Akteur hat keinen wahren, inneren Kern, seine soziale Zurechenbarkeit, seine Intelligibilität ist Effekt je spezifischer kultureller Kontexte. Zum Subjekt wird der Einzelne durch sein individuelles Schemawissen. Mit der Struktur des habitus konzipiert Bourdieu das Denken, Urteilen und handeln der AkteurInnen immer schon als gesellschaftlich, denn an Stelle einer inneren Substanz des Menschen setzt er das Kollektive, das als opus operatum den Rahmen für den modus operandi stellt. In Rechnung zu stellen ist jedoch, dass Bourdieus habituskonzept in der allgemeinsoziologischen Literatur für seine niedrig ausgeprägte sozialisationstheoretische Basis kritisiert wird, durch die post-konventionelle Lernprozesse kaum berücksichtigt werden können – auch wenn die rechtssoziologische Literatur dies bislang ignoriert. Bourdieus habitus kommt der Kritik zufolge weiter ein konservativer und beharrender Bias zu, der es erschwert, Wandel und Veränderung analytisch in den Blick zu nehmen (Sewell 1992: 15f.). Für die in dieser Arbeit aufgeworfene Fragestellung nach den rechtkonformen handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen und mithin dem Zustandekommen faktischer Geltung und rechtlicher Autorität und Legitimität ist dieser Einwand maßgeblich, da er auf das Problem hinweist, insbesondere deviante ›Richtungswechsel‹ im handeln der Betroffenen möglicherweise nicht angemessen erfassen zu können. Auch wenn mich in der vorliegenden Arbeit maßgeblich die Frage der heteronomien beschäftigt, so setzt nicht zuletzt die Frage nach Emersioni – dem Übergang von der Irregularität in die Regularität – eine ausgearbeitete Begriffsbildung bezüglich widerständiger Praxen voraus. Und nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass jedes herrschaftsverhältnis immer auch Widerstand REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 102 provoziert (Bourdieu/Wacquant 1996: 110). In der tat scheint Bourdieus gesamtes handlungsmodell darauf ausgerichtet zu sein, die Gleichförmigkeit sozialer handlungen sowohl auf Akteursbasis als auch auf Basis von Kollektiven zu erklären: Da alle Stimuli und konditionierten Erfahrungen »in jedem Moment mit bereits vorkonstruierten Kategorien [...] wahrgenommen« werden, ergibt sich »eine relative Geschlossenheit des Systems von Positionen« (Bourdieu/Wacquant 1996 in Reckwitz 2000: 339). Weniger äußere Ereignisse determinieren demzufolge das handeln der AkteurInnen, als dass diese durch den habitus einer Selbstdetermination unterliegen. Zwar schreibt Bourdieu der Anwendung der habitusschemata, da diese auf intentionalen Verstehensakten beruhen, sehr wohl kulturelle Instabilitäten zu. Auch geht er davon aus, dass Differenzen zwischen habitus und sozialer Umwelt handlungskrisen und in der Folge Abweichungen hervorrufen können. Beides begründet jedoch noch keine handlungstheorie sozialen Wandels (so auch Jenkins 1992; Lash 1993; Miller 1989; Müller 1986). In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, stärker auf die Unberechenbarkeit und Innovationsfähigkeit sozialer Praktiken einzugehen, wie dies die praxistheoretischen Arbeiten im Gefolge von theodore Schatzki (Schatzki 1996, 2002; Schatzki/Knorr Cetina/von Savigny 2001) tun. Die heterogene Strömung ist stärker der ethnomethodologischen tradition verbunden, auch wenn einige zentrale VertreterInnen in erheblichem Maße Kerngedanken Bourdieus verarbeiten (vgl. Bongaerts 2007: 255). Diesbezüglich ist einem hinweis von Reckwitz zu folgen, der die soziale Welt ähnlich wie Bourdieu durch eine Logik der Praxis bestimmt sieht, aber den handlungen der AkteurInnen mit Verweis auf Erkenntnisse aus interpretativen Ansätzen ein größeres Potenzial für Innovationen zugesteht (Reckwitz 2000: 617ff.). Zudem geht Reckwitz davon aus, dass der ausgesprochenen tendenz zur Reproduktion, wie Bourdieu sie ausmacht, kein generelles Prinzip zugrunde liegt, sondern dass vielmehr von der Beharrungskraft jener empirischen Beispiele auszugehen ist, anhand derer Bourdieu den Praxis- beziehungsweise habitusbegriff entwickelt (Reckwitz 2004: 49f.). Mit Reckwitz gehe ich nachfolgend davon aus, das sich sozialer Wandel potenziell immer auch dann ergibt, wenn die Subjekte über keine ausreichenden Fähigkeiten verfügen, um Praktiken sozial ›richtig‹ oder nachvollziehbar, das heißt intelligibel auszuführen und wenn die Subjekte innere Konflikte entlang unterschiedlicher Sinnsysteme austragen (Reckwitz 2000: 617ff.). In Bezug auf die Bourdieu’sche terminologie ist zu betonen, dass damit nichts gänzlich Neues eingeführt wird, aber dass theoretisch begründet zwei Gewichtungsänderungen in der Anwendung der habitusschemata vorgenommen werden. Erstens richtet Reckwitz den Fokus auf die Entstehung interpretativer Unbestimmtheiten, zweitens auf die Entstehung kultureller Interferenzen. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 103 (1) Mit Blick auf die interpretativen theorien von Goffman, Garfinkel und Geertz weist Reckwitz darauf hin, dass interpretative Unbestimmtheiten bezüglich der Deutung handlungsrelevanter Phänomene möglich sind (ebd.: 623ff.). AkteurInnen können unfähig sein, inkorporierte Schemata ›angemessen‹ anzuwenden – entweder weil sie die handlungssituation verstehend nicht bewältigen können oder weil unterschiedliche Sinnoptionen bereitstehen (ebd.: 624ff.). Im Bereich des Rechts wäre dies etwa die Normabweichung aus Unkenntnis, das praktische Falschverstehen einer Norm oder eine ›falsche‹ Normpräferenz auf Grundlage von »Normkonkurrenzen« (vgl. Kretschmer 1977: 424): Die Einhaltung der Regeln eines (außerrechtlichen) Bereiches führt hier zum Bruch mit spezifischen Rechtsregeln (ebd.). Insofern derart interpretative Unbestimmtheiten bestehen, »stellt sich dem Akteur das Problem der Kontingenz und handlungsunsicherheit, möglicherweise der subjektiv so wahrgenommenen ›Krise‹, wie das handeln fortzusetzen ist – im Extremfall läge kognitive Anomie, eine dauerhafte Unbestimmbarkeit der handlungsumwelten, vor« (Reckwitz 2000: 627). Gegenüber Bourdieus Krisenbegriff, den dieser lediglich für enttäuschte Erwartungen eines Akteurs anlegt und in dessen Folge dieser bewusst reflektierend alternative und damit potenziell opponierende Deutungen ausprägt, nimmt Reckwitz eine Erweiterung vor. Zwar werden auch bei Bourdieu kulturelle Unbestimmtheiten angesprochen, in ihrer Relevanz werden sie von ihm aber als gering eingestuft (Bourdieu 1997 in Reckwitz 2000: 624). Die interpretativen Unbestimmtheiten verdeutlichen zunächst, wie es zu handlungsproblemen kommen kann. Offen bleibt jedoch, wie aus diesen heraus Bezüge auf neuartige Sinnelemente entstehen. (2) In Anlehnung an Goffman und Geertz betont Reckwitz deshalb, dass die AkteurInnen nicht wie bei Bourdieu an einem, sondern an mehreren, möglicherweise auch inkompatiblen Sinnsystemen partizipieren, die sie gleichzeitig mit differenten Sinnoptionen versorgen. Aus strukturellen Überlagerungen und Überschneidungen ergeben sich für die AkteurInnen innere Konflikte – in Reckwitz’ terminologie »kulturelle Interferenzen« –, die zu Mehrdeutigkeiten bei der Interpretation sowie zu handlungsunsicherheiten führen können (ebd.: 629ff.). Insofern die AkteurInnen aus den Elementen der verschiedenen Sinnmuster Kombinationen vornehmen, entsteht aus ihnen Neues. Gleichwohl weist Reckwitz darauf hin, dass konkurrierende Sinnbezüge nicht zwangsläufig Innovationen hervorbringen müssen. So sind alternativ auch sukzessive Abwertungen spezifischer Sinnbezüge und Aufwertungen anderer denkbar (ebd.: 635). Reckwitz konstatiert, dass auch Bourdieu dies gesehen hat, insofern er in seiner Arbeit »Die feinen Unterschiede« (1982) für die Entstehung der Gruppe des neuen Kleinbürgertums den gleichzeitigen Zugriff auf unterschiedliche habitusformen zugrunde legte (ebd.). In seinen späteren Arbeiten beschreibt Bourdieu die habitusschemata zudem REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 104 häufig selbst als inkohärente und widersprüchliche Größen (Reckwitz 2008: 45; siehe z.B. Bourdieu 2001a: 206). Mit Blick auf Goffman fundiert Reckwitz diese Beobachtung theoretisch mittels eines Subjektverständnisses, das keine kohärente Struktur von Schemata vorsieht, sondern die Widersprüchlichkeiten und Konkurrenzen der gesellschaftlichen Strukturen in einem heterogenen Bündel von praktischen Wissensformen münden lässt (Reckwitz 2000: 347ff., 2004: 44). Für die vorliegende Arbeit wird diese praxistheoretische Erweiterung herangezogen, um die AkteurInnen einerseits über den Rahmen der geregelten Improvisation hinaus, andererseits auch abseits von Bourdieus engem Krisenbegriff als unberechenbar und innovativ begreifen zu können. Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass Bourdieu die Frage nach der Regelmäßigkeit der handlungsvollzüge mit einer Struktur beantwortet, die bedingt, dass einmal eingeübte handlungsmuster nach Möglichkeit wiederholt werden, aber auch flexibel auf immer neue, selbst unvorhersehbare Situationen übertragbar sind. handeln stellt sich in diesem Zusammenhang streng genommen nicht als regelgeleitet dar, sondern als angereizt von einem intelligibilitätsgetriebenen ›sozialen Instinkt‹. Die Aneignung der Struktur innerhalb von kollektiven Zusammenhängen führt dazu, dass nicht nur die handlungen eines jeden Einzelnen Regelmäßigkeiten aufweisen, sondern dass regelmäßige handlungsvollzüge auch sozialgruppenspezifisch auftreten. Zentrales Moment in Bourdieus handlungserklärung sind die hierarchischen Differenzen der Individuen untereinander, so dass die Frage nach deren handeln immer auch die Frage nach der Reproduktion von Macht und herrschaft impliziert. Mit der praxistheoretischen Erweiterung nach Reckwitz rückt der Akteur zudem stärker in seiner Widerständigkeit und Innovationsfähigkeit in den Blick. Um nun zu untersuchen, wie sich rechtskonforme handlungen auf den habitus stützen, ist nachfolgend genauer auf die Funktionsweise des rechtlichen Feldes und damit rechtlicher Vergesellschaftung einzugehen. Das juridische Feld Bourdieus Rechtsdenken wird verständlich, führt man sich seinen rechtssoziologischen Einsatzpunkt vor Augen. Dieser besteht im Bemühen um eine Soziologisierung der Rechtswissenschaften und eine Juridifizierung der Soziologie. Ausgangspunkt sind zwei Kritikpunkte: Erstens verwehrt Bourdieu sich gegen das vorrangig rechtswissenschaftliche, objektivistische Rechtsdenken eines ›Formalismus‹, das er neben hans Kelsens ›Reiner Rechtslehre‹ auch Luhmanns selbstbezüglich geschlossenen Systemen zuordnet. Es sei falsch, anzunehmen, dass Recht sich – gleichsam syllogistisch – ausschließlich nach seiner internen Dynamik auspräge, unabhängig von den Strukturen der sozialen Welt (Bourdieu 1987b: 814ff.). Eine Soziologie des Rechts dürfe zweitens aber auch keinem SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 105 ›Instrumentalismus‹ anheimfallen, wie Bourdieu ihn der marxistischen tradition zuschreibt. Bourdieu bezieht sich hier vornehmlich auf Louis Althusser: Diesem sei zwar zugute zu halten, dass er das Recht gegenüber der Ökonomie als ein eigenes, relativ eigengesetzliches Universum begreife. Er vernachlässige aber die Frage danach, wie das Recht zu dieser Eigenständigkeit gekommen sei, wie also dieses sich historisch aus der Gesellschaft entwickelt habe (ebd.: 814f.). Bourdieus feldtheoretischer Zugang selbst ist quer zu beiden kritisierten herangehensweisen angesiedelt: Er setzt ihnen eine differenzierungstheoretische Perspektive entgegen, die als kultursoziologisch überformte grundsätzlich akteurszentriert angelegt ist (vgl. ebd.: 816). Damit bleibt er auch in seinem feldtheoretischen Interesse Praxeologe: Zwar schreibt er dem Recht eine gewisse Eigenständigkeit zu, aber diese ergibt sich für ihn aus der sozio-historischen Relation der sozialen Praktiken der AkteurInnen. Bourdieu entwickelt insofern ein konfiguratives, sozialtopologisches Rechtsdenken, in dem die Praxis dem Recht gegenüber ebenbürtig ist. In praxeologischer hinsicht bedeutet dies für Bourdieu, den Einsatz sozialer Vergesellschaftung zu verdoppeln (vgl. Bourdieu 2001a: 189f.). Die sozialen Felder, verstanden als den AkteurInnen vorgängige kollektive Strukturen, bilden das – in je feldspezifischer Weise handlungen beschränkende wie auch ermöglichende – Gegenstück zu ihren inneren Dispositionen. Demnach beeinflussen nicht nur die Strukturen des habitus, sondern auch die je unterschiedlichen objektiven Verhältnisse auf je spezifische Weise den modus operandi der AkteurInnen. Zum Einsatz kommt der habitus immer in feldspezifischen Praktiken; das bedeutet, die objektiven Bedingungen prägen die Gerichtetheit seines handelns. Es ist an dieser Stelle hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass genau genommen nicht die AkteurInnen gesellschaftlich prädeterminiert sind, sondern ihre habitus. Der habitus aber ist nur ein »Produktionsprinzip von Praktiken unter anderen« (Bourdieu 1989: 397). In diesem Sinne sind Individuen immer auch »Ausgeburt[en] des Feldes« (Bourdieu/ Wacquant 1996: 138); in ihrer Individualität auch Resultat jener eigenständigen sozialen teilbereiche, als deren Voraussetzungen sie erscheinen. Nachfolgend wird noch ersichtlich werden, dass dies auch für jene Selbstverhältnisse gilt, die die Individuen zum Recht ausbilden. Die objektive Ordnung des rechtlichen Felds Wie ist Bourdieus Feldtheorie und, genauer, sein rechtliches Feld, zu verstehen? Mit dem Konzept der sozialen Felder trägt Bourdieu dem Gedanken der relativen Autonomie ›sozialer tatsachen‹ und deren Einfluss auf die Praxen der AkteurInnen Rechnung, wie ihn der Strukturalismus hervorhebt (vgl. Bourdieu 1992b: 136). Bezugnehmend auf Durkheims Annahme der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften geht er davon REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 106 aus, dass sich mit deren arbeitsteiliger Organisation verschiedene Mikrokosmen herausgebildet haben, die entlang eines eigenen nomos je eigene Fragestellungen, Gegenstände und Interessen verfolgen (Ders. 1998a: 61). Soziale Felder – von denen neben der Wirtschaft, Politik, Kunst usw. auch das Recht eines darstellt – sind »Orte einer jeweils spezifischen Logik und Notwendigkeit, die sich nicht auf die für andere Felder geltenden reduzieren lassen« (Bourdieu/Waquant 1996: 127). Man würde Bourdieu jedoch missverstehen, begreift man die verschiedenen sozialen teilbereiche als autonom. Weil sie in Machtstrukturen eingebettet sind, ist ihre Eigengesetzlichkeit lediglich relativ. Zwar bestimmen sich die feldspezifischen Ausdifferenzierungen in der Regel durch den nomos des Feldes. In ihren Differenzierungsbemühungen aber sind sie eng an die Strukturbildungen des sozialen Raumes geknüpft und können von diesen auch überlagert werden (Bourdieu 1991: 96; Bourdieu/Wacquant 1996: 134f.). Anders als die Luhmannsche Systemtheorie, die in vielen Punkten der Feldtheorie Bourdieus ähnelt (vgl. auch Nassehi/Nollmann 2004), enthält sich letztere aber der Vorentscheidung über das Verhältnis von sozialem teilbereich und sozialer Welt. Fest steht nur, dass der Grad der Feldautonomie von Feld zu Feld unterschiedlich ist: Er ist höher, je besser von außen herangetragene Einflüsse, wie sie etwa in Form von Zwängen oder Erwartungen auftreten, kompensiert werden können. Bourdieu spricht diesbezüglich von unterschiedlichen »Brechungskoeffizienten« (Bourdieu 1998a: 62). Das Feld des Rechts sieht er in seiner Autonomie stärker als andere Felder eingeschränkt, denn für die soziale Reproduktion spielt es eine besondere Rolle: Es ist legitimierendes Instrument staatlicher Machtvorstellungen und zentrale Ordnungsinstanz für die soziale Welt (Ders. 1987b: 814, 838, 850; Delazay 1990: 279). Das rechtliche Feld ist zentral in den Nationalstaat eingelassen und von dessen normativer Ordnung durchdrungen (trubek et al. 1994: 410ff.), weshalb es, soweit stimmt Bourdieu mit den InstrumentalistInnen überein, »in close relation with the exercise [...] of power controlled by the state« funktioniert (terdiman 1987: 807). Recht und politisches Feld stehen für Bourdieu in wechselseitig konstitutiver Beziehung (vgl. García Villegas 2004: 61). Unter Abgrenzung von den homogenisierenden Implikationen des Ideologiebegriffs hebt er aber die Inkohärenzen und die Antagonismen innerhalb der beiden ›Universen‹ hervor (Bourdieu 1991: 95f.).70 70 Bezüglich der Frage des Verhältnisses von Politik und Recht fällt die Begrenzung auf die nationalstaatliche Ebene auf. Weite teile der rechtssoziologischen Bourdieu- Rezeption weisen denn auch auf die Leerstelle transnationaler Verrechtlichung in Bourdieus Werk hin. Vor allem im Zuge von Globalisierungsprozessen verschöben sich Autonomisierungsprozesse immer weiter auf die transnationale Ebene (z.B. Delazay/Garth 1996; trubek et al. 1994). transnationalisierungserscheinungen lassen sich indirekt auch hinsichtlich der Rechtsetzungen in Zusammenhang mit SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 107 Struktur und Dynamik des rechtlichen Feldes ergeben sich nun aus der Gesamtheit der objektiven Relationen zwischen dem Recht und dem Feld der Macht sowie der sozialen Welt (vgl. Bourdieu 1987b: 841). Wie alle sozialen Felder ist zwar auch das Recht den Individuen vorgängig, doch seine kollektive Reproduktion ist in Rechnung zu stellen. Indem Bourdieu die verschiedenen sozialen teilbereiche in ihrer Eigengesetzlichkeit als relativ beschreibt, konzipiert er diese als soziale Sphären, die durch die Praktiken der AkteurInnen veränderlich sind – ohne davon auszugehen, dass deren Einfluss sich in direkter Form auf deren individuelle Intentionen oder Interaktionen zurückführen lässt. »Nicht das Regelwerk macht die Grammatik aus, sondern die Aktivitäten der Subjekte, ihre Regel-erzeugende Produktion.« (Krais/Gebauer 2002: 32f.) Für die Reproduktion des Rechts bedeutet das eine Gleichursprünglichkeit von Rechtsinstitutionen und sozialen Kräften: »We can no longer ask whether power comes from above or from below«, sagt Bourdieu (Bourdieu 1987b: 841). Dies gilt sowohl für die Strukturen des Feldes als auch für seine Regeln. hierfür zentral ist der Umstand, dass die AkteurInnen in die Felder nicht voraussetzungslos, sondern als vergesellschaftete Individuen eintreten, das heißt mit ihren unterschiedlichen ›strukturierten Strukturen‹ und ihrer differierenden teilhabe am Feld der Macht. Mit dem Feld der Macht bezeichnet Bourdieu jene Arena, in dem die Kämpfe um die soziale Ordnung als Ganzes ausgetragen werden (Swartz 2012: 169). Das ohne eigenen nomos ausgerüstete Feld durchkreuzt die Felder, indem es nicht ihre Gesamtheit an Praktiken umfasst, sondern lediglich jene Praxen im sozialen Raum, die mit herrschaftspotential ausgestattet sind (vgl. Bourdieu 1998a: 51). Aufgrund des Wechselspiels von handlungen strukturierender Feldlogik und akteursbedingter Feldproduktion ist auch die spezifische Autonomisierung des Rechts nicht als notwendige Entwicklung zu verstehen. Das Recht bleibt historisch arbiträr, so dass die feldlogische Darstellung immer nur auf den jeweiligen »Stand der Machtverhältnisse zwischen den am Kampf beteiligten AkteurInnen oder Institutionen« verweist (Ders. 1993: 108, hervorh. im Original, 1987b: 817). Der Begriff des Feldes ermöglicht es Bourdieu, Recht nicht als etwas Naturgegebenes oder Vernunftbegründetes zu begreifen, sondern als durch Praktiken der im Feld agierenden AkteurInnen entstandenes kulturelles Produkt, das teile der herrschenden symbolischen Ordnung zu kodifizieren vermag (Bourdieu 1987b: 819). Fokussiert wird von Bourdieu allein dieses kodifizierende, mithin das moderne juristische Feld, wie es im Übergang vom dynastischen zum modernen Staat entsteht (vgl. ebd., 1991). Für dessen Autonomisierung ist zunächst die der ›24-Stunden-Pflege‹ beobachten: Diese rekurrieren auf europäische Richtli nien als Bezugs- beziehungsweise Abgrenzungsfolien. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 108 Formalisierung und Rationalisierung von verfahrensförmigen Abläufen zentral, auch wenn das rechtliche Feld seine relative Eigenständigkeit erst später, mit der Ablösung von familiären herrschaftsbindungen, erlangt (Ders. 1998a: 109ff.). Die Autonomisierung tritt im Zuge von Komplexitätssteigerungen der Rechtspraxen auf, wie sie durch arbeitsteilige Spezialisierungen einsetzen (Bongaerts 2008: 178f.). Dies macht das juristische Feld zu einem eigenständigen Sinnzusammenhang, der von den anderen Feldern zu unterscheiden ist über die Art und Weise, wie die AkteurInnen in ihm die Welt erkennen (ebd.). Das Recht stellt sich diesbezüglich als Regelstruktur dar, die scheinbar unabhängig von Einzelinteressen und in vorhersehbarer Weise universale Rationalität gewährleistet (Bourdieu 1987b). Bourdieu sieht das Recht nun ausschließlich durch JuristInnen hervorgebracht. Deren praktische Vergesellschaftung innerhalb der Regeln des juridischen Felds macht sie zu ProduzentInnen sowohl der juristischen Praktiken wie auch des kodifizierten Rechts. Dies impliziert, dass sie an der Produktion dessen, was ihnen als Grundlage ihres juristischen handelns erscheint, selbst mit beteiligt sind (Bourdieu 1987b: 823). Die Vergesellschaftung der JuristInnen wird verständlich, wenn man Bourdieus soziale Felder als Spielfelder begreift: Als spezifische »Spiel-Räume« gelten in ihnen entlang eines jeweiligen nomos bestimmte Regeln, in die die AkteurInnen mit spezifischen Spieleinsätzen eintreten, um Gewinne zu erzielen (Ders. 1985: 27). Das soziale Feld als Sinneinheit zwingt die AkteurInnen dazu, den jeweiligen »Spiel-Sinn[...]« des Feldes praktisch zu ›erfassen‹, ihn anzuerkennen und unter Bestimmung der eigenen Position nach ihm zu handeln (Bourdieu 1989: 398). Wie der habitus, so sind auch die Felder black boxes negativer Freiheit: Einerseits schaffen sie Räume möglicher handlungen, andererseits schließen sie andere, unangemessene handlungen aus.71 Im Laufe ihrer Berufsausbildung erwerben die JuristInnen einen rechtlichen habitus, der dafür sorgt, dass sie zum Feld intelligibel, also rechtlich richtig oder zumindest nachvollziehbar handeln. Die kollektive Konvergenz von erworbenem praktischem juridischen Sinn und rechtlichem Feld ist es nun, durch die das Recht seine scheinbar kohärente Form erhält (Bourdieu 1987b: 820). hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass ein einheitlicher Regelkanon keine vollständig einheitliche Praxis begründet, denn selbst kodifizierte Rechtsregeln sind auslegungsbedürftig. Inwieweit beziehungsweise auf welche Weise die Regeln befolgt werden, hat mit dem strategischen Ermessen der Einzelnen zu tun, wobei der Strategiebegriff, 71 An dieser Stelle zeigt sich erneut der besondere Charakter von Bourdieus Regelbegriff: Er ist gleichzeitig regulativ und konstitutiv. Er reguliert, indem er den Raum der möglichen Praktiken absteckt, in dem sich die AkteurInnen innerhalb eines Feldes bewegen können. Er konstituiert, weil er das Spiel in seiner totalität rahmt. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 109 wie oben dargestellt, nicht mit demjenigen von bewusstseinstheoretisch konnotierten handlungstheorien verwechselt werden darf, sondern an den habitusbegriff zu koppeln ist (vgl. Bourdieu 1992b: 79ff.). In Wirklichkeit »füllt der habitus die Lücken des Gesetzes« (Ders. 2006: 23), bemerkt Bourdieu, denn »auch im Innersten des Universums der Vorschriften und Reglementierungen par excellence [ist] das Spiel mit der Regel Bestandteil der Spielregel« (ebd.: 24f.). Die berufsbezogenen Wahrnehmungs-, Denk- und handlungsmuster werden insofern von den politischen Dispositionen, ökonomischen Interessen, sozialen Affinitäten und öffentlichen Diskursen ›ergänzt‹ (Bourdieu 1987b: 828, 834). Dies impliziert die Unbotmäßigkeit konkreter Rechtsentscheidungen: Bourdieu geht davon aus, dass die Rechtspraxen der JuristInnen aufgrund ihrer sozialen Nähe zur politisch und ökonomisch herrschenden Klasse häufig zugunsten des Felds der Macht ausgehen (ebd.: 834, 842). Das Feld des Rechts ist für Bourdieu jedoch keine homogene, selbstgenügsame Sphäre, sondern es ist, konflikttheoretisch begründet, ein ›Kampffeld‹ zwischen sozialen Positionen. Erst über die Konkurrenzen der AkteurInnen, aus den Oppositionen unterschiedlicher Akteurspositionen und dem Versuch, sich die mächtigsten Positionen im Feld streitig zu machen, entstehen Struktur und Dynamik des rechtlichen Felds. Die AkteurInnen versuchen, Ressourcen zu akkumulieren und das, was im Feld als Einsatz und Gewinn Geltung hat, zu legitimieren oder zu delegitimieren (Bourdieu 1992a: 74f.). Die im Feld der Macht befindlichen AkteurInnen werden dabei eher um die Absicherung des Bestehenden, sozial weniger gut positionierte AkteurInnen um seine transformation bemüht sein. Kämpfe im Feld des Rechts sieht Bourdieu nun im Wesentlichen entlang zweier Lager strukturiert: der Konkurrenz zwischen dem jeweiligen rechtlichen habitus der theoretikerInnen und der PraktikerInnen, also den RechtswissenschaftlerInnen auf der einen, den AnwältInnen, NotarInnen, RichterInnen usw. auf der anderen Seite.72 Indem sie um das Monopol der ›richtigen‹ rechtlichen Interpretation kämpfen, ringen sie um die internen hierarchien in den Rechtsinstitutionen und die Position des Rechts im Verhältnis zur sozialen Welt (vgl. terdiman 1987: 809). Recht ergibt sich mithin nicht aus einem zwingenden Syllogismus, sondern aus dem Vorrecht, zu definieren, was Recht und was Unrecht ist. In ihrem Antagonismus verursachen die JuristInnen einen komplementären Effekt: Die KasuistInnen sorgen, da sie in ihrer Fallbearbei- 72 Unklar bleibt, inwieweit Bourdieu auch die Verwaltung in das rechtliche Feld einbezieht (Ocqueteau/Soubrian-Paillet 1996: 19). Unter anderem Bourdieus Darstellung der Entstehung des rechtlichen Feldes, der zufolge ein Stab von Spezialisten die symbolische Ordnung systematisierte und gewaltsam durchsetzte, spricht jedoch für die Inklusion auch der Verwaltung in das Feld des Rechts (Conradin 2008: 464f.) REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 110 tung stark an Partikularismen orientiert sind, für eine Anpassung des Rechts an die soziale Welt, die RechtswissenschaftlerInnen hingegen für die Formalisierung und Rationalisierung der durch die PraktikerInnen am Einzelfall eingeführten Neuerungen. Das ungerichtete Zusammenspiel beider Gruppen invisibilisiert die Antagonismen und Machtverhältnisse, auf denen das Recht eigentlich gründet, indem es demselben in Anpassung an die Veränderungen der sozialen Welt den Anschein von Feldkohärenz verleiht (Bourdieu 1987b: 817f.). hierfür notwendige Bedingung ist allerdings die Schrift, da sie die Kodifikation des Rechts erst ermöglicht (ebd.: 844, 1992b: 99ff.). Erst kraft der kodifizierten Form erhält das moderne formale Recht Geltung und Autorität beziehungsweise Legitimität über den jeweils einzeln Rechtsetzenden oder Repräsentierenden hinaus. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang vom Mechanismus der »reconnaissance per méconnaissance«, der Anerkennung durch Nichtanerkennung: Die Formalisierung sozialer Phänomene in kodifiziertes Recht dehistorisiert und neutralisiert seine Form und verleiht ihm einen rationalen und universellen Charakter (Bourdieu 1991: 96). Indem das Recht aus dem Einzelfall eine eigene übergreifende Logik zu generieren vermag, bricht es grundsätzlich mit alltagsweltlichen Gerechtigkeitsvorstellungen und orientiert sich an eigenen Problemstellungen und Zielsetzungen (Ders. 1992b: 107, 1987b: 817). Laien hingegen betrachtet Bourdieu im rechtlichen Feld nur als KonsumentInnen; sie sind in ihm lediglich als vertretene Rechtssubjekte existent (ebd.: 834). Zentrales Moment für die unterschiedliche Einbindung der Akteursgruppen sind die maßgeblich entlang von Klassenund Gruppengrenzen verlaufenden differenten sozialen Ressourcen, von Bourdieu mit dem Begriff des Kapitals gefasst (Bourdieu 1992a). Das Kapital bildet den Einsatz, mit dem die AkteurInnen in den verschiedenen sozialen teilbereichen um den Zugang zu Positionen, Ressourcen und Definitionsmacht, kurz: um Investitionsgewinne ringen. Mit Karl Marx ist Kapital »akkumulierte Arbeit« (ebd.: 49) und in diesem Sinne versteht Bourdieu die feldspezifischen Praktiken als Erscheinungen spezifischer ›Ökonomien‹. Nahegelegt wird jedoch keine Abhängigkeit der Felder von ökonomischen Rahmenbedingungen, sondern das Verständnis einer Praxis, die selbst ökonomisch ist. Bourdieu bezieht sich insofern auf den Materialismus von Marx, aber anders als dieser beschränkt er ihn nicht auf die Wirtschaft, sondern weitet ihn auf immaterielle tausch akte aus (ebd.: 49). In seiner ›Ökonomie der Felder‹ unterscheidet Bourdieu deshalb ökonomisches und kulturelles, soziales und symbolisches Kapital.73 Die unterschiedliche Ressourcenausstattung 73 Das ökonomische Kapital bezeichnet Werte, die unmittelbar in Geld konvertierbar sind (Bourdieu 1992a: 52). hierzu zählen Zeit und die verschiedensten materiellen Güter. Zum kulturellen Kapital zählen neben dem Besitz kultureller Güter und SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 111 versetzt die AkteurInnen nun in unterschiedlicher Weise in die Lage, ihre Interessen im Feld durchzusetzen und Einfluss auf die Regeln des Feldes zu nehmen (ebd.: 54ff.). Je mehr relevantes Kapital die AkteurInnen einsetzen können, umso größer ist ihr Gestaltungsspielraum. Die handlungsmöglichkeiten können jedoch von Feld zu Feld variieren, denn wie trümpfe in einem Kartenspiel benötigen die AkteurInnen in jedem Feld unterschiedliche Arten von Kapital (Bourdieu 1985: 10). teilweise sind die Kapitalsorten dabei gegeneinander konvertierbar, so dass Ressourcenmängel zumindest partiell ausgeglichen werden können.74 Sowohl für den richtigen Einsatz als auch für den Mehrerwerb von Kapital im Feld bedarf es jedoch andererseits eines habitus, der angemessen mit den vorhandenen Einsätzen umzugehen weiß. Ökonomisches Kapital etwa, das in kulturelles, soziales oder symbolisches Kapital konvertiert wurde, läuft dort ins Leere, wo der habitus dessen Anwendungsregeln im Feld nicht kennt. In diesem Sinne ist die Feldstruktur genau genommen Ergebnis der »Distribution der verschiedenen Arten von Macht« (Bourdieu/Wacquant 1996: 127), wie sie sich aus der Konfiguration sozialer Positionen und habitusformen ergibt (vgl. Reckwitz 2008: 50). Die Notwendigkeit der Konvertierung verschiedener Kapitalsorten ist nun insbesondere im Feld des Rechts gegeben, denn kaum ein anderer sozialer teilbereich hält eine exklusivere ›Währung‹ – mithin höhere Einstiegshürden beim Feldzugang – bereit. Die hier relevante Kapitalsorte ist rechtliche Kompetenz, wie sie über juristische Ausbildungsabschlüsse erworben wird. Eine juridische Attitüde erwerben Bourdieu zufolge jedoch nur JuristInnen; die Kompetenz von Laien reicht in der Regel nicht einmal aus, um überhaupt am Geschehen im Feld teilnehmen zu können: ohne ›Spiel-Sinn‹ keine Überführung sozialer Sachverhalte in juristische deren ›angemessener‹ Verwendung der Erwerb legitimer Bildungsabschlüsse und inkorporierte Formen der Kulturkompetenz, d.h. angeeignete und verinnerlichte kulturelle Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände (ebd.: 53ff.). Unter Sozialkapital sind jene sozialen Ressourcen zu verstehen, die aus der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, also aus sozialen Beziehungen entstehen (ebd.: 63ff.). Angesprochen sind Unterstützungs-, hilfe- und Anerkennungsleistungen, die Bereitstellung von Wissen und Kontakten. Der Umfang des Sozialkapitals korrespondiert so nicht nur mit der Größe, sondern auch mit der Art des persönlichen Netzwerks sozialer Beziehungen. Das symbolische Kapital schließlich muss als übergeordnete Kapitalsorte beschrieben werden (Bourdieu 1985: 22ff.). Es bezieht sich auf die Chance, unter Akkumulation der anderen Kapitalsorten soziales Prestige zu erlangen und aufrechtzuerhalten. 74 Es ist in diesem Zusammenhang in Rechnung zu stellen, dass jede Kapitalsorte eigene Gesetze und Funktionsweisen hat. Ökonomisches Kapital lässt sich grundsätzlich in andere Kapitalsorten überführen, umgekehrt aber geht kulturelles, soziales und symbolisches Kapital niemals vollständig in ökonomischem Kapital auf (Bourdieu 1992a: 79ff.). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 112 Phänomene und keine Mitsprache im spezialisierten Rechtsdiskurs (vgl. Bourdieu 1991: 96). Mitspielen und später auch Gewinne erzielen kann nur, wer sich entlang der im Feld geltenden Regeln und Konventionen zu bewegen vermag. Selbst eine Erfahrung als unrecht wahrzunehmen und rechtlich zu prozessieren, beruht bereits auf einer rechtlichen Konstruktionsleistung. Ob diese vorgenommen wird, variiert jedoch je nach Position im sozialen Raum, da diese stark mit dem Bewusstseinsgrad um die Existenz eigener Rechte zusammenhängt (Bourdieu 1987b: 833). hinzu kommt die stark formalisierte Zugangsweise im rechtlichen Feld: Vor allem die gewichtigeren sozialen Positionen sind an formale Ausbildungsabschlüsse gebunden (Madsen/Delazay 2002: 196). Im Gegenzug ist die autodidaktische juristische Betätigung unter Strafe gestellt (vgl. Bourdieu 1987b: 829, 835ff.). Auch auf der KonsumentInnenebene jedoch besteht die Kraft des rechtlichen Feldes darin, eine Universalie hervorzubringen, die die Verminderung von Mehrdeutigkeiten im Sinne ihrer eindeutigen Klärung und Rationalisierung gegenüber den ungleich diffuseren habitus beizubringen vermag (Bourdieu 1992b: 104). In diesem Sinne vermindert die Rechtsregel – wie jede andere Regel auch – die Anzahl der möglichen handlungen der AkteurInnen (Ders. 1987b: 826).75 Da im Recht gegensätzliche und widersprüchliche soziale Sachverhalte mittels unabhängiger Dritter in ›rationale‹ Argumente transformiert werden, stellt die Rechtsregel darüber hinaus das wesentliche gesellschaftliche Instrument der Konfliktlösung dar (ebd.: 830; vgl. Krieken 2007: 15). Bourdieu sieht deshalb den Gerichtsprozess für die Reproduktion des Rechts als besonders zentral an – eine Auffassung, die, wie ich an späterer Stelle verdeutlichen werde, zu kurz greift und auch auf andere ›Rechtsgeschäfte‹ ausgeweitet werden muss. hier ist zunächst zu bemerken, dass der Gerichtsprozess ähnlich wie bei Luhmann die Konfrontation privater Weltsichten transzendiert: Qua Formalismus werden die unversöhnlichen Antagonismen auf eine scheinbar unabhängige Ebene gehoben (Bourdieu 1987b). Laien haben an der (Re-)Produktion des Rechts nur Anteil, insofern sie dazu anregen, soziale Phänomene als Regelungsgegenstände in juristische Ansprüche zu überführen, denn damit reizen sie unter den JuristInnen potenziell rechtliche Innovationen an (vgl. ebd.: 841). 75 Sich den Regeln eines Feldes vollständig entziehen können sich die AkteurInnen nur, indem sie ganz aus ihm austreten (Bourdieu 2001a: 196). Ein Austritt aus dem rechtlichen Feld ist unter anderem aufgrund seiner Zwangsbewehrtheit jedoch nur als Austritt aus der Gesellschaft denkbar – ein Unterfangen, dass heute kaum noch durchführbar sein dürfte. Bourdieu geht deshalb auch davon aus, dass »on ne peut pas transgresser le droit sans le renforcer« (Ders. 1987b 1991: 98). SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 113 Die symbolische Ordnung des rechtlichen Feldes Recht ist aber nicht allein Feld objektiver sozialer Positionen, in dem die AkteurInnen einen sense juridique ausbilden. Recht ist auch symbolische Ordnung, mithin kulturelles Produkt, das sich, indem es mentale Strukturen in Form von Denk- und Wahrnehmungsweisen etabliert, als herrschaftsinstrument einsetzen lässt. Kulturelle Praktiken sind »Zusatzdeutungen des sozialen Raums«, weshalb sie das objektive Feld symbolisch verdoppeln (Conradin 2008: 442). Insofern sind die Symboliken als eigene Wirklichkeiten zu betrachten, die wesentlich auf die Legitimierung der jeweiligen bestehenden Ordnung abzielen. Angesichts der permanenten Verteilungskämpfe im sozialen Raum ist dieser Schritt folgerichtig, legt Bourdieus konflikttheoretische Fundierung doch eher die Instabilität der sozialen Ordnung nahe. So geht er davon aus, dass, wäre »die soziale Welt auf ihre Wahrheit als Kräfteverhältnis reduziert, wäre sie nicht auch als legitim anerkannt, [...] das Ganze nicht funktionieren« würde (Bourdieu 1993: 25). Praxeologisch formuliert ist es die Übereinstimmung von habituell bestimmtem Wollen und feldspezifischem Sollen, die Bourdieu hier beschäftigt. Wie, so fragt er sich, kommt das unhinterfragte Interesse der AkteurInnen zustande, sich entlang der Regeln eines Feldes bewegen zu wollen? Bourdieu beantwortet diese Frage ganz im Sinne Webers: Die Legitimität der rechtlichen Ordnung hat mit dem Glauben der AkteurInnen an deren rationale Entscheidungsfähigkeit zu tun. Anders als Weber verortet Bourdieu Legitimität aber nicht in der Form – und damit auch nicht im Verfahren –, sondern in Anlehnung an Durkheim76 in der Wirkkraft der Symbole: Er geht davon aus, dass es symbolische Repräsentationen des objektiven Feldes sind, welche die AkteurInnen dazu bringen, dass sie die jeweilige Ordnung unhinterfragt anerkennen und an die Sinnhaftigkeit des Spiels ›glauben‹ (vgl. Bourdieu 1987b: 813, 1998a: 106ff.). In diesem Verständnis kann das Juridische seine Fragestellungen, Gegenstände und Interessen nur dann weiter ausprägen, ja es kann überhaupt nur weiter existieren, wenn »the law is socially recognized and meets with agreement, even if only tacit and partial« (Ders. 1987b: 840, 1992b: 109). Obwohl Bourdieu den Laien bei der Gestaltung des rechtlichen Feldes kaum handlungsmacht einräumt, sind deren Praktiken zu jenen der RechtsexpertInnen in legitimatorischer hinsicht dennoch als komplementär zu begreifen, denn erst durch den Glauben von JuristInnen und AdressatInnen gelangt das Recht zu seiner 76 Durkheim betont, dass für die faktische Geltung des Rechts weniger die tatsächliche Befolgung als die symbolische Geltung einer Norm entscheidend ist: Diese kann sowohl durch rechtliche Aktivitäten als auch durch Symboliken erzielt werden, die lediglich den Eindruck erwecken, dass Recht gilt (Durkheim 1992[1895]). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 114 Legitimität und können spezifische Gesetze in der sozialen Welt wirksam werden (vgl. Bourdieu 1987b: 846). Die symbolische Wirkkraft auch der rechtlichen Form bezeichnet Bourdieu als »Illusio« (Bourdieu 1991: 96). Abgeleitet vom lateinischen in ludus, dem Spiel zugewandt sein, bezeichnet sie den affirmativen Bezug auf die Selbstdarstellung des Rechts als Gewährleisterin von Rationalität und Vorhersehbarkeit der Rechtsanwendung durch unabhängige Dritte – innerhalb einer Regelstruktur, die scheinbar abseits von Einzelinteressen formuliert ist (Ders. 1987b). Die Illusio begreift Bourdieu jedoch als gewaltsam, da sie Konsens installiert, wo eigentlich Kampf herrscht. Sie verschleiert die Willkürlichkeit der auf sozialer Ungleichheit fundierten sozialen Ordnung (Swartz 1997: 88f.). Dies hat zur Folge, das bloß gesetztes Recht als a priori, als naturgegeben und universal gültig erscheint (Bourdieu 1991: 96), wodurch es zum unhinterfragten common sense wird (Ders. 1987b: 843f., 1998a: 116). Für die hier verfolgte Fragestellung nach den rechtskonformen handlungsorientierungen von RechtsadressatInnen sowie der faktischen Geltung, Autorität und Legitimität des Rechts ist nun entscheidend, dass Bourdieu das Recht als die zentrale Kraft betrachtet, den Blick der AkteurInnen auf die Welt zu prägen. Die Kämpfe im rechtlichen Feld gehen insofern weit darüber hinaus, festzulegen, was Recht ist und welche internen Strukturen und hierarchien bestehen. Gleichermaßen stehen spezifische soziale Normalitäten und Praxen zur Disposition. So formuliert Bourdieu (1987b: 839): »It would not be excessive to say that it [das Recht, A. K.] creates the social world«. Der rechtlichen Illusio spricht Bourdieu die »schöpferische Magie« zu, einen logischen und moralischen Konformismus, mithin eine unmittelbare Übereinkunft über den Sinn der Welt zu etablieren (Ders. 1998a: 116).77 Um diesen Mechanismus zu verstehen, ist auf das transportmittel der symbolischen Repräsentation in der sozialen Welt, die Sprache, hinzuweisen. Bourdieu sieht im Recht jene Sorte von handlungen gegeben, die, indem sie gleichzeitig vollführen, was sie beschreiben, herstellen, was sie konstatieren. Unter Bezugnahme auf John Austin und Marcel Mauss geht Bourdieu hier von einer spezifisch »performative[n] Magie« aus (Bourdieu 2012: 100). Austins theorie performativer Sprachhandlungen impliziert, dass etwas zu sagen immer auch bedeutet, etwas zu tun (Austin 1972). Realität wird damit nicht einfach nur abgebildet, sondern kreiert. Sprechakte konstruieren Wirklichkeiten, da die 77 Bourdieus Auffassung von Rechtsnormen als einem besonderen Fall sozialer Verhaltensnormen ist mithin nicht in erster Linie durch die von diesen ausgehenden Geboten und Verboten bedingt. Vielmehr kommt hier deren Eigenschaft zum Zug, als soziale Regelungsangebote bestimmte kognitiv-konstitutive Bewertungsschemata hervorrufen zu können. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 115 AkteurInnen im Sprechen soziale Unterscheidungen treffen, die als soziale Grenzziehungen Bedeutungen manifestieren (Bourdieu 1998a: 22). Der Bezug auf Mauss ermöglicht es Bourdieu, Austins Unterscheidung zwischen dem Vollzug und der Wirkung einer Sprechhandlung aufzulösen. Mauss’ Magietheorie besagt, dass Magie nichts Universelles ist, sondern dass ihre Wirkung von gemeinsamen Sozialisationserfahrungen abhängt, mithin an eingegrenzte Kontexte gebunden ist (Mauss 2010[1950]; vgl. Bourdieu 1991: 98f.). Performative Sprechakte führt Bourdieu demnach anders als Austin nicht auf einen souveränen, sich Gehör verschaffenden Sprecher zurück, sondern auf das im Sprechenden symbolisch konzentrierte Kapital, das zuvor von einer Gruppe akkumuliert wurde (Ders. 2012: 103). Die konstitutive Macht der rechtsbezogenen Sprechhandlung ergibt sich insofern aus dem Umstand, dass das Recht von einem Kollektiv als demokratisch legitimiertes und rechtsstaatlich prozessiertes Wort angesehen wird, das vorgibt, im Namen aller und für alle zu sprechen (Ders. 1987b: 838, vgl. 1998a: 114). Einen derart unmittelbar performativen Effekt hat auch die Kodifikation (Ders. 1992b: 110). Das Recht tut nach diesem Verständnis nichts anderes, als öffentlich Wissen zu etablieren, Wissen, das Wahrheiten über die Menschen und Dinge feststellt: Es legt fest, welche Praktiken als angemessen und welche als deviant, delinquent oder pathologisch zu betrachten sind. »Law is the quintessential form of the symbolic power of naming that creates the things named, and creates social groups in particular.« (Bourdieu 1987b: 838) Ein Beispiel für die Macht des Rechts, eine neue soziale Gruppe zu erschaffen, indem es einen neuen Namen erfindet, ist der ›Personenbetreuer‹, wie er im Zuge der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ eingeführt wurde. Vorgenommen wurde hier, so wird später auch die empirische Untersuchung zeigen, das, was Bourdieu einen »Offizialisierungseffekt« (Ders. 1992b: 106) nennt: Mit ihm wird die Praxis der ›24-Stunden-Pflege‹ öffentlich anerkannt; damit verbundene ›negative‹ rechtliche Identitäten werden in ›positive‹ transformiert. Den Beteiligten wird es so möglich, »to speak about, think about, and admit conduct which has previously been tabooed« (Ders. 1987b: 846, 1992b: 110). Die Anpassung an das Recht macht die AkteurInnen und ihre Praxen intelligibel, sie verleiht ihnen »a secure identity, a status, and above all a body of powers (or competences) that are socially recognized and therefore productive« (Ders. 1987b: 838). Der Universalisierungseffekt des Rechts ist insofern auch ein sozialer Normalisierungseffekt, der In- und Exklusionen begründet (ebd.: 846; Bourdieu/Boltanski 1981: 106). An dieser Stelle wird deutlich, dass die Mechanismen des Rechts ununterscheidbar mit Mechanismen der sozialen Kontrolle verschmelzen (vgl. Bourdieu 1987b: 844). Das Gegensatzpaar Konformität/Abweichung etwa wird für einen Akteur letztlich zu einem sozial relevanten Unterschied, weil er von seinem sozialen Umfeld oder der Öffentlichkeit REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 116 als Unterscheidungsmerkmal prozessiert wird. Die Offizialisierung spezifischer Praktiken zu Sollensbestimmungen macht auch die Laien zu ZeugIn nen und fordert diese auf, »zu kontrollieren, zu ratifizieren und zu besiegeln« (Ders. 1992b: 106). hierin besteht für Bourdieu der eigentliche regularisierende Mechanismus des Rechts (Ders. 1987b: 849). Es zeigt sich, dass die Macht der Benennung ein wesentliches Element darstellt, um Konsens in der sozialen Welt zu erzielen (vgl. Commaille 2004: 12). Dieser freilich »in turn contributes to the stability of the legal field itself« (Biddulph 2007: 36). Mit David Sugarman (1995: 168) ist darauf hinzuweisen, dass die Illusio des Rechts eng mit der symbolischen Selbstdarstellung des politischen Felds verknüpft ist, so dass die rechtlich kolportierte Ordnung in vielerlei hinsicht mit der staatlichen Repräsentation identisch ist. Für die vorliegende Untersuchung ist hiervon ausgehend zu ergänzen, dass das Vertrauen in die juridische Ordnung damit zumindest auf Laienebene vielfach kaum von jenem gegenüber dem Staat zu trennen sein dürfte. Berücksichtigt man an dieser Stelle die soziale Ungleichheit, auf die die Ordnung des rechtlichen Feldes gründet, sowie die feldübergreifenden Wechselwirkungen, die sich aus den Interessen im Feld der Macht ergeben, so muss die besondere Kraft des rechtlichen Feldes auch in ihrem Vermögen gesehen werden, als normal und universal darzustellen, was eigentlich Sichtweise und Interesse der herrschenden ist (Bourdieu 1987b: 848). Es ist jedoch einzubeziehen, dass Bourdieu hier ganz in der tradition theodor Geigers (1964) neue rechtliche Kategorien, neue Bewertungen und Klassifizierungen nur dann Erfolg zeitigen sieht, wenn sie darstellen, was mit den Schemata der sozialen Welt übereinstimmt (Bourdieu 1986: 41, 1987b: 839, 840, 1991: 33). Rechtsetzungen betreffen zumeist die Kodifikation ohnehin bestehender Praxen, bemerkt Bourdieu – eine Beobachtung, die sich in der tendenz mit der Rechtsregulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ trifft. Es wäre jedoch verkürzt, Recht im Kontext symbolischer Repräsentationen ausschließlich als determinierend zu begreifen. Da das Recht der »complicity of those who are dominated by it« bedarf (Bourdieu 1987b: 844), ist die symbolische Ebene gleichermaßen Ausgangspunkt für Gegenstrategien. Widerstand gegen die bestehende Ordnung wird möglich, wenn die AkteurInnen die feldspezifische Ordnung und deren Konstruk tionsregeln dekonstruieren und in Zweifel ziehen. handlungsroutinen können dann durch intentionale handlungsvollzüge ersetzt werden. hierfür braucht es jedoch, wie obenstehend beschrieben, besondere Bedingungen, die Bourdieu als krisenhafte Situationen definiert (ebd.: 819). In derartigen Situationen können die AkteurInnen die ihnen strukturell auferlegten, willkürlichen handlungsbeschränkungen erkennen und Deutungen über die soziale Welt ausbilden, die hegemoniale Auffassungen in Frage stellen – ein Vorgang, den Bourdieu als »häresie« bezeichnet (Bourdieu 2004: 17). Die Dekonstruktion der Illusio SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 117 muss jedoch mit besonderen Schwierigkeiten verbunden bleiben, da es für das erkennende Subjekt kein Außerhalb der Strukturen gibt; es existiert »keine Leugnung der Praxis, die keine praktische Leugnung wäre, keine Opposition gegen die ›illusio‹, die nicht ihre eigene ›illusio‹ bräuchte« (Nassehi/Nollmann 2004: 16). 2.2.3 Integrierte Perspektiven – Rechtsregel und soziale Regelmäßigkeit Die Untersuchung sozialer Praxen in der Konzeption Bourdieus erlaubt es analytisch nachzuvollziehen, wie gesellschaftliche Strukturen von sozialen AkteurInnen angeeignet werden, wobei berücksichtigt wird, dass ihre Eigensinnigkeiten auf die strukturelle Ebene zurückwirken können. Abgestellt wird so auf die je spezifischen Anpassungsleistungen der AkteurInnen innerhalb einer als sozial differenziert verstandenen Welt. Im Kontext des Rechts lässt dies die Frage nach dem Verhältnis der habitus der AkteurInnen und der symbolischen und objektiven Ordnung des Rechts in den Vordergrund rücken. Bourdieus Praxeologie betont die permanent zu leistende Übersetzungsarbeit zwischen den beiden Strukturen nicht nur als ›Essenz‹ des Rechtlichen und des rechtlich befassten Akteurs, sondern auch als zentralem Gegenstand der rechtssoziologischen Analyse (vgl. Bourdieu 1979: 203). Für Laien installiert Bourdieu zwei Ebenen der Vergesellschaftung: Recht als Konfliktlösungsinstrument in Gerichtsverfahren und Recht als Symbol, das als Wahrheitsgenerator wirksam wird, welcher wiederum Normalisierungen anzuregen vermag. Insbesondere Bourdieus Verständnis der symbolischen Wirklichkeit des Rechts ist instruktiv, denn es erlaubt analytisch nachzuvollziehen, wie soziale AkteurInnen abseits von direkter Interaktion mit Rechtsinstitutionen rechtsbezogene Wahrnehmungs-, Denk und handlungsschemata ausbilden. Für die vorliegende Arbeit ist diese Ebene zentral, da die Akteursverhältnisse zur Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in weiten teilen unterhalb der Ebenen der Rechtsinstitutionen und ihrer Verwaltungen entstehen. Für die Analyse der handlungsorientierungen der ›gewöhnlichen‹ AkteurInnen reicht dieses Verständnis aber noch nicht aus. Denn auch wenn die symbolische Ebene es ermöglicht, nachzuvollziehen, wie ein bestimmtes Gesetz in den Augen der Laien legitim wird, so bleibt im Dunkeln, wie die Laien zu jenem praktischen Sinn kommen, der es ihnen erlaubt, ihre handlungsorientierungen auch umzusetzen. Ich argumentiere an dieser Stelle, dass der affirmative Bezug auf die Rechtsinhalte der Regulierung, sofern sie von den AkteurInnen auch umgesetzt werden sollen, die Existenz zumindest eines minimalen praktischen Sinns, eines minimalen rechtlichen inkorporierten Kapitals für das Spiel auf REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 118 der objektiven Ebene voraussetzt. Bourdieus theoretische Positionierung der Laien außerhalb des rechtlichen Feldes bedingt jedoch, dass er deren rechtliche Vergesellschaftung auf der objektiven Ebene vollständig ausspart. In diesem Zusammenhang gehe ich wie oben angedeutet mit jenen Stimmen konform, die Bourdieus Fixierung auf den Gerichtsprozess für die Reproduktion des Rechts kritisieren (z.B. Biddulph 2007: 27; Mc- Cahery/Piciotto 1995: 182; trubek et al. 1994; vgl. ähnlich Freymond/ Platel 2005: 17). Unter den KritikerInnen ist vor allem McCahery und Piciotto (1995: 182) zu folgen, die die Gestaltungsmacht von Laien auf der objektiven Ebene als zu gering eingeschätzt sehen. Unter anderem am Beispiel des Strafgefangenen, der sich mit der Spezialisierung auf das Verfassen von Beschwerdebriefen für andere Inhaftierte einen ExpertInnenstatus als »jailhouse lawyer« erwirbt, zeigen sie auf, dass selbst sozial massiv marginalisierte Personen rechtliche Gestaltungsmacht besitzen (ebd.). hieraus folgere ich, dass der Gerichtsprozess kaum das einzige Kriterium der objektiven Vergesellschaftung von Laien darstellen kann. Zugleich wäre es verkürzt, aus dem Glauben des Laien an das Recht ein praktisches Verstehen für rechtsinstitutionelle Vorgänge abzuleiten. Mit Blick auf Bourdieus Ausführungen zur Rechtsmobilisierung ist zwar davon auszugehen, dass dieser die objektive Vergesellschaftung der ›gewöhnlichen‹ AkteurInnen entlang rechtlicher Gegebenheiten gesehen hat (vgl. Bourdieu 1987b). Eine theoretische Entsprechung findet sich diesbezüglich jedoch nicht.78 In konzeptioneller hinsicht begründet sich die geringe Relevanz, die Bourdieu den Laien im objektiven Feld zumisst, aus dessen Präferenz für die legitimen Repräsentationen bezüglich der Frage, wer zu einem Feld gehört. Vor dem hintergrund, dass Bourdieu Felder als Relationen von Akteurspositionen versteht, deren Kapitalpositionen die Feldstruktur ausmachen, muss dies jedoch als problematisch erscheinen, läuft die Zurechnung zum Feld des Rechts nur über den entsprechenden Professionsnachweis doch auf eine bloße Rollentheorie hinaus (zur Kritik der Rollentheorie siehe Bourdieu 1998a: 37f.). Es gehört zu einer der Unschärfen in Bourdieus Werk, wechselnde Kriterien für die Feldgrenzen angelegt zu haben. Mal verweist er, wie hier, auf die Anerkennung von AkteurInnen im Feld als Kriterium für die Feldzugehörigkeit, mal auf die Effekte ihrer handlungen. So weist er an anderer Stelle aus: »Man kann von einer Institution, einer Person, einem Akteur sagen, daß sie in einem Feld existieren, wenn sie auf dieses einwirken.« (Bourdieu 2001c: 33) Bourdieu hält weiter »die Bestimmung eines Fel- 78 McCahery und Piciotto (1995: 182) formulieren diesbezüglich ähnlich: »While Bourdieu provides a very strong explanation of how the legal sphere is constructed, he is much less clear on why abstract formal rules play such an important part in the reproduction of social relations.« Bourdieus verkürzter Blick auf die Laien erklärt sich meines Erachtens werksgeschichtlich aus dem Interesse an der Autonomisierung des rechtlichen Feldes anstatt an dessen Effekten im Sozialen. SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 119 des und seiner Grenzen und die Bestimmung der in ihm wirksamen Kapitalsorten und der Grenzen ihrer Wirkungen usw. [für] ein und dasselbe« ( Bourdieu/Wacquant 1996: 128). Auch Gregor Bongaerts (2008: 125) bemerkt, dass Bourdieus Kriterium für die Zurechnung der AkteurInnen zu einem Feld Probleme aufwerfe, »weil schließlich auch feldexterne Akteure Effekte im Feld haben und dennoch im Rahmen der Feldtheorie nicht als Akteure im Feld behandelt werden. So wirken schließlich jeweils die Konsumenten auf das Feld ein, wenn ihre Erwartungen und Rezeptionsweisen die Struktur des Feldes mitdefinieren«. Mit Bezug auf das Recht könnte man sagen, dass beide Gruppen die Eigenschaft des Kämpfens um das, was als Recht und das, was als Unrecht gelten soll, gemeinsam haben – auch wenn die Reichweite der Laien bedeutend kleiner zu veranschlagen ist. Ähnlich formulieren dies McCahery und Piciotto, die die Laien aus diesem Grund nicht außerhalb, sondern im Feld des Rechts positioniert sehen. »Since social relations are reproduced partly through law, social actors are always already (partly) within the juridical field; but they possess varying degrees of skills, time, resources and inclination to monitor the legal professional.« (1995: 182) Nachfolgend wird der Vorschlag, die gewöhnlichen AkteurInnen in das Feld des Rechts zu integrieren aufgegriffen, nicht jedoch ohne ihn in zweifacher Form zu konkretisieren. Mit Bongaerts greife ich bezüglich der Frage, wer zu einem Feld gehört, erstens auf Weber zurück. Letzterer bindet die verschiedenen Mikrokosmen definitorisch nicht an Eigenschaften von AkteurInnen, sondern an deren Produktion »ideeller Ordnungen« (Bongaerts 2008: 126f.). Auf diese Weise werden die handlungen der AkteurInnen über die »Orientierung an einer Wertsphäre« zurechenbar, jedoch unabhängig von deren tatsächlich erzielten Effekten im Feld (ebd.). Zweitens ist hinsichtlich der Integration der Laien ins rechtliche Feld keine vollständige Gleichstellung zwischen den Akteursgruppen vorzunehmen, sondern es ist weiterhin zu berücksichtigen, dass die Laien an der Kodifizierung des Rechts nur indirekt beteiligt sind. Dem kann konzeptionell mit der Bildung von Subfeldern Rechnung getragen werden, wie Bourdieu dies etwa im kulturellen Feld vollzieht (siehe hierzu Bourdieu 1982). Im Feld des Rechts kann dann – und damit trete ich einen Schritt hinter McCahery und Piciotto zurück – ein Subfeld der Interpretation, an dem alle teilhaben, von einem Subfeld der Kodifikation, das nur den JuristInnen zugänglich ist, unterschieden werden.79 Angenommen wird für die Laien so nicht allein eine symbolische, sondern auch eine – über die Wirklichkeit des Gerichtsverfahrens hinausgehende – objektive Wirksamkeit des Rechts. Recht materialisiert sich 79 Mit der Bildung der zwei genannten Subfelder ist jedoch keine Zusammenlegung des rechtlichen Feldes mit dem politischen Feld intendiert, wie etwa von Conradin (2008: 465) vorgeschlagen. Denn das politische Feld ist ein eigenes Sinnsystem, das REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 120 demnach zusätzlich über die alltäglichen Auseinandersetzungen der Laien mit dem objektiven Feld – auch wenn der rechtliche Charakter der Situationen von ihnen zumeist unbemerkt bleibt (zu letzterem Pichler 1998: 37). Die Integration der Laien ermöglicht deren Anbindung an mehr oder minder bewusste Lernprozesse im objektiven Feld, wie Bourdieu sie in seiner Rechtssoziologie lediglich den JuristInnen zugesteht. Ich stelle in diesem Zusammenhang auf die allgemein von ihm erarbeiteten Mechanismen objektiver Vergesellschaftung ab, wenn ich davon ausgehe, dass durch die beobachtende teilnahme an spezifischen Rechtspraxen und hierin eingebetteter hinweise, Belehrungen oder Zurechtweisungen auch auf Laienebene ein sense juridique entsteht. Die Konvergenz von habitus und Feld ergibt sich dann nicht allein qua rechtlicher Symbolik, sondern auch qua sozialisatorischer Überführung der dispositional inkorporierten Strukturen in einverleibte Feldstrukturen (vgl. Bourdieu 2001a: 210f.). Zwar kennen wir rechtswissenschaftlich gesehen keinen Zustand außerhalb der Rechtssubjektivität: Als Rechtssubjekt ist man per Geburt mit »schon durch die Vernunft einleuchtende[n] Rechte[n]« ausgestattet (§ 16 ABGB). Diese befähigen dazu, entlang der Vorgaben des Rechts Willenserklärungen abgeben zu können. Erst mit der Vergesellschaftung innerhalb der objektiven rechtlichen Ordnung entwickelt der Akteur jedoch die Fähigkeit, durch die vielfältigen rechtlichen handlungskontexte zu navigieren. Erst der hier entstehende praktische Sinn versorgt ihn mit einem begrenzten inkorporierten Wissen darüber, wie man sich in der rechtlichen Welt koordinieren und zurechtfinden kann. Der praktische Sinn vermittelt das Notwendige, um sich innerhalb der Regel bewegen zu können, ebenso wie er über Spielräume Aufschluss gibt – etwa, wann Gesetze übertreten werden können oder wann ihre Befolgung zeitlich oder inhaltlich gedehnt80, mithin (partiell) umgangen werden kann. In diesem Zusammenhang erweist sich Christoph Wulfs (2003) Konzeption des mimetischen Lernens zur Produktion performativen Wissens als aufschlussreich. Sein im Anschluss an Bourdieu entwickeltes Konzept ist zu verstehen als Nachahmung von Praktiken des eigenen Lebenszusammenhangs. Indem die AkteurInnen sich auf Grundlage der habitus mimetisch an den handlungen der eigenen Umfelder orientieren, entwickeln sie ähnliche, aber auch differierende Praktiken. sich – ganz im Sinne auch einer systemtheoretischen Lesart (vgl. Bora 2003: 190) – nicht auf das Feld des Rechts reduzieren lässt. 80 In seinem »Entwurf einer theorie der Praxis« arbeitet Bourdieu heraus, dass Regeln nie ohne ihre Zeitlichkeit zu denken sind. An jede Regel ist eine objektive Zeitlichkeit geknüpft. Subjektive Strategien können aber darin bestehen, tempi zu variieren (vgl. Bourdieu 1979: 217ff.). SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 121 Vorläufig zusammenfassend lässt sich sagen, dass das in dieser Arbeit zugrunde gelegte Verständnis zwischen der Praxis der Laien und jener der JuristInnen strukturell keinen Unterscheid macht. Zum Einsatz kommen lediglich (graduell) unterschiedliche Formen des Wahrnehmens, Denkens und handelns, die je unterschiedliche Reichweiten für die Autonomisierung des Felds haben. Recht wird auf diese Weise als ein Mechanismus gesetzt, der nicht allein in den Institutionen, sondern auch in den Mikropraktiken des Alltags kursiert (vgl. ähnlich Coombe 1989: 115f.). hatte Bourdieu das Recht gegenüber dem ›juridischen Formalismus‹ egalisiert, indem er es auf eine Ebene mit den sozialen Praxen stellte, so egalisiert die hier vorgenommene Erweiterung gegenüber der verbreiteten Auffassung, Recht komme erst in den Institutionen »zum Leben« (Kiesow 2008: 314), Laien gegenüber den JuristInnen. Der vollzogene Schritt ähnelt damit ethnomethodologisch ausgerichteten Strömungen, die die Emanation des Rechts aus Alltagspraktiken zur Programmatik erheben. Für die rechtliche Vergesellschaftung von Laien auch unterhalb der Ebene der Rechtsinstitutionen halten neben einigen rechtssoziologischen Klassikern (siehe z.B. Ehrlich 1967[1902]; Pound 1910) sowie rechtshistorischen und rechtsanthropologischen Arbeiten insbesondere die legal consciousness studies81 zahlreiche hinweise bereit. Davon ausgehend, dass »law actually constitutes and produces social relations, that it is already operative within social categories before disputes break out« (Litowitz 2000: 218), zeigen sie auf, dass rechtliche Konzepte auch in alltäglichen Kontexten handlungsanleitend sind, ohne darin notwendig besonders konfliktiv oder dominant zu sein (Ewick/Silbey 1995, 1998; Merry 1990; Yngvesson 1993). Sie stellen jedoch auch heraus, dass Recht häufig eine untergeordnete Bedeutung gegenüber anderen Aspekten im Sozialen zukommt. Weiter legen sie dar, dass Recht sich auch über Interaktionen zwischen Laien konstituiert. hier entwickeln sie ein Verständnis von Rechtsperformativität im Alltag, welches nicht allein der Routinisiertheit, sondern auch der Unberechenbarkeit der Praktiken Rechnung trägt. Im Gegensatz zu dieser stärker ethnomethodologischen Perspektive, der mit ihrem ungebrochenen Blick auf die Alltagspraxis die Bedingung der Möglichkeit der Rechtspraxen entgeht, erlaubt die Bourdieu’sche Perspektive mit ihrer Unterscheidung 81 Die legal consciousness studies sind nicht mit den älteren, bewusstseinstheoretisch angelegten Konzeptionen einer legal consciousness beziehungsweise eines ›Rechtsbewusstseins‹ zu verwechseln (hertogh 2004; vgl. auch Coombe 1998). Sie greifen weder auf rationalistische noch auf sozialpsychologische oder biologische Konzeptionen zurück, sondern gehen von einem ›dezentrierten‹ Subjektverständnis aus (vgl. Silbey 2005: 358f.). Auch die legal consciousness studies arbeiten teilweise mit Bourdieu, transportieren dabei jedoch durch den starken Bezug auf ethnomethodologische Denkfiguren unbearbeitet bleibende theoriekonzeptionelle Probleme (vgl. García Villegas 2003). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 122 zwischen Wort und Sache beziehungsweise zwischen objektiver und symbolischer Wirklichkeit es jedoch, die Willkür zu berücksichtigen, auf der die rechtliche Ordnung beruht (vgl. Bourdieu 1979: 147ff., 2001a: 188, 2001c: 36; Bourdieu/Wacquant 1996: 105). Wenn für diese Arbeit dennoch davon ausgegangen wird, dass die Laien in eingeschränktem Maße ›Recht tun‹ – hier orientiere ich mich semantisch am Konzept des »Doing Recht«, wie es die historikerin Rebekka habermas (2008) unter Bezugnahme auf die ›Doing Gender-‹ und die ›Doing Culture‹-Debatte andenkt – dann freilich, ohne dass auch den sozialtheoretischen Implikationen der Ethnomethodologie gefolgt wird.82 Konkret begreife ich Recht als Aushandlungsprozess, in dem es auch auf der Ebene des ›gewöhnlichen‹ Akteurs zu individuellen Umgangsweisen mit dem Recht, mithin ›individuellen Rechtsproduktionen‹ kommt, die gleichzeitig (Re-)Produktionen von formalem Recht anregen können. Dabei ist es gleichgültig, ob das dem handeln zugrundeliegende rechtliche Wissen der AkteurInnen mit dem, was formales Recht ist und wie es vollzogen wird, tatsächlich korrespondiert, insofern es die Autorität und Legitimität des Rechts beziehungsweise jene einzelner Rechtsregeln de facto entweder bestärkt oder schwächt (vgl. aus systemtheoretischer Perspektive so auch Vollmer 1996: 148). Ein derartiges Verständnis ist anschlussfähig an Bourdieus Begriff der Rechtsregel, die – gleichgültig ob sich JuristInnen oder Laien mit ihr befassen – der Auslegung bedarf. Recht und Gesetz sind in diesem Sinn als kognitiv-konstitutive Kriterien zu verstehen, auf deren Grundlage alle AkteurInnen Bedeutungszuschreibungen vornehmen und Distinktionsgewinne zu erzielen versuchen, die ihrem habitus beziehungsweise ihrer Identität entsprechen. Jede individuelle Aneignung pluralisiert dann die Rechtsnorm: aus der Regel werden die Regeln (vgl. Bourdieu 1979: 203). Eine solche Perspektive, das ist weiter mit Bourdieu zu betonen, kennt kein Außerhalb der Rechtskonstruktion. Grundsätzlich herrscht im Feld des Rechts etwas, das man mit Blick auf die ›Doing-Debatte‹ als »Ausweiszwang« (hirschauer 2001: 215) bezeichnen kann. Demnach bleiben die AkteurInnen als Subjekte – hier als Rechtssubjekte – stets klassifizierbar. Denn egal welche Positionen sie zum Recht einnehmen, immer schon sind diesen Positionen die rechtlichen Kategorien inhärent. Selbst im Fall der Ablehnung des Rechts wird so noch Recht produziert (Bourdieu 1991: 98). Ich berücksichtige dennoch, dass sich das Verständnis der Laien gegenüber dem formal Gesetzten beziehungsweise Geforderten 82 García Villegas (2003: 393) hat eine derartige Annäherung von strukturalistischen und ethnomethodologischen Zugängen als Forschungsdesiderat formuliert: »[I]t would be a question of combining the symbolic vision of law, inherent in all constitutive social theories, and a theory of the symbolic as a political instrument, whether it be of domination or of social emancipation. But this task still lies ahead.« SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 123 fundamental unterscheiden kann (Friedman 1972: 207). Um auf der empirischen Ebene Aussagen über die Konformität der AkteurInnen vornehmen zu können, differenziere ich nachfolgend wirksamkeitsorientiert zwischen dem Verständnis von Rechtskonformität im Sinne eines faktischen Geltungsbegriffs – unter diesem ist die Befolgung oder Durchsetzung eines Gesetzes nach formalen Gesichtspunkten zu verstehen (Geiger 1964), konkreter sein Gebrauch oder Nicht-Gebrauch sowie die Einhaltung expliziter Vorschriften (Blankenburg 1977) – und individuellen Vorstellungen und Praxen der Normbefolgung.83 Indem der doppelte Geltungsbegriff der alternativen Auslegung von Gesetzen Rechnung trägt, kann nicht nur die tatsächliche, sondern auch die nur intendierte Konvergenz zwischen einem spezifischen Gesetz und einer sozialen Praxis berücksichtigt werden. Rechtskonformität praxeologisch betrachtet Ausgehend von der theoretischen Anpassung von Bourdieus Konzep tion des rechtlichen Feldes an die vorliegende Untersuchung kann auf die Laien – die hier korrekter als RechtsadressatInnen zu bezeichnen sind, da sich für RechtsexpertInnen in rechtlichen Anwendungsbereichen ebenso die Frage der Konformität stellt – übertragen werden, was Bourdieu für die JuristInnen beschreibt: Rechtskonforme Handlungsorientierungen auch der RechtsadressatInnen begreife ich als abhängig vom Zusammenspiel von Habitus und sozialen Ressourcen, Operationen des objektiven rechtlichen Feldes und der (auch sozial prozessierten) symbolischen Gewalt. Einbezogen werden muss an dieser Stelle zusätzlich die Gerichtetheit des Rechts auf Sachverhalte des Sozialen, weshalb für RechtsadressatInnen auch die soziale Position im Anwendungsbereich des Gesetzes zu berücksichtigen ist. Bezugnahmen auf das Recht und rechtsrelevante handlungen vonseiten sozialer AkteurInnen müssen diesbezüglich in Zusammenhang mit strukturellen Beschränkungen und Vorgaben des Anwendungsbereichs in der sozialen Welt betrachtet werden. Der Anwendungsbereich der in der vorliegenden Untersuchung relevanten Regulierung wird dabei im »Feld der Pflege« (Schroeter 2006) verortet. Recht kommt in dieser Betrachtung auch für die Laien nicht nur als Symbol ins Spiel, sondern immer auch als Institution. Wie jede Regel, 83 Die juristische Geltung wiederum wird drittens fraglos vorausgesetzt, selbst für den Fall, dass keine faktische Geltung besteht (vgl. Geiger 1964: 65ff.). Der Geltungsbegriff wird weiter unterschieden von dem Begriff der Wirksamkeit eines Gesetzes, der sich auf die vom Gesetzgeber intendierten Ziele bezieht (Blankenburg 1977: 40). Bei der hier untersuchten Regulierung kann vereinfachend davon ausgegangen werden, dass das Ziel der Regierung Gusenbauer darin bestand, »eine gesetzeskonforme Beschäftigung von 24-Stunden-PflegerInnen zu ermöglichen, ohne die bis dahin gängige Praxis einzuschränken« (Bachinger 2010: 410). REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 124 so produzieren auch die Rechtsregeln habitusformen, »die jenseits ausdrücklicher Reglementierung und des institutionalisierten Aufrufs zur Regel geregelte Praktiken und Praxisformen hervorzubringen fähig sind« (Bourdieu 1979: 215; vgl. Bora 1991: 240). Um sich sozial zu entfalten, müssen sie jedoch immer an Erfahrungshorizonte anknüpfen. Sie sind nur dann praktisch wirksam, wenn sie »die kollektiven Dispositionen des habitus verdoppeln und verstärken« (Bourdieu 1979: 214). Rechtskonformität lässt sich vor diesem hintergrund als je individuelle Aneignung der Strukturen beziehungsweise Zuweisungsakte des rechtlichen Felds auf der Grundlage dispositionaler handlungsschemata beschreiben. Mit der unmerklichen Verlagerung von Gesetz und Recht ins Innere der AkteurInnen verschwinden die Kontingenzen in deren handlungsoptionen und es entstehen regelgemäße handlungsorientierungen. Douglas Litowitz spricht diesbezüglich in Anschluss an Bourdieu von einem Prozess, der die Identitäten der AkteurInnen mit den rechtlichen Kategorien verschmelzen lässt, weshalb dem Bruch mit der Rechtsnorm die partielle Negation der eigenen Identität im Wege stehe (Litowitz 2000: 222). Alternative handlungsweisen erscheinen den AkteurInnen dabei als unrealistisch, utopisch oder revolutionär (ebd.: 223). »In other words people obey because the existing world appears to be the only possible world.« (ebd.) Bourdieu bringt dies auf die kurze Formel der Konvergenz von habitus und rechtlichem Feld (Bourdieu 1987b: 840; vgl. García Villegas 2011; ähnlich Fisahn 1999).84 Ein solches Verständnis von Rechtskonformität trägt der rechtssoziologischen Erkenntnis Rechnung, dass Laien gegenüber dem Recht vor allem unreflektierte und diffuse, mit Weber gesprochen auf Gewohnheit beruhende Beziehungen zum Recht pflegen (2.2.1). Als relative (identitäre) Effekte der Struktur der objektiven Beziehungen zwischen der individuellen Geschichte eines Akteurs und der Struktur des Rechts beziehungsweise einzelner Rechtsinhalte können weiter auch die zu dieser Erkenntnis in Widerspruch stehenden, da bewusstseinstheoretisch konzipierten Begriffe Rechtsgefühl, Rechtsbewusstsein, Rechtskenntnis, Rechtsakzeptanz, Rechtsethos (zu diesen Begriffen siehe Kaufmann 1985: 186f.; Raiser 2011: 55ff.; Sarat 1977: 452f.; Silbey 2005: 358f.) begriffen werden. Abweichungen von der Norm entstehen folgerichtig, wenn habitus und Rechtsregel auseinanderfallen – zum Beispiel als Folge enttäuschter Erwartungsstrukturen von AkteurInnen (Fisahn 1999: 278ff.). Unter Verweis auf die Ergänzung von Bourdieus handlungskonzept durch Denkfiguren aus der praxistheoretischen Strömung um Schatzki lassen 84 Vgl. in diesem Zusammenhang die Ähnlichkeit zu Franz-Xaver Kaufmanns these, dass das Rechtsgefühl der Recht setzenden ExpertInnen mit denen der Laien in ausreichendem Maße übereinstimmen muss, wenn Rechtskonformität gesichert sein soll (Kaufmann 1985: 187). SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 125 sich Abweichungen von Rechtsnormen jedoch nicht allein auf der Grundlage mentaler Reflexionen konzipieren. Diese können vielmehr auch vorreflexiv auftreten, etwa, wenn AkteurInnen nicht über ausreichende Fähigkeiten oder strukturelle handlungsmöglichkeiten verfügen, sich normgemäß zu verhalten, oder wenn durch konkurrierende Sinnangebote – zum Beispiel konkurrierende Rechtsnormen oder außerrechtliche Normen – Sinnüberschüsse entstehen. Es bleibt diesbezüglich zu reflektieren, dass die Möglichkeit, sich rechtlich angemessen zu verhalten, eng gekoppelt ist an die Kapitalausstattungen der AkteurInnen im sozialen Raum. Insofern sind auch die sozialen Bedingungen für sozial reproduktive oder eben alternative handlungsorientierungen zu beachten. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass Normbrüche in Abhängigkeit von der sozialen Position der NormbrecherInnen rechtlich und sozial unterschiedlich stark sanktioniert werden, wobei sich die diesbezüglichen Spielräume mit höherer sozialer Positionierung vergrößern (vgl. Bourdieu 2006: 33f.).85 Für die nachfolgende empirische Untersuchung ist es zudem wichtig anzufügen, dass die Abweichung von inkorporierten Routinen in den Subjekten für Widersprüche sorgen kann, deren Prozessierung Coping-Strategien erfordert (vgl. hierzu Sykes/Matza 1968). In diesem Verständnis stellt sich Rechtskonformität als eine spezifische Ausprägung von Rechtssubjektivität, als Verhältnis der AkteurInnen zum Recht, dar, wie sie durch die ›Interaktion‹ zweier mehr oder weniger flexibler Strukturen – jene des Individuums und jene des Rechts – entsteht. Bourdieu ist jedoch weiter darin zu folgen, und dieser Aspekt soll besonders betont werden, dass der Aspekt der Konvergenz von habitus und Feld nicht totalisiert werden darf, käme dies doch einer Überschätzung der force du droit gleich. Zu einer Anerkennung von Recht oder Gesetz durch die Laien kommt es ihm zufolge immer nur dann, wenn die RechtsadressatInnen mit diesen im Anwendungsbereich auch reale Bedürfnisse und Interessen verbinden (Bourdieu 1987b: 840). Es wird hier schnell ersichtlich, dass die vorliegende Arbeit rechtskonforme handlungsorientierungen nicht in erster Linie auf der Grundlage autonomer und bewusster Kalkulationen konzipiert, wie dies durch die Rational-Choice-theorien geschieht. Ebenso wenig wird im Sinne der normtheoretischen Ansätze angenommen, dass rechtskonforme handlungsorientierungen bloße Abbildungen kollektiver Normen durch die Individuen sind. Im Unterschied zur Systemtheorie wird auch nicht von Rollenadaptionen hervorrufenden Verfahrensabläufen ausgegangen. Das 85 Mit Blick auf den Labeling-Ansatz (Sack 2014) ist in Rechnung zu stellen, dass derartige Konstellationen deliktspezifisch historischen Wandlungen unterliegen. Im Kontext der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Verringerung von Spielräumen für Akteure im Feld der Macht etwa im Bereich der Wirtschaftskriminalität in Bezug auf Steuerdelikte zu beobachten. REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 126 Verhältnis von Rechtsnorm und AkteurIn ergibt sich weder aus dem freien Zugriff der handelnden Individuen auf die Sachverhalte, noch aus der sich abbildtheoretisch beziehungsweise eigenständig entfaltenden Kraft des Kollektiven. Der Rückgriff auf Bourdieus Praxeologie erlaubt es, die Logik des Interesses, die Logik der Norm und die Logik der Systemdifferenzierung nicht gänzlich abzulehnen, sondern mit einer Logik der Praxis zu verbinden. Oder anders formuliert: Bourdieus praxeologische Perspektive erfüllt die Voraussetzungen für eine – freilich notwendig von Details abstrahierende – heuristische Integration von Anerkennungs-, Legitimitäts- und Abschreckungstheorien, indem sie Annahmen der herkömmlichen Erklärungsangebote durch vergleichbare Annahmen zusammenführt (vgl. Fisahn 1999; vgl. García Villegas 2011). Rechtskonformität ist als Effekt von Regelorientierungen immer auch mit moralischen Normorientierungen (1), mit feldspezifischen ›Verfahrensabläufen‹, wie sie die Spielregeln bestimmen, (2) und mit unbewussten oder – im Fall von Krisen – bewussten Zweckmäßigkeitserwägungen (3) verknüpft. (1) Die Logik der Praxis betont nicht anders als die normtheoretischen Ansätze die enge Verzahnung und das Nebeneinander von formellen und informellen Regelungsangeboten, ebenso wie ihre Konkurrenz (vgl. Bourdieu 1992b: 87), jedoch ohne dabei bloße Reflexion sozialer Normen zu sein. Auch im Rahmen der praxeologischen Perspektive müssen rechtliche Normen moralisch abgestützt werden; sie bedürfen nicht nur institutioneller, sondern auch sozialer Sanktionierung. Demnach wird ein wesentlicher Faktor für Rechtskonformität in sozialem Druck durch Gruppenöffentlichkeiten gesehen. Umgekehrt erfüllt die Rechtsnormbefolgung bei allgemein anerkannten Regeln die Funktion der sozialen Distinktion und Einbindung (ebd.: 100). Die praxeologische Perspektive differenziert weiter sozialstrukturelle Merkmale für die Verhältnisbestimmung der AkteurInnen zum Recht und ermöglicht es so, soziale Positionen als Bausteine für die Plausibilisierung von individuellen Unterschieden in der Befolgung eines spezifischen Gesetzes heranzuziehen, genauso wie für die Variationsbreite von Konformitätsraten zwischen unterschiedlichen Gesetzen. Über die normtheoretischen Ansätze hinausgehend kann die praxeologische Perspektive jedoch systematisch die Beschaffenheit von Recht und Gesetz einschließlich der Maßnahmen ihrer Durchsetzung (etwa die Erstellung von administrativen Infrastrukturleistungen) berücksichtigen. Rechtskonformität ergibt sich in dieser hinsicht wesentlich durch die mehr oder weniger bewusst angeeignete ›Anerkennung‹ der Rechtsnorm, wie sie aus objektiven Zwängen im sozialen Raum, aber auch aus dem Eigensinn der AkteurInnen hervorgeht. (2) Die Logik der Praxis zwingt den AkteurInnen zudem – hier ist eine gewisse Nähe zu den Legitimitätstheorien festzustellen – scheinbar motivlos, das heißt unabhängig von den konkreten Inhalten eines Gesetzes, SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 127 eine bestimmte Art des handelns und damit auch Rechtsgehorsam auf, welcher aus der Legitimitätsproduktion der rechtlichen Ordnung gründet. Bourdieu geht hier in seiner Annahme der Wirksamkeit von Recht und Gesetz allerdings weiter als Luhmann, wenn er annimmt, dass die AkteurInnen die rechtliche Ordnung nicht nur oberflächlich anerkennen: Wo Luhmanns prozedurale Rationalität den Widerstand der AkteurInnen keineswegs auflöst, sondern in seinem Ausdruck lediglich invisibilisiert, macht Bourdieu das rechtliche Spiel zur einzig denkbaren Welt. Weiter erhalten Oppositionen bei Bourdieu im Gegensatz zu Luhmanns Rollenmodell die Chance der Produktion auch neuer, alternativer Sinngehalte. Rechtliche Ordnung, um rechtskonforme handlungsorientierungen anzuregen, bedarf bei Bourdieu insofern einer legitimierenden Gewalt. (3) Auch wenn Bourdieu die Frage rechtskonformer handlungsorientierungen maßgeblich mit der Verinnerlichung rechtlicher Zwänge beantwortet und Regelbefolgung eher prozessual anstatt entlang konkreter Sinnkriterien konzipiert, so stellt er die Möglichkeit der Wirksamkeit staatlichen Zwangs, wie sie von den Abschreckungstheorien zentral gesetzt wird, zumindest in den Raum. Die normalisierende Macht des Rechts »complements the practical power of legal constraint«. (Bourdieu 1987b: 846, 816). Die rechtssoziologisch äußerst umstrittene Frage, inwieweit negative Sanktionen die handlungsorientierungen von AdressatInnenkreisen generalpräventiv zu beeinflussen vermögen, lässt Bourdieu jedoch vollständig offen.86 Fest steht für ihn lediglich, dass symbolischen Wirklichkeiten für die herstellung sozialer Ordnung mit der Demokratisierung der Gesellschaften eine wachsende Relevanz zukommt ( Bourdieu 1987b: 844).87 Für die vorliegende Argumentation stellt diese Leerstelle 86 Bourdieus herrschaftssoziologie wird allgemein vorgeworfen, dass sie die Relevanz physischer Gewalt verkenne (Lash 1993: 200; Rehbein 2011: 208). Auch García Villegas (2011: 285) hat dies scheinbar gesehen. In seiner Studie zum lateinamerikanischen Kontext formt er die Frage nach der Sanktionseffizienz zugunsten der Frage nach der subjektiv wahrgenommenen Autorität des Staates beziehungsweise der Präsenz der Institutionen um und differenziert sie damit aus: »there is a contextual factor that particularly determines the degree of compliance with norms. I refer to the degree of institutional presence – or institutional capacity – that a particular social space has; in other words, the degree of institutionalization of that social space.« 87 In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Michel Foucault, der mit der Etablierung von Bürgerrechten und rechtsstaatlichen Garantien die Notwendigkeit der harten, peinlichen Strafen des Mittelalters schwinden sieht (Foucault 1976, 1977). Die Demokratisierung staatlicher Strukturen bedingt ihm zufolge eine zunehmende Verinnerlichung von Rechtsnormen in Form der Disziplin und der Gouvernementalität (Ders. 1998: 157). Vgl. zur zunehmenden Relevanz von symbolischer Politik auch Arbeiten innerhalb der Akzeptanzforschung (z.B. Roth REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 128 jedoch kein hindernis dar, insofern Bourdieus handlungsbegriff es zulässt, handlungsorientierungen auf der Grundlage von negativen Sanktionen theoretisch-konzeptionell zu denken – dann nämlich, wenn habitus und Feld auseinanderfallen und intentionale handlungen greifen. Auf diese Weise lässt sich auch der Zwangsmechanismus des Rechts als empirische Frage in den Raum stellen. Die kurze Erörterung zeigt: Der praxeologische Zugang eröffnet die Möglichkeit, sich begrifflich-theoretisch an rechtskonforme handlungsorientierungen von AkteurInnen anzunähern, ohne von den bisherigen rechtssoziologischen Erkenntnissen gänzlich absehen zu müssen. Das Anliegen der heuristischen Perspektivenintegration trägt dabei der Annahme Rechnung, dass die Beschreibung und Erklärung rechtskonformer handlungsorientierungen sich nicht auf eine einzelne Variable reduzieren lässt, sondern dass diesbezüglich ein Nebeneinander von Normen, Routinen, Legitimitäten und formellen Sanktionen besteht (Friedman 1972; vgl. auch García Villegas 2011; vgl. tittle 1977). Die theoretische Präferenz liegt mit Bourdieu im Regelfall klar auf der routinisierten Verinnerlichung von Rechtsnormen. Dennoch legt sich die Untersuchung nicht von vornherein auf lediglich einen erklärenden Mechanismus fest, sondern nimmt Recht sowohl als repressives wie auch als auf unterschiedliche Arten und Weisen ermöglichendes Moment in den Blick. Mit Bourdieu ist darauf hinzuweisen, dass das Ausmaß, »in dem man sich den automatischen Reaktionen des praktischen Sinns überlassen kann, natürlich mit den Situationen und tätigkeitsbereichen, aber auch mit der im sozialen Raum besetzten Position« variiert (Bourdieu 2001a: 209). Auf den praktischen Sinn verlassen können sich ihm zufolge die im Feld sozial besonders gut positionierten AkteurInnen, alle anderen hingegen sind »gezwungen, auf sich achtzugeben und schon die ›ersten Regungen‹ eines habitus bewußt zu korrigieren, der wenig angemessene oder ganz deplazierte Verhaltensformen hervorbringen kann« (ebd.) Diese Beobachtung greife ich auf und übertrage sie auf den hier untersuchten Kontext: Da die AkteurInnen in das rechtliche Feld zunächst lediglich negativ eingeschlossen sind, ist in besonderem Maße von Reflexionen der eigenen Praxis auszugehen. Das Augenmerk nicht allein auf Routinehandeln zu richten, erweist sich weiter insbesondere im Kontext von Regulierungen als relevant, werden hier doch gewohnte Abläufe unterbrochen: Gerade in Situationen rechtlichen Wandels kommen bekannte Bedingungen zum Erliegen, werden in Frage gestellt oder kritisiert. Es sind besonders diese Momente und Phasen, in denen festgestellte Kon stellationen und handlungsroutinen aufbrechen und neue Spannungsverläufe entstehen. Zu rechnen ist insofern mit Prozessen, die 1998). Einschränkend bezüglich dieser these siehe jedoch habermas (1976: 41ff.). SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM FELD DES REChtS 129 das Denken, Fühlen und Wahrnehmen der AkteurInnen gegenüber dem Recht auch bewusst zu aktualisieren oder zu verändern vermögen. Recht theoretisch sowohl als repressiv wie auch als ermöglichend begreifen zu können, ist auf der Ebene der Beschaffenheit von Gesetzen essentiell. Einerseits formulieren die privatrechtlichen Normen der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ keine Gebote, sondern rechtsdogmatisch betrachtet regulieren sie auf der Grundlage von Wahlmöglichkeiten. Dem zufolge kommen als ermöglichende Momente Rechtsmobilisierungen der dispositiven Rechtsnormen in den Blick. Nur insofern mit der Regulierung irreguläre Praktiken regularisiert werden sollen, wird die Rechtsmobilisierung andererseits auch zur Rechtsbefolgung. Dem eigentlich ermöglichenden Recht kommt hier im Prozess der Emersione, des Übergangs von der Irregularität in die Regularität also, eine Verbotswirkung zu, insofern es faktisch irreguläres handeln beschränkt. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn in der vorliegenden Arbeit von der untersuchten Regulierung, verstanden als »eine rechtliche und/oder politische Operation [...], die darauf zielt, einen Zustand in einem zu regulierenden Bereich [...] zu beeinflussen« (Bora 2012: 351; vgl. auch Bora/Münte 2012), auch als Regularisierung gesprochen wird; das heißt, der Begriff der Regulierung impliziert ermöglichende Interventionen wie auch kontrollierend-grenzsetzende Maßnahmen oder Effekte im Sinne eines regulatorischen Rechts. Der Begriff der Regularisierung macht demgegenüber deutlich, dass die Regulierung dabei den Vorgang einer Emersione, also eines Wechsels von der Irregularität in die Regularität, anregen soll. Es lässt sich vor diesem hintergrund auch mein Verständnis der Autorität und Legitimität des Rechts klären: Gegenstandsbezogen verstehe ich unter der Autorität des Rechts dessen Effektivität auf Grundlage seines potenziellen Zwangscharakters (vgl. (3)). Die Legitimität des Rechts definiere ich als Effektivität auf Grundlage normativer und ›illusio-rischer‹ sowie ›instinktiv praktischer‹ Bezüge (vgl. (1) und (2)). Untersucht die Rechtssoziologie rechtskonforme handlungsorientierungen ausgehend von individuellen Interessen, generalisierten Strukturen oder Funktionssystemen, so wird hier der Vorschlag gemacht, eine konfigurative Perspektive anzulegen, die Rechtskonformität als einen Effekt der Vermittlung von Praxis und Struktur durch den habitus untersucht. Regulative Rechtsnormen gelten faktisch, wenn objektive und symbolische Prozesse im Akteur eine mehr oder weniger subjektiv angeeignete, inkorporierte Entsprechung finden, die sich in einem praktischen handlungssinn zu entfalten vermag. Aufgehoben wird damit die geläufige trennung von Akteur und Recht zugunsten eines Prozesses wechselseitiger Konstitution, sowie der Verlagerung der rechtlichen Strategien der AkteurInnen in kulturelle Praktiken, welche erst die Bedingungen für die faktische Rechtsgeltung, mithin deren Autorität und/ REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 130 oder Legitimität herstellen. Forschungspraktisch bedeutet das, die in den Praktiken der AkteurInnen zum Ausdruck kommenden symbolischen und praktischen Ordnungen aufzudecken, da sie die rechtskonformen handlungsorien tierungen der untersuchten AkteurInnen in ihren individuell unterschiedlichen Umgangsweisen, Interessengegensätzen und differierenden Anpassungsmodi zu erklären vermögen. Rechtskonforme handlungsorientierungen werden so sowohl in ihrer Kollektivität wie auch in ihrer Individualität untersucht. 2.3 Schlussfolgerungen 2.3.1 Zwischenfazit: Die Regulierung des Irregulären Rechtliche Regulierungen von Carework in Privathaushalten im Sinne von Emersioni – der Überführung irregulärer in reguläre Beschäftigungsverhältnisse – gewinnen in der letzten Dekade an Bedeutung; und mit ihnen die Frage, ob und wie sich der betreffende RechtsadressatInnenkreis an diese anpasst und ihnen so zu ihrer faktischen Geltung und dem Recht zu seiner Autorität und Legitimität verhilft. Vorangehend er- örterte ich, dass in Österreich zwischen 2006 und 2009, angesichts der steigenden Anzahl irregulärer Beschäftigungsverhältnisse in diesem Bereich, eine Emersione angeregt wurde. hier hatte der Mangel an bezahlbarem Pflegepersonal seit Mitte der 1990er Jahre zu einem wachsenden Rückgriff auf das Angebot weiblicher Beschäftigter aus den einkommensschwächeren osteuropäischen Nachbarländern geführt, darunter in überwiegendem Maße Frauen slowakischer herkunft, die zwischen ihrem Arbeitsplatz und ihrem heimatort zweiwöchentlich pendelten. Dabei entstanden irreguläre ArbeitgeberInnen-ArbeitnehmerInnen- Konstellationen zwischen in Österreich lebenden Angehörigen von Pflegebedürftigen und MigrantInnen; einer regulären Beschäftigung standen unter anderem fremden-, arbeits- und krankenpflegerechtliche Normen entgegen. Mit der Regulierung wurde den betreffenden sozialen Gruppen die Möglichkeit eröffnet, auf Angestellten- oder Selbständigenbasis in der ›24-Stunden-Pflege‹ zu arbeiten beziehungsweise zu beschäftigen. Wurden Care-Aufgaben in der Vergangenheit maßgeblich unbezahlt von weiblichen Familienangehörigen verrichtet, bezeugt das Anwachsen irregulärer Beschäftigungen eine spezifische tendenz der Auslagerung dieses Bereichs an Dritte. Diese Entwicklung ist auf veränderte Bedingungen auf sozialpolitischer und gesellschaftlicher Ebene zurückzuführen, wie sie mit einer polit-ökonomischen transformation auftreten, die ich im Rahmen der Regulationstheorie als Übergang vom Fordismus zum Postfordismus bezeichnet habe. Ihr entspricht eine pflegepolitische SChLUSSFOLGERUNGEN 131 Linie, bei der infolge der neoliberal-neokonservativen Wende in der Sozialpolitik und im Kontext der Entwicklung eines ›Alterns‹ der Gesellschaft bei der Pflege und Betreuung weiterhin maßgeblich auf Eigentätigkeit innerhalb familiärer Gewährleistungsstrukturen gesetzt wird. Dieser relativ ungebrochenen konservativen Ausrichtung der Pflegepolitik stehen veränderte Lebensweisen der weiblichen Familienangehörigen gegenüber, die die Pflegebereitschaft sinken lassen. Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen, die Entstehung von Formen des Zusammenlebens abseits des traditionellen Familienmodells und die partielle transformation einst fest verankerter vergeschlechtlichter Rollenverteilungen tragen hierzu bei. Ich habe vor diesem hintergrund ausgeführt, dass Probleme einer Externalisierung von Care auf bezahlter Basis dort entstanden, wo eine Versorgung rund um die Uhr erforderlich war, denn dieser Anforderung wurden die in den 1990er Jahren sich etablierenden mobilen Dienste der Wohlfahrtsverbände nicht gerecht. hatten die Beteiligten zuvor irreguläre Beschäftigungen unterhalten, so zeigte ich anhand einer felderkundenden quantitativen Erhebung der Anmeldungen von Beschäftigungen im Zuge der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹, dass tatsächlich von Regularisierungstendenzen im AdressatInnenkreis ausgegangen werden kann. Um die Anpassung des AdressatInnenkreises an die Regulierung analytisch nachzuvollziehen, stellte ich auf Bourdieus praxeologische Perspektive ab. Bourdieus Praxeologie untersucht soziale Regelmäßigkeiten innerhalb einer als sozial differenziert verstandenen Welt anhand soziokultureller Orientierungsmuster, die handlungen strukturieren, ohne dabei eigensinnige handlungspotenziale zu unterschlagen. Ich erörterte, auf welche Weise rechtskonforme handlungsorientierungen praxeologisch gedacht werden können, insofern diese nicht in Opposition von Struktur und handlung, sondern gerade in hinblick auf das spannungsreiche Verhältnis von Individualität und Kollektivität zu untersuchen sind. Ich legte dar, dass die rechtsbezogenen handlungsorientierungen daraufhin zu analysieren sind, wie sie unter Einfluss von Zwängen und Freiräumen aus konkreten rechtlichen und sozialen Bedingungen hervorgehen, in denen soziale AkteurInnen sich befinden. Ins Zentrum dieser analytischen Verschränkung von Kollektivität und Individualität setzte ich ein Verständnis des handelnden Akteurs als Individuum, das nicht als given end begriffen werden kann, sondern das in dem Maße, indem es sich rechtliche Repräsentationen und Abläufe aneignet, seine Konstruktion als Rechtssubjekt selbst mit bedingt. Rechtskonformität definierte ich vor diesem hintergrund als Effekt der Aneignung sozialer Intelligibilität durch die AkteurInnen, genauer als relative Konvergenz von habitus und Feld. Die Mobilisierung rechtskonformer handlungspotenziale betrachtete ich insofern als eine ›kollektiv-individuelle Gemeinschaftsproduktion‹: mithin als widersprüchlichen Synergieeffekt institutioneller REGULIERUNG UND SOZIALE INtELLIGIBILItÄt IM CARE-REGIME 132 und individueller Subjektanforderungen, in dem subjektive Bestrebungen nach sozialer Anerkennung und spezifische Vorstellungen persönlicher Lebensgestaltungen innerhalb eines rechtlichen Normalitätsregimes verschmelzen. Um die Vergesellschaftung des RechtsadressatInnenkreises nicht nur hinsichtlich der symbolischen, sondern auch der objektiven Wirklichkeit des Rechts verstehen zu können, modifizierte ich Bourdieus Zugehörigkeitskriterium zum rechtlichen Feld, das ich als Orientierung an einer Sinnsphäre definierte. hierdurch wurde es möglich, auch gewöhnliche AkteurInnen in den Mikrokosmos des Rechts zu integrieren. Um weiter nicht nur die heteronomien, sondern auch die Eigensinnigkeiten und Widerständigkeiten der AkteurInnen erfassen zu können, ergänzte ich Bourdieus praxeologische Perspektive um Aspekte aus der stärker auf handlungsunregelmäßigkeiten abstellenden Strömung der Praxistheorie um Schatzki. Damit betonte ich einen Aspekt, der in der kulturwissenschaftlichen Rechtssoziologie, insbesondere im Kontext der rechtssoziologischen Bourdieu-Rezeption, bisher tendenziell vernachlässigt wird. Indem ich auf Regulierungen im Kontext von Regularisierungsbestrebungen eine rechtssoziologisch-kulturwissenschaftliche Perspektive anlegte, positionierte ich mich weiter quer zu den herkömmlichen theoretischen Ansätzen in der Rechtskonformitätsforschung. Ich arbeitete jedoch heraus, dass der entwickelte theoretische Rahmen sich als geeignet erweisen kann, alle rechtssoziologisch etablierten Mechanismen – Zwang, Anerkennung und Legitimität – heuristisch zu berücksichtigen. Eine alternative Perspektive einzunehmen wurde nötig angesichts einer kritischen Betrachtung der Abschreckungs-, Anerkennungs- und Legitimitätstheorien. In der Literatur wird den unterschiedlichen theorien zwar wissenschaftliche Relevanz, jedoch jeweils nur partielle Erklärungskraft zugesprochen. Weiter legte ich die Ursache dieser Problematik dar: Es sind gänzlich unterschiedliche sozialtheoretische Fundierungsvokabulare, die zu einem Nebeneinander inkompatibler teilerklärungen führen und deren Erkenntnisse sich deshalb nicht aufeinander zurückführen lassen. Um die Problematik einer bloßen Addierung verschiedener Ursachen zu vermeiden, legen rechtssoziologische AutorInnen vereinzelt nahe, auf Perspektiven zurückzugreifen, die die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Individuum fokussieren. Mit dem praxeologischen Zugang knüpfte ich an diese Forschungsperspektiven an und legte dar, dass Rechtskonformität auf diese Weise sowohl im Rahmen von unreflektiertem Routinehandeln als auch im Kontext von praktischen Regelorientierungen betrachtet werden kann, wie sie entlang von normativen Vorgaben und auf der Grundlage von Legitimitätseinverständnissen entstehen. Nicht zuletzt integriert die praxeologische Perspektive in einem begrenzten Maße auch interessengeleitetes handeln. Damit schlug ich eine Sichtweise auf Rechtskonformität vor, die die Erklärungen der SChLUSSFOLGERUNGEN 133 sozialtheoretisch inkompatiblen Konformitätstheorien innerhalb eines soziologischen Fundierungsvokabulars vereint, mittels ihres komplexen Subjekt- und handlungsbegriffs jedoch noch über diese hinausgeht. 2.3.2 Weiterführende Fragen Auf Grundlage obiger Schlussfolgerungen zur Relevanz rechtsbezogener handlungsorientierungen im Kontext von Regulierungen ›privathaushaltlichen‹ Careworks ergeben sich weiterführend folgende Fragen: Welche sozialen Mechanismen tragen dazu bei, dass die handlungsorientierungen den rechtlichen Vorgaben gegenüber angemessen sind beziehungsweise nicht entsprechen? Wie bilden sich Persistenzen irregulärer handlungsorientierungen und wie Wandlungstendenzen hin zu regulären handlungsorientierungen aus? Genauer: welche Wissensformen, Interpretationen, impliziten Verständnisse und Motivationen ermöglichen die Praktiken des irregulären oder regulären Arbeitens und Beschäftigens? Was muss ›geleistet‹ werden, um irregulär beschäftigt zu sein beziehungsweise zu beschäftigen? Welches spezifische Erkennen der sozialen Welt, des rechtlichen Mikrokosmos sowie der Pflegepolitik sind notwendig, und welche Relationen, welche Selbst- und Fremdpositionierungen sind diesbezüglich zu erkennen und werden verarbeitet? Was wird ›geleistet‹, um regulär beschäftigt zu sein beziehungsweise zu beschäftigen; wie wird hier die Welt erkannt und verstanden? Wie stellen sich diesbezüglich die Relationen, die Selbst- und Fremdpositionierungen dar? Welche Strategien werden ausgehend von den unterschiedlichen sozialen Positioniertheiten angelegt, um den Anmeldevorgang anzubahnen und durchzuführen? Welche Informationssammlung, welche Kommunikation findet statt? Welche impliziten und expliziten Verständnisse des Regularisierungsprozesses, welche Kenntnis der Ablaufschemata für die rechtlich geforderten Schritte sind diesbezüglich zu erkennen? Aber auch: Welche Strategien werden angewendet, um handlungsspielräume zu nutzen? Welche Effekte haben die ökonomischen, kulturellen, sozialen und schließlich juridischen Kapitalvolumen der Interviewten auf ihre handlungsorientierungen? Bestehen Differenzen zwischen den den handlungsorientierungen zu Grunde liegenden Wissensformen, Interpretationen und Sinnsystemen hinsichtlich der sozialen Position der RechtsadressatInnen im Beschäftigungsverhältnis beziehungsweise im Recht, und wenn ja, auf welche Weise artikulieren sich diese? Bestehen außerdem Differenzen zwischen den verwendeten Strategien entlang der sozialen Positioniertheiten und Kapitalausstattungen? 135 3 Forschungsprozess Im vorangehenden Kapitel habe ich die für diese Arbeit zentralen Begriffe erarbeitet und die Relevanz meiner Fragestellung nach der Rechtskonformität der RechtsadressatInnen im Kontext der Regulierung vormals irregulären Careworks herausgearbeitet. Ausgehend von diesen Erörterungen und den daraus resultierenden Fragen untersuche ich in der vorliegenden Arbeit rechtskonforme und teilweise auch abweichende handlungsorientierungen im Kontext der Regulierung der ›24-Stunden- Pflege‹; ich betrachte also überwiegend Emersioni im AdressatInnenkreis. Nachfolgend erörtere ich das hierfür angelegte methodische Vorgehen. Dabei wird auf die verwendeten Erhebungs- und Analysemethoden eingegangen, die Materialauswahl beschrieben sowie reflektiert und dargelegt, wie das Sample zustande gekommen ist. Der erste Abschnitt wendet sich der Erhebungsmethode des problemzentrierten Interviews zu (Witzel 1982, 1985, 2000; Witzel/Reiter 2012). Im zweiten Abschnitt schildere und reflektiere ich den Forschungsverlauf, in dem insgesamt 33 Interviews mit Angehörigen von Pflegebedürftigen und Careworkers erhoben wurden. Zuletzt erörtere ich die konkreten Analyseschritte, mit denen das empirische Material im Rahmen der Methode der Grounded Theory (Glaser/Strauss 2010[1967]) ausgewertet wurde. 3.1 Problemzentriertes Interview Für die Untersuchung der handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen im Kontext der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ erwies sich die Methode des qualitativen Interviews als geeignet. In seinen verschiedenen offenen und teilstandardisierten Ausprägungen stellt es in der qualitativen empirischen Sozialwissenschaft seit Dekaden die zentrale Erhebungsmethode dar (hoffman-Riem 1980: 348; hopf 2008: 349; König 1957: 29f.). Das Interview ist eine methodische Vorgehensweise, bei der ein Interviewender seine GesprächspartnerInnen auf der Grundlage von Fragen beziehungsweise Stimuli des Erzählens zum Sprechen motiviert (Scheuch 1967: 138). Vor dem hintergrund seines diskursiv-dialogischen Charakters ist das qualitative Interview in der Regel ein angemessenes Verfahren der Erschließung subjektiver Perspektiven auf kollektive Phänomene. Dazu gehören etwa subjektive Sinngebungen, Selbstinterpretationen, Alltagstheorien, handlungsmotive oder Situationsdeutungen (hopf 2008: 350). Aus kultursoziologischer Perspektive ist die ausschließliche Verwendung von Interviewmaterial jedoch keineswegs unumstritten. Die FORSChUNGSPROZESS 136 Auffassung, dass mittels Interviews Daten generiert werden, auf deren Basis sich auf relativ unproblematische Weise subjektive Sinngebungen erschließen lassen, wird verschiedentlich in Zweifel gezogen. Der Kritikstrang, den ich an dieser Stelle aufgreife, problematisiert vor allem die Voraussetzung einer anthropologischen Subjektivität, wie sie für die klassische soziologische tradition maßgeblich ist. Die Methodologie des Interviews gehe von einem gegenüber sich selbst bewussten Akteur aus, der über die Beweggründe seines handelns problemlos Auskunft geben können soll. Den Akteur derart als eine dem Sozialen vorausgehende tatsache zu betrachten, vernachlässige jedoch dessen historizität und Gesellschaftsgebundenheit: Anstatt auf Grundlage einer opinio necessitatis operierten die AkteurInnen vor allem entlang vorreflexiver Adap tionen bestehender gesellschaftlicher Ordnungen (vgl. Kalthoff/hirschauer/Lindemann 2008). Auch aus einer Bourdieu’schen Perspektive ist ein derartiger bewusstseinstheoretischer Blick auf ein autonomes Subjekt zu kritisieren. Die Subjektivitäten der AkteurInnen in Interviews gemäß kulturtheoretischer Methodologien vorzustellen und damit auch an ein Bourdieu’sches Subjektverständnis anschlussfähig zu machen, stellt jedoch die neuere Biographieforschung bereit. Diese rekonstruiert auf Grundlage vornehmlich narrativer oder leitfadenorientierter Interviews biographische Identitäten. Es ist insbesondere die neuere Biographieforschung, die hervorhebt, dass die Selbstthematisierungen von Befragten in Interviews – sei es im Rahmen einer Gesamtthematisierung ihres Lebens oder hinsichtlich »situationaler Selbstthematisierungen« (hahn 1988: 93) – ihren eigenen gesellschaftshistorischen Kontext haben (hahn 1995: 127; Dausien et al. 2005; Rosenthal 2005). Überindividuelle Faktoren beeinflussten vor diesem hintergrund nicht nur den Wunsch nach Selbstthematisierungen, sondern auch, »was, wie, wann und in welchen Kontexten thematisiert werden darf und was nicht« (Rosenthal 2008: 171f., hervorh. im Original). Ausgegangen wird von einem Effekt des modernen Subjekt-Diskurses, welcher das Individuum zu einem »Geständnistier« (Foucault 1998: 77) mache: Er bringe es dazu, (auf bestimmte Weise) von sich selbst zu erzählen (hahn 1995; Schäfer/Völter 2005). Bedeutende techniken der historischen Verbreiterung eines derart modernen Selbstbezugs werden – wesentlich unter Rekurs auf Michel Foucault – in der christlichen Beichte, später der therapie gesehen (ebd.). Foucault zufolge etablierte sich im Mittelalter mit der Pastoralmacht eine christliche Machtform, die nicht nur auf die Gemeinde, sondern zugleich auf jeden Einzelnen gerichtet war (Foucault 2004a: 217). Diese setzte nicht so sehr auf autoritativen Befehl und Gehorsam, sondern konstituierte in den Individuen Selbstführungsqualitäten. Erreichen konnte sie dies über die Beichte als spezifischer technik der Gewissensleitung. Denn diese brachte Subjekte hervor, die, um den Vorgaben der christlichen heilslehre näher zu PROBLEMZENtRIERtES INtERVIEW 137 kommen, ihr innerstes Begehren nach den herrschenden Maßstäben konstant evaluierten (Foucault 1998: 244ff.). Zur Modalität des Subjekts wird es insofern, der »eigenen Identität verhaftet zu sein«, wobei es zugleich erst die Gewissenspraxen sind, die die Idee eines inneren Kerns des Menschen konstruieren (Foucault 1987: 246f.). Mit der Säkularisierung der ehemals religiös bestimmten Ziele verbreitern sich die Selbstsorgepraktiken schließlich (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000). Dieser Zusammenhang ist es, in dem die technik der therapie hinzukommt. Als Mechanismen der Selbstbefragung und -reflexion finden sich Beichte und therapie heute unter anderem in alltagsweltlichen Mustern wie dem tagebuch, dem Brief, der Akte, dem Nachruf, der persönlichen Lebensplanung usw. wieder. Die Biographieforschung geht deshalb davon aus, dass Beichte und therapie bis heute motivational und formgebend auch Selbstrepräsentationsmuster in biographischen Erzählungen anleiten. Sie nimmt Abstand davon, das Bedürfnis erzählerischer Selbstdarstellung wie die klassische soziologische tradition maßgeblich als »rein psychologisches Phänomen und Ausdruck eines authentischen Bedürfnisses des Menschen« zu verstehen (Schäfer/Völter 2005: 164, hervorh. im Original). Stattdessen berücksichtigt sie, dass sich subjektive Sinngebungen reflexiv gewendeten Struktureffekten verdanken, da erst letztere ontologisch Selbst-Verstehen erzeugen (Rosenthal 2008: 171f.). Für die vorliegende Arbeit ziehe ich die dargestellte methodologische Perspektive heran, um das sprechende Subjekt des qualitativen Interviews ›dezentriert‹ zu denken. Ein solcher Schritt ist nötig, um das qualitative Interview, das Bourdieu selbst als »unterstützte Selbstanalyse« (Bourdieu 1993: 792, hervorh. im Original, vgl. ähnlich 1998a: 75ff.) bezeichnet, an die praxeologische Perspektive anschließen zu können. Vorangehend habe ich dargelegt, dass die rechtsbezogenen Bewertungs-, Wahrnehmungs- und handlungsschemata des RechtsadressatInnenkreises sich im Zuge der Ausbildung sozialer Intelligibilität identifizieren lassen. Mit Verweis auf die von der Biographieforschung vorgenommene Erweiterung argumentiere ich nun, dass Interviews einen Zugang zu derart örtlich und zeitlich gebundenem (praktischem) Wissen bieten. Ich gehe dabei unter Bezugnahme auf hahn (1988: 93) von der Übertragbarkeit der oben vorgenommenen Ergänzung auf offene Interviewverfahren ohne vorrangig biographische Fragestellung aus, solange in ihnen als biographische Ausschnitte verstandene Selbstverhältnisse und Wahrheitskonzepte interessieren, also Selbstdarstellungen, die mit Fragen des eigenen Fühlens, Erlebens und handelns verbunden sind. Die Analyse der personalisierten Sichtweisen der Befragten kann so Aufschluss geben über die Struktur der objektiven Beziehungen zwischen der individuellen Geschichte und Positioniertheit der Befragten und der Struktur der rechtlichen Regulierung. FORSChUNGSPROZESS 138 In Zusammenhang mit meiner Fragestellung nach den handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen im Kontext der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ erschien gerade das qualitative Interview gegenstandsangemessen, da die Untersuchung alltägliche handlungsorientierungen fokussiert, die forschungspraktisch nicht direkt erschließbar, dafür aber über den Modus der sprachlichen (Re-)Konstruktion zu fassen sind. Damit steht die vorliegende Untersuchung forschungsmethodisch in direkter tradition der Rechtskonformitätsforschung: Diese arbeitet – wenn sie auch in quantitativen Untersuchungsdesigns meist standardisierte Fragen in den Mittelpunkt stellt, die zudem häufig als hypothetische Fälle und Szenarios konzipiert sind (vgl. tyler 1994: 812) – ebenfalls ausschließlich mit der Methode des Interviews. Innerhalb der Rechtskonformitätsforschung wird jedoch häufig als Problem formuliert, handlungsregelmäßigkeiten neben anderen sozialen Faktoren nicht eindeutig als rechtsbedingt identifizieren zu können. Geschuldet ist dies dem Umstand, dass zumeist über längere Zeit gleichbleibend stark oder schwach etablierte Konformitätsmuster fokussiert werden (zur empirischen Fassbarkeit normkonformen Verhaltens vgl. ähnlich Popitz 1968: 10). Dieses Problem umgehe ich in der vorliegende Untersuchung, indem ich das in Frage stehende Phänomen auf handlungsorientierungen richte, die ohne aktuellen Anlass – namentlich die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ – nicht gegeben wären (vgl. Friedman 1972: 212). In diesem Sinne begreife ich die Regulierung als »Kontrapunkt zum handeln« (Gerhard 1984: 57), als Gegenstimme, welche die die Praxis der AkteurInnen bis dahin informierenden Sinnzusammenhänge aufzubrechen und neue handlungsorientierungen anzureizen vermag. Durch die öffentliche Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹, die den gesamten Regulierungsprozess begleitete, ist darüber hinaus sichergestellt, dass das Recht aus seiner Latenz herausrückt und thematisch wird (vgl. Kaufmann 1985: 189; vgl. Bora et al. 1991: 80f.), dass also ausreichend (innere) Auseinandersetzungen im AdressatInnenkreis vorliegen, die in den Interviews Aufschluss über die mehr oder eben weniger rechtsbezogene Natur der den handlungen zugrundeliegenden Denk-, Wahrnehmungsund Bewertungsweisen geben können. Mit dem qualitativen Interview sind jedoch auch Limitationen verbunden – auch hierauf weisen die kulturtheoretischen Perspektiven hin (vgl. Kalthoff/hirschauer/Lindemann 2008). Unter dem Stichwort der »Indexikalität« von Interviews (hoffmann-Riem 1980: 344) reflektiere ich ganz in diesem Sinne, dass Interviews als eigens erzeugte Daten keine ›authentischen‹ Wirklichkeiten abbilden, sondern dass sie – auch in Abhängigkeit von der Art und Weise der Interviewführung ( Bourdieu 1997: 780, 1998a: 81f., 1979: 208) – kulturelle hervorbringungen sind, die »im Fluss des Alltagslebens mit seinen vielfältigen Anforderungen und Interaktionssituationen [...] in dieser Form nicht greifbar, profiliert PROBLEMZENtRIERtES INtERVIEW 139 oder sinnhaft gegeben war[en]« (Schäfer/Völter 2005: 170; vgl. Bourdieu 1998a: 76).1 Interviews stellen immer Momentaufnahmen dar, in die handlungen lediglich in rationalisierter Form Eingang finden. Es ist insofern zu berücksichtigen, dass Interviewdaten nicht als »Quelle realen Verhaltens im Alltag« (Schmidt-Lauber 2007: 172) betrachtet werden können, sondern dass sie stets als Repräsentationen aufgefasst werden müssen (vgl. in Bezug auf die Konformitätsforschung tittle 1977: 587f.). Mit Bourdieu ist jedoch davon auszugehen, dass die AkteurInnen die Repräsentationsmodi nicht beliebig wählen können, weshalb man von »realistischen Konstruktionen« ausgehen kann (Bourdieu 1997: 793, hervorh. im Original; vgl. ähnlich Schmidt/Volbers 2011). Daraus folgt dennoch, zugegebenermaßen als »schwächliche, unentschlossene Ja/Aber-Ausgabe[...] von Konstruktivismus« (Luhmann 1988: 7), dass ich in der vorliegenden Arbeit keine Rechtskonformitäten rekonstruiere, sondern – wie vorangehend angedeutet – kontextuell und zeitlich gebundene Repräsentationen zum thema »Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹«, die jedoch handlungspraxen und -orientierungen zum Gegenstand haben. Für die Beantwortung meiner Fragestellung nach den handlungsorien tierungen der RechtsadressatInnen im Prozess der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ schien mir konkret das »problemzentrierte Interview« (Witzel 1982, 1985, 2000; Witzel/Reiter 2012) angemessen. Bei dem zunächst in der Biographieforschung etablierten Verfahren handelt es sich um eine Kombination aus narrativem Interview (Schütze 1976b) und halbstandardisiertem Verfahren, für das sowohl Offenheit als auch die Fokussierung der Perspektive kennzeichnend sind. Im Zentrum des problemzentrierten Interviews steht allgemein die Orientierung an einer möglichst freien Narration der InterviewpartnerInnen, jedoch bei gleichzeitiger Rückbeziehung des Gesagten auf das thema der Untersuchung. Durch die narrative Struktur des Interviews sollen die von Fritz Schütze für Erzählungen identifizierten »Zugzwänge des Erzählens« (Ders.: 224ff.) in Form von Gestaltschließungen, Kondensierungen und Detaillierungen angeregt werden. Auf diese Weise bleibt das Erzählen maßgeblich an den Erfahrungsstrukturen der Interviewten orientiert. Intendiert ist damit weiter das Anregen von Äußerungen, 1 Diesbezüglich ist zu betonen, dass diese Problematik keineswegs nur die Interviewtechnik betrifft. So ist in Betracht zu ziehen, dass auch die AutorInnen von textsorten wie tagebüchern, Aufzeichnungen oder literarischen texten von – wenn auch vorgestellten – interaktiven Bezügen nicht gänzlich frei sind, da sie »mit Notwendigkeit zumindest allgemeinste Reaktionstypen der möglichen Rezipienten antizipieren« müssen (Schütze 1976a: 11). Ähnliches gilt für offene Beobachtungen. Umgekehrt sind in Interviews längst nicht alle sprachlichen handlungen, da sie bestimmten Strukturen des Geschichtenerzählens unterliegen, auch kommunikativen, interaktionsstrategischen Mechanismen im engeren Sinne geschuldet (ebd.: 16ff.). FORSChUNGSPROZESS 140 die in einer stärker dialogischen Gesprächssituation nicht aufgekommen wären, entweder weil sie den Befragten selbst nicht voll bewusst sind oder weil sie bestimmte Aspekte gar nicht hatten erzählen wollen. Als fokussierendes Element orientiert sich der Interviewer beziehungsweise die Interviewerin an einem in Reihenfolge und Gestaltung flexiblen Fragenkatalog, der sich prozessorientiert an die von den Befragten vorgenommenen Reihenfolgen, Gewichtungen und Rahmungen der themen anpasst. Der flexible Leitfaden erlaubt es darüber hinaus, bestimmte Erzählgegenstände durch vorab nicht eingeplante Fragen zu vertiefen und so auch auf überraschende themensetzungen reagieren zu können. Das Interview gestaltet sich auf diese Weise entlang dem Prinzip größtmöglicher Offenheit relativ frei als ein »Prozess permanenter spontaner Operationalisierung« (hopf 1978: 111). In meiner Untersuchung diente der Leitfaden zum einen dazu, die Erzählungen der Interviewten auf den Regulierungsprozess zu lenken, der ihre Beschäftigungsverhältnisse betraf. Denn ausgehend von dem Phänomen der Latenz rechtlichen Wissens im Alltag und deren häufig untergeordneter Bedeutung gegenüber anderen Aspekten im Sozialen war davon auszugehen, dass die Befragten rechtliche Dimensionen des Caring nur am Rande beziehungsweise beiläufig und oberflächlich erwähnen würden.2 Zum anderen war die Leitfadenorientierung wesentlich für die spätere Vergleichbarkeit der Interviews. 3.2 Feldphase und Datendokumentation Auswahl der InterviewpartnerInnen Die Auswahl der InterviewpartnerInnen erfolgte explorativ entlang der allgemeinen Kriterien des »theoretical Sampling« (Glaser/Strauss 2010[1967]). Entsprechend wurde das Sample nicht vorab festgelegt, sondern es entstand im Forschungsverlauf und wurde jeweils an die Zwischenergebnisse der Untersuchung wie auch an die präzisierte Fragestellung angepasst. Die gesamte Feldphase war jedoch von dem Anliegen geprägt, Beschäftigte und ArbeitgeberInnen in Privathaushalten zu interviewen, die Carework auf Basis einer ›24-Stunden-Pflege‹ anboten beziehungsweise in Anspruch nahmen. hierbei wurde aus Gründen 2 Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle ein Extrembeispiel aus einem Interview angeführt. Es soll verdeutlichen, dass rechtliche Aspekte in den wenigsten Fällen von den Interviewten selbst thematisiert werden. So antwortete in dem besagten Interview ein Careworker in hinblick auf eine regulierungsbezogene Frage abwehrend, indem sie bemerkte, dass sie sich mit den rechtlichen Details nicht auskenne, da sie eine Pflegerin sei. Sie betonte, dass sie deshalb anstatt über die rechtliche Regelung lieber über ihre pflegerische Arbeit sprechen wolle. FELDPhASE UND DAtENDOKUMENtAtION 141 der Vergleichbarkeit ausschließlich Kontakt mit Careworkers desjenigen herkunftslandes aufgenommen, von dem angenommen wird, dass aus ihm zur Zeit der Regulierung die meisten Beschäftigten transmigrierten: der Slowakei (vgl. 2.1.6). Die Pflegebedürftigen wurden nicht in die Fallgruppenauswahl einbezogen, da sie die Beschäftigungen in der Regel weder selbst organisierten noch über deren formale Ausgestaltung im Kontext des Regulierungsprozesses entschieden. Lediglich in einem Fall wurde ein Angehöriger gemeinsam mit seiner pflegebedürftigen Ehefrau interviewt. Diese konnte nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen, aber sie war in der Lage, sich mittels Zeichen und Lauten in das Interview einzubringen und so etwa Zustimmung, Ablehnung oder auch Emotionen auszudrücken. Bei der Auswahl der InterviewpartnerInnen stand des Weiteren die Abbildung einer möglichst großen Bandbreite formaler Ausgestaltungen der Beschäftigungen im Zentrum. Es wurde der Versuch unternommen, Careworkers und Angehörige sowohl mit irregulären und selbständigen als auch unselbständigen Beschäftigungsverhältnissen zu interviewen. Da subjektive Sichtweisen im Zentrum der Untersuchung standen, war es nachrangig, Angehörige und Careworkers als ›zusammengehörige‹ Paare zu interviewen, auch wenn dies in der Interviewpraxis teilweise der Fall war. Im weiteren Verlauf der Forschung gewann zusätzlich der Aspekt an Bedeutung, Angehörige von Pflegebedürftigen mit Wohnsitz nicht nur in städtischen, sondern auch in ländlichen Regionen zu interviewen. Auch wurde im Weiteren darauf geachtet, eine möglichst große Bandbreite an Personen mit unterschiedlichem Ausbildungsstand, Alter und Geschlecht zu befragen. Nicht alle diese Kriterien ließen sich indes erfüllen: So war es nicht möglich, Kontakte zu haushalten mit unselbständigen Beschäftigungen herzustellen und diese zu interviewen. Ebenso verhielt es sich mit männlichen Careworkers. Die Kontaktaufnahmen mit den ersten InterviewpartnerInnen gelangen über die Aktivierung persönlicher Netzwerke. Weitere Kontakte kamen in der Folge über ein Schneeballverfahren (Coleman 1958) zustande. Die so erschlossenen AnsprechpartnerInnen waren zunächst ausschließlich Angehörige von Pflegebedürftigen. Der Zugang zu Careworkers wurde deshalb anfangs allein über bereits interviewte Angehörige hergestellt, sofern sie bereit waren, die bei ihnen Beschäftigten zu fragen, ob diese sich interviewen lassen wollten. Die letztgenannte Form der Kontaktaufnahme erwies sich als ungünstig, da in einigen Fällen vonseiten der Careworkers Unsicherheit bestand, ob sie im Interview offen sprechen konnten. Es bestand Sorge, das Interview könne ein Kontrollinstrument des Arbeitgebers oder der KIAB-Dienststellen (Kontrolle illegaler Arbeitnehmerbeschäftigung) sein, oder es könnten persönliche Informationen aus den Interviews an die ArbeitgeberInnen weitergegeben werden. In einem Fall hatte es sich ein Careworker bis kurz vor Durchführung des Interviews deshalb sogar noch vorbehalten, das Interview FORSChUNGSPROZESS 142 durchzuführen. Zusammengenommen entstand bei mir der Eindruck, dass Zusagen zu den Interviews auf Seiten der Careworkers möglicherweise auch vor dem hintergrund impliziten sozialen Drucks in den haushalten zustande kamen. Zwar konnten Bedenken, dass es sich bei den Interviews um eine versteckte Kontrolle handeln könnte, oder dass Informationen an die ArbeitgeberInnen weitergegeben würden, in allen Fällen ausgeräumt werden. Es ist dennoch nicht auszuschließen, dass einige der Interviewten sich in den Interviews tendenziell bedeckt hielten. Weiter ist vor diesem hintergrund anzunehmen, dass gerade Careworkers aus stärker konfliktiven Beschäftigungsverhältnissen für Interviews absagten. Mit dem Zustandekommen eines eigenen Schneeballsystems für die Gruppe der Careworkers noch in der explorativen Feldphase relativierte sich das Problem jedoch erheblich. Dennoch griff ich immer wieder auch auf über Angehörige vermittelte Kontakte zu Careworkers zurück, da relativ viele der für Interviews angefragten Careworkers sich auch über das genannte, eigens eingerichtete Schneeballsystem für ein Gespräch nicht zur Verfügung stellen wollten. Insgesamt wurden regional gestreut 17 Interviews mit Angehörigen (davon zehn Frauen und sieben Männer) sowie mit 16 weiblichen Careworkers durchgeführt. Die Interviews entstanden in einem Zeitraum von über einem halben Jahr im Rahmen zweier Erhebungsphasen. Die ersten Gespräche fanden im Juni 2008 statt, die letzten im Februar 2009. Die längere Erhebungszeitspanne sollte es ermöglichen, Gespräche parallel zu möglichst vielen Phasen des Regulierungsprozesses in den Blick zu nehmen. Zehn der Interviews ergaben sich aus der ersten, vom Juni bis zum August 2008 reichenden Erhebungsphase. Die restlichen Interviews wurden in der zweiten Erhebungsphase (September 2008 bis Februar 2009) durchgeführt. Der zeitliche Ablauf brachte es mit sich, dass die subjektiven Perspektiven auf die Irregularität des Beschäftigungsverhältnisses, aber auch auf den Vorgang der Regularisierung, zumeist ex post erhoben wurden. Für die Analyse wird insofern zu berücksichtigen sein, dass die Äußerungen der Befragten durch die Erfahrungen der Regularisierung und Regularität gefiltert sind. Relativiert wird diese Pro blematik allerdings durch die offene Struktur der Interviewführung. Die Gruppe der Angehörigen war relativ homogen, sie verfügte fast ausnahmslos über ein hohes ökonomisches und kulturelles Kapital. In ganz überwiegendem Maße handelte es sich bei den Befragten um AkademikerInnen knapp vor oder bereits im Pensionsalter. So interviewte ich unter anderem eine Architektin, einen Anwalt, einen Künstler, eine hochrangige Mitarbeiterin einer internationalen Organisation und mehrere Beamte. Nur auf dem Land traf ich auf InterviewpartnerInnen mit geringeren ökonomischen, und damit zusammenhängend, kulturellen Ressourcen. hier interviewte ich unter anderem einen Bergarbeiter, einen handwerker und einen Facharbeiter. Die Divergenz von Stadt und Land FELDPhASE UND DAtENDOKUMENtAtION 143 in meinem Sample führe ich auf die großzügigeren Wohnraumverhältnisse auf dem Land zurück, die die Ausprägung von ›24-Stunden-Pflege‹ auf live in-Basis auch in Kontexten mit geringerem ökonomischen Kapital erlaubt und es so wahrscheinlicher macht, gerade auf dem Land auf derart sozial ausgestattete Personen zu treffen. Die Careworkers dagegen verfügten ausnahmslos über ein geringes ökonomisches Kapital, hingegen über sehr unterschiedliche kulturelle Ressourcen. Das Spektrum reichte von Personen ohne Ausbildung, die früher als Au Pairs gearbeitet hatten oder sich durch Gelegenheitsjobs finanzierten über eine ehemalige Arbeiterin, eine Kranfahrerin, eine Blumenhändlerin, eine Betriebsreferentin und eine Lehrerin bis hin zu Akademikerinnen und Krankenpflegerinnen. Durchführung der Interviews Gemäß dem Prinzip, dass nur jene tätigkeiten zu delegieren sind, die ohne Fremdarbeit nicht erfolgversprechend durchführbar sind (Kruse et al. 2012: 32), wurden alle mit Careworkers geführten Interviews von einer slowakischsprachigen Interviewerin durchgeführt. Die Interviews orientierten sich an einem ins Slowakische übersetzten Leitfaden, wurden auf Slowakisch geführt und nachträglich von der Interviewerin ins Deutsche übersetzt. Versteht man Interviewsituationen als »soziale Beziehungen, in denen Interaktionen zwischen Interviewten und Interviewern ablaufen, deren Ergebnis davon abhängt, wie die Interviewer und die Interviewten sich und ihre jeweilige Wahrnehmungsperspektive einbringen« (Kunz 2008: 71), dann kann dies nur gelingen, wenn ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden sind. In Methodendiskussionen zu Fremdsprachen im Forschungsprozess wird die Möglichkeit des Führens der Interviews in der Muttersprache deshalb als »the first best« verhandelt (z.B. Kruse/Schmieder 2012: 248). Auch wenn die Arbeit der Careworkers minimale Deutschkenntnisse voraussetzt, zeigten die Vorabrecherchen, dass bei einer Durchführung der Interviews auf Deutsch zumeist wohl erhebliche Sprachschwierigkeiten bestanden hätten. Um die Qualität der Daten durch sprachliche Asymmetrien nicht von vornherein zu mindern (vgl. Resch/Enzenhofer 2012: 81), entschied ich mich, die Interviews auf Slowakisch durchführen zu lassen. Die Interviewerin wurde zu diesem Zweck im Vorfeld über die Fragestellung und die Erhebungsmethode in Kenntnis gesetzt. Wo dies nötig war – es wurde von ihr aus einem anderen qualitativen Forschungsprojekt zum thema ›Pflege in Österreich‹ bereits thematisches Wissen mitgebracht –, wurde sie in das thema der Untersuchung eingeführt. Insbesondere die Rechtslage wurde gemeinsam erörtert. Für die Übersetzung der Gespräche wurde zudem darauf geachtet, möglichst äquivalente Stimuli anzubieten, FORSChUNGSPROZESS 144 um die Vergleichbarkeit der Interviews zu gewährleisten (vgl. Sinovics/ Penz 2009: 983f.). Jan Kruse et al. (2012: 36) weisen darauf hin, dass die Einbeziehung von ÜbersetzerInnen, DolmetscherInnen usw. in Forschungszusammenhängen oft als defizitär erlebt wird: Es sei das Ideal jeder Forschungsarbeit, alle Arbeitsschritte des Forschungsprozesses eigenständig abzuarbeiten, da nur dann unerwünschte Nebeneffekte kontrolliert werden könnten. Nur auf diese Weise sei die Möglichkeit einer qualitativ hochwertigen Forschung gegeben. Demgegenüber wenden sie ein, dass Forschungsergebnisse niemals allein entstünden, sie würden immer im Austausch mit anderen Personen generiert. Eine weitere Person in der Erhebungsphase heranzuziehen, sei vergleichbar mit kollektiven Auswertungsprozessen, wie sie etwa im Rahmen der Grounded Theory oder der objektiven hermeneutik üblich sind (ebd.: 64). An diese Argumentation schließe ich ausgehend von meinen Erfahrungen in der Feldphase an. So wurde es durch die Interviewführung einer ganzen Reihe der Interviews durch eine andere Person möglich, das Zustandekommen des Samples sowie die Interviews in teilen kollektiv zu reflektieren. Die Interviews auf diese Weise durchzuführen, erwies sich auch vor dem hintergrund der Anpassung des Fragenkatalogs als äußerst produktiv. Meine Forschung siedelte ich von Anfang an zwischen den Polen des offenen und des verdeckten Forschens an (vgl. Bachmann 2002: 330): Den InterviewpartnerInnen wurde im (telefonischen) Vorgespräch mitgeteilt, dass für die Forschung ihre persönlichen Einstellungen, Eindrücke und Erfahrungen zur rechtlichen Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ interessierten. Das Forschungsanliegen wurde damit so formuliert, dass sich keine Ableitungen hinsichtlich meiner Forschungsfrage vornehmen ließen. Ich wollte dadurch vermeiden, dass die Interviewten sich in Auseinandersetzung mit meiner Fragestellung im Interview an den von mir gewählten anstatt an ihren eigenen Relevanzsetzungen orientierten (vgl. Wohlrab-Sahr 2008: 74). Insbesondere bei einem normativ stark aufgeladenen und damit potenziell »Rechtfertigungsgeschichten« (Lehmann 1980) anregenden thema wie dem (vormaligen) Bruch von Rechtsnormen war dies zu erwarten. Um diese Möglichkeit weiter einzuschränken, versuchte ich zudem, Unvoreingenommenheit sowohl in Bezug auf die Irregularität als auch auf die Regularität zu signalisieren. Ich vermittelte deshalb bereits vorab, dass es sich bei der Studie nicht um eine Auftragsarbeit etwa vonseiten politischer AkteurInnen handelte, sondern dass die Daten für einen wissenschaftlichen Kontext erhoben wurden, um grundlegende Probleme der (Rechts-)Soziologie zu bearbeiten. Relativ genau auf den wissenschaftlich-universitären Rahmen der Studie zu verweisen, erwies sich auch deshalb als äußerst relevant, da Nachfragen von teilnehmerInnen zu Beginn der Interviews auf das Anliegen hinwiesen, eine noch genauere Einordnung des Forschungskontextes FELDPhASE UND DAtENDOKUMENtAtION 145 vornehmen zu können.3 Neben der Absprache der Rahmenbedingungen für das Interview (ungefähre Dauer des Interviews, Aufnahme mittels eines elektronischen Geräts und Anonymisierung der Daten) wurde den Befragten deshalb vorab die Möglichkeit eingeräumt, der slowakischsprachigen Interviewerin und mir zum Forschungsprojekt und seiner Durchführung wie auch jeweils zur eigenen Person Fragen zu stellen. Der Leitfaden mit etwa 30 stichwortartig festgehaltenen Fragen wurde zum Interview auf einem Zettel mitgebracht. Da er jedoch auch grob eingeprägt wurde, wurde er eher genutzt, um am Ende des Gesprächs Fragen zu stellen, die im Gespräch nicht von selbst zum Gegenstand geworden waren. Den Einstieg in das Gespräch bildete die Bitte, die gegenwärtige Situation in Bezug auf das Beschäftigungsverhältnis zu schildern. Im hinblick auf themen, die auf die Rechtsregulierung abstellten, sofern sie nicht von allein zur Sprache kamen, wurde danach gefragt, wie die Interviewten von den neuen rechtlichen Anforderungen berührt waren und wie sie damit umgingen. Es wurde in diesem Kontext unter anderem nach irregulärer und gegebenenfalls regulärer Beschäftigung, nach Information und Wissensgenerierung, gegebenenfalls nach dem Vorgang der Anmeldung, darin nach der Rolle der Vermittlungsagenturen sowie nach den Effekten der Regularisierung gefragt. Den Abschluss des Interviews bildete die Bitte, einige Fragen zur Person zu beantworten. hier wurde um Informationen zum Alter, Geschlecht, zur persönlichen und familiären Lebenssituation und dem Ausbildungsstand gebeten. Auch wenn die für Interviews übliche Rollenverteilung von fragender Person auf der einen, erzählender Person auf der anderen Seite in der Interviewführung deutlich existent war, so entstanden doch auch dialogische Gesprächsanteile, etwa, wenn die Interviewerin als Regulierungs- beziehungsweise Rechtsexpertin angesprochen wurde. tatsächlich wurde in diesem Zusammenhang manchmal über Gesetze und Fristen aufgeklärt. Sofern jedoch Fragen zu den Erfahrungen anderer Interviewter gestellt wurden, wurde versucht, nur möglichst allgemein zu antworten. Als Ort der Untersuchung wurde der haushalt der Befragten, ein ruhiges Café oder mein Büro vorgeschlagen. Die meisten Interviews mit den Carewokers wurden im Pflegehaushalt durchgeführt. teilweise fanden diese zum Zeitpunkt der Ablösung vor oder nach einer 2-wöchigen live in-Phase statt, so dass jeweils genug Zeit war, das Interview auch durchzuführen. Wurden die Gespräche mitten innerhalb eines turnus geführt, übernahmen für diesen Zeitraum teilweise die Angehörigen das Caring. In einigen Fällen gab es keine Vertretung während des Interviews. teilweise waren die Interviews deshalb von Unterbrechungen geprägt; 3 In diesem Zusammenhang versicherten sich zwei der Careworkers auch explizit nochmals, dass die Interviews keine verdeckten Kontrollen (seitens der ArbeitgeberInnen oder der KIAB-Dienststellen) darstellten. FORSChUNGSPROZESS 146 einmal musste ein Gespräch vorzeitig ganz abgebrochen werden. Lediglich zwei der Interviews fanden an den Wohnorten von Care workers in der Slowakei statt. Einige Male wurde ein Café in der Umgebung des Arbeitsplatzes aufgesucht. Bei den Interviews mit den Angehörigen fand ein beträchtlicher teil in ihren eigenen, von den Pflegehaushalten getrennten Wohnungen statt. Fünf der interviewten Angehörigen lebten mit der pflegebedürftigen Person in einem haushalt beziehungsweise nächstgelegen in einer eigenen Wohnung. In diesen Fällen führte ich Interviews in den Pflegehaushalten durch. Zwei der Befragten kamen in mein Büro. Mit einem Interviewpartner traf ich mich in einem Caféhaus. Damit boten die Interviewsituationen teilweise die Möglichkeit, auch einen Einblick in die Lebensumstände und/oder den (Arbeits-)Alltag der befragten Personen zu bekommen. teilweise wurde sogar ein Rundgang durch den Pflegehaushalt angeboten. Der Pflege- beziehungsweise Privathaushalt als Interviewort, sofern Interviews nicht zeitweilig unterbrochen oder abgebrochen werden mussten, erwies sich als geeignet, weil Interviewte manchmal themenbezogene Dokumente und Verträge heraussuchten und in das Gespräch mit einbezogen und auf Räume und Dinge deutend das Gesprochene kontextualisierten. Die Dauer der Interviews betrug durchschnittlich eine Stunde und 45 Minuten. Alle Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert. So zeitnah wie möglich wurden nach den Interviews »Postskripte« erstellt (vgl. Witzel 2000: Abs. 10), in denen die vorgenommenen Beobachtungen, Gesprächseindrücke und -Stimmungen vor, während und nach dem Interview notiert wurden. Reflexion der Rolle der Interviewerin im Feld Im Feld wurde der slowakischsprachigen Interviewerin und mir allgemein eine große Offenheit und großes Interesse entgegengebracht. In den haushalten wurden wir zumeist als Gäste empfangen; uns wurde Kaffee und Kuchen oder eine Mahlzeit, manchmal auch Bier und Schnaps angeboten. In einem Fall lud man uns sogar zum heurigen ein. Die InterviewpartnerInnen schienen meiner Einschätzung nach vor allem deshalb gern zu einem Gespräch bereit, weil ein sehr großes Bedürfnis bestand, über die Beschäftigungen und ihre (Ir-)Regularität zu sprechen. Foucaults Auffassung vom modernen Menschen als einem ›Geständnistier‹ wird hier greifbar, insofern an dieser Stelle in besonderem Maße Form traditionen zum Zuge kamen, die häufig im Kontext von Abweichungen zum tragen kommen: Individuen wollen in solchen Situationen (ähnlich dem therapeutischen Gespräch oder der Beichte) Zeugnis ablegen, sich erklären, sich erleichtern, lange zurückgehaltene beziehungsweise unterdrückte Gedanken und Erfahrungen thematisieren; manchmal auch – wenn das abweichende Verhalten auf äußere, FELDPhASE UND DAtENDOKUMENtAtION 147 ungerechte Bedingungen zurückgeführt wird – sich Gehör verschaffen und ihre privaten Erfahrungen in die öffentliche Sphäre transferieren. Dieser Eindruck entstand, neben dem starken Wunsch der teilnehmerInnen zu erzählen, teils sowohl durch hochgradig emotionale Regungen während des Gesprächs, als auch durch das explizit formulierte Anliegen, die eigene Situation in die Öffentlichkeit bringen zu wollen. Zu relativieren ist die Wahrnehmung einer besonders großen Offenheit und Bereitschaft der Interviewten lediglich in Bezug auf jene Gespräche, in denen die teilnehmerInnen anfänglich unsicher waren, ob sie frei sprechen konnten – dies betraf vor allem die Gruppe der Careworkers, aber auch einen Interviewten mit geringem kulturellem Kapital. Wie oben beschrieben, konnten diese Bedenken unter anderem durch die nochmalige Einordnung des Forschungsprojekts in einen grundlagenwissenschaftlichen Kontext und die Zusicherung, dass die Daten anonymisiert würden, weitgehend ausgeräumt werden. Die Akzeptanz im Feld vonseiten der Gruppe der Angehörigen ergab sich zum einen daraus, dass die Kontaktaufnahme mit InterviewpartnerInnen im persönlichen Netzwerk vorgenommen und von dort aus mittels eines Schneeballsystems weitergeführt wurde. Die ersten InterviewpartnerInnen waren enge Verwandte oder Bekannte meiner ArbeitskollegInnen oder meines eigenen Bekanntenkreises, und sie waren es, die aus ihren sozialen Netzwerken weitere Personen für Interviews vorschlugen. Erleichtert wurde der Kontakt vielfach auch aufgrund geteilter sozialstruktureller Positioniertheiten, und damit zusammenhängend, eines ähnlichen Sprachgebrauchs. So kamen eine ganze Reihe meiner Interview partnerInnen ebenfalls aus der sozialen Mittelschicht, verfügten über einen akademischen hintergrund und sprachen hochdeutsch. hinzu kam, dass viele meiner InterviewpartnerInnen, sei es im Studium, sei es über ihre Arbeit, selbst bereits mit wissenschaftlicher Forschung in Berührung gekommen waren. Nicht immer aber wurde vonseiten der InterviewerInnen der Sprache des Milieus entsprochen. So gestaltete sich, um das extremste Beispiel zu nennen, die herstellung sozialer Nähe zu einem teilnehmer, der, wie in Österreich so häufig miteinander verbunden, über geringere Ressourcen an ökonomischem und kulturellem Kapital verfügend, in starkem Dialekt sprach, nicht komplikationslos. Wie oben bereits angedeutet, war die Akzeptanz für die Durchführung von Interviews unter den Careworkers verhaltener. Das bei einigen Careworkers vorherrschende Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen auf der einen und den ArbeitgeberInnen auf der anderen Seite – angeregt womöglich durch negative Erfahrungen als Migrantin innerhalb eines sozialen Kontexts, der von einem rassistischen Grundkonsens (Bratić 2003) und einem anhaltenden Ost-West-Dualismus geprägt ist –, übertrug sich hier auf den Forschungskontext. Entsprechend höher FORSChUNGSPROZESS 148 war für diese soziale Gruppe die Absagequote für Interviewanfragen. Vertrauensbildend wirkte sich hingegen wohl der Umstand aus, dass die Interviews von einer slowakischsprachigen Muttersprachlerin durchgeführt wurden. Keinesfalls soll hier allein auf Grundlage der herkunft oder der Sprache soziale Nähe vorausgesetzt werden. Mit Katharina Resch und Edith Enzenhofer (2012: 82) ist zu betonen, dass die geteilte Sprache für die Interviewsituation von Vorteil sein kann. Sie »garantiert aber keine Gemeinsamkeit in Bezug auf Kultur oder Lebenswelt, nivelliert nicht Generationen, Geschlechts-, Bildungsunterschiede, sozialräumliche und ideologische Differenzen« (ebd.). So kann etwa von einer überwiegenden milieuspezifischen Nähe zum Feld aufgrund der Diversität der sozialen hintergründe der Careworkers nur vereinzelt die Rede sein. Eine positive Rolle dürfte aber der Umstand gespielt haben, dass die Interviewerin erst wenige Jahre zuvor aus der Slowakei nach Österreich migriert war und selbst eine slowakische Cousine hatte, die in Österreich als Careworker arbeitete. Als slowakische Migrantin in Österreich, die dazu noch über persönliche Beziehungen zu einem Care worker verfügte, war anzunehmen, dass die Interviewerin im Sinne »kulturelle[r] Gesprächsführungskompetenzen« (Kruse et al. 2012: 34; vgl. Bourdieu 1997: 783) in mehreren hinsichten die »Sprache des Feldes« (hitzler/ honer 1997: 14) sprach. Die Datendokumentation Um die Interviews zu konservieren und für die Analyse aufzubereiten, wurden die Audioaufnahmen in eine schriftliche Form gebracht. Die transkriptionen wurden möglichst zeitnah zur Erhebung durchgeführt. Insgesamt entstanden – abseits der fünf hier nicht weiter thematisierten Interviews mit den BetreiberInnen der Vermittlungsagenturen und den hausärztInnen (vgl. 2.1.6) – 33 vollständige transkripte der Interviews mit Careworkers und Angehörigen. Als »graphische Darstellung ausgewählter Verhaltensaspekte von Personen, die an einem Gespräch [...] teilnehmen« (Kowal/O’Connel 2008: 438), sind transkriptionen nicht theorieneutral, sondern sie stellen immer bereits Interpretationen dar. Diese haben ihren Ursprung dort, wo die Verschriftlichung audio(-visueller) Daten theoriegeleitete Selektionsentscheidungen erfordert und Primär- beziehungsweise Sekundärdaten entsprechend reduziert aufbereitet werden (Ochs 1979: 44). Mit transkriptionen ergeben sich somit stets Bedeutungsverschiebungen, so dass die Art der Verschriftlichung »wesentlichen Einfluss auf die Qualität der Daten« hat (Flick 2007: 385). In der Literatur wird deshalb angemahnt, möglichst umfassende transkripte zu erstellen: Nicht nur alle sprachlichen Äußerungen seien nach Möglichkeit schriftlich festzuhalten, auch das ›Wie‹ des Sprechens sei abzubilden – eine Forderung, der jedoch AUSWERtUNG DER DAtEN 149 forschungspragmatische Gesichtspunkte entgegenstehen. Grundsätzlich sei die möglichst reduktionsarme transkription gegen die handhabbarkeit, Lesbarkeit, Lernbarkeit und Interpretierbarkeit der Daten abzuwägen (Flick 2007: 380; vgl. ähnlich Bourdieu 1997: 798f.). Als beobachtungsadäquat für die Untersuchung der handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen erschien mir die Anfertigung eines relativ basalen transkripts in der tradition von hoffmann-Riem (1984; vgl. hierzu Anhang 3). Da die nachfolgende Untersuchung die Analyse von situationalen Selbstthematisierungen im Kontext des Gesamtinterviews zum Gegenstand hatte, sah ich keine Notwendigkeit einer noch genaueren transkriptionsmethode. In Zeilenschreibweise wurden neben den geäußerten Wortfolgen entsprechend auffällige prosodische Merkmale festgehalten; Pausen, Zögern, Betonungen und Dehnungen wurden in den transkripten mit Notationszeichen versehen. Auch wurden auffällig anmutende parasprachliche Merkmale wie lachen, seufzen, wild gestikulieren usw. festgehalten. Für die transkription der auf Slowakisch geführten Interviews wurden diese frei übersetzt. hierfür ist in Rechnung zu stellen, dass – wie die transkription –, so auch die Übersetzung immer bereits »ein interpretativer Akt« ist (Kruse et al. 2012: 45; vgl. Resch/Enzenhofer 2012: 89f.): »Übersetzen bedeutet Fremdverstehen von einem bestimmten subjektiven Standpunkt aus« (Kruse et al. 2012: 46). Um größtmögliche Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden selbstredend identische transkriptionsleitlinien verwendet. Für die ersten transkriptionen übermittelte ich der Übersetzerin ein deutschsprachiges, selbsttranskribiertes Muster. Für die Übersetzung wurden zudem schwierig zu übersetzende Stellen gemeinsam diskutiert. Für die Aufbereitung der Daten nahm ich aus Gründen der Lesbarkeit nachträglich Glättungen vor. Dies betraf – an für die Analyse bedeutungslos erscheinenden Stellen – abgebrochene Sätze, Wortwiederholungen, Versprecher, Füllwörter und -laute. Alle auf Identitäten schließenden Aspekte (Bundesländer, Ortsnamen, Berufe, ArbeitgeberInnen, AgenturbetreiberInnen, Namen usw.) wurden von mir anonymisiert. Die Namen der befragten Personen wurde durch fiktive Namen ersetzt. 3.3 Auswertung der Daten Anliegen einer praxeologischen Perspektive nach Bourdieu ist die Erschließung jener dispositional geprägten Wahrnehmungs-, Bewertungsund handlungsschemata, die soziale Praktiken informieren. Im Bereich der qualitativen Sozialforschung gehört die Praxeologie damit zu jenen Ansätzen, deren Ergebnisse den Einzelfall überschreiten und auf Strukturmuster gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion abstellen sollen. FORSChUNGSPROZESS 150 Diese müssen in Abstraktion vom konkret-alltäglichen Zeichengebrauch in Verfahren der Rekonstruktion sprachlicher Verflechtungszusammenhänge herausgearbeitet werden (vgl. Bourdieu 1979: 149). Für die Datenauswertung werden insofern erprobte Methoden der qualitativen Sozial forschung herangezogen. Da das Augenmerk meiner Forschung auf Sinnstrukturen, mithin auf überindividuelle Muster gerichtet werden sollte, erschien der Bezug auf das von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelte Verfahren der Grounded Theory angemessen (Glaser/Strauss 2010[1967]). Programm dieser Methode ist es, ausgehend vom analysierten Material eine »Formulierung von Konzepten und deren Beziehungen zu einem Satz von hypothesen für einen bestimmten Gegenstandsbereich [vorzunehmen], die sich auf Forschung in diesem Bereich stützt« (Glaser/Strauss 1993: 108). Mit einer derartigen methodischen Orientierung unternimmt die vorliegende Arbeit den Versuch einer systematischen und methodisch kontrollierten Analyse. Gleichwohl möchte ich anmerken, dass über einer entsprechenden Formalisierung der Auswertungspraxis die soziologische Phantasie keineswegs zu vernachlässigen ist (so auch Banakar/travers 2005b: x). Als ebenso relevant wie eine streng systematische Vorgehensweise inklusive Zergliederung der Daten stufe ich die Beibehaltung einer relativen Offenheit ein, wie sie entsteht, wenn die Daten immer wieder auch in ihrem Gesamtzusammenhang und Kontext betrachtet werden. Im Zentrum der empirischen Untersuchung steht die Frage, ob und wie die Regulierung angeeignet wird. In welcher Relation stehen die AkteurInnen zu den neuen Regelungsangeboten? Folgende Leitfragen werden an das Material herangetragen: – Welche Wissensformen, Interpretationen und impliziten Verständnisse über die Regulierung beziehungsweise das Recht sind bei den AkteurInnen vorhanden? – Mit welchen affirmativen oder ablehnenden Sinnbezügen sind sie gruppiert; inwieweit sind gar häretische Sinnbezüge erkennbar? – Was wird im Regularisierungsprozess nicht beziehungsweise nicht mehr gesagt? – Welche Selbstverhältnisse und Fremdzuschreiben zum Recht werden in diesem Zuge relevant? – Welche Strategien bei der Umsetzung der zu beobachtenden handlungsorientierungen spielen eine Rolle? – Welche Rolle spielen die sozialen Positioniertheiten und sozialen Ressourcen der AkteurInnen bezüglich der angelegten Fragen und in welchen Ausprägungen sind sie erkennbar? Entlang einer Reihe von Analyseleitlinien stellt die Grounded Theory die Möglichkeit eines »konzeptionelle[n] Ordnen[s]« (Strauss/Corbin 1996: AUSWERtUNG DER DAtEN 151 17f.) der Daten bereit. Das Ziel dieses Ordnens liegt in der theoriebildung. Aufgrund ihrer offenen herangehensweise wird die Methode vielfach jedoch auch allein zur Datenauswertung verwendet. Die Praxis der Grounded Theory besteht in der Unterteilung des texts in Sinneinheiten und ihrer Neuanordnung anhand von aus dem Material entwickelten Kategorien und Kategoriensystemen. Grundsätzlich handelt es sich hierbei um ein offenes, ausschließlich in der Empirie verankertes Vorgehen. Von einer Kategorie kann nach Glaser und Strauss gesprochen werden, wenn verschiedene Konzepte, die »sich offenbar auf ein ähnliches Phänomen beziehen« (ebd.: 43), gemeinsam gruppiert werden. Für die Erstellung der Konzepte beziehungsweise Kategoriensysteme schlagen die Autoren das Verfahren des offenen, axialen und selektiven Kodierens vor (ebd.: 40ff.). Es geht dabei über die bloße Beschreibung der Phänomene hinaus, insofern mit dem Kodieren bereits theoretische Konzepte erstellt werden. Das offene Kodieren fasst soziale Phänomene vorläufig zu Konzepten zusammen, die wiederum zu Kategorien gruppiert werden. Mittels des axialen Kodierens werden die so gebildeten Kategorien miteinander in Beziehung gesetzt. Das selektive Kodieren schließlich dient mit der herausstellung von Schlüsselkategorien der Schwerpunktbildung. Angestrebt wird die Bestimmung einer datenbezogenen »story line« (ebd.: 96). Um ein umfassendes Bild der herausbildung rechtskonformer handlungsorientierungen zu erarbeiten, wurde das Material nach diesen Vorgaben strukturiert: Es wurden Kategoriensysteme erarbeitet, die rechtsbezogene Wahrnehmungs-, Bewertungs- und handlungsschemata sichtbar machen würden. Unter Orientierung an den Maßgaben des offenen, axialen und selektiven Kodierens erstellte ich Konzepte und bündelte diese zu Kategorien und Schlüsselkategorien. Unter Orientierung an den Vorgaben des offenen Kodierens unterteilte ich die transkripte entlang ihrer Sinneinheiten. Ich achtete dabei darauf, dass der text als Ganzer lesbar blieb. Die einzelnen Sinneinheiten kodierte ich. Zunächst extrahierte ich die Konzepte und Kodes vor allem aus dem Material. hierfür richtungsweisend waren inhaltliche thematisierungen, wie sie aus den Relevanzsetzungen der Interviewten wie auch aus dem Leitfaden herrührten, wobei ich die jeweiligen, an die soziale Lage der Person geknüpften SprecherInnenpositionen berücksichtigte. In einem weiteren Schritt kodierte ich das Interviewmaterial auf die unterschiedlichen Ebenen meines Verständnisses von Rechtskonformität hin. hierbei berücksichtigte ich, soweit möglich, routinisierte Praxen, handeln auf der Grundlage moralischer Normen, handeln entlang rechtlich und sozial antizipierter oder erfahrener Erwartungsstrukturen und bewusstes, sanktionsorientiert-strategisches handeln. Bei beiden Analyseschritten berücksichtigte ich zusätzlich Kontextinformationen, insofern sich mit ihnen Bezüge und Argumente aus den Interviews besser einordnen ließen. hierzu gehörten FORSChUNGSPROZESS 152 unter anderem Dokumente des Rechts, der Rechtspolitik und der Medien, Informationsmaterial der Vermittlungsagenturen sowie Artefakte einzelner Pflegehaushalte (Verträge, weiteres Informationsmaterial usw.). In einem weiteren Schritt setzte ich die verschiedenen Kategorien zueinander in Beziehung und arbeitete Schlüsselkategorien heraus. Unter erneuter Durcharbeitung und Reflexion der Analyseergebnisse und der Verwerfung zu schwach begründeter Kategorien formulierte ich erste analytische Konklusionen. hierbei achtete ich insbesondere auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Gruppe der Careworkers und jener der Angehörigen, die einander als Vergleichsgruppen dienten. 153 4 Die symbolische Qualität des Rechts im Kontext der Regulierung von Care Im vorliegenden Kapitel untersuche ich, wie Angehörige Pflegebedürftiger und Careworkers in Österreich, indem sie die Rechtsregeln der ›24-Stunden-Pflege‹ in soziale Regelmäßigkeiten überführen, der Regulierung zu ihrer faktischen Geltung verhelfen. Indem ich analysiere, wie die Regulierung von den RechtsadressatInnen regelhaft erfahren und angeeignet wird, nehme ich jene (impliziten) Verständnisse, Interpretationen, Kapitalien, Strategien und Selbstverhältnisse bezüglich des Rechts und der sozialen Welt, kurz: jene Erzeugungsprinzipien in den Blick, mit denen die rechtskonformen handlungsorientierungen der AkteurInnen korrespondieren. Konkreter analysiere ich die subjektiven Sichtweisen der Befragten auf die Struktur der objektiven Beziehungen zwischen ihrer individuellen Geschichte und Positioniertheit und der Struktur der rechtlichen Regulierung und des pflegerischen Feldes hin. Ebenso geraten die mit irregulären handlungsorientierungen verbundenen subjektiven Sichtweisen ins Blickfeld dieser Arbeit, insofern sie Aufschluss darüber geben, wie soziale AkteurInnen mit den Adressierungen und den Anforderungen der Regulierung umgehen. Besonders fokussiere ich die Frage, welcher Stellenwert und welcher konkrete Niederschlag rechtlichen Normen für die (praktischen) Verstehensleistungen der Interviewten zukommt, und wie diese beschaffen sind. Da in Regulierungsprozessen selten allein nur rechtliche Aspekte bedeutsam sind, interessiert zudem, welche außerrechtlichen Kontexte für den Wandel der handlungsorientierungen der RechtsadressatInnen relevant werden. hierbei ist in Rechnung zu stellen, dass sich rechtlich-praktische Verstehens leistungen und Adaptionsprozesse, insofern sie über symbolische Ordnungen prozessiert werden, stets in Beziehungen etablieren, mithin stets auch in Konflikt mit unmittelbaren sozialen Kontexten, weshalb diesbezüglich relevante Beziehungen und soziale Positioniertheiten berücksichtigt werden. Auf der einen Seite äußern sich irregulär beschäftigte ArbeitnehmerInnen innerhalb eines vergeschlechtlichten und ethnisierten Arbeitsfeldes, auf der anderen Seite zumeist gut situierte irregulär beschäftigende ArbeitgeberInnen. Wie mit den alten und neuen sozialen Realitäten im Feld umgegangen wird, stelle ich anhand exemplarischer Fälle dar. Um diese in ihren sozialen Kontexten zu erörtern, wird den Analysen in anonymisierter Form (vgl. 3.2) eine ausführliche Darstellung der persönlichen Lebenslage und Care-Situation vorangestellt. Bei der Darstellung der Analysen orientiere ich mich an den Empfehlungen der systematischen thematischen DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 154 Analyse nach Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler (1996: 50f.), die für eine ausgewogene Präsentation der subjektiven Perspektiven der Interviewten und der thematischen und theoretischen Beiträge der Forschenden plädieren. Nachfolgend werden deshalb auch längere Interviewabschnitte aus den transkripten eingebracht. Die Darstellung der exemplarischen Fälle erfolgt weiter bezogen auf die beiden befragten sozialen Gruppen – Careworkers und Angehörige – nicht grundsätzlich in trennend-gegenüberstellender Absicht und mithin nicht getrennt, denn deren regulierungsbezogene Umgangsweisen sind nicht ausschließlich auf sozialgruppenspezifische Positioniertheiten rückführbar. Eine wechselseitige Darstellungsweise ermöglicht es hier dennoch, diverse Gemeinsamkeiten in Bezug auf den Umgang mit Recht beziehungsweise der Regulierung festzustellen, ohne dabei eklatante Unterschiede auszublenden. Grundsätzlich stelle ich in Rechnung, dass die wenigsten Interviewten ihre rechtskonforme handlungsorientierung nur auf Grundlage einer subjektiven Sichtweise oder vermittels eines sozialen Mechanismus ausprägen, sondern dass hierbei zumeist ein Nebeneinander vorliegt – auch wenn sich jeweils Präferenzen erkennen lassen. Nachfolgend unterscheide ich auf dieser Grundlage zunächst drei verschiedene subjektive Sichtweisen auf das Recht im Kontext der Regulierung der ›24-Stunden- Pflege‹ – beziehungsweise Arten, sich zu diesem ins Verhältnis zu setzen: Im ersten Unterabschnitt wird Recht (implizit) als Angebot, im zweiten als Medium, das rechtsaffine Dispositionsschemata aktualisiert, und im dritten als objektives Zwangsmittel thematisiert. In einem Exkurs untersuche ich sodann den Zusammenhang zwischen rechtlichen Ressourcen und der Möglichkeit, einen taktischen Umgang mit dem Recht zu etablieren. Im darauf folgenden Abschnitt berücksichtige ich, dass rechtskonforme handlungsorientierungen von Interviewten in teilen auch von sozialen Zwängen hintertrieben werden. hierfür maßgeblich sind strukturelle Abhängigkeiten in den Privathaushalten. Zuletzt untersuche ich, wie rechtskonforme handlungsorientierungen vor dem hintergrund subjektiver Sichtweisen auf das Recht als symbolische Kraft entstehen. Um die Ergebnisse zu bisherigen Erkenntnissen der Rechtskonformitätsforschung in Beziehung zu setzen, greife ich aufgrund der bislang weitgehend fehlenden Auseinandersetzung der Rechtssoziologie mit Regulierungen im Care-Bereich notgedrungen auf Literatur zurück, die sich in zumeist quantitativen Untersuchungen und mittels hypothetischer Fragen auf gänzlich andere Rechtsnormen bezieht, so etwa auf Delikte im Bereich des Strafrechts oder auf Verstöße im Verkehrsrecht. DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 155 4.1 Die Regulierung als ›Angebotsnorm‹ Wenn die Interviewten auf ihre persönliche Emersione – ihren Wechsel vom irregulären in den regulären Status – angesprochen wurden, dann charakterisierten sie die Regulierung in ihren Erzählungen häufig als neu entstandenes Angebot. Im Folgenden lege ich anhand zweier exemplarischer Fälle dar, wie der subjektive Blick auf die Regulierung als gesetzlich vorgesehene Möglichkeit rechtskonforme handlungsorientierungen hervorbringen kann. Für die Gruppe der Angehörigen untersuche ich, wie der Angebotscharakter der Regulierung widersprüchliche Sinnoptionen schwinden lässt. Aufseiten der Careworkers untersuche ich, wie die Regulierung als Chance betrachtet wird, erstmals sozialversicherungsrechtliche Ansprüche geltend machen zu können. 4.1.1 Das Reziprozitätsprinzip Am Beispiel von Georg Aigner untersuche ich, wie Angehörige von Pflegebedürftigen reguläre handlungsorientierungen ausbilden, weil sie die rechtlichen Neuerungen als Angebot begreifen, mit dem von staatlicher Seite aus versucht wird, sich an außerrechtliche Regeln anzunähern. Bei diesen außerrechtlichen Regeln handelt es sich um solche, die im RechtsadressatInnenkreis vor der Regulierung für verbindlicher als die Rechtsnormen gehalten werden. Vor diesem hintergrund erhält die Neuregelung der ›24-Stunden-Pflege‹, obwohl sie politisch als unzureichend betrachtet wird, moralisch verpflichtenden Charakter. Zunächst zum Interview und zu Georg Aigners Person: Mein Kontakt zum Befragten entstand über mein eigenes soziales Netzwerk. Ein entfernter Bekannter fragte Georg Aigner informell für ein Interview an. Da dieser sich grundsätzlich interessiert zeigte und signalisierte, dass ich ihn zwecks eines genaueren Vorgesprächs kontaktieren solle, nahm ich über E-Mail mit ihm Kontakt auf. Den genauen termin sprachen wir telefonisch ab; bei dieser Gelegenheit wurden auch einige Fragen zum Forschungsprojekt geklärt. Bereits Georg Aigners Nachfragen zum Projekt vermittelten mir den Eindruck einer Person, die einen besonderen Überblick über die Regulierung hat – eine erste Einschätzung, die sich im Interview bestätigen sollte. Für das Gespräch besuchte mich Georg Aigner im Juni 2008 in meinem Büro in Wien. Es dauerte eine Stunde und 52 Minuten. Georg Aigner ist 46 Jahre alt, geschieden und alleinstehend. Er hat zwei fast erwachsene töchter, die jedoch bei der Mutter leben. Er selbst wohnt in einer Kleinstadt in Ostösterreich. Als diplomierter Sozialarbeiter ist DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 156 er seit mehreren Dekaden im Bereich der gesetzlichen Vertretung psychisch kranker oder kognitiv behinderter Menschen (Sachwalterschaft) tätig. hierin ist er spezialisiert auf den Alten- und Pflegebereich; genauer gesagt übernimmt er die gesetzliche Vertretung für Menschen, die in Pflege- und Behindertenheimen leben. Auch für seine pflegebedürftige Mutter, die er gemeinsam mit seinen zwei Geschwistern sekundär betreute, war er Sachwalter, bis sie Mitte 2008 verstarb. Eine ›24-Stunden-Pflege‹ wurde von den Geschwistern Ende 2005 eingerichtet, als die Pflegebedürftigkeit der Mutter permanent wurde. Mit beginnender Demenz hatten die Geschwister erst eine heimhilfe organisiert, die drei Mal täglich ins haus kam. Nach etwa fünf Jahren reichte diese Form des Pflegens jedoch nicht mehr aus: Vor allem in der Nacht konnte die Pflege nicht mehr abgedeckt werden. Um die so entstandenen Versorgungslücken abzufedern, hatten Georg Aigner und seine Geschwister eine Zeit lang noch abwechselnd bei der Mutter übernachtet und sie auch tagsüber betreut. Ein derartiges Vorgehen war vor allem deshalb möglich gewesen, weil eine der beiden Schwestern Georg Aigners ein haus direkt neben jenem der Mutter bewohnte, während die anderen Geschwister nur einige Kilometer entfernt lebten. Der Mix aus familiärem und professionellem Caring stellte sich jedoch schnell als Managementaufgabe mit Vereinbarkeitsproblematik heraus; »zu schwierig« sei es letztlich gewesen, alles unter »einen hut« zu bringen. Georg Aigner machte sich deshalb über eine Vermittlungsagentur auf die Suche nach einer ausgebildeten Krankenschwester, die sich au- ßerdem auf Deutsch verständigen können sollte. Der Wahl der Vermittlungsagentur hatte er eine eingehende Recherche vorangestellt und versucht, »die Seriöseste« auszuwählen. Gerade bei Demenz, so führt er aus, könne es zu schwierigen Situationen kommen, da mit der Krankheit häufig Persönlichkeitsprobleme einhergingen. Qualifiziertem Personal käme deshalb in solchen Fällen eine besondere Bedeutung zu. Ein heimplatz kam für Georg Aigner nicht in Frage: Er erzählt, wie er den Personalschlüssel dort aufgrund seines professionellen Einblicks als so gering einschätzt, dass die Versorgung immer nur auf physischer Ebene erfolgen könne. Eine derartige Unterbringung aber steht seiner Vorstellung eines Alterns »in Würde«, wie er es sich für seine Mutter wünscht, entschieden entgegen. Innerhalb einer sechswöchigen Probezeit startete Georg Aigner deshalb mit der ›24-Stunden-Pflege‹ einen testlauf. Engagiert wurde hierfür eine ausgebildete Krankenschwester, die – darauf wurde geachtet – nur an einer kurzfristigen Beschäftigung interessiert war. Nachdem sich diese Form des Carings für die Mutter als »optimal« erwies, wurde ein langfristiges Beschäftigungsverhältnis etabliert: Die Geschwister beschäftigten fortan zwei Careworkers slowakischer Staatsangehörigkeit, die die Pflegebedürftige – als live ins mit in deren haus untergebracht – jeweils im 14-tages-Rhythmus versorgten. Eine Regularisierung nehmen DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 157 Georg Aigner und seine Geschwister nicht mehr vor, da die Pflegebedürftige noch vor Ende des Auslaufens der ›Amnestien‹ verstarb. Dennoch war eine zeitliche Überschneidung der installierten ›24-Stunden-Pflege‹ und der Regulierung gegeben, so dass sich Georg Aigner veranlasst sah, eine rechtskonforme handlungsorientierung auszubilden. In welcher Weise begreift Georg Aigner die Regulierung nun als Angebot, und wie ist es zu verstehen, dass eine derartige subjektive Sichtweise seine rechtskonforme handlungsorientierung organisiert? Um dies zu erörtern, ist zunächst zu untersuchen, von welcher vormaligen Position aus er auf die neuen Rechtsnormen Bezug nimmt – auch wenn die Erörterung sich von der hier eigentlich angelegten Fragestellung nach der Ausbildung einer rechtskonformen handlungsorientierung zunächst weit zu entfernen scheint.1 Nachfolgend zeige ich auf, wie Georg Aigner, indem er sich selbst als politischer Akteur versteht, die Richtigkeit des Rechts auf radikaldemokratische Weise zu befördern versucht. Von dort ausgehend arbeite ich in einem zweiten Schritt heraus, wie dieses Selbstverständnis Georg Aigners auch dessen rechtskonformen Blick auf die Regulierung als ›Angebotsnorm‹ prägt. hierfür ist zunächst festzustellen, dass Georg Aigner die Careworkers vor der Möglichkeit zur Regularisierung über längere Zeit irregulär beschäftigt. Die irreguläre Praxis ist für ihn legitim, da unüberbrückbare Normanforderungen dem normkonformen Verhalten entgegenstehen. Gefragt nach seinem Umgang mit dem irregulären Beschäftigungsverhältnis zeichnet Georg Aigner, wie untenstehend noch deutlich werden wird, ein Bild von einer in Einschränkung begriffenen Verbotsnorm, die – da sie ›unrichtiges‹ Recht darstellt – zur Disposition gestellt werden muss. Dieser Umstand wie auch die tatsache, dass die Verbotsnorm ihren sanktionierenden Charakter für ihn vor diesem hintergrund vollständig verloren hat, liegt Georg Aigners vorläufig einseitig aufgelöstem Dilemma zugrunde, konträr zueinander stehenden Regeln (mithin einem ›Doppelzwang‹ vgl. Bourdieu 2006a: 206) verhaftet zu sein: jener des Generationenvertrags im Sinne der moralischen Verantwortlichkeit, den pflegebedürftigen Eltern ein würdevolles Caring zu ermöglichen, und einer grundsätzlichen Identifikation mit dem Staat und der Rechtsordnung. Die staats- und rechtsbezogenen inkorporierten Schemata, um hier in Bourdieu’schen termini zu sprechen, können nicht ›angemessen‹ angewendet werden, weil unterschiedliche, miteinander inkompatible Sinnoptionen bereit stehen (vgl. Reckwitz 2000: 624ff.). Rechtssoziologisch 1 Gleichzeitig verdeutlicht die etwas ausführlichere Darstellung exemplarisch, welche Denkweisen die irreguläre handlungsorientierung von Angehörigen vor der Regulierung ›informieren‹ können. Vor allem das nachfolgend dargestellte Aufeinandertreffen widersprüchlicher Sinnoptionen ist in ähnlicher Form für die meisten von mir befragten Angehörigen zu beobachten. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 158 kann die bei Georg Aigner zu beobachtende Rechtsbrüchigkeit als Resultat von Normkonkurrenzen zugeordnet werden, bei denen die Einhaltung normativer Regeln eines Bereiches den Bruch mit den normativen Regeln eines anderen zur Folge hat (vgl. Kretschmer 1977: 424). Karl- Dieter Opp (1974: 232) hat hierfür den Begriff der »normative[n] Abweichung« geprägt, der an dieser Stelle aufgegriffen werden soll. Diese macht zunächst der nachfolgend dargestellte transkriptausschnitt deutlich: G.A.: Und für die 24-Stunden-Pflege habe ich, --- haben wir uns deshalb entschieden, habe ich mich deshalb entschieden, weil die Organisation hab immer ich gemacht, ja, weil es nichts Adäquates in Österreich gegeben hat . ja, das möchte ich so ganz klar sagen, ja. I.: Mhm G.A.: U n d, es meiner Meinung nach, . nach wie vor nichts Adäquates in Österreich gibt. . Ja, also damals war gar nicht, es hat die Betreuungs- ( ) über die Betreuungsorganisationen, die maximal bis zu vier Mal täglich gekommen sind und maximal bis zu vier Mal täglich eine halbe Stunde, also insgesamt vielleicht zwei Stunden anwesend waren, das wars aber auch. Das und, es hätte auch die Möglichkeit einer tagesbetreuung gegeben, in tagesbetreuungsheimen, wo es einen Fahrtendienst gibt, wo man die alten Menschen hinbringt, die dann dort auch ( ) bekommen und nachmittags wieder zurückgebracht werden. Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen, was auch überlegt wurde, nur, es, es hat nichts gegeben, was sie jetzt in der Nacht ah eine Betreuung gewährleistet hätte. Das war in Österreich zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Da nur die Alternative gegeben entweder . Pflege durch die Familie, was wir lange Zeit gemacht haben, ja, oder . Altersheim, Pflegeheim. (Interview 13, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 245ff.) Im dargestellten transkriptausschnitt stellt Georg Aigner explizit heraus, dass er – früher wie heute übrigens – alle regulären Möglichkeiten des Carings für ›inadäquat‹ hält. Da Altenheime für ihn, wie oben erörtert, ausscheiden, bleiben nur Pflegeversorgungsangebote übrig, die keine nächtliche Versorgung gewährleisten können. Nur aus diesem Grund greift Georg Aigner auf die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ zurück. Seine Interessen2 im Feld der Pflege bedingen, dass er die Vorgaben des rechtlichen Feldes missachten muss. Etwas genauer lässt sich der beschriebene Mechanismus mit hilfe der Anomietheorie von Robert Merton (1968) beschreiben. Merton betrachtet Devianz und Delinquenz als das Resultat eines Missverhältnisses von 2 hier und im Folgenden sind mit dem Begriff des Interesses gemäß dem Bourdieu’schen Verständnis auch unreflektierte Zielrichtungen gemeint (vgl. hierzu 2.2.2). DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 159 kultureller und sozialer Struktur. Die kulturelle Struktur gibt den Individuen bestimmte, kollektiv geteilte Ziele vor und definiert die legitimen Mittel, mit denen die Individuen sich diesen annähern können. Die soziale Struktur beschreibt für Merton jene objektiven Gegebenheiten, in die die Individuen eingebunden sind. Zu einem anomischen Effekt kann es unter anderem kommen, wenn Individuen die Normen verinnerlicht haben, aber zu ihrer Umsetzung aufgrund sozialstruktureller ›Missstände‹ nicht in der Lage sind. Auch wenn es entschieden zu kurz greift, jegliche Form von Devianz und Delinquenz auf dieses eine erklärende Prinzip zu reduzieren, so lässt sich Mertons Anomietheorie doch auf den exemplarischen Fall Georg Aigner vortrefflich übertragen. Wie genau äußert sich die kolportierte Normkonkurrenz, die anomische »normative Abweichung« (Opp 1974: 232) Georg Aigners? Im Interview stellt Georg Aigner eine Diskrepanz zwischen der sozialen Norm des Caring und den verfügbaren legitimen Mitteln fest: Immer wieder – dieses thema zieht sich wie ein roter Faden nicht nur durch den obigen transkriptausschnitt, sondern durch das gesamte Interview – spricht er davon, dass es vor der Regulierung keinen anderen Weg, keine »Möglichkeit« gegeben habe, den individuellen Anforderungen im Feld der Pflege auf reguläre Weise nachzukommen. Damit weist er ein starkes commitment gegen- über dem kulturellen Ziel eines guten Carings auf, sieht aber keine legitimen Wege, dieses auch umzusetzen. Es ist in diesem Zusammenhang der Diskrepanz von verinnerlichten Zielen und gegebenen Mitteln zu betonen, dass Georg Aigner sich nicht prinzipiell vom Recht abwendet: Im Feld des Rechts sucht er weiter nach Wegen, seine Interessen durchzusetzen; in dieser hinsicht imaginiert er sich im Kontext der Auseinandersetzung um die Frage, was er getan hätte, wenn er angezeigt worden wäre, sogar als politischen Akteur, der die Regeln im rechtlichen Feld zu verändern versucht. Indem er – um gesellschaftliche Widersprüche zu verstärken – eine alternative rechtliche beziehungsweise rechtspolitische Deutung herauszufordern versucht, ermächtigt er sich auf einer symbolischen Ebene im Sinne einer reklamierenden Subjektivität. Nachfolgend ist dieser politische, genauer radikaldemokratische Umgang Georg Aigners mit der Irregularität beschrieben, welcher wesentlich von der Überlegung geprägt ist, selbst für reguläre Verhältnisse zu sorgen. Dieser Schritt ist nötig, um weiter untenstehend verdeutlichen zu können, inwieweit eine ebensolche Perspektive seinen Umgang auch mit der Regulierung bestimmt. Der nachfolgend dargestellte transkriptausschnitt macht deutlich, dass Georg Aigner sich zum Rechtssystem als solches gerade nicht in Opposition stellt: Vielmehr verbindet sich bei ihm ein grundsätzlicher und ungebrochener Glaube an die Legitimität und Richtigkeit des Rechts im Sinne legaler Gerechtigkeit – der rechtlichen Illusio also – mit einem Wissen um dessen Kontingenz und Veränderlichkeit: DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 160 G.A.: Wenn es zu gesetzlichen Sanktionen, ja, wie soll ich sagen, Sanktionen gekommen wäre, ich hätt mir das sicher mal rechtlich angesehen, doch auch, ja gerichtlich angesehen, ich hätte sicher die Klage durchgezogen, ja, bis zum . bis zum . obersten Gerichtshof oder weiter, ja, weil ich mir gedacht hab wie kann man, es gibt keine, es gibt keine Möglichkeit hier, . das anders zu handhaben. Es gibt keine Möglichkeit. Ja. U n d insofern ( ) und es gibt, es gibt nicht genügend heimplätze. Ja ich hätte mir gern angesehen, was da rausgekommen wäre. Ja. Wirklich, ja. ((lacht)) Ich wir haben das offen gespielt. Ich hätte mich ja fast selbst angezeigt, um zu sehen, wie das dann weitergehen würde. Ich mein, dafür war mir die Situation zu persönlich, ja. Das hätte ich vielleicht gemacht in meiner tätigkeit als Sachwalter, ja? Als gesetzlicher Vertreter für ( ) Personen, ja? hätt ich mir vorstellen können, dass ich das mal auf die Spitze treibe und das ich das rechtlich durchspiel, ja. Aber, aber in dieser Situation wäre mir das, das nicht ja, vertretbar erschienen. Ich hab mich jetzt nicht versteckt, ja. Und ich hätte kein . Szenario aufgebaut wo alle verpflichtet gewesen wären irgendwas Falsches zu sagen, eine falsche Zeugenaussage ( ) ich hätte das nicht gemacht. Ich habe das nicht versteckt und auch keinen in irgendeine Geschichte eingebunden. Es wussten die Nachbarn, es wussten die Bekannten, die meine Mutter besuchten und es wussten die Ärzte bescheid. Wenn meine Mutter ins Krankenhaus kam, wussten die dann auch bescheid. Es wäre auch. schwer zu verstecken gewesen und wäre mir irgendwie . was wirklich .. b l ö d erschienen dass . versuchen zu verstecken. Weil es auf die Dauer sicher trotzdem bekannt gewesen wäre. Aber es, es . die wussten bescheid. Ich hätte das wirklich, ich hab wirklich vorgehabt und mich auch erkundigt, ich hätte versucht es rechtlich durchzufechten, ja. Oder damit, zumindest mit einem Urteil, auch wenns gegen . unsere Situation ausgegangen wäre, mal aufzuzeigen, dass es hier keine andere Möglichkeit gibt. trotz aller . Ansprachen, und und Interviews, die politische Vertreter in den Medien gehalten haben zu der Zeit. Weil es hat einfach keine andere Möglichkeit gegeben und mir war auch schon auch bewusst: Ich hab die Zahlen gekannt, ich hab die Zahlen gekannt von den Leuten, die in Pflegeheimen versorgt werden natürlich, und ich hab die Zahlen gekannt, auch von den Leuten, die zu hause verpflegt werden. Ja, und da hätte ich mir schon . angesehen, ja, was, was .. wie wird da argumentiert, ja. Also wie wird das aufgefangen, ja. Und das ist ja nach wie vor so, ja. Die 24-Stunden-Pflege, die jetzt legal vorgenommen wird, das ist ein geringer Anteil von der Pflege, die tatsächlich passiert in Österreich. Es, es ist ja schon . wenn ich das sagen darf, wenn das nicht den Rahmen sprengt, ja. I.: Nein, gar nicht, gar nicht. DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 161 G.A.: Bis vor einigen Monaten war von der Landesregierung |Ostösterreich| zugesichert, dass jeder Pflegeantrag innerhalb von vier Wochen in ein Pflegeheim mündet. Das war auch die Situation, ja. Und dann hat die |ostösterreichische| Landesregierung, was ich bejahe und für gut befinde, beschlossen, den Regress, der bisher gefordert wurde, nicht mehr gefördert wird. Und dann sind plötzlich die Anmeldungen in den Pflegeheimen gekommen. haben sich vermehrt, so dass es Wartezeit bis zu einem halben Jahr gibt. Ja? Und das ist meiner Meinung nach nur die Spitze vom Eisberg. (Interview 13, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 634ff.) Anhand des dargestellten transkriptausschnitts wird deutlich, dass Georg Aigner sich in direkte Konfrontation zur Verbotsnorm begibt, auch wenn dieser Schritt letztlich rein imaginativ bleibt; dies geht aus seiner Erwägung hervor, den Rechtsbestand direkt zu konfrontieren: In der Vergangenheit war er fast so weit, sich selbst anzuzeigen, um die politische Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ weiter anzureizen. Die Konfrontation gründet auf dem von ihm individuell und professionell erfahrenen ›Pflegenotstand‹, welchen er dem Recht, aber auch dem politischen Diskurs, gegenüberstellt. Die latente Bereitschaft, es rechtlich »auf die Spitze« zu treiben, korrespondiert mit einem offenen Umgang mit der Irregularität. Er erzählt, dass er diese nicht »versteckt« hat und von niemandem verlangt hat, gegenüber den Behörden zu lügen. Er beschreibt außerdem, dass das soziale Umfeld der Mutter von der Irregularität wusste. Georg Aigners offener Umgang mit der irregulären Situation ist in Österreich nichts Ungewöhnliches; immer wieder erzählen mir Angehörige in den Interviews, dass sie mit dieser offen verfahren. Das Beschäftigungsverhältnis weder zu verstecken noch für den Fall von kritischen Nachfragen von NachbarInnen respektive Kontrollen oder Anzeigen vonseiten der Behörden eine plausibilisierende »Geschichte« parat zu haben (etwa, es handle sich um kein Beschäftigungsverhältnis, sondern um eine freundschaftliche oder verwandtschaftliche hilfeleistung), korrespondiert mit der breiten Akzeptanz der irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ in der Bevölkerung, ebenso wie mit der (de facto-) Aussetzung von Kontrollen und Ermittlungen vonseiten des Staates (vgl. 2.1.4; 2.1.5). Auch hier wird deutlich, dass Georg Aigner ein Verstecken des Beschäftigungsverhältnisses (abgesehen davon, dass dies seiner Meinung nach schwierig zu bewerkstelligen gewesen wäre), genau auch deshalb als »b l ö d erschienen« wäre: Nicht nur wäre es kaum notwendig gewesen, da seiner Meinung nach kaum ein Risiko bestand, angezeigt zu werden – schließlich handelte es sich beim irregulären Carework um ein gesellschaftlich toleriertes, ›offenes Geheimnis‹. Auch wäre das Verbergen, das Unsichtbar-Werden-Lassen des Beschäftigungsverhältnisses für Georg Aigner politisch kaum ein opportuner Umgang gewesen; darauf DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 162 lässt zumindest sein angedachter Konfrontationskurs schließen, die Behörden mittels einer Selbstanzeige auf sein irreguläres Beschäftigungsverhältnis aufmerksam zu machen. Seine Strategie des Umgangs mit der Irregularität ist mithin nicht das Negieren und das Unsichtbarmachen, im Gegenteil: Im Zweifelsfall denkt er an direkte Konfrontation – und zwar auf jenem terrain, dem er die Problematik der Irregularität zurechnet, dem Recht. Georg Aigner spielte mit dem Gedanken, sich selbst anzuzeigen, um »aufzuzeigen, dass es hier keine andere Möglichkeit gibt«, genauer: um die von ihm auf dem rechtlichen Feld als krisenhaft wahrgenommene, da strukturell unzumutbare handlungsbeschränkungen auferlegende Situation zu artikulieren. Dass er Careworkers irregulär beschäftigt, schreibt Georg Aigner sich nicht individuell-schuldhaft zu, da er strukturelle Bedingungen für seine Lage verantwortlich sieht. Möglich wäre ihm die Strategie der Anzeige gewesen, weil er als Sachwalter der juristische Vertreter seiner Mutter war, mithin auch rechtlich verantwortlich zeichnete. Dass gerade Georg Aigner damit liebäugelt, das Recht mittels eines Verfahrens zu konfrontieren, hängt sicher nicht unwesentlich damit zusammen, dass sein Beruf als Sachwalter in starkem Maße rechtliche Sachverhalte berührt, so dass eine gewisse Sicherheit mit Rechtsinstitutionen und -verfahren vorausgesetzt werden kann. In Bourdieu’schen termini ist somit in gewissem Umfang von einem sense juridique auszugehen. In der tat weist sich Georg Aigner im Gespräch immer wieder als Kenner der Materie der ›24-Stunden-Pflege‹ aus: Da er beruflich unter anderem mit älteren pflegebedürftigen Menschen zu tun hat, fällt auf, dass er besonders gut über die öffentlichen Debatten zum thema informiert ist und auch über ein über die Betroffenenperspektive hinausreichendes politisches und administratives hintergrundwissen verfügt. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass er etwa die Diskussion um die ›24-Stunden-Pflege‹ schon seit ihrem Aufkeimen in den Jahren 2005 und 2006 intensiv mitverfolgt. Dennoch: Für jemanden, der eines Verwaltungsdelikts schuldig geworden wäre, wäre eine Selbstanzeige ein ungewöhnliches Vorgehen gewesen, denn keinesfalls wäre es Georg Aigner darum gegangen, aus einem Schuld- oder Reuegefühl heraus um Bestrafung anzusuchen. Mit der Selbstanzeige wäre er in die Offensive gegangen – um sein Recht einzufordern beziehungsweise um seine Unschuld nachzuweisen, jedoch nur im übertragenen Sinne. Denn auch, wenn er für seine Konfrontation die Ebene des Rechts wählt: Georg Aigners Versuch, »das mal auf die Spitze« zu treiben und »rechtlich durch[zu]spiel[en]« bezieht sich bei genauerem hinsehen nicht auf die Ebene des Rechts, sondern zunächst auf jene der Politik. Weniger hätte er sich mit der Selbstanzeige eine Bereinigung seines Verwaltungsstrafregisters versprochen, vielmehr wäre es ihm erst einmal um eine Politisierung seines Problems gegangen – eben trotz vermutlich negativen Ausgangs seines Verfahrens und obwohl er langfristig DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 163 gesehen dafür hätte sorgen wollen, seine eigene Konformität zu gewährleisten. Insofern betrachtet Georg Aigner das auf die Selbstanzeige folgende rechtliche Verfahren als Forum: Vor Gericht hätte sich ihm zufolge aufzeigen lassen, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ häufig die einzige gangbare Lösung darstellt – gerade vor dem hintergrund der Wartezeiten, die, wie er obenstehend ausführt, in Ostösterreich für heimplätze existieren: »Und dann sind plötzlich die Anmeldungen in den Pflegeheimen gekommen . haben sich vermehrt, so dass es Wartezeit bis zu einem halben Jahr gibt.« Zudem weist er darauf hin, dass insgesamt zu wenige Pflegeheimplätze existieren. Ein rechtliches Verfahren, wie es ihm vorschwebt, könnte insofern ein Exempel statuieren. Auf die politische Ebene abzustellen, erweist sich, wie er erzählt, als wichtig, denn die über die Medien getroffenen »Ansprachen« und »Interviews« »politische[r] Vertreter« suggerierten das Gegenteil von dem, was man als (sekundär) pflegender Angehöriger erfahre. Georg Aigner spielt damit auf jene vielfältigen politischen Versuche an, den ›Pflegenotstand‹ zu negieren, wie sie die Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ anfangs begleiteten. hier hatte es von regierungspolitischer Seite aus starke Bestrebungen gegeben, eine politische Diskussion über die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ gar nicht erst aufkommen zu lassen (vgl. 2.1). Mit seiner Überlegung, eine Selbstanzeige durchzuführen, um anhand von rechtlichen Mitteln auf die politische Ebene abzustellen, kehrt Georg Aigner die Verhältnisse um: Gerichtsverfahren zu politischen Zwecken werden zumeist von staatlichen Strukturen initiiert, im Strafrecht etwa in der Absicht der Generalprävention. harte Strafen sollen dann die Mitglieder einer »Rechtsgemeinschaft« (habermas 1998: 396, hervorh. im Original) von der Begehung ähnlicher taten abschrecken.3 Dann sind es staatliche Politiken, die eine gewisse Durchschlagskraft auf das relational autonome Recht entfalten. Nur selten kommt Gruppierungen abseits des Staates ein derartiger Einfluss zu. Auch Georg Aigner geht freilich nicht davon aus, dass gesellschaftspolitische Positionen, wie auch er sie vertritt, auf das Recht einen unmittelbaren Einfluss zu entfalten vermögen. Von der Forumsfunktion des gerichtlichen Verfahrens verspricht er sich deshalb auch eher einen indirekten Nutzen. Er spekuliert darauf, dass ein solches Verfahren einen rechtspolitischen Novellierungsprozess mit anregen könnte. Mittels des Nachweises, »dass es hier keine andere Möglichkeit« als das irreguläre Carework gibt, hätte er auf ein rechtliches beziehungsweise rechtspolitisches Dilemma aufmerksam machen wollen: Einerseits wäre offenbar geworden, dass ihm mit einem Schuldspruch unrecht getan werde, insofern er den einzig möglichen verantwortlichen Umgang mit der Pflegebedürftigkeit seiner Mutter gewählt 3 Jene Verfahren, die auf rechtlicher Ebene Veränderungen herbeiführen wollen, sind davon freilich ausgenommen. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 164 hatte. Andererseits wäre deutlich geworden, dass eine Aussetzung der Strafnorm nur zum Preis der Verletzung geltenden Rechts möglich gewesen wäre. Georg Aigner hätte so versucht, der Verbotsnorm ihre Gültigkeit abzusprechen: Nach dem Diktum summum jus summa injuria bestünde so die Möglichkeit aufzuzeigen, dass in diesem Fall ein Urteilsspruch eng am Buchstaben des Gesetzes der Situation unangemessen (vgl. allg. Günther 1988) oder sogar unrecht und deshalb abzuschaffen sei. Denn, was unangemessen oder sogar unrecht ist, so scheint Georg Aigner es laien-›illusio-risch‹ optimistisch zu sehen, kann als Recht kaum längerfristig Bestand haben (vgl. allg. Luhmann 1993: 27). In der Rolle des treibenden Moments für den Beginn eines von ihm angestoßenen rechtspolitischen Novellierungsprozesses sieht Georg Aigner dabei die kritische Öffentlichkeit. Aufgrund der laufenden Debatte zur ›24-Stunden-Pflege‹ scheint ihm diese für eine solche Aktion auch gesichert: hinter einer Selbstanzeige und ihren Folgen vermutet Georg Aigner vermutlich nicht nur einen erheblichen Nachrichtenwert, sondern auch eine wohlwollende Berichterstattung. Georg Aigner greift hier – zumindest imaginär – direkt auf den rechtlichen Spezialdiskurs zurück, um ausgehend von dessen Infrastruktur zu versuchen, außerrechtliche Elemente, darunter Normen eines guten Carings, über die Medien und die Politik in den verwaltungsrechtlichen Diskurs zu integrieren. Letztlich spielt Georg Aigner auf die Brechkraft (vgl. Bourdieu 1998a: 62) des rechtlichen Feldes an, die er durch die Öffentlichkeit und die Politik für möglich hält. Indem Georg Aigner überlegt, ob er mittels einer Selbstanzeige rechtspolitisch aktiv werden soll, formuliert er den Wunsch, dass neue, außerrechtliche Aspekte, gleichsam »lebendes Recht« (Ehrlich 1967[1902]), langfristig gesehen den relativ autonomen Rechtsdiskurs transformieren. Von staatlicher Seite erwartet Georg Aigner, dass die Bedürfnisse der Angehörigen und die Nöte der Gepflegten anerkannt werden und dass auf diese situationsgerecht reagiert wird. Georg Aigner formuliert damit nicht nur ein demokratisches Rechtsbewusstsein, sondern ein radikales Verständnis von Bürgerlichkeit: Mit seiner Anzeige – mit der er sich außerhalb der traditionell vorgesehenen Wege politischer teilhabe bewegt –, will er eigentätig politische Veränderungen erwirken. Seine Strategie erinnert damit an Klagsstrategien des lawyering, wie sie vor allem im amerikanischen Kontext verbreitet sind: Kämpfe im Recht werden hier mit politischen Kampagnen gepaart – häufig zunächst nur, um politische Debatten anzuregen oder um auf politischer Ebene Veränderungen zu erwirken (vgl. Buckel 2008). Ansatzpunkt ist damit hier wie dort die symbolische Ordnung des Rechts. Im vorliegenden Fall freilich macht Georg Aigner sich die bereits bestehenden politischen Diskussionen zunutze, um das Recht im Verhältnis zu diesen zu paradoxieren. Er hat damit den weit fortgeschrittenen Bedeutungsverlust erkannt, der die Verbotsnorm umkreist. Indirekt sieht DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 165 er, dass das Recht von der »complicity of those who are dominated by it« (Bourdieu 1987b: 844) abhängig ist: Im Falle einer Kriminalisierung hätte Georg Aigner damit gerechnet, auf den Zuspruch durch entsprechende Interessengruppen und die Öffentlichkeit zählen zu können. Dass man an dieser Stelle fast den Eindruck gewinnt, dass Georg Aigner, indem er überlegt, »es auf die Spitze zu treiben«, sich bemüßigt sieht, den Staat an dessen Verantwortung im Feld der Pflege zu erinnern, setzt voraus, dass er auf ubiquitäre Normalitäten sowie in der Folge auf eine der Verbotsnorm kritisch gegenüberstehende Öffentlichkeit zurückgreifen kann. Erst vor dem hintergrund der massenhaften irregulären Praxen von Careworkers, Angehörigen und Vermittlungsagenturen kann Georg Aigner herausstellen, dass es keine andere »Möglichkeit« gibt, kann er unterschlagen, dass im Rahmen des Gesetzes erstens auch die familiäre Pflege, zweitens eine Kombination aus dieser und mobilen Diensten und drittens die reguläre Beschäftigung von ausgebildetem Personal möglich gewesen wäre, um die Mutter zu hause zu versorgen – auch wenn dies nicht gewünscht gewesen wäre oder aber den finanziellen Rahmen Georg Aigners, in dessen Familie nach eigener Aussage allgemein gut verdient wird, wahrscheinlich dennoch überschritten hätte. Letztlich ist Georg Aigner die Angelegenheit dann aber doch »zu persönlich«, weshalb die Strategie der Selbstanzeige Fiktion bleibt. Zwar kann durch die adverbiale Bestimmung »[w]irklich«, die auf den Satz »[j]a ich hätte mir gern angesehen, was da rausgekommen wäre. Ja« folgt, die Möglichkeit einer täuschenden ›Falschaussage‹ explizit ausgeschlossen werden. Dennoch: Besonders ernsthaft kann der Gedanke von Georg Aigner nicht verfolgt worden sein, da sein Wissen über die rechtlichen Konsequenzen für einen solchen Fall nur unzureichend ausgeprägt ist, was angesichts seiner Nähe zum Recht und seiner Informiertheit in Bezug auf die rechtlichen und administrativen Gegebenheiten und politischen Diskussionen eher als Lücke auffällt. Georg Aigner geht fälschlicherweise davon aus, dass bei einer Anzeige nur die ArbeitgeberInnenseite eine Strafe erwartet, obgleich die ArbeitnehmerInnen im Fall eines Schuldspruchs zusätzlich die Ausweisung treffen würde (vgl. hierzu 2.1.5). Dies macht seine an anderer Stelle getätigte Äußerung »wenn wir aufgeflogen wären, wären auch wir als Auftraggeber dran gewesen und nicht die Pflegerinnen«, deutlich. Weshalb wird an dieser Stelle so ausführlich auf die Klagsstrategie Georg Aigners, mithin auf sein imaginiertes Vorhaben, auf rechtlichem Wege rechtspolitische Veränderungen anzustoßen, eingegangen? Wesentlich für die nachfolgend behandelte Frage nach dessen rechtskonformer handlungsorientierung ist an dieser Stelle Georg Aigners Verhältnis von und seine eigene Verhältnissetzung zu Recht und Politik. Georg Aigner gibt hier das Recht nicht auf, sondern imaginiert, von einem radikalen Staatsbürgerverständnis aus, um es zu kämpfen. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 166 Barbara heitzmann (2010: 13) hat darauf hingewiesen, dass AkteurInnen sich in demokratisch verfassten Gesellschaften mit der Rechtsordnung identifizieren, weil sie sich »im weitesten Sinne auch als dessen Urheber verstehen können«. An diese Beobachtung wird hier angeschlossen, nicht ohne sie jedoch um radikaldemokratische teilhabevorstellungen zu ergänzen und anzufügen, dass sich dieser Aspekt nur auf wahlberechtigte AkteurInnen, nicht also auf rechtlich gesehen ›Fremde‹ beziehen kann (vgl. zu letzerem holzleithner 2006: 27). Wenn Georg Aigner dazu anregen möchte, dass das Rechtssystem im Bereich der Pflege ›richtig‹ funktioniert, selbst wenn er für sich persönlich keine positive Bilanz aus einer Anzeige ziehen kann, dann weist dies auf eine Identifikation mit dem Recht, mithin auf eine habituelle Verankerung seines rechtlichen Selbstverhältnisses hin. In seiner Identifikation mit dem Recht versteht sich Georg Aigner jedoch in einem relativ engen und konkreten Sinne als dessen Urheber – auch wenn er mit seiner Strategie letztlich doch auf die politische Ebene abstellt. Dass der sich als teil eines politischen Kollektivs verstehende Georg Aigner hier von seiner individuellen Situation abstrahiert, darauf deutet auch sein Gedanke hin, vielleicht nicht im Rahmen seiner persönlichen Situation, aber stattdessen in seiner Rolle als Sachwalter eine Klage anzustrengen. Kurzum: Der Umgang Georg Aigners mit der Irregularität verweist, und dies ist für die nachfolgende Deutung wichtig, auf die von ihm subjektiv als notwendig betrachtete aktive Beteiligung am ›Funktionssystem Recht‹. Nachfolgend wird deutlich werden, dass eben dieser Blick auf die eigene Rolle innerhalb des Kollektivs seinen – ebenfalls lediglich imaginierten – Umgang mit der neu entstandenen Rechtsnorm auszeichnet. Welcher Umgang also ist im Fall Georg Aigners mit der rechtskonformen handlungsorientierung zu beobachten? Gefragt nach seinen Empfindungen in Bezug auf die rechtlichen Veränderungen zeichnet er ein Bild von einer Rechtsnorm, die, sofern einmal existent, für ihn zwangsläufig zum handlungsmaßstab werden müsse. Voraussetzung ist für ihn allerdings, dass er auch über die hierfür nötigen finanziellen Mittel verfügt. Den folgenden transkriptausschnitt, in dem er die Regulierung als ›gebotenes Angebot‹ präsentiert, stelle ich der Untersuchung voran: I: Wie empfanden Sie die rechtlichen Veränderungen? G.A.: Ende des Jahres 2005, Anfang 2006 denke ich, da war das thema das erste Mal wirklich massiv in den Medien, da habe ich schon begonnen, es zu verfolgen. Natürlich, ja. Natürlich habe ich auch schon begonnen zu verfolgen, indem ich mich erkundigt hab, wie weit es Möglichkeiten gibt es . mit legal, ah das im legalen Raum zu machen. Da habe ich mich von Anfang an erkundigt inwieweit es möglich ist jetzt hier eine 24-Stunden-Pflege legal durchzuführen, die in . in großem Ganzen leistbar ist auch, ja. Und dann habe ich das natürlich mitverfolgt und jetzt muss ich dazu sagen, DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 167 es wurde natürlich der Versuch unternommen, das einer gesetzlichen Regelung zuzuführen, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, doch meiner Meinung nach sehr ungenügend. Wir hätten diese Möglichkeit in Anspruch genommen, um das wirklich in einen legalen Raum auch zu stellen. Und es war so, dass es gottseidank jetzt nicht von den finanziellen Mitteln, ja, uns das abgegangen ist. Wir sind alle drei Geschwister, wir verdienen gut und meine Mutter hat ein nicht schlechtes Einkommen gehabt und, und wir waren bereit, dass wenn es auch für uns etwas gekostet hätte (...) ja. Also wir hätten gesagt, ja, wir nehmen das in Anspruch. Aber ich denke wenn, also, der Durchschnittsmensch in Österreich hat doch ein relativ kleines Einkommen. Selbst mit Pflegegeld äh -anteil. Ich glaube, dass es für die meisten Menschen trotzdem kaum leistbar ist. Weil so viel wird nicht zubezahlt, gerade wenn man Pflege anmeldet. Es hat sich verändert, dass man gedacht hat, ok, wenns jetzt eine rechtliche Lösung gibt, die vielleicht auch nicht so . mir besonders erscheint, aber wenns eine rechtliche Lösung gibt, dann kann ich mich auch nicht mehr darauf berufen, dass es in Österreich diese Möglichkeit nicht gibt. Und ich möchte nicht unbedingt jetzt in einem rechtsfreien Raum agieren, wenn es nicht sein muss. Und wars auch für meine älteste Schwester eine Belastung würde ich sagen. Der Gedanke, dass hier etwas ständig im rechtsfreien Raum passiert. Die hatte am meisten Angst gehabt davor, dass das vielleicht auffliegen könnte. Vielleicht auch, weil sie die war, die vorher den hauptteil der Pflege und Betreuung übernommen hat und sie gesehen hat, dass . wenn hier die Entlastung wegfällt, sie doch wieder sehr . sehr viel opfern und investieren muss. Aber ich hätte, ich hätt das auch deswegen bejaht weil ich mir gedacht habe wenn es die Möglichkeit gibt, das legal zu machen, dann ist es gut, wenn man die Möglichkeit hat, das auch . ja . durchzuführen. Aber ich halts trotzdem für einen großen teil der Pflegenden in Österreich, dass an den finanziellen Mitteln nach wie vor scheitert. (Interview 13, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 779ff.) Während Georg Aigner vor der Regulierung kein rechtliches Modell sieht, mittels dem er seine Mutter auf regulärem Wege betreuen und pflegen lassen kann, gestaltet sich dies mit Aufkommen der Regulierung anders. hier kommt es zu einer »rechtliche[n] Lösung« – also zu einer Funktion, die die gestellte Aufgabe erfüllt. Während Georg Aigner sein irreguläres Beschäftigungsverhältnis damit legitimierte, dass keine Möglichkeit eines regulären Carings gegeben war, so ist dies nach der Regulierung für ihn nicht mehr möglich, wie die nachfolgende Äußerung zeigt: »Es hat sich verändert, dass man gedacht hat, ok, wenns jetzt eine rechtliche Lösung gibt, die vielleicht auch nicht so . mir besonders DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 168 erscheint, aber wenns eine rechtliche Lösung gibt, dann kann ich mich auch nicht mehr darauf berufen, dass es in Österreich diese Möglichkeit nicht gibt.« Georg Aigner begreift die Rechtsnorm an dieser Stelle als Annäherung an die seine handlungen vor der Regulierung informierende soziale Norm des ›guten Carings‹, das macht die Formulierung des »gesetzlichen Rahmen[s]«, hier verwendet im Sinne eines die bestehenden sozialen Praxen einfassenden Gerüsts, deutlich. Die Regulierung wird von ihm jedoch nicht als Glanzstück präsentiert, sondern als bemühte Unternehmung des Staates, sich den Bedürfnissen der Betroffenen anzunähern: Von einem »Versuch« ist da – möglicherweise – negativ bewertend die Rede. In Betracht gezogen werden muss diesbezüglich, dass die Zahl der Anmeldungen von Gewerben zum Zeitpunkt des Interviews noch recht niedrig war. Insofern kann das Substantiv »Versuch« auch auf die noch offene Frage verweisen, ob die Regularisierung in der Zukunft tatsächlich faktische Geltung erlangen, mithin politisch erfolgreich sein würde. Weiter bewertet Georg Aigner die Regulierung jedoch als »sehr ungenügend«. Weiter unten führt er aus, wo es seiner Meinung nach an Reformen mangelt. Es entsteht in diesem Zusammenhang der Eindruck, dass ihm die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ zu wenig grundsätzliche Veränderungen im Bereich der Pflege angestoßen hat. So erzählt er, dass sich diesbezüglich »sehr viel verändern« müsste, wie der nachfolgende transkriptauschnitt zeigt: G.A.: Ah, ich glaube, das sich in diesem Bereich sehr viel verändern müsste. Ich glaube, dass sich mal an der Ausbildung sehr viel verändern müsste. Ich glaube, dass es ganz wichtig wäre, in Österreich eine Ausbildung für Altenpflege zu haben, die gleichgestellt ist mit einer diplomierten Gesundheits-Krankenschwester, ja? Das halte ich einmal für ganz eminent wichtig. Ich glaub, dass die Pflege ah, die Pflege der Alten und Dementen in Österreich, die Leute, die das übernehmen, sind immer Menschen zweiter Klasse. Was die Gesundheitsberufe anbelangt. Und sind auch größtenteils nicht ja gut ausgebildet, weil sie nicht speziell auf die Altenpflege ausgebildet wurden. --- Das halte ich für unbedingt reformbedürftig. Und im Zuge dessen vielleicht auch, dass es dann genügend Kräfte gibt, die sagen, »ok mich interessiert die Arbeit in der privaten Pflege mehr als die Arbeit in einem Pflegeheim«, und wo man dann eine Krankenpflege im privaten Bereich anstellen könnte, wo man sagt, hier ist eine 24-Stunden-Pflege möglich. Ich glaube, dass es wirklich sehr an der Ausbildung mangelt und das ist schon Sache des Gesetzgebers, das zu regeln. --- Und denke ich da könnte man sich überlegen, die Pflege privat vielleicht mehr zu stützen, mehr zu fördern. (Interview 13, Transkriptausschnitt 4, Zeilen 860ff.) DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 169 Grundsätzlich wünscht Georg Aigner sich, dass der Bereich des Carework im Privathaushalt gegenüber der heimunterbringung künftig bevorzugt wird. Gelingen könne dies, wenn man die Ausbildung professionalisieren und die Arbeit aufwerten würde. Es sei nicht hinnehmbar, dass die Altenpflege als tätigkeit noch immer so unattraktiv sei. Es brauche ein größeres Interesse der professionellen AltenpflegerInnen, in Privathaushalten zu arbeiten. Zudem müssten zu diesem Zweck größere Subventionen für das Caring im Privathaushalt bereitgestellt werden. Dennoch: Die eigentlich ›durchgefallene‹, da »sehr ungenügend[e]« Regulierung steht einer rechtskonformen handlungsorientierung Georg Aigners nicht entgegen, wie unter anderem der Satz »[a]lso wir hätten gesagt, ja, wir nehmen das in Anspruch« des dritten transkriptausschnitts deutlich macht. Gab es vor der Regulierung kein gangbares Angebot, so ist fortan eine »Möglichkeit« gegeben, die er auch gern ergreift. Erstens wird an dieser Stelle deutlich, dass Georg Aigner das Gesetzespaket akzeptieren kann, da die Rechtsnorm sich auf die für ihn relevante soziale Norm zubewegt – wenn auch mehr schlecht als recht. Damit ist Bourdieus theoretische Feststellung empirisch eingeholt, dass Normkonformität graduell immer auch einen gewissen Grad an übereinstimmendem Interesse der AkteurInnen zur Voraussetzung hat (Bourdieu 1987b: 840; vgl. 2.2.3; vgl. zu dieser Annahme theoretisch auch Opp 2010: 57). Etwas genauer lässt sich Georg Aigners rechtskonforme handlungsorientierung mit einem bereits früh von Matthew Silberman (1976) und Charles tittle (1977) beschriebenen Prinzip fassen: Diese weisen im Rahmen quantitativer Untersuchungen auf die hohe Wahrscheinlichkeit einer normkonformen handlungsorientierung bei relativer Übereinstimmung von rechtlichen und sozialen Normen hin. Aus der Normkonkurrenz wird mithin eine relative Normkonvergenz. Nicht geteilt wird an dieser Stelle jedoch die generalisierte hinterstehende Vermutung Silbermans und tittles: Beide gehen in Differenzierung der Abschreckungstheorie (vgl. 2.2) davon aus, dass weniger das gesetzliche Ge- beziehungsweise Verbot, sondern die soziale Peer-Group wirkmächtig ist. Am Beispiel Georg Aigners zeigt sich, dass es weniger soziale Lernprozesse beziehungsweise Pressuren sind, die hier eine rechtskonforme handlungsorientierung bedingen, sondern dass etwas Drittes an dieser Stelle eine Rolle spielt, das ich in Bourdieu’schen termini als spezifischen dispositionalen Bezug zu Recht und Staat beschreiben möchte und das aufgrund seiner relativen Unbestimmtheit bezüglich der generalisierten Akzeptanz von beidem nahezu eine »motivlose[...]« (Luhmann 2001[1969]: 28; vgl. auch 2.2) Rechtsbefolgung anregt. hinweise auf eine solche Deutung ergeben sich aus der Beobachtung, dass die Installation der Rechtsnorm bei Georg Aigner für die Negation der Legitimität des irregulären handelns sorgt, und zwar unabhängig von ihrem Inhalt. Sofern die Regulierung auf die gesetzliche Einhegung der DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 170 ›24-Stunden-Pflege‹ im Privathaushalt abstellt, ist es gleichgültig, als wie »ungenügend« die neue Regelung von Georg Aigner betrachtet wird – das Argument, dass es, wie vor der Regulierung, keine Möglichkeit für eine reguläre Beschäftigung gibt, läuft für ihn fortan ins Leere. Der bereits oben zitierte teilsatz des dritten transkriptausschnitts, »wenns jetzt eine rechtliche Lösung gibt, die vielleicht auch nicht so . mir besonders erscheint, aber wenns eine rechtliche Lösung gibt, dann kann ich mich auch nicht mehr darauf berufen, dass es in Österreich diese Möglichkeit nicht gibt«, macht dies deutlich, ebenso die etwas weiter unten getätigte Äußerung »[a]ber ich hätte, ich hätt das auch deswegen bejaht, weil ich mir gedacht habe, wenn es die Möglichkeit gibt, das legal zu machen, dann ist es gut, wenn man die Möglichkeit hat, das auch . ja . durchzuführen.« Damit ist umschrieben, dass es vor diesem hintergrund für ihn unmöglich wird, sich auf den früheren Missstand der Versorgungslücke zu berufen. Es entsteht in diesem Zusammenhang weniger der Eindruck sozialen Normdrucks als eines reziproken Verhältnisses, das Georg Aigner zwischen sich und dem Recht und/oder dem Staat aufrechterhält. Unternimmt ›der Staat‹ zumindest den »Versuch« einer Verbesserung der Situation, schafft dieser also zumindest irgendeine »Möglichkeit« für eine reguläre Beschäftigung, so ist diese von Georg Aigner affirmativ zur Kenntnis zu nehmen. Die Regulierung stellt sich für ihn, darauf weist der Begriff der »Möglichkeit« hin, konkreter als Angebot dar, das jedoch weniger zur teilhabe einlädt als dass es – moralisch gesättigt – zu ihr verpflichtet. Die Regulierung, so hat es den Anschein, wird von Georg Aigner als legitim angesehen, weil das Kollektiv, an dem er teil hat – und zu diesem gehört konstitutiv das Rechtssystem –, von ihm allgemein als legitim angesehen wird. hierauf verweisen seine anfangs untersuchten Bemühungen, im Rahmen eines radikalen StaatsbürgerInnenverständnisses eine Lösung für die irregulären Beschäftigungsverhältnisse zu erwirken. Es kann hier davon ausgegangen werden, dass die motivlose Befolgung im Kontext einer grundsätzlichen Zustimmung zu Recht und Staat, mithin im Zusammenhang mit einem Glauben an die Illusio des rechtlichen und des politischen Feldes, zu verorten ist: Georg Aigner vermittelt den Eindruck, das Ereignende würde sich für ihn im Rahmen einer richtigen, gerechten Ordnung abspielen. In termini der bewusstseinstheoretisch geprägten klassischen Rechtssoziologie wäre hier von einem allgemeinen affirmativen Rechtsbewusstsein beziehungsweise Bewusstsein für die bestehende Ordnung zu sprechen, welches sich gleichsam unspezifisch auf die spezifische Regelung der ›24-Stunden-Pflege‹ überträgt. Von sozialem Druck ist an dieser Stelle nicht auszugehen, weil Georg Aigner die Regulierung für sich allein auf politischer Ebene verhandelt. Auf die Möglichkeit, dass Rechtskonformität etwa auf Grundlage eines generalisierten Vertrauens zum Staat zustande kommen kann, DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 171 hat früh schon Franz-Xaver Kaufmann hingewiesen (Kaufmann 1973: 305ff.; vgl. Opp 2010: 54). tom tyler geht etwas spezifischer davon aus, dass ein grundsätzliches (und mithin unspezifisches) Legitimitätsgefühl gegenüber rechtlichen Autoritäten Rechtskonformität fördert (tyler 2006: 170ff.)4. In Anlehnung an Marshall Clinard und Robert Meier (2011[1963]) sowie travis hirschi (1969) kann weiter davon gesprochen werden, dass es (subjektive) Inklusionserfahrungen (und damit, so wäre zu ergänzen, Identitätsangebote) sind, mit denen die rechtskonforme handlungsorientierung korrespondiert. Dazu passt, dass Georg Aigner sich normalerweise rechtsbewusst verhält, wie er erzählt – »wo es nicht sein muss«, agiere er ungern »in einem rechtsfreien Raum«, einem territorium also, in dem Gesetze inexistent beziehungsweise unwirksam sind. Mit der neu geschaffenen »Möglichkeit« sieht er diese Notwendigkeit nun nicht mehr gegeben. Die grundsätzliche rechtsaffine Disposition Georg Aigners sowie sein reziprokes Verhältnis zu den Aktivitäten der Pflegepolitik treffen sich dabei glücklich mit der Sorge der Schwester, dass die irregulären Beschäftigungen auffliegen könnten und sie dann – wie in der Vergangenheit – wieder diejenige wäre, die einen Großteil der ›24-Stunden-Pflege‹ übernehmen müsste. Das bisherige Argument einschränkend und gleichzeitig ergänzend ist zuletzt in Rechnung zu stellen, dass die Leistbarkeit der regulären Lösung für Georg Aigners rechtskonforme handlungsorientierung Voraussetzung ist. Im Interview beschreibt er, dass seine Familie die nötigen finanziellen Mittel habe, um auch eine regularisierte Beschäftigung aufrecht erhalten zu können. Seine Mutter hätte selbst einen beträchtlichen teil beisteuern können, und auch eine Bezuschussung durch die Kinder wäre in Frage gekommen. Die Begriffsverwendung »gottseidank« im dritten transkriptausschnitt weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Georg Aigner dies für einen positiven, möglicherweise auch erleichternden Glücksfall hält. Mit dem Umstand, die nötigen finanziellen Mittel ohne Probleme aufbringen zu können, grenzt Georg Aigner sich von der großen Menge jener Angehörigen ab, für die genau die finanzielle Seite der Regulierung ein Problem darstellt: Der »Durchschnittsmensch« könne die reguläre ›24-Stunden-Pflege‹ nicht bezahlen (er spricht hier von den bei zwei Care workers hinzukommenden mehreren hundert Euro für die Sozialversicherung, die jedoch im Verlauf der Regulierung durch die Möglichkeit, eine zusätzliche Förderung zu beantragen, vollständig kompensiert wird), mithin bleibe diesem die Regularisierung als Option verwehrt. Wiederholt geht Georg Aigner darauf ein, dass das geschaffene Modell 4 Die dem Argument zugrundeliegende Prozeduralitätsannahme, der zufolge Rechtskonformität im Rahmen direkter Interaktionen mit Rechtsinstitutionen zustande kommt (tyler 2006: 272ff.), kommt hier allerdings nicht zum Zuge. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 172 nicht für alle Angehörigen finanzierbar sei. Wer über die finanziellen Mittel nicht verfügt, scheint von der Pflicht der Rechtsnormbefolgung in Georg Aigners Augen jedoch entbunden, darauf weist der Umstand hin, dass er auch hier strukturelle Faktoren dafür verantwortlich macht, dass für viele Pflegehaushalte Finanzierungslücken bestünden. Zum einen würden die meisten nicht besonders viel verdienen, zum anderen seien es pflegepolitische Gegebenheiten, die weiterhin grundlegend umstrukturiert gehörten. Insofern er die finanziell bedingten Rechtsbrüche nicht individuell zuschreibt, entbindet eine geringe finanzielle Ausstattung in Georg Aigners Augen von der Moral. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch, dass ökonomisches Kapital moralisch zur Regularisierung verpflichtet. 4.1.2 Das Recht auf soziale Absicherung Am Beispiel von Simona horváthová zeige ich auf, wie Careworkers reguläre handlungsorientierungen ausbilden, weil sie das geschaffene Gesetzespaket als ›Angebot‹ begreifen, das ihnen erstmals einen Zugang zum österreichischen Sozialversicherungssystem ermöglicht. Im Unterschied zu Georg Aigner wird am exemplarischen Fall von Simona horváthová deutlich, dass diesbezüglich weniger moralische Verhaftungen im Rahmen eines besonderen Naheverhältnisses zum Staat relevant werden, sondern dass vor dem hintergrund der Erfahrung eingeschränkter teilhabechancen in Österreich pragmatische Erwägungen im Vordergrund stehen. Notwendige Bedingung der hier ausgebildeten rechtskonformen handlungsorientierung ist jedoch dennoch der Glaube an die Richtigkeit des Rechts, mithin an die rechtliche Illusio. Der Kontakt zu Simona horváthová entstand über das persönliche Netzwerk eines interviewten Angehörigen, der sich angeboten hatte, sich in seinem Bekanntenkreis nach weiteren InterviewpartnerInnen umzuhören. Zu Simona horváthová vermittelte er mir telefonischen Kontakt. Auf diesem Weg wurde ein termin für die Zeit ihres turnus’ in Österreich vereinbart. Das Interview fand im Dezember 2008 in einer größeren Stadt in Westösterreich statt. Es dauerte eine Stunde und 45 Minuten. Simona horváthová ist slowakische Staatsbürgerin und zum Zeitpunkt des Interviews 43 Jahre alt. Sie ist geschieden, führt aber eine Beziehung mit einem in Österreich wohnhaften Partner, einem Angehörigen einer inzwischen verstorbenen Pflegebedürftigen. Simona horváthová war nie bei ihm beschäftigt, sondern die beiden kennen sich über einen gemeinsamen Kreis von Bekannten, der über die ›24-Stunden-Pflege‹ entstand. Die Interviewte ist seit 15 Jahren Alleinerziehende zweier fast erwachsener töchter, für die sie nahezu selbständig aufkommt, da ihr früherer, im Ausland lebender Mann nur äußerst unregelmäßig DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 173 Unterhalt zahlt. Im Rahmen der von mir interviewten Careworkers ist Simona horváthová die einzige, deren Lebensmittelpunkt sich mittlerweile nach Österreich verlagert hat. teils lebt sie im Nordosten der Slowakei in einer größeren Stadt, in der sie eine Wohnung angemietet hat, teils im haus ihres etwa 100 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt auf dem Land lebenden Freundes. Möglich ist ihr diese Lebensweise, weil ihre beiden töchter bereits ausgezogen sind. Zur ›24-Stunden-Pflege‹ kommt Simona horváthová, weil ihre bisherigen Beschäftigungen ihr ein zu geringes Einkommen einbrachten. Als ausgebildete Kosmetikerin unterhielt sie einige Jahre lang einen Kosmetiksalon. Da diese Arbeit für sie nicht einträglich genug war, gab sie den Salon auf und begann, als Parfumvertreterin zu arbeiten. Für Simona horváthová stellte sich hierbei jedoch schnell das Problem, dass die tätigkeit starken Einkommensschwankungen unterlag – für sie ein nicht hinnehmbarer Unsicherheitsfaktor, der es ihr unmöglich machte, ihr Leben planend zu gestalten. Auch vermittelt sie, dass sie sich mit einem derart unregelmäßigen Einkommen ihrer Mutterrolle nicht mehr gerecht werden sah. Es ist vor allem dieser hintergrund, der Simona horváthová die ›24-Stunden-Pflege‹ als attraktiv erscheinen lässt. Zusätzlich erhoffte sie sich, neben ihrer Beschäftigung als Careworker ein Studium absolvieren zu können. Bereits nach zwei Semestern zeigt sich jedoch, dass die finanziellen Mittel hierfür nicht ausreichen. Simona horváthová sieht sich deshalb gezwungen, das Studium zu beenden. Zum Carework kommt sie über ihre bereits in der ›24-Stunden-Pflege‹ tätige Cousine, die ihr ein Beschäftigungsverhältnis in Deutschland vermittelt. Schnell erscheint es ihr jedoch attraktiver, in Österreich zu arbeiten – nicht allein, weil die Bezahlung höher ist. Ebenso wichtig ist es Simona horváthová, dass die turnusse, in denen sie als live in mit im haushalt der Pflegebedürftigen lebt, in Österreich kürzer sind. In Deutschland arbeitet sie in sechswöchigen turnussen, in Österreich hingegen orientiert sich Simona horváthovás Rhythmus an der dort verbreiteten, erheblich kürzeren Periode von zwei Wochen. Die lange Zeit, die sie im haushalt der Pflegebedürftigen verbringen muss, schildert sie jedoch auch in ihrem heutigen Beschäftigungsverhältnis als das eigentlich anstrengende. Obwohl sie die Arbeit gerne macht und es schätzt, dass sie Menschen im Rahmen ihrer Beschäftigung helfen kann, fühlt sie sich im Pflegehaushalt »unfrei« und wie »in einem goldenen Käfig«. Nach zwei Wochen im haushalt ist sie vor allem aufgrund dessen sehr erschöpft, – »fertig«, wie sie es ausdrückt. Zur Zeit des Interviews pflegt Simona horváthová eine 93-jährige Frau, die sie rundum versorgt: Simona horváthová unterstützt diese beim Waschen und Anziehen und hebt sie in und aus dem Rollstuhl. Zudem strukturiert sie der Pflegebedürftigen den tag und bereitet ihr das Essen zu. Simona horváthová ist darüber hinaus für die Reinigung des haushalts zuständig. Mit ihrer Arbeitsstelle ist sie – zumindest im DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 174 Vergleich zu den Bedingungen in ihren vorigen Pflegehaushalten und jenen, die sie aus Erzählungen anderer Careworkers kennt – relativ zufrieden. Zwar vertritt sie die Auffassung, dass die Putzarbeit nicht zur ›24-Stunden-Pflege‹ dazugehört. Sie schildert jedoch, dass die Ansprüche der Familie diesbezüglich nicht besonders hoch sind, so dass der Arbeitsaufwand sich zumindest einigermaßen in Grenzen hält. Ein Unsicherheitsfaktor ist für sie jedoch auch hier das gelegentliche Schwanken der Lohnhöhe: Simona horváthová erzählt, dass die eigentlich wohlhabende Familie von Zeit zu Zeit versucht, den ausgemachten Lohn sowie Extrazahlungen zu kürzen. Zwar gelingt es ihr zumeist, die Familie davon zu überzeugen, dass es bei dem vereinbarten Einkommen bleiben muss. trotzdem macht sie der Umstand, dass dies sich plötzlich und unvorhergesehen ändern könnte, »immer wieder ganz nervös«. Unterstützung im ideellen Sinn erfährt Simona horváthová über ein informelles Netzwerk von Careworkers, an dem sie während ihrer turnusse in Österreich teil hat. Es besteht aus einem Zusammenschluss von Frauen, die in der Slowakei und in Österreich in der gleichen Region leben und arbeiten. Mittels des informellen Netzwerks unterstützen sich diese in schwierigen Situationen telefonisch; zudem übernehmen sie für einander Besorgungen. Welcher Umgang nun lässt sich bei Simona horváthová mit der Frage der Regularisierung feststellen? Für Simona horváthová ist diese grundsätzlich wichtig, um sich im Alter finanziell absichern zu können. Nachfolgend zeige ich auf, wie derart pragmatische Erwägungen im Vordergrund stehen. Den untenstehenden transkriptausschnitt stelle ich der Analyse voran. S.h.: Seit Jänner 2008 bin ich angemeldet. Die Familie war daran interessiert. Der Sohn hm hat uns alles Notwendige aus dem Internet heruntergeladen. Es war der Sohn . der das alles in die Wege geleitet, das alles gemacht hat. . Wir haben noch gesagt, dass genug Zeit ist. Dass, dass er sich noch Zeit lassen kann, noch nicht jetzt anmelden muss. Ich war damit einverstanden, weil, da es zu meiner Pension dazu gerechnet wird. Wenn man arbeitet, will man dafür genug Geld bekommen, ja und will doch auch, dass die Arbeitsjahre zur Pension dazu gerechnet werden. Wobei, es ist so, dass .. also die Auswahl Anstellung oder selbständig, die gibt es ja in . in der Praxis nicht. Die Familie wählt sich das aus, was für sie vorteilhaft ist. .. Bei mir war es so, ich konnte . nur das nehmen, was sie mir angeboten haben. Wäre es nach mir gegangen, also . ich hätte eine Anstellung bevorzugt, damit ich, wenn ich krank bin, Geld bekomme . Krankengeld. ((lacht)) Das wäre viel besser, hätte dann . bezahlten Urlaub und man kriegt, also . für die Feiertage kriegt man mehr Geld. Aber ich muss dran denken, vielleicht mache ich diese Arbeit noch lang, vielleicht . was weiß ich, noch DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 175 die nächsten zehn Jahre. Ah . man weiß nicht. Dann wäre es so, dann . brauche ich die Arbeitsjahre für meine spätere Pension. Ich will schon, ich möchte später eine Pension in Österreich bekommen. Ich muss mich aber, also es ist wichtig, dass ich mich noch genauer informiere, wie es mit der Pension dann wird. Da hoffe ich, dass das in der Slowakei geht, dass . ich da Informationen finde. Es ist nämlich so, also in Österreich ist es für mich schwierig, an Informationen zu kommen, wegen der Sprache. Geht nur schlecht, weil alles auf deutsch ist. I.: Ja. S.h..: Das übrigens . war auch bei der Anmeldung so. Ich hatte . gleich Angst vor den Formularen bei der Anmeldung, da die alle auf deutsch sind. Da musste, also da hab ich mich darauf verlassen, dass die Familie mir gegenüber korrekt sein wird. Die Familie hat mir damit geholfen. Musste sie! Ich hatte . im Jänner gab’s keine slowakische Übersetzung, aber seit kurzem gibt es eine. . Alle notwendigen Dokumente sollten auf slowakisch sein, sonst weiß man nicht, was man da unterschreibt. (Interview 10, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 378ff.) Simona horváthová schildert zunächst, dass der Angehörige der Pflegebedürftigen die Regularisierung initiiert. Auf Zustimmung stößt dies bei ihr, weil mit der Regularisierung für sie Sozialversicherungsansprüche entstehen. Deutlich wird aber auch, dass sie später als der Sohn der Pflegebedürftigen anmelden möchte. Der hinweis vonseiten Simona horváthovás und ihrer Kollegin gegenüber dem Sohn, dass eine Anmeldung zum Januar 2008 noch nicht notwendig ist, »dass genug Zeit ist« und er sich »Zeit lassen« kann, verweist darauf, dass Simona horváthová die Regularisierung hinauszögern möchte, obwohl sie an einer Regularisierung ihrer Situation interessiert ist. Indem Simona horváthová die Position vertritt, dass der Sohn »noch nicht jetzt anmelden muss«, weist sie indirekt auf die verschiedenen von der Regierung inkrementell installierten Aussetzungen von Verwaltungsstrafbestimmungen hin, von denen die letzte Ende Juni 2008 auslief (vgl. 2.1.5). Diese ermöglichen es den Betroffenen, mithin auch ihr, die Regularisierung legitimerweise straffrei aufzuschieben. Für die Anmeldung den letztmöglichen straffreien Zeitpunkt zu wählen, ist ein Aspekt, der häufig eine Rolle spielt, um den Kosten für die Sozialabgaben zeitweilig zu entgehen. Auch bei Simona horváthová scheint dieser Gedanke eine Rolle zu spielen. Obwohl sie – da sie Sozialversicherungsansprüche erwerben möchte – der Regulierung grundsätzlich mit einer rechtskonformen handlungsorientierung gegen- über steht, ist hier davon auszugehen, dass sie über den Zeitraum der ausgesetzten Verwaltungsstrafbestimmungen den kurzfristigen Gewinn DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 176 der langfristigen Absicherung vorzöge, könnte sie den Anmeldezeitpunkt selbst bestimmen.5 Der Wunsch, zu regularisieren, ist für Simona horváthová nun vorrangig durch den Wunsch nach einer Absicherung vor dem ›Risiko Alter‹ informiert; darauf weist die Erstnennung der thematik ›Pension‹ sowie die Länge des Abschnitts hin. Weiter wird die Zentralität des themas ›Altersvorsorge‹ deutlich, da diese im Anschluss an den ersten transkript ausschnitt zusammenfassend noch einmal aufgegriffen wird; diesmal gepaart mit der Absicherung vor dem ›Risiko Krankheit‹: S.h..: hm. Die Pensionsversicherung, Krankenversicherung . das ist wichtig. . In meinem Alter ist es wichtig, regelmäßig zu den Untersuchungen hinzugehen, hier präventiv anschauen zu lassen, ob alles gut ist. Ich ha- habe nämlich . bestimmte Probleme mit dem Magen. Da ist das für mich . besonders wichtig. (Interview 10, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 405ff.) Wie ist Simona horváthovás Interesse an den Sozialversicherungsansprüchen näher zu charakterisieren? Im ersten transkriptausschnitt verallgemeinert sie ihre subjektive Motivation, ihr Beschäftigungsverhältnis regularisieren zu wollen, weil damit etwas zu ihrer »Pension dazugerechnet wird«. Das von ihr formulierte Anliegen, im Rahmen der eigenen Arbeit auch für die Pension sparen zu wollen, wird von ihr als normale, da allgemein verbreitete Motivation dargestellt. Deutlich wird dies an der Verwendung des in den nachfolgenden Satz eingelassenen Indefinitpronomens »man«, das für allgemeine unbestimmte Personen im Singular oder Plural steht: »Wenn man arbeitet, will man dafür genug Geld bekommen, ja und will doch auch, dass die Arbeitsjahre zur Pension dazu gerechnet werden.« Die Regulierung wird von Simona horváthová mithin als Angebot begriffen, wenn auch in anderer Weise als beim Angehörigen Georg Aigner. Simona horváthová stellt ihre rechtskonforme handlungsorientierung nicht in den Kontext einer moralischen Bindung an Recht und Staat, sondern sie thematisiert mit den ›normalen‹, selbstverständlichen Rechtssicherheiten, die »man« beanspruchen will, wenn »man« einer Arbeit nachgeht, scheinbar auf der hand liegende pragmatische Gesichtspunkte, die allen ArbeitnehmerInnen einleuchten sollten. 5 Der Umstand, dass der Angehörige der Pflegebedürftigen den Anmeldezeitpunkt bestimmt, obwohl es vor allem Simona horváthová ist, die mit der Regularisierung als Gewerbetreibende als Rechtsperson adressierbar wird, verdeutlicht, dass die Regularisierung nicht in Interaktion unter Gleichen, sondern in asymmetrischen Machtbeziehungen ausgehandelt wird, wie sie für ArbeitnehmerInnen-ArbeitgeberInnen- Beziehungen (und in besonderem Maße in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungsfeldern) strukturgebend sind. An einem anderen exemplarischen Beispiel (vgl. 4.5.1) komme ich auf diesen Aspekt noch ausführlicher zu sprechen. DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 177 Wie Georg Aigner, so ist sich Simona horváthová jedoch auch bewusst, dass die Regularisierung Leerstellen aufweist. Deutlich wird dies etwa an der Stelle, an der sie hinsichtlich der Art der Anmeldung eine Unterscheidung vornimmt – und damit die bessere Sozialversicherungsleistung im Anstellungsverhältnis der schlechteren Absicherung im Selbständigenmodell gegenüberstellt. So schildert sie – ebenfalls im ersten transkriptausschnitt –, dass das rechtliche Modell der Anstellung de facto nicht zur Disposition steht: »Wobei, die Auswahl Anstellung oder selbständig gibt es in der Praxis nicht«. Der zunächst positiv herausgestellte Aspekt der Pensionsversicherung erfährt so, das verdeutlicht das den Satz einleitende Präpositionaladverb »wobei«, eine Einschränkung. Als Ursache für dieses Negativum stellt Simona horváthová das ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachte Interesse der Familie bei der Wahl des Beschäftigungsmodells heraus: »Die Familie wählt sich das aus, was für sie vorteilhaft ist.« Ihren eigenen handlungsspielraum beschreibt sie demgegenüber als eingeschränkt, wie der Folgesatz »Bei mir war es so, ich konnte . nur das nehmen, was sie mir angeboten haben«, zeigt. Simona horváthová verweist in diesem Zusammenhang auf die Entscheidungsmacht des Pflegehaushaltes darüber, welches Beschäftigungsmodell ausgewählt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ihre Entscheidungsmacht sich allein zwischen den Polen ›irreguläre Arbeit‹ und ›reguläre selbständige Arbeit‹ bewegt. Weiter schildert sie kohärent, dass sie das Angestelltenverhältnis klar bevorzugt hätte. Dieses rückt sie dabei in ein ausschließlich positives Licht: »Wäre es nach mir gegangen, also . ich hätte eine Anstellung bevorzugt, damit ich, wenn ich krank bin Geld bekomme . Krankengeld. ((lacht)) Das wäre viel besser, hätte dann . bezahlten Urlaub und man kriegt, also . für die Feiertage kriegt man mehr Geld.« In Bezug auf die Anstellung thematisiert Simona horváthová mithin sozialversicherungsrechtliche Aspekte, die sie dem Selbständigenstatus gegenüberstellt. Konkreter werden von ihr die Absicherung des sozialen Risikos ›Krankheit‹, der rechtliche Anspruch auf die Vergütung von Urlaub sowie die bessere Vergütung von Feiertagen genannt. hinzu kommt, dass Simona horváthová sich in Bezug auf das für sie sozialversicherungsrechtlich relevante Moment – den Pensionsanspruch – nicht genügend informiert sieht. So formuliert sie etwas weiter unten, dass sie in Bezug auf die Pensionsansprüche im Rahmen der Selbständigkeit unbedingt noch Informationen einholen möchte: »Ich muss mich aber, also es ist wichtig, dass ich mich noch genauer informiere, wie es mit der Pension dann wird.« Innerhalb der Konformitätsforschung wurde vereinzelt darauf hingewiesen, dass die Rechtsinhalte den sozialen AkteurInnen insbesondere bei inkrementaler Rechtsentwicklung häufig unbekannt sind (Feest 1968: 448). Diese Beobachtung ist auch für die vorliegende Regulierung zutreffend, wie untenstehend noch deutlich DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 178 werden wird (vgl. hierzu z.B. 4.3.1). Eine besondere Zuspitzung erfährt dieser Umstand jedoch, wenn im Regulierungsprozess soziale Gruppen von den Implementationspolitiken der Verwaltung nahezu gänzlich ausgespart bleiben. So sieht Simona horváthová Wissenslücken bestehen, weil Informationen zur Regulierung ausschließlich auf Deutsch zur Verfügung stehen und ihre Sprachkenntnisse hierfür nicht ausreichen: »Es ist nämlich so, also in Österreich ist es für mich schwierig, an Informationen zu kommen, wegen der Sprache. Geht nur schlecht, weil alles auf deutsch ist.« Weiter schildert sie, dass auch der Gedanke nach auszufüllenden Formularen bei ihr spontan ein Gefühl der Angst aufkommen ließ, da sie vermutete, dass sie deren Inhalte aufgrund ihrer fehlenden linguistischen Kompetenz (vgl. Bourdieu 1979: 180) nicht verstehen würde: »Ich hatte . gleich Angst vor den Formularen bei der Anmeldung, da die alle auf deutsch sind.« Simona horváthovás subjektive Sichtweise steht an dieser Stelle exemplarisch für alle von mir interviewten Care workers, die hinsichtlich der Regulierung problematisieren, dass sie Schwierigkeiten haben, sich zu informieren. Verständnisprobleme bestehen insofern nicht nur bei Simona horváthová noch über den Anmeldevorgang hinaus. Wenn Simona horváthová hoffnung bezüglich der Option formuliert, sich in der Slowakei informieren zu können, so steht sie auch hiermit keineswegs allein. Feldrecherchen zeigen aber, dass die Informationen zur Regulierung über den gesamten Zeitraum der Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ nahezu ausschließlich auf Deutsch zur Verfügung stehen.6 Aufgrund der Sprachschwierigkeiten hat Simona horváthová in der Folge keine andere Wahl, als die Anmeldung durch den Sohn der 6 Dies gilt etwa für allgemeine Beratungsangebote wie beispielsweise die Informationshotline zur ›24-Stunden-Pflege‹ des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMSG beziehungsweise BMSK), die Website mit allgemeinen Informationen (Infoblatt, Broschüre) zur 24-Stunden-Betreuung oder die Amtshilfe-Website für Österreich. Die Wirtschaftskammer (WKO) als Vertretung der UnternehmerInnen stellt erwartungsgemäß nur Informationen zum Anmeldeverfahren im engeren Sinne bereit. Auch die unter anderem an die Careworkers adressierte zentrale Website zur Personenbetreuung bietet gegenüber dem über 30-seitigen, ausführlichen Leitfaden auf Deutsch (Wirtschaftskammer 2009) jeweils nur Merkblätter mit sehr knappen Informationen zum Anmeldeverfahren und den dafür notwendigen Formularen in den Fremdsprachen Polnisch, Slowenisch, Slowakisch, tschechisch und Ungarisch (Wirtschaftskammer 2010b) an – und dies auch erst gegen Ende der Aussetzung der sozial- und arbeitsrechtlichen Verwaltungsstrafbestimmungen. Angebote von der Wirtschaftskammer wie beispielsweise ›Sprechtage zur Pflegeanmeldung‹, wie sie vor Ende der ›Amnestie‹ angeboten wurden, sind trotz des titels der Veranstaltung nicht speziell auf Carework im Privathaushalt, sondern allgemein auf Unternehmensgründungen ausgerichtet. Auch sie werden zu diesem Zeitpunkt nur auf Deutsch oder ›zur Not‹, wie telefonisch erfragbar, auf Englisch oder türkisch durchgeführt. Die slowakischen Medien nehmen das thema DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 179 Pflegebedürftigen vornehmen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass dieser verantwortungsvoll mit seiner Machtposition umgeht: »Da musste, also da hab ich mich darauf verlassen, dass die Familie mir gegenüber korrekt sein wird.« Von Simona horváthová unbemerkt oder zumindest unkommentiert bleibt zudem, dass die Informationen auch inhaltlich allein auf die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zugeschnitten sind. Während für diese Gruppe aus dem Informationsmaterial etwa finanzielle Vor- oder Nachteile ersichtlich werden, bleiben Fragen zur Ausgestaltung der Sozialversichungsansprüche bei selbständiger Personenbetreuung von den zuständigen Ministerien weitgehend unbearbeitet – und damit bis in die Regularität hinein unbeantwortet. Es stellt dies ein Machtdifferential dar, dass jenes zwischen ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn noch übertrifft. Es kann an dieser Stelle festgehalten werden: Simona horváthová ist bewusst, dass mit dem Selbständigenstatus eine vergleichsweise geringe sozialversicherungsrechtliche Absicherung einhergeht. Im Erwerb zumindest von Pensionsansprüchen sieht sie dennoch eine Notwendigkeit – gerade vor dem hintergrund, dass sie eine längerfristige Beschäftigung in der ›24-Stunden-Pflege‹ nicht ausschließt. Auf diese Weise erklärt sich im ersten transkriptausschnitt die mit dem Begriff »aber« als ungewöhnliche Folge des oben gesagten gerahmte Äußerung: »Aber ich muss dran denken, vielleicht mache ich diese Arbeit noch lang, vielleicht . was weiß ich, noch die nächsten zehn Jahre. Ah . man weiß nicht. Dann wäre es so, dann . brauche ich die Arbeitsjahre für meine spätere Pension.« Etwas nebensächlicher tritt demgegenüber der Krankenversicherungsanspruch in Erscheinung. Dies ist nachvollziehbar angesichts des Umstands, dass Simona horváthová vor der Regularisierung bereits in der Slowakei versichert war. Da sich ihr Lebensmittelpunkt in der letzten Zeit immer weiter nach Österreich verschiebt, ist jedoch ebenso denkbar, dass es ihr entgegenkommt, dort auch medizinische Vorsorgeuntersuchungen vornehmen zu lassen und nicht nur – wie im Fall einer Krankenversicherung in der Slowakei – in der Situation eines Notfalls einen Arzt aufsuchen zu können. Die pragmatischen Überlegungen, auf denen Simona horváthovás rechtskonforme handlungsorientierung fußt, weisen auf eine bewusste Präferenzentscheidung hin, wie sie als erklärendes Moment vor allem von den Ansätzen der Rationalen Wahl verwendet werden (vgl. 2.2.1). hierbei geht es jedoch nicht um negative, sondern um positive, das rechtskonforme handeln bedingende Anreize (vgl. hierzu in theoretischer hinsicht auch Opp 2010: 37): Die Regeln des Feldes, um es in den der Verrechtlichung erst mit etwa einjähriger Verspätung auf (Leidenfrost 2009), so dass Careworkers auch über diesen Weg nur schwer an Informationen gelangen können. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 180 termini Bourdieus zu formulieren, werden affirmiert, weil individuelle Vorteile antizipiert werden. Wie aber handelt es sich unter Einfluss faktischer Informationsdefizite in Erwartung positiver Sanktionen? Ich stelle hierbei auf subjektive, und mangels näherer Informationen beziehungsweise Kenntnisse der Rechtsinhalte Simona horváthovás, auf allgemeine Bezugnahmen auf das Recht ab. Mit Bourdieu lassen sich diese etwas konkreter als Glaube an die symbolische Ordnung des Rechts fassen. Die rechtliche Illusio, dies wurde vorangehend erörtert (vgl. 2.2.2), gibt sich den Charakter einer Gewährleisterin von Rationalität und Vorhersehbarkeit der Rechtsanwendung durch unabhängige Dritte innerhalb einer Regelstruktur, die scheinbar abseits von Einzelinteressen formuliert ist. Ein ebensolches Bild rechtlicher Selbstrepräsentation wird von Simona horváthová transportiert, wenn sie trotz Informationslücken eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbildet. So weiß die Befragte, wie obenstehend dargelegt, höchstwahrscheinlich nichts darüber, auf welche konkreten Ansprüche auf Pensionsleistungen sie später zugreifen kann. Dies wird von ihr jedoch nicht sonderlich problematisiert, insofern sie davon ausgeht, dass sie diese später auch sicher wird geltend machen können. So beschreibt sie, um aus dem ersten transkript ausschnitt zu zitieren, dass sie lediglich konkret in Erfahrung bringen muss, »wie es mit der Pension dann wird«. Offenbar kommen an dieser Stelle Vorstellungen von der Richtigkeit des Rechts zum Zuge, dergestalt, dass der gesetzlich festgeschriebene Pensionsanspruch in vielen Jahren auch in einen tatsächlichen Anspruch und in eine tatsächliche monetäre Vergütung münden wird. Dieses Vertrauen wird weiter nicht getrübt angesichts des Umstands, dass die Regularisierung nicht nur Risiken absichert, sondern dass Erfahrungswerte anderer Careworkers sie beobachten lassen, wie diese ebenfalls neue Risiken hervorbringt: S.h.: Ich mache mir . nur Sorgen wie es beim Familienwechsel wird. .. ((hustet)) Jetzt bezahlt die Familie die Sozialabgaben. Bei . einer neuen Familie muss ich darauf achten, damit sie mir die Sozialausgaben zahlen oder mir mehr Geld pro tag zahlen, damit ich die Sozialabgaben selber bezahlen kann. (Interview 10, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 502ff.) thema des Ausschnitts ist das ›Problem Familienwechsel‹. Simona horváthová stellt heraus, dass dieser mit der Regularisierung für sie problematisch geworden ist, da gleichzeitig auch zusätzliche Ausgaben – jene der an den Staat abzuführenden Sozialabgaben – hinzugekommen sind. Diesen zusätzlichen Betrag übernimmt in ihrem jetzigen Beschäftigungsverhältnis die Familie. Käme ein Arbeitsplatzwechsel auf Simona horváthová zu, wäre es möglich, dass sie die Abgaben fortan selbst tragen müsste und in der Folge weniger verdienen würde. Das Problem, das DIE REGULIERUNG ALS ›ANGEBOtSNORM‹ 181 Simona horváthová hier formuliert, zeugt von dem Umstand, dass die Frage, wer die zusätzlichen Kosten übernimmt, politisch beziehungsweise rechtlich ungeregelt geblieben ist. Zwar haben die Angehörigen die Möglichkeit, bei einer ›24-Stunden-Pflege‹ zusätzlich zum Pflegegeld eine Förderung zu beantragen, die die Sozialabgaben und die Kosten für das Gewerbe anfangs nahezu vollständig und später gänzlich abdecken. Ob der Pflegehaushalt eine solche Förderung beantragt und dann auch an die Careworkers weitergibt, ist jedoch eine Ermessensentscheidung (vgl. 2.1.5). Wie schon beim Anmeldevorgang zeigt sich auch an dieser Stelle exemplarisch, dass die Careworkers auf den good will der ArbeitgeberInnen angewiesen sind.7 Im Interview zeigt sich bezüglich der Erwartung an die Regulierung jedoch, wo die persönlichen Grenzen Simona horváthovás liegen, insofern diese strikt nur die Illusio des Rechts umreißen. Über mögliche, mit der Regularisierung sich verbessernde teilhabechancen macht sich Simona horváthová keine Illusionen. Zwar erwähnt sie, dass die generelle Akzeptanz in der Bevölkerung für die ›24-Stunden-Pflege‹ gewachsen ist, seitdem es die Möglichkeit zur Regularisierung gibt. Grenzen der teilhabe formuliert sie jedoch dort, wo das Einkommen sich weiterhin auf gleichem Niveau hält. Letzteres wird im nachfolgenden transkriptausschnitt deutlich. S.h.: Ich denke auch, dass unsere Löhne höher sein sollten. Wenn man immer nur zwischen der Slowakei und Österreich pendelt beziehungsweise das Geld in der Slowakei verbraucht, geht es noch, aber sobald man mehr Zeit in Österreich verbraucht und hier Freunde hat, die verstehen das nicht, dass ich für 50 Euro arbeite. hm. .. Es ist sehr schlecht bezahlt. Man kann nicht viel machen, muss immer aufs Geld schauen. Jetzt habe ich keine andere Möglichkeit, weil keine anderen Berufe legalisiert sind und in der Slowakei verdiene ich kaum was. Ich habe zwei Kinder, die ich seit 15 Jahren alleine ernähre und deswegen finanziell unabhängig sein muss und ja, diese Arbeit ermöglicht es mir. (Interview 10, Transkriptausschnitt 4, Zeilen 457ff.) Simona horváthová spricht obenstehend davon, dass mit der Regulierung eigentlich auch eine Verbesserung der Einkommen einhergehen sollte. Mit den Einkommen aus der ›24-Stunden-Pflege‹, so sagt sie, könne man noch gut zurechtkommen, solange man in Österreich kein Geld 7 Interessanterweise beschreibt die Arbeits- und Migrationssoziologie die Angewiesenheit auf den good will des Arbeitgebers vielfach für den Bereich der irregulären Beschäftigung (z.B. hess 2005; Karakayalı 2010). Die Sorge Simona horváthovás vor dem Familienwechsel zeigt an dieser Stelle, dass mit der Regulierung, da sie eine Scheinselbständigenregelung hervorbringt (vgl. 2.1.5), keine umfassende Rechtssicherheit geboten wird. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 182 ausgibt und ausschließlich in der Slowakei konsumiere. Sofern der Lebensmittelpunkt aber in Österreich liegt, stößt die Beschäftigung im sozialen Umfeld auf Unverständnis. Damit schildert sie die Einkommensbedingungen in aufsteigender hinsicht als problematisch: Während die Lebenshaltungskosten in der Slowakei gedeckt werden können, ist dies, so suggeriert sie, nicht mehr der Fall, wenn der Lebensmittelpunkt in Österreich liegt. Dann ist die Arbeit »sehr schlecht« bezahlt. hinzu komme, dass die schlechte Bezahlung die soziale Integration erschwere. Deutlich wird an dieser Stelle, dass das Ausnutzen der Arm-Reich-Schere zwischen den Ländern, wie es die Beschäftigungen der ›24-Stunden-Pflege‹ betrifft, spätestens dann zum Problem wird, wenn tatsächlich Immigrationswünsche bestehen. Es ist vor diesem hintergrund zu betonen, dass die rechtskonforme handlungsorientierung Simona horváthovás gerade nicht durch die Annahme verbesserter sozialer teilhabechancen zustande kommt, wie man sie mit der Integration ins Sozialsystem einhergehen sehen könnte (vgl. dazu auch das exemplarische Beispiel in 4.6.1). Wie Georg Aigner begreift auch Simona horváthová das Recht als neu entstandenes Angebot. Auch wenn vor dem hintergrund der Erfahrung eingeschränkter teilhabechancen in Österreich hierbei weniger moralische Verhaftungen als pragmatische Erwägungen im Vordergrund stehen: Bedingung der ausgebildeten rechtskonformen handlungsorientierung ist auch hier der grundsätzliche Glaube an die Richtigkeit des Rechts. Damit zeigt sich, dass sowohl habituelles als auch instrumentelles handeln den Glauben an die Selbstpräsentation des Rechts voraussetzen können. 4.2 Die Regulierung als autoritative Vorgabe Wie oben in Abschnitt 2.2 ausgeführt, gehe ich mit Bourdieu davon aus, dass die Konvergenz von habitus, Operationen des objektiven rechtlichen Feldes und symbolischer Gewalt rechtskonforme handlungsorientierungen hervorzurufen vermag. Im Folgenden untersuche ich anhand zweier exemplarischer Fälle, wie derartige Übereinstimmungen ein unmittelbares, in der tendenz vorreflexives rechtskonformes, im Sinne Bourdieus verstandenes Interesse anregen können. Wurde vorangehend dargelegt, dass rechtskonforme handlungsorientierungen bei manchen Careworkers anders als bei Angehörigen gänzlich ohne moralischen Zugriff auf die Regulierung auskommen können (vgl. 4.1), so wird an dieser Stelle untersucht, wie beide Akteurskreise ihre rechtskonformen handlungsorientierungen an kognitiven und motivational rechtsaffinen Dispositionen ausrichten. Anders als in den oben behandelten exemplarischen Fällen basieren die rechtskonformen handlungsorientierungen auch nicht auf einem grundsätzlichen Glauben an die Richtigkeit des DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 183 Rechts, sondern die Interviewten lassen innere Imperative autoritativer Befolgung erkennen. Eine Betrachtung aller von mir interviewten Personen zeigt, dass derartige subjektive haltungen gegenüber der Regulierung tendenziell unabhängig vom jeweiligen Kapitalvolumen beziehungsweise rechtlichen Kapital vorkommen können. 4.2.1 Recht und Ordnung Am Beispiel von Karin Traxler erörtere ich, wie Angehörige, sobald die Möglichkeit der regulären Beschäftigung entsteht, eine grundsätzliche und unhinterfragte affirmative haltung gegenüber dem Rechtssystem erkennen lassen. Anlass für die Aktualisierung des rechtskonformen Dispositionsschemas ist paradoxerweise die subjektive Wahrnehmung einer durch die Regulierung angestoßenen Bekräftigung der alten Verbotsnorm. Der Kontakt zu Karin traxler wurde mir von einem engagierten Angehörigen vermittelt, der für mich mehrere Gespräche mit Personen aus seinem sozialen Umfeld bzw. seiner sozialen Umgebung organisierte. Das Gespräch fand im Juli 2008 auf der terrasse des hauses von Frau traxler statt. Es dauerte eine Stunde und 44 Minuten. Karin traxler ist zum Zeitpunkt des Interviews 59 Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihrem Mann in Westösterreich in einer sehr ländlichen Gemeinde nahe einer größeren Stadt. Als ausgebildete Erzieherin hat sie jahrelang einen Kinderhort geleitet. Nachdem sie mehrere Fehlgeburten erlitten hatte, legte sie ihre Arbeit nieder. heute hat sie drei erwachsene, berufstätige Kinder; in ihren früheren Beruf ist sie später nicht wieder eingestiegen. Karin traxlers Ehemann ist als Elektrotechniker tätig; in Kooperation mit verschiedenen Universitäten arbeitet er zusätzlich in Forschungsprojekten im Bereich der Energiegewinnung mit. Wenige Autominuten von Karin traxlers Wohnort entfernt in einem Nachbarort lebt ihre 93-jährige Mutter, die drei Jahre zuvor pflegebedürftig wurde. Anfangs half zeitweise eine Nachbarin aus, wenn die Mutter Unterstützung benötigte; sie konnte jedoch nicht immer vor Ort sein. Mehr hilfe wurde nötig, als die Mutter öfter stürzte. Bereits als der Ehemann der Mutter noch lebte, hatte Karin traxler den Eltern angeboten, zu ihnen zu ziehen. Das hatte die Mutter jedoch schon damals abgelehnt. Auch ein heim war für sie nicht in Frage gekommen. Für sie war es immer unvorstellbar gewesen, das haus zu verlassen, in dem sie geboren, aufgewachsen und alt geworden war. Die Betreuung und Pflege vor Ort selbst zu übernehmen, kam jedoch für keines der Kinder – Karin traxler hat noch eine Schwester – in Frage. Die Befragte begründet dies damit, dass alle für das Caring in Frage kommenden Angehörigen berufstätig sind. Dieser im Interview nur knapp geäußerte hinweis muss jedoch auf DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 184 den generellen Wunsch zurückgeführt werden, das Caring auszulagern. Ich schließe dies aus dem Umstand, dass Karin traxler selbst gar nicht berufstätig ist; ihre Schwester wiederum hätte, selbst wenn sie nicht berufstätig wäre, gar keine Möglichkeit, das Caring zu übernehmen, da sie überhaupt nicht in Österreich lebt. Zudem nehme ich Karin traxler als emanzipierte Frau wahr, die dem traditionellen Muster einer vergeschlechtlichten Arbeitsteilung eher distanziert gegenübersteht. Die ›24-Stunden-Pflege‹ besteht zum Zeitpunkt des Interviews seit zweieinhalb Jahren. Karin traxler telefoniert häufig mit den Careworkers, um sich nach dem Befinden der Mutter zu erkundigen. Außerdem kommt sie die Mutter mindestens ein Mal wöchentlich besuchen. Da Karin traxlers Schwester in Deutschland wohnt, kümmert sich die Interviewte alleinverantwortlich um die Mutter. Sie berichtet, dass die Mutter viel Besuch von den Enkelkindern und guten Bekannten erhält, was sie als für sie entlastend darstellt. Im haushalt übernehmen die Careworkers Betreuungs- und Pflegeaufgaben, die Essenszubereitung sowie die hausarbeit und nach Unterweisung durch den hausarzt auch die Wundversorgung. Gegen Ende des Interviews kommt Karin traxler darauf zu sprechen, dass sie die von ihr unterhaltenden irregulären Beschäftigungsverhältnisse in reguläre überführt habe. Die transkription des nachfolgend analysierten Interviewausschnitts schließt unmittelbar an ihre Schilderung des Regulierungsvorgangs an. K.t.: Das ging . wir machten das, einfach . einfach .., dass das seine Ordnung hat auch. Das schon. Ja, ja. Sonst fast so was wie ein schlechtes Gewissen. ((lacht)) Man ((atmet aus)) Jaa, ja. Wenn ich denke, jeder, der arbeitet bei uns, muss sich anmelden. Und, und an und für sich ist das ja so und die Slowaken und Slowakinnen arbeiten da und haben sich eigentlich nicht anmelden müssen. Und irgendwo, ja, gehört’s einfach auch dazu ((leise)) . dass wir angemeldet sind. Wie soll ich das sagen, .. fühlt, fühlt sich einfach nicht gut an, wenn man da unkoscher ist. Sollte schon alles seine Richtigkeit haben. Ja. Ähm wir wussten ja, dass es nicht in Ordnung ist im Grunde. Ich habe klar auch dran gedacht, hab ich das schon gesagt? Und und was ich dann auch gedacht habe .. die arbeiten ja auch da und sollen da ja auch mal, also die wollen dann ja auch irgendwann mal eine Pension auch haben. .. I.: Ja. K.t.: Und auch, es war ja auch so .. . damals hat, was hat er gehabt?.. Kreuzschmerzen hat er so starke gehabt, wie er bei meiner Mutter war. I.: hm. Und, da hab ich dann den hausarzt angerufen und hab gesagt, . irgend etwas müssen wir machen, wir können ihn ja nicht so leiden lassen und dann hat er gesagt, »ja, es ist ja so, . ich kann DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 185 ja kein Rezept ausstellen . ((überleitendes gutturales Geräusch)), er ist ja da nicht gemeldet«. --- Und dann hat er eine Spritze gekriegt und dann irgend etwas, glaub tabletten. --- Und hat er gesagt, »na das ist halt, sagen wir mal, das war ein Ärztemuster.« Also er hat nichts verlangt. Und das finde ich auch richtig so. Aber das ist jetzt vorbei. Wenn jetzt was ist, dann gibt es die ärztliche hilfe so wie für jeden anderen . österreichischen Staatsbürger auch. ((wird leise)) I: Und als Sie noch nicht angemeldet waren, hatten Sie da auch ein schlechtes Gefühl? K.t.: ((überlegt)) Ich, ich hab mir gedacht, es ((atmet aus)) kann .. eigentlich wirklich nichts passieren, aber . dass es nicht wirklich richtig ist, das war mir schon bewusst. ((lacht ganz kurz)) (Interview 8, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 856ff.) Der Ausschnitt zeigt, dass Karin traxler als Motivation für eine Emersione spontan das Bedürfnis nennt, Ordnung herzustellen. Die Anmeldung sei für sie angezeigt gewesen, »einfach . einfach ..«, damit »das seine Ordnung hat«. hätte sie das Arbeitsverhältnis nicht angemeldet, hätte sie »fast so was wie ein schlechtes Gewissen« haben müssen. Die eher knappe Passage hebt sich vom sonstigen Stil des Interviews deutlich ab; ihre Ausführungen bleiben knapp, auch auf meine Nachfrage hin. Karin traxler stellt hier vermutlich etwas fest, das sie abseits des Interviewkontextes normalerweise weniger stark reflektiert und vermutlich noch seltener versprachlicht. Nachfolgend argumentiere ich, dass Karin traxler an dieser Stelle des Interviews eine unhinterfragte, grundsätzlich affirmative haltung gegenüber dem Rechtssystem präsentiert, die sie im Kontext der Regulierung aktualisiert und die sie, wie im transkriptausschnitt weiter untenstehend deutlich wird, die ohnehin bestehende Verbotsnorm bestätigen lässt. Aus dieser subjektiven haltung leite ich wiederum eine rechtskonforme handlungsorientierung bei Karin traxler ab. Woran lässt sich Karin traxlers unhinterfragt affirmative haltung festmachen? Zunächst ist auf den Anfang des oben zitierten Ausschnitts einzugehen: Nachdem sie feststellt, dass Ordnung hergestellt werden müsse, wird dies von ihr erstens variationsreich wiederholt, ohne jedoch ausführlicher zu erläutern, warum dies geschehen müsse. Zu regularisieren sei, sagt Karin traxler nachfolgend, weil jeder, »der arbeitet bei uns«, dazu verpflichtet sei, sich anzumelden. Das gelte nun, mit Aufkommen der Regulierung, auch für die Careworkers aus der Slowakei. Die Pflicht zur Anmeldung eines Gewerbes bzw. eines Angestelltenverhältnisses wird in diesem Zusammenhang mit »Ordnung«, Ordnung wiederum mit »Richtigkeit« gleichgesetzt: Es »sollte schon alles seine Richtigkeit haben«. Auch später versucht Karin traxler noch einmal eine Erklärung; diese bleibt jedoch tautologisch: Sie wolle nicht »unkoscher« sein. Mit DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 186 dem jiddischen Begriff werden im Rahmen der jüdischen Religion unerlaubte, da unreine Nahrungsmittel und handlungen beschrieben, umgangssprachlich wird er im Deutschen jedoch auch außerhalb religiöser Lebenswelten in der Bedeutung von ungesetzlich, illegitim, nicht in Ordnung usw. verwendet; dies vor allem in bildungsbürgerlichen Milieus. Das Problem, das antreibende Moment genauer zu begründen, wird auch in der die tautologie einleitenden rhetorischen Frage »Wie soll ich das sagen« und der anschließenden Denkpause deutlich. Zudem wird der Äußerung, das man den Vorgaben gemäß richtig handeln solle, ein nicht näher erläutertes, aber ebenfalls bekräftigend-versicherndes »[j]a.« angefügt sowie festgestellt, dass »im Grunde«, also dann, wenn man die Angelegenheit genauer betrachtet, immer klar war, dass die irreguläre Praxis den Rechtsregeln in illegitimer Weise widersprochen hat. Damit ist eine Reihe von Verweisen gegeben, deren Sinn lediglich in der Versicherung der Existenz der ursprünglichen Äußerung besteht. Das Gesagte hat so einen stark präskriptiven Gehalt; konstatiert wird aus Karin traxlers Perspektive Selbstverständliches. Zweitens ist mit dem Wunsch nach Ordnung hier nicht allein ein kogni tives, sondern auch deutlich ein affektives Moment verbunden, insofern Karin traxler Ordnung mit »schlechtem Gewissen« kontrastiert beziehungsweise indem sie beschreibt, dass es sich einfach besser anfühle, nicht »unkoscher« zu agieren. Unter einem schlechten Gewissen versteht man mehr oder weniger im Bewusstsein verankerte, kollektiv vermittelte moralische Werte oder individuelle Einstellungen, die eine körperliche Empfindung, ein mehr oder weniger latentes, negatives Gefühl widerspiegeln. Regt sich das Gewissen, entsteht – reflexiv oder intuitiv – ein innerer Druck, etwas zu tun oder zu unterlassen. Eine solche innere handlungsorientierung, die hier mit Bourdieu als jeweils feldbezogene, habituell inkorporierte Disposition begriffen werden soll, ist unausweichlich verknüpft mit der Differenzierung und Bewertung der antizipierten eigenen handlungen in angemessen beziehungsweise richtig, gut, wünschenswert usw. auf der einen und unangemessen respektive schlecht, verwerflich usw. auf der anderen Seite. hier zeigt sich die Funktion des habitus als Differenzsystem im Rahmen seines Möglichkeitshorizonts des jeweils Denkbaren (vgl. hierzu allg. 2.2.2). In Bourdieu’schen termini könnte man weiter davon sprechen, dass der Akteur, um der negativen Empfindung zu entgehen, in einem spezifischen Feld gemäß seinem habitus beziehungsweise seinem praktischen Sinn handelt und diese Übereinstimmung sich nach dem eigenen »immanenten Gesetz« (Bourdieu 1979: 178) ›richtig‹ anfühlt. Auch Karin traxler kategorisiert innerhalb ihres habituell bedingten, begrenzten Möglichkeitshorizonts die ihr vorstellbaren handlungsoptionen und ordnet sie dem Spektrum des für sie richtigen und falschen handelns zu, wobei ihre Kategorisierung exakt jener des rechtlichen Feldes entspricht. DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 187 Ein schlechtes Gewissen entstünde für Karin traxler dort, wo die Verbotsnorm beginnt, wo sie also anders handeln würde, als das Gesetz es vorsieht. Vieles weist vor diesem hintergrund darauf hin, dass Karin traxler in ihren habituellen Dispositionen von einem Schema ausgeht, das sie so weit verinnerlicht hat, dass es in ihrem sozialen Umfeld nicht weiter erklärungsbedürftig ist. Nahe gelegt wird diese Interpretation durch die hegemonie eines affirmativen Bezugs auf zumindest ein gewisses Ausmaß an Ordnung innerhalb der sozialen Welt. Ordnung wird für das gesellschaftliche Zusammenleben innerhalb einer politisch verfassten Gemeinschaft allgemein eine große Bedeutung, mithin eine gewisse ›Richtigkeit‹, also Berechtigung oder Wahrheit zugeschrieben. Dies kann auch in Bezug auf das Recht konstatiert werden. Die überwiegende Mehrheit der Menschen handelt rechtskonform (tyler 2006) oder geht zumindest davon aus, dass Rechtskonformität das vorherrschende handlungsmuster ist – heinrich Popitz (1968) hat dies vermittels der kurzen Formel »Präventivwirkung des Nichtwissens« (vgl. dazu auch Diekmann/Przepiorka/Rauhut 2011; vgl. Feest 1968) für den Kontext des Strafrechts aufgezeigt: Strafnormen haben deshalb Strafcharakter, weil sie überwiegend befolgt werden oder dies zumindest subjektiv angenommen wird, selbst wenn das Dunkelfeld Gegenteiliges vermuten lässt. Die geringe Erklärungsbedürftigkeit der semantischen Relation ›Rechtskonformität – Ordnung – Richtigkeit‹ zeigt sich bei Karin traxler zudem an der häufigen Verwendung des Adjektivs »einfach«: Die Beschäftigungsverhältnisse wurden angemeldet, »einfach, damit das seine Ordnung hat«; nicht angemeldet zu sein hingegen »fühlt sich einfach nicht gut an«. Der Begriff »einfach« steht in diesem Kontext verkürzt für ›ganz einfach‹, das ebenfalls alltagssprachlich verwendet wird, um Offenkundiges, Evidentes, auf der hand Liegendes zu beschreiben: Wie wäre etwas anderes denkbar, sagt Karin traxler im Grunde. Die doppelte Verwendung des Adjektivs »einfach« hat hier mithin bestärkende Funktion. Zuallererst ist Karin traxler zufolge also die Regularisierung durchzuführen, weil ein Bedürfnis nach Richtigkeit besteht. Wenn hier die Anforderung des rechtlichen Feldes nach der Einhegung »lebenden Rechts« (Ehrlich 1967[1902]) in Rechtsnormen des Staates wirksam wird, dann ist diese derart mit dem habitus Karin traxlers verschmolzen, dass ihr Zwangscharakter subjektiv nicht mehr aufscheint. Die Schemata sind derart determiniert, dass sie die objektiven Bedingungen ungeprüft (im Sinne eines Undenkbaren) und fast schon »motivlos[.]« (Luhmann 2001[1969]: 28) reproduzieren. Sie äußern sich mit einer Unvermitteltheit, ja fast schon Notwendigkeit, dass aus ihnen jegliche bewusste Überlegung getilgt ist. Der Wunsch nach (rechtlicher) Ordnungsbildung wird nicht weiter hinterfragt und muss auch nicht weiter hinterfragt werden, weil er einen offenbar kollektiven Konsens repräsentiert. In diesen DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 188 Zusammenhang fügt sich möglicherweise auch die Äußerung »[g]ehört einfach dazu, dass man angemeldet ist« ein. Wozu genau das Anmelden gehört, lässt Karin traxler offen. Möglicherweise bezieht es sich auf das Betreiben oder die Inanspruchnahme einer ›24-Stunden-Pflege‹ »bei uns«. Damit wäre ein Kollektiv angesprochen, vermutlich der Nationalstaat. Fest steht jedoch, dass aus diesem Satz das Selbstverständnis spricht, sich in Relation zur rechtlichen Regulierung affirmativ zu setzen. Man will diesbezüglich keine ›unordentlichen‹ Verhältnisse haben, schlichtweg, weil das irreguläre Beschäftigungsverhältnis »nicht in Ordnung ist im Grunde«. Die Formulierung »im Grunde« ist an dieser Stelle äquivalent mit ›genau betrachtet‹ und bezeichnet damit eine bei näherem Ansehen aufscheinende Wahrheit. Auch diese verweist wiederum auf die »Ordnung«. Die rechtskonforme handlungsorientierung ist hier, wie auch bei dem Angehörigen Georg Aigner (vgl. 4.1.1), nahezu motivlos, also vom konkreten Inhalt des Gesetzes unabhängig. Es scheint diesbezüglich eine relativ starke Konvergenz von Rechtssubjekt und Rechtsordnung zu geben, somit werden die Rechtsregeln in ihrer Wirkung und Umsetzung kaum hinterfragt. Die zweite Begründung, die Karin traxler anführt, um ihre rechtskonforme handlungsorientierung zu plausibilisieren – die soziale Absicherung der bei ihr Beschäftigten –, klingt dagegen fast ein wenig nachgeschoben. Die Frage, ob sie das nachfolgend Erzählte schon erwähnt habe (»Ich habe klar auch dran gedacht, hab ich das schon gesagt?«), macht eher den Eindruck, als würde ihr bewusst, dass ihre spontane Ordnungserzählung möglicherweise nicht unbedingt die sozial wünschenswerteste war, sondern uneigennützige Motive doch etwas vorteilhafter hätten wirken können. Dennoch ist ganz nach Bourdieu, dem zufolge in Interviews stets von »realistische[n] Konstruktionen« (Bourdieu 1997: 793, hervorh. im Original) auszugehen ist, weil sich der Möglichkeitshorizont der Befragten dispositional bedingt immer schon verengt darstellt, davon auszugehen, dass auch die soziale Absicherung der Careworkers Karin traxler ein Anliegen ist, wenn diese für sie auch nicht an erster Stelle steht. Wenn ich Karin traxlers transkriptionsausschnitt heranziehe, um aufzuzeigen, dass von mir interviewte Angehörige gleichsam reflexhaft und fast schon motivlos ihre Übereinstimmungen mit dem Rechtssystem aktualisieren, so ist einschränkend darauf hinzuweisen, dass sie dabei kaum gänzlich vom konkreten Gesetz absehen. Wie beziehungsweise in welchem Umfang auf diese Weise akzeptiert wird, hängt auch davon ab, welcher Schaden der Gesetzesübertretung in der Rechtspraxis und in der sozialen Welt zugesprochen wird. So spricht Karin traxler davon, dass sie, unterhielte sie auch heute noch ein irreguläres Beschäftigungsverhältnis, »fast ein schlechtes Gewissen« hätte. Das »fast« und insofern das ›nur DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 189 beinahe‹ zeugt nicht von einer vollständigen Durchschlagskraft der neuen Regelung. Welche Kleinigkeit aber fehlt, um gänzlich in den Regeln des Rechts zu verfangen? Im vorliegenden Ausschnitt hinterlässt Karin traxler keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, warum genau sie nur fast ein schlechtes Gewissen hätte. Erst wenn man das Interview als Ganzes betrachtet, finden sich mehrere hinweise darauf, warum sie der neuen rechtlichen Regelung keine besonders große Autorität zuschreibt. Ich gehe an dieser Stelle davon aus, dass es der Blick auf die Verwaltungsübertretung ›irreguläre 24-Stunden-Pflege‹ als Bagatelldelikt ist, welcher der ›24-Stunden-Pflege‹ auch im Kontext der Regulierung immernoch anhaftet. Rechtlich gesehen sind Bagatelldelikte Vergehen im Sinne ›geringfügiger Straftaten‹; das Interesse an einer öffentlichen Verfolgung ist gering, entsprechend der geringen Schuld des täters, da dieser den Rechtsbruch weder gewerbsmäßig noch wiederholt begeht und damit keinen größeren Schaden verursacht. Die Funktion des Konzepts des Bagatelldelikts ist jene der Entkriminalisierung, denn der Strafverfolgungszwang der Behörden wird bei Bagatelldelikten gemäß dem Opportunitätsprinzip ausgesetzt. Betrachtet man die Rechtspraxis in Bezug auf die ›24-Stunden-Pflege‹, so wird deutlich, dass Übertretungen in diesem Zusammenhang de facto bagatellisiert wurden, indem vor Beginn der Regulierung Verdachtsfällen nur dann nachgegangen wurde, wenn eine Privatperson Anzeige erstattete. Später wurde der Strafverfolgungszwang der Justiz sogar ganz ausgesetzt (vgl. 2.1.5). Ein solcher Umgang mit irregulärer Arbeit in Privathaushalten ist in der Rechtspolitik historisch fest verankert. Er wurzelt in dem geringen Wert, der Carework gesellschaftlich beigemessen wird, und der damit zusammenhängenden marginalisierten Position der sie Ausübenden im sozialen Raum (vgl. 2.1).8 8 Die soziohistorische Kontextualisierung der Bagatellisierung macht dabei deutlich, dass der Zusammenhang zwischen einer geringen wahrgenommenen Schuld beziehungsweise Schadenshöhe und einem öffentlichen Interesse an Verfolgung in einer Gesellschaft kein objektiv gegebener ist, sondern immer als Ergebnis sozialer Aushandlungsprozesse betrachtet werden muss. Vgl. diesbezüglich auch die Ergebnisse von Birgit Pfau-Effinger (2009: 89); die Autorin weist darauf hin, dass die Akzeptanz für irreguläre Beschäftigung im Bereich Care zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern stark variiert, und führt dies auf die unterschiedliche Ausgestaltung der Pflegepolitiken zurück. Bourdieu hat darüber hinaus darauf hingewiesen, dass Normbrüche je nach sozialer Position der NormbrecherInnen rechtlich und sozial unterschiedlich sanktioniert werden, wobei sich die Spielräume für Normbrüche – zumindest in der tendenz – mit steigender sozialer Positionierung vergrößern (vgl. Bourdieu 2006: 33f.; vgl. auch Popitz 1968: 17f.). Diese Annahmen in Rechnung stellend ist hier zu vermuten, dass die de facto-Aussetzung der DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 190 Diese gesellschaftliche Normalität hat auch Karin traxler verinnerlicht – obgleich sie die Arbeit der Careworkers im Interview verschiedentlich würdigt. So geht sie etwa hinsichtlich meiner Frage, ob sie mit der Irregularität ein schlechtes Gefühl gehabt habe, zuallererst auf die Entdeckungsgefahr ein. Ein schlechtes Gefühl scheint sie diesbezüglich nicht gehabt zu haben, weil sie nicht davon ausging, dass die irreguläre Praxis negative Konsequenzen haben würde: »Ich, ich hab mir gedacht, es ((atmet aus)) kann .. eigentlich wirklich nichts passieren«, sagt sie in diesem Zusammenhang. Erst an zweiter Stelle wird die Frage der Illegitimität der irregulären Praxis verhandelt: Karin traxler verweist darauf, dass ihr immer schon bekannt war, dass ihr handeln der Norm zuwiderläuft; das zeigt der teilsatz »aber . dass es nicht wirklich richtig ist, das war mir schon bewusst. ((lacht ganz kurz))«. Beachtet man die Anordnung des Gesagten, so wird ein schlechtes Gefühl verneint mit der Begründung, dass keine negativen Konsequenzen zu befürchten waren. Möglich wird das Absehen von moralischen Normen, weil die Sanktionsbereitschaft als gering erfahren wird – auch wenn Karin traxler weiß, dass ihr Verhalten nicht »richtig« ist. An anderer Stelle wird deutlich, dass sie auch die soziale Akzeptanz für die irregulären Praxen als hoch erlebt: K.t.: Und Probleme mit Anzeige . gab es nie welche. Die Nachbarschaft und die nähre Umgebung wusste davon, natürlich, natürlich. Ich war ja oft auch bei meiner Mutter und da sind wir gemeinsam mit der Pflegerin oder dem Pfleger, nein, dem Pfleger, der war damals nicht, a ber da sind wir zu den Nachbarn gegangen. --- Es ist allerdings auch so, dass ich die Pflegerinnen am Anfang sehr wohl mitgenommen hab und und gesagt hab, fahren wir jetzt mit dem Rollstuhl, fahren wir dort hin, und wenn sie einmal dort war und sie dann einmal gesprochen haben miteinander, dann passt das schon wieder. Dann .. ja. Dann, dann weiß schon, aha, das ist die |Simona| oder das ist der |Alfréd| und das passt schon wieder. (Interview 8, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 978ff.) Die vorliegende Passage konkretisiert die Frage nach der Sanktionswahrscheinlichkeit in hinblick auf die Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung: Karin traxler nimmt nicht an, dass sich das irreguläre Beschäftigungsverhältnis negativ auswirken könnte, weil es mit der sozialen Umgebung keine Probleme gibt. Mit der Irregularität wird bewusst offen umgegangen –, wie übrigens auch mit der ›24-Stunden-Pflege‹ im näheren räumlichen Umkreis, die Karin traxler erst auf die Idee brachte, Strafverfolgung auch damit zusammenhängt, dass die Gruppe der Beschäftigenden sich in einem stratifizierten Sozialraum auf der oberen Ebene der Skala verorten lässt. DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 191 ihre Mutter auf die gleiche Art zu versorgen. Die NachbarInnen wissen nicht nur Bescheid, sondern tolerieren die Situation. Deutlich wird dies daran, dass die NachbarInnen Karin traxlers Mutter gemeinsam mit den Careworkers zu hause empfangen. Insgesamt zeigt der transkriptausschnitt, dass Karin traxler eine große Akzeptanz für die irregulären Praxen voraussetzt und anschließend auch erlebt. Erst diese Einschätzung macht es ihr möglich, dauerhaft offen mit der irregulären Beschäftigung umzugehen. Es kann an dieser Stelle davon gesprochen werden, dass die Normalität des Irregulären, wie sie mit dem Sanktionsverzicht staatlicher Institutionen und dem Verlust des Ausnahmecharakters des Normbruchs bezüglich einer ethnisierten, vergeschlechtlichten tätigkeit entsteht, dafür sorgt, dass auch in moralischer hinsicht zumindest kein maßgeblich schlechtes Gefühl, mithin keine körperliche Entsprechung in Form eines schlechten Gewissens in Bezug auf den Normbruch besteht. hier zeigt sich deutlich der Zusammenhang von Recht und Moral. Vor diesem hintergrund wird verständlich, warum für Karin traxler vor der Möglichkeit zur Regularisierung die Frage der Aufdeckung eine größere Rolle spielte als die der Illegitimität ihrer handlungen. Eine derartige Bezugnahme auf die thematik wird ihr möglich, weil das Interesse an der öffentlichen Verfolgung des Vergehens gering und die Akzeptanz für das Delikt in der Bevölkerung hoch ist. Wieso aber möchte Karin traxler das Beschäftigungsverhältnis regularisieren, obwohl sie die irreguläre Beschäftigung immer noch als »Kavaliersdelikt« (Popitz 1968: 18) einstuft? Es muss hier davon ausgegangen werden, dass die Verbotsnorm (die Norm, die es verbietet, ohne spezifische Ausbildung in einem österreichischen Privathaushalt Pflegedienstleistungen zu vollbringen (vgl. 2.1.5)) für Karin traxler durch die Regulierung (die rechtsdogmatisch als ein privatrechtliches Angebot aufgefasst werden muss) bekräftigt wird. Den entscheidenden hinweis darauf gibt im Kontext von Karin traxlers irregulärer Beschäftigungssituation der oben beschriebene Umstand, dass mit der Regulierung bei ihr wohl »fast« ein schlechtes Gewissen entstanden wäre, hätte sie nach Ende der ›Amnestien‹ nicht angemeldet, während dies vorher nicht der Fall war. Für die Zeit vor der Regulierung beschreibt Karin traxler kein schlechtes Gefühl, sondern konstatiert lediglich, dass sie gewusst habe, dass ihr Verhalten »nicht wirklich richtig« war. Mit Auslaufen der Strafaussetzungen wird die Rechtsnorm jedoch zum unhinterfragten a priori, zum common sense, der hier mit »Ordnung« und »Richtigkeit« gleichgesetzt wird. War die Praxis des ›Augen-Zudrückens‹ und die Strafaussetzung vor der Regulierung wesentlich dafür, Karin traxlers rechtskonformes habitusschema zu entlasten, so deutet die Amnestie fast schon wie ein countdown das Wiedereinsetzen der Strafbarkeit (und damit auch der Belastung des rechtskonformen habitus) an – selbst wenn die Wahrscheinlichkeit einer Sanktionierung hier keine Rolle spielt. Die bloße DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 192 Einführung der Regel ist es, die einen verhaltensändernden Effekt hat. Man sieht hier deutlich die »performative Magie« (Bourdieu 2012: 100) des Rechts; die Kraft der symbolischen Ordnung, das Bagatelldelikt in der subjektiven Rezeption Karin traxlers zu einem relativen Bagatelldelikt zu schmälern. Weiter sieht man hier deutlich die theoretische Annahme Bourdieus (2.2.2) eingeholt, dass das Recht seine Kraft in der sozialen Welt entfaltet, indem es qua Universalität einen sozialen Normalisierungseffekt produziert. 4.2.2 Die Bekräftigung der Verbotsnorm Am Beispiel von Zuzana Ševčovičová zeige ich exemplarisch, wie sich auch bei Careworkers rechtskonforme handlungsorientierungen auf Grundlage eines rechtsaffinen habitus herausbilden können. Wie am Beispiel der Angehörigen Karin traxler äußert sich dieser ebenfalls im Rahmen von autoritativen Inkorporationen. Auch wenn sich diesbezüglich Präferenzen aufzeigen lassen, so untersuche ich weiter, wie plural jene Aspekte sein können, die mit der rechtskonformen handlungsorientierung in Zusammenhang stehen. Der Kontakt zu Zuzana Ševčovičová entstand über das persönliche Netzwerk der slowakischsprachigen Interviewerin, die informell mit ihr Kontakt aufnahm. Das Interview führte sie an einem Nachmittag des Januar 2009 in der Wohnung von Zuzana Ševčovičová in der Slowakei. Es hat eine Dauer von zwei Stunden und 13 Minuten. Zuzana Ševčovičová ist slowakische Staatsbürgerin. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie 34 Jahre alt und ledig. Sie lebt allein in einer Wohnung in einer kleineren Stadt in der Zentralslowakei. In ihrer freien Zeit unterstützt sie ihre in der Nähe lebenden Eltern, die in ihrem Alltag in geringfügigem Maße auch Caring benötigen. Nachdem Zuzana Ševčovičová die handelsakademie9 abschlossen hatte, arbeitete sie über zehn Jahre lang als Angestellte in der Verwaltung einer Schule. Entsprechend ihrer Ausbildung war sie dort im Rechnungswesen tätig. Es sind vorrangig ökonomische Gründe gewesen, die Zuzana Ševčovičová dazu bewegten, nach einigen Jahren auf die Beschäftigung als Careworker in österreichischen Privathaushalten umzusteigen. Auf die Idee, in der ›24-Stunden-Pflege‹ zu arbeiten, brachte sie eine Bekannte, die in diesem Bereich bereits über Erfahrung verfügte und ihr von der 9 handelsakademien sind Gymnasien mit ökonomischem Schwerpunkt. Ursprünglich sollte die handelsakademie es ermöglichen, sofort im Anschluss an den Schulabschluss in einen Wirtschaftsberuf einzusteigen, so etwa im Rechnungswesen oder in front offices von Banken. heute setzen die AbgängerInnen der handelsakademien ihre Ausbildung zumeist im Rahmen eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums fort. DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 193 Arbeit und den Verdienstmöglichkeiten erzählte. Als noch besser entlohnt erwies sich zwischenzeitlich jedoch die ebenfalls irreguläre, saisonale Beschäftigung als Zimmermädchen in einem norditalienischen hotel. Im Winter finanzierte Zuzana Ševčovičová sich weiterhin mittels der ›24-Stunden-Pflege‹. Da es ihr langfristig gesehen wichtig war, mehr Zeit in der Slowakei zu verbringen, beendete sie ihre Beschäftigung in Italien und stellte beruflich ganz auf die ›24-Stunden-Pflege‹ in Österreich um. Ihren Arbeitsplatz suchte sie sich über eine Vermittlungsagentur. Zuzana Ševčovičovás Verhältnis zur Agentur, bei der sie heute noch Kundin ist, ist ungewöhnlich, da sie diese über den Akt der Vermittlung und Organisation einer Vertretung im Krankheitsfall hinausgehend tatsächlich als dienstleistende Institution beschreibt. Zuzana Ševčovičová erzählt in diesem Zusammenhang, dass die Agentur wöchentlich einen Besuch im Pflegehaushalt durchführte. Diesen betrachtete sie als unterstützende Maßnahme, etwa um pflegerische Fragen zu klären. Als sie ihren Arbeitsplatz wechselt und dieser fortan nicht mehr in räumlicher Nähe zum Büro der Vermittlungsagentur liegt, stellt die Agentur die wöchentlichen Besuche ein. Seitdem hält diese mit Zuzana Ševčovičová jedoch wöchentlich telefonischen Kontakt. Seit fünf Jahren ist Zuzana Ševčovičová in der ›24-Stunden-Pflege‹ beschäftigt. Zum Zeitpunkt des Interviews befindet sie sich jedoch in einer Phase der Umorientierung, da sie sich entschieden hat, dass sie nicht mehr länger in diesem Bereich arbeiten möchte. hierfür ausschlaggebend ist für Zuzana Ševčovičová zum einen die Unvereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. So schildert sie, dass ihr soziales Netzwerk durch die Pendelmigration immer weiter schrumpft. Zwar versucht sie, aktiv gegenzusteuern, wenn sie in der Slowakei ist. Dies erweist sich jedoch als schwierig, weil dem die Arbeitsrhythmen ihres sozialen Netzwerks entgegenstehen. Ihr Freundes- und BekanntInnenkreis geht in der Slowakei Beschäftigungen mit herkömmlichen Arbeitszeiten nach, so dass für soziale Zusammenkünfte nur wenig Zeit bleibt. Zuzana Ševčovičová beschreibt vor diesem hintergrund, dass sie die Einsamkeit, die sie während ihrer 14-tätigen turnusse empfindet, auf diese Weise nicht kompensieren kann. Zu schaffen macht Zuzana Ševčovičová außerdem, dass sie in ihrer freien Zeit keinen geregelten tagesablauf habe. Die Arbeit selbst empfindet sie als auszehrend. Dies betrifft für Zuzana Ševčovičová vor allem deren psychische Seite. Ihr zufolge ist es sehr anstrengend, über einen langen Zeitraum hinweg mit dem Leiden und Dahinsiechen anderer Menschen konfrontiert zu sein, besonders wenn die Pflegebedürftigen depressiv seien und es von daher mehr als sonst an Respekt mangeln ließen. Obwohl Zuzana Ševčovičová die Bezahlung im Vergleich zu den Einkommensmöglichkeiten in der Slowakei als gut befindet, entschädigt sie dies heute nicht mehr für die geschilderten Probleme. Zuzana Ševčovičová ist daher auf der Suche nach einer Beschäftigung, die DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 194 ihrer Berufsausbildung mehr entspricht. In ihrem jetzigen Pflegehaushalt ist Zuzana Ševčovičová erst seit wenigen Monaten beschäftigt. Sie übernimmt hier umfassende Care-Leistungen sowie die hausarbeit. Im haushalt versorgt Zuzana Ševčovičová neben der Pflegebedürftigen auch einen hund. Das Caring beschreibt sie im Vergleich zu anderen Beschäftigungen in der ›24-Stunden-Pflege‹ als besonders anstrengend, da die Pflegebedürftige die Pflegekraft permanent kritisiert. Konfliktpunkt ist, dass die Pflegebedürftige lieber durch ihre tochter versorgt werden würde. Nicht in der gleichen Wohnung, aber im gleichen haus, lebt die tochter der Pflegebedürftigen, die öfter zu Besuch kommt. Letzteres gilt auch für den in der Nähe lebenden Sohn der Pflegebedürftigen. Auf die Regulierung kommt Zuzana Ševčovičová im Rahmen ihrer Problematisierung der Arbeitsbedingungen zu sprechen. In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch, dass sie ihr Beschäftigungsverhältnis seit Mitte Mai 2008 regularisiert hat und seitdem als Selbständige arbeitet. Darum gebeten, dies zu konkretisieren, führt sie dies wie folgt aus: I.: Das war ja vorhin von Ihnen schon so angerissen worden, dass es da eine Anmeldung gibt, seit Mai, hatten Sie gesagt. Können Sie da nochmal erzählen, wie wie das war, wie es also dazu kam. . Können Sie das ein bisschen ausführen? I.Š.: Ja, das kann ich machen. Es ist so: Seitdem es . gesetzlich möglich ist und zugleich strafbar geworden ist, diese Arbeit unangemeldet zu machen, wollte ich zu den Pflegerinnen gehören, die ihre Arbeit mit reinem Gewissen machen können. Ich wollte mich in Österreich sicher fühlen und einfach nicht zu den schwarz Arbeitenden dazu gehören. . Ich wollte, es war mir wichtig, ohne Angst in Österreich sein zu können, dass ich einmal von der Polizei erwischt werde und verhört werde. Außerdem, falls wir erwischt würden, müssten ich und die Familie auch eine Strafe zahlen. Okay. Es wurde ja öfter in den Nachrichten erwähnt sowie in einer Sendung, die nach den Nachrichten folgt. Die Informationen in der Slowakei , z.B. in der Zeitschrift Plus 7 dní, waren ähnlich denen, die ich in Österreich gehört habe. Ja. Und aufgrund dessen habe ich mich entschieden, dass ich keine andere Möglichkeit habe, als mich anzumelden. . Ich habe gesehen, dass eben . legalisiert wird. Wir werden Steuer zahlen, die . Arbeitszeit wird zur Pension dazu gerechnet, wir bekommen Pension, werden krankenversichert. Die Agentur war der gleichen Meinung, sie möchte mich nicht mehr weiter schwarz beschäftigen. .. Vor kurzem hat mir aber eine Freundin erzählt, die diese Arbeit schon seit neun Jahren macht, dass sie im Fernsehen gesehen hat, dass sich viele slowakische Pflegerinnen entschieden haben, mit der Arbeit aufzuhören, weil das Anmelden zu kompliziert sein soll und überhaupt dann auch die Arbeit als Angemeldete. Obgleich . man hat DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 195 versprochen, dass es alles sehr einfach wird und für alle Beteiligten vorteilhaft, aber in der Praxis, naja, . da stimmt eher das Gegenteil, es ist ( ) ziemlich kompliziert. . Kanns zurzeit nicht sagen, ob es für mich von Vorteil oder Nachteil ist, dass ich gemeldet bin. Vor kurzem, da . habe ich erfahren, das ich keine Pension aus Österreich bekommen werde beziehungsweise unsere Sozialversicherung ist so gemacht, dass . dass ich im Prinzip nicht für die Pension spare. . Das ist für mich die erste Enttäuschung. Ich . weiß eigentlich nicht, was auf mich zukommt. Für mich war eigentlich das sehr motivierend, dass ich auch eine Pension bekomme. Das naja . das scheint jetzt aber eher unwahrscheinlich zu sein. (Interview 25, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 345ff.) Zuzana Ševčovičovás erster Antwortimpuls bezieht sich darauf, mit der Regularisierung ein »reines Gewissen« haben zu können. Die Regulierung wird hier als Mittel zum Zweck beschrieben, um mit der Arbeit ein gutes Gefühl verbinden zu können, wie die Passage »wollte ich zu den Pflegerinnen gehören, die Ihre Arbeit mit reinem Gewissen machen können. Ich wollte mich in Österreich sicher fühlen und einfach nicht zu den schwarz Arbeitenden dazu gehören«, deutlich macht. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein schlechtes Gewissen für Zuzana Ševčovičová im Kontext der irregulären Arbeit zumindest im Raum steht, da der Wunsch nach einem reinen Gewissen logisch die Existenz eines schlechten Gewissens voraussetzt. Am Beispiel der Angehörigen Karin traxler (vgl. 4.2.1) habe ich ausgeführt, dass man unter einem schlechten Gewissen mehr oder weniger im Bewusstsein verankerte, kollektiv vermittelte moralische Werte oder auch individuelle Einstellungen versteht, die ein mehr oder weniger latentes, negatives Gefühl widerspiegeln. Das schlechte Gewissen nimmt dabei immer auf ein Negativum Bezug. An dieser Stelle ist zu ergänzen, dass es sich jedoch keineswegs immer um ein tatsächlich gelebtes schlechtes Gewissen handeln muss; ein schlechtes Gewissen ist ebenso antizipierbar. Dass Letzteres hier der Fall ist, darauf weist das Adverb »seitdem« hin, mit dem Zuzana Ševčovičová den Wunsch nach einem »reinen Gewissen« verknüpft. Das »reine Gewissen« wird ihr wichtig, »seitdem es . gesetzlich möglich ist und zugleich strafbar geworden ist, diese Arbeit unangemeldet zu machen«. Wie bei der Angehörigen Karin traxler besteht das schlechte Gewissen darin, zu imaginieren, dass die Möglichkeit zur Regularisierung nicht wahrgenommen wird. In Anlehnung an Bourdieu habe ich das schlechte Gewissen im Kontext der Analyse des Interviews von Karin traxler weiter als das Resultat einer jeweils feldbezogenen, habituell inkorporierten Disposition gefasst, die unausweichlich verknüpft ist mit der Differenzierung der eigenen antizipierten handlungen in angemessen beziehungsweise richtig, gut, wünschenswert usw. auf der einen und unangemessen respektive DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 196 schlecht, verwerflich usw. auf der anderen Seite. Auch im Fall von Zuzana Ševčovičová werden im Zuge der Regulierung inkorporierte Dispositionen aktualisiert. Um keine negativen Empfindungen aufkommen zu lassen, gilt es, die veränderten Bedingungen derart an die eigene Moral anzupassen, dass sich das eigene handeln weiterhin ›richtig‹ anfühlt. Noch deutlicher als bei Karin traxler, da gegenständlicher, zeigt sich der habitus hier in seiner Charakteristik als Differenzsystem: Indem Zuzana Ševčovičová den Wunsch äußert, ihre Arbeit mit einem »reinen« Gewissen verrichten zu wollen, stellt sie ihr handeln nicht nur in Opposition zum zu vermeidenden schlechten Gewissen. Von diesem abstrahierend zeichnet sie in diesem Zusammenhang gleichzeitig ein Bild von einer Gruppe, zu der sie sich auf keinen Fall zugehörig fühlen will: Zuzana Ševčovičová möchte »zu den Pflegerinnen gehören, die Ihre Arbeit mit reinem Gewissen machen können«, die also legal arbeiten. Sie wiederholt dies im Folgesatz, wenn sie im Umkehrschluss bemerkt, dass sie »einfach nicht zu den schwarz Arbeitenden dazu gehören« wolle. An dem Punkt, an dem Zuzana Ševčovičovás Gefühle mit den Vorgaben des rechtlichen Feldes zu konvergieren beginnen, zieht sie eine Differenzlinie ein: Aus der einen Kategorie des Careworker werden mit der Möglichkeit zur Regularisierung auf einmal zwei soziale Gruppen. Arbeiteten vor der Regulierung alle irregulär – ein Zustand, der von Zuzana Ševčovičová im Interview in keiner Weise problematisiert wird – so gibt es für sie fortan jene, die weiter irregulär beschäftigt sind und jene, die ihre Beschäftigung regularisiert haben. Zuzana Ševčovičová stellt an dieser Stelle klar heraus, dass nicht alle irregulär Beschäftigten ihr Beschäftigungsverhältnis regularisieren; so ist ihr die nur partielle faktische Geltung der Norm bekannt. Dabei wird es ihr im Zuge der Möglichkeit zur Regularisierung unmöglich, zur Gruppe der »schwarz Arbeitenden« dazu zu gehören. Mit Ausbildung ihrer rechtskonformen handlungsorientierung beginnt Zuzana Ševčovičová, die Gruppe der irregulär Beschäftigten als etwas von ihr weit entferntes, ja, fast schon Gegensätzliches zu markieren. Zuzana Ševčovičová steht damit exemplarisch für jene Careworkers, die, indem sie die rechtlichen Kategorisierungen aufgreifen, rechtlich geschaffenen Differenzen in der sozialen Welt zu ihrer Implementation verhelfen. Dass es »gesetzlich möglich ist«, regulär in der ›24-Stunden-Pflege‹ zu arbeiten, sorgt in der sozialen Gruppe der Careworkers für eine Differenzierung, die so vorher nicht existent sein konnte. Seit der Regulierung aber wird es möglich, die trotz der Möglichkeit zur Regularisierung nicht Angemeldeten von den regulär Beschäftigten zu unterscheiden. Zuzana Ševčovičovás Auffassung, dass die irregulären Beschäftigungen zugleich strafbar geworden sind (»und zugleich strafbar geworden ist diese Arbeit ehm unangemeldet zu machen«), ist an dieser Stelle – und hier zeigen sich Verbindungslinien zu der Angehörigen Karin traxler (4.2.1) – als subjektive Bekräftigung der Verbotsnorm zu verstehen. DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 197 Mit Blick auf das Gesamtinterview muss davon ausgegangen werden, dass Zuzana Ševčovičová »Orientierungsgewißheit« (Popitz 1980: 22) darüber hatte, dass sie vor der Regularisierung irregulär beschäftigt war. Somit muss sie paradoxerweise annehmen, dass die irregulären Beschäftigungen nun ›endgültig‹ strafbar werden – eine rechtlich freilich kaum haltbare Argumentation, da Strafbarkeiten durch zusätzliche Gesetze nicht ›strafbarer‹ werden können. Die schwindende Legitimität der irregulären Beschäftigung ist hier insofern zusätzlich durch den Aspekt einer stärkeren Geltung der Rechtsnorm in der subjektiven Wahrnehmung Zuzana Ševčovičovás zu ergänzen. Ein weiterer hinweis, der diese Interpretation stärkt, ist Zuzana Ševčovičovás schlussfolgernde Einschätzung, die sie in Anschluss an die Schilderung ihrer Informationspraxis bezüglich der Regulierung vornimmt. Zuzana Ševčovičová erzählt, wie sie die Debatte um die Regulierung in den Medien nachvollzieht. Das, was sie dort erfährt, ruft bei ihr den Entschluss hervor, dass sie anmelden muss: »Und aufgrund dessen habe ich mich entschieden, das ich keine andere Möglichkeit habe, als mich anzumelden.« Was genau die Einspurigkeit des handlungsrepertoires ausmacht, wird im Folgesatz deutlich: Zuzana Ševčovičová sagt »[i]ch habe gesehen, dass . legalisiert wird« und spiegelt damit ihre Wahrnehmung, dass das Gesetzespaket dabei ist, sozial wirksam zu werden und damit, wenn auch partielle, so doch dennoch faktische Geltung (vgl. 2.2.3) zu erlangen. Zuzana Ševčovičovás Äußerung lässt sich dergestalt deuten: Weil regularisiert wird, schwinden für sie die Freiräume, irregulär zu arbeiten, zusehends. Da regularisiert wird, besteht keine andere Möglichkeit, als selbst zu regularisieren. Die faktische Geltung des Gesetzespakets verkleinert die Räume des Irregulären, wodurch die Wirkung der Verbotsnorm wächst. Ein wesentlicher Aspekt, der bei Zuzana Ševčovičová für eine rechtskonforme handlungsorientierung sorgt, ist somit deutlich im Bereich der Aktualisierung eines rechtskonformen habitus zu verorten, der mit der fehlenden Möglichkeit zur Anmeldung stumm blieb und nun mit der Einverleibung vermeintlicher Objektivitäten aktualisiert wird. Das vorliegende Analyseergebnis bestätigt damit empirische Untersuchungen der (sozialpsychologischen) procedural justice-Forschung wie auch der legal consciousness studies, die keine grundsätzlichen Unterschiede von Angehörigen unterschiedlicher nationalstaatlicher herkunft in der Rechtsbefolgung sehen (Lind/huo/tyler 1994; Lind/tyler/huo 1997; tyler 1994, 2000) und konsistente Unterschiede – wie auch oben gesehen (vgl. 4.1) – allenfalls an der im sozialen Raum eingenommenen Position festmachen (vgl. Ewick/Silbey 1998; Sarat 1993). Die rechtskonforme handlungsorientierung von Zuzana Ševčovičová ist jedoch keineswegs allein in der Konvergenzbewegung von habitus und Feld zu sehen, die sie im Zuge des Regularisierungsprozesses vornimmt – auch wenn die Reihenfolge, in der die verschiedenen, die DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 198 rechtskonforme handlungsorientierung informierenden Aspekte genannt werden, einen besonderen Stellenwert der habituskonvergenz vermuten lässt. Eng verzahnt mit der habituskonvergenz scheint bei Zuzana Ševčovičová der Wunsch auf, sich um mögliche unangenehme Zusammenstöße mit der Polizei keine Gedanken mehr machen zu müssen, das macht der teilsatz »[i]ch wollte, es war mir wichtig, ohne Angst in Österreich sein zu können« deutlich. Benannt ist damit die Sorge vor Sanktionierung. Im Weiteren wird deutlich, dass Zuzana Ševčovičová mit der Irregularität, wie sie sie zuerst beschreibt, offensichtlich Unsicherheit und Angst vor einem Verhör bei der Polizei, aber auch vor Sanktionen (die sie fälschlicherweise als eine auf beiden Seiten anstehende Strafzahlung identifiziert), verbindet: »Ich wollte, es war mir wichtig, ohne Angst in Österreich sein zu können, dass ich einmal von der Polizei erwischt werde und verhört werde. Außerdem, falls wir erwischt würden, müssten ich und die Familie auch eine Strafe zahlen.« Im Anschluss an den oben dargestellten transkriptausschnitt konkretisiert Zuzana Ševčovičová diese Sorge: I.: Und wie erleben Sie jetzt konkret die Situation, wo alles für Sie legal ist, können Sie dazu etwas erzählen? I.Š.: ((überlegt)) Ich fühle mich sicherer. Früher, da hatte ich Angst, das war vor allem vor den Nachbarn der Gepflegten. Die haben sich sehr genau dafür interessiert, wo wer wohnt . und nicht alle sind freundlich. Wissen Sie, einmal bin ich fast von der Polizei erwischt worden: Eines tages ist also in der Wohnung der Gepflegten wurde die Waschmaschine kaputt. Beziehungsweise das Wasser ist runter zu der Nachbarin geflossen. Die Nachbarin hat sofort die Polizei und die Feuerwehr gerufen. ((schnaubt)) Die Polizisten kamen, fragten: »Was ist los?« Und auch die Nachbarin redete mit denen, wahrscheinlich, also weiß nicht, . ich denke mal, sie erzählte denen, dass ich schwarz da bin, oder die Polizisten haben selbst sich gedacht was ist, und dann sagten die Polizisten mir, sollte noch was in diesem haushalt sein und sie erwischen mich, dass ich dann Probleme kriege. Das war für mich sehr unangenehm, . ich habe mich in dieser Situation sehr sehr unsicher gefühlt. .. War aber auch die einzige Situation dieser Art. Jetzt kann ich mich freier bewegen, fühl mich sicherer in Österreich. Wenn ich einkaufen gehe, oder bin mit der Patientin unterwegs, bemerken das die NachbarInnen. . Jetzt . hab ich keine Angst mehr. Über die Diskussion, was da in den Medien war, ist das thema anders geworden, die Menschen wissen mehr drüber und fragen mich auch: »Sind sie eine Pflegerin?« . Es ist natürlicher für sie geworden. .. Aber wenn ich jemand sage, dass ich eine Pflegerin bin, verbinden die Menschen mit dieser Arbeit vor allem Anstrengung. DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 199 Es ist keine populäre Arbeit . und ist es auch aufgrund der Legalisierung nicht geworden. (Interview 25, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 732ff.) Der dargestellte transkriptausschnitt, in dem Zuzana Ševčovičová die frühere irreguläre der heutigen regulären Beschäftigungssituation gegen- überstellt, kreist zentral um das thema der Unsicherheit. Ihre Angst und ihr Unsicherheitsgefühl in der Irregularität speisen sich in dieser Passage aus der Möglichkeit, dass das unmittelbare soziale Umfeld, hier vor allem die Nachbarn, sie denunzieren könnten. Diese würden sie kontrollieren und seien ihr nicht unbedingt wohl gesonnen: »Früher, da hatte ich Angst, das war vor allem vor den Nachbarn der Gepflegten. Die haben sich sehr genau dafür interessiert, wo wer wohnt . und nicht alle sind freundlich.« Die Sorge speist sich aus schlechten Erfahrungen, die sie mit einer Nachbarin, die unter der Wohnung der von ihr Gepflegten wohnt, gemacht hat. Unklar bleibt der Erzählung nach, ob die Nachbarin sie tatsächlich denunzierte oder ob die involvierten BeamtInnen lediglich spekulieren, hier ein irreguläres Beschäftigungsverhältnis vorzufinden. Auszugehen ist an dieser Stelle von Letzterem, da dem hinweis der Nachbarin auf ein irreguläres Beschäftigungsverhältnis dem Legalitätsprinzip entsprechend hätte nachgegangen werden müssen. Zu Zeiten des informellen Sanktionsverzichts bestand lediglich die Praxis, polizeiinternen Verdachtsmomenten nicht nachzugehen. Man kann hier davon sprechen, dass die BeamtInnen »ein Auge zudrückten« (Cohen 2001; vgl. Kretschmann 2013: 9), indem sie den Verdacht nicht weiter berücksichtigten und eine Verwarnung aussprachen. Zuzana Ševčovičová schildert jedoch, dass diese Situation bei ihr starke Gefühle der Unsicherheit auslöste; sie beschreibt die Situation allgemein als »unangenehm«. »Das war für mich sehr unangenehm, ich habe mich in dieser Situation sehr sehr unsicher gefühlt.« Obwohl es bei dieser einmaligen negativen Erfahrung bleibt, speist sich die Sorge, ›erwischt‹ zu werden, auch später noch aus dem unberechenbaren Verhalten der NachbarInnen. Dies ist konsistent mit der Schilderung der regulären Situation: Zuzana Ševčovičová erzählt, dass sie sich seit der Regularisierung in der Öffentlichkeit wohler fühlt. Sie hat keine Angst mehr, weil ihre Beschäftigung nun wahrgenommen werden darf. Sie sagt: »Jetzt kann ich mich freier bewegen, ich fühle mich sicherer in Österreich. Wenn ich einkaufen gehe, oder bin mit der Patientin unterwegs, bemerken das die NachbarInnen. Jetzt habe ich keine Angst mehr.« Es ist jedoch nicht allein der Wegfall der Angst, der bei Zuzana Ševčovičová zu einem stärkeren Wohlgefühl beiträgt, sondern auch die Enttabuisierung der Arbeit. Diese, so hat es den Anschein, trägt dazu bei, dass Zuzana Ševčovičová das Gefühl hat, sich außerhalb der Wohnung DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 200 freier bewegen zu können. So erzählt sie, dass mit der medialen Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹ in der Gesellschaft nicht nur ein größeres Wissen um diese entstanden sei, sondern dass diese das thema »anders« gemacht habe: »Über die Diskussion, was da in den Medien war, ist das thema anders geworden, die Menschen wissen mehr drüber und fragen mich auch: ›Sind sie eine Pflegerin?‹« Augenscheinlich steht das »anders« an dieser Stelle für eine akzeptierende Kenntnisnahme der ›24-Stunden- Pflege‹, denn Zuzana Ševčovičová beobachtet, dass sie in der Öffentlichkeit nun direkt – aber, so vermittelt sie hier den Eindruck, freundlich – adressiert wird. Was Zuzana Ševčovičová an dieser Stelle schildert, ist die Aufhebung der Unsichtbarkeit und sozialen Isolierung, wie sie mit irregulären Beschäftigungen allgemein einhergeht, und dies verstanden in einem doppelten Sinne: Auf der einen Seite bewegt Zuzana Ševčovičová sich »freier« und ohne »Angst«, geht also möglicherweise auch offener auf die Menschen in der Umgebung ihres Arbeitsplatzes zu. Auf der anderen Seite pflegen auch die Menschen in ihrer näheren Umgebung einen offeneren Umgang, indem sie Zuzana Ševčovičová beispielsweise direkt darauf ansprechen, ob sie eine »Pflegerin« sei. Wenn Zuzana Ševčovičová mit dem Eindruck schließt, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ für die Menschen »natürlicher« geworden sei, dann will sie an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ gesellschaftlich nun etwas Evidentes und Legitimes darstellt. Die neu entstandene Sichtbarkeit beziehungsweise die Enttabuisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ führt in der subjektiven Darstellung von Zuzana Ševčovičová zur Akzeptanz der Arbeit und damit zu einem vergrößerten Wohlwollen gegenüber ihr als Careworker. Zuzana Ševčovičová bringt die Sorge vor einer Kontrolle durch die Behörden, wie sie durch eine Denunziation seitens privater AkteurInnen droht, mit ihrer rechtskonformen handlungsorientierung in Zusammenhang. Angesprochen auf die Effekte der Regularisierung wird von Zuzana Ševčovičová subjektiv jedoch nicht nur der Wegfall dieses Drohpotenzials registriert, wahrgenommen wird von ihr auch, dass Inklusionseffekte im Sozialen mit der Regularisierung einhergehen. In Bourdieu’schen termini lässt sich in Bezug auf letzteres von einem »Offizialisierungseffekt« sprechen (vgl. Bourdieu 1992b: 106): Indem die Praxis der ›24-Stunden-Pflege‹ rechtlich anerkannt wird, werden die vormals ›negativen‹ rechtlichen Identitäten nach Schilderung Zuzana Ševčovičovás in der sozialen Welt in ›positive‹ transformiert. Den Beteiligten wird es so möglich, »to speak about, think about, and admit conduct which has previously been tabooed« (vgl. Ders. 1987b: 846, 1992b: 110). Indem Zuzana Ševčovičová mit dem Recht konform geht, wird sie nicht nur in rechtlicher, sondern auch in sozialer hinsicht zu einem intelligiblen Akteur. Die symbolische Kraft des Rechts in der sozialen Welt verleiht ihr erstmals einen gewissen sozialen Status. Das Äquivalent zum DIE REGULIERUNG ALS AUtORItAtIVE VORGABE 201 positiv konnotierten Rechtssubjekt ist hier die Adressierung als Pflegerin, und es sind die wohlwollenden Augen, die fortan im öffentlichen Raum auf ihr ruhen. Es wird an dieser Stelle deutlich, wie die faktische Rechtsgeltung auch durch Mechanismen der ›sozialen Ratifizierung‹ des Gesetzespakets erzielt wird (vgl. Bourdieu 1992b: 106): Das Gegensatzpaar Konformität/Abweichung wird für Zuzana Ševčovičová auch zu einem sozial relevanten Unterschied, weil es von der sie umgebenden Öffentlichkeit als Unterscheidungsmerkmal prozessiert wird. Rechtliche Regularisierung bedeutet hier – das wird an dieser Stelle ganz deutlich – soziale Normalisierung (ich erinnere an dieser Stelle an Zuzana Ševčovičovás Äußerung, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ »natürlicher für sie geworden« sei), die für sie hier einen sozial inkludierenden Effekt hat (vgl. Bourdieu 1987b: 846; Bourdieu/Boltanski 1981: 106). Zuzana Ševčovičová sieht jedoch auch, dass die Inklusion bloß relativ ist: So spricht sie zum einen nicht davon, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ ›natürlich‹ wurde, sondern sie verwendet hier die Steigerungsform. hiermit drückt sie vermutlich aus, dass die Anwesenheit von MigrantInnen in Privathaushalten immer noch nicht ganz selbstverständlich ist, sondern sich nur ein Stück weit normalisiert hat. Zum anderen schränkt sie ihre positive Erzählung über die mit der Regularisierung einhergehende Anerkennung in der Öffentlichkeit ein: Sie legt dar, dass die ›24-Stunden-Pflege‹ auch im Zuge der Regulierung nicht an Popularität zugenommen habe. Im Vergleich zu anderen Beschäftigungsfeldern gilt Carework immer noch als unattraktiv: »Aber wenn ich jemand sage, dass ich eine Pflegerin bin, verbinden die Menschen mit dieser Arbeit vor allem Anstrengung. Es ist keine populäre Arbeit . und ist es auch aufgrund der Legalisierung nicht geworden.« Damit benennt sie bezüglich ihres Beschäftigungsverhältnisses in zweierlei hinsicht weiterbestehende hierarchien und mithin Inklusionshindernisse. Ein dritter Aspekt, der mit Zuzana Ševčovičovás rechtskonformer handlungsorientierung in Zusammenhang gebracht werden kann, ist die – wie auch schon beim Fall Simona horváthová in 4.1.2 gesehen – mit der Regularisierung einhergehende Anbindung an die Sozialversicherung. Ich komme hierfür nochmals auf den ersten transkriptausschnitt zurück. Die eröffnete Kosten-Nutzen-Rechnung ist jedoch ein Aspekt, der in der Erzählung von Zuzana Ševčovičová nicht besonders stark im Vordergrund steht. Erst in Zusammenhang mit der Feststellung, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als sich anzumelden, kommen die themen Pension und Krankenversicherung ins Spiel. Fast hat es den Anschein, als wolle sich Zuzana Ševčovičová lediglich die Folgen der Regularisierung vor Augen führen: »Ja. Und aufgrund dessen habe ich mich entschieden, das ich keine andere Möglichkeit habe, als mich anzumelden. . Ich habe gesehen, dass . legalisiert wird. Wir werden Steuer zahlen, die . Arbeitszeit wird zur Pension dazu gerechnet, wir bekommen DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 202 Pension, werden krankenversichert.« Erst in diesem Zusammenhang erinnert sie sich an eine Geschichte, die ihr vor gar nicht langer Zeit eine Freundin erzählt hat: Diese berichtete von einer Fernsehsendung, in der der Eindruck vermittelt wurde, dass die Anmeldung und die Arbeit als Selbständige eine Reihe von Problemen mit sich bringen würde. Obwohl von staatlicher Seite aus angekündigt worden war, dass das Anmeldeprozedere einfach gestaltet werden würde, erweise es sich in Wirklichkeit als äußerst kompliziert, erzählt Zuzana Ševčovičová: »Vor kurzem hat mir aber eine Freundin erzählt, die diese Arbeit schon seit neun Jahren macht, dass sie im Fernsehen gesehen hat, dass sich viele slowakische Pflegerinnen entschieden haben, mit der Arbeit aufzuhören, weil das Anmelden zu kompliziert sein soll und überhaupt dann auch die Arbeit als Angemeldete. Obgleich . man hat versprochen, dass es alles sehr einfach wird und für alle Beteiligten vorteilhaft, aber in der Praxis, naja, . da stimmt eher das Gegenteil, es ist ( ) ziemlich kompliziert.« Nach einer längeren Pause gibt sie zu bedenken, dass auch sie die Erfahrung gemacht hat, dass viele Unklarheiten existieren. So erzählt sie, dass es ihr erst kürzlich aufgeschienen sei, dass die Sozialversicherung so konstruiert sei, dass de facto keine Pensionsansprüche entstünden: »Vor kurzem, da . habe ich erfahren, das ich keine Pension aus Österreich bekommen werde beziehungsweise unsere Sozialversicherung ist so gemacht, dass . dass ich im Prinzip nicht für die Pension spare.« Vor dem hintergrund dieser – meines Erachtens irrtümlichen – Informationslage ist für sie derzeit überhaupt nicht mehr abschätzbar, ob die Regularisierung Vor- oder Nachteile mit sich bringen würde: »Kanns zurzeit nicht sagen, ob es für mich von Vorteil oder Nachteil ist, dass ich gemeldet bin.« Im Nachhinein erweist sich die Regularisierung für Zuzana Ševčovičová als Veränderung, die die Zukunft ungewiss werden lässt, wie der Satz »[i]ch . weiß eigentlich nicht, was auf mich zukommt«, zeigt. Die Geschichte der Freundin und die eigenen Erfahrungen widersprechen den ursprünglichen hoffnungen von Zuzana Ševčovičová an die Regulierung, bezieht man sich auf den Relativsatz »[d]as ist für mich die erste Enttäuschung« und versteht man unter Enttäuschungen ein negatives Gefühl, das sich mit der Zerstörung einer hoffnung einstellt. Erst gegen Ende wird die weitere Motivation – hier die ergänzend eingeführte Pensionsversicherung, wie das Adverb »auch« deutlich macht – genannt: »Für mich war eigentlich das sehr motivierend, dass ich auch eine Pension bekomme. Das naja . das scheint jetzt aber eher unwahrscheinlich zu sein.« Am Beispiel von Zuzana Ševčovičová wird deutlich sichtbar, dass die sozialen Mechanismen, über die die AkteurInnen des RechtsadressatInnenkreises rechtskonforme handlungsorientierungen ausbilden, kaum jemals monokausal ausfallen. Auf die Plurikausalität von (Rechts-)Konformität hat in der Literatur allgemein auch David Beetham (1991, 27) DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 203 hingewiesen (vgl. auch Casey/Scott 2011). Bei den sozialen Mechanismen lassen sich jedoch tendenzen ablesen. Im Fall von Zuzana Ševčovičová kann als das zentrale Moment die Konvergenz von habitus und Feld angegeben werden, hier verstanden als Moment der Aktualisierung von Rechtssubjektivität. Zwar zeigt sich die Angst vor Kontrolle und Strafe im dargestellten und analysierten transkriptausschnitt eng mit den habituellen Dispositionen verknüpft und so hat diese in der Ausbildung der rechtskonformen handlungsorientierung Zuzana Ševčovičovás sicher auch ihren relevanten Platz, ebenso wie das Anliegen, Sozialversicherungsansprüche zu erwerben. In Rechnung zu stellen sind bezüglich der Frage der Gewichtung rechtsbezogener Bezugnahmen jedoch – und dies gilt potenziell auch für die anderen geführten Interviews – möglicherweise Effekte der Interviewsituation, die unmittelbares, inkorporiertes und normalerweise nicht reflektiertes praktisches Wissen kürzer kommen lassen können.10 4.3 Die Regulierung als objektive Zwangsstruktur Eine weitere Dimension, nach der sich rechtskonforme handlungsorientierungen ausprägen, ist die Zwangswirkung des Rechts. Wurde die Regulierung von Angehörigen und Careworkers wie anfangs dargestellt subjektiv bewältigt, indem die sozialen AkteurInnen deren Angebotsseite, mithin deren ermöglichenden Charakter in den Vordergrund stellten (vgl. 4.1), so stehen die rechtlichen Strukturen in den nachfolgend untersuchten Beispielen als beschränkendes Moment im Vordergrund. Die nachfolgende Untersuchung zeigt, wie negative Sanktionen die handlungsorientierungen der sozialen Gruppe der Angehörigen generalpräventiv zu beeinflussen vermögen. hierbei ist in Rechnung zu stellen, dass die Zwangswirkung des Rechts bei nicht wenigen der von mir interviewten Personen eine Rolle spielt, auch wenn derartige Bezüge keineswegs immer dominant sind.11 Dieses Ergebnis ist insbesondere im Kontext einer Bourdieu’schen theoretischen Perspektive interessant, weil Bourdieu 10 Diesbezüglich ist etwa auch an das Interview mit der Angehörigen Karin traxler zu denken, die in Bezug auf die Aktualisierung ihres rechtskonformen habitusschemas plötzlich eher wortkarg und wiederholend wird (vgl. 4.2.1). 11 Im betreffenden Abschnitt ziehe ich ausschließlich Interviews mit Angehörigen heran. Damit soll nicht gesagt sein, dass für Careworkers äußere Zwänge irrelevant wären. Die soziale Gruppe der ›ArbeitnehmerInnen‹ ist sogar in sehr viel stärkerem Maße an äußere Beschränkungen gebunden, wie vorangehend ansatzweise deutlich wurde und wie an späterer Stelle dezidiert noch ersichtlich werden wird (vgl. etwa 4.5). Vielfach handelt es sich dabei jedoch um Zwänge außerrechtlicher Art. Sofern bei Careworkers Präferenzentscheidungen eine Rolle spielen, stellen diese zudem in sehr viel stärkerem Maße auf das Recht als Angebotsnorm ab. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 204 die Frage des Stellenwerts von Zwang im Recht offen lässt und stärker habituelle Mechanismen betont. Konkret untersuche ich nachfolgend zwei unterschiedliche Ausformungen der Zwangswirkung des Rechts. Im ersten Fall analysiere ich exemplarisch, wie Angehörige eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbilden können, weil sie die negativen Sanktionen, die mit einer Aufdeckung der irregulären Beschäftigungen verbunden sind, als unhaltbares Risiko betrachten. Anhand des zweiten Falls untersuche ich exemplarisch, wie Angehörige eine rechtskonforme handlungsorientierung ausprägen können, weil sie mit der Regulierung eine erhöhte Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung antizipieren, die die Aufdeckungswahrscheinlichkeit ihrer irregulären Beschäftigung erhöht. Während der instrumentelle Zugang auf die Zwangswirkung des Rechts für meine Interviews keine Spezifika hinsichtlich sozialer herkunft und sozialer Ressourcen erkennen ließ, fällt für die subjektive Annahme einer punitiven handlungsausrichtung des sozialen Umfelds im Sinne einer erhöhten Anzeigebereitschaft eine niedrige soziale Positioniertheit auf. Auch die klassische Rechtssoziologie geht für »folk crimes« (Ross 1961: 232) teilweise von Konformitätsunterschieden entlang von »social class« und »race« (Feest 1968: 454f.) aus, wobei Angehörige marginalisierter sozialer Milieus stärker rechtskonform agieren. Es wird hierbei angenommen, dass die größere Konformität dieser Gruppen von einer höheren Strafbereitschaft der staatlichen Kontrollorgane herrührt (ebd.). Während marginalisierte soziale Gruppen diesbezüglich taktisch rechtskonformer als die Mehrheitsgesellschaft agieren (ebd.), ist im Rahmen des vorliegend untersuchten antizipierten Punitivitätsaspekts hingegen eher von vorreflexiven handlungen auszugehen. 4.3.1 Das Sanktionsrisiko Am Beispiel der Angehörigen Sabine Mayr untersuche ich exemplarisch, wie die eigene Situation in direkte Relation zur strafenden Kontrollinstitution gesetzt wird. Eine rechtskonforme handlungsorientierung wird ausgebildet, weil die für die ArbeitnehmerInnen bei Aufdeckung greifende Strafe – die Ausweisung – als totalverlust aufgefasst wird. Mein Kontakt zu Sabine Mayr entstand über Georg Aigner, den ich im Anschluss an unser Gespräch gebeten hatte, sich im Freundes- und BekanntInnenkreis nach weiteren möglichen InterviewpartnerInnen umzuhören. Auf seine Initiative hin meldete sich Sabine Mayr bei mir per E-Mail und bietet sich als Interviewpartnerin an. Das Interview fand an einem Nachmittag im November 2008 in ihrer Wohnung in Wien statt. Es dauerte eine Stunde und 56 Minuten. DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 205 Sabine Mayr ist zum Zeitpunkt des Interviews 61 Jahre alt. Seit vielen Jahren ist sie geschieden und lebt allein. Mit ihrem ehemaligen Mann hat sie einen Sohn, der sich mittlerweile im jungen Erwachsenenalter befindet. Bis Sabine Mayr einige Jahre zuvor in Pension ging, arbeitete sie bei einer internationalen Organisation. Sabine Mayr lebt in Wien in einer Wohnung mittlerer Größe. Für die sekundäre Betreuung ihrer pflegebedürftigen Mutter ist allein sie zuständig, obwohl sie noch einen Bruder hat, der in gleicher Entfernung zum Wohnort der Mutter lebt. Die Geschwister leben in Wien; die Mutter einige Autostunden entfernt in Mittelösterreich. Der Bruder macht Sabines Worten zufolge »gar nichts«, fahre die Mutter nur einbis zweimal im Jahr besuchen. Ein Vorwurf liegt jedoch nicht in ihrer Erzählung. Sie erläutert, dass ihr Bruder beruflich und familiär besonders eingespannt sei: Er habe vier Kinder und kein besonders gutes Einkommen und sei deshalb sehr beschäftigt. Ihr Leben habe sich mit der Pflegebedürftigkeit der Mutter allerdings komplett umgestellt; sie fahre sie jedes zweite Wochenende besuchen. Zur Pflegebedürftigkeit kam es vor drei Jahren, nachdem die 78-Jährige gestürzt war. Der Zustand der Mutter verschlechterte sich von da an kontinuierlich. Die Mutter lebte allein, erzählt Sabine Mayr, in einem »wirklich furchtbar großen haus« mit sehr großem Grundstück, ohne Kontakt zu Nachbarn, die sich ein wenig um sie hätten kümmern können. Es bestand insofern das Problem, dass die Mutter erneut stürzen könnte und dass dies unbemerkt bliebe. In dieser Situation stellen sich für Sabine Mayr zwei Optionen: das Pflegeheim oder die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹. Über ihr soziales Netzwerk erhält sie Kontakt zu einem potenziellen Careworker, einer Frau slowakischer Staatsbürgerschaft. Sabiner Mayr beschäftigt diese erst einmal für drei Wochen auf Probe, um sie dann gänzlich zu übernehmen. Während dieser Zeit bemüht sich die Rekrutierte um einen zweiten Careworker, so dass wechselnde, zunächst drei- und später zweiwöchige turnusse als live ins möglich werden. Im Interview präsentiert sich Sabine Mayr als gut informierte Beobachterin des Regulierungsprozesses, die ihre persönliche Situation auch im Rahmen größerer Zusammenhänge reflektiert. Obwohl sie die Beschäftigung auf irregulärer Basis durchweg als äußerst positiv beschreibt – es handele sich um ein »gut funktionierendes System«, das für alle Beteiligten »optimal« gewesen sei –, prägt sie eine rechtskonforme handlungsorientierung aus und meldet ihr Beschäftigungsverhältnis an. Für ihre positive Bewertung der Irregularität ist eine instrumentelle Bezugnahme auf das Recht, einzig und allein verstanden als Behelf zur Verbesserung von Abläufen, maßgeblich. Entsprechend erscheint Sabine Mayr die Regulierung keineswegs als längst überfällig, sondern als Neuerung, die eine gut funktionierende Praxis in die Krise zu stürzen drohte. Dieser DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 206 Zusammenhang wird in einem ersten Schritt dargestellt, um anschlie- ßend auf ihre rechtskonforme handlungsorientierung einzugehen. Zuerst wird hierfür der Gesprächseinstieg Sabine Mayrs ins Interview herangezogen, wie sie ihn in Form einer Erklärung leistet: S.M.: Es gab eine Anzeige .. und . dann wurde das Ganze thematisiert u n d und also, von der Politik zur Sprache gebracht hat und .. man hat eben versucht, das, dem Ganzen dann einen rechtlichen Rahmen zu geben. Das . es war, fast, fast ein Schneeballeffekt weil das äh ein ein eigentlich ein gut funktionierendes System fast zum Einsturz gebracht hat, weil sehr viel Verunsicherung. Ich mein ich bin selber sehr betroffen, weil ich mich sehr viel damit beschäftigt hab. Es war schon, also es war schwierig das, das Ganze ein bissel zu durchschauen und vor allem, . meine persönliche Angst war, wenn es, wenn es dann regularisiert ist, ist es dann noch finanzierbar. .. Und ich muss also auch im Nachhinein sagen, es hat sich . es gibt zwei Varianten, die angeboten wurden, nicht sehr viel verändert, es ist natürlich teurer geworden, das ist klar. Aber, aber insofern hat es sich auch verbessert, dass die Pflegerinnen hier eine Versicherung haben. Das ist sicherlich, das ist dadurch entstanden, und jetzt hat’s sich ganz gut eingespielt. Also man wird sehen, also wie sich das w e i t e r . ((wird leise)) bewähren wird. (Interview 20, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 6ff.) Sabine Mayr stellt die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ im dargestellten transkriptausschnitt als Gefährdung jenes Sozialraums dar, der älteren Menschen eine, wie sie später ausführt, »würdige« Pflege gewährleistet – eine Entwicklung, die sie nicht nur allgemein beobachtet, sondern von der sie auch selbst betroffen sei. Sie erzählt, wie das thema durch die Erstattung einer Strafanzeige gegen einen irregulär beschäftigenden Angehörigen zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und schließlich zu einem rechtlichen Regelungsgegenstand wurde. Die Wahrnehmung einer existenziellen Bedrohung des »gut funktionierende[n] System[s]« der irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ ergibt sich für Sabine Mayr maßgeblich aus der Offenheit des Ausgangs der Debatte, wie die nachfolgenden Äußerungen zum Ausdruck bringen: »Es war schon, also es war schwierig das, das Ganze ein bissel zu durchschauen und vor allem, . meine persönliche Angst war, wenn es, wenn es dann regularisiert ist, ist es dann noch finanzierbar.« Sabine Mayr verweist an dieser Stelle implizit auf die ungewöhnlich kontroverse parlamentarische Debatte um die ›24-Stunden-Pflege‹, die in der tat zu Anfang kaum Anhaltspunkte bezüglich einer Richtungsentscheidung offenbarte. Wie in 2.1 dargestellt, waren unter anderem eine stärkere Ahndung der Verbotsnorm, die Zwangsrekrutierung von MedizinstudentInnen, der Einsatz DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 207 von Zivildienstleistenden und die rechtliche Adaption der Au Pair-Regelung im Gespräch. Auch als sich herauskristallisierte, dass Regularisierungen ermöglicht werden sollten, blieb lange Zeit unklar, welche konkreten Charakteristika diese aufweisen würden. Sabine Mayrs Befürchtung betrifft nun in erster Linie den Eingriff des regulativen Rechts in den Sozialraum. Die Formulierung, »wenn es dann regularisiert ist«, verweist darauf, dass sie ohnehin mit einem die irregulären Praxen legalisierenden Gesetzespaket rechnete. Sorgen bereitete ihr, wie dieses ausgestaltet sein würde. Im Zentrum des Bangens steht der Kostenfaktor der ›24-Stunden-Pflege‹ unter regulären Bedingungen. Befürchtet werden derartige Kostensteigerungen, dass eine Betreuung und Pflege rund um die Uhr nicht mehr möglich sein wird. Erst mit Voranschreiten der Regulierung bis hin zur Amnestie, das macht der Blick auf weiter untenstehende Interviewpassagen deutlich, fällt Sabine Mayr auf, dass kaum ein Unterschied zur Irregularität besteht: »Im Nachhinein«, so konstatiert sie gleich zu Anfang des Gesprächs, hat sich »nicht sehr viel verändert.« Zwei dieser ›kleineren‹ Veränderungen hebt Sabine Mayr jedoch heraus: Zum einen seien die Kosten für die ›24-Stunden-Pflege‹ tatsächlich gestiegen, zum anderen seien die beschäftigten Careworkers nun sozialversichert. Für Sabine Mayr scheint sich die Kostensteigerung im Rahmen zu halten, da im dargestellten Interviewausschnitt hinsichtlich der Finanzierbarkeit keine negative Bewertung erfolgt. Die Anforderungen an die Leistbarkeit einer ›24-Stunden-Pflege‹ sind jedoch hoch: Gegen Ende des Interviews erzählt Sabine Mayr, dass ihre Mutter eine relativ hohe Pension erhält und zudem über Ersparnisse verfügt. trotz der mit der Regularisierung einhergehenden teuerung reichen das Pflegegeld und die Pension weiterhin aus, um die Kosten zu decken. Für größere Arbeiten am haus werden die Ersparnisse der Mutter eingesetzt. Generell vermittelt Sabine Mayr im Interview den Eindruck, dass ihre Mutter relativ wohlhabend sei: So besitze sie nicht nur eine relativ hohe Pension und Ersparnisse sondern auch ein großes haus mit großem Garten, in dem eine Anliegerwohnung integriert ist. Diese war ursprünglich als hausmeisterwohnung vorgesehen, wird nun jedoch verwendet, um die Careworkers unterzubringen. Im nachfolgenden transkriptausschnitt setzt Sabine Mayr die finanzielle Situation zur Regulierung ins Verhältnis: S.M.: Es für mich . es ist ja nicht so ein großer Unterschied. Ah finanziell ist es ein bisschen teurer geworden, aber nicht wirklich empfindsam, also schmerzlich. Gut, ich mein, ich tu mir gleich ein bisschen leichter, weil meine meine Mutter eine eine relativ gute Pension u n d ähm . noch Ersparnisse. Also mir tun 150 Euro im Monat nicht weh. Sie ist weit davon entfernt, dass wir Kinder jetzt für sie sorgen müssen. Und aber, das ist nicht bei allen so. Und es ist auch eine Zumutung, es geht nicht man kann nicht sagen, man muss den Generationen-Kontrakt jetzt nach rückwärts DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 208 erfüllen, das geht nicht. Bei mir ist es kein Problem, ich hätte auch meiner Mutter was geben können. In dieser Weise sind wir privilegiert. Mein Bruder hätte das Geld aber nicht zur Verfügung. (Interview 20, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 302ff.) Die teuerung scheint so wenig auf das vorhandene Budget zu drücken, dass kaum ein Unterschied zur irregulären Finanzsituation besteht; das macht der die finanzielle Situation einleitende teilsatz »es ist ja nicht so ein großer Unterschied« und die Äußerung »mir tun 150 Euro im Monat nicht weh«, deutlich. Sabine Mayr beschreibt ihre Position in dieser hinsicht als »privilegiert«, mithin als Situation, die im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen ungewöhnlich ist. Mittels der Selbstzuschreibung »privilegiert« setzt sich Sabine Mayr konkreter von jener Gruppe von Angehörigen ab, deren pflegebedürftige Eltern über eine geringere Pension beziehungsweise über geringere Ersparnisse verfügen. Die Finanzierungsprobleme anderer stellt sie im Gegensatz zu ihrer eigenen Situation als »Zumutung« dar: Sabine Mayr ist sich dessen bewusst, dass viele Angehörige die ›24-Stunden-Pflege‹ aus eigenen Mitteln bezuschussen müssen, weil die Pension oder die Ersparnisse vieler Pflegebedürftiger vergleichsweise geringer sind. Sie weiß zudem, dass viele Angehörige darüber hinaus überhaupt nicht in der Lage sind, eine ›24-Stunden-Pflege‹ zu finanzieren. Diese Problematik lokalisiert sie schon im nahen Umfeld. So wäre sie selbst zwar zu einer Bezuschussung der Kosten für das Caring in der Lage, doch schon bei ihrem Bruder sieht dies anders aus. Demnach hat eine große Anzahl von Angehörigen zumindest unter regulären Bedingungen keine Möglichkeit, eine ›24-Stunden-Pflege‹ zu beschäftigen.12 Positiv bewertet Sabine Mayr die Inklusion der Careworkers in die Sozialversicherung, auch wenn dieser Aspekt gegenüber der Frage nach der Finanzierbarkeit der ›24-Stunden-Pflege‹ im gezeigten Interviewausschnitt deutlich nachrangig ist. In hinblick auf das gesamte Interview wird die Inklusion der Careworkers in die Sozialversicherung eher als positiver Nebeneffekt betrachtet, denn entscheidend für die rechtskonforme handlungsorientierung sind für Sabine Mayr andere, untenstehend noch näher zu erläuternde Aspekte. Ein abschließendes Urteil über den Eingriff des Rechts in die ›24-Stunden-Pflege‹ behält Sabine Mayr sich jedoch noch vor. Es sei abzuwarten, welche Erfahrungen die Menschen mit der ›24-Stunden-Pflege‹ im 12 tatsächlich gilt dies – jedoch nicht nur nach, sondern bereits vor der Regulierung, so muss hier hinzugefügt werden – tendenziell für alle Gruppen unterhalb des Milieus der gehobenen Mittelschicht. Unter Berücksichtigung aller von mir Interviewten wird hier jedoch davon ausgegangen, dass in ländlichen Regionen diesbezüglich Ausnahmen bestehen, weil sich zumindest die Frage des zu knappen Wohnraums für eine live in-Situation nicht stellt. DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 209 Weiteren noch machten: »Also man wird sehen, also wie sich das w e i t e r . ((wird leise)) bewähren wird.« Angesichts der Regulierung, die sie eingangs als in ihrem Kern schwer zu erfassen beschrieben hat, scheint sie sich nicht sicher sein zu können, ob zukünftig nicht doch noch negative, heute für sie noch nicht absehbare Aspekte der Regulierung aufscheinen werden. Die Regulierung erscheint Sabine Mayr, obwohl sie ihr eigenes Beschäftigungsverhältnis regularisiert hat, weiterhin unberechenbar. Beobachten lässt sich damit ein in den Interviews verbreitetes Phänomen, das sich einerseits womöglich auf den Laien-Status der Befragten und andererseits auf die Inkrementalität der Rechtsentwicklung zurückführen lässt.13 Selbst wenn, wie bei Sabine Mayr, relativ gute Rechtskenntnisse vorliegen (vgl. dazu nachfolgend auch 4.4.1), bleibt möglicherweise das Bewusstsein um den eigenen defizitären praktischen Sinn in Bezug auf das rechtliche Feld und das Wissen um eine sich potenziell weiter ver- ändernde Rechtslage implizit weiter gegeben. Rechtsbezogene ›Überraschungen‹ werden deshalb nicht ausgeschlossen. Weist der oben dargestellte transkriptausschnitt darauf hin, dass Sabine Mayr befürchtet, die Regulierung könnte den Markt der ›24-Stunden-Pflege‹ für immer zerstören, so wird an späterer Stelle deutlich, dass sie das frühere System regelrecht als Optimum betrachtet: S.M.: In Österreich ist es politisch hochgespielt worden, und ich glaub sie haben es sehr bereut. Ich mein, jetzt ist es ok. Aber es hat so, solche Wogen. verursacht, die sicherlich nicht gewollt waren. Es hat eigentlich wunderbar funktioniert vorher. U n d ich mein es war kein ökonomischer Schaden, absolut nicht, und das Geld, das ich den Pflegerinnen zahl, also das, das fließt hinaus. Also die sind, also die, also meine beiden, die geben keinen keinen Euro hier aus. Die sind sehr sparsam. Das geht alles hinaus und wird investiert in äh . ja diverse Wohnungen oder ( ) was sie brauchen. Äh, aber ansonsten, also das, was sie an Entlastung gebracht haben, heimentlastung, also des wo ja immer gesagt wurde, sie nehmen die Arbeit den Pflegerinnen weg, das ist nicht richtig. . Denn, die Pfleger, die wir haben, kann sich privat kaum jemand leisten. . Und die heime waren also überfüllt. Vor allem für Pflegeplätze, normale Wartezeit . zehn Jahre. --- Ich hab Freundinnen, die sich jetzt schon anmelden, damit sie dann, wenn sie es brauchen, für den Ernstfall einen Platz haben. Und Sie kommen auch nur ins heim, ich sprech von Wien, also am Land weiß ich, ist es anders sicher . wenn Sie noch guter Gesundheit sind und nicht ein Pflegefall sind. Also da ist wirklich eine Lücke gefüllt worden. Und vor allem, also es . die frühere Situation war für alle optimal, die bestmöglichste Situation ähm eine win win-Situation für alle 13 Der letztgenannte Aspekt bestätigt damit empirische Erkenntnisse der Konformitätsforschung (siehe hierzu Feest 1968: 448). DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 210 Beteiligten. Für den Staat, für die Pflegerinnen und die Betreuten. Die Pflegerin hat relativ viel Geld verdient, die Pflegebedürftigen haben ein optimales Service gehabt und der Staat hat eine Erleichterung gehabt. (Interview 20, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 432ff.) Erneut verwendet Sabine Mayr an dieser Stelle, viele Interviewminuten später, das eingangs in Bezug auf die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ positiv gebrauchte Verb ›funktionieren‹. hier wie dort dient es ihr dazu, den positiven Charakter der irregulären Beschäftigungen gegenüber der regulären Situation zu ›verteidigen‹. Sabine Mayr schildert, dass nicht erst die Regulierung ein ›Funktionieren‹ der ›24-Stunden-Pflege‹ gewährleistet hat. Auch in der Irregularität war ein reibungsloser Ablauf des Care work gegeben: »Es hat eigentlich wunderbar funktioniert vorher.« Sabine Mayr beschreibt das irreguläre Carework als ideal; dies nicht nur bezogen auf ihre persönliche Situation, sondern in hinblick auf alle Beteiligten: »Und vor allem, also es . die frühere Situation war für alle optimal, die bestmöglichste Situation ähm eine win win-Situation für alle Beteiligten.« Plausibilisiert wird dies von ihr damit, dass die Careworkers »relativ viel« Verdienst mit nach hause nahmen, dass die Pflegebedürftigen die denkbar beste Betreuung bekamen und dass der Staat bezüglich der Frage einer flächendeckenden pflegerischen Versorgung der pflegebedürftigen älteren Menschen entlastet wurde. Vorweggenommen wird von ihr an dieser Stelle der in der Debatte um die ›24-Stunden- Pflege‹ kolportierte rassistische Einwand, dass die Careworkers österreichische Arbeitskräfte verdrängen würden. Davon könne nicht die Rede sein, dieses Argument sei »nicht richtig«, kontert Sabine Mayr gegen- über dem imaginierten mächtigen Diskurs. Schließlich füllten die Careworkers – zumindest wisse sie das aus ihrer heimatstadt, verweist sie einschränkend auf ihren lokalen Erfahrungshorizont – eine Betreuungsund Pflegelücke: »Also da ist wirklich eine Lücke gefüllt worden.« Als positiv müsse man die irregulären Beschäftigungen auch beurteilen, weil kein ökonomischer Schaden entstanden sei: Obwohl der Staat mit den Careworkers keine Einnahmen generierte, hatte dieser gleichzeitig auch keine Ausgaben zu verbuchen; diesbezüglich hatten die irregulären Beschäftigungsverhältnisse für »eine Erleichterung« gesorgt. Keine Rolle spielt für Sabine Mayr, dass es in der Irregularität im Gegensatz zu den regulären Angeboten in Österreich keine Kriterien hinsichtlich der Qualifikation der Beschäftigten gibt – obwohl ihre Mutter in betreuerischer und pflegerischer hinsicht einiges an Unterstützung bedarf: An anderer Stelle im Interview schildert sie, dass ihre Mutter »geistig nicht ganz zurechnungsfähig« ist und »überhaupt nichts mehr alleine machen« kann. Sie benötigt eine permanente Betreuung und mit Pflegestufe 5 auch eine umfassende körperliche Pflege. Auch nachts muss DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 211 die Mutter gepflegt werden. Dass dieser Aspekt keine Rolle spielt, mag daran liegen, dass Sabine Mayr mit den beiden bei ihr beschäftigten Care workers uneingeschränkt zufrieden ist. Sie schildert, dass sie auch in dieser hinsicht privilegiert sei, da sie sich auf beide voll und ganz verlassen könne. Die Frage nach deren Kompetenz stellt sich für Sabine Mayr nicht, da sie die Careworkers über private Kontakte rekrutiert hat. Für Sabine Mayr ist die persönliche Empfehlung im Gegensatz zur Vermittlung durch eine Agentur gleichbedeutend mit einer ausreichenden Qualifikation. Dazu kommt, dass es Sabine Mayr insgesamt leicht zu fallen scheint, die Verantwortung an die Careworkers abzugeben. So schildert sie, wie sich die Abläufe im Rahmen der ›24-Stunden-Pflege‹ scheinbar wie von selbst regeln. So hat etwa keineswegs sie selbst angeregt, dass die bei der Mutter beschäftigten Careworkers eine Mittagspause von zwei Stunden machen sowie eine Ruhezeit haben. Vielmehr beschreibt wie, wie dies von Anfang an »schon eine ausgemachte Sache« war. Wie die Careworkers die Betreuung und Pflege der Mutter organisieren, scheint in hohem Maße ihnen selbst überlassen. Ebenfalls keine Berücksichtigung findet hier der anfangs geäußerte, positive Aspekt der mit der Regularisierung einhergehenden Sozialversicherung für die Beschäftigten. Berücksichtigt wird von Sabine Mayr lediglich die Lohnhöhe, die vor wie nach der Regulierung als »relativ gut« eingeschätzt wird. Angesichts des Umstands, dass der Verdienst pro Care worker bei rund 336 geleisteten Arbeitsstunden im Monat, davon die hälfte Nachtarbeit, unterhalb der für Österreich festgelegten Armutsgrenze liegt, ist dies eine erstaunliche Einschätzung. Erstaunen muss dies umso mehr, weil Sabine Mayr die entlastende Funktion der Careworkers in Österreich wie auch für sie persönlich nicht nur einmal explizit würdigt. Im letztgenannten transkriptausschnitt spricht sie etwa davon, dass die Careworkers für »Entlastung« sorgten. An anderer Stelle bemerkt sie: S.M.: Was ich hier wirklich anbringen möchte: Wäre meine Mutter ohne ohne diese Betreuer, könnte sie nicht alleine im haus bleiben und wir hätten sie in ein heim stecken müssen und dann würde meine Mutter nicht mehr leben. Diese Lebensqualität hätte sie nicht in dem teuersten Altenheim. Sie . sie ist auch in der Nacht durch das Babyfon gut betreut. (Interview 20, Transkriptausschnitt 4, Zeilen 215ff.) Erklären lässt sich diese Diskrepanz von Wertschätzung und Bewertung des Verdiensts vor dem hintergrund, dass Sabine Mayr sich einen gesellschaftlich hegemonialen Diskurs zu eigen gemacht hat, der im Effekt die niedrige Bezahlung legitimiert. Diesem zufolge verdienen die Careworkers nach österreichischen Maßstäben zwar wenig, nach Maßgabe der durchschnittlichen Löhne in der Slowakei haben sie jedoch ein gutes DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 212 Auskommen. Es ist dies ein Diskurs, der den Wert der Arbeit nicht an den eigenen Standards misst, sondern von den Einkommensunterschieden zwischen den Ländern profitiert; ein Vorgehen, das Frank Nullmeier (2006: 179) zufolge dem Prinzip der »internationale[n] und globale[n] Gerechtigkeit« widerspricht. Unberücksichtigt bleibt bei einer solchen Perspektive, dass die geringe Lohnhöhe die Chancen auf soziale und ökonomische teilhabe deutlich minimiert – ein Umstand, der nicht ausschließlich, aber vor allem dann zum Problem wird, wenn der Wunsch besteht, den Lebensmittelpunkt nach Österreich zu verlagern, wie in 4.1.2 deutlich wurde. Dies geht indirekt auch aus Sabine Mayrs Beobachtung hervor, wenn sie in transkriptausschnitt 3 bemerkt, dass die bei ihr beschäftigten Careworkers »keinen Euro hier aus[geben]«. In Kombination mit der Feststellung, dass das Geld aus Österreich hinausfließt, wird dieser Aspekt von ihr allerdings nur unter dem Gesichtspunkt des österreichischen Bruttoinlandprodukts, also aus makroökonomischer Perspektive betrachtet. Mit der Begriffsverwendung »win-win-Situation« suggeriert sie jedoch, dass alle an der Situation Beteiligten ihre Interessen ausreichend zu artikulieren in der Lage waren, so dass aus dem Problem des ›Pflegenotstands‹ nur GewinnerInnen hervorgingen (vgl. Fisher/Ury 1991). Den Aspekt ungleicher ›Verhandlungspositionen‹, wie er im Feld des irregulären Carework tendenziell vorherrscht (vgl. 4.1.3; vgl. 4.5.1), lässt sie dabei außer Acht. Das Machtdifferential zwischen Österreich und der Slowakei spiegelt sich hier mithin als Machtdifferential zwischen den Angehörigen und den Careworkers. Der geringe Verdienst muss zweitens im Kontext einer massiven Fehleinschätzung der eigentlichen Arbeitszeit gesehen werden – ein Phänomen, wie es aus der Literatur in Zusammenhang mit der Bagatellisierung von Care-tätigkeiten als ›hilfeleistungen‹ bekannt ist (vgl. 2.1): Sabine Mayr schätzt den zweiwöchigen turnus der Careworkers als »halbtagsjob komprimiert auf 14 tage« ein. Was tut die ausführliche Darstellung von Sabine Mayrs Sicht auf die irreguläre Beschäftigung für die Frage nach der Ausbildung ihrer rechtskonformen handlungsorientierung hier zur Sache? Mit ihr ist jener Kontext herausgearbeitet, mit dem sich plausibilisieren lässt, dass Sabine Mayr die Regulierung in keinerlei hinsicht moralisch betrachtet. Die obige Darstellung zeigt, dass das Recht sich für sie nicht etwa als normative Drohkulisse darstellt, deren Nichtbefolgung beispielsweise so ziale Sanktionen nach sich ziehen könnten. Vielmehr unterliegt das Recht im Fall von Sabine Mayr einer technisch-instrumentellen Betrachtung. Recht sieht sie als etwas, das zu einem besseren Funktionieren der sozialen Abläufe beiträgt. Da die irreguläre Beschäftigungssituation schon »optimal« funktionierte und eine »win-win-Situation« für alle Beteiligten darstellte, muss ihr die einsetzende Regulierung als negative Entwicklung erscheinen. Wenn sie bemerkt, dass ein System, das »wunderbar DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 213 funktioniert« hat, »politisch hochgespielt« wurde, so suggeriert sie, dass zivilgesellschaftliche oder politische AkteurInnen einen an sich problemlosen Zustand künstlich zum Problem erhoben. Vieles spricht vor diesem hintergrund dafür, dass Sabine Mayr die Regulierung nicht als notwendig erachtet, da sie keinen Verbesserungsbedarf für die Gewährleistung der Betreuung und Pflege sieht. Dennoch entscheidet sie sich dafür, das irreguläre Beschäftigungsverhältnis anzumelden. Auch weiterhin spielen moralische Aspekte hierbei keine Rolle, vielmehr sind es pflegepragmatische Gründe, wie sie sich aus dem bei Irregularität bestehenden Sanktionsrisiko ergeben, die an dieser Stelle relevant werden. Sabine Mayr befürchtet, im Rahmen der Aufdeckung der irregulären Beschäftigungen von einer akuten Pflegeversorgungslücke betroffen zu sein: S.M.: Äh sie Schwarzarbeit machen zu lassen, hat ist für mich also . äh ist überhaupt nicht in Frage gekommen, das Risiko .. nicht so sehr die Strafe, das das wäre mir relativ egal gewesen, dass man sie nach hause schickt und ich keine Pflegerinnen für meine Mutter habe, also dieses Risiko ist mir zu groß. Und wie gesagt, also es nachdem ich auch herausgefunden habe, dass es auch finanziell nicht so einen großen Unterschied macht, war . es für mich überhaupt keine Frage. Ich mein, es gibt das andere Modell mit der Amnest- mit der Anstellung. Also wenn man anstellt, dann kommt man dann in das österreichische Arbeitsrecht hinein, also da k- da . dann ist es nicht mehr von . also es ist nicht nur nicht finanzierbar, man hat, man braucht auch praktisch zwei Leute, denn es , es ist eine ganz andere rechtliche, arbeitsrechtliche Situation, also sie dürfen dann nicht in der Nacht. --- Was ist Nachtarbeit? Also, das ist alles, es ist eine ganz andere .. Situation, die praktisch für die . für diese Situation nicht passend ist. Da kommt man in das normale Arbeitssch- oder -verhältnis, rechtliche Arbeitsverhältnis hinein, das heißt mit Urlaubsanspruch, geregelte Arbeitszeiten, das heißt sie hat einen 40-Stunden tag äh -Woche, die Nachtzeiten müsste man dann extra. Ich mein, sie ist ja präsent. Ich mein, sie kann jetzt zwar nicht weg, aber sie arbeiten nicht, sie schlafen, aber trotzdem . wir haben halt mal das Geld nicht und und das ist sehr sehr schwierig. Das war von vornherein unmöglich. Ich mein, diese freiberufliche Pflege, wurde auch so konzipiert, also es wurde an diese unsere Situation angepasst. Das haben wir schon sehr wohl gewusst. Ich mein, in Österreich, es hieß es gab eine Dunkelziffer von 40.000 Pflegerinnen, die hier arbeiteten. Also es wäre unmöglich gewesen, die in ein Angestelltenverhältnis, das hätten sich vielleicht ein Prozent der Leute leisten können. Ich mein, ist dieses Modell schon sehr schwierig. Also im Angestelltenmodell ist es absolut unmöglich. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 214 I: Strafe zahlen wäre ihnen eher egal, sagten Sie? S.M.: Nein, ich bin da eher locker. Für mich ist es, ähm, für mich das wichtigste Kriterium ist, dass meine Mutter eine Pflege hat. Die Strafe wäre meine Mutter in der Lage gewesen zu zahlen. Was man hört, ist das im Rahmen. Für mich ist das wichtigste Kriterium, dass meine Mutter Pflege bekommt. Wenn es geheißen hätte, wir müssen sie jetzt anstellen, ich hätte einen größeren Druck gehabt, dann hätte ich sie schwarz arbeiten lassen. Aber . so wie das Angebot kam, war es keine Frage. (Interview 20, Transkriptausschnitt 5, Zeilen 467ff.) Von der Erörterung des Anmeldeprozederes leitet Sabine Mayr bruchlos zur Frage der rechtskonformen handlungsorientierung über. In transkriptausschnitt 5 stellt sie heraus, dass irreguläre Arbeit für sie heute nicht mehr zur Disposition steht: »[Ä]h sie Schwarzarbeit machen zu lassen, hat ist für mich also . äh ist überhaupt nicht in Frage gekommen«. Als Motivation formuliert Sabine Mayr, dass sie der Strafe, die hier von ihr als potenzielles Ereignis mit negativer Auswirkung, also als »Risiko« wahrgenommen wird, entgehen möchte, um keinen Pflegeengpass zu riskieren. Sie bezieht sich dabei auf jene Strafe, die nicht ihr, sondern den Careworkers bei Aufdeckung einer irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ angelastet werden würde: Letztere würden ausgewiesen (vgl. 2.1.5). So tendiert sie dazu, das »Risiko« auf Null zu stellen. Sabine Mayr steht damit exemplarisch für jene Gruppe von Angehörigen, die nicht in die Verlegenheit kommen möchten, selbst betreuen und pflegen zu müssen. An anderer Stelle im Interview stellt sie heraus, dass das familiäre Caring nur im äußersten Notfall eine Option darstellt: »Das wäre die allerletzte Möglichkeit gewesen, bevor sie alleine zu hause sitzt, aber ich hab die Ausbildung nicht und es wäre einfach zu viel auf Dauer.«14 In 14 Es ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, dass für die von mir interviewten Angehörigen der Aspekt, einen Pflegeengpass vermeiden zu wollen, vorrangig für weibliche Interviewte ausschlaggebend ist. Erklären lässt sich diese tendenz, wenn man berücksichtigt, dass Frauen in Familien mit Pflegebedarf traditionell das Caring übernehmen. Auch in meinen Interviews zeigt sich, dass es längst nicht immer, aber doch vermehrt Frauen sind, die bei einem plötzlichen Pflegefall die Betreuung und Pflege temporär übernehmen, bis eine ›24-Stunden-Pflege‹ eingerichtet ist. Männliche Interviewte holen sich in solchen Situationen teilweise Unterstützung von Nachbarinnen der Pflegebedürftigen oder von ihren Partnerinnen – eine Vorgehensweise, die sich für die interviewten Frauen umgekehrt kaum erkennen lässt. Für meine Interviews lässt sich insofern davon sprechen, dass diese Bezugnahme auf die Regulierung entlang der Differenzlinie gender verläuft. Da bei Aufdeckung der irregulären Beschäftigung, so lässt sich schlussfolgern, Frauen stärker auf die Zwänge des pflegerischen Feldes zurückgeworfen sind, rekurrieren sie von diesem Ausgangspunkt aus auf die Regulierung. DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 215 transkript ausschnitt 5 erwähnt Sabine Mayr weiter explizit, dass es ihr mit der Regularisierung des Carework nicht darum geht, eine mögliche Strafe zu vermeiden. Diese wäre ihr gleichgültig, »eher egal«, wie sie es formuliert. Es wird hier deutlich, dass das Feld des Rechts Sabine Mayr ein spezifisches Verhalten nahezu ausschließlich unter Berücksichtigung von negativen Sanktionserwartungen nahezulegen scheint. Der instrumentelle Blick auf das Recht bedingt, dass sie sich an den Rechtsnormen ausschließlich unter Abwägung von Vor- und Nachteilen orientiert, die mit der Rechtskonformität beziehungsweise dem Rechtsbruch einhergehen würden. Das Interesse Sabine Mayrs erscheint hier bewusst kalkuliert, und vieles dreht sich in dieser Kalkulation – neben der Strategie, das Risiko ›abzustellen‹ – um das Geld. Die Verhältnisse des Feldes erfordern nach Sabine Mayrs Wahrnehmung dabei anscheinend keine verinnerlichte Darstellung oder tatsächliche Verinnerlichung der Rechtsnormen: Es muss kein auch identitär verhaftetes Interesse ausgebildet werden, um nach den Regeln des Feldes zu spielen (vgl. hierzu allg. heitzmann 2010: 10; holzleithner 2006: 27). hierauf verweist auch der Umstand, dass es für Sabine Mayr denk- und sagbar ist, dass die irreguläre Beschäftigung ihr (nahezu) ebenso gut wie die reguläre Lösung erscheint. In sozialer hinsicht scheint aus ihrer Perspektive keine besondere Verhaftung an das rechtliche Spiel geboten: Die stigmatisierende Wirkung des Rechtsbruchs (vgl. Feest 1968: 448; Ross 1961) ist an dieser Stelle zweitrangig oder im sozialen Umfeld nicht vorhanden und wird von Sabine Mayr auch selbst kaum prozessiert. Zwar ist ihr die Verwaltungsstrafe nicht vollständig gleichgültig, wie die Einschränkung »eher« verdeutlicht, als Sabine Mayr auf die Geldstrafe zu sprechen kommt. Unklar bleibt jedoch, ob der monetäre Mehraufwand gemeinsam mit oder anstelle der Bestrafung die nur relative Gleichgültigkeit bedingt. Die Fixierung Sabine Mayrs auf den finanziellen Aspekt der ›24-Stunden-Pflege‹ lädt jedoch zu der Deutung ein, dass dieser auch in Bezug auf die »Strafe« im Vordergrund steht. Ein weiterer hinweis für diese Interpretation ergibt sich daraus, dass Sabine Mayr in transkriptausschnitt 5 auf meine Frage nach der »Strafe« erneut auf die Leistbarkeit abstellt, diesmal auf die Geldstrafe: Sie beschreibt an dieser Stelle, dass die Mutter über ausreichend Mittel verfüge, um eine eventuelle Verwaltungsstrafe zu zahlen. Sabine Mayr scheint die Geldstrafe als unerheblich für die Regularisierung zu beurteilen, da sie sich von der höhe her im angemessenen Bereich bewegt, wie die Feststellung »[w]as man hört, ist das im Rahmen« deutlich macht; moralische Skrupel oder Stigmatisierungsbefürchtungen werden hingegen nicht genannt. Es ist vor diesem hintergrund die these aufzustellen, dass es im Fall Sabine Mayr nicht die Rechtsnorm selbst ist, die um ihrer Existenz willen befolgt wird, vielmehr korrespondiert ihre DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 216 rechtskonforme handlungsorientierung hier mit der Potenzialität negativer Effekte bei Aufdeckung des Beschäftigungsverhältnisses (im Sinne der Nicht-Gewährleistung des Carework). handlungsanleitender Faktor ist damit – ganz nach Maßgabe der Abschreckungstheorien – die objektive Zwangsstruktur des Rechts. Mit der Aufdeckung müsste das bisherige Beschäftigungsverhältnis unweigerlich beendet werden, so dass eine wie auch immer geartete Pflege- und Betreuungslücke entstünde. Eben dies will Sabine Mayr nicht riskieren, weshalb sie regularisiert.15 Entgegen der Annahmen bisheriger empirischer Untersuchungen zum Verhältnis von Strafe und Rechtskonformität (Antunes/hunt 1973; Chambliss 1966; Diekmann 1980; Silberman 1976) muss hier davon ausgegangen werden, dass nicht die Sanktionswahrscheinlichkeit verhaltenswirksam ist – diese wird von Sabine Mayr keineswegs als hoch eingeschätzt –, sondern dass die subjektiv als schwer beziehungsweise hoch empfundene Sanktion diesbezüglich eine Rolle spielt. Denn Sabine Mayr möchte das Risiko auf Null setzen, unabhängig davon, welche Eintrittswahrscheinlichkeit sie ihm zumisst. Da sie den Schaden als maximal betrachtet, reicht ihr das Wissen um das Bestehen jeglichen Risikos. In Anlehnung an Donal Casey und Colin Scott (2011: 83) lässt sich Sabine Mayrs haltung vor diesem hintergrund als die eines »amoral calculators« bezeichnen, sofern ihre Konformität maßgeblich von dem Gedanken geprägt ist, dass die Nonkonformität für sie kostspieliger sein könnte. Notwendige Bedingung für die Null-Risiko-Strategie scheint jedoch die subjektive Annahme der Finanzierbarkeit der ›24-Stunden-Pflege‹ zu sein; sie ist das Leitthema des Interviews. In transkriptausschnitt 5 bemerkt Sabine Mayr, dass die Regularisierung »überhaupt keine Frage« mehr war, nachdem ihr klar wurde, »dass es auch finanziell nicht so einen großen Unterschied macht«. Weil die Pflege nach den subjektiven Kriterien Sabine Mayrs leistbar ist, ist die Zeit des ›rätselnden‹ Abwägens beendet und ist eine Entscheidung getroffen, mit der die Überlegung, das Risiko eines Pflegeengpasses ausschalten zu wollen, berücksichtigt werden kann. Erst vor diesem hintergrund wird es ihr möglich, dem Wunsch nach Pflegekontinuität unmittelbar Rechnung zu tragen. Die Einschätzung der Leistbarkeit bezieht Sabine Mayr jedoch ausschließlich auf den Selbständigenstatus. Die Careworkers über den Angestelltenstatus zu beschäftigen, wäre für sie keine Option gewesen. Wäre eine Anstellung die einzige Möglichkeit gewesen, hätte Sabine Mayr lieber die irreguläre Beschäftigung aufrechterhalten: »Für mich ist das 15 Unter Rekurs auf Bourdieu wird das kalkulierte handeln Sabine Mayrs erklärbar, weil das Recht durch die Präsenz der Regulierung – die hier als Option gesehen wird, Risiken auf Null zu stellen – in seinem objektiven Zwangscharakter gesehen wird. Den Zwangscharakter des Rechts tatsächlich auch wahrnehmen zu können, ist dabei mit der Erfahrung verbunden, permanent mit einem Risiko zu leben, das potenziell zu handlungskrisen führen kann. DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 217 wichtigste Kriterium, dass meine Mutter Pflege bekommt. Wenn es gehei- ßen hätte, wir müssen sie jetzt anstellen, ich hätte einen größeren Druck gehabt, dann hätte ich sie schwarz arbeiten lassen. Aber . so wie das Angebot kam, war es keine Frage.« Es entsteht an dieser Stelle der Eindruck, dass das Selbständigen-Modell gegenüber dem Angestellten-Modell ohne näheres Ansehen bevorzugt wird; dies macht die Formulierung »[d]as war von vornherein unmöglich« deutlich. Sabine Mayr schildert, wie ihr das Selbständigen-Modell besser auf ihre Pflegesituation zugeschnitten erscheint, weil sie »an diese unsere Situation angepasst« wurde. Demgegenüber wird das Angestelltenmodell als »nicht passend« beurteilt. In dieser hinsicht zählt sich Sabine Mayr dann trotz ihrer ›privilegierten‹ Situation zu den ›99 Prozent‹ (vgl. de Sousa Santos 2011). Wie die anderen, so könne auch sie sich die Pflege auf Anstellungsbasis nicht leisten: »Also es wäre unmöglich gewesen, die in ein Angestelltenverhältnis, das hätten sich vielleicht ein Prozent der Leute leisten können. Ich mein, ist dieses Modell schon sehr schwierig. Also im Angestelltenmodell ist absolut unmöglich.« Sie stellt das Angestelltenmodell damit als lediglich passend für ›Superreiche‹ dar. Sabine Mayr legitimiert die Wahl ihres Beschäftigungsmodells jedoch nicht nur über ihre finanzielle Situation, sondern auch darüber, dass sie den Arbeitscharakter der Beschäftigung relativiert: »Ich mein, sie kann jetzt zwar nicht weg, aber sie arbeiten nicht, sie schlafen«. Diese Schilderung schränkt sie anschließend jedoch wieder ein, indem sie mittels der Konjunktion »trotzdem« ausführt, dass sie es sich nicht leisten kann, auf Grundlage des Angestellten-Modells zu beschäftigen. Für Sabine Mayr stellt sich vielmehr die Frage, ob ein solches Modell überhaupt ins Arbeitsrecht integriert werden kann. Dabei stellt sie die Arbeitsweise in der ›24-Stunden-Pflege‹ als Ausnahme dar, die auch als solche behandelt werden sollte: Es sei schon ›passend‹, dass es das Selbständigen-Modell gebe, da dieses nicht in das »normale«, also herkömmliche Arbeitsrecht hineinreiche, mit dem die Beschäftigten ein Recht auf Urlaubsansprüche, geregelte Arbeitszeiten, eine 40-Stunden Woche usw. erhielten. Damit setzt sie an den gegenwärtigen rechtspolitischen Gegebenheiten an und ›naturalisiert‹ diese, anstatt die Frage zu stellen, warum die ›24-Stunden-Pflege‹ Ausnahmecharakter hat. Das Angestelltenmodell steht bei Sabine Mayr von Anfang an als »das andere Modell« im Raum. Man kann an dieser Stelle den Eindruck gewinnen, dass das Selbständigen-Modell dem Angestelltenmodell vorgezogen wird, weil es eindeutig günstiger ist – ganz unabhängig von der tatsächlichen Leistbarkeit. Die geringe Verteuerung der ›24-Stunden- Pflege‹ ist das, was Sabine Mayr für die tätigkeit zusätzlich zu bezahlen bereit ist, wobei diesbezüglich hinzuzufügen ist, dass die bei ihr beschäftigten Careworkers ein Drittel der hinzugekommenen Kosten selbst tragen, da Sabine Mayr bisher keine zusätzliche Förderung beantragt hat. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 218 Der Grund hierfür liegt darin, dass in dem Bundesland, in dem ihre Mutter lebt, zur Zeit des Interviews noch eine Vermögensgrenze besteht. Diese sieht für Personen mit einem Vermögen von über 7.000 Euro keine Förderung vor. 4.3.2 Sanktionsbereitschaft im sozialen Umfeld Anhand des nachfolgenden Interviews mit Werner Dörfler untersuche ich exemplarisch, wie Angehörige eine reguläre handlungsorientierung ausprägen können, indem sie die Regulierung mit einer höheren Sanktionsbereitschaft in der Bevölkerung in Verbindung bringen, die sie wiederum ein erhöhtes Sanktionsrisiko annehmen lässt. Zum tragen kommt hierbei nicht allein die Relation zwischen Recht und Rechtsadressat, sondern zwischen diesem und seinem unmittelbaren sozialen Umfeld. Während der instrumentelle Zugang auf die Zwangswirkung des Rechts für meine Interviews keine Spezifika hinsichtlich sozialer herkunft und sozialer Ressourcen erkennen ließ, ist für die subjektive Annahme einer punitiven handlungsausrichtung des sozialen Umfelds zumindest für meine Interviews zu konstatieren, dass ein geringes Kapitalvolumen mit einer derartigen subjektiven Sichtweise in Zusammenhang steht. Das nachfolgende Interview wurde mit dem 78-jährigen Werner Dörfler in Anwesenheit seiner 64-jährigen, pflegebedürftigen Frau helga Dörfler geführt. Mein Kontakt zu Werner Dörfler entstand über das soziale Netzwerk einer informell betriebenen Vermittlungsagentur, auf das ich über ein Interview mit dem Betreiber in seiner Rolle als Angehöriger stieß. Die Vorabsprache für das Interview mit Werner Dörfler wurde vom Vermittlungsagenturbetreiber durchgeführt. Das Gespräch mit dem Befragten fand an einem Nachmittag im Juli 2008 in der Küche seines hauses statt. Es hat eine Gesamtlänge von 58 Minuten. Werner Dörfler war früher tischler und ist heute Pensionist. Während seiner Berufstätigkeit arbeitete er in der Gießerei einer Maschinenfa brik. Seine Frau arbeitete früher als Büroangestellte in einer Fabrik. Gemeinsam lebt das Ehepaar in einem kleinen Dorf in der Nähe einer größeren Stadt in Westösterreich. hier besitzen sie ein kleines, einfach und rustikal eingerichtetes Einfamilienhaus mit Garten und Wirtschaftsgebäuden. Für den weiteren Verlauf der Argumentation ist es relevant zu bemerken, dass Werner Dörfler erwerbsbiographisch gesehen dem Arbeitermilieu angehörte. Seit dem Jahr 2004 beschäftigt Werner Dörfler in stark wechselnder Besetzung zwei Careworkers slowakischer Staatsbürgerschaft, die jeweils im Zwei-Wochen-Rhythmus als live ins bei ihm und seiner Frau helga Dörfler im haushalt leben. Die Careworkers kümmern sich neben der Betreuung und Pflege von helga Dörfler (inklusive physiotherapeutischer DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 219 Aufgaben) um den gesamten haushalt einschließlich der Essenszubereitung. Die Gartenarbeit erledigt Werner Dörfler selbst. Die Pflegebedürftigkeit von helga Dörfler ergab sich aus einem Schlaganfall. Seitdem ist sie weitgehend stumm und halbseitig gelähmt, so dass sie Unterstützung bei allen körperlichen Verrichtungen benötigt. Mittels eines Vierfußes ist sie jedoch eingeschränkt mobil. Unmittelbar nach ihrem Schlaganfall steht für Werner Dörfler die Notwendigkeit einer ›24-Stunden-Pflege‹ im Raum. Auf dieses Modell zurückzugreifen ist für ihn keine Frage: Seine Frau in einem Pflegeheim versorgen zu lassen, wäre für Werner Dörfler keine Option. Auch möchte er seine Frau langfristig nicht selbst versorgen – dem stehen sein relativ hohes Alter, aber auch vergeschlechtlichte Rollenverständnisse und -muster entgegen: Neben dem Caring von helga Dörfler ist es für Werner Dörfler insbesondere relevant, dass eine dritte Person die haushaltstätigkeiten übernimmt. Möglich wird dieser scheinbar unmittelbare Zugriff auf die irreguläre Praxis des Carework wie auch bei anderen Angehörigen vorangehend beschrieben (vgl. 4.1.1; vgl. 4.2.1), da die ›24-Stunden-Pflege‹ für Werner Dörfler ein legitimes Pflegeversorgungsangebot darstellt. In Berührung mit dem irregulären Carework kommt er durch einen Bekannten. Dieser, so erzählt er, habe gute Erfahrungen mit der ›24-Stunden-Pflege‹ gemacht. Das habe ihn dazu bewogen, es ihm gleich zu tun. Eine Rolle dürfte hierbei auch gespielt haben, dass der besagte Bekannte ihm auf kurzem Wege Careworkers vermitteln kann. Zur Interviewsituation ist zu erwähnen, dass Werner Dörfler entsprechend seines eher niedrigen sozialen Status mit Interviews bisher noch keine Erfahrungen gemacht hat. Entsprechend ›ungeordnet‹ verläuft der Gesprächsbeginn. Nur schwer gelingt ein von mir initiierter Einstieg ins Interview; Werner Dörfler beginnt ohne Pause zu erzählen, festzustellen, sich zu beschweren, noch bevor ich einen Anfang machen oder das Diktiergerät einschalten kann. Als ich dann spezifische Fragen zur Regulierung stelle, bleibt Werner Dörfler hingegen durchweg kurz angebunden, so dass nur in geringem Ausmaß Erzählungen zustande kommen. Werner Dörfler hat sich entschieden, sein Beschäftigungsverhältnis zu regularisieren, weil er keine Strafe riskieren will. Dies untersuche ich anhand des nachfolgenden transkriptausschnitts, den ich der Analyse voranstelle: I.: Sie hatten ja vorhin gesagt, sie sind angemeldet. Können Sie da ein bisschen mehr erzählen, von der Anmeldung? Wie kam es dazu? W.D.: ((lacht)) (...) Weil sie strafen wollen und so, ne? Das ist gesetzlich ist so . Ja. Österreich hat nix anderes zu tun. ((lacht)) Sind die größten Arschlöcher, die da oben sitzen. ((lacht)) Es ist ein bisschen strafbar, wenn sie illegal arbeitet, ich geb ihr ja illegal die Arbeit, wenn ich, da bin ich ja strafbar, nicht? Soll man sehn wie’s wie’s wird, nicht? Jo, jetzt läuft das. Seit ersten. Juli. Weil sie nicht DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 220 gestraft werden wollten, nicht?. Selbständig, hab mich da selbständig alles. Das haben sie schon alles. Da haben sie auch eine Bestätigung, da haben sie eine Urkunde. Selbständige Pflegerin und so. (Interview 9, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 145ff.) thema des Ausschnitts ist deutlich das Strafen. Werner Dörfler ist sich dessen bewusst, dass das, was er tut, »ein bisschen strafbar« und »illegal« ist, mit der Konsequenz, dass er »gestraft« werden könnte, sofern er weiter irregulär Careworkers beschäftigt. Auch seine rechtskonforme handlungsorientierung steht in Zusammenhang mit dem Umstand, dass »sie strafen wollen«. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass er nicht bestraft werden will. Den sozialen Raum, in dem die Regulierung vor sich geht, nimmt er dabei als dichotome Struktur war, bei der das ›Oben‹ das ›Unten‹ dominiert, wobei er sich klar dem ›Unten‹ zuordnet; die Geschichte Werner Dörflers wird hier zur kollektiven Geschichte einer spezifischen Klasse. So schildert er, dass »sie« – gemeint sind an dieser Stelle die (rechts-)politischen Vertreter »da oben«, die hier auch mit dem Nationalstaat »Österreich« gleichgesetzt werden –, beabsichtigen, »strafen [zu] wollen«. Das Gegenbild zu denen »da oben« ist gemeinhin der ›kleine Mann‹; eine in Österreich tendenziell von der politischen Rechten besetzte Figur (Schandl 1999). Dieser ist im sozialen Feld für gewöhnlich ›unten‹ positioniert und wird von den politisch Mächtigen drangsaliert; das ›Oben‹ fungiert in dieser Gegenüberstellung zumeist als Feindbild (ebd.). Genau in dieser Verwendung greift auch Werner Dörfler auf den Begriff zurück. Deutlich wird dies an seiner kategorischen Bemerkung, dass »die da oben« die »größten Arschlöcher« seien. Weiter stellt er heraus, dass diese sich um die wirklich wichtigen politischen Angelegenheiten nicht kümmerten; stattdessen hätten sie »nix anderes zu tun«, als »strafen [zu] wollen«. Werner Dörfler bewegt sich hier weiterhin im Diskurs des ›kleinen Mannes‹, dem zufolge die Politiker diesem stets nur Probleme in den Weg legten – hier in Form einer punitiven Drohung –, anstatt ihm das Leben zu erleichtern. Ohne Sinn und Zweck, das bringt die Formulierung »Österreich hat nix besseres zu tun« zum Ausdruck, leiteten die Oberen gegenüber dem kleinen Mann fast schon lustvoll (das macht das Modalverb in der Formulierung »strafen wollen« deutlich) eine punitive Politik ein. Insofern Werner Dörfler die politischen Interventionen nicht als zweckgerichtet begreift, muss er tatsächlich davon ausgehen, dass er im Rahmen der Regulierung zu einem Spielball der Mächtigen wird. Werner Dörfler setzt sich hier streng genommen au- ßerhalb des Kollektivs »Österreich«, da er dieses mit denen »da oben«, von denen er sich grundsätzlich unterscheidet, gleichsetzt. Gleichzeitig formuliert er mit seiner Polemik eine Erwartungs- beziehungsweise Anspruchshaltung an die Politik. Diese lässt darauf schließen, dass er sich DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 221 nicht vollständig außerhalb der Gemeinschaft stellt, sondern sich – als systematisch drangsalierter Staatsbürger – zu denen »da oben« in Opposition setzt. Die Regulierung stellt Werner Dörfler im vorliegenden transkriptausschnitt insofern nicht als notwendige Gesetzesentwicklung dar, sondern als überflüssige Neuerung, die lediglich die Funktion hat, den ›kleinen Mann‹ zu quälen.16 Werner Dörfler präsentiert sich damit als Opfer der Verhältnisse, das aufgrund seiner gesellschaftlichen Posi tion keine andere Wahl hat, als den Gesetzen Folge zu leisten. Denn würde er nicht regularisieren, könnte er bestraft werden, bringt er in der betreffenden Sequenz zum Ausdruck. Für Werner Dörflers handlungsorientierung scheint es auch eine Rolle zu spielen, dass die Careworkers keine Strafe riskieren wollen, wie die Kausalbestimmung im Satz »[w]eil sie nicht gestraft werden wollten, nicht?« nahelegt. Die Wünsche der Careworkers hinsichtlich der Regulierung zu berücksichtigen, könnte für Werner Dörfler auch angesichts der starken Fluktuation im Pflegehaushalt eine Rolle spielen, von der er im Interview berichtet. Diese stellt für ihn vor allem in den vergangenen Monaten ein akutes Problem dar. Er erzählt in diesem Zusammenhang, dass er »bestimmt schon neun Pflegerinnen« beschäftigt hätte, von denen viele nur über einen turnus geblieben seien. In jenen Phasen, in denen nicht sofort eine neue Arbeitskraft verfügbar ist, übernimmt er immer wieder selbst das Caring beziehungsweise bittet seine Nachbarin und Schwägerin um Unterstützung. Im Interview bleibt es jedoch bei dieser kurzen Andeutung bezüglich der Wünsche der Careworkers vonseiten Werner Dörflers, so dass anzunehmen ist, dass dessen Regularisierungsbestrebung stärker von seiner eigenen Sorge informiert ist, bestraft werden zu können. Zentral im Vordergrund steht die Schilderung, dass ihm, weil »die da oben« es vorgeben, nichts anders übrig bleibt, als sich anzumelden. Zwar weist er an anderer Stelle sehr positiv auf die Regulierung hin, wie der nachfolgende transkriptausschnitt zeigt. Eine derart positive Darstellung wird ihm an dieser Stelle jedoch nur möglich, weil er die Regulierung in den Kontext der irregulären Arbeit durch MigrantInnen stellt. I.: Ok, also jetzt wäre es schon was anderes, wenn Sie nicht angemeldet hätten? W.D.: Da muss man mit. . Sicher, der Staat will wissen, wie viele hier sind. Werden genug noch schwarz da sein, so ist es, nicht? . Aber eh . Es ist eh richtig, ist super auf der einen Seite, hat man, hat alles seine seine Ordnung, nicht? So ist es, nicht? Passt schon so, 16 Das Ergebnis, der rechtlichen Neuerung aus der Perspektive des ›kleinen Mannes‹ wenig Verständnis entgegenzubringen, deckt sich mit einer Studie von theo Rasenhorn (1975), der die ›Unterschicht‹ in rechtlichen Dingen als traditionsverhaftet und wenig neuerungsorientiert ausweist. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 222 nicht? Für mich ist es ein Nachteil, weil es teurer wird, nicht? So ist es, nicht? Aber sonst passt es schon, nicht? Es ist ein Nachteil für mich, nicht? Schwarz ist es, ist es . günstiger, aber jetzt sind da sie ja auch versichert, das ist schon ein Vorteil, nicht? Das ist schon ein . , nicht? Und Ordnung muss sein. (Interview 9, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 215ff.) So sehr er sich im zuerst dargestellten transkriptausschnitt über die rechtliche Entwicklung auslässt, so sehr sieht Werner Dörfler an dieser Stelle die Notwendigkeit gegeben, »mit« zu ›müssen‹. Als wichtiger Grund wird von ihm hierfür das Anliegen des Staates angeführt, die mit der ›24-Stunden-Pflege‹ einhergehende Migration zählbar machen zu wollen, um Kenntnis von den ›Fremden‹ im Land zu haben. hervor geht dies aus dem Satz »[s]icher, der Staat will wissen, wie viele hier sind«. Derart staatliche Registrierungstätigkeiten sind für ihn positiv konnotiert, da sie für »Ordnung« sorgen: Sie verhindern tendenziell irreguläre Arbeitsmigration; dies macht die Äußerung »[w]erden genug noch schwarz da sein, so ist es, nicht?«, deutlich. Damit konnotiert Werner Dörfler die slowakischen Careworkers als eine soziale Gruppe, die als potenziell Verwaltungsdelikte begehende MigrantInnen einer verstärkten staatlichen Registrierung zugänglich gemacht werden müssen. Sofern es bei der Regulierung um genau dies, die Verhinderung von irregulärer Arbeit durch MigrantInnen geht, ist die Regulierung »eh richtig«, »super« und »passt schon«. Vor diesem hintergrund nimmt Werner Dörfler auch in Kauf, dass die Regulierung für ihn persönlich nachteilig ist, weil ihn die ›24-Stunden-Pflege‹ auf regulärer Basis mehr kostet. Er honoriert an dieser Stelle jedoch auch, dass die Careworkers nun sozialversichert sind, wobei auch an dieser Stelle angenommen werden muss, dass das erstgenannte Motiv, die Ordnung, deutlicher im Vordergrund steht (vgl. zum Motiv der Ordnung ausführlich den Fall der Angehörigen helga traxler unter 4.2.1). Dies macht neben dem Umfang der thematik auch der Abschluss des Abschnitts deutlich. Werner Dörfler erzählt hier zusammenfassend, dass »Ordnung« sein müsse. Sofern es um die Kontrolle der ›Anderen‹ geht, deckt sich die moralische Bewertung Werner Dörflers mit dem Anliegen des Staates, die irregulären Praxen zu regularisieren. Es wird vor diesem hintergrund deutlich, dass Werner Dörfler die Irregularität des ›kleinen Mannes‹ und jene der Careworkers mit zweierlei Maß misst. Während er selbst sich im ersten transkriptausschnitt als Opfer der Straflust von denen »da oben« präsentiert, hat die Regulierung ihre Legitimation, sofern sie »schwarz« arbeitende Careworkers stärker in den Blick nimmt. Auffällig ist für die gesamten transkriptausschnitte das wiederholte »nicht« an den Satzenden, die jeweils als Appelle an mein Einverständnis seines Blicks – mal gegen ›die da Oben‹ wetternd, DIE REGULIERUNG ALS OBJEKtIVE ZWANGSStRUKtUR 223 mal xenophob gegen die ›Fremden‹ redend – auf die Regulierung verstanden werden können. Auf den ersten Blick scheint Werner Dörflers rechtskonforme handlungsorientierung schlicht durch die strukturelle Variante der Sanktionsorientierung informiert zu sein. Die Vermeidung einer Strafe ist das Motiv der Ausbildung einer rechtskonformen handlungsorientierung, das macht nicht zuletzt die häufung der familienähnlichen Begriffe »strafen«, »strafbar« und »illegale Arbeit« im Kontext der Äußerung »Jo, jetzt läuft das. Seit ersten. Juli«, deutlich. Anders als die Angehörige Sabine Mayr (vgl. 4.3.1) bezieht sich Werner Dörfler hierbei jedoch nicht so sehr bewusst auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung, als dass er seine handlungsorientierung aus seinem praktischen Sinn für die fortan im Feld der Pflege geltenden Regeln und seine Chancen auf die für ihn bestmögliche zu besetzende Position bezieht. Er prägt eine rechtskonforme handlungsorientierung aus, weil er – eine starke Delegitimation der irregulären Praxen antizipierend – von einer höheren Anzeigenbereitschaft in der Bevölkerung ausgeht. Der exemplarische Fall Werner Dörfler ist somit an rechtssoziologische Annahmen anschlussfähig, die Rechtsnormbefolgungen keineswegs allein aus der dyadischen Beziehung zwischen Gesetzgeber und RechtsadressatIn, sondern auch aus dem sozialen Umfeld hervorgehen sehen (vgl. hierzu z.B. Opp 2010, 44; Pfeiffer/Gelau 2002). hierauf weist ein weiterer transkriptausschnitt hin, den ich der Analyse voranstelle. I: Wie war das, als die Pflegerinnen noch nicht angemeldet waren? hatten sie da irgendwie Sorgen, dass es zu unangenehmen Situationen kommen könnte? W.D.: Mm. Nein, überhaupt nicht. Nichts. Nein, nein. Ich habe keine . ich habe keine Feinde. So ist es, nicht? Und alle haben es gewusst. Gesehen haben sie sie, gesehen, da draußen, nicht? Ab sieben sind sie frei. Früher, früher haben sie noch Bekannte gehabt und jetzt gehen sie spazieren. Wenn ich jetzt nicht angemeldet hätte, dann hätte ich Sorgen, ja das hätte ich schon. Da gibt’s ja eh ( ) Da gibt’s gleich immer böse Zungen, die sagen ah, er hat noch nicht angemeldet, die halt auch, nicht? So, jetzt . Früher war es nicht so brenzlig. Ja, jetzt . jetzt ist es schon . so ist es halt. Da ist schon wichtig, da das . Ja, wir haben angemeldet, nicht? Bei uns sind sie selbständig. (Interview 9, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 162ff.) Im vorliegenden transkriptausschnitt vergleicht Werner Dörfler das Sanktionsrisiko vor und nach der Regulierung. Er hatte vor der Möglichkeit zur Regularisierung keine Bedenken, dass es aufgrund der irregulären Beschäftigung zu Problemen oder unangenehmen Situationen kommen könne, nach dieser aber schon. Für Werner Dörfler ist für die Zeit DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 224 vor der Regulierung diesbezüglich seine Integration im sozialen Umfeld maßgeblich. Da er »keine Feinde« hatte, musste er nicht befürchten, dass er angezeigt würde. Bezogen ist diese Aussage auf den sozialen Nahraum – das Dorf, in dem er lebt. Wie sicher er sich fühlen konnte, verdeutlicht er, indem er erzählt, dass er sehr offen mit der Situation umging. Alle im Dorf hätten gewusst, dass er irreguläre Beschäftigungen unterhielt, da die Careworkers in ihrer freien Zeit spazieren gehen – etwas, das in dem kleinen Ort offenbar stark auffällt. Im Gegensatz dazu steht Werner Dörflers Gegenüberstellung der heutigen Situation. heute würde er sich »Sorgen« machen, wenn er nicht angemeldet hätte, erzählt er, da es heute »brenzlig[er]« sei als früher. Er weist an dieser Stelle nicht darauf hin, dass er sozial inzwischen schlechter eingebunden wäre. Angesprochen ist dennoch das Risiko, aufgrund einer irregulären Beschäftigungssituation angezeigt zu werden. heute würde man es negativ zur Kenntnis nehmen, wenn jemand seine ›24-Stunden-Pflege‹ nicht angemeldet hätte, sagt Werner Dörfler, das macht die Formulierung, »[d]a gibt’s gleich immer böse Zungen« deutlich. Anzunehmen ist deshalb, dass Werner Dörfler für sein soziales Umfeld von einer Veränderung der Sanktionsbereitschaft ausgeht. Sah er vor der Möglichkeit zur Regularisierung im ganzen Dorf eher Akzeptanz für die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ gegeben, da Anzeigen nur dann zu befürchten wären, wenn zwei Parteien miteinander eine Rechnung offen hätten, so nimmt er heute eine mehr oder weniger latente (Popitz 1980, 30) Akzeptabilität der neuen Rechtsnormen in der Bevölkerung und damit eine mehr oder weniger latente Bestätigung der Verbotsnorm an. Dadurch, dass Werner Dörfler sein soziales Umfeld die rechtlichen Klassifikationen adaptieren sieht, wird dieses für ihn zu einer Instanz, die im Namen des Rechts »zu kontrollieren, zu ratifizieren und zu besiegeln« beginnt (Bourdieu 1992b: 106). Maßstab ist an dieser Stelle nicht die abstrakte Norm, sondern die Erwartung der Position konkreter Anderer. Die so auf die anderen übertragene »performative Magie« (Ders. 2012: 100) des Rechts begründet seine Einschätzung, dass es riskanter geworden sei, auf irregulärer Basis zu beschäftigen, weshalb Werner Dörfler von einer höheren Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung ausgeht. Die Konsequenz aus diesem Umstand ist für ihn die Regularisierung: »Da ist schon wichtig, da das . Ja, wir haben angemeldet, nicht? Bei uns sind sie selbständig.« Somit ist das ausschlaggebende Moment für Werner Dörflers normkonforme handlungsorientierung, dass er von einer Reduktion der toleranzgrenzen bei Normüberschreitung ausgeht. Die Rechtsnorm wird für ihn verbindlich, weil er annimmt, dass die Regulierung im Sinne der sozialen Bestätigung der Verbotsnorm die Legitimität der irregulären Praxen in seinem sozialen Umfeld aufhebt. Auf gleichsam praktische Weise vermutet er, die objektive Zukunft antizipierend, eine spezifische Veränderung der Regeln des Spiels, weshalb er eine EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 225 Anpassung der eigenen handlungen an die Erwartungen der anderen AkteurInnen als nötig erachtet. Die Einverleibung der vermuteten kollektiven Schemata hat damit den Effekt der Anpassung an das Kollektiv. Offen bleibt jedoch, was Werner Dörfler konkret an der Strafe fürchtet. In Betracht gezogen werden muss insofern, dass es ihm möglicherweise nicht oder nicht ausschließlich um die konkreten Folgen der Strafe geht, sondern auch um das Moment, »gestraft« zu werden. Werner Dörflers Beispiel stünde dann in einem Naheverhältnis zu empirischen Untersuchungen, die die subjektive Einschätzung einer hohen Sanktionswahrscheinlichkeit als ausschlaggebender für die Ausprägung einer rechtskonformen handlungsorientierung ansehen als den Inhalt der Strafe (z.B. Antunes/hunt 1973; Chambliss 1966; Silberman 1976). 4.4 Exkurs: handlungsspielraum und sense juridique Während vorangehend deutlich wurde, dass rechtskonforme handlungsorientierungen im AdressatInnenkreis teilweise unabhängig vom jeweiligen Kapitalvolumen beziehungsweise dem rechtlichen Kapital der AkteurInnen ausgeprägt werden können, so lege ich im folgenden Abschnitt exemplarisch dar, wie Angehörige und Careworkers die Regulierung in starker Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Kapitalvolumen unterschiedlich handhaben. Die Ressourcen an kulturellem beziehungsweise juridischem Kapital nehmen Einfluss darauf, ob das Gesetzespaket als zwingender Imperativ gesehen wird, der keinerlei Spielräume zulässt, oder ob die Regeln der Regulierung als lose Anhaltspunkte betrachtet werden, auf die innerhalb oder außerhalb des Rahmens der »geregelten Improvisation« (Bourdieu 1979: 179) strategisch zugegriffen werden kann. Angehörige sozialer Milieus, die über das kulturelle Kapital verfügen, sich Rechtsbestände kurzfristig anzueignen, sind im Vorteil, wenn es darum geht, die Regulierung für sich mittels strategischer Spiele optimal zu bewältigen. Im vorliegenden Exkurs untersuche ich mithin, wie der strategische Zugriff auf die Regulierung von den feldspezifischen Ressourcen der Betroffenen abhängig ist. Für die Gruppe der Angehörigen analysiere ich exemplarisch, wie RechtsadressatInnen, die eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbilden, im Rahmen der geregelten Improvisation rechtliche Spielräume nutzen können. Sodann untersuche ich beispielhaft für die Gruppe der Careworkers, wie rechtliches Kapital eingesetzt werden kann, um die Regulierung als (bislang) unzweckmäßig abzulehnen. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 226 4.4.1 Das Spiel mit der ›Amnestie‹ Anhand des Interviews mit Sabine Mayr zeige ich exemplarisch, wie interviewte Angehörige mit einem relativ ausdifferenzierten sense juridique auch im Rahmen rechtskonformer handlungsorientierungen individuelle Spielräume aufrechterhalten. Diese sind maßgeblich dafür, dass der Anmeldezeitraum für die Beschäftigungen unter Reflexionen selbst bestimmt wird. Sabine Mayr (vgl. 4.3.1), die ich im Januar 2009 interviewte, entschied sich, wie oben dargestellt, für die Anmeldung ihres Beschäftigungsverhältnisses. Im nachfolgend dargestellten transkriptausschnitt beschreibt sie, wie sie mit der Anmeldung verfährt. S. M.: Vor zwei Jahren mit den Nationalratswahlen ging das los mit der Pflegediskussion. Damals hab ich gewusst, also sie haben . eine Frist gesetzt, das war wahrscheinlich . bis Jahresende. Das war klar, dass sie das noch nicht durchdrücken, das war . nein, ((die Stellen)) waren absolut nicht vorbereitet darauf. Und ich hab uns, ich hab jemanden im haus, eine Freundin, deren Mutter auch ein Pflegefall ist also, . und wir haben natürlich sehr viel gesprochen. Sie ist sehr, immer sehr sehr gut dokumentiert gewesen, also wir haben vom Internet die Sachen heruntergeladen, wir haben . die diverse Stellen in Wien angerufen, also damals war . also, da waren wir glaub ich besser informiert als die diversen Stellen. Die waren absolut überfordert, also es war . es war klar, dass sie . die Frist verlängern mussten. Und selbst bis Juni 200 .. 7 . war es klar, dass sie es nicht halten können. Die Stellen hatten . nicht einmal die ganzen Formulare vorbereitet. Es war, das ganze war ein Schlag ins Wasser, nicht um den Effekt zu erzielen, aber das Ganze war absolut nicht vorbereitet. Meine Bekannte erzählte mir, wie sie sich am Amt nach den Unterlagen erkundigte und noch nichts vorbereitet war. Die am Amt wussten von nichts. Die verwiesen sie weiter, an andere Stellen. Das stimmte aber auch nicht, die wussten auch von nichts. Also waren auch nicht besser vorbereitet. Und mit letztem Jahr, 2007, war es klar, dass es zu Ende geht, also sie konnten nicht ein drittes Mal verlängern. Obwohl, ich mein, ( ) im November, die die ( ) wieder angefangen, das Ganze in Frage zu stellen und dadurch kamen ja auch die verschiedenen Regelungen zustande also. ( ) Vermögensgrenze . also, die wollten noch eine weitere Amnestie ermöglichen. . Da hab ich gewusst, es geht nicht mehr so, dann hab ich mir noch mal Informationen eingeholt, mich informiert wie das abzulaufen, äh . abzuhandeln ist und hab dann, dann . beide, also die eine habe ich im Dezember zum 1. Jänner angemeldet und die zweite. . Ja man braucht Dokumente, also eigene Dokumente, also Geburtsurkunde und EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 227 ein polizeiliches Führungszeugnis, verschiedene Sachen, übersetzt also mit ah einem gerichtlich beeideten Dolmetscher, das dauerte. Also das hat eine gewisse Vorlaufzeit gebraucht. Und das hab ich . also im November Dezember begonnen, hab die eine im Dezember angemeldet mit Stichtag Jänner und die zweite dann ab ersten Februar. Also das war der One Stop Shop, die Wirtschaftskammer, dass das alles dann .. also ich brauchte nur zu einer Stelle hingehen und die haben dann an die anderen Stellen das weitergeleitet, also das war, die ganze Anmeldung war ((wird leise)) eine Sache von einer Stunde. I: haben Sie genau gewusst, welche Dokumente Sie brauchen werden? S.M.: Da hab ich mich im Vorhinein informiert, da hab ich mich vorher informiert. Es ist, es ist nicht so mühsam, wenn man mal weiß, wo man anruft und wenn man. wenn das jemand macht, sonst, die alten Leute, jemand nicht jetzt ein Kind hat oder Verwandte, einen Angehörigen, der das macht, also wenn der zu Pflegende äh selber machen muss, also der alte Mensch, oder die Pflegerin . also mit, mit dem Amtsdeutsch, also das ist . das ist nicht einfach. Und dann ist noch etwas, also wenn eine Pflegerin jetzt anruft beim Finanzamt oder bei irgendeiner Stelle und sie hat . nicht die Möglichkeit sich so gut auszudrücken, also sie kann sich nicht so genau ausdrücken, oder spricht mit Akzent und so weiter, also es . da ist die Reaktion schon viel anders, also man hat . man kommt viel eher ans Ziel wenn die Leute merken dass . also ich will das jetzt nicht mit Ausländern oder sonstwie äh, ich möchte das jetzt nicht in diese Richtung bekommen, aber sie haben natürlich, viel weniger Durchsch- äh viel weniger Durchsetzungskraft. Also insofern, wenn Sie mich fragen, also für mich war das Ganze . wenn man sich auskennt, nein. Absolut nicht, es war nicht so schwierig, obwohl ich glaub, am Land ist es viel einfacher, sind die Leute viel viel freundlicher als wie hier, die Behörden. Das fängt an beim Spital, bei der Apotheke, sind die Leute am Land viel viel netter und vor allem . viel menschlicher Alten gegenüber. Also, also mit der Bekannten habe ich mich gemeinsam informiert. Wir hatten einen sehr regen Datenaustausch. (Interview 20, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 517ff.) Sabine Mayr setzt ihre Anmeldung in zeitliche Relation zu den mit Ende 2006 beginnenden Aussetzungen bestimmter Verwaltungsstrafbestimmungen. Zunächst rekurriert sie auf das Ende 2006 verabschiedete Pflege-Übergangsgesetz, das alltagssprachlich als ›Amnestie‹ bezeichnet wurde: »[A]lso sie haben . eine Frist gesetzt, das war wahrscheinlich . bis Jahresende.« Mit dem Pflege-Übergangsgesetz wurden bestimmte Verwaltungsstrafbestimmungen des Arbeits- und Sozialversicherungsrechts DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 228 bis Ende Juni 2007 ausgesetzt, zunächst, um eine ›reguläre‹ Übergangslösung bis zur Neuregelung der ›24-Stunden-Pflege‹ zu schaffen. Später sollte die ›Amnestie‹ die hemmschwelle zur Anmeldung der vormals irregulären Beschäftigungsverhältnisse senken. Sie wurde anschließend bis Ende des Jahres 2007 verlängert, weil einen Monat nach in Kraft treten des gesetzlichen Kernstücks der Regularisierung, des hausbetreuungsgesetzes (hBeG), immer noch sehr geringe Anmeldezahlen zu verzeichnen waren (vgl. 2.1.6). Sabine Mayr benennt als relevanten Bezugspunkt zunächst die Nationalratswahl im Oktober 2006. Für sie kam die ›24-Stunden-Pflege‹ als Regelungsgegenstand zu diesem Zeitpunkt endgültig in die Diskussion, wie die Formulierung »ging das los mit der Pflegediskussion« deutlich macht. Kurz nach der Wahl, in der die SPÖ sich unter anderem mit dem Wahlkampfversprechen einer Legalisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ durchgesetzt hatte, begann auch für Sabine Mayr die Frage der Regularisierung virulent zu werden. Eine Regularisierung des eigenen Beschäftigungsverhältnisses scheint jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht notwendig, weil zunächst »eine Frist« gesetzt wurde und »klar« war, »dass sie das noch nicht durchdrücken« können. Die Frist stellt Sabine Mayr im Interview in den Kontext fehlender Durchsetzungsmöglichkeiten der politischen AkteurInnen. Sie geht hier als aufmerksame Beobachterin der politischen Ereignisse und Debatten, als die sie im Interview durchgängig auftritt, möglicherweise davon aus, dass so kurz nach der Nationalratswahl weder eine Einigung noch ein Programm zur Umsetzung der Regularisierung vorliegen kann, von dem ausgehend die reguläre Beschäftigung unter den Betroffenen zur dominanten Praxis werden könnte. tatsächlich existiert bis zur Verabschiedung des hausbetreuungsgesetzes im Juli 2007 noch kein rechtliches Modell, nach dem eine Regularisierung hätte erfolgen können. Die ›Amnestie‹ wird eingesetzt, um die irregulären Praktiken bis zur Lösung des Problems vorläufig zu entkriminalisieren. Auch die Verlängerung der ›Amnestie‹ einen Monat nach in Kraft treten des hausbetreuungsgesetzes bis Ende des Jahres 2007 nimmt Sabine Mayr wahr. Auch diesmal begreift sie diese als Instrument, das von politischer Seite aus eingesetzt wird, weil eine flächendeckende Regularisierung nach dem hausbetreuungsgesetz noch nicht durchsetzbar ist: »Und selbst bis Juni 200 .. 7 . war es klar, dass sie es nicht halten können.« hierbei ist der Umstand, dass die Verwaltung noch nicht auf eine Regularisierung eingerichtet ist, für sie ein entscheidendes Anzeichen. Nicht nur fehlen die Formblätter, wie aus der Formulierung »hatten . nicht einmal die ganzen Formulare vorbereitet« hervorgeht, auch scheinen die BeamtInnen der Behörde noch gänzlich uninformiert zu sein. Dies erfährt Sabine Mayr von einer Bekannten, die sich bei den Behörden informieren will und dabei den Eindruck gewinnt, dass die dort EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 229 beschäftigten Beamten »von nichts« eine Ahnung haben. Dieser Eindruck erhärtet sich, als die zuständigen BeamtInnen sie weiter verweisen und offenbar auch an anderen Stellen im Verwaltungsapparat noch keine Vorkehrungen getroffen sind, so dass keine Informationen weitergegeben werden können: »Die verwiesen sie weiter, an andere Stellen. Das stimmte aber auch nicht, die wussten auch von nichts. Also waren auch nicht besser vorbereitet.« Für Sabine Mayr, die persönlich keine Notwendigkeit für eine Regulierung sieht, da sie die irreguläre Situation für »optimal« hält (vgl. hierzu 4.3.1), ist die Regularisierung ihres eigenen Beschäftigungsverhältnisses nicht dringlich. Anmelden will sie erst dann, wenn die Regularisierung sich allgemein durchzusetzen beginnt, mithin zur hegemonialen Praxis wird. In der Verlängerung der ›Amnestie‹ sieht sie eine Möglichkeit, die Regularisierung ein weiteres halbes Jahr hinauszuzögern. Sabine Mayr erzählt weiter, dass sie keine dritte Verlängerung der ›Amnestie‹ erwartete: »Und mit letzten Jahr, 2007, war es klar, dass es zu Ende geht, also sie konnten nicht ein drittes Mal verlängern.« Da ihrer Ansicht nach die Straffreiheit bei irregulärer Beschäftigung zum Jahresende 2007 ausläuft, terminiert sie die Regularisierung ihrer Beschäftigungen auf Anfang 2008. Zum 1. Januar meldet sie einen Careworker an, zum 1. Februar den zweiten. Die Verwaltung scheint inzwischen auf die Anmeldungen vorbereitet zu sein. Sabine Mayr beschreibt, wie sie sich bei den Behörden informiert, indem sie diese telefonisch kontaktiert: »Da hab ich mich im Vorhinein informiert, da hab ich mich vorher informiert. Es ist, es ist nicht so mühsam, wenn man mal weiß, wo man anruft.« Den Anmeldevorgang, wenn dann endlich eine Informationsstelle geschaffen ist, an die man sich wenden kann – hierauf verweist die Zeitdimension, die mit dem Wort »mal« einfließt – beschreibt sie nun als »nicht so mühsam«, also als einfach. »[N]icht so schwierig« ist der Anmeldevorgang auch deshalb für sie, weil die BeamtInnen sehr freundlich gewesen seien. Die Freundlichkeit bringt sie allerdings nicht etwa mit der guten Implementationspraxis der Behörden in Zusammenhang, sondern mit einer generell freundlicheren haltung der BeamtInnen auf dem Land: »Also insofern, wenn Sie mich fragen, also für mich war das Ganze . wenn man sich auskennt, nein. Absolut nicht, es war nicht so schwierig, obwohl ich glaub, am Land ist viel einfacher, sind die Leute viel viel freundlicher als wie hier, die Behörden.« Der transkriptausschnitt macht au- ßerdem deutlich, dass auch der spezifische, zu klärende Sachverhalt bei der Behörde für die Freundlichkeit der BeamtInnen als zentral angesehen wird. Auf dem Land seien die Menschen nicht nur insgesamt freundlicher, auch hielten sie eine größere Akzeptanz für ältere Menschen bereit, erzählt Sabine Mayr: »Das fängt an beim Spital, bei der Apotheke, sind die Leute am Land viel viel netter und vor allem . viel menschlicher Alten gegenüber.« Dieser Umstand scheint sogar eine Rolle zu spielen, DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 230 wenn sie selbst für ihre pflegebedürftige Mutter die Amtsgeschäfte regelt. Dass sie die Verwaltung mit dem Anliegen der Regularisierung einer irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ für einen älteren Menschen aufsucht, trage mit dazu bei, dass ihr als Angehöriger freundlich begegnet werde. Gegenüber einer Person, die vormals gegen Verwaltungsbestimmungen verstieß, ist ein derart freundlicher Umgang vonseiten der auftragsgemäß auf Rechts treue bedachten Verwaltungen zumindest erklärungsbedürftig. Wieder einmal zeigt sich an dieser Stelle die offensichtlich breite Akzeptanz für die irregulären Praxen, insofern Sabine Mayr diesbezüglich keine Pro blematisierung der Behörden befürchtet, im Gegenteil. Sabine Mayr weist jedoch auch auf ihr juridisches und symbolisches Kapital in diesem Zusammenhang hin – und implizit so auf dessen zentrale Rolle im Regularisierungsvorgang: Sie beschreibt, dass es für sie leichter ist, sich bei den Behörden telefonisch über die Regularisierung zu informieren, als dies für ältere pflegebedürftige Menschen der Fall sei. An die richtigen Informationen zu kommen beziehungsweise zu wissen, was mit diesen zu tun ist, so expliziert es Sabine Mayr, dürfte im Fall der Pflegebedürftigen eine größere herausforderung darstellen. In Bourdieu’schen termini ist hier das kulturelle Kapital angesprochen, über das ältere pflegebedürftige Menschen zumeist nicht mehr verfügen. Vormals angeeignete und verinnerlichte kulturelle Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände können im Alter nicht mehr ohne Weiteres abgerufen werden beziehungsweise verschwinden gänzlich. Anschließend wird von Sabine Mayr beschrieben, dass die Careworkers im Gegensatz zu ihr über »viel weniger Durchsetzungskraft« verfügen würden, also im telefonat weniger Möglichkeiten der Einflussnahme hätten. Damit ist die zweite soziale Gruppe im RechtsadressatInnenkreis angesprochen. Die Durchsetzungsfähigkeit der Careworkers als geringer einzuschätzen, basiert nicht auf Rassismus, wie Sabine Mayr ausdrücklich betont. Sie beschreibt in diesem Zusammenhang, wie die oftmals geringen Sprachkenntnisse der Careworkers in Wechselwirkung mit der geringeren Behördenakzeptanz gegenüber MigrantInnen erschwerende Faktoren darstellen. Mit Bourdieu gewendet, geht es in der Erzählung von Sabine Mayr auch hier um das geringere kulturelle Kapital, das Care workers in Österreich im verwaltungsrechtlichen Feld zu eigen ist. Dieses ergibt sich aus den geringen Sprachkenntnissen, die eine zielführende Gesprächsführung auf Deutsch erschweren. Zusätzlich aber ist von Sabine Mayr auch ein geringeres symbolisches Kapital angesprochen. Dieses ergibt sich aus dem geringeren Wohlwollen der BeamtInnen in den Behörden gegenüber dieser sozialen Gruppe. hatte Sabine Mayr vorher noch davon gesprochen, dass den Anliegen älterer Menschen in den Behörden sehr viel ›Freundlichkeit‹ entgegengebracht wird, so scheint dies, sobald die Amtsgeschäfte durch Careworkers erledigt werden, nur noch eingeschränkt der Fall zu sein. Implizit verweist sie EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 231 hier auf eine diskriminierende, da Dienstleistungen nur eingeschränkt zur Verfügung stellende Behördenpraxis, die aus der fehlenden Anerkennung der Care workers als ›KundInnen‹ der Verwaltung resultiert. Im Gegensatz zu den älteren Menschen und ihren Angehörigen sind MigrantInnen im Behördenalltag, so vermittelt Sabine Mayr hier den Anschein, weniger gern gesehen. Indem Sabine Mayr die sprachlichen und sozialen Kompetenzen hinsichtlich des Anmeldevorgangs der anderen Betroffenengruppen als gering oder zumindest geringer einschätzt, schreibt sie der Gruppe der Angehörigen und damit sich selbst eine besonders relevante, fast schon unverzichtbare – und damit privilegierte – Position zu. Allgemein ergibt sich daraus ihrer Darstellung nach eine zentrale Rolle der Angehörigen im Anmeldeprozess, die von ihr wie selbstverständlich ausgefüllt wird. hierbei scheint es keine Rolle zu spielen, dass sie oder ihre Mutter im Grunde nicht das mit der Regulierung adressierte Rechtssubjekt sind – zumindest, soweit die Selbständigkeit als Beschäftigungsmodell gewählt wird –, sondern, dass es im Kern die Careworkers sind, die regularisieren, indem sie ein Gewerbe gründen und sich bei der Sozialversicherung anmelden. Sabine Mayrs Initiative zeugt von einer Arbeitgeberinnenrolle – obgleich ihre Regularisierung die bei ihr beschäftigten Careworkers in die Selbständigkeit führen wird. Sabine Mayr steht hier exemplarisch für jenen Personenkreis, der Anfang des Jahres 2008 zu regularisieren beginnt (vgl. die statistische Erhebung in 2.1.6). Die Umsetzung der rechtskonformen handlungsorientierung, die Sabine Mayr im Kontext des Regulierungsprozesses ausbildet, erfolgt dabei nicht ›automatisch‹, sondern entlang ihrer subjektiven Einschätzung über das Wiedereinsetzen der Strafbewehrtheit der Norm. In seinem »Entwurf einer theorie der Praxis« (1979) arbeitet Bourdieu am Beispiel des Gabentauschs heraus, dass Regeln nie ohne ihre jeweiligen tempi zu denken sind, da an jede Regel eine objektive Zeitlichkeit geknüpft ist. Subjektive Einsätze können aber darin bestehen, an der Grenze des Rahmens der ›geregelten Improvisation‹ (vgl. 2.2.2) tempi zu variieren. Verregelte soziale Situationen mit eigenen zeitlichen Intervallen zu versehen, bedeutet für Bourdieu, eine Strategie auszubilden (Bourdieu 1979: 221). Er geht so davon aus, dass selbst bei extrem verregelten handlungsabläufen noch strategische Elemente eingesetzt werden können (ebd.: 222). Im Fall der Regulierung bedeutet das, dass die RechtsadressatInnen relativ zeitnah zum in Kraft treten des Gesetzes ein Gewerbe der ›24-Stunden-Pflege‹ (beziehungsweise im Fall von Unselbständigkeit die ArbeitgeberInnen ein Angestelltenverhältnis) anmelden müssen, damit ihre handlungen als regelkonform angesehen werden können und damit die Regulierung gesellschaftspolitisch als wirksame beziehungsweise effektive Regel Geltung erlangt. Es gibt jedoch Spielräume beim Zeitpunkt der Anmeldung, wie sie durch die verschiedenen DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 232 Aussetzungen der Verwaltungsstrafbestimmungen zustande kommen, die hier von Sabine Mayr strategisch genutzt werden. Dass Sabine Mayr den Anmeldezeitpunkt zum subjektiv eingeschätzt letztmöglich straffreien Zeitpunkt ansetzt, zeugt meines Erachtens von einem gewissen sense juridique, der es ihr ermöglicht, auch in der akzeptierenden Bezugnahme auf das Recht individuelle Spielräume aufrecht zu erhalten. Zwar ist dieser sense juridique bei Sabine Mayr nicht vollständig ausdifferenziert. Andernfalls hätte ihr klar sein müssen, dass die Verlängerung der zweiten ›Amnestie‹ politisch und innerhalb einer politischen Öffentlichkeit schon lange vor deren Auslaufen weiter verhandelt wurde und dass schließlich Ende Februar 2008 mit dem Pflege-Verfassungsgesetz eine Regelung in Kraft trat, der zufolge alle Verwaltungsstrafverfahren einzustellen sind, sofern die irregulären Beschäftigungen vor dem 1. Januar 2008 beendet wurden. Möglicherweise war Sabine Mayrs terminsetzung aber auch schon so weit fixiert, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem sich endgültig klärte, dass es eine weitere Strafaussetzung geben würde, ein Umdisponieren zu viel Flexibilität erfordert hätte. Darauf könnte ihre Darstellung der Anmeldung als eines längeren Prozesses hinweisen. Sabine Mayr beschreibt die Anmeldung als einen Vorgang, der am Ende schnell ging, aber viel Vorlauf benötigte. So erzählt sie, dass der Anmeldevorgang mit dem Gang zur Wirtschaftskammer »eine Sache von einer Stunde« war. Sie spricht hier davon, dass sie die Möglichkeit des One Stop Shops in Anspruch nahm, also jener ab 2008 bestehenden Verwaltungseinrichtung, die es erlauben sollte, alle Formalitäten bei einer einzigen Verwaltungsstelle zu regeln. Der One Stop Shop war eine Reaktion sowohl auf die geringen Anmeldezahlen gewesen, die die Regierung um einen Misserfolg der Regulierung bangen ließ, als auch auf die Klagen der Anmeldenden, dass die Anmeldung zu kompliziert sei.17 Sabine Mayr beschreibt jedoch, dass es im Vorfeld nötig war, sich zu informieren, verschiedene Dokumente zusammenzutragen und von einem/ einer gerichtlich beeideten DolmetscherIn übersetzen zu lassen: »[D]ann hab ich noch mal Informationen eingeholt, mich informiert wie das abzulaufen, . abzuhandeln ist und hab dann, dann . beide, also die eine habe ich im Dezember zum 1. Jänner angemeldet und die zweite. . Ja man braucht Dokumente, also eigene Dokumente, also Geburtsurkunde und ein polizeiliches Führungszeugnis, verschiedene Sachen, übersetzt also mit ah einem gerichtlich beeideten Dolmetscher, das dauerte. Also 17 Man sieht an dieser Stelle, wie die Praktiken der AkteurInnen im AdressatInnenkreis auf die Implementationspraktiken der Behörden zurückwirken und diese beeinflussen. Rekursivitätseffekte lassen sich auch für die gesetzlichen Vorgaben selbst vermuten: So ist anzunehmen, dass jene erst gegen Ende des inkrementalen Gesetzgebungsprozesses verabschiedete Rechtsnorm, mit der eine Verdopplung der Förderung bei ›24-Stunden-Pflege‹ eingeführt wurde, vor dem hintergrund der anfangs noch spärlichen Anmeldezahlen zustande kam. EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 233 das hat eine gewisse Vorlaufzeit gebraucht.« Diese verschiedenen Schritte benötigten Zeit, wie Sabine Mayr mit der Formulierung »das dauerte« und »das hat eine gewisse Vorlaufzeit« zum Ausdruck bringt. Doch nichts desto trotz: Sabine Mayr handelt strategisch, insofern sie die Anmeldung trotz rechtskonformer handlungsorientierung hinauszögert. Dies tut sie zum einen auf der Grundlage selbst erworbenen rechtlichen Kapitals: Sie informiert sich persönlich über die Rechtslage und bezieht die Informationen auf ihre eigene Situation. hier zeigt sich, dass Sabine Mayr über einen habitus verfügt, der das aus dem Sozialen konvertierte rechtliche Kapital auch anzuwenden weiß, da sie das akkumulierte Kapital strategisch auf ihre individuelle Situation überträgt. Angenommen werden kann vor diesem hintergrund weiter, dass Sabine Mayrs habituelle Kompetenzen mit jenem bildungsbürgerlichen kulturellen Kapital korrespondiert, über das sie aufgrund ihrer Berufslaufbahn verfügen muss.18 Zum anderen gelingt es ihr, soziales Kapital in rechtliches Kapital zu konvertieren. Dies wird daran deutlich, dass Sabine Mayr zu ihren Einschätzungen und Bewertungen nicht ganz alleine kommt. Vielmehr tauscht sie sich über den gesamten Zeitraum der Regulierung hinweg mit einer Bekannten über die Regulierung aus. So erzählt sie im oben dargestellten transkriptausschnitt, dass eine Bekannte von ihr, die ebenfalls eine irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ unterhielt, immer sehr gut informiert war und diese Informiertheit mit ihr teilte: »Und ich hab uns, ich hab jemanden im haus, eine Freundin, deren Mutter auch ein Pflegefall ist also, . und wir haben natürlich sehr viel gesprochen. Sie ist sehr, immer sehr sehr gut dokumentiert gewesen«. Sabine Mayr gibt selbst auch Informationen an die Bekannte weiter: »Wir hatten einen sehr regen Datenaustausch«, sagt sie zuletzt. Explizit benennt sie den Informationsaustausch als kollektives Unterfangen: »Mit der Bekannten habe ich mich gemeinsam informiert.« An späterer Stelle erzählt Sabine Mayr mir zudem, dass auch der Anmeldezeitpunkt beider Beschäftigungsverhältnisse zeitgleich erfolgte. Zwar beschreibt sie dieses zeitliche Zusammentreffen als »eher zufällig«. Vor dem hintergrund des oben Beschriebenen kann jedoch davon ausgegangen werden, dass der unabhängig voneinander entschiedene Anmeldezeitpunkt auf einem gemeinsamen beziehungsweise ähnlichen Wissens- und Bewertungsvorrat basierte. Man kann an dieser Stelle von einer wechselseitigen Konvertierung sozialen Kapitals in juridisches Kapital sprechen: Sabine Mayr erschließt sich den Sinn des Feldes und der Regulierung nicht allein aufgrund eigener feldspezifischer 18 Von dieser Beobachtung ausgehend ließe sich die these aufstellen, dass das rechtliche Kapital von Laien, sofern es nicht erfahrungsbasiert gewonnen wird – man denke hier etwa an den jailhouse lawyer (vgl. 2.2.3) – zu einem erheblichen teil mit hilfe von kulturellen Kapitalbeständen akkumuliert wird. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 234 Kompetenzen, sondern kann hier zusätzlich durch die soziale Verbindung zu ihrer Bekannten auf weitere juristische Einschätzungen zugreifen. Die Bekanntschaft unter sozial identisch Positionierten – zumindest, was die Irregularität angeht – mündet an dieser Stelle in eine für beide Beteiligten nützliche Kooperation. Vor diesem hintergrund kann Sabine Mayr in Kombination mit ihrer praktischen Vergesellschaftung im objektiven Feld schlussfolgern, dass eine Anmeldung bis Anfang 2008 nicht nötig ist: Liegen keine Formulare vor und sind die BeamtInnen selbst noch nicht ausreichend informiert, wird die Verwaltung die irregulären Praxen nicht sanktionieren können, da deren Ubiquität bestehen bleiben wird. Es ist so, dass »sie das noch nicht durchdrücken« können, formuliert dies Sabine Mayr. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Sabine Mayr, nur weil sie über einen relativ ausdifferenzierten sense juridique verfügt, bestehende Spielräume im Rahmen ihrer rechtskonformen handlungsorientierung ausnutzen kann. Ihr sense juridique ist maßgeblich dafür, dass der Anmeldezeitraum auf Grundlage eigener Einschätzungen von ihr selbst bestimmt wird. Nach dieser Maßgabe kann Sabine Mayr ihr hinauszögern des Anmeldezeitpunkts als korrekt betrachten, obwohl seit mehreren Monaten von rechtspolitischer Seite aus propagiert wurde, dass die irregulären Beschäftigungen so schnell wie möglich angemeldet werden sollen. 4.4.2 Das Spiel mit der Inkrementalität der Regulierung Am Beispiel von Lucia Žiaková untersuche ich exemplarisch, wie Careworkers von einer Regularisierung (vorerst) absehen können, weil im Zuge der noch andauernden Gesetzgebungsaktivitäten und aufgrund von Sprachbarrieren unklar bleiben muss, ob die Regularisierung subjektiv wirklich als zweckmäßig betrachtet werden kann. Ich stelle dabei heraus, dass eine derartige subjektive Verarbeitung und Bewältigung der Regulierung als ein strategischer Umgang mit dem Recht aufgefasst werden kann, der erst vor dem hintergrund eines relativ ausdifferenzierten sense juridique möglich wird. Ich verdeutliche dies anhand von Lucia Žiakovás Entscheidung, die Regularisierung vorerst oder gänzlich auszusetzen, da sie rechtlich bewandert ist. Der Kontakt zu Lucia Žiaková entstand über ein kleineres soziales Netzwerk von Careworkers in Wien, auf das mich ein in Westösterreich beschäftigter Careworker hinwies. Nach einer informellen Anfrage wurde telefonischer Kontakt zu Lucia Žiaková hergestellt und ein termin vereinbart. Das Interview fand an einem späten Vormittag im November 2008 in einem Café in der Nähe von Lucia Žiakovás Arbeitsplatz in Wien statt. Das Interview dauerte eine Stunde und 47 Minuten. EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 235 Zum Zeitpunkt des Interviews ist Lucia Žiaková 44 Jahre alt und ledig. Wie auch die anderen interviewten Careworkers ist sie slowakische Staatsbürgerin. Sie lebt nah an der österreichischen Grenze in einem kleinen Dorf in der Westslowakei. Deshalb hat sie mit etwa zwei Stunden einen vergleichsweise kurzen Anfahrtsweg zu ihrem Arbeitsplatz. Zur ›24-Stunden-Pflege‹ kam sie vier Jahre zuvor. Ausschlaggebend für den Entschluss, in den Bereich des Carings zu wechseln, war ein eineinhalbjähriger Einsatz als Missionarin in Bosnien. Sie widmete sich dort der Betreuung und Pflege kranker Menschen auf Wallfahrt. Lucia Žiaková nutzt die Zeit, um sich grundsätzlich zu fragen, welchen Sinn sie in ihrem Leben eigentlich sieht und wie sie ihr Leben gestalten will. In der Folge entschließt sie sich, ihre langjährige Arbeit als Steuerberaterin für internationale Firmen aufzugeben und in die ›24-Stunden-Pflege‹ nach Österreich zu wechseln. Lucia Žiaková beschreibt, dass sie in ihrer tätigkeit als Steuerberaterin keinen Sinn mehr sehen konnte, da sie in ihm ihren auf der Mission entstandenen Anspruch, Menschen zu helfen, nicht verwirklicht sah. Ihre Entscheidung, in die ›24-Stunden-Pflege‹ zu wechseln, fällt sie insofern nicht etwa auf Grundlage schlechter Verdienstmöglichkeiten auf dem slowakischen Arbeitsmarkt, sondern aus christlichen Motiven. Ihre eigene soziale Position im Pflegehaushalt beschreibt Lucia Žiaková insofern auch als privilegiert: Mit ihrem akademischen Abschluss und ihrer guten Etablierung im Bereich der Steuerberatung sei sie im Gegensatz zu vielen anderen Careworkers nicht »zur Pflegearbeit verurteilt«. Weiter sei es in der Region, in der sie lebe, »sehr leicht«, Arbeit zu finden. Vor dem hintergrund dieser Bedingungen schlussfolgert sie, dass sie im Pflegehaushalt über vergleichsweise große handlungsspielräume verfügt, die sie auch zu nutzen weiß. Lucia Žiaková beschreibt ihre Arbeit deswegen als »angenehm« – schließlich habe sie sich diese selbst ausgesucht. Jedoch scheint neben dieser Präsentation der Arbeit als ›dem richtigen Weg‹ noch eine andere, dem völlig entgegengesetzte Erzählung auf. In dieser wird die Arbeit als anstrengend und frustrierend sowie als permanente Konfliktsituation beschrieben. Ihren höhepunkt erreicht diese Schilderung mit der Bemerkung, dass sie an ihrer Arbeit nichts weiter als die zweiwöchige freie Zeit zwischen den turnussen interessiere. Die zu beobachtende Diskrepanz zwischen den beiden Darstellungen legt den Schluss nahe, dass Lucia Žiaková ihre Arbeit in religiöser hinsicht als richtig betrachtet, sie in ihr jedoch keine persönliche Erfüllung findet. Seit knapp einem Jahr umfasst Lucia Žiakovás Arbeit nicht die Betreuung einer, sondern gleich zweier Personen. Es handelt sich hierbei um ein betagtes Ehepaar von 84 und 94 Jahren, das in Wien zusammen in einer Wohnung lebt. Als Lucia Žiaková ein Jahr zuvor ihren Arbeitsplatz innerhalb Wiens wechselte, wurde sie zunächst nur für das Caring des Ehemanns eingestellt. Nach kurzer Zeit wurde jedoch auch die Ehefrau DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 236 pflegebedürftig: Lucia Žiaková erzählt, wie diese nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr in der Lage war, sich eigenständig anzuziehen oder sich um ihre Körperpflege zu kümmern. Inzwischen strukturiert Lucia Žiaková den tag des Ehepaars und sorgt für dessen Verköstigung, dessen Körperpflege sowie für den gesamten haushalt. Dabei ist Lucia Žiaková der Mehraufwand ein Dorn im Auge: Mehrmals äußert sie, dass sie die Arbeitsstelle in der Erwartung angetreten habe, nur eine Person versorgen zu müssen, und es sie ärgere, dass die Verdopplung des Careworks nicht aus ihrer eigenen Entscheidung heraus erfolgte, sondern sich ungefragt dazu addierte. Offenbar erwarteten die Angehörigen der Eheleute wie selbstverständlich von ihr, dass sie dies für den gleichen Lohn erledigte. Lucia Žiaková gelingt es zumindest, die Rahmenbedingungen etwas anzupassen: Gemeinsam mit ihrer Kollegin erkämpft sie eine Lohnerhöhung von fünf Euro pro tag. Ihr aktuelles Beschäftigungsverhältnis beschreibt Lucia Žiaková als herausforderung, mit der sie mit der Zeit umzugehen gelernt hätte. Als Problem erweise sich vor allem der Umstand, dass die Gepflegten – Angehörige einer aristokratischen Familie – in der Vergangenheit hauspersonal beschäftigten, mit dem sie, wie Lucia Žiaková vermutet, es gewohnt gewesen seien, wie mit »Dienern« umzugehen, womit ein eindeutiges herr-Knecht-Verhältnis angesprochen ist. Vor allem der Gepflegte habe anfangs versucht, auch sie zur Dienerin zu degradieren. Lucia Žiaková erzählt selbstbewusst, dass sie sich sofort zu wehren gewusst hätte, indem sie den Pflegebedürftigen ›erzog‹. Ihre ständig wechselnden KollegInnen aber würden weiterhin von derartig herabsetzenden Behandlungen und Schimpfworten berichten. Es würden sogar sexuelle Dienste erfragt. Ihre starke Position gegenüber dem Gepflegten führt Lucia Žiaková darauf zurück, dass sie auf die Arbeit in der ›24-Stunden-Pflege‹ nicht unbedingt angewiesen sei und sie somit über größere Spielräume verfüge, dem Gepflegten deutliche Grenzen zu setzen. Auch grenzt sie sich implizit von jenen Careworkers ab, die nicht bestimmt genug auftreten könnten oder nicht gut genug deutsch sprächen, um sich entsprechend zur Wehr zu setzen. Wie sich nachfolgend zeigen wird, präsentiert sich Lucia Žiaková im Umgang mit der rechtlichen Regulierung mit der gleichen ressourcengesättigten Bestimmtheit, mit der sie auch ihren Alltag im Pflegehaushalt bewältigt. Lucia Žiaková erzählt, dass sie ihre Beschäftigung bisher nicht angemeldet hat, wobei sie es sich offen hält, das zu einem späteren Zeitpunkt noch zu tun. Ihr Entschluss, vorerst nicht zu regularisieren, trifft sich dabei mit der Position der Angehörigen der Eheleute: Lucia Žiaková zufolge hätten diese kein zwingendes Interesse an der Regularisierung, da die irreguläre Beschäftigung mit geringeren Kosten verbunden sei als die reguläre. Sofern sie es wünsche, wären die Angehörigen jedoch bereit, eine Regularisierung mitzutragen. Dargestellt wird an dieser Stelle von ihr – rechtswissenschaftlich gesprochen – eine Kollusion, ein rechtlich EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 237 unerlaubtes Zusammenwirken zweier Parteien (hier: Angehörige und Careworker) unter Schädigung einer Dritten. Nachfolgend zeige ich, dass der Entschluss von Lucia Žiaková, ihr Beschäftigungsverhältnis vorerst nicht zu regularisieren, aus der Kombination zweier subjektiver Sichtweisen heraus erfolgt: Zum einen liegt Lucia Žiaková in Bezug auf die neue Regelung zu wenig Klarheit und Endgültigkeit vor. hierfür maßgeblich sind einerseits sprachliche Barrieren beim Zugang zum Recht, andererseits der subjektive Eindruck, dass die Rechtslage immer noch nicht fixiert ist. Zum anderen befürchtet sie, dass die neue Regelung für sie nicht zweckmäßig sein könnte. Beide subjektiven Sichtweisen ergeben sich vor dem hintergrund einer gewissen rechtlichen Kompetenz, die in einem strategischen Abwarten münden. Den folgenden transkriptausschnitt stelle ich der Analyse voran: I: Sie sind also nicht angemeldet, sagen Sie (...)? L.Z.: (...) Ja, ja, das stimmt. Möchte .. einfach abwarten, wie sich die Legislative entwickelt. Ich habe eine ökonomische Ausbildung, ich . weiß, was alles ist mit einem Gewerbe verbunden ist. Die Familie sagte, wenn ich will, melden sie mich an, sie machen das. . Ich bin zwei Wochen pro Monat in der Slowakei, nun ja, alles ist für mich anstrengend, ich meine, was die gesetzlichen Neuigkeiten angeht, immer auf dem Laufenden zu bleiben. . Angemeldet in Österreich zu sein verlangt gute Deutschkenntnisse, so sehe ich es. . Weil eigentlich muss man Begriffe aus einem spezifischen Bereich kennen, also brauche ich einen Übersetzer, der aber mit Kosten verbunden ist. Problem sehe ich auch beim Familienwechsel. Meine ehemalige Kollegin hat sich . bei der ersten Familie angemeldet. Kurz ( ) danach ist die Gepflegte ins Pflegeheim gegangen und sie hat die Familie gewechselt. Da ist sie nur zwei Wochen geblieben und musste wieder wechseln. Dem Gepflegten hat sie nicht gefallen, wobei meine Meinung ist . ich finde, dass sie ihre Arbeit sehr gut gemacht hat. Wenn man ein Gewerbe hat, muss man zahlen, auch wenn man nicht so schnell eine Familie findet oder wenn die Familie der Pflegerin kein zusätzliches Geld für ihre Sozialabgaben gibt. Ich warte, was kommt. --- Also die Familie ist bereit mich anzumelden. . Muss mir aber zuerst überlegen, ob ich diese Arbeit so überhaupt machen will. Generell finde ich es gut, dass sie dieses Gesetz abgeschlossen haben. Für die slowakische, für die Wirtschaft war das gut, da die Pflegerinnen mit dem verdienten Geld in die Slowakei gefahren sind, wobei der österreichische Staat nichts davon hatte. Ich denke, das war das Motiv, warum die Pflegearbeit in Österreich legalisiert wurde. Aber für die Pflegerinnen bedeutet die Legalisierung höhere Kosten. (Interview 19, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 325ff.) DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 238 Aus dem transkriptausschnitt geht hervor, dass Lucia Žiaková sich noch nicht sicher ist, ob eine Regularisierung für sie in Frage kommt. Nachfolgend wird deutlich werden, dass die Entscheidungsoffenheit mit Fragen bezüglich der Zweckmäßigkeit der neuen Regelung in Zusammenhang steht. Lucia Žiaková leitet die Erzählung mit ihrem Eindruck ein, dass die Rechtsetzung für den Bereich der ›24-Stunden-Pflege‹ noch nicht abgeschlossen ist, denn es scheinen noch Veränderungen der Rechtslage angezeigt zu sein, wie das verwendete Verb »entwickeln« im Satz »[m]öchte .. einfach abwarten, wie sich die Legislative entwickelt«, deutlich macht. Lucia Žiaková vermittelt, dass eine Regularisierung in Form einer Gewerbeanmeldung kein banaler Vorgang sei. Ausschlaggebend für diese Einschätzung ist ihre ökonomische Expertise, auf die sie an dieser Stelle verweist. Weil sie eine ökonomische Ausbildung habe, sei sie sich dessen bewusst, dass eine Gewerbeanmeldung keine reine Formalität darstelle, sondern dass mit dieser zusätzliche Anforderungen entstünden. Der Satz »[i]ch habe eine ökonomische Ausbildung, ich . weiß, was alles ist mit einem Gewerbe verbunden ist«, macht dies deutlich. Welche Anforderungen genau entstehen, führt Lucia Žiaková nicht weiter aus. Anzunehmen ist jedoch, dass hiermit spezifische Pflichten angesprochen sind. Als ehemalige Steuerberaterin wird es für Lucia Žiaková wohl auf der hand liegen, dass der Verdienst im Rahmen einer Steuererklärung angegeben und gegebenenfalls versteuert werden muss. Im vorliegenden Fall sind die Einzelheiten der mit dem Gewerbe des ›Personenbetreuers‹ einhergehenden Verpflichtungen Lucia Žiaková jedoch unklar – obwohl sie offensichtlich versucht, sich über die neuen Rechtsinhalte zu informieren. Lucia Žiaková weist darauf hin, dass in diesem Zusammenhang von einer sich im Wandel befindlichen Rechtslage, mithin von einem permanenten Informationsbedarf, auszugehen ist. Der teilsatz »ich meine, was die gesetzlichen Neuigkeiten angeht, immer auf dem Laufenden zu bleiben«, macht dies deutlich. Keine Rede ist davon, dass es sich um ein allgemein schwierig zu verstehendes Phänomen handelt. In der tat ist Lucia Žiaková als ehemaliger Steuerberaterin zuzutrauen, sich die rechtlichen Rahmenbedigungen eines Beschäftigungsverhältnisses selbst anzueignen. Erst die Kombination von Pendelmigration und inkrementaler Rechtsentwicklung lassen die Aneignung der Rechtsbestands für sie zum Problem werden: »Ich bin zwei Wochen pro Monat in der Slowakei, nun ja, alles ist für mich anstrengend, ich meine, was die gesetzlichen Neuigkeiten angeht, immer auf dem Laufenden zu bleiben.« Zum anderen weist Lucia Žiaková darauf hin, dass bei fehlenden Sprachkenntnissen ein ausreichendes Verständnis der Rechtslage nahezu unmöglich ist. Ein hindernis seien in diesem Zusammenhang die vielen Fachbegriffe. Streng genommen bräuchte es hierfür einen Übersetzer: »Angemeldet EXKURS: hANDLUNGSSPIELRAUM UND SENSE JURIDIQUE 239 in Österreich zu sein, verlangt gute Deutschkenntnisse, so sehe ich es. . Weil eigentlich muss man Begriffe aus einem spezifischen Bereich kennen, also brauche ich einen Übersetzer, der aber mit Kosten verbunden ist.« Damit formuliert Lucia Žiaková für die Regularisierung ihrer Beschäftigung eine notwendige Bedingung: Nicht nur die groben Zusammenhänge gilt es zu verstehen, sondern ein vollständiges Bild von den Rahmenbedingungen zu erhalten, in die man sich als Rechtssubjekt hineinbegibt. Diese Einsicht ist Ausdruck ihres kulturellen Kapitals, sehr im Unterschied zu anderen subjektiven Umgangsweisen von in dieser Arbeit untersuchten exemplarischen Fällen. Dass es geboten ist, auf einer umfassenden Informiertheit zu bestehen, scheinen Probleme deutlich zu machen, die sich für Lucia Žiaková aus den Erfahrungen anderer Careworkers ablesen lassen, die ihr Beschäftigungsverhältnis bereits regularisiert haben: Lucia Žiakovás Erzählung über eine Kollegin folgt der Schilderung der für sie unklaren Gesetzeslage fast wie eine Beweisführung dafür, dass Genauigkeit angebracht ist. Die Erzählung handelt von dem ›Problem Familienwechsel‹ bei einem angemeldeten Gewerbe: »Probleme sehe ich auch beim Familienwechsel. Meine ehemalige Kollegin hat sich . bei der ersten Familie angemeldet. Kurz ( ) danach ist die Gepflegte ins Pflegeheim gegangen und sie hat die Familie gewechselt. Da ist sie nur zwei Wochen geblieben und musste wieder wechseln. Dem Gepflegten hat sie nicht gefallen, wobei meine Meinung ist . ich finde, dass Sie Ihre Arbeit sehr gut gemacht hat.« Das Ende der Geschichte fehlt, weil Lucia Žiaková bereits im Rahmen einer verallgemeinernden Betrachtung des benannten Problems zu dessen Bewertung übergeht: »Wenn man ein Gewerbe hat, muss man zahlen, auch wenn man nicht so schnell eine Familie findet oder wenn die Familie der Pflegerin kein zusätzliches Geld für ihre Sozialabgaben gibt.« Implizit ist das Ende damit benannt: Lucia Žiakovás Kollegin fand nicht sogleich einen neuen Arbeitsplatz und musste dennoch weiter die Kosten für das weiter angemeldete Gewerbe zahlen. Lucia Žiaková scheint unter diesen Bedingungen nicht bereit zu sein, sich positiv auf die neuen Rechtsnormen zu beziehen. Sie vermittelt den Eindruck, dass ihr das Gesetzespaket zum jetzigen Zeitpunkt unzweckmäßig erscheint. Die Vorstellung, trotz Arbeitslosigkeit weiter Abgaben abführen zu müssen, betrachtet sie nach ihrem derzeitigen Kenntnisstand über die mit der Regularisierung einhergehenden Effekte als das zentrale Problem. In Bezug auf die in Veränderung begriffene Gesetzeslage scheint jedoch hoffnung auf Verbesserung der Bedingungen zu bestehen, denn von einer Regularisierung sieht Lucia Žiaková offenbar nicht gänzlich ab, wie der die Sequenz beendende Satz »Ich warte, was kommt«, deutlich macht. Sie nimmt eine eher abwägende haltung ein und überlegt vor dem hintergrund der bestehenden Gesetzeslage, zu DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 240 welchen Konditionen sie zu regularisieren bereit ist: »Also die Familie ist bereit mich anzumelden. . Muss mir aber zuerst überlegen, ob ich diese Arbeit so überhaupt machen will.« Diese weiterhin abwägende haltung lässt sich möglicherweise aus Lucia Žiakovás grundsätzlich affirmativer haltung gegenüber einer Regularisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ erklären: »Generell finde ich es gut, dass sie dieses Gesetz abgeschlossen haben.« Diesbezüglich nimmt Lucia Žiaková Bezug auf wirtschaftspolitische Argumente, die ganz der Professionsethik einer SteuerberaterIn folgen: »Für die slowakische, für die Wirtschaft war das gut, da die Pflegerinnen mit dem verdienten Geld in die Slowakei gefahren sind, wobei der österreichische Staat nichts davon hatte. Ich denke, das war das Motiv, warum die Pflegearbeit in Österreich legalisiert wurde. Aber für die Pflegerinnen bedeutet die Legalisierung höhere Kosten.« Lucia Žiaková sieht hier von ihren eigenen Interessen ab und nimmt die Perspektive des Staates, mithin des nationalen Interesses, ein. Sie erzählt, dass von der irregulären ›24-Stunden-Pflege‹ früher vor allem die slowakische Wirtschaft profitierte, weil das in Österreich erwirtschaftete Geld nahezu ausschließlich in der Slowakei ausgegeben wurde. Dem österreichischen Staat entgingen dafür Einnahmen. Mit der Regularisierung der Beschäftigungen scheint sie diesbezüglich eine Veränderung einhergehen zu sehen. Lucia Žiaková stellt es als legitimes Anliegen dar, dass der Staat genau aus diesem Grund, wie sie vermutet, eine Regularisierung anregen möchte. Aus einer nationalen ökonomischen Perspektive ist die Regularisierung für sie deutlich zu affirmieren, auch wenn dafür den Careworkers höhere Kosten entstehen. Aus diesem generellen Zuspruch gegen- über der Regulierung leitet Lucia Žiaková für ihre persönliche Situation jedoch keine notwendigen Konsequenzen ab. Vielmehr scheint sie die Strategie, abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln und möglicherweise auch ganz von einer Regularisierung abzusehen, für sich als verantwortungsbewusstes handeln zu betrachten. Am Beispiel von Strafrechtsnormen hat der Soziologe Charles tittle empirisch nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit einer rechtskonformen handlungsorientierung zunimmt, sofern die Regelungsabsichten als vernünftig oder zweckmäßig angesehen werden (tittle 1977; vgl. ähnlich Feest 1968). Auch bei Lucia Žiaková lässt sich ein derartiger Zusammenhang erkennen – allerdings ex negativo. Sie bildet bislang keine rechtskonforme handlungsorientierung aus, weil sie die Regulierung nicht für zweckmäßig hält, auch wenn sie grundsätzlich von der Legitimität der Regulierung als Anliegen des Staates, Einnahmen zu lukrieren, überzeugt ist. Ihre beobachtend-abwartende haltung kann hier ebenso wie im Fall der Angehörigen Sabine Mayr (vgl. 4.4.1) als taktisches handeln unter einem tendenziell instrumentellen Rückgriff auf das Recht betrachtet werden. Auch die angewendete Strategie gleicht sich: In beiden DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 241 untersuchten Fällen wird versucht, die Phase der Irregularität noch etwas länger hinauszuzögern. Waren es bei Sabine Mayr jedoch rein monetäre Abwägungen, die sie den subjektiv als spätmöglichst aufgefassten straffreien Zeitpunkt für die Anmeldung auswählen ließ, bis sie regularisierte, so orientiert sich Lucia Žiaková nicht an den verschiedenen ›Amnestien‹ beziehungsweise der Amnestie (vgl. 2.1.5), sondern an der Frage, wie sich die Rechtslage am Ende des inkrementalen Rechtsetzungsprozesses entwickelt haben wird. Lucia Žiaková wird ihre endgültige Entscheidung bezüglich der Regulierung möglicherweise erst auf dieser Grundlage treffen – vorausgesetzt, dass ihr bis dahin alle nötigen Informationen über die Rechtslage vorliegen. Ihr geht es damit nicht notwendig darum, sich ausschließlich im Rahmen einer »geregelten Improvisation« (Bourdieu 1979: 179) zu bewegen. Stattdessen dominieren Zweckmäßigkeitsüberlegungen in Hinsicht auf ihre individuelle Situation, die dazu führen könnten, notfalls handlungsroutinen entgegen der Rechtsnorm weiterhin aufrecht zu erhalten. In beiden Fällen fällt auf, dass rechtliches Kapital zum Einsatz kommt. Es scheint hier gleichsam die notwendige Voraussetzung für das taktische Vorgehen darzustellen. Lucia Žiakovás rechtliches Kapital ergibt sich aus ihrer Ausbildung, wie sie selbst sagt, und, so ist zu vermuten, aus ihrer Berufserfahrung als Steuerberaterin. Die rechtliche Kompetenz leitet sich entsprechend aus ihren ökonomischen und steuerrechtlichen Kenntnissen ab. Wie auch im vorangehend untersuchten Fall werden die betreffenden Rechtsinhalte von Lucia Žiaková im Verlauf der Regulierung erst angeeignet. Angenommen werden muss auch hier, dass es gewisse Ressourcen des kulturellen Kapitals sind, die diesen Lernprozess ermöglichen. Das vorliegende Ergebnis korrespondiert damit mit Nikolaus Dimmels (1986: 152) theoretischer Annahme, der zufolge manche Rechtsabweichungen Rechtskenntnisse voraussetzen. 4.5 Die Regulierung im Kontext antonymischer Sozialbeziehungen Wie weiter oben dargestellt (2.2) stehen die handlungsmöglichkeiten sozialer AkteurInnen stets in Zusammenhang mit ihrer sozialen Position. Konkreter sind sie abhängig davon, auf welche feldrelevanten Ressourcen sie jeweils zurückgreifen können. Besonders um Regeln und Routinen zu verändern oder – im Rahmen der transformation eines Feldes – beizubehalten, bedarf es besonderer Kapitalausstattungen. Im Rahmen der Regulierung wird dieser Aspekt insbesondere im Kontext antonymischer Positionen im Pflegehaushalt relevant. Ob die eigenen rechtsbezogenen handlungsorientierungen jeweils umgesetzt werden können, zeigt DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 242 sich demnach abhängig von der objektiven Struktur der Beziehungen der AkteurInnen im konkreten Anwendungsbereich des Gesetzespakets. Im folgenden Abschnitt untersuche ich zum einen exemplarisch, in welcher Form die Regulierung, sofern sie als Regularisierung daherkommt, Macht und herrschaft in den Privathaushalten zu reproduzieren vermag. Dies wäre der Fall, wenn Careworkers von ihrer rechtskonformen handlungsorientierung absehen müssen, weil ArbeitgeberInnen den rechtlichen Rahmen der Beschäftigung bestimmen. Zum anderen lege ich dar, wie die Regulierung herkömmliche Macht- und herrschaftsverhältnisse im Privathaushalt zu relativieren vermag, insofern Angehörige von ihrer rechtskonformen handlungsorientierung aufgrund der antonymischen Positionen der bei ihnen beschäftigten Careworkers absehen. 4.5.1 Soziale Inferiorität Am Beispiel von helena Mlynárová zeige ich, wie Careworkers ihrer rechtskonformen handlungsorientierung vorerst nicht nachkommen, da asymmetrische Machtverhältnisse im Privathaushalt die Aushandlung und mithin die Verständigung über einen eventuell beidseitig gewünschten Rechtsstatus unmöglich machen. Der Kontakt zu helena Mlynárová ergab sich über das auf Seiten der Careworkers in Gang gebrachte Schneeballsystem. Nach telefonischer Vorabsprache sagte helena Mlynárová für ein Interview zu. Das Gespräch fand an einem Nachmittag im September 2008 in einem Wiener Café in der Nähe ihres Arbeitsortes während ihres turnus‘ statt. Es dauerte zwei Stunden und 17 Minuten. Wie auch die anderen Careworkers ist helena Mlynárová slowakische Staatsbürgerin. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie 33 Jahre alt und ledig. Dass sie alleinstehend ist und noch immer keine Familie gegründet hat, bringt sie direkt mit ihrer Arbeit in Verbindung: Da ihre tätigkeit ihre vollständige Aufopferung erfordert, ist in der Zeit ihres turnus‘ emotional kein Platz für tiefe Beziehungen abseits des Pflegehaushalts. Die Zeit in der Slowakei aber beschreibt sie als »Urlaub«, den sie vor allem in ihrer Wohnung verbringt. Sie erzählt, dass es aus diesem Grund sehr schwer für sie ist, einen geeigneten Partner kennenzulernen. In der ›24-Stunden-Pflege‹ ist helena Mlynárová schon lange tätig. Nach Abschluss der handelsakademie arbeitete sie zunächst als Lehrerin. Unter anderem aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten entschloss sie sich, sich beruflich nach Österreich umzuorientieren. Mit 23 Jahren nahm sie zunächst eine Stelle als Au Pair in einer Wiener Familie an. Als ihr Vertrag nach einem Jahr auslief, wechselte sie in die ›24-Stunden-Pflege‹. DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 243 Ungewöhnlich ist, dass helena Mlynárová immer noch in ihrem allerersten Pflegehaushalt arbeitet: inzwischen sind es neun Jahre. Die Kontinuität von Arbeitsplatz und Beschäftigungsform kann im Fall helena Mlynárovás jedoch auf die im Vergleich sehr guten Arbeitsbedingungen zurückgeführt werden: Gebeten, über ihre Arbeit zu erzählen, nimmt sie, um die Vorzüge ihres Arbeitsplatzes herauszustellen, eine vergleichende Perspektive ein. So erzählt sie, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Careworkers relativ viel Freizeit hat. Gemeint ist damit, dass ihr nicht nur drei Stunden am Nachmittag frei zur Verfügung stehen, sondern auch, dass ihr Arbeitstag begrenzt ist, da der Mann der Pflegebedürftigen das abendliche und nächtliche Carework übernimmt. Anders als sie dies von anderen Careworkers hört, ist helena Mlynárová zudem von haushaltstätigkeiten befreit, die die Reinigung der Wohnung betreffen. Sie erzählt auch, dass nicht am Essen gespart wird, sondern dass zumeist hochwertige und teure Produkte auf den tisch kommen. Auch unter Einsamkeit leidet helena Mlynárová nicht, da sie mit der Pflegebedürftigen einen regen sozialen Austausch pflegt. Dies ist möglich, weil die 64-jährige Gepflegte auf die betreuerische und pflegerische Unterstützung nicht aufgrund von Alterserscheinungen, sondern aufgrund einer physischen Erkrankung zurückgreift, so dass sie ausschließlich körperlich eingeschränkt ist. Allein den Pflegebedarf beschreibt helena Mlynárová als umfassend: Die Pflegebedürftige könne keine körperlichen Bewegungen und Verrichtungen mehr alleine ausführen, weswegen helena Mlynárová ihr beim Anziehen und Waschen, bei der toilette usw. helfe. Wie die anderen von mir interviewten Careworkers lebt auch helena Mlynárová während ihrer turnusse als live in im Pflegehaushalt. Da sie zu festen Zeiten frei hat, ist es ihr aber eher möglich, regelmäßig soziale Kontakte zu pflegen und Veranstaltungen zu besuchen. So erzählt sie, dass sie den slowakischen Gottesdienst besucht und öfter in die Oper geht. Kontakte mit anderen Careworkers pflegt helena Mlynárová auch in der Slowakei. Dies ist ihr wichtig, weil sie den Eindruck hat, dass ihre transnationale Lebensrealität nur in derartigen Sozialbeziehungen wirklich verstanden wird. Die vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen zeigen sich auch an der am oberen Ende des Spektrums angesiedelten Lohnhöhe und an Zusatzzahlungen. Auch für die Absicherung gewisser sozialer Risiken kommt die Pflegebedürftige auf: Sie übernimmt die Kosten für eine in der Slowakei abgeschlossene Kranken- und Pensionsversicherung. Möglich wird diese Form der Absicherung, weil helena Mlynárová in der Slowakei freiwillig arbeitslos gemeldet ist. Welcher Art nun ist helena Mlynárovás rechtsbezogene handlungsorientierung in Bezug auf die Regulierung? Die Interviewte würde ihr Beschäftigungsverhältnis gerne regularisieren, ist derzeit aber weiter irregulär beschäftigt. Nachfolgend wird deutlich werden, dass es asymmetrische Machtverhältnisse im Privathaushalt sind, die ihre rechtskonforme DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 244 handlungsorientierung unterminieren. Das Unvermögen, eine Regularisierung herbeizuführen, erwächst dabei aus dem Umstand, dass eine Auseinandersetzung um die Regulierung nach Einschätzung helena Mlynárovás nicht zum gewünschten Ziel führen, dafür aber die hierarchische Fundierung, mithin die Gewaltsamkeit der vordergründig egalitären Sozialbeziehung, zutage treten lassen würde. Folgenden transkriptausschnitt stelle ich der Analyse voran: I: Sie hatten vorhin erwähnt, Sie arbeiten seit neun Jahren unangemeldet, können Sie da noch ein bisschen erzählen, wie das ist, warum arbeiten Sie unangemeldet? B.B.: hm. . Das Problem besteht in der Familie. Wir haben zwar nie offen darüber geredet, aber ich bemerkte, dass die Gepflegte, also dass sie nicht will, kein Interesse hat. Sie behauptet nämlich, dass die Anmeldung nur die Pflegerinnen betrifft, die über 24 Stunden pflegen und sie sagt, wir sind kein solcher Fall, weil sie keine 24-Stunden-Pflege benötigt. Ich finde, dass es mir gegenüber unfair ist. Die Gepflegte hat mindestens Pflegestufe 3, vielleicht könnte sie auch eine höhere Pflegestufe haben, aber sie interessiert sich nicht dafür, weil sie sowieso genug Geld hat, um . um sich die Pflege selber leisten zu können. Ich habe . das thema noch nie offen angesprochen, ich traue es mich nicht. Ihre Meinung kenne ich deswegen, weil ich manchmal gehört habe, also wenn sie telefoniert und sie ihre Freunde darauf ansprechen. . Die Möglichkeit der Anmeldung besteht seit . zwei Jahren, ich denke, wenn sie möchte, hätte sie es . schon lange getan. Es stört mich, dass ich unangemeldet arbeite, weil ich ohne Garantie arbeite. Wenn ich das Pensionsalter erreiche und keine Pension bekomme, werde ich mir sicher Vorwürfe machen. (...) Vor neun Jahren hätte man keine andere Möglichkeit gehabt. Und jetzt? Der Arbeitgeber denkt wahrscheinlich, dass er immer genug Arbeitskräfte findet, die bereit sind für ihn auch unangemeldet zu arbeiten. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich sauer auf meine Arbeitgeberin, weil . mir langsam klar wird, was die Risiken solcher Arbeit sind. . Manchmal versuche ich lieber nicht darüber nachzudenken. In . der letzten Zeit versuche ich sogar eine, eine Lösung für meine Situation zu finden. Ich suche mir eine neue Arbeit. Aber ich . versuche es in beiden Ländern, wobei ich ((hustet)) eine Arbeit im Sozialbereich in Österreich bevorzugen würde, weil ich mich gut auf Deutsch verständigen kann und weil ich bereits langfristige Berufserfahrung in diesem Bereich habe. ((hustet)) (Interview 12, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 356ff.) Auf die Regulierung nimmt helena Mlynárová im dargestellten transkriptausschnitt instrumentell Bezug: Mit ihr verbindet sie in erster Linie DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 245 Rechtsansprüche; hierauf verweist ihre Äußerung, dass sie auf irregulärer Basis »ohne Garantie« arbeitet. Umgangssprachlich versteht man unter einer Garantie die Zusicherung der Funktionsfähigkeit von (Konsum-)Gütern über einen festgelegten Zeitraum, wobei bei Funktionsunfähigkeit die Pflicht besteht, die Funktionsfähigkeit kostenlos wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang kann man davon ausgehen, dass helena Mlynárová sich auf Versicherungsleistungen im Rahmen ›sozialer Güter‹ bezieht. Was sie an dieser Stelle anspricht ist das bei einer Regularisierung qua Sozialkasse greifende Versicherungsprinzip. In diesem Zusammenhang ist bei ihr in erster Linie die Pensionsversicherung thema: »Wenn ich das Pensionsalter erreiche und keine Pension bekomme, werde ich mir sicher Vorwürfe machen«, erzählt sie weiter. Da sie irregulär arbeitet, geht sie davon aus, dass sie keine Pensionsansprüche erwirbt – ungeachtet dessen, dass sie in der Slowakei freiwillig in eine Rentenkasse einzahlt; ein Aspekt, auf den ich an späterer Stelle noch ausführlicher zu sprechen kommen werde. hier ist zunächst zu bemerken, dass die Rede von den »Vorwürfen« die Funktion einer Selbstmahnung erfüllt, dahingehend, den eigenen handlungsvorstellungen wirklich auch nachkommen zu wollen. Sofern helena Mlynárová die Möglichkeit hat, im Rahmen ihrer Beschäftigung Pensionsansprüche zu erwerben, ist es für sie wichtig – hier zeigen sich Parallelen zum exemplarischen Fall des Careworkers Simona horváthová (vgl. 4.2.2) – diese auch in Anspruch zu nehmen. Der angesprochene Selbstvorwurf muss vor diesem hintergrund weit im Kontext unbedingten handlungsbedarfs verortet werden. So zu handeln, wie sie es für richtig erachtet, kostet helena Mlynárová jedoch Überwindung, dies zeigen ihre Selbstvorwürfe, die nämlich gerade auf die Potenzialität unterlassenen oder zu zögerlichen handelns verweisen. Im vorliegenden transkriptausschnitt wird auch deutlich, dass helena Mlynárová in naher Zukunft einen Arbeitsplatzwechsel vorzunehmen plant. Ihr diesbezügliches Vorhaben ist dabei nicht als Widerspruch zum oben Erzählten zu sehen, vielmehr ist anzunehmen, dass sie sich zu der Zeit in einem Prozess emotionaler Ablösung von ihrer alten Arbeitsstelle befindet. Dabei zeigt es sich, dass helena Mlynárová selbst in ihrer eingeschränkten handlungsfähigkeit für sich noch handlungschancen sieht. Die Frage taktischen handelns stellt sich dabei im Kontext sozialstruktureller Zwänge weniger in Bezug auf das Recht, sondern in Bezug auf die Arbeitgeberin. Bei helena Mlynárová handelt es sich, dies wird nachfolgend deutlich, zunächst um eine Vermeidungstaktik, dann um die taktik des ArbeitgeberInnenwechsels. Letzterer, so werde ich an späterer Stelle konkretisieren, ist dabei nicht allein durch den Wunsch nach einer Inanspruchnahme sozialer Rechte getragen, auch sind es soziale Differenzen, die helena Mlynárová von einer Weiterbeschäftigung im Pflegehaushalt absehen lassen. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 246 Zunächst jedoch ist die eigentliche Frage zu beantworten – die Frage, warum helena Mlynárovás rechtskonforme handlungsorientierung keine Umsetzung findet. Ursache des »Problem[s]« ist die »Familie«, leitet die Interviewte ihre Erzählung auf die Frage nach ihrem rechtlichen Status ein, denn ihrem Eindruck nach hat die Pflegebedürftige kein Interesse an einer Regularisierung. Das Wissen über deren regulierungsbezogene handlungsorientierung erwirbt helena Mlynárová jedoch indirekt: Im vorliegenden transkriptausschnitt schildert sie, dass das thema ›Regularisierung‹ zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin überhaupt noch nie verhandelt wurde. helena Mlynárová wurde mehrfach Zeugin von Gesprächen, in denen die Gepflegte sich mit Dritten bezüglich der Regularisierung immer wieder ablehnend äußerte: »Ihre Meinung kenne ich deswegen, weil ich manchmal gehört habe, also wenn sie telefoniert und sie ihre Freunde darauf ansprechen.« Da die Möglichkeit der Regularisierung zudem schon seit längerer Zeit besteht, geht helena Mlynárová davon aus, dass sich an der Irregularität ihrer Beschäftigung nichts mehr ändern wird: »Die Möglichkeit der Anmeldung besteht seit . zwei Jahren, ich denke, wenn sie möchte, hätte sie es . schon lange getan.« Nachvollziehbar ist diese Entscheidung für helena Mlynárová nicht, das verdeutlicht ihre Darstellung der Position der Gepflegten als jener einer unzureichenden Assertion. Die Pflegebedürftige würde zu unrecht behaupten, dass die Regulierung ihr Beschäftigungsverhältnis nicht betreffe, da keine ›24-Stunden-Pflege‹ vorliege: »Sie behauptet nämlich, dass die Anmeldung nur die Pflegerinnen betrifft, die über 24 Stunden pflegen und sie sagt, wir sind kein solcher Fall, weil sie keine 24-Stunden-Pflege benötigt.« Dass die Pflegebedürftige mit dieser Version der Wahrheit falsch liegt, ist für helena Mlynárová so evident, dass sie die Beweisführung nahezu auslässt und übergangslos zur Bewertung des Beobachteten überleitet. Lediglich der hinweis, dass mindestens Pflegestufe 3 vorliegt, soll das Argument stützen, dass es sich bei ihrem Beschäftigungsverhältnis sehr wohl um eine ›24-Stunden-Pflege‹ handelt. Ihre Bewertung fügt sie an, indem sie die vorgetragene Argumentation als »unfair« bezeichnet, und zwar in einem unmittelbar gerichteten Verhältnis. Unfair sei die Position der Pflegebedürftigen nicht in erster Linie im Allgemeinen, sondern ihr, helena Mlynárová gegenüber. Sie beurteilt das Verhalten der Pflegebedürftigen als moralisch durch und durch verwerflich, wie nachfolgend deutlich wird. Denkt man an den allgemein gebräuchlichen semantischen Gehalt des Begriffs »unfair«, bezeichnet helena Mlynárová das handeln oder vielmehr die Unterlassung der Pflegebedürftigen als unanständig und unehrlich. Etwas als fair oder unfair zu bezeichnen, setzt weiter jedoch – um hier in Bourdieu’schen termini zu sprechen – die Annahme geteilter Spielregeln voraus. Impliziert ist die Vorstellung, dass in einem bestimmten sozialen Zusammenhang ein Konsens darüber DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 247 besteht, was als richtig und was als falsch zu verstehen ist. Wenn helena Mlynárová im vorliegenden transkriptausschnitt davon spricht, dass das handeln ihrer Arbeitgeberin ihr gegenüber »unfair« sei, dann stellt sie den Pflegehaushalt als einen sozialen Zusammenhang heraus, der sich an einem geteilten Wertesystem, mithin an bestimmten moralischen Maßstäben messen lassen muss. helena Mlynárovás Auffassung, dass die Pflegebedürftige sich ihr gegenüber »unfair« verhält, verweist insofern darauf, dass diese dem moralischen Konsens, obwohl er ihr bekannt sein muss, keinerlei Rechnung trägt. Die Interviewte muss in der Folge davon ausgehen, dass die Pflegebedürftige die rechtskonforme handlungsorientierung helena Mlynárovás wider besseren Wissens unterminiert. Die Argumentation der Arbeitgeberin mutet in diesem Licht wie eine Rechtfertigungsgeschichte an, die sie sich und ihren FreundInnen erzählt. Die Rede von der Fairness hat für helena Mlynárová insofern die Funktion, auszudrücken, dass sie von der Pflegebedürftigen bewusst übergangen wird. Für sie moralisch um so verwerflicher gestaltet sich die Unterlassung der Pflegebedürftigen vor dem hintergrund, dass diese nicht aus Leistbarkeitsgründen erfolgt; ein Aspekt, der für nicht wenige Pflegebedürftige aufgrund der Verteuerung der ›24-Stunden-Pflege‹ im Rahmen der Regularisierung eine Rolle spielt. Deutlich wird dies an der Bemerkung helena Mlynárovás, dass die Pflegebedürftige so wohlhabend sei, dass sie das Carework sogar aus eigener tasche bezahlen könne. Als Beweis dient ihr die Beobachtung, dass diese sich noch nicht einmal darum kümmere, über die Einstufung in die höchstmögliche Pflegestufe ein höheres Pflegegeld zu erhalten: »Die Gepflegte hat mindestens Pflegestufe 3, vielleicht könnte sie auch eine höhere Pflegestufe haben, aber sie interessiert sich nicht dafür, weil sie sowieso genug Geld hat, um . um sich die Pflege selber leisten zu können.« Der im Umkehrschluss die irregulären Praxen auch weiterhin potenziell legitimierende Aspekt der Geldknappheit scheidet damit für helena Mlynárová aus. Welches mögliche Interesse hinter der irregulären handlungsorientierung der Pflegebedürftigen steckt, bleibt ihr unklar, scheint sie jedoch auch nicht weiter zu interessieren. hier ist nur eine von vielen möglichen subjektiven Sinngebungen angesprochen, wenn ich in den Raum stelle, dass die Pflegebedürftige möglicherweise nicht auf eine höhere Pflegestufe zurückgreift und auch die Möglichkeit der Regularisierung nicht auf ihre Situation bezieht, weil sie sich nicht als rundum pflege- und betreuungsbedürftig verstehen möchte. Während über die subjektive Perspektive der Pflegebedürftigen an dieser Stelle nur Spekulationen angestellt werden können – so ist umgekehrt denkbar, dass diese in Bezug auf die irreguläre Beschäftigung von einem Konsens zwischen ihr und dem Careworker ausgeht –, kann die Position helena Mlynárovás hingegen eindeutig bestimmt werden: Solange keine andere Möglichkeit bestand, als die ›24-Stunden-Pflege‹ irregulär zu beziehen, betrachtete sie es als legitim, dass ihre Arbeitgeberin sie irregulär DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 248 beschäftigte. Zu dieser Zeit »hätte man keine andere Möglichkeit gehabt«, bemerkt sie. Mit der veränderten Rechtslage ändert sich ihre Position jedoch: Das irreguläre Beschäftigungsverhältnis ist für sie aus moralischer Sicht illegitim, da es bedeutet, ihr als Beschäftigter, indem sie weiter »ohne Garantie« arbeiten muss, Rechte zu verweigern. Zu betonen ist, dass die Rechtsnorm an dieser Stelle als aus arbeitsrechtlicher Sicht moralisch gebotene ›Angebotsnorm‹ Bedeutung gewinnt. Was verursacht nun genau den fehlenden handlungsspielraum helena Mlynárovás? Für sie erwächst dieser aus der besonderen Machtposition der »Familie«, deren handlungsorientierung sie hinnehmen zu müssen glaubt, obwohl diese ihrer eigenen diametral entgegensteht. Als Ursache für das Machtungleichgewicht adressiert sie migrations- und/ oder arbeitsmarktpolitische, also sozialstrukturelle Umstände. So beschreibt sie, wie die Pflegebedürftige anscheinend davon ausgeht, dass ein ausreichend großes Arbeitskräftereservoir vorhanden ist, auf das sie zurückgreifen kann, sollte helena Mlynárová aufgrund ihres irregulären Status im Beschäftigungsverhältnis kündigen: »Und jetzt? Der Arbeitgeber denkt wahrscheinlich, dass er immer genug Arbeitskräfte findet, die bereit sind, für ihn auch unangemeldet zu arbeiten.« Indem helena Mlynárová die vermutete Kalkulation der Pflegebedürftigen (die an dieser Stelle erstmals als Arbeitgeberin und nicht als hilfebedürftige, mithin als grundsätzlich mächtigeres Gegenüber bezeichnet wird) in den Kontext der strukturellen Benachteiligung ihrer Person stellt, positioniert sie sich als in den Augen ihrer Arbeitgeberin absolut austauschbar. Das strukturell asymmetrische Machtverhältnis der Sozialbeziehung ist es auch, das helena Mlynárová das thema ›Regularisierung‹ gar nicht erst ansprechen lässt: So beschreibt sie, dass sie die Frage nicht zu thematisieren wagt, weil sie die gegensätzliche Position der Pflegebedürftigen bereits zu kennen meint. Sie geht damit davon aus, in der Auseinandersetzung um die Frage unterlegen zu bleiben, mithin eine ungünstigere Verhandlungsposition zu haben. Die Sorge, das thema überhaupt anzusprechen, fußt dabei zentral auf der Erfahrung einer früheren Aushandlungssituation um die Arbeitsbedingungen im Beschäftigungsverhältnis. helena Mlynárová bringt diese mit dem oben geschilderten unausgesprochenen Konflikt mit ihrer Arbeitgeberin direkt in Zusammenhang: h.M.: Ähm, einmal hatten wir mit der Gepflegten einen Streit. Es ist um meine Freizeit gegangen. Ein paar Stunden danach .. hat mir die Familie gesagt, dass sie das Gefühl haben, dass ich bei ihnen unzufrieden bin. . Sie haben mir aufgelistet, was sie mir alles anbieten und auch, zahlen und wenn es mir . nicht genug ist, soll ich es sagen und sie suchen sich eine andere Pflegerin. . Da hatte ich das Gefühl, dass sie mir zeigen wollen, wer da der Chef ist und dass der Chef immer Recht hat, wobei ich aus meiner Position DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 249 als Pflegerin davon überzeugt war, dass ich Recht habe. So etwas will ich nicht wieder erleben. (Interview 12, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 512ff.) helena Mlynárová erzählt an dieser Stelle von offen ausgetragenen Unstimmigkeiten in Bezug auf die Arbeitsbedingungen. Diese seien Folge unterschiedlicher Ansprüche der beiden Parteien in hinblick auf die Freizeit im Beschäftigungsverhältnis. helena Mlynárová schildert, wie sie im Streit – und damit im Kampf um die soziale Position im Feld – zurückstecken muss, da sie von einer immer schon unterlegenen Position aus kämpft. Mit Bourdieu formuliert könnte man sagen, dass die gegebenen sozialen Ressourcen von helena Mlynárová in der von ihr beschriebenen Situation nicht ausreichten, um die Regeln des Spiels zu verändern – ganz im Gegensatz zu ihrer Arbeitgeberin. Diese konnte, schlichtweg aufgrund ihrer Machtposition, über die Regeln des Spiels sogar bestimmen, obwohl sie argumentativ falsch lag: »Da hatte ich das Gefühl, dass sie mir zeigen wollen, wer da der Chef ist und dass der Chef immer Recht hat, wobei ich aus meiner Position als Pflegerin davon überzeugt war, dass ich Recht habe.« Im Zuge dessen drohen die Gepflegte und ihr Mann ihr mit der Austauschbarkeit ihrer Arbeitskraft – einer Drohkulisse, die auch in Zusammenhang mit der Frage der Regularisierung präsent ist, wie obenstehend ersichtlich wurde. Der abschließende Satz »[s]o etwas will ich nicht wieder erleben« könnte zudem darauf hinweisen, dass helena Mlynárová Konflikte mit ihrer Arbeitgeberin um ihre Arbeitsbedingungen in Zukunft vermeiden wird. In Bezug auf die Regulierung tut helena Mlynárová dies, indem sie das thema nicht anspricht und darüber hinaus versucht, nicht über es »nachzudenken«, wie aus transkriptausschnitt 1 hervorgeht. Die unterlegene Verhandlungsposition und die Drohung der Austauschbarkeit ihrer Arbeitskraft vor Augen, meidet helena Mlynárová die offene Auseinandersetzung. hierdurch wird es für sie jedoch unmöglich herauszufinden, ob in Bezug auf die Regulierung tatsächlich Uneinigkeit besteht und ob sich diesbezüglich wirklich keine Einigung finden lassen könnte. Möglicherweise ist es insofern auch die Strategie der Konfliktvermeidung, die helena Mlynárovás rechtskonforme handlungsorientierung erst unterminiert. Verdrängen lässt sich der Konflikt für sie jedoch trotzdem nicht. Obwohl sie es versucht, denkt helena Mlynárová weiter über die Situation nach, in die die Pflegebedürftige sie bringt. hierbei ist vor allem von den »Risiken« die Rede, die mit der Arbeit verbunden sind und die in der Irregularität nicht abgesichert werden können. Sie sieht deshalb die Notwendigkeit gegeben, ihre Beschäftigungssituation zu verändern, wie die Formulierung »[i]n der letzten Zeit versuche ich sogar eine Lösung für meine Situation zu finden«, verdeutlicht. Möglich erscheint ihr dies durch einen Arbeitsplatzwechsel. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 250 Eine besondere Brisanz scheint der verdeckte Konflikt für helena Mlynárová jedoch nicht nur deshalb zu haben, weil er ihre handlungsorientierung unterminiert, sondern weil er – obwohl die oben genannte Konfliktvermeidung genau dies verhindern soll – jene Nähe negiert, die für das in starkem Maße auf affektiven und emotionalen Bindungen beruhende Beschäftigungsverhältnis konstitutiv ist. Im impliziten Konflikt offenbart die Sozialbeziehung, da sie in diesem Zusammenhang auf ein Machtverhältnis reduziert wird, ihre Gewaltsamkeit. In diesem Zusammenhang ist deshalb die Frage zu stellen, inwieweit helena Mlynárovás Strategie, den Arbeitsplatz zu wechseln, tatsächlich nur von ihrer rechtskonformen handlungsorientierung getragen ist, oder ob nicht vielmehr angenommen werden muss, dass es auch soziale Enttäuschungen sind, die diesen Schritt bedingen. Folgt man dieser Deutung, dann ist die rechtskonforme handlungsorientierung helena Mlynárovás zu differenzieren: Es ist dann zu bemerken, dass die Enttäuschung darüber, die eigene handlungsorientierung nicht umsetzen zu können, nicht nur als Enttäuschung in rechtlicher, sondern auch in sozialer hinsicht erlebt wird. In den Blick rückt diese Deutung, wenn man sich ansieht, welche Verbesserungen sich helena Mlynárová von der Regularisierung erhofft. So schildert sie, dass sie sich gern gegen die »Risiken« der Arbeit absichern möchte. Dies macht stutzig angesichts des Umstands, dass helena Mlynárová mit einer Krankenund einer Pensionsversicherung bereits weitgehend sozialversichert ist. Es könnte jedoch der Fall sein, dass sie sich einer Reihe von »Risiken«, gegen die sie bisher nicht versichert ist, erst mit der Debatte um die Regulierung gewahr wird – und damit um die Notwendigkeit, sich diesbezüglich abzusichern. So verfügt sie etwa nicht über eine Unfallversicherung, wie diese neben der Kranken- und Pensionsversicherung gegeben ist, wenn man in Österreich ein Gewerbe als ›Personenbetreuer‹ anmeldet. Auch könnte ihre rechtskonforme handlungsorientierung von dem Wunsch geleitet sein, vergleichsweise verbesserte Sozialansprüche zu erwerben. Da helena Mlynárová sich jedoch angesichts ihrer Annahme, dass ihre Arbeitgeberin sie sowieso nicht anmelden möchte, nicht besonders eingehend mit den Einzelheiten der Regelung auseinandergesetzt hat, ist ihrerseits nicht von einer Kenntnis möglicher, mit der Regularisierung eintretender Verbesserungen oder Verschlechterungen auszugehen: h.M.: Ich habe mich nur wenig dafür interessiert, habe . es mir nur angeschaut, wenn ich es zufällig im Fernseher gehen habe. Ähm, ich dachte mir, dass es für mich keinen Sinn hat, sich damit näher zu beschäftigen, weil meine Familie nicht also daran interessiert ist, mich anzumelden. (Interview 12, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 402ff.) DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 251 Weiter sind in diesem Zusammenhang keine Risiken gemeint, wie sie von einer Kontrolle durch die Polizei ausgehen könnten; dies zeigt helena Mlynárovás Antwort auf die Frage nach dem ›Erwischtwerden‹, welche direkt auf den ersten transkriptausschnitt folgt: I: Wie ist es unangemeldet zu arbeiten, haben Sie Angst erwischt zu werden? h.M.: Nein, habe ich nicht. Ich gehe täglich an den Polizisten vorbei und sie schenken mir keine Aufmerksamkeit. Es gibt auch genug Ausreden, wie zum Beispiel, dass ich bei der Familie zu Besuch bin. Früher als die Grenze noch nicht offen war, haben mich die Zöllner manchmal gefragt, wo ich hinfahre. Wir hatten mit der Familie verabredet, dass ich ihre Verwandte bin und zu Besuch zu ihnen fahre. hätte der Polizist die Familie angerufen, hätten sie ihm es bestätigt. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass sich die Polizei dafür interessiert, ob wir angemeldet sind oder nicht. Ich glaube, dass die Polizei demgegenüber gleichgültig ist. (Interview 12, Transkriptausschnitt 4, Zeilen 380ff.) helena Mlynárová hat nicht den Eindruck, dass die Polizei sich für sie als potenziellen irregulären Careworker interessiert, weshalb sie keinerlei Bedenken hinsichtlich negativer Konsequenzen aufgrund ihres irregulären Beschäftigungsverhältnisses hat. Sie beschreibt, dass es im Notfall immer möglich wäre, mit einer – mit der Arbeitgeberin abgesprochenen – Ausrede durchzukommen. Schon zu Zeiten geschlossener Grenzen sei dies eine praktikable Lösung gewesen. Auch die Furcht vor einer Anzeige durch denunziatorische NachbarInnen scheint für helena Mlynárová im großstädtischen Wien und in der großbürgerlichen Wohngegend, in der der Pflegehaushalt angesiedelt ist, nicht im Raum zu stehen. Vor diesem hintergrund deutet sich an, dass die Strategie des Arbeitsplatzwechsels helena Mlynárovás mit durch die – im Zuge der Regulierung – als gewaltsam entblößte soziale Beziehung motiviert ist. 4.5.2 Der Wert einer kontinuierlichen Versorgung mit Care Am Beispiel von Valentin Stadler zeigt sich, wie Angehörige von einer Regularisierung vorerst absehen, um die bei ihnen bestehende personelle Care-Situation beibehalten zu können. Das bedeutet, dass außerrechtliche Faktoren hier maßgeblich die rechtsbezogene handlungsorientierung strukturieren. Voraussetzung für eine solche herangehensweise sind zum einen individuelle Risikokalkulationen, die bezüglich der Aufdeckungswahrscheinlichkeit und der Strafhöhe angelegt werden, zum anderen spielen Coping-Strategien eine Rolle. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 252 Der Kontakt zu Valentin Stadler entstand durch einen Arbeitskollegen. Der von mir telefonisch kontaktierte Interviewte sagte prompt zu. Seine schnelle Bereitschaft, als Interviewpartner teilzunehmen, war dabei von einer gewissen Affinität gegenüber wissenschaftlicher Forschung getragen; das geht aus seinen Äußerungen hervor, als Universitätsbediensteter vielfach mit wissenschaftlichen Vorhaben in Berührung zu kommen und auch deshalb das Projekt gern zu unterstützen. Ich traf Valentin Stadler nach vorheriger E-Mail-Kommunikation im Wochenendhaus meines Arbeitskollegen in der Nähe von Wien. Das Gespräch führte ich an einem Nachmittag im August 2008. Es hat eine Dauer von einer Stunde und 13 Minuten. Valentin Stadler ist zum Zeitpunkt des Interviews 53 Jahre alt und lebt in einer größeren Stadt in Österreich. Er ist zweimal geschieden und ein drittes Mal verheiratet. Gegenwärtig erwartet er sein zweites Kind. Seine Arbeit umfasst die Geschäftsführung einer wissenschaftlichen Serviceeinrichtung innerhalb einer Universität. Da er nahe der Wohnung seiner pflegebedürftigen Mutter lebt, ist er der hauptverantwortliche für die sekundäre Betreuung. Zwar übernehmen auch seine drei Geschwister Aufgaben, die alltägliche Versorgung liegt jedoch in seiner hand. Auch die Organisation der ›24-Stunden-Pflege‹ übernahm Valentin Stadler selbst. Zu diesem Zweck wandte er sich an eine Vermittlungsagentur, die er aus seinem Bekanntenkreis kannte. Anlass für diesen Schritt war ein Krankenhausaufenthalt der Mutter: Nach der Entlassung bestand vor allem nachts die Gefahr, dass die Pflegebedürftige stürzen könnte. hatte die Versorgung vor dem Krankenhausaufenthalt noch mittels der Unterstützung von Bekannten und Freundinnen gewährleistet werden können, so ging der Pflege- und Betreuungsbedarf der Mutter danach weit über deren Kapazitäten hinaus. Das thema, nicht mehr ohne fremde hilfe auskommen zu können und die Frage, ob möglicherweise ein Altersheim angezeigt sei, wurde daraufhin von der Pflegebedürftigen selbst angeschnitten. Da Valentin Stadler in der südösterreichischen Stadt, in der er und seine Mutter wohnen, keine attraktiven heime ausfindig machen konnte, kommen die Geschwistern auf die Idee, auf eine ›24-Stunden-Pflege‹ zurückzugreifen. Zum Zeitpunkt des Interviews wird die 88-jährige Mutter bereits ein Jahr lang auf diese Weise betreut und gepflegt. Unterstützung benötigt die Pflegebedürftige bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens. Dazu gehören alle körperlichen Aktivitäten inklusive der Essensaufnahme. Durch die Freundin der Mutter, die sie bis dahin maßgeblich unterstützt hatte, fand anfangs eine Schulung für die Careworkers statt. Dies erachtete Valentin Stadler als wichtig, da die Careworkers, als sie bei der Mutter zu arbeiten begannen, keinerlei Vorerfahrung im Caring mit älteren Menschen hatten. Beim Carework, über das sich Valentin Stadler mehrfach sehr positiv äußert, besteht heute nicht mehr die ursprüngliche Besetzung: Nach DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 253 einem Krankenhausaufenthalt einer der Careworkers wurde eine Vertretung organisiert, die die Geschwister in der Folge beibehielten. Welcher Art ist nun Valentin Stadlers handlungsorientierung, welchen Beschränkungen unterliegt diese und welche Umgangsweise findet er mit der oben genannten Restriktion seiner eigentlichen handlungsorientierung? Zur Beantwortung dieser Fragen wird zunächst der folgende transkriptausschnitt herangezogen: V.S.: Nein, also wir haben ... wir haben .. also wie wir das begonnen haben letztes Jahr war das ja sowieso . äh noch kein . so ein . da gabs kein so ein ... ja, da haben wir es halt so gemacht wie alle anderen, ja? Also eben . illegalerweise, u n d . wir sind jetzt auch dabei geblieben, weil es auch seitens der Pflegerinnen hier kein besonders . besonderes Interesse . besteht, weil die das dann ja auch irgendwie versteuern müssen für sich . müssten. Und, ja also wir gehen einfach das Risiko ein, dass das .. nicht . entdeckt wird. Wir haben, wir haben also mit der Agentur auch gesprochen, also wie die das .. wie die das einschätzen, und das, die müssten sich sowas wie ein, ein äh . wie heißt das, ein ein Gewerbeschein, nicht? In der Slowakei glaube ich ausstellen lassen, damit sie dann als . als selbständige Pflegerinnen hier irgendwie angemeldet werden können. Den haben sie derweil auch nicht, also den müssten sie auch erst besorgen, was Geld kostet. Und das ist auch eben einer der Gründe, warum wir das bis jetzt eben nicht gemacht haben, und es würde doch die Sache um einiges verteuern. Und jetzt haben wir also die Vereinbarung getroffen, wenn das Ganze wirklich äh gemeldet werden sollte, dass wir dann halt dann sagen, ja, ja, das ist erst . seit wenigen Wochen und dann halt das rückwirkend die Meldung machen, da muss man ein bisschen Strafe zahlen, aber das, das finanzielle Risiko ist ja glaub ich nicht, laut also laut Auskunft dieser Agenturen ist nicht wirklich groß. (Interview 10, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 376ff.) Der transkriptausschnitt macht zunächst deutlich, dass bei Valentin Stadler keine Regularisierung vorliegt. Meine fragend formulierte Feststellung, dass er, wie er eingangs anmerkte, die ›24-Stunden-Pflege‹ nicht regularisiert hat, bestätigt er und macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass es die Wünsche der Careworkers sind, die ihn vor einer Anmeldung zurückhalten. Diese hätten an einer Regularisierung »kein besonders . besonderes Interesse«, weil sie von Steuerzahlungen absehen möchten. An späterer Stelle im Interview führt er aus, dass noch mehr dahinter stecke: Da beide Careworkers in Frühpension seien, könnten sie eine Regularisierung nur dann durchführen, wenn sie ihre Pension zurücklegten; die Abführung von Steuern gestalte sich daher für sie schwierig, wenn nicht unmöglich. Valentin Stadler nimmt dabei an, dass die DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 254 Kombination von Pension und »Zuverdienst«, wie er es formuliert, für beide Careworkers nötig sei, da er die Pensionsansprüche bei beiden als gering einschätzt. Explizit weist er aber noch auf einen anderen ›Grund‹ für die Beibehaltung der irregulären Beschäftigungen hin: Dieser besteht darin, dass er Kosten, die mit einer Regularisierung der ›24-Stunden- Pflege‹ entstünden, vermeiden möchte. Regularisieren könnte man das Beschäftigungsverhältnis nur dann, wenn sich die Careworkers in der Slowakei anmeldeten – er hält sich hier an den von der Agentur vorgeschlagenen, weniger gängigen Weg der Arbeitskräfteüberlassung –, und diese Möglichkeit ist es, die offenbar zu teuer ist. Dass Valentin Stadler der Wunsch der Careworkers nicht vollständig ungelegen kommt, wird hier deutlich. Geht man allein von der oben vorliegenden textstelle aus, dann könnte man annehmen, dass die Beibehaltung der irregulären Beschäftigungen beidseitig gewünscht ist. Nachfolgend argumentiere ich jedoch, dass der Kostenaspekt für Valentin Stadler nur bedingt relevant ist. Ich gehe vielmehr davon aus, dass das Interesse an einer Weiterbeschäftigung der Careworkers Valentin Stadlers eigentlich rechtskonforme handlungsorientierung unterminiert. Woran mache ich dies fest? Anhaltspunkte für diese these ergeben sich erstens im weiteren Verlauf des Interviews, in dem Valentin Stadler zum einen nochmals betont, dass es vor allem die Careworkers sind, die eine Regularisierung ablehnen würden. Zum anderen stellt er deutlich heraus, dass es ihm sehr wichtig ist, das Beschäftigungsverhältnis mit den derzeit bei ihm beschäftigten Careworkers fortzusetzen. Anhand des nachfolgenden transkriptausschnitts zeigt sich dieser letztgenannte Aspekt: V.S.: Man muss sagen, es sind jetzt zwei ältere Frauen so um die 55 herum, die machen sehr viel wett mit persönlicher Fürsorge und Zuwendung, da sind sie wirklich toll, sie haben ein ein gutes Gespür für die Bedürfnisse meiner Mutter, deshalb .. sind dann gewisse Unzulänglichkeiten in der Pflegeversorgung auch leichter auszuhalten. Da kann meine Mutter schon mit umgehen. Wenn der Gesundheitszustand der Mutter schlimmer wird und medizinische hilfe notwendiger würde, wäre es fraglich, ob das so geht. Es ist .. die persönliche Komponente ist mindestens genauso wichtig wie die physische. Derweil wollen wir, dass das so bleibt. Meine Mutter hat pädagogische Ambitionen mit Deutsch lernen und die müssen dann auch vorlesen unter diesem Aspekt. Meine Mutter sieht ja sehr schlecht, also es ist nicht nur . sie lässt sich auch gern was vorlesen. Die Martina ist sehr, sehr tüchtig und meine Mutter liebt sie. Sie macht alles, Spaziergänge und sie singt meiner Mutter was vor. Meine Mutter kommt sehr gut mit der Martina aus, mit der Emília auch, aber die Martina da ist . das ist noch mal besonders. Ein freundschaftliches Verhältnis wäre zu DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 255 viel gesagt, aber sie haben eine .. eine enge vertrauensvolle Beziehung. Da ist es uns schon wichtig, dass das erstmal so weiterläuft. Wenn die Martina gehen würde, wäre meine Mutter schon sehr traurig. ... Da ist dann auch . naja . also rechtlich erstmal belassen wir das so. Man weiß auch nicht, was das gesundheitlich bedeuten würde. Es wäre schon gut, wenn das so laufen könnte. (Interview 10, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 544ff.) Im vorliegenden transkriptausschnitt schildert Valentin Stadler, wie zufrieden er mit den Careworkers ist, weil diese ein »gutes Gespür für die Bedürfnisse« der Pflegebedürftigen hätten. Gemeint sind hiermit die psychischen Anteile des Carings, die er als derart wichtig erachtet, dass deshalb sogar kleinere physische Versorgungslücken in Kauf genommen werden könnten. Zudem macht er deutlich, dass die Mutter sich sehr gut mit den Careworkers versteht und zu ihnen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Eine Kündigung, insbesondere von »Martina«, schätzt Valentin Stadler als für die Mutter »schon sehr traurig[e]«, mithin emotional belastende Situation ein. Weiter bringt er einen potenziellen Wechsel der bei ihm Beschäftigten mit dem Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen in Zusammenhang. Valentin Stadler macht sich offensichtlich Sorgen, dass die Gesundheit der Mutter sich im Falle einer Kündigung der Careworkers verschlechtern könnte. Die beschriebenen Äußerungen sind dabei von der Artikulation des Wunsches nach ›Care-Kontuniutät‹ eingerahmt: Wiederholt verdeutlicht er, dass ihm die Beibehaltung der bisherigen personellen Konstellation wichtig ist. In diesem Zusammenhang verweist er auch flüchtig auf den Zusammenhang zur rechtlichen Situation. Valentin Stadler bemerkt: »Da ist dann auch . naja . also rechtlich erstmal belassen wir das so.«, wobei mit dem konzessiven Satzbeginn »[d]a ist dann auch« höchstwahrscheinlich die Folge des vorangehend Gesagten eingeleitet wird. Diese besteht darin, das »rechtlich erstmal« so zu »belassen«. Es ist dieser hintergrund, vor dem der Eindruck entsteht, dass mit der weiterhin irregulären Praxis ein Careworker-Wechsel verhindert werden soll, wie er möglicherweise eingetreten wäre, wenn Valentin Stadler auf einer Regularisierung bestanden hätte. Zweitens weisen in Bezug auf die irregulären Praxen angewendete Coping-Strategien auf eine grundsätzlich rechtsaffine Position Valentin Stadlers hin. Indem ich untersuche, wie relativ starke moralische Zweifel beiseite geschoben werden müssen, um die irreguläre Praxis aufrecht erhalten zu können, komme ich auf den zuerst dargestellten transkriptausschnitt zurück. Im Zentrum der nachfolgenden Analyse steht die Einbettung der derzeitigen Irregularität in einen weiteren Kontext: Auf die von mir fragend vorgetragene Feststellung, dass er nicht angemeldet hätte, antwortet Valentin Stadler nicht direkt, sondern beginnt seine Erzählung ›am Anfang‹, als er auch schon ein irreguläres Beschäftigungsverhältnis DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 256 unterhielt. Diesen Anfang rahmt er als eine Zeit, in der noch keine Möglichkeit zur Regularisierung bestand: »[A]lso wie wir das begonnen haben letztes Jahr war das ja sowieso . äh noch kein . so ein . da gabs kein so ein ...«. Angesprochen sind an dieser Stelle fehlende rechtliche und verwaltungsorganisationale Grundlagen, kurz: ein etabliertes Modell, um eine ›24-Stunden-Pflege auf regulärer Basis zu unterhalten. ›Am Anfang‹ zu beginnen hat für Valentin Stadler an dieser Stelle die erzählerische Funktion, das heutige irreguläre Beschäftigungsverhältnis zu kontextualisieren, mit dem Effekt, seine Illegitimität im heute zu reduzieren. Darauf weist der Kontext hin, in den das Erzählte von ihm eingebettet wird. Es handelt sich bei diesem um jenen Zeitraum, in dem die irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹, wie er vermittelt, noch relative Legitimität aufwies, da schließlich keine andere Möglichkeit vorhanden gewesen sei, eine solche zu unterhalten. Der von Valentin Stadler formulierte Sachzwang ist voraussetzungsreich, da er die zahlreichen anderen Möglichkeiten der Versorgung älterer Menschen unberücksichtigt lässt. Keine denkbare Variante für das Caring der Mutter sind etwa heim, die Unterstützung durch mobile Dienste, die reguläre Beschäftigung ausgebildeten Krankenpflegepersonals oder die familiäre Pflege und Betreuung. Wie etwa auch am Beispielfall Georg Aigner (vgl. 4.1.1) wird hier einmal mehr deutlich, dass Angehörige, indem sie formulieren, dass vormals, im Gegensatz zur heutigen Situation, noch keine reguläre Möglichkeit für das Caring im Privathaushalt vorhanden gewesen sei, argumentativ schlichtweg auf diskursive und praktische Realitäten im sozialen Feld der Pflege zurückgreifen.19 Als Valentin Stadler vor einem Jahr gemeinsam mit seinen Geschwistern eine irreguläre ›24-Stunden-Pflege‹ organisiert, kann er auf die allgemeine Praxis des irregulären Careworks bereits als einzige gangbare Option 19 Für die sozial ansonsten recht ressourcenstarke Gruppe der Angehörigen waren die handlungsbeschränkungen, formuliert man es einmal in Bourdieu’schen termini, massiv spürbar geworden, da die dortigen ›Regeln‹ ihrer Lebensrealität entgegen standen. Zum einen bestand keine Bereitschaft, das Caring selbst zu übernehmen, zum anderen wurden die bestehenden Angebote der Vorstellung einer guten Pflege und Betreuung nicht gerecht: Carework, so formuliert es auch Valentin Stadler in Bezug auf seine Mutter, soll möglichst zu hause stattfinden, dort, wo die Pflegebedürftige sich auskennt und wo sie von den immer gleichen Bezugspersonen umgeben ist. Zu präsent sind für ihn die Geschichten von FreundInnen, Bekannten und NachbarInnen, die von ihren schlechten Erfahrungen mit heimversorgungen berichten. Das Primat der Pflege zu hause, geleistet durch Dritte, beschränkt die regulären Möglichkeiten auf eine reguläre, aber »viel zu teure« Versorgung durch eine professionelle Krankenpflege. Das Feld der Pflege erscheint in diesem Licht vor der Regulierung kein ›Spielfeld‹ mehr zu sein, in dem man sich zwang- und pro blemlos, gleichsam instinktiv bewegen kann, sondern es sind alternative Optionen, mit denen die Beschränkungen des Feldes aufgehoben werden. DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 257 blicken, da diese inzwischen eine relative hegemonie, mithin eine relative Intelligibilität im Feld der Pflege erlangt hat. Ein hinweis auf diese subjektive Sichtweise Valentin Stadlers ergibt sich daraus, dass er erzählt, eine Praxis etabliert zu haben, wie sie allgemein gängig ist; darauf weist die Formulierung »... ja, da haben wir es halt so gemacht wie alle anderen« hin. Als unproblematische, evidente Option erscheint Valentin Stadler sein Vorgehen jedoch nicht; das macht seine vor allem zu Anfang des transkriptausschnitts auffällig zögerliche Sprechweise deutlich, ebenso wie der formulierte Entschluss, aufgrund der Alternativlosigkeit bestehender regulärer Angebote irregulär betreuen und pflegen zu lassen. Weil es scheinbar keine regulären Angebote gab, entschloss man sich in der Familie zum irregulären Caring: »Nein, also wir haben ... wir haben .. also wie wir das begonnen haben letztes Jahr war das ja sowieso . äh noch kein . so ein . da gabs kein so ein ... ja, da haben wir es halt so gemacht wie alle anderen, ja? Also eben . illegalerweise«. Valentin Stadler spielt an dieser Stelle auf die allgemeine Verbreitung der irregulären Beschäftigung an. Dieser Verweis bleibt allerdings gebrochen, denn das lebende scheint dem materiellen Recht unversöhnlich gegenüberzustehen: Zu offensichtlich spiegelt die Erzählung innere Konflikte und Rechtfertigungen wider. Das macht zum einen die bereits analysierte Sequenz, die sich wie eine Passage von Verlegenheitsäußerungen liest, und das machen auch weitere transkriptionsausschnitte deutlich. Das Potenzial an Begründungen scheint für Valentin Stadler insgesamt begrenzt beziehungsweise begrenzt akzeptabel zu sein. So spricht er an anderer Stelle davon, dass es sich bei der von ihm praktizierten Lösung um »schlampige Verhältnisse« handele, das sei »keine Frage«.20 Um die Coping-Strategie konkret zu benennen und ihren Mechanismus zu beschreiben: Valentin Stadler steht hier exemplarisch für jene Angehörigen, die mit dem Verweis auf die Regelhaftigkeit der irregulären Praxen um eine entmoralisierte Sichtweise auf die persönliche Situation ringen. Mit Gresham Sykes und David Matza lässt sich an dieser Stelle vom Einsatz von Strategien sprechen, die die ›Schuld‹ neutralisieren sollen. Sykes und Matza entwickelten ihr Konzept der »Neutralisierungstechniken« ursprünglich als sozialpsychologisches Modell für das abweichende Verhalten von Jugendlichen. Es lässt sich ohne Probleme heuristisch auf eine Bourdieu’sche Perspektive übertragen und in seiner Anwendung auf Erwachsene verbreitern. Sykes und Matza stellen heraus, dass Regelverstöße in den meisten Fällen nicht auf einer grundsätzlichen Ablehnung der Normen innerhalb einer Gesellschaft beruhen, 20 Es ist dies ein empirisches Beispiel für Bourdieus these, dass NormbrecherInnen, indem sie betonen, dass sie die Regel kennen, noch im Regelbruch demonstrieren, dass sie grundsätzlich regelkonform sind (Bourdieu 1998a: 221). Im Fall Valentin Stadlers bedeutet das, dass er das Recht im Grunde achtet. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 258 sondern lediglich auf einer Relativierung der bestehenden Regeln. Erst deshalb werden ihnen zufolge Coping-Strategien notwendig. Sykes und Matza kommen zu dieser Auffassung, da sie, ident zu Bourdieu, Regeln nicht als kategorische Imperative, sondern als »qualifizierte Richtlinien für das handeln« begreifen (Sykes/Matza 1968: 364, hervorh. im Original). Auch im Fall von Valentin Stadler ist deutlich erkennbar, dass er eher flüchtige Schläge gegen das normative System vornimmt, als dass er diesem gegenüber eine kohärente Gegenwelt etabliert. Eher werden von ihm gesellschaftlich herrschende Sichtweisen aufgegriffen, als dass ein gänzlich alternativer Blickwinkel eingeführt wird. Das zeigt sich auch an dem Umstand, dass negative Konnotationen nicht vollständig zurückgewiesen oder keine vollständige Umdeutung negativ besetzter Begriffe im Sinne von Bedeutungsverschiebungen vorgenommen wird. In diesem Zusammenhang ist auch der Verweis auf die Ubiquität der irregulären Praxen zu sehen, mit dem das Abweichende implizit als das Normale konstruiert wird. Der hinweis, dass die Familie so gehandelt habe, »wie alle anderen, , ja? Also eben . illegalerweise«, zeugt von dem erzählerischen Versuch, Schuld zu relativieren, indem auf die entkräftete Legitimität der Norm angespielt wird. Schon Émile Durkheim hat aufgezeigt, dass das Pathologische immer nur in Relation zum Normalen denkbar ist. Sofern das Pathologische gegenüber dem Normalen überwiegt, kippte das Verhältnis von dem, was noch als normal, und dem, was als pathologisch bezeichnet werden kann (Durkheim 1984[1897]: 141ff.). Wie weiter oben beschrieben (vgl. 4.2.1), hat Popitz (1968) genau diesen Mechanismus für den Strafcharakter von Rechtsnormen betrachtet. In der subjektiven Wahrnehmung eines Akteurs reduziert dieser sich tendenziell, sofern auf ihn bezogen nicht mehr von einer hegemonialen Befolgungspraxis ausgegangen wird: Insofern etwas, das jedem zu passieren scheint, keinen Ausnahmecharakter mehr hat, verliert die Norm ihr moralisches Gewicht (ebd.: 17). Für die Legitimierung seiner irregulären handlungen macht sich Valentin Stadler genau dies zunutze. Indem er die irreguläre Pflege als Norm präsentiert – schließlich handelte er »wie alle anderen« –, kann die moralische Betrachtung der eigenen handlungen entfallen oder zumindest stärker in den hintergrund rücken. Der Normverstoß lässt sich auf diese Weise relativieren. Valentin Stadler gibt dem Sachverhalt einen neuen Rahmen, der der Normverletzung voraus- beziehungsweise mit ihr einhergeht und der es ihm moralisch ermöglicht, zu beschreiben, wie und warum er entgegen der Rechtsnorm handelt – und zwar, ohne die bestehende Ordnung grundsätzlich abzulehnen. Das Argument der Ubiquität dient somit als »technik der Neutralisierung«, mit der der Normbruch zumindest partiell als legitim dargestellt werden kann. Die Wahrnehmung der Alternativlosigkeit des irregulären Careworks und deren Ubiquität bilden für Valentin Stadler DIE REGULIERUNG IM KONtEXt ANtONYMISChER SOZIALBEZIEhUNGEN 259 die Grundlage, an die gelebten Praxen anzuknüpfen und die sperrig gewordene Norm als überkommene Struktur zu umgehen. Die Analyse macht deutlich, dass Valentin Stadler gegenüber seiner irregulären Situation moralische Skrupel hat, womit hinweise auf einen rechtsaffinen habitus gegeben sind. Da dieser sich sehr ausgeprägt zeigt, ist davon auszugehen, dass er mit den irregulären Beschäftigungen nicht in erster Linie der eigenen handlungsorientierung folgt, sondern sich den Wünschen der Careworkers beugt. Folgt man dieser these, dann befindet Valentin Stadler sich in Bezug auf das Caring in einer latenten Abhängigkeitssituation, die ihm die Umsetzung seiner rechtsbezogenen handlungsorientierung unmöglich macht. Anders als der Care worker helena Mlynárová (vgl. 4.5.1) sieht Valentin Stadler sich im Sozialverhältnis der ›24-Stunden-Pflege‹ jedoch nicht übergangen und degradiert; indem er Verständnis für die dilemmatische Einkommenssituation der Careworkers zeigt, weist er diesen implizit gute Gründe für ihre weiterhin irreguläre handlungsorientierung zu und bezieht deren handeln in der Folge nicht auf seine Person. Vor diesem hintergrund wird wie in 4.5.1 auch für den exemplarischen Fall Valentin Stadler die these formuliert, dass es in erster Linie Abhängigkeiten der Arbeitssituation sind, die die irreguläre Weiterbeschäftigung bedingen. Die gegenüber regularisierten Beschäftigungsverhältnissen finanzielle Besserstellung durch die der Irregularität, wie Valentin Stadler sie im transkriptausschnitt 1 als einen »der Gründe« angibt, »warum wir das bis jetzt eben nicht gemacht haben«, lässt sich vor diesem hintergrund möglicherweise als eine positive Konnotierung des Unausweichlichen unter Verwerfung des Verworfenen leben. Eine weitere Voraussetzung für das weiterhin irreguläre Vorgehen scheint jedoch zu sein, dass er die Aufdeckungswahrscheinlichkeit – übrigens unter Einsatz eines nicht unerheblichen rechtlichen Kapitals, wie sich nachfolgend zeigt – als relativ gering einstuft. Einerseits werden diesbezüglich die politischen Verhältnisse reflektiert: V.S.: Und jetzt ist sowieso schon wieder Wahlkampf, kann man auch nicht erwarten, dass jetzt groß Aktion scharf irgendwie anläuft. (Interview 10, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 638f.) Valentin Stadler orientiert sich an den ihm bekannten Regelhaftigkeiten des politischen Feldes, wenn er davon ausgeht, dass die Regierenden in Zeiten des Wahlkampfes keine verstärkten Kontrollen einführen werden. Ein weiterer Grund für die relative Sorglosigkeit gegenüber dem Risiko einer Anzeige liegt zudem weiterhin in der Ubiquität des Phänomens. V.S.: Die Mutter ist immer wieder beunruhigt, äh dass da was passieren könnte, . ja ich bin da irgendwie ein bisschen, ja wie soll ich sagen . lockerer, weil man sich einfach äh ausrechnen kann, dass DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 260 das, dass wir ja wirklich kein Einzelfall sind, dass das ja immer noch glaub ich . die große Mehrheit der Leute so macht, und von daher einfach die Wahrscheinlichkeit, dass da was passiert, nicht so groß ist. Das ist halt unsere Einschätzung, ja? (Interview 10, Transkriptausschnitt 4, Zeilen 667ff.) Diente der Verweis auf die Ubiquität Valentin Stadler obenstehend dazu, die eigene irreguläre Praxis in ihrer Illegitimität zu relativieren, so wird sie an dieser Stelle angeführt, um den Kippmechanismus zu beschreiben, der seitens der Verwaltungsbehörden zum Zuge kommen kann, wenn die Norm ihren Strafcharakter im Alltag der Menschen weitgehend verloren hat: Da seine Familie nicht die einzige ist, die ein irreguläres Caring unterhält, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden dem Vergehen nachgehen und es sanktionieren. Für den Fall, dass eine Anzeige erfolgt, haben die Familie und die Careworkers sich jedoch auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt, mit dem der volle Umfang der irregulären Praxis verschleiert werden kann; dies geht aus transkriptausschnitt 1 hervor: »Und jetzt haben wir also die Vereinbarung getroffen, wenn das Ganze wirklich äh gemeldet werden sollte, dass wir dann halt dann sagen, ja, ja, das ist erst . seit wenigen Wochen und dann halt das rückwirkend die Meldung machen, da muss man ein bisschen Strafe zahlen, aber das, das finanzielle Risiko ist ja glaub ich nicht, laut also laut Auskunft dieser Agenturen ist nicht wirklich groß.« Zudem wird die Vermittlungsagentur um eine beratende Stellungnahme angesucht. Nachdem diese – ich verbleibe hier beim zuerst dargestellten transkriptausschnitt – das »Risiko« als »nicht wirklich groß« beschreibt und auch die Strafe implizit als leistbar darstellt, entscheidet sich Valentin Stadler gemeinsam mit seinen Geschwistern dafür, erst im Fall einer eventuellen Aufdeckung des irregulären Carings eine Regularisierung durchzuführen. Möglich wird dieses Vorgehen, weil sich das irreguläre Beschäftigungsverhältnis gegen- über den Behörden im Falle einer Aufdeckung als eben erst installiertes darstellen lässt. Voraussetzung hierfür ist die implizite Annahme, dass an einem Nachweis der tatsächlichen Dauer, wie er im Ernstfall beispielsweise durch NachbarInnen erbracht werden könnte, nach Einschätzung Valentin Stadlers auch den Behörden nicht gelegen ist. Die Untersuchung des Unterabschnitts zeigt: Auch Angehörige können im Rahmen des Beschäftigungsverhältnisses derart von Abhängigkeiten betroffen sein, dass sie ihre eigenen handlungsorientierungen zurückstellen. Wie auch im vorangehenden exemplarischen Fall von helena Mlynárová (4.5.1) sind es dabei maßgeblich, wenn nicht sogar ausschließlich außerrechtliche Aspekte, die die rechtskonforme DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 261 handlungsorientierung unterminieren.21 Sofern Angehörige die Gewährleistung des Carework an konkrete Personen binden, wird für sie deren handlungsorientierung hinsichtlich der Regularisierung relevant. Vor diesem hintergrund verschieben sich die sozialen Positionen im Feld: Anders als in den vorangehend behandelten Beispielen sehen Angehörige vor diesem hintergrund keine Möglichkeit, die Regeln und Routinen der ›24-Stunden-Pflege‹ nach Maßgabe einer Regularisierung zu verändern. Die Frage der Regularisierung relativiert so implizit die hierarchische Strukturierung im Privathaushalt: Wie auch die Careworkers, so sind die Angehörigen im Falle antonymischer Positionen hinsichtlich der Regularisierung zu einem Beschäftigungswechsel gezwungen, wollten sie ihre eigene handlungsorientierung durchsetzen. Gleichwohl ist zu betonen, dass ein solcher Wechsel in seiner Existenzialität für die Careworkers eine wesentlich größere Dimension aufweist (vgl. hierzu 4.5.1). 4.6 Die Regulierung in ihrer symbolischen Qualität Oben wurde dargelegt (2.2), dass rechtsbezogene handlungsorientierungen von Laien auch durch die symbolische Qualität des Rechts beeinflusst werden können. Als Voraussetzung für eine derartige Aneignung rechtlicher Stimuli wurde deren habituelle Sozialisierung im Rahmen rechtlicher Repräsentationen betrachtet. Zu einer Konvergenz von habituell bestimmtem Wollen und feldspezifischem Sollen kommt es vor diesem hintergrund dann, wenn die rechtliche Ordnung im Glauben der AkteurInnen als legitime Ordnung aufgeht. Die Beteiligten sind dann, so möchte ich es formulieren, in ludo iuris, sind also dem rechtlichen Spiel zugewandt. Im Folgenden lege ich exemplarisch dar, wie die Aneignung des Rechts als Symbol die Ausbildung rechtskonformer handlungsorientierungen zu ›informieren‹ vermag. Im Zentrum steht dabei die Antizipation eines »Offizialisierungseffekt[s]« (Bourdieu 1992b: 106), als eines Prozesses öffentlicher Achtung: Da die Regulierung die ›24-Stunden-Pflege‹ aus der Irregularität heraushebt, verbinden Careworkers und Angehörige mit ihr eine gesellschaftlich vergrößerte Anerkennung des Careworks. Neben dieser Gemeinsamkeit zeigen sich aber auch Unterschiede zwischen den beiden sozialen Gruppen des RechtsadressatInnenkreises: Während sich die symbolische Kraft des Rechts für die Angehörigen kohärent entfaltet, 21 Vgl. diesbezüglich die empirischen Ergebnisse der legal consciousness studies, an denen sich zeigt, dass Umgangsweisen mit dem Recht häufig vorrangig von außerrechtlichen Umständen geprägt sind (z.B. Ewick/Silbey 1998). Siehe des Weiteren auch Casey/Scott (2011: 79). DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 262 sorgen bei den Careworkers Zwänge des objektiven Feldes dafür, dass das Recht auch in seiner Gewaltsamkeit wahrgenommen wird. 4.6.1 Soziale Gerechtigkeit Am Beispiel von Natália Balážová untersuche ich exemplarisch, wie Care workers eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbilden können, weil sie mit der Regularisierung die Vorstellung einer vergrö- ßerten Anerkennung der eigenen Arbeit und daraus folgend möglicherweise der eigenen Person verbinden.22 Anschließend frage ich danach, inwieweit diese Vorstellung angesichts der Latenz der rechtlichen Struktur gebrochen werden muss. Der Kontakt zu Natália Balážová entstand über das vorangehend bereits erwähnte KundInnen-Netzwerk der informellen Vermittlungsagentur, über das ich auch Werner Dörfler (vgl. 4.3.2) kennenlernte. Von der Vermittlungsagenturbetreiberin angefragt sagte Natália Balážová für ein Gespräch zu. Das Interview fand an einem Nachmittag im September 2008 statt und wurde an Natália Balážovás Arbeitsplatz in einem ländlich gelegenen haushalt in Südösterreich geführt. Es dauerte insgesamt eine Stunde und 31 Minuten. Natália Balážová ist slowakische Staatsbürgerin. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie 34 Jahre alt, geschieden, alleinstehend und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von sieben und 15 Jahren. Gemeinsam mit ihren Kindern lebt Natália Balážová in einer ostslowakischen Stadt im haus ihrer Eltern. Ausüben kann sie ihre Beschäftigung in der ›24-Stunden-Pflege‹ in Österreich nur, weil ihre Eltern sich um den jüngeren Sohn kümmern und der ältere Sohn während ihres turnus bei seinem Vater verbringt. In ihrer freien Zeit betreut sie selbst die Kinder und übernimmt den haushalt (im Gegenzug auch jenen der Eltern). Natália Balážová steht insofern exemplarisch für jene Gruppe von Careworkers, die durch das Caring im Ausland Care-Aufgaben, die sie sonst selbst erledigen würden, auslagern müssen (vgl. dazu 2.1.3). ›Vereinbarkeitsprobleme‹ sieht Natália Balážová nicht nur diesbezüglich, sondern auch hinsichtlich ihrer Partnerschaften gegeben. So erzählt sie, dass ihre Beschäftigung als Careworker bereits mehrere Male maßgeblich dafür war, dass ihre Beziehungen scheiterten. Erst kürzlich habe sie wieder eine trennung erleben müssen, da ihre langen Abwesenheitszeiten und weiteren mit der Arbeit verbundene Belastungen sich für die Beziehung als unüberbrückbare Probleme erwiesen hätten. 22 Vgl. hierzu ähnlich, wenn auch nicht im Zentrum stehend, den exemplarischen Fall Zuzana Ševčovičovás (4.2.2). DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 263 Zum Zeitpunkt des Interviews ist Natália Balážová bereits seit fünf Jahren in der ›24-Stunden-Pflege‹ tätig, wobei sie einmal ein Jahr lang pausierte: Sie schildert, dass sie die psychische Belastung nicht mehr ausgehalten hatte, die das ununterbrochene Zusammensein mit einer älteren, pflegebedürftigen Person mit sich bringt. Als eine Strategie des Umgangs mit diesem Umstand kann zusätzlich ihr relativ häufiger Arbeitsplatzwechsel gesehen werden. Denn dass sie in einem Zeitraum von fünf Jahren neun Pflegehaushalte durchlief, bringt sie ebenfalls mit dem Bedürfnis nach Freizeit in Verbindung. Sie erzählt, dass es ihr relativ gleichgültig ist, wie hoch der Pflegeaufwand ist oder welche tätigkeiten im haushalt zu erledigen sind, obwohl sie diesbezüglich sehr große Unterschiede wahrnimmt. Eine Arbeitsstelle, die sich als eine Position ohne Freizeit herausstellt, sei für sie inakzeptabel. Ihre derzeitige Beschäftigung hat Natália Balážová seit Juli 2007 inne. Bevor sie sich entschied, eine Beschäftigung als Careworker aufzunehmen, war sie, in relativ schneller Folge, in einer Reihe anderer Branchen beschäftigt: Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst in einem Zollamt, danach als Rezeptionistin und schließlich als Kellnerin in einem hotel. Auf die Idee, auf Care work umzusteigen, kam Natália Balážová nach einem Friseurbesuch, während dem sie mit zwei Krankenpflegerinnen ins Gespräch kam, die in Österreich bereits seit längerem in der ›24-Stunden-Pflege‹ tätig waren. Da Natália Balážová über Deutschkenntnisse verfügte und über die Pflege und Betreuung ihrer Großeltern bereits Erfahrungen mit dem Caring älterer Menschen gemacht hatte – ihre Mutter, die Krankenpflegerin war, hatte ihr in diesem Zusammenhang alles Nötige beigebracht –, sah sie in der ›24-Stunden-Pflege‹ eine Möglichkeit, sich finanziell besser zu stellen. Der finanzielle Aspekt war für sie besonders relevant, weil sie sich als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern in einer Position mit besonderer Verantwortlichkeit sieht. In der ›24-Stunden-Pflege‹ hat Natália Balážová trotz aller Ambivalenzen eine Beschäftigung gefunden, die ihr gefällt und die sie noch lange ausüben möchte. Nicht nur beschreibt sie, dass ihr die Arbeit Spaß machte, sie vermittelt auch, dass ihr diese liege. Mehrmals betont sie, dass es sie sehr zufrieden mache, anderen Menschen helfen zu können. Im Interview erzählt Natália Balážová, dass sie ihr Beschäftigungsverhältnis Anfang Juli 2008 regularisiert hat. hierauf angesprochen, stellt sie heraus, dass eine Regularisierung nicht nur vom Arbeitgeber gewünscht wird, sondern dass sie selbst sehr an einer solchen interessiert ist. Weiter geht aus dem transkriptausschnitt hervor, dass sie diesbezüglich schon früh aktiv wurde, weil sie die Anmeldung bereits vor Ende der ›Amnestien‹ vornehmen wollte: DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 264 I: Wie war das mit dem Anmelden? K.M.: Ja .. Alle haben das gemacht, also . wir auch. Die Familie war, also die hat gesagt: »Jetzt ist Ende der Amnestie, wir müssen uns anmelden.« Die Familie . hatte Angst . davor, dass sie Strafe zahlen müssen. (...) Die Anmeldung wollte aber ich auch, für mich .. ich fand das wichtig. War von Anfang an sehr daran interessiert. Die Initiative kam von mir, ich ich wollte schon . vor dem Ende der Amnestie angemeldet sein, ja, aber alleine kann ich das nicht tun, also ohne Einverständnis der Familie, und die Familie hatte immer genug Zeit. Ich denke, das lag daran, dass . damit sie sich noch die Abgaben sparen könnten. Ich habe es ihnen öfter gesagt, dass ich jetzt anmelden will, . aber es war, ja es war halt immer genug Zeit. . Sie wollen einfach nur jeden Euro sparen. (Interview 11, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 236ff.) Ein zweiter transkriptausschnitt, in dem Natália Balážová in zeitlich vergleichender Perspektive über ihre Erfahrungen mit der Regularisierung spricht, gibt darüber Aufschluss, wie ihre rechtskonforme handlungsorientierung konkret beschaffen ist. Anhand des dargestellten Ausschnitts untersuche ich, wie ihr Interesse an der Regulierung wesentlich mit der Vorstellung zusammenhängt, dass mit dieser eine stärkere Anerkennung ihrer Arbeit und möglicherweise auch ihrer Person einhergeht. K.M. Was glauben Sie, was . hat sich geändert, seitdem ich angemeldet bin? Überhaupt nichts . hat sich daran geändert. Nichts. .. Die Verträge, die wir unterschrieben haben, mit der Personenbetreuung, also mit der Selbständigkeit, die die werden überhaupt nicht eingehalten. . Ich habe mich nie, und . jetzt auch nicht, für eine Pflegerin gehalten, sondern immer nur für eine Putzfrau und Dienerin. Es gab nur eine . Nur in einer einzigen Familie habe ich mich für eine Pflegerin gehalten. Ich war damals bei einer Patientin, die war im Bett, und zwar 24 Stunden täglich, aber es war so, die Familie hat sich auch um mich gekümmert. Sie konnten . eben nicht nur mit der Mutter 24 Stunden täglich sein. Deshalb. ( ) Sie waren sehr dankbar, das war klar auch bei meinem Lohn zu sehen. Und wir sind schon, wir sind bis heute in Kontakt. Die Familie, sie schicken sogar Geschenke für meine Kinder . zu Weihnachten .. und das ist schon vier Jahre her, als ich dort war. Da war . schon viel Arbeit, auch mit dem haushalt. Aber, war halt so. Ich wiederhole, dass sich . überhaupt nichts geändert hat, es gibt keine genau definierten Bedingungen für uns Ausländerinnen. Die Legalisierung hat uns überhaupt . keine Vorteile gebracht und über die Nachteile sind wir nicht informiert, weil es alles erst vor Kurzem passiert ist. Die Vorteile gibt es nur für Österreicher, weil die Abgaben bezahlt werden. Was die rechtlichen Sachen angeht, DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 265 also mit der Anmeldung, ich hatte überhaupt keine Zeit, mich mit diesen Sachen zu beschäftigen, . mit der Diskussion, die es gab. (Interview 11, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 478ff.) Im Zentrum des transkriptausschnitts steht die Frage nach den Ver- änderungen, die Natália Balážová sich von der Regularisierung offensichtlich erhofft hat. Mit einer rhetorischen Frage führt sie ihre Erwartungshaltung ein: »Was glauben Sie, was . hat sich geändert, seitdem ich angemeldet bin?«, wobei sie die Frage selbst beantwortet: »Überhaupt nichts . hat sich daran geändert. Nichts.« Die erzählerische Funktion des Wechsels von Frage und Antwort liegt offenbar darin, das neue Gesetzespaket auf sardonische Weise zu bespötteln; sie bildet den Auftakt für die Problematisierung der Arbeitsbedingungen vor wie nach der Regularisierung. Die Frage nach den Veränderungen weist dabei auf bestimmte nachfolgend zu untersuchende Erwartungen hin, die bezüglich der Regulierung bestanden. Zunächst ist zu bemerken, dass diese von Natália Balážová als selbstverständlich gegeben in den Raum gestellt werden: Ohne weitere Erklärung (und damit das (Ein-)Verständnis des zuhörenden Gegenübers voraussetzend) wird die Auffassung, dass die Regulierung für Veränderungen in der sozialen Welt sorgen müsse, eingeführt und im nächsten Satz deren ›normale‹ Funktion als fehlend herausstellt. Der grimmige Spott, der in den Äußerungen Natália Balážovás mitschwingt, hat seine Grundlage dabei in den eigenen, letztlich doch als unzutreffend erkannten Erwartungen bezüglich der Regulierung, wie sie zustande kommen, wenn Logiken von Rechtspolitik und Recht mit rechtlichen Laienvorstellungen unversöhnlich aufeinander treffen. Da ihre Erwartungen enttäuscht werden, vermittelt Natália Balážová insgesamt das Bild einer mit den Arbeitsbedingungen in der ›24-Stunden- Pflege‹ zutiefst unzufriedenen Person. Ihre Schilderung der Erfahrungen und Erlebnisse, die sie in den verschiedenen haushalten und mit der Regularisierung gemacht hat, zeugen – ganz und gar im Gegensatz zu ihrer generellen haltung gegenüber der Arbeit mit älteren Menschen – von einem hohen Maß an Frustration mit der Situation. Wie genau aber ist der die Enttäuschung bedingende simplifizierte common view, der Natália Balážová Recht und Gerechtigkeit verwechseln lässt (vgl. dazu allg. Benjamin (1999[1921]; Derrida 1991), zu charakterisieren und in welcher Weise steht er im Widerspruch zur Rechtspolitik? Wie aus dem obigen transkriptausschnitt hervorgeht, bestanden von ihrer Seite aus vor der Regulierung erstens Erwartungen hinsichtlich der mit der Regularisierung aufgesetzten Verträge. Diese werden jedoch enttäuscht, da die Verträge »überhaupt nicht eingehalten« werden. Natália Balážová spricht an dieser Stelle jene Werkverträge an, die Angehörige und Careworkers üblicherweise aufsetzen, sobald sie die Beschäftigungen auf Selbständigenbasis regularisieren. In der Regel erhalten diese DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 266 unter anderem eine grobe Auflistung über die zu verrichtenden tätigkeiten, über die Vertragsdauer und die Entlohnung.23 An anderer Stelle im Interview führt sie aus, was genau sie damit meint, dass die Verträge in der Praxis keine bindende Wirkung entfalten. Sie erzählt zum Beispiel, dass es entgegen den vertraglichen Vereinbarungen öfter zu bedarfsbezogenen Verlängerungen der zweiwöchigen turnusse kommt (etwa, wenn der andere Careworker gesundheitsbedingt ausfällt); ebenso variiert der Umfang der tätigkeiten, der im haushalt verrichtet werden soll. Es kann insofern davon ausgegangen werden, dass sich Natália Balážová mit der Regularisierung eine stärkere Verbindlichkeit bezüglich der Arbeitszeiten und der abzuleistenden tätigkeiten erhoffte. Zweitens deutet Natália Balážová eine Erwartungshaltung bezüglich einer stärkeren Formalisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ an, wie die Äußerung »[i]ch wiederhole, dass sich überhaupt nichts geändert hat, es gibt keine genau definierten Bedingungen« zeigt. Der Wunsch nach einer grö- ßeren Formalisierung möglicherweise in Form von klar geregelten Aufgabenbeschreibungen in den Verträgen, den Natália Balážová hier vorbringt, erinnert jedoch mehr an detaillierte Arbeitsplatzbeschreibungen, wie sie innerhalb von Angestelltenverhältnissen üblich sind. Es ist insofern auch das Modell der Selbständigkeit, das Natália Balážová nicht das zu bieten scheint, was ein gutes oder zufriedenstellendes Beschäftigungsverhältnis ihrer Meinung nach ausmachen sollte. Angesichts dessen, dass mit der Regulierung Scheinselbständigkeiten eingeführt werden (vgl. 2.1.4), vermag dies nicht zu verwundern. Einen Unterschied dürfte es jedoch auch im Rahmen der Selbständigkeit machen, ob eine detaillierte Arbeitsplatzbeschreibung festhält, in welchem etwaigen Ausmaß Carework, haushalts- oder Gartenarbeit zu verrichten sind. Denn Natália Balážová erzählt, dass der genaue Umfang der tätigkeiten in der Praxis immer erst bei Arbeitsantritt geklärt wird und sich vollständig erst im Verlauf der ersten turnusse ermitteln lässt. Über die Zeit können sich wiederum auch hier Verschiebungen einstellen – entweder, weil der Zustand der Pflegebedürftigen sich verschlechtert, oder weil unabhängig von diesem neue tätigkeiten eingefordert werden. Dies gilt auch für eigentlich geregelte Pausenzeiten – ein Aspekt, der für Natália Balážová, wie weiter oben ersichtlich wurde, eine besonders tragende Rolle für die Bewertung ihrer Arbeitsbedingungen spielt.24 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch Natália Balážovás Wunsch nach einer stärkeren Formalisierung der Arbeit fehl geht, weil der Rechtscharakter des Be- 23 häufig werden hierfür behördlich bereitgestellte Vordrucke verwendet. Siehe beispielsweise http://www.bmwfw.gv.at/Unternehmen/Gewerbe/Documents/Werkvertrag%20über%20Leistungen%20in%20der%20Personenbetreuung.pdf [23-12- 2014]. 24 Für das hier vorliegende Beschäftigungsmodell jedoch ist fraglich, inwieweit die von Natália Balážová eingeforderte Formalisierung umsetzbar ist, wird doch DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 267 schäftigungsverhältnisses in den konkreten Alltagspraxen merkwürdig latent bleibt. Einerseits kann dies dem Charakter der Regulierung zugeschrieben werden, andererseits dürften routinisierte Praxen im Rahmen von ArbeitgeberInneninteressen innerhalb des von asymmetrischen Machtbeziehungen durchzogenen Raums Privathaushalt dazu führen, dass die Werkverträge als bloße Formsache betrachtet werden. Die beiden in den zwei vorangehenden textabschnitten genannten Annahmen münden für Natália Balážová drittens in der Erwartung, dass die Arbeit in hinblick auf das, was für sie den Kernbereich ihrer Arbeit ausmacht – die Pflege –, eine Aufwertung erfährt. So stellt sie im weiteren Verlauf des transkriptausschnitts deutlich heraus, dass sie an die stärkere Formalisierung der Beschäftigung die Erwartung knüpfte, ihr professionelles Selbstverhältnis als »Pflegerin« fortan auch von ihrem Arbeitgeber gespiegelt zu sehen; das wird anhand der Beschreibung ihrer enttäuschten Erwartung deutlich. Sie erzählt, wie sie sich auch nach der Regularisierung nicht für eine »Pflegerin« hält, sondern entgegen ihren Erwartungen immer noch für eine »Putzfrau« und »Dienerin«: »Ich habe mich nie, und . jetzt auch nicht, für eine Pflegerin gehalten, sondern immer nur für eine Putzfrau und Dienerin.« Dem stellt sie als verdeutlichendes Ideal eines ihrer früheren Beschäftigungsverhältnisse gegen- über, in dem dies nicht der Fall war. Nur einmal, »[n]ur in einer einzigen Familie«, hielt sie sich »für eine Pflegerin«, erzählt sie. Sie beschreibt in diesem Zusammenhang wohlweislich nicht, dass keine hausarbeit zu verrichten gewesen wäre. Im Gegenteil erzählt sie, dass das Carework zum einen sehr intensiv gewesen sei, da die Pflegebedürftige das Bett nicht mehr verließ, zum anderen, dass auch die hausarbeit umfangreich war. Insgesamt war es »schon viel Arbeit, auch mit dem haushalt«, beschreibt Natália Balážová dies wörtlich. Dass sie dennoch einen Selbstbezug als »Pflegerin« ausprägen konnte, hatte mit der materiellen und immateriellen Wertschätzung, der Dankbarkeit zu tun, die ihr vonseiten der Familie entgegengebracht wurde. Nur deshalb, so erzählt Natália Balážová, konnte sie sich »für eine Pflegerin [...]halten.« Die Arbeit im besagten haushalt beschreibt sie als hart, aber dass die Familie sich um sie »gekümmert« hat, wirkt ausgleichend, das macht die konzessive Satzverbindung »aber« deutlich: »Ich war da-, also damals war ich bei einer Patientin, die war im Bett, und zwar 24 Stunden täglich, aber es war so, die Familie hat sich auch um mich gekümmert.« Weiter erzählt sie: »Sie konnten . eben nicht nur mit der Mutter 24 Stunden täglich sein. Deshalb. ( ) Sie waren sehr dankbar, das war klar auch bei meinem Lohn zu sehen.« Die Dankbarkeit äußert die Familie dabei nicht nur auf gerade die Unmöglichkeit, alle Abläufe und handgriffe des Carework exakt benennen zu können, in der Literatur als Charakteristik dieser Arbeit beschrieben (vgl. 2.1). DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 268 zwischenmenschlicher Ebene, sie bezahlt sie auch sehr gut. Beide Aspekte tragen dazu bei, dass sie sich in ihrer Position respektiert fühlt und ein entsprechendes Selbstbild ausprägen kann. Das bezieht sich zum einen auf ihre Rolle als respektierte Arbeitskraft wie möglicherweise auch auf den Umstand, dass auf sie als Person Bezug genommen wird. Natália Balážová ist es wichtig, sich nicht in erster Linie als »Putzfrau« und als »Dienerin« zu sehen: Es sind dies Figuren, die sie der positiv besetzen Figur der »Pflegerin« als Negativfolie gegenüberstellt. Ablehnung erfahren damit zwei Selbstbezüge, die gesellschaftlich stark abgewertet sind, da sie als unqualifizierte, schmutzige oder untergeordnete tätigkeiten gelten. Betrachtet man die Bedeutung, die dem Begriff des Dieners gemeinhin zukommt, und nimmt man einmal an, dass Natália Balážová auf diese implizit anspielt, dann ist davon auszugehen, dass sie es ablehnt, ihre Arbeit im Rahmen eines eindeutigen herr-Knecht-Verhältnisses als niedere tätigkeit zu betrachten, welche für sie gut genug, für ihren Arbeitgeber aber schon nicht mehr ›standesgemäß‹ ist. Die Rolle der Dienerin, aber auch der Putzfrau abzulehnen, bedeutet für Natália Balážová, nicht von einer grundsätzlichen Minderwertigkeit oder Andersartigkeit zwischen sich und den Mitgliedern des Pflegehaushalts auszugehen, sondern sich im Gegenteil als gleichwertig zu betrachten. Eine besondere Bestätigung für die Wertschätzung der Familie gegenüber ihrer Arbeit und möglicherweise dem Respekt gegenüber ihrer Person zeigt sich für sie auch darin, dass der Kontakt zwischen beiden Parteien noch über das Ende der Beschäftigung hinaus besteht: »Und wir sind schon, wir sind bis heute in Kontakt. Die Familie, sie schicken sogar Geschenke für meine Kinder . zu Weihnachten .. und das ist schon vier Jahre her, als ich dort war.« Selbst Jahre nach dem Ende der Beschäftigung, so vermittelt Natália Balážová, ist die Familie ihr immer noch dankbar für das, was sie geleistet hat, erkennt ihre Arbeit und möglicherweise ihre Person also immer noch an. Vorläufig zusammenfassend ist festzustellen: Für Natália Balážová ist es selbstverständlich, dass sich die Regulierung eigentlich auf ihre Arbeitsbedingungen hätte auswirken müssen; im Idealfall so, wie in der oben analysierten hinsicht dargestellt. Die Regulierung, so ihre subjektive Erwartung, hätte den Putzfrauen- und Dienerinnenstatus abschaffen und eine größere Wertschätzung für den eigentlichen Kern der Arbeit, die Pflege, hervorbringen müssen.25 Sprachen die bisher untersuchten sozialen AkteurInnen der Regulierung zumeist lediglich legale Gerechtigkeit zu (vgl. z.B. 4.1.1), so geht Natália Balážová hier einen Schritt weiter, indem sie Erwartungen sozialer Gerechtigkeit an sie heranträgt. Zum einen speisen sich Natália Balážovás Erwartungen bezüglich der Regulierung aus tatsächlichen Veränderungen im objektiven Feld des 25 Vgl. diesbezüglich die hierzu jedoch fast konträre subjektive Sichtweise des exemplarisch untersuchten Falls Zuzana Ševčovičová (4.2.2). DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 269 Rechts bezüglich der Arbeitsbedingungen (etwa in Form einer stärkeren Formalisierung der Beschäftigung). Zum anderen sind sie geprägt von der Antizipation der sich in der sozialen Welt bezüglich der Regulierung entfalteten Illusio, mithin der symbolischen Kraft des Rechts. Mit der Enttäuschung über die ausgebliebenen Effekte der Regularisierung sind zwar keine Motivationen für rechtskonforme handlungsorientierungen benannt. Um enttäuscht werden zu können, bedarf es jedoch einer Erwartungshaltung. Die Analyse der Enttäuschung Natália Balážovás gibt insofern Aufschluss über die Erwartungen, die sie an die Regulierung stellte. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die Regularisierung für Natália Balážová gleichermaßen Aspirationen wie Praxisformen erzeugt, weil sie sie als einen Akt betrachtet, von dem sie einen »Offizialisierungseffekt« (Bourdieu 1992b: 106) ausgehen sieht; dahingehend, dass die aufgrund ihrer Irregularität als minderwertig beurteilte Arbeitskraft mittels des Rechts aufgewertet wird. Enttäuscht werden muss Natália Balážová jedoch, weil das Bild, das sie sich von der Regulierung macht, keineswegs die gegebenen rechtspolitischen Verhältnisse widerspiegelt: Mit Regulierungen, insbesondere, wenn sie bestehende Praxen einzufassen versuchen, werden keineswegs immer auch Veränderungen angestrebt (vgl. 2.2.3). Noch seltener kann davon ausgegangen werden, dass Regulierungen soziale Ungleichheiten zu relativieren, mithin soziale Gerechtigkeit herbeizuführen vermögen, ist doch – mit Walter Benjamin gesprochen – die dem Recht in termini der Gerechtigkeit immanente Logik lediglich jene der Garantie, nicht aber der Rechtfertigung der Rechtsinhalte (Benjamin 1999[1921]). Im Fall der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ ist anzunehmen, dass vor allem die (Re-)Installation rechtlicher und (pflege-)politischer Legitimitäten im Zentrum der rechtspolitischen Bestrebungen stand, wobei die bestehenden Praxen lediglich rechtlich überformt wurden (vgl. 2.1.4). Antizipierte Natália Balážová nicht nur einen allgemeinen Offizialisierungseffekt, sondern glaubte auch sie selbst zunächst an die Illusio des Rechts – jedoch im Rahmen jenes verbreiteten, alltagsweltlichen common view, der Recht mit Gerechtigkeit gleichsetzt –, so werden ihr im Zuge ihrer Erfahrungen mit der Regularisierung die ›Widerstände‹ der rechtlichen Struktur (die hier von ihr als Unzulänglich- und Ungerechtigkeiten wahrgenommen werden) denn auch nach und nach gewahr. Auf diese, wie auch auf den Charakter der Enttäuschung, soll nun noch etwas genauer eingegangen werden. Zum einen ist herauszustellen, dass sich die Erzählung, die die transkriptpassage durchzieht, fast als die Geschichte eines Betrugs liest. Denn ausgehend von der Erwartung, dass Regulierungen tatsächliche Verbesserungen sozialer Gegebenheiten bewegen sollten, sieht Natália Balážová sich von der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ getäuscht, insofern diese, anstatt »Vorteile« zu induzieren, negative Aspekte der Irregularität DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 270 festschreibt (zum Begriff des Betrugs siehe Ottermann 2000: 38). Dazu passt, dass sie bezüglich ihres Unvermögens, vorab ein angemessenes Bild der Implikationen der Regularisierung zeichnen zu können, kein individuelles Versagen, sondern strukturelle Sachzwänge angibt. So beschreibt sie, wie es ihr an Zeit mangelte, um sich mit der Regulierung auseinanderzusetzen, wie aus transkriptausschnitt 2 hervorgeht: »Was die rechtlichen Sachen angeht, also mit der Anmeldung, ich hatte überhaupt keine Zeit mich mit diesen Sachen zu beschäftigen, . mit der Diskussion, die es gab.« Im Kontext dieser Passage wie auch im Gesamtkontext des Interviews mutet diese Bemerkung weniger wie ein persönliches Zugeständnis an ihre eigene Unachtsamkeit an, sondern vielmehr als Vorwurf an die Arbeitsbedingungen in der ›24-Stunden-Pflege‹. Wiederholt geht Natália Balážová darauf ein, dass ihr im Rahmen des Carework die Freizeit fehle. Sie sieht dies als eine Einschränkung dahingehend, selbstbestimmt zu handeln. Gleiches scheint für die Auseinandersetzung mit der Regulierung zu gelten. Auch hier war es die fehlende Zeit, die die angemessene Auseinandersetzung verhinderte. Darüber hinaus gibt sie an, dass sie die Regulierung zunächst falsch einschätzte, weil die Entwicklung noch so jung ist, so dass die Nachteile nicht absehbar gewesen seien: »[Ü]ber die Nachteile sind wir nicht informiert, weil es alles erst vor Kurzem passiert ist.« Auch der zweite Umstand macht ihr eine angemessene Auseinandersetzung mit der Regulierung unmöglich. Natália Balážová verweist in diesem Zusammenhang nicht auf ein individuelles, sondern auf ein generelles Problem, darauf deutet der Plural »wir« mit Bezug auf die Gruppe der Careworkers hin. Denn da es eine gesamte soziale Gruppe betrifft, muss es strukturell bedingt sein. Negativinformationen seien noch nicht verfügbar gewesen, sagt Natália Balážová implizit, weil möglicherweise noch keine Erfahrungswerte mit der regulären ›24-Stunden-Pflege‹ vorhanden waren. Die falschen Vorstellungen über die Implikationen der Regulierung präsentiert sie so als selbstinduziert, nicht aber als selbstverschuldet. Damit steht das Moment der täuschung nicht als Selbst-, sondern tendenziell als ›Fremdtäuschung‹ im Raum. Zum anderen ist zu fragen, welcher Art die von Natália Balážová wahrgenommenen ›Widerstände‹ der rechtlichen Struktur sind. Zum einen, so macht hier und im folgenden transkriptausschnitt 2 deutlich, leidet sie darunter, dass der Rechtscharakter in privatrechtlichen und arbeitsrechtlichen Sozialverhältnissen in der Regel latent bleibt (vgl. Kaufmann 1985: 190). Dies bringt sie mit der Formulierung »es gibt keine genau definierten Bedingungen für uns Ausländerinnen« zum Ausdruck. Damit ist an dieser Stelle jedoch weniger von handlungsbeschränkenden Zwängen der Struktur auszugehen, wie sie Bourdieu für marginalisierte AkteurInnen spürbar werden sieht, als von einer die Möglichkeiten der Careworkers einschränkenden Liberalität der Struktur. Das Recht wird von Natália Balážová an dieser Stelle als unzulänglich begriffen, weil es DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 271 weder für eine vergrößerte Erwartungssicherheit noch für eine vergrö- ßerte handlungsmacht sorgt. Zum anderen begreift Natália Balážová die Regulierung als ungerecht, weil sie mit ihr strukturell bestehende Machtasymmetrien bestätigt sieht. Indem sie die »Ausländerinnen« den »Österreicher[n]« gegenüberstellt, stellt sie heraus, dass die Rechtspolitik hinsichtlich der Bedürfnisse von MigrantInnen und StaatsbürgerInnen different ausgestaltet ist, wobei die StaatsbürgerInnen im Regularisierungsprozess bevorzugt werden. Während sich nichts an den Beschäftigungsverhältnissen geändert habe, weil das Recht für die »Ausländerinnen« lediglich stark liberalisierte Regelungen bereithalte und man über eventuelle Nachteile zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts wissen könne, seien mit der Regulierung einzig und allein Vorteile für die »Österreicher« etabliert worden. Man hätte hier darauf geachtet, dass auf diese keine zusätzlichen Kosten zukämen: »Die Vorteile gibt es nur für Österreicher, da die Abgaben bezahlt werden.« Die Machtasymmetrien des Beschäftigungsverhältnisses sieht Natália Balážová mit der Regulierung insofern fortgeführt. Ihre subjektive Beschreibung trifft sich dabei mit Bourdieus theoretischer Annahme, dass das Recht, da es auf einer soziale Ungleichheiten prozessierenden sozialen Ordnung basiert, diese tendenziell fortschreibt (vgl. 2.2.2). 4.6.2 Die gesellschaftliche Aufwertung von Carework Am Beispiel von Natália Balážová wurde untersucht, wie Careworkers eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbilden, weil sie sich von der Regulierung soziale Gerechtigkeit erhoffen. Auch auf Seiten der Angehörigen sind rechtskonforme handlungsorientierungen derartig informiert. Anhand der Falldarstellung von Gisela herrmann wird nachfolgend exemplarisch gezeigt, wie der Wunsch nach einer vergrößerten Wertschätzung der Arbeit für sie eine wesentliche Rolle für die Regularisierung ihres Beschäftigungsverhältnisses spielt. Nicht ich kontaktierte Gisela herrmann, diese kontaktierte mich, nachdem sie eine Angehörige, die ich nach weiteren InterviewpartnerInnen fragte, informell angefragt hatte. Bereits am telefon schilderte sie mir ihre Situation und leitete von dort aus zu der Frage über, wie wohl die weitere Regularisierung vonstatten gehen würde. Nachdem ich ihr mein Anliegen grob geschildert hatte, erklärte sie sich bereit, an meiner Studie teilzunehmen. Für das Gespräch suchte ich sie an ihrem Arbeitsplatz in ihrem großzügigen, im Zentrum Wiens gelegenen Büro auf. Ich interviewte Gisela herrmann an einem Vormittag im Dezember 2008. Das Gespräch dauerte eine Stunde und 47 Minuten. DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 272 Gisela herrmann ist zum Zeitpunkt des Interviews 55 Jahre alt und lebt in Wien. Sie ist deutsche Staatsangehörige und verheiratet, lebt aber schon lange getrennt. Beruflich ist sie im gehobenen öffentlichen Dienst tätig. Mit ihr, im haushalt einer großzügigen, städtisch gelegenen Wohnung, lebt ihre 19-jährige tochter; ein gerade erwachsen gewordenes Pflegekind zog kurz zuvor aus. Auch ihre pflegebedürftige Mutter und ein Careworker slowakischer Staatsangehörigkeit leben jeweils für die hälfte des Monats im haus. In der Wohnung gibt es einen eigenen Abschnitt mit zwei nebeneinander liegenden Zimmern, in denen die pflegebedürftige Mutter und der während seiner turnusse als live in im Pflegehaushalt lebende 25-jährige Care worker dann untergebracht sind. Die andere hälfte des Monats lebt die Mutter auf dem Land, wo eine Freundin polnischer Staatsbürgerschaft namens Katarzyna Wróbel die Pflege und Betreuung übernimmt. Sie bewohnt ein haus von Gisela herrmann, das in einem kleinen Dorf auf dem Land in der Nähe von Wien liegt. Da sie durch das Caring ihrer eigenen Mutter bereits über Erfahrung in diesem Bereich verfügte, ergab es sich, dass sie jeweils einen turnus des Carings zu übernehmen begann. Der Zustand der Mutter lässt den zweiwöchentlichen Wechsel zu, da diese an einem so weit fortgeschrittenen Alzheimer erkrankt ist, dass sie den Ortwechsel nicht mehr realisiert. Die Mutter holte Gisela herrmann nach einer Krankenhausoperation in die eigene Wohnung. Vorher war diese knapp drei Jahre lang in einem eigenen Appartement in einem ›Betreuten Wohnen‹ für ältere Menschen untergebracht gewesen. Als die Mutter dort nach einem Sturz auf die Pflegestation wechseln musste, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Gisela herrmann beklagt in diesem Zusammenhang die ausschließliche Aufmerksamkeit für die physische Pflege. Körperlich sei sie dort gut betreut worden, die Medikamentengabe wäre jedoch sehr hoch gewesen und vor allem an der sozialen Komponente des Carings hätte es der Mutter gefehlt. Es ist dies der Zeitpunkt, ab dem Gisela herrmann die Pflegebedürftige mittels einer ›24-Stunden- Pflege‹ besser versorgt sieht. Die Organisation der ›24-Stunden-Pflege‹ übernimmt Gisela herrmann dabei allein. Ihr 53-jähriger Bruder ist geschäftlich das ganze Jahr über auf Reisen und hält sich nur für etwa sechs Wochen im Jahr vor Ort auf. Entsprechend reduzieren sich seine Besuche bei der pflegebedürftigen Mutter auf wenige tage im Jahr. Im Interview erzählt Gisela herrmann, dass sie das Beschäftigungsverhältnis des Careworkers slowakischer Staatsangehörigkeit seit März 2008 angemeldet hat. Im Zentrum steht dabei der Wunsch, der Arbeit der Careworkers gegenüber ein Zeichen der Wertschätzung setzen zu können. Eng verzahnt mit diesem Anliegen ist ihre dispositionale Affinität zum Recht. Zudem wird deutlich, dass die Regulierung für sie an eine notwendige Bedingung gekoppelt ist: Die Finanzierbarkeit muss DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 273 gewährleistet sein. Den folgenden transkriptausschnitt stelle ich der Analyse voran: I: Wie kam es dazu, dass Sie die Pflegerin von der Agentur angemeldet haben? G.h.: Ich wollte, also ich ich wollte das von Anfang an. Ich wollte eigentlich . da gibts mehrere Gründe. Also ich denk mir . eigentlich . diese Frauen leisten enorm wichtige und wertvolle Arbeit, ja? Dass man das . nicht . offenen Blickes sagen kann, ist nicht in Ordnung. Jetzt gibt nun eine Möglichkeit, ich fürchtete mich ein bisschen vor den Belastungen. Und die sind auch nicht ohne. Aber ich habe jetzt auch angesucht für die eine, diese diese Förderung, die man wieder kriegt, wenn mans legalisiert und das ist auch, auf äußerst moderate Weise ist das, ist die Bestätigung zurückgekommen, ja, das können wir für Sie tun. . Und . wir hatten auch eine Pflegerin, die wollte auf keinen Fall sich anmelden. Wir haben uns dann aber getrennt weil es hat eh . nicht besonders gepasst, ja? Und die, die Agentur lässt es den Leuten offen . ob sie sich anmelden oder nicht. Die hat auch uns für den 1.1.2008 einen Brief geschrieben, äh wo da steht, »Sie wissen, das wird in Österreich diskutiert und das würde der Staat gerne sehen, wir . sagen dazu gar nichts, wenn Sie aber . ähm, wir haben alle Informationen auch auf slowakisch«, das konnte ich nicht kontrollieren, »aber wir haben alle bei unserer Agentur . alles gesagt was, was es dazu zu sagen gibt. Wenn Sie . zu den österreichischen Behörden oder . oder Institutionen gehen, ist es vielleicht für Ihre Pflegerin aus . ähm zu schwierig, dann würden . wenn Sie sie begleiten, geht das garantiert, wir können das auch machen, dann müssen wir 50 Euro verrechnen.« Die Pflegerinnen haben eine Gehaltsvorstellung, was ihnen übrig bleibt. Das kreist immer um die 700 Euro für zwei Wochen und eigentlich ist das ausgedrückt in tagessätzen von 44 bis 50. Und nachdem ich diese Arbeit sehr respektiere, habe ich da nie lang verhandelt. Sie kriegen 700, aber das wollen sie auch wirklich haben. Dann zahlen sie etwas, was ich nicht weiß, wieviel, zahlen sie . quartalsweiße ihrer Agentur und ich zahle der Agentur eben diese 392 für die neun Monate. Und ich zahle diese . Sozialversicherungsabgabe. Ich zahl die Jahresumlage an die Kammer. Viele Gebühren für das Anmelden gibt’s ja nicht. Das das hat die Kammer sehr erleichtert. Das ist ja. . also man geht hin. Also wir haben meine Mutter mitgenommen zur Kammer. Die, die Wirtschaftskammer ist ausgesprochen, also die .. wie soll ich sagen, das ist ein schönes Ambiente, ja? Da st- da ist man nicht . Bittsteller, Schlange stehen und stundenlang sitzen, und die haben auch ein sehr schönes Entreé. (Interview 23, Transkriptausschnitt 1, Zeilen 378ff.) DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 274 Im vorliegenden transkriptausschnitt legt Gisela herrmann dar, dass nicht einer, sondern mehrere »Gründe« ihre rechtskonforme handlungsorientierung bedingen. Zentral setzt sie dabei den von ihr zuerst genannten Aspekt, die gesteigerte Wertschätzung der Arbeit. Gisela herrmann bringt dies zum Ausdruck, indem sie erzählt, dass es sich bei der ›24-Stunden-Pflege‹ um eine »enorm wichtige und wertvolle Arbeit« handelt, deren Leistung bisher nicht »offenen Blickes« benannt werden konnte. Mit der letztgenannten Formulierung verweist sie auf die früher bestehende Notwendigkeit, die irreguläre Beschäftigung abseits des Bereichs des Sichtbaren zu positionieren. Genau dies aber war und ist für sie »nicht in Ordnung«, denn sobald die Arbeit verdeckt verrichtet wird, sieht sie die Arbeitsleistung der »Frauen« im Endeffekt unterminiert; das macht im Umkehrschluss ihr Anliegen deutlich, der Arbeit eine größere Wertschätzung zuteil werden zu lassen. Ihr Zugang hat dabei Kontinuität, denn auch in der Vergangenheit versuchte sie, die Arbeit der Careworkers wertzuschätzen, wie sich etwas weiter untenstehend im transkriptausschnitt zeigt. Gisela herrmann erzählt, dass sie auf die Gehaltsvorstellungen der Careworkers einging, ohne »lang [zu] verhandel[n], da sie »diese Arbeit sehr respektier[t]«. Ihre haltung zeugt damit allgemein von der Aneignung eines feministischen Diskurses, der – wie vorangehend dargestellt (2.1.1) – für die üblicherweise von Frauen verrichtete tätigkeit des Carework die Notwendigkeit sieht, die Arbeit sichtbar zu machen und somit gesellschaftlich aufzuwerten. Auch als Antwort auf die Frage, von wem die Initiative für die Regularisierung ausging, kommt Gisela herrmann nochmals auf diesen Aspekt zu sprechen. Aus der nachfolgenden Sequenz geht hervor, dass sie regularisieren möchte, um ein Zeichen zu setzen, und zwar ein Zeichen der »Akzeptanz« gegenüber der von ihr als »ehrenvoll« und wiederum als »wertvoll« bezeichneten Arbeit: G.h.: Das ist ungefähr zur gleichen Zeit gekommen wie auch . nein, ich habs vorher gesprochen. Ich ich habs vorher angesprochen, ich hab gesagt, ich hätte das gerne, ich bin . im öffentlichen Dienst, Beamte, und aus vielen Gründen ist, einfach auch in . in Akzeptanz dieser . dieser ehrenvollen Arbeit, ja? .. Dieser wertvollen Arbeit möchte ich, dass das einen . einen offiziellen Charakter kriegt und wenn ich es nur irgendwie leisten kann . dann werd ich dann möchte ich selbstverständlich das auch gerne machen. Wenn wir uns mit den Schritten entgegenkommen können, wenn man es nur irgendwie schaffen kann. Und die Pflegerinnen hatten nur ein Ansinnen, die wollten, die haben gesagt, wir können nicht, wir wollen nicht, dass unsere Verdienste weniger werden. Das verstehe ich gut, habe ich gesagt, ok, das ist ja, habe ich mir schon überlegt, das ist ja, das sind gerade noch Beträge, die man irgendwie schaffen kann, also das hab schon mehr ich, und auch, DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 275 dass ich das will . glaub ich, also mir ist noch keine Pflegerin begegnet, die von sich aus gesagt hat, sie möchte es unbedingt. (Interview 23, Transkriptausschnitt 2, Zeilen 467ff.) Wie auch beim Careworker Natália Balážová erfolgt Gisela herrmanns Zugriff auf das Recht an dieser Stelle mit Blick auf den »Offizialisierungseffekt« (Bourdieu 1992b: 106) eines seine Kraft symbolisch entfaltenden Rechts. Der Regularisierung der irregulären Beschäftigungen schreibt sie eine die ›24-Stunden-Pflege‹ im Sozialen legitimierende und im Effekt aufwertende Wirkung zu. Erst mit der Regularisierung könne die Arbeit, dies macht das Indefinitpronomen »man« im ersten transkriptausschnitt deutlich, allgemein gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Leon hempel, Susanne Krasmann und Ulrich Bröckling (2011) haben darauf aufmerksam gemacht, dass qua Regierungshandeln sichtbar gemachte soziale Phänomene Ordnung stiften oder stabilisieren können. Als »Sichtbarkeitsregime« (ebd.) produzieren und transformieren sie bestehende soziale Realitäten. Ganz in diesem radikalkonstruktivistischen Sinn geht auch Gisela herrmann davon aus, dass das Recht, indem es die Arbeitsleistungen der Careworkers sichtbarer zu machen vermag, die bisher nur im Privaten bestehende Wertschätzung der Arbeit öffentlich – und damit universell gültig – werden lassen kann. Mit der Regularisierung sieht Gisela herrmann mithin die Chance gegeben, der Arbeitsleistung der Frauen innerhalb der Gesellschaft den ihr angemessenen Platz zuzuteilen. hiermit trifft sich ihre Auffassung im Übrigen erneut mit feministischen Positionen, die Sichtbarkeiten auch über die Verbesserung von Rechtspositionen zu erkämpfen versuchen. Gleichwohl ist die rechtskonforme handlungsorientierung Gisela herrmanns nicht allein von dieser Motivation getragen; eine intrinsische Verknüpfung besteht in zweierlei hinsicht. Zum einen ist sie verkoppelt mit einem rechtsaffinen habitus. Woran macht sich dieser bei Gisela herrmann fest? Betrachtet man das vorliegend untersuchte Interview als Ganzes, so wird zunächst deutlich, dass die irreguläre Weiterbeschäftigung für Gisela herrmann nicht in Frage kommt. Dies liegt zum einen daran, dass die Diskussion um die Regulierung schon in vollem Gange war, als sie die ›24-Stunden-Pflege‹ für ihre Mutter einrichtete. Aufgrund der »Präsenz des themas«, erzählt Gisela herrmann, habe sich die Frage erübrigt, ob man sich für oder gegen die Regularisierung entscheiden solle. Bei der Befragten sorgt insofern die Logik der Situation (vgl. Bourdieu 1979), wie sie durch den Diskurs um die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ entsteht, für eine unmittelbar rechtsaffine haltung. Da die Frage ohne diesen möglicherweise nicht von vorn herein klar gewesen wäre, ergibt sich der Wunsch zu regularisieren hier deutlich aus der Struktur. Eine habituelle Disposition ist hieran jedoch nicht DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 276 notwendig erkennbar. Deutlich sichtbar wird diese aber erstmals an jener Stelle, an der sie von ihrem weiterhin irregulären Beschäftigungsverhältnis mit Katarzyna Wróbel erzählt. Eine Regularisierung ist hier noch nicht möglich, weil die Übergangsfristen der Ausländerbeschäftigungsverordnung für polnische Staatsangehörige (vgl. 2.1.5) weiterhin bestehen. Gisela herrmann zeigt diesbezüglich ein deutliches Unbehagen: G.h.: Bis zum 1.1.2009 schaffe ich das und dann . wohler fühle ich mich bei legalen Verhältnissen. Also da freue ich mich wirklich, und sie sie sich auch, da freuen wir uns schon, dass dass man das dann auch jedem Menschen wirklich zeigen kann. Das ist ein kleines Dorf. Und da haben wir allen Leute gesagt, das ist die |Katar zyna|, und die Mutter ist jetzt immer wieder 14 tage drau- ßen. Und wenn uns jemand ganz konkret fragt: »Achso, ist das also so eine Pflegerin?« Dann sagen wir: »Noch nicht ganz, ab dem 1.1.2009, noch geht das nicht offiziell, aber . ähm, also wir bereiten uns darauf vor.« Wir schieben also ein bisschen Zeit. (Interview 23, Transkriptausschnitt 3, Zeilen 256ff.) Mit ihrer rechtsbezogenen inkorporierten Verfassung, wie sie mittels des Verbs ›wohlfühlen‹ zum Ausdruck kommt, ist bei Gisela herrmann ein deutlicher hinweis auf eine habituelle Disposition gegeben. Wirklich wohl, sagt sie im vorliegenden transkriptausschnitt sinngemäß, könne sie sich nur unter »legalen Verhältnissen« fühlen. Vorbereitet ist die mit den »legalen Verhältnissen« antizipierte Entlastung durch die Formulierung »[b]is zum 1.1.2009 schaffe ich das«. Die Bemerkung, es bis Anfang 2009 zu schaffen, hat hier eindeutig die Funktion einer aufmunternden Selbstansprache. Es zu schaffen, hat an dieser Stelle nichts mit Leichtigkeit zu tun, sondern mit dem Umstand, aufgrund der gesetzlichen Vorgaben bis dahin durchhalten zu müssen. Das ›Zeit schieben‹ gestaltet sich für Gisela herrmann deutlich als unangenehm. Der Wunsch, die Arbeit sichtbar werden lassen zu können, dient an dieser Stelle insofern auch dazu, nicht mehr in seinem eigenen Wohlbefinden beeinträchtigt zu sein. Ein weiterer hinweis auf Gisela herrmanns rechtsaffine habituelle Disposition findet sich zudem im vorhergehenden transkriptausschnitt. hier verknüpft sie ihre rechtskonforme handlungsorientierung mit einer konkreten Rolle, jener, im »öffentlichen Dienst« tätig zu sein: »Ich ich habs vorher angesprochen, ich hab gesagt, ich hätte das gerne, ich bin . im öffentlichen Dienst, Beamte, und aus vielen Gründen ist, einfach auch in . in Akzeptanz dieser . dieser ehrenvollen Arbeit, ja? .. Dieser wertvollen Arbeit möchte ich, dass das einen . einen offiziellen Charakter kriegt und wenn ich es nur irgendwie leisten kann . dann werd ich dann möchte ich selbstverständlich das auch gerne machen.« Zwei Deutungen sind an dieser Stelle möglich, und ich nehme vorweg, dass DIE REGULIERUNG IN IhRER SYMBOLISChEN QUALItÄt 277 ich die zweite präferiere. Einerseits kann man annehmen, dass die Rolle, im »öffentlichen Dienst« tätig zu sein, Gisela herrmann ein bestimmtes handeln ›vorschreibt‹. In diesem Sinne wäre dann unter Verweis auf die Legitimitätstheorien systemtheoretischer Provenienz (vgl. 2.1) eine äußerliche Akzeptanz für die Regeln des Spiels, eine Akzeptabilität, gegeben. Konkret würde das bedeuten, sich strafrechtlich nichts zu Schulden kommen zu lassen, ist doch dies die Voraussetzung für die staatliche (Weiter-)Beschäftigung. Dass sich das Vergehen Gisela herrmanns lediglich auf der Ebene eines Verwaltungsdelikts bewegt, kann mit Blick auf die bei Laien so häufig vorgenommene Gleichsetzung von Rechtsverstößen mit dem Strafrecht vernachlässigt werden. Genau dieser letztgenannte Aspekt aber, ebenso wie der Umstand, dass Gisela herrmann weiter davon spricht, dass sie »Beamte« sei, könnte andererseits darauf hindeuten, dass ihre rechtskonforme handlungsorientierung nicht nur durch das Spielen einer Rolle getragen ist, sondern dass sie den Regeln des Spiels identitär verhaftet ist, diese mithin internalisiert hat. Zum einen lässt sich argumentieren, dass Gisela herrmann, indem sie sich »Beamte« nennt, auch eine Identitätsbekundung vornimmt. Zum anderen erklärte die Inkorporierung der Regeln des Beamten-Dienstrechtsgesetzes bezüglich Rechtsbrüchen, warum zwischen der straf- und der verwaltungsrechtlichen Ebene nicht unterschieden wird: Der Körper differenziert nicht streng zwischen straf- und verwaltungsrechtlichen Normbrüchen, insofern der Rechtsbruch sich in jedem Fall als sich ›falsch‹ anfühlende handlung herausstellt. hinzuzufügen ist zuletzt, dass der rechtsaffine habitus Gisela hermanns Grenzen aufweist. Diese ergeben sich dort, wo eine Finanzierbarkeit der regulären ›24-Stunden-Pflege‹ nicht mehr gegeben ist. Mehrmalig, darauf weisen die dargestellten transkriptausschnitte hin, äußert sich Gisela hermann besorgt über die zusätzlichen finanziellen Aufwände, die mit einer Regularisierung auf sie zukommen können. Sie macht hierbei deutlich, dass sie diesbezüglich auch bereit ist, Einschränkungen in Kauf zu nehmen. So lange es Beträge sind, die »man irgendwie schaffen kann«, besteht der Wille zur Regularisierung fort. Konkret bedeutet dies, dass Gisela hermann auch bereit ist, aus ihren eigenen Ersparnissen Mittel zuzuschießen, weil die Mittel der Pflegebedürftigen nicht länger ausreichten. Die Parallelen zur rechtkonformen handlungsorientierung von Natália Balážová sind hier unübersehbar: Neben der diese mitbedingenden rechtsaffinen Disposition sowie der Frage der Leistbarkeit der ›24-Stunden-Pflege‹ ist diese auch bei Gisela herrmann von der Vorstellung des Effekts einer vergrößerten Wertschätzung der Arbeit getragen. Anders als im vorangegangenen exemplarisch dargestellten Fall steht Gisela herrmann jedoch auf jener Seite, die die Anerkennung gewährt, mithin auf der anderen Seite des Machtdifferentials, der ›aktiven‹ Seite. Der Glaube DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 278 an den »Offizialisierungseffekt« (Bourdieu 1992b: 106) des Rechts und damit an dessen soziale Gerechtigkeitswirkung bleibt deshalb ungebrochen. Insofern Gisela hermann als Arbeitgeberin im weiteren Verlauf an keiner Stelle merklich mit den durch das Recht fortgeschriebenen sozialen Ungleichheiten konfrontiert wird, ebenso wie mit dem de facto soziale Ungleichheiten prozessierenden Liberalismus des Rechts, bliebt die Illusio hier intakt. 4.7 Zusammenfassung In Kapitel 4 zeigte ich, wie Angehörige von Pflegebedürftigen sowie Care workers unter den spezifischen Bedingungen der Regulierung bezahlten, ›privathaushaltlichen‹ Carings für ältere Menschen darauf bezogene rechtskonforme handlungsorientierungen ausprägen. Auf diese Weise sorgen sie für eine faktische, also ›empirische‹ Geltung der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹, ebenso wie für die Autorität und Legitimität des Rechts – auch wenn der Regulierung angesichts des weiterhin bestehenden Bagatelldeliktcharakters irregulären Careworks weiterhin nur eine vage Normativität zukommt. Ich habe zunächst drei unterschiedliche handlungsanleitende subjektive Perspektiven auf das Recht herausgearbeitet, beziehungsweise Arten, sich zu diesem in ein Verhältnis zu setzen: Zunächst habe ich das Recht (implizit) als Angebot zur Gewährleistung der Konformität des eigenen Verhaltens betrachtet (4.1). Im zweiten Abschnitt stand es als Medium im Zentrum, das rechtsaffine Dispositionsschemata aktualisiert (4.2). Im dritten Unterabschnitt kam es als objektives Zwangsmittel in den Blick (4.3). In einem Exkurs verdeutlichte ich in Grundzügen, dass für einen taktischen Umgang mit dem Recht der Rückgriff auf rechtliche beziehungsweise kulturelle Ressourcen bedingend ist (4.4). Weiter habe ich dargelegt, wie soziale Zwänge rechtskonforme handlungsorientierungen von Angehörigen und Careworkers hintertreiben können, und dass diesbezüglich strukturelle Abhängigkeiten in den Privathaushalten maßgeblich waren (4.5). Im letzten Unterabschnitt wird offensichtlich, dass das Recht in seinem soziale Phänomene ›offizialisierenden‹ Charakter, das heißt in seiner symbolischen Kraft, soziale Phänomene mit Legitimität auszustatten, rechtskonforme handlungsorientierungen anleitet (4.6). So verdeutlichte ich anhand ausgewählter Fallbeispiele, dass im Kontext der Regulierung unterschiedliche habituell geprägte Wahrnehmungs- und Denkweisen, mithin unterschiedliche sozial verortbare Selbstverhältnisse auf die Regulierung und/oder das Recht handlungsanleitend werden (z.B. 4.1.1; 4.2). Möglich wurde dies ausgehend von bestehenden sowie von mir erweiterten theoretischen Annahmen eines ZUSAMMENFASSUNG 279 Zusammenhangs von dispositionalen und rechtlichen Strukturen für Rechtskonformität. Ich legte diesbezüglich dar, dass die von mir interviewten sozialen AkteurInnen im Emersione-Prozess keinen grundsätzlichen rechtsbezogenen Norm- oder Wertewandel vollziehen, sondern in Ausbildung ihrer rechtskonformen handlungsorientierungen tenden ziell lediglich »die den objektiven Produktionsbedingungen ihres Erzeugungsprinzips immanenten Regelmäßigkeiten« (Bourdieu 1979, 170) reproduzieren (z.B. 4.2.1). Sichtbar wurde, dass es hier häufig durch die Ver- änderung der Situation angereizte Legitimitätsverschiebungen in Bezug auf die irregulären Beschäftigungen sind, die die Aktualisierung rechtsaffiner Dispositionen – die in der Folge normativ oder über ›instinktive‹ Sinnbezüge praktisch werden –, erforderlich machen (z.B. 4.1.1.; 4.3.2). herausgearbeitet wurde darüber hinaus, dass die rechtsbezogenen habituellen Dispositionen auch im Emersione-Prozess zum tragen kommende körperliche Entsprechungen (etwa in Form eines schlechten Gewissens) haben können (4.2). Gleichermaßen habe ich dargelegt, wie für weiterhin bestehende irreguläre Praxen der Rückgriff auf »Neutralisierungstechniken« (Sykes/Matza 1968) notwendig wird, um die moralische Schuld des eigenen Rechtsbruchs zu relativieren (4.5.2). Dispositionale Bezüge konnte ich auch dort verorten, wo soziale AkteurInnen rechtskonforme handlungsorientierungen ausgehend von Annahmen der ›illusio-rischen‹ Wirkmächtigkeit des Rechts in der sozialen Welt ausbilden (4.6). Gleichzeitig stellte ich heraus, dass der dispositionale ›Zugriff‹ sozialer AkteurInnen auf das Recht nicht verabsolutiert werden darf, da die Interviewten in teilen auch ein instrumentelles Verhältnis zur Regulierung erkennen lassen. Es sind diesbezüglich pragmatische Erwägungen bezüglich der als Kosten gerechneten negativen Sanktionen oder positiver Anreize, die mit der rechtskonformen handlungsorientierung korrespondieren (z.B. 4.1.2; 4.3.1; 4.4.2). Ich legte jedoch weiter dar, dass das Anliegen, negative Sanktionen zu vermeiden, nicht notwendig auf instrumentellem handeln basieren muss, sondern auch gleichsam ›instinktiv‹ erfolgen kann, sofern von den Befragten subjektiv von Legitimitätsverschiebungen in Bezug auf die irregulären Praxen ausgegangen wird (4.3.2). Weiter fiel auf, dass AkteurInnen, die vor allem dispositionale Bezüge zum Recht herstellen, durchweg eine rechtskonforme handlungsorientierung ausbilden, wenn nicht soziale Zwänge sie daran hindern (z.B. 4.1.1; 4.2), während der instrumentelle Bezug auf das Recht sowohl mit rechtskonformen als auch mit devianten handlungsorientierungen in Zusammenhang steht (z.B. 4.1.2; 4.4.2). Ausgehend von der Bourdieu’schen (2001a: 206) und noch stärker der praxistheoretisch geprägten Annahme im Umfeld von Schatzki (1996, 2002), der zufolge soziale AkteurInnen in ihren Selbstverhältnissen nicht notwendigerweise kohärent sind, konnte gezeigt werden, dass DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 280 die Befragten in vielen Fällen mehrere der genannten Bezugnahmen auf die Regulierung und/oder das Recht vereinen (z.B. 4.2.2; 4.5.2). Weiter wurde deutlich, dass affirmative Bezugnahmen auf die Regulierung in den seltensten Fällen widerspruchsfrei erfolgen (z.B. 4.1.1; 4.6.1). Indem ich allgemein zeigte, dass sich die befragten sozialen AkteurInnen zumeist nach den ›Regeln des Spiels‹ richten, diesem aber – auf der Grundlage dispositionaler, auch inkorporierter handlungsschemata, dem Glauben an die rechtliche Illusio oder bewusst gemachter Interessen – in variierender Weise Sinn zumessen, wurde deutlich, dass sie ihre Praxen auf der Grundlage höchst unterschiedlicher Verhältnissetzungen zum Recht organisieren. Die Ausführungen zeigen, dass die AkteurInnen ihr handeln nicht grundsätzlich allein nach (rationalen) Präferenzentscheidungen ausrichten, dass AkteurInnen sich nicht ausschließlich an Normen orientieren und dass AkteurInnen nicht allein aufgrund der Legitimität des Rechts und/oder der Regulierung rechtskonforme handlungsorientierungen ausbilden. In rechtssoziologischer Hinsicht ist damit – mit dem in theoretischer Hinsicht entwickelten Analysewerkzeug korrespondierend – empirische Evidenz für die von RechtssoziologInnen formulierte Annahme gegeben, dass Rechtskonformität sich in einer Befragtengruppe aus einem Nebeneinander unterschiedlicher – von äußeren wie auch von inneren strukturellen Bedingungen geleiteten – Handlungsmechanismen zusammensetzt (siehe hierzu etwa Friedman 1972: 220; García Villegas 2011: 287; tittle 1977).26 Ausgehend von dieser Beobachtung wird auch deutlich, dass die AkteurInnen in Auseinandersetzung mit der Regulierung nur partiell auf spezifische Interessen rekurrieren. Auch stellen sie auch auf allgemeine, von der jeweils individuellen Situation – und damit von eigenen mit der Regulierung verbundenen Vor- und Nachteilen in relativem Maße abstrahierende – Schemata ab. Vor diesem Hintergrund konnte ich zu dem Befund kommen, dass es in starkem Maße generalisierte Bezugnahmen auf das Recht sind, mit denen die sozialen AkteurInnen auf dieses zugreifen. Damit wird der Annahme der Rational Choice-Ansätze innerhalb der Rechtskonformitätsforschung (sowie auch innerhalb des Mainstreams der arbeitssoziologischen Forschung in Bezug auf Emersione-Prozesse) widersprochen, der zufolge die sozialen AkteurInnen ausschließlich auf der Grundlage konkreter Kosten-Nutzen-Relationen handeln. Für die sozialen AkteurInnen des AdressatInnenkreises ergaben sich weiter Ergebnisse hinsichtlich der Differenzlinien soziale herkunft und soziale Position. Ich habe in diesem Zusammenhang gezeigt, dass in der 26 Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen zudem die kulturtheoretisch-rechtssoziologische Annahme, dass Recht nicht einheitlich wirkt, sondern simultan unterschiedliche Formen ausprägen kann (z.B. Banakar 2008). ZUSAMMENFASSUNG 281 Bezugnahme auf das Recht und/oder die Regulierung entlang dieser Kategorien Unterschiede beobachtet werden können. Erstens: Stärker strategische Bezugnahmen auf das Recht kann man dort beobachten, wo soziale AkteurInnen über rechtliches Kapital verfügen (4.4). In diesem Zusammenhang wurde ausgehend von Bourdieus Kapitaltheorie die These entwickelt, dass BesitzerInnen vor allem von kulturellem Kapital im Vorteil sind, wenn es darum geht, rechtliches Kapital zu akkumulieren. Ebenso wurde erörtert, dass BesitzerInnen von kulturellem Kapital weiter über einen Habitus verfügen, der mit rechtlichen Informationen auch umzugehen weiß. Diese Thesen haben sich im Verlauf der Untersuchung bestätigt. Der Besitz von rechtlichem Kapital wurde dabei eher im Bereich gehobener sozialer Milieus verortet. Zweitens: Die subjektiven Sichtweisen und Selbstverhältnisse der zwei untersuchten sozialen Gruppen sind nicht ausschließlich auf ihre – völlig unterschiedlichen – Positioniertheiten im Feld der Pflege und im Feld des Rechts rückführbar, auch wenn sich hier gravierende Differenzen erkennen lassen. Sofern habituelle Dispositionen (4.1.1; 4.2) oder der Glaube an die rechtliche Illusio (4.6) (mithin generalisierte, von jeweils individuellen Interessen in relativem Maße abstrahierte Schemata) greifen, sind hinsichtlich der (umgesetzten) handlungsorientierung keine Unterschiede entlang der sozialstrukturellen Merkmale der Gruppen festzustellen. Eklatante Unterschiede in der Rezeption und Verarbeitung der Regulierung, so zeigte ich, betreffen vor allem den Aspekt, das Recht und/oder die Regulierung entweder als beschränkendes oder als ermöglichendes Moment zu begreifen. Während die Angehörigen in diesem Zusammenhang tendenziell stärker objektive Zwänge des Rechts in den Vordergrund rücken (z.B. 4.3), die Regulierung also von der Seite negativer Sanktionen aus wahrnehmen, orientieren sich die Careworkers hier in der tendenz stärker an deren ermöglichendem, genauer deren (soziale) Sicherheit vermittelndem sowie sozial integrierendem Charakter (z.B. 4.1.2). Die dergestalt tendenziell stärkere Bezugnahme der Careworkers deute ich dabei als Effekt eines nachholenden sozialversicherungsrechtlichen und/oder sozialen Integrationsbedürfnisses, das aus ihrer sozialen Position als ArbeitnehmerInnen ohne österreichischen StaatsbürgerInnenstatus herrührt. Anders als die gut inkludierten und vor wie nach der Regularisierung de facto als ArbeitgeberInnen fungierenden Angehörigen besteht für die Careworkers ein stärkeres Interesse an einer verbesserten rechtlich-sozialen Inklusion. Das heißt, dass von den RechtsadressatInnen für die Auseinandersetzung mit der Regulierung vor allem in termini instrumentellen handelns bestimmte, mit dem ArbeitgeberInnen- oder ArbeitnehmerInnenstatus einhergehende Interessen stärker berücksichtigt werden. Differenzen zwischen den sozialen Gruppen konnten auch dort nachgewiesen werden, wo die Regulierung vonseiten der Angehörigen DIE SYMBOLISChE QUALItÄt DES REChtS 282 ungebrochen als emanzipatives Moment (z.B. 4.6.2) beziehungsweise als win win-Situation (4.3.1) betrachtet wird, während sie vonseiten der Careworkers eher als Medium fungiert, durch die die inferiore Position im Beschäftigungsverhältnis verdeutlicht wird (z.B. 4.5.1; 4.6.1). Es ist in existenziellerer Weise die soziale Gruppe der Careworkers, die derart von handlungsbeschränkungen betroffen ist, dass die eigene rechtskonforme handlungsorientierung nicht umgesetzt werden kann. Fehlende handlungsspielräume zeigten sich für diese Gruppe erheblich stärker auch in Bezug auf den Anmeldezeitpunkt (4.1.2; 4.5). Es ist dieser Zusammenhang, in dem vielfach auch außerrechtliche Aspekte eine Rolle spielen (z.B. 4.5). Konkreter kommen diesbezüglich in besonderem Maße sich aus der Beschäftigungssituation ergebende Abhängigkeiten sowie Logiken und Mechanismen der sozialen Vergesellschaftung in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering bezahlten und gering formalisierten Beschäftigungsverhältnissen zum Zug. Die derart unterschiedlichen Bezugnahmen der sozialen AkteurInnen deute ich unter Rekurs auf Bourdieu dahingehend, dass aufgrund von strukturellen Zwängen des rechtlichen und/oder pflegerischen Feldes für marginalisierte AkteurInnen in stärkerem Maße Handlungskrisen zum Zuge kommen, die – im Gegensatz zu den Angehörigen – die Gewalt des Feldes für sie eher erkennbar machen. Liberale arbeitsrechtliche Gesetzgebungen, die generelle Problematik der Formalisierung von Carework und die geringe praktische Anerkennung des regularisierten Rechtsverhältnisses vonseiten der Angehörigen spielen etwa ineinander, wenn Careworkers mit der Regularisierung für sich keine vergrößerte handlungsfähigkeit einhergehen sehen. 283 5 (Rechts-)Soziologische und gesellschaftspolitische Implikationen 5.1 Zur Ambivalenz von Regulierung und Konformität im Care-Regime Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sich die rechtliche Regulierung eines bezahlten ›privathaushaltlichen‹ Carings für ältere Menschen in Österreich auf die handlungsorientierungen des RechtsadressatInnenkreises – Angehörige von Pflegebedürftigen sowie Careworkers, die vormals irreguläre Arbeitsverhältnisse aufrechterhielten – auswirkt, auch wenn der Bagatelldeliktcharakter für irreguläres Carework in relativem Maße bestehen bleibt. Zwischen den Befragten gibt es eine erhebliche Variationsbreite handlungsanleitender Selbstverhältnisse und subjektiver Sichtweisen auf die Regulierung und/oder das Recht: Sofern Recht und/oder Regulierung nicht als objektives Zwangsmittel in den Blick kommen oder soziale Zwänge in den Pflegehaushalten rechtskonforme handlungsorientierungen von Interviewten hintertreiben, werden sie (implizit) als Angebot zur Gewährleistung der eigenen Konformität betrachtet. Sie stehen weiter als Medien im Zentrum, die rechtsaffine Dispositionsschemata aktualisieren, oder sie regen rechtskonforme handlungsorientierungen in ihrer soziale Phänomene ›offizialisierenden‹ Funktion an. Wie die spezifischen, im Zuge der Regulierung erkennbaren Selbstverhältnisse und subjektiven Sichtweisen der AkteurInnen rechtskonforme handlungsorientierungen anzuleiten vermögen, die der Regulierung letztlich zu ihrer faktischen Geltung verhelfen, wurde ebenfalls erörtert. Vor diesem hintergrund deutet sich an, dass die AkteurInnen des RechtsadressatInnenkreises, indem sie rechtskonforme handlungsorientierungen ausbilden, grundlegend in die rechtspolitische Ausgestaltung des pflegerischen Feldes integriert sind und in ihm produktiv werden: Mit ihren je spezifischen Bewältigungs- und Verarbeitungsweisen tragen sie zur Legitimierung und Autorisierung jener Regulierung bei, die angesichts der Krise der gesellschaftlichen Organisation von Care in Österreich zum tragen kam. Indem das Recht für sie als Sinn- und Bedeutungssystem wirksam wird, sorgen sie konkreter gesprochen für eine Normalisierung der vormals irregulär erbrachten ›24-Stunden-Pflege‹. Ein Gutteil der Juridifizierung, die infolge der Ausdifferenzierung und Autonomisierung des ökonomischen Feldes im 19. und 20. Jahrhundert (Polanyi 2001[1944]; Bourdieu 1998b) entstand, und die in Österreich in der Nachkriegszeit zu ihrem ›goldenen‹ höhepunkt kam (vgl. Flora (REChtS-)SOZIOLOGISChE UND GESELLSChAFtSPOLItISChE IMPLIKAtIONEN 284 1986: XXII), diente der Beschränkung der Marktkräfte. Ab den 1990er Jahren erfährt diese Ausrichtung wohlfahrtsstaatlicher Regulierungspolitiken in Österreich einen Wandel. Angesichts des Übergangs vom Fordismus zum Postfordismus, wie er mit der Restrukturierung der Ökonomie hin zu einem neoliberalen Akkumulations- und Regulationsregime einsetzt (hirsch/Roth 1986; hirsch 1995, 2001), erweitert der Wohlfahrtsstaat sein Repertoire rechtlicher Regulierungen. Die klassischen, auf die Ursachen sozialer Probleme gerichteten und um Inklusion bemühten Regulierungspolitiken werden in diesem Zuge durch manageriale Maßnahmen ergänzt (vgl. Banakar 2013: 16). Den in Österreich maßgeblich ab den 1990er Jahren einsetzenden wohlfahrtsstaatlichen Ausbautendenzen im Bereich des Caring sind diese neuen Logiken wohlfahrtsstaatlicher Regulierung bereits anzusehen (vgl. Behning 2005: 88). In besonderem Maße gilt dies für die in der vorliegenden Arbeit im Zentrum stehende Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹: Diese kann weniger als der Versuch einer egalisierenden Integration von Pflegebedürftigen, pflegenden Angehörigen und Careworkers betrachtet werden, sondern lässt sich als relativ kurzfristig etablierte Krisenlösungsmaßnahme eben managerialen Charakters kennzeichnen. Unter diesen Vorzeichen gestaltet sich die Regulierung für die sozialen AkteurInnen des RechtsadressatInnenkreises zumindest ambivalent: Mit den rechtlichen Statuswechseln wird die ›24-Stunden-Pflege‹ (sofern sie durch unqualifizierte Dritte geleistet wird) erstmals in den Bereich sozialer Rechte eingegliedert – für die einen in hinblick auf durch Arbeitsleistung erworbene Sozialversicherungsansprüche, für die anderen in hinblick auf den Bezug spezifischer wohlfahrtsstaatlicher Care-Leistungen. Neben Steuererleichterungen bei Inanspruchnahme einer ›24-Stunden- Pflege‹ sind dies für die letztgenannte Gruppe über das Pflegegeld hinausgehende Fördergelder. Indem mit der Regulierung zudem eine Entkriminalisierung der ›24-Stunden-Pflege‹ vorgenommen wird, verliert das Risiko der polizeilichen Anzeige im AdressatInnenkreis an Relevanz. Gleichzeitig jedoch wird mit ihr – und hier zeigt sich das neue Gesicht wohlfahrtsstaatlicher Regulierungen im Postfordismus – eine Ausnahme ins Recht gesetzt. So wird die ›24-Stunden-Pflege‹ im Arbeitsrecht als singulär konzipiert und abseits des Krankenpflegerechts angesiedelt. Um nur die zentralsten Eckpunkte zu nennen: Im Angestelltenmodell bleibt, um eine 14-tägige durchgängige Betreuung zu ermöglichen, ein Recht auf Pausen und freie tage ausgeklammert (Scherz 2007: 6) und das Selbständigenmodell konstruiert abhängige als unabhängige Beschäftigungen (Moritz 2007: 150; Ivansits/Weissensteiner 2008: 397ff.). Mit der Übertragung pflegerischer tätigkeiten auf unqualifizierte Careworkers findet zudem eine Verringerung der herkömmlichen Qualifikationsanforderungen für Pflege statt (ebd.: 402). Die gesetzgebenden AkteurInnen schaffen damit eine Regelung, die in ihrer Liberalität in Österreich ZUR AMBIVALENZ VON REGULIERUNG UND KONFORMItÄt IM CARE-REGIME 285 so bisher ungesehen ist (vgl. Binder/Fürstl-Grasser 2008: 4) – und die die Bedingungen aus der Irregularität letztlich weitgehend in die Regularität überführt. Indem die AkteurInnen des RechtsadressatInnenkreises die als qualifikationslos und gering formalisiert konstruierte Regelung adaptieren, bringen sie diese zu ihrer faktischen Geltung. Von hier aus prozessieren sie nicht nur alte Risiken weiter, sondern sie produzieren für die Gruppe der Careworkers sogar neue Risiken, indem für diese im Rahmen der neuen Regelung Verdiensteinbußen wahrscheinlich werden. Rechtliche Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang zwar Normalisierung (Bourdieu 1987b: 846; Bourdieu/Boltanski 1981: 106) – und damit Enttabuisierung und öffentlich sichtbare Anerkennung der ›24-Stunden-Pflege‹. Enttabuisiert und anerkannt werden so gleichzeitig aber auch relativ entrechtete Beschäftigungen im Privathaushalt. Der »Offizialisierungseffekt« (Bourdieu 1992b: 106) des Rechts bleibt mithin zweischneidig: Insofern rechtlich dazu beigetragen wird, Care als eine tätigkeit zu legitimieren, die unter Bedingungen geringer Formalisierung und besonders niedriger Entlohnung stattfindet, wird sie – ganz der beschriebenen Logik des labor supply systems (Sassen 1988; vgl. 2.1.3) folgend – weiterhin allein für migrantische Frauen aus den osteuropäischen Nachbarländern attraktiv bleiben. Damit einhergehend wird die gesellschaftliche Wahrnehmung von Carework im Privathaushalt als eher ›niederer‹ tätigkeit kaum einen maßgeblichen Wandel erfahren können. Vor diesem hintergrund kann die Regulierung der ›24-Stunden- Pflege‹ mit Ernst Fraenkel als Vorgang der »Versteinerung« sozialer Ungleichheit betrachtet werden (Fraenkel 1966[1932]: 255). Gleichzeitig ist jedoch in Rechnung zu stellen, dass die erstmalige Eroberung einer Rechtsposition, insofern sie es ermöglicht, sich die Instrumente des rechtlichen Feldes zu eigen zu machen, auch ein Ausgangspunkt für die Verbesserung sozialer Positionen sein kann (vgl. Buckel 2008). Ansatzpunkte für eine solche Nutzbarmachung der Kontingenz des rechtlichen Feldes ergeben sich aus dem Umstand, dass die beteiligten AkteurInnen, auch wenn sie der Regulierung überwiegend affirmativ begegnen, dies in vielen Fällen zumindest nicht ganz widerspruchslos tun. Das bedeutet, dass handlungskrisen oder Reflexionen sie die Gewaltsamkeit der rechtlichen Regulierung partiell erkennen lassen. Es ist dies eine der Voraussetzungen, um weiterreichende Forderungen nach arbeits- und krankenpflegerechtlichen Regelungen stellen zu können.1 1 Die Frage der Wahrscheinlichkeit politischer Kampagnen oder zivilrechtlicher Klagen in diesem Bereich steht jedoch auf einem anderen Blatt. Inwieweit soziale Gruppen ihre Interessen rechtlich durchsetzen können, hängt maßgeblich mit deren Organisationsgrad zusammen. Da die Careworkers – jene Gruppe, die die Gewalt des rechtlichen Feldes bedeutend stärker zu spüren bekommt, mithin maßgeblich Grund zum Widerspruch hätte –, mit der Wirtschaftskammer als Selbständige in einer eigentlich abhängigen Beschäftigungssituation arbeitsrechtlich nur schwach (REChtS-)SOZIOLOGISChE UND GESELLSChAFtSPOLItISChE IMPLIKAtIONEN 286 Vor diesem hintergrund könnten selbst noch die oben beschriebenen ›Versteinerungen‹ emanzipatorische Potenziale bergen, insofern diese möglicherweise nur den vorläufigen Endpunkt der rechtspolitischen Entwicklung der Organisation von Care in Österreich darstellen. Gesellschaftliche Aufgabe der Rechtssoziologie könnte es sein, auch diese potenziellen ›Widerständigkeiten‹ im Blick zu behalten. 5.2 Ausblick Im Laufe der vorliegenden Untersuchung stellten sich überdies neue Fragen. Gemäß meiner doppelten Fragestellung nach der Rechtskonformität der RechtsadressatInnen im Zusammenhang mit der Regulierung von Care sowie der theoretischen Betrachtung von Rechtskonformität ergaben sich weiterführend zum einen empirische, zum anderen theoretischkonzeptionelle Forschungsdesiderate. Offene Fragen betrafen außerdem den Bereich der Methodik und des Untersuchungsdesigns. Die vorliegende Arbeit untersuchte zum einen, wie RechtsadressatInnen im Prozess der Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ rechtskonforme handlungsorientierungen ausbildeten. Auf diese Weise konnte empirisch nachgewiesen werden, dass die Rechtskonformitäten des AdressatInnenkreises aus einem Nebeneinander unterschiedlicher Rechtsbezüge und handlungsmechanismen bestehen, wobei neben instrumentellen Umgangsweisen mit dem Recht auch auf allgemeine Schemata zurückgegriffen wurde. Zum anderen konnte gezeigt werden, dass die Differenzen in den handlungsorientierungen zwischen den zwei untersuchten sozialen Gruppen – den Careworkers und den Angehörigen – sich teilweise auf ihre unterschiedlichen sozialen Positionierungen und teilweise auch Ressourcen zurückführen lassen. Dies war vor allem dort festzustellen, wo von den Befragten nicht auf generelle rechtliche Bezüge rekurriert wurde. Die Arbeit leistet so einen rechtssoziologischen Beitrag zur Frage von Möglichkeiten und Grenzen der Regularisierung von ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering bezahlten und gering formalisierten Beschäftigungen in österreichischen Privathaushalten. Mit Fokus auf das vorliegende Ergebnis des Normalisierungs- und Enttabuisierungsprozesses, der im Rahmen der ›24-Stunden-Pflege‹ vertreten sind, dürfte sich der Klagswille wohl in Grenzen halten. Der Umstand, dass die meisten Careworkers ihre Beschäftigung in der ›24-Stunden-Pflege‹ für eine vorübergehende Situation halten, trägt wohl ihr Übriges dazu bei. Es ist in diesem Zusammenhang jedoch auf den Schweitzer Kontext zu verweisen, in dem im Gegensatz zu Österreich ausgehend von einer Selbstorganisierung von Careworkers Arbeitskämpfe stattfinden, die auch im Recht geführt werden (vgl. hierzu Schilliger 2015b). AUSBLICK 287 einsetzte, wäre es sicherlich relevant, längerfristige Effekte der performativen Magie des Rechts im Sozialen zu untersuchen. Es wäre ertragreich, in Erfahrung zu bringen, ob, und wenn ja, wie, sich Vorstellungen über die ›24-Stunden-Pflege‹ im Zuge ihrer rechtlichen Offizialisierung langfristig verändert haben und verändern. Es könnten so – über die Rechtssoziologie hinausgehend – anschlussfähige Erkenntnisse für Debatten innerhalb der Arbeits- und Migrationssoziologie sowie der Pflegewissenschaften erarbeitet werden. Mit Blick auf die Literatur scheint das österreichische Beispiel nun aber ein Sonderfall zu sein. Dies betrifft sowohl den Grad der Ausdifferenzierung der rechtlichen Regelung als auch die Zahl der vermuteten Regularisierungen und weiterhin bestehenden irregulären Beschäftigungen. Diese lassen von einer ›gelungegen‹ Regulierung sprechen (vgl. Bachinger 2010: 410; Schmid 2009b: 73f.). Für die meisten anderen westlichen Länder wird angegeben, dass entsprechende Regulierungsversuche häufig nur geringe Effekte zeitigen, so dass Carework trotz regulärer Angebote weiterhin irregulär geleistet wird (Bettio/Simonazzi/Villa 2006; Da Roit 2009; Lutz 2009, 46; Karakayalı 2010a; Weinkopf 2001, 2003). Angesichts dieser Unterschiede zwischen den Ländern scheint es sinnvoll, die jeweils spezifischen Bedingungen herauszuarbeiten, die Regulierungen im Care-Bereich ›gelingen‹ oder scheitern lassen. Darüber hinaus wäre es interessant, Zusammenhänge von wohlfahrtsstaatlicher Regulierung und der Akzeptanz irregulärer Beschäftigungen im Care-Bereich zu analysieren. Auch mit einer solchen Untersuchung wäre ein Erkenntnisgewinn nicht nur für die rechtssoziologische Forschung gegeben. Die Ergebnisse sind auch für die Migrations- und Arbeitssoziologie sowie für die Pflegewissenschaften anschlussfähig. In diesem Zusammenhang schließt sich auch mein methodisches Forschungsdesiderat beziehungsweise meine Frage zum Untersuchungsdesign an, stellte sich mir im Verlauf meiner Forschung doch immer wieder die Frage, wie die handlungsorientierungen der RechtsadressatIn nen sich angesichts der in Veränderung begriffenen makrostrukturellen Gegebenheiten in der konkreten Wechselwirkung über die Zeit herausbilden. Erstrebenswert wäre es in diesem Zusammenhang, Betroffene mehrmals parallel zum gesamten Regularisierungsprozess zu interviewen. Diesbezüglich wäre es auch ertragreich, einen weiteren Fokus anzulegen, der systematischer auch Implementationspolitiken, die mediale Verarbeitung der Regulierung, außerrechtliche Faktoren und Bezugnahmen auf das Recht untersucht (vgl. ähnlich Casey/Scott 2011: 82). Dies wäre auch angesichts des Umstands relevant, dass in anderen Ländern nicht selbstverständlich von der Existenz einer breit und kontinuierlich geführten medialen Debatte parallel zur Regulierung ausgegangen werden kann, die die Betroffenen ›informiert‹. Es könnte vor diesem hintergrund genauer bestimmt werden, ob und wenn ja, (REChtS-)SOZIOLOGISChE UND GESELLSChAFtSPOLItISChE IMPLIKAtIONEN 288 welche konkreten Implementationspolitiken welche konkreten Effekte im Rechtsadres satIn nenkreis zeitigen. Ein zweiter Strang von Fragen hängt mit meiner zweiten, theoretischen Fragestellung zusammen: der Konzeption eines neuen theoretischen Begriffsverständnisses von Rechtskonformität. Vor dem hintergrund eines theoriedefizits in der Rechtskonformitätsforschung entwickelte ich auf Grundlage einer kulturtheoretischen, praxeologischen Perspektive ein Begriffsverständnis von Rechtskonformität, mit dem sich die maßgeblichen rechtssoziologischen Erklärungen heuristisch innerhalb einer Sozialtheorie integrieren lassen. Darüber hinaus wurde mit dieser Perspektive ein über die bisherigen Zugänge hinausgehender, dezentrierter Subjektbegriff angelegt. Die Arbeit war diesbezüglich von dem Forschungsziel getragen, das in der Rechtssoziologie bestehende Verständnis von Rechtskonformität mittels einer auf Bourdieus habitus- und Feldbegriff beruhenden empirischen Analyse theoretisch zu präzisieren. Dabei hat sich die in diesem Zusammenhang erarbeitete Begriffsdefinition für die empirische Untersuchung als geeignet herausgestellt. Vor diesem hintergrund ist die Frage zu stellen, inwieweit der hier erarbeitete theoretische Rahmen auch für andere Untersuchungen wegweisend sein kann. Im Verlauf der Untersuchung stellte sich die Frage, welche Reichweite dem entwickelten Werkzeug zugesprochen werden kann und zu welchen Ergebnissen eine auf einen anderen Gegenstand bezogene Untersuchung kommen würde. Immerhin betonen RechtssoziologInnen innerhalb der Konformitätsforschung immer wieder, dass bei den unterschiedlichen Delikten deren jeweils stark variierende Charakteristika zu berücksichtigen seien. Sie äußern sich vor diesem hintergrund auch skeptisch gegenüber einer allgemeinen theorie der Rechtswirksamkeit (Bankenburg 1977: 41; García Villegas 2011: 285ff.; Silbey 2005: 355; vgl. außerdem Chambliss 1966: 75; Schulte 1986: 137). Angesichts dessen wäre zu untersuchen, inwieweit sich der für die vorliegende Arbeit angelegte Rahmen für die Untersuchung rechtskonformer handlungsorientierungen bei anderen Deliktarten nutzen lässt. hierbei wären vermutlich Individualdelikte in den verschiedenen Rechtsbereichen einschlägig; Grenzen bestünden bei einer Untersuchung von Rechtskonformitäten höchstwahrscheinlich dort, wo rechtspolitisch Versuche unternommen werden, irreguläre Praxen von Organisationen zu regularisieren. Weiter wäre zu fragen, welche Rolle die Öffentlichkeit beziehungsweise Peer Groups bei Delikten mit weniger ausgeprägtem Bagatelldeliktcharakter für die Rechtsnormbefolgung spielen; auch die Frage nach einer systematischen (auch quantitativen) Untersuchung des Zusammenhangs von Rechtskonformität und Klassenpositionen sowie anderen intersektionalen Positionen könnte sich anschließen. Insbesondere vergleichende empirische Untersuchungen zu verschiedenen Deliktsbereichen könnten hier richtungsweisend sein, wobei diesbezüglich AUSBLICK 289 verschiedene Rechtsgebiete berücksichtigt werden sollten (vgl. zu letzterem Fisahn 1999, 376ff.). Sofern eine Übertragbarkeit gegeben sein sollte, wäre zu fragen, ob, und wenn ja, welche möglicherweise unterschiedlichen habitusformationen in diesen Zusammenhängen sichtbar würden. 291 Literatur Albrecht, hans-Jörg (1980): »Die generalpräventive Effizienz von strafrechtlichen Sanktionen«, in: Forschungsgruppe Kriminologie (hg.): Empirische Kriminologie, Freiburg i.B.: Selbstverlag, 305–327. Alkemeyer, thomas/Villa, Paula Irene (2010): »Somatischer Eigensinn? 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BMASK BMSG BPGG B-VG BZÖ EG EU FPÖ GesBRÄG GewO GPA-djp GSVG GuKG hBeG hGhAG KIAB LandespflegegeldG ÖGB ÖVP SPÖ SVA WKO Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch Arbeiterkammer Allgemeines Sozialversicherungsgesetz Ausländerbeschäftigungsgesetz Ausländerbeschäftigungsverordnung Bundesgesetzblatt Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz Bundespflegegeldgesetz Bundesverfassungsgesetz Bündnis Zukunft Österreich Europäische Gemeinschft Europäische Union Freiheitliche Partei Österreichs Gesundheitsberufe-Rechtsänderungsgesetz Gewerbeordnung Gewerkschaft der Privatangestellten Druck und Papier Gewerbliches Sozialversicherungsgesetz Gesundheits- und Krankenpflegegesetz hausbetreuungsgesetz hausgehilfen- und hausangestelltengesetz Kontrolle der illegalen Arbeitnehmerbeschäftigung Landespflegegeldgesetz Österreichischer Gewerkschaftsbund Österreichische Volkspartei Sozialdemokratische Partei Österreichs Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft Wirtschaftskammer Österreich ANhANG 330 Anhang 3: transkriptionsregeln Verwendete transkriptionsregeln in Anlehnung an hoffmann-Riem (1984: 331): Zeichen .. ... .... ((gestikulierend)) ((lachend)) ((telefonanruf)) meistens w o h l ( ) (...) (wirchklich wahr?) --- |Simona| Bedeutung kurze Pause mittellange Pause lange Pause nonverbale handlungen Art des Sprechens Ereignisse ›abseits‹ des Interviews bzw. durch Interaktion mit Dritten besondere Betonung und/oder Lautstärke gedehntes Sprechen unverständliches Wort unverständliche Wörter schlecht verständliches Wort/Wörter, vermuteter Wortlaut Auslassung aus dem transkript anonymisiertes Wort 331 Dank Viele haben mich bei der Abfassung dieser Arbeit unterstützt. Ich danke Ihnen/Euch: Aldo Legnaro, Paula Pfoser, Alfons Bora, Birgit Geissler, Gudrun Löhrer, Bernd Dollinger, Bernd Belina, Otto Penz, Ulrike Schulz, Joachim Stern, Walter Fuchs, Michal Sedlacko, Katharina Fritsch, Benjamin Opratko, Katharina hajek, Georg Spitaler, Melanie Pichler, die Bielefeld Graduate School in history and Sociology der Universität Bielefeld und die Krieger School of Arts & Sciences der Johns hopkins University, Arno Pilgram und Reinhard Kreissl und das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, Beate Littig und das Institut für höhere Studien, Joachim Savelsberg, Susan Silbey, Anna-Lisa Müller, Markus Michael Müller, Ilker Ataç, Clemens Eisenmann, Saskia Schindler, Marion Stoeger, Sandra Küchler, Jakob Krameritsch, Camille Roth, Rudolf und Regina Kretschmann und nicht zuletzt allen InterviewpartnerInnen, die mir über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im Care(arbeits) alltag erzählt haben. Mein Dank geht auch an den theodor Körner Fonds, der die Arbeit mit dem theodor Körner Förderpreis 2015 ausgezeichnet hat, sowie an die Kammer für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich, die die Arbeit im Jahr 2015 »als wertvollen wissenschaftlichen Beitrag zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich« gewürdigt hat. Bedanken möchte ich mich auch beim Deutschen Akademikerinnenbund e.V., der die Publikation der Arbeit mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt hat.

Zusammenfassung

Zwischen 2006 und 2009 wurde die so genannte ›24-Stunden-Pflege‹ – Pflege und Betreuung für ältere Menschen in Privathaushalten rund um die Uhr – in Österreich rechtlich reguliert. Damit wurde den in diesem Feld Beschäftigten und Beschäftigenden erstmals die Möglichkeit eröffnet, ein Arbeitsverhältnis auf Angestellten- oder Selbständigenbasis zu unterhalten. Der in Österreich seit den 1990er Jahren bestehende irreguläre Markt für Carework, auf dem vorwiegend Migrantinnen slowakischer Herkunft und Angehörige von pflegebedürftigen in Arbeitgeber-Arbeitnehmer- Beziehungen agieren, sollte auf diese Weise regularisiert werden – ein politisches Anliegen, das sich als relativ erfolgreich erwies. Das Buch untersucht aus rechtssoziologischer Perspektive, wie die betreffenden Akteure die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in ihrem Alltag umsetzen. Die Arbeit bedient sich hierfür Pierre Bourdieus fragmentarischer Rechtssoziologie und entwickelt diese mit Hilfe neuerer praxistheoretischer Strömungen entscheidend weiter. In enger Verzahnung von Theorie und Empirie werden auf dieser Grundlage zum einen die Beschaffenheit rechtskonformer Handlungsorientierungen, zum anderen die Möglichkeiten und Grenzen regulativen Rechts in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungen im Privathaushalt untersucht. Das Buch richtet sich an Rechtssoziolog/innen, die an Prozessen der Rechtskonformität interessiert sind, an Kulturtheoretiker/innen, die sich mit Rechtspraxen im Alltag beschäftigen wollen und nicht zuletzt an Wissenschaftler/innen aus der Migrations- oder Wohlfahrtsstaatenforschung, der Arbeitssoziologie, den Gender Studies oder den Pflegewissenschaften.

References

Zusammenfassung

Zwischen 2006 und 2009 wurde die so genannte ›24-Stunden-Pflege‹ – Pflege und Betreuung für ältere Menschen in Privathaushalten rund um die Uhr – in Österreich rechtlich reguliert. Damit wurde den in diesem Feld Beschäftigten und Beschäftigenden erstmals die Möglichkeit eröffnet, ein Arbeitsverhältnis auf Angestellten- oder Selbständigenbasis zu unterhalten. Der in Österreich seit den 1990er Jahren bestehende irreguläre Markt für Carework, auf dem vorwiegend Migrantinnen slowakischer Herkunft und Angehörige von pflegebedürftigen in Arbeitgeber-Arbeitnehmer- Beziehungen agieren, sollte auf diese Weise regularisiert werden – ein politisches Anliegen, das sich als relativ erfolgreich erwies. Das Buch untersucht aus rechtssoziologischer Perspektive, wie die betreffenden Akteure die Regulierung der ›24-Stunden-Pflege‹ in ihrem Alltag umsetzen. Die Arbeit bedient sich hierfür Pierre Bourdieus fragmentarischer Rechtssoziologie und entwickelt diese mit Hilfe neuerer praxistheoretischer Strömungen entscheidend weiter. In enger Verzahnung von Theorie und Empirie werden auf dieser Grundlage zum einen die Beschaffenheit rechtskonformer Handlungsorientierungen, zum anderen die Möglichkeiten und Grenzen regulativen Rechts in ethnisierten, vergeschlechtlichten, gering formalisierten und gering bezahlten Beschäftigungen im Privathaushalt untersucht. Das Buch richtet sich an Rechtssoziolog/innen, die an Prozessen der Rechtskonformität interessiert sind, an Kulturtheoretiker/innen, die sich mit Rechtspraxen im Alltag beschäftigen wollen und nicht zuletzt an Wissenschaftler/innen aus der Migrations- oder Wohlfahrtsstaatenforschung, der Arbeitssoziologie, den Gender Studies oder den Pflegewissenschaften.