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Christian Schicha, Ingrid Stapf, Saskia Sell (Ed.)

Medien und Wahrheit

Medienethische Perspektiven auf Desinformation, Lügen und „Fake News"

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8487-7933-8, ISBN online: 978-3-7489-2319-0, https://doi.org/10.5771/9783748923190

Series: Kommunikations- und Medienethik, vol. 15

Bibliographic information
Medien und Wahrheit Medienethische Perspektiven auf Desinformation, Lügen und „Fake News“ Schicha | Stapf | Sell [Hrsg.] Kommunikations- und Medienethik l 15 Kommunikations- und Medienethik herausgegeben von Alexander Filipović Christian Schicha Ingrid Stapf Band 15 BUT_Schicha_7933-8.indd 2 18.01.21 08:18 Christian Schicha | Ingrid Stapf | Saskia Sell [Hrsg.] Medien und Wahrheit Medienethische Perspektiven auf Desinformation, Lügen und „Fake News“ BUT_Schicha_7933-8.indd 3 18.01.21 08:18 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-7933-8 (Print) ISBN 978-3-7489-2319-0 (ePDF) Bis Band 4 erschienen bei Beltz Juventa, Weinheim. Onlineversion Nomos eLibrary 1. Auflage 2021 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2021. Gesamtverantwortung für Druck und Herstellung bei der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. BUT_Schicha_7933-8.indd 4 18.01.21 08:18 Inhalt Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit: Medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung 9 Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha Teil 1 Wahrheit im Kontext von Digitalisierung: Philosophisch-ethische Auseinandersetzungen Der Verlust des Vertrauens. Medienphilosophische Perspektiven auf Wahrheit und Zeugenschaft in digitalen Zeiten 27 Sybille Krämer Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 43 Simone Dietz Der Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 59 Günter Bentele Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten: existentielle und feministische Perspektiven 79 Charles Ess Teil 2 „Fake News“ und Desinformation: Theoretische Einordnungen „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? Medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung 97 Ingrid Stapf Was sind Fake News? 121 Nikil Mukerji 5 Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 135 Tilman Bechthold-Hengelhaupt „[D]aß die Lüge sich wahrlügt“ –Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘. Ein (Re-)Konstruktionsversuch mit Günther Anders‘ Medienphilosophie 153 Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag Teil 3 Fälschungen und Manipulationen: Empirische Untersuchungen und gesellschaftspolitische Fallanalysen Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen am Beispiel politischer Motive 173 Christian Schicha Politische Kommunikation im Spielmodus 205 Olaf Hoffjann Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! Wahrnehmungen und Beurteilungen von Desinformationen innerhalb divergenter Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte 223 Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba Teil 4 Wahrheit im Journalismus: Ethische Problemfelder und praktische Lösungen im Kampf gegen Desinformation Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 243 Saskia Sell und Bernd Oswald Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 263 Tanjev Schultz Sagen, was sein könnte: Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus. Medienethische Überlegungen am Beispiel des Falls Relotius 279 Tobias Eberwein Inhalt 6 Ethische Standards für Roboterjournalismus? Ergebnisse und Implikationen einer Feldstudie 299 Markus Kaiser und Thomas Zeilinger Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 317 Hektor Haarkötter Teil 5 Programmierte Wahrheit und digitale Netzwerk-Öffentlichkeiten: Ethische Herausforderungen der Onlinekommunikation Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 343 Christian Riess Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online- Gegenöffentlichkeiten – Eine netzwerkanalytische Untersuchung auf Twitter 359 Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger Algorithmen-basierte Empfehlungssysteme und die Entstehung von Filterblasen in der Plattformökonomie – ein Experiment auf YouTube 377 Michael Litschka Autorinnen und Autoren 389 Inhalt 7 Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit: Medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Ergebnisse der Tagung Medien und Wahrheit. Medienethische Perspektiven auf „Fake News“, Künstliche Intelligenz und Agenda-Setting durch Algorithmen. Diese Jahrestagung der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik der DGPuK fand zusammen mit dem Netzwerk Medienethik und in Kooperation mit der Akademie für politische Bildung in Tutzing vom 20.-21. Februar 2020 an der Hochschule für Philosophie in München statt. Wahrheit als philosophischer Grundbegriff und leitender Wertbegriff Aktuelle Entwicklungen von „Fake News“ im US-Wahlkampf, Deep Fakes in sozialen Medien oder Verschwörungstheorien rund um die Corona-Pandemie zeigen erneut exemplarisch die Bedeutung eines Journalismus auf, der an Wahrheit orientiert ist und Fakten in den Vordergrund rückt. Selten zuvor „war eine kühle Unterscheidung von News und Fake-News, von Fakten und Gerüchten so wichtig wie in diesen Tagen, in denen die Welt ihre größte nicht militärische Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt. Und nur selten zuvor hat sich so klar gezeigt, was Journalismus von sozialen Medien unterscheidet. Journalismus ist eben nicht das ungeprüfte Weiterverbreiten des jüngsten Gerüchts. Journalismus ist Überprüfung, Verifikation, Einordnung“ (Stark 2020). In dieser Sachlichkeit, in diesem Orientierung stiftenden Bezug zur Realität, liegt die eigentliche Stärke der Profession. Was aber zeigt sich eigentlich, wenn Lüge und Wahrheit nicht mehr unterscheidbar sind? Was sagt es über Medien oder gar Politik aus, wenn diese Unterscheidung gar nicht mehr greift? Hannah Arendt (1972/2017: 83) hat sich mit Lüge und Wahrheit in der Politik auseinandergesetzt und 9 aus ihren eigenen Erfahrungen mit totalitären Systemen heraus argumentiert, dass „es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, dass die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird“. Das Magazin Forbes hat ausgerechnet, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump circa 24-mal am Tag öffentlich gelogen hat. Der Autor Eric Alterman (2020) bezeichnet Trumps Lügen als zwecklose Lügen, deren Funktion auch darin liegt, dass Meinungen und Tatsachen nicht mehr klar voneinander trennbar sind – was eine realweltliche Orientierung erschwert. Auch wenn die nachgewiesenen Lügen eines Staatsoberhauptes vereinzelte extreme Beispiele sind, so postulieren Knuth und Mayr (2020), dass „die Unwahrheit ihre zersetzende Wirkung immer stärker entfaltet“. Mit Bezug auf Alterman sprechen sie von einer „neuen Dimension der politischen Lüge“. Dabei geht es um Trump, aber auch darum, dass seine Stabilität „auf der Instabilität des Systems“ beruht – dass nämlich „niemand mehr irgendetwas glaubt, so dass die Lüge von der Wahrheit gar nicht mehr unterschieden werden kann“ (Knuth/Mayr 2020). Es ist unter anderem die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten, dieser Form der totalen Orientierungslosigkeit etwas entgegenzusetzen. Auch wenn Lügen schon immer kursierten und als eine „anthropologische Konstante“ (Pauer 2020) gelten, „die immer wieder in Erscheinung tritt, angepasst an jeweils neue technische Möglichkeiten“, so sind „Fake News“ und andere Formen der Desinformation selten zuvor so einfach machbar und so schnell verbreitbar gewesen wie im Zeitalter des Digitalen. Um diese Phänomene wissenschaftlich greifbarer zu machen, erscheint es weiterführend, aktuelle Erscheinungsformen an zentralen Prinzipien auszurichten, die als Leitwerte auch gesellschaftlicher Umbrüche gelten und in diesem Sinne auch Orientierung schaffen können. Die Auseinandersetzung mit Wahrheit stellt ein zentrales Thema in der Philosophie dar. Aus Wahrheit resultieren Verlässlichkeit und Vertrauen. Die Lüge hingegen ist zugleich Regelverstoß und Fehlverhalten. Sie wird mit Niedertracht oder Verrat assoziiert. Ehrlichkeit oder Wahrhaftigkeit gelten als Tugenden, die angestrebt werden sollen – auch im medialen Diskurs. Von Journalistinnen und Journalisten wird in freiheitlich-demokratischen Systemen erwartet, dass sie wahrheitsgemäß und unabhängig berichten, gründlich recherchieren, ihre Quellen sorgfältig prüfen sowie gesellschaftlich relevante Sachverhalte aufzeigen, einordnen und angemessen be- Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 10 werten. Journalistische Medien können auch nur so ihrer Kritik- und Kontrollfunktion nachkommen und dabei die zum Erhalt der eigenen Glaubwürdigkeit notwendige Distanz gegenüber Politik und Wirtschaft wahren. Hierzu haben sie in der Bundesrepublik Deutschland verfassungsrechtlich garantierte Freiheiten, die als Medienfreiheiten in Ergänzung zum Jedermannsrecht der Meinungs- und Informationsfreiheit im Grundgesetz verankert sind. Die Wahrheitsnorm gilt auch in der journalistischen Berufsethik als „oberstes Gebot“ (Deutscher Presserat 2017, Ziffer 1 Pressekodex). Der vorliegende Band beschäftigt sich mit der Wahrheitsnorm auch über die Analyse ihrer Gegenspieler: der Täuschung und der Irreführung, der Fälschung oder gezielten Streuung von Desinformation, der Übertreibungen, unangemessener Skandalisierungen sowie der Fehler und der Lückenhaftigkeit in Medienbeiträgen. Im Vordergrund steht dabei die Untersuchung der „Fake-News“-Problematik. Das unter diesem Begriff vereinte Spektrum reicht von der Bezeichnung missverstandener Satiremeldungen über Kritik an erfundenen Inhalten, an falschen Tatsachenbehauptungen, an Übertreibungen, publizierten Teilwahrheiten, Verschwörungstheorien und Gerüchten bis hin zu Mobbing und zu gezielter Rufschädigung. Als „Fake News“ werden auch Meldungen oder Zitate bezeichnet, die bewusst aus dem Zusammenhang gerissen werden und dadurch irreführend sind. Derartige Täuschungen durch Dekontextualisierung werden ebenso in den begrifflichen Rahmen eingeschlossen, wie die Manipulation wahrer Informationen in Form von falschen Bildern oder erfundenen Inhalten. Auf der anderen Seite werden heute im allgemeinen Sprachgebrauch aber auch Inhalte, hinter denen nachvollziehbare und reproduzierbare wissenschaftliche Evidenz steht, als „Fake News“ diskreditiert, wenn sie nicht zur präferierten Ideologie oder zu den eigens vertretenen politischen Interessen passt. Das Problem hat also ganz unterschiedliche Facetten, deren Gemeinsamkeit in der Abkehr von Wahrheit oder im strategischen Vorwurf der Abkehr von Wahrheit steckt. Der Band beleuchtet das Phänomen „Fake News“ aus primär medienethischer Perspektive, ermöglicht aber durch interdisziplinäre Beiträge auch eine Erweiterung des analytischen Blicks auf seine verschiedenen Dimensionen. Neben medien- und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen sind auch philosophische Positionen vertreten. Darüber hinaus formulieren Autoren aus der Informatik und aus dem Journalismus ihre Thesen und Argumentationen zum Thema und geben Einblicke in den medienpraktischen Umgang mit dieser Problematik. Schon die Suche nach einer Definition wirft die Frage auf, ob die verschiedenen Phänomene unvollständiger Darstellung, Fälschung, Lügen und Desinformation überhaupt zusammengenommen als „Fake News“ be- Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 11 zeichnet werden sollten, oder wie ein übergeordneter Begriff definiert werden müsste, damit sein normativer Gehalt deutlich wird. Medienethisch relevant erscheint es dabei, ihn im Kontext ethischer Prinzipien wie Freiheit und Verantwortung, Wahrheit und Lüge, Selbstbestimmung und Fremdbestimmung einordnen und für freiheitlich-demokratische Medienordnungen reflektieren zu können (vgl. Stapf in diesem Band). Damit verbunden ist die Frage, inwieweit der Medienwandel Risiken aber auch Chancen für den Umgang mit „Fake News“ bietet. Der Informationsaustausch ist im Netz dichter und vielfältiger geworden. Gerüchte und Stammtischparolen können – je nach Plattformlogik – direkt neben journalistischer Berichterstattung erscheinen. Nicht immer ist nachvollziehbar, von wem welche Inhalte im netzöffentlichen Raum stammen und welche Absichten durch das Publizieren verfolgt werden. Gerade über soziale Medien ist es für jede(n) einfach und kostengünstig geworden, Inhalte aller Art über zahlreiche digitale Kanäle unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Äußerungen zu verbreiten. Diese Demokratisierung der Öffentlichkeit erfolgt einerseits mit positiven Resultaten wie einer gestiegenen Vielfalt an Perspektiven und Publikationen, einem breiteren Meinungsspektrum und einer breiteren Beteiligung am öffentlichen Diskurs, aber andererseits auch mit damit verbundenen ethischen Problemlagen rund um „Fake News“ als Desinformation, die hier in den Blick genommen werden. Die Tagungspublikation stellt anhand verschiedener Themenkomplexe und Fallbeispiele die erkenntnistheoretische Frage nach Wahrheit. Sie reflektiert und analysiert dabei die medienethische Forderung nach Wahrheit und Sorgfalt im Journalismus, aber auch in verschiedenen Unterhaltungsformaten und in den vielen kleinen Social-Media-Veröffentlichungen nicht-journalistischer Akteure. Der Band verfolgt die Intention, relevante Ansätze zum Thema Medien und Wahrheit aus der Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen aufzuzeigen. Dabei werden grundlegende Theoriekonzepte ebenso berücksichtigt wie konkrete Fallbeispiele, die aus einer medienethischen Perspektive analysiert werden. Das Ziel der Publikation liegt darin, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Positionen und Zugänge deutlich zu machen. Perspektiven aus der bisherigen Forschung zu Medien und Wahrheit Das Thema Medien und Wahrheit ist in der wissenschaftlichen Debatte ein vieldiskutierter Untersuchungsgegenstand. Das Spektrum reicht von der Auseinandersetzung mit Propaganda und Bildmanipulationen totalitärer Systeme in ersten Drittel des 20. Jahrhunderts über gefälschte Quellen, Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 12 Interviews und Reportagen im Journalismus bis hin zu digitalen Manipulationen von Medieninhalten und Fragmenten der Social-Media-Kommunikation. Nachfolgend werden exemplarisch einige Perspektiven vorgestellt, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt haben. Im Feld der Medienethik hat sich Hermann Boventer (1986) mit „Wahrheit und Lüge im Journalismus“ bereits klar für den Wert der Wahrheit in der Medienpraxis ausgesprochen. Er sieht eine entsprechende Orientierung im journalistischen Berufsfeld verankert, das zwar immer nach „Neuem, Außergewöhnlichem, Sensationellem“ sucht, aber dennoch „die Nachrichten müssen stimmen‘“ (Boventer 1986: 4) als unangefochtenen Leitsatz der eigenen Praxis erlebt. Dieser Wahrheitsanspruch wird, bis heute, durch sein Publikum an den Journalismus herangetragen. Wahrheit wird hier nicht als abstrakte (quasi-)religiöse, weltumspannende Sinnstiftung verstanden, sondern als Orientierung an und durch Vernunft und faktische(r) Realität. Achtung vor der Wahrheit ist für Boventer zugleich „Achtung vor der Freiheit“ und eine Notwendigkeit für den Erhalt freier Gesellschaften (Boventer 1986: 9). In beidem wird Respekt vor der Würde des Menschen gezeigt, ebenso wie die Anerkennung verschiedener Lebensentwürfe (ebd.). Seine „Maximen für einen Journalismus unter dem Wahrheitspostulat“ (ebd. ff.), der diesem Anspruch gerecht wird, lauten: (1) Ehrlichkeit im Beobachten, (2) Sorgfalt beim Recherchieren, (3) Redlichkeit in der Sprache, (4) Verantwortung in der Kritik und (5) Mut zum Nonkonformismus. Gerade letzteres erweist sich auch heute als eine der zentralen Herausforderungen im journalistischen Feld. „Der Hohepriester des Zeitgeistes gebärdet sich als Nonkonformist. Das Gegenteil ist der Fall. Man hat die Nase im Wind, fühlt sich über die Mehrheiten erhaben, sieht den Zustand des Volkes als unaufgeklärt und zurückgeblieben an. In Wahrheit entsteht nach dem Collage- Prinzip ein Journalismus der Beliebigkeit. Alles ist möglich, wann immer es ‚geht‘. Regellosigkeit wird zur Regel. Eindeutigkeit ist zu kostspielig.“ (Boventer 1986: 15) Die wahrheitsgemäße Orientierung an Fakten, der damit verbundene Bezug zur (materiellen) Realität, fordert von Journalist*innen den Mut zu eben dieser Eindeutigkeit, die mit postmodern geprägten Denkweisen nur schwer in Einklang zu bringen ist. Dieser Konflikt ist es, der uns heute im Zeitalter des „Postfaktischen“ einige Anstrengungen abverlangt und auf dessen Nährboden das Phänomen „Fake News“ wächst. Mit „Fake News“ im Sinne von Fälschungen setzt sich u.a. der Sammelband von Horst Friedrich Mayer (1998) auseinander. Darin finden sich Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 13 zahlreiche Bespiele für so genannte Presse-Enten. Dabei handelt es sich um lancierte Falschmeldungen. Es wird aufgezeigt, dass nicht nur die angeblichen Hitler-Tagebücher, die im STERN publiziert wurden, gefälscht waren, sondern auch Memoiren von Jack the Ripper, Eva Braun und Benito Mussolini. Frei erfundene Berichte in der Washington Post werden ebenso dokumentiert wie falsche Todesmeldungen von Prominenten. Den Qualitätsansprüchen an Sorgfalt und wahrheitsgemäßer Berichterstattung wurden auch namhafte journalistische Marken also nicht immer gerecht. Qualitätskriterien der Medienberichterstattung anhand von Wahrheit und Wahrhaftigkeit beschäftigen auch den dritten Band der Reihe Beiträge zur Medienethik von Wolfgang Wunden (1996). Diese Publikation richtet den Fokus primär auf den Medienalltag in Bezug auf die ethische Grundnorm der alltäglichen Medienproduktion und den Mediengebrauch. Neben unabsichtlich unzutreffenden journalistischen Darstellungen (sprich: Fehlern) werden auch hier bewusste Verdrehungen und Fälschungen problematisiert. Es wird postuliert, dass Medienprodukte eine realitätsorientierte Wahrnehmung ermöglichen und befördern sollen. Die Philosophin Simone Dietz (2003) vertritt in ihrer Monografie die These, dass eine prinzipielle Verurteilung des Lügens jedoch nicht zu rechtfertigen ist, da diese sprachliche Kunstfertigkeit in bestimmten Situationen durchaus moralisch angemessen sein kann. Sie verweist in diesem Kontext u.a. auf die wohlwollende Lüge, die im Gegensatz zur bevormundenden Lüge dem Schutz des Belogenen dient, der Lüge aus Notwehr, die im Gegensatz zur eigennützigen Lüge dazu dienen kann, sich nicht selbst durch eine wahre Aussage zu gefährden, der Lüge zum Schutz der eigenen Privatsphäre, die dadurch legitimiert wird, dass andere kein Recht haben, persönliche Sachverhalte zu erfahren. Auch der Sammelband von Maria Sybilla Lotter (2017) zeigt eine gewisse Ambivalenz mit Blick auf Lügen. Er bündelt philosophische, linguistische und theologische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, in denen diverse Lügenkonzepte vorgestellt und eingeordnet werden. Das Spektrum der Texte reicht von der Wahrhaftigkeit und Lügenkunst in der griechischen Antike über die Lüge im Zeitalter der Aufklärung bis hin zur Lüge im sozialen und politischen Kontext. Auch die aktuellere Medien- und Kommunikationsforschung setzt sich mit der Frage nach Wahrheit in der medialen Öffentlichkeit auseinander. So geht es Karoline Kuhla (2017) darum, Falschmeldungen von seriösen Nachrichten zu unterscheiden. Sie untersucht anhand konkreter Fallbeispiele, was unter “Lügenpresse” und “Fake News” genau zu verstehen ist, welche Ziele durch das Verbreiten von Unwahrheiten verfolgt werden und was die Politik, soziale Medien, Journalist*innen und Redaktionen sowie Gerichte tun könnten. Schließlich wird von ihr aufgezeigt, welche Techni- Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 14 ken angewendet werden können, um die Verbreitung von “Fake News” zu verhindern. In ihrem Sammelband zum Vorwurf der „Lügenpresse“ dokumentieren Volker Lilienthal und Irene Neverla (2017) journalistische und wissenschaftliche Perspektiven und konstatieren, dass Journalist*innen durchaus Selbstkritik üben in der Auseinandersetzung mit diesem „Kampfbegriff“. Zudem wird diskutiert, welche Veränderungsprozesse sich durch die digitale Medienentwicklung hinsichtlich der Lügenpresse-Debatte ergeben haben und welche juristischen Entwicklungen in Bezug auf Beleidigung und Verunglimpfung zu beachten sind. Romy Jaster und David Lanius (2019) gehen aus philosophischer Perspektive der Frage nach, warum “Fake News”, die verunsichern, sowie Angst, Desinformation und Chaos verbreiten, überhaupt existieren, und warum sie so erfolgreich sind. Oftmals können sich Tatsachen gegen emotionsgeladene Falschmeldungen nicht durchsetzen. Erklärungen werden auch anhand der Funktionslogik sozialer Netzwerke formuliert. Neben zahlreichen Beispielen für politische Falschmeldungen werden auch Propagandastrategien und sogenannte Verschwörungstheorien reflektiert sowie konstruktive Lösungsansätze hierzu aufgezeigt. Als Journalist analysiert Patrick Gensing (2020) vom ARD-Faktenfinder das Phänomen der “Fake News”. Er vertritt die These, dass Falschmeldungen strategisch genutzt werden, um demokratische Grundprinzipien zu unterminieren, Antipathien zwischen gesellschaftlichen Gruppen schüren und sogar zur Gewalt anstacheln können. Anhand zahlreicher Fälle wird exemplarisch aufgezeigt, von wem Falschmeldungen mit welchen Motiven eingesetzt werden, welche Absichten dabei verfolgt werden und welche Optionen es gibt, sich diesen Entwicklungen entgegen zu stellen. In dem Sammelband von Markus Appel (2020) zur „Psychologie des Postfaktischen“ werden so genannte postfaktische Phänomene u.a. in Form von “Fake News”, Clickbait, Filter Bubbles und Verschwörungstheorien aus einer medienpsychologischen Perspektive diskutiert. Dabei wird auch Trolling als irreführendes und störendes Verhalten im Internet problematisiert. Zudem wird die Rolle von Social Bots und Algorithmen in diesem Kontext aufgezeigt. Abschließend werden Optionen skizziert, durch die es gelingen kann, postfaktische Kommunikation u.a. durch Faktenchecker einzudämmen. Dass dies in der Praxis nicht immer gelingt, da vor allem „Fake News“ deutlich höhere Reichweiten erzielen als ihr Debunking, ist ein Ergebnis der Studie der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) (Sängerlaub/Meier/Rühl 2018), die „Fake News“ im Wahlkampf 2017 in Deutschland untersucht. Es galt als ein Problem, dass die Fakten- Checker meist nicht in die Kommunikationsräume gelangen, in denen Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 15 „Fake News“ geteilt werden. So publizierte beispielsweise der Faktenfinder von tagesschau.de über die Webseite der Tagesschau, die von Followern der „Fake News“ der AfD oder der Epoch Times bei Facebook nicht primär (oder zusätzlich) konsultiert werden. Insgesamt zeigte die Studie auch, dass „Fake News“ eine doppelte Kommunikationsstrategie von Rechtspopulisten sind, ein „Kampfbegriff gegen Medien und Journalist:innen“ sowie zur Mobilisierung ihrer Wählerinnen und Wähler in Sozialen Netzwerken. Die Autor*innen der SNV verstehen „Fake News“ als ein Symptom des breiter gefassten digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit. „Fake News“-Gegenbewegungen in der Medienpraxis und der Medienbildung Inzwischen sind auch aus der Medienpraxis und der Medienbildung eine Reihe von Initiativen in ganz unterschiedlichen Kontexten entstanden, die sich professionell mit der Erkennung und Bearbeitung von „Fake News“ beschäftigen. Journalist*innen haben selbst Projekte aufgenommen, in denen rechercheerfahrende Berichterstatter Medienmeldungen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Dazu gehören u. a. die ARD-Tagesschau-Faktenfinder, die seit April 2017 tätig sind und ein Team des Bayrischen Rundfunks (Faktenfuchs, vgl. Sell und Oswald in diesem Band), das einen Monat später die Arbeit aufgenommen hat. Fortlaufend aktualisierte Informationen zum Thema liefern auch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de/fake-news), die ein Onlinegame (fakeittomakeit.de) zum Thema herausgebracht hat, oder der österreichische Verein Mimikama (mimikama.at), der mit Facebook, Polizeidienststellen, Kriminalämtern und Medien zusammenarbeitet und bei dem auch „Fake-News“ gemeldet werden können. Die Deutsche Welle ist ebenfalls in diesem Bereich aktiv und stellt zahlreiche Ressourcen zum Fact Checking zur Verfügung. Des Weiteren arbeitet das interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprojekt DORIAN (Desinformationen aufdecken und bekämpfen), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung seit August 2017 gefördert wird, am Thema. Der Fachbereich der Informatik des Fraunhofer Institutes in Darmstadt erarbeitet darin Verfahren der Bild- und Textforensik zur automatischen Erkennung von Falschnachrichten. Die Juristen der Universität Kassel prüfen die rechtlichen Optionen des Vorgehens gegen Falschmeldungen. Psychologen der Universität Duisburg-Essen analysieren, wie Menschen Falschinformationen wahrnehmen und darauf reagieren. Journalismus-Experten von der Hochschule der Medien in Stuttgart erstellen Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 16 ein Konvolut von „Fake News“ und ordnen diese Meldungen systematisch ein (vgl. Fraunhofer Institut 2017). Einzelne Beiträge im Überblick Wahrheit im Kontext von Digitalisierung: Philosophisch-ethische Auseinandersetzungen Die Überlegungen zur Problemlage von ‚Wahrheit‘ und ‚Zeugenschaft‘ von Sybille Krämer skizzieren die Gedankenfolge ihres öffentlichen Abendvortrags am 19. Februar 2020 an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In einer breit gefächerten philosophischen Kontextualisierung widmet sie sich der epistemischen Abhängigkeit von Zeugenschaft, der Relevanz von Vertrauen in diesem Kommunikationsprozess, dem Wahrheitsbegriff und den verschiedenen Herausforderungen, die das Gelingen von Zeugenschaft in digitalen Öffentlichkeiten beeinträchtigen. Krämer eröffnet dabei Perspektiven, die für theoretische Modellierung, aber auch für weitere empirische Forschung in diesem Bereich richtungsweisend sein können. Simone Dietz widmet sich in ihrem Beitrag den Geschäftsmodellen digitaler Plattformen. Sie geht der Frage nach, ob sie sie nur neutrale Angebote zur vielfältigen Nutzung bereitstellen oder selbst einen zentralen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation nehmen. Facebook, Instagram, YouTube und Twitter haben, Dietz zufolge, eine neue Form der Kulturindustrie entwickelt, die die öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung massiv beeinflussen. Es werden auch Wahrheitsfragen tangiert, da „Fake News“, Desinformationen und Verschwörungstheorien hier eine zentrale Rolle spielen. Dabei geht es auch um die Zuspitzung von Konflikten und Konfrontation durch pauschale Diffamierungen sowie rassistische und fremdenfeindliche Verleumdungen. Als Gegenstrategien dieser dysfunktionalen Tendenzen wird neben der Pluralität der Plattform-Angebote und -Anbieter auch ein Orientierungsrahmen gefordert, der die gesetzliche Regelung öffentlicher Kommunikation, die Stärkung des Qualitätsjournalismus und die selbstverantwortliche Gestaltung digitaler Medien durch die Nutzer fördern soll. Günter Bentele setzt sich mit der Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm in verschiedenen Kommunikationsberufen auseinander. Was sind die Ursachen für das Entstehen und was ist die gesellschaftliche Funktion dieser Normen? Sein Beitrag in diesem Band diskutiert diese Frage auch vor dem Hintergrund existierender Professionsethiken. Zentral ist für Bentele der Teil 1: Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 17 Wirklichkeits- und Weltbezug von öffentlicher Kommunikation. Präzise Informationen über das Weltgeschehen sind notwendig, da sie Orientierung schaffen und damit überhaupt erst eine Meinungsbildung ermöglichen, die über die reine Reproduktion von Ideologiefragmenten hinausgeht. Ausgehend von einer philosophisch-existenzialistischen Anthropologie setzt Charles Ess den Menschen als verkörpertes Wesen, das relational in Autonomie und in Verbundenheit mit anderen steht und nähert sich auf dieser Grundlage der Frage nach Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten. Aus der existenziellen Grundbedingung erarbeitet er, mit Løgstrup, die Wichtigkeit des Vertrauens und folgert daraus die Bedeutung „techno-moralischer Tugenden“, welche Vertrauen und Mut einschließen und notwendig für ein gutes Leben in der heutigen Welt sind. Wahrheit hat dabei eine wesentliche Funktion für die freiheitliche Demokratie und den Journalismus. Ess propagiert eine instrumentelle und intersubjektive Theorie der Wahrheit, die Gesellschaften komplexere Prognosen, erkenntnistheoretische Pluralität und mündige Verantwortung erlauben. „Fake News“ und Desinformation: Theoretische Einordnungen Ingrid Stapf vertritt die These, dass Wahrheit auch in digitalen Kontexten als zentraler Wert journalistischen Handelns gelten sollte. Sie widmet sich der Verbreitung von Falschnachrichten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, die auch durch Desinformation in Form von Verschwörungstheorien, Panikmache und Verharmlosung geprägt ist. Dies kann zur Folge haben, dass Menschen, die derartige “Fake News” glauben, sich irrational verhalten, da derartige Nachrichten mit einer Täuschungsabsicht einen Mangel an Wahrheit und Wahrhaftigkeit besitzen. Dies ist dann der Fall, wenn Tatsachen verstellt oder falsch darstellt werden, wodurch Rezipient*innen in die Irre geführt werden. Aus normativer Sicht plädiert Stapf dafür, die Wahrheitsnorm für die Medienberichterstattung konsequent einzufordern, um die individuelle und kollektive Autonomie, Meinungsbildung und politische Partizipation zu erhalten und zu fördern. Nikil Mukerji definiert den seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 kursierenden Begriff der „Fake News“ anhand einer philosophischen Begriffsanalyse. Hiernach sind Fake News Erscheinungsformen dessen, was der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet. Anhand der „Methode der Fallbeispiele“ als Vorgehensweise der modernen analytischen Philosophie, wird der Begriff der Fake News anhand Teil 2: Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 18 von vier Testfällen ein- und abgegrenzt und gegen einige mögliche Einwände verteidigt. Mukerji folgert, dass Fake News dann vorliegen, wenn eine These ohne Rücksicht auf deren Wahrheit in Form einer Nachrichtenveröffentlichung behauptet und publiziert wird, dabei aber das Publikum über die Wahrheitsindifferenz getäuscht wird. Tilman Bechthold-Hengelhaupt geht der Frage nach, was der operationale Konstruktivismus der Theorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann zur Debatte über „Fake News“ beitragen kann. Er zeichnet die bestehende Fachdiskussion dazu nach und konzentriert sich dann auf die Verteidigung konstruktivistischer Erkenntnistheorie gegen den Vorwurf des Relativismus und der Beliebigkeit. Ein Konstruktivismus, der alle Behauptungen für gleich berechtigt hält, könnte der Verbreitung von „Fake News“ nichts entgegensetzen. Hier bedarf es also weiterer Theorieentwicklung, insbesondere mit Blick auf die Rolle der Wissenschaft. Bechthold- Hengelhaupt empfiehlt auch eine intensivere Bemühung um Wissenschaftstransfer. Christian Filk und Jan-Hinnerk Freytag nehmen die Medienphilosophie von Günther Anders als Fokus für ihre Auseinandersetzung mit „Fake News“. Den Ausgangspunkt bildet seine Sorge, dass die Lüge sich grundsätzlich besser verbreitet als die Wahrheit. Filk und Freytag problematisieren essenzielle, einander erfordernde und bedingende Bestandteile des Komplexes „Fake News“. Sie eröffnen dabei drei Reflexionsperspektiven: Epistemizität, Performativität und Diskursivität. Mit Anders versuchen sie so, Ursachen für die verschiedenen Formen von „Fake News“ zu identifizieren. Fälschungen und Manipulationen: Empirische Untersuchungen und gesellschaftspolitische Fallanalysen Christian Schicha erarbeitet in seinem Beitrag eine medienethische Perspektive auf Bilder am Beispiel politischer Motive. Nach der Einordnung der Relevanz, Funktion und der Wahrnehmung von Bildern – und ihrer besonderen Wirkmächtigkeit im Vergleich zu Text – werden verschiedene Techniken der analogen und digitalen Bildbearbeitung skizziert. Anhand verschiedener Beispielfälle aus dem politischen Spektrum erarbeitet Schicha medienethisch relevante Bewertungsgrundlagen für Veränderungen und Manipulationen von Bildern. Abschließend stellt er Überlegungen zur Transparenz über Kennzeichnungsoptionen bearbeiteter Bilder an, die der Stärkung des Vertrauens in Bilder und ihrer Glaubwürdigkeit dienen können. Teil 3: Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 19 Olaf Hoffjann reflektiert den aktuellen Stellenwert normativer Ansprüche der Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Bereich der politischen Kommunikation in der sogenannten Post-Trust-Gesellschaft. Er zeigt auf, dass auch politische Lügner*innen in Demokratien Wahlerfolge erzielen können. Dabei richtet sich sein Fokus auf die Figur des politischen Spielers, der eigene Selbstinszenierungen strategisch nutzt, um seine Lügen zu legitimieren. Hierbei scheint der Wahrheitsanspruch an die Angemessenheit politischer Aussagen vielfach einen geringeren Wert zu haben als der Unterhaltungscharakter der Debatte, der auch durch eine zunehmende Fiktionalisierung strategischer Kommunikation in der Politik zum Ausdruck kommt, indem Elemente aus Spielfilmen und Romanen den politischen Diskurs beeinflussen und durch Inszenierungsspiele u.a. in Form von Pseudoereignissen in Erscheinung treten. Abschließend wird die normative Frage formuliert, ob derartige Spielformen angesichts der realen Probleme, die politisch gelöst werden müssen, nicht zynisch sind. Dem Autor zufolge ist aber zu befürchten, dass derartige ‘Spielereien’ aber nicht konsequent durch eine verantwortungsvolle Politik ersetzt werden. In ihrem empirischen Beitrag untersuchen Natalie Rybe, Ole Kelm und Marco Dohle die Frage, wie Desinformationen in der sogenannten Flüchtlingsdebatte in divergierenden Meinungslagern, nämlich denen, die der Zuwanderung von Geflohenen gegenüber positiv eingestellt waren und denjenigen, die dies eher ablehnten, wahrgenommen und beurteilt wurden. Ausgehend davon, dass individuelle Voreinstellungen einen Einfluss darauf haben, ob und in welcher Form Desinformationen erkannt, wahrgenommen und beurteilt werden, zeigen die Ergebnisse ihrer standardisierten Online-Befragung von 2019, dass „Fake News“ des jeweils anderen Meinungslagers als reichweitenstärker eingeschätzt wurden, dass angenommen wurde, dass sie bestehende Meinungen des anderen Meinungslagers stärker stützten als die des eigenen Meinungslagers sowie, dass Anhänger*innen der jeweils anderen Gruppe stärker durch Desinformationen beeinflusst würden. Wahrheit im Journalismus: Ethische Problemfelder und praktische Lösungen im Kampf gegen Desinformation In ihrem Beitrag fokussieren sich Saskia Sell und Bernd Oswald auf die Verifikation von Online-Inhalten in der journalistischen Praxis. Prüfen und Verifizieren von Inhalten als ein Kern journalistischer Arbeit sind die Grundlage wahrer Informationen und der Glaubwürdigkeit eines Journalismus, der dem Anspruch wahrheitsgemäßer Berichterstattung gerecht Teil 4: Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 20 wird. Nach der theoretischen Erarbeitung eines Wahrheitsbegriffs, der für den Journalismus tragfähig ist, wird ein Einblick in die bestehenden Herausforderungen von Verifikationsteams gegeben und exemplarisch am #Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks anhand von Beispielfällen aufgezeigt, wie die Verifikation von Online-Inhalten in der Praxis gelingen kann und warum dies medienethisch bedeutsam ist. Der Text von Tobias Eberwein beschäftigt sich mit Verantwortungsdimensionen des erzählenden Journalismus und verweist auf die Tradition fiktiver Stilmittel in diesem Kontext, die dazu beitragen können, die Verständlichkeit der Berichte zu erhöhen. Hierbei wird auch mit Metaphern, Assoziationen, Vergleichen, dramaturgischen Gestaltungselementen und szenischer Gestaltung sowie künstlichen Figuren und Situationen gearbeitet. Am Beispiel des Relotius-Skandals beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL wird dargelegt, inwiefern ein Missbrauch dieser Stilmittel vollzogen worden ist und welche Instanzen hierbei ihrer Kontrollfunktion nicht nachgekommen sind. Hierzu werden diverse Beiträge in ausgewählten Zeitungen und einem Nachrichtenmagazin analysiert, die ein Jahr lang über den Fall berichtet haben. Abschließend werden aus einer normativen Perspektive potenzielle Maßnahmen u.a. auf der individuellen, redaktionellen, professionellen und juristischen Ebene skizziert, die dazu beitragen können, die journalistische Qualitätssicherung zu stärken. Tanjev Schultz widmet sich der am Beispiel der gefälschten SPIEGEL- Reportagen den normativen Herausforderungen hinsichtlich der Wahrheitsnorm, die an diese journalistische Erzählform gerichtet werden. Einerseits sollte im Gegensatz zu nüchternen Nachrichtentexten die Lebendigkeit in der Sprache und im Stil der Beiträge erhalten bleiben. Andererseits sollte genau und wahrhaftig berichtet werden. Es wird in dem Beitrag deutlich gemacht, dass eine strikte Trennung zum fiktionalen Literaturgenre erforderlich ist, um die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung zu erhalten. Um diesem Anspruch gerecht zu werden ist, so Schultz, ein Regelwerk für den subjektiven Ansatz der Reportage erforderlich. Derartige Standards in den Redaktionen können konstruktiv dazu beitragen, die Glaubwürdigkeit der Reportage zu bewerkstelligen. Ausgehend davon, dass die journalistische Verknüpfung von Sachverhalt und Text zunehmend durch programmierte Systeme erfolgt, stellt sich auch für den sogenannten „Roboterjournalismus“ die Frage nach relevanten ethischen Standards. Hierzu stellen Thomas Zeilinger und Markus Kaiser Ergebnisse einer 2020 durchgeführten explorativen Online-Befragung unter Journalist*innen, Verbandsvertreter*innen und Journalismusausbilder*innen im deutschsprachigen Raum vor. Diese hatte die Frage verfolgt, welche ethischen Herausforderungen sich aus professionsethi- Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 21 scher Sicht mit Blick auf Roboterjournalismus ergeben und wie derartige Standards aussehen könnten. Die Autoren folgern, dass sich ein vertieftes Bewusstsein für die Thematik erst noch entwickeln müsse. Um die Frage zu beantworten, was eine genuin journalistische Wahrheit bzw. wahre journalistische Aussage ist, wird durch Hektor Haarkötter zunächst auf Wahrheitstheorien der analytischen Philosophie und der kritischen Theorie eingegangen. Neben journalistischen Aussagen werden auch journalistische Texte thematisiert. Zudem werden Bedingungen aufgezeigt, die für wahre journalistische Äußerungen erforderlich sind. Es wird darauf verwiesen, dass die Pflicht zur universellen Wahrheit in Deutschland bereits durch die Rechtsprechung normiert ist. Gleichwohlgeht es im Journalismus zunächst nicht um abstrakte Wahrheitsfragen, sondern um Tatsachen, Sachverhalte und Geschichten, die jedoch im Gegensatz zur Desinformation, Täuschung und Lüge glaubwürdig sein sollten. Der Bezug zu den Fakten sollte hierbei stets vorhanden sein. Gleichwohl können auch Fiktionen in journalistischen Beiträgen Wahrheiten zum Ausdruck bringen. Programmierte Wahrheit und digitale Netzwerköffentlichkeiten: Ethische Herausforderungen der Onlinekommunikation Aus der Perspektive der Informatik werden die Optionen und Limitierungen der Wahrheitsfindung durch maschinelles Lernen von Christian Riess diskutiert. Das Forschungsfeld der Multimediaforensik, in dem algorithmische Methoden entwickelt werden, sucht hierbei nach Möglichkeiten, die Authentizität und den Ursprung von Multimedia-Inhalten zu ermitteln. Die rechnergestützte Verifikation forscht nach Methoden, um den Ursprung von Aufnahmen einzugrenzen und heraus zu finden, ob sie ver- ändert worden sind. Insgesamt kann aktuell nicht davon ausgegangen werden, dass es einen universellen “Wahrheitsfinder” in Form einer Maschine gibt. Insofern ist eine Kombination aus menschlichen und technischen Fähigkeiten quasi als Team erforderlich, um Wahrheitsfragen zu erörtern. Dies gilt insbesondere für die Erkennung von Falschnachrichten, Humor und Propaganda. Entsprechende Bewertungen müssen letztlich vom Menschen vorgenommen werden. Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger untersuchen im Rahmen einer Netzwerk- und Inhaltsanalyse wie professionelle und sogenannte alternative Nachrichtenmedien den Lügen- und Wahrheitsdiskurs auf der Social- Media-Plattform Twitter bedienen. Zunächst werden Relationen zwischen „Alternativ-“ und „Mainstream“-Medien in Erfahrung gebracht. Daraufhin Teil 5: Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 22 zeigen sie mit ihrer Inhaltsanalyse von Tweets beider Medientypen, die sich mit „Lüge“ und „Wahrheit“ auseinandersetzen, dass die Rahmung der Begrifflichkeiten jeweils unterschiedlich ausgeprägt ist. Strukturelle Verbindungen zwischen beiden Typen dienen primär dazu, die Narrative der Gegenseite zu widerlegen. Michael Litschka betrachtet den vieldiskutierten Filterblaseneffekt aus zwei Perspektiven: der Plattformökonomie und dem Einfluss von Recommendersystemen. Er wirft ethische Fragen auf, die durch die Nutzung von algorithmenbasierten Geschäftsmodellen aufkommen. Im Zentrum seiner Diskussion stehen Homogenisierungseffekte, Selbstauswahlprozesse, mangelnde Entscheidungsfreiheiten und -fähigkeiten sowie die Verletzung einiger Grundwerte der Informationsgesellschaft. Daran anknüpfend beschreibt Litschka sein YouTube-Experiment, in dem er das Entstehen einer politischen Filterblase nachzeichnen konnte. Der Beitrag wird abgerundet durch die Diskussion der Implikationen dieses Experiments für die Unternehmensethik digitaler Plattformbetreiber. Danksagung Wir bedanken uns vor allem bei allen Autor*innen für Ihre Beiträge in diesem Band. Unser Dank gilt weiterhin dem Vorbereitungsteam mit Roberta Astolfi von der Akademie für politische Bildung in Tutzing, Alexander Filipovic als Gastgeber der Hochschule für Philosophie ebenso wie Nina Köberer und Marlis Prinzing, die als Sprecherinnen der DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik neben den Herausgeberinnen und dem Herausgeber dieses Bandes an der Konzeption, Planung und Durchführung der Tagung beteiligt waren. Unser besonderer Dank gilt Frau Dr. Sandra Frey und Frau Eva Lang vom Nomos-Verlag für die professionelle und angenehme Zusammenarbeit. Literatur Alterman, Eric (2020): Lying in State. Why Presidents Lie – And Why Trump is Worse. New York: Basic Books. Appel, Markus (Hg.) (2020): Die Psychologie des Postfaktischen, Über Fake News, “Lügenpresse”, Clickbait und Co. Springer: Berlin. Arendt, Hannah (1972/2017): Wahrheit und Lüge in der Politik. München: Piper. Boventer, Hermann (1986): Wahrheit und Lüge im Journalismus. J.P. Bachem: Köln. Einleitung: Zwischen Desinformation, Zeugenschaft und Glaubwürdigkeit 23 Dietz, Simone (2003): Die Kunst des Lügens. Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg. Gensing, Patrick (2020): Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratien. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn. Jaster, Romy / Lanius, David (2019): Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen. Reclam: Stuttgart. Knuth, Hannah / Mayr, Anna (2020): Jetzt mal ehrlich! Vom Lügenausschuss 2002 bis zu den Fake News von Donald Trump: Wie die Unwahrheit ihre zersetzende Wirkung immer stärker entfaltet. In: DIE ZEIT Nr. 36/2020, 27. August 2020. Kuhla, Karoline (2017): Fake News. Carlsen: Hamburg. Lilienthal, Volker / Neverla, Irena (Hg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffes. Kiepenheuer und Witsch: Köln. Lotter, Maria-Sibylla (2017): Die Lüge. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Reclam: Stuttgart. Mayer, Horst Friedrich (Hg.) (1998): Die Entenmacher. Wenn Medien in die Falle tappen. Franz Deuticke Verlagsgesellschaft: Wien und München. Pauer, Nina (2020): Am Ende ist es wie beim Kinderspiel. Von Fake News bis zu manipulierten Selfies: Es scheint, als lebten wir im Zeitalter der Lüge. Aber das tun wir immer schon – aus einem einfachen Grund. In: DIE ZEIT Nr. 36/2020, 27. August 2020. Sängerlaub, Alexander / Meier, Miriam / Rühl, Wolf-Dieter (Hg.) (2018): Fakten statt Fakes. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von Fake News im Bundestagswahlkampf 2017. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-nv.de/sites/de fault/files/snv_fakten_statt_fakes.pdf. Stark, Holger (2020): Die Corona-Lügen. Was diese Krise auch zeigt: Journalismus ist der Gerüchteküche im Netz überlegen. In: DIE ZEIT Nr. 13/2020, 19. März 2020. Wunden, Wolfgang (Hg.) (1996): Wahrheit als Medienqualität. Beiträge zur Medienethik. Band 3. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik: Frankfurt am Main. Saskia Sell, Ingrid Stapf und Christian Schicha 24 Teil 1 Wahrheit im Kontext von Digitalisierung: Philosophisch-ethische Auseinandersetzungen Der Verlust des Vertrauens. Medienphilosophische Perspektiven auf Wahrheit und Zeugenschaft in digitalen Zeiten Sybille Krämer Abstract Das durch Zeugnis erworbene Wissen bildet eine unersetzliche Dimension unserer Wissenskulturen, denn fast alles, was wir wissen, ist uns bekannt durch Worte, Schriften und Bilder anderer. Wir sind epistemisch abhängige Wesen. Doch nur dann wird aus übermittelten Informationen Wissen, wenn das Auditorium den Zeuginnen und Zeugen glaubt und vertraut. Der allgegenwärtige Internetzugang scheinen unser Weltverhältnis in eines der ubiquitären Zeugenschaft zu verwandeln. Das gilt erst recht für Journalisten, die eine ihrer zeitgenössischen Formen verkörpern. Zugleich unterminieren die mit der Digitalisierung exponentiell anwachsenden Möglichkeiten der Fakes, Täuschungen und Manipulationen den Wahrheitsanspruch von Informationen. Was bedeutet dies für journalistische Arbeit? Ein komplexes Spannungsfeld zwischen bezeugender Informationsübermittlung einerseits und sich positionierender Kommentierung und Meinungsbildung andererseits zeichnet sich ab. Doch unerachtet der komplexen Frage, wo in diesem Feld der Ort des ‚guten Journalismus‘ ist, sollte der Wahrheitsbegriff nicht erodieren. Die journalistische Kernaufgabe bleibt die Mündigkeit von Rezipienten dadurch zu stärken, dass diese kraft übermittelter Informationen, denen sie vertrauen, sich selbst eine Meinung bilden können. Die folgenden Überlegungen skizzieren die Gedankenfolge meines öffentlichen Abendvortrages am 19. Februar 2020 an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und bewahren dessen Vorhaben Kontext und Kartographie einer Problemlage zu zeichnen, bei welcher ‚Wahrheit‘ und ‚Zeugenschaft‘, so die Bitte der Veranstalter, eine bedeutsame Perspektive abgeben. Wenn wir über Fake News sprechen, dann geht es in Wahrheit um etwas anderes: um Vertrauen. Barbara Hans (2018) 27 Die Frage nach Wahrheit im Kontext der Digitalisierung Die euphorisch-utopischen Hoffnungen der Anfänge der Computerkultur – so die Ideen über politische Partizipation, Befreiung von ethnischer, geschlechtlicher etc. Diskriminierung, Demokratisierung des Wissenszugangs – scheinen drei Jahrzehnte später in ihr Gegenteil gekippt: Hassrede, Fake News, Datenmissbräuche aller Art sowie der Zerfall zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit in Echokammern und Filterblasen scheinen zu Markenzeichen der digital vernetzten Gesellschaft zu avancieren. ‚Postfaktisch‘ wird 2016 zum Wort des Jahres. Die Corona-Zäsur hat zwar eine wichtige Verschiebung hin zu der Einsicht ausgelöst, wie grundlegend und lebensnotwendend der Einsatz digitaler Technologien für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft ist; doch die während der Pandemie massenhaft zirkulierenden Verschwörungstheorien im Netz zeigen zugleich, wie eng die Liaison zwischen dem ‚Postfaktischen‘ bzw. ‚alternativen Fakten‘ und dem Internet ist. Dieser Umschlag im öffentlichen Bewusstsein von einer Utopie in eine Dystopie1 verkennt allerdings das Ambivalenzprinzip: Nicht nur die von uns geschaffenen Begriffe, auch die Phänomene selbst sind von einer grundlegenden Janusköpfigkeit bei deren Beschreibung jedes disjunktive Entweder-oder zu kurz greift. Der römische Gott Janus hat zwei Gesichter: so kann er vorwärts und rückwärts gehen. Unter diese Doppelgesichtigkeit fällt auch die Dialektik und das Dilemma technisch- ökonomischer Entwicklung: unbegrenztes Wachstum zehrt zugleich die Grundlage der eigenen Entwicklungsmöglichkeiten auf. Vor diesem Horizont gewinnt eine Frage Kontur: Wie kann unter den Bedingungen der Digitalisierung ein Wahrheitsanspruch artikuliert werden, der einer – wie auch immer komplexen – Entsprechung zwischen Rede und Welt verpflichtet bleibt? Soziale und symboltechnische Verfasstheit des Erkennens Die europäische Aufklärung propagierte die Souveränität, Autarkie und Mündigkeit des Individuums im Denken und das macht im Hinblick auf die Emanzipation von Autoritätsgläubigkeit und -hörigkeit seinen guten Sinn. „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also 1. 2. 1 Ob die Pandemie-Erfahrung diese Tendenz stoppt oder gar umgekehrt, muss sich erst noch zeigen. Sybille Krämer 28 der Wahlspruch der Aufklärung“, forderte Kant.2 Doch heute gehen wir aus von einer Relativierung individueller Autonomie im Erkennen, von einer grundständigen Sozialität unserer Wissenspraktiken. Wieviel von dem, was wir wissen, sind wir tatsächlich in der Lage nach epistemischen Kriterien zu begründen – außer durch Hinweis auf die Quelle? Es ist überraschend wenig. Wissenserwerb ist ein kollektiver, oftmals kollaborativer Prozess; „Wissen ist ein Kollektivgut“ (Shapin 1994: XXV). Diese Korrektur am individualistischen Programm der Aufklärung ist grundlegend: Wir sind epistemisch abhängige Wesen und unsere Erkenntnistheorie trägt die Signatur einer sozialen Epistemologie (Fuller 2012, Longino 2002). Auf zwei Facetten dieser basalen Sozialität im Denken und Erkennen kommt es hier an: (i) Zeichengebrauch: Da ist einerseits die unhintergehbare Zeichengebundenheit von Erkenntnis: Nahezu alle Wissenspraktiken sind symbolisch konstituiert und präformiert; wissenschaftliche Arbeit außerhalb der Kulturtechniken der Schriftlichkeit schwer denkbar. Ohne den Gebrauch von Sprache, Schriften und Visualisierungen aller Art ist Denken kaum möglich und komplexe Erkenntnis weder zu gewinnen, noch zu teilen. (ii) Zeugenschaft: Da ist andererseits der Umstand, dass ein Gutteil von dem, was wir wissen, nicht individuell überprüfbar ist, sei es durch eigene Beobachtung und Erfahrung, sei es durch Beweis und Begründung, sondern erworben wird im Vertrauen auf das, was die Worte, Schriften und Bilder anderer uns mitteilen, also durch Zeugnis. Medialität der Übertragung und ihre ‚Logiken‘ Unser Wahrnehmen, Erfahren, Kommunizieren und Denken ist imprägniert durch die Medien, in denen unser Welt- und Selbstverhältnis kulturgeschichtlich verfasst ist. Was ein Medium ist kann im Horizont des ‚Botenmodells‘ begriffen werden (Krämer 2008, 2020). In einer elementaren Perspektive betrachtet nehmen Medien die Position einer Drittheit 3. 2 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant 1784: 481). Der Verlust des Vertrauens 29 ein, lokalisiert zwischen zwei heterogenen Welten, Systemen oder Feldern, zwischen denen eine Verbindung gestiftet wird, welche Austausch und Übertragung ermöglicht, ohne dabei die Heterogenität des damit Verbundenen nivellieren zu müssen. Dieses Botenmodell unterscheidet sich von konstruktivistisch orientierten Medientheorien, in denen Medien das, was sie übermitteln und vergegenwärtigen, auch selbst erzeugen und hervorbringen. Denn damit avancieren die Medien. Gegenüber der Hypostasierung von Medien zum letztbegründenden Apriori gesellschaftlicher Verhältnisse und Instanzen originärer Erzeugung ihrer Gehalte3, setzt das Botenmodell die Akzente anders: Die im Schatten der neuzeitlichen, demiurgischen Emphase für das Konstruieren und Konstituieren liegenden, eher beiläufigen und unspektakulären Vorgänge wie Vermitteln, Übertragen, Übersetzen, Zirkulieren und Distribuieren spielen – und darauf kommt es an – eine genuin kreative und kulturstiftende Rolle, die es aus dem Schatten der Strahlkraft des Erzeugungsparadigmas hervorzuholen, zu beleuchten und zu rehabilitieren gilt. Die Formen dieser medialen Übertragungen sind vielfältig und verkörpern je eigene ‚Übertragungslogiken‘. So gewinnen in der Perspektive des Botenmodells Grundformen von Übertragungsverhältnissen Gestalt, in denen sich eine je spezifische Eigengesetzlichkeit eines Transmissionsverfahrens verdichtet. Um dafür einige Beispiele zu geben:4 (i) Religion/Kunst: Die imaginäre Figur des Engels (‚angelus‘: Bote) vermittelt zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre durch die Übertragungslogik der Hybridisierung, insofern der Engel Eigenschaften beider Sphären in Koexistenz vereint. Zugleich wohnt dem ‚Engelprinzip‘ die diabolische Entgleisung inne: Luzifer möchte nicht Mittler sein, sondern Gott – und kommt zu Fall. Mittler können ihr Botenamt missbrauchen. (ii) Ökonomie: Wenn jemand etwas besitzt, das der andere nicht hat, aber begehrt, schafft das Medium Geld die Möglichkeit einer gewaltlosen Übertragung von Eigentum. Die Funktionalität von Geld beruht auf dem Übertragungsprinzip der Indifferenzialität: Als nicht konsumierbares Gut verkörpert es die von jedwedem Inhalt unberührte und losgelöste ‚reine‘ Quantifizierbarkeit. (iii) Medizin: Auch Ansteckung, also die Übertragung Krankheiten bedarf der Medien. Viren sind erstklassige Überträger von Infektionen: Sie sind leblose chemische Strukturen die Krankheiten übertragen, indem sie 3 Friedrich Kittler kann als Exponent dieses ‚Medienfundamentalismus‘ gedeutet werden. 4 Krämer 2008: 122-269. Sybille Krämer 30 die Replikationsmechanismen der befallenen Wirtzelle zu ihrer eigenen Fortpflanzung instrumentalisieren. Ihr Übertragungsprinzip beruht auf Umschrift: die DNA und RNS der Wirtzelle wird vom Virus in die ‚Schrift‘ seines eigenen Erbmaterials umcodiert. (iv) Wissen: In dieser generalisierten Übertragungs- und Vermittlungsperspektive sind auch Zeugen als Medien thematisierbar5: Sie vermitteln eine Erfahrung über Ereignisse an diejenigen, denen dieses Ereignis durch räumliche und/oder zeitliche Distanz unzugänglich und entzogen ist. Das Zeugnisgeben umfasst ein weites Spektrum im Spannungsfeld zwischen der dramatischen Situation der Überlebenszeugen von Krieg und Genozid und der alltäglichen Situation einer Weitergabe von Information und Wissen. Doch stets ist das Übertragungsprinzip das Vertrauen zwischen Zeugin und Auditorium, denn es ist die Bedingung dafür, dass die Zeugenrede überhaupt als ein Wissen und Informieren durch Rezipienten akzeptiert wird. Wir sehen: Die Eigenlogiken des Übertragens, die wir durch die Begriffe Hybridisierung, Indifferenzialität, Umschrift und Vertrauen gekennzeichnet haben, beschreiben höchst verschiedenartige Weisen – und es sind keineswegs die einzigen! – wie die Kluft zwischen zwei heterogen strukturierten Feldern, Systemen oder Situationen medial zu überbrücken ist. Ethische Signatur einer ‚Sozialen Epistemologie‘: Erkennen durch Anerkennen Vor allem innerhalb der Philosophie wird Wahrheit gerne als ‚gerechtfertigte wahre Überzeugung‘ 6 apostrophiert. Doch ein Gutteil dessen, was wir wissen, können wir – erkenntnistheoretisch beurteilt – gar nicht begründen. Das beginnt elementar mit dem Datum unserer Geburt, sowie unserer Herkunft, geht weiter mit dem Erwerb einer Sprache und der schulischen Sozialisation, schließt alltägliche Benachrichtigungen ein und mündet im Insgesamt akademischer Wissenspraktiken. Wir verlassen uns auf das, was wir ‚aus zweiter Hand‘ erfahren – in der Wissenschaft so gut wie im Alltag. Selbst Mathematiker überblicken und verstehen Beweise nur in ihrem msehr oder weniger begrenzten Teilgebiet und verlassen sich in allem, was über ihre Spezialisierung hinausgeht, auf erworbenes Wissen und die ‚gute wissenschaftliche Praxis‘ der anderen. Wir sind epistemische 4. 5 „A witness is the paradigm case of a medium” (Peters 2001: 709). 6 Zur Auseinandersetzung mit dieser Position vgl. Detel (2014: 50f.). Der Verlust des Vertrauens 31 abhängige und keineswegs autarke Wesen (Krämer 2017: 250). Kein Zweifel: das im Zeugnisgeben fundierte Wissen markiert eine unersetzliche Dimension unserer Wissenskulturen. Das ist epistemologisch keineswegs harmlos: Da der Zeuge etwas mitteilt, das seinen Hörerinnen grundlegend entzogen ist, ist sein Zeugnis kein Beweis und schafft auch keine Evidenz; anderenfalls wäre es kein Zeugnis. Damit ist mehr gemeint, als die heute vielfach nachgewiesene Irrtumsanfälligkeit im Zeugnisgeben. Jacques Derrida hat auf den fundamental nicht-evidenziellen Charakter des Zeugnisgebens nachhaltig verwiesen: „Bezeugen liegt quer zum Erbringen von Beweisen…Bezeugen appelliert an einen Akt des Glaubens.“ (Derrida 2000: 158f.) Dass durch das Zeugnis gleichwohl ein Wissen mit einem Wahrheitsbezug entstehen kann – und das wiederum hat Derrida übersehen – ist möglich, weil es im Akt des Bezeugens eine Interaktion, eine soziale Relation entsteht zwischen Zeuge und Hörern. Dieses Wechselverhältnis wird gegenwärtig als das Zweite-Person-Modell von Zeugenschaft untersucht und debattiert (Hinchman 2005, McMyler 2011, Moran 2006). Gemäß dieser Zweiten-Person-Perspektive kann die Zeugin gerade deshalb Wissen seitens der Hörer entstehen lassen, weil das, was sie sagt, nicht als Behauptung (‚assertion‘), sondern als Zusicherung (‚assurance‘) gemeint ist: Die Zeugin übernimmt für ihre Aussage die Bürgschaft, Gewähr und Verantwortung. Zu bezeugen ist nicht einfach ein Akt der Informations- übermittlung, sondern erzeugt eine soziale Relation zwischen Zeuge und Auditorium, die auf Seiten der Hörer bedeutet, dem Zeugen ‚Vertrauen zu schenken‘. Erst die vom Auditorium anerkannte Glaub- und Vertrauenswürdigkeit des Zeugen und dessen Bereitschaft für seine Worte einzustehen, verwandeln bezeugende Kundgabe in bezeugtes Wissen. Diese Relation in der Zweiten-Person-Perspektive kann dann sozial erweitert werden. Vertrauen ist nur nötig in Situationen von Ungewissheit: wo gewusst wird, muss nicht vertraut werden. Wenn auch das personale Vertrauen den Nukleus dessen bildet, was Vertrauen bedeutet – so jedenfalls sieht es Niklas Luhmann (Luhmann 2000: 27) – kann dieser Kreis erweitert werden und institutionelles Vertrauen, etwa in Zertifikate und Diplome oder systemisch-gesellschaftliches Vertrauen in das Einhalten von Verkehrsregeln, das Abhalten von Wahlen etc. einschließen. Dass mit der Frage ‚wer ist vertrauenswürdig?‘ zugleich Bedingungen von Macht, Politik, Geld, Ethnie und Geschlecht im Spiel sind, ist unabweisbar. Gewöhnlich vertrauen wir denjenigen, die uns ‚am ähnlichsten‘ sind (Fricker 2017). Um all dies zusammen zu fassen: Wenn das Wissen aus zweiter Hand ubiquitär ist, dann bildet Vertrauen ein Fundament unserer Erkenntnispraktiken. Die soziale Epistemologie ist von einer grundständig Sybille Krämer 32 ethischen Signatur: Erkennen setzt das Anerkennen anderer voraus; Episteme und Ethik verschränken sich. Exkurs: Was bedeutet ‚Wahrheit‘? Wahrheit als Suchbewegung Was ‚Wahrheit‘ bedeutet, scheint eingespannt zu sein in ein Quartett von Begriffen, bei dem noch ‚Irrtum‘, ‚Lüge‘ und ‚Bullshit‘ ihren Part spielen. Ein Irrtum ist ein unabsichtlich unterlaufener Fehler (und Motor wissenschaftlicher Entwicklungen!), der sich von der absichtsvollen und damit immer noch auf Wahrheit bezogenen Täuschung der Lüge unterscheidet. Bullshit dagegen ist ein Gerede (‚Hohlsprech‘), dessen Inhaltsleere jeglichen Wahrheitsbezug verloren hat. Wenn wir Jürgen Habermas folgen darin, dass Wahrheit ein Geltungsanspruch (Habermas 1984: 428) ist, den eine Sprecherin mit ihrer Äußerung erhebt, dann kann ‚was Wahrheit ist‘ nicht außerhalb von Kontexten bestimmt werden, in denen zu berücksichtigen ist, wer, was, wann zu wem und unter welchen Bedingungen gesagt hat. Ob es gefällt oder nicht: Wahrheit ist kontext-relativ. In diesem Zusammenhang ist eine antike Urszene der Wahrheitsfindung aufschlussreich. Obwohl Platon zugeschrieben wird, dass für ihn das Wahre eine unanfechtbare, ideell existierende gleichsam ‚ontologische Entität‘ sei, legen sein Liniengleichnis (Politeia VII: 509d-511e) und Höhlengleichnis (Politeia VII: 514a-517a) eine andere Sicht nahe (Krämer 2016: 145-160). Wahrheit fungiert dort nach Art einer regulativen Idee, welche den Weg des Erkennens lenkt und orientiert. So ist es bei dem Gefangenen, der in der Höhle gemeinsam mit anderen nur die Schatten- und Trugbilder sieht und sich – von den Fesseln befreit – umwendet und zum Licht der Wahrheit am Höhlenausgang strebt. Und so ist es philosophisch noch akzentuierter im Liniengleichnis ausgearbeitet und auch diagrammatisch aufgezeichnet7, in welchem Platon ein viergliedriges Schichtenmodell der Welt entwirft, beginnend mit den Schatten und Bildern, gefolgt von dem Level körperlicher Dinge, denen wiederum die Sphäre der Begriffe und Hypothesen folgt, schließlich gekrönt vom Reich der Ideen. Der Kunstgriff dieser Weltbildkartographie Platons ist, dass er diese – jargonhaft gesagt – als epistemisches Navigationsmittel empfiehlt: Erkenntnis beginnt mit den 5. 7 Tatsächlich enthält das älteste auf uns gekommene Manuskript der POLITEIA ein real gezeichnetes Diagramm des Liniengleichnisses, welches in den philosophischen Editionen Platons allerdings unterschlagen wird (Codex Parisinus graecus 1807). Der Verlust des Vertrauens 33 Bildern, steigt dann auf zu den sichtbaren Dingen, geht dann über zu den wissenschaftlichen Begriffen und Hypothesen, um schließlich – allerdings kaum von jemandem erreichbar – zum Wahren zu gelangen. Die Pointe des Liniengleichnisses liegt darin die defizitäre ‚Natur‘ jedes erreichten Wissensstandes einzusehen, um – dadurch angetrieben – diesen zugunsten des nächst ‚höheren‘ Wissens zu überschreiten. Bilder und Visualisierungen (welche die Platonische Akademie routinemäßig einsetzte in ihrer Lehre) sind somit als Startpunkt der Erkenntnis unabdingbar und nur, wenn sie zum Endpunkt des Erkennens arretieren, verwandeln sie sich in Trugbilder. Schon bei Platon also ist angelegt die Orientierung an Wahrheit als eine Suchbewegung aufzufassen. Wir gehen heute davon aus, dass diese Suche nur existiert in einer Fülle unterschiedlicher Wahrheitspraktiken (Hampe 2019: 8ff.). Gleichwohl bleibt entscheidend, dass diese Wahrheitspraktiken die Unterschiede von Wahrheit, Irrtum, Lüge und Bullshit nicht zu verwischen haben: Gerade die Corona-Zeit hat demonstriert, welche gesellschaftliche Bedeutung wissenschaftsgeleiteten, am Wahrheitsanspruch festhaltenden Aussagen zukommt – auch wenn dies gerade nicht heißt und heißen kann, dass Wissenschaftler zu jeweils denselben Interpretationen gelangen. Massenmedien, Zeugenschaft und Digitalisierung Der Aufstieg der Massenmedien, insbesondere des live-Fernsehens im 20. Jahrhundert8 und erst recht der allgegenwärtige Internetzugang im 21. Jahrhundert9 scheinen unser Weltverhältnis in eines der ubiquitären Zeugenschaft zu verwandeln. Die Medien werden Instrumente permanenter Selbstbeobachtung der Gesellschaft. Wir können nicht mehr sagen ‚nicht zu wissen‘. Doch werden wir damit selbst massenweise zu ‚sekundären Zeugen‘ wie etwa John Ellis annimmt? Zeugen in einem basalen Sinne von ‚Zeugenschaft‘ sind Teil eines Geschehens, also dabei gewesen: Sie haben etwas wahrgenommen, weil sie vom Ereignis körperlich und sinnlich affiziert wurden; sie sind daher Spuren dieses Ereignisses. Mediennutzer, die ein Ereignis nicht als Teil dieser Situation erleben, sondern nur deren 6. 8 „Television sealed the twentieth century’s fate as the century of witness.” (Ellis 2000: 32). 9 „Contemporary media witnessing serves as its own justification, putting society permanently on view to itself for its own sake, as the audience perpetually witnesses its own shared world because this is what mass media do.” Frosh/Pinchevski 2009: 11. Sybille Krämer 34 Darstellung sehen, sind in diesem elementaren Sinne keine Zeugen. Die Dazwischenkunft des Mediums ist hier entscheidend: So, wie Boten Nachrichten verfälschen können, Zeugen – und zwar häufig – sich nur ungenau erinnern, sind technische Aufzeichnungen wiederum manipulierbar; überdies können sie beliebig wiederholt sowie allgegenwärtig rezipiert werden. Das Spannungsverhältnis zwischen der Singularität eines bezeugten Ereignisses einerseits und seiner technischen Reproduzierbarkeit, modifizieren ‚was ein Zeugnis ist‘ und instabilisieren es zugleich. Dies öffnet ein weites Feld und so mögen nur drei Schlaglichter dieses Feld selektiv beleuchten: (i) Die Holocaust-Zeugenschaft (Greenspan 1998, Kusch 2017), die sich in das kollektive Gedächtnis des 20. Jahrhunderts paradigmatisch für das Zeugnisablegen eingeschrieben hat, ist ihrerseits nicht vor Lüge und Betrug gefeit. Dies belegt das Fake einer Holocaust Autobiographie des Schweizer Bruno (Grosjean) Dössekker, der unter dem Namen ‚Binjamin Wilkomirski‘ 1995 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp eine erfundene Shoah-Kindheitsbiographie veröffentlichte. 1998 wurde diese Autobiographie als Fälschung entlarvt und ist seitdem Anlass zahlreicher Debatten, die grundlegende Fragen nach oral history, Zeitzeugenschaft, Fiktionalität von Literatur etc. aufwerfen. (Langer 2006) (ii) Dass Ereignisse inszeniert werden, damit sie technisch reproduzierbar werden, um dann als Zeugnisse für eine zumeist politische Botschaft omnipräsent zirkulieren können, liegt nah und ist der Begleitton vieler Terrorakte. Die Endlosschleife der zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers 2001 evozierte, dass dieser Anschlag eine Doppelfunktion zu erfüllen hatte: nicht nur das Symbol US-amerikanischer Finanzmacht zu zerstören, sondern auch in fernsehwirksamen Bildern diesen Terrorakt öffentlich zu dokumentieren und Terrorangst weltweit zu verbreiten. (iii) Nicht nur die Fake News, sondern auch ‚deep fakes‘ tragen bei zur Verunsicherung inwieweit dem, was medial präsentiert wird, zu trauen ist. Mit Hilfe von Verfahren Künstlicher Intelligenz (‚deep learning‘) können Wahrnehmungsgehalte, also Bilder und Videos verfälscht werden und gravierende Verifizierungsprobleme schaffen: So etwa wenn hochauflösende Portraits nichtexistierender Personen gemacht, oder Gesichter existierender Personen auf diejenigen anderer gefilmter Personen projiziert werden, Objekte auf Fotos gelöscht sowie Reden und Bewegungen dokumentierter Personen falsche Reden und Bewegungen untergeschoben werden können.10 10 Herstellung hochauflösender Porträtbilder nichtexistierender Personen: https://w ww.youtube.com/watch?v=-cOYwZ2XcAc. Der Verlust des Vertrauens 35 Allerdings sollten angesichts dieser allseits bekannten und viel debattierten Täuschungsmöglichkeiten, die Manipulationsphänomene nicht überschätzt werden. Deren hochgradige Diskursivierung – so erhellend und fruchtbar solche Debatten sind – kann auch zu ihrer Überbewertung beitragen: Was realiter vielleicht nur ein Randphänomen ist, wird durch diskursive Praktiken ins Schlaglicht der Aufmerksamkeit gerückt und zu einem erstrangigen Problem geadelt. Eines allerdings ist klar: Gerade das Brüchigwerden von ‚Wahrheit‘ unter den Bedingungen der Digitalisierung zusammen genommen mit dem Umstand, dass wir immer schon einen Gutteil unseres Wissens nicht selber begründen (können), sondern uns verlassen auf Worte und Schriften anderer: Dies alles führt dazu, die Verbindung von ‚Wahrheit‘ und ‚Vertrauen‘, um nicht zu sagen: die Anbindung von Wahrheit an Vertrauen immer unauflöslicher zu machen. Digitale Herausforderungen des Journalismus Es ist derweilen ein Gemeinplatz und wird von allen Seiten beforscht und erörtert: Im Zuge digitaler Mediennutzungen verändern sich – und zwar ziemlich radikal – die Rahmenbedingungen und Praktiken der Journalisten und werden unter den Schlagworten ‚Netzwerkjournalismus‘, ‚Producer‘, maßgeschneiderte Nachrichtenmenüs, Echtzeitanalysen der Mediennutzung etc. analysiert (Neuberger 2018). Die massenmediale Kommunikation, die in ihrer klassischen Form unidirektional und linear verläuft und von einem Sendezentrum her organisiert ist, wird dezentral, hybrid und interaktiv. Webbasierte Medienangebote, die aktive Einbeziehung des Publikums und der Nutzer, inklusive einer gewissen Grenzverwischung zwischen Journalistin und Blogger, nicht zu vergessen die sich eröffnenden Möglichkeiten digitaler Recherche und Überprüfung markieren nur einen kleinen Ausschnitt aus einem grundlegenden Transformationsprozess der was ‚Öffentlichkeit‘ bedeutet, ebenso umfasst wie deren Nachrichtenwesen. Haben Journalisten und Redakteurinnen eine stärker kuratierende, moderierende, kommentierende Rolle einzunehmen – wie Birte Fähnrich 2019 das vermutet? Werden Journalisten zu ‚Torhütern‘, welche die öffentliche Kommunikation kritisch und verantwortungsbewusst zu steuern haben? 7. Spurlose Objektentfernung in Fotos: https://www.youtube.com/watch?v=tU484z M3pDY. Sybille Krämer 36 Angesichts solcher Fragen, welche Institution und Profession des Journalismus herausfordern, scheinen die zu Beginn skizzierten Kategorien wie ‚Bote‘ oder ‚Zeuge‘ der Komplexität digitaler Transformationen massenmedialer Kommunikation kaum mehr angemessen. Denn wäre jetzt nicht die Vorstellung an der Zeit, dass aus den Instanzen des Nachrichtenüberbringens (Bote) und des Mitteilens einer Erfahrung (Zeugin) nun Instanzen aktiven Selektierens, Steuerns, Navigierens, Kuratierens, Kommentierens, Kritisierens werden? Diese Reihe allesamt aktivistischer Termini ist unschwer fortschreibbar. Sollten jetzt nicht traditionelle Orientierungen an einer ‚Neutralität von Journalisten‘ aufgegeben werden? Doch liegt angesichts dieser Forderung der Einwand nah, dass es auch eine Verführung des Webjournalismus sein könnte, sich von der Hypostasierung digitaler Interaktivität zu weit vereinnahmen zu lassen, da doch Tätigkeiten wie recherchieren, nachprüfen, übertragen, weitergeben, übersetzen und vermitteln, die den Kanon verantwortungsvollen Umgang mit Nachrichten ausmachen, weiterhin in Geltung sind. Dass Journalisten selbst in ihrer Rolle immer Medien bleiben, also elementar ‚Boten mit Nachrichten‘ verkörpern, erscheint einerseits trivial und ist unter digitalen Bedingungen doch so schwer zu realisieren. Das sind komplizierte Fragen und es steht mir nicht zu, darauf gültige Antworten zu finden. Doch gerade die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie stark – wenn Unsicherheit und Ungewissheit gegeben sind – das Bedürfnis nach Fakten und nicht Fiktionen ist. Der Zuspruch zu den Verschwörungstheorien scheint mir – in Zahlenrelationen gedacht – eher ein Randproblem gewesen zu sein, welches erst durch permanente mediale Präsenz und Reproduktion zum Kernthema (gemacht) wurde. Die Mündigkeit im Denken, welche die europäische Aufklärung einfordert, setzt voraus, dass der gute Journalismus das Selberdenken, also ‚Mündigkeit‘ der Rezipienten anzielt: ‚Wahrheit zu übermitteln‘, damit Leserinnen sich selbst ihre Meinung bilden können, bleibt sein tägliches Brot. Sind die oft so irr und wirr anmutenden populistischen Vorwürfe der ‚Lügenpresse‘ vielleicht (auch) ein fernes Echo davon, dass Journalisten sich zu sehr als Meinungsmacher und zu wenig als Übermittler von Nachrichten und Fakten sehen? Doch hier zeichnet sich ein komplexes Dilemma im Spannungsfeld von Übermittlung und Kundgabe einerseits und Kommentierung, Stellungnahme und Meinungsbildung andererseits ab, das einseitig nicht auflösbar ist, sondern nur als prozessierende Balance zwischen diesen beiden schwierigen Polen. Wo also ist die vermittelnde Drittheit des Journalismus lokalisiert: Zwischen Politik resp. Regierung und Gesellschaft, oder zwischen Wirklichkeit und Gesellschaft? Wir sollten darum ringen, dass Letzteres der Fall ist. Der Verlust des Vertrauens 37 Digitale Aufklärung? Alphabetische Literalität und Buchdruck, die medientechnischen Grundlagen der europäischen Aufklärung, gingen einher mit einem Transparenzund Kontrollversprechen: Behauptungen können durch Argument und Beweis intersubjektiv plausibilisiert werden; Enzyklopädien, Handbücher und Lexika machten alphabetisch geordnet Wissen zugänglich; die Buchstabenalgebra (‚symbolische Algebra‘) demokratisierte die elementare Mathematik zu einer lehr- und lernbaren Rechenkunst; Bibliothekssignaturen ermöglichten Nutzern das Auffinden von Büchern im Bücherlabyrinth etc. Das ist natürlich nur die eine Seite, deren Rückseite der Ausschluss vieler von diesen auf Transparenz zielenden Wissenspraktiken war, welche das Kulturgut einer meist männlichen Gelehrtenwelt blieb: Ada Lovelace (1815-1852), der wir das erste lauffähige Computerprogramm verdanken, durfte als Frau Bibliotheken erst gar nicht betreten (Krämer 2015: 75). Gleichwohl ist diese ‚Kulturtechnik der Verflachung‘, die in der Gutenberg-Galaxis Wissen transparent und zugänglich macht in Gestalt von Texten, Diagrammen, Graphen und Karten eine kulturelle Errungenschaft und verkörpert ein – in Wissenschaft, Kunst, Technik und Alltag – nicht mehr weg zu denkendes schöpferisches Potenzial (Krämer 2016). Doch wenn sich das bedruckte Papier zum elektronischen Interface verwandelt, scheint das aufklärerische Versprechen von Transparenz und Kontrolle umzuschlagen in Intransparenz und Kontrollverlust. Die operative Sichtbarkeit, die mit der ‚Kulturtechnik der Verflachung‘ ursprünglich einherging, kippt um in eine apparative Unsichtbarkeit. Dadurch kehrt eine – vormals eliminierte – unüberschaubare Tiefendimension des Nichtwissens und der Unkontrollierbarkeit zurück. Vor dem Interface agieren NutzerInnen lesend, recherchierend, schreibend und so selbstmächtig Wissen aus dem Netz generierend, wie nie zuvor. Doch hinter dem Interface staffelt sich ein unübersehbarer Raum miteinander kommunizierender Algorithmen, Protokolle und Computer, der nutzer-entmächtigend kaum mehr kontrollierbar ist. Rhizomartig wuchert auf der Rückseite der Nutzerfreundlichkeit die Region eines wiedererstarkenden „Geheimnisses“, eines Entzogenseins und konstitutiven Nicht-Wissens. Jede Software entwickelt eine „virtuelle Maschine“, die denjenigen, die mit der Software arbeiten, verborgen bleibt. Die Kompetenzen, die Computer durch selbstlernende Programme (deep learning) der Künstlichen Intelligenz induktiv aus riesigen Datensätzen erwerben, bleiben im „Wie“ der erworbenen Regeln und Routinen selbst für die Entwickler undurchschaubar. Und die mannigfaltigen Datenspuren, die NutzerInnen im Netz hinterlassen und die von Algorithmen zur Profilierung von Personen und Prädiktion von Verhaltensweisen eingesetzt 8. Sybille Krämer 38 werden, bleiben dem Bewusstsein ihrer Urheber gewöhnlich entzogen. Fake News und Deep Fakes bilden nur einen kleinen Ausschnitt netzförmiger Praktiken gefälschter Informationen. Das aufklärerische Ethos und Transparenzversprechen scheint sich in sein Gegenteil zu verkehren; vernetzte Digitalität zeigt ihren Januskopf. Brauchen wir eine neue Form der Aufklärung: eine ‚digitale Aufklärung‘? Und wenn das so ist: welche Rolle spielt darin der Journalismus? Kann er zum Vorreiter digitaler Aufklärung werden, gerade weil Journalisten die sorgsam recherchierte Nachricht nicht verabschieden zugunsten von Meinungsbildern und damit ein Bewusstsein für die Differenz von Nachricht und Meinung wachhalten? Nicht zuletzt stellt die Digitalisierung selbst die Mittel bereit, um Falschinformation aufzudecken und es kann eine wichtige Aufgabe von Journalisten werden, nicht nur Suchmaschinen zum Faktencheck11 selbst einzusetzen, sondern die Rezipienten über solche Möglichkeiten zu informieren und zu deren Einsatz zu ermutigen. Eben darin besteht die Förderung der Kritikfähigkeit unter den Bedingungen der Digitalisierung. Doch nachdem all dies gesagt ist: Wir sollten uns nicht von der Attraktivität der Auseinandersetzung um Wahrheit blenden lassen. Verschwörungstheorien, Falschinformationen sind nicht so verbreitet, weil sie das Andere des Wahren, eine ‚Gegenwahrheit‘ oder ‚Gegenwirklichkeit‘ darstellen, sondern weil sie den Geltungsbereich von Information, Nachricht, Faktizität und also wahrer Rede prinzipiell aufkündigen und Sprache einsetzen nicht um Fakten, sondern um persönliche Meinungen, Einstellungen, Ansichten, Stimmungen und Glaubenssätze zu kommunizieren. Gehört es zum professionellen Kern des Journalismus das, was in der Philosophie ‚propositionaler Sprachegebrauch‘, also wahrheitsfähige Rede genannt wird, zu ihrem Medium zu machen? Literatur Derrida, Jacques (2000): Zur Poetik und Politik der Zeugenschaft. In: Buhrmann, Peter (Hg.): Zur Lyrik Paul Celans Kopenhagen/München: Fink, S. 158-167. 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Nicht mangelnde Medienkompetenz oder ideologische Verblendung sind der wesentliche Grund dafür, dass Falschnachrichten in sozialen Medien so leicht Verbreitung finden, sondern das Fehlen eines Orientierungsrahmens und ein strukturell erzeugter Mangel an Ernsthaftigkeit im Umgang mit Informationen. Daraus folgt nicht etwa die kulturpessimistische Ablehnung digitaler Medien der Massenkommunikation. Vielmehr geht es um die Weiterentwicklung und Gestaltung sozialer Medien anhand einer Typologie kommunikativ erzeugter Massen, ihrer Möglichkeiten und Gefahren. Demokratische Öffentlichkeit erfordert nicht nur eine Pluralität der Meinungen, sondern auch eine Pluralität der digitalen Medien und Instrumente – und ihrer Betreiber. Einleitung Stellen Sie sich vor, Sie nehmen an einer wissenschaftlichen Tagung teil und erfahren einige Wochen später durch einen Zeitungsartikel, dass bei dieser Tagung Körperscanner im Einsatz waren, die der Produktoptimierung und personalisierten Werbung eines großen Mode-Unternehmens dienten. Aus denselben Gründen ließ ein Lebensmittel-Konzern den individuellen Getränke- und Snack-Konsum der Tagungsteilnehmer registrieren. Die private Hochschule, an der die Tagung stattfand, gehört – so wird in dem Artikel berichtet – einem Marketing-Unternehmen, das Tagungen veranstaltet, um Werbe-Einnahmen zu erzielen. Auch die Tagung, an der Sie teilgenommen haben, wurde initiiert, um Werbe-Verträge abschließen 43 und Gewinn erzielen zu können. Das Unternehmen rechtfertigt sein Geschäftsmodell als Win-Win-Strategie, da auf die Inhalte der Tagung kein Einfluss genommen würde. Es profitieren also angeblich beide Seiten gleichermaßen von dem Arrangement: das Marketing-Unternehmen, das mit Werbe-Verträgen Geld verdient, und die Wissenschaftler, deren Tagung unbürokratisch finanziert wird. Allerdings muss das Marketing-Unternehmen auf Nachfrage einräumen, dass die großzügig bemessenen Pausen im Tagungsablauf vorgegeben wurden, und unter den Tagungsteilnehmern bezahlte Kräfte für angeregte Diskussionen und eine insgesamt positive Stimmung sorgen sollten, um ein unter Werbe-Aspekten ausreichend breites Interesse an den Veranstaltungen und entsprechende Bereitschaft zur Teilnahme zu gewährleisten. Ob eine Tagung unter solchen Rahmenbedingungen noch als wissenschaftlich seriös gelten kann, ist zu bezweifeln. Das Gedanken-Experiment klingt konstruiert, aber es variiert im Grunde nur ein Modell, das längst zu unserem Alltag gehört und doch kaum für Irritationen sorgt. Die großen digitalen Plattformen, die sogenannten Intermediäre, die die digitale Infrastruktur für soziale Netzwerke bereitstellen, entsprechen diesem Geschäftsmodell: Sie bieten einen Rahmen für soziale Kommunikation, um mit Nutzerdaten Profit zu erzielen. Dennoch werden sie als Raum einer gemeinschaftlichen Kommunikation wahrgenommen, dem das Kommerzielle so äußerlich bleibt wie das Werbeplakat über den Fenstern der U-Bahn für den öffentlichen Transport. Social-media-Unternehmen versprechen, dass sie auf die Inhalte der Kommunikation keinen Einfluss nehmen und alle Seiten von Ihrem Geschäftsmodell profitieren. Die Mehrheit der Nutzer traut es sich zu, in ihrem Kommunikationsverhalten von den profitorientierten Rahmenbedingungen weitgehend unbeeinflusst zu bleiben. Selbst die Tatsache, dass Bewertungen und Likes über Portale wie „PaidLikes“ gekauft werden können1, scheint den alltäglichen Umgang mit Bewertungen und Likes nicht zu stören. Darin liegt jedoch eine fatale Selbst- überschätzung. Tatsächlich haben die Betreiber der großen digitalen Kommunikations-Plattformen Facebook, Instagram, Youtube und Twitter eine neue Variante der Kulturindustrie entwickelt, die erheblichen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung nimmt, und die das, was Adorno und Horkheimer Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff ‚Kulturindustrie‘ kritisierten (Horkheimer/Adorno 1947: 144-198), in ihrer Wirkung noch übertrifft. Denn die neue Kulturindustrie organi- 1 https://www.ndr.de/nachrichten/info/Gekaufte-Likes,paidlikes124.html (Abfrage am: 29.8.2020). Simone Dietz 44 siert im Unterschied zu ihren Vorgängern nicht nur eine bestimmte Form des massenhaften Konsums, sondern auch die massenhafte Produktion und Verbreitung der Erzeugnisse durch das Massenpublikum selbst. Die Manipulation wirkt hier nicht über direkte Setzung oder Zensur von Kommunikationsinhalten. Vielmehr sind es die Rahmenbedingungen, die sich auf die Art und die Inhalte der Kommunikation auswirken – nicht zuletzt auf unseren Umgang mit Wahrheit. Im Folgenden vertrete ich die These, dass die großen kommerziellen Plattformen als digitale Weiterentwicklung der Kulturindustrie sowohl negativ wirken, durch signifikante Einschränkungen der Kommunikation, als auch positiv, durch das Eingewöhnen von Verhaltensmustern, die keine geeigneten Formen der Kritik, geschweige denn der Argumentation vorsehen. Auf diese Weise begünstigen sie gesellschaftliche Polarisierungen, ohne sie direkt zu erzeugen, und verhindern deren Auflösung oder Befriedung durch öffentliche Kommunikation, weil sich die etablierten Verhaltensmuster dafür nicht eignen. Am Einfluss von Fake News, Desinformation und Verschwörungsnarrativen auf die öffentliche Kommunikation zeigen sich diese Auswirkungen besonders deutlich. Um solchen gesellschaftlich dysfunktionalen Tendenzen entgegenzuwirken, bieten sich drei Ebenen mit entsprechenden Strategien an: 1. die gesetzliche Regulierung öffentlicher Kommunikation2, 2. die Stärkung des Qualitätsjournalismus und der öffentlich-rechtlichen Medien mit gesellschaftlichem Auftrag3, 3. die selbstverantwortliche Gestaltung digitaler Medien durch die Nutzer4. Alle drei können sich gegenseitig ergänzen, sofern sie demselben Ziel dienen – der demokratischen Gesellschaft selbstbestimmter Mitglieder. Meine Kritik an den einflussreichen digitalen Social-Media-Unternehmen ist keine grundsätzliche Kritik oder gar Ablehnung digitaler Plattformen in der öffentlichen Kommunikation. Eine solche Haltung wäre nicht nur blind gegenüber einer längst vollzogenen Entwicklung, sondern würde auch viele erwünschte Nutzungsmöglichkeiten ausschlagen. Wenn man die zur Floskel gewordene Redewendung vom ‚digitalen Wandel‘ ernst nimmt, befinden wir uns immer noch in einer entscheidenden Umbruchphase, in der es auf eine kritische Prüfung und Gestaltung digitaler Medi- 2 https://www.bmjv.de/DE/Themen/FokusThemen/NetzDG/NetzDG_node.html (Abfrage am: 29.8.2020) https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/Rechtsgrundlagen/Ges etze_Staatsvertraege/Rundfunkstaatsvertrag_RStV.pdf (Abfrage am: 29.8.2020.). 3 https://zukunft-öffentlich-rechtliche.de/ (Abfrage am: 29.8.2020.). 4 Z.B. https://www.ccc.de/; https://digitalcourage.de/ (Abfrage am: 29.8.2020.). Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 45 en ankommt (Antić 2018). Wie geeignet sind sie für die demokratischen Erfordernisse der Information, Meinungsbildung und Macht-Kontrolle? Welche Alternativen zum gegenwärtigen privatwirtschaftlichen Angebot von Kommunikationsplattformen könnte es geben? Welche weiteren Instrumente neben Liken, Folgen, Bewerten, Hashtags oder zeitlich gereihten Kommentaren sind erforderlich für eine öffentliche Kommunikation, die auch der gesellschaftlichen Selbstverständigung über gemeinsame Angelegenheiten dient? Welche verschiedenen Arten von Massenkommunikation wollen und brauchen wir, und welche medialen Formate passen dazu? Diese Fragen möchte ich hier verfolgen und dabei insbesondere den Umgang mit Wahrheit bzw. Wahrheitsansprüchen in den Blick nehmen. Der Umgang mit Wahrheit und das Störpotential von Fake News Wahrheit spielt nicht nur im Bereich der Wissenschaft eine zentrale Rolle, sondern auch in der Alltagskommunikation und im politischen Diskurs. Der wesentliche Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und dem alltäglichen oder politischen Umgang mit Wahrheit besteht darin, dass Wahrheit für die Wissenschaften ein Wert an sich ist, während sie im Alltag und in der Politik eine Bedingung für die Lösung praktischer Probleme ist. Natürlich haben auch wissenschaftliche Untersuchungen das Ziel, praktische Probleme zu lösen, aber das macht nur einen Teil der wissenschaftlichen Forschung aus. Wissenschaft hat das Privileg, auch dann nach Wahrheit zu suchen, wenn praktische Relevanz nicht oder noch nicht erkennbar ist. Aber auch im Bereich des Politischen, im weitesten Sinn der res publica, der öffentlichen Kommunikation und Selbstverständigung einer Gesellschaft, ist der praktische Umgang mit Wahrheit nicht nur im Sinn eines kurz gegriffenen instrumentellen und zweckrationalen Handelns zu verstehen. Wahrheit ist einerseits eine Bedingung für die Wirksamkeit gezielter praktischer Maßnahmen, sie ist aber auch eine Bedingung für Gemeinsamkeit, denn nur die Orientierung an der Wahrheit verbürgt, dass wir uns auf eine identische Welt beziehen (Arendt 1981: 57, Dietz 1995: 215). Die Formulierungen „nach Wahrheit suchen“ und „an der Wahrheit orientieren“ haben allerdings auch etwas Irreführendes, weil sie essentialistisch nahelegen, die Wahrheit sei ein Gegenstand wie der legendäre Stein der Weisen, der irgendwo zu finden wäre. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Aussagen, die sich auf Tatsachen und Sachverhalte richten, und ein Anspruch, den wir mit Behauptungen über Tatsachen und Sachverhalte erheben. Entscheidend ist dabei, dass es nicht in unserem individuellen Be- 1. Simone Dietz 46 lieben steht, welche Aussagen über Tatsachen und Sachverhalte wahr sind und welche nicht. Die Feststellung der Wahrheit von Aussagen ist das Ergebnis einer methodischen Prüfung nach rationalen Kriterien – wobei wir immer mit Irrtümern rechnen müssen und niemand für sich die Deutungshoheit beanspruchen kann, letztgültig darüber zu befinden, welche Aussage wahr ist (Keil 2019: 32f.). Es steht nicht einmal in unserem Belieben, ob wir mit Behauptungen einen Wahrheitsanspruch erheben, denn das ist Teil einer gemeinsamen Praxis rationaler Verständigung. Selbst ein Vulgär-Relativismus, der mit vermeintlichem Tiefsinn die Auffassung vertritt, es gebe ‚die‘ Wahrheit gar nicht sondern viele Wahrheiten, muss beanspruchen, dass das eine wahre Aussage sei, die mit Gründen verteidigt werden kann, sofern es ein Beitrag zur rationalen Verständigung sein soll. Soll mit den ‚vielen Wahrheiten‘ nur gemeint sein, dass es viele wahre Aussagen gibt, ist daran nichts auszusetzen – wenn diese Aussagen logisch miteinander vereinbar und damit eben doch auf eine Wahrheit bezogen sind. Auf diese Vereinbarkeit kommt es an. Wenn die Vereinbarkeit wahrer Aussagen fehlt, wenn also auch Widersprüchliches gleichermaßen wahr sein kann, verliert das Prädikat seinen Sinn. Es wird dann zum beliebigen Anspruch, der nichts mehr herausfordert und keine Debatte lohnt. Wahrheitsorientierung ist eine gemeinsame Praxis, die an Regeln der Rationalität gebunden ist. Aussagen, die einen Wahrheitsanspruch erheben, müssen in sich widerspruchsfrei, konsistent mit anderen für wahr gehaltenen Aussagen, nachprüfbar und prinzipiell widerlegbar sein. Widersprüchliche Auffassungen und Behauptungen sind an sich kein Alarmzeichen und kein Angriff auf die Wahrheit. Sie wären es erst, wenn das Widersprüchliche ohne Diskussion und Prüfung nach allgemeinen Kriterien gleichermaßen als wahr gelten sollte (Peters 2007: 198). Der Angriff auf die Wahrheit durch sogenannte ‚Fake News‘ in der digitalen Kommunikation wäre unbedenklich, wenn es sich dabei nur um Irrtümer oder konventionelle Lügen in einem weitgehend intakten Kontext rationaler Debatte handeln würde. Mit Irrtum muss grundsätzlich gerechnet werden, wo es um Wahrheitsansprüche geht. Formen der Kritik und Überprüfung, des Forderns und Angebens von Gründen dienen dazu, Standards der Klarheit und Genauigkeit zu bekräftigen, Irrtümer aufzudecken und zu korrigieren. Im Unterschied zu Irrtümern handelt es sich bei Lügen um Unwahrhaftigkeit: eine bewusst intendierte, aber verdeckte Form der Unwahrheit, die sich auf subjektive Einstellungen und Erlebnisse bezieht, also Überzeugungen, Empfindungen, Wahrnehmungen des Sprechers. Als konventionelle Lügen bezeichne ich solche Lügen, mit denen wir im Sinn einer sozialen Konvention in bestimmten Kontexten grundsätzlich Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 47 rechnen, auch wenn wir im Einzelnen nicht genau wissen, welche Behauptung tatsächlich unwahrhaftig ist und welche nicht (Dietz 2017: 47ff.). In Kontexten der Höflichkeit, der Werbung und politischen Propaganda stellen wir die Wahrheit von Aussagen in bestimmten Hinsichten unter Vorbehalt. Wir rechnen damit, dass ablehnende, überhaupt negativ bewertende Urteile als unhöflich verleugnet oder nur in abgeschwächter Form ge- äußert werden, und dass positive Äußerungen zwar eine wohlwollende Haltung ausdrücken, vom Inhalt her aber auch unzutreffend sein können. Solche Formen der Unwahrhaftigkeit werden unter bestimmten Umständen sogar erwartet und für angemessen gehalten. Auch bei kommerzieller Werbung oder in politischen Wahlkämpfen gehen wir von begrenzter Unwahrhaftigkeit aus: Produkte werden einseitig angepriesen, ihre Nachteile verschwiegen; politische Erfolge werden hochgejubelt, Misserfolge schön geredet, positive Entwicklungen werden auf das eigene Wirken zurückgeführt, auch wenn andere Ursachen wahrscheinlicher sind. So führte der Regierungssprecher den Rückgang der CO 2-Belastungen im Jahr 2019 auf die umweltpolitischen Maßnahmen der amtierenden Regierung zurück, was einen Meteorologen zu der Klarstellung veranlasst, in einem so kurzen Zeitabstand von ein bis zwei Jahren könnten Veränderungen auf schwankende Wetterlagen, nicht aber auf politische Maßnahmen zurückgeführt werden5. Keiner vermutete hinter den Äußerungen des Regierungssprechers Irrtum und fehlende Kompetenz – was vielleicht ein größerer Skandal gewesen wäre als ein schönfärberischer Täuschungsversuch. Konventionelle Lügen werden zwar häufig, aber keineswegs immer für moralisch legitim gehalten. In unserem Zusammenhang kommt es nicht auf den moralischen Aspekt an, sondern auf die Tatsache, dass wir alle darin geübt sind, die Wahrheit von Aussagen je nach Kontext in bestimmten Hinsichten unter Vorbehalt zu stellen. Wir geraten erst dann in ernsthafte Schwierigkeiten, wenn Grauzonen der Unwahrhaftigkeit ohne Gegenrede systematisch ausgeweitet werden, oder wenn sich Praktiken der Information etablieren, bei denen nicht erkennbar ist, in welchem Kontext Aussagen stehen und auf welche Quellen sie zurückzuführen sind. Die Unwahrhaftigkeit der nicht-konventionellen Lügen, des Betrugs, verletzt nicht nur das Vertrauen in die Person des Sprechers, sondern in vielen Fällen auch unsere Wahrheitsüberzeugung. Wer lügt, täuscht zwar genau genommen nur über das eigene Fürwahrhalten, den subjektiven Wahrheitsanspruch. Aber in sehr vielen Fällen halten wir einen Irrtum für 5 https://www.fr.de/politik/joerg-kachelmann-zoff-angela-merkel-seibert-streit-twitter -attacke-co2-statistik-bundesregierung-zr-13537807.html (Abfrage am: 29.8.2020.). Simone Dietz 48 so unwahrscheinlich, dass wir vom Fürwahrhalten des Sprechers auf die Wahrheit der entsprechenden Aussage schließen. Es ist eben nicht so, dass wir wirklich bei jeder Behauptung gleichermaßen mit einem Irrtum oder einer Lüge rechnen müssten. Wenn es so wäre, hätten wir tatsächlich nur noch die Möglichkeit, anderen willkürlich, ohne sachliche Gründe, zu glauben oder nicht zu glauben. Aber soweit wir uns gegenseitig für rationale Wesen halten, beurteilen wir die Äußerungen anderer auf der Basis von Regeln rationalen Verhaltens und schließen unter normalen Bedingungen praktisch aus, dass sie sich in bestimmten Hinsichten irren oder uns täuschen könnten: Wenn die Nachbarin mit nassen Haaren und der Aussage, gerade habe starker Regen eingesetzt, von der Straße ins Haus kommt, gehen wir normalerweise davon aus, dass verlässlich ist, was sie sagt. Auch bei einem Hotelportier, der dem Gast bei der Schlüsselübergabe den Weg zum Aufzug beschreibt, rechnet man ohne konkreten Anlass nicht damit, dass er sich dabei irren oder lügen könnte. Im Zuge einer ausdifferenzierten gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist es unvermeidlich, dass wir uns auf die Aussagen anderer verlassen, aber das liefert uns nicht einer Abhängigkeit ohne eigene Einschätzungsmöglichkeit aus. Wir verlassen uns auf die Aussagen anderer dann, wenn sie es den Umständen nach wissen müssten oder in bestimmten Hinsichten als Experten gelten. Es sind sekundäre Regeln rationalen Verhaltens anhand derer wir die Verlässlichkeit der Aussagen anderer einschätzen. Diese Regeln rationalen Verhaltens treten an die Stelle eigener Wahrnehmungen und direkter Beurteilung von Sachverhalten. Aber um diese Regeln in Bezug auf die Zeugenschaft anderer anzuwenden, und um beurteilen zu können, wie kompetent jemand in einer Frage ist, welche partikularen Interessen im Spiel sind etc., müssen wir den Kontext der Äußerung kennen. ‚Fake News‘ im digitalen Raum können deshalb besonderen Schaden anrichten, weil sie in einem Umfeld auftauchen, in dem unsere eingeübten Orientierungsmuster nicht mehr ohne weiteres anwendbar sind: Wenn unklar bleibt, was die Quelle einer Nachricht ist oder aus welchem Kontext eine Aussage stammt, und wenn Angaben dazu allgemein unüblich sind, versagen die gewohnten Regeln der Einschätzung. Die unbegrenzte digitale Reproduzierbarkeit und Verbreitungsmöglichkeit von Inhalten in völlig anderen Kontexten erfordert weitere Angaben wie ein Impressum oder Kennzeichnungspflichten, oder ergänzende Informationen durch Nachrichtenportale und andere geprüfte Instanzen, um unsere übliche Praxis einer rationalen kognitiven Arbeitsteilung aufrecht zu erhalten. Dabei geht es – abgesehen von strafbaren Äußerungen der Herabwürdigung oder Aufhetzung – nicht um das Verbieten oder Löschen von Inhalten, sondern um Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 49 die Herstellung eines Orientierungsrahmens in der raumzeitlich extrem erweiterten digitalen Kommunikation. Im Zuge der sich ausbreitenden Diskussion über Fake News ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass zwar viel über die Gefährlichkeit von Fake News in digitalen Netzwerken gesprochen wird, deren tatsächliche Auswirkungen für die Gesellschaft aber wenig untersucht und belegt seien (Sängerlaub/Meier/Rühl 2018). Herkömmliche professionelle Massenmedien stehen durch Veränderungen des Mediennutzungsverhaltens zwar unter Druck, funktionieren aber nach wie vor mit großem Einfluss auf die Meinungsbildung. Wie ernst ist das Problem also wirklich? Aus meiner Sicht ist die Lage tatsächlich sehr ernst. Allerdings sind Fake News dafür eher ein Symptom als das Problem selbst. Das Problem besteht vor allem in der Übernahme weiter Teile der öffentlichen Kommunikation durch gewinnorientierte, global agierende, private Unternehmen, die gesellschaftliche Meinungsbildung in den Spielwiesen der Kulturindustrie versickern lassen, und dabei über eine solche Monopolstellung verfügen, dass der übliche marktliberale Verweis auf die Konsumentensouveränität die Realität längst verfehlt. Eine demokratische Gesellschaft kann es sich nicht leisten, die öffentliche Meinungs- und Willensbildung den Kanälen gewinnorientierter Unternehmen zu überlassen, deren ‚Auftrag‘ ökonomisch und nicht demokratisch definiert ist. Die herkömmlichen Massenmedien, auch die mit öffentlich-rechtlichem Auftrag, bleiben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Um den Anschluss an die öffentliche Kommunikation in den sozialen Medien nicht zu verlieren, verstärken Rundfunk und Presse durch ihre Berichterstattung deren Wirkung oft erheblich, während sich ihre Korrekturfunktion weniger stark durchsetzt. Gefährdet ist durch diese Entwicklung nicht die Kultur im allgemeinen und auch nicht die Wahrheit als solche – gefährdet sind vielmehr rationale Praktiken in der öffentlichen Kommunikation. Kulturindustrie als Plattform Als ‚Kulturindustrie‘ bezeichneten Horkheimer und Adorno ein System der technischen Herstellung und ökonomischen Vermarktung kultureller Erzeugnisse, die auf massenhaften Konsum zugeschnitten sind. Dazu zählten sie 1947 sowohl die Unterhaltungsindustrie Hollywoods, des Rundfunks und der Illustrierten als auch den Theater- und Konzertbetrieb, PR und Werbung. Im Wesentlichen sind es vier Merkmale, die das System der Kulturindustrie ausmachen: Erstens die massenhafte technische Reproduzierbarkeit der Kulturgüter, zweitens ihre ökonomische Verwertung als 2. Simone Dietz 50 Waren, drittens die Einebnung der Unterschiede zwischen den Sparten der Kunst, Unterhaltung, Information und Werbung, und viertens die manipulative Wirkung eingängiger harmonisierender Klischees, die durch einen „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ gleichermaßen Kritiklosigkeit wie Nachfrage sichern. Der Untertitel des Kulturindustrie-Kapitels in der „Dialektik der Aufklärung“, „Aufklärung als Massenbetrug“ (Horkheimer/Adorno 1947: 144) macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um eine neutrale Beschreibung, sondern um fundamentale Kritik handelt. In ihrer kompromisslosen Abrechnung zeichneten Horkheimer und Adorno das Bild eines Systems, das aus Interesse am Gewinn Kulturgüter ohne Rücksicht auf deren Eigensinn standardisiere, sein Publikum mit dem Vergnügen in kritikloses Einverstandensein einübe und ernsthafte Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen verhindere. In den rund siebzig Jahren, die seither vergangen sind, hat die ‚Kulturindustriethese‘ nicht an Bedeutung verloren, auch wenn sie von Beginn an gerade aufgrund ihrer Kompromisslosigkeit vielfältige und durchaus berechtigte Einwände provozierte (Niederauer/Schweppenhäuser 2018, Keppler 2011, Becker/Wehner 2006). Die Veränderungen, die sich als gesellschaftlicher Digitalisierungsprozess gegenwärtig im Bereich der öffentlichen Kommunikation und Kultur vollziehen, werfen die Frage auf, ob sie die Kulturindustriethese auf einer neuen Stufe bestätigen, oder ob sich im Gegenteil gerade an der Digitalisierung zeigt, wie unangemessen Horkheimers und Adornos Kulturpessimismus gegenüber der Massenkultur war. Führt Digitalisierung zur Vollendung der Kulturindustrie oder verwirklicht sie vielmehr die Vereinbarkeit von Massenkultur und selbstbestimmter Individualisierung, von Massenkonsum und aktiver, auch kritischer Partizipation? Wollte man diese Frage umfassend beantworten, müssten neben den großen Intermediären der sozialen Netzwerke auch andere einflussreiche digitale Angebote, insbesondere die Streamingdienste für Musik und Film in den Blick genommen werden. Tendenzen der Standardisierung kultureller Erzeugnisse durch technische und ökonomische Vorgaben sind hier ohne Zweifel zu verzeichnen und deuten in Richtung einer Verschärfung der von Horkheimer und Adorno kritisierten Effekte der Kulturindustrie (Majewski 2018). In unserem Zusammenhang geht es jedoch speziell um den Bereich der digitalen Kommunikations-Plattformen und hier insbesondere um den Umgang mit Wahrheit. Insofern müsste man vielleicht präziser von einer ‚digitalen Kommunikationsindustrie‘ sprechen und fragen, ob auf sie die Merkmale der Kulturindustrie zutreffen. Eine bestätigende Antwort gibt als Pionier und Kritiker digitaler Medien Jaron Lanier. Er reproduziert Adornos Feststellung, „Der Kunde ist nicht, wie die Kulturindustrie glauben ma- Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 51 chen möchte, König, nicht ihr Subjekt, sondern ihr Objekt“ (Adorno 1977: 337), in Bezug auf die digitale Entwicklung mit der prägnanten Formel: „Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt“ (Lanier 2014) – allerdings ohne Bezug auf Adornos Satz zu nehmen. Lanier, der sich auf das Datengeschäft der Intermediäre konzentriert, spricht von „Sirenenservern“, die Nutzer mit der Illusion der Kostenlosigkeit an sich binden, um deren Daten zu sammeln. Dagegen setzt er die Idee einer „humanistischen Informationsökonomie“, die mit einem fairen Wert persönlicher Daten die asymmetrische Verteilung von Reichtum korrigieren soll. Allerdings ist dabei nicht zu sehen, welchen Einfluss das auf die Art der Kommunikation und den Umgang mit Inhalten haben soll. Die ökonomische Korrektur der Marktverhältnisse allein kann den Erfordernissen einer demokratischen Öffentlichkeit nicht gerecht werden. Die behauptete inhaltliche Neutralität der großen digitalen Plattformen, die angeblich nur eine technische Basis für die Kommunikation ihrer Nutzer zur Verfügung stellen, ohne auf deren Inhalte Einfluss zu nehmen, ist eine beschönigende und unzutreffende Umschreibung für das tatsächlich wirksame Prinzip der Gewinnerzielung und Ablehnung von Verantwortung für die kommunizierten Inhalte. Unzutreffend ist die Neutralitäts-Behauptung, weil sie ein falsches Medienverständnis zugrunde legt – als seien digitale Plattformen so etwas wie Kuchenteller, auf denen die Inhalte präsentiert und von denen sie stückweise unverändert abgenommen werden könnten. Tatsächlich ist es unvermeidlich, dass mit der Gestaltung der Kommunikationsmöglichkeiten auch Einfluss auf Inhalte genommen wird. Der Vorwurf richtet sich nicht auf die Tatsache der Einflussnahme, sondern auf deren Leugnung und Intransparenz. Die Frage, welche Angaben zu einem Nutzerprofil gehören, wie viele Zeichen ein Post hat, mit welchen Tools reagiert werden kann, in welcher Auswahl und Anordnung Inhalte zur Kenntnis genommen werden können etc., gibt den Rahmen vor für das, was kommuniziert wird. Die Selbstvermarktung der Intermediäre, die das Image der positiv eingestellten Netz-Community pflegen, verzuckert die Praxis des Teilens, Likens und der Vergabe von Sternchen, während Kritik und sachliche Konfrontation durch Argumente und Gegenargumente in einem größeren Teilnehmerfeld weder vorgesehen sind noch durch geeignete Kommunikationsarchitekturen unterstützt werden. So werden die Kommunikationsmuster einerseits strukturell eingeschränkt und der rationale Umgang mit Phänomenen wie Fake News erschwert, andererseits können emotionalisierte gesellschaftliche Konflikte nicht durch die Nutzer versachlicht und mit Argumenten ausgetragen werden. Was bleibt, um dieses Problem zu lösen, ist dann nur noch die stillschweigende Löschung problematischer Inhalte durch das Unternehmen. Simone Dietz 52 Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie wenig spektakulär die Einschränkungen der Kommunikation im Alltag funktionieren: Ein seltsames Video von angeblichen Covid-19-Opfern in China, die an öffentlichen Orten plötzlich wie leblos zu Boden fallen und von Ordnungskräften eilig fortgeschafft werden, wird Anfang Februar 2020 in einer Facebook-Gruppe von dreihundert Medizinstudierenden geteilt – als angeblicher Beweis dafür, dass das Virus viel schlimmere Auswirkungen habe als es die chinesische Regierung und auch die westlichen Medien zugeben wollten. Das Video wird vielfach zur Kenntnis genommen und weiter verbreitet. Erst einen Tag später meldet sich in der Gruppe jemand kritisch zu Wort mit der Überzeugung, dass es sich um ein Fake-Video handelt und kein glaubhaftes Dokument für Vorgänge im Zusammenhang mit Covid-19. Darauf folgen zwei zustimmende Kommentare, einer wendet ein, man könne nicht sicher sein, ob es nicht doch echt sei. Dann wird das Thema wieder fallen gelassen. Wie kommt es, dass sich ein dubioses Video mit unhaltbarer Zuschreibung in einem solchen Kreis, dem mangelnde Bildung kaum unterstellt werden kann, so einfach verbreiten lässt? Ist seine unwidersprochene Aufnahme ein Beleg für politisch bedenkliches Misstrauen gegenüber den Institutionen der Politik und des Journalismus? Ich vermute, dass nicht Dummheit oder ideologische Verblendung die Erklärung für unkritische Rezeption und Reproduktion von Inhalten liefern, sondern vor allem strukturelle Merkmale des alltäglichen Kommunikationsverhaltens: kurze Aufmerksamkeitsspannen durch die Schnelligkeit und Häufigkeit von Nachrichten, sowie diffuse Beurteilungskriterien durch das ungeordnete Nebeneinander von Welt-Nachrichten, persönlichen Nachrichten, Memes, Werbung etc. Klassische Medienkompetenz, wie das Überprüfen der Quelle oder das Vergleichen mit anderen Nachrichten, ist nicht unbekannt, scheint für diesen Bereich aber keine Geltung zu haben, da es sich scheinbar nur um persönliche Kommunikation handelt. Aus dem gleichen Grund fehlt ein Bewusstsein eigener Verantwortung für weitergeleitete Inhalte. Eine vorherige Prüfung scheint abwegig, da hier eher eine Freizeitbeschäftigung vorzuliegen scheint als politisch relevante Aktivitäten. Diese Strukturen entspringen weder einem politisch bösen Willen noch bloßer Nachlässigkeit, sondern folgen aus den Interessen des Datengeschäfts der Internet-Unternehmen. Dagegen entspringen viele Fake News als bewusste politische Desinformation durchaus einem bösen Willen, einem Interesse an der Zuspitzung von Konflikten und Konfrontation. Auch hier ist vor allem die Frage von Interesse, warum die pauschalisierende Diffamierung ‚der‘ Politiker oder ‚der‘ Medien, rassistische und fremdenfeindliche Verleumdungen oft auf große Resonanz stoßen und weiter verbreitet werden. Nicht grundsätzlich Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 53 mangelnde Medienkompetenz oder Unkenntnis von Fakten ist m.E. das wesentliche Problem, sondern mangelnde Bereitschaft, sich auf Wahrheitsfragen in einer rationalen Form einzulassen. Es geht um gesellschaftliche Konfrontation, aber nicht durch den Austausch von Argumenten, sondern als Glaubens- und Machtfrage. Man könnte auch sagen: Fake News sind inzwischen für einen Teil der Gesellschaft zum Stabilisator in einem Prozess kollektiver Selbsttäuschung geworden, in dem Wahrheit der Machtfrage untergeordnet wird. Das ist das eigentliche Alarmzeichen, auf das mit einer Verteidigung rationaler öffentlicher Diskurse – nicht nur aber wesentlich auch über Wahrheitsfragen – reagiert werden muss. Die Betreiber sozialer Plattformen selbst halten ihre vermeintliche Neutralität gegenüber den von Nutzern generierten Inhalten in Bezug auf Falschnachrichten, Desinformation, Beleidigungen und Hetze mittlerweile auch in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung nicht mehr aufrecht. Sowohl der Image-Schaden, den solche Inhalte bewirken, wenn sie zum gesellschaftlichen Thema werden, als auch die drohenden gesetzlichen Regulierungen bedeuten eine Gefahr für das Geschäftsmodell, das auf der Selbstvermarktung als einladende ‚digitale Community‘ beruht. Vor allem Facebook hat auf das Problem der Desinformation und Aggression mit PR- Kampagnen und internen Maßnahmen reagiert. Die vollkommen intransparenten und unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen aus dem Unternehmen ausgelagerten Verfahren der sogenannten ‚Content Moderation‘6 wurden durch unternehmensinterne Instanzen und Regularien ergänzt, die inzwischen sogar wissenschaftlich begleitet werden durften (Kettemann/Schulz 2020). Interessant daran ist, dass die nach 2016 neu gefassten „Community-Standards“ das Prinzip „give people voice“ und die Werte Authentizität, Sicherheit, Privatsphäre und Würde nennen, nicht aber Wahrheit. Lischka und Stöcker (2017: 26) sprechen in diesem Zusammenhang von einem Wahrheitsrelativismus, der auch in Facebooks News-Feed- Values zum Ausdruck komme. Bei der Auswahl der Nachrichten werde nicht Wahrheit, sondern die dem Nutzerprofil entsprechende individuelle Passung zum Superleitwert erhoben. Entsprechend geht es bei Eingriffen bezüglich unerwünschten Inhalten um die Vermeidung der Verletzung von Gefühlen, nicht um Verantwortung für die Korrektheit von Nachrichten in der öffentlichen Kommunikation. 6 https://netzpolitik.org/2016/die-digitale-muellabfuhr-kommerzielle-inhaltsmoderat ion-auf-den-philippinen/ (Abfrage am: 29.8.2020.). Simone Dietz 54 Die digitale Erzeugung von Massen Ist das Wirken der großen digitalen Plattformbetreiber also ein Beleg für die Perfektionierung der Kulturindustrie im Zeitalter der digitalen Medien? Hat die Entwicklung interaktiver Massenmedien statt der erhofften Demokratisierungsgewinne nur ökonomische Gewinne für private Unternehmen erbracht? Führt der Gewinn an Möglichkeiten in der öffentlichen Kommunikation unter den gegebenen Bedingungen statt zu größerer individueller Freiheit und besserer gesellschaftlicher Verständigung letztlich nur zu einer unterhaltungssüchtigen Masse ohne Ernsthaftigkeit und Verantwortung? Auch wenn der Schaden nicht unterschätzt werden darf, den die Monopolstellung weniger globaler Unternehmen für die öffentliche Massenkommunikation anrichtet, ist ein umfassender Kulturpessimismus, der schon Horkheimer und Adorno als überzogen vorgehalten wurde, nicht angebracht. Die bisher entwickelten digitalen Medien liefern unterschiedliche Instrumente der Massenkommunikation, die differenzierter zu beurteilen sind. Eine Typologie digital erzeugter Massen kann als akteursorientierter Ausgangspunkt dienen, mit dem über die eingangs benannten drei Ebenen der gesetzlichen Regulierung, öffentlich-rechtlichen Institutionen und Nutzergemeinschaften geeignete Instrumente der Kommunikation entwickelt werden, ohne bevormundend ein allein richtiges Verhalten zu propagieren. Mit den folgenden sechs Typen von Massen soll skizzenhaft ein Ausblick auf einen solchen Theorierahmen gegeben werden, der jeweilige Gefahren und Spielräume digitaler Kommunikation identifizierbar macht. 1. Datensammlung und -auswertung erzeugt als Aggregat eine passive, unbewusste Masse, die unter beliebigen Aspekten zusammengestellt und gesteuert werden kann. Auf diesen Fall trifft Adornos bzw. Laniers Formel vom Nutzer als Produkt der Internet-Konzerne zweifellos zu. Resignatives Abwinken oder die freiwillige Preisgabe von Privatsphäre und Selbstbestimmungsrechten wären jedoch voreilig und politisch desaströs. Wer demokratische Kontrollverfahren und Transparenzpflichten in diesem Fall für sinnlos hält, kann sich auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten nicht mehr darauf stützen. 2. Schwach aktive Massen, die sich selbst durch vorhandene Inhalte gruppieren, werden durch virale Instrumente des ‚Folgens‘, ‚Teilens‘ und ‚Likens‘ erzeugt. Ihre Sichtbarkeit bedient vor allem Zugehörigkeitsbedürfnisse, ohne größeren individuellen Einsatz zu verlangen. Diese schwach aktive Masse bildet die Basis für die Prominenz Einzelner, die wiederum Orientierungsfunktion für Massen übernehmen. 3. Wahrheit in der digitalen Kulturindustrie 55 3. Dieselben viralen Kommunikations-Instrumente können aufgrund ihrer simplen Form allerdings auch durch bezahlte Akteure und programmierte Algorithmen zur Erzeugung einer Scheinmasse dienen, die Wettbewerbsverzerrungen oder manipulierte Folgebereitschaft erzeugt. 4. Eine dem Agenda-setting vergleichbare Form der aktiven Themensetzung und selbstreferentiellen Themensteuerung ermöglicht das Instrument des Hashtags. Die Bildung einer thematisch selbstbewussten Masse beruht auf individuellen Aktivitäten, die allein keine personale Prominenz erzeugen, weshalb der Fokus auf den kollektiven Prozessen liegt. 5. Durch Bewerten und Kommentieren als weiter differenzierten Instrumenten eigendynamischer Massen können Bewegungen und Geschäftsmodelle erzeugt, aber auch Maßnahmen verhindert oder Personen beschädigt werden. Hier besteht ein erheblicher Gestaltungsspielraum, mit dem die ungewollten Effekte von Massendynamiken entschärft, die rationale Argumentation und individuelle Verantwortung gestärkt werden müssen. 6. Der größte Gewinn für ein partizipatives Gemeinwesen, allerdings auch die größte Anforderung an die Nutzer, liegt in den digitalen Instrumenten zur Erzeugung einer kollaborativen projektgebundenen Masse: den Wikis und Plattformen zur Erstellung von Karten, Lexika oder Gestaltungskonzepten für den öffentlichen Raum, für Freizeit-Tipps, Spendensammlungen, Nachbarschaftshilfen und Tutorials jeder Art. Bedienungsfreundliche technische Strukturen mit weit reichender Zugänglichkeit sind dafür erforderlich, aber auch bei gesetzlichen Regelungen wie z.B. dem Eigentumsrecht sind neue Lösungen erforderlich. Diese Typologie zielt nicht auf eine Hierarchie ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Massen und ist offen für Erweiterungen sowie Systematisierungen bezüglich Kommunikationsfunktionen und -reichweiten. Eine pluralistische Gesellschaft, die ihren Mitgliedern größtmögliche individuelle Freiheitsräume eröffnet, muss sich auf verschiedene Arten von Massen stützen. Um diese Vielfalt zu ermöglichen, braucht es neben der Pluralität der Kommunikationsinhalte auch eine Pluralität der Medien. Ein selbstkritischer Umgang mit dem eigenen Kommunikationsverhalten durch Individuen und Gruppen darf sich nicht auf die Frage reduzieren, ob man sich an der Kommunikation auf einer digitalen Plattform weiter beteiligt oder selbst davon ausschließt. Wenn Schnelligkeit und Kürze der Kommunikationsbeiträge vor allem zur Eskalation beitragen, wenn Respekt und Wahrheitsanspruch auf der Strecke bleiben, sind Änderungen in der Kommunikationspraxis notwendig. Gewährleistet werden muss dafür vor allem die Pluralität der Plattform-Angebote und -Anbieter. Die Durchlässigkeit der Simone Dietz 56 Kommunikation zwischen Plattformen nach dem Modell der e-mail-Kommunikation wäre dafür ein wichtiger erster Schritt. 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Simone Dietz 58 Der Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation Günter Bentele Abstract: Die Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm spielt in den Berufsbereichen der öffentlichen Kommunikation: Journalismus, Public Relations und Werbung, sogar auch in der Propaganda, als Norm und Wert eine zentrale Rolle. Bezüglich der Propaganda allerdings eher in der Negation, d.h. die Wahrheitsnorm ist Propagandisten bewusst, wird aber relativiert oder ganz abgelehnt. Dass die Wahrheitsnorm zentral ist, lässt sich anhand von nationalen und internationalen Berufs- und Ethik-Codizes gut demonstrieren. Obwohl allenthalben Verletzungen dieser Norm festzustellen sind und auch breit öffentlich diskutiert werden – auch das Fake News-Phänomen und der „Lügenpresse“-Vorwurf gehören in diesen Kontext – ist die Zentralität dieser Normeninsbesondere bei den Kommunikationstypen Public Relations und Werbung nicht selbstverständlich. Was sind die Ursachen für das Entstehen und was ist die gesellschaftliche Funktion dieser Normen? Vermutlich spielt der Wirklichkeits- und Weltbezug von öffentlicher Kommunikation, der auch in kommunikationswissenschaftlichen Modellen häufig ignoriert wird bzw. unterbelichtet bleibt, die zentrale Rolle. Präzise Information über Wirklichkeit und das Weltgeschehen ist für die Information, die Orientierung und damit auch die Meinungsbildung der Menschen ebenso wichtig wie die Sinneswahrnehmung für die Orientierung des Menschen in seiner Umwelt. Einleitung Im folgenden Beitrag soll es um zweierlei gehen: Erstens um eine etwas präzisere Bestimmung relevanter Grundbegriffe, darunter die Begriffe Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Lüge, Medienethik, Ethik der öffentlichen Kommunikation. Begriffe, die man benötigt, um sich mit einer Ethik der öffentlichen Kommunikation zu beschäftigen. Zweitens will ich mich fokussiert mit zwei bestimmten Werten bzw. Normen, nämlich Wahrheit und Wahr- 1. 59 haftigkeit in der öffentlichen Kommunikation beschäftigen. Diese beiden Normen bzw. Werte,1 dies nehme ich hier vorweg, halte ich für die zentralen Werte nicht nur des Journalismus, sondern der gesamten öffentlichen Kommunikation, wenn es um Formen der Information von Öffentlichkeiten geht. Die folgenden Überlegungen mache ich auch auf dem Hintergrund des rekonstruktiven Ansatzes, eines kommunikationswissenschaftlichen Ansatzes, den ich innerhalb der letzten 30 Jahre entwickelt habe. Dass Ethik und Moral derzeit (wieder einmal) Konjunktur haben, zeigt nicht nur das Phänomen der „Fake News“, ein Phänomen, das Hochkonjunktur seit der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 hat und ein Begriff, der durch seinen oftmaligen Gebrauch des amtierenden amerikanischen Präsidenten auch international sehr aktuell geworden ist. Laut Wikipedia ist der Begriff 1895 zum ersten Mal in Webster‘ Dictionary einschlägig verwendet worden.2 Ein zweiter Konjunktur-Indikator in Deutschland ist ein seit einigen Jahren oft skandiertes Stichwort und der Vorwurf „Lügenpresse“. Auch dieser Begriff existiert schon seit dem 17. Jahrhundert (vgl. auch Stieler 1969).Er wird in Deutschland derzeit vor allem von politisch rechter Seite verwendet und zieht vor allem die Seriosität und die Wahrheitsbezogenenheit von Qualitätsmedien und der sog. „Systempresse“ in Zweifel.3 Einige wichtige Begriffe und die Frage einer Ethik der öffentlichen Kommunikation Das Handeln von Journalistinnen und Journalisten, PR-Akteuren oder Experten der Werbung findet prinzipiell in gesellschaftlichen und in organisatorischen Kontexten statt. Soziale und organisatorische Normen bilden dabei wichtige Rahmenbedingungen des beruflichen Handelns. Zwei Ebenen von Normen, die die Berufsfelder der öffentlichen Kommunikation, Journalismus, Public Relations und Werbung, zentral tangieren, sind zu unterscheiden: gesetzliche und ethische Normen. Letztere komplementieren die in modernen Gesellschaften vorhandenen gesetzlichen Normen, teilweise fundieren sie sie auch. Historisch gesehen sind die Normen menschlichen Zusammenlebens in einer kaum trennbaren Gemeinsamkeit von Sitte, Religion und Moral entstanden und bilden so den Ursprung jeden 2. 1 Eine Differenzierung und Definition dieser beiden Begriffe erfolgt später. 2 https://de.wikipedia.org/wiki/Fake_News. 3 https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCgenpresse. Günter Bentele 60 schriftlich fixierten Rechts in der griechisch-römischen Antike (vgl. Wesel 2006: 58). Ethische Normen können – im Gegensatz zu gesetzlichen – nicht vor Gericht eingeklagt werden, ihre Gültigkeit zeigt sich im sozialen Zusammenleben der Menschen, teilweise auch in der beruflichen Aus- übung. Ethik wird heute als eine primär philosophische, bis zur griechischen Philosophie zurückreichende Teildisziplin begriffen, eine Disziplin der praktischen Philosophie (Pieper 2007). Sie beschäftigt sich mit dem moralisch-sittlichen Handeln der Menschen (deskriptive Ethik) bzw. mit moralischen Normen (normative Ethik). Eine wichtige Grundfrage der praktischen Philosophie und speziell der normativen Ethik ist: „Was soll ich tun?“ (Fenner 2010: 2). Ethische Theorien versuchen, „allgemeine Kriterien für gut, richtig, gerecht, etc. zu entwickeln“ (vgl. Nida-Rümelin, 2005: 3). In der Philosophie und in vielen Fachwissenschaften werden die Begriffe Ethik und Moral nicht synonym (wie in der Alltagssprache) gebraucht, sondern es werden meist drei Ebenen unterschieden: a) die Ebene praktisch-moralischen Handelns, b) die ethische Ebene und c) die meta-ethische Ebene. Ausgehend von der Position, dass unter Moral die Gesamtheit der geltenden Normen zur Regelung des menschlichen Zusammenlebens inklusive des damit verbundenen Handelns verstanden wird (Fenner 2010: 6), stellen sich auf dieser Ebene des praktisch-moralischen Handelns Fragen wie die, welche sittlichen Einstellungen existieren, wie sie auf reales Handeln angewendet werden, ob und inwiefern sich Individuen an sittlich-moralische Vorstellungen, die in der Gestalt von Ge- oder Verboten vorliegen, gebunden fühlen, usw. Auf der ethischen oder moraltheoretischen Ebene, auf der praktisches, moralisches Handeln reflektiert wird, stellen sich Fragen nach der Begründungs- und Überzeugungskraft existierender Moralvorstellungen. Auf der metaethischen Ebene schließlich werden unterschiedliche Ethiken diskutiert, miteinander verglichen, dies vor allem in der Wissenschaft (vgl. u.a. Pieper 2007, Höffe 2008). Philosophen unterscheiden oft zwischen „allgemeiner“ oder auch „theoretischer Ethik“ (Nida-Rümelin 2005), einerseits und „angewandter Ethik“ andererseits (vgl. Fenner 2010, Knoepfler et.al. 2006). Reflexionen zur angewandten Ethik, die dann häufig in verschiedene Bereichsethiken, unterteilt werden, finden allerdings nicht nur und nicht primär in den Studierstuben von Philosophen und auf Philosophenkongressen statt, sondern vor allem auch in den Einzel- und Fachwissenschaften. Mindestens so stark wird aber auch in Gremien von Berufsverbänden, Branchenverbänden, in Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 61 politischen Gremien, oder bei NGOs diskutiert. Medizinethik, Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Technikethik, politische Ethik, die Rechtsethik, die Tierethik, die Umweltethik, die Sozialethik, und andere Bereichsethiken sind Ethiken, die das praktische Handeln sowie die Gesamtheit der moralischen Urteile, Normen Werte und Werthaltungen, reflektieren, untersuchen und systematisieren. Es werden aber auch Normen entwickelt, Normenbildung und -veränderungen wird aktiv betrieben. Mittlerweile hat auch die Medienethik einen Platz in den entsprechenden Sammelbänden oder Einführungsbüchern, die von Philosophen oder herausgegeben werden, gefunden.4 Hinzu kommt einschlägige, teilweise schon ältere, Fachliteratur mit eher kommunikations- und medienwissenschaftlichem Hintergrund.5 Der Begriff „Medienethik“ klingt (und verkauft) sich, aus Sicht von Buchverlagen, vermutlich gut. Aber: ist es wirklich sinnvoll, die ethischen Grundlagen von Produktwerbung, dem PR- Handeln oder auch der digitalen Kommunikation, wirklich unter dem Begriff der Medienethik zu subsummieren? Ich denke: nein. Warum? Begriffslogisch ist es kaum möglich, die Bereichs- und Berufsethiken des Journalismus, der Public Relations und der Werbung als Teile einer „Medienethik“ zu fassen, allenfalls um den Preis sehr ungenauer bzw. kaum haltbarer Definitionen. Weder Public Relations als Tätigkeitsbereich oder Berufsfeld, noch Werbung, noch digitale Kommunikation lassen sich umstandslos als „mediale Tätigkeit“ etc. verstehen. PR und Werbung können kaum anders als eine Kommunikationspraxis bzw. strukturell als Berufsfelder im Bereich der öffentlichen Kommunikation verstanden werden. Das Internet, so eine in der Kommunikationswissenschaft verbreitete Überzeugung, sollte nicht als „Medium“ verstanden werden, sondern als „weltweiter Verbund von Computernetzwerken“. Das Internet bietet eine technische Infrastruktur für unterschiedliche Formen der Onlinekommunikation.6 Diskurse über die Ethiken der öffentlichen Kommunikation finden einerseits in den Berufsfeldern selbst statt, Branchenangehörige und entsprechend spezialisierte Institutionen, beispielsweise der Deutsche Presserat, der Deutsche Rat für Public Relations oder der Werberat diskutieren über entsprechende Fragen der Normierung, der Verletzung von Regeln oder der Sanktionierung durch öffentliche Rügen. Darüber hinaus reflektiert 4 Vgl. unter anderem Fenner 2010, Knoepfler et.al. 2006 oder Nida-Rümelin 2005. 5 Vgl. z.B. Haller/Holzhey 1992, Funiok et.al. 1999, Funiok 2011, Heesen 2016, Schicha/Brosda 2010. Vgl. auch das neue, einschlägige Lehrbuch von Schicha 2019. 6 Vgl. Schweiger 2013. Günter Bentele 62 natürlich die Wissenschaft, hier vor allem die Kommunikationswissenschaft, oft auch in Kooperation mit anderen Disziplinen, wie z.B. der Pädagogik, der Philosophie oder auch der Theologie.7 Wie verhält sich eine „Medienethik“ zu einer Ethik der öffentlichen Kommunikation? Eine Medienethik enthält zunächst mal alle Ethiken medialen Handelns, also des journalistischen Handelns, der Medienproduktion in anderen Bereichen, z.B. der nicht-journalistischen, sondern rein unterhaltungsorientierten Film- und Fernsehproduktion. Der Begriff „Medienethik“ ergibt praktisch und logisch gesehen dort Sinn, wo mediales, berufliches Handeln im Mittelpunkt steht, Handeln in oder von einem Medium. Die Begriffe Werbeethik und PR-Ethik ergeben als berufsfeldbezogene Begriffe für die entsprechenden Tätigkeitsfelder am meisten Sinn. Eine Ethik der öffentlichen Kommunikation kann die einzelnen Bereichsethiken, aber auch deren Gemeinsamkeiten und die Unterschiede reflektieren. Die Ethik der öffentlichen Kommunikation enthält also Teilethiken des Journalismus und der Medien, der Public Relations und der Werbung. Auch die Propagandaethik (die hier nicht behandelt wird) gehört hierher.8 Diskussionsebenen können die Individualethik, die Institutionen- oder Organisationsethik, die Branchen- oder Professionsethik und die Publikumsethik9 sein. Normenkataloge, Kodizes, sind konkreter Ausdruck dieser Ethiken, sie bringen Werte und Normen auf den Begriff, in eine Reihenfolge und Form, sie interpretieren, fordern und versuchen damit auch, Handeln in diesen Berufsfeldern – in der Regel zum Besseren – zu beeinflussen und auch zu steuern (vgl. Debatin 1997). Die Unterscheidung von Werten und Normen kann wie folgt getroffen werden: Während Werte, Wertvorstellungen als erstrebenswerte, wertvolle 7 Vgl. z.B. die jährlichen Tagungen und die Publikationen des „Netzwerk Medienethik“. Vgl. auch Schicha/Brosda 2010. 8 Es ist hier nicht eine „neutrale“ Propagandadefinition gemeint (vgl. z.B. Maletzke 1972), sondern eine ethisch „bestimmte“ Definition (vgl. Bentele 2013b: 280), die Propaganda von anderen Formen persuasiver Kommunikation vor allem dadurch unterscheidet, dass einen negativen Bezug zur Wahrheitsnorm aufweist. Dies vorausgesetzt, kommt man nicht umhin, von ethischen Grundentscheidungen von Propagandisten, also einer „Propagandaethik“ zu sprechen. Es war z.B. Teil von Hitlers Propagandaethik, sich von einer „objektiven Wahrheit“ zu distanzieren: „Sie (die Propaganda, G.B.) hat nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie anderen günstig ist, zu erforschen […], sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen.“ Vgl. Hitler (2016: 505). Vgl. zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Propaganda-Begriffen und -theorien Bussemer 2005. 9 Vgl. zur Unterscheidung dieser vier Ebenen auch Schicha 2019: 27. Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 63 Eigenschaften oder Qualitäten definieren kann, die Ideen, Objekten, Idealen, Sachverhalten, aber auch Handlungsmustern oder Charaktereigenschaften zugeordnet werden, lassen sich (soziale) Normen eher als Vorschriften, als Handlungsmaximen oder Verhaltensregeln verstehen. Viele Phänomene, von denen wir auch in der öffentlichen Kommunikation sprechen, wie z.B. Wahrheit, Fairness, Objektivität, Transparenz, Offenheit, etc. können sowohl als Normen, wie auch als Werte fungieren. Bleiben noch die Begriffe Wahrheit, Wahrhaftigkeit und damit zusammenhängende Begriffe. Ganze Bibliotheken sind seit etwa 2000 Jahren über diese Begriffe und über entsprechende Theorien verfasst worden. Auf Aristoteles (1970) geht die „Korrespondenztheorie“ der Wahrheit zurück. Bei Thomas von Aquin findet sich eine klassische Formulierung dieser Korrespondenztheorie: „Veritas est adaequatio intellectus et rei“ (von Aquin 2013: 27). Heute werden neben der Korrespondenztheorie u.a. die Kohärenztheorie der Wahrheit (z.B. Nicholas Rescher), die pragmatische Wahrheitstheorie (William James), die logisch-semantische Wahrheitstheorie (Alfred Tarski), die Widerspiegelungstheorie (Wladimir I. Lenin) und die Konsenstheorie der Wahrheit (Jürgen Habermas) unterschieden.10 Der Kern der Korrespondenztheorie, die Übereinstimmung der Vorstellungen mit der Wirklichkeit, wird auch in anderen Wahrheitstheorien (z.B. Widerspiegelungstheorie, pragmatische Wahrheitskonzeption, Kohärenztheorie, Diskurstheorie, etc.) geteilt, es geht dort aber um die Art und Weise, wie man zu wahren Aussagen kommt, um Wahrheitsbedingungen, etc. Der Begriff Wahrheit taucht häufig zusammen mit anderen, benachbarten Begriffen auf. Insbesondere Begriffe wie Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit oder Richtigkeit sind Begriffskandidaten, die von Wahrheit möglichst präzise unterschieden werden sollen. Richtigkeit ist einerseits ein Alltagsbegriff, der dort in etwa synonym zu Wahrheit verwendet wird. Dass die Zahl, das Gewicht, etc. richtig ist, heißt, dass die Angaben stimmen, wahr sind. Der Geltungsanspruch „Richtigkeit“ in der Habermas‘schen Kommunikations- und Wahrheitstheorie bezieht sich allerdings nicht auf die „objektive Welt“ (wie Wahrheit), sondern auf die ‚normative Angemessenheit‘ von Aussagen. Das heißt, die „Richtigkeit“ von Aussagen und Handlungen basiert auf bestimmten Regeln, deren Geltungsanspruch nur diskursiv eingelöst werden kann. Wahrhaftigkeit wird in der Regel immer als eine auf das handelnde Subjekt bezogene Norm verstanden, möglichst wahrheitsgemäß zu kommuni- 10 Zu einem kurzen Abriss und Diskussion dieser Theorien vgl. Bentele 2016. Vgl. ausführlicher Habermas 1973, Skirbekk 1977. Günter Bentele 64 zieren. Wahrhaftigkeit bringt das Verhältnis von Menschen zur Wahrheit zum Ausdruck und bezeichnet das subjektive „Für-Wahr-Halten“. Wahrheit (als Geltungsanspruch) bezieht sich nach Habermas auf die Darstellung von Sachverhalten und die objektive Welt, Richtigkeit auf die Geltung von Normen, Wahrhaftigkeit auf die subjektiven Intentionen des Sprechers, die zur Glaubwürdigkeit und der Vertrauenswürdigkeit des Sprechers maßgeblich beiträgt (vgl. Habermas 1971: 131). Eine wahrhaftig formulierte Aussage eines Kommunikanden A (z.B. Hans ging gestern wandern), dem Hans erzählt hatte, dass er gestern wandern gehen wollte, muss deshalb nicht automatisch wahr sein, dann nämlich, wenn sich später herausstellte, dass Hans tatsächlich gar nicht wandern (was er ursprünglich vorhatte), sondern Autofahren war (weil es stark regnete). Diese Aussage war zwar wahrhaftig, aber objektiv falsch. Man kann hier nicht von Lügen, sondern muss von Irrtum sprechen. Irrtümer beruhen auf falschen Annahmen, Behauptungen, Glauben. Derjenige, der den Irrtum eingesteht, konnte aber immer zum Zeitpunkt der Äußerung von der Übereinstimmung seiner Aussage mit der Wirklichkeit ausgehen. Neben dem Irrtum ist es auch die Unwahrhaftigkeit des Ausdrucks, also die ‚Unechtheit‘, die nur vorgespielte Authentizität in Unterhaltungssendungen oder im Verkaufsfernsehen, die als Form nicht-wahrhaftiger, öffentlicher Kommunikation beobachtbar ist. Können solche Formen schon als weitgehend intentional bezeichnet werden, müssen Lügen eindeutig als intentionale Falschaussagen über die Wirklichkeit definiert werden, die den oder die Kommunikationspartner über die richtige Wahrnehmung dieser Wirklichkeit täuschen sollen11. Lügner kennen die Wahrheit, d.h. die richtigen Aussagen über bestimmte Sachverhalte, machen aber aus irgendwelchen Gründen Falschaussagen. Lügen sind kommunikative Mittel, um Täuschungen oder Irreführungen des Kommunikationspartners zu erwirken. Lügen müssen nicht unbedingt sprachlich (mündlich oder schriftlich) stattfinden, sie können z.B. auch nonverbal vollzogen werden. Allerdings kann es für das Lügen moralisch legitime Gründe geben, z.B. um einen unschuldigen Menschen, der sich (z.B. in einem Polizeistaat) versteckt hat, vor Verfolgung zu retten. Aber auch die Legitimation einer Lüge unter bestimmten Umständen ändert nichts daran, dass es eine Lüge ist. Hinter dem Alltagsbegriff der Wahrheit steht vor allem die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Fragte man Journalisten, PR-Experten oder Werbeexperten danach, was sie unter Wahrheit verstehen, kämen vor al- 11 Vgl. zu dieser Definition auch Bentele 2013a, Müller/Nissing 2007. Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 65 lem Antworten, die auf Wahrheit als Übereinstimmung von Aussagen mit der Wirklichkeit abheben. Diese Norm lässt sich auf dem Hintergrund des ‚rekonstruktiven Ansatzes‘ (vgl. Bentele 2008, 2015a) als Norm des Wirklichkeitsbezugs bestimmen. Der rekonstruktive Ansatz ist eine erkenntnistheoretisch, nämliche durch die evolutionäre Erkenntnistheorie und den hypothetischen Realismus12 fundierte, kommunikationswissenschaftliche Theorie, die im Kern das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und medial dargestellter Wirklichkeit thematisiert. Sie argumentiert im Ansatz realistisch, d.h. stützt sich auf korrespondenztheoretische Positionen, nimmt aber – ebenso wie der Konstruktivismus – biologische Argumente auf. Das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Medienwirklichkeit wird normativ mit dem (biologischen) Begriff der Passung, d.h. einer Stukturähnlichkeit zwischen dargestellter Wirklichkeit und darstellender Medienwirklichkeit gefasst (Vollmer 1975, 54 ff.) und mit Regeln des Wirklichkeitsbezugs beschrieben (vgl. Bentele 2018, 198 ff.). „Rekonstruktion lässt sich dabei definieren als der Informations- Wahrnehmungs- oder Beobachtungsprozess, in dem auf unterschiedlichen Ebenen (Wahrnehmung, Denken/Kognition, Kommunikation) Wirklichkeit, die außerhalb von Lebewesen existiert, von den Lebewesen durch ihre Wahrnehmungs- und Kognitionsorgane hindurch verarbeitet wird, und zwar so, dass isomorphe (strukturähnliche) Konstrukte, eben Rekonstrukte entstehen“ (vgl. Bentele 2015a: 195). Der rekonstruktive Ansatz ist mit zentralen Argumenten der Konsensustheorie der Wahrheit gut verträglich. Die Feststellung einer ‚adäquaten‘ Darstellung von Wirklichkeit in den Medien, die die Grundlage für das Erreichen von ‚journalistischer Objektivität‘ ist, ist nur durch eine Art Konsensprinzip feststellbar. Ähnlichkeiten bestehen auch zu vielen Argumenten des „Neuen Realismus“ (vgl. Gabriel 2013). Die Praxis der öffentlichen Kommunikation hat überall dort, wo es um Informationsangebote und -leistungen geht, unausweichlich mit Wirklichkeit zu tun. Kommunikatoren müssen über etwas, über Sachverhalte, Ereignisse, Prozesse in der Welt informieren. Dazu sind Nachrichten und 12 Der „Hypothetische Realismus“, eine philosophiegeschichtlich alte Theorie (Vollmer 2003: 17), der die erkenntnistheoretische Grundlage der Evolutionären Erkenntnistheorie (EE) bildet, geht davon aus, dass es eine reale Welt gibt (was allerdings nicht beweisbar ist), die auch Strukturen hat, die teilweise erkennbar sind. Alle Aussagen über die Welt haben hypothetischen Charakter; im Erkenntnisprozess kann entschieden werden, welche Aussagen über die Welt wahr sind und welche nicht. Vgl. u.a. Vollmer 1975: 35 ff. Günter Bentele 66 insgesamt informierende Textgattungen da, dazu ist man als Nachrichtenjournalist, als Pressesprecher und auch als Mitarbeiter von Werbeagenturen ethisch oder rechtlich verpflichtet. Die Kommunikatoren müssen diese Informationsleistung so umsetzen, dass das, worüber informiert wird, in der Kommunikation für jeden Rezipienten erkennbar bleibt. Die Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm in der öffentlichen Kommunikation In einer Ethik der öffentlichen Kommunikation werden Werte und Normen der Berufsfelder Journalismus, Public Relations und Werbung angesprochen, deren Akteure (in der Regel innerhalb von Organisationen) professionell öffentliche Kommunikation betreiben. Die drei Berufsfelder lassen sich als beruflich definierte soziale Systeme sehen, die individuelle Akteure und Organisationen (als korporative Akteure) sowie deren Beziehungen zueinander und zu anderen Systemen enthalten. Sie sind mit einem oder mehreren gesellschaftlichen Teilsystemen (wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) verbunden. Ich spreche auch von Typen öffentlicher Kommunikation, wenn ich Tätigkeitsbereiche, die Tätigkeiten in ihnen und ihre Muster anspreche. Journalismus Die (normative) Kodifizierung des Wirklichkeitsbezugs im Journalismus wird heute13 sehr gut in der Ziffer 1 des Deutschen Pressekodex ausgedrückt, der überschrieben ist mit „Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde“. Hier heißt es: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“ (vgl. https://www.presserat.de/pressekodex.html) 3. 3.1 13 Diese Norm existierte schon seit den ersten Anfängen der periodischen Presse als Leitnorm: In Kaspar Stielers „Zeitungs Lust und Nutz“, der ersten Gesamtdarstellung zum Pressewesen, heißt es, dass ein „Zeitunger“ „unpartheyisch“ und „nicht alzuleichtgleubig“ sein, was die Nachrichtenquellen angeht, bei denen oft „die Parteylichkeit über die Warheit herschet“ (Stieler 1969: 49). Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 67 Es wird zwar nicht ausgeführt, dass Wahrheit zu erreichen eine Pflicht, oder überhaupt erreichbar sei, es wird nur gesagt, dass Journalisten Achtung vor der Wahrheit haben sollen, sie sollen dem Wert der Wahrheit, Achtung (selbst ein Wert) entgegenbringen. Was die eigentliche Informationstätigkeit von Journalisten anbelangt, so wird sie mit dem Wahrhaftigkeitsbegriff benannt: „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ ist die normative Forderung und es wird eine Art von Begründung nachgeliefert: „Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien“. Übersetzt heißt das auch: Wenn Journalisten diese Norm nicht befolgen sollten, wenn diese Norm immer wieder durchbrochen werden sollte, dann würde solches Verhalten negative Folgen haben. Die Reputation und die Glaubwürdigkeit journalistischen Handelns und damit auch des Journalismus insgesamt würden leiden. Wir wissen allerdings aus vielen empirischen Studien, dass Reputation und Ansehen der journalistischen Medien bei der Bevölkerung, ihren Nutzern, höchst ungleich verteilt sind. Manchen Medien wird eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit zugeschrieben als anderen. Bild beispielsweise wird als deutlich unglaubwürdiger als die FAZ, die SZ oder die Tagesschau wahrgenommen. Implizit sagt dieser Paragraph 1 des Deutschen Pressekodex damit auch, dass es einen logischen Zusammenhang zwischen der Produktionsnorm Wahrhaftigkeit und der Glaubwürdigkeitsbewertung auf Rezeptionsseite gibt. In der Tat zeigt die Prozessanalyse, dass es einen gemeinsamen Bezugspunkt zwischen Produktionsnorm und Bewertung auf der Rezeptionsseite gibt: den Wirklichkeitsbezug nämlich (vgl. Bentele 2008). Wenn einem Medium nicht nur Fehler in der Faktendarstellung nachgewiesen werden können (die auch durch Irrtum, mangelnde Zeit und Ressourcen, etc. entstanden sein können), sondern bewusstes Falschdarstellen, dann schlägt dies negativ für Ansehen und Glaubwürdigkeit der Journalisten zu Buche. Bei entsprechender Häufung ist das Medium insgesamt oder der gesamte Journalismus betroffen. Die „Lügenpresse“- Vorwürfe der letzten Jahre lassen sich allerdings nicht nur auf subjektive Wahrnehmung von Falschberichterstattung, sondern auch darauf zurückführen, dass diejenigen, die solche Vorwürfe erheben, offenbar andere thematische Präferenzen oder andere Bewertungen derselben Sachverhalte haben, als die berichtenden Journalisten.14 In der Alltagswahrnehmung und 14 Eine inhaltsanalytische Studie von Mainzer Forschern zur Flüchtlingskrise 2015/2016, in der die Berichterstattung von ARD, ZDF RTL, FAZ, SZ und Bild untersucht worden war, ergab, dass die Medien die Faktenlage während der Günter Bentele 68 -zuschreibung von mehr oder weniger ausgeprägter Glaubwürdigkeit von Medien wird hier sicher nicht ausreichend differenziert. Die Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm gilt nicht nur in Deutschland, sondern wohl global: Sie existiert in fast allen Journalistenkodizes weltweit. Die amerikanische „Society of Professional Journalists“ stellt ihren Ethik-Kodex z.B. unter vier wesentliche Prinzipien. Das erste: „Seek truth and report it“.15 Die “International Federation of Journalists stellt in ihrer “Global Charter for Ethics of Journalists“ von 2019 im ersten Punkt fest: „Respect for the facts and for the right of the public to truth is the first duty of the journalist“16 Eine Sammlung europäischer Journalistenkodizes, die auf eine ältere Sammlung von Kaarle Nordenstreng zurückgeht (vgl. https://research.uta.fi/ethicnet/), zeigt, dass die Wahrheitsnorm in fast allen dieser Codizes wichtiger Bestandteil ist. Diese Befunde sind ein starkes Argument nicht nur für die weltweite Existenz dieser Norm, sondern auch für deren Sinn. Public Relations In der Entwicklung ethischer Grundsätze der Public Relations17 ist nach unserem heutigen Wissen der erste von Ivy Ledbetter Lee schriftlich fixierte „PR-Kodex“ die „Declaration of Principles“ von 1906.18 In der „Declaration“ wird zwar der Wahrheitsbegriff nur implizit erwähnt: Journalisten wird Hilfe beim Verifizieren von Fakten angeboten, explizit werden Normen wie Offenheit und Genauigkeit (accuracy) genannt. Lee, der im 1. Weltkrieg die Kommunikation des amerikanischen Roten Kreuzes gesteuert hatte und der bis zu seinem frühen Tod 1934 erfolgreich Unternehmen 3.2 Flüchtlingskrise überwiegend richtig dargestellt haben. Andererseits war dieselbe Berichterstattung wenig ausgewogen, nur wenige Beiträge waren in sich ausgewogen. Vgl. Maurer et. al. 2019. 15 https://www.spj.org/pdf/spj-code-of-ethics-bookmark.pdf. 16 https://www.ifj.org/who/rules-and -policy/global-charter-of-ethics-for-journalists.h tml. 17 Vgl. Avenarius / Bentele 2009; Bentele 2009, Bentele 2015b. 18 Der Ausschnitt aus dieser „Delaration“: „This is not a secret press bureau. All our work is done open. We aim to supply news. This is not an advertising agency; if you think any of our matter ought properly to go to your business office, du not use it. Our matter is accurate. Further details on any subject treated will be suppplied promptly, and any editor will be assisted most cheerfully in verifying directly any statement of fact.“ Vgl. Hiebert 2005: 482. Vgl. auch Grunig/Hunt 1984: 33. Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 69 wie Standard Oil, Chrysler, American Tobacco und Rockefeller beraten hatte, wollte für seine Klienten nicht nur eine gute Presse und eine gute Reputation erreichen. „He realized that if an organization were to open channels of communication and tell the truth about itself, it needed to have a good truth to tell“ (Hiebert 2005: 482). Es existiert also schon vor über hundert Jahren eine Wahrheitsnorm in der PR. Damit war das Paradigma der “press agency“, das noch bewusst mit Lügen und verdeckter PR gearbeitet hatte, punktuell überwunden. Im 20. Jahrhundert setzte sich das Paradigma der „two-way-communication“, das Ivy L. Lee und Edward L. Bernays gefordert hatten, das auch die Wahrheitsnorm enthielt, immer stärker durch. Im Code d’Athènes und dem Code de Lisbonne, den beiden europäischen Codizes, die 1965 und 1973 verabschiedet worden waren, wird ein halbes Jahrhundert später die Wahrheitsnorm angesprochen und formuliert: Jedes Mitglied der Verbände, die sich hinter Code d’Athènes stellen, sollte nicht „die Wahrheit anderen Ansprüchen unterordnen“19 und im Code de Lisbonne (1973) heißt es in Artikel 3: „In der Ausübung ihres Berufes beweisen die Public Relations-Fachleute Aufrichtigkeit, moralische Integrität und Loyalität. Insbesondere dürfen sie keine Äußerungen und Informationen verwenden, die nach ihrem Wissen oder Erachten falsch oder irreführend sind.“ [Hervorh. durch den Autor, G.B.]20 Artikel 4 desselben Kodex fordert, dass „Public Relations-Aktivitäten offen durchgeführt werden [müssen]. Sie müssen leicht als solche erkennbar sein, eine klare Quellenbezeichnung tragen und dürfen Dritte nicht irreführen.“21 [Hervorh. durch den Autor, G.B.] Und im Artikel 15 heißt es: „Jeder Versuch, die Öffentlichkeit oder ihre Repräsentanten zu täuschen, ist nicht zulässig“ (vgl. ebenda). Auch die „Sieben Selbstverpflichtungen“, die Horst Avenarius 1991 auf den Weg brachte, führen aus: „Mit meiner Arbeit diene ich der Öffentlichkeit. Ich bin mir bewusst, dass ich nichts unternehmen darf, was die Öf- 19 Vgl. Code d’Athènes 1965 auf https://drpr-online.de/kodizes-2/pr-kodizes/code-dat henes/. 20 Vgl. Code de Lisbonne 1978 auf https://drpr-online.de/kodizes-2/pr-kodizes/codede-lisbonne/. 21 Dieser Artikel war Grundlage vieler öffentlicher Rügen durch den DRPR. Vgl. Avenarius / Bentele 2009. Günter Bentele 70 fentlichkeit zu irrigen Schlüssen und falschem Verhalten veranlasst. Ich habe wahrhaftig zu sein.“22 Der vom Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) im Jahr 2012 verabschiedete Deutsche Kommunikationskodex23 führt aus: „Public Relations verbreiten keine falschen und irreführenden Informationen. [Hervorh. durch den Autor. G.B.] Durch solche Handlungen würde das Vertrauen angesprochener Öffentlichkeiten missbraucht…“ … PR- und Kommunikationsfachleute sind der Wahrhaftigkeit [Hervorh. durch den Autor, G.B:] verpflichtet, verbreiten wissentlich keine falschen oder irreführenden Informationen oder ungeprüfte Gerüchte.“ Eine Vorschrift im Bereich der Finanzkommunikation ist noch wichtig: „PR- und Kommunikationsfachleute konzentrieren Ad hoc-Mitteilungen auf erheblich kursrelevante, nicht öffentlich bekannte Umstände, beachten deren Neuigkeitswert und führen nicht durch unwahre oder verschleiernde Angaben in die Irre.“24 In der Finanzkommunikation ist die Wahrheitsnorm nicht nur besonders wichtig, weil hier von der Wahrheit der Informationen (nicht nur der Wahrhaftigkeit der Kommunikatoren) viel Geld der Anleger abhängt. Einige der auf wahrheitsgemäße Berichterstattung bezogene Normen haben Gesetzescharakter, beispielsweise die Ad-hoc-Publizität im Wertpapierhandelsgesetz.25 Werbung Jenseits aller mehr oder weniger berechtigter Manipulationsvorwürfe der Werbung gegenüber, die in den siebziger Jahren einen Höhepunkt hatten, 3.3 22 Vgl. Sieben Selbstverpflichtungen auf https://drpr-online.de/kodizes-2/pr-kodizes/ sieben-selbstverpflichtungen/. 23 Vgl. Kommunikationskodex Online auf: https://drpr-online.de/kodizes-2/komm-k odex/. 24 Vgl. DRPR-Richtlinie zur Ad-hoc-Publizität. https://drpr-online.de/kodizes-2/ratsr ichtlinien/ad-hoc-publizitat/. 25 Vgl. Informationen zu Transparenz, Informationspflichten, Ad-hoc-Publizität der Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, unter https://www.bafin.d e/DE/Aufsicht/BoersenMaerkte/Transparenz/ InformationspflichtenEmittenten/A d-hoc-Publizitaet/ad-hoc-publizitaet_node.html. Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 71 muss festgestellt werden, dass es auch in der Werbung für Waren und Dienstleistungen die Wahrheitsnorm und damit einen normativen Wirklichkeitsbezug gibt. In den juristischen Regelungen, den Werbegesetzen, wird vor allem die nachweislich falsche Darstellung von Produkten und Dienstleistungen geächtet. Eine Zuwiderhandlung gegen Bestimmungen des Gesetzes gegen den Unlauteren Wettbewerb (UWG) kann angeklagt und bestraft werden. Die Ächtung geschieht hier nicht nur in einer ethischen Dimension, sondern hat sich auch rechtlich, im deutschen und im europäischen Recht im Verbot der Täuschungsabsicht (z.B. im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)) festgesetzt. Das UWG spricht in § 5 von „Irreführende(n) geschäftliche(n) Handlungen“ und definiert wie folgt: „Unlauter handelt, wer eine irreführende geschäftliche Handlung vornimmt, die geeignet ist, den Verbraucher oder sonstigen Marktteilnehmer zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die er andernfalls nicht getroffen hätte. Eine geschäftliche Handlung ist irreführend, wenn sie unwahre Angaben enthält oder sonstige zur Täuschung geeignete Angaben über folgende Umstände enthält…“26 Aufgezählt werden dann Warenmerkmale, Verfügbarkeit, Art, Ausführung, Vorteile, Risiken, Zusammensetzung, Herstellungs-Verfahren oder -zeitpunkt, etc. Insgesamt ist so ein ziemlich engmaschiges Netz gegen Täuschung und Lügen, bezogen auf Waren und Dienstleistungen geknüpft, das den Verbrauchern einige Grundsicherheiten gibt und viele Möglichkeiten auch zur Klage eröffnet. Allerdings gehen Gerichtsurteile auch davon aus, dass „reklamehafte Übertreibungen“, die auf den ersten Blick als solche erkannt werden, keine Irreführung darstellen.27 Schlussbemerkungen Es lässt sich also feststellen, dass die Wahrheits- und die Wahrhaftigkeitsnorm, ebenso wie das Täuschungsverbot, das eine andere Formulierung der Wahrheitsnorm darstellt, wohl in allen traditionellen Formen öffentlicher Kommunikation einen zentralen Platz einnimmt. Verletzungen die- 4. 26 Vgl. Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG§ 5.). Online unter https://w ww.gesetze-im-internet.de/uwg_2004/__5.html. 27 Vgl. verschiedene Urteile auf folgender Anwalts-Website: http://anwalt-baur.de/w arum-die-werbung-luegen-darf/. Günter Bentele 72 ser Normen sind gang und gäbe, aber das macht diese Normen nicht weniger wichtig. Der Sinn des Tötungsverbots wird nicht dadurch hinfällig, weil es in der gesellschaftlichen Praxis immer wieder Tötungen und Morde gibt. Sowohl im Journalismus, wie in der PR, wie auch in der Werbung – ja selbst bei der Propaganda – sind Wahrheit und Wahrhaftigkeit als konstitutive Normen vorhanden, in der Propaganda allerdings meist nur in der Negation. Diese Normen können auf dem Hintergrund des rekonstruktiven Ansatzes zentral wichtige Normen des Wirklichkeitsbezugs genannt werden. Im Gegensatz zu manchen Theorieansätzen, z.B. einigen Spielarten des (radikalen) Konstruktivismus (vgl. Schmidt 1990, 1993), die die Existenz solcher Wirklichkeitsbezüge tabuisieren, übersehen, leugnen oder schlicht ignorieren, hat es die öffentliche Kommunikation überall dort, wo es um Informationsangebote und -leistungen geht, notwendigerweise mit solchen Wirklichkeitsbezügen zu tun.28 Diese Notwendigkeit, sich adäquat auf Wirklichkeit zu beziehen, die im beruflichen Handeln tatsächlich hergestellt werden muss, sollte deshalb auch in der theoretischen Reflexion, in der Kommunikationstheorie eingelöst werden. Das geschieht bislang zu selten.29 Weil es in der öffentlichen Kommunikation immer notwendig ist, über etwas, über Sachverhalte, Ereignisse, Prozesse in der Welt, zu informieren – als Nachrichtenjournalist, als Pressesprecher, als Werbeagentur, ist der adäquate Wirklichkeitsbezug zentral wichtig. Dies vorausgesetzt, kann das Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsgebot als wichtigste Norm für das Funktionieren öffentlicher Kommunikation betrachtet werden. Die gesellschaftliche Funktion, die diese Normen haben, ist Information über die und Orientierung in der Welt zu gewährleisten. Überall dort, wo sie nicht eingehalten, bewusst verletzt wird, entstehen Probleme wie z.B. Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverluste. Normen wie Offenheit, Transparenz, etc., die innerhalb der letzten 25 Jahre auch wichtiger geworden sind, unterstützen die Wahrheitsnorm und sind mit demokratischen Ansprüchen verbundenen. Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Transparenz sind als Werte entscheidend, um das für unser Zusammenleben so wichtige Vertrauen in Organisationen und gesellschaftliche Systeme, das heute ja meist öffentlich 28 Dies wird mittlerweile auch bei einigen Autoren eines neueren, kommunikationswissenschaftlichen Diskurses um konstruktivistische und radikalkonstruktivistische Positionen in der Kommunikationswissenschaft gesehen. Vgl. z.B. Haarkötter 2017 oder Neuberger 2017. 29 Als positive Ausnahme vgl. Kuhlmann 2016. Wahrheitsanspruch in einer Ethik der öffentlichen Kommunikation 73 vermittelt wird – aufrechtzuerhalten und dort wiederherzustellen, wo es verloren gegangen ist. Literatur: Aristoteles (1970): Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Übersetzt und hrsgg. von Frank F. Schwarz. Stuttgart. Avenarius, Horst / Bentele, Günter (Hg.) (2009): Selbstkontrolle im Berufsfeld Public Relations. Reflexionen und Dokumentation. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. 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Dies wirft gleichzeitig fundamentale ethische und epistemologische Herausforderungen auf, die ich mit der Tugendethik und dem Theorem der Komplementarität beantworte. Zudem wird erläutert, warum Vertrauen und Wahrheit so wichtig für Journalismus sowie für Demokratie sind. Meine Antworten umfassen fundamentale Unterschiede zwischen deutschsprachigen und amerikanischen Voraussetzungen von ‚Freiheit‘, die auch wesentlich für Probleme von „filter bubbles,“ Fake News, usw. sind. Um dieses Problem des Vertrauens genauer zu erläutern, beginne ich mit K.E. Løgstrups Verständnis der Begegnung mit „dem Anderen“ als verkörpert, die er als wesentliche Bedingung für Vertrauen postuliert. Der Mangel einer verkörperten Ko-Präsenz online führt demnach zu zentralen Problemen von Vertrauen. Als Gegenmittel empfehle ich die „techno-moralische Tugenden“ nach Shannon Vallor, welche sowohl Vertrauen als auch Mut einschließen. Um den Schwierigkeiten mit der Thematik der Wahrheit zu begegnen empfehle ich schließlich eine post-positivistische „Kopernikanische Revolution 2.0“ und Komplementarität. Zum Schluss kehre ich zur Frage des Menschseins im Streit zwischen dem Antiken und dem Modernen Menschenbild zurück und schließe mit Kants berühmten Ruf nach Mut als wesentlichem Element für Aufklärung sowie für Demokratie. 1 Erstens möchte ich Dr. Stapf und Dr. Sell ganz herzlich für die Möglichkeit an der Tagung teilnehmen zu dürfen danken. Ein weiteres Dankeschön gebührt aline shakti franzke sowie Dr. Stapf und Dr. Sell für ihre weitgehende Hilfe mit der deutschen Übersetzung. 79 Menschen und Medien: Eine kleine philosophische Anthropologie Aus einer philosophischen Perspektive heraus betrachtet sind viele unserer wichtigsten Ideen, Normen, Begriffe usw. – besonders im Bereich der Politik und Ethik – abhängig von unseren Annahmen davon, was ein Mensch ist und was wir als Menschen werden können. Ohne mich hier in allzu vielen Details verlieren zu können, möchte ich kurz eine philosophische Anthropologie skizzieren, welche von Kolleg*innen und mir in den letzten 20 Jahren im Gebiet der „existential media studies“ entwickelt worden ist (Lagerkvist 2018). Diese Anthropologie erläutert einige fundamentale Voraussetzungen, die sich als wesentlich zu der folgenden Diskussion über Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten zeigen. Zentrale Thesen davon sind: • der Mensch in seiner Sterblichkeit und Fragilität ist immer schon ein relationales Wesen • relational zu sein schließt viele – existentielle sowie soziale – Schwierigkeiten und Herausforderungen mit ein • politisch relevant ist die Herausforderung der Wertepluralität: wie können wir einen Pluralismus unter diesen verschiedenen Weltanschauungen schaffen – indem wir die verschiedenen Grundsätze, Voraussetzungen usw. respektieren, die die verschiedenen „Kulturen,“ ethnoi, Folksgruppen usw. definieren, ohne dabei aber in einen irreführenden und am Ende sehr destruktiven Relativismus zu fallen? In diese Richtung habe ich eine bestimmte Art von begrifflicher Komplementarität aufgebaut, die man als einen hermeneutischen sowie ethischen Pluralismus verstehen kann, der auf einer langen interkulturellen Tradition aufbaut, deren Anfänge bei Aristoteles und Konfuzius liegen (Ess 2020a). Warum sind Vertrauen und Wahrheit so wesentlich für Journalismus und demokratische Normen, Prinzipen und Rechte sowie für Gesellschaften im Allgemeinen? Autonomie und Relationalität Das Netzwerk Medienethik positioniert sich zu dieser Frage wie folgt: „Durch die Vernetzung von der Expertise aus Wissenschaft und Praxis und durch die Mitgestaltung der öffentlichen medienkritischen Debat- 1. 2. 2.1. Charles Ess 80 te über die Qualität von Journalismus, Unterhaltung, öffentlicher Kommunikation und Medienbildung hat das Netzwerk Medienethik einen wertvollen und wesentlichen Beitrag für eine freie und demokratische Gesellschaft geleistet.“2 Wichtig ist es mir, erstens, zu unterstreichen, dass diese assemblage von Normen, Prinzipien, Prozessen, usw., die wir „Demokratie“ nennen, insbesondere auf fundamentalen Voraussetzungen, einem bestimmten Glauben sowie Hoffnungen beruht, darunter auch auf den eingangs erwähnten philosophischen Prämissen, was ein Mensch als Person ist und – noch wichtiger – was er werden kann. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die kantianischen Autonomie verweisen, sowie auf Habermas und die feministische Kritik, die auf die Notwendigkeit eines relationalen Konzepts von Autonomie hingewiesen haben. Dieses relationale Selbst wird in Jürgen Habermas Erweiterung von Kant in seinem Begriff der „kommunikativen Vernunft“ angedeutet (McCarthy 1978: 47, Ess 2014: 217). Die Relationalität, die unserer Rationalität sowie auch unserer affektiven Selbstheit innewohnt, wird in neueren feministischen Darstellungen des Menschen auch als relationale Autonomie weiterentwickelt, d.h. als eine Verbindung der kantianischen Autonomie mit der Relationalität (z. B. Veltman und Piper 2014, Ess 2014). Die feministische Kritik (z.B. Benhabib 1992) hat auch hervorgehoben, dass Rationalität untrennbar von Affekt und Gefühl ist – und dabei die Wichtigkeit einer „ethics of care“ hervorgehoben (z.B. Ruddick 1989). Diese Einwände führen weiter zu einem inklusiveren Verständnis von „deliberative democracy“ (Thorseth 2008). Diese Relationalität zu betonen verweist auch auf die Tugendethik. Wie bereits von Andrea Westlund beschrieben, ist unsere Fähigkeit zur reflektierten Bestätigung sowohl der eigenen Handlungen als auch der Handlungen anderer zu verstehen als eine Gruppe von Fähigkeiten oder Fertigkeiten, die „während einer relativ langen Zeit der Abhängigkeit von Eltern und anderen Betreuern entwickelt werden müssen“ (Westlund 2009: 26). Darüber hinaus bleibt die Autonomie selbst immer relational, da sie „eine irreduzibel dialogische Form der Reflexion und Reaktionsfähigkeit gegen- über anderen erfordert“ (ebd.). 2 https://www.netzwerk-medienethik.de/ueber-uns/. Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 81 Kultur und Privatheit Besonders für die großen Fragen von Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten sind vergleichende Betrachtungen über fundamentale Voraussetzungen von ‚Freiheit‘ sowie ‚Privatheit‘ notwendig. So ist beispielsweise das Persönlichkeitsrecht ein für Deutschland spezifisches Konzept, welches in der romantischen Tradition des 19. Jahrhundert begründet ist. Diese Tradition konzentrierte sich „insbesondere auf die uneingeschränkte Schaffung des Selbst, auf die Gestaltung des eigenen Bildes und die Verwirklichung der eigenen Möglichkeiten“ (Whitman 2004: 1182; Hervorhebung CME). Diese Auffassung ist besonders wichtig für die Voraussetzungen des Konzepts von Privatheit („privacy“). Der Schutz der Privatsphäre ist lediglich als ein Aspekt des Schutzes der Persönlichkeit im weiteren Sinne zu verstehen. Die Privatsphäre wurde in Deutschland ein Teil der „freien Selbstverwirklichung“ (ebd.). Im Gegensatz dazu ist die US-amerikanische Tradition von der Betonung der „Freiheit“ geprägt, die auf den Vorstellungen des 18. Jahrhunderts vom „Recht auf Freiheit von Eingriffen des Staates, insbesondere im eigenen Haus“ (Whitman 2004: 1161) beruht. Dieses Freiheitskonzept ist verankert in der Bedeutung (von Adam Smith bis zu Laissez-Faire-Ideologien des 19. Jahrhunderts) von freien Märkten (Whitman 2004, 1208; vgl. 1193) – und in einer Annahme der Person als Individuum, einem ‚atomistic individual‘, das nur ‚frei‘ ist im Gegensatz zu Anderen. Dies meint folglich eine ausschließlich negative Freiheit, wie Isaiah Berlin (1969) sie beschrieben hat. Was bedeutet das für «die Medien»? Im Gegensatz zur „klassischen“ deutschen und europäischen Tradition des ‚public service broadcasting‘, die sich eine Art Aufklärungsmission zuschreibt (ein gesellschaftlicher Anspruch, der auch gesetzlich verankert ist), werden amerikanische Nachrichtenmedien und digitale Medien zunehmend von den Rahmenbedingungen und Annahmen des Konsums und der Unterhaltung bestimmt: „Der wichtigste öffentliche Raum unserer Zeit ist der des Konsums. Daher ist das Politische seiner Logik unterworfen und wird nach dem Kriterium des Bildes beurteilt [...]. Die Demokratie verliert damit ihre Rationalität. Bilder verdrängen Argumente. Debatten werden zu Spielen. Die Show hört nie auf. Alle Spiele werden austauschbar. Die poli- 2.2. 2.3. Charles Ess 82 tische Bühne ist in der Regel nicht mehr als eine unter anderen.“ (Henaff and Strong 2001: 26f.; Hervorhebung CME) Im schlimmsten Fall, wie etwa Jean Beth Elshtain warnt, kommt es dabei zu einer Verbindung von Fernsehen und Politik – dann „ist Volksabstimmung mit autoritärer Politik vereinbar, die unter dem Deckmantel oder unter der Zustimmung der Mehrheit betrieben wird. Diese Meinung kann durch leicht manipulierbare, rituelle Volksabstimmungen registriert werden, so dass keine Debatte über inhaltliche Fragen erforderlich ist“ (Elshtain 1982: 108). Besonders in einer derartigen „free-market society“ erscheint es nicht als ein Wunder, dass die bekannten Probleme von Fake News, filter bubbles, usw. auftauchen. Das bedeutet weiter: Wahrheit und Vertrauen werden immer dringender, indem sie die Bedingungen für einen Journalismus und für Medien schaffen, die durch Meinungsfreiheit und Perspektivenvielfalt zur demokratischen Debatte im Allgemeinen und zum Persönlichkeitsrecht im Besonderen beitragen. Verkörperung, Vertrauen und die Herausforderungen von Online- Umgebungen Knud Ejler Løgstrup über Verkörperung und Vertrauen Wie Bjørn Myskja (2008) hervorhebt, beginnt K.E. Løgstrups phänomenologische Darstellung des Vertrauens mit unserer Grundbedingung als verkörperte Menschen – nämlich damit, dass wir für unser Überleben sowohl verletzlich als auch absolut voneinander abhängig sind. Dies betrifft auch unser Wohlbefinden, da Menschen der Zuneigung anderer Menschen bedürfen. Dieser Ausgangszustand kann auch als ein Risiko verstanden werden: Wie auch immer wir Vertrauen charakterisieren, es beinhaltet das Fehlen eines bestimmten Wissens, dass der Andere auf meine Verwundbarkeit tatsächlich mit der Sorgfalt und dem Respekt reagiert, auf die ich hoffe und die ich benötige. Vertrauen impliziert daher immer auch Risiko – ein Risiko, das oft nicht vermieden werden kann, insbesondere für verkörperte und verletzliche Menschen, die auf unzählige Weise voneinander abhängig sind. Deren Beziehungen machen das familiäre, soziale, bürgerliche und politische Leben aus (Keymolen 2016). Wie mehrere Wissenschaftler anhand besonders affektiver Vertrauensanalysen hervorgehoben haben – wie beispielsweise das Vertrauen, das ein kleines Kind in familiären Kontexten ausdrücken kann – ist Vertrauen ein 3. 3.1. Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 83 gegebener Ausgangspunkt für den Menschen und die Gesellschaft insgesamt (Baier 1994: 132). Aber natürlich können Vertrauensbeziehungen leicht unterbrochen oder gar nicht erst angenommen werden. Løgstrup weist auf eine schmerzlich offensichtliche Tatsache mit Blick auf uns Menschen hin: Durch den Mangel an direkten und unmittelbaren körperlichen Begegnungen mit dem Anderen aus erster Hand, neigen wir dazu, die vielfältigen Vorurteile zu akzeptieren, die sich um unser scheinbar ursprüngliches Schema „Wir“ gegen „Sie“ aufbauen. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus sind nur die dramatischsten – und anscheinend hartnäckigsten – Beispiele für solche Vorurteile. Für Løgstrup ist die Verkörperung, oder unsere Körperlichkeit der bestimmende Faktor um zu begreifen, was erforderlich ist, um diese primären Hindernisse für das Vertrauen zu überwinden – nämlich „das persönliche Treffen mit dem Anderen [the Other], die Erfahrung des anderen auf verkörperte, mit-gegenwärtige Weise: „Diese Urteile werden normalerweise in Gegenwart des Anderen zusammenbrechen, und diese Nähe ist wesentlich für die Beseitigung dieser Vorurteile“ (Myskja 2008: 214, unter Bezugnahme auf Løgstrup 1971: 22f., Ess 2014: 214). Ein wesentliches Hindernis für das Online-Vertrauen liegt in Løgstrups Darstellung von Menschen als verkörpert, verletzlich und in bestehenden Vorurteilen, die das Vertrauen in den Anderen ausschließen – so dass verkörperte Ko-Präsenz häufig die notwendige Voraussetzung ist, um solche Vorurteile zu überwinden und um dem Anderen vertrauen zu können. Offensichtlich ist jedoch die überwiegende Mehrheit unserer kommunikativen Handlungen in Online-Umgebungen überwiegend, wenn nicht sogar vollständig, körperlos. Sicherlich können Online-Videos oder Videoanrufe, Stimmen und Bilder des Anderen, einen Anschein der Verkörperung erwecken. Auf diese Weise bringen wir wichtige oder sogar wesentliche Aspekte unserer Verkörperung fast unweigerlich ins Cyberspace. Die einzelnen Beispiele des Online-Handelns liegen aber überwiegend in Textform vor und der Andere in seiner Körperlichkeit erscheint fern. Insbesondere in den Beispielen für anonyme oder pseudonyme Kommentare, Chats usw. bleibt der Andere beinahe komplett hinter seiner öffentlichen Äußerung verborgen. In der Tat ist ein besonderes Problem in der zeitgenössischen Medienlandschaft der Aufstieg kommunikativer Bots (Roboter), sei es in Form von „Roboterjournalismus“ oder dunklen Trollen und gefälschten Nachrichtenseiten (z.B. Tam 2017). Trotz ihrer Verschiedenheiten: alle diese gefährlichen Formen von Online-Kommunikation sind körperlos und können uns nicht dabei helfen, unsere Vorurteile zu überwinden. Eher im Gegenteil. Charles Ess 84 Solche Bots weisen insbesondere auf eine große Familie von „Computerverwandten“ hin – nämlich auf die zunehmend vorherrschende Rolle von Algorithmen, künstlichen Agenten und Multi-Agentensystemen bei der Gestaltung und Steuerung unserer Kommunikationsmedien (Taddeo 2010, Mittelstadt et al. 2016). Als Agenten sind sie die körperlosen Anderen schlechthin. Bots fehlen nicht nur Schlüsselkomponenten wie Affekt, Urteilsvermögen (einschließlich phronēsis) und Autonomie, die das menschliche Selbst definieren, sondern auch die Verkörperung als Grundbedingung für Vertrauen zwischen Menschen. Dieses Fehlen eines autonomen, affektiven, phronetischen, verkörperten Anderen in den komplexen Maschinen der Online-Kommunikation führt dann zu einer erheblichen Reihe von Vertrauensproblemen, einschließlich des Vertrauensverlusts in Nachrichtenmedien und Online-Öffentlichkeit. Shannon Vallor: Vertrauen als „technomorale Tugend“ Zunächst zeigt Vallor, wie Vertrauen zu den Haupttugenden zählt – das heißt zu den Fähigkeiten und hervorragenden Gewohnheiten, die geübt und gepflegt werden müssen. Vertrauen als eine Tugend steht neben den Tugenden der Geduld, Ehrlichkeit und Empathie. Sie ist zentral für die Freundschaft und damit für ein gutes Leben in Zufriedenheit (Eudaimonia) und Gedeihen (Vallor 2016: 120). Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das relational-autonome Selbst die kantische Ethik erweitert und sowohl traditionelle als auch zeitgenössische Systeme der Tugendethik untermauert. Wie Shannon Vallor es ausdrückt, setzen die Traditionen der Tugendethik voraus, dass wir „[…] Wesen sind, deren Handlungen immer von einem bestimmten sozialen Kontext konkreter Rollen, Beziehungen und Verantwortlichkeiten gegenüber anderen geprägt sind“. Die Tugendethik eignet sich daher besonders gut für unseren gegenwärtigen Kontext, da sie das „traditionelle Verständnis der Art und Weise, wie unsere moralischen Entscheidungen und Verpflichtungen uns binden und miteinander verbinden, erweitert, während die [technologisch vermittelten] Beziehungsnetzwerke, von denen wir für unser persönliches und kollektives Gedeihen abhängen, weiter wachsen in Umfang und Komplexität“ (Vallor 2016: 33, vgl. Ess 2014). Die Betonung dieser Relationalität trägt zu unserem Verständnis von Løgstrup bei, was sich allerdings nicht einfach auf Online-Umgebungen übertragen lässt. Denn diese Relationalität macht Online-Kommunikationsumgebungen zu einem zweischneidigen Schwert: Einerseits wird ein solches relationales Selbst drastisch verbessert und buchstäblich in den 3.2. Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 85 umfangreichen Kommunikationsnetzwerken – voran sozialen Medien – verkörpert, die zeitgenössische IKT ermöglichen. Andererseits kann unsere Verstrickung in diese vernetzten Beziehungsnetze – insbesondere aufgrund der Auswirkungen und Vorurteile von Algorithmen und künstlicher Intelligenz – die Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, stark einschränken. Dies zeigt sich an Phänomenen wie „filter bubbles“ – oder, etwas genauer, „confirmation bias“ als ermöglicht und verstärket durch KI und Algorithmen (Bruns 2019, Ling 2020). Tugendethik der Fürsorge und intersubjektive Wahrheit im digitalen Kommunikationsraum Tugendethik als mögliche Lösung für die Probleme des Vertrauens Vallor bietet eine wichtige Gegenreaktion auf die aufgezeigte Kritik als Teil ihrer Theorien zur Pflege. Sie identifiziert hierbei zwölf „technomorale Tugenden“, welche für ein gutes Leben in der heutigen Welt notwendig sind. Diese sind: Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung, Demut, Gerechtigkeit, Mut, Empathie, Fürsorge, Höflichkeit, Flexibilität, Perspektive, Großmut und technomorale Weisheit – letztere beinhaltet Phronēsis, eine bestimmte Art von ethischer Urteilskraft (Vallor 2016: 120). Vallors Gegenreaktion betrifft den Bereich der Pflege – zum Beispiel die Betreuung älterer Eltern – im Gegensatz zur vermehrt diskutierten Idee, dass Aufgaben und Pflichten bei Carebots „abgeladen“ werden sollten. Besonders die Gegenseitigkeit zwischen denen, die wir betreuen und denjenigen, die betreut werden, führt, ihr zufolge, zu einer Entwicklung von Vertrauen: „Wir lernen in einer Zeit der Not, dass andere jetzt für uns da sind, und genauso wichtig ist, dass wir lernen, indem wir für andere da sind, zu lernen darauf zu vertrauen, dass eines Tages wieder jemand für uns da sein wird. Wenn ich einmal wahrnehme, dass ich, der ich kein moralischer Heiliger bin, sondern ein oft selbstsüchtiges und zutiefst unvollkommenes Wesen, zuverlässig für andere sorgen kann, kann ich leichter glauben und darauf vertrauen, dass ebenso unvollkommene Menschen mich zu gegebener Zeit pflegen können und werden.“ (2016: 223; Betonung CME) Diese Entwicklung des Vertrauens geht im Übrigen mit der notwendigen Kultivierung des Mutes als Tugend einher, die ebenfalls für die Pflege erforderlich ist: 4. 4.1. Charles Ess 86 „Fürsorge erfordert Mut, denn Pflege wird wahrscheinlich genau die Schmerzen und Verluste mit sich bringen, die die Pflegeperson am meisten fürchtet – Trauer, Sehnsucht, Wut, Erschöpfung. Aber wenn diese Schmerzen in ein Leben eingearbeitet werden, das durch liebevolle und wechselseitige Beziehungen von selbstlosem Dienst und einfühlsamer Sorge gestützt wird, ist unser Charakter offen dafür, nicht nur von Angst und Furcht geprägt zu werden, sondern auch von Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Humor, Mitgefühl und Mitgefühl Gnade.“ (2016: 226; Betonung CME) Um zu unserer philosophischen Anthropologie zurückzukehren, überschneidet sich Vallor hier mit Løgstrups Ausgangspunkt unserer grundlegenden Verletzlichkeit als verkörperte und letztendlich sterbliche Menschen. Abschließend wird auf die Kultivierung des Mutes nicht nur im Zusammenhang mit der Pflege, sondern auch auf die größere existenzielle Anerkennung genau unseres Sterbens zurückgegriffen: „Fürsorgepraktiken fördern auch umfassendere und ehrlichere moralische Perspektiven auf den Sinn und den Wert des Lebens selbst, Perspektiven, die die Endlichkeit und Fragilität unserer Existenz anerkennen, anstatt sie zu verbergen.“ (2016: 226) Was hat nun Pflege oder Fürsorge mit Journalismus zu tun? Hier beziehe ich mich auf Nick Couldry’s Plädoyer für eine Tugendethik für Medienprofis. Couldry fragt: „Welche Tugenden oder stabilen Dispositionen können dazu beitragen, dass wir die Praxis von [journalistischen] Medien gut durchführen? – wobei „gut“ heißt, unter Bezugnahme auf beide spezifischen Ziele von Medien als menschliche Praxis und zum umfassenderen Ziel, zu einem blühenden [flourishing] menschlichen Leben beizutragen zusammen.“ (Couldry 2013: 25) Couldry identifiziert und definiert insbesondere drei Tugenden, die wesentlich sowohl für Journalisten als auch für uns alle als Mitmenschen in einer blühenden [flourishing] Gesellschaft sind, nämlich Genauigkeit, Aufrichtigkeit und Pflege. Kurz gesagt: gute journalistische Praxis muss gepflegt werden – d.h. sie verlangt Pflege genau im Sinne der Tugend Pflege oder Fürsorge, die Vallor hier in Beziehung zur Tugend des Mutes beschreibt (vgl. Ess 2015: 23). Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 87 Eine kopernikanische Revolution 2.0: Wahrheit als instrumentelle und intersubjektive Wahrheit Die Herausforderungen an die Wahrheit im Internet – wie sie in Begriffen wie „Fake News“, „Deep Fakes“ usw. festgehalten sind – sind vielfältig und bekannt. Hier gibt es jedoch ein tiefer liegendes Problem: nämlich unsere Annahmen darüber, was „Wahrheit“ ausmacht. Ein etwas klareres Verständnis dieser Annahmen bietet einen möglichen Ausweg. Philosophen haben seit Protagoras (481-411 BCE) das Thema „Wahrheit“ immer auch als relativ – zum Beispiel als Produkt der menschlichen Perspektive oder Erkenntnisfähigkeit –bearbeitet. Diese erkenntnistheoretischen Probleme sind äußerst praktisch und aktuell geworden mit dem Aufstieg der Postmoderne und der Betonung von „Wahrheit“ als Produkt eines Sozialkonstruktivismus. Anscheinend stehen wir vor einem schwierigen Dilemma – nämlich zwischen Realismus und einer angeblich „objektiven“, d. h. universalen, homogenen, notwendigen Wahrheit auf der einen Seite und einem (starken / radikalen) Sozialkonstruktivismus auf der anderen Seite, nach dem alle „Wahrheiten“ keine zuverlässige Verbindung mit einer „objektiven“ Wahrheit haben, sondern nur als verhältnismäßig beliebig und/oder als relative Erzeugungen eines bestimmten Diskurses oder sozialen Kontextes erscheinen. Nach Jan Kruse (2020) bedeutet das, dass „Wirklichkeit immer kontingent, da stets sozial konstruiert, ist“ – was aber nicht heißt, dass „sie willkürlich, beliebig oder zufällig ist, denn sie vollzieht sich immer nach spezif. Regeln und Relevanzen (die auch erforscht werden können) in sinnhafter Weise.“ Kruse nennt dies „ein häufiges konstruktivistisches Missverständnis“ (ebd.). Trotzdem, zumindest im englischsprachigen Raum, hat der Sozialkonstruktivismus, besonders in Begleitung mit weiteren Missverständnissen des Postmodernismus, zu einem weit verbreiteten erkenntnistheoretischen und Werterelativismus geführt. Unter diesen (falschen) Voraussetzungen wäre es also ganz naheliegend zu behaupten, dass „die Medien“ nur „falschen Nachrichten“ produzieren, da sie angeblich immer schon aus einer gewissen ideologischen Perspektive heraus produziert werden. Aus philosophischer Sicht allerdings ist dieses Dilemma mehr scheinbar als substanziell. Zunächst beruht es auf Annahmen, die aus dem klassischen Positivismus stammen – Voraussetzungen, die sowohl Wissenschaftler*innen, Philosophen*innen und Erkenntnistheoretiker*innen, und zu einem gewissen Grade auch vermehrt Sozialwissenschaftler*innen sowie Humanisten*innen – voran Karen Barad (2007) – längst überwunden haben. Das heißt: Der Positivismus und seine Nachkommen glauben an 4.2. Charles Ess 88 einen naiven Realismus und eine Korrespondenztheorie der Wahrheit. Man glaubt an – und/oder sucht – „Wahrheit“ als ein genaues "Bild" – eine exakte Kopie eines externen, unabhängigen Objekts. Wenn jedes Detail dieses Bilds exakt mit jedem Detail des beschriebenen Objekts korrespondiert, dann wird das beschriebene Bild als objektiv wahr angesehen. Obwohl wir eine solche Auffassung von Wahrheit und Realismus ohne weiteres in unserer alltäglichen Existenz annehmen und verwenden, hat diese Theorie viele wohlbekannte Probleme. Erstens: wie könnten wir so eine Wahrheit bestätigen? Das tun zu können, würde voraussetzen, dass wir bereits eine objektive Wahrheit über die gegebenen Bilder oder Wahrheiten hätten, die wir als Maßstab weiterer angeblicher Wahrheiten benutzen könnten: Wie aber bestätigen wir diese – auch bis zum infiniten Regress? Glücklicherweise gibt es eine alternative Auffassung von Wahrheit – eine, die tief in der philosophischen Tradition von Aristoteles durch Thomas von Aquin bis hin zu Kant verankert ist und welche in Einsteins Relativitätstheorie sowie in der Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik bestätigt worden ist. Diese alternative Auffassung bietet uns einen dritten Weg zwischen den beiden Polen des positivistischen Dilemmas.3 Ich beziehe mich auf die Erkenntnis, dass die menschliche Subjektivität interagiert und dies möglicherweise die Bemühungen um den Erwerb von „objektivem“ Wissen beeinträchtigt. Aristoteles machte als erster eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen der Art und Weise, wie die Dinge sind und wie sie uns erscheinen – was zu Kants Unterscheidung zwischen Noumena (Dinge, wie sie sind) und Phänomenen (Dinge, wie sie uns erscheinen) geführt hat. Heutzutage würden wir – mit der Quantenmechanik – sagen, dass Erkenntnis immer beobachterabhängig ist. Diese Beobachterabhängigkeit bedeutet bei weitem nicht, dass unsere Erkenntnis dabei „subjektiv“ wird – zumindest dann nicht, wenn wir, wie im Positivismus, „subjektiv“ als nur individuell, beliebig, oder willkürlich verstehen. Im Gegenteil: die Bedingungen unserer Subjektivität werden weitgehend – quasi als Gemeingut – unter mehr oder weniger allen Menschen geteilt. Wenn wir auf eine mitteilbare Sinneserfahrung referieren können, haben wir die Chance, eine intersubjektive Erfahrung zu machen. Analog dazu können wir dann auch von einer intersubjektiven Erkenntnis und Wahrnehmung sprechen. So eine intersubjektive Wahrheit hat, sozusagen, genug von den wichtigen Eigenschaften einer positivistischen ob- 3 Diese Erläuterungen beziehen sich u.a. auf Dewitt 2010, insbesondere S. 71-77. Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 89 jektiven Wahrheit – nämlich insoweit, dass sie für uns universal und notwendig ist. Für Kant bedeutet die Tatsache, dass unser Wissen immer durch die menschlichen Rahmenbedingungen von („subjektiver“) Zeit und Raum informiert wird, jedoch kaum, dass kein „objektives“ Wissen möglich ist. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei diesen Rahmenbedingungen um (weitgehend geteilte, quasi universelle) Strukturen menschlicher Subjektivität handelt, die gleichzeitig mit dem empirischen Inhalt von Sinnesdaten „gefüllt“ werden (die getestet werden können, was genau der Punkt der wissenschaftliche Methode ist) – erscheint es sinnvoller, unser gemeinsames wissenschaftliches Wissen über die Welt als intersubjektiv zu beschreiben. Solche intersubjektive Wahrheiten (Kants phänomenales Wissen) führen aber dazu, dass wir einen einfachen Realismus und die damit einhergehende Korrespondenztheorie der Wahrheit aufgeben müssen. Stattdessen brauchen wir eine instrumentelle Theorie der Wahrheit. Nach dieser Auffassung sind unsere verschiedenen Erkenntnisse, Theorien, usw. nicht als eine Art von Bild oder Kopie der Wahrheit, sondern eher als ein Instrument zu verstehen. Diese „Erkennntis-Instrumente“ sollen es uns erlauben, uns unsere Welt so vorzustellen, dass wir präzise Prognosen treffen können. Wenn diese Prognosen bewiesen und somit richtig sind, dann sind unsere Erkenntnis-Instrumente nutzbar und zuverlässig. Wenn eine Prognose allerdings falsch ist, dann brauchen wir neue Erkenntnis-Instrumente, die uns bessere und präzisere Voraussagen ermöglichen. In der Geschichte der Philosophie und Wissenschaft sind vielleicht die bekanntesten Beispiele die Ptolemäische Weltordnung vs. die Kopernikanische Weltordnung. Beide machen es möglich, verschiedene Voraussagungen zu treffen – mit mehr oder weniger gleicher Präzision. Beide sind in diesem Sinne Instrumente. Aber wir kennen viel einfachere Beispiele, wie Karten: Jede Art von Kartendarstellung hebt, so z. B. die U-Bahn-Linien etwas, wie viel befahrene Bahnlinien hervor, während sie andere Elemente wie Hausnummern und Fußgängerzugänge ignoriert. Durch weitere Details eines geteilten Wissens dienen sie damit als Instrument der Vorhersage, was unter bestimmten Umständen passieren wird (z. B. U2 von München Hbf zur Donnersbergersbrücke usw.). Karten sind damit auch pluralistisch sowie komplementär: nicht nur eine Karte ist die einzige „wahre“ Karte, sondern verschiedene Karten ermöglichen verschiedene Voraussagungen. Diese instrumentalistischen Wissensweisen erkennen die tiefen Wahrheiten bzw. Tatsachen des Wissens als intersubjektiv und ermöglichen Charles Ess 90 einen erkenntnistheoretischen Pluralismus, der sich nicht in einen erkenntnistheoretischen Relativismus verwandelt. An unserem alltäglichen Gebrauch von Karten und anderen Metaphern zeigt sich, dass wir mit solchen instrumentellen Arten von Wissen vollkommen vertraut sind. Damit kann dem offensichtlichen Dilemma begegnet werden zwischen (a) einem strengen Realismus, der eine vollkommene Übereinstimmung über eine einzige Wahrheit erfordert, die angeblich auf einer objektiven Realität beruht und (b) einem erkenntnistheoretischen Relativismus, wie er sich im (radikalen) sozialen Konstruktivismus findet. Was können wir tun? Kurz gesagt: zuerst müssen wir lernen, wie wir Vertrauen, Fürsorge, Ehrlichkeit, Mut und die anderen technomoralischen Tugenden üben können – sowohl in verkörperten als auch in körperlosen Umgebungen. Zweitens, wir sind alle Ptolemäer und widersetzen uns dem neuen Weltsystem von Kopernikus, und erst recht den nicht immer einfachen Folgen der Quantenmechanik und den Versionen eines „beobachterabhängigen“ intersubjektiven Wissens in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Obwohl wir immer noch vom Sonnenaufgang und vom Sonnenuntergang reden, bewegt sich die Erde tatsächlich, und die Wahrheit ist tatsächlich instrumentell und intersubjektiv. Wir müssen den Mut und die Fürsorge oder Pflege (care) haben, komplexere Vorstellungen von Wahrheit zu berücksichtigen – zusammen mit der sorgfältigen Beachtung der Beurteilung zwischen mehreren möglichen Vertrauensverhältnissen und der Vermeidung der Fallstricke des Relativismus (vgl. Ess 2019). Wissenschaft, Vernunft, Beweise und Logik gelten immer noch – wie die laufenden Bemühungen zur Überprüfung von Fakten zeigen. Das klingt natürlich äußerst schwierig: warum sollen oder müssen wir uns so bemühen? Aus meiner Sicht haben wir keine Wahl, sondern müssen danach streben, nicht nur um Wahrheit und Vertrauen zu verteidigen, um damit auch Journalismus, freie Meinungsäußerung, und Persönlichkeitsrechte zu wahren. Zu guter Letzt hat der sogenannte „Streit zwischen dem Antiken und dem Modernen“, (d. h., zwischen alten griechischen Philosophen, insbesondere Platon und Aristoteles, und modernen Philosophen, insbesondere Kant), deutlich gemacht, dass nichts minder als die fundamentalen demokratischen Normen, Prinzipien und Rechte auf dem Spiel stehen. Am Ende ist es also eine Frage des Menschseins. Wie Platon in Der Staat bereits erläutert hat, haben nur „die Wenigen“ – die „Philosophenkönige“ 5. Wahrheit und Vertrauen in digitalen Öffentlichkeiten 91 – die Fähigkeit zur Vernunft, die notwendig ist, aus der Höhle der konventionellen Meinung zu entfliehen und dadurch die rationale Ordnung von Natur und Mensch zu verstehen. „Die Vielen“ hingegen werden entweder vom Geist (thumos) oder vom Appetit getrieben: Wenn diese unsere einzigen Treiber sind – d h. ohne die Einschränkungen der Vernunft – können nur Chaos und Tyrannei folgen. Insbesondere Platons Beschreibung vom Zerfall von einer Art Demokratie zur Tyrannei im Buch 8 bietet ein schrecklich akkurates Bild von Staaten wie aktuell den USA, in der der Tyrann „die Vielen“ mit Lügen und falsche Versprechen – einschließend „Fake News,“ filter bubbles, usw. – lockt. Die Moderne – einschließlich Kant – argumentierte stattdessen, dass „die Vielen“ bei ausreichender Bildung eine (relationale) Autonomie erlangen und pflegen könnten, die demokratische Normen, Werte usw. rechtfertigen und fördern würde. So Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant 1784: 481; Betonung CME) Abschließend bedeutet dies nun erstens: um die Vision der Aufklärung aufrechtzuerhalten, dass „die Vielen“, nicht nur „die Wenigen“, zu rationaler (relational-affektiver) Selbstverwaltung fähig sind, müssen wir alle, müssen „die Vielen“ Philosophen, Wissenschaftler, Ethiker werden – … sogar Journalisten! Das klingt utopisch? Nicht unbedingt. In der Tat ist es ermutigend zu beobachten, wie so viele führenden Stimmen in den heutigen Diskussionen über Ethik und Künstliche Intelligenz (KI) die aufklärerische Überzeugung wiederholen, dass „die Vielen“ nicht nur z. B. Ingenieure, sondern auch Ethiker sein sollten. So schreibt Virginia Dignum: „We are ultimately responsible. As researchers and developers, we must make fundamental human values the basis of our design and implementation decisions” (Dignum 2019: 5). Die Entwicklung von „ethisch ausgerichtetem Design“ (ethically aligned design) innerhalb den Ingenieurgemeinschaften IEEE (2019) ist ein zweites Beispiel für die Aufklärungsvision, das alle oder zumindest „die Vielen“ Ethik und ihre weiteren sozialen und politischen Pflichten berücksichtigen können und müssen. Was aber geschieht, wenn wir es nicht schaffen? Vallor hat deutlich gemacht, dass unser Versäumnis, existenzielle Verantwortung für die Kulti- Charles Ess 92 vierung solcher Tugenden – und letztendlich die Kultivierung unseres Selbst – zu übernehmen, uns fast sicher in eine feudale Versklavung von Systemen und Maschinen zu führen scheint, die für andere finanzielle Interessen und Macht bestimmt sind, nicht aber für unser eigenes menschliches Gedeihen und Sinn (vgl. Ess 2020b: 414ff.). Literaturverzeichnis Baier, Annette (1994): Trust and its vulnerabilities. In: Baier, Annette (Hg.): Moral prejudices: Essays on ethics. Harvard University Press: Cambridge, S. 130-151. 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Charles Ess 94 Teil 2 „Fake News“ und Desinformation: Theoretische Einordnungen „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? Medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung Ingrid Stapf Abstract Wahrheit als oberste Maxime des Journalismus darf als eine der zentralen ethischen Anforderungen an Medien in freiheitlichen Demokratien gelten. Medien haben einen verfassungsrechtlichen Auftrag, die Öffentlichkeit zu informieren und dadurch die Meinungsbildung und politische Teilhabe zu ermöglichen. Medien stehen allerdings immer wieder unter dem Verdacht der Manipulation, Täuschung und Lügen. Nicht nur der USA-Wahlkampf 2016 hat veranschaulicht, wie fragil das Verhältnis von Medien und Wahrheit sein kann. Auch im Kontext der Corona-Pandemie als einer Infodemie, bei der „Fake News“ ein unbekanntes Ausmaß erreicht haben, stellt sich die Frage nach Ansprüchen auf Wahrheit im digitalen Zeitalter erneut. Der Beitrag systematisiert „Fake News“ aus medienethischer Perspektive und ordnet sie mit Bezug auf normative Ansprüche an Freiheit und Verantwortung, Wahrheit und Lüge, Selbstbestimmung und Fremdbestimmung und im Kontext freiheitlicher Demokratien ein. Es wird argumentiert, dass „Fake News“ sich inhaltlich zwar auf Wahrheit beziehen, dass es aber dabei aber in aktuellen Kontexten auch um individuelle Gefühle und das soziale Klima (z.B. wachsender Populismus und fragmentierte Öffentlichkeiten) in einer Gesellschaft geht. Gleichzeitig bleiben wahre Informationen, aus medienethischer Sicht, Grundlage einer freien Gesellschaft, in der Bürger*innen selbstbestimmt handeln und entscheiden können. 97 Eine medienethische Perspektive auf „Fake News“: die Corona-Pandemie als Infodemie Im Zuge der Corona-Pandemie hat die Verbreitung von Falschnachrichten ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht.1 Das Spektrum reicht von Verschwörungstheorien, Panikmache bis zur Verharmlosung. Um das Virus herum kursieren verschiedene Arten von Desinformation, d.h. einer „gezielten Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen, um jemanden zu schaden“2: es stamme aus dem Labor, wurde von der Pharma-Lobby gezüchtet oder es sei Folge eines Komplotts. In der Folge hat ein Team der World Health Organisation (WHO), „mythbusters“3, mit digitalen Plattformen und Medienunternehmen wie Facebook, Google, Twitter, YouTube und TikTok kooperiert, um die Verbreitung von Gerüchten und Verschwörungstheorien einzudämmen, die zu Informationen kursierten, wie, dass das Trinken von Chlor, große Mengen von Ingwer oder Knoblauch vor dem Virus schütze. “We’re not just fighting an epidemic; we’re fighting an infodemic,” so der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2020.4 Denn „Fake News“ würden sich schneller als das Corona-Virus selbst verbreiten. Gemäß der WHO ist eine Infodemie durch eine exzessive Informationsmenge zu einem Problem gekennzeichnet, die es erschweren, eine Lösung zu erkennen oder voranzutreiben. Infodemien verbreiten Falschinformationen, desinformieren und lassen Gerüchte kursieren, während es um schwerwiegende öffentliche Gesundheitsrisiken geht. Damit beeinträchtigen sie das 1. 