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Karsten Altenhain, Matthias Jahn, Jörg Kinzig

Die Praxis der Verständigung im Strafprozess

Eine Evaluation der Vorschriften des Gesetzes zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren vom 29. Juli 2009

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-7805-8, ISBN online: 978-3-7489-2209-4, https://doi.org/10.5771/9783748922094

CC-BY-NC-ND

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Al te nh ai n | J ah n | K in zi g • D ie P ra xi s de r V er st än di gu ng im S tr af pr oz es s Die Praxis der Verständigung im Strafprozess Karsten Altenhain | Matthias Jahn | Jörg Kinzig Eine Evaluation der Vorschriften des Gesetzes zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren vom 29. Juli 2009 ISBN 978-3-8487-7805-8 BUC_Altenhain_7805-8.indd 1,3 03.11.20 09:16 BUT_Altenhain_7805-8_OA-online.indd 2 03.09.20 14:38 Karsten Altenhain | Matthias Jahn | Jörg Kinzig Die Praxis der Verständigung im Strafprozess Eine Evaluation der Vorschriften des Gesetzes zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren vom 29. Juli 2009 BUT_Altenhain_7805-8_OA-online.indd 3 03.09.20 14:38 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2020 © Karsten Altenhain | Matthias Jahn | Jörg Kinzig Publiziert von Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden www.nomos.de Gesamtherstellung: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden ISBN (Print): 978-3-8487-7805-8 ISBN (ePDF): 978-3-7489-2209-4 DOI: https://doi.org/10.5771/9783748922094 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. Die Open Access-Veröffentlichung der elektronischen Ausgabe dieses Werkes wurde ermöglicht mit Unterstützung durch das Bundes ministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Onlineversion Nomos eLibrary BUT_Altenhain_7805-8_OA-online.indd 4 03.09.20 14:38 5 Inhaltsverzeichnis A. Einleitung 15 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) 19 I. Zielsetzung der rechtswissenschaftlichen Analyse 19 II. Methodisches Vorgehen 20 III. Auswertungsergebnisse 22 1. Regionale Verteilung der Instanzurteile 22 2. Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug 23 a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 23 b) Bundesgerichtshof nach Strafsenaten 24 c) Oberlandesgerichte 27 3. Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug im Zeitverlauf 30 a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 30 b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte 33 4. Anzahl und Art der Rügen bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug 34 5. Revisionsführer bei Revisionen mit Verständigungsbezug 35 6. Delikte bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug 36 a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 37 b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte 39 7. Gerügte Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften 42 8. Prüfung der Darlegungsanforderungen (§ 344 Abs. 2 S. 2 StPO) durch die Revisionsgerichte bei Verfahrensrügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften 44 a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 44 b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte 45 c) Senatsspezifische Betrachtung des Bundesgerichtshofs 46 6 9. Revisionsgerichtlich festgestellte Gesetzesverstöße bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug 46 a) Anzahl festgestellter Verstöße 46 b) Verteilung nach verständigungsbezogenen Vorschriften 49 (1) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 49 (2) Bundesgerichtshof 52 (3) Oberlandesgerichte 54 c) Anzahl festgestellter Verstöße im zeitlichen Verlauf 56 (1) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) 57 (2) Bundesgerichtshof 61 (3) Oberlandesgerichte 64 10. Der revisionsgerichtliche Umgang mit der Beruhensfrage bei Verfahrensrügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften 65 11. Die Erfolgsquote von Rügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften 66 a) Die Erfolgsquote in der Gesamtbetrachtung 67 b) Erfolgsquote nach Revisionsführern 70 c) Erfolgsquote nach Revisionsgerichten 72 d) Erfolgsquote nach Strafsenaten des Bundesgerichtshofs 72 e) Erfolgsquote im Zeitverlauf 73 f) Erfolgsquote nach verständigungsbezogenen Vorschriften 74 g) Erfolgsquote nach regionaler Herkunft der Instanzurteile 76 IV. Zusammenfassung 77 V. Anhang 80 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) 83 I. Einleitung 83 II. Bisheriger Kenntnisstand zur Häufigkeit von Absprachen 83 III. Methodik der Untersuchung 85 1. Auswahl der Erhebungsmethode 85 7 2. Fragebogenkonstruktion und Pretest 87 3. Aufbau der Grundgesamtheit und Stichprobenziehung 88 4. Durchführung der Erhebung 90 5. Ausschöpfungsquote und Beteiligung 92 IV. Deskriptive Ergebnisse 95 1. Allgemeine Fragen zur Person und zum Verfahren 95 2. Fragen zur Verurteilung 97 3. Fragen zu Absprachen 102 a) Häufigkeit von Absprachen 102 b) Art und Höhe der Strafe nach einer Absprache 105 c) Zeitpunkt und Vorbereitung einer Absprache 108 d) Gescheiterte Gespräche über eine Absprache 112 4. Fragen zur Einstellung nach §§ 153, 153a StPO 117 V. Fazit 122 VI. Anhang 124 D. Aktenanalyse (Modul 3) 127 I. Gang der Untersuchung 127 1. Methodik der Untersuchung 127 a) Auswahl der Erhebungsmethode 127 b) Methodischer Ansatz 130 c) Auswahl der Verfahrensakten 132 d) Beteiligung der aktenführenden Behörden 135 2. Forschungsfragen 136 II. Deskriptive Ergebnisse 138 1. Allgemeine Untersuchungsgegenstände der Aktenanalyse 139 a) Verfahrensakten nach Deliktskategorien 139 b) Vorstrafen und Hafterfahrung 141 c) Verteidigung des Angeklagten 144 d) Nebenklage 146 2. Zusammenfassung der Verständigungsverfahren 147 a) Initiative der Verständigung 148 b) Protokollierungspflicht § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO 149 8 c) Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO 149 d) Zeitpunkt der Protokollierung nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO 150 e) Belehrung nach § 257c Abs. 5 StPO 151 f) Absprache einer Punktstrafe 152 g) Gespräche über eine Sanktionsschere 154 h) Verständigung über das Strafmaß 154 i) Absprachen über Maßregeln der Besserung und Sicherung 156 j) Verständigung über Prozessverhalten 156 k) Absprache über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestands 161 l) Absprache eines Rechtsmittelverzichts 161 m) Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung 162 n) Zeitpunkt der Verständigung 163 o) Verständigung über ein Geständnis 163 p) Vorliegen eines Formalgeständnisses 165 q) Überprüfung des Geständnisses 167 r) Mögliche weitere Beweismittel im Verfahren 170 3. Zusammenfassung zu den versuchten Verständigungen 171 a) Initiative zur (versuchten) Verständigung 171 b) Versuchte Verständigung über das Strafmaß 172 c) Versuchte Verständigung über ein Geständnis 173 d) Versuchte Verständigung über das Prozessverhalten 174 e) Initiative zum Abbruch der Verständigungsgespräche 175 f) Geständnis im weiteren Verfahren 177 4. Zusammenfassung zu den Verfahren mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO 177 a) Initiative zur Einstellung 178 b) „Vorverfahren“ zur Einstellung 179 c) Zeitpunkt der Einstellung 180 d) Geständnis bei der Einstellung 180 e) Art der Auflage bzw. Weisung 181 9 f) Zusammenhang zwischen Tat und Auflage bzw. Weisung 182 g) Begründung der geringen Schuld 182 III. Fazit 183 1. Methodik 183 2. Untersuchung des Vollzugs der Regeln zur Verständigung 184 a) Inhalte der Verständigungen 185 b) Dokumentations- und Transparenzvorschriften 186 c) Belehrungspflichten 187 3. Gelingensbedingungen für Verständigungen 187 a) Initiative der Verständigungen 187 b) Zeitlicher Ablauf der Verständigung 188 c) Abbruch der Verständigung 189 4. Verfahrenseinstellungen als mögliche Umgehungsstrategie 189 IV. Anhang 190 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) 191 I. Einleitung 191 II. Methodisches Vorgehen 191 1. Wahl der Erhebungsmethode 192 2. Zugang zu den Teilnehmern 192 3. Konstruktion des Fragebogens 193 4. Durchführung der Befragungen 195 5. Repräsentativität der antwortenden Teilnehmer 197 6. Schwierigkeiten bei der Durchführung der Untersuchung 202 7. Vorgehen bei der Auswertung 203 8. Methodische Einschränkungen 205 III. Ergebnisse 207 1. Ergebnisse des Hauptfragebogens 207 a) „Fragen zu Ihrer Tätigkeit“ 207 b) „Allgemeine Einschätzung zur Verständigungspraxis in Ihrer derzeitigen beruflichen Praxis“ 210 c) „Fragen zu informellen Absprachen“ 234 10 d) „Inhalt der informellen Absprachen“ 249 e) „Transparenz und Dokumentation“ 257 2. Ergebnisse des Fragebogens für die Beschäftigten des BGH und des GBA 262 3. Ergänzende Analyse anhand einer (explorativen) ordinalen Regression 269 IV. Kurzzusammenfassung der zentralen Ergebnisse 271 1. Verständigungen gemäß § 257c StPO 271 2. Die Praxis der informellen Absprachen 273 3. Anwendung der §§ 153, 153a StPO trotz Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen 274 4. Transparenz und Dokumentation 274 5. Unterschiede im Antwortverhalten zwischen den beteiligten Berufsgruppen 275 6. Unterschied im Aufkommen von Verständigungen und informellen Absprachen nach Gerichtsart 275 7. Rechtspolitische Einschätzungen 276 V. Anhang 277 1. Anhang A: Übrige Ergebnisse des BGH-Fragebogens 277 2. Anhang B: Verständigungen und informelle Absprachen in den verschiedenen Bundesländern 291 a) Verständigungen nach § 257c StPO (Frage 6) 292 b) Informelle Absprachen (Frage 25) 294 (1) Informelle Absprachen nach Hörensagen (Frage 25a) 294 (2) Informelle Absprachen in der Praxis (Frage 25b) 297 c) Ergebniszusammenfassung 300 3. Anhang C: Ordinale Regression 301 a) Auswahl der Faktoren 301 b) Ergebnisse 302 c) Ergebniszusammenfassung 305 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staatsund Fachanwälten (Modul 5) 307 I. Einleitung 307 11 II. Methodik 307 1. Vollerhebung und Stichprobe 307 2. Grundgesamtheit 308 3. Auswahlverfahren und Stichprobengröße 311 4. Ausschöpfungsquote 313 5. Datenbasis 315 6. Erhebungsmethode 316 7. Erhebungsinstrument, Interviewerschulung und Pretest 318 8. Forschungsgegenstand 321 9. Vergleichbarkeit der Daten mit anderen Studien zur Verständigungspraxis 322 10. Auswertung 323 III. Ergebnisse 325 1. Häufigkeit von Absprachen 325 a) Absprachenquote 325 b) Bedeutung der, Gründe für und Vorteile durch Absprachen 332 c) Absprachentypische Delikte? 336 (1) Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) 337 (2) Straftaten im Straßenverkehr 341 (3) Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen 342 (4) Zwischenergebnis 345 d) Auswirkungen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts 345 2. Gespräche über eine Absprache 348 a) Zeitpunkte der Gespräche über eine Absprache 348 b) Beteiligte der Gespräche über eine Absprache 350 c) Inhalte der Gespräche über eine Absprache 352 d) Speziell: Einstellungen gemäß §§ 153, 153a StPO 356 3. Informelle Absprachen 358 a) Häufigkeit informeller Absprachen 358 b) Regionale Verteilung 363 c) Zustandekommen und Gründe informeller Absprachen 366 12 d) Inhalte informeller Absprachen 372 e) Typische Delikte für informelle Absprachen 377 f) Verständigungspantomime 381 g) Möglicherweise unbewusste informelle Absprachen 383 4. Geständnis 384 a) Erklärung durch den Angeklagten oder den Verteidiger 384 b) Umfang des Geständnisses 385 c) Falsche Geständnisse 389 d) Überprüfung des Geständnisses 389 (1) Häufigkeit der Überprüfung und Gründe für ihr Unterlassen 390 (2) Überprüfung des ausführlichen Geständnisses 393 (3) Überprüfung des Formalgeständnisses 396 e) Strafmildernde Wirkung des Geständnisses 399 5. Strafmaß 401 a) Angemessenheit des Strafmaßes 401 b) Akzeptanz des absprachebasierten Urteils bei den Angeklagten 405 c) Mitteilung der Strafmaßvorstellung des Gerichts 406 d) Sanktionsschere 409 6. Belehrungspflichten 413 a) Belehrung gem. § 257c Abs. 5 StPO 413 b) Belehrung gem. § 35a S. 3 StPO 418 7. Mitteilungs- und Protokollierungspflichten 419 a) Gespräche vor oder außerhalb der Hauptverhandlung 419 (1) Erfolglose Gespräche über eine Absprache 419 (2) Erfolgreiche Gespräche über eine Absprache 426 b) Gespräche in der Hauptverhandlung 433 c) Negativmitteilung und Negativattest 437 d) Erwähnung der Verständigung im Urteil 439 8. Rechtsmittelverzicht 440 a) Einlegung von Rechtsmitteln gegen absprachebasierte Urteile 440 b) Erklärung eines Rechtsmittelverzichts 441 13 9. Einschätzung der gesetzlichen Regelungen 445 a) Praxistauglichkeit der einzelnen Regelungen 445 b) Gesamteinschätzung der gesetzlichen Regelungen 448 10. Wächterfunktion der Staatsanwaltschaft 450 a) Art und Weise, Umfang und Häufigkeit der Dokumentation 451 b) Vorgehen bei einem Gesetzesverstoß des Gerichts 453 c) Kontrolle und Sanktionen der Staatsanwälte 454 d) Beurteilung der Wächterfunktion 455 (1) Sicht der Staatsanwälte 455 (2) Sicht der Fachanwälte 456 IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse 458 V. Anhang 466 G. Befragung der Leitenden Oberstaatsanwälte (Modul 6) 481 I. Einleitung 481 II. Rechtlicher und tatsächlicher Hintergrund 481 1. Ausgangspunkt: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 481 2. Strafrechtliche Rechtsprechung und Literatur 482 a) Verhalten bei einer Absprache 482 b) Einlegung eines Rechtsmittels 483 c) Behördeninterne Maßnahmen 484 3. Bisheriger Kenntnisstand über die Wahrnehmung der Wächterrolle 485 4. Fazit 486 III. Methodik der Untersuchung 486 1. Auswahl der Erhebungsmethode 486 2. Ausschöpfungsquote 488 IV. Ergebnisse 489 1. Auswertung zur Häufigkeit von Absprachen 489 2. Auswertung der Befragung zur Wächterfunktion 491 V. Fazit 503 H. Gesamtergebnis 505 I. Belastbarkeit der Ergebnisse 506 14 1. Vorteile des gewählten Methodenmix 506 2. Methodenübergreifende Probleme 506 II. Zusammenfassungen der Einzelergebnisse 507 1. Rechtswissenschaftliche Analyse revisionsgerichtlicher Entscheidungen (Modul 1) 507 2. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) 513 3. Aktenanalyse (Modul 3) 515 4. Online-gestützte Befragung von Richtern, Staatsanwälten und Strafverteidigern (Modul 4) 519 5. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staatsund Fachanwälten (Modul 5) 523 6. Befragung der Behördenleiter der Staatsanwaltschaften (Modul 6) 528 III. Zentrale Ergebnisse 530 1. Informelle Absprachen sind weiterhin Bestandteil der strafrechtlichen Praxis 530 2. Gründe für die Praxis informeller Absprachen 532 3. Problematische Komplexität der Regelungen über eine Verständigung 532 4. Die Transparenz- und Dokumentationspflichten werden nicht konsequent befolgt 533 5. Geständnis gegen Strafrabatt 533 6. Es wird immer noch offen oder verdeckt eine Punktstrafe vereinbart 534 7. Absprachen setzen in der Regel eine Verteidigung voraus 535 8. Der Rechtsmittelverzicht ist immer noch Gegenstand einer Absprache 535 9. Es bestehen Unterschiede bei der Einhaltung der Vorschriften des Verständigungsgesetzes zwischen den Amtsgerichten und den Landgerichten 536 10. Die Staatsanwaltschaft kommt ihrer Wächterrolle nur bedingt nach 536 I. Glossar 539 15 A. Einleitung Ein Forschungsverbund der Universitäten Düsseldorf, Frankfurt am Main und Tübingen ist über die Projektdauer vom 1.3.2018 bis zum 28.2.2020 in einer breit angelegten Untersuchung dem Recht, vor allem aber der Praxis der Verständigung in Strafverfahren nachgegangen. Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013.1 Darin stellte das Gericht fest, dass die Regelungen des Verständigungsgesetzes zwar mit der Verfassung vereinbar sind, aber in der Praxis ein erhebliches Vollzugsdefizit besteht. Das BVerfG forderte deshalb, dass der Gesetzgeber die vor allem in § 257c StPO normierten Schutzmechanismen, die der Einhaltung der verfassungsrechtlichen Anforderungen dienen, fortwährend auf ihre Wirksamkeit hin überprüft: „Verständigungen zwischen Gericht und Verfahrensbeteiligten über Stand und Aussichten der Hauptverhandlung, die dem Angeklagten für den Fall eines Geständnisses eine Strafobergrenze zusagen und eine Strafuntergrenze ankündigen, tragen das Risiko in sich, dass die verfassungsrechtlichen Vorgaben nicht in vollem Umfang beachtet werden. Gleichwohl ist es dem Gesetzgeber nicht schlechthin verwehrt, zur Verfahrensvereinfachung Verständigungen zuzulassen. Er muss jedoch zugleich durch hinreichende Vorkehrungen sicherstellen, dass die verfassungsrechtlichen Anforderungen gewahrt bleiben. Die Wirksamkeit der vorgesehenen Schutzmechanismen hat der Gesetzgeber fortwährend zu überprüfen. Ergibt sich, dass sie unvollständig oder ungeeignet sind, hat er insoweit nachzubessern und erforderlichenfalls seine Entscheidung für die Zulässigkeit strafprozessualer Absprachen zu revidieren.“ (…) Auch wenn derzeit aus dem defizitären Vollzug des Verständigungsgesetzes nicht auf eine Verfassungswidrigkeit der gesetzlichen Regelung geschlossen werden kann, muss der Gesetzgeber die weitere Entwicklung sorgfältig im Auge behalten. Sollte sich die gerichtliche Praxis weiterhin in erheblichem Umfang über die gesetzlichen Regelungen hinwegsetzen und sollten die materiellen und prozeduralen Vorkehrungen des Verständigungsgesetzes nicht ausreichen, um das festgestellte Vollzugsdefizit zu beseitigen und dadurch die an eine Verständigung im Strafverfahren zu stellenden verfassungsrechtlichen Anforderungen zu erfüllen, muss der Gesetzgeber der Fehlentwicklung durch geeignete Maßnahmen entgegenwirken. (…) Unterbliebe dies, träte ein verfassungswidriger Zustand ein.“2 1 BVerfGE 133, 168. 2 BVerfGE 133, 168 (228 f. Rn. 107, 235 f. Rn. 121). 16 A. Einleitung Dieser Evaluation dient die hier vorgestellte Studie. Ziel des Forschungsvorhabens war es daher, in einer Zusammenschau rechtstatsächlicher und rechtsdogmatischer Erkenntnisse einen Überblick über die Wirkungsweise des Verständigungsgesetzes nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu gewinnen und mögliche Rechtsverstöße der Richter,3 Staatsanwälte und Strafverteidiger zu identifizieren. Im Vordergrund stand dabei die Frage, ob es auch nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in der gerichtlichen Praxis noch Fälle informeller Absprachen, also von Absprachen, die nicht alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen, gibt. Zur Gewinnung dieser Erkenntnisse wurde in Übereinkunft mit dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz ein Forschungskonzept entwickelt. Die Evaluation wurde dabei in sechs Module unterteilt, mit deren Hilfe zentrale, die gegenwärtige Absprachenpraxis betreffende Fragen beantwortet werden sollten. Dazu wurden unterschiedliche methodische Herangehensweisen gewählt, um deren spezifische Vorteile nutzen, mögliche Einschränkungen ausgleichen und so insgesamt ein realistisches Bild der gerichtlichen Praxis zeichnen zu können. Tabelle A.1 Überblick über die sechs Module 3 Zur Förderung des Leseflusses wird im Folgenden nur das generische Maskulinum verwendet. Dies inkludiert selbstverständlich alle Geschlechtszugehörigkeiten. 17 Ausgangspunkt der Erhebung war eine rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1). In deren Rahmen sollte insbesondere festgestellt werden, welche Verstöße im Falle absprachenbasierter Urteile gerügt werden, welche Fehler die Revisionsgerichte feststellen und wie sie darauf (z.B. bei der Beruhensfrage) reagieren. Darauf aufbauend war beabsichtigt, im nächsten Schritt mittels einer schriftlichen (Online-)Erhebung der Richter ausgewählter Gerichte einen bundesweiten Überblick über das Aufkommen von Absprachen zu gewinnen (Modul 2). Durch die freiwillige Angabe von Aktenzeichen sollten zudem Urteile mit Verständigungsbezug in Erfahrung gebracht werden, die im Anschluss einer eingehenden Analyse unterzogen wurden (Modul 3). Ein weiterer Einblick in die gegenwärtige Absprachenpraxis sollte außerdem durch eine bundesweite Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) sowie durch leitfadengestützte Telefoninterviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) erzielt werden. Eine spezielle Befragung der Leitenden Oberstaatsanwälte war schließlich darauf angelegt, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwiefern die Staatsanwaltschaft ihrer vom Bundesverfassungsgericht angesprochenen Rolle als „Wächter des Gesetzes“4 nachkommt (Modul 6). Die Ergebnisse der einzelnen Erhebungen werden im Folgenden dargestellt. Ein abschließendes, übergreifendes Fazit schließt den Bericht ab. Eine solche Untersuchung wäre nicht möglich ohne die tatkräftige Mithilfe der Praxis. Wir möchten daher allen Richtern, Staatsanwälten und Strafverteidigern danken, die an unseren Befragungen und Interviews teilgenommen haben. Großen Dank schulden wir ebenfalls unseren Ansprechpartnern in den Landesjustizverwaltungen, bei der Bundesrechtsanwaltskammer und dem Deutschen Anwaltverein für ihre Unterstützung. 4 BVerfGE 133, 168 (220 f. Rn. 93). A. Einleitung 19 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Caroline Hey, Matthias Jahn, Charlotte Schmitt-Leonardy I. Zielsetzung der rechtswissenschaftlichen Analyse Im Rahmen der rechtswissenschaftlichen Analyse wurde die Revisionsrechtsprechung zum Thema Verständigung im Nachgang des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.20131 bis zum 31.12.2018 ausgewertet und analysiert. Im Fokus der empirischen Untersuchung standen insbesondere folgende Fragestellungen: – Inwiefern – und von wem – werden verständigungsbasierte Urteile mit der Revision angegriffen? – Welche Verstöße werden gerügt? – Welche Verstöße können die Revisionsgerichte (ggf. freibeweislich) feststellen? – Inwieweit ermöglichen die Revisionsgerichte die Geltendmachung der Verstöße oder erschweren diese z.B. durch (ggf. zu hohe) Darlegungsanforderungen? – Inwieweit ordnen die Revisionsgerichte die geltend gemachten Verstö- ße auch als solche ein oder interpretieren diese z.B. durch Gesetzesauslegung weg? – Wie reagieren die Revisionsgerichte im Ergebnis auf festgestellte Verstöße (z.B. bei der Beruhensfrage)? – Kommen die Revisionsgerichte den Anforderungen an eine wirksame Kontrolle der Einhaltung der strafprozessrechtlichen Regelungen nach? Die rechtswissenschaftliche Analyse bildete ferner die Grundlage für die rechtstatsächlichen Erhebungen der Module 2 bis 6. 1 BVerfG, Urt. v. 19.3.2013 – 2 BvR 2628/10 u. 2 BvR 2883/10 u. 2 BvR 2155/11 = BVerfGE 133, 168–241. 20 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) II. Methodisches Vorgehen Der methodische Zugang in Modul 1 war darauf gerichtet, alle mit Gründen versehenen Revisionsentscheidungen mit Verständigungsbezug des Bundesgerichtshofs und der Oberlandesgerichte im Zeitraum 19.3.2013 bis 31.12.2018 mittels statistisch quantitativer und qualitativer Methoden zu analysieren. Im Rahmen der Stoffsammlung konnten 198 Entscheidungen mit Verständigungsbezug erfasst werden. Diese Entscheidungen wurden der sogenannten „Montagspost“ des Bundesgerichtshofs, in der wöchentlich alle mit Gründen versehenen Entscheidungen des Bundesgerichtshofs versandt werden, juristischen Datenbanken2 sowie den strafrechtlichen juristischen Fachzeitschriften3 entnommen. Einige wenige Entscheidungen wurden von Dritten zur Verfügung gestellt.4 Die Zählkartenstatistiken und die Senatshefte der Revisionsverfahren standen für die vorliegende Untersuchung nicht zur Verfügung. Somit konnten weder Daten zum Ablauf der Revisionsverfahren – soweit diese der Entscheidung selbst nicht zu entnehmen waren (wie z.B. Datum der Revisionseinlegung, Revisionsbegründung, eventuelle Gegenerklärungen, Antrag der Generalstaatsanwaltschaft bzw. der Bundesanwaltschaft) – noch der tatsächliche Geschäftsanfall erhoben werden. Letzterer konnte auch nicht den Geschäftsstatistiken des Bundesgerichtshofs und den Statistiken Rechtspflege Strafgerichte, Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3.5 entnommen werden, da diese nicht aufzeigen, inwieweit den Revisionen ein verständigungsbasiertes Urteil zugrunde lag oder ob die Revisionsführer mit dem eingelegten Rechtsmittel einen Verstoß gegen eine verständigungsbezogene Vorschrift gerügt hatten. Zudem zählen diese Statistiken ausschließlich Revisionsverfahren, nicht jedoch einzelne Revisionen, so dass diese Veröffentlichungen den tatsächlichen Geschäftsanfall bei den Revisionsgerichten nur verzerrt abbilden.6 Bei einzelnen Auswertungen wurde zu Vergleichszwecken die Rechtsprechungspraxis der Revisionsgerichte bei Revisionen ohne spezifischen Verständigungsbezug herangezogen. Hierzu wurde ergänzendes Datenmaterial ausgewertet. Neben den Geschäftsstatistiken des Bundesgerichts- 2 U.a. beck-online, juris. 3 StV, NStZ, NStZ-RR, wistra. 4 Diese Entscheidungen wurden dem Mitverfasser Jahn als Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift Strafverteidiger entweder von Verfahrensbeteiligten oder anderen Stellen (Gerichten, Staatsanwaltschaften, Behörden u.a.) übersandt. 5 Nachfolgend als „Justizstatistik“ bezeichnet. 6 Zu den Schwächen der amtlichen Statistiken des BGH aufgrund der besonderen Zählweise Barton, FS Kühne, 2013, 139 (141 f.). 21 II. Methodisches Vorgehen hofs sowie den Justizstatistiken des Statistischen Bundesamts waren dies die Studie Bartons zur Revisionsrechtsprechung der Strafsenate des Bundesgerichtshofs für den Referenzzeitraum 1981 bis 19967 sowie seine in Zusammenarbeit mit Berenbrink durchgeführte Anschlussstudie für das Jahr 2005.8 Die wesentlichen Merkmalsausprägungen und Inhalte der Revisionsentscheidungen wurden in einer Datenmatrix anhand der folgenden Parameter erfasst: – Aktenzeichen – Entscheidungsdatum – Revisionsgericht – Entscheidender Senat innerhalb des Revisionsgerichts – Ausgangsgericht – Spruchkörper des Ausgangsgerichts – Oberlandesgerichtsbezirk des Ausgangsgerichts – Revisionsführer – Art der erhobenen Rüge – Verfahrensgegenständliche Deliktskategorie – Gerügter Verstoß – Beurteilung der Prozessvoraussetzungen der Revision – Darlegungsanforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO bejaht/verneint/ offengelassen? – Verstoß gegen verständigungsbezogene Norm bejaht/verneint/offengelassen? – Beruhensfrage bejaht/verneint/offengelassen? Zur Erzielung möglichst übersichtlicher und aussagekräftiger Ergebnisse wurden die verständigungsbezogenen Vorschriften sowie die relevanten Delikte des StGB und der Nebengesetze thematisch in Gruppen erfasst.9 Im Studienverlauf zeigte sich, dass im Hinblick auf die verständigungsbezogenen Vorschriften das Gros der Fallzahlen auf drei Kategorien entfiel, so dass eine differenzierte Auswertung nach den einzelnen verständigungsbezogenen Vorschriften zusätzlich in das Forschungsinteresse rückte. Aus diesem Grunde wurden bei den entsprechenden Auswertungen neben den gebildeten Kategorien zusätzlich die einzelnen verständigungsbezogenen Vorschriften als Auswertungsparameter herangezogen.10 7 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999. 8 Barton in: Jahn/Nack (Hrsg.), Strafprozessrechtspraxis und Rechtswissenschaft – getrennte Welten? 2008, S. 77; Berenbrink GA 2008, 625 ff.; Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 ff.; Barton StRR 11/2014, S. 404 ff. 9 Vgl. Anhang Tabelle B.38 und Tabelle B.39. 10 Im Folgenden als kategorisierte bzw. differenzierte Darstellung gekennzeichnet. 22 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Bei der Erstellung der Datenmatrix war zu berücksichtigen, dass einzelne Revisionsentscheidungen zum Teil mehrere Rügen – ggf. von verschiedenen Revisionsführern – zum Gegenstand hatten und/oder den Entscheidungen obiter dicta beigefügt waren. Daher wurde zunächst jede erhobene Rüge eines jeden Revisionsführers bzw. jedes obiter dictum im Datensatz separat erfasst. Von den 198 erfassten Revisionsentscheidungen fanden 188 Eingang in die Analyse. Unberücksichtigt blieben zehn Entscheidungen, bei denen die Revisionsgerichte ihre Rechtsauffassung zu verständigungsbezogenen Fragen ausschließlich in Form von obiter dicta dargelegt hatten, da diese Entscheidungen in Bezug auf die vorgegebenen Forschungsfragen (z.B. bezüglich der Darlegungsanforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO, der Feststellung eines Gesetzesverstoßes oder des Umgangs mit der Beruhensfrage) keine Aussagekraft besaßen. Die Datenanalyse erfolgte mit Hilfe des Statistik-Software-Tools IBM SPSS. III. Auswertungsergebnisse 1. Regionale Verteilung der Instanzurteile Die verständigungsbasierten Urteile der Instanzgerichte, die mit dem Rechtsmittel der Revision angegriffen wurden, verteilen sich auf die 24 Oberlandesgerichtsbezirke wie folgt: Tabelle B.1: Regionale Verteilung der Instanzurteile (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Oberlandesgerichtsbezirk Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente München 19 10,1 10,1 10,1 Hamm 17 9,0 9,0 19,1 Dresden 14 7,4 7,4 26,6 Berlin 13 6,9 6,9 33,5 Nürnberg 13 6,9 6,9 40,4 Hamburg 11 5,9 5,9 46,3 Frankfurt am Main 11 5,9 5,9 52,1 Karlsruhe 10 5,3 5,3 57,4 Köln 10 5,3 5,3 62,8 Düsseldorf 8 4,3 4,3 67,0 Brandenburg 8 4,3 4,3 71,3 Braunschweig 7 3,7 3,7 75,0 Koblenz 6 3,2 3,2 78,2 Oldenburg 6 3,2 3,2 81,4 23 III. Auswertungsergebnisse Oberlandesgerichtsbezirk Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente Jena 6 3,2 3,2 84,6 Celle 5 2,7 2,7 87,2 Stuttgart 5 2,7 2,7 89,9 Schleswig 5 2,7 2,7 92,6 Naumburg 4 2,1 2,1 94,7 Bremen 3 1,6 1,6 96,3 Rostock 3 1,6 1,6 97,9 Zweibrücken 2 1,1 1,1 98,9 Saarbrücken 2 1,1 1,1 100,0 Bamberg 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 188 100,0 100,0   N = 188 n = 188 F = 011 Die meisten Revisionsverfahren hatten ihren Ursprung in den Oberlandesgerichtsbezirken München und Hamm. Von den 188 untersuchten Verfahren entfallen auf sie 19 bzw. 17 Verfahren (10% bzw. 9%). Der Oberlandesgerichtbezirk Bamberg weist für den Referenzzeitraum kein mit dem Rechtsmittel der Revision angegriffenes Urteil mit Verständigungsbezug auf. 2. Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Die Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug des Bundesgerichtshofs überstieg im Referenzzeitraum die der Oberlandesgerichte deutlich: Von den insgesamt 188 untersuchten Revisionsverfahren entfallen 150 auf den Bundesgerichtshof (80%) und 38 auf die Oberlandesgerichte (20%). Zum Vergleich: Ausweislich der amtlichen Statistiken des Bundesgerichtshofs und der Justizstatistiken des Statistischen Bundesamts lag die Erledigungszahl von Revisionsverfahren (ungeachtet deren Verständigungsbezug) im Zeitraum 2013 bis 2018 bei 53.088, wobei die der Oberlandesgerichte knapp doppelt so hoch lag wie die des Bundesgerichtshofs. 11 „N“ beschreibt die mögliche Datenbasis, „n“ die tatsächliche Datenbasis einer Auswertung. „F“ kennzeichnet fehlende Werte. 24 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Tabelle B.2: Erledigungszahl Revisionsverfahren im Allgemeinen/BGH und OLG (2013–2018) Revisionsgericht OLG BGH Gesamt Anzahl erledigter Revisionsverfahren 35.173 17.915 53.088 Quellen: Amtliche Statistiken des Bundesgerichtshofs und Justizstatistiken des Statistischen Bundesamts Die 188 untersuchten Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug umfassen 199 Revisionen, wovon 159 durch den Bundesgerichtshof und 40 durch die Oberlandesgerichte entschieden wurden. Mit den beim Bundesgerichtshof eingelegten Revisionen wendeten sich die Revisionsführer in 157 Fällen gegen erstinstanzliche verständigungsbasierte Urteile der Landgerichte (99%) und in zwei Fällen gegen solche der Oberlandesgerichte (1%). Von den Oberlandesgerichten wurden 34 Revisionen gegen Berufungsurteile der kleinen Strafkammern der Landgerichte (85%) sowie sechs Sprungrevisionen gegen erstinstanzliche Urteile der Amtsgerichte (15%) entschieden. b) Bundesgerichtshof nach Strafsenaten Die Verteilung der verständigungsbezogenen Revisionsverfahren des Bundesgerichtshofs auf die fünf Strafsenate12 stellt sich wie folgt dar:13 Tabelle B.3: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) nach BGH-Strafsenaten BGH-Strafsenat Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente 1. Strafsenat 50 33,6 33,6 33,6 2. Strafsenat 21 14,1 14,1 47,7 3. Strafsenat 17 11,4 11,4 59,1 4. Strafsenat 17 11,4 11,4 70,5 5. Strafsenat 44 29,5 29,5 100,0 Gesamt 149 100,0 100,0   N = 188 n = 149 F = 39 12 Im Berichtszeitraum; der 6. Strafsenat wurde erst zum 15.2.2020 (erneut) eingerichtet. 13 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurde die – einzelne – Entscheidung des Senats für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen mit Verständigungsbezug nicht einbezogen. 25 III. Auswertungsergebnisse Abbildung B.1: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) nach BGH-Strafsenaten N = 188 n = 149 F = 39 Auffallend ist die überdurchschnittlich hohe Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug des 1. und 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs mit zusammen 94 Verfahren (63% bezogen auf die Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug der Strafsenate des Bundesgerichtshofs; 50% bezogen auf die Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug sämtlicher Revisionsgerichte). Als mögliche Gründe für diese unterschiedliche senatsspezifische Verteilung könnten insbesondere erwogen werden: – Unterschiedliche Absprachepraxis in den einzelnen Oberlandesgerichtsbezirken: Die Zuständigkeit der Strafsenate des Bundesgerichtshofs richtet sich insbesondere nach regionalen Kriterien. Die Verständigungsquote könnte in den Oberlandesgerichtsbezirken, die in den Zuständigkeitsbereich des 1. und 5. Strafsenats fallen,14 überdurchschnittlich hoch bzw. in den weiteren Oberlandesgerichtsbezirken besonders niedrig sein (ggf. aufgrund höherer Ausweichtendenzen einzelner Instanzgerichte hin zu Einstellungen oder dem Erlass von Strafbefehlen) mit der etwaigen Folge einer regional unterschiedlich hohen Revisionseinlegungsquote. – Unterschiedlich hohe Anzahl informeller Absprachen innerhalb der einzelnen Oberlandesgerichtsbezirke mit der möglichen Folge unter- 14 Zuständigkeitsbereich 1. Strafsenat (2013 bis 2018): Oberlandesgerichtsbezirke Bamberg, München, Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe (ab 2014 nur, soweit nicht dem Zuständigkeitsbereich des 4. Strafsenats unterfallend); Zuständigkeitsbereich 5. Strafsenat (2013 bis 2018): Oberlandesgerichtsbezirke Brandenburg, Braunschweig, Bremen, Dresden, Hamburg, Saarbrücken, Schleswig. 26 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) schiedlicher Revisionseinlegungsquoten bei den einzelnen Strafsenaten des Bundesgerichtshofs. – Überdurchschnittlich hohe bzw. niedrige Absprachequote in Deliktsbereichen, für die dem 1., 3. und 4. Strafsenat Sonderzuständigkeiten zugewiesen sind. Zu denken ist in diesem Zusammenhang etwa an die Sonderzuständigkeit des 1. Strafsenats für Revisionen im Bereich der Steuerstrafsachen. – Unterschiedliche Praxis der Strafsenate bei der Abfassung der Entscheidungsgründe: Eine etwaige unterschiedliche Übung der einzelnen Strafsenate bei der Abfassung von Entscheidungsgründen könnte einerseits schlicht auf die individuelle Handhabung der Senatsmitglieder zurückzuführen sein. Als weiterer Erklärungsansatz käme in Betracht, dass die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Verständigung insbesondere die Entscheidungsbegründungspraxis des 1. und 5. Strafsenats beeinflusst haben könnte: Im Nachgang des Urteils des Zweiten Senats vom 19.3.201315 ergingen insgesamt sechs weitere Bundesverfassungsgerichts-Kammerbeschlüsse16 zum Thema Verständigung. Sämtliche Entscheidungen – mit Ausnahme des Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts vom 30.6.2013 – betrafen Verfassungsbeschwerden gegen Entscheidungen des 1. und 5. Strafsenats. Dies könnte ein Bedürfnis speziell dieser beiden Strafsenate erklären, mit dem Bundesverfassungsgericht in einen (fachöffentlichen) Dialog einzutreten und auf diese Weise auf die insbesondere durch aufhebende Kammerbeschlüsse ausgehenden Impulse zu reagieren.17 Die Gesamtbetrachtung aller Revisionsverfahren, d.h. ungeachtet deren Verständigungsbezug, zeigt demgegenüber, dass die Erledigungszahl bei den Strafsenaten im Zeitraum 2013 bis 2018 auf annähernd gleicher Höhe lag. 15 BVerfG, Urt. v. 19.3.2013 – 2 BvR 2628/10 u. 2 BvR 2883/10 u. 2 BvR 2155/11 = BVerfGE 133, 168–241. 16 BVerfG, Beschl. v. 30.6.2013 – 2 BvR 85/13, BVerfG, Beschl. v. 1.7.2014 – 2 BvR 989/14, BVerfG, Beschl. v. 25.8.2014 – 2 BvR 2048/13, BVerfG, Beschl. v. 26.8.2014 – 2 BvR 2172/13 u. 2 BvR 2400/13, BVerfG, Beschl. v. 15.1.2015 – 2 BvR 878/14 u. 2 BvR 2055/14, BVerfG, Beschl. v. 21.4.2016 – 2 BvR 1422/15. 17 Weitere Nachweise zum erkennbaren Widerstand in der revisionsgerichtlichen Spruchpraxis gegen BVerfGE 133, 168 bei MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 33 mit Fn. 147 u. Rn. 35. 27 III. Auswertungsergebnisse Abbildung B.2: Erledigte Revisionsverfahren im Allgemeinen nach BGH-Strafsenaten (2013–2018) ausweislich der amtlichen Statistiken des BGH N = 17.915 n = 17.914 F = 118 c) Oberlandesgerichte Die 38 oberlandesgerichtlichen Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug verteilen sich auf die 24 Oberlandesgerichte wie folgt: 18 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurde ein – einzelnes – Verfahren des Dienstgerichts nicht einbezogen. 28 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.3: Erledigte Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug/OLG N = 188 n = 38 F = 150 Die Anzahl der verständigungsbezogenen Revisionsverfahren pro Oberlandesgericht liegt bei Werten zwischen null und fünf. Führend ist das Kammergericht Berlin mit fünf Verfahren, gefolgt vom Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg und vom Oberlandesgericht München mit jeweils vier Verfahren. Keine Verfahren weisen die Oberlandesgerichte Stuttgart, Zweibrücken, Bamberg, Schleswig und Koblenz auf. Betrachtet man in diesem Zusammenhang zusätzlich die Größe der Oberlandesgerichtsbezirke (gemessen an der Einwohnerzahl) ist festzustellen, dass das Kammergericht Berlin und das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg deutlich geringere Einwohnerzahlen im Gerichtsbezirk aufweisen als das Oberlandesgericht München und gleichwohl mit diesem die Tabelle anführen. Andererseits entschieden die Oberlandesgerichte Frankfurt am Main und Stuttgart mit überdurchschnittlich großen Gerichtsbezirken ein bzw. kein Verfahren. 29 III. Auswertungsergebnisse Tabelle B.4: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug)/OLG (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Oberlandesgericht Einwohnerzahl im OLG-Bezirk (in 1000)19 Häufigkeit Prozent KG Berlin 3813 5 13,2 Hanseatisches OLG Hamburg 1831 4 10,5 OLG München 7484 4 10,5 OLG Hamm 8842 3 7,9 OLG Nürnberg 3133 3 7,9 OLG Düsseldorf 4726 2 5,3 OLG Karlsruhe 4673 2 5,3 OLG Köln 4343 2 5,3 OLG Oldenburg 2516 2 5,3 Thüringer OLG 2151 2 5,3 Hanseatisches OLG Bremen 681 1 2,6 OLG Brandenburg 2524 1 2,6 OLG Braunschweig 1341 1 2,6 OLG Celle 4106 1 2,6 OLG Dresden 4081 1 2,6 OLG Frankfurt am Main 6243 1 2,6 OLG Naumburg 2223 1 2,6 OLG Rostock 1611 1 2,6 OLG Saarbrücken 994 1 2,6 OLG Stuttgart 6983 0 0,0 OLG Zweibrücken 1415 0 0,0 OLG Bamberg 2380 0 0,0 OLG Schleswig 2890 0 0,0 OLG Koblenz 2659 0 0,0 Gesamt 83643 38 100,0 N = 188 n = 38 F = 150 Diese Häufigkeitsverteilung könnte insbesondere zurückzuführen sein auf – eine unterschiedliche Verständigungspraxis in den einzelnen Oberlandesgerichtsbezirken (ggf. höhere Ausweichtendenzen der Instanzgerichte hin u.a. zu Einstellungen oder dem Erlass von Strafbefehlen), – eine unterschiedlich hohe Anzahl informeller Absprachen innerhalb der einzelnen Oberlandesgerichtsbezirke mit der Folge unterschiedlich hoher Revisionseinlegungsquoten in den einzelnen Bezirken, – eine unterschiedliche Entscheidungsbegründungspraxis der einzelnen Oberlandesgerichte, – einen unterschiedlichen Anreiz für die juristischen Akteure und Akteurinnen zur Rechtsmitteleinlegung aufgrund regionaler Besonderheiten in der Revisionsrechtsprechungspraxis der Oberlandesgerichte (z.B. 19 Vgl. die Übersicht des Bundesgerichtshofs über den Geschäftsgang bei den Strafsenaten des Bundesgerichtshofs für das Jahr 2018. 30 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) hinsichtlich der Darlegungsanforderungen oder dem Umgang mit der Beruhensfrage). 3. Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug im Zeitverlauf a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Die Häufigkeitsverteilung der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug des Bundesgerichtshofs und der Oberlandesgerichte (gesamt) pro Jahr stellt sich wie folgt dar:20 Tabelle B.5: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Jahr/BGH und OLG Jahr Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente 2013 34 18,1 18,1 18,1 2014 39 20,7 20,7 38,8 2015 40 21,3 21,3 60,1 2016 30 16,0 16,0 76,1 2017 25 13,3 13,3 89,4 2018 20 10,6 10,6 100,0 Gesamt 188 100,0 100,0 N = 188 n = 188 F = 0; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Im Zeitraum 2013 bis 2015 stieg die Anzahl der Revisionsverfahren von 34 Verfahren im Jahr 2013 auf 40 Verfahren im Jahr 2015.21 Bemerkenswert ist der nach 2015 einsetzende kontinuierliche Abwärtstrend der Revisionsverfahren bis auf zuletzt 20 Verfahren im Jahr 2018. 20 Die nachstehenden Auswertungen in diesem Abschnitt beziehen sich jeweils auf das Entscheidungsdatum. Eine Ermittlung des Datums der Revisionseinlegung war anhand des zur Verfügung stehenden Datenmaterials (keine Zählkarten) nicht möglich. 21 Zu berücksichtigen ist, dass der Referenzzeitraum das erste Quartal 2013 nahezu nicht erfasst, sodass eine Interpretation dahingehend, dass die Erledigungszahl zwischen 2013 und 2014 anstieg, nicht ohne weiteres möglich ist. 31 III. Auswertungsergebnisse Abbildung B.4: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Jahr/BGH und OLG N = 188 n = 188 F = 0; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Zur differenzierten Darstellung der Entwicklung verständigungsbezogener Revisionsverfahren wurde deren Anzahl pro Quartal bestimmt. Tabelle B.6: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Quartal/BGH und OLG Quartal Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente 2013-Q1 0 0,0 0,0 0,0 2013-Q2 5 2,7 2,7 2,7 2013-Q3 18 9,6 9,6 12,2 2013-Q4 11 5,9 5,9 18,1 2014-Q1 14 7,4 7,4 25,5 2014-Q2 7 3,7 3,7 29,3 2014-Q3 8 4,3 4,3 33,5 2014-Q4 10 5,3 5,3 38,8 2015-Q1 16 8,5 8,5 47,3 2015-Q2 7 3,7 3,7 51,1 2015-Q3 8 4,3 4,3 55,3 2015-Q4 9 4,8 4,8 60,1 2016-Q1 8 4,3 4,3 64,4 2016-Q2 3 1,6 1,6 66,0 2016-Q3 9 4,8 4,8 70,7 2016-Q4 10 5,3 5,3 76,1 2017-Q1 8 4,3 4,3 80,3 2017-Q2 8 4,3 4,3 84,6 2017-Q3 7 3,7 3,7 88,3 2017-Q4 2 1,1 1,1 89,4 2018-Q1 9 4,8 4,8 94,1 2018-Q2 1 0,5 0,5 94,7 32 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Quartal Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente 2018-Q3 2 1,1 1,1 95,7 2018-Q4 8 4,3 4,3 100,0 Gesamt 188 100,0 100,0 N = 188 n = 188 F = 0; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Abbildung B.5: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Quartal/ BGH und OLG N = 188 n = 188 F = 0; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Im Zeitraum Q1/201322 bis Q1/2015, in dem die Anzahl der entschiedenen Revisionsverfahren tendenziell anstieg, ergingen sechs Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Verständigung. Im weiteren Verlauf war die Anzahl der verständigungsbezogenen Revisionsentscheidungen bis zum Ende des Referenzzeitraums tendenziell rückläufig. Innerhalb dieses Zeitraums erließ das Bundesverfassungsgericht eine weitere Entscheidung mit Verständigungsbezug. 22 Beginn der Untersuchung: 19.3.2013. 33 III. Auswertungsergebnisse b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte Die Einzelbetrachtung der Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt in der Jahresdarstellung einen im Nachgang der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013 bis ins Jahr 2015 zu verzeichnenden kontinuierlichen Anstieg von 28 auf 34 Verfahren und einen sodann einsetzenden Rückgang bis auf 17 Verfahren in den Jahren 2017 und 2018. Demgegenüber blieb die Anzahl oberlandesgerichtlicher Revisionsverfahren im Zeitraum 2013 bis 2017 mit Werten zwischen 6 und 8 relativ konstant. Im Jahr 2018 fiel die Erledigungszahl auf 3. Tabelle B.7: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Jahr/Gegenüberstellung BGH und OLG Bundesgerichtshof Oberlandesgerichte Jahr Häufigkeit Prozent Häufigkeit Prozent 2013 28 18,7 6 15,8 2014 31 20,7 8 21,1 2015 34 22,7 6 15,8 2016 23 15,3 7 18,4 2017 17 11,3 8 21,1 2018 17 11,3 3 7,9 Gesamt 150 100,0 38 100,0 BGH: N = 188 n = 150 F = 38; OLG: N = 188 n = 38 F = 150 Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Abbildung B.6: Erledigte Revisionsverfahren (mit Verständigungsbezug) pro Jahr/Gegen- überstellung BGH und OLG BGH: N = 188 n = 150 F = 38; OLG: N = 188 n = 38 F = 150 Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 34 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Im Vergleich hierzu blieben ausweislich der amtlichen Statistiken des Bundesgerichtshofs und der Justizstatistiken des Statistischen Bundesamts die Erledigungszahlen von Revisionen (ohne Berücksichtigung eines spezifischen Verständigungsbezugs) im Zeitraum 2013 bis 2018 sowohl beim Bundesgerichtshof als auch bei den Oberlandesgerichten auf einem relativ konstanten Niveau. Tabelle B.8: Revisionsverfahren im Allgemeinen pro Jahr/BGH und OLG (2013–2018) Jahr Bundesgerichtshof Oberlandesgerichte Gesamt 2013 2995 5907 8902 2014 2853 6002 8855 2015 2919 5869 8788 2016 2937 5844 8781 2017 3204 5789 8993 2018 3007 5762 8769 Gesamt 17915 35173 53088 Quellen: Amtliche Statistiken des Bundesgerichtshofs und Justizstatistiken des Statistischen Bundesamts 4. Anzahl und Art der Rügen bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug Die Revisionsführer machten eine Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften weit überwiegend mit der Verfahrensrüge geltend. Von insgesamt 295 Rügen entfielen 271 auf die Verfahrensrüge (92%) und 17 auf die Sachrüge (6%). Weitere sieben Rügen (2%) wurden seitens der Revisionsgerichte ausschließlich im Rahmen der Prozessvoraussetzungen geprüft. Abbildung B.7: Anzahl und Art der Rügen (BGH und OLG) N = 295 n = 295 F = 0 35 III. Auswertungsergebnisse 5. Revisionsführer bei Revisionen mit Verständigungsbezug Der weit überwiegende Anteil der Revisionen wurde von Seiten der Angeklagten eingelegt: Von den 199 untersuchten Revisionen entfallen auf sie 187 (94%). Die Staatsanwaltschaft wendete sich mit zehn Revisionen (5%) gegen eine Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften. Je eine Revision wurde von Seiten des Nebenbeteiligten sowie eines Steuerberaters (in einem berufsgerichtlichen Verfahren vor dem Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen) eingelegt (je 0,5%). Abbildung B.8: Revisionsführer bei Revisionen mit Verständigungsbezug/BGH und OLG N = 199 n = 199 F = 0 Auch die Einzelbetrachtung des Bundesgerichtshofs und der Oberlandesgerichte zeigt ein deutliches Überwiegen der von Seiten der Angeklagten eingelegten Revisionen. Abbildung B.9: Verteilung der Revisionsführer/BGH Abbildung B.10: Verteilung der Revisionsführer/OLG N = 199 n = 159 F = 40 N = 199 n = 40 F = 159 36 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Die geringe Anzahl staatsanwaltschaftlicher Revisionen könnte auf eine nur bedingte Wahrnehmung der Rolle der Staatsanwaltschaft als „Wächter des Gesetzes“ – zu der u.a. auch die Rechtsmittelbereitschaft bezüglich der Entscheidungen, die auf einer gesetzeswidrigen Absprache basieren, gehört23 – hindeuten. Allerdings ist bei dieser Schlussfolgerung zu berücksichtigen, dass eine im Vergleich zu Angeklagtenrevisionen deutlich geringere Anzahl staatsanwaltschaftlicher Revisionen auch in Kontexten ohne Verständigungsbezug beobachtet wurde. So weist beispielsweise die Untersuchung von Barton zur „Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs in Strafsachen“ für den Referenzzeitraum 1981 bis 1996, in der die Revisionsführer bei Revisionen zum Bundesgerichtshof anhand der Zählkartenstatistiken festgestellt wurden, ein ähnliches Verhältnis zwischen Angeklagten- und staatsanwaltschaftlichen Revisionen nach.24 Abbildung B.11: Revisionsführer bei Revisionen im Allgemeinen zum BGH nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 45 6. Delikte bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug Untersucht wurde, welche Delikte bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug verfahrensgegenständlich sind. Zur Erzielung möglichst übersichtlicher und aussagekräftiger Ergebnisse wurden die möglichen Delikte des StGB und der Nebengesetze – wie unter B. II. dargelegt – thematisch in Kategorien zusammengefasst.25 23 BVerfGE 133, 168 (220 Rn. 93). 24 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 45. 25 Vgl. zur Kategorisierung der Delikte Anhang Tabelle B.38. 37 III. Auswertungsergebnisse a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Bei Betrachtung der verständigungsbezogenen Revisionsentscheidungen sämtlicher Revisionsgerichte zeigt sich folgende Häufigkeitsverteilung: Tabelle B.9: Deliktskategorien/BGH und OLG (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Deliktskategorie Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente BtMG 53 28,3 28,3 28,3 §§ 263–266b StGB: Betrug und Untreue 43 23,0 23,0 51,3 §§ 174–184j ohne §§ 184–184d StGB: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (ohne Pornografie) 18 9,6 9,6 61,0 §§ 223–231 StGB: Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (ohne Straßenverkehr) 11 5,9 5,9 66,8 §§ 249–255, 316a StGB: Raub, Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 11 5,9 5,9 72,7 §§ 242–248c StGB: Diebstahl und Unterschlagung 9 4,8 4,8 77,5 AO 8 4,3 4,3 81,8 §§ 211–222 StGB: Straftaten gegen das Leben (ohne Straßenverkehr) 5 2,7 2,7 84,5 §§ 283–305a StGB: Sonstige Straftaten gegen das Vermögen 5 2,7 2,7 87,2 §§ 80–168, 331–357 StGB (ohne § 142 StGB): Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung (ohne Straßenverkehr) und im Amt 5 2,7 2,7 89,8 andere 5 2,7 2,7 92,5 Straftaten im Straßenverkehr nach StGB 5 2,7 2,7 95,2 §§ 232–241a StGB: Straftaten gegen die persönliche Freiheit (ohne Straßenverkehr) 4 2,1 2,1 97,3 §§ 257–262 StGB: Begünstigung und Hehlerei 2 1,1 1,1 98,4 §§ 306–323c StGB (ohne §§ 315b–316a StGB): Gemeingefährliche Straftaten (ohne Straßenverkehr) 1 0,5 0,5 98,9 §§ 324–330d StGB: Straftaten gegen die Umwelt 1 0,5 0,5 99,5 Straftaten im Straßenverkehr nach StVG oder anderen Gesetzen 1 0,5 0,5 100,0 §§ 184–184d StGB: Pornografie 0 0,0 0,0 100,0 §§ 185–200 StGB: Beleidigung 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169–173, 201–206 StGB: Sonstige Straftaten gegen die Person 0 0,0 0,0 100,0 §§ 267–282 StGB: Urkundenfälschung 0 0,0 0,0 100,0 AufenthaltsG/AsylG/FreizügigkeitsG/EU 0 0,0 0,0 100,0 WStG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 187 100,0 100,0   N = 188 n = 187 F = 1 38 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Von den 187 Revisionsentscheidungen26 des Bundesgerichtshofs und der Oberlandesgerichte entfallen 28% (53 Entscheidungen) auf die Straftaten gegen das Betäubungsmittelgesetz, gefolgt von den Betrugs- und Untreuestraftaten mit 23% (43 Entscheidungen) sowie den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung mit 10% (18 Entscheidungen). Entscheidungen, bei denen Delikte der Kategorien „Pornografie“, „Beleidigung“, „Sonstige Straftaten gegen die Person“, „Urkundenfälschung“, „AufenthaltsG/AsylG/ FreizügigkeitsG/EU“ und „WStG“ verfahrensgegenständlich waren, konnten nicht ermittelt werden. Abbildung B.12: Deliktskategorien/BGH und OLG * = ohne Straßenverkehr ** = ohne Pornografie N = 188 n = 187 F = 1 Die Ergebnisse spiegeln sich in ähnlicher Form in weiteren Modulen der vorliegenden Studie wider. So zeigt die Aktenanalyse (Modul 3), dass die Straftaten wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, die Betrugsund Untreuestraftaten sowie die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung eine hervorgehobene Bedeutung bei erstinstanzlichen verständigungsbezogenen Verfahren aufweisen.27 26 Bei einer oberlandesgerichtlichen Revisionsentscheidung war das verfahrensgegenständliche Delikt nicht bestimmbar. 27 Vgl. Tabelle D.8. 39 III. Auswertungsergebnisse b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte Die Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt ebenso wie die Gesamtbetrachtung aller Revisionsgerichte ein Überwiegen verständigungsbezogener Revisionsverfahren bei Betäubungsmitteldelikten (33%), Betrugs- und Untreuestraftaten (21%) sowie Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (11%). Tabelle B.10: Deliktskategorien/BGH (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Deliktskategorie Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente BtMG 49 32,7 32,7 32,7 §§ 263–266b StGB: Betrug und Untreue 31 20,7 20,7 53,3 §§ 174–184j StGB (ohne §§ 184–184d StGB): Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (ohne Pornografie) 17 11,3 11,3 64,7 §§ 249–255, 316a StGB: Raub, Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 10 6,7 6,7 71,3 AO 8 5,3 5,3 76,7 §§ 242–248c StGB: Diebstahl und Unterschlagung 7 4,7 4,7 81,3 §§ 223–231 StGB: Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (ohne Straßenverkehr) 6 4,0 4,0 85,3 §§ 211–222 StGB: Straftaten gegen das Leben (ohne Straßenverkehr) 5 3,3 3,3 88,7 §§ 283–305a StGB: Sonstige Straftaten gegen das Vermögen 4 2,7 2,7 91,3 andere 4 2,7 2,7 94,0 §§ 232–241a StGB: Straftaten gegen die persönliche Freiheit (ohne Straßenverkehr) 3 2,0 2,0 96,0 §§ 80–168, 331–357 StGB (ohne § 142 StGB): Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung (ohne Straßenverkehr) und im Amt 3 2,0 2,0 98,0 §§ 257–262 StGB: Begünstigung und Hehlerei 2 1,3 1,3 99,3 Straftaten im Straßenverkehr nach StGB 1 0,7 0,7 100,0 §§ 184–184d StGB: Pornografie 0 0,0 0,0 100,0 §§ 185–200 StGB: Beleidigung 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169–173, 201–206 StGB: Sonstige Straftaten gegen die Person 0 0,0 0,0 100,0 §§ 267–282 StGB: Urkundenfälschung 0 0,0 0,0 100,0 §§ 306–323c StGB (ohne §§ 315b–316a StGB): Gemeingefährliche Straftaten (ohne Straßenverkehr) 0 0,0 0,0 100,0 §§ 324–330d StGB: Straftaten gegen die Umwelt 0 0,0 0,0 100,0 Straftaten im Straßenverkehr nach StVG oder anderen Gesetzen 0 0,0 0,0 100,0 AufenthaltsG/AsylG/FreizügigkeitsG/EU 0 0,0 0,0 100,0 WStG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 150 100,0 100,0   N = 188 n = 150 F = 38 40 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.13: Deliktskategorien/BGH * = ohne Straßenverkehr ** = ohne Pornografie N = 188 n = 150 F = 38 Bei den Oberlandesgerichten überwogen die Betrugs- und Untreuestraftaten (32%), gefolgt von den Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (14%), den Betäubungsmitteldelikten sowie den Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB (jeweils 11%). Tabelle B.11: Deliktskategorien/OLG (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Deliktskategorie Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente §§ 263–266b StGB: Betrug und Untreue 12 32,4 32,4 32,4 §§ 223–231 StGB: Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (ohne Straßenverkehr) 5 13,5 13,5 45,9 BtMG 4 10,8 10,8 56,8 Straftaten im Straßenverkehr nach StGB 4 10,8 10,8 67,6 §§ 242–248c StGB: Diebstahl und Unterschlagung 2 5,4 5,4 73,0 §§ 80–168, 331–357 StGB (ohne § 142 StGB): Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung (ohne Straßenverkehr) und im Amt 2 5,4 5,4 78,4 §§ 174–184j StGB (ohne §§ 184–184d StGB): Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (ohne Pornografie) 1 2,7 2,7 81,1 §§ 232–241a StGB: Straftaten gegen die persönliche Freiheit (ohne Straßenverkehr) 1 2,7 2,7 83,8 §§ 249–255, 316a StGB: Raub, Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 1 2,7 2,7 86,5 41 III. Auswertungsergebnisse Deliktskategorie Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente §§ 283–305a StGB: Sonstige Straftaten gegen das Vermögen 1 2,7 2,7 89,2 §§ 306–323c StGB (ohne §§ 315b–316a StGB): Gemeingefährliche Straftaten (ohne Straßenverkehr) 1 2,7 2,7 91,9 §§ 324–330d StGB: Straftaten gegen die Umwelt 1 2,7 2,7 94,6 StVG 1 2,7 2,7 97,3 andere 1 2,7 2,7 100,0 AO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 211–222 StGB: Straftaten gegen das Leben (ohne Straßenverkehr) 0 0,0 0,0 100,0 §§ 257–262 StGB: Begünstigung und Hehlerei 0 0,0 0,0 100,0 §§ 184–184d StGB: Pornografie 0 0,0 0,0 100,0 §§ 185–200 StGB: Beleidigung 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169–173, 201–206 StGB: Sonstige Straftaten gegen die Person 0 0,0 0,0 100,0 §§ 267–282 StGB: Urkundenfälschung 0 0,0 0,0 100,0 Straftaten im Straßenverkehr nach StVG oder anderen Gesetzen 0 0,0 0,0 100,0 AufenthaltsG/AsylG/FreizügigkeitsG/EU 0 0,0 0,0 100,0 WStG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 37 100,0 100,0   N = 188 n = 37 F = 151 Abbildung B.14: Deliktskategorien/OLG * = ohne Straßenverkehr ** = ohne Pornografie N = 188 n = 37 F = 151 42 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) 7. Gerügte Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften Untersucht wurde, welche Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften seitens der Revisionsführer gerügt werden. Hierzu wurden zunächst die erhobenen Rügen den gebildeten 10 Kategorien verständigungsbezogener Vorschriften zugeordnet.28 Tabelle B.12: Gerügte Verstöße (kategorisiert) Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente Verständigungsgegenstand 14 4,7 4,7 4,7 Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses 16 5,4 5,4 10,1 Verstöße im Bereich des Verfahrens 14 4,7 4,7 14,8 Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung 8 2,7 2,7 17,5 Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren 48 16,3 16,3 33,8 Transparenz- und Dokumentationspflichten 179 60,7 60,7 94,5 Ausschluss des Rechtsmittelverzichts 5 1,7 1,7 96,2 Erörterung des Verfahrensstandes 0 0,0 0,0 96,2 Richterliche Befangenheit 5 1,7 1,7 97,9 Sonstige informelle Absprache29 6 2,0 2,0 100,0 Gesamt 295 100,0 100,0   N = 295 n = 295 F = 0 Die Revisionsführer rügten weit überwiegend eine Verletzung der Transparenz- und Dokumentationspflichten.30 Von den 295 Rügen entfallen 61% auf diese Kategorie. Mit deutlichem Abstand folgen mit 16% die Rügen wegen einer Verletzung des Grundsatzes der Waffengleichheit und Sicherung eines fairen Verfahrens.31 Keine Rüge wurde wegen der Verletzung der Vorschriften über die Erörterung des Verfahrensstandes32 erhoben. 28 Vgl. zur Kategorisierung der verständigungsbezogenen Vorschriften B. II und Anhang Tabelle B.39. 29 In den Fällen, in denen die Revisionsführer unspezifisch eine „informelle Absprache“ ohne Nennung eines konkreten Verfahrensverstoßes rügten, wurde(n) bei der Auswertung die Vorschrift(en) berücksichtigt und dementsprechend kategorisiert, auf die sich das Revisionsgericht im Rahmen der Begründung bezog. Sofern das Revisionsgericht im Rahmen der Gründe keine Präzisierung vornahm, wurde die Rüge als solche gegen § 257c StPO bzw. in der Kategorie „Sonstige informelle Absprache“ erfasst. 30 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 31 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 32 Umfasst § 160b S. 1 StPO, § 202a S. 1 StPO, § 212 i.V.m. § 202a S. 1 StPO und § 257b StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 43 III. Auswertungsergebnisse Die differenzierte Darstellung der gerügten Verstöße bezogen auf die einzelnen verständigungsbezogenen Vorschriften lässt folgende Verteilung erkennen: Tabelle B.13: Gerügte Verstöße (differenziert) (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente § 243 Abs. 4 StPO 129 43,7 43,7 43,7 § 273 Abs. 1a StPO 48 16,3 16,3 60,0 § 257c Abs. 5 StPO 37 12,5 12,5 72,5 § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO 9 3,1 3,1 75,6 § 257c Abs. 2 S. 1 StPO 8 2,7 2,7 78,3 § 257c i.V.m. § 56b StGB 7 2,4 2,4 80,7 § 261 StPO / § 267 StPO 6 2,0 2,0 82,7 § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 5 1,7 1,7 84,4 § 257c Abs. 3 S. 2 StPO 5 1,7 1,7 86,1 § 257c Abs. 3 S. 4 StPO 5 1,7 1,7 87,8 § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 5 1,7 1,7 89,5 § 46 StGB 5 1,7 1,7 91,2 §§ 24 ff. StPO 5 1,7 1,7 92,9 § 257c StPO 4 1,4 1,4 94,2 § 257c Abs. 4 S. 1 StPO 4 1,4 1,4 95,6 § 136a StPO / Art. 6 EMRK 3 1,0 1,0 96,6 § 257c Abs. 4 S. 3 StPO 3 1,0 1,0 97,6 § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 2 0,7 0,7 98,3 § 257c Abs. 3 S. 1 StPO 1 0,3 0,3 98,6 § 258 Abs. 2 StPO 1 0,3 0,3 99,0 § 267 Abs. 3 S. 5 StPO 1 0,3 0,3 99,3 § 35a S. 3 StPO 1 0,3 0,3 99,7 §§ 169 ff. GVG 1 0,3 0,3 100,0 Gesamt 295 100,0 100,0   N = 295 n = 295 F = 0 Konkret auf die Norm bezogen zeigt die Auswertung, dass die Revisionsführer von den 295 erhobenen Rügen mit 129 Rügen (44%) überwiegend einen Verstoß gegen die Mitteilungspflicht nach § 243 Abs. 4 S. 1 und S. 2 StPO geltend machten. In Bezug auf die Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 1–3 StPO konnten 48 Rügen (16%) gezählt werden. Ein Verstoß gegen die Belehrungspflicht nach § 257c Abs. 5 StPO wurde in 37 Fällen (13%) geltend gemacht. 44 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) 8. Prüfung der Darlegungsanforderungen (§ 344 Abs. 2 S. 2 StPO) durch die Revisionsgerichte bei Verfahrensrügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften Untersucht wurde, inwieweit die Revisionsgerichte die Überprüfung der gerügten Verstöße durch die Revisionsführer ermöglichen oder durch zu hohe Darlegungsanforderungen erschweren. Hierzu wurde die Anzahl der Verfahrensrügen ermittelt, in denen die Revisionsgerichte die Frage der Erfüllung der formellen Voraussetzungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO bejaht, verneint oder offengelassen hatten. a) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Von den 271 Verfahrensrügen bejahten die Revisionsgerichte in 65% der Fälle die formellen Voraussetzungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO. Bei 18% der Verfahrensrügen wurden die Darlegungsanforderungen als nicht erfüllt angesehen. Offengelassen haben die Revisionsgerichte die Frage des Vorliegens der Darlegungsanforderungen bei 17% der Verfahrensrügen und zwar in den Fällen, in denen sie einen Gesetzesverstoß verneinten und/oder die Ursächlichkeit des Verfahrensverstoßes für die erstinstanzliche Entscheidung verneinten oder die Entscheidung über die erhobene Verfahrensrüge aufgrund des Eingreifens einer anderweitigen Rüge für obsolet erachteten. Abbildung B.15: Beurteilung der Darlegungsanforderungen gemäß § 344 Abs. 2 S. 2 StPO/BGH und OLG N = 295 n = 271 F = 24 45 III. Auswertungsergebnisse b) Einzelbetrachtung Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte Die Einzelbetrachtung der Revisionsrechtsprechungspraxis des Bundesgerichtshofs und der Oberlandesgerichte zeigt im Hinblick auf die Beurteilung der Darlegungsanforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO folgendes Bild: Abbildung B.16: Beurteilung der Darlegungsanforderungen gemäß § 344 Abs. 2 S. 2 StPO/BGH N = 295 n = 216 F = 79 Abbildung B.17: Beurteilung der Darlegungsanforderungen gemäß § 344 Abs. 2 S. 2 StPO/OLG N = 295 n = 55 F = 240 Der Anteil der Verfahrensrügen, bei denen die Revisionsgerichte die Darlegungsanforderungen als gegeben erachteten, liegt beim Bundesgerichtshof bei 60% und bei den Oberlandesgerichten bei 84%. Allerdings ist dieser Vergleich aufgrund der begrenzten Anzahl untersuchter oberlandesgerichtlicher Entscheidungen nur bedingt aussagekräftig, so dass hieraus keine – gar verständigungsspezifische – Handhabung abgelesen werden kann. 46 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) c) Senatsspezifische Betrachtung des Bundesgerichtshofs Die Betrachtung der Revisionsrechtsprechung der einzelnen Strafsenate des Bundesgerichtshofs zeigt, dass der Anteil der Verfahrensrügen, bei denen die Darlegungsanforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO als nicht erfüllt angesehen worden waren, bei allen Senaten annähernd gleich hoch war (zwischen 19% und 26%). Tabelle B.14: Beurteilung der Darlegungsanforderungen gemäß § 344 Abs. 2 S. 2 StPO/ BGH-Strafsenate Strafsenate des BGH33 Darlegungsanforderungen (§ 344 Abs. 2 S. 2 StPO)   1 2 3 4 5 Gesamt bejaht Anzahl 46 18 17 11 34 126 Prozent 58,2% 62,1% 60,7% 50,0% 61,8% 59,2% verneint Anzahl 15 6 6 5 14 46 Prozent 19,0% 20,7% 21,4% 22,7% 25,5% 21,6% offengelassen Anzahl 18 5 5 6 7 41 Prozent 22,8% 17,2% 17,9% 27,3% 12,7% 19,2% Gesamt Anzahl 79 29 28 22 55 213 Prozent 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 213 F = 82 9. Revisionsgerichtlich festgestellte Gesetzesverstöße bei Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug Ein Schwerpunkt der rechtswissenschaftlichen Analyse lag auf der Bestimmung der revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften. a) Anzahl festgestellter Verstöße Zunächst wurde die Anzahl der Rügen, bei denen die Revisionsgerichte einen Verstoß gegen eine verständigungsbezogene Vorschrift bejaht hatten, 33 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurden die gegenüber dem Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen erhobenen Rügen nicht einbezogen. 47 III. Auswertungsergebnisse ermittelt und den Rügen, bei denen ein Verstoß verneint oder offengelassen wurde, gegenübergestellt.34 Abbildung B.18: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß/BGH und OLG N = 295 n = 295 F = 0 Der Anteil der seitens der Revisionsgerichte (Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte gesamt) bejahten und verneinten Verstöße liegt annähernd gleich hoch. Von den 295 erhobenen Rügen stellten die Revisionsgerichte 133 Verstöße (45%) fest. Bei 114 Rügen verneinten sie einen Gesetzesverstoß (39%), bei 48 Rügen ließen sie die Frage des Vorliegens eines Gesetzesverstoßes offen (16%). Die Einzelbetrachtung der Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen bejahten und verneinten Verstößen. Von den 233 vom Bundesgerichtshof entschiedenen Rügen wurde bei 93 Rügen (40%) ein Verstoß gegen eine verständigungsbezogene Vorschrift bejaht und bei 95 Rügen (41%) ein solcher verneint (offengelassen: 45 = 19%). Demgegenüber überwog bei den Oberlandesgerichten die Anzahl der bejahten Verstöße. Von 62 Rügen bejahten die Oberlandesgerichte in 40 Fällen einen Gesetzesverstoß (64%), in 19 Fällen (31%) verneinten sie einen solchen (offengelassen: 3 = 5%). 34 In die Analyse wurden auch diejenigen Verfahrensrügen einbezogen, bei denen die Revisionsgerichte die Erfüllung der Darlegungsanforderungen verneint und damit ihre ablehnende Entscheidung auf Doppelbegründungen gestützt hatten. 48 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.19: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß/Gegenüberstellung BGH und OLG BGH: N = 295 n = 233 F = 62; OLG: N = 295 n = 62 F = 233 Setzt man die Anzahl der von den einzelnen Strafsenaten des Bundesgerichtshofs entschiedenen Rügen in Bezug zur Anzahl der Rügen, bei denen sie einen Verstoß gegen eine verständigungsbezogene Vorschrift bejahten, wird deutlich, dass der 2. Strafsenat mit 65% die höchste und der 1. Strafsenat mit 31% die niedrigste Quote aufwies. Tabelle B.15: Festgestellte Verstöße/BGH-Strafsenate Strafsenat des BGH35 1 2 3 4 5 Gesamt Anzahl der entschiedenen Rügen 83 34 30 23 60 230 davon Anzahl der festgestellten Verstöße 26 22 11 11 23 93 Anteil in % 31,3% 64,7% 36,7% 47,8% 38,3% 40,4% 35 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurden die durch den Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen festgestellten Verstöße nicht einbezogen. 49 III. Auswertungsergebnisse b) Verteilung nach verständigungsbezogenen Vorschriften (1) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Tabelle B.16: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert)/BGH und OLG Gesetzesverstoß Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   bejaht verneint offengelassen36 Gesamt Unzulässiger Verständigungsgegenstand  Anzahl 1 11 2 14 % innerhalb Verstoß 0,8% 9,6% 4,2% 4,7% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses Anzahl 9 6 1 16 % innerhalb Verstoß 6,8% 5,3% 2,1% 5,4% Verstöße im Bereich des Verfahrens Anzahl 7 6 3 16 % innerhalb Verstoß 5,3% 5,3% 6,3% 5,4% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung Anzahl 2 6 0 8 % innerhalb Verstoß 1,5% 5,3% 0,0% 2,7% Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren Anzahl 33 10 3 46 % innerhalb Verstoß 24,8% 8,8% 6,3% 15,6% Transparenz- und Dokumentationspflichten Anzahl 78 63 38 179 % innerhalb Verstoß 58,6% 55,3% 79,2% 60,7% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts Anzahl 2 3 0 5 % innerhalb Verstoß 1,5% 2,6% 0,0% 1,7% Erörterung des Verfahrensstandes37 Anzahl 0 0 0 0 % innerhalb Verstoß 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit Anzahl 0 5 0 5 % innerhalb Verstoß 0,0% 4,4% 0,0% 1,7% Sonstige informelle Absprache Anzahl 1 4 1 6 % innerhalb Verstoß 0,8% 3,5% 2,1% 2,0% Gesamt Anzahl 133 114 48 295 % innerhalb Verstoß 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 295 F = 0 Von den 133 bejahten Verstößen dominieren mit 59% solche gegen die Transparenz- und Dokumentationspflichten38 (78 Verstöße). Dahinter fol- 36 In den Fällen, in denen die Revisionsgerichte die Frage des Vorliegens eines Gesetzesverstoßes nicht entschieden hatten, handelt es sich um solche, in denen sie das Vorliegen eines Verfahrenshindernisses bereits bejaht hatten oder die Darlegungsanforderungen an die Verfahrensrüge bereits verneint hatten und/oder die Frage des Gesetzesverstoßes bewusst offengelassen hatten, da sie jedenfalls das Beruhen der Entscheidung auf dem etwaigen Gesetzesverstoß ausschließen konnten. 37 Bezüglich Vorschriften der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 38 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 50 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) gen mit 25% die Verstöße gegen die Vorschriften zur Gewährleistung des Grundsatzes der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens39 (33 Verstöße). Abbildung B.20: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert)/BGH und OLG N = 295 n = 295 F = 0 Die nachstehende normbezogene Auswertung verdeutlicht, dass von den 133 bejahten Verstößen der überwiegende Anteil auf die Verstöße gegen die Mitteilungspflicht gemäß § 243 Abs. 4 StPO (43%), gegen die Belehrungspflicht gemäß § 257c Abs. 5 StPO (21%) und gegen die Dokumentationspflicht gemäß § 273 Abs. 1a StPO (15%) entfiel. Tabelle B.17: Festgestellte Verstöße (differenziert)/BGH und OLG (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente § 243 Abs. 4 StPO 57 42,9 42,9 42,9 § 257c Abs. 5 StPO 28 21,1 21,1 63,9 § 273 Abs. 1a StPO 20 15,0 15,0 78,9 § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO 5 3,8 3,8 82,7 § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB 5 3,8 3,8 86,5 § 261 StPO / § 267 StPO 4 3,0 3,0 89,5 § 257c Abs. 3 S. 2 StPO 3 2,3 2,3 91,7 § 257c Abs. 3 S. 4 StPO 3 2,3 2,3 94,0 § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 2 1,5 1,5 95,5 § 46 StGB 2 1,5 1,5 97,0 § 257c StPO 1 0,8 0,8 97,7 § 257c Abs. 2 S. 1 StPO 1 0,8 0,8 98,5 § 257c Abs. 3 S. 1 StPO 1 0,8 0,8 99,2 § 267 Abs. 3 S. 5 StPO 1 0,8 0,8 100.0 § 257c Abs. 2 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 39 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 51 III. Auswertungsergebnisse Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 3 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257b StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 258 Abs. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 136a StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 35a S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 24 ff. StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169 ff. GVG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 133 100,0 100,0 N = 295 n = 133 F = 162 Die Revisionsgerichte begründeten die festgestellten Verstöße inhaltlich wie folgt: Tabelle B.18: Inhaltliche Begründungen für die Annahme eines Gesetzesverstoßes/BGH und OLG (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Rechtsfehler Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente Unzureichende Mitteilung verständigungsbezogener Gespräche 31 23,3 23,3 23,3 Unterbliebene Mitteilung verständigungsbezogener Gespräche 21 15,8 15,8 39,1 Unterbliebene Belehrung nach § 257c Abs. 5 StPO 21 15,8 15,8 54,9 Unterbliebene Dokumentation verständigungsbezogener Gespräche 9 6,8 6,8 61,7 Unzureichende Dokumentation verständigungsbezogener Gespräche 8 6,0 6,0 67,7 Verspätete Belehrung nach § 257c Abs. 5 StPO 7 5,3 5,3 72,9 Unterbliebener Hinweis auf konkret in Betracht kommende Bewährungsauflagen 5 3,8 3,8 76,7 Lückenhafte Feststellungen im Urteil nach einer Verständigung 4 3,0 3,0 79,7 52 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Rechtsfehler Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente Unzureichende Würdigung des Geständnisses/Unzureichende Sachverhaltsaufklärung nach Abgabe eines verständigungsbezogenen Geständnisses 4 3,0 3,0 82,7 Fehlende Zustimmung eines Verfahrensbeteiligten zum Verständigungsvorschlag 3 2,3 2,3 85,0 Unterbliebene Negativmitteilung 3 2,3 2,3 87,2 Punktstrafe 3 2,3 2,3 89,5 Rechtsmittelverzicht nach Verständigung 2 1,5 1,5 91,0 Unterbliebenes Negativattest 2 1,5 1,5 92,5 Informelle Absprache 1 0,8 0,8 93,2 Kein Hinweis auf abgeschlossene Verständigung im Urteil 1 0,8 0,8 94,0 Unterbliebene Berücksichtigung eines verständigungsbasierten Geständnisses in der Erstinstanz bei der Strafzumessung im Rahmen eines Berufungsurteils 1 0,8 0,8 94,7 Unterbliebene Mitteilung des Verständigungsvorschlags 1 0,8 0,8 95,5 Unzulässiger Verständigungsgegenstand 1 0,8 0,8 96,2 Unzutreffende Negativmitteilung 1 0,8 0,8 97,0 Unzutreffendes Negativattest 1 0,8 0,8 97,7 Verspätete Mitteilung verständigungsbezogener Gespräche 1 0,8 0,8 98,5 Würdigung einer mit einem Belastungszeugen getroffenen Verständigung zu Lasten des Angeklagten 1 0,8 0,8 99,2 Zu Unrecht angenommene Bindung an eine nicht zustande gekommene Verständigung 1 0,8 0,8 100,0 Gesamt 133 100,0 100,0 N = 295 n = 133 F = 162 (2) Bundesgerichtshof Bei Einzelbetrachtung des Bundesgerichtshofs überwiegen die Verstöße gegen die Transparenz- und Dokumentationspflichten.40 Von den insgesamt 93 durch den Bundesgerichtshof festgestellten Verstößen entfallen 60% auf diese Kategorie. Dahinter folgen mit 26% die Verstöße gegen die Vorschriften betreffend den Grundsatz der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens.41 40 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 41 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 53 III. Auswertungsergebnisse Tabelle B.19: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert)/BGH Gesetzesverstoß Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   bejaht verneint offengelassen Gesamt Unzulässiger Verständigungsgegenstand  Anzahl 0 7 2 9 % innerhalb Verstoß 0,0% 7,4% 4,4% 3,9% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses Anzahl 7 6 1 14 % innerhalb Verstoß 7,5% 6,3% 2,2% 6,0% Verstöße im Bereich des Verfahrens Anzahl 4 6 3 13 % innerhalb Verstoß 4,3% 6,3% 6,7% 5,6% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung Anzahl 1 4 0 5 % innerhalb Verstoß 1,1% 4,2% 0,0% 2,1% Grundsatz der Waffengleichheit/ Faires Verfahren Anzahl 24 9 3 36 % innerhalb Verstoß 25,8% 9,5% 6,7% 15,5% Transparenz- und Dokumentationspflichten Anzahl 56 57 35 148 % innerhalb Verstoß 60,2% 60,0% 77,8% 63,5% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts Anzahl 1 1 0 2 % innerhalb Verstoß 1,1% 1,1% 0,0% 0,9% Erörterung des Verfahrensstandes42 Anzahl 0 0 0 0 % innerhalb Verstoß 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit Anzahl 0 2 0 2 % innerhalb Verstoß 0,0% 2,1% 0,0% 0,9% Sonstige informelle Absprache Anzahl 0 3 1 4 % innerhalb Verstoß 0,0% 3,2% 2,2% 1,7% Gesamt Anzahl 93 95 45 233 % innerhalb Verstoß 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 233 F = 62 Die konkrete Betrachtung der Kategorien zeigt, dass der Bundesgerichtshof bezogen auf die Kategorie „Transparenz- und Dokumentationspflichten“ überwiegend Verstöße gegen § 243 Abs. 4 StPO (48%) und § 273 Abs. 1a StPO (12%) feststellte. Bezogen auf die Kategorie „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“ wurden mehrheitlich Verstöße gegen § 257c Abs. 5 StPO (23%) bejaht. 42 Bezüglich der Vorschriften aus der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 54 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Tabelle B.20: Festgestellte Verstöße (differenziert)/BGH (Aufzählung nach absteigender Häufigkeit) Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente § 243 Abs. 4 StPO 45 48,4 48,4 48,4 § 257c Abs. 5 StPO 21 22,6 22,6 71,0 § 273 Abs. 1a StPO 11 11,8 11,8 82,8 § 261 StPO / § 267 StPO 4 4,3 4,3 87,1 § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO 3 3,2 3,2 90,3 § 257c i.V.m. § 56b StGB 3 3,2 3,2 93,5 § 257c Abs. 3 S. 4 StPO 2 2,2 2,2 95,7 § 257c Abs. 3 S. 1 StPO 1 1,1 1,1 96,8 § 257c Abs. 3 S. 2 StPO 1 1,1 1,1 97,8 § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 1 1,1 1,1 98,9 § 46 StGB 1 1,1 1,1 100,0 § 257c Abs. 1 S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 2 S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 2 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 3 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257b StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 3 S. 5 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 258 Abs. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 136a StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 35a S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 24 ff. StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169 ff. GVG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 93 100,0 100,0 N = 295 n = 93 F = 202 (3) Oberlandesgerichte Die Oberlandesgerichte stellten ebenfalls überwiegend Verstöße gegen die Transparenz- und Dokumentationsvorschriften und gegen die Vorschriften betreffend den Grundsatz der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens 55 III. Auswertungsergebnisse fest. Von den 40 von den Oberlandesgerichten festgestellten Verstößen entfallen 22 auf die Kategorie „Transparenz- und Dokumentationspflichten“ und 9 auf die Kategorie „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“. Tabelle B.21: Einordnung der erhobenen Rügen als Gesetzesverstoß nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert)/OLG Gesetzesverstoß Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   bejaht verneint offengelassen Gesamt Unzulässiger Verständigungsgegenstand  Anzahl 1 4 0 5 % innerhalb Verstoß 2,5% 21,1% 0,0% 8,1% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses Anzahl 2 0 0 2 % innerhalb Verstoß 5,0% 0,0% 0,0% 3,2% Verstöße im Bereich des Verfahrens Anzahl 3 0 0 3 % innerhalb Verstoß 7,5% 0,0% 0,0% 4,8% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung Anzahl 1 2 0 3 % innerhalb Verstoß 2,5% 10,5% 0,0% 4,8% Grundsatz der Waffengleichheit/ Faires Verfahren Anzahl 9 1 0 10 % innerhalb Verstoß 22,5% 5,3% 0,0% 16,1% Transparenz- und Dokumentationspflichten Anzahl 22 6 3 31 % innerhalb Verstoß 55,0% 31,6% 100,0% 50,0% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts Anzahl 1 2 0 3 % innerhalb Verstoß 2,5% 10,5% 0,0% 4,8% Erörterung des Verfahrensstandes43 Anzahl 0 0 0 0 % innerhalb Verstoß 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit Anzahl 0 3 0 3 % innerhalb v. Verstoß 0,0% 15,8% 0,0% 4,8% Sonstige informelle Absprache Anzahl 1 1 0 2 % innerhalb Verstoß 2,5% 5,3% 0,0% 3,2% Gesamt Anzahl 40 19 3 62 % innerhalb Verstoß 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 62 F = 233 Die normbezogene Betrachtung verdeutlicht, dass die Oberlandesgerichte überwiegend Verstöße gegen § 243 Abs. 4 StPO, § 273 Abs. 1a StPO und § 257c Abs. 5 StPO feststellten. 43 Bezüglich Vorschriften der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 56 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Tabelle B.22: Festgestellte Verstöße (differenziert)/OLG Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente § 243 Abs. 4 StPO 12 30,0 30,0 30,0 § 273 Abs. 1a StPO 9 22,5 22,5 52,5 § 257c Abs. 5 StPO 7 17,5 17,5 70,0 § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO 2 5,0 5,0 75,0 § 257c Abs. 3 S. 2 StPO 2 5,0 5,0 80,0 § 257c i.V.m. § 56b StGB 2 5,0 5,0 85,0 § 257c StPO 1 2,5 2,5 87,5 § 257c Abs. 2 S. 1 StPO 1 2,5 2,5 90,0 § 257c Abs. 3 S. 4 StPO 1 2,5 2,5 92,5 § 267 Abs. 3 S. 5 StPO 1 2,5 2,5 95,0 § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 1 2,5 2,5 97,5 § 46 StGB 1 2,5 2,5 100,0 § 257c Abs. 2 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 3 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 160b S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 1 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 212 i.V.m. § 202a S. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 257b StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 258 Abs. 2 StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 136a StPO 0 0,0 0,0 100,0 § 35a S. 3 StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 24 ff. StPO 0 0,0 0,0 100,0 §§ 169 ff. GVG 0 0,0 0,0 100,0 Gesamt 40 100,0 100,0 100,0 N = 295 n = 40 F = 255 c) Anzahl festgestellter Verstöße im zeitlichen Verlauf Es wurde ferner untersucht, wie sich die Anzahl der revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße innerhalb des Referenzzeitraums entwickelte. Die Häufigkeitsverteilung wurde sowohl pro Jahr als auch pro Quartal bestimmt. 57 III. Auswertungsergebnisse (1) Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte (gesamt) Abbildung B.21: Festgestellte Verstöße pro Jahr/BGH und OLG N = 295 n = 133 F = 162; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Die Jahresbetrachtung lässt einen Anstieg der revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße im Zeitraum 2013 bis 2015 von 18 auf 38 Verstöße sowie einen anschließenden kontinuierlichen Rückgang bis zum Ende des Referenzzeitraums auf 14 Verstöße erkennen. Die nachstehende quartalsweise Darstellung zeigt ein differenziertes Bild. Festzustellen ist, dass nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013 die Anzahl bejahter Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften bis Q1/2015, in dem der Spitzenwert von 13 Verstößen erreicht wurde, anstieg und dieser Zeitraum von sechs Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Verständigung begleitet wurde. Anschlie- ßend entwickelten sich die Zahlen bis zum Ende des Referenzzeitraums tendenziell rückläufig, wobei innerhalb dieses Zeitraums eine weitere Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts mit Verständigungsbezug erging. 58 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.22: Festgestellte Verstöße pro Quartal/BGH und OLG N = 295 n = 133 F = 162; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Bezogen auf die gebildeten Kategorien verständigungsbezogener Vorschriften stellt sich die Häufigkeitsverteilung der festgestellten Verstöße in der Jahresbetrachtung wie folgt dar: Tabelle B.23: Festgestellte Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften (kategorisiert) pro Jahr/BGH und OLG Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt Verständigungsgegenstand  n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 6,3% 0,0% 0,8% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses n 2 3 4 0 0 0 9 % 11,1% 11,1% 10,5% 0,0% 0,0% 0,0% 6,8% Verstöße im Bereich des Verfahrens  n 1 3 1 1 1 0 7 % 5,6% 11,1% 2,6% 5,0% 6,3% 0,0% 5,3% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung  n 0 0 0 0 2 0 2 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 12,5% 0,0% 1,5% Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren n 7 6 5 6 3 6 33 % 38,9% 22,2% 13,2% 30,0% 18,8% 42,9% 24,8% 59 III. Auswertungsergebnisse Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt Transparenz- und Dokumentationspflichten  n 7 15 28 13 7 8 78 % 38,9% 55,6% 73,7% 65,0% 43,8% 57,1% 58,6% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts  n 1 0 0 0 1 0 2 % 5,6% 0,0% 0,0% 0,0% 6,3% 0,0% 1,5% Erörterung des Verfahrensstandes44  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Sonstige informelle Absprache n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 6,3% 0,0% 0,8% Gesamt n 18 27 38 20 16 14 133 % 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 133 F = 162; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Der Zeitreihenvergleich der beiden Kategorien mit den meisten Verstö- ßen – „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“45 und „Transparenz- und Dokumentationspflichten“46 – zeigt eine stetige Zunahme der revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße gegen die Transparenz- und Dokumentationsvorschriften von sieben Verstößen im Jahr 2013 auf 28 Verstöße im Jahr 2015. Anschließend entwickelten sich die Zahlen rückläufig bis auf zuletzt acht Verstöße im Jahr 2018. In der Kategorie „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“ blieb die Anzahl festgestellter Verstöße im gesamten Prüfungszeitraum relativ konstant. 44 Bezüglich Vorschriften der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 45 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 46 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 60 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.23: Festgestellte Verstöße gg. Vorschriften der Kategorien „Transparenz- und Dokumentationspflichten“ u. „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“ (pro Jahr)/BGH und OLG N = 295 n = 111 F = 184; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Bezüglich der Vorschriften § 243 Abs. 4 StPO, § 257c Abs. 5 StPO und § 273 Abs. 1a StPO, auf die bei normbezogener Betrachtung die meisten revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße entfallen,47 stellt sich der Zeitreihenvergleich wie folgt dar: Tabelle B.24: Festgestellte Verstöße gegen §§ 243 Abs. 4, 257c Abs. 5, 273 Abs. 1a StPO pro Jahr/BGH und OLG Verständigungsbezogene Vorschriften (differenziert) 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt § 243 Abs. 4 StPO 4 12 18 11 5 7 57 § 257c Abs. 5 StPO 7 5 3 5 3 5 28 § 273 Abs. 1a StPO 3 3 9 2 2 1 20 Gesamt 14 20 30 18 10 13 105 N = 295 n = 105 F = 190; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 47 Vgl. Tabelle B.17. 61 III. Auswertungsergebnisse Die Anzahl der revisionsgerichtlich festgestellten Verstöße gegen § 243 Abs. 4 StPO stieg von vier Verstößen im Jahr 2013 auf 18 im Jahr 2015 und entwickelte sich sodann rückläufig bis auf zuletzt sieben Verstöße im Jahr 2018. Im Hinblick auf § 273 Abs. 1a StPO blieb die Anzahl der festgestellten Verstöße zwischen 2013 und 2018 – mit Ausnahme des Jahres 2015 mit einem Spitzenwert von neun Verstößen – relativ konstant bei Werten zwischen eins und drei. Bezüglich der Belehrungspflicht nach § 257c Abs. 5 StPO lassen sich keine bemerkenswerten Schwankungen feststellen. Abbildung B.24: Festgestellte Verstöße gegen §§ 243 Abs. 4, 257c Abs. 5, 273 Abs. 1a StPO pro Jahr/BGH und OLG N = 295 n = 105 F = 190; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 (2) Bundesgerichtshof Die separate Betrachtung des Bundesgerichtshofs zeigt einen Anstieg der festgestellten Verstöße im Zeitraum 2013 bis 2015 von 14 auf 28 Verstöße und einen anschließenden Rückgang, wobei der Tiefstwert mit 7 festgestellten Verstößen im Jahr 2017 lag. 62 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.25: Festgestellte Verstöße pro Jahr/BGH N = 295 n = 93 F = 202; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Nachstehende Tabelle zeigt die Anzahl festgestellter Verstöße pro Jahr bezogen auf die Kategorien verständigungsbezogener Vorschriften: Tabelle B.25: Festgestellte Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften (kategorisiert) pro Jahr/BGH Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt Verständigungsgegenstand  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problem des Geständnisses n 2 3 2 0 0 0 7 % 14,3% 15,8% 7,1% 0,0% 0,0% 0,0% 7,5% Verstöße im Bereich des Verfahrens  n 0 2 1 1 0 0 4 % 0,0% 10,5% 3,6% 7,1% 0,0% 0,0% 4,3% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung  n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 14,3% 0,0% 1,1% Waffengleichheit/Faires Verfahren n 4 5 2 5 2 6 24 % 28,6% 26,3% 7,1% 35,7% 28,6% 54,5% 25,8% Transparenz- und Dokumentationspflichten n 7 9 23 8 4 5 56 % 50,0% 47,4% 82,1% 57,1% 57,1% 45,5% 60,2% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts  n 1 0 0 0 0 0 1 % 7,1% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 1,1% Erörterung des Verfahrensstandes48  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 48 Bezüglich Vorschriften der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 63 III. Auswertungsergebnisse Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt Sonstige informelle Absprache n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Gesamt n 14 19 28 14 7 11 93 % 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 93 F = 202; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Die Betrachtung der beiden Kategorien „Transparenz- und Dokumentationspflichten“49 und „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“50, bezüglich derer der Bundesgerichtshof die meisten Verstöße feststellte, zeigt bezogen auf die Transparenz- und Dokumentationspflichten einen Anstieg der festgestellten Verstöße im Zeitraum 2013 bis 2015 von sieben auf 23 Verstöße und einen sich anschließenden Rückgang bis auf zuletzt fünf Verstöße im Jahr 2018. Demgegenüber blieb die Anzahl festgestellter Verstöße bezüglich der Vorschriften zur Gewährleistung des Grundsatzes der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens im Referenzzeitraum mit Werten zwischen zwei und sechs relativ konstant. Abbildung B.26: Festgestellte Verstöße gg. Vorschriften der Kategorien „Transparenz- und Dokumentationspflichten“ und „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“ pro Jahr/BGH N = 295 n = 80 F = 215; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 49 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 50 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 64 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) (3) Oberlandesgerichte Obgleich der geringen Anzahl der von den Oberlandesgerichten festgestellten Verstöße wird der Vollständigkeit halber deren Entwicklung in zeitlicher Hinsicht in knapper Form dargestellt. Tabelle B.26: Festgestellte Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften (kategorisiert) pro Jahr/OLG Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert)   2013 2014 2015 2016 2017 2018 Gesamt Verständigungsgegenstand  n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 11,1% 0,0% 2,5% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses n 0 0 2 0 0 0 2 % 0,0% 0,0% 20,0% 0,0% 0,0% 0,0% 5,0% Verstöße im Bereich des Verfahrens  n 1 1 0 0 1 0 3 % 25,0% 12,5% 0,0% 0,0% 11,1% 0,0% 7,5% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung  n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 11,1% 0,0% 2,5% Waffengleichheit/Faires Verfahren n 3 1 3 1 1 0 9 % 75,0% 12,5% 30,0% 16,7% 11,1% 0,0% 22,5% Transparenz- und Dokumentationspflichten  n 0 6 5 5 3 3 22 % 0,0% 75,0% 50,0% 83,3% 33,3% 100,0% 55,0% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 11,1% 0,0% 2,5% Erörterung des Verfahrensstandes51  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Richterliche Befangenheit  n 0 0 0 0 0 0 0 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Sonstige informelle Absprache  n 0 0 0 0 1 0 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 11,1% 0,0% 2,5% Gesamt n 4 8 10 6 9 3 40 % 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% 100,0% N = 295 n = 40 F = 255; Anmerkung: Untersuchungsbeginn 19.3.2013 Auch bei den Oberlandesgerichten liegt der Höchstwert festgestellter Verstöße im Jahr 2015 (hier: zehn Verstöße). 51 Bezüglich Vorschriften der Kategorie „Erörterung des Verfahrensstandes“ wurde keine Rüge erhoben. 65 III. Auswertungsergebnisse 10. Der revisionsgerichtliche Umgang mit der Beruhensfrage bei Verfahrensrügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften Untersucht wurde, wie die Revisionsgerichte auf festgestellte Verstöße im Rahmen der Beruhensfrage reagieren und ob Tendenzen dahingehend erkennbar sind, dass sie die Frage eines Verfahrensverstoßes bewusst nicht entscheiden, indem sie auf die „jedenfalls“ fehlende Ursächlichkeit des gerügten Verfahrensverstoßes für die Ausgangsentscheidung hinweisen. Da die Beruhensfrage allein bei Verfahrensrügen Prüfungsrelevanz erlangt, wurden die Entscheidungen nach der Merkmalsausprägung „Verfahrensrüge“ gefiltert. Eingang in die Bewertung fanden nur die Verfahrensrügen, bei denen die Revisionsgerichte die Frage des Vorliegens der Voraussetzungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO bejaht oder offengelassen hatten. Die Gegenüberstellung der Merkmalsausprägungen „Gesetzesverstoß“ und „Beruhensfrage“ zeigt folgendes Bild: Tabelle B.27: Gegenüberstellung Gesetzesverstoß/Beruhen (BGH und OLG) Gesetzesverstoß Beruhen Gesamt bejaht verneint bejaht Anzahl 102 18 120   % innerhalb Gesetzesverstoß 85,0% 15,0% 100,0%   % der Gesamtzahl 45,9% 8,1% 54,1% verneint Anzahl 0 88 88   % innerhalb Gesetzesverstoß 0,0% 100,0% 100,0%   % der Gesamtzahl 0,0% 39,6% 39,6% offengelassen Anzahl 0 14 14   % innerhalb Gesetzesverstoß 0,0% 100,0% 100,0%   % der Gesamtzahl 0,0% 6,3% 6,3% Gesamt Anzahl 102 120 222   % innerhalb Gesetzesverstoß 45,9% 54,1% 100,0%   % der Gesamtzahl 45,9% 54,1% 100,0% N = 295 n = 222 F = 73 Von den 222 untersuchten Verfahrensrügen bejahten die Revisionsgerichte in 102 Fällen sowohl einen Gesetzesverstoß als auch die Beruhensfrage (85% der Verfahrensrügen, bei denen ein Gesetzesverstoß bejaht wurde). Bei 18 Verfahrensrügen bejahten sie einen Gesetzesverstoß, verneinten jedoch die Beruhensfrage (15% der Verfahrensrügen, bei denen ein Gesetzesverstoß bejaht wurde). Bei 14 Verfahrensrügen ließen die Revisionsgerichte die Frage eines möglichen Verfahrensverstoßes offen und verneinten die Beruhensfrage unter Hinweis auf die fehlende Ursächlichkeit des etwaigen 66 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Verfahrensverstoßes für das Urteil des Instanzgerichts (6% aller in die Auswertung einbezogenen Verfahrensrügen). Die separate Betrachtung der Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs verdeutlicht, dass in Bezug zur jeweiligen Gesamtanzahl entschiedener Verfahrensrügen52 überwiegend von Seiten des 5. Strafsenats ein Gesetzesverstoß bejaht, die Beruhensfrage jedoch verneint worden war (15%). Der 4. Strafsenat erließ hingegen keine Entscheidung, bei der diese Fallkonstellation vorlag. Tabelle B.28: Anzahl Verfahrensrügen (Verstoß bejaht/Beruhen verneint)/BGH-Strafsenate Strafsenat BGH53 1 2 3 4 5 Gesamt Anzahl Verfahrensrügen (Darlegungsanforderungen bejaht od. offengelassen) 64 23 22 17 41 167 davon Anzahl Verfahrensrügen, bei denen Verstoß bejaht u. Beruhensfrage verneint wurde 3 2 2 0 6 13 Prozent 4,7% 8,7% 9,1% 0% 14,6% 7,8% Bezogen auf die Oberlandesgerichte konnten 52 Verfahrensrügen gezählt werden, bei denen die Gerichte die Frage der Erfüllung der Darlegungsvoraussetzungen bejaht oder offengelassen hatten. Hiervon bejahten sie bei fünf Verfahrensrügen einen Gesetzesverstoß, verneinten jedoch die Beruhensfrage. Eine Tendenz der Revisionsrechtsprechung dahingehend, die Aufhebung des Urteils durch eine Verneinung der Beruhensfrage zu verhindern, zeigen die vorliegenden Auswertungen nicht. 11. Die Erfolgsquote von Rügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften Abschließend wurde die Erfolgsquote der Rügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften bestimmt. Als Erfolg wurde definiert – bei einer Sachrüge oder einer die Prozessvoraussetzungen betreffenden Rüge, wenn das Revisionsgericht den gerügten Verstoß als gegeben erachtet hatte, 52 Verfahrensrügen, bei denen die Frage der Erfüllung der Darlegungsanforderungen gemäß § 344 Abs. 2 S. 2 StPO bejaht oder offengelassen wurde. 53 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurden die durch den Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen entschiedenen Rügen nicht einbezogen. 67 III. Auswertungsergebnisse – bei einer Verfahrensrüge, wenn das Revisionsgericht sowohl die Darlegungsvoraussetzungen, den Gesetzesverstoß als auch die Beruhensfrage bejaht hatte. a) Die Erfolgsquote in der Gesamtbetrachtung Abbildung B.27: Erfolgsquote von Rügen wegen Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften Anmerkung: Untersucht wurden 271 Verfahrensrügen, 17 Sachrügen und 7 Rügen, die ausschließlich im Rahmen der Prozessvoraussetzungen geprüft wurden. Grau unterlegt sind die Rügen, die auf der jeweiligen Prüfungsstufe aufgrund Misserfolgs ausschieden. Die Prozentuierungen beziehen sich auf die Gesamtmenge der Verfahrens- bzw. Sachrügen der jeweiligen Prüfungsstufe. Von den 295 untersuchten Rügen waren 102 Verfahrensrügen, elf Sachrügen sowie zwei Rügen, die ausschließlich im Rahmen der Prozessvoraussetzungen prüfungsrelevant waren, erfolgreich. Dies entspricht einer Erfolgsquote von 39%. Allein bezogen auf die Verfahrensrügen liegt die Erfolgsquote bei 38% (102 erfolgreiche von 271 erhobenen Rügen). 68 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Zum Vergleich: Barton ermittelte im Rahmen seiner Untersuchung zu Revisionsverfahren beim Bundesgerichtshof für die Jahre 1981 bis 1996 anhand der Zählkartenstatistik eine Aufhebungsquote von 14,9%.54 Tabelle B.29: Erfolgsquote von Revisionen beim BGH im Zeitraum 1981–1996 (inkl. Rücknahmen) nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 53 f. BGH-Entscheidungen Anzahl Prozent Verwerfung 55.088 82,5% Aufhebung 9.968 14,9% Rücknahme 1.691 2,5% Gesamt 66.747 100,0% Bei Nichtberücksichtigung der Rücknahmen ergab sich eine Aufhebungsquote von 15,3% (bei zugleich steigender Verwerfungsquote). Tabelle B.30: Erfolgsquote von Revisionen beim BGH (ohne Rücknahmen) im Zeitraum 1981–1996 nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 53 f. BGH-Entscheidungen Anzahl Prozent Verwerfung 55.088 84,7% Aufhebung 9.968 15,3% Gesamt 65.056 100,0% Die in der Studie Bartons durchgeführte Stichprobe von Revisionen beim 2., 3. und 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs für das Jahr 1994 (Aktenanalyse) ergab eine Aufhebungsquote von 17%55 (unter Einbeziehung aller erhobener Revisionen) bzw. 20% (bei Ausschluss der Rücknahmen).56 Darüber hinaus ermittelte Barton für Angeklagten- und staatsanwaltschaftliche Revisionen die Erfolgs- und Trefferquote. Dabei wertete er als Treffer jede Urteilsaufhebung, sofern diese gerade auf die entsprechende Rüge des Revisionsführers gestützt wurde.57 Als Erfolg stufte Barton hingegen alle Aufhebungen ein, sofern die entsprechende Rüge in der Revisionsbegründungsschrift enthalten war, unabhängig von der Frage, ob die Urteilsaufhebung gerade auf dieser Rüge beruhte.58 Zu Vergleichszwecken wird an dieser Stelle auf die von Barton ermittelte Treffer- und Erfolgsquote von relativen Verfahrensrügen verwiesen, 54 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 53 f. 55 Gerundeter Wert; so auch im Folgenden die dargestellten Ergebnisse der Studien Bartons und Berenbrinks. 56 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 54. 57 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 141. 58 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 141. 69 III. Auswertungsergebnisse da diese in der hier vorliegenden Untersuchung mit knapp 92% den weit überwiegenden Anteil untersuchter Rügen ausmachen. Nach Bartons Untersuchung lag die Trefferquote von relativen Verfahrensrügen bei Angeklagtenrevisionen bei 3%59 und bei staatsanwaltschaftlichen Revisionen bei 13%60. Die Erfolgsquote von relativen Verfahrensrügen belief sich bei Angeklagtenrevisionen auf 18%61 und bei staatsanwaltschaftlichen Revisionen auf 51%62. Nach der Anschlussuntersuchung von Barton und Berenbrink zur Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs für das Jahr 2005,63 stellten von insgesamt 3637 durch den Bundesgerichtshof erledigten Revisionen 3332 glatte Misserfolge64 dar (92%).65 Einen vollen Erfolg66 konnten die Revisionsführer bei 154 Revisionen (4%)67 und einen teilweisen Erfolg68 bei 151 Revisionen (4%)69 erreichen. Die Erfolgsquote lag damit im Jahr 2005 bei 8%. Die Analyse von Barton und Berenbrink zeigte ferner, dass den insgesamt 305 erfolgreichen Revisionen (volle Erfolge und Teilerfolge) ganz überwiegend Urteilsaufhebungen infolge der Verletzung sachlichen Rechts zugrunde lagen. Nur 38 Verfahrensrügen, d.h. etwa 1% der Verfahrensrügen, führten zum Erfolg.70 59 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 142. 60 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 143. 61 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 150. 62 Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 151. 63 Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 ff., Barton, StRR 11/2014, 404 ff.; Barton in: Jahn/Nack (Hrsg.), Strafprozessrechtspraxis und Rechtswissenschaft – getrennte Welten? 2008, S. 77; Berenbrink GA 2008, 625 ff. 64 Barton/Berenbrink werteten als Misserfolg alle eigenen Sachentscheidungen der Strafsenate des Bundesgerichtshofs, bei denen der Rechtsfolgenausspruch unberührt blieb sowie auf den Rechtsfolgenausspruch begrenzte Aufhebungen und Zurückverweisungen, die im Verhältnis zu den rechtskräftig gewordenen Sanktionen belanglos erschienen; Vgl. Barton, FS Kühne, S. 146; Barton StRR 11/2014, 404 (407). 65 Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 (146); Barton StRR 11/2014, 404 (407). 66 Als volle Erfolge werteten Barton und Berenbrink alle Zurückweisungen oder eigenen Sachentscheidungen, in denen die Strafsenate des Bundesgerichtshofs die erhobene Revision weder ganz noch teilweise zurückgewiesen hatten. Vgl. Barton, FS Kühne, S. 146; Barton StRR 11/2014, 404 (407). 67 Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 (146); Barton StRR 11/2014 (407). 68 Ein erheblicher Teilerfolg wurde von Barton und Berenbrink dann angenommen, wenn das Revisionsziel zwar nicht vollständig erreicht wurde, sich die Rechtsposition des Beschwerdeführers aber bei wertender Betrachtung verbesserte; Vgl. Barton, FS Kühne, 2013, S. 146, Barton StRR 11/2014, 404 (407). 69 Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 (146); Barton StRR 11/2014, 404 (407). 70 Barton in: Jahn/Nack (Hrsg.), Strafprozessrechtspraxis und Rechtswissenschaft – getrennte Welten? 2008, S. 77 (82) und Berenbrink GA 2008, 625 ff. (hier jeweils noch unter Zugrundelegung der seitens des BGH mitgeteilten Gesamtanzahl von 3173 Revisionen für das Jahr 2005; in den späteren Veröffentlichungen Bartons in FS Kühne, 2013, S. 139 ff. und StRR 11/2014, 404 ff. wurde entsprechend der Angabe des GBA auf seiner Homepage von 70 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Auch wenn sich die Untersuchungsergebnisse Bartons und dess./Berenbrink nicht auf Rügen, sondern Revisionen bezogen, können diese vorliegend gleichwohl als Vergleichswerte herangezogen werden, da bei einer Aufhebung des Urteils – neben dem Vorliegen der Prozessvoraussetzungen – mindestens eine Rüge erfolgreich im oben genannten Sinne gewesen sein muss. b) Erfolgsquote nach Revisionsführern Tabelle B.31: Erfolgsquote nach Revisionsführern Angeklagte Staatsanwaltschaft Art der Rüge erhobene Rügen erfolgreiche Rügen erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Verfahrensrügen 253 97 13 5 Sachrügen 15 11 2 0 Rügen (ausschl. geprüft i.R.d. Prozessvoraussetzungen) 7 2 0 0 Gesamt 275 110 15 5 Erfolgsquote 40,0% 33,3% Die von Seiten der Angeklagten erhobenen Rügen weisen mit 110 erfolgreichen von 275 erhobenen Rügen eine Erfolgsquote von 40% auf. Von den 15 staatsanwaltschaftlich erhobenen Rügen waren fünf – und damit ein Drittel – erfolgreich.71 Die Studie Bartons für den Referenzzeitraum 1981 bis 1996 zeigt bezüglich der Erfolgs- und Trefferquoten von Angeklagten- und staatsanwaltschaftlichen Revisionen ein anderes Bild. 3637 Revisionen im Jahr 2005 ausgegangen. Unverändert blieb hingegen die genannte Anzahl der vollen Erfolge und Teilerfolge.) 71 Von der Darstellung der Erfolgsquoten der von den Nebenbeteiligten und von einem Steuerberater (in einem Verfahren vor dem Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen) erhobenen Rügen wurde aufgrund der geringen Zahlenwerte abgesehen. 71 III. Auswertungsergebnisse Abbildung B.28: Trefferquote von Angeklagten- und StA-Revisionen beim BGH nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 145 (Aktenanalysen) Abbildung B.29: Erfolgsquote von Angeklagten- und StA-Revisionen beim BGH (ohne Rücknahmen) nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 131 f. (Zählkartenauswertungen) Abbildung B.30: Erfolgsquote von Angeklagten- und StA-Revisionen beim BGH nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 132 (Aktenanalysen) 72 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Eine hohe Erfolgsquote von Revisionen der Staatsanwaltschaft wurde auch im Rahmen der Anschlussuntersuchung Bartons und Berenbrinks zur Revisionsrechtsprechung des Bundesgerichtshofs für das Jahr 2005 festgestellt. Danach lag die Erfolgsquote staatsanwaltschaftlicher Revisionen bei 55%, die der anwaltlichen Revisionen (d.h. Revisionen der Angeklagten und der Nebenkläger) bei 7%.72 c) Erfolgsquote nach Revisionsgerichten Tabelle B.32: Erfolgsquote nach Revisionsgerichten Bundesgerichtshof Oberlandesgerichte Art der Rüge erhobene Rügen erfolgreiche Rügen erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Verfahrensrügen 216 73 55 29 Sachrügen 12 6 5 5 Sonstige Rügen 5 1 2 1 Gesamt 233 80 62 35 Erfolgsquote 34,3% 56,4% Von den insgesamt 233 der durch die Strafsenate des Bundesgerichtshofs entschiedenen Rügen waren 80 erfolgreich. Dies entspricht einer Erfolgsquote von 34%. Die Strafsenate der Oberlandesgerichte hielten von 62 Rügen 35 für begründet. Dies entspricht einer Erfolgsquote von 56%. d) Erfolgsquote nach Strafsenaten des Bundesgerichtshofs Tabelle B.33: Erfolgsquote nach BGH-Strafsenaten Strafsenat73 erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote 1. Strafsenat 83 23 27,7% 2. Strafsenat 34 20 58,8% 3. Strafsenat 30 9 30,0% 4. Strafsenat 23 11 47,8% 5. Strafsenat 60 17 28,3% Gesamt 230 80 34,8% 72 Barton StRR 11/2014, S. 404 (407 f.); Barton, FS Kühne, 2013, S. 139 (146), dort jeweils auch zu den einschlägigen Erklärungsansätzen für diese ungleiche Verteilung wie die „Filterwirkung“ der Bundesanwaltschaft u.ä., die hier nicht näher zu behandeln sind. 73 In diese Auswertung, die sich auf die Häufigkeitenunterschiede zwischen den Strafsenaten des BGH bezieht, wurden die durch den Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen entschiedenen Rügen nicht einbezogen. 73 III. Auswertungsergebnisse Die Untersuchung zeigt die höchste Erfolgsquote beim 2. Strafsenat. Von 34 erhobenen Rügen waren 20 erfolgreich. Die niedrigste Erfolgsquote weist der 1. Strafsenat auf. Hier führten von 83 erhobenen Rügen 23 zum Erfolg. Die Erfolgsquote des 5. Strafsenats liegt mit 17 erfolgreichen von 60 erhobenen Rügen nur knapp darüber. Auch nach der Studie Bartons für den Erhebungszeitraum 1981 bis 1996 wies der 2. Strafsenat die höchste Aufhebungsquote auf. Abbildung B.31: Aufhebungsquoten der BGH-Senate (1981–1996) nach Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 62 f. (Zählkarten) e) Erfolgsquote im Zeitverlauf Tabelle B.34: Erfolgsquote pro Jahr Jahr erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote 2013 44 17 38,6% 2014 54 24 44,4% 2015 83 29 34,9% 2016 46 18 39,1% 2017 39 15 38,5% 2018 29 12 41,4% Gesamt 295 115 39,0% Die Erfolgsquote der Rügen lag im Jahr 2014 mit 44% am höchsten. Die geringste Erfolgsquote wies das Jahr 2015 mit 35% auf. 74 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Abbildung B.32: Erfolgsquote pro Jahr f) Erfolgsquote nach verständigungsbezogenen Vorschriften Tabelle B.35: Erfolgsquote nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert) Verständigungsbezogene Vorschrift (kategorisiert) erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote (gerundet) Verständigungsgegenstand 14 1 7% Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses 16 9 56% Verstöße im Bereich des Verfahrens 14 6 43% Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung 8 2 25% Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren 48 32 67% Transparenz- und Dokumentationspflichten 179 62 35% Ausschluss des Rechtsmittelverzichts 5 2 40% Erörterung des Verfahrensstandes 0 0 0% Richterliche Befangenheit 5 0 0% Sonstige informelle Absprache 6 1 17% Gesamt 295  115 39% Die Bestimmung der Erfolgsquoten nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert) zeigt die höchste Erfolgsquote bei der Kategorie „Grundsatz der Waffengleichheit/Faires Verfahren“74. Von den insgesamt 48 erhobenen Rügen waren 32 erfolgreich. Im Hinblick auf die Transparenzund Dokumentationspflichten75 sahen die Revisionsgerichte von 179 Rügen 62 als begründet an. 74 Umfasst § 257c Abs. 5 StPO, § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO und § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB, vgl. Anhang Tabelle B.39. 75 Umfasst § 243 Abs. 4 StPO, §§ 169 ff. GVG, § 273 Abs. 1a StPO, § 160b S. 2 StPO, (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO und § 267 Abs. 3 S. 5 StPO, vgl. Anhang Tabelle B.39. 75 III. Auswertungsergebnisse Abbildung B.33: Erfolgsquote nach verständigungsbezogenen Vorschriften (kategorisiert) In Bezug auf die konkreten verständigungsbezogenen Vorschriften weisen die Rügen, mit denen eine Verletzung der Belehrungspflicht gemäß § 257c Abs. 5 StPO geltend gemacht wurde, die höchste Erfolgsquote auf. Von 37 erhobenen Rügen führten 27 zum Erfolg. Von den 129 Rügen, mit denen die Revisionsführer einen Verstoß gegen die Mitteilungspflicht nach § 243 Abs. 4 S. 1, 2 StPO rügten, waren 44 erfolgreich. Eine annähernd gleich hohe Erfolgsquote verzeichnen die Rügen wegen einer Verletzung der Dokumentationspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 1–3 StPO. Hier führten von 48 erhobenen Rügen 17 zum Erfolg. Tabelle B.36: Erfolgsquote nach verständigungsbezogenen Vorschriften (differenziert) Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote76 § 243 Abs. 4 StPO 129 44 34,1% § 273 Abs. 1a StPO 48 17 35,4% § 257c Abs. 5 StPO 37 27 73,0% § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO 9 5 / § 257c Abs. 2 S. 1 StPO 8 1 / § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB 7 5 / § 261 StPO / § 267 StPO 6 4 / § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 5 0 / § 257c Abs. 3 S. 2 StPO 5 2 / § 257c Abs. 3 S. 4 StPO 5 3 / § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 5 2 / § 46 StGB 5 2 / 76 Von der Angabe der weiteren Erfolgsquoten wurde aufgrund der geringen Zahlenwerte abgesehen. 76 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) Verständigungsbezogene Vorschrift (differenziert) erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote76 §§ 24 ff. StPO 5 0 / § 257c StPO 4 1 / § 257c Abs. 4 S. 1 StPO 4 0 / § 136a StPO / Art. 6 EMRK 3 0 / § 257c Abs. 4 S. 3 StPO 3 0 / § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 2 0 / § 257c Abs. 3 S. 1 StPO 1 1 / § 258 Abs. 2 StPO 1 0 / § 267 Abs. 3 S. 5 StPO 1 1 / § 35a S. 3 StPO 1 0 / §§ 169 ff. GVG 1 0 / Gesamt 295 115 39,0% g) Erfolgsquote nach regionaler Herkunft der Instanzurteile Tabelle B.37: Erfolgsquote nach regionaler Herkunft der Instanzurteile OLG-Bezirk erhobene Rügen erfolgreiche Rügen Erfolgsquote77 München 30 14 46,7% Frankfurt am Main 28 13 46,4% Hamm 27 18 66,7% Nürnberg 22 4 18,2% Dresden 20 9 45,0% Berlin 19 4 / Karlsruhe 18 2 / Hamburg 16 4 / Köln 15 9 / Düsseldorf 14 3 / Brandenburg 12 2 / Oldenburg 11 8 / Celle 10 3 / Braunschweig 8 3 / Jena 8 5 / Koblenz 6 4 / Naumburg 6 2 / Stuttgart 6 2 / Bremen 5 3 / Schleswig 5 1 / Rostock 4 1 / Saarbrücken 3 0 / Zweibrücken 2 1 / Gesamt 295 115 39,0% 77 Von der Angabe der weiteren Erfolgsquoten wurde aufgrund der geringen Zahlenwerte abgesehen. 77 IV. Zusammenfassung Die Bestimmung der Erfolgsquote der Rügen nach regionaler Herkunft der Instanzurteile zeigt im Hinblick auf die fünf Oberlandesgerichtsbezirke, auf die die meisten erhobenen Rügen entfielen – München, Frankfurt am Main, Hamm, Nürnberg und Dresden – die höchste Quote beim Oberlandesgerichtsbezirk Hamm mit 18 erfolgreichen von 27 erhobenen Rügen und die niedrigste Quote mit vier erfolgreichen von 22 erhobenen Rügen beim Oberlandesgerichtsbezirk Nürnberg. IV. Zusammenfassung Die Untersuchungsergebnisse der rechtswissenschaftlichen Analyse sind abschließend wie folgt zusammenzufassen: Die Anzahl der Revisionsverfahren mit Verständigungsbezug des Bundesgerichtshofs überstieg im Referenzzeitraum die der Oberlandesgerichte merklich. Von den 188 untersuchten Revisionsverfahren entfallen 80% auf den Bundesgerichtshof und 20% auf die Oberlandesgerichte. Die Anzahl der erledigten Revisionsverfahren variierte zwischen den Strafsenaten des Bundesgerichtshofs deutlich: Von 149 entschiedenen Revisionsverfahren entfallen 34% auf den 1. Strafsenat und 30% auf den 5. Strafsenat, demgegenüber nur 14% auf den 2. Strafsenat und jeweils 11% auf den 3. und 4. Strafsenat. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013 stieg die Anzahl der Revisionsentscheidungen mit Verständigungsbezug (Bundesgerichtshof und Oberlandesgerichte gesamt) bis zum Jahr 2015 um 18% an und ging fortan bis zum Ende des Referenzzeitraums kontinuierlich zurück (Rückgang 2015 bis 2018: 50%). Die separate Betrachtung der Revisionsentscheidungen des Bundesgerichtshofs zeigt einen ähnlichen Verlauf mit einem kontinuierlichen Anstieg von 28 Entscheidungen im Jahr 2013 auf 34 Entscheidungen im Jahr 2015 (Anstieg: 21%) und einem sich anschließenden Rückgang, wobei in den Jahren 2017 und 2018 die Anzahl mit jeweils 17 Entscheidungen pro Jahr auf einem gleichen Niveau blieb (Rückgang 2015 bis 2018: 50%). Die Anzahl oberlandesgerichtlicher Revisionsentscheidungen pendelte im Zeitraum 2013 bis 2017 zwischen 6 und 8 Entscheidungen pro Jahr und fiel im Jahr 2018 auf 3 Entscheidungen. Der weit überwiegende Anteil der Revisionen wurde von Seiten der Angeklagten erhoben: Von den 199 untersuchten Revisionen entfallen auf sie 187 (94%) und zehn auf die Staatsanwaltschaft (5%).78 Diese geringe Anzahl 78 Je eine weitere Revision wurde von Seiten des Nebenbeteiligten sowie eines Steuerberaters (in einem berufsgerichtlichen Verfahren vor dem Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen) eingelegt (je 0,5%). 78 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) staatsanwaltschaftlicher Revisionen könnte auf eine nur bedingte Wahrnehmung der Rolle der Staatsanwaltschaft als „Wächter des Gesetzes“ – zu der u.a. auch die Bereitschaft gehört, gegen Entscheidungen, die auf einer gesetzeswidrigen Absprache basieren, Rechtsmittel einzulegen79 – hindeuten. Allerdings ist bei dieser Hypothese einschränkend zu berücksichtigen, dass auch im Übrigen staatsanwaltschaftliche Revisionen gegenüber Revisionen der Angeklagten vergleichsweise selten sind.80 Die Anzahl der Verfahrensrügen überstieg die der Sachrügen deutlich. Von insgesamt 295 Rügen, mit denen die Revisionsführer Verstöße gegen verständigungsbezogene Vorschriften geltend machten, entfielen 271 auf die Verfahrensrüge (92%) und 17 auf die Sachrüge (6%). Weitere sieben Rügen (2%) wurden seitens der Revisionsgerichte ausschließlich im Rahmen der Prozessvoraussetzungen geprüft. In Bezug auf die verfahrensgegenständlichen Delikte überwogen bei den Revisionsentscheidungen des Bundesgerichtshofs die Betäubungsmitteldelikte (33%), die Betrugs-/Untreuedelikte (21%) sowie die Sexualdelikte (11%). Bei den Revisionsentscheidungen der Oberlandesgerichte waren neben den Betrugs-/Untreuedelikten (32%) die Körperverletzungs- (14%), die Betäubungsmittel- (11%) und die Straßenverkehrsdelikte nach dem Strafgesetzbuch (11%) führend. Die Revisionsführer erhoben mit 61% weit überwiegend Rügen wegen eines Verstoßes gegen die Transparenz- und Dokumentationspflichten. Dahinter folgten mit 16% die Rügen wegen eines Verstoßes gegen den Grundsatz der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens. Die normbezogene Betrachtung der gerügten Verstöße zeigt, dass die Revisionsführer überwiegend eine Verletzung der Mitteilungspflicht nach § 243 Abs. 4 StPO (44%), der Dokumentationspflicht nach § 273 Abs. 1a StPO (16%) sowie der Belehrungspflicht nach § 257c Abs. 5 StPO (13%) geltend machten. Tendenzen dahingehend, dass die Revisionsgerichte die Geltendmachung der gerügten Verstöße durch zu hohe Darlegungsanforderungen erschweren, zeigt die Untersuchung nicht. Der Anteil der Verfahrensrügen, bei denen die Revisionsgerichte die formellen Voraussetzungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO als gegeben erachtet hatten, liegt beim Bundesgerichtshof bei 60% und bei den Oberlandesgerichten bei 84%. Als nicht erfüllt sah der Bundesgerichtshof die Darlegungsanforderungen bei 21% und die Oberlandesgerichte bei 5% der untersuchten Verfahrensrügen an.81 79 BVerfGE 133, 168 (220 Rn. 93). 80 Vgl. Barton, Die Revisionsrechtsprechung des BGH in Strafsachen, 1999, S. 45. 81 Offengelassen hatte der Bundesgerichtshof die Frage, ob die Darlegungsanforderungen erfüllt worden waren, bei 19% der von ihm zu prüfenden Verfahrensrügen. Bei den Oberlandesgerichten lag die Quote bei 11%. 79 IV. Zusammenfassung Der Anteil der Rügen, bei denen die Revisionsgerichte einen Verstoß gegen eine verständigungsbezogene Vorschrift bejahten, korrespondiert annähernd dem Anteil, bei denen sie einen solchen verneinten (bejaht: 45%, verneint: 39%, offengelassen: 16%). Die separate Betrachtung der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen bejahten und verneinten Verstößen (bejaht: 40%, verneint: 41%, offengelassen: 19%). Demgegenüber überwog bei den Oberlandesgerichten der Anteil bejahter Verstöße (bejaht: 64%, verneint: 31%, offengelassen: 5%). Von den 133 seitens der Revisionsgerichte bejahten Verstößen dominieren mit 59% solche gegen die Transparenz- und Dokumentationsvorschriften (insbesondere gegen § 243 Abs. 4 StPO und § 273 Abs. 1a StPO) sowie mit 25% solche gegen die Vorschriften zur Gewährleistung des Grundsatzes der Waffengleichheit und des fairen Verfahrens (insbesondere gegen § 257c Abs. 5 StPO). Die separate Betrachtung der Rechtsprechung der fünf Strafsenate des Bundesgerichtshofs verdeutlicht, dass der 2. Strafsenat mit 65% die höchste und der 1. Strafsenat mit 31% die niedrigste Quote festgestellter Verstöße aufwies. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013 stieg die Anzahl revisionsgerichtlich festgestellter Verstöße kontinuierlich von 18 Verstößen im Jahr 2013 bis auf 38 Verstöße im Jahr 2015 an. Sodann setzte eine Trendwende ein und die Anzahl festgestellter Verstöße entwickelte sich rückläufig bis auf zuletzt 14 Verstöße im Jahr 2018. Bezogen auf die Verfahrensrügen, bei denen die Revisionsgerichte (a) die Frage der Erfüllung der Darlegungsanforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO bejaht oder offengelassen hatten und (b) einen Gesetzesverstoß als gegeben erachtet hatten, bejahten sie in 85% der Fälle die Beruhensfrage bzw. verneinten diese in 15%. Eine Tendenz dahingehend, dass die Revisionsgerichte die Frage eines Verfahrensverstoßes offenlassen mit der Begründung, dass jedenfalls eine Ursächlichkeit des geltend gemachten Verstoßes für die Entscheidung der Instanzgerichte auszuschließen sei, hat die vorliegende statistische Auswertung nicht gezeigt. Die Erfolgsquote der Rügen, mit denen eine Verletzung verständigungsbezogener Vorschriften geltend gemacht wurde, lag im Referenzzeitraum bei 39% (Bundesgerichtshof: 34%, Oberlandesgerichte: 56%), wobei der Höchstwert mit 44% im Jahr 2014 und der Tiefstwert mit 35% im Jahr 2015 erreicht wurde. In Bezug auf die Strafsenate des Bundesgerichtshofs wies der 2. Strafsenat mit 20 erfolgreichen von 34 erhobenen Rügen die höchste Erfolgsquote auf. Die niedrigste Erfolgsquote verzeichnete der 1. Strafsenat. Hier führten von 83 erhobenen Rügen 23 zum Erfolg. Die Erfolgsquote des 5. Strafsenats lag mit 17 erfolgreichen von 60 erhobenen Rügen nur knapp darüber. Die Erfolgsquote der von Seiten der Angeklagten erhobenen Rügen lag mit 110 erfolgreichen von 275 erhobenen Rügen bei 40%. Von den (nur) 15 staatsanwaltschaftlich erhobenen Rügen waren fünf – und damit ein Drittel – erfolgreich. 80 B. Rechtswissenschaftliche Analyse (Modul 1) V. Anhang Tabelle B.38: Deliktskategorien Gruppe 1: Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) – §§ 80–168 StGB, §§ 331–357 StGB (ohne § 142 StGB): Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung (ohne Straßenverkehr) und im Amt – §§ 174–184j StGB (ohne §§ 184–184d StGB): Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (ohne Pornografie) – §§ 184–184d StGB: Pornografie – §§ 185–200 StGB: Beleidigung – §§ 211–222 StGB: Straftaten gegen das Leben (ohne Straßenverkehr) – §§ 223–231 StGB: Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (ohne Straßenverkehr) – §§ 232–241a StGB: Straftaten gegen die persönliche Freiheit (ohne Straßenverkehr) – §§ 242–248c StGB: Diebstahl und Unterschlagung – §§ 169–173 StGB, §§ 201–206 StGB: Sonstige Straftaten gegen die Person – §§ 249–255, § 316a StGB: Raub und Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer – §§ 257–262 StGB: Begünstigung und Hehlerei – §§ 263–266b StGB: Betrug und Untreue – §§ 267–282 StGB: Urkundenfälschung – §§ 283–305a StGB: Sonstige Straftaten gegen das Vermögen – §§ 306–323c StGB (ohne §§ 315b–316a StGB): Gemeingefährliche Straftaten (ohne Straßenverkehr) – §§ 324–330d StGB: Straftaten gegen die Umwelt Gruppe 2: Straftaten im Straßenverkehr – Nach StGB – Nach StVG oder anderen Gesetzen Gruppe 3: Straftaten nach anderen Bundes- oder Landesgesetzen – AufenthaltsG/AsylG/FreizügigkeitsG/EU – AO – BtMG – WStG – Andere 81 V. Anhang Tabelle B.39: Kategorien verständigungsbezogener Vorschriften Kategorie Problemkreis Normen 1 Verständigungsgegenstand – § 257c Abs. 2 S. 1 StPO – § 257c Abs. 2 S. 3 StPO 2 Amtsaufklärungsgrundsatz; insb. Problematik des Geständnisses – § 257c Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO – § 257c Abs. 2 S. 2 StPO – § 261 StPO/§ 267 StPO – § 46 StGB – § 136a StPO/Art. 6 EMRK 3 Verstöße im Bereich des Verfahrens – § 257c Abs. 3 S. 1 StPO – § 257c Abs. 3 S. 2 StPO – § 257c Abs. 3 S. 3 StPO – § 257c Abs. 3 S. 4 StPO – § 258 Abs. 2 StPO 4 Bindungswirkung; insb. Entfallen der Bindungswirkung – § 257c Abs. 4 S. 1 StPO – § 257c Abs. 4 S. 2 StPO – § 257c Abs. 4 S. 3 StPO – § 257c Abs. 4 S. 4 StPO 5 Grundsatz der Waffengleichheit/ Faires Verfahren – § 257c Abs. 5 StPO – § 140 Abs. 2 i.V.m. § 257c StPO – § 257c StPO i.V.m. § 56b StGB 6 Transparenz- und Dokumentationspflichten Grundsatz der Öffentlichkeit und Mitteilungspflichten: – § 243 Abs. 4 StPO – §§ 169 ff. GVG Protokollierungs- und Begründungspflichten – § 273 Abs. 1a StPO – § 160b S. 2 StPO – (§ 212 i.V.m.) § 202a S. 2 StPO – § 267 Abs. 3 S. 5 StPO 7 Ausschluss des Rechtsmittelverzichts – § 302 Abs. 1 S. 2 StPO 8 Erörterung des Verfahrensstandes – § 160b S. 1 StPO – (§ 212 i.V.m) § 202a S. 1 StPO – § 257b StPO 9 Richterliche Befangenheit – §§ 24 ff. StPO 10 Sonstige informelle Absprache – § 257c StPO 83 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Karsten Altenhain, Lizanne Herbst, Cassandra van Bürk (Universität Düsseldorf), Matthias Jahn, Tim Kaufmann, Charlotte Schmitt-Leonardy (Universität Frankfurt a.M.) I. Einleitung Mit dieser Erhebung sollte ein Überblick über das bundesweite Aufkommen von Absprachen im Strafverfahren (ohne Jugendsachen) gewonnen werden. Im Mittelpunkt stand dabei die Anzahl der Urteile, denen eine Absprache vorausgegangen ist. Außerdem sollten für die Aktenanalyse (Modul 3) Aktenzeichen einschlägiger Strafverfahren gewonnen werden. Obwohl 1.482 Fragebögen ausgewertet werden konnten, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ. Das liegt zum einen an der geringen Beteiligungsquote. Zum anderen besteht eine ungleiche Verteilung: Einige Gerichte sind besonders stark in der Befragung vertreten, während andere Gerichte überhaupt nicht oder in sehr geringem Umfang an der Befragung teilgenommen haben. II. Bisheriger Kenntnisstand zur Häufigkeit von Absprachen Die Anzahl der erledigten Strafverfahren an den Amts- und Landgerichten sowie den Oberlandesgerichten, soweit diese als Gerichte erster Instanz tätig werden (§ 120 GVG), kann anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes ermittelt werden: 84 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.1: Erledigte Strafverfahren im Jahr 2018 (inklusive Jugendstrafverfahren)1 AG LG OLG 1. Instanz1. Instanz Berufung erledigte Verfahren 648.918 13.327 45.387 52 – davon durch Urteil 261.628 8.944 22.161 42 – davon durch Urteil, dem eine Verständigung vorausging 3.949 922 / / Danach wurden im Jahr 2018 bundesweit an den Amtsgerichten 648.918 Strafverfahren erledigt, davon 261.628 durch Urteil. Diesen 261.628 Verurteilungen gingen 3.949 Verständigungen gem. § 257c StPO voraus (1,5%). An den Landgerichten wurden in demselben Zeitraum 58.714 Verfahren erledigt, davon 31.105 durch Urteil. Den 8.944 Verurteilungen in den erstinstanzlichen Verfahren am Landgericht gingen 922 Verständigungen gem. § 257c StPO voraus (10,3%). Bemerkenswert ist der deutliche Unterschied bei der Verständigungsquote.2 Die Angaben des Statistischen Bundesamtes zur Verständigung sind jedoch unvollständig: Es gibt keine Zahlen zu den Verständigungen in der Berufungsinstanz am Landgericht und in erstinstanzlichen Verfahren am Oberlandesgericht. Außerdem fehlen erwartungsgemäß Zahlen zu den informellen Absprachen, so dass es nicht möglich ist, zu beurteilen, inwieweit die Gerichte die gesetzlichen Vorgaben einhalten. Auch weitergehende Erkenntnisinteressen können nicht befriedigt werden. Das gilt z.B. für die Verteilung der Verständigungen auf die verschiedenen Deliktsgruppen und für etwaige Unterschiede zwischen Erwachsenenund Jugendstrafverfahren. Zwar ist anhand der Zahlen des Statistischen Bundesamtes eine Ermittlung der erledigten Strafverfahren ohne Jugendsachen3 an den Amts- und Landgerichten möglich, jedoch gilt dies nicht für die Anzahl der Urteile und der Verständigungen. Insoweit differenziert die amtliche Statistik nicht mehr: 1 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 23, 27, 61, 65, 85, 113. 2 S. dazu unten nach Tabelle C.18. 3 Genau muss es heißen: ohne Erledigungen durch einen jugendstrafrechtlichen Spruchkörper (Jugendrichter, Jugendschöffengericht, große und kleine Jugendkammer). 85 III. Methodik der Untersuchung Tabelle C.2: Erledigte Strafverfahren im Jahr 2018 (ohne Jugendstrafverfahren)4 AG LG OLG 1. Instanz1. Instanz Berufung erledigte Verfahren 467.643 11.078 40.437 52 – davon durch Urteil / / / 42 – davon durch Urteil, dem eine Verständigung vorausging / / / / Eine andere Möglichkeit, das bundesweite Aufkommen von Absprachen zu ermitteln, wäre die Zusammenführung einschlägiger Statistiken der Justizministerien der Länder, der Gerichte oder Staatsanwaltschaften. Ein derartiger das gesamte Bundesgebiet abdeckender Datenbestand existiert jedoch nicht. Im Rahmen der Befragung der Behördenleiter der Staatsanwaltschaften wurde mit geringem Erfolg nach solchem statistischem Material gefragt.5 III. Methodik der Untersuchung 1. Auswahl der Erhebungsmethode Es ist nicht möglich, exakte Zahlen über die Häufigkeit von Verständigungen und informellen Absprachen zu gewinnen. Hierzu müsste bundesweit über einen Zeitraum von einem Jahr jedes Strafverfahren der ersten Instanz und der Berufungsinstanz, das mit einer Verurteilung endet, in jeder Phase von einem unabhängigen Beobachter begleitet und dokumentiert werden. Das ist ebenso wenig umsetzbar wie der Versuch, alle Akten solcher Verfahren auszuwerten. Eine Aktenauswertung verspricht zudem keine exakten Zahlen, weil nicht unbedingt zu erwarten ist, dass informelle Absprachen aktenkundig gemacht werden. Soweit Mitteilungs- und Protokollierungspflichten verletzt werden, ergibt sich das schon aus der Sache selbst.6 Es kann daher nur versucht werden, mittels einer Befragung von Verfahrensbeteiligten möglichst aussagekräftige Zahlen über die Häufigkeit von Absprachen zu gewinnen. Wegen ihrer zentralen Stellung im Verfahren kommen dafür die Richter an den Amtsgerichten, Landgerichten und erstinstanzlich tätigen Oberlandesgerichten in Betracht, die als Vorsitzende Hauptverhandlungen leiten. Sie müssten zu jedem mit einer Verurteilung abgeschlossenen Hauptverfahren befragt werden. 4 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 15, 53, 113. 5 S. dazu Modul 6. 6 Eine Aktenauswertung kann jedoch einen aufschlussreichen Einblick in die Absprachenpraxis leisten; s. dazu Modul 3. 86 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Grundsätzlich kann zwischen mündlichen und schriftlichen Befragungsformen unterschieden werden. Mündliche Befragungen, die dann über einen langen Zeitraum immer wieder mit jedem Vorsitzenden Richter nach jedem einschlägigen Verfahren zu führen wären, erscheinen weder den Befragten zumutbar, noch sind sie wegen des hohen zeitlichen, personellen und finanziellen Aufwands durchführbar. In Betracht kommt daher nur eine schriftliche Befragung. Aber auch bei einer solchen bundesweiten Langzeiterhebung, bei der über einen langen Zeitraum von jedem Vorsitzenden Richter nach jedem einschlägigen Verfahren ein Fragebogen auszufüllen wäre, erscheint eine kontinuierliche Mitwirkung aller Befragten illusorisch. Deshalb sind personelle, zeitliche und sachliche Einschränkungen erforderlich: – Erstens sollen aus allen Bundesländern Amtsgerichte, Landgerichte und erstinstanzlich tätige Oberlandesgerichte ausgewählt und die dortigen Richter gebeten werden, nach jedem Strafverfahren, das mit einer Verurteilung endet, einige wenige Fragen zur Art der Erledigung und zu einer etwaigen Absprache zu beantworten. – Zweitens soll sich der Befragungszeitraum nicht auf ein ganzes Jahr erstecken, sondern nur auf mehrere Monate, wobei wegen der unterschiedlichen Belastung der Gerichte der Zeitraum bei den Amtsgerichten kürzer sein kann als bei den Land- und Oberlandesgerichten. – Drittens sollen Jugendstrafverfahren ausgenommen werden.7 Um es den Richtern so leicht wie möglich zu machen, den Fragebogen ohne großen Aufwand nach jedem Verfahren auszufüllen, ist grundsätzlich ein Online-Fragebogen vorzugswürdig. Für die Online-Befragung spricht, dass sie gegenüber anderen Erhebungsmodi einfacher, schneller und kostengünstiger in der Umsetzung und Durchführung ist. Sie hat im Vergleich zu einer telefonischen Befragung den Vorteil einer besseren visuellen Wahrnehmung der gestellten Fragen und ist gegenüber schriftlichen Befragungen mit einem höheren Grad an Offenheit seitens der Befragten verbunden.8 Bei einer Online-Befragung (und auch bei schriftlichen Befragungen) besteht zudem nicht die Gefahr, dass die Teilnehmer bei der Beantwortung durch einen Interviewer beeinflusst werden (Interviewereffekte). Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass kein Interviewer für Rückfragen zur Verfügung steht, weshalb bei der Ausarbeitung des Fragebogens auf eine verständliche Formulierung und Gestaltung besonders geachtet werden muss.9 Dieses Problem wurde bei der geplanten Befragung abgemildert, 7 S. zur Begründung Modul 5 F. II.8. 8 Scholl, Die Befragung, 4. Aufl. 2018, S. 57 f. 9 Jacob/Heinz/Décieux/Eirmbter, Umfrage – Einführung in die Methoden der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2011, S. 117 f. 87 III. Methodik der Untersuchung indem die Qualität des Fragebogens in Pretests überprüft wurde. Anregungen und Kommentare wurden im Fragebogen berücksichtigt. Bei den Pretests äußerten die Befragten auch den Wunsch nach einem schriftlichen Fragebogen. Deshalb wurde eine Kombination aus einer schriftlichen und einer Online-Befragung gewählt.10 Für die Vorsitzenden Richter, die die Art und Weise der Erledigung ihrer Strafverfahren dokumentieren sollten, standen daher beide Optionen zur Verfügung. 2. Fragebogenkonstruktion und Pretest Bei der Konzeptionierung des Online-Fragebogens wurde die Software „Umfrage-Online“11 verwendet. Da die Richter den Fragebogen über einen mehrmonatigen Zeitraum wiederholt ausfüllen sollten, wurde von einer personalisierten Befragung abgesehen, bei der die Befragten ein persönliches Passwort erhalten, das bei jedem Ausfüllen des Fragebogens erneut eingegeben werden muss. Um die Qualität der Erhebungsbögen vor Beginn der Erhebung zu überprüfen, wurden drei Pretests mit Richtern von Gerichten, die nicht in die Stichprobe gezogen wurden, durchgeführt. Ihre Anregungen zur inhaltlichen Gestaltung des Fragebogens wurden berücksichtigt. In der Mitteilung zu Beginn des Fragbogens und in den zugesandten Anschreiben wurden die Richter über den der Befragung zugrundeliegenden Begriff der Absprache, über die Einbeziehung aller Verfahren der ersten und der Berufungsinstanz sowie über den Ausschluss der Jugendstrafverfahren informiert. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass alle Strafverfahren – auch jene ohne eine Absprache – erfasst werden sollten. Wie bei der gesamten Evaluation12 wurde auch hier der Begriff Absprache als Oberbegriff verwendet und erfasste sowohl die formellen Absprachen, also die Verständigungen gem. § 257c StPO, als auch die informellen Absprachen, also solche außerhalb des von der StPO vorgegebenen Rahmens. Zur Gewinnung von Akten für die Aktenanalyse13 war zunächst im Online-Fragebogen ein Pflichtfeld vorgesehen, in dem das Aktenzeichen angegeben werden sollte. Dies wurde zwei Wochen nach Beginn der Befragung in eine freiwillige Angabe umgewandelt. Zwar wurde von Anfang an darauf hingewiesen, dass bei der späteren Auswertung der Fragebögen keine Verbindung zwischen den Antworten und dem Aktenzeichen gezogen 10 Dies wird auch als Mixed-Mode Survey bezeichnet; Schnell, Survey-Interviews, 2.  Aufl. 2019, S. 310 f. 11 Genauere Informationen unter www.umfrageonline.com. 12 S. dazu unten im Glossar. 13 S. dazu Modul 3. 88 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) werden würde. Trotzdem können sowohl die zunächst bestehende Pflicht, die manchmal längeren Aktenzeichen einzutragen, als auch Bedenken hinsichtlich der Rückverfolgbarkeit der Antworten anhand des Aktenzeichens zu einer geringeren Teilnahme und einer höheren Abbruchquote geführt haben. 3. Aufbau der Grundgesamtheit und Stichprobenziehung Wie bereits ausgeführt, konnte wegen der begrenzten Ressourcen keine Erhebung zu allen Strafverfahren vor den Amts- und Landgerichten durchgeführt werden. Insoweit war eine Stichprobenziehung erforderlich. Von den Oberlandesgerichten konnten hingegen alle einbezogen werden, die durch Staatsschutzsenate eine erstinstanzliche Zuständigkeit aufweisen. Das sind nicht alle Oberlandesgerichte, da in manchen Bundesländern diese Zuständigkeit einem bestimmten Oberlandesgericht zugewiesen wird und andere Bundesländer gemeinsame Zuständigkeiten bilden. Die Grundgesamtheit für die Stichprobenziehung bildeten alle Amtsund Landgerichte, die nach folgenden Kriterien Berücksichtigung fanden: Pro Bundesland sollten jeweils zwei Amts- und Landgerichte ausgewählt werden. Dabei erfolgte in jedem Bundesland eine Unterscheidung zwischen städtischen und ländlichen Amts- und Landgerichtsbezirken. Die Einteilung erfolgte nach den in der Sozialwissenschaft gebräuchlichen Definitionen (Großstadt: >100.000 Einwohner14; ländlicher Bereich: <100.000 Einwohner). Ausnahmen bildeten die drei Stadtstaaten (Berlin, Bremen, Hamburg) und das Saarland, da es in diesen Bundesländern jeweils nur einen Landgerichtsbezirk gibt und bei den Stadtstaaten eine Unterscheidung zwischen städtischem und ländlichem Amtsgerichtsbezirk nicht zielführend erschien. Außerdem wurde bei den Amtsgerichten darauf geachtet, dass es an den Standorten neben einem Strafrichter15 auch ein Schöffengericht gibt.16 Während die Auswahl der Land- und Amtsgerichte in den ländlichen Gerichtsbezirken zufällig erfolgte, war die Auswahl der Land- und Amts- 14 Vgl. Schäfers, Stadtsoziologie, 2006, S. 201. 15 Für die Stichprobenziehung war hingegen unerheblich, ob es an einem Amtsgericht mehrere Strafrichter gab. Dadurch konnten Amtsgerichte in die Stichprobe gelangen, an denen zur Zeit der Befragung nur ein Strafrichter tätig war. Daraus erwachsende datenschutzrechtliche Bedenken mögen dazu geführt haben, dass einzelne Amtsgerichte nicht an der Befragung teilnahmen. 16 So sind z.B. im Saarland gemeinsame Schöffengerichte für mehrere Amtsgerichtsbezirke eingerichtet (§ 2 Verordnung über die Zuständigkeit in Straf- und Bußgeldverfahren v. 19.5.2006, ABl. 2006, 756; zuletzt geändert durch Verordnung v. 23.3.2017, ABl. 2017, S. 379). 89 III. Methodik der Untersuchung gerichte in den städtischen Gerichtsbezirken kriteriengestützt. Um die Vergleichbarkeit der städtischen Land- und Amtsgerichte – gerade in Bezug auf die drei Stadtstaaten – zu gewährleisten, wurden diejenigen städtischen Land- und Amtsgerichte ausgewählt, die in dem jeweiligen Bundesland den einwohnerstärksten Bezirk haben.17 Somit gelangten folgende Gerichte in die Stichprobe: Tabelle C.3: Stichprobe Amtsgerichte Bundesland Städtisch Ländlich Baden-Württemberg Stuttgart Crailsheim Bayern München Aichach Berlin Berlin-Tiergarten Brandenburg Potsdam Luckenwalde Bremen Bremen Hamburg Hamburg-Harburg Hessen Frankfurt a.M. Gelnhausen Mecklenburg-Vorpommern Rostock Greifswald Niedersachsen Hannover Gifhorn Nordrhein-Westfalen Köln Herford Rheinland-Pfalz Mainz Idar-Oberstein Saarland Saarbrücken Neunkirchen Sachsen Dresden Meißen Sachsen-Anhalt Magdeburg Köthen Schleswig-Holstein Kiel Elmshorn Thüringen Erfurt Stadtroda 17 Eine Ausnahme wurde mit dem LG Frankfurt a.M. gemacht. Zwar ist in Hessen der Bezirk des LG Darmstadt der einwohnerstärkste. Das LG Frankfurt verfügt aber über eine wesentlich höhere Anzahl an Richterplanstellen (143,7 zu 27,5) und der LG-Bezirk weist eine stärkere Urbanität auf, was sich u.a. in nachgelagerten Amtsgerichten zeigt (LG-Bezirk Frankfurt: 3 AG, LG-Bezirk Darmstadt: 9 AG). Zudem ist zu berücksichtigen, dass das LG Darmstadt eine Zweigestelle in Offenbach hat und bei einer solchen Aufteilung auf zwei Standorte die spezifischen Effekte eines städtischen Landgerichts nicht zu erwarten sind. Schließlich ist zu beachten, dass Offenbach zum Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main gehört und über die öffentlich-rechtliche Körperschaft des Regionalverbands Frankfurt- RheinMain (§§ 2 Abs. 1 Nr. 1, 7 Abs. 1 Gesetz über die Metropolregion Frankfurt/Rhein- Main v. 8.3.2011, GVBl. S. 153, zuletzt geändert durch Gesetz v. 24.8.2018, GVBl. S. 387) geopolitisch eher Frankfurt als Darmstadt zugehörig ist. Aus diesen Gründen wurde auf Frankfurt als zweitgrößter LG-Bezirk in Hessen zurückgegriffen. 90 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.4: Stichprobe Landgerichte Bundesland Städtisch Ländlich Baden-Württemberg Stuttgart Rottweil Bayern München I Amberg Berlin Berlin Bremen Bremen Brandenburg Potsdam Neuruppin Hamburg Hamburg Hessen Frankfurt a.M. Limburg Mecklenburg-Vorpommern Rostock Stralsund Niedersachsen Hannover Bückeburg Nordrhein-Westfalen Köln Kleve Rheinland-Pfalz Mainz Bad Kreuznach Saarland Saarbrücken Sachsen Dresden Görlitz Sachsen-Anhalt Magdeburg Stendal Schleswig-Holstein Kiel Itzehoe Thüringen Erfurt Meinigen Tabelle C.5: Oberlandesgerichte Bundesland Gericht Baden-Württemberg Stuttgart Bayern München Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt Berlin Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein Hamburg Hessen Frankfurt a.M. Niedersachsen Celle Nordrhein-Westfalen Düsseldorf Rheinland-Pfalz, Saarland Koblenz Sachsen Dresden Thüringen Jena Tabelle C.6: Größe der Stichprobe Gerichte Anzahl Amtsgerichte 29 Landgerichte 28 Oberlandesgerichte 10 Gesamt 67 4. Durchführung der Erhebung Um einen direkten Kontakt zu den Richtern herzustellen, wurden zunächst die jeweiligen Justizministerien angeschrieben und um die Nennung eines Ansprechpartners im Ministerium gebeten. Diese Ansprechpartner sollten wiederum Ansprechpartner bei den ausgewählten Amts-, Land- und Ober- 91 III. Methodik der Untersuchung landesgerichten in ihren Bundesländern nennen. In den Fällen, in denen kein Ansprechpartner am Gericht mitgeteilt wurde oder dieser nicht zu erreichen war, wurde versucht, einen Kontakt über den Präsidenten bzw. Direktor des Gerichts herzustellen. Dieser wurde gebeten, die Kontaktdaten der jeweiligen Richter mitzuteilen. Insgesamt lagen danach von 30 der ausgewählten 67 Gerichte vollständige Listen der E-Mail-Adressen der dort tätigen Richter vor. So konnten diese Richter direkt zur Befragung eingeladen werden. Bei 33 weiteren Gerichten wurden keine E-Mail-Listen mitgeteilt. Hier wurden die Ansprechpartner oder Präsidenten bzw. Direktoren gebeten, das Anschreiben an die Richter weiterzuleiten. Bei vier Gerichten gab es weder E-Mail-Listen noch einen Kontakt zum Gericht, weshalb hier die Ansprechpartner in den Justizministerien gebeten wurden, die Anschreiben an die Richter weiterzuleiten. Aufgrund der unterschiedlichen Anzahl und Länge der Verfahren wurden verschiedene Erhebungszeiträume gewählt: So sollte die Erhebung an den Amtsgerichten vom 8.8.2018 bis zum 9.11.2018 laufen, an den Landgerichten bei den Vorsitzenden der Schwurgerichte und Strafkammern (ohne Wirtschaftsstrafkammern) vom 8.8.2018 bis zum 9.2.2019, bei den Vorsitzenden der Wirtschaftsstrafkammern vom 8.8.2018 bis zum 9.5.2019 und an den Staatsschutzsenaten der Oberlandesgerichte ebenfalls vom 8.8.2018 bis zum 9.5.2019. Der Befragungszeitraum für die Amtsgerichte von demnach zunächst drei Monaten wurde im Verlauf der Befragung bis zum 31.12.2018 verlängert. Dies erfolgte zum einen, weil eine Landesjustizbehörde zu Beginn den Wunsch nach einer Spezifizierung der Umsetzung der datenschutzrechtlichen Vorgaben äußerte. Dies scheint zu einer erheblichen Unsicherheit geführt zu haben mit der Folge, dass manche Gerichte nicht und viele erst verspätet an der Befragung teilnahmen. Außerdem ergab eine telefonische Rücksprache mit den erreichbaren Ansprechpartnern an den ausgewählten Gerichten, dass der Starttermin der Erhebung am 8.8.2018 wegen der Urlaubszeit und einer Krankheitswelle ein weiterer möglicher Grund für die relativ geringe Resonanz gewesen sein könnte. Die Bereitschaft der Richter, an der Erhebung mitzuwirken, wurde durch eine intensive Information18 und Einbeziehung der Interessenvertretungen der justiziellen Akteure zu steigern versucht. Jeder Bitte um Teilnahme wurden zudem Begleitschreiben des BMJV und der entsprechenden Landesjustizministerien beigelegt. Um eine Erhöhung der Teilnahme der Richter an der Erhebung zu erreichen, folgte am 21.8.2018 zunächst ein Erinnerungs- 18 Siehe auch die Fachbeiträge der Forschungsgruppe bzw. die Berichterstattung über deren Tätigkeit in DRiZ 2018, 379 f., Betrifft Justiz 2018, 51, NJW-aktuell 23/2018, 7, sowie (obgleich primär an Anwälte gerichtet) StraFo 2018, 449 f. 92 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) schreiben mit klarstellenden Informationen, um etwaige Missverständnisse bezüglich des Begriffs der Absprache und des Ausfüllens des Fragebogens nach jedem Verfahren in der ersten Instanz und der Berufung mit oder ohne Absprache auszuräumen. Neben der telefonischen Kontaktaufnahme zu den Ansprechpartnern bei den Gerichten wurde zudem am 5.11.2018 eine erneute Erinnerungs-E-Mail verschickt. 5. Ausschöpfungsquote und Beteiligung Eine Berechnung der Ausschöpfungsquote, also wie viele Richter an der Befragung teilnahmen, ist wegen der Mehrfachbeantwortungen nicht möglich. Die Richter sollten den Fragebogen nach jedem erledigten Verfahren ausfüllen. Daher kann keine Aussage darüber getroffen werden, wie viele Richter mitwirkten. Die Zahl, die bei der nachfolgenden Auswertung zugrunde gelegt wird, bezieht sich folglich nicht auf die Richter, sondern auf die von ihnen mitgeteilten Verfahren. Um dennoch beurteilen zu können, ob die Erhebung einen zufriedenstellenden Rücklauf erzielt hat, kann einmal die Anzahl der mitgeteilten Verfahren mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes verglichen werden. Zum anderen kann die Verteilung der mitgeteilten Verfahren auf die teilnehmenden Gerichte betrachtet werden. Von den insgesamt 1.650 ausgefüllten Fragebögen wurden 79 schriftlich und 1.571 online beantwortet. Unvollständige Bögen wurden aus der Auswertung ausgeschlossen.19 Für die Auswertung standen daher insgesamt 1.48220 Fragebögen zur Verfügung: Tabelle C.7: Rücklaufquote vollständig unvollständig Gesamt Papierfragebögen 63 16 79 Online-Fragebögen 1.419 152 1.571 Gesamt 1.482 168 1.650 19 Teilweise beantwortete Fragebögen wurden bei den Analysen nicht berücksichtigt, da ein Zusammenhang zwischen den Abbrüchen und dem Untersuchungsgegenstand möglich ist (z.B. ein Befragter bricht den Fragebogen ab, weil er zu seinem gesetzwidrigen Verhalten befragt wird). 20 Zwar wurden insgesamt 1.483 Fragebogen vollständig ausgefüllt, allerdings wies ein Fragebogen unschlüssige Angaben hinsichtlich der Funktion des Richters und der Zugehörigkeit zum Gericht auf, weshalb dieses Verfahren von den weiteren Analysen ausgeschlossen wurde. 93 III. Methodik der Untersuchung Die Annahme, dass den Richtern die Teilnahme an der Befragung durch einen Papierfragebogen erleichtert würde, weil der Fragebogen ohne Zugriff auf einen Computer unmittelbar im Anschluss an das Verfahren ausgefüllt werden konnte, bestätigte sich nicht. Insgesamt wurde nur an einem Gericht der Papierfragebogen verwendet, sodass davon auszugehen ist, dass der Online-Zugang von der weit überwiegenden Mehrheit der Richter nicht als Hindernis angesehen wurde und damit auch nicht die teilweise sehr geringe Beteiligung erklären kann. 1.482 Verfahren sind – auch unter Berücksichtigung der geringen Anzahl der Gerichte in der Stichprobe – eher wenig.21 Ein Blick auf die Beteiligung der einzelnen Gerichte an der Befragung zeigt zudem folgendes Ergebnis: Tabelle C.8: Beteiligung der Gerichte An welchem Gericht waren Sie in dem Verfahren tätig? n Prozent LG Berlin 229 15,5% AG Hamburg-Harburg 185 12,5% AG Rostock 147 9,9% AG Berlin-Tiergarten 145 9,8% AG Neunkirchen 90 6,1% AG Potsdam 70 4,7% LG Frankfurt 63 4,3% AG Meißen 61 4,1% LG Köln 54 3,6% AG Köthen 49 3,3% AG Elmshorn 47 3,2% AG Aichach 41 2,8% AG Saarbrücken 36 2,4% LG Stralsund 34 2,3% AG Gifhorn 29 2,0% LG Kiel 27 1,8% LG München I 25 1,7% LG Bad Kreuznach 20 1,3% AG Dresden 18 1,2% LG Bückeburg 16 1,1% LG Stuttgart 14 0,9% OLG München 13 0,9% LG Magdeburg 11 0,7% LG Hamburg 10 0,7% OLG Hamburg 8 0,5% 21 Zum Vergleich: Im Jahr 2018 erledigten die 638 Amtsgerichte 467.643 Strafverfahren (ohne Jugendsachen) und die 115 Landgerichte 51.515 (davon 11.078 in 1. Instanz und 40.437 in 2. Instanz); s. oben Tabelle C.2. Durchschnittlich erledigte also jedes Amtsgericht 733 und jedes Landgericht 448 (davon 96 in 1. Instanz und 352 in 2. Instanz). Folglich wären im Rahmen der Untersuchung bei 29 Amtsgerichten in fünf Monaten 8.857 und bei 28 Landgerichten in sechs Monaten 6.272, insgesamt also 15.129 erledigte Strafverfahren (ohne Jugendsachen) zu erwarten gewesen. 94 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) An welchem Gericht waren Sie in dem Verfahren tätig? n Prozent LG Bremen 8 0,5% LG Rottweil 6 0,4% LG Görlitz 5 0,3% AG Idar-Oberstein 5 0,3% OLG Stuttgart 3 0,2% AG Bremen 3 0,2% LG Rostock 1 0,1% LG Potsdam 1 0,1% LG Neuruppin 1 0,1% LG Limburg 1 0,1% LG Hannover 1 0,1% AG Kiel 1 0,1% AG Herford 1 0,1% AG Greifswald 1 0,1% AG Gelnhausen 1 0,1% AG Frankfurt 1 0,1% Gesamt 1482 100,0% N = 1482 n = 1482 F = 0 Von den 67 in die Stichprobe gezogenen Gerichten haben 41 an der Befragung teilgenommen, davon jeweils 19 Amts- und Landgerichte sowie drei Oberlandesgerichte. Von den 41 Gerichten, die sich beteiligten, haben allerdings 10 Amtsund Landgerichte nur jeweils ein Verfahren in den Fragebogen eingetragen, was angesichts der deutlich höheren Zahl erledigter Strafverfahren von durchschnittlich 733 Verfahren am Amtsgericht und 448 am Landgericht22 sowie der zum Teil großen Gerichte (z.B. AG Frankfurt a.M., LG Hannover) einer Nichtbeteiligung gleichkommt. Wird zusätzlich die Anzahl der mit Strafsachen befassten Richter berücksichtigt, zeigt sich, dass kleinere Gerichte (z.B. AG Neunkirchen: zwei Richter) deutlich stärker in den Ergebnissen vertreten sind und größere Gerichte (z.B. AG Frankfurt a.M.: 26 Richter) unterrepräsentiert sind. Die gänzlich fehlende oder überaus schwache Beteiligung vieler Gerichte führt zu erheblichen Ungleichgewichten. So wurde über die Hälfte der Verfahren (796) von nur fünf Gerichten mitgeteilt, ein Viertel aller Verfahren kommen aus einem Bundesland (Berlin). Auch ein Vergleich der einzelnen Gerichte zeigt die mangelnde Repräsentativität der Erhebung: Das OLG München, welches im Hinblick auf seine Zuständigkeit deutlich weniger Verfahren im gleichen Zeitraum erledigt haben dürfte als ein Amtsgericht, ist mit 13 Verfahren weitaus stärker vertreten als das AG München, das gar nicht an der Erhebung teilnahm. 22 S. oben Fn. 21. 95 IV. Deskriptive Ergebnisse Nicht nur die Anzahl der Verfahren, sondern auch die geringe Teilnahmebereitschaft vieler Gerichte führt dazu, dass die Erhebung keine allgemeinen Rückschlüsse zulässt. Auch daher wird im Folgenden nicht der Anspruch auf Repräsentativität erhoben. Trotzdem können die Ergebnisse zu einzelnen Fragen Einblicke in die Praxis gewähren und bei der Auswertung der anderen Erhebungen bedeutsam sein. Sie sollen deshalb dahingehend deskriptiv dargelegt werden. IV. Deskriptive Ergebnisse 1. Allgemeine Fragen zur Person und zum Verfahren Zu Beginn der Befragung sollten die Richter angeben, an welchem Gericht sie in dem Verfahren tätig waren: Tabelle C.9: Verteilung auf die Gerichte An welchem Gericht waren Sie in dem Verfahren tätig? n Prozent Amtsgerichte 931 62,8% Landgerichte 527 35,6% Oberlandesgerichte 24 1,6% Gesamt 1482 100,0% N = 1482 n = 1482 F = 0 Hier zeigen sich nochmals die Ungleichgewichte bei der Beteiligung: Während im Jahr 2018 bundesweit die Amtsgerichte 9,1-mal mehr Strafverfahren erledigten als die Landgerichte (467.643 zu 51.515 Verfahren23), sind es hier nur 1,8-mal mehr. 23 S. oben Fn. 21. 96 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Danach wurde nach der Funktion des Richters in dem jeweiligen Verfahren gefragt: Tabelle C.10: Funktionale Verteilung In welcher Funktion waren Sie in diesem Strafverfahren tätig? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent Strafrichter 826 88,7% 0 0,0% 0 0,0% 826 55,7% Schöffengericht 105 11,3% 0 0,0% 0 0,0% 105 7,1% kleine Strafkammer 0 0,0% 245 46,5% 0 0,0% 245 16,5% Wirtschaftsstrafkammer 0 0,0% 42 8,0% 0 0,0% 42 2,8% Schwurgericht 0 0,0% 24 4,6% 0 0,0% 24 1,6% (andere) große Strafkammer 0 0,0% 216 41,0% 0 0,0% 216 14,6% Strafsenat 0 0,0% 0 0,0% 24 100,0% 24 1,6% Gesamt 931 100,0% 527 100,0% 24 100,0% 1482 100,0% AG: N = 931 n = 931 F = 0; LG: N = 527 n = 527 F = 0; OLG: N = 24 n = 24 F = 0 Von den 931 mitgeteilten Verfahren am Amtsgericht wurden 88,7% von Strafrichtern und 11,3% von Schöffengerichten erledigt, von den 527 Verfahren am Landgericht 46,5% von kleinen Strafkammern und 53,5% von Schwurgerichten, Wirtschaftsstrafkammern und (anderen) großen Strafkammern. Es zeigen sich hier wieder die Ungleichgewichte bei der Beteiligung: Während im Jahr 2018 bundesweit die kleinen Strafkammern 3,7-mal mehr Strafverfahren erledigten als die großen (40.437 zu 11.078 Verfahren24), liegen sie hier ungefähr gleichauf (245 zu 24025). Die Verfahren wurden auch hinsichtlich der Anzahl an Angeklagten erfasst: Tabelle C.11: Anzahl der Angeklagten Gegen wie viele Angeklagte richtete sich das Strafverfahren? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt N Prozent n Prozent n Prozent n Prozent gegen einen Angeklagten 862 92,6% 424 80,5% 21 87,5% 1307 88,2% gegen zwei oder mehrere Angeklagte 69 7,4% 103 19,5% 3 12,5% 175 11,8% Gesamt 931 100,0% 527 100,0% 24 100,0% 1482 100,0% AG: N = 931 n = 931 F = 0; LG: N = 527 n = 527 F = 0; OLG: N = 24 n = 24 F = 0 Insgesamt wurden 88,2% der Verfahren gegen einen Angeklagten und deutlich weniger Verfahren gegen mehrere Angeklagte geführt (11,8%). Bei allen drei Gerichten (AG: 92,6%, LG: 80,5%, OLG: 87,5%) richteten sich 24 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 53. 25 Ohne Wirtschaftsstrafkammern, da sie als große und kleine Strafkammer tätig sein können (§§ 74c Abs. 1 S. 1, 76 Abs. 1 S. 1 GVG). 97 IV. Deskriptive Ergebnisse die Verfahren am häufigsten gegen einen Angeklagten. In Relation zu allen Verfahren an dem jeweiligen Gericht fanden Verfahren gegen mehrere Angeklagte beim Amtsgericht (7,4%) seltener statt als beim Landgericht (19,5%) und Oberlandesgericht (drei Verfahren). Dies könnte damit zusammenhängen, dass die erstinstanzliche Zuständigkeit vor dem Landgericht u. a. dadurch begründet wird, dass im Einzelfall eine höhere Strafe als vier Jahre Freiheitsstrafe zu erwarten ist (§ 24 Abs. 1 Nr. 2 GVG). Dies trifft z.B. auf Bandendelikte zu, bei denen es regelmäßig mehrere Mitangeklagte gibt. Die Oberlandesgerichte wiederum sind für Strafverfahren wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zuständig (§ 120 Abs. 1 Nr. 6 GVG). Die daran anschließende Frage betraf die Art der Beendigung des Verfahrens: Tabelle C.12: Erledigungsart Womit hat die Hauptverhandlung geendet? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent Verurteilung 608 65,3% 399 75,7% 22 91,7% 1029 69,4% Freispruch 90 9,7% 32 6,1% 2 8,3% 124 8,4% Prozessurteil 15 1,6% 31 5,9% 0 0,0% 46 3,1% Einstellung gem. §§ 153, 153a StPO 126 13,5% 19 3,6% 0 0,0% 145 9,8% Anders 92 9,9% 46 8,7% 0 0,0% 138 9,3% Gesamt 931 100,0% 527 100,0% 24 100,0% 1482 100,0% AG: N = 931 n = 931 F = 0; LG: N = 527 n = 527 F = 0; OLG: N = 24 n = 24 F = 0 Die Verfahren endeten am häufigsten mit einer Verurteilung (69,4%). Einstellungen gemäß §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO (9,8%), andere Formen der Verfahrensbeendigung (9,3%) und Freisprüche (8,4%) unterscheiden sich in ihren Häufigkeiten nicht deutlich voneinander, während die wenigsten Verfahren mit einem Prozessurteil endeten (3,1%). Nach den Verurteilungen folgen bei den Amtsgerichten die Einstellungen gem. §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO (13,5%), nicht aber bei den Landgerichten (3,6%) und den Oberlandesgerichten (keine). Dass Einstellungen gemäß §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO häufiger an den Amtsgerichten vorkamen, liegt wohl daran, dass die §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO auf Vergehen der kleinen und allenfalls mittleren Kriminalität beschränkt sind. 2. Fragen zur Verurteilung Denjenigen Befragten, die angaben, dass das Hauptverfahren mit einer Verurteilung geendet hatte, wurde im Anschluss die Frage vorgelegt, wegen 98 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) welcher Delikte verurteilt worden war. Zur Antwort standen zunächst drei Deliktsgruppen zur Verfügung: Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr), Straftaten im Straßenverkehr und andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen.26 Innerhalb dieser Deliktsgruppen wurden weitere Untergruppen genannt.27 Bei den Deliktsgruppen und auch bei den Untergruppen waren Mehrfachnennungen möglich. Tabelle C.13: Verteilung auf Deliktsgruppen28 Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde verurteilt? AG LG OLG Gesamt Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 44 5,7% 22 4,1% 20 83,3% 86 6,4% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 11 1,4% 30 5,5% 1 4,2% 42 3,1% §§ 184–184d 5 0,6% 2 0,4% 0 0,0% 7 0,5% §§ 185–200 22 2,8% 16 2,9% 0 0,0% 38 2,8% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 1 0,1% 14 2,6% 2 8,3% 17 1,3% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 100 12,9% 71 13,1% 0 0,0% 171 12,8% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 32 4,1% 27 5,0% 0 0,0% 59 4,4% §§ 169–173, 201–206 4 0,5% 1 0,2% 0 0,0% 5 0,4% §§ 242–248c 142 18,3% 62 11,4% 0 0,0% 204 15,2% §§ 249–255, 316a 7 0,9% 48 8,8% 0 0,0% 55 4,1% §§ 257–262 5 0,6% 3 0,6% 0 0,0% 8 0,6% §§ 263–266b 97 12,5% 51 9,4% 0 0,0% 148 11,0% §§ 267–282 21 2,7% 7 1,3% 0 0,0% 28 2,1% §§ 283–305a 20 2,6% 11 2,0% 0 0,0% 31 2,3% 26 Diese Frage bekamen die 1.029 Befragten vorgelegt, die angegeben hatten, dass ihr Verfahren mit einem Urteil geendet hatte (s. oben Tabelle C.12). Von ihnen haben zwei Befragte die Frage nicht beantwortet (keine Pflichtfrage), weshalb insgesamt 1.027 Befragte Angaben zu den Deliktsgruppen gemacht haben (AG: 607, LG: 399, OLG: 21). Insgesamt erfolgten 1.341 Nennungen innerhalb der jeweiligen Sets ((1) 910, (2) 215, (3) 216). Darunter waren 314 Mehrfachnennungen (1.341–1.027), da der Befragte sowohl innerhalb einer Gruppe mehrere Delikte als auch mehrere Deliktsgruppen angeben konnte (drei getrennte Mehrfachantworten-Sets). 27 Die Einteilung in drei Deliktsgruppen mit Untergruppen orientiert sich an der Einteilung des Statistischen Bundesamts, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S. 24 und passim. 28 In der Tabelle werden die Antworten aus den drei Mehrfachantworten-Sets zu den Amts-, Land- und Oberlandesgerichten zusammengeführt. Sie gibt daher nur die Anzahl der Nennungen der Richter wieder (s. die ausführlichen Tabellen im Anhang). Die Zwischensummen sind die Summen der Nennungen zu den einzelnen Deliktsgruppen. Die Gesamtsummen sind die Summen aller Nennungen zu allen drei Deliktsgruppen, nicht die Anzahl der Befragten. Die Prozentangaben beziehen sich auf die jeweilige Gesamtsumme. 99 IV. Deskriptive Ergebnisse §§ 306–323c (ohne 315b–316a) 5 0,6% 5 0,9% 0 0,0% 10 0,7% §§ 324–330d 1 0,1% 0 0,0% 0 0,0% 1 0,1% Zwischensumme 517 66,8% 370 68,1% 23 95,8% 910 67,9% Straftaten im Stra- ßenverkehr nach StGB (neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr ver- übte §§ 222, 229, 240) 108 14,0% 24 4,4% 0 0,0% 132 9,8% nach StVG oder anderen Gesetzen 64 8,3% 19 3,5% 0 0,0% 83 6,2% Zwischensumme 172 22,2% 43 7,9% 0 0,0% 215 16,0% andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 4 0,5% 0 0,0% 0 0,0% 4 0,3% AO 2 0,3% 25 4,6% 0 0,0% 27 2,0% BtMG 62 8,0% 87 16,0% 0 0,0% 149 11,1% WStG 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Sonstige 17 2,2% 18 3,3% 1 4,2% 36 2,7% Zwischensumme 85 11,0% 130 23,9% 1 4,2% 216 16,1% Gesamt 774 100,0% 543 100,0% 24 100,0% 1341 100,0% Mehrfachnennungen möglich Bei den Amtsgerichten erfolgten die meisten Verurteilungen wegen Straftaten nach §§ 242–248c StGB (18,3%), gefolgt von Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB (14%), Straftaten nach §§  223–231 StGB (ohne Straßenverkehr) (12,9%), §§ 263–266b StGB (12,5%) und dem BtMG (8%). Hingegen wurden an den Landgerichten die meisten Verurteilungen ausgesprochen wegen Straftaten nach dem BtMG (16%), gefolgt von Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr) (13,1%), §§ 242–248c StGB (11,4%) sowie nach §§ 263–266 StGB (9,4%). Beim Oberlandesgericht ergingen die meisten Verurteilungen erwartungsgemäß (vgl. §  120 Abs.  1 GVG) wegen Straftaten gegen den Staat (83,3%). Nimmt man die Zahlen für die Amts-, Land- und Oberlandesgerichte zusammen und vergleicht sie mit den amtlichen Zahlen, so zeigt sich, dass auch dort die meisten Verurteilungen auf die genannten Deliktsgruppen entfallen. Im Detail bestehen allerdings Unterschiede, die wegen der unterschiedlichen Erhebungsmethoden zu erwarten waren:29 So betrug nach den amtlichen Zahlen der Anteil an der Gesamtzahl der Verurteilungen Erwachsener bei den Verurteilungen wegen Straftaten nach §§ 263–266b StGB 20,5% (hier 11%), wegen Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB 16,4% (hier 9,8%), wegen Straftaten nach §§ 242–248c StGB 15,5% 29 In die amtliche Statistik fließen die Verurteilungen aller 638 Amtsgerichte, 115 Landgerichte und 24 Oberlandesgerichte ein, während hier die Stichprobe 29 Amtsgerichte, 28  Landgerichte und 10 Oberlandesgerichte umfasste, von denen 19 Amtsgerichte, 19 Landgerichte und 3 Oberlandesgerichte teilnahmen (s. oben Tabelle C.6, Tabelle C.8). Dadurch kommt es hier zu einem höheren Anteil landgerichtlicher Verfahren (AG: 931, LG: 527; s. oben Tabelle C.9). Eine bessere Vergleichbarkeit bestünde, wenn die amtliche Statistik eine Aufschlüsselung nach Gerichten enthielte. 100 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) (hier 15,2%), nach dem BtMG 8,2% (hier 11,1%) und nach §§  223–231 StGB (ohne Straßenverkehr) 7,6% (hier 12,8%).30 In den Verfahren, in denen es zu einer Verurteilung gekommen war, wurde darüber hinaus gefragt, ob eine Freiheits- oder eine Geldstrafe verhängt worden war. Bejahendenfalls wurde in freien Textfeldern zudem um die Angabe der Höhe gebeten (Jahre und Monate, Anzahl der Tagessätze). Wenn eine Freiheitsstrafe verhängt worden war, wurde im Anschluss auch gefragt, ob deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt worden war (ja/ nein). Wenn mehrere Strafen innerhalb eines Verfahrens verhängt worden waren (z.B. bei mehreren Angeklagten), sollte nur die höchste Strafe angegeben werden.31 Tabelle C.14 Freiheitsstrafe ohne Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung n Prozent unter 6 Monate 25 7,0% 6 Monate 29 8,1% über 6 bis 9 Monate 21 5,9% über 9 Monate bis 1 Jahr 27 7,6% über 1 Jahr bis 2 Jahre 46 12,9% über 2 Jahre bis 3 Jahre 65 18,3% über 3 Jahre bis 5 Jahre 84 23,6% über 5 Jahre bis 10 Jahre 57 16,0% über 10 Jahre bis 15 Jahre 2 0,6% lebenslang 0 0,0% Gesamt 356 100,0% N = 1482 n = 356 F = 1126 Zwar wurde hier die Gruppe „über 3 Jahre bis 5 Jahre“ am häufigsten genannt (23,6%). Bezogen auf einen Zeitraum von zwei Jahren erfolgten die meisten Verurteilungen jedoch zu einer Freiheitsstrafe unter zwei Jahre (41,6%). Dieser Wert weicht erheblich von dem ab, der sich aus den amtlichen Zahlen ergibt (70,5%),32 was auch hier an der anderen Erhebungsmethode und dem dadurch bedingten höheren Anteil landgerichtlicher Verfahren liegen kann.33 30 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S. 25. Zu den in Klammer gesetzten Werten s. oben Tabelle C.13. 31 Insgesamt wurden 1.029 Befragte, die angegeben hatten, dass das Verfahren mit einer Verurteilung geendet hatte (s. oben Tabelle C.12), zur Strafhöhe befragt. Die fehlenden Werte (1.029–986=43) ergeben sich aus der Freiwilligkeit der Frage (kein Pflichtfeld) und nicht plausiblen Angaben in den freien Textfeldern. 32 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S.  164  f. (23.433 von 33.242 [102.746–69.504]). 33 S. oben Fn. 29. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass das Statistische Bundesamt an dieser Stelle auch Verurteilungen Heranwachsender nach dem allgemeinen 101 IV. Deskriptive Ergebnisse Tabelle C.15 Freiheitsstrafe mit Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung n Prozent unter 6 Monate 49 16,8% 6 Monate 42 14,4% über 6 bis 9 Monate 49 16,8% über 9 Monate bis 1 Jahr 43 14,7% über 1 Jahr bis 2 Jahre 109 37,3% Gesamt 292 100,0% N = 1482 n = 292 F = 1190 Bei den Verurteilungen zu Freiheitsstrafen, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde, ist – vor dem Hintergrund des § 56 StGB erwartungsgemäß – der Anteil der Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr höher (62,7%) als der der Freiheitsstrafen zwischen einem und zwei Jahren. Dieser Wert weicht ebenfalls von dem Wert ab, der sich aus den amtlichen Zahlen ergibt (79,3%),34 entspricht ihm aber in der Tendenz. Tabelle C.16 Geldstrafe in Tagessätzen N Prozent 5 bis 15 14 4,1% 16 bis 30 64 18,9% 31 bis 90 192 56,8% 91 bis 180 65 19,2% 181 bis 360 3 0,9% 361 und mehr 0 0,0% Gesamt 338 100,0% N = 1482 n = 338 F = 1144 Insgesamt lagen die meisten Geldstrafen – wegen § 32 Abs. 2 Nr. 5 lit. a BZRG erwartungsgemäß – im Bereich bis zu 90 Tagessätzen (79,9%) und so gut wie alle beliefen sich auf weniger als 181 Tagessätze (99,1%). Diese Werte entsprechen der bundesweit üblichen Verteilung. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede zu den amtlichen Zahlen. Dort liegen 91,5% der Geldstrafen im Bereich bis zu 90 Tagessätzen und 99,4% im Bereich bis zu 180 Tagessätzen.35 Strafrecht einbezieht; Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S.  25, 164 (633.618+19.442=653.060). 34 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S.  164  f. (55.097 [18.129+11.111+13.963+11.894] von 69.504). 35 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S.  202 (503.517 von 550.312 bzw. 546.818 von 550.312). 102 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.17 Welche Strafe wurde verhängt? AG LG OLG Gesamt N Prozent n Prozent n Prozent n Prozent Freiheitsstrafe „mit Bewährung“ 187 31,3% 100 27,1% 5 26,3% 292 29,6% Freiheitsstrafe „ohne Bewährung“ 116 19,4% 226 61,2% 14 73,7% 356 36,1% Geldstrafe 295 49,3% 43 11,7% 0 0,0% 338 34,3% Gesamt 598 100,0% 369 100,0% 19 100,0% 986 100,0% AG: N = 931 n = 598 F = 333; LG: N = 527 n = 369 F = 158; OLG: N = 24 n = 19 F = 5 Die Zusammenfassung überrascht: Am häufigsten wurden Freiheitsstrafen ohne Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung verhängt (36,1%), dicht gefolgt von Geldstrafen (34,3%) und Freiheitsstrafen mit Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung (29,6%). Diese Werte weichen deutlich von denen ab, die sich anhand der amtlichen Statistik ergeben: Danach entfielen nur 5,1% der Verurteilungen auf Freiheitsstrafen, deren Vollstreckung nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde, 10,6% auf Freiheitsstrafen „mit Bewährung“ und 84,3% auf Geldstrafen.36 Diese Abweichungen lassen sich, wie z. B. die Zahlen für die Amtsgerichte zeigen, nicht allein auf die Erhebungsmethode zurückführen, die von der des Statistischen Bundesamts abweicht. Hier dürften vielmehr die durch die geringe Beteiligung verursachten Ungleichgewichte mit hineinspielen. Zu erwarten war demgegenüber wegen der sachlichen Zuständigkeiten das weitere Ergebnis, dass an den Amtsgerichten häufiger Geldstrafen und Freiheitsstrafen „mit Bewährung“ verhängt wurden, während an den Landgerichten (61,2%) und Oberlandesgerichten (14 Verfahren) häufiger Freiheitsstrafen ohne Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung festgesetzt wurden. 3. Fragen zu Absprachen a) Häufigkeit von Absprachen Der Fokus der Erhebung lag auf der Frage, ob in den Verfahren, die mit einer Verurteilung endeten, eine Absprache – sei es eine formelle Absprache, also eine Verständigung gemäß § 257c StPO, oder eine informelle Absprache – getroffen wurde: 36 Ausgehend von einer Zahl von insgesamt 653.060 Verurteilungen, davon 550.312 zu Geldstrafen, 69.504 zu Freiheitsstrafen, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde, und 33.242 Freiheitsstrafen, bei denen dies nicht angeordnet wurde, sowie 2 Verurteilungen zum Strafarrest gem. § 9 WStG; Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S. 96, 164 f., 202. 103 IV. Deskriptive Ergebnisse Tabelle C.18: Ist dieser Verurteilung eine formelle oder informelle Absprache vorausgegangen? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent ja 51 8,4% 69 17,3% 1 4,5% 121 11,8% nein 557 91,6% 330 82,7% 21 95,5% 908 88,2% Gesamt 608 100,0% 399 100,0% 22 100,0% 1029 100,0% AG: N = 931 n = 608 F = 323; LG: N = 527 n = 399 F = 128; OLG: N = 24 n = 22 F = 2 Obwohl an den Amtsgerichten mehr Verurteilungen erfolgten als an den Landgerichten (AG: 608, LG: 399), wurden weniger Absprachen getroffen (AG: 51, LG: 69). Im Verhältnis zu den Verurteilungen waren es an den Landgerichten sogar doppelt so viele Absprachen (17,3%) wie an den Amtsgerichten (8,4%).37 Diese Ergebnisse stehen mit denen des Statistischen Bundesamtes nur insoweit in Einklang, als sich auch aus jenen Zahlen eine höhere (Verständigungs-)Quote bei den Landgerichten als bei den Amtsgerichten ergibt. Ansonsten weichen die Zahlen voneinander ab: So nennt das Statistische Bundesamt für die Amtsgerichte deutlich höhere absolute Zahlen (3.949) als für die Landgerichte (922).38 Dabei ist allerdings zu beachten, dass die amtliche Statistik zu den Landgerichten nur Zahlen für die erste Instanz ausweist. Außerdem werden dort nur Verständigungen nach § 257c StPO erfasst und nicht wie hier auch informelle Absprachen. Die relativen Werte stimmen ebenso wenig überein: Zwar besteht insoweit eine Parallele, als auch nach den amtlichen Zahlen der Anteil der Verständigungen bei den Landgerichten höher ist als bei den Amtsgerichten. Während danach bei den Amtsgerichten 1,5% und bei den Landgerichten 10,3% der Urteile auf einer Verständigung beruhen, liegt jedoch hier die Absprachenquote jeweils ca. sieben Prozentpunkte höher bei 8,4% und 17,3%. Ob dies Rückschlüsse auf den Anteil informeller Absprachen erlaubt, lässt sich hier nicht entscheiden.39 Vor dem Hintergrund der größeren Anzahl erledigter Strafverfahren an den Amtsgerichten40 wäre mit einer höheren absoluten Zahl von Absprachen und einer Absprachenquote zu rechnen gewesen, die zumindest der der Landgerichte entspricht. Möglicherweise ist es bei den Amtsgerichten infolge des sehr unterschiedlichen Umfangs der Teilnahme, der wiederum 37 Da an den OLG nur in einem Verfahren eine Absprache getroffen wurde, werden sie im Folgenden in den Tabellen zwar weiter aufgeführt, aber keine Auswertung zu ihnen vorgenommen. 38 S. oben Tabelle C.1. 39 S. dazu Modul 5 40 S. oben Fn. 21. 104 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) auf verschiedenen Gründen beruhen kann (z.B. soziale Erwünschtheit, Mitteilung des Aktenzeichens), zu einer Verzerrung gekommen. Innerhalb der Strafverfahren, in denen eine Absprache erfolgte, lässt sich weiter aufschlüsseln, ob sich diese gegen einen oder mehrere Angeklagte richteten: Tabelle C.19 Absprachen × Anzahl der Angeklagten ja Nein Gesamt N Prozent N Prozent n Prozent ein Angeklagter 87 71,9% 800 88,1% 887 86,2% zwei oder mehrere Angeklagte 34 28,1% 108 11,9% 142 13,8% Gesamt 121 100,0% 908 100,0% 1029 100,0% N = 1482 n = 1029 F = 453 Von den insgesamt 121 Strafverfahren, in denen eine Absprache getroffen wurde, richten sich 34 gegen zwei oder mehrere Angeklagte (28,1%). Der Anteil ist höher als der Anteil der Strafverfahren gegen zwei oder mehrere Angeklagte an den Strafverfahren insgesamt (11,8%).41 Das deutet darauf hin, dass in solchen Verfahren tendenziell häufiger eine Absprache gesucht wird. Interessant ist auch ein Blick darauf, wie sich die Absprachen auf die Spruchkörper verteilen: Tabelle C.20 Absprache × Spruchkörper ja nein Gesamt n Prozent N Prozent n Prozent Strafrichter 15 12,4% 499 55,0% 514 50,0% Schöffengericht 36 29,8% 58 6,4% 94 9,1% kleine Strafkammer 15 12,4% 129 14,2% 144 14,0% Wirtschaftsstrafkammer 21 17,4% 18 2,0% 39 3,8% Schwurgericht 2 1,7% 21 2,3% 23 2,2% (andere) große Strafkammer 31 25,6% 162 17,8% 193 18,8% Strafsenat 1 0,8% 21 2,3% 22 2,1% Gesamt 121 100,0% 908 100,0% 1029 100,0% N = 1482 n = 1029 F = 453 Bezogen auf die Gesamtzahl der Absprachen (121) wurden die meisten von den Schöffengerichten getroffen (36 ≙ 29,8%). Vergleicht man aber die Anzahl der Absprachen eines Spruchkörpers mit der Anzahl seiner Verurteilungen, liegen die Wirtschaftsstrafkammern vorne. Bei ihnen ging über der Hälfte der Verurteilungen eine Absprache voraus (21 von 39 ≙ 53,8%). 41 S. oben Tabelle C.11. 105 IV. Deskriptive Ergebnisse b) Art und Höhe der Strafe nach einer Absprache In der folgenden Tabelle werden die Angaben dazu, ob den Verurteilungen an den Amts-, Land- und Oberlandesgerichten Absprachen vorausgingen, mit den Angaben zu den Delikten (nach Deliktsgruppen), wegen derer verurteilt wurde, in Beziehung gesetzt: Tabelle C.21 Absprache × Deliktsgruppen Absprache getroffen? GesamtJa nein Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 7 4,0% 79 6,8% 86 6,4% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 5 2,9% 37 3,2% 42 3,1% §§ 184–184d 1 0,6% 6 0,5% 7 0,5% §§ 185–200 2 1,1% 36 3,1% 38 2,8% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 2 1,1% 15 1,3% 17 1,3% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 20 11,4% 151 13,0% 171 12,8% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 6 3,4% 53 4,5% 59 4,4% §§ 169–173, 201–206 1 0,6% 4 0,3% 5 0,4% §§ 242–248c 22 12,6% 182 15,6% 204 15,2% §§ 249–255, 316a 5 2,9% 50 4,3% 55 4,1% §§ 257–262 2 1,1% 6 0,5% 8 0,6% §§ 263–266b 28 16,0% 120 10,3% 148 11,0% §§ 267–282 6 3,4% 22 1,9% 28 2,1% §§ 283–305a 5 2,9% 26 2,2% 31 2,3% §§ 306–323c (ohne §§ 315b–316a) 2 1,1% 8 0,7% 10 0,7% §§ 324–330d 0 0,0% 1 0,1% 1 0,1% Zwischensumme 114 65,1% 796 68,3% 910 67,9% Straftaten im Stra- ßenverkehr nach StGB (neben §§ 315–316 z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240) 8 4,6% 124 10,6% 132 9,8% nach StVG oder anderen Gesetzen 3 1,7% 80 6,9% 83 6,2% Zwischensumme 11 6,3% 204 17,5% 215 16,0% andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 1 0,6% 3 0,3% 4 0,3% AO 15 8,6% 12 1,0% 27 2,0% BtMG 28 16,0% 121 10,4% 149 11,1% WStG 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Sonstige 6 3,4% 30 2,6% 36 2,7% Zwischensumme 50 28,6% 166 14,2% 216 16,1% Gesamt 175 100,0% 1166 100,0% 1341 100,0% Mehrfachnennungen möglich 106 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Es zeigt sich, dass in den Deliktsgruppen, zu denen am häufigsten Verurteilungen ergingen,42 auch am häufigsten Absprachen erfolgten. Allerdings liegen die Werte für Verurteilungen und für Absprachen mit einer Ausnahme so nahe beieinander, dass nicht gesagt werden kann, dass es bei diesen Deliktsgruppen auffallend häufig oder selten zu Absprachen kam. Das gilt insbesondere für die Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr), bei denen es in 11,4% zu Absprachen kam (Verurteilungen: 12,8%), nach §§ 242–248c StGB (12,6%, Verurteilungen: 15,2%), nach §§ 263–266b StGB (16%, Verurteilungen: 11%) und nach dem BtMG (16%, Verurteilungen: 11,1%). Auffallend sind am ehesten noch die Werte für die Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB, bei denen relativ gesehen weniger Absprachen erfolgten (4,6%, Verurteilungen 14%). Auch bei keiner der anderen Deliktsgruppen erlauben die Zahlen die Behauptung, dass den Verurteilungen über- oder unterdurchschnittlich häufig Absprachen vorangingen. Tabelle C.22 Absprache × Freiheitsstrafe ohne Aussetzung zur Bewährung Absprache getroffen? Gesamtja nein n Prozent n Prozent n Prozent unter 6 Monate 0 0,0% 25 8,1% 25 7,0% 6 Monate 2 4,3% 27 8,7% 29 8,1% über 6 bis 9 Monate 1 2,1% 20 6,5% 21 5,9% über 9 Monate bis 1 Jahr 0 0,0% 27 8,7% 27 7,6% über 1 Jahr bis 2 Jahre 9 19,1% 37 12,0% 46 12,9% über 2 Jahre bis 3 Jahre 16 34,0% 49 15,9% 65 18,3% über 3 Jahre bis 5 Jahre 13 27,7% 71 23,0% 84 23,6% über 5 Jahre bis 10 Jahre 6 12,8% 51 16,5% 57 16,0% über 10 Jahre bis 15 Jahre 0 0,0% 2 0,6% 2 0,6% Lebenslang 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Gesamt 47 100,0% 309 100,0% 356 100,0% N = 1482 n = 356 F = 1126 Während von den aufgeführten Zeiträumen bei den Verurteilungen die Gruppe „über 3 Jahre bis 5 Jahre“ am häufigsten vertreten ist (23,6%), ist es bei den Absprachen die Gruppe „über 2  Jahre bis 3  Jahre“ (34%). Das deutet darauf hin, dass Absprachen tendenziell zu günstigeren Urteilen für den Angeklagten führen. Noch deutlicher wird dies, wenn man auf den Zeitraum „bis zwei Jahre“ schaut, auf den zwar insgesamt 41,6% entfallen, bei den Absprachen aber nur 25,5%. Den Grund hierfür zeigt die folgende Tabelle: 42 S. oben Tabelle C.13. 107 IV. Deskriptive Ergebnisse Tabelle C.23 Absprache × Freiheitsstrafe mit Aussetzung zur Bewährung Absprache getroffen? Gesamtja nein n Prozent n Prozent n Prozent unter 6 Monate 2 4,0% 47 19,4% 49 16,8% 6 Monate 1 2,0% 41 16,9% 42 14,4% über 6 bis 9 Monate 3 6,0% 46 19,0% 49 16,8% über 9 Monate bis 1 Jahr 4 8,0% 39 16,1% 43 14,7% über 1 Jahr bis 2 Jahre 40 80,0% 69 28,5% 109 37,3% Gesamt 50 100,0% 242 100,0% 292 100,0% N = 1482 n = 292 F = 1190 Bei den Verurteilungen zu Freiheitsstrafen, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde, ist der Anteil der Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr höher (62,7%) als der Anteil der Freiheitsstrafen zwischen einem und zwei Jahren. Bei den Absprachen ist es andersherum: Der Anteil der absprachenbasierten Verurteilungen zu einer Freiheitsstrafe über ein Jahr bis zu zwei Jahren, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde, liegt bei 80%: Dies erklärt zum einen die geringe Zahl der Absprachen zu einer Verurteilung in gleicher Höhe, aber ohne Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung. Zum anderen bestätigt es die verbreitete Einschätzung, dass der Gegenstand einer Absprache häufig die Strafaussetzung zur Bewährung ist. Tabelle C.24 Absprache × Geldstrafe (Tagessätze) Absprache getroffen? Gesamtja Nein n Prozent N Prozent n Prozent 5 bis 15 0 0,0% 14 4,4% 14 4,1% 16 bis 30 2 11,1% 62 19,4% 64 18,9% 31 bis 90 12 66,7% 180 56,3% 192 56,8% 91 bis 180 3 16,7% 62 19,4% 65 19,2% 181 bis 360 1 5,6% 2 0,6% 3 0,9% 361 und mehr 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Gesamt 18 100,0% 320 100,0% 338 100,0% N = 1482 n = 338 F = 1144 Bei den Geldstrafen lässt sich keine auffällige Folge der Absprachen feststellen: Vergleicht man den Anteil, den absprachenbasierte Verurteilungen zu Freiheitsstrafen (9743) an allen Verurteilungen zu Freiheitsstrafen (64844) haben (15%), mit dem Anteil, den absprachenbasierte Verurteilungen zu 43 47+50; vgl. Tabelle C.22 und Tabelle C.23. 44 356+292; vgl. Tabelle C.22 und Tabelle C.23. 108 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Geldstrafen (18) an allen Verurteilungen zu Geldstrafen (338) haben (5,3%), so zeigt sich, dass die Absprache bei Geldstrafen eine geringere Rolle spielt. Dasselbe ist zu erkennen, wenn man den Anteil, den absprachenbasierte Verurteilungen zu Freiheitsstrafen (97) an allen Verurteilungen überhaupt (98645) haben (9,8%), mit dem Anteil vergleicht, den absprachenbasierte Verurteilungen zu Geldstrafen (18) an allen Verurteilungen überhaupt (986) haben (1,8%). Das bestätigt auch die folgende Tabelle: Tabelle C.25 Absprache × Strafen insgesamt Absprache getroffen? Gesamtja nein n Prozent n Prozent n Prozent Freiheitsstrafe „mit Bewährung“ 50 43,5% 242 27,8% 292 29,6% Freiheitsstrafe „ohne Bewährung“ 47 40,9% 309 35,5% 356 36,1% Geldstrafe in Tagessätzen 18 15,7% 320 36,7% 338 34,3% Gesamt 115 100,0% 871 100,0% 986 100,0% N = 1482 n = 986 F = 496 Es zeigt sich zudem nochmals die größere Bedeutung der Absprache für die Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe mit Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung. c) Zeitpunkt und Vorbereitung einer Absprache Bei den insgesamt 121 Verfahren, in denen eine Absprache getroffen wurde, wurde zudem nach dem Zeitpunkt der Absprache gefragt: Tabelle C.26: Zeitpunkt der Absprache (Beweisaufnahme) Wann kam es zu einer Absprache? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent vor der Beweisaufnahme 27 52,9% 47 68,1% 1 100,0% 75 62,0% nach Beginn der Beweisaufnahme 24 47,1% 22 31,9% 0 0,0% 46 38,0% Gesamt 51 100,0% 69 100,0% 1 100,0% 121 100,0% AG: N = 931 n = 51 F = 880; LG: N = 527 n = 69 F = 458; OLG: N = 24 n = 1 F = 23 Es zeigt sich, dass eine Absprache eher vor der Beweisaufnahme getroffen wird (62%) als nach deren Beginn (38%). Dies gilt für Amtsgerichte und mehr noch für Landgerichte (AG: 52,9%, LG: 68,1%). Das könnte darauf 45 S. oben Fn. 31 und Tabelle C.17. 109 IV. Deskriptive Ergebnisse hinweisen, dass die Richter Absprachen häufig vor der Beweisaufnahme treffen, um das Verfahren zu verkürzen. Um den Zeitpunkt der Absprache genauer zu erfassen, wurde folgende Frage gestellt: Tabelle C.27: Zeitpunkt der Absprache (Verhandlungstage) Nach wie vielen Verhandlungstagen wurde endgültig diese Absprache getroffen? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent am ersten Verhandlungstag 47 92,2% 43 62,3% 1 100,0% 91 75,2% nach mehreren Verhandlungstagen 4 7,8% 26 37,7% 0 0,0% 30 24,8% Gesamt 51 100,0% 69 100,0% 1 100,0% 121 100,0% AG: N = 931 n = 51 F = 880; LG: N = 527 n = 69 F = 458; OLG: N = 24 n = 1 F = 23 In 75,2% der 121 Verfahren wurde die Absprache bereits am ersten Verhandlungstag46 getroffen. Allerdings unterscheiden sich die Zahlen für Amts- und Landgerichte deutlich: Während an den Amtsgerichten die Absprache fast immer (92,2%) am ersten Verhandlungstag geschlossen wurde, war dies bei den Landgerichten „nur“ in 62,3% der Verfahren der Fall. Das Ergebnis überrascht weniger für die Amtsgerichte, wo die Strafverfahren im Schnitt 1,2 Tage dauern, als für die Landgerichte, wo sie in der 1. Instanz durchschnittlich 5,0 Tage in Anspruch nehmen.47 Zwar ist zu beachten, dass in die obigen Zahlen auch Berufungsverfahren eingeflossen sind,48 wo wiederum eine Verfahrensdauer von 1,3 Tagen üblich ist.49 Jedoch erklärt dies allein nicht die hohe Zahl von Absprachen am ersten Verhandlungstag. Auch dies könnte darauf hinweisen, dass die Absprache zur Verkürzung der Verfahrensdauer genutzt wird. In der folgenden Tabelle wird der Zeitpunkt der Absprache zu den Deliktsgruppen in Beziehung gesetzt: 46 Die offenen Textfeldangaben „es gab nur einen Verhandlungstag“ und „nach X Tagen von Y Hauptverhandlungstagen“ wurden in Kategorien zusammengefasst. 47 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 35, 75 (Zahl für Strafverfahren einschließlich Jugendsachen). 48 Vorsitzende kleiner Strafkammern füllten 245 der insgesamt 527 von Vorsitzenden Richtern am Landgericht ausgefüllten Fragebögen aus; s. oben Tabelle C.10. 49 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 93 (Zahl für Strafverfahren einschließlich Jugendsachen). 110 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.28: Zeitpunkt der Absprache (Verhandlungstage × Deliktsgruppen) Nach wie vielen Verhandlungstagen wurde endgültig diese Absprache getroffen? Gesamt am ersten Verhandlungstag nach mehreren Verhandlungstagen Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 7 5,2% 0 0,0% 7 4,0% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 3 2,2% 2 5,0% 5 2,9% §§ 184–184d 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% §§ 185–200 2 1,5% 0 0,0% 2 1,1% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 1 0,7% 1 2,5% 2 1,1% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 15 11,1% 5 12,5% 20 11,4% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 3 2,2% 3 7,5% 6 3,4% §§ 169–173, 201–206 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% §§ 242–248c 17 12,6% 5 12,5% 22 12,6% §§ 249–255, 316a 3 2,2% 2 5,0% 5 2,9% §§ 257–262 1 0,7% 1 2,5% 2 1,1% §§ 263–266b 18 13,3% 10 25,0% 28 16,0% §§ 267–282 6 4,4% 0 0,0% 6 3,4% §§ 283–305a 5 3,7% 0 0,0% 5 2,9% §§ 306–323c (ohne §§ 315b– 316a) 2 1,5% 0 0,0% 2 1,1% §§ 324–330d 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Zwischensumme 85 63,0% 29 72,5% 114 65,1% Straftaten im Straßenverkehr nach StGB (neben §§ 315b–316 z.B. auch im Straßenverkehrverübte §§ 222, 229, 240) 7 5,2% 1 2,5% 8 4,6% nach StVG oder anderen Gesetzen 3 2,2% 0 0,0% 3 1,7% Zwischensumme 10 7,4% 1 2,5% 11 6,3% andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/ EU 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% AO 13 9,6% 2 5,0% 15 8,6% BtMG 22 16,3% 6 15,0% 28 16,0% WStG 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Sonstige 4 3,0% 2 5,0% 6 3,4% Zwischensumme 40 29,6% 10 25,0% 50 28,6% Gesamt 135 100,0% 40 100,0% 175 100,0% Mehrfachnennungen möglich Bei den Deliktsgruppen, bei denen die meisten Absprachen getroffen wurden, wurde auch ein entsprechend großer Anteil der Absprachen am ersten Verhandlungstag getroffen. Die meisten Absprachen nach zwei oder mehr Verhandlungstagen gab es erwartungsgemäß bei den Straftaten nach den §§ 263–266b StGB, zu denen auch Wirtschaftsstraftaten gehören. 111 IV. Deskriptive Ergebnisse Außerdem sollten die Befragten angeben, ob die Absprache durch Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet worden war: Tabelle C.29: Vorbereitung der Absprache Wurde die Absprache durch Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent ja 18 35,3% 41 59,4% 1 100,0% 60 49,6% nein 33 64,7% 28 40,6% 0 0,0% 61 50,4% Gesamt 51 100,0% 69 100,0% 1 100,0% 121 100,0% AG: N = 931 n = 51 F = 880; LG: N = 527 n = 69 F = 458; OLG: N = 24 n = 1 F = 23 Den Angaben der Befragten zufolge wurde die Absprache in knapp der Hälfte der 121 Verfahren außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet (49,6%). Es fällt auf, dass dies an den Amtsgerichten seltener war (35,3%) als an den Landgerichten (59,4%). Dass an den Amtsgerichten eine Absprache häufiger innerhalb der Hauptverhandlung angesprochen wurde, kann daran liegen, dass am Amtsgericht seltener eine Öffentlichkeit anwesend ist, der Strafrichter keine Rücksicht auf Schöffen nehmen muss und die Beteiligten sich im „Massengeschäft“ der Amtsgerichte von Vorgesprächen keine Vereinfachung und Zeitersparnis versprechen. Weiter wurden die Richter gefragt, wann die Gespräche bezüglich einer Absprache begannen, wenn die Absprache durch Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet wurde: Tabelle C.30: Beginn der Vorbereitung der Absprache Wenn die Absprache durch Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet wurde: Wann begann das? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent Zwischenverfahren 3 16,7% 12 29,3% 0 0,0% 15 25,0% Hauptverfahren vor Beginn der Hauptverhandlung 7 38,9% 12 29,3% 1 100,0% 20 33,3% Hauptverfahren während der Hauptverhandlung 8 44,4% 17 41,5% 0 0,0% 25 41,7% Gesamt 18 100,0% 41 100,0% 1 100,0% 60 100,0% AG: N = 931 n = 18 F = 913; LG: N = 527 n = 41 F = 486; OLG: N = 24 n = 1 F = 23 Auffällig ist die Steigerung mit fortschreitendem Verfahrensstadium, die insbesondere beim Amtsgericht zu beobachten ist. Sie wird noch deutlicher, wenn man die Zahlen für die ausschließlich in der Hauptverhandlung erörterten Absprachen hinzunimmt (AG: 33, LG: 28).50 Ein Grund dafür, dass die Möglichkeiten der §§ 202a, 212 StPO seltener genutzt und häufig 50 S. oben Tabelle C.29. 112 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) erst nach Beginn der Hauptverhandlung Gespräche über eine Absprache geführt werden, könnte sein, dass dann erst die Bereitschaft zu einer Absprache besteht. Dies könnte wiederum damit zusammenhängen, dass die Beteiligten sich im „Massengeschäft“ der Amtsgerichte von Vorgesprächen keine Vereinfachung und Zeitersparnis versprechen und deshalb erst während der Hauptverhandlung Gespräche führen. Hinzu mag kommen, dass erst zu diesem Zeitpunkt alle die erforderliche Aktenkenntnis haben. Anschließend wurden die Richter nach der Initiative zu den Gesprächen gefragt: Tabelle C.31: Initiative zum Gespräch über eine Absprache Von wem ging die Initiative zu diesen Gesprächen aus? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent Gericht 7 38,9% 24 58,5% 1 100,0% 32 53,3% Staatsanwaltschaft 1 5,6% 1 2,4% 0 0,0% 2 3,3% Verteidigung/Angeklagter 10 55,6% 16 39,0% 0 0,0% 26 43,3% Gesamt 18 100,0% 41 100,0% 1 100,0% 60 100,0% AG: N = 931 n = 18 F = 913; LG: N = 527 n = 41 F = 486; OLG: N = 24 n = 1 F = 23 Nach Angaben der Befragten ging in den 60 Verfahren die Initiative an den Amtsgerichten eher von der Verteidigung bzw. dem Angeklagten aus (55,6%), während sie an den Landgerichten häufiger vom Gericht ergriffen wurde (58,5%). Die Staatsanwaltschaft ist sowohl am Amtsgericht (5,6%) als auch am Landgericht (2,4%) nur selten Initiator der Gespräche. d) Gescheiterte Gespräche über eine Absprache Die Richter, die angegeben hatten, keine Absprache getroffen zu haben (n = 908), wurden gefragt, ob denn Gespräche darüber stattgefunden hatten: Tabelle C.32: Gespräche über eine Absprache Wurden überhaupt Gespräche über eine mögliche Absprache geführt? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent ja 29 5,2% 61 18,5% 0 0,0% 90 9,9% nein 528 94,8% 269 81,5% 21 100,0% 818 90,1% Gesamt 557 100,0% 330 100,0% 21 100,0% 908 100,0% AG: N = 931 n = 557 F = 374; LG: N = 527 n = 330 F = 197; OLG: N = 24 n = 21 F = 3 In den insgesamt 908 Verfahren, in denen keine Absprache getroffen wurde, sind zumeist auch keine diesbezüglichen Gespräche geführt worden (90,1%). Am Landgericht wurden eher Gespräche über Absprachen geführt 113 IV. Deskriptive Ergebnisse (18,5%) als am Amtsgericht (5,2%). Am Oberlandesgericht wurden gar keine Gespräche geführt (21 Verfahren). Auch diese Ergebnisse könnten mit den zur Häufigkeit von Absprachen genannten Gründen51 zu erklären sein. Tabelle C.33 Gespräche über eine Absprache × Deliktsgruppen Wurden überhaupt Gespräche über eine mögliche Absprache geführt? GesamtJa nein Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 10 8,1% 69 6,6% 79 6,8% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 8 6,5% 29 2,8% 37 3,2% §§ 184–184d 1 0,8% 5 0,5% 6 0,5% §§ 185–200 3 2,4% 33 3,2% 36 3,1% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 0 0,0% 15 1,4% 15 1,3% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 15 12,1% 136 13,1% 151 13,0% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 7 5,6% 46 4,4% 53 4,5% §§ 169–173, 201–206 0 0,0% 4 0,4% 4 0,3% §§ 242–248c 12 9,7% 170 16,3% 182 15,6% §§ 249–255, 316a 12 9,7% 38 3,6% 50 4,3% §§ 257–262 1 0,8% 5 0,5% 6 0,5% §§ 263–266b 13 10,5% 107 10,3% 120 10,3% §§ 267–282 0 0,0% 22 2,1% 22 1,9% §§ 283–305a 1 0,8% 25 2,4% 26 2,2% §§ 306–323c (ohne §§ 315b–316a) 0 0,0% 8 0,8% 8 0,7% §§ 324–330d 0 0,0% 1 0,1% 1 0,1% Zwischensumme 83 66,9% 713 68,4% 796 68,3% Straftaten im Stra- ßenverkehr nach StGB (neben §§ 315b–316 z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240) 8 6,5% 116 11,1% 124 10,6% nach StVG oder anderen Gesetzen 5 4,0% 75 7,2% 80 6,9% Zwischensumme 13 10,5% 191 18,3% 204 17,5% Andere Straftaten nach anderen Bundesu. Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 0 0,0% 3 0,3% 3 0,3% AO 3 2,4% 9 0,9% 12 1,0% BtMG 21 16,9% 100 9,6% 121 10,4% WStG 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Sonstige 4 3,2% 26 2,5% 30 2,6% Zwischensumme 28 22,6% 138 13,2% 166 14,2% Gesamt 124 100,0% 1042 100,0% 1166 100,0% Mehrfachnennungen möglich 51 S. oben nach Tabelle C.18. 114 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Es hat sich bereits oben gezeigt, dass in den Deliktsgruppen, zu denen am häufigsten Verurteilungen ergingen,52 auch am häufigsten Absprachen erfolgten.53 Das setzt sich bei den (gescheiterten) Gesprächen über eine Absprache fort. Auch hier liegen die Werte wieder so nahe beieinander, dass nicht gesagt werden kann, dass es bei diesen Deliktsgruppen auffallend häufig oder selten zu einem Gespräch über eine Absprache kam.54 Zusätzlich wurde nach den Gründen gefragt, warum keine Gespräche über eine Absprache stattgefunden oder solche Gespräche nicht zu einer Absprache geführt hatten:55 Tabelle C.34: Gründe für das Unterlassen oder Scheitern von Gesprächen Was war der Grund, dass Gespräche nicht geführt wurden oder nicht zur Absprache führten? Amtsgerichte Landgerichte Oberlandesgerichte Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Ich/ Kammer/Senat lehne/lehnt Absprache ab 44 7,9% 7,3% 69 20,9% 16,4% 11 52,4% 47,8% 124 13,7% 11,8% Verfahren war für Absprache ungeeignet 435 78,1% 71,8% 242 73,3% 57,6% 7 33,3% 30,4% 684 75,3% 65,2% StA nicht zur Absprache bereit 17 3,1% 2,8% 29 8,8% 6,9% 0 0,0% 0,0% 46 5,1% 4,4% Verteidig./ Angekl. nicht zur Absprache bereit 23 4,1% 3,8% 25 7,6% 6,0% 3 14,3% 13,0% 51 5,6% 4,9% Einigung trotz grds. Bereitschaft nicht möglich 6 1,1% 1,0% 14 4,2% 3,3% 1 4,8% 4,3% 21 2,3% 2,0% anderer Grund 81 14,5% 13,4% 41 12,4% 9,8% 1 4,8% 4,3% 123 13,5% 11,7% Gesamt 557 108,8% 100,0% 330 127,3% 100,0% 21 109,5% 100,0% 908 115,5% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen; AG: N = 931; LG: N = 527; OLG: N = 24 52 S. oben Tabelle C.13. 53 S. oben Tabelle C.21. 54 Auffallend ist außerdem, dass bei den 55 Verurteilungen wegen einer Straftat nach §§ 249–255, 316a StGB, von denen fünf auf einer Absprache beruhten, weiteren zwölf Verurteilungen Gespräche über eine Absprache vorausgingen. Die vergleichsweise hohe Zahl von gescheiterten Absprachen könnte ihre Ursache in § 250 StGB haben. Dessen mit hohen Mindeststrafen versehenen Tatbestände sind häufig erfüllt, aber eine Absprache über die Anwendung des minder schweren Falls des § 250 Abs. 3 StGB ist unzulässig (BVerfGE 133, 168 [212 Rn. 74]). 55 Die nachfolgende Bezeichnung Prozent (1) beschreibt den Anteil einer Nennung an den Gesamtnennungen, die zusammen addiert 100% ergeben. Bspw. sind 684 Nennungen der Richter auf die Antwortkategorie „Verfahren war für Absprache ungeeignet“ entfallen. Der Anteil der 684 Nennungen an allen 1.049 Gesamtnennungen beträgt folglich 65,2%. 115 IV. Deskriptive Ergebnisse In den meisten Verfahren wurden keine Absprache getroffen oder kein Gespräch über eine Absprache geführt, weil das Verfahren dazu nicht geeignet erschien (75,3%). Bei näherer Betrachtung ist zu erkennen, dass dies nur für die Amtsgerichte (78,1%) und Landgerichte (73,3%) gilt. Bei den Oberlandesgerichten ist der am häufigsten genannte Grund, dass Absprachen von vornherein angelehnt wurden (11 Nennungen). Der prozentuale Anteil der generellen Ablehnung von Absprachen am Landgericht (20,9%) im Vergleich zum Amtsgericht (7,9%) könnte sich mit der Schwere der verhandelten Delikte – insbesondere vor den Schwurgerichten – erklären lassen. Entsprechendes gilt für die Oberlandesgerichte. Dafür spricht auch die folgende Tabelle: Tabelle C.35 Gründe × Deliktsgruppen Was war der Grund, dass Gespräche nicht geführt wurden oder nicht zur Absprache führten? A bs pr ac he ab ge le hn t Ve rf ah re n un ge ei gn et St A k ei ne A bs pr ac he Ve rt ei di gu ng ke in e A bs rp ac he K ei ne E in ig un g tr ot z Be re its ch aft an de re r G ru nd G es am t Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) Anzahl 23 53 5 6 3 8 98 % Zeilen 23,5% 54,1% 5,1% 6,1% 3,1% 8,2% % Spalten 13,7% 5,9% 7,7% 8,5% 11,1% 5,7% §§ 174–184j (ohne §§ 184– 184d) Anzahl 5 26 4 3 3 5 46 % Zeilen 10,9% 56,5% 8,7% 6,5% 6,5% 10,9% % Spalten 3,0% 2,9% 6,2% 4,2% 11,1% 3,6% §§ 184–184d Anzahl 0 6 0 0 0 1 7 % Zeilen 0,0% 85,7% 0,0% 0,0% 0,0% 14,3% % Spalten 0,0% 0,7% 0,0% 0,0% 0,0% 0,7% §§ 185–200 Anzahl 6 31 1 2 0 3 43 % Zeilen 14,0% 72,1% 2,3% 4,7% 0,0% 7,0% % Spalten 3,6% 3,5% 1,5% 2,8% 0,0% 2,1% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) Anzahl 7 13 5 2 0 0 27 % Zeilen 25,9% 48,1% 18,5% 7,4% 0,0% 0,0% % Spalten 4,2% 1,5% 7,7% 2,8% 0,0% 0,0% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) Anzahl 28 121 15 14 2 8 188 % Zeilen 14,9% 64,4% 8,0% 7,4% 1,1% 4,3% % Spalten 16,7% 13,6% 23,1% 19,7% 7,4% 5,7% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) Anzahl 8 39 4 6 0 4 61 % Zeilen 13,1% 63,9% 6,6% 9,8% 0,0% 6,6% % Spalten 4,8% 4,4% 6,2% 8,5% 0,0% 2,9% §§ 169–173, 201–206 Anzahl 1 4 0 0 0 0 5 % Zeilen 20,0% 80,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% % Spalten 0,6% 0,4% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 116 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Gründe × Deliktsgruppen Was war der Grund, dass Gespräche nicht geführt wurden oder nicht zur Absprache führten? A bs pr ac he ab ge le hn t Ve rf ah re n un ge ei gn et St A k ei ne A bs pr ac he Ve rt ei di gu ng ke in e A bs rp ac he K ei ne E in ig un g tr ot z Be re its ch aft an de re r G ru nd G es am t §§ 242–248c Anzahl 18 142 4 6 4 30 204 % Zeilen 8,8% 69,6% 2,0% 2,9% 2,0% 14,7% % Spalten 10,7% 15,9% 6,2% 8,5% 14,8% 21,4% §§ 249–255, 316a Anzahl 4 32 5 9 1 8 59 % Zeilen 6,8% 54,2% 8,5% 15,3% 1,7% 13,6% % Spalten 2,4% 3,6% 7,7% 12,7% 3,7% 5,7% §§ 257–262 Anzahl 0 3 0 1 1 1 6 % Zeilen 0,0% 50,0% 0,0% 16,7% 16,7% 16,7% % Spalten 0,0% 0,3% 0,0% 1,4% 3,7% 0,7% §§ 263–266b Anzahl 13 89 6 3 2 17 130 % Zeilen 10,0% 68,5% 4,6% 2,3% 1,5% 13,1% % Spalten 7,7% 10,0% 9,2% 4,2% 7,4% 12,1% §§ 267–282 Anzahl 6 18 1 0 0 2 27 % Zeilen 22,2% 66,7% 3,7% 0,0% 0,0% 7,4% % Spalten 3,6% 2,0% 1,5% 0,0% 0,0% 1,4% §§ 283–305a Anzahl 4 23 0 1 0 3 31 % Zeilen 12,9% 74,2% 0,0% 3,2% 0,0% 9,7% % Spalten 2,4% 2,6% 0,0% 1,4% 0,0% 2,1% §§ 306–323c (ohne 315b– 316a) Anzahl 0 8 0 0 0 0 8 % Zeilen 0,0% 100,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% % Spalten 0,0% 0,9% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% §§ 324–330d Anzahl 0 1 0 0 0 0 1 % Zeilen 0,0% 100,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% % Spalten 0,0% 0,1% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Straftaten im Stra- ßenverkehr nach StGB (neben §§ 315b– 316 z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240) Anzahl 13 102 4 4 1 16 140 % Zeilen 9,3% 72,9% 2,9% 2,9% 0,7% 11,4% % Spalten 7,7% 11,4% 6,2% 5,6% 3,7% 11,4% nach StVG oder anderen Gesetzen Anzahl 11 72 2 1 1 6 93 % Zeilen 11,8% 77,4% 2,2% 1,1% 1,1% 6,5% % Spalten 6,5% 8,1% 3,1% 1,4% 3,7% 4,3% 117 IV. Deskriptive Ergebnisse Gründe × Deliktsgruppen Was war der Grund, dass Gespräche nicht geführt wurden oder nicht zur Absprache führten? A bs pr ac he ab ge le hn t Ve rf ah re n un ge ei gn et St A k ei ne A bs pr ac he Ve rt ei di gu ng ke in e A bs rp ac he K ei ne E in ig un g tr ot z Be re its ch aft an de re r G ru nd G es am t Andere Straftaten nach anderen Bundesu. Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU Anzahl 1 1 0 0 0 2 4 % Zeilen 25,0% 25,0% 0,0% 0,0% 0,0% 50,0% % Spalten 0,6% 0,1% 0,0% 0,0% 0,0% 1,4% AO Anzahl 3 8 2 2 1 0 16 % Zeilen 18,8% 50,0% 12,5% 12,5% 6,3% 0,0% % Spalten 1,8% 0,9% 3,1% 2,8% 3,7% 0,0% BtMG Anzahl 13 75 5 9 6 25 133 % Zeilen 9,8% 56,4% 3,8% 6,8% 4,5% 18,8% % Spalten 7,7% 8,4% 7,7% 12,7% 22,2% 17,9% Sonstige Anzahl 4 24 2 2 2 1 35 % Zeilen 11,4% 68,6% 5,7% 5,7% 5,7% 2,9% % Spalten 2,4% 2,7% 3,1% 2,8% 7,4% 0,7% Gesamtsumme Anzahl 168 891 65 71 27 140 1362 N = 1482 n = 906 F = 576 Bei fast allen Deliktsgruppen56 wurde am häufigsten die fehlende Eignung des konkreten Verfahrens für eine Absprache als Grund genannt. Bei vielen Deliktsgruppen folgte an zweiter Stelle die grundsätzliche Ablehnung einer Absprache; am deutlichsten bei den Staatsschutz- und Tötungsdelikten. 4. Fragen zur Einstellung nach §§ 153, 153a StPO Vor dem Hintergrund der in der Literatur geäußerten Vermutung, dass es wegen der inhaltlichen und formalen Anforderungen an die Verständigung zu einer „Flucht in die Opportunität“57 kommen könne, also zu einer vermehrten Einstellung insbesondere nach § 153a StPO, wurden weitere Fragen zur Einstellung nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO gestellt. Zunächst wurde nach der Initiative zur Einstellung nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO gefragt. Da bei den Oberlandesgerichten keine Verfahren gemäß §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO eingestellt wurden, werden sie in den folgenden Tabellen nicht mitaufgeführt. 56 Eine Ausnahme ist die Deliktsgruppe AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU, die nur bei vier Verfahren genannt wurde und bei der andere Gründe im Vordergrund standen. 57 MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 58; s. auch Heger/Pest, ZStW 126 (2014), 446 (449); Rönnau, ZIS 2018, 167 (176), demzufolge hiervon auch „Praktiker“ berichten. 118 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.36: Initiative zur Einstellung Von wem ging die Initiative zur Einstellung nach §§ 153, 153a StPO aus? Amtsgerichte Landgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent Gericht 68 54,0% 9 47,4% 77 53,1% Staatsanwaltschaft 18 14,3% 2 10,5% 20 13,8% Verteidigung/Angeklagter 40 31,7% 8 42,1% 48 33,1% Gesamt 126 100,0% 19 100,0% 145 100,0% AG: N = 931 n = 126 F = 805; LG: N = 527 n = 19 F = 508 Es fällt auf, dass bei den 145 einschlägigen Verfahren die Initiative am häufigsten vom Gericht (AG: 54%, LG: 47,4%) und am zweithäufigsten vom Angeklagten bzw. Verteidiger ausgeht (AG: 31,7%, LG: 42,1%). Die Staatsanwaltschaft spricht eine Einstellung im Vergleich zu anderen Akteuren am seltensten an (AG: 14,3%, LG: 10,5%). Dass die Staatsanwaltschaft eher eine untergeordnete Rolle bei der Initiative zu Einstellungen spielt, deckt sich mit den Angaben der Richter bei der Frage nach der Initiative zu Gesprächen über eine Absprache. Im Hinblick auf die Initiative zu Einstellungen lässt sich dies damit erklären, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren auch schon vor Beginn der Hauptverhandlung mit Zustimmung des für die Er- öffnung des Hauptverfahrens zuständigen Gerichts einstellen kann (§§ 153 Abs. 1, 153a Abs. 1 StPO).58 Wie bei den Verurteilungen wurde auch bei den Einstellungen nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO denjenigen Befragten, die angaben, dass das Hauptverfahren mit einer solchen Einstellung geendet hatte, im Anschluss die Frage vorgelegt, welche Delikte das eingestellte Verfahren zum Gegenstand hatte. Zur Antwort standen ihnen dieselben drei Deliktsgruppen mit Untergruppen zur Verfügung.59 Auch hier waren bei den Deliktsgruppen und Untergruppen Mehrfachnennungen möglich. Tabelle C.37: Verteilung der Einstellungen auf Deliktsgruppen (AG, LG)60 Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde angeklagt? Amtsgerichte Landgerichte Gesamt Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent 58 Im Jahr 2018 wurden 470.407 Ermittlungsverfahren durch eine Einstellung gem. § 153 Abs. 1 StPO und 164.128 durch eine Einstellung gem. § 153a Abs. 1 StPO erledigt; Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.6, 2018 (Staatsanwaltschaften), 2019, S. 26. 59 Diese Frage bekamen die 145 Befragten vorgelegt, die angegeben hatten, dass ihr Verfahren mit einer Einstellung nach §§ 153,153a StPO geendet hatte (s. oben Tabelle C.12). Von ihnen hat ein Befragter die Fragen nicht beantwortet (keine Pflichtfrage), weshalb insgesamt 144 Befragte Angaben zu den Deliktsgruppen gemacht haben (AG: 126, LG: 18, OLG: 0). 60 Vgl. hierzu die Anmerkungen zu Tabelle C.13. 119 IV. Deskriptive Ergebnisse Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 7 5,2% 0 0,0% 7 4,5% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% §§ 184–184d 0 0,0% 1 4,5% 1 0,6% §§ 185–200 11 8,1% 2 9,1% 13 8,3% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 20 14,8% 9 40,9% 29 18,5% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 5 3,7% 2 9,1% 7 4,5% §§ 169–173, 201–206 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% §§ 242–248c 12 8,9% 0 0,0% 12 7,6% §§ 249–255, 316a 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% §§ 257–262 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% §§ 263–266b 15 11,1% 0 0,0% 15 9,6% §§ 267–282 4 3,0% 1 4,5% 5 3,2% §§ 283–305a 8 5,9% 0 0,0% 8 5,1% §§ 306–323c (ohne §§ 315b–316a) 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% §§ 324–330d 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% Zwischensumme 86 63,7% 15 68,2% 101 64,3% Straftaten im Straßenverkehr nach StGB (neben §§ 315b–316 z.B. auch im Straßenverkehr ver- übte §§ 222,229,240) 37 27,4% 4 18,2% 41 26,1% nach StVG oder anderen Gesetzen 4 3,0% 0 0,0% 4 2,5% Zwischensumme 41 30,4% 4 18,2% 45 28,7% andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 1 0,7% 0 0,0% 1 0,6% AO 0 0,0% 1 4,5% 1 0,6% BtMG 3 2,2% 0 0,0% 3 1,9% WStG 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% sonstige 4 3,0% 2 9,1% 6 3,8% Zwischensumme 8 5,9% 3 13,6% 11 7,0% Gesamt 135 100,0% 22 100,0% 157 100,0% Mehrfachnennungen möglich Bei den Amtsgerichten erfolgten die meisten Verurteilungen wegen Straftaten nach §§ 242–248c StGB (18,3%), wegen Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB (14%), wegen Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Stra- ßenverkehr, 12,9%), nach §§ 263–266b StGB (12,5%) und nach dem BtMG (8%).61 Bei den Einstellungen sind die ersten vier Deliktsgruppen dieselben: Allerdings liegen hier die Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB mit einem deutlich höheren Wert an erster Stelle (27,4%). An zweiter und dritter Stelle folgen mit ähnlichen Prozentwerten wie bei den Verurteilungen die Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr, 14,8%) 61 S. oben Tabelle C.13. 120 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) und §§ 263–266b StGB (11,1%). Mit niedrigeren Werten schließen sich die Straftaten nach §§ 242–248c StGB (8,9%) und dem BtMG (2,2%) an. Abgesehen vielleicht von den Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB lässt der Vergleich der Werte für Verurteilungen und Einstellungen keine Deliktsgruppe erkennen, von der gesagt werden kann, dass es bei ihr an den Amtsgerichten eindeutig eher zur Einstellung nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO als zur Verurteilung kam. Bei den Straßenverkehrsdelikten, bei denen es auf der anderen Seite auch vergleichsweise wenige Absprachen gibt,62 könnte dies daran liegen, dass die Gerichte solche Delikte eher als „Kavaliersdelikte“ ansehen, die „jedem passieren können“, und die Angeklagten zur Vermeidung einer Entziehung der Fahrerlaubnis eher bereit sind, Auflagen und Weisungen zu akzeptieren. Bei den Landgerichten fällt zunächst auf, dass wegen Straftaten nach dem BtMG die meisten Verurteilungen (16%) ausgesprochen wurden, es aber keine Einstellungen nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO in dieser Deliktsgruppe gab. Hingegen gab es bei den Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr), zu denen die zweitmeisten Verurteilungen erfolgten (13,1%), die meisten solcher Einstellungen (40,9%). Diese Abweichungen beruhen darauf, dass insgesamt deutlich mehr Verfahren am Landgericht mit einer Verurteilung geendet haben (399) als mit einer Einstellung (19). Dass an den Landgerichten nur selten die §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO Anwendung fanden, lässt sich aus der höheren Straferwartung bei der Anklage erklären (§ 24 Abs. 1 Nr. 2 GVG). Erwähnenswert ist daher eher die relativ hohe Zahl an Einstellungen bei Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr). Sie kann darauf zurückzuführen sein, dass sich hier erst im Rahmen der Beweisaufnahme herausstellte, dass die Schuld bei einer körperlichen Auseinandersetzung nicht allein beim Angeklagten lag. Für eine Bevorzugung der Einstellung nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO gegenüber der Verurteilung gibt es jedenfalls auch bei den Landgerichten keinen Hinweis. Gegen eine Ausweichstrategie bei den Landgerichten spricht auch die geringe Quote der Einstellungen nach §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO.63 62 S. oben Tabelle C.21. 63 S. oben Tabelle C.12. 121 IV. Deskriptive Ergebnisse Anschließend wurden die Richter gefragt, ob das Verfahren nach § 153 Abs. 2 StPO oder nach § 153a Abs. 2 StPO eingestellt wurde: Tabelle C.38: Einstellungen nach § 153 StPO oder § 153a StPO Wurde das Verfahren nach § 153 StPO oder § 153a StPO eingestellt? Amtsgerichte Landgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent § 153 StPO 39 31,0% 0 0,0% 39 26,9% § 153a StPO 87 69,0% 19 100,0% 106 73,1% Gesamt 126 100,0% 19 100,0% 145 100,0% AG: N = 931 n = 126 F = 805; LG: N = 527 n = 19 F = 508 Während beim Landgericht alle Einstellungen nach §  153a Abs.  2 StPO erfolgten, wurden beim Amtsgericht 69% der Einstellungen nach § 153a Abs. 2 StPO vorgenommen. Überdies sollten die Befragten angeben, welche Auflage oder Weisung sie erteilten. Tabelle C.39: Auflagen und Weisungen Welche Auflage oder Weisung wurden erteilt? Amtsgerichte Landgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent Täter-Opfer-Ausgleich 2 2,3% 2 10,5% 4 3,8% Geldbetrag 70 80,5% 16 84,2% 86 81,1% sonstige 15 17,2% 1 5,3% 16 15,1% Gesamt 87 100,0% 19 100,0% 106 100,0% AG: N = 931 n = 87 F = 844; LG: N = 527 n = 19 F = 508 Sowohl am Amtsgericht als auch am Landgericht kristallisieren sich Geldbeträge als bevorzugte Auflage heraus (AG: 80,5%, LG: 84,2%). Der Täter- Opfer-Ausgleich spielt eine untergeordnete Rolle (AG: 2,3%, LG: 10,5%). Sonstige Auflagen oder Weisungen kommen häufiger in Verfahren vor dem Amtsgericht vor (AG: 17,2%, LG: 5,3%). Zuletzt wurden die Befragten danach gefragt, ob die Auflage bzw. Weisung mit dem Tatvorwurf in einem Zusammenhang stand: 122 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.40: Konnex zwischen Auflagen/Weisungen und Tatvorwurf Stand bei einer Einstellung nach § 153a StPO die Auflage oder Weisung in Verbindung mit dem Anklagevorwurf? (z.B.: Spende an Tierschutzverein bei Verstoß gegen TierSchG) Amtsgerichte Landgerichte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 30 34,5% 12 63,2% 42 39,6% nein 57 65,5% 7 36,8% 64 60,4% Gesamt 87 100,0% 19 100,0% 106 100,0% AG: N = 931 n = 87 F = 844; LG: N = 527 n = 19 F = 508 Hier sind die Antworten zwischen Amtsgericht und Landgericht nahezu entgegengesetzt: Am Amtsgericht besteht überwiegend kein Zusammenhang zum Anklagevorwurf (65,5%). Beim Landgericht gibt es hingegen einen solchen Zusammenhang (63,2%). V. Fazit – Der Rücklauf ausgefüllter Fragebögen war zu gering und zu ungleichmäßig. Die Ergebnisse der Erhebung sind nicht repräsentativ. – Obwohl an den Amtsgerichten mehr Verurteilungen erfolgten als an den Landgerichten (AG: 608, LG: 399), wurden weniger Absprachen getroffen (AG: 51, LG: 69). Im Verhältnis zu den Verurteilungen waren es an den Landgerichten sogar doppelt so viele Absprachen (17,3%) wie an den Amtsgerichten (8,4%).64 Vor dem Hintergrund der größeren Anzahl erledigter Strafverfahren an den Amtsgerichten wäre mit einer höheren absoluten Zahl von Absprachen und einer Absprachenquote zu rechnen gewesen, die zumindest der der Landgerichte entspricht. Möglicherweise ist es bei den Amtsgerichten infolge des sehr unterschiedlichen Umfangs der Teilnahme zu einer Verzerrung gekommen. – In den 121 Verfahren, in denen eine Absprache getroffen wurde, geschah dies häufiger vor der Beweisaufnahme (62%) als danach (38%). Dies gilt für Amtsgerichte und mehr noch für Landgerichte (AG: 52,9%, LG: 68,1%).65 Das könnte darauf hinweisen, dass die Richter Absprachen eher vor der Beweisaufnahme treffen, um das Verfahren zu verkürzen. In 75,2% der Verfahren wurde die Absprache bereits am ersten Verhandlungstag getroffen. Allerdings unterscheiden sich die Zahlen für Amtsund Landgerichte deutlich: Während an den Amtsgerichten die Abspra- 64 S. oben Tabelle C.18. 65 S. oben Tabelle C.26. 123 V. Fazit che fast immer (92,2%) am ersten Verhandlungstag geschlossen wurde, war dies bei den Landgerichten in 62,3% der Verfahren der Fall.66 Das Ergebnis überrascht weniger für die Amtsgerichte, wo die Strafverfahren im Schnitt 1,2 Tage dauern, als für die Landgerichte, wo sie in der 1.  Instanz durchschnittlich 5,0 Tage in Anspruch nehmen.67 Zwar ist zu beachten, dass zu den 121 Verfahren auch Berufungsverfahren gehören, wo wiederum eine Verfahrensdauer von 1,3 Tagen üblich ist.68 Jedoch erklärt dies allein nicht die hohe Zahl von Absprachen am ersten Verhandlungstag. Dies deutet darauf hin, dass die Absprache zur Verkürzung der Verfahrensdauer genutzt wird. – In den Deliktsgruppen, zu denen am häufigsten Verurteilungen ergingen,69 erfolgten auch am häufigsten Absprachen.70 Die Werte für Verurteilungen und für Absprachen liegen mit einer Ausnahme so nahe beieinander, dass allerdings nicht gesagt werden kann, dass es bei diesen Deliktsgruppen auffallend häufig oder selten zu einer Absprache kam. Das gilt insbesondere für die Straftaten nach §§ 223–231 StGB (ohne Straßenverkehr), bei denen es in 11,4% zu Absprachen kam (Verurteilungen: 12,8%), nach §§ 242– 248c StGB (12,6%, Verurteilungen: 15,2%), nach §§ 263–266b StGB (16%, Verurteilungen: 11%) und nach dem BtMG (16%, Verurteilungen: 11,1%). Auffallend sind am ehesten noch die Werte für die Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB, bei denen relativ gesehen weniger Absprachen und mehr Einstellungen gem. §§ 153, 153a StPO erfolgten, was sich jedoch mit der Besonderheit dieser Deliktsgruppe erklären lässt.71 Auch bei keiner der anderen Deliktsgruppen erlauben die Zahlen die Behauptung, dass den Verurteilungen über- oder unterdurchschnittlich häufig Absprachen vorangingen. – In knapp der Hälfte der 121 Verfahren wurden die Absprachen außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet (49,6%). Dies geschah an den Amtsgerichten seltener (35,3%) als an den Landgerichten (59,4%).72 Dass an den Amtsgerichten eine Absprache häufiger innerhalb der Hauptverhandlung angesprochen wurde, kann daran liegen, dass am Amtsgericht seltener eine Öffentlichkeit anwesend ist, der Strafrichter keine Rücksicht auf Schöffen nehmen muss und sich die Beteiligten im „Massengeschäft“ der Amtsgerichte von Vorgesprächen keine Vereinfachung und keine Zeitersparnis versprechen. 66 S. oben Tabelle C.27. 67 S. oben Fn. 47. 68 S. oben Fn. 49. 69 S. oben Tabelle C.13. 70 S. oben Tabelle C.21. 71 S. oben nach Tabelle C.37. 72 S. oben Tabelle C.29. 124 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Wenn die Absprache durch Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet wurde (60 Verfahren), begannen diese Gespräche zumeist erst während der Hauptverhandlung (AG: 44,4%, LG: 41,5%), häufig aber auch schon im Hauptverfahren vor Beginn der Hauptverhandlung (AG: 38,9%, LG: 29,3%) oder – beim Amtsgericht seltener – schon im Zwischenverfahren (AG: 16,7%, LG: 29,3%).73 – Die Initiative zu einer Absprache ging in den insgesamt 60 Verfahren an den Amtsgerichten eher von der Verteidigung bzw. dem Angeklagten aus (55,6%), an den Landgerichten häufiger vom Gericht (58,5%). Die Staatsanwaltschaft ist sowohl am Amtsgericht (5,6%) als auch am Landgericht (2,4%) nur selten Initiator der Gespräche.74 – In den 908 Verfahren, in denen keine Absprache getroffen wurde, wurden zumeist auch keine diesbezüglichen Gespräche geführt (90,1%). Am Landgericht wurden solche Gespräche eher geführt (18,5%) als am Amtsgericht (5,2%).75 In den meisten Verfahren wurde keine Absprache getroffen oder kein Gespräch über eine Absprache geführt, weil das Verfahren dazu nicht geeignet erschien (75,3%). Dies gilt für die Amtsgerichte (78,1%) und Landgerichte (73,3%)76 und für fast alle Deliktsgruppen.77 VI. Anhang Tabelle C.41 Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde verurteilt? Tätigkeit am AG und LG Amtsgerichte Landgerichte Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 44 7,2% 5,7% 22 5,5% 4,1% 66 6,6% 5,0% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 11 1,8% 1,4% 30 7,5% 5,5% 41 4,1% 3,1% §§ 184–184d 5 0,8% 0,6% 2 0,5% 0,4% 7 0,7% 0,5% §§ 185–200 22 3,6% 2,8% 16 4,0% 2,9% 38 3,8% 2,9% §§ 211–222 (ohne Stra- ßenverkehr) 1 0,2% 0,1% 14 3,5% 2,6% 15 1,5% 1,1% 73 S. oben Tabelle C.30. 74 S. oben Tabelle C.31. 75 S. oben Tabelle C.32. 76 S. oben Tabelle C.34. 77 S. oben Tabelle C.35. 125 VI. Anhang Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde verurteilt? Tätigkeit am AG und LG Amtsgerichte Landgerichte Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 223–231 (ohne Stra- ßenverkehr) 100 16,5% 12,9% 71 17,8% 13,1% 171 17,0% 13,0% §§ 232–241a (ohne Stra- ßenverkehr) 32 5,3% 4,1% 27 6,8% 5,0% 59 5,9% 4,5% §§ 169–173, 201–206 4 0,7% 0,5% 1 0,3% 0,2% 5 0,5% 0,4% §§ 242–248c 142 23,4% 18,3% 62 15,5% 11,4% 204 20,3% 15,5% §§ 249–255, 316a 7 1,2% 0,9% 48 12,0% 8,8% 55 5,5% 4,2% §§ 257–262 5 0,8% 0,6% 3 0,8% 0,6% 8 0,8% 0,6% §§ 263–266b 97 16,0% 12,5% 51 12,8% 9,4% 148 14,7% 11,2% §§ 267–282 21 3,5% 2,7% 7 1,8% 1,3% 28 2,8% 2,1% §§ 283–305a 20 3,3% 2,6% 11 2,8% 2,0% 31 3,1% 2,4% §§ 306–323c (ohne §§ 315b–316a) 5 0,8% 0,6% 5 1,3% 0,9% 10 1,0% 0,8% §§ 324–330d 1 0,2% 0,1% 0 0,0% 0,0% 1 0,1% 0,1% Zwischensumme 405 85,2% 66,8% 274 92,7% 68,1% 679 88,2% 67,4% nach StGB (neben §§ 315b–316 z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240) 108 17,8% 14,0% 24 6,0% 4,4% 132 13,1% 10,0% nach StVG oder anderen Gesetzen 64 10,5% 8,3% 19 4,8% 3,5% 83 8,3% 6,3% Zwischensumme 157 28,3% 22,2% 37 10,8% 7,9% 194 21,4% 16,3% AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 4 0,7% 0,5% 0 0,0% 0,0% 4 0,4% 0,3% AO 2 0,3% 0,3% 25 6,3% 4,6% 27 2,7% 2,1% BtMG 62 10,2% 8,0% 87 21,8% 16,0% 149 14,8% 11,3% WStG 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% sonstige 17 2,8% 2,2% 18 4,5% 3,3% 35 3,5% 2,7% Zwischensumme 83 14,0% 11,0% 127 32,6% 23,9% 210 21,4% 16,3% Gesamt 607 127,5% 100,0% 399 136,1% 100,0% 1006 130,9% 100,0% Basis: Gesamtnennungen; N = 1482 Tabelle C.42 Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde verurteilt? Oberlandesgericht Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 20 95,2% 83,3% §§ 174–184j (ohne §§ 184–184d) 1 4,8% 4,2% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 2 9,5% 8,3% Zwischensumme 21 109,5% 95,8% sonstige 1 4,8% 4,2% Zwischensumme 1 4,8% 4,2% Gesamt 21 114,3% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen; N = 1482 126 C. Erhebung bei Richtern ausgewählter Gerichte (Modul 2) Tabelle C.43 Wegen welcher Delikte der folgenden drei Gruppen wurde eingestellt? Tätigkeit am AG und LG Amtsgerichte Landgerichte Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 80–168, 331–357 (ohne § 142) 7 5,6% 5,2% 0 0,0% 0,0% 7 4,9% 4,5% §§ 174–184j (ohne §§ 184– 184d) 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% §§ 184–184d 0 0,0% 0,0% 1 5,6% 4,5% 1 0,7% 0,6% §§ 185–200 11 8,7% 8,1% 2 11,1% 9,1% 13 9,0% 8,3% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 20 15,9% 14,8% 9 50,0% 40,9% 29 20,1% 18,5% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 5 4,0% 3,7% 2 11,1% 9,1% 7 4,9% 4,5% §§ 169–173, 201–206 1 0,8% 0,7% 0 0,0% 0,0% 1 0,7% 0,6% §§ 242–248c 12 9,5% 8,9% 0 0,0% 0,0% 12 8,3% 7,6% §§ 249–255, 316a 1 0,8% 0,7% 0 0,0% 0,0% 1 0,7% 0,6% §§ 257–262 1 0,8% 0,7% 0 0,0% 0,0% 1 0,7% 0,6% §§ 263–266b 15 11,9% 11,1% 0 0,0% 0,0% 15 10,4% 9,6% §§ 267–282 4 3,2% 3,0% 1 5,6% 4,5% 5 3,5% 3,2% §§ 283–305a 8 6,3% 5,9% 0 0,0% 0,0% 8 5,6% 5,1% §§ 306–323c (ohne §§ 315b– 316a) 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% §§ 324–330d 1 0,8% 0,7% 0 0,0% 0,0% 1 0,7% 0,6% Zwischensumme 80 68,3% 63,7% 12 83,3% 68,2% 92 70,1% 64,3% nach StGB (neben §§ 315b–316 z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222,229,240) 37 29,4% 27,4% 4 22,2% 18,2% 41 28,5% 26,1% nach StVG oder anderen Gesetzen 4 3,2% 3,0% 0 0,0% 0,0% 4 2,8% 2,5% Zwischensumme 40 32,5% 30,4% 4 22,2% 18,2% 44 31,3% 28,7% AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/ EU 1 0,8% 0,7% 0 0,0% 0,0% 1 0,7% 0,6% AO 0 0,0% 0,0% 1 5,6% 4,5% 1 0,7% 0,6% BtMG 3 2,4% 2,2% 0 0,0% 0,0% 3 2,1% 1,9% WStG 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% sonstige 4 3,2% 3,0% 2 11,1% 9,1% 6 4,2% 3,8% Zwischensumme 8 6,3% 5,9% 3 16,7% 13,6% 11 7,6% 7,0% Gesamt 126 107,1% 100,0% 18 122,2% 100,0% 144 109,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen; N = 1482 127 D. Aktenanalyse (Modul 3) Matthias Jahn, Tim Kaufmann, Charlotte Schmitt-Leonardy (Universität Frankfurt a.M.) I. Gang der Untersuchung Mit diesem Modul soll einerseits ein Einblick in den Umgang mit den Regeln zur Verständigung durch erstinstanzliche Gerichte gegeben werden. Andererseits soll der gesamte Bereich der Absprachen im Strafprozess in einem weiteren Sinne näher beleuchtet werden. Durch eine umfassende Aktenanalyse, welche neben den Verständigungsverfahren auch solche Verfahren erfasst, die mit einer versuchten Verständigung endeten sowie solche, die mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO abschlossen, soll ein möglichst breiter Zugriff auf den Bereich der formellen sowie informellen Absprachen ermöglicht und die sie fördernden Umstände sowie die dahinterliegenden Motive näher beleuchtet werden. Nach einer Darstellung der Methodik der Teiluntersuchung (I.1.) und der abstrakten Beschreibung der Fragestellungen (I.2.) werden die Ergebnisse der Aktenanalyse umfassend dargestellt (II.) und diskutiert (III.). 1. Methodik der Untersuchung Die Methodik der vorliegenden Aktenanalyse folgt einer qualitativ-interpretativen Methode (I.1.a-b), die auf die ausgewählten Verfahrensakten (I.1.c) angewandt wurde. Grundlage der Untersuchung sind die durch die Staatsanwaltschaften nach der Erhebung aus Modul 2 zur Verfügung gestellten Verfahrensakten (I.1.d). a) Auswahl der Erhebungsmethode Die Ergebnisse der Aktenanalyse stehen naturgemäß in engem Zusammenhang mit der Auswahl der Erhebungsmethode zur Erlangung zielführen- 128 D. Aktenanalyse (Modul 3) der Erkenntnisse über das Untersuchungsmaterial. Die Analyse der Fragen, ob die Regeln zur Verständigung eingehalten werden, welche Motive zu einer Verständigung führen und welche Verfahrenssituation eine Verständigung fördert, wäre über eine Vielzahl von Erhebungsmethoden möglich gewesen. Tabelle D.1 Entwicklung der Verständigung von 2015 bis 20181 Jahr Amtsgerichte Landgerichte 2015 2977 573 2016 4002 890 2017 4062 942 2018 3949 922 Die Untersuchung aller Urteile mit Verständigungsbezug dahingehend, ob die rechtlichen Anforderungen an eine Verständigung eingehalten wurden, war im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht möglich. Zunächst ist eine Umsetzung einer derart breit angelegten Analyse mit Blick auf die begrenzten personellen und zeitlichen Ressourcen nicht darstellbar, da alleine im Jahr 2018 an deutschen Amtsgerichten 3949 Verständigungen gem. § 257c StPO einem Urteil vorausgingen und an den Landgerichten 922 Urteile auf einer Verständigung gem. § 257c StPO basierten.2 Weiterhin wäre für eine derart umfassende Untersuchung aller Verständigungsverfahren eine Offenlegung der Aktenzeichen aller Verfahren durch die aktenführende Behörde sowie die Verfügbarkeit aller Akten in einem relativ engen Zeitfenster notwendig gewesen. Daher konnte nur versucht werden, durch die begrenzte Auswahl von Verfahren Erkenntnisse über die Verständigung in der deutschen Rechtspraxis zu gewinnen. Neben der hier gewählten Methodik der Aktenanalyse wäre eine Erhebung auch mittels einer mündlichen oder schriftlichen Befragung von Verfahrensbeteiligten denkbar gewesen, um Auskunft über den Untersuchungsgegenstand zu erlangen. Mündliche Befragungen der Verfahrensbeteiligten ermöglichen zwar eine retrospektive Betrachtung von spezifischen Verfahrenssituationen. Jedoch stellt die mündliche Befragung für die Analyse der konkreten Verständigungspraxis im vorliegenden Fall kein ebenso geeignetes Instrument 1 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2015 (Strafgerichte), 2016, S. 22, 60; Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2016 (Strafgerichte), 2017, S. 24, 62; Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2017 (Strafgerichte), 2018, S. 24, 62; Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 23, 61. Aufgrund der ausgebliebenen statistischen Erhebung der Verfahren mit einer Verständigung bis 2015 kann die Entwicklung der Verständigungspraxis nur für den Zeitraum von 2015 bis 2018 dargestellt werden. 2 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 23, 61. 129 I. Gang der Untersuchung dar. Insbesondere der Umstand, dass durch die mündliche Befragung nicht sicher feststellbar ist, ob beispielsweise Dokumentations- und Protokollpflichten eingehalten wurden, spricht – nicht zuletzt mangels praktikabler Möglichkeiten zur Einbeziehung des Hauptverhandlungsprotokolls – gegen diese Erhebungsmethode. Darüber hinaus könnte die persönliche, retrospektive Darstellung durch den Befragten von dem Motiv (vermeintlicher) sozialer Erwünschtheit bestimmter Aussagen geprägt sein, was wiederum das Ergebnis der Untersuchung verzerren würde. Ebendiese Gefahr der Verzerrung durch (vermeintlich) sozial erwünschte Beantwortung besteht ebenso bei der schriftlichen Befragung der Verfahrensbeteiligten. Weiterhin müsste eine schriftliche Befragung neben dem Gericht auch Staatsanwaltschaft und die Verteidigung einbeziehen, was die Gestaltung einer einheitlichen Umfrage stark erschwerte. Zur Untersuchung der Einhaltung der Regeln zur Verständigung im Einzelfall kann also im Ergebnis in diesem Modul nur versucht werden, durch eine Analyse der Verfahrensakten einen differenzierteren Einblick in Verständigungsverfahren zu gewinnen. Die Verfahrensakte stellt, neben der Verschriftlichung des Ermittlungsergebnisses, auch große Teile der Kommunikation zwischen den Verfahrensbeteiligten dar. Auch sind die Akten aufgrund der Perpetuierung der Prozessumstände ein sinnvoller Ausgangspunkt, um Prozesssituationen oder Beweggründe nachzuvollziehen. Das Ermittlungsverfahren der Strafprozessordnung ist ein schriftliches Verfahren, d.h. alle Ermittlungsschritte und Beweisergebnisse müssen in der Akte fixiert werden; es gilt der Grundsatz der Aktenwahrheit und -vollständigkeit.3 Dabei kann jedoch nicht außen vor gelassen werden, dass gerade die Akten im Strafprozess ihre eigene Wirklichkeit des Verfahrensgangs abbilden und insoweit nicht alle – tatsächlich verfahrensrelevanten – Äußerungen und Verhaltensweisen in die Akten aufgenommen werden oder auch nur aufgenommen werden könnten. Gegenstand der Untersuchung ist daher die jeweilige Verfahrensakte mit ihrer jeweils spezifischen Aktenwahrheit. Dabei ist die Annahme leitend, dass die protokollierten und dokumentierten Vorgänge wahrheitsgemäß festgehalten wurden, also tatsächlich stattgefunden haben.4 Abweichungen zwischen der tatsächlichen Praxis im jeweiligen Verfahren und der proto- 3 Vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 62. Aufl. 2019, § 163 Rn. 18 u. Einl. Rn. 62; KK-StPO/ Griesbaum, 8. Aufl. 2019, § 163 Rn. 26; LR-StPO/Jahn, 27. Aufl. 2020 (im Erscheinen), § 147 Rn. 27 ff., s. aber auch BGHSt 62, 123 (142 Rn. 53). 