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Carmen Krämer

Menschenwürde und Reality TV

Ein Widerspruch?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-7616-0, ISBN online: 978-3-7489-0992-7, https://doi.org/10.5771/9783748909927

Series: Kommunikations- und Medienethik, vol. 13

Bibliographic information
Menschenwürde und Reality TV Ein Widerspruch? Carmen Krämer Kommunikations- und Medienethik l 13 Kommunikations- und Medienethik herausgegeben von Alexander Filipović Christian Schicha Ingrid Stapf Band 13 BUT_Kraemer_7616-0.indd 2 14.07.20 08:43 Ein Widerspruch? Menschenwürde und Reality TV Carmen Krämer BUT_Kraemer_7616-0.indd 3 14.07.20 08:43 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zugl.: Aachen, RWTH, Diss., 2020 u.d.T.: Menschenwürde und Reality TV – eine ethische Analyse ISBN 978-3-8487-7616-0 (Print) ISBN 978-3-7489-0992-7 (ePDF) Bis Band 4 erschienen bei Beltz Juventa, Weinheim. 1. Auflage 2020 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Onlineversion Nomos eLibrary Das Buch wurde gedruckt mit freundlicher Unterstützung der RWTH Aachen. BUT_Kraemer_7616-0.indd 4 14.07.20 08:43 Als potentielle Urheber von Artefakten haben Menschen die Möglichkeit, etwas Bleibendes zu hinterlassen. Sie sollten versuchen, dass es gut ist. (Carmen Krämer, September 2014) Für meine Familie Vorwort Wer das Studium der Philosophie aufnimmt, gewöhnt sich vermutlich schnell daran, häufig mit der Frage konfrontiert zu werden, welcher Beruf damit angestrebt werde. Nicht selten erklang zu meiner Studienzeit von Kommilitoninnen und Kommilitonen die beinahe einstudiert scheinende Standardantwort: „Nach dem Abschluss der Universität mache ich irgendwas mit Medien“. Auch ich, die eher zufällig meine Leidenschaft für die Philosophie fand, entdeckte bald das Schreiben für Tageszeitungen, das Aufzeichnen und Schneiden von Radiobeiträgen und letztlich auch die Produktion einer ganzen Fernsehshow als spannendes und möglicherweise anstrebenswertes Berufsfeld. Die philosophische Ausbildung half mir dabei, sorgfältige Recherchen betreiben, nicht oder wenig sichtbare Zusammenhänge schnell herstellen und komplexe Sachverhalte analysieren und vereinfacht darstellen zu können. Immer wieder begegneten mir jedoch in meiner Arbeit als Journalistin oder Medienschaffende ethische Problemstellungen, deren Klärung mir wichtig erschien und die mich letztlich davon abhielten, mich gleich nach dem Studium ausschließlich auf eine Karriere im Journalismus- bzw. Medienbereich konzentrieren zu wollen. Stattdessen ermutigte mich dankenswerterweise Professor Dr. Wulf Kellerwessel dazu, mich im Rahmen einer Dissertation mit den zuletzt gesammelten Erfahrungen in einer TV-Produktionsfirma zu beschäftigen. Das Ergebnis dieses Vorschlages halten Sie nun in den Händen. Für seine unglaubliche Unterstützung, die konstruktiven Diskussionen – insbesondere über die Komplexität des Würdebegriffs und sonderbare neue Reality TV-Programme –, seine ständige Erreichbarkeit und hilfreichen Rückmeldungen, sein Vertrauen, seine Zuversicht und den Glauben an das Projekt, die mir selbst ab und zu abhanden gekommen zu sein schienen, bin ich Prof. Dr. Wulf Kellerwessel sehr dankbar. Prof. Dr. Markus Stepanians danke ich nicht nur für seine spannenden und inspirierenden Überlegungen zum Würdebegriff, sondern insbesondere für seine Bereitschaft, die Dissertation zu begutachten und – trotz stürmischer Zeiten im Februar 2020 – für meine Disputation den Weg von Bern nach Aachen anzutreten. Prof. Dr. Alexander Filipović, Dr. Ingrid Stapf und Prof. Dr. Christian Schicha danke ich herzlich für die Aufnahme in die Reihe und Dr. Sandra 9 Frey, Eva Lang sowie Alexander Hutzel vom Nomos Verlag für ihre freundliche und professionelle Betreuung bei der Veröffentlichung dieser Studie. Ich hoffe, dass in dieser Reihe noch viele weitere spannende Forschungsergebnisse erscheinen werden. Danken möchte ich zudem Dr. Annette Förster, Lisa Schüttler – besonders auch für ihre Unterstützung vor, während und nach der Disputation –, und meinem Vater für die kritischen Rückmeldungen sowie Dr. Kerstin Helker, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite stand. Sibel Yildirim, Maria Haitz, Andrea Gibbels, Dr. Steffen Joeris, Dr. Patrick Becker, Prof. Dr. Simone Paganini, Prof. Dr. Saskia Nagel und Prof. Dr. Gabriele Gramelsberger und den Mitarbeiterinnen der Personalabteilung danke ich für die unendlichen Bemühungen um meine Stellenverlängerungen sowie all meinen Kolleginnen und Kollegen nicht nur am Philosophischen Institut, sondern auch am HumTec, dem Institut für Katholische Theologie und der gesamten Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen für eine unvergessliche und in vielerlei Hinsicht äußerst lehrreiche Zeit. Zu meiner Mentorin und Freundin wurde Dr. Heidemarie Bennent- Vahle, die mich fast von Beginn an begleitet und immer wieder motiviert hat. Dank ihr habe ich nicht nur meinen ersten Vortrag zu dieser Thematik halten dürfen, der mir vielerlei neue Erkenntnisse zur Struktur und zum Inhalt des Vorhabens brachte, sondern auch einige sehr nette Personen kennengelernt, die mir immer wieder die Möglichkeit bieten, meine Forschungsthemen auch in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen – für diesen Einsatz kann ich ihr gar nicht oft genug danken. Ganz besonders danken möchte ich zudem meinen Eltern, meiner gesamten Familie und all meinen Freundinnen und Freunden für ihre Liebe und bedingungslose Unterstützung, kulinarische Genüsse und viele freudige Momente, die mir die Energie und den Mut für diese abenteuerliche Zeit gegeben haben. Aachen, im April 2020 Carmen Krämer Vorwort 10 Inhaltsverzeichnis Einleitung1. 15 Einordnung der Thematik1.1 22 Relevante rechtliche Vorgaben und Richtlinien1.2 25 Hinweise zum Stand der Forschung1.3 28 Ziele und Aufbau der Studie1.4 31 Über Reality TV2. 33 Terminologische Klärungen2.1 33 Reality TV – die Beteiligten2.1.1 34 „Reality TV“2.1.2 35 „Scripted Reality TV“2.1.3 40 Zur Entstehung des Reality TV2.2 41 Reality TV – die Formattypen2.3 43 Casting-Shows2.3.1 43 Gameshows2.3.2 44 Talkshows2.3.3 45 Partnersuche-Formate2.3.4 46 Dokumentationen über Privatpersonen2.3.5 47 Help-Shows2.3.6 48 Zusammenfassung der Einteilung des Reality TV in Formattypen 2.3.7 48 Ethische Problemfelder des Reality TV2.4 50 Zum Würdebegriff3. 