1 Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Informationen-zu-Corona-Fakten-oder-F ake-News,fakenews202.html [Zugriff: 31.7.2020]. 2 Sängerlaub et al. (2018: 11) definieren „Desinformation“ und „Fake News“ gleichbedeutend. Ihnen zufolge umfasst Desinformation „misinterpreted content“, d.h. dekontextualisierte und falsche Interpretationen wahrer Informationen, „manipulated content“, d.h. manipulierte Informationen oder Bilder sowie „fabricated content“, d.h. völlig frei erfundene Inhalte. Im Folgenden wird Desinformation als „Oberbegriff“ verschiedener Phänomene verstanden (Fallis 2015, Laster & Janius 2018), welche die gezielte Verbreitung falscher und irreführender Informationen mit Täuschungsabsicht umfasst; darunter auch „Fake News“. 3 Vgl. https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-forpublic/myth-busters [Zugriff: 31.7.2020]. 4 Vgl. https://www.who.int/dg/speeches/detail/munich-security-conference [Zugriff: 31.7.2020]. Ingrid Stapf 98 notwendige Vertrauen, das für gemeinschaftliches Handeln in Krisen zielführend ist.5 Dieses aktuelle Beispiel zeigt, dass „Fake News“ das Potenzial haben, die öffentliche Meinungsbildung, das gesellschaftliche Vertrauen und das Verhältnis zur Wahrheit zu beeinträchtigen. Und dass sie in der Folge mit nicht nur mit individuellen, sondern auch mit gesellschaftlichen Risiken einhergehen können – wenn beispielsweise Menschen bei Maßnahmen nicht mehr kooperieren, weil sie sich auf Falschinformationen stützen oder wenn risikoerhöhendes Verhalten aus Zynismus oder vermeintlicher Sicherheit daraus folgen, die dazu führen, dass sich das Virus ungebremst verbreitet. Der Verlauf der Corona-Pandemie seit dem ersten Ausbruch im Dezember 2019 in der chinesischen Millionenstadt Wuhan und seiner weltweiten Entwicklung zur Pandemie in der Folge, stärkt die Annahme, dass Menschen in globalen, mobilen und entgrenzten Kontexten, in einer viralen Verbundenheit miteinander stehen, die nicht nur menschliche Körper, sondern auch die in Zeiten der Digitalisierung zentrale Informationsökologie6 beeinträchtigen. Diese Verbundenheit ist an sich nicht neu, dennoch wird die virale Vernetzung in ihren negativen Konsequenzen besonders drastisch, wenn es keine glaubwürdigen Informationen und kein Vertrauen unter den Gesellschaftsmitgliedern gibt. In akuten Krisen generiert die Forschung im Prozess selbst das notwendige Wissen oder grundlegende Informationen, die öffentliches Handeln leiten, Maßnahmen zugrunde liegen oder individuelles Entscheiden zur eigenen Sicherheit ermöglichen. Die Freiheit des Einzelnen hängt, und das scheint eine Verbindung zur Ethik als Frage des guten und richtigen Handelns und Lebens aufzumachen, immer auch an der Freiheit anderer Menschen, verantwortungsbewusst zu handeln, sich zu informieren und zu verhalten – egal, ob es um biologische Viren oder um nachweisliche Fakten geht. Medien haben eine besondere gesellschaftliche Aufgabe der Information, Aufklärung, Bildung und öffentlichen Meinungsbildung, die verfas- 5 Vgl. https://www.un.org/en/un-coronavirus-communications-team/un-tackling-%E 2%80%98infodemic%E2%80%99-misinformation-and-cybercrime-covid-19 [Zugriff: 31.7.2020]. 6 Die kommunikationsökologische Forschung, so Schicha (2000: 45), „verweist auf die Nebenwirkungen und "sozialen Kosten", die von den Mechanismen der Informations-und Kommunikationsgesellschaft ausgehen können“ und fokussiert darauf, dass „die Informations-und Kommunikationstechniken nicht nur in die biologische Umwelt des Menschen eingreifen, sondern auch in soziale, geistige und kommunikative Prozesse“. „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 99 sungsrechtlich gesichert ist, da sie als zentral für freiheitliche Demokratien gilt. Die journalistische Kernaufgabe, so Sibylle Krämer (vgl. Krämer in diesem Band), „bleibt die Mündigkeit von Rezipienten dadurch zu stärken, dass diese kraft übermittelter Informationen, denen sie vertrauen, sich selbst eine Meinung bilden können.“ Um also selbstbestimmtes Handeln und Entscheiden, soziale Integration und Zusammenhalt, und damit auch öffentliche Ordnung zu garantieren, wird Vertrauen wesentlich. Vertrauen, so Krämer, ist aber ironischerweise „nur nötig in Situationen von Ungewissheit: wo gewusst wird, muss nicht vertraut werden. Wenn auch das personale Vertrauen den Nukleus dessen bildet, was Vertrauen bedeutet – so jedenfalls sieht es Niklas Luhmann (Luhmann 2000: 27) – kann dieser Kreis erweitert werden und institutionelles Vertrauen, etwa in Zertifikate und Diplome oder systemisch-gesellschaftliches Vertrauen in das Einhalten von Verkehrsregeln, das Abhalten von Wahlen etc. einschließen“ (Krämer in diesem Band). Wer als vertrauenswürdig gelten kann, ob in Politik, Journalismus oder Wissenschaft, spielt dabei eine große Rolle. Vertrauen zu erlangen und zu ermöglichen ist mit Fragen der Macht verknüpft und informiert auch die Möglichkeit und Machbarkeit der Erkenntnis dessen, was als wahr oder faktisch richtig gilt: „Wenn das Wissen aus zweiter Hand ubiquitär ist, dann bildet Vertrauen ein Fundament unserer Erkenntnispraktiken. Die soziale Epistemologie ist von einer grundständig ethischen Signatur: Erkennen setzt das Anerkennen anderer voraus; Episteme und Ethik verschränken sich.“ (ebd.) Das Beispiel der Corona-Pandemie als Infodemie verdeutlicht damit das Zusammenspiel von Ethik und Medien mit Blick auf das, was als wahr gilt und gelten kann sowie auf Informationen, denen Geltung abgesprochen wird oder denen gegenüber Wahrheitsansprüche indifferent werden. Im Folgenden möchte ich „Fake News“ oder die Rede von „alternativen Fakten“7 medienethisch systematisieren und differenzieren. Davon ist auch die Frage betroffen, ob das Phänomen „Fake News“ überhaupt so bezeich- 7 So wird mit Bezug auf eine Politik sogenannter „Alternative Fakten“ des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump mittlerweile von der „Schwelle zur postfaktischen Demokratie“ (Hendricks/Vestergaard 2017) gesprochen. Bei der Inaugurationsrede von 2017 hatte er trotz Regen von der Sonne und Millionen von Menschen gesprochen, was beides nachweislich nicht stimmte. Ingrid Stapf 100 net werden sollte und wie es definiert werden sollte, wenn es im Kontext ethischer Spannungsfelder wie Freiheit und Verantwortung, Wahrheit und Lüge, Selbstbestimmung und Fremdbestimmung in freiheitlichen Demokratien verortet wird.8 In diesem Beitrag wird argumentiert, dass „Fake News“ sich inhaltlich zwar auf Wahrheit beziehen, dass es dabei aber in aktuellen Kontexten auch um individuelle Gefühle und das soziale Klima in einer Gesellschaft geht. Gleichzeitig sind, aus medienethischer Sicht, wahre Informationen Grundlage einer freien Gesellschaft, in der Bürger*innen selbstbestimmt handeln und entscheiden und damit auch ihr Wohlbefinden sichern können. Denn Falschmeldungen („hoaxes“), so Young (2017: 303), „infect our sense of what´s true – we come to mistrust not only others but also ourselves and our own instincts“. Eine definitorische Annäherung: Was ist (eigentlich neu an) „Fake News“? „Fake News“ sind nicht neu. Schon 1835 hatte die Zeitung „New York Sun“ eine Artikelserie über die Entdeckung von Leben auf dem Mond ver- öffentlicht (vgl. Young 2017), die unter anderem fliegende Fabelwesen zeigte. Historische Fotomontagen, wie das Wegretuschieren des in Ungnade gefallenen Leo Trotzkis im Jahr 1927 aus einem historischen Bild mit Lenin von 1920 geben, nach Jäger (2017: 38), „Auskunft über die Regeln dessen, was in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit auf welche Weise gezeigt werden durfte.“ Aber auch Beispiele wie die Entdeckung der „Hitler-Tagebücher“ durch das STERN-Magazin 1983, die „Amikäfer“-Propaganda der DDR, welche 1950 eine Kartoffelkäfer-Plage durch die USA propagierte (Keil/Kellerhoff 2017) oder der Vorwurf, „Fake News“ hätten in Großbritannien die Brexit-Entscheidung oder den US-Wahlkampf 2016 manipuliert, verweisen auf eine Vielfalt an Erscheinungsformen wie auch der Möglichkeit, diese zu problematisieren. Laut Alcott und Gentzkow (2017: 214) sind „Fake News“ einfacher den je zu produzieren und zu verbreiten und auch durch ihre ideologische und monetäre Schlagkraft „of growing importance.“ Diese Beispiele zeigen ein großes Spektrum von „Fake News“ (Schicha 2018), das öffentliche und mediale Diskurse ebenso prägt, wie es derzeit zur gesellschaftlichen Verunsicherung, Regulierungsfragen sozialer Netz- 2. 8 Dieser Artikel beruht in größeren Teilen auf Stapf (2020: 231-250) im Band "Kommunikations- und Medienethik reloaded. Wegmarken für eine Orientierungssuche im digitalen Zeitalter" von Marlis Prinzing, Bernhard Debatin und Nina Köberer. „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 101 werke sowie der Krise, aber auch einer Neuausrichtung des Qualitätsjournalismus führt. Es zeigt sich aber auch ein „Ambivalenzprinzip“, dass nämlich technisch-ökonomische Entwicklungen, wie auch die Begriffe und Phänomene selbst, mit Krämer gesprochen (vgl. Krämer in diesem Band), von einer „grundlegenden Janusköpfigkeit“ geprägt sind. Daraus folgt die Frage: „Wie kann unter den Bedingungen der Digitalisierung ein Wahrheitsanspruch artikuliert werden, der einer – wie auch immer komplexen – Entsprechung zwischen Rede und Welt verpflichtet bleibt? (ebd.) Eine philosophisch ansetzende Definition soll das Phänomen eingrenzen, um beschreiben zu können, was es kennzeichnet, was darunterfällt und was nicht, um es in der Folge auch problematisieren zu können. In der hier zugrunde gelegten Definition steht die hier später aufgegriffene Frage der Wahrheit sowie die Intention derjenigen im Vordergrund, die Falschnachrichten produzieren oder verbreiten, also deren Wahrhaftigkeit. Im Blickpunkt stehen aber auch die Folgen für Einzelne und die Gesellschaft, wenn Wahrheit überhaupt keine Rolle mehr spielt. Ziel ist es, eine medienethische Perspektive auf das Phänomen zu erarbeiten. In ihrer Begriffsdefinition bezeichnen Lanius und Jaster (2018) die Diskussion um „Fake News“ als „fuzzy and worn-out“, wobei nicht mal klar sei, ob der Begriff überhaupt sinnvoll sei. Trotz „Zweifel an der Brauchbarkeit des Begriffs“ (Jaster und Lanius 2019: 10) käme man um eine Beschäftigung damit als Philosoph*in nicht aber umhin, da er aktuell nicht mehr aus dem öffentlichen Diskurs wegzudenken sei. So bestimmen die Autoren zunächst, was „News“ ausmache und fassen darunter „Berichte über typischerweise jüngste Ereignisse“, deren „Adressat […] die Öffentlichkeit (oder eine Teilöffentlichkeit)“ ist und die „über die traditionellen oder sozialen Medien verbreitet“ werden (ebd. 26). „Fake news”, so die Autoren (Lanius und Jaster 2018), „is news that does mischief with the truth in that it exhibits both a) a lack of truth and b) a lack of truthfulness. It exhibits a lack of truth in the sense that it is either false or misleading. It exhibits a lack of truthfulness in the sense that it is propagated with the intention to deceive or in the manner of bullshit.” Kennzeichnend für „Fake News“ sind demzufolge zwei Defizite: Nachrichten, die von Individuen oder Medien über Events an eine Öffentlichkeit gebracht würden, mangele es sowohl an Wahrheit als an Wahrhaftigkeit. Der erste Teil der Aussage, „fake news lack truth“, impliziert, dass Tatsa- Ingrid Stapf 102 chen verstellt oder falsch dargestellt werden, in dem es sich entweder um falsche Aussagen handelt oder diese Aussagen zwar eigentlich wahr, dabei aber irreführend sind, indem sie etwas Falsches kommunizieren. Darunter fallen die Beispiele der Pizzagate-Verschwörung über Hillary Clintons angebliche Verwicklung in einen Kindersexring 2016 oder die Meldung des USamerikanischen Online-Portals Breitbart von 2017, ein muslimischer „Mob“ habe Deutschlands älteste Kirche in Brand gesetzt (Jaster/Lanius 2019: 27, Hale 2017), als es in Dortmund vor einer Kirche in der Silvesternacht einen Tumult unter jüngeren Männern gegeben hatte. Diese Fälle zeichneten ein unwahres Bild der Wirklichkeit und seien nicht an sich falsch. Vielmehr kommunizierten sie etwas Falsches mit oder suggerierten einen bestimmten Zusammenhang, der wirkmächtig werden kann. Der zweite Teil der Aussage, „fake news lacks truthfulness“, meint, den Autoren zufolge, dass „Fake News“ eine Intention zur Täuschung unterliege, z.B. im Fall von offensichtlichen Lügen oder absichtlich irreführenden Aussagen. Hierbei geht es um Einstellungen und Intentionen, die auf Unwahrheit – und nicht auf Wahrheit – zielen, wie die Aussage Trumps, er haben nichts über Zahlungen an die Pornodarstellerin durch seinen Anwalt gewusst (Jaster/Lanius 2019: 29, Kessler 2019). Auch möglich ist aber, dass „Fake News“ die Frage nach Wahrheit ausklammern, indem sie gar kein Interesse an Wahrheit oder Falschheit aufweisen, sondern eher als „Bullshit“ zu verstehen sind. Darunter fällt Trumps Aussage, er hätte das größte Gedächtnis der Welt (Tur/Vitali 2015). (Quelle: Lanius/Jaster 2018)Abbildung 1 „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 103 Nikil Mukerji (Mukerji 2018, Mukerji in diesem Band) erfasst „Fake News“ primär als Bullshit, indem er sie auf zwei Merkmale als Charakteristik von Frankfurtschem Bullshit bezieht: „Wer sie veröffentlicht, dem ist, wie es scheint, die Wahrheit gleichgültig, und er versucht zu vermeiden, dass sein Publikum dies erfährt.“ Laut Harry Frankfurt (2006) ist Bullshit erstens durch eine Indifferenz der Wahrheit gegenüber gekennzeichnet, was nicht meint, dass die Aussage immer falsch sein muss. Und zweitens täusche ein Bullshitter uns über das, was er tut, indem er seine eigentlichen Motive verbirgt. Auf diese Weise darf Trumps Rede eingeordnet werden, nach der es in der Nacht zuvor einen Terroranschlag in Schweden gegeben haben soll, was irreführend, aber nicht eigentlich falsch war. Aufgestellte Behauptungen dieser Art sollen, so Frankfurt (2016), bestimmte Ziele erreichen: „His goal is not to report facts. It is, rather, to shape the beliefs and attitudes of his listeners in a certain way.” Bullshit impliziert eine indifferente Haltung der Wahrheit gegenüber: „Wer lügt, reagiert auf die Wahrheit und zollt ihr zumindest in diesem Umfang Respekt. Ein aufrichtiger Mensch sagt nur, was er für wahr hält, und für den Lügner ist es unabdingbar, daß er seine Aussage für falsch hält. Der Bullshitter ist außen vor: Er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, daß sie seiner Zielsetzung entsprechen.“ (Frankfurt 2006/2014: 41) Mit der hier verwendeten breiteren Definition von Lanius und Jaster (2019, 2018), der gemäß Bullshit eine Variante von „Fake News“ ist, lässt sich eine Vielfalt von Erscheinungsformen von „Fake News“ erfassen und dabei klar von anderen Erscheinungsformen abgrenzen, wie journalistischen Fehlern („Enten“), die sich im Arbeitsprozess einschleichen, Satire und Parodie, die unwahre oder falsche Informationen transportieren, dabei aber keine Intention der Täuschung verfolgen, dem Einsatz von Lügen als Mittel politischer Propaganda sowie hochselektiver Berichterstattung oder Bias, solange ihre Inhalte wahr sind und nichts Falsches suggerieren. Hier nicht untersucht wird die Frage, inwieweit die Definition auch auf Bilder, Audio oder Video zutrifft. Der Bildforensiker Christian Riess (2018; vgl. auch Riess in diesem Band) verweist mit Blick auf Deep Fakes auf das Spannungsfeld, dass „durch den rapiden Fortschritt in der digitalen Automatisierung [...] auch die Erzeugung visuell glaubwürdiger, künstlicher Bilder Ingrid Stapf 104 und Videos zunehmend einfacher“ sei. Hierdurch werde „die Erstellung von Bild- und Videomanipulationen „demokratisiert““, was in der Folge die Frage nach dem Vertrauen in Videos und Bilder neuartig aufwerfe. Dieses Vertrauen, so eine These, ist dabei auf die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit bezogen. Was sagen „Fake News“ (nicht) über Wahrheit und Wahrhaftigkeit aus? „Fake News“ sind nach der verwendeten philosophischen Definition problematisch mit Blick auf die Forderung nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Bestehende Herausforderungen an die Wahrheit im Internet, wie auch durch „Fake News“, sind, so Charles Ess (Ess in diesem Band) „vielfältig und bekannt.“ Doch werde es nötig, das tieferliegende Problem zu eruieren, „nämlich unsere Annahmen darüber, was „Wahrheit“ ausmacht.“ Nach Michael Glanzberg (2018) ist „truth […] one of the central subjects in philosophy. It is also one of the largest. Truth has been a topic of discussion in its own right for thousands of years. Moreover, a huge variety of issues in philosophy relate to truth, either by relying on theses about truth, or implying theses about truth.” Der Wahrheitsbegriff ist ein philosophischer Grundbegriff von signifikantem Status und nicht mit Begriffen wie „Stuhl“ oder „Mensch“ vergleichbar. Die Frage nach Wahrheit ist, so Karen Gloy (2004), so alt wie die Philosophie selbst – die, so wörtlich, Liebe zur Wahrheit meint. So postuliert schon Aristoteles, dass Sätze dann wahr sind, wenn sie wiedergeben, was gedacht wird und Menschen nicht anders denken, als die Dinge sich verhalten. Die darauf aufbauende Korrespondenztheorie beschreibt, so Glanzberg (2018), eine Übereinstimmung der Erkenntnis des Subjekts mit dem Objekt. Es geht um die Natur der Wahrheit als eine „content-to-world-relation“, nach der etwas wahr ist, wenn es damit korrespondiert, wie etwas wirklich ist, auch erfassbar als Fakten. Kohärenztheorien dagegen konzentrieren sich stärker auf das Subjekt in der Erkenntnisrelation. Wahrheit bezieht sich darauf, wie verschiedene Überzeugungen zueinander in Beziehung stehen im Sinne einer „content-to-content or belief-to-belief-relati- 3. „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 105 on.“ Erstere führen in der Konsequenz zur Idee der Spiegelung und zweitere zur Idee der Konstruktion von Wahrheit über Subjekte.9 Einen „dritten Weg zwischen den beiden Polen des positivistischen Dilemmas“ (Ess in diesem Band, Dewitt 2010) zwischen einem radikalen Sozialkonstruktivismus und einer reinen Spiegel- oder Korrespondenztheorie ergibt sich über Aristoteles Unterscheidung von den Dingen, wie sie sind und den Dingen, wie sie uns erscheinen. Gemeint ist eine Perspektive der Beobachterabhängigkeit im Sinne von intersubjektiven Wahrheiten. Wahrheit als „die Wahrheit“ kann also absolut gesetzt werden. Dann ist die Erkenntnis von Wahrheit möglich und kann normativ eingefordert werden. Sie kann aber auch relativiert werden, indem behauptet wird, es gebe keine eine Wahrheit, sondern verschiedene Perspektiven auf Wahrheit.10 Dagegen fokussiert der dritte Weg auf eine „instrumentelle Theorie der Wahrheit“, der zufolge „unsere verschiedenen Erkenntnisse, Theorien, usw. nicht als eine Art von Bild oder Kopie der Wahrheit, sondern eher als ein Instrument zu verstehen [sind]. Diese „Erkennntis-Instrumente“ sollen es uns erlauben, uns unsere Welt so vorzustellen, dass wir präzise Prognosen treffen können“ (vgl. Ess in diesem Band). Als solche geben sie Sinn, Orientierung, ermöglichen aber auch eine Pluralität von Perspektiven und selbstbestimmtes Handeln. In der aktuellen „Fake News“-Debatte lassen sich verschiedene Wahrheitskonzepte wiederfinden. So zeigen sich in der Kritik von „Fake News“ vorrangig Ansätze einer Korrespondenztheorie und der Absolutsetzung von Wahrheit – insoweit es um (nachprüfbare) Fakten geht. Aber auch eine Relativierung von Wahrheit, insoweit es um Perspektiven auf Geschehnisse geht, sind auffindbar. So können bestimmte Fakten interpretiert oder ausgelegt werden, auf eine bestimmte Art und Weise kontextualisiert oder auch für bestimmte Zwecke instrumentalisiert werden. Hierbei wird anerkannt, dass Wahrheit perspektivisch zu verstehen ist. Dabei bleibt die Behauptung der Möglichkeit von Wahrheit als Maxime menschlicher Kommunikation im Allgemeinen und journalistischen Handelns im Besonderen relevant. 9 Ontische Theorien als dritte Form konzentrieren sich auf die Objektebene und postulieren Seinswahrheiten, so beispielsweise bei Heidegger (Gloy 2004). 10 Der Skeptizismus dagegen verweigert die Möglichkeit von Wahrheit und postuliert, dass es keine Erkenntnis von Wahrheit gibt. Spätestens seit Nietzsche wird der Wahrheitsbegriff – bei ihm „die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigem Wesen nicht leben könnte“ (Nietzsche 1988: 506) zunehmend dekonstruiert. Ingrid Stapf 106 Worauf es also in der Praxis ankommt ist die geschichtliche Dimension, aber auch die perspektivische Sicht auf Wahrheit. Denn es gibt Bedingungen der Konstitution von Wahrheit, d.h. sie konstituiert sich in einem bestimmten Kontext, einer Perspektive, einer Fragestellung (Gloy 2004: 46). Und in jede Perspektive fließen der jeweilige (und mögliche) Wissensstand, Vorverständnisse, Erfahrungen, aber auch Emotionen der jeweiligen Subjekte mit ein. Wahrheitskonzepte sind damit immer Bezugspunkt menschlichen Handelns und Entscheidens – ob für Wahrheit als zentrale Norm menschlicher Kommunikation, als Richtschnur politischen Handelns oder als oberstes Gebot der journalistischen Arbeit. Verlassen wir die erkenntnis- und wahrheitstheoretische Ebene, welche Fragen nach dem allgemeinen Verhältnis von Individuum, Welt und Gesellschaft sowie der Erkennbarkeit von Wahrheit stellt und begeben uns auf die kommunikationspraktische journalistische Ebene, die nach dem Sinn, der Relevanz und der Realisierbarkeit zentraler journalistischer Normen wie der Wahrheit fragt (Bentele 1996), so finden sich Ansätze des Realismus, aber auch des Pragmatismus11: „If a journalist calls out a leader, be it domestic or foreign, for lying, their discourse is epistemological in nature, Realist, resting on the journalist´s ability to reveal the truth. If a producer books two opposing sides to discuss a topic on their show, this practice is also epistemological, Pragmatic, based on the need to provide a range of opinions to attract a wider audience and let them decide what is the truth” (Hearns-Branaman 2016: 4). Das Kontingente der Wahrheit meint also, dass diese abhängig ist vom Wissensstand, der Ideologie, der Sichtweise derer, die von ihr sprechen. In freiheitlichen Demokratien, in denen Journalisten eine Kontroll-, und Kritikfunktion ausüben, Öffentlichkeit herstellen und gesellschaftlich integrieren sollen, ist es, so Harcup (2009), normativ gesetzt, dass „journalists strive to give the most truthful version that can be obtained at any one time.“ Folglich hilft, so Kovach und Rosenstiel (2007) der pragmatische Blick auf journalistische Wahrheit als einen Prozess: „it is more helpful and more realistic, to understand journalistic truth as a process [toward] understanding [because journalism is] a practical or functional form of truth.” 11 Gemäß dem Pragmatismus ist Wahrheit, wie bei C.S. Peirce, “the end of inquiry” oder, wie bei William James das, was nach ausreichender Untersuchung nützlich ist (Capps 2019). „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 107 Die Frage nach Wahrheit stellt sich damit für Journalist*innen anders als für Philosoph*innen. Nach Leonhardt (1976: 8f.) kann der Journalist die Frage „Was ist Wahrheit?“ nicht offenlassen: „Er steht alltäglich unter dem Zwang, eine Antwort zu finden“ und stößt auf eine „Fülle von möglichen Wahrheiten, Halbwahrheiten, Unwahrheiten“. Für Journalist*innen „stellt sich die Wahrheitsfrage auch als Frage faktischer Richtigkeit, ausgewogener Darstellung und gegebenenfalls auch dem Zugeständnis ihrer Nichtfassbarkeit. Aufgrund seiner kommunikativen Aussage in den öffentlichen Raum hat der Journalist zu differenzieren zwischen Fakten vs. Meinung, Wissen vs. Vermutung, Subjektivität vs. Objektivität. Im Zuge von Recherche, Schreiben und Überprüfen muss er sich immer wieder die Frage stellen, was die Wahrheit ist, wie sie erfahren werden kann, und ob sie aufgrund welcher Gründe kommuniziert werden kann, muss bzw. darf.“ (Stapf 2012: 169) Wahrheit gilt damit als zentraler Wert journalistischen Handelns (Stapf 2012: 168). „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ sind demzufolge, wie in Ziffer 1 des Pressekodex des Deutschen Presserats benannt, „oberste Gebote der Presse“ und, mit Käthe Hamburger (1979), der „leitende Wertbegriff, der das menschliche Zusammenleben regelt“. Aus dem verfassungsrechtlichen Auftrag von Medien für die Demokratie und die Herstellung von Öffentlichkeit im Zuge dafür garantierter Medienfreiheiten folgt die journalistische Verantwortung, die Öffentlichkeit wahrhaftig zu unterrichten. Weil freie Massenmedien als funktional für die freiheitliche Demokratie gelten, indem sie politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Funktionen für die Gesellschaft erfüllen, sind sie verfassungsrechtlich geschützt. Die Orientierungsfunktion von Medien und die Notwendigkeit der Herstellung von Öffentlichkeit in komplexen Gesellschaften (Pöttker 1999) begründet die Gemeinwohlorientierung des Journalismus. Aber Informationen werden immer gedeutet, verstanden, interpretiert, selektiv wahrgenommen und situationsspezifisch kommuniziert – von Individuen in konkreten Rahmenbedingungen. Und dies ist ein Konstruktionsprozess und geht auch mit dem Erzählen von Geschichten einher, wie es Hannah Arendt (2017/1972: 89) in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ postuliert: „Denn das, was wir unter Wirklichkeit verstehen, ist niemals mit der Summe aller uns zugänglichen Fakten und Ereignisse identisch und wäre es auch nicht, wenn es uns je gelänge, aller objektiven Daten habhaft zu werden. Wer es unternimmt zu sagen, was ist – legei ta eonta – Ingrid Stapf 108 kann nicht umhin, eine Geschichte zu erzählen und in dieser Geschichte verlieren die Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist.“ Diese konstruktivistische Leistung des Vermittelns, aber auch des Verstehens von Wahrheit findet sich sowohl bei Journalist*innen wie bei Politiker*innen oder Rezipient*innen: Wenn Donald Trump nachweislich falsche Statements verbreitet wie, er habe „the worlds largest memory“ (2015), oder die Aussage, die Bilder der Inauguration-Menge, die bei ihm eine kleinere Menge zeigten als bei Obama, als eine „Lüge“ bezeichnet, dann erscheint der Verweis auf Fakten oder Wahrheit nicht ausreichend. Vielmehr zeigt sich, dass der Sprecher – im Sinne Frankfurts Bullshit – überhaupt keine Wahrheitsansprüche macht, sondern eine Haltung oder Sichtweise ausdrückt, die primär Zugehörigkeiten, Identitäten oder Sichtweisen verhandelt. Wahrheit kann, so Schockenhoff (2000), nämlich einen Aussagensinn haben. Sie ist dann bezogen auf Sätze oder Fakten, die wahr sind und mit einer außersprachlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Der kommunikative Sinn der Sprache liegt in der sachlichen Mitteilungsfunktion. Wahrheit kann zweitens aber auch einen personalen Sinn (als Selbstverhältnis) haben. Wahrhaftigkeit als „personaler Wert der Wahrheit“ ist danach Teil einer Sprachhandlung, bei der sich Sprecher*in und Adressat*in im Verhältnis zur Wirklichkeit begegnen. Sie bezieht sich auf ein Sinnbedürfnis. Und Wahrheit kann drittens einen kommunikativen Sinn haben. Wahrheit konstituiert sich danach in intersubjektiven Vermittlungs- und Austauschprozessen innerhalb eines sprachlichen und kulturellen Referenzrahmens – als eine Suche nach Verständigung und gemeinsamer Teilhabe.12 Damit ließe sich diskutieren, welche Motivationen dem Gebrauch von „Fake News“ unterliegen, warum sie konsumiert werden, und welche Konsequenzen der vermehrte Gebrauch von „Fake News“ gesellschaftlich oder politisch hat. Es ließe sich auch besser verstehen, wieso viele nachgewiesenen Lügen im Falle Trumps kaum mit gesellschaftlichen oder gar politischen Sanktionen einhergegangen sind, obwohl Wahrheit offiziell als politischer, gesellschaftlicher und journalistischer Leitwert verstanden wird. 12 Aus ersterer folgt, so Schockenhoff, das Ethos der Objektivität und Sachlichkeit, aus zweiterer das Ethos der Wahrhaftigkeit, und aus dritter das Ethos der gemeinsamen Teilhabe und Dialogbereitschaft. „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 109 Zur Relationalität der Wahrheit und der Bedeutung von Kontexten Den selektiven Aspekt kommunikativer Handlungen hat Robert Entman (1993) mit dem Framing-Begriff erfasst, der auch mit Blick auf „Fake News“ weiterführend erscheint: „to frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation and / or treatment recommendation for the item described”. Dieser Prozess des Framings unterliegt einer (auch dieser) philosophischen Argumentation ebenso wie gezielten politisch motivierten Falschinformationen. Framing kann dem Verstehen von Wirklichkeit dienen, indem über Vereinfachung Komplexität reduziert wird. Doch Framing kann auch wichtige Wahrheiten verschleiern oder öffentliche Meinung beeinflussen. Damit ist die Grenze zur Manipulation und Täuschung13 nicht immer klar und eindeutig bestimmbar. Entscheidend dafür wird das, was den zweiten Teil der vorherigen Definition ausmacht: die Intention. Nach dieser kennzeichnet „Fake News“, dass es sich nicht um versehentliche journalistische Fehler oder gar poor journalism handelt, sondern vielmehr um den Versuch der Lüge oder Täuschung. Eine „Lüge“, so Simone Dietz (2017: 22) ist ein „bewusster, aber verdeckter Widerspruch zwischen Aussage und innerem Fürwahrhalten, der verdeckten, aber weiter reichenden Absichten dient.“ Eine Lüge impliziert, ihr zufolge, eine bewusste Unwahrheit und verstecktes Handeln, das sprachlich vollzogen wird. Hinter ihr steckt ein „Wille zur Unwahrheit“ und eine aktive (eher offensive) Täuschungshandlung oder ein (eher defensives) Nicht-Preisgebenwollen. Entscheidend ist dabei einerseits, dass eine Wahrheitsfähigkeit in der Form einer Aussage vorliegt, dass es einen be- 4. 13 „Anders als im Fall von Lüge und Manipulation“, so Paganini (2019: 68ff.), „versteht man unter Täuschung sowohl ein Ereignis, als auch einen Zustand“: Die aktive Täuschung, oder Irreführung, versucht, andere Menschen einen als falsch angenommenen Sachverhalt für wahr halten zu lassen. Im passiven Zustand der Täuschung (als Sinnestäuschung oder in Folge einer Irreführung) unterliegt eine Person dagegen einer falschen Vorstellung bzw. Auffassung eines Sachverhaltes. Die Lüge erfolgt, anders als die Täuschung, als ein kommunikativer Akt mit dem Ziel der Täuschung. Manipulation dagegen umfasst den Einsatz psychologischer Kontrolltechniken, die Menschen gezielt emotional beeinflussen und steuern möchte. Ingrid Stapf 110 wussten Widerspruch zwischen der Aussage und dem inneren Fürwahrhalten gibt und dass der Lügner mit seiner Lüge einen Zweck verfolgt. Die Fähigkeit zu lügen verweist damit auf eine grundlegende Freiheit: die Freiheit nämlich, eine Wahl zu haben und Ziele zu verfolgen. Lügen können sozial sinnvoll sein (z.B. Höflichkeitslügen), sie können schützen (z.B. eine Lüge, die eine Person schützt, die eigentlich unschuldig ist), oder sie können Ausdruck kreativen Denkens sein. Das heißt: Lügen verweisen erstmal auf Fähigkeiten. Sind sie damit immer auch moralisch verwerflich? Hinter der Fähigkeit zu lügen steckt, so Hannah Arendt (1972: 8f), das Potenzial der Veränderung oder „Raum für neues Handeln“ – denn Lügen implizieren die Fähigkeit, „uns vorzustellen, dass die Dinge auch anders ein könnten, als sie tatsächlich sind.“ Denn die „bewusste Leugnung der Tatsachen – die Fähigkeit zu lügen – und das Vermögen, die Wirklichkeit zu verändern – die Fähigkeit zu handeln – hängen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle: der Einbildungskraft.“ Dietz versteht Lügen ebenfalls als ein bestimmtes Können, eine praktische Fähigkeit, Technik oder gar „Kunst“, die nicht an sich moralisch verwerflich sein muss. Aber an welcher Stelle sind Täuschungen problematisierbar oder gar moralisch verwerflich mit Blick auf „Fake News“? Was unterscheidet eine Höflichkeitslüge von der Watergate-Affäre? Einen retuschierten Schweißfleck von Social-Media-Fake-News-Kampagnen im Wahlkampf? Und was macht die eigentlich ethische Dimension der Lüge aus? Die Philosophin Sissela Bok (1980) bezeichnet Täuschung als eine „Form von Gewalt“, da ihr ein „Zwangsmoment“ unterliege, welches das Funktionieren der Gesellschaft beeinträchtige und das für Kommunikation notwendige Vertrauen aufs Spiel setze. „Lügen“, so Bok, „missachten die Verantwortung, die mit Macht einher geht und erschweren Selbstbestimmung. Denn Entscheidungen hängen von Einschätzungen dessen ab, was der Fall ist. Hierzu bedürfen sie wahrer Informationen.“ Denn was passierte, wenn Mitglieder der Gesellschaft wahrhaftige nicht mehr von lügnerischen Botschaften unterscheiden könnten? Welche Glaubwürdigkeit hätte die Warnung ein Brunnen sei (nicht) vergiftet? Eine Lüge kann falsch informieren, vom Ziel abbringen, neue Ziele schaffen, Alternativen ausschalten, Entscheidungen manipulieren, Unsicherheit oder gar Orientierungslosigkeit verursachen. Für Bok (1980: 41) liegt die moralische Brisanz der Lüge im Machtungleichgewicht, von der die Möglichkeit der Freiheit derer betroffen sein kann, die getäuscht werden. So scheinen unterhaltende Fake-Formen im Rahmen von Fernsehsendungen, wie Sag die Wahrheit (SWR), bei der drei Kandidat*innen behaupten, dieselbe Person mit einem ungewöhnlichen Hobby oder Beruf zu „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 111 sein, von denen allerdings zwei lügen, prinzipiell weniger problematisierbar, obwohl sie sowohl die Wahrheit umschiffen und eine täuschende Absicht verfolgen als „Fake News“, die bestimmte Gruppen, wie Geflohene kriminalisieren und dabei Einstellungen und Gefühle ansprechen, die den Raum des Demokratischen verlassen oder zu wichtigen Entscheidungsgrundlagen für politisches Handeln werden. Dass Emotionen eine bedeutsame Rolle spielen, erklärt nicht nur die Bereitschaft „Fake News“ zu nutzen und zu verbreiten, auch wenn es nachweislich Täuschungsakte waren, sondern auch die Motivation derer, die sie produzieren und verbreiten. So zeigen Alcott und Gentzkow (2017: 217) in ihrer Studie, dass die Gründe zur Verbreitung von „Fake News“ einerseits monetär sind, wenn bei viral werdenden „Fake News“ große Anzeigenerlöse erzielt werden. Beispielsweise sollen mazedonische Teenager Nachrichten im US-Wahlkampf zugunsten sowohl Clintons als auch Trumps geschrieben haben, und damit jeweils große Summen an Geld verdient haben. Die Gründe sind daneben aber auch ideologisch, indem „Fake News“ eine bestimmte Sichtweise verbreiten oder politische Kandidaten diskreditieren. Das Phänomen jedenfalls, dass „Fake News“ in den USA Wahlen 2016 beeinflusst haben sollen, verweist darauf, dass sie wirkmächtig sein könnten: In den USA erhalten 62% der Erwachsenen ihre Nachrichten über soziale Medien (Gottfried/Shearer 2016), obwohl diese nicht die dominante Nachrichtenquelle sind (Alcott/Gentzkow 2017: 223). Die populärsten „Fake News“ wurden im Vergleich zu populären Mainstream-Nachrichten am meisten über Plattformen wie Facebook verbreitet (Silverman 2016). Viele der Menschen, die „Fake News“ rezipiert haben, scheinen sie geglaubt zu haben (Silverman/Singer-Vine 2016) und von diesen favorisierten die meisten den Kandidaten Trump über die Kandidatin Clinton (Silverman 2016). Es gibt mehrere Erklärungsgründe, warum „Fake News“ vermehrt über soziale Netzwerke kursieren (Alcott/Gentzkow 2017: 214): Online-Inhalte können einfacher und schneller als je verbreitet und monetarisiert werden, und dies findet in einer Zeit statt, in der soziale Medien zur vorrangigen Informationsquelle für viele Rezipient*innen geworden sind. Warum Fake News leichtes Spiel auf sozialen Medien haben erklären Jaster und Lanius (2019: 48) auch mit der Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny, die sie als „beispiellose Verbreitungsmaschine“ für „Fake News“ bezeichnet. Im Zuge der Digitalisierung seien „neue Verbreitungswege und Anreizstrukturen entstanden, die einen fruchtbaren Boden dafür bereiten, Fake News zu veröffentlichen, zu teilen und zu konsumieren (ebd. 50). Diese können dann in gezielte Milieus ausstrahlen, die in Zeiten ab- Ingrid Stapf 112 nehmenden Vertrauens in klassische Medien weniger stark traditionelle Gatekeeper-Medien rezipieren, sondern primär Informationen rezipieren, die ihre bestehende politische Sichtweise verstärken. Ähnliches belegt die Studie der Stiftung Neue Verantwortung zum Deutschen Wahlkampf 2017. Hier wurden „Fake News“ vor allem von Rechten, Rechtspopulisten und Rechtsextremen verbreitet, wobei die AfD die reichweitenstärkste Verbreitung aufweist (Sängerlaub et al. 2017: 2). Es zeigt sich aber auch, dass sich viele „Fake News“-Fälle an poor journalism oder unprofessionelle politische Öffentlichkeitsarbeit staatlicher Stellen anschlossen, die dann über rechtspopulistische Akteure „für ihre ideologische Kampagne als Teil ihrer Kommunikationsstrategie“ (ebd. 3) instrumentalisiert wurden. Interessant ist hierbei, dass sich das Themenfeld der „Fake News“ vorrangig um Geflohene und Kriminalität drehte – Themen, die auf Unsicherheiten und Ängste der Bevölkerung stoßen und sich besonders zur Emotionalisierung eignen. Die Studie hat überdies aufgezeigt, dass „Fake News“ eine deutlich höhere Reichweite als ihr Debunking, d.h. Richtigstellungen zu „Fake News“ über Fact Checkers, erzielten (Sängerlaub et al. 2017: 4). Gründe hierfür vermuten die Autoren in der „Funktionslogik der Sozialen Medien, die affektive Handlungen eher anregen als kognitive.“ Emotionale, sensationelle Nachrichten verbreiteten sich demnach deutlich schneller als nüchterne Richtigstellungen. Zudem spiele der Faktor Zeit eine Rolle, wenn ein umfangreiches Debunking nämlich zwischen 24-72 Stunden dauern kann. Und schließlich dringen viele Institutionen, die Debunking vorantreiben, gar nicht erst in die gleichen sozialen Netzwerke vor, in denen sich diejenigen aufhalten, die sie glauben. Entscheidend zum Verständnis all dieser Prozesse erscheint folglich eine Kombination von Faktoren, die im menschlichen Individuum (Bedürfnisse, Haltungen, Gefühle), der sozialen Gemeinschaft (Umgang mit Wahrheit, Moral, Sanktionen), aber auch in Institutionen und sozialen Normen sowie dem politischen System (freiheitliche Demokratie versus repressive Totalherrschaft) und den medialen Kontextbedingungen (Besonderheiten und Funktionslogik sozialer Medien) liegen. Besonders wirkmächtig erscheinen Gefühle oder das, was die Emotionssoziologin Arlie Hochschildt (2018, 2016), „Deep Stories“ nennt. Gemeint ist damit eine Wahrheit, an die Menschen glauben wollen. Eine subjektive oder kollektiv wahrgenommene Wahrheit, bei der tiefer liegende Narrative, aber auch Gefühle aktiviert werden: „What I came to feel and realize is that both the left and the right have different deep stories […]. A deep story is what you feel about a highly „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 113 salient situation that is important to you. You take facts out of the deep story. You take moral precepts out of the deep story. It´s what feels true. I think we all have deep stories, whatever our politics, but that we´re not fully aware of them […].” (Hochschildt 2018) In diesen Prozessen im Kontext von „Fake News“ spielen emotionale wie kognitive Mechanismen eine Rolle. So argumentieren Jaster und Lanius (2019: 54ff.) mit Bestätigungsfehlern und kognitiver Dissonanz14, um den Erfolg von „Fake News“ zu erklären. Menschen glauben demnach das, was bisherigen Erwartungen entspricht, viel eher als Informationen, die dissonant damit sind. Informationen wird zudem eine höhere Glaubwürdigkeit zugeschrieben, wenn sie mit bestehenden Überzeugungen korrelieren: „Informationen, die zu dem passen, von dem wir ausgehen, werden viel leichter zur Kenntnis genommen, als Informationen, die unsere Weltsicht in Frage stellen.“ (ebd. 57) So erklärt sich selektive Wahrnehmung oder Bias mit „Bestätigungsfehlern“, die eintreten, wenn Menschen selektiv Informationen sammeln, erinnern und auch interpretieren. Informationskaskaden verstärken dies weiterhin, wenn Informationen als stärker glaubwürdig gelten, weil eine Mehrzahl an Menschen sie bereits für wahr hält (ebd. 61ff.). In diesem Zusammenspiel rücken demzufolge auch psychologische und soziale Nutzungsmotive sowie damit einhergehenden Gratifikationen in den Vordergrund. Ethisch relevant werden aber neben dem Verstehen dieser Prozesse auch die Folgen und Folgenfolgen für eine Demokratie, das Vertrauen in Politik und Medien sowie das gesellschaftliche Vertrauen. Die Prozesse, dass sich etwas, was als wahr anfühlt wirkmächtiger ist als das, was als „Fakten“ präsentiert wird, ist nicht neu. Dies belegen unzählige Beispiele von historischen Verschwörungstheorien (Butter 2018, Young 2017, Keil/Kellerhoff 2017). Aktuelle gesellschaftspolitische Kontexte des Populismus und medialen Strukturwandels kombiniert mit der Regulierungskrise im Zuge des Medienwandels verstärken allerdings die Gefahr sich fragmentierender Öffentlichkeiten und eines wachsenden politischen Extremismus. 14 Kognitive Dissonanz gilt in der Sozialpsychologie als ein unangenehm empfundener Gefühlszustand, der eintritt, wenn mehrere Kognitionen, z.B. Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten, nicht miteinander vereinbar sind. Sie entsteht nach heutiger Definition durch eine Unvereinbarkeit von Kognitionen und der Wahrnehmung eigener Handlungen (Stangl 2020). Ingrid Stapf 114 Die Krise der Qualitätsmedien, die eingeschränkte Regulierbarkeit sozialer Netzwerke, die Globalität der Phänomene und ihre Schnelligkeit, und das inhaltliche, aber auch das emotionale Agenda-Setting können zu einer „divided democracy in the age of social media“ (Sunstein 2017) führen: Sie können bürgerliche Freiheiten beeinträchtigen, wenn sie mit einem Klima der dauernden Möglichkeit von Täuschung einhergehen. Denn auch das wird möglicherweise zu einer Deep Story: Dass man in einer Gesellschaft leben könnte, in der es immer sein darf, dass man getäuscht oder belogen wird, oder in der nachgewiesene Lügen als Unterhaltungsmerkmal verharmlost werden, wenn sie eigentlich politisch motiviert sind. Diese Effekte sind empirisch schwer messbar, aber medienethisch hoch relevant. Was auf dem Spiel steht: eine medienethische Problematisierung von „Fake News“ Es hat sich gezeigt, dass es bei einer Einordnung von „Fake News“ darauf ankommt, den Begriff ausreichend zu definieren – auch mit Blick auf das implizite Wahrheitsverständnis. Gleichzeitig ist es wichtig, aktuelle Kontexte und Rahmenbedingungen, die empirische Forschung und globale politische Entwicklungen einzubeziehen. Aus medienethischer Sicht gilt es mit Blick auf die Funktion von Medien, die Wahrheitsnorm einzufordern, da sie zentral ist für individuelle und kollektive Selbstbestimmung, Meinungsbildung und politische Teilhabe in freiheitlichen Demokratien. Damit dies gelingt, bedarf es einer fundierten Professions- und Nutzer*innen-Ethik sowie handlungsleitender Kodizes, Fact-Checking und Prozessen der kritischen Reflexion, Steuerung und Normierung. Dazu braucht es aber auch öffentliche Debatten zu bestehenden gesellschaftlichen Ängsten, eine wache Zivilgesellschaft, die Wahrheit einfordert und eine universitäre interdisziplinäre Forschung sowie Bildungsmaßnahmen beispielsweise in Form von Medienkompetenzprojekten. Eine kontextsensible Ethik (Krones/Richter 2003) betrachtet dabei „Fake News“ unter dem Prinzip Wahrheit als Leitprinzip, das kulturell und situativ geltend gemacht oder verworfen werden kann, das aber normativ leitend bleibt in den Entscheidungsprozessen Einzelner und der sozialen Gemeinschaft. Und mit Blick auf intersubjektive Aspekte der Wahrheit- und Erkenntnisgewinnung können und sollten die Sichtweisen auf Wahrheit(en) perspektivisch und plural diskutiert werden, aber Wahrheit muss dabei ein individueller und gesellschaftlicher Leitwert sein, der werthaft bleibt. 5. „Fake News“ als eine (mögliche) Frage der Wahrheit? 115 Nach Dietz (2017: 137) steht bei der Lüge vor allem eines auf dem Spiel, was sie von der Höflichkeit, dem Spiel oder dem möglichen moralischen Wert von Lügen unterscheidet: die Freiheit und selbstbestimmte Wahl. So liege die moralische Zulässigkeit der Lüge in der „Verteidigung gegen unberechtigte Angriffe auf die Freiheit und im Schutz der Privatsphäre“, die moralische Verwerflichkeit dagegen in der „Instrumentalisierung des Belogenen, in der Missachtung seiner Fähigkeit zu eigener Zwecksetzung.“ In dieser Hinsicht, so Arendt (1972), gebe es auch keinen Ersatz für die Wahrheit: „Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, dass die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“ Bei „Fake News“ geht es also nur zum Teil um die Frage nach Wahrheit. Es geht auch um das, was Menschen für wahr halten wollen, was ihre Gefühle oder auch ihre Ängste bestätigt. Es geht um ein Meinungsklima in zunehmend zersplitterten Öffentlichkeiten, aber auch um die Intentionen der „Fake News“-Produzenten: nämlich emotionales Agenda-Setting zu betreiben, in dem die Grenze zwischen Wahrheit und Täuschung flüssiger wird und diese Trennung als weniger bedeutsam wahrgenommen wird. Literatur Allcott, Hunt / Gentzkow, Matthew (2017): Social Media and Fake News in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives, Vol 31, No. 2, Spring 2017; S. 211-236. Online unter: https://pubs.aeaweb.org/doi/pdfplus/10.1257/ jep.31.2.211 [Zugriff 18.8.2020]. Arendt, Hannah (2017/1972): Wahrheit und Lüge in der Politik. München: Piper. Bentele, Günter (1996): Wie wirklich ist die Medienwirklichkeit? Anmerkungen zu Konstruktivismus und Realismus in der Kommunikationswissenschaft. In: Wunden, Wolfgang (Hg.): Wahrheit als Medienqualität. Beiträge zur Medienethik, Band 3. Frankfurt a.M.: GEP, S. 121-142. Bok, Sissela (1980): Lügen. Vom täglichen Zwang zur Unaufrichtigkeit. 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In diesem Aufsatz stelle ich eine Begriffsanalyse vor, mit der ich diese Frage beantworten möchte. Nach meiner Analyse sind Fake News Erscheinungsformen dessen, was der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt „Bullshit“ nennt. Genauer handelt es sich meines Erachtens um Frankfurtschen Bullshit, der in Form einer Nachrichtenveröffentlichung kommuniziert wird – und zwar nicht lediglich als konversationale Implikatur, sondern als explizite Behauptung. Ich entwickle meine Argumentation anhand von vier Testfällen, die ich in Abschnitt 1 einführe. Die gewählten Fälle beinhalten Phänomene, die Fake News zwar in mancherlei Hinsicht ähneln, aber intuitiv von diesen abzugrenzen sind. In Abschnitt 2 entwickle ich eine Begriffsanalyse, die eine solche Abgrenzung erlaubt. In Abschnitt 3 verteidige ich meine Analyse gegen zwei Arten von Einwänden und qualifiziere sie im Zuge dessen weiter. Einleitung Was sind Fake News? Ich vertrete die Ansicht, dass wir dann und nur dann von Fake News sprechen sollten, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: 1. Eine Person veröffentlicht eine These ohne Rücksicht auf deren Wahrheit. Dabei täuscht sie ihr Publikum über ihre Wahrheitsindifferenz. Es handelt sich also bei der These um Bullshit im Sinne von Frankfurt (2005). 2. Die These wird behauptet und nicht nur nahegelegt. 1 Bei diesem Text handelt es sich um eine übersetzte und gekürzte Fassung von Mukerji (2018). 121 3. Die Form, in der die These kommuniziert wird, ist die einer Nachrichtenveröffentlichung. Die Argumentation, mit der ich diese Analyse stützen möchte, folgt einem Prozedere, das in der modernen analytischen Philosophie zu den Standardmethoden gehört und das man als „Methode der Fallbeispiele“ (method of cases) bezeichnen könnte.2 Nach dieser Methode nehmen wir an, dass eine adäquate Begriffsanalyse vor allem unsere intuitiven Urteile über konkrete Fallbeispiele abbilden soll. Wenn ein Begriff B in Fall 1 intuitiv Anwendung findet, in Fall 2 aber nicht, dann sollte eine adäquate Analyse von B zumindest die Eigenschaft haben, Fall 1 einzuschließen und Fall 2 auszuschließen. In diesem Aufsatz möchte ich zeigen, dass meine Analyse dieses Adäquatheitskriterium erfüllt. In Abschnitt 1 werde ich vier Fallbeispiele einführen. Die ersten drei beinhalten Beispiele von schlechtem und voreingenommenem Journalismus und von Satire. Obwohl diese Phänomene gewisse Ähnlichkeiten mit Fake News haben, sollte man sie intuitiv nicht als solche kategorisieren. Der vierte Fall hingegen ist ein Fall von Fake News. Eine korrekte Analyse des Fake-News-Begriffs sollte also die ersten drei Fälle ausschließen und den vierten einschließen. In Abschnitt 2 versuche ich zu zeigen, dass meine Analyse genau dies leistet: Sie kategorisiert die ersten drei Fälle nicht als Fake News, sondern nur den letzten und deckt sich daher mit unseren intuitiven Urteilen über die vier Fälle. In Abschnitt 3 betrachte ich schließlich zwei mögliche Einwände und versehe meine Begriffsanalyse mit wichtigen Qualifikationen. Testfälle Betrachten wir in einem ersten Schritt vier Testfälle. AKUPUNKTUR: Die British Broadcasting Corporation (BBC) überträgt eine Dokumentation über Alternativmedizin, in der ein Ärzteteam in Shanghai eine Operation am offenen Herzen durchführt. Die Erzählstimme schildert, dass die Patientin keine Vollnarkose erhält, sondern lediglich eine Akupunktur-Behandlung. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, dass Akupunktur eine Vollnarkose ersetzen kann. Der Dokumentarfilm enthält zwar keine falschen Behauptungen, ist aber grob irreführend. Verschwiegen wird nämlich, dass die Patien- 1. 2 Diese Methode beschreibe ich genauer in Mukerji (2016a: 21-25). Nikil Mukerji 122 tin neben der Akupunktur-Behandlung sehr starke Beruhigungsmittel und Lokalanästhetika erhält (Singh 2006).3 Beurteilung: Intuitiv handelt es sich bei AKUPUNKTUR nicht um einen Fall von Fake News, sondern lediglich um bei Beispiel für schlechten Journalismus. Die Verantwortlichen, so scheint es, versuchten zwar, bei den Tatsachen zu bleiben. Aber sie versäumten es, alle wichtigen Fakten zu berichten, was vermutlich dazu führte, dass viele Zuschauerinnen und Zuschauer falsch informiert wurden. HANNITY: Nach einer Story des Journalisten Sean Hannity stellte Donald Trump im Jahr 1991 eindrucksvoll unter Beweis, wie großherzig er ist. Nach Hannitys Bericht warteten 200 Marinesoldaten, die gerade von einer Golfkriegsmission zurückgekehrt waren, im Militärstützpunkt Camp Lejeune in North Carolina auf ihren Anschlussflug. Da sich dieser verspätete, verzögerte sich auch die feierliche Heimkehr der Soldaten um Stunden. Donald Trump, so berichtet Hannity, hörte davon und beschloss zu helfen. So leitete er eines seiner privaten Flugzeuge zum Militärstützpunkt Camp Lejeune um, damit die Männer ausgeflogen werden konnten. Tatsächlich entspricht diese Schilderung jedoch nicht den Tatsachen. Laut The Fact Checker – einem Fact-Checking-Dienst der Washington Post – stützte sich Hannity bei der Berichterstattung hauptsächlich auf die Erinnerung eines ehemaligen Marinesoldaten, der nach eigener Aussage in einem Trump-Jet aus Camp Lejeune ausgeflogen worden war. Jedoch war das nicht dadurch zu erklären, dass Trump gnädigerweise ein Flugzeug zur Verfügung gestellt hatte. Diesen Teil hatte sich Hannity selbst zusammengereimt. Tatsächlich fand das Ereignis zu einer Zeit statt, als Trump aufgrund der finanziellen Schieflage seiner Fluglinie bereits die Kontrolle über seine Flugzeug-Flotte verloren hatte. Seine Flugzeuge wurden von seinen Gläubigern verwertet und unter anderem dem US-Militär für Inlandsflüge zur Verfügung gestellt (Kessler 2016). Beurteilung: HANNITY scheint ebenfalls kein Fall von Fake News zu sein. Vielmehr handelt es sich auch hier um schlechten Journalismus. Vermutlich haben wir es –genauer- mit voreingenommenem Journalismus zu tun. Hannity, der bekanntlich eine positive Einstellung zu Donald Trump hat, akzeptierte die Geschichte offenbar aufgrund seiner Voreingenommenheit als Tatsache, obwohl die Belege dafür unzureichend waren. 3 Die Dokumentation findet sich unter: https://youtu.be/D53UwyJWa3w (Abfrage am: 15.7.2020). Was sind Fake News? 123 THE ONION: Im Mai 2015 berichtet das Satiremagazin The Onion, dass die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) gerade eine weitere Fussball-Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten angekündigt hat und diese bereits begonnen habe (The Onion 2015). Diese Geschichte war leicht als Satire erkennbar. Schließlich handelt es sich bei der FIFA-Weltmeisterschaft um ein Event, das nur alle vier Jahre stattfindet und bereits im Jahr zuvor in Brasilien abgehalten wurde. The Onion hatte diese Geschichte erfunden, um sich über die FIFA-Organisation lustig zu machen, die damals aufgrund von dubiosen Geschäftspraktiken und Korruptionsvorwürfen in der Kritik stand. Beurteilung: THE ONION ist ebenfalls keine Fake-News-Story, sondern eine Form von Satire. Anders als die BBC in AKUPUNKTUR oder Sean Hannity in HANNITY versuchten die Spaßvögel, die sich die FIFA-Geschichte ausdachten, nicht einmal, ihre Story glaubwürdig darzustellen. Es war mit minimalem Aufwand ersichtlich, dass die Geschichte erfunden und die zitierten Quellen fiktiv waren. PIZZAGATE: Anfang November 2016 (kurz vor der US-Präsidentschaftswahl 2016) heckten Nutzer des Imageboards 4chan eine Geschichte aus, der zufolge Hillary Clinton und ihr Wahlkampfmanager John Podesta in einer Washingtoner Pizzeria namens „Comet Ping Pong“ einen Kinderhändlerring betreiben (LaCapria 2016). Sie durchsuchten die E-Mails von Hillary Clinton, die von Wikileaks veröffentlicht worden waren, und fanden James Alefantis unter den E-Mail-Kontakten von Podesta. Alefantis war Eigentümer von Comet Ping Pong und hatte dort zuvor eine Veranstaltung zur Unterstützung des Präsidentschaftswahlkampfes von Hillary Clinton organisiert. Er veröffentlichte auf seinem Instagram-Konto ein Dankesschreiben, das Clinton ihm geschickt hatte. Daneben veröffentlichte er auch Fotos von Kindern. 4chan-Nutzer verknüpften das eine mit dem anderen und behaupteten, dass Alefantis, Clinton und Podesta im Rahmen eines Kinderhändlerrings konspirieren. Diese unglaubliche Geschichte wurde als „Pizzagate“ bekannt. Dubiose Websites begannen, über die Geschichte zu berichten. Allein im November zirkulierten auf Twitter fast eine Millionen Nachrichten unter dem Hashtag #pizzagate. Beurteilung: PIZZAGATE wird gemeinhin als Paradebeispiel einer Fake- News-Story eingestuft. Hier haben wir es nicht nur mit einem Fall von schlechtem Journalismus zu tun. Denn diejenigen, die die Pizzagate-Geschichte als Nachrichtenmitteilung veröffentlichten, versuchten nicht ein- Nikil Mukerji 124 mal, ihre Geschichte wahrheitsgemäß zu berichten.4 Ebenso scheint es sich hier nicht um Satire zu handeln. Denn die Details von PIZZAGATE schienen mehr auf einen Schock-Effekt als auf Humor ausgelegt zu sein, und die Fiktionalität der Geschichte wurde nicht kenntlich gemacht. Der Begriff der Fake News: eine Analyse Was erklärt den Unterschied zwischen der Fake-News-Story in PIZZAGA- TE und den anderen Fällen? Ich denke, die wesentliche Eigenschaft, von der abhängt, ob es sich im jeweiligen Fall um eine genuine Nachrichtenveröffentlichung handelt oder um eine Fake-News-Story, ist die Einstellung, mit der sie veröffentlicht wird. Diese Erklärung erscheint a priori plausibel, da sie am Ethos von Journalistinnen und Journalisten anschließt, das diese zur Wahrheit verpflichtet (Jacquette 2010). Fake-News- Publizisten sind „fake“, wie man Neudeutsch sagen könnte, insoweit sie lediglich vorgeben, sich an der Wahrheit zu orientieren, ohne dies jedoch tatsächlich zu tun. Daher scheint es vernünftig, Fake News als im Wesentlichen durch die folgenden zwei Merkmale gekennzeichnet zu betrachten: Wer sie veröffentlicht, dem ist, wie es scheint, die Wahrheit gleichgültig, und er versucht zu vermeiden, dass sein Publikum dies erfährt. Diese beiden Merkmale sind natürlich Charakteristika von Frankfurtschem Bullshit. Laut Frankfurt (2005) ist Bullshit erstens durch eine Indifferenz der Wahrheit gegenüber gekennzeichnet. Das soll nicht heißen, dass das, was ein Bullshitter sagt, immer falsch ist. Es könnte, wie Frankfurt betont, durchaus wahr sein. Während eine Person, die lügt, versucht, uns davon zu überzeugen, dass eine bestimmte Aussage, die sie für falsch hält, wahr ist, kümmert sich ein Bullshitter nicht darum, ob seine Äußerungen wahr oder falsch sind. Dasselbe scheint mir auch für jemanden zu gelten, der Fake News in die Welt setzt. Zweitens täuscht ein Bullshitter uns über das, was er tut. In ähnlicher Weise stellen diejenigen, die Fake News verbreiten, falsch dar, was sie tun. Sie verbergen ihre eigentlichen Motive. Es scheint daher vernünftig anzunehmen, dass Fake News eine Erscheinungsform von Bullshit im Sinne Frankfurts darstellen. Diese führt uns zu folgender Analyse: 2. 4 An dieser Interpretation der Geschichte lässt sich zweifeln. Deswegen werden wir in Abschnitt 3 auf zwei weitere Deutungen von PIZZAGATE –PIZZAGATE* und PIZZAGATE**– eingehen. Was sind Fake News? 125 Begriffsanalyse Fake News sind Bullshit, der in Form von Nachrichtenveröffentlichungen behauptet wird. Diese Analyse enthält drei Bedingungen, die mir für eine gerechtfertigte Anwendung des Labels „Fake News“ notwendig und gemeinsam hinreichend erscheinen. Bullshit-Bedingung (B) Bei der kommunizierten These handelt es sich um Bullshit (im Sinne Frankfurts). Assertions-Bedingung (A) Die kommunizierte These wird behauptet und nicht nur nahegelegt. Publikationsbedingung (P) Die These wird in Form einer Nachrichtenveröffentlichung kommuniziert. Nach B gilt eine Story nur dann als Fake-News, wenn sie eine These beinhaltet, bei der es sich um Bullshit im Frankfurtschen Sinne handelt.5 Die Person, die Fake News veröffentlicht, ist also der Wahrheit ihrer Nachricht gegenüber indifferent (B1) und versucht, diesen Umstand zu vertuschen (B2). Der Begriff der Wahrheitsindifferenz in B1 ist dabei mehrdeutig. Gleiches gilt für den Begriff der Vertuschungsabsicht, so dass sich folgende Klärungen lohnen: • Eine Person sollte hinsichtlich der Proposition p als wahrheitsindifferent (im Sinne von B1) verstanden werden, wenn sie sich unabhängig davon, ob sie p für wahr hält, entscheidet, p zu kommunizieren. • Einer Person sollte eine Vertuschungsabsicht (im Sinne von B2) unterstellt werden, wenn sie die Absicht hat, die Adressatin oder den Adressaten ihrer Nachricht über ihre Wahrheitsindifferenz (im Sinne von B1) zu täuschen. Nach A ist es für Fake News notwendig, dass der darin enthaltene Bullshit explizit behauptet wird und nicht nur durch konversationale Implikatur 5 In der Literatur wird auch auf andere Bullshit-Begriffe hingewiesen, die hier jedoch keine Rolle spielen. Cohen (2002) schlägt z.B. eine Analyse vor, in der Bullshit nicht von der Einstellung des Bullshitters abhängt. Darüber hinaus hat Carson (2009) darauf hingewiesen, dass es eine Kategorie von „ausweichendem Bullshit“ zu geben scheint, der sich etwa in den Äußerungen von Politikerinnen und Politikern findet und von Frankfurt nach Carsons Einschätzung nicht berücksichtigt wird. Nikil Mukerji 126 herleitbar ist. Frankfurt unterscheidet in seinem Originalaufsatz nicht zwischen Bullshit-Behauptungen und Bullshit-Implikaturen (Webber 2013). Dies ist jedoch wichtig, um dem Phänomen des Bullshit-Journalismus Rechnung zu tragen, den ich von Fake News abgrenzen möchte. Betrachten wir zur Veranschaulichung eine Variation von AKUPUNK- TUR aus Abschnitt 1. Nennen wir sie AKUPUNKTUR*. In diesem Fall, so nehmen wir an, wollten diejenigen, die für den Dokumentarfilm verantwortlich waren, falsche Behauptungen vermeiden. Aber es war ihnen völlig gleichgültig, ob sie ihr Publikum durch konversationale Implikaturen in die Irre führen würden. So ließen sie wichtige Fakten aus und kümmerten sich nicht darum, ob ihre Geschichte einen falschen Eindruck erwecken würde oder nicht. In diesem Fall gibt es per Annahme keine Bullshit- Behauptung. Es handelt sich also nach unserer gerade eingeführten Begriffsanalyse nicht um eine Fake-News-Story. Dennoch sind die für die Dokumentation Verantwortlichen höchst kritikwürdig, da sie, wie wir annehmen, in Kauf nahmen, dass ihr Publikum in die Irre geführt wird. Dem trägt das Label „Bullshit-Journalismus“ meines Erachtens angemessen Rechnung.6 Schließlich ist es laut Bedingung P notwendig, dass etwas, damit es als Fake News gelten kann, in Form einer Nachrichtenveröffentlichung präsentiert wird. Das heißt, Bullshit, der privat geäußert wird, ist nicht Fake News. Damit eine Geschichte als Fake-News-Story kategorisiert werden kann, muss sie öffentlich zugänglich gemacht werden, etwa in Form eines Zeitungsartikels, im Radio, im Internet usw. Sicherlich gibt es hier Graubereiche. Es ist z.B. nicht eindeutig, ob eine Nachricht auf dem Twitter-Kanal eines Journalisten die Form einer Nachrichtenveröffentlichung hat. Das ist aber keine Schwierigkeit, die nur in Verbindung mit der hier vorgestellten Begriffsanalyse auftritt. Sie betrifft jedwede Verwendung des Begriffs der Nachrichtenveröffentlichung. Was leistet nun die Analyse, die ich vorschlage? Zumindest zweierlei: Erstens entspricht sie unseren Intuitionen darüber, wie die in Abschnitt 1 eingeführten Fälle kategorisiert werden sollten. Zweitens erklärt sie den Unterschied, der zwischen diesen Fällen besteht. AKUPUNKTUR ist intuitiv keine Fake-News-Story. Meine Analyse deckt sich mit diesem Urteil. Denn die in Frage stehende These, dass eine 6 Wer geneigt ist, Fälle wie AKUPUNKTUR* ebenfalls als Fake News zu charakterisieren, weil er die Bezeichnung „Bullshit-Journalismus“ als zu schwach empfindet, kann ausgehend von meiner Analyse Bedingung A entsprechend modifizieren. Dadurch ginge jedoch eine Unterscheidung verloren, die mir wichtig erscheint. Was sind Fake News? 127 Akupunktur-Behandlung als Anästhetikum dienen kann, wurde nicht explizit behauptet, sondern nur angedeutet. Bedingung A, die für die Anwendung des Begriffs Fake News notwendig ist, ist damit nicht erfüllt. Doch selbst wenn die These als Behauptung aufgestellt worden wäre, könnte der Fall nicht als Fake-News-Story eingestuft werden, da diejenigen, die für die Dokumentation verantwortlich waren, plausibler Weise zumindest versucht haben, die Tatsachen richtig wieder zu geben. Im Gegensatz dazu enthalten die anderen Fälle problematische Thesen, die in Form einer Nachrichtenveröffentlichung explizit behauptet werden. Bedingungen A und P sind hier also jeweils erfüllt. Bedingung B scheint jedoch nur in einem der Fälle umfassend erfüllt zu sein. Um dies zu erkennen, betrachten wir zunächst den Fall HANNITY, den wir intuitiv in die Kategorie des voreingenommenen Journalismus eingeordnet haben. In diesem Fall hat der Journalist Sean Hannity seine Geschichte nicht richtig wiedergegeben, weil er nicht ausführlich genug recherchiert und seine Interpretation der Fakten nicht hinreichend hinterfragt hat. Dennoch, so mögen wir ihm unterstellen, strebte er plausibler Weise nach der Wahrheit. Dafür spricht zum Beispiel die Tatsache, dass er einen echten Augenzeugen zur Untermauerung seiner Geschichte konsultiert hat. Mit anderen Worten: Hannity erfüllt Bedingung B1 nicht. Er war der Wahrheit gegenüber nicht gleichgültig. Daher lässt sich seine zentrale These, obwohl sie falsch war, nach meiner Analyse nicht als Bullshit charakterisieren und stellt entsprechend keine Fake-News-Story dar. Dies deckt sich ebenfalls mit unserem intuitiven Urteil. Betrachten wir als nächstes die Satiregeschichte THE ONION. Der Unterschied zwischen Satire und Fake News liegt nicht in B1. Denn in Satiregeschichten kommen genau wie in Fake-News-Stories Aussagen vor, die nicht darauf abzielen, faktengetreu zu berichten. Wer Satire veröffentlicht, ist der Wahrheit gegenüber indifferent.7 Satire versucht zu verspotten, zu 7 Man mag einwenden, diese Annahme bringe ein naives Verständnis des Wesens der Satire und ihrer Beziehung zur Wahrheit zum Ausdruck. Der amerikanische Komiker und Politiker Al Franken zeichnet z.B. ein ganz anderes Bild dieser Beziehung. Seiner Meinung nach „besteht das, was ein Satiriker tut, darin, eine Situation zu betrachten, die Ungereimtheiten, Heucheleien und Absurditäten zu finden, den ganzen Quatsch zu durchschneiden und zur Wahrheit zu gelangen“ (zitiert nach Branham 2009: 139; eigene Übersetzung, NM). Man beachte jedoch, dass nach dieser Auffassung der Unterschied zwischen Satire und Fake News sogar noch größer würde, als ich es hier annehme. Denn wenn Satirikerinnen und Satiriker der Wahrheit nicht gleichgültig gegenüber stehen, dann erfüllt Satire nicht einmal B1, und THE ONION ist dann gemäß meiner Analyse noch eindeutiger von PIZZAGATE zu unterscheiden. Nikil Mukerji 128 verhöhnen, zu parodieren oder zu karikieren. Zu diesem Zweck bedient sie sich bestimmter Stilmittel, z.B. der Übertreibung und der Provokation. Deswegen gehen Satirikerinnen und Satiriker das Risiko ein, Falschinformationen zu verbreiten. In dieser Hinsicht ähnelt das, was sie tun, dem, was Fake-News-Publizisten tun. Es gibt dennoch einen wesentlichen Unterschied zwischen Satire und Fake News. Dieser liegt in Bedingung B2. Satirikerinnen und Satiriker vertuschen ihre Motive in der Regel nicht – zumindest nicht systematisch. Dies gilt auch für den Online-Bereich, wie Gillin erklärt. Satire-Websites, sagt er, „können auf einzelnen Links deutlich machen oder auch nicht, dass ihre Geschichten gefälscht sind, aber sie werden fast immer in einem Disclaimer irgendwo auf ihrer Website sagen, dass ihr Inhalt übertrieben oder fiktiv ist.“ (Gillin 2017; eigene Übersetzung, NM) Wer Fake News publiziert, tut dies nicht. Wie ich bereits erwähnt habe, wollen Fake-News- Publizisten ihrem Publikum vorgaukeln, dass das, was sie berichten, tatsächlich Nachrichten sind, obwohl sie es in Wirklichkeit ohne jede Rücksicht auf die Wahrheit behaupten. Wer also Satire publiziert, der erfüllt nur B1, nicht aber B2. Wer dagegen Fake News in die Welt setzt, erfüllt sowohl B1 als auch B2. Kommen wir schließlich zu PIZZAGATE. Diese Geschichte ist intuitiv eine Fake-News-Story. Sie erfüllt auch offensichtlich Bedingungen B1 und B2 meiner Analyse. Erstens war die Wahrheit denjenigen, die diese Story veröffentlichten, offenkundig gleichgültig. Denn sie müssen gewusst haben, dass es nicht den geringsten ernst zu nehmenden Beleg für die Behauptung gab, dass Hillary Clinton in einen Kinderhandel-Ring verstrickt ist. Dies war frei erfunden. Zweitens waren die Verantwortlichen hinter der Geschichte aus PIZZAGATE in Bezug auf ihre Wahrheitsindifferenz unehrlich, da sie nicht klar sagten, dass es sich bei ihrer Geschichte nur um einen Witz oder um wilde Spekulation handelte. Diese beiden Tatsachen, mit denen B1 und B2 erfüllt sind, machen PIZZAGATE, gemäß meiner Analyse, zu einem Fall von Fake News, und dies deckt sich ebenfalls mit unserer intuitiven Beurteilung des Falls. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Analyse, die ich in diesem Abschnitt vorgeschlagen habe, erstens die vier Testfälle richtig zu kategorisieren scheint, und sie zweitens den intuitiven Unterschied zwischen diesen Fällen erklären kann. Dies ist meiner Einschätzung nach kein Artefakt der gewählten Szenarien. Wenn wir Fact-Checking-Websites wie Snopes verwenden, können wir leicht feststellen, dass die Analyse viele weitere Geschichten korrekt als Fake News kategorisiert, während sie andere plausibler Weise aus dieser Kategorie ausschließt. Das bedeutet natür- Was sind Fake News? 129 lich nicht, dass es keine möglichen Einwände gegen die vorgeschlagene Analyse gibt. Diesen wenden wir uns in Abschnitt 3 zu. Einwände Begriffsanalysen können auf zwei Arten scheitern. Sie können erstens Fälle einschließen, die sie ausschließen sollten, und zweitens Fälle ausschließen, die sie einschließen sollten. Entsprechend gibt es zwei mögliche Formen von Kritik an meiner Analyse des Begriffs der Fake News. Im Folgenden möchte ich je eine Ausprägung beider Arten von Kritik kurz diskutieren. Einwand 1: Die Analyse schließt zu viele Fälle ein. Die vermutlich wichtigste Erscheinungsform von Einwand 1 geht von der Feststellung aus, dass es nach der hier vorgestellten Begriffsanalyse wahre Fake News geben kann. Das, so der Einwand, sei aber kontraintuitiv und die Analyse damit falsch. Wer diesen Einwand vorbringt, diagnostiziert zutreffend, dass meine Analyse wahre Fake News begrifflich zulässt.8 Falsch scheint mir dagegen die Annahme, dass dies unseren Intuitionen widerspricht.9 Stellen wir uns dazu einen konkreten Fall vor, in dem ein Journalist eine Story veröffentlicht. Er will lediglich einen spannenden Text schreiben, der viele Klicks generiert. Ihm ist völlig egal, ob seine Geschichte den Tatsachen entspricht. Für keine seiner Thesen hat er Belege. Allerdings versucht er den Eindruck zu erwecken, als könne er alles belegen. Was er veröffentlicht, ist also Bullshit, den er in Form einer Nachrichtenveröffentlichung behauptet. Damit handelt es sich gemäß meiner Analyse um eine Fake-News-Story. Ich denke, dies deckt sich mit unserer Intuition. An dieser, so nehme ich weiterhin an, ändert sich auch dann nichts, wenn wir dem Fallbeispiel ein weiteres Detail hinzufügen, nämlich dass alle Aussagen, die der Journalist trifft, durch einen merkwürdigen Zufall wahr sind. Wahre Fake News scheinen also keinen begrifflichen Widerspruch darzustellen. 3. 8 Andere Autorinnen und Autoren räumen ebenfalls ein, dass wahre Fake News begrifflich möglich sind. Romy Jaster und David Lanius schreiben z.B., „dass Fake News nicht zwangsläufig falsch sein müssen.“ (Jaster/Lanius 2019: 28.). 9 Meines Erachtens liegt der Fehler darin begründet, dass man abstrakten Intuitionen ein zu hohes Gewicht gibt. Meiner Auffassung nach haben diese kein eigenständiges Gewicht (vgl. Mukerji 2016b). Nikil Mukerji 130 Einwand 2: Die Analyse schließt zu viele Fälle aus. Nach dem zweiten Einwand schließt meine Begriffsanalyse zu viel aus, nämlich auch Fälle, bei denen es sich intuitiv um Fake News handelt. Stellen wir uns dazu eine Variation des Falls PIZZAGATE vor. Nennen wir ihn PIZZAGATE*. Dieser Fall entspricht in all seinen Details der ursprünglichen Geschichte – mit einer Ausnahme: Diejenigen, die die Geschichte veröffentlicht haben, waren der Wahrheit gegenüber nicht indifferent. Vielmehr waren sie tatsächlich davon überzeugt, dass ihre Geschichte den Tatsachen entsprach, da ihr Denken signifikante kognitive Verzerrungen beinhaltete und damit grundlegende Rationalitätsstandards verletzte. Es mag nun so erscheinen, als handele es sich bei PIZZAGATE* ebenfalls um einen Fall von Fake News, obwohl – und das wäre der Einwand – meine Analyse diesen Fall nicht als solchen klassifiziere. Schließlich macht diese Wahrheitsindifferenz zu einem essentiellen Charakteristikum von Fake News, und eine solche liege ja im Fall PIZZAGATE* per Annahme nicht vor. Wie sich jedoch herausstellt, kann meine Analyse mit Hilfe einer kleinen Modifikation auch mit dem Fall PIZZAGATE* umgehen. Wir müssen dazu die Einstellung der Wahrheitsindifferenz nach einem Vorschlag von Ladyman (2013) gewissermaßen psychologisch „tieferlegen.“ Ladyman widmet sich dem Begriff des Bullshits im Kontext der Diskussion um die Definition von Pseudowissenschaft. Er schlägt vor, Pseudowissenschaft als Frankfurtschen Bullshit zu betrachten, der als Wissenschaft präsentiert wird. Damit sieht er sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie wir: Er stellt fest, dass Pseudowissenschaftlerinnen und Pseudowissenschaftler bisweilen den Eindruck erwecken, genuin an der Wahrheit interessiert zu sein – so wie die Fake-News-Publizisten in PIZZAGA- TE* auch. Das scheint zu implizieren, dass es sich bei ihren Äußerungen nicht um Bullshit im Frankfurtschen Sinne handeln könne. Ladyman konzediert dies und schlägt deswegen vor, Frankfurts Bullshit- Begriff zu erweitern. Bei den Behauptungen von Pseudowissenschaftlerinnen und Pseudowissenschaftlern, die sich selbst als wahrheitssuchend betrachten, handle es sich, so Ladyman, eben doch um Bullshit, wenn man unterstellt, dass man Bullshit auch äußern kann, ohne dies unmittelbar zu beabsichtigen. Die Wahrheitsindifferenz von Pseudowissenschaftlerinnen und Pseudowissenschaftlern manifestiere sich dann nicht darin, dass sie sich selbst für wahrheitsindifferent halten, sondern in der Weise, wie sie tatsächlich mit Evidenz umgehen, um zu Schlussfolgerungen zu kommen. Wahrheitsindifferenz kann nach Ladyman also auch dann vorliegen, wenn Was sind Fake News? 131 sich Pseudowissenschaftlerinnen und Pseudowissenschaftler selbst darüber täuschen, dass sie wahrheitsindifferent sind. B1 und B2 sind also für Ladyman immer noch notwendige und hinreichende Bedingungen für Bullshit. Allerdings erfasst B1 Wahrheitsindifferenz in einem tieferen Sinne, der auch die tatsächliche Denkpraxis von Pseudowissenschaftlerinnen und Pseudowissenschaftlern einschließt und nicht nur ihr Selbstbild. Und B2 schließt nicht nur die Absicht ein, Andere zu täuschen, sondern auch sich selbst. Diese Modifikation des Bullshit-Begriffs kann uns helfen, Fälle wie PIZ- ZAGATE* gemäß meiner Analyse ebenfalls als Fake News zu kategorisieren. Auch eine Person, die sich als Gralshüterin der Wahrheit betrachtet, kann Fake News verbreiten, wenn man den Bullshit-Begriff so erweitert, wie Ladyman dies vorschlägt. Sie tut das, wenn sie eine wahrheitsindifferente epistemische Praxis pflegt und sich selbst über diesen Umstand täuscht. Um eine zweite Variante von Einwand 2 zu diskutieren, betrachten wir nun eine weitere Variation von PIZZAGATE, die wir PIZZAGATE** nennen. Die Details des Falls stellen sich wiederum wie in PIZZAGATE dar – mit einer Ausnahme: die Fake-News-Publizisten wussten, dass ihre Geschichte unwahr ist. Sie haben also gelogen. Hier, so scheint es, haben wir es ebenfalls mit einem Fall von Fake News zu tun, der aber von meiner Analyse nicht als solcher eingeordnet wird. Nach dieser, so der Einwand, sei schließlich der Bullshit das essentielle Wesensmerkmal von Fake News und nicht die Lüge. Diesem Einwand ist auf den ersten Blick zu begegnen, indem wir darauf hinweisen, dass Lüge und Bullshit sich nicht wechselseitig ausschließen. Wie Frankfurt (2005) erläutert, trifft der Bullshitter Aussagen, die seinem Zweck dienen – und zwar unabhängig davon, ob er weiß, dass es sich dabei um wahre oder falsche Aussagen handelt oder er den Wahrheitswert gar nicht kennt. Ein Bullshitter mag also wissen, dass eine gegebene Aussage falsch ist und sich dennoch entscheiden, sie zu behaupten. In diesem Fall wäre er gleichzeitig ein Lügner. Dies gilt zumindest gemäß der Standardauffassung, nach der eine Lüge darin besteht, etwas zu sagen, was man selbst für falsch hält. Dementsprechend, so scheint es, kann der Fall PIZ- ZAGATE**, der eine Lüge enthält, gemäß meiner Analyse ebenfalls als ein Fall von Fake News eingestuft werden. Leider bezieht sich diese Replik nur auf eine mögliche Interpretation von PIZZAGATE**, nämlich eine solche, in der diejenigen, die die Fake- News-Story veröffentlichen, aus instrumentellen Gründen lügen. In diesem Fall tun sie das, was nach Frankfurt der Bullshitter tut: sie sagen genau das, was ihren Zwecken dient. Nehmen wir jedoch an, dass die Fake-News- Nikil Mukerji 132 Publizisten keine weiteren Ziele verfolgten, sondern nur um des Lügens willen gelogen haben, dann verfehlt unsere Replik ihr Ziel. Denn wenn die Fake-News-Publizisten nur um des Lügens willen lügen, dann sind sie eben nicht wahrheitsindifferent, dann kommunizieren sie eine Behauptung nicht unabhängig davon, ob sie diese für wahr oder für falsch halten. Damit sind sie keine Bullshitter und werden gemäß meiner bisher entwickelten Analyse auch nicht als Fake-News-Publizisten eingestuft. Um diesem Fall gerecht zu werden, müssen wir die Analyse mit einem Proviso belegen: Nicht abgedeckt sind Fälle von Fake News, die nicht-instrumentelle Lügen involvieren. Dieses Zugeständnis macht meines Erachtens jedoch keinen praktischen Unterschied, denn solche Lügen erscheinen mir im Kontext von Fake News für praktische Zwecke bedeutungslos. Dies wird deutlich, wenn wir uns die Beweggründe für die Veröffentlichung realer Fake-News-Stories vergegenwärtigen. In der Regel liegen ideologische und/oder monetäre Motive vor (Allcott/Gentzkow 2017). Das heißt, Fake-News-Publizisten versuchen entweder, uns von einem bestimmten politischen Standpunkt zu überzeugen, oder sie versuchen, durch Werbung Geld zu verdienen, oder es liegen beide Motive vor. Um ihre Ziele zu erreichen, sagen sie, was sie als zielführend empfinden – egal ob sie es für wahr oder für falsch halten. Soweit ich sehe, gibt es keine empirischen Ausnahmen.10 Dementsprechend vermute ich, dass der theoretisch denkbare Typ von Fake News, der nicht-instrumentelle Lügen involviert, in der Praxis nicht vorkommt und dass die hier vorgeschlagene Analyse alle realen Fälle abdeckt. Fake News, so lautet also meine These, sollten für praktische Zwecke als eine Version von Frankfurtschem Bullshit verstanden werden, der in Form einer Nachrichtenveröffentlichung behauptet wird. Dabei sollten wir, wie oben erläutert, den Begriff des Bullshits – dem Vorschlag Ladymans (2013) folgend – in einem weiteren Sinne interpretieren als Frankfurt dies ursprünglich intendierte. 10 Eine mögliche Ausnahme ist der Fall von Paul Horner, bei dem es sich um einen berüchtigten Fake-News-Publizisten handelt. Er behauptete in einer seiner Geschichten, dass eine Person, die gegen Trump demonstrierte, zugab, 3.500 Dollar für seine Teilnahme am Protest erhalten zu haben. Auf die Frage nach seinem Motiv antwortete Horner, er wollte sich „über diesen verrückten Glauben [der Trump-Anhänger, NM] lustig machen.“ (Dewey 2016; eigene Übersetzung, NM) Auch wenn dieser Fall auf den ersten Blick eine nicht-instrumentelle Lüge zu involvieren scheint, tut er dies meiner Einschätzung nach nicht. Horner log schließlich nicht um der Lüge willen, sondern um die Leichtgläubigkeit der Trump-Anhänger zu verspotten. Darüber hinaus verdiente er nennenswerte Geldbeträge durch Werbeeinnahmen. Was sind Fake News? 133 Literaturverzeichnis Allcott, Hunt / Gentzkow, Matthew (2017): Social Media and Fake News in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives, 31(2), S. 211–236. Branham, Robert B. (2009): Satire. In: Eldridge, Richard T. (Hg.): The Oxford Handbook of Philosophy and Literature. Oxford: Oxford University Press, S. 139–161. Carson, Thomas L. (2009): Lying and Deception and Related Concepts. In: Martin, Clancy (Hg.), The Philosophy of Deception. Oxford: Oxford University Press, S. 153–187. Cohen, G. A. (2002): Deeper into Bullshit. In: Buss, Sarah / Overton, Lee (Hg.): Contours of Agency – Essays on Themes from Harry Frankfurt. Cambridge, MA: MIT Press, S. 321–339. Dewey, Caitlin (2016): Facebook Fake-News Writer: ‘I Think Donald Trump Is in the White House Because of Me’. In: The Washington Post. https://wapo.st/2vvPZn7 (Abfrage am: 15.7.2020). Frankfurt, Harry G. (2005): On Bullshit. Princeton: Princeton University Press. 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Zuerst wird ein kurzer Abriss dieser Theorie gegeben; da die Frage nach einer konstruktivistischen Antwort auf das Problem der Fake News bereits in einem Forschungsdisput erörtert wurde, wird diese Debatte nachgezeichnet. Die Auseinandersetzung konzentriert sich auf die Frage, wie eine konstruktivistische Erkenntnistheorie gegen den Vorwurf des Relativismus verteidigt werden kann, also gegen die These, dass sie alle Behauptungen für gleich berechtigt hält und damit der Verbreitung von Fake News wehrlos gegenübersteht. Als Vorzug einer solchen Theorie wird ausgewiesen, dass sie der Wissenschaft eine starke Rolle zuweist. Als Handlungsempfehlung ergibt sich der Vorschlag einer intensiveren Bemühung um Wissenschaftstransfer. Einführung „Die Behauptung p, die A. vorträgt, ist Fake News, und sie ist wahr; man sollte sich an ihr orientieren.“ Es ist evident, dass dies nicht dem üblichen Gebrauch des Ausdrucks „Fake News“ entspricht. Offenbar wird mit dem Ausdruck „Fake News“ sowohl in der Wissenschaft als auch in der Alltagssprache eine Information bezeichnet, die zumindest teilweise falsch oder irreführend ist. Fabian Zimmermann und Matthias Kohring (2018b) konstatieren in dem Überblick über die vorangehende Forschung, den sie ihrer eigenen Definition des Begriffs „aktuelle Desinformation“ voranstellen, als durchgehend beobachtete Merkmale, dass „[d]ie Produktion von falschen oder potenziell irreführenden Informationen [...] intentional bzw. wissentlich [geschieht]“ (ebd.: 529) und dass diese Informationen „als ‚echte‘ Nachrichten formatiert“ werden. Ob Fake News immer empirisch falsch sein müssen, sei hingegen umstritten, wobei jedoch bei den von ih- 1. 135 nen zitierten Arbeiten teilweise eine Skala von mehr oder weniger gegebener Faktizität angenommen werde.1 Das Problem, das in diesem Aufsatz erörtert werden soll, entzündet sich daran, dass sich der Ausdruck „Fake News“ immer in irgendeiner Weise auf Fakten und auf wahre oder unwahre Aussagen über diese Fakten bezieht und dass sich mit dem Ausdruck „Fake News“ offenbar die Vorstellung der Intentionalität verbindet, d. h. der absichtlichen Fehlinformation über diese Fakten. Die Frage, um die es hier gehen soll, lautet: Wessen Fakten? Oder ausführlicher: Wer stellt fest, und mit welchen Methoden und Mitteln, was eine Tatsache oder ein Faktum ist? Offenbar kann man Desinformation bzw. Fake News2 gar nicht erforschen, solange dieses gängige Element der Definition der Begriffe Fake News oder Desinformation nicht geklärt ist. Aus der Perspektive einer konstruktivistischen Erkenntnistheorie ist es widersprüchlich, von einer Erkenntnis (als Resultat, das in einer Tatsachenfeststellung kristallisiert) ohne Erkenntnis (als Prozess eines erkennenden Systems) zu sprechen. Anders gesagt: In jeder Erkenntnis eines Sachverhalts ist die Perspektive, aus der sie erkannt wurde, aufgehoben. Im Lichte dieser Interpretation des Konstruktivismus kann Desinformation als Verbreitung von Nachrichten definiert werden, deren Inhalte deswegen als unwahr klassifiziert werden können, weil sie in Widerspruch zu Aussagen stehen, die mit den Methoden des Wissenschaftssystems belegt werden können. 3 1 Zimmermann und Kohring (2018b) beziehen sich auf Tandoc et al. (2018) und einen Vortrag von Jana Laura Egelhofer and Sophie Lecheler mit dem Titel „Systematizing fake news as a two-dimensional phenomenon: A framework and research agenda.“ Vortrag auf der 68. Jahrestagung der International Communication Association, Prag, Mai 2018. Hier wird der offenbar auf diesem Vortrag basierende Artikel Egelhofer/Lecheler (2019) referenziert. 2 In der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens plädieren einige Forscherinnen und Forscher für die Verwendung des Begriffs „Fake News“ (z. B. Lazer et al. 2018: 4), andere halten den Ausdruck „Fake News“ für belastet und plädieren dafür, in wissenschaftlichen Kontexten den Begriff „Desinformation“ zu verwenden. So benutzten Fabian Zimmermann und Matthias Kohring den Ausdruck „Fake News“ im Titel eines Vortrags (Zimmermann/Kohring 2018a), während sie in (Zimmermann/Kohring 2018b) für die wissenschaftliche Beschreibung des Genres den Begriff „aktuelle Desinformation“ definieren. Im Folgenden wird Desinformation für das wissenschaftliche Konstrukt und Fake News für die Bezeichnung in der Alltagssprache verwendet. 3 Eine etwas anders gelagerte, weniger auf die Leistung der Wissenschaft vertrauende Deutung der Perspektivität im Zusammenhang mit der Debatte um Fake News findet man bei Josef Mitterer (2019). Mitterer schreibt: „Zwischen wahren und fal- Tilman Bechthold-Hengelhaupt 136 Grundzüge der Theorie sozialer Systeme Die hier dargestellte Version des Konstruktivismus lehnt sich an die Theorie des Soziologen Niklas Luhmann an, die von der Annahme ausgeht, dass die Gesellschaft nicht aus Menschen (oder Gruppen von Menschen), sondern aus Kommunikation besteht und dass bei allen Beschreibungen von sozialen Prozessen daher von der Innenwelt der Akteure abzusehen ist. Es können daher nur Äußerungen beobachtet werden, z. B. Äußerungen eines Konsenses; ein Konsens selbst; verstanden als mentale Übereinstimmung einer Gruppe von Menschen, ist hingegen unzugänglich.4 Diese Welt der Kommunikation ist in sich geschlossen, sie bildet ein System, und zwar ein soziales System. Andere, auf andersartigen Operationen beruhende Systeme sind die mentalen Systeme (die jeweilige Innenwelt des Bewusstseins) und biologische Systeme. Diese externen Systeme sind für das System „Umwelt“; die Kommunikation kann auf sie (d. h. auf das Bewusstsein und die Natur) nicht direkt, sondern nur in den Operationen der Kommunikation zugreifen, d. h. das soziale System beobachtet die Umwelt und kommuniziert über diese Beobachtungen.5 Am Corona-Virus kann man das schön illustrieren: Die Pandemie ist für das Kommunikationssystem der Gesellschaft ein Umweltereignis, sie ist also nicht Teil dieses sozialen Systems. Das Virus spricht nicht; es tötet aber auch den, der nichts von ihm weiß. Bearbeitbar oder verständlich wird die Pandemie erst und ausschließlich in der sozialen Kommunikation, und zwar als soziale Konstruktion. Für die Geschlossenheit der Systeme ist der Begriff der Autopoiesis wichtig, den Niklas Luhmann analog zu biologischen Begriffen entworfen hat. Damit ist gemeint, dass sich ein System dadurch permanent selbst regeneriert oder „erschafft“, dass es an eigene Operationen anschließt. Dabei kommen auch die sozialen Systeme wie die Politik, Medien und die Wissenschaft ins Spiel. Nach der reinen Lehre können diese Systeme 2. schen Meinungen, Interpretationen und Beschreibungen von anderen zu unterscheiden heißt nicht mehr, als sie daraufhin zu beurteilen, ob sie mit unseren Meinungen, Interpretationen und Beschreibungen übereinstimmen oder von ihnen abweichen.“ (ebd.: 20) 4 Vgl. z. B. Luhmann 1990: 578, 1997: 230. 5 Für die Erkenntnistheorie ist eine wirkungsvolle Entscheidung zu beachten: Die Differenz von Subjekt und Objekt wird umgestellt auf diejenige zwischen System und Umwelt; vgl. Luhmann 2001: 220, und dazu Reinfandt 2014. Aus dieser Option im Theoriedesign ergibt sich auch, dass – mangels Subjekten – auf den Begriff der Intersubjektivität verzichtet werden muss. Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 137 einander irritieren, aber direkt ineinander übergehen oder aufeinander einwirken können sie nicht, weil sie jeweils unterschiedliche und unvereinbare binäre Codes verwenden: • Wissenschaft: wahr/falsch • Politik: Regierung/Opposition • Medien (d. h. Massenmedien): Information/keine Information Als ein Zwischenergebnis zur Frage „Wessen Fakten?“ kann hier festgehalten werden: Da die einzelnen Systeme nur mittels ihrer spezifischen Operationen kommunizieren, produzieren sie Erkenntnisse von einer Form, die sie verarbeiten können. Diese Erkenntnisse erscheinen ihnen als Fakten. Andere Systeme können die jeweiligen Erkenntniswege nicht nachvollziehen. Die meisten Tatsachenbehauptungen, die im Jahr 2020 im Gefolge der Pandemie als Fake News deklariert und diskutiert werden, dürften mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun haben, die sich au- ßerhalb der Wissenschaft nicht überprüfen lassen.6 Die Wissenschaft erarbeitet sich die Unterscheidung, mit der sie operiert, nämlich die zwischen wahren und unwahren Aussagen, indem sie sich strikt an ihren eigenen, in der jeweiligen Disziplin entwickelten Methoden und Theorien orientiert. Diese Methoden kann sie nicht auf den Prüfstand der Öffentlichkeit stellen. Wie strikt die Trennung zwischen dem politischen und dem Wissenschaftssystem ist, kann man daran erkennen, dass kein Land der Europäischen Union zum Beginn der Pandemie einen Virologen zur Leiterin oder zum Leiter der Regierung ernannte; es wurden noch nicht einmal Rufe danach laut. Bestimmten Virologinnen und Virologen fiel hingegen die Rolle der Expert*innen zu. Sie bemühten sich, ihre Erkenntnisse in Vorschläge für politische Entscheidungen zu übersetzen, aber die Umsetzung selbst blieb immer Aufgabe der Politik. Zeitgemäß ist die Systemtheorie deswegen, weil sie von einer einzigen Gesellschaft, der Weltgesellschaft ausgeht (Luhmann 1997: 145 ff.). Diese ist radikal immanent, d. h. es gibt – sofern man ganz auf Kommunikation abstellt – nur die in sich geschlossene Welt der weltweiten Kommunikation, die sich, so kann man aus heutiger Sicht hinzufügen, mit dem Internet das einzig angemessene Kommunikationsmedium geschaffen hat. 6 Als Gegenprobe versuche die geneigte Leserin oder der geneigte Leser, den Artikel von Chua et al. (2020) zu verstehen; an diesem Artikel hat der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten als Co-Autor mitgewirkt. Naturwissenschaftlich weniger gebildete Leserinnen oder Leser können nicht überprüfen, ob die Autoren dieses Artikels ihre Aussagen zureichend begründen. Tilman Bechthold-Hengelhaupt 138 Dass Niklas Luhmann als Soziologe keine Ethik entwickelt hat, ist zunächst nicht verwunderlich. Wohl aber enthalten viele seiner Schriften Beschreibungen der Funktion der Moral für die sozialen Kommunikation und Reflexionen über die mögliche Aufgabe einer wissenschaftlich orientierten Ethik. Generell sieht Luhmann die Wirkung von moralischer Kommunikation sehr skeptisch. Moral könne in verschiedenen sozialen Systemen eingesetzt werden; sie diene der Differenzierung von Achtung und Missachtung und stelle daher das Gegenüber immer als Person und nicht als Vertreter einer sozialen Funktion zur Debatte. Moral habe „…etwas leicht Pathologisches an sich. Nur wenn es brenzlig wird, hat man Anlaß, die Bedingungen anzudeuten oder gar explizit zu nennen, unter denen man andere bzw. sich selbst achtet oder nicht achtet.“ (Luhmann 1990b: 18) Luhmann entwickelt aber selbst eine normative Haltung zur Aufgabe der Ethik als Reflexionstheorie der Moral, wenn er sagt, es sei „… die vielleicht vordringlichste Aufgabe der Ethik, vor Moral zu warnen.“ (Ebd.: 41) Für die Frage, wie Fake News und Desinformation normativ aus Sicht der Systemtheorie gewertet werden können, sind die Untersuchungen zu Luhmanns Demokratiebegriff mindestens ebenso wichtig wie die zu möglichen Schlussfolgerungen für die Medienethik. Für die Demokratie ist der potenzielle Wechsel von Regierung und Opposition der grundlegende Code.7 Moralisch konnotierte Abwertungen politischer Gegner konterkarieren dagegen einen der demokratischen Auseinandersetzung dienlichen Streit über die angemessenen politischen Entscheidungen. Vermutlich ist die Schärfe des Streits über die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und die so genannte Maskenpflicht im Zuge der Corona-Pandemie auch darauf zurückzuführen, dass es im parlamentarischen Raum keine Kraft gab, die die Position der Corona-Skeptiker vertrat, so dass der Code Regierung/Opposition hier nicht ausgespielt werden konnte. Eine Forschungsdebatte über die Begriffe Fake News und aktuelle Desinformation und über die Verwendung der konstruktivistischen Methode In der Zeitschrift Medien & Kommunikationswissenschaft fand in den vergangenen zwei Jahren eine Debatte darüber statt, wie konstruktivistische Theoreme angemessen in der Beobachtung von Fake News und Des- 3. 7 Vgl. für die folgenden Ausführungen, mit weiteren Belegen, Czerwick 2008, v. a. S. 111 ff. Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 139 information verwendet werden können (Zimmermann/Kohring 2018b, 2019, Scholl/Völker 2019). Matthias Kohring und Fabian Zimmermann (2018b) entwerfen in ihrem Aufsatz ein Modell, in dem die Definition von aktueller Desinformation von sechs Merkmalen bestimmt wird: 1. Aktuelle Desinformation findet im Kontext von Kommunikation statt, die sich in der Trias von Mitteilung, Information und Verstehen vollzieht.8 2. Aktuell ist Desinformation dann, wenn sie neue Sachverhalte präsentiert. Aussagen über historische Ereignisse fallen damit aus dem Beobachtungsfeld heraus. 3. Mit dem Merkmal des Wahrheitsanspruchs ist gemeint, dass sich die fraglichen Informationen in einem Kontext bewegen, in dem es um Tatsachenbehauptungen geht. Ausgeschlossen sind damit Meinungsäu- ßerungen, die nicht wahrheitsfähig sind. 4. Aktuelle Desinformation muss immer das Merkmal der Unwahrheit besitzen. Nur dann können sie ihr „irreführende[s] Potenzial“ (ebd.: 534) entfalten. 5. Es muss das Merkmal der Unwahrhaftigkeit gegeben sein (ebd.: 535), d. h. die Rezipienten müssen absichtlich und wissentlich getäuscht werden. Die Autoren schränken aber ein, dass es auch den Fall geben kann, in dem „[…] Intermediäre […] lediglich unbewusst fehlinformieren“ (ebd.). 6. Schließlich verneinen die Autoren, dass für aktuelle Desinformation notwendig eine Täuschungsabsicht vorliegen muss, und zwar v. a. mit Blick auf das Phänomen der Clickbait-Desinformation, bei der es nur darum geht, möglichst viele Seitenaufrufe zu generieren. Julia Völker und Armin Scholl (2019) hielten Matthias Kohring und Fabian Zimmermann vor, sie hätten in ihrem Beitrag nicht konsequent konstruktivistisch argumentiert. Sie machten dabei das Theorem der Zuschreibung stark: Wenn niemand einer Information den Charakter als Fake News zuschreibt, werde sie auch nicht als solche thematisiert (2019: 211); sie machten vor allem die Annahme einer Beobachterabhängigkeit der Fakten stark (ebd.: 212). In ihrer Entgegnung erkennen Matthias Kohring und Fabian Zimmermann den Konstruktivismus als gemeinsame Grundlage der Arbeit am Phänomen der Desinformation und beziehen sich dabei 8 Zu diesem auch von Niklas Luhmann vertretenen Modell siehe unten, Abschnitt 4.1. Tilman Bechthold-Hengelhaupt 140 explizit auf Niklas Luhmanns Arbeit zum Wissenschaftssystem (Luhmann 1990, Zimmermann/Kohring 2019: 321 f.). Gegen den Vorhalt, sie hätten einen externen Beobachter konstruiert, den es aus konstruktivistischer Sicht nicht geben könne, konzedieren sie (ebd.: 321), dass dieser Eindruck deshalb habe entstehen können, weil es ihnen wichtig gewesen sei, ein Kriterium zu benennen, anhand dessen ein Beobachter überhaupt entscheiden könne, ob es sich bei einer Information um Fake News handelt. Als Kriterien benennen die Autoren die intersubjektive Nachvollziehbarkeit und die wissenschaftliche Prüfung einer Tatsachenbehauptung: „Wird eine Tatsachenbehauptung also aus wissenschaftlicher Perspektive als aktuelle Desinformation entlarvt, wird ihr intersubjektiv nachvollziehbar auf Basis empirisch geprüfter Erkenntnis Wahrheit abgesprochen.“ (Zimmermann/Kohring 2019: 322; Hervorhebung im Original.) An diesem Punkt ist wiederum eine Übereinstimmung beider Seiten zu konstatieren: Es gebe ein Prüfkriterium für die Unterscheidung wahrer von falschen Aussagen, und das sei die Wissenschaft mit ihren systematisch entwickelten Methoden. Es müsse dabei, so Zimmermann und Kohring (2019: 325), die Vorstellung einer „konsentierten Fakten-Wirklichkeit“ zugrunde gelegt werden, „wie sie im Zweifelsfall am ehesten wissenschaftliche Prüfverfahren garantieren.“ Strittige Fakten, so kann man dieses Argument zusammenfassen, sollen nach wissenschaftlichen Kriterien geprüft werden, mit dem Ziel, einen Konsens über den Sachverhalt zu erreichen. Auch in einem weiteren Beitrag aus dem Jahr 2019 plädiert Armin Scholl für eine bestimmte Form des Konsenses als Möglichkeit, Viabilität als „konstruktivistische[s] Ersatzkriterium für Wahrheit“ zu erreichen (Scholl 2019: 57). Viabilität, ein Begriff, der von Ernst von Glasersfeld vertreten wurde, ermöglicht es, „[…] zu praktisch ‚gangbaren‘, akzeptablen Aussagen zu kommen.“ (ebd.: 50) Niklas Luhmann schließt den Konsens als Weg zur Wahrheitsfindung kategorisch aus. Die Argumente, die ihn zu dieser Entscheidung in der Anlage der Theorie bewogen haben, wurden in der hier skizzierten Debatte nicht erörtert. Im Folgenden werden vier Theoriebereiche eher thesenhaft aufgeführt, die einige Hinweise auf die Frage geben sollen, wie Fake News und Desinformation im Rahmen der Systemtheorie beschrieben werden können, wenn sich die Untersuchung so eng wie möglich am Theoriegebäude orientiert, das Niklas Luhmann entworfen hat. Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 141 Präzisierungen der konstruktivistischen Bestimmung von Desinformation Das Zentrum der Kommunikation: Information, Mitteilung, Verstehen Fake News und Desinformation können aus konstruktivistischer Sicht als verfestigte und normativ-moralisch grundierte Zuschreibungen verstanden werden, die dadurch entstehen, dass in der für jede soziale Kommunikation notwendigen Selektionsentscheidung zwischen Annahme und Ablehnung eines Verstehensangebots permanent die Option der Ablehnung gewählt wird. Verständlich wird dies eigentlich erst, wenn man Kommunikation als Synthese aus Information, Mitteilung und Verstehen modelliert (Luhmann 1997: 72, 1984: 196, 530-532). In dem oben zitierten Aufsatz von Fabian Zimmermann und Matthias Kohring wird diese Dreiheit der Kommunikation ausführlich verwendet (2018b: 530- 532), allerdings ohne expliziten Bezug auf Luhmann. Die Autoren heben darauf ab, dass aktuelle Desinformation nur dann als Kommunikation wirkt, wenn die Nachricht auch verstanden wird. Das Verständnis von Desinformation gewönne erheblich, wenn dieses triadische Geschehen stärker in den Fokus genommen würde. Interessant und womöglich hilfreich ist es zu sehen, dass Luhmann sich explizit auf Karl Bühlers Organonmodell bezieht,9 das er in der Weise abwandelt, dass ein Primat eines der drei Elemente in jedem Moment ausgeschlossen ist. Information entspricht in Bühlers Modell der Darstellung. Es ist dies der Aspekt der Fremdreferenz, die Aussage über etwas, das als Sachverhalt dargestellt wird. An jeder Äußerung kann aber vom Adressaten auch das Moment der Mitteilung beobachtet werden, das bei Bühler dem Ausdruck entspricht. Die Information kann vom Adressaten dem sie äußernden, vermittelnden System zugerechnet werden, in dem Sinne, dass dieser Emittent als Agens konstruiert wird. Diese Konstruktion geschieht im Akt des Verstehens, und es liegt ganz beim Adressaten (in Luhmanns Diktion: bei Ego), ob dieser dem Emittenten der Information (bei Luhmann: Alter) eine Beteiligung an der Information zurechnet oder nicht. Die Bahnhofsuhr gibt an, d. h vermittelt die Information, dass es 11.15 Uhr ist. Stellt die 4. 4.1 9 Luhmann 1984: 196, mit Bezug auf Bühler 1965. Karl Bühlers Organonmodell beschreibt, wie ein sprachliches Zeichen zum Werkzeug der Verständigung wird. Drei Funktionen des Zeichens sind bei jeder Kommunikation zu beachten: Die Darstellungsfunktion (die sich auf die Sachebene bezieht), die Ausdrucksfunktion (die die Beziehung des Sprechers bzw. Senders zum Zeichen bezeichnet) und die Appellfunktion (die sich auf die Beziehung des Zeichens auf den Adressaten bzw. Empfänger bezieht). Tilman Bechthold-Hengelhaupt 142 Beobachterin fest, dass ihre Armbanduhr 11.10 Uhr anzeigt, kann sie die Information Alter zurechnen, hier der Bahn, die nicht dafür sorgt, dass die Uhren korrekt gehen. Im Akt des Verstehens findet also auch die Entscheidung zwischen Ablehnung und Annahme der Information statt. Wenn eine Äußerung verstanden wird, muss das Gegenüber zwischen den Optionen der Annahme oder Ablehnung wählen (Luhmann 1984: 205). Zweifel an den Äußerungen des Gegenübers wird also nicht als Sonderfall angenommen, der auf einen Defekt des sozialen Austauschs hinweist, sondern als formende Kraft jeder Kommunikation. Der Gewinn für das Verständnis von Fake News kann hier darin bestehen, dass jeder Beobachter bei jeder Information die Wahl hat, ob er auf den Sachgehalt fokussiert (und damit den Inhalt der Nachricht annimmt) oder ob er den Mitteilungseffekt in den Vordergrund stellt, indem er voraussetzt, dass das Gegenüber mit der Übermittlung der Information eine Absicht verfolgt, z. B. den Adressaten zu täuschen. Bei Nachrichten über die Corona-Pandemie kann sich diese Wahl in diesem Alltags-Szenario entfalten: Die aktuellen Zahlen der Corona-Neuinfektionen in den Nachrichten können von einer Fernsehzuschauerin als zutreffender Bericht über einen Sachverhalt rezipiert werden. Wer die Nachrichtensendung in dieser Weise aufnimmt, wird mögliche mit diesen Sachverhalten begründete politische Entscheidungen z. B. zur Pflicht, in bestimmten Bereichen der Öffentlichkeit Gesichtsmasken zu tragen, vermutlich für nachvollziehbar halten. Voraussetzung dafür ist, dass den für die Nachrichtensendung Verantwortlichen die Intention unterstellt wird, einen realen Sachverhalt vermitteln zu wollen. Hier kommt also der Begriff des Vertrauens ins Spiel, das es erlaubt, den Mitteilungsaspekt auszublenden. Der Konsument oder die Konsumentin der Nachrichten hat aber auch die Option, die gleichen Zahlen, d. h. die gleiche Information als einen neuen Schachzug des „tiefen Staates“ zu deuten, als Ausdruck einer neuen Strategie der New World Order und ihrer Handlanger in den Staatsmedien. In diesem Fall wird eine Diskrepanz zwischen Information und Mitteilung konstruiert: Die Fernsehzuschauerin konstruiert den angenommenen Urheber der Information, hier der Infektionszahlen, als verbrecherischen Manipulator. Die Option einer ständig wechselnd neuen Entscheidung ist zwar theoretisch auch gegeben, in dem Sinne, dass der Nachrichtenkonsument bei jeder Nachricht des gleichen Emittenten neu entscheidet, ob es sich um Fake News handelt oder nicht. Es kann empirisch geprüft werden, ob dies vorkommt. Erste entsprechende Untersuchungen legen nahe, dass dieser Fall zu vernachlässigen ist (van der Linden et al. 2020). Diese Forscher untersuchten nämlich, welchen Medienorganisationen und politischen Institutionen bzw. Repräsentanten Anhänger der Republikaner bzw. der Demokraten (in den Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 143 USA) die Neigung zu Fake News zuschrieben. Jedes Lager assoziierte die als gegnerisch wahrgenommene Seite überwiegend mit dem Begriff Fake News (.n=1000). Die Frage der Intention und der Zugänglichkeit des Fremdseelischen Der Grund für diese voreingestellte Option auf Ablehnung der Information ist darin zu sehen, dass der Adressat der Mitteilung beim Kommunikator eine permanente und intentionale, auf Täuschung zielende Differenz von Mitteilung und Information annimmt. Die zugeschriebene, unterstellte Intention (also das Ziel, das der Emittent der unterstellten Fake News nach Ansicht der Partei verfolgt, die den Vorwurf der Desinformation erhebt), ist in der Regel Machtgewinn. Um die Frage der Intention richtig beleuchten zu können, muss geklärt werden, wie Kommunikation zwischen Systemen erfolgen kann. Aus den Grundzügen der Theorie sozialer Systeme (vgl. oben Abschnitt 2) ergibt sich, dass jedes System in sich geschlossen (in operativer Schließung) und autopoietisch operiert, sich also permanent dadurch reproduziert, dass jede Operation nur an eigene Operationen anschließen kann. Das Bewusstsein der beteiligten Kommunikationspartner ist dabei unzugänglich, da Bewusstsein nicht kommuniziert. Das wusste bereits Friedrich Schiller, der dies in einem Distichon mit dem Titel „Sprache“ so formulierte: Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen! Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.10 Niklas Luhmann schließt deshalb Intention als Kategorie der Kommunikationsanalyse aus (Luhmann 1984: 209). Für die Beobachtung eines Kommunikators und seiner Informationen kann der Adressat nie hinter dessen Horizont auf den wahren, wirklichen Grund von dessen Inneren und seiner Intentionen zurückgehen, sondern er bleibt prinzipiell auf weitere Beobachtungen verwiesen, also auf fortgesetzte kommunikative Operationen. Nur in einer Welt, in der auf der Stirn eines jeden Menschen dessen Gedanken geschrieben stünden, wären die Intentionen der anderen direkt zugänglich. In unserer Welt müssen wir mit Lüge, Ehebruch, Verrat und 4.2 10 Schiller 2004: 313, Nr. 84 [Tabulae votivae von Schiller und Goethe]. Laut dem Kommentar (Albert Meier, ebd.: 931) wird dieses Gedicht Friedrich Schiller zugeschrieben. Hervorhebung und Zeichensetzung wie im Original. Tilman Bechthold-Hengelhaupt 144 Spionage rechnen und eben auch mit absichtlicher Desinformation. Jedenfalls die Kunst wäre um einiges ärmer, wenn es all das nicht gäbe. In vielen Fällen kann nicht erschlossen werden, ob ein Kommunikator die von ihm verbreitete Nachricht für falsch oder wahr hält. Websites wie www.rubikon.news verbreiten Nachrichten über die Ungefährlichkeit des neuartigen Coronavirus, ohne dass sich feststellen ließe, dass die Autoren nicht meinen, was sie sagen. Spekulationen über die Motive der Autoren dieser und anderer Websites können erstens niemals über den Status eben von Spekulationen hinauskommen, und zweitens vermögen sie weitaus weniger Überzeugungskraft zu entfalten als eine sachliche Auseinandersetzung mit den vertretenen Thesen. Die Folgen dieser Argumente für die Definition des Desinformations- Begriffs sind erheblich: Wie oben gezeigt wurde, gilt als Grundzug der wissenschaftlichen Debatte über Desinformation und Fake News, dass diese mit der Absicht zu täuschen verbreitet werden. Aus der Sicht des operationalen Konstruktivismus sind damit alle entsprechenden Definitionen verfehlt, da sie nicht mit Methoden aufwarten können, die einen Nachweis über die Intentionen der Verbreiter falscher Informationen versprechen. Soziale Systeme: Wissenschaft als Garantin der Wahrheit Aufgrund der Annahme einer prinzipiellen Perspektivität aller Erkenntnis sieht sich der Konstruktivismus dem Vorwurf ausgesetzt, er öffne dem Relativismus Tür und Tor, weil über jeden Sachverhalt, sei er auch noch so gut bewiesen, ausgesagt werden könne, er sei ebenso konstruiert wie eine Lüge. Das – so der Vorwurf – gefährde sogar die Demokratie, weil diese sich auf eine sichere Tatsachenbasis verlassen müsse. So schreibt der Rechtstheoretiker Uwe Volkmann: „Gerade Demokratien müssen sich gegen alle postmodernen und konstruktivistischen Relativierungen auf eine objektive Welt beziehen.“ (Volkmann 2020: 6) Sind die Fakten jedoch von der Wissenschaft fabriziert, dann können die sie konstituierenden Aussagen deswegen für sich mit guten Gründen einen Wahrheitsanspruch erheben, weil sie besser gemacht sind als die konkurrierenden Aussagen, nämlich vor dem Hintergrund einer geprüften Theorie und von Methoden, die sich aus einer Evolution der wissenschaftlichen Forschung ergeben haben. Zu beachten ist also, dass Niklas Luhmann 4.3 Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 145 einen emphatischen Wahrheitsbegriff vertritt, mit dem er sich in Gegensatz zu anderen Modellen des Konstruktivismus stellt.11 Wer meint, eine wissenschaftliche Wahrheit zu vertreten, muss sich im Klaren bleiben, dass er nur dann die korrekte, den jeweils avanciertesten Theorien und Methoden kongruente Produktion dieser Wahrheit überprüfen kann, wenn er sich selbst im Wissenschaftssystem bewegt, d.h. wenn er den gesamten Produktionsweg der Wahrheit überblickt. Dafür muss man die Methoden der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin kennen und verstehen: „Methoden haben kein anderes Ziel als: eine Entscheidung zwischen wahr und unwahr herbeizuführen.“ (Luhmann 1990: 415) Für Umweltsysteme der Wissenschaft gilt: Sie müssen Methoden der Beobachtung der Wissenschaft entwickeln. Das ist eines der entscheidenden Verfahren im Kampf gegen Fake News. Es führt also kein Weg an der Figur der Expertin oder des Experten vorbei. Die Öffentlichkeit kann keine Wissenschaft betreiben und die Wissenschaft kann die Öffentlichkeit nicht zum Teil der Forschungsgemeinschaft machen. Das Innenleben und die Intentionen eines fremden Systems sind von außen nicht zu erschließen; das wurde im vorangehenden Abschnitt erläutert. Unterschiedliche soziale Systeme wirken aufeinander ein, indem sie sich irritieren, und das im besten Fall durch das Infragestellen eingespielter Prozeduren. Moralisch gefärbte Vorwürfe (wie der Lügenvorwurf) verspielen diese Chancen, weil sie, wie oben in Abschnitt 2 erläutert, eine persönliche Ebene in die Debatte einfügen, in der es um persönliche Vorlieben der Sache nach nicht gehen kann. Der Vorwurf, in Gestalt der Experten maße sich die Wissenschaft Herrschaft über die Gesellschaft an, lässt sich in den Begriffen der Systemtheorie formulieren: Experten beanspruchen, die Grenze zwischen der Wissenschaft und ihrer Umwelt zu überspringen – ob aus ihrer Intention heraus oder nur in der Wahrnehmung der Umweltsysteme der Wissenschaft, sei dahingestellt. Die wütenden Angriffe auf einzelne Virologen, die während der Hochphase der Pandemie im Jahr 2020 zu beobachten waren,12 sind ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Mechanismus. 11 Anders Scholl (2019: 50): „Im Unterschied zum erkenntnistheoretischen Realismus lässt sich der Konstruktivismus nicht auf ein emphatisches Wahrheitsverständnis ein […]“. Scholl bezieht sich hier auf das Konzept des Konstruktivismus, das Ernst von Glasersfeld entwickelt hat. 12 Vgl. hierzu und zu den Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft Lauck 2020. Tilman Bechthold-Hengelhaupt 146 Die Expertinnen und Experten erbringen, dem eigenen Verständnis nach, der Gesamtgesellschaft eine Leistung und nicht nur einem einzelnen sozialen System. Es müssen jeweils Aushandlungsprozesse stattfinden, in denen abgeklärt wird, welche Funktion ein Experte in einem System hat, in dem für ihn keine Funktionsstelle vorgesehen ist. Die Wissenschaft zieht in der Welt Grenzen, zwischen dem Beobachter und der Umwelt (Luhmann 1990: 617). Diese Grenzen sind von den Methoden und Theorien vorgegeben, und sie manifestieren sich in der Sprache der Wissenschaft – ein Privileg, das die Gesellschaft der Wissenschaft eingestand. Der Experte ignoriert scheinbar diese Grenzen, aber er macht sie zugleich deutlich sichtbar. Der Prozess der funktionalen Differenzierung führte zu einer De-Holisierung, „Entganzung“, der auch die Wissenschaft – zentral – betrifft (ebd.). Die Figur des Experten soll als ein Versuch gedeutet werden, mit dem das Wissenschaftssystem in Systemen seiner Umwelt direkt operiert. Im politischen System wirkt dann bei diesem Beispiel der Code wahr/ unwahr, der dieses aber zum Umsturz bringen würde. Wahre Politik ist per se totalitär; demokratische Politik ist darauf angewiesen, dass die Macht nicht dem zugewiesen wird, der die Wahrheit sagt – denn wer stellt fest, wer die Wahrheit sagt? –, sondern dem, der von der Mehrheit gewählt wird. Der Widerstand aus dem politischen System gegen die Experten wird so verständlich. In der Wissenschaftsskepsis, d. h. in dem, was von Beobachtern aus der Wissenschaft als Fake News oder Desinformation diskreditiert wird, spricht sich eine Sehnsucht nach Re-Holisierung, nach einer Wiederherstellung einer (imaginierten) ursprünglichen Einheit aus, nach einer ganzen, von überall gleichen Gesetzen geregelten und einheitlichen Normen folgenden und damit erkennbaren Welt. Moral und Ethik: Lüge und Aufrichtigkeit Der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff löst laut Luhmann (1990: 167) die alte ethische Forderung nach Wahrhaftigkeit historisch ab. Damit ist nicht gemeint, dass Wahrhaftigkeit ihren Wert verliert, sondern dass die Integrität der Wissenschaft nicht mittels Moral hergestellt und gesichert wird, sondern durch die Verfahren, mit denen der Zugang der einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten geregelt wird. Die Verpflichtung der einzelnen Wissenschaftler*innen, wahrhaftig zu sein, wird damit von der personalen und damit auch moralischen Ebene auf die institutionelle oder systemische Ebene 4.4 Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 147 verlagert. Wer plagiiert oder Forschungsdaten fälscht oder auf andere Weise gegen das Gebot der Wahrhaftigkeit verstößt, kann zwar auch moralisch verurteilt werden, aber das ist für die Wissenschaft und damit für die Leistung, die sie der Gesellschaft zu erbringen hat, nicht die entscheidende Konsequenz. Es kommt allein darauf an, dass eine solche im Feld der Wissenschaft unwahrhaftig kommunizierende Person dadurch aus dieser ausgeschlossen wird, dass ihre Texte nicht mehr in den Fachorganen publiziert werden und dass sie ihr Verständnis der Wissenschaft nicht durch die Lehre weitergeben kann. Darauf, dass diese Mechanismen der Inklusion und Exklusion funktionieren, muss sich die Gesellschaft verlassen können, damit sichergestellt ist, dass die Forschungsdaten, auf deren Basis z. B. politische Entscheidungen fallen, nicht mutwillig verfälscht wurden. Die moralische Missbilligung ist die Form, in der diese Exklusionsmechanismen außerhalb der Wissenschaft verständlich gemacht werden können. Dennoch bleibt die Orientierung an der Wahrhaftigkeit als Ideal für den Einzelnen als Teilnehmer von Kommunikation ungebrochene Voraussetzung. Wenn man mit der Systemtheorie annimmt, dass die Gesellschaft aus Kommunikation und sonst nichts besteht, dann kann man Wahrhaftigkeit als subjektive Teilnahmevoraussetzung für diese Kommunikation sehen. Eine von Wahrhaftigkeit geprägte Haltung zeigt sich weniger in der Verve, mit der Angriffe gegen Lügner inszeniert werden, als vielmehr in der Bereitschaft, in jedem konkreten Streitfall auf einer methodisch angeleiteten und damit an den Normen und Prozessen der zuständigen Wissenschaft orientierten Wahrheitssuche zu insistieren. Die Verwendung des Wortes Lüge personalisiert eine Auseinandersetzung. Der Lügenvorwurf rechnet soziale Konflikte auf persönliche Fehler herunter und emotionalisiert sie damit auch. Wesentlich mehr Erfolg verspricht eine verstärkte Konzentration auf den Wissenschaftstransfer, eine Aufgabe, der sich das Bildungssystem und die Qualitätsmedien gleichermaßen stellen sollten. Tilman Bechthold-Hengelhaupt 148 Fazit: Wissenschaftstransfer als Ausweg aus der Gefangenschaft in wechselseitigen Vorwürfen der Desinformation Joanna Huxters Plädoyer für eine Vermittlung der wissenschaftlichen Kommunikationsformen im „Portal Wissenschaftskommunikation“13 bringt die Notwendigkeit, die Prozeduren wissenschaftlichen Arbeitens bekannt zu machen, auf den Punkt: We hypothesize that if people understand the scientific enterprise, this might increase their trust in science, and might even help counteract the influence of ideology. An individual scientist is not necessarily more trustworthy than any other individual person. So if you don’t understand that the scientific enterprise is designed to counter the biases and flaws of individuals through the work of the scientific community, you might not trust science. (Huxter in Cross/Huxter 2017) Als Therapie14 gegen die Verunsicherung mancher Teile der Öffentlichkeit und gegen die damit zusammenhängende Inflation von Fake News ergibt sich aus dem bisher Gesagten der Vorschlag eines vertieften und verbreiterten Wissenschaftstransfers. Als angemessene Strategie wird hier Aufklärung über die Kommunikation und die Verfahren der Wissenschaft empfohlen. Es sollte deutlich gemacht werden, dass die Wissenschaft als soziales System rigide Vorkehrungen gegen mögliche Unwahrhaftigkeit Einzelner getroffen hat. Vielleicht gelingt es sogar verständlich zu machen, dass die andere Seite der Form dieser Operationsmodi der Wissenschaft ihre Unverständlichkeit und Unzugänglichkeit ist. 5. 13 Huxter, Joanna/Cross, Arwen (2017): Interview: What’s the relationship between understanding science and trusting it? Wissenschaftskommunikation, 2.5.2017, https://www.wissenschaftskommunikation.de/?p=4721 (Abfrage am 26.7.2020.). 14 Niklas Luhmann (1990a: 648-653) verwendet den Begriff der Therapie als Bezeichnung für eine bestimmte Leistung, welche die Wissenschaft für die Gesellschaft erbringt und welche das gegenseitige Verhältnis beider Systeme durch gegenseitige Irritation verändert. Luhmann konzediert, dass der Begriff Therapie irreführende Assoziationen erweckt (ebd.: 648), aber er hält ihn deswegen für nützlich, weil er zeigen kann, wie ein System durch Irritation von außen zu tiefgreifenden Strukturänderungen veranlasst werden kann, ohne seine Integrität (operative Geschlossenheit) preiszugeben. Vgl. Levold 2014 über die Konstruktivismusrezeption in der deutschsprachigen Psychotherapie; der Titel dieses Aufsatzes („Von der Behandlung zum Dialog“) kann als Illustration dies hier Gemeinten gelesen werden. Fake News und Desinformation aus der Sicht der Theorie sozialer Systeme 149 Literatur Bechthold-Hengelhaupt, Tilman (2012): Antikerezeption im Internet. München, online verfügbar unter: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/15133/ (Abfrage am 26.7.2020). Bühler, Karl: Sprachtheorie (1965): Die Darstellungsfunktion der Sprache. 2. Auflage. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag. Chua, Robert Lorenz et al. (2020): COVID-19 severity correlates with airway epithelium–immune cell interactions identified by single-cell analysis. In: Nature Biotechnology 28 (26. Juni 2020) S. 970 – 979. Online verfügbar unter doi:10.1038/s41587- 020-0602-4. Czerwick, Edwin (2008): Systemtheorie und Demokratie. Begriffe und Strukturen im Werk Luhmanns. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 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Somit bereitet die Impotenz des kommunikativen Handelns den Weg für eine Polarisierung und Atomisierung von Gesellschaft. Diese Sorge trifft mit der Emergenz neuer kommunikativer Performanzen der letzten Dekaden auf eine neue Dimension der Dissemination von Fake News. In Korrespondenz versuchen die Autoren, Ursachen der Amalgamierung dessen, was als ‚Fake News‘ verstanden wird, in den reziproken Prämissen und medienethischen Konsequenzen des Mensch-Seins im Zeitalter technologischer Revolutionen zu identifizieren. Hierfür problematisieren sie essenzielle, einander erfordernde und bedingende Konstituenten des Komplexes ‚Fake News‘, indem sie drei Reflexionsperspektiven, sprich: Epistemizität, Performativität und Diskusivität, explizieren. In Extrapolierung der Resultate einer medienphilosophischen Reflexion ergibt sich eine gleichsam differenzierende wie komplementierende Fokussierung über die kurrente Forschung hinaus auf Medientheorie und Kommunikationsethik von Fake News. Einleitung – ‚Fake News‘ als gesellschaftliches Phänomen Als die Konferenz „Medien und Wahrheit“, die in diesem Sammelband dokumentiert wird, im Februar 2020 stattfand, war längst noch nicht absehbar, was für eine Konjunktur Fake News und Verschwörungstheorien, bedingt durch die COVID-19-Pandemie, in den folgenden Monaten zeitigen würden. Parallel dazu konnte während der Kontaktsperre und der Arbeit 1. 1 Anders 1987a: 179. 153 von zu Hause beobachtet werden, dass die Internetnutzung in Deutschland ungewöhnlich hoch angestiegen ist. Neben der offensichtlichen Expansion von Video-Konferenzen und Video-Streaming, nahmen das Online-Gaming und die Nutzung von Sozialen Medien um 25 Prozent zu (vgl. DE-CIX 2020). Die Annahme eines monokausalen Zusammenhangs zwischen Internetnutzung und der Verbreitung von Verschwörungstheorien wäre verfehlt. Die Medienkritik des Youtubers Rezo, „Die Zerstörung der Presse“, hat unlängst demonstriert, dass sich in großen Teilen des Boulevardjournalismus „[…] unseriöse und unethische, gegen den Pressekodex verstoßende Praktiken sowie […] Unwahrheiten und Falschbehauptungen […]“ (Loosen 2020) etabliert haben. Auch die, in Verbindung zur Popularisierung von Fake News beitragende Polarisierung von Gesellschaften (vgl. Nielsen/ Graves 2017, Bruns 2019, Egelhofer/Lecheler 2019) findet ihre Ursache nicht, oder zumindest nicht allein, in der Digitalisierung von Presseerzeugnissen. Eine Erklärung des dokumentierten Anstiegs von Fake News kann sich also nicht auf digitale Medien beschränken. In Axel Bruns‘ Essay Are Filter Bubbles real? findet sich die Feststellung: „We cannot absolve ourselves from the mess we are in by simply blaming technology.“ (Bruns 2019: 7) Das heißt zunächst, dass einschlägige Phänomene, verwiesen sei auf verstärkte Online-Kommunikation, algorithmisierte Nachrichten-Aggregatoren, vermeintliche Filterblasen und Echokammern, an sich nicht als Ursachen für Probleme des demokratischen Diskurses festgesetzt werden können oder sollen. Gleichzeitig wird hier nicht von der Neutralität von Technik und Medien ausgegangen. Das Gegenteil lässt sich mindestens in zweifacher Hinsicht demonstrieren: • Erstens. Die zugrundeliegenden Algorithmen automatisierter Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen diskriminieren nicht zufällig dieselben Menschen, wie die Gesellschaften, in denen diese Menschen leben, sondern reproduzieren sie, weil sie von Mitgliedern dieser Gesellschaften programmiert oder an diesen Mitgliedern „trainiert“ werden (vgl. Eubanks 2019).2 2 Für das Beispiel Suchmaschinen hat Safiya Noble (2019) eine ähnliche Argumentation vorgebracht. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 154 • Zweitens. Die Mediatisierung des Alltags3 zieht es nach sich, dass Praktiken und Konventionen, wie Privatsphäre, Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, überholt oder ausgetauscht werden. Der individuelle Versuch, sich diesen Umwälzungen zu entziehen, resultiert in erheblichen Kosten für die/den Sich-Entziehenden in ökonomischer, kultureller oder sozialer Hinsicht. Die Entscheidung wird also in Teilen zum Privileg (vgl. Liessmann 2002). Technik und Kultur als sich wechselseitig stabilisierendes Konstrukt Dieses Verständnis basiert auf Günther Anders‘ Charakterisierung der Natur des Menschen als Künstlichkeit und die konsequente Steigerung dieser Künstlichkeit4 dadurch, dass er, der Mensch, schließlich zum ‚Produkt seiner Produkte‘ wird: „Und das bedeutet wiederum, daß auch wir selbst schonungslos gemacht werden.“ (Anders 1987b: 40) Mithin sind Mensch und Maschine weder in einem Antagonismus noch in einer Symbiose zueinander gestellt. Ein solches generatives Verständnis von Mensch-Sein an, mit und durch Maschinen respektive Technologien verlangt nach Anders eine radikale Kritik der Grenzen aller Vermögen des Menschen, also: „der seiner Phantasie, seines Fühlens, seines Verantwortens usf.“ (Anders 1987a: 18). Appliziert auf gesellschaftliche Transformationsprozesse, ausgelöst durch Deep Learning, Robotik und Künstliche Intelligenz, besagt dies: Technik und Kultur bilden eine sich gegenseitig stabilisierende Verbindung, die bereits vorher in soziotechnischen Systemen disponiert wurde (vgl. Filk 2020a: 7-8). In Künsten, Lebenswelten und Alltagspraxen gewinnen algorithmische Matchings und selbstlernende Künstliche Intelligenzen exponentiell an Bedeutung und Einfluss. An unserer Statt übernehmen Automation und/oder Algorithmen Aufgaben, und im Gegenzug prägen diese die Art und Weise unserer Selbstbezüge und -verhältnisse (vgl. Müller 2016: 101). 2. 3 Wir orientieren uns hier an der theoretischen Fassung von ‚Mediatisierung‘, wie sie von Nick Couldry und Andreas Hepp vertreten wird (vgl. Hepp 2011, Couldry/ Hepp 2017, Hepp 2020). 4 Dem liegt die These Günther Anders‘ (ehemals Günther Stern) zugrunde: „l‘artificialité est la nature de l‘homme et son essence est l’instabilité“ – „Künstlichkeit ist die Natur des Menschen und sein Wesen ist Unbeständigkeit“ (Stern 1936/1937: 22, Hervorhebung im Original; Übersetzung C.F/J.H.F.). Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 155 In diesem Sinne impliziert die Debatte um Fake News – ungeachtet ob im öffentlichen, journalistischen, wissenschaftlichen oder ethischen Kontext – eine Frage und zugleich eine Sorge, die Günther Anders bereits Mitte der 1950er Jahre im Angesicht der durch die medientechnologischen Entwicklungen seiner Zeit verstärkten Verfremdung von Mensch und Welt wie folgt formulierte: „Und die Frage, welche Methode die Wahrheit einschlagen sollte, um mit der Lüge zu konkurrieren, nämlich um auch geglaubt zu werden: ob sie sich, da sich die Lügenwelt aus Wahrheiten zusammensetzt, als Lüge auftakeln dürfte (wenn sie es könnte) – die ist bis heute nicht nur nicht beantwortet, sondern auch nicht ausreichend gestellt.“ (Anders 1987: 168, Hervorhebung im Original) Anders‘ Befürchtung kulminiert darin, dass die Wahrheit sich in ihrer Dissemination nicht mit der Lüge messen kann. Betrachten wir exemplarisch zwei große mediale Ereignisse des letzten Jahrzehnts, die Kampagnen der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten 2015/2016 und des EU- Mitgliedschaftsreferendum im Vereinigten Königreich 2016 (vgl. Gorrell et al. 2019), scheint sich Anders‘ Befürchtung geradezu zu bestätigen. Jenseits des Anscheins dieser medialen Ereignisse und der starken Thematisierung von Fake News gibt es eher Anzeichen, dass sowohl in der US Präsidentschaftswahl als auch während des Abstimmung zum Brexit Fake News eben nicht stärker verbreitet wurden als gewöhnliche Nachrichten (Benkler/Faris/Roberts 2018, Allcott/Gentzkow 2017, Nielsen/Graves 2018). Schein und Sein stehen im Kontrast. Gleichzeitig zeigen diese beiden medialen Geschehnisse und ihre öffentliche wie wissenschaftliche Perzeption, dass Fake News mehr ist als die Produktion, Rezeption und Distribution von Medienkommunikaten, die unter eine – wie auch immer festgelegte – Kategorie von Fake News fallen. Fake News ist, so unsere Leitthese, nicht erschöpfend erklärbar durch definitorische Ansätze und die empirische Analyse der Dissemination. Der denunziatorische Gebrauch des Begriffs „You are Fake News“ wird hier als ein Symptom für ein komplexeres Wirkungsgefüge gedeutet. Das besagte mehr sehen wir in dem Verständnis von Fake News als gesellschaftliches Phänomen im Gegensatz zu Fake News als Phänomen politischer Kommunikation mit und über presseähnliche oder Presseerzeugnisse. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 156 Konstitution von Fake News Unter Berücksichtigung der vielschichtigen Forschungszugänge zu Fake News stellt sich in erster Hinsicht die Frage: Wie entstehen Fake News als gesellschaftliches Phänomen? Und in zweiter Hinsicht: Wie lässt sich diese Konstitution aus medienethischer Perspektive untersuchen? Konkreter gefasst: • Für die erste Frage gilt es zu eruieren, wie die diversen Forschungsergebnisse zu Fake News zueinander in Beziehung stehen, und zu verdeutlichen, dass sie in Beziehung stehen. Wir gehen hier nicht davon aus, dass diese sich gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr, dass bei der Betrachtung von Fake News als Phänomen menschlichen Alltags diese auf verschiedene und doch zusammenhängende Art und Weise konstituiert werden. • Für die zweite Frage werden wir die obige Skizze der Anders‘schen anthropologischen Annahmen zum Mensch-Sein im Zeitalter technologischer Revolutionen (vgl. Liessmann 2002) ausführen und exemplarisch darstellen, wie unser Vorschlag, Fake News als einen mehrdimensionalen gesellschaftlichen Komplex zu begreifen, dienlich sein kann für medienethische Analyse von und Kritik an Fake News. Auch wenn Desinformation an sich kein neues Phänomen ist, scheint seit den 2010er Jahren ein Anstieg dieser im Allgemeinen und von Fake News im Besonderen beobachtbar zu sein (vgl. Egelhofer/Lecheler 2018: 102). Die Relevanz und das Risiko dieser Entwicklung für den demokratischen Prozess wurden bereits vielfach expliziert und kommentiert (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2019). Nichtsdestotrotz scheinen die verschiedenen Aspekte, die Fake News ausmachen wie die Produktion, Dissemination und Kritik, die Verwendung des Begriffs in verschiedenen Sprechakten sowie der Einfluss auf ganze Diskurse, bis dato eher isoliert verhandelt worden zu sein, anstatt in eine umfassenden Analyse integriert worden zu sein: „What fake news stands for, however, is something larger than the term itself […]“ (Egelhofer/Lecheler 2018: 87). In dem Prozedere, Fake News in unterschiedlichen Formationen zu identifizieren, orientieren wir uns an Egelhofers und Lechelers Charakterisierung von Fake News als zweidimensionales Konstrukt: zum einen als Label, zum anderen als Genre. Erstere meint die pejorative Aussage „Fake News!“, letztere intentional produzierte (pseudo-)journalistische Falschmeldungen (vgl. Egelhofer/Lecheler 2019: 98). Auf dieser Idee einer Mehrdimensionalität von Fake News bauen wir auf und schlagen vor, Fake News als einen gesellschaftlichen Komplex zu verstehen, der sich mittels 3. Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 157 unterschiedlicher Modi ausbildet. Hierfür problematisieren wir essenzielle, einander erfordernde und bedingende Konstituenten des Komplexes ‚Fake News‘, indem wir drei Reflexionsperspektiven explizieren: • Epistemizität, die den Fokus auf die erkenntnistheoretische Bedingung der Möglichkeit der Konstitution von Fake News legt; • Performativität, die speziell die akkusatorischen Pragmatik des Topos Fake News beleuchtet sowie • Diskursivität, die als Schwerpunkt die kommunikative Praxis der Dissemination und des Umgangs mit Fake News setzt. Epistemizität Grundlegend verstehen wir unter Epistemizität die historische, soziale und semantische Verfasstheit individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Wissenssysteme, die, gestützt auf ein irreduzibles Set kognitiver Werte und sozialer Praxen, sowie bestimmter kommunikativer und medialer Formen, sowohl im alltagssprachlichen als auch wissenschaftlichen Diskurs in Erscheinung treten (vgl. Luhmann 1992, Nowotny/Scott/Gibbons 2004, Filk 2020b). In Bezug auf die Ausdifferenzierung von Wissenssystemen im direkten Zusammenhang mit Fake News lassen sich exemplarisch einige sondierende Ansätze herausstreichen. So weisen Edson C. Tandoc Jr., Zheng Wei Lim und Richard Ling (2017) darauf hin, dass Fake News von den Adressierten ko-konstruiert werden, da ohne die Einschätzung einiger Teile dieser Prosumenten*innen, dass diese oder jene Fake News echte, wahre Nachrichten seien, das Phänomen wohl eher ephemer wäre (vgl. ebd.: 148). Regina Rinis (2017) Verweis auf epistemic partisanship verleiht dieser Annahme weiteres Gewicht. Die Berichterstattung einer ideologisch näheren Person oder Institution scheint zunächst glaubwürdiger als im politischen Spektrum diametral entgegengesetzte Akteur*innen. Offenbar sind Menschen eher geneigt, Fake News zu verbreiten, wenn sie aus dem Umfeld ähnlicher politischer bzw. gesinnungsethischer Werte präsentiert werden oder gegen das politische Pendant gerichtet sind (vgl. ebd.). Sobald sich der Eindruck verfestigt, dass der traditionelle öffentliche Rundfunk (Service public) Teil dieser politisch entgegengesetzten Akteur*innen ist – Stichwort Lügenpresse – ist eine Taktik radikaler und extremistischer Gruppen laut Rebecca Lewis and Alice Marwick (2017) sogenanntes „Redpilling“. Angelehnt an die rote Pille im Film Die Matrix (1999) ist damit der Übergang zu alternativen Medien und zu der Überzeugung, Wahrheit läge 4. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 158 jenseits der Lügenpresse, gemeint (vgl. ebd). Ist dieser Prozess an sich schon problematisch, so konnte in Bezug auf Nachrichtensatire gezeigt werden: Je seltener ‚klassische‘ Nachrichteninhalte konsumiert werden, desto höher ist der wahrgenommene Realismus von Nachrichtensatire (vgl. Balmas 2014). Die Vermutung liegt nahe, dass hinsichtlich Fake News ein ähnlicher Wirkungszusammenhang unterstellt werden kann.5 Allerdings lässt sich hier nicht automatisch auf die Effektivität von Faktenüberprüfungen und Hinweise auf Falschheit, bzw. Fragwürdigkeit, präsentierter Informationen schließen. Zwar ist der Anteil von Fakten-Überprüfungen der Aussagen von sogenannten Personen der Zeitgeschichte und von Nachrichten gestiegen, doch wie die Experimente von Emily Thorson (2013) nahelegen, beeinflussen ‚Belief Echoes‘ weiterhin die politische und gesinnungsethische Einstellung und das Verhalten von Fake- News-Rezipient*innen. Das bedeutet, selbst nach einer durch die Proband*innen akzeptierten Korrektur einer Falschnachricht orientierten sich sowohl die politische Einstellung als auch das Verhalten dieser an der aus der ursprünglichen Nachricht geformten Meinung. Ähnliches stellten auch Birte Högden et al. (2020) bei der empirischen Untersuchung verschiedener Modelle von Fakten-Checks fest, wobei hier die Art der Überprüfung sowie des Hinweises entscheidend sind, da gewisse Formen auch Einstellungsveränderungen hervorrufen können (vgl. ebd.). Die vorstehend skizzierten Forschungsresultate präsentieren in puncto Konstitution bzw. Ausdifferenzierung von Wissenssystemen mehrere Faktoren, die Produktion und Dissemination von Fake News zu begünstigen scheinen. Dass Epistemizität in dem hier beschriebenen Sinne ein Moment und Faktor der Generierung von Fake News ist, lässt sich ebenfalls mit dem Umstand begründen, dass der Inhalt von Fake News abhängig ist vom je inländischen Agenda-Setting (vgl. Egelhofer/Lecheler 2018). Das bedeutet, der Inhalt von Fake News ist abhängig vom nationalen Kontext und ist somit abhängig von institutionellen und gesellschaftlichen Wissenssystemen. 5 In Bezug auf Filterblasen und Echokammern argumentiert Axel Bruns (2019) jedoch, dass in polarisierten (Kommunikations-)Strukturen die Referenz und der Kommentar auf klassische Nachrichtenmedien eine wichtige Funktion erfüllt. Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 159 Performativität Analog zu These von Fake News als Label (vgl. Egelhofer/Lecheler 2018: 97) haben wir mit der Performativität eine weitere Konstituente ausgemacht. ‚Performativität‘ greift den Aspekt des bereits oben zitierten „larger than the term itself“ (ebd.) auf und umfasst diverse Verwendungsweisen des Begriffs in alltäglicher, spezifisch politischer, humoristischer oder anderer Kommunikation. Hervorzuheben ist dabei, dass diese Pragmatik im sprachphilosophischen Sinne wiederum die Wirklichkeit des Begriffs immer wieder neu hervorbringt (vgl. Krämer 2004). Eine Art und Weise der Begriffsverwendung, die sich bisher am deutlichsten hervorgetan hat, ist der Einsatz als ‚Waffe‘ (Weaponisation), sei es zur Deligitimisierung, zur Denunziation, zur inhaltlosen Gegenrede oder anderem (vgl. Egelhofer/Lecheler 2018, Zimmermann/Kohring 2018, Nielsen/Graves 2017, Götz-Votteler/Hespers 2019). Ungeachtet dessen, ob der Vorwurf, etwas oder jemand sei Fake News, wahr oder falsch ist, scheint, wenn wir im Alltag von Fake News sprechen, dieser Vorwurf selbst Teil der losen Idee davon, was Fake News ausmachen, zu sein. Aufgrund des Umstandes, dass der Begriff Fake News – ähnlich wie Propaganda – ein politischer ist, folgert Etienne Brown (2018: 150): Wenn es ein funktionales Definiens zum Definiendum Fake News gibt, nutzen Menschen, ungeachtet dieser korrekten Definition, Fake News in inkorrekter Weise. Eine Einigung auf eine Definition wird in der Performanz des Begriffes somit geringere Auswirkungen haben. Der Vorschlag von Johann Farkas und Jannick Schous (2018), Fake News als flottierenden Signifikanten zu verstehen, schließt hieran an. Hier wird Fake News als diskursiver Signifikant gefasst, der zwischen verschiedenen konkurrierenden und antagonistischen hegemonischen Projekten zur Herstellung von Identität und Hegemonie im Diskurs genutzt wird (vgl. ebd.: 300). Offensichtlich wird dies in den vielfältigen Arten und Weisen, in denen politische Akteur*innen den Begriff Fake News benutzen, um sehr heterogene Phänomene zu beschreiben. Die hier aktiven politischen Akteur*innen versuchen dementsprechend, je für sich die Deutungshoheit von und über Fake zu beanspruchen (vgl. ebd.: 308). In diesem Sinne, beschreibt Performativität, dass die Aussage „Fake News!“ nicht zwangsläufig eine tatsächliche Behauptung sein muss, sondern vielmehr, dass die Art und Weise der Begriffsverwendung ein Moment der Konstitution von Fake News ist – unbeschadet ob es sich um eine ernst gemeinte Behauptung, eine Diskreditierung, eine Demonstration von Diskurs-Hegemonie oder um eine Parodie handelt. 5. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 160 Diskursivität Letztlich offenbart sich in den Konstituenten der Epistemizität und der Performativität auch bereits die der Diskursivität. Nicht nur ist das Phänomen in verschiedene Diskurse eingebettet, gleichsam auch der Modus der Diskussion mit und über Fake News sowie die diverse Begriffsverwendung etablieren Fake News letztlich diskursiv. Diskursivität fasst in diesem Sinne die Praxis der Dissemination von, Debatten um, und Motive zur Verbreitung von Fake News. Die Überlappungen der beschriebenen Konstituenten können anhand der Firehose of Falsehoods (vgl. Paul/Matthews 2016) exemplifiziert werden. Beschrieben wird dies als die Taktik einer Gruppe oder Institution, im Falle des Artikels von Paul und Matthews sogar die russische Regierung, in einer großen Anzahl von Kanälen diverse Halbwahrheiten und Fake News zu verbreiten, um die Grundlage der Meinungsbildung zu einem bestimmten Thema zum eigenen Vorteil zu beeinflussen (vgl. ebd.: 1). In diesem Beispiel fiele die Anwendung dieser Taktik unter ‚Diskursvität‘, ein etwaiges Resultat wiederum unter ‚Epistemizität‘. An dieser Stelle offenbart sich auch schon ein erstes, auch von anderen bereits beschriebenes, identifizierbares Motiv für die Verbreitung von Fake News: Ideologie (vgl. Egelohofer/Lecher 2018, Allcott/Gentzkow 2017, Tandoc/Lim/Ling 2018). Täuschungsabsicht als reiner Selbstzweck kann begrifflich nicht als Ausschlusskriterium gelten. Wenn die zugrunde liegenden Triebfedern der Täuschung oder gar der unbewussten Verbreitung aber als politisch, ideologisch oder finanziell charakterisiert werden (vgl. Egelhofer/Lecheler 2018: 100), wird die diskursive Praxis um Presseerzeugnisse des Genres Fake News differenzierter. Indikatoren dafür, dass die Diskursivität von Fake News verschiedene und teilweise nicht-politische Motive umfasst, sind die unter Epistemizität vorgestellten Konzepte der epistemic partisanship und des redpillings. In beiden Fällen scheint eine Verbreitung von Fake News ohne das Bewusstsein, dass es sich um solche handelt, aus ideologischen Gründen durchaus nachvollziehbar. Gleichzeitig lässt sich aber auch die bewusste Verbreitung von Fake News aus politischen und/oder ideologischen Gründen erklären. Epistemizität ist also Teil der diskursiven Praktiken und strukturiert sie gleichzeitig immer wieder neu. ‚Diskursivität‘ stellt also die letzte der von uns identifizierten Konstituenten von Fake News dar und verdeutlicht gleichzeitig die starke Interdependenz dieser. Das was Fake News ausmacht, scheint unseres Erachtens nach ohne das interagierende, korrelative Regime dieser drei Konstituenten unwahrscheinlich. Erst in Kombination mit den performativen, epistemi- 6. Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 161 schen und diskursiven Anlagen ist das, was wir als Fake News verstehen, konstituiert. Mensch-Sein und Fake News im Zeitalter technologischer Revolutionen Neben der Herleitung und Begründung der drei explizierten Fake News- Konstituenten treten in einem forcierten Wettbewerb die technizistischen Maxime der Hyperaktivität und der ökonomistische Imperativ des Plattform-Engagements (vgl. Staab 2019) zu einem – wie auch immer zu definierenden – Wahrheitsdiktum im öffentlichen und veröffentlichten Diskurs. Oder angelehnt an Anders‘ Philosophie: Die Moral der Subjekte wird ersetzt durch die Moral der Geräte (Liessmann 1992: 570). Wie eingangs angeführt, gipfelt Anders‘ Befürchtung darin, dass die Wahrheit sich in ihrer Distribution nicht mit der Lüge messen kann. Somit bereitet die Impotenz des kommunikativen Handelns den Weg für eine Polarisierung und Atomisierung von Gesellschaft. Diese Sorge trifft mit der Emergenz neuer kommunikativer Performanzen der letzten Dekaden (etwa Civil Journalism, Social Media, Social Bots, Microblogging oder User-generated Content) auf eine neue Dimension der Dissemination von (Falsch-)Nachrichten. Dementsprechend ist in den letzten zehn Jahren mit Fug und Recht das Forschungsinteresse an der Anders‘schen philosophischen Anthropologie im Zeitalter technologischer Revolutionen gewachsen, hat dieser doch mit seinen provokanten Thesen viele gesellschaftliche Entwicklungen im Kontext der Digitalisierung schon vorausgesehen: angefangen bei dem Hörfunk über das Fernsehen bis zum Human Engineering. So hat Anders schon 1979 in dem Essay „Die Antiquiertheit der Maschinen“ Vernetzungstendenzen von Maschinen und den diesen Tendenzen folgenden Zusammenschluss der Maschinen zu einer „totalen Maschine“ beschrieben (Anders 1987b: 114), was sowohl im Hinblick auf den Diskurs um das Internet der Dinge als auch die Mono- und/oder Oligopol-ähnlichen Gafa- Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (vgl. Staab 2019: 21) als wahrgewordene Prognose bezeichnet werden kann. Zentral für Anders‘ philosophisches Werk (1987a, 1987b) nach dem zweiten Weltkrieg sind die Ideen der Prometheischen Scham und des Prometheischen Gefälles, die tief mit seiner Feststellung der Künstlichkeit als Natur des Menschen verwoben sind. Zur Verdeutlichung der Prometheischen Scham kann die Handlung des Spielfilms Gattaca (1997) zu Rate gezogen werden. In einer Welt, in der Menschen in vitro designed und gezüchtet werden, wird der Protagonist 7. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 162 „Vincent“ auf herkömmlichem Wege gezeugt und geboren und aufgrund dessen stark diskriminiert und sich selbst seiner Antiquiertheit bewusst. In Anders‘ Worten: „[‚VINCENT‘] schämt sich, geworden, statt gemacht zu sein, der Tatsache also, im Unterschied zu den tadellosen und bis ins Letzte durchkalkulierten Produkten, sein Dasein dem blinden und unkalkulierten, dem höchst altertümlichen Prozeß der Zeugung und der Geburt zu verdanken.“ (Anders 1987a: 24) Diese Form der Scham ist eine Scham, selbst kein Ding zu sein, die in ihrer Konsequenz nach Anders eine intentionale „Selbst-Verdinglichung“ (ebd.: 30) nach sich zieht, um mehr wie ein Ding zu sein bzw. zu scheinen. Im Falle von „Vincent“ werden diverse Formen der Verschleierung des Geboren-Seins angewandt. Anders bringt für Selbstverdinglichung das Beispiel Make-Up, doch lassen sich alle Formen der Selbstoptimierung wie etwa Zeitmanagement darunter zählen: wir bemühen uns, uns der Effizienz der Maschinen anzunähern ohne Rücksicht auf unsere restlichen menschlichen Vermögen (vgl. ebd.). Das Prometheische Gefälle, in der Formel effectus transcendit causam (Anders 1987b: 64) zusammengefasst, meint den Zustand der Nicht-identifikation des Arbeitenden, des Sich-Nicht-Identifizieren-Wollens und schließlich der Unfähigkeit der Identifikation mit dem Effekt/dem Produkt der Arbeit selbst. „Die Tatsache der täglich wachsenden A-synchronisiertheit des Menschen mit seiner Produktewelt, die Tatsache des von Tag zu Tag breiter werdenden Abstandes, nennen wir, das ‚prometheische Gefälle‘.“ (Anders 1987a: 16, Hervorhebung im Original). Ursache dafür ist unter anderem Anders‘ Annahme, dass der Mensch selbst zum Produkt seiner Produkte wird. Exemplarisch lässt sich dieses Gefälle an einer Anmerkung Hartmut Rosas klar machen: „Daß sie[, die Dinge,] mir wesensmäßig fremd bleiben, liegt aber an noch etwas anderem: Während mein Telefon, mein Radiorekorder (oder mein iPod oder was auch immer) und mein PC (oder Laptop oder Netbook oder was auch immer) ganz offensichtlich immer smarter werden, nimmt die Kluft zwischen ihnen und mir unweigerlich zu. […] Wir fühlen uns ihnen gegenüber schuldig. Sie sind so wertvoll und smart, und wir gehen mit ihnen wie Idioten um.“ (Rosa 2013: 127) Hier wird ein Zusammenhang zu einer weiteren zentralen Kategorie Anders’scher Philosophie deutlich: Ent- bzw. Verfremdung. Nicht nur können wir uns nicht mehr identifizieren mit dem und vorstellen was wir pro- Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 163 duzieren und was uns umgekehrt produziert; dieses Szenario steht in engem Zusammenhang mit dem Zustand der Verfremdung, in der uns familiäre Dinge fremd, nahe Dinge fern sind (vgl. Anders 1987a). Der Name des Nachbarn ist unbekannt, dafür die Lebensgeschichte der Lieblingsschauspielerin aus dem Stand rezitierbar. Im Gegensatz zum klassischen Entfremdungsbegriff, sieht Anders dessen Ursache jedoch nicht in der kapitalistischen Produktionsweise per se, wenngleich sie sicherlich ihren Beitrag zur Verstärkung der Verfremdung leistet, sondern in der Diskrepanz zwischen den Grenzen der Vermögen des Menschen und den Grenzen der Vermögen seiner Maschinen (vgl. Anders 1987a, 1987b). Als Ergänzung zum Verfremdungsbegriff schlägt Anders den der Verbiederung vor, die gewissermaßen das Szenario der Verfremdung reflektiert. Diese „Pseudofamiliarisierung“ (Anders 1987a: 117, 336) präsentiert fremde „[...] Menschen, Dinge, Ereignisse und Situationen so [...] als wären sie Vertrautes [...]“ (ebd.: 117). Die mir eigentlich fremde Schauspielerin, scheint mir also näher als der Nachbar, oder sie wird mir zumindest als näher präsentiert. Um es mit Anders‘ Worten zusammenzufassen: „Das Gelieferte ist also distanzlos gemacht, wir ihm gegenüber gleichfalls, die Kluft ist abgeschafft.“ (ebd.) „Aber je mehr anwesend gemacht wird, desto weniger anwesend wird es gemacht.“ (ebd.: 134, Hervorhebung im Original) Das heißt, wir können uns nicht vorstellen was unsere Produkte vermögen, und das was wir als unsere Mitwelt verstehen, ist in Wahrheit eine durch eben diese Produkte verzerrte Welt, was fremd ist, ist familiär; was fern ist, ist nah und vice versa. Gerade in den Zeiten der Kontaktsperre zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus wird deutlich, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen der Kommunikation in Person und bspw. dem Video-Chat gibt. Vertrauen scheint stark mit Körperlichkeit verbunden zu sein. Dieser Zusammenhang konfundiert die Anders‘schen Überlegungen zum Mensch-Sein im Zeitalter technologischer Revolutionen in Nähe-Distanz-Relationen, seien Menschen und/oder Gegenstände nun raum-zeitlich oder im übertragenen Sinne „nah“ oder „fern“. Für Anders folgt aus diesen anthropologischen Überlegungen, dass die Formel der Neutralität der Technik gemeinsam mit der Moral der Subjekte in einer Moral der Geräte aufgehoben ist. Die Verwendung von bestimmten Technologien zieht – wie eingangs angedeutet – den Zwang nach den Maximen eben dieser zu Handeln nach sich. Christian Filk und Jan Hinnerk Freytag 164 Potenzial Günther Anders‘ zur (Re-)Konstruktion von Fake News Die eingangs zitierten Sorgen Anders‘ zum Verhältnis von Wahrheit und Lüge in Gesellschaft könnten aktueller nicht sein und zeigen auf, dass für Anders die Verfasstheit der individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Wissenssysteme schon weit vor Sozialen Medien Defizite aufwiesen. In seiner Kritik des Fernsehens hebt er hervor, dass die Präsentation der Informationen und Bilder ein „Oszillations- und Schwebezustand in dem die Unterscheidung zwischen Ernst und Unernst nicht mehr gilt, und in dem der Hörer die Fragen: in welcher Weise das Gesendete ihn angehe […]“ (Anders 1987a: 143), sei, eine Kritik die mit der Übertragung auf die heutigen Informationsstrukturen nicht an Validität verloren hat. Das, was von institutionalisierten Produzent*innen und Prosument*innen gleichermaßen als einer Nachricht wert kategorisiert wird, hat sich durch die diversen Erweiterungen der Presselandschaft im Prozess der Mediatisierung verändert. Dass ein Tweet oder ein Youtube-Video eine umfangreiche Berichterstattung auslöst, ist ein relatives Novum. Mit Anders‘ gedacht erschließt sich dieser Sachverhalt auch als Resultat der Verfremdung und Verbiederung, die für ihn den Weg zum „Warencharakter aller Erscheinungen“ (ebd.: 121) ebnen. Anders‘ Argument folgend, dass unter Voraussetzung der Prometheischen Scham und der nachfolgenden Selbst-Verdinglichung eine Moral der Geräte prävalent wird, ergibt sich als medienethische Konsequenz ein Handlungsspielraum innerhalb von Medien, welcher begünstigend für die hier beschriebene Konstitution von Fake News präfiguriert ist. Mit technologischem Fortschritt fort-schreitende Verfremdung bereitet den Boden für politische Polarisierung, während in verbiedertem Zustand Ereignisse, Dinge und Personen an uns herantreten, und die Wahrheit als relevante Kategorie des Diskurses untergraben oder zumindest mit ihr in Konkurrenz treten. Der Mensch als Produkt seiner Produkte ohne die notwendige Reflexion seiner jetzigen Verhältnisse ist nach Anders also ohnehin schon in der Situation, in der Wahrheit keine notwendige Bedingung für Diskurs ist. Die hier beschriebenen hinzukommenden Faktoren verstärken dabei die Konstitution von Fake News auf Ebene der Epistemizität, Performativität und Diskursivität. 8. Performativität, Epistemizität und Diskursivität von ‚Fake News‘ 165 Schlussbetrachtung In diesem Beitrag wurde aufgezeigt, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fake News im Hinblick auf Ursachen, Zusammenhänge und Kritik eines Ansatzes bedarf, der das Phänomen als in Gesellschaft epistemisch, performativ und diskursiv konstituiert begreift. Dieser viele Forschungsperspektiven integrierende Ansatz kann medienethische Auseinandersetzungen mit Fake News um Voraussetzungen anthropologischer, sozial- und politikphilosophischer in Beziehung zu Erkenntnissen empirischer Sozialforschung ergänzen. Der vorgängige Argumentationsgang lässt sich dahingegend extrapolieren: Rekurrierend auf die Kritik der Technik als Mittel der Kontrolle und Herrschaft, wie sie klassisch durch Karl Marx, Günther Anders oder Herbert Marcuse formuliert wurde (Fuchs 2002) und wie sie in moderner Form in Theorien wie ‚Data Colonialism‘ (Couldry/Mejias 2019), ‚Überwachungskapitalismus‘ (Zuboff 2019), ‚Digitaler Demagogie‘ (Fuchs 2018) oder ‚Algorithmic Governmentality‘ (Rouvroy/Stiegler 2016) ihre jeweils spezifischen Ausprägungen findet, sollen die obigen Ansätze zur Betrachtung von ‚Fake News‘ aus einer dezidiert technokratiekritischen Perspektive dienen. Diese ist, hierin Günther Anders antizipierend, indifferent gegenüber klassisch definierten Herrschaftsformen und ökonomischen Systemen und vermag Ursachen von ‚Fake News‘ über demokratische und kapitalistische Logiken hinaus zu identifizieren, was in Anbetracht der ebenso grenzüberschreitende Verbreitung von ‚Fake News‘, eine sinnvolle Komplettierung des gegenwärtigen Diskursgefüges zu sein scheint. Für die Konkretisierung dieses Aspektes bietet Günther Anders mit seiner Medienphilosophie vielfache Anschlusspunkte. Und es dürfte sich lohnen, diese weiter herauszuarbeiten. All das gilt umso mehr in medientheoretischer und kommunikationsethischer Konsequenz, wenn man schlussendlich mit Günter Anders resümiert: „Der Triumph der Apparatewelt besteht darin, daß er den Unterschied zwischen technischen und gesellschaftlichen Gebilden hinfällig und die Unterscheidung zwischen den beiden gegenstandslos gemacht hat.“ (Anders 1987b: 110) 9. 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Dazu gehören unter anderem das Einfügen oder Entfernen von Personen und Gegenständen sowie Fotokombinationen und Montagetechniken. Anhand von Beispielfällen mit politischen Motiven wird der Frage nachgegangen, welche Formen und Ausprägungen bearbeiteter Bilder sich u.a. in Boulevard- und Qualitätsmedien aufzeigen lassen und wie diese bewertet werden können. Zudem wird skizziert, inwiefern die Verfahren der Bildbearbeitung durch welche Markierungen transparent gemacht werden sollten. Schließlich wird reflektiert, in welchen Kontexten und unter welchen Bedingungen die Veränderung von Bildern aus einer medienethischen Perspektive angemessen oder unangemessen ist. Zur Relevanz von Bildern Für die Medienberichterstattung nimmt der Einsatz von Bildern einen bedeutenden Stellenwert ein. Diese werden als Beweis ebenso verwendet wie zur Provokation, denn sie können manipulativ eingesetzt werden und besitzen ein hohes Wirkungspotenzial. Sofern die Aufmerksamkeit für ein Bild erlangt worden ist, werden bekannte Figuren und Muster wahrgenommen und interpretiert, die dann in den individuellen Erfahrungshorizont der Betrachter oder Betrachterinnen überführt werden. Durch die affektive Wirkung der Aufnahmen fällt den Rezipientinnen und Rezipienten die Distanz zu den Bildern schwer. Denn diese können die Illusion ver- 1. 173 mitteln, dass sich die Betrachtenden durch die visuelle Präsentation als Augenzeugen selbst ein Bild machen können oder quasi selbst in das Geschehen involviert sind. Im Gegensatz zu Texten verfügen Bilder insgesamt über eine Reihe von Vorteilen bei der Informationsaufnahme für die Rezipientinnen und Rezipienten (vgl. Herbst 2016): • Sie fallen schneller auf. • Sie werden fast automatisch wahrgenommen. • Sie werden vor den Texten fixiert. • Sie werden schnell verarbeitet. • Sie sind glaubwürdiger und anschaulicher. • Sie informieren platzsparend. • Sie sind verständlicher. • Sie vermitteln räumliche Vorstellungen. Visuelle Kommunikation folgt keiner argumentativen, sondern einer assoziativen Logik. Bilder erwecken den Eindruck einer unmittelbaren Wirklichkeitswiedergabe. Die Rezipientinnen und Rezipienten bauen sich mit Hilfe visueller Darstellungen einen Erfahrungshorizont auf, der ihnen Orientierung ermöglicht. Bilder werden dabei entschlüsselt, verglichen und eingeordnet (vgl. Müller/Geise 2003, Schicha/Vaih-Bauer 2015). Zunächst ist die Visualisierung in der Lage, bestimmte Inhalte durch Bilder zu komplettieren und transparent zu machen. Diese Ergänzungsfunktion hat sich inzwischen zu einer Dominierungsfunktion gegenüber den übrigen Informationsquellen in Schrift und Wort verändert. Die Verwendung von Bildern nimmt eine Einbettung in einen spezifischen medialen Kontext vor (Darstellungsfunktion). Sie wird als Beweis für Tatsachen genutzt (Belegfunktion) und kann für Prozesse der strategischen Aufmerksamkeitsgenerierung für kommerzielle Zwecke (Werbefunktion) genutzt werden (vgl. Ballensiefen 2009). Durch die Aufnahme von Bildeindrücken lässt sich insgesamt eine hohe Aufmerksamkeit generieren. Diese werden ohne große mentale Anstrengungen aufgenommen und verarbeitet und besitzen einen hohen Wiedererkennungswert. Die menschliche Wahrnehmung wird zentral von den Bildern geprägt, die die Rezipientinnen und Rezipienten über die Medienkanäle erreichen. Weltereignisse von der Mondlandung über Eindrücke von Kriegen bis hin zu zentralen Sportereignissen werden primär über Bilder vermittelt. Dabei haben sich „Bilder im Kopf“ (vgl. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 2009) im kollektiven Gedächtnis eingeprägt, die zentrale politische, kulturelle und historische Ereignisse dokumentieren (vgl. Schicha 2019). Christian Schicha 174 Bildbearbeitung Es liegt nahe, der Fotografie eine höhere Objektivität zuzuschreiben als der Malerei. Bilder erwecken schließlich den Eindruck einer unmittelbaren, durch keinerlei semiotische Konventionalisierung vermittelte Wirklichkeitswiedergabe; und suggerieren den Beobachtern und Beobachterinnen eine Form von Objektivität, die einen aufgenommenen Gegenstand real abbildet. Die Kamera leistet somit eine angebliche Übertragung von der Realität eines Objektes mit Hilfe des Objektivs, so dass schließlich ein fertiges Foto entsteht. Bilder bieten dennoch kein authentisches Abbild der Welt (vgl. Schicha 2013, Krämer/Lobinger 2019). Bei der Pressefotografie wird durch „die dokumentarische Kraft des Photos“ (Engell 2007: 27) nach wie vor davon ausgegangen, dass ein Bild etwas Reales aus einem vergangenen Moment abbilden kann. Hierbei wird das „Prinzip der Augenzeugenschaft“ (Roselstorfer 2009: 50) vorausgesetzt, sofern eine unverfälschte Darstellung im Bild gezeigt wird. Es wird zwar nur ein ausgewählter Moment gezeigt, der jedoch ein authentisches Ereignis zeigen soll „Authentizität bezieht sich dabei auf eine Übereinstimmung der Aufnahme mit der Realität“ (Grittmann 2003: 124). Bilder dürfen demzufolge nicht manipuliert werden. Eine Szene darf – zumindest vom Fotografen – nicht gestellt sein. Hintergründe dürfen nicht verändert werden. „Authentizität verlangt, dass die Szene nicht manipuliert wurde. Der maskierte Einbrecher, der die Bank verlässt, darf nicht gestellt sein, die Wolken dürfen nicht von einem anderen Negativ herrühren, der Löwe wurde nicht vor einer Kulisse aufgenommen.“ (Arnheim 1983: 177) Gleichwohl ist die Wahl des Aufnahmestandpunktes und die Größe des Bildausschnittes bereits ebenso eine Form der Inszenierung wie die Farbigkeit und die Auflösung. Insofern stellt auch ein authentisches Bild „eine Fiktion“ (Wortmann 2005: 13) dar. Schon die Auswahl des Motivs, die Bildgestaltung und der gewählte Bildausschnitt hängen von den jeweils subjektiven Präferenzen, Interessen und Sachzwängen des Fotografen oder der Fotografin ab. Ein Bildausschnitt wird aus einem Zusammenhang gerissen. Die Perspektive der Aufnahme, der Blickwinkel und der Zeitpunkt spielen eine wichtige Rolle bei der Auswahl. Auch die Dreidimensionalität des realen Gegenstandes kann durch die Fotoaufnahme nicht abgebildet werden. Gleichwohl kann ggf. von einer Ähnlichkeit zwischen dem Bild und dem abgebildeten Objekt gesprochen werden. Die Fotoaufnahme verweist auf ein Referenzobjekt, das eine spezifische Bedeutung besitzt. 2. Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 175 Im Fall sogenannter realistischer Bilder kann es also einen unmittelbaren Wirklichkeitsbezug geben, der das Aussehen des Gegenstandes in einer ähnlichen Form einfängt (vgl. Lobinger 2012). Dennoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Bilder zu bearbeiten und zu manipulieren. Manipulation Das Misstrauen gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Fotografie hat eine lange Tradition. Bilder in totalitären Regimen wurden bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig gefälscht. Die wohl berühmteste Manipulation der Fotogeschichte ist die Entfernung der in Ungnade gefallenen Revolutionäre Kamenew und Trotzki aus einer Aufnahme, die Lenin bei seiner Rede am 5. Mai 1920 vor dem Bolschoi-Theater in Moskau zeigt (vgl. Jaubert 1989, King 1997, Deussen 2007, Jäger 2017). In derartigen Fällen handelt es sich eindeutig um eine Bildmanipulation. Darunter wird eine Form der Beeinflussung verstanden, bei der der Beeinflussende andere Personen zu seinem eigenen Vorteil manipuliert und Methoden wählt, die für andere nicht durchschaubar sind. Sie ist also eine Verhaltenssteuerung zu fremdem Nutzen. Die Manipulation von Bildmaterial bedeutet die mit einer Täuschungsabsicht verbundene intentionale Veränderung von Informationen durch Auswahl, Zusätze oder Auslassungen. So heißt es bei Fischer (2017: 26f.): „Sprechen wir von Manipulation, scheint sofort klar, wovon die Rede ist: Es geht um ein undurchschaubares, gerissenes Erreichen egoistischer Zwecke eines Manipulators zum Nachteil des Manipulierten.“ Bei einer Manipulation wird unterstellt, dass der Manipulator oder die Manipulatorin verdeckt agiert, um den Betroffenen zu hintergehen. Sie agieren heimlich und undurchsichtig im Verborgenen und verfolgen negative Zwecke. Der „Begriff (Manipulation, C.S.) ist normativ immens aufgeladen“ (Fischer 2017: 28) und mit „Beeinflussungsformen wie Zwang, Täuschung, Nötigung etc.“ (Fischer 2017: 29) in Verbindung gebracht wird. Insgesamt lassen sich die Materialfälschung und die Kontextfälschung voneinander abgrenzen. Bei der Kontextfälschung liegt keine Bearbeitung des Bildmaterials vor, sondern eine Aufnahme wird zum Beispiel durch eine unzutreffende Bildunterschrift in einen falschen historischen oder politischen Zusammenhang gestellt (vgl. Albrecht 2007). Ob es sich bei einer Bildbearbeitung um eine Bildmanipulation handelt, ist folglich im Einzelfall im konkreten Kontext zu prüfen. 2.1 Christian Schicha 176 Das Spektrum und die Motive für die Bildbearbeitung sind vielfältig. Nachfolgend werden exemplarisch einige analoge und digitale Beispiele für Bildbearbeitungstechniken skizziert. Techniken Bildmotive werden durch Informanten, Rechercheure, Reporter, Fotografen, Journalisten, Agenturen, Cutter, Redakteure und Verleger ausgewählt und ggf. bearbeitet. Diese bringen ihre Interessen und Sichtweisen ein und können dadurch ein Bild sukzessiv in der Form verändern, so dass der Betrachter oder die Betrachterin getäuscht wird. Aus einer journalistischen Perspektive lassen sich u.a. kommerzielle Interessen, persönliche Profilierung, die Erfüllung von (scheinbaren) Rezeptionsbedürfnissen sowie die mangelnde oder oberflächliche Recherche aus Aktualitätsdruck benennen, die dazu führen können, Aufnahmen zu bearbeiten. Fotos können ebenso wie Texte redigiert werden. Häufig gilt, dass die Bildbearbeitung nur durch eine Gegenüberstellung von Original und Kopie erkennbar sind (vgl. Schreitmüller 2005; Becker von Sothen 2013). Insgesamt lassen sich folgende Techniken aufzeigen, die Bildveränderungen ermöglichen (vgl. Schicha 2005 und 2007): • das Löschen bzw. Einfügen von Bildelementen, • die Veränderung von Bildelementen, • die strategische Wahl der Perspektive des Aufnahmestandpunktes, • die Veränderung durch Helligkeit, Schärfe, Kontrast, • die Fotoverwendung aus anderen Kontexten, • die falsche Beschriftung, • die Ästhetisierung, • die Fotokombinationen, • die Fotomontage, • die gestellten Aufnahmen, • die Retusche, • die digitale Bearbeitung. Kombinationen dieser Techniken sind ebenfalls möglich. Insgesamt sind die Grenzen zwischen einer der Sache angemessenen Retusche und unerlaubter Bearbeitung schwer zu ziehen, und es wird nicht immer benannt, welche konkreten Ergänzungen bei visuellen Motiven vorgenommen worden sind. Es ist im jeweiligen Einzelfall zu prüfen, ob die Veränderung des Bildausschnittes oder die Verdunklung des Fotos als unangemessene Montage klassifiziert werden sollte oder nicht. Insofern 2.2 Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 177 sind weitere Ausdifferenzierungen von Montagehinweisen erforderlich, um dieses Problem zu lösen (vgl. Schicha 2007). Veränderung von Bildelementen Im Bereich der Werbung und der Modefotografie werden die abgebildeten Fotomodelle durch Computerprogramme wie Photoshop so bearbeitet, dass Falten, Narben und Muttermale im Rahmen der digitalen „Schönheitschirurgie“ (von Bülow 2002: 40) nicht mehr zu sehen sind. Darüber hinaus werden die Körperproportionen digital verändert: „Durch Manipulation von Fotos werden heute Bilder menschlicher Körper erzeugt, die anders aussehen, als dies real möglich wäre, und die erst dadurch einem auf die Spitze getriebenen Schönheitsideal genügen. Es ist zu fragen, ob die Dominanz derartiger Bilder, v.a. in Werbung und Modemagazinen die Wahrnehmung echter menschlicher Körper durch das Publikum verzerrt und dadurch z.B. das Selbstbild junger Frauen beeinträchtigt.“ (Tappe 2016: 308) Eine ästhetische Gestaltung von Bildern ist in zahlreichen journalistischen Genres gängige Praxis, „[…] beispielsweise im Reisejournalismus, wo sich die Bebilderung oft kaum von der eines Reisekataloges unterscheidet, im Wissenschaftsjournalismus, wo komplizierteste Themen oft mit bunt ausgeleuchteten Laborszenen bebildert werden, oder im Medizinjournalismus, wo Patienten in lichtdurchfluteten Arztpraxen selten kränklich aussehen.“ (Büllesbach 2008: 119) Aber auch Bilder von Politikerinnen und Politikern werden aufgrund ihrer hohen Bekanntheit genutzt, um bearbeitet zu werden und somit öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen. So hat die Leihwagenfirma Sixt im Mai 2001 eine Zeitungsannonce mit einem Doppelportrait der ehemaligen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel geworden. Hier wurde von der Hamburger Werbeagentur Jung van Matt auf das Muster der Vorher-Nachher-Werbung zurückgegriffen, das u.a. im Zusammenhang mit Diäten verwendet wird. Links ist eine Portraitabbildung mit der damaligen Frisur von Merkel zu sehen. Das rechte Bild zeigt die Frisur nach einer angeblichen Fahrt mit einem Cabrio. Während die Hamburger Morgenpost am 6. Mai 2001 die Frage stellte, ob die Werbung so weit gehen dürfe und ein derartiges Vorgehen ohne die Einwilligung der Politikerin kritisierte, nahm Merkel selbst die Fotomontage gelassen 2.2.1 Christian Schicha 178 zur Kenntnis, und verzichtete auf eine Klage gegen Sixt (vgl. Müller/Geise 2003). Sixt-Werbeanzeige für Cabriolets mit Angela Merkel, 2001 Einfügen von Bildelementen Die Satirezeitschrift TITANIC arbeitet immer wieder mit Provokationen, bei denen Bildbearbeitungstechniken eingesetzt werden. Auf dem Titel der Juli-Ausgabe 2012 ist Papst Benedikt IV abgebildet. Seine weiße Soutane ist in Schritthöhe mit Gelb farblich verändert. Die Schrift lautet: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ Auf der Rückseite des Heftes ist eine Aufnahme des Papstes von hinten zu sehen. Auf Gesäßhöhe ist auf der Soutane ein brauner Fleck eingefügt worden. Hier ist die Überschrift: „Noch eine undichte Stelle gefunden!“ eingefügt worden. Abbildung 1: 2.2.2 Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 179 Titelbild und Rückseite der TITANIC-Ausgabe vom Juli 2012 182 Leserinnen und Leser haben sich daraufhin beim Deutschen Presserat als zuständiger Medienselbstkontrollinstanz beschwert (vgl. Deutscher Presserat 2012). Sie sehen die Ziffern 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), 8 (Persönlichkeitsrechte), 9 (Schutz der Ehre) und 10 (Religion, Weltanschauung, Sitte) des Pressekodex verletzt. Es wird kritisiert, dass der Papst als inkontinent dargestellt werde, da eine urin- und kotbefleckte Soutane gezeigt wird. Dadurch würden seine Persönlichkeitsrechte und seine Ehre beschädigt. Darüber hinaus diskriminiere die Darstellung die Rolle des Papstes als Repräsentant des katholischen Glaubens und die Gefühle der Gläubigen. Die Bildbearbeitung diffamiere zudem die Menschen, die unter dieser Krankheit leiden. Insgesamt handele es sich um eine gezielte Provokation und Schmähkritik gegenüber dem Papst auf niedrigstem Niveau ohne konstruktive Kritik. Der Verweis auf die sogenannte Vatileaks-Affäre sei nicht stichhaltig. Es gebe keinen Grund, das persönliche Verhalten des Papstes anzuprangern. Die Satire greife keinen gesellschaftlichen Missstand auf, sondern stelle den Fäkalwitz und die Diffamierung der Person in den Vordergrund. Der Presserat sprach eine öffentliche Rüge aus. Die Darstellung des Papstes sei entwürdigend. Nach Ziffer 9 des Pressekodex widerspreche es der journalistischen Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen. Diesen Grundsatz habe die Zeitschrift missachtet. Zwar habe Satire die Freiheit, Kritik an gesellschaft- Abbildung 2: Christian Schicha 180 lichen Vorgängen mit den ihr eigenen Stilmitteln wie Übertreibung, drastischer Sprache sowie Ironie in Wort und Bild darzustellen. Aber auch diese Freiheit findet – so der Presserat – ihre Grenzen in der unverletzlichen Würde eines Menschen (vgl. Deutscher Presserat 2012). In Bezug auf diesen Fall gab es zudem einen Rechtsstreit. Der Vatikan hatte eine einstweilige Verfügung gegen die Satirezeitschrift erwirkt, da sich der Papst in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Die Zeitschrift sollte die Vor- und Rückseite der Ausgabe nicht weiterverbreiten. Die Zeitung legte daraufhin Widerspruch ein. Der Vatikan zog einen Tag vor der Verhandlung den Antrag auf einstweilige Verfügung zurück. Einfügen von Personen Das nachfolgende Foto zeigt ein Originalfoto von Asylbewohnern vor einer Antragsstelle im Berliner Tiergarten. Asylbewerber in Berlin, in: Seggern 1998: 77 2.2.3 Abbildung 3: Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 181 Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat in dieses Bild noch zwei Beamte des Bundesgrenzschutzes hinein montiert und es auf den Titel gestellt: Titelbild DER SPIEGEL vom 6. April 1992 Dieses Vorgehen wird von Glaab (2003: 36) wie folgt charakterisiert: „Die Bildmontage besitzt ein Zukunfts-Index: sie schürt die Angst der Menschen vor den Folgen einer tatenlosen Asylpolitik. Die Asylantenschlange enthält ein bestimmtes historisches Gesicht, sie wird zum Feindbild stilisiert. Die Art der Inszenierung trägt eine eindeutige Handlungsanweisung in sich ‚Schließt die Tore‘, ‚Dämmt die Flut‘, wenn die Politiker versagen.“ Abbildung 4: Christian Schicha 182 Das Vorgehen des SPIEGEL ist problematisch, weil hier in der Qualitätspresse ein Foto manipuliert worden ist und dies nicht kenntlich gemacht wurde. Dieses Vorgehen kann dazu beitragen, dass die Glaubwürdigkeit eines seriösen Presseorgans in Frage gestellt werden kann und sich dem Vorwurf der sogenannten Lügenpresse aussetzt (vgl. Schicha 2019). Anders formuliert: „Die bildhaften Fake-News schaden letztlich dem Journalismus“ (Olonetzky 2017). Schließlich haben auch internationale Qualitätszeitungen wie NATIONAL GEOGRAPHIC, TIME MAGAZINE und NEWSWEEK mit manipulierten Titelfotos gearbeitet. Derartige Bildfälschungen können rufschädigend sein. Somit sollten schon aus wirtschaftlichen Gründen Standards eingeführt werden, um dieses Verhalten zu unterbinden (vgl. Büllesbach 2008, Olonetzky 2017). Titelbild DER SPIEGEL vom 14. Dezember 1970Abbildung 5: Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 183 Der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau dokumentiert eine Demutsgeste des Politikers am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Seine Handlung, die von mehreren Fotografen festgehalten wurde, dokumentiert die Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Das Foto von diesem Ereignis gehört zu den zentralen Schlüsselbildern, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind. Es gelangte auch auf den Titel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL am 14. Dezember 1970 (vgl. Münkel 2009). Der Fotokünstler Matthias Wähner hat daran anknüpfend ein Bild seines eigenen Körpers in dieses Schlüsselbild der Geschichte hinein retuschiert. So findet sich z.B. beim Kniefall von Willy Brandt von 1970 in Warschau in der von Wähner (1994) bearbeiteten Fassung seine eigene Person, die neben dem ehemaligen Bundeskanzler kniet. Matthias Wähner und Willy Brandt, 1994 Wähner hat sich auf zahlreichen weiteren Bildern hinein montiert. So ist er u.a. mit Repräsentantinnen und Repräsentanten des englischen Königshauses zu sehen, posiert mit John F. Kennedy in einer offenen Limousine und ist auch in das Bild mit Kim Phuc nachträglich eingefügt worden, das nackt vor den Napalm-Bomben im Vietnam-Krieg flüchtet. Abbildung 6: Christian Schicha 184 Entfernen von Personen und Elementen Der Künstler Michael Schirner (2010) hat im Vergleich zu Matthias Wähner ein entgegengesetztes Konzept umgesetzt. Er hat aus den Originalaufnahmen Elemente herausgenommen, die zuvor im Foto abgebildet worden sind. So ist beim Kniefall in Warschau der Körper von Willy Brandt weg retuschiert worden. Da diese Aufnahme jedoch im kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben ist, können zahlreiche Betrachterinnen und Betrachter den Sinnzusammenhang selbst dann rekonstruieren, wenn der zentrale Akteur auf dem Foto nicht zu sehen ist. Das Bild vom Kniefall Brandts, bei dem sein Körper entfernt worden ist, 2010 Schirner hat weitere Personen aus berühmt gewordenen Fotografien entfernt (vgl. Maak 2010): • So sind die händehaltenden Politiker Kohl und Mitterand bei der Gedenkfeier in Verdun am 22. September 1984 aus dem Bild genommen worden. • Im Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 wurde der Angeklagte aus dem Foto herausgenommen. 2.2.4 Abbildung 7: Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 185 • Die Leiche des Politikers Uwe Barschel, die im Badezimmer eines Genfer Hotels am 11. Oktober 1987 gefunden wurde, ist aus dem Bild entfernt worden. • Der am 16. Juni 1966 im Yangtse bei Wuhan schwimmende Mao Tsetung ist ebenfalls wegretuschiert worden. Weiterhin können Gegenstände entfernt werden, die die gewünschte politische Botschaft verändern. Bei einem Besuch von Bill Clinton in Eisenach im Jahr 1998 wurde der ehemalige amerikanische Präsident neben dem Ex- Bundeskanzler Helmut Kohl und dem damaligen thüringischen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel vor einer Menschenmenge gezeigt. Dort war ein zunächst ein Plakat mit dem Schriftzug „Ihr habt auch in schlechten Zeiten dicke Backen“ zu sehen. Reuters-Foto zum Besuch von Clinton mit Kohl und Vogel in Eisenach mit Plakat, 1998 Für die offizielle Verbreitung des Fotos in der Broschüre „Für den Mutigen werden Träume wahr“ des Landes Thüringen wurde das Transparent entfernt. Weitere Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich an einer ande- Abbildung 8: Christian Schicha 186 ren Stelle der Versammlung befanden, sind an die Stelle des Plakates hineinkopiert worden (vgl. Deussen 2007). Reuters-Foto zum Besuch von Clinton mit Kohl und Vogel in Eisenach ohne Plakat, 1998 Im Zusammenhang mit zwei SPD-Politikern gab es bereits im September 1971 einen Fall, bei dem gleich mehrere Gegenstände wegretuschiert worden sind. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt reiste mit Egon Bahr nach Moskau, wo es ein Treffen mit dem Generalsekretär der KPdSU Leonid Breschnew auf der Krim gab. Ein Foto zeigte die Politiker an einem Tisch sitzend, auf dem sich u.a. Zigaretten und Alkohol befanden. Abbildung 9: Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 187 Brandt, Bahr und Breschnew mit Alkohol und Zigaretten in Moskau, 1971 Bei dem Bild, das im Zentralprogramm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Prawda (zu Deutsch: Wahrheit) erschien, wurden die Rauchwaren, Gläser und Getränkeflaschen wegretuschiert. Abbildung 10: Christian Schicha 188 Brandt, Bahr und Breschnew ohne Alkohol und Zigaretten in Moskau, 1971 Veränderung des Bildausschnittes 2001 fand sich ein Foto des grünen Politikers Jürgen Trittin auf einer Demonstration mit vermummten Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der BILD-Zeitung. Der dazugehörige Artikel trug die Überschrift „Was machte Minister Trittin auf dieser Gewalt-Demo?“ Die Demonstration fand bereits 1994 statt. Trittin war damals Landtagsabgeordneter in Niedersachsen. Im Bild wurden ein angeblicher Bolzenschneider und Schlagstock markiert. Bei einer Vergrößerung des Bildausschnittes stellte sich allerdings heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Bolzenschneider um den Dachgepäckträger eines Autos handelte. Zudem war kein Schlagstock, sondern ein Absperrseil zu sehen. Das Bild war auch in einer Fernsehaufnahme auf SAT1 zu sehen. Der damalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann hat sich für den falschen Verdacht bei Jürgen Trittin entschuldigt (vgl. Kruse 2014). Abbildung 11: 2.2.5 Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 189 BILD-Zeitung vom 29. Januar 2001 und die Original TV-Aufnahme von SAT1 Abbildung 12 und 13: Christian Schicha 190 Fotokombinationen Im Jahr 2017 hat der Künstler Sharak Shapira kontroverse Debatten mit seinem Projekt #Yolocaust ausgelöst. Er war der Auffassung, dass sich viele Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin unangemessen verhielten, da sie in der Gedenkstätte fröhlich posierten, diese Bilder dann ins Internet stellten und über diverse Social-Media-Kanäle teilten. Shapira griff auf diese Bilder zurück und kombinierte sie in einer Montage mit Fotoaufnahmen von realen Opfern aus den Konzentrationslagern. So war im Vordergrund der fröhliche Besucher der Gedenkstätte zu sehen, während im Hintergrund u.a. die Leichenberge ermordeter Juden abgebildet wurden. Unbearbeitete und bearbeite Version eines hüpfenden Mannes beim Holocaust-Mahnmal in Berlin, in Backovic 2017 Aus einer medienethischen und juristischen Perspektive stellt sich die Frage, ob ein derartiges Vorgehen gerechtfertigt ist, da die Besucher der Gedenkstätte die Einwilligung für eine derartige Bildbearbeitung nicht gegeben hatten. Andererseits ist es als politisches Statement auch wichtig dafür zu sensibilisieren, sich an derartigen Gedenkstätten aus Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus angemessen zu verhalten. Inwiefern die Bildbearbeitung von Shapira in diesem konkreten Fall moralisch angemessen war, ist weiter zu diskutieren (vgl. Autenrieth 2019). 2.2.6 Abbildung 14: Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 191 Fotomontagen Künstler haben seit den 1920er Jahren die Technik der Fotomontage genutzt, um politische Statements durch visuelle Verfremdungen abzugeben. John Heartfield gilt als Gründer und Meister der politischen Fotomontagetechnik, die auf der Collage basierte und unterschiedliche Bildelemente in einem neuen Bild vereinte. Seine visuelle Gesellschaftskritik richtete sich insbesondere gegen den Nationalsozialismus (vgl. Herzfelde 1986, Bysko/ Dewitz 2008, Chiquet 2018). Das nachfolgende Bild soll den politischen Aufstieg von Hitler durch die monetäre Unterstützung von Industriellen ansprechen. Titelbild der Arbeiter Illustrierten Zeitung Nr. 42 vom 16. Oktober 1932 2.2.7 Abbildung 15: Christian Schicha 192 In der Tradition von John Heartfield befindet sich der Grafiker Klaus Staeck. Er ist im Bereich der Politiksatire tätig und entwickelt Plakate, die primär aus Fotomontagen entstehen und mit eigenen politischen Sprüchen angereichert worden sind. Seine Satire richtet sich in erster Linie gegen konservative Politiker aus dem Kreis der CDU/CSU (vgl. Stamer 2017). Eine neuere Fotomontage zeigt den amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Anlehnung an die Figur des Lügenbarons Münchhausen. Klaus Staeck: Lügenbaron 2017 Digitale Bildbearbeitung „Wer lügen will, dem reichen Photoshop, eine stinknormale Videobearbeitungssoftware oder schlicht die Möglichkeit, ein existierendes Foto mit einer irreführenden Bildunterschrift aus dem Kontext zu rei- ßen.“ (Laaff 2019) Dieses Zitat von Claire Wardle, die als Verifikationsexpertin in einer von Google gegründeten Projektgruppe zur Bekämpfung von Fehlinformatio- Abbildung 16: 2.2.8 Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 193 nen und Desinformation arbeitet, fasst prägnant die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung zusammen. In dem Spielfilm Forrest Gump aus dem Jahr 1994, in dem der Schauspieler Tom Hanks in seiner Rolle dem in der Realität längst verstorbenen Präsidenten John F. Kennedy mit Hilfe eines Blue-Box-Verfahrens begegnet, zeigt, welche Möglichkeiten der Bildmanipulation sich für Filme bieten (vgl. Hoberg 1999; Miener 2004; Deussen 2007). Tom Hanks und John F. Kennedy im Film Forrest Gump, 1994 Durch die Verwendung neuronaler Netzwerke können mittlerweile sogar falsche, aber täuschend echte Bilder oder Videos erzeugt werden. Diese als Deepfake klassifizierten Möglichkeiten können nicht nur Politiker auf Videoportalen falsch darstellen. So wurden Köpfe von Prominenten im Internet unter Verwendung künstlicher Intelligenz in Filme hineinmontiert (vgl. Kühl 2018). Auch hatte 2017 ein anonymer Nutzer auf der Onlineplattform Reddit mehrere Videos mit pornografischen Inhalten hochgeladen, auf denen die Köpfe der Erotikdarstellerinnen durch prominente Schauspielerinnen wie z.B. Scarlett Johansson ersetzt wurden (vgl. Hamilton 2018, Kühl 2018). 96% aller Deepfake-Videos können dem Genre der Pornografie zugeordnet werden (vgl. Simonite 2019). Videos können auch dadurch manipuliert werden, dass u.a. die Geschwindigkeit des Films verändert wird. Dieses Verfahren wurde beispielsweise bei der demokratischen Politikern Nancy Pelosi in den USA eingesetzt. Die Bilder von einer Pressekonferenz mit ihr wurden so bearbeitet, dass sie betrunken und verwirrt wirkte (vgl. Harwell 2019). Inzwischen ist es technisch mit einem digitalen Verfahren auch kein Problem mehr, Mundbewegungen in andere Gesichter zu transportieren. Abbildung 17: Christian Schicha 194 So hat ein Team von Marc Stamminger (vgl. Thies et al. 2016) ein Verfahren entwickelt, bei dem die Lippenbewegungen von anderen in das Gesicht von Spitzenpolitikern transportiert werden. So können visuell Äußerungen gezeigt werden, die tatsächlich zu keinem Zeitpunkt von dieser Person artikuliert worden sind: „Realistisch anmutende Videos zeigen Personen, wie sie Dinge tun, die sie nie getan haben. Das klingt alles kaum möglich, ist aber so, und funktioniert mittlerweile ziemlich gut. Immer lippensynchron, immer bestens ausgeleuchtet, und immer im quasi-authentischen Tonfall des Sprechers, dem man die Kuckuckstexte unterjubelt.“ (Graff 2020: 9) Die Lippenbewegungen eines Sprechers werden in Echtzeit auf den Mund von Putin übertragen. Es liegen zahlreiche Filme vor, in denen die Lippenbewegungen der amerikanischen Präsidenten Bush, Obama und Tramp auf diese Art verändert worden sind (vgl. Suwajanakorn/Seitz/Kemelmacher-Shlizerman 2017). Morphing Unter der Verblendungstechnik des Morphing als kreative Spielerei wird ein Gestaltwechsel durch die Computerberechnung von Einzelbildern verstanden, bei dem zwei Gesichter nach und nach zu einem Gesicht neu verschmelzen. Dafür sind die Bilder von zwei Köpfen in einer möglichst iden- Abbildung 18: 2.2.9 Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 195 tischen Haltung erforderlich. Das erste Bild wird nach und nach verzerrt und ausgeblendet, während das zweite Bild verzerrt beginnt und immer stärker aufgeblendet wird. Somit können Wandlungsprozesse suggeriert werden, die real nicht möglich sind. Vor der Bundestags 2002 hat die Zeitschrift MAX sich dieser Technik bedient und verschiedene Politikerbilder so miteinander kombiniert, dass ein neues Gesicht entstanden ist. Die damaligen Spitzenkandidaten Gerhard Schröder (SPD), Edmund Stoiber (CSU), Guido Westerwelle (FDP) und Joschka Fischer (Bündnis90/Die Grünen) wurden durch das Morphingverfahren so verändert, dass die Kunstfiguren „Edmund Stoiber“, „Joschka Schröder“, „Stoiberwelle“ und „Schröderwelle“ entstanden sind. Titelbild der Zeitschrift MAX vom 12. September 2002Abbildung 19: Christian Schicha 196 Kennzeichnungsoptionen bearbeiteter Bilder Nun stellt sich die Frage, in welcher Form bearbeitete Bilder kenntlich gemacht werden müssen. Im Bereich des Journalismus hat der Deutsche Presserat als Medienselbstkontrollinstanz in der Ziffer 2 seines Pressekodex folgende Richtlinien zur Sorgfalt aufgestellt: „Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.“ (Deutscher Presserat 2017) In der Richtlinie 2.2 des Pressekodex wird erneut auf das Symbolfoto Bezug genommen. Dort heißt es: „Kann eine Illustration, insbesondere eine Fotografie, beim flüchtigen Lesen als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden, obwohl es sich um ein Symbolfoto handelt, so ist eine entsprechende Klarstellung geboten. So sind Ersatz- oder Behelfsillustrationen (gleiches Motiv bei anderer Gelegenheit, anderes Motiv bei gleicher Gelegenheit etc.), symbolische Illustrationen (nachgestellte Szene, künstlich visualisierter Vorgang zum Text etc.), Fotomontagen oder sonstige Veränderungen deutlich wahrnehmbar in Bildlegende bzw. Bezugstext als solche erkennbar zu machen.“ (Deutscher Presserat 2017, vgl. weiterführend Leifert 2006, 2007) In der Bildagentur Tony Store sind bereits 1995 Standards bei der Kennzeichnung bearbeiteter Bilder anhand von drei verschiedenen Kategorien eingeführt worden: • Digital Composite (DC): Bilder, bei denen eine Komponente verschoben, entfernt oder hinzugefügt wurde, • Digital Enhancement (DE): Bilder, bei denen wesentliche Elemente verändert wurden, • Colour Enhancement (CE): Bilder, bei denen Farben wesentlich verändert wurden (vgl. Rohrmann 2007). In den USA werden auch Begriffe wie Composite, Retouches, Digital Retouch, Computerized Photofiction sowie Abkürzungen wie PI oder PHIL 3. Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 197 für Photo Illustration, CC für Color Correction, CR für Cropping, PP für Posed Photo sowie OP für Original Photo diskutiert, die eine noch differenziertere Kennzeichnung der Bildbearbeitung ermöglichen sollen (vgl. Büllesbach 2008). Bereits 1997 hat der Bundesverband professioneller Bildanbieter (BV- PA), ein Zusammenschluss verschiedener Verbände u.a. von Foto-Designern, Pressebild-Agenturen, Berufsfotographen, Journalisten und Gewerkschaften ein „Memorandum zur Kennzeichnungspflicht manipulierter Fotos“ erarbeitet. Dort heißt es (zitiert nach Euler 1997): „Jedes dokumentarisch-publizierte Foto, das nach der Belichtung ver- ändert wird, muß mit dem Zeichen [M] kenntlich gemacht werden. Eine Kennzeichnung muß stets erfolgen, wenn: 1. Personen und/oder Gegenstände hinzugefügt und/oder entfernt werden, 2. verschiedene Bildelemente oder Bilder zu einem neuen Bild zusammengefügt werden, 3. Maßstäbliche und farbliche, inhaltsbezogene Veränderungen durchgeführt werden.“ Bildmanipulationen sollen also für den Leser und die Leserin erkennbar sein. Die Selbstverpflichtung zur Kennzeichnung durch das Wort „Montage” oder ein Zeichen, welches den Buchstaben „M” enthält, ist bereits gängige Praxis und sollte bei relevanten visuellen Veränderungen verbindlich angezeigt werden. Fazit und Ausblick „Die Kennzeichnung von manipulierten Fotos ist kein Allheilmittel und entbindet den Fotografen nicht von seiner Verantwortung.“ (Büllesbach 2008: 124) Es bleibt insgesamt festzuhalten, dass Bilder für die öffentliche Wahrnehmung eine hohe Relevanz besitzen und auch eine Reihe bildethischer Perspektiven tangieren. Bilder besitzen als visuelle Informationsträger von Sachverhalten ein hohes Wirkungspotenzial. Ihre suggestive Kraft kann dazu führen, dass eine kritische Distanz gegenüber den angebotenen Motiven verloren geht. Das gilt vor allem dann, wenn den Rezipienten und Rezipienten die Kompetenz fehlt, die visuelle Logik von Bildbearbeitungen zu entschlüsseln und dadurch die manipulierende Wirkungskraft als solche nicht zu erkennen. 4. Christian Schicha 198 Es scheint unverzichtbar zu sein, die Bedeutung von Bildern innerhalb dieses Prozesses stärker zu problematisieren. Neben Kenntnissen zur Entschlüsselung von visuellen Montagen sollten in diesem Kontext vor allem die Strategien optischer Signale bei der Montage und Präsentation von Politik genauer analysiert werden, um deren manipulative Wirkungskraft aufzuzeigen. Für die Bewertung der Bildbearbeitung ist zentral, in welchem Kontext die Veränderungen der Bildmotive entstanden sind und ob sie transparent gemacht worden sind. Aus einer medienethischen Perspektive sind nicht alle Formen der Bildbearbeitung a priori abzulehnen. Die Kunst arbeitet schließlich mit kreativen Formen der Bildbearbeitung. Fotomontagen und Karikaturen können hierbei durchaus ein kritisches und aufklärerisches Potenzial besitzen. Journalistisch Aufnahmen sollten hingegen dem Wahrheitspostulat folgen. Sicherlich ist die Kennzeichnung bearbeiteter Fotos ein wichtiger Schritt, um Transparenz darüber herzustellen. Es ist aber eine offene Frage, an welchem Punkt und in welchem Kontext überhaupt eine Kennzeichnung stattfinden muss. • Ist nicht bereits die Wahl des Standortes und des Bildausschnittes eine Bildbearbeitung? • Wie ist die Verwendung des Blitzlichts zu bewerten, da dadurch die natürliche Lichtstimmung verändert wird? • Wo hört ggf. eine unproblematische Retusche auf und wo fängt die Montage oder Verfremdung an? • Ist beispielsweise das Wegretuschieren eines ästhetisch störenden visuellen Teils nur eine unproblematische Retusche oder schon eine abzulehnende Entfernung eines Bildelementes? Es sind also eine Reihe von normativen Fragen zu diskutieren, die den moralisch richtigen Umgang mit Bildern tangieren. Aufgrund der Vielzahl und Wirkungsmächtigkeit von visuellen Eindrücken ist es daher zentral, hierzu entsprechende Kriterien für einen angemessenen Umgang zu entwickeln, um Orientierung zu ermöglichen. Durch die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung ergeben sich hierbei im Rahmen sogenannter Deep-Fakes zusätzliche Herausforderungen. Durch den Einsatz derartiger Techniken kann das Vertrauen gegenüber den Medien und der Politik beeinträchtigt werden. Wenn z.B. Videos von Politikerinnen und Politikern veröffentlicht werden, die in Wort und Ton mit professionellen Techniken manipuliert worden sind, ist die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung grundlegend gefährdet. Gezielte Desinformationen könnten sogar zu einer nationalen oder internationalen Krisensituation führen, sofern ein ge- Bearbeitete Bilder – Techniken und Bewertungen visueller Veränderungen 199 fälschtes Videos eines Spitzenpolitikers oder einer Spitzenpolitikerin verbreitet wird. Insofern ist es zentral, derartige Fälschungen zu identifizieren, sie transparent zu machen und zu markieren. Zudem sind die Bildungseinrichtungen gefordert, dieses Thema auch im Rahmen der Medienerziehung auf die Agenda zu setzen. Literatur (Alle Links wurden zuletzt am 6.7.2020 abgerufen) Albrecht, Clemens (2007): Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild. In: Liebert, Wolf-Andreas / Metten, Thomas (Hg.): Mit Bildern lügen. Köln: Halem, S. 29-48. Autenrith, Ulla (2019): Diskurse des (Un-)Zeigbaren und die Rolle von Alter und Geschlecht am Beispiel #Yolocaust. In: Schwender, Clemens u.a. (Hg.): Zeigen. Andeuten. Verstecken. Bilder zwischen Verantwortung und Provokation. Köln: Halem, S. 99–120. Backovic, Dorothea (2017): Wo Selfies auf jüdischen Massengräbern enden. 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Abbildung 14: Unbearbeitete und bearbeite Version eines hüpfenden Mannes beim Holocaust-Mahnmal in Berlin. In: Backovic, Dorothea (2017). Abbildung 15: Titelbild der Arbeiter Illustrierten Zeitung Nr. 42 vom 16. Oktober 1932. Abbildung 16: Klaus Staeck: Lügenbaron 2017. In: Stamer, Gisela (2017). Abbildung 17: Tom Hanks und John F. Kennedy im Film Forrest Gump, 1994. In: https://www.mdr.de/kultur/forrest-gump-106.html Abbildung 18: Die Lippenbewegungen eines Wissenschaftlers werden in Echtzeit in den Mund von Putin übertragen. In: https://www.youtube.com/watch?v=oh majJTcpNk Abbildung 19: Verwendung der Morphingtechnik bei Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. In: MAX-Titelbild vom 12. September 2002. Christian Schicha 204 Politische Kommunikation im Spielmodus Olaf Hoffjann Abstract Wie wichtig sind Wahrheit und Wahrhaftigkeit noch in freien Demokratien, wenn Politiker wie Donald Trump und Boris Johnson, die besonders häufig der Lüge bezichtigt werden, beeindruckende Wahlerfolge feiern? Einen Wechsel hin zu einer unverbindlichen Kommunikation beschreiben Ansätze zur Post-Truth-Gesellschaft. Diese Ansätze leiden mindestens unter zwei Problemen. Einerseits fehlt eine plausible Erklärung, warum jetzt ein Wechsel von einer Truth- zu einer Post-Truth Gesellschaft zu beobachten sei. Andererseits erscheint die pauschale Annahme wenig plausibel, dass die Wahrheit heute völlig unwichtig sei. Hier setzt der Beitrag an. Er greift eine Figur auf, die sich in journalistischen Beschreibungen vielfach findet: Politik als Spiel bzw. der Politiker als Spieler. Hierzu wird ein theoretisch fundierter Ansatz vorgestellt, der politische strategische Kommunikation als Spiel konzipiert. Es wird herausgearbeitet, dass die Akzeptanz von Lügen und Bullshit das Resultat politischer Selbstinszenierungen ist. Dazu wird die in Anlehnung an Bateson und Goffman konzipierte Theorie der strategischen Kommunikationsspiele vorgestellt und zu Inszenierungsund Wahrheitsspielen in der Politik weiterentwickelt. Die These: Politische strategische Kommunikation wird immer häufiger – aber nicht immer – als Spiel betrieben und wahrgenommen, in dem der Unterhaltungscharakter wichtiger ist als die Verbindlichkeit der Inszenierungen und der Aussagen. Einleitung Die Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm scheint in freien Demokratien unter Druck zu geraten. Dafür spricht die Inflation an Lügen und Bullshit in der politischen strategischen Kommunikation, noch mehr aber der Wahlerfolg ausgerechnet jener Politiker, die besonders häufig der Lüge be- 1. 205 zichtigt werden. Damit scheint die alte Devise „Ehrlichkeit zahlt sich aus“ in einigen westlichen Demokratien nicht mehr zu gelten. Sind wir bereits in einer postfaktischen Gesellschaft angekommen? Ansätze einer Post-Truth-Gesellschaft gehen davon aus. So beschreibt Harsin Post-Truth wie folgt: “Post-Truth is sometimes posited as a social and political condition whereby citizens or audiences and politicians no longer respect truth […] but simply accept as true what they believe or feel. However, more rigorously, PT is actually a breakdown of social trust, which encompasses what was formerly the major institutional truth-teller or publicist—the news media.” (Harsin 2018: 2) Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass ein Wechsel von einer verbindlichen zu einer unverbindlichen Kommunikation beschrieben wird (Vogelmann 2018). Die Ursachen für einen solchen Wechsel werden häufig im Medienwandel und der politischen Kultur verortet. Eine der wenigen übergreifenden gesellschaftstheoretischen Analysen liefert Gibson (2018), der mit Giddens (1988) in der Reflexivität einen zentralen Bezugspunkt von Post-Truth-Gesellschaften erkennt: „Post-truth politics refers to the specific political and rhetorical strategies that emerge from, and take advantage of, the circular relationship between the endless reflexivity of late modernity and a loss of faith in institutions that anchor truth claims“ (Gibson 2018: 3170). Aus der reflexiven Modernisierung schließlich folgen eine zunehmende Individualisierung (Beck 2016) und Perspektivenvielfalt, die schließlich zur „letzten Stunde der Wahrheit“ (Nassehi 2015) führen. In einer Gesellschaft, in der alle Akteure in einem Begründungs- und Legitimationszwang stehen, führt dies fast zwangsläufig zu einer Krise einstmals etablierter Institutionen wie z.B. der Wissenschaft. Manche Autoren weisen eine Mitschuld an der Wahrheitskrise auch den Erkenntnistheorikern zu, die mit nichtrealistischen Positionen dem Relativismus Tür und Tor geöffnet und damit den Vertretern alternativer Fakten eine wissenschaftliche Legitimation geboten hätten. Während international hier vor allem Autoren der Postmoderne wie Baudrillard (1991) genannt werden (McIntyre 2018), ist in Deutschland eine alte Diskussion neu entflammt: der Streit zwischen radikal konstruktivistischen und realistischen Positionen. Dies hat dazu geführt, dass sich konstruktivistische Kommunikationswissenschaftlicher angesichts von Fake-News-Debatten in der Defensive sahen und mitunter an realistische Positionen angenähert Olaf Hoffjann 206 haben (z.B. Pörksen 2018). In Zeiten offensichtlicher Lügen gibt es eine neue Sehnsucht nach Sicherheiten: „Ich war lange Zeit (Radikaler) Konstruktivist. Heute sehne ich mich nach Wahrheit und Erkenntnis, in einem strikt empirischen Sinne. Ich sehe im Moment nicht, dass ich die irgendwo herbekomme. Wir bräuchten, wenn wir an Wahrheit und Erkenntnis festhalten wollen, an der einen Wirklichkeit, eine Art ‚empirischen Journalismus‘, wie immer der auszusehen hat: datengetrieben, statistisch fundiert. Aber auch Statistiken können manipulieren. Wir kommen aus dem Problem offenbar nicht heraus.“ (Weber 2019) Ein solches Spannungsverhältnis dürften viele Non-Dualisten und Konstruktivisten aus eigenem Erleben kennen: Dem Wunsch, schamlose Polit- Lügner zu entlarven, steht die eigene erkenntnistheoretische Überzeugung entgegen (zu einem konstruktivistischen Ausweg: Scholl 2019). Ansätze einer Post-Truth-Gesellschaft erscheinen insbesondere aus zwei Gründen problematisch: Erstens wird pauschal und weitgehend unhinterfragt behauptet, dass die Post-Truth-Ära die Truth-Ära abgelöst habe. Folgt daraus, dass heute Wahrheit gar keine Rolle mehr spiele? Oder dass früher Wahrheit immer gegeben war? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass es seit langer Zeit ein Nebeneinander gegeben hat, der Umgang mit der Wahrheit, aber auch die Erwartungen an Wahrhaftigkeit situationsbedingt waren. Die pauschalisierenden Analysen zur Post-Truth-Society geraten hier aber an ihre Grenzen. Pointiert formuliert: Statt von einer Post-Truth- Gesellschaft oder von einer Truth-Ära sollte eher von Post-Truth- und Truth-Situationen gesprochen werden. Zweitens werden zwar eine Vielzahl an Ursachen für die wachsende Verbreitung und Akzeptanz von Unwahrheiten genannt, die plausibel erscheinen. Der blinde Fleck scheinen hier allerdings das Zusammenspiel bzw. die Wechselbeziehungen von strategischen Kommunikatoren und ihren Publika zu sein. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte, so eine Annahme dieses Beitrages, sind Praktiken entstanden, mit denen sich Wahrnehmungen des Publikums verändert haben und die damit die Voraussetzung dafür geschaffen haben, dass Politiker, die besonders häufig der Lüge bezichtigt werden, dennoch Wahlerfolge feiern können. Im Mittelpunkt des Beitrages steht eine in journalistischen Beschreibungen weit verbreitete Figur: Politik als Spiel bzw. der Politiker als Spieler. Während die Begriffe Spiel und Spieler dort in einem Alltagsverständnis verwendet werden, wird hier ein theoretisch fundierter Ansatz zu politischer strategischer Kommunikation als Spiel ausgearbeitet. In Anlehnung an Bateson (1985) und Goffman (1980) wird eine Theorie der strategischen Politische Kommunikation im Spielmodus 207 Kommunikationsspiele (Hoffjann 2017) vorgestellt und zu Inszenierungsund Wahrheitsspielen in der Politik weiterentwickelt. Die These: Politische Kommunikation wird immer häufiger – aber nicht immer – als Spiel betrieben und wahrgenommen, in dem der Unterhaltungscharakter wichtiger ist als die Verbindlichkeit der Inszenierung und der Aussagen. Die erkenntnistheoretische Basis des Beitrags ist der Non-Dualismus (Mitterer 1992, 2001). Als ‚wahr‘ können solche Beschreibungen bezeichnet werden, die weitgehend konsensuell sind – also nicht mehr oder kaum noch ernsthaft hinterfragt werden (ders. 1992: 71–75). Wahrheit sind demnach Auffassungen, „die wir vertreten müssen, um in unserer Gesellschaft überleben zu können“ (ders. 2001: 106). Hinsichtlich Wahrhaftigkeit und Lüge gibt es keinen relevanten Unterschied zu anderen erkenntnistheoretischen Positionen. Eine Lüge definiert Mitterer (2001, S. 66) wie folgt: „Du redest anders, als ich denke, dass du denkst.“ Und Wahrhaftigkeit entsprechend: „Ich rede so, wie ich denke“ (ebd., S. 66). Strategische Kommunikationsspiele: der theoretische Rahmen Grundlage für politische strategische Kommunikation als Spiel ist die Theorie von strategischer Kommunikation als Spiel (Hoffjann 2017), die auf Basis von Überlegungen von Goffman (1980) und Bateson (1985) entwickelt wurde. Dies kann an einem Beispiel illustriert werden: In einem Gespräch mit einer Journalistin versucht eine Pressesprecherin, Gerüchte zu Korruptionsfällen in dem Unternehmen zu entkräften. Um die Vertrauenswürdigkeit ihrer Aussagen zu unterstreichen, kann sie versuchen, besonders verbindlich aufzutreten, Widersprüche zu vermeiden, unterstützende Meinungen bzw. Erfahrungen Dritter zu benennen usw. Die Journalistin kann all dies akzeptieren oder aber versuchen, durch Nachfragen Widersprüche zu finden, die Pressesprecherin zu verunsichern oder weitere Indikatoren wie die Bewertung der Stimme zur Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit zu nutzen. Wenn beide Seiten die Instrumentalisierbarkeit all dieser Vertrauenswürdigkeitsindikatoren gegenseitig unterstellen, kann daraus eine paradoxe Situation entstehen: Die Indikatoren bezeichnen Vertrauenswürdigkeit, ohne Wahrhaftigkeit zu bezeichnen. Die beschriebene Situation befindet sich damit in einem ‚Zwischen’ (Adamowsky 2000: 26) zwischen einer verbindlichen Situation und einer reinen Phantasie, wie sie Bateson seit den 1950er Jahren (1956, 1985) für Spiele im Sinne von play beschrieben hat. Dieses Verständnis hat er am Beispiel von spielenden Affen herausgearbeitet: „Das spielerische Zwicken bezeichnet den Biss, aber es bezeichnet nicht, was durch den Biss bezeich- 2. Olaf Hoffjann 208 net würde“ (Bateson 1985: 244). Und allgemeiner: „Diese Handlungen, in die wir jetzt verwickelt sind, bezeichnen nicht, was jene Handlungen, für die sie stehen, bezeichnen würden“ (ebd.: 244). Ein solches Spielverständnis kann mit der handlungstheoretischen Rahmenanalyse von Goffman (1980) sozialtheoretisch eingebettet worden. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind Rahmen, unter denen er die Definition für Ereignisse und Organisationsprinzipien für die persönliche Anteilnahme an diesen versteht. Da man in der Regel immer mehrere Rahmen gleichzeitig anwendet, liefert der primäre Rahmen die Antwort auf die Frage, welcher Rahmen momentan im Vordergrund steht: „Was geht hier eigentlich vor?“ (ebd.: 35) Spiele verortet Goffman auf der Ebene von so genannten Moduln. Moduln sind „ein System von Konventionen, wodurch eine bestimmte Tätigkeit, die bereits im Rahmen eines primären Rahmens sinnvoll ist, in etwas transformiert wird, das dieser Tätigkeit nachgebildet ist, von den Beteiligten aber als etwas ganz anderes gesehen wird“ (Goffman 1980: 55). Spiele sind ein Beispiel für das Modul des So-Tun-als-ob, die eine offene Nachahmung oder Ausführung einer weniger transformierten Handlung ist und bei der alle Beteiligten wissen, dass es zu keinerlei praktischen Folgen kommt. Auf dieser theoretischen Basis kann das Konzept des strategischen Kommunikationsspieles entwickelt und definiert werden: In einem strategischen Kommunikationsspiel nehmen beide Seiten (a) die Kontingenz und damit die Instrumentalisierbarkeit von Argumenten bzw. Indikatoren an. Zudem unterstellen sie, dass (b) die andere Seite es ebenfalls annimmt und (c) dass beide Seiten es der Gegenseite unterstellen. Unterstellungsunterstellungen und damit reflexive Strukturen prägen damit in hohem Maße strategische Kommunikationsspiele. Solche strategischen Kommunikationsspiele sind in direkten interpersonellen Kommunikationssituationen (Face-To-Face) ebenso zu beobachten wie bei medial vermittelten interpersonellen Kommunikationssituationen wie E-Mail oder Telefon sowie bei massenmedial vermittelten Kommunikationssituationen, in denen das Publikum zum Beobachter eines Spiels werden kann. Ein Beispiel für ein massenmediales strategisches Kommunikationsspiel sind TV-Talkshows oder öffentliche Parlamentsdebatten. Was ändert sich, wenn diese vielfach eingeübten Debatten vor einem Publikum stattfinden? Mit Goffman (1980) kann dies als weitere Transformation einer Transformation konzipiert werden. Nachdem im ersten Schritt eine politische Debatte (zeitweise) in ein strategisches Kommunikationsspiel transformiert wurde, wird hier ein strategisches Kommunikationsspiel in Politische Kommunikation im Spielmodus 209 die öffentliche Aufführung eines strategischen Kommunikationsspiels, das eine politische Debatte imitiert, transformiert. Pointierter formuliert: Die Politiker führen ein Spiel auf. Die öffentliche Aufführung verändert ein strategisches Kommunikationsspiel in gleichem Maße wie ein Nicht-Spiel. Das ‚In-Szene-Setzen’ der eigenen Person und der Argumente ist in beiden Fällen in vergleichbarer Weise zu beobachten. Allerdings haben die Spieler gegenüber den Nicht-Spielern einen Nachteil: Politiker, die die Situation als strategisches Kommunikationsspiel betreiben, glauben nicht mehr an den „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ (Habermas 1971: 137). So sehr die Politiker die gemeinsame Definition des Spiels teilen, so vorsichtig gehen sie damit vor dem Publikum um. Das offene Aussprechen, das man sich in einem Spiel befinde, würde als zynisch bewertet werden. Bei Spielen vor einem Publikum kommt eine weitere Besonderheit hinzu. Der Beginn eines strategischen Kommunikationsspiels setzt die Mitteilung ‚Das ist ein Spiel!’ voraus. Denn erst diese Mitteilung transformiert die Situation in ein Spiel und errichtet damit den paradoxen Rahmen (Bateson 1985: 249). Wie die Mehrzahl metasprachlicher und metakommunikativer Mitteilungen bleibt auch dies in der Regel implizit (ebd.: 242). Bereits bei medial vermittelten interpersonellen Kommunikationssituationen wie E-Mail oder Telefon ist der Beginn eines strategischen Kommunikationsspiels voraussetzungsreicher, weil für die Mitteilung ‚Das ist ein Spiel!’ z. B. die Mimik nicht zur Verfügung steht. Dies gilt in noch höherem Ma- ße in massenmedial vermittelten Kommunikationssituationen, in denen die Feedbackmöglichkeiten in der Regel nur sehr zeitverzögert möglich sind. Aus diesem Grund wird im weiteren Verlauf der Veränderungsprozess politischer Selbstinszenierungen so ausführlich beschrieben, weil dieser – so die These – dazu beigetragen hat, dass große Teile des Publikums politische strategische Kommunikation als Spiel rezipiert. Politische strategische Kommunikation als Spiel Damit ist eine theoretische Grundlage für politische strategische Kommunikation als Spiel geschaffen. In einer solchen Perspektive wird verbindliche strategische Kommunikation in einem Spiel zu etwas Neuem transformiert. Damit müssen mehrere Fragen beantwortet werden. Was prägt die Erwartungen im primären Rahmen, der verbindlichen politischen strategischen Kommunikation (Kap. 3.1)? Welche Entwicklungen haben zum gro- ßen Zweifel geführt, so dass Teile des Publikums politische strategische Kommunikation als Spiel rezipieren (Kap. 3.2)? Und schließlich: Was prägt 3. Olaf Hoffjann 210 politisch strategische Kommunikation als Spiel? Hier wird zwischen Inszenierungsspielen (Kap. 3.3) und Wahrheitsspielen (Kap. 3.4) unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Inszenierungs- und Wahrheitsspielen zielt auf die Differenz zwischen der Inszenierungs- und Textebene. Mit Hickethier (2010: 123) kann eine Inszenierung definiert werden als spezifischer Vorgang, bei dem ein Werk in ein Agieren von Personen umgesetzt wird, die den Text in Bewegungen und mündliche Rede transformieren. „Die Inszenierung soll das im Text Enthaltene zur Anschauung bringen, soll die Wirkung des Geschriebenen verstärken, letztlich auch etwas darin nicht Ausgesprochenes sichtbar und erlebbar machen. Dazu müssen alle Elemente der Inszenierung, Bühnenbild, Licht, Kostüme, Maske, Besetzung der Rollen mit den Darstellern, deren Spiel und Aktion, das Sprechen, die Musik, in eine stimmige Form gebracht werden, sie müssen sich ergänzen und gegenseitig steigern.“ (Hickethier 2010: 123) Der Erfolg einer Inszenierung hängt vom Zusammenspiel dieser verschiedenen Elemente ab, entscheidend ist am Ende der Gesamtendruck. Auch wenn Begriffe wie der der Inszenierungsgesellschaft (Willems/ Jurga 1998) die Allgegenwart von Inszenierungen suggerieren, ist nicht jedes Handeln inszeniert (Seel 2001). Hingegen ist jeder öffentliche Auftritt wie z.B. von einem Politiker bei einer öffentlichen Veranstaltung oder im Fernsehen inszeniert: Öffentliche Interaktionen werden „bis zu einem gewissen Grade auch inszeniert, vollziehen sich nicht wie Tsunamis gemäß Naturgesetzen“ (Saxer 2008: 364). Daher sind Inszenierungen in der Politik unvermeidbar. Auch ein ‚guter‘ und ‚authentischer‘ Politiker bedarf also der Inszenierung. Verbindliche politische strategische Kommunikation Wenn das Spiel das Modul ist, in den politische strategische Kommunikation transformiert wird, ist zunächst dieser primäre Rahmen zu bestimmen und zu beschreiben. Wenn die Funktion des politischen Systems die Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen ist (Luhmann 2000), kann politische Kommunikation in einem weiten Sinne als alle Kommunikationen des politischen Systems und damit Kommunikation im Medium der Macht definiert werden. Da das auch den privaten politischen Diskurs umfasst, muss dies weiter eingegrenzt werden. Im Folgenden soll politische Kommunikation in einem engen Sinne verstanden werden und nur strategische Organisationskommunikation politischer Organisationen um- 3.1 Politische Kommunikation im Spielmodus 211 fassen. Strategische Kommunikation kann dabei definiert werden als „purposeful use of communication by an organization to fulfill its mission“ (Hallahan et al. 2007: 3). Welche Erwartungen an die Verbindlichkeit prägt politisch strategische Kommunikation? Diese Erwartungen sind seit jeher widersprüchlich. Hierzu kann differenziert werden zwischen normativen und kognitiven Erwartungen. Man erwartet normativ die Pünktlichkeit von Zügen, zeigt sich aber lernbereit, indem man bei wichtigen Terminen eine frühere Zugverbindung nimmt. Für die Erwartungen an Politiker heißt dies: Man erwartet normativ, dass Politiker wahrhaftig reden und sich angemessen darstellen. Werden Politiker bei einer Lüge ertappt, wird dies skandalisiert, um die Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsnorm zu restabilisieren. Dies führte z.B. in der Watergate-Affäre zur Skandalisierung und zum Rücktritt von Richard Nixon. Dieser normativen Erwartungshaltung steht die kognitive Erwartungshaltung gegenüber, die bereits Hannah Arendt betonte: „Wahrhaftigkeit zählte niemals zu den politischen Tugenden.“ (Arendt 2013: 8). Während im Modul des Spiels Wahrhaftigkeit und Angemessenheit weder normativ noch kognitiv erwartet werden, werden sie im primären Rahmen politisch strategischer Kommunikation normativ, aber nicht kognitiv erwartet. Das unterscheidet eine Post-Truth-Era von einer Truth-Era bzw. eine Post-Truth-Situation von einer Truth-Situation. Um die Erwartungen an die Angemessenheit politischer Aussagen zu konkretisieren, kann in Anlehnung an Kohring (2004) zwischen der Selektivität von Themen und Fakten, der Richtigkeit von Beschreibungen sowie expliziten Bewertungen unterschieden werden. Im Folgenden steht vor allem das Vertrauen in die Richtigkeit von Beschreibungen im Mittelpunkt, da dies bei der politisch strategischen Kommunikation der am häufigsten diskutierte Aspekt ist. Die Angemessenheit bezieht sich auf die nachprüfbare und konsentierbare Richtigkeit der Beschreibung oder Bezeichnung bereits ausgewählter Fakten und Themen. In einer non-dualistischen Perspektive (Mitterer 1992, 2001) sind dies ‚wahre‘ Fakten im Sinne eines Basiskonsenses, der momentan nicht hinterfragt wird. Dazu zählen beispielsweise normierte Messverfahren. Das Publikum erwartet mithin, dass Politiker etwas genau prüfen, bevor sie es sagen. Von dieser Erwartung an wahre Fakten ist die Erwartung an die Wahrhaftigkeit zu unterscheiden: Ein Politiker kann sich zwar auch einmal irren – seine Beschreibung also vom Basiskonsens abweichen –, er sollte aber immer wahrhaftig sein. Bei der Angemessenheit der Inszenierungen steht einerseits die Frage im Mittelpunkt, ob ein Politiker selbst davon überzeugt ist bzw. daran glaubt, was er sagt. Andererseits stellt sich bei Pseudo-Ereignissen mit Boorstin (1987) die Frage nach der Beziehung zur Wirklichkeit: Ist die Größe des Olaf Hoffjann 212 Events gedeckt durch ein entsprechendes politisches Handeln? Ob etwas als angemessen bewertet wird, hängt von der jeweiligen Perspektive und damit den Erwartungen ab. Auch in einer weithin geteilten Situation verbindlicher strategischer Kommunikation gibt es offenkundige Lügen und unangemessene Inszenierungen. Lügen sind in der Politik – auch in freien Demokratien – nichts Ungewöhnliches. Der verbindliche Charakter zeigt sich darin, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit (a) normativ erwartet werden und in Fällen, in denen z.B. durch investigativen Journalismus das Gegenteil offenkundig wird, (b) die Lüge skandalisiert wird, um die Norm zu restabilisieren. Der Übergang zum politischen strategischen Kommunikationsspiel Wie Politiker in ein politisch strategisches Kommunikationsspiel wechseln, ist in Kap. 2 ausführlich beschrieben worden. Voraussetzungsreicher ist ein solcher Wechsel auf der Seite des Publikums. Deshalb soll dies in diesem Kapitel ausführlich erläutert werden. Dass Teile des Publikums politische strategische Kommunikation als Spiel rezipieren, hängt – so eine zentrale These dieses Beitrags – mit der langen Tradition der Selbstinszenierungen von Politikern zusammen. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die zunehmende Fiktionalisierung politischer strategischer Kommunikation. Politische Selbst- wie Fremdinszenierungen nutzen zunehmend Elemente aus Spielfilmen und Romanen, deren fiktionaler Erzählmodus z.B. durch den künstlerischen (Schmid 2008: 26) und poetischen Charakter (Klein/Martinez 2009: 6) geprägt ist. Verschiedene Elemente können dem fiktionalen Erzählmodus zugerechnet werden. Dies beginnt bei der Personalisierung (Hoffmann/ Raupp 2006), mit der handelnde Politiker zu Helden, Schurken, Verlierern etc. werden – und immer zu medialen Stars. Mit Pseudo-Events schafft Politik mit geeigneten Medienbildern (Ballensiefen 2009) Berichterstattungsanlässe (Boorstin 1987). Mittels Entertainisierung (Holtz-Bacha 2000, Dörner 2001) wird Politik insbesondere ‚gefälliger‘ und erreicht größere Publika. Storytelling verdichtet Politik zur (dramaturgischen) Erzählung – z.B. durch Konfliktinszenierungen (Gadinger et al. 2017). Und mittels Emotionalisierung (Donsbach/Büttner 2005) schafft Politik Aufmerksamkeit. Die meisten Elemente waren bereits in der Demokratie ohne Massenmedien angelegt, wurden aber in der Mediendemokratie deutlich wichtiger. Es ist mittlerweile breiter Konsens, dass das Fernsehen die (Selbst-)Inszenierung der Politik deutlich verändert hat (z.B. Meyer/Ontrup 1998). Zudem sind Politik und Journalismus bzw. Massenmedien beide Treiber und Getriebe- 3.2 Politische Kommunikation im Spielmodus 213 ne dieser Entwicklungen. In der Summe führen sie dazu, dass politische Selbstinszenierungen fiktionalen Inszenierungen ähnlicher werden und dem Publikum damit der Inszenierungscharakter bewusster wird. Hinzu kommen verschiedene ‚Grenzüberschreitungen‘. Dies beginnt bei Polit-TV-Serien wie Borgen oder House of Cards: Ihr Blick auf die fiktive Hinterbühne (Goffman 2002) in fiktionalen Formaten schließt vermeintlich nahtlos an faktuale Inszenierungen auf der realen Vorderbühne an. Die ästhetischen Grenzen zwischen solchen fiktionalisierten politischen Selbstinszenierungen und fiktionalen Serien mit ihren fiktiven Inhalten verschwimmen dabei. Dies führt nicht gleich zur Verwechslung zwischen ‚echten’ Nachrichten und ‚fiktiver’ Serie, dürfte aber vielen den Inszenierungscharakter ‚echter’ Politik bewusst machen. Zu den Grenzüberschreitungen zählen auch ehemalige Schauspieler, die zu erfolgreichen Politikern wurden wie der frühere amerikanische Präsident Reagan oder der ukrainische Präsident Selenskyi, aber eben auch Show-Stars wie Donald Trump. Sie verstärken den Eindruck, dass schauspielerisches Talent in der Politik eine wichtige Fähigkeit ist. Dies zeigt auch die Beobachtung von Meyrowitz (1987: 202), demnach es in den 1950er Jahren noch kritische Kommentare gab, als Eisenhower Hollywoodschauspieler anheuerte, bereits in den 1980er Jahren aber akzeptiert wurde, dass ein Präsident ein fähiger Schauspieler sein und dass er die Rolle eines Präsidenten spielen müsse. Menschen sind sich der Künstlichkeit von Rollen, die andere spielen, bewusst geworden (Meyrowitz 1987: 216). Und schließlich erhöht der Blick hinter die Kulissen das Bewusstsein für die Inszenierung von Politik. In Deutschland steht hierfür der Bundestagswahlkampf der SPD von 1998, in dem die SPD die so genannte Kampa als moderne Wahlkampfzentrale inszenierte und beim SPD-Krönungsparteitag der minutiöse Ablaufplan zum Thema wurde und als Beleg der eigenen Modernität diente. „Das Wahlkampfthema war der Wahlkampf“ (Boberg et al. 2016: 232). Einen Blick hinter die Kulissen ermöglichte auch der damalige Ministerpräsident Peter Müller mit seinen Ausführungen zur inszenierten Empörung seines Kollegen Roland Koch im Bundesrat (Schicha 2007). Und Journalisten gewähren einen Blick auf die vermeintliche Hinterbühne, wenn sie über mitunter übergriffige Steuerungsversuche politischer PR und damit ihre Arbeitsbedingungen berichten – und sich nebenbei als Opfer inszenieren. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass im Publikum viele ‚Alltagsrealisten‘ zu ‚Alltagskonstruktivisten‘ wurden. Wer den hollywoodgleichen Aufwand vieler Inszenierungen und das schauspielerische Können der Akteure unterstellt, endet beim großen Zweifel: Man traut sich kein Urteil mehr zu. Die Inszenierung könnte angemessen und damit wahrhaf- Olaf Hoffjann 214 tig sein. Sie könnte aber auch gelogen sein. Das offensive Einsetzen fiktionaler Elemente, der Erfolg von Schauspielern in der Politik und die journalistische Berichterstattung über politische Selbstinszenierungen können im Publikum dann als Mitteilung ‚Dies ist ein Spiel!‘ verstanden werden. Dies ist die Situation, in der das Publikum politisch strategische Kommunikation als Spiel rezipiert. Verbindliche und unverbindliche strategische politische Kommunikation als Spiel Verbindliche strategische politische Kommunikation – primärer Rahmen – Strategische politische Kommunikation als Spiel – sekundärer Rahmen – Inszenierungsspiel Wahrheitsspiel Erwartung • normativ: wahre Aussagen und angemessene Inszenierungen • kognitiv: Politiker lügen vielfach, übertreiben oft maßlos und inszenieren sich unangemessen. unverbindliche Darstellung: „Es könnt alles Theater sein.“ unverbindliche Aussagen: „Es könnte alles unwahr sein.“ zentrale Differenz • angemessen vs. unangemessen; präferierte Seite: angemessen • wahrhaftig vs. gelogen; präferierte Seite: wahrhaftig Changieren zwischen angemessen vs. unangemessen inszeniert Changieren zwischen wahr vs. unwahr Möglichkeiten des Erkennens Unangemessene Inszenierungen und Lügen kann man erkennen (Alltagsrealist). Zweifel: Man kann angemessene und unangemessene Inszenierungen nicht voneinander unterscheiden (Alltagskonstruktivist). Zweifel: Man kann sowohl (a) angemessene von unangemessenen Inszenierungen als auch (b) wahre von unwahren Aussagen nicht unterscheiden (Alltagskonstruktivist). Inszenierungsspiele Die beschriebene Entwicklung kann zunächst zu Inszenierungsspielen führen. In Inszenierungsspielen glaubt das Publikum nicht mehr, dass es angemessene und unangemessene Inszenierungen voneinander unterscheiden kann. Damit wird in Inszenierungsspielen die Darstellung unverbindlich: Es könnte eben auch alles eine Theateraufführung sein, in der der Tab. 1: 3.3 Politische Kommunikation im Spielmodus 215 Schauspieler nichts mit seiner Rolle gemeinsam haben muss. Die Pazifistin spielt eine Mörderin, der Vegetarier einen Metzgermeister und der Analphabet einen Lehrer für Literatur. Die Unsicherheit kann dann dazu führen, dass man nicht mehr erkennen kann, ob einem Ministerpräsidenten ein ökologisches Programm persönlich wichtig ist, wie er beteuert, – oder ob er damit nur seine Macht sichern will. Kann die Reise der Bundeskanzlerin zur Arktis als Beleg gewertet werden, wie wichtig ihr der Klima- und Naturschutz ist – oder war es der Versuch, aufmerksamkeitsstarke Medienbilder zu produzieren? Solche Zweifel können zu einem Inszenierungsspiel führen, auf das sich zunächst Akteure wie Politiker einigen können, an dem Journalisten mitwirken können und das Teile des Publikums schließlich als Inszenierungsspiel rezipieren können. Wie lassen sich die Rollen konkreter beschreiben? Bei Politikern zeigt sich dies daran, wenn sie sich selbst nicht nur als schauspielernde Politiker wahrnehmen, sondern von ihren schauspielerischen Fähigkeiten so überzeugt sind, dass sie frei und kreativ mit Darstellungsmitteln umgehen. Als Merkmale von Spielen können mit Goffman (1980) eine Lust am übertriebenen Ausdruck und aufwändiger Darstellung beobachtet werden. Bei Pseudo-Ereignisse (Boorstin 1987) wie der Arktis- Reise der Bundeskanzlerin zeigt es sich darin, dass politischen Kommunikationsexperten bewusst ist, dass die Inszenierung wenig mit politischer Programmatik zu tun haben muss. Journalisten haben ein ambivalentes Verhältnis zu solchen Inszenierungen. Einerseits sind sie dankbar für Selbstinszenierungen, die aufmerksamkeitsstarke Bilder produzieren, konfliktreiche Talkshows und gute Überschriften ermöglichen und damit Reichweiten steigern können. Solche Selbstinszenierungen knüpfen vielfach an journalistische Fremdinszenierungspraktiken an, mitunter werden Politiker sogar zu solchen Selbstinszenierungen ermuntert. In solchen Fällen beteiligen sich Journalisten am Inszenierungsspiel, in dem sie für sie sichtbare Inszenierungen nicht thematisieren. Andererseits führen Inszenierungsspiele Journalisten vor Augen, wie mitunter hilflos sie diesen Selbstinszenierungen gegenüberstehen bzw. von diesen abhängig sind. Journalisten werden in solchen Situationen damit mitunter zu ohnmächtigen Vermittlern statt zu kritischen Beobachtern. Was passiert schließlich mit einem Zeitungsleser, der viel liest über die aufwändige Inszenierung von Parteitagen, die Gewandtheit von Christian Lindner im Umgang mit den Medien und das Geständnis erfahrener Korrespondenten, nicht zu wissen, für welche Positionen ein Politiker wie Alexander Dobrindt letztlich ‚steht‘? Dies führt auch bei ihm zum ‚großen Zweifel‘. Bei TV-Interviews denkt er immer häufiger, dass er die Wahrhaf- Olaf Hoffjann 216 tigkeit der Politiker nicht mehr einschätzen kann. Er rezipiert die Sendung dann als Spiel: Die Indikatoren bezeichnen damit Vertrauenswürdigkeit, ohne Vertrauenswürdigkeit zu belegen. Das Publikum, das Politik als Inszenierungsspiel rezipiert, rezipiert es aus einer Unterhaltungsperspektive. Wie unterhaltsam ist ein Pseudo-Event? Authentizität bezieht sich dann nicht als spontane Zuschreibung von Echtheit, Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit und Eigentlichkeit (Knaller 2007: 7) darauf, ob ein Politiker etwas tatsächlich meinen könnte, sondern darauf, ob man seinen Auftritt reflektiert als gelungene Inszenierung von Authentizität bewertet. Bei Inszenierungsspielen wechselt das Publikum vom primären in den sekundären Rahmen eines Spiels. Inszenierungsspiele sind damit zwischen faktualer und fiktionaler Welt verortet, in der eine unterhaltsame Inszenierung zugleich angemessen ist und es nicht sind, sie ist damit zugleich ein Beleg für einen wahrhaftigen Politiker und ist es nicht. Es wird die These vertreten, dass solche Inszenierungsspiele in der Politik schon seit langer Zeit zu beobachten sind – in Deutschland spätestens seit Mitte der 1990er Jahre. Die erläuterten Entwicklungen haben aber dazu geführt, dass zunehmend häufiger Situationen als Inszenierungsspiel rezipiert werden. Ein Ausweg für das Publikum könnte darin bestehen, bewusst zwischen Inszenierungen und dem Text zu unterscheiden: Während der ‚großen Zweifel‘ dazu führt, dass man öffentliche Politik ohnmächtig als Inszenierungsspiel rezipiert, erwartet man von den aufgeführten Aussagen Verbindlichkeit. Die Erfahrungen in den vergangenen Jahren legen allerdings die Vermutung nahe, dass auch die Aussagen zunehmend unverbindlicher werden. Wahrheitsspiele Die beschriebenen Entwicklungen wie die Fiktionalisierung politischer strategischer Kommunikation haben bei allen Beteiligten zu wachsenden Kontingenzerfahrungen geführt und damit die Wahrnehmung sowie Bewertungsmaßstäbe verändert. Inszenierungsspiele können als Sündenfall bezeichnet werden, weil man sich in ihnen erstmals von der Verbindlichkeitsnorm verabschiedet hat. Politiker, Journalisten und das Publikum erfreuen sich an der Unterhaltsamkeit. Von diesem grundsätzlichen Zweifel profitieren die Wahrheitsspieler, die auch bei den Aussagen keine Verbindlichkeit mehr erwarten: Es könnte alles unwahr sein – es könnte aber auch wahr sein. Sie changieren damit beliebig zwischen wahr und unwahr. Der große Zweifel greift daher weiter als im Inszenierungsspiel. Im Wahrheitsspiel geht man davon aus, dass man sowohl angemessene von unangemessenen Inszenierungen als auch 3.4 Politische Kommunikation im Spielmodus 217 wahre von unwahren Aussagen nicht unterscheiden kann. Verbunden sind diese Annahmen mit der Unterstellung, dass Politikern die Wahrheit zunehmend unwichtiger wird. Solche Zweifel und Unterstellungen können zu einem Wahrheitsspiel führen – zwischen Akteuren wie Politikern ebenso wie Journalisten und dem Publikum. Bei Politikern zeigt sich dies am Umgang mit der Wahrheit. Die ‚perfekte Verkörperung‘ des Wahrheitsspiels ist der so genannte Bullshit. Einem Bullshitter geht es um die Wirkung im Publikum, das lautstarke provokante Behaupten – unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Während ein Bullshitter etwas behauptet und ihm der Wahrheitsgehalt seiner Behauptung gleichgültig ist (Frankfurt 2006), sagt ein Lügner etwas wider besseren Wissens. Bullshit spielt damit genau mit der Unterscheidung des Wahrheitsspiels: Es könnte alles unwahr sein – es könnte aber auch wahr sein. Es wird deutlich, dass Wahrhaftigkeit im Bullshit und damit im Wahrheitsspiel keine relevante Kategorie mehr ist. Deshalb erscheint es auch plausibler, Politiker wie Donald Trump oder Boris Johnson eher als archetypische Bullshitter (Heer 2015) denn als notorische Lügner zu bezeichnen. Das Bullshitting zeigt damit eindrücklich, dass Wahrheitsspiele im Dazwischen von realer und fiktiver Welt stattfinden. Der Bullshit klingt so glaubwürdig, dass er zumindest wahr sein könnte. Vor allem aber ist Bullshitting unterhaltsam bzw. aufsehenerregend. Deshalb freut sich das Publikum vielfach über Bullshit und aus diesem Grund ist Bullshit in der Berichterstattung nahezu immer erfolgreich. Fazit und Ausblick Mit politischer strategischer Kommunikation als Spiel ist eine theoretische Alternative zu Post-Truth-Gesellschaften vorgestellt worden, die im Wesentlichen zwei Vorteile hat. Erstens steht bei politischer strategischer Kommunikation als Spiel der situative Charakter im Mittelpunkt. Manche Politiker und manche Zuschauer betreiben bzw. rezipieren Politik in manchen Situationen als Spiel. Es spricht viel dafür, dass dies heute deutlich häufiger der Fall ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Zugleich ist dieser Ansatz für ein Nebeneinander von verbindlicher und unverbindlicher strategischer Kommunikation offen. Zweitens ist mit der Fiktionalisierung politischer Selbstinszenierungen eine wichtige Entwicklung herausgearbeitet worden, warum insbesondere im Publikum Politik heute so oft als Spiel rezipiert wird. Politiker wie Donald Trump oder Boris Johnson sind also weniger die zentrale Ursache von so etwas wie Post-Truth, sie haben aktu- 4. Olaf Hoffjann 218 elle Entwicklungen hingegen frühzeitig erkannt und instrumentalisieren sie für ihre politischen Ziele. Die Verbindung von Inszenierungs- und Wahrheitsspielen bei den erwähnten Politikern macht es Kritikern so schwer, sie durch eine öffentliche Thematisierung als solche zu entlarven. Trump und Johnson inszenieren sich für das Publikum recht offensichtlich als Politikspieler – wenngleich in der Regel ohne eine explizite Thematisierung – und entziehen damit auch ihre Aussagen konventionellen Wahrheitserwartungen. Sind solche Inszenierungsspiele in der Politik, in der über Kriege, Klimaschutz oder soziale Gerechtigkeit entschieden wird, zynisch? Das ist eine normative Frage. Offenkundig sind hingegen die bereits vielfach beschriebenen Konsequenzen für die politische Kultur. Wenn Unterhaltung und Gefühle wichtiger werden als angemessene Fakten, ist ein rationaler politischer Diskurs unwahrscheinlicher denn je. Dass verantwortungsvolle Politikerinnen und Politiker, die auf solche ‚Spielereien‘ verzichten, daran viel ändern können, ist angesichts der medialen Aufmerksamkeitserfolge von Politikspielern leider nicht zu erwarten. Literatur Adamowsky, Natascha (2000): Spielfiguren in virtuellen Welten. Campus: Frankfurt am Main. Arendt, Hannah (2013): Wahrheit und Lüge in der Politik: zwei Essays. Piper: München. Ballensiefen, Moritz (2009): Bilder machen Sieger-Sieger machen Bilder. VS Verlag: Wiesbaden. Bateson, Gregory (1956): The message „This is play“. In: Schaffner, Bertram (Hg.): Group processes: transactions of the second conference, October 9, 10, 11 and 12, 1955, Princeton. Josiah Macy, Jr. Foundation: New York, S. 145–242. Bateson, Gregory (1985): Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. 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So nehmen die Anhänger*innen der beiden Gruppen wahr, dass Desinformationen eher das andere Meinungslager unterstützen als das eigene, dass die Desinformationen des anderen Meinungslagers reichweitenstärker seien als die des eigenen Meinungslagers und dass Anhänger*innen des anderen Meinungslagers stärker von Desinformationen beeinflusst würden als die eigene Person und zum Teil auch stärker als Anhänger*innen des eigenen Meinungslagers. Zudem werden die Strategien zur Bekämpfung von Desinformationen unterschiedlich beurteilt: Im Vergleich zu den Gegner*innen von Zuwanderung unterstützen Befürworter*innen von Zuwanderung eine stärkere mediale Aufklärung und gesetzliche Regulierungsmaßnahmen – womöglich, weil Befürworter*innen Desinformationen für bedrohlicher halten. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Wahrnehmungen und Beurteilungen von hochinvolvierten Meinungslagern bei der Bekämpfung von Desinformationen stärker berücksichtigt werden müssen – denn Studien zufolge sind genau diese Gruppen anfällig dafür, Desinformationen zu verbreiten. 223 Einleitung In der wissenschaftlichen Debatte werden unter dem Begriff „Fake News“ neben politisch motivierten Delegitimierungen klassischer Nachrichtenangebote vor allem bewusst erstellte pseudojournalistische Desinformationen verstanden (z. B. Egelhofer/Lecheler 2019, Zimmermann/Kohring 2018). Um letztere geht es in diesem Beitrag. Öffentlich verbreitet werden diese Desinformationen größtenteils über soziale Netzwerke (Allcott/Gentzkow 2017, Müller/Schulz 2019). Werden Desinformationen nicht als solche erkannt, kann dies politische und gesellschaftliche Folgen haben. So haben etwa Personen mit einer rechten politischen Einstellung und der ursprünglichen Absicht, bei der Bundestagswahl 2017 die CDU/CSU zu wählen, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die AfD gewählt, wenn sie Desinformationen als wahr eingeschätzt haben (Zimmermann/Kohring 2020). Ob Desinformationen als solche erkannt werden, hängt zum einen von deren inhaltlichen Merkmalen ab. Zum anderen legen verschiedene psychologische und kommunikationswissenschaftliche Ansätze nahe, dass auch individuelle Voreinstellungen der Rezipient*innen beeinflussen, ob sie Desinformationen als solche erkennen. Zudem haben Voreinstellungen einen Einfluss darauf, wie (Des-)Informationen wahrgenommen und beurteilt werden. Menschen neigen beispielsweise dazu, Informationen primär so wahrzunehmen, dass diese im Einklang mit ihren Voreinstellungen sind (Kunda 1990). Ferner neigen sie dazu, ausgewogene Informationen als unfair gegenüber ihren Voreinstellungen einzuschätzen (Vallone et al. 1985) und unliebsamen Informationen einen stärkeren Einfluss auf andere Personen zuzusprechen als auf sich selbst (Davison 1983). Viele in Deutschland verbreiteten Desinformationen thematisieren – häufig in negativer Weise – Migrant*innen oder Flüchtlinge (Bader et al. 2020, Humprecht 2019, Sängerlaub et al. 2018). In Deutschland gibt es unterschiedliche Meinungslager zum Thema Flucht und Migration, wie etwa eine repräsentative Umfrage von Kantar Emnid aus dem Jahr 2019 zeigt: Demnach finden 52% der Bevölkerung, dass zu viel Einwanderung nach Deutschland stattfindet; 43% sind nicht dieser Meinung (zu 100% fehlend: weiß nicht, keine Angabe; Kober/Kösemen 2019: 14). Inwiefern diese beiden Meinungslager Desinformationen über Flüchtlinge auf Facebook wahrnehmen und beurteilen, wird in diesem Beitrag untersucht. Der Fokus liegt auf Facebook, weil Desinformationen dort besonders häufig anzutreffen sind (Allcott/Gentzkow 2017, Müller/Schulz 2019). Antworten auf diese Frage sind unter anderem deshalb relevant, weil Menschen mit starken Voreinstellungen häufiger Informationen über soziale Netzwerke verbreiten als Menschen mit weniger starken Voreinstel- 1. Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 224 lungen (Kalogeropoulos et al. 2017). Daher verbreiten Menschen mit starken Voreinstellungen womöglich auch häufiger Desinformationen – insbesondere, wenn sie sich in homogenen Communities zusammenfinden (Del Vicario et al. 2016). Die Kenntnis über die Wahrnehmungen und Beurteilungen von Desinformationen innerhalb dieser hochinvolvierten Gruppen kann dabei helfen, die Effektivität von Maßnahmen zur Erkennung und Eindämmung von Desinformationen besser bewerten zu können. Denn diese Maßnahmen müssen – nicht zuletzt aus ethischer Perspektive – von der Bevölkerung mitgetragen werden. Ist das nicht der Fall, besteht die Gefahr, dass sich Menschen in ihrem Recht auf freie Meinungs- äußerung beschränkt sehen und sich langfristig vom Staat abwenden. Der Einfluss von Voreinstellungen auf Wahrnehmungen und Beurteilungen von Desinformationen Eine Grundlage für Untersuchungen zur Verarbeitung von (Des-)Informationen ist die Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger 1957). Demnach wollen Menschen kognitive Dissonanz vermeiden. Diese entsteht beispielsweise, wenn Personen der eigenen Meinung widersprechende Informationen rezipieren. Daher neigen Menschen tendenziell dazu, einstellungskonsistente Informationen zu suchen, auszuwählen und Informationen so zu interpretieren, dass sie mit den eigenen Einstellungen einhergehen (Confirmation Bias; Nickerson 1998). Ähnlich argumentiert der Ansatz des Motivated Reasoning (Kunda 1990). Demnach verfolgen Menschen bei der Informationsverarbeitung zwei Ziele: Zum einen wollen sie Informationen korrekt verarbeiten, zum anderen wollen sie zu einer aus ihrer Sicht wünschenswerten Schlussfolgerung kommen. Vor allem Menschen mit starken Voreinstellungen bevorzugen tendenziell das letztgenannte Ziel, weswegen eine korrekte Informationsverarbeitung nicht unbedingt gewährleistet ist. So zeigt sich zum Beispiel, dass Menschen die Richtigkeit von Informationen eher anzweifeln und Argumente als eher schwach empfinden, wenn diese ihren Voreinstellungen widersprechen (Motivated Skepticism; Taber/Lodge 2006). Speziell mit der Wahrnehmung medial vermittelter Informationen befasst sich die Forschung zum Hostile-Media-Effekt (Vallone et al. 1985). Die zentrale und vielfach bestätigte Annahme dieses Ansatzes lautet, dass Menschen mit starken Voreinstellungen die mediale Berichterstattung zu einem konflikthaltigen Thema als verzerrt wahrnehmen, und zwar zuungunsten ihrer eigenen Meinung (im Überblick: Perloff 2015). Dies gilt einerseits für objektiv ausgewogene mediale Beiträge. Andererseits sind viele 2. Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 225 Berichte nicht ausgewogen. Solche Berichte nehmen Menschen unterschiedlicher Meinungslager zwar gleichermaßen als in eine Richtung verzerrt wahr, aber jede Gruppe bewertet dabei diese Berichte als deutlich ungünstiger für ihre eigene Position im Vergleich zu der anderen Gruppe (relativer Hostile-Media-Effekt; Gunther et al. 2001). Einige Studien zu Desinformationen bestätigen die in den genannten Ansätzen formulierten Annahmen. So glauben Menschen Desinformationen oder Verschwörungstheorien eher, wenn diese mit der eigenen Meinung einhergehen (Allcott/Gentzkow 2017, Pennycook/Rand 2019, Schaffner/Roche 2016, Swire et al. 2017). Personen, die angeben, eine rechte politische Einstellung zu haben, sind dafür besonders anfällig (Arendt et al. 2019). Übertragen auf die Gegner*innen und Befürworter*innen von Zuwanderung ist daher denkbar, dass die divergenten Meinungslager Desinformationen über Flüchtlinge unterschiedlich wahrnehmen und beurteilen. Empirisch zeigt sich zwar, dass Migrant*innen in Desinformationen häufig attackiert werden (Humprecht 2019). Da sich Gegner*innen und Befürworter*innen von Zuwanderung aber womöglich in homogenen Umfeldern befinden, ist es denkbar, dass sie unterschiedliche (Des-)Informationen rezipieren und verbreiten (Del Vicario et al. 2016). Dabei können sie einstellungskonsistente Desinformationen über Flüchtlinge für wahr halten (Sängerlaub et al. 2018) – insbesondere bei wiederholter Rezeption (Truth Effect; Dechêne et al. 2010). Gleichzeitig können sie wahre Informationen als Desinformationen beurteilen, um kognitive Dissonanz zu vermeiden. Daher gilt als Hypothese: (H1) Gegner*innen von Zuwanderung nehmen im Vergleich zu Befürworter*innen von Zuwanderung wahr, dass Flüchtlinge in Desinformationen häufiger positiv dargestellt werden. Darüber hinaus machen sich Menschen Gedanken darüber, welche und wie viele Personen von den auf sozialen Medien geteilten Inhalten erreicht werden (Imagined Audience; Litt/Hargittai 2016). Die Einschätzung, dass bestimmte Informationen eine hohe Reichweite haben, geht häufig mit der Wahrnehmung einher, dass eben diese Informationen gegenüber der eigenen Meinung negativ verzerrt sind (Gunther et al. 2009). Anders formuliert: Es wird befürchtet, dass insbesondere Informationen, die im Widerspruch zur eigenen Meinung stehen, ein großes Publikum erreichen – und dabei ein größeres Publikum als solche Informationen, die die eigene Meinung unterstützen. Daher kann, auch im Anschluss an die bisherigen Überlegungen, vermutet werden: (H2a) Gegner*innen von Zuwanderung schätzen die Reichweite von Desinformationen, die positiv über Flüchtlinge berichten, höher ein als Befürworter*innen von Zuwanderung und (H2b) Befürworter*innen von Zuwanderung schätzen die Reichweite von Desinformationen, Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 226 die negativ über Flüchtlinge berichten, höher ein als Gegner*innen von Zuwanderung. Denkbar ist auch, dass die beiden Meinungslager die Wirkungen von Desinformationen unterschiedlich einschätzen. Eine Grundlage bietet hier die Third-Person-Wahrnehmung (Davison 1983). Demnach gehen Menschen davon aus, dass andere Menschen stärker von Medieninhalten beeinflusst werden als sie selbst – insbesondere, wenn die unterstellten Wirkungen als unerwünscht empfunden werden. Zahlreiche Studien konnten die Existenz dieser Wahrnehmungsdifferenz nachweisen und Faktoren identifizieren, die diese Wahrnehmungsdifferenz beeinflussen (im Überblick: Dohle 2017). So wird beispielsweise Menschen, zu denen man eine größere Distanz empfindet, etwa, weil sie andere Auffassungen in einer Kontroverse vertreten, eine größere Beeinflussbarkeit attestiert als Personen, denen man sich näher oder ähnlicher fühlt. Jang und Kim (2018) konnten die Third-Person-Wahrnehmung auch im Kontext von Desinformationen nachweisen: US-Amerikaner*innen, die sich einem der beiden politischen Lager zuordnen, gingen davon aus, dass Menschen des gegnerischen Lagers stärker von Desinformationen beeinflusst werden als Menschen des eigenen Lagers, welchen wiederum eine stärkere Beeinflussbarkeit als der eigenen Person zugesprochen wird. Übertragen auf die beiden Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte bedeutet dies: (H3) Gegner*innen und Befürworter*innen von Zuwanderung gehen davon aus, dass Anhänger*innen des gegnerischen Meinungslagers stärker von Desinformationen über Flüchtlinge beeinflusst werden als Anhänger*innen des eigenen Meinungslagers, welchen sie wiederum eine stärkere Beeinflussbarkeit attestieren als sich selbst. Ein wachsendes Forschungsfeld befasst sich mit Strategien der Bekämpfung von Desinformationen (im Überblick: Lewandowsky et al. 2017, Peter/Koch 2019, Steinebach et al. 2020). Generell lassen sich zwei Arten möglicher Interventionsstrategien differenzieren (Lazer et al. 2018): (1) Maßnahmen zur Befähigung von Menschen, Desinformationen zu identifizieren (z. B. mediale Aufklärung) und (2) Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung von Desinformationen (z. B. frühzeitiges Löschen). Die Akzeptanz dieser Vorgehensweisen ist für deren Erfolg entscheidend. Dabei spielen zum einen Voreinstellungen von Individuen zu den jeweiligen Themen eine wichtige Rolle: Bestimmte Maßnahmen, etwa die Korrektur von falschen Informationen, können in meinungsstarken Gruppen sogar nicht-intendierte Folgen haben, beispielsweise die Verfestigung von Voreinstellungen (Backfire Effect; Nyhan/Reifler 2010). Zum anderen sind Wahrnehmungen und Beurteilungen bedeutsam. So zeigen etwa Jang und Kim (2018), dass Menschen die Förderung von Medienkompetenz befürworten, gesetzliche Regulierungsmaßnahmen aber ablehnen, je stärker sie Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 227 davon ausgehen, dass andere Personen (im Vergleich zu ihnen) von Desinformationen beeinflusst werden. Denkbar ist auch, dass die beiden Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte Interventionsmöglichkeiten gegen Desinformationen unterschiedlich beurteilen. Daher lautet die Forschungsfrage: Inwiefern unterscheiden sich Befürworter*innen und Gegner*innen von Zuwanderung mit Blick auf ihre Einschätzungen von Interventionsmöglichkeiten gegen Desinformationen? Methode Datenerhebung Um die Hypothesen und die Forschungsfrage zu prüfen, wurde von Februar bis März 2019 eine standardisierte Online-Befragung unter Anhänger*innen der entgegengesetzten Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte durchgeführt. Die Konzentration auf Anhänger*innen der jeweils entgegensetzten Meinungslager ist ein übliches Vorgehen in Hostile-Media-Studien (siehe z.B. Gunther et al. 2009; Merten/Dohle 2019; Perloff 2015), um mögliche Kontraste in den Wahrnehmungen dieser Meinungslager herausarbeiten zu können. Auf die Erfassung der Wahrnehmung von Personen, die keine eindeutige Meinung in einer Debatte einnehmen, wird in diesen Studien dagegen häufig verzichtet, weil sich die Hostile-Media-Annahmen auf Vertreter*innen unterschiedlicher Meinungslager beschränken. In der vorliegenden Untersuchung wurden zunächst zum einen Gruppen identifiziert, die gegenüber der Zuwanderung von Flüchtlingen positiv eingestellt sind (z.B. Menschenrechtsgruppen, Flüchtlingsräte, spezifische Bürgerinitiativen), und zum anderen Gruppen, die eine Zuwanderung von Flüchtlingen eher ablehnen (z.B. lokale AfD-Gruppen, Pegida- Gruppen, spezifische Bürgerinitiativen). Die Rekrutierung dieser sogenannten Partisan-Gruppen wurde via Facebook vorgenommen, da der Fokus der Studie auf der Wahrnehmung und auf Beurteilungen von auf Facebook verbreiteten Desinformationen liegt und Facebook eine hohe Bedeutung bei der Verbreitung von Desinformationen hat (Allcott/Gentzkow 2017, Müller/Schulz 2019). Konkret wurden die Administrator*innen von einschlägigen Facebook-Seiten gebeten, die Umfrage zu veröffentlichten. War diese Kontaktaufnahme nicht möglich, wurde die Umfrage direkt auf der Facebook-Seite gepostet. Die Rekrutierungsmethode ermöglichte einerseits eine gezielte Ansprache der Partisan-Gruppen, hat aber andererseits eine nicht-repräsentative Stichprobe der beiden Meinungslager zur Folge. Die Ergebnisse können also nicht auf alle Gegner*innen und Befürwor- 3. 3.1 Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 228 ter*innen von Zuwanderung in Deutschland übertragen werden, was bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss. Datengrundlage Insgesamt haben 245 Probanden die Umfrage beendet. Davon konnten 90 Befragte als Gegner*innen von Zuwanderung und 134 Befragte als Befürworter*innen von Zuwanderung identifiziert werden (siehe Kapitel 3.3). Die restlichen 21 Befragten wurden von der Analyse ausgeschlossen, da keine eindeutige Einordnung in eines der Meinungslager möglich war. Die befragten Gegner*innen und Befürworter*innen von Zuwanderung waren in etwa gleich alt, kamen fast ausschließlich aus den alten Bundesländern, hatten eine ähnlich intensive Facebook-Nutzung, ein ähnlich homogenes Umfeld1 und ein ähnlich hohes Interesse am Thema Flüchtlinge (siehe Tabelle 1). In einigen Merkmalen unterschiedlich sich die beiden Gruppen: Im Vergleich zu den Befürworter*innen waren die Gegner*innen überwiegend männlich, hatten etwas seltener einen Hochschulabschluss, hatten eine politische Einstellung im eher rechten Bereich des politischen Spektrums und ein etwas höheres allgemeines politisches Interesse. Zudem gaben sie an, „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebook seltener zu rezipieren.2 3.2 1 Die Probanden sollten auf die Frage „Welche Personengruppen vertreten dieselbe Meinung zum Thema Flüchtlinge wie sie?“ fünf Gruppen einschätzen: „meine Familie“, „meine engsten Freunde“, „meine Facebook-Freunde“, „meine Kollegen“ und „Bekannte und Nachbarn“ (Indexbildung aus diesen Items; α = 0,70; 1 = überhaupt nicht bis 5 = voll und ganz). 2 Lineare Regressionsanalysen unter Gegner*innen (R2 = 0,39; p < 0,001; n = 65) und Befürworter*innen (R2 = 0,22; p < 0,05; n = 99) zeigen, dass die eingeschätzte Rezeptionshäufigkeit von „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebook von verschiedenen Merkmalen beeinflusst wird: Je intensiver Gegner*innen (ß = 0,39; p < 0,001) und Befürworter*innen (ß = 0,34; p < 0,001) Facebook nutzen, desto häufiger glauben sie, „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebook zu rezipieren. Gegner*innen geben an, „Fake News“ häufiger wahrzunehmen, je negativer ihre Einstellung gegenüber Flüchtlingen ist (ß = –0,47; p < 0,001) und je größer ihr Interesse am Thema Flüchtlinge ist (ß = 0,31; p < 0,05). Die eingeschätzte Rezeptionshäufigkeit von „Fake News“ wird in beiden Gruppen nicht durch Geschlecht, Bildung, Wohnort, politische Links-Rechts-Einstellung, allgemeines politisches Interesse und Homogenität des eigenen Umfeldes beeinflusst. Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 229 Charakterisierung der Stichproben Gegner*innen von Zuwanderung (n = 80–90) Befürworter*innen von Zuwanderung (n = 113–134) Geschlecht (weiblich) 27,8% 56,0% Bildung (Hochschulabschluss) 30,0% 48,5% Wohnort (alte Bundesländer) 92,5% 90,0% Alter (in Jahren) M = 41,1; SD = 13,9 M = 43,0; SD = 13,7 Politische Links-Rechts- Einstellunga M = 7,14; SD = 1,86 M = 2,60; SD = 1,35 Politisches Interesseb M = 4,70; SD = 0,57 M = 4,50; SD = 0,64 Interesse am Thema Flüchtlingec M = 4,56; SD = 0,73 M = 4,57; SD = 0,71 Homogenes Umfeld M = 3,70; SD = 0,77 M = 3,55; SD = 0,54 Tägliche Facebook-Nutzung (in Stunden) M = 1,80; SD = 1,22 M = 1,96; SD = 1,15 Eingeschätzte Rezeptionshäufigkeit von „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebookd M = 3,03; SD = 1,08 M = 4,21; SD = 0,98 Anmerkungen: Prozentangaben, Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD); a von 1 = links bis 10 = rechts; b von 1 = gar nicht bis 5 = sehr stark; c von 1 = interessiert mich überhaupt nicht bis 5 = interessiert mich sehr; d von 1 = nie bis 5 = sehr häufig. Zentrale Variablen Um die Hypothesen zu testen und die Forschungsfrage zu beantworten, wurden die folgenden Variablen erhoben. Einstellung gegenüber Flüchtlingen: Die Einstellung der Befragten gegen- über Flüchtlingen wurde mit neun Items3 gemessen. Die Items wurden teilweise umcodiert und zu einem Einstellungs-Index verrechnet (α = 0,96; Tabelle 1: 3.3 3 Die Items wurden in Anlehnung an Arlt und Wolling (2016) sowie Merten und Dohle (2019) entwickelt und um eigene Items ergänzt: „Hat Deutschland durch die Zuwanderung von 1) Flüchtlingen ganz allgemein, 2) Wirtschaftsflüchtlingen, 3) Flüchtlingen aus Krisengebieten mehr Nachteile oder mehr Vorteile?“ (1 = deut- Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 230 1 = sehr negative Einstellung bis 5 = sehr positive Einstellung). In Anlehnung an Merten und Dohle (2019) wurden Befragte mit einem Indexwert von ≤ 2,5 als Gegner*innen von Zuwanderung definiert (M = 1,50; SD = 0,41), Befragte mit einem Indexwert von ≥ 3,5 als Befürworter*innen (M = 4,19; SD = 0,39). Die Einstellungen der beiden Gruppen gegenüber Flüchtlingen unterschieden sich signifikant voneinander (t(222) = –50,16; p < 0,001). Wahrnehmungen und Beurteilungen von Desinformationen über Flüchtlinge: Da der Begriff „Fake News“ in der Öffentlichkeit gebräuchlicher ist als „Desinformationen“, wurden die Befragten nach ihren Wahrnehmungen und Beurteilungen zu „Fake News“ befragt. Da der Begriff „Fake News“ aber mehrdeutig zu verstehen ist (z. B. Egelhofer/Lecheler 2019), wurden den Befragten eine Definition präsentiert, die sich an bestehenden Definitionen orientiert (Humprecht 2019; Sängerlaub et al. 2018, Zimmermann/ Kohring 2018) und vom Verständnis her mit dem im vorliegenden Text verwendeten Begriff der „Desinformation“ übereinstimmt.: „Fake News“ wurden definiert als „absichtlich produzierte Falschmeldungen im Stil einer Nachricht, die sich möglichst rasch verbreiten sollen und mit denen der Absender das Meinungsbild zu einer Person, einem Thema, einer Organisation oder einem Ereignis beeinflussen will“. Nach der Präsentation der Definition wurden die Befragten nach ihren Wahrnehmungen und Beurteilungen von „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebook befragt. Konkret wurden die Befragten gebeten, ihre Einschätzung anzugeben, • … ob Flüchtlinge in „Fake News“ auf Facebook häufiger negativ oder positiv dargestellt werden (1 = häufiger negativ bis 5 = häufiger positiv); • … wie hoch die Reichweite von „Fake News“ auf Facebook ist, die Flüchtlinge a) positiv darstellen und die Flüchtlinge b) negativ darstellen (1 = niedrig bis 5 = sehr hoch); • … wie stark der Einfluss von „Fake News“ über Flüchtlinge auf Facebook ist – und zwar a) auf die eigene Person, b) auf Menschen, die sich lich mehr Nachteile bis 5 = deutlich mehr Vorteile); 4) „Ich finde, ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland kann die angemessene Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen gut leisten“; 5) „Ich glaube, dass Flüchtlinge langfristig auf dem deutschen Arbeitsmarkt gebraucht werden“; 6) „Ich sehe es als Deutschlands humanitäre Pflicht an, Flüchtlinge aus Krisengebieten aufzunehmen und angemessen zu versorgen“; 7) „Ich glaube, dass durch die verstärkte Zuwanderung von Flüchtlingen die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt größer wird“ (recodiert); 8); „Ich glaube, dass mit der Zuwanderung von Flüchtlingen die Sicherheit in Deutschland bedroht wird“ (recodiert); 9) „Ich bin der Meinung, dass die kulturellen und/oder religiösen Differenzen zwischen Flüchtlingen und Deutschen zu groß sind“ (recodiert; 1 = stimme überhaupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu). Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 231 für Flüchtlinge einsetzen, und c) auf Menschen, sie sich gegen die Zuwanderung von Flüchtlingen einsetzen (1 = überhaupt kein Einfluss bis 5 = sehr starker Einfluss); • … was sie von verschiedenen Interventionsmöglichkeiten halten und zwar von a) neuen Gesetzen zur schnelleren Löschung von „Fake News“, b) der Verpflichtung von Facebook zum Löschen von „Fake News“ und c) einer stärkeren Aufklärung durch Massenmedien4 (1 = stimme überhaupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu). Ergebnisse Die Hypothesen und die Forschungsfrage wurden mit Mittelwertvergleichen getestet. Nach H1 sollten sich die Anhänger*innen der beiden Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte in ihrer Auffassung unterscheiden, wie positiv oder negativ Flüchtlinge in Desinformationen auf Facebook dargestellt werden. Tatsächlich zeigt sich: Die Wahrnehmungen der beiden Meinungslager unterscheiden sich signifikant voneinander (t(114,70) = – 18,20; p < 0,001). Befürworter*innen von Zuwanderung nehmen wahr, dass Flüchtlinge in Desinformationen deutlich häufiger negativ als positiv dargestellt werden (M = 1,21; SD = 0,56). Gegner*innen von Zuwanderung nehmen dagegen wahr, dass Flüchtlinge in Desinformationen häufiger positiv als negativ dargestellt werden (M = 3,71; SD = 1,22). H1 kann demnach bestätigt werden. Die beiden Meinungslager schätzen auch die Reichweite von Desinformationen, die Flüchtlinge positiv darstellen (t(222) = –14,66; p < 0,001) und die Flüchtlinge negativ darstellen (t(137,50) = 14,47; p < 0,001) unterschiedlich ein, und zwar in der erwarteten Richtung: Gegner*innen von Zuwanderung schätzen die Reichweite von Desinformationen, die Flüchtlinge positiv darstellen, deutlich höher ein (M = 4,06; SD = 1,11) als Befürworter*innen von Zuwanderung (M = 1,96; SD = 1,01). Desinformationen, die Flüchtlinge negativ darstellen, werden dagegen von Befürworter*innen von Zuwanderung (M = 4,51; SD = 0,72) als reichweitenstärker eingeschätzt als von Gegner*innen von Zuwanderung (M = 2,72; SD = 1,13). Folglich können H2a und H2b bestätigt werden. Zudem zeigt sich, dass Gegner*innen (F(2, 267) = 20,98; p < 0,001) und Befürworter*innen von Zuwanderung (F(2, 399) = 473,38; p < 0,001) den 4. 4 Index bestehend aus vier Items: private TV-Sender, öffentlich-rechtliche TV-Sender, Zeitungen und Radio (α = 0,96). Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 232 Einfluss von Desinformationen über Flüchtlinge auf Facebook auf die eigene Person, auf Anhänger*innen des eigenen Meinungslagers und auf Anhänger*innen des anderen Meinungslagers unterschiedlich hoch einschätzen (siehe Abbildung 1). 1,87 1,57 2,69 1,99 2,99 4,57 1 2 3 4 5 Gegner*innen Befürworter*innenW ah rg en om m en er E in flu ss Einfluss auf die eigene Person Einfluss auf Befürworter*innen Einfluss auf Gegner*innen Wahrgenommener Einfluss von Desinformationen über Flüchtlinge5 Bei den Befürworter*innen von Zuwanderung ergeben sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen in erwarteter Weise: Der wahrgenommene Einfluss von Desinformationen steigt mit der Distanz der einzuschätzenden Gruppe.6 Dagegen weichen die Ergebnisse unter den Gegner*innen von Zuwanderung zum Teil von den Erwartungen ab: Zwar schätzen die Gegner*innen von Zuwanderung den Einfluss von Desinformationen über Flüchtlinge auf sich selbst geringer ein als auf die Anhänger*innen des eigenen und des anderen Meinungslagers (Scheffé-Prozedur: jeweils p < 0,001). Allerdings gehen die Gegner*innen auch davon aus, dass die Anhänger*innen des eigenen Meinungslagers etwas stärker von Desinformationen beeinflusst werden als die Anhänger*innen des anderen Meinungslagers (kein signifikanter Unterschied). H3 kann demnach vollständig für die Befürworter*innen von Zuwanderung bestätigt werden, aber nur teilweise für die Gegner*innen von Zuwanderung. Die Daten verdeutlichen außerdem: Im Vergleich zu Gegner*innen von Zuwanderung unterstützen die Befürworter*innen von Zuwanderung stär- Abbildung 1: 5 Anmerkungen zur Abbildung 1: Mittelwerte (1 = überhaupt kein Einfluss bis 5 = sehr starker Einfluss); n Gegner*innen = 90; n Befürworter*innen = 134). 6 Post-Hoc-Analysen (Scheffé-Prozedur) zeigen, dass sich die Einschätzungen der Befürworter*innen zwischen allen Gruppen signifikant unterscheiden (p < 0,001). Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 233 ker Maßnahmen zur Erkennung von Desinformationen sowie Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung von Desinformationen. Konkret sind Befürworter*innen deutlich stärker als Gegner*innen der Meinung, dass eine stärkere massenmediale Aufklärung über Desinformationen nötig sei (M = 4,59; SD = 0,68 vs. M = 2,68; SD = 1,36; t(119,13) = 12,30; p < 0,001), dass es neue Gesetze zur schnelleren Löschung von Desinformationen brauche (M = 4,12; SD = 1,06 vs. M = 1,91; SD = 1,37; t(158,05) = 12,90; p < 0,001) und dass Facebook zum Erkennen und Löschen von Desinformationen verpflichtet werden müsse (M = 4,20; SD = 1,02 vs. M = 1,83; SD = 1,24; t(165,70) = 14,99; p < 0,001). Ein Grund für die unterschiedlich starke Zustimmung zu Interventionsmöglichkeiten könnte darin liegen, dass Gegner*innen und Befürworter*innen Desinformationen unterschiedlich bewerten. Befürworter*innen bewerten Desinformationen im Vergleich zu Gegner*innen beispielsweise deutlich stärker als Bedrohung für die Demokratie (M = 4,10; SD = 1,09 vs. M = 2,38; SD = 1,36; t(162,16) = 10,05; p < 0,001) und vermuten weitaus deutlicher, dass es durch Desinformationen für Flüchtlinge gefährlich werden könnte (M = 4,34; SD = 0,96 vs. M = 1,74; SD = 1,01; t(222) = 19,45; p < 0,001). Gegner*innen von Zuwanderung geben dagegen stärker als Befürworter*innen an, dass sie die Aufregung über Desinformationen nicht verstehen (M = 3,10; SD = 1,28 vs. M = 1,49; SD = 0,99; t(158,24) = –10,04; p < 0,001). Fazit Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass ein Rückgriff auf psychologische und kommunikationswissenschaftliche Ansätze auch im Kontext der Wahrnehmung und Beurteilung von Desinformationen gewinnbringend ist. Die unterschiedlichen Meinungslager in der Flüchtlingsdebatte nehmen Desinformationen auf mehreren Dimensionen sehr unterschiedlich wahr und offenbaren zudem abweichende Beurteilungen möglicher Gegenstrategien. Zentral erscheint dabei die Wahrnehmung, dass Desinformationen aus Sicht der Befragten primär Hinweise enthalten, die der eigenen Position diametral entgegenstehen – im vorliegenden Fall handelt es sich um die Darstellung und Beurteilung von Flüchtlingen. Weitergeführt bedeutet dies: Desinformationen kommen offensichtlich aus Sicht der Anhänger*innen beider Meinungslager vorrangig von den Anderen, also aus dem jeweiligen Gegenlager. Das kann einerseits an deutlich voneinander abweichenden News-Feeds liegen, weswegen Anhänger*innen unterschiedlicher Mei- 5. Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 234 nungslager möglicherweise tatsächlich häufiger Desinformationen der Gegenseite sehen. Anderseits ist es möglich (und vermutlich wahrscheinlicher), dass Informationen, die nicht der eigenen Meinung entsprechen, für eher unwahr gehalten werden – und darüber hinaus für reichweitenstark und einflussreich. Somit deuten die vorliegenden Daten darauf hin, dass in einer Kontroverse ethisch problematisches und folgenreiches Verhalten eher der Gegenseite zugeschrieben wird. Ehrliches und wahrheitsgetreues Handeln gilt nicht nur aus medienethischer Perspektive, sondern auch aus der Sichtweise des Diskurses zur Qualität in der öffentlichen Diskussion als zentrales und anzustrebendes Kriterium. Offenbar sehen auch die Anhänger*innen der beiden Meinungslager dieses Kriterium mit Blick auf die über Facebook verbreiteten Inhalte als verletzt an, aber weniger von ihnen selbst. Offen muss bleiben, wie zu erklären ist, dass aus Sicht der Befragten deutlich weniger Desinformationen verbreitet werden, deren Kernaussagen der eigenen Meinung entsprechen. Werden solche Desinformationen schlichtweg nicht erkannt, wenn sie (vermeintlich) die eigene Position stützen (z.B. Sängerlaub et al. 2018)? Werden sie bagatellisiert und möglicherweise als verkürzte und zugespitzte, aber eben nicht grundlegend falsche Informationen aufgefasst? Oder werden sie bisweilen sogar als „Notlüge“, als eine Art Corrective Action (Rojas 2010) in einem Meinungskampf akzeptiert, in dem sich hochinvolvierte Gruppen gezwungen sehen, der als verwerflich empfundenen Kommunikation der jeweiligen Gegenseite entgegenzutreten? Ethisch problematisches Verhalten würde in diesem Fall damit verharmlost oder begründet, dass es der als richtig empfundenen Sache dient. Unstrittig bleibt: Sowohl die bewusste Verbreitung von Desinformationen mit dem Ziel, die Meinungen anderer Personen zu beeinflussen, als auch die ungewollte Verbreitung von Desinformationen, wenn diese als solche nicht aufgefasst werden, ist ethisch problematisch. Die Online-Welt im Allgemeinen und soziale Netzwerke wie Facebook im Speziellen eröffnen (zumindest in demokratischen Gesellschaften) allen Bürger*innen die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern. Diese Freiheit kann zu einer breiteren Partizipation in öffentlichen Diskursen und zu mehr Vielfalt mit Blick auf beteiligte Personengruppen und verbreitete Positionen führen. Die Freiheit setzt aber auch voraus, dass diejenigen, die sich an der öffentlichen Kommunikation beteiligen, ein Verantwortungsbewusstsein entwickeln – und somit auch ein kritisches Bewusstsein darüber, ob alles, was sie selbst öffentlich verlautbaren, auch legitim und in ethischer Hinsicht vertretbar ist. Deutet man die Resultate der vorliegenden Untersuchung und vergleicht sie unter anderem mit der Erkenntnis, dass Desinformationen häufig verwendet werden, um Migrant*innen in Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 235 ein schlechtes Licht zu rücken (z.B. Humprecht 2019), dann wäre insbesondere unter den Gegner*innen von Zuwanderung eine intensivere Reflexion wünschenswert. Sollte sich in weiteren Untersuchungen der Befund erhärten, dass Menschen Desinformationen zwar über soziale Netzwerke weiterverbreiten, sie diese aber nicht unbedingt als solche erkennen, wenn sie die eigene Meinung bestätigen, dann wäre dies auch aus einer medienpolitischen Perspektive und vor allem für die sozialen Netzwerke selbst relevant. Wenn Nutzer*innen Desinformationen oft nicht erkennen oder sie gar als notwendiges Mittel in einem Meinungskampf betrachten (weil, so die Ansicht, es „die Anderen“ ja auch machen), dann muss bei sozialen Netzwerken wie Facebook ein noch intensiveres Verständnis darüber entwickelt werden, inwiefern sie selbst in der ethischen Pflicht sind, gegen Desinformationen vorzugehen. Zwischen den beiden Meinungslagern in der Flüchtlingsdebatte herrscht über solche Interventionsmöglichkeiten gegen Desinformationen offensichtlich kein Konsens. Aufklärung, strengere Gesetze oder die Verpflichtung von Anbietern wie Facebook zur Löschung von Desinformationen werden deutlich stärker von Befürworter*innen von Zuwanderung befürwortet als von den Gegner*innen. Vielleicht, weil die Erstgenannten, darauf deuten die vorliegenden Daten hin, substanziellere Bedrohungen durch Desinformationen wahrnehmen. Vielleicht auch, weil die Gegner*innen von Zuwanderung auch angesichts einer als feindlich betrachteten journalistischen Berichterstattung (z.B. Merten/Dohle, 2019) für sich die Möglichkeiten bewahren wollen, über Online-Kanäle möglichst ungefiltert ihre Sicht der Dinge darzustellen – unabhängig davon, wie faktenbasiert diese jeweilige Sicht ist. Die Studie hat allerdings einige Limitationen. Beispielsweise sind die Fallzahlen gering und die Daten außerdem nicht repräsentativ für alle Gegner*innen und Befürworter*innen von Zuwanderung in Deutschland. Darüber hinaus wurde der Großteil der Variablen mit jeweils nur einem Item erhoben, wodurch die Qualität der Messungen eingeschränkt sein kann. Nichtsdestotrotz haben die Ergebnisse der Studie wichtige Implikationen für die Erforschung von Desinformationen: Derzeit untersuchen viele Experimentalstudien die Effektivität und Akzeptanz von Maßnahmen zur Eindämmung von Desinformationen – häufig auf Grundlage von Studierendensamples oder bevölkerungsrepräsentativen Studien (im Überblick: Lewandowsky et al. 2017, Peter/Koch 2019, Steinebach et al. 2020). Da aber Menschen mit starken Voreinstellungen häufiger (Des)Informationen über soziale Netzwerke verbreiten als Menschen mit weniger starken Vor- Ole Kelm, Marco Dohle und Natalie Ryba 236 einstellungen (Kalogeropoulos et al. 2017), sollten diese hochinvolvierten Gruppen bei der Erforschung von Gegenmaßnahmen stärker in den Blick genommen – sowohl in Untersuchungen mit experimentellen Designs als auch in Längsschnittstudien. Denn wie die vorliegende Studie zeigt, nehmen Personen mit hohem Involvement und eindeutigen Voreinstellungen themenspezifische Desinformationen unterschiedlich wahr und beurteilen Maßnahmen zur Bekämpfung von Desinformationen unterschiedlich. Wird dies bei der Einführung von Interventionsmöglichkeiten nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass die Maßnahmen ins Leere laufen oder gar zu Reaktanz und gegenteiligen Effekten führen – etwa, wenn sich die Vertreter*innen von Meinungslagern in ihrer Freiheit beraubt sehen, auf eine zwar in ethischer Hinsicht höchst problematische, aber aus ihrer Sicht notwendige Art und Weise öffentlich zu kommunizieren. Literaturverzeichnis Allcott, Hunt / Gentzkow, Matthew (2017): Social Media and Fake News in the 2016 Election. In: Journal of Economic Perspectives 31 (2), S. 211–236. Arendt, Florian / Haim, Mario / Beck, Julia (2019): Fake News, Warnhinweise und perzipierter Wahrheitsgehalt: Zur unterschiedlichen Anfälligkeit für Falschmeldungen in Abhängigkeit von der politischen Orientierung. In: Publizistik 64 (2), S. 181–204. Arlt, Dorothee / Wolling, Jens (2016): The Refugees: Threatening or Beneficial? 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Diese „Fake News“ kommen doch von den Anderen! 239 Teil 4 Wahrheit im Journalismus: Ethische Problemfelder und praktische Lösungen im Kampf gegen Desinformation Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus Saskia Sell und Bernd Oswald Abstract Das Prüfen und Verifizieren von Inhalten gehört zum Kern journalistischer Recherchearbeit. Diese Praktiken tragen dazu bei, dass Journalismus als soziales System der Wissensproduktion wahrgenommen wird, und dass ihm Autorität im öffentlichen Diskurs zugeschrieben wird. Voraussetzung dafür ist, dass der Journalismus dem Anspruch an wahrheitsgemäße Berichterstattung gerecht wird. In den letzten Jahren haben sich spezialisierte redaktionelle Teams gebildet, die Verifikation von ausgewählten Online- Inhalten in den Vordergrund stellen. Sie können Orientierung in einem sich kontinuierlich ausdifferenzierenden netzöffentlichen Kommunikationsraum aus traditionell journalistischen Medien und Social Media bieten und zirkulierenden Gerüchten, Falschmeldungen oder gezielter Desinformation auf den Grund gehen. Eines dieser Teams ist der #Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks, dessen Arbeit hier exemplarisch reflektiert wird. Die Auseinandersetzung mit für dieses Praxisfeld relevanten wahrheitstheoretischen Ansätzen erfolgt in Kombination mit ersten empirischen Erkenntnissen zu den zentralen Herausforderungen. Anhand von konkreten Beispielen erläutert der Beitrag die Verifikation von Online-Inhalten und den Umgang mit zentralen Tools, die diese erleichtern. So werden die kommunikationswissenschaftliche und die journalismuspraktische Perspektive miteinander verknüpft. Einleitung: Verifikation – Die journalistische Praxis des Wahrmachens Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind konstitutive Kennzeichen öffentlicher Kommunikation. Sie sind zugleich Qualitätskriterien und Grundwerte journalistischer Praxis und bieten eine Basis für lebensweltliche Orientierung (Bentele 2016). In ihrem Essay Wahrheit und Politik (1967) verdeutlicht Hannah Arendt die Abgrenzung von überprüfbaren Fakten und argumentierbaren Meinungen in der politischen Öffentlichkeit. Beide sind fester Bestandteil journalistischer Veröffentlichungen. Arendt schreibt: „Mit 1. 243 unwillkommenen Meinungen kann man sich auseinandersetzen, man kann sie verwerfen oder Kompromisse mit ihnen schließen; unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann“ (Arendt 2015: 61). Die journalistische Verifikation, das Überprüfen und Bestätigen oder Korrigieren von Informationen, gehört zu den Kernaufgaben der Recherchearbeit. Im Fokus stehen dabei eben jene Tatbestände oder Tatsachen und Fakten, die einer kritischen Überprüfung, einem Faktencheck, standhalten können – auch jenseits divergierender Meinungslager. Verschiedene Verifikationspraktiken tragen als „Essenz des Journalismus“ (Kovach/Rosenstiel 2014: 98) dazu bei, dass dieser als eigenständiges System der Wissensproduktion wahrgenommen wird (Hermida 2012: 661) und dass ihm Autorität im Sinne von Informationskompetenz und Deutungsmacht zugesprochen wird. Die Praxis des Verifizierens, des auf seine Richtigkeit hin Überprüfens, bzw. des Wahrmachens, wenn man den Begriff auf seinen lateinischen Ursprung zurückverfolgt, unterscheidet Journalismus von anderen Formen öffentlicher Kommunikation wie Public Relations, Werbung, Propaganda, Gerüchten oder Fiktionen. Diese basale Form journalistischer Recherche wird in digitalen Öffentlichkeiten insbesondere durch die allgegenwärtige Nutzung von Social-Media-Publikationsplattformen herausgefordert. Zugleich liefern diese Plattformen aber auch Material, um öffentliche Äußerungen zu überprüfen und Ereignisverläufe durch Formen des Citizen Journalism oder des Crowdsourcing nachzuzeichnen, bei denen man nicht selbst vor Ort gewesen ist. Parallel zum Medienwandel verändern sich Wege und Möglichkeiten der Verifikation. Die damit verbundenen Recherchepraktiken gestalten diesen zugleich mit. Ein Streben nach Wahrheit und eine starke Orientierung an der medienethischen Norm der Wahrhaftigkeit (u.a. Heesen 2008, Altmeppen et al. 2015), der subjektiven Überzeugung, sich mit seiner Äußerung im Wahren zu befinden, bleiben für den klassischen Journalismus, der informieren, erklären, hinterfragen und einordnen will, handlungsleitend. Will Journalismus zukunftsfähig bleiben, gilt es „Informationen zu sortieren, Wichtig von Unwichtig zu trennen, zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden und das aus dem Dickicht zutage zu fördern und einzuordnen, was ans Licht gehört“ (Borchardt 2020: 142f). Bereits etablierte Recherchepraktiken sind für eben diese Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fälschung, Lüge oder Desinformation auch im veränderten Medienumfeld relevant, das Handlungsfeld wird jedoch weiter ausdifferenziert (u.a. Primbs 2018). In diesem Beitrag widmen wir uns aktuellen, etablierten und neuen Strategien und Praktiken der Verifikation im Onlinejournalismus aus Saskia Sell und Bernd Oswald 244 kommunikationswissenschaftlicher sowie aus journalismuspraktischer Sicht.1 Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff im Kontext der journalistischen Recherche und mit bestehender empirischer Forschung zu diesem Teilbereich journalistischen Handelns werden konkrete Verifikationspraktiken aus der Arbeit für den Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks beschrieben und kommunikationswissenschaftlich reflektiert. Auf diese Weise werden Wissenschaft und Praxis miteinander verknüpft. Theorie: Überlegungen zur Verknüpfung von Korrespondenz- und Kohärenzwahrheit in der journalistischen Verifikations-Praxis In der Auseinandersetzung mit Wahrheit im journalistischen Diskurs wird zum Teil ein intuitiver, alltäglicher Wahrheitsbegriff verwendet, der nah an abbildtheoretische Vorstellungen von journalistischer Tätigkeit heranrückt. Journalistische Selbstdarstellung und Positionierung trägt zu diesem Verständnis bei – man denke beispielsweise an das Foyer des Spiegel-Gebäudes in Hamburg, in dem „Sagen, was ist” als Leitmotiv an der Wand steht. Hier wird suggeriert, Journalismus könne es leisten, eine in irgendeiner Form außerhalb bestehender Diskurse und zirkulierender Ideologien stehende Realität darzustellen – im wortwörtlichen Sinne also objektiv Bericht zu erstatten, Ereignisverläufe unvoreingenommen abzubilden, bzw. eine möglichst wirklichkeitsnahe Repräsentation der als relevant erachteten Teile des Weltgeschehens zu produzieren. Dass die zugrunde gelegten Relevanzkriterien wandelbar sind und immer auch mit den gesellschaftlichen und redaktionsinternen (Macht-) Verhältnissen, in denen sie formuliert werden, interagieren, sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt, gehört aber ausführlicher in die Bereiche der Nachrichtenwertforschung, der Forschung zu journalistischen Entscheidungsprozessen und der kritischen Diskursforschung. Wir konzentrieren uns auf den Umgang mit der angestrebten Faktizität und den Formen des Bewahrheitens in der informationsjournalistischen Praxis. Am Anspruch einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung und einer größtmöglichen, dabei nie vollständig erreichbaren Objektivität wird 2. 1 Dr. Saskia Sell ist Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Publizistikund Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Bernd Oswald arbeitet als Medientrainer und freier Journalist in München – unter anderem für den #Faktenfuchs. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 245 nachrichtliche, informationsjournalistische Leistung nach wie vor bemessen (vgl. u.a. Voigt 2016, Wunden 1996). An diesem Wert orientiert sich auch der Bereich der Medienkritik und der Medienselbstkontrolle, der auf mangelnde Gründlichkeit und fehlende Sorgfalt bei der Recherche und auf nicht wahrheitsgemäße Darstellung der Dinge aufmerksam macht und auf professionsethischer Ebene als Form der journalistischen Selbstregulierung auch sanktioniert. Um dem Anspruch, der auch konstitutiver Bestandteil des journalistischen Selbstverständnisses ist (Steindl et al. 2017: 419) gerecht zu werden, wurden in langer Tradition Praktiken entwickelt, die eine Annäherung an diese Form des mediatisierten Realismus ermöglichen. Als Beispiele seien hier das Zwei-Quellen-Prinzip, die eigene Vor- Ort-Recherche, oder die genaue Prüfung von Quellen und vorliegenden Dokumenten genannt, oder dass in Konfliktfällen möglichst alle am Konflikt beteiligten oder von ihm betroffenen Parteien zu Wort kommen können, um unterschiedliche Sichtweisen auf das, „was ist”, transparent und öffentlich zu machen. Die vom Deutschen Presserat als freiwillige Selbstkontrolle der Printund Onlinemedien kodifizierte Berufsethik beginnt dieser Perspektive entsprechend in Ziffer 1 mit: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse” (Deutscher Presserat 2017). Die dahinter liegende Form des Realismus entspricht am ehesten dem wahrheitstheoretischen Konzept der Korrespondenzwahrheit, deren Wesenskern die Entsprechung oder Übereinstimmung zwischen der Welt und ihrer sprachlichen Beschreibung ist (Baumann 2006: 155, Bentele 2016: 59, vgl. auch Schantz 2006). Ein Satz, eine Äußerung, ein Urteil oder eine Überzeugung (Philosophinnen und Philosophen sprechen hier von Propositionen) ist gemäß dieser Wahrheitstheorie dann wahr, wenn der kommunizierte Inhalt, die kommunizierte Bedeutung, mit einer Tatsache in der Welt jenseits des medialen Diskurses korrespondiert. Ob dies der Fall ist, kann mithilfe sorgfältiger journalistischer Recherche im Kontext von im Sachgehalt eindeutigen Dingen überprüft werden. Jede Interpretation, Bewertung, (politischideologische) Einordnung oder Kritik geht darüber hinaus. Wahrheit ist das, was mit Fakten übereinstimmt. Ihre medienöffentliche Repräsentation und gesellschaftliche Aushandlung hat dabei aber auch relationalen, intersubjektiven Charakter (vgl. Ess in diesem Band). Jenseits dieser Form der Übereinstimmung spielen weitere wahrheitstheoretisch modellierte Konzepte eine Rolle für die Verifikation von journalistischen Inhalten. Die Seriosität und Vertrauenswürdigkeit der Quelle beispielsweise, Faktoren also, die stark auf Erfahrungswissen und professioneller Sozialisation basieren. Ebenso die Plausibilität der Äußerung, ihre Saskia Sell und Bernd Oswald 246 rationale Akzeptierbarkeit und ihre Kohärenz. Wahrheit wird in diesem Theoriestrang gleichgesetzt mit Erkennbarkeit oder eben Verifizierbarkeit (Baumann 2006: 173). Zentral ist für die journalistische Verifikationspraxis neben diesen Faktoren und der Korrespondenzwahrheit also auch die Kohärenzwahrheit. Der Kohärenztheorie folgend ist etwas wahr, wenn es logisch konsistent und nicht widersprüchlich ist und die geäußerten Überzeugungen „miteinander zu tun haben“ (Baumann 2006: 175), also in einem Bedeutungszusammenhang stehen. Auch das lässt sich durch journalistische Verifikationspraktiken überprüfen und offenlegen. Diesen wahrheitstheoretischen Konzepten steht in der Journalismusforschung das konstruktivistische Paradigma entgegen, innerhalb dessen Wahrheit als Begriff und Konzept allerdings ausgeklammert und stattdessen nahezu ausschließlich von medial konstruierter und per se kontingenter Wirklichkeit gesprochen wird.2 Der kommunikationswissenschaftliche Konstruktivismus steht damit der Theorie einer sogenannten Konsenswahrheit (Baumann 2006: 175, Seifert 2009: 197ff, auch Haarkötter 2017: 306) näher als der zuvor hier nur in knapper Form eingeführten Korrespondenz- oder Kohärenzwahrheit. Wahrheit wäre demnach eine soziale bzw. kommunikative Angelegenheit, wahre Aussagen wären das, was temporär in einem bestimmten soziokulturellen Setting für wahr gehalten und mehrheitlich als Wahrheit akzeptiert wird (Hepp et al. 2017: 199, Schmidt 2017: 213). Innerhalb dieses Theoriegebäudes wird auf jegliche Form des „Abgleichs“ mit einer außerhalb von Sprache oder Diskurs liegenden Realität verzichtet, bzw. ausgeschlossen, dass es eine diskursunabhängige Realität überhaupt gibt. Im klassischen Sinne wissenschaftliche, empirische Evidenz, Ergebnisse von einer vom Impetus der Wahrhaftigkeit getragenen, sorgfältiger, regelgeleiteten Recherche – die zumindest versucht, objektiv zu sein – sind hier weitere diskursiv produzierte, durch Praktiken etablierte, Konstruktionen. Nichts ist an sich wahr, es wird nur temporär etwas als wahr geglaubt oder ein Konsens für etwas hergestellt, wobei prinzipiell alles möglich ist. Das Konzept und der Begriff der Objektivität werden hier ebenfalls in Frage gestellt, sowohl als journalistisches Ziel als auch als Qualitätskriterium, an dem journalistische Arbeit bemessen wird. Neuberger (2017: 406) versucht, nach einer systematischen Auseinandersetzung mit dem kommunikationswissenschaftlichen Konstruktivismus, die Objektivitätsnorm mit den konstruktivistischen Denkweisen im Fach in Einklang zu bringen, in 2 Vgl. kondensiert zusammengetragen z.B. Hepp et al. 2017 und die entsprechende Schwerpunktausgabe der M&K, für die Medienethik vgl. u.a. auch Pörksen 2010. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 247 dem er einen „pragmatischen Theorierahmen für journalistische Objektivität“ entwickelt. In seiner synthetischen Herangehensweise ähnelt seine Argumentation der von Bentele (1996, 2016). Dieser verbindet in seinem „rekonstruktiven Ansatz“ ebenfalls beide Denkweisen. Er versteht „wahrheitsgemäße und objektive Berichterstattung“ als „adäquate Realitätskonstruktion“, die er für „normativ sinnvoll“ und für „faktisch realisierbar“, Verzerrungen in der journalistischen Darstellung für erkennbar hält (Bentele 1996: 135). Unter Rückgriff auf zahlreiche Arbeiten von McQuail sieht auch Neuberger Wahrheit als „weithin akzeptierten Wert“ im Kontext journalistischer Tätigkeit und das Erreichen selbiger „durch die Objektivitätsnorm sichergestellt“ (Neuberger 2017: 407). Journalismus selbst wird als „Kontext der Genese, Prüfung, Distribution und Akzeptanz von Wissen“ verstanden, der sein „Interesse an Ereignisse und Faktenwissen“ u.a. mit den historischen Wissenschaften und dem Rechtssystem teilt (Neuberger 2017: 417). Auch Haarkötter (2017) argumentiert in ähnlicher Weise, wenn er einen „gemäßigten Realismus“ oder einen „sanften Konstruktivismus“ vorschlägt, mit dem sich der journalistische Wahrheitsanspruch theoretisch fundieren „und damit objektive Faktizität und subjektiv gemeinten Sinn vereinen“ kann (Haarkötter 2017: 294). Die „Prüfung fremder Wissensansprüche“ gilt als zentraler Bestandteil „journalistischer Wissensarbeit“ (Neuberger 2017: 418). In diese Phase des journalistischen Arbeitsprozesses ist die Verifikation von Inhalten angesiedelt und in diesem theoretischen Kontext steht die Praxis des Überprüfens von Fakten und Informationen. Die journalistische Verifikationspraxis orientiert sich auch im Umfeld digital vernetzter Kommunikation an den hier knapp umrissenen Konzepten: an Wahrheit und Wahrhaftigkeit sowie an einer Objektivität, die nicht als absolut gesetzt wird, sondern als Ziel guter und glaubwürdiger journalistischer Praxis, bzw. als normativer Orientierungspunkt eine Rolle spielt. Ein Selbstverständnis als „Aufklärer“ wird in Patrick Gensings Reflexionen über „Fake News“ deutlich (Gensing 2019). Ähnlich wie im Fall des Faktenfinders der ARD Tagesschau3 werden neue Organisationsstrukturen und journalistische Praktiken herausgebildet, die den Faktencheck nicht nur zur üblichen redaktionellen Praxis sorgfältiger Recherche gehören lassen, sondern ihn auch im Output zur eigenen journalistischen Gattung bzw. zum eigenständigen Format werden lassen. 3 https://www.tagesschau.de/faktenfinder/ (Zugriff: 28.6.2020). Saskia Sell und Bernd Oswald 248 Empirie: Herausforderungen an die Arbeit von Online-Verifikationsteams im Journalismus Erste empirische Studien zur Verifikation von Online-Inhalten liegen bereits vor. So hat beispielsweise Wintterlin (2019) den Umgang mit digitalen Zeugnissen im Hinblick auf die Erzeugung und die Dynamik von Vertrauen und Misstrauen in der Krisenberichterstattung analysiert. Thematisch breiter aufgestellt haben Brandtzaeg et al. (2016) Verifikationspraktiken und -prozesse in journalistischen Redaktionen untersucht. Dabei wurden auch ausgewählte digitale Tools in den Blick genommen (Projekt RE- VEAL, 2013-2016). Die Forschungsgruppe stellte fest, dass vielen Journalistinnen und Journalisten in diesem Bereich noch Kenntnisse fehlten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Rauchfleisch et al. (2017), die sich mit der Verifikation von Twitter-Inhalten im Kontext des islamistischen Terroranschlags in Brüssel im März 2016 auseinandergesetzt haben. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass Twitter-Informationen breit genutzt wurden und dass das globale Mikroblogging-Netzwerk gerade für die Krisenkommunikation zu einer unersetzlichen Quelle avanciert ist. Die damit verbundene journalistische Verifikationspraxis variierte hier jedoch stark mit Blick auf Sorgfalt und fiel im untersuchten Sample oft mangelhaft aus (Rauchfleisch et al. 2017). Diese Lücke füllen spezialisierte Verifikations-Teams und Social-Media- Redakteure erst nach und nach (Brandtzaeg 2016: 331f, Brandtzaeg et al. 2018, u.a. auch Silverman 2015, Primbs 2018, Silverman/Wardle 2020). Dabei wird deutlich, dass traditionelle Recherchemethoden die derzeitige Verifikationsarbeit weiterhin mitprägen – insbesondere die direkte Kontaktaufnahme mit den Quellen bleibt zentral (Van Leuven et al 2018: 802; Brandtzaeg et al. 2016: 330ff). Die Praxis des Wahrmachens bleibt auch im digitalen Medienumfeld herausfordernd (u.a. Lecheler/Kruikemeier 2016), obwohl neue Recherchetools die Arbeit erleichtern. Eine zentrale Herausforderung besteht in einer gewissen Abhängigkeit von und einem zugleich großen Vertrauen in Suchmaschinen und deren Informationsarchitektur (Lecheler/Kruikemeier 2016: 164). Gerade für Social-Media-Inhalte ist ein mehrschrittiges Vorgehen bei der Überprüfung der faktischen Richtigkeit der transportierten Inhalte wichtig, um der innerhalb der Berufsethik verankerten Sorgfaltspflicht ebenso gerecht zu werden wie den Anforderungen des Publikums an aktuelle, ausführliche, glaubwürdige, sachliche und unabhängige Berichterstattung (Fawzi 2020). Wie werden sich neu etablierende Online-Fact-Checking und Verifikationsservices im eigenen Feld und vom Publikum wahrgenommen? Bislang sehen sowohl Journalistinnen und Journalisten selbst als auch Social-Me- 3. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 249 dia-User Dienste wie FactCheck.org, Snopes, StopFake oder auch TinEye als ambivalente Erweiterungen für ihr eigenes Medienhandeln (Brandtzaeg et al. 2018). Sie werden im Prozess journalistischer Recherche zwar als nützlich bewertet, aber nicht als allein ausreichend gesehen, um den Wahrheitsgehalt von Informationen zu bestimmen. Es zeigt sich eine gewisse Skepsis gegenüber den hier angesprochenen Angeboten (Brandtzaeg et al. 2018: 1122) und zum Teil auch fehlendes Vertrauen, um zumindest einen Teil der Verantwortung an einen Drittanbieter in der Recherche zu übertragen, was mit einem Kontrollverlust über den Verlauf der Recherche einhergeht. Zur Erstinformation und Sensibilisierung zu bestimmten Themen erscheinen sie aber durchaus nützlich – um dann weitere Verifikationspraktiken in die eigene Recherche zu integrieren. Social-Media- User halten diese Services ebenfalls für nützlich, zweifeln die Zuverlässigkeit der hier untersuchten Beispiele teilweise aber auch mit Blick auf potenziellen politischen Bias an (Brandtzaeg et al. 2018: 1123). Aus der experimentellen Medienpsychologie wissen wir, dass die Art, wie etwas richtiggestellt wird, ausschlaggebend ist für den Erfolg von Fact- Checking-Beiträgen. Eine detaillierte und plausible Korrektur von Falschinformationen sorgt zwar nicht dafür, dass diese häufiger geglaubt wird als die widerlegte „Falschnachricht“ (Högden et al. 2020: 93). In der Erinnerung der Mediennutzer bleiben die korrigierten „Fakten zur wahren Begebenheit“ (ebd.) jedoch stärker verankert. Högden et al. (2020) weisen au- ßerdem darauf hin, dass „eine detaillierte Korrektur eher dazu führt, dass wahre Fakten nachhaltig erinnert werden, wenn sie auf der gleichen Seite zu sehen ist wie die Falschnachricht, also zeitgleich konsumiert wird“ (ebd.). Die im Feld dennoch vorhandene Skepsis gegenüber Faktencheck- Angeboten wird von Brandtzaeg et al. auf fehlende Transparenz den Arbeitsprozess betreffend zurückgeführt (Brandtzaeg et al. 2018: 1123). Diese Transparenz zu schaffen ist wichtig für die journalistische Glaubwürdigkeit. Im Folgenden werden anhand von Beispielen aus der aktuellen Praxis des Faktenfuchs-Verifikationsteams die Schritte dieses Rechercheprozesses beschrieben und dabei etablierte sowie im Kontext der Digitalisierung neu entstandene journalistische Praktiken reflektiert. Saskia Sell und Bernd Oswald 250 Praxis: Konkrete Strategien und Praktiken der Verifikation am Beispiel des BR-Faktenfuchs Was ist der BR-Faktenfuchs? Der #Faktenfuchs ist das Faktencheck-Format von BR24, der digitalen Nachrichtenmarke des Bayerischen Rundfunks. Zum einen beschäftigt sich das Faktenfuchs-Team mit Fragen und überprüfbaren Tatsachenbehauptungen, die das aktuelle Geschehen betreffen. Häufig kommen diese Themenvorschläge von den BR24-Social-Media-Redakteuren, die die Nutzer-Kommentare zu BR24-Beiträgen lesen. Zudem betreibt das Faktenfuchs-Team „Social-Listening“: Mit einem speziellen Programm scannen die Redakteure eine sehr große Zahl von Quellen im Internet, darunter zum Beispiel öffentlich sichtbare Inhalte auf Twitter, Instagram oder Youtube, Blogs, Foren oder in Online-Medien (Riedl/Rohrmeier 2019). Darüber hinaus prüft das Faktenfuchs-Team „Fälle von Desinformation: Inhalte – Text, Bild oder Ton – die falsch oder irreführend sind und mit der Absicht verbreitet werden, einer Person, Gruppe, Organisation oder einem Land zu schaden. Wir widerlegen die Falschmeldung oder klären, ob die Behauptung doch richtig ist“ (Riedl/Rohrmeier 2019). Wirken Inhalte verdächtig oder tritt der Breaking-News-Fall ein, prüft das Faktenfuchs-Team auch Bilder oder Videos auf ihre Echtheit und ihren Faktengehalt. Wenn das Team zu dem Schluss gelangt, dass die Fälschung das Potenzial hat, eine Vielzahl an Personen in die Irre zu führen, d.h. zu desinformieren, oder jemandem zu schaden4, wird versucht dem durch einen Faktenfuchs-Text entgegenzuwirken, aufzuklären und die tatsächlichen Fakten zu transportieren. Video-Verifikation beim Faktenfuchs an einem konkreten Beispiel Am ersten November-Wochenende 2019 wurde auf YouTube ein Video mit dem Titel „Gestern Abend in München … Mama Merkels Kinder beim Stadtrundgang“ veröffentlicht, das sich auch über Facebook, Twitter 4. 4.1. 4.2 4 First Draft unterscheiden zwischen Misinformation, Malinformation und Desinformation. Die beiden letzteren haben die Absicht, jemandem zu schaden. An dieser Differenzierung orientiert sich auch das Faktenfuchs-Team (vgl. https://firstdraf tnews.org/latest/information-disorder-the-techniques-we-saw-in-2016-have-evolved/ (Zugriff: 28.6.2020)). Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 251 und WhatsApp stark verbreitete. Es zeigt mehrere dunkelhäutige Männer, die durch eine Fußgängerzone gehen und dabei Mülltonnen und Blumenkübel umwerfen. Die Blumenkübel aus Ton gehen dabei zu Bruch. Die Intention des Videos ist offensichtlich: Migranten sollen diskreditiert werden, es soll Stimmung gegen sie gemacht werden. Netznutzer, die bezweifelten, dass das Video tatsächlich aus München stammt, wiesen die Polizei München auf das Video hin. Die Polizei nahm daraufhin Ermittlungen wegen Volksverhetzung auf. Dieses Video war auch ein Fall für den BR24- Faktenfuchs: Es verbreitete sich mit seiner tendenziösen Botschaft schnell im Netz, zudem hatte es einen vermeintlichen München-Bezug. Zuerst schaute sich der zuständige Redakteur das etwas mehr als einminütige Video komplett an. Danach noch ein zweites Mal mit Blick auf alle Details, die Anhaltspunkte liefern, wo das Video entstanden sein könnte. Zu Beginn des Videos war ein Gebäude zu sehen, das auf den ersten Blick an die Feldherrnhalle in München erinnerte. Die Feldherrnhalle steht frei, links führt die Theatinerstraße und rechts die Residenzstraße vorbei, das kann man mit einem Blick auf Online-Kartendienste wie Google Maps feststellen. Die Halle in dem Video grenzte jedoch rechts direkt an bestehende Bebauung. Die Feldherrnhalle wurde nach dem Vorbild der Loggia dei Lanzi in Florenz erbaut. Ein Gegencheck auf Online-Kartendiensten zeigte, dass es sich bei dem im Video gezeigten Gebäude um die Loggia dei Lanzi handelte. Wenn man zum Beispiel auf Google Street View die Straßenansicht aktivierte, ließen sich auch die Blumenkübel identifizieren, die in dem Video zu sehen waren. Bei genauem Hinhören waren italienische Sätze zu hören, immer wieder die Rufe “Basta!” beziehungsweise “Basta razzismo”, italienisch für “Es reicht!” und “Schluss mit dem Rassismus!”. Das war ein weiteres Indiz dafür, dass das Video in Florenz und nicht in München aufgenommen wurde. Der Zeitpunkt war zwar anhand des Videos nicht direkt zu ermitteln, allerdings lieferte Google für die Suchbegriffe “Ausschreitung, Florenz, Basta” eine Reihe von Artikeln aus dem März 2018, die über Ausschreitungen von Migranten in Florenz nach der Ermordung eines afrikanischen Händlers berichteten. Darunter war auch ein Video des russischen kremlnahen Nachrichtensenders RT24 zu sehen, das sehr ähnliche Szenen zeigte, auch die Loggia dei Lanzi war darin zu erkennen. Das Video war also keine Fälschung, allerdings aus dem Zusammenhang gerissen, eine Strategie, die Akteure mit einer fremdenfeindlichen Einstellung immer wieder verfolgen. Oft ist eine Verifikation wie in diesem Fall also eher eine Falsifikation. Es sind Beispiele wie dieses mit denen der Faktenfuchs arbeitet. Anhand eines weiteren Beispiels werden nun die einzelnen Schritte der Veri- Saskia Sell und Bernd Oswald 252 fikationspraxis erklärt und hilfreiche Tools genannt, die diese Form der Recherchearbeit unterstützen. Systematisches Vorgehen bei der Verifikation Im Mai 2020 bekam die BR24-Redaktion ein Foto geschickt, das eine Ansammlung von Polizisten vor der Münchner Oper zeigte, verbunden mit der Frage, ob die darauf abgebildeten Polizisten das Abstandsgebot verletzen würden. Als Aufnahmedatum wurde der 2. Mai 2020 zwischen 11 und 12 Uhr angegeben. Das Bild wurde anhand der folgenden fünf Fragen überprüft: 1. Sehe ich das Original? 2. Wer ist der Urheber? 3. Warum wurde die Aufnahme gemacht? 4. Wann wurde das Material aufgenommen? 5. Wo wurde das Material aufgenommen? Zu den einzelnen Schritten: Sehe ich das Original? Bilder und Videos werden häufig aus dem Zusammenhang gerissen, um einen gewünschten, aber falschen Eindruck zu erwecken. Bei Bildern ist die Überprüfung am einfachsten mit einer umgekehrten Bildersuche: Man lädt ein Bild in die Bildersuche einer Suchmaschine hoch, die dann Treffer mit identischen oder ähnlichen Bildern ausgibt. Auf diese Weise kann man häufig feststellen, dass ein Bild, das als neu ausgegeben wird, in Wahrheit schon alt ist, manchmal sogar aus einem komplett anderen Kontext stammt. Bei dem Polizisten-Video ergab die umgekehrte Bildersuche, dass das Foto am 2. Mai um 17.32 Uhr von einem anonymen Twitter-Account geteilt wurde. Nun galt es zu klären, ob der Inhaber dieses Accounts auch der Urheber war. 4.3 1. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 253 Umgekehrte Bildersuche Diese vier Suchmaschinen haben sich bei der umgekehrten Bildersuche als besonders nützlich erwiesen: Google: https://images.google.de/ Wer ein Bild bei Google Bilder hochlädt bzw. die URL eingibt, bekommt auch Seiten mit übereinstimmenden Bildern angezeigt. Da hier oft das Datum der Seite dabei steht, kann auch das ein Hinweis sein, dass es sich bereits um ein altes Bild handelt. Bing: https://bing.com, die Microsoft-Suchmaschine, funktioniert sehr ähnlich. Vorteil hier: Bing kann gut Bildausschnitte vergrößern. Yandex: Die russische Suchmaschine https://yandex.com/ ist besonders gut für Bilder aus Osteuropa und verfügt außerdem über die beste Gesichtserkennung. Tin Eye: Der Vorteil von https://tineye.com/ besteht darin, dass man dort nach der ältesten und der am meisten bearbeiteten Version eines Fotos suchen kann. Wer ist der Urheber? Über eine Datumssuche in Suchmaschinen bzw. sozialen Netzwerken lässt sich die älteste Version eines Fotos ermitteln. Das kann, muss aber nicht, das Original sein. Nun sollte man den Uploader kontaktieren – erst auf dem Kanal, evtl. per Mail oder wenn möglich telefonisch – und fragen, ob er oder sie auch der Urheber des Bildes ist. Uploader und Urheber müssen nicht identisch sein. Falls der Uploader angibt, auch der Urheber zu sein, sollte man nach den Umständen der Aufnahme fragen: An welchem Tag, zu welcher Uhrzeit und aus welchem Anlass ist es entstanden? Anhand dieser Angaben lassen sich weitere Plausibilitäts-Checks durchführen. Die verifizierenden Journalistinnen und Journalisten sollten den Urheber bitten, ihnen das Bild zuzuschicken. Durch die Analyse der Aktivitäten des Urhebers in sozialen Netzwerken lässt sich oft schlussfolgern, ob er vor Ort war, manchmal auch, ob der Anlass dafür beruflich oder privat war. Ist keine Kontaktaufnahme möglich, sollte man einen genaueren Blick auf alle Informationen zum Urheber werfen: Zu welchen Themen und aus welcher Perspektive schreibt er in sozialen Netzwerken, auf eigenen Websites oder Blogs? Gibt es dort ein Impressum? Mit welchen Accounts ist er vernetzt? Im Fall des München-Polizisten-Fotos gab der Informant an, dass er den Urheber des Fotos persönlich kenne, dieser aber keinen Twitter-Account 2. Saskia Sell und Bernd Oswald 254 betreibe. Der BR24-Redakteur bat den Informanten, einen Kontakt zu seinem Bekannten herzustellen. Warum wurde die Aufnahme gemacht? Warum eine Aufnahme gemacht wurde lässt sich meist nur beantworten, wenn es möglich ist, mit dem Urheber in Kontakt zu treten. So geschehen im Fall des Polizisten-Fotos. Der vermutliche Urheber gab an, dass er am 2. Mai 2020 zum Einkaufen in der Münchner Innenstadt gewesen und dabei auch die Maximilianstraße entlang gegangen sei. Gegen 11.30 Uhr habe er dort auf der Höhe der Münchner Oper die Polizistenansammlung gesehen und sich sofort gefragt, ob die in den bayerischen Corona-Verordnungen vorgesehenen Abstandsregeln nicht auch für die Polizei gelten würden. Darum habe er sein Handy gezückt und aus einer Entfernung von etwa 100 Metern das Foto gemacht. Er habe es umgehend in einer Whatsapp-Gruppe geteilt. Einen Twitter-Account habe er selbst nicht. Vermutlich habe ein anderes Mitglied aus dieser Gruppe das Bild später am Tag auf Twitter gepostet, auch wenn er den anonymen Twitter-Account keiner Person zuordnen könne. Diese Erklärung erschien der Redaktion glaubhaft. Natürlich gibt es im Verifikationsalltag auch Fälle, in denen man den Urheber eines zu überprüfenden Inhalts nicht ermitteln kann. Dann sollte man untersuchen, in welchem Kontext und mit welchem Framing ein Inhalt gepostet wird. Im vermeintlichen München-Video ließ schon der Titel „Gestern Abend in München … Mama Merkels Kinder beim Stadtrundgang“ auf eine fremdenfeindliche Motivation des Urhebers schließen. Auch die Selbstbeschreibung eines Accounts und verlinkte Webseiten können weitere Hinweise auf die mögliche Intention geben. Für die Einschätzung eines fraglichen Inhalts ist es nützlich zu sehen, wer den Inhalt teilt bzw. in welchen Kreisen er verbreitet wird. Bei Texten hilft das Analyse-Tool Crowdtangle von Facebook. Ein Klick auf das Crowdtangle-Browserplugin zeigt an, wer die URL geteilt hat. Bei Bildern hilft dabei die schon erwähnte umgekehrte Bildersuche. Bei YouTube-Videos kann man mit dem Teil der URL nach dem = suchen. Dies ist der Wert für den Query-Parameter, in diesem Beispiel „v“ (also v = …).5 Von 3. 5 Unter Query-Parametern versteht man die Teile der URL, die auf das Fragezeichen folgen. Sie können an einen Web-Server gesendet und vom nachgeschalteten Server-Teil einer Webanwendung ausgewertet werden. Im Beispiel von YouTube wird Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 255 der URL https://www.youtube.com/watch?v=h4PXl-Hi_XM wäre das also h4PXl-Hi_XM. Auf der Google-Ergebnisseite sieht man dann die Seiten, die das Video verwenden. Seine Suche kann man mit dem Zeitfilter im Menü „Tools” verfeinern, das kann Hinweise darauf liefern, wer der Erst- Uploader war. InVid-Video-Verifikation Ein sehr nützliches Tool für die Verifikation von Videos ist das InVID- We Verify-Plugin, eine Art „Schweizer Messer“. Es zeigt unter anderem die Metadaten eines Videos an und zerlegt das Video in Keyframes. Das sind Schlüsselbilder, die man dann direkt für eine umgekehrte Bildersuche verwenden kann. Es bietet außerdem ein Vergrößerungsglas, um einen genaueren Blick auf Bilddetails zu werfen. Wo ist die Aufnahme entstanden? Bei fraglichen Fotos sollte man jeden inhaltlichen Hinweis überprüfen, der Anhaltspunkte für Aufnahmeort und -datum liefert. Das geht beim Text des Posts los, mit dem das Bild veröffentlicht oder geteilt wurde, oder beim Beschreibungstext von YouTube-Videos. Wo und wann soll das Bild oder das Video entstanden sein und was zeigt es angeblich? Beim Münchner Polizisten-Foto war auf dem Foto im Hintergrund die Fassade der Münchner Residenz zu erkennen. Am rechten Rand waren die Eingangssäulen des Münchner Nationaltheaters zu sehen, davor die Stufen. Ein abgebildetes Polizeifahrzeug trug ein Kennzeichen der Münchner Polizei. Dass das Bild also tatsächlich in München auf dem Max-Joseph-Platz vor der Oper aufgenommen worden war, war offensichtlich. Bei Videos und Bildern sollte man immer Ausschau nach Details halten, die Aufschluss über den Ort geben. Das können markante Gebäude wie die Loggia dei Lanzi oder das Münchner Nationaltheater sein, aber auch Geschäfte, Straßenschilder, Fahrzeuge. Vor allem die Beschriftungen können sehr aufschlussreich sein. Wenn die Beschriftungen in fremden Sprachen sind, helfen Übersetzungsdienste wie translate.google.com oder deeplr.com weiter. Bei Videos kommen auch akustische Hinweise dazu: In welcher Sprache sprechen die Akteure? Im falsifizierten Video waren etwa 4. hier anhand des Query-Parameters „v“ entschieden, welches spezifische Video dem Nutzer angezeigt wird. Saskia Sell und Bernd Oswald 256 italienische Stimmen zu hören. Kein Indiz funktioniert für sich allein genommen, aber die Kombination verschiedener Indizien kann ein stimmiges Bild ergeben. Wann ist die Aufnahme entstanden? Die Überprüfung des Aufnahmezeitpunkts ist der schwierigste Teil im Verifikationsprozess. Beim Münchner Polizisten-Foto bat die Redaktion den Urheber, das Originalfoto zu schicken, um die Metadaten untersuchen zu können. In den Metadaten stehen immer das Datum und die Uhrzeit, manchmal sogar die Geokoordindaten der Aufnahme. In diesem Fall hatte der Redakteur Pech, denn der Urheber hatte das Original-Foto gelöscht, um wieder Speicherplatz auf seinem Smartphone freizugeben. BR24 hatte also nur die Version, die er in seiner Whatsapp-Gruppe geteilt hatte, ohne Metadaten. Die Redaktion überprüfte das Wetter für den 2. Mai zwischen 11:00 und 12:00 Uhr, um herauszufinden, ob das Wetter auf dem Bild am fraglichen Tag am fraglichen Ort mit dem tatsächlichen Wetter übereinstimmt. Sehr einfach geht das mit der Datenbank wolframalpha: Hier gibt man in das Suchfeld einfach „weather“, Ort und Datum ein, also zum Beispiel „weather munich november 3 2019“. Angezeigt werden ausführliche Wetterdaten, unter anderem Temperatur, Wolkenstand und Niederschlag im Tagesverlauf. Ähnliche Funktionen bietet www.wunderground.com/histor y. Beachten sollte man dabei, wo die Wetterstation steht, die die Daten für den gesuchten Ort anzeigt. Es kann sein, dass die Wetterdaten einer anderen, größeren Stadt angezeigt werden, die möglicherweise 50 Kilometer oder mehr entfernt ist und in der das Wetter anders gewesen sein kann als am gesuchten Ort. Beim Beispiel-Foto ergab die Recherche, dass das Wetter am 2. Mai 2020 in München teilweise bewölkt war, was mit dem vorliegenden Bild zusammenpasste. Wenn man sogar die Uhrzeit, zu der ein Bild aufgenommen wurde, zumindest näherungsweise bestimmen will, muss man sich die Schatten auf dem Bild genauer betrachten. Welche Objekte werfen wie große Schatten? Für diesen Schritt ist https://www.sonnenverlauf.de/ eines der besten Tools. Hier kann man Ort, genaue Adresse, Datum und Uhrzeit und die Höhe des Objektes, dessen Schattenwurf untersucht wird, eingeben. Sonnenverlauf.de zeigt dann einen genordeten Kartenausschnitt an, auf dem die Position der Sonne zum genannten Zeitpunkt zu sehen ist – und damit auch der Schattenwurf. 5. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 257 Wenn man weiß, ob ein auf dem Bild zu sehendes Gebäude zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht oder nicht mehr existiert hat, kann das ebenfalls Hinweise liefern, ob der angegebene Zeitpunkt zutreffen kann oder nicht. Bei der Überprüfung von Bildern oder Videos in einer aktuellen Nachrichtenlage ist es ohnehin sinnvoll, im Netz nach weiterem (Live-)Material vom fraglichen Ereignis zu suchen, anhand dessen man Ort, Zeit und Inhalte gegenchecken kann. Im Beispiel des Polizistenfotos fragte ein Redakteur zusätzlich bei der Münchner Polizei nach, ob am 2. Mai 2020 zwischen 11 und 12 Uhr Polizisten vor der Münchner Oper im Einsatz waren. Die Nummer der Einheit war auf den Uniformen leider nicht zu erkennen, die Uniformen sahen aber wie jene aus, die Einsatzkräfte bei Großereignissen tragen. Das Polizeipräsidium München bestätigte, dass unter anderem Polizisten der Bereitschaftspolizei zum genannten Termin auf dem Max-Joseph-Platz in München gewesen seien, wo für den Nachmittag eine Demonstration für die Einhaltung der Grundrechte angemeldet war. Auch diese Angaben passten zu der Aufnahme, so dass die Redaktion sich entschied, das eingereichte Foto als authentisch bzw. verifiziert einzustufen. Fazit: Orientierung durch Verifikation – Annäherung an Wahrheit Die Verifikation von Bildern und Videos aus dem Netz im Rahmen der aktuellen Berichterstattung gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht. Auch hier geht es darum, die klassischen W-Fragen zu beantworten: Wer ist der Urheber, was ist zu sehen, wann, wo und warum ist die Aufnahme entstanden? Um diese Fragen zu beantworten, hilft eine Kombination aus Verifikations-Tools und journalistischen Praktiken. Journalisten sollten dabei immer skeptisch sein und sich fragen: „Kann das sein?“ Nicht immer wird sich eine Aufnahme zu 100 Prozent verifizieren lassen. Es liegt im Ermessen der Redaktion, ab wieviel Prozent Sicherheit sie Informationen verwendet. In jedem Fall sollten die nicht geklärten Aspekte dann mit veröffentlicht werden. Es kann gut sein, dass Nutzerinnen und Nutzer daraufhin weiterführende Hinweise liefern. Dass journalistische Verifikationspraktiken wie die hier beschriebenen auch in der digital vernetzten Öffentlichkeit auf Widerstand stoßen, ist wenig verwunderlich. Sie können Propaganda und Manipulationsversuche entlarven und bestimmte Machtpositionen in Frage stellen und tun dies bereits. Im Sommer 2020 versuchte beispielsweise der ehemalige US-amerikanische Präsident Donald Trump die Betreiber der Mikroblogging-Plattform Twitter davon abzuhalten, unterhalb seiner Tweets Faktenchecks zu 5. Saskia Sell und Bernd Oswald 258 veröffentlichen, nachdem einige nach einer Faktenprüfung als unwahr gekennzeichnet wurden (ZEIT ONLINE, 28.5.2020). Desweiteren haben journalistische Verifikationspraktiken das Potential, gefestigte (meist politischideologische) Annahmen und liebgewonnene Haltungen herauszufordern. „Daß Menschen Tatsachen, die ihnen wohl bekannt sind, nicht zur Kenntnis nehmen, wenn sie ihrem Vorteil oder Gefallen widersprechen, ist ein so allgemeines Phänomen, daß man wohl auf den Gedanken kommen kann, daß es vielleicht im Wesen der menschlichen Angelegenheiten, der politischen wie der vorpolitischen, liegt, mit der Wahrheit auf Kriegsfuß zu stehen“, wusste schon Hannah Arendt auf den Punkt zu bringen (Arendt 2015: 56). Diese Art der Herausforderung gehört zur journalistischen Aufgabe. Dabei gilt es auch, den Lügner6 nicht durch übermäßige Aufmerksamkeitsgenerierung für die veröffentlichte Lüge zu belohnen (Primbs 2018: 123), sich beispielsweise zunächst auf die Verifikation von Veröffentlichungen zu konzentrieren, die eh schon breit zirkulieren. Auch wenn Wahrheit im Journalismus ein vielschichtiges Konzept und immer auch „work-in-progress“ bleibt (Ward 2019: 72), ist eine Orientierung an ihr als journalistischer Grundwert zentral. Faktenchecks sind auch in unserer Zeit „schwierig, aber nötig“ (Jaster/Lanius 2019: 97). Kann denn, ausreichend Macht, in sich schlüssiges Storytelling und konsensuale oder hegemoniale Deutungshoheit innerhalb öffentlicher Diskurse vorausgesetzt, die Lüge die Wahrheit nicht ersetzen? Dem widerspricht Hannah Arendt vehement (Arendt 2015: 85f). Die von ihr postulierte Unersetzlichkeit der Wahrheit liegt in ihrer Bedeutung für unseren „Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann“ (Arendt 2015: 83). Für den Bereich öffentlicher Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen, der nach journalistischen Relevanzkriterien ausgewählt wurde, entsprechen die dargestellten Verifikationspraktiken im Kern dieser Orientierungsfunktion. Aus medienethischer Perspektive erscheint ein Ausbau dieses Recherchebereichs und entsprechender Formate daher sinnvoll. 6 Mit Dietz kann man die Lüge als „sprachliche Täuschungshandlung“ (2003: 25ff) mit dem Ziel der „Instrumentalisierung des Belogenen, in der Missachtung seiner Fähigkeit zur vernünftigen Zwecksetzung“ (ebd.: 141) bezeichnen. Verifikation von Online-Inhalten im Journalismus 259 Literatur Altmeppen, Klaus-Dieter et al. (2015): Echtzeit-Öffentlichkeiten. Neue digitale Medienordnungen und neue Verantwortungsdimensionen. In: Communicatio Socialis 48 (4), S. 382-396. Arendt, Hannah (2015): Wahrheit und Politik (Original von 1967). In: Dies.: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München/Zürich: Piper, S. 44-92. Baumann, Peter (2006): Erkenntnistheorie. 2. Auflage, Stuttgart: J.B. Metzler. Bentele, Günter (2016): Wahrheit. In: Heesen, Jessica (Hg.): Handbuch Medienund Informationsethik. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 59-66. 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Saskia Sell und Bernd Oswald 262 Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius Tanjev Schultz Abstract Nachdem der Fall Relotius einmal mehr die Anfälligkeit der Reportage für Täuschungen und Verstöße gegen die journalistische Ethik offenbart hat, muss grundlegend über die Herausforderungen und Regeln dieser Darstellungsform diskutiert werden. Der Beitrag zeigt, welche Wahrheitsansprüche Reportagen erheben und in welchem Verhältnis sie zur Subjektivität der Darstellungsform stehen. Eine Besonderheit der Reportage liege darin, dass sie nicht nur äußere, sondern auch innere Tatsachen beschreibe. An Beispielen zeigt der Aufsatz, wie präzise in journalistischen Texten gearbeitet werden muss und wie wichtig es ist, die journalistische Reportage von fiktionaler Literatur abzugrenzen. Dabei geht der Beitrag auch auf das Mittel der Rekonstruktion ein, das von Autorinnen und Autoren eingesetzt wird, wenn sie bei einem Ereignis nicht selbst anwesend sein konnten. Er schließt mit Folgerungen für die journalistische Praxis und plädiert dafür, in Redaktionen Regeln zu installieren und ein Klima zu schaffen, das allen Beteiligten signalisiert, dass in Reportagen wie in anderen journalistischen Texten das Prinzip „Wahrheit vor Schönheit“ befolgt werden muss. Einleitung: Die Reportage als Problemfall Die Reportage ist eine anspruchsvolle Darstellungsform, mit der sich Journalistinnen und Journalisten einen Namen machen können. Deshalb wird sie bisweilen auch als Königsdisziplin bezeichnet (vgl. Bleher/Linden 2015: 17). Im Vergleich zu anderen Darstellungsformen lässt sie große Freiheiten in Recherche, Aufbau und Sprache und erlaubt einen individuellen Stil. Reportagen geben Einblicke, die andere Artikel nicht bieten. Sie lassen ihre Leserinnen und Leser an Erlebnissen teilhaben und lenken die Aufmerksamkeit auf Details aus Situationen und Lebenswelten, die vielen Menschen nicht vertraut oder überhaupt zugänglich sind. Damit können 1. 263 Reportagen die nachrichtlichen Darstellungsformen ergänzen und einen wichtigen Beitrag zur medialen Beschreibung der Wirklichkeit leisten. Allerdings ist der Status dieser Wirklichkeitsbeschreibung notorisch heikel. Das liegt nicht nur an der Subjektivität der Reportage. Die Freiräume im Schreiben machen die Darstellungsform anfällig für Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht, bis hin zu schwerwiegenden Fällen der Fälschung und Manipulation. Zuletzt hat die Relotius-Affäre diese Anfälligkeit ins Bewusstsein gehoben (vgl. Fehrle et al. 2019). Nicht nur, dass die Erfindungen des Spiegel-Reporters jahrelang unerkannt blieben, sie trugen dem Journalisten Claas Relotius auch noch zahlreiche Preise und die Bewunderung einer Branche ein, die sich allzu leicht von den Schreibkünsten eines Scharlatans blenden ließ. Im Zuge der Aufarbeitung dieses Falls wurde an die Anfänge der modernen Reportage erinnert: Bereits Egon Erwin Kisch, der in der Weimarer Republik berühmt wurde und noch heute als „rasender Reporter“ (Kisch 1993/1925) einen zentralen Platz in der Geschichte des Journalismus einnimmt, hatte am eigenen Beispiel die Versuchungen des Erfindens und fantasiereichen Ausschmückens erörtert (Kisch 1951). Diese kritische Selbstreflexion war jedoch ihrerseits nicht frei von falschen oder verzerrenden Darstellungen (vgl. Schütz 2019). Die Geschichte der Reportage war von Anfang an eine Geschichte des Ringens um Wahrhaftigkeit. Und es wäre zu einfach, die Risiken dieser Darstellungsform nur auf solche Beispiele zu beziehen, in denen Reporter auf besonders eklatante Weise ethische und professionelle Normen verletzen. Es ist schlimm genug, dass solche Fälle immer wieder vorkommen, auch in Medien wie dem Spiegel oder der New York Times, deren Selbstverständnis auf hohe journalistische Qualität zielt – nicht zuletzt auf Faktentreue und Präzision in der Darstellung. Auch jenseits krasser Täuschungen tun sich im Reich der Reportage viele Fragen und Grenzfälle auf, die nicht länger ignoriert werden sollten. Notwendig sind eine wissenschaftliche Diskussion und eine journalistische Selbstvergewisserung über die Funktionen und Leistungen der Reportage sowie über die Unsicherheiten und Entscheidungsnöte, die sich in der Praxis ergeben können. Die mögliche Schwäche der Reportage ist auch ihre Stärke: dass sie die Wirklichkeit mit subjektiven Mitteln zu erfassen sucht – ohne dabei ins Feld der (fiktionalen) Literatur wechseln zu dürfen und durch die Fantasie das aufzufüllen, was im Miterleben als Leerstelle geblieben ist. Der nächste Abschnitt erläutert die Wahrheitsansprüche der Reportage. Anschließend geht der Beitrag näher auf die Bedeutung der Subjektivität und der Wahrhaftigkeit ein. Sodann wird das Verhältnis von Miterleben Tanjev Schultz 264 und Rekonstruktion diskutiert, bevor am Schluss Konsequenzen für die Praxis skizziert werden. Wahrheitsansprüche in Reportagen Wie andere journalistische Beiträge beziehen sich Reportagen auf Vorgänge in der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Typisch für die Darstellungsform ist das (Mit-)Erleben eines Geschehens (vgl. Wolff 2011: 169-191, Haller 2008). Als „ein tatsachenbetonter, aber persönlich gefärbter Erlebnisbericht“ (Reumann 2009: 150) enthält eine Reportage detailreiche Schilderungen subjektiver Wahrnehmungen. Aber auch allgemeine Fakten und intersubjektiv gut überprüfbare Tatsachen spielen eine Rolle. So subjektiv Reportagen sein dürfen, so sehr bleiben sie aufgrund ihrer Tatsachenorientierung doch auch an Objektivitätsansprüche gebunden (vgl. Pätzold 1999, Neuberger 2017, Schultz 2020b). In der Praxis lautet die Vorgabe für Reportagen deshalb kurz, knapp und schlicht: Was im Text steht, muss stimmen. Oder getreu der alten Maxime des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein, die das Magazin im Zuge der Relotius-Affäre aufs Cover druckte: „Sagen, was ist.“ Reportagen sind so gesehen keineswegs mit völlig anderen Ansprüchen und Herausforderungen konfrontiert als nachrichtliche Darstellungsformen (Meldungen und Berichte). Auch wenn die Medienrealität nicht als ein getreues Abbild der Welt, wie sie „an sich“ ist, verstanden werden kann, bleibt die Wahrheitsorientierung für den Journalismus zentral (vgl. Kovach/Rosenstiel 2014, Schultz 2020a). Was im Text steht, soll stimmen: Das gilt nicht nur für Namen und Zahlen, sondern beispielsweise auch für die Existenz der Personen, Orte und Situationen, die in einer Reportage beschrieben werden. Hier gelten dieselben Maßstäbe, nach denen Menschen auch sonst zwischen Realität und Fantasie sowie zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden, und auch wenn dies in einigen Fällen komplizierter ist als in anderen (man denke an Illusionen und Manipulationen, zum Beispiel bei der Bildbearbeitung, die mittlerweile jedes Smartphone schafft), haben Menschen damit im Alltag überwiegend geringe Probleme. Deshalb können die Leserinnen und Leser einer Reportage zu Recht erwarten, dass nicht nur die großen, sondern auch die (vermeintlich) kleinen Dinge im Text stimmen: die stechend blaue Augenfarbe des Protagonisten, die einen Reporter in den Bann zieht, oder die Wolkenformation, die ihn an die Gestalt eines Wals erinnert. Nichts davon darf sich der Autor ausgedacht haben. Natürlich bilden die Wolken keinen Wal, hier spielt also die Fantasie hinein. Entscheidend ist aber: Die Wolken, die diese Assoziation 2. Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 265 auslösen, müssen vom Reporter tatsächlich wahrgenommen worden sein – und auch der Gedanke an einen Wal muss ihm in Anbetracht dieser Wolken gekommen sein (er sollte ihn sich nicht hinterher eingeredet haben). Ein Romanautor kann anders vorgehen: Wenn es ihm gefällt, streicht er einen Tag später die Stelle mit den Wolken, die wie ein Wal aussahen, und schreibt, es hingen Wolken am Himmel, die sahen aus wie ein springendes Fohlen. Er schafft sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Das darf der Reporter nicht. Die Tatsachen und die Wahrnehmungen, die in Reportagen auftauchen, sind vielfältig. Zum einen geht es um äußere Tatsachen der natürlichen und sozialen Welt, zum anderen um innere Tatsachen: Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Eindrücke, die ein Reporter oder eine Reporterin hat und die sie ihre Leserinnern und Leser nachempfinden lassen. Noch etwas komplizierter wird es dadurch, dass Reportagen versuchen, innere Tatsachen anderer Personen zu ergründen, nämlich die Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Eindrücke der Akteure, die in der Reportage vorkommen. Anders als in nüchternen nachrichtlichen Berichten erlaubt die Reportage ein Hineinversetzen in andere Menschen; ein Mitfühlen ist hier möglich. Anders als ein Romanautor kann eine Reporterin den Akteuren jedoch nicht in die Köpfe und in die Herzen schauen. Sie kann sie nur befragen, das Verhalten beschreiben und deuten sowie durch weitere Recherchen den Versuch unternehmen zu verstehen, was die Akteure antreibt und bewegt, was und wie sie denken und fühlen. Stets muss hier mit gro- ßer Vorsicht geurteilt werden. Der Gestus eines allwissenden Erzählers darf in journalistischen Texten keinen Platz haben. Die Interpretationen und Urteile, die Reportagen implizit oder explizit transportieren, können strittig sein. Aber die Tatsachengrundlage, auf die sie sich stützen, sollte solide sein. So darf beispielsweise ein Zitat, das anschließend interpretiert und in größere Zusammenhänge eingeordnet wird, nicht verfälschend und verkürzend wiedergegeben werden. Selbst wenn die einzelnen Angaben korrekt sind, kann es passieren, dass bestimmte andere Tatsachen, die wichtig sind, ignoriert, zu wenig beachtet oder zu gering gewichtet worden sind, wodurch sich Divergenzen in den Urteilen und bereits in der Wahrnehmung einer (komplexen) Situation oder eines (komplexen) Vorgangs ergeben können. Überdies wäre die Vorstellung, es ließen sich pure Tatsachen, ohne jeden Kontext, erheben und feststellen, erkenntnistheoretisch naiv (vgl. Mindich 1998). Auch deshalb können Reportagen selbst dann, wenn jedes einzelne Detail, das sie beschreiben, journalistisch akkurat erfasst wurde, nach Meinung anderer Personen am Wesentlichen und an der Wahrheit vorbeizielen. Tanjev Schultz 266 Ihr Pathos gewinnt die Maxime „Sagen, was ist“ ja gerade daraus, dass sie es nicht nur auf lauter kleine Details der Wirklichkeit abgesehen hat, sondern aufs große Ganze: das Verstehen und Kritisieren der Welt. Es schwingen hier normative Geltungsansprüche mit – neben die empirische Wahrheit tritt die moralische Richtigkeit. Ob es gut oder schlecht, realistisch oder unrealistisch ist, den Journalismus und speziell die Reportage normativ so aufzuladen, ist eine Frage, die hier nicht beantwortet werden kann. Das ist an dieser Stelle auch nicht nötig, denn wie auch immer die Antwort ausfällt, es bleibt die (Minimal-) Anforderung erhalten, dass Reportagen auf der empirischen Ebene einen Wahrheitsanspruch erheben und sie deshalb innere und äußere Tatsachen so korrekt wie möglich schildern sollen. Die äußeren Tatsachen betreffen nicht nur Fakten, die dokumentiert und nachvollziehbar sind. In Reportagen geht es oft um flüchtige Vorgänge, die an einen Moment gebunden sind und daher nur schwer oder gar nicht mehr von anderen überprüft werden können. Im Text wird dann beispielsweise nicht nur berichtet, dass in einer bestimmten Ladenpassage laut einer Statistik im Durchschnitt eine Personenzahl X einkaufen geht. Geschildert wird eine Szene, in der ein Mann am Samstagnachmittag mit seinem Hund im Arm durch diese Passage dackelt. Erstens muss dieser Mann tatsächlich in der Passage gewesen sein (und zwar am Samstagnachmittag und nicht etwa am Freitagabend). Und zweitens muss er, wenn es so in der Reportage steht, tatsächlich einen Hund im Arm getragen haben. Doch man beachte ein Detail des Details: War es ein Hund oder sein Hund? Woher weiß der Reporter, dass es sein Hund war und nicht etwa der Hund einer Bekannten, den er nur kurz getragen hat? Hat der Reporter den Mann gefragt? Der Einwand mag spitzfindig wirken, aber es ist genau dieser Drang zur Präzision, den Reporter verinnerlicht haben sollten. Und das nicht nur, weil ein kleiner Buchstabe manchmal einen großen Unterschied bedeuten kann; man denke an Gerichtsverfahren und Gerichtsreportagen und Fragen von Schuld oder Unschuld, bei denen winzige Details entscheidend sein können. Der Wille zur Präzision verhütet ein Abgleiten ins Reich der Fantasie, in dem Details nach Belieben hervorgezaubert und durch die Gegend geschoben werden können. Als ein Vorteil der Reportage gilt gemeinhin, dass die Autorinnen und Autoren nicht nur am Schreibtisch recherchieren, sondern sich hinausbegeben in die Welt und „echte“ Erfahrungen machen. Doch die Zeugenschaft eines Reporters ist wie jede Zeugenschaft mit Unsicherheiten behaftet. Normalerweise gilt im Journalismus das Zwei-Quellen-Prinzip, in Reportagen wird dieses Prinzip regelmäßig unterlaufen. Hier soll es auf die Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 267 eigene (subjektive) Wahrnehmung ankommen. Reporterinnen und Reporter (und ihre Redaktionen) tun gut daran, auch diese eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen zu hinterfragen und, soweit dies möglich ist, zu überprüfen. Subjektivität und Wahrhaftigkeit Der subjektive Ansatz der Reportage erschließt wichtige Dimensionen der Wirklichkeit, die in anderen Darstellungsformen zu kurz kommen. Seelische Vorgänge und Stimmungen können in Berichten und Meldungen allenfalls benannt, aber nicht in ihren Nuancen und schon gar nicht für ein Nachempfinden ausgebreitet werden. Guten Reportagen gelingt das. Sie schaffen einen Weltzugang, der das Subjektive in der Wirklichkeit erfasst, ohne ins Reich der Literatur zu fallen (vgl. Schultz 2020b). Dabei kommt es darauf an, nicht nur die äußeren Tatsachen präzise zu erfassen, sondern ebenso innere Vorgänge – und das Zusammenspiel der beiden Sphären. Wie ist das gemeint? In Reportagen werden nicht nur die primären Qualitäten der Dinge dargestellt, die sich intersubjektiv gut überprüfen lassen, beispielsweise die exakte Größe eines Tisches. Vielmehr wird auch der Eindruck, den Gegenstände, Menschen und ihr Verhalten machen, geschildert. Wirkt der Tisch im Raum zu groß? Ist er klobig oder grazil, praktisch oder protzig? Eine Reporterin darf und soll in den Text einfließen lassen, wie Dinge und Vorgänge ihr erscheinen und welche Gedanken und Gefühle sie bei ihr oder anderen auslösen. Diese Gefühle und Gedanken müssen wahrhaftig wiedergegeben werden (vgl. Williams 2003). Nehmen wir die Fahrt einer Reporterin in einer Geisterbahn auf dem Jahrmarkt: Erschrickt die Journalistin oder ist sie abgebrüht und erscheinen ihr die Kunstmonster eher als lächerliche denn als schaurige Figuren? Sie soll ihr Erleben so schildern, wie sie es wahrgenommen hat. Von der Ausnahme der Selbsterfahrungsreportage abgesehen sollten Reportagen aber nicht nur und nicht vorrangig Auskunft über die innere Verfassung der Autorin oder des Autors geben, entgegen einem fragwürdigen Trend zur Ich-Berichterstattung (vgl. D’Inka 2019). Die Subjektivität der Darstellungsform darf nicht mit Egozentrik verwechselt werden. Sie zielt auch auf die Subjektivität der anderen. Daher wäre es für die Reporterin in der Geisterbahn wichtig zu erfassen, wie die anderen Fahrgäste das Spektakel erleben. Sind die Reaktionen eher matt oder erschrecken sich die anderen fast zu Tode? Lassen sich Unterschiede zwischen Personen fest- 3. Tanjev Schultz 268 stellen? Die Tatsachenorientierung der Reportage dringt auf Multi-Perspektivität. Anders als in nüchternen Nachrichtentexten kommt es hier in Stil und Sprache auf Lebhaftigkeit an. Sie resultiert unter anderem aus einem Wechsel der Perspektiven, der Zeitformen, der rhetorischen Mittel (vgl. Reumann 2009: 150). Die inneren und äußeren Vorgänge werden in den Schilderungen einer Reportage stärker verwoben und aufeinander bezogen. So kann beispielsweise die Beschreibung der natürlichen Umwelt (Wetter, Licht, Landschaft usw.) genutzt werden, um bestimmte Stimmungen wiederzugeben. In dieser Hinsicht ähneln die journalistischen Mittel denen literarischer Texte. Nur: In Reportagen sollen sowohl die äußeren als auch die inneren Phänomene korrekt und wahrhaftig ausgedrückt werden. Wo in der Natur kein Gewitter aufzieht, kann es nicht beschworen werden, um Unheil anzukündigen. Und wo ein Gewitter aufzieht und ein freudiges Ereignis folgt, darf das Geschehen eben nicht vom Positiven ins Negative verkehrt werden, damit es „passt“. Ein Reporter muss (sich) kritisch prüfen, ob sich (ihm) eine Metapher aufdrängt, weil sie an der Stelle gut funktionieren würde – oder weil sie tatsächlich treffend ist und anschaulich macht, was sich ereignet hat und was er erlebt hat. Bilder und Begriffe haben unterschiedlich enge oder weite Bedeutungshorizonte, das befreit Journalistinnen und Journalisten nicht von ihrer Aufgabe, präzise zu sein und nach den richtigen Worten zu suchen. Gerade die Unschärfe der Sprache ist ja ein Grund, möglichst genau zu sein. Schreibt eine Reporterin, der Politiker sei von beachtlicher Statur, er sei 2,03 Meter groß, dann sollte dieses Maß stimmen (sicherlich kann die Journalistin nicht selbst nachmessen, sie braucht eine ausreichend solide Quelle). In anderen Fällen kann aus dem Kontext klarwerden, dass es nicht auf den Zentimeter ankommt, sondern um eine möglichst gute Schätzung geht. Schwieriger wird es bei feineren Wahrnehmungen und dem Gebrauch von Adjektiven und Verben: Schlendert der Mann, der einen Hund im Arm trägt, durch die Einkaufspassage? Oder eilt er? Spaziert er, stolziert er? Reicht es zu sagen, er geht? Stimmt es, wenn man schreibt, der Mann dackelt durch die Passage – oder wird dieses Wort nur verwendet, weil es so schön dazu passt, dass der Mann einen Hund im Arm trägt? Weder für die Redaktion noch für das Publikum ist in der Regel nachprüfbar, ob in solchen Fällen ein treffendes Wort verwendet wird. Sie sollten darauf vertrauen dürfen, dass ein Reporter diese Situation nicht ausnutzt. Er kann sich nicht dahinter verstecken, dass es um seine individuelle Wahrnehmung gehe. Das ist zwar richtig, aber eben diese Wahrnehmung darf nicht zugunsten irgendeines kreativen Einfalls beiseitegeschoben werden. Wenn der Reporter den Mann durch die Passage eilen sieht, sollte er Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 269 nicht dackeln schreiben. Denn auch wenn viele Begriffe nicht eindeutig sind, so ist offensichtlich, dass zwischen Eilen und Dackeln ein erheblicher Unterschied besteht. Deshalb darf der Reporter seine Wahrnehmung schon in der Situation selbst (also vor dem Aufschreiben) nicht korrumpieren. Setzt er dort bereits eine Kunstbrille auf, durch die er alles in den Begriffen einer literarisch ansprechenden Reportage sieht, mag am Ende ein wunderbar zu lesender Text herauskommen – nicht aber eine saubere journalistische Leistung. Der Rhythmus eines Textes und der Ton, den er anschlägt, müssen dem Geschehen angemessen sein. Gute Reportagen erzeugen Stimmungen und Eindrücke durch den Satzbau, die Abfolge der Sätze, die Färbung der Wörter. Ein Beispiel: In der Süddeutschen Zeitung erschien 2019 eine Reportage über den Bürgermeister einer bayerischen Ortschaft, der bei einem tragischen Unfall seine Enkeltochter überfahren hat; das Kind starb. Es ist ein emotionaler Text, der ohne sprachliche Schnörkel auskommt. Er bezieht seine Kraft gerade daraus, dass er sich zurückhält, viele Fragen stellt und überwiegend kurze Sätze enthält. Ein kurzer Auszug: Er wollte es nicht. Natürlich nicht. Franz Schönmoser hat seine Enkelin totgefahren, auf der Zufahrtsstra- ße zu seinem Haus. Sein Sohn Michael und dessen Frau Manuela leben auf dem Bauernhof nebenan. Neun Monate ist der Unfall her. Seitdem fährt er jeden Tag an der Stelle vorbei, an der Teresa starb. Es geht nicht anders. Es gibt nur die eine Straße in Andriching, Niederbayern. Den Eltern begegnet er fast täglich. Sie reden fast nicht mehr miteinander, aber der Ort ist zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen. Drei Höfe, ein Haus, eine Kapelle, mehr nicht. „Jetzt geht es um das Thema, wie man damit weiterleben kann“, sagt Franz Schönmoser. Darüber will er reden, übers Weiterleben, in der Stube seines Hauses. Im Fenster steht ein Bild, Teresa in Holz gerahmt, eine Tulpe in der Hand. An der Wand, in der Vitrine, überall steht das lächelnde Kind Teresa. Franz Schönmoser, 62, ist ein kleiner Mann mit Siebentagebart. Wenn er weint, setzt er seine Brille ab. Er setzt seine Brille oft ab, wenn er über Teresa spricht. Er sagt: „Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“ (Glas 2019: 3) Die Sprache erzeugt eine bedrückende Atmosphäre, die zugleich eine gewisse Ruhe verströmt. Eine verzweifelte Stille. So hat der Reporter die Situation offenbar erlebt: einen gebrochenen Mann, der über das Grauen spricht, dem das aber verständlicherweise schwerfällt. Andere Personen würden womöglich anders mit einem solchen Schicksal umgehen, zum Beispiel ganz schnell sprechen, gehetzt, fahrig, vielleicht gereizt. Dann Tanjev Schultz 270 müsste der Reporter die Situation entsprechend anders beschreiben und andere sprachliche Mittel anwenden, um sie wahrhaftig zu schildern und nachzuempfinden. So subjektiv die Reportage ist: Sie will auch das Subjektive so gut und korrekt wie möglich erfassen. Miterleben und Rekonstruktion Echte Reportagen sind keine Rekonstruktionen, sie beruhen auf dem eigenen Erleben der Journalistinnen und Journalisten. Das sagt sich so leicht. Erstens: Auch das eigene Erleben muss später im Schreibprozess rekonstruiert werden. Zweitens: In einer komplexen Situation bekommt eine Reporterin nicht immer alles mit. Reist sie zum Beispiel auf einem Schiff mit, das Geflüchtete aus Seenot rettet, kann sie nicht überall gleichzeitig sein – und unter Umständen passiert an einem Tag etwas Wichtiges am Heck, während sie sich am Bug aufhält. Es braucht dann die Rekonstruktion. Drittens: Es gibt wichtige Ereignisse, bei denen der Journalist nicht einmal in der Nähe sein konnte, dennoch lässt sich manchmal im Nachhinein eine gute Reportage schreiben. Hier bietet sich das Beispiel der Reportage über den Großvater an, der seine Enkeltochter überfahren hat: Im zentralen Moment des Unglücks war der Reporter nicht selbst zugegen, und auch nicht in den schwierigen Wochen, die auf den Tod des Mädchens folgten. Erst nach einer gewissen Zeit konnte der Journalist mit dem Großvater, den Eltern des Kindes und anderen Personen sprechen. Er begleitete den Großvater zu einer Bürgerversammlung, er besuchte die Orte des Geschehens, saß mit der Familie am Tisch. So konnte sich der Reporter auf die eigene Anschauung stützen. Das Ausgangsereignis musste er jedoch rekonstruieren. In der Reportage heißt es im zweiten Absatz: Er versucht also, nach Teresa zu greifen. Aber er greift ins Leere. Teresa fällt vom Radlader. Das Fahrzeug macht einen Hüpfer. Er hält an und steigt ab. Er läuft zum Hinterreifen, sieht Teresa auf der Straße liegen, in einer Pfütze aus Blut. Sie rührt sich nicht, schreit nicht. Nur Hannah schreit, Teresas große Schwester. Hannah klettert vom Lader, rennt los, die Straße runter, nach Hause zur Mutter. Sie ruft: „Mama, du musst sofort kommen!“ Und: „Der Opa wollte das nicht.“ (Glas 2019: 3) Die Unglücksszene ist im Präsens geschrieben, das erleichtert es den Leserinnen und Lesern, sich in die dramatische Situation hineinzuversetzen. Die Beschreibung ist detailreicher, als dies in einer Nachrichtenmeldung 4. Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 271 der Fall wäre, sie enthält sogar wörtliche Rede. Aus dem Kontext ist jedem verständigen Leser klar, dass der Reporter nicht selbst dabei war. Das Publikum muss darauf vertrauen, dass der Journalist sorgfältig recherchiert und große Sicherheit darüber erlangt hat, dass sich die Szene so abgespielt hat. Letzte Gewissheit darüber gibt es nicht, aber außer Gesprächen mit den Beteiligten und einer Einschätzung ihrer Glaubwürdigkeit könnten beispielsweise Erkenntnisse der Polizei der Rekonstruktion zugrunde liegen. Idealerweise würde der Autor die Quellenlage im Text transparent machen. Wer eine Reportage schreibt, möchte die Stimmung, die sprachlich aufgebaut wird, ungern durch Relativierungen und ungelenk wirkende Leseanleitungen zerstören. Oft lässt sich aber schon durch kleine Eingriffe und Zusätze Transparenz herstellen. Ist der genaue Wortlaut eines Zitats nicht recherchierbar, kann es sich anbieten, auf die Anführungszeichen zu verzichten oder den Leserinnen und Lesern die Unschärfe ins Bewusstsein zu rufen, zum Beispiel so: Sie ruft etwas wie: „Mama, du musst sofort kommen!“ In jedem Fall muss vermieden werden zu suggerieren, man habe als Journalist selbst etwas miterlebt, obwohl man nicht dabei war. Heftig diskutiert wurde dies 2011 aus Anlass eines mit dem Nannen-Preis ausgezeichneten Porträts über den CSU-Politiker Horst Seehofer, geschrieben vom Spiegel-Reporter René Pfister. Im Einstieg des Artikels „Am Stellpult“ beschrieb Pfister eine Spielzeugeisenbahn im Keller von Seehofers Ferienhaus. Der Text begann so: Ein paarmal im Jahr steigt Horst Seehofer in den Keller seines Ferienhauses in Schamhaupten, Weihnachten und Ostern, auch jetzt im Sommer, wenn er ein paar Tage frei hat. Dort unten steht seine Eisenbahn, es ist eine Märklin H0 im Maßstab 1:87, er baut seit Jahren daran. Die Eisenbahn ist ein Modell von Seehofers Leben. (Pfister 2010: 41) Als sich bei der Preisverleihung herausstellte, dass Pfister den Keller nicht selbst gesehen und betreten hatte, sondern die Informationen aus anderen Quellen recherchiert hatte, fühlte sich die Jury getäuscht. Der Preis wurde aberkannt, der Spiegel protestierte. Pfister hatte nirgends explizit behauptet, er wäre in dem Keller gewesen, die Jurymitglieder hatten dies aber angenommen. Wer den Einstieg genau liest, kann feststellen, dass der Keller nicht sehr genau beschrieben wird. Die Wendung „jetzt im Sommer“ legt Unmittelbarkeit nahe, die Formulierung „dort unten“ schafft anschließend aber Distanz (es heißt nicht „hier unten“). Tanjev Schultz 272 Womöglich hat die Tatsache, dass der Text für die Kategorie „Reportage“ eingereicht worden war, zu dem Missverständnis beigetragen, der Einstieg müsste eine selbst erlebte Szene sein. Das Missverständnis wäre nicht eingetreten, hätte der Autor in einem Nebensatz deutlich gemacht, dass die Angaben über den Eisenbahnkeller von Dritten stammen. Sie wurden in ihrem Gehalt nicht beanstandet. Was in dem Text über Seehofer und seine Eisenbahn stand, war korrekt, wie auch der Politiker bestätigte. Ein Jahr nach dieser Diskussion sorgte ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus ähnlichen Gründen für Ärger. Der Innenpolitik-Chef Heribert Prantl hatte ein großes Porträt über Andreas Voßkuhle geschrieben, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Darin schilderte er Voßkuhles Agieren in der privaten Küche: Man muss ihn am Küchentisch erleben. Man muss erleben, wie er ein großes Essen vorbereitet. Bei Voßkuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel und wartet, was aufgetragen wird. Eine Einladung bei dem kinderlosen Juristenpaar – seine Frau ist Vizepräsidentin des Landgerichts in Freiburg – beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat. (…) Jeder hat seinen Part, jeder hat was zu schnippeln, zu sieden und zu kochen, jeder etwas zu reden: Es geht um die Nudel, die Küchenrolle und um die Welt. Voßkuhle selbst rührt das Dressing. Man ahnt, wie er als oberster Richter agiert. (Prantl 2012: 3) Die genaue Beschreibung der Abläufe verleitet fast unweigerlich zu der Annahme, der Autor habe selbst in Voßkuhles Küche gestanden und dort mitgekocht. Dazu kommt, dass das Miterleben hier fast schon programmatisch beschworen wird: „Man muss erleben…“. Doch der Autor hatte diese Szene nicht selbst erlebt. Der Verzicht auf ein erzählerische „Ich“ kann helfen zu verhindern, dass der Reporter, der dem Publikum seine Sinne leihen soll, sich zu sehr in den Vordergrund drängt. Doch im ungünstigen Fall kann dieser Verzicht, wie in diesem Beispiel, dazu beitragen, die Position eines Reporters zu verschleiern. In diesem Falle also: die Tatsache zu verbergen, dass der Autor gar nicht selbst zugegen war. Wie die SZ entschuldigend bekennen musste, hatte sich Prantl die Küchenszene von dritter Seite schildern lassen, ohne dies im Text kenntlich zu machen. Die unzureichende Klarheit in den beiden Artikeln von Pfister und Prantl sind zwar weit entfernt von den Täuschungen und fundamentalen Verstößen gegen die journalistische Ethik, die Claas Relotius beging, als er Personen und Szenen erfand. Die Beispiele erinnern aber daran, dass im journalistischen Alltag an vielen Stellen eine Versuchung lauert, die nötige Transparenz und Sorgfalt zugunsten dramaturgischer Effekte und stilisti- Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 273 scher Kohärenz zu vernachlässigen. Wer danach sucht, kann jedoch oft einen eleganten Weg finden, nötige Einschränkungen und Hinweise in einen Text so einzubauen, dass sie den Lesefluss nicht stören. Abgesehen davon sollte für journalistische Beiträge der Grundsatz gelten: Wahrheit vor Schönheit. Schluss: Konsequenzen für die Praxis Die Selbstkritik, die der Fall Relotius im deutschen Journalismus ausgelöst hat, sollte nicht zu kurz kommen. Die Problemzonen der Reportage gehen über die krasse Lüge und die komplette Erfindung von Figuren und Szenen hinaus. Sie umfassen auch vermeintliche Kleinigkeiten. Sie betreffen die genaue Wortwahl und das wahrhaftige Nachempfinden des Erlebten. Die Kritik sollte aber auch nicht übers Ziel hinausschießen. Die Reportage hat sich nicht überlebt, sie ist nicht grundsätzlich diskreditiert. Reportagen erfüllen Funktionen, die andere Darstellungsformen nicht erbringen. Ihre Subjektivität macht sie angreifbar, diese ist aber auch ihre Stärke. Wenn sie die journalistische Wahrheitsorientierung und die Sorgfaltspflicht hochhält, kann die Reportage Einblicke geben, die das Publikum sonst nicht bekommt: Einblicke in sonst verschlossene (Lebens-) Welten. Sie beschreibt nicht nur äußere Begebenheiten, sondern erschließt innere Vorgänge, Gefühle, Gedanken und seelische Zustände. Der Spiegel hat aus dem Fall Relotius etliche Konsequenzen gezogen, die zu begrüßen sind. Dazu gehört eine bessere Kontrolle der Texte durch die Dokumentationsabteilung. Dieser Schritt macht umso schmerzhafter bewusst, dass viele Medienhäuser gar nicht über entsprechende Abteilungen und Korrekturschleifen verfügen. Die Überprüfung muss dann von der Redaktion im (mindestens) Vier-Augen-Prinzip selbst geleistet werden. Ohne hier eine erschöpfende Aufstellung präsentieren zu können, sollte dabei vor dem Hintergrund der analysierten Zusammenhänge Wert auf diese Punkte gelegt werden (vgl. auch Schultz 2019): • Viele Fakten in Reportagen (Zahlen, Namen usw.) lassen sich genauso überprüfen wie in nachrichtlichen Berichten. Redaktionen sollten sich nicht scheuen, auch vermeintliche Kleinigkeiten zu checken. Letztlich bewahrt das ihre Autorinnen und Autoren vor Fehlern, die sie selbst ärgerlich finden. Diese sollten ihre Recherchen gut dokumentieren – auch Details. Das hilft ihnen im Falle eines Rechtstreits oder einer kritischen Nachfrage von Lesern. 5. Tanjev Schultz 274 • Fotos, Video- und Audioaufnahmen können auch von schreibenden Reportern als Gedächtnisstütze und zu Zwecken der Dokumentation leicht erstellt werden. Meist reicht das Mobiltelefon dafür. Bereits in ihrer Ausbildung sollten sich Journalistinnen und Journalisten daran gewöhnen, bei ihren Recherchen Aufzeichnungen zu machen. Die Erlaubnis dafür muss natürlich vorliegen. Immer wieder wird es allerdings sensible Gespräche und Situationen geben, in denen ein Reporter nur auf seine eigenen Sinne (und allenfalls einen Notizblock) zurückgreifen kann. Das Dokumentieren darf einen Reporter außerdem nicht zu sehr ablenken. • In Redaktionen werden Texte oft zu schnell durchgewunken. Es geht nicht darum, Reporterinnen und Reporter zu gängeln oder unter einen Generalverdacht zu stellen, vielmehr sollte eine Kultur gepflegt werden, in der um den treffenden Ausdruck (welche Worte passen?) gerungen wird und alle signalisiert bekommen, dass die Redaktion dem Prinzip „Wahrheit vor Schönheit“ folgt. Es darf kein Druck aufgebaut werden, „perfekte“ Geschichten zu liefern. Deshalb dürfen Redaktionen keine zu engen Vorgaben für eine Recherche und schon gar nicht für deren Ergebnisse machen. Die im Spiegel festgestellte Praxis, Reportagen mit ihren Protagonisten wie bei einem Filmcasting zu planen, widerspricht der für Reportagen essenziellen Offenheit und Tatsachenorientierung (vgl. Fehrle et al. 2019: 137). • Bei Rekonstruktionen oder Szenen, deren Status unklar ist, sollte die Redaktion darauf bestehen, dass kurze Erklärungen im Text eingebaut werden. Generell ist unter Wahrung des Schutzes von Informanten Quellentransparenz herzustellen. Recherchewege und -hintergründe können gegebenenfalls auch in Zusatzstücken (Kästen) thematisiert werden. Wenig überzeugend wäre es, aus dem Fall Relotius und anderen Medienskandalen den Schluss zu ziehen, auf Reportagen könnte oder müsste verzichtet werden. Eine radikale Abkehr würde nicht nur allen gewissenhaft arbeitenden Reporterinnen und Reportern Unrecht tun, sie würde die Chancen vergeben, die mit dieser Darstellungsform verbunden sind. Ein Verzicht auf die Reportage würde einen großen Verlust in den journalistischen Ausdrucksmöglichkeiten bedeuten. Strenge Standards in den Redaktionen können helfen, die Glaubwürdigkeit der Reportage als Darstellungsform zu sichern oder wiederzuerlangen. Werden diese Standards eingehalten, können Journalistinnen und Journalisten auch in Zukunft mit Reportagen glänzen und einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Kommunikation leisten. Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 275 Literatur Bleher, Christian / Linden, Peter (2015): Reportage und Feature. München: UVK. D‘Inka, Werner (2019): Ein kleines Wort mit großen Folgen. Die Ich-Form im Journalismus: Grenzgängerei oder Transparenz-Vorbild? In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung 2 (3), S. 218-224. Online verfügbar unter: doi: 2 (3), DOI: 10.1453/2569-152X-32019-10161-de. Fehrle, Brigitte / Höges, Clemens / Weigel, Stefan (2019): Der Fall Relotius. Abschlussbericht der Aufklärungskommission. 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Schultz, Tanjev (2020b): Der Reporter-Blick von nirgendwo? Journalismus zwischen Objektivität und Subjektivität. Unveröffentlichtes Manuskript. Tanjev Schultz 276 Schütz, Erhard (2019): Egon Erwin Kisch – ein früher Relotius? In: Der Tagesspiegel (18.1.2019). Online verfügbar unter: https://www.tagesspiegel.de/kultur/auch-erhatte-ein-problem-mit-fakten-egon-erwin-kisch-ein-frueher-relotius/23880246.ht ml (Abfrage am: 9.6.2020). Williams, Bernard (2003): Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Wolff, Volker (2011): Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus. 2. Aufl., Konstanz: UVK. Wahrheit vor Schönheit. Die Reportage nach dem Fall Relotius 277 Sagen, was sein könnte: Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus. Medienethische Überlegungen am Beispiel des Falls Relotius Tobias Eberwein Abstract: Der Fälschungsskandal um den ehemaligen Spiegel-Reporter Claas Relotius hat unter Journalisten und in der breiten Öffentlichkeit eine lebhafte und teils empörte Diskussion ausgelöst. Diese Diskussion wirft Fragen zur Verantwortung von Erzähljournalisten auf. Im Kern geht es dabei um die Chancen und Grenzen narrativer Gestaltung beim Streben nach wahrhaftiger Berichterstattung im Journalismus. Auf der Grundlage einer Inhaltsanalyse zum öffentlichen Diskurs über den Fall Relotius arbeitet der Beitrag Ursachen und Konsequenzen des Fälschungsskandals heraus. Eine redaktionelle Mitverantwortung ist demnach kaum zu leugnen. Tatsächlich haben Stilmittel der Fiktion im deutschsprachigen Erzähljournalismus eine lange Tradition und stellen in vielen Fällen ein effektives und etabliertes Instrument zur Stärkung der Wahrhaftigkeit journalistischer Beiträge dar – auch beim Spiegel. Im Fall von Relotius hat jedoch ein Bündel aus individuellen, redaktionellen und professionellen Einflussfaktoren dazu geführt, dass ein offenkundiger Missbrauch derartiger Stilmittel lange Zeit unentdeckt blieb. Der Beitrag reflektiert die empirischen Befunde aus medienethischer Perspektive und zeigt mögliche Maßnahmen für die journalistische Qualitätssicherung auf. Einführung: Zur Verantwortung des erzählenden Journalismus In theoretischen und praktischen Begründungen des journalistischen Erzählens (vgl. u.a. Flath 2012, Früh/Frey 2014, Haller 2008, Köhler 2009, Lampert/Wespe 2013) nehmen Konzepte wie Wahrheit oder Wahrhaftigkeit stets einen zentralen Stellenwert ein. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob und inwieweit Journalismus in der Lage ist, seinem Publikum ein angemessenes Bild sozialer Wirklichkeit zu vermitteln. Tatsächlich lässt sich die Entstehung des modernen Erzähljournalismus als eigenständiges Berichterstattungsmuster ganz wesentlich auf eine Unzufriedenheit mit den Darstellungsformen eines nur vermeintlich ‚objektiven’ Informati- 1. 279 onsjournalismus zurückführen (vgl. Eberwein 2013): Die traditionelle Nachrichtenform, so eine gängige Kritik, könne mit dem Prinzip der reinen Faktenwiedergabe gesellschaftliche Zusammenhänge immer nur begrenzt verstehbar machen. Vielmehr brauche es den erzählenden Ansatz, wie er etwa in Genres wie der Reportage gepflegt wird, um durch die Schaffung von Authentizität (im Sinne von: Echtheit, Unmittelbarkeit) dem journalistischen Ziel einer wahrhaftigen Berichterstattung möglichst nahe zu kommen (vgl. Pöttker 2016). Allerdings schürt auch der Erzähljournalismus – zumindest im deutschen Sprachraum – immer wieder Skepsis. Ein allzu freier Umgang mit aus der Literatur entlehnten Gestaltungstechniken, vor allem ein allzu sorgloses Spiel mit Fakten und Fiktionen sei nicht mit den Aufgaben des Journalismus vereinbar, mahnen manche Kritiker (vgl. Blöbaum 2003). Skandalträchtige Beispiele wie das des Schweizer Autors Tom Kummer, der in den 1990er-Jahren unter Berufung auf einen angeblich neuartigen „Borderline-Journalismus“ (vgl. Reus 2004) für das Magazin der Süddeutschen Zeitung Star-Interviews erfand, geben ihnen scheinbar Recht. Literarisch gestalteter Journalismus wird dabei zum medienethischen Problemfall, den es im Sinne professioneller Standards auszuräumen, keinesfalls aber zu fördern gelte. Diese widersprüchlichen Perspektiven werfen Fragen zur Verantwortung von Erzähljournalisten auf: Inwieweit ist narrative Gestaltung ein geeignetes Vehikel, um das professionelle Gebot wahrhaftiger Berichterstattung im Journalismus zu stützen? Welche professionellen Standards sind dabei in besonderem Maße zu berücksichtigen? Vor allem: Ist auch eine Verwendung fiktiver Stilmittel zulässig – und wenn ja: Wo ist dann die Grenze zu Fälschung und gezielter Manipulation? Diese Fragen diskutiert der vorliegende Beitrag aus medienethischer Perspektive am Beispiel des Falls von Claas Relotius, der Ende 2018 den wohl größten Fälschungsskandal der jüngeren deutschen Journalismusgeschichte provozierte. Der Fall Relotius – eine Chronologie Unter Berufskollegen galt Claas Relotius lange Zeit als einer der talentiertesten Erzähljournalisten seiner Generation. Seine Stücke erschienen in einigen der renommiertesten Printmedien des deutschsprachigen Raums – zuletzt vor allem im Spiegel, für den er nicht nur eine regelmäßige Kolumne pflegte („Eine Meldung und ihre Geschichte“), sondern auch an der Perfektionierung der sog. Rekonstruktionsreportage mitwirkte – ein spezifisches Genre des Erzähljournalismus, das im Spiegel im Verlauf des zu- 2. Tobias Eberwein 280 rückliegenden Jahrzehnts zur Lieblingsform vieler Stammautoren geworden war, weil es dem traditionellen Augstein-Motto „Sagen, was ist“ offenbar besonders gut zu entsprechen schien. Im Dezember 2018 erhielt Relotius im Alter von 33 Jahren bereits zum vierten Mal den begehrten „Reporterpreis“ – die gegenwärtig wichtigste Auszeichnung für deutsche Erzähljournalisten. Kaum drei Wochen später wurde bekannt, dass der Preisträger zahlreiche seiner Texte fiktional angereichert hatte – teilweise nur mit ausschmückenden Details, teilweise mit der Erfindung zentraler Protagonisten auch substantiell. In einer ersten Stellungnahme kommentierte sein direkter Vorgesetzter Ullrich Fichtner (2018): „Wahrheit und Lüge gehen in seinen Texten durcheinander, denn manche Geschichten sind nach seinen eigenen Angaben sauber recherchiert und Fake-frei, andere aber komplett erfunden, und wieder andere wenigstens aufgehübscht mit frisierten Zitaten und sonstiger Tatsachenfantasie.“ Nachdem Relotius nichts Anderes übrigblieb, als seine Fälschungen zuzugeben, gab er seine Preise zurück und kündigte seinen Arbeitsvertrag beim Spiegel. Die Enttarnung des Fälschers führte umgehend zu lebhaften und teils empörten Diskussionen sowohl innerhalb der Branche als auch in der breiten Öffentlichkeit. Damit wurde der Fall Relotius zu einem Lehrstück in Sachen öffentlicher Medienkritik, das die Chancen und Grenzen verschiedener Instrumente journalistischer Qualitätssicherung und redaktioneller Transparenzmaßnahmen veranschaulicht (vgl. Hoffmann/Ruß-Mohl 2020). Dank zahlreicher journalistischer Publikationen zum Thema, nicht zuletzt durch den Spiegel selbst, sind mittlerweile viele Details zu den Hintergründen des Falls bekannt. So wissen wir heute, • dass die Aufdeckung keineswegs erst an jenem 19. Dezember 2018 ihren Anfang nahm, als der Spiegel bekannt gab, seinen Starreporter Relotius der systematischen Fälschung überführt zu haben. Spiegel-Kollege Juan Moreno war bereits Wochen zuvor misstrauisch geworden, musste zunächst aber einige Widerstände überwinden, um die Redaktionsleitung von einem Fehlverhalten zu überzeugen. • Anschließend unternahm der Spiegel jedoch vielfältige Anstrengungen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen: Zwischen Januar und Mai 2019 untersuchte eine interne Kommission die redaktionellen Strukturen, die zum Skandal geführt hatten, und dokumentierte ihre Erkenntnisse in einem umfangreichen Bericht (Fehrle et al. 2019). Zwei verantwortliche Redakteure aus dem Spiegel-Ressort „Gesellschaft“, Ullrich Ficht- Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 281 ner und Matthias Geyer, mussten auf vertraglich abgemachte Beförderungen verzichten. • Im September 2019 publizierte Juan Moreno mit dem Buch Tausend Zeilen Lüge (Moreno 2019) seine eigene Sicht auf den Fall. Wenig später meldete sich auch Relotius erstmals wieder zu Wort, um Anstoß an der Veröffentlichung zu nehmen. Moreno verbreite „erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen“, wurde Relotius zitiert und drohte über seinen Anwalt mit Klage – Ausgang offen. Trotz der überaus lebendigen publizistischen Begleitung ist eine systematische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fall, die auch an die medienethische Debatte über Wahrheit und Wahrhaftigkeit anschlussfähig ist, noch immer ein Desiderat. Diese Forschungslücke will die hier präsentierte Studie auf der Grundlage einer Inhaltsanalyse zu schließen helfen, mit der sich der öffentliche Diskurs rund um den Fälschungsskandal nachzeichnen lässt. Bevor der methodische Ansatz der empirischen Studie im Detail vorgestellt wird, ist jedoch ein geraffter Überblick zum Stand der Forschung zur Geschichte und Gegenwart des journalistischen Erzählens im deutschsprachigen Raum notwendig. Dabei sind auch ältere empirische Studien des Verfassers zu berücksichtigen, die für eine Einordnung des aktuellen Falls hilfreich erscheinen. Stand der Forschung: Traditionen und Gegenwart des journalistischen Erzählens Historisch orientierte Forschungsarbeiten aus Literaturwissenschaft und Journalistik lassen keinen Zweifel daran, dass Praktiken des journalistischen Erzählens im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition haben (vgl. dazu den Überblick bei Eberwein 2013: 100-149). Immer wieder haben sich dabei literarische und journalistische Vermittlungstechniken gegenseitig befruchtet. Die ersten Vorläufer eines häufig auch als Literarischer Journalismus bezeichneten Berichterstattungsmusters lassen sich bis in das frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen (vgl. Duchkowitsch 2010). Nach und nach vollzieht sich eine „Journalisierung der Literatur“ (Roß 2004: 77), die vor allem in der Zeit des Jungen Deutschland und des Vormärz eine erste Hochphase erlebt. Mit der Professionalisierung des Journalismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts interpretieren mehr und mehr Journalisten ihren Beruf im Sinne einer möglichst aktuellen Informationsvermittlung (vgl. Birkner 2012); parallel florieren mit dem Feuilletonismus und der Literarischen 3. Tobias Eberwein 282 Reportage jedoch gegenläufige Typen der Berichterstattung, die gezielt auf literarische Stilmittel setzen (vgl. z.B. Geisler 1982, Haas 1999, Kostenzer 2009). In der kurzen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erreicht der Literarische Journalismus, der heute vor allem mit Autoren wie Egon Erwin Kisch und Joseph Roth in Verbindung gebracht wird, seine größte Blüte (vgl. u.a. Patka 1997, Westermann 1987), die durch die Machtübernahme des Hitler-Regimes und seiner allmählichen ‚Gleichschaltung’ der Presse jedoch jäh unterbunden wird. Neuerliche Bemühungen zur Wiederbelebung des journalistischen Erzählens nach dem Zweiten Weltkrieg finden sich unter anderem in den Reportagen der Dokumentarischen Literatur (vgl. Berghahn 1979). Spätestens seit den 1970er-Jahren erleben Genres wie die Reportage und die Story auch im tagesaktuellen Journalismus eine neue Wertschätzung (vgl. Haller 2008) – nicht zuletzt inspiriert durch internationale Trends wie den US-amerikanischen New Journalism (vgl. Hohlfeld 2004). Diese Wertschätzung ist bis heute ungebrochen (Eberwein 2013). Zwar unterscheiden sich die hier nur angedeuteten Zugänge zum journalistischen Erzählen zum Teil erheblich. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Bemühung, unterschiedliche literarische Gestaltungsmittel so für journalistische Zwecke einzusetzen, dass sie das jeweilige Ziel der Berichterstattung bestmöglich unterstützen (vgl. Vogl 2004). Wie Gunter Reus (2002) gezeigt hat, gilt dies auch für Stilmittel der Fiktion: Auch sie haben im Journalismus eine lange Tradition – und stellen vor allem im Erzähljournalismus ein effektives und etabliertes Instrument zur Stärkung der Authentizität journalistischer Beiträge dar. Zwar ist Journalismus „zuallererst ein der Wirklichkeit verpflichtetes Verfahren“ (ebd.: 79), das reale Ereignisse, Zustände oder Aussagen zum Gegenstand hat und damit auf Fakten basiert. Zur Vermittlung und Interpretation dieser Fakten bedient er sich jedoch immer wieder – und zwar in der Regel ohne Widerspruch – auch der Fiktion. Beispiele dafür finden sich (in unterschiedlich starker Ausprägung) in der Arbeit mit Metaphern, Assoziationen und Vergleichen, Ironie und Satire, dramaturgischer Gestaltung, szenischem Ausschmücken und gelegentlich auch in der Einführung künstlicher Figuren und Situationen. Derartiges „Fiktionalisieren“ war und ist laut Reus „in allen journalistischen Darstellungsformen präsent. Es bildet, wenn auch oft unbewusst und meist unspektakulär, einen festen Bestandteil professioneller Konventionen“ (ebd.: 78f.). Veranschaulichen lässt sich dies unter anderem am Beispiel der sog. szenischen Rekonstruktion (vgl. Schäfer-Hock 2018: 202f.) – einer auch im gegenwärtigen Reportagejournalismus weit verbreiteten Darstellungstechnik. Dabei werden Ereignisse für einen journalistischen Beitrag szenisch Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 283 geschildert, obwohl der Reporter sie nicht selbst beobachten konnte. Zwar bleibt auch hier das für den Journalismus konstitutive Postulat der Wahrhaftigkeit unangetastet, denn in der Regel basiert die Darstellung einer szenischen Rekonstruktion auf sorgfältiger Recherche (z.B. auf Hintergrundgesprächen mit zentralen Protagonisten). Allerdings fiktionalisiert der Reporter die Darstellung, indem er aufgrund seiner Erzählperspektive suggeriert, er habe das Berichtete durch eigenen Augenschein erlebt. Gerade bei der Vermittlung von Vergangenem stellt die szenische Rekonstruktion oft die einzige Möglichkeit dar, ein Thema narrativ aufzubereiten (vgl. Haller 2004: 109-111) – so etwa in der Gerichtsreportage, wo große Teile des Geschehens in der Regel aus Akten rekonstruiert werden. Dass derartige Techniken der Fiktionalisierung auch bei vielen aktuellen Qualitätsmedien genutzt werden, zeigt nicht zuletzt eine Interview- Studie zu den Chancen und Grenzen narrativer Gestaltung im Printjournalismus der Gegenwart, die der Verfasser deutlich vor Bekanntwerden des Fälschungsskandals um Claas Relotius durchgeführt hat (vgl. Eberwein 2013: 151-215). Auch leitende Redakteure renommierter Nachrichtenblätter gaben dabei zu Protokoll, dass sie die szenische Rekonstruktion für ein legitimes Verfahren halten und oft auch selber anwenden. So sagt beispielsweise Ariel Hauptmeier, seinerzeit Redakteur bei GEO, heute Leiter der Reportageschule Reutlingen: „Die Essenz einer guten Reportage ist die Rekonstruktion. […] Entweder ich habe, wie ein GEO-Reporter, zwei Wochen Zeit, oder ich rekonstruiere. Das ist ein Mittel, das viel zu selten gemacht wird.“1 Auch Sabine Rückert, die bei der Zeit vor allem als Gerichtsreporterin tätig war, bevor sie in die Chefredaktion des Wochenblattes vorrückte, gibt an: „Ich arbeite […] viel mit Rekonstruktionen, und ich habe weite Teile dessen, was ich schreibe, aus Akten. Weite Teile – und das weiß natürlich der Leser. Er weiß, dass ich bei einem Mord nicht dabeigewesen bin.“ Ganz ähnlich erklärt auch Jochen Arntz, zum Zeitpunkt des Interviews stellvertretender Ressortleiter der „Seite 3“ der Süddeutschen Zeitung, am Beispiel einer eigenen Reportage: 1 Dieses und die nachfolgenden direkten Zitate entstammen den Interview-Transkripten, die im Zuge der genannten Studie (Eberwein 2013) entstanden sind. Sie sind größtenteils unveröffentlicht. Tobias Eberwein 284 „Ich habe […] eine Geschichte geschrieben über Walter Kohl. Da ging es am Anfang darum, wie er auf dem Friedhof steht in Ludwigshafen und den Abschiedsbrief seiner Mutter am Grab seiner Mutter vorträgt. Da war ich auch nicht dabei. […]. Das habe ich aber trotzdem so geschildert, damit man die Szene vor Augen hat. Ich bin da jetzt kein Purist. Ich finde, wenn man sich mit Leuten über diese Sachen unterhalten hat, dann kann man das schildern.“ Noch deutlicher argumentiert der freischaffende Autor Erwin Koch, der über Jahre hinweg auch im Spiegel veröffentlicht hat: „Was meine Texte angeht: Ich nehme mir […] einfach dieses Recht, ein Leben zu rekonstruieren und das in der Gegenwartsform als Chronik darzustellen. Die Fakten sind heilig, das ist klar. Ob jetzt ein Dialog ganz genau in dieser Form stattgefunden hat, das weiß ich nicht. Mir wurde das so erzählt […]. Ich nehme mir jetzt einfach das Recht. Punkt.“ Interessant für die Analyse des Falls Relotius ist auch die Einordnung von Cordt Schnibben, der als Chefredakteur des 1999 gegründeten Magazins Spiegel Reporter und von 2001 bis 2013 als Leiter des Spiegel-Ressorts „Gesellschaft“ wie kein anderer dazu beigetragen hat, dem Erzähljournalismus im Spiegel zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Er erinnert sich im Interview rückblickend: „Und was wir dann gemacht haben, ab Mitte der 90er-Jahre, ist eigentlich, diese Form des Journalismus ins Große zu drehen. Also nicht nur […] auf die Ein- oder Zwei-Seiten-Geschichte, sondern zu sagen: Ok, wenn reportagig, dann aber richtig. Und daraus sind dann immer mehr Reportagen entstanden, und dann auch die Form der szenischen Rekonstruktion. Die szenische Rekonstruktion ist ja eigentlich die XXL-Version der Nachrichtenstory.“ Zwar hatte Schnibben keine redaktionelle Verantwortung mehr inne, als Claas Relotius 2017 eine Festanstellung als Reporter im „Gesellschafts“- Ressort erhielt. Er war aber sehr wohl über Jahre daran beteiligt, beim Spiegel eine Reportagekultur zu etablieren, die auch fiktionalen Vermittlungsformen Raum und Berechtigung verschaffte. Insofern werfen die hier nur ausschnitthaft referierten Interviews Fragen auch zur redaktionellen Verantwortung im Fall Relotius auf. Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 285 Empirischer Zugang: Ergebnisse einer Inhaltsanalyse Methodische Vorbemerkung Um die medienethischen Implikationen des Falls Relotius genauer beleuchten zu können, wurde im Rahmen der im Folgenden vorgestellten Studie eine Inhaltsanalyse zum (medien)öffentlichen Diskurs im Gefolge der Enthüllung des Fälschungsskandals durchgeführt. Untersucht wurde dabei die journalistische Berichterstattung in sieben ausgewählten Tagesund Wochenzeitungen bzw. Nachrichtenmagazinen (inkl. ihrer jeweiligen Online-Ausgaben), die die Debatte in besonderem Maße geprägt haben – im Einzelnen: Süddeutsche Zeitung (SZ), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Die Welt, die tageszeitung (taz), Bild, Zeit und der Spiegel selbst. Der Untersuchungszeitraum umfasste die zwölf Monate vom 1. Dezember 2018 bis zum 30. November 2019. Für die Analyse wurden alle Beiträge in den genannten Medien berücksichtigt, für die sich bei einer Archivrecherche der Suchbegriff „Relotius“ nachweisen ließ und die sich – nach einer ersten inhaltlichen Prüfung – erkennbar und substantiell (d.h. in einem Anteil von mindestens 50% der jeweiligen Textlänge) mit dem Fälschungsskandal auseinandersetzten. Aus dem Sample eliminiert wurden zudem einige wenige inhaltsgleiche Dubletten. Beim Analyseprozess wurden quantitative und qualitative Herangehensweisen kombiniert. Neben einigen formalen Kategorien (etwa Medium, Datum der Veröffentlichung, Autor, Umfang, Darstellungsform usw.) wurden vor allem die folgenden inhaltlichen Kategorien untersucht: Hauptthema, Akteure, Frames und rhetorische Besonderheiten. Während für die deduktiv codierbaren Kategorien eine Vollerhebung des gebildeten Textcorpus realisiert wurde, beschränkte sich die induktive Codierung der vorherrschenden Frames in der Berichterstattung und ihrer rhetorischen Stilmittel auf eine Zufallsauswahl von zehn Beiträgen pro untersuchtem Medium.2 Ziel des skizzierten Vorgehens war es, eine differenzierte Betrachtung der (öffentlich wahrgenommenen) Ursachen und Konsequenzen des Falls Relotius zu ermöglichen. Dies stellte die Grundlage für eine Reflexion über die Wirksamkeit redaktioneller Standards für den aktuellen Erzähljournalismus dar. 4. 4.1 2 Bei der Archivrecherche und der Codierung der formalen Kategorien wurde der Verfasser von Susanne Behrens unterstützt. Ihr gilt sein herzlicher Dank! Tobias Eberwein 286 Der Fall Relotius im öffentlichen Diskurs Die durchgeführte Inhaltsanalyse zeigt, dass der öffentliche Diskurs über den Fall Relotius offenbar sehr lebhaft und – für die Dramaturgie von Medienskandalen eher untypisch (vgl. Burkhardt 2015) – über einen vergleichsweise langen Zeitraum hinweg geführt wurde. In den sieben untersuchten Medien finden sich im Zeitraum vom Dezember 2018 bis November 2019 insgesamt 274 Beiträge zum Thema (vgl. Abb. 1). Der Großteil der Beiträge wird direkt nach der Offenlegung des Falls publiziert: Im Dezember 2018 lassen sich bereits 131 Veröffentlichungen nachweisen – das ist fast die Hälfte der Grundgesamtheit. Spätestens ab Februar 2019 geht das mediale Interesse deutlich zurück; das Thema verschwindet aber nie vollständig aus der Berichterstattung. Letztlich finden sich über das gesamte Folgejahr hinweg immer wieder vereinzelte Beispiele für journalistische Beiträge, die die Diskussion über die verschiedenen Dimensionen des Falls weiterdrehen. Ein äußerer Anlass dafür ist etwa die Nachricht, dass auch Relotius’ ehemalige Vorgesetzte Ullrich Fichtner und Matthias Geyer personelle Konsequenzen hinnehmen müssen. Ebenso zieht die Veröffentlichung des Abschlussberichts der internen Untersuchungskommission beim Spiegel im Mai 2019 einige Berichterstattung nach sich. Gleiches gilt – noch deutlicher – auch für die Buchveröffentlichung von Juan Moreno im September 2019 und die darauffolgende Stellungnahme von Claas Relotius. Anzahl der Beiträge im Zeitverlauf (N = 274) 4.2 Abbildung 1: Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 287 Aufschlussreich ist es darüber hinaus, die Berichterstattung der einzelnen Medien miteinander zu vergleichen, denn ihre Herangehensweisen unterscheiden sich nicht nur in quantitativer Hinsicht (vgl. Abb. 2), sondern auch qualitativ. Eine Schlüsselrolle in der Berichterstattung nimmt dabei der Spiegel selbst ein, denn seine Selbstberichterstattung hat die Verfehlungen von Relotius überhaupt erst öffentlich gemacht. Der Spiegel veröffentlicht im Untersuchungsjahr insgesamt 43 Beiträge zum Fall, den Großteil bereits im Dezember 2018 und im Januar 2019. Mehrfach ergreift Chefredakteur Steffen Klusmann selbst das Wort, um sich zu entschuldigen und Maßnahmen anzukündigen. Viele andere Beiträge versuchen, das Geschehen in Berichtsform aufzuarbeiten und transparent zu machen. Die zahlenmäßig umfangreichste Berichterstattung findet sich in der SZ und der FAZ mit 72 bzw. 51 Beiträgen. In beiden Zeitungen ist die Berichterstattung schwerpunktmäßig im Medienressort angesiedelt. Die Bandbreite der Darstellungsformen ist größer als im Spiegel: Neben nachrichtlicher und kommentierender Berichterstattung gibt es in beiden Blättern auch Interviews, Gastbeiträge, Korrespondentenbeiträge usw. Diese Formen werden genutzt, um das ohnehin schon recht breite Meinungsspektrum in der Berichterstattung weiter zu ergänzen. Welt, taz und Bild berichten weniger häufig als SZ und FAZ. Während bei der Welt ein Hauptteil der Beiträge aus der Feder des Medienredakteurs Christian Meier stammt, findet sich in der taz eine deutlich größere Zahl an Autoren. Beide Blätter halten sich mit offener Kritik am Spiegel nicht zurück. In der Bild-Zeitung lassen sich vergleichsweise wenige namentlich gekennzeichnet Beiträge zum Thema finden. Auffällig ist hier, dass häufig auch nicht-journalistische Akteure in der Berichterstattung auftauchen – zum Beispiel in gezielt eingeholten Stellungnahmen durch politische Entscheidungsträger. Die Berichterstattung ist zudem stärker personalisiert als in anderen Medien. Anders als in den Tageszeitungen finden sich in der Zeit relativ wenige nachrichtliche Beiträge. Stattdessen dominieren Kommentare und Analysen, ergänzt um gelegentliche Glossen, Kolumnen und Interviews. Schon früh im Zeitverlauf wird eine vergleichsweise große Bandbreite unterschiedlicher Positionen zum Fall publiziert. Nach Januar 2019 beteiligt sich die Zeit allerdings fast gar nicht mehr am Diskurs zum Thema. Tobias Eberwein 288 Anzahl der Beiträge pro Medium (N = 274) Ursachen für den Fall Relotius Eine qualitative Analyse der Berichterstattung macht es möglich, verschiedene inhaltliche Dimensionen herauszuarbeiten. Spannend ist dabei der Blick auf die unterschiedlichen Zuschreibungen von Verantwortung, denn tatsächlich rücken die untersuchten Medien ganz verschiedene Ursachen für den Fall in den Mittelpunkt. Insgesamt lassen sich vier zentrale Ursachen-Frames unterscheiden, die mal auf der Mikro-Ebene ansetzen, mal auf der Meso-Ebene und mal auf der Makro-Ebene (vgl. Abb. 3). Der dominanteste Frame ist auf der Mikro-Ebene zu verorten. Er wird hier als Einzeltäter-Frame bezeichnet und kommt in mehr als der Hälfte (57%) der analysierten Beiträge zum Tragen. Demnach liegt die Hauptursache für den Fälschungsskandal in der Persönlichkeit von Claas Relotius. Er wird in vielen Beiträgen als „krankhafter“ (z.B. Die Zeit v. 24.10.2019) Lügner und Hochstapler „mit betrügerischer Energie“ (Zeit Online v. 21.12.2018) dargestellt. Seine Fälschungen erscheinen dabei in erster Linie als psychisches Problem – und erst in zweiter Linie als redaktionelles. Der Frame vom Einzeltäter überlappt in vielen Fällen mit dem Bild der passiv duldenden Redaktion (33%) auf der Meso-Ebene. Redaktionelle Mitverantwortung wird dabei vor allem in einer mangelhaften redaktionellen Qualitätssicherung gesehen. Zwar gingen die Fälschungen auch in dieser Sichtweise vom Individuum Relotius aus. Sie konnten allerdings nur ins Blatt kommen, weil die Dokumentationsabteilung des Spiegels beim Fact- Checking „versagt“ (z.B. Der Spiegel v. 22.12.2018) habe. Abbildung 2: 4.3 Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 289 Größere redaktionelle Verantwortung sehen Beiträge mit dem Deutungsrahmen der aktiv fördernden Redaktion (30%). Hier wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass Relotius offenbar von Vorgesetzten ermutigt wurde, vorgegebene Plots oder Protagonisten in seine Geschichten einzubinden. Die als elitär kritisierten Strukturen im Spiegel-Ressort „Gesellschaft“ hätten solche Praktiken erheblich befördert. Und überhaupt herrsche beim Spiegel eine mangelhafte Fehlerkultur vor. Der letzte Frame geht noch einen Schritt weiter. Er lässt sich mit dem Schlagwort Systemfehler (29%) benennen und sieht die Ursachen für den Fall in Einflüssen auf der Ebene des Journalismussystems (Makro-Ebene). So würde beispielsweise ein allgemein vorherrschender Druck durch Journalistenpreise Fälschungen begünstigen. Generell sei die Reportage als subjektive Darstellungsform besonders anfällig für Fälschungen – was aber nicht der Redaktion anzukreiden sei. Diese vier zentralen Ursachen-Frames lassen sich während des gesamten Untersuchungszeitraums in der analysierten Berichterstattung nachweisen. Bemerkenswert ist dabei, dass in der Selbstberichterstattung des Spiegels lange vor allem die Frames vom Einzeltäter und der passiv duldenden Redaktion dominieren. Andere Medien kommen bereits in der Frühphase der öffentlichen Debatte zu deutlich differenzierteren Bewertungen. Beim Spiegel ändert sich dies erst im Mai 2019, als die interne Untersuchungskommission ihren Bericht vorlegt. Spätestens dann wird klar, dass eine redaktionelle Mitverantwortung nicht mehr zu leugnen ist. Tobias Eberwein 290 Ursachen-Frames und ihr Anteil an der Berichterstattung (n = 70) Konsequenzen aus dem Fall Relotius Aus medienethischer Sicht ist eine Analyse des öffentlichen Diskurses zum Fall Relotius auch deswegen spannend, weil in der Berichterstattung unterschiedlichste Konsequenzen und mögliche Maßnahmen thematisiert werden. Der Vergleich der untersuchten Medien macht deutlich, dass dabei grundsätzlich zwischen Maßnahmen innerhalb und außerhalb des Systems Journalismus differenziert werden kann (vgl. Abb. 4). Innerhalb des Journalismussystems sind Maßnahmen auf der individuellen, der redaktionellen und der professionellen Ebene zu unterscheiden. Individuelle Reaktionsmöglichkeiten betreffen vor allem Claas Relotius selbst. Dazu gehören etwa eine persönliche Entschuldigung für sein Fehlverhalten, eine Kündigung seines Arbeitsverhältnisses beim Spiegel und eine Rückgabe der von ihm gewonnenen Journalistenpreise. Ein breiteres Spektrum möglicher Maßnahmen findet sich auf der redaktionellen Ebene. Als wichtiger erster Schritt wird eine vorbehaltlose Offenlegung des Falls gefordert, gefolgt von einer internen Überprüfung – etwa durch eine Untersuchungskommission – und personellen Konsequenzen. Eher langfristige Maßnahmen zielen auf eine Reform der Qualitätssicherung beim Spiegel, eine Reform der Ressortstruktur, die Etablierung spezifischer redaktioneller Richtlinien für journalistische Erzählformen und das redaktionelle Abbildung 3: 4.4 Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 291 Fact-Checking sowie die Einrichtung einer Ombudsstelle. All diese Maßnahmen wurden beim Spiegel im Verlauf des Untersuchungszeitraums tatsächlich angestoßen. Weitere Konsequenzen sind auf der professionellen Ebene zu verorten, d.h. sie betreffen das System Journalismus insgesamt. Zentral ist hier die kritische Beobachtung und Analyse des Falls durch Medienjournalisten in der Tagespresse und in Branchenzeitschriften. Darüber hinaus werden wiederholt Forderungen nach einer Reform der Journalistenausbildung, gerade mit Blick auf narrative Darstellungsformen, einer Reform des Preiswesens im Journalismus sowie einer generellen Debatte über das professionelle Selbstverständnis des Journalismus laut. Außerhalb des Journalismussystems sind der Inhaltsanalyse zufolge rechtliche, künstlerische und zivilgesellschaftliche Maßnahmen denkbar und wünschenswert. Auf der rechtlichen Ebene werden in der Berichterstattung vor allem arbeitsrechtliche Konsequenzen aus dem Fall Relotius diskutiert, ebenso kommen aber auch weitere Maßnahmen im Kontext von Zivilrecht und Strafrecht zur Sprache. Konkrete Maßnahmen auf der künstlerischen Ebene finden sich in der Aufbereitung des Falls mit den Mitteln der Satire sowie in der Form eines fiktionalen Spielfilms. Aber auch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene bieten sich vielfältige Möglichkeiten der Einflussnahme. So haben betroffene Bürger, die als Protagonisten in Texten von Claas Relotius auftauchten, diese selbständig einer Faktenprüfung unterzogen und auf diese Weise Falschinformationen aufgedeckt. Weiterführende Kommentierungen finden sich in zahlreichen Leserbriefen zum Thema. Nicht zuletzt in den sozialen Medien hat sich während des Untersuchungszeitraums eine dynamische medienkritische Debatte entwickelt, die die journalistische Berichterstattung in vielerlei Hinsicht ergänzt. Zudem haben sich vereinzelt auch wissenschaftliche Experten (wie beispielsweise Michael Haller und Christoph Neuberger) in Interviews zu Wort gemeldet, um das Geschehen aus ihrer Perspektive einzuordnen. Ohne Frage können alle genannten Maßnahmen mit jeweils unterschiedlichen Mitteln einen Beitrag zur journalistischen Qualitätssicherung leisten – und damit zu einer nachhaltigen Aufklärung des Falls Relotius beitragen. Allerdings finden sich in der analysierten Berichterstattung auch einige wenige Stimmen, die zur Bewahrung der journalistischen Freiheiten bewusst vor allzu überzogenen Kontrollmaßnahmen warnen. Derartige Wortmeldungen paaren sich mit einer deutlichen Kritik an den „hysterischen Zügen“ (taz v. 22.12.2018) der Debatte, die als „weltfremd“ (ebd.) eingeordnet wird und die dem Journalismus mehr schade als nutze. Die damit einhergehende Empfehlung der taz-Kolumnistin Bettina Gaus, auf jegliche Konsequenzen aus dem Fall zu verzichten, bleibt in der Berichterstattung allerdings die Ausnahme. Tobias Eberwein 292 Thematisierte Maßnahmen Schluss: Medienethische Einordnung In der Summe macht die hier präsentierte Studie deutlich, dass einseitige Schuldzuweisungen und monokausal gedachte Korrekturmaßnahmen im Fall Relotius zu kurz greifen. Stattdessen legen die empirischen Befunde aus der Inhaltsanalyse und die vorgeschaltete Literaturstudie eine differenzierte Sicht auf die aktuelle Diskussion über Wahrheit und Wahrhaftigkeit im (Erzähl-)Journalismus nahe, die deutlich über modische Phrasen wie ‚Fake News’ oder ‚Lügenpresse’ hinausgeht. So zeigt eine Durchsicht der aktuellen Forschungsliteratur, dass Stilmittel der Fiktion im deutschsprachigen Erzähljournalismus eine lange Tradition haben – und in vielen Fällen ein effektives und etabliertes Instrument zur Stärkung der Authentizität journalistischer Beiträge darstellen. Mit Hilfe einer Interview-Studie mit leitenden Redakteuren lässt sich nachweisen, dass fiktionalisierende Darstellungsformen wie die szenische Rekonstruktion auch bei vielen aktuellen Qualitätsmedien genutzt werden – und zwar in der Regel ohne Widerspruch. Das gilt auch für den Spiegel. Die für diese Studie durchgeführte Inhaltsanalyse zum öffentlichen Diskurs über den Fall Relotius macht es möglich, konkrete Ursachen und Konsequenzen des Fälschungsskandals herauszuarbeiten. Eine redaktionelle Mitverantwortung ist demnach kaum zu leugnen. Tatsächlich scheint ein Bündel aus unterschiedlichen Einflussfaktoren dazu geführt zu haben, dass ein offenkundiger Missbrauch fiktionaler Darstellungstechniken beim Spiegel lange Zeit unentdeckt blieb und möglicherweise sogar billigend in Kauf Abbildung 4: 5. Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 293 genommen wurde. Neben dem individuellen Fehlverhalten von Claas Relotius gehören dazu auch Versäumnisse auf der Ebene der Redaktion und übergreifende Trends auf der Ebene des Journalismussystems. Immerhin zeigt die Analyse ebenfalls, dass die Verantwortlichen beim Spiegel den Fall Relotius durchaus professionell aufgearbeitet haben, indem sie sich frühzeitig für vorbehaltlose Transparenz im Umgang mit den Fälschungen entschieden und die weitere Aufklärung an eine unabhängige Untersuchungskommission übertrugen. Spätestens mit der Veröffentlichung des Kommissionsberichts waren die wesentlichen Probleme öffentlich benannt, und es wurden vielfältige Maßnahmen (etwa die Formulierung redaktioneller Richtlinien und die Einrichtung einer Ombudsstelle) angestoßen, die ähnliche Fälschungen in Zukunft verhindern sollen. Allerdings sind die ethischen Probleme des journalistischen Erzählens keineswegs auf den Spiegel beschränkt. Eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Fall Relotius sollte daher ebenso – und auch dies legt die empirische Studie nahe – Akteure und Maßnahmen außerhalb der betroffenen Redaktion einbeziehen. Aus medienethischer Sicht erscheint dabei vor allem eine gründliche Reflexion über die Darstellungsoptionen des aktuellen Erzähljournalismus wichtig – ganz besonders über die Chancen und Grenzen fiktionaler Stilmittel. Die neuen „Spiegel-Standards“ (Der Spiegel 2020) ermöglichen dies nur bedingt, wenn sie zum Umgang mit szenischen Darstellungen postulieren: „Eine Szene gibt einen subjektiven Eindruck wieder, sie darf aber nicht verfälschen. Szenische Schilderungen in Texten sind nur erlaubt, wenn sie selbst erlebt wurden oder die Quelle genau benannt wird. Beschreiben einer Szene ist dann sinnvoll, wenn es in die Geschichte führt und zum Weiterlesen anregt. Wurden die Szenen nicht selbst beobachtet, sondern beruhen auf den Erzählungen Dritter, muss der Autor dies kenntlich machen.“ Hier wäre eine differenziertere Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Fiktion im Journalismus wünschenswert, die aber ohne eine gleichzeitige Verständigung über die journalistische Kernaufgabe einer wahrhaftigen Berichterstattung kaum möglich ist. Daran sollten sich alle am Qualitätsjournalismus Interessierten beteiligen – neben Journalisten und Medienmanagern auch Journalistenausbilder, Medienforscher und das dafür empfängliche Publikum. Für eine nachhaltige Qualitätssicherung im Erzähljournalismus steht in jedem Fall ein breites Spektrum an Instrumenten mit jeweils unterschiedlichem Institutionalisierungsgrad zur Verfügung (vgl. auch Eberwein et al. Tobias Eberwein 294 2018). Dazu gehören journalismusinterne Instrumente wie Ethikkodizes und redaktionelle Richtlinien, systematisches Fact-Checking, Ombudsstellen, Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung oder ein kritischer Medienjournalismus ebenso wie journalismusexterne Medienkritik durch zivilgesellschaftliche Akteure. Letztlich hat vor allem die Verbindung dieser unterschiedlichen Instrumente im Fall Relotius dafür gesorgt, dass Ursachen und Konsequenzen möglichst differenziert und aus unterschiedlichsten Perspektiven erörtert werden konnten. Wenn sich die dabei gewonnenen Einsichten auch in Redaktionen jenseits des Spiegel-Hochhauses an der Hamburger Ericusspitze durchsetzen, kann der Fälschungsskandal im besten Fall sogar langfristig Impulse für die Diskussion über Qualität im Erzähljournalismus setzen. Literatur Berghahn, Klaus Leo (1979): Dokumentarische Literatur. In: Klaus von See (Hg.): Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Band 22: Literatur nach 1945. Themen und Genres. Wiesbaden: Athenaion, S. 195–245. Birkner, Thomas (2012): Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln: Halem. Blöbaum, Bernd (2003): Literatur und Journalismus. Zur Struktur und zum Verhältnis von zwei Systemen. In: Bernd Blöbaum / Stefan Neuhaus (Hg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 23–51. Burkhardt, Steffen (2015): Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse. 2. Aufl. Köln: Halem. Duchkowitsch, Wolfgang (2010): Journalismus und Literatur. Diskussionsstand und neue studentische Arbeiten zu einem alten Thema. In: Otázky žurnalistiky (1-2), S. 15–25. Eberwein, Tobias (2013): Literarischer Journalismus. Theorie – Traditionen – Gegenwart. Köln: Halem. Eberwein, Tobias / Fengler, Susanne / Karmasin, Matthias (Hg.) (2018): The European Handbook of Media Accountability. London / New York: Routledge. 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Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus 297 Ethische Standards für Roboterjournalismus? Ergebnisse und Implikationen einer Feldstudie Markus Kaiser und Thomas Zeilinger Abstract Die journalistische Verknüpfung von Sachverhalt und Text erfolgt zunehmend durch programmierte Systeme. Vor dem Hintergrund einer kurzen Beschreibung vorliegender Äußerungen und Befragungen zum Einsatz automatisierter Kommunikation im Journalismus präsentiert der vorliegende Beitrag die Ergebnisse einer Anfang 2020 durchgeführten Online-Befragung unter Journalist*innen, Verbandsvertreter*innen und Journalismusausbilder*innen im deutschsprachigen Raum. Die Untersuchung erkundet exemplarisch das im Journalismus vorhandene Bewusstsein für die mit dem Einsatz von Roboterjournalismus verbundenen medienethischen Herausforderungen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach ethischen Standards im Roboterjournalismus. Verschiedene Möglichkeiten zur Einführung ethischer Standards in automatisierter Kommunikation (z.B. Kennzeichnungspflicht) werden analysiert. Die vorliegende Analyse leistet damit einen Einblick, welche spezifischen Anforderungen und Standards im Gebrauch automatisierter Kommunikation im Journalismus bestehen bzw. im Entstehen begriffen sind. Die Ergebnisse der Untersuchung werden zu anderen Forschungsergebnissen aus Nordamerika und Europa in Beziehung gesetzt. Die Befragung zeigt, dass eine intensivere Auseinandersetzung und ein vertieftes Bewusstsein für die Thematik in der Branche erst noch zu entwickeln sind. Einleitung Sonnenschein und 27 Grad am Nachmittag im eigenen Vorort, die Gewinner und Verlierer im Deutschen Aktien-Index oder der Spielbericht mit den Torschützen und Roten Karten im Fußball: In vielen Bereichen, so auch bei Wettervorhersagen, Börsenberichten und Spielberichten im Sport, hat in den vergangenen Jahren die Automatisierung von Kommunikation auch im Bereich des Journalismus Einzug gehalten. Von Roboter- 1. 299 journalismus, automatisiertem oder algorithmischem Journalismus ist dann die Rede, wenn das Verfassen von Texten über eine maschinelle Programmierung erfolgt. Grundlage ist dabei stets die softwareseitig gesteuerte Generierung von journalistischen, d.h. für die öffentliche Nachrichtenversorgung bestimmten, Texten durch ein Computerprogramm. Auch wenn dabei der Begriff des Roboters (im Sinne einer eigenständigen technischen Apparatur) genau genommen den Sachverhalt nicht trifft, so hat er sich in seiner metaphorischen Bedeutung doch etabliert, wenn von automatisierter Kommunikation im journalistischen Feld die Rede ist: „Roboterjournalismus betreiben Journalisten, die einen Journalismus-Bot programmieren, der automatisiert die zu kommunizierenden Daten nach Maßgabe vorgegebener Variablen auswählt, zu einem Beitrag aufbereitet und veröffentlicht, ohne dass ein Mensch nach der finalen Programmierung redigierend eingreift oder den Beitrag redigiert und ohne dass der Journalismus-Bot einen von einem Journalisten vorgefertigten Text lediglich auf verschiedenen Kanälen verbreitet“ (Habel 2019: 19).1 Grundlegend für die Kombination automatisierter Generierung von Texten mit der journalistischen Profession ist die Fähigkeit aktueller Technologien, natürlichsprachige Texte zu verstehen („natural language understanding“), zu erzeugen („natural language generation“) und zu verarbeiten („natural language processing“). Voraussetzung ist dabei eine (wieder-)erkennbare Struktur von Daten, die es der jeweiligen Software erlaubt, bestimmte Muster zu erkennen und über definierte Algorithmen (im Sinne mathematischer Verfahrensvorschriften und Handlungsanleitungen) zu bearbeiten.2 Der so definierte und verstandene Roboterjournalismus steht im weiteren Feld des „Computational Journalism“. Hierzu gehören neben der – in unserem Beitrag ausschließlich betrachteten – (teil-) automatisierten Erstellung von Inhalten auch die Bündelung und Platzierung von Informationen durch algorithmenbasierte Empfehlungssysteme sowie die Beobachtung von Rezipient*innen, z.B. durch automatisierte Auswertung von Klickzahlen und Messung der Attraktivität von Inhalten. In all diesen Feldern sind es in Deutschland derzeit vor allem drei Softwarefirmen, die Medienunternehmen ihre Dienste anbieten: AX Semantics, Retresco und Textomatic (Kress pro 2018: 13). 1 Ein einfaches Beispiel aus dem Feld der Wettervorhersage: „In Berlin scheint morgen für [Zahl der Sonnenstunden] Stunden die Sonne. Die Höchsttemperatur liegt bei [höchste Temperatur] Grad Celsius. Es wird mit einer Wahrscheinlichkeit von [Zahl zwischen 0 und 100] Prozent regnen.“. 2 Vgl. www.retresco.de/lexikon/natural-language-generation/ (Abruf 12.6.20). Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 300 Der in den vergangenen Jahren oft als revolutionäre Neuheit gefeierte Roboterjournalismus blickt – wie das Thema Künstlicher Intelligenz insgesamt – durchaus auf eine längere Geschichte zurück (vgl. Weber 2018: 53ff). So reicht das Bewusstsein für die Verknüpfung von Journalismus und Daten bereits in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts zurück.3 Und bei der Weltausstellung im Jahr 1964 in New York war nicht nur IBM mit seiner „Information Machine“ an der Verknüpfung von Computertechnologie und menschlichem Alltag gelegen. Auch die New York Times war am Messestand von IBM vertreten, um die eigenen journalistischen Beiträge aus den vergangenen Jahrzehnten maschinenlesbar zu machen. „The first automated retrieval system for news began at The New York Times in the early sixties.“4 Auch wenn vom Textverstehen der „Information Bank“ der Times in den Sechzigern zu den aktuellen Formen automatisierter Texterzeugung noch einige Schritte zu gehen waren, beginnt die Verknüpfung von Daten und Journalismus nicht erst im Jahr 2014 mit dem von Ken Schwencke programmierten „Quakebot“ der Los Angeles Times, der gemeinhin als Startpunkt des Phänomens Roboterjournalismus gilt. Schwencke selbst sagt zu dem drei Minuten nach dem Erdbeben von der Zeitung elektronisch veröffentlichten Text: „Alles, was wir taten, war, die Textausgabe in etwas zu packen, das wie ein Zeitungsartikel aussah, anstatt es auf einer eigenen Seite (für reine Daten) zu publizieren.“5 Inzwischen ist der Einsatz solcher algorithmischer Systeme (oder „Bots“) in denjenigen journalistischen Sparten, in denen es wie bei Sport, Wetter und Wirtschaft wesentlich um Daten geht, weit verbreitet. So veröffentlicht die Nachrichtenagentur Associated Press pro Quartal ca. 4400 Finanzberichte zu börsennotierten Unternehmen, während die Menge der im selben Zeitraum von Menschen erstellten vergleichbaren Berichte sich auf ca. 300 beschränkt.6 Die Kombination aus immer schnellerer Verarbeitungsgeschwindigkeit von Computern bei wachsender Anzahl an gespeicherten und verarbeitbaren Daten lässt für die Zukunft erwarten, dass sich das Schreiben von Texten nicht mehr allein auf Grundlage von im Wesentlichen zahlenmäßig 3 Joseph Pulitzer (1904), The College of Journalism; zitiert nach www.cjr.org/tow_ce nter_reports/ai-ethics-journalism-and-computation-ibm-new-york-times.php (Abruf 12.6.20). 4 www.cjr.org/tow_center_reports/ai-ethics-journalism-and-computation-ibm-new-y ork-times.php (Abruf 12.6.20). 5 Zitiert nach: https://technikjournal.de/2018/08/14/schreib-maschinen-voll-im-trend / (Abruf 12.6.20). 6 Ebd. Ethische Standards für Roboterjournalismus? 301 verfassten Daten abspielen wird. Vielmehr wird die Verknüpfung von Texten und Sachverhalten zunehmend mehr durch programmierte Systeme erfolgen. Umso dringlicher erscheint die Frage danach, welche ethischen Standards für solche Systeme und deren Einsatz im Journalismus gelten sollen. Dieser Frage geht der folgende Beitrag nach und versucht dabei, Initiativen und Bedarfe zu identifizieren, welche die (ethische) Qualität verschiedener Formen des „Roboterjournalismus“ sichern wollen.7 Damit soll im Blick auf die journalistische Ethik eine Facette zu der andauernden Diskussion um die Veränderungen der journalistischen Praxis wie der journalistischen Theorien durch die Digitalisierung (vgl. Van der Haak 2012, Steensen 2014) hinzugefügt werden. Standards und Regulierungen für automatisierte Systeme – Erste Beobachtungen Im Feld von automatisierter Kommunikation wie Künstlicher Intelligenz im Allgemeinen lässt sich ein wachsendes Bewusstsein von Ingenieur*innen für mehr als nur technische Standards und die Integration ethischer Deliberationen in das Design intelligenter bzw. autonomer Technologien beobachten. So hat das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), die weltweit größte Vereinigung von Ingenieur*innen, eine Initiative für ein ethisch orientiertes Design von autonomen Systemen vorgelegt.8 Das IEEE selbst treibt ein eigenes „P7000TM“-Standardisierungsprojekt voran, um technologische Entwicklungen und ethische Überlegungen zu verknüpfen. Darin hat es bereits eine Reihe von Standards im Feld automatisierter bzw. autonomer Systeme angestoßen bzw. als bearbeitungsbedürf- 2. 7 Die Brisanz der impliziten ethischen Fragen unterstreicht der Entwickler des Quakebots von 2014, Ken Schwencke: „Wenn Maschinen eines Tages einen Bürgermeister stürzen können – nun ja, dann werden sie wahrscheinlich auch schlau genug sein, um uns sowieso auszulöschen.“ (https://technikjournal.de/2018/08/14/sch reib-maschinen-voll-im-trend/ – Abruf 12.6.20). 8 Siehe www.standards.ieee.org/industry-connections/ec/autonomous-systems.html (Abruf 12.6.20). Konstantinos Karachalios, Geschäftsführer der IEEE Standards Association, hat beim öffentlichen Hearing der „Datenethikkommission“ am 9. Mail 2019 in Berlin die Dringlichkeit internationaler Standards hinsichtlich einer verantwortlichen Nutzung automatisiert produzierter oder sortierter Daten angemahnt (Video verfügbar unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/videos/DE/t hemen/it-digitalpolitik/datenethikkommission/3-session-2-20190509.html). Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 302 tig identifiziert. Ein Beispiel ist der “Standard for the Process of Identifying and Rating the Trustworthiness of News Sources” aus dem Jahr 2017.9 In dem Maß, in dem Programmierer*innen und Entwickler*innen von Software und ihre Standesorganisationen sich mehr und mehr ihren moralischen Verpflichtungen und ihrer ethischen Verantwortung für die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit von Informationen stellen, ist es interessant zu beobachten, ob und wie sich dies auf der Seite der professionellen Nutzer*innen von Software für automatisierte Prozesse widerspiegelt. Im Journalismus gibt es eine bewährte Tradition etablierter Kriterien für Standards hinsichtlich der Qualität und Wahrhaftigkeit bei der Recherche, dem Schreiben sowie der Veröffentlichung. Insbesondere in Deutschland ist dies (wie vergleichbar auch in Österreich und der Schweiz) in Gestalt des „Pressekodex“ und anderer Initiativen institutionalisiert (vgl. Initiative Qualität im Journalismus; Verein zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle e.V.).10 Von daher erstaunt es nicht, dass die Frage von Standards und Regulierungen für automatisierte Kommunikation seit einigen Jahren grundsätzlich auch im Fokus von Journalist*innen steht. Dass dies in die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung des Themenbereichs Künstliche Intelligenz in den vergangenen Jahren eingebettet ist, zeigt exemplarisch eine vom Meinungsforschungsinstitut Statista im Jahr 2018 im Auftrag von nextMedia.Hamburg durchgeführte Umfrage.11 Sie unterstreicht die grundsätzlich skeptische Haltung der Bevölkerung gegen- über der Automatisierung von Nachrichten im Journalismus: 49 Prozent der Befragten sind skeptisch, 28 Prozent finden sie schlecht, nur drei Prozent halten Roboterjournalismus für sinnvoll. Dem entspricht, dass 43 Prozent automatisiert erstellte Nachrichten für nicht glaubwürdig halten und nur 18 Prozent die entsprechende Frage positiv beantworten. Die Kennzeichnung von entsprechend erstellten Artikeln wird von 91 Prozent der Befragten befürwortet. Dass die Frage seit dem Jahr 2016 auch den Journalismus selbst grundsätzlich beschäftigt, lässt ein Blick in die Arbeit der journalistischen Fachund Branchengruppen erkennen: So befassen sich im Oktober 2016 auf 9 https://standards.ieee.org/project/7011.html#Working (Abruf am 12.6.20). Dass die Standardisierungsarbeit der IEEE freilich sehr „im Fluss“ ist, zeigt sich gerade auch an diesem Standard: So bot die Webseite der IEEE zu diesem – 2017 benannten – Thema bis zum Jahr 2019 auch inhaltliche Überlegungen, die Mitte 2020 allerdings nicht mehr greifbar sind. 10 Siehe: https://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/ – http://www.initiativequalitaet.de/ – http://www.publizistische-selbstkontrolle.de/. 11 Vgl. https://www.presseportal.de/pm/8218/4030070 (Abruf 12.6.20). Ethische Standards für Roboterjournalismus? 303 Einladung der Fachgruppe Online und des Bezirksverbands München- Oberbayern des Bayerischen Journalistenverbandes rund 30 Journalist*innen im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem, „was ‚Kollege‘ Roboter alles kann“.12 Im Jahr 2018 hat der Journalistentag des Landesverbands Nordrhein-Westfalen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) „Algorithmen und Journalismus“ zum Thema.13 Bereits zuvor hatte sich im November 2017 der Bundesverbandstag des DJV mit der Frage einer Kennzeichnungspflicht für automatisiert erstellte Artikel befasst, nachdem eine Umfrage unter Branchen-Fachleuten im August 2017 die Tendenz zur Kennzeichnung unterstrichen hatte – auch wenn Unterschiede dahingehend deutlich wurden, dass der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger sich hierzu zurückhaltender äußerte.14 Ein Blick nach Nordamerika verrät, dass dort die Themen des Roboterjournalismus bereits Gegenstand in der Aus- und Weiterbildung sind, was angesichts des Einsatzes von automatisierten Verfahren in nordamerikanischen Verlagen nicht überraschen kann.15 Dass hierbei auch ethische Perspektiven Berücksichtigung finden, zeigt sich exemplarisch an den zahlreichen Veröffentlichungen von Nicholas Diakopoulos in diesem Bereich (z.B. Diakopoulos 2019). Auch in der europäischen Community finden sich zu diesen Fragen vereinzelt Beiträge, die die ethische Perspektive auf automatisierten Journalismus beleuchten (vgl. von der Universität Zürich: Dörr/Hollnbuchner 2016, aber auch die Magdeburger Abschlussarbeit: Reichelt 2017). Juristische Auseinandersetzungen legen nahe, dass das Thema auch mit Blick auf Fragen rechtlicher Normen an Aktualität gewinnt. So fragt beispielsweise Habel (2019), ob und welche rechtlichen Maßstäbe sich ändern, wenn ein Algorithmus Nachrichten generiert. Die Aktualität des Themas bildet sich schließlich auch darin ab, dass Roboterjournalismus zum Gegenstand der Medienwirkungsforschung wird. Gießmann et al. haben 2018 ihre Untersuchung aktueller Kennzeichnungen von Roboterjournalismus unter dem Titel „Unsichtbar und unverständlich“ zusammengefasst (Gießmann/Goutrié/Herzog 2018). Wesentli- 12 https://www.bjv.de/news/was-kollege-roboter-alles-kann (Abruf 12.6.20). 13 https://www.djv.de/startseite/service/news-kalender/detail/aktuelles/article/djv-nr w-setzt-sich-fuer-kennzeichnungspflicht-von-automatisiert-generierten-inhalten-ei n.html (Abruf 12.6.20). 14 https://www.presseportal.de/pm/20126/3708344 (Abruf 12.6.20). 15 Vgl. Graefe 2016. Neben den Seiten des Tow Center for Digital Journalism der Columbia School of Journalism in New York (www.cjr.org/tow-center) gibt auch die Seite www.journalismai.com einen Einblick in die US-amerikanische Diskussion des Themas. Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 304 che Erkenntnisse ihrer empirischen Studie sind dabei die Unsichtbarkeit aktueller Kenntlichmachungen (mehr als 95 Prozent der Proband*innen konnten sich nach fünf Stimuli nicht daran erinnern) sowie die Unverständlichkeit solcher Kennzeichnungen (mehr als 95 Prozent konnten die Kenntlichmachung nicht korrekt dechiffrieren). In ethischer Perspektive beleuchtet die in unserem Beitrag schwerpunktmäßig untersuchte Frage nach dem Bewusstsein der journalistischen Profession für die Notwendigkeit einer Kennzeichnung automatisch generierter Texte nur eine Facette. Der dritte Abschnitt verweist auf weitere Fragen wie z.B. die nach dem Design der Programme für automatisierte Aufbereitung von Daten. Ausgehend von dem Beispiel der IEEE-Initiative für die Etablierung professioneller Standards fokussiert unser Beitrag auf die verantwortungsethische Dimension und untersucht sie im Hinblick auf die Akteursperspektive. Standards und Regulierungen – Ergebnisse einer Online-Befragung Anfang 2020 wurde eine Online-Befragung unter Journalist*innen, Verbandsvertreter*innen und Journalismusausbilder*innen durchgeführt, um deren Einstellungen zu ethischen Standards im Roboterjournalismus zu erfahren. Der Online-Fragebogen beinhaltete sechs Auswahlfragen und drei offene Fragen. Die Teilnehmer*innen konnten ihre Antworten zwischen dem 14. und 29. Januar 2020 eingeben. Mit der Bitte um Teilnahme waren zuvor 195 persönliche E-Mails verschickt worden. Der Rücklauf lag bei 117. Unter den Teilnehmer*innen waren 88 Journalist*innen, 23 Medienausbilder*innen an Universitäten, Hochschulen und Akademien sowie sechs Verbandsvertreter*innen. Die hohe Rücklaufquote ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Umfrageteilnehmer*innen persönlich ausgewählt und angeschrieben worden waren. Unter den ausgewählten Journalist*innen waren überwiegend Vertreter*innen der Presse, aber auch des Rundfunks und von Onlinemedien. Es wurden überwiegend Journalist*innen von Publikumsmedien und nicht von Fachmedien ausgewählt. Die Teilnehmer*innen kamen zum größten Teil aus Deutschland, einige wenige auch aus Österreich und der deutschsprachigen Schweiz. Bei der Online-Befragung ging es nicht darum, eine Repräsentativität unter den jeweiligen Gruppen herzustellen, sondern erste Tendenzen zu erkennen, wie die Branche zur Einführung von Standards im Roboterjournalismus steht. Aus diesem Grund wurde zum einen darauf geachtet, Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland zur Teilnahme zu bewegen. Zum anderen sollten die Teilnehmer*innen auch die verschiedenen Mediengattun- 3. Ethische Standards für Roboterjournalismus? 305 gen widerspiegeln. Um eine möglichst hohe Rücklaufquote zu erzielen, wurde auf persönliche Kontakte zurückgegriffen. Wenig überraschend war die Antwort auf die Frage, ob automatisch generierte Texte als solche gekennzeichnet werden sollten: Von den 117 Teilnehmer*innen antworteten 92 mit Ja, 21 mit Nein und vier mit „Weiß nicht“. Überraschender war, dass auf die Folgefrage „Wenn Sie für eine Kennzeichnung von automatisch generierten Texten gestimmt haben, geben Sie bitte an, wie diese Kennzeichnung gemacht werden sollte!“ das Textfeld von keinem Befragten ausgefüllt worden ist. Einerseits zeigt die Erfahrung, dass offene Fragen seltener beantwortet werden als Auswahlfragen. Andererseits lässt dies vorsichtig darauf schließen, dass sich anscheinend noch relativ wenige Medienschaffende konkrete tiefergehende Gedanken über dieses Thema gemacht haben. Diese – durch die Online-Befragung selbst nicht direkt belegbare – These wird gestützt durch Erfahrungen in Diskussionsrunden zu Roboterjournalismus: In diesen werden unter Journalist*innen in der Regel automatisch generierte Texte problematisiert. Jedoch werden in diesen Veranstaltungen kaum bzw. keine konstruktiven Lösungsansätze unterbreitet.16 Wie Roboterjournalismus als solcher konkret gekennzeichnet werden kann, ist selbst auf Journalismus-Tagungen, die automatische Textgenerierung thematisieren, nur selten Gegenstand der Diskussion gewesen. Die Kennzeichnung könnte beispielsweise deutlich sichtbar über dem Text anstelle einer Autorenzeile erfolgen, durch ein aussagekräftiges und mit der Zeit etabliertes Symbol, am Ende des Textes durch den Zusatz „Dieser Text wurde automatisch erstellt“ oder lediglich durch ein Kürzel, das – wie im Printjournalismus das übliche „oh“ für „ohne Honorar“ unter Fotos bzw. Texten – womöglich nur von wenigen User*innen verstanden wird. Letztlich geht es bei dieser Frage auch darum, wie transparent Redaktionen ihren Leser*innen gegenüber sein möchten. Verblüffend sind die bei dieser Frage nicht gegebenen Antworten auch deshalb, weil sich 78 Prozent der Befragten, die für eine Kennzeichnungspflicht sind, wiederum für Standards aussprechen (Abb. 1). Auf die Frage, ob es für die Kennzeichnung Standards geben sollte oder jede Redaktion je nach Design der eigenen Website eine eigenständige Entscheidung treffen sollte, antworten nur 20 Prozent mit „Jede Redaktion sollte selbst entscheiden“ und zwei Prozent mit „Weiß nicht“. 16 So bspw. eine Online-Diskussionsrunde der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union dju in ver.di im Juli 2020, vgl. https://dju-mittelfranken.verdi.de/t hemen/++co++476f8fa0-bba8-11ea-ae09-001a4a160116/ (Abruf 29.7.20). Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 306 Standards Die Mehrheit der Befragten spricht sich für Standards aus, wie von der Software generierte Texte gekennzeichnet werden sollten. Grafik: eigene Darstellung Die offene Frage, wer die Kennzeichnung regeln sollte und in welcher Form, wurde nur von sieben Teilnehmer*innen im Freitextfeld beantwortet: Vier nannten den Deutschen Presserat und jeweils einer den „Gesetzgeber“, das „Redaktionsstatut“ und die „Redaktion“. Der Pressekodex des Deutschen Presserats scheint demnach zumindest für die Nachrichten- Websites, die aus einem Print-Verlag hervorgehen (und für die der Presserat zuständig ist), die geeignetste Stelle zu sein. Überraschend ist, dass trotz des stetigen Rufs nach Staatsferne des Journalismus auch der „Gesetzgeber“ genannt worden ist, wobei offengelassen wurde, ob damit das Telemediengesetz gemeint gewesen ist. Die Frage „Sollten Suchmaschinen die Einstellung anbieten, dass man speziell nach vom Menschen bzw. von einer Software verfassten Texten suchen kann?“ wurde überwiegend verneint: Nur 32 Befragte, dies entspricht 27 Prozent, sehen darin einen nützlichen Service. 83 Befragte (71 Prozent) lehnen dies ab, und zwei antworteten mit „Weiß nicht“. Dies erstaunt auf den ersten Blick, schließlich sprachen sich die meisten Teilnehmer*innen bei den vorangegangenen Fragen für mehr Transparenz aus. Womöglich sehen sie hier aber nicht Suchmaschinen wie Google oder Bing in der Ver- Abb. 1: Ethische Standards für Roboterjournalismus? 307 antwortung, sondern die jeweiligen Anbieter der Website. Es könnte aber auch sein, dass den Befragten aber auch gar nicht bewusst war, dass es neben der von den meisten User*innen gewöhnlich genutzten einfachen Suche durch die Eingabe von Wörtern auch heute schon spezifischere Suchmöglichkeiten gibt (beispielsweise wird bei der Eingabe „filetype:pdf“ speziell nach pdf-Dateien gesucht, was analog für alle Dateitypen gilt). Google Google bietet zahlreiche Möglichkeiten, gezielter zu suchen. Mit dem Befehl „filetype“ werden zum Beispiel nur Ergebnisse mit einem bestimmten Dokumententyp angezeigt. Grafik: Screenshot von google.de Von den Befragten wollten wir ferner wissen, ob ihnen Aktivitäten oder Initiativen für die Regulierung von Roboterjournalismus bekannt seien (zum Beispiel analog der oben beschriebenen IEEE-Initiative). Auf diese offene Frage gab es keine einzige Antwort. Dies mag dem Umfrage-Design mit einer offenen Frage geschuldet sein. Auf der anderen Seite zeigt sich aber, dass bei Journalismus-Tagungen (wie beispielsweise der Initiative Qualität im Journalismus oder den Medientagen München) auch keine Initiativen vorgestellt werden und die Autoren dieses Beitrags auch auf eigene Recherche keine weiteren als die beschriebenen Initiativen im deutschsprachigen Raum gefunden haben. Sollte unter den befragten Teilnehmer*innen jemand an einer Initiative mitwirken, dann dürfte zumindest davon ausgegangen werden, dass dessen Interesse, diese bekanntzumachen, so groß gewesen wäre, diese in der Online-Befragung mitzuteilen. Den Abschluss bildete die Frage, ab wann die Befragten erwarten, dass Roboterjournalismus im deutschsprachigen Raum eine bedeutende Rolle spielen werde. Gut die Hälfte antwortete darauf mit „innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre“ (51 Prozent), 28 Prozent sieht den Durchbruch be- Abb. 2: Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 308 reits „innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre“, sechs Prozent sind der Ansicht, dass Roboterjournalismus heute schon sehr wichtig sei und 17 Befragte (15 Prozent) antworteten, dass sie nicht glaubten, dass sich Roboterjournalismus durchsetzen werde. Zeithorizont Die meisten Befragten erwarten, dass sich Roboterjournalismus innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre in Deutschland durchsetzen wird. Grafik: eigene Darstellung Wird diese Frage nach den jeweiligen Gruppen der Befragten aufgeschlüsselt, zeigt sich, dass die Mehrheit der Ausbilder*innen (n=23), nämlich 14 (61 Prozent) vermutet, dass Roboterjournalismus bereits „innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre“ eine bedeutende Rolle spielen werde. Die Mehrheit der Journalist*innen erwartet den Durchbruch erst „innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre“ (56 von 88, was 64 Prozent entspricht), während nur 19 Prozent der Journalisten von „innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre“ ausgehen (gegenüber 61 Prozent der Ausbilder*innen). Dass Roboterjournalismus bereits heute eine bedeutende Rolle spielt, glauben nur ein Prozent der Journalist*innen (gegenüber 22 Prozent der Ausbilder*innen). 16 Prozent vermuten vielmehr, dass sich Roboterjournalis- Abb. 1: Ethische Standards für Roboterjournalismus? 309 mus nicht durchsetzen werde (Ausbildende im Bereich der Journalismus gaben dies nur zu vier Prozent an). Folgerungen und Hinweise für die weitere Arbeit an Standards und Regulierungen Eine breit geführte Diskussion steht noch aus Die im Januar 2020 durchgeführte Online-Befragung hat das zu erwartende Ergebnis bestätigt, dass eine Kennzeichnungspflicht von automatisiert erstellten Texten erwünscht ist. Die relativ wenigen Antworten auf offene Fragen lassen den vorsichtigen Schluss zu, dass sich bislang jedoch nur wenige der Befragten mit dem Thema ethischer Standards für Roboterjournalismus weitergehend auseinandergesetzt haben bzw. ein Engagement zeigen, sich bei den offenen Fragen eigene Gedanken zu machen bzw. diese detailliert zu beantworten. Dies korrespondiert auch mit den Erfahrungen von Diskussionsrunden. Die Antworten auf die Online-Befragung erscheinen sozial erwünscht, wenngleich kenntlich gemacht war, dass der Fragebogen anonymisiert ausgewertet wird und keine Rückschlüsse auf die individuellen Befragten zulässt. Es zeigt sich, dass das Thema ethischer Standards für automatisierte Kommunikation, unter die man Roboterjournalismus, Chatbots und Sprachassistenzsysteme subsumieren kann, noch einer breiten Diskussion innerhalb der Gesellschaft, sowie zunächst auch innerhalb der Medienbranche bedarf. Dabei erscheint die Kennzeichnungspflicht nur ein Aspekt zu sein, der im Blick auf die Verantwortung von Journalist*innen, von Professionsverbänden und Medienunternehmen einer ethischen Betrachtung lohnt. Es geht zum einen um die Frage der Transparenz, aber auch darum, wer im Falle einer Falschinformation für diese haftet. So lässt sich auch die Auswahl der Nachrichten einer kritischen Betrachtung unterziehen: Im herkömmlichen Journalismus wurden die Journalist*innen als Gatekeeper betrachtet, die sich beispielsweise an Nachrichtenfaktoren bei der Auswahl ihrer Themen orientieren. Für das Internet wurde ihnen diese Rolle abgesprochen, da jeder durch einen eigenen Blog, Podcast oder Social-Media-Posts zum Sender werden kann. Ihre Rolle dort kann mit Mast (2018: 69) vielmehr als Gatewatcher bezeichnet werden. Dabei spielt die Aufmerksamkeitsökonomie im Internet eine deutlich größere Rolle: Nachrichten werden zum Teil so ausgewählt, dass sie bei den Rezipient*innen eine hohe Reichweite erzielen. Im Roboterjournalismus wiederum könnten vorhandene Datensätze als eine Art neuer Gate- 4. These 1: Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 310 keeper fungieren: Sind Schnittstellen, so genannte API, vorhanden, so wird womöglich über Themen eher berichtet. Schließlich ist neben der Programmierung und Erstellung von Textfragmenten für den Roboterjournalismus die Grundvoraussetzung, gut strukturierte und zugängliche Datensätze zu haben. Je weniger aufwändig das Bereinigen und die Nutzung der Daten ist, desto stärker lohnt es sich für Verlage, in diesem Bereich Angebote zu machen. Denn nur dann kann der Vorteil von Roboterjournalismus ausgespielt werden: ein kostengünstiges, bis auf die Mikroebene (wie tiefe Spielklassen im Sport, nicht im DAX geführte Aktien oder sublokale Wettervorhersagen) spezifisches journalistisches Angebot zu unterbreiten. Darüber hinaus deutet sich in ethischer Hinsicht – wiederum parallel zu den Herausforderungen Künstlicher Intelligenz at large – hier an, dass über die menschliche Verantwortung hinaus sich Fragen nach der Akteursperspektive neu stellen (vgl. Nyholm 2020). Die Ausbildung ist weiter als die Redaktion Die Unterschiede bei der Bewertung, ab wann Roboterjournalismus eine bedeutende Rolle spielen werde, zeigen, dass das Thema bei Journalismusausbilder*innen bereits präsenter ist als bei Journalist*innen. 83 Prozent der Ausbilder*innen sehen heute oder spätestens in zwei Jahren eine bedeutende Rolle im Roboterjournalismus, aber nur 20 Prozent der Journalist*innen. Dies bedeutet aber nicht, dass Roboterjournalismus heute schon in sämtlichen Curricula von Hochschulen und Universitäten verankert wäre bzw. an Akademien Seminare angeboten werden. So lassen sich weder bei der Akademie der Bayerischen Presse noch bei der Akademie für neue Medien Kulmbach oder bei der Akademie für Publizistik in Hamburg auf der jeweiligen Website Seminare zu Roboterjournalismus finden, während zum Beispiel Datenjournalismus in der Regel als etablierter angesehen und angeboten wird. Vermutlich sind trotz der auffälligen Werte der Online-Befragung die Ausbildungsinstitutionen noch nicht auf einen möglicherweise hohen Bedarf an Fachkräften für automatisierte Kommunikation vorbereitet, oder als Zielgruppe werden hierfür in erster Linie Programmierer*innen und nicht Journalist*innen ausgemacht, obwohl doch auch die Satzfragmente, die heute die Basis eines Roboterjournalismus-Textes bilden, verfasst werden müssen. These 2: Ethische Standards für Roboterjournalismus? 311 Dies lässt außerdem die Frage aufkommen, ob traditionelle Verlage und Rundfunksender beim Thema Roboterjournalismus überhaupt eine führende Rolle spielen werden oder ob dieser Zweig von anderen Unternehmen (wie zum Beispiel Startups oder Tech-Unternehmen wie Google) besetzt wird. Das Zögern der Verlage, dieses Themenfeld zu besetzen, kann durchaus an Zeiten erinnern, als sie sich durch neue Mitspieler auf dem Markt die Rubrikenanzeigen (wie Kfz und Immobilien) weitgehend haben wegnehmen lassen. Text ist erst der Anfang Die oben erwähnten Softwaredienstleister wie AX Semantics in Stuttgart und Retresco in Berlin zeigen, dass Roboterjournalismus heute bereits möglich ist. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2017 verdeutlicht, dass sich der Bereich künftig noch stark ausweiten werde.17 Die Rede ist hierbei allerdings stets von Texten, die eine Software erstellt, in der Regel auf der Basis von Daten. In Zukunft sollte der Blick aber weiter reichen: Wie könnte eine Kennzeichnungspflicht bei einer von einer Künstlichen Intelligenz gesteuerten Bildbearbeitung aussehen? Welche Fragen sind zu klären, wenn auch Nachrichtenvideos von einer Software geschnitten, vertont und erstellt werden? Wie sieht eine Kennzeichnungspflicht aus, wenn die Nachrichten zum Beispiel im Auto vorgelesen werden? Klassischer Text ist am einfachsten zu erfassen, aber vermutlich erst der Anfang der Automatisierung im Journalismus (Kreye 2019). Der Trend zum Bewegtbild könnte hier durch neue softwareseitige Möglichkeiten der Text-Bild-Verarbeitung (vgl. nur die Entwicklungen im Bereich von Deep Fakes bei der Video-Sprachausgabe von Personen) erheblich an Bedeutung gewinnen. Unterstützt wird dieser Trend durch die Integration von immer mehr Daten im Bereich von Big-Data-Analysen.18 These 3: 17 Vgl. https://neilthurman.com/hands-on-with-robo-writing.pdf (Abruf 14.6.2020). 18 Der hiermit angesprochene Bereich des „Datenjournalismus“ wurde im Rahmen dieser Studie bewusst nicht weiter verfolgt, gehört jedoch gleichwohl in den weiteren Kontext der medienethischen Reflexion des Themas „Roboterjournalismus“ (vgl. Lewis/Westlund 2015). Markus Kaiser und Thomas Zeilinger 312 Der Fokus liegt auf dem Design eines Algorithmus Durch das Design eines Algorithmus wird in Zukunft festgelegt, ab wann zum Beispiel bei einem Sportereignis von einer „knappen Niederlage“, von einer „herben Schlappe“ oder von einer „deutlichen Klatsche“ die Rede sein wird und ab wann es an der Börse einen „leichte Kurskorrektur“, „eine Dämpfer“ oder „einen Crash“ gibt. Das heißt: Diese Einordnung wird festgelegt, noch bevor das eigentliche Ereignis eingetreten ist. In der Studie der LMU wurde von den befragten Journalist*innen kritisiert, dass auch das gesamte Raster, also die Satzfragmente, die bei den dann eintretenden Datensätzen verwendet werden, für einen Artikel bereits vorher stehen müsse.19 Beispielsweise wird vor einem Fußballspiel festgelegt, ab wann von einem knappen Sieg, vom einem grandiosen Erfolg oder von einem Kantersieg die Rede sein wird. Dies bedeutet, dass es für die Berücksichtigung ethischer Aspekte im Roboterjournalismus künftig zwingend erforderlich sein wird, dass Journalist*innen und Programmierer*innen zusammenarbeiten und sich unter dem Aspekt der Verantwortungsethik auch klar darüber werden, welche Verantwortung die jeweilige Profession für den letztlich automatisch generierten Text trägt.20 Diese Diskussion ist aus anderen Branchen bekannt und wird dort mitunter auch stärker geführt als im Journalismus: Wer trägt beispielsweise die Schuld bei einem Verkehrsunfall mit einem selbstfahrenden Auto? Der Autoproduzent, der Softwarehersteller, der Staat als Infrastrukturanbieter (wie der Straße), der Halter des Fahrzeugs oder einer der Insassen?21 Hier erscheint das Prinzip der gestuften Verantwortung (auf den Ebenen von Individuum, Organisation und Gesellschaft) für die journalistische Ethik komplementär zu ergänzen durch den Gedanken geteilter Verantwortung verschiedener Professionen im Zusammenspiel von Mensch und Technik bei der Produktion von Texten und Medieninhalten. These 4: 19 https://neilthurman.com/hands-on-with-robo-writing.pdf (Abruf 14.6.2020). 20 Vgl. hierzu aus dem angelsächsischen Bereich exemplarisch die Überlegungen bei Parasie/Dagiral 2013 und Diakopoulos 2019. 21 Vgl. z.B. die Stellungnahme „Automatisiertes und vernetztes Fahren“ der Ethik- Kommission des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur aus dem Jahre 2017 (https://www.lbfmuc.de/site/assets/files/2245/autonomes_fahren_ ethik_k.pdf; Abruf 14.6.20). Ethische Standards für Roboterjournalismus? 313 Fazit und Ausblick Die vorliegende Studie zeigt einerseits, dass Roboterjournalismus in der Praxis längst angekommen ist. Weil (anders als im Beispiel der selbstfahrenden Autos) von einer Software verfasste Texte aber keiner Pflichtversicherung bzw. spezifischen neuen Gesetzgebung unterliegen, erscheint andererseits hier die Praxis (noch) deutlich weiter als die medienrechtliche, aber auch als die medienethische Diskussion über zu regelnde Standards. Da – anders als im Blick auf den Straßenverkehr – im Blick auf journalistische Inhalte und Prozesse mit gutem Grund Zurückhaltung gegenüber juristischen Regelungen geboten ist, erscheint die weitere medienethische Arbeit an den mit dem Einzug automatisierter Kommunikationsformen dringend geboten. Die Impulse dafür sind nach dem Eindruck unserer Umfrage am ehesten an der Schnittstelle von Ausbildung und Wissenschaft zu erwarten. Ihr sollte besonderes in interdisziplinärer Hinsicht ein Augenmerk gelten, damit die wichtiger werdende Zusammenarbeit von Expert*innen der Daten (Programme, Software) und Expert*innen der Form und der Verknüpfung (Journalismus) der damit sich verbindenden Verantwortung gerecht wird. Literatur Diakopoulos, Nicholas (2019): Towards a Design Orientation on Algorithms and Automation in News Production. In: Digital Journalism 7 (8), S. 1180-1184. Online verfügbar unter: doi: 10.1080/21670811.2019.1682938. Dörr, Konstantin / Hollnbuchner, Katharina (2016): Ethical Challenges Of Algorithmic Journalism. In: Digital Journalism 5 (4), S- 404 -419. Online verfügbar unter: doi 10.1080/21670811.2016.1167612. Gießmann, Marius / Goutrié, Christine / Herzog, Michael (2018): Unsichtbar und unverständlich: Aktuelle Kennzeichnungen von Roboterjournalismus. In: Dachselt, Raimund / Weber, Gerhard (Hg.): Mensch und Computer 2018 – Tagungsband. Bonn: Gesellschaft für Informatik e.V., S. 225-232. 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Ethische Standards für Roboterjournalismus? 315 Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne Hektor Haarkötter Abstract Im Zentrum des Aufsatzes steht die Frage, ob es eine spezielle journalistische Wahrheit gibt. Dazu werden einige Wahrheitstheorien diskutiert (vor allem aus der Perspektive der analytischen Philosophie und der kritischen Theorie), um dann vor allem anhand der sogenannten Protokollsatz-Debatte deren Anwendbarkeit auf den Journalismus zu erörtern. Dabei wird in einem ersten Schritt nach der Wahrheit einer einzelnen journalistischen Aussage und deren Bedingungen oder Kriterien gefragt. In einem zweiten Schritt werden die Möglichkeiten gesichtet, die Wahrheit ganzer journalistischer Texte als Summe einzelner journalistischer Aussagen im Rahmen einer zu diesem Zweck angepassten Kohärenztheorie zu bestimmen. Schließlich wird auch die Gegenposition, also die falsche Aussage, „Lüge“ oder die in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion fake news genannten Äußerungen, in den Blick genommen. Gegen den simplen Dualismus Wahrheit/Fiktion wird ein Tableau von zulässigen und/oder unzulässigen Kriterien für die Entfernung einer journalistischen Aussage von den empirischen Tatsachen entworfen. Dabei wird herausgearbeitet, dass als Antinomie zum Faktualen (also faktisch, sachlich Richtigen) die Fiktion besser differenziert wird in die drei Ebenen des Fiktiven, des Fiktionalen und des Imaginären. Für alle drei Äußerungsakte oder -typen finden sich Beispiele von Anwendungen auf journalistische Aussagen, die den Wahrheitsanspruch dennoch nicht unterminieren. Vorspiel: Nietzsche und die Folgen Die Wahrheit ist im gesellschaftlichen wie im journalistischen Diskurs ins Gerede gekommen. Als Kronzeuge1 für eine wissenschaftlich und philoso- 1. 1 Der Einfachheit halber verwende ich in diesem Aufsatz abwechselnd das generische Maskulinum und das generische Femininum, aber auch daran werde ich mich nicht sklavisch halten, um gute Lesbarkeit zu sichern. 317 phisch grundierte Infragestellung der Wahrheit muss immer wieder Friedrich Nietzsche herhalten. Von Nietzsche ist ein Aufsatz mit dem sprechenden Titel Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne überliefert, in dem die berühmt-berüchtigten Worte fallen: „Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern [...]eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen“ (Nietzsche 1955: 3, 314). Dieser frühe Nietzsche-Text, der erst posthum und mutmaßlich sinnentstellt veröffentlicht wurde, benennt einige der bis heute geläufigen wahrheitskritischen Positionen, wie Relativismus, Anti-Universalismus oder Sprachskepsis, und gilt damit als philosophischer Referenztext für Wahrheitsleugner und die Apologetinnen eines apostrophierten postfaktischen Zeitalters. Dabei ist Nietzsches Argumentation in diesem unautorisierten Text, sofern man überhaupt von einer Argumentation sprechen kann, nicht einmal zeitgemäß (was dem Autor der Unzeitgemäßen Betrachtungen vermutlich nichts anhaben würde), da sie selbst den Stand der damaligen historischen Sprachwissenschaft nicht zur Kenntnis nimmt. Vor allem krankt sie daran, die Einsichten der modernen Linguistik und Sprachphilosophie naturgemäß noch nicht erschlossen zu haben: Dass die Zeichen- Gegenstand-Relation arbiträr ist (wie man seit Saussure sagen würde, vgl. Saussure 1967: 79), heißt ja bei weitem nicht, dass sie, einmal erfolgt, nicht universell und objektiv sein kann. Ansonsten würden sprachliche Kommunikation und beispielsweise auch ein Nietzsche-Text selbst gar nicht funktionieren. Womöglich götterdämmerte dies auch dem Verfasser selbst, was vielleicht ein Grund für die Depublikation dieses Werks sein könnte. Nietzsche taugt aber auch aus anderem Grund nicht als Kronzeuge für Wahrheitsleugner und Fake News-Fans. Das hat vor allem der Moralphilosoph Bernard Williams gezeigt. „Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit“ treibt Nietzsche in Fröhliche Wissenschaft an (Nietzsche 1955: 2, 207). In Menschliches, Allzumenschliches schreibt Nietzsche davon, dass er selbst die „unscheinbaren Wahrheiten“ schätzt (ebd.:1, 448), und andererseits drückt er Abneigung und Missfallen gegen „die allgemeine Unwahrheit und Verlogenheit, die uns jetzt durch die Wissenschaft gegeben wird“ aus (ebd.: 2, 113). In der Genealogie der Moral schließlich schreibt Nietzsche davon, „der Wahrheit alle Wünschbarkeit zu opfern, jeder Wahrheit, sogar der schlich- Hektor Haarkötter 318 ten, herben, häßlichen, widrigen, unchristlichen, unmoralischen Wahrheit“, und er fügt explizit an: „Denn es gibt solche Wahrheiten“ (ebd.: 2, 772). Bernard Williams merkt dazu an: „Eine der auffälligsten Eigenschaften Nietzsches ist die Hartnäckigkeit, mit der er an einem Wahrhaftigkeitsideal festhält, das es uns nicht gestattet, die Schrecken der Welt zu vergessen: die Tatsache, daß ihr Vorhandensein für alles, was wir wertschätzen, notwendig war“ (Williams 2013: 28). In diesem Aufsatz soll nicht so sehr die (medien-)ethische Frage nach Wahrheit und Lüge gestellt werden, sondern die Diskussion kommunikationswissenschaftlich etwas enger gefasst werden, indem danach gefragt wird, was eigentlich die genuin journalistische Wahrheit ist. Oder noch genauer: Was genau ist eine wahre journalistische Aussage? Wie und unter welchen Bedingungen sind wahre journalistische Äußerungen möglich oder unmöglich? Die Antwort auf diese Fragestellung hat dann wiederum Implikationen, die womöglich weit über den Journalismus hinausweisen in Richtung Gesellschaft, Politik und Medienethik – etwa was die kommunikationswissenschaftlich wie medienphilosophisch bedeutsamen Konzepte von Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Objektivität oder Richtigkeit angeht. Insofern ist die kleine Nietzsche-Paraphrase in mehr als nur einem Sinne durchaus berechtigt: Reden wir also über Wahrheit und Lüge in einem journalistischen wie auch in einem außerjournalistischen Sinne – die (außer-)moralischen Konsequenzen werden sich von selbst ergeben! Wahrheit, Bedeutung, Theorie Wahrheit scheint vorderhand nichts sonderlich Kompliziertes zu sein. Schon Thomas von Aquin hat in seinen Quaestiones disputatae de veritate eine Wahrheits-Definition geliefert, die bis heute einschlägig ist: Wahrheit ist thomistisch gesprochen die "adaequatio rei et intellectus", also die Übereinstimmung des Gegenstands mit seiner Beschreibung (von Aquin 1986: 8). Im theoretisierenden Wahrheitsdiskurs wird dies auch als Korrespondenztheorie bezeichnet: Wort und Gegenstand sollen eben miteinander korrespondieren (Heinrich 2009: 52, Hempel 1977: 96). Nun bietet ein definitorischer oder theoretischer Satz, der aus nur vier Ausdrücken besteht, nicht viel Angriffsflächen. Und doch sind die Attacken gegen die Wahrheit und ihre theoretische Fassung in Richtung auf jeden einzelnen dieser Ausdrücke geführt worden. 2. Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 319 Angriff Nummer 1 auf die Wahrheitstheorie geht gegen den Gegenstand selbst. Wenn es nämlich, wie manche Vertreter des Radikalen oder Sozial-Konstruktivismus zu meinen scheinen, keine (außer-sprachlichen oder außer-medialen) Gegenstände gebe (vgl. Baraldi u.a. 1997: 101, Pörksen 2015: 39 sowie die Beiträge in Schmidt 1987), dann erübrigt sich auch die Frage nach der Wahrheit in der Beziehung von Ausdruck und Gegenstand (vgl. hierzu die Beiträge in Hasebrink et al. 2017). Es handelt sich bei dieser Diskussion um die radikalisierte Variante eines Streits, der schon in die graue Vorzeit der Theoriebildung hineinreicht, etwa den Universalienstreit im Mittelalter. In der Konsequenz läuft ein solcher Konstruktivismus stets auf Relativismus, Subjektivismus und Skeptizismus hinaus. Auffällig ist, dass gerade in den aktuellen Diskussionen um Fake News und „alternative Fakten“ gewisse, längst widerlegt geglaubte Positionen eines Relativismus, der seit der Anti-Aufklärung der Romantik (zu der vermutlich auch Nietzsche zu zählen wäre) auch den politisch-gesellschaftlichen Diskurs bestimmte und der sich vor allem auch gerne betont wissenschaftsskeptisch bis wissenschaftsfeindlich gab, fröhliche Urständ‘ feiern (McIntyre 2018: 17 ff.). Dabei gibt es gerade in den Sozialwissenschaften pragmatische Gründe für einen Relativismus, der aufzeigt, dass gewisse gesellschaftliche Institutionen nicht naturgegeben (oder gar „gottgegeben“) sind, sondern menschengemacht, also soziale Erzeugnisse, und somit auch gesellschaftlich veränderbar (Searle 2011: 45 ff.). Dem stehen allerdings gerade aus Sicht der Kommunikationswissenschaft und der Journalismustheorie ebenso pragmatische Gründe gegenüber, eine realistische Position einzunehmen und die universelle Geltung bestimmter auch sozialer Institutionen hochzuhalten, etwa wenn es um Faktizität, also die Tatsachentreue der Berichterstattung, und deren Objektivität, also einen unabhängigen Standpunkt, inklusive der entsprechenden Berufsnormen oder um die Universalität von Menschenrechten und Meinungsfreiheit geht. Welchen Sinn soll es machen, die Realität von Gegenständen und Sachverhalten zu leugnen, wenn es genau diese Gegenstände und Sachverhalte sind, die uns beschäftigen, über die wir diskutieren und über die wir berichten, reportieren und kommentieren? Die Vertreter des „Neuen Realismus“ versuchen darum, die scheinbar unversöhnlichen Konträrstandpunkte auszugleichen (Gabriel 2015: 149, Haarkötter 2017: 307): Es geht ihnen darum, einen externen Realismus und die starke Perspektivierung durch die Beobachterposition zu verbinden. Gelegentlich wurde ein solcher Ansatz in der Kommunikationswissenschaft auch als „Rekonstruktivismus“ bezeichnet (Bentele 1993, 2008, Ferraris 2014, Scholl 2011). Angriff Nummer 2 auf die Wahrheitstheorie richtet sich gegen die Ad- äquatheit der Zuschreibung. Was soll Adäquation, Korrespondenz, Über- Hektor Haarkötter 320 einstimmung von sprachlichem Ausdruck und Gegenstand eigentlich genau bedeuten? Und damit zusammenhängend ist vor allem zu fragen, was exakt der Definitions- und Gegenstandsbereich des Prädikats „… ist wahr“ sein soll. Auf der Hand liegt, dass Wahrheit keine Eigenschaft von Sätzen sein kann, weil es viele Satztypen (Sprechakte, Sprachspiele) gibt, die prinzipiell nicht wahrheitsfähig sind, zum Beispiel Fragesätze oder Befehlssätze. Aber auch die Einschränkung auf indikativische Aussagesätze könnte, wie der Sprachphilosoph Alfred J. Ayer gezeigt hat, Probleme hinsichtlich des Wahrheitskriteriums enthalten, etwa wenn in diesen Sätzen Elemente enthalten sind, die ein Zeitverhältnis ausdrücken und bei verschiedenen Gelegenheiten für verschiedene Aussagen benutzt werden könnten (Ayer 1977: 276). Wahrheit lässt sich also nur allgemeiner für Propositionen oder Aussagen (engl. assertions) reklamieren, wobei stets der Kontext zu berücksichtigen und Raum-Zeit-Koordinaten anstelle von Tempi oder Demonstrativa wie „hier“ oder „jetzt“ zu verwenden wären. Um diesen Schwierigkeiten der Korrespondenztheorie zu entgehen, hat Jürgen Habermas eine Konsensustheorie der Wahrheit vorgeschlagen, die im Zusammenhang mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns steht: „Die Wahrheit einer Proposition meint das Versprechen, einen vernünftigen Konsensus über das Gesagte zu erzielen“ (Habermas 1995: 137). Habermas will damit keinen Wahrheitsbegriff nach Abstimmungslage etablieren, sondern geht davon aus, dass ein nicht-trivialer Wahrheitsbegriff nur in strittigen Situationen thematisiert wird und also Inhalt und Ziel eines rationalen diskursiven Aushandlungsprozesses ist. Der Konsensus, den Habermas über den Wahrheitsbegriff herstellen möchte, erfolgt über den vielzitierten herrschaftsfreien Diskurs und soll die Geltungsansprüche prüfen, unter denen eine Aussage als wahr identifiziert werden kann. Habermas sieht vier solche Geltungsansprüche, nämlich „die Verständlichkeit der Äußerung, die Wahrheit ihres propositionalen Bestandteils, die Richtigkeit ihres performativen Bestandteils und die Wahrhaftigkeit der geäußerten Intention des Sprechers“ (ebd.: 138; Hervorhebungen von HH). Unter dem performativen Bestandteil versteht Habermas die Abhängigkeit oder Bezugnahme jedes Sprechakts auf Normen und Regelsysteme, worunter er explizit auch (medien-)ethische versteht. Wahr ist nach Habermas also ein Sprechakt, wenn 1.) der Sachverhalt wahr ist, 2.) die Äußerung verständlich ist (weil sonst gar keine Kommunikation zustande kommt), 3.) die entsprechenden gesellschaftlichen Normen und Konventionen eingehalten wurden und 4.) die Sprecherin auch tatsächlich die Wahrheit sagen wollte. Habermas‘ Konzeption krankt meines Erachtens an wenigstens zwei Malaisen: Zum einen fußt seine Argumentation auf der Unterscheidung von Tatsachen und Gegenständen der Erfahrung, wobei er sich auf Peter Strawson be- Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 321 zieht (Strawson 1977). Im Kommunikationsakt hätten wir demnach keinen Zugriff auf die Sache selbst, sondern nur auf die Tatsache als bereits kognitiv verarbeitete Entität: „Mit Gegenständen mache ich Erfahrungen, Tatsachen behaupte ich; ich kann Tatsachen nicht erfahren und Gegenstände (oder Erfahrungen mit Gegenständen) nicht behaupten“ (Habermas 1995: 132). Für Habermas hat dieser Gedanke den Vorteil, dass der gesamte Äußerungsakt bereits in der Welt der Noumena, also der Welt der geistigen Erscheinungen (vgl. Popper 1978), und damit auf der Ebene des Diskurses spielt, von dem aus der von Habermas präferierte Konsensus hergestellt werden kann. Er lässt allerdings damit erkenntnistheoretisch durch die Hintertür wieder einen Konstruktivismus ins Gebäude der Kommunikation, mit dem die Frage nach der Wahrheit der Beziehung von Wort und Gegenstand (oder von Sprechakt und Sachverhalt) sich erübrigt. In Habermas‘ Konsensustheorie ist die Wahrheitsfindung nur ein (Sprach-)Spiel mit Worten und Diskursen ohne engere Beziehung zu dem, über das wir uns eigentlich kommunikativ austauschen wollen. Dass die Wahrheitsproblematik die Relation der von ihm apostrophierten Tatsache mit dem realen Gegenstand betreffen könnte, kommt Habermas nicht in den Sinn. Der andere Einwand gegen die Konsensustheorie betrifft das Teilnehmerfeld des herrschaftsfreien Diskurses. Denn es sind nicht alle Mitspieler eingeladen, an der Konsensfindung teilzunehmen, vielmehr gibt es Ausschlusskriterien. Zum Beispiel sind solche Sprecher nicht zum Diskurs zugelassen, die als Handelnde nicht in der Lage sind, „repräsentative Sprechakte zu verwenden“ (also etwa Einstellungen, Gefühle oder Wünsche zu äußern) (Habermas 1995: 178). Und Habermas nennt noch weitere Ausschlusskriterien. Es wirkt streng genommen so, als ob der Konsensus auch dadurch zustande kommen soll, dass diejenigen, die ihm im Wege stünden, von der Abstimmung ausgeschlossen würden. Angriff auf die Wahrheitstheorie Nummer 3 geht gegen den Theoriegehalt der Wahrheits-„Theorie“. Was soll ein theoretischer Zugriff auf den Wahrheitsbegriff eigentlich bringen? Die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen wird durch die Einzelwissenschaften, durch ihre Methoden, ihre Experimente (auch: Gedanken-Experimente!), ihre Deduktionen belegt, aber nicht durch eine spezifische Wahrheitstheorie (vgl. Schlick 2006: 436). Ansonsten wäre jede methodologische Aussage gleichzeitig ein Beitrag zur spezifischen Wahrheitstheorie einer jeden Einzelwissenschaft, sodass es nicht die eine Wahrheitstheorie, sondern nur „Theorien“ geben würde. Eine übergeordnete Wahrheits-„Theorie“ würde dann nicht Antwort auf die Frage geben, wann bestimmte Aussagen wahr sind, sondern die Wahrheitsbedingungen der Theorien der Einzelwissenschaften benennen. Die Hektor Haarkötter 322 Wahrheitstheorie wäre also eine Supratheorie. Hier wäre zu fragen, ob eine solche überhaupt denkbar und darstellbar wäre. Der Logiker Alfred Tarski hat gezeigt, dass Wahrheitsdefinitionen einerseits zu paradoxen und andererseits zu zirkulären Ergebnissen führen. Eine solche Definition wäre: „x ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn p“, wobei p irgendeine Aussage und x das Zitat dieser Aussage ist, also zum Beispiel: „‚Es schneit‘ ist wahr dann und nur dann, wenn es schneit“. Wird für p allerdings ein Ausdruck wie „ich lüge“ eingesetzt, ergibt sich daraus das berühmte Lügner-Paradox von dem Kreter, der aussagt, dass alle Kreter lügen. Zirkulär wird die Definition in allen Fällen, in denen p den Ausdruck „wahr“ enthält, weil dann die Wahrheit mit sich selbst definiert würde. Für Tarski resultierte daraus einerseits die Feststellung, dass nur in einer Metasprache über die Wahrheit von Aussagen in einer Objektsprache geurteilt werden kann, und andererseits die Beschränkung der Wahrheitsdefinition auf ideale und formalisierte Sprachen (Tarski 1977: 154, vgl. auch Heinrich 2009: 79). Damit ist aber im Alltag und damit auch für den Journalismus nichts gewonnen, von dem man zwar vieles behaupten kann, nicht aber, in einer idealen Sprache verfasst zu sein. Schließlich haben viele Logikerinnen und Philosophen darauf hingewiesen, dass wie in dem im letzten Absatz genannten Beispielsatz mittels Zitatkürzung das Wahrheitsproblem auch einfach aus dem Aussagesatz herausgekürzt werden kann. Statt festzustellen: „‚Es schneit‘ ist wahr“ lässt sich auch schlicht sagen: „Es schneit“, ohne dass der Aussage etwas fehlen würde. Wahrheit ist also eigentlich redundant. Frank Ramsey schrieb entsprechend – mit Anleihen bei Ludwig Wittgenstein – davon, dass es „in Wirklichkeit kein unabhängiges Wahrheitsproblem gibt, sondern nur eine Sprachverwirrung“ (Ramsey 1977: 224). Das hat den Sprachphilosophen John R. Searle dazu geführt, die Ausdrücke „wahr“ und „falsch“ als wertende Ausdrücke anzusehen, deren Wertung darin besteht, die Gelingensbedingungen für Aussagesätze anzugeben. In der alltäglichen Kommunikation gehen wir einfach davon aus, dass jemand, der Aussagen trifft, damit die Wahrheit sagen will. Wahrheit wird damit zur Hintergrundbedingung für sprachliche Kommunikation (Searle 2011: 214 ff.). Was ist eine wahre journalistische Aussage? Manche Vertreterinnen der Kommunikationswissenschaft haben durchaus Schwierigkeiten mit der Wahrheit. „Richtigkeit und Wahrhaftigkeit sind eine unbedingt notwendige, wenn auch freilich nicht hinreichende Bedingung für (guten) Journalismus“, heißt es irgendwie einschränkend im ABC 3. Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 323 des Journalismus (Mast 2018: 202). „Journalisten suchen also nicht nach der ‚Wahrheit‘, sondern sie halten sich an professionelle Routinen“, schreibt schon wesentlich wahrheitskritischer Klaus Meier (Meier 2011: 178). Und bei Walter Lippmann, einem der Ahnherren der Kommunikationswissenschaft, heißt es klipp und klar: „News and truth are not the same thing, and must be clearly distinguished“ (Lippmann 1997: 226). Dabei ist die Pflicht zur Wahrheit normativ gar nicht verhandelbar, ist in Deutschland gesetzlich und in der Rechtsprechung klar normiert (etwa im neuen Medienstaatsvertrag, vgl. Staatskanzlei Rheinland-Pfalz 2020) und wird auch in berufspraktischen Handreichungen deutlich ausgesprochen: Im dpa-Kompass etwa wird verfügt, wer bei der Nachrichtenagentur arbeite, „sei der Neutralität und der Wahrheit verpflichtet“ (zit. n. Neuberger/Kapern 2013: 67). Auch Stephan Russ-Mohl hält in seinem Lehr- und Handbuch Journalismus fest: „Am Wahrheitspostulat, an der ersten und vielleicht allerwichtigsten Norm, ist nichts zu rütteln: Die Fakten müssen stimmen“ (Russ-Mohl 2010: 53). Und Neuberger et al. betrachten mit Rekurs auf Habermas und Popper den Wahrheitsanspruch sogar als „für liberale Demokratien normativ konstitutiv“ (Neuberger et al. 2019: 170). Der Wahrheitsanspruch ist für den Journalismus schlicht unabdingbar. Die Schwierigkeiten mit der Wahrheit in Teilen der Wissenschaft mag daher rühren, dass der Begriff einerseits als trivial und andererseits als definitorisch überkomplex angesehen werden kann (von den eingangs schon erwähnten Vorbehalten etwa aus sozialkonstruktivistischer Sicht mal ganz abgesehen). Dabei lässt sich durchaus ein theoretischer Rahmen für die Wahrheitsbedingungen journalistischer Berichterstattung ziehen, der beiden Schwierigkeiten entgeht. Im Folgenden wird zuerst ein solcher Rahmen für eine einzelne journalistische Aussage gezogen und danach einige Gedanken zur Wahrheit eines ganzen komplexen berichtenden Textes sowie darüberhinausgehend zur Wahrhaftigkeit des Journalismus allgemein formuliert. Auch wenn der Wahrheitsbegriff universell ist, sind doch die spezifischen Ansprüche des Journalismus an ihn vielleicht nicht ganz so hochgesteckt wie bei wissenschaftlichen Theorien und in den strengen Deduktionen der mathematischen Logik. Was hier nottut, ist ein angemessener praktischer Wahrheitsbegriff, der uns verlässliche Indizien dafür nennt, um eine Berichterstattung für wahr anzusehen. Hier dürfte für den Alltag die Korrespondenztheorie der Wahrheit völlig ausreichen. Auch Habermas hält fest: „Dürften wir Angemessenheit mit Wahrheit identifizieren, ließe sich auf diesem Wege die Korrespondenztheorie der Wahrheit vielleicht doch noch rehabilitieren“ (Habermas 1995: 169). Hektor Haarkötter 324 Ausgangspunkt für die Korrespondenz von Sachverhalt und journalistischer Aussage über diesen Sachverhalt ist die empirische, sprich: sinnliche Wahrnehmung. Dies wird schon dadurch nahegelegt, dass im Deutschen Wahrheit und Wahrnehmung etymologisch verwandt sind. Aber auch über die Etymologie hinaus ist die Wahrnehmung ein starker Garant für Wahrheit: Bereits Aristoteles hat die Täuschungsfreiheit der Wahrnehmung konstatiert. Ich kann mich zwar darin täuschen, ob das, was ich sehe (zum Beispiel ein Hemd), rot ist – ich kann mich aber nicht darin täuschen, dass ich rot sehe. Insofern ist die eigene Wahrnehmung immer (subjektiv?) wahr und kann auch von keinem anderen sinnvoll bezweifelt werden (Aristoteles 2015: 175 = 428b, vgl. Heinrich 2009: 46). Auch Habermas geht davon aus, dass sinnliche Wahrnehmungen „eo ipso sinnlich gewiß sind“ (Habermas 1995: 143) und „mit dem Anspruch auf Objektivität auftreten“ (ebd.:151). Schließlich geht die Grundthese eines jeden empiristischen Programms auf die Wahrheits-Schrift Thomas von Aquins zurück und erhielt ihre bis heute bekannte Formulierung durch Leibniz: „Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu“ – Es ist nichts im Sinn, was nicht zuvor in den Sinnen war (Leibniz 1996: 100 – übers. vom Vf., HH; vgl. (von Aquin 1986: 62 f.). Hier ließe sich der Standardeinwand bringen, den Immanuel Kant formuliert hat, dass zwar „Anschauung niemals anders als sinnlich sein“ könne und „Gedanken ohne Inhalt“ entsprechend leer seien, aber „Anschauungen ohne Begriffe“ andererseits auch blind (Kant 1998: 130). Indes lässt sich der im Fall der journalistischen Wahrnehmung leicht entkräften, da die meisten „news“, nach einer schmissigen Formulierung von Jan Kleinnijenhuis, eigentlich „olds“ sind (Kleinnijenhuis 1989) und die Journalistin nicht in die Verlegenheit kommen wird, Begriffsbildung für völlig Unerwartetes und Neues betreiben zu müssen, sondern auf das sprachliche Standardrepertoire einer normalen Muttersprachlerin zurückgreifen kann. Im Normalfall werden die Eindrücke und Wahrnehmungen also nicht „blind“ sein, sondern formulierbar und für andere auch dekodierbar und verstehbar. Die nächste Schwierigkeit ist eine der Kernprobleme des Journalismus, nämlich die Verbalisierung der sinnlichen Wahrnehmung. Über diese Frage haben sich in anderem Zusammenhang, der Physikalisierung der Wissenschaftssprache unter einem Konzept von Einheitswissenschaft, schon die Sprachphilosophen des Wiener Kreises intensiv Gedanken gemacht. Für sie erfolgt diese Verbalisierung in Form sogenannter Protokollsätze, wie sie eine Wissenschaftlerin bei ihren Experimenten in ihr Laborbuch oder auch, warum nicht, ein Reporter bei einer Recherche in seinen Reporterblock notieren würde. Es handelt sich um jene Sätze, Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 325 „welche in absoluter Schlichtheit, ohne jede Formung, Veränderung oder Zutat die Tatsachen aussprechen, in deren Bearbeitung jede Wissenschaft besteht und die jeder Behauptung über die Welt, jedem Wissen vorhergehen“ (Schlick 2006: 431). Da es um die Protokollierung von empirischen Wahrnehmungen geht, ist im Protokollsatz die Angabe von Zeitpunkt, Ort und vor allem der wahrnehmenden Person unabdingbar. Sinnvoll ist ein Protokollsatz laut Rudolf Carnap, wenn er die Bedingungen seiner Nachprüfbarkeit mit benennt (Carnap 2006: 325). Dadurch werden diese Basissätze intersubjektiv und erlangen Gültigkeit. Mit der Personalisierung ist auch ein (Schein-)Problem gelöst, dass von Anhängern des Sozialkonstruktivismus für ihre Form von wissenschaftlichem Relativismus gerne vortragen wird, die Subjektivität der Beobachtung. Bei den Protokollsätzen ist es aber gerade die Beobachterrelativität der Wahrnehmung, die für den Wahrheitswert und die Objektivität der empirischen Aussage steht, da subjektive Wahrnehmungen objektiv nicht bestreitbar sind (Searle 2011: 37; Haarkötter 2017: 300). Wahrnehmungen werden, wie auch Willard van Orman Quine schreibt, „immer als veritativ aufgefasst“ (Quine 2020: 98). Ein Protokollsatz lässt sich formalisieren (Neurath 2006:403, Popper 1966: 66) und hat dann die Form: Die Person X hat zur Zeit t am Ort O wahrgenommen, dass p. Protokollsätze sind aller schmückenden, wertenden und metaphysischen Bestandteile entledigt. Carnap ging deshalb davon aus, dass sie in einem Slang sui generis, der Protokollsprache, verfasst seien (Carnap 2006: 322). Mehrere Einwände sind gegen solche basalen Beobachtungssätze in der nach ihnen benannten Protokollsatzdebatte vorgetragen worden. Vor allem wurde moniert, dass es „reine“ Beobachtungssätze gar nicht geben könne, weil auch sie und die Sprache, in der sie formuliert seien, schon theoretische Vorannahmen enthalten würden. Allerdings ist dies kein Einwand gegen die Wahrheit solcher Sätze, denn wenn die Sprache und der theoretische Überbau von allen Sprecherinnen geteilt wird, ist wiederum die Intersubjektivität erfüllt. Nur in einer radikal subjektiven Sprache, die ausschließlich völlig individuelle Gefühle verbalisieren würde, könnten Beobachtungssätze formuliert werden, die von anderen nicht verstanden und darum auch nicht verifiziert oder falsifiziert werden könnten. Jedoch hat Ludwig Wittgenstein im berühmten sogenannten Privatsprachen-Argument gezeigt, dass eine solche Sprache schon deswegen nicht denkbar ist, weil sie dem Begriff von Sprache als sozialem Interaktionsmedium widersprechen würde (Wittgenstein 1990: 356 ff, vgl. auch Kripke 1987). Der Hektor Haarkötter 326 andere Einwand ist, dass es keine Sprache gebe, die ohne wertende oder emotive Bestandteile auskomme (Putnam 2002: 135). Dies ist wiederum kein Einwand gegen den Wahrheitswert solcher Basissätze, wenn wir John Searle darin folgen, dass die Zuschreibung des Wahrheitswerts zu einer Aussage selbst eine Form der Bewertung ist. Hier ist vielleicht der Unterschied zwischen Wertfreiheit und Werturteilsfreiheit hilfreich: Protokollsätze müssen nicht wertfrei sein, solange ihr Sprecher sich subjektiver Werturteile enthält (Hillmann 1994: 932, Habermas 1982: 77). Die journalistische Aussage ist der wissenschaftliche Protokollsatz unter abgemilderten Exaktheitsbedingungen. Wenn eine Journalistin in berichterstattender Intention einen Verkehrsunfall beobachtet, spielt für sie die exakte Länge des Bremsstreifens oder die physikalisch genaue Aufprallgeschwindigkeit vermutlich keine Rolle. Dieses Problem stellt sich allerdings im Grunde ebenso im physikalischen Experimentierlabor: Wie tief muss die Beobachtung gehen? Wie klein muss die Messeinheit für eine exakte Bestimmung angesetzt werden? Quine hat als Lösung hierfür den Begriff des Brennpunkts oder Fokus eingeführt (Quine 2020: 95). Was jemand scharf stellen darf, hängt davon ab, was er oder sie für eine Geschichte erzählen will, und das heißt nichts anders als, worauf liegt der Fokus, was ist das Problem oder der Konflikt, die behandelt werden sollen, kurz: Was ist das Thema (zum Themabegriff vgl. Kuhlmann 2016: 154 ff., zum Geschichtenbegriff vgl. Haarkötter 2015: 134 ff.). Etablierte Routinen des Journalismus erscheinen durch unsere Definition einer wahren journalistischen Aussage in einem neuen Licht, nämlich als Geltungsansprüche oder Wahrheitskriterien für die Berichterstattung. Orts- und Zeitmarken sowie Autorenkennungen sind nicht einfach ein Service für Leserinnen, sondern elementare Bestandteile der empirischen Protokoll- oder Reportersätze und damit wichtige Instanzen der Beglaubigung und Bewährung der journalistischen Aussagen. Der Journalist ist also nicht in erster Linie Bote oder Botschafter, sondern Zeuge (zum Botenbegriff vgl. Krämer 2008: 15). Als Zeuge hat er unmittelbaren sinnlichen Zugriff auf Ereignisse und Sachverhalte. Erst als Botschafter wird er zum Vermittler. Nun bestehen journalistische Aussagen nicht nur aus empirischen Wahrnehmungen von Reportern. Im Gegenteil, ist der Anteil von Recherche im Zeitbudget der beruflichen Tätigkeit von Journalistinnen seit langem rückläufig, das Arbeitszeitbudget verlagert sich hin zu recherchefernen Tätigkeiten oder reinen Onlinerecherchen, die Mittel für Reisekosten werden knapp (Hanitzsch/Seethaler/Wyss 2019: 116 ff., Machill et al. 2008: 37 ff.). Wo die Journalistin nicht selbst vor Ort sein kann, wird sie deswegen nach Augen- und Ohrenzeuginnen suchen. Deswegen ist laut gängigen Rechercheleitfäden die Personenre- Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 327 cherche eine der vornehmlichen Tätigkeiten innerhalb der journalistischen Recherche (Haarkötter 2015: 60). Häufig, vielleicht sogar zu häufig schöpfen Journalisten ihre Aussagen nicht aus eigenem oder fremdem Augenschein, sondern aus anderen Medienquellen – sie sind dann nur noch Boten, aber keine Zeugen mehr. Die Erfahrungen, die solche Journalisten machen, sind „nur noch“ mediale, was man unter dem Gesichtspunkt der empirischen Welterkenntnis durchaus als defizitär bezeichnen darf. In diesem Sinne spricht ein Vertreter des „neuen Realismus“ wie Maurizio Ferraris von der Medialität der Erfahrung und einer neuen „Dokumentalität“ (Ferraris 2014: 60). Für den Wahrheitsanspruch der journalistischen Aussage hat das Konsequenzen, denn er wird delegiert auf die ursprüngliche Autorin, die aber womöglich wiederum auf anderen Dokumenten fußt, auf die dann ihr Wahrheitsanspruch weitergereicht würde und so weiter. Die Wahrheit droht dabei in einem infiniten Regress unterzugehen. Außerdem wären solche Verkettungen von Aussagen über empirische Aussagen in der medialen Transmission so störanfällig wie jede technisch-mediale Kommunikation (das „Stille-Post- Problem“). Hierin liegt eine der Ursachen für die starke Zunahme von Phänomenen wie „Fake News“ und anderer Formen aktueller Desinformation (Zimmermann/Kohring 2018: 526). Umso wichtiger wird Quellentransparenz, die auch nicht nur ein Merkmal für die Qualität journalistischer Berichterstattung ist, sondern sich genuin auf die Geltungsansprüche und Kriterien für die Wahrheit der journalistischen Aussage zurückführen lässt. Eine Kohärenz-Theorie der Wahrheit journalistischer Texte Damit ist die Wahrheit einer einzelnen journalistischen Aussage bestimmt. Aber journalistische Berichterstattung besteht nicht aus Ein-Wort-Sätzen (von bestimmten einzelnen Medienprodukten abgesehen). Im Gegenteil stehen Medien, die vorwiegend in Ein-Wort-Sätzen kommunizieren, nicht unbedingt im Ruf höherer Wahrhaftigkeit. Es steht die Insinuation im Raum, dass die ganze Wahrheit eines journalistischen Textes mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Es könnte also sein, dass ein journalistischer Text aus lauter wahren Aussagen p1…x besteht und es doch begründete Zweifel an der Wahrheit des gesamten Textes gibt. In der Sprachphilosophie ist ein Modell entwickelt worden, dass sich Kohärenztheorie der Wahrheit nennt und die Wahrheit einer Aussage dadurch prüft, ob sie im Zusammenhang einer größeren Zahl von Sätzen, zum Beispiel eines Texts oder einer Theorie, stimmig ist und sich wider- 4. Hektor Haarkötter 328 spruchslos einfügt (Enders/Szaif 2008: 375, vgl. auch Coomann 1983). Allerdings hat schon Schlick gezeigt, dass die Überführung des Wahrheitsbegriffs in den Widerspruchlosigkeitsbegriff dazu führen kann, dass auch „beliebig erdichtete Märchen für ebenso wahr“ gehalten werden müssten wie empirische Aussagen, solange sie nur ganz gut, nämlich kohärent erzählt sind (Schlick 2006: 438). Tatsächlich ist das eines der Probleme bei den aktuellen Fällen von „Fake News“ und Desinformation, dass ihre Falschheit gerade wegen der Kohärenz ihrer Erzählweise oft nicht leicht nachweisbar ist. Es soll an dieser Stelle der Vorschlag einer anderen Verwendung des Kohärenzbegriffs im Zusammenhang mit der Diskussion um journalistische Wahrheit gemacht werden. Kohärenz soll dabei nicht dazu dienen, die Wahrheit einer einzelnen Aussage zu überprüfen, sondern im Gegenteil die Bedingungen zu nennen, unter denen bei der angenommen Wahrheit der Aussagen p1…x auf die Wahrheit eines gesamten Textes geschlossen werden kann. Dabei wird hier von von einem Reporter R ausgegangen, der einen längeren Beitrag B in einem bestimmten Medium schreibt. Formalisiert sähe die Schlussfolgerung dann so aus: R1 berichtet in Artikel B1 in Medium M, dass p1…x R1 befolgt in B1 die Berufsnormen N p1…x sind wahr Die Leserschaft L versteht, dass p1…x R hat auch in der Vergangenheit Artikel B2…x mit wahren py publiziert M hat auch in der Vergangenheit Artikel von R2…x publiziert, die wahr sind → B1 ist wahr für L Dieser Kalkül ist kein klassischer logischer Syllogismus, er gibt vielmehr die praktische informelle Logik der Berichterstattung wieder, in der die Wahrheit der Berichterstattung sich nicht nur aus wahren Einzelsätzen zusammensetzt, sondern gerade jene Geltungsansprüche überprüft, die Habermas für den kritischen Wahrheitsdiskurs reklamiert hat. Hier steht an erster Stelle die Aussagewahrheit. Dazu kommt aber auch die Richtigkeit als Befolgung bestimmter Berufsnormen. Zu diesen Normen könnte beispielsweise zählen, Meinung und Bericht nicht zu vermengen oder die Protagonisten der Berichterstattung nicht herabzusetzen oder zu beleidigen. Beides würde das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt eines bestimmten Berichts vermutlich beeinträchtigen. Ebenso zählt aber Quellentransparenz dazu: Soweit die Leserschaft L diese identifizieren kann, wird sie ein sinnvolles Für-Wahr-Halten eines Berichts auch von der Quellenlage beein- Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 329 flusst. Das Mehrquellenprinzip halte ich dagegen nicht für ein Wahrheitskriterium, da die Wahrheit von Behauptungen nicht davon abhängig ist, dass sie par tout aus verschiedenen Mündern geäußert wird. Verständlichkeit wird nicht nur wegen der Leserbedürfnisse gefordert, sondern weil die Wahrheit einzelner journalistischer Aussagen wie der Berichterstattung insgesamt nur beurteilt werden kann, wenn die Botschaft verstanden wird. Hier zeigt sich, dass die Norm der Verständlichkeit mehr ist als nur ein nettes Entgegenkommen dem Publikum gegenüber oder eine Frage der „guten Schreibe“, sondern wesentlicher Bestandteil eines informellen Syllogismus ist, der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Berichterstattung durchdekliniert. Umgekehrt formuliert könnte man auch sagen: So manche Unwahrheit lässt sich hinter überkomplizierten und unverständlichen Wendungen verbergen. Das zeigt auch, dass Klarheit ein wichtiges Element von Verständlichkeit ist und damit zu den Geltungsansprüchen für Wahrheit journalistischer Berichterstattung zählt. Der Rekurs auf vergangene Berichterstattung soll den Anspruch auf Wahrhaftigkeit ausdrücken, hier in einem weiteren Sinne verstanden als Funktion von Glaubwürdigkeit der Berichterstattung, wie sie in der Journalismusforschung theoretisch fundiert und ja auch empirisch erhoben wird (vgl. Jackob et al. 2019, vgl. auch die Beiträge in Blome/Eberwein/ Averbeck-Lietz 2020 sowie die Beiträge in Dernbach 2005). In Rede steht hier sowohl die persönliche Glaubwürdigkeit der Journalistin wie auch die institutionelle Glaubwürdigkeit des Publikationsmediums, denn wenn es Zweifel an der Glaubwürdigkeit gibt, dann wird darunter auch der Wahrheitsanspruch eines spezifischen journalistischen Beitrags leiden. Wenn wir auch die Rezeption der Leserschaft L auf andere Medien M2…x in Betracht ziehen, lassen sich auch Aussagen über den Wahrheitsanspruch des gesamten Mediensystems treffen. Eine informelle Kohärenztheorie der Wahrheit gestattet uns nun, auch bestimmte Lizenzen zu erteilen, um den Wahrheitsanspruch an journalistische Berichterstattung aufrechtzuerhalten. Wahr ist ein Bericht dann, wenn er eine kohärente Geschichte erzählt, die die Bedingungen des praktischen Syllogismus der Berichterstattung einhält. Die Wahrheit der Berichterstattung wird aber nicht durch die Anwesenheit solcher Sätze oder Elemente beeinträchtigt, die selbst keinen Wahrheitswert haben, nicht wahrheitswertfähig oder die strittig sind, solange sie sich widerspruchsfrei in den Gesamtbericht einfügen. Man darf also auch solche journalistischen Berichte in toto für wahr halten, in denen nicht jeder Satz wahr ist. Hektor Haarkötter 330 Fiktion: Abstand von der Wahrheit Normalerweise sucht man im Journalismus nicht nach der Wahrheit, sondern nach Tatsachen, Sachverhalten, Geschichten. Dass diese dann wahr sein sollen, liegt auf der Hand und die Leserin kann berechtigtermaßen auch davon ausgehen. Dies belegt gerade, dass die Wahrheit eine Hintergrundbedingung für jede Art von Aussagen ist. Es kann aber, auch und gerade in journalistischen Recherchen, explizit zur Suche nach der Wahrheit kommen. Dies ist der Fall, wenn die Unwahrheit einer Tatsache oder eines Sachverhalts im Raume steht. In der Relation zu allen Formen von Nicht- Wahrheit, Desinformation, Täuschung und Lüge wird die Wahrheit selbst zum Objekt der Nachforschung. Umso mehr gilt dies für die Widerlegung von Behauptungen oder Sachverhalten, denn in diesem Fall liegt eine Tatsache oder Geschichte bereits vor. Hier wird nur in einem speziellen Fall nach neuen Tatsachen und Geschichten gesucht, nämlich wenn die Widerlegung einer Behauptung und damit die Bestätigung ihrer Nicht-Wahrheit durch eine alternative Version der Geschichte vorgenommen werden soll. Wenn die Wahrheit der journalistischen Aussage als wahrer Ausdruck empirischer Wahrnehmung oder die mediale Bezugnahme auf eine solche Wahrnehmung definiert wird, dann muss die Unwahrheit gekennzeichnet sein durch ihre Entfernung von der empirischen Wahrnehmung oder durch eine intentionale oder nicht-intentionale Störung der Beziehung von Aussage und Sachverhalt. Zur Beschreibung dieser Entfernung scheint sich die Dichotomie Wahrheit/Fiktion anzubieten. Doch dies greift in einiger Hinsicht zu kurz, weil auch Fiktionen Wahrheiten zum Ausdruck bringen können. Wolfgang Iser hat den Vorschlag gemacht, die Welt der Fiktionen dreizuteilen in die Sphäre des Fiktiven, diejenige des Fiktionalen und jene des Imaginären (Iser 1993: 19, vgl. auch Gabriel 2020: 55 ff.). Da alle drei in der journalistischen Berichterstattung eine Rolle spielen können, will ich hier kurz darauf eingehen. • Fiktiv sind jene Aussagen, die keine Entsprechung in einem Gegenstand der wirklichen Welt haben und die entweder intentional (Lüge) oder nicht-intentional (Irrtum) vorgebracht werden. • Fiktionale Aussagen dagegen sind in der Regel intentional und entspinnen einen simulierten Wirklichkeitsraum, mit dem eine „Grenzüberschreitung“ zwischen dem Wirklichen und dem Erfundenen vollzogen wird (Iser 1993: 52). Fiktionales spielt vor allem in Kunst und Literatur eine Rolle. Gerade die Sprach- oder Schreibspiele der Literatur bestehen ja nicht durchgehend aus fingierenden Aussagen, sondern verwe- 5. Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 331 ben häufig die wirkliche Welt mit fiktionalen Charakteren. Die Welt von Günter Grass‘ Roman Die Blechtrommel ist das nationalsozialistische Deutschland, dessen Existenz niemand abstreiten kann, und auch viele Ereignisse innerhalb der Romanhandlung (zum Beispiel die berühmte Szene der Erstürmung der polnischen Post in Danzig) haben ihre Entsprechung in der historischen Realität. Fiktive Aussagen, vor allem wenn sie intentional vorgebracht werden, kommen wie anscheinend wahre Aussagen daher, reklamieren also einen Wirklichkeitsbezug, der in Wahrheit nicht da ist. Fiktionale Aussagen dagegen behaupten nicht eine solche Form des realen Wirklichkeitsbezugs, sondern machen in der Regel ihren Fiktionalitätsstatus explizit oder implizit deutlich (Martínez/Scheffel 2016: 10 f, Köppe/Kindt 2014: 81). Sie reklamieren höchstens eine Wahrscheinlichkeit, und so ist es kein Zufall, dass, wie die Soziologin Elena Esposito dargelegt hat, narrative fiction und die Wahrscheinlichkeitsrechnung zur gleichen Zeit im 17. Jahrhundert ihre erste Blütezeit hatten und aufeinander bezogen sind (Esposito 2014: 10 f.). • Das Imaginäre ist eine eigenständige dritte Form fingierender Aussagen: Es handelt sich dabei um Aussagen, die aus der Vorstellungskraft ihres Urhebers gewonnen werden. Hierbei kann es um bildliche Vorstellungen gehen, aber auch um Hypothesen oder Prognosen. Gerade letztere können noch keinen Wirklichkeitsbezug und damit keine Wahrheit reklamieren, weil ihre Sachverhalte noch gar nicht realisiert sind. Dennoch sind es selbstverständlich zulässige Aussagetypen, denen nicht zwingend eine Täuschungsabsicht unterstellt werden könnte. Gerade die journalistische Recherche als Suche nach der Wahrheit kommt dort nicht ohne Imagination aus, wo Hypothesen über mögliches Geschehen angestellt werden (Haarkötter 2015: 79 ff.). Ausgehend vom Gebot der Wahrhaftigkeit kann man folgern, dass journalistische Aussagen im Normalfall faktuale Aussagen sind, die gerade durch ihren Bezug auf Fakten wahrheitsfähig sind. Aber auch alle drei anderen Aussagetypen kommen in der journalistischen Berichterstattung vor: Die vielzitierten „fake news“ wären der medienethisch ungünstigste Fall. Aber auch die unkritische Übernahme von PR-Mitteilungen, Werbebotschaften oder ungeprüften Informantenaussagen kann zur Fiktionalisierung des Journalismus beitragen und wäre normativ nicht zu begrüßen. Dagegen könnten faktuale und imaginäre Aussagen medienethisch zulässig und im Rahmen einer Kohärenztheorie journalistischer Wahrheit sogar wahrheitsfähig im Gesamtkontext der Berichterstattung sein. Beispiele für diese Aussagetypen wären die fingierten Namen von Informantinnen oder Prozess- Hektor Haarkötter 332 beteiligten, manche szenischen Einstiege in journalistische Reportagen, Prognosen wie der Wetterbericht und natürlich alle Arten von Vorberichterstattung, die zukünftige Ereignisse vorwegnimmt. Was fingierende Aussagen im Journalismus angeht, die nicht per se wahrheitsunfähig sind, herrscht kommunikationswissenschaftlich noch Forschungsbedarf. Nachspiel: Hannah Arendt und die Macht der Wahrheit Wie Nietzsche hat auch die Philosophin Hannah Arendt sich mit Wahrheit und Lüge beschäftigt. Ist der eine allerdings radikaler Wahrheitsskeptiker, so ist die andere eine ebenso radikale Wahrheitsverfechterin. In zwei Aufsätzen, die unter dem Titel Wahrheit und Lüge in der Politik veröffentlicht wurden, denkt sie über das Zwingende der Wahrheit ebenso nach wie darüber, welche Zwänge etwa von politischer Seite auf die Wahrheit ausgeübt werden. „Jede Wahrheit erhebt den Anspruch zwingender Gültigkeit“, notiert Arendt (Arendt 2013: 59). Jedoch fehlen der Wahrheit die Machtmittel, sich selbst in der Gesellschaft durchsetzen zu können. In diesem Sinne handelt es sich bei ihr stets, wie der Philosoph Hans Blumenberg herausgearbeitet hat, um eine „nackte Wahrheit“ (Blumenberg 2019: 11). Der Verpflichtungscharakter wahrer Aussagen firmiert auf derselben Ebene wie derjenige ethischer Sätze – ohne Sanktionsmöglichkeiten, ohne Machtmittel, ohne konkrete Gewalt über die Umstände lässt sich ihr Geltungsbereich nicht festlegen und bleibt die Wahrheit manipulierbar. Wer darüber nachdenkt, was die soziale Welt im Inneren zusammenhält, wird auf die eine oder andere Weise immer auf den Begriff der (politischen) Macht kommen, wie es beispielsweise im Feld der analytischen Philosophie John Searle ("Hintergrundmacht"; vgl. Searle 2017: 244) oder im Feld der kontinentalen Philosophie vor allem Michel Foucault getan hat, wo er formuliert, „dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert“ (Foucault 1994: 39). Und umkehrt wird nach Hannah Arendt der, der die politische Macht besitzt, sich auch im Besitz der Wahrheit wähnen: „[S]o wird der Politiker immer dazu neigen, es mit der Wahrheit nicht zu genau zu nehmen“ (Arendt 2013: 74). Neben der Politik sieht Arendt in der zu ihrer Zeit gerade entstehenden PR-Industrie, den „modernen image-makers“ (ebd.: 78), Feinde der Wahrheit. Und sie zeigt, dass „fake news“ kein Phänomen des Internetzeitalters sind und dass es neben der aktuellen Desinformation auch eine historische Desinformation gibt und gegeben hat, die mit macht- und in- 6. Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 333 teressengeleiteten Fiktionalisierungen nicht nur der Wahrheit Gewalt angetan haben: „Alle diese Lügen, auch wenn ihre Urheber sich dessen nicht bewußt sind, sind potentiell gewaltsam; jedes organisierte Lügen tendiert dahin, das zu zerstören, was es zu negieren beschlossen hat“ (Arendt 2013:77). Allerdings scheint Arendt die Wahrheit nicht gänzlich für machtlos zu halten. Die Tatsache, dass autoritäre Politikerinnen und Ursupatoren der Macht regelmäßig die freie und wahrheitsgemäße Berichterstattung einschränken, deutet darauf hin, dass sie ihre eigene Position durch die Wahrheit gefährdet sehen: „Die moderne Geschichte ist voll von Beispielen, in denen die einfache Berichterstattung als gefährlicher und aggressiver empfunden wird als feindliche Propaganda“ (Arendt 2013: 81). Wie wahre journalistische Aussagen zustande kommen und wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit journalistischer Texte beurteilt werden können, sollte in diesem Text dargelegt werden. Dabei hat sich vor allem gezeigt, dass viele der berufspraktischen Routinen des Journalismus auch als Kriterien und Geltungsansprüche für die Wahrheit der journalistischen Aussage verstanden werden können. An vielen Stellen würde es sich lohnen, weiter zu diskutieren und tiefer zu bohren. So geht der vorliegende Text standardmäßig davon aus, dass es sich bei journalistischen Aussagen um verbale Kommunikation und bei Berichten um Texte handelt. Die wesentlich intrikatere und philosophisch wie kommunikationswissenschaftlich schwierigere Diskussion dreht sich um die Frage, wie es um die Wahrheit audiovisueller und multimodaler Berichterstattung bestellt ist. Die Redeweise von der Wahrheit eines Bildes oder, noch komplexer, einer Filmberichterstattung müsste sich gegenüber der diskursiven Wahrheit einer Textaussage erst noch bewähren (Knieper 2005: 41 ff., Macias 1990: 66). Ein anderer relevanter Punkt ist die Tatsache, dass Wahrheit in der Politik und in der Gesellschaft in enger Relation zur journalistischen Wahrheit steht. Der Journalismus als Beobachtungsinstanz verifiziert seine Aussagen ja nicht nur durch die empirische Wahrnehmung gesellschaftlicher Handlungen, sondern der politische und gesellschaftliche Diskurs fußt in nicht unerheblichem Maße auf journalistischen Aussagen. Deswegen lässt sich Wahrheit auch nicht nur in einem journalistischen Sinne verhandeln, journalistische und außerjournalistische Wahrheit korrespondieren miteinander. Diese reziproke Relation der Bezugnahme ist eine wichtige Dimension dessen, was mit Marcinkowski und Luhmann als „Selbstbeobachtung der Gesellschaft“ apostrophiert wird: Der Journalismus, der die Gesellschaft beobachtet, sieht dabei vor allem auch sich selbst (Marcinkowski Hektor Haarkötter 334 1993: 118, Luhmann 2009: 105). Die Wahrheit, die so ermittelt wird, könnte in eine rekursive Schleife geraten, die einer externen Instanz nicht mehr bedarf. Die Diskussion um „Fake News“ und „alternative Fakten“ scheint darauf hinzudeuten, dass hierin eine der Quellen für die aktuelle Desinformation liegt (McIntyre 2018: 89, Steinebach et al. 2020: 42 ff.). Schließlich weist Luciano Floridi noch auf ein Paradox hin, dass nach den zwei bekannten Logikern auch als Bar-Hillēl-Carnap-Paradox bezeichnet wird. Es besagt, dass auch solche Sätze, die nicht wahr sein können, trotzdem Information enthalten können. Das bedeutet, dass Wahrheit keine notwendige Bedingung für Information sein muss oder, um die Paradoxie auf die Spitze zu treiben: Auch die Desinformation ist informativ (Bar- Hillēl/Carnap 1964: 229, vgl. Floridi 2004). Auch hier ist noch Forschungsbedarf vonnöten. Hannah Arendt notierte, die Wahrheit sei ohnmächtig. Persuasive Kommunikation, Propaganda und schließlich Gewalt könnten sie vernichten. Doch die Philosophin weiß einen letzten Trost, denn die Wahrheit habe „eine Kraft eigener Art: es gibt nichts, was sie ersetzen könnte“ (Arendt 2013: 86). Vielleicht macht gerade das die Universalität des Wahrheitsanspruchs aus. Literatur Arendt, Hannah (2013): Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. Piper 30328. München, Zürich: Piper. Aristoteles (2015): Über die Seele. De anima: Griechisch-Deutsch. Dt.: Klaus Corcilius: Meiner. Ayer, Alfred J. (1977): Wahrheit. In: Skirbekk, S. 276–299. Baraldi, Claudio / Corsi, Giancarlo / Esposito, Elena (1997): GLU: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Bar-Hillēl, Yehôšuaʿ / Carnap, Rudolf (1964): An Outline of a Theory of Semantic Information. In: Bar-Hillēl, Yehošuaʿ (Hg.): Language and information. Selected essays on their theory and application. Addison-Wesley series in logic. Reading, Mass.: Addison-Wesley, S. 221–274. Bentele, Günter (1993): Wie wirklich ist die Medienwirklichkeit? 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Wahrheit und Lüge im (außer-)journalistischen Sinne 339 Teil 5 Programmierte Wahrheit und digitale Netzwerk-Öffentlichkeiten: Ethische Herausforderungen der Onlinekommunikation Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen Christian Riess Abstract Auf technischer Seite berührt die aktuelle Debatte um „Fake News“, Propaganda und ähnliche Phänomene oftmals einen mit Mitteln der Informatik geschaffenen Raum: Soziale Netze decken mittlerweile einen Großteil der Kommunikation ab, die nicht in klassischen Medien geführt wird, und der rapide Fortschritt im maschinellen Lernen erleichtert das Erzeugen glaubwürdiger audiovisueller oder textueller Inhalte, die potentiell auch geeignet erscheinen, die öffentliche Kommunikation zu beeinflussen. Dem gegenüber steht das Forschungsfeld der Multimediaforensik, in dem ebenfalls mit Informatik-Methoden nach Möglichkeiten gesucht wird, Authentizität und Ursprung von Multimedia-Inhalten zu ermitteln. Diese Methoden arbeiten entweder mit Regeln, die explizit definiert sind oder aus Daten abgeleitet mittels maschinellen Lernens. Der vorliegende Beitrag diskutiert die Möglichkeiten und Grenzen der Wahrheitsfindung mittels maschinellen Lernens. Es wird aufgezeigt, dass ein universeller „Wahrheitsfinder“ derzeit nicht in Sicht ist, da auch Regeln, die aus Daten abgeleitet werden, eine Kausalität zu Grunde liegen muss. Dies beschränkt Methoden des maschinellen Lernens auf eine Rolle als Werkzeug, das per se weder im Stande ist, abstrakte Konzepte wie „Wahrheit“ zuverlässig zu erfassen, noch die Grenzen der eigenen Anwendbarkeit zu erkennen. Zur Erkennung von Wahrheit wird daher eine sinnvolle Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine benötigt, in der Mensch wie Maschine ihre jeweiligen Stärken kombinieren können. Einleitung Die letzten Jahre haben dem Forschungsfeld der Multimediaforensik unerwartete Aufmerksamkeit beschert. Hierbei handelt es sich um ein Unter- 1. 343 thema der Informatik, in dem algorithmische Methoden1 entwickelt werden, um Ursprung und die Authentizität von Bildern und Videos zu ermitteln. Ein Erklärungsversuch für das aufkeimende Interesse an diesem Forschungsfeld könnte drei aktuelle Entwicklungen nennen: den raschen Fortschritt bei Anwendungen des maschinellen Lernens, den rasanten Anstieg von digitaler Kommunikation vorbei an klassischen Gatekeepern wie Zeitungsredaktionen und Fernsehsendern und den Aufstieg populistischer Parteien und Gruppierungen in einigen westlichen Staaten. Alle drei Punkte werden im Folgenden kurz skizziert: Der rasche Fortschritt bei Anwendungen des maschinellen Lernens öffnet insbesondere neue Möglichkeiten zur automatisierten Erzeugung und Bearbeitung von Bildern und Videos. Prototypische Ergebnisse werden regelmäßig in eindrucksvollen Demonstrationsvideos der breiteren Öffentlichkeit vorgeführt. Ein Beispiel ist „Synthesizing Obama“ (Suwajanakorn et al. 2017), in der zu einer nahezu beliebigen Sprachaufnahme ein Video des ehemaligen US-Präsident Barack Obama automatisch mit synchroner Lippenbewegung versehen wird. Der tatsächliche Anwendungsmarkt solcher Methoden liegt hauptsächlich in der Unterhaltungsbranche, beispielsweise in der automatisierten Lippensynchronisierung ausländischer Filme. Dennoch legen derartige Demonstrationen nahe, dass diese Methoden potentiell auch missbräuchlich genutzt werden könnten, beispielsweise um Falschaussagen von Prominenten zu erzeugen. Es steht also die Frage im Raum, ob und wie in solch einem Fall der vermeintliche „Videobeweis“ durch Verifikationsmethoden widerlegt werden kann. Die digitale Kommunikation weitet den Markt für Anbieter von Inhalten deutlich aus. Im traditionellen Verlags- und Fernsehgeschäft haben eine begrenzte Anzahl von Redaktionen Inhalte ausgewählt und verbreitet. Die digitale Kommunikationslandschaft, einschließlich Kommunikationsplattformen wie YouTube, Twitter und Instagram, ist hingegen viel stärker fragmentiert, mit einer Vielzahl kleiner, stärker zielgruppenorientierter Anbieter. Die Vernetzung der Inhalte ermöglicht kontroversen Beiträge erhebliche Reichweiten. Hierdurch stehen klassische Redaktionen regelmä- ßig vor der Entscheidung, ob ein aufkochendes Thema aus den Plattformen in die Berichterstattung übernommen werden soll. Die Verifikation 1 Ein Algorithmus ist eine endliche Folge wohldefinierter Anweisungen, die von einem Computer ausgeführt werden können. Algorithmen liegen allen zielführenden Berechnungen eines Computers zu Grunde, und Algorithmen des maschinellen Lernens unterliegen den in diesem Beitrag illustrierten Herausforderungen bei der Wahrheitsfindung. Christian Riess 344 solcher Inhalte ist jedoch in vielen Fällen besonders schwierig, da Primärquellen oftmals schwierig auffindbar oder gar nicht verfügbar sind. Auch unterstützen die Plattformen die Verifikation kaum, und relevante Informationen wie Datei-Metainformationen oder der Erstellungs-Kontext der Daten sind in der Regel nicht zugreifbar. Gleichzeitig müssen Redaktionen häufig unter erheblichem Zeit- und Kostendruck arbeiten. Automatisierte Prüfmethoden könnten hier potentiell ein Ausweg sein. Der Aufstieg populistischer Parteien und Gruppierungen spielt in dem Sinn eine Rolle, als dass prominente Vertreter dieser Gruppierungen den Wahrheitsgehalt kritischer Medienberichte anzweifeln und dem oftmals eine eigene Mediendarstellung gegenüberstellen. Besondere Bekanntheit erlangte der von US-Präsident Donald Trump popularisierte Begriff der „Fake News“, um missliebige Berichterstattung zu brandmarken, während Trump selbst in sozialen Medien regelmäßig eine eigene, konträre Darstellung kommuniziert2. Dies erzeugt regelmäßig einen besonderen Rechtfertigungsbedarf von Fakten, der je nach Situation auch Mediendaten einschließt. Ein Beispiel ist das „Drunken Pelosi“-Video, das verlangsamt abgespielt den Eindruck von Trunkenheit erzeugt (Harwell 2019). Alle drei hier skizzierten Entwicklungen förderten in den letzten Jahren das Interesse an der Multimediaforensik zur Unterstützung der Wahrheitsfindung. Methodisch werden in dem Forschungsfeld technische Ansätze aus der Signalverarbeitung, dem maschinellen Lernen und dem Rechnersehen genutzt. In der medialen Berichterstattung wurde in den letzten Jahren das Potential von Inhaltserzeugung und Inhaltsprüfung oftmals hochstilisiert zu einem Kampf von „KI gegen KI“. Dabei wird Bezug genommen auf eine Künstliche Intelligenz (KI), die auf Seiten der Computergraphik mittels maschinellen Lernens „Unwahrheit“ erzeugt3, und auf eine KI, die auf Seiten der Multimediaforensik ebenfalls mittels maschinellem Lernen „Wahrheit“ erzeugt. Die tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen bei dem Einsatz von maschinellem Lernen zur Verifikation von Multimediadaten sind jedoch etwas komplizierter und sollen in diesem Artikel illustriert werden. Abschnitt 2 illustriert kurz einige Methoden der Multimediaforensik. Der Abschnitt schließt mit einem Beispielsverfahren, das maschinelles Lernen benutzt. Maschinelle Lernverfahren zeichnen sich dadurch aus, dass Ent- 2 So wurde beispielsweise fälschlicherweise behauptet, dass Trumps Amtseinführung die größte aller Zeiten gewesen sei. 3 Dies betrifft zum Beispiel eine Gruppe von Methoden, die Gesichter in Videos synthetisch erzeugt oder neu animiert. Diese Methoden werden im öffentlichen Diskurs häufig (obwohl technisch ungenau) als DeepFakes subsummiert. Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 345 scheidungsregeln aus geeigneten Beispielsdaten abgeleitet werden. Eine kurze Einführung zu solch datengetriebenen Verfahren wird in Abschnitt 3 gegeben. Die aktuellen Grenzen dieser Verfahren werden in Abschnitt 4 skizziert. Abschnitt 5 diskutiert die Frage, wie Lernverfahren zur Verifikation von Inhalten praktisch eingesetzt werden können: Für Aufgabenstellungen, die abstrakte Konzeptionen wie „Wahrheit“ enthalten, müssen Mensch und Maschine zusammenarbeiten. Hierbei liegt die Aufgabenteilung relativ klar auf der Hand. Typischerweise muss der Mensch abstrakte Beurteilungen übernehmen, die von maschinellen Lernverfahren als konkrete Werkzeuge unterstützt werden. Verifikation von Ursprung und Echtheit mittels Multimediaforensik Die rechnergestützte Verifikation von Bildern und Videos umfasst zwei wesentliche Ansätze: Methoden um den Ursprung der Aufnahme einzugrenzen (d.h. den Ursprung der Aufnahme) und Methoden um festzustellen, ob eine Aufnahme verändert worden ist, d.h. retuschiert oder anderweitig editiert (d.h. die Authentizität der Aufnahme). Hierbei ist eine typische Annahme, dass nur das Bild selbst zur Verfügung steht und Untersuchungsgegenstand ist. Das echte Bild ist also die digitale Repräsentation einer physikalischen Aufnahme, vergleichbar mit einem physikalischen Messprozess, bei dem Licht durch eine Linse von einem Sensor in digitale Signale umgewandelt wird, und diese Signale lediglich unwesentlich, d.h. in unerheblichem Umfang, verändert und von der Kamera weiterverarbeitet werden zu einem digitalen Bild. Diese Auffassung von Wahrheit enthält bereits starke Einschränkungen: Es ist aus dieser Definition heraus zum Beispiel nicht möglich festzustellen, ob der Fotograf bei der Auswahl des Motivs versucht hat, die tatsächlichen Begebenheiten wahrhaftig4 abzubilden. Das Bild wird lediglich so, wie es in der Kamera entsteht, als Ausgangspunkt der Untersuchung angenommen. Ebenso muss angemerkt werden, dass diese Definition von Wahrheit technisch unscharf ist: der Umfang der kamera-internen Nachbearbeitung unterscheidet sich zwischen unterschiedlichen Kamera-Modellen. Dies wird insbesondere durch neueste Smartphones in Frage gestellt, in denen das digitale Bild das Er- 2. 4 Hier soll der Ausdruck der „wahrhaftigen Abbildung“ einer Szene ausdrücken, dass der Fotograf die Situation nach eigenem Kenntnisstand und Fähigkeiten objektiv abbildet. Im Umkehrschluss impliziert das, dass der Fotograf durch die Motivauswahl keine falschen oder verkürzten Schlussfolgerungen bei dem Bildbetrachter willentlich in Kauf nimmt oder sogar provoziert. Christian Riess 346 gebnis einer komplexen Berechnung mehrerer Sensoraufnahmen ist5. Als grobe Richtlinie für die oben genannten technischen „unwesentlichen Veränderungen“ der Bilddaten in der Kamera kann der Verarbeitungsumfang einer Kompaktkamera aus dem Jahr 2010 gelten. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass die allermeisten Ansätze trotz dieser technischen Unschärfe auch auf Daten modernerer Kameras anwendbar sind. Die forensischen Prüfmethoden basieren auf der Verifikation von Regeln, die entweder explizit aufgestellt oder implizit aus Beispielsdaten abgeleitet wurden, oder aus Mischansätzen davon. Explizit aufgestellte Regeln stammen oftmals aus der Signalverarbeitung oder dem Rechnersehen. Das Ableiten von Regeln aus Beispielsdaten erfolgt durch maschinelles Lernen. Das derzeit vielleicht stärkste multimediaforensische Verfahren nutzt einen Ansatz mit explizit aufgestellten Regeln, und ermöglicht die eineindeutige Zuordnung eines digitalen Bilds zu einem Aufnahmegerät (Lukas et al. 2006). Hierbei wird ausgenutzt, dass die Zellen jedes Kamerasensors auf Grund leichter Fertigungsungenauigkeiten kleine Unterschiede in der Lichtempfindlichkeit aufweisen. Dieser Effekt wird als Photo-Response Non- Uniformity (PRNU) bezeichnet. Die Empfindlichkeitsunterschiede sind so schwach, dass sie für das Auge nicht wahrnehmbar sind. Mit Methoden der Signalverarbeitung lässt sich aus einer Bildserie einer Kamera jedoch ein sauberer, sensor-spezifischer Fingerabdruck berechnen. Dieser Fingerabdruck kann mit einem unbekannten Bild abgeglichen werden. Bei einer positiven Korrelation stammen das Bild und der Fingerabdruck mit hoher Sicherheit aus derselben Kamera, da zwar das Signal pro Pixel sehr schwach ist, der Kamerasensor aber aus Millionen von Pixeln besteht, wodurch die Zuordnung zuverlässig machbar ist. Ein weiteres Beispiel für regelbasierte Ansätze analysiert Kompressionsspuren des Bildes (Popescu/Farid 2004). Das populäre JPEG-Format entfernt jedes Mal beim Speichern etwas Information aus dem Bild die mit dem Auge kaum wahrnehmbar ist. Durch diese Einsparung wird die Dateigröße um Informationen reduziert, die für den Betrachter ohnehin kaum sichtbar sind. Die genaue Form dieser Reduktion unterscheidet sich jedoch von Gerät zu Gerät und von Software zu Software. Hierdurch kann 5 Modernste Kameras wie die Pixel-Reihe von google (ersetzen durch Google) nehmen ein kurzes Video auf, und errechnen daraus ein einzelnes, qualitativ höherwertiges Bild. Hierdurch wird die abgebildete Szene jedoch möglicherweise verändert: Sehr schnelle Objekte wie ein Eishockey-Puck sind in jedem Videoframe an einer anderen Stelle und werden daher als „Dreckspuren“ herausgefiltert. Das fertige Bild zeigt ein Spiel ohne Puck. Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 347 wiederum durch Methoden der Signalverarbeitung festgestellt werden, ob ein Bild oder Teile davon mehrfach komprimiert wurden, was Aufschluss geben kann über die Historie des Bildes oder lokale Eingriffe in das Bild. Ein drittes Beispiel für regelbasierte Ansätze sind viele sogenannte physikbasierte Methoden. Beispielsweise kann auf zwei Personen oder Objekten der Szene die Richtung des einfallenden Lichts geschätzt werden (Matern 2019). Dies erfolgt auf Grundlage geometrischer und photometrischer Modelle, die den Pfad des Lichts von der Lichtquelle über das Objekt in die Kamera beschreiben. Für die forensische Analyse wird es als unwahrscheinlich angenommen, dass in einer Bildmontage die Richtung des Lichteinfalls auf dem eingefügten Objekt exakt konsistent ist mit den umgebenden Objekten. Diese Annahme kann jedoch nicht mit rein technischen Mitteln zuverlässig überprüft werden, da reale Szenen viele Sonderfälle enthalten können: beispielsweise können Fensterscheiben Sonnenlicht reflektieren, so dass eine Person direkt von der Sonne, eine andere Person indirekt über eine solche Reflexion aus der entgegengesetzten Richtung bestrahlt wird. Daher muss hier stets ein Analyst die Anwendbarkeit der Methode in der jeweiligen Bildszene einschätzen. Ein Beispiel für einen starken Ansatz aus dem Bereich des maschinellen Lernens ist NoisePrint (Cozzolino/Verdoliva 2019). Hierbei wird aus einer Menge von Beispielsbildern ein Filter gelernt, der den Bildinhalt unterdrückt, und gleichzeitig für das Auge unsichtbare Helligkeitsunterschiede, sogenanntes Bildrauschen (englisch „Noise“), stark hervorhebt. Dieses Bildrauschen ist typischerweise charakteristisch für ein Kameramodell, vergleichbar mit einem Fingerabdruck, der einen Menschen identifiziert. Aus den englischen Wörtern „Noise“ und „Fingerprint“ ist der Methodenname „NoisePrint“ als Portmanteau gebildet. Dieser gelernte Fingerabdruck des Bildrauschens kann in einem zweiten Schritt nach irregulären Mustern durchsucht werden, um damit lokale Veränderungen in dem Bild zu finden, die in der Regel von Eingriffen durch Bildverarbeitungsprogrammen hervorgerufen werden. Jede dieser Methoden unterscheidet sich in den Annahmen für die Prüfung und ihren Ausgaben. Beispielsweise benötigt eine Prüfung mit PRNU eine Serie von Bildern aus der zuzuordnenden Kamera, während NoisePrint keine Daten aus derselben Kamera benötigt, aber primär auf die Erkennung von Inkonsistenzen im Bildrauschen abzielt. Auch umfassen die diskutierten Methoden lediglich die Analyse von Bildern. Für Videos existiert eine Reihe von spezialisierten Methoden um die zusätzliche zeitliche Dimension auszunutzen. Die genannten forensischen Methoden sind daher lediglich Beispiele zur Illustration der existierenden Methoden. Für einen breiteren Überblick wird auf zwei Lehrbücher verwiesen (Sen- Christian Riess 348 car/Memon 2013, Farid 2016), sowie auf die jüngere wissenschaftliche Literatur. Die Leistungsfähigkeit der Methoden unterscheidet sich stark, wenn die Bilder im Zuge ihrer Verbreitung weiterverarbeitet wurden. Beispielsweise wird ein Bild, wenn es auf Facebook hochgeladen wird, von der Plattform in der Regel verkleinert und neu komprimiert. Diese Operationen entfernen einen Großteil der forensisch relevanten Spuren, so dass nur besonders robuste Methoden auf Daten aus sozialen Netzwerken erfolgreich angewandt werden können. Verifikationsansätze von Journalisten und Menschenrechtsgruppen arbeiten daher typischerweise mit physikbasierten Methoden, da diese von Nachverarbeitung nicht oder nur wenig betroffen sind (Syrian Archive 2020). Standardansätze sind beispielsweise eine inverse Bildsuche nach wiederverwendeten Inhalten und der Abgleich von Ort und Zeit auf Grundlage landschaftlicher oder städtebaulicher Merkmale und des Sonnenstands. Eine weitere Möglichkeit sind Kontextrecherchen, um über Bekanntschaftsverbindungen in sozialen Netzwerken Akteure sozialen Gruppen zuzuordnen. Datengetriebene Methoden und die Trennschärfe von Daten Allen beschriebenen Methoden ist gemeinsam, dass es ein oder mehrere konkrete, beschreibbare Merkmale in dem Bild oder Video geben muss, auf dessen Grundlage forensische Indizien gesammelt werden. Diese Merkmale müssen so beschaffen sein, dass die Problemstellung klar beschrieben und von möglichen Verwechslungsfällen abgegrenzt wird. Im Fall von explizit formulierten Regeln wird diese Beschreibung und Abgrenzung von einem Analysten in den Regeln direkt abgebildet. Im Fall von Regeln, die implizit aus Daten abgeleitet werden, muss sichergestellt werden, dass der Datensatz die Beschreibung und Abgrenzung vornimmt. Das Ableiten von Regeln aus Daten ist aus praktischer Sicht in vielen Fällen vorteilhaft: für komplexe Aufgaben wird ein explizites Aufstellen von Regeln zunehmend komplizierter und damit sowohl kostenintensiver als auch fehleranfälliger. Ein Beispiel ist die Objekterkennung: Es ist schwierig, zum Beispiel eine Ampel in allen möglichen bildlichen Formen explizit zu beschreiben. Wenn die Beschreibung jedoch implizit aus Beispielen gelernt wird, dann genügt es eine repräsentative Menge an Bildaus- 3. Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 349 schnitten mit und ohne Ampeln bereitzustellen, um daraus die Beschreibung abzuleiten6. Wenn der Datensatz hinreichend repräsentativ ist, kann ein System zuverlässig Bilder von Ampeln und Nicht-Ampeln trennen. Die zu erreichende Trennschärfe eines maschinellen Lernverfahrens hängt von der Trennschärfe der Eingabedaten ab, und davon, dass das System diese effektiv ausnutzt. Im Umkehrschluss kann es bei Erstellung eines Datensatzes für eine komplexe Aufgabe jedoch sehr schwierig sein, Lücken in der Trennschärfe der Daten zu identifizieren. Dies zeigt sich beispielsweise in Unfällen von selbstfahrenden Fahrzeugen, in denen Hindernisse oder Straßenbegrenzungen nicht korrekt erkannt wurden. Im Allgemeinen wird die Zusammensetzung eines repräsentativen Datensatzes tendenziell schwieriger, je schwieriger die Beschreibung des zu lösenden Problems ist. Das kann mitunter zu unerwarteten Effekten führen, so dass ein maschinelles Lernsystem ein Problem zu lösen scheint, tatsächlich aber Unvollständigkeiten in dem Datensatz ausnutzt. Diese Herausforderung wird in einem etwas überspitzten Beispiel illustriert: Man könnte sich beispielsweise zum Ziel setzen, Bilder von Lügnern zu identifizieren. Das Problem hierbei ist, dass „Lügner“ ein sehr abstraktes Konzept ist, das schwierig bildlich darzustellen ist. Kurzes Nachdenken kann zu dem Ergebnis führen, dass Lügner an der Länge ihrer Nasen erkennbar sein sollten, folglich empfiehlt sich das Sammeln der Bilder von Pinocchio. Zusätzlich wird noch eine Sammlung für „Nicht-Lügner“ benötigt. Ist die Hohepriesterin des Orakels in Delphi, Pythia, nicht der Inbegriff des Nicht-Lügens? Damit wäre ein erster Datensatz zusammengestellt. Handwerklich korrekt wird ein Teil der Daten benutzt, um ein Modell zu trainieren, d.h. die Unterscheidungsregeln für Lügner und Nicht-Lügner aus den Daten abzuleiten. Der andere Teil der Daten wird genutzt um empirisch die Genauigkeit des Modells zu ermitteln. Es ist gut möglich, dass dabei eine sehr hohe Klassifikationsgenauigkeit ermittelt wird. Es ist aber unklar, auf welcher Grundlage diese vermeintlich hohe Leistungsfähigkeit 6 Nebenbei angemerkt können derartige Datensätze von große Internet-Unternehmen relativ kostengünstig erstellt werden, z.B. über das Angebot von „Captchas“. Hierbei wird ein kostenloser Authentifizierungsdienst für Webseiten angeboten, bei dem einem Benutzer eine Authentifizierungsaufgabe gestellt wird. Eine typische Captcha-Aufgabe ist „Markieren Sie die Quadrate in dem Bild, die Ampeln enthalten“. Hierbei wird ein authentifizierungsrelevantes Bild gezeigt, für das die Antwort bekannt ist, und ein weiteres Bild für das die Antwort unbekannt ist. Da der Benutzer beide Bilder annotiert, erhält das Unternehmen die Annotation des unbekannten Bilds als „Entgelt“ für den Dienst. Christian Riess 350 erzielt wird: Bei kritischer Durchsicht der Daten kommen viele verschiedene Merkmale in Frage, die im Stande wären, Abbildungen Pinocchios von denen der Pythia zu unterscheiden. Beispielsweise zeigen ein Großteil der Treffer einer Bildersuche nach „Pinocchio“ Ausschnitte aus einem gleichnamigen Zeichentrick-Film, während Treffer einer Suche nach „Pythia“ vorwiegend historische Gemälde und Stiche zeigen. Möglicherweise hat also der Klassifikator nie die Nase betrachtet – unser eigentlich beabsichtigtes Merkmal – sondern stattdessen gelernt, Cartoon-Zeichnungen von Gemälden und Stichen zu unterscheiden. Die hohe empirisch ermittelte Genauigkeit kann insbesondere darauf zurückzuführen sein, dass die Datensammlung für den Trainings- und Testdatensatz mit derselben Methodik erfolgte, so dass aus der hohen Testgenauigkeit nicht unbedingt darauf zurückgeschlossen werden kann, dass das Modell gute, allgemeingültige Merkmale ausgewählt hat. Ein gängiger Ansatz zur Vermeidung derartiger Schwierigkeiten bei der Entwicklung lernbasierter Modelle ist daher die Erprobung mehrerer unabhängig voneinander erstellter Datensätze. Beispielsweise könnten die Regeln auf dem selbsterstellten Datensatz abgeleitet werden, und auf Datensätzen anderer Gruppen getestet werden. Die Fähigkeit eines Modells auf Daten einer solchen unbekannten Quelle zu arbeiten wird auch als Generalisierbarkeit bezeichnet. Generalisierbarkeit ist eine der großen Herausforderungen in der aktuellen Forschung zu maschinellem Lernen. Im Umkehrschluss zeigt das, dass das Problem, versehentlich nicht-allgemeingültige Eigenschaften der Daten zu lernen, real ist. Das Forschungsfeld Explainable AI, frei übersetzbar als „nachvollziehbare maschinelle Lernverfahren“, berührt ebenfalls den Aspekt der Generalisierbarkeit: Ein maschinelles Lernverfahren, dessen Entscheidungen durch Menschen nachvollziehbar sind, erleichtert im Prinzip auch die Prüfung des Verhaltens, d.h. es ermöglicht zu testen, ob ein aus Daten abgeleitetes Regelwerk tatsächlich eine Problemstellung beschreibt und von Verwechslungsfällen abgrenzt. Im Bereich der Bilderkennung kann beispielsweise der Bildbereich visualisiert werden, der für eine Entscheidung den stärksten Einfluss hat. Wenn zum Beispiel ein Modell zum Finden eines Reiters das Pferd als wichtig erachtet, so ist dieses Modell wohl zuverlässiger als ein Modell, das sich an dem Reiterhelm orientiert: Einerseits ist der Reiterhelm nicht unbedingt definitorisch für einen Reiter, andererseits kann ein Reiterhelm auch leicht mit anderen Helmmodellen, beispielsweise für Kraftfahrzeuge, verwechselt werden. Als grundsätzliches Problem bleibt bei diesem Ansatz ein händischer, aufwändiger Prüfprozess durch Sichtung von Beispielen, um visuell sicherzustellen, dass das Modell stets die allgemeingültigsten Schlüsse zieht. Zusätzlich ist diese Form von visueller Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 351 Rückmeldung schwierig auf andere maschinelle Lernprobleme übertragbar, in denen die Daten nicht als Bilder vorliegen. Wenn beispielsweise numerische Daten wie Netzwerkverkehr automatisch bewertet werden soll, dann ist der Aufwand für eine manuelle Nachprüfung der Entscheidungsgrundlagen ungleich höher. Zusammenfassend ist es nach dem derzeitigen Kenntnisstand in vielen Fällen ausgesprochen schwierig, jenseits von punktuellen Überprüfungen die Interna des Entscheidungsprozesses schlüssig nachzuvollziehen in Systemen, die Regeln implizit aus Daten ableiten. Daher muss der Zusammenstellung des Datensatzes besondere Sorgfalt zukommen, um die zu lösende Aufgabe möglichst umfassend von möglichen Verwechslungsfällen abzugrenzen. Der derzeit stärkste Beleg dafür, dass dies tatsächlich gelungen ist und das System generalisiert, liegt in den meisten Anwendungen darin, das System auf mehreren unabhängig erstellten Datensätzen zu testen, die während des Trainings nicht benutzt wurden. Grenzen der Trennbarkeit und des Wissens über Nichtwissen Trotz aller Erfolge maschineller Lernverfahren sind einige potentielle Anwendungsgebiete sehr zögerlich, maschinelle Lernverfahren in praktische Abläufe einzubinden. Das betrifft insbesondere Anwendungsgebiete, in denen besondere Anforderungen an die Zuverlässigkeit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen gestellt sind. Ein Beispiel sind Beweismittel in Gerichtsverfahren, von deren Richtigkeit der Richter überzeugt sein muss. Das schließt insbesondere eine Einschätzung der Irrtumswahrscheinlichkeit mit ein. Dies ist bei maschinellen Lernverfahren jedoch im Allgemeinen schwierig zu realisieren: wie klar kann die Gewissheit einer Entscheidung bestimmt werden, wenn die Entscheidungsregeln implizit aus einer gewählten Datenmenge erzeugt wurden? Dies ist eine der aktuellen Herausforderungen im Einsatz maschineller Lernverfahren. Zwei Quellen von Unsicherheit werden im Folgenden besonders diskutiert: Unsicherheiten auf Grund dessen, dass Beispielsdaten nicht trennscharf sind, und Unsicherheiten auf Grund dessen, dass die Beispielsdaten unvollständig sind. 4. Christian Riess 352 Unsicherheit aus Definitionsunsicherheit der Daten Mängel in der Trennschärfe der Daten sind insbesondere dann kaum zu vermeiden, wenn das Lernziel schwierig durch Beispiele zu beschreiben und abzugrenzen ist. Um dies zu illustrieren wird das Beispiel aus dem vorherigen Abschnitt wieder aufgegriffen, in dem ein bildbasiertes Erkennungssystem für Lügner entwickelt werden soll. Beispielsbilder von Pinocchio für Lügner und der Pythia als Wahrhaftige sind nicht nur auf Grund der unterschiedlichen Form der künstlerischen Darstellung als Zeichentrick-Figur bzw. als Gemälde ungeeignet. Selbst wenn die Art der Darstellung identisch wäre, können diese Beispiele kaum als definierende Konzepte für Lügner oder Wahrhaftige dienen. Darüber hinaus ist es unklar, wie die Beispielsdaten stattdessen zusammengesetzt sein müssten: Ist es überhaupt möglich, Lügner auf Grundlage von Bildern zu erkennen? Wenn bei der Beantwortung dieser Frage Zweifel bleiben, dann übersetzen sich diese Zweifel automatisch in eine große Unsicherheit darüber, was das System auf Grundlage der Beispieldaten überhaupt lernt. Zwar kann die Ausgabe des Modells empirisch mit weiteren, extern erhobenen Daten gründlich geprüft werden, aber diese können die Unsicherheit über die Problemstellung nicht grundsätzlich ausräumen, da es immer sein könnte, dass der jeweils nächste, noch ungetestete Datensatz, einen Fehler im Modell aufzeigt. Interessanterweise liegt diese Art von Unsicherheit im Wesentlichen allen abstrakten Konzepten menschlicher Interaktion zu Grunde: Beispielsweise sind Lüge, Humor, Kunst, sowie „böse“ wie „gute“ Absichten und Irrtum inhärent schlecht gestellte Probleme, bei denen nicht klar ist, wie aus Beispielsdaten die Intention abgeleitet werden soll. Ebenso interessant ist es festzustellen, dass es nicht substantiell einfacher wird diese abstrakten Konzepte zu erkennen, wenn statt Bildern andere Arten von Daten genutzt werden, wie beispielsweise Twitter-Kurznachrichten. Wie soll beispielsweise eine Nachricht mit dem Inhalt „Alle Ameisen sind schwarz“ bewertet werden? Handelt es sich hierbei um eine Lüge oder schlicht um Unkenntnis, Vergesslichkeit, oder Unachtsamkeit des Autors? Selbst wenn dieser Satz Teil eines längeren Textbeitrags ist, dessen kompletter Inhalt als Eingabe benutzt wird, dann verbleibt typischerweise dennoch stets ein Interpretationsspielraum zur Bestimmung dieser abstrakten Konzepte. Diese Schwierigkeit übersetzt sich direkt in Aufgabenbereiche, die für die Erkennung von Falschnachrichten, „Fake News“, Propaganda und ähnliche Themen relevant sind. Es ist nach meinem Kenntnisstand derzeit fundamental unklar, wie diese abstrakten Konzepte auf Grundlage von klar abgegrenzten Beispielen definiert werden können, so dass ein maschinelles 4.1 Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 353 Lernverfahren daraus Regeln ableiten kann, um neue Fälle zu erkennen. Diese Problematik wird manchmal auch als semantische Lücke bezeichnet, womit ein Abdeckungsunterschied zwischen der Form der Problembeschreibung (Syntax) und der gemeinten Aussage (Semantik) beschrieben wird. Unsicherheiten aus unvollständigen Beispielsdaten Lücken in der Trennschärfe der Daten auf Grund unvollständiger Beispielsdaten können auch entstehen, selbst wenn die Problemstellung selbst klar beschreibbar ist. Es ist wichtig festzustellen, dass die Unvollständigkeit nicht in einer Nachlässigkeit bei der Zusammenstellung der Beispielsdaten begründet sein muss, sondern aus der Breite des Anwendungsraums folgen kann. Beispielsweise muss ein autonomes Fahrzeug mit sämtlichen Situationen des Straßenverkehrs umgehen können – ein gewaltiger Zustandsraum7. Diese Form von Unsicherheit ist auch eine der Haupt-Herausforderungen in der Multimediaforensik: hier ist die Vielfalt der möglichen Verarbeitungsketten eines Bilds oder Videos enorm groß. Dies betrifft einerseits die Vielfalt von Kameratypen und Smartphone-Apps mit unterschiedlichen Bildverarbeitungsketten. Andererseits bearbeiten soziale Netzwerke hochgeladene Bilder intern, indem die Bilder verkleinert und für den effizienten Netzwerktransport neu komprimiert werden. Die genaue Parametrierung dieser Bearbeitungsschritte wird von den Plattformen in der Regel nicht kommuniziert und kann sich jederzeit ändern. Da diese Operationen die forensisch relevanten Spuren im Bild ändern, können durch Änderungen in der digitalen Darstellung des Bildes Lernverfahren ohne Vorankündigung mit Daten konfrontiert sein, die in dieser Form während dem Training nicht berücksichtigt wurden. Herkömmliche maschinelle Lernverfahren reagieren sehr sensibel auf derartige Unterschiede zwischen den Beispielsdaten im Training und den Testdaten in der Anwendung. Insbesondere bieten sie dem Anwender keine Möglichkeit zu erkennen, ob die Testdaten in dem „Erfahrungsbereich“ der Beispielsdaten sind, aus denen die Entscheidungsregeln abgeleitet wurden: Herkömmliche Lernverfahren besitzen keinen Mechanismus für 4.2 7 Nebenbei bemerkt kann man aus diesem Grund vermuten, dass autonome Fahrzeuge zuerst auf Fernstraßen eingesetzt werden, deren Verkehrsereignisse wesentlich eingeschränkter sind als die der Innenstädte. Christian Riess 354 Selbstreflexion um die Grenzen des eigenen Wissens in die Entscheidung einfließen zu lassen. Sogenannte Bayesische Neuronale Netzwerke (BNNs) können möglicherweise eine technische Lösung zum Erkennen von dieser Form von Unsicherheit sein (Blundell et al. 2015). BNNs sind neuronale Netzwerke, die sich dadurch auszeichnen, dass sie nicht eine einzige Vorhersage machen. Stattdessen lernen sie implizit eine Familie von Modellen. Wenn eine Eingabe bewertet werden soll, so werden verschiedene Familienmitglieder nach ihrer Einschätzung gefragt. Auf Eingaben, die sehr nahe an bekannten Beispielsdaten liegen, herrscht typischerweise ein Konsens, während auf exotisch wirkenden Eingaben die Familienmitglieder mitunter sehr unterschiedliche Einschätzungen abgeben. Aus dem Grad der Harmonie oder Dissonanz kann die Unsicherheit der Entscheidung berechnet werden. Unsere Arbeitsgruppe hat kürzlich vorläufige Ergebnisse zu der Modellierung dieser Form von Unsicherheit veröffentlicht (Maier et al. 2020). Es wird sich mit der Zeit zeigen müssen, inwieweit diese ersten Ergebnisse breit in die Multimediaforensik getragen werden können, oder welche neuen Herausforderungen sich hierbei stellen. Diskussion: Gemeinsam mit klarer Aufgabenteilung Maschinelle Lernverfahren müssen mit konkreten, über Regeln klar beschreibbare Problemstellungen arbeiten. Innerhalb einer durch Regeln beschriebenen Umgebung können sie jedoch bemerkenswertes leisten und sowohl in Geschwindigkeit als auch Genauigkeit Menschen in vielen Fällen übertreffen. Auf der anderen Seite fehlt den heutzutage üblicherweise eingesetzten Methoden sowohl die Möglichkeit zur zuverlässigen Erfassung abstrakter Konzepte wie „Propaganda“ oder „Humor“, als auch die Möglichkeit, die Grenzen ihres Wissens zu erkennen um unbekannte Eingabedaten zurückzuweisen. Als Funktionsbeschreibung für maschinelle Lernverfahren erscheint mir an Stelle des aktuell häufig benutzten Begriffs der Künstlichen Intelligenz daher der Begriff des Werkzeugs treffender. Der Begriff des Werkzeugs erlaubt auch eine Skizze für eine rechnergestützte Vorgehensweise gegen „Fake News“, Propaganda und verwandte Phänomene. Hier kann meiner Meinung nach nur die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine erfolgreich sein. Maschinelle Lernverfahren übernehmen hierbei essentielle vorbereitende und unterstützende, klar definierte Funktionen. Das kann beispielsweise die automatische Suche nach untereinander eng vernetzter Personengruppen in sozialen Netzwerken und die Verknüpfung dieser Gruppen mit Themen, die sich in den Netzen 5. Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 355 plötzlich und sehr dynamisch ausbreiten. Ebenso kann dies die automatische Untersuchung von Bildern oder Videos auf statistische Inkonsistenzen beinhalten, mit denen beispielsweise Retuschen oder andere Störungen in der Bild- oder Videocharakteristik aufgezeigt werden. Diese Ergebnisse dienen jedoch immer nur als Indizien. Es ist im Allgemeinen nicht möglich, mit maschinellen Methoden die Beweggründe der Akteure hinter diesen Indizien zu bewerten. Beispielsweise kann ein Bild editiert worden sein, um rote Augen zu entfernen, um ein Meme zu erstellen, oder um Betrachter zu täuschen. Diese Form von Bewertung muss von einem Menschen vorgenommen werden, auf Grundlage all der vorbereitenden Informationen, die von maschinellen Lernverfahren bereitgestellt werden, sowie gegebenenfalls zusätzlichen Prüfschritten. Insbesondere in forensischen Einzelfall-Prüfungen muss ein Mensch auch die Passung der Eingabedaten für die Maschine explizit kontrollieren, was jedoch technisch anspruchsvoll und zeitintensiv ist. Hier besteht jedoch die Aussicht, dass mit dem Fortschritt der Lernverfahren ein Teil dieser Prüfung zukünftig der Maschine übertragen werden kann. In letzter Konsequenz müssen Mensch und Maschine als Team arbeiten, und jeweils den Teil der Aufgaben übernehmen, in dem sie dem Partner klar überlegen sind. Literatur Blundell, Charles / Cornebise, Julien / Kavukcuoglu, Koray / Wierstra, Daan (Juli 2015): Weight Uncertainty in Neural Networks. International Conference on Machine Learning, S. 1613-1622. 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Online verfügbar unter: http://syrianarc hive.org/en/about/methods-tools [Abfrage am: 30.6.2020]. Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung von Wahrheit mit Maschinellem Lernen 357 Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online- Gegenöffentlichkeiten – Eine netzwerkanalytische Untersuchung auf Twitter Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger Abstract Die Verbreitung desinformativer Inhalte beschäftigt sowohl Wissenschaft als auch Medien seit der Etablierung von Social-Media-Plattformen stärker. Dabei werden vor allem alternative Nachrichtenmedien, die sich als Opposition zur hegemonialen Öffentlichkeit – dem „Mainstream“ – sehen, als potentielle Treiber desinformativer Inhalte betrachtet. In dieser Studie interessieren wir uns dafür, inwiefern professionelle und alternative Nachrichtenmedien den Lügen- und Wahrheitsdiskurs bedienen. Wir widmen uns dem Thema erstens netzwerkanalytisch, um Relationen zwischen „Alternativ“- und „Mainstream“-Medien in Erfahrung zu bringen. Eine inhaltsanalytische Untersuchung von Tweets beider Medientypen, die sich mit „Lüge“ und „Wahrheit“ auseinandersetzen, zeigt, dass die Rahmung der Begrifflichkeiten je nach Medientyp in unterschiedlicher Weise ausgeprägt ist. Während professionelle Nachrichtenmedien vorwiegend Aufklärungsarbeit hinsichtlich „Fake News“ betreiben oder über den politischen Metadiskurs im Kontext von Regulierungsbestrebungen berichten, sehen sich alternative Nachrichtenmedien vor allem als Aufdecker medialer und politischer Lügen und von Geheimnissen des „Mainstreams“. Aus einer relationalen Perspektive interessant ist, dass es strukturell zwar Verbindungen zwischen alternativen und professionellen Nachrichtenmedien gibt, diese allerdings primär dazu dienen, um die Narrative der Opposition zu widerlegen. Einleitung: Zum Lügen- und Wahrheitsdiskurs in Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit Die „Lüge im Netz“ ist seit einigen Jahren nicht nur in wissenschaftlicher Forschung ein präsentes Thema, sondern auch im medialen Diskurs selbst. „Fake News“ bzw. die bewusste, aktuelle Desinformation (vgl. hierzu auch 1 359 Zimmermann/Kohring 2018) werden dabei meist mit deren Verbreitung auf Digitalplattformen in Verbindung gebracht. So kann vor allem seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 ein vermehrtes Forschungsinteresse festgestellt werden (z.B. Allcott/Gentzkow 2017, Bakir/McStay 2018, Guess/Nagler/Tucker 2019). In dieser Zeit wurden verstärkt politische Falschnachrichten auf Social Media verbreitet, wenn auch empirisch nicht klar ist, ob diese die Wahlentscheidung tatsächlich beeinflussten (vgl. z.B. Guess/Nagler/Tucker 2019). Außerdem etablieren sich im digitalen Netz zunehmend alternative Nachrichtenmedien, die sich selbst gegen die als „Mainstream“ bezeichnete mediale und politische hegemoniale Öffentlichkeit positionieren, wie beispielsweise Breitbart in den USA, die teilweise nachweislich falsche Nachrichtenbeiträge publizieren und somit die politische Meinungsbildung verzerren (Hendricks/Vestergaard 2018). Werden alternative Nachrichtenmedien in aktueller Forschung häufig mit der Verbreitung von desinformativen Inhalten in Verbindung gebracht, bleibt unklar, wie diese selbst und im Vergleich zum „Mainstream“ Begrifflichkeiten wie „Lüge“ und „Wahrheit“ gebrauchen. Im Rahmen dieser empirischen Studie nähern wir uns diesem noch zu wenig erforschten Gebiet und erfassen induktiv, wie der Lügen- und Wahrheitsdiskurs in deutschsprachigen Nachrichtenmedien gerahmt wird. Wir nähern uns der Forschungsfrage netzwerkanalytisch, um potentielle Relationen zwischen alternativen und professionellen Nachrichtenmedien zu erfassen. Hierfür wurde als empirischer Wirklichkeitsausschnitt die Plattform Twitter gewählt, unter der Annahme, dass diese vor allem im journalistischen und politischen Bereich stark genutzt wird, im Sinne eines „Eliten-Netzwerks“ (Metag/Rauchfleisch 2017). Folgend wird zunächst ein kurzer theoretischer Überblick über Gegenöffentlichkeiten in Form alternativer Nachrichtenmedien im Netz gegeben, bevor die empirischen Ergebnisse beschrieben und in einem Fazit zusammengefasst werden. Gegenöffentlichkeiten im digitalen Zeitalter Zur Korrektivfunktion von Gegenöffentlichkeiten Vor allem Phasen gesellschaftlicher Umbrüche sind davon geprägt, dass Gegenöffentlichkeiten (oder auch „autonome Öffentlichkeiten“) gängige Deutungsmuster in Frage stellen und versuchen Deutungshoheit zu erlangen (Imhof 1996). Unter „Gegenöffentlichkeit“ zu verstehen ist „eine gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum 2 2.1 Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 360 strukturiert ist“ (Krotz 1998: 653). Es handelt sich somit nicht per se um ein neuartiges Phänomen resultierend aus Digitalisierungsprozessen, dass alternative Akteur_innen die öffentliche Meinung kritisieren und sich als Opposition betrachten. Dennoch konnte im Zuge der Digitalisierung ein weiterer Strukturwandel der Öffentlichkeit (in Anlehnung an Habermas (2018[1962]) beobachtet werden, wonach vor allem Akteur_innen, die nicht zum professionellen Journalismus zählen, neue und einfachere Möglichkeiten erhalten haben, öffentlich zu kommunizieren (Eisenegger 2017). Neben reichweitenstarken Massenmedien können Lai_innen oder Pseudojournalist_innen vor allem über Digitalplattformen (zwar meist mit geringeren Reichweiten) Inhalte ohne Zugangsbarrieren und Kontrolle von außen selbständig aufbereiten und veröffentlichen, ohne journalistische Qualitätsstandards zwingend einhalten zu müssen. Insofern ist der professionelle Journalismus mit neuen Akteur_innen konfrontiert, die mit seiner Gatekeeping-Funktion konkurrieren (vgl. hierzu Wallace 2017). Aus einer demokratietheoretischen Perspektive erfüllen diese Akteur_innen, die sich auch in Form von Gegenöffentlichkeiten strukturieren können, grundsätzlich eine wesentliche Funktion öffentlicher Kommunikation, indem sie politische und mediale Eliten kontrollieren und kritisieren. Sie agieren dann als „Media Watchdogs“ oder in Form einer selbst auferlegten Positionierung als Vierte Gewalt. Vierte Gewalt deshalb, weil die Akteur_innen selbst als Produzierende von Nachrichten agieren und sich nicht ausschließlich über die Kritik- und Kontrollfunktion definieren. In der Netzwerköffentlichkeit (Neuberger 2018) kann demzufolge von einem relationalen Feld von Akteur_innen, die über unterschiedliche Deutungsmacht verfügen, gesprochen werden. Gegenöffentlichkeiten sind dann als eine Art Gegenmacht oder „Counter-power“ (Castells 2007) innerhalb des Netzwerkes zu interpretieren. Obwohl Gegenmächte eine wesentliche demokratische Kritik- und Kontrollfunktion einnehmen können, stellt sich aktuell die Frage, ob diese tatsächlich den demokratischen Anforderungen gerecht werden. So versagt die Kontroll- und Kritikfunktion insbesondere dann, wenn deliberative Qualitätsstandards nicht eingehalten und beispielsweise desinformative Beiträge gestreut werden. Diese desinformative, pseudo-journalistische Berichterstattung wird insbesondere alternativen Nachrichtenmedien in modernen, digitalen Gesellschaften vorgeworfen (Figenschou/Ihlebæk 2018, Hollander 2018, Holt 2018). Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 361 Alternative Nachrichtenmedien als vierte Gewalt Alternativmedien haben eine lange Tradition, so gab es schon im Zuge der Französischen Revolution und der „Meinungspresse“ dahingehende Tendenzen (Habermas 2018[1962]), oder auch in den 1960er und 1970er Jahren als Ausdrucksform der neuen sozialen Bewegungen (Wimmer 2015). Während die letztgenannte „Alternativpresse“ vorwiegend im politisch linken Spektrum angesiedelt war, setzt sich der aktuelle Forschungsstand meist mit rechtspopulistischen Nachrichtenmedien auseinander (z.B. Haller/Holt 2018) – obwohl davon auszugehen ist, dass in der pluralen Medienöffentlichkeit unterschiedliche Ausprägungen alternativer Nachrichtenmedien existieren. Alternative Nachrichtenmedien werden dann definiert als Opposition zum „Mainstream“, worunter die hegemoniale Öffentlichkeit aus Politik, Medien und generell dem dominierenden Establishment zu verstehen ist (Atton 2011). Alternativmedien sehen sich selbst als Repräsentanten von Bürger_innen und Ignorierten und werden in der Regel von Lai_innen, Protestgruppen oder politischen Randgruppen produziert, ihre Organisationsform ist meist nicht-hierarchisch und nicht-kommerziell – so der bisherige Forschungsstand (Rauch 2007, Atton 2011). Aktuelle empirische Befunde zeigen jedoch, dass diese Definitionen nicht mehr hinreichend sind. So gibt es beispielsweise Evidenzen, dass alternative Nachrichtenmedien teilweise hochprofessionalisiert agieren (Schwaiger 2020 (im Erscheinen)). Wir möchten den Begriff „alternative Nachrichtenmedien“ mit Blick auf seine historischen Wurzeln breiter fassen und unterscheiden zwischen vier Typen alternativer Nachrichtenmedien. Typ I bezieht sich dabei auf die im aktuellen Forschungsstand beschriebenen Medien, die sich selbst als „Aufdecker der Mainstream-Lügen“ sehen, während Typ II im verschwörungstheoretischen Spektrum einzuordnen ist. Typ III ist vergleichbar mit der Alternativpresse der neuen sozialen Bewegungen und bezieht sich auf Medien der Zivilgesellschaft, die für soziale Gerechtigkeit einstehen. Typ IV beschreibt seriöse, intellektuelle Nachrichtenmedien, deren Opposition sich daraus ergibt, dass sie das kommerzialisierte Mediensystem ablehnen und fundierten Journalismus einfordern. Wir definieren alternative Nachrichtenmedien entsprechend als Nachrichtenmedien, die sich per Selbstverständnis als Vierte Gewalt positionieren und entweder eine komplementäre Funktion zum etablierten Journalismus einnehmen (z.B. in Form vertiefter Rechercheleistung) und dadurch abgrenzen, oder sich dezidiert als Opposition gegenüber der hegemonialen Öffentlichkeit aus Medien und Politik (dem „Mainstream“) betrachten (Schwaiger 2020). 2.2 Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 362 Im Rahmen dieser empirischen Studie möchten wir gegenüberstellen, inwiefern professionelle Nachrichtenmedien im Vergleich zu alternativen Nachrichtenmedien Themen wie Lüge und Wahrheit aus einer Metaperspektive in ihre Berichterstattung integrieren. Forschungsleitend ist dabei die Annahme, dass professionelle Nachrichtenmedien desinformative Inhalte alternativer Nachrichtenmedien kritisieren und sich davon distanzieren, während sich (bestimmte) alternative Nachrichtenmedien selbst das Ziel auferlegen, die Lügen des professionellen Journalismus aufzudecken. Wir interessieren uns für dieses Wechselspiel und stellen folgende Forschungsfrage: Wie werden «Lüge» und «Wahrheit» im Twitter-Diskurs von alternativen wie auch etablierten Nachrichtenmedien gerahmt? Es geht uns demnach um die Frage, inwiefern diese und verwandte Begriffe im Twitter-Diskurs eingesetzt werden. Mithilfe interpretativer Verfahren ist es Ziel, den latenten Sinn hinter den Aussagen – also die „Rahmung“ der Begrifflichkeiten – herauszufinden. Methodik: Kombination aus Netzwerk- und qualitativer Inhaltsanalyse Für die vorliegende Studie wurde ein multimethodisches Design gewählt. In einem ersten Schritt wurden mithilfe automatisiert erhobener Tweets, in denen URLs deutschsprachiger Nachrichtenmedien wie auch alternativer Nachrichtenmedien der drei Untersuchungsländer Schweiz, Österreich und Deutschland implementiert wurden, netzwerkanalytisch untersucht. Ziel dahinter war, Relationen zwischen alternativen und etablierten Nachrichtenmedien und deren jeweiligen Stellenwert in der Twitter-Öffentlichkeit zu erfassen. In einem zweiten Schritt wurde der Datensatz mithilfe von Suchworten gefiltert, um jene Tweets analysieren zu können, in denen „Lüge“ und „Wahrheit“ explizit thematisiert wurden. Die Auswertung dieser Tweets erfolgte qualitativ inhaltsanalytisch, um den subjektiven Sinn bzw. Narrative zu identifizieren. Beide methodischen Schritte werden folgend im Detail beschrieben. Netzwerkanalytische Betrachtung von deutschsprachigen Nachrichtenmedien Netzwerkanalysen erlauben Strukturen hinter einer Fülle von relationalen Daten zu analysieren. Um Akteur_innen innerhalb des, für die vorliegende Studie relevanten, Twitter-Netzwerkes identifizieren zu können, wurden 3 3.1 Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 363 zunächst sämtliche Tweets erhoben, in denen relevante Akteur_innen zu Wort gekommen sind. Unter „relevanten Akteur_innen“ verstehen wir Twitter-Accounts, die deutschsprachige Nachrichtenmedien teilen oder in einschlägigen Tweets verlinkt sind. Zu diesem Zweck wurde auf eine von den Autor_innen erhobene und bereits bestehende Auflistung von 179 URLs deutschsprachiger alternativer Nachrichtenmedien1 und insgesamt 653 URLs deutschsprachiger Leitmedien (Deutschland: n = 302, Österreich: n = 96, Schweiz: n = 255) zurückgegriffen. Diese URLs repräsentieren gleichzeitig die Suchworte für die Erhebung von Tweets mittels der Stream-API von Twitter, unter Verwendung der Programmiersprache R. Der Erhebungszeitraum erstreckte sich von 15. September bis 27. Oktober 2019, da in diesem drei politische Wahlen in den drei Untersuchungsländern stattfanden. Darunter die österreichische Nationalratswahl am 29. September 2019, die Schweizer Parlamentswahl am 20. Oktober 2019 und die deutsche Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober 2019. Der Zeitraum eignet sich für eine Analyse von Nachrichtenmedien, da von einer intensiven politischen Berichterstattung und einem Zuwachs an desinformativen Inhalten in solchen Phasen auszugehen ist. Der Datensatz wurde nach der Erhebung bereinigt, um etwaige „false positives“, also irrtümlich miterhobene Tweets, aus dem Sample auszuschließen. Daraus resultierte ein Datensatz mit letztlich n=873.452 Tweets. Dieser Datensatz war Basis für die darauffolgenden Netzwerk- und qualitativen Analysen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Netzwerkanalysen mit Twitter- Daten durchzuführen. Für diesen Zweck interessierten wir uns für „Retweets“, also Relationen zwischen Akteur_innen, die auf dem Teilen von Beiträgen beruhen. Hierfür identifizierten wir sämtliche Unique-User und deren jeweilige Verweise (mittels Retweets) auf weitere Twitter-Accounts. Insgesamt wurden 77.400 „Knoten“, also User, identifiziert, mit Verweisen auf insgesamt 232.389 Akteur_innen („Kanten“). Mithilfe der Auflistung der Knoten und Kanten konnten unter Verwendung des Programmes Gephi Netzwerkstrukturen analysiert und visualisiert werden. Hierfür wurde der „Force Atlas 2“-Algorithmus verwendet. Auf dieser Grundlage konnten Relationen zwischen professionellen und alternativen Nachrichtenmedien aufgezeigt werden. 1 Diese wurden in einem iterativen Prozess im Zeitraum von Oktober 2018 bis Mai 2019 erhoben. Hierfür wurden einerseits Google-Alerts und -Suchen genutzt, weiter wurden bereits erhobene Websites auf Verlinkungen zu weiteren alternativen Newssites untersucht. Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 364 Qualitative Inhaltsanalyse der Twitter-Posts Nach diesem deskriptiven Überblick der Netzwerkstrukturen deutschsprachiger Nachrichtenmedien war der Hauptfokus dieser Studie, den Lügenund Wahrheitsdiskurs in der Twitter-Sphäre genauer zu betrachten. Hierfür wurde der im ersten Schritt erhobene Twitter-Datensatz herangezogen und ein Subsample basierend auf einschlägigen Suchbegriffen wie „Lüge“, „Fake“, „Fake News“, „Wahrheit“, „Desinformation“, „truth“, „wahr“, „falsch“ u.Ä., die im Textfeld der Tweets gesucht wurden, erstellt. Daraus resultierte ein Datensatz mit etwa 13.000 Tweets, die wiederum reduziert wurden, so dass nur mehr Tweets professioneller und alternativer Nachrichtenmedien als Absender_innen (und nicht jene von Privatpersonen) in die Stichprobe miteinflossen (n = 1.021). Dies diente als Datenpool für die qualitativ inhaltsanalytische Untersuchung der Tweets (Mayring 1994). Mittels Theoretical Sampling wurden insgesamt 123 Tweets qualitativ analysiert, bis eine theoretische Sättigung erreicht wurde. Analyseeinheiten waren dabei die Texte der Tweets selbst, aber auch Verlinkungen zu Websites innerhalb der Tweets, um diese zu kontextualisieren. Die leitende Forschungsfrage dieser Analyse richtete sich danach, wie Begriffe wie „Lüge“ und „Wahrheit“ von professionellen wie auch alternativen Nachrichtenmedien gerahmt werden. Resultate: Lüge und Wahrheit in der Twitter-Sphäre Folgend werden die Resultate der netzwerkanalytischen Betrachtung deutschsprachiger Nachrichtenmedien gezeigt, um im Anschluss die zentrale Forschungsfrage nach der Rahmung des Lügen- bzw. Wahrheitsdiskurses in der Twitter-Sphäre aufzugreifen. Relationen zwischen „Alternativ“ und „Mainstream“ Durch die Analyse gegenseitiger Retweets von Twitter-Akteur_innen konnte herausgefunden werden, ob und wie unterschiedliche Nachrichtenmedien miteinander in Bezug stehen – sei es durch selbst publizierte Retweets oder verbindend über die gleichen Twitter-Nutzer_innen (im Sinne von „Bindegliedern“). Insofern können anhand der netzwerkanalytischen Betrachtung unterschiedliche Cluster von Nachrichtenmedien identifiziert werden, die in ähnlicher Weise retweetet, deren Beiträge also ge- 3.2 4 4.1 Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 365 teilt werden. Üblicherweise werden Retweets als Indizien für zustimmende Meinungen zwischen Twitter-User_innen erachtet, weshalb davon auszugehen ist, dass Akteur_innen innerhalb eines Clusters dieselbe (z.B. politische) Gesinnung haben. Erst eine qualitative Analyse der Tweets selbst (vgl. Kapitel 5.2) kann diese Annahme jedoch abschließend beurteilen. Wie in der Grafik ersichtlich (vgl. Abbildung 1), konnten unter Verwendung des Louvain-Algorithmus unterschiedliche Cluster oder Communities identifiziert werden, die farblich markiert wurden (Modularitätswert (0,6)). Im Netzwerk namentlich erwähnt wurden besonders starke Knoten innerhalb des Netzwerkes, also Twitter-Accounts, die über einen hohen Eigenwert mit vielen ein- und ausgehenden Beziehungen verfügen und demnach häufig von anderen Akteur_innen retweetet wurden. In der Abbildung wurden nur Nachrichtenmedien und keine privaten Twitter-Accounts gekennzeichnet. Besonders markant stechen hierbei drei Communities heraus: Erstens das Cluster alternativer Nachrichtenmedien im oberen Teil des Netzwerkes, der vor allem aus alternativen Nachrichtenmedien der drei Untersuchungsländer besteht, die sich selbst als „Aufdecker der Mainstreamlügen“ bezeichnen, darunter beispielsweise die Accounts von „Junge Freiheit“, „Compact Magazin“ oder „Tichys Einblick“, die im rechtspopulistischen Milieu einzuordnen sind. Im unteren Teil des Netzwerks wiederum befinden sich professionelle Nachrichtenmedien (oder: „Mainstream-Medien“) aus Deutschland und der Schweiz, wie z.B. „Spiegel Online“, „Tagesanzeiger“ oder die „Süddeutsche Zeitung“, und Österreich, darunter beispielsweise „Die Presse“ oder „Der Standard“. Interessant hierbei ist vor allem, dass auf den ersten Blick alternative und professionelle Nachrichtenmedien als getrennte Communities erscheinen, die durch häufige Bezugnahmen innerhalb dieser Cluster entstehen. Dabei können weiter Bindeglieder in Form von bestimmten Twitter-Akteur_innen bzw. auch Nachrichtenmedien zwischen den beiden Communities identifiziert werden, darunter vor allem Boulevardmedien wie „Die Krone“ oder „BILD“. Dennoch ist nach einer deskriptiv-strukturellen Betrachtung festzuhalten, dass „Alternativ“- und „Mainstream-Medien“ stark voneinander separiert sind und nur wenige Verbindungen zueinander haben. Dies ist deshalb von Relevanz, da davon auszugehen ist, dass Diskurse innerhalb der Communities stattfinden und wenig oder kaum Austausch mit anderen Communities existiert, was eine Gefahr von einer häufig und kontrovers diskutierten „Echokammern-Bildung“ impliziert. Umso wichtiger ist es, interpretativ zu analysieren, inwiefern die Akteur_innen untereinander Bezug nehmen. Dies wird folgend anhand der Frage nach dem Lügen- und Wahrheitsdiskurs erörtert. Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 366 Twitter-Retweet-Netzwerk deutschsprachiger Alternativ- und „Mainstream“-Medien (Average Degree: 3,00; Modularity: 0,60) Rahmung von „Lüge“ und „Wahrheit“ in der Twitter-Öffentlichkeit Die eben geschilderte Netzwerkanalyse zeigt, dass sich um „Mainstream“und alternative Medien stark abgegrenzte Communities ausbilden, die Abbildung 1 4.2 Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 367 kaum Berührungspunkte haben – und wenn, dann über wenige vermittelnde Twitter-Akteur_innen vor allem aus dem Sektor der Boulevardmedien. Nicht verwunderlich ist daher eine unterschiedliche Thematisierung von Wahrheit und Lüge in den beiden Communities. Aus einer relationalen Perspektive interessant ist zudem, dass professionelle Nachrichtenmedien (zumindest bei dieser Untersuchung) nicht auf alternative Nachrichtenmedien referenzieren, dies allerdings in umgekehrter Weise der Fall ist, nämlich um die Opposition zur Meinung des „Mainstreams“ zu demonstrieren. Die analysierten Tweets, die von professionellen und alternativen Nachrichtenmedien gesendet wurden, konnten in acht Hauptkategorien eingeordnet werden. Jede Kategorie bezieht sich dabei auf eine ähnliche „Rahmung“ des Lügen- bzw. Wahrheitsdiskurses und grenzt sich durch eine dahingehende Kontrastierung von den anderen Kategorien ab. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Kategorien aus der qualitativen Inhaltsanalyse. „Lüge und Wahrheit“ im Diskurs des professionellen Informationsjournalismus und alternativer Nachrichtenmedien „Lüge und Wahrheit“ im Diskurs des professionellen Informationsjournalismus „Lüge und Wahrheit“ im Diskurs alternativer Nachrichtenmedien Regulierung Politischer Metadiskurs Lügen/Fake News der Mainstream-Medien Lügen und Betrügen der Politik Aufklärung/ Medienkompetenz Sachliche Begriffsverwendung Geheimnisse entlarven („Die Wahrheit“) Aufklärung Nachfolgend werden zunächst die Erkenntnisse professioneller Nachrichtenmedien und anschließend alternativer Nachrichtenmedien zur Rahmung des Diskurses über Lüge/Wahrheit beschrieben. „Lüge und Wahrheit“ im Diskurs des professionellen Journalismus Die analysierten Tweets konnten in vier trennscharfe Kategorien subsumiert werden, um die Verwendung des Lügen- und Wahrheitsbegriffes im professionell journalistischen Diskurs thematisch einzuordnen: (1) Regu- Tabelle 1 Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 368 lierung; (2) Politischer Metadiskurs; (3) Aufklärung/Medienkompetenz; (4) Sachliche Begriffsverwendung. 1. Unter die Kategorie „Regulierung“ fallen sämtliche Tweets, die sich mit der Eindämmung desinformativer Inhalte auseinandersetzen. Es handelt sich entsprechend um Verweise auf Nachrichtenartikel, in denen über eine Regulierung von „Fake News“ durch unterschiedliche Akteure berichtet wird, so beispielsweise ein Tweet des Twitter-Accounts der österreichischen Tageszeitung Der Standard: „EU will Kampf gegen Fake News weiterführen“ (derStandard.at 2019). Der Begriff „Fake News“ wird in diesem Fall mit der Problematik rund um die Verbreitung absichtlicher Falschnachrichten im Netz konnotiert, mit einem Verweis auf die Verantwortlichkeit der Europäischen Union, Maßnahmen zur Reduzierung von Desinformation einzuführen. Dies spiegelt sich beispielsweise auch im Diskurs hinsichtlich der Verantwortung von Digitalplattformen wider, desinformative Inhalte auf den Plattformen einzudämmen. Jedoch nicht nur falsche Nachrichten wurden im Untersuchungszeitraum im Kontext der Lüge thematisiert, sondern auch weitere irreführende Informationen, wie beispielsweise falsche Bewertungen auf Amazon: „Amazon stoppt 13 Millionen Fake-Bewertungen“ (Wiwo.de 2019) oder aber z.B. im Kontext von Dating- Apps: „US-Behörde klagt gegen Tinder-Betreiber: Nutzer mit Fake-Profilen in Abos gelockt?“ (Stern.de 2019). In allen Fällen handelt es sich demnach um die Berichterstattung über die Eindämmung von Falschinformationen in der digitalen Sphäre. 2. Die Kategorie „Politischer Metadiskurs“ beschäftigt sich mit dem Gebrauch von Lüge und Wahrheit im politischen Bereich. Dabei handelt es sich beispielsweise um Medienberichte über die Verwendung des „Fake News“-Begriffes als Art Kampfbegriff, um die politische Opposition zu diskreditieren: „Fake-Tweet: Donald Trump beleidigt (mal wieder) US-Abgeordnete Omar. Die fürchtet nun um ihr Leben“ (Stern.de 2019), oder „Trump droht, Iran spricht von ‚Lügen‘: 8 Antworten zu den Drohnenattacken in Saudi-Arabien“ (Watson.ch 2019). Dabei wird allerdings nicht nur auf den US-amerikanischen politischen Metadiskurs Bezug genommen, sondern auch auf den deutschsprachigen, wie an diesem Beispiel aus Österreich ersichtlich wird: „Rendi-Wagner wirft Kurz ‚Spiel mit der Wahrheit‘ vor“ (DiePresse.com 2019). Begriffe wie „Lüge“ und „Wahrheit“ finden im Twitter-Diskurs des professionellen Journalismus in diesem Kontext demnach dann Gebrauch, wenn Politiker_innen zitiert werden. Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 369 3. Ein weiteres wesentliches Thema des professionellen Journalismus ist in diesem Zusammenhang „Aufklärung“ bzw. „Medienkompetenz“. Tweets, die dieser Kategorie induktiv zugeordnet wurden, befassen sich demnach mit der Problematik von desinformativen, falschen Inhalten für die Zivilgesellschaft. Es handelt sich dabei um Beiträge, in denen die ausgehende Gefahr von „Fake News“ thematisiert wird: „Fake News: Was, wenn die Wahrheit ausstirbt?“ (Krone.at 2019). So wird auch über negative Erfahrungen von Bürger_innen berichtet: „Fake- Shops verlinkt: Konsumentenschutz wurde Opfer eines Hacker-Angriffs“ (Blick.ch, 2019), oder: „Im Internet auf Fakeshop reingefallen“ (Einbecker-Morgenpost.de 2019). In diesem Fall warnt der professionelle Journalismus vor Lügen, die Bürger_innen in die Irre führen könnten und klärt die Leser_innen entsprechend auf, um Medienkompetenz zu vermitteln. 4. Die letzte Kategorie „Sachliche Begriffsverwendung“ verdeutlicht, dass der professionelle Informationsjournalismus (insbesondere im Vergleich zu alternativen Nachrichtenmedien) erstens Begriffe wie „Lüge“ nicht dazu verwendet, um Akteur_innen der Lüge zu bezichtigen (im Sinne eines Kampfbegriffes) und auch zweitens nicht den Anspruch erweckt, die „absolute Wahrheit“ zu vermitteln. Eine sachliche Verwendung der Lügen- und Wahrheitsbegriffe meint dabei das journalistische Ziel, den Rezipient_innen ein widerspruchloses Bild der Realität bzw. der Gesellschaft als Ganzes zu vermitteln. Lüge und Wahrheit sind in etablierten journalistischen Medien also dann Teil der Berichterstattung, wenn entweder über deren Bekämpfung, oder die Verwendung der Begriffe in der Politik berichtet wird, oder um über damit einhergehende Problematiken aufzuklären. So handelt es sich bei dieser letzten Kategorie um eine sachliche, informative Verwendung der Begriffe: „Lügengeschichte zweier Kinder löste in Bayern Polizeieinsatz aus“ (DerStandard.at 2019), oder aber in der Boulevardpresse als Nachrichtenwert: „Mädchen (15) missbraucht und ermordet: Kommt jetzt die Wahrheit ans Licht?“ (tag24.de 2019). In dieser Kategorie werden die Begriffe entsprechend nicht mit dem „Fake-News“-Diskurs in Verbindung gebracht. „Lüge und Wahrheit“ im Diskurs von alternativen Nachrichtenmedien Im Vergleich zu Informationsmedien des professionellen Journalismus zeigten sich im Rahmen der Analyse alternativer Nachrichtenmedien deutliche Unterschiede. Auch hier resultieren vier Kategorien: (1) Lügen/Fake Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 370 News der Mainstream-Medien; (2) Lügen und Betrügen der Politik; (3) Geheimnisse entlarven („Die Wahrheit“); (4) Aufklärung. Vorgängig ist festzuhalten, dass alternative Nachrichtenmedien sehr wohl auf den professionellen Informationsjournalismus Bezug nehmen. Wie in der netzwerkanalytischen Darstellung ersichtlich, handelt es sich dabei vorwiegend um alternative Nachrichtenmedien, die vermeintliche „Lügen des Mainstreams“ aufdecken wollen und im rechtspopulistischen Bereich anzusiedeln sind (vgl. Typ I alternativer Nachrichtenmedien). Referenzen auf den professionellen Journalismus haben dabei vor allem das Ziel, den „Mainstream“ zu diskreditieren oder die professionelle Berichterstattung für den Beleg eigener Narrative zu nutzen. 1. Die erste Kategorie „Lügen/Fake News der Mainstream-Medien“ spiegelt das Selbstverständnis der alternativen Nachrichtenmedien wider. Dabei referenzieren diese auf vermeintliche „Lügen des Mainstreams“ und die angebliche Intention etablierter Medien, bewusst Falschinformationen zu verbreiten. Alternative Nachrichtenmedien verlinken in ihren Tweets entweder auf eigene Berichterstattung, in denen der Mainstream verhandelt wird, wie z.B. bei diesem Beispiel ersichtlich: „Lügenfunk!? Wie die ARD ihren Zuschauern Angst vor Rechtsextremismus machen will“ (Journalistenwatch.com 2019). Oder aber es wird direkt auf die Twitter-Accounts oder URLs des professionellen Informationsjournalismus verwiesen: „@SPIEGELONLINE Falsch..False Flag des Geheimdienstet, ihr Lügenpresse!“ (Ddbnews.org 2019). 2. In ähnlicher Weise kann die zweite Kategorie „Lügen und Betrügen der Politik“ gedeutet werden. Der Fokus richtet sich hier allerdings nicht ausschließlich gegen Mainstream-Medien, sondern den politischen Mainstream: „#Mainstream schweigt: Korruptions-Skandal bei Wiener Grünen“ (Oesterreich.press 2019). Es handelt sich um eine Skandalisierung politischer Parteien und Akteur_innen, denen ein lügenhaftes und betrügerisches Verhalten vorgeworfen wird: „Klima-Heuchler: Regierungsbeamte nutzen für Dienstreisen Flüge mehr als Bahnfahren“ (Journalistenwatch.com 2019). 3. Auch der Wahrheitsdiskurs nimmt bei alternativen Nachrichtenmedien eine wesentliche Rolle ein, insbesondere im Vergleich zum professionellen Informationsjournalismus. Alternative Nachrichtenmedien sind demnach auf der Suche nach der „absoluten Wahrheit“ – ein Anspruch, den der professionelle Journalismus nicht erheben würde, da hier auch unterschiedliche Narrative im Sinne eines Quellenvergleichs zugelassen werden. Die „absolute Wahrheit“ impliziert dabei die Annahme, dass nur eine denkbare Erklärung für gesellschaftliche Ereignis- Die Rahmung von Wahrheit und Lüge in Online-Gegenöffentlichkeiten 371 se existiert: „Die Wahrheit über junge kriminelle Ausländer“ (Politikversagen.net 2019), oder: „Video: Ehemalige Flüchtlingshelferin Christiane Soler – Die Wahrheit“ (Faktum-Magazin.de 2019). Dabei geht es vor allem darum, Geheimnisse des Mainstreams aufzudecken, häufig einhergehend mit einem verschwörungstheoretischen Charakter: „[…] Wollen Sie wissen, was die wirklichen Gründe für den Jemen-Krieg sind? Jene Gründe, die Ihnen die Mainstreammedien niemals mitteilen werden?“ (Contra-magazin.com 2019). 4. Die letzte Kategorie „Aufklärung“ ist die einzige, bei der es eine Überschneidung mit dem professionellen Informationsjournalismus gibt. Auch alternative Nachrichtenmedien widmen sich im Diskurs über Lüge und Wahrheit demnach dem Problem rund um die Verbreitung von „Fake News“ und verweisen dabei teilweise sogar auf die gleichen Quellen wie der professionelle Informationsjournalismus: „#Fake News: Was, wenn die Wahrheit ausstirbt?“ (Oesterreich.press 2019, mit Verlinkung auf krone.at), oder auch: „#EU will Kampf gegen Fake News weiterführen – Tiroler Tageszeitung Online“ (Oesterreich.press 2019). Wesentlicher Unterschied ist allerdings die Rahmung dieser Tweets. Artikel des professionellen Journalismus werden zwar als Beleg für die eigenen Ansichten genutzt, jedoch verstehen alternative Nachrichtenmedien (dieses Typs) und professionelle Nachrichtenmedien Unterschiedliches unter dem Begriff „Fake News“. So sehen sich die beiden Opponenten wechselseitig als die jeweiligen Verbreiter von Falschinformationen, wodurch der Inhalt eine unterschiedliche Rahmung erhält. Fazit und Ausblick für die Echokammernforschung Die vorliegende Studie beschäftigte sich mit dem Lügen- und Wahrheitsdiskurs alternativer und professioneller Nachrichtenmedien in der deutschsprachigen Twitter-Sphäre. Dahingehendes Forschungsinteresse resultierte vor allem aufgrund der Annahme, dass alternative Nachrichtenmedien in aktueller Forschung vorwiegend mit Themen wie Desinformation und Verschwörung konnotiert werden, allerdings noch unzureichend, inwiefern alternative Nachrichtenmedien selbst – und vor allem im Vergleich zum professionellen Informationsjournalismus – mit Begriffen wie „Lüge“ und „Wahrheit“ umgehen. Zu diesem Zweck wurde eine qualitativ inhaltsanalytische Untersuchung der Twitter-Kommunikation von alternativen und professionellen Nachrichtenmedien durchgeführt. In einer vorangehenden Netzwerkanalyse konnte festgestellt werden, dass alternative Nachrichtenmedien vor al- 5 Lisa Schwaiger und Mark Eisenegger 372 lem untereinander stark vernetzt sind, aber auch Verbindungen zu dem medialen und politischen „Mainstream“ aufweisen. Dies ist insofern interessant, da durch eine rein strukturelle Betrachtung der Relationen die These aufgestellt werden kann, dass sich der Diskurs alternativer Nachrichtenmedien nicht in abgeschlossenen „Echokammern“ strukturiert, sondern durchaus Verbindungen zum „Mainstream“ existieren. Umso wichtiger ist es, die Relationen aus einer interpretativen Perspektive näher zu betrachten. Dies wurde am Beispiel des Lügen- respektive Wahrheitsdiskurses durchgeführt. Im Zuge der inhaltsanalytischen Untersuchung wurde deutlich, dass sich alternative und professionelle Nachrichtenmedien in unterschiedlicher Weise mit „Lüge“ und „Wahrheit“ beschäftigen. Während im professionellen Journalismus die Aufklärung hinsichtlich „Fake News“ im Netz, die Regulierung dieser durch Digitalunternehmen, der politische Metadiskurs über die Verwendung entsprechender Kampfbegriffe und eine sachliche Verwendung der Begrifflichkeiten im Vordergrund steht, beziehen sich alternative Nachrichtenmedien vor allem auf die Aufdeckung von Lügen des so bezeichneten Mainstreams, politische Lügen, die Aufklärung der „absoluten Wahrheit“ und der Aufklärung von „Fake News“. Aus einer netzwerkanalytischen Betrachtung erscheint interessant, dass professionelle Nachrichtenmedien nicht auf alternative Nachrichtenmedien referenzieren, während dies umgekehrt der Fall ist. Hierbei handelt es sich allerdings um ein Mittel, auf „falsche“ Berichterstattung des Mainstreams hinzuweisen, oder um eigene Ansichten im Abgrenzungsdiskurs zu bekräftigen. Insofern sind Alternativ- und Mainstreammedien zwar strukturell vernetzt und eine Echokammernbildung scheint ausgeschlossen, allerdings beruhen diese Relationen vorwiegend auf dem Versuch, die Opposition (den „Mainstream“) zu diskreditieren. Eine Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation ist entsprechend in Frage zu stellen, da sich In- und Outgroup-Strukturen durch diese Kommunikationslogik weiter verstärken. In diesem Sinne verdeutlicht die vorliegende Studie nicht zuletzt aus methodischer Sicht die Wichtigkeit interpretativer Verfahren im Rahmen von Netzwerkanalysen mit Blick auf die Filterblasen- und Echokammernforschung. Literatur Allcott, Hunt / Gentzkow, Matthew (2017): Social media and fake news in the 2016 election. In: Journal of Economic Perspectives 31 (2), S. 211-236. Atton, Chris (2011): Alternative Media. In: Downing, John D.H. (Hg.), Encyclopedia of Social Movement Media. Thousand Oaks: SAGE Publications, S. 16-20. 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Zu diesem Zweck wird zunächst ein Theorieüberblick über Plattformökonomie und unterschiedliche Erkenntnisse zum Filterblaseneffekt gegeben, wobei ethische Fragen, die durch die verstärkte Nutzung von Algorithmen-basierten Geschäftsmodellen aufgeworfen werden, im Zentrum der Diskussion stehen. Dazu können Homogenisierungseffekte, Selbstauswahlprozesse, mangelnde Entscheidungsfreiheiten und -fähigkeiten sowie Verletzung einiger Grundwerte der Informationsgesellschaft zählen. Danach wird ein Experiment geschildert, das mittels der Erstellung von zwei Simulationsaccounts auf YouTube das Entstehen einer politischen Filterblase nachzeichnen konnte. Der Beitrag diskutiert sodann Grenzen der Methode, aber auch Implikationen der Ergebnisse des Experiments für die Unternehmensethik von digitalen Plattformunternehmen. Einleitung Plattformunternehmen haben unsere Art Geschäfte zu machen und unsere Kommunikationsprozesse einschneidend verändert. Sie können bei Vorhandensein einer kritischen Größe sowohl Skaleneffekte als auch Netzwerkeffekte ausnutzen, um die NutzerInnen der digitalen Plattformen an sich zu binden („lock-in Effekt“, s. z.B. Shapiro/Varian 1999: 103 ff.), diese gezielt der Werbewirtschaft zuzuführen (“Microtargeting“) und mittels Datenanalyse und Algorithmen-Steuerung deren Gewohnheiten zu filtern 1. 377 und zu beeinflussen. Dies funktioniert aus ökonomischer Sicht sehr effizient und hat auch viele positive Folgen für die NutzerInnenfreundlichkeit und Konsummöglichkeiten gezeitigt. Aus ethischer Sicht werden sie verdächtigt, unsere Konsumentscheidungen einzuschränken, Wahlentscheidungen (bei politischen Themen) zu beeinflussen, Fake-News beschleunigt zu verbreiten, oder die RezipientInnen in Filterblasen und Echokammern zu treiben, natürlich immer abhängig von welcher Plattform (Facebook, Google, YouTube, AirBnB, Uber u.v.a.m.) gerade die Rede ist. Im Folgenden werden einige aktuelle theoretische Überlegungen aus der medienethischen und medienökonomischen Literatur gesichtet und vor allem der sogenannte Filterblasen-Effekt näher beleuchtet, denn es besteht bei weitem keine Einigkeit darüber, dass dieser Effekt überhaupt existiert oder dass er ethisch negative Implikationen hätte. Danach wird ein Experiment beschrieben, dass gezielt den Recommender-Algorithmus von YouTube untersucht hat und interessante Ergebnisse hinsichtlich der möglichen Entstehung einer Filterblase in der politischen Kommunikation ergab. Der Beitrag schließt mit einigen Ausführungen zur CSR (Corporate Social Responsibility) von Plattformunternehmen, die sich, bei allen Limitationen eines kleinen qualitativen Experiments, doch anbieten. Theoretische Überlegungen zur Plattformökonomie – Ökonomie und Ethik digitaler, Algorithmen-basierter Geschäftsmodelle Digitale Plattformen und Medienethik In der Medienwirtschaft erleben wir seit längerem eine stark steigende Bedeutung digitaler Plattformen, die meist mittels Algorithmen gesteuerter Geschäftsmodelle immer größere Marktanteile an ihrem jeweiligen zweiseitigen oder mehrseitigen Markt erlangen. Technologisch kann man sie auch als digitale, intermediäre und auf Algorithmen basierende Empfehlungssysteme betrachten, die folgende ökonomische Effekte nutzen: Die Skalierbarkeit ihrer Geschäftsprozesse ermöglicht rasches Up- und Downsizing, die Verfügbarkeit oft riesiger Datenmengen ermöglichen Big Data Analysen, die niedrigen Transaktionskosten erleichtern Auffinden, Bewirtschaften und Halten der GeschäftspartnerInnen/KundInnen und die Netzwerkeffekte machen ein Wachstum ab Erreichen einer kritischen Menge quasi unabdingbar (s.a. Engelhardt et al. 2017: 11-15). In Kombination führen diese Effekte oftmals zu einer Konzentration verschiedener Medienmärkte, wie am Beispiel Suchmaschinenmarkt oder dem Markt für soziale Netzwerke gut ersichtlich ist. Wir sprechen auch von einer „Ökonomisie- 2. 2.1 Michael Litschka 378 rung“ (Hardy 2014), bzw. „Kommerzialisierung“ (Hepp et al. 2015) der Medienlandschaft, Phänomene, die die neuere kommunikationswissenschaftliche Literatur der Mediatisierung auch als „zugrundeliegende Prozesse“ des Metaprozesses „Mediatisierung“ versteht (so etwa Krotz and Hepp 2011: 138). In Verbindung mit der zielgenauen Ansprache des Publikums per „Microtargeting“ spricht Ruß-Mohl (2017) von einer dem Qualitätsjournalismus nicht zuträglichen Tendenz zur „Klick-Ökonomie“, also dem kurzfristigen Heischen nach Aufmerksamkeit per „Klick“. Diese medienökonomisch gut untersuchten Phänomene eröffnen wichtige medienethische Fragen, zunächst zu den Plattformunternehmen selbst (sozusagen als unternehmensethische Problematik, aber auch bezüglich gesellschaftlicher Auswirkungen der Unternehmensstrategien), dann auch zu bestimmten technologisch geprägten Möglichkeiten dieser Plattformen wie etwa algorithmische Prozesse und Entscheidungen. Zunächst wird oft auf die möglicherweise demokratiezersetzende Tendenz der auf Plattformen stattfindenden Kommunikation verwiesen. Hate Speech, Fake News und die Frage wo kritischer und transparenter Qualitätsjournalismus stattfinden soll, wenn sich nicht professionell ausgebildete BürgerjournalistInnen und „Produser“ auf den Plattformen als NachrichtenproduzentInnen gerieren, bleiben aktuelle Problematiken; auch die immer wieder kritisierten versuchten Wahlbeeinflussungen über Plattformen (bspw. durch Fake News) fallen unter diese Thematik. Im Bereich der Privacy-Debatte geht es einerseits um mehr oder weniger freiwillig veröffentlichte private Daten durch die RezipientInnen, aber auch um die von einigen Plattformunternehmen vorgenommene „Kommodifizierung“ offener Daten („open data“) hinsichtlich einer finanziellen Verwertung (s. hierzu Litschka/Pellegrini 2019). Hier sind wiederum Konzentrationstendenzen zu beobachten (die Daten werden zu „Clubgütern“, also Gütern, deren Konsum zwar nicht rivalisiert, wo aber Personen vom Konsum ausgeschlossen werden können), und die Distinktion private vs. offene Daten fällt zunehmend schwer. Technologisch ergeben sich durch die Nutzung von Algorithmen komplett neue Möglichkeiten der Datennutzung und RezipientInnenbindung, z.B., wenn man an „lock-in-Effekte“ durch den Netzwerkeffekt, hohe Usability und Bequemlichkeit der Plattformnutzung denkt. Eine wichtige ethische Frage betrifft hier eine mögliche Verhaltenssteuerung durch Algorithmen im Sine einer self-fulfilling prophecy. Beispiele wie Chinas Social Credit System (Kostka 2019) oder der so genannte AMS Algorithmus des österreichischen Arbeitsmarktservice (Allhutter et al. 2020) werfen Bedenken dahingehend auf, dass Verhalten vornormiert wird und Individuen vorauseilenden Gehorsam zeigen, um die Entscheidungen des Algorith- Algorithmen-basierte Empfehlungssysteme und die Entstehung von Filterblasen 379 mus positiv zu beeinflussen. Ein ähnlich gelagerter Punkt betrifft eine mögliche Homogenisierung der NutzerInnen und eine (sich selbst verstärkende) Selbstselektion der RezipientInnen hinsichtlich politischer Information, Konsumverhalten u.ä. Zuletzt wird in der Literatur (s. Kap. 2.2) nach wie vor diskutiert, ob die Echokammer- und Filterblaseneffekte angesichts der permanent wachsenden Medienvielfalt, wechselnden Mediennutzungsgewohnheiten und empirisch vorfindbarer Meinungspluralität wirklich stattfinden. Die (auch uns im Folgenden interessierende) Frage lautet dann weiter, ob digitale, intermediäre und auf Algorithmen basierende Empfehlungssysteme zu Filterblasen führen (s. Kap. 3). Denn Empfehlungssysteme (Recommendersysteme) wie der YouTube Algorithmus stufen bestimmte Inhalte für Individuen als interessant ein, nehmen also in gewisser Weise Entscheidungen auch vorweg und öffnen womöglich Wege in die Filterblase. Algorithmen und Filterblaseneffekte: Diverse Ansichten In der Literatur finden sich einige Argumente der Befürworter der Existenz von Filterblaseneffekten. Wenn die Annahme stimmt, dass Menschen zu Homogenität im Sinne der Zugehörigkeit zu Gruppen und sozialen Freundeskreisen mit ähnlichen Meinungen neigen, können Empfehlungssysteme wie der YouTube Algorithmus, die bestimmte Inhalte für Individuen als interessant einstufen, zu einem Informationsverhalten führen, welches in Filterblasen stattfindet (Zweig et al. 2017, Katzenbach 2018, Schmidt 2018). NutzerInnen suchen dann z.B. bei politischen Themen Quellen, die eher ihrer Ideologie und Weltanschauung entsprechen und blenden dissonante Inhalte aus. Ebenso können die auf Plattformen genutzten Algorithmen zu Selbstauswahlprozessen führen (Stroud 2011; s.a. oben); eine sich selbst verstärkende Selbstauswahl wird in einer Schleife aber zu geringeren Auswahlmöglichkeiten und eingeschränktem Entscheidungsspielräumen führen. Die Fähigkeit, freie und informierte Entscheidungen zu treffen, und zwar in privater und autonomer Manier, kann unter diesen Bedingungen dauerhaft vermindert werden. Nicht zuletzt würden dann Grundwerte der Informationsgesellschaft gefährdet werden, wie der Zugang zu vielfältigen Informationen und die Herstellung einer gemeinsamen Öffentlichkeit (Castells 2008, Habermas 1989). Bezogen auf algorithmische Recommendersysteme argumentieren etwa Pariser (2011), Sunstein (2007) und Yeung (2017), dass diese unser Weltbild manipulieren und per se undurchsichtig seien. NutzerInnen und Algorithmen bilden 2.2 Michael Litschka 380 eine Spirale, bei der die Filterung der Informationen die Eindimensionalität der Nutzerinteressen verstärkt (Bodo et al. 2018). Allerdings finden sich auch anders gelagerte Ansichten, die den Filterblaseneffekt in Frage stellen. So stellen einige Studien (bspw. Newman et al. 2018, Napoli 2011) eine qualitative Weiterentwicklung neuerer Empfehlungssysteme fest, etwa was Treffsicherheit und User-Freundlichkeit betrifft und betonen eine durchaus erhöhte Exposition der NutzerInnen hinsichtlich alternativer Informationsquellen. Gut programmierte Algorithmen können auch mehr Auswahl und Tiefe bei der Contentselektion sowie weniger angeblich „beliebte“ Inhalte liefern, wie Munson/Resnick (2010) argumentieren, eine Stoßrichtung die auch Webster (2010) verfolgt, wenn soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle Menschen vielfältigeren Informationen aussetzen. Algorithmen würden in dieser positiv geprägten Sichtweise auch das Plattformangebot effizient an unser Nutzerverhalten anpassen (Mulvenna et al. 2000). Da ja generell Diversität mit notwendiger Komplexitätsreduktion konkurriert (Neuberger/Lobigs 2010), können für letztere Algorithmen basierte Recommendersysteme natürlich auch gute Dienste leisten. Nicht zuletzt ist klar, dass das pure Konzept „Filterblase“ in verschiedenen Formen (bspw. Stammtische, Informationsaufnahme mittels einem einzigen Zeitungsabo, u.v.a.m.) immer schon vorhanden war und die allumfassende Öffentlichkeit, die vielfältige Perspektiven und Argumentationsaustäusche ermöglicht, eine (auch Habermasianisch geprägte) Idealvorstellung ist, die so nicht existiert. Wenn es also so ist, dass wir durch die digitalisierte Medienwelt heute mehr und vielfältigere Informationen erhalten können, haben sich dann analoge Filterblasen in das Netz verlagert und können dort auch leichter (per Perspektivenvielfalt) bekämpft werden? Dies würde also auch mögliche positive Folgen solcher Systemanwendungen aufzeigen und darauf hinweisen, dass die in der Mediatisierungstheorie immer wieder angesprochene Medienvielfalt und das Entstehen immer neuer Medienarten und Kommunikationsformen u.U. auch gegen Filterblaseneffekte arbeiten könnten. Umso wichtiger scheint es, diese divergierenden Ansichten ernst zu nehmen und empirisch gestützt genauer zu untersuchen. Wir haben daher versucht, einen Teilbereich der Problematik, nämlich Algorithmen-basierte Filterblaseneffekte, im Rahmen eines Experiments auf der Plattform YouTube näher zu untersuchen. Algorithmen-basierte Empfehlungssysteme und die Entstehung von Filterblasen 381 Ein Experiment auf YouTube Das Algorithmen-basierte Empfehlungssystem von YouTube beeinflusst das Nutzerverhalten maßgeblich: Nach jedem Video wird sofort das nächste Video per Autoplay abgespielt1, wodurch Empfehlungen einen großen Einfluss haben; mit der Zeit lernt der Emfehlungsalgorithmus, welche Inhalte am besten zum Profil der NutzerInnen passen und adaptiert so seine Vorschläge. Ziel ist, die Verweildauer (2019 ca. 12 Minuten laut Media Activity Guide) der UserInnen auf der Plattform zu maximieren. Bisherige Überlegungen zum Anwendungsbeispiel YouTube fokussieren auf die ökonomischen Aspekte der Plattform und erklären die Entstehung der Popularität von Videos, sollten aber die Wirkungen der Dynamik auf z.B. die entstehende Informationsvielfalt im Bereich Politik nicht außer Acht lassen. Wir konzentrierten uns in unserem Experiment also auf die Gruppe der RezipientInnen von YouTube Videos, die neben den ContentkreatorInnen, Unternehmen und EntwicklerInnen auf der Plattform YouTube agieren. Es wurden im Sommer 2019 zwei deutschsprachige Simulationsaccounts mit identen Merkmalen (außer der politischen Gesinnung der UserInnen) auf YouTube erstellt. Einziges Unterscheidungsmerkmal der zwei fiktiven Persönlichkeiten war die politische Gesinnung der Person als unabhängige Variable. Als Grundlage für die jeweils von den Personen vertretenen Haltungen im politischen Bereich, diente das Kategoriensystem von DellaPosta et al. (2015), der zwischen eher liberalen und konservativen Werten unterscheidet. Nun sollte eine Bewertung der (politischen) Videos anhand der Sprache (bei den Inhalten und den Tags) erfolgen, wobei wir uns an der Kategorie „Inhalt und Repräsentation“ von Mikos‘ (2018) Film und Fernsehanalyse orientierten. Es wurden für eine Zeitspanne von 4 Wochen 3 Videos pro Tag gezeigt, wobei ein Nachrichtenvideo aktiv ausgewählt wurde, danach Vorschläge von YouTube akzeptiert worden sind. Vor der Rezeption wurden Vorschläge auf der Startseite festgehalten (Kategorien, Themen, Kanäle) und nur Videos der Startseite oder der Kategorie „Nachrichten/Politik“ per Zufallsprinzip rezipiert. Die Zustimmung oder Ablehnung erfolgte nach den Inhalten und Tags mittels einer Likert Skala (1 = stimme nicht zu bis 4 = stimme zu), wobei nur die Top Box Bewertungen 1 oder 4 gewertet sowie die Symbole „Daumen hoch“ und „Daumen runter“ vergeben wurden. Sobald drei Videos desselben Kanals rezipiert wurden, wurde der Ka- 3. 1 Anm.: Seit 13.8.2019 zeigt YouTube die Inhalte auf andere Weise. Michael Litschka 382 nal abonniert. Zuletzt wurden die Tags und Inhalte der Videos links-liberalen oder rechts-konservativen Kohorten zugeordnet. Ergebnisse und Limitationen Am Ende der Testperiode gab es ein Sample von 546 (Account A, links-liberal), bzw. 551 (Account B, rechts-konservativ) empfohlenen Videos. Ab dem 2. Tag sinkt die Anzahl verifizierter YouTube Kanäle bei Account B kontinuierlich, ein möglicher Hinweis auf eine negative Qualitätsauslese. 72 Videos wurden rezipiert, wobei Account B wesentlich stärker mit politischen Videos konfrontiert wurde als Account A. Beide Accounts scheinen sich zwar nach Ende des Experiments in einer Blase zu befinden, allerdings ist diese nur bei Account B politischen Inhalten geschuldet. Bei Account A ist die Blase etwas weiträumiger, was die Inhalte betrifft, so kommen Sport- oder Kochkanäle genauso vor wie politische Inhalte. Account B hingegen wurde fast ausschließlich von politischen Inhalten eingenommen. Die Zustimmung zu Inhalten nach rechts-konservativen politischen Kriterien führt (in diesem Experiment) eher zu einer Selbstselektion, womit sich aus unserer Sicht folgende mögliche Hypothesen (auch für eine weiterführende Forschung im Rahmen quantitativer Experimente) anbieten: • H1 generell: Die politische Gesinnung nimmt Einfluss auf den YouTube Algorithmus und dessen Empfehlungen – mehr politische Inhalte finden den Weg zu einem eher rechts-konservativem Userprofil. Dies wirft zumindest Fragen nach der Wirkweise des Algorithmus auf, denn grundsätzlich würde man hier eine Gleichverteilung erwarten. • H2 spezifisch: Der YouTube Algorithmus reagiert stärker auf Interaktionen rechts-konservativer UserInnen, denn trotz gleich häufiger positiver und negativer Bewertungen der Videos (18 vs. 17) empfiehlt der Algorithmus dem rechts-konservativen Account mehr politische Videos. Diese (in H2 angesprochene) Verstärkungsaktivität des Algorithmus ist es, die die Gefahr einer politischen (also die politische Meinungsvielfalt einschränkenden) Filterblase erhöht. Ohne verstärkte Eigenmotivation der UserInnen, hier auch divergierende Videos aktiv zu suchen, sinkt mit zunehmender Interaktivität auf der Plattform mittels Bewertungen die Chance auf gleichverteilten Content im politischen Spektrum. In diesem eingeschränkten und simplifizierten Experiment sind also Grundeinstellungen und Bewertungen Einflussfaktoren auf den Algorithmus. 4. Algorithmen-basierte Empfehlungssysteme und die Entstehung von Filterblasen 383 Über die Gründe der doch überraschenden Ergebnisse im vorliegenden Fall können derzeit nur Vermutungen angestellt werden, für die hier noch keine Belege angegeben werden können. Weitere Untersuchungen hierzu wären deshalb hilfreich: • Zunächst könnte die schiere Quantität der auf YouTube vorhandenen rechts-konservativen Inhalte eine Selektion in diese Richtung begünstigen2. Dass z.B. rechte politische Gruppen sehr früh die Macht der Kommunikation über soziale Medien erkannt und diese mit vielen Inhalten gefüttert haben, wird öfters betont. Ein Beispiel hierfür ist die Anzahl der Fans, die Parteien auf Facebook haben. Im Juli 2020 hat die AfD ca. doppelt so viele Fans wie die nächste Partei (Die Linke) in diesem Ranking (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/726002/umfrage/part eien-in-deutschland-nach-der-anzahl-der-fans-bei-facebook/). Inwiefern dies auch auf YouTube zutrifft und auch die angesprochene Quantität der Inhalte betrifft, bleibt zu untersuchen. • Auch könnte die linguistische Erkennbarkeit und Zuweisung rechtskonservativer Inhalte für den Algorithmus einfacher sein, immerhin gibt es sprachwissenschaftliche Hinweise auf den stärkeren Wiedererkennungswert rechtskonservativer Schlagwörter (wie Heimat, Sicherheit u.ä., s. della Posta et al. 2015). • Natürlich kann auch immer ein simpler Programmierfehler, eine bewusste Lenkung oder Machine Learning durch die permanente Fütterung mit Daten Ursache dieser Verhaltensweise sein. Hier stoßen empirische Studien mangels Verfügbarkeit (Stichwort Betriebsgeheimnis) von Informationen an ihre Grenzen. Zentrale Limitationen sind bei einem solch einfachen (und rein qualitativexplorativen) Experiment offensichtlich: Die Anzahl der Simulationsaccounts (n=2) und die am Ende auswertbaren Datenpunkte ermöglichen von vornherein keine Hypothesentests, was zwar in der Natur der Methodik liegt, aber für eine genauere Analyse der Einflussfaktoren und Korrelationen (von politischer Gesinnung auf den Algorithmus, zwischen Contentauswahl und politischer Richtung folgender Videos etc.) wären solche hilfreich. Das Unterscheidungsmerkmal war hier zudem nur die politische Gesinnung der UserInnen, und das Kategoriensystem à la DellaPosta muss kein starker Prädiktor für die politische Einstellung sein; auch könnten andere Variablen beim rezipierten Content wie etwa Alter, Geschlecht bzw. 2 Allerdings gibt es ja auch genug linksliberalen Content, den der Algorithmus auswählen könnte, gerade im hier verwendeten Forschungsdesign. Michael Litschka 384 sonstige (sozio-) demographische Unterschiede starke Einflussfaktoren sein. Ethische Implikationen und Ausblick Zwar lassen sich die Auswirkungen Algorithmen-basierter Empfehlungssysteme in der Plattformökonomie auf die Entstehung von Filterblasen an diesem Beispiel von YouTube nur bedingt erforschen, doch scheint es Hinweise dafür zu geben, dass Filterblasen durch den Einsatz Algorithmen-basierter Empfehlungssysteme entstehen, oder zumindest verstärkt werden können, wobei menschliches Verhalten hier eine Rolle zu spielen scheint, also das Bewertungsverfahren der UserInnen die Auslese des Algorithmus (zusätzlich zum Userprofil) beeinflusst. Wenn aber weitere Experimente oder andere qualitative und quantitative Forschung diese ersten Hinweise bestätigen, dann sind die zuvor aus der Literatur zitierten negativen (oder zumindest vorsichtigen) Zugänge zum Thema Filterblase sehr relevant. Denn die grundsätzlichen Probleme, die die Medienethik mit Filterblasen hat (Homogenisierung der RezipientInnen, Selbstselektionsprozesse, mangelnde Befähigung zu autonomen und informierten Entscheidungen, Mangel einer gemeinsam hergestellten Öffentlichkeit, Datenschutzprobleme, Verhaltenssteuerung im Sinne von. self-fulfilling prophecies, etc.) würden dann empirisch bestätigt. Daraus folgt aus unternehmensethischer Sicht, dass die Debatte um Selbst- und Koregulierung von Plattformen und deren CSR (Corporate Social Responsibility) wichtig bleibt; insbesondere sollte man verstärkt darüber nachdenken, ob für Plattformunternehmen, die zumeist eine Zugehörigkeit zur Medienbranche verneinen und sich als reine Technologieunternehmen sehen (mit dem „Vorteil“, dass sie medienrechtlichen Regularien entkommen können), die Idee der Selbstregulierung noch genügt. Im Sinne einer größeren Anreizwirkung sind Koregulierungs-Instrumente (s. etwa aktuell dazu Eberwein et. al 2019), bei denen die Rahmenbereiche der Regulierung staatlich vorgegeben werden und die Unternehmen innerhalb dieser Bereiche frei über die Art der Selbstregulierung entscheiden dürfen, sicher eine überlegenswerte Alternative. 5. Algorithmen-basierte Empfehlungssysteme und die Entstehung von Filterblasen 385 Literatur Allhutter, Doris / Cech, Florian / Fischer, Fabian / Grill, Gabriele / Mager, Astrid (2020): Algorithmic Profiling of Job Seekers in Austria: How Austerity Politics Are Made Effective. In: Frontiers in Big Data, Special Issue Critical Data and Algorithm Studies, S. 17. Bodo, Balázs et al. (2018): Tackling the Algorithmic Control Crisis -the Technical, Legal, and Ethical Challenges of Research into Algorithmic Agents. In: Yale Journal of Law and Technology, Vol. 19, Iss. 1, S. 133-180. 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E-Mail: simone.dietz@hhu.de PD Dr. Marco Dohle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Kommunikations- und Medienwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. E-Mail: marco.dohle@hhu.de Dr. Tobias Eberwein ist Senior Scientist und Forschungsgruppenleiter am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung (CMC) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Alpen- Adria-Universität in Wien. E-Mail: tobias.eberwein@oeaw.ac.at Dr. Mark Eisenegger ist Professor of Public Sphere and Society am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich. E-Mail: m.eisenegger@ikmz.uzh.ch Dr. Charles Melvin Ess ist Professor für Media Studies an der Universität Oslo.  E-Mail: c.m.ess@media.uio.no  Dr. Christian Filk ist Professor am Seminar für Medienbildung an der Europa-Universität Flensburg. E-Mail: christian.filk@uni-flensburg.de 389 Jan Hinnerk Freytag it wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sprache, Literatur und Medien an der Europa-Universität Flensburg. E-Mail: jan-hinnerk.freytag@uni-flensburg.de Dr. Hektor Haarkötter ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn- Rhein-Sieg. E-Mail: hektor.haarkoetter@h-brs.de Dr. Olaf Hoffjann ist Professor für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Organisationskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. E-Mail: olaf.hoffjann@uni-bamberg.de Prof. Markus Kaiser ist Professor für Digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change-Prozesse in der Kommunikationsbranche an der Technischen Hochschule Nürnberg. E-Mail: markus.kaiser@th-nuernberg.de Dr. Ole Kelm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Kommunikations- und Medienwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. E-Mail: ole.kelm@hhu.de Dr. Sybille Krämer ist Professorin im Ruhestand am Institut für Philosophie an der Freien Universität Berlin. E-Mail: sybkram@zedat.fu-berlin.de Dr. Michael Lischka ist Professor am Department Medien und Digitale Technologien an der St. Pölten University of Applied Sciences. E-Mail: michael.lischka@fhstp.ac.at Dr. Nikil Mukerji ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft der Ludwig- Maximilians-Universität München. E-Mail: nikil.mukerji@lmu.de Bernd Oswald ist Journalist für Netzwelt- und Medienthemen. Er ist freier Mitarbeiter bei BR24, dem Nachrichtenangebot des Bayerischen Rundfunks. E-Mail: oswald@journalisten-training.de Dr. Christian Riess leitet die Gruppe Multimediasicherheit am Lehrstuhl für IT-Sicherheitsinfrastrukturen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Autorinnen und Autoren 390 Natalie Ryba ist Studentin des Masterstudiengangs Politische Kommunikation an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf . E-Mail: natalie.ryba@hhu.de Dr. Christian Schicha ist Professor für Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. E-Mail: christian.schicha@fau.de Dr. Tanjev Schultz ist Professor für Grundlagen und Strategien des Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. E-Mail: tanjev.schultz@uni-mainz.de Lisa Schwaiger M.A. ist Assistentin am Institut für Kommunikationswissenschaft und medienforschung der Universität Zürich. E-Mail: l.schwaiger@ikmz.uzh.ch Dr. Saskia Sell ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Lehrredaktion MedienLabor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. E-mail: saskia.sell@fu-berlin.de  Dr. Ingrid Stapf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schwerpunkt Medienethik am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen und arbeitet im BMBF-Projekt "Forum Privatheit". E-Mail: ingrid.stapf@uni-tuebingen.de Dr. Thomas Zeilinger ist Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft sowie außerplanmäßiger Professor für Christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. E-Mail: thomas.zeilinger@fau.de Autorinnen und Autoren 391

Abstract

This volume discusses media ethics perspectives on truth in the context of digitalisation, while also addressing loss of trust and interpretations of the truth in public communication. It develops theoretical classifications of ‘fake news’ and disinformation from both a sociological and a media philosophy perspective. Empirical investigations and case studies on manipulation focus on image editing and communication strategies in political debates. Moreover, the book presents problems and solutions in relation to disinformation from a journalistic perspective. The volume concludes by examining normative challenges posed by online communication in the context of both machine learning and on Twitter and YouTube. With contributions by Sybille Krämer, Simone Dietz, Günter Bentele, Charles M. Ess, Ingrid Stapf, Nikil Mukerji, Tilman Bechthold-Hengelhaupt, Christian Filk, Jan-Hinnerk Freytag, Christian Schicha, Olaf Hoffjann, Natalie Ryba, Ole Kelm, Marco Dohle, Saskia Sell, Bernd Oswald, Tobias Eberwein, Tanjev Schultz, Thomas Zeilinger, Markus Kaiser, Hektor Haarkötter, Christian Riess, Lisa Schwaiger, Mark Eisenegger and Michael Litschka.

Zusammenfassung

Im Band werden medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung erörtert. Vertrauensverluste werden ebenso thematisiert wie Wahrheitsansprüche in der öffentlichen Kommunikation. Theoretische Einordnungen von „Fake News“ und Desinformation werden aus einer soziologischen und medienphilosophischen Perspektive heraus ausgearbeitet. Empirische Untersuchungen und Fallanalysen zu Manipulationen widmen sich der Bildbearbeitung und Kommunikationsstrategien bei politischen Debatten. Darüber hinaus werden Problemfelder und Lösungen gegen Desinformationen aus einer journalistischen Perspektive aufgezeigt. Normative Herausforderungen der Onlinekommunikation bei maschinellem Lernen sowie auf Twitter und YouTube runden den Band ab. Mit Beiträgen von Sybille Krämer, Simone Dietz, Günter Bentele, Charles M. Ess, Ingrid Stapf, Nikil Mukerji, Tilman Bechthold-Hengelhaupt, Christian Filk, Jan-Hinnerk Freytag, Christian Schicha, Olaf Hoffjann, Natalie Ryba, Ole Kelm, Marco Dohle, Saskia Sell, Bernd Oswald, Tobias Eberwein, Tanjev Schultz, Thomas Zeilinger, Markus Kaiser, Hektor Haarkötter, Christian Riess, Lisa Schwaiger, Mark Eisenegger und Michael Litschka.

References

Abstract

This volume discusses media ethics perspectives on truth in the context of digitalisation, while also addressing loss of trust and interpretations of the truth in public communication. It develops theoretical classifications of ‘fake news’ and disinformation from both a sociological and a media philosophy perspective. Empirical investigations and case studies on manipulation focus on image editing and communication strategies in political debates. Moreover, the book presents problems and solutions in relation to disinformation from a journalistic perspective. The volume concludes by examining normative challenges posed by online communication in the context of both machine learning and on Twitter and YouTube. With contributions by Sybille Krämer, Simone Dietz, Günter Bentele, Charles M. Ess, Ingrid Stapf, Nikil Mukerji, Tilman Bechthold-Hengelhaupt, Christian Filk, Jan-Hinnerk Freytag, Christian Schicha, Olaf Hoffjann, Natalie Ryba, Ole Kelm, Marco Dohle, Saskia Sell, Bernd Oswald, Tobias Eberwein, Tanjev Schultz, Thomas Zeilinger, Markus Kaiser, Hektor Haarkötter, Christian Riess, Lisa Schwaiger, Mark Eisenegger and Michael Litschka.

Zusammenfassung

Im Band werden medienethische Perspektiven auf Wahrheit im Kontext der Digitalisierung erörtert. Vertrauensverluste werden ebenso thematisiert wie Wahrheitsansprüche in der öffentlichen Kommunikation. Theoretische Einordnungen von „Fake News“ und Desinformation werden aus einer soziologischen und medienphilosophischen Perspektive heraus ausgearbeitet. Empirische Untersuchungen und Fallanalysen zu Manipulationen widmen sich der Bildbearbeitung und Kommunikationsstrategien bei politischen Debatten. Darüber hinaus werden Problemfelder und Lösungen gegen Desinformationen aus einer journalistischen Perspektive aufgezeigt. Normative Herausforderungen der Onlinekommunikation bei maschinellem Lernen sowie auf Twitter und YouTube runden den Band ab. Mit Beiträgen von Sybille Krämer, Simone Dietz, Günter Bentele, Charles M. Ess, Ingrid Stapf, Nikil Mukerji, Tilman Bechthold-Hengelhaupt, Christian Filk, Jan-Hinnerk Freytag, Christian Schicha, Olaf Hoffjann, Natalie Ryba, Ole Kelm, Marco Dohle, Saskia Sell, Bernd Oswald, Tobias Eberwein, Tanjev Schultz, Thomas Zeilinger, Markus Kaiser, Hektor Haarkötter, Christian Riess, Lisa Schwaiger, Mark Eisenegger und Michael Litschka.