4 Sie wird – unabhängig von der Frage, ob dies einfach-rechtlich zu überzeugen vermag (ausf. dazu MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 221 ff.) – insbesondere unterstützt durch die Annahme in BVerfGE 133, 168 (213 f.), bei Nichtprotokollierung einer tatsächlich stattgefundenen Absprache bzw. fehlerhafter Erteilung eines Negativattests (Verstoß 130 D. Aktenanalyse (Modul 3) kollierten Praxis entziehen sich aufgrund des spezifischen Charakters der Verfahrensakte einer Untersuchung. Eine Überprüfung der Übereinstimmung zwischen der spezifischen Aktenwahrheit und den tatsächlichen Vorgängen in den jeweiligen Strafverfahren kam aus verschiedenen Gründen in der vorliegenden Untersuchung nicht in Frage. Zwar eignete sich eine umfassende Prozessbeobachtung grundsätzlich dafür, dies zu untersuchen. Allerdings konnte nicht zuletzt aufgrund der eingeschränkten personellen und zeitlichen Ressourcen eine solche Beobachtung, zumal an regional ganz unterschiedlich gelegenen Gerichten, nicht stattfinden. Weiterhin wäre sie mit Blick auf die Untersuchung der Verständigungspraxis nicht sachgerecht durchführbar gewesen, da die Möglichkeit der Durchführung einer Verständigung zu Beginn der Hauptverhandlung aus der Perspektive des neutralen Beobachters weitestgehend vom Zufall abhängt. b) Methodischer Ansatz Die vorliegende Aktenanalyse folgt einer qualitativ-interpretativen Methode. Dabei ist der leitende Gedanke der Analyse, dass durch die Erschließung der Verfahrensakten als Primärmaterial ein von Dritten weitgehend unbeeinflusster Eindruck des Verfahrensgangs gewonnen werden kann. Durch diese Methode können insbesondere Fehlerquellen, die in dem verfahrensexternen Verhalten des jeweiligen Verfahrensbeteiligten liegen – und daher im Rahmen von Interviews oder ähnlichen Befragungen eher entstehen können – vermieden werden. Überdies ist eine Veränderung des Erkenntniswertes durch äußere Veränderung der Verfahrensakten nach dem Abschluss des Verfahrens nahezu ausgeschlossen. Der gewählte qualitativ-interpretative Ansatz5 in Form der Aktenanalyse lässt sich in vier Schritten zusammenfassen: – Im ersten Schritt wurden möglichst klare Fragestellungen formuliert, die das Untersuchungsprogramm vorgeben und für die Aktenanalyse leitenden Charakter haben. – Im zweiten Schritt wurde definiert, welche Verfahrensakten in die Aktenanalyse einbezogen werden und wie dieses Material gesammelt werden kann. – In einem dritten Schritt wurde eine umfassende Quellenkritik durchgeführt, welche den Zweck hatte, den Aussagewert der Verfahrensakten gegen § 273 Abs. 1a S. 2, 3 StPO) könne sich der Richter wegen Falschbeurkundung im Amt gem. § 348 Abs. 1 StGB strafbar machen. 5 Siehe dazu Mayring, Einführung in die qualitative Sozialforschung, 6. Aufl. 2016, S. 48 f. 131 I. Gang der Untersuchung zu schärfen, um so die möglichst exakte Beantwortung der Fragen zu ermöglichen. – Im vierten und letzten Schritt erfolgte, nach der Feststellung des Inhalts der Verfahrensakten im Sinne der Fragestellung, die Interpretation der gefundenen Ergebnisse. Diese Interpretation bildet das Kernelement der Aktenanalyse und verfolgt das Ziel, subjektive Deutungsmuster und Theorien auf der Einzelfallebene zu verstehen und damit die Möglichkeit einer phänomenologischen Rekonstruktion – ihrerseits mit dem Zweck einer relativen Verallgemeinerbarkeit – zu eröffnen. Schließlich ermöglicht es die Aktenanalyse als nichtreaktives Verfahren, Ergebnisse aus anderen Modulen, die über andere methodische Ansätze generiert wurden, besser einzuordnen, zu falsifizieren oder zu verifizieren. Leitend für die Interpretation sind neben der Häufigkeit der gefundenen Verfahrensumstände insbesondere die Beziehung zwischen Verfahrensablauf und Einhaltung der Verständigungsregeln. Neben dieser typisierenden Betrachtung orientiert sich die Interpretation auch an markanten Einzelfällen sowie an latenten Sinnstrukturen, die Aufschluss über den Umgang mit den Verständigungsregeln geben sollen. Der so gewählte Ansatz erlaubt es, von den besonderen auf die allgemeinen Sätze in Form von Hypothesen zu schließen und sie mit der Realität in den Verständigungsverfahren abzugleichen.6 Die Analyse von Verfahrensablauf und Einhaltung der Verständigungsregeln kann dabei allerdings nicht über das Maß einer revisionsrechtlichen Überprüfung hinausgehen. Mit Bezug auf die Untersuchung der Verfahrensakten ist dieser eingeschränkte revisionsrechtliche Prüfungsmaßstab, der die inhaltliche Würdigung des jeweiligen Tatrichters lediglich nachvollziehen, aber nicht nachbilden kann,7 stets auch als methodische Restriktion zu beachten. Maß der Untersuchung ist damit die sorgfältige Analyse der Verfahrensakten, eine möglichst genaue Prüfung der Verfahrensumstände, eine Bewertung der gegebenenfalls feststellbaren Motive der Beteiligten sowie die Prüfung von Konstanz, Detailliertheit und Plausibilität der jeweiligen Angaben und des Verhaltens der Verfahrensbeteiligten. 6 Vgl. dazu Popper, Logik der Forschung, 10. Aufl. 1994, S. 3. 7 Vgl. dazu die st. Rspr., BGH, Urt. v. 6.9.2016 – 1 StR 104/15, WM 2017, 32 (35); v. 12.2.2015 – 4 StR 420/14, NStZ-RR 2015, 148; v. 13.3.2019 – 2 StR 462/18, juris Tz. 13, je m.w.N. 132 D. Aktenanalyse (Modul 3) c) Auswahl der Verfahrensakten Die Auswahl der Verfahrensakten schafft die empirische Grundlage für die vorliegende qualitative Untersuchung. Die Einsicht in die Verfahrensakten hing von der Nennung von konkreten Aktenzeichen ab, die über das Modul 2 ermittelt werden sollten. Im Rahmen dieser vorangegangenen Befragung der Richter an den Gerichtsstandorten in Modul 2 konnten – zunächst als Pflichtfeld, später als freiwillige Angabe – die Aktenzeichen der Verfahren in Erfahrung gebracht werden. Die repräsentativen Stichproben der vorangegangenen quantitativen Befragung8 stellten damit den Ausgangspunkt für die Auswahl der Gerichtsstandorte für die Aktenanalysen dar. Wegen des bedauerlicherweise geringen Rücklaufs aus Modul 2 konnten jedoch nicht die ursprünglich angezielten 235 Akten identifiziert werden. Außerdem war trotz Vorliegens der gesetzlichen Voraussetzungen der Akteneinsicht gem. § 476 StPO die Kooperationsbereitschaft der aktenführenden Staatsanwaltschaften – bis auf wenige Ausnahmen – gering.9 Zwei Staatsanwaltschaften waren grundsätzlich nicht bereit, unserer Forschergruppe Akteneinsicht aus wissenschaftlichen Gründen zu gewähren. Des Weiteren scheiterte die Akteneinsicht erwartungsgemäß in mehreren Fällen an der fehlenden Verfügbarkeit der Akten, da beispielsweise ein Berufungs- oder Revisionsverfahren anhängig war oder die Akte im staatsanwaltschaftlichen Geschäftsgang als unentbehrlich angesehen wurde. Schließlich scheiterte die Einbeziehung einiger Gerichtsstandorte daran, dass entweder keine korrekten Angaben zu den Aktenzeichen gemacht wurden oder überhaupt kein verständigungsrelevantes10 Verfahren vorlag. Unter diesen genannten Voraussetzungen ergaben sich folgende Gerichtsstandorte, die in die Aktenanalyse einbezogen werden konnten:11 8 Vgl. oben Modul 2. 9 Antrag auf Akteneinsicht nach Bundesländern und Datum: Bayern (19.2.2019), Baden- Württemberg (7.3.2019), Saarland (7.3.2019), Rheinland-Pfalz (20.3.2019), Sachsen (20.3.2019), Bremen (20.3.2019), Sachsen-Anhalt (17.5.2019), Berlin (17.5.2019), Mecklenburg-Vorpommern (17.7.2019), Brandenburg (28.8.2019), Niedersachsen (28.8.2019), Hamburg (21.8.2019), Schleswig-Holstein (28.8.2019), Nordrhein-Westfalen (28.8.2019), Thüringen (ohne verwertbare Teilnahme), Hessen (6.11.2019). 10 Als verständigungsrelevantes Verfahren im Sinne dieser Aktenanalyse sind solche Verfahren zu verstehen, bei denen entweder eine Verständigung einem Urteil vorausging, eine Verständigung im Sinne des § 257c StPO versucht wurde oder eine Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO erfolgte. 11 Stand: 22.2.2020. 133 I. Gang der Untersuchung Tabelle D.2 Landgerichte Bundesland Landgericht Bayern München Berlin Berlin Brandenburg Neuruppin Bremen Bremen Niedersachen Bückeburg Nordrhein-Westfalen Köln Rheinland-Pfalz Bad Kreuznach Saarland Saarbrücken Sachsen Görlitz Dresden Sachsen-Anhalt Magdeburg Tabelle D.3 Amtsgerichte Bundesland Amtsgericht Bayern Aichach München Berlin Berlin-Tiergarten Bremen Bremen Brandenburg Potsdam Mecklenburg-Vorpommern Greifswald Rostock Rheinland-Pfalz Idar-Oberstein Saarland Saarbrücken Neunkirchen/Saar Sachsen Dresden Meißen Sachsen-Anhalt Magdeburg Aufgrund der niedrigen Rücklaufquote bei den erstinstanzlichen Verfahren der Oberlandesgerichte konnte in dieser Instanz lediglich ein Verfahren identifiziert werden, welches Verständigungsrelevanz aufwies und bei dem nach Auffassung der aktenführenden Stelle die Voraussetzungen für eine Akteneinsicht nach § 476 StPO vorlagen. Aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit mit ähnlich gelagerten Fällen schied damit eine Erhebung der erstinstanzlichen Verfahren vor dem Oberlandesgericht aus. Auf Grundlage dieser Parameter wurden 82 Verfahren in die Aktenauswertung einbezogen, welche sich wie folgt auf die Gerichtsstandorte und nach funktionaler Zuständigkeit verteilten:12 Tabelle D.4 Anzahl der Verfahrensakten nach den Gerichtsstandorten Gerichtsstandort Anzahl der Verfahrensakten AG München I 1 AG Aichach 1 AG Potsdam 7 AG Magdeburg 1 AG Dresden 3 12 Stand: 22.2.2020. 134 D. Aktenanalyse (Modul 3) Gerichtsstandort Anzahl der Verfahrensakten AG Meißen 4 AG Idar-Oberstein 1 AG Saarbrücken 4 AG Neunkirchen 8 AG Rostock 11 AG Greifswald 2 AG Bremen 2 AG Berlin- Tiergarten 4 LG Köln 13 LG Bückeburg 3 LG München 2 LG Neuruppin 1 LG Magdeburg 2 LG Görlitz 2 LG Bad Kreuznach 3 LG Berlin 6 LG Bremen 1 N = 82 Tabelle D.5 Verfahrensakten nach funktionaler Zuständigkeit Spruchkörper Anzahl der Verfahrensakten Strafrichter 32 Schöffengericht 18 Schwurgericht 1 Wirtschaftsstrafkammer 7 andere (Große) Strafkammer 24 N = 82 Die Anzahl der erhobenen Akten war, dies sei nochmals betont, gebunden an die Resonanz aus der vorangegangen Befragung in Modul 2. Es konnten insoweit lediglich diejenigen Verfahren erhoben werden, die mit korrekten Aktenzeichen versehen und für die jeweilige Staatsanwaltschaft als aktenführende Behörde im Geschäftsgang entbehrlich erschienen. Da belastbare Aussagen über die Einhaltung der Verständigungsregeln im Sinne des §  257c StPO sowie den gesamten Bereich der Absprachen nur aufgrund eines gewissen Mindestzugangs zum Aktenmaterial getroffen werden können, wurden alle verfügbaren Akten unabhängig von der regionalen Verteilung (vgl. Tab. 4) in die Auswertung einbezogen. Das dadurch entstehende regionale Ungleichgewicht folgt konsequenterweise der unterschiedlichen regionalen Beteiligung an der vorangegangenen Befragung im Modul 2 nach. Dieses regionale Ungleichgewicht schmälert indes die Aussagekraft der Ergebnisse nicht, da die gewählte qualitativ-interpretativen Methode – wie dargestellt – das Ziel verfolgt, subjektive Deutungsmuster und Theorien 135 I. Gang der Untersuchung auf der Einzelfallebene aufzuzeigen und einzuordnen. Eine regional ausbalancierte Erhebung ist zur Erreichung dieses Ziels zwar förderlich, jedoch nicht zwingend. Die angemessene regionale Verteilung musste deshalb hinter dem Ziel einer möglichst breiten Erhebung der Daten aus den Verfahrensakten zurücktreten. d) Beteiligung der aktenführenden Behörden Zur Durchführung der Aktenanalyse war die Einsicht in die ausgewählten Verfahrensakten notwendig. Beginnend am 19.2.2019 wurde bei den aktenführenden Staatsanwaltschaften auf Grundlage von § 476 Abs. 1, Abs. 2 StPO unter Beifügung der notwendigen Unterlagen Akteneinsicht in die Haupt- und Beiakten zu wissenschaftlichen Zwecken beantragt. Trotz der Darlegung der gesetzlichen Voraussetzungen der Akteneinsicht und des ausdrücklichen Hinweises auf den knapp bemessenen zeitlichen Rahmen des gesamten Forschungsprojekts konnte die Kooperationsbereitschaft der Staatsanwaltschaften dadurch ersichtlich nicht gesteigert werden: Tabelle D.6 Resonanz bei den Staatsanwaltschaften Staatsanwaltschaft Akteneinsichtsgesuch 1. Erinnerung 2. Erinnerung Aktueller Status zum 20.2.2020 Stuttgart 19.2.2019 14.3.2019 28.3.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Augsburg 19.2.2019 14.3.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich München I 19.2.2019 14.3.2019 28.3.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Saarbrücken 7.3.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Bad Kreuznach 20.3.2019 3.4.2019 17.4.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Bremen 20.3.2019 3.4.2019 17.4.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Dresden 20.3.2019 3.4.2019 17.4.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Görlitz 20.3.2019 3.4.2019 17.4.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Magdeburg 17.5.2019 19.7.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Dessau-Roßlau 17.5.2019 19.7.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Berlin 17.5.2019 19.7.2019 28.8.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Rostock 7.7.2019 21.8.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Stralsund 7.7.2019 21.8.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich 136 D. Aktenanalyse (Modul 3) Staatsanwaltschaft Akteneinsichtsgesuch 1. Erinnerung 2. Erinnerung Aktueller Status zum 20.2.2020 Neuruppin 28.8.2019 11.9.2019 Akteneinsicht umfassend möglich Potsdam 28.8.2019 11.9.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Köln 28.8.2019 11.9.2019 Akteneinsicht umfassend möglich Hamburg 28.8.2019 3.9.2019 13.10.2019 Bitte um Bearbeitungszeit – keine weitere Rückmeldung nach diversen Rückfragen Itzehoe 28.8.2019 11.9.2019 6.11.2019 Akteneinsicht nicht umfassend möglich Kiel 28.8.2019 11.9.2019 Verweigerung der Akteneinsicht Hildesheim 28.8.2019 11.9.2019 Aktenzeichen nicht auffindbar Bückeburg 28.8.2019 11.9.2019 Akteneinsicht umfassend möglich Frankfurt 6.11.2019 16.12.2019 Trotz positiver Rückmeldung der Generalstaatsanwaltschaft keine weitere Rückmeldung der aktenführenden Staatsanwaltschaft Trotz diverser Erinnerungen und wiederholter Hinweise auf die Notwendigkeit der Kooperation konnte dennoch keine größere Resonanz bei den Staatsanwaltschaften erzielt werden. Oft wurde nach mehreren Wochen oder Monaten darauf verwiesen, dass die Verfahrensakten noch behördenintern in Gebrauch seien oder ein Rechtsmittel eingelegt worden sei. In einigen Fällen wurde das Aktenzeichen in Modul 2 – trotz des mehrfachen schriftlichen und telefonischen Hinweises bei den teilnehmenden Gerichten – nicht korrekt angegeben. In den meisten Fällen war eine Akteneinsicht in alle angeforderten Akten nicht möglich. Eine Übersendung der Akten bei späterer Entbehrlichkeit fand nur in zwei Fällen statt (Staatsanwaltschaften Saarbrücken und Magdeburg). In drei Fällen (bei den Staatsanwaltschaften bei den Landgerichten in Hamburg, Kiel und Frankfurt) wurde die Akteneinsicht durch die aktenführende Behörde gänzlich verweigert. Der im Ganzen damit nur begrenzt gewährte Einblick in die Verfahrensakten durch die Staatsanwaltschaften ist bei der Betrachtung der Ergebnisse der Aktenanalyse zu berücksichtigen. 2. Forschungsfragen Leitend für die Erarbeitung der Fragestellungen in diesem Teil der Untersuchung war einerseits der mit dem Bundesministerium der Justiz und für 137 I. Gang der Untersuchung Verbraucherschutz abgestimmte Fragenkatalog und andererseits der Kanon an Fragestellungen, der sich aufgrund der vertieften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Absprachen im Strafprozess ergeben hatte. Aus der erstgenannten Gruppe kristallisierten sich folgende Leitfragen heraus, die im weiteren Verlauf differenziert beantwortet werden konnten: – Welche allgemeinen Rahmenbedingen führten zu einer Verständigung im Sinne des § 257c StPO und welche Vorbereitungsleistung ging von wem dabei aus? – Wurden Verständigungen mit unzulässigen Inhalten durchgeführt? – Wurden die Belehrungspflichten im Rahmen der Verständigung beachtet, um die Autonomiesphäre des Angeklagten und die Belange der Öffentlichkeit zu wahren? – Wie stellte sich das Spannungsfeld zwischen der Verständigung und der gerichtlichen Aufklärungspflicht dar? – Wurden die Pflichten des Gerichts zur Transparenz und Dokumentation gewahrt? Um den Bereich der Absprachen im Strafprozess breiter darzustellen und um die verschiedenen Phänomene zu erfassen, die mitunter mit formellen sowie informellen Absprachen einhergehen oder sie begünstigen, wurde das Untersuchungsprogramm um folgende Fragestellungen erweitert: – Welchen Einfluss hatten Strafverteidiger auf Absprachen im Strafprozess und wie wirkte sich der Zeitpunkt ihres Tätigwerdens auf den Prozess aus? – Wurde durch die Verständigung eine relevante Beschleunigung des Strafverfahrens erreicht? – Lässt sich ein Zusammenhang zwischen der strafrechtlichen Vorbelastung des Angeklagten und der Verständigungsbereitschaft erkennen? – Wurden Umgehungsstrategien genutzt, um eine Absprache im Strafverfahren zu erreichen, ohne die Regeln der Verständigung einzuhalten? Neben diesen Fragestellungen wurde in der Aktenanalyse ein besonderer Fokus auf markante Einzelfälle gelegt, welche im Verlauf der Untersuchung auftauchten und Aufschluss über bestimmte – möglicherweise verallgemeinerungsfähige – Motive der Verfahrensbeteiligten bei formellen und informellen Absprachen geben können. Den dargestellten Fragestellungen folgend wurden im Rahmen der Aktenanalyse drei verschiedene Gruppen von Verfahrensakten erhoben. Zum einen wurden solche Verfahren in die Auswertung einbezogen, bei denen das Urteil auf einer Verständigung beruhte. Zweitens wurden Verfahren, in denen eine Verständigung erfolglos versucht wurde, sowie drittens Verfahren, in denen eine Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO oder § 153a 138 D. Aktenanalyse (Modul 3) Abs. 2 StPO Ergebnis des Verfahrens war, mit einbezogen. Grund für diese Gruppenbildung ist der Umstand, dass jeder der Gruppen ein spezifisches konsensuales Element zu eigen ist, welches jeweils sichtbar gemacht werden muss. Tabelle D.7 Verfahren nach Verfahrensart Anzahl der Verfahren Erfolgreiche Verständigung 34 Versuchte Verständigung 19 Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO 29 N = 82 Von den insgesamt 82 durchgeführten Aktenauswertungen stammten 34 Akten aus Verfahren, bei denen dem Urteil eine erfolgreiche Verständigung im Sinne des § 257c StPO vorausging, 19 Akten aus Verfahren, in denen eine Verständigung (nur) versucht wurde und 29 Akten aus Verfahren, die letztlich mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO beziehungsweise nach § 153a Abs. 2 StPO endeten. Durch diese Art der Analyse der Verfahrensakten nach Art des jeweiligen Verfahrens ist es möglich, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, Unterschiede sichtbar werden zu lassen und diese zu interpretieren, um allgemeine Rückschlüsse auf den Umgang mit Absprachen im Strafprozess zu ermöglichen. II. Deskriptive Ergebnisse Die Zusammenfassung der Ergebnisse der Aktenanalyse untergliedert sich in die Zusammenfassung der allgemeinen Untersuchungsgegenstände der Aktenanalyse (II.1.), die Zusammenfassung der Untersuchungsgegenstände bei den Verständigungsverfahren (II.2.), die Zusammenfassung der Untersuchungsgegenstände bei den versuchten Verständigungen (II.3.) sowie die Zusammenfassung hinsichtlich der Einstellungen nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO (II.4.). Durch Ergänzung mit Fallvignetten wird darüber hinaus ein konkreterer Einblick in die Rechtswirklichkeit der Verständigung gegeben. Die ausgewählten Vignetten sind exemplarische Darstellungen bestimmter Verfahrenslagen im Kontext der Verständigung, die schlaglichtartig Hinweise auf typische verständigungsrelevante Kommunikationsabläufe zu liefern vermögen. 139 II. Deskriptive Ergebnisse 1. Allgemeine Untersuchungsgegenstände der Aktenanalyse Die übersendeten Akten wurden zunächst auf allgemeine Verfahrensumstände sowie auf den Anklagevorwurf untersucht. Die allgemeinen Fragstellungen werden für die Verfahrensarten gemeinsam dargestellt, da sie Aufschluss darüber geben sollen, welche allgemeinen Verfahrenskonstellationen ein Verfahren mit konsensualen Elementen im weiteren Sinne fördern und welche entgegenstehen. a) Verfahrensakten nach Deliktskategorien Tabelle D.8 Anzahl der Verfahrensakten nach Deliktskategorien Deliktsart Gesamt Verständigungen Versuchte Verständigungen Einstellungen nach § 153 Abs. 2 bzw. § 153a Abs. 2 StPO Gesamt In % Gesamt In % Gesamt In % Gesamt In % §§ 80–168, 331– 357 o. § 142 StGB 2 2,4 1 2,9 0 0 1 3,4 §§ 174–184j o. §§ 184–184d StGB 6 7,3 4 11,8 2 10,5 0 0 §§ 185–200 StGB 3 3,7 1 2,9 0 0 2 6,9 §§ 211–222 StGB 1 1,2 0 0 1 5,3 0 0 §§ 223–231 StGB o. StraßenV 5 6,1 0 0 1 5,3 4 13,8 §§ 232–241a StGB o. StraßenV 1 1,2 0 0 0 0 1 3,4 §§ 242–248c StGB 9 10,9 6 17,6 0 0 3 10,3 §§ 249–255, 316a StGB 9 10,9 2 5,9 6 31,6 1 3,4 §§ 263–266b StGB 9 10,9 4 11,8 3 15,8 2 6,9 §§ 267–282 StGB 1 1,2 0 0 0 0 1 3,4 §§ 283–305a StGB 6 7,3 2 5,9 0 0 4 13,8 §§ 306–323c o. 315b–316a StGB 1 1,2 1 2,9 0 0 0 0 Straßenverkehrsdelikte nach StGB 10 12,2 0 0 0 0 10 34,5 AO 1 1,2 0 0 1 5,3 0 0 BtMG 15 18,3 10 29,4 5 26,3 0 0 Andere 3 3,7 2 5,9 0 0 1 3,4 N = 82 100 34 100 19 100 29 100 Mit Blick auf die untersuchten Akten ähnelt die Verteilung der jeweiligen Delikte der vorangegangenen Befragung in Modul 2: So sind Straftaten nach dem BtMG (15 Verfahren), Straftaten im Straßenverkehr (zehn Verfahren) sowie Straftaten im Bereich des Diebstahls und der Unterschlagung (neun Verfahren) besonders häufig vertreten. Die in der Aktenanalyse ge- 140 D. Aktenanalyse (Modul 3) wählte Methode hat jedoch – anders als in der angesprochenen Befragung der Richter– nicht das Ziel, ein repräsentatives Bild zu zeichnen. Diese Verteilung nach Deliktskategorien entspricht dabei – soweit dies durch die Statistiken des Statistischen Bundesamts überprüft werden kann13 – teilweise der erstinstanzlichen Erledigungsquote im Jahr 2018. So hatten etwa 10% der erledigten Verfahren einen Verstoß gegen das BtMG zum Gegenstand und etwa 17% der erledigten Verfahren einen Verstoß im Rahmen des Stra- ßenverkehrs.14 Bei der Quote der erfolgreichen Verständigungen nach Deliktskategorien im Vergleich zu der Quote der gescheiterten Verständigungen nach Deliktskategorien lassen sich jedoch Auffälligkeiten feststellen. Am deutlichsten zeigt sich eine dieser Auffälligkeiten im Vergleich der Straftaten im Bereich des Diebstahls und der Unterschlagung (§§  242–248c StGB) mit den Straftaten im Bereich des Raubes und der räuberischen Erpressung (§§ 249–255, 316a StGB) – je bezogen auf die Verständigungsquote im Verhältnis zu dem Scheitern der Verständigungsgespräche. Der Vergleich dieser beiden Deliktsgruppen bietet sich deshalb an, weil einerseits beide Deliktsgruppen das Vermögen als Rechtsgut schützen und andererseits der Raub beziehungsweise die räuberische Erpressung darüber hinaus noch die körperliche Unversehrtheit bzw. die Selbstbestimmung in den Schutzbereich des Deliktes einbeziehen. Während Gespräche über eine Verständigung bei Verfahren im Bereich des Diebstahls und der Unterschlagung in keinem Fall scheiterten, scheiterten solche Gespräche im Bereich des Raubes und der räuberischen Erpressung in der überwiegenden Zahl der Fälle (sechs von neun Verfahren). Es stellt sich damit die Frage, ob der spezifische Deliktscharakter eine Verständigung bei einem Diebstahl begünstigt und/oder eine Verständigung bei dem Raub bzw. der räuberischen Erpressung erschwert. Einerseits könnte man annehmen, dass mit steigender Strafandrohung die Bereitschaft zur Verständigung schwindet. Der Strafrahmen des Diebstahls beziehungsweise der Unterschlagung lässt grundsätzlich eine Strafe bis zu fünf Jahren bzw. bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe zu. Der Strafrahmen des Raubes und der räuberischen Erpressung beginnt grundsätzlich bei einem Jahr und reicht damit bis zum gesetzlichen Höchstmaß von 15 Jahren (§ 38 Abs. 2 StGB). Andererseits könnte man die These aufstellen, dass die Bereitschaft zu Verständigung in den Fällen schwindet, in denen bestimmte 13 Die Bildung von Vergleichsgruppen anhand deliktsspezifischer Erledigungsquoten scheitert teilweise an der uneinheitlichen Bildung von Deliktskategorien in den verschiedenen Statistiken. Aufgrund der unterschiedlichen Kategorienbildung in der Fachserie 10 Reihe 2.6 (Strafgerichte) und in der Fachserie 10 Reihe 2.3 (Staatsanwaltschaften) können die gefundenen Ergebnisse deshalb nur eingeschränkt überprüft werden. 14 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 19, 57. 141 II. Deskriptive Ergebnisse Rechtsgüter betroffen sind. Dies könnte insbesondere dann der Fall sein, wenn Rechtsgüter wie Leben, körperliche Unversehrtheit oder die Selbstbestimmung betroffen sind. Dem ersten Interpretationsansatz lässt sich entgegenhalten, dass auch bei Delikten, deren Strafandrohung weit über dem Bereich der leichten Kriminalität liegen, die Bereitschaft der Verständigung in erhöhtem Maße existiert. Betrachtet man beispielsweise die Verständigungsquote bei untersuchten Verfahren im Bereich der Straftaten gegen das BtMG (zehn von 15 Verfahren), in dem mehrheitlich Straftaten nach § 30 f. BtMG Gegenstand der Anklage waren, so verliert das Argument der Korrelation von Strafandrohung und Bereitschaft zur Verständigung an Überzeugungskraft. Jedoch lässt sich auch dem zweiten Interpretationsansatz entgegenhalten, dass es Bereiche gibt, in denen die Verständigungsquote vergleichsweise hoch ist, obwohl die oben genannten Rechtsgüter durch die Tat betroffen waren. Als Beispiel lässt sich der Deliktsbereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung anführen, in welchem vier von sechs Verständigungen erfolgreich waren. Doch stellt der Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung einen Sonderfall dar, da das Motiv der Verständigung in allen untersuchten Fällen im Schutz des Verletzten zu erkennen war. Die Verfahrensbeteiligten wollten durch eine Verständigung eine erneute Zeugenaussage des Verletzten in der Hauptverhandlung vermeiden, um eine sog. sekundäre Viktimisierung zu verhindern. Dieses Motiv kann als legitimer Anknüpfungspunkt einer Verständigung angesehen werden. Im Zentrum steht demnach in diesen Fällen die erkennbare Bemühung des Gerichts, eine Vertiefung der Verletzung des Rechtsguts der sexuellen Selbstbestimmung durch eine Verständigung abzuwehren. Der Rechtsgutsschutz bekommt in diesen Fällen also eine besondere Bedeutung und bestärkt daher den zweiten Interpretationsansatz. Es bleibt im Vergleich der beiden aufgezeigten Gruppen daher – freilich unter Würdigung der geringen Fallzahlen – festzuhalten, dass der Deliktscharakter als Bezugspunkt möglicherweise für den Erfolg der Verständigung von Bedeutung sein kann. b) Vorstrafen und Hafterfahrung Weiterhin wurden die Vorstrafensituation sowie die Hafterfahrung der Angeklagten im Rahmen der Aktenanalyse erfasst. Bei mehreren Angeklagten erfolgte die Untersuchung bei demjenigen Angeklagten, mit dem eine Verständigung erfolgte, eine Verständigung versucht wurde oder eine Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO Ergebnis des Verfahrens war. Erfüllten mehrere Angeklagte die- 142 D. Aktenanalyse (Modul 3) se Voraussetzung, so erfolgte die Untersuchung bei dem Angeklagten, bei dem die höhere Sanktion ausgesprochen wurde. Tabelle D.9 Vorstrafen (nicht einschlägig) Anzahl der Vorstrafen Gesamt Gesamt In % 0 45 54,9 1 11 13,4 2 2 2,4 3 3 3,7 4 1 1,2 5 4 4,9 6 1 1,2 7 0 0 8 0 0 >8 2 2,4 Nicht ermittelbar 13 15,9 N = 82 100 Tabelle D.10 Vorstrafen (einschlägig) Anzahl der Vorstrafen Gesamt Gesamt In % 0 48 58,5 1 4 4,9 2 3 3,7 3 3 3,7 4 1 1,2 5 4 4,9 6 2 2,4 7 0 0 8 0 0 >8 4 4,9 Nicht ermittelbar 13 15,9 N = 82 100 Zur Einordnung und Bewertung der oben dargestellten Vorstrafensituation in den untersuchten Verfahren bietet sich der Vergleich mit der Vorstrafensituation aller Verurteilten aus dem Jahr 2018 an, soweit diese ermittelt werden konnten. Die dargestellten Zahlen des Bundesamtes für Statistik15 geben jedoch nur Aufschluss über eine allgemeine Tendenz der Rechtspre- 15 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S. 424. 143 II. Deskriptive Ergebnisse chung und stehen nicht im Zusammenhang mit dem in Modul 2 gewählten Erhebungszeitraum. Tabelle D.11 Vergleichszahlen zur Vorstrafensituation (Ohne Differenzierung nach der Art der Vorstrafe) Anzahl der Vorstrafen Gesamt Gesamt In % 0 306.216 49,0 1 80.230 12,8 2 44.127 7,1 3–4 55.058 8,8 5 oder mehr 139.057 22,3 N = 624.691 100 Bei der Untersuchung der Hafterfahrung wurden lediglich die Verfahren mit einbezogen, bei denen der betrachtete Angeklagte vorbestraft war. Tabelle D.12 Hafterfahrung Hafterfahrung Gesamt Gesamt In % ja 7 18,4 nein 31 81,6 N = 38 100 Bei der Betrachtung der Vorstrafensituation in Bezug auf die untersuchten Verfahren lässt sich darstellen, dass sowohl im Bereich der nicht-einschlägigen Vorstrafen als auch bei den einschlägigen Vorstrafen eine geringe Vorstrafenbelastung auf Seiten des Angeklagten zu finden ist. Verglichen mit der allgemeinen Vorstrafensituation bei einer Verurteilung stellte sich die Vorstrafenbelastung in den untersuchten Fällen als leicht unterdurchschnittlich dar. Dieses Bild setzte sich auch in der Untersuchung der Hafterfahrung fort. Unter den vorbestraften Angeklagten hatten lediglich sieben Angeklagte Strafhaft verbüßt. Die weit überwiegende Zahl der Angeklagten war nicht hafterfahren. Mit Bezug auf die allgemeine Verfahrenssituation bei den Verfahren mit konsensualen Elementen lassen diese Zahlen die Interpretation zu, dass zwischen der Vorstrafensituation und dem Erwägen einer konsensualen Lösung des Verfahrens durch die Verfahrensbeteiligten ein Zusammenhang bestehen könnte. 144 D. Aktenanalyse (Modul 3) Darüber hinaus wurde im Rahmen der Auswertung der Verfahrensakten untersucht, ob formelle Verteidigung durch eine der in § 138 StPO genannten Personen eine konsensuale Lösung begünstigt, ob sich ein Unterschied in der Art der Verteidigung ergibt und ob der Zeitpunkt des Beginns der Verteidigung einen Einfluss auf eine konsensuale Lösung des Verfahrens hat. c) Verteidigung des Angeklagten Tabelle D.13 Verteidigung des Angeklagten Verteidigung Gesamt Gesamt In % ja 79 96,3 nein 3 3,7 N = 82 100 Tabelle D.14 Vergleichszahlen zur Beteiligung des Verteidigers im erstinstanzlichen Verfahren 201816 Verteidigung Landgericht (1. Instanz) Amtsgericht Erstinstanzliche Verfahren vor dem LG und AG Gesamt In % Gesamt In % Gesamt In % ja 9.272 92,6 220.640 45,4 496.231 65,1 nein 744 7,4 265.575 54,6 266.319 34,9 N = 10.016 100 486.215 100 762.550 100 Eine konkrete Aussage über die generelle Verfahrensbeteiligung von Verteidigern im deutschen Strafverfahren im gewählten Untersuchungszeitraum kann nicht getroffen werden, da allgemeine Vergleichszahlen für den gewählten Zeitraum nicht existieren. Es kann lediglich mit Bezug auf das Jahr 2018 eine allgemeine Quote der Beteiligung eines Verteidigers am Verfahren gebildet werden. Mit Blick auf die Vergleichszahlen zur Beteiligung eines Verteidigers im erstinstanzlichen Verfahren im Jahr 2018 vor den Amts- und Landgerichten ist ebenfalls zu beachten, dass diese Vergleichszahlen lediglich eine Interpretationsgrundlage für die in der Aktenanalyse gefundenen Ergebnisse darstellen. 16 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 35, 73. 145 II. Deskriptive Ergebnisse Tabelle D.15 Art der Verteidigung Art der Verteidigung Gesamt Gesamt In % Wahl-Verteidigung 61 77,2 Pflicht-Verteidigung 18 22,8 N = 79 100 Tabelle D.16 Zeitpunkt der Verteidigung Zeitpunkt der Verteidigung Gesamt Gesamt In % Ermittlungsverfahren 57 72,2 Zwischenverfahren 7 8,9 Hauptverfahren 15 19,0 N = 79 100 Bei Betrachtung der Verteidigungsquote in den untersuchten Verfahren konnte festgestellt werden, dass in 96,3% der untersuchten Fälle der Angeklagte durch eine der in § 138 StPO genannten Personen verteidigt war. Auch wenn diese Zahl bei der ersten Betrachtung signifikant erscheint, so muss einschränkend festgehalten werden, dass in 50 der untersuchten Verfahren auch ein Fall der notwendigen Verteidigung vorlag. Hinsichtlich der Verfahren vor den Strafkammern ergab sich dies nach dem im Untersuchungszeitraum geltenden Recht17 aus § 140 Abs. 1 Nr. 1 StPO und hinsichtlich der Verfahren vor dem Schöffengericht aus § 140 Abs. 1 Nr. 2 StPO bzw. §  140 Abs. 2 S.  1 StPO. Trotz der vorgenommenen Einschränkung kann festgestellt werden, dass in überdurchschnittlich vielen Fällen ein Verteidiger Verfahrensbeteiligter war. Neben der hohen Quote an Wahlverteidigern (61 von 79 Verfahren – 77,2%) im Vergleich zu derjenigen der Pflichtverteidiger (18 von 79 Verfahren – 27,8%), zeigte sich, dass in den überwiegenden Fällen bereits im Ermittlungsverfahren ein Verteidiger für den Angeklagten auftrat (57 von 79 Verfahren – 72,2%). Zu beachten ist, dass in den Fällen, in denen der Wahlverteidiger im Ermittlungs- und Zwischenverfahren aktiv wurde, jedoch im Hauptverfahren als Pflichtverteidiger beigeordnet wurde, er im Rahmen der Aktenanalyse als Wahlverteidiger gewertet wurde. 17 Das Gesetz zur Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung trat erst mit Wirkung zum 13.12.2019 in Kraft (BGBl. I S. 2128). 146 D. Aktenanalyse (Modul 3) Sichtbar wurde, dass in allen Fällen, in denen eine Verständigung erfolgreich durchgeführt wurde oder versucht wurde, der Angeklagte verteidigt war. Es lässt sich also beobachten, dass eine konsensuale Lösung des konkreten Verfahrens wahrscheinlicher wird, wenn bereits im Ermittlungsverfahren ein Verteidiger im Verfahren aktiv wird. Darüber hinaus lassen die gefundenen Ergebnisse die Vermutung zu, dass die Wahlverteidigung des Beschuldigten eine konsensuale Lösung des konkreten Verfahrens zu fördern scheint. d) Nebenklage Neben der Frage des Einflusses einer Verteidigung auf den Verfahrensgang wurde untersucht, welchen Einfluss eine Nebenklage auf eine konsensorientiere Verfahrensführung hat. Dabei wurden nur die 49 Verfahren in der Untersuchung berücksichtigt, bei denen i.S.d. §  395 Abs.  1–3 StPO eine Befugnis zum Anschluss als Nebenkläger bestand. Tabelle D.17 Nebenklage Nebenklage Gesamt Gesamt In % ja 8 16,3 nein 41 83,7 N = 49 100 Der formelle Anschluss des Berechtigten an die Klage war in den untersuchten Verfahren die Ausnahme. Lediglich in acht Verfahren, in denen eine Nebenklage im Sinne des § 395 Abs. 1–3 StPO möglich gewesen wäre, nutzte der jeweils Berechtigte die Möglichkeit, dadurch Einfluss auf den Verfahrensgang zu nehmen. In allen Fällen, in denen diese Anschlussmöglichkeit genutzt wurde, waren die Berechtigten auch in der Hauptverhandlung anwesend und anwaltlich vertreten. Eine konkrete Aussage über die generelle Verfahrensbeteiligung von Nebenklägern kann nicht getroffen werden, da allgemeine Vergleichszahlen für den gewählten Zeitraum nicht existieren. Es kann lediglich in Bezug auf das gesamte Jahr 2018 eine allgemeine Quote der Beteiligung eines Nebenklägers im Hauptverfahren gebildet werden. Hinsichtlich der Vergleichszahlen zur Beteiligung eines Nebenklägers im erstinstanzlichen Verfahren 147 II. Deskriptive Ergebnisse im Jahr 2018 vor den Amts- und Landgerichten ist zu beachten, dass eine Differenzierung nach der Anschlussfähigkeit des zugrundeliegenden Verfahrens in der entsprechenden Statistik der Strafgerichte nicht erfolgt, so dass diese Vergleichszahlen lediglich eine Interpretationsgrundlage für die in der Aktenanalyse gefundenen Ergebnisse darstellen. Im Jahr 2018 nahmen in 1,5% aller Verfahren vor dem Amtsgericht und in 21,5% aller erstinstanzlichen Verfahren vor dem Landgericht Nebenkläger am Hauptverfahren teil,18 sodass in den untersuchten Fällen Nebenkläger überdurchschnittlich in den Hauptverfahren anwesend waren. Ein Erklärungsansatz für die Abweichung zwischen den untersuchten Verfahren und den Vergleichszahlen könnte darin zu sehen sein, dass eine Differenzierung zwischen anschlussfähigen und nicht anschlussfähigen Delikten bei der Bildung der Vergleichszahlen nicht möglich war. Unter Beachtung dieser Einschränkung lässt sich keine valide Aussage über die Anwesenheit des Nebenklägers auf eine konsensuale Erledigung des Verfahrens treffen, da die gefundenen Vergleichszahlen eine nur stark eingeschränkte Gültigkeit besitzen. Auffällig stellt sich darüber hinaus die Beteiligung von Nebenklägern an Verfahren wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung dar. In allen untersuchten Fällen schlossen sich die Berechtigten einer Anklage wegen §§ 174–184j StGB oder §§ 184–184d StGB an. 2. Zusammenfassung der Verständigungsverfahren Ausgangspunkt der Untersuchung der Verfahrensakten waren die 34 erhobenen Akten mit einer erfolgreich durchgeführten Verständigung. Neben den Rahmenbedingungen, die zu einer erfolgreichen Verständigung im Sinne des § 257c StPO geführt haben, wurden in diesem Teil der Untersuchung insbesondere der Gegenstand der Verständigung, die Dokumentations- und Transparenzpflichten sowie die konkrete Verfahrensführung untersucht. 18 Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 35, 73. 148 D. Aktenanalyse (Modul 3) a) Initiative der Verständigung Tabelle D.18 Initiative der Verständigung Initiative zur Verständigung Gesamt Gesamt In % Staatsanwaltschaft 2 5,9 Gericht 5 14,7 Verteidiger 27 79,4 N = 34 100 Bei den untersuchten Fällen beruhten in insgesamt 34 Verfahren die Urteile auf einer erfolgreichen Verständigung. Auffällig war, dass die Initiative zur Verständigung im Sinne des § 257c StPO in 27 untersuchten Verfahren vom Verteidiger ausging, lediglich in fünf Verfahren vom Gericht und nur in zwei Verfahren von der Staatsanwaltschaft. Dies unterstreicht nochmals die bereits oben erwähnte, herausgehobene Bedeutung des Verteidigers für die Initialisierung und das Gelingen des Verfahren nach § 257c StPO. Daneben fiel auf, dass die Initiative zur Verständigung lediglich in den Fällen von dem Gericht oder der Staatsanwaltschaft ausging, in denen der Prozessstoff einen erheblichen Umfang erreicht hatte. Insbesondere Anklagen, die Straftaten nach der AO oder größere Betrugskomplexe zum Gegenstand hatten, wurden auf Initiative des Gerichts bzw. der Staatsanwaltschaft einer Verständigung zugeführt. Neben Angaben zur Initiative ist gemäß § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO der wesentliche Ablauf der Verständigung zu protokollieren. Die gerichtliche Protokollierungspflicht wurde auch im Rahmen der Analyse der Verfahrensakten ebenfalls in den Blick genommen. Auf der Grundlage jener Pflicht muss das Gericht, nicht zuletzt zum Zwecke der revisionsrechtlichen Überprüfung, den wesentlichen Ablauf der Gespräche, die Teilnehmer und den jeweiligen Gesprächsinhalt im Hauptverhandlungsprotokoll festhalten. 149 II. Deskriptive Ergebnisse b) Protokollierungspflicht § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO Tabelle D.19 Protokollierungspflicht gemäß § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO Einhaltung § 273 Abs 1 S. 1 StPO Gesamt Gesamt In % ja 28 82,4 nein 6 17,6 N = 34 100 Die Protokollierungspflicht wurde in der Mehrzahl (28 Verfahren) der untersuchten Verfahren eingehalten. Dabei wurde insbesondere der Initiator des Rechtsgesprächs im Protokoll festgehalten sowie die wesentlichen Vereinbarungen, insbesondere hinsichtlich des beabsichtigten Geständnisses, des Prozessverhaltens sowie des Strafmaßes. In sechs der untersuchten Fälle fand indes keine oder keine ausreichende Protokollierung der Verständigung statt. In diesen Fällen wurde mehrheitlich ausschließlich vermerkt, dass eine Verständigung stattgefunden hat. Weder der Inhalt der Gespräche noch die konkreten Rahmenbedingungen wurden in das Protokoll der Hauptverhandlung aufgenommen. Darüber hinaus wurden häufig auch Vereinbarungen zur Einstellung nach § 154 Abs. 1 StPO bzw. § 154 Abs. 2 StPO als Teil der Verständigung in das Hauptverhandlungsprotokoll aufgenommen. c) Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO Neben den Protokollierungspflichten der konkreten Verständigungsgespräche muss gemäß §  273 Abs.  1a S. 2 StPO auch protokolliert werden, ob Gespräche stattgefunden haben, die eine Verständigung zum Ziel hatten. 150 D. Aktenanalyse (Modul 3) Tabelle D.20 Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO Einhaltung § 273 Abs 1a S. 2 StPO Gesamt Gesamt In % ja 28 82,4 nein 6 17,6 N = 34 100 Wie auch bei den allgemeinen Protokollierungspflichten wurde das Erfordernis der Dokumentation der Verständigung gemäß § 273 Abs. 1a S. 2 StPO überwiegend (28 Verfahren) beachtet. In den übrigen sechs Verfahren wurde die Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO nicht eingehalten. Die Mehrzahl der Verstöße gegen § 273 Abs. 1a S. 2 StPO decken sich mit den oben festgestellten Verstößen gegen § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO. d) Zeitpunkt der Protokollierung nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO Tabelle D.21 Zeitpunkt der Protokollierung gemäß § 273 Abs. 1a S. 2 StPO Zeitpunkt § 273 Abs 1a S. 2 StPO Gesamt Gesamt In % Vor der Beweisaufnahme 27 96,4 Nach der Beweisaufnahme 1 3,6 N = 28 100 Fast ausschließlich (27 Verfahren) erfolgte der Hinweis, dass Gespräche, die eine Verständigung zum Ziel hatten, stattgefunden oder nicht stattgefunden haben, vor dem Beginn der Beweisaufnahme. Bei der Analyse der Verfahrensakten zeigte sich, dass der Hinweis nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO in der Regel nach der Belehrung des Angeklagten, also zu Beginn der Hauptverhandlung, als feststehende Formalie abgehandelt wurde. 151 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 1 e) Belehrung nach § 257c Abs. 5 StPO Neben der oben genannten Protokollierungspflicht ist der Angeklagte nach § 257c Abs. 5 StPO vor der Zustimmung zur Verständigung über den Entfall der Bindungswirkung für das Gericht zu belehren; auch diese Belehrung ist in das Protokoll aufzunehmen. Tabelle D.22 Belehrung über den Entfall der Bindungswirkung nach § 257c Abs. 5 StPO Einhaltung § 257c Abs. 5 StPO Gesamt Gesamt In % ja 27 79,4 nein 7 20,6 N = 34 100 Die Belehrung, dass die Bindung des Gerichts an die Verständigung entfällt, wenn rechtlich oder tatsächlich bedeutsame Umstände übersehen worden sind oder sich neu ergeben haben und das Gericht deswegen zur Überzeugung gelangt, dass der in Aussicht gestellte Strafrahmen nicht mehr tat- oder schuldangemessen ist, wurde in den meisten Fällen erteilt (27 Verfahren). In den übrigen sieben Verfahren wurde die Belehrung im Sinne des § 257c Es wurde durch den Vorsitzenden festgestellt, dass die vorgenannte Anklageschrift der Staatsanwaltschaft […] durch Beschluss vom […] Blatt […] der Akten unter Eröffnung des Hauptverfahrens zur Hauptverhandlung zugelassen wurde. Der Vorsitzende gab bekannt, dass zwischen den Verfahrensbeteiligten keinerlei Gespräche zum Zwecke einer etwaigen Verständigung gemäß § 257c StPO [stattgefunden] haben. Die Angeklagten wurden darauf hingewiesen, dass es ihnen freistehe, sich zu der Anklage zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen. Rechtsanwältin […] beantragte eine Unterbrechung der Hauptverhandlung. [In der Unterbrechung der Hauptverhandlung wurde sodann über die Bereitschaft einer Verständigung beraten.] Auszug aus einem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 152 D. Aktenanalyse (Modul 3) Abs. 4 StPO entweder nicht durchgeführt oder nicht gemäß § 257c Abs. 5 StPO im Protokoll vermerkt. In beiden Fällen muss wegen der negativen Beweiskraft des Hauptverhandlungsprotokolls davon ausgegangen werden, dass die Belehrung auch tatsächlich nicht vorgenommen worden ist. f) Absprache einer Punktstrafe Im Rahmen der Untersuchung der Verfahrensakten lag, neben der Betrachtung der Einhaltung der Dokumentations-, Mitteilungs- und Transparenzpflichten, ein Schwerpunkt auf der Analyse des Inhalts der Verständigung. Dabei orientierte sich die Bewertung der potenziellen Fehlerquellen einer Verständigung an der bereits dargestellten obergerichtlichen Rechtsprechung.19 Es wurde zunächst untersucht, ob in den untersuchten Verfahren sogenannte „Punktstrafen“ Teil der Verständigung waren. Unter Punktstrafen versteht man die Vereinbarung einer bestimmten Strafe statt der gesetzlich einzig vorgesehenen Vereinbarung eines Strafrahmens (vgl. § 257c Abs. 3 S. 2 StPO). Denn aus der Gesetzesformulierung „kann“ ist keine Wahlfreiheit in Bezug auf die Angabe einer Strafober- und Strafuntergrenze herauszulesen.20 Die Formulierung „kann“ bezieht sich lediglich auf die allgemeine Möglichkeit einer Verständigung über das Strafmaß. Die Vereinbarung einer Punktstrafe ist deshalb nach allgemeiner Ansicht21 unzulässig. Tabelle D.23 Absprache einer Punktstrafe Punktstrafe Gesamt Gesamt In % ja 5 14,7 nein 29 85,3 N = 34 100 19 Vgl. Modul 1. 20 Jahn, StV 2011, 497 (499); MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 97. 21 BGH NStZ 2011, 170; StV 2011, 338 f.; NJW 2011, 1526 (1527) m. Anm. Kudlich JA 2011, 634; Niemöller, NZWiSt 2012, 290 (292); SSW-StPO/Ignor, 4. Aufl. 2020, § 257c Rn. 68 a.E.; LR-StPO/Stuckenberg, 26. Aufl. 2013, § 257c Rn. 49; MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 119, je m.w.N. Krit. Polomski, DRiZ 2011, 315. 153 II. Deskriptive Ergebnisse Zu beobachten war, dass in der überwiegenden Zahl der Fälle (29 Verfahren) die Vereinbarung einer Punktstrafe nicht Teil der Absprache wurde. In fünf der untersuchten Verfahren konnten indes Absprachen identifiziert werden, die keine Strafunter- und Strafobergrenze beinhalteten. In diesen Fällen fand keine konkrete Bestimmung der Strafe statt, vielmehr wurde lediglich eine Strafobergrenze vereinbart. Diese wurde dann auch ausgeurteilt. Fallvignette 2 Der in Fallvignette 2 exemplarisch skizzierte Fall zeigt, wie die Regeln des §  257c Abs. 3 S. 2 StPO umgangen werden. So wurde in diesem Fall im Rahmen der Verständigung lediglich eine konkrete, gerade noch bewährungsfähige (§ 56 Abs. 2 S. 1 StGB) Strafobergrenze ausgesprochen, jedoch keine konkrete Strafuntergrenze. Zwar wird in der Verständigung selbst keine konkrete Punktstrafe formuliert, allerdings deckt sich, in diesem und ähnlich gelagerten untersuchten Fällen, die formulierte Strafobergrenze mit der durch das Gericht letztlich ausgesprochenen Strafe, sodass man von einer „faktischen Punktstrafe“ ausgehen muss. Sie darf nach den oben dargestellten Grundsätzen nicht zulässigerweise vereinbart werden. Rechtsanwalt stimmte sodann einem Rechtsgespräch zu. […] Vorsitzende teilte mit, dass außerhalb der Hauptverhandlung ein Rechtsgespräch zwischen dem Gericht, d. Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft, der Nebenklägervertreterin und dem Verteidiger stattgefunden hat. Die Nebenklägervertreterin hat klargestellt, dass bei der Nebenklägerin ein Strafinteresse nicht besteht, sie wolle nur Klarheit und einen Abschluss. Die Geltendmachung von Schmerzensgeld sei nicht beabsichtigt. Seitens der Staatsanwaltschaft wird erklärt, dass ein Antrag auf 2 Jahre Freiheitsstrafe zur Bewährung, ohne weitere Auflagen, gestellt werden solle, soweit ein Geständnis des Angeklagten erfolge und dieser sich bei der Nebenklägerin entschuldige. Vorsitzende macht namens des Gerichts den Vorschlag, im Fall einer geständigen Einlassung des/der Angeklagten nebst einer Entschuldigung bei der Nebenklägerin keine höhere Strafe als 2 Jahre Freiheitsstrafe, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt werden kann, verhängt werden soll. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einem Schöffengericht 154 D. Aktenanalyse (Modul 3) g) Gespräche über eine Sanktionsschere Ebenso wie die Vereinbarung einer Punktstrafe im Rahmen der Verständigung unzulässig ist, stellt auch das In-Aussicht-Stellen einer sogenannten Sanktionsschere ein unzulässiges Verhalten dar. Grundsätzlich zulässig ist nur das In-Aussicht-Stellen von sog. Alternativstrafen für den Fall einer Verständigung einer- und für ihr Nichtzustandekommen andererseits. Unter einer unzulässigen Sanktionsschere versteht man indes eine unzulässig hohe Differenz der in Aussicht gestellten Strafe bei einer Verständigung und der in Aussicht gestellten Strafe bei einer Verurteilung nach einem „streitig“ geführten Verfahren.22 Ziel des Verbots einer Sanktionsschere ist es, den Angeklagten vor einer unverhältnismäßigen Drucksituation zu bewahren. Tabelle D.24 Gespräche über eine Sanktionsschere Sanktionsschere Gesamt Gesamt In % ja 0 0 nein 34 100 N = 34 100 In keinem der untersuchten Fälle wurden Gespräche über eine Sanktionsschere festgestellt. In den untersuchten Verständigungsgesprächen wurden keine Gespräche über eine Strafe nach streitiger Verhandlung geführt, sodass keine Alternative zu dem verständigungsbasierten Strafrahmen dargestellt wurde. h) Verständigung über das Strafmaß Betrachtet wurde zudem die konkrete Ausgestaltung der Verständigung, insbesondere mit Blick auf den Inhalt der Verständigung: 22 Vgl. BGH NStZ 2013, 671; NStZ 2011, 295; NStZ-RR 2010, 181; MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 131. 155 II. Deskriptive Ergebnisse Tabelle D.25 Verständigung über das Strafmaß Verständigung – Strafmaß Gesamt Gesamt In % ja 32 94,1 nein 2 5,9 N = 34 100 Die Verständigung über das Strafmaß war in den meisten Fällen maßgeblicher Teil der Verständigung. In 32 der 34 untersuchten Verständigungsverfahren wurde eine Vereinbarung zur Straffrage getroffen. Diese Vereinbarung umfasste in der Regel (mit Ausnahme der oben genannten Verfahren) die Nennung einer Strafunter- und Strafobergrenze. Fallvignette 3 Lediglich in zwei Verfahren war eine Vereinbarung über das Strafmaß nicht Teil der Verständigung. In der überwiegenden Anzahl der Fälle wurde ein Strafrahmen im unteren Drittel des gesetzlichen Strafrahmens vereinbart. Dies lässt sich insbesondere aus dem Umstand heraus erklären, dass – wie oben gezeigt – die Angeklagten häufig nicht oder kaum vorbestraft waren.23 23 Vgl. Tabelle 9, 10. Der Vorsitzende unterbreitete den Prozessbeteiligten folgenden Vorschlag für eine Verständigung im Strafverfahren gemäß § 257c StPO: Für den Fall eines umfassenden Geständnisses des Angeklagten könnte ein Strafrahmen für eine Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten bis zu sechs Jahren und sechs Monaten vereinbart werden. Der Schuldspruch sowie Maßregeln der Besserung und Sicherung dürfen nicht Gegenstand einer Verständigung sein (§ 257c Abs. 2 Satz 3 StPO). Der Angeklagte wurde gemäß § 257c Abs. 4 StPO belehrt. Auszug aus einem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 156 D. Aktenanalyse (Modul 3) Bei der weitergehenden Betrachtung der ausgeurteilten Strafe fiel wiederum auf, dass sich die Strafe grundsätzlich im unteren Drittel des vereinbarten Strafrahmens bewegte. Bis auf die oben bereits genannten Fälle der sogenannten „faktischen Punktstrafe“ erreichte die ausgeurteilte Strafe die vereinbarte Strafobergrenze in keinem Fall. i) Absprachen über Maßregeln der Besserung und Sicherung Neben der Betrachtung des Strafmaßes als Gegenstand einer Verständigung wurde auch untersucht, inwieweit Verständigungen getroffen wurden, die Maßnahmen der Besserung und Sicherung zum Gegenstand hatten. Solche Vereinbarungen sind gemäß § 257c Abs. 2 S. 3 StPO rechtswidrig, da sie einen unzulässigen Gegenstand darstellen. Tabelle D.26 Absprachen über Maßregeln der Besserung und Sicherung Sanktionsschere Gesamt Gesamt In % ja 0 0 nein 34 100 N = 34 100 In keinem einzigen der untersuchten Fälle wurde eine Absprache über Maßregeln getroffen. j) Verständigung über Prozessverhalten Neben der Verständigung über das Strafmaß, welche in 32 Verfahren Gegenstand einer Vereinbarung nach § 257c StPO war, wurden die Verfahren auch auf – grundsätzlich zulässige (§ 257c Abs. 2 S. 1 Var. 3 StPO) – Vereinbarungen hinsichtlich des Prozessverhaltens untersucht. Unter Prozessverhalten fallen in dieser Betrachtung alle Entscheidungen über ein Verhalten, die Einfluss auf die konkrete Prozessleitung des Gerichts haben. Nicht in die Betrachtung einbezogen wurden Vereinbarungen über ein Geständnis, da dies in § 257c Abs. 2 S. 2 StPO gesondert geregelt ist. 157 II. Deskriptive Ergebnisse Tabelle D.27 Verständigung über Prozessverhalten Verständigung – Strafmaß Gesamt Gesamt In % ja 12 35,3 nein 22 64,7 N = 34 100 In zwölf Verfahren fand eine Verständigung über das Prozessverhalten der Beteiligten statt. Die überwiegende Anzahl der Verständigungen über das Prozessverhalten betraf Teileinstellungen durch die Staatsanwaltschaft. In elf Verfahren waren Einstellungen nach § 154 Abs. 1 StPO bzw. § 154 Abs. 2 StPO Teil einer Verständigung. Grundsätzlich kann zwar die Einstellung eines Teils des Verfahrens als sonstige verfahrensbezogene Maßnahme Teil einer Verständigung nach § 257c StPO sein. Als neuralgisch können aber die Einstellungen nach § 154 Abs. 1 StPO zu werten sein, da sich die Teileinstellung als verfahrensbezogene Maßnahme nur auf solche weiteren Strafverfahren beziehen darf, die auch Teil der verfahrensgegenständlich anstehenden Entscheidung sind. Zu differenzieren ist danach, ob sich diese Einstellung nach § 154 Abs. 2 StPO auf eine mitangeklagte Tat oder gemäß § 154 Abs. 1 StPO auf eine andere, nicht von der Anklage umfasste Tat bezieht. Zwar sind auch Teileinstellungen durch die Staatsanwaltschaft nach § 154 Abs. 1 StPO, soweit diese sich auf nicht mitangeklagte Verfahren beziehen, nicht generell unzulässig. Sie können jedoch als sogenannter verständigungsexterner Vorgang nicht von der Bindungswirkung der Verständigung durch das Gericht gemäß § 257c Abs. 4 StPO umfasst sein. Deshalb ist die Verständigung über die Einstellung von Parallelverfahren, welche bis zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2013 in der Praxis häufig anzutreffen waren, als in der Regel unzulässig anzusehen. Diese Unzulässigkeit folgt aus der fehlenden Entscheidungsbefugnis des Gerichtes bezüglich des Parallelverfahrens, welches dem Gericht nicht zur Entscheidung vorliegt. Insofern ist der Staatsanwaltschaft zwar eine Ankündigung der Teileinstellung nach § 154 Abs. 1 StPO im Verfahren möglich, jedoch muss für den Angeklagten sichtbar sein, dass diese Ankündigung in keinem Zusammenhang mit dem angeklagten Verfahren – und damit in keinem Zusammenhang mit der Verständigung nach § 257c StPO – steht. Anders verhält es sich bei der Einstellung nach § 154 Abs. 2 StPO. Die Zusage bzw. die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, eine mitangeklagte 158 D. Aktenanalyse (Modul 3) Tat einzustellen, ist unter Umständen im Rahmen des Verständigungsverfahrens zulässig. In diesen Fällen besteht – anders als in den soeben genannten Fällen – eine Entscheidungsbefugnis des erkennenden Gerichts. In diesen Fällen ist jedoch auch die Erklärung notwendig, dass die Ankündigung der Staatsanwaltschaft eine mitangeklagte Tat einzustellen, nicht von der Bindungswirkung der Verständigung umfasst wird, sondern außerhalb der Verständigungsvereinbarung stattfindet. Der Grund hierfür kann darin gesehen werden, dass eine verstecke Verständigung über den Schuldspruch verhindert werden soll. In den Fällen nämlich, in denen die Einstellung einer mitangeklagten selbstständigen Tat zum Gegenstand einer Verständigung zwischen den Verfahrensbeteiligten wird, bedeutet dies eine indirekte Verständigung über den Schuldspruch für diese mitangeklagte Tat. Sogenannte Gesamtlösungen hat das Bundesverfassungsgericht deshalb als besonders beobachtungswürdig herausgestellt. In Bezug auf die untersuchten Verfahren stellte sich die sogenannte Gesamtlösung in der Regel so dar, dass im Hinblick auf eine verständigungsbasierte Verurteilung eine andere Tat im prozessualen Sinne gemäß § 154 Abs. 1 StPO (soweit sie nicht Teil des Anklagevorwurfs war) oder gemäß § 154 Abs. 2 StPO (soweit sie Teil des Anklagevorwurfs war) eingestellt wurde. 159 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 4 Zu Beginn des heutigen Termins der Hauptverhandlung haben die Verteidiger und der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft übereinstimmend erklärt, eine Verständigung könne zustande kommen, wenn die Angeklagten einen erheblichen Teil der angeklagten Taten einräumen würden, wobei insoweit über Einzelheiten noch nicht gesprochen worden sei; in diesem Fall solle gegen jeden Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe in Aussicht gestellt werden, deren Untergrenze 4 Jahre 9 Monate betrage und deren Obergrenze nicht erheblich darüber liege. […] Der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft hat sodann erklärt, dass er beantragen werde, sämtliche angeklagten Versuche (Taten 6 bis 9 und 12 aus der Anklage vom 31.01.2018, Taten 2 und 10 aus der Anklage vom 12.03.2018) gemäß § 154 StPO vorläufig einzustellen; hinsichtlich des Angeklagten […] werde er eine solche Einstellung auch hinsichtlich der Tat Nr. 10 aus der Anklage vom 31.01.2018 beantragen. Die Verteidiger haben angekündigt, dass im Falle einer solchen Verständigung die Angeklagten die übrigen Taten einräumen werden. […] Die Kammer gibt sodann den möglichen Inhalt der Verständigung wie folgt bekannt: Für den Fall von Geständnissen der Angeklagten hinsichtlich der als vollendet angeklagten Taten, bei dem Angeklagten […] allerdings ohne die Tat Nr. 10 aus der Anklageschrift vom 31.01.2018, wird die Kammer gegen jeden Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe verhängen, die nicht weniger als 4 Jahre 9 Monate und nicht mehr als 5 Jahre 3 Monate beträgt. […] [Es folgte das Geständnis des Angeklagten sowie die Beweisaufnahme. Sodann wurde unmittelbar vor dem Schlussvortrag der Staatsanwaltschaft der folgende Antrag gestellt:] Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragt, das Verfahren im Hinblick auf die Straferwartung im Übrigen jeweils gemäß § 154a Abs. 2 StPO einzustellen hinsichtlich folgender Taten: bei allen Angeklagten aus der Anklageschrift vom 31.01.2018 bzgl. der Taten Nr. 6, 7, 8, 9 und 12 und ebenfalls hinsichtlich aller Angeklagten aus der Anklageschrift vom 12.03.2018 bzgl. der Taten Nr. 2, 10 und 13 und darüber hinaus hinsichtlich des Angeklagten […] aus der Anklageschrift vom 31.01.2018 bzgl. Tat Nr. 10. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 160 D. Aktenanalyse (Modul 3) Den untersuchten Verständigungsverfahren lassen sich keine Ankündigungen für eine Einstellung nach § 154 Abs. 1 StPO entnehmen. Indes nehmen die nach § 154 Abs. 2 StPO eingestellten Fälle eine wichtige Rolle ein. Allerdings wurde der Angeklagte insoweit nicht darüber belehrt, dass die Zusage dieser Einstellungen nicht von der Bindungswirkung nach § 257c Abs. 4 StPO umfasst ist. Obwohl damit die Entscheidung über die Einstellung nach § 154 Abs. 1 bzw. Abs. 2 StPO nicht von der Bindungswirkung der Verständigung umfasst wird, wird eine solche Einstellung nicht selten faktisch Teil der Verständigung. Beispielhaft zeigt sich dies an dem folgenden Auszug aus einem Formular eines Landgerichts. Fallvignette 5 In einem Fall wurde im Rahmen der Verständigung eine Vereinbarung über die Einziehung von sichergestellten Gegenstände getroffen. Fallvignette 6 Lediglich in einem Fall wurde im Rahmen der Verständigung eine Vereinbarung über die Stellung von Beweisanträgen getroffen. In diesem Fall wurde sich darüber verständigt, den minderjährigen Geschädigten einer Straftat aus dem Bereich der §§ 174–184j oder §§ 184–184d StGB nicht zu vernehmen. Die Kammer regt jedoch an, dass die Staatsanwaltschaft die Einstellung der Verfolgung der übrigen angeklagten Taten des Verfahrens _________________ gemäß § 154 Abs. 2 StPO beantragt. Die Kammer sagt die antragsgemäße Entscheidung zu, wenn die Zusicherung angenommen wird und der Angeklagte ihre Voraussetzung erfüllt. Der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft stellt diesen Antrag im Fall einer Verständigung in Aussicht. Auszug aus einem Formular eines Landgerichts Bei einem glaubhaften Geständnis des Angeklagten sowie seinem Einverständnis mit dem Einbehalt der sichergestellten Gegenstände werde eine Einziehung der sichergestellten Gegenstände und […] erfolgen. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 161 II. Deskriptive Ergebnisse k) Absprache über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestands Im Gegensatz zu den Vereinbarungen über das Strafmaß oder über das Prozessverhalten im Rahmen der Verständigung wurden Vereinbarungen über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestands oder Vereinbarungen über einen Rechtsmittelverzicht nicht festgestellt. Tabelle D.28 Absprache über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestands Verständigung – Qualifikation Gesamt Gesamt In % ja 0 0 nein 34 100 N = 34 100 l) Absprache eines Rechtsmittelverzichts Tabelle D.29 Absprache eines Rechtsmittelverzichts Verständigung – Verzicht Rechtsmittel Gesamt Gesamt In % ja 0 0 nein 34 100 N = 34 100 Sowohl Absprachen über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestandes als auch Absprachen über einen Rechtsmittelverzicht sind in der Verständigung gemäß § 257c StPO unzulässig;24 insbesondere folgt die Unzulässigkeit der Verständigung über einen Rechtsmittelverzicht aus §  302 Abs. 1 S. 2 StPO. Die Urteile, denen eine Verständigung vorausgegangen ist, wurden – neben der Untersuchung des Verständigungsgegenstands – auch hinsichtlich 24 Vgl. Weider, FS Rissing-van Saan, 2011, S. 731 (736 ff.); MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 116. 162 D. Aktenanalyse (Modul 3) des zeitlichen Ablaufs der Verständigung untersucht. Dabei standen der Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung, der Zeitpunkt der Verständigung und die Verkürzung der Hauptverhandlung im Vordergrund der Betrachtung. m) Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung Tabelle D.30 Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung Gesamt Gesamt In % Ermittlungsverfahren 1 2,9 Zwischenverfahren 4 11,8 Hauptverfahren – Außerhalb der Hauptverhandlung 27 79,4 Hauptverhandlung 2 5,9 N = 34 100 In 27 Verfahren fand die Vorbereitung der Verständigung im Rahmen des Hauptverfahrens, aber außerhalb der Hauptverhandlung statt. In der Regel wurde durch einen Verfahrensbeteiligten ein Rechtsgespräch angeregt, in dem der Vorschlag zur Verständigung unterbreitet wurde. Dieses Vorgehen bietet zwei Vorteile für die Verfahrensbeteiligten. Einerseits lässt sich oft erst kurz vor oder in der Hauptverhandlung der gesamte Prozessstoff feststellen und einordnen. Andererseits kann durch das nichtöffentlich geführte Rechtsgespräch aus Sicht der Beteiligten ein kommunikativer Raum geschaffen werden, in dem eine offenere Kommunikation möglich ist als in der Hauptverhandlung selbst. Nur in wenigen Fällen fand die Vorbereitung der Verständigung im Ermittlungsverfahren (ein Verfahren), im Zwischenverfahren (vier Verfahren) beziehungsweise in der Hauptverhandlung selbst (zwei Verfahren) statt. Es lassen sich an dieser Stelle keine Gründe – etwa anhand von bestimmten Deliktskategorien – für den Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung ausmachen, sodass eine typisierende Betrachtung nicht möglich ist. Das Verfahren, das bereits im Ermittlungsverfahren vorbereitet wurde, hatte eine Sexualstraftat zum Gegenstand. Ausweislich der Verfahrensakte war damit das Ziel verbunden, dem minderjährigen Geschädigten die Anwesenheit im Prozess zu ersparen. 163 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 7 n) Zeitpunkt der Verständigung Tabelle D.31 Zeitpunkt der Verständigung Zeitpunkt Verständigung Gesamt Gesamt In % Vor der Beweisaufnahme 28 82,4 Nach der Beweisaufnahme 6 17,6 N = 34 100 In Bezug auf den Zeitpunkt der Verständigung ließ sich feststellen, dass in der Mehrzahl der untersuchten Verfahren (28 von 34 Verfahren) die Verständigungen vor der Beweisaufnahme durchgeführt wurden. Lediglich in sechs Verfahren wurde die Verständigung nach einer Beweisaufnahme durchgeführt. Als Grund dafür ist die Aussicht auf ein schnelles Ende des Verfahrens zu vermuten. Beweisen lässt sich diese These nicht, da mittels einer Aktenanalyse der reale Beschleunigungseffekt nicht nachgewiesen werden kann. o) Verständigung über ein Geständnis Die beabsichtigte Beschleunigungswirkung des Verständigungsverfahrens hat ihren Ursprung in der Regel in dem Geständnis des Angeklagten, welches nach § 257c Abs. 2 S. 2 StPO Bestandteil einer Verständigung sein „soll“. Vermerk: Telefonat mit RA […]: Herr [Rechtsanwalt] konnte bislang noch nicht mit dem Angeschuldigten sprechen. Wird dies in den nächsten Tagen jedoch weiter versuchen. Er sicherte soweit Rückruf zu. Bislang sieht er keine Gründe, warum nicht zügig mit der Hauptverhandlung begonnen werden kann. Ggf. würde Herr [Rechtsanwalt] auch noch Gespräche im Sinne des § 257c StPO aufnehmen wollen. Möchte dies aber auch erst mit seinem Mandanten und dann Herrn StA […] besprechen. Die Unterzeichnerin erklärte, dass die Kammer solchen Gesprächen nach vorläufiger Einschätzung nicht im Wege stehen würde. Auszug aus einem Vermerk eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 164 D. Aktenanalyse (Modul 3) Die Abgabe eines Geständnisses im Fall einer Verständigung ist von Gesetzes wegen nicht in jedem Fall zwingend. Verständigungen können im Einzelfall auch ohne ein Geständnis zulässig sein. Jedoch führt die überwiegende Deutung der Rechtsfolgenanordnung „soll” – nicht zuletzt aufgrund der Wertung in anderen Rechtsgebieten wie dem Verwaltungsrecht25 – dazu, dass ein Geständnis – abgesehen von wenigen Ausnahmesituationen – dennoch als obligatorisch anzusehen ist.26 Mit der Formulierung der „Soll-Vorschrift“ im § 257c Abs. 2 S. 2 StPO geht der Gesetzgeber also im Ganzen davon aus, dass das Geständnis in der Regel Teil der Vereinbarung sein muss. Tabelle D.32 Verständigung über ein Geständnis Geständnis Gesamt Gesamt In % ja 32 94,1 nein 2 5,9 N = 34 100 In 32 Verfahren war die Vereinbarung eines Geständnisses Teil der Verständigung im Sinne des §  257c StPO. Gerade durch die geringe Quote der Verfahren ohne ein Geständnis (zwei Verfahren) zeigt sich, dass faktisch die Vereinbarung über die Abgabe eines Geständnisses obligatorisch für das Zustandekommen einer Verständigung war. Das Verständnis der Vorschrift in § 257c Abs. 2 S. 2 StPO deckt sich also mit der Verfahrensrealität in den untersuchten Verfahren. Auffällig ist, dass in der Mehrzahl der Verfahren ohne Geständnis eine Vereinbarung über das Strafmaß nicht stattfand. In diesen Verfahren wurden mehrheitlich lediglich Vereinbarungen über das Prozessverhalten getroffen. 25 Vgl. MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 124 f. 26 BGH NStZ-RR 2013, 313. 165 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 8 Dies lässt die Vermutung zu, dass eine Vereinbarung über das Strafmaß in der Praxis stark mit der Vereinbarung der Abgabe eines Geständnisses verknüpft ist. Es lässt sich in diesem Hauptfall der Verständigung demnach nicht feststellen, dass trotz der Entscheidung des Gesetzgebers in §  257c Abs. 2 S. 2 StPO gegen die Voraussetzung „muss“, die im Gesetzgebungsverfahren bis zuletzt kontrovers diskutiert wurde,27 von der (faktischen) Notwendigkeit des Geständnisses im Verständigungsverfahren abgerückt wurde. p) Vorliegen eines Formalgeständnisses Der Gesetzgeber28 hat auf die Fixierung einer Mindestqualität des verständigungsbasierten Geständnisses bewusst verzichtet.29 Das bloße Zugestehen der dem Angeklagten zur Last gelegten Tat (i.S.d. § 264 StPO) – insbesondere durch reines Nichtbestreiten – reicht jedenfalls nicht aus. Aus einem Umkehrschluss aus § 362 Nr. 4 StPO heraus lässt sich aber auch annehmen, dass eine detailreiche Schilderung ebenfalls nicht erforderlich ist30 und in- 27 Nachw. bei Kudlich, Gutachten zum 68. DJT, 2010, C 46; Stefan König, NJW 2012, 1915 (1916 f.); Jahn/Müller, NJW 2009, 2625 (2626). 28 BT-Drs 16/12310 S. 14. 29 Dies wohl auch deshalb, weil eine umfassende Beurteilung der Funktion und der Rechtsnatur des Geständnisses nicht allein mittels einer begrifflichen Analyse erreichbar ist, vgl. Sickor, Das Geständnis, 2014, S. 489; ähnlich Jahn, FS Wolter, 2013, S. 969 unter Hinweis auf Dencker, ZStW 102 (1990), 51. 30 So Jahn/Müller NJW 2009, 2625 (2628) m.w.N. Die Angeklagten erklärten: „Ich mache vorerst keine Angaben“ (beide Angeklagte) Die Verteidiger regen ein Rechtsgespräch im Sinne von § 257c StPO an. Im allseitigen Einvernehmen wird die Hauptverhandlung um 09.11 Uhr unterbrochen. Die o. g. Beteiligten ziehen sich zur Führung eines Gesprächs nach § 257c StPO in das Beratungszimmer zurück. Die Beteiligten betreten den Sitzungssaal wieder. Die Verhandlung wird um 09.19 Uhr fortgesetzt. Die Vorsitzende gibt den Inhalt der Verständigung bekannt, […] [Im Anschluss legten die Angeklagten – nach Belehrung gemäß § 257c Abs. 4 StPO – ein Geständnis ab.] Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einem Schöffengericht 166 D. Aktenanalyse (Modul 3) sofern auch ein „schlankes“31 Geständnis – hier verstanden im Sinne eines eher detailarmen Zugestehens des Tatvorwurfs – ausreichen kann, wenn und soweit damit zur Überzeugung des Gerichts unter Berücksichtigung der Aktenlage die Schuld des Angeklagten feststeht.32 Das BVerfG33 stellt jedenfalls klar, dass von einer „zusätzlichen ausdrücklichen Festlegung der an ein Geständnis zu stellenden ‚Qualitätsanforderungen‘“ ausdrücklich abgesehen wird. Von der Frage nach der Qualität des Geständnisses ist die Frage, ob das Urteil alleine auf einem sogenannten „Formalgeständnis“ beruhen darf, zu trennen. Sowohl ein umfassendes Geständnis als auch ein sogenanntes „Formalgeständnis“ entbinden das Gericht nicht von der Pflicht zur Überprüfung und eigenen Überzeugungsbildung.34 Tabelle D.33 Formalgeständnis Formales Geständnis Gesamt Gesamt In % ja 18 56,3 nein 14 43,8 N = 32 100 In 18 Verfahren wurde durch den Angeklagten bzw. durch den Verteidiger ein sog. Formalgeständnis abgegeben. In 14 der 32 untersuchten Verfahren ging das Geständnis über ein Formalgeständnis hinaus, in dem zumindest Rahmenbedingungen der Tat und Motivation des Täters mit in die Erklärung des Angeklagten eingeflossen sind. Auffällig ist, dass die Formalgeständnisse überwiegend nach einem einheitlichen Schema abgegeben wurden. In der Regel gab der Verteidiger für den Angeklagten die Erklärung ab, dass der Tatvorwurf, wie in der Anklageschrift beschrieben, zutreffe. Sodann schloss sich der Angeklagte der Erklärung des Verteidigers an. 31 Der Begriff (krit. Niemöller NZWiSt 2012, 290 [292]) stammt wohl ursprünglich von Dahs, NStZ 1988, 153 (155). 32 Ausf. MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 126. 33 BVerfGE 133, 168 (209). 34 BVerfGE 133, 168 (209, 210); BGH NStZ 2014, 170; KG wistra 2015, 288; Eschelbach, FS Rissing-van Saan, 2011, S. 79 (100 ff.). 167 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 9 Bei der Betrachtung der Qualität des Geständnisses ließen sich bis auf eine Ausnahme keine signifikanten deliktsspezifischen Unterschiede feststellen. Es konnte jedoch festgestellt werden, dass in Verfahren, die eine Straftat nach dem BtMG zum Gegenstand hatten, das Geständnis tendenziell über die formale Bestätigung der Anklage hinausging. In diesen Fällen wurden insbesondere das Konsumverhalten, die Bezugswege und andere Rahmenumstände der Tat im Geständnis dargestellt. Diese auffällige Abweichung von der Normalverteilung könnte sich mit der besonderen Struktur des BtMG erklären lassen, denn insbesondere durch die Regelung zur Aufklärungshilfe in § 31 BtMG zeigt sich, dass dieses Spezialgesetz im Bereich der Strafverfolgung explizit die Möglichkeit der Kooperation eröffnet, was den Blick auf die jeweiligen Strafverfahren und das Verhalten in dem jeweiligen Verfahren verändern könnte. q) Überprüfung des Geständnisses Darüber hinaus hat das Gericht das abgelegte Geständnis auf dessen Glaubhaftigkeit zu untersuchen. Tabelle D.34 Überprüfung des Geständnisses Geständnis - Überprüfung Gesamt Gesamt In % ja 22 68,75 nein 10 31,25 N = 32 100 Verteidiger/in: Mein Mandant räumt die Vorwürfe der Anklageschrift vollumfänglich ein. Angeklagte/r: Die Einlassung meines Verteidigers ist so richtig. Auf die Vernehmung der Zeugen, außer dem Zeugen KOK […], wurde allseits verzichtet. Die Zeugen wurden sodann um 12.07 Uhr entlassen. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einem Schöffengericht 168 D. Aktenanalyse (Modul 3) Eine Untersuchung der Glaubhaftigkeit des Geständnisses fand in 22 Fällen statt. Lediglich in zehn Verfahren blieb eine solche Untersuchung des Geständnisses im Rahmen einer Beweisaufnahme aus. Die Überprüfungsquote nahezu unberührt lässt die Differenzierung nach der Art des Geständnisses. Tabelle D.35 Geständnisüberprüfung nach Art des Geständnisses Geständnis - Überprüfung Gesamt Formalgeständnis Umfassendes Geständnis Gesamt In % Gesamt In % Gesamt In % ja 21 65,6 12 66,7 9 69,2 nein 11 34,4 7 33,3 4 30,8 N = 32 100 18 100 13 100 Das Gericht hat die Pflicht zu untersuchen, ob das abgelegte Geständnis mit dem Ermittlungsergebnis zu vereinbaren ist, ob es in sich stimmig ist und ob es die getroffenen Feststellungen trägt und auch im Hinblick auf sonstige Erkenntnisse keinen Glaubhaftigkeitsbedenken unterliegt.35 Zwar lässt die Differenzierung nach Art des Geständnisses im Rahmen der untersuchten Fälle keine Unterschiede bei der Überprüfungsquote erkennen. Jedoch könnte sich mit Blick auf die Vorgaben des BVerfG eine unterschiedliche Behandlung des Überprüfungsmechanismus ergeben. So könnte bei den Verfahren, bei denen im Rahmen eines qualifizierten Geständnisses die beweiserheblichen Tatsachen der Tat ausreichend dargestellt wurden und dadurch die maßgeblichen Gründe zur Begründung des Urteils aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung geschöpft werden können, eine bloße Überprüfung mit dem Inhalt der Prozessakten als ausreichend anzusehen sein, da ein Abgleich zwischen der umfassenden Erklärung des Angeklagten und dem – grundsätzlich einseitig durch die Staatsanwaltschaft zusammengetragenen – Material der Verfahrensakte möglich ist. Anders könnte es sich dann verhalten, wenn das Urteil lediglich aus einem Formalgeständnis des Angeklagten heraus begründet wird. Man könnte das Formalgeständnis zwar als „prozessuale Öffnung“ des Akteninhalts zur Begründung des Urteils sehen, jedoch beachtet dies den Charakter von Verfahrensakten nicht in ausreichendem Maße. Die Verfahrensakte spiegelt in der Regel weit überproportional die Sicht der Strafverfolgungsbehörden auf die Ermittlungen wieder. Demnach wäre die Bezugnahme auf den Akteninhalt bei Vorliegen eines Formalgeständnisses keine ausreichende Überprüfungsoption, da sie im Ergebnis den Angeklagten einem kaum beeinflussbaren, behördeninternen Verfahren unterwirft. 35 BVerfGE 133, 168 (209, 210); BGH NStZ 2009, 467. 169 II. Deskriptive Ergebnisse Aufgrund der oben aufgezeigten Differenzierung war dennoch zu untersuchen, ob sich in den einbezogenen Verfahren aus dem Akteninhalt selbst eine ausreichende Grundlage zur Begründung des Urteils ergeben könnte. Tabelle D.36 Akteninhalt als Grundlage der Urteilsbegründung Urteilsbegründung durch Akteninhalt Gesamt Gesamt In % ja 31 91,2 nein 3 8,8 N = 34 100 In 31 Verfahren wäre eine Begründung des Urteils alleine aus dem Inhalt der Akten heraus möglich gewesen. In drei Verfahren konnten die tragenden Gründe erst durch Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung festgestellt werden. Zur Begründung des Urteils aus den Verfahrensakten heraus wurde es als ausreichend angesehen, wenn in der Hauptverhandlung keine Beweise mehr erhoben wurden, die dem Gericht nicht schon durch die Ermittlungen im Vorfeld der Verhandlung bekannt waren. Die Analyse der Verfahrensakten – hinsichtlich der Begründbarkeit des Urteils aus den Verfahrensakten heraus – zeigt, dass die Verfahrensbeteiligten bei einer eindeutigen Beweislage, die sich aus den Verfahrensakten ergibt, eher geneigt sind, eine Verständigung im Sinne des §  257c StPO durchzuführen. In Bezug auf die Fälle, in denen ein Geständnis des Angeklagten vorlag und keine Überprüfung des Geständnisses durchgeführt wurde, zeigte die Aktenanalyse, dass in allen Fällen die Begründung des Urteils aufgrund des Inhalts der Verfahrensakte möglich gewesen wäre. 170 D. Aktenanalyse (Modul 3) r) Mögliche weitere Beweismittel im Verfahren Tabelle D.37 Offene Beweismittel Offene Beweismöglichkeiten Gesamt Gesamt In % Zeugenbeweis 27 96,4 Urkunde 5 17,9 Sachverständiger 2 7,1 Augenschein 8 28,6 N = 42 100 In 28 der untersuchten Verfahren standen insgesamt 42 weitere Möglichkeiten der Beweiserhebung dem Gericht offen, welche nicht genutzt wurden. Besonders häufig (27 Verfahren) wurde die Möglichkeit der Zeugenvernehmung nicht genutzt. Die mögliche Beschleunigungswirkung im Rahmen der Beweisaufnahme wurde im Rahmen der Aktenanalyse anhand der Zeugenvernehmungen untersucht. Tabelle D.38 Anzahl der nicht gehörten Zeugen Nicht gehörte Zeugen Gesamt Gesamt In % 1 2 7,4 2 5 18,5 3 6 22,2 4 1 3,7 5 2 7,4 >5 11 40,7 N = 27 100 Mehrheitlich wurde im Rahmen der Beweisaufnahme auf die Vernehmung von mehr als einem Zeugen verzichtet. In elf Verfahren wurden mehr als fünf Zeugen nicht vernommen. Betrachtet man den Zeitaufwand, welcher 171 II. Deskriptive Ergebnisse für eine Zeugenaussage notwendig ist, so zeigt sich, dass durch die Verständigung gem. § 257c StPO das Beschleunigungsgebot im Strafprozess, insbesondere auf der Ebene der Beweisaufnahme, gefördert werden konnte. Dies betraf insbesondere die untersuchten Verfahren, deren Urteile durch den Inhalt der Verfahrensakten begründbar sind. 3. Zusammenfassung zu den versuchten Verständigungen Ausgangspunkt der Untersuchung der versuchten Verständigungsverfahren waren die erhobenen 19 Verfahren. Bei der Untersuchung der Verfahren mit einer versuchten Verständigung sollten insbesondere die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung sichtbar gemacht werden. a) Initiative zur (versuchten) Verständigung Tabelle D.39 Initiative zur (versuchten) Verständigung Initiative zur (versuchten) Verständigung Gesamt Gesamt In % Staatsanwaltschaft 0 0 Gericht 5 26,3 Verteidiger 14 73,7 N = 19 100 Ähnlich wie in den Fällen der erfolgreichen Verständigung ging die Initiative für eine (versuchte) Verständigung häufig (14 Verfahren) von dem Verteidiger aus. Etwas häufiger (fünf Verfahren) als in den Fällen der erfolgreichen Verständigung ging die Initiative vom Gericht aus. In den untersuchten Verfahren ging die Initiative jedoch in keinem Fall von der Staatsanwaltschaft aus. 172 D. Aktenanalyse (Modul 3) Fallvignette 10 Neben der Initiative zur (versuchten) Verständigung wurde auch der Inhalt der geführten Verständigungsgespräche näher untersucht. b) Versuchte Verständigung über das Strafmaß Tabelle D.40 Versuchte Verständigung über das Strafmaß Versuchte Verständigung – Strafmaß Gesamt Gesamt In % ja 11 57,9 nein 8 42,1 N = 19 100 Anders als bei der Initiative zur versuchten Verständigung, bei der die Abweichungen zu den Ergebnissen bei der erfolgreichen Verständigung vernachlässigbar waren, waren die Abweichungen bei den Gesprächen über ein Strafmaß deutlich. In elf Verfahren kam es zu einem Gespräch über eine potenzielle Vereinbarung hinsichtlich des Strafmaßes, während es bei den Verfahren mit einer Der Vorsitzende teilt mit, dass Erörterungen nach §§ 202a, 212 StPO stattgefunden haben. Er führt aus: „Ich hatte bereits am Nachmittag des 16.08.2018 eigeninitiativ Herrn Rechtsanwalt […] angerufen, die geänderte und ‚dichte‘ Terminlage der Strafkammer […] kurz erläutert und geäußert, dass nach meinem Dafürhalten die Hauptverhandlung nun (nach Eingang der Mitteilung [der medizinischen Einrichtung] möglicherweise innerhalb eines Tages beendet werden könnte. Die Verbindung zu seinem Mobiltelefon war extrem schlecht, unser Telefonat dauerte höchstens wenige Minuten. In diesem Telefonat stellte ich keinerlei Strafmaß in Aussicht, tat aber kund, dass Ziel der Verteidigung möglicherweise sei eine zwei Jahre nicht überschreitende Freiheitsstrafe zu erzielen, um die Möglichkeit gem. § 35 BtMG ohne Vorwegvollzug von Strafe zu erreichen.“ [Im weiteren Verlauf wurden die Bereitschaft zu einer Verständigung erörtert, welche jedoch von Seiten der Staatsanwaltschaft nicht gegeben war.] Auszug aus einem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 173 II. Deskriptive Ergebnisse erfolgreichen Verständigung in der Regel zu einer solchen Vereinbarung kam. Der Grund hierfür könnte in dem Umstand liegen, dass bei der versuchten Verständigung mindestens ein Verfahrensbeteiligter zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Bereitschaft für eine Verständigung ausgeschlossen hat. Demnach konnten in acht Verfahren keine Gespräche über eine potenzielle Vereinbarung hinsichtlich des Strafmaßes geführt werden. In den übrigen Fällen wurde teilweise über ein konkretes Strafmaß gesprochen. In den meisten Fällen war es das Anliegen des Verteidigers, zu einem Strafrahmen beizutragen, der eine Strafaussetzung zur Bewährung ermöglicht hätte. In den überwiegenden Fällen scheiterte die Verständigung an diesem Anliegen, da den übrigen Verfahrensbeteiligten diese Zusage – trotz rechtlicher Möglichkeit – zu weit ging. Mit Blick auf die Verfahren, bei denen über ein konkretes Strafmaß gesprochen wurde, ist festzustellen, dass auch bei den Verfahren mit einer versuchten Verständigung das potenziell vereinbarte Strafmaß im unteren Drittel des gesetzlichen Strafmaßes gelegen hätte. c) Versuchte Verständigung über ein Geständnis Tabelle D.41 Versuchte Verständigung über ein Geständnis Versuchte Verständigung - Geständnis Gesamt Gesamt In % ja 11 57,9 nein 8 42,1 N = 19 100 Nur in elf von 19 Verfahren, also wesentlich seltener als in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung (32 von 34 Verfahren), wurden Gespräche über ein potenzielles Geständnis geführt. Der Grund für diese erhebliche Abweichung lag – ähnlich wie bei den Gesprächen über das Strafmaß – an dem frühen Abbruch der Gespräche und der damit fehlenden grundsätzlichen Übereinkunft, welche weitere Gespräche über die konkrete Ausgestaltung der Verständigung möglich gemacht hätte. 174 D. Aktenanalyse (Modul 3) d) Versuchte Verständigung über das Prozessverhalten Tabelle D.42 Versuchte Verständigung über das Prozessverhalten Versuchte Verständigung - Prozessverhalten Gesamt Gesamt In % ja 5 26,3 nein 14 73,7 N = 19 100 Wie auch in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung (zwölf von 34 Verfahren) war das Prozessverhalten bei den Verfahren mit einer versuchten Verständigung vergleichsweise selten Teil der potenziellen Verständigung. Lediglich in fünf Verfahren wurde über ein potenzielles Prozessverhalten gesprochen. 175 II. Deskriptive Ergebnisse Fallvignette 11 Ähnlich wie bei den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung lag der Fokus auch in den hier untersuchten Verfahren auf Vereinbarungen über die (Teil-) Einstellung nach § 154 Abs. 1 bzw. Abs. 2 StPO. e) Initiative zum Abbruch der Verständigungsgespräche Tabelle D.43 Initiative zum Abbruch der Verständigungsgespräche Scheitern der Verständigung Gesamt Gesamt In % Staatsanwaltschaft 7 36,8 Gericht 5 26,3 Verteidiger/ Angeklagter 2 10,5 Nicht feststellbar 5 26,3 N = 19 100 Der Vorsitzende teilt den Inhalt des Rechtsgesprächs wie folgt mit: Auf Initiative des Verteidigers Rechtsanwalt […] fand in der Verhandlungspause ein Rechtsgespräch statt, an dem neben dem Verteidiger die drei Berufsrichter, die beiden Schöffen und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft teilgenommen haben. Rechtsanwalt […] teilte mit, dass der Angeklagte trotz fehlender Erinnerung die Glaubhaftigkeit der Aussage der Zeugin […] nicht in Zweifel ziehe. Bei der Abgabe einer entsprechenden Verteidigererklärung unter Verzicht auf die Vernehmung der weiteren Zeugen [u.a. Opferzeuge eines Sexualdeliktes] strebe man im Falle der Verurteilung eine Strafe im bewährungsfähigen Bereich an. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft erklärte, dass auf dieser Basis eine Verständigung nicht in Betracht komme, da man den Zeugen […] zunächst vernehmen wolle. Es wird festgestellt, dass eine Verständigung nicht zustande gekommen ist. Die Kammer weist jedoch darauf hin, dass eine entsprechende Erklärung des Angeklagten, die die Vernehmung der Zeugin […] entbehrlich machen würde, erheblich strafmildernd berücksichtigt werden könnte. Rechtsanwalt […] gab eine Erklärung für seinen Mandanten zur Sache ab und räumte die angeklagten Vorwürfe ein. Der Angeklagte macht sich die Verteidigererklärung zu eigen. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 176 D. Aktenanalyse (Modul 3) Die Verständigungsgespräche scheiterten am häufigsten an der Staatsanwaltschaft (sieben Verfahren) und am seltensten am Angeklagten bzw. seinem Verteidiger (zwei Verfahren). Für den Abbruch der Verständigungsgespräche war das Gericht in fünf Verfahren verantwortlich. In den übrigen fünf Verfahren war nicht festzustellen, an wem die Verständigungsgespräche scheiterten. Fallvignette 12 Es fällt bei Betrachtung der dargestellten Zahlen auf, dass sie eine spiegelbildliche Darstellung der Initiative zur (versuchten) Verständigung darstellen (Tabelle 39). Diese Kohärenz könnte durch die Motivation der Verfahrensbeteiligten erklärt werden, da der Initiator der Verständigungsgespräche das höhere Interesse an einer Verständigung nach § 257c StPO hat und dadurch selten ein Interesse an dem Scheitern der Verständigungsgespräche aufweist. Diese Interpretationsmöglichkeit wird durch Betrachtung der Gründe des Scheiterns der Verständigungsgespräche im Einzelfall untermauert. So zeigte sich, dass insbesondere die Staatsanwaltschaft in den meisten Fällen auf einen höheren Strafrahmen bestanden hat oder in die Beweisaufnahme eintreten wollte, um die Tatsachen weiter zu beleuchten. In den Fällen, in denen die Verständigung an dem Gericht scheiterte, ist eine solche typisierende Betrachtung nicht möglich. So scheiterte die Verständigung in einem Fall an der grundsätzlichen Ablehnung von Verständigungen durch die Kammer, in einem anderen Fall am vorgeschlagenen Strafrahmen oder in einem weiteren Fall an den Bedenken des Gerichts hinsichtlich des Vorliegens von Tatbestandsmerkmalen. Der Vorsitzende unterbreitete den Prozessbeteiligten folgenden Vorschlag für eine Verständigung im Strafverfahren gemäß § 257 c StPO: Für den Fall eines umfassenden Geständnisses des Angeklagten könnte ein Strafrahmen für eine Gesamtfreiheitsstrafe zwischen fünf und sechs Jahren vereinbart werden, und zwar unter Einbeziehung der Strafen aus dem Urteil des Landgerichts […] und dem Strafbefehl des Amtsgerichts […] Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft stimmte dem Vorschlag des Vorsitzenden nicht zu. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 177 II. Deskriptive Ergebnisse f) Geständnis im weiteren Verfahren Tabelle D.44 Geständnis im weiteren Verfahren Versuchte Verständigung - Geständnis Gesamt Gesamt In % ja 8 42,1 nein 11 57,9 N = 19 100 Lediglich in acht Verfahren gab der Angeklagte im weiteren Verlauf des Prozesses ein Geständnis ab, während in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung in 32 von 34 Verfahren ein Geständnis abgelegt wurde. Hier zeigt sich ein enormer Unterschied in der Geständnisbereitschaft des Angeklagten. Dieser Unterschied stützt die These, dass das Geständnis in dem Verständigungsverfahren faktisch obligatorisch und nicht – wie gesetzlich in §  257c Abs. 2 S. 2 StPO beschrieben – eingeschränkt fakultativ ist, denn mit dem Scheitern der Verständigung sinkt das Interesse des Angeklagten, durch ein Geständnis das Verfahren zu fördern. Das Geständnis und die Verständigung auf einen reduzierten Strafrahmen dürften in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. In den Fällen mit einem Geständnis (acht Verfahren) zeigte sich kein Unterschied zu den Geständnissen in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung. In der überwiegenden Anzahl der Fälle bestand das Geständnis aus einer Erklärung des Verteidigers, die das Tatgeschehen entsprechend der Anklage einräumte und der Bestätigung des Angeklagten, dass die Erklärung des Verteidigers zutreffend sei. 4. Zusammenfassung zu den Verfahren mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO Ausgangspunkt der Betrachtung der Einstellungen nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO waren die erhobenen 29 Verfahren. Bei der Untersuchung der Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO sollten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Verfahren mit einer (versuchten) Verständigung sichtbar gemacht und zudem ein Schlaglicht auf die Einstellung nach §  153 Abs. 2 StPO bzw. §  153a Abs. 2 StPO als 178 D. Aktenanalyse (Modul 3) potenzielle Strategie zur Umgehung der Regeln der Verständigung geworfen werden. Fallvignette 13 a) Initiative zur Einstellung Tabelle D.45 Initiative zur Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO Initiative zur Einstellung Gesamt Gesamt In % Staatsanwaltschaft 2 6,9 Gericht 3 10,3 Verteidiger/ Angeklagter 12 41,4 Nicht feststellbar 12 41,4 N = 29 100 Soweit feststellbar, ging die Initiative zur Einstellung nach §  153 Abs.  2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO in den überwiegenden Fällen (zwölf Verfahren) von dem Angeklagten bzw. dessen Verteidiger aus. Nur vergleichsweise selten (drei Verfahren) wurde das Gericht oder die Staatsanwaltschaft (zwei Verfahren) hinsichtlich einer Einstellung initiativ. Wie auch bei der Verständigung trat der Verteidiger als Zentralgestalt einer konsensualen Lösung im weitesten Sinne auf, da die Initiative der Einstellung in der Regel von ihm ausging. Es erscheint naheliegend, dass die Initiative nur in wenigen Fällen von der Staatsanwaltschaft ausging. Hätte die Staatsanwaltschaft als Anklagebehörde eine Möglichkeit der Einstellung wegen Geringfügigkeit gesehen, Das Gericht habe weiter mitgeteilt, dass eine Verständigung hinsichtlich der Angeklagten […] nicht in Betracht komme. Das Gericht habe allerdings in den Raum gestellt, dass aus seiner Sicht hier auch eine Einstellung nach § 153a StPO in Betracht käme. Staatsanwalt […] habe daraufhin ausgeführt, dass von Seiten der Staatsanwaltschaft einer solchen Vorgehensweise derzeit nicht zugestimmt werde. Auszug aus dem Protokoll eines Verfahrens vor einer Großen Strafkammer 179 II. Deskriptive Ergebnisse so hätte sie bereits im Ermittlungsverfahren nach § 153 Abs. 1 StPO bzw. § 153a Abs. 1 StPO das Verfahren einstellen können. b) „Vorverfahren“ zur Einstellung Tabelle D.46 „Vorverfahren“ zur Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO „Vorverfahren“ zur Einstellung Gesamt Gesamt In % Anklage 12 41,4 Strafbefehl 17 58,6 N = 29 100 In den untersuchten Verfahren erfolgte die Einstellung in 17 Fällen nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO nach einem Einspruch gegen einen Strafbefehl gemäß § 410 Abs. 1 StPO. In zwölf Verfahren ging der Einstellung eine Anklage voraus. Bei Betrachtung der Erledigungszahlen der Staatsanwaltschaften bundesweit, differenziert nach Anklageerhebung und Antrag auf Erlass eines Strafbefehls, wird ersichtlich, dass die oben dargestellten Zahlen dem Verhältnis zwischen den beiden Erledigungsarten der Staatsanwaltschaft folgen. So wurden 423.143 Verfahren durch Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft erledigt und 539.384 Verfahren durch Antrag auf Erlass eines Strafbefehls.36 Zwar kann damit nicht grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die Einstellungsquote bei Vorliegen eines Strafbefehls erhöht ist, jedoch muss beachtet werden, dass lediglich in einem Teil der Strafbefehlsverfahren durch Einspruch ein Hauptverfahren eingeleitet und damit die Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO erst ermöglicht wird. Weiterhin war bei der Betrachtung der Strafbefehlsverfahren auffällig, dass das Verfahren in allen Fällen durch eine Einstellung nach § 153a Abs. 2 StPO beendet wurde. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Auflage bzw. Weisung nach § 153a Abs. 2 StPO in vielen Fällen die Höhe der Geldstrafe aus dem vorangegangenen Strafbefehl erreichten oder leicht unterschritten. Lediglich in einigen wenigen Fällen bestand kein Zusammenhang zwischen der Strafe aus dem Strafbefehl und der Auflage bzw. Weisung aus § 153a Abs. 2 StPO. 36 Statistisches Bundesamt Fachserie 10 Reihe 2.6 – 2018, S.26. 180 D. Aktenanalyse (Modul 3) c) Zeitpunkt der Einstellung Tabelle D.47 Zeitpunkt der Einstellung § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO Zeitpunkt der Einstellung Gesamt Gesamt In % Vor der Beweisaufnahme 17 58,6 Nach der Beweisaufnahme 12 41,4 N = 29 100 Während bei den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung eine konsensuale Lösung in der überwiegenden Anzahl der Fälle bereits vor der Beweisaufnahme gefunden wurde, wurde in den Verfahren, die mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO endeten, eine solche Lösung nur in 17 Fällen vor der Beweisaufnahme gefunden. Der Unterschied hinsichtlich des Zeitpunkts kann insbesondere mit der Komplexität der Verfahren erklärt werden. Während die Verständigungsverfahren im Allgemeinen häufig einen umfangreicheren Prozessstoff aufweisen, der eine breitere Beweisaufnahme nötig machen würde, weisen die Verfahren, die eine Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO nach sich zogen, einen weniger komplexen Prozessstoff auf, was eine kurze Beweisaufnahme hinnehmbar erscheinen lässt. d) Geständnis bei der Einstellung Tabelle D.48 Geständnis bei der Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO Geständnis bei Einstellung Gesamt Gesamt In % ja 12 41,4 nein 17 58,6 N = 29 100 Anders als in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung (32 von 34 Verfahren), wurde in den Verfahren, die mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO endeten, nur in 41,4% der Fälle ein Geständnis durch den Angeklagten abgelegt. 181 II. Deskriptive Ergebnisse In den Fällen mit einem Geständnis (zwölf Verfahren) zeigten sich jedoch Unterschiede zu den Geständnissen in den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung und den Verfahren mit einer versuchten Verständigung. In der überwiegenden Anzahl der Fälle bestand das Geständnis aus einer umfassenden Schilderung des Tatgeschehens sowie einer Schilderung der Motivation des Angeklagten im Zeitpunkt der Tat. In einem Drittel der untersuchten Fälle bekundeten die Angeklagten Reue. e) Art der Auflage bzw. Weisung Tabelle D.49 Art der Auflage nach § 153a Abs. 2 StPO Art der Auflage bzw. Weisung Gesamt Gesamt In % Täter-Opfer-Ausgleich 2 6,9 Gemeinnützige Leistung 1 3,4 Geldbetrag zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung 14 48,3 Geldbetrag zugunsten der Staatskasse 11 37,9 Leistung zur Wiedergutmachung 1 3,4 N = 29 100 In den untersuchten Verfahren wurde am häufigsten (14 von 29 Verfahren) die Leistung eines Geldbetrags zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung als Auflage festgesetzt. Fast ebenso häufig (elf Verfahren) wurde die Auflage erteilt, einen Geldbetrag zugunsten der Staatskasse zu leisten. Lediglich in zwei Fällen wurde ein Täter-Opfer-Ausgleich als Auflage erteilt. Jeweils in einem Verfahren wurde eine gemeinnützige Leistung bzw. eine Leistung zur Wiedergutmachung als Auflage festgesetzt. Betrachtet man die erteilten Auflagen unter besonderer Beachtung der mit ihnen verbundenen Zwecke, so fällt auf, dass mit der Leistung eines Geldbetrags zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung der Zweck der Wiedergutmachung vorherrschen könnte. Daneben könnte in der – fast ebenso häufig – festgestellten Auflage der Leistung eines Geldbetrages zu- 182 D. Aktenanalyse (Modul 3) gunsten der Staatskasse der Zweck der Vergeltung wiederzufinden sein. Insbesondere der Umstand, dass die Auflage bei vorangegangenen Strafbefehlsverfahren häufig der vorher festgesetzten Strafe entspricht oder sehr nahekommt, lässt einen Interpretationsspielraum hinsichtlich der Sanktionszwecke durch die Auflagen entstehen. f) Zusammenhang zwischen Tat und Auflage bzw. Weisung Diese Zwecke könnten sich weiterhin in dem Zusammenhang zwischen Tat und Auflage widerspiegeln. Tabelle D.50 Zusammenhang zwischen Tat und Auflage Konnexität zwischen Tat und Auflage Gesamt Gesamt In % ja 6 20,7 nein 23 79,3 N = 29 100 Nur in sechs der 23 untersuchten Verfahren, die mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO endeten, konnte ein direkter Zusammenhang zwischen der Tat und der Auflage hergestellt werden. Der Zusammenhang bestand in zwei Fällen in einem Täter-Opfer-Ausgleich, in drei weiteren Fällen stand die Organisation, an welche die Geldauflage zu leisten war, in einem sachlichen Zusammenhang mit der angeklagten Tat und in einem weiteren Fall bestand der Zusammenhang in einer Leistung auf Wiedergutmachung. g) Begründung der geringen Schuld Tabelle D.51 Einbeziehung der Vorstrafen in die Begründung der geringen Schuld Einbeziehung der Vorstrafen Gesamt Gesamt In % ja 2 6,9 nein 27 93,1 N = 29 100 183 III. Fazit Nur in Ausnahmefällen (zwei Verfahren) wurde die Vorstrafensituation des Angeklagten zur Begründung der geringen Schuld im Sinne des § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO herangezogen. Insgesamt konnte aufgrund der fehlenden Begründung der Einstellungsbeschlüsse nur in wenigen Fällen eine Begründung zur geringen Schuld oder zum fehlenden öffentlichen Interesse gefunden werden. In zwei Fällen wurde zur Begründung der geringen Schuld auf die Vorstrafensituation des Angeklagten abgestellt. In je einem weiteren Fall wurde die geringe Schuld, ebenso wie das fehlende öffentliche Interesse, mit einer außergerichtlichen Schadenskompensation und einem familiären Verhältnis begründet. III. Fazit Mit diesem Modul sollte einerseits ein Einblick in den Umgang mit den Regeln zur Verständigung durch erstinstanzliche Gerichte gegeben werden. Andererseits sollte der gesamte Bereich der Absprachen im Strafprozess in einem weiteren Sinne näher beleuchtet werden. 1. Methodik Die vorliegende Aktenanalyse folgt bei dieser Untersuchung einer qualitativ-interpretativen Methode. Dabei ist der leitende Grundgedanke der Analyse, dass durch die Erschließung der Verfahrensakten als Primärmaterial ein von Dritten weitgehend unbeeinflusster Eindruck des Verfahrensgangs gewonnen werden kann. Die Verfahrensakte stellt, neben der Verschriftlichung des Ermittlungsergebnisses, große Teile der Kommunikation zwischen den Verfahrensbeteiligten dar, weshalb sie als Bezugspunkt für die Vertiefung der Untersuchung der Verständigungspraxis besonders geeignet ist, um subjektive Deutungsmuster und Theorien auf der Einzelfallebene zu verstehen und damit die Möglichkeit einer phänomenologischen Rekonstruktion – ihrerseits mit dem Zweck einer relativen Verallgemeinerbarkeit – zu eröffnen. Dabei kann jedoch nicht außer Betracht gelassen werden, dass gerade Akten im Strafprozess ihre eigene Wirklichkeit des Verfahrensgangs abbilden und insoweit nicht alle tatsächlich verfahrensrelevanten Äußerungen und Verhaltensweisen aufgenommen werden oder auch nur aufgenommen werden können. Gegenstand der Untersuchung ist daher die jeweilige Verfahrensakte mit ihrer spezifischen Aktenwahrheit. Dabei ist die Annahme 184 D. Aktenanalyse (Modul 3) leitend, dass die protokollierten und dokumentierten Vorgänge wahrheitsgemäß festgehalten wurden, also tatsächlich stattgefunden haben. Abweichungen zwischen dem tatsächlichen Geschehen im jeweiligen Verfahren und der protokollierten Praxis entziehen sich aufgrund des spezifischen Charakters der strafprozessualen Verfahrensakte einer Untersuchung. Eine Überprüfung der Übereinstimmung zwischen der spezifischen Aktenwahrheit und den konkreten tatsächlichen Vorgängen in den jeweiligen Strafverfahren kam im Rahmen des Forschungsprojekts nicht in Frage. Die Kooperation der aktenführenden Staatsanwaltschaften war Voraussetzung für die Erreichung einer solchen relativen Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse, da zur Durchführung der Aktenanalyse die Einsicht in die ausgewählten Verfahrensakten notwendig war. Beginnend mit dem 19.2.2019 wurde bei den aktenführenden Staatsanwaltschaften auf Grundlage von § 476 StPO Akteneinsicht in die Verfahrensakten zu wissenschaftlichen Zwecken beantragt. Trotz des Vorliegens der gesetzlichen Voraussetzungen der Akteneinsicht und trotz des Hinweises auf den knapp bemessenen zeitlichen Rahmen des Forschungsprojektes blieb die Kooperationsbereitschaft der aktenführenden Staatsanwaltschaften – bis auf wenige Ausnahmen – bedauerlicherweise gering, was bei der Valutierung der Ergebnisse der Aktenanalyse in Rechnung zu stellen ist. Um die Untersuchung des Vollzugs der Voraussetzungen einer Verständigung nach dem Gesetz sowie die Beleuchtung der Rahmenbedingungen von Verständigungen und eventueller Umgehungsstrategien zu ermöglichen, wurden insgesamt 82 Verfahren aus drei verschiedene Kategorien von Verfahrensakten erhoben. Einerseits wurden solche Verfahren in die Auswertung einbezogen, bei denen das Urteil auf einer Verständigung beruhte (34 Verfahren). Andererseits wurden Verfahren in den Blick genommen, in denen eine Verständigung erfolglos versucht wurde (19 Verfahren) sowie Verfahren, in denen eine Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO oder § 153a Abs. 2 StPO das Ergebnis war (29 Verfahren). 2. Untersuchung des Vollzugs der Regeln zur Verständigung Im Fokus der Aktenanalyse stand die Untersuchung der konkreten Vereinbarungen im Rahmen der Verständigungen und die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Verständigung im Sinne des § 257c StPO. 185 III. Fazit a) Inhalte der Verständigungen Ein besonderes Augenmerk war dabei auf die Analyse des Inhalts der Verständigung, auf die Einhaltung der Dokumentations- und Transparenzvorschriften sowie auf die Überprüfung der Beachtung der gerichtlichen Belehrungspflichten gerichtet. In den untersuchten Verständigungsverfahren konnte mit Blick auf die angesprochenen Inhalte der Absprachen festgestellt werden, dass in der Regel neben der Verständigung über das Strafmaß die Verständigung über die Abgabe eines Geständnisses Teil der Verständigung war. Die untersuchten Verfahren, in denen eine Verständigung erfolgreich durchgeführt wurde, zeigten darüber hinaus, dass trotz des nach eingehender Diskussion im Gesetzgebungsverfahren nicht als „Muss“-Voraussetzung bezeichneten Geständnisses (§ 257c Abs. 2 S. 2 StPO: „Bestandteil jeder Verständigung soll ein Geständnis sein“), ein Geständnis in der Regel notwendig ist, um eine Verständigung über das Strafmaß zu ermöglichen. So erwies sich in allen untersuchten Verfahren, dass keine Verständigung über das Strafmaß erfolgte, wenn der Verteidiger ein Geständnis des Angeklagten nicht zugesagt hatte. Diese innere Abhängigkeit zwischen der Verständigung über das Strafmaß und der Vereinbarung über die Abgabe eines Geständnisses zeigte sich ebenfalls bei den Verfahren mit einer versuchten Verständigung. In den untersuchten Fällen, in denen die Verständigung an der Vorstellung des Strafmaßes der Staatsanwaltschaft scheiterte, ließ sich der Angeklagte im weiteren Verfahren mehrheitlich nicht (mehr) geständig ein. In Bezug auf die Qualität des Geständnisses fanden sich in gleichem Maße umfassende Geständnisse wie sogenannte „Formalgeständnisse“, also solche, die lediglich den Anklagevorwurf bestätigten. Als eines der wiederkehrenden Problemfelder stellten sich sogenannte Gesamtlösungen dar, welche durch das Bundesverfassungsgericht als besonders beobachtungswürdig herausgestellt wurden. Bei einer solchen Gesamtlösung werden sowohl Sachverhalte in die Verständigung einbezogen, die Teil der Anklage sind, als auch solche, die selbst nicht Teil der Hauptverhandlung über die Anklagevorwürfe sind. In Bezug auf die untersuchten Verfahren stellte sich die sogenannte Gesamtlösung in zwölf Verfahren so dar, dass im Hinblick auf eine verständigungsbasierte Verurteilung eine andere Tat im prozessualen Sinne gemäß § 154 Abs. 1 StPO (soweit sie nicht Teil des Anklagevorwurfs war) oder gemäß § 154 Abs. 2 StPO (soweit sie Teil des Anklagevorwurfs war) eingestellt wurde. Obwohl die Entscheidung über die Einstellung nach § 154 Abs. 1 bzw. Abs. 2 StPO nicht von der Bindungswirkung der Verständigung 186 D. Aktenanalyse (Modul 3) umfasst wird, wird eine solche Einstellung nicht selten de facto doch Teil der Verständigung. Neben diesen Problemfeldern zeigte sich, dass in den untersuchten Verfahren keine unzulässigen Verständigungen über Maßregeln der Besserung und Sicherung, über das Vorliegen eines Qualifikationstatbestandes oder über einen Rechtsmittelverzicht getroffen wurden. Ebenso konnten im Rahmen der Aktenanalyse keine Ankündigungen sogenannter „Sanktionsscheren“ festgestellt werden. Lediglich in einigen wenigen Fällen (fünf von 34) wurde versucht, das Verbot der Vereinbarung einer Punktstrafe zu umgehen. In diesen Fällen der „faktischen Punktstrafe“ wurde im Rahmen der Verständigungsgespräche lediglich eine Strafobergrenze vereinbart und im Urteil auch auf genau diese Strafe erkannt. In den übrigen Fällen (29 von 34) wurde eine konkrete Strafunter- sowie eine konkrete Strafobergrenze angegeben. b) Dokumentations- und Transparenzvorschriften Neben der Untersuchung des Inhalts der konkreten Verständigung im Sinne des § 257c StPO lag ein weiterer Fokus auf der Untersuchung der Anwendung der Dokumentations- und Transparenzvorschriften durch das erkennende Gericht. Nach § 273 Abs. 1 S. 2, Abs. 1a S. 1 StPO muss das Gericht, nicht zuletzt zum Zwecke der revisionsrechtlichen Überprüfung, den wesentlichen Ablauf der Gespräche, die Teilnehmer und den jeweiligen Gesprächsinhalt im Hauptverhandlungsprotokoll festhalten. Diese Protokollierungspflicht wurde in der Mehrzahl der untersuchten Verfahren eingehalten. In einigen wenigen Verfahren (sechs von 34 Verfahren) kam das Gericht der Pflicht zur Protokollierung nicht ausreichend nach. In diesen Fällen wurde mehrheitlich ausschließlich vermerkt, dass eine Verständigung stattgefunden hat. Weder der Inhalt der Gespräche noch die konkreten Rahmenbedingungen wurden in diesen Fällen in das Protokoll der Hauptverhandlung aufgenommen. Darüber hinaus wurden häufig auch Vereinbarungen zur Einstellung nach § 154 Abs. 1 StPO bzw. § 154 Abs. 2 StPO als Teil der Verständigung in das Hauptverhandlungsprotokoll aufgenommen. Neben den konkreten Verständigungsgesprächen muss das Gericht gemäß § 273 Abs. 1a S. 2 StPO auch protokollieren, ob überhaupt Gespräche stattgefunden haben, die eine Verständigung zum Ziel hatten. Bei den Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung nach Beginn der Hauptverhandlung zeigte sich, dass mit Ausnahme eines Verfahrens der Hinweis vor der Beweisaufnahme erfolgte, dass Gespräche mit dem Ziel einer Verständigung im Sinne des § 257c StPO nicht stattgefunden hatten. In der Analyse 187 III. Fazit der Verfahrensakten wurde offenbar, dass der Hinweis nach § 273 Abs. 1a S. 2 StPO in der Regel zu Beginn der Hauptverhandlung erfolgte. c) Belehrungspflichten Die Belehrung, dass die Bindung des Gerichts an die Verständigung entfällt, wenn rechtlich oder tatsächlich bedeutsame Umstände übersehen worden sind oder sich neu ergeben haben und das Gericht deswegen zur Überzeugung gelangt, dass der in Aussicht gestellte Strafrahmen nicht mehr tatoder schuldangemessen ist, wurde in den meisten untersuchten Verfahren durchgeführt und protokolliert. In sieben von 34 Verfahren erfolgte die Belehrung im Sinne des § 257c Abs. 4 StPO entweder nicht oder wurde nicht gemäß § 257c Abs. 5 StPO im Protokoll vermerkt. In beiden Fällen muss wegen der negativen Beweiskraft des Hauptverhandlungsprotokolls davon ausgegangen werden, dass die Belehrung auch tatsächlich nicht erfolgte. 3. Gelingensbedingungen für Verständigungen Im Rahmen der Analyse der Verfahrensakten lag ein weiteres Augenmerk auf der Ermittlung der Rahmenbedingungen einer gelingenden Verständigung im Strafverfahren. Leitend war dabei die Untersuchung von Faktoren, die eine Verständigung begünstigen, aber auch von Faktoren, die eine Verständigung behindern. a) Initiative der Verständigungen In 27 der 34 untersuchten Verfahren mit einer erfolgreichen Verständigung ging der Vorschlag, eine Verständigung im Sinne des § 257c StPO durchzuführen, vom Verteidiger aus, lediglich in fünf Verfahren vom Gericht und nur in zwei Verfahren von der Staatsanwaltschaft. Neben dieser allgemeinen Feststellung fiel besonders auf, dass die Verständigung lediglich in den Fällen auf der Initiative des Gerichts oder der Staatsanwaltschaft beruhte, in denen der Prozessstoff einen erheblichen Umfang erreicht hatte. Insbesondere Anklagen, die Straftaten nach der Abgabenordnung oder größere Betrugskomplexe zum Gegenstand hatten, wurden auf Initiative des Gerichts bzw. der Staatsanwaltschaft einer Verständigung zugeführt. 188 D. Aktenanalyse (Modul 3) Dies unterstreicht die – bereits erwähnte – zentrale Stellung des Verteidigers in den Verfahren nach § 257c StPO. Bei Betrachtung der Art und Weise der Beteiligung der Verteidigung in den untersuchten Verständigungsverfahren konnte festgestellt werden, dass in allen Verfahren der Angeklagte durch eine Person i.S.d. § 138 StPO verteidigt war und dass diese Verteidigung in der Regel durch eine Wahlverteidigung erfolgte, welche bereits im Ermittlungsverfahren aktiv geworden war. Es lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die Beteiligung eines Verteidigers das Zustandekommen einer Verständigung besonders zu begünstigen scheint. b) Zeitlicher Ablauf der Verständigung Es zeigte sich, dass die Mehrzahl der untersuchten Verständigungsverfahren im Rahmen des Hauptverfahrens – aber außerhalb der Hauptverhandlung – vorbereitet wurden (27 von 34 Verfahren). Dies geschah in der Regel durch die Anregung eines Rechtsgesprächs durch einen Verfahrensbeteiligten, in dem ein Vorschlag zu einer Verständigung unterbreitet wurde. Von diesem Vorgehen versprechen sich die Verfahrensbeteiligen mutmaßlich zwei Vorteile. Einerseits lässt sich oft erst kurz vor oder in der Hauptverhandlung der gesamte Prozessstoff erfassen und einordnen. Andererseits kann durch das nichtöffentlich geführte Rechtsgespräch aus Sicht der Verfahrensbeteiligten ein kommunikativer Raum geschaffen werden, in dem eine offenere Kommunikation möglich ist als in der grundsätzlich öffentlichen Hauptverhandlung. Nur in wenigen Fällen fand die Vorbereitung der Verständigung im Ermittlungsverfahren (ein Verfahren), im Zwischenverfahren (vier Verfahren) beziehungsweise in der Hauptverhandlung (zwei Verfahren) selbst statt. Es lassen sich an dieser Stelle keine Gründe – etwa anhand bestimmter Deliktskategorien – für den Zeitpunkt der Vorbereitung der Verständigung ausmachen, sodass eine typisierende Betrachtung nicht möglich ist. Lediglich in einem Verfahren, welches eine Sexualstraftat zum Gegenstand hatte, wurde die Verständigung bereits im Ermittlungsverfahren vorbereitet. Ausweislich der Verfahrensakte war damit das Ziel verbunden, dem minderjährigen Verletzten die Anwesenheit im Prozess zu ersparen. In Bezug auf den Zeitpunkt der Durchführung der Verständigung selbst ließ sich feststellen, dass in der Mehrzahl der untersuchten Verfahren (28 von 34 Verfahren) die Verständigungen vor der Beweisaufnahme erfolgten. Als Grund dafür ist die Aussicht auf ein schnelles Ende des Verfahrens zu vermuten. Beweisen lässt sich diese These nicht, da mittels einer Aktenanalyse der reale Beschleunigungseffekt nicht nachgewiesen werden kann. 189 III. Fazit c) Abbruch der Verständigung Zur Identifikation von Faktoren, die Verständigungen im Sinne des § 257c StPO erschweren oder hindern, wurde ein weiterer Fokus auf Verfahren gelegt, welche Verständigungsgespräche zum Inhalt hatten, die jedoch nicht zu einer erfolgreichen Verständigung im Sinne des § 257c StPO geführt haben (19 von 82 Verfahren). Es zeigte sich, dass die Verständigung – soweit feststellbar – am häufigsten an der Straferwartung der Staatsanwaltschaft scheiterte. In diesen Fällen (sieben von 19 Verfahren) bestand der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft meist auf einen höheren Strafrahmen oder wollte zunächst in eine Beweisaufnahme eintreten. In den Fällen, in denen die Verständigung – soweit feststellbar – am Gericht scheiterte (fünf von 19 Verfahren), ist eine solche typisierende Betrachtung nicht möglich. So scheiterte beispielsweise die Verständigung in einem Fall an der grundsätzlichen Ablehnung von Verständigungen durch die Kammer, in einem anderen Fall am vorgeschlagenen Strafrahmen und in einem weiteren Fall an den Bedenken des Gerichts zu der Frage des Vorliegens von Tatbestandsmerkmalen. 4. Verfahrenseinstellungen als mögliche Umgehungsstrategie Neben der Untersuchung der Verständigungsverfahren und den Rahmenbedingungen der Verständigung lag ein weiterer Schwerpunkt der Aktenanalyse auf der Untersuchung von Verfahren, die mit einer Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO abschlossen (29 von 82 Verfahren). Im Rahmen dieser Teiluntersuchung wurde ein Schlaglicht auf die Einstellung nach § 153 Abs. 2 StPO bzw. § 153a Abs. 2 StPO als potenzielle Strategie zur Umgehung der Regeln der Verständigung geworfen. Besonderes Augenmerk wurde bei der Untersuchung einer möglichen Umgehungsstrategie auf die Verfahren gelegt, die nach einem Einspruch gegen einen Strafbefehl nach § 153a Abs. 2 StPO eingestellt wurden, um Zusammenhänge zwischen der Strafe aus dem Strafbefehl und der Auflage bzw. Weisung aus dem Einstellungsbeschluss zu prüfen. Bei der Betrachtung dieser Verfahren (17 von 29 Verfahren) konnte festgestellt werden, dass die Auflage bzw. Weisung nach § 153a Abs. 2 StPO in vielen Fällen die Höhe der Geldstrafe aus dem vorangegangenen Strafbefehl erreichten oder nur leicht unterschritten. 