56 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 3.1 56 Der Würdebegriff in der Antike3.1.1 57 Der Würdebegriff im christlich geprägten Mittelalter3.1.2 62 11 „Würde“ in der Philosophie der frühen Neuzeit3.1.3 65 Der Würdebegriff bei Immanuel Kant3.1.4 67 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart3.2 74 Menschenwürde und Menschenrechte3.2.1 77 Menschenwürde als ein Menschen- bzw. Grundrecht 3.2.1.1 78 Menschenwürde als Ensemble aus verschiedenen Menschen- bzw. Grundrechten 3.2.1.2 80 Menschenwürde als Begründung für die Menschen- bzw. Grundrechte 3.2.1.3 82 Menschenwürde als Ziel, Kern oder Summe der Menschenrechte 3.2.1.4 85 Zusammenfassung3.2.1.5 90 Würde als Wert3.2.2 90 Würde und Eigenschaften oder Fähigkeiten3.2.3 96 Würde als Eigenschaft3.2.3.1 96 Würde aufgrund bestimmter Eigenschaften oder Fähigkeiten 3.2.3.2 101 Würde aufgrund erfüllter Bedingungen zur Ausübung bestimmter Fähigkeiten 3.2.3.3 105 Zusammenfassung3.2.3.4 108 Würde als Haltung3.2.4 108 Würde als „Gehalt einer Lebensweise“3.2.4.1 109 Würde und Übereinstimmung3.2.4.2 111 Würde und Selbstbild3.2.4.3 113 Wem kommt nach dieser Auffassung Würde zu?3.2.4.4 116 Zusammenfassung3.2.4.5 119 Würde und Selbstachtung3.2.5 121 Der Anspruch auf Selbstachtung bei Schaber3.2.5.1 123 Verschiedene Formen der Würde3.2.5.1.1 123 Inhärente Würde3.2.5.1.2 125 Verpflichtungen gegen sich selbst3.2.5.1.3 129 Wem kommt nach Schabers Auffassung Würde zu? 3.2.5.1.4 131 Zwischenfazit3.2.5.1.5 134 Würde bei Ralf Stoecker3.2.5.2 137 Entwertung eines ethischen Maßstabes3.2.5.2.1 137 Würde und Selbstachtung – ein komplexes Verhältnis 3.2.5.2.2 138 Inhaltsverzeichnis 12 Menschenwürdeverletzungen3.2.5.2.3 139 Zusammenfassung3.2.5.3 143 „Würde“ – ein leeres Wort oder ein bedeutungsvoller Begriff? 3.2.6 144 Theologische Wurzeln als Begründungsproblem 3.2.6.1 145 Mangelnde Definition3.2.6.2 146 Mangelnde Begründung3.2.6.3 147 Argumente gegen die Verzichtbarkeitsthese3.2.6.4 148 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 3.3 151 „Menschenwürde“3.3.1 155 „Würde“ bzw. „Person-Würde“3.3.2 159 Zu erwartende Einwände3.3.3 164 Zusammenfassung3.3.4 167 Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV4. 170 Ist das Konzept Reality TV würdeverletzend?4.1 174 Menschenwürde und das Konzept Reality TV4.1.1 175 Person-Würde und das Konzept Reality TV4.1.2 177 Zwischenfazit4.1.3 179 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 4.2 179 Menschenwürde und Formattypen bzw. Formatkonzepte 4.2.1 180 Person-Würde und Formattypen bzw. Formatkonzepte4.2.2 194 Zwischenfazit4.2.3 196 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend?4.3 198 Menschenwürde und Bestandteile des Reality TV4.3.1 199 Person-Würde und Bestandteile des Reality TV4.3.2 233 Die Motivation der Teilnehmenden4.3.2.1 240 Setting, Behandlung und Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten 4.3.2.2 246 Bearbeitung in der Postproduktion4.3.2.3 253 Herabwürdigende Äußerungen4.3.2.4 255 Erzeugung und Ausstrahlung der Szenen4.3.2.5 256 Inhaltsverzeichnis 13 Zweitverwertungen4.3.2.6 258 Die „Person-Würde“ Dritter4.3.2.7 260 Zwischenfazit4.3.3 262 Fazit und Ausblick5. 266 Quellenverzeichnis 274 Stichwortverzeichnis 289 Personenverzeichnis 295 Inhaltsverzeichnis 14 Einleitung Wer aktuell den Fernseher einschaltet, kann wohl kaum vorbeischauen an einzelnen Sendungen oder ganzen Serien über Menschen, die tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewähren. Zahlreiche Formate, die persönliche Schicksale thematisieren, werden nicht nur auf privaten Sendern, sondern teilweise auch auf öffentlich-rechtlichen Kanälen zu jeder Tages- und Nachtzeit frei – und somit auch für Kinder und Jugendliche zugänglich – gezeigt. Nicht selten stellen persönliche Probleme den Grund für die jeweiligen Sendungen dar: Bei Formaten wie The Biggest Loser und Extrem Schön! entsprechen die dargestellten Personen nicht dem vermeintlichen Schönheitsideal. Bei Bauer sucht Frau, Naked Attraction, Adam sucht Eva, Der Bachelor oder Schwiegertochter gesucht glauben teils scheinbar verzweifelte Junggesellinnen oder Junggesellen, den Partner bzw. die Partnerin fürs Leben finden zu können. Im „Dschungelcamp“1 oder bei Big Brother lassen sich als „prominent“ Bezeichnete und solche, die erst noch bekannt werden wollen, rund um die Uhr – auch in intimen Situationen – durch Kameras überwachen, und bei Frauentausch, Teeniemütter und Die Super Nanny geben bzw. gaben Menschen der Öffentlichkeit die vermeintlich unüberwindbaren Probleme in ihrer Partnerschaft, der Kindererziehung oder ihrem Haushalt preis. Nicht zu vergessen sind die Darstellungen unzähliger Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Casting-Formaten, wie Das Supertalent, Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s next Topmodel, die auf Ruhm und Berühmtheit hoffen. Das sogenannte „Reality TV“ bestimmt auf zahlreichen Kanälen das Programm – und das nicht nur während der Sendezeit des jeweiligen Formates, sondern auch davor und danach. Denn vermeintlich witzige, außerordentlich abstoßende oder besonders provokante Szenen erhalten nicht nur innerhalb der einzelnen Folge durch Slow-Motions, Wiederholungen und künstlich erzeugte Geräuschkulissen besondere Bedeutung. Sie bleiben auch dadurch präsent, dass sie in Werbespots, Magazinen, Late-Shows, in Einträgen in den „Sozialen Medien“, wie Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube und manchmal sogar in den Nachrichten vor und nach der Ausstrahlung verbreitet und mehrfach wiederholt werden. Außerdem 1. 1 Unter diesem Titel ist die Sendung auch bekannt. Der eigentliche Titel lautet jedoch Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!. 15 kann weltweit dank anschließend häufig vertriebener ganzer Sendungs- Staffeln oder Videos im Internet auch noch lange Zeit nach der Ausstrahlung einer Sendung angeschaut werden, wie beispielsweise Übergewichtige während einer Sporteinheit weinend zusammenbrechen und mit rohem Fleisch übervoll beladene Schubkarren – das Gewicht des Fleisches in der Karre entspricht dem, das sie abnehmen sollen – in einen Swimmingpool entleeren müssen2. Oder wie (mutmaßliche) Prominente im australischen Dschungel zu einem Bad in Würmern, Schlangen und Kakerlaken3 aufgefordert werden, um die nächste Nahrungsration für sich und ihre Mitstreiter zu „erarbeiten“. Szenen, in denen offensichtlich wenig begabte „Supertalente“ und „Superstars“ von einer (mehr oder weniger fachkundigen) Jury mit teils vernichtenden Urteilen gedemütigt werden, lassen sich ebenfalls häufig nach ihrer Ausstrahlung vor Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern auch im Internet wiederfinden. Zu sehen ist hier zudem – auch einige Jahre nach Absetzen des Formates noch – wie die sogenannte „Super Nanny“ die Eltern schwer erziehbarer Kinder nach einer handfesten Konversation zurechtweist, wobei sowohl Kinder als auch Eltern zum Zeitpunkt des Geschehens die Tragweite ihrer Handlungen vor der Kamera vermutlich nicht einmal annähernd abschätzen konnten (vgl. z.B. Kalkofe 2012, 176f.). Als eine „ganze Armada von Print- und Online-Medien, auf deren Themen-Agenda die Casting-Shows, ihre Moderatoren, Stars und Skandale vorderste Plätze einnehmen“ (Pörksen, Krischke 2012, 21), die im Kielwasser der Sender segelten, wird dieses Phänomen von dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und dem Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke beschrieben. Die in derartigen Shows vorhandenen Aspekte wie Personalisierung, Emotionalisierung und Konfliktpotential seien ideale Themen für den Boulevard, „der durch Rührung, Empörung und Skandalisierung die eigenen Auflagenzahlen erhöht, was wiederum die Einschaltquoten der Shows steigert“ (Pörksen, Krischke 2012, 21). Der Medienwissenschaftler Jo Groebel ist sogar der Überzeugung, dass der Erfolg von Casting-Shows davon abhängt, ob sie in einem „medialen Paket vorkommen“ (Groebel 2012, 157). Aus ethischer Perspektive fragwürdig ist dies aus dem Grund, dass sich hinter den in den meisten dieser Shows nicht selten zu Lachfiguren diffa- 2 So geschehen bei The Biggest Loser. 