190 D. Aktenanalyse (Modul 3) IV. Anhang 191 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Jörg Kinzig, Benedikt Iberl, Jennifer Koch (Universität Tübingen)* I. Einleitung Im Zentrum des Moduls 4 dieser Untersuchung, das durch die Universität Tübingen hauptverantwortlich betreut wurde, steht die Frage, wie die strafrechtliche Praxis mit den Normen über die Verständigung in Strafverfahren umgeht. Dazu wurden in diesem Modul mittels eines Online-Fragebogens Richter, Staatsanwälte und Strafverteidiger bundesweit über die derzeitige Verständigungspraxis befragt. Zusätzlich wurde eine gesonderte Erhebung bei Richtern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern am Bundesgerichtshof (BGH) und bei Dezernenten und Wissenschaftlichen Mitarbeitern beim Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (GBA) durchgeführt. Terminologisch ist eingangs die folgende Begriffsklärung erforderlich: Für Fragen nach der Handhabung einer Verständigung im Sinne des § 257c StPO und des Verständigungsgesetzes verwendete die Forschungsgruppe im Modul 4 gemäß der Wortwahl des Gesetzes den Terminus „Verständigung“. Für ein Verhalten, welches nicht den Vorgaben des § 257c StPO entspricht, wurde der Begriff der informellen Absprache gebraucht.1 II. Methodisches Vorgehen Modul 4 gliederte sich in mehrere Phasen. Zunächst musste nach der Wahl der Erhebungsmethode (1.) bundesweit der Zugang zu den zu befragenden Richtern, Staatsanwälten und Strafverteidigern hergestellt werden (2.). Anschließend (3.) wurde der Online-Fragebogen konstruiert und zur Qualitätssicherung ein Pretest mit ausgewählten Personen durchgeführt. Nach der Erstellung der finalen Version des Fragebogens erfolgte die eigentliche * Dr. Barbara Bergmann hat dankenswerterweise bei der Erstellung des Fragebogens mitgewirkt. 1 So auch BVerfGE 133, 168 ff. 192 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Erhebung (4.). Die Beschreibung des methodischen Vorgehens wird durch Überlegungen zur Repräsentativität der antwortenden Teilnehmer (5.) und mit einer Erläuterung von Schwierigkeiten bei der Durchführung der Erhebung (6.) abgerundet. Ferner wird das Vorgehen bei der Auswertung (7.) beschrieben und auf dabei entstandene Probleme (8.) hingewiesen. Danach folgt in Teil III. die Darstellung der Ergebnisse. 1. Wahl der Erhebungsmethode Als Methode zur Erhebung des tatsächlichen Umgangs mit dem Verständigungsgesetz wurde, wie schon im Forschungsantrag vorgesehen, eine Online-Befragung gewählt. Dafür verwendete das Forschungsteam Tübingen die Umfragesoftware LimeSurvey2. Die Vorteile einer Online-Befragung bestehen darin, dass mit vergleichsweise geringem organisatorischem Aufwand sehr große Stichproben erreicht werden können und dass das Anonymitätsgefühl der Teilnehmer höher ist als bei anderen Befragungsmethoden (etwa face-to-face- oder Telefoninterviews)3 – daher eignet sie sich gut für eine bundesweite Erhebung. Auf die Anonymität und Freiwilligkeit einer Teilnahme wurde in dem Einleitungstext zur Erhebung explizit hingewiesen. Die Anonymität wurde dadurch gewährleistet, dass keine personenbezogenen Daten erhoben wurden, die einen Rückschluss auf eine einzelne Person zuließen. Die IP-Adresse wurde nicht gespeichert. 2. Zugang zu den Teilnehmern Um den justiziellen Akteuren den Zugriff auf den Online-Fragebogen zu ermöglichen, waren je nach zu befragender Teilgruppe unterschiedliche Vorgehensweisen erforderlich. Um einen Zugang zu den Richtern und Staatsanwälten zu erhalten, kontaktierte das Forschungsteam Tübingen zunächst alle Justizverwaltungen der 16 Bundesländer und bat um Nennung eines Ansprechpartners für das Projekt. Am 24.10.2018 wurden dann die jeweiligen Kontaktpersonen gebeten, den direkten Link zur Onlinebefragung an die im jeweiligen Bundesland tätigen Strafrichter und Staatsanwälte weiterzuleiten. Für den Bereich der Strafverteidiger nahm das Forschungsteam Tübingen zum einen Kontakt zur Bundesrechtsanwaltskammer (zu Herrn RA 2 https://www.limesurvey.org/ (Stand 21.1.2020). 3 Möhring/Schlütz/Taddicken, Handbuch standardisierte Erhebungsverfahren in der Kommunikationwissenschaft, 2013, S. 201–217. 193 II. Methodisches Vorgehen Frank Johnigk, Geschäftsführer der BRAK) und zum anderen zum Deutschen Anwaltverein (zu Herrn RA Dr. Dirk Lammer, Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Strafrecht des Deutschen Anwaltvereins [DAV]) auf. Auch hier war vorgesehen, dass die genannten Organisationen den Link zu der Online-Befragung an die in der BRAK organisierten Fachanwälte für Strafrecht sowie an die Mitglieder der AG Strafrecht des DAV direkt weiterleiten. Der Zugang zu den Richtern, Bundesanwälten und wissenschaftlichen Mitarbeitern am BGH und beim GBA erfolgte durch die Weiterleitung des Links durch die Präsidentin des BGH sowie einen Ansprechpartner der Generalbundesanwaltschaft. 3. Konstruktion des Fragebogens Durch die Befragung soll ein differenzierter Überblick über die alltägliche Praxis der Verständigungen und informellen Absprachen hergestellt werden. Die konkreten Fragestellungen sind den Vergabeunterlagen vom 9.4.2017 (vgl. §  15 des Vertrages) zu entnehmen. Im Vordergrund stehen Fragen nach der Verständigungspraxis, aber auch den informellen Absprachen, insbesondere nach deren Umfang und Inhalt. Unter besonderer Berücksichtigung der vom Auftraggeber für die Untersuchung als wichtig erachteten Gesichtspunkte und unter Zuhilfenahme der Fachliteratur lag Ende Juli 2018 eine erste Version des Fragebogens vor. Um die Qualität dieses Erhebungsinstruments zu überprüfen, wurde im Laufe des Augusts 2018 ein Pretest durchgeführt. Daran nahmen vier Richter, zwei Staatsanwälte sowie zwei Strafverteidiger aus drei verschiedenen Bundesländern (Baden- Württemberg, Berlin und Hessen) teil. Die durch den Pretest gewonnenen Anregungen wurden umfassend ausgewertet; sie führten zu einer Modifikation des Fragebogens: Fragestellungen wurden weiter präzisiert, und es wurde noch deutlicher hervorgehoben, wann nach einer Verständigung im Rahmen des § 257c StPO gefragt wird und wann nach einer informellen Absprache. Eine wesentliche Neuerung im Vergleich zur vorläufigen Version stellte dar, dass in der endgültigen Fragebogenfassung informelle Absprachen sowohl in der eigenen Praxis als auch nach dem Vorkommen nur dem Hörensagen nach eruiert wurden. Die finale Version des Onlinefragebogens wurde am 9.10.2018 dem BMJV zur Kenntnisnahme übersandt. Das BMJV hatte keine Änderungswünsche. Der Fragebogen von Modul 4 zeichnet sich durch die Einteilung der einzelnen Fragen in verschiedene thematische Gruppen aus. Dadurch sollten die Übersichtlichkeit für die Teilnehmer und damit deren Antwortbereitschaft erhöht werden. Der Fragebogen gliedert sich in folgende Themen: 194 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) – Fragen zur Tätigkeit – Allgemeine Einschätzung zur Verständigungspraxis in der derzeitigen beruflichen Praxis – Fragen zu informellen Absprachen – Fragen zur Transparenz und Dokumentationspflicht Insgesamt enthält der Fragebogen 46 Fragen. Zunächst werden die justiziellen Akteure nach einigen einführenden allgemeinen Fragen zu ihrer beruflichen Tätigkeit zur Praxis der formellen Verständigungen nach § 257c StPO interviewt. Dabei steht im Vordergrund, wie häufig und in welchem Umfang Verständigungen getroffen werden, sowie deren konkreter Inhalt. In diesem zweiten Abschnitt werden darüber hinaus Fragen zum Gebrauch der §§ 153, 153a StPO als einer Alternativstrategie zur Anwendung formeller Verständigungen gemäß § 257c StPO gestellt. Der darauffolgende dritte Abschnitt des Erhebungsbogens besteht aus Fragen zur Häufigkeit und zum Inhalt informeller Absprachen. Dabei wird auch die Einschätzung der justiziellen Akteure über die Gründe informeller Absprachen und über die Risiken bei der Beteiligung an informellen Absprachen eruiert. Im letzten und vierten Teil des Fragebogens werden gemäß der Wünsche des Auftraggebers Fragen zur Transparenz und Dokumentation in Zusammenhang mit der Verständigung im Strafverfahren gestellt. Der gesonderte Fragebogen für die Beschäftigten des BGH und des GBA, im Folgenden als „BGH-Fragebogen“ bezeichnet, entspricht zu großen Teilen dem Fragebogen, der an die Strafrichter, Staatsanwälte und Strafverteidiger gesendet wurde, im Folgenden „Hauptfragebogen“ genannt. Zudem finden sich im BGH-Fragebogen einige aufgrund der besonderen Stellung und Perspektive der Befragten abgeänderte bzw. indirekter formulierte Fragen aus dem Hauptfragebogen sowie einige zusätzliche Fragen, die nicht im Hauptfragebogen enthalten sind. Diese betreffen insbesondere die Praxistauglichkeit des § 257c StPO und mögliche Maßnahmen, um die Praxis der informellen Absprachen (weiter) zurückzudrängen. Die Fragebögen enthalten Fragen im geschlossenen, offenen und halboffenen Format. Bei Fragen im geschlossenen Format wird den Teilnehmern eine Reihe von Antwortoptionen vorgegeben, bei Fragen im offenen Format kann in einem Textfeld eine Antwort frei formuliert werden. Fragen im halboffenen Format bestehen aus vorgegebenen Antwortoptionen und einem Textfeld, um darüber hinaus die Möglichkeit einer freien (und ausführlichen) Antwort zu eröffnen. Diese Frageform wird verwendet, um zusätzliche Informationen zu erlangen. Somit wird den Teilnehmern einerseits Raum für allgemeine Anmerkungen und ausführliche Antworten gegeben. Andererseits können häufig auftretende Antwortmuster in Erfah- 195 II. Methodisches Vorgehen rung gebracht werden, die nicht von den vorgegebenen Antwortoptionen abgedeckt sind. Bei den geschlossenen Fragen wird in der Umfrage zumeist eine vierstufige Antwortskala verwendet (z. B. „sehr häufig“ – „häufig“ – „selten“ – „nie“). Eine fünfstufige Skala wird aus methodischen Gründen vermieden. Denn eine mittlere Antwortkategorie misst häufig nicht nur die mittlere Ausprägung einer Meinung oder Einschätzung, sondern wird unter Umständen auch von Teilnehmern ausgewählt, die sich nicht für eine Antwort entscheiden können oder möchten.4 Bei sensiblen Fragen wird jedoch neben den vier Antwortmöglichkeiten die zusätzliche Kategorie „keine Erfahrungswerte“ angeboten (vgl. z. B. Fragen 8, 9, 11 etc.)5. Den Teilnehmern wird so ermöglicht, bei potentiell als heikel wahrgenommenen Themen keine Stellung zu beziehen. Hierdurch soll vermieden werden, dass die Befragten bei solchen sensiblen Fragen die Bearbeitung abbrechen.6 Der Fragebogen zeichnet sich zudem durch sogenannte Filterfragen aus. Diese Fragen bestimmen je nach Antwort, wem etwaige Folgefragen gestellt werden und wem nicht. Hierdurch können Fragen gezielt an bestimme Akteure gerichtet werden, beispielsweise nur an Staatsanwälte (z. B. Frage 36). Ferner werden Filterfragen eingesetzt, um bestimmte Folgefragen ausblenden zu können, sollte die vorangegangene Frage mit „nie“ oder „keine Erfahrungswerte“ beantwortet worden sein (vgl. Frage 26). So kann gewährleistet werden, dass die Teilnehmer keine Fragen beantworten müssen, zu denen sie nichts beitragen wollen oder können. Auch dadurch soll eine möglichst geringe Abbruchwahrscheinlichkeit sichergestellt werden. 4. Durchführung der Befragungen Die Erhebung erfolgte für den Hauptfragebogen im Zeitraum vom 24.10.2018 bis zum 8.4.2019. Mithin hatten die Bearbeiter ca. sechs Monate und damit ausreichend Zeit, den Fragebogen auszufüllen. Insgesamt beteiligten sich 1927 justizielle Akteure an dem Hauptteil der Umfrage. Davon konnten 1567 Fragebögen ausgewertet werden. 359 der 360 unverwertbaren Fragebögen mussten aufgrund eines zu geringen Bearbeitungs- 4 Klopfer/Madden, Personality and Social Psychology Bulletin 6(1) 1980, S. 97–101; Kulas/ Stachowski, Journal of Research in Personality Vol. 43 Issue 3 2009, S. 489–493. 5 Verweise auf einzelne Fragen beziehen sich – sofern nicht anders vermerkt – stets auf den Hauptfragebogen. 6 Stieger/Reips/Voracek, Journal of the American society for information science and technology 58(11) 2007, S. 1653–1660; Schulz/Renn, Das Gruppendelphi, 2009, S. 1653–1660; Mergener/Sischka/Decieux, Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2015, S. 1. 196 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) anteils von der Auswertung ausgeschlossen werden. Ein Teilnehmer füllte erst nach einer vorherigen abgebrochenen Teilnahme den Fragebogen komplett aus. Der unvollständige erste Durchgang wurde daher aus dem Datensatz entfernt („Dublette“). Von den 1567 auswertbaren Fragebögen wurden 1324 ohne Abbruch bis zur letzten Seite bearbeitet. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit betrug bei vollständiger Bearbeitung 19 Minuten und 49 Sekunden und lag damit in einem für eine Online-Befragung vertretbaren Rahmen. Umfrageteilnehmer aufgrund von zu langen Bearbeitungszeiten auszuschließen, war nicht erforderlich. Denn angesichts der teilweise hohen beruflichen Belastung der zu Befragenden erschien es nicht als ungewöhnlich, dass einzelne Teilnehmer die Bearbeitung eines Fragebogens unterbrechen mussten. Ein derartiges Antwortverhalten gibt keinen Anlass, an der gewissenhaften Beantwortung des Fragebogens zu zweifeln.7 Aufgrund einiger dadurch entstandener Ausreißerwerte der Bearbeitungszeit „nach oben“ hin war auch ein auf Standardabweichungen beruhendes Ausschlussverfahren nicht sinnvoll.8 Um zu schnell beantwortete Fragebögen ausschließen zu können, wurde ein theoriegeleitetes Vorgehen gewählt mit einer Orientierung an einer maximalen Lesegeschwindigkeit von 500 Wörtern pro Minute (8,33 Wörter pro Sekunde)9. Nach diesem Kriterium sollten Teilnehmer, die antworteten, bevor sie die Frage und die Antwortoptionen gelesen haben konnten, von der Auswertung ausgeschlossen werden. Gemäß dieser Vorgabe erwies sich jedoch kein Fragebogen als auffällig. Der für die Berücksichtigung eines Fragebogens bei der Auswertung erforderliche Umfang wurde auf die Beantwortung von mehr als zwölf Fragen festgelegt, was der Bearbeitung von mehr als zwei der 13 Seiten und über einem Viertel der 46 Fragen des Erhebungsinstruments entspricht. So sollte sichergestellt werden, dass nur Angaben von Teilnehmern ausgewertet werden, die grundsätzlich zu einer Beteiligung an einer längeren Umfrage bereit waren. 7 26 Teilnehmer fielen durch ungewöhnlich hohe Bearbeitungszeiten auf (mehr als drei Standardabweichungen über der mittleren Bearbeitungsdauer). 24 von ihnen bearbeiteten den Fragebogen nach langen Latenzzeiten bei einzelnen Fragen jedoch bis zur letzten Seite. Die beiden anderen auffälligen Teilnehmer brachen nach langen Latenzzeiten bei einzelnen Fragen die Umfrage ab. Die Antworten aller 26 Teilnehmer wurden bei der Auswertung berücksichtigt. 8 Gewöhnlich werden diejenigen Teilnehmer von einer Befragung ausgeschlossen, deren Bearbeitungszeit sich mehr als drei Standardabweichungen von der mittleren Bearbeitungszeit unterscheidet. Wählt man hier dieses Verfahren, sind durch einige sehr hohe Bearbeitungszeiten (Ausreißerwerte) die Standardabweichungen entsprechend groß. Daher gibt es keine Bearbeitungszeiten, die drei Standardabweichungen unter dem Mittelwert liegen. 9 Musch/Rösler, Kognitive Leistungen, 2011, S. 89–106. 197 II. Methodisches Vorgehen Um zu prüfen, ob durch die gewählten Ausschlusskriterien Verzerrungen entstehen, wurden die Ergebnisse einer Auswertung, die sich auf vollständige Fragebögen (N = 1324) beschränkt, mit den Ergebnissen, die auf den vorliegenden Ausschlusskriterien beruhen (auch unvollständige Fragebögen; N = 1567), verglichen. Die Diskrepanzen bewegen sich dabei meist im Promille- und maximal im niedrigen einstelligen Prozentbereich und sind daher zu vernachlässigen. Da eine hohe Anzahl ausgewerteter Fragebögen mit wünschenswerten wissenschaftstheoretischen und statistischen Eigenschaften (z. B. höhere Generalisierbarkeit, geringere Streuung, höhere Teststärke) verbunden ist, wurden für die Auswertung auch die unvollständigen Fragebögen berücksichtigt. Aufgrund von Dropouts, d.h. die Befragung abbrechenden Teilnehmern, sinkt mit der zunehmenden Zahl von Fragen sukzessive auch die Zahl der Teilnehmer. Hin und wieder sind leicht ansteigende Beantwortungszahlen zu verzeichnen, wenn Befragte bei der Bearbeitung eine oder mehrere Fragen überspringen und danach ihre Beteiligung wieder aufnehmen. Die gesonderte Erhebung bei Akteuren am Bundesgerichtshof und beim Generalbundesanwalt erfolgte vom 25.2.2019 bis zum 19.5.2019. Daran beteiligten sich insgesamt 46 Personen. Für die Auswertung konnten 38 Fragebögen berücksichtigt werden. Die Daten von acht Teilnehmern mussten aufgrund eines zu geringen Bearbeitungsanteils nach den oben genannten Kriterien ausgeschlossen werden. 37 der 38 Teilnehmer bearbeiteten die Umfrage bis zur letzten Seite. Auch hier war kein Ausschluss von der Auswertung aufgrund einer zu geringen Bearbeitungszeit erforderlich. 5. Repräsentativität der antwortenden Teilnehmer Im folgenden Abschnitt soll die Frage nach der Repräsentativität der vorliegenden Ergebnisse beantwortet werden. Dabei ist zunächst festzustellen, dass für das Konstrukt der Repräsentativität weder eine präzise (etwa mathematische) noch eine einheitliche Definition existiert.10 Allgemein bezieht sich der Begriff der Repräsentativität auf die Frage, wie generalisierbar die Ergebnisse einer Studie für die Gesamtpopulation sind, aus der die Stichprobenziehung erfolgt.11 Verschiedene Eigenschaften des wissenschaftlichen Vorgehens und der Stichprobe an sich wirken sich darauf aus, inwiefern die Ergebnisse einer Studie einer Verallgemeinerung standhalten können. 10 v. d. Lippe/Kladroba, Marketing: Zeitschrift für Forschung und Praxis (24) 2002, S. 227–238. 11 Anmerkung: In der vorliegenden Studie wurde eine Vollerhebung der Gesamtpopulation von Staatsanwälten, Strafrichtern und Strafverteidigern in Deutschland angestrebt. Insofern kann hier nur bedingt von einer Stichprobe gesprochen werden. Die „Stichprobenziehung“ ergab sich durch die Selbstselektion der erreichten justiziellen Akteure. 198 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Jeder freiwilligen Befragung haftet generell das Problem der sogenannten Selbstselektion an. Bei Online-Umfragen ist dieses Problem durch den minimalen Kontakt zwischen Fragenden und Befragten mutmaßlich höher als bei anderen Umfrageformen. Durch die Selbstselektion bestimmen die Befragten selbst, ob sie an einer Umfrage teilnehmen oder nicht. Da die Teilnahmebereitschaft bei Online-Umfragen nicht kontrolliert werden kann, können etwaige Selektionseffekte weder ausgeschlossen noch überprüft werden. Ob und warum bestimmte Teile einer Population eine geringere Teilnahmebereitschaft aufweisen und welche Eigenschaften diese Teilpopulation besitzt, kann nicht ermittelt werden. Dementsprechend können aufgrund der Eigenschaften online-gestützter Erhebungsmethoden Ergebnisverzerrungen durch Selektionseffekte nicht vollständig ausgeschlossen werden. Um darüber hinaus die Frage nach der Repräsentativität der Umfrageergebnisse zu beantworten, kann als Kennwert die Rücklaufquote (der Anteil der Teilnehmer an der zugrundeliegenden Population) ermittelt werden. Nachfolgend werden diese Rücklaufquoten angeführt (ausgehend von den in Modul 5 ermittelten Grundgesamtheiten für die einzelnen Berufsgruppen). Die nach dem Handbuch der Justiz12 ermittelte Grundgesamtheit der Staatsanwälte (s. Modul 5) und die ausgefüllten Fragebögen pro Bundesland bei Modul 4 werden in der folgenden Tabelle dargestellt: Tabelle E.1 Beteiligungen der Staatsanwälte bei Modul 4 Anzahl Staatsanwälte insgesamt Beteiligung der Staatsanwälte bei Modul 4 Anteil der Beteiligung in % Baden-Württemberg 466 96 20,6% Bayern 461 49 10,6% Berlin 275 46 16,7% Brandenburg 214 8 3,7% Bremen 41 13 31,7% Hamburg 120 14 11,7% Hessen 227 36 15,9% Mecklenburg-Vorpommern 125 3 2,4% Niedersachsen 391 60 15,3% Nordrhein-Westfalen 922 105 11,4% Rheinland-Pfalz 122 10 8,2% Saarland 57 17 29,8% Sachsen 372 64 17,2% Sachsen-Anhalt 128 12 9,4% Schleswig-Holstein 151 15 9,9% Thüringen 164 42 25,6% Bundesgebiet (Gesamt) 4236 590 13,9% 12 Handbuch der Justiz 2018/2019, C.F. Müller, Heidelberg, 2018, S. VI. 199 II. Methodisches Vorgehen Insgesamt liegt die durchschnittliche Rücklaufquote bei den Staatsanwälten bundesweit bei 13,9%. In den einzelnen Bundesländern fiel die Beteiligung der Staatsanwälte sehr unterschiedlich aus. Im Verhältnis zur Grundgesamtheit beteiligten sich die Staatsanwälte in Bremen (31,7%), im Saarland (29,8%) und in Thüringen (25,6%) an der Online-Befragung am stärksten. Lediglich in Mecklenburg-Vorpommern (2,4%) und in Brandenburg (3,7%) war ein sehr geringer Rücklauf mit einer Teilnahmequote von unter 5% zu verzeichnen. Die beachtliche Rücklaufquote der Fragebögen der Staatsanwälte von knapp 14% spricht für die Generalisierbarkeit der Ergebnisse in dieser Berufsgruppe. Aufgrund der unterschiedlichen Rücklaufquoten innerhalb der einzelnen Bundesländer ist ein aussagekräftiger Ländervergleich zur Praxis der Verständigungen jedoch nur sehr bedingt möglich. In der nachfolgenden Tabelle E.2 werden die von Modul 5 ermittelte Grundgesamtheit der Strafrichter an den Amts- und Landgerichten sowie die daraus abgeleitete Beteiligung der Strafrichter an der Online-Befragung von Modul 4 dargestellt. Strafrichter, welche als Beisitzer am Landgericht, am Oberlandesgericht oder Bundesgerichtshof tätig sind, werden bei der ausgewiesenen Grundgesamtheit nicht berücksichtigt. Die in Tabelle E.2 genannten Prozentuierungen sind damit als obere Schätzwerte zu verstehen. Tabelle E.2 Beteiligungen der Richter bei Modul 4. Anzahl Strafrichter insgesamt Beteiligung der Strafrichter bei Modul 4 Anteil der Beteiligung in % Baden-Württemberg 325 60 18,5% Bayern 321 75 23,4% Berlin 157 24 15,3% Brandenburg 101 23 22,8% Bremen 27 9 33,3% Hamburg 121 37 30,6% Hessen 189 1 0,5% Mecklenburg-Vorpommern 61 14 23,0% Niedersachsen 242 66 27,3% Nordrhein-Westfalen 673 96 14,3% Rheinland-Pfalz 126 45 35,7% Saarland 34 16 47,1% Sachsen 157 45 28,7% Sachsen-Anhalt 72 14 19,4% Schleswig-Holstein 66 22 33,3% Thüringen 81 23 28,4% Bundesgebiet (Gesamt) 2753 57013 20,7% 13 21 weitere Richter, deren Antworten ausgewertet werden konnten, sind hier nicht aufgeführt, da sie angaben, ihren Tätigkeitsschwerpunkt weder am Amts- noch am Landgericht zu haben. Addiert man diese 21 Richter, erhöht sich die Beteiligung auf 21,5%. 200 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Bundesweit liegt die durchschnittliche Rücklaufquote der Strafrichter bei 21,5%. Daher ist anzunehmen, dass ein gewisses Maß an Generalisierbarkeit der Ergebnisse beansprucht werden kann. Darüber, worauf die geringe Beteiligung der Richter im Bundesland Hessen zurückzuführen ist, gibt es keine Erkenntnisse. In der folgenden Tabelle E.3 wird die Grundgesamtheit der Fachanwälte für Strafrecht nach dem jeweiligen Bundesland dargestellt.14 Aus den uns vorliegenden Daten der Rechtsanwaltskammern konnte zwar die Grundgesamtheit der Fachanwälte, jedoch verständlicherweise nicht die Zahl der als Strafverteidiger tätigen Rechtsanwälte ermittelt werden. In der vorliegenden Studie sollten durch die Weiterleitung des Links an die BRAK und den DAV vor allem Fachanwälte für Strafrecht erreicht werden. Jedoch ist nicht auszuschließen, dass auch Rechtsanwälte ohne diese Zusatzqualifikation an der Studie teilgenommen haben. Auch war das Fehlen des Fachanwaltstitels kein Ausschlusskriterium. Um Aussagen über die Repräsentativität der von den Rechtsanwälten gemachten Angaben treffen zu können, bietet die Grundgesamtheit der Fachanwälte für Strafrecht dennoch eine gute Orientierung. Der genaue Beteiligungsanteil kann aufgrund der genannten Einschränkung jedoch nicht ermittelt werden. Der Anteil der befragten Strafverteidiger und Fachanwälte für Strafrecht an der ermittelten Grundgesamtheit der Fachanwälte wird nachfolgend daher als (nur) „geschätzter Rücklauf“ bezeichnet.15 Tabelle E.3 Beteiligungen der Strafverteidiger bei Modul 4. Anzahl der Fachanwälte insgesamt Beteiligung der Strafverteidiger bei Modul 4 Geschätzter Rücklauf in % Baden-Württemberg 393 45 11,5% Bayern 579 88 15,2% Berlin 274 31 11,3% Brandenburg 71 4 5,6% Bremen 55 11 20,0% Hamburg 141 15 13,6% Hessen 302 17 5,6% Mecklenburg-Vorpommern 51 11 21,6% Niedersachsen 270 38 14,1% Nordrhein-Westfalen 899 87 9,7% Rheinland-Pfalz 142 9 6,3% Saarland 33 3 9,1% Sachsen 133 14 10,5% Sachsen-Anhalt 59 1 1,7% Schleswig-Holstein 87 9 10,3% 14 Zur Ermittlung der Grundgesamtheit der Fachanwälte s. F. II.2. 15 Da die ermittelte Grundgesamtheit sich nur auf die Fachanwälte für Strafrecht bezieht, nicht aber die Strafverteidiger ohne Fachanwaltstitel einschließt, kann eine Überschätzung der Rücklaufquote nicht ausgeschlossen werden. 201 II. Methodisches Vorgehen Anzahl der Fachanwälte insgesamt Beteiligung der Strafverteidiger bei Modul 4 Geschätzter Rücklauf in % Thüringen 64 3 4,7% Bundesgebiet (Gesamt) 3553 386 10,9% Im Vergleich zu der Berufsgruppe „Staatsanwalt“ (13,9%) haben prozentual weniger Strafverteidiger16 an der Erhebung teilgenommen. Bundesweit liegt der geschätzte Rücklauf bei 10,9%. In Mecklenburg-Vorpommern (21,6%), Bremen (20,0%) und Bayern (15,2%) waren mit über 15% relativ hohe Quoten zu verzeichnen. Hingegen hat in Sachsen-Anhalt lediglich ein einziger Strafverteidiger den Fragebogen ausgefüllt. Für den geringeren geschätzten Rücklauf im Vergleich zu den Staatsanwälten können mehrere Gründe verantwortlich sein: Möglicherweise wurden durch den Zugang über die Rechtsanwaltskammern nicht alle potenziell Interessierten erreicht. Auch könnten Anwälte als unabhängige Organe der Rechtspflege eine geringere Bereitschaft zu einer Teilnahme an wissenschaftlichen Studien zeigen. Plausibel ist auch, dass sich Richter und Staatsanwälte aufgrund ihrer Nähe zum Staat eher verpflichtet fühlen, an Studien mitzuwirken, welche durch die Landesjustizverwaltungen ausdrücklich unterstützt werden. Schließlich mag noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen, dass freiberuflich tätige Rechtsanwälte insbesondere ökonomische Gründe von einer Teilnahme abhalten. Insgesamt kann also von einem befriedigenden Maß an Repräsentativität für die Studie ausgegangen werden. Die bereits angesprochenen Limitationen müssen bei einer Verallgemeinerung der Ergebnisse jedoch selbstverständlich berücksichtigt werden. Im Rahmen des Moduls 4 wurden auch die Akteure am Bundesgerichtshof (BGH) und beim Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (GBA) befragt. Die Grundgesamtheit der Richter am BGH konnte anhand des öffentlichen Geschäftsverteilungsplans ermittelt werden.17 Ferner macht der BGH auf seiner Internetseite auch Angaben zu den Wissenschaftlichen Mitarbeitern.18 Zur Ermittlung der Grundgesamtheit der Akteure beim GBA beim BGH wurde das Handbuch der Justiz (2018/2019) herangezogen.19 So konnte die Zahl der Bundesanwälte, der Oberstaatsanwälte und der Staatsanwälte bestimmt werden. Jedoch ist auch hier nicht sichergestellt, dass dadurch alle Akteure beim GBA beim BGH erfasst werden, weil möglicherweise nicht 16 Im Folgenden wird für Strafverteidiger und Fachanwälte für Strafrecht ausschließlich der Oberbegriff des Strafverteidigers verwendet. 17 https://www.bundesgerichtshof.de/DE/DasGericht/Geschaeftsverteilung/BesetzungSenate/Strafsenate/strafsenate_node.html (Stand 21.1.2020). 18 http://www.bgh-hiwis.de/ueberuns.htm# (Stand 21.1.2020). 19 Handbuch der Justiz 2018/2019, C.F. Müller, Heidelberg, 2018, S. XI. 202 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) alle von ihnen der Aufnahme in das Handbuch der Justiz zugestimmt haben. Angaben zur Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter beim GBA fehlen im Handbuch der Justiz. Auch auf der Internetseite des GBA finden sich dazu keine Informationen. Tabelle E.4 Beteiligungen der Akteure des BGH und des GBA bei Modul 4. Berufsgruppe Anzahl in Berufsgruppe insgesamt Anzahl der Beteiligungen bei Modul 4 Anteil der Beteiligung in % Richter am BGH 40 9 22,5% Wissenschaftlicher Mitarbeiter am BGH 10 3 30,0% Bundesanwalt beim GBA 29 4 13,8% Oberstaatsanwalt beim GBA 35 5 14,3% Staatsanwalt beim GBA 23 1 4,3% Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim GBA - 16 - Im Ergebnis ist festzustellen (vgl. Tabelle E.4), dass sich die Akteure am BGH und beim GBA stärker beteiligten als etwa die Strafverteidiger und die Staatsanwälte. Die insgesamt hohen Beteiligungsanteile sprechen für die Repräsentativität der Ergebnisse des BGH-Fragebogens. Allerdings konnte nur einer der Staatsanwälte beim GBA für die Beteiligung an der Studie gewonnen werden. 6. Schwierigkeiten bei der Durchführung der Untersuchung Im Folgenden soll näher auf Probleme eingegangen werden, die bei der Durchführung des Moduls 4 aufgetreten sind. Insgesamt haben sich die Landesjustizverwaltungen bei der Umsetzung des Moduls 4 sehr hilfsbereit gezeigt. Zu Beginn des Projektes wurden die Justizministerien aller 16 Bundesländer gebeten, einen Ansprechpartner für das Forschungsprojekt zu benennen. Hierbei kam es zu kleineren Verzögerungen, bis alle Kontaktdaten vorlagen. Obwohl das Forschungsteam teilweise nicht von einem Wechsel der Ansprechpartner in Kenntnis gesetzt wurde, hatte dies keinen größeren Einfluss auf die ansonsten reibungslose Kommunikation. Entgegen den Erwartungen des Tübinger Projektteams war es weder den Kontaktpersonen der Landesjustizverwaltungen in den 16 Bundesländern noch den institutionellen Berufsrechts- und Interessenvertretungen der Rechtsanwälte möglich, das Schreiben mit dem Link zur Onlineumfrage direkt an die zu befragenden Zielpersonen weiterzuleiten.20 Vielmehr entstand der Eindruck, dass der Link auf von Bundesland zu Bundesland unter- 20 Eine Besonderheit ergab sich zusätzlich bei einigen wenigen RAK. Entgegen unserer Erwartung leiteten sie den genannten Link nicht intern weiter, sondern stellten ihn zeit- 203 II. Methodisches Vorgehen schiedlichen Wegen über die einzelnen Staatsanwaltschaften und Gerichte sowie bei der BRAK über die einzelnen Kammerbezirke weiterverbreitet wurde. Insgesamt blieb auch nach Abschluss der Umfrage der genaue Weiterleitungsprozess in den verschiedenen Institutionen unklar. Daher kann das Forschungsteam keine sichere Aussage darüber treffen, ob der Link zur Onlinebefragung auch tatsächlich an alle justiziellen Akteure weitergeleitet wurde. Eine flächendeckende Verbreitung wurde jedoch versucht dadurch sicherzustellen, dass nach einer gewissen Zeit des Bereitstellens der Umfrage in jedem Bundesland und bei der Bundesrechtsanwaltskammer eine Erinnerungsaktion erfolgte. Zur Erhöhung des Rücklaufs unter den Strafverteidigern wurde für die Dauer des Strafverteidigertages vom 22. bis 24.3.2019 der Link zur Umfrage auf der Homepage des Forschungsprojekts freigeschaltet und die Teilnehmer dieser Veranstaltung um den Aufruf des Links und die Beantwortung des Fragebogens gebeten. Zudem können gewisse Abweichungen zwischen den ermittelten und den tatsächlichen Grundgesamtheiten, wie bereits angedeutet, nicht ausgeschlossen werden (s.  Modul 5). Damit zusammenhängend weisen die Rücklaufquoten möglicherweise gewisse Ungenauigkeiten auf. Dennoch können die genannten Werte einen Eindruck vom Rücklauf vermitteln. Ein weiteres Problem stellt die unterschiedlich starke Beteiligung in den Bundesländern dar. Trotz nochmaliger Bitte um Unterstützung bei den Ansprechpartnern und daraufhin durchgeführter Erinnerungsaktionen sind, gemessen an der Grundgesamtheit, in einigen Bundesländern einige Berufsgruppen deutlich unterrepräsentiert. So ist das Bundesland Hessen beispielsweise nur mit zwei Richtern (am Landgericht und Oberlandesgericht) in der Umfrage vertreten. Gründe für diese unterschiedliche Beteiligung in den einzelnen Bundesländern waren nicht zu ermitteln. 7. Vorgehen bei der Auswertung Sämtliche Berechnungen wurden mit der freien Software R21 durchgeführt. Die Verteilungen der Antworthäufigkeiten werden in Tabellen oder in Balkendiagrammen dargestellt, wobei auf der Ordinate stets die relative Häufigkeit in Prozent abgetragen ist. Beim Vergleich verschiedener Häufigkeitsverteilungen nach Kategorien (z. B. über alle Berufsgruppen hinweg) ist auf der Ordinate jeweils die relative Häufigkeit in Prozent innerhalb der weise auf ihrer öffentlich zugänglichen Homepage ein, um so die Rechtsanwälte in ihrem Kammerbezirk über die Studie zu informieren. Durch ein solches Vorgehen ist nicht vollständig ausgeschlossen, dass auch justizfremde Personen an der Befragung teilgenommen haben. 21 Version 3.6.0.; R Core Team, 2019. 204 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) jeweiligen Kategorie abgetragen, sodass sich die prozentualen Häufigkeiten innerhalb jeder Kategorie zu 100% aufsummieren. Eine statistische Überprüfung der Ergebnisse erfolgt lediglich bei einigen ausgewählten Fragestellungen, die als besonders zentral für die Untersuchung erachtet werden. Dadurch sollen einerseits statistisch belastbare Aussagen über die wichtigsten Teilergebnisse ermöglicht werden, während andererseits die Kumulation der Irrtumswahrscheinlichkeit α begrenzt wird.22 Dazu werden, sofern nicht anders angegeben, Pearsons Chi-Quadrat- Homogenitätstests verwendet. Mit diesem statistischen Verfahren kann geprüft werden, ob sich die Verteilung von Häufigkeiten in diversen Antwortkategorien (z. B. „sehr häufig“, „häufig“, „selten“, „nie“) zwischen mehreren Subgruppen (z. B. Richter, Staatsanwälte, Strafverteidiger) unterscheidet. Zur Untersuchung möglicher Unterschiede bei der Verständigungspraxis zwischen den Bundesländern werden zusätzliche Analysen durchgeführt (s. Anhang B). Dabei sollen etwaige Differenzen zwischen nord- und süd- sowie zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern untersucht werden. Zusätzlich wird eine Clusteranalyse vorgenommen, um möglicherweise bestehende Ähnlichkeiten in den Antwortmustern der justiziellen Akteure aus verschiedenen Bundesländern zu berücksichtigen. Komplexere Zusammenhänge in Bezug auf die Häufigkeit der informellen Absprachen werden mit Hilfe von ordinalen Regressionsmodellen explorativ untersucht (s. Anhang C). Durch den Vergleich verschiedener Regressionsmodelle kann überprüft werden, welchen Einfluss bestimmte Variablen („Prädiktoren“) auf eine oder mehrere „abhängige Variable(n)“ haben. In einem Modellvergleich (z.  B. durch Likelihood-Verhältnistests) kann dann bestimmt werden, welche Prädiktoren entscheidend dazu beitragen, die Ausprägung der abhängigen Variable(n) vorhersagen zu können. Aufgrund der kategorischen Natur der erhobenen Daten (z. B. Antwortkategorien „sehr häufig“ bis „nie“) eignet sich hierbei ein Vorgehen mit ordinalen Regressionsmodellen besser als ein Vorgehen mit üblicheren Methoden wie z. B. linearen Regressionsmodellen. Bei den offenen Fragen werden die entsprechenden Freitext-Antworten mit Hilfe des Programms MAXQDA 12® (VERBI Software, 2017) nach in- 22 Bei jedem statistischen Test wird eine sog. Irrtumswahrscheinlichkeit α, in der Regel in Höhe von 5%, festgelegt. Bei der Durchführung mehrerer statistischer Tests innerhalb einer Stichprobe kumuliert sich diese Irrtumswahrscheinlichkeit auf, wodurch die festgelegte Grenze von 5% überschritten wird. Dieser „α-Kumulierung“ kann mit Hilfe sogenannter „α-Korrekturen“ entgegengewirkt werden. Bei zu vielen Tests kann dadurch jedoch die Aussagekraft der einzelnen statistischen Verfahren abnehmen, weshalb davon abgeraten werden muss, innerhalb einer Stichprobe zu viele statistische Hypothesentests durchzuführen. Für die hier insgesamt m = 35 durchgeführten Hypothesentests wurde die Irrtumswahrscheinlichkeit α gemäß der Šidák-Korrektur angepasst, sodass gilt: αSID = 1 - (1 - α)1/m = 0.0015 mit α = 0.05. 205 II. Methodisches Vorgehen haltlichen Kriterien kategorisiert und in Häufigkeitstabellen übertragen. In den Tabellen wird in einer Spalte die relative Häufigkeit in Prozent in Bezug auf die Gesamtzahl aller Teilnehmer abgebildet, in einer zweiten Spalte die relative Häufigkeit in Prozent in Bezug auf diejenigen Teilnehmer, die die offene Frage beantwortet haben (Antworten wie „Nein“ oder „-“ werden dabei ausgeschlossen).23 Einige der Freitext-Antworten werden als Beispiele für charakteristische Aussagen der Teilnehmer zitiert. Dabei wurden vor allem besonders anschauliche Antworten ausgewählt, um einen Eindruck von prägnanten Antworten zu ermöglichen. Die Repräsentativität dieser beispielhaft ausgewählten Freitext-Antworten ist selbstverständlich gering. Beim BGH-Fragebogen handelt es sich im Vergleich zum Hauptfragebogen um eine eher explorative Erhebung, mit der zusätzlich Hintergrundwissen zur Interpretation der Gesamtergebnisse gewonnen werden sollte. Sowohl die Grundgesamtheit als auch die Anzahl der tatsächlich Befragten ist trotz eines guten Rücklaufs relativ gering (s. Tabelle E.4), sodass bei der Auswertung der Ergebnisse des BGH-Fragebogens von der Durchführung statistischer Tests abgesehen wird. Die Präsentation der entsprechenden Ergebnisse des BGH-Fragebogens erfolgt daher ausschließlich auf einer deskriptiven Ebene. 8. Methodische Einschränkungen Die unterschiedlichen Rücklaufquoten in den Bundesländern wirken sich auch auf die Auswertung der Ergebnisse aus. Aufgrund der stark variierenden Teilnehmerhäufigkeiten können die einzelnen Bundesländer kaum sinnvoll miteinander verglichen werden. Aus diesem Grund wurden bei den Fragen 6 sowie 25a und b eine Clusteranalyse sowie Nord/Süd- bzw. Ost/West-Vergleiche vorgenommen. Grundsätzlich müssen einige methodische Einschränkungen bei der quantitativen Auswertung ordinalskalierter Daten24 benannt werden. So ist beispielsweise aus mathematischen Gründen die Berechnung weit verbreiteter Kennwerte (z.  B. arithmetischer Mittelwerte) für ordinale Antwortmuster als kritisch zu betrachten, da eine solche Vorgehensweise mit großen 23 Anmerkung: Aufgrund der Ungenauigkeiten bei der Rundung auf eine Nachkommastelle können zwei Kategorien in der ersten Spalte identische Prozentwerte aufweisen, während sich die Prozentwerte in der zweiten Spalte unterscheiden. 24 D. h. bei Daten, bei denen lediglich eine aufsteigende Ordnung angenommen werden kann („sehr häufig“ ist häufiger als „häufig“), nicht jedoch Annahmen über die Intervalle zwischen den Antworten getroffen werden können (z. B., dass der Abstand zwischen „nie“ und „selten“ genauso groß ist wie der zwischen „häufig“ und „sehr häufig“). 206 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Informationsverlusten und damit zusammenhängenden Ungenauigkeiten verbunden ist.25 Dadurch werden auch die verfügbaren statistischen Instrumente eingeschränkt und müssen sorgfältiger ausgewählt werden als bei Daten eines höheren Skalenniveaus. Auch ist der Umgang mit der Ausweichkategorie „keine Erfahrungswerte“ aus mehreren Gründen nicht trivial. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass justizielle Akteure diese Kategorie wählen, weil sie auf eine Frage keine konkrete Antwort geben möchten, auch wenn sie es könnten. Diese Antwortoption misst also nicht nur eine mangelnde Erfahrung in dem jeweils der Frage zugrundeliegenden Thema, sondern möglicherweise auch eine geringe Antwortbereitschaft. Zudem ist denkbar, dass diese Option von einigen Teilnehmern ausgewählt wird, die sich ihrer Antwort unsicher sind. Daraus resultiert das Problem, wie man bei der statistischen Auswertung von Fragen mit einer derartigen Ausweichkategorie umgeht. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: die Antworten in der Ausweichkategorie auszuschließen oder sie mit zu berücksichtigen. Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. In der vorliegenden Studie wurden die Antworten der Ausweichkategorie einbezogen, da Unterschiede in den entsprechenden Antworthäufigkeiten ebenfalls wichtige Informationen enthalten (können), wie etwa über ein sozial erwünschtes Verhalten der Teilnehmer und über den Grad der Sensitivität verschiedener Fragen. Eine weitere Schwierigkeit bei der Betrachtung der Ergebnisse sind möglicherweise vorliegende, schwer zu überprüfende Selektionseffekte bei der Beteiligung an der angebotenen Befragung. Grundsätzlich können – wie bereits erwähnt – solche Effekte bei Umfragen mit freiwilliger Teilnahme immer vorliegen. Jedoch kann die Diskussion möglicher Selektionseffekte Aufschluss über etwaige Verzerrungen diverser Ergebnisse ermöglichen. In dieser Erhebung könnte beispielsweise ein Selektionseffekt dahingehend vorliegen, dass sich justizielle Akteure, die häufig informelle Absprachen vornehmen, erst gar nicht an der Studie beteiligt haben. Auf Seiten der Staatsanwälte könnte ein Misstrauen gegenüber der Umfrage dadurch entstanden sein, dass diese den Link zur Umfrage von den Landesjustizverwaltungen bzw. Generalstaatsanwaltschaften und damit von übergeordneten Behörden erhielten und somit eine Art Kontrolle befürchtet wurde. Auch den Richtern wurde der Link durch die Landesjustizverwaltungen und die Präsidenten der Oberlandesgerichte übermittelt. Trotz richterlicher Unabhängigkeit und zugestandener Anonymität könnten sie sich durch diesen Verteilungsweg besonders verpflichtet gefühlt haben, sozial erwünscht zu antworten oder auf eine Teilnahme gar gänzlich zu verzichten. 25 Stevens, Science Vol. 103 1946, S. 677–680; Erdfelder/Mausfeld/Meiser/Rudinger/Niederée/ Mausfeld, Handbuch psychologischer Methoden, 1996, S. 399–410. 207 III. Ergebnisse Möglicherweise haben auch gerade diejenigen justiziellen Akteure an der Studie nicht teilgenommen, die informelle Absprachen in ihrer Praxis für unerlässlich halten und die daher die derzeit geltenden Regelungen beibehalten möchten. Vor allem Richter und Staatsanwälte könnten (aufgrund ihrer besonderen Rolle in der Gesellschaft, s. o.) befürchten, durch ungeschminkte Erfahrungsberichte zu einer Verschärfung der Regelungen beizutragen. III. Ergebnisse Zunächst werden die Ergebnisse des Haupt-, dann die des BGH-Fragebogens erläutert. Die Darstellung richtet sich nach der Anordnung der Fragen im Erhebungsbogen, so dass erst die Antworten auf allgemeine Fragen zur Tätigkeit (Fragen 1–4) analysiert werden. In einem zweiten Block geht es um die Verständigungspraxis (Fragen 6–24), dann um die Handhabung informeller Absprachen (Fragen 25–38). Den Abschluss bilden Auswertungen zur Transparenz und Dokumentation (Fragen 39–46). Entsprechend werden die Ergebnisse des BGH-Fragebogens referiert sowie die Resultate der ordinalen Regression. 1. Ergebnisse des Hauptfragebogens Den Auftakt des Hauptfragebogens bilden einige allgemeine Fragen zur jeweiligen beruflichen Tätigkeit der befragten Akteure. a) „Fragen zu Ihrer Tätigkeit“ Frage 1: Welcher der folgenden Berufsgruppen gehören Sie an? Tabelle E.5 Verteilung der Befragten nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0.26 Anzahl Prozent Richter 591 37,7% Staatsanwälte 590 37,7% Strafverteidiger 386 24,6% Die Strafverteidiger bilden die kleinste Gruppe der Teilnehmer, Richter und Staatsanwälte sind nahezu gleich häufig vertreten. 26 N bezeichnet die gesamte Datenbasis, n die Anzahl der einbezogenen Fälle, F die fehlenden Werte (Differenz von N und n). 208 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 2: In welchem Bundesland sind Sie (überwiegend) tätig? Tabelle E.6 Verteilung der Befragten nach Bundesland; N = 1567, n = 1567, F = 0. Anzahl Prozent Baden-Württemberg 207 13,2% Bayern 212 13,5% Berlin 102 6,5% Brandenburg 35 2,2% Bremen 34 2,2% Hamburg 67 4,3% Hessen 55 3,5% Mecklenburg-Vorpommern 28 1,8% Niedersachsen 167 10,7% Nordrhein-Westfalen 291 18,6% Rheinland-Pfalz 65 4,1% Saarland 36 2,3% Sachsen 126 8,0% Sachsen-Anhalt 28 1,8% Schleswig-Holstein 46 2,9% Thüringen 68 4,3% Die Verteilung der befragten Akteure nach den Bundesländern ist sehr inhomogen. In den großen Teilnehmerzahlen aus Nordrhein-Westfalen (291), Bayern (212), Baden-Württemberg (207) und Niedersachsen (167) spiegelt sich auch die Bevölkerungsanzahl der Bundesländer wider. Auffällig ist auch hier die relativ geringe Beteiligung in Hessen (55). Frage 3: Bei welchem Gericht sind Sie tätig/treten Sie überwiegend auf? (Anmerkung: Frage nicht an Strafverteidiger gestellt)27 Tabelle E.7 Verteilung der Befragten nach dem Tätigkeitsschwerpunkt; N = 1567, n = 1181, F = 386. Anzahl Prozent Amtsgericht 581 49,2% Landgericht 570 48,3% Oberlandesgericht 25 2,1% Bundesgerichtshof 5 0,4% Erwartungsgemäß sind nur wenige Befragte überwiegend am Bundesgerichtshof oder am Oberlandesgericht tätig. Die Gruppen der Akteure am Amtsgericht und am Landgericht sind ungefähr gleich groß. Aufgrund der sehr geringen Anzahl der Teilnehmer, welche überwiegend beim OLG oder BGH tätig sind, werden für nachfolgende vergleichende Betrachtungen lediglich die Akteure an Amts- und Landgericht berücksichtigt. Ferner muss 27 Filterungen dieser Art beeinflussen selbstverständlich die fehlenden Werte F. 209 III. Ergebnisse beachtet werden, dass Richter in der Regel einen eindeutigen Tätigkeitsschwerpunkt (Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht oder Bundesgerichtshof) haben, während Staatsanwälte im Allgemeinen an mehreren Gerichten (insbesondere Amts- und Landgericht) auftreten. Tabelle E.8 Verteilung der Befragten nach Berufsgruppe und nach dem Tätigkeitsschwerpunkt; N = 1567, n = 1181, F = 386. Richter Staatsanwälte Anzahl Prozent Anzahl Prozent Amtsgericht 276 46,7% 305 51,6% Landgericht 294 49,7% 276 46,7% Oberlandesgericht 17 2,9% 8 1,4% Bundesgerichtshof 4 0,7% 1 0,2% Frage 4: Wie viele Jahre sind Sie schon insgesamt in der Strafjustiz/Strafverteidigung tätig? Tabelle E.9 Verteilung der Befragten nach Berufserfahrung; N = 1567, n = 1567, F = 0. Anzahl Prozent weniger als 5 Jahre 270 17,2% 5 bis 10 Jahre 289 18,4% 11 bis 15 Jahre 250 16,0% 16 bis 20 Jahre 239 15,3% 21 bis 25 Jahre 256 16,3% 26 bis 30 Jahre 173 11,0% mehr als 30 Jahre 90 5,7% Die Angaben der Teilnehmer zu ihrer Berufserfahrung sind über die Kategorien hinweg annähernd gleich verteilt. Lediglich die Kategorie „mehr als 30 Jahre“ ist – aus nachvollziehbaren Gründen – vergleichsweise unterbesetzt. 210 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) b) „Allgemeine Einschätzung zur Verständigungspraxis in Ihrer derzeitigen beruflichen Praxis“ Frage 6: Wie häufig geht Urteilen in Verfahren, an denen Sie beteiligt sind, eine Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO voraus?28, 29 Tabelle E.10 Verteilungen der Antworten auf Frage 6 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0. sehr häufig häufig selten nie Gesamt 1,0% 15,9% 75,7% 7,3% Richter 0,3% 12,2% 75,0% 12,5% Staatsanwälte 0,7% 15,6% 78,1% 5,6% Strafverteidiger 2,6% 22,0% 73,3% 2,1% Rund drei Viertel der Teilnehmer berichten, in Verfahren, an denen sie beteiligt sind, kämen Verständigungen nur „selten“ vor. Im Antwortverhalten besteht jedoch ein signifikanter Unterschied zwischen den Berufsgruppen.30 Strafverteidiger berichten die höchste Häufigkeit von Verständigungen. Fast ein Viertel von ihnen gibt an, dass in ihren Verfahren dem Urteil „häufig“ oder gar „sehr häufig“ eine Verständigung vorausgehe. Verteilung der Antworten nach dem Tätigkeitsschwerpunkt:31 Tabelle E.11 Verteilung der Antworten auf Frage 6 nach dem Tätigkeitsschwerpunkt; N = 1567, n = 1181, F = 386. Anmerkung: bei der Differenzierung nach dem Tätigkeitsschwerpunkt sind nur Richter und Staatsanwälte enthalten. sehr häufig häufig selten nie Amtsgericht 0,3% 9,3% 78,5% 11,9% Landgericht 0,5% 18,6% 75,8% 5,1% 28 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 1a (S. 4). 29 Anmerkung: Künftig erfolgt zur besseren Übersichtlichkeit i.d.R. nur eine prozentuale Darstellung. Die Anzahl der Teilnehmer, welche die jeweilige Frage beantworten, wird stets angegeben (n). Bei Frage 5 handelte es sich nur um eine Instruktion. Sie wird daher hier ausgespart. 30 χ²(4) = 59.87, p < αSID; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 31 Anmerkung: Bei der Betrachtung der Antworten nach dem Tätigkeitsschwerpunkt besteht aufgrund der Bedeutung dieses Begriffs für die Staatsanwälte (s. Frage 3) im Allgemeinen eine Besonderheit. So kann hier nur mittelbar auf die Prävalenz von Verständigungen am Amts- oder Landgericht geschlossen werden. Ein Staatsanwalt mit Tätigkeitsschwerpunkt am Amtsgericht könnte z. B. die meisten Verständigungen am Landgericht beobachten, wäre in Tabelle E.11 aber trotzdem unter „Amtsgericht“ aufgeführt. 211 III. Ergebnisse Formelle Verständigungen werden von den Befragten, die als ihren Tätigkeitsschwerpunkt das Landgericht nennen, signifikant häufiger berichtet als von solchen, die überwiegend am Amtsgericht beschäftigt sind.32 Frage 7: Zu welchem Zeitpunkt und wie häufig geht in den Verfahren, an denen Sie beteiligt sind, dem Urteil eine Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO voraus?33 Tabelle E.12 Verteilungen der Antworten auf Frage 7 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0. Im Ermittlungsverfahren sehr häufig häufig selten nie Gesamt 0,8% 4,2% 27,0% 68,0% Richter 0,0% 0,5% 11,5% 88,0% Staatsanwälte 0,5% 3,2% 33,9% 62,4% Strafverteidiger 2,6% 11,4% 40,2% 45,9% Im Zwischenverfahren sehr häufig häufig selten nie Gesamt 0,3% 2,7% 30,6% 66,4% Richter 0,2% 2,0% 26,9% 70,9% Staatsanwälte 0,5% 2,0% 28,8% 68,6% Strafverteidiger 0,3% 4,7% 38,9% 56,2% Im Hauptverfahren vor der Hauptverhandlung sehr häufig häufig selten nie Gesamt 1,0% 10,5% 48,2% 40,3% Richter 0,5% 6,9% 43,0% 49,6% Staatsanwälte 1,5% 9,8% 49,8% 38,8% Strafverteidiger 0,8% 17,1% 53,9% 28,2% Im Hauptverfahren während der Hauptverhandlung sehr häufig häufig selten nie Gesamt 5,9% 23,2% 62,3% 8,6% Richter 5,1% 16,4% 64,6% 13,9% Staatsanwälte 5,3% 23,6% 64,6% 6,6% Strafverteidiger 8,3% 32,9% 55,2% 3,6% Verständigungen gemäß den Vorschriften der StPO scheinen vor allem im Rahmen der Hauptverhandlung stattzufinden. Zahlenmäßig relevant sind aber auch noch Verständigungen im Hauptverfahren vor der Hauptverhandlung. Im Ermittlungsverfahren und im Zwischenverfahren erfolgen Verständigungen dagegen eher selten oder nie. Bei allen Antwortoptionen berichten Strafverteidiger die höchste und Richter die niedrigste Häufigkeit. Beispielsweise geben 14,0% der Strafverteidiger, jedoch nur 0,5% der 32 χ²(2) = 33.90, p < αSID; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 33 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 1e (S. 6). 212 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Richter an, eine Verständigung im Ermittlungsverfahren sei „häufig“ oder „sehr häufig“. Frage 8: Wie häufig geht in Ihrer Praxis einem Strafbefehl eine Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO voraus?34 Abbildung E.1 Verteilungen der Antworten auf Frage 8 über alle Teilnehmer (links) und nach Berufsgruppe (rechts); N = 1567, n = 1567, F = 0. Insgesamt geben 63,1% der Akteure an, dass einem Strafbefehl eine Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO „selten“ oder gar „nie“ vorausgeht. Dabei ist die Diskrepanz im Antwortverhalten zwischen den Berufsgruppen erneut auffällig groß. Strafverteidiger antworten deutlich häufiger mit „häufig“ oder „sehr häufig“ auf diese Frage als Angehörige der anderen beiden Berufsgruppen. Ein hoher Anteil der Richter berichtet hier, über „keine Erfahrungswerte“ zu verfügen. 34 Die Frage nach der Anwendbarkeit des §  257c StPO im Strafbefehlsverfahren ist nicht abschließend geklärt. Gemäß §  160b S.  1 StPO kann die Staatsanwaltschaft den Stand des Verfahrens mit den Verfahrensbeteiligten erörtern, soweit dies geeignet erscheint, das Verfahren zu fördern. Diskutabel ist daher, ob der Strafbefehl nach § 160b StPO Gegenstand von Verständigungen sein kann oder ob § 160b StPO ein gesondertes konsensuales Element darstellt. Antworten auf die Frage 10 zeigen (s. u.), dass auch dem Strafbefehl vorausgehende Gespräche als Verständigungen aufgefasst werden. In der Literatur ist diese Streitfrage nicht abschließend geklärt: vgl. Sauer/Münkel, Absprachen im Strafprozess, 2. Aufl. 2014, S. 70 ff.; Sackreuther in: BeckOK StPO, 35. Edition Stand 1.10.2019, § 160b StPO Rn. 1, 2; Schmitt in: Meyer-Goßner/Schmitt, 62 Aufl. 2019, § 160b StPO Rn. 6; Eckstein in: MüKoStPO, 1. Aufl. 2019, § 407 StPO Rn. 28–32. 213 III. Ergebnisse Frage 9: Wie häufig kommt es in Ihrer Praxis bei den folgenden Arten von Verfahren oder Delikten zu Verständigungen?35 Tabelle E.13 Verteilung der Antworten auf Frage 9; N = 1567, n = 1567, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 7,5% 25,1% 14,2% 2,6% 50,7% speziell Steuerstrafsachen 6,9% 17,5% 9,2% 2,9% 63,6% Betäubungsmitteldelikte 2,4% 21,2% 40,2% 9,3% 26,9% Straftaten gegen das Leben 0,1% 0,9% 10,3% 35,2% 53,5% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,3% 6,8% 53,5% 24,3% 15,3% Betrugsdelikte 1,6% 23,4% 52,1% 11,4% 11,6% Verkehrsdelikte 1,1% 5,7% 30,0% 29,4% 33,9% Straftaten gegen die Umwelt 0,8% 3,8% 10,5% 10,2% 74,7% Gemäß § 257c Abs. 1 S. 1 StPO kann sich das Gericht in geeigneten Fällen mit den Verfahrensbeteiligten verständigen. Theoretisch können daher alle Verfahrensarten/Delikte einer Verständigung zugänglich sein. Nach den Angaben der Befragten scheinen vor allem bei Wirtschaftsstrafsachen (32,6% mit Angaben „häufig“ oder „sehr häufig“), Betrugsdelikten (25,0%), Steuerstrafsachen (24,4%) und Betäubungsmitteldelikten (23,6%) Verständigungen gemäß den Vorschriften der StPO in der Praxis relativ verbreitet zu sein. Am anderen Ende der Skala befinden sich die Straftaten gegen das Leben (nur 1,0%). Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Tabelle E.14 Verteilung der Antworten der Richter auf Frage 9; N = 591, n = 591, F = 0. Richter sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 3,6% 15,6% 14,4% 4,9% 61,6% speziell Steuerstrafsachen 3,0% 10,2% 9,1% 4,7% 72,9% Betäubungsmitteldelikte 1,9% 18,4% 45,9% 15,9% 17,9% Straftaten gegen das Leben 0,0% 0,3% 6,1% 33,0% 60,6% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,2% 3,6% 48,4% 34,3% 13,5% Betrugsdelikte 0,5% 17,1% 55,2% 15,9% 11,3% Verkehrsdelikte 0,5% 2,2% 24,2% 33,8% 39,3% Straftaten gegen die Umwelt 0,0% 1,0% 8,8% 15,2% 75,0% 35 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 1d (S. 6). 214 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Tabelle E.15 Verteilung der Antworten der Staatsanwälte auf Frage 9; N = 590, n = 590, F = 0. Staatsanwälte sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 5,6% 23,6% 11,4% 1,2% 58,3% speziell Steuerstrafsachen 5,4% 14,9% 8,0% 1,9% 69,8% Betäubungsmitteldelikte 1,5% 18,0% 31,0% 5,1% 44,4% Straftaten gegen das Leben 0,3% 0,3% 8,0% 25,6% 65,8% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,3% 4,6% 53,4% 19,5% 22,2% Betrugsdelikte 1,9% 21,9% 51,7% 9,3% 15,3% Verkehrsdelikte 0,5% 3,7% 29,7% 28,0% 38,1% Straftaten gegen die Umwelt 0,3% 3,6% 8,5% 6,9% 80,7% Tabelle E.16 Verteilung der Antworten der Strafverteidiger auf Frage 9; N = 386, n = 386, F = 0. Strafverteidiger sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 16,3% 42,0% 18,4% 1,0% 22,3% speziell Steuerstrafsachen 15,0% 32,6% 11,1% 1,6% 39,6% Betäubungsmitteldelikte 4,4% 30,3% 45,6% 5,7% 14,0% Straftaten gegen das Leben 0,0% 2,6% 20,2% 53,1% 24,1% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,3% 15,0% 61,4% 16,1% 7,3% Betrugsdelikte 2,8% 35,5% 47,9% 7,5% 6,2% Verkehrsdelikte 2,8% 14,0% 39,4% 24,6% 19,2% Straftaten gegen die Umwelt 2,6% 8,5% 16,1% 7,5% 65,3% Insgesamt schätzen die Strafverteidiger die Häufigkeiten von Verständigungen bei allen Verfahrensarten und Delikten am höchsten ein, die Richter am niedrigsten. Wirtschaftsstrafsachen, Betrugsdelikte, Steuerstrafsachen und Betäubungsmitteldelikte werden von allen Berufsgruppen als die strafrechtlichen Felder angesehen, bei denen es am häufigsten zu Verständigungen kommt. Von den vier Verfahrensarten/Delikten der Spitzengruppe liegt bei den Steuerstrafsachen die größte Diskrepanz in der Einschätzung der Berufsgruppen vor. Die Richter schätzen Verständigungen auf diesem Gebiet als seltener ein als bei Wirtschaftsstrafsachen, Betrugsdelikten und Betäubungsmitteldelikten. Aus Sicht der Strafverteidiger finden nur bei Wirtschaftsstrafsachen mehr Verständigungen nach § 257c StPO statt. 215 III. Ergebnisse Frage 10: Sind Ihnen aus Ihrer eigenen Praxis weitere Arten von Verfahren oder Delikten bekannt, bei denen es zu Verständigungen kommt? Wenn ja, welche?36 (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.17 Verteilung der Antworten auf Frage 10 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 313, F = 1254. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (313) in Prozent Amtsdelikte 0,1% 0,6% Betrugsdelikte 0,6% 2,9% Brandstiftungsdelikte 0,3% 1,3% Cybercrime 0,3% 1,3% Eigentumsdelikte (z. B. Diebstahl) 5,9% 29,4% Hehlerei 0,4% 2,2% Insolvenzstrafsachen 0,1% 0,3% Jugendstrafverfahren 0,3% 1,3% Korruptionsdelikte 0,1% 0,6% Nachstellung 0,4% 2,2% Ordnungswidrigkeiten 0,5% 2,6% Organisierte Kriminalität 0,1% 0,6% Raub/räuberische Erpressung 1,0% 5,1% Sexualdelikte/Besitz und Ansehen von Kinderpornographie 8,5% 42,8% Staatsschutz 0,4% 1,9% Straftaten nach dem Aufenthaltsgesetz 0,3% 1,3% Untreuedelikte 0,7% 3,5% Im offenen Antwortformat geben die Teilnehmer als zusätzliche Verfahren oder Delikte, in denen es zu Verständigungen gemäß den Vorschriften der StPO kommt, vor allem Sexualdelikte, insbesondere den Besitz und das Ansehen von Kinderpornographie (8,5% aller Befragten) sowie Eigentumsdelikte (z. B. Diebstahl) (5,9%) an. Nach Aussage eines Staatsanwalts, welcher überwiegend am Landgericht auftritt, komme zudem die „Verständigung im Ermittlungsverfahren über Strafbefehl mit Freiheitsstrafe und Therapieauflage im Bewährungsbeschluss“ recht häufig vor.37 Ein Richter am Amtsgericht berichtet ferner, dass prinzipiell „alle Delikte einer Verständigung zugänglich“ seien. Es sei immer eine Frage von „Beweislage und angebotener Strafe“. Er gibt an, insbesondere bei Sexualstraftaten Verständigungen durchzuführen, „um dem Opfer eine (ausführliche) Vernehmung zu ersparen“. 36 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 1d (S. 6). 37 Im Folgenden werden alle Zitate ungeachtet etwaiger sprachlicher oder grammatikalischer Fehler in unveränderter Form in Anführungszeichen wiedergegeben. 216 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Ein Staatsanwalt, der überwiegend am Amtsgericht aufritt, äußert, Verständigungen gemäß § 257c StPO träten generell bei Verfahren der „Allgemeinkriminalität“ auf, vor allem bei Diebstahlsdelikten mit Mehrfachtätern. Frage 11: Wie häufig kommt es in Ihrer Praxis vor, dass ein Alternativstrafrahmen für das Scheitern einer Verständigung angegeben wird?38 Abbildung E.2 Verteilungen der Antworten auf Frage 11 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0. Die Antworten auf diese Frage streuen recht breit: Während die Hälfte der Befragten eine Angabe von Alternativstrafrahmen aus ihrer Praxis nicht kennt, halten rund 10% eine solche Vorgehensweise für „(sehr) häufig“ und rund 20% für „selten“. Strafverteidiger äußern eher als Richter oder Staatsanwälte die Auffassung, dass ein Alternativstrafrahmen „häufig“ oder „sehr häufig“ für das Scheitern einer Verständigung angegeben wird. 38 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 217 III. Ergebnisse Frage 12: Wie hoch ist Ihrer eigenen Praxis nach üblicherweise der Strafnachlass für den Angeklagten nach einer vorangegangenen Verständigung?39 Abbildung E.3. Verteilungen der Antworten auf Frage 12 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0. Auch hier zeigen sich in den Antworten deutliche Unterschiede. Der approximierte mittlere Strafnachlass (berechnet durch die geschätzten mittleren Prozentzahlen aller Kategorien; Ausschluss der Kategorie „keine Erfahrungswerte“) beträgt 20,8% bei den Angaben aller Berufsgruppen, 19,1% bei denen der Richter, 21,1% bei denen der Staatsanwälte und 22,5% bei denen der Strafverteidiger. Bemerkenswert ist, dass vor allem Strafverteidiger vereinzelt berichten, dass der Strafnachlass „üblicherweise“ (!) einem Wert von 50% nahekommen kann. 39 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 218 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 13: Wie häufig kommt es in Ihrer Praxis vor, dass trotz Angabe einer Ober- und Untergrenze der Strafe (vgl. § 257c Abs. 3 S. 2 StPO) allen Beteiligten klar ist, welche Strafe bei einer Verständigung ausgeurteilt wird? Abbildung E.4 Verteilungen der Antworten auf Frage 13 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1567, F = 0. Wiederum zeigen sich deutliche Unterschiede in der Einschätzung. 58,1% aller Teilnehmer geben an, dass trotz Angabe einer Ober- und Untergrenze der Strafe allen Beteiligten „häufig“ oder gar „sehr häufig“ klar sei, welche Strafe bei einer Verständigung ausgeurteilt wird. Vor allem Strafverteidiger scheinen sich sehr oft über das genaue Ergebnis im Klaren zu sein. Anders fällt auch hier das Antwortverhalten der Richter aus. Rund 40% geben an, es sei „selten“ oder auch „nie“ klar, welche Strafe am Ende der Verhandlung steht. Doch räumt auch ein ähnlich hoher Anteil dieser Berufsgruppe ein, dass das Ergebnis „häufig“ oder gar „sehr häufig“ klar sei. 219 III. Ergebnisse Frage 14: Wie häufig kommt es in Ihrer Praxis vor, dass Gespräche über eine mögliche Einstellung nach den §§  153, 153a StPO geführt werden, obwohl Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen noch nicht ausgeräumt wurden?40 Abbildung E.5 Verteilungen der Antworten auf Frage 14 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1552, F = 15. Anscheinend werden derartige Gespräche häufig geführt. Knapp die Hälfte der Teilnehmer berichten, dass derartige Unterhaltungen („sehr“) „häufig“ der Fall seien. Strafverteidiger geben auch hier mit rund 80% signifikant höhere Häufigkeiten an als Richter und Staatsanwälte.41 40 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 41 χ²(8) = 394.14, p < αSID. 220 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Verteilung der Antworten nach dem Tätigkeitsschwerpunkt:42 Abbildung E.6 Verteilung der Antworten auf Frage 14 nach dem Tätigkeitsschwerpunkt. Anmerkung: bei der Differenzierung nach Gericht sind nur Richter und Staatsanwälte enthalten; N = 1567, n = 1146, F = 421. Von denjenigen Richtern und Staatsanwälten, die (überwiegend) an Amtsgerichten tätig sind oder auftreten, werden Gespräche über Einstellungen nach den §§ 153, 153a StPO, obwohl Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen noch nicht ausgeräumt wurden, signifikant häufiger43 berichtet als von den Akteuren an den Landgerichten. 42 Zur Problematik des Tätigkeitsschwerpunkts s. Fn. 31. 43 χ²(4) = 51.58, p < αSID. 221 III. Ergebnisse Verteilung der Antworten nach Berufsgruppe und dem Tätigkeitsschwerpunkt:44 Abbildung E.7 Verteilung der Antworten auf Frage 14 nach dem Tätigkeitsschwerpunkt und nach Berufsgruppe; Richter: N = 591, n = 566, F = 25; Staatsanwälte: N = 590, n = 580, F = 10. Zwischen Richtern und Staatsanwälten bestehen bemerkenswerte Unterschiede: Richter am Amtsgericht führen signifikant45 häufiger als Richter am Landgericht Gespräche über die Einstellung nach den §§ 153, 153a StPO trotz Zweifeln an den Voraussetzungen dafür, während bei Staatsanwälten je nach Tätigkeitsschwerpunkt Amts- und Landgericht kein signifikanter Unterschied46 besteht. Hier liegt eine signifikante Interaktion47 vor, d. h. die „Gerichtsform“ beeinflusst die Antworthäufigkeiten je nach Berufsgruppe unterschiedlich. Das hängt selbstverständlich damit zusammen, dass Einstellungen nach §§ 153, 153a StPO nur bei Vergehen möglich sind, deren Bearbeitung eine Domäne der Amtsgerichte ist. 44 Zur Problematik des Tätigkeitsschwerpunkts s. Fn. 31. 45 χ²(4) = 89.95, p < αSID. 46 χ²(4) = 1.29, p = .863. 47 Überprüft durch ordinale Regressionsmodelle; s. E. V.3. 222 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 15: Was waren hierfür die häufigsten Gründe? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 14 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.18 Verteilungen der Antworten auf Frage 14 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe (Zustimmung in Prozent); N = 1567, n = 1228, F = 339. Arbeitsentlastung Vermeidung einer Hauptverhandlung Schwierige Beweislage Drohende Verfahrensverzögerung Gesamt 38,3% 43,6% 81,8% 40,2% Richter 23,1% 28,8% 86,1% 43,5% Staatsanwälte 38,4% 36,9% 87,1% 45,2% Strafverteidiger 53,6% 67,7% 70,2% 30,1% Eine schwierige Beweislage scheint unter allen Berufsgruppen am ehesten dafür ausschlaggebend zu sein, dass Gespräche über eine mögliche Einstellung nach den §§ 153, 153a StPO geführt werden, obwohl Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen noch nicht ausgeräumt wurden. Im Übrigen sind für Strafverteidiger eine Arbeitsentlastung und die Vermeidung einer Hauptverhandlung wichtigere Gründe für eine derartige Verhaltensweise als für Richter und Staatsanwälte. Nach Angabe eines Strafverteidigers würden derartige Gespräche dann geführt, wenn die Verteidigung „konkrete sachdienliche Anträge“ ankündigt und dadurch den Verfahrensdruck erhöhe. Ferner kämen nach Angaben eines anderen Strafverteidigers solche Unterredungen in den Fällen vor, in denen die Belastung für den Mandanten als zu hoch eingeschätzt werde, insbesondere aber auch dann, wenn „kein Vertrauen in ein gerechtes/freisprechendes Urteil“ vorhanden sei. Darüber hinaus ist laut einem Staatsanwalt „wirkliches Bagatellgeschehen“ ein häufiger Grund für ein solches Vorgehen, da hier „weitere Ermittlungen im Kontext mit Gesamtbelastung ‚unverhältnismäßig‘“ seien. 223 III. Ergebnisse Frage 16: Sind Ihnen typische Konstellationen bekannt, in denen von den §§ 153, 153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung Gebrauch gemacht wird? Wenn ja, welche?48 (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.19 Verteilung der Antworten auf Frage 16 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 275, F = 1292. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (275) in Prozent Amtsgerichtliche Verfahren 0,6% 3,6% Arbeitsintensive Fälle (im Vergleich zum Schuldvorwurf) 0,6% 3,3% Bagatelldelikte 0,5% 2,9% bei drohendem Freispruch 1,5% 8,7% bei Ersttätern 0,6% 3,6% Betrugsfälle 1,0% 5,8% Fahrlässigkeitsdelikte 0,6% 3,3% kein Interesse mehr an der Strafverfolgung seitens des Opfers 0,3% 1,8% Körperverletzungsdelikte 1,6% 9,1% Komplizierte Sach- und Rechtslage 0,4% 2,5% Rechtsfolgen wären im Fall eines Urteils unangemessen 0,3% 1,8% Schadenswiedergutmachung 0,9% 5,1% schwierige Beweislage 1,9% 10,9% Steuerdelikte 0,8% 4,7% Täter-Opfer-Ausgleich 0,6% 3,6% umfangreiche Beweisaufnahme 2,4% 13,8% Verkehrsdelikte 1,3% 7,6% Vermeidung der öffentlichen Hauptverhandlung 0,3% 1,8% Wirtschaftsstrafverfahren 1,0% 5,8% Die Teilnehmer geben als typische Konstellationen, in denen von den §§ 153, 153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung Gebrauch gemacht wird, vor allem solche mit umfangreicher Beweisaufnahme (2,4% aller Befragten/13,8% der Freitexteinträge), schwieriger Beweislage (1,9%/10,9%), Körperverletzungsdelikten (1,6%/9,1%) und bei drohendem Freispruch (1,5%/8,7%) an. Ein Strafverteidiger führt beispielsweise aus, dass das „Vermeiden einer umfangreichen Beweisaufnahme mit (für alle Seiten) unsicherem Ausgang“ maßgebend für das Ausweichen auf die §§ 153, 153a StPO sei. Von diesen Vorschriften werde auch als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung Gebrauch gemacht, um „außerstrafrechtliche Nebenfolgen (z. B. im Hinblick auf § 6 Abs. 2 GmbHG oder § 7 LuftSiG)“ zu vermeiden. 48 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 224 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Ein weiterer Strafverteidiger gibt an, dass diese Konstellation „typischerweise am Amtsgericht auftritt, wenn andernfalls ein ungeplanter Fortsetzungstermin bzw. die Aussetzung des Verfahrens erforderlich werden würde“. Nach Aussagen eines Richters am Amtsgericht sei dieses Vorgehen typisch, wenn eine relativ geringe Schuld einem Verfahren mit unverhältnismäßigem Aufwand entgegenstehe. Als Beispiel wird hierfür folgender Fall angeführt: „Fahrlässige Körperverletzung im Straßenverkehr. Strafbefehl sah 20 Tagessätze vor. Mitverschulden des Verletzten. Es wären 4 Zeugen und – wahrscheinlich – 2 Dolmetscher zu laden.“ Frage 17: In welchem Verfahrensstadium wird eine Einstellung nach § 153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung eher in Betracht gezogen?49 (Anmerkung: Frage nur an Staatsanwälte gestellt) Tabelle E.20 Verteilung der Antworten auf Frage 17; N = 590, n = 572, F = 18. Vor Anklageerhebung (§ 153a Abs. 1 StPO) Nach Anklageerhebung (§ 153a Abs. 2 StPO) 51,0% 49,0% Eine Einstellung gemäß §  153a StPO wird den Antworten der Staatsanwälte zufolge etwa gleich häufig vor und nach der Anklageerhebung in Betracht gezogen. Frage 18: An welchen Kriterien orientiert sich am ehesten eine konkrete Auflage oder Weisung im Rahmen des § 153a StPO?50 (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.21 Verteilungen der Antworten auf Frage 18 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe (Zustimmung in Prozent); N = 1567, n = 1513, F = 54. Bezug zum Tatvorwurf Bezug zum/zur Täter/in Gesamt 72,2% 51,1% Richter 76,8% 56,9% Staatsanwälte 72,7% 48,3% Strafverteidiger 64,2% 46,1% Sowohl bei der Frage nach dem Bezug einer Auflage oder Weisung zum Tatvorwurf und zum Täter liegen Unterschiede zwischen den Antworten der Berufsgruppen vor. Beide Kriterien werden von Richtern am häufigsten und von Strafverteidigern am seltensten als Orientierungspunkt für die 49 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 50 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 225 III. Ergebnisse Anordnung einer konkreten Auflage oder Weisung im Rahmen des § 153a StPO genannt. Unter der Zusatzkategorie „Sonstiges“ gibt ein Strafverteidiger als weiteres Kriterium für eine solche Entscheidung die „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“ an. So erwarte die Staatsanwaltschaft bisweilen einen „konkreten Vortrag zur Einkommenssituation“. Außerdem sei eine Auflage oder Weisung „abhängig vom Erledigungsinteresse der Staatsanwaltschaft“. Auch ein Richter am Landgericht weist auf die „finanzielle Leistungsfähigkeit des Angeklagten“ als Gesichtspunkt hin. Ein Staatsanwalt nennt als Kriterium die andernfalls „zu erwartende Strafe“. Ein anderer Verteidiger erwähnt „Vereine, die den Richtern gefallen und um eine ‚Geldspende‘ bitten“. Frage 19: Wie häufig sind folgende andere gerichtliche Entscheidungen in Ihrer Praxis Gegenstand von Verständigungen?51 Tabelle E.22 Verteilung der Antworten auf Frage 19; N = 1567, n = 1509, F = 58. sehr häufig häufig selten nie Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO 8,7% 34,5% 34,7% 22,1% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 3,8% 20,8% 36,1% 39,3% Aufhebung oder Aussetzung eines Haftbefehls 1,5% 12,2% 34,4% 51,9% Strafaussetzung zur Bewährung generell 10,8% 41,7% 29,3% 18,2% Auflagen und Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 3,8% 25,0% 42,5% 28,8% Strafrestaussetzungen generell 1,4% 10,3% 24,2% 64,1% Die Antworten auf Frage 19 zeigen, welche weiteren Entscheidungen häufig Gegenstand von Verständigungen (§ 257c Abs. 2 S. 1 StPO) sind. Klar an der Spitze steht hier die Frage der Strafaussetzung zur Bewährung generell, bei der mehr als die Hälfte der Befragten (52,5%) der Ansicht ist, dass dieser Gesichtspunkt „häufig“ oder sogar „sehr häufig“ Gegenstand einer Verständigung ist. Daneben scheinen auch Verfahrenseinstellungen nach §§ 154, 154a StPO (43,5% mit [„sehr“] „häufig“) im Rahmen von Verständigungen eine besondere Rolle zu spielen. 51 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 226 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Tabelle E.23 Verteilung der Antworten der Richter auf Frage 19; N = 591, n = 578, F = 13. Richter sehr häufig häufig selten nie Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO 5,9% 25,8% 37,4% 31,0% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 2,8% 15,4% 31,8% 50,0% Aufhebung oder Aussetzung eines Haftbefehls 0,3% 5,7% 25,8% 68,2% Strafaussetzung zur Bewährung generell 7,6% 29,8% 34,9% 27,7% Auflagen und Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 2,9% 19,6% 41,2% 36,3% Strafrestaussetzungen generell 0,2% 5,9% 15,9% 78,0% Tabelle E.24 Verteilung der Antworten der Staatsanwälte auf Frage 19; N = 590, n = 572, F = 18. Staatsanwälte sehr häufig häufig selten nie Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO 7,0% 32,5% 37,6% 22,9% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 3,3% 18,0% 38,4% 40,3% Aufhebung oder Aussetzung eines Haftbefehls 1,2% 9,6% 34,3% 54,9% Strafaussetzung zur Bewährung generell 11,0% 43,1% 28,4% 17,5% Auflagen und Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 3,0% 18,9% 46,5% 31,6% Strafrestaussetzungen generell 2,1% 7,9% 21,5% 68,5% Tabelle E.25 Verteilung der Antworten der Strafverteidiger auf Frage 19; N = 386, n = 359, F = 27. Strafverteidiger sehr häufig häufig selten nie Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO 16,2% 51,5% 25,6% 6,7% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 6,1% 34,0% 39,6% 20,3% Aufhebung oder Aussetzung eines Haftbefehls 3,9% 26,7% 48,5% 20,9% Strafaussetzung zur Bewährung generell 15,6% 58,8% 21,4% 4,2% Auflagen und Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 6,4% 43,5% 38,2% 12,0% Strafrestaussetzungen generell 2,2% 21,4% 41,8% 34,5% 227 III. Ergebnisse Über alle Berufsgruppen hinweg wird die Strafaussetzung zur Bewährung generell am häufigsten und Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO am zweithäufigsten als Gegenstand von Verständigungen angegeben. Bei nahezu allen Antwortoptionen berichten die Strafverteidiger die höchsten und die Richter die niedrigsten Häufigkeiten. Frage 20: Sind Ihnen sonstige gerichtliche Entscheidungen bekannt, die in Ihrer Praxis Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen sind? Wenn ja, welche?52 (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.26 Verteilung der Antworten auf Frage 20 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 275, F = 1292. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (92) in Prozent Einstellung nach §§ 153, 153a StPO 0,2% 3,3% Einstellung nach § 154 StPO 0,4% 6,5% Einziehungsentscheidungen/Verzicht auf Rückgabe sichergestellter Gegenstände 2,6% 44,6% Entscheidungen zum BtMG 0,3% 5,4% Entziehung der Fahrerlaubnis 0,6% 10,9% Freiheitsentziehende Maßregeln 0,1% 2,2% Schadenswiedergutmachung 0,2% 3,3% Täter-Opfer-Ausgleich 0,3% 4,3% Terminplanungen 0,2% 3,3% Vollstreckungsentscheidungen 0,3% 5,4% Vollstreckungslösung wegen überlanger Verfahrensdauer 0,3% 5,4% Zeugenvernehmungen 0,3% 5,4% Als wichtigste sonstige gerichtliche Entscheidungen, die Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen sind, zeichnen sich deutlich Einziehungsentscheidungen bzw. der Verzicht auf die Rückgabe sichergestellter Gegenstände ab. Auch Entscheidungen in Bezug auf die Entziehung der Fahrerlaubnis werden vergleichsweise oft genannt. Ein Staatsanwalt, der hauptsächlich vor dem Landgericht auftritt, erwähnt in diesem Zusammenhang „ein großes Bedürfnis […] bei Verteidigern von ausländischen Angeklagten an einer Verständigung über den Zeitpunkt eines späteren Absehens der Staatsanwaltschaft von der weiteren Vollstreckung gem. § 456a StPO“. Gegenstand von Verständigungen sind nach der Freitext-Antwort eines Richters am Amtsgericht auch „Rechtsmittelrücknahmen in anderen Verfahren, damit eine Gesamtfreiheitsstrafe gebildet werden kann und alles erledigt ist“, ferner auch die „Feststellung, dass die Tat aufgrund einer Betäubungsmittelabhängigkeit begangen wurde (§ 17 II BZRG)“. Auch über 52 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 228 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) die Zustimmung nach § 35 BtMG würde sich verständigt. Ein Richter am Landgericht berichtet, dass in Hinblick auf das Arbeitspensum „praktisch in jeder Sache mittlerweile Vorgespräche mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung geführt“ würden. Frage 21: Wie häufig ist folgendes Prozessverhalten des/der Angeklagten in Ihrer Praxis Gegenstand von Verständigungen?53 – Geständnis – Rechtsmittelverzicht oder Rechtsmittelbeschränkung – Verzicht auf umfangreiche Beweisaufnahme – Zusage einer Schadenswiedergutmachung – Unterlassung der Ausübung des Fragerechts gegenüber Opferzeugen/ Opferzeuginnen in Verfahren mit Sexualdelikten – Unterlassung der Ausübung des Fragerechts gegenüber Opferzeugen/ Opferzeuginnen in anderen Verfahren Tabelle E.27 Verteilung der Antworten auf Frage 21; N = 1567, n = 1476, F = 91. immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Geständnis 62,5% 26,6% 4,7% 1,5% 4,7% Rechtsmittelverzicht/-beschränkung 1,0% 6,7% 12,1% 72,7% 7,5% Beweisaufnahme 11,4% 54,2% 15,9% 12,1% 6,4% Schadenswiedergutmachung 0,7% 28,1% 45,4% 14,1% 11,7% Unterlassung Fragerecht (Sexualdelikte) 1,6% 10,4% 12,5% 31,1% 44,3% Unterlassung Fragerecht (andere) 0,4% 6,0% 15,2% 41,8% 36,6% Weit über die Hälfte der Befragten (62,5%) gibt an, das Geständnis sei „immer“ Gegenstand von Verständigungen. Angesichts der Regelung in § 257c Abs. 2 S. 2 StPO („Bestandteil jeder Verständigung soll ein Geständnis sein.“) erscheint dieser Wert allerdings eher als gering.54 Zugleich wirft dieser Befund die Frage auf, welches sonstige Prozessverhalten des/der Angeklagten Gegenstand einer Verständigung ist. Hier nennen die Befragten in erster Linie den Verzicht auf eine umfangreiche Beweisaufnahme (65,6% antworten „immer“ oder „häufig“) und die Zusage einer Schadenswiedergutmachung (28,8%). Auf der anderen Seite teilen über 70% der Befragten mit, Rechtsmittelverzichte/-beschränkungen seien „nie“ Gegenstand von Verständigungen. 53 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 54 Vgl. Schmitt in: Meyer-Goßner/Schmitt StPO 62. Aufl. 2019, § 257c Rn. 16, wonach Verständigung ohne Ablegen eines Geständnisses als „Ausnahmefälle“ bezeichnet werden. 229 III. Ergebnisse Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Tabelle E.28 Verteilung der Antworten der Richter auf Frage 21; N = 591, n = 565, F = 26. Richter immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Geständnis 65,3% 18,8% 5,3% 2,5% 8,1% Rechtsmittelverzicht/-beschränkung 0,4% 4,2% 6,7% 77,7% 11,0% Beweisaufnahme 9,7% 45,3% 16,1% 18,6% 10,3% Schadenswiedergutmachung 0,4% 23,2% 42,7% 18,8% 15,0% Unterlassung Fragerecht (Sexualdelikte) 1,1% 8,3% 11,7% 40,2% 38,8% Unterlassung Fragerecht (andere) 0,2% 5,3% 11,7% 49,9% 32,9% Tabelle E.29 Verteilung der Antworten der Staatsanwälte auf Frage 21; N = 590, n = 561, F = 29. Staatsanwälte immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Geständnis 62,6% 29,4% 3,4% 0,9% 3,7% Rechtsmittelverzicht/-beschränkung 0,5% 4,8% 11,8% 76,1% 6,8% Beweisaufnahme 9,8% 57,9% 16,4% 10,3% 5,5% Schadenswiedergutmachung 0,7% 22,5% 48,8% 15,0% 13,0% Unterlassung Fragerecht (Sexualdelikte) 0,4% 8,2% 8,2% 21,9% 61,3% Unterlassung Fragerecht (andere) 0,2% 3,7% 13,7% 33,9% 48,5% Tabelle E.30 Verteilung der Antworten der Strafverteidiger auf Frage 21; N = 386, n = 349, F = 37. Strafverteidiger immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Geständnis 57,9% 35,0% 5,7% 0,9% 0,6% Rechtsmittelverzicht/-beschränkung 2,9% 13,8% 21,5% 59,0% 2,9% Beweisaufnahme 16,6% 62,8% 14,9% 4,3% 1,1% Schadenswiedergutmachung 1,1% 45,0% 44,4% 5,2% 4,3% Unterlassung Fragerecht (Sexualdelikte) 4,3% 17,5% 20,9% 31,2% 26,1% Unterlassung Fragerecht (andere) 1,1% 10,6% 23,2% 41,5% 23,5% Alle Berufsgruppen nennen übereinstimmend das Geständnis und den Verzicht auf eine umfangreiche Beweisaufnahme als die häufigsten Ausprägungen des Prozessverhaltens des/der Angeklagten als Gegenstand einer Verständigung. Dabei geben die Strafverteidiger die insgesamt höchsten 230 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Häufigkeiten für diese beiden Kategorien an (92,9% „häufig“ und „immer“ bei Geständnis, 79,4% bei Verzicht auf eine umfangreiche Beweisaufnahme), gefolgt von den Staatsanwälten (92,0% und 67,7%) und den Richtern (84,1% und 55,0%). Nicht überraschend ist angesichts der oben genannten gesetzlichen Regelung, dass der Prozentsatz der Befragten, die ausführten, das Geständnis sei „immer“ Gegenstand der Verständigung, bei den Richtern am höchsten (65,3%) und bei den Strafverteidigern am niedrigsten (57,9%) ist. Frage 22: Ist Ihnen sonstiges Prozessverhalten des/der Angeklagten bekannt, das in Ihrer Praxis Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen ist? Wenn ja, welches?55 (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.31 Verteilung der Antworten auf Frage 22 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 110, F = 1457. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (110) in Prozent Adhäsionsverfahren 0,2% 2,7% Beschränkung Einspruch Strafbefehl/Rechtsmittelbeschränkung 0,7% 10,0% Entschuldigung beim Opfer 0,2% 2,7% Geständnis/Nennung weiterer Tatbeteiligter 1,6% 22,7% Nebenfolgen der Straftat 1,0% 13,6% Täter-Opfer-Ausgleich 0,8% 11,8% Therapiebereitschaft 0,3% 4,5% Unterlassen von Beweisanträgen/Rücknahme von Beweisanträgen 0,4% 5,5% Verschiedene Verhaltensweisen zur Verkürzung des Verfahrens 1,1% 15,5% Verzicht auf Zeugenbefragung/Urkundenbeweis durch Verlesung 0,8% 10,9% Obwohl schon in der vorangegangenen Frage das „Geständnis“ als Antwortmöglichkeit angeboten wurde, geben 22,7% der Befragten in der Freitextantwort erneut an, das Geständnis beziehungsweise die Nennung weiterer Tatbeteiligter sei ein sonstiges Prozessverhalten des/der Angeklagten, das in der Praxis zum Gegenstand der Verständigung gemacht wird. Dadurch wird erneut die angesichts der Regelung in § 257c Abs. 2 S. 2 StPO allerdings auch nicht verwunderliche überragende Bedeutung eines Geständnisses im Rahmen einer Verständigung deutlich. 15,5% der Befragten in der Freitextantwort geben an, dass verschiedene Verhaltensweisen zur Verkürzung des Verfahrens häufig Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen seien. Als Beispiele führen die Befragten an: Rücknahme des Einspruchs 55 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 3a (S. 8). 231 III. Ergebnisse gegen einen Strafbefehl, die Aufklärungshilfe zu anderen Straftaten, aber auch einen Verzicht auf eine Besetzungsrüge oder die Rücknahme eines Befangenheitsantrags. Die Rücknahme von prozessualen Anträgen sei insgesamt häufig Gegenstand von Verständigungen. Ein Richter am Landgericht erwähnt darüber hinaus, dass „Terminierung, Zustimmung zur Verlesung, Umfang der Beweisaufnahme (frühzeitige Ankündigung von Beweisanträgen)“ ebenfalls Gegenstände einer Verständigung sein können. Ein weiterer Richter (Amtsgericht) berichtet, dass bei ihm die „Schadenswiedergutmachung vor der Hauptverhandlung gelegentlich Voraussetzung“ sei, um grundsätzlich „Gespräche über eine Verständigung zu führen“. Er führt weiter aus, dass eine Bewährungsauflage eher selten Inhalt einer Verständigung sei. Nach Aussage eines Strafverteidigers komme Prozessverhalten des Angeklagten dahingehend vor, dass dieser die Vorwürfe nicht einräume, sondern der Verteidiger pauschal Ausführungen tätige, „teilweise ohne dass sich Angeklagter die Erklärung zu eigen macht“. Häufig werden nach Angaben der Befragten in der Freitextantwort auch Gespräche über Nebenfolgen der Straftat geführt (13,6%), insbesondere der Verzicht auf eine Rückgabe sichergestellter Beweismittel/Asservate sei Gegenstand solcher Verständigungen. 232 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 23: Wie häufig fanden Sie sich schon einmal in einer Situation wieder, in der Sie unsicher waren, ob die beabsichtigte Verständigung zulässig ist? Abbildung E.8 Verteilungen der Antworten auf Frage 23 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1476, F = 91. Bei der Angabe von Unsicherheit über die Zulässigkeit beabsichtigter Verständigungen besteht ein signifikanter Unterschied im Antwortverhalten der verschiedenen Berufsgruppen.56 Die Strafverteidiger räumen die höchste Unsicherheit ein, die Richter zeigen sich am sichersten. Frage 24: Was waren die wesentlichen Gründe für die Unsicherheit? (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.32 Verteilung der Antworten auf Frage 24 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 297, F = 1270. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (297) in Prozent Ablauf einer formellen Verständigung unklar 0,4% 2,0% Absprachen fanden außerhalb der Hauptverhandlung statt 0,2% 1,0% mangelnde Glaubwürdigkeit des Geständnisses 0,9% 4,7% mögliche Aufhebungen im Rechtsmittelverfahren 0,7% 3,7% Sach- und rechtliche Würdigung 1,1% 6,1% Transparenz und Dokumentationspflichten 3,4% 17,8% Unklarheit über Vorliegen einer Verständigung/Absprache 0,5% 2,7% Unklarheit über zulässige Verständigungsinhalte 4,5% 23,9% 56 χ²(6) = 71.18, p < αSID. 233 III. Ergebnisse Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (297) in Prozent Unsicherheit aufgrund der Seltenheit von Verständigungen 0,4% 2,4% Unsicherheit über Zulässigkeit in Jugendstrafverfahren 0,4% 2,4% Unsicherheit wegen Rechtsprechung/Gesetzeslage 6,1% 32,0% Zeit zum Abgleich mit gesetzlichen Vorgaben fehlt 0,3% 1,3% Drei Gesichtspunkte scheinen den Akteuren im Rahmen von Verständigungen besonderes Kopfzerbrechen zu bereiten. In fast 1/3 der Freitextantworten wird pauschal eine Unsicherheit über die Rechtsprechung/Gesetzeslage beklagt. Unklarheit über die zulässigen Verständigungsinhalte (23,9%) und Transparenz/(nicht nachgekommenen) Dokumentationspflichten (17,8%) bilden weitere spezifische Gründe für eine Unsicherheit in Bezug auf die Zulässigkeit von Verständigungen. Ein Staatsanwalt, welcher hauptsächlich am Landgericht auftritt, berichtet dazu: „sehr häufig findet man sich in Situationen, in denen es Gespräche gibt, die insbesondere Vorsitzender (seltener auch Verteidigung) noch nicht als Verständigung gewertet haben wissen wollen, während man sich unsicher ist, ob nicht in Wahrheit gerade eine Verständigung stattfindet. Die Äußerungen bleiben auf Seiten des Gerichts und der Verteidigung sehr im Allgemeinen und in ‚theoretischen Überlegungen‘ über mögliche Folgen eines möglichen Geständnisses. Sodann erfolgt ein Geständnis und eine geringere Strafe wird ausgeurteilt.“ Auch andere Freitext-Antworten bestätigen, dass die Abgrenzung zwischen einem rechtlichen Gespräch und einer Verständigung in der Praxis für die Beteiligten nicht immer klar ist. Ein weiterer Staatsanwalt, ebenfalls vorwiegend am Landgericht tätig, berichtet anschaulich: „stillschweigende Absprachen zwischen Gericht und Verteidigung (auch ohne ausdrückliche Zustimmung der Staatsanwaltschaft), so dass zwar formell ‚kein Deal‘ nach einem Verständigungsgespräch erreicht wurde, sich Gericht und Verteidigung aber dennoch an das im Verständigungsgespräch in Aussicht gestellte Prozessverhalten/Strafmaß hielten und etwa Hauptverhandlungen vor diesem Hintergrund (oft ‚Formelgeständnis‘ oder nur objektives Geständnis bei weiterem Bestreiten der inneren Tatseite) ‚klein‘ gehalten werden und eine umfassende Aufklärung seitens des Gerichts dennoch unterbleibt; gerade bei Strafkammersachen, gegen die nur die Revision mit den bekannten hohen Voraussetzungen seitens der Staatsanwaltschaft gegeben ist (welche oftmals zudem seitens vorgesetzter Behörden aufgrund Annahme einer m. E. tatsächlich nicht bestehenden Schutzbedürftigkeit Angeklagter nicht gewollt ist), hat aus der Praxis heraus die Staatsanwaltschaft letztlich keine großen Möglichkeiten, gegen derartige ‚stillschweigende‘ Absprachen zwischen Gericht und Ver- 234 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) teidigern vorzugehen. Hierbei ist der Fall noch nicht berücksichtigt, dass seitens des Gerichts im Vorfeld bzw. außerhalb der Hauptverhandlung etwa in Telefonaten mit den Verteidigern bereits bestimmte Zusagen diesen gegenüber getroffen werden, an denen die Staatsanwaltschaft nicht beteiligt ist. Auch wenn mir keine empirischen Untersuchungen vorliegen, so erscheint ein solches Vorgehen zumindest bei bestimmten Richterpersonen häufig und wahrscheinlich. Diese Fälle sind m. E. nur unzureichend gesetzlich geregelt, da bislang jedenfalls nicht ausdrücklich sanktioniert und hier vieles (noch) im Unklaren liegt.“ Als weiterer Grund für die Unsicherheit wird auch die „schwammige Formulierung des § 257c Abs. 2 Satz 1 StPO“ genannt. Unsicherheiten bestünden der Aussage eines überwiegend am Landgericht tätigen Staatsanwalts zufolge auch, wenn „Absprachen über weitere Verfahren außerhalb des angeklagten Verfahrens“ getroffen würden. Ein Richter am Amtsgericht moniert, dass das Strafbefehlsverfahren bei den Regelungen zu den Verständigungen nicht berücksichtigt worden sei. Dieser Befragte äußert Unsicherheiten bei den Fragen, ob z. B. „das Hinwirken über Rechtsgespräche zur Sach-/Rechtslage auf die Rücknahme eines Einspruchs gegen einen Strafbefehl oder eine Einspruchsbeschränkung überhaupt den Verständigungsregelungen i.  S.  d. §  257 StPO unterfällt“. Ebenfalls bestünden Unsicherheiten bei „Gesprächen zu Fragen der Zustimmung angeklagter Personen zu Einstellungen nach § 153, 153a StPO“. c) „Fragen zu informellen Absprachen“ Ein weiterer umfangreicher Komplex der Erhebung betrifft die Praxis informeller Absprachen. Er wurde durch Fragen zum Vorkommen informeller Absprachen eingeleitet. Um der forensischen Realität möglichst nahe zu kommen, wurden die Teilnehmer zum einen nach der Praxis informeller Absprachen vom Hörensagen, dann aber auch in ihrer eigenen beruflichen Praxis gefragt. 235 III. Ergebnisse Frage 25: Es ist immer wieder zu hören, dass auch nach der Entscheidung BVerfGE 133, 168 ff. Verständigungen außerhalb des von der StPO vorgegebenen Rahmens stattfinden, im Folgenden als informelle Absprachen bezeichnet. a. Wie häufig erfahren Sie von informellen Absprachen durch Hörensagen?57 Abbildung E.9 Verteilungen der Antworten auf Frage 25a über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1447, F = 120. Tabelle E.33 Verteilungen der Antworten auf Frage 25a über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 3,7% 17,1% 37,9% 25,6% 15,8% Richter 1,8% 9,3% 33,3% 33,9% 21,7% Staatsanwälte 2,7% 12,8% 43,8% 26,0% 14,6% Strafverteidiger 8,3% 37,2% 35,7% 11,0% 7,7% 57 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 236 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) b. Wie häufig kommen in Ihrer eigenen Praxis informelle Absprachen vor?58 Abbildung E.10 Verteilungen der Antworten auf Frage 25b über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1447, F = 120. Tabelle E.34 Verteilungen der Antworten auf Frage 25b über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 4,0% 11,7% 32,1% 46,0% 6,2% Richter 2,0% 4,8% 22,6% 64,3% 6,3% Staatsanwälte 2,4% 8,7% 35,6% 45,9% 7,4% Strafverteidiger 10,1% 28,0% 42,3% 15,8% 3,9% Informelle Absprachen scheinen auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts durchaus praktiziert zu werden. Bezogen auf die Gesamtheit aller Berufsgruppen, geben weniger als die Hälfte der Teilnehmer (46,0%) an, dass eine derartige Vorgehensweise bei ihnen nie vorkommt. Bemerkenswert sind deutliche Unterschiede in den Antworten von Richtern, Staatsanwälten und Strafverteidigern. Während nur rund 15% der Strafverteidiger angeben, sich „nie“ an derartigen Absprachen zu beteiligen, sind es über 60% der befragten Richter, die berichten, dies „nie“ zu tun. Fragt man die Richter nach Absprachen vom Hörensagen, sinkt dieser Wert freilich auf knapp über 30%. Eine mittlere Antwortposition mit einer Tendenz zu den Richtern nehmen die Staatsanwälte ein, die sich auf diese Frage geäu- ßert haben. Strafverteidiger geben demgegenüber sehr viel häufiger an, in- 58 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 237 III. Ergebnisse formelle Absprachen zu treffen als die anderen Berufsgruppen. Die Unterschiede in den Häufigkeitsverteilungen nach Beruf sind signifikant.59 Nur kurz erinnert werden soll in diesem Zusammenhang an die gesetzliche Grundlage für eine (legale) Verständigung: Nach § 257c Abs. 3 S. 4 StPO kommt eine Verständigung zustande, wenn Angeklagter (meist vertreten durch einen Rechtsanwalt) und Staatsanwaltschaft dem Vorschlag des Gerichtes zustimmen. Da auch eine informelle Absprache eine derartige Übereinkunft zwischen den Beteiligten voraussetzt, wären an sich ähnliche Antwortmuster für alle Berufsgruppen zu erwarten. Verteilungen der Antworten nach dem Tätigkeitsschwerpunkt:60 Abbildung E.11 Verteilungen der Antworten auf Fragen 25a und b nach dem Tätigkeitsschwerpunkt; N = 1567, n = 1083, F = 484. Anmerkung: bei der Differenzierung nach Gericht sind nur Richter und Staatsanwälte enthalten. Richter und Staatsanwälte, die vor allem am Amtsgericht agieren, hören zwar nicht signifikant häufiger von informellen Absprachen,61 geben aber signifikant häufiger an, dass informelle Absprachen in ihrer Praxis vorkommen.62 59 Hörensagen: χ²(8) = 209.53, p < αSID; Praxis: χ²(8) = 284.31, p < αSID. 60 Zur Problematik des Tätigkeitsschwerpunkts s. Fn. 31. 61 χ²(4) = 14.77, p = .006. 62 χ²(4) = 44.46, p < αSID. 238 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Verteilung der Antworten (nur 25b) nach Berufsgruppe und dem Tätigkeitsschwerpunkt:63 Abbildung E.12 Verteilung der Antworten auf Frage 25b nach dem Tätigkeitsschwerpunkt und nach Berufsgruppe; Richter: N = 591, n = 539, F = 52; Staatsanwälte: N = 590, n = 544, F = 46. Bei der Überprüfung, ob sich Richter und Staatsanwälte bei Angaben über ihre eigene Praxis je nach der Instanz ihrer (überwiegenden) Tätigkeit unterscheiden, zeigt sich das gleiche Muster wie bei der Frage nach der (zweifelhaften) Einstellung von Verfahren nach den §§ 153, 153a StPO. Richter am Amtsgericht berichten signifikant häufiger64 von informellen Absprachen in der Praxis als Richter am Landgericht. Zwischen Staatsanwälten am Amts- und Landgericht besteht ein ähnlicher Unterschied, der aber nicht signifikant ist.65 Auch hier liegt eine signifikante Interaktion66 vor: das Antwortverhalten der Berufsgruppen wird unterschiedlich stark von dem Gericht beeinflusst, bei dem der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit liegt. 63 Zur Problematik des Tätigkeitsschwerpunkts s. Fn. 31. 64 χ²(4) = 46.93, p < αSID. 65 χ²(4) = 10.74, p = .030. 66 s. E. V.3. 239 III. Ergebnisse Frage 26: Wie häufig kommt es in den folgenden Verfahren und bei den folgenden Delikten in Ihrer eigenen Praxis oder dem Hörensagen nach zu informellen Absprachen?67 (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Fragen 25a und b „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Tabelle E.35 Verteilung der Antworten auf Frage 26; N = 1567, n = 947, F = 620. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 7,3% 19,4% 19,0% 5,9% 48,4% speziell Steuerstrafsachen 6,5% 13,4% 14,8% 4,6% 60,6% Betäubungsmitteldelikte 3,1% 19,0% 39,0% 7,1% 31,9% Straftaten gegen das Leben 0,2% 0,6% 12,2% 32,5% 54,4% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 1,5% 12,1% 47,8% 15,1% 23,4% Betrugsdelikte 3,1% 26,3% 45,7% 7,1% 17,8% Verkehrsdelikte 1,8% 11,8% 28,4% 19,6% 38,3% Straftaten gegen die Umwelt 1,1% 3,6% 10,1% 7,3% 77,9% Bei Betrugsdelikten (29,4% Angaben mit [„sehr“] „häufig“), Wirtschaftsstrafsachen (26,7%), Betäubungsmitteldelikten (22,1%) und Steuerstrafsachen (19,9%) scheinen informelle Absprachen nach wie vor relativ häufig zu sein. Damit werden die gleichen Felder am häufigsten genannt wie bei den Verständigungen nach § 257c StPO. Am anderen Ende der Skala stehen auch hier wieder die Straftaten gegen das Leben mit nur 0,8% (vgl. Frage 9). Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Tabelle E.36 Verteilung der Antworten der Richter auf Frage 26; N = 591, n = 282, F = 309. Richter sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 4,3% 13,5% 14,9% 7,4% 59,9% speziell Steuerstrafsachen 3,9% 8,5% 10,3% 6,7% 70,6% Betäubungsmitteldelikte 2,1% 14,2% 46,1% 9,9% 27,7% Straftaten gegen das Leben 0,0% 0,0% 7,4% 24,8% 67,7% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,4% 7,1% 47,5% 17,0% 28,0% Betrugsdelikte 1,8% 19,1% 45,7% 9,2% 24,1% Verkehrsdelikte 0,4% 10,3% 27,7% 20,2% 41,5% Straftaten gegen die Umwelt 0,0% 3,2% 8,5% 9,6% 78,7% 67 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 240 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Tabelle E.37 Verteilung der Antworten der Staatsanwälte auf Frage 26; N = 590, n = 367, F = 223. Staatsanwälte sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 4,1% 14,4% 19,3% 3,5% 58,6% speziell Steuerstrafsachen 3,3% 8,2% 13,9% 3,0% 71,7% Betäubungsmitteldelikte 1,1% 10,4% 33,0% 5,7% 49,9% Straftaten gegen das Leben 0,3% 0,0% 6,8% 26,4% 66,5% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0,8% 7,6% 45,0% 16,3% 30,2% Betrugsdelikte 1,9% 20,2% 50,4% 6,0% 21,5% Verkehrsdelikte 1,1% 6,0% 26,4% 18,8% 47,7% Straftaten gegen die Umwelt 0,5% 1,4% 7,1% 5,2% 85,8% Tabelle E.38 Verteilung der Antworten der Strafverteidiger auf Frage 26; N = 386, n = 298, F = 88. Strafverteidiger sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Wirtschaftsstrafsachen 14,1% 31,2% 22,5% 7,4% 24,8% speziell Steuerstrafsachen 13,1% 24,5% 20,1% 4,7% 37,6% Betäubungsmitteldelikte 6,4% 34,2% 39,6% 6,0% 13,8% Straftaten gegen das Leben 0,3% 2,0% 23,5% 47,3% 26,8% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 3,4% 22,5% 51,7% 11,7% 10,7% Betrugsdelikte 5,7% 40,6% 39,9% 6,4% 7,4% Verkehrsdelikte 4,0% 20,5% 31,5% 20,1% 23,8% Straftaten gegen die Umwelt 2,7% 6,7% 15,4% 7,7% 67,4% Die Strafverteidiger berichten bei allen Verfahrensarten und Delikten die höchsten Häufigkeiten und liegen in ihren Angaben teilweise deutlich über denen der beiden anderen Berufsgruppen (z.  B. „häufig“ und „sehr häufig“ bei Betrugsdelikten 46,3%, bei Staatsanwälten 22,1% und bei Richtern 20,9%). Dagegen liegen die Antworten der Richter und Staatsanwälte bei den meisten Kategorien sehr nahe zusammen. Betrugsdelikte, Wirtschaftsstrafsachen, Betäubungsmitteldelikte und Steuerstrafsachen sind jedoch aus Sicht aller Berufsgruppen die vier strafrechtlichen Felder, in denen die meisten informellen Absprachen getätigt werden. 241 III. Ergebnisse Frage 27: Bei welchen sonstigen Verfahren oder Delikten kommt es in Ihrer Praxis oder dem Hörensagen nach noch zu informellen Absprachen?68 (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Fragen 25a und b „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.39 Verteilung der Antworten auf Frage 27 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 71, F = 1496. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (71) in Prozent Abhängig vom Richter 0,1% 1,4% Betrugsdelikte 0,2% 4,2% Eigentumsdelikte (z. B. Diebstahl) 1,5% 33,8% Insolvenzdelikte 0,1% 1,4% Jugendstrafverfahren 0,1% 2,8% Ordnungswidrigkeiten 0,3% 7,0% Sexualdelikte/Besitz und Ansehen von Kinderpornographie 1,5% 33,8% Verfahren vor dem Amtsgericht 0,7% 15,5% Wie auch bei Frage 10 werden Eigentumsdelikte (z. B. Diebstahl) und Sexualdelikte/Besitz und Ansehen von Kinderpornographie häufig als weitere Delikte genannt, bei denen informelle Absprachen stattfinden. Informelle Absprachen fänden nach Aussage eines Staatsanwalts, welcher hauptsächlich am Landgericht auftritt, auch „bei kleineren Delikten“ am Amtsgericht statt, um das äußerst aufwändige Prozedere der formellen Verständigung zu vermeiden. Ein anderer Staatsanwalt, ebenfalls überwiegend am Landgericht tätig, spricht explizit von informellen Absprachen als „Phänomen der amtsgerichtlichen Praxis“. Ein Strafverteidiger gibt an, dass sich das Vorkommen informeller Absprachen „weniger nach dem Verfahrensgegenstand als nach der Instanz“ richte. „Strafrichter neigen eher zu informellen Absprachen, Schöffengerichte schon weniger und Strafkammern kaum“. Am Schwurgericht habe er Absprachen noch nie erlebt, so dieser Befragte. Ein Richter am Amtsgericht ergänzt, dass die informellen Absprachen „dem Hörensagen nach gelegentlich bei Einzelrichterstrafsachen“ vorkämen. Er habe „den Eindruck, dass den Kollegen das formelle Verfahren nebst Protokollierung dann lästig ist“. Ein weiterer Richter am Amtsgericht führt aus, informelle Absprachen kämen grundsätzlich bei allen Deliktsarten vor. Es sei „nirgendwo ausgeschlossen, sich auf ein vernünftiges Ergebnis – übrigens durchaus auch im Sinn einer Punktstrafe – zu ‚verständigen‘“. Dies sei vor allem bei einer „Vielzahl von Anklagevorwürfen“ sinnvoll, 68 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 242 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) „von denen dann einige nach § 154 I, II StPO ‚aussortiert‘ werden und es für den verbliebenen Vorwurf dann ‚ein bisschen mehr gibt‘“. Ein dritter Richter am Amtsgericht berichtet von der mangelnden Klarheit, inwieweit man „z. B. bei Gesprächen zur Gestaltung eines Strafbefehls oder zu Einstellungen nach §§ 153, 153a, 154 StPO überhaupt im Bereich der Verständigungsvorschriften“ sei. Der Befragte erklärt, dass er, „falls das alles protokollierungspflichtige Verständigungsgespräche sein sollten“, befürchte, sich bisweilen an informellen Absprachen zu beteiligen. Mittlerweile gebe er „sicherheitshalber in Hauptverhandlungen jede Form von Vorgesprächen zu Protokoll“, um Transparenz zu gewährleisten. Frage 28: Wie häufig geht in Ihrer eigenen Praxis oder dem Hörensagen nach von den folgenden Akteuren die Initiative zu einer informellen Absprache aus?69 (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Fragen 25a und b „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Tabelle E.40 Verteilung der Antworten auf Frage 28; N = 1567, n = 946, F = 621. Initiative von… sehr häufig häufig selten nie Staatsanwaltschaft 0,4% 9,5% 54,0% 36,0% Verteidigung 22,1% 53,2% 22,7% 2,0% Angeklagte/r 1,7% 7,8% 27,9% 62,6% Gericht 8,4% 37,7% 41,3% 12,6% Befragt nach der Initiative für informelle Absprachen, lässt sich eine eindeutige Rangliste bilden. Die Initiative zu informellen Absprachen geht anscheinend am häufigsten von Strafverteidigern (75,3% [„sehr“] „häufig“) und am zweithäufigsten (46,1%) vom Gericht aus. Die Staatsanwaltschaft wird hier deutlich seltener genannt (nur 9,9%). 69 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 243 III. Ergebnisse Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Abbildung E.13 Verteilungen der Antworten auf Frage 28 (Initiative von Staatsanwaltschaft und Verteidigung)) nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 946, F = 621. Abbildung E.14 Verteilungen der Antworten auf Frage 28 (Initiative von Angeklagte/r und Gericht) nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 946, F = 621. 244 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Die Antworten der Berufsgruppen auf die Fragen, ob die Initiative für informelle Absprachen von der Staatsanwaltschaft70 bzw. vom Gericht71 ausgeht, unterscheiden sich signifikant. Richter und Staatsanwälte geben eher seltener an, dass ihre jeweilige Berufsgruppe eine informelle Absprache initiiert, während die Strafverteidiger dies anders bewerten. Bei der Einschätzung der Initiative seitens Verteidigung72 und Angeklagte/r73 unterscheiden sich die Berufsgruppen in ihren Angaben dagegen nicht voneinander. Bemerkenswerte Ergebnismuster liegen bei den Antworten bezüglich der Initiative durch Strafverteidiger und durch das Gericht vor. Während bei der Einschätzung, wie häufig die Initiative durch Strafverteidiger erfolgt, keine Unterschiede zwischen den Berufsgruppen vorhanden sind, wird die Ergreifung der Initiative durch das Gericht von Richtern als deutlich niedriger eingeschätzt als von Strafverteidigern und Staatsanwälten. Frage 29: Wie häufig kommt es in Ihrer eigenen Praxis oder dem Hörensagen nach vor, dass sich die Beteiligten im weiteren Verlauf des Verfahrens nicht mehr an eine informelle Absprache halten? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Fragen 25a und b „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Abbildung E.15 Verteilungen der Antworten auf Frage 29 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 946, F = 621. 70 χ²(4) = 48.40, p < αSID; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 71 χ²(6) = 101.27, p < αSID. 72 χ²(6) = 3.18, p = .787. 73 χ²(4) = 14.46, p = .006; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 245 III. Ergebnisse Es scheint nur selten vorzukommen, dass sich die Beteiligten nicht an eine einmal getroffene informelle Absprache halten. Richter antworten auf diese Frage am häufigsten mit „nie“ und weniger mit „sehr häufig“ und „häufig“ als die anderen Berufsgruppen. Bemerkenswert ist, dass hier die Staatsanwälte am seltensten mit „nie“ antworten (weniger als 40%). Frage 30: Inwieweit würden Sie den folgenden Aussagen zustimmen? Tabelle E.41. Verteilungen der Antworten auf Frage 30 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1421, F = 146. „Nach meiner Erfahrung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auf eine informelle Absprache zurückgegriffen wird, mit der Länge der Verfahrensdauer.“ in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Gesamt 8,9% 19,3% 24,2% 23,2% 24,4% Richter 4,5% 14,4% 20,9% 26,7% 33,4% Staatsanwälte 7,6% 19,4% 22,9% 25,5% 24,7% Strafverteidiger 18,5% 27,4% 32,0% 13,5% 8,6% „Seit dem Verständigungsurteil des Bundesverfassungsgerichts BVerfGE 133, 168 ff. bin ich in meiner eigenen Praxis gegenüber informellen Absprachen noch zurückhaltender geworden.“ in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Gesamt 41,6% 13,6% 13,7% 13,9% 17,3% Richter 47,7% 8,8% 9,0% 10,8% 23,6% Staatsanwälte 46,1% 16,4% 10,1% 10,3% 17,0% Strafverteidiger 23,7% 16,9% 27,4% 24,9% 7,1% „Seit dem Verständigungsurteil des BVerfG gibt es keine informellen Absprachen mehr.“74 in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Gesamt 20,1% 17,2% 20,3% 29,8% 12,6% Richter 28,2% 18,4% 15,9% 21,5% 16,1% Staatsanwälte 18,5% 20,1% 19,4% 29,7% 12,4% Strafverteidiger 8,9% 10,5% 29,5% 44,0% 7,1% Die Antworten auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Dauer des Verfahrens und dem Vorkommen informeller Absprachen ergeben ein gemischtes Bild. Während 23,2% aller Befragten hier keinen Zusammenhang erkennen, sehen immerhin 28,2% einen solchen Zusammenhang „überwiegend“ oder sogar „in hohem Maße“. Richter stimmen auch dieser Aussage am wenigsten zu, Strafverteidiger am meisten. Dagegen ist über alle Berufsgruppen hinweg eine recht hohe Zustimmung zu der Aussage zu erkennen, dass man in der eigenen Praxis seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19.3.2013 (BVerfGE 133, 168 ff.) 74 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2a (S. 7). 246 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) gegenüber informellen Absprachen noch zurückhaltender geworden ist. Die geringste Zustimmung zu diesem Statement kommt wiederum von den Strafverteidigern, die höchste dieses Mal von den Staatsanwälten. Der Aussage, es gäbe keine informellen Absprachen mehr, stimmt etwas mehr als die Hälfte der Befragten nur „teilweise“ oder sogar „gar nicht“ zu. Strafverteidiger sind auch hier deutlich skeptischer als die beiden anderen Berufsgruppen, während Richter der Aussage am ehesten, aber auch mit nur weniger als der Hälfte „überwiegend“ oder gar „in hohem Maße“ zustimmen. Frage 31: Wie häufig kommt es Ihrer Auffassung nach an folgenden Gerichten und Spruchkörpern zu informellen Absprachen?75 (AG: Amtsgericht, LG: Landgericht, OLG: Oberlandesgericht) Tabelle E.42 Verteilung der Antworten auf Frage 31; N = 1567, n = 1421, F = 146. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte AG: Einzelrichter/in 10,9% 24,1% 35,6% 6,8% 22,6% AG: Schöffengericht 3,3% 24,1% 38,3% 9,4% 25,0% LG: Kleine Strafkammer 1,9% 13,9% 35,9% 13,9% 34,4% LG: Große Strafkammer 1,9% 10,5% 35,3% 22,0% 30,3% LG: Schwurgericht 0,2% 1,1% 12,7% 32,2% 53,8% LG: Wirtschaftsstrafkammer 3,9% 10,3% 14,4% 11,1% 60,3% OLG: Strafsenat 1. Instanz 0,1% 0,6% 3,7% 9,8% 85,9% Abbildung E.16 Verteilungen der Antworten auf Frage 31 nach Gerichtsform (Angaben zu einzelnen AG und LG aus Tabelle 30 zusammengerechnet). N = 1567, n = 1421, F = 146. 75 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 1b (S. 5). 247 III. Ergebnisse Am Amtsgericht scheinen am häufigsten informelle Absprachen stattzufinden, am Oberlandesgericht 1. Instanz dagegen kaum, wobei die meisten Befragten angaben, nicht über genügend Informationen zu verfügen, um die Häufigkeit informeller Absprachen am OLG einschätzen zu können.76 Bei Zusammenfassung aller Amts- und Landgerichte (Abbildung E.16) zeigt sich eine deutlich höhere Prävalenz informeller Absprachen am Amtsgericht (rund 30% „häufig“ oder „sehr häufig“ an den Amts-, nur knapp über 10% an den Landgerichten). Dabei scheinen Verfahren vor dem Einzelrichter besonders abspracheträchtig zu sein. Bei den Amtsgerichten kommen nach Angaben der Teilnehmer informelle Absprachen etwas öfter bei dem Einzelrichter vor (35,0% „häufig“ oder „sehr häufig“) als beim Schöffengericht (27,4%). Betrachtet man nur das Landgericht, wird für die Kleine Strafkammer (LG) von 15,8%, für die Große Strafkammer (LG) von 12,4%, für das Schwurgericht (LG) dagegen nur von 1,3% der Befragten angegeben, dass informelle Absprachen dort „häufig“ oder „sehr häufig“ vorkämen. Relativ hoch liegt der Prozentsatz auch bei der Wirtschaftsstrafkammer (LG; 14,2%). Dementsprechend scheint mit der Höhe der gerichtlichen Instanz tendenziell die Häufigkeit informeller Absprachen abzunehmen, wobei die Wirtschaftsstrafkammer eine Ausnahme bildet. Verteilungen der Antworten nach Berufsgruppe: Tabelle E.43 Verteilungen der Antworten der Richter auf Frage 31; N = 591, n = 554, F = 37. Richter sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte AG: Einzelrichter/in 5,8% 16,1% 33,0% 5,6% 39,5% AG: Schöffengericht 2,0% 16,4% 29,6% 7,2% 44,8% LG: Kleine Strafkammer 1,1% 10,1% 21,1% 7,9% 59,7% LG: Große Strafkammer 0,9% 6,3% 26,9% 18,8% 47,1% LG: Schwurgericht 0,2% 1,1% 11,0% 27,1% 60,6% LG: Wirtschaftsstrafkammer 2,9% 7,6% 11,0% 9,9% 68,6% OLG: Strafsenat 1. Instanz 0,0% 0,9% 4,0% 7,6% 87,5% 76 Dies spricht insgesamt für die Seriosität des Antwortverhaltens der Teilnehmer, da die wenigsten Teilnehmer über Erfahrungswerte der Verständigungspraxis am OLG verfügen dürften. 248 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Tabelle E.44 Verteilungen der Antworten der Staatsanwälte auf Frage 31; N = 590, n = 542, F = 48. Staatsanwälte sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte AG: Einzelrichter/in 8,3% 22,5% 43,7% 10,1% 15,3% AG: Schöffengericht 2,4% 20,1% 47,6% 14,0% 15,9% LG: Kleine Strafkammer 2,6% 10,1% 42,6% 22,0% 22,7% LG: Große Strafkammer 2,4% 10,3% 34,1% 28,2% 24,9% LG: Schwurgericht 0,4% 0,6% 9,4% 28,2% 61,4% LG: Wirtschaftsstrafkammer 3,0% 7,4% 9,2% 11,6% 68,8% OLG: Strafsenat 1. Instanz 0,4% 0,2% 1,7% 6,1% 91,7% Tabelle E.45 Verteilungen der Antworten der Strafverteidiger auf Frage 31; N = 386, n = 325, F = 61. Strafverteidiger sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte AG: Einzelrichter/in 24,0% 40,3% 26,5% 3,4% 5,8% AG: Schöffengericht 7,1% 43,7% 37,5% 5,2% 6,5% LG: Kleine Strafkammer 2,2% 26,5% 49,8% 10,8% 10,8% LG: Große Strafkammer 2,8% 17,8% 51,7% 17,2% 10,5% LG: Schwurgericht 0,0% 2,2% 21,2% 47,4% 29,2% LG: Wirtschaftsstrafkammer 7,4% 19,7% 28,6% 12,3% 32,0% OLG: Strafsenat 1. Instanz 0,0% 0,6% 6,5% 19,7% 73,2% Das oben beschriebene Antwortmuster, nach dem mit steigender Höhe der Instanz die Häufigkeitsangaben für informelle Absprachen tendenziell abnehmen, findet sich bei jeder der drei Berufsgruppen. Insgesamt geben auch hier die Strafverteidiger deutlich höhere Häufigkeiten an als die anderen Berufsgruppen (etwa informelle Absprachen am AG [Einzelrichter]: Strafverteidiger 64,3% „häufig“ oder „sehr häufig“, Staatsanwälte 30,8%, Richter 21,9%). Die überwiegende Mehrheit aller Berufsgruppen berichtet „keine Erfahrungswerte“ bei der Einschätzung der Häufigkeit informeller Absprachen am Oberlandesgericht (91,7% der Staatsanwälte, 87,5% der Richter und 73,2% der Strafverteidiger). 249 III. Ergebnisse d) „Inhalt der informellen Absprachen“ Frage 32: Welche Art informeller Absprachen kommen gemäß Ihrer eigenen Praxis oder dem Hörensagen nach häufiger vor?77 (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Fragen 25a und b „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.46 Verteilungen der Antworten auf Frage 32 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe (Zustimmung in Prozent); N = 1567, n = 916, F = 651. Absprachen… Gesamt Richter Staatsanwälte Strafverteidiger … über den Schuldspruch 34,9% 26,3% 32,1% 47,0% … oder nur Vorgespräche hierzu 35,0% 30,6% 39,2% 34,3% … über dem Schuldspruch zugrundeliegende Tatsachen 24,9% 20,9% 22,3% 32,2% … über Anordnungen von Maßregeln der Besserung und Sicherung 17,5% 16,9% 13,5% 23,0% … oder nur Vorgespräche hierzu 16,9% 18,7% 16,1% 16,3% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für privilegierende oder qualifizierende Tatbestände 36,7% 27,3% 31,5% 52,3% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für Regelbeispiele 28,5% 23,0% 23,9% 39,6% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für sonstige minder oder besonders schwere Fälle 41,3% 36,7% 36,9% 51,2% … über punktgenaue Strafaussprüche 29,5% 28,8% 26,2% 34,3% … oder nur Vorgespräche hierzu 23,6% 23,0% 23,4% 24,4% … über weitere bei dem erkennenden Gericht, einem anderen Gericht oder der Staatsanwaltschaft gegen den Angeklagten anhängige Verfahren 61,7% 59,7% 59,2% 66,8% … über Verfahren gegen andere (juristische) Personen 2,6% 2,9% 1,7% 3,5% … über einen (stillschweigenden) Rechtsmittelverzicht 23,7% 21,2% 20,3% 30,4% … über eine großzügige Handhabung des Amtsaufklärungsgrundsatzes 27,5% 23,0% 25,6% 34,3% Anscheinend sind informelle Absprachen über weitere gegen den Angeklagten anhängige Verfahren besonders häufig, Absprachen über Verfahren gegen andere (juristische) Personen kommen dagegen so gut wie nie vor. Dies deckt sich mit einem wichtigen allgemein genannten Grund für den Gebrauch informeller Absprachen: einer hohen Arbeitsbelastung. Beliebt sind offenbar auch Absprachen über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für sonstige minder oder besonders schwere Fälle. Insgesamt mehr als ein Drittel aller Befragten, darunter auch mehr als ein 77 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 250 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Viertel der Richter, halten auch Absprachen über den Schuldspruch für „häufiger“, 17,5% zudem Absprachen über Maßregeln der Besserung und Sicherung. Immerhin knapp 30% sind der Auffassung, dass Absprachen über punktgenaue Strafaussprüche häufiger seien. Bei fast jeder der Antwortoptionen schätzen die Strafverteidiger die Häufigkeit informeller Absprachen höher ein als die anderen Berufsgruppen, bisweilen liegen große Diskrepanzen vor (z. B. wird die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für privilegierende oder qualifizierende Tatbestände von 52,3% der Strafverteidiger, 31,5% der Staatsanwälte und 27,3% der Richter als „häufiger“ erachtet). Frage 33: Was sind Ihrer Auffassung nach, nicht nur in Ihrer eigenen Praxis, am ehesten Gründe für eine informelle Absprache?78 (Anmerkung: Bearbeitung der Frage war optional) (Rangordnung erzeugen) 1. „Ohne eine reduzierte Tatsachenaufklärung ist eine Verständigung nicht praktikabel“ 2. „Nur Verständigungen auf punktgenaue Strafen bringen die erforderliche Verlässlichkeit“ 3. „Nur durch eine (weite) Sanktionsschere kann die erforderliche Drohkulisse aufgebaut werden“ 4. „Solche Verständigungen sind erforderlich, um das Arbeitspensum zu bewältigen“ 5. „Die geltenden Regelungen zu den Verständigungen sind insgesamt nicht praxistauglich“ 6. „Eine Verständigung ohne einen Rechtsmittelverzicht ist sinnlos“ 7. „Verständigungen über den Schuldspruch sind erforderlich, da gerade dieser häufig in Streit steht“ Für die Antworten auf Frage 33 war von den Befragten eine Rangordnung von vorgegebenen Gründen für den Gebrauch informeller Absprachen herzustellen. Aus den von den Teilnehmern gebildeten Rangordnungen werden den Aussagen Ränge zugeordnet (wichtigste Aussage: Rang r = 1, unwichtigste Aussage: Rang r = 7). Nach den Angaben aller Teilnehmer werden die durchschnittlichen Ränge für jede Aussage ermittelt. Aus diesen mittleren Rängen (r) wird ein Punktescore gebildet (durch die Umpolung der mittleren Ränge: Punktescore = 7 - r), der die Wichtigkeit der Aussagen widerspiegelt (wichtigste Aussage: Punktescore = 7, unwichtigste Aussage: Punktescore = 1). Je höher die Zahl des Punktescores, desto wichtiger der zugehörige Grund. 78 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 251 III. Ergebnisse Tabelle E.47 Durchschnittliche Punktescores bei Frage 33 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1136, F = 431. Gesamt Richter Staatsanwälte Strafverteidiger Tatsachenaufklärung 4,09 4,08 4,19 3,94 Punktgenaue Strafe 2,19 2,10 1,93 2,77 Sanktionsschere 1,86 1,54 1,90 2,29 Arbeitspensum 4,14 4,14 4,45 3,63 Praxistauglichkeit 3,76 4,18 3,57 3,38 Rechtsmittelverzicht 2,68 2,94 2,67 2,26 Schuldspruch 2,68 2,31 2,69 3,25 Als wichtigste Gründe für informelle Absprachen werden deren Erforderlichkeit zur Bewältigung des Arbeitspensums (4,14), die Notwendigkeit einer reduzierten Tatsachenaufklärung (4,09) und die mangelnde Praxistauglichkeit der geltenden Regelungen zu den Verständigungen angegeben (3,76). Bei Betrachtung der Gründe je nach Berufsgruppe zeigt sich, dass für Richter die mangelnde Praxistauglichkeit (4,18) der Regelungen ein wichtigerer Grund für das Treffen informeller Absprachen ist als für die anderen Berufsgruppen. Für Staatsanwälte ist der wichtigste Grund die Bewältigung des Arbeitspensums (4,45), für Strafverteidiger die Notwendigkeit einer reduzierten Tatsachenaufklärung (3,94). Interessant ist außerdem, dass der Grund „Verständigungen über den Schuldspruch sind erforderlich, da gerade dieser häufig in Streit steht“, nur bei den Strafverteidigern eine gewisse Rolle zu spielen scheint (3,25). 252 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Durchschnittliche Punktescores nach dem Tätigkeitsschwerpunkt:79 Tabelle E.48 Durchschnittliche Punktescores bei Frage 33 nach dem Tätigkeitsschwerpunkt; N = 1567, n = 803, F = 764. Anmerkung: bei der Differenzierung nach dem Tätigkeitsschwerpunkt sind nur Richter und Staatsanwälte enthalten. Amtsgericht Landgericht Tatsachenaufklärung 4,14 4,00 Punktgenaue Strafe 2,02 1,93 Sanktionsschere 1,70 1,67 Arbeitspensum 4,18 4,28 Praxistauglichkeit 3,74 3,88 Rechtsmittelverzicht 2,65 2,89 Schuldspruch 2,57 2,34 Zwischen den Personen, die das Amtsgericht oder das Landgericht als Schwerpunkt ihrer Tätigkeit angeben, existieren allenfalls geringfügige Unterschiede in der Bewertung der Gründe für die Vornahme informeller Absprachen. Frage 34: Sind Ihnen weitere Gründe bekannt, aufgrund derer es noch zu einer informellen Absprache kommt? Wenn ja, welche?80 (Kategorisierte Freitext-Antworten) Tabelle E.49 Verteilung der Antworten auf Frage 34 (kategorisierte Freitext-Antworten); N = 1567, n = 75, F = 1492. Antwortmuster (Kategorisiert) Anteil aller Befragten (1567) in Prozent Anteil der Freitext- Einträge (115) in Prozent Abhängig von Berufsgruppe, Gericht 0,5% 7,0% Angst vor Fehlern/gerichtlicher Überprüfung 0,6% 8,7% Arbeitsüberlastung 0,4% 5,2% Beweisschwierigkeiten 0,4% 5,2% Einschätzung des Ergebnisses (Prozessplanung) 0,7% 9,6% Faulheit, Unkenntnis, Weigerung Normbefolgung 0,9% 12,2% Findung eines gerechten und befriedigenden Ergebnisses 0,7% 9,6% Lockere Atmosphäre 0,8% 10,4% Opferschutz Zeugen 0,6% 7,8% Praxisuntaugliche Regelungen zur Protokollierungspflicht 0,6% 8,7% Verkürzung Verfahren 0,4% 5,2% Vermeidung von Konflikten mit Prozessbeteiligten 0,2% 2,6% Verständigungsvorschriften im Allgemeinen zu komplex 0,1% 0,9% Zustimmung der StA liegt nicht vor/Offenlegung unerwünscht 0,5% 7,0% 79 Zur Problematik des Tätigkeitsschwerpunkts s. Fn. 31. 80 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 253 III. Ergebnisse Im offenen Antwortformat werden von den Teilnehmern als weitere Gründe für informelle Absprachen vor allem „Faulheit, Unkenntnis, Weigerung der Normbefolgung“ (12,2% der Freitexteinträge), die „lockere Atmosphäre“ informeller Absprachen (10,4%), die bessere „Einschätzung des Ergebnisses“ zur Prozessplanung (9,6%) und die „Findung eines gerechten und befriedigenden Ergebnisses“ (ebenfalls 9,6%) genannt. Ein vorwiegend am Landgericht tätiger Staatsanwalt äußert sich zu der Frage folgendermaßen dezidiert: „die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zu den Verständigungsvorschriften ist derart ausufernd, detailliert und unüberschaubar, dass Strafkammern oftmals befürchten, bei einer formellen Absprache ohnehin einen Formfehler zu machen. Die Idee des Bundesverfassungsgerichts von der Wächterrolle der Staatsanwaltschaft ist eine Farce.“ Ein weiterer Staatsanwalt, welcher hauptsächlich vor dem Landgericht auftritt, sieht Probleme in Form von unbeabsichtigten informellen Absprachen. Die umfangreiche und kleinteilige Rechtsprechung schaffe Unsicherheiten und „wenig sicheren Boden“. Daher würde er nicht ausschließen, sich an mehr informellen Absprachen beteiligt zu haben, als ihm bewusst sei. Als Grund für ein Ausweichen auf eine informelle Absprache wird auch die Situation genannt, in der Gericht und Verteidigung das Verfahren durch eine Verständigung verkürzen möchten, jedoch die Staatsanwaltschaft nicht zustimmt. Folglich sei „aufgrund des Widerstandes der StA […] keine Verständigung möglich“, gibt ein häufig vor dem Amtsgericht auftretender Staatsanwalt zu bedenken. Nach der Aussage eines Richters am Amtsgericht werde eine informelle Absprache einer formellen Verständigung vorgezogen, wenn der Verteidiger und das Gericht „nach dem Termin ‚die Sache rechtskräftig vom Tisch‘“ haben möchten. Das ginge nur, „wenn allen hundertprozentig klar ist, was ‚hinten raus kommt‘“. Frage 35: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Tabelle E.50 Verteilungen der Antworten auf Frage 35 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1357, F = 210. „Ich habe den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft der Rolle als Wächterin über die Gesetzmäßigkeit der Verständigungspraxis seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2013 nachkommt“81 trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teil weise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Gesamt 21,5% 31,3% 24,2% 12,2% 10,7% Richter 22,5% 29,1% 22,0% 9,6% 16,9% Staatsanwälte 29,7% 40,8% 18,5% 3,8% 7,2% Strafverteidiger 5,4% 18,7% 38,5% 31,8% 5,7% 81 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 6b (S. 10). 254 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) „Die Praxis der informellen Absprachen lebt weiter davon, dass sie nicht zu einer Urteilsanfechtung führen.“ trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teilweise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Gesamt 17,1% 28,7% 20,8% 10,8% 22,7% Richter 14,6% 22,7% 19,3% 14,4% 28,9% Staatsanwälte 13,3% 28,8% 22,1% 11,0% 24,8% Strafverteidiger 28,1% 39,1% 21,1% 3,7% 8,0% „Seit dem Urteil aus dem Jahr 2013 werden vermehrt Rechtsmittel bei Vorliegen einer informellen Absprache eingelegt“82 trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teilweise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Gesamt 1,8% 5,1% 14,4% 28,1% 50,6% Richter 3,2% 4,3% 11,4% 22,3% 58,7% Staatsanwälte 1,0% 5,1% 12,6% 29,5% 51,8% Strafverteidiger 1,0% 6,4% 22,7% 35,8% 34,1% Mehr als die Hälfte aller Befragten (52,8%) stimmt „überwiegend“ oder gar „in hohem Maße“ der Aussage zu, dass die Staatsanwaltschaft der Rolle als Wächterin über die Gesetzmäßigkeit der Verständigungspraxis in neuerer Zeit nachkommt. Erwartungsgemäß fällt die Zustimmung in den Reihen der Staatsanwaltschaft besonders hoch aus (70,5%), während die Verteidiger hier deutlich skeptischer sind (31,8% „trifft gar nicht zu“). Strafverteidiger geben deutlich mehr als die anderen beiden Berufsgruppen an, die Praxis der informellen Absprachen lebe weiter davon, dass sie nicht zu einer Urteilsanfechtung führe. Hier ist die Ablehnung zu dieser Aussage bei den Richtern (14,4% mit „trifft gar nicht zu“) am höchsten. Die Aussage „Seit dem Urteil aus dem Jahr 2013 werden vermehrt Rechtsmittel bei Vorliegen einer informellen Absprache eingelegt“ wird von allen drei Berufsgruppen als eher nicht zutreffend betrachtet. Allerdings antworten hier viele der Befragten mit der Antwortoption „keine Erfahrungswerte“ (58,7% der Richter, 51,8% der Staatsanwälte, 34,1% der Strafverteidiger). Frage 36: „Als Staatsanwalt/Staatsanwältin erlebe ich eine Kontrolle hinsichtlich des Verständigungsurteils des Bundesverfassungsgerichts BVerfGE 133, 168 ff. durch meine/n Dienstvorgesetzte/n.“83 (Anmerkung: Frage nur an Staatsanwälte gestellt) Tabelle E.51 Verteilung der Antworten auf Frage 36; N = 590, n = 525, F = 65. stimme eher zu stimme eher nicht zu 35,4% 64,6% 82 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 2b (S. 7). 83 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 6b (S. 10). 255 III. Ergebnisse Eine fast 2/3-Mehrheit der Staatsanwälte erlebt eher keine Kontrolle hinsichtlich des Verständigungsurteils des Bundesverfassungsgerichts durch die Dienstvorgesetzten. Frage 37: Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass eine informelle Absprache zu einer Beanstandung im Rechtsmittelverfahren führt? Abbildung E.17 Verteilungen der Punkteangaben bei Frage 37 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1173, F = 394. 256 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 38: Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass eine aufgedeckte informelle Absprache strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht? (Anmerkung: Zur Beantwortung der Fragen 37 und 38 wurde ein Regler auf einer Skala von 0 (niedriges Risiko) bis 10 (hohes Risiko) bewegt; die Bearbeitung der Fragen war optional) Abbildung E.18 Verteilungen der Punkteangaben bei Frage 38 über alle Teilnehmer nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1114, F = 453. Tabelle E.52 Mittelwerte und Standardabweichungen der Risiken (Rechtsmittelverfahren und strafrechtliche Konsequenzen) über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; Rechtsmittelverfahren: N = 1567, n = 1173, F = 394; strafrechtliche Konsequenzen: N = 1567, n = 1114, F =453. Risiko Rechtsmittelverfahren (N = 1173) Risiko strafrechtliche Konsequenzen (N = 1114) Mittelwert M Standardabweichung SD Mittelwert M Standardabweichung SD Gesamt 4.30 3.21 3.43 3.11 Richter 5.03 3.34 4.22 3.33 Staatsanwälte 4.22 2.12 3.23 2.95 Strafverteidiger 3.20 2.80 2.55 2.68 Insgesamt wird sowohl das Risiko, dass eine informelle Absprache zu einer Beanstandung im Rechtsmittelverfahren führt, als auch das Risiko, dass eine aufgedeckte informelle Absprache strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, als eher mäßig eingestuft. Dabei wird die Gefahr strafrechtlicher Konsequenzen von allen drei Berufsgruppen als noch geringer eingeschätzt. 257 III. Ergebnisse Strafverteidiger liegen in ihren Risikoeinschätzungen deutlich niedriger als die beiden anderen befragten Berufsgruppen. Die Berufsgruppen unterscheiden sich sowohl bei der Risikoeinschätzung für das Rechtsmittelverfahren als auch bei der Risikoeinschätzung strafrechtlicher Konsequenzen signifikant.84 e) „Transparenz und Dokumentation“ Ein letzter Komplex war Fragen zur Transparenz und Dokumentation der formellen Verständigungen im Strafverfahren gewidmet. Frage 39: Wie häufig wird in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass zuvor…85 Tabelle E.53 Verteilungen der Antworten auf Frage 39 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1346, F = 221. …ein verständigungsorientiertes Gespräch erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 45,4% 19,8% 24,9% 5,4% 4,5% Richter 57,3% 10,6% 19,7% 6,5% 5,9% Staatsanwälte 41,1% 20,1% 29,8% 4,2% 4,8% Strafverteidiger 31,8% 35,8% 25,3% 5,7% 1,4% …kein verständigungsorientiertes Gespräch erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 61,1% 30,0% 4,2% 3,2% 1,5% Richter 69,4% 18,4% 4,2% 5,9% 2,1% Staatsanwälte 57,4% 36,7% 3,4% 1,0% 1,5% Strafverteidiger 53,0% 38,9% 5,4% 2,4% 0,3% Insgesamt scheinen die Mitteilungen über das Vorhandensein oder das Fehlen verständigungsorientierter Gespräche eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Immerhin 61,1% aller Befragten sind der Ansicht, dass „immer“ eine Mitteilung erfolgt, wenn kein verständigungsorientiertes Gespräch erfolgt ist. Bei den Angaben verständigungsorientierter Gespräche fällt der entsprechende Wert auf 45,4%. Die Richter geben eher an, dass solche Mitteilungen „immer“ gegeben werden, als die anderen Berufsgruppen. Das dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass hier ihr richterlicher Aufgabenbereich betroffen ist. 84 Modellvergleich linearer Modelle mit oder ohne Berufsgruppe als Prädiktor für beide Risiko-Einschätzungen, F(2, 1026) = 34.251, p < αSID. 85 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5a (S. 9). 258 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 40: Zu welchem Zeitpunkt wird vom Gericht in der Regel mitgeteilt, ob verständigungsorientierte Gespräche vor der Hauptverhandlung stattgefunden haben?86 (Mehrfachnennungen möglich) – Zu Beginn der Hauptverhandlung (vor Belehrung des/der Angeklagten und vor dessen/deren Vernehmung zur Sache) – Nach der Belehrung des/der Angeklagten – Nach der Belehrung des/der Angeklagten und nach dessen/deren Vernehmung zur Sache – Während der Beweisaufnahme – Nach dem Schluss der Beweisaufnahme – Keine Regel erkennbar Tabelle E.54 Verteilungen der Antworten auf Frage 40 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe (Zustimmung in Prozent); N = 1567, n = 1346, F = 221. Gesamt Richter Staatsanwälte Strafverteidiger Zu Beginn der Hauptverhandlung 87,1% 87,1% 86,8% 87,8% Nach Belehrung 12,2% 13,3% 11,1% 12,2% Nach Belehrung u. Vernehmung 1,7% 1,7% 1,1% 2,7% Während Beweisaufnahme 2,0% 2,3% 1,1% 3,0% Nach Beweisaufnahme 28,4% 29,6% 27,0% 28,7% Keine Regel 4,4% 2,7% 4,8% 6,8% Die Mitteilungen scheinen nahezu immer zu Beginn der Hauptverhandlung zu erfolgen. Über ein Viertel der Befragten berichtet auch von Mitteilungen nach der Beweisaufnahme. Frage 41: Zu welchem Zeitpunkt wird vom Gericht in der Regel mitgeteilt, ob verständigungsorientierte Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung stattgefunden haben?87 Tabelle E.55 Verteilungen der Antworten auf Frage 41 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1344, F = 223. sofort nach Fortsetzung der Hauptverhandlung zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf der Hauptverhandlung keine Regel erkennbar Gesamt 82,9% 2,2% 15,0% Richter 86,3% 2,7% 11,0% Staatsanwälte 80,7% 1,3% 18,0% Strafverteidiger 80,7% 2,7% 16,6% 86 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5a (S. 9). 87 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5a (S. 9). 259 III. Ergebnisse Die deutliche Mehrheit der Befragten gibt an, dass, sofern verständigungsorientierte Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung stattfinden, dies sofort nach Fortsetzung der Hauptverhandlung mitgeteilt wird. Dabei liegen zwischen den Berufsgruppen nur kleine Unterschiede vor. Richter geben etwas häufiger als Staatsanwälte und Strafverteidiger an, dass die Mitteilungen über verständigungsorientierte Gespräche in der Regel sofort nach Fortsetzung der Hauptverhandlung stattfinden. Frage 42: Was genau wird üblicherweise in der Hauptverhandlung mitgeteilt, wenn von zuvor stattgefundenen verständigungsorientierten Gesprächen berichtet wird? Es erfolgt die Mitteilung…88 Tabelle E.56 Verteilungen der Antworten auf Frage 42 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1346, F = 221. …des Initiators/der Initiatorin des Gesprächs Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 69,8% 20,4% 0,8% Richter 77,8% 10,1% 12,1% Staatsanwälte 67,9% 22,2% 9,9% Strafverteidiger 58,8% 35,8% 5,4% …der Beteiligten des Gesprächs Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 90,9% 1,6% 7,6% Richter 89,0% 0,9% 10,1% Staatsanwälte 91,8% 0,6% 7,6% Strafverteidiger 92,6% 4,4% 3,0% …des wesentlichen Inhalts der jeweiligen Diskussionsbeiträge Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 84,2% 8,2% 7,6% Richter 86,1% 4,2% 9,7% Staatsanwälte 83,6% 8,6% 7,8% Strafverteidiger 81,8% 14,9% 3,4% Vor allem über die Beteiligten und den wesentlichen Inhalt der jeweiligen Diskussionsbeiträge in den verständigungsorientierten Gesprächen wird informiert, etwas weniger häufig über die Initiatoren der Gespräche. Bemerkenswerterweise unterscheiden sich die Aussagen über die Angabe der Initiatoren der Gespräche nicht unerheblich zwischen den Berufsgruppen (Richter 77,8% Zustimmung, Strafverteidiger nur 58,8% Zustimmung), während die Differenzen der Zustimmungsanteile zwischen den Berufsgruppen bei der Angabe der Beteiligten der Gespräche und über die Inhalte der Diskussionsbeiträge jeweils weniger als 5% betragen. 88 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5a (S. 9). 260 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 43: Wenn eine solche Mitteilung erfolgt ist, dann wird in der Regel…89 Tabelle E.57. Verteilungen der Antworten auf Frage 43 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1345, F = 222. …der bloße Umstand, dass eine Mitteilung erfolgt ist, auch protokolliert Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 77,0% 12,3% 10,7% Richter 77,4% 12,4% 10,3% Staatsanwälte 73,2% 12,0% 14,7% Strafverteidiger 82,8% 12,8% 4,4% …darüber hinaus der Inhalt der Mitteilung protokolliert Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 74,0% 12,2% 13,8% Richter 79,5% 9,3% 11,2% Staatsanwälte 72,1% 8,6% 19,3% Strafverteidiger 67,6% 23,6% 8,8% Der Großteil aller Befragten ist der Auffassung, dass sowohl der Umstand, dass eine Mitteilung über verständigungsorientierte Gespräche erfolgt ist, protokolliert wird, als auch der Inhalt einer solchen Mitteilung. Interessanterweise stimmen Strafverteidiger der ersten Aussage („bloßer Umstand“ wird protokolliert) am meisten zu (82,8%), während sie bei der zweiten Aussage („darüber hinaus der Inhalt“) deutlich zurückhaltender antworten (67,6%). Frage 44: Wie häufig wird der Umstand protokolliert, dass in der Hauptverhandlung… Tabelle E.58 Verteilungen der Antworten auf Frage 44 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1327, F = 240. …eine Verständigung erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 73,6% 12,6% 6,5% 0,6% 6,7% Richter 78,4% 5,6% 5,9% 1,1% 9,0% Staatsanwälte 77,2% 11,5% 4,3% 0,4% 6,6% Strafverteidiger 58,8% 27,1% 11,3% 0,0% 2,7% …keine Verständigung erfolgt ist?90 immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Gesamt 68,9% 19,4% 4,9% 2,6% 4,2% Richter 78,7% 10,9% 4,0% 3,6% 2,7% Staatsanwälte 66,7% 22,6% 3,1% 1,4% 6,2% Strafverteidiger 55,0% 28,9% 9,6% 3,1% 3,4% 89 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5b (S. 9). 90 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5b, c (S. 9). 261 III. Ergebnisse Der Großteil der Befragten (73,6%) gibt an, dass der Umstand, eine bzw. keine Verständigung sei erfolgt, „immer“ in der Hauptverhandlung protokolliert wird. Strafverteidiger sind der Meinung, diese Protokollierungen seltener zu beobachten als die anderen Berufsgruppen. Zwischen den Antworten der Richter und Staatsanwälte bestehen in Hinblick auf die Protokollierung nicht erfolgter Verständigungen deutlich größere Unterschiede als in Hinblick auf die Protokollierung erfolgter Verständigungen. Frage 45: Was genau wird in der Regel erwähnt, wenn Verständigungen, die in der Hauptverhandlung erfolgen, protokolliert werden? Es erfolgt die Protokollierung…91 Tabelle E.59 Verteilungen der Antworten auf Frage 45 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1327, F = 240. …des Initiators/der Initiatorin der Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 65,5% 24,0% 10,6% Richter 73,8% 14,8% 11,5% Staatsanwälte 62,3% 25,1% 12,6% Strafverteidiger 56,4% 38,5% 5,2% …der Beteiligten der Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 89,2% 3,3% 7,5% Richter 87,4% 2,7% 10,0% Staatsanwälte 90,9% 1,9% 7,2% Strafverteidiger 89,7% 6,9% 3,4% …des wesentlichen Inhalts der jeweiligen Diskussionsbeiträge zur Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Gesamt 79,9% 12,0% 8,1% Richter 80,7% 9,2% 10,2% Staatsanwälte 81,5% 9,9% 8,6% Strafverteidiger 75,6% 20,6% 3,8% Rund 2/3 aller Befragten äußern sich dahingehend, dass sowohl der Initiator, die Beteiligten der Verständigung als auch der wesentliche Inhalt der jeweiligen Diskussionsbeiträge zur Verständigung protokolliert werden. Der Initiator des Gesprächs wird dabei anscheinend seltener protokolliert als die beiden anderen Umstände. Zwischen den Berufsgruppen existieren auch hier Unterschiede im Antwortverhalten. Vor allem bei der Protokollierung des Initiators weichen die Ansichten von Richtern und Strafverteidiger voneinander ab. 91 Vgl. Angebot zum Forschungsvorhaben, Frage 5b (S. 9). 262 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 46: Wie häufig fanden Sie sich schon einmal in einer Situation wieder, in der Sie sich nicht sicher waren, wie Sie den Transparenz- und Dokumentationsvorschriften ausreichend nachkommen? Abbildung E.19 Verteilungen der Antworten auf Frage 46 über alle Teilnehmer und nach Berufsgruppe; N = 1567, n = 1327, F = 240. Die Mehrheit der Befragten scheint sich in der Regel sicher zu sein, wie den Transparenz- und Dokumentationsvorschriften nachzukommen ist. Die größte Unsicherheit geben die Richter an, die ja in erster Linie für die Transparenz und die Wahrung der Dokumentationsvorschriften verantwortlich sind. Die Unterschiede in den Angaben unterscheiden sich statistisch allerdings nicht signifikant.92 2. Ergebnisse des Fragebogens für die Beschäftigten des BGH und des GBA Einige Ergebnisse des Fragebogens für die Beschäftigten des BGH und des GBA werden im Folgenden zusammengefasst. Dabei werden zur Vermeidung von Redundanzen und zur Maximierung des Erkenntnisgewinns größtenteils Antworten auf die Fragen präsentiert, die nur im BGH-Fragebogen enthalten waren. Die übrigen Ergebnisse des BGH-Fragebogens (s. Anhang A) weisen zum Teil bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu den Ergebnissen des Hauptfragebogens auf. 92 χ²(6) = 15.84, p = .015. 263 III. Ergebnisse Frage 1: Welcher der folgenden Berufsgruppen gehören Sie an? Tabelle E.60 Verteilung der Befragten nach Berufsgruppe; N = 38, n = 38, F = 0. Anzahl Prozent Bundesanwalt 4 10,5% Oberstaatsanwalt 5 13,2% Richter 9 23,7% Staatsanwalt 1 2,6% Wissenschaftlicher Mitarbeiter 3 7,9% Mitarbeiter Generalbundesanwalt 16 42,1% Die Mitarbeiter des GBA bilden die größte Gruppe der Teilnehmer, gefolgt von Richtern am BGH. Frage 34: In welchen Fällen besteht Ihrer Einschätzung nach die größte Wahrscheinlichkeit, dass Revision eingelegt wird, obwohl zunächst ein Konsens der Beteiligten über eine informelle Absprache bestand? (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.61 Verteilung der Antworten auf Frage 34 (BGH-Fragebogen); N = 38, n = 37, F = 1. Anzahl Prozent Angeklagte/r ist mit der Höhe der Strafe nicht einverstanden 24 64,9% Angeklagte/r sah sich zu einem Geständnis gezwungen 10 27,0% Die größte Wahrscheinlichkeit der Einlegung einer Revision trotz einer vorhergehenden informellen Absprache sehen die Befragten in dem Fall, dass der Angeklagte nicht mit der Höhe der Strafe einverstanden ist. Im offenen Antwortformat wird mehrfach berichtet, dass die größte Wahrscheinlichkeit einer derartigen Revision in den Fällen bestehe, in denen ein Verteidigerwechsel erfolgt ist. Auch wenn eine Verlängerung der U-Haft gewünscht wird oder wenn ein Aufschub der Strafvollstreckung beabsichtigt ist, steige die Wahrscheinlichkeit einer Revision. Ferner schreibt ein weiterer Teilnehmer: „Angeklagter versucht es halt mal“. 264 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 42: Entsprechen Ihrer Einschätzung nach die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren den Bedürfnissen der Praxis? (Anmerkung: Bearbeitung der Frage war optional) Tabelle E.62 Verteilung der Antworten auf Frage 42 (BGH-Fragebogen); N = 38, n = 31, F = 7. Anzahl Prozent Ja 10 32,3% Nein 21 67,7% Eine deutliche Mehrheit der Akteure des BGH und des GBA stufen die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren als nicht praxistauglich ein. Frage 43: Welche Regelungen des Verständigungsgesetzes halten Sie konkret für praxisuntauglich? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 43 „Ja“ angegeben hatten) (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.63 Verteilung der Antworten auf Frage 43 (BGH-Fragebogen); N = 38, n = 21, F = 17. Anzahl Prozent Das Festhalten an der Amtsaufklärungspflicht nach § 244 II StPO (vgl. § 257c I 2 StPO) 6 28,6% Das Verbot des Rechtsmittelverzichts in § 302 I 2 StPO 15 71,4% Das Verbot der Vereinbarung einer Punktstrafe 4 19,0% Das Verbot der Vereinbarung über den Schuldspruch in § 257c II 3 StPO 3 14,3% Das Verbot der Vereinbarung über Maßregeln der Besserung und Sicherung in § 257c II 3 StPO 1 4,8% Die Belehrungspflicht nach § 257c V StPO 5 23,8% Die Mitteilungspflicht von Erörterungen nach den §§ 202a, 212 StPO zu Beginn der Hauptverhandlung (§ 243 IV 1 StPO) 5 23,8% Die Regelung zu den sog. Negativmitteilungen (§ 243 IV 1 StPO) 10 47,6% Alle flankierenden Vorschriften sind praxisuntauglich 1 4,8% Die Verständigung insgesamt sollte verboten werden 1 4,8% Die Regelungen über die Verständigung sind alles in allem praxistauglich 2 9,5% Befragt nach der Praxisuntauglichkeit verschiedener Vorschriften, wird mit Abstand die Regelung des Verbots des Rechtsmittelverzichts in § 302 Abs. 1 S. 2 StPO am häufigsten genannt (71,4%). Die Regelungen zu den sog. Negativmitteilungen nach § 243 Abs. 4 S. 1 StPO werden immerhin von knapp der Hälfte der Befragten als praxisuntauglich angesehen, das Festhalten an der Amtsaufklärungspflicht nach § 244 Abs. 2 StPO noch von etwas mehr als einem Viertel (28,6%). Bemerkenswert erscheint aber auch, dass nur eine Person die Auffassung äußert, die Verständigung insgesamt solle verboten werden. 265 III. Ergebnisse Im Folgenden erhielten die Befragten in Frage 44 die Möglichkeit, ihre Auffassung zu begründen. Zur besseren Anschaulichkeit werden an dieser Stelle sämtliche von den Befragten gemachten Äußerungen wörtlich wiedergegeben. Drei Statements beschäftigen sich mit der Sinnhaftigkeit des Verbots des Rechtsmittelverzichts: Ein Befragter begründet seine Kritik an dieser Regelung wie folgt: „Es leuchtet nicht ein, dass ein Angeklagter nach der Urteilsverkündung, mithin in Kenntnis des Urteils, nur deshalb nicht auf Rechtsmittel soll verzichten können, weil dem Urteil eine Verständigung vorausgegangen ist.“ Und ein anderer Befragter meint: „Dem Angeklagten wird durch das Verbot des Rechtsmittelverzichts die Möglichkeit genommen, ein rechtskräftiges Urteil zu erlangen. Dies kann bei Untersuchungshaft, Verlegung in eine heimatnahe JVA, Beginn des Maßregelvollzugs, Arbeit in der JVA usw. nachteilig sein.“ In einer weiteren Äußerung wird das Verbot des Rechtsmittelverzichts begrüßt, bei einem Rechtsmittel trotz einer vorangegangenen Verständigung aber eine rechtliche Konsequenz für selbige gefordert: „Die Verständigung wird von Angeklagten/Verteidigern oftmals genutzt, um Gericht und Staatsanwaltschaft ‚auszuhorchen‘. Dies hat die Negativfolge, dass es dann zu keiner Verständigung kommt, aber ein unterhalb der Anklage liegendes Geständnis abgegeben wird. Da Gericht und StA sich in der Regel auch ohne formelle Verständigung an ihre Aussagen gebunden fühlen, soll hierdurch eine Strafe unterhalb des im Verständigungsgespräch avisierten Bereichs erreicht werden. Der weitere, formell regelbare Punkt ist, dass durch die Verständigung oftmals eine niedrige Strafe erreicht wird. Durch eine Revision und Verschlechterungsverbot kann der Angeklagte dann versuchen, die Strafe nochmals zu ‚drücken‘ (Verschlechterungsgrundsatz). M.E. ist es richtig, dass der Angeklagte nicht auf Rechtsmittel verzichten muss. Aber bei Einlegung eines Rechtsmittels nach Verständigung sollte die vorherige Absprache und damit auch die vorherige Strafe nichtig sein und nach § 154 StPO eingestellte Tatvorwürfe automatisch wieder aufleben.“ Eine weitere Anmerkung regt zum einen an, bei der Dokumentation zwischen Verfahren vor dem Amts- und dem Landgericht zu differenzieren. Zum anderen wird auf die Stellung der Staatsanwaltschaft im Gefüge der Vorschriften über die Verständigung eingegangen: 266 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) „Die Regelungen zur Dokumentation sind ersichtlich auf Verfahren vor dem LG zugeschnitten. Für Verfahren vor dem AG sind sie bei korrekter Handhabung wenig praktikabel. Ein zentraler Schwachpunkt ist darin zu erblicken, dass die StA gegen naheliegende informelle Absprachen zwischen Gericht und Verteidigung nahezu gar nichts machen kann. Dadurch wird die vom BVerfG hervorgehobene Wächterstellung der StA ausgehöhlt. Auswege – etwa über das Befangenheitsrecht – sind schwierig und werden vom BGH (bislang) blockiert. Dadurch wird die StA nach ihrem Veto recht häufig zum bloßen Papiertiger degradiert (insbesondere in Wirtschafts- und Betäubungsmittelstrafsachen). Ein Lösungsansatz könnte darin bestehen, der StA in ‚Verdachtsfällen‘ ein in öffentlicher Hauptverhandlung auszuübendes Fragerecht gegenüber dem Gericht über Gespräche zwischen ihm und der Verteidigung einzuräumen. Die Richter sollten rechtlich gehalten sein, die Fragen entweder wahrheitsgemäß detailliert (wie Dokumentationspflicht nach § 273 Abs. 1a S. 1 StPO) zu beantworten oder aber – vergleichbar §§ 55, 56 StPO – davon abzusehen. Tritt der letztgenannte Fall ein, sollten diese Richter automatisch von der weiteren Mitwirkung am Verfahren ausgeschlossen sein. Dass bei wahrheitsgemäßer Beantwortung der Fragen seitens der Richter gelogen wird, kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein weiterer Diskutant beschäftigt sich damit, ob es sinnvoll ist, auch in Verständigungsfällen an der Amtsaufklärungspflicht des Gerichts nach § 244 Abs. 2 StPO festzuhalten: „Eine Verständigung ohne (maßvolle) Beschränkung der Amtsaufklärungspflicht ist oft sinnlos. Das Gericht kann sich nach Aktenlage vielfach ein hinreichendes Bild darüber verschaffen, ob das Geständnis des Angeklagten plausibel ist, oder nicht. Eine weitere Beweiserhebung belastet in vielen Fällen das Gericht, Polizeibeamte und Opferzeugen unnötig und entwertet dadurch auch das Geständnis des Angeklagten teilweise. Darüber hinaus möchten Angeklagte verständlicherweise oft gerne wissen, ob Maßnahmen nach §§ 63, 64 StGB verhängt werden. Auch dies kann auf Grundlage der notwendigerweise einzuholenden schriftlichen Gutachten durch das Gericht meist schon bewertet werden und sollte jedenfalls wenn schon ein schriftliches Gutachten vorliegt, von dessen Ergebnis nicht abgewichen werden soll, auch Inhalt einer Verständigung sein können. Darüber hinaus wird die Pflicht zur Protokollierung von den obersten Gerichten derart weitgehend ausgelegt, dass oft bereits die mit der Terminierung verbundenen, rein praktischen Gespräche mit Verfahrensbeteiligten (Beispiel: Muss Zeit für eine Einlassung des Angeklagten eingeplant werden, oder können nach Anklageverlesung sofort Zeugen gehört 267 III. Ergebnisse werden) einer Protokollierung zugeführt werden müssten. Dies erfolgt nach meiner Erfahrung in der Praxis oft nicht und ist auch nicht praktikabel.“ Ein Teilnehmer stößt sich an der Protokollierungspflicht und meint: „Die Protokollierungspflicht nach § 273 Abs. 1 Satz 2 bei Erörterungen nach § 257b ist umständlich.“ In einer weiteren Äußerung erfolgt eine Fundamentalkritik an der Verständigung in Strafverfahren: „Die derzeitigen Regelungen bieten unter dem Strich nichts Positives für die Praxis sondern bergen nur Gefahren.“ Demgegenüber meint eine andere Stimme: „Gute Kompromisslösung“ Schließlich stellt eine letzte Meinungsäußerung die Regelungen über die Verständigung in einen weiten Zusammenhang: „Das Problem der Verständigungspraxis ist nicht das unzureichende rechtliche Instrumentarium, das auf den Grundsatz der Wahrheitserforschung ausgerichtet ist (§ 244 Abs. 2 StPO), sondern die als unzureichend empfundene sachliche und personelle Ausstattung der Gerichte und Staatsanwaltschaften. Die Zahl der (informellen) Verständigungen steigt, je weniger die Gerichte den Anklagestoff ‚beherrschen‘, also bei der Rechtsanwendung Schwierigkeiten haben. Je weniger die Gerichte die Gefahr unrichtiger Entscheidungen in der Sache fürchten, desto eher lehnen sie ab, sich auf Verständigungen einzulassen.“ Frage 45: Kann Ihrer Einschätzung nach die Praxis der informellen Absprachen weiter zurückgedrängt werden? (Anmerkung: Bearbeitung der Frage war optional) Tabelle E.64 Einschätzung der Befragten, ob die Praxis der informellen Absprachen weiter zurückgedrängt werden kann; N = 38, n = 27, F = 11. Anzahl Prozent Ja 16 59,3% Nein 11 40,7% Fast 60% der Befragten sind der Meinung, dass die Praxis der informellen Absprachen weiter zurückgedrängt werden kann. 268 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 46: Was müsste hierfür in Zukunft konkret unternommen werden? (Anmerkung: Frage wurde nur an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 45 „ja“ angegeben hatten) 1. Bei Nichteinhaltung der Vorschriften Androhung dienstlicher oder strafrechtlicher Konsequenzen 2. Veränderung der Grundstruktur des Strafprozesses hin zu einem echten konsensualen Verfahren 3. Deutliche Erhöhung des Justizpersonals Abbildung E.20 Verteilung der Antworten auf Frage 46 im BGH-Fragebogen; N = 38, n = 16, F = 22. Die Resonanz auf die drei angebotenen Lösungsmöglichkeiten fällt sehr unterschiedlich aus: Mehr als 80% (13 von 16) der Befragten geben an, um die Praxis der informellen Absprachen zurückzudrängen, sei eine „deutliche Erhöhung des Justizpersonals“ nötig. Dieses Votum steht im Einklang mit mehreren bisherigen Befunden, z.B. dem mutmaßlichen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit informeller Absprachen und der Arbeitsbelastung sowie den oftmals als praxisuntauglich empfundenen Vorschriften der formellen Verständigung gemäß § 257c StPO (vgl. etwa Frage 43 des BGH-Fragebogens und Frage 33 des Hauptfragebogens). Deutliche Ablehnung erfährt demgegenüber der Vorschlag, die Grundstruktur des Strafprozesses hin zu einem echten konsensualen Verfahren zu verändern (6,3% bzw. nur einer von 16 Antwortenden). Bei Nichteinhaltung der Vorschriften dienstliche oder strafrechtliche Konsequenzen an- 269 III. Ergebnisse zudrohen, befürwortet immerhin ein knappes Drittel der Befragten (31,3% bzw. fünf von 16). Im freien Antwortformat nennen zwei justizielle Akteure „Fortbildungen des Personals“ als Notwendigkeit, um die Praxis informeller Absprachen zurückzudrängen. Gefordert wird auch die Abschaffung des Verbots des Rechtsmittelverzichts. Ein justizieller Akteur spricht sich zudem für eine praxistauglichere Ausgestaltung der Vorschriften zu den Verständigungen aus. Frage 47: Inwiefern stimmen Sie folgender Aussage zu: Informelle Absprachen sind ein unverzichtbares Instrument zur Bewältigung der Strafverfahren Tabelle E.65 Zustimmung der Befragten zur Aussage; N = 38, n = 37, F = 1. in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Anzahl 2 0 6 29 0 Prozent 5,4% 0,0% 16,2% 78,4% 0,0% Die überwiegende Mehrzahl der Befragungsteilnehmer hält informelle Absprachen für ein verzichtbares Instrument. Lediglich zwei der 37 Befragten (5,4%) sind einer gegenteiligen Auffassung. Frage 48: Falls Sie der oben genannten Aussage zustimmen, erhalten Sie hier die Möglichkeit, Ihre Auffassung zu begründen: (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 47 „gar nicht“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Ein Teilnehmer, der in Frage 48 mit „teilweise“ geantwortet hat, erklärt: „Es handeln Menschen! Menschen (re)agieren in der Hauptverhandlung sozial miteinander. Stellt jede Antwort, jede Aussage, jede menschliche Regung, jede Geste, jeder Blick, die von den Beteiligten – ggf. auch vor ihrem professionellen Hintergrund – richtig gedeutet wird, eine informelle Absprache dar? Informelle Absprache im Sinne eines ‚blinden Verständnisses‘ über gewisse Punkte wird es immer geben solange Menschen handeln. Und hat nicht auch der Angeklagte ein Recht darauf, dass in der Hauptverhandlung menschlich mit ihm umgegangen wird?“ 3. Ergänzende Analyse anhand einer (explorativen) ordinalen Regression Nachfolgend werden die wichtigsten Erkenntnisse der Datenanalyse mithilfe von ordinalen Regressionsmodellen zusammengefasst. Hierbei wer- 270 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) den lediglich die Ergebnisse präsentiert. Das Vorgehen muss insgesamt als explorativ bezeichnet werden. Das heißt, die Auswahl der überprüften Variablen stützt sich nicht auf theoriegeleitete Hypothesen, sondern folgt subjektiven Einschätzungen. Eine ausführliche Begründung für die Auswahl der überprüften Variablen sowie die detaillierten Regressionstabellen finden sich im Anhang C. Untersucht wurde, ob und auf welche Weise die angegebene Häufigkeit informeller Absprachen in der eigenen Praxis der befragten justiziellen Akteure durch deren Berufsgruppe (Frage 1), das Bundesland, in dem sie vorrangig tätig sind (Frage 2), deren Berufserfahrung (Frage 4), den von ihnen geschätzten Strafnachlass nach vorangegangener Verständigung (Frage 12), die Berechenbarkeit der Strafe trotz Angabe von Ober- und Untergrenze (Frage 13) und die Unsicherheit in Bezug auf die Zulässigkeit von Verständigungen (Frage 23) vorhergesagt werden kann. Diese sechs Prädiktoren wurden zur Überprüfung des Einflusses „demographischer Merkmale“ (Beruf, Bundesland, Berufserfahrung) und des Einflusses von „Grauzonenelementen“ (Strafnachlass nach Verständigung, Berechenbarkeit der Strafe, Unsicherheit über die Zulässigkeit) auf die Angaben zur Prävalenz informeller Absprachen ausgewählt. Dabei ergibt sich, dass sowohl die Berufserfahrung der Befragten als auch die Bundesländer, in denen die Teilnehmer vorrangig tätig sind, nicht signifikant zu der Vorhersage der Häufigkeit informeller Absprachen in der eigenen Praxis beitragen. Ebenso scheint die Einschätzung über den Strafnachlass, der üblicherweise bei einer Verständigung erfolgt, nicht mit dem Umfang informeller Absprachen zusammenzuhängen. Ausgehend von den vorliegenden Daten sind diese Faktoren also unabhängig von der Prävalenz informeller Absprachen. Im Gegensatz dazu lässt sich die Häufigkeit informeller Absprachen am besten vorhersagen, wenn die Berufsgruppe, die Berechenbarkeit der Strafe bei der Angabe von Ober- und Untergrenze und die Zweifel über die Zulässigkeit beabsichtigter Verständigungen berücksichtigt werden. Es besteht also ein statistisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen der Häufigkeit informeller Absprachen und dem Antwortverhalten der justiziellen Akteure bei den entsprechenden Fragen: 1. Die Berufsangabe „Strafverteidiger“ geht mit den höchsten angegebenen Häufigkeiten für informelle Absprachen in der Praxis einher, die Angabe „Richter“ mit den niedrigsten. 2. Je häufiger den Befragten die genaue Strafe bewusst ist, obwohl nur Ober- und Untergrenze angegeben werden, desto häufiger geben sie an, informelle Absprachen in der Praxis zu erleben. 271 IV. Kurzzusammenfassung der zentralen Ergebnisse 3. Je häufiger die Befragten angeben, sich unsicher über die Zulässigkeit von Verständigungen zu sein, desto häufiger geben sie auch an, informelle Absprachen in der Praxis zu erleben. 4. Die Angaben der Befragten zu dem Bundesland, in dem sie hauptsächlich tätig sind, zu ihrer Berufserfahrung und zur Höhe des Strafnachlasses nach Verständigungen weisen keinen Zusammenhang zur Häufigkeit informeller Absprachen in der Praxis auf. IV. Kurzzusammenfassung der zentralen Ergebnisse Im Rahmen einer Online-Befragung von Richtern, Staatsanwälten und Strafverteidigern wurde eruiert, wie die strafrechtliche Praxis mit den Normen über die Verständigung in Strafverfahren umgeht. Für die Erhebung, die über den Jahreswechsel 2018/19 lief, konnten 1567 Fragebogen aus allen Bundesländern ausgewertet werden. Während Richter (591) und Staatsanwälte (590) in der Umfrage fast gleich stark vertreten waren, blieb die Anzahl der antwortenden Strafverteidiger (386) etwas dahinter zurück. Insgesamt kann dennoch von einem befriedigenden Maß an Repräsentativität der Befragung ausgegangen werden, auch wenn Selektionseffekte bei der Beteiligung, die zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen können, nicht ganz auszuschließen sind. Zusätzlich wurde eine gesonderte Erhebung bei Richtern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern am Bundesgerichtshof (BGH) und bei Dezernenten und Wissenschaftlichen Mitarbeitern beim Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (GBA) durchgeführt (insgesamt 38 Teilnehmer). Im Folgenden sollen die zentralen Ergebnisse des Moduls 4 vorgestellt werden: 1. Verständigungen gemäß § 257c StPO Zunächst wurden die Teilnehmer über die Praxis der formellen Verständigungen gemäß § 257c StPO befragt. Mit rund 3/4 gibt der Großteil der Befragten an, Verständigungen im Rahmen des § 257c StPO kämen in Verfahren, an denen sie beteiligt sind, nur selten oder nie vor. Hierbei zeigen sich jedoch signifikante Unterschiede zwischen den Berufsgruppen. Strafverteidiger erleben am ehesten Strafverfahren mit einer Verständigung (22,0% mit Angabe „häufig“), Richter dagegen am seltensten (nur 12,2%). Werden Verfahren mit einer Verständigung abgeschlossen, erfolgt diese am ehesten in der Hauptverhandlung. 272 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Wirtschaftsstrafsachen, Betrugsdelikte, Steuerstrafsachen und Betäubungsmitteldelikte werden von allen Berufsgruppen als die strafrechtlichen Felder angesehen, bei denen es am häufigsten zu Verständigungen kommt. Während dies zu erwarten war, erscheint bemerkenswert, dass auch Sexualdelikte, darunter insbesondere der Besitz und das – untechnisch formuliert  – Ansehen von Kinderpornographie, als einer Verständigung zugrundeliegende Straftaten eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Dabei ist ein Motiv für eine Verständigung bei Sexualdelikten, dass durch diese Vorgehensweise dem Opfer ein Auftreten in der Hauptverhandlung erspart werden soll. Der dem Angeklagten im Weg einer Verständigung gewährte Strafnachlass liegt nach den Umfrageergebnissen bei rund 20%. Einzelne Teilnehmer der Befragung, darunter vor allem Strafverteidiger, berichten jedoch von deutlich höheren Werten. §  257c Abs.  3 S.  2 StPO eröffnet dem Gericht die Möglichkeit, unter freier Würdigung aller Umstände des Falles sowie der allgemeinen Strafzumessungserwägungen auch eine Ober- und Untergrenze der in Aussicht gestellten Strafe anzugeben. Dennoch berichten 58,1% aller Teilnehmer, dass trotz Nennung eines solchen Rahmens allen Beteiligten „häufig“ oder gar „sehr häufig“ klar sei, welche Strafe bei einer Verständigung ausgeurteilt wird. Vor allem Strafverteidiger äußern die Auffassung, dass sich alle Beteiligten sehr oft über das genaue Strafmaß im Klaren seien. In eine Verständigung einbezogen wird nach den Angaben der Beteiligten häufig zudem die Frage einer Strafaussetzung zur Bewährung (52,5% mit Angabe „[sehr] häufig“) wie auch Verfahrenseinstellungen nach §§ 154, 154a StPO (43,2%). Weit über die Hälfte der Befragten (62,5%) gibt an, die Abgabe eines Geständnisses sei „immer“ Gegenstand einer Verständigung. Angesichts der Regelung in § 257c Abs. 2 S. 2 StPO („Bestandteil jeder Verständigung soll ein Geständnis sein.“) erscheint dieser Wert allerdings eher als gering. Als häufiges Prozessverhalten werden außerdem der Verzicht auf eine umfangreiche Beweisaufnahme (65,6% „häufig“ oder „immer“) und die Zusage einer Schadenswiedergutmachung (28,8%) genannt. Mehr als die Hälfte aller Befragten fand sich noch nie in einer Situation wieder, in der sie unsicher war, ob die beabsichtigte Verständigung zulässig ist. Dabei zeigen sich die Strafverteidiger als vergleichsweise unsicher. In diesem Zusammenhang scheinen eine unklare Gesetzeslage/Rechtsprechung und die Unsicherheit über zulässige Verständigungsinhalte die größten Probleme zu verursachen. 273 IV. Kurzzusammenfassung der zentralen Ergebnisse 2. Die Praxis der informellen Absprachen Herzstück der Untersuchung des Moduls 4 bildeten die Fragen zu informellen Absprachen. Bemerkenswert ist, dass informelle Absprachen auch nach dem Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 (BVerfGE 133, 168 ff.) noch Anwendung in der Praxis der justiziellen Akteure finden. Immerhin 20% der Befragten geben an, „häufig“ bis „sehr häufig“ durch Hörensagen von informellen Absprachen zu erfahren, 15% darüber hinaus, dass informelle Absprachen „häufig“ bis „sehr häufig“ in der eigenen Praxis vorkommen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass informelle Absprachen unzweifelhaft immer noch ein Bestandteil der strafrechtlichen Praxis sind. Mit Betrugsdelikten, Wirtschaftsstrafsachen, Betäubungsmitteldelikten und Steuerstrafsachen spielen für informelle Absprachen dieselben strafrechtlichen Felder eine Rolle, die auch bei Verständigungen relevant sind. Außerdem werden Eigentums- und Sexualdelikte als typische Straftaten genannt, bei denen Absprachen erfolgen. Dabei geht die Initiative zu einer informellen Absprache nach den Angaben der Beteiligten in erster Linie von der Verteidigung, daneben aber auch vom Gericht aus. Insgesamt betonen vor allem Staatsanwälte, aber auch Richter, nach der Entscheidung BVerfGE 133, 168 ff. in ihrer eigenen Praxis gegenüber informellen Absprachen noch zurückhaltender geworden zu sein. Dagegen stößt die Aussage, dass es nach dem genannten Judikat keine informellen Absprachen mehr gäbe, bei rund 30% der Befragten auf eine deutliche Ablehnung. Skeptisch zeigen sich mit fast der Hälfte diese Aussage ablehnender Stimmen insbesondere die Strafverteidiger. Ausweislich der Untersuchung sind informelle Absprachen über weitere gegen den Angeklagten anhängige Verfahren besonders häufig. Beliebt sind offenbar auch Absprachen über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für sonstige minder oder besonders schwere Fälle. Und immerhin knapp 30% aller Befragten sind der Auffassung, dass Absprachen über punktgenaue Strafaussprüche häufiger seien. Deutlich an der Spitze der für eine informelle Absprache genannten Gründe steht die Notwendigkeit einer reduzierten Tatsachenaufklärung. Wichtig sind daneben die Bewältigung des Arbeitspensums und die mangelnde Praxistauglichkeit der geltenden Regelungen. Mit knapper Mehrheit haben die Befragten den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft der Rolle als Wächterin über die Gesetzmäßigkeit der Verständigungspraxis seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2013 nachkommt. Erwartungsgemäß stimmen die Staatsanwälte dieser Aussage am stärksten zu. Freilich erlebt diese Berufsgruppe eher keine Kontrolle durch den Dienstvorgesetzten. Insgesamt wird sowohl das Risiko, dass eine informelle Absprache zu einer Beanstandung im 274 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Rechtsmittelverfahren führt, als auch das Risiko, dass eine aufgedeckte informelle Absprache strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, als eher mäßig eingestuft. Beim Vergleich der Prävalenzen für formelle Verständigungen und informelle Absprachen zeigen sich insgesamt ähnliche Häufigkeiten, bei einer geringfügig höheren Häufigkeit für formelle Verständigungen. Bei einer genaueren Betrachtung der Resultate fällt auf, dass nach den Angaben der Richter und Staatsanwälte formelle Verständigungen häufiger vorkommen als informelle Absprachen (sowohl in der eigenen Praxis, als auch nach dem Hörensagen), während sich bei den Strafverteidigern interessanterweise ein umgekehrtes Bild zeigt. 3. Anwendung der §§ 153, 153a StPO trotz Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen Ein weiteres Ergebnis des Moduls 4 ist, dass fast die Hälfte der justiziellen Akteure berichtet, Gespräche über eine mögliche Einstellung gemäß den §§ 153, 153a StPO würden „häufig“ oder „sehr häufig“ geführt, obwohl Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen noch nicht ausgeräumt worden seien. Auch hier liegen signifikante Unterschiede zwischen den Berufsgruppen (rund 80% der Strafverteidiger mit Angabe „häufig“ oder „sehr häufig“ gegenüber nur rund 25% der Richter) und nach den Gerichten vor, an denen das Verfahren abläuft (rund 45% „häufig“ oder „sehr häufig“ bei [überwiegend] am Amtsgericht, dagegen knapp unter 30% bei [überwiegend] am Landgericht Tätigen). Das Vorliegen schwieriger Beweislagen, welches auch für das Aufkommen von Verständigungen und informellen Absprachen eine Rolle zu spielen scheint, wird als häufigster Grund für derartige Gespräche über die Einstellung von Verfahren genannt. 4. Transparenz und Dokumentation Ein weiterer Komplex war Fragen zur Transparenz und Dokumentation der formellen Verständigungen im Strafverfahren gewidmet. Insgesamt scheinen die Mitteilungen über das Vorhandensein oder das Fehlen verständigungsorientierter Gespräche eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Immerhin 61,1% aller Befragten sind der Ansicht, dass „immer“ eine Mitteilung erfolgt, wenn kein verständigungsorientiertes Gespräch stattgefunden hat. Zu Beginn der Hauptverhandlung wird vom Gericht in der Regel mitgeteilt, ob verständigungsorientierte Gespräche vor der Hauptverhand- 275 IV. Kurzzusammenfassung der zentralen Ergebnisse lung vorgenommen wurden. Sofern verständigungsorientierte Gespräche außerhalb der Hauptverhandlung stattfinden, gibt die deutliche Mehrheit der Befragten an, dass dieser Umstand sofort nach Fortsetzung der Hauptverhandlung bekanntgegeben wird. Dabei liegen zwischen den Berufsgruppen nur kleine Unterschiede vor. Auf die Frage, was genau üblicherweise in der Hauptverhandlung mitgeteilt wird, wenn von zuvor erfolgten verständigungsorientierten Gesprächen berichtet wird, geben die Teilnehmer an, dass vor allem über die Beteiligten und den wesentlichen Inhalt der jeweiligen Diskussionsbeiträge in den verständigungsorientierten Gesprächen informiert wird, etwas weniger häufig über die Initiatoren dieser Gespräche. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Dokumentationsvorschriften nach Aussagen der Teilnehmer eher eingehalten werden. Auch unterscheidet sich das Antwortverhalten zwischen den Berufsgruppen bei diesem Komplex weniger als bei den anderen Teilen des Fragebogens. Ferner scheint die Mehrheit der Befragten sicher zu sein, wie den Transparenzund Dokumentationsvorschriften nachzukommen ist. 5. Unterschiede im Antwortverhalten zwischen den beteiligten Berufsgruppen Insgesamt bestehen bei bemerkenswert vielen Fragen erhebliche Unterschiede zwischen den Antworten der verschiedenen Berufsgruppen. Die Angaben von Richtern und Strafverteidigern differieren bei fast allen Fragen am stärksten, während die Antworten der Staatsanwälte häufig sozusagen dazwischen, aber näher an denen der Richter liegen. Dabei weisen die Antworten der Richter und Staatsanwälte eher in eine sozial erwünschte, also in eine rechtskonforme Richtung, während die Angaben der Strafverteidiger stärker ein Verhalten „extra legem“ belegen und damit eher in eine „sozial unerwünschte“ Richtung gehen. 6. Unterschied im Aufkommen von Verständigungen und informellen Absprachen nach Gerichtsart Des Weiteren scheinen im Erleben der Befragten Verständigungen gemäß § 257c StPO am Landgericht häufiger zu sein als am Amtsgericht. Dagegen geben Richter am Amtsgericht deutlich öfter als Richter am Landgericht an, dass informelle Absprachen in der eigenen Praxis „häufig“ oder „sehr häufig“ vorkommen. Bei dem Antwortverhalten der Staatsanwälte zeigen sich allerdings, unabhängig davon, ob sie überwiegend vor dem Amts- oder Landgericht auftreten, keine Unterschiede. Insgesamt lassen die Ergebnisse vermuten, dass Verständigungen eher am Landgericht stattfinden, infor- 276 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) melle Absprachen hingegen eher am Amtsgericht. Speziell am Schwurgericht scheinen sowohl Verständigungen als auch Absprachen kaum vorzukommen. 7. Rechtspolitische Einschätzungen Den Beschäftigten des BGH und des GBA wurden auch rechtspolitische Fragen gestellt. Die Antworten legen nahe, dass die gesetzlichen Regelungen eher nicht den Bedürfnissen der Praxis entsprechen. Vor allem das Verbot des Rechtsmittelverzichts in § 302 Abs. 1 S. 2 StPO wird als praxisuntauglich empfunden. Allerdings ist auch nur eine Person von 38 dort an der Befragung Teilnehmenden der Auffassung, die Verständigung insgesamt solle verboten werden. Als effektivste Möglichkeit, um die Praxis der informellen Absprachen (weiter) zurückzudrängen, wird von den Beschäftigten des BGH und GBA eine deutliche Erhöhung des Justizpersonals favorisiert. Eine klare Ablehnung erfährt demgegenüber der Vorschlag, die Grundstruktur des Strafprozesses hin zu einem echten konsensualen Verfahren zu verändern. 277 V. Anhang V. Anhang 1. Anhang A: Übrige Ergebnisse des BGH-Fragebogens Frage 2: Wie viele Jahre sind Sie schon insgesamt in der Strafjustiz tätig? Tabelle E.66 Verteilung der Befragten nach Berufserfahrung; N = 38, n = 38, F = 0. Anzahl Prozent weniger als 5 Jahre 2 5,3% 5 bis 10 Jahre 8 21,1% 11 bis 15 Jahre 9 23,7% 16 bis 20 Jahre 9 23,7% 21 bis 25 Jahre 5 13,2% 26 bis 30 Jahre 2 5,3% mehr als 30 Jahre 3 7,9% Frage 4: Wie häufig geht Ihrer Einschätzung nach Urteilen in Strafverfahren eine Verständigung voraus? Tabelle E.67 Verteilung der Antworten auf Frage 4; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 0 13 24 0 1 Prozent 0,0% 34,2% 63,2% 0,0% 2,6% Frage 5: Zu welchem Zeitpunkt geht Ihrer Einschätzung nach in den Verfahren dem Urteil eine Verständigung voraus? Tabelle E.68 Verteilung der Antworten auf Frage 5; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte N % N % N % N % N % Im Ermittlungsverfahren 0 0,0 2 5,3 10 26,3 19 50,0 7 18,4 Im Zwischenverfahren 0 0,0 0 0,0 19 50,0 14 36,8 5 13,2 Im Hauptverfahren vor der Hauptverhandlung 1 2,6 11 28,9 15 39,5 7 18,4 4 10,5 Im Hauptverf. während der Hauptverhandlung 6 15,8 15 39,5 15 39,5 0 0,0 2 5,3 278 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 6: Wie häufig geht Ihrer Einschätzung nach einem Strafbefehl eine Verständigung voraus? Tabelle E.69 Verteilung der Antworten auf Frage 6; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 0 3 17 7 11 Prozent 0,0% 7,9% 44,7% 18,4% 28,9% Frage 7: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach bei den folgenden Arten von Verfahren oder Delikten zu Verständigungen? Tabelle E.70 Verteilung der Antworten auf Frage 7; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte N % N % N % N % N % Wirtschaftsstrafsachen 10 26,3 12 31,6 3 7,9 0 0,0 13 34,2 speziell Steuerstrafsachen 9 23,7 8 21,1 3 7,9 0 0,0 18 47,4 Betäubungsmitteldelikte 3 7,9 17 44,7 12 31,6 0 0,0 6 15,8 Straftaten gegen das Leben 0 0,0 0 0,0 20 52,6 10 26,3 8 21,1 Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0 0,0 3 7,9 30 78,9 2 5,3 3 7,9 Betrugsdelikte 1 2,6 17 44,7 17 44,7 0 0,0 3 7,9 Verkehrsdelikte 0 0,0 3 7,9 15 39,5 6 15,8 14 36,8 Straftaten gegen die Umwelt 0 0,0 2 5,3 12 31,6 1 2,6 23 60,5 Frage 8: Sind Ihnen weitere Arten von Verfahren oder Delikten bekannt, bei denen es zu Verständigungen kommt? Wenn ja, welche? Sechs Angaben „Sexualstraftaten“, zwei Angaben „Eigentumsdelikte“. Frage 9: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach vor, dass ein Alternativstrafrahmen für das Scheitern einer Verständigung angegeben wird? Tabelle E.71 Verteilung der Antworten auf Frage 9; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 1 7 12 8 10 Prozent 2,6% 18,4% 31,6% 21,1% 26,3% 279 V. Anhang Frage 10: Wie hoch schätzen Sie den üblichen Strafnachlass für den Angeklagten nach einer vorangegangenen Verständigung ein? Tabelle E.72 Verteilung der Antworten auf Frage 10; N = 38, n = 38, F = 0. Anzahl Prozent kein Strafnachlass 0 0,0% 1–5% 0 0,0% 6–10% 0 0,0% 11–15% 2 5,3% 16–20% 6 15,8% 21–25% 11 28,9% 26–30% 5 13,2% 31–35% 3 7,9% 36–40% 1 2,6% 41–45% 2 5,3% 46–50% 1 2,6% > 50% 0 0,0% keine Erfahrungswerte 7 18,4% Der approximierte mittlere Strafnachlass (berechnet durch die geschätzten mittleren Prozentzahlen aller Kategorien; Ausschluss der Kategorie „keine Erfahrungswerte“) beträgt 25,7%. Frage 11: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach vor, dass trotz Angabe einer Ober- und Untergrenze der Strafe (vgl. § 257c Abs. 3 S. 2 StPO) allen Beteiligten klar ist, welche Strafe bei einer Verständigung ausgeurteilt wird? Tabelle E.73 Verteilung der Antworten auf Frage 11; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 6 16 12 1 3 Prozent 15,8% 42,1% 31,6% 2,6% 7,9% Frage 12: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach vor, dass Gespräche über eine mögliche Einstellung nach den §§ 153, 153a StPO geführt werden, obwohl Zweifel am Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen noch nicht ausgeräumt wurden? Tabelle E.74 Verteilung der Antworten auf Frage 12; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 1 11 15 4 7 Prozent 2,6% 28,9% 39,5% 10,5% 18,4% 280 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 13: Was waren hierfür die häufigsten Gründe? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 12 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.75 Verteilung der Antworten auf Frage 13; N = 38, n = 27, F = 11. Arbeitsentlastung Vermeidung einer Hauptverhandlung Schwierige Beweislage Drohende Verfahrensverzögerung Anzahl 17 13 21 5 Prozent 63,0% 48,1% 77,8% 18,5% Sonstiges (Freitext): „Gewohnheit“ Frage 14: Sind Ihnen typische Konstellationen bekannt, in denen von den §§ 153, 153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung Gebrauch gemacht wird? Wenn ja, welche? „Lange zurückliegende Taten bei sehr langer (meist rechtsstaatswidriger) Verfahrensdauer und geringer Schuld des Angeklagten bei zugleich bestehender schwieriger Beweislage“ „Verfahren betreffend Vermögensdelikte, bei denen ein ‚gerechter Ausgleich‘ dadurch gesucht wird, dass Zahlungsauflagen zugunsten des Geschädigten erfolgen oder vermögensabschöpfende Maßnahmen durch Zahlungen an die Staatskasse ersetzt werden“ „Körperverletzungsdelikte mit nicht schwerwiegenden Tatfolgen und problematischer Beweislage“ „Täter-Opfer-Ausgleichs-Fälle“ „Überlastung; schwierige Rechtslage“ „Schwierige Beweislage bei gleichzeitig hoher Empfindlichkeit des Beschuldigten für die Durchführung einer HV“ „Die Beschuldigten sind in der Öffentlichkeit bekannte Personen“ Frage 15: In welchem Verfahrensstadium wird Ihrer Einschätzung nach eine Einstellung nach §  153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung eher in Betracht gezogen? Tabelle E.76 Verteilung der Antworten auf Frage 15; N = 38, n = 38, F = 0. Anzahl Prozent vor Anklageerhebung 23 60,5% nach Anklageerhebung 7 18,4% keine Erfahrungswerte 8 21,1% 281 V. Anhang Frage 16: An welchen Kriterien orientiert sich am ehesten eine konkrete Auflage oder Weisung im Rahmen des § 153a StPO als Alternative zu einem Urteil nach Verständigung? Tabelle E.77 Verteilung der Antworten auf Frage 16; N = 38, n = 38, F = 0. Anzahl Zustimmung Prozent Zustimmung am Tatvorwurf 29 76,3% am Täter / an der Täterin 24 63,2% Sonstiges (Freitext): „vgl. Antwort 14“ (Anmerkung: „Verfahren betreffend Vermögensdelikte, bei denen ein ‚gerechter Ausgleich‘ dadurch gesucht wird, dass Zahlungsauflagen zugunsten des Geschädigten erfolgen oder vermögensabschöpfende Maßnahmen durch Zahlungen an die Staatskasse ersetzt werden“) „an den Tatfolgen“ „Geldauflage an der Höhe einer entspr. Geldstrafe“ Frage 17: Wie häufig sind Ihrer Einschätzung nach folgende andere gerichtliche Entscheidungen Gegenstand von Verständigungen? – Verfahrenseinstellungen nach den §§ 154, 154a StPO – Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge – Aufhebung oder Aussetzung eines Haftbefehls – Strafaussetzung zur Bewährung generell – Auflagen und Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind – Strafaussetzungen generell Tabelle E.78 Verteilung der Antworten auf Frage 17; N = 38, n = 38, F = 0. sehr häufig häufig selten nie N % N % N % N % §§ 154, 154a StPO 6 15,8 18 47,4 11 28,9 3 7,9 Beweiserhebungen/-anträge 2 5,3 8 21,1 18 47,4 10 26,3 Haftbefehl 0 0,0 7 18,4 21 55,3 10 26,3 Strafaussetzung Bewährung 4 10,5 20 52,6 10 26,3 4 10,5 Auflagen und Weisungen 1 2,6 11 28,9 19 50,0 7 18,4 Strafaussetzungen generell 1 2,6 4 10,5 12 31,6 21 55,3 282 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 18: Sind Ihnen sonstige gerichtliche Entscheidungen bekannt, die in der Praxis Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen sind? Wenn ja, welche? „Absehen von Einziehungsentscheidungen nach § 421 StPO“ „Schmerzensgeld- und Schadensersatzleistungen an Geschädigte“ „Maßregelvollzug nach § 63 StGB; (Viele derartige Gesichtspunkte werden zumindest von den Verteidigern angesprochen, obwohl sie nicht ‚Gegenstand‘ der Verständigung sein dürfen)“ „Vermögensabschöpfung“ „Einstellung von Verkehrsdelikten, so dass die Voraussetzungen für Maßregeln nach § 69, 69a StGB entfallen; Absehen von der Einziehung von Taterträgen“ Frage 19: Wie häufig ist Ihrer Einschätzung nach folgendes Prozessverhalten des/der Angeklagten Gegenstand von Verständigungen? – Geständnis – Rechtsmittelverzicht oder Rechtsmittelbeschränkung – Verzicht auf umfangreiche Beweisaufnahme – Zusage einer Schadenswiedergutmachung – Unterlassung der Ausübung des Fragerechts gegenüber Opferzeugen/ Opferzeuginnen in Verfahren mit Sexualdelikten – Unterlassung der Ausübung des Fragerechts gegenüber Opferzeugen/ Opferzeuginnen in anderen Verfahren Tabelle E.79 Verteilung der Antworten auf Frage 19; N = 38, n = 38, F = 0. immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte N % N % N % N % N % Geständnis 26 68,4 11 28,9 0 0,0 0 0,0 1 2,6 Rechtsmittelverzicht/beschränkung 0 0,0 1 2,6 5 13,2 27 71,1 5 13,2 Beweisaufnahme 0 0,0 20 52,6 8 21,1 6 15,8 4 10,5 Schadenswiedergutmachung 0 0,0 13 34,2 17 44,7 1 2,6 7 18,4 Unterlassung Fragerecht (Sexualdelikte) 0 0,0 5 13,2 8 21,1 11 28,9 14 36,8 Unterlassung Fragerecht (andere) 0 0,0 3 7,9 8 21,1 16 42,1 11 28,9 283 V. Anhang Frage 20: Ist Ihnen sonstiges Prozessverhalten des/der Angeklagten bekannt, das Gegenstand von Verständigungen oder Vorgesprächen ist? Wenn ja, welches? „Rücknahme rechtlicher Einwände wie etwa gegen die gerichtliche Besetzung (§§ 222b StPO) oder gegen Verfahrensfehler“ Frage 21: Es ist immer wieder zu hören, dass auch nach der Entscheidung BVerfGE 133, 168 ff. Verständigungen außerhalb des von der StPO vorgegebenen Rahmens stattfinden, im Folgenden als informelle Absprachen bezeichnet. Wie häufig erfahren Sie von informellen Absprachen (z.B. durch Hörensagen)? Tabelle E.80 Verteilung der Antworten auf Frage 21; N = 38, n = 37, F = 0. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 0 6 12 10 9 Prozent 0,0% 16,2% 32,4% 27,0% 24,3% Frage 22: Wie häufig kommt es in den folgenden Verfahren und bei den folgenden Delikten Ihrer Einschätzung nach zu informellen Absprachen? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 21 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Tabelle E.81 Verteilung der Antworten auf Frage 22; N = 38, n = 18, F = 20. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte N % N % N % N % N % Wirtschaftsstrafsachen 0 0,0% 5 27,8% 4 22,2% 1 5,6% 8 44,4% speziell Steuerstrafsachen 0 0,0% 5 27,8% 4 22,2% 1 5,6% 8 44,4% Betäubungsmitteldelikte 1 5,6% 2 11,1% 8 44,4% 0 0,0% 7 38,9% Straftaten gegen das Leben 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0 9 50,0% 9 50,0% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit 0 0,0% 0 0,0% 7 38,9% 3 16,7% 8 44,4% Betrugsdelikte 0 0,0% 4 22,2% 6 33,3% 1 5,6% 7 38,9% Verkehrsdelikte 0 0,0% 2 11,1% 4 22,2% 4 22,2% 8 44,4% Straftaten gegen die Umwelt 0 0,0% 1 5,6% 2 11,1% 1 5,6% 14 77,8% 284 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 23: Bei welchen sonstigen Verfahren oder Delikten kommt es Ihrer Einschätzung nach noch zu informellen Absprachen? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 21 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) „Sexuelle Selbstbestimmung (ohne KV) und Jugendschutzsachen (KV)“ „Verfahren nach dem JGG“ „Derartige Absprachen beziehen sich nach meiner Erfahrung im Wesentlichen auf das Prozessverhalten und den Ablauf des Verfahrens, wären nach der sehr restriktiven Rechtsprechung meist aber wohl schon zu protokollieren“ „Eigentumsdelikte“ „Die Antworten oben beziehen sich auf Verfahren vor den Amtsgerichten“ Frage 24: Wie häufig geht Ihrer Einschätzung nach von den folgenden Akteuren die Initiative zu einer informellen Absprache aus? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 21 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Tabelle E.82 Verteilung der Antworten auf Frage 24; N = 38, n = 18, F = 20. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Initiative von... N % N % N % N % N % Staatsanwaltschaft 0 0,0 1 5,6 8 44,4 9 50,0 0 0,0 Verteidigung 4 22,2 11 61,1 3 16,7 0 0,0 0 0,0 Angeklagte/r 0 0,0 1 5,6 4 22,2 13 72,2 0 0,0 Gericht 0 0,0 7 38,9 8 44,4 1 5,6 2 11,1 Frage 25: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach vor, dass sich die Beteiligten im weiteren Verlauf des Verfahrens nicht mehr an eine informelle Absprache halten? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 21 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) Tabelle E.83 Verteilung der Antworten auf Frage 25; N = 38, n = 18, F = 20. sehr häufig häufig selten nie Anzahl 1 0 13 4 Prozent 5,6% 0,0% 72,2% 22,2% 285 V. Anhang Frage 26: Inwieweit würden Sie den folgenden Aussagen zustimmen? Tabelle E.84 Verteilung der Antworten auf Frage 26; N = 38, n = 37, F = 1. „Nach meiner Erfahrung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auf eine informelle Absprache zurückgegriffen wird, mit der Länge der Verfahrensdauer.“ in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Anzahl 4 5 7 14 7 Prozent 10,8% 13,5% 18,9% 37,8% 18,9% „Seit dem Verständigungsurteil des Bundesverfassungsgerichts BVerfGE 133, 168 ff. sind die Tatgerichte gegenüber einer informellen Absprache noch zurückhaltender geworden.“ in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Anzahl 20 9 6 0 2 Prozent 54,1% 24,3% 16,2% 0,0% 5,4% „Seit dem Verständigungsurteil des BVerfG gibt es keine informellen Absprachen mehr.“ in hohem Maße überwiegend teilweise gar nicht keine Erfahrungswerte Anzahl 7 8 5 12 5 Prozent 18,9% 21,6% 13,5% 32,4% 13,5% Frage 27: Wie häufig kommt es Ihrer Einschätzung nach an folgenden Gerichten und Spruchkörpern zu informellen Absprachen? Tabelle E.85 Verteilung der Antworten auf Frage 27; N = 38, n = 37, F = 1. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte N % N % N % N % N % AG: Einzelrichter/in 1 2,7 10 27,0 10 27,0 2 5,4 14 37,8 AG: Schöffengericht 0 0,0 7 18,9 14 37,8 2 5,4 14 37,8 LG: Kleine Strafkammer 0 0,0 5 13,5 14 37,8 3 8,1 15 40,5 LG: Große Strafkammer 0 0,0 4 10,8 18 48,6 7 18,9 8 21,6 LG: Schwurgericht 0 0,0 0 0,0 10 27,0 15 40,5 12 32,4 LG: Wirtschaftsstrafk. 1 2,7 8 21,6 9 24,3 3 8,1 16 43,2 OLG: Strafsenat 1. Inst. 0 0,0 0 0,0 1 2,7 18 48,6 18 48,6 286 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 28: Welche Art informeller Absprachen kommen gemäß Ihrer eigenen Erfahrung oder dem Hörensagen nach häufiger vor? (Anmerkung: Frage wurde nicht an Teilnehmer gestellt, die bei Frage 21 „nie“ oder „keine Erwartungswerte“ angegeben hatten) (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.86 Verteilung der Antworten auf Frage 28; N = 38, n = 18, F = 20. Absprachen… Anzahl Zustimmung Prozent Zustimmung … über den Schuldspruch 4 22,2% … oder nur Vorgespräche hierzu 8 44,4% … über dem Schuldspruch zugrundeliegende Tatsachen 3 16,7% … über Anordnungen von Maßregeln der Besserung und Sicherung 2 11,1% … oder nur Vorgespräche hierzu 5 27,8% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für privilegierende oder qualifizierende Tatbestände 5 27,8% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für Regelbeispiele 5 27,8% … über die Anwendung von Strafrahmenvorschriften für sonstige minder oder besonders schwere Fälle 7 38,9% … über punktgenaue Strafaussprüche 4 22,2% … oder nur Vorgespräche hierzu 7 38,9% … über weitere bei dem erkennenden Gericht, einem anderen Gericht oder der Staatsanwaltschaft gegen den Angeklagten anhängige Verfahren 12 66,7% … über Verfahren gegen andere (juristische) Personen 0 0,0% … über einen (stillschweigenden) Rechtsmittelverzicht 3 16,7% … über eine großzügige Handhabung des Amtsaufklärungsgrundsatzes 6 33,3% Frage 29: Was sind Ihrer Auffassung nach am ehesten Gründe für eine informelle Absprache? (Anmerkung: Bearbeitung der Frage war optional) (Rangordnung erzeugen) 1. „Ohne eine reduzierte Tatsachenaufklärung ist eine Verständigung nicht praktikabel“ 2. „Nur Verständigungen auf punktgenaue Strafen bringen die erforderliche Verlässlichkeit“ 3. „Nur durch eine (weite) Sanktionsschere kann die erforderliche Drohkulisse aufgebaut werden“ 4. „Solche Verständigungen sind erforderlich, um das Arbeitspensum zu bewältigen“ 5. „Die geltenden Regelungen zu den Verständigungen sind insgesamt nicht praxistauglich“ 6. „Eine Verständigung ohne einen Rechtsmittelverzicht ist sinnlos“ 7. „Verständigungen über den Schuldspruch sind erforderlich, da gerade dieser häufig in Streit steht“ 287 V. Anhang Aus den mittleren Rängen wird ein Punktescore gebildet, der die Wichtigkeit der Aussagen widerspiegelt (vgl. Frage 33 des Hauptfragebogens). Je höher die Zahl, desto wichtiger der zugehörige Grund. Tabelle E.87 Durchschnittliche Punktescores bei Frage 29; N = 38, n = 30, F = 8. Grund Punktescore Tatsachenaufklärung 3,83 punktgenaue Strafe 1,55 Sanktionsschere 1,52 Arbeitspensum 4,47 Praxistauglichkeit 4,03 Rechtsmittelverzicht 3,34 Schuldspruch 2,31 Frage 30: Sind Ihnen weitere Gründe bekannt, aufgrund derer es noch zu einer informellen Absprache kommt? Wenn ja, welche? „Gerichte treffen informelle Absprachen, weil die Staatsanwaltschaft der in Aussicht genommenen Verständigung nicht zustimmt (wohl der verwerflichste Fall der verheimlichten Verständigung)“ Frage 31: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Tabelle E.88 Verteilung der Antworten auf Frage 31; N = 38, n = 37, F = 1. „Ich habe den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft der Rolle als Wächterin über die Gesetzmäßigkeit der Verständigungspraxis seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2013 nachkommt“ trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teilweise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Anzahl 10 17 5 1 4 Prozent 27,0% 45,9% 13,5% 2,7% 10,8% „Die Praxis der informellen Absprachen lebt weiter davon, dass sie nicht zu einer Urteilsanfechtung führen.“ trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teilweise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Anzahl 3 12 7 6 9 Prozent 8,1% 32,4% 18,9% 16,2% 24,3% „Seit dem Urteil aus dem Jahr 2013 werden vermehrt Rechtsmittel bei Vorliegen einer informellen Absprache eingelegt“ trifft in hohem Maße zu trifft überwiegend zu trifft teilweise zu trifft gar nicht zu keine Erfahrungswerte Anzahl 3 5 7 5 17 Prozent 8,1% 13,5% 18,9% 13,5% 45,9% 288 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 32: Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass eine informelle Absprache zu einer Beanstandung im Rechtsmittelverfahren führt? Frage 33: Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass eine aufgedeckte informelle Absprache strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht? (Anmerkung: Die Bearbeitung der Fragen 32 und 33 war optional) Tabelle E.89 Verteilungen der Antworten auf die Fragen 32 (Beanstandung im Rechtsmittelverfahren) und 33 (strafrechtliche Konsequenzen); Beanstandung im Rechtsmittelverfahren: N = 38, n = 34, F = 4, strafrechtliche Konsequenzen: N = 38, n = 33, F = 5. Beanstandung im Rechtsmittelverfahren (N = 34) strafrechtliche Konsequenzen (N = 33) Risiko Anzahl Prozent Anzahl Prozent 0 0 0,0% 4 12,1% 1 3 8,8% 6 18,2% 2 11 32,4% 11 33,3% 3 2 5,9% 2 6,1% 4 0 0,0% 3 9,1% 5 0 0,0% 0 0,0% 6 6 17,7% 2 6,1% 7 3 8,8% 3 9,1% 8 5 14,7% 0 0,0% 9 1 2,9% 1 3,0% 10 3 8,8% 1 3,0% Frage 35: Wie häufig wird Ihrer Einschätzung nach in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass zuvor... Tabelle E.90 Verteilung der Antworten auf Frage 35; N = 38, n = 37, F = 1. …ein verständigungsorientiertes Gespräch erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 12 12 9 0 4 Prozent 32,4% 32,4% 24,3% 0,0% 10,8% …kein verständigungsorientiertes Gespräch erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 12 21 2 0 2 Prozent 32,4% 56,8% 5,4% 0,0% 5,4% 289 V. Anhang Frage 36: Zu welchem Zeitpunkt wird Ihrer Einschätzung nach vom Gericht in der Regel mitgeteilt, ob verständigungsorientierte Gespräche vor der Hauptverhandlung stattgefunden haben? (Mehrfachnennungen möglich) Tabelle E.91 Verteilung der Antworten auf Frage 36; N = 38, n = 37, F = 1. Anzahl Prozent Zu Beginn der Hauptverhandlung (vor Belehrung des/der Angeklagten und vor dessen/deren Vernehmung zur Sache) 29 78,4% Nach der Belehrung des/der Angeklagten 6 16,2% Nach der Belehrung des/der Angeklagten und nach dessen/deren Vernehmung zur Sache 0 0,0% Während der Beweisaufnahme 0 0,0% Nach dem Schluss der Beweisaufnahme 4 10,8% Keine Regel erkennbar 3 8,1% Frage 37: Was genau wird üblicherweise Ihrer Einschätzung nach in der Hauptverhandlung mitgeteilt, wenn von zuvor stattgefundenen verständigungsorientierten Gesprächen berichtet wird? Es erfolgt die Mitteilung … Tabelle E.92 Verteilung der Antworten auf Frage 37; N = 38, n = 37, F = 1. …des Initiators/der Initiatorin des Gesprächs Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 21 9 7 Prozent 56,8% 24,3% 18,9% …der Beteiligten des Gesprächs Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 32 1 4 Prozent 86,5% 2,7% 10,8% …des wesentlichen Inhalts der jeweiligen Diskussionsbeiträge Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 31 2 4 Prozent 83,8% 5,4% 10,8% Frage 38: Zu welchem Zeitpunkt wird Ihrer Einschätzung nach vom Gericht in der Regel mitgeteilt, ob verständigungsorientierte Gespräche au- ßerhalb der Hauptverhandlung stattgefunden haben? Tabelle E.93 Verteilung der Antworten auf Frage 38; N = 38, n = 37, F = 1. Anzahl Prozent sofort nach Fortsetzung der Hauptverhandlung 30 81,1% zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf der Hauptverhandlung 0 0,0% keine Regel erkennbar 7 18,9% 290 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Frage 39: Wenn eine solche Mitteilung erfolgt ist, dann wird in der Regel... Tabelle E.94 Verteilung der Antworten auf Frage 39; N = 38, n = 37, F = 1. …der bloße Umstand, dass eine Mitteilung erfolgt ist, auch protokolliert Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 25 5 7 Prozent 67,6% 13,5% 18,9% …darüber hinaus der Inhalt der Mitteilung protokolliert Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 25 3 9 Prozent 67,6% 8,1% 24,3% Frage 40: Wie häufig wird Ihrer Einschätzung nach der Umstand protokolliert, dass in der Hauptverhandlung... Tabelle E.95 Verteilung der Antworten auf Frage 40; N = 38, n = 37, F = 1. …eine Verständigung erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 26 9 0 0 2 Prozent 70,3% 24,3% 0,0% 0,0% 5,4% …keine Verständigung erfolgt ist? immer häufig selten nie keine Erfahrungswerte Anzahl 19 14 3 0 1 Prozent 51,4% 37,8% 8,1% 0,0% 2,7% Frage 41: Was genau wird in der Regel erwähnt, wenn Verständigungen, die in der Hauptverhandlung erfolgen, protokolliert werden? Es erfolgt die Protokollierung … Tabelle E.96 Verteilung der Antworten auf Frage 41; N = 38, n = 37, F = 1. …des Initiators/der Initiatorin der Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 19 13 5 Prozent 51,4% 35,1% 13,5% …der Beteiligten der Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 32 2 3 Prozent 86,5% 5,4% 8,1% …des wesentlichen Inhalts der jeweiligen Diskussionsbeiträge zur Verständigung Ja Nein keine Erfahrungswerte Anzahl 30 3 4 Prozent 81,1% 8,1% 10,8% 291 V. Anhang 2. Anhang B: Verständigungen und informelle Absprachen in den verschiedenen Bundesländern Im Folgenden sollen die Häufigkeiten von Verständigungen gemäß § 257c StPO sowie die Häufigkeiten informeller Absprachen in Hinblick auf die verschiedenen Bundesländer analysiert werden. Aufgrund der großen Anzahl an Zellen, die durch eine Aufteilung nach den 16 Bundesländern entstehen, kommen kaum besetzte Zellen häufig vor. Deshalb wird von einer direkten Überprüfung mit χ²-Tests abgesehen, stattdessen sollen zunächst die Bundesländer kategorisiert werden. Untersucht werden mögliche Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland und zwischen Ost- und Westdeutschland. Außerdem sollen etwaige Antwortmuster über verschiedene Bundesländer mit Hilfe einer Clusteranalyse untersucht werden. Dabei wird eine hierarchische Clusteranalyse nach der Methode „Divisive Analysis Clustering“ (DIANA) durchgeführt. Bei dieser Methode können mit Hilfe sogenannter Distanzmaße Gruppen von Bundesländern ermittelt werden, die sich in ihren Antworttendenzen ähneln. Die Distanzmaße werden hier über „Gower-Koeffizienten“ berechnet, die sich gut für die Berechnung von Distanzmaßen bei ordinalen Daten eignen. Über die Distanzmaße werden solange Untergruppen von Bundesländern gebildet, bis jedem Bundesland eine eigene Gruppe zugewiesen wird. Aus einem so entstandenen Baumdiagramm (s. Abbildung E.21) können dann Cluster-Strukturen abgeleitet werden. Dabei ist die „Höhe der Äste“ gleichzusetzen mit der „Distanz“, also der Unähnlichkeit zwischen den einzelnen Kategorien. Geeignete Gruppenaufteilungen können sich an der Höhe der „Sprünge“ im Distanzmaß und an sinnvollen Gruppengrößen orientieren. Für die Aufteilungen in Nord- und Süd- sowie West- und Ostdeutschland existieren verschiedene Ansätze. Die hier vorgenommene Aufteilung ist dementsprechend als explorativ und nicht allgemeingültig anzusehen. Nord: Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein Süd: Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland93 West: Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz Ost: Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen- Anhalt, Thüringen94 93 Die Bundesländer Thüringen und Sachsen wurden aus der Nord-Süd-Aufteilung ausgeschlossen, da sie weder aus geographischen noch aus historischen Gesichtspunkten sinnvoll in die Kategorien „Nord“ oder „Süd“ eingeordnet werden können. 94 Die Aufteilung in West- und Ostdeutschland beruht in erster Linie auf historischen Kriterien. 292 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) a) Verständigungen nach § 257c StPO (Frage 6) Tabelle E.97 Häufigkeit der formellen Verständigungen nach Bundesland; N = 1567, n = 1567, F = 0. sehr häufig häufig selten nie Baden-Württemberg 1,9% 9,2% 79,7% 9,2% Bayern 1,9% 22,2% 72,2% 3,8% Berlin 2,0% 23,5% 72,5% 2,0% Brandenburg 0,0% 22,9% 71,4% 5,7% Bremen 0,0% 23,5% 70,6% 5,9% Hamburg 0,0% 6,0% 82,1% 11,9% Hessen 1,8% 3,6% 92,7% 1,8% Mecklenburg-Vorpommern 0,0% 10,7% 85,7% 3,6% Niedersachsen 0,6% 13,8% 77,2% 8,4% Nordrhein-Westfalen 0,3% 16,2% 73,9% 9,6% Rheinland-Pfalz 0,0% 10,8% 78,5% 10,8% Saarland 0,0% 22,2% 77,8% 0,0% Sachsen 0,8% 15,9% 76,2% 7,1% Sachsen-Anhalt 0,0% 3,6% 85,7% 10,7% Schleswig-Holstein 2,2% 30,4% 60,9% 6,5% Thüringen 1,5% 20,6% 66,2% 11,8% Clusteranalyse DIANA: Abbildung E.21 Divisive Analysis Clustering der Antwortmuster bei Frage 6 über alle Bundesländer. 293 V. Anhang Anhand des Baumdiagramms bietet sich eine Gruppeneinteilung bei der ungefähren Höhe 0,4 an. An diesem Punkt liegt die erste größte Aufspaltung vor, die Distanzen weisen große Werte auf („Höhe der Äste“) und die Aufteilung liefert praktische Gruppengrößen. Demnach wird eine Unterteilung der Bundesländer in die folgenden vier Gruppen vorgenommen: – Baden-Württemberg und Bayern – Nordrhein-Westfalen – Berlin, Niedersachsen und Sachsen – Brandenburg, Bremen, Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen- Anhalt, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Schleswig-Holstein und Thüringen Abbildung E.22 Verteilungen der Antworten auf Frage 6 über die durch DIANA entstandenen Bundesländergruppen. Die entstandene Verteilung ist sehr homogen und weist keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Bundesländergruppen auf.95 Aufteilung der Bundesländer in „norddeutsch“ und „süddeutsch“: Tabelle E.98 Häufigkeit der formellen Verständigungen nach nord- und süddeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1373, F = 194. sehr häufig häufig selten nie Nord 0,6% 16,5% 74,9% 7,9% Süd 1,6% 14,4% 77,9% 6,1% 95 χ²(6) = 4.230, p = .65. 294 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Es liegen keine signifikanten Unterschiede vor.96 Demnach kann nicht von einem „Nord-Süd“-Gefälle bei dem Aufkommen von Verständigungen nach § 257c StPO ausgegangen werden. Aufteilung der Bundesländer in „westdeutsch“ und „ostdeutsch“: Tabelle E.99 Häufigkeit der formellen Verständigungen nach west- und ostdeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1567, F = 0. sehr häufig häufig selten nie West 1,0% 15,2% 76,2% 7,6% Ost 1,0% 18,1% 74,4% 6,5% Auch die Prüfung eines „Ost-West-Gefälles“ liefert kein signifikantes Ergebnis.97 b) Informelle Absprachen (Frage 25) (1) Informelle Absprachen nach Hörensagen (Frage 25a): Tabelle E.100 Häufigkeit der informellen Absprachen nach Hörensagen nach Bundesland; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Baden-Württemberg 2,2% 13,0% 41,6% 25,9% 17,3% Bayern 3,0% 15,3% 36,9% 30,0% 14,8% Berlin 11,0% 24,2% 37,4% 16,5% 11,0% Brandenburg 3,1% 6,3% 43,8% 21,9% 25,0% Bremen 7,7% 11,5% 53,8% 11,5% 15,4% Hamburg 0,0% 17,7% 43,5% 21,0% 17,7% Hessen 4,3% 29,8% 36,2% 21,3% 8,5% Mecklenburg-Vorpommern 0,0% 32,1% 35,7% 10,7% 21,4% Niedersachsen 3,9% 18,2% 33,8% 27,3% 16,9% Nordrhein-Westfalen 4,5% 21,3% 33,3% 27,3% 13,5% Rheinland-Pfalz 6,6% 23,0% 27,9% 26,2% 16,4% Saarland 5,7% 2,9% 40,0% 25,7% 25,7% Sachsen 1,7% 8,3% 41,7% 28,3% 20,0% Sachsen-Anhalt 3,7% 14,8% 44,4% 18,5% 18,5% Schleswig-Holstein 0,0% 23,3% 32,6% 37,2% 7,0% Thüringen 1,5% 12,1% 48,5% 22,7% 15,2% 96 χ²(3) = 5.753, p = .12. 97 χ²(2) = 2.146, p = .34; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 295 V. Anhang Clusteranalyse DIANA: Abbildung E.23 Divisive Analysis Clustering der Antwortmuster bei Frage 25a über alle Bundesländer. Anhand des Baumdiagramms bietet sich auch hier eine Aufteilung bei der ungefähren Höhe 0,4 an. An diesem Punkt findet eine große Aufspaltung der Bundesländer statt und die Distanzen weisen große Werte auf. Alternativ könnte eine Unterteilung in zwei Gruppen (auf Höhe 0,5) erfolgen, die aber größere Informationsverluste mit sich bringen würde. Demnach wird eine Unterteilung der Bundesländer in die folgenden vier Gruppen vorgenommen: – Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen – Nordrhein-Westfalen – Berlin – Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bremen, Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein, Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen 296 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Abbildung E.24 Verteilungen der Antworten auf Frage 25a über die durch DIANA entstandenen Bundesländergruppen. Bei der entstandenen Verteilung sind die Häufigkeitsangaben für informelle Absprachen nach dem Hörensagen aus dem Bundesland Berlin auffällig. Die Unterschiede sind jedoch aufgrund der vorgenommenen und notwendigen α-Korrektur zur Vermeidung von Kumulationen der Irrtumswahrscheinlichkeiten nicht signifikant.98 Es ist zu beachten, dass die Zellengrö- ßen einzelner Bundesländer bisweilen sehr gering ausfallen (die Angaben „sehr häufig“ und „häufig“ aus Berlin stammen lediglich von 32 Teilnehmern), weshalb Zufallsschwankungen vergleichsweise wahrscheinlich sind. Aus statistischen Gesichtspunkten muss zu einer vorsichtigen Interpretation geraten werden. Aufteilung der Bundesländer in „norddeutsch“ und „süddeutsch“: Tabelle E.101 Häufigkeit der informellen Absprachen nach Hörensagen nach nord- und süddeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1261, F = 306. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Nord 4,4% 20,0% 36,4% 24,2% 14,9% Süd 3,4% 15,8% 37,7% 27,1% 16,0% 98 χ²(9) = 25.705, p = .002. 297 V. Anhang Auch bei dem Aufkommen informeller Absprachen nach dem Hörensagen kann nicht von einem „Nord-Süd-Gefälle“ ausgegangen werden (keine statistisch signifikanten Unterschiede)99. Aufteilung der Bundesländer in „westdeutsch“ und „ostdeutsch“: Tabelle E.102 Häufigkeit der informellen Absprachen nach Hörensagen nach west- und ostdeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte West 4,1% 15,1% 41,8% 21,7% 17,3% Ost 3,5% 17,8% 36,6% 26,9% 15,2% Unterschiede zwischen Ost und West liegen ebenfalls nicht vor (Abweichungen statistisch nicht signifikant)100. (2) Informelle Absprachen in der Praxis (Frage 25b): Tabelle E.103 Häufigkeit der informellen Absprachen in der Praxis nach Bundesland; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Baden-Württemberg 1,6% 10,8% 29,7% 51,4% 6,5% Bayern 5,4% 9,9% 29,1% 49,8% 5,9% Berlin 9,9% 18,7% 30,8% 36,3% 4,4% Brandenburg 6,3% 3,1% 37,5% 46,9% 6,3% Bremen 3,8% 15,4% 34,6% 34,6% 11,5% Hamburg 3,2% 11,3% 24,2% 51,6% 9,7% Hessen 4,3% 14,9% 34,0% 42,6% 4,3% Mecklenburg-Vorpommern 3,6% 25,0% 28,6% 32,1% 10,7% Niedersachsen 4,5% 11,7% 30,5% 45,5% 7,8% Nordrhein-Westfalen 3,4% 12,4% 33,7% 45,3% 5,2% Rheinland-Pfalz 8,2% 9,8% 29,5% 44,3% 8,2% Saarland 2,9% 8,6% 31,4% 48,6% 8,6% Sachsen 0,8% 7,5% 37,5% 50,0% 4,2% Sachsen-Anhalt 3,7% 7,4% 33,3% 48,1% 7,4% Schleswig-Holstein 4,7% 14,0% 32,6% 44,2% 4,7% Thüringen 1,5% 13,6% 43,9% 37,9% 3,0% 99 χ²(4) = 5.064, p = .28. 100 χ²(4) = 6.973, p = .14. 298 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Clusteranalyse DIANA: Abbildung E.25 Divisive Analysis Clustering der Antwortmuster bei Frage 25b über alle Bundesländer. Die hier vorliegenden Ergebnisse der Clusteranalyse sind sehr ähnlich zu denen der entsprechenden Analyse bei Frage 25a (s. Abbildung E.23). Mit identischer Begründung wird eine Unterteilung der Bundesländer in dieselben Gruppen vorgenommen: – Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen – Nordrhein-Westfalen – Berlin – Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Sachsen- Anhalt, Hamburg, Hessen, Schleswig-Holstein, Thüringen, Rheinland- Pfalz, Sachsen 299 V. Anhang Abbildung E.26 Verteilungen der Antworten auf Frage 25b über die durch DIANA entstandenen Bundesländergruppen. Wie auch bei dem Vorkommen informeller Absprachen nach dem Hörensagen (s. Abbildung E.24) fallen auch hier die Antworten aus Berlin auf. Jedoch besteht hier ebenfalls aus demselben Grund kein signifikanter Unterschied zwischen den durch die Clusteranalyse entstandenen Bundesländergruppen.101 Die Ergebnisse sollten daher auch hier, ebenso wie bei Frage 25a, vorsichtig interpretiert werden. Außerdem fallen zumindest deskriptiv die hohen Häufigkeitsangaben der Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern zu den Fragen 25a und b auf (s. Tabelle E.100 und Tabelle E.103). Jedoch war in diesem Bundesland von allen Bundesländern die niedrigste Beteiligung an der Untersuchung zu verzeichnen (gemeinsam mit Sachsen-Anhalt, je n = 28), weshalb die entsprechenden Antworthäufigkeiten sehr sensibel für Zufallsschwankungen sind. So sind die 3,6% der „sehr häufig“-Angaben und die 25,0% der „häufig“-Angaben bei Frage 25b (s. Tabelle E.103) auf lediglich sieben Einzelpersonen zurückzuführen. Folglich ist hier eine tiefgehende Interpretation nicht sinnvoll. 101 χ²(9) = 16.521, p = .06; Kategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst. 300 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Aufteilung der Bundesländer in „norddeutsch“ und „süddeutsch“: Tabelle E.104 Häufigkeit der informellen Absprachen in der Praxis nach nord- und süddeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1261, F = 306. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte Nord 4,7% 13,0% 31,8% 44,0% 6,6% Süd 4,1% 10,5% 29,9% 49,0% 6,4% Unterschiede zwischen nord- und süddeutschen Bundesländern können auch bei der Häufigkeit informeller Absprachen in der eigenen Praxis nicht festgestellt werden.102 Aufteilung der Bundesländer in „westdeutsch“ und „ostdeutsch“: Tabelle E.105 Häufigkeit der informellen Absprachen in der Praxis nach west- und ostdeutschen Bundesländern; N = 1567, n = 1447, F = 120. sehr häufig häufig selten nie keine Erfahrungswerte West 4,1% 12,4% 36,0% 42,6% 4,9% Ost 4,0% 11,4% 30,8% 47,2% 6,6% Wie bei den Fragen 6 und 25a kann auch hier kein „Ost-West-Gefälle“ festgestellt werden, da die ermittelten Unterschiede nicht signifikant sind.103 c) Ergebniszusammenfassung Bei den Untersuchungen zu möglichen Bundesländer-Effekten wurden keine signifikanten Ergebnisse gefunden. Dabei wurden aufgrund der Unterrepräsentation einiger Bundesländer Gruppierungen durch Clusteranalysen einerseits und durch die Aufteilung in nord- und süd- bzw. ost- und westdeutsche Bundesländer andererseits vorgenommen. Alle Gruppierungen wurden auf Differenzen bei den Fragen nach der Häufigkeit von Verständigungen (Frage 6), der Häufigkeit informeller Absprachen nach dem Hörensagen (Frage 25a) und der Häufigkeit informeller Absprachen in der eigenen Praxis (Frage 25b) getestet. Bei den Antworten auf diese Fragen kann weder ein Nord-Süd- noch ein Ost-West-Gefälle festgestellt werden. Keine durch die Clusteranalysen ermittelte Bundesländergruppe weicht bei den Häufigkeitsangaben signifikant von den anderen ermittelten Gruppen ab. Lediglich das Bundesland Berlin (und rein deskriptiv Mecklenburg- Vorpommern, s. o.) sticht mit hohen Häufigkeitsangaben bei informellen 102 χ²(4) = 3.757, p = .44. 103 χ²(4) = 4.860, p = .30. 301 V. Anhang Absprachen heraus – die Unterschiede zu anderen Bundesländern sind jedoch auch hier nur marginal signifikant und sollten daher nicht überinterpretiert werden. Es ist hier eher von einer Zufallsschwankung auszugehen, etwa aufgrund einer Überrepräsentation bestimmter Merkmale, die mit den Häufigkeitsangaben zu informellen Verhaltensweisen zusammenhängen (z.  B. sind 30,4% der Befragten aus Berlin Strafverteidiger, aber nur 24,6% der gesamten Stichprobe), als von einem tatsächlichen „Effekt“ des Bundeslandes Berlin. 3. Anhang C: Ordinale Regression a) Auswahl der Faktoren Um herauszufinden, welche Faktoren am ehesten die Häufigkeit informeller Absprachen justizieller Akteure in der eigenen Praxis vorhersagen, bietet sich bei der vorliegenden Datenstruktur der Modellvergleich ordinaler Regressionsmodelle an. Für die Berechnung wurde die Funktion polr() aus dem Paket „MASS“ der freien Software R verwendet.104 Als abhängige Variable wird die Häufigkeit informeller Absprachen in der Praxis (Frage 25b) betrachtet; dabei wird die Antwortkategorie „keine Erfahrungswerte“ ausgeschlossen, da sich diese nicht ordinal mit den Häufigkeitsangaben vergleichen lässt. Folgende Variablen wurden als geeignete Faktoren ausgewählt, um deren Einfluss auf die abhängige Variable zu testen: – Faktor „Berufsgruppe“ (Frage 1): Aufgrund der großen Unterschiede in Aufgabe und Funktion der verschiedenen Berufsgruppen liegt die Möglichkeit eines Einflusses auf die Antworten bei Frage 25a nahe. – Faktor „Bundesland“ (Frage 2): Die Klärung von überregionalen Unterschieden in der Praxis der informellen Absprachen ist bedeutsam. – Faktor „Berufserfahrung“ (Frage 4): Es erscheint plausibel, dass sich die Praxis der informellen Absprachen je nach Berufsalter unterscheiden kann; beispielsweise ist es schlüssig zu vermuten, dass einige erfahrene justizielle Akteure ihre langjährigen Gewohnheiten und Praktiken auch nach dem Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 (BVerfGE 133, 168 ff.) beibehalten haben könnten. – Faktor „Höhe des Strafnachlasses“ (Frage 12): Die Frage nach dem üblichen Strafnachlass bei Verständigungen kann mit der Antwort auf die Häufigkeit informeller Absprachen zusammenhängen. So ist zu vermuten, dass justizielle Akteure, die einen hohen Strafnachlass in der eige- 104 Venables/Ripley, Modern Applied Statistics with S, 2002, S. 1 ff. 302 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) nen Praxis erleben und angeben, auch offen zugeben, ob und dass sie sich an informellen Absprachen beteiligen. – Faktor „Berechenbarkeit der Strafe“ (Frage 13): Die Frage nach der Berechenbarkeit der Strafe trotz Angabe von Ober- und Untergrenze der Strafe bezieht sich auf Grenzfälle zwischen legalen Verständigungen und informellen Absprachen. Es soll geprüft werden, ob eine Klarheit über die Höhe der Strafe mit häufigeren informellen Absprachen in der eigenen Praxis zusammenhängt. – Faktor „Unsicherheit über die Zulässigkeit“ (Frage 23): Die Angaben auf die Frage nach der eigenen Unsicherheit über die Zulässigkeit von Verständigungen können mit den Antworten auf Frage 25b nach der Häufigkeit informeller Absprachen in der eigenen Praxis zusammenhängen. Möglicherweise geben diejenigen Teilnehmer, welche sich unsicher sind, welche Verständigungen sich noch im Rahmen des § 257c StPO bewegen, höhere Häufigkeiten bei informellen Absprachen an, weil sie schon Verständigungen als informell ansehen, die andere noch als formell einordnen. Unter Berücksichtigung dieser sechs Faktoren lassen sich die Daten am besten mit einem Modell beschreiben, welches die Faktoren „Berufsgruppe“, „Berechenbarkeit der Strafe“ und „Unsicherheit über die Zulässigkeit“ einbezieht. Dabei liegen keinerlei Interaktionseffekte vor, die drei Faktoren wirken also unabhängig voneinander. Die Wirkrichtung der Faktoren „Berechenbarkeit der Strafe“ und „Unsicherheit über die Zulässigkeit“ ist positiv, d.h. höhere Angaben in Bezug auf die Berechenbarkeit der Strafe und die Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung gehen mit häufigeren informellen Absprachen in der Praxis einher. Die Berufserfahrung scheint keinerlei Einfluss auf die Häufigkeit informeller Absprachen in der Praxis zu haben, ebenso wenig das Bundesland, in dem die Akteure vorwiegend tätig sind und der Strafnachlass, der üblicherweise bei einer Verständigung erfolgt. Ein Interaktionseffekt zwischen der Berufsgruppe und der Berechenbarkeit der Strafe trägt nicht entscheidend zur Verbesserung der Vorhersagekraft des Modells bei, ebenso wenig ein Interaktionseffekt zwischen der Berufsgruppe und der Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung. b) Ergebnisse 1. Likelihood-Verhältnistest eines Modells ohne Prädiktoren (M1) und eines Modells mit Berufsgruppe als Prädiktor (M2): 303 V. Anhang Tabelle E.106 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M1 und M2. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M1 1355 3015.865 M2 1353 2742.982 M1 vs. M2* 2 272.882 .000 2. Likelihood-Verhältnistest eines Modells ohne Prädiktoren (M1) und eines Modells mit Bundesland als Prädiktor (M2.1): Tabelle E.107 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M1 und M2.1. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M1 1355 3015.865 M2.1 1340 2993.904 M1 vs. M2.1 15 21.961 .109 3. Likelihood-Verhältnistest eines Modells ohne Prädiktoren (M1) und eines Modells mit Berufserfahrung als Prädiktor (M2.2): Tabelle E.108 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M1 und M2.2. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M1 1355 3015.865 M2.2 1349 3009.746 M1 vs. M2.1 6 6.118 .410 Die Berufsgruppe weist einen signifikanten Zusammenhang mit informellen Absprachen auf, die Berufserfahrung und das Bundesland dagegen nicht. 4. Likelihood-Verhältnistest eines Modells mit Berufsgruppe als Prädiktor (M2) und eines Modells mit Berufsgruppe und Höhe des Strafnachlasses (M3.1): Tabelle E.109 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M2 und M3.1. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M2 1353 2742.982 M3.1 1341 2727.712 M2 vs. M3.1 12 15.271 .227 Die Höhe des Strafnachlasses trägt zusätzlich zur Berufsgruppe nicht entscheidend zum Modell bei. 5. Likelihood-Verhältnistest eines Modells ohne Prädiktoren (M1), eines Modells mit Berufsgruppe als Prädiktor (M2), eines Modells mit Berufsgruppe und Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung als Prädiktoren (M3.2), eines Modells mit Berufsgruppe, Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung und Berechenbarkeit der Strafe als Prädiktoren (M4) und eines Modells mit Berechenbarkeit der Strafe und einer 304 E. Online-Befragung justizieller Akteure (Modul 4) Interaktion von Berufsgruppe und Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung als Prädiktoren (M5): Tabelle E.110 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M1, M2, M3.2, M4 und M5. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M1 1355 3015.865 M2 1353 2742.982 M1 vs. M2* 2 272.882 .000 M3.2 1350 2655.277 M2 vs. M3.2* 3 87.706 .000 M4 1346 2540.286 M3.2 vs. M4* 4 114.991 .000 M5 1340 2522.037 M4 vs. M5 6 18.249 .006 6. Likelihood-Verhältnistest eines Modells mit Berufsgruppe, Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung und Berechenbarkeit der Strafe als Prädiktoren (M4) und eines Modells mit Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung und einer Interaktion von Berufsgruppe und Berechenbarkeit der Strafe als Prädiktoren (M5.1): Tabelle E.111 Likelihood-Verhältnistest der Modelle M4 und M5.1. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p M4 1346 2540.286 M5.1 1338 2536.167 M4 vs. M5.1 8 4.119 .846 Am besten wird die Häufigkeit informeller Absprachen durch ein Modell vorhergesagt, in dem die Berufsgruppe, die Unsicherheit über die Zulässigkeit der Verständigung und die Berechenbarkeit der Strafe berücksichtigt werden (M4). Weder die Unsicherheit noch die Berechenbarkeit interagieren mit der Berufsgruppe (M5, M5.1). Zusatz: Zur Überprüfung von Interaktionseffekten zwischen Berufsgruppe (Richter und Staatsanwälte) und Gericht (Amtsgericht und Landgericht) bei den Fragen 14 und 25b wurden in einem Likelihood-Verhältnistest folgende ordinale Regressionsmodelle verglichen: Z1. Häufigkeit von Gesprächen über die Einstellung gemäß §§ 153, 153a StPO trotz Zweifeln als abhängige Variable. Testen eines Modells ohne Prädiktoren (ME1) gegen ein Modell mit Berufsgruppe und Gericht als Prädiktoren (ME2) und gegen ein Modell mit Berufsgruppe, Gericht und einer Interaktion zwischen Berufsgruppe und Gericht als Prädiktoren (ME3): Tabelle E.112 Likelihood-Verhältnistest der Modelle ME1, ME2 und ME3. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p ME1 1006 2835.382 ME2 1004 2697.086 ME1 vs. ME2* 2 138.296 .000 ME3 1003 2661.895 ME2 vs. ME3* 1 35.191 .000 305 V. Anhang Z2. Häufigkeit der informellen Absprachen in der eigenen Praxis als abhängige Variable. Testen eines Modells ohne Prädiktoren (MA1) gegen ein Modell mit Berufsgruppe und Gericht als Prädiktoren (MA2) und gegen ein Modell mit Berufsgruppe, Gericht und einer Interaktion zwischen Berufsgruppe und Gericht als Prädiktoren (MA3): Tabelle E.113 Likelihood-Verhältnistest der Modelle MA1, MA2 und MA3. Modell Df (Residual) Residualstreuung Test Df G² p MA1 1007 1934.839 MA2 1005 1860.383 MA1 vs. MA2* 2 74.457 .000 MA3 1004 1848.042 MA2 vs. MA3* 1 12.340 .000 c) Ergebniszusammenfassung Die explorative ordinale Regressionsanalyse ergibt, dass die Häufigkeitsangaben zur Durchführung informeller Absprachen in der eigenen Praxis (Frage 25b) von der jeweiligen Berufsgruppe (Frage 1), von den Angaben zur Berechenbarkeit der Strafe im Wege einer Verständigung, obwohl lediglich eine Ober- und Untergrenze angegeben wird (Frage 13) und von den Angaben zur Unsicherheit über die Zulässigkeit beabsichtigter Verständigungen (Frage 23) abhängen. Ein Zusammenhang mit dem Bundesland (Frage 2), der Berufserfahrung (Frage 4) und der angegebenen Höhe des üblichen Strafnachlasses (Frage 12) kann nicht festgestellt werden. 307 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Karsten Altenhain, Tobias Brandt, Lizanne Herbst (Universität Düsseldorf) I. Einleitung Ergänzend zu den Erkenntnissen aus den vorangegangenen Modulen sollte in Modul 5 versucht werden, einen noch weiterführenderen, tieferen und differenzierteren Einblick in die Absprachenpraxis an den Amts- und Landgerichten zu erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es einer umfangreichen, detaillierten und komplexen Befragung, die nach Amts- und Landgerichten differenzierende und auf die einzelnen Berufsgruppen bezogene Fragen ermöglichte. Hierfür bot sich eine computergestützte Telefonbefragung mit berufsgruppenspezifischen Fragebögen an. Nach der Ermittlung der Grundgesamtheit wurde eine proportional geschichtete Zufallsstichprobe gezogen und daraufhin über 600 Interviews mit Richtern von Amts- und Landgerichten, Staatsanwälten und Fachanwälten für Strafrecht in ganz Deutschland geführt. Trotz der im Verhältnis zur Grundgesamtheit geringen Stichprobengröße weisen die Ergebnisse der Telefonbefragung eine hohe Datengüte auf und können als repräsentativ bezeichnet werden. II. Methodik 1. Vollerhebung und Stichprobe Wie bei vielen Evaluationsprojekten stehen für eine Vollerhebung nicht genügend Ressourcen bereit, um alle interessierenden Personen – also die Grundgesamtheit – zu befragen. Deshalb wird zumeist nur ein Teil der * Für die Durchführung der Telefoninterviews danken wir Jonas Adler, Mathias Bähr, Stephanie Busch-Kramer, Dr. Christopher Czimek, Giannina Dell’Erba, Franziska Kilian, Franziska Knorrek, Dr. Marius Krudewig, Erik Penther, Lea Prehn, Maximilian Senghaus und Cassandra van Bürk, für die Organisation Susanne Kerfs und für die Unterstützung bei der Auswertung Malin König. 308 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Grundgesamtheit, also eine Stichprobe gezogen, um von der Stichprobe Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit zu ziehen. Hierbei spielt die Art der Stichprobenziehung eine zentrale Rolle, da nur Stichproben über einen angebbaren Zufallsprozess solche Rückschlüsse ermöglichen. 2. Grundgesamtheit Zu Beginn des Evaluationsprojekts wurde zunächst die Grundgesamtheit definiert. Die Anzahl der Personen, für die Aussagen erzielt werden sollen, wird als angestrebte Grundgesamtheit bezeichnet.1 Als angestrebte Grundgesamtheit waren alle verhandlungsleitenden Richter in Strafsachen an den Amts- und Landgerichten von Interesse. Zusätzlich wurden alle Staatsanwälte und Fachanwälte für Strafrecht als Kontrollgruppe herangezogen. Folglich galt es in der Untersuchung zunächst alle Vorsitzenden Richter von Strafkammern an den Landgerichten sowie alle Strafrichter und Vorsitzenden der Schöffengerichte an den Amtsgerichten zu ermitteln. Hierzu war zu klären, ob es vollständige Listen oder Datensätze der Grundgesamtheit gibt, die zu einem Stichtag als angestrebte Grundgesamtheit betrachtet werden konnte.2 Da weder eine bundesweite Auflistung der Richter in Strafsachen an den Amts- und Landgerichten existiert,3 noch die 16 Bundesländer über Listen verfügen, die zur Bestimmung der Grundgesamtheit hätten herangezogen werden können, musste die Grundgesamtheit ermittelt werden. Dafür wurden die Geschäftsverteilungspläne der Gerichte für die Jahre 2018 und 2019 als Datenquelle verwendet. Dies erfolgte durch unterschiedliche Herangehensweisen: Zunächst wurden alle im Internet öffentlich zugänglichen Geschäftsverteilungspläne erfasst. Da allerdings nicht alle Geschäftsverteilungspläne über die Homepages der Gerichte zugänglich waren,4 wurden im zweiten Schritt die betreffenden Gerichte mit der Bitte um Übersendung der Geschäftsverteilungspläne angeschrieben. Einige Gerichte reagierten hierauf nicht oder äußerten – durch nichts gerechtfertigte – Bedenken hinsichtlich der Weitergabe der Geschäftsvereilungspläne.5 1 Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 245. 2 Die Personen, die dieser Liste zugehören (Auswahlgesamtheit oder auch frame population genannt), können als Annäherung für die angestrebte Grundgesamtheit dienen; Schnell/ Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 245. 3 Das Handbuch der Justiz (Fn. 6) gibt nicht an, ob die Richter in Zivil- oder Strafsachen tätig sind. 4 Die Geschäftsverteilungspläne müssen gemäß § 21e Abs. 9 GVG lediglich bei den Gerichten aufgelegt, aber nicht veröffentlicht werden. 5 Stattdessen erfolgte z.B. die Aufforderung, den Geschäftsverteilungsplan bei Gericht (z.B. in Kiel) einzusehen, was angesichts des unverhältnismäßigen Aufwands und der Finanzierung des Projekts aus öffentlichen Mitteln bemerkenswert ist. 309 II. Methodik Deshalb erfolgte in einem dritten Schritt ein förmliches Anschreiben an die 16 Landesjustizministerien mit der Bitte um Unterstützung des Forschungsvorhabens. Selbst innerhalb einzelner Ministerien wurde zunächst geprüft, ob die Übersendung der Geschäftsverteilungspläne rechtlich zulässig ist; andere überließen die Entscheidung den Gerichten. Wenn ein Gericht weiterhin die Zusendung der Geschäftsverteilungspläne verweigerte, wurde gebeten, zumindest die Anzahl der Richter (Strafrichter, Vorsitzende von Schöffengerichten oder Strafkammern) mitzuteilen, um jedenfalls die Größe der Grundgesamtheit ermitteln zu können. Auch dazu waren einige Gerichte nicht bereit. Folglich konnten aufgrund fehlender Rückmeldung oder Verweigerung nicht alle Strafrichter in Deutschland ermittelt werden. Insgesamt konnten zwei Landgerichte und 22 Amtsgerichte nicht in die Stichprobe aufgenommen und dadurch auch nicht die genaue Anzahl der dort tätigen Richter festgestellt werden. Bei der Ermittlung der Grundgesamtheit der Staatsanwälte wurde auf das Handbuch der Justiz6 zurückgegriffen. Dieses wird zwar unter Mitwirkung der Justizverwaltungen erstellt, kann aber trotzdem unvollständig oder unzutreffend sein. Einerseits können Staatsanwälte dort nicht aufgeführt sein (undercoverage), weil sie der Veröffentlichung ihrer Daten widersprochen haben, anderseits können Personen aufgelistet sein, die nicht mehr als Staatsanwalt tätig sind (overcoverage).7 Eine andere Herangehensweise wäre der Weg über die Leitenden Oberstaatsanwälte mit der Bitte um die Zusendung der Namen der in ihren Behörden tätigen Staatsanwälte gewesen. Dagegen sprach zunächst, dass die Leitenden Oberstaatsanwälte bereits im Rahmen einer separaten Befragung (Modul  6) kontaktiert wurden und nur zwei Drittel den Fragebogen vollständig ausfüllten. Es bestand somit das Risiko eines „Totalausfalls“ von Staatsanwaltschaften, wenn die jeweiligen Leitenden Oberstaatsanwälte zur Übermittlung aller Kontaktdaten der dort tätigen Staatsanwälte nicht bereit sein sollten. Damit war auch nach den oben geschilderten Erfahrungen mit einzelnen Gerichten zu rechnen. Der Weg über das Handbuch der Justiz hatte insoweit den Vorteil, dass ein wesentlicher Teil der notwendigen Informationen ohne Mithilfe der Leitendenden Oberstaatsanwälte eingeholt werden konnte. Sie wurden anschließend nur noch darum gebeten, die Kontaktdaten der bereits namentlich bekannten Staatsanwälte mitzuteilen, die direkt in die Stichprobe gezogen wurden. Zur Ermittlung der Grundgesamtheit der Fachanwälte für Strafrecht wurden die Rechtsanwaltskammern mit der Bitte um Übersendung entsprechender Verzeichnisse angeschrieben. Einige Rechtsanwaltskammern 6 Deutscher Richterbund (Hrsg.), Handbuch der Justiz 2018/2019, Die Träger und Organe der rechtsprechenden Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland, 34. Jahrgang 2018. 7 S. zu Under- und Overcoverage Baur/Blasius/Häder/Häder, Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, 2. Aufl. 2019, S. 334 f. 310 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) hatten hinsichtlich der Weitergabe – nicht nachvollziehbare – Bedenken, andere verwiesen auf ihre online abrufbaren Anwaltsverzeichnisse oder auf das Bundesweite Amtliche Anwaltsverzeichnis der Bundesrechtsanwaltskammer. Von den insgesamt 27 angeschriebenen Rechtsanwaltskammern waren nur 13 – zum Teil erst nach mehrmaliger schriftlicher und telefonischer Anfrage und langwieriger interner Prüfung – bereit, solche Verzeichnisse zuzusenden. Bei elf Rechtsanwaltskammern mussten die Fachanwälte letztlich über die Anwaltssuche der Kammern ermittelt und für drei Kammerbezirke auf das Anwaltsverzeichnis der Bundesrechtsanwaltskammer zurückgegriffen werden.8 Insgesamt setzen sich alle Daten aus allgemein öffentlich zugänglichen Quellen zusammen. Tabelle F.1: Grundgesamtheit und Schichtgröße Richter Kontrollgruppe Bundesland OLG-Bezirk Amtsgericht Landgericht Staatsanwalt Fachanwalt Baden-Württemberg Karlsruhe 108 49 204 178 Stuttgart 114 54 262 229 Bayern Bamberg 36 22 87 77 München 116 69 267 384 Nürnberg 47 31 107 131 Berlin Berlin 104 53 275 120 Brandenburg Brandenburg 81 20 214 75 Bremen Bremen 14 13 41 58 Hamburg Hamburg 81 40 120 147 Hessen Frankfurt am Main 124 65 227 304 Mecklenburg-Vorpommern Rostock 45 16 125 51 Niedersachsen Braunschweig 21 11 79 49 Celle 87 45 211 149 Oldenburg 59 19 101 83 Nordrhein-Westfalen Düsseldorf 115 55 261 234 Hamm 239 99 402 423 Köln 114 51 259 286 Rheinland-Pfalz Koblenz 65 22 66 107 Zweibrücken 23 16 56 36 Saarland Saarbrücken 24 10 57 27 Sachsen Dresden 119 38 372 138 Sachsen-Anhalt Naumburg 50 22 128 62 Schleswig-Holstein Schleswig 43 23 151 77 Thüringen Jena 59 22 164 65 Gesamt 1888 865 4236 3490 8 Da manche der online abrufbaren Verzeichnisse nicht alle, sondern nur eine begrenzte und zufällige Anzahl (z.B. nur drei) der Fachanwälte anzeigen, mussten sie immer wieder aufgerufen werden, um eine vollständige Liste erstellen zu können. 311 II. Methodik 3. Auswahlverfahren und Stichprobengröße Um Aussagen über die drei Berufsgruppen (Richter, Staatsanwälte, Fachanwälte für Strafrecht) in ganz Deutschland tätigen zu können, wurde eine Einteilung Deutschlands nach den 24 Oberlandesgerichtsbezirken vorgenommen. Diesen Bezirken können nicht nur die Richter an den Land- und Amtsgerichten zugeordnet werden, sondern auch die Staatsanwälte über die Staatsanwaltschaften bei den Landgerichten und die Fachanwälte über die Rechtsanwaltskammern. Jeder OLG-Bezirk entspricht einer Schicht. Bei der Stichprobe handelt es sich demnach um eine geschichtete Stichprobe aus den OLG-Bezirken in Deutschland. Die Größe der jeweiligen Schichten entspricht ihrem Anteil in der Grundgesamtheit (proportional geschichtete Stichprobe).9 Innerhalb jeder Schicht besitzt jedes Element der Grundgesamtheit die Chance, in die Stichprobe gezogen zu werden, da innerhalb jeder Schicht eine einfache Zufallsstichprobe gezogen wird.10 Die Ziehung der Befragten erfolgte durch eine einfache Zufallsstichprobe innerhalb der einzelnen OLG-Schichten. Hierzu wurden die Grundgesamtheiten der Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte für Strafrecht nach den OLG-Bezirken aufgelistet. Anschließend wurden mithilfe eines Computerprogramms Zufallszahlen generiert und die Stichprobe gezogen.11 Hieraus ergibt sich folgende proportionale Stichprobenziehung:12 9 Entsprechen die Anteile der Schichten nicht der Grundgesamtheit, handelt es sich um eine disproportionale Schichtung. In der Evaluation wurde sich gegen eine disproportionale Schichtung entschlossen, da das vorrangige Ziel war, ein Abbild der genauen Verteilung in Deutschland zu erzielen und Aussagen über einzelne Schichten nicht im Vordergrund standen. Zu geschichteten Zufallsstichproben s. Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 252 f. 10 Rückschlüsse von einer Stichprobe auf die Grundgesamtheit sind mittels einer Zufallsstichprobe möglich, wobei die Auswahlwahrscheinlichkeit der Elemente, in die Grundgesamtheit zu gelangen, berechnet werden können und größer Null sein sollte; Schnell/ Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 259. 11 Die Zufallsstichprobe wurde mit Hilfe des Statistikprogramms SPSS gezogen. Dabei wurde jedem Element in der Liste eine Zufallszahl nach den Mersenne-Twister-Verfahren zugeordnet und die Liste anschließend aufsteigend sortiert. Ausführlichere Informationen bei Brosius, SPSS, 8. Aufl. 2019. 12 Durch die proportionale Ziehung haben sich marginale Abweichungen bezüglich der geplanten Stichprobengröße ergeben. Da die zusätzlichen Befragten zufallsbedingt in die Stichprobe gelangt sind, wurde sich gegen einen Ausgleich der Stichprobe nach dem Cox- Verfahren entschieden; s. dazu Cox, A Constructive Procedure for Unbiased Controlled Rounding, 1987, S. 520 ff. 312 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.2: Proportionale Stichprobenziehung Richter Kontrollgruppe Bundesland OLG-Bezirk AG LG StA FA Gesamt Baden-Württemberg Karlsruhe 9 8 8 8 33 Stuttgart 9 9 10 10 38 Bayern Bamberg 3 4 3 3 13 München 9 11 10 17 47 Nürnberg 4 5 4 6 19 Berlin Berlin 8 8 10 5 31 Brandenburg Brandenburg 6 3 8 3 20 Bremen Bremen 1 2 2 3 8 Hamburg Hamburg 6 6 4 7 23 Hessen Frankfurt a.M. 10 10 9 14 43 Mecklenburg-Vorpommern Rostock 4 3 5 2 14 Niedersachsen Braunschweig 2 2 3 2 9 Celle 7 7 8 7 29 Oldenburg 5 3 4 4 16 Nordrhein-Westfalen Düsseldorf 9 9 10 11 39 Hamm 19 16 15 19 69 Köln 9 8 10 13 40 Rheinland-Pfalz Koblenz 5 4 2 5 16 Zweibrücken 2 3 2 2 9 Saarland Saarbrücken 2 2 2 1 7 Sachsen Dresden 10 6 14 6 36 Sachsen-Anhalt Naumburg 4 4 5 3 16 Schleswig-Holstein Schleswig 3 4 6 3 16 Thüringen Jena 5 4 6 3 18 Summe 151 141 160 157 609 Dabei ergibt sich die notwendige Größe einer Stichprobe aus der Genauigkeit der Schätzung, die erzielt werden soll. Um die Genauigkeit der Schätzung zu erhöhen, wurde die vom Auftraggeber zunächst angedachte Stichprobengröße von 90 durchgeführten Telefoninterviews – trotz des engen Zeitplans und der begrenzten Ressourcen – auf mehr als 600 erhöht. Obwohl auch mit dieser Stichprobengröße noch ein größeres Konfidenzintervall13 einhergeht, können die Ergebnisse der proportional geschichteten Zufallsstichprobe als repräsentativ bezeichnet werden.14 13 Die Genauigkeit einer Stichprobe kann mittels der Konfidenzintervalle angegeben werden, wobei möglichst schmale Konfidenzintervalle angestrebt werden. In der Regel werden 95%-Konfidenzintervalle verwendet mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5%. Bei einem Konfidenzintervall (oder Vertrauensintervall) von 95% errechnet für 100 Stichproben bedeutet dies, dass 95 der 100 berechneten Konfidenzintervalle den Wert des Parameters in der Grundgesamtheit enthalten. Dabei ist die Breite des Konfidenzintervalls von der Größe der Stichprobe abhängig (Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 249). 14 S. unten F. II.4. 313 II. Methodik Nicht alle kontaktierten Befragten, die laut einem Stichprobenplan zu befragen wären, beteiligen sich an der Befragung, weshalb bei der Stichprobenziehung diese Ausfälle berücksichtigt werden müssen. Aufgrund der Erfahrung aus den vorherigen Modulen und der damit steigenden Belastungen für einzelne Befragte (z.B. mögliche Mehrfachbeteiligung, wenn der Befragte bereits an Modul 2 teilgenommen hat) wurde eine Ausfallquote von 60% veranschlagt. Die tatsächliche Ausfallquote bei den Richtern (AG: 58,3%, LG: 49,6%) und den Fachanwälten (55,1%) lag leicht unter der angenommenen Ausfallquote.15 Da innerhalb der Feldphase die fehlende Aktualität des Handbuchs der Justiz bei der Ermittlung der Grundgesamtheit der Staatsanwälte deutlich wurde, variierte die Ausfallquote in den einzelnen Schichten und lag bei den Staatsanwälten mit 72,8% über der veranschlagten Ausfallquote. Bei Ausfällen wurde der nächste zufallsbedingt in die Stichprobe gezogene Befragte aus der Liste nachgezogen. 4. Ausschöpfungsquote Um die Qualität einer Studie beurteilen zu können, ist die Angabe von Ausfällen (z.B. ein Befragter verweigert die Teilnahme an der Befragung) erforderlich.16 Aus verschiedenen Gründen können Interviews nicht realisiert werden, wobei zwischen stichprobenneutralen Ausfällen (z.B. Befragter ist nicht mehr dort tätig oder befindet sich in Elternzeit) und systematischen Ausfällen, die mit dem Untersuchungsgegenstand zusammenhängen (z.B. Verweigerung, Interviewabbruch) unterschieden wird. Die Ausschöpfungsquote ergibt sich, wenn die Anzahl der ausgewerteten Interviews17 zum Umfang der bereinigten Bruttostichprobe ins Verhältnis gesetzt wird. Die bereinigte Bruttostichprobe ergibt sich wiederum aus der Differenz der (Ausgangs-)Bruttostichprobe zu den stichprobenneutralen Ausfällen. Die (Ausgangs-)Bruttostichprobe beinhaltet folglich alle in die Stichprobe gezogenen Elemente.18 15 Das Gegenstück zur tatsächlichen Ausfallquote ist die unbereinigte Ausschöpfungsquote, s. Tabelle F.3. 16 Allerdings stellt die Ausschöpfungsquote nur ein Merkmal bei der Beurteilung einer Studie dar; Porst, Praxis der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2000, S. 98 f. 17 Bei den ausgewerteten Interviews handelt es sich um komplett abgeschlossene Interviews. Teilweise durchgeführte oder vom Befragten abgebrochene Interviews wurden bei den Analysen nicht berücksichtigt, da ein Zusammenhang zwischen den Abbrüchen und dem Untersuchungsgegenstand möglich ist (z.B. ein Befragter bricht das Interview ab, weil er zu seinem gesetzwidrigen Verhalten befragt wird). 18 Allerdings gibt es kein einheitliches Vorgehen, wie die Ausschöpfungsquote berechnet werden sollte; zu genaueren Informationen zur unterschiedlichen Berechnung von Ausschöpfungsquoten s. American Association for Public Opinion Research (AAPOR), Standard Definitions: Final Dispositions of Case Codes and Outcome Rates for Surveys, 2016. 314 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Im Zeitraum 17.4.2019–31.10.2019 wurden insgesamt 609 Interviews durchgeführt. Die Ausschöpfungsquote19 setzt sich wie folgt zusammen: Tabelle F.3 Richter Kontrollgruppe AG LG Gesamt StA FA Gesamt Grundgesamtheit 1888 865 2753 4236 3490 7726 Bruttostichprobe20 362 280 642 589 350 939 Stichprobenneutrale Ausfälle 26 34 60 161 30 191 Wechsel des Fachgebiets 6 2 8 0 0 0 Gehört nicht zur Zielgruppe21 0 5 5 3 1 4 Zielperson verhindert22 9 9 18 33 22 55 Bereitschaft signalisiert, gescheiterter erneuter Kontaktversuch 2 3 5 19 1 20 Kontaktdaten existieren nicht / Befragter nicht mehr tätig 1 5 6 99 2 101 Fehlende Berufserfahrung 8 10 18 7 4 11 Bereinigte Bruttostichprobe 336 246 582 428 320 748 Systematische Ausfälle 185 105 290 268 163 431 Interview abgebrochen 3 1 4 2 0 2 Nicht erreicht 140 74 214 175 55 230 Teilnahme verweigert 42 30 72 91 108 199 Interviewausfälle Gesamt 211 139 350 429 193 622 Ausgewertete Interviews23 151 141 292 160 157 317 Unbereinigte Ausschöpfung 41,7% 50,4% 45,5% 27,2% 44,9% 33,8% Bereinigte Ausschöpfung 44,9% 57,3% 50,2% 37,4% 49,1% 42,4% Ausfälle wurden als stichprobenneutral klassifiziert, wenn sie nicht mit dem Untersuchungsgegenstand zusammenhängen. Darunter werden z.B. Fälle gefasst, in denen die Zielperson trotz der freiwilligen Weitergabe der Kontaktdaten und erfolgreicher Terminverabredung zum Interview innerhalb der Erhebungsphase nicht mehr erreicht werden konnte. Ferner ist die fehlende Berufserfahrung (unter ein Jahr) als stichprobenneutral anzusehen, weil diese Befragten mangels hinreichender eigener Praxis von der Erhebung von vornherein ausgeschlossen wurden. Auch (Listen-)Fehler 19 Die Berechnung der folgenden Ausschöpfungsquote orientiert sich an Porst, Praxis der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2000, S. 100. 20 Der Anteil der Bruttostichprobe an der ermittelnden Grundgesamtheit entspricht bei den Richtern 23% (AG: 19%; LG: 32%) und bei der Kontrollgruppe 13% (StA: 14%; FA: 10%). 21 Personen, die nicht zur Zielgruppe gehörten, waren unter anderem: Richter im Jugendstrafrecht, Zivilrecht, Ermittlungsrichter, Behördenleiter der Staatsanwaltschaft, Präsident des Landgerichts, kein Vorsitzender Richter am Landgericht, kein Fachanwalt mehr. 22 Darunter: Elternzeit, Mutterschutz, Krankheit, Beurlaubung oder Ruhestand. 23 Dabei entspricht der Anteil der ausgewerteten Interviews an der Grundgesamtheit bei den Richtern 11% (AG: 8%; LG: 16%) und bei der Kontrollgruppe 4% (StA: 4%; FA: 4%). Obwohl dieser Anteil zunächst gering erscheint, fällt er deutlich höher aus, als bei den vom Auftraggeber verlangten 90 Interviews. 315 II. Methodik bei der Ermittlung der Grundgesamtheit werden als stichprobenneutral gewertet (bspw. ist ein Staatsanwalt im Handbuch der Justiz aufgelistet, allerdings auf Nachfrage nicht mehr in dieser Staatsanwaltschaft tätig). Diese stichprobenneutralen Ausfälle wurden von der (Ausgangs-)Bruttostichprobe abgezogen, um die bereinigte Bruttostichprobe zu erhalten. Bei den systematischen Ausfällen wird hingegen angenommen, dass diese mit dem Untersuchungsgegenstand zusammenhängen. Eine Zielperson gilt als nicht erreicht, wenn der Befragte mindestens dreimal erfolglos kontaktiert wurde. Die Teilnahme gilt als verweigert, wenn z.B. das Sekretariat einer Anwaltskanzlei trotz mehrfacher Kontaktaufnahme (telefonisch, postalisch oder über E-Mail) den Kontakt zum Fachanwalt nicht hergestellt hat. Nach Abzug der systematischen Ausfälle von der bereinigten Bruttostichprobe ergibt sich die Anzahl der ausgewerteten Interviews. 5. Datenbasis Zur Beschreibung der Datenbasis werden im Folgenden die demografischen Merkmale Alter und Geschlecht der Befragten dargestellt.24 Insgesamt haben 609 Befragte an der Telefonumfrage teilgenommen. Ein Drittel der befragten Richter sind Frauen, während bei den Staatsanwälten fast die Hälfte und bei den Fachanwälten nur knapp ein Sechstel Frauen sind. Tabelle F.4 Geschlecht des Befragten Richter Staatsanwälte Fachanwälte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent weiblich 102 34,9% 75 46,9% 25 15,9% 202 33,2% männlich 190 65,1% 85 53,1% 132 84,1% 407 66,8% Gesamt 292 100,0% 160 100,0% 157 100,0% 609 100,0% R: N = 292 n = 292 F = 0; StA: N = 160 n = 160 F = 0; FA: N = 157 n = 157 F = 0 Die Altersabfrage erfolgte am Ende des Fragebogens, weshalb nur Altersangaben von den Befragten vorliegen, die Absprachen treffen. Die Befragten, die keine Absprachen treffen, werden im Folgenden unter die Kategorie „unbekannt“ gefasst. 24 Die differenzierte Zugehörigkeit der Befragten zu den einzelnen OLG-Bezirken ist Tabelle F.2 zu entnehmen. 316 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.5 Alter der Befragten Richter Staatsanwälte Fachanwälte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent 30 bis 40 Jahre 27 9,2% 26 16,2% 17 10,8% 70 11,5% 41 bis 50 Jahre 91 31,2% 50 31,2% 62 39,5% 203 33,3% 51 bis 60 Jahre 115 39,4% 43 26,9% 45 28,7% 203 33,3% 61 bis 70 Jahre 24 8,2% 13 8,1% 11 7,0% 48 7,9% 71 bis 80 Jahre 0 0,0% 0 0,0% 5 3,2% 5 0,8% unbekannt 35 12,0% 28 17,5% 17 10,8% 80 13,1% Gesamt 292 100,0% 160 100,0% 157 100,0% 609 100,0% R: N = 292 n = 292 F = 0; StA: N = 160 n = 160 F = 0; FA: N = 157 n = 157 F = 0 Der jüngste Teilnehmer der Umfrage war 31 Jahre, der älteste 76 Jahre alt. Bezogen auf das Durchschnittsalter25 der einzelnen Berufsgruppen ist zu erkennen, dass die Gruppe der Staatsanwälte (48,4 Jahre) etwas jünger ist als die der Richter (51,2 Jahre) und der Fachanwälte (50,4 Jahre). Tabelle F.6 Mittelwerte zum Alter der Befragten Mittelwert n SD Richter 51,16 257 8,05 Staatsanwälte 48,39 132 8,45 Fachanwälte 50,41 140 9,02 Gesamt 50,27 529 8,48 6. Erhebungsmethode Grundsätzlich wird zwischen Befragungen, Beobachtungen und Inhaltsanalysen unterschieden.26 Für die geplante Erhebung kam nur eine Befragung in Betracht. Eine Beobachtung der Absprachenpraxis ist nicht nur mit einem hohen zeitlichen und personellen Ressourcenaufwand verbunden (Beobachtung des Gerichtsverfahrens im Sitzungssaal), sondern 25 Das arithmetische Mittel beschreibt den Durchschnittswert einer Verteilung und wird als Mittelwert bezeichnet. Die Standardabweichung (SD = Standard Deviation) beschreibt die durchschnittliche Streuung der Werte um den Mittelwert. Folglich geht mit einer grö- ßeren Standardabweichung eine stärkere Streuung der Werte um den Mittelwert einher. Bspw. beträgt das Durchschnittsalter der befragten Richter 51 Jahre und die durchschnittliche Abweichung von diesem Mittelwert acht Jahre. 26 Eine genauere Unterscheidung zwischen Beobachtungen (direkt oder indirekt), Befragungen (mündlich, schriftlich, telefonisch oder internetgestützt) und Inhaltsanalysen findet sich bei Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11.  Aufl. 2018, S. 292–386. 317 II. Methodik auch schwierig zu bewerkstelligen (Richter außerhalb des Sitzungssaal im Gespräch mit Staatsanwälten und Fachanwälten beobachten). Eine Inhaltsanalyse (z.B. von Akten, Protokollen, Urteilen) ist bereits Gegenstand von Modul 3, ebenfalls mit Umsetzungsschwierigkeiten verbunden27 und verspricht nur Einblicke, soweit die Absprachenpraxis offengelegt und dokumentiert worden ist. Die Befragung wurde mit computergestützten Telefoninterviews (CATI: computer assisted telephone interview) durchgeführt.28 Für die Durchführung einer telefonischen Befragung sprachen verschiedene Gründe: Da es sich um eine bundesweite Befragung handelt, bot sich eine persönlichmündliche Befragung aufgrund des hohen Ressourcenaufwands (Zeit, Geld und Personal) nicht an. Telefoninterviews bieten ähnliche Vorteile wie persönlich-mündliche Interviews, sind aber aufgrund der Ortsunabhängigkeit technisch einfacher und ressourcenschonender durchführbar. Anderen ebenfalls in Betracht kommenden Erhebungsmodi wurde das Telefoninterview vorgezogen, weil bei ihm besser die Befragungssituation kontrolliert und Verzerrungen durch den Fragebogen vermieden werden können. Kontrolle der Befragungssituation bedeutet, dass ersichtlich ist, „wer eigentlich antwortet und in welcher Situation geantwortet wird“.29 Bei anderen Erhebungsmodi kann nicht sichergestellt werden, dass der Befragte zur Grundgesamtheit und zur Stichprobe gehört, und nicht verhindert werden, dass bei der Beantwortung Dritte mitwirken oder Hilfsmittel genutzt werden. Verzerrungen durch den Fragebogen sind Fehler bei der Beantwortung, die durch Unklarheiten und Missverständnisse des Fragebogens entstehen. Bei einem Telefoninterview können Rückfragen der Befragten während des Interviews geklärt werden (z.B. warf die Abgrenzung zwischen Verständigungen und informellen Absprachen im Verlauf der Evaluation häufiger Fragen auf). Beim Telefoninterview kann der Interviewer zudem nicht nur auf Nachfragen reagieren, sondern auch widersprüchliche Angaben des Befragten klären.30 Ein weiterer Vorteil des computergestützten Interviews ist die Möglichkeit einer komplexen Filterführung, was wiederum etwaige Fehler seitens des Interviewers minimiert und die Datengüte erhöht. 27 S. oben Modul 3, D. I.1.d). 28 Zu den Vorteilen einer Telefonbefragung im vorliegenden Kontext s. bereits Altenhain/Hagemeier/Haimerl/Stammen, Die Praxis der Absprachen in Wirtschaftsstrafverfahren, 2007, S. 41 f.; Altenhain/Dietmeier/May, Die Praxis der Absprachen in Strafverfahren, 2013, S. 15 f. 29 Möhring/Schlütz/Taddicken, Handbuch standardisierte Erhebungsverfahren in der Kommunikationswissenschaft, 2013, S. 201 (210). 30 Schnell, Survey-Interviews, 2. Aufl. 2019, S. 307. 318 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Wie jeder Erhebungsmodus hat allerdings auch eine telefonische Befragung einzelne Nachteile:31 Erstens besteht die Möglichkeit, dass der Befragte telefonisch nicht erreichbar ist. Dieser Problematik wurde an den Gerichten, Staatsanwaltschaften oder Kanzleien durch eine mindestens dreimalige Kontaktaufnahme zu unterschiedlichen Zeiten entgegengewirkt. Zudem wurden verschiedene Kontaktwege bei schwierig erreichbaren Befragtengruppen unternommen, um die Befragten für eine Teilnahme zu gewinnen.32 Zweitens kann die Anwesenheit eines Interviewers bei einer Befragung das Antwortverhalten beeinflussen (z.B. soziale Erwünschtheit33). Um dem entgegenzuwirken, wurden die Interviewer durch intensive Schulung für diese Problematik sensibilisiert und Gegenmaßnahmen getroffen (z.B. standardisiertes Antwortverhalten bei Rückfragen). Drittens fehlen der telefonischen Befragung im Vergleich zur Online-Befragung visuelle Stimuli (keine Text- oder Bildvorlagen). Die Interviewer wurden deshalb besonders geschult, die Fragen verständlich, langsam und deutlich vorzulesen. 7. Erhebungsinstrument, Interviewerschulung und Pretest Bei der Fragebogenkonstruktion wurde sich an den Ergebnissen einer früheren Studie34 und an Erkenntnissen aus den anderen Modulen orientiert. Sensible Fragen, insbesondere direkte Fragen zu informellen Absprachen, wurden an das Ende des Fragebogens gesetzt, um Interviewabbrüche zu verhindern. Möglichen Verzerrungen durch die Interviewer (sog. Interviewer-Effekte) konnten durch eine mehrstufige Schulung der Interviewer minimiert werden: Hier wurden den Interviewern nicht nur die Struktur des Fragebogens, die Art und Weise der Interviewdurchführung und das verwendete CATI-Programm erläutert, sondern auch die Interviewdurchführung in mehrmaligen Probeinterviews gezielt überprüft, um etwaige Fehler zu minimieren. Auch im Hinblick auf den Datenschutz wurden den Interviewern innerhalb der Schulung standardisierte Verhaltensregeln ver- 31 Eine Übersicht über die Vor- und Nachteile verschiedener Erhebungsmodi findet sich bei Schnell, Survey-Interviews, 2. Aufl. 2019, S. 307 f. 32 Da insbesondere bei den Fachanwälten der Kontaktversuch über das Sekretariat ging und dieses offenbar häufig angehalten war, keine Befragungen durchzustellen, wurden im Einzelfall bis zu 15 Kontaktversuche zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen (persönliches Anschreiben per Brief oder E-Mail) unternommen. Auch ökonomische Interessen der Fachanwälte wurden nicht selten als Verweigerungsgrund angegeben. 33 Im Gegenzug kann das Fehlen eines Interviewers zum Effekt der sozialen Entkontextualisierung führen; s. zum Ganzen Möhring/Schlütz/Taddicken, Handbuch standardisierte Erhebungsverfahren in der Kommunikationswissenschaft, 2013, S. 201 (214 f.); Weichbold/ Bacher/Wolf/Taddicken, Umfrageforschung, 2009, S. 85 (98 f.). 34 Altenhain/Dietmeier/May, Die Praxis der Absprachen in Strafverfahren, 2013. 319 II. Methodik mittelt, um auf mögliche datenschutzrechtliche Bedenken der Befragten reagieren zu können. Bei den insgesamt 14 Interviewern handelte es sich um Projektmitarbeiter des Lehrstuhls, welche in zwei Gruppen eingeteilt wurden: Interviewer zur Terminvereinbarung und zur Interviewdurchführung. Die Interviewer, welche hauptsächlich für die Terminvereinbarung verantwortlich waren, hatten die wichtige Aufgabe, die Befragten zu kontaktieren, zu motivieren und durch gezielte Fragen zu selektieren. Beispielweise wurden durch gezielte Vorfragen Personen ausgeschlossen, die weniger als ein Jahr Berufserfahrung hatten oder überwiegend in Jugendstrafsachen tätig waren. Hierdurch konnten die Daten aus den erstellten Listen vervollständigt und fehlende Informationen ergänzt werden. Der Fragebogen war folglich in zwei Phasen unterteilt: Die Terminvereinbarung und das eigentliche Interview. Dieses wurde entweder direkt im Anschluss an die Kontaktphase oder zu einem vereinbarten Termin durchgeführt. Der Fragebogen war webbasiert35 und für die Interviewer online zugänglich, sodass die Interviews direkt am Arbeitsplatz durchgeführt werden konnten. Da die Fragebögen mit einer Identifikationsnummer geschützt waren und die Antworten der Befragten losgelöst von den persönlichen Daten gespeichert wurden, war nach Abschluss eines Interviews eine Verknüpfung der Antworten aus dem Interview mit den persönlichen Daten nicht mehr möglich. Eine komplexe automatische Filterführung innerhalb des Fragebogens erleichterte die Arbeit der Interviewer und minimierte zugleich die Gefahr von möglichen Interviewer-Fehlern.36 Die durchschnittliche Interviewdauer lag insgesamt bei 40 Minuten. Die Interviews mit den Staatsanwälten dauerten aufgrund des eigenen Fragenkomplexes zur Wächterfunktion durchschnittlich ca. 50 Minuten. In den Fragebögen wurden geschlossene Fragen (d.h. mit vorgegebenen Antwortkategorien) und halboffene Fragen (d.h. mit vorgegebenen Antwortkategorien und freiem Textfeld) gestellt, um den Befragten die Möglichkeit einer offenen Textangabe zu geben, wenn sie ihre Antwort keiner Antwortkategorie zuordnen konnten.37 Den Befragten wurde bei den Fragestellungen eine Skala mit einem Mittelpunkt bzw. eine ungerade Anzahl an Antwortvorgaben vorgegeben (z.B. sehr häufig, häufig, teilweise, selten, nie). In der Sozialwissenschaft wird kontrovers diskutiert, ob Befragten ein Mittelpunkt bei der Beantwortung 35 Der Fragebogen wurde mit der Online-Software Unipark von Questback erstellt; www. unipark.com. 36 Zur Filterführung und ihren Vorteilen s. bereits Modul 4 E. II.3. 37 Die Verbalisierung der Fragen (z.B. einfach, kurz, nicht suggestiv) orientierte sich an den allgemein gängigen Faustregeln, die in vielen Lehrbüchern der empirischen Sozialforschung an Payne, The Art of Asking Questions, 1951, angelehnt sind. 320 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) der Fragen zur Verfügung stehen soll. Einerseits wird dem Befragten die Chance genommen, sich der Mitte zuzuordnen, anderseits kann der Mittelpunkt vom Befragten als Ausweichstrategie benutzt werden.38 „Trotzdem empfehlen die meisten Forscher, diese Kategorie anzubieten, um zu vermeiden, dass Befragte mit einer mittleren bzw. neutralen Einstellung auf andere Kategorien ausweichen und die Daten somit systematisch verzerren.“39 Um Interview-Abbrüche zu vermeiden und den Befragten nicht zu einer Antwort zu zwingen, gab es zusätzlich die Möglichkeit für die Befragten, sich bei den Fragen zu enthalten. Diese „weiß nicht“-Kategorien wurden allerdings nicht vom Interviewer vorgelesen. Die Qualität des Fragebogens wurde mithilfe von Pretests überprüft: Hierzu wurden jeweils drei Pretests mit Richtern, Staatsanwälten und Fachanwälten für Strafrecht durchgeführt. Innerhalb der Pretests zeigte sich der Vorteil der Telefoninterviews z.B. daran, dass die Befragten den Begriff der Absprache unterschiedlich auslegten und der Interviewer gezielt durch die klar definierte Bestimmung des Begriffs der Absprache gegensteuern konnte.40 Um die Aussagen der Richter mit den Aussagen der Kontrollgruppe vergleichen zu können, hatten die drei Fragebögen einen ähnlichen strukturellen Aufbau. Unterschiede gab es hinsichtlich einzelner Fragenkomplexe (bspw. wurden Fragen zur Wächterfunktion nur bei den Staats- und Fachanwälten gestellt). Dabei wurden die Fragebögen in thematische Blöcke eingeteilt, die sich auf die einzelnen Aspekte der Verständigungspraxis bezogen: Zunächst wurde eruiert, ob und in welchem Umfang, bei welchen Tatvorwürfen und aus welchen Gründen Absprachen, insbesondere auch informelle Absprachen, stattfinden. Darüber hinaus wurden die Gegenstände der Absprachen in Erfahrung gebracht und der Einhaltung der Transparenz- und Dokumentationsvorschriften nachgegangen. Zuletzt wurde gefragt, ob und inwieweit die Staatsanwaltschaften ihrer Wächterfunktion nachkommen. 38 Porst, Praxis der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2000, S. 56 f. 39 Menold/Bogner, Gestaltung von Ratingskalen in Fragebögen, Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (SDM Survey Guidelines), 2015, S. 6. 40 Bei den testweise befragten Staatsanwälten wurde zudem ersichtlich, dass diese eine andere Auffassung zur Einstellung gem. §§ 153, 153a StPO als Gegenstand einer Absprache hatten; s. F. II.8. 321 II. Methodik Tabelle F.7: Zusammenfassung des Stichprobendesigns Telefonbefragung Evaluation der Verständigungspraxis im Strafverfahren Grundgesamtheit verhandlungsleitende Richter in Strafsachen an AG und LG, Staatsanwälte und Fachanwälte für Strafrecht in Deutschland Erhebungsmethode Computergestützte Telefoninterviews (CATI) Erhebungsinstrument CATI-Fragebogen Stichprobe proportional geschichtete Zufallsstichprobe Basis für die Listenauswahl: Richter: Geschäftsverteilungspläne der Gerichte Staatsanwälte: Handbuch der Justiz Fachanwälte: Listen und Verzeichnisse der RAK und der BRAK Erhebungszeitraum 17.4.2019 – 31.10.2019 Auswahl der Befragten kein Jugendstrafrecht, mehr als ein Jahr Berufserfahrung Bereinigte Ausschöpfungsquote Richter: 50,2% Staatsanwälte: 37,4% Fachanwälte: 49,1% Ausgewertete Interviews Richter: 292 Staatsanwälte: 160 Fachanwälte: 157 8. Forschungsgegenstand Die bei der Befragung zugrunde gelegte und den Interviewpartnern mitgeteilte Definition der Absprache orientiert sich an der höchstrichterlichen Rechtsprechung:41 Gemeint sind alle Gespräche über den weiteren Fortgang und das Ergebnis des Verfahrens, in denen ein bestimmtes prozessuales Verhalten eines Angeklagten in der Hauptverhandlung als Gegenleistung für ein vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft in Aussicht gestelltes Verhalten vereinbart wird. Der Begriff der Absprache erfasst somit als Oberbegriff sowohl die Verständigung i.S.d. § 257c StPO als auch die informelle Absprache, welche nicht alle Anforderungen der StPO erfüllt. Bei dieser Begriffsbestimmung wurden die Anmerkungen aus den Pretests berücksichtigt. Auch sogenannte Rechtsgespräche, Flurgespräche oder „Gespräche auf dem Golfplatz“ über den Fortgang und das Ergebnis des Verfahrens sind bzw. enthalten dann Absprachen, wenn darin ein bestimmtes prozessuales Verhalten eines Angeklagten in der Hauptverhandlung als Gegenleistung für ein vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft in Aussicht gestelltes Verhalten vereinbart wird. Keine Absprachen sind hingegen Gespräche, die ohne Bezug auf das Verfahrensergebnis „ausschließlich der Organisation sowie der verfahrenstechnischen Vorbereitung und Durchführung der Hauptverhandlung dienen, etwa die Abstimmung der 41 Vgl. etwa BVerfGE 133, 168 (216 Rn. 85); NStZ 2016, 422 (424); BGH, NStZ 2015, 535 (537); 2016, 221 (222 Rn. 12); 2017, 52 (53); 2018, 487 (488); 2019, 684 (685 Rn. 10). 322 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Verhandlungstermine“42 (z.B. §  213 Abs.  2 StPO), sowie „unverbindliche Erörterungen der Beurteilung der Sach- und Rechtslage zwischen dem Gericht und den Verfahrensbeteiligten“.43 Auch während der Interviews wurden die Befragten auf diesen Begriff der Absprachen, seine Reichweite und den Unterschied zwischen informellen Absprachen und Verständigungen hingewiesen und bei den Fragen, die allein auf Verständigungen oder informelle Absprachen abzielten, wurde dies nochmals betont. Innerhalb der Pretests zeigte sich, dass die Staatsanwälte anders als das BVerfG44 und der BGH45 der Auffassung waren, dass Einstellungen gem. §§ 153,  153a StPO nicht Teil einer Absprache sein könnten, sondern die §§ 153, 153a StPO lex specialis zur Verständigung seien. Deshalb wurden die Einstellungen gem. §§ 153, 153a StPO nicht in den Katalog möglicher Inhalte von (Gesprächen über) Absprachen aufgenommen,46 sondern dazu eine gesonderte Frage gestellt.47 Zudem wurden Jugendstrafverfahren von der Befragung ausgeschlossen, da das Jugendstrafrecht mit dem Erziehungsgedanken (§ 2 Abs. 1 S. 2 JGG) einen vom Erwachsenenstrafrecht abweichenden Ansatz verfolgt, was sich auch in der Ausgestaltung und dem Ablauf des Verfahrens niederschlägt. So sind im Jugendstrafverfahren die Möglichkeiten eines kommunikativen Austauschs in der Hauptverhandlung im Vergleich zum Erwachsenenstrafrecht grundsätzlich erweitert. Durch die Diversionsvorschriften (§§ 45, 47 JGG) sollen einvernehmliche Entscheidungen gefördert und Verurteilungen vermieden werden. Die Aussagen über die Absprachen im Jugendstrafverfahren erlauben daher keinen Schluss auf die anderen Strafverfahren und umgekehrt.48 9. Vergleichbarkeit der Daten mit anderen Studien zur Verständigungspraxis Die nachfolgenden dargestellten Ergebnisse sind nur eingeschränkt mit den Ergebnissen der Vorgängerstudie49 zu vergleichen. Dies ergibt sich aus verschiedenen Gründen: 42 BVerfGE 133, 168 (216 Rn. 84); ebenso BGH, NStZ-RR 2016, 347 (348). 43 BVerfGE 133, 168 (228 Rn. 106); ebenso BGH, NStZ 2015, 535 (536); 2017, 52 (53); 2019, 684 (685 Rn. 11 f.). 44 BVerfG, NStZ 2016, 422 (423 f.). 45 BGH, NJW 2016, 513 (517); NStZ 2018, 49 f.; 2019, 684 (685). 46 Vgl. Tabelle F.49. 47 S. dazu unten F. III.2.d). 48 Eine Erhebung zur Verständigung in Jugendstrafverfahren führte Pankiewicz, Absprachen im Jugendstrafrecht, 2008, S. 245 ff., durch. 49 Altenhain/Dietmeier/May, Die Praxis der Absprachen in Strafverfahren, 2013. 323 II. Methodik (1) Verschiedene Bevölkerungsanteile: Innerhalb dieses Evaluationsprojekts wird die Verständigungspraxis der Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte für Strafrecht in Deutschland erhoben, während die Vorgängerstudie sich auf das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein- Westfalen beschränkte. (2) Unterschiedliches Stichprobendesign: Während in der Vorgängerstudie eine Vollerhebung der Richter durchgeführt wurde ist, wurde nun eine proportional geschichtete Zufallsstichprobe für alle drei Berufsgruppen durchgeführt. (3) Verschiedene Personen: Da nicht die gleichen Personen erneut befragt wurden (Panelbefragung), kann eine Veränderung der Ab sprachenpraxis nur eingeschränkt konstatiert werden. Der Einfluss von externen Faktoren (z.B. höchstrichterliche Entscheidungen) auf die Abspra chenpraxis kann daher nur bedingt festgestellt werden. 10. Auswertung Um die Aussagekraft der Ergebnisse beurteilen zu können, müssen verschiedene Kriterien beachtet werden. Neben der Ermittlung der Grundgesamtheit und Angaben zur Ausschöpfungsquote ist die Stichprobenziehung bedeutend. Die konkrete Beantwortung der Frage, ob eine Stichprobe nach dem Zufallsprinzip oder willkürlich gezogen wurde, spielt bei der Beurteilung der Qualität einer Studie eine entscheidende Rolle. Denn nur Zufallsstichproben ermöglichen es, „aus ihren Ergebnissen in Bezug auf die Verteilung aller Merkmale innerhalb bestimmter statistischer Fehlergrenzen auf die entsprechenden Verteilungen innerhalb der Population zu schließen.“50 Kurzum: Allein Zufallsstichproben erlauben eine Generalisierung der Befragungsergebnisse auf die Grundgesamtheit.51 Unter Berücksichtigung der bereits aufgeführten Restriktionen (Schwierigkeiten bei der Ermittlung der Grundgesamtheit durch Verweigerungen einzelner Gerichte, geringe Stichprobengröße) kann aufgrund des Stichprobendesigns und der hohen Ausschöpfungsquote von einer hohen Datengüte gesprochen werden. Bei den folgenden Tabellen ist Folgendes zu beachten: Das „N“ beschreibt die mögliche Datenbasis einer gestellten Frage. Die Anzahl der Personen, denen während des Interviews die jeweilige Frage gestellt wur- 50 Porst, Praxis der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2000, S. 108. 51 Eine alleinige Bezeichnung, dass die Ergebnisse repräsentativ sind, reicht folglich nicht aus. Zur Kritik am Begriff der Repräsentativität s. Porst, Praxis der Umfrageforschung, 2. Aufl. 2000, S. 106, und Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. 2018, S. 277. 324 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) de, wird durch ein „n“ dargestellt; dieses beschreibt die tatsächliche Datengrundlage der einzelnen Frage. Eine Differenz zwischen den beiden Angaben ergibt sich zumeist aus der Filterführung, wodurch Befragte von bestimmten Fragen ausgeschlossen wurden. Neben der Filterführung sind auch „weiß nicht“-Angaben eine mögliche Ursache für nicht gegebene Antworten. Diese fehlenden Werte werden als „F“ angegeben (sog. Missing). Zur reduzierten Ansicht werden in den Tabellen „weiß nicht“-Angaben nicht angezeigt, wenn die Befragten diese nicht ausgewählt haben, obwohl sie die Möglichkeit hatten, sich bei einer Frage zu enthalten. Für die Untersuchung besonders relevanter Fragestellungen wurden inferenzstatistische Hypothesentests durchgeführt, um Aussagen zu treffen, ob sich das Antwortverhalten zwischen den drei Berufsgruppen signifikant voneinander unterscheidet. Hierzu wurden Pearsons Chi-Quadrat-Homogenitätstests durchgeführt.52 Als Kriterium für einen signifikanten Unterschied wurde – analog zu Modul 4 – eine Irrtumswahrscheinlichkeit von α = 0.05 festgelegt.53 Da bei multiplen Tests am gleichen Datensatz die Wahrscheinlichkeit ansteigt, dass signifikante Ergebnisse fälschlicherweise als richtig angenommen werden (Alphafehlerkumulierung), wurde die Šidák- Korrektur bei allen durchgeführten Signifikanztests angewandt:54 αSID = 1 - (1 - α)1/m, woraus folgt αSID = 1 - (1 - 0.05)1/257 = 0.00019. 52 Die Chi-Quadrat-Homogenitätstests wurden durchgeführt, wenn nicht mehr als 20% der Zellen einen Erwartungswert unter fünf hatten und keine Zelle einen Erwartungswert unter eins. Bei niedrigen Fallzahlen wurde die „weiß nicht“-Kategorie ausgeschlossen und/oder nebeneinanderliegende Antwortkategorien (z.B. „sehr häufig“ und „häufig“) zusammengefasst. Wenn die „weiß nicht“- und eine weitere Antwortkategorie gleich wenig Fallzahlen aufwiesen, wurde zuerst die „weiß nicht“-Kategorie ausgeschlossen. Insgesamt wurden m=257 Signifikanztests durchgeführt. Bei den vorliegenden Signifikanztests wurden entweder Vergleiche zwischen den drei Berufsgruppen, den Kontrollgruppen oder den Richtern am Amts- und Landgericht vorgenommen. 53 Eine Irrtumswahrscheinlichkeit von α = 0.05 ist der konventionelle Minimalstandard, s. z.B. Bordens/Abbot, Research Design and Methods, 9. Aufl. 2014, S. 430. 54 Für mehr Information s. z.B. Abdi, Bonferroni Test, in: Salkind (Hrsg.), Encyclopedia of Measurement and Statistics, 2007, S. 103ff. 325 III. Ergebnisse III. Ergebnisse 1. Häufigkeit von Absprachen a) Absprachenquote Die Teilnehmer wurden zu Beginn des Interviews gefragt, ob und wie häufig sie Absprachen durchführen. Dabei wurde der Zeitraum auf die Zeit seit dem Urteil des BVerfG vom 19.3.201355 eingeschränkt. Tabelle F.8 Wie häufig haben Sie seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2013 im Strafverfahren Absprachen getroffen? Richter Staatsanwälte Fachanwälte Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent sehr häufig 11 3,8% 1 0,6% 16 10,2% 28 4,6% häufig 32 11,0% 17 10,6% 41 26,1% 90 14,8% gelegentlich 125 42,8% 56 35,0% 57 36,3% 238 39,1% selten 89 30,5% 58 36,3% 26 16,6% 173 28,4% nie 35 12,0% 28 17,5% 17 10,8% 80 13,1% Gesamt 292 100,0% 160 100,0% 157 100,0% 609 100,0% R: N = 292 n = 292 F = 0; StA: N = 160 n = 160 F = 0; FA: N = 157 n = 157 F = 0; Fachanwälte treffen signifikant häufiger Absprachen als die Richter und Staatsanwälte, χ² (8) = 51.96, p < .00001. 86,9% aller Befragten gaben an, Absprachen getroffen zu haben. Auffallend ist, dass die Fachanwälte eher dazu neigen, Absprachen als „häufig“ oder „sehr häufig“ zu bezeichnen (FA: 36,3%, R: 14,7%, StA: 11,3%), während Richter und Staatsanwälte Absprachen mehrheitlich als ein „gelegentlich“ oder „selten“ auftretendes Phänomen ansehen (R: 73,3%, StA: 71,3%, FA: 52,9%).56 Eine Betrachtung der Ergebnisse ausgeschlüsselt nach Amts- und Landgericht zeigt, dass nach Einschätzung der Richter an den Amtsgerichten weniger Absprachen getroffen werden als an den Landgerichten: 55 BVerfGE 133, 168. 56 Nicht ganz entsprechend sind die Werte, die durch die Online-Befragung ermittelt wurden (s. oben Tabelle E.10). Das kann daran liegen, dass dort nach der Häufigkeit nur der „Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO“ gefragt und die Antwortkategorie „gelegentlich“ nicht angeboten wurde. Zieht man hier die Kategorien „gelegentlich“ und „selten“ zusammen, so nähern sich die Ergebnisse aber an. Auch dort war zudem das Antwortverhalten der Strafverteidiger signifikant anders. 326 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.9 Wie häufig haben Sie seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2013 im Strafverfahren Absprachen getroffen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent sehr häufig 6 4,0% 5 3,5% 11 3,8% häufig 14 9,3% 18 12,8% 32 11,0% gelegentlich 60 39,7% 65 46,1% 125 42,8% selten 48 31,8% 41 29,1% 89 30,5% nie 23 15,2% 12 8,5% 35 12,0% Gesamt 151 100,0% 141 100,0% 292 100,0% AG: N = 151 n = 151 F = 0; LG: N = 141 n = 141 F = 0 15,2% der Richter am Amtsgericht gaben an, dass sie „nie“ Absprachen treffen, während dies am Landgericht nur 8,5% sagten. Umgekehrt sagten dort mehr Richter als am Amtsgericht, dass sie „häufig“ oder „sehr häufig“ Absprachen eingehen (LG: 16,3%, AG: 13,2%).57 Die folgenden Fragen richteten sich nur an Interviewpartner, die erklärt hatten, dass sie Absprachen treffen (R: N = 257, StA: N = 132, FA: N = 140).58 Sie wurden gefragt, wie viele ihrer Strafverfahren im Jahr 2018 nach einer Hauptverhandlung erledigt wurden. Wie bei den Richtern wurde auch bei den Staatsanwälten und Fachanwälten zwischen Verfahren vor Amts- und Landgerichten unterschieden: 57 Dass am LG mehr Absprachen getroffen werden, ergab sich auch bei der Online-Befragung (s. oben Tabelle E.11). Die Werte sind allerdings nicht ganz entsprechend; zu den möglichen Gründen s. oben Fn. 56, wobei hinzukommt, dass bei Tabelle E.11 die Staatsanwälte einberechnet wurden. 58 Die Interviewpartner, die mit „nie“ antworteten (13,1%), wurden nur noch nach ihren Gründen gefragt. Dabei wurde zwischen denjenigen unterschieden, die noch nie Absprachen getroffen haben, und denjenigen, die erst seit dem Urteil des BVerfG darauf verzichten. Die Befragten aus der ersten Gruppe gaben unabhängig davon, ob sie Richter, Staats- oder Fachanwälte sind, überwiegend an, dass sich bisher kein Verfahren dafür angeboten habe. Unter den Befragten der zweiten Gruppe gaben die Richter als Gründe an, dass das Urteil des BVerfG die Verfassungswidrigkeit informeller Absprachen klargestellt, Absprachen anfälliger für Rechtsmittel gemacht und sie verunsichert habe, wie eine Verständigung zu treffen sei. Außerdem hätten die anderen Verfahrensbeteiligten seither kein Interesse mehr an Absprachen gehabt. Die Staats- und Fachanwälte betonten, das Urteil habe dazu geführt, dass die Richter das Thema seltener ansprächen, und nannten daneben vor allem die Verfassungswidrigkeit informeller Absprachen. 327 III. Ergebnisse Tabelle F.10 Wie viele Strafverfahren haben Sie im letzten Kalenderjahr, also 2018, durch eine Hauptverhandlung ungefähr erledigt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 1 bis 50 9 7,0% 102 79,1% 111 43,2% 51 bis 100 18 14,1% 10 7,8% 28 10,9% 101 bis 150 14 10,9% 6 4,7% 20 7,8% 151 bis 200 24 18,8% 6 4,7% 30 11,7% 201 bis 250 14 10,9% 2 1,6% 16 6,2% 251 und mehr 39 30,5% 1 0,8% 40 15,6% weiß nicht 10 7,8% 2 1,6% 12 4,7% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(5) = 143.90, p < .00001. Tabelle F.11 Mittelwerte (Richter) Mittelwert n SD Amtsgericht 228,07 118 133,46 Landgericht 45,98 127 54,82 Gesamt 133,68 245 135,66 AG: N = 128 n = 118 F = 10; LG: N = 129 n = 127 F = 2 Während danach die Richter am Amtsgericht59 durchschnittlich 228 Verfahren erledigten, schlossen die Richter am Landgericht im Schnitt 46 Verfahren ab.60 59 Die Bezeichnungen Richter am Amtsgericht und Richter am Landgericht werden im Text nicht als Amtsbezeichnungen benutzt, sondern als Sammelbezeichnungen für Strafrichter und Vorsitzende von (erweiterten) Schöffengerichten bzw. für Vorsitzende Richter von kleinen und großen Strafkammern, Wirtschaftsstrafkammern und Schwurgerichten. 60 Zieht man zum Vergleich die Zahlen des Statistischen Bundesamts heran, ergeben sich zwar höhere Werte. Danach erledigten im Jahr 2018 die Amtsgerichte 467.643 Strafverfahren (ohne Jugendsachen) und die Landgerichte 51.515, davon 11.078 in 1. Instanz und 40.437 in 2. Instanz (Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 [Strafgerichte], 2019, S. 15, 53). Durchschnittlich erledigte also jeder der 1.888 im Strafrecht tätigen Richter am Amtsgericht 248 Strafverfahren (ohne Jugendsachen) und jeder der 865 im Strafrecht tätigen Vorsitzenden Richter am Landgericht 60. Allerdings sind darin auch Erledigungen enthalten, denen keine Hauptverhandlung vorausging. 328 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.12 Wie viele Strafverfahren haben Sie im letzten Kalenderjahr, also 2018, durch eine Hauptverhandlung am Amtsgericht/Landgericht ungefähr erledigt? (StA/FA) Amtsgericht Landgericht Staatsanwälte Fachanwälte Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent keine 7 5,3% 3 2,1% 7 5,3% 1 0,7% 1 bis 50 42 31,8% 56 40,0% 111 84,1% 120 85,7% 51 bis 100 32 24,2% 43 30,7% 3 2,3% 8 5,7% 101 bis 150 16 12,1% 17 12,1% 0 0,0% 2 1,4% 151 bis 200 7 5,3% 5 3,6% 0 0,0% 0 0,0% 201 bis 250 1 0,8% 3 2,1% 0 0,0% 0 0,0% 251 und mehr 8 6,1% 3 2,1% 0 0,0% 1 0,7% weiß nicht 19 14,4% 10 7,1% 11 8,3% 8 5,7% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten am Amtsgericht unterscheidet sich nicht signifikant, χ² (7) = 11.42, p = .121. Aufgrund geringer Fallzahlen wurden keine weiteren Tests für das Landgericht durchgeführt. Tabelle F.13 Mittelwerte (StA/FA) Amtsgericht Landgericht Mittelwert n SD Mittelwert n SD Staatsanwälte 94,24 113 96,04 16,28 121 16,05 Fachanwälte 77,60 130 65,10 27,13 132 33,42 AG: StA: N = 132 n = 113 F = 19; FA: N = 140 n = 130 F = 10 LG: StA: N = 132 n = 121 F = 11; FA: N = 140 n = 132 F = 8 Dass die Mittelwerte aus der Befragung der Staats- und Fachanwälte hinter denen der Richter zurückbleiben, wird daran liegen, dass sie nicht ausschließlich vor Amts- oder Landgerichten auftreten. Weiter wurden die Interviewpartner gefragt, wie viele dieser Verfahren im Jahr 2018 durch Absprachen erledigt wurden: 329 III. Ergebnisse Tabelle F.14 Und wie viele Verfahren davon haben Sie durch Absprachen erledigt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 0 1 0,8% 20 15,5% 21 8,2% 1 bis 10 47 36,7% 79 61,2% 126 49,0% 11 bis 20 25 19,5% 20 15,5% 45 17,5% 21 bis 30 9 7,0% 1 0,8% 10 3,9% 31 bis 40 6 4,7% 1 0,8% 7 2,7% 41 bis 50 8 6,3% 0 0,0% 8 3,1% 51 bis 60 5 3,9% 1 0,8% 6 2,3% 61 bis 70 2 1,6% 0 0,0% 2 0,8% 71 und mehr 18 14,1% 1 0,8% 19 7,4% weiß nicht 7 5,5% 6 4,7% 13 5,1% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(5) = 58.95, p < .00001.61 Tabelle F.15 Mittelwerte (Richter) Mittelwert n SD Amtsgericht 34,75 121 44,49 Landgericht 6,98 123 10,48 Gesamt 20,75 244 35,02 AG: N = 128 n = 121 F = 7; LG: N = 129 n = 123 F = 6 Setzt man diese Mittelwerte ins Verhältnis zu denen der Tabelle F.11, so ergibt sich, dass laut Angaben der Richter an den Amtsgerichten, die Absprachen treffen, von durchschnittlich 228,07 Strafverfahren, die durch eine Hauptverhandlung erledigt wurden, im Schnitt etwa 34,75 nach einer Absprache beendet wurden. Dies entspricht einer Quote von etwa 15,2%. Die Richter an den Landgerichten, die Absprachen treffen, erledigten von durchschnittlich 45,98 Verfahren etwa 6,98 durch eine Absprache, was ebenfalls eine Quote von 15,2% ergibt. Rechnet man die Richter mit ein, die keine Absprachen treffen,62 und geht davon aus, dass sie (trotzdem) durchschnittlich dieselbe Anzahl von Strafverfahren durch Hauptverhandlung erledigen,63 dann liegt die – ausschließlich anhand der Angaben der 61 Zur Analyse der informellen Absprachen wurden die Antwortkategorien wie folgt zusammengefasst: „0“, „1 bis 20“, „21 bis 40“, „41 bis 60“, „61 und mehr“, und „weiß nicht“. 62 AG: 23, LG: 12; s. oben Tabelle F.9. 63 Grundlage dieser Vermutung ist, dass die Richter, die Absprachen treffen, dies zur Arbeitsentlastung oder aus Gründen tun, die zu einer Verkürzung der Hauptverhandlung führen (s. unten Tabelle F.20). Sie haben also gegenüber denjenigen Richtern, die keine Absprachen treffen, mehr Zeit für die Erledigung anderer Strafverfahren. 330 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Richter errechnete – Absprachenquote der Amtsgerichte bei 12,2%64 und der Landgerichte bei 13,2%.65 Trotz der unterschiedlichen Anzahl von Verfahren weisen Amts- und Landgerichte somit fast gleiche Absprachenquoten auf. Ähnliche Werte ergab die Befragung der Staatsanwälte, nicht aber der Fachanwälte: Tabelle F.16 Wie viele der Strafverfahren vor dem Amtsgericht oder Landgericht haben Sie im letzten Jahr, also 2018, durch Absprachen erledigt? (StA/FA) Amtsgericht Landgericht Staatsanwälte Fachanwälte Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent keine 28 21,2% 6 4,3% 43 32,6% 17 12,1% 1 bis 10 59 44,7% 44 31,4% 75 56,8% 92 65,7% 11 bis 20 12 9,1% 24 17,1% 3 2,3% 16 11,4% 21 bis 30 7 5,3% 18 12,9% 0 0,0% 5 3,6% 31 bis 40 3 2,3% 7 5,0% 0 0,0% 1 0,7% 41 bis 50 4 3,0% 10 7,1% 0 0,0% 2 1,4% 51 bis 60 0 0,0% 2 1,4% 0 0,0% 0 0,0% 61 bis 70 0 0,0% 3 2,1% 0 0,0% 0 0,0% 71 und mehr 1 0,8% 15 10,7% 0 0,0% 1 0,7% weiß nicht 18 13,6% 11 7,9% 11 8,3% 6 4,3% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Am Amtsgericht haben die Fachanwälte signifikant mehr Absprachen durchgeführt als die Staatsanwälte, χ²(5) = 41.43, p < .00001. Aufgrund geringer Fallzahlen wurden keine weiteren Tests für das Landgericht durchgeführt. Tabelle F.17 Mittelwerte zu den durch Absprachen erledigten Strafverfahren am Landgericht (StA/FA) Amtsgericht Landgericht Mittelwert n SD Mittelwert n SD Staatsanwälte 9,98 114 16,61 2,67 121 3,77 Fachanwälte 29,09 129 32,40 8,13 134 11,82 AG: StA: N = 132 n = 114 F = 18; FA: N = 140 n = 129 F = 11 LG: StA: N = 132 n = 121 F = 11; FA: N = 140 n = 134 F = 6 Nach Angabe der Staatsanwälte, die Absprachen treffen, wurden von ihren durchschnittlich 94,24 Verfahren am Amtsgericht66 im Schnitt 9,98 durch Absprachen erledigt. Das entspricht einer Quote von 10,6%. An den Landgerichten wurden von ihren durchschnittlich 16,28 Verfahren im Mittel 2,67 durch eine Absprache erledigt, was eine Quote von 16,4% ergibt. Be- 64 (121 ∙ 34,75) ∕ (151 ∙ 228,07) ∙ 100 = 12,21. 65 (123 ∙ 6,98) ∕ (141 ∙ 45,98) ∙ 100 = 13,24. 66 S. zu den Mittelwerten der StA und FA oben Tabelle F.13. 331 III. Ergebnisse zieht man auch hier diejenigen mit ein, die keine Absprachen treffen,67 so liegt die Quoten für Verfahren vor den Amtsgerichten bei 8,7%68 und für Verfahren vor den Landgerichten bei 13,5%.69 Der im Vergleich zu den Angaben der Richter größere Unterschied zwischen den Quoten, bedingt durch die niedrigere Quote bei den Amtsgerichten, kann damit zusammenhängen, dass die Staatsanwälte insoweit einen eingeschränkten Überblick haben, weil das Amt der Staatsanwaltschaft bei den Amtsgerichten auch von Amtsanwälten ausgeübt werden kann (§ 142 Abs. 1 Nr. 3 GVG). Ein gänzlich anderes Bild ergibt sich aus den Antworten der Fachanwälte. Nach Einschätzung derer, die Absprachen treffen, wurden im Schnitt 29,09 von durchschnittlich 77,6 Verfahren am Amtsgericht mittels einer Absprache erledigt. Das entspricht einer Quote von 37,5%. An den Landgerichten waren es im Schnitt 8,13 von durchschnittlich 27,13 Verfahren, was eine Quote von 30% ergibt. Nimmt man jeweils wieder diejenigen hinzu, die keine Absprachen treffen,70 so liegen die Quoten für Verfahren vor den Amtsgerichten bei 33,4%71 und für Verfahren vor den Landgerichten bei 26,7%.72 Die Unterschiede in der Einschätzung von Richtern und Staatsanwälten einerseits und Fachanwälten andererseits können eine Ursache darin finden, dass Fachanwälte vor mehr Gerichten auftreten. Tabelle F.18 Anteil der Absprachen an den 2018 an den Amts- und Landgerichten durch eine Hauptverhandlung erledigten Strafverfahren Richter am AG Richter am LG Staatsanwälte Fachanwälte treffen Absprachen alle treffen Absprachen alle treffen Absprachen alle treffen Absprachen alle Amtsgericht 15,2% 12,2% – – 10,6% 8,7% 37,5% 33,4% Landgericht – – 15,2% 13,2% 16,4% 13,5% 30,0% 26,7% Als Zwischenergebnis kann festgehalten werden, dass die Absprachenquote nach einhelliger Einschätzung der drei Berufsgruppen insbesondere bei den Amtsgerichten deutlich höher ist, als es die Zahlen des Statistischen Bundesamts nahelegen, nach denen sich Quoten von 1,5% für die Amtsgerichte und 10,3% für die Landgerichte ergeben.73 Sie liegt nach Angaben 67 StA: 28; s. oben Tabelle F.8. 68 (132 ∙ 9,98) ∕ (160 ∙ 94,24) ∙ 100 = 8,74. 69 (132 ∙ 2,67) ∕ (160 ∙ 16,28) ∙ 100 = 13,53. 70 FA: 17; s. oben Tabelle F.8. 71 (140 ∙ 29,09) ∕ (157 ∙ 77,6) ∙ 100 = 33,43. 72 (140 ∙ 8,13) ∕ (157 ∙ 27,13) ∙ 100 = 26,72. 73 Darauf, dass die Quoten höher sind als sich aus der amtlichen Statistik ableiten lässt, deuten auch die Ergebnisse von Modul 4 (s. oben Tabelle E.11) und Modul 2 hin (s. oben nach Tabelle C.18, dort auch zu möglichen Gründen für die Abweichung). 332 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) der Richter bei 12,2% bzw. 13,2%, aus der Sicht der Fachanwälte im Schnitt sogar zumindest doppelt so hoch. b) Bedeutung der, Gründe für und Vorteile durch Absprachen Zu dem Ergebnis, dass die Amts- und Landgerichte nach Angaben der Richter ungefähr gleiche Absprachenquoten haben, passt, dass die Richter auch die Bedeutung der Absprachen für ihre Arbeit ungefähr gleich einschätzen: Tabelle F.19 Wie relevant sind für Sie Absprachen, um die von Ihnen durchzuführenden Strafverfahren zu bewältigen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent sehr relevant 18 14,1% 18 14,0% 36 14,0% relevant 33 25,8% 31 24,0% 64 24,9% teils/teils 26 20,3% 35 27,1% 61 23,7% weniger relevant 40 31,3% 27 20,9% 67 26,1% nicht relevant 11 8,6% 18 14,0% 29 11,3% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 5.6, p = .231. 39,8% der Richter am Amtsgericht und 38% der Richter am Landgericht erachten Absprachen für relevant oder sogar sehr relevant. Tabelle F.20 Aus welchen Gründen führen Sie Absprachen durch? (Richter) Amtsgericht Landgericht sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht die Arbeits- überlastung/entlastung n 30 38 29 17 13 1 30 41 27 20 11 0 % 23,4% 29,7% 22,7% 13,3% 10,2% 0,8% 23,3% 31,8% 20,9% 15,5% 8,5% 0,0% Konfliktverteidigung der Strafverteidiger n 5 23 26 33 39 2 9 19 23 39 38 1 % 3,9% 18,0% 20,3% 25,8% 30,5% 1,6% 7,0% 14,7% 17,8% 30,2% 29,5% 0,8% die Verringerung der psychischen Belastung des Angeklagten n 5 30 25 38 29 1 6 37 15 42 29 0 % 3,9% 23,4% 19,5% 29,7% 22,7% 0,8% 4,7% 28,7% 11,6% 32,6% 22,5% 0,0% 333 III. Ergebnisse Aus welchen Gründen führen Sie Absprachen durch? (Richter) Amtsgericht Landgericht sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht der Zeugenbzw. Opferschutz n 48 55 15 4 5 1 35 57 18 9 8 2 % 37,5% 43,0% 11,7% 3,1% 3,9% 0,8% 27,1% 44,2% 14,0% 7,0% 6,2% 1,6% eine unklare Beweislage n 14 37 29 26 22 0 10 43 22 28 25 1 % 10,9% 28,9% 22,7% 20,3% 17,2% 0,0% 7,8% 33,3% 17,1% 21,7% 19,4% 0,8% eine drohende langwierige Beweisaufnahme n 39 63 15 5 6 0 32 62 18 7 10 0 % 30,5% 49,2% 11,7% 3,9% 4,7% 0,0% 24,8% 48,1% 14,0% 5,4% 7,8% 0,0% schwierige Rechtsfragen n 0 16 17 43 52 0 2 16 17 35 59 0 % 0,0% 12,5% 13,3% 33,6% 40,6% 0,0% 1,6% 12,4% 13,2% 27,1% 45,7% 0,0% eine besonders gut geeignete Deliktsgruppe [z.B. BtMG] n 12 29 24 20 41 2 13 51 17 17 30 1 % 9,4% 22,7% 18,8% 15,6% 32,0% 1,6% 10,1% 39,5% 13,2% 13,2% 23,3% 0,8% Serienstraftaten n 7 44 11 23 40 3 12 52 21 21 20 3 % 5,5% 34,4% 8,6% 18,0% 31,3% 2,3% 9,3% 40,3% 16,3% 16,3% 15,5% 2,3% die hohen Verfahrenskosten n 2 22 20 17 67 0 2 11 12 30 74 0 % 1,6% 17,2% 15,6% 13,3% 52,3% 0,0% 1,6% 8,5% 9,3% 23,3% 57,4% 0,0% die Möglichkeit, Informationen über Dritte zu erhalten n 2 12 13 27 72 2 0 10 10 31 78 0 % 1,6% 9,4% 10,2% 21,1% 56,3% 1,6% 0,0% 7,8% 7,8% 24,0% 60,5% 0,0% dem Angeklagten zur Einsicht in seine Schuld zu verhelfen n 2 29 27 25 45 0 2 12 19 39 57 0 % 1,6% 22,7% 21,1% 19,5% 35,2% 0,0% 1,6% 9,3% 14,7% 30,2% 44,2% 0,0% AG: N = 128; LG: N = 129. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, alle p > .00019 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen für den Grund „die Möglichkeit, Informationen über Dritte zu erhalten“). Auch die hauptsächlichen Gründe für eine Absprache sind dieselben: der Zeugen- bzw. Opferschutz74 (AG: 80,5% „wichtig“ oder „sehr wichtig“, LG: 71,3%), eine drohende langwierige Beweisaufnahme (AG: 79,7% „wichtig“ oder „sehr wichtig“, LG: 72,9%) sowie die Arbeitsüberlastung (AG: 53,1% „wichtig“ oder „sehr wichtig“, LG: 55%). 74 Die Belange des Opfers können allerdings auch umgekehrt dazu führen, dass Richter gerade keine Absprache treffen. 33,5% der Richter berichteten, dass eine Absprache für sie auch schon einmal aus Rücksicht auf das Tatopfer von vornherein nicht in Betracht kam. 334 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.21 Aus welchen Gründen führen Sie Absprachen durch? (StA) sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht die Arbeitsüberlastung/-entlastung n 37 37 39 14 5 0 % 28,0% 28,0% 29,5% 10,6% 3,8% 0,0% die Verringerung der psychischen Belastung des Angeklagten n 2 10 20 55 45 0 % 1,5% 7,6% 15,2% 41,7% 34,1% 0,0% der Zeugen- und Opferschutz n 39 54 19 14 6 0 % 29,5% 40,9% 14,4% 10,6% 4,5% 0,0% eine unklare Beweislage n 14 42 36 26 14 0 % 10,6% 31,8% 27,3% 19,7% 10,6% 0,0% eine drohende langwierige Beweisaufnahme n 42 65 13 8 4 0 % 31,8% 49,2% 9,8% 6,1% 3,0% 0,0% schwierige Rechtsfragen n 6 22 20 44 39 1 % 4,5% 16,7% 15,2% 33,3% 29,5% 0,8% eine besonders gut geeignete Deliktsgruppe [z.B. BtMG] n 7 49 22 23 30 1 % 5,3% 37,1% 16,7% 17,4% 22,7% 0,8% Serienstraftaten n 13 64 31 10 14 0 % 9,8% 48,5% 23,5% 7,6% 10,6% 0,0% die hohen Verfahrenskosten n 0 9 17 47 59 0 % 0,0% 6,8% 12,9% 35,6% 44,7% 0,0% N = 132 Bei den Staatsanwälten liegt es ähnlich. Hier steht die „drohende langwierige Beweisaufnahme“ an erster Stelle (StA: 81,1% „wichtig“ oder „sehr wichtig“), gefolgt vom Opferschutz (70,5%), den Serienstraftaten (58,3%) und der Arbeitsentlastung (56,1%). Tabelle F.22 Aus welchen Gründen führen Sie Absprachen durch? (FA) sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht die Arbeitsüberlastung/-entlastung n 12 12 18 31 67 0 % 8,6% 8,6% 12,9% 22,1% 47,9% 0,0% um ein besseres Verfahrensergebnis für den Angeklagten zu erzielen n 86 41 8 3 1 1 % 61,4% 29,3% 5,7% 2,1% 0,7% 0,7% die Verringerung der psychischen Belastung des Angeklagten n 37 60 25 11 7 0 % 26,4% 42,9% 17,9% 7,9% 5,0% 0,0% der Zeugen- und Opferschutz n 13 18 17 33 57 2 % 9,3% 12,9% 12,1% 23,6% 40,7% 1,4% eine unklare Beweislage n 20 41 29 25 25 0 % 14,3% 29,3% 20,7% 17,9% 17,9% 0,0% eine drohende langwierige Beweisaufnahme n 19 38 23 24 36 0 % 13,6% 27,1% 16,4% 17,1% 25,7% 0,0% schwierige Rechtsfragen n 6 38 23 35 38 0 % 4,3% 27,1% 16,4% 25,0% 27,1% 0,0% eine besonders gut geeignete Deliktsgruppe [z.B. BtMG] n 15 45 22 19 37 2 % 10,7% 32,1% 15,7% 13,6% 26,4% 1,4% 335 III. Ergebnisse Aus welchen Gründen führen Sie Absprachen durch? (FA) sehr wichtig wichtig teilweise wichtig weniger wichtig nicht wichtig (irrelevant) weiß nicht Serienstraftaten n 11 55 17 19 34 4 % 7,9% 39,3% 12,1% 13,6% 24,3% 2,9% die hohen Verfahrenskosten n 7 23 27 26 57 0 % 5,0% 16,4% 19,3% 18,6% 40,7% 0,0% um finanzielle Einbußen des Angeklagten durch seine Anwesenheit in der Hauptverhandlung zu verringern n 14 40 25 33 26 2 % 10,0% 28,6% 17,9% 23,6% 18,6% 1,4% größere Akzeptanz des Urteils beim Angeklagten n 7 30 28 29 45 1 % 5,0% 21,4% 20,0% 20,7% 32,1% 0,7% Reduzierung des Medieninteresses n 17 46 23 23 30 1 % 12,1% 32,9% 16,4% 16,4% 21,4% 0,7% N = 140 Bei den Fachanwälten ist die Gewichtung hingegen eine völlig andere. Ihnen geht es vor allem darum, „ein besseres Verfahrensergebnis für den Angeklagten zu erzielen“ (FA: 90,7% „wichtig“ oder „sehr wichtig“) und seine Belastung durch das Verfahren zu verringern (69,3%). Weniger wichtig sind ihnen die Vermeidung einer „drohenden langwierigen Beweisaufnahme“ (40,7%), der Opferschutz (22,1%) und die Arbeitsentlastung (17,1%). Dies stärkt möglicherweise ihre „Verhandlungsposition“. Jedenfalls aus der Sicht der Richter ist der Angeklagte der größte Profiteur der Absprache: Tabelle F.23 Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Vorteile für die Beteiligten bei den von Ihnen getroffenen Absprachen in Strafverfahren ein? (Mittelwerte Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD Gericht 2,09 ,75 2,26 ,91 2,18 ,84 Angeklagter 2,08 ,71 1,92 ,62 2,00 ,67 Verteidigung 2,14 ,77 2,16 ,75 2,15 ,76 Staatsanwaltschaft 2,52 ,80 2,53 ,85 2,53 ,82 Skala (1) „sehr hoch“ bis (5) „sehr niedrig“; AG: N = 128; LG: N = 129 Allerdings ist bemerkenswert, dass die Richter, insbesondere am Amtsgericht, ihren eigenen Vorteil als fast ebenso groß bewerten. Das zeigt, welche große Bedeutung sie den prozessökonomischen Gründen beimessen. Nach Einschätzung der Staats- und Fachanwälte profitieren die Richter sogar am meisten:75 75 Die Richter schätzten die Vorteile für das Gericht signifikant niedriger ein als die Staatsund Fachanwälte, χ²(8) = 46.92, p < .00001. Keine signifikanten Unterschiede zwischen den Berufsgruppen bestehen für „Angeklagter“, χ²(6) = 15.91, p = .014, „Verteidigung“, χ²(8) = 336 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.24 Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Vorteile für die Beteiligten bei den von Ihnen getroffenen Absprachen in Strafverfahren ein? (Mittelwerte StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Gericht 1,78 ,63 1,68 ,61 Angeklagter 2,08 ,60 2,03 ,77 Verteidigung 2,20 ,70 2,39 ,90 Staatsanwaltschaft 2,49 ,90 2,49 ,94 Skala (1) „sehr hoch“ bis (5) „sehr niedrig“; StA: N = 132, FA: N = 140 c) Absprachentypische Delikte? Neben der Häufigkeit von Absprachen interessiert auch, bei welchen Delikten sie öfter vorkommen und bei welchen selten oder gar nicht. Deshalb wurden die Interviewpartner gefragt, bei welchen Deliktsgruppen es in ihren Verfahren zu Absprachen gekommen ist. Als Antworten standen zunächst drei Deliktsgruppen zur Verfügung: Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr), Straftaten im Straßenverkehr und andere Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen.76 Innerhalb dieser drei Deliktsgruppen wurden sodann weitere Untergruppen77 aufgeführt.78 Sowohl bei den Deliktsgruppen als auch bei den Untergruppen waren Mehrfachnennungen möglich. Da wegen unterschiedlicher Zuständigkeiten und Tätigkeitsschwerpunkte nicht zu erwarten war, dass jeder der befragten Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte bereits mit Tatvorwürfen aus allen Delikts- und Untergruppen befasst war, wurde zusätzlich die Antwort „nicht vorgekommen“ aufgenommen. Anders als die Prozentwerte in den folgenden Tabellen beziehen sich die im Text genannten Prozentwerte daher nur auf die Gesamt- 17.30, p = .027, und „Staatsanwaltschaft“, χ²(8) = 11.44, p = .178. Für ausführliche Tabellen s. Tabelle F.199ff. 76 Diese Fragen wurden den 529 Befragten (R: 257; StA: 132; FA: 140) vorgelegt, die angegeben hatten, schon einmal Absprachen getroffen zu haben (s. oben Tabelle F.8). 77 Die Einteilung in drei Deliktsgruppen mit Untergruppen orientiert sich an der Einteilung des Statistischen Bundesamts, Fachserie 10, Reihe 3, 2018 (Strafverfolgung), 2019, S. 24 und passim. 78 Die Frage zu der jeweiligen Untergruppe wurde nur Interviewpartnern vorgelegt, die die einschlägige Deliktsgruppe genannt hatten. Deshalb variiert die Anzahl der Befragten bei den Fragen zu den Untergruppen. Während fast alle Befragten angaben, dass es bei Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) zu Absprachen kommt (AG: 122, LG: 124, StA: 129, FA: 140), lagen die Werte bei Straftaten im Straßenverkehr (AG: 72, LG: 28, StA: 51, FA: 76) und Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen niedriger (AG: 103, LG: 98, StA: 104, FA: 134). 337 III. Ergebnisse zahl der Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte, die Absprachen treffen und auch zu der jeweiligen Deliktsgruppe Angaben gemacht, d.h. nicht mit „nicht vorgekommen“ geantwortet haben. (1) Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehr) Zunächst zu den Antworten der Richter: Tabelle F.25 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach dem StGB – ohne Straßenverkehrsdelikte – zu Absprachen? (Richter) Richter sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung und im Amt [§§ 80–168, 258 und 331–357] n 1 3 21 70 97 54 % 0,4% 1,2% 8,5% 28,5% 39,4% 22,0% Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung [§§ 174–184j; bspw. sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Pornografie] n 4 39 55 58 66 24 % 1,6% 15,9% 22,4% 23,6% 26,8% 9,8% Beleidigung [§§ 185–200] n 0 12 22 58 107 47 % 0,0% 4,9% 8,9% 23,6% 43,5% 19,1% Straftaten gegen das Leben [§§ 211–222; bspw. Totschlag, Mord, fahrlässige Tötung] n 0 7 10 28 108 93 % 0,0% 2,8% 4,1% 11,4% 43,9% 37,8% Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit [§§ 223–231; bspw. Körperverletzungen] n 2 51 75 71 32 15 % 0,8% 20,7% 30,5% 28,9% 13,0% 6,1% Straftaten gegen die persönliche Freiheit [§§ 232–241a; bspw. Nötigung, Freiheitsberaubung] n 0 8 32 89 87 30 % 0,0% 3,3% 13,0% 36,2% 35,4% 12,2% Eigentumsdelikte [§§ 242–252 und 303–305a; bspw. Diebstahl, Unterschlagung, Raub, Sachbeschädigung] n 8 70 73 64 22 9 % 3,3% 28,5% 29,7% 26,0% 8,9% 3,7% Vermögensdelikte [§§ 253, 255, 259–260a, 263–266b; bspw. Erpressung, Hehlerei, Geldwäsche, Betrug, Untreue] n 7 102 82 43 7 5 % 2,8% 41,5% 33,3% 17,5% 2,8% 2,0% Insolvenzdelikte und strafbarer Eigennutz [§§ 283–301; bspw. Bankrott, Insolvenz, Glücksspiel] n 7 30 36 27 53 93 % 2,8% 12,2% 14,6% 11,0% 21,5% 37,8% Urkundendelikte [§§ 267–282; bspw. Urkundenfälschung] n 2 15 51 83 68 27 % 0,8% 6,1% 20,7% 33,7% 27,6% 11,0% Gemeingefährliche Straftaten [§§ 306–323c; bspw. Brandstiftung, unterlassene Hilfeleistung] n 1 2 28 62 106 47 % 0,4% 0,8% 11,4% 25,2% 43,1% 19,1% Straftaten gegen die Umwelt [§§ 324–330d; bspw. Gewässer-/ Bodenverunreinigung) n 1 6 21 31 82 105 % 0,4% 2,4% 8,5% 12,6% 33,3% 42,7% R: N = 257 338 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Nach Einschätzung der Richter werden Absprachen am seltensten bei Tötungsdelikten getroffen (70,6% „nie“, 18,3% „selten“79) und am häufigsten bei den Vermögensdelikten (45,2% „häufig“ oder „sehr häufig“), gefolgt von den Eigentumsdelikten (32,9% „häufig“ oder „sehr häufig“), den Insolvenzdelikten und dem strafbaren Eigennutz (24,2% „häufig“ oder „sehr häufig“), den Körperverletzungsdelikten (22,9% „häufig“ oder „sehr häufig“) und den Sexualdelikten (19,4% „häufig“ oder „sehr häufig“). Dabei entsprechen sich die Mittelwerte der Richter am Amts- und Landgericht weitgehend: Tabelle F.26 Mittelwerte Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) (Richter) Amtsgericht Landgericht Mittelwert SD Mittelwert SD §§ 80–168, 258, 331–357 4,27 ,82 4,45 ,71 §§ 174–184j 3,43 1,19 3,89 1,02 §§ 185–200 4,24 ,94 4,40 ,82 §§ 211–222 4,47 ,87 4,62 ,75 §§ 223–231 3,08 ,98 3,63 ,95 §§ 232–241a 4,12 ,82 4,25 ,81 §§ 242–252, 303–305a 3,02 1,04 3,17 1,03 §§ 253, 255, 259–260a, 263–266b 2,65 ,85 2,86 ,90 §§ 283–301 3,40 1,29 3,80 1,22 §§ 267–282 3,89 ,93 3,94 ,97 §§ 306–323c 4,29 ,79 4,44 ,81 §§ 324–330d 4,20 ,96 4,52 ,85 Skala (1) „sehr häufig“ bis (5) „nie“; AG: N = 128; LG: N = 129 Über alle Deliktsgruppen hinweg sind aber am Amtsgericht Absprachen häufiger, besonders bei Körperverletzungs-, Sexual-, Insolvenzdelikten und strafbarem Eigennutz.80 Die Staatsanwälte und Fachanwälte nahmen mit einer Ausnahme dieselbe Reihung vor wie die Richter: 79 Wobei zu beachten ist, dass zu der Deliktsgruppe auch die fahrlässige Tötung gem. § 222 StGB (ohne Straßenverkehr) gehört. 80 Richter am Landgericht geben für drei Deliktsgruppen signifikant häufiger als Richter am Amtsgericht an, dass diese Deliktsgruppen nicht vorgekommen seien. Für „Straftaten gegen den Staat, die öffentliche Ordnung und im Amt“, χ²(4) = 23.04, p = .00012 (Antwortkategorien „häufig“ und „sehr häufig“ zusammengefasst), für „Beleidigung“, χ²(4) = 48.25, p < .00001, und „Straftaten gegen die Umwelt“, χ²(4) = 22.13, p = .00018. Für alle anderen Deliktsgruppen p > .00019. 339 III. Ergebnisse Tabelle F.27 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach dem StGB – ohne Straßenverkehrsdelikte – zu Absprachen? (StA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen §§ 80–168, 258, 331–357 n 0 3 9 43 41 33 % 0,0% 2,3% 7,0% 33,3% 31,8% 25,6% §§ 174–184j n 1 31 21 24 27 25 % 0,8% 24,0% 16,3% 18,6% 20,9% 19,4% §§ 185–200 n 0 9 9 29 69 13 % 0,0% 7,0% 7,0% 22,5% 53,5% 10,1% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) n 0 1 9 25 60 34 % 0,0% 0,8% 7,0% 19,4% 46,5% 26,4% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) n 0 12 49 46 18 4 % 0,0% 9,3% 38,0% 35,7% 14,0% 3,1% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) n 0 3 24 48 39 15 % 0,0% 2,3% 18,6% 37,2% 30,2% 11,6% §§ 242–252, 303–305a n 1 48 39 30 8 3 % 0,8% 37,2% 30,2% 23,3% 6,2% 2,3% §§ 253, 255, 259–261, 263–266b n 6 58 36 23 6 0 % 4,7% 45,0% 27,9% 17,8% 4,7% 0,0% §§ 283–301 n 2 20 14 12 23 58 % 1,6% 15,5% 10,9% 9,3% 17,8% 45,0% §§ 267–282 n 1 8 23 46 36 15 % 0,8% 6,2% 17,8% 35,7% 27,9% 11,6% §§ 306–323c (ohne 315b– 316a) n 0 5 11 31 52 30 % 0,0% 3,9% 8,5% 24,0% 40,3% 23,3% §§ 324–330d n 0 6 11 14 36 62 % 0,0% 4,7% 8,5% 10,9% 27,9% 48,1% StA: N = 132 n = 129 F = 2 Tabelle F.28 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach dem StGB – ohne Straßenverkehrsdelikte – zu Absprachen? (FA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen §§ 80–168, 258, 331–357 n 4 18 18 52 27 21 % 2,9% 12,9% 12,9% 37,1% 19,3% 15,0% §§ 174–184j n 7 49 24 30 14 16 % 5,0% 35,0% 17,1% 21,4% 10,0% 11,4% §§ 185–200 n 4 18 23 38 41 16 % 2,9% 12,9% 16,4% 27,1% 29,3% 11,4% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) n 2 13 21 38 53 13 % 1,4% 9,3% 15,0% 27,1% 37,9% 9,3% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) n 4 64 42 16 5 9 % 2,9% 45,7% 30,0% 11,4% 3,6% 6,4% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) n 2 16 44 42 22 14 % 1,4% 11,4% 31,4% 30,0% 15,7% 10,0% 340 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Wie häufig kommt es bei Straftaten nach dem StGB – ohne Straßenverkehrsdelikte – zu Absprachen? (FA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen §§ 242–252, 303–305a n 8 67 35 20 7 3 % 5,7% 47,9% 25,0% 14,3% 5,0% 2,1% §§ 253, 255, 259–261, 263–266b n 9 85 32 13 1 0 % 6,4% 60,7% 22,9% 9,3% 0,7% 0,0% §§ 283–301 n 17 56 22 16 10 19 % 12,1% 40,0% 15,7% 11,4% 7,1% 13,6% §§ 267–282 n 5 23 30 59 16 7 % 3,6% 16,4% 21,4% 42,1% 11,4% 5,0% §§ 306–323c (ohne 315b– 316a) n 2 9 31 49 33 16 % 1,4% 6,4% 22,1% 35,0% 23,6% 11,4% §§ 324–330d n 3 21 24 32 23 37 % 2,1% 15,0% 17,1% 22,9% 16,4% 26,4% FA: N = 140 n = 140 F = 0 Auch sie sagten, dass Absprachen am seltensten bei Tötungsdelikten getroffen werden (StA: 63,2% „nie“, 26,3% „selten“; FA: 41,7% bzw. 29,9%) und am häufigsten bei Vermögensdelikten (StA: 49,6% „häufig“ oder „sehr häufig“; FA: 67,1%). Beide Berufsgruppen nannten an zweiter und dritter Stelle ebenfalls die Eigentumsdelikte (StA: 38,9% „häufig“ oder „sehr häufig“; FA: 54,7%) und die Insolvenzdelikte mit dem strafbaren Eigennutz (31% „häufig“ oder „sehr häufig“; FA: 60,3%). Eine Abweichung gibt es bei den Staatsanwälten hinsichtlich der Körperverletzungsdelikte (StA: 9,6% „häufig“ oder „sehr häufig“;81 FA: 51,9%). Konsens über die Reihenfolge besteht sodann wieder bezüglich der Sexualdelikte (StA: 30,8% „häufig“ oder „sehr häufig“, FA: 45,2%). Tabelle F.29 Mittelwerte zu Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD §§ 80–168, 258, 331–357 4,35 ,78 4,27 ,76 3,67 1,09 §§ 174–184j 3,64 1,14 3,43 1,20 2,96 1,15 §§ 185–200 4,31 ,89 4,36 ,93 3,76 1,16 §§ 211–222 4,55 ,81 4,52 ,71 4,00 1,07 §§ 223–231 3,35 1,00 3,56 ,86 2,65 ,88 §§ 232–241a 4,18 ,82 4,08 ,81 3,52 ,98 §§ 242–252, 303–305a 3,09 1,03 2,97 ,95 2,64 ,98 §§ 253, 255, 259–260a, 263–266b 2,76 ,88 2,73 ,97 2,37 ,77 §§ 283–301 3,58 1,27 3,48 1,29 2,55 1,14 81 Die Staatsanwälte antworteten häufiger mit „teilweise“. Bezieht man diese Antwortmöglichkeit mit ein, so liegen sie fast gleichauf mit den Richtern (R: 55,4%, StA: 48,8%), nicht jedoch mit den Fachanwälten (FA: 84%). 341 III. Ergebnisse Mittelwerte zu Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD §§ 267–282 3,91 ,95 3,95 ,94 3,44 1,03 §§ 306–323c 4,36 ,80 4,31 ,86 3,82 ,96 §§ 324–330d 4,33 ,93 4,19 1,02 3,50 1,14 Skala (1) „sehr häufig“ bis (5) „nie“; R=257; StA: N = 132; FA: N = 140 Es fällt jedoch auf, dass Absprachen nach Einschätzung der Fachanwälte bei allen Deliktsgruppen häufiger durchgeführt werden als nach Einschätzung der Richter und Staatsanwälte.82 Im Schnitt sind die Mittelwerte der Fachanwälte um 0,5 niedriger. Besonders groß ist der Unterschied bei Insolvenzdelikten und strafbarem Eigennutz. (2) Straftaten im Straßenverkehr Nur 38,9% der Richter (AG: 56,3%, LG: 21,7%), 38,6% der Staatsanwälte und 54,3% der Fachanwälte bejahten, dass bei den Straftaten im Straßenverkehr Absprachen getroffen werden.83 Bemerkenswert ist die Übereinstimmung zwischen den Richtern am Amtsgericht und den Fachanwälten, die unterstreicht, dass auch bei dieser Deliktsgruppe am Amtsgericht öfter Absprachen getroffen werden als am Landgericht. Vergleichsweise „häufig“ oder „sehr häufig“ erfolgen Absprachen bei den Straftaten im Straßenverkehr nach dem StGB. Dies bekundeten 18,4% der Richter, 15,7% der Staatsanwälte und 48% der Fachanwälte:84 Tabelle F.30 Wie häufig kommt es bei Straftaten im Straßenverkehr zu Absprachen? (Richter) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240] n 3 15 33 45 2 2 % 3,0% 15,0% 33,0% 45,0% 2,0% 2,0% nach StVG oder anderen Gesetzen n 2 9 29 37 21 2 % 2,0% 9,0% 29,0% 37,0% 21,0% 2,0% R: N = 257 82 Fachanwälte geben alle Deliktsgruppen signifikant häufiger an als Richter, alle p < .00019, ausgenommen „Eigentumsdelikte“, χ²(8) = 22.96, p = .003, und „Vermögensdelikte“, χ²(8) = 21.69, p = .006 (Antwortkategorie „nicht vorgekommen“ für beide Analysen ausgeschlossen). 83 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant, χ²(3) = 2.54, p = .450 (Antwortkategorien „sehr häufig“ und „häufig“, sowie „selten“ und „nie“ zusammengefasst). 84 Fachanwälte nennen diesen Deliktstypen signifikant häufiger als Richter, χ²(4) = 24.86, p < .00019 (Antwortkategorien „sehr häufig“ und „häufig“ zusammengefasst, „nicht vorgekommen“ ausgeschlossen). 342 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.31 Wie häufig kommt es bei Straftaten im Straßenverkehr zu Absprachen? (StA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240] n 0 8 20 21 2 0 % 0,0% 15,7% 39,2% 41,2% 3,9% 0,0% nach StVG oder anderen Gesetzen n 0 2 17 23 9 0 % 0,0% 3,9% 33,3% 45,1% 17,6% 0,0% StA: N = 132 Tabelle F.32 Wie häufig kommt es bei Straftaten im Straßenverkehr zu Absprachen? (FA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240] n 7 29 21 17 1 1 % 9,2% 38,2% 27,6% 22,4% 1,3% 1,3% nach StVG oder anderen Gesetzen n 5 25 20 23 1 2 % 6,6% 32,9% 26,3% 30,3% 1,3% 2,6% FA: N = 140 Die Mittelwerte der Richter und Staatsanwälte liegen ungefähr gleichauf, die der Fachanwälte wieder deutlich niedriger: Tabelle F.33 Mittelwerte zu Straftaten im Straßenverkehr Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240] 3,29 ,86 3,33 ,79 2,68 ,97 nach StVG oder anderen Gesetzen 3,67 ,98 3,76 ,79 2,86 ,98 Skala (1) „sehr häufig“ bis (5) „nie“; R: N = 257; StA: N = 132; FA: N = 140 (3) Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen Die Frage, ob es bei Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen zu Absprachen kommt, wurde wieder häufiger bejaht (R: 78,2% [AG: 80,5%, LG: 76%], StA: 78,8%, FA: 95,7%). 343 III. Ergebnisse Tabelle F.34 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen zu Absprachen? (Richter) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU n 0 3 16 33 85 64 % 0,0% 1,5% 8,0% 16,4% 42,3% 31,8% AO n 8 32 24 21 41 75 % 4,0% 15,9% 11,9% 10,4% 20,4% 37,3% BtMG n 13 72 56 27 14 19 % 6,5% 35,8% 27,9% 13,4% 7,0% 9,5% InsO n 4 27 23 25 47 75 % 2,0% 13,4% 11,4% 12,4% 23,4% 37,3% R: N = 257 Die Straftaten nach dem BtMG (46,7% „sehr häufig“ oder „häufig“) erreichen bei den Richtern vergleichbar hohe Werte wie die Vermögensdelikte (45,2%). Im Übrigen ähneln sich auch hier wieder die Angaben der Richter an den Amts- und Landgerichten, wobei es mit Ausnahme der Steuerstraftaten erneut am Amtsgericht öfter zu Absprachen kommt:85 Tabelle F.35 Mittelwerte zu Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen (Richter) Amtsgericht Landgericht Mittelwert SD Mittelwert SD AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 4,43 ,80 4,51 ,76 AO 3,75 1,27 3,11 1,34 BtMG 2,69 ,92 2,85 1,17 InsO 3,59 1,33 3,76 1,19 Skala (1) „sehr häufig“ bis (5) „nie“; N = 257 Dass es bei den BtM-Delikten eher „häufig“ zu Absprachen kommt, bestätigten auch die Staatsanwälte (52,5% „sehr häufig“ oder „häufig“) und Fachanwälte (72,5%):86 85 Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht zwischen den Richtern am AG und LG für die Deliktsgruppen „AO“, χ²(5) = 7.93, p = .160, „BtMG“, χ²(5) = 12.93, p = .024, und „InsO“, χ²(5) = 6.10, p = .296. Für „AufenthaltsG, AsylG, FeizügG/EU“ geben Richter am LG häufiger als die Richter am AG an, dass diese Deliktsgruppe bei ihnen noch nicht vorgekommen sei, χ²(4) = 23.24, p = .00011. 86 Es besteht kein signifikanter Unterschied im Antwortverhalten der Berufsgruppen, χ²(10) = 31.43, p = .00050. 344 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.36 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen zu Absprachen? (StA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU n 0 7 3 31 35 28 % 0,0% 6,7% 2,9% 29,8% 33,7% 26,9% AO n 3 23 10 4 22 42 % 2,9% 22,1% 9,6% 3,8% 21,2% 40,4% BtMG n 10 42 31 14 2 5 % 9,6% 40,4% 29,8% 13,5% 1,9% 4,8% InsO n 4 13 15 4 27 41 % 3,8% 12,5% 14,4% 3,8% 26,0% 39,4% StA: N = 132 Wie häufig kommt es bei Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen zu Absprachen? (FA) sehr häufig häufig teilweise selten nie nicht vorgekommen AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU n 1 9 5 23 39 57 % 0,7% 6,7% 3,7% 17,2% 29,1% 42,5% AO n 25 60 16 9 7 17 % 18,7% 44,8% 11,9% 6,7% 5,2% 12,7% BtMG n 22 65 25 5 3 14 % 16,4% 48,5% 18,7% 3,7% 2,2% 10,4% InsO n 14 50 22 16 14 18 % 10,4% 37,3% 16,4% 11,9% 10,4% 13,4% FA: N = 140 Nach der Einschätzung der Fachanwälte sind Absprachen aber auch (wieder87) bei den Insolvenzdelikten (55,2%) sowie bei den Steuerstraftaten (72,6%) „häufig“ oder sogar „sehr häufig“.88 Tabelle F.37 Mittelwerte zu Straftaten nach anderen Bundes- oder Landesgesetzen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 4,46 ,79 4,24 ,91 4,17 1,07 AO 3,44 1,34 3,31 1,41 2,26 1,07 BtMG 2,76 1,04 2,56 ,93 2,18 ,87 InsO 3,67 1,26 3,59 1,39 2,71 1,21 Skala (1) „sehr häufig“ bis (5) „nie“; N = 529 87 S. oben Tabelle F.28. 88 Es besteht kein signifikanter Unterschied im Antwortverhalten der Berufsgruppen für die Deliktsgruppe „AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU“, χ²(8) = 27.68, p = .00054. Signifikant häufiger als die Richter und Staatsanwälte nennen die Fachanwälte die Deliktsgruppen „AO“, χ²(10) = 90.98, p < .00001, und „InsO“, χ²(10) = 73.10, p < .00001. 345 III. Ergebnisse (4) Zwischenergebnis Nach Einschätzung der drei Berufsgruppen sind Absprachen vor allem bei den Tötungsdelikten selten und bei den Vermögens-, Eigentums- und BtM- Delikten häufig, gefolgt von den Insolvenzdelikten und dem strafbaren Eigennutz, den Steuerstraftaten, Sexualdelikten89 und (mit Einschränkungen) Körperverletzungsdelikten.90 Wie schon bei den Fragen zur Häufigkeit von Absprachen unterscheiden sich auch bei den Fragen zur Häufigkeit in den einzelnen Deliktsgruppen die Angaben der Fachanwälte von denen der Justizangehörigen: Über alle Deliktsgruppen hinweg ist danach die Anzahl der Absprachen höher.91 d) Auswirkungen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts Im Zusammenhang mit der Häufigkeit von Absprachen interessiert schließlich auch, ob das Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 hierauf Einfluss hatte. Tabelle F.38 Hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2013 eine Auswirkung auf Ihre Absprachenhäufigkeit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 36 28,1% 49 38,0% 85 33,1% nein 85 66,4% 76 58,9% 161 62,6% weiß nicht 7 5,5% 4 3,1% 11 4,3% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 89 Hier wird der Grund häufig im Opferschutz liegen; zur Bedeutung des Opferschutzes s. oben Tabelle F.20 und unten Tabelle F.108; zum Zusammenhang mit den Sexualdelikten s. oben D. II.1.a). 90 Verurteilungen wegen Taten aus diesen Deliktskategorien waren auch am häufigsten in den einschlägigen Revisionsverfahren; s. oben Tabelle B.9. 91 Die Ergebnisse werden gestützt von den Modulen 2 und 4; s. oben Tabelle C.18; Tabelle E.13, Tabelle E.17. 346 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.39 Hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2013 eine Auswirkung auf Ihre Absprachenhäufigkeit? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent Ja 69 52,3% 60 42,9% Nein 62 47,0% 78 55,7% weiß nicht 1 0,8% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Nur ein Drittel der Richter gab an, dass das Urteil des BVerfG Einfluss darauf hat, wie häufig sie Absprachen treffen. Demgegenüber erklärten dies 42,9% der Fachanwälte und sogar 52,3% der Staatsanwälte. Wenn ein Einfluss bejaht wurde, schloss sich die Frage an, wie sich die Häufigkeit verändert hat: Tabelle F.40 Wie häufig haben Sie seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2013 im Vergleich zu früher Absprachen geführt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent viel häufiger 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% häufiger 1 2,8% 2 4,1% 3 3,5% seltener 23 63,9% 24 49,0% 47 55,3% viel seltener 11 30,6% 19 38,8% 30 35,3% weiß nicht 1 2,8% 4 8,2% 5 5,9% Gesamt 36 100,0% 49 100,0% 85 100,0% AG: N = 128 n = 36 F = 92; LG: N = 129 n = 49 F = 80 Tabelle F.41 Wie häufig haben Sie seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2013 im Vergleich zu früher Absprachen geführt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent viel häufiger 0 0,0% 1 1,7% häufiger 4 5,8% 5 8,3% seltener 43 62,3% 35 58,3% viel seltener 21 30,4% 18 30,0% weiß nicht 1 1,4% 1 1,7% Gesamt 69 100,0% 60 100,0% StA: N = 132 n = 69 F = 63; FA: N = 140 n = 60 F = 80 347 III. Ergebnisse Nach Einschätzung fast aller hierzu Befragter wurden seit dem Urteil des BVerfG (viel) seltener Absprachen getroffen (R: 90,6%, StA: 92,8%, FA: 88,3%).92 Gefragt wurde nach den Gründen: Tabelle F.42 Aus welchen Gründen führen Sie seit dem Urteil weniger Absprachen? Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ... Richter Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) hat die Verfassungswidrigkeit informeller Absprachen klargestellt. 40 51,9% 23,4% 39 60,9% 21,1% 35 66,0% 27,6% hat bei mir zu einer erhöhten Verunsicherung geführt, wie eine Verständigung zu treffen ist. 41 53,2% 24,0% 30 46,9% 16,2% 11 20,8% 8,7% hat bei mir zu einer erhöhten Verunsicherung geführt, weil bei Fehlern persönliche Konsequenzen angedroht werden. 17 22,1% 9,9% 11 17,2% 5,9% - - hat dazu geführt, dass die Verständigungen anfälliger für Rechtsmittel sind. 52 67,5% 30,4% 50 78,1% 27,0% 24 45,3% 18,9% hat dazu geführt, dass die Richter das Thema seltener ansprechen. - - - 47 73,4% 25,4% 50 94,3% 39,4% Sonstige 21 27,3% 12,3% 8 12,5% 4,3% 7 13,2% 5,5% Gesamt 77 222,1% 100,0% 64 289,1% 100,0% 53 239,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 529 Die Anfälligkeit der Verständigung für Rechtmittel wurde am häufigsten genannt (R: 67,5%, StA: 78,1%, FA: 45,3%). Den Angaben der Staats- und Fachanwälte zufolge scheinen die Richter das Thema zudem seltener anzusprechen (StA: 73,4%, FA: 94,3%). Motive dafür mögen neben der Rechtsmittelanfälligkeit auch die damit eng zusammenhängende Verunsicherung, wie eine Verständigung zu treffen ist, und das Wissen sein, dass eine informelle Absprache verfassungswidrig ist. 92 Vgl. Modul 4, Tabelle E.41, zu der Einschätzung bezüglich informeller Absprachen. 348 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) 2. Gespräche über eine Absprache a) Zeitpunkte der Gespräche über eine Absprache Eine Verständigung kann nur in der Hauptverhandlung erfolgen (§§ 257c Abs.  1, 273 Abs.  1a StPO).93 Das Gesetz erlaubt aber Gespräche vor und außerhalb der Hauptverhandlung über den Stand des Verfahrens (§§ 160b, 202a, 212 StPO), wozu auch die Möglichkeit einer Verständigung gehören kann (§ 243 Abs. 4 StPO). Es galt daher herauszufinden, wie häufig in den verschiedenen Verfahrensstadien Gespräche über eine Absprache geführt werden. Tabelle F.43 Im Folgenden interessieren wir uns für die verschiedenen Verfahrensstadien. Im Verhältnis zu allen von Ihnen geführten Absprachen: Wie häufig haben Sie in den folgenden Verfahrensstadien Gespräche über Absprachen geführt? (Richter) Richter sehr häufig häufig teilweise selten nie im Ermittlungsverfahren n 0 3 4 14 236 Prozent 0,0% 1,2% 1,6% 5,4% 91,8% im Zwischenverfahren n 8 39 34 90 86 Prozent 3,1% 15,2% 13,2% 35,0% 33,5% im Hauptverfahren innerhalb der Hauptverhandlung n 56 89 60 40 12 Prozent 21,8% 34,6% 23,3% 15,6% 4,7% im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung n 13 48 48 65 83 Prozent 5,1% 18,7% 18,7% 25,3% 32,3% R: N = 257 n = 257 F = 0 Da sich das für die Hauptverhandlung zuständige Gericht regelmäßig erstmals nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens mit der Sache befasst, war zu erwarten, dass 91,8% der Richter erklärten, noch „nie“ im Ermittlungsverfahren Gespräche über eine Absprache geführt zu haben.94 Im Zwischenverfahren sinkt dieser Wert auf 33,5%, doch sind solche Gespräche nach Angaben der Richter eher selten (R: 48,2% „selten“ oder „teilweise“).95 Im Hauptverfahren finden sie danach deutlich häufiger statt.96 Laut 23,7% der Richter sind Gespräche über eine Absprache außerhalb der Hauptverhandlung „häufig“ oder „sehr häufig“. Für Gespräche innerhalb der Hauptverhandlung sagten dies 56,4%. 93 BVerfGE 133, 168 (215 Rn. 82). 94 Richter geben signifikant seltener als Staatsanwälte und Fachanwälte an, Absprachen im Ermittlungsverfahren zu führen, χ²(8) = 404.98, p < .00001. 95 Noch seltener sind sie nach den Ergebnissen von Modul 4, Tabelle E.12 (26,9% „selten“, 70,9% „nie“). Allerdings wurde dort nach dem „Zeitpunkt“ einer „Verständigung gemäß den Vorschriften der StPO“ gefragt. 96 Ebenso Modul 4, Tabelle E.12, aber mit niedrigeren Werten; vgl. vorstehende Fn. 349 III. Ergebnisse Tabelle F.44 Im Folgenden interessieren wir uns für die verschiedenen Verfahrensstadien. Im Verhältnis zu allen von Ihnen geführten Absprachen: Wie häufig haben Sie in den folgenden Verfahrensstadien Gespräche über Absprachen geführt? (StA) Staatsanwälte sehr häufig häufig teilweise selten nie im Ermittlungsverfahren n 1 7 31 62 31 Prozent 0,8% 5,3% 23,5% 47,0% 23,5% im Zwischenverfahren n 1 4 25 64 38 Prozent 0,8% 3,0% 18,9% 48,5% 28,8% im Hauptverfahren innerhalb der Hauptverhandlung n 13 57 37 20 5 Prozent 9,8% 43,2% 28,0% 15,2% 3,8% im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung n 7 20 28 50 27 Prozent 5,3% 15,2% 21,2% 37,9% 20,5% StA: N = 132 n = 132 F = 0 Angesichts ihrer Stellung im Ermittlungsverfahren überrascht es nicht, dass nur 23,5% der Staatsanwälte sagten, in diesem Verfahrensstadium noch „nie“ Gespräche über Absprachen geführt zu haben. Allerdings sind solche Gespräche nach Einschätzung der Staatsanwälte nicht häufig. Nimmt man die Angaben der Richter hinzu, so wird es sich zumeist97 um bilaterale Gespräche zwischen Staatsanwalt und Verteidiger handeln. Im Übrigen bestätigen die Angaben der Staatsanwälte die der Richter: Das gilt für Gespräche innerhalb (53%: „häufig“ oder „sehr häufig“) und außerhalb der Hauptverhandlung (20,5%: „häufig“ oder „sehr häufig“). 98 Tabelle F.45 Im Folgenden interessieren wir uns für die verschiedenen Verfahrensstadien. Im Verhältnis zu allen von Ihnen geführten Absprachen: Wie häufig haben Sie in den folgenden Verfahrensstadien Gespräche über Absprachen geführt? (FA) Fachanwälte sehr häufig häufig teilweise selten nie im Ermittlungsverfahren n 26 34 26 47 7 Prozent 18,6% 24,3% 18,6% 33,6% 5,0% im Zwischenverfahren n 5 23 37 54 21 Prozent 3,6% 16,4% 26,4% 38,6% 15,0% im Hauptverfahren innerhalb der Hauptverhandlung n 28 66 24 21 1 Prozent 20,0% 47,1% 17,1% 15,0% 0,7% im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung n 13 49 28 32 18 Prozent 9,3% 35,0% 20,0% 22,9% 12,9% FA: N = 140 n = 140 F = 0 97 Die Aktenauswertung förderte unter 34 Verfahren mit einer Absprache eines zutage, das ein Sexualdelikt betraf und bei dem die Absprache bereits im Ermittlungsverfahren vorbereitet wurde; s. oben Modul 3, Tabelle D.30). 98 Eine Ausnahme ist das Zwischenverfahren. Die Staatsanwälte nannten dieses Verfahrensstadium signifikant seltener als die Richter und Fachanwälte, χ²(8) = 39.34, p < .00001. 350 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Nach Einschätzung der Fachanwälte finden in allen Verfahrensstadien häufiger Gespräche über Absprachen statt.99 Das gilt insbesondere für Gespräche im Ermittlungsverfahren und im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung. Nur 5% der Fachanwälte gaben an, dass es im Ermittlungsverfahren „nie“ zu solchen Gesprächen kommt; laut 42,9% sind diese im Gegenteil sogar „häufig“ oder „sehr häufig“ (R: 1,2%, StA: 6,1%). Für Gespräche im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung sagten dies 44,3% (R: 23,7%, StA: 20,5%).100 101 Hingegen bestätigten die Fachanwälte die Einschätzung der beiden anderen Berufsgruppen, dass Gespräche innerhalb der Hauptverhandlung häufiger sind als außerhalb. 67,1% sagten, sie seien „häufig“ oder „sehr häufig“ (R: 56,4%, StA: 53%).102 b) Beteiligte der Gespräche über eine Absprache Die Richter wurden gefragt, wer außer dem Vorsitzenden an den vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführten Gesprächen über eine Absprache beteiligt ist. Tabelle F.46 Wenn Sie vor bzw. außerhalb der öffentlichen Hauptverhandlung Gespräche geführt haben, welcher der Verfahrensbeteiligten ist wie häufig an diesen Gesprächen beteiligt gewesen? (Richter) Amtsgericht Landgericht immer häufig teilweise selten nie immer häufig teilweise selten nie Verteidiger n 74 12 1 0 1 80 6 1 0 0 % 84,1% 13,6% 1,1% 0,0% 1,1% 92,0% 6,9% 1,1% 0,0% 0,0% Staatsanwaltschaft n 58 19 5 3 3 76 9 1 0 1 % 65,9% 21,6% 5,7% 3,4% 3,4% 87,4% 10,3% 1,1% 0,0% 1,1% Angeklagter n 3 4 8 22 51 3 3 4 15 62 % 3,4% 4,5% 9,1% 25,0% 58,0% 3,4% 3,4% 4,6% 17,2% 71,3% Berichterstatter n 0 0 0 0 0 63 11 0 4 9 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 72,4% 12,6% 0,0% 4,6% 10,3% anderer beisitzender Richter n 0 0 0 0 0 45 20 3 6 13 % 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% 51,7% 23,0% 3,4% 6,9% 14,9% Schöffen, wenn schon bekannt n 5 0 1 0 6 35 10 9 7 26 % 41,7% 0,0% 8,3% 0,0% 50,0% 40,2% 11,5% 10,3% 8,0% 29,9% Nebenkläger (bzw. Vertreter) n 30 11 6 16 25 42 9 10 4 22 % 34,1% 12,5% 6,8% 18,2% 28,4% 48,3% 10,3% 11,5% 4,6% 25,3% AG: N = 128; LG: N = 129 99 Ebenso Modul 4, Tabelle E.12. 100 Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant, χ²(8) = 39.72, p < .00001. 101 Bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in 27 von 34 Verfahren die Absprache im Hauptverfahren außerhalb der Hauptverhandlung vorbereitet wurde; s. oben Modul 3, Tabelle D.30). 102 Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, χ²(8) = 18.87, p = .016. 351 III. Ergebnisse Während der Verteidiger fast immer beteiligt ist, gilt das am Amtsgericht nicht für den Vertreter der Staatsanwaltschaft (AG: 65,9% „immer“).103 Noch seltener ist die Teilnahme der (bereits bekannten) Schöffen. Der Angeklagte ist zumeist nicht dabei (AG: 83% „nie“ oder „selten“, LG: 88,5%). Tabelle F.47 Und aus welchen Gründen haben Sie den Angeklagten schon einmal nicht an den Gesprächen über Absprachen beteiligt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) wegen der persönlichen Betroffenheit des Angeklagten (kein objektiver Gesprächspartner) 30 35,7% 13,4% 23 27,4% 11,0% 53 31,5% 12,2% der Angeklagte verfügt nicht über die notwendigen juristischen Fähigkeiten 50 59,5% 22,3% 45 53,6% 21,4% 95 56,5% 21,9% der Angeklagte wird ausreichend durch die Verteidigung vertreten 72 85,7% 32,1% 69 82,1% 32,9% 141 83,9% 32,5% Verteidiger wollte die Gespräche ohne den Angeklagten durchführen 49 58,3% 21,9% 53 63,1% 25,2% 102 60,7% 23,5% Angeklagter ist nur schwer zu erreichen (z.B.: U-Haft) 16 19,0% 7,1% 14 16,7% 6,7% 30 17,9% 6,9% sonstige 7 8,3% 3,1% 6 7,1% 2,9% 13 7,7% 3,0% Gesamt 84 266,7% 100,0% 84 250,0% 100,0% 168 258,3% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, alle p > .00019. Der Ausschluss des Angeklagten wird zumeist damit begründet, dass seine Interessen vom Verteidiger wahrgenommen würden.104 Dieser sei zudem objektiver und Jurist. Wohl deshalb erklärten 53,1% der Richter am Amtsgericht, dass sie mit einem Angeklagten, der keinen Verteidiger hat, keine Absprachen treffen. Dem unverteidigten Angeklagten werden dadurch die auch von den Richtern105 anerkannten Vorteile einer Absprache vorenthalten.106 103 Umgekehrt sagten auch die Staatsanwälte, dass zwar „immer“ der Verteidiger beteiligt sei (85,7%), aber nicht der Vorsitzende (59%). 104 80% der Fachanwälte gaben an, dass sie „immer“ Rücksprache mit ihrem Mandanten nehmen, bevor sie Gespräche über eine Absprache aufnehmen (15% „häufig“). 94,6% der Fachanwälte erklärten, ihre Mandanten von den Gesprächen „immer“ in Kenntnis zu setzen (4,5% „häufig“). 105 S. oben Tabelle F.23. 106 Bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in allen untersuchten Fällen mit einer Absprache der Angeklagte einen Verteidiger hatte; s. oben Modul 3 D. II.1.c). 352 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.48 Führen Sie mit einem nicht anwaltlich vertretenen Angeklagten überhaupt Absprachen? (Richter AG) n Prozent ja 57 44,5% nein 68 53,1% weiß nicht 3 2,3% Gesamt 128 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0 c) Inhalte der Gespräche über eine Absprache Worüber verständigen sich die Beteiligten? Von Interesse ist nicht nur, was besonders häufig Gegenstand von Absprachen ist, sondern auch, welche Inhalte eher formell und welche eher informell abgehandelt werden. Um über die Inhalte von Absprachen mehr zu erfahren, wurde den Interviewpartnern ein Katalog mit zulässigen und unzulässigen Inhalten einer Verständigung vorgelegt, deren Häufigkeit sie einschätzen sollten. Dabei ging es zunächst nur um Gespräche über Absprachen und nicht um erzielte Einigungen. Dies sollte es den Befragten erleichtern, etwaiges rechtswidriges Verhalten anzudeuten, ohne es direkt zugeben zu müssen. Die Antworten sind daher zwar nur Indizien für ein rechtswidriges Verhalten. Jedoch zeigte die im weiteren Verlauf des Interviews gestellte Frage, ob man sich auf solche Inhalte auch schon informell geeinigt hat, dass dies durchaus passiert war. Zum Beispiel bejahten hier 141 Richter, dass die Anwendung von Qualifikationsmerkmalen schon Gegenstand von Gesprächen über eine Absprache war, und davon später 38, dass sie darüber auch schon eine informelle Absprache getroffen hatten.107 Tabelle F.49 Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Strafmaß, d.h. konkrete Strafe oder Strafrahmen n 197 54 5 1 0 0 Prozent 76,7% 21,0% 1,9% 0,4% 0,0% 0,0% Anwendung von Qualifikationsmerkmalen n 6 20 40 75 114 2 Prozent 2,3% 7,8% 15,6% 29,2% 44,4% 0,8% Anwendung von Regelbeispielen n 5 18 41 78 113 2 Prozent 1,9% 7,0% 16,0% 30,4% 44,0% 0,8% 107 S. unten Tabelle F.73. 353 III. Ergebnisse Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe n 8 36 44 70 97 2 Prozent 3,1% 14,0% 17,1% 27,2% 37,7% 0,8% Geständnis n 185 64 3 3 2 0 Prozent 72,0% 24,9% 1,2% 1,2% 0,8% 0,0% Fahrverbot nach § 44 StGB n 3 19 28 42 157 8 Prozent 1,2% 7,4% 10,9% 16,3% 61,1% 3,1% Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis n 4 22 36 48 145 2 Prozent 1,6% 8,6% 14,0% 18,7% 56,4% 0,8% Absehen von Einziehung (§§ 73–76b StGB) n 3 11 31 71 140 1 Prozent 1,2% 4,3% 12,1% 27,6% 54,5% 0,4% Höhe oder Umfang der Einziehung n 4 11 26 77 138 1 Prozent 1,6% 4,3% 10,1% 30,0% 53,7% 0,4% Strafaussetzung zur Bewährung n 20 147 55 19 15 1 Prozent 7,8% 57,2% 21,4% 7,4% 5,8% 0,4% Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 9 44 50 79 74 1 Prozent 3,5% 17,1% 19,5% 30,7% 28,8% 0,4% Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 9 55 65 74 53 1 Prozent 3,5% 21,4% 25,3% 28,8% 20,6% 0,4% Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO n 11 106 84 40 14 2 Prozent 4,3% 41,2% 32,7% 15,6% 5,4% 0,8% Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten n 2 23 49 81 101 1 Prozent 0,8% 8,9% 19,1% 31,5% 39,3% 0,4% Einstellung anderer Verfahren gegen andere natürliche oder juristische Personen n 0 0 3 23 229 2 Prozent 0,0% 0,0% 1,2% 8,9% 89,1% 0,8% Informationen, die in Verfahren gegen Dritte verwertet werden können n 0 2 25 68 161 1 Prozent 0,0% 0,8% 9,7% 26,5% 62,6% 0,4% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge n 7 60 59 47 81 3 Prozent 2,7% 23,3% 23,0% 18,3% 31,5% 1,2% Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften n 1 23 20 39 173 1 Prozent 0,4% 8,9% 7,8% 15,2% 67,3% 0,4% Schadenswiedergutmachung n 3 63 89 59 41 2 Prozent 1,2% 24,5% 34,6% 23,0% 16,0% 0,8% Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls n 3 22 72 64 95 1 Prozent 1,2% 8,6% 28,0% 24,9% 37,0% 0,4% sonstige Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, etwa offener Vollzug n 0 7 14 34 201 1 Prozent 0,0% 2,7% 5,4% 13,2% 78,2% 0,4% Rücknahme oder Beschränkung der Berufung n 3 20 18 28 95 9 Prozent 1,7% 11,6% 10,4% 16,2% 54,9% 5,2% Bestrafung als Täter oder Teilnehmer n 3 5 21 52 175 1 Prozent 1,2% 1,9% 8,2% 20,2% 68,1% 0,4% Abschiebung oder Ausweisung des Angeklagten n 0 3 11 20 221 2 Prozent 0,0% 1,2% 4,3% 7,8% 86,0% 0,8% Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden n 0 3 8 13 219 14 Prozent 0,0% 1,2% 3,1% 5,1% 85,2% 5,4% R: N = 257 354 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Es wurden zudem Mittelwerte gebildet, um das Antwortverhalten der Richter deutlicher darzustellen und mit dem der Staats- und Fachanwälte besser vergleichen zu können:108 Tabelle F.50 Mittelwerte zu den Inhalten von Gesprächen über Absprachen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD Strafmaß, d.h. konkrete Strafe oder Strafrahmen 1,26 ,51 1,16 ,37 1,26 ,47 Anwendung von Qualifikationsmerkmalen 4,06 1,06 3,89 1,05 2,94 1,07 Anwendung von Regelbeispielen 4,08 1,03 3,98 1,02 3,04 1,06 Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe 3,83 1,17 3,93 ,99 3,02 1,15 Geständnis 1,34 ,64 1,37 ,56 1,49 ,69 Fahrverbot nach § 44 StGB 4,33 1,03 4,36 ,95 3,96 1,10 Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis 4,21 1,08 4,14 1,08 3,71 1,12 Absehen von Einziehung (§§ 73 - 76b StGB) 4,30 ,93 4,11 1,07 3,51 1,14 Höhe oder Umfang der Einziehung 4,30 ,93 4,09 1,09 3,50 1,18 Strafaussetzung zur Bewährung 2,46 ,95 2,33 ,99 1,94 ,64 Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 3,64 1,17 3,69 1,17 2,98 1,09 Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 3,42 1,14 3,54 1,16 2,79 1,05 Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO 2,76 ,96 2,63 ,91 2,24 ,75 Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten 4,00 1,01 3,67 ,98 3,03 1,11 Einstellung anderer Verfahren gegen andere natürliche oder juristische Personen 4,89 ,35 4,87 ,34 4,32 ,83 Informationen, die in Verfahren gegen Dritte verwertet werden können 4,52 ,70 4,42 ,77 4,15 ,91 Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 3,53 1,24 3,37 1,19 3,12 1,16 Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften 4,41 ,99 4,45 ,79 3,98 1,06 Schadenswiedergutmachung 3,28 1,05 3,27 1,01 2,66 ,85 Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls 3,88 1,05 3,62 1,04 2,79 1,06 108 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich signifikant für alle Inhalte, alle p <  .00019. Ausgenommen sind „Strafmaß“, „Geständnis“ (erfüllen Annahmen für Chi²-Test nicht), „Fahrverbot nach § 44 StGB“, χ²(8) = 22.45, p = .004 (Antwortkategorien „immer“ und „häufig“ zusammengefasst), „Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften“, χ²(6) = 9.89, p = .129 (Antwortkategorien „immer“ und häufig“ zusammengefasst, „weiß nicht“ ausgeschlossen) und „Absehen von bestimmten Beweiserhebungen“, χ²(8) = 23.93, p = .002 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Für ausführliche Tabellen s. Tabelle F.202f. 355 III. Ergebnisse Mittelwerte zu den Inhalten von Gesprächen über Absprachen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD sonstige Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, etwa offener Vollzug 4,68 ,70 4,56 ,76 3,97 ,93 Rücknahme oder Beschränkung der Berufung 4,17 1,15 3,49 1,16 3,23 1,15 Bestrafung als Täter oder Teilnehmer 4,53 ,82 4,47 ,70 3,71 1,00 Abschiebung oder Ausweisung des Angeklagten 4,80 ,56 4,74 ,55 4,37 ,83 Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden 4,84 ,52 4,53 ,86 4,08 1,13 Skala (1) „immer“ bis (5) „nie“; N = 529 Die häufigsten Themen solcher Gespräche sind das Strafmaß109 (Mittelwerte R: 1,26; StA: 1,16; FA: 1,26) und das Geständnis (Mittelwerte R: 1,34; StA: 1,37; FA: 1,49). Es scheint also immer noch typisch zu sein, dass über ein reduziertes Strafmaß im Gegenzug für ein Geständnis verhandelt wird. Hierzu passend sind weitere häufige Inhalte die Strafaussetzung zur Bewährung (Mittelwerte R: 2,46; StA: 2,33; FA: 1,94) sowie die Teileinstellung und Beschränkung des Verfahrens gem. §§ 154, 154a StPO (Mittelwerte R: 2,76; StA: 2,63; FA: 2,24).110 Auch Inhalte, über die eine Verständigung unzulässig ist, werden erörtert:111 So gaben 54,9% der Richter an, dass die Anwendung von Qualifikationstatbeständen Gegenstand von Gesprächen über eine Absprache sei, laut 10,1% ist sie das sogar „immer“ oder „häufig“. Folgt man den Fachanwälten, ist das Absehen von Qualifikationstatbeständen noch deutlich häufiger ein Thema (Mittelwerte R: 4,06; StA: 3,89; FA: 2,94). Ganz entsprechend antworteten die Richter auf die Frage, ob über die Anwendung benannter oder unbenannter Strafschärfungs- oder milderungsgründe geredet wird. Eine solche Strafrahmenverschiebung ist jedenfalls nach Ansicht des BVerfG112 kein zulässiger Gegenstand einer Verständigung. Trotzdem erklärten 55,3% der Richter, die Anwendung benannter 109 Zur Art und Weise, wie sich das Gericht zum Strafmaß äußert, s. unten F.III.5.c). 110 Vergleichbare Ergebnisse zu den Inhalten von Verständigungen bei Modul 4, Tabelle E.22 bis Tabelle E.30. Bei der Aktenauswertung war in 11 von 34 Verfahren mit einer Absprache die Teileinstellung gem. § 154 StPO Gegenstand; s. oben Modul 3, D. II.2.j). 111 Die folgenden Prozentangaben beziehen sich auf Richter, StA und FA, die Absprachen treffen; s. oben Tabelle F.8 und Tabelle F.9. 112 BVerfGE 133, 168 (211 Rn. 74); einschränkend BGH, NStZ 2017, 363 (365), wonach die Auffassung des BVerfG „allenfalls dann Gewicht erlangen [kann], wenn es tatsächlich um die Anwendung eines Sonderstrafrahmens bezüglich einer Tat geht, die die tatbestandlich ausgekleideten Merkmale des Regelbeispiels eines besonders schweren (etwa § 243 Abs. 1 S. 2 StGB) oder die gesetzlich benannten Merkmale eines minder schweren Falles (etwa § 213 Alt. 1 StGB) erfüllt“. 356 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Strafschärfungs- und -milderungsgründe (Regelbeispiele) sei ein Thema von Gesprächen über eine Absprache (8,9% „immer“ oder „häufig“). Von den unbenannten Strafschärfungs- und -milderungsgründen sagten dies sogar 61,5% (17,1% „immer“ oder „häufig“). Auch hier weichen die Einschätzungen der Fachanwälte deutlich ab (Mittelwerte R: 4,08 und 3,83, StA: 3,98 und 3,93, FA: 3,04 und 3,02). Ebenfalls erörtert werden die Bestrafung als Täter oder Teilnehmer (R: 31,5%) und die Anwendung des Jugendstrafrechts auf Heranwachsende (R: 9,3%113). Wieder sind die Werte bei den Fachanwälten anders (Mittelwerte R: 4,53; StA: 4,47; FA: 3,71; bzw. R: 4,84, StA: 4,53, FA: 4,08). Obwohl auch Maßregeln der Besserung und Sicherung (z.B. Entziehung der Fahrerlaubnis) kein Gegenstand einer Verständigung sein dürfen, bejahten 42,8% der Richter, dass darüber in Gesprächen über eine Absprache geredet wurde (10,1% „häufig“ oder „immer“) (Mittelwerte R: 4,21; StA: 4,14; FA: 3,71). Schließlich werden auch nicht in der Kompetenz des Gerichts liegende Gegenstände thematisiert. Das gilt insbesondere für die Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten (R: 60,3%), aber auch für Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen (R: 21,4%), für die Abschiebung und Ausweisung des Angeklagten (R: 13,2%) und für die Einstellung anderer Verfahren gegen andere Personen (R: 10,1%). Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass in den Gesprächen über eine Absprache neben dem typischen „Geständnis gegen Strafrabatt“114 auch Themen angeschnitten werden, über die sich die Beteiligten nicht verständigen dürfen. Besonders auffällig ist, dass die Fachanwälte die Häufigkeit solcher Gespräche höher einschätzen als Richter und Staatsanwälte. Dies mag zum Teil an einer unterschiedlichen Wahrnehmung liegen. Es kann aber auch sein, dass die Fachanwälte eher geneigt sind, dergleichen einzuräumen, weil sie sich selbst nicht in der Pflicht sehen, für eine gesetzeskonforme Absprache zu sorgen. d) Speziell: Einstellungen gemäß §§ 153, 153a StPO Zusätzlich wurde gefragt, ob schon einmal eine Einstellung gemäß §§ 153, 153a StPO Gegenstand eines Gesprächs über eine Absprache war. BVerfG und BGH sehen darin eine „sonstige verfahrensbezogene Maßnahme“ i.S.d. 113 Der Wert erscheint gering, jedoch ist zu beachten, dass keine Richter von jugendstrafrechtlichen Spruchkörpern befragt wurden; s. oben F. II.8 a.E. 114 Bei der Aktenauswertung waren in 32 von 34 Verfahren Geständnis und Strafmaß Gegenstand der Absprache; s. oben Modul 3, Tabelle D.25, Tabelle D.32. 357 III. Ergebnisse § 257c Abs. 2 S. 1 StPO, über die sich die Verfahrensbeteiligten verständigen dürfen.115 Tabelle F.51 Nach Ansicht des BVerfG [NStZ 2016, 422] und des BGH [NStZ 2018, 49] kann eine Einstellung nach §§ 153, 153a StPO Gegenstand einer Absprache sein, wenn sie als Gegenleistung für ein bestimmtes prozessuales Verhalten des Angeklagten erfolgt. Wie häufig haben Sie schon ein Gespräch über eine solche Absprache geführt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 1 0,8% 0 0,0% 1 0,4% häufig 38 29,7% 6 4,7% 44 17,1% teilweise 23 18,0% 25 19,4% 48 18,7% selten 29 22,7% 31 24,0% 60 23,3% nie 37 28,9% 67 51,9% 104 40,5% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 Nach Auskunft der Richter ist die Einstellung gem. §§ 153, 153a StPO vor allem am Amtsgericht (71,1%), aber auch am Landgericht (48,1%) Gegenstand von Gesprächen über eine Absprache. Am Amtsgericht ist sie das laut 30,5% der Richter sogar „häufig“ oder „immer“, während dies für das Landgericht nur 4,7% der Richter sagen. Dass an den Landgerichten die §§ 153 Abs. 2, 153a Abs. 2 StPO deutlich seltener erörtert werden, lässt sich aus der höheren Straferwartung erklären (§ 24 Abs. 1 Nr. 2 GVG). Dies und die Einbeziehung in eine Absprache deuten darauf hin, dass die §§ 153, 153a StPO nicht zur Umgehung einer Verständigung genutzt werden, sondern im Gegenteil dort, wo dies nach dem Strafmaß auch eher zu erwarten ist, Inhalt von Absprachen sind. Tabelle F.52 Nach Ansicht des BVerfG [NStZ 2016, 422] und des BGH [NStZ 2018, 49] kann eine Einstellung nach §§ 153, 153a StPO Gegenstand einer Absprache sein, wenn sie als Gegenleistung für ein bestimmtes prozessuales Verhalten des Angeklagten erfolgt. Wie häufig haben Sie schon ein Gespräch über eine solche Absprache geführt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 0 0,0% 5 3,6% häufig 29 22,0% 72 51,4% teilweise 28 21,2% 27 19,3% selten 25 18,9% 19 13,6% nie 48 36,4% 16 11,4% weiß nicht 2 1,5% 1 0,7% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 115 BVerfG, NStZ 2016, 422 (424); BGH, NStZ 2018, 49. 358 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Staats- und Fachanwälte bestätigten, dass im Rahmen von Gesprächen über eine Absprache auch über §§  153, 153a StPO geredet wird (StA: 62,1%, FA: 87,9%). Allerdings schätzten die Staatsanwälte dies deutlich seltener als „häufig“ ein (22%) als die Fachanwälte (55% „häufig“ oder „immer“). Die unterschiedliche Wahrnehmung kann an dem Unterschied zwischen Amts- und Landgerichten liegen, da das Amt der Staatsanwaltschaft bei den Amtsgerichten auch von Amtsanwälten ausgeübt werden kann (§ 142 Abs. 1 Nr. 3 GVG). Für einen besseren Vergleich mit den anderen Inhalten von Gesprächen über Absprachen116 ergeben sich folgende Mittelwerte: Tabelle F.53 Mittelwerte zu §§ 153, 153a StPO Mittelwert SD Richter 3,86 1,14 Staatsanwälte 3,71 1,18 Fachanwälte 2,78 1,10 Skala: (1) „immer“ bis (5) „nie“; N = 529 3. Informelle Absprachen a) Häufigkeit informeller Absprachen Zunächst sollten die Richter, Staats- und Fachanwälte, die Absprachen treffen, eine Einschätzung abgeben, wie viele ihrer Absprachen informell waren. Tabelle F.54 Was würden Sie schätzen? Wie viel Prozent aller von Ihnen vorgenommenen Absprachen haben Sie informell durchgeführt, also außerhalb der Regelung des § 257c StPO? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 0% 43 33,6% 94 72,9% 137 53,3% 1 bis 10% 23 18,0% 19 14,7% 42 16,3% 11 bis 20% 5 3,9% 1 0,8% 6 2,3% 21 bis 30% 4 3,1% 2 1,6% 6 2,3% 31 bis 40% 5 3,9% 0 0,0% 5 1,9% 41 bis 50% 7 5,5% 1 0,8% 8 3,1% 51 bis 60% 4 3,1% 1 0,8% 5 1,9% 61 bis 70% 1 0,8% 1 0,8% 2 0,8% 71 bis 80% 12 9,4% 2 1,6% 14 5,4% 81 bis 90% 12 9,4% 0 0,0% 12 4,7% 116 S. oben Tabelle F.50. 359 III. Ergebnisse 91 bis 99% 6 4,7% 2 1,6% 8 3,1% 100% 4 3,1% 2 1,6% 6 2,3% weiß nicht 2 1,6% 4 3,1% 6 2,3% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 51.03, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen).117 Bei den Antworten der Richter118 zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen Amts- und Landgericht. 64,8% der Richter am Amtsgericht, die Absprachen treffen, gingen auch schon – in unterschiedlichem Umfang – informelle Absprachen ein, aber „nur“ 24% der entsprechenden Richter am Landgericht. 30,5% der Richter am Amtsgericht und 6,2% der Richter am Landgericht führten sogar mehr als die Hälfte ihrer Absprachen informell durch. Bezieht man die Richter mit ein, die keine Absprachen treffen,119 dann haben 55% der Richter am Amtsgericht schon informelle Absprachen getroffen und bei 25,8% ist mindestens jede zweite Absprache informell. Unter den Richtern an den Landgerichten trifft dies auf 22% bzw. 5,7% zu.120 Eine mögliche Erklärung dafür, dass die gesetzlichen Regelungen am Amtsgericht weniger beachtet werden als am Landgericht, könnte sein, dass die Richter am Amtsgericht aufgrund der größeren Anzahl an Verfahren eher geneigt sind, die ihrer Ansicht nach zu „zeitaufwändigen“ und zu „komplizierten“ Regelungen121 außer Acht zu lassen. Laut einer früheren Studie werden Verfahrensregeln am Amtsgericht allgemein weniger strikt beachtet, weil so viele Strafverfahren zu bewältigen seien, dass es nicht möglich sei, jedes in der dafür zur Verfügung stehenden Zeit ordnungsgemäß durchzuführen, insbesondere der Aufklärungspflicht nachzukommen.122 117 Zur Analyse wurden die Antwortkategorien wie folgt zusammengefasst: „0%“, „1–30%“, „31–50%“, „51–70%“, „71–100%“, und „weiß nicht“. 118 Bei der Online-Befragung gaben 64,3% der Richter an, dass in ihrer Praxis „nie“ informelle Absprachen vorkommen (hier: 53,3%), 6,8% bezeichneten informelle Absprachen als „häufig“ oder „sehr häufig“ (s. demgegenüber hier die Angaben zu den Antwortoptionen ab 51–60%); Modul 4, Tabelle E.34. Der Unterschied kann darauf beruhen, dass dort nach dem Anteil „in Ihrer eigenen Praxis“ und hier nur nach dem Anteil an den „von Ihnen vorgenommenen Absprachen“ gefragt wurde. Der Anteil an allen durch eine Hauptverhandlung erledigten Strafverfahren ist hier geringer; s. unten Tabelle F.60. 119 AG: 23, LG: 12; s. oben Tabelle F.9. 120 S. dazu, dass am AG mehr informelle Absprachen getroffen werden, auch Modul 4, Abbildung E.12, Abbildung E.16. 121 S. unten Tabelle F.182. 122 Becker/Kinzig, Rechtsmittel im Strafprozeß, Bd. 2, 2000, S. 183 f. Die Berufung gilt daher als Ausgleich für „kapazitätsbedingte Abstriche des amtsgerichtlichen Verfahrens“; SK-StPO/ Frisch, 5. Aufl. 2016, Vor § 296 ff. Rn. 25. 360 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Bestätigt wird das Gefälle zwischen Amts- und Landgericht von den Staatsanwälten, aber nur mit Einschränkungen von den Fachanwälten: Tabelle F.55 Wie viel Prozent aller von Ihnen am Amtsgericht vorgenommenen Absprachen haben Sie informell durchgeführt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent 0% 48 36,4% 14 10,0% 1 bis 10% 27 20,5% 13 9,3% 11 bis 20% 13 9,8% 16 11,4% 21 bis 30% 7 5,3% 8 5,7% 31 bis 40% 6 4,5% 12 8,6% 41 bis 50% 7 5,3% 14 10,0% 51 bis 60% 4 3,0% 8 5,7% 61 bis 70% 2 1,5% 13 9,3% 71 bis 80% 2 1,5% 15 10,7% 81 bis 90% 9 6,8% 14 10,0% 91 bis 99% 3 2,3% 8 5,7% 100% 1 0,8% 3 2,1% weiß nicht 3 2,3% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten der Staats- und Fachanwälte unterscheidet sich signifikant voneinander, χ²(5) = 43.87, p < .00001. Tabelle F.56 Wie viel Prozent aller von Ihnen am Landgericht vorgenommenen Absprachen haben Sie informell durchgeführt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent 0% 76 57,6% 29 20,7% 1 bis 10% 29 22,0% 44 31,4% 11 bis 20% 9 6,8% 19 13,6% 21 bis 30% 6 4,5% 7 5,0% 31 bis 40% 2 1,5% 10 7,1% 41 bis 50% 4 3,0% 13 9,3% 51 bis 60% 0 0,0% 6 4,3% 61 bis 70% 0 0,0% 6 4,3% 71 bis 80% 0 0,0% 2 1,4% 81 bis 90% 2 1,5% 1 0,7% 91 bis 99% 1 0,8% 2 1,4% 100% 0 0,0% 0 0,0% weiß nicht 3 2,3% 1 0,7% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten der Staats- und Fachanwälte unterscheidet sich signifikant voneinander, χ²(4) = 49.13, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen“). 361 III. Ergebnisse 61,4% der Staatsanwälte, die Absprachen treffen, haben am Amtsgericht auch schon – in unterschiedlichem Umfang – informelle Absprachen abgeschlossen, 40,2% am Landgericht. 15,9% haben am Amtsgericht sogar mehr als die Hälfte ihrer Absprachen informell durchgeführt, am Landgericht lediglich 2,3%. Rechnet man die Staatsanwälte mit ein, die keine Absprachen eingehen,123 dann liegt die Quote der Staatsanwälte, die am Amtsgericht schon informelle Absprachen getroffen haben, bei 50,6% und an den Landgerichten bei 33,1%. Bei 13,1% war am Amtsgericht sogar mindestens jede zweite Absprache informell, am Landgericht lediglich 1,9%. Von den Fachanwälten, die Absprachen treffen, gaben 88,6% an, am Amtsgericht informelle Absprachen eingegangen zu sein, und 78,6% sagten dies für das Landgericht. 43,6% haben am Amtsgericht sogar mehr als die Hälfte ihrer Absprachen informell durchgeführt, am Landgericht sind es 12,1%. Bezieht man auch hier diejenigen ein, die keine Absprachen treffen,124 sind 79% der Fachanwälte an den Amtsgerichten und 70,1% an den Landgerichten – in unterschiedlichem Umfang – informelle Absprachen eingegangen. Bei 38,9% war am Amtsgericht sogar mindestens jede zweite Absprache informell, bei 10,8% am Landgericht. In zwei Tabellen zusammengefasst ergibt sich für die drei Berufsgruppen also folgendes Ergebnis: Tabelle F.57 Anteil der Richter, StA und FA, die an Amts- und Landgerichten schon informelle Absprachen getroffen haben Richter Staatsanwälte Fachanwälte Amtsgericht 55,0% 50,6% 79,0% Landgericht 22,0% 33,1% 70,1% AG: N = 151, LG: N = 141, StA: N = 160, FA: N = 157 Tabelle F.58 Anteil der Richter, StA und FA, die mehr als die Hälfte ihrer Absprachen an Amts- und Landgerichten informell getroffen haben Richter Staatsanwälte Fachanwälte Amtsgericht 25,8% 13,1% 38,9% Landgericht 5,7% 1,9% 10,8 AG: N = 151, LG: N = 141, StA: N = 160, FA: N = 157 Ein direkter Vergleich der Zahlen für die Richter am Amts- oder Landgericht mit denen der Staats- oder Fachanwälte (z.B. wie viele Richter und Staatsanwälte schon einmal am Amtsgericht informelle Absprachen getroffen haben) ist nicht möglich, weil nicht dieselben Richter und Staatsan- 123 StA: 28; s. oben Tabelle F.8. 124 FA: 17; s. oben Tabelle F.8. 362 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) wälte aufeinandertreffen. So kann z.B. ein Richter, der sehr viele informelle Absprachen trifft, mit verschiedenen Staatsanwälten zusammenwirken, die jeweils nur selten eine informelle Absprache eingehen. Daher kann aus den obigen Zahlen nicht abgeleitet werden, dass die Staatsanwälte den Richtern am Amtsgericht im Wesentlichen zustimmen und den Richtern am Landgericht nicht. Ein Vergleich wird möglich, wenn man aus den Antworten der Richter, Staats- und Fachanwälte jeweils Durchschnittswerte errechnet, wie viele Absprachen von ihnen informell getroffen worden sind:125 Tabelle F.59 Durchschnittlicher Anteil informeller Absprachen an allen Absprachen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Amtsgericht 28,9 bis 34,5% ⌀ 31,7% 18,3 bis 23,9% ⌀ 21,1% 41,5 bis 49,4% ⌀ 45,4% Landgericht 6,0 bis 8,1% ⌀ 7,0% 5,7 bis 9,4% ⌀ 7,5% 16,7 bis 23,8% ⌀ 20,2% AG: N = 128, LG: N = 129, StA: N = 132, FA: N = 140 Die Durchschnittswerte126 zeigen, dass die Einschätzungen der Richter und Staatsanwälte näher beieinander liegen. Das gilt insbesondere dann, wenn man in Rechnung stellt, dass die Staatsanwälte bei den Amtsgerichten, an denen auch Amtsanwälte auftreten, nicht denselben Überblick haben wie bei den Landgerichten. Deutlich höhere Werte ergeben sich erneut bei den Fachanwälten. Schließlich können diese Durchschnittswerte noch ins Verhältnis gesetzt werden zu den Absprachenquoten127 und auf diese Weise ermittelt werden, wie hoch der Anteil der Strafverfahren ist, die nach einer informellen Absprache erledigt wurden. 125 Dazu werden die unteren und oberen Grenzwerte (z.B. bei „31 bis 40%“: 31 und 40) jeweils mit der Zahl der Befragten, die dieses Intervall angeben haben (z.B. bei den Richtern am Amtsgericht: 5) multipliziert, danach die Produkte aus den Untergrenzen und aus den Obergrenzen jeweils addiert und sodann beide Summen durch die Anzahl der Befragten (ohne „weiß nicht“) dividiert (z.B. bei den Richtern am Amtsgericht: 129). 126 Allerdings sollten diese Durchschnittswerte im Kontext der ihnen zugrundeliegenden Zahlen gesehen werden, weil sie ansonsten ein schiefes Bild vermitteln können. Das zeigt sich an den Zahlen für die Richter am Amtsgericht (Tabelle F.54), von denen die meisten angaben, entweder 0%, 1–10% oder 71–80%, 81–90% ihrer Absprachen informell gemacht zu haben, während der Durchschnittswert für sich genommen auch den Eindruck erwecken kann, die meisten Richter hätten die Intervalle 21–30%, 31–40% genannt. Außerdem ist bei den Durchschnittswerten und Quoten grundsätzlich zu beachten, dass sie auf Schätzungen der Befragten beruhen. 127 S. oben Tabelle F.18. 363 III. Ergebnisse Tabelle F.60 Anteil informeller Absprachen an den 2018 an den Amts- und Landgerichten durch eine Hauptverhandlung erledigten Strafverfahren Richter am AG Richter am LG Staatsanwälte Fachanwälte die Absprachen treffen alle die Absprachen treffen alle die Absprachen treffen alle die Absprachen treffen alle Amtsgericht 4,8% 3,9% – – 2,2% 1,8% 17,0% 15,2% Landgericht – – 1,1% 0,9% 1,2% 1,0% 6,1% 5,4% Die relativen Werte sind bei Richtern und Staatsanwälten niedrig. Ihre Tragweite wird deutlich, wenn man sie in Bezug setzt zu absoluten Zahlen.128 b) Regionale Verteilung Die Schichtung der Stichprobe nach OLG-Bezirken129 ermöglicht regionale Vergleiche. Diese werden im Folgenden nur für die Richter und lediglich in Bezug auf Nord- und Süd- bzw. Ost- und Westdeutschland vorgenommen.130 Tabelle F.61 Wie viel Prozent aller von Ihnen vorgenommenen Absprachen haben Sie informell durchgeführt …? (Richter Nord/Süd) Nord Süd Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 0% 71 52,2% 54 55,1% 125 53,4% 1 bis 10% 21 15,4% 14 14,3% 35 15,0% 11 bis 20% 4 2,9% 1 1,0% 5 2,1% 21 bis 30% 3 2,2% 3 3,1% 6 2,6% 31 bis 40% 3 2,2% 2 2,0% 5 2,1% 41 bis 50% 2 1,5% 5 5,1% 7 3,0% 51 bis 60% 2 1,5% 3 3,1% 5 2,1% 61 bis 70% 1 0,7% 1 1,0% 2 0,9% 71 bis 80% 8 5,9% 6 6,1% 14 6,0% 81 bis 90% 8 5,9% 4 4,1% 12 5,1% 128 Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2018 erledigten die Amtsgerichte 261.628 Strafverfahren durch Urteil (Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 [Strafgerichte], 2019, S. 27). Darunter sind aber auch Urteile in Jugendsachen. Rechnet man diese heraus, indem man – was allerdings nicht identisch ist – den Anteil der Verurteilungen nach dem Jugendstrafrecht zugrundegelegt, die 8,3% aller Verurteilungen ausmachten (Fachserie 10, Reihe 3, 2018 [Strafverfolgung], 2019, S. 20), so entfallen von den 261.628 Urteilen am Amtsgericht 239.913 auf Strafrichter und (erweiterte) Schöffengerichte. 3,9% davon wären 9.357 Urteile. 129 S. oben Tabelle F.2 130 Die fehlenden Werte beim Nord-/Süd-Vergleich sind auf die Zuordnung der Bundesländer zurückzuführen. Zur genauen Zuordnung s. E. V.2. 364 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Wie viel Prozent aller von Ihnen vorgenommenen Absprachen haben Sie informell durchgeführt …? (Richter Nord/Süd) Nord Süd Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 91 bis 99% 7 5,1% 1 1,0% 8 3,4% 100% 3 2,2% 2 2,0% 5 2,1% weiß nicht 3 2,2% 2 2,0% 5 2,1% Gesamt 136 100,0% 98 100,0% 234 100,0% R: N = 257 n = 234 F = 23 Der Anteil der Richter, die nach eigenem Bekunden keine informellen Absprachen treffen, ist in Nord- und Süddeutschland fast gleich hoch (52,2% bzw. 55,1%). Unter den anderen Richtern ist der Anteil derer, die höchstens bis zu 10% ihrer Absprachen informell durchführen, jeweils am größten und liegt ebenfalls fast gleichauf (15,4% bzw. 14,3%). Ein Nord-Süd-Gefälle besteht danach nicht.131 Tabelle F.62 Informelle Absprachen (Richter AG/LG, Nord/Süd) Amtsgericht Landgericht Nord Süd Nord Süd n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent 0% 23 34,3% 14 29,2% 48 69,6% 40 80,0% 1 bis 10% 8 11,9% 10 20,8% 13 18,8% 4 8,0% 11 bis 20% 3 4,5% 1 2,1% 1 1,4% 0 0,0% 21 bis 30% 2 3,0% 2 4,2% 1 1,4% 1 2,0% 31 bis 40% 3 4,5% 2 4,2% 0 0,0% 0 0,0% 41 bis 50% 2 3,0% 4 8,3% 0 0,0% 1 2,0% 51 bis 60% 2 3,0% 2 4,2% 0 0,0% 1 2,0% 61 bis 70% 0 0,0% 1 2,1% 1 1,4% 0 0,0% 71 bis 80% 8 11,9% 4 8,3% 0 0,0% 2 4,0% 81 bis 90% 8 11,9% 4 8,3% 0 0,0% 0 0,0% 91 bis 99% 5 7,5% 1 2,1% 2 2,9% 0 0,0% 100% 2 3,0% 2 4,2% 1 1,4% 0 0,0% weiß nicht 1 1,5% 1 2,1% 2 2,9% 1 2,0% Gesamt 67 100,0% 48 100,0% 69 100,0% 50 100,0% R: N = 257 n = 234 F = 23 Das Gleiche gilt bei einem Vergleich zwischen Amts- und Landgericht. Hier fällt auf, dass in Norddeutschland mehr Richter am Amtsgericht keine informellen Absprachen treffen als in Süddeutschland. In Süddeutschland hingegen treffen mehr Richter am Landgericht keine informelle Absprachen als in Norddeutschland. Bei der nachfolgenden Kategorie (1–10%) dreht sich dann aber das Verhältnis jeweils um. Entscheidend ist jedoch, 131 Ebenso Modul 4, Tabelle E.101, Tabelle E.104. 365 III. Ergebnisse dass ein Unterschied nicht regional zwischen Norden und Süden, sondern bundesweit zwischen Amts- und Landgerichten besteht. Entsprechende Ergebnisse erbringt der Vergleich von Ost- und Westdeutschland. Auch hier besteht kein regionales Gefälle:132 Tabelle F.63 Informelle Absprachen (Richter Ost/West) Ost West Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent 0% 34 54,8% 103 52,8% 137 53,3% 1 bis 10% 11 17,7% 31 15,9% 42 16,3% 11 bis 20% 1 1,6% 5 2,6% 6 2,3% 21 bis 30% 0 0,0% 6 3,1% 6 2,3% 31 bis 40% 3 4,8% 2 1,0% 5 1,9% 41 bis 50% 2 3,2% 6 3,1% 8 3,1% 51 bis 60% 2 3,2% 3 1,5% 5 1,9% 61 bis 70% 0 0,0% 2 1,0% 2 0,8% 71 bis 80% 4 6,5% 10 5,1% 14 5,4% 81 bis 90% 1 1,6% 11 5,6% 12 4,7% 91 bis 99% 1 1,6% 7 3,6% 8 3,1% 100% 1 1,6% 5 2,6% 6 2,3% weiß nicht 2 3,2% 4 2,1% 6 2,3% Gesamt 62 100,0% 195 100,0% 257 100,0% R: N = 257 n = 257 F = 0 Der Vergleich zwischen den Amts- und Landgerichten zeigt, dass im Osten relativ mehr Richter am Amtsgericht keine informellen Absprachen treffen als im Westen. Jedoch sind die absoluten Werte zu gering, um daraus verallgemeinerbare Schlüsse zu ziehen. Tabelle F.64 Informelle Absprachen (Richter AG/LG, Ost/West) Amtsgericht Landgericht Ost West Ost West n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent 0% 15 42,9% 28 30,1% 19 70,4% 75 73,5% 1 bis 10% 6 17,1% 17 18,3% 5 18,5% 14 13,7% 11 bis 20% 1 2,9% 4 4,3% 0 0,0% 1 1,0% 21 bis 30% 0 0,0% 4 4,3% 0 0,0% 2 2,0% 31 bis 40% 3 8,6% 2 2,2% 0 0,0% 0 0,0% 41 bis 50% 2 5,7% 5 5,4% 0 0,0% 1 1,0% 51 bis 60% 2 5,7% 2 2,2% 0 0,0% 1 1,0% 61 bis 70% 0 0,0% 1 1,1% 0 0,0% 1 1,0% 71 bis 80% 4 11,4% 8 8,6% 0 0,0% 2 2,0% 132 Ebenso Modul 4, Tabelle E.102, Tabelle E.105. 366 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Informelle Absprachen (Richter AG/LG, Ost/West) Amtsgericht Landgericht Ost West Ost West n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent 81 bis 90% 1 2,9% 11 11,8% 0 0,0% 0 0,0% 91 bis 99% 1 2,9% 5 5,4% 0 0,0% 2 2,0% 100% 0 0,0% 4 4,3% 1 3,7% 1 1,0% weiß nicht 0 0,0% 2 2,2% 2 7,4% 2 2,0% Gesamt 35 100,0% 93 100,0% 27 100,0% 102 100,0% R: N = 257 n = 257 F = 0 c) Zustandekommen und Gründe informeller Absprachen Im Folgenden wurden diejenigen Interviewpartner, die sich informell abgesprochen haben, dazu befragt, wie es dazu gekommen ist und was ihre Gründe dafür gewesen sind. Im ersten Schritt wurde nach Situationen gefragt, aus denen informelle Absprachen resultierten. Zunächst zu den Antworten der Richter: Tabelle F.65 Wenn Sie eine Absprache getroffen haben, die Sie nicht als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst haben, was war der Grund hierfür? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es sollte sich nicht um eine verbindliche Verhandlung, sondern um einen unverbindlichen Austausch von Positionen handeln 65 83,3% 19,3% 25 80,6% 22,3% 90 82,6% 20,1% alle Beteiligten erwarteten die Rechtskraft des Urteils 34 43,6% 10,1% 11 35,5% 9,8% 45 41,3% 10,0% bestimmte Verfahrensbeteiligte (z.B. der Staatsanwalt) waren nicht an dem Gespräch beteiligt 19 24,4% 5,7% 9 29,0% 8,0% 28 25,7% 6,3% es ist kein Geständnis vereinbart worden 36 46,2% 10,7% 9 29,0% 8,0% 45 41,3% 10,0% das Gericht hat kein mögliches Strafmaß genannt 44 56,4% 13,1% 10 32,3% 8,9% 54 49,5% 12,1% es gab einen Rücktrittsvorbehalt einzelner Beteiligter 14 17,9% 4,2% 4 12,9% 3,6% 18 16,5% 4,0% es bestanden Bedenken, ob der Gesprächsinhalt nach § 257c zulässig war 14 17,9% 4,2% 3 9,7% 2,7% 17 15,6% 3,8% 367 III. Ergebnisse Wenn Sie eine Absprache getroffen haben, die Sie nicht als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst haben, was war der Grund hierfür? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Gesprächsgegenstand fiel nicht in Anwendungsbereich des § 257c StPO 42 53,8% 12,5% 15 48,4% 13,4% 57 52,3% 12,7% die generelle Praktikabilität 61 78,2% 18,2% 24 77,4% 21,4% 85 78,0% 19,0% sonstige 7 9,0% 2,1% 2 6,5% 1,8% 9 8,3% 2,0% Gesamt 78 430,8% 100,0% 31 361,3% 100,0% 109 411,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 82,6% der Richter, die informelle Absprachen treffen, gaben an, dass es sich eigentlich nur „um einen unverbindlichen Austausch von Positionen handeln“ sollte, 78% nannten die „generelle Praktikabilität“. Informelle Absprachen entstehen danach vielfach aus einer Situation, die nicht auf eine Absprache angelegt ist und auf die dann im weiteren Verlauf die gesetzlichen Regelungen nicht zu passen scheinen. Sie erfolgen zudem in Situationen, die entweder von der üblichen Absprache abweichen – etwa, weil das Strafmaß nicht in Rede steht (49,5%), kein Geständnis vereinbart wird (41,3%) oder der erörterte Inhalt nicht unter § 257c StPO fällt (52,3%) –, oder die eine strikte Einhaltung der Verfahrensregeln als formalistisch erscheinen lassen, weil alle Beteiligten erwarten, dass das Urteil rechtskräftig wird (41,3%). Tabelle F.66 Wenn Sie eine Absprache getroffen haben, die Sie nicht als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst haben, was war der Grund hierfür? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es sollte sich nicht um eine verbindliche Verhandlung, sondern um einen unverbindlichen Austausch von Positionen handeln 66 88,0% 20,4% 78 68,4% 12,3% alle Beteiligten erwarteten die Rechtskraft des Urteils 39 52,0% 12,0% 65 57,0% 10,2% bestimmte Verfahrensbeteiligte (z.B. der Staatsanwalt/ Verteidiger) waren nicht an dem Gespräch beteiligt 17 22,7% 5,2% 50 43,9% 7,9% es ist kein Geständnis vereinbart worden 18 24,0% 5,6% 56 49,1% 8,8% das Gericht hat kein mögliches Strafmaß genannt 29 38,7% 9,0% 50 43,9% 7,9% es gab einen Rücktrittsvorbehalt einzelner Beteiligter 9 12,0% 2,8% 16 14,0% 2,5% es bestanden Bedenken, ob der Gesprächsinhalt nach § 257c zulässig war 17 22,7% 5,2% 57 50,0% 9,0% Gesprächsgegenstand fiel nicht in Anwendungsbereich des § 257c StPO 26 34,7% 8,0% 51 44,7% 8,0% der Vorsitzende wollte es einfacher haben 49 65,3% 15,1% 99 86,8% 15,6% die generelle Praktikabilität 52 69,3% 16,0% 101 88,6% 15,9% 368 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Wenn Sie eine Absprache getroffen haben, die Sie nicht als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst haben, was war der Grund hierfür? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Sonstige 2 2,7% 0,6% 12 10,5% 1,9% Gesamt 75 432,0% 100,0% 114 557,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die von den Richtern vornehmlich genannten Entstehungsgründe gaben auch die Staatsanwälte an (88% bzw. 69,3%). Die Fachanwälte betonten davon nur die Praktikabilität (88,6%),133 daneben aber vor allem den Umstand, dass die Richter es „einfacher haben“ wollen (86,8%). Diese Situation wird auch von den Staatsanwälten häufig genannt (65,3%).134 Es zeigt sich, dass einerseits auch die Staats- und Fachanwälte informelle Absprachen treffen, weil in der konkreten Situation die gesetzlichen Regelungen nicht praktikabel erscheinen, dass andererseits aber auch beide Berufsgruppen sich mit Richtern konfrontiert sehen, die (möglicherweise gerade deshalb) informelle Absprachen bevorzugen. Im weiteren Verlauf des Interviews wurden diejenigen Interviewpartner, die angegeben hatten, schon informelle Absprachen getroffen zu haben, allgemein nach den Gründen dafür gefragt. Auch hier zunächst zu den Antworten der Richter: Tabelle F.67 Warum führen Sie informelle Absprachen durch? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) gesetzliche Regelungen sind nicht praxistauglich 48 56,5% 26,1% 14 42,4% 20,6% 62 52,5% 24,6% andere Verfahrensbeteiligte beteiligen sich nur an informellen Absprachen 31 36,5% 16,8% 12 36,4% 17,6% 43 36,4% 17,1% Vermeidung der Aufdeckung möglicher Verfahrensfehlern bei einer Verständigung 9 10,6% 4,9% 5 15,2% 7,4% 14 11,9% 5,6% unübersichtliche Rechtslage 28 32,9% 15,2% 14 42,4% 20,6% 42 35,6% 16,7% 133 Die Fachanwälte nannten den Grund „Bedenken, ob der Gesprächsinhalt zulässig ist“ signifikant häufiger als die Richter, χ²(2) = 34.02, p < .00001 (ähnlich Modul 4, Abbildung E.8). Das Antwortverhalten für alle anderen Gründe unterschied sich nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, alle p > .00019. 134 Die Einschätzungen der Fach- und Staatsanwälte, ob der Vorsitzender es einfacher haben wollte, unterscheiden sich nicht signifikant, χ²(2) = 12.32, p = .00044. 369 III. Ergebnisse Warum führen Sie informelle Absprachen durch? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) keine ausreichende Verfahrensverkürzung durch Verständigungen 32 37,6% 17,4% 6 18,2% 8,8% 38 32,2% 15,1% Unsicherheit darüber, wie eine Verständigung korrekt getroffen wird 19 22,4% 10,3% 7 21,2% 10,3% 26 22,0% 10,3% sonstige 17 20,0% 9,2% 10 30,3% 14,7% 27 22,9% 10,7% Gesamt 85 216,5% 100,0% 33 206,1% 100,0% 118 213,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Die fehlende Praxistauglichkeit wird wieder häufig, hier sogar am häufigsten angeführt (R: 52,5%), insbesondere von den Richtern am Amtsgericht (AG: 56,5%, LG: 42,4%). Damit einhergehen die nachfolgend häufig genannten Gründe, dass die Rechtslage unübersichtlich sei (R: 35,6%; dies führten vor allem die Richter am Landgericht ins Feld: 42,4%) und dass andere Verfahrensbeteiligte ein informelles Vorgehen wünschten (R: 36,4%). Dass für Richter auch der Zeitaufwand, der mit der Einhaltung von Verfahrensvorschriften einhergeht, ein Kriterium für deren Praxistauglichkeit ist, zeigen die Antworten der Richter am Amtsgericht, nach deren Einschätzung Verständigungen keine ausreichende Verfahrensverkürzung bringen (AG: 37,6%). Tabelle F.68 Warum führen Sie informelle Absprachen durch? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) gesetzliche Regelungen sind nicht praxistauglich 37 44,0% 19,6% 46 36,5% 12,8% andere Verfahrensbeteiligte beteiligten sich nur an informellen Absprachen 36 42,9% 19,0% 62 49,2% 17,3% Vermeidung der Aufdeckung möglicher Verfahrensfehler bei einer Verständigung 18 21,4% 9,5% 33 26,2% 9,2% unübersichtliche Rechtslage 30 35,7% 15,9% 49 38,9% 13,7% keine ausreichende Verfahrensverkürzung durch Verständigungen 31 36,9% 16,4% 34 27,0% 9,5% Unsicherheit darüber, wie eine Verständigung korrekt getroffen wird 22 26,2% 11,6% 32 25,4% 8,9% führen zu günstigeren Ergebnissen für den Angeklagten - - - 87 69,0% 24,3% Sonstige 15 17,9% 7,9% 15 11,9% 4,2% Gesamt 84 225,0% 100,0% 126 284,1% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 370 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Die Antworten der Staatsanwälte entsprechen denen der Richter. Bei den Fachanwälten sticht eine Antwortmöglichkeit hervor, die den beiden anderen Berufsgruppen nicht vorgeschlagen wurde: Informelle Absprachen führen zu günstigeren Ergebnissen für den Angeklagten (69%).135 An zweiter Stelle rangiert bei den Fachanwälten der auch von den Richtern und Staatsanwälten häufig genannte Grund, andere Verfahrensbeteiligte hätten sich nur an informellen Absprachen beteiligen wollen. Hier deuten die Werte (FA: 49,2%, StA: 42,9%, R: 36,4%) darauf hin, dass dies nicht zuletzt die Richter sind. Die mangelnde Praxistauglichkeit ist für die Fachanwälte hingegen weniger wichtig als für Richter und Staatsanwälte (36,5%).136 Das mag daran liegen, dass die Fachanwälte nicht für die Einhaltung vieler Regeln verantwortlich sind (z.B. Mitteilungs- und Protokollierungspflichten) und deshalb die Umsetzung als weniger problematisch empfinden.137 Angesichts dessen, dass jede Berufsgruppe darauf verweist, dass die jeweils anderen ein informelles Vorgehen wünschen, ist es von Interesse, wie es im Verlauf eines Gesprächs zwischen den Beteiligten dazu kommt, dass die Absprache informell durchgeführt wird. Die Frage hierzu wurde nur den Staatsanwälten und den Fachanwälten gestellt. 135 Nimmt man die Ergebnisse aus Tabelle F.22 hinzu, so muss es heißen: zu noch günstigeren Ergebnissen. Denn das erwartete bessere Verfahrensergebnis ist der Hauptgrund der Fachanwälte für Absprachen schlechthin. 136 Für alle Antwortmöglichkeiten, warum informelle Absprachen durchgeführt werden, unterscheidet sich das Antwortverhalten der Berufsgruppen nicht signifikant, alle p > .00019. 137 Ein Vergleich mit den Ergebnissen in Modul  4, Tabelle E.47 ist nur bedingt möglich. Übereinstimmung besteht insoweit, als hier wie dort die Richter und Staatsanwälte die Praxistauglichkeit häufiger nennen als die Strafverteidiger (hier: Fachanwälte). Die dort von allen Berufsgruppen ebenfalls häufig genannten Gründe der reduzierten Beweisaufnahme und der Arbeitsentlastung sind (neben dem Opferschutz) die Hauptgründe der Richter und Staatsanwälte für Absprachen schlechthin (s. oben Tabelle F.20, Tabelle F.21), nicht aber für die Fachanwälte (s. oben Tabelle F.22). Der Unterschied lässt sich damit erklären, dass bei Modul 4 nicht nach den eigenen Gründen für informelle Absprachen gefragt wurde, sondern nach den Bedingungen ihres Zustandekommens, wozu nach der Wahrnehmung der Strafverteidiger auch gehört, dass das Gericht durch eine Abkürzung der Beweisaufnahme und durch eine Arbeitsentlastung profitiert. 371 III. Ergebnisse Tabelle F.69 Nehmen Sie an, dass zwischen dem Gericht, Ihnen als Sitzungsvertreter und ggf. anderen Verfahrensbeteiligten eine grundsätzliche Übereinkunft besteht, dass eine Absprache getroffen werden soll. Wie entscheidet sich dann, ob diese formell nach den Regeln des § 257c oder informell getroffen werden soll? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht der Vorsitzende fragt, wie verfahren werden soll n 2 29 27 33 48 1 % 1,4% 20,7% 19,3% 23,6% 34,3% 0,7% der Vorsitzende gibt zu verstehen, dass er informell verfahren möchte n 1 30 42 34 32 1 % 0,7% 21,4% 30,0% 24,3% 22,9% 0,7% der Vorsitzende wendet ungefragt die gesetzlichen Regeln der Verständigung an n 24 59 26 18 13 0 % 17,1% 42,1% 18,6% 12,9% 9,3% 0,0% StA: N = 140 76,4% der Staatsanwälte gaben an, schon erlebt zu haben, dass der Vorsitzende eine informelle Absprache treffen wollte. Laut 22,1% geschah dies sogar „häufig“ oder „immer“. Damit scheint es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Fällen zu geben, in denen der Vorsitzende ein informelles Vorgehen vorantreibt. Hinzu kommen weitere Fälle, in denen er fragt, wie verfahren werden soll, was impliziert, dass er grundsätzlich auch zu einem informellen Vorgehen bereit ist. Diese Situation kannten 65% der Staatsanwälte; 22,1% bezeichnen es als zumindest „häufig“. Tabelle F.70 Nehmen Sie an, dass zwischen dem Gericht, Ihnen als Verteidiger und ggf. anderen Verfahrensbeteiligten eine grundsätzliche Übereinkunft besteht, dass eine Absprache getroffen werden soll. Wie entscheidet sich dann, ob diese formell nach den Regeln des § 257c oder informell getroffen werden soll? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht der Vorsitzende fragt, wie verfahren werden soll n 6 23 17 15 70 1 % 4,5% 17,4% 12,9% 11,4% 53,0% 0,8% der Vorsitzende gibt zu verstehen, dass er informell verfahren möchte n 2 8 25 30 66 1 % 1,5% 6,1% 18,9% 22,7% 50,0% 0,8% der Vorsitzende wendet ungefragt die gesetzlichen Regeln der Verständigung an n 42 39 16 10 23 2 % 31,8% 29,5% 12,1% 7,6% 17,4% 1,5% FA: N = 132 Von den Fachanwälten gaben 49,2% an, schon einmal erlebt zu haben, dass der Vorsitzende informell verfahren wollte; 7,6% bezeichneten dies als zumindest häufig. 46,2% der Fachanwälte haben zudem erlebt, dass der Vorsitzende für ein informelles Vorgehen grundsätzlich offen war; wie die Staatsanwälte (22,1%) bezeichneten 22% ein solches Vorgehen des Vorsitzenden als zumindest häufig. 372 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Die im Vergleich zu den Staatsanwälten zum Teil niedrigeren Werte erstaunen, weil ansonsten die Fachanwälte eher auf ein informelles Vorgehen der Richter hinweisen. Daher ist es umso beachtlicher, wenn 76,4% bzw. 65% der Staatsanwälte und 49,2% bzw. 46,2% der Fachanwälte sowohl von Fällen berichten, in denen die Vorsitzenden ein informelles Vorgehen vorangetrieben haben, als auch von Fällen, in denen die Vorsitzenden zu einem informellen Vorgehen grundsätzlich bereit waren, und dass jeder fünfte Staatsanwalt und Fachanwalt die zweite Situation sogar als zumindest häufig bezeichnet. Diese Antworten der Staats- und Fachanwälte ergeben zusammen mit den Antworten der Richter zu den Gründen für informelle Absprachen das Bild, dass eine im Verlauf eines – möglicherweise zunächst gar nicht darauf abzielenden – Gesprächs zustande gekommene inhaltliche Übereinstimmung zwischen den Beteiligten pragmatisch unter Außerachtlassung als hinderlich empfundener Verfahrensvorschriften der Einfachheit und des Vorteils halber informell festgezurrt und umgesetzt wird. d) Inhalte informeller Absprachen Nachdem zuvor gefragt worden war, was schon einmal Inhalt von Gesprächen über Absprachen war,138 wurde nun gefragt, ob die Interviewpartner sich über einen der von ihnen genannten Gesprächsinhalte auch schon einmal geeinigt haben, ohne diese Absprache als Verständigung i.S.d. § 257c StPO aufzufassen. Mit anderen Worten ging es darum, ob sie schon einmal bewusst eine informelle Absprache über solche Inhalte getroffen haben. Tabelle F.71 Haben Sie sich mit den Verfahrensbeteiligten auch schon einmal über einen der eben von Ihnen genannten Punkte geeinigt, ohne dass dies von Ihnen als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst wurde? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 78 60,9% 31 24,0% 109 42,4% nein 50 39,1% 97 75,2% 147 57,2% weiß nicht 0 0,0% 1 0,8% 1 0,4% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Richter am Amtsgericht treffen signifikant häufiger informelle Absprachen als Richter am Landgericht, χ²(1) = 35.29, p < .00001. 24% der Richter am Landgericht und 60,9% der Richter am Amtsgericht erklärten, schon einmal – bewusst – eine informelle Absprache getroffen 138 S. oben Tabelle F.49. 373 III. Ergebnisse zu haben. Bezogen auf die Zahl aller befragten Richter, d.h. einschließlich derer, die keine Absprachen treffen,139 sind es 22% der Richter am Landgericht und 51,7% der Richter am Amtsgericht. Diese Zahlen sind erneut140 erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass sich die Befragung ausschließlich auf die Zeit nach dem Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 bezieht. Tabelle F.72 Haben Sie sich mit den Verfahrensbeteiligten auch schon einmal über einen der eben von Ihnen genannten Punkte geeinigt, ohne dass dies von Ihnen als förmliche Verständigung im Sinne des § 257c StPO aufgefasst wurde? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent ja 75 56,8% 114 81,4% nein 57 43,2% 24 17,1% weiß nicht 0 0,0% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Fachanwälte treffen signifikant häufiger informelle Absprachen als Staatsanwälte, χ²(1) = 21.37, p < .00001. Folgt man den Staats- und Fachanwälten, so ist das Aufkommen informeller Absprachen sogar noch größer: 56,8% der Staatsanwälte und sogar 81,4% der Fachanwälte gaben an, sich schon einmal – bewusst – an einer informellen Absprache beteiligt zu haben.141 Einschließlich der Befragten beider Berufsgruppen, die keine Absprachen eingehen, sind es 46,9% der Staatsanwälte und 72,6% der Fachanwälte.142 Insgesamt untermauern diese Zahlen für alle drei Berufsgruppen die obigen Ergebnisse.143 Es wurde sodann gefragt, über welche Inhalte im Einzelnen sich die Beteiligten bereits informell abgesprochen haben. Zur Auswahl standen nur Inhalte, die von dem jeweiligen Interviewpartner zuvor als Gegenstand eines Gesprächs über eine Absprache angegeben worden waren.144 Zunächst zu den Antworten der Richter:145 139 AG: 23, LG: 12; s. oben Tabelle F.9. 140 Vgl. oben Tabelle F.54. 141 Im Berufsgruppenvergleich geben die Fachanwälte signifikant häufiger als die Richter und Staatsanwälte an, informelle Absprachen zu treffen, χ²(2) = 58.51, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). 142 Vgl. oben Tabelle F.55, Tabelle F.56. 143 S. oben F. III.3.a). 144 S. oben Tabelle F.49. 145 Zu den Werten für AG und LG s. unten Tabelle F.204 und Tabelle F.205. 374 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.73 Wie häufig haben Sie sich dabei über die von Ihnen genannten Punkte geeinigt? (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Gesamt Strafmaß n 23 25 17 10 32 2 109 % 21,1% 22,9% 15,6% 9,2% 29,4% 1,8% 100,0% Anwendung von Qualifikationsmerkmalen n 1 5 11 21 30 2 70 % 1,4% 7,1% 15,7% 30,0% 42,9% 2,9% 100,0% Anwendung von Regelbeispielen n 1 5 12 22 31 2 73 % 1,4% 6,8% 16,4% 30,1% 42,5% 2,7% 100,0% Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe n 0 7 10 19 38 1 75 % 0,0% 9,3% 13,3% 25,3% 50,7% 1,3% 100,0% Geständnis n 28 45 13 8 12 2 108 % 25,9% 41,7% 12,0% 7,4% 11,1% 1,9% 100,0% Fahrverbot nach § 44 StGB n 1 11 13 23 16 2 66 % 1,5% 16,7% 19,7% 34,8% 24,2% 3,0% 100,0% Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis n 2 9 19 17 17 2 66 % 3,0% 13,6% 28,8% 25,8% 25,8% 3,0% 100,0% Absehen von Einziehung (§§ 73 ff. StGB) n 0 3 9 23 23 1 59 % 0,0% 5,1% 15,3% 39,0% 39,0% 1,7% 100,0% Höhe oder Umfang der Einziehung n 1 1 7 24 23 2 58 % 1,7% 1,7% 12,1% 41,4% 39,7% 3,4% 100,0% Strafaussetzung zur Bewährung n 7 38 26 15 17 1 104 % 6,7% 36,5% 25,0% 14,4% 16,3% 1,0% 100,0% Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 5 10 18 21 27 1 82 % 6,1% 12,2% 22,0% 25,6% 32,9% 1,2% 100,0% Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 4 12 21 20 27 1 85 % 4,7% 14,1% 24,7% 23,5% 31,8% 1,2% 100,0% Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO n 3 32 29 23 16 1 104 % 2,9% 30,8% 27,9% 22,1% 15,4% 1,0% 100,0% Einstellung der angeklagten Taten nach §§ 153, 153a StPO n 5 38 16 15 8 0 82 % 6,1% 46,3% 19,5% 18,3% 9,8% 0,0% 100,0% Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten n 1 10 15 27 31 0 84 % 1,2% 11,9% 17,9% 32,1% 36,9% 0,0% 100,0% Einstellung anderer Verfahren gegen andere juristische oder natürliche Personen n 0 1 1 7 7 0 16 % 0,0% 6,3% 6,3% 43,8% 43,8% 0,0% 100,0% Informationen, die in Verfahren gegen Dritte Verwertet werden können n 1 1 6 14 19 1 42 % 2,4% 2,4% 14,3% 33,3% 45,2% 2,4% 100,0% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge n 4 17 25 19 21 0 86 % 4,7% 19,8% 29,1% 22,1% 24,4% 0,0% 100,0% Zustimmung zur Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften n 0 10 12 11 14 1 48 % 0,0% 20,8% 25,0% 22,9% 29,2% 2,1% 100,0% Schadenswiedergutmachung n 2 20 29 25 18 1 95 % 2,1% 21,1% 30,5% 26,3% 18,9% 1,1% 100,0% Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls n 1 11 22 18 22 1 75 % 1,3% 14,7% 29,3% 24,0% 29,3% 1,3% 100,0% sonstige Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, etwa offener Vollzug n 0 0 4 11 14 0 29 % 0,0% 0,0% 13,8% 37,9% 48,3% 0,0% 100,0% 375 III. Ergebnisse Wie häufig haben Sie sich dabei über die von Ihnen genannten Punkte geeinigt? (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Gesamt Rücknahme oder Beschränkung der Berufung n 1 9 14 12 18 2 56 % 1,8% 16,1% 25,0% 21,4% 32,1% 3,6% 100,0% Bestrafung als Täter oder Teilnehmer n 1 3 5 18 19 0 46 % 2,2% 6,5% 10,9% 39,1% 41,3% 0,0% 100,0% Abschiebung oder Ausweisung des Angeklagten n 0 0 3 7 11 0 21 % 0,0% 0,0% 14,3% 33,3% 52,4% 0,0% 100,0% Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden n 1 2 4 3 6 0 16 % 6,3% 12,5% 25,0% 18,8% 37,5% 0,0% 100,0% R: N = 257 Die Antworten der Richter belegen, dass es entgegen §  257c Abs.  2 S.  3 StPO Absprachen über den Schuldspruch (z.B. über die Anwendung von Qualifikationstatbeständen, die Bestrafung als Täter oder Teilnehmer und über Maßregeln der Besserung und Sicherung gibt.146 Außerdem gibt es Absprachen über nicht in der Kompetenz des Gerichts liegende Inhalte (z.B. über Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, über die Abschiebung und Ausweisung des Angeklagten und über die Einstellung anderer Verfahren gegen andere Personen). Auch hier wurden Mittelwerte gebildet, um das Antwortverhalten deutlicher herauszustellen und mit dem der Staats- und Fachanwälte besser vergleichen zu können:147 Tabelle F.74 Mittelwerte zu den Inhalten der informellen Absprachen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD Strafmaß 3,03 1,55 3,03 1,27 2,10 1,14 Anwendung von Qualifikationsmerkmalen 4,09 1,02 4,10 ,98 3,36 1,15 Anwendung von Regelbeispielen 4,08 1,01 4,16 ,95 3,42 1,10 Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe 4,19 1,00 4,08 1,01 3,46 1,11 Geständnis 2,35 1,27 2,51 1,18 2,19 1,18 146 Das zeigen auch die Ergebnisse in Modul 4, Tabelle E.46. Die dort höheren Werte zur Häufigkeit können dadurch bedingt sein, dass dort auch nach dem Hörensagen gefragt wurde, die Häufigkeit im Vergleich zu informellen Absprachen mit anderen Inhalten beurteilt werden sollte und bei der Antwort keine Abstufung möglich war. Angesichts der hier ermittelten niedrigen Häufigkeitswerte überrascht es nicht, dass bei der Aktenauswertung unter 34 Verfahren mit einer Absprache keine über Qualifikationstatbestände oder Maßregeln gefunden wurde (s. oben Modul 3, Tabelle D.28, Tabelle D.26). Das kann zudem daran liegen, dass informelle Absprachen nicht dokumentiert sein müssen. 147 Zu den Werten für StA und FA s. unten Tabelle F.206 und Tabelle F.207. 376 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Mittelwerte zu den Inhalten der informellen Absprachen Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD Fahrverbot nach § 44 StGB 3,66 1,09 4,06 ,93 3,49 1,09 Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis 3,59 1,12 4,08 ,97 3,46 1,10 Absehen von Einziehung (§§ 73 ff. StGB) 4,14 ,87 4,20 ,98 3,52 1,02 Höhe oder Umfang der Einziehung 4,20 ,86 4,13 1,07 3,54 1,09 Strafaussetzung zur Bewährung 2,97 1,21 3,11 1,16 2,31 1,05 Bewährung Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur verbunden sind 3,68 1,23 3,81 1,07 3,14 1,20 Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind 3,64 1,21 3,78 1,03 3,01 1,18 Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO 3,17 1,12 2,97 ,95 2,51 ,94 Einstellung der angeklagten Taten nach §§ 153,153a StPO 2,79 1,12 2,94 ,96 2,40 1,00 Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten 3,92 1,07 3,95 ,85 3,16 1,12 Einstellung anderer Verfahren gegen andere juristische oder natürliche Personen 4,25 ,86 4,43 ,79 3,89 ,98 Informationen, die in Verfahren gegen Dritte verwertet werden können 4,20 ,95 4,16 ,83 3,89 ,85 Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge 3,42 1,19 3,52 ,94 3,20 1,18 Zustimmung zur Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften 3,62 1,13 3,91 ,93 3,51 1,14 Schadenswiedergutmachung 3,39 1,09 3,55 ,99 2,94 1,07 Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls 3,66 1,10 3,96 ,99 2,90 1,26 sonstige Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, etwa offener Vollzug 4,34 ,72 4,60 ,76 3,91 1,02 Rücknahme oder Beschränkung der Berufung 3,69 1,16 3,32 1,03 3,13 1,08 Bestrafung als Täter oder Teilnehmer 4,11 ,99 4,50 ,65 3,66 1,11 Abschiebung oder Ausweisung des Angeklagten 4,38 ,74 4,65 ,49 4,02 ,94 Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden 3,69 1,30 3,85 1,23 3,39 1,16 Skala (1) „immer“ bis (5) „nie“; N = 529 Die Staats- und Fachanwälte bestätigen die Angaben der Richter. Allerdings haben die Fachanwälte zu allen Inhalten häufiger informelle Absprachen getroffen als die Richter,148 während die Staatsanwälte über viele Inhalte etwas seltener als die Richter informelle Absprache eingegangen sind.149 Da die meisten informellen Absprachen vor den Amtsgerichten erfolgen, kann dies wieder daran liegen, dass die Staatsanwälte insoweit nicht denselben Einblick haben wie Richter und Fachanwälte. 148 Ebenso bei Modul 4, Tabelle E.46, Tabelle E.31. 149 Im Berufsgruppenvergleich ergeben sich vier signifikante Unterschiede im Antwortverhalten: So geben Fachanwälte „Strafmaß“ häufiger als Richter und Staatsanwälte an, χ²(8) = 33.65, p = .00005 (Antwortkategorien „immer“ und „häufig“ zusammengefasst), ebenso 377 III. Ergebnisse e) Typische Delikte für informelle Absprachen Nachdem das Aufkommen informeller Absprachen ermittelt wurde, galt es herauszufinden, bei welchen Delikten es typischerweise zu informellen Absprachen kommt. Die Einteilung der Deliktsgruppen entsprach der obigen.150 Auch hier ging es zunächst um Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte): Tabelle F.75 Bei welchen Deliktstypen bei Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 80–168, 258, 331–357 6 7,1% 2,4% 1 2,8% 1,4% 7 5,8% 2,2% §§ 174–184j 20 23,8% 7,9% 8 22,2% 11,3% 28 23,3% 8,7% §§ 185–200 13 15,5% 5,2% 3 8,3% 4,2% 16 13,3% 5,0% §§ 211–222 5 6,0% 2,0% 1 2,8% 1,4% 6 5,0% 1,9% §§ 223–231 40 47,6% 15,9% 9 25,0% 12,7% 49 40,8% 15,2% §§ 232–241a 7 8,3% 2,8% 2 5,6% 2,8% 9 7,5% 2,8% §§ 242–252, 303–305a 37 44,0% 14,7% 12 33,3% 16,9% 49 40,8% 15,2% §§ 253, 255, 259–260a, 263–266b 49 58,3% 19,4% 13 36,1% 18,3% 62 51,7% 19,2% §§ 283–301 19 22,6% 7,5% 0 0,0% 0,0% 19 15,8% 5,9% §§ 267–282 18 21,4% 7,1% 4 11,1% 5,6% 22 18,3% 6,8% §§ 306–323c 5 6,0% 2,0% 1 2,8% 1,4% 6 5,0% 1,9% §§ 324–330d 10 11,9% 4,0% 1 2,8% 1,4% 11 9,2% 3,4% weiß nicht 23 27,4% 9,1% 16 44,4% 22,5% 39 32,5% 12,1% Gesamt 84 300,0% 100,0% 36 197,2% 100,0% 120 269,2% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Den Angaben der Richter zufolge kommen informelle Absprachen insbesondere bei Vermögens- (51,7%), Eigentums- (40,8%) und Körperverletzungsdelikten (40,8%) vor. Die Werte sind bei den Richtern am Amtsgericht jeweils (deutlich) höher als bei den Richtern am Landgericht (58,3% vs. 36,1%; 44% vs. 33,3%, 47,6% vs. 25%). Im Bereich der Tötungsdelikte (§§ 211–222 StGB) sind informelle Absprachen nicht typisch (5%). „Strafaussetzung zur Bewährung“, χ²(10) = 37.09, p = .00005, „Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten“, χ²(8) = 38.22, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen) und „Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls“, χ²(8) = 40.24, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Für alle anderen Inhalte ergaben sich keine Unterschiede, alle p > .00019. 150 S. oben Tabelle F.25. 378 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.76 Bei welchen Deliktstypen bei Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte) kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) §§ 80–168, 258, 331–357 8 9,5% 3,7% 13 10,3% 3,3% §§ 174–184j 14 16,7% 6,4% 34 27,0% 8,5% §§ 185–200 9 10,7% 4,1% 23 18,3% 5,8% §§ 211–222 (ohne Straßenverkehr) 3 3,6% 1,4% 12 9,5% 3,0% §§ 223–231 (ohne Straßenverkehr) 25 29,8% 11,4% 52 41,3% 13,1% §§ 232–241a (ohne Straßenverkehr) 10 11,9% 4,6% 16 12,7% 4,0% §§ 242–252, 303–305a 38 45,2% 17,4% 51 40,5% 12,8% §§ 253, 255, 259–261, 263–266b 43 51,2% 19,6% 67 53,2% 16,8% §§ 283–301 11 13,1% 5,0% 36 28,6% 9,0% §§ 267–282 17 20,2% 7,8% 22 17,5% 5,5% §§ 306–323c (ohne 315b–316a) 6 7,1% 2,7% 12 9,5% 3,0% §§ 324–330d 6 7,1% 2,7% 19 15,1% 4,8% weiß nicht 29 34,5% 13,2% 41 32,5% 10,3% Gesamt 84 260,7% 100,0% 126 315,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die Angaben der Richter werden von den Staats- und Fachanwälten bestätigt.151 Auch bei ihnen rangieren die Vermögensdelikte ganz oben (StA: 51,2%, FA: 53,2%). Bei den Staatsanwälten stehen an zweiter Stelle die Eigentumsdelikte (45,2%) und an dritter die Körperverletzungsdelikte (29,8%). Demgegenüber sind nach Einschätzung der Fachanwälte informelle Absprachen bei Körperverletzungsdelikten (41,3%) typischer als bei Eigentumsdelikten (40,5%). Die gleiche Frage wurde nun hinsichtlich der Straftaten im Straßenverkehr gestellt: Tabelle F.77 Bei welchen Deliktstypen bei Straftaten im Straßenverkehr kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßen verkehr ver- übte §§ 222, 229, 240] 33 63,5% 47,1% 2 12,5% 11,8% 35 51,5% 40,2% nach StVG oder anderen Gesetzen 18 34,6% 25,7% 2 12,5% 11,8% 20 29,4% 23,0% weiß nicht 19 36,5% 27,1% 13 81,3% 76,5% 32 47,1% 36,8% 151 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant für „Straftaten nach dem StGB (ohne Straßenverkehrsdelikte)“, alle p > .00019. Für Antwortoption „Straftaten gegen das Leben“ wurde aufgrund geringer Fallzahlen kein Chi2-Test berechnet. 379 III. Ergebnisse Bei welchen Deliktstypen bei Straftaten im Straßenverkehr kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Gesamt 52 134,6% 100,0% 16 106,3% 100,0% 68 127,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Während die Angaben der Richter am Landgericht aufgrund niedriger Fallzahlen außer Betracht bleiben müssen, zeigt sich, dass laut 63,5% der befragten Richter am Amtsgericht im Bereich Straßenverkehr informelle Absprachen eher bei den Straftaten nach dem StGB typisch sind. Tabelle F.78 Bei welchen Deliktstypen bei Straftaten im Straßenverkehr kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) nach StGB [neben §§ 315–316a z.B. auch im Straßenverkehr verübte §§ 222, 229, 240] 23 54,8% 44,2% 40 56,3% 42,1% nach StVG oder anderen Gesetzen 10 23,8% 19,2% 29 40,8% 30,5% weiß nicht 19 45,2% 36,5% 26 36,6% 27,4% Gesamt 42 123,8% 100,0% 71 133,8% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die Tendenz, dass sich informelle Absprachen bei Straftaten im Straßenverkehr eher bei Taten nach dem StGB abspielen, wird durch die Angaben der Staats- und Fachanwälte bestätigt (54,8% bzw. 56,3%).152 Auch in Bezug auf Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen wurde jeweils danach gefragt, bei welchen Deliktsgruppen es typischerweise zu informellen Absprachen kommt. Tabelle F.79 Bei welchen Deliktstypen bei anderen Straftaten nach anderen Bundes- u. Landesgesetzen kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 6 8,7% 6,2% 0 0,0% 0,0% 6 6,2% 4,8% AO 11 15,9% 11,3% 2 7,1% 7,1% 13 13,4% 10,4% BtMG 36 52,2% 37,1% 11 39,3% 39,3% 47 48,5% 37,6% 152 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich für keinen Deliktstypen innerhalb der „Straftaten im Straßenverkehr“, also „nach StGB“, χ²(2) = 0.34, p = .850, „nach StVG und anderen Gesetzen“, χ²(2) = 1.95, p = .378; und „weiß nicht“, χ²(2) = 1.88, p = .390. 380 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Bei welchen Deliktstypen bei anderen Straftaten nach anderen Bundes- u. Landesgesetzen kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) InsO 17 24,6% 17,5% 0 0,0% 0,0% 17 17,5% 13,6% sonstige 0 0,0% 0,0% 1 3,6% 3,6% 1 1,0% 0,8% weiß nicht 27 39,1% 27,8% 14 50,0% 50,0% 41 42,3% 32,8% Gesamt 69 140,6% 100,0% 28 100,0% 100,0% 97 128,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Informelle Absprachen sind danach bei Straftaten nach dem BtMG typisch (48,5%). An Amtsgerichten gilt dies noch mehr (52,2%) als an Landgerichten (39,3%). Es fällt zudem auf, dass am Amtsgericht nach Einschätzung von 24,6% der Richter informelle Absprachen auch bei Straftaten nach der InsO typisch sind. Tabelle F.80 Bei welchen Deliktstypen bei anderen Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen kommt es typischerweise zu informellen Absprachen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) AufenthaltsG, AsylG, FreizügG/EU 4 6,0% 4,3% 6 5,0% 3,0% AO 12 17,9% 12,9% 50 41,7% 24,9% BtMG 38 56,7% 40,9% 68 56,7% 33,8% InsO 11 16,4% 11,8% 38 31,7% 18,9% sonstige 2 3,0% 2,2% 4 3,3% 2,0% weiß nicht 26 38,8% 28,0% 35 29,2% 17,4% Gesamt 67 138,8% 100,0% 120 167,5% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die Staats- und Fachanwälte teilen die Einschätzung der Richter zu den BtM-Delikten. Die Fachanwälte stimmen darüber hinaus den Richtern am Amtsgericht bezüglich der Delikte nach der InsO zu.153 Typisch sind informelle Absprachen ihrer Ansicht nach auch bei Steuerstraftaten. Zusammenfassend ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Häufigkeit von Absprachen generell:154 Die informellen Absprachen sind am ehesten typisch bei den Vermögens-, Eigentums- und BtM-Delikten, bei denen Absprachen allgemein häufig sind.155 Als weitere Deliktsgruppe werden hier 153 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich für keinen Deliktstypen innerhalb der „Straftaten nach anderen Bundes- und Landesgesetzen“, alle p > .00019. Für Antwortoption „sonstige“ wurde aufgrund geringer Fallzahlen kein Chi2-Test berechnet. 154 Entsprechend die Ergebnisse in Modul 4, Tabelle E.35, Tabelle E.36, Tabelle E.37, Tabelle E.38. 155 S. oben Tabelle F.26, Tabelle F.29, Tabelle F.33, Tabelle F.37. 381 III. Ergebnisse – auch von den Staatsanwälten – die Körperverletzungsdelikte genannt (R: 40,8%, StA: 29,8%, FA: 41,3%). f) Verständigungspantomime Nachdem sich BVerfG156 und BGH157 mit Absprachen befassen mussten, bei denen die Beteiligten nach außen hin so getan hatten, als hätten sie keine Absprache getroffen, war von Interesse, wie oft solche verkappten Absprachen vorkommen. Dabei wurde zunächst danach gefragt, wie häufig ein solches Vorgehen vorgeschlagen wird. Tabelle F.81 Wie häufig kommt es im Anschluss an eine Absprache vor, dass einer der Verfahrensbeteiligten vorschlägt, so zu tun, als habe keine Absprache stattgefunden? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% häufig 1 0,8% 0 0,0% 1 0,4% teilweise 6 4,7% 2 1,6% 8 3,1% selten 26 20,3% 16 12,4% 42 16,3% nie 95 74,2% 110 85,3% 205 79,8% weiß nicht 0 0,0% 1 0,8% 1 0,4% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 Es zeigt sich, dass durchschnittlich fast jeder fünfte Richter (R: 19,8%), am Amtsgericht sogar jeder vierte (AG: 25,8%, LG 14%) schon erlebt hat, dass ein Verfahrensbeteiligter trotz vorheriger Absprache vorschlug, so zu tun, als habe keine Absprache stattgefunden. Zwar gaben die meisten Richter (R: 16,3%) an, dass dies selten vorkommt (AG: 20,3%, LG 12,4%), trotzdem erscheinen die Zahlen verhältnismäßig hoch, wenn man bedenkt, dass hier ein Verfahrensbeteiligter die anderen zu einem rechtswidrigen Verhalten auffordert. 156 BVerfG, NStZ 2016, 422 (424). 157 BGHSt 59, 21 (25 f. Rn. 20); von einer Verständigungspantomime sprechen hier Landau, NStZ 2014, 425 (430), und Norouzi, NStZ 2014, 874. 382 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.82 Wie häufig kommt es im Anschluss an eine Absprache vor, dass einer der Verfahrensbeteiligten vorschlägt, so zu tun, als habe keine Absprache stattgefunden? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 0 0,0% 0 0,0% häufig 0 0,0% 2 1,4% teilweise 6 4,5% 11 7,9% selten 18 13,6% 31 22,1% nie 103 78,0% 94 67,1% weiß nicht 5 3,8% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Vergleicht man die Zahlen der Richter mit denen der Staats- und Fachanwälte, so zeigt sich, dass die Staatsanwälte diese Situation ähnlich häufig erlebt haben (18,2%) wie die Richter (19,8%). Bei den Fachanwälten sind es 31,4%. Von Interesse ist nun, wie sich die Richter anschließend verhalten haben. Kam es zur Verständigungspantomime? Tabelle F.83 Wie haben Sie sich im Anschluss verhalten? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ich habe in der Hauptverhandlung keine Mitteilung gemacht 7 21,2% 1 5,6% 8 15,7% ich habe in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass keine Absprache stattgefunden hat 1 3,0% 1 5,6% 2 3,9% ich habe in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass eine Absprache stattgefunden hat 22 66,7% 15 83,3% 37 72,5% sonstige 3 9,1% 1 5,6% 4 7,8% Gesamt 33 100,0% 18 100,0% 51 100,0% AG: N = 128 n = 33 F = 95; LG: N = 129 n = 18 F = 111 37 der 51 Richter, die eine solche Situation erlebt haben, gaben an, dem Vorschlag nicht gefolgt zu sein und in der Hauptverhandlung die Absprache mitgeteilt zu haben. Zehn Richter erklärten, entweder gar keine Mitteilung gemacht oder sogar mitgeteilt zu haben, dass keine Absprache stattgefunden hätte.158 158 Unter „sonstige“ gab ein weiterer Richter an, er hätte nur mitgeteilt, dass Gespräche stattgefunden hatten, und ein anderer, er hätte mitgeteilt, dass die Gespräche gescheitert wären. 383 III. Ergebnisse Tabelle F.84 Wie hat sich der Vorsitzende im Anschluss verhalten? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht der Vorsitzende hat in der Hauptverhandlung keine Mitteilung gemacht n 0 2 6 6 10 0 2 10 7 10 13 2 % 0,0 8,3 25,0 25,0 41,7 0,0 4,5 22,7 15,9 22,7 29,5 4,5 der Vorsitzende hat in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass keine Absprache stattgefunden hat n 2 4 2 3 13 0 2 6 6 11 17 2 % 8,3 16,7 8,3 12,5 54,2 0,0 4,5 13,6 13,6 25,0 38,6 4,5 der Vorsitzende hat in der Hauptverhandlung mitgeteilt, dass eine Absprache stattgefunden hat n 7 7 3 3 4 0 4 14 2 8 12 4 % 29,2 29,2 12,5 12,5 16,7 0,0 9,1 31,8 4,5 18,2 27,3 9,1 StA: N = 132; FA: N = 140 Aus der Sicht der 24 Staats- und 44 Fachanwälte, die eine solche Situation erlebt haben, verfuhren die meisten Richter hingegen nicht korrekt: Nur sieben Staatsanwälte und vier Fachanwälte gaben an, dass die Vorsitzenden „immer“ eine zutreffende Mitteilung gemacht haben. 14 Staats- und 29 Fachanwälte haben schon mindestens einmal erlebt, dass der Richter keine Mitteilung über die vorherige Absprache machte, und elf Staatsanwälte sowie 25 Fachanwälte berichteten, dass der Richter sogar mitteilte, es hätte keine Absprache stattgefunden. Bezogen auf alle Befragten erklärten mithin 8,3% der Staatsanwälte und 17,9% der Fachanwälte, dass ein Vorsitzender in der Hauptverhandlung eine Absprache verleugnete. g) Möglicherweise unbewusste informelle Absprachen Die bisherigen Ausführungen beziehen sich auf informelle Absprachen, bei denen die Beteiligten bewusst außerhalb der verständigungsbezogenen Regelungen der StPO agieren. Daneben gibt es Fälle, in denen eine Absprache getroffen wird und dabei – möglicherweise unbewusst – eine oder mehrere verständigungsbezogene Regeln der StPO nicht eingehalten werden. Dies soll anhand einiger Beispiele illustriert werden, die ausschließlich jene 137 Richter betreffen, die angaben, zwar Absprachen zu treffen, aber keine informellen:159 – 17 Richter erklärten, dass sie nach einer Absprache schon einmal eine Strafe verhängt haben, die gemessen am Tatvorwurf zu milde gewesen ist. 159 S. oben Tabelle F.54. 384 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) – Von 74 Richtern, die angaben, dass es auch schon einmal außerhalb der laufenden Hauptverhandlung zu einer erfolgreichen Absprache gekommen war, erklärte ein Richter, dass er die Mitteilung zur vollendeten Absprache nicht vollumfänglich protokolliert. – Acht Richter gaben an, dass sie den Angeklagten nicht immer gem. § 257c Abs. 5 StPO belehren. Möglicherweise sehen diese Richter eine Absprache noch nicht als informell an, wenn „nur“ diese Belehrung unterbleibt. – 16 Richter gaben an, dass sie den Angeklagten erst nach seiner Zustimmung zur Absprache oder gar erst später gem. § 257c Abs. 5 StPO belehren. Auch hier ist nicht ausgeschlossen, dass die Richter meinen, wegen dieses Verfahrensfehlers sei die Absprache selbst nicht informell. – Drei Richter, die gem. § 257c Abs. 5 StPO belehren, erklärten, dass sie diese Belehrung aber nur teilweise dokumentieren. – Ein Richter sagte, dass er die Verständigung nicht in den Urteilsgründen erwähnt. – Zwei Richter gaben an, dass sie den Angeklagten nicht darüber belehren, dass er trotz der Absprache frei in der Wahl des Rechtsmittels ist. – 19 Richter gaben an, dass sie es schon mindestens einmal erlebt haben, dass nach einer Absprache der Rechtsmittelverzicht erklärt wurde. Da jedoch nur nach der Erklärung selbst gefragt wurde, ist nicht ausgeschlossen, dass sie auf dessen Unwirksamkeit hinwiesen. – Elf Richter gaben an, dass sie ein absprachegemäß abgelegtes Geständnis nicht immer überprüfen. – Von 15 Richtern, die sich schon einmal in der Situation befanden, dass einer der Verfahrensbeteiligten vorschlug, so zu tun, als sei keine Absprache getroffen worden, erklärten zwei, dieser Aufforderung tatsächlich Folge geleistet zu haben. 4. Geständnis Wenn nach einer Absprache ein Geständnis abgelegt wird, sind drei Punkte von besonderem Interesse: Ob sich der Angeklagte selbst äußert oder sein Verteidiger, wie ausführlich die Einlassung ist und inwieweit das Gericht das Geständnis überprüft. a) Erklärung durch den Angeklagten oder den Verteidiger Zunächst wurde danach gefragt, wer die Erklärung abgibt. 385 III. Ergebnisse Tabelle F.85 Wenn der Angeklagte absprachegemäß gestanden hat, in welcher Form ist dies geschehen? Richter Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent n Prozent in Form einer eigenen Erklärung des Angeklagten 11 4,3% 1 0,8% 7 5,0% durch eine mündliche oder schriftliche Erklärung des Verteidigers 16 6,2% 8 6,1% 23 16,4% sowohl als auch 229 89,1% 123 93,2% 110 78,6% weiß nicht 1 0,4% 0 0,0% 0 0,0% Gesamt 257 100,0% 132 100,0% 140 100,0% R: N = 257 n = 257 F = 0; StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant voneinander, χ²(4) = 18.08, p = .001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Es überrascht nicht, dass die überwiegende Mehrheit der Richter (89,1%), Staatsanwälte (93,2%) und Fachanwälte (78,6%) sowohl Fälle erlebt hat, in denen der Angeklagte eine eigene Erklärung abgibt, als auch Fälle, in denen sich der Verteidiger für seinen Mandanten äußert. Tabelle F.86 Und wie ist dies bei Ihnen typischerweise geschehen? Richter Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent n Prozent in Form einer eigenen Erklärung des Angeklagten 56 24,5% 20 16,3% 14 12,7% durch eine mündliche oder schriftliche Erklärung des Verteidigers 133 58,1% 78 63,4% 82 74,5% weiß nicht 40 17,5% 25 20,3% 14 12,7% Gesamt 229 100,0% 123 100,0% 110 100,0% R: N = 257 n = 229 F = 28; StA: N = 132 n = 123 F = 9; FA: N = 140 n = 110 F = 30. Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant voneinander, χ²(4) = 11.31, p = .023. Typisch ist davon nach Einschätzung über der Hälfte der Richter die Erklärung durch den Verteidiger (58,1%), noch deutlicher äußern sich die Staatsanwälte (63,4%) und Fachanwälte (74,5%). b) Umfang des Geständnisses Zunächst wird auf den danach eher untypischen Fall des vom Angeklagten erklärten Geständnisses und die Frage eingegangen, wie ausführlich es ist. Um dies herauszufinden, wurde zuerst gefragt, ob kurze und ausführliche Geständnisse vorkommen, und danach, welche davon typisch sind. Da auf die erste Frage alle Berufsgruppen erklärten, schon jedes der in den Ant- 386 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) wortmöglichkeiten genannten Geständnisse erlebt zu haben, werden im Folgenden nur die Antworten auf die zweite Frage dargestellt. Tabelle F.87 Und wie hat sich der Angeklagte typischerweise geäußert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent der Angeklagte hat lediglich erklärt, er trete der Anklage nicht entgegen 1 2,7% 0 0,0% 1 1,5% der Angeklagte hat lediglich erklärt, die Anklagevorwürfe seien im Wesentlichen richtig 7 18,9% 2 6,7% 9 13,4% der Angeklagte hat das Tatgeschehen ausführlich geschildert 28 75,7% 28 93,3% 56 83,6% weiß nicht 1 2,7% 0 0,0% 1 1,5% Gesamt 37 100,0% 30 100,0% 67 100,0% AG: N = 128 n = 37 F = 91; LG: N = 129 n = 30 F = 99 Nach der Einschätzung der Richter äußert sich der Angeklagte typischerweise ausführlich zum Tatgeschehen (AG: 75,7%, LG: 93,3%). Jeder fünfte Richter am Amtsgericht (21,6%) bezeichnet hingegen das Formalgeständnis als typisch, bei dem der Angeklagte nur erklärt, der Anklage nicht entgegenzutreten oder diese sei im Wesentlichen richtig (LG: 6,7%). Tabelle F.88 Und wie hat sich der Angeklagte typischerweise geäußert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent der Angeklagte hat lediglich erklärt, er trete der Anklage nicht entgegen 0 0,0% 2 9,5% der Angeklagte hat lediglich erklärt, die Anklagevorwürfe seien im Wesentlichen richtig 5 23,8% 9 42,9% der Angeklagte hat das Tatgeschehen ausführlich geschildert 15 71,4% 8 38,1% Sonstiges 0 0,0% 1 4,8% weiß nicht 1 4,8% 1 4,8% Gesamt 21 100,0% 21 100,0% StA: N = 132 n = 21 F = 111; FA: N = 140 n = 21 F = 119 Aus Sicht der Staats- und Fachanwälte ist die ausführliche Schilderung des Angeklagten nicht so typisch, wie die Richter meinen. Während die Staatsanwälte (71,4%) hier immerhin noch nahe bei den Richtern am Amtsgericht liegen, gaben nur 38,1% der Fachanwälte an, dass der Angeklagte typischerweise das Tatgeschehen ausführlich schildert. Folgt man den Staatsanwälten (23,8%) und Fachanwälten (52,4%), so kommt dem Formalgeständnis eine größere Bedeutung zu. Anders stellt sich die Lage bei dem nach Einschätzung aller drei Berufsgruppen typischen Fall der Erklärung des Verteidigers dar. Hier ist die ausführliche Schilderung auch aus der Sicht der meisten Richter nicht typisch: 387 III. Ergebnisse Tabelle F.89 Und wie hat sich der Verteidiger typischerweise geäußert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent der Verteidiger hat lediglich erklärt, der Angeklagte trete der Anklage nicht entgegen 1 1,1% 0 0,0% 1 0,5% der Verteidiger hat lediglich erklärt, die Anklagevorwürfe seien im Wesentlichen richtig 17 18,9% 10 10,1% 27 14,3% der Verteidiger hat das Tatgeschehen kurz zusammengefasst 56 62,2% 50 50,5% 106 56,1% der Verteidiger hat das Tatgeschehen ausführlich geschildert 6 6,7% 29 29,3% 35 18,5% Sonstige 0 0,0% 1 1,0% 1 0,5% weiß nicht 10 11,1% 9 9,1% 19 10,1% Gesamt 90 100,0% 99 100,0% 189 100,0% AG: N = 128 n = 90 F = 38; LG: N = 129 n = 99 F = 30 56,1% der Richter (AG: 62,2%, LG: 50,5%) gaben an, dass der Verteidiger typischerweise das Tatgeschehen kurz zusammenfasst. 20% der Richter am Amtsgericht halten aber auch eine dem Formalgeständnis entsprechenden Erklärung des Verteidigers für typisch, wohingegen für 29,3% der Richter am Landgericht eine ausführliche Schilderung des Tatgeschehens typisch ist. Tabelle F.90 Und wie hat sich der Verteidiger / haben Sie sich typischerweise geäußert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent der Verteidiger hat / ich habe lediglich erklärt, der Angeklagte trete der Anklage nicht entgegen 2 1,8% 8 6,7% der Verteidiger hat / ich habe lediglich erklärt, die Anklagevorwürfe seien im Wesentlichen richtig 24 21,6% 26 21,8% der Verteidiger hat / ich habe das Tatgeschehen kurz zusammengefasst 65 58,6% 50 42,0% der Verteidiger hat / ich habe das Tatgeschehen ausführlich geschildert 11 9,9% 21 17,6% Sonstige 1 0,9% 0 0,0% weiß nicht 8 7,2% 14 11,8% Gesamt 111 100,0% 119 100,0% StA: N = 132 n = 111 F = 21; FA: N = 140 n = 119 F = 21. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(4) = 10.06, p = .039 (Antwortkategorie „sonstige“ ausgeschlossen). Auch aus der Sicht der Staats- und Fachanwälte ist es typisch, dass der Verteidiger das Tatgeschehen kurz zusammenfasst (StA: 58,6%, FA: 42%). Ähnlich wie die Richter am Amtsgericht halten aber auch 23,4% der Staatsanwälte und 28,6% der Fachanwälte die einem Formalgeständnis entsprechende Erklärung des Verteidigers für typisch.160 Abschließend wurde gefragt, wie häufig der Angeklagte der Erklärung seines Verteidigers nicht nur zustimmt, sondern sich weiter einlässt. 160 Bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in 34 Verfahren mit einer Absprache in 32 ein Geständnis vereinbart und davon in 18 ein Formalgeständnis, zumeist erklärt vom Verteidiger, erfolgte; s. oben Modul 3, Tabelle D.32, Tabelle D.33. 388 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.91 Wenn der Verteidiger die Erklärung für den Angeklagten abgegeben hat, wie häufig hat sich der Angeklagte bei Ihnen dann in einer Weise geäußert, die über ein bloßes Billigen bzw. Zueigenmachen der Erklärung des Verteidigers hinausgeht? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 2 2,2% 13 13,3% 15 8,0% häufig 23 25,6% 26 26,5% 49 26,1% teilweise 37 41,1% 36 36,7% 73 38,8% selten 25 27,8% 19 19,4% 44 23,4% nie 3 3,3% 3 3,1% 6 3,2% weiß nicht 0 0,0% 1 1,0% 1 0,5% Gesamt 90 100,0% 98 100,0% 188 100,0% AG: N = 128 n = 90 F = 38; LG: N = 129 n = 98 F = 31 Tabelle F.92 Wenn der Verteidiger/Sie die Erklärung für den Angeklagten abgegeben hat/haben, wie häufig hat sich der Angeklagte dann in einer Weise geäußert, die über ein bloßes Billigen bzw. Zueigenmachen der Erklärung des Verteidigers / Ihrer Erklärung hinausgeht? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 4 3,6% 4 3,4% häufig 19 17,1% 14 11,8% teilweise 40 36,0% 26 21,8% selten 40 36,0% 45 37,8% nie 8 7,2% 30 25,2% weiß nicht 0 0,0% 0 0,0% Gesamt 111 100,0% 119 100,0% StA: N = 132 n = 111 F = 21; FA: N = 140 n = 119 F = 21 Während ein Drittel der Richter erklärte, dass sich der Angeklagte „immer“ (8%) oder „häufig“ (26,1%) auf diese Weise äußere, sahen dies nur ein Fünftel der Staatsanwälte (3,6% bzw. 17,1%) und ein Sechstel der Fachanwälte (3,4% und 11,8%) so. 43,2% der Staatsanwälte und 63% der Fachanwälte hören solche Einlassungen des Angeklagten im Gegenteil nur „selten“ oder „nie“.161 Hier ist wohl mehr der Einschätzung der Staats- und Fachanwälte als der Richter zu folgen. Dafür spricht, dass der Verteidiger die Fragen, ob eine Einlassung gemacht werden, wer sie abgeben und was gesagt werden soll, üblicherweise mit seinem Mandanten absprechen wird, so dass für den Angeklagten kein Anlass besteht, dem noch etwas hinzuzufügen. 161 Richter geben signifikant häufiger als Fachanwälte an, dass der Angeklagte sich auf diese Weise äußere, χ²(10) = 61.15, p < .00001. 389 III. Ergebnisse c) Falsche Geständnisse Bei absprachebasierten Geständnissen wird geargwöhnt, dass sie unter Druck abgegeben werden und deshalb falsch sein können. Diese Vermutung wird vor allem angestellt, wenn das Gericht die sog. Sanktionsschere geöffnet, d.h. dem Angeklagten neben dem (ungefähr) zu erwartenden Strafmaß für den Fall einer Absprache ein zweites Strafmaß für den Fall einer streitigen Hauptverhandlung genannt hat.162 Daher wurden die Fachanwälte gefragt, wie häufig es aus ihrer Sicht in einer solchen Situation zu einem falschen Geständnis kommt. Tabelle F.93 Wie häufig ist es vorgekommen, dass der Angeklagte nach dem Aufzeigen zweier Alternativstrafen ein Geständnis abgelegt hat, von dem Sie als Verteidiger aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht überzeugt waren? (FA) n Prozent immer 0 0,0% häufig 8 7,3% teilweise 30 27,3% selten 52 47,3% nie 19 17,3% weiß nicht 1 0,9% Gesamt 110 100,0% N = 140 n = 110 F = 30 81,8% der Fachanwälte (≙ 64,3% aller FA) bekundeten, dies bereits erlebt zu haben. 34,5% (≙ 27,1% aller FA) meinten sogar, dass dies nicht selten vorkommt („teilweise“ oder sogar „häufig“). d) Überprüfung des Geständnisses Das BVerfG hat betont, dass das absprachebasierte Geständnis „zwingend auf seine Richtigkeit zu überprüfen ist“, was „durch Beweiserhebung in der Hauptverhandlung“ geschehen muss.163 Vor diesem Hintergrund lag es nahe, die Richter danach zu fragen, ob sie dieser Aufforderung immer nachkommen. 162 S. dazu unten F.III.5.d). 163 BVerfGE 133, 168 (209 Rn. 71). 390 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) (1) Häufigkeit der Überprüfung und Gründe für ihr Unterlassen Tabelle F.94 Wie häufig überprüfen Sie ein absprachegemäß abgelegtes Geständnis auf seine Glaubhaftigkeit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 84 65,6% 118 91,5% 202 78,6% häufig 22 17,2% 7 5,4% 29 11,3% teilweise 8 6,3% 3 2,3% 11 4,3% selten 12 9,4% 0 0,0% 12 4,7% nie 2 1,6% 1 0,8% 3 1,2% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 28.08, p = .00001. Es zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Antworten der Richter am Amts- und am Landgericht. Nur 65,6% der Richter am Amtsgericht erklärten, dass sie ihrer Pflicht, ein absprachebasiertes Geständnis auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen, „immer“ nachkommen. Am Landgericht sind es deutlich mehr (91,5%). 10,9% der Richter am Amtsgericht gaben sogar an, eine derartige Überprüfung „selten“ oder „nie“ vorzunehmen. Tabelle F.95 Wie häufig überprüft das Gericht ein absprachegemäß abgelegtes Geständnis auf seine Glaubhaftigkeit? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 62 47,0% 28 20,0% häufig 45 34,1% 41 29,3% teilweise 17 12,9% 29 20,7% selten 8 6,1% 33 23,6% nie 0 0,0% 7 5,0% weiß nicht 0 0,0% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Die Antworten der Staats- und Fachanwälte zeichnen ein pessimistischeres Bild.164 Nur 47% der Staatsanwälte und 20% der Fachanwälte gaben an, dass ein absprachebasiertes Geständnis „immer“ auf seine Glaubhaftigkeit überprüft wird. 28,6% der Fachanwälte erklärten sogar, dass im Gegenteil eine Überprüfung nur „selten“ oder „nie“ vorgenommen wird. 164 Richter geben signifikant häufiger als Fach- und Staatsanwälte an, dass sie Geständnisse überprüfen, χ²(8) = 153.84, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). 391 III. Ergebnisse Diejenigen Richter, die angegeben hatten, ein absprachebasiertes Geständnis nicht immer zu überprüfen,165 wurden nach ihren Gründen gefragt. Tabelle F.96 Wenn Sie das Geständnis nicht überprüft haben, warum haben Sie darauf verzichtet? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es handelte sich um ein ausführliches Geständnis 40 90,9% 34,2% 8 80,0% 29,6% 48 88,9% 33,3% ich hatte bereits Beweis erhoben 37 84,1% 31,6% 9 90,0% 33,3% 46 85,2% 31,9% das Geständnis war nach Aktenlage plausibel 40 90,9% 34,2% 10 100,0% 37,0% 50 92,6% 34,7% ein Geständnis reicht mir stets als Beweis 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% 0 0,0% 0,0% Gesamt 44 265,9% 100,0% 10 270,0% 100,0% 54 266,7% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Fast alle Richter nannten als Gründe, dass das Geständnis nach Aktenlage plausibel (92,6%), dass es ausführlich (88,9%) und dass bereits Beweis erhoben worden war (85,2%). Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass in einem Verfahren gleich mehrere Gründe vorliegen, insbesondere bereits Beweis erhoben wurde.166 Trotzdem überrascht die häufige Nennung der Ausführlichkeit des Geständnisses und seiner Plausibilität nach Aktenlage, weil beide Aspekte allein nicht ausreichen. Das BVerfG hat ausdrücklich betont, dass jedes absprachebasierte Geständnis „zwingend“ auf seine Richtigkeit zu überprüfen ist und dies mit einem „bloßen Abgleich mit der Aktenlage“ nicht getan ist.167 Abschließend wurden wieder alle Richter befragt, wovon sie den Umfang einer Überprüfung abhängig machen. Entsprechend wurden auch die Staats- und Fachanwälte nach den Faktoren für den Umfang der Überprüfung durch das Gericht gefragt. 165 S. oben Tabelle F.94. 166 In der Mehrheit der Verfahren kommt es aber vor der Beweisaufnahme zur Absprache; s. oben Modul 2, Tabelle C.26. Auch bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in 28 von 34 Verfahren die Absprache vor der Beweisaufnahme erfolgt war; s. oben Modul 3, Tabelle D.31. 167 BVerfGE 133, 168 (209 f. Rn. 71); zur Notwendigkeit einer Überprüfung s. auch BGHSt 59, 21 (28 Rn. 27); NStZ 2014, 53; NJW 2017, 280 (281 Rn. 14); zum unzureichenden Aktenabgleich s. auch BGH, NStZ 2014, 170; 2017, 173 (174), wo das Gericht das Urteil des LG hält, weil es den Ermittlungsführer vernommen hatte. 392 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.97 Und wovon haben Sie den Umfang einer Überprüfung schon einmal abhängig gemacht? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es gab mehrere Angeklagte 47 38,2% 13,0% 45 36,9% 13,7% 92 37,6% 13,3% von der Ausführlichkeit des Geständnisses 105 85,4% 29,0% 108 88,5% 32,8% 213 86,9% 30,8% von der Übereinstimmung mit den Akten 116 94,3% 32,0% 111 91,0% 33,7% 227 92,7% 32,9% von der Höhe der Straferwartung 22 17,9% 6,1% 15 12,3% 4,6% 37 15,1% 5,4% ob die Geständniserklärung selbst vom Angeklagten vorgetragen wird 55 44,7% 15,2% 45 36,9% 13,7% 100 40,8% 14,5% von meinem engen zeitlichen Terminplan 17 13,8% 4,7% 5 4,1% 1,5% 22 9,0% 3,2% Gesamt 123 294,3% 100,0% 122 269,7% 100,0% 245 282,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, alle p > .00019. Tabelle F.98 Und wovon hat das Gericht den Umfang einer Überprüfung Ihrer Einschätzung nach schon einmal abhängig gemacht? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es gab mehrere Angeklagte 57 43,5% 11,2% 77 59,2% 14,3% von der Ausführlichkeit des Geständnisses 116 88,5% 22,8% 99 76,2% 18,3% von der Übereinstimmung mit den Akten 128 97,7% 25,1% 114 87,7% 21,1% von der Höhe der Straferwartung 43 32,8% 8,4% 43 33,1% 8,0% ob die Geständniserklärung selbst vom Angeklagten vorgetragen wird 51 38,9% 10,0% 29 22,3% 5,4% von der Bequemlichkeit des Vorsitzenden 61 46,6% 12,0% 95 73,1% 17,6% vom engen zeitlichen Terminplan des Gerichts 53 40,5% 10,4% 83 63,8% 15,4% Gesamt 131 388,5% 100,0% 130 415,4% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Richter, Staats- und Fachanwälte gaben zumeist an, dass der Umfang der Überprüfung von der Übereinstimmung mit den Akten (R: 92,7%, StA: 97,7%, FA: 87,7%) und der Ausführlichkeit des Geständnisses abhängig gemacht wird (R: 86,9%, StA: 88,5%, FA: 76,2%).168 Das ist insofern interes- 168 Die drei Berufsgruppen unterscheiden sich nicht signifikant in ihrem Antwortverhalten für „Übereinstimmung mit den Akten“, χ²(2) = 8.80, p = .012, „Ausführlichkeit des Geständnisses“, χ²(2) = 7.39, p = .025, und „ob die Geständniserklärung selbst vom Angeklagten vorgetragen wird“, χ²(2) = 12.45, p = .002. Signifikant häufiger als Fachanwälte gaben Richter den Faktor „es gab mehrere Angeklagte“ an, χ²(2) = 17.90, p = .00013, und signifikant seltener als Fach- und Staatsanwälte gaben Richter den Faktor „von der Höhe der Straferwartung“ an, χ²(2) = 23.43, p = .00001. 393 III. Ergebnisse sant, als zuvor 83,6% der Richter angegeben hatten, dass der Angeklagte typischerweise das Tatgeschehen ausführlich schildert,169 und 18,5%, dass auch der Verteidiger dies typischerweise mache.170 In diesen vor allem nach Angaben der Richter am Landgericht typischen Fällen (93,3% bzw. 29,3%) wird der Umfang der Überprüfung des Geständnisses häufig schmal sein. Dass zudem 40,8% der Richter es für relevant halten, ob die Erklärung vom Angeklagten selbst abgegeben wird, scheint diese These für Geständnisse des Angeklagten weiter zu untermauern. Von ihrem engen Terminplan machen eigenen Angaben zufolge nur 9% der Richter eine Überprüfung abhängig. Bei den Staatsanwälten meinten hingegen 40,5% und bei den Fachanwälten sogar 63,8%, dass die Richter den Umfang der Überprüfung daran ausrichten.171 Den Staats- und Fachanwälten wurde zusätzlich die Antwortmöglichkeit „von der Bequemlichkeit des Vorsitzenden“ angeboten. Dieser Aussage pflichteten von ihnen noch mehr zu (StA: 46,6%, FA: 73,1%) zu.172 (2) Überprüfung des ausführlichen Geständnisses Im nächsten Schritt galt es, in Erfahrung zu bringen, auf welche Weise das Gericht ein Geständnis überprüft, sofern eine derartige Überprüfung stattfindet. 169 S. oben Tabelle F.87. 170 S. oben Tabelle F.89. 171 Fachanwälte gaben signifikant häufiger als Richter an, dass der enge Terminplan des Gerichts den Umfang einer Überprüfung eines Geständnisses beeinflusst, χ²(2) = 129.53, p < .00001. 172 Fachanwälte pflichteten dieser Aussage signifikant häufiger bei als Staatsanwälte, χ²(1) = 18.86, p = .00001. 394 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.99 Wenn Sie ein Geständnis, das über ein bloßes Einräumen des Anklagevorwurfs hinausgeht, überprüfen: Auf welche Weise tun Sie dies? (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht durch den Abgleich mit der Akte n 167 42 4 4 26 2 % 68,2% 17,1% 1,6% 1,6% 10,6% 0,8% durch ausführliche Rückfragen an den Angeklagten n 72 105 43 19 5 1 % 29,4% 42,9% 17,6% 7,8% 2,0% 0,4% durch Befragung des ermittlungsführenden Beamten n 53 80 44 52 14 2 % 21,6% 32,7% 18,0% 21,2% 5,7% 0,8% durch die Vernehmung von anderen Zeugen n 10 75 87 58 14 1 % 4,1% 30,6% 35,5% 23,7% 5,7% 0,4% durch die Ersetzung des Zeugenbeweises durch Verlesung des Vernehmungsprotokolls n 1 49 65 73 55 2 % 0,4% 20,0% 26,5% 29,8% 22,4% 0,8% durch die Anordnung des Selbstleseverfahrens nach § 249 Abs. 2 n 14 48 43 60 76 4 % 5,7% 19,6% 17,6% 24,5% 31,0% 1,6% durch einen Abgleich mit den Ermittlungsberichten n 58 69 44 40 32 2 % 23,7% 28,2% 18,0% 16,3% 13,1% 0,8% durch vollständige Beweiserhebung n 1 5 15 65 157 2 % 0,4% 2,0% 6,1% 26,5% 64,1% 0,8% durch Vorhalt aus der Akte n 20 108 64 38 14 1 % 8,2% 44,1% 26,1% 15,5% 5,7% 0,4% durch die Vernehmung von Sachverständigen n 11 39 63 71 60 1 % 4,5% 15,9% 25,7% 29,0% 24,5% 0,4% R: N = 257 Tabelle F.100 Mittelwerte zur Überprüfung eines Geständnisses, das über ein bloßes Einräumen des Anklagevorwurfs hinausgeht Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD durch den Abgleich mit der Akte 1,68 1,28 1,90 1,12 2,12 1,06 durch ausführliche Rückfragen an den Angeklagten 2,10 ,98 2,33 ,83 2,92 1,05 durch Befragung des ermittlungsführenden Beamten 2,56 1,21 2,46 1,00 2,42 1,06 durch die Vernehmung von anderen Zeugen 2,96 ,97 2,94 ,84 3,26 ,91 durch die Ersetzung des Zeugenbeweises durch Verlesung des Vernehmungsprotokolls 3,54 1,06 3,48 ,97 3,64 ,99 durch die Anordnung des Selbstleseverfahrens nach § 249 Abs. 2 3,56 1,28 3,53 1,06 3,31 1,10 durch einen Abgleich mit den Ermittlungsberichten 2,67 1,35 2,78 1,12 2,85 1,12 durch vollständige Beweiserhebung 4,53 ,74 4,56 ,57 4,50 ,66 durch Vorhalt aus der Akte 2,66 1,02 2,63 ,83 3,16 1,05 durch die Vernehmung von Sachverständigen 3,53 1,16 3,59 ,99 3,35 1,09 Skala (1) „immer“ bis (5) „nie“; N = 529 395 III. Ergebnisse Die gängigste Form der Überprüfung eines Geständnisses ist der Abgleich mit der Akte (R: 68,2% „immer“, 17,1% „häufig“; Mittelwerte R: 1,68; StA: 1,90; FA: 2,12). Damit ist noch nicht gesagt, dass sich die Überprüfung darin erschöpft. Allerdings liegt das nahe, wenn man bedenkt, dass für 19,5% der Richter die Plausibilität des Geständnisses nach Aktenlage sogar ein Grund ist, auf eine Überprüfung ganz zu verzichten.173 Keinen Mehrwert bringt es gegenüber dem Aktenabgleich, wenn 51,8% der Richter „immer“ oder „häufig“ die Ermittlungsberichte heranziehen (Mittelwerte R: 2,67; StA: 2,78; FA: 2,85), da diese regelmäßig Bestandteil der Akte sind, und 54,3% „immer“ oder „häufig“ den Ermittlungsführer vernehmen (Mittelwerte R: 2,56; StA: 2,46; FA: 2,42), weil auch dies in der Regel „keine anderen Informationen als eine bloße Aktenauswertung“ liefert.174 Die zweithäufigste Form der Überprüfung ist nach Angaben der Richter die ausführliche Befragung des Angeklagten (29,4% „immer“, 42,9% „häufig“). Während die Staatsanwälte das bestätigten (Mittelwerte R: 2,1, StA: 2,33), liegt die ausführliche Befragung bei den Fachanwälten mit einem Mittelwert von 2,92 nur an vierter Stelle. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Einschätzungen auseinandergehen, wann eine Befragung „ausführlich“ ist. Teil einer ausführlichen Befragung (aber auch alleiniges Mittel der Überprüfung des Geständnisses) kann ein Vorhalt aus der Akte sein (8,2% „immer“, 44,1% „häufig“). Eine untergeordnete Rolle spielen die Vernehmung von Zeugen (R: 34,7% „immer“ oder „häufig“), das Selbstleseverfahren (25,3%), die Verlesung der Protokolle von Zeugenvernehmungen (20,4%) und die Vernehmung von Sachverständigen (R: 20,4%). Erwartungsgemäß findet so gut wie nie eine vollständige Beweiserhebung statt (Mittelwerte R: 4,53; StA: 4,56; FA: 4,50).175 173 S. oben Tabelle F.96. 174 BeckOK-StPO/Eschelbach, 35. Edition 2019, § 257c Rn. 8, der dies als „neue Form der Prozessführung nach Aktenlage“ (Rn. 25) bezeichnet, die „inzwischen praxisüblich“ (Rn. 2) sei. 175 Die Richter geben drei Überprüfungsformen signifikant häufiger an als die Fachanwälte: „durch den Abgleich mit der Akte“, χ²(8) = 85.77, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen), „durch ausführliche Rückfragen an den Angeklagten“, χ²(8) = 64.69, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen), und „durch Vorhalt aus der Akte“, χ²(10) = 35.98, p = .00008. Für alle anderen Überprüfungsformen unterscheidet sich das Antwortverhalten nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, alle p > .00019. Für „durch vollständige Beweiserhebung“ wurde aufgrund weniger Nennungen kein Chi²-Test durchgeführt. Für ausführliche Tabellen s. Tabelle F.208 ff. 396 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) (3) Überprüfung des Formalgeständnisses Die gebotene Überprüfung ist bei einem Formalgeständnis nicht minder wichtig, um der Aufklärungspflicht zu entsprechen. Daher wurden alle Berufsgruppen gefragt, ob und wie ein solches Geständnis überprüft wird. Bei den Richtern wurde hier auf eine Frage nach der Häufigkeit verzichtet, weil „ein bloßes inhaltsleeres Formalgeständnis […] oder gar die nicht einmal ein Geständnis darstellende schlichte Erklärung, der Anklage nicht entgegenzutreten, allein keine taugliche Grundlage der richterlichen Überzeugungsbildung sein können“.176 Tabelle F.101 Überprüfen Sie ein Formalgeständnis bzw. ein schlankes Geständnis? Damit meinen wir eine Einlassung, in deren Rahmen die Anklagevorwürfe als im Wesentlichen richtig bezeichnet werden oder lediglich geäußert wird, dass man der Anklage nicht entgegentrete. (Richter)177 Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 80 96,4% 46 95,8% 126 96,2% nein 2 2,4% 2 4,2% 4 3,1% weiß nicht 1 1,2% 0 0,0% 1 0,8% Gesamt 83 100,0% 48 100,0% 131 100,0% AG: N = 128 n = 83 F = 45; LG: N = 129 n = 48 F = 81 Tabelle F.102 Wie häufig überprüft das Gericht ein Formalgeständnis bzw. ein schlankes Geständnis? Damit meinen wir eine Einlassung, in deren Rahmen die Anklagevorwürfe als im Wesentlichen richtig bezeichnet werden oder lediglich geäußert wird, dass man der Anklage nicht entgegentrete. (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 36 41,9% 14 13,9% häufig 30 34,9% 32 31,7% teilweise 13 15,1% 27 26,7% selten 6 7,0% 26 25,7% nie 0 0,0% 2 2,0% weiß nicht 1 1,2% 0 0,0% Gesamt 86 100,0% 101 100,0% StA: N = 132 n = 86 F = 46; FA: N = 140 n = 101 F = 39 176 BVerfGE 133, 168 (209 Rn. 70; s. auch 239 Rn. 129). 177 Es wurde also klargestellt, dass die Begriffe Formalgeständnis und schlankes Geständnis synonym verwandt wurden. Dieser Sprachgebrauch ist in der Praxis nicht unüblich; z.B. BGH, NStZ 2017, 173; BeckOK-StPO/Eschelbach, 35. Edition 2019, § 257c Rn. 23; KK-StPO/ Krehl, 8. Aufl. 2019, § 244 Rn. 31c; Meyer-Goßner/Schmitt, 62. Aufl. 2019, § 257c Rn. 17; anders aber z.B. MüKo-StPO/Jahn/Kudlich, 2016, § 257c Rn. 127; Schönke/Schröder/Kinzig, 30. Aufl. 2019, § 46 Rn. 41e. 397 III. Ergebnisse Während 96,2% Richter angaben, dass sie ein Formalgeständnis überprüfen, bejahten nur 41,9% der Staatsanwälte und 13,9% der Fachanwälte, dass die Vorsitzenden dies „immer“ machen. Zwar ist zu bedenken, dass Staats- und Fachanwälte zumeist nicht feststellen können, ob der Richter das Geständnis mit der Akte oder dem Ermittlungsbericht abgleicht. Allerdings kann das nicht der einzige Grund für die erhebliche Abweichung sein, zumal der „bloße Abgleich mit der Aktenlage“ nicht ausreicht. Es liegt daher nahe, dass einige Richter angaben oder zumindest meinten, Formalgeständnisse korrekt zu überprüfen, obwohl dies nicht der Fall ist. Soweit die Richter ein Formalgeständnis überprüfen, stellt sich die Frage, ob sie dabei ebenso vorgehen wie bei einem ausführlichen Geständnis. Tabelle F.103 Wie überprüfen Sie das Formalgeständnis? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ich überprüfe es anders als ein ausführliches Geständnis 22 27,5% 12 26,1% 34 27,0% ich überprüfe es ähnlich wie ein ausführliches Geständnis 58 72,5% 34 73,9% 92 73,0% Gesamt 80 100,0% 46 100,0% 126 100,0% AG: N = 128 n = 80 F = 48; LG: N = 129 n = 46 F = 83 Tabelle F.104 Wie überprüft das Gericht das Formalgeständnis? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent das Gericht überprüft es anders als ein ausführliches Geständnis 26 30,6% 17 17,2% das Gericht überprüft es ähnlich wie ein ausführliches Geständnis 59 69,4% 78 78,8% weiß nicht 0 0,0% 4 4,0% Gesamt 85 100,0% 99 100,0% StA: N = 132 n = 85 F = 47; FA: N = 140 n = 99 F = 41 27% der Richter gaben an, dass das Formalgeständnis anders geprüft wird als das ausführliche Geständnis. 30,6% der Staatsanwälte sahen dies ebenso, aber nur 17,2% der Fachanwälte. Diese Interviewpartner wurden im Anschluss gefragt, worin die von ihnen vorgenommenen oder beobachteten Unterschiede bestehen. Dazu wurden ihnen mehrere Antwortkategorien vorgegeben und sie gebeten zu sagen, wie häufig sie bzw. die Richter das Geständnis auf die jeweilige Art überprüft haben. 398 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.105 Wie genau und wie häufig überprüfen Sie das Formalgeständnis? (Richter) Richter immer häufig teilweise selten nie weiß nicht durch den Abgleich mit der Akte n 27 3 0 0 3 1 % 79,4% 8,8% 0,0% 0,0% 8,8% 2,9% durch ausführliche Rückfragen an den Angeklagten n 19 5 3 1 5 1 % 55,9% 14,7% 8,8% 2,9% 14,7% 2,9% durch Befragung des ermittlungsführenden Beamten n 11 14 4 4 0 1 % 32,4% 41,2% 11,8% 11,8% 0,0% 2,9% durch die Vernehmung von anderen Zeugen n 6 14 7 6 0 1 % 17,6% 41,2% 20,6% 17,6% 0,0% 2,9% durch die Ersetzung des Zeugenbeweises durch Verlesung des Vernehmungsprotokolls n 1 8 3 14 7 1 % 2,9% 23,5% 8,8% 41,2% 20,6% 2,9% durch die Anordnung des Selbstleseverfahrens nach § 249 Abs. 2 n 2 7 7 9 8 1 % 5,9% 20,6% 20,6% 26,5% 23,5% 2,9% durch einen Abgleich mit den Ermittlungsberichten n 13 10 1 4 5 1 % 38,2% 29,4% 2,9% 11,8% 14,7% 2,9% durch vollständige Beweiserhebung n 1 5 4 8 15 1 % 2,9% 14,7% 11,8% 23,5% 44,1% 2,9% durch Vorhalt aus der Akte n 7 17 1 4 4 1 % 20,6% 50,0% 2,9% 11,8% 11,8% 2,9% durch die Vernehmung von Sachverständigen n 0 6 8 11 8 1 % 0,0% 17,6% 23,5% 32,4% 23,5% 2,9% R: N = 257 Tabelle F.106 Wie genau und wie häufig überprüfen Sie / überprüft das Gericht das Formalgeständnis? Überprüfen Sie / das Gericht das Formalgeständnis … (Mittelwerte) Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD durch den Abgleich mit der Akte 1,45 1,18 2,04 1,31 1,93 ,59 durch ausführliche Rückfragen an den Angeklagten 2,03 1,49 2,35 1,13 2,44 1,31 durch Befragung des ermittlungsführenden Beamten 2,03 ,98 2,19 1,13 2,50 ,73 durch die Vernehmung von anderen Zeugen 2,39 1,00 2,54 1,03 3,31 ,79 durch die Ersetzung des Zeugenbeweises durch Verlesung des Vernehmungsprotokolls 3,55 1,18 3,27 1,15 3,37 ,96 durch die Anordnung des Selbstleseverfahrens nach § 249 Abs. 2 3,42 1,25 3,42 1,27 3,44 1,09 durch einen Abgleich mit den Ermittlungsberichten 2,33 1,49 2,54 1,21 2,69 ,95 durch vollständige Beweiserhebung 3,94 1,22 4,08 1,20 4,50 ,63 durch Vorhalt aus der Akte 2,42 1,30 2,35 ,94 2,81 ,91 durch die Vernehmung von Sachverständigen 3,64 1,06 3,23 1,21 3,75 1,00 Skala (1) „immer“ bis (5) „nie“; N = 529 399 III. Ergebnisse Dabei zeigt sich, dass das Geständnis „häufig“ bis „immer“ durch einen Abgleich mit der Akte überprüft wird (Mittelwerte R: 1,45; StA: 2,04; FA: 1,93).178 Auch die ausführlichen Rückfragen an den Angeklagten (Mittelwerte R: 2,03; StA: 2,35; FA: 2,44) sowie die Befragung des ermittlungsführenden Beamten (Mittelwerte R: 2,03; StA: 2,19; FA: 2,50) werden häufig genutzt, um ein Formalgeständnis zu überprüfen. Der Unterschied zur Überprüfung des ausführlichen Geständnisses liegt darin, dass zwar die Reihung der bevorzugten Mittel dieselbe ist, aber die Werte bei „immer“ und „häufig“ höher sind. Formalgeständnisse werden also häufiger und intensiver geprüft als ausführliche Geständnisse. Dies gilt aber nur für höchstens ein Viertel der Richter; alle anderen behandeln das Formalgeständnis wie ein ausführliches Geständnis. e) Strafmildernde Wirkung des Geständnisses Bei der Würdigung und Gewichtung des Geständnisses ist das Gericht an die „allgemeinen Strafzumessungserwägungen“ gebunden (§  257c Abs.  3 S. 2 StPO). Maßgeblich sind daher immer die Verhältnisse des Einzelfalls, weshalb sich nach Ansicht des BGH „eine mathematische Betrachtung, etwa der angemessene Strafrabatt dürfe in der Regel nicht mehr als 20% bis 30% betragen“, verbietet.179 Trotzdem hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass es in der Praxis typische Strafmaßrabatte gibt.180 Tabelle F.107 Nehmen Sie bitte an, der Angeklagte hat absprachegemäß gestanden. Wie viel milder ist die Strafe dann typischerweise (bei Ihnen) gewesen ... im Vergleich zu der Strafe, die wahrscheinlich ohne eine Absprache verhängt worden wäre? Richter Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent n Prozent keine Milderung 8 3,1% 0 0,0% 1 0,7% weniger als 1/5 10 3,9% 10 7,6% 5 3,6% 1/5 53 20,6% 21 15,9% 17 12,1% 1/4 90 35,0% 52 39,4% 37 26,4% 1/3 55 21,4% 36 27,3% 52 37,1% 1/2 2 0,8% 0 0,0% 3 2,1% mehr als 1/2 1 0,4% 0 0,0% 0 0,0% weiß nicht 38 14,8% 13 9,8% 25 17,9% Gesamt 257 100,0% 132 100,0% 140 100,0% R: N = 257 n = 257 F = 0; StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 178 Für ausführliche Tabellen s. Tabelle F.212 ff. 179 BGH, NStZ 2011, 592 (594 Rn. 17). 180 Altenhain/Dietmeier/May, Die Praxis der Absprachen in Strafverfahren, 2013, S. 116. 400 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Die meisten Nennungen entfielen bei allen drei Berufsgruppen auf Strafmilderungen von ⅕ bis ⅓. Die Richter und Staatsanwälte sehen zumeist eine Strafmilderung von ¼ als typisch an, die Fachanwälte von ⅓. Die Einschätzung der Richter, dass eine Milderung um ⅕ ebenso typisch sei wie um ⅓, teilen Staats- und Fachanwälte nicht. Im Durchschnitt fällt nach Ansicht aller drei Berufsgruppen die Strafe nach einem absprachebasierten Geständnis typischerweise um ¼ niedriger aus als nach streitiger Verhandlung.181 Sodann wurde nach dem Grund für den Strafrabatt gefragt: Tabelle F.108 Und was ist für Sie der Grund für die strafmildernde Wirkung eines Geständnisses bei einer Absprache? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Verfahrensbeschleunigung durch eine verkürzte oder entfallende Beweisaufnahme 96 95,0% 27,9% 100 90,9% 28,3% 196 92,9% 28,1% die verminderte Schuld des Angeklagten aufgrund seiner Reue bzw. Einsicht 84 83,2% 24,4% 94 85,5% 26,6% 178 84,4% 25,5% dem Opfer werden weitere Aussagen vor Gericht erspart 96 95,0% 27,9% 93 84,5% 26,3% 189 89,6% 27,1% der Rechtsfriede 68 67,3% 19,8% 66 60,0% 18,7% 134 63,5% 19,2% Gesamt 101 340,6% 100,0% 110 320,9% 100,0% 211 330,3% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Die Richter nannten die Verfahrensbeschleunigung durch eine verkürzte oder entfallende Beweisaufnahme als häufigsten Grund (R: 92,9%) für die strafmildernde Wirkung des Geständnisses. Erst danach folgten der Opferschutz (R: 89,6%) und die verminderte Schuld des Angeklagten auf Grund seiner Einsicht und Reue (R: 84,4%).182 Es fällt auf, dass der prozessöko- 181 Die Berechnung des approximierten mittleren Strafnachlasses ergibt (bei Zugrundelegen eines Mittelwertes von 1/10 für „weniger als ⅕“ und von ¾ für „mehr als ½“) für die drei Berufsgruppen (jeweils ohne Einbeziehung derjenigen, die „weiß nicht“ angaben) vergleichbare Werte um ¼ bzw. 25% (R: 24,7%, StA: 24,4%, FA: 27,7%). Die Online-Befragung in Modul 4 ergab einen niedrigeren approximierten mittleren Strafnachlass von 20,8% (R: 19,1%, StA: 21,1%, StV: 22,5%). Der Unterschied kann darauf beruhen, dass dort zum einen nur nach Verständigungen (hier: Absprachen) und generell nach einer Strafmilderung nach einer Verständigung (hier: nach absprachegemäßem Geständnis) gefragt wurde und zum anderen dort ein größerer Anteil der Befragten, insbesondere der Richter, keine Angaben machen konnte; s. oben Modul 4, Abbildung E.3. 182 Dass es weniger die Einsicht und Reue des Angeklagten ist als die Abkürzung der Beweisaufnahme, zeigt sich daran, dass 28,4% der Richter erklärten, dass eine Absprache für sie von vornherein nicht in Betracht kommt, wenn auch ohne Geständnis eine eindeutige Beweislage besteht. Ginge es um die Einsicht und Reue des Angeklagten, würde ihm die 401 III. Ergebnisse nomische Aspekt neben dem Opferschutz zugleich einer der Hauptgründe der Richter dafür ist, überhaupt eine Absprache einzugehen.183 Tabelle F.109 Und was ist für Sie der Grund für die strafmildernde Wirkung eines Geständnisses bei einer Absprache? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Verfahrensbeschleunigung durch eine verkürzte oder entfallende Beweisaufnahme 115 96,6% 30,1% 105 92,1% 32,8% die verminderte Schuld des Angeklagten aufgrund seiner Reue bzw. Einsicht 90 75,6% 23,6% 77 67,5% 24,1% dem Opfer werden weitere Aussagen vor Gericht erspart 113 95,0% 29,6% 87 76,3% 27,2% der Rechtsfriede 64 53,8% 16,8% 51 44,7% 15,9% Gesamt 119 321,0% 100,0% 114 280,7% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, R: N = 257; StA: N = 132; FA=140 Die Antworten der Staatsanwälte entsprechen denen der Richter. Allerdings veranschlagen sie die Bedeutung der verminderten Schuld des Angeklagten geringer (75,6%). Noch geringere Relevanz kommt ihr nach Einschätzung der Fachanwälte zu (67,5%), die auch dem Opferschutz keine so hohe Bedeutung beimessen (76,3%).184 Da der Opferschutz nicht in allen Verfahren von großer Bedeutung ist – insbesondere nicht bei den Vermögens-, Eigentums- und BtM-Delikten, bei denen es am häufigsten zu Absprachen kommt185 – ist es vor allem die von allen Berufsgruppen zumeist genannte Abkürzung der Beweisaufnahme und des Verfahrens, die mit der Strafmilderung honoriert wird. 5. Strafmaß a) Angemessenheit des Strafmaßes Da für ein absprachebasiertes Geständnis üblicherweise ein Strafrabatt gewährt wird, stellt sich die Frage, ob sich die Richter und Staatsanwälte bei Möglichkeit einer Absprache über einen Strafrabatt bei einem Geständnis möglicherweise eingeräumt. 183 S. oben Tabelle F.20. 184 Staatsanwälte geben den Opferschutz signifikant häufiger an als Fachanwälte, χ²(2) = 20.07, p = .00004. Alle anderen Gründe unterscheiden sich nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, alle p > .00019. 185 S. oben Tabelle F.25 ff. und Tabelle F.37. 402 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) einer Absprache manchmal auf ein Strafmaß einlassen, dass ihrer Einschätzung nach zu milde bzw. niedrig ist. Tabelle F.110 Haben Sie sich schon einmal in einer Situation befunden, in der Sie eine mögliche Strafhöhe vorgeschlagen haben, die Sie gemessen am Tatvorwurf für zu milde/zu niedrig gehalten haben? (Richter/StA) Richter Staatsanwälte n Prozent n Prozent ja 46 17,9% 46 34,8% nein 209 81,3% 85 64,4% weiß nicht 2 0,8% 1 0,8% Gesamt 257 100,0% 132 100,0% R: N = 257 n = 257 F = 0; StA: N = 132 n = 132 F = 0 Immerhin 17,9% der Richter gaben an, schon einmal eine zu milde Strafe vorgeschlagen zu haben. Das ist angesichts dessen, dass § 257c StPO kein Abweichen von den allgemeinen Regeln des Strafzumessungsrechts erlaubt, bemerkenswert. Ebenso beachtlich ist, dass 34,8% der Staatsanwälte erklärten, sich schon einmal auf ein zu niedriges Strafmaß geeinigt zu haben. Selbst wenn man unterstellt, dass Vertreter der Anklagebehörde das angemessene Strafmaß tendenziell höher veranschlagen, bestätigt dies doch zumindest die Angaben der Richter. Die gegenteilige Erfahrung haben die Fachanwälte gemacht, denen die entgegengesetzte Frage vorgelegt wurde. Tabelle F.111 Haben Sie sich schon einmal in einer Situation befunden, bei der Sie sich bei einer Absprache auf eine mögliche Strafhöhe eingelassen haben, die Sie gemessen am Tatvorwurf für zu hoch gehalten haben? (FA) Fachanwälte n Prozent ja 54 38,6% nein 86 61,4% Gesamt 140 100,0% FA: N = 140 n = 140 F = 0 38,6% der Fachanwälte bejahten, dass sie sich schon einmal auf eine ihrer Ansicht nach zu hohe Strafe eingelassen haben.186 Staatsanwälte und Fachanwälte haben also in ungefähr demselben Maß den Eindruck, Absprachen gegen „ihre“ Interessen getroffen zu haben. 186 Dass 38,6% der Fachanwälte über solche Fälle berichten, steht nicht in Widerspruch dazu, dass nach Einschätzung von 88,5% der Fachanwälte die Strafe nach einer Absprache eher milder ist als nach streitiger Verhandlung (s. unten Tabelle F.116). 403 III. Ergebnisse Im Anschluss wurden diejenigen, die einer Absprache schon einmal zugestimmt haben, obwohl das Strafmaß nicht ihren Vorstellungen entsprach, zu ihren Gründen für die Zustimmung befragt. Tabelle F.112 Aus welchem Grund bzw. aus welchen Gründen haben Sie sich auf die von Ihnen als zu mild empfundene Strafe trotzdem eingelassen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) dem Opfer werden weitere Aussagen vor Gericht erspart 24 92,3% 26,4% 15 75,0% 27,8% 39 84,8% 26,9% die sonstige Beweisaufnahme wird (teilweise) entbehrlich gemacht 21 80,8% 23,1% 13 65,0% 24,1% 34 73,9% 23,4% Verfahrensbeschleunigung im Allgemeinen 19 73,1% 20,9% 12 60,0% 22,2% 31 67,4% 21,4% schwierige Sach- und Rechtslage 19 73,1% 20,9% 7 35,0% 13,0% 26 56,5% 17,9% drohende Konfliktverteidigung 6 23,1% 6,6% 4 20,0% 7,4% 10 21,7% 6,9% sonstige 2 7,7% 2,2% 3 15,0% 5,6% 5 10,9% 3,4% Gesamt 26 350,0% 100,0% 20 270,0% 100,0% 46 315,2% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Der am häufigsten genannte Grund für eine zu milde Strafe ist der Opferschutz (R: 84,8%), gefolgt von der Entbehrlichkeit einer weiteren Beweisaufnahme (R: 73,9%) und der Verfahrensbeschleunigung im Allgemeinen (R: 67,4%).187 Es sind also die gleichen Gründe, welche die Richter in erster Linie für die strafmildernde Wirkung des Geständnisses188 und für ihre Bereitschaft zu einer Absprache189 nennen, die sie auch zur Vereinbarung und Verhängung einer zu milden Strafe veranlassen. Auch wenn hier der Opferschutz (dort R: 89,6%) vor der Entbehrlichkeit der Beweisaufnahme (dort R: 92,9%) rangiert, zeigt dies doch, wie weit manche Richter gehen, um eine Abkürzung oder Vereinfachung des Verfahrens zu erreichen. Das gilt vor allem für Richter am Amtsgericht, deren Werte im Vergleich zu denen der Richter am Landgerichte jeweils deutlich höher liegen, insbesondere auch der Wert für den weiteren Grund einer schwierigen Sach- und Rechtslage (AG: 73,1%, LG: 35,0%). 187 Drei Richter gaben zudem unter „sonstige“ an, dass die Forderung einer niedrigeren Strafe durch den StA der Grund hierfür war. 188 S. oben Tabelle F.108. 189 S. oben Tabelle F.20. 404 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Für die Staatsanwälte sind alle genannten Gründe ungefähr gleich relevant: Tabelle F.113 Aus welchem Grund bzw. aus welchen Gründen haben Sie sich auf die von Ihnen als zu niedrig empfundene Strafe trotzdem eingelassen? (StA) Staatsanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) dem Opfer werden weitere Aussagen vor Gericht erspart 36 78,3% 25,0% die sonstige Beweisaufnahme wird (teilweise) entbehrlich gemacht 36 78,3% 25,0% Verfahrensbeschleunigung im Allgemeinen 33 71,7% 22,9% schwierige Sach- und Rechtslage 35 76,1% 24,3% Sonstige 4 8,7% 2,8% Gesamt 46 313,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132 Hingegen stufen die Fachanwälte diese Gründe, insbesondere den Opferschutz (13%), vergleichsweise gering ein. Noch am höchsten veranschlagen sie die Abkürzung der Beweisaufnahme (50%). Tabelle F.114 Aus welchem Grund bzw. aus welchen Gründen haben Sie sich auf die von Ihnen als zu hoch empfundene Strafe trotzdem eingelassen? (FA) Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) dem Opfer werden weitere Aussagen vor Gericht erspart 7 13,0% 3,4% die sonstige Beweisaufnahme wird (teilweise) entbehrlich gemacht 27 50,0% 13,0% Verfahrensbeschleunigung im Allgemeinen 17 31,5% 8,2% schwierige Sach- und Rechtslage 16 29,6% 7,7% bei streitiger Verhandlung wäre eine noch höhere Strafe zu befürchten gewesen 49 90,7% 23,7% kein Vertrauen in die höhere Instanz 36 66,7% 17,4% fühlte mich vom Vorsitzenden dazu genötigt 9 16,7% 4,3% der Angeklagte wollte das 43 79,6% 20,8% Sonstige 3 5,6% 1,4% Gesamt 54 383,3% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, FA: N = 140 Für die Fachanwälte sind es vor allem die Befürchtung, dass es ohne die Absprache zu einer noch höheren Strafe kommen wird (90,7%), und die Einschätzung, dass den Angeklagten auch in der nächsten Instanz kein besseres Ergebnis erwartet (66,7%), die sie dazu veranlassen, einer von ihnen als zu hoch empfundenen Strafe zuzustimmen. 79,6% gaben zudem an, dass sie so verfuhren, weil ihr Mandant das so wollte. Es kann allerdings sein, dass sich darin nur die beiden vorgenannten Gründe widerspiegeln, weil der Verteidiger regelmäßig seinen Mandanten vor der Zustimmung zu einer 405 III. Ergebnisse Absprache beraten und dabei seine Einschätzung des Verfahrensverlaufs bei einer Ablehnung der Absprache darlegen wird. An den Antworten der Richter und Staatsanwälte einerseits und der Fachanwälte andererseits zeigt sich das Dilemma eines „Vertrags“, bei dessen Abschluss jede Seite angesichts der befürchteten Folgen beim ungewissen Fortgang der streitigen Hauptverhandlung versucht, das aus ihrer Sicht schlimmere Übel – für Richter und Staatsanwälte der Arbeitsund Zeitaufwand, für Verteidiger und Angeklagte die noch höhere Strafe – zu vermeiden, indem sie stattdessen eine zu milde oder zu hohe Strafe akzeptiert und das Schuldprinzip hintanstellt. Ebenso wie mancher Richter dabei unter dem Eindruck einer ansonsten drohenden Konfliktverteidigung handelt (R: 21,7%), fühlen sich umgekehrt einige Fachanwälte (16,7%) vom Vorsitzenden genötigt. b) Akzeptanz des absprachebasierten Urteils bei den Angeklagten Da eine Absprache nur mit der Zustimmung des Angeklagten zustande kommt (vgl. § 257c Abs. 3 S. 4 StPO), liegt die Vermutung nahe, dass ein auf ihr beruhendes Urteil vom Angeklagten eher akzeptiert wird als ein Urteil nach streitiger Verhandlung. Hierzu wurden die Fachanwälte befragt. Tabelle F.115 Akzeptieren Ihre Mandanten – Ihrer Einschätzung nach – Urteile, die auf einer Absprache beruhen, generell eher als solche Urteile, die nach streitiger Verhandlung ergehen? (FA) Fachanwälte n Prozent Ja 87 62,1% Nein 46 32,9% weiß nicht 7 5,0% Gesamt 140 100,0% FA: N = 140 n = 140 F = 0 62,1% der Fachanwälte bejahten, dass ein absprachebasiertes Urteil von ihren Mandanten besser aufgenommen wird als ein streitiges. 406 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.116 Und woran liegt das Ihrer Meinung nach? (FA) Anzahl Prozent Prozent (1) das Urteil ist in der Regel milder als nach einer streitigen Verhandlung 77 88,5% 35,8% der Angeklagte fühlt sich vom Gericht als Person ernster genommen 44 50,6% 20,5% der Angeklagte kann den Prozessablauf eher nachvollziehen 52 59,8% 24,2% der Angeklagte erkennt nach seinem Geständnis seine Schuld eher an 34 39,1% 15,8% Sonstige 8 9,2% 3,7% Gesamt 87 247,1% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 140 Erwartungsgemäß wird ein milderes Urteil vom Angeklagten eher akzeptiert (88,5%). Nur 39,1% der Fachanwälte meinten, dass der Angeklagte seine Schuld eher anerkennt. Das ist bemerkenswert, weil 84,4% der Richter erklärten, das Geständnis – sei es ausführlich oder formal, vom Angeklagten oder Verteidiger erklärt – aufgrund der Reue bzw. Einsicht des Angeklagten strafmildernd zu berücksichtigen.190 c) Mitteilung der Strafmaßvorstellung des Gerichts Wenn sich das Gericht zum Strafmaß äußert, dann darf es kein genaues Strafmaß (sog. Punktstrafe) nennen, sondern muss eine Ober- und Untergrenze angeben (§ 257c Abs. 3 S. 2 StPO). Tabelle F.117 Wenn Sie dem Angeklagten bzw. seinem Verteidiger Ihre Strafmaßvorstellung genannt haben, in welcher Form haben Sie dies schon einmal gemacht? In Form... (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) eines Strafrahmens 118 92,2% 57,3% 125 96,9% 74,0% 243 94,6% 64,8% nur einer Strafobergrenze 56 43,8% 27,2% 33 25,6% 19,5% 89 34,6% 23,7% eines bestimmten Strafmaßes 27 21,1% 13,1% 9 7,0% 5,3% 36 14,0% 9,6% Sonstige 5 3,9% 2,4% 2 1,6% 1,2% 7 2,7% 1,9% Gesamt 128 160,9% 100,0% 129 131,0% 100,0% 257 145,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 14% der Richter gaben an, schon einmal eine Punktstrafe genannt, und 34,6%, nur eine Strafobergrenze mitgeteilt zu haben. Beides geschah am 190 S. oben Tabelle F.108. 407 III. Ergebnisse Amtsgericht öfter als am Landgericht (AG: 21,2% bzw. 43,8%, LG: 7% bzw. 25,6%).191 Tabelle F.118 Wenn das Gericht dem Angeklagten bzw. seinem Verteidiger seine Strafmaßvorstellung genannt hat, in welcher Form hat es dies schon einmal gemacht? In Form... (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) eines Strafrahmens 129 97,7% 56,6% 129 92,1% 43,1% nur einer Strafobergrenze 68 51,5% 29,8% 100 71,4% 33,4% eines bestimmten Strafmaßes 31 23,5% 13,6% 70 50,0% 23,4% Gesamt 132 172,7% 100,0% 140 213,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die beiden anderen Berufsgruppen bestätigen die Antworten der Richter insoweit, als Punktstrafen seltener genannt werden als Strafobergrenzen.192 Allerdings sind die Werte deutlich höher: Die Nennung einer Punktstrafe haben schon 23,5% der Staatsanwälte und 50% der Fachanwälte erlebt, die einer Strafobergrenze 51,5% und 71,4%.193 Von Interesse ist nun, wie sich bei der Nennung eines Strafrahmens oder einer Strafobergrenze im Vergleich dazu das im Urteil verhängte Strafmaß verhält. Tabelle F.119 Hat dann überhaupt schon einmal die später im Urteil verhängte Strafe mit der Strafuntergrenze bzw. mit der Strafobergrenze des genannten Strafrahmens übereingestimmt, ... oder lag sie zwischen diesen beiden Grenzen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt 81 66,4% 28,8% 92 73,0% 32,2% 173 69,8% 30,5% hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt 86 70,5% 30,6% 70 55,6% 24,5% 156 62,9% 27,5% die Strafe lag zwischen Strafunter- und Strafobergrenze 114 93,4% 40,6% 124 98,4% 43,4% 238 96,0% 42,0% Gesamt 122 230,3% 100,0% 126 227,0% 100,0% 248 228,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht für „hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt“, χ²(1) = 0.88, p = .348, „hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt“, χ²(1) = 6.65, p = .010, und für „hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt“, χ²(1) = 1.61, p = .204. 191 Unter „sonstige“ erklärten zwei Richter, nur eine Strafmaßuntergrenze genannt zu haben, und drei, dass das Gericht kein Strafmaß nenne, sondern allenfalls die StA. 192 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant für die Nennung der Strafmaßvorstellung in Form „eines Strafrahmens“, χ²(2) = 4.25, p = .120. 193 Die Richter nannten „nur einer Obergrenze“, χ²(2) = 49.73, p < .00001, und „bestimmtes Strafmaß“, χ²(2) = 61.71, p < .00001, signifikant seltener als die Fach- und Staatsanwälte. 408 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Fast alle Richter (96%) haben schon eine Strafe ausgesprochen, die zwischen der zuvor genannten Strafober- und -untergrenze lag. Bei den meisten Richtern stimmte die Strafe aber auch schon einmal mit der zuvor genannten Strafober- (AG: 70,5%, LG: 55,6%) oder -untergrenze (AG: 66,4%, LG: 73%) überein.194 Tabelle F.120 Hat dann überhaupt schon einmal die später im Urteil verhängte Strafe mit der Strafuntergrenze bzw. mit der Strafobergrenze des genannten Strafrahmens übereingestimmt, ... oder lag sie zwischen diesen beiden Grenzen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt 96 73,8% 32,2% 100 73,5% 30,7% hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt 76 58,5% 25,5% 93 68,4% 28,5% die Strafe lag zwischen Strafunter- und Strafobergrenze 126 96,9% 42,3% 133 97,8% 40,8% Gesamt 130 229,2% 100,0% 136 239,7% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die Staats- und Fachanwälte bestätigen diese Aussagen.195 Tabelle F.121 Und was davon ist bei Ihnen typisch gewesen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt 13 10,7% 15 11,7% 28 11,2% hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt 15 12,3% 11 8,6% 26 10,4% die Strafe lag zwischen Strafunter- und Strafobergrenze 88 72,1% 84 65,6% 172 68,8% weiß nicht 6 4,9% 18 14,1% 24 9,6% Gesamt 122 100,0% 128 100,0% 250 100,0% AG: N = 128 n = 122 F = 6; LG: N = 129 n = 128 F = 1 Zwar bezeichneten 68,8% der Richter es als typisch, dass die verhängte Strafe zwischen der zuvor genannten Strafober- und -untergrenze liegt. Aber 21,6% erklärten, dass sie typischerweise der zugesagten Strafober- oder -untergrenze entspricht. 194 Bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in 5 von 34 Verfahren mit einer Absprache eine Punktstrafe vereinbart wurde und in fünf weiteren nur eine Strafobergrenze, die dann auch ausgeurteilt wurde; s. oben Modul 3, D. II.2.f). 195 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant für „hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt“, χ²(2) = 0.87, p = .649, „hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt“, χ²(2) = 2.53, p = .282, und für „die Strafe lag zwischen Strafunter- und Strafobergrenze“ χ²(2) = 0.38, p = .827. 409 III. Ergebnisse Tabelle F.122 Und was davon ist typisch gewesen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent hat mit der Strafuntergrenze übereingestimmt 23 17,7% 17 12,4% hat mit der Strafobergrenze übereingestimmt 12 9,2% 21 15,3% die Strafe lag zwischen Strafunter- und Strafobergrenze 89 68,5% 91 66,4% weiß nicht 6 4,6% 8 5,8% Gesamt 130 100,0% 137 100,0% StA: N = 132 n = 130 F = 2; FA: N = 140 n = 137 F = 3 Diese Wahrnehmung haben im Wesentlichen auch die Staats- und Fachanwälte (68,5% bzw. 66,4%), von denen allerdings 26,9% bzw. 27,7% aussagen, dass das verhängte Strafmaß typischerweise der Ober- oder Untergrenze entspricht.196 Insgesamt ergibt sich, dass 14% der Richter, aber 23,5% der Staatsanwälte und 50% der Fachanwälte schon einmal eine Punktstrafe genannt bzw. dies erlebt haben. Noch höher liegen die Zahlen zur Nennung lediglich einer Strafobergrenze (R: 34,6%, StA: 51,5%, FA: 71,4%). Aber auch dann, wenn wie zumeist ein Strafrahmen genannt wird, ist es nach Einschätzung eines jeden fünften Richters (21,6%) und eines jeden vierten Staats- und Fachanwalts (StA: 26,9%, FA: 27,7%) typisch, dass es sich dabei um eine verkappte Punktstrafe handelt.197 d) Sanktionsschere Als Sanktionsschere wird der Fall bezeichnet, dass dem Angeklagten neben dem (ungefähr) zu erwartenden Strafmaß für den Fall einer Absprache ein zweites (alternatives) Strafmaß für den Fall einer streitigen Hauptverhandlung genannt wird. Dadurch darf kein die Selbstbelastungsfreiheit beeinträchtigender Druck auf den Angeklagten ausgeübt werden. Unzulässig ist daher eine „vor dem Gebot schuldangemessenen Strafens nicht zu rechtfertigende Spannweite zwischen der zugesagten Strafobergrenze für den Fall einer Verständigung auf der einen Seite und der für den Fall einer Verurteilung in einer nach herkömmlicher Verfahrensweise geführten Hauptverhandlung im Raum stehenden Straferwartung auf der anderen Seite“.198 196 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant, χ²(8) = 10.83, p = .212. 197 Vergleichbare Ergebnisse bei Modul 4, Abbildung E.4. 198 BVerfGE 133, 168 (240 Rn. 130). 410 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Zunächst wurden die Richter gefragt, wie häufig sie die beiden Strafen gegenüberstellen. Tabelle F.123 Wie häufig haben Sie dem Angeklagten oder seinem Verteidiger neben der Strafobergrenze bzw. dem bestimmten Strafmaß für den Fall einer Kooperation eine zweite Strafe für den Fall einer streitigen Hauptverhandlung genannt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent sehr häufig 1 0,8% 4 3,1% 5 1,9% Häufig 10 7,8% 5 3,9% 15 5,8% Teilweise 18 14,1% 9 7,0% 27 10,5% Selten 21 16,4% 19 14,7% 40 15,6% Nie 78 60,9% 92 71,3% 170 66,1% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 7.72, p = .103. 39,1% der Richter am Amtsgericht und 28,7% der Richter am Landgericht haben die die Sanktionsschere schon einmal geöffnet.199 7,8% der befragten Richter gaben an, dies „häufig“ oder „sehr häufig“ zu tun. Tabelle F.124 Wie häufig hat das Gericht dem Angeklagten oder dem Verteidiger/Ihnen neben der Strafobergrenze bzw. dem bestimmten Strafmaß für den Fall einer Kooperation eine zweite Strafe für den Fall einer streitigen Hauptverhandlung genannt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent sehr häufig 2 1,5% 6 4,3% Häufig 10 7,6% 27 19,3% Teilweise 19 14,4% 39 27,9% Selten 38 28,8% 38 27,1% Nie 63 47,7% 30 21,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Die Antworten der Staats- und Fachanwälte fallen deutlich anders aus. So haben 52,3% der Staatsanwälte und 78,6% der Fachanwälte schon einmal erlebt, dass der Richter dem Angeklagten beide Strafmaße nannte. Laut 9,1% der Staatsanwälte und 23,6% der Fachanwälte ist die Sanktionsschere sogar „häufig“ oder „sehr häufig“.200 199 Entsprechende Werte bei Modul 4, Abbildung E.2. Es ist auch deshalb erklärlich, dass bei der Aktenauswertung in keinem der 34 Verfahren mit einer Absprache festgestellt werden konnte, dass die Sanktionsschere genannt worden war; s. oben Modul 3, Tabelle D.24. 200 Die Fachanwälte geben die Sanktionsschere signifikant häufiger an als die Richter,χ²(8) = 83.44, p < .00001. Einen deutlichen Unterschied verzeichnet auch Modul 4, Abbildung E.2. 411 III. Ergebnisse Im Folgenden wurde gefragt, wie weit die Sanktionsschere geöffnet wird, d.h. wie groß die Differenz zwischen den beiden genannten Strafmaßen ist. Entspricht sie dem üblichen Strafrabatt für ein Geständnis oder geht sie darüber hinaus? Im zweiten Fall liegt die Vermutung nahe, dass auf den Angeklagten unzulässiger Druck ausgeübt wird. Tabelle F.125 Wie groß ist der Strafmaßunterschied im Durchschnitt gewesen, wenn Sie/das Gericht dem Angeklagten Alternativen im Strafmaß genannt haben/hat? Richter Staatsanwälte Fachanwälte N Prozent n Prozent n Prozent weniger als 1/5 2 2,3% 1 1,4% 1 0,9% 1/5 10 11,5% 3 4,3% 10 9,1% 1/4 37 42,5% 26 37,7% 19 17,3% 1/3 24 27,6% 29 42,0% 51 46,4% 1/2 3 3,4% 1 1,4% 12 10,9% mehr als 1/2 0 0,0% 0 0,0% 2 1,8% weiß nicht 11 12,6% 9 13,0% 15 13,6% Gesamt 87 100,0% 69 100,0% 110 100,0% R: N = 257 n = 87 F = 170; StA: N = 132 n = 69 F = 63; FA: N = 140 n = 110 F = 30. Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant, χ²(8) = 28.60, p = .0004 (Antwortkategorien „weniger als 1/5“ und „1/5“, sowie „1/2“ und „mehr als 1/2“ zusammengefasst). Es zeigt sich eine Parallele zwischen der Sanktionsschere und dem von den Richtern für ein Geständnis gewährten Strafrabatt.201 Die meisten Richter (42,5%) gaben an, dass die durchschnittliche Differenz ¼ beträgt, was auch die meisten Richter (35%) als typische Milderung beim Geständnis bezeichneten. An zweiter und dritter Stelle folgen Differenzen von ⅓ (27,6%, Geständnis: 21,4%) und ⅕ (11,5%; Geständnis: 20,6%). Zugleich zeichnet sich aber eine Tendenz zu größeren Differenzen ab: ¼ und ⅓ wurden hier häufiger genannt, ⅕ hingegen seltener. Noch deutlicher tritt dies in den Antworten der Staats- und Fachanwälte hervor, die am häufigsten eine Differenz von ⅓ nannten (StA: 42%, FA: 46,4%). Ein Unterschied von ¼ ist nur für 37,7% der Staatsanwälte und sogar nur 17,3% der Fachanwälte üblich. Die übereinstimmenden Angaben von Staats- und Fachanwälten sprechen sehr dafür, dass die Differenz zwischen den Strafmaßen einer Sanktionsschere oft höher ist als die typische Strafmilderung für ein Geständnis. Das ist mit Blick auf die Selbstbelastungsfreiheit höchst bedenklich, zumal die Sanktionsschere nach Erfahrung der Richter unabhängig davon, wie weit sie geöffnet wird, meist zu einer Änderung im Verhalten des Angeklagten führt: 201 S. oben Tabelle F.107. 412 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.126 Und welche Wirkung hat die Nennung von Alternativen im Strafmaß Ihrer Einschätzung nach bei dem Angeklagten schon hervorgerufen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) gar keine Wirkung 17 36,2% 14,5% 13 35,1% 15,9% 30 35,7% 15,1% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor bestritten 43 91,5% 36,8% 30 81,1% 36,6% 73 86,9% 36,7% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor keine Einlassung 44 93,6% 37,6% 32 86,5% 39,0% 76 90,5% 38,2% Konfliktverteidigung 13 27,7% 11,1% 7 18,9% 8,5% 20 23,8% 10,1% Gesamt 47 248,9% 100,0% 37 221,6% 100,0% 84 236,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 86,9% bzw. 90,5% der Richter berichteten, dass der Angeklagte nach der Öffnung der Sanktionsschere ein Schuldeingeständnis abgab, obwohl er die Tat zuvor bestritten oder keine Einlassung gemacht hatte.202 Das entspricht auch der Erfahrung der Staats- und Fachanwälte: Tabelle F.127 Und welche Wirkung hat die Nennung von Alternativen im Strafmaß Ihrer Einschätzung nach bei dem Angeklagten schon hervorgerufen? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) gar keine Wirkung 21 31,8% 12,8% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor bestritten 55 83,3% 33,5% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor keine Einlassung 59 89,4% 36,0% Konfliktverteidigung 29 43,9% 17,7% Gesamt 66 248,5% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 202 Viele Richter sehen die Sanktionsschere kritisch. Von denen, die sie nach eigenem Bekunden nie öffnen (AG: 78, LG: 92; s. oben Tabelle F.123) erklärten 87 (AG: 43, LG: 44), sie sähen darin einen Verstoß gegen § 136a StPO. Es überwiegt aber eine pragmatische Sichtweise: 135 sagten (zugleich), man wisse nicht, was im Verlauf der Verhandlung noch passieren werde (AG: 62, LG: 73), und 27 bekundeten, das Öffnen der Sanktionsschere der Staatsanwaltschaft zu überlassen (AG: 12, LG: 15). Unter den 28 Richtern, die unter „sonstige“ Angaben machten, wiesen zwei auf das Urteil des BVerfG hin. 413 III. Ergebnisse Tabelle F.128 Und welche Wirkung hat die Nennung von Alternativen im Strafmaß Ihrer Einschätzung nach bei dem Angeklagten schon hervorgerufen? (FA) Anzahl Prozent Prozent (1) gar keine Wirkung 24 21,8% 8,5% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor bestritten 86 78,2% 30,6% Schuldeingeständnis, obwohl zuvor keine Einlassung 93 84,5% 33,1% Konfliktverteidigung 73 66,4% 26,0% sonstige 5 4,5% 1,8% Gesamt 110 255,5% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 140 81,8% der Fachanwälten bekundeten zudem, schon einmal erlebt zu haben, dass das durch die Sanktionsschere ausgelöste Geständnis falsch gewesen sei.203 204 6. Belehrungspflichten a) Belehrung gem. § 257c Abs. 5 StPO Das Gericht muss den Angeklagten darüber belehren, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Folgen es von dem in der Absprache in Aussicht gestellten Ergebnis abweichen darf (§ 257c Abs. 5 StPO). Zunächst wurde ermittelt, ob diese Belehrung immer erfolgt. Tabelle F.129 Wenn Sie selbst einen Vorschlag für eine Absprache gemacht oder einem solchen Vorschlag zugestimmt haben, wie häufig belehren Sie dann den Angeklagten darüber, dass sich das Gericht unter bestimmten Voraussetzungen auch wieder von einer Absprache lösen kann? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 98 76,6% 120 93,0% 218 84,8% häufig 5 3,9% 4 3,1% 9 3,5% teilweise 5 3,9% 1 0,8% 6 2,3% selten 13 10,2% 1 0,8% 14 5,4% nie 7 5,5% 1 0,8% 8 3,1% weiß nicht 0 0,0% 2 1,6% 2 0,8% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 203 S. oben Tabelle F.93. 204 Die Fachanwälte nannten „Konfliktverteidigung“ signifikant häufiger als die Richter, χ²(2) = 37.37, p < .00001. Alle anderen Wirkungen unterscheiden sich nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, „gar keine Wirkung“, χ²(2) = 4.08, p = .130, „Schuldeingeständnis, obwohl zuvor bestritten“, χ²(2) = 1.05, p = .593, „Schuldeingeständnis, obwohl zuvor keine Einlassung“, χ²(2) = 0.32, p = .854, und „sonstige“, χ²(2) = 0.21, p = .901. 414 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) 93% der Richter am Landgericht, aber nur 76,6% der Richter am Amtsgericht belehren den Angeklagten eigenen Angaben zufolge „immer“ nach § 257c Abs. 5 StPO. 15,6% der Richter am Amtsgericht gaben an, dies „selten“ oder „nie“ zu tun. Tabelle F.130 Wenn das Gericht einen Vorschlag für eine Absprache gemacht oder einem solchen Vorschlag zugestimmt hat, wie häufig belehrt das Gericht dann den Angeklagten darüber, dass es sich unter bestimmten Voraussetzungen auch wieder von einer Absprache lösen kann? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 104 78,8% 88 62,9% häufig 16 12,1% 25 17,9% teilweise 6 4,5% 16 11,4% selten 6 4,5% 7 5,0% nie 0 0,0% 4 2,9% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Von den Staatsanwälten gaben 78,8% an, dass die Belehrung „immer“ erfolge; bei den Fachanwälten sind es nur 62,9%. Weitergehend wurde danach gefragt, zu welchem Zeitpunkt die Belehrung gem. § 257c Abs. 5 StPO erfolgt. Aus dem Recht des Angeklagten auf ein faires Verfahren und seiner Selbstbelastungsfreiheit folgt, dass das Gericht ihn vor Erteilung seiner Zustimmung (und damit auch vor Ablegung des Geständnisses) belehren muss.205 Tabelle F.131 Wann belehren Sie den Angeklagten über die Voraussetzungen und Folgen einer Abweichung von dem in Aussicht gestellten Ergebnis? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent bei der Unterbreitung des Vorschlags gegenüber dem Angeklagten 30 24,8% 41 32,5% 71 28,7% vor der Zustimmung des Angeklagten zum Vorschlag 59 48,8% 73 57,9% 132 53,4% nach der Zustimmung des Angeklagten 22 18,2% 10 7,9% 32 13,0% nach dem Geständnis 4 3,3% 0 0,0% 4 1,6% später, und zwar: 3 2,5% 0 0,0% 3 1,2% weiß nicht 3 2,5% 2 1,6% 5 2,0% Gesamt 121 100,0% 126 100,0% 247 100,0% AG: N = 128 n = 121 F = 7; LG: N = 129 n = 126 F = 3 205 BVerfGE 133, 168 (237 Rn. 125); NJW 2014, 3506 (3507 Rn. 14); BGH, NStZ 2015, 358 (359); 2019, 169. 415 III. Ergebnisse Am häufigsten erfolgt die Belehrung vor der Zustimmung des Angeklagten (53,4%) oder schon bei der Unterbreitung des Vorschlags gegenüber dem Angeklagten (28,7%). 15,8% der Richter belehren den Angeklagten hingegen erst nach seiner Zustimmung oder noch später. Am Amtsgericht verfährt fast jeder vierte Richter so (24%). Tabelle F.132 Wann wird der Angeklagte vom Gericht über die Voraussetzungen und Folgen einer Abweichung von dem in Aussicht gestellten Ergebnis belehrt? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht bei der Unterbreitung des Vorschlags gegenüber dem Angeklagten n 42 20 13 17 36 4 Prozent 31,8% 15,2% 9,8% 12,9% 27,3% 3,0% vor der Zustimmung des Angeklagten zum Vorschlag n 60 27 10 8 23 4 Prozent 45,5% 20,5% 7,6% 6,1% 17,4% 3,0% nach der Zustimmung des Angeklagten n 14 18 9 19 66 6 Prozent 10,6% 13,6% 6,8% 14,4% 50,0% 4,5% nach dem Geständnis n 3 9 6 16 91 7 Prozent 2,3% 6,8% 4,5% 12,1% 68,9% 5,3% StA: N = 132 Die Angaben der Staatsanwälte206 weichen hiervon ab: Nach Einschätzung von 24,2% erfolgt die Belehrung „immer“ oder „häufig“ erst nach der Zustimmung des Angeklagten; laut 9,1% sogar erst nach dem Geständnis. Tabelle F.133 Wann wird der Angeklagte vom Gericht über die Voraussetzungen und Folgen einer Abweichung von dem in Aussicht gestellten Ergebnis belehrt? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht bei der Unterbreitung des Vorschlags gegenüber dem Angeklagten n 26 33 21 19 35 2 Prozent 19,1% 24,3% 15,4% 14,0% 25,7% 1,5% vor der Zustimmung des Angeklagten zum Vorschlag n 48 44 15 6 22 1 Prozent 35,3% 32,4% 11,0% 4,4% 16,2% 0,7% nach der Zustimmung des Angeklagten n 11 12 11 22 78 2 Prozent 8,1% 8,8% 8,1% 16,2% 57,4% 1,5% nach dem Geständnis n 3 8 7 24 92 2 Prozent 2,2% 5,9% 5,1% 17,6% 67,6% 1,5% FA: N = 140 16,9% der Fachanwälte teilen die Einschätzung, dass die Gerichte „immer“ oder „häufig“ erst nach der Zustimmung des Angeklagten belehren; 8,1% 206 Analog zur Frage der Richter hatten sowohl Staats- als auch Fachanwälte die Antwortkategorie „später, und zwar:“. Da zu diesen Antwortmöglichkeiten keine Angaben gemacht wurden, wurde auf die Darstellung dieser verzichtet. 416 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) sagen sogar, dies geschehe „immer“ oder „häufig“ erst nach dem Geständnis.207 Anschließend wurde gefragt, wie häufig die Belehrung protokolliert wird. Tabelle F.134 Wie häufig wird diese Belehrung protokolliert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 102 84,3% 123 97,6% 225 91,1% häufig 4 3,3% 1 0,8% 5 2,0% teilweise 7 5,8% 1 0,8% 8 3,2% selten 3 2,5% 0 0,0% 3 1,2% nie 3 2,5% 0 0,0% 3 1,2% weiß nicht 2 1,7% 1 0,8% 3 1,2% Gesamt 121 100,0% 126 100,0% 247 100,0% AG: N = 128 n = 121 F = 7; LG: N = 129 n = 126 F = 3 Insgesamt 91,1% der Richter gaben an, die Belehrung immer zu protokollieren, auch hier wieder weniger Richter am Amtsgericht als am Landgericht (AG: 84,3%, LG: 97,6%).208 14% der Richter am Amtsgericht erklärten, dies nicht „immer“ zu tun. Tabelle F.135 Wie häufig wird diese Belehrung protokolliert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 97 73,5% 78 57,4% häufig 16 12,1% 20 14,7% teilweise 0 0,0% 8 5,9% selten 1 0,8% 6 4,4% nie 0 0,0% 0 0,0% weiß nicht 18 13,6% 24 17,6% Gesamt 132 100,0% 136 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 136 F = 4 Bei den Staatsanwälten sind es nur 73,5%, die erklärten, die Protokollierung der Belehrung erfolge „immer“, bei den Fachanwälten sogar nur 57,4%. Zu beachten ist allerdings, dass die Staats- und Fachanwälte eine Protokollierung nicht immer mitbekommen müssen. Allerdings mag dies den Befrag- 207 Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant für alle Zeitpunkte: „bei der Unterbreitung des Vorschlags (…)“, χ²(5) = 9.57, p = .088, „vor der Zustimmung (…)“, χ²(5) = 8.45, p = .133, „nach der Zustimmung (…)“, χ²(5) = 4.92, p = .426, und für „nach dem Geständnis“, χ²(5) = 4.45, p = .349. 208 Bei der Aktenauswertung zeigte sich, dass in 27 von 34 Verfahren mit einer Absprache eine Protokollierung erfolgt war; s. oben Modul 3, Tabelle D.21. 417 III. Ergebnisse ten durchaus bewusst gewesen sein, denn eine nicht unerhebliche Anzahl erklärte, keine Auskunft zu dieser Frage geben zu können (StA: 13,6%, FA: 17,6%). Zum Abschluss des Fragenkomplexes zu § 257c Abs. 5 StPO wurden die Richter, die nicht immer belehren, gefragt, aus welchen Gründen sie schon einmal auf die Belehrung verzichtet haben. Tabelle F.136 Wenn Sie auf die Belehrung verzichtet haben, aus welchem Grund haben Sie schon einmal auf die Belehrung verzichtet? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) der Angeklagte hat darauf verzichtet 4 13,3% 5,8% 0 0,0% 0,0% 4 10,3% 5,1% der Angeklagte war anwaltlich vertreten 21 70,0% 30,4% 0 0,0% 0,0% 21 53,8% 26,6% es gab keine Anhaltspunkte für mögliches späteres Wegfallen der Bindung 19 63,3% 27,5% 3 33,3% 30,0% 22 56,4% 27,8% es gab keine Belehrung, weil keine Absprache nach § 257c StPO vorlag 21 70,0% 30,4% 4 44,4% 40,0% 25 64,1% 31,6% sonstige 4 13,3% 5,8% 3 33,3% 30,0% 7 17,9% 8,9% Gesamt 30 230,0% 100,0% 9 111,1% 100,0% 39 202,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Der am häufigsten genannte Grund für das Unterlassen der Belehrung nach § 257c Abs. 5 StPO liegt nahe: Es handelte sich nicht um eine Verständigung i.S.d. § 257c StPO, sondern um eine informelle Absprache. 64,1% aller Richter, die schon einmal auf die Belehrung verzichtet haben, gaben dies als Grund an. Unter den Richtern am Amtsgericht, von denen 70% dies erklärten, wurde ein weiterer Grund ebenso häufig genannt: Der Angeklagte war anwaltlich vertreten. Das ist allerdings ebenso wenig ein zulässiger Grund, die Belehrung zu unterlassen, wie das Fehlen jeglicher Anhaltspunkte für ein späteres Wegfallen der Bindung (AG: 63,3%) und der Verzicht des Angeklagten auf eine Belehrung (AG: 13,3%).209 209 Drei Richter gaben zudem unabhängig von den vorgegebenen Antworten an, die Belehrung schlicht vergessen zu haben. 418 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) b) Belehrung gem. § 35a S. 3 StPO Das Gericht muss den Angeklagten nach der Verkündung eines absprachebasierten Urteils darüber belehren, dass es ihm freisteht, ein Rechtsmittel einzulegen (§ 35a S. 3 StPO). Tabelle F.137 Belehren Sie den Angeklagten im Anschluss an die Verkündung des Urteils regelmäßig darüber, dass er in jedem Fall frei in seiner Entscheidung ist, ein Rechtsmittel einzulegen, wenn dem Urteil eine Absprache vorausgegangen ist? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 126 98,4% 126 97,7% 252 98,1% nein 2 1,6% 3 2,3% 5 1,9% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 Tabelle F.138 Wie häufig belehrt das Gericht den Angeklagten im Anschluss an die Verkündung des Urteils darüber, dass er in jedem Fall frei in seiner Entscheidung ist, ein Rechtsmittel einzulegen, wenn dem Urteil eine Absprache vorausgegangen ist? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 115 87,1% 94 67,1% häufig 13 9,8% 36 25,7% teilweise 2 1,5% 6 4,3% selten 1 0,8% 1 0,7% nie 0 0,0% 2 1,4% weiß nicht 1 0,8% 1 0,7% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Nach eigenen Angaben kommen die Richter ihrer Belehrungspflicht nach (98,1%). Dies bestätigten die Staatsanwälte (97% „immer“ oder „häufig“). Als fehleranfälliger schätzten die Fachanwälte die Richter ein (92,9% „immer“ oder „häufig“). Insgesamt deutet dies darauf hin, dass die Richter ihrer Belehrungspflicht gem. § 35a S. 3 StPO regelmäßig nachkommen. 419 III. Ergebnisse 7. Mitteilungs- und Protokollierungspflichten a) Gespräche vor oder außerhalb der Hauptverhandlung Im Folgenden geht es zunächst um die Beachtung der Mitteilungspflichten gem. § 243 Abs. 4 StPO bei vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführten Gesprächen über eine Absprache. Dabei wird zwischen erfolglosen und erfolgreichen Gesprächen unterschieden, weil im zweiten Fall an den Umfang der Mitteilung höhere Anforderungen gestellt werden (arg. ex § 273 Abs. 1a StPO). (1) Erfolglose Gespräche über eine Absprache Fast alle Interviewpartner hatten bereits an Gesprächen über eine Absprache teilgenommen, die vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführt wurden und scheiterten (R: 84,4% [AG: 86,7%, LG: 82,2%], StA: 88,7%, FA: 95,1%). Sie wurden zunächst gefragt, wie häufig in der Hauptverhandlung mitgeteilt wurde, dass ein solches Gespräch stattgefunden hatte. Tabelle F.139 Wie häufig teilen Sie dies in der Hauptverhandlung mit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 76 68,5% 98 92,5% 174 80,2% häufig 11 9,9% 5 4,7% 16 7,4% teilweise 8 7,2% 2 1,9% 10 4,6% selten 12 10,8% 1 0,9% 13 6,0% nie 4 3,6% 0 0,0% 4 1,8% weiß nicht 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0% Gesamt 111 100,0% 106 100,0% 217 100,0% AG: N = 128 n = 111 F = 17; LG: N = 129 n = 106 F = 23 19,8% der Richter, insbesondere des Amtsgerichts (AG: 31,5%), erklärten, dass sie diese Mitteilung nicht „immer“ gemacht haben. Allerdings erklärten auch nur 7,8% der Richter (AG: 14,4%), sich nur „selten“ oder gar „nie“ an ihre Mitteilungspflicht zu halten.210 210 Nur bedingt vergleichbar sind die Werte in Modul 4, Tabelle E.53, da dort bei der Frage nicht zwischen erfolglosen und erfolgreichen (s. unten Tabelle F.151) Gesprächen unterschieden und bei den Antworten keine Mittelkategorie („teilweise“) angeboten wurde. Allerdings betrifft das weniger die hier wie dort angebotenen Antwortoptionen „immer“ und „nie“. Dazu wurden in Modul 4 jeweils deutlich schlechtere Werte erzielt (57,3% „im- 420 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.140 Wie häufig teilt der Vorsitzende dies in der Hauptverhandlung mit? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 64 54,7% 51 38,3% häufig 23 19,7% 45 33,8% teilweise 13 11,1% 15 11,3% selten 11 9,4% 17 12,8% nie 4 3,4% 4 3,0% weiß nicht 2 1,7% 1 0,8% Gesamt 117 100,0% 133 100,0% StA: N = 132 n = 117 F = 15; FA: N = 140 n = 133 F = 7 Schlechter sind die Erfahrungen der anderen Berufsgruppen. 43,6% der Staatsanwälte und 60,9% der Fachanwälte erklärten, dass die Vorsitzenden ihrer Mitteilungspflicht nicht „immer“ nachkommen.211 Bemerkenswert sind die Übereinstimmungen mit den Aussagen der Richter am Amtsgericht: Von ihnen gaben 14,4% an, nur „selten“ oder „nie“ ihre Mitteilungspflicht gem. §  243 Abs.  4 StPO zu befolgen; ähnlich sahen es bezüglich aller Vorsitzenden 12,8% der Staatsanwälte und 15,8% der Fachanwälte. Ebenso behaupteten 78,4% der Richter am AG von sich, ihre Mitteilungspflicht „immer“ oder „häufig“ zu beachten, was 74,4% der Staatsanwälte und 72,2% der Fachanwälte bezüglich aller Richter bestätigten. Diejenigen, die bereits eine Mitteilung über ein vor oder außerhalb der Hauptverhandlung erfolglos geführtes Gespräch über eine Absprache gemacht oder angehört hatten, wurden nach dem Inhalt der Mitteilung befragt. mer“, 6,5% „nie“). Möglicherweise haben hier die Richter eher sozial erwünscht geantwortet. 211 Die Fachanwälte geben signifikant seltener als die Richter an, dass der Vorsitzende ein erfolgloses Gespräch über eine Absprache in der Hauptverhandlung mitteilt, χ²(8) = 68.29, p < 0.00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). 421 III. Ergebnisse Tabelle F.141 Was haben Sie in der Hauptverhandlung mitgeteilt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Gesprächsteilnehmer 98 91,6% 15,6% 104 98,1% 13,8% 202 94,8% 14,6% von wem die Initiative zum Gespräch ausging 76 71,0% 12,1% 100 94,3% 13,3% 176 82,6% 12,8% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachebereitschaft 66 61,7% 10,5% 82 77,4% 10,9% 148 69,5% 10,7% von welchem Sachverhalt die Gesprächsteilnehmer ausgingen 58 54,2% 9,2% 64 60,4% 8,5% 122 57,3% 8,8% den konkreten Absprachenvorschlag 84 78,5% 13,4% 102 96,2% 13,6% 186 87,3% 13,5% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag 74 69,2% 11,8% 99 93,4% 13,2% 173 81,2% 12,5% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab 68 63,6% 10,8% 97 91,5% 12,9% 165 77,5% 12,0% dass die Absprache gescheitert ist 104 97,2% 16,6% 104 98,1% 13,8% 208 97,7% 15,1% Gesamt 107 586,9% 100,0% 106 709,4% 100,0% 213 647,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Die Richter212 teilen nach eigenem Bekunden vor allem mit, wer am Gespräch teilnahm (R: 94,8%), dass es erfolglos war (R: 97,7%), was vorgeschlagen wurde (87,3%), von wem die Initiative ausging (82,6%) und was die anderen Gesprächsteilnehmer zu dem Vorschlag sagten (81,2%).213 Dabei liegen die Werte der Richter am Amtsgericht durchweg und zum Teil deutlich niedriger als die der Richter am Landgericht. So teilen nur 78,5% der Richter am Amtsgericht mit, was vorgeschlagen wurde, und nur 69,2%, was die anderen Beteiligten dazu erklärten. Die Staats- und Fachanwälte wurden gefragt, was die Vorsitzenden wie häufig mitteilen. 212 Nur bedingt vergleichbar sind die Werte in Modul 4, Tabelle E.56, da dort bei der Frage nicht zwischen erfolglosen und erfolgreichen (s. unten Tabelle F.153) Gesprächen unterschieden wurde. 213 Ein Richter erläuterte unter „sonstige“, dass er einen Vermerk über alle Gespräche außerhalb der HV anlege, allen Verfahrensbeteiligten aushändige und in der Hauptverhandlung verlese. 422 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.142 Was hat der Vorsitzende in der Hauptverhandlung mitgeteilt? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht die Gesprächsteilnehmer n 93 11 3 3 0 2 % 83,0% 9,8% 2,7% 2,7% 0,0% 1,8% von wem die Initiative zum Gespräch ausging n 37 32 17 17 7 2 % 33,0% 28,6% 15,2% 15,2% 6,3% 1,8% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft n 31 23 16 20 18 4 % 27,7% 20,5% 14,3% 17,9% 16,1% 3,6% von welchem Sachverhalt die Gesprächsteilnehmer ausgingen n 30 21 15 28 17 1 % 26,8% 18,8% 13,4% 25,0% 15,2% 0,9% den konkreten Absprachenvorschlag n 64 21 9 10 6 2 % 57,1% 18,8% 8,0% 8,9% 5,4% 1,8% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag n 55 24 12 12 8 1 % 49,1% 21,4% 10,7% 10,7% 7,1% 0,9% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab n 45 24 14 13 11 5 % 40,2% 21,4% 12,5% 11,6% 9,8% 4,5% dass die Absprache gescheitert ist n 98 11 0 1 1 1 % 87,5% 9,8% 0,0% 0,9% 0,9% 0,9% StA: N = 132 Tabelle F.143 Was hat der Vorsitzende in der Hauptverhandlung mitgeteilt? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht die Gesprächsteilnehmer n 81 25 8 7 6 1 % 63,3% 19,5% 6,3% 5,5% 4,7% 0,8% von wem die Initiative zum Gespräch ausging n 33 38 22 16 15 4 % 25,8% 29,7% 17,2% 12,5% 11,7% 3,1% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft n 23 24 24 30 26 1 % 18,0% 18,8% 18,8% 23,4% 20,3% 0,8% von welchem Sachverhalt die Gesprächsteilnehmer ausgingen n 21 21 27 28 28 3 % 16,4% 16,4% 21,1% 21,9% 21,9% 2,3% den konkreten Absprachenvorschlag n 38 30 23 16 19 2 % 29,7% 23,4% 18,0% 12,5% 14,8% 1,6% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag n 31 17 34 23 21 2 % 24,2% 13,3% 26,6% 18,0% 16,4% 1,6% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab n 35 21 26 18 22 6 % 27,3% 16,4% 20,3% 14,1% 17,2% 4,7% dass die Absprache gescheitert ist n 99 19 5 2 2 1 % 77,3% 14,8% 3,9% 1,6% 1,6% 0,8% FA: N = 140 Die Staats- und Fachanwälte zeichnen wiederum ein deutliches schlechteres Bild als die Richter: Nur 83% der Staats- und 63,3% der Fachanwälte 423 III. Ergebnisse gaben an, dass die Vorsitzenden „immer“ mitteilen, wer an dem Gespräch teilnahm, und nur 87,5% bzw. 77,3% sagten, dass der Vorsitzende „immer“ berichtet, dass keine Absprache zustande kam. Erst wenn man die Antwortkategorie „häufig“ hinzunimmt, stimmen zumindest die Staatsanwälte mit den Richtern überein, soweit es um die Mitteilung geht, dass das Gespräch erfolglos war (StA: 97,3% „immer“ oder „häufig“, FA: 92,2%) und wer am Gespräch teilnahm (StA: 92,9% „immer“ oder „häufig“, FA: 82,8%).214 Hinsichtlich der anderen Punkte weichen die Antworten der Staats- und erst recht der Fachanwälte trotz Hinzunahme der Kategorie „häufig“ deutlich von denen der Richter ab: Während die Staatsanwälte zumindest noch mit den Richtern am Amtsgericht ungefähr gleichauf liegen, soweit es um die Mitteilung des Absprachevorschlags (StA: 75,9% „immer“ oder „häufig“, FA: 53,1%) und der Stellungnahmen der anderen Beteiligten geht (StA: 70,5%„immer“ oder „häufig“, FA: 37,5%), sind die Werte der Fachanwälte jeweils deutlich niedriger. 14,3% der Staatsanwälte und 27,3% der Fachanwälte bekundeten sogar, dass die Vorsitzenden den Absprachenvorschlag nur „selten“ oder „nie“ mitteilen, nach 17,9% bzw. 34,4% gilt dasselbe für die Stellungnahme der anderen Beteiligten.215 Insgesamt ergibt sich, dass die Vorsitzenden die Mitteilungspflicht nicht immer und nicht immer in vollem Umfang einhalten, wobei die Defizite wohl eher beim Amtsgericht liegen. Wenn der Vorsitzende in der Hauptverhandlung mitteilt, dass vor oder außerhalb derselben ein Gespräch über eine Absprache stattfand, dann teilt er zwar zumeist mit, wer an dem Gespräch teilnahm und dass es nicht zu einer Absprache kam, aber weniger häufig, was vorgeschlagen wurde und wie die anderen Beteiligten dazu Stellung nahmen. Im Anschluss wurde gefragt, ob die Mitteilung in das Protokoll aufgenommen wurde. 214 Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant für „die Gesprächsteilnehmer“, χ²(3) = 13.65, p = .003 (Antwortkategorien „selten“ und „nie“ zusammengefasst, „weiß nicht“ ausgeschlossen), „die Gesprächsteilnehmer“, χ²(3) = 13.65, p = .003 (Antwortkategorien „selten“ und „nie“ zusammengefasst, „weiß nicht“ ausgeschlossen), „von wem die Initiative (…) ausging“, χ²(5) = 3.94, p = .558, „die Resonanz auf die Frage (…)“, χ²(5) = 7.03, p = .219, „von welchem Sachverhalt die Teilnehmer ausgingen“, χ²(5) = 7.67, p = .175, und „den weiteren Verlauf der Gespräche (…)“, χ²(5) = 8.59, p = .127. Aufgrund geringer Fallzahlen wurde die Antwortoption „dass die Absprache gescheitert ist“ nicht analysiert. 215 Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant für „den konkreten Absprachenvorschlag“, χ²(5) = 21.51, p = .00065, aber für „die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten (…)“, χ²(5) = 27.09, p = .00005. 424 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.144 Wird alles, was Sie mitgeteilt haben, protokolliert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 79 73,8% 95 89,6% 174 81,7% nein 26 24,3% 11 10,4% 37 17,4% weiß nicht 2 1,9% 0 0,0% 2 0,9% Gesamt 107 100,0% 106 100,0% 213 100,0% AG: N = 128 n = 107 F = 21; LG: N = 129 n = 106 F = 23. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(1) = 7.55, p = .006 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Zwar gaben 81,7% der Richter (AG: 73,8%, LG: 89,6%) an, dass alles, was sie mitgeteilt hatten, auch protokolliert wurde.216 Allerdings ist auffällig, dass knapp ein Viertel der Richter am Amtsgericht dies verneinten. Tabelle F.145 Wie häufig wird alles, was der Vorsitzende mitgeteilt hat, protokolliert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 70 62,5% 57 44,5% häufig 21 18,8% 33 25,8% teilweise 10 8,9% 16 12,5% selten 2 1,8% 9 7,0% nie 0 0,0% 1 0,8% weiß nicht 9 8,0% 12 9,4% Gesamt 112 100,0% 128 100,0% StA: N = 132 n = 112 F = 20; FA: N = 140 n = 128 F = 12. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(5) = 10.24, p = .069. Demgegenüber gaben nur 62,5% der Staatsanwälte und 44,5% der Fachanwälte an, dass die Mitteilung immer vollständig protokolliert wird. Obwohl auch die Werte der Staatsanwälte unter denen der Richter, insbesondere der Richter am Landgericht liegen, deutet dies nicht unbedingt darauf hin, dass in der Praxis viel seltener und weniger protokolliert wird, als die Richter angeben. Es ist auch hier217 zu bedenken, dass die Staats- und Fachanwälte möglicherweise den Umfang der Protokollierung nicht immer mitbekommen. Allerdings mögen sich die Befragten bei ihrer Antwort dessen auch bewusst gewesen sein. So antworteten 8% bzw. 9,4% mit „weiß nicht“. Schließlich wurde noch gefragt, ob ein Vorsitzender, der die vorgeschriebene Mitteilung über das vor oder außerhalb der Hauptverhandlung ge- 216 Nur bedingt vergleichbar sind die Werte in Modul 4, Tabelle E.57, da dort nicht zwischen der Protokollierung der Mitteilung nach erfolgreichen und nach erfolglosen Gesprächen unterschieden wurde. Trotzdem sind die Werte für die Richter ungefähr gleich (dort: 79,5%, hier: 81,7% bzw. 84,8%, s. unten Tabelle F.156). 217 Vgl. oben zu Tabelle F.135. 425 III. Ergebnisse führte erfolglose Gespräch unterließ, dies in der Hauptverhandlung einfach überging oder im Gegenteil ausdrücklich erklärte, es hätte kein Gespräch stattgefunden. Tabelle F.146 Wenn Sie auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet haben, wie haben Sie sich konkret verhalten? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es wurde gar keine Mitteilung gemacht 28 80,0% 73,7% 3 37,5% 37,5% 31 72,1% 67,4% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben 8 22,9% 21,1% 4 50,0% 50,0% 12 27,9% 26,1% weiß nicht 2 5,7% 5,3% 1 12,5% 12,5% 3 7,0% 6,5% Gesamt 35 108,6% 100,0% 8 100,0% 100,0% 43 107,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Ganz überwiegend verzichteten die Richter in einem solchen Fall auf jede Mitteilung. Zwölf Richter gaben aber an, ausdrücklich mitgeteilt zu haben, dass keine Gespräche über eine Absprache stattgefunden hätten. Tabelle F.147 Wenn der Vorsitzende auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet hat, wie hat sich der Vorsitzende konkret verhalten? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht es wurde gar keine Mitteilung gemacht n 12 11 6 10 10 3 Prozent 23,1% 21,2% 11,5% 19,2% 19,2% 5,8% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben n 7 8 9 4 22 2 Prozent 13,5% 15,4% 17,3% 7,7% 42,3% 3,8% StA: N = 132 Tabelle F.148 Wenn der Vorsitzende auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet hat, wie hat sich der Vorsitzende konkret verhalten? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht es wurde gar keine Mitteilung gemacht n 19 21 12 14 12 3 Prozent 23,5% 25,9% 14,8% 17,3% 14,8% 3,7% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben n 16 15 11 11 25 3 Prozent 19,8% 18,5% 13,6% 13,6% 30,9% 3,7% FA: N = 140 426 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Demgegenüber haben es 53,8% der Staatsanwälte und 65,4% der Fachanwälte schon mindestens einmal erlebt, dass ein Vorsitzender ausdrücklich – und damit wahrheitswidrig – mitteilte, dass keine Gespräche stattgefunden hätten.218 (2) Erfolgreiche Gespräche über eine Absprache Während es im vorangegangenen Abschnitt um vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführte Gespräche über eine Absprache ging, die erfolglos blieben, betreffen die folgenden Fragen die Mitteilungen, wenn solche Gespräche erfolgreich waren. Tabelle F.149 Ist es bei Ihnen schon einmal vorgekommen, dass es im Vorfeld oder außerhalb der laufenden Hauptverhandlung zu einer erfolgreichen Absprache gekommen ist? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 88 68,8% 78 60,5% 166 64,6% nein 39 30,5% 50 38,8% 89 34,6% weiß nicht 1 0,8% 1 0,8% 2 0,8% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 64,6% der Richter gaben an, schon einmal vor oder außerhalb der Hauptverhandlung eine Absprache getroffen zu haben. Tabelle F.150 Wie häufig ist es vorgekommen, dass im Vorfeld oder außerhalb der laufenden Hauptverhandlung eine erfolgreiche Absprache getroffen wurde? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 1 0,8% 1 0,7% häufig 36 27,3% 62 44,3% teilweise 44 33,3% 51 36,4% selten 31 23,5% 21 15,0% nie 20 15,2% 5 3,6% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Bei den Staatsanwälten gaben sogar 84,8% und bei den Fachanwälten 96,4% an, dass es im Vorfeld oder außerhalb der laufenden Hauptverhandlung 218 Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant, für „es wurde gar keine Mitteilung gemacht“, χ²(5) = 1.29, p = .936, und „es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Absprachen stattgefunden haben“, χ²(5) = 3.35, p = .650. 427 III. Ergebnisse schon einmal zu einer Absprache gekommen ist. Das deutet darauf hin, dass solche Absprachen in der Praxis häufiger sind, als die Richter angeben. Tabelle F.151 Wie häufig teilen Sie dies in der Hauptverhandlung mit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent immer 74 84,1% 74 94,9% 148 89,2% häufig 5 5,7% 1 1,3% 6 3,6% teilweise 5 5,7% 2 2,6% 7 4,2% selten 2 2,3% 1 1,3% 3 1,8% nie 2 2,3% 0 0,0% 2 1,2% Gesamt 88 100,0% 78 100,0% 166 100,0% AG: N = 128 n = 88 F = 40; LG: N = 129 n = 78 F = 51 Von denjenigen Richtern, die schon einmal vor oder außerhalb der Hauptverhandlung Absprachen getroffen haben, gaben 10,8% (AG: 15,9%, LG: 5,1%) an, dies nicht immer in der Hauptverhandlung mitgeteilt zu haben. Tabelle F.152 Wie häufig teilt der Vorsitzende dies in der Hauptverhandlung mit? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 81 72,3% 77 57,0% häufig 18 16,1% 31 23,0% teilweise 9 8,0% 11 8,1% selten 1 0,9% 11 8,1% nie 3 2,7% 4 3,0% weiß nicht 0 0,0% 1 0,7% Gesamt 112 100,0% 135 100,0% StA: N = 132 n = 112 F = 20; FA: N = 140 n = 135 F = 5 Aus den Angaben der Staatsanwälte (27,7%) und der Fachanwälte (42,2%) ergibt sich, dass die Anzahl der Fälle, in denen trotz erfolgreicher Absprache keine Mitteilung gemacht wurde, höher sein muss.219 219 Die Richter geben signifikant häufiger als die Fachanwälte an, eine Mitteilung über eine erfolgreiche Absprache gemacht zu haben, χ²(6) = 44.31, p < .00001. 428 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.153 Was teilen Sie dann in der Hauptverhandlung mit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Gesprächsteilnehmer 82 95,3% 17,2% 76 97,4% 15,0% 158 96,3% 16,1% von wem die Initiative zum Gespräch ausging 57 66,3% 12,0% 74 94,9% 14,6% 131 79,9% 13,3% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft 49 57,0% 10,3% 58 74,4% 11,5% 107 65,2% 10,9% den konkreten Absprachenvorschlag 74 86,0% 15,5% 77 98,7% 15,2% 151 92,1% 15,4% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag 69 80,2% 14,5% 73 93,6% 14,4% 142 86,6% 14,5% das konkrete Ergebnis der Absprache 85 98,8% 17,9% 78 100,0% 15,4% 163 99,4% 16,6% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab 60 69,8% 12,6% 70 89,7% 13,8% 130 79,3% 13,2% Gesamt 86 553,5% 100,0% 78 648,7% 100,0% 164 598,8% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128 LG: N = 129 Die Richter teilen nach eigenem Bekunden vor allem mit, was das Ergebnis der Absprache ist (99,4%), wer am Gespräch teilnahm (R: 96,3%), welcher Vorschlag gemacht wurde (92,1%), was die anderen dazu sagten (86,6%), von wem die Initiative zu dem Gespräch ausging (79,9%) und wie das Gespräch weiter verlief (79,3%). Dabei liegen die Werte der Richter am Amtsgericht wieder220 zum Teil deutlich niedriger als die der Richter am Landgericht. So teilen nur 86% der Richter am Amtsgericht mit, was vorgeschlagen wurde, und nur 80,2%, was die anderen Beteiligten dazu erklärten; lediglich 69,8% berichten, wie der weitere Verlauf des Gesprächs war, und lediglich 66,3% teilen mit, von wem die Initiative ausging.221 220 Vgl. oben Tabelle F.141. 221 Diese beiden Punkte sind bei einem erfolgreichen Gespräch ebenfalls mitzuteilen: BVerfGE 133, 168 (217 Rn. 86); KK-StPO/Schneider, 8. Aufl. 2019, § 243 Rn. 62. 429 III. Ergebnisse Tabelle F.154 Was teilt der Vorsitzende dann in der Hauptverhandlung mit? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht die Gesprächsteilnehmer N 84 13 6 2 2 2 Prozent 77,1% 11,9% 5,5% 1,8% 1,8% 1,8% von wem die Initiative zum Gespräch ausging N 28 31 20 17 10 3 Prozent 25,7% 28,4% 18,3% 15,6% 9,2% 2,8% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft n 29 26 15 17 17 5 Prozent 26,6% 23,9% 13,8% 15,6% 15,6% 4,6% den konkreten Absprachenvorschlag n 73 17 6 5 5 3 Prozent 67,0% 15,6% 5,5% 4,6% 4,6% 2,8% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag n 50 24 16 8 8 3 Prozent 45,9% 22,0% 14,7% 7,3% 7,3% 2,8% das konkrete Ergebnis der Absprache n 93 13 1 0 1 1 Prozent 85,3% 11,9% 0,9% 0,0% 0,9% 0,9% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab n 46 22 15 8 11 7 Prozent 42,2% 20,2% 13,8% 7,3% 10,1% 6,4% StA: N = 132 Tabelle F.155 Was teilt der Vorsitzende dann in der Hauptverhandlung mit? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht die Gesprächsteilnehmer n 85 23 9 8 4 1 Prozent 65,4% 17,7% 6,9% 6,2% 3,1% 0,8% von wem die Initiative zum Gespräch ausging n 38 30 22 21 17 2 Prozent 29,2% 23,1% 16,9% 16,2% 13,1% 1,5% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft n 29 19 25 30 25 2 Prozent 22,3% 14,6% 19,2% 23,1% 19,2% 1,5% den konkreten Absprachenvorschlag n 67 27 15 9 11 1 Prozent 51,5% 20,8% 11,5% 6,9% 8,5% 0,8% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag n 49 23 25 19 13 1 Prozent 37,7% 17,7% 19,2% 14,6% 10,0% 0,8% das konkrete Ergebnis der Absprache n 108 14 4 1 2 1 Prozent 83,1% 10,8% 3,1% 0,8% 1,5% 0,8% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab n 54 17 18 20 17 4 Prozent 41,5% 13,1% 13,8% 15,4% 13,1% 3,1% FA: N = 140 Die Staats- und Fachanwälte zeichnen auch hier ein deutliches schlechteres Bild als die Richter: Danach teilen die Vorsitzenden nicht „immer“ mit, was das Ergebnis der Absprache ist (StA: 13,7%, FA: 16,2%), wer an dem Gespräch teilnahm (StA: 21,1%, FA: 33,8%), welcher Vorschlag gemacht wurde (StA: 30,3%, FA: 47,7%), was die anderen Gesprächsteilnehmer dazu sagten (StA: 51,4%, FA: 61,5%), von wem die Initiative zu dem Gespräch 430 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) ausging (StA: 71,6%, FA: 69,2%) und wie das Gespräch weiter verlief (StA: 51,4%, FA: 55,4%). Nur wenn man die Antwortkategorie „häufig“ hinzunimmt, stimmen die Staatsanwälte mit den Richtern hinsichtlich der Mitteilung über das Ergebnis der Absprache (StA: 97,2% „immer“ oder „häufig“) und der Teilnehmer am Gespräch (StA: 89% „immer“ oder „häufig“) ungefähr überein. Ansonsten fallen die Werte auch hier ab: Mitteilung des Absprachevorschlags (StA: 82,6% „immer“ oder „häufig“, FA: 72,3%), Stellungnahmen der anderen Beteiligten (StA: 67,9% „immer“ oder „häufig“, FA: 55,4%), Initiator des Gesprächs (54,1% „immer“ oder „häufig“, FA: 52,3%), weiterer Verlauf des Gesprächs (StA: 62,4% „immer“ oder „häufig“, FA: 54,6%). 24,8% der Staatsanwälte und 29,2% der Fachanwälte bekundeten sogar, dass die Vorsitzenden den Initiator der Gespräche „selten“ oder „nie“ mitteilen, nach 17,4% bzw. 28,5% gilt dasselbe für die Mitteilung über den weiteren Verlauf der Gespräche.222 Insgesamt zeigt sich, dass die Vorsitzenden die Mitteilungspflicht auch bei erfolgreichen Gesprächen vor oder außerhalb der Hauptverhandlung nicht immer und nicht immer in vollem Umfang einhalten, wobei die Defizite wiederum eher beim Amtsgericht zu liegen scheinen. Wenn der Vorsitzende mitteilt, dass vor oder außerhalb der Hauptverhandlung ein erfolgreiches Gespräch über eine Absprache stattfand, dann berichtet er zwar zumeist, was konkret vereinbart wurde und wer an dem Gespräch teilnahm. Er geht aber nicht so oft auf die anderen mitzuteilenden Punkte ein, insbesondere nicht darauf, von wem die Initiative ausging und wie das Gespräch weiter verlief. Im Anschluss wurde auch hier gefragt, ob das, was mündlich mitgeteilt wurde, auch in das Protokoll aufgenommen wurde. Tabelle F.156 Wird alles, was Sie mitgeteilt haben, protokolliert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 65 75,6% 74 94,9% 139 84,8% nein 20 23,3% 4 5,1% 24 14,6% weiß nicht 1 1,2% 0 0,0% 1 0,6% Gesamt 86 100,0% 78 100,0% 164 100,0% AG: N = 128 n = 86 F = 42; LG: N = 129 n = 78 F = 51. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(1) = 8.98, p = .003. 84,8% der Richter gaben an, dass die Mitteilung protokolliert wird. Allerdings verneinten dies 23,3% der Richter am Amtsgericht. 222 Das Antwortverhalten von Fach- und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant für alle Antworten, alle p > .00019. Die Antwortoption „das konkrete Ergebnis der Absprache“ wurde aufgrund geringer Fallzahlen nicht analysiert. 431 III. Ergebnisse Tabelle F.157 Wie häufig wird alles, was der Vorsitzende mitgeteilt hat, protokolliert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 71 65,1% 62 47,7% häufig 21 19,3% 32 24,6% teilweise 9 8,3% 14 10,8% selten 1 0,9% 10 7,7% nie 0 0,0% 1 0,8% weiß nicht 7 6,4% 11 8,5% Gesamt 109 100,0% 130 100,0% StA: N = 132 n = 109 F = 23; FA: N = 140 n = 130 F = 10. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(5) = 11.48, p = .043. Aus den Angaben der Staatsanwälte und Fachanwälte ergibt sich, dass offenbar weitaus weniger protokolliert wird, als die Richter angeben. Nur 65,1% der Staatsanwälte und 47,7% der Fachanwälte sagten, dass die Mitteilung „immer“ protokolliert wird. Anders als bei der Konstellation des erfolglosen Gesprächs über eine Absprache wurden die Richter hier zusätzlich gefragt, warum sie die Mitteilung unterließen: Tabelle F.158 Warum haben Sie gegebenenfalls auf eine Mitteilung verzichtet? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) ich habe die Gespräche als unverbindlich angesehen 12 85,7% 19,4% 2 50,0% 20,0% 14 77,8% 19,4% den anderen Verfahrensbeteiligten fehlte der Rechtsbindungswille 5 35,7% 8,1% 2 50,0% 20,0% 7 38,9% 9,7% alle Beteiligten waren sowieso schon informiert 8 57,1% 12,9% 2 50,0% 20,0% 10 55,6% 13,9% ich habe die Gespräche nicht als ‚Verständigung‘ im Sinne des Gesetzes angesehen 14 100,0% 22,6% 1 25,0% 10,0% 15 83,3% 20,8% die Gespräche wurden nur von mir als Vorsitzendem ohne ausdrückliche Abstimmung mit den anderen Mitgliedern des Spruchkörpers geführt 8 57,1% 12,9% 2 50,0% 20,0% 10 55,6% 13,9% eine Mitteilung ist bei kleineren Delikten und überschaubaren Sachverhalten unerheblich 9 64,3% 14,5% 0 0,0% 0,0% 9 50,0% 12,5% die Mitteilung nimmt unverhältnismäßig viel Zeit ein 6 42,9% 9,7% 1 25,0% 10,0% 7 38,9% 9,7% Gesamt 14 442,9% 100,0% 4 250,0% 100,0% 18 400,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 432 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Die meisten Richter, die erklärt hatten, schon einmal die Mitteilung über eine vor oder außerhalb der Hauptverhandlung getroffene Absprache unterlassen zu haben, gaben als Grund dafür an, dass sie diese nicht als Verständigung i.S.v. § 257c StPO oder als unverbindlich angesehen hätten. Möglicherweise besteht die Rechtsansicht fort, dass eine Absprache, die nicht in der Hauptverhandlung getroffen wird, nicht den gesetzlichen Regelungen unterliegt. Im Übrigen sind die Gründe vielfach pragmatischer Natur (z.B. Mitteilung unnötig, zu zeitaufwändig oder unverhältnismäßig). Abschließend wurde auch hier gefragt, ob ein Vorsitzender, der die vorgeschriebene Mitteilung über das vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführte Gespräch unterließ, dies in der Hauptverhandlung einfach überging oder im Gegenteil ausdrücklich erklärte, es hätte kein Gespräch stattgefunden. Tabelle F.159 Wenn Sie auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet haben, wie haben Sie sich konkret verhalten? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) es wurde gar keine Mitteilung gemacht 11 78,6% 68,8% 2 50,0% 50,0% 13 72,2% 65,0% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben 5 35,7% 31,3% 2 50,0% 50,0% 7 38,9% 35,0% Gesamt 14 114,3% 100,0% 4 100,0% 100,0% 18 111,1% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 13 Richter gaben an, dass sie überhaupt keine Mitteilung gemacht haben. Sieben Richter erklärten sogar, wahrheitswidrig mitgeteilt zu haben, dass keine Gespräche über eine Absprache stattgefunden hätten. 433 III. Ergebnisse Tabelle F.160 Wenn der Vorsitzende auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet hat, wie hat sich der Vorsitzende konkret verhalten? (StA) Staatsanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht es wurde gar keine Mitteilung gemacht n 8 5 6 4 5 3 Prozent 25,8% 16,1% 19,4% 12,9% 16,1% 9,7% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben n 1 5 6 5 11 3 Prozent 3,2% 16,1% 19,4% 16,1% 35,5% 9,7% StA: N = 132 Tabelle F.161 Wenn der Vorsitzende auf die Mitteilung der Gespräche verzichtet hat, wie hat sich der Vorsitzende konkret verhalten? (FA) Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht es wurde gar keine Mitteilung gemacht n 13 14 5 14 8 3 Prozent 22,8% 24,6% 8,8% 24,6% 14,0% 5,3% es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche über Absprachen stattgefunden haben n 9 12 5 12 15 4 Prozent 15,8% 21,1% 8,8% 21,1% 26,3% 7,0% FA: N = 140 17 Staatsanwälte und 38 Fachanwälte gaben an, schon mindestens einmal mitbekommen zu haben, dass der Vorsitzende eine wahrheitswidrige Negativmitteilung machte. Sechs Staatsanwälte und 21 Fachanwälte erklärten sogar, dies machten die Vorsitzenden „häufig“ oder „immer“, anstatt die vor oder außerhalb der Hauptverhandlung getroffene Absprache in der Hauptverhandlung offenzulegen.223 b) Gespräche in der Hauptverhandlung Werden in der Hauptverhandlung Gespräche über eine Verständigung geführt, so muss gem. § 273 Abs. 1a StPO deren wesentlicher Ablauf, Inhalt und Ergebnis protokolliert werden.224 223 Das Antwortverhalten von Fach-und Staatsanwälten unterscheidet sich nicht signifikant für „es wurde gar keine Mitteilung gemacht“, χ²(4) = 3.95, p = .413, und „es gab eine ausdrückliche Mitteilung, dass keine Gespräche (…)“, χ²(4) = 5.70, p = .223 (Antwortkategorie „weiß nicht“ für Analysen ausgeschlossen). 224 BVerfGE 133, 168 (213 f. Rn. 78). 434 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.162 Werden die in der Hauptverhandlung getätigten Gespräche über eine Verständigung protokolliert? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 111 86,7% 114 88,4% 225 87,5% nein 12 9,4% 10 7,8% 22 8,6% weiß nicht 5 3,9% 5 3,9% 10 3,9% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 87,5% der Richter gaben an, dass die Protokollierung erfolgt.225 Tabelle F.163 Wie häufig werden die in der Hauptverhandlung getätigten Gespräche über eine Verständigung protokolliert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 93 70,5% 79 56,4% häufig 13 9,8% 32 22,9% teilweise 9 6,8% 15 10,7% selten 3 2,3% 7 5,0% nie 2 1,5% 3 2,1% weiß nicht 12 9,1% 4 2,9% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 Deutlich geringer schätzen die Staats- und Fachanwälte die Einhaltung der Protokollierungspflicht ein. Nur 70,5% bzw. 56,4% bestätigten, dass die Protokollierung „immer“ erfolgt. Tabelle F.164 Wenn Sie in der Hauptverhandlung Gespräche über Verständigungen nach § 257c StPO durchgeführt haben, welche Punkte des Verfahrensablaufs werden dann genau ins Sitzungsprotokoll aufgenommen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Gesprächsteilnehmer 103 96,3% 16,7% 107 94,7% 14,6% 210 95,5% 15,6% die Initiative zum Gespräch 76 71,0% 12,3% 104 92,0% 14,2% 180 81,8% 13,3% die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft 62 57,9% 10,0% 88 77,9% 12,0% 150 68,2% 11,1% den konkreten Absprachenvorschlag 104 97,2% 16,8% 111 98,2% 15,2% 215 97,7% 15,9% 225 Niedriger die Werte bei Modul 4, Tabelle E.58: 78,4% der Richter gaben an, dass „immer“ protokolliert wird. Möglicherweise haben hier die Richter eher sozial erwünscht geantwortet. 435 III. Ergebnisse Wenn Sie in der Hauptverhandlung Gespräche über Verständigungen nach § 257c StPO durchgeführt haben, welche Punkte des Verfahrensablaufs werden dann genau ins Sitzungsprotokoll aufgenommen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag 93 86,9% 15,0% 106 93,8% 14,5% 199 90,5% 14,7% das konkrete Ergebnis der Absprache 107 100,0% 17,3% 113 100,0% 15,4% 220 100,0% 16,3% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab 73 68,2% 11,8% 103 91,2% 14,1% 176 80,0% 13,0% Gesamt 107 577,6% 100,0% 113 647,8% 100,0% 220 613,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129 Die am häufigsten genannten Punkte, die in das Sitzungsprotokoll aufgenommen werden, sind das Ergebnis (R: 100%), der Vorschlag (AG: 97,2%, LG: 98,2%), die Gesprächsteilnehmer (AG: 96,3%, LG: 94,7%) und deren Stellungnahme zum Vorschlag (AG: 86,9%, LG: 93,8%). Während am Landgericht nach Angaben der Richter auch vergleichsweise oft protokolliert wird, von wem die Initiative zur Verständigung ausging (92%) und wie der weitere Verlauf des Gesprächs war (91,2%), liegen die Werte für das Amtsgericht insoweit deutlich niedriger (71% bzw. 68,2%).226 Tabelle F.165 Wenn Sie in der Hauptverhandlung Gespräche über Verständigungen nach § 257c StPO durchgeführt haben, welche Punkte des Verfahrensablaufs werden dann genau ins Sitzungsprotokoll aufgenommen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte immer häufig teilweise Selten nie weiß nicht immer häufig teilweise Selten nie weiß nicht die Gesprächsteilnehmer n 103 8 2 1 0 4 91 23 4 2 6 7 % 87,3% 6,8% 1,7% 0,8% 0,0% 3,4% 68,4% 17,3% 3,0% 1,5% 4,5% 5,3% die Initiative zum Gespräch n 36 32 19 17 9 5 39 31 21 19 13 10 % 30,5% 27,1% 16,1% 14,4% 7,6% 4,2% 29,3% 23,3% 15,8% 14,3% 9,8% 7,5% 226 Die Werte der Richter bei Modul 4, Tabelle E.59, sind nur bedingt vergleichbar, weil dort nur nach drei Punkten gefragt wurde: Initiator (73,8%), Beteiligte (87,4%) und wesentlicher Inhalt (80,7%). Beim ersten Punkt liegt der Wert nahe bei dem hiesigen Wert für das Amtsgericht (71%, R: 81,8%), beim zweiten deutlich unterhalb (R: 95,5%) und beim dritten gleichauf mit dem hiesigen Wert für den weiteren Verlauf der Gespräche (R: 80%). Bei der Aktenauswertung in Modul 3 zeigte sich, dass in 6 von 34 Verfahren mit einer Absprache nur protokolliert wurde, dass eine Verständigung erfolgt war; s. oben Modul 3, Tabelle D.19. 436 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) die Resonanz auf die Frage nach der generellen Absprachenbereitschaft n 37 19 16 20 19 7 28 24 22 29 22 8 % 31,4% 16,1% 13,6% 16,9% 16,1% 5,9% 21,1% 18,0% 16,5% 21,8% 16,5% 6,0% den konkreten Absprachenvorschlag n 95 13 3 2 2 3 73 32 8 7 6 7 % 80,5% 11,0% 2,5% 1,7% 1,7% 2,5% 54,9% 24,1% 6,0% 5,3% 4,5% 5,3% die Erklärungen der anderen Verfahrensbeteiligten zu dem konkreten Absprachenvorschlag n 64 28 10 6 6 4 49 33 20 13 10 8 % 54,2% 23,7% 8,5% 5,1% 5,1% 3,4% 36,8% 24,8% 15,0% 9,8% 7,5% 6,0% das konkrete Ergebnis der Absprache n 110 4 0 1 0 3 108 16 2 0 1 6 % 93,2% 3,4% 0,0% 0,8% 0,0% 2,5% 81,2% 12,0% 1,5% 0,0% 0,8% 4,5% den weiteren Verlauf der Gespräche, soweit es solche gab n 53 15 14 12 13 11 54 14 21 21 14 9 % 44,9% 12,7% 11,9% 10,2% 11,0% 9,3% 40,6% 10,5% 15,8% 15,8% 10,5% 6,8% StA: N = 132; FA: N = 140 Die Angaben der Staatsanwälte und Fachanwälte weichen zum Teil erheblich ab: Das gilt bereits für die Protokollierung des Ergebnisses (StA: 93,2% „immer“, FA: 81,2%), aber auch des Vorschlags (StA: 80,5% „immer“, FA: 54,9%), der Gesprächsteilnehmer (StA: 87,3% „immer“, FA: 68,4%) und ihrer Stellungnahme zum Vorschlag (StA: 54,2% „immer“, FA: 36,8%). Selbst wenn man die Antwortkategorie „häufig“ hinzunimmt, erreicht man bei den Staatsanwälten zusätzlich zur Protokollierung des Ergebnisses (96,6% „immer“ oder „häufig“) nur noch zur Protokollierung der Gesprächsteilnehmer (94,1% „immer“ oder „häufig“) und des Absprachenvorschlags (91,5% „immer“ oder „häufig“) annähernd so hohe Werte wie bei den Richtern. Bei den Fachanwälten gilt dies nur für die Protokollierung des Ergebnisses (93,2% „immer“ oder „häufig“). Nochmals niedriger sind die Werte für die Protokollierung, von wem die Initiative zur Verständigung ausging (StA: 57,6% „immer“ oder „häufig“, FA: 52,6%) und zum weiteren Verlauf des Gesprächs (StA: 57,6% „immer“ oder „häufig“, FA: 51,1%). Insgesamt sind die Ergebnisse zur Protokollierung einer in der Hauptverhandlung getroffenen Verständigung vergleichbar mit denen zur Mitteilung über erfolgreiche Gespräche vor oder außerhalb der Hauptverhandlung. Auch die Protokollierungspflicht wird nicht immer und nicht immer in vollem Umfang eingehalten, wobei die Defizite abermals eher beim Amtsgericht liegen. Wenn die Protokollierung erfolgt, was laut Staatsund Fachanwälten keineswegs „immer“ der Fall ist, dann wird zumeist niedergelegt, was konkret vereinbart wurde, wer teilnahm und was zunächst vorgeschlagen wurde. Bei den anderen Punkten gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen Land- und Amtsgerichten sowie zwischen den Einschätzungen der Richter einerseits und der Staats- und vor allem Fachanwälte andererseits. 437 III. Ergebnisse c) Negativmitteilung und Negativattest Der Vorsitzende ist zu einer Mitteilung gem. § 243 Abs. 4 S. 1 StPO nicht nur dann verpflichtet, wenn vor der Hauptverhandlung Gespräche über eine Absprache stattgefunden haben, sondern auch dann, wenn das nicht der Fall ist (Negativmitteilung).227 Tabelle F.166 Wenn es im Vorfeld einer Hauptverhandlung keine Gespräche über eine Absprache gab, teilen Sie dies zu Beginn der Hauptverhandlung mit? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 101 78,9% 127 98,4% 228 88,7% nein 27 21,1% 2 1,6% 29 11,3% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0 Während 98,4% der Richter am Landgericht erklärten, die Negativmitteilung zu machen, gab gut ein Fünftel der Richter am Amtsgericht an, dieser Pflicht nicht nachzukommen (21,1%).228 Tabelle F.167 Wenn es im Vorfeld einer Hauptverhandlung keine Gespräche über eine Absprache gab, wie häufig teilt der Vorsitzende dies zu Beginn der Hauptverhandlung mit? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 99 75,0% 89 63,6% häufig 26 19,7% 33 23,6% teilweise 4 3,0% 9 6,4% selten 2 1,5% 5 3,6% nie 1 0,8% 2 1,4% weiß nicht 0 0,0% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(3) = 4.76, p = .191. Nur 75% der Staatsanwälte und 63,6% der Fachanwälte gaben an, dass die Vorsitzenden „immer“ eine Negativmitteilung machen. Ein Viertel der 227 BVerfGE 133, 168 (223 Rn. 98); NJW 2014, 3504 (3505); BGH, NStZ 2015, 232 (233). 228 Nicht vergleichbar sind die Werte in Modul 4, Tabelle E.53, weil dort nach der Häufigkeit gefragt und hier eine Ja/Nein-Frage gestellt wurde. Dem lag hier die These zugrunde, dass es keine Gründe für einen unterschiedlichen Umgang mit der Pflicht durch den Richter gibt. Geht man davon aus, dass die Richter, die grundsätzlich eine Negativmitteilung machen, diese aber schon einmal vergessen haben, bei Modul 4 mit „häufig“ geantwortet haben, und addiert die dortigen Werte für „immer“ und „häufig“, ergibt sich ein mit dem hier erzielten vergleichbarer Wert von 87,8%. 438 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Staatsanwälte und ein Drittel der Fachanwälte haben demnach zumindest einmal erlebt, dass die Negativmitteilung unterblieb. Tabelle F.168 Wird auch das sog. Negativattest protokolliert, wenn es zu keiner Zeit – also weder innerhalb noch vor oder außerhalb der Hauptverhandlung – zu Gesprächen über Absprachen gekommen ist? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 115 89,8% 126 97,7% 241 93,8% nein 11 8,6% 3 2,3% 14 5,4% weiß nicht 2 1,6% 0 0,0% 2 0,8% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(1) = 5.04, p = .025 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Wenn keine Absprache, sei sie eine Verständigung oder informell, getroffen worden ist, so ist dies gem. § 273 Abs. 1a S. 3 StPO ins Protokoll aufzunehmen (Negativattest). Dieser Forderung wird nach Angaben der Richter am Landgericht fast immer (97,7%) nachgekommen, am Amtsgericht etwas weniger (89,8%).229 Tabelle F.169 Wenn es zu keinen Gesprächen über Absprachen – weder inner- oder außerhalb der Hauptverhandlung – gekommen ist: Wie häufig wird dann das sog. Negativattest protokolliert? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 98 74,2% 83 59,3% häufig 23 17,4% 31 22,1% teilweise 3 2,3% 13 9,3% selten 3 2,3% 6 4,3% nie 0 0,0% 3 2,1% weiß nicht 5 3,8% 4 2,9% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(4) = 11.56, p = .021 (Antwortkategorien „selten“ und „nie“ zusammengefasst). Deutlich geringer sind Werte bei den beiden anderen Berufsgruppen. Nur 74,2% der Staatsanwälte und 59,3% der Fachanwälte gaben an, dass das Negativattest nach jeder Verhandlung ohne Absprache in das Protokoll aufgenommen wird. Ein Viertel der Staatsanwälte und zwei Fünftel der Fach- 229 Niedriger die Werte bei Modul 4, Tabelle E.58: 78,7% der Richter gaben an, dass „immer“ protokolliert wird. Möglicherweise haben hier die Richter eher sozial erwünscht geantwortet. 439 III. Ergebnisse anwälte haben demnach zumindest einmal erlebt, dass das Negativattest unterblieb. d) Erwähnung der Verständigung im Urteil Gemäß § 267 Abs. 3 S. 5 StPO muss in den Urteilsgründen angegeben werden, wenn dem Urteil eine Verständigung vorausgegangen ist. Mehr als diese Mitteilung ist nicht erforderlich.230 Tabelle F.170 Teilen Sie in den Urteilsgründen mit, dass eine Verständigung stattgefunden hat? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 112 87,5% 125 96,9% 237 92,2% nein 15 11,7% 3 2,3% 18 7,0% weiß nicht 1 0,8% 1 0,8% 2 0,8% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(1) = 8.71, p = .003 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). Während beim Landgericht 96,9% der Richter eine Verständigung in den Urteilsgründen mitteilen, tun dies am Amtsgericht 87,5% der Richter. Tabelle F.171 Wie häufig wird in den Urteilsgründen mitgeteilt, dass eine Verständigung stattgefunden hat? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent immer 55 41,7% 51 36,4% häufig 23 17,4% 42 30,0% teilweise 11 8,3% 20 14,3% selten 2 1,5% 6 4,3% nie 3 2,3% 6 4,3% weiß nicht 38 28,8% 15 10,7% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Fach- und Staatsanwälten, χ²(4) = 20.96, p = .00032 (Antwortkategorien „selten“ und „nie“ zusammengefasst). 230 BGH, NStZ 2010, 348 (349); 2011, 170 (170 f.). 440 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Demgegenüber gaben nur 41,7% der Staatsanwälte und 36,4% der Fachanwälte an, dass die vorangegangene Verständigung „immer“ in den Urteilsgründen mitgeteilt wird. Bemerkenswert ist, dass 28,8% der Staatsanwälte dazu keine Angaben machen konnten, also vermutlich verständigungsbasierte Urteile nicht lesen. 8. Rechtsmittelverzicht a) Einlegung von Rechtsmitteln gegen absprachebasierte Urteile Zunächst wurden die Richter gefragt, wie häufig gegen ihre Urteile, die auf Absprachen beruhen, Rechtsmittel eingelegt werden. Tabelle F.172 Wie häufig werden bei Ihnen gegen Urteile, die auf Absprachen beruhen, Rechtsmittel eingelegt? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent Immer 0 0,0% 1 0,8% 1 0,4% Häufig 1 0,8% 23 17,8% 24 9,3% Teilweise 11 8,6% 25 19,4% 36 14,0% Selten 71 55,5% 42 32,6% 113 44,0% Nie 44 34,4% 37 28,7% 81 31,5% weiß nicht 1 0,8% 1 0,8% 2 0,8% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 34.65, p < .00001 (Antwortkategorie „immer“ und „häufig“ zusammengefasst). Laut 31,5% der Richter wird gegen ein absprachebasiertes Urteil „nie“ ein Rechtsmittel eingelegt (AG: 34,4%, LG: 28,7%). 44% sagten, dies geschehe nur „selten“ (AG: 55,5%, LG: 32,6%). Soweit solche Urteile angefochten werden, richtet sich dies tendenziell häufiger gegen Urteile der Landgerichte (AG: 0,8% „häufig“ oder „immer“; LG: 18,6%). Allerdings liegt die Anfechtungsquote bei den Landgerichten auch generell höher.231 231 Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2018 von den 261.628 Urteilen der AG 41.647 angefochten (15,9%) und von den 31.105 Urteilen der LG (1. Instanz: 8.944, 2.  Instanz: 21.161) gegen 9.955 (1. Instanz: 3.951, 2.  Instanz: 6.004) Rechtsmittel eingelegt (32%, [1. Instanz: 44,2%, 2. Instanz: 28,4%]); Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2.3, 2018 (Strafgerichte), 2019, S. 27, 65, 85. 441 III. Ergebnisse Tabelle F.173 Wie häufig werden von Ihnen gegen Urteile, die auf Absprachen beruhen, Rechtsmittel eingelegt? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent Immer 0 0,0% 0 0,0% Häufig 0 0,0% 4 2,9% Teilweise 7 5,3% 9 6,4% Selten 39 29,5% 58 41,4% Nie 83 62,9% 67 47,9% weiß nicht 3 2,3% 2 1,4% Gesamt 132 100,0% 140 100,0% StA: N = 132 n = 132 F = 0; FA: N = 140 n = 140 F = 0 62,9% der Staatsanwälte und 47,9% der Fachanwälte legen „nie“ Rechtsmittel gegen absprachebasierte Urteile ein; 29,5% bzw. 41,4% tun dies nur „selten“. Damit scheint es üblich zu sein, dass nach einer Absprache zumeist kein Rechtsmittel eingelegt wird. b) Erklärung eines Rechtsmittelverzichts Ein Rechtsmittelverzicht, der nach einem Urteil erklärt wird, das auf einer – formellen (Verständigung) oder informellen – Absprache beruht, ist unwirksam (§ 302 Abs. 1 S. 2 StPO).232 Deshalb ist der Rechtsmittelverzicht auch kein zulässiger Gegenstand einer Absprache.233 Untersucht wurde, ob sich in der Praxis an diese Vorgabe gehalten wird. Tabelle F.174 Wie häufig ist es vorgekommen, dass nach einem Urteil, welches auf einer Absprache – egal ob formell oder informell – beruhte, von einem Beteiligten der Rechtsmittelverzicht erklärt worden ist? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent Immer 1 0,8% 1 0,8% 2 0,8% Häufig 23 18,0% 5 3,9% 28 10,9% Teilweise 14 10,9% 8 6,2% 22 8,6% Selten 23 18,0% 7 5,4% 30 11,7% Nie 67 52,3% 107 82,9% 174 67,7% weiß nicht 0 0,0% 1 0,8% 1 0,4% Gesamt 128 100,0% 129 100,0% 257 100,0% AG: N = 128 n = 128 F = 0; LG: N = 129 n = 129 F = 0. Das Antwortverhalten unterscheidet sich signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, χ²(4) = 30.94, p < .00001 (Antwortkategorie „weiß nicht“ ausgeschlossen). 232 BVerfGE 133, 168 (213 Rn. 78); BGH, NStZ 2014, 113. 233 Vgl. BGHSt 56, 82 (86 Rn. 23). 442 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) 47,7% der Richter am Amtsgericht und 16,3% der Richter am Landgericht gaben an, dass es mindestens einmal zu einem Rechtsmittelverzicht gekommen ist. 18,8% der Richter am Amtsgericht bezeichneten dies als (zumindest) „häufig“. Tabelle F.175 Wie häufig ist es in einem Ihrer Verfahren vorgekommen, dass nach einem Urteil, welches auf einer Absprache – egal ob formell oder informell – beruhte, von Ihnen oder dem Verteidiger bzw. Angeklagten / von Ihnen bzw. dem Angeklagten oder dem Staatsanwalt ein Rechtsmittelverzicht erklärt worden ist? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte immer häufig teilweise selten nie weiß nicht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Staatsanwalt n 2 12 10 11 92 5 2 26 25 18 68 1 Prozent 1,5% 9,1% 7,6% 8,3% 69,7% 3,8% 1,4% 18,6% 17,9% 12,9% 48,6% 0,7% Verteidiger bzw. Angeklagter n 1 14 12 13 87 5 3 25 25 20 67 0 Prozent 0,8% 10,6% 9,1% 9,8% 65,9% 3,8% 2,1% 17,9% 17,9% 14,3% 47,9% 0,0% StA: N = 132; FA: N = 140 Von den Staatsanwälten erklärten 26,5%, bereits einmal einen Rechtsmittelverzicht erklärt zu haben. 30,3% gaben darüber hinaus an, dass der Rechtsmittelverzicht schon einmal vom Verteidiger bzw. Angeklagten erklärt worden sei. Deutlich höher sind die Zahlen nach Angaben der Fachanwälte: 50,7% sagten, dass die Staatsanwaltschaft bereits einmal den Rechtsmittelverzicht erklärte, und 52,1% gaben an, selbst den Rechtsmittelverzicht erklärt zu haben. Da sich die Fachanwälte hier auch selbst belasten, spricht viel dafür, dass ihre Angaben eher der Sachlage gerecht werden als die Staatsanwälte. Insgesamt zeigt sich, dass annähernd die Hälfte aller Richter am Amtsgericht und aller Fachanwälte bereits einmal erlebt haben, dass der Rechtsmittelverzicht erklärt wurde. Offensichtlich scheint die Erklärung des Rechtsmittelverzichts damit im Verfahrensalltag weiterhin präsent zu sein. 443 III. Ergebnisse Tabelle F.176 Welche Art von Absprache ist der Erklärung eines Rechtsmittelverzichts schon einmal vorausgegangen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) eher informelle Absprache, die ausschließlich außerhalb der Hauptverhandlung stattfand 37 60,7% 28,2% 3 14,3% 8,8% 40 48,8% 24,2% eher informelle Absprache, die zwar Gegenstand der Hauptverhandlung war, die aber nicht protokolliert wurde 35 57,4% 26,7% 10 47,6% 29,4% 45 54,9% 27,3% eher informelle Absprache, die Gegenstand der Hauptverhandlung war und auch protokolliert wurde, die aber von den Beteiligten nicht als Verständigung i.S.d. § 257c aufgefasst wurde 31 50,8% 23,7% 9 42,9% 26,5% 40 48,8% 24,2% Verständigung nach § 257c StPO 21 34,4% 16,0% 9 42,9% 26,5% 30 36,6% 18,2% sonstige234 7 11,5% 5,3% 3 14,3% 8,8% 10 12,2% 6,1% Gesamt 61 214,8% 100,0% 21 161,9% 100,0% 82 201,2% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128; LG: N = 129. Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Richtern am Amts- und Landgericht, alle p > .00019. Aufgrund geringer Fallzahlen wurde „sonstige“ nicht analysiert. 78,6% aller Antworten der Richter am Amtsgericht und 64,7% aller Antworten der Richter am Landgericht entfielen auf die drei Fallkonstellationen der Erklärung eines Rechtsmittelverzichts nach einer „eher informellen Absprache“. Hervorzuheben ist, dass 60,7% der Richter am Amtsgericht dabei sogar angaben, ganz außerhalb der Hauptverhandlung informelle Absprachen getroffen zu haben. 34,4% der Richter am Amtsgericht und 42,9% der Richter am Landgericht erklärten, dass der Rechtsmittelverzicht auch schon einmal nach einer Verständigung i.S.d. §  257c StPO erklärt wurde. Das ist bemerkenswert, weil die Beteiligten dann die Unwirksamkeit des Rechtsmittelverzichts gewissermaßen „protokollfest“ machen. 234 Unter „sonstige“ erklärten sieben Richter, es hätte sich um ein „Versehen“ des Verteidigers gehandelt und sie hätten den Rechtsmittelverzicht nicht angenommen. 444 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.177 Welche Art von Absprache ist der Erklärung eines Rechtsmittelverzichts schon einmal vorausgegangen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) eher informelle Absprache, die ausschließlich außerhalb der Hauptverhandlung stattfand 31 72,1% 31,3% 58 78,4% 33,5% eher informelle Absprache, die zwar Gegenstand der Hauptverhandlung war, die aber nicht protokolliert wurde 28 65,1% 28,3% 56 75,7% 32,4% eher informelle Absprache, die Gegenstand der Hauptverhandlung war und auch protokolliert wurde, die aber von den Beteiligten nicht als Verständigung i.S.d. § 257c aufgefasst wurde 20 46,5% 20,2% 28 37,8% 16,2% Verständigung nach § 257c StPO 18 41,9% 18,2% 30 40,5% 17,3% Sonstige 2 4,7% 2,0% 1 1,4% 0,6% Gesamt 43 230,2% 100,0% 74 233,8% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Bei den Staats- und Fachanwälten bestätigt sich der Eindruck, dass der Rechtsmittelverzicht einer „eher informellen Absprache“ folgt. Die meisten Nennungen bei den drei Berufsgruppen – mit Ausnahme der Richter am LG – erfolgten hier bei der informellen Absprache außerhalb der Hauptverhandlung (AG: 60,7%, StA: 72,1%, FA: 78,4%).235 Insbesondere die sich annähernden Werte der Staats- und Fachanwälte sprechen dafür, dass der Rechtsmittelverzicht ein übliches Vorgehen bei einer informellen Absprache ist, die außerhalb der Hauptverhandlung durchgeführt wird. Interessant war daher, ob der Weg über eine eher informelle Absprache schon einmal gerade deshalb gewählt wurde, um den an sich unzulässigen Rechtsmittelverzicht zu ermöglichen. 235 Das Antwortverhalten unterscheidet sich nicht signifikant zwischen den Berufsgruppen, für „eher informelle Absprache, die ausschließlich (…)“, χ²(2) = 16.22 p = .00030, „eher informelle Absprache, die zwar Gegenstand (…)“, χ²(2) = 7.38, p = .025, „eher informelle Absprache, die Gegenstand der Hauptverhandlung (…)“, χ²(2) = 2.01, p = .367, und „Verständigung nach § 257c StPO“, χ²(2) = 0.42, p = .811. Antwortoption „sonstige“ wurde aufgrund geringer Fallzahlen nicht analysiert. 445 III. Ergebnisse Tabelle F.178 Haben Sie in solchen Fällen den Weg einer eher informellen Absprache auch schon einmal deshalb gewählt, um einen Rechtsmittelverzicht der Beteiligten zu ermöglichen? (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt n Prozent n Prozent n Prozent ja 16 34,0% 2 16,7% 18 30,5% nein 31 66,0% 10 83,3% 41 69,5% Gesamt 47 100,0% 12 100,0% 59 100,0% AG: N = 128 n = 47 F = 81; LG: N = 129 n = 12 F = 117 Hier bejahten 18 Richter, dass die informelle Absprache der Ermöglichung eines Rechtsmittelverzichts dient. Tabelle F.179 Wurde in solchen Fällen der Weg einer eher informellen Absprache auch schon einmal deshalb gewählt, um einen Rechtsmittelverzicht der Beteiligten zu ermöglichen? (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte n Prozent n Prozent ja 15 42,9% 41 62,1% nein 20 57,1% 23 34,8% weiß nicht 0 0,0% 2 3,0% Gesamt 35 100,0% 66 100,0% StA: N = 132 n = 97 F = 35; FA: N = 140 n = 66 F = 74 Bei den Staatsanwälten gaben 42,9% und bei den Fachanwälten sogar 62,1% zu, dass dieser Weg zur Ermöglichung eines Rechtsmittelverzichts eingeschlagen wurde. Insgesamt scheint sich damit der Eindruck zu bestätigen, dass Rechtsmittelverzicht und informelle Absprache kombiniert werden. 9. Einschätzung der gesetzlichen Regelungen a) Praxistauglichkeit der einzelnen Regelungen Ein weiterer Bestandteil der Evaluation war es, zu ermitteln, wie die Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte die Praxistauglichkeit der Regelungen zur Verständigung einschätzen. Dabei wurden die Befragten zunächst auf einzelne Regelungen angesprochen, die sie mit Schulnoten bewerten sollten. 446 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.180 Wie beurteilen Sie die Praxistauglichkeit der gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren? (Richter) Richter sehr gut gut befriedigend ausreichend mangelhaft weiß nicht die Mitteilungspflichten in der Hauptverhandlung [§ 243 IV StPO] N 35 96 69 33 24 0 % 13,6% 37,4% 26,8% 12,8% 9,3% 0,0% die Regelung zum sogenannten Negativattest [§ 273 Ia 3 StPO] N 19 69 47 50 71 1 % 7,4% 26,8% 18,3% 19,5% 27,6% 0,4% die sonstigen positiven Protokollierungspflichten [§ 273 Ia 1,2 StPO] N 12 106 70 40 29 0 % 4,7% 41,2% 27,2% 15,6% 11,3% 0,0% die Begrenzung des zulässigen Inhalts von Verständigungen [§ 257c II StPO] N 33 113 51 31 28 1 % 12,8% 44,0% 19,8% 12,1% 10,9% 0,4% das Festhalten an der Aufklärungspflicht gemäß § 244 II StPO [§ 257c I 2 StPO] N 61 125 48 11 12 0 % 23,7% 48,6% 18,7% 4,3% 4,7% 0,0% die Belehrungspflicht nach § 257c V StPO N 53 128 32 24 19 1 % 20,6% 49,8% 12,5% 9,3% 7,4% 0,4% das Verbot des Rechtsmittelverzichts [§ 302 I 2 StPO] N 37 55 37 28 99 1 % 14,4% 21,4% 14,4% 10,9% 38,5% 0,4% die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots N 32 100 38 26 52 9 % 12,5% 38,9% 14,8% 10,1% 20,2% 3,5% R: N = 257 Tabelle F.181 Mittelwerte zur Praxistauglichkeit Richter Staatsanwälte Fachanwälte Mittelwert SD Mittelwert SD Mittelwert SD die Mitteilungspflichten in der Hauptverhandlung [§243 IV StPO] 2,67 1,15 2,44 1,00 2,24 ,98 die Regelung zum sogenannten Negativattest [§273 Ia 3 StPO] 3,33 1,33 2,93 1,22 2,62 1,10 die sonstigen positiven Protokollierungspflichten [§273 Ia 1,2 StPO] 2,88 1,09 2,56 ,93 2,47 ,98 die Begrenzung des zulässigen Inhalts von Verständigungen [§ 257c II StPO] 2,64 1,18 2,53 1,11 3,01 1,20 das Festhalten an der Aufklärungspflicht gemäß § 244 II StPO [§ 257c I 2 StPO] 2,18 ,99 2,20 1,03 2,51 1,18 die Belehrungspflicht nach § 257c V StPO 2,33 1,13 1,98 ,86 1,91 ,96 das Verbot des Rechtsmittelverzichts [§ 302 I 2 StPO] 3,38 1,52 3,06 1,42 2,32 1,40 die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots 2,86 1,36 2,76 1,34 1,82 ,83 Skala (1) „sehr gut“ bis (5) „mangelhaft“; N = 529 Am besten benoten die Richter das Festhalten an der Aufklärungspflicht gem. §  257c Abs. 1 S. 2 StPO (72,4% „sehr gut“ oder „gut“) und die Belehrungspflicht gem. §  257c Abs.  5 StPO (70,4% „sehr gut“ oder „gut“), 447 III. Ergebnisse am schlechtesten das Verbot des Rechtsmittelverzichts gem. § 302 Abs. 1 S. 2 StPO (38,5% „mangelhaft“), die Pflicht zum Negativattest gem. § 273 Abs. 1a S. 3 StPO (27,6% „mangelhaft“) und die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots (20,2% „mangelhaft“). Wirft man allgemein einen Blick auf die Mittelwerte, so zeigt sich, dass die Richter die Regelungen insgesamt mit „befriedigend“ bewerten. Die Staatsanwälte stehen den Regelungen insgesamt etwas positiver gegenüber, was sich an den Mittelwerten zeigt, die abgesehen von einem marginal schlechteren Wert zum Festhalten an der Aufklärungspflicht durchweg niedriger ausfallen als bei den Richtern. Insgesamt bewerten sie die Regelungen aber ähnlich wie die Richter. Auch bei den Staatsanwälten kristallisieren sich das Verbot des Rechtsmittelverzichts, das Gebot des Negativattests und die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots als diejenigen Punkte heraus, die am kritischsten gesehen werden. Die Fachanwälte bewerten die Regelungen insgesamt positiver, wie auch hier ein Vergleich der Mittelwerte belegt. Dabei überrascht nicht, dass sie insbesondere die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots wesentlich besser bewerten als die Richter und Staatsanwälte. Interessant ist, dass die Fachanwälte wie die Staatsanwälte das Festhalten an der Aufklärungspflicht etwas kritischer sehen als die Richter. Am schlechtesten bewerten sie im Unterschied zu den Richtern und Staatsanwälten die Begrenzung des zulässigen Inhalts von Verständigungen (Mittelwert: 3,01). Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass einige Fachanwälte davon ausgehen, ohne derartige Begrenzungen (noch) bessere Ergebnisse für den Mandanten erzielen zu können. Die Regelung zum sog. Negativattest finden auch die Fachanwälte nicht gut. Die Regelungen zur Verständigung bekommen von den drei Berufsgruppen insgesamt die Note „Zwei bis Drei“.236 Die Bewertungen geben keinen Hinweis darauf, dass es gerade eine einzelne Regelung ist, die Anlass gibt, informelle Absprachen zu treffen. Das zeigt sich insbesondere an den von den Richtern und Staatsanwälten negativ bewerteten Regelungen zum Negativattest, Rechtsmittelverzicht und Verschlechterungsverbot, die gar nicht das Zustandekommen oder den Inhalt einer Absprache betreffen, sondern deren Anfechtung oder Fehlen. 236 Die Richter bewerten drei Regelungen signifikant schlechter als die Fachanwälte: „die Regelung zum sogenannten Negativattest“, χ²(10) = 37.93, p = .00004, „das Verbot des Rechtsmittelverzichts“, χ²(10) = 61.44, p < .00001, und für „die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots“, χ²(10) = 72.80, p < .00001. 448 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) b) Gesamteinschätzung der gesetzlichen Regelungen Nachdem die Interviewpartner zunächst gebeten worden waren, einzelne Regelungen zu benoten, wurden sie nun gefragt, wie sie die Regelungen in ihrer Gesamtheit bewerten. Tabelle F.182 Wie beurteilen Sie die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren in ihrer Gesamtheit? Die gesetzlichen Regelungen... (Richter) Amtsgericht Landgericht Gesamt Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) nehmen in der Summe zu viel Zeit in Anspruch 68 53,1% 25,4% 55 42,6% 20,5% 123 47,9% 22,9% sind in der Summe zu kompliziert 80 62,5% 29,9% 68 52,7% 25,4% 148 57,6% 27,6% sind in der Summe zu revisionsanfällig 62 48,4% 23,1% 76 58,9% 28,4% 138 53,7% 25,7% entsprechen insgesamt den Bedürfnissen der Praxis 45 35,2% 16,8% 53 41,1% 19,8% 98 38,1% 18,3% Sonstige 13 10,2% 4,9% 16 12,4% 6,0% 29 11,3% 5,4% Gesamt 128 209,4% 100,0% 129 207,8% 100,0% 257 208,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, AG: N = 128 LG: N = 129 Nur eine Minderheit der Richter meint, die Regelungen entsprächen den Bedürfnissen der Praxis (38,1%). Am meisten kritisieren die Richter, dass die Regelungen zu kompliziert (57,6%),237 zu revisionsanfällig (53,7%) und zu zeitaufwändig (47,9%) sind. Den Vorwurf, zu kompliziert sein, erheben insbesondere die Richter am Amtsgericht (62,5%). Die Richter am Landgericht monieren vornehmlich die Revisionsanfälligkeit (58,9%). Die fehlende Praxistauglichkeit ist auch der zumeist genannte Grund für informelle Absprachen.238 Tabelle F.183 Wie beurteilen Sie die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren in ihrer Gesamtheit? Die gesetzlichen Regelungen... (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) nehmen in der Summe zu viel Zeit in Anspruch 57 43,2% 22,2% 35 25,0% 11,7% sind in der Summe zu kompliziert 66 50,0% 25,7% 54 38,6% 18,1% sind in der Summe zu revisionsanfällig 67 50,8% 26,1% 37 26,4% 12,4% entsprechen insgesamt den Bedürfnissen der Praxis 59 44,7% 23,0% 71 50,7% 23,8% 237 Unter „Sonstige“ gaben vier Richter an, dass weniger das Gesetz selbst als seine Auslegung durch die Rechtsprechung das Problem sei. 238 S. oben Tabelle F.67. 449 III. Ergebnisse Wie beurteilen Sie die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung in Strafverfahren in ihrer Gesamtheit? Die gesetzlichen Regelungen... (StA/FA) Staatsanwälte Fachanwälte Anzahl Prozent Prozent (1) Anzahl Prozent Prozent (1) sind für den Angeklagten vorteilhaft - - - 93 66,4% 31,2% Sonstige 8 6,1% 3,1% 8 5,7% 2,7% Gesamt 132 194,7% 100,0% 140 212,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, StA: N = 132; FA: N = 140 Die Staatsanwälte sind nicht ganz so kritisch wie die Richter. Jedoch sind auch unter ihnen nur 44,7% der Meinung, dass die Regelungen den Bedürfnissen der Praxis entsprechen,239 was auch aus ihrer Sicht der wichtigste Grund für informelle Absprachen ist.240 Schaut man auf die Gesamtnennungen, liegen die Werte ungefähr gleichauf mit denen der Richter (zu kompliziert: 25,7%, zu revisionsanfällig: 26,1%, zu zeitaufwändig: 22,2%). Etwas positiver stehen die Fachanwälte den Regelungen zur Verständigung gegenüber. Eine knappe Mehrheit (50,7%) meint, dass diese den Bedürfnissen der Praxis entsprechen.241 Den kritischen Thesen stimmen jeweils deutlich weniger Fachanwälte zu (zu kompliziert: 38,6%, zu revisionsanfällig: 26,4%, zu zeitaufwändig: 25%).242 Das lässt sich wiederum damit erklären, dass sie mit der Umsetzung der Vorschriften am wenigsten in Berührung kommen. Ein weiterer Grund für ihr insgesamt positiveres Bild liegt darin, dass sie die Regelungen als für den Angeklagten vorteilhaft ansehen (66,4%). Das ist bemerkenswert, weil informelle Absprachen nach Ansicht der Fachanwälte zu (noch) günstigeren Ergebnissen für den Angeklagten führen.243 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Richter und Staatsanwälte nicht die einzelnen Regelungen über den Inhalt und das Zustandekommen einer Verständigung ablehnen, diese aber in ihrer Gesamtheit für nicht umsetzbar halten.244 Daher stehen auch die Richter, an die sich die Regelungen in erster Linie richten, diesen am kritischsten gegenüber. Die Fachanwälte, die für die Umsetzung nicht verantwortlich sind, sehen die Regelungen 239 So merkte ein Staatsanwalt unter „Sonstige“ an, dass die Regelungen nur beim Landgericht „gelebt“ und beim Amtsgericht „außerordentlich pragmatisch“ gehandhabt würden. 240 S. oben Tabelle F.68. 241 Das Antwortverhalten der Berufsgruppen unterscheidet sich nicht signifikant für die Aussage „entsprechen insgesamt den Bedürfnissen der Praxis“, χ²(2) = 6.03, p = .049. 242 Die Fachanwälte stimmen folgenden Antwortoptionen signifikant seltener zu als Richter: „zu revisionsanfällig“, χ²(2) = 28.93, p < .00001, und „zu zeitaufwändig“, χ²(2) = 20.10, p = .00004, zu. Das Antwortverhalten für „zu kompliziert“ unterscheidet sich nicht signifikant, χ²(2) = 13.14, p = .0014. 243 S. oben Tabelle F.68. 244 Unter „sonstige“ erklärten sechs Richter ausdrücklich, dass die Regelungen am AG schlicht nicht umsetzbar seien. Manche empfinden die Vorschriften aber auch als Ausdruck von Misstrauen gegenüber der Richterschaft (5 Nennungen). Bei der Antwortoption „sons- 450 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) auch wegen ihrer Vorteile für den Angeklagten von allen Berufsgruppen am positivsten. Das führt aber nicht dazu, dass sie deshalb informellen Absprachen abgeneigter gegenüberstehen. 10. Wächterfunktion der Staatsanwaltschaft Wie das BVerfG in seinem Urteil vom 19.3.2013 ausführte, liegt dem Verständigungsgesetz die Erwartung zugrunde, dass sich der Staatsanwalt als „Wächter des Gesetzes“ jedem gesetzwidrigen Vorgehen bei einer Absprache verweigert. Weisungsgebundenheit und Berichtspflichten ermöglichten es zudem, innerhalb der Staatsanwaltschaft einheitliche Standards für die Erteilung der Zustimmung zu Absprachen sowie für die Ausübung der Rechtsmittelbefugnis aufzustellen.245 Neben den Behördenleitern der Staatsanwaltschaften246 wurden daher auch die Staatsanwälte dazu befragt, welche Maßnahmen von der Generalstaatsanwaltschaft, ihrer Behördenleitung, ihrem Vorgesetzten und ihnen selbst zur Umsetzung der sog. Wächterfunktion getroffen wurden. Tabelle F.184 Das Bundesverfassungsgericht betonte in seinem Urteil die Rolle der Staatsanwaltschaft als „Wächter des Gesetzes“. Welche Maßnahmen wurden von der Generalstaatsanwaltschaft, Ihrer Behördenleitung oder Ihrem Vorgesetzten zur Umsetzung der Wächterfunktion getroffen? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) es wird von Verständigungen abgeraten 2 1,5% 0,6% es wird von informellen Absprachen abgeraten 83 62,9% 24,9% es gibt Erläuterungen zur Rechtslage 112 84,8% 33,5% es gibt konkrete Vorgaben zur Dokumentation, z.B. ein Formular für den Sitzungsvertreter 65 49,2% 19,5% es gibt konkrete Vorgaben, wie eine Verständigung durchzuführen ist 61 46,2% 18,3% es wurden keine Maßnahmen getroffen 7 5,3% 2,1% Sonstige 4 3,0% 1,2% Gesamt 132 253,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 84,8% der Staatsanwälte erklärten, dass sie Erläuterungen zur Rechtslage erhalten haben.247 62,9% berichteten zudem, dass (darin) von informellen Absprachen ausdrücklich abgeraten wird, und 46,2%, dass konkrete Vorgaben gemacht werden, wie eine Verständigung durchzuführen ist. Weniger tige“ gibt es keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit zwischen den Berufsgruppen, χ²(2) = 4.97, p = .081. 245 BVerfGE 133, 168 (220 Rn. 93); s. dazu näher unten Modul 6 G. II.1. 246 S. unten Modul 6. 247 Unter „Sonstige“ gab ein Staatsanwalt an, lediglich das Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 vom Behördenleiter zur Kenntnisnahme übersandt bekommen zu haben. 451 III. Ergebnisse als die Hälfte (49,2%) hat konkrete Vorgaben zur Dokumentation erhalten. Dem Hinweis des BVerfG, durch einheitliche Standards eine den gesetzlichen Regelungen entsprechende Absprachepraxis zu fördern, sind damit längst nicht alle Staatsanwaltschaften gefolgt. a) Art und Weise, Umfang und Häufigkeit der Dokumentation Diejenigen Staatsanwälte, die bejahten, dass es Vorgaben gibt, wurden dazu genauer befragt. Zunächst ging es darum, wie eine in der Hauptverhandlung erfolgte Verständigung dokumentiert werden soll. Tabelle F.185 Auf welche Art und Weise soll eine in der Hauptverhandlung erfolgte Verständigung dokumentiert werden? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) eigenständiges Formular für den Sitzungsvertreter 28 33,3% 27,7% Vermerk in die Handakte 63 75,0% 62,4% mündlicher Bericht beim Dezernenten/Vorgesetzten 8 9,5% 7,9% gar nicht 2 2,4% 2,0% Gesamt 84 120,2% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 Am gängigsten ist ein Vermerk in die Handakte (75%), ein Drittel der Staatsanwälte berichteten von einem (dafür) vorgesehenen Formular. In beiden Fällen wurde gefragt, was schriftlich dokumentiert werden soll: Tabelle F.186 Was soll konkret dokumentiert werden? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) die Mitteilung des Vorsitzenden, dass es vor der Hauptverhandlung Gespräche gegeben hat, wenn es diese gab [§ 243 IV 1 StPO] 31 37,8% 15,1% die Mitteilung des Vorsitzenden, dass es vor der Hauptverhandlung keine Gespräche gegeben hat [§ 243 IV 1 StPO] 8 9,8% 3,9% die Mitteilung des Vorsitzenden, ob sich gegenüber der zu Beginn der Hauptverhandlung erfolgten Mitteilung Änderungen ergeben haben [§ 243 IV 2 StPO]. 14 17,1% 6,8% die Belehrung des Angeklagten über die Reichweite der Bindungswirkung des Gerichts an die Verständigung [§ 257c V, IV StPO]. 22 26,8% 10,7% die Überprüfung des verständigungsbasierten Geständnisses durch eine Beweiserhebung. 25 30,5% 12,2% das ‚Negativattest‘, d.h. die Protokollierung, dass keine Verständigung stattgefunden hat [§ 273 Ia 3 StPO] 18 22,0% 8,8% der Inhalt der Verständigung 75 91,5% 36,6% Sonstige 12 14,6% 5,9% Gesamt 82 250,0% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 452 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Dokumentiert werden soll im Regelfall der Inhalt der Verständigung (91,5%). Deutlich seltener ist hingegen vorgesehen zu dokumentieren, ob der Vorsitzende seinen Pflichten nachgekommen ist: Das gilt für die Mitteilungen gem. §  243 Abs.  4 S.  1 StPO (37,8%, Negativmitteilung 9,8%) und § 243 Abs. 4 S. 2 StPO (17,1%), für die Überprüfung des Geständnisses durch eine Beweiserhebung (30,5%), für die Belehrung gem. § 257c Abs. 5 StPO (26,8%) und auch für das Negativattest gem. § 273 Abs. 1a S. 3 StPO (22% bzw. 9,8%).248 Außerdem wurde gefragt, wann die Dokumentation vorgenommen werden soll: Tabelle F.187 Unter welchen Voraussetzungen soll eine Dokumentation vorgenommen werden? Anzahl Prozent Prozent (1) nach jedem Verfahren 25 30,1% 12,6% nach jedem Verfahren mit einer informellen Absprache 17 20,5% 8,5% nach jedem Verfahren mit einer Verständigung 67 80,7% 33,7% bei Verfahrensfehlern 36 43,4% 18,1% bei besonderem Anlass 33 39,8% 16,6% liegt im Ermessen des Sitzungsvertreters 21 25,3% 10,6% Gesamt 83 239,8% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 80,7% der Staatsanwälte gaben an, dass eine Dokumentation nur nach Verfahren mit einer Verständigung erfolgen soll.249 Lediglich 30,1% berichteten, dass sie nach jedem Verfahren vorzunehmen sei. Das ist wenig, da auch in einem Verfahren ohne (Gespräche über) eine Absprache dokumentiert werden kann, ob eine Negativmitteilung (§ 243 Abs. 4 S. 1 StPO) gemacht und ein Negativattest (§ 273 Abs. 1a S. 3 StPO) aufgenommen wurde. Aber auch zu der geringen Zahl von 30,1% passt nicht, dass bei der Frage zuvor lediglich 22% bzw. sogar nur 9,8% der Staatsanwälte erklärt hatten, ein Negativattest bzw. eine Negativmitteilung dokumentieren zu müssen. Laut 25,3% der Staatsanwälte liegt die Vornahme der Dokumentation im Ermessen des Sitzungsvertreters. 248 Unter „Sonstige“ gab ein Staatsanwalt an, es werde nur darauf geachtet, ob das Gericht die Verständigung protokolliere, und ein anderer erklärte, es werde vermerkt, wenn ein „falsches Negativattest“ protokolliert wurde, also ein Negativattest, obwohl eine Absprache erfolgte. 249 Unter „Sonstige“ gab ein Staatsanwalt an, dass auch im Falle einer gescheiterten Absprache eine Dokumentation erfolgt. 453 III. Ergebnisse b) Vorgehen bei einem Gesetzesverstoß des Gerichts Es schloss sich die Frage an, ob es Vorgaben gibt, wie zu verfahren ist, wenn das Gericht gegen die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung versto- ßen hat. Tabelle F.188 Gibt es Vorgaben für den Fall, dass der Vorsitzende gegen die gesetzlichen Regelungen für eine Verständigung verstoßen hat? (StA) n Prozent ja 39 29,5% nein 85 64,4% weiß nicht 8 6,1% Gesamt 132 100,0% N = 132 n = 132 F = 0 Nur 29,5% der Staatsanwälte erklärten, dass es solche Vorgaben gibt. Sie wurden im Anschluss gefragt, welche Vorgaben konkret bestehen: Tabelle F.189 Welche Vorgaben bestehen für den Fall, dass der Vorsitzende gegen die gesetzlichen Regelungen für eine Verständigung verstoßen hat? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) Einleitung von persönlichen Maßnahmen gegen den Vorsitzenden (z.B. dienstaufsichtsrechtliche bzw. strafrechtliche Maßnahmen) 3 7,7% 5,1% Einlegung von Rechtsmitteln 28 71,8% 47,5% Meldung beim Vorgesetzten 23 59,0% 39,0% weiß nicht 1 2,6% 1,7% Sonstige 4 10,3% 6,8% Gesamt 39 151,3% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 Die häufigste Vorgabe ist die Einlegung von Rechtsmitteln (71,8%).250 Auch eine Meldung beim Vorgesetzten des Staatsanwalts ist verbreitet (59%), wobei unklar bleibt, was daraus folgt. Die Einleitung von persönlichen Maßnahmen (z.B. dienstaufsichtsrechtliche bzw. strafrechtliche Maßnahmen) gegen den Vorsitzenden spielt jedenfalls keine nennenswerte Rolle (7,7%).251 Diejenigen Staatsanwälte, die erklärt hatten, dass es keine Vorgaben für den Fall eines Verstoßes des Gerichts gegen die gesetzlichen Regelungen zur Verständigung gibt, wurden zu den Gründen dafür befragt: 250 Allerdings wird das Risiko, dass eine informelle Absprache zu einer Beanstandung im Rechtsmittelverfahren führt, als eher mäßig eingeschätzt; s. oben Modul 4, Abbildung E.17. 251 Auch insoweit wird das Risiko als gering eingeschätzt; s. oben Modul 4, Abbildung E.18. 454 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Tabelle F.190 Warum gibt es keine Vorgaben, wenn der Vorsitzende gegen die gesetzlichen Regelungen für eine Verständigung verstoßen hat? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) ist noch nicht vorgekommen 22 25,9% 23,4% Verstöße werden nicht geahndet 4 4,7% 4,3% dies wird einzelfallabhängig entschieden 49 57,6% 52,1% sonstige 9 10,6% 9,6% weiß nicht 10 11,8% 10,6% Gesamt 85 110,6% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 57,6% erklärten, dass das weitere Vorgehen in einem solchen Fall vom Einzelfall abhängig sei. c) Kontrolle und Sanktionen der Staatsanwälte Der Umfang der Kontrolle der Gerichte durch die Staatsanwälte kann auch davon beeinflusst werden, ob diese ihrerseits kontrolliert werden, inwieweit sie die ihnen gemachten Vorgaben umsetzen. Deshalb wurde gefragt, ob es eine solche Kontrolle der Staatsanwälte gibt. 60,5% verneinten dies.252 10,5% gaben an, darüber keine Kenntnis zu haben: Tabelle F.191 Wird kontrolliert, ob Sie die Vorgaben einhalten? (StA) n Prozent ja 11 28,9% nein 23 60,5% weiß nicht 4 10,5% Gesamt 38 100,0% N = 132 n = 38 F = 94 Schließlich wurde noch gefragt, welche Konsequenzen einem Staatsanwalt drohen, wenn behördenintern bekannt ist, dass er an einer informellen Absprache mitgewirkt hat. 252 Vergleichbares Ergebnis bei Modul 4, Tabelle E.51. 455 III. Ergebnisse Tabelle F.192 Nehmen Sie an, Sie haben an einer informellen Absprache mitgewirkt: Welche Schritte werden dann eingeleitet? (StA) Anzahl Prozent Prozent (1) Gespräch mit dem Vorgesetzten 29 22,0% 15,9% Bericht an den Generalstaatsanwalt 10 7,6% 5,5% Einleitung von dienstaufsichtsrechtlichen Maßnahmen 10 7,6% 5,5% Einleitung von strafrechtlichen Maßnahmen 5 3,8% 2,7% es werden keine Maßnahmen eingeleitet 54 40,9% 29,7% ist bisher nicht vorgekommen 66 50,0% 36,3% weiß nicht 8 6,1% 4,4% Gesamt 132 137,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 132 Dienstaufsichtsrechtliche oder gar strafrechtliche Maßnahmen werden selten genannt (7,6% bzw. 3,8%). Die noch am häufigsten genannte Reaktion ist das Gespräch mit dem Vorgesetzten (22%), wobei hier offenbleibt, ob dieses weitere Konsequenzen nach sich zieht. 40,9% der Staatsanwälte erklärten, dass gar keine Maßnahmen eingeleitet würden.253 Das ist beachtlich, weil die Annahme nicht fernliegt, dass die Wächterfunktion schwerlich erfüllt werden kann, wenn die Wächter selbst sich an informellen Absprachen beteiligen können, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. d) Beurteilung der Wächterfunktion (1) Sicht der Staatsanwälte Zum Abschluss dieses Fragenkomplexes sollten die Staatsanwälte die von ihrer Behörde getroffenen Maßnahmen zur Wahrnehmung der Wächterfunktion beurteilen. Tabelle F.193 Wie stark stimmen Sie folgenden Aussagen zu: Die getroffenen Maßnahmen führen zu... (StA) stimme voll und ganz zu stimme eher zu teils/ teils stimme eher nicht zu stimme nicht zu weiß nicht Gesamt einer vermehrten Feststellung von Verfahrensfehlern n 2 11 19 26 52 15 125 % 1,6% 8,8% 15,2% 20,8% 41,6% 12,0% 100,0% einer Erhöhung gerügter Verfahrensfehler n 4 12 14 25 56 14 125 % 3,2% 9,6% 11,2% 20,0% 44,8% 11,2% 100,0% einer Erhöhung der eingelegten Rechtsmittel n 1 7 17 27 61 12 125 % 0,8% 5,6% 13,6% 21,6% 48,8% 9,6% 100,0% 253 Auch bei Modul 4, Abbildung E.18, zeigt sich, dass die Staatsanwälte das Risiko strafrechtlicher Konsequenzen als eher gering einstufen. 456 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) einem unnötigen bürokratischen Aufwand n 9 13 17 16 57 13 125 % 7,2% 10,4% 13,6% 12,8% 45,6% 10,4% 100,0% keiner Veränderung der Verständigungspraxis. n 23 21 16 13 39 13 125 % 18,4% 16,8% 12,8% 10,4% 31,2% 10,4% 100,0% N = 132 n = 125 F = 7 Tabelle F.194 Die getroffenen Maßnahmen führen zu... – Mittelwerte (StA) Mittelwert SD einer vermehrten Feststellung von Verfahrensfehlern 4,05 1,10 einer Erhöhung gerügter Verfahrensfehler 4,05 1,18 einer Erhöhung der eingelegten Rechtsmittel 4,24 ,98 einem unnötigen bürokratischen Aufwand 3,88 1,36 keiner Veränderung der Verständigungspraxis 3,21 1,58 Skala (1) „stimme voll und ganz zu“ bis (5) „stimme nicht zu“; N = 132 Wie sich aus den obigen Tabellen ergibt, stimmen die Staatsanwälte den Aussagen, dass die Maßnahmen zu einer vermehrten Feststellung von Verfahrensfehlern, zu einer Erhöhung gerügter Verfahrensfehler oder zu einer Erhöhung der eingelegten Rechtsmittel führen, eher nicht zu (Mittelwerte: 4,05; 4,05; 4,24).254 Dennoch will die Mehrheit auch nicht der Aussage zustimmen, die Maßnahmen führten zu einem unnötigen bürokratischen Aufwand (Mittelwert: 3,88). Interessant ist angesichts dieser Antworten, dass die Befragten nur teilweise der Aussage zustimmten, die Maßnahmen hätten keine Änderung der Absprachepraxis zur Folge gehabt (Mittelwert: 3,21). Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass infolge der Maßnahmen manche Staatsanwälte in der Hauptverhandlung mehr auf der Einhaltung der Verfahrensvorschriften bestehen.255 (2) Sicht der Fachanwälte Die Fachanwälte fungierten als Kontrollgruppe für die Staatsanwälte im Hinblick auf deren Wächterfunktion. 254 Ihre Einschätzung stimmt damit überein, dass zum einen die Staatsanwaltschaften nur 4% aller einschlägigen Revisionen beim BGH eingelegt haben (Modul 1, Abbildung B.9), was ihrem üblichen Anteil an Revisionen entspricht (Modul 1, Abbildung B.11) und deutlich unter dem Anteil erfolgreicher einschlägiger Revisionen beim BGH liegt (Modul 1, Tabelle B.31), und dass zum anderen seit 2015 die Zahl der von den Revisionsgerichten festgestellten Verstöße gesunken ist (Modul 1, Abbildung B.22). 255 Darauf deuten auch die Antworten der Fachanwälte hin; s. unten Tabelle F.197. 457 III. Ergebnisse Tabelle F.195 Das Bundesverfassungsgericht betonte in seinem Urteil die Rolle der Staatsanwaltschaft als „Wächter des Gesetzes“. Hat sich das Verhalten der Staatsanwaltschaft hinsichtlich der Einhaltung der gesetzlichen Regelungen seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2013 verändert? (FA) n Prozent Ja 48 34,3% Nein 88 62,9% weiß nicht 4 2,9% Gesamt 140 100,0% N = 140 n = 140 F = 0 Bemerkenswert ist, dass 62,9% der Fachanwälte angaben, dass sich das Verhalten der Staatsanwaltschaft seit dem Urteil des BVerfG vom 19.3.2013 nicht verändert hat.256 Diejenigen Fachanwälte, die eine Veränderung wahrgenommen haben, wurden gefragt, ob ein Staatsanwalt schon einmal sein verändertes Verhalten mit Vorgaben der Generalstaatsanwaltschaft, des Behördenleiters oder des Vorgesetzten begründet hat. Das bejahten 54,2%: Tabelle F.196 Hat der Staatsanwalt sein verändertes Verhalten schon einmal mit Vorgaben der Generalstaatsanwaltschaft, des Behördenleiters oder des Vorgesetzten begründet? (FA) n Prozent ja 26 54,2% nein 21 43,8% weiß nicht 1 2,1% Gesamt 48 100,0% N = 140 n = 48 F = 92 Außerdem wurden sie gefragt, inwiefern sich das Verhalten der Staatsanwälte bei Absprachen verändert hat. Tabelle F.197 Wie hat sich das Verhalten der Staatsanwaltschaft verändert? Anzahl Prozent Prozent (1) die Staatsanwaltschaft weist vermehrt auf die gesetzlichen Regelungen hin 37 77,1% 31,1% die Staatsanwaltschaft dokumentiert die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen 17 35,4% 14,3% die Staatsanwaltschaft ist bei Verständigungen zurückhaltender 26 54,2% 21,8% 256 Bei Modul 4, Tabelle E.50 stimmten nur 24,1% der Strafverteidiger der Erklärung überwiegend oder in hohem Maße zu, dass die Staatsanwaltschaft ihrer Wächterrolle nachkommt. 458 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) die Staatsanwaltschaft ist bei informellen Absprachen zurückhaltender 35 72,9% 29,4% Sonstige 4 8,3% 3,4% Gesamt 48 247,9% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 140 77,1% der Fachanwälte gaben an, dass die Staatsanwälte vermehrt auf die gesetzlichen Regelungen hinweisen. Laut 72,9% sind die Staatsanwälte zudem zurückhaltender bei informellen Absprachen, nach 54,2% sogar bei Verständigungen. Dass die Staatsanwälte die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen dokumentieren, berichteten nur 35,4% der Fachanwälte. Abschließend wurden diejenigen Fachanwälte, die ausgesagt hatten, dass die Staatsanwälte vermehrt auf die gesetzlichen Regelungen hinweisen, gefragt, worauf konkret hingewiesen wird. Tabelle F.198 Worauf wurde konkret hingewiesen? Anzahl Prozent Prozent (1) die Mitteilungspflichten [§ 243 IV 1 StPO] 31 86,1% 23,1% die Protokollierungspflichten [§ 273 Ia StPO] 29 80,6% 21,6% die Belehrungspflichten [§§ 35a S. 3, 257c V StPO] 17 47,2% 12,7% die Begrenzung des zulässigen Inhalts von Verständigungen [§ 257c II StPO] 26 72,2% 19,4% Verbot des Rechtsmittelverzichts [§ 302 I 2 StPO] 17 47,2% 12,7% die Notwendigkeit einer Überprüfung des absprachebasierten Geständnisses durch eine Beweiserhebung 14 38,9% 10,4% Gesamt 36 372,2% 100,0% (1) Basis: Gesamtnennungen, N = 140 Am ehesten wird auf die Mitteilungs- und Protokollierungspflichten (86,1% und 80,6%) sowie auf den begrenzten Kreis zulässiger Inhalte hingewiesen (72,2%). Weniger als die Hälfte der Fachanwälte, die hierzu befragt wurden, konnten bestätigen, dass auf die Einhaltung der Belehrungspflichten (47,2%), das Verbot des Rechtsmittelverzichts (47,2%) oder die Notwendigkeit einer Überprüfung des absprachebasierten Geständnisses durch eine Beweiserhebung (38,9%) hingewiesen wurde. IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse Häufigkeit von Absprachen – Die Absprachenquote liegt bei Zugrundelegen der Angaben der Richter an den Amtsgerichten bei 12,2% und bei den Landgerichten bei 459 IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse 13,2%.257 Nach der Einschätzung der Fachanwälte liegen die Quoten am Landgericht doppelt so hoch und am Amtsgericht noch höher.258 – Richter profitieren nach Einschätzung der Staatsanwälte und Fachanwälte am meisten von Absprachen. Ihre Vorteile sind vor allem die Vermeidung einer langwierigen Beweisaufnahme und die Arbeitsentlastung.259 – Absprachen sind vor allem bei Vermögens-, Eigentums- und BtM- Delikten häufig und bei Tötungsdelikten selten. Nach Angaben der Fachanwälte werden innerhalb aller Deliktsgruppen Absprachen häufiger getroffen als nach Einschätzung der Richter und Staatsanwälte.260 Gespräche über eine Absprache – Im Hauptverfahren finden Gespräche über eine Absprache häufiger innerhalb der Hauptverhandlung statt als außerhalb. Nach Einschätzung der Fachanwälte werden in jedem Verfahrensstadium deutlich häufiger Gespräche über eine Absprache geführt als nach der Meinung der Richter und Staatsanwälte.261 – Der Angeklagte ist an Gesprächen vor oder außerhalb der Hauptverhandlung regelmäßig nicht beteiligt.262 – Häufige Themen in den Gesprächen über eine Absprache sind Geständnis, Strafmaß, Strafaussetzung zur Bewährung sowie Teileinstellung und Beschränkung des Verfahrens. Daneben werden, wenn auch selten, Inhalte erörtert, über die eine Verständigung unzulässig ist (z.B. Anwendung von Qualifikationstatbeständen, benannten oder unbenannten Strafschärfungs- oder -milderungsgründen,263 Bestrafung als Teilnehmer, Anwendung des Jugendstrafrechts; Maßregeln der Besserung und Sicherung) oder die nicht in der Kompetenz des Gerichts liegen (z.B. Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten oder Dritte, Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, Abschiebung und Ausweisung).264 Informelle Absprachen – Es gibt informelle Absprachen. An den Amtsgerichten haben nach eigenen Angaben schon 55% der Richter, 50,6% der Staatsanwälte und 79% 257 S. oben nach Tabelle F.15. 258 S. oben Tabelle F.18. 259 S. oben Tabelle F.20 bis Tabelle F.24. 260 S. oben Tabelle F.26, Tabelle F.29, Tabelle F.33, Tabelle F.37. 261 S. oben Tabelle F.43, Tabelle F.44, Tabelle F.45. 262 S. oben Tabelle F.46. 263 Unzulässig nach Ansicht des BVerfGE 133, 168 (211 Rn. 74). 264 S. oben Tabelle F.49, Tabelle F.50. 460 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) der Fachanwälte informelle Absprachen getroffen, an den Landgerichten 22%, 33,1% und 70,1%.265 Der durchschnittliche Anteil informeller Absprachen an allen Absprachen beträgt bei Zugrundelegung der Angaben der Richter am Amtsgericht 31,7% und am Landgericht 7%.266 Der Anteil informeller Absprachen an den 2018 durch eine Hauptverhandlung erledigten Strafverfahren liegt danach bei den Amtsgerichten bei 3,9% und bei den Landgerichten bei 0,9%.267 Folgt man den Fachanwälten, so liegen die Anteile weitaus höher bei 15,2% und 5,4%.268 – Informelle Absprachen werden über alle oben genannten Inhalte abgeschlossen, auch über den Schuldspruch, über Maßregeln der Besserung und Sicherung und über nicht in der Kompetenz des Gerichts liegende Inhalte.269 – Informelle Absprachen sind bei den Vermögens-, Eigentums- und BtM- Delikten typisch, daneben aber auch bei Körperverletzungsdelikten.270 – Als Gründe für informelle Absprachen führten alle Beteiligten den Wunsch der jeweils anderen nach einem informellen Vorgehen an. Fachanwälte und Staatsanwälte wiesen dabei darauf hin, dass der Richter es habe „einfacher haben“ wollen. Richter und Staatsanwälte nannten als weiteren Grund für informelle Absprachen vor allem die mangelnde Praxistauglichkeit der gesetzlichen Regelungen, die Fachanwälte die günstigeren Ergebnisse für den Angeklagten.271 – 76,4% der Staatsanwälte und 49,2% der Fachanwälte berichteten von Fällen, in denen die Vorsitzenden ein informelles Vorgehen vorangetrieben haben, und 65% der Staatsanwälte sowie 46,2% der Fachanwälte von Fällen, in denen die Vorsitzenden zu einem informellen Vorgehen grundsätzlich bereit waren. Jeder fünfte Staatsanwalt und Fachanwalt erlebte die zweite Situation sogar häufig oder immer.272 – Neben den informellen Absprachen, welche die Richter als solche erkennen, gibt es auch Absprachen, die sie nicht als informelle ansehen, obwohl sie – möglicherweise unbewusst – eine oder mehrere verständigungsbezogene Regeln der StPO nicht eingehalten haben.273 265 S. oben Tabelle F.54 bis Tabelle F.57. 266 S. oben Tabelle F.59. 267 S. oben Tabelle F.60. 268 S. oben Tabelle F.60. 269 S. oben Tabelle F.73, Tabelle F.74. 270 S. oben Tabelle F.75, Tabelle F.76, Tabelle F.79, Tabelle F.80. 271 S. oben Tabelle F.66 bis Tabelle F.68. 272 S. oben Tabelle F.69, Tabelle F.70. 273 S. oben F. III.3.g). 461 IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse Geständnis – Das absprachebasierte Geständnis erfolgt typischerweise durch eine das Tatgeschehen kurz zusammenfassende Erklärung des Verteidigers, die der Angeklagte anschließend billigt. Eine geständige Einlassung des Angeklagten kommt seltener vor, ist dann aber zumeist ausführlicher.274 – Das absprachebasierte Geständnis wird nicht immer überprüft. 91,5% der Richter am Landgericht und nur 65,6% der Richter am Amtsgericht sagten von sich, dass sie es immer überprüfen. Jeder zehnte Richter am Amtsgericht gab sogar an, die Überprüfung nur selten oder nie vorzunehmen.275 Lediglich eine knappe Hälfte der Staatsanwälte und ein Fünftel der Fachanwälte meinten, dass die Richter absprachebasierte Geständnisse immer überprüfen.276 – Die gängigste Form der Überprüfung eines absprachebasierten Geständnisses ist der Abgleich mit der Akte. Es liegt nahe, dass sich die Überprüfung darin häufig erschöpft.277 – Knapp drei Viertel der Richter machen bei der Überprüfung eines absprachebasierten Geständnisses keinen Unterschied danach, ob es sich um ein ausführliches oder ein Formalgeständnis handelt.278 Ein Viertel überprüft Fomalgeständnisse häufiger und intensiver.279 – Während fast alle Richter erklärten, dass sie den Umfang der Überprüfung eines absprachebasierten Geständnisses nicht von ihrem engen Terminplan abhängig machen, nahmen dies zwei Fünftel der Staatsanwälte und drei Fünftel der Fachanwälte an. Zumindest ebenso viele von ihnen sagten, die Überprüfung hänge „von der Bequemlichkeit des Vorsitzenden“ ab.280 Strafmaß – Die Strafe fällt nach einem absprachebasierten Geständnis typischerweise um ¼ niedriger aus als nach streitiger Verhandlung.281 – Es ist zumeist die Abkürzung der Beweisaufnahme und des Verfahrens, die mit der Strafmilderung honoriert wird.282 – Ein Sechstel der Richter und ein Drittel der Staatsanwälte gaben an, im Rahmen einer Absprache schon einmal eine zu milde Strafe vorgeschla- 274 S. oben Tabelle F.86 bis Tabelle F.92. 275 S. oben Tabelle F.94. 276 S. oben Tabelle F.95. 277 S. oben Tabelle F.96, Tabelle F.97, Tabelle F.100. 278 S. oben Tabelle F.103. 279 S. oben Tabelle F.106. 280 S. oben Tabelle F.97, Tabelle F.98. 281 S. oben Tabelle F.107. 282 S. oben Tabelle F.108, Tabelle F.109. 462 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) gen bzw. mitgetragen zu haben. Fast zwei Fünftel der Fachanwälte erklärte, in dieser Situation bereits eine zu hohe Strafe akzeptiert zu haben.283 – Die Gerichte geben nicht nur eine Ober- und Untergrenze der Strafe an. 14% der Richter, aber 23,5% der Staatsanwälte und 50% der Fachanwälte haben schon einmal eine Punktstrafe genannt bzw. dies erlebt. Noch mehr, nämlich 34,6% der Richter, 51,5% der Staatsanwälte und 71,4% der Fachanwälte sagten dies für die Nennung lediglich einer Strafobergrenze.284 Aber auch dann, wenn das Gericht, wie zumeist, einen Strafrahmen nennt, ist es nach Einschätzung eines jeden fünften Richters und eines jeden vierten Staats- und Fachanwalts typisch, dass es sich dabei um eine verkappte Punktstrafe handelt.285 – Ein Drittel der Richter hat schon einmal die sog. Sanktionsschere geöffnet.286 Die Differenz zwischen den Strafmaßen liegt dabei höher als die typische Strafmilderung für ein Geständnis.287 – Fast alle Richter, Staatsanwälte und Fachanwälte haben schon erlebt, dass der Angeklagte nach der Nennung der Sanktionsschere ein Schuldeingeständnis abgab, obwohl er die Tat zuvor bestritten oder keine Einlassung gemacht hatte.288 81,8% der Fachanwälte berichten zudem, dass Angeklagte nach dem Öffnen der Sanktionsschere ein ihrer Ansicht nach falsches Geständnis ablegten.289 Belehrungspflichten – Die Belehrung gem. § 257c Abs. 5 StPO erfolgt nicht immer. 93% der Richter am Landgericht und nur 76,6% der Richter am Amtsgericht erklärten, sie würden immer belehren. Fast jeder sechste Richter am Amtsgericht gab sogar an, die Belehrung nur selten oder nie vorzunehmen.290 Die Belehrung erfolgt auch nicht immer rechtzeitig291 und wird nicht immer protokolliert.292 – Die Belehrung gem. § 35a S. 3 StPO erfolgt regelmäßig.293 283 S. oben Tabelle F.110, Tabelle F.111. 284 S. oben Tabelle F.117, Tabelle F.118. 285 S. oben Tabelle F.121, Tabelle F.122. 286 S. oben Tabelle F.123, Tabelle F.124. 287 S. oben Tabelle F.125. 288 S. oben Tabelle F.126 bis Tabelle F.128. 289 S. oben Tabelle F.93. 290 S. oben Tabelle F.129. 291 S. oben Tabelle F.131 bis Tabelle F.133. 292 S. oben Tabelle F.134, Tabelle F.135. 293 S. oben Tabelle F.137, Tabelle F.138. 463 IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse Mitteilungs- und Protokollierungspflichten – Die Mitteilungspflichten gem. § 243 Abs. 4 StPO werden nicht immer und nicht in vollem Umfang eingehalten, wobei die Defizite vor allem beim Amtsgericht liegen: • Nach gescheiterten Gesprächen über eine Absprache, die vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführt wurden, haben knapp 20% der Richter nicht immer die erforderliche Mitteilung gemacht. Von den Staats- und Fachanwälten erklärte ein doppelt bzw. dreimal so hoher Anteil, dass die Mitteilung nicht immer erfolgt. Jeder siebte Richter am Amtsgericht gab an, nur selten oder nie der Mitteilungspflicht nachzukommen.294 Wenn eine Mitteilung gemacht wird, dann zumeist darüber, wer an dem Gespräch teilnahm und dass es zu keiner Absprache kam, aber weniger häufig, was vorgeschlagen wurde und wie die anderen Beteiligten dazu Stellung nahmen.295 • Bei erfolgreichen Gesprächen vor oder außerhalb der Hauptverhandlung haben knapp 10% der Richter die erforderliche Mitteilung nicht immer gemacht. Nach den Angaben der Staats- und Fachanwälte liegt die Zahl der Richter, die eine Mitteilung unterlassen, auch hier höher.296 Wenn eine Mitteilung erfolgt, dann teilt der Vorsitzende zumeist mit, wer daran teilnahm und was konkret vereinbart wurde. Er geht nicht so häufig darauf ein, von wem die Initiative ausging und wie das Gespräch weiter verlief.297 • Einige Richter gaben sogar an, wahrheitswidrig mitgeteilt zu haben, dass keine Gespräche über eine Absprache stattgefunden hätten; von den Staats- und Fachanwälten haben das mehr erlebt.298 • Die Mitteilungen über vor oder außerhalb der Hauptverhandlung geführte Gespräche über eine Absprache werden nicht immer und nicht immer vollständig protokolliert.299 • Die Negativmitteilung erfolgt ebenfalls nicht immer. Ein Fünftel der Richter am Amtsgericht erklärte, dieser Pflicht nicht nachzukommen.300 – Die in der Hauptverhandlung getroffene Verständigung wird nicht in allen Fällen protokolliert. Die Ergebnisse sind vergleichbar mit denen 294 S. oben Tabelle F.139, Tabelle F.140. 295 S. oben Tabelle F.141 bis Tabelle F.143. 296 S. oben Tabelle F.151, Tabelle F.152. 297 S. oben Tabelle F.153 bis Tabelle F.155. 298 S. oben Tabelle F.147, Tabelle F.148, Tabelle F.159 bis Tabelle F.161. 299 S. oben Tabelle F.144, Tabelle F.145, Tabelle F.156, Tabelle F.157. 300 S. oben Tabelle F.166, Tabelle F.167. 464 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) zur Mitteilung über erfolgreiche Gespräche vor oder außerhalb der Hauptverhandlung.301 – Das Negativattest wird nach Angaben der Richter in der Regel ins Protokoll aufgenommen. Demgegenüber berichten ein Viertel der Staatsanwälte und zwei Fünftel der Fachanwälte, zumindest schon einmal erlebt zu haben, dass dies unterblieb.302 – Eine Verständigung wird nicht immer im Urteil erwähnt. Das sagen 11,7% der Richter am Amtsgericht, 29,5% der Staatsanwälte und 52,9% der Fachanwälte.303 Rechtsmittelverzicht – Die Erklärung des Rechtsmittelverzichts nach einer Absprache kommt vor. 18,8% der Richter am Amtsgericht bezeichneten dies als zumindest häufig,304 und 52,1% der Fachanwälte gaben an, selbst den Rechtsmittelverzicht erklärt zu haben.305 – Ein Rechtsmittelverzicht wird nach informellen Absprachen häufiger erklärt als nach Verständigungen. Die informelle Absprache wird auch gewählt, um einen scheinbar zulässigen Rechtsmittelverzicht zu ermöglichen.306 Einschätzung der gesetzlichen Regelungen – Die Regelungen zur Verständigung bekommen von den drei Berufsgruppen insgesamt die Note „Zwei bis Drei“.307 – Negativ bewerten Richter und Staatsanwälte vor allem die Regelungen zum Negativattest und zum Rechtsmittelverzicht sowie die uneingeschränkte Geltung des Verschlechterungsverbots.308 – Richter und Staatsanwälte lehnen weniger die einzelnen Regelungen über Voraussetzungen, Transparenz und Dokumentation einer Verständigung ab, sondern halten sie in ihrer Gesamtheit für praktisch nicht umsetzbar. Die davon weniger betroffenen Fachanwälte sehen die Regelungen auch wegen ihrer Vorteile für den Angeklagten am positivsten.309 301 S. Tabelle F.162 bis Tabelle F.165. 302 S. oben Tabelle F.168, Tabelle F.169. 303 S. oben Tabelle F.170, Tabelle F.171. 304 S. Tabelle F.174. 305 S. Tabelle F.175. 306 S. oben Tabelle F.176 bis Tabelle F.179. 307 S. oben Tabelle F.180, Tabelle F.181. 308 S. oben Tabelle F.181. 309 S. oben Tabelle F.182, Tabelle F.183. 465 IV. Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse Wächterfunktion – Die Staatsanwaltschaften kommen ihrer Aufgabe, über die Gesetzmä- ßigkeit von Absprachen zu wachen, nur bedingt nach. – Soweit es für den Sitzungsvertreter von vorgesetzter Stelle Vorgaben gibt, handelt es sich zumeist um Erläuterungen zur Rechtslage oder es wird lediglich von informellen Absprachen abgeraten. Vorgaben dazu, worauf bei einer Verständigung zu achten ist, wie in der Verhandlung bei einem Verstoß des Gerichts vorzugehen ist und inwieweit die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen zur Verständigung durch das Gericht zu dokumentieren sind, hat weniger als die Hälfte der Staatsanwälte erhalten.310 – Soweit eine Dokumentation erfolgen soll, ist die gängigste Form der Vermerk in der Handakte.311 – Dokumentiert werden soll im Regelfall nicht nach jedem Verfahren, sondern nur nach einer Verständigung, dann auch zumeist nur deren Inhalt und seltener, ob der Vorsitzende seinen Pflichten nachgekommen ist.312 – Vorgaben für den Fall, dass der Vorsitzende gegen die gesetzlichen Regelungen für eine Verständigung verstoßen hat, gibt es noch seltener. Sie sehen zumeist die Einlegung eines Rechtsmittels vor, so gut wie nie Maßnahmen gegen den Vorsitzenden.313 – Staatsanwälte, die ihrer Wächterfunktion nicht nachkommen, haben überwiegend keine Konsequenzen oder gar Sanktionen zu erwarten.314 – Nach Einschätzung der Fachanwälte hat die Betonung der Wächterfunktion der Staatsanwaltschaft durch das Bundesverfassungsgericht keinen merklichen Einfluss auf die Absprachenpraxis: 62,9% gaben an, dass sie keine Veränderung im Verhalten der Staatsanwälte feststellen konnten.315 310 S. oben Tabelle F.184. 311 S. oben Tabelle F.185. 312 S. oben Tabelle F.186, Tabelle F.187. 313 S. oben Tabelle F.188, Tabelle F.189. 314 S. oben Tabelle F.191, Tabelle F.192. 315 S. oben Tabelle F.195. 466 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) V. Anhang Tabelle F.199 Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Vorteile für die Beteiligten bei den von Ihnen getroffenen Absprachen in Strafverfahren ein? (Richter) Amtsgericht Landgericht sehr hoch eher hoch weder hoch, noch niedrig eher niedrig sehr niedrig sehr hoch eher hoch weder hoch, noch niedrig eher niedrig sehr niedrig Gericht n 23 79 18 8 0 23 66 24 15 1 % 18,0% 61,7% 14,1% 6,3% 0,0% 17,8% 51,2% 18,6% 11,6% 0,8% Angeklagter n 20 84 19 4 1 28 85 14 2 0 % 15,6% 65,6% 14,8% 3,1% 0,8% 21,7% 65,9% 10,9% 1,6% 0,0% Verteidigung n 21 75 27 3 2 21 72 30 6 0 % 16,4% 58,6% 21,1% 2,3% 1,6% 16,3% 55,8% 23,3% 4,7% 0,0% Staatsanwaltschaft n 8 60 47 11 2 13 50 51 14 1 % 6,3% 46,9% 36,7% 8,6% 1,6% 10,1% 38,8% 39,5% 10,9% 0,8% AG: N = 128; LG: N = 129 Tabelle F.200 Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Vorteile für die Beteiligten bei den von Ihnen getroffenen Absprachen in Strafverfahren ein? (Staatsanwälte) sehr hoch eher hoch weder hoch, noch niedrig eher niedrig sehr niedrig Gericht n 43 76 12 1 0 % 32,6% 57,6% 9,1% 0,8% 0,0% Angeklagter n 19 84 29 0 0 % 14,4% 63,6% 22,0% 0,0% 0,0% Verteidigung n 17 75 36 4 0 % 12,9% 56,8% 27,3% 3,0% 0,0% Staatsanwaltschaft n 12 65 35 18 2 % 9,1% 49,2% 26,5% 13,6% 1,5% StA: N = 132 467 V. Anhang Tabelle F.201 Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Vorteile für die Beteiligten bei den von Ihnen getroffenen Absprachen in Strafverfahren ein? (Fachanwälte) sehr hoch eher hoch weder hoch, noch niedrig eher niedrig sehr niedrig weiß nicht Gericht n 55 76 8 1 0 0 % 39,3% 54,3% 5,7% 0,7% 0,0% 0,0% Angeklagter n 34 73 28 5 0 0 % 24,3% 52,1% 20,0% 3,6% 0,0% 0,0% Verteidigung n 22 58 46 12 2 0 % 15,7% 41,4% 32,9% 8,6% 1,4% 0,0% Staatsanwaltschaft n 19 56 45 19 0 1 % 13,6% 40,0% 32,1% 13,6% 0,0% 0,7% FA: N = 140 Tabelle F.202 Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter AG) Amtsgericht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Strafmaß, d.h. konkrete Strafe oder Strafrahmen n 89 33 5 1 0 0 % 69,5% 25,8% 3,9% 0,8% 0,0% 0,0% Anwendung von Qualifikationsmerkmalen n 1 3 22 46 55 1 % 0,8% 2,3% 17,2% 35,9% 43,0% 0,8% Anwendung von Regelbeispielen n 1 5 24 46 51 1 % 0,8% 3,9% 18,8% 35,9% 39,8% 0,8% Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe n 1 12 24 44 46 1 % 0,8% 9,4% 18,8% 34,4% 35,9% 0,8% Geständnis n 79 41 3 3 2 0 % 61,7% 32,0% 2,3% 2,3% 1,6% 0,0% Fahrverbot nach § 44 StGB n 2 18 21 29 56 2 % 1,6% 14,1% 16,4% 22,7% 43,8% 1,6% Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis n 3 17 23 32 52 1 % 2,3% 13,3% 18,0% 25,0% 40,6% 0,8% Absehen von Einziehung (§§ 73 - 76b StGB) n 0 5 15 41 66 1 % 0,0% 3,9% 11,7% 32,0% 51,6% 0,8% Höhe oder Umfang der Einziehung n 1 5 14 43 64 1 % 0,8% 3,9% 10,9% 33,6% 50,0% 0,8% Strafaussetzung zur Bewährung n 11 85 19 5 7 1 % 8,6% 66,4% 14,8% 3,9% 5,5% 0,8% Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 3 24 21 37 42 1 % 2,3% 18,8% 16,4% 28,9% 32,8% 0,8% Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 4 28 31 38 26 1 % 3,1% 21,9% 24,2% 29,7% 20,3% 0,8% Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO n 4 51 46 17 8 2 % 3,1% 39,8% 35,9% 13,3% 6,3% 1,6% 468 F. Leitfadengestützte Interviews mit Richtern, Staats- und Fachanwälten (Modul 5) Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter AG) Amtsgericht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Einstellung anderer Verfahren gegen den Angeklagten n 0 13 24 47 43 1 % 0,0% 10,2% 18,8% 36,7% 33,6% 0,8% Einstellung anderer Verfahren gegen andere natürliche oder juristische Personen n 0 0 0 16 111 1 % 0,0% 0,0% 0,0% 12,5% 86,7% 0,8% Informationen, die in Verfahren gegen Dritte verwertet werden können n 0 2 9 40 76 1 % 0,0% 1,6% 7,0% 31,3% 59,4% 0,8% Absehen von bestimmten Beweiserhebungen bzw. Verzicht auf Beweisanträge n 3 38 29 22 33 3 % 2,3% 29,7% 22,7% 17,2% 25,8% 2,3% Verlesung nach §§ 251, 256 StPO nicht verlesbarer Niederschriften n 0 10 8 24 85 1 % 0,0% 7,8% 6,3% 18,8% 66,4% 0,8% Schadenswiedergutmachung n 0 38 43 29 17 1 % 0,0% 29,7% 33,6% 22,7% 13,3% 0,8% Aufhebung oder Aussetzung des Haftbefehls n 1 8 35 34 49 1 % 0,8% 6,3% 27,3% 26,6% 38,3% 0,8% sonstige Strafvollstreckungs- oder Strafvollzugsfragen, etwa offener Vollzug n 0 2 5 15 105 1 % 0,0% 1,6% 3,9% 11,7% 82,0% 0,8% Rücknahme oder Beschränkung der Berufung n 0 4 9 23 84 8 % 0,0% 3,1% 7,0% 18,0% 65,6% 6,3% Bestrafung als Täter oder Teilnehmer n 1 1 5 30 90 1 % 0,8% 0,8% 3,9% 23,4% 70,3% 0,8% Abschiebung oder Ausweisung des Angeklagten n 0 1 3 12 111 1 % 0,0% 0,8% 2,3% 9,4% 86,7% 0,8% Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden n 0 1 5 7 109 6 % 0,0% 0,8% 3,9% 5,5% 85,2% 4,7% AG: N = 128 Tabelle F.203 Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter LG) Landgericht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Strafmaß, d.h. konkrete Strafe oder Strafrahmen n 108 21 0 0 0 0 % 83,7% 16,3% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Anwendung von Qualifikationsmerkmalen n 5 17 18 29 59 1 % 3,9% 13,2% 14,0% 22,5% 45,7% 0,8% Anwendung von Regelbeispielen n 4 13 17 32 62 1 % 3,1% 10,1% 13,2% 24,8% 48,1% 0,8% Unbenannte Straferschwerungs- oder Milderungsgründe n 7 24 20 26 51 1 % 5,4% 18,6% 15,5% 20,2% 39,5% 0,8% 469 V. Anhang Was ist bei Ihnen schon Inhalt von Gesprächen über Absprachen gewesen? Gemeint sind hier auch Gesprächspunkte, die nur von einer Seite angeregt worden sind oder bei denen keine Einigung gefunden werden konnte. (Richter LG) Landgericht immer häufig teilweise selten nie weiß nicht Geständnis n 106 23 0 0 0 0 % 82,2% 17,8% 0,0% 0,0% 0,0% 0,0% Fahrverbot nach § 44 StGB n 1 1 7 13 101 6 % 0,8% 0,8% 5,4% 10,1% 78,3% 4,7% Maßregeln, z.B. die Entziehung der Fahrerlaubnis n 1 5 13 16 93 1 % 0,8% 3,9% 10,1% 12,4% 72,1% 0,8% Absehen von Einziehung (§§ 73–76b StGB) n 3 6 16 30 74 0 % 2,3% 4,7% 12,4% 23,3% 57,4% 0,0% Höhe oder Umfang der Einziehung n 3 6 12 34 74 0 % 2,3% 4,7% 9,3% 26,4% 57,4% 0,0% Strafaussetzung zur Bewährung n 9 62 36 14 8 0 % 7,0% 48,1% 27,9% 10,9% 6,2% 0,0% Weisungen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 6 20 29 42 32 0 % 4,7% 15,5% 22,5% 32,6% 24,8% 0,0% Auflagen, die mit einer Strafaussetzung zur Bewährung verbunden sind n 5 27 34 36 27 0 % 3,9% 20,9% 26,4% 27,9% 20,9% 0,0% Einstellung oder Beschränkung der angeklagten Taten gem. §§ 154, 154a StPO n 7 55 38 23 6 0 %