3 Ob solche und ähnliche Formate darüber hinaus tierethisch bedenklich sind, müsste ebenfalls geklärt werden, dies wird jedoch nicht Teil der vorliegenden Studie sein. 1. Einleitung 16 mierten Protagonistinnen und Protagonisten keine medienerfahrenen Personen oder Schauspielerinnen und Schauspieler verbergen, die eine Rolle einnehmen – welche sie in der Regel in ihrem Privatleben wieder ablegen können –, sondern Privatpersonen, deren öffentliche Darstellung in ihre persönliche Biographie einfließt und sich sowohl aus dem Internet als auch aus dem Gedächtnis der Zuschauer nicht mehr ohne weiteres löschen lässt. Nur wenige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichen hierbei das von ihnen angestrebte Ziel, wie beispielsweise den Sieg in der Casting- Show, den Geldgewinn der Gameshow oder die perfekte Partnerschaft. Im Gegenteil – nicht selten werden diese Geschichten zu Erzählungen über das Scheitern, was zu Demütigungen, Hohn und Spott gegenüber den Kandidatinnen und Kandidaten führen kann. Rügen und Bußgelder, die gegen diese Darstellungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer von den Aufsichtsgremien verhängt werden, würden Pörksen und Krischke zufolge dabei sogar zu willkommener Werbung (vgl. Pörksen, Krischke 2012, 21). Die Rechtswissenschaftlerin Nadine Klass behauptet, die Formate hätten „längst neue Grenzen gesucht und überschritten […], frei nach dem Motto: Tabu brechen, Aufschrei ausstehen, Diskussion vermarkten und Quote machen“ (Klass 2011, 14). Zwei wichtige Aspekte werden an dieser Stelle deutlich: Zum einen stehen bei dieser Art von Fernsehen nicht die reine Dokumentation und die oftmals nur vorgeschobene Hilfestellung des Senders, sondern vor allem die emotionale Erzählung, die Schaffung von „Sensationen“, die medial wiederverwertet werden können, und der Eingriff in Schicksale von Privatpersonen im Vordergrund. Und zum anderen zeigt der Hinweis auf die immer wieder fälligen Rügen, dass diese Formate nicht unumstritten sind. Der schwerste Vorwurf, der seit der ersten Ausstrahlung von Big Brother im Jahr 1999 (vgl. hierzu z.B. Klass 2004, 1) im Raum steht, lautet: Reality TV verletzt die Menschenwürde4. Nicht nur würden schließlich hierdurch „alle gesellschaftlichen Konventionen und Übereinkünfte hinsichtlich des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit“ (Klass 2011, 13) gesprengt, sondern es sei auch die Rede von einem „Menschenexperiment“, einem „Schlüssellochspektakel“, von „Labortestbedingungen“ und „Menschenzoo“ (vgl. Klass 2011, 13) gewesen, wie Klass schreibt. Trotz dieses schweren Vorwurfes erscheinen aber immer noch ständig neue, sich in ihrer „würdeverletzenden“ und moralisch fragwürdigen Art sogar häufig noch steigernde Formate. So dürften die zu Beginn der Ge- 4 Diesen Vorwurf äußerte zum Beispiel der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, wie Ralf Stoecker (Stoecker 2007, 70) schreibt. 1. Einleitung 17 schichte des Reality TV stark umstrittenen Ausstrahlungen des Formates Big Brother im Vergleich zu einigen gegenwärtigen Produktionen, wie Naked Attraction, in der Kandidatinnen und Kandidaten mögliche Dating- Partner und -Partnerinnen anhand ihrer entblößten Geschlechtsmerkmale auswählen, aufgrund des „Gewöhnungseffekts“, wie ihn auch Klass 2011 schon beschreibt (vgl. Klass 2011, 14), mittlerweile deutlich weniger Empörung auslösen. Während also von kritischer Seite mit der Behauptung, durch diese Formate werde die Menschenwürde verletzt, ein äußerst schwerwiegender Vorwurf im Raum steht, scheint es zugleich in weiten Teilen unhinterfragt zu sein und beinahe zur Normalität zu werden, dass sich Privatpersonen in intimsten Situationen und häufig auf entwürdigende Art im Fernsehen vor einem Millionenpublikum zeigen. Wie kann es aber angesichts dessen, dass mit der Würde des Menschen der höchste aller Werte offensichtlich schon seit langem in Gefahr gesehen wird und dieser Vorwurf sogar mehrfach bereits ausgesprochen wurde, möglich sein, dass diese Formate uneingeschränkt weiterhin produziert und ausgestrahlt werden? Träfe es schließlich zu, dass der bedeutsamste zu schützende Wert hierdurch angegriffen wird, so müsste doch – könnte man denken – längst eingeschritten oder eine ausführliche Diskussion über die Formate geführt werden, wie bei sämtlichen anderen Vergehen, die als „Menschenwürdeverletzung“ bezeichnet werden. Schließlich kommt der Vorwurf, „eine Handlungsweise sei mit der Würde von Menschen unverträglich, […] einer endgültigen Verurteilung gleich. Handlungen, die die Würde von Menschen verletzen, lassen sich nach einer sehr verbreiteten Auffassung nicht rechtfertigen“ (Schaber 2012a, 9). Zudem ist doch der Staat dazu „verpflichtet, die Würde in staatsfreien als auch staatsfernen Bereichen zu schützen“ (Klass 2011, 50). Aus diesem Grund kann die „Menschenwürde, deren Beachtung und Schutz oberste Pflicht des Staates ist, […] der Rundfunkfreiheit […] Grenzen setzen“ (Klass 2011, 50). Warum ist also die Produktion immer extremerer, ständig aufs Neue schockierender Sendungen möglich, und warum wird (zumindest öffentlich) so wenig über ihre moralische Zulässigkeit diskutiert? Auch beim Reality TV, ähnlich wie mit Blick auf den technischen Fortschritt, handelt es sich zwar um eine „neuartige Fragestellung […], deren Problematik bei der Schaffung des Grundgesetzes nicht erkennbar war“ (Benda 1994, 180). Das Gebot, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen, bezieht sich Ernst Benda zufolge jedoch „auf jede Form der Bedrohung, gleichgültig, ob sie 1949 schon bestand oder als solche erkennbar war“ (Benda 1994, 180). Dass Verletzungen der Menschenwürde auch in den Medien geahn- 1. Einleitung 18 det werden sollen, wird zudem gesetzlich im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag festgehalten: „Angebote, für die entsprechend der näher ausgestalteten Tatbestände ein Verstoß gegen die Menschenwürde angenommen wird, sind nach dem JMStV grundsätzlich unzulässig. Verstöße gegen diese Verbote werden als Ordnungswidrigkeiten geahndet (§ 24 JMStV) und können im Bereich der elektronischen Medien zu Aufsichtsmaßnahmen durch die jeweils zuständigen Landesmedienanstalten führen (§ 20 JMStV).“ (Eifert 2006, 323) Ein möglicher Grund für die mangelnde Berücksichtigung dieser Problematik könnte sein, dass die These, „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ zwar zunächst nachvollziehbar und für Medienkritiker überzeugend klingt, diese Aussage jedoch aufgrund diverser Faktoren höchst problematisch scheint. Zum einen werden, wie bereits aus den ersten Sätzen dieser Einleitung indirekt ersichtlich wird, sehr verschiedenartige Formate als „Reality TV“ bezeichnet, und es existieren neben der Uneinigkeit über die Grenzen des Genres auch zahlreiche Möglichkeiten zur Bestimmung des Begriffes, wie in Kap. 2.1.2 gezeigt wird. Es ist daher fraglich, ob über „Reality TV“ überhaupt derart pauschale – noch dazu mit Blick auf den Würdeschutz als oberstes Gebot des deutschen Grundgesetzes so schwerwiegende – Aussagen getroffen werden können. Zum anderen – und dies ist wohl das aus moralphilosophischer Perspektive gravierendere Problem an der Aussage „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ – ist der Terminus „Menschenwürde“ äußerst umstritten. Das Gebot zur Achtung der Menschenwürde nimmt zwar nicht nur im Grundgesetz und in der Erklärung der Menschenrechte sowie im Pressekodex und im rundfunkrechtlichen Schutzsystem (vgl. Klass 2011, 45f.), sondern auffälliger Weise auch in vielen medienethischen Überlegungen (vgl. z.B. „Das ideale Verantwortungsdreieck des Journalisten“ in: Leiner 2006, 164) eine zentrale Rolle ein. Doch herrscht zugleich eine breite Kontroverse über die Bedeutung des Begriffes5, in deren Zentrum gleich mehrere wichtige Fragen stehen: Was ist Menschenwürde? Wodurch kann ihre Zuschreibung begründet werden? Kommt sie nur Menschen oder auch anderen Lebewesen zu? Ist 5 So schreibt beispielsweise Hans Jörg Sandkühler: „Darüber, was diese Grundnorm bedeutet, ob die Menschenwürde ‚unantastbar’ ist, ob es Grenzen der Geltung der verfassungsrechtlichen Würdenorm gibt und ob diese Norm mit anderen Grundrechtsnormen ‚abwägbar’ ist, gibt es heftige Auseinandersetzungen.“ (Sandkühler 2014, 9) 1. Einleitung 19 Würde eine Eigenschaft oder ein besonderer Wert des Menschen? Was gilt als Verletzung der Menschenwürde? Und welche Konsequenzen bringt das Menschenwürdekonzept für die Argumentation in anwendungsbezogenen Fragen mit sich? Die Debatte um die Bedeutung des Würdebegriffs ist nicht nur äußerst vielfältig, wie diese Fragen bereits andeuten, sondern hält seit einigen Jahren an und ist gegenwärtig höchst aktuell, wie die kaum überschaubare Fülle an ständig neu erscheinenden Publikationen zu dieser Thematik eindrücklich aufzeigt. Solange diese und ähnliche Fragen zur Bedeutung des Würdebegriffs nicht adäquat beantwortet sind, lässt sich wohl auch über die Verletzung von Würde im Reality TV keine angemessene oder gar allgemeingültige Aussage treffen. Schließlich ergibt sich bei weiterem Nachdenken über die Fragestellung eine zusätzliche Problematik: Selbst wenn sich adäquate Begriffsbestimmungen für „Reality TV“ und „Menschenwürde“ finden lie- ßen, muss hinterfragt werden, ob das Konzept Reality TV als solches menschenwürdeverletzend ist oder ob hier nicht vielleicht noch weiter differenziert werden muss – etwa zwischen dem Konzept Reality TV als Ganzes, einzelnen Formattypen, einzelnen Formaten oder einzelnen Szenen. Über diese begrifflichen Unklarheiten hinaus muss geklärt werden, ob die allgemeine These selbst zutrifft und Reality TV wirklich die Menschenwürde verletzt. Erst wenn sie sich als begründet erweisen ließe, müssten aufgrund der Hoheit des im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland festgehaltenen Würdeschutzes auch die Grenzen der Pressefreiheit und die Aufgabe des Staates hinsichtlich der Interventionsmöglichkeiten in die Medienproduktion überdacht werden. Die Behauptung „Reality TV verletzt die Menschenwürde“, die von einer großen Zahl medienkritischer Personen vermutlich unterstützt würde, ist demnach nicht so selbsterklärend und überzeugend, wie sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag. Dabei ist eine Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung von hoher gesellschaftlicher Relevanz, denn diese Formate werden täglich von mehreren Millionen Menschen auf der gesamten Erde konsumiert: „For the first time in 2010, ‚worldwide viewers watched more reality TV and entertainment shows than dramas and TV series,’ and reality shows consistently dominate ratings.“ (Wyatt; Bunton 2012, 1) So sahen in der Bundesrepublik Deutschland die erste Folge Der Bachelor im Jahr 2018 beispielsweise 3,32 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer (Klugmayer 2018), 4,68 Millionen Menschen verfolgten die erste Folge von Schwiegertochter gesucht im Februar 2012 (Zeitgeistmagazin 2012), Bauer sucht Frau sahen 2012 durchschnittlich rund 6 1. Einleitung 20 Millionen Menschen (Schröder 2012) und das Staffelfinale des „Dschungelcamps“ 2014 schauten sich 8,6 Millionen Deutsche an (Spiegel 2014). Auch wenn hier von Würde als höchster Wert des deutschen Grundgesetzes und von Zuschauerzahlen in der Bundesrepublik die Rede ist, beschränkt sich die moralische Problematik nicht auf Deutschland. Der Begriff der Würde findet sich auch in zahlreichen internationalen Rechtsdokumenten an prominenter Stelle und die Formate werden weltweit angeschaut. Zwar wären rechtliche Fragen staatsspezifisch zu klären, eine ethische Beurteilung kann und sollte jedoch über Staatsgrenzen hinaus erfolgen. June Deery behauptet, eine Auseinandersetzung mit dem Reality TV sei deshalb von großer Bedeutung, „because it pervades TV schedules around the world and has, as a consequence entered all kinds of popular and elite discourse, from personal blogs to presidential politics. To dismiss reality TV because of its often trivial content would be to miss its significance“ (Deery 2015, 1). Nicht nur, weil eine so große Zahl an Menschen diese Sendungen täglich anschaut und verfolgt, sondern auch, weil eine Analyse von kulturellen Gegebenheiten Aufschlüsse über die aktuelle Gesellschaft geben kann, lohnt sich ein näherer Blick auf diese Formate, wie auch Wendy Wyatt und Kristie Bunton beschreiben: „we think any cultural artifact – whether it represents ‚high’ culture, ‚low’ culture, or something in between – should be taken seriously because it tells us something about the actual culture in which we live.“ (Wyatt; Bunton 2012, 2) Wenn Formate, denen ein so schwerer Vorwurf gemacht wird, in unserer Gesellschaft derart beliebt sind, lassen sich hieraus womöglich auch Aussagen über unsere Gesellschaft ableiten und die Frage aufwerfen, inwiefern die Nachfrage beim Publikum vielleicht dafür verantwortlich ist, dass solche Formate weiter produziert und gesendet werden. Es ist überdies davon auszugehen, dass das Fernsehen nicht nur einen Einblick in die Gesellschaft gewährt, sondern auch Einfluss auf die in ihr lebenden Menschen und andere Medien nimmt, wie beispielsweise Neil Postman behauptet: „Indem das Fernsehen die Nachrichten in Form einer Varietéveranstaltung präsentiert, regt es andere Medien zur Nachahmung an, so daß die gesamte Informationsumwelt das Fernsehen widerzuspiegeln beginnt.“ (Postman 2003, 138) Die Frage nach der Menschenwürdeverletzung in Kombination mit hohen Zuschauerzahlen sowie potentiellen Veränderungen des sozialen Lebens in der Gesellschaft lässt die Thematik der vorliegenden Studie zu einer besonders brisanten, aktuellen Fragestellung werden, die auch stets aktuell bleibt, wie Klass erklärt. Ihrer Auffassung nach scheint die Frage, wie weit Fernsehunterhaltung gehen darf bzw. gehen sollte, „nie an Aktualität und Brisanz zu verlieren, denn die Medienkonzentration, der Wettbe- 1. Einleitung 21 werb und das Ringen um Einschaltquoten auf einem dynamischen Markt wie dem der Medien lässt die Programmmacher immer wieder aufs Neue Grenzen ausloten: Grenzen des Rechts, Grenzen des guten Geschmacks und Grenzen der Moral“ (Klass 2011, 15). Das Ziel der vorliegenden Analyse ist es nicht zuletzt aus diesem Grund, die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ näher zu beleuchten. Um den Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfes prüfen und eine ethische Problematik aufzeigen oder ausschließen zu können, ist es jedoch notwendig, zunächst den Begriff der Menschenwürde zu klären. Die Klärung des Würdebegriffs ist außerdem für etliche weitere moralphilosophische, politische und rechtliche Fragestellungen relevant. Somit ist diese Studie unter Umständen nicht nur für die Medienethik, sondern auch für den Diskurs um den Menschenwürdebegriff sowie sämtliche Felder, in denen er angewandt wird, bedeutsam. Wie sich die Thematik einordnen lässt, welche Richtlinien und Gesetze den Schutz der Menschenwürde fordern, welche Arbeiten es zu dieser Thematik bereits gibt und wie der Aufbau dieser Untersuchung gestaltet ist, wird in den folgenden Abschnitten erläutert. Einordnung der Thematik Propaganda, Meinungsmache und Manipulation, gewaltverherrlichende oder zur „Volksverdummung“ beitragende Darstellungen, Nachrichten, die Krisenstimmung verbreiten und fördern, subjektive, unvollständige, falsche oder Ermittlungen behindernde Berichterstattungen, Zensur und sogar die Verletzung der Menschenwürde – die Liste der Vorwürfe gegen die Medien ist lang und führt dazu, dass sich die Medienethik als noch recht junge Disziplin der angewandten Ethik zu einem breiten, kontinuierlich wachsenden Forschungsfeld entwickelt. Normative Fragestellungen der Medienethik, etwa dazu, was Medien in moralischer Hinsicht dürfen und wo ihnen aus welchen ethischen Gründen Grenzen gesetzt werden sollten, sind von den deskriptiven Überlegungen der Medienphilosophie, welche sich beispielsweise mit der Überlegung, was als „Medium“ bezeichnet wird bzw. wie Medien verwendet werden, zu unterscheiden. Die vorliegende Studie fokussiert normative Fragen und die Themenstellung setzt voraus, was wohl unstrittig ist – dass das Fernsehen als Medium verstanden wird. Wichtig für das Verständnis der Heterogenität der Medienethik ist es aber, sich über die Vielfalt der Medien und die dadurch bedingte Diversität der ethischen Fragen bewusst zu sein. Es muss zwischen allgemeinen, 1.1 1. Einleitung 22 in allen Medien gleichermaßen entstehenden ethischen Problemstellungen, wie zum Beispiel „extern verursachte Grundprobleme“ (Thies 2011, 207), wie politische oder ökonomische Interessen, die Frage nach der Verantwortung, der Freiheit, der Kontrolle oder der Aufgabe der Medien und ihrer Nutzer und solchen, die zunächst nur ein individuelles Medium betreffen, differenziert werden. Das Internet birgt beispielsweise andere ethisch zu hinterfragende Aspekte als die Printmedien, davon zu unterscheiden sind ethische Problemstellungen, die den Hörfunk und solche, die das Fernsehen betreffen. Innerhalb der einzelnen Medien ergeben sich wiederum spezifische Fragestellungen, die – wie im vorliegenden Fall – Bezug auf ein bestimmtes Genre oder auch einzelne Sendungen nehmen können. Außerdem gibt es solche, die sich gerade aus der Verwertung von in einem Medium verwendeten Material durch ein anderes Medium ergeben. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn im Fernsehen ausgestrahlte Szenen im Internet wiederverwendet werden oder auch umgekehrt. Die Medienethik ist also ein weites Forschungsfeld, das sich aus zahlreichen heterogenen Teilbereichen zusammensetzen muss. Eine Auseinandersetzung mit medienethischen Fragestellungen ist, wie schon angedeutet, deshalb von besonderer Bedeutung, weil davon auszugehen ist, dass Medien einen großen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen haben können. Martin Eifert geht beispielsweise davon aus, dass die Massenmedien „den zentralen Faktor der individuellen und gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit in modernen Gesellschaften“ (Eifert 2006, 321) bilden. Sie prägten das Bewusstsein, „vermitteln Orientierungsund Qualifikationswissen für die Bürger, übernehmen zentrale Leistungen für die Herstellung der kollektiven und individuellen Identität sowie der ideellen Reproduktion der Gesellschaft“ (Eifert 2006, 321). Auch auf Reality TV-Formate, die längst als Teil unserer Alltagskultur angesehen werden, trifft dies zu. Wyatt und Bunton zufolge sagen sie viel über uns und unsere Gesellschaft aus und können uns darüber hinaus auch in unseren Ideen leiten: „In other words, popular culture can tell us a lot about ourselves. As Jeffrey Bineham noted, the texts and artifacts of popular culture ‚are constantly telling us how to dress, how to talk, what vocations are significant, and what we should do politically and economically; in sum, they tell us who to be’. We think any message with this kind of power to illuminate and influence us should be taken seriously.“ (Wyatt, Bunton 2012, 2) 1.1 Einordnung der Thematik 23 Da uns in der Populär-Kultur, zu der sie das Reality TV zählen, vorgegeben würde, wie wir auszusehen hätten, wie wir zu sprechen haben und was wir politisch und ökonomisch zu tun hätten, sind Wyatt und Bunton der Überzeugung, dass diese Art von „Kultur“ sehr ernst genommen werden sollte. Auch Eifert ist der Auffassung, dass den Massenmedien eine wirkungsvolle Kraft „für die Kultur der Gesellschaft insgesamt sowie für die Herausbildung der je individuellen Werte und Orientierungen“ (Eifert 2006, 321) zukommt, wobei dieses „besondere Einflußpotential auf die Meinungsbildung […] notwendig ein Gefährdungspotential für den sozialen Achtungsanspruch des einzelnen“ (Eifert 2006, 321) beinhalte. Deutlich wird das Gefährdungspotential der Medien auch an dem von Martin Leiner dargestellten idealen Verantwortungsdreieck des Journalisten, welches aufzeigt, dass in bestimmten Fällen Spannungen oder sogar Widersprüche „zwischen der Wahrheit der Nachricht und der Würde einer Person entstehen können“ (Leiner 2006, 164). Es gehöre beispielsweise zur Wahrheit, „die ganze, auch schreckliche Wirklichkeit eines Terroranschlages zu zeigen. Die Würde der Person verbietet es aber in vielen Fällen, die entstellten Leiber getöteter Menschen öffentlich darzustellen“ (Leiner 2006, 164). Verschiedene Interessen, wie auch das „Karriereinteresse des Journalisten, die finanziellen Interessen der Verlage und ihrer Geldgeber (Werbung!) und partikulare politische Interessen“ (Leiner 2006, 165), welche drohen, „immer wieder die ethische Qualität von Medien zu untergraben“ (Leiner 2006, 165), können folglich hinsichtlich der medialen Darstellung in Konflikt geraten. Mit Blick auf die Reality TV-Formate sind es insbesondere das Interesse des Senders und der Produktionsfirmen, eine erfolgreiche, das Publikum begeisternde Sendung zu produzieren, und die Würde der Kandidatinnen und Kandidaten, die zu beachten sind und die – sollte sich der Verdacht der Menschenwürdeverletzung im Reality TV erhärten – auch in Konflikt miteinander geraten können. Obwohl die Wahrung der Menschenwürde in zahlreichen Rechtsdokumenten das höchste Gebot darstellt, existiert bislang mit Bezug auf die Medien nur eine „geringe Anzahl an Auseinandersetzungen von Aufsichtsund Rechtsprechungspraxis mit der Menschenwürdeproblematik“ (Klass 2011, 52). Dabei ist zu fragen, „ob die Medien die Würde des Menschen nicht in einer zentraleren Weise als übergeordnetes Prinzip, das auch über Wahrheit und öffentlichem Auftrag steht, begreifen müssten“ (Leiner 2006, 165). Schließlich hätte für die Theoriekohärenz „eine klarere Profilierung der Menschenwürde als oberstem Prinzip den Vorteil, dass Menschenwürde als das grundlegende Strukturprinzip der Angewandten Ethik auch in der Medienethik deutlich würde“ (Leiner 2006, 165). Dieser klare- 1. Einleitung 24 ren Profilierung und der Überlegung, ob sich der Menschenwürdebegriff als oberstes Strukturprinzip der angewandten Ethik eignet, soll die vorliegende Studie nachkommen. Der folgende Abschnitt, der die Bedeutsamkeit und Häufigkeit des Menschenwürdebegriffs innerhalb verschiedener Rechtsdokumente und Richtlinien aufzeigt, lässt den im darauffolgenden Abschnitt dargestellten, sehr überschaubaren Forschungsstand zu dieser Thematik verwunderlich gering erscheinen. Relevante rechtliche Vorgaben und Richtlinien Die nachfolgend aufgeführten vielfältigen Richtlinien und Kodizes, zeigen auf, für wie bedeutsam der Schutz der Menschenwürde angesehen wird. Nicht nur die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) der Vereinten Nationen – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ –, die Charta der Grundrechte der Europäischen Union – „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen“ und das Grundgesetz – „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ – enthalten die Forderung, die Würde des Menschen zu schützen, sondern auch verschiedene Richtlinien, die sich auf die Medien beziehen, betrachten die Menschenwürde als schützenswert. So gilt beispielsweise laut Pressekodex, welcher als Leitlinie für Journalistinnen und Journalisten in ihrem Arbeitsalltag und für den Presserat als „Grundlage für die Beurteilung der von Lesern eingereichten Beschwerden“ (Presserat, 2017) dient: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“ (Presserat 2017) Doch nicht nur in Ziffer 1, sondern auch unter weiteren Ziffern und in der Präambel des Pressekodex finden sich Aspekte, die in engem Zusammenhang mit dem Schutz der menschlichen Würde zu sehen sind. So ist in der Präambel festgelegt, dass „die Presse das Privatleben, die Intimsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Menschen“ (Presserat, 2017) achten solle. Zudem ist Ziffer 8 des Pressekodexes von Interesse, denn hier werden die Achtung des Privatlebens des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung gefordert. Einzig wenn das Verhalten des Menschen von öffentlichem Interesse sei, könne es in der Presse erörtert wer- 1.2 1.2 Relevante rechtliche Vorgaben und Richtlinien 25 den (vgl. Presserat 2017)6. Im Pressekodex heißt es außerdem: „Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.“ (Presserat 2017) Richtlinie 8.8 besagt darüber hinaus, dass der private Wohnsitz sowie andere private Aufenthaltsorte besonderen Schutz genießen. Ebenso als relevant angesehen werden kann Ziffer 9, welche lautet: „Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.“ Auch das Europäische Übereinkommen über das grenzüberschreitende Fernsehen legt den Schutz der Menschenwürde fest (vgl. Klass 2011, 39f.) und im Rundfunkstaatsvertrag wird ebenfalls Bezug auf die Würde genommen. Paragraph 3 Allgemeine Grundsätze des Rundfunkstaatsvertrages lautet: „(1) Die in der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), das Deutschlandradio und alle Veranstalter bundesweit verbreiteter Rundfunkprogramme haben in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen; die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. Die Angebote sollen dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinungen anderer zu stärken. Weitergehende landesrechtliche Anforderungen an die Gestaltung der Angebote sowie § 41 dieses Staatsvertrages bleiben unberührt.“ Und auch der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag beinhaltet den Schutz der Menschenwürde, wie Martin Eifert beschreibt: „Angebote, für die entsprechend der näher ausgestalteten Tatbestände ein Verstoß gegen die Menschenwürde angenommen wird, sind nach dem JMStV grundsätzlich unzulässig. Verstöße gegen diese Verbote werden als Ordnungswidrigkeiten geahndet (§ 24 JMStV) und können im Bereich der elektronischen Medien zu Aufsichtsmaßnahmen durch die jeweils zuständigen Landesmedienanstalten führen (§ 20 JMStV).“ (Eifert 2006, 323) 6 Fraglich ist, wann das Verhalten eines Menschen von öffentlichem Interesse ist und ob Ereignisse, die Kandidatinnen und Kandidaten einer Reality TV Show betreffen, derart von öffentlichem Interesse sein können, dass sie anschließend in Boulevard-Medien wieder aufgegriffen werden dürfen. Dies zu klären ist jedoch nicht Ziel der Studie. 1. Einleitung 26 Wenn also behauptet wird, Reality TV verletze die Menschenwürde, wird damit folglich auch ausgesagt, dass es gegen Artikel 1 der AEMR, gegen Art. 1 der EU-Grundrechtecharta, gegen Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes, das Jugendmedienschutz-Staatsvertragsgesetz, den Rundfunkstaatsvertrag – im Falle von Reality TV-Sendungen, die auf öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen sind – und den Pressekodex verstößt. Dass die Würde und der Einzelne vor massiven Eingriffen „in die Privatund Intimsphäre, sei es durch Wort- oder auch durch Bildberichterstattung, ohne dass der Betroffene zuvor eingewilligt hat“ (Schertz 2007, 26), geschützt werden soll, beschreibt auch der Medienanwalt Christian Schertz. Dieser Schutz vor Indiskretion werde „aus dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, darüber zu bestimmen, inwiefern er tatsächlich öffentlich vorkommen will, etwa mit Namen und/oder Abbildung“ (Schertz 2007, 26) hergeleitet. In der Regel wird dies im Hinblick auf das Reality TV mit Verträgen geregelt, die die Kandidatinnen und Kandidaten vor der Ausstrahlung der Sendungen unterschreiben müssen. Wie gestaltet sich jedoch die Relation zwischen dem Vertragsrecht und dem Würdeschutz? Ist es möglich, freiwillig auf den Schutz der eigenen Würde zu verzichten? Ein weiterer, ebenfalls im Grundgesetz festgehaltener Grundsatz erschwert die Klärung dieser Frage, denn Meinungs- und Pressefreiheit sind in Deutschland ebenfalls wichtige und geschützte Werte und Zensur ist nach Artikel 5 Abs. 1 des Grundgesetzes verboten: „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz) Die angeführten Gesetze, Richtlinien und Kodizes zeigen, dass auf der einen Seite dem Schutz der Menschenwürde eine zentrale Rolle zukommt. Zugleich kann dieser jedoch gerade hinsichtlich der Reality TV-Formate, zu deren Produktion die Teilnehmenden eine vertraglich festgelegte Zustimmung geben, mit der Presse- und Meinungsfreiheit auf der anderen Seite in Konflikt geraten. Ob dieser Konflikt tatsächlich besteht, kann jedoch nur geklärt werden, wenn klar ist, was unter „Reality TV“ und dem Begriff der Menschenwürde zu verstehen ist und ob die Würde tatsächlich durch diese Formate verletzt wird. Bislang existieren nur wenige wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dieser Fragestellung, wie die nachfolgenden Ausführungen über den Stand der Forschung zeigen. 1.2 Relevante rechtliche Vorgaben und Richtlinien 27 Hinweise zum Stand der Forschung Obwohl die Fragestellung, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt, von hoher gesellschaftlicher Relevanz ist, wurde sie bislang zumindest im Rahmen philosophischer Forschung eher unzureichend behandelt. Aus rechtswissenschaftlicher Perspektive hat sich Klass in ihrer Dissertation mit dem Titel „Rechtliche Grenzen des Realitätsfernsehens – Ein Beitrag zur Dogmatik des Menschenwürdeschutzes und des allgemeinen Persönlichkeitsrechts“ und in einem Beitrag zur Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien (LfM) mit dem Titel „Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge“ mit der Thematik auseinandergesetzt. Der Schwerpunkt ihrer Studien liegt in der Überlegung, ob der Staat gesetzlich eingreifen kann bzw. sollte, wenn der Verdacht der Menschenwürdeverletzung im Reality TV besteht und welche Grenzen „aus Sicht der Verfassung einen angemessenen und erforderlichen Menschenwürdeschutz“ (Klass 2011, 16) garantieren können. Klass ist sich darüber bewusst, dass die Bedeutung des Würdebegriffs kontrovers diskutiert wird und historisch gewachsene heterogene Auslegungsmöglichkeiten existieren (vgl. Klass 2004, 126f.). Aus den Formulierungen des Bundesverfassungsgerichts leitet sie jedoch ab, dass es allein „das biologische Basisfaktum Leben sein“ kann, das maßgeblich für die Frage ist, „ob jemand Träger der Menschenwürde ist“ (Klass 2004, 137f.). Der Kern der Menschenwürde besteht ihrer Auffassung nach aus „Selbstbestimmung, Verantwortlichkeit und Personalität“ (Klass 2004, 142). Dies behauptet sie allerdings, ohne es normativ zu begründen, was aus moralphilosophischer Perspektive ein Problem darstellt. Erläutert werden müsste schließlich, warum ein Wesen, nur weil es biologisch einer bestimmten Gattung zuzuordnen ist, einen besonderen Wert oder eine Würde zugeschrieben bekommen sollte. Stattdessen wird dieser Schritt in ihrer Arbeit ausgelassen und im Rahmen ihrer rechtswissenschaftlichen Studien davon ausgegangen, dass jeder Mensch gemäß dem Grundgesetz Würde besitzt. Insgesamt wird in ihrer Studie aus ausschließlich rechtlicher Perspektive betrachtet, wie mit Verletzungen im Reality TV umzugehen ist, welche Rechte und Gesetze heranzuziehen sind und wo die Grenzen des Realitätsfernsehens liegen. Ziel ihrer Arbeit ist es, „Beispielfälle zu bilden, bei deren Vorliegen von einem Menschenwürdeverstoß auszugehen ist“ (Klass 2004, 143). In ihrer späteren Studie mit dem Titel „Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge“, die ebenfalls Bezug auf das Reality TV nimmt, 1.3 1. Einleitung 28 weist Klass darauf hin, dass in ihrer Arbeit aufgezeigt wird, „was Fernsehen mit Blick auf Art. 1 Abs. 1 GG darf. Nicht geklärt wird hingegen, was Fernsehen dürfen sollte“ (Klass 2011, 16). Diese Frage sei zwar nicht weniger wichtig, müsse aber der rechtlichen Umsetzung vorgelagert und im gesellschaftlichen Diskurs geklärt werden (vgl. Klass 2011, 16). Eben diese Lücke soll die vorliegende Studie schließen, indem sie zunächst klärt, ob und wie sich die Zuschreibung von Menschenwürde begründen lässt, was „Würde“ bzw. „Menschenwürde“ bedeutet, wie Würde gemäß einer moralphilosophischen (und nicht juridischen) Perspektive verletzt werden kann – und indem erste Überlegungen dazu entwickelt werden, was dementsprechend im Reality TV als ethisch problematisch anzusehen ist. Bei dem einzigen, einem moralphilosophischen Kontext zuzuordnenden Text, der sich mit der vorliegenden Thematik beschäftigt, handelt es sich um den sechsseitigen Aufsatz Superstars und Menschenwürde von Ralf Stoecker, der das Thema in seiner Vielfalt nicht ausschöpfen kann. In weiten Teilen dieser Publikation beschäftigt er sich nicht mit möglichen Menschenwürdeverletzungen im Reality TV, sondern mit der Debatte, ob Embryonen Würde zukommt, mit der Historie des Würdebegriffs und mit der Überlegung, in welchen Diskursen der Würdebegriff in der Regel zum Tragen kommt. Aufgrund seiner Annahme, dass Würde in engem Zusammenhang mit Selbstachtung zu sehen sei und dass die Kandidatinnen und Kandidaten wüssten, worauf sie sich einließen, kommt er zu dem Schluss, dass Reality TV-Formate die Menschenwürde nicht verletzen. Wie er dies begründet und warum seine Theorie an einigen Stellen ausbaufähig ist, wird Thema des Kapitels 3.2.5.2 sein. Der Stand der Forschung hinsichtlich ethischer Fragestellungen, die sich mit dem Würdebegriff auseinandersetzen, bietet per se eine Besonderheit, denn die Verwendung von „Menschenwürde“ im Sinne eines normativen Konzeptes in ethischen Diskursen beschränkt sich weitestgehend auf den deutschsprachigen Raum: „Die häufige Berufung auf die Menschenwürde als normatives Prinzip ist ein Unterscheidungsmerkmal speziell der deutschen bioethischen Diskussion.“ (Birnbacher 1995, 4) Zwar bezieht sich Dieter Birnbacher hier auf den bioethischen Diskurs, Gleiches gilt jedoch auch für alle anderen Diskurse der angewandten Ethik, die auf den in Deutschland rechtlich verankerten Begriff der Menschenwürde Bezug nehmen. In einigen Staaten wird „das Konzept der Menschenwürde als juristisches Prinzip dezidiert abgelehnt, selbst wenn es in der Verfassung erwähnt wird (Beispiele: Portugal, Spanien, Italien). […] Es handele sich gewissermaßen um Verfassungslyrik, mit der der Jurist nichts anfangen könne und die er deshalb zu ignorieren habe“ (Tiedemann 2014, 31), erläutert 1.3 Hinweise zum Stand der Forschung 29 Paul Tiedemann dieses Phänomen. Zudem seien die Briten „aufgrund der wirkungsmächtigen Tradition des Utilitarismus seit Bentham und Mill grundsätzlich skeptisch gegenüber dem Begriff der Menschenwürde“ (von der Pfordten 2016, 45). Dies begründet, warum die überwiegende Zahl relevanter Forschungsliteratur zum Würdebegriff im deutschsprachigen Raum erschienen ist. Zur Bestimmung des Begriffs werden in der vorliegenden Studie die wichtigsten und grundlegendsten Theorien zum Menschenwürdebegriff herangezogen und analysiert, ohne die kaum enden wollende Liste der Literatur über Menschenwürde vollständig wiederzugeben, da es nicht um die Erfassung jedes Details und jeder Variante gehen kann, sondern nur um die Schaffung einer Grundlage für die Klärung der Frage, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt. Im Falle der Literatur, die sich mit ethischen Fragestellungen in Bezug auf das Reality TV befasst, ist Umgekehrtes der Fall: Hier lässt sich kaum deutschsprachige Literatur finden – nahezu sämtliche Texte hierzu sind in englischer Sprache verfasst, und es befasst sich keiner dieser Beiträge mit der Frage nach Verletzungen der Menschenwürde im Reality TV. Publikationen zum angemessenen Verständnis der Vorgehensweisen von Produzenten des Reality TV sind nicht sehr zahlreich und beschränken sich in der Regel auf Artikel aus Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Zwei Bücher, die Erfahrungsberichte und Meinungen in erster Linie zu Casting-Shows enthalten, sind aber zu finden: In ihrem Buch „Sex, Drugs & Castingshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.“ schildern die beiden Autoren Markus Grimm und Martin Kesici ihre Eindrücke und Erfahrungen während der Dreharbeiten und nach den Ausstrahlungen der jeweiligen Casting-Show, an der sie teilgenommen haben. Ihre Geschichten überschneiden sich an einigen Punkten und lassen erahnen, wie es hinter den Kulissen in anderen Shows zugehen könnte. Sie sind jedoch subjektive Erfahrungsberichte, von denen sich nicht auf pauschale Urteile über Reality TV im Allgemeinen schließen lässt. Für die Betrachtung von Anwendungsfällen des im Laufe der Überlegungen entwickelten Verständnisses von Würde wird insbesondere das Buch „Die Casting-Gesellschaft“ des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen und des Journalisten Wolfgang Krischke aus dem Jahre 2012 herangezogen. Es enthält zahlreiche Interviews mit Kritikerinnen und Kritikern, (ehemaligen) Teilnehmenden, Moderatorinnen und Moderatoren sowie Produzentinnen und Produzenten von insbesondere Casting-Formaten. 1. Einleitung 30 Ziele und Aufbau der Studie Das primäre Ziel der Studie ist es, die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Es gilt also herauszustellen, ob Formate, die diesem Genre zugeordnet werden, tatsächlich die Würde des Menschen verletzen (können) und falls ja, wann und warum dies der Fall ist. Auch wenn dabei paradigmatische Fälle betrachtet werden, dient die Untersuchung jedoch nicht der umfassenden Klärung, wer de facto wann wessen Würde verletzt hat. Dies ist bereits aufgrund der Vielzahl der Formate und der in ihnen enthaltenen einzelnen Szenen nicht möglich. Für den Aufbau dieser Studie liegt nach den vorangegangenen Ausführungen bereits eine Aufteilung in drei große Kapitel nahe: Der erste ausführliche Teil spezifiziert den Untersuchungsgegenstand und legt dar, was unter „Reality TV“ zu verstehen ist, welche Formate hierzu gezählt werden, inwiefern sich diese kategorisieren lassen und wie sie sich von Sendungen, die dem „Scripted Reality“ zugeordnet sind, abgrenzen. Wie es überhaupt zu der Vielzahl an derartigen Formaten kam und warum sich die Formate so großer Beliebtheit erfreuen, wird mit einem kurzen Blick auf die Entstehung des Reality TV deutlich. Der Abschnitt über ethische Problemfelder, die sich im Zusammenhang mit solchen Sendeformaten ergeben können, verdeutlicht, wie bedeutsam eine kritische Auseinandersetzung mit Reality TV-Formaten ist, und dass über die angenommene Menschenwürdeverletzung hinaus weitere Aspekte dieser Formate ethisch zu hinterfragen sind. Eine ausführliche Analyse dieser kann jedoch in dieser Studie nicht geleistet, sondern allenfalls in Aussicht gestellt werden. Sollte sich der Vorwurf der Menschenwürdeverletzung bestätigen, wäre dies bereits Grund genug, die Zulässigkeit oder zumindest die Ausgestaltung der Formate in dieser Form ethisch zu hinterfragen. Um Würdeverletzungen feststellen oder ausschließen zu können, ist die Klärung des Würdebegriffs erforderlich, welche Inhalt des zweiten Teils der Untersuchung ist. Nach einem Blick in seine Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht und aus der hervorgeht, warum der Terminus derart uneindeutig verwendet wird und seine Definition umstritten ist, werden die wichtigsten aktuellen Theorien der Menschenwürde vorgestellt und kritisch betrachtet. Da der Fokus auf der Überlegung liegt, ob sich Menschenwürdeverletzungen im Reality TV feststellen lassen, werden diese Theorien nicht in ihrem vollen Umfang dargelegt, sondern lediglich der Kern der jeweiligen Positionen angeführt und auf mögliche Kritikpunkte hin untersucht. Hierbei zeigt sich, dass viele der gängigen Erklärungen der Menschenwürde aus verschiedenen Gründen wenig überzeugen. Nicht nur die Thesen, 1.4 1.4 Ziele und Aufbau der Studie 31 Würde sei ein Wert, eine Eigenschaft, ein Anspruch oder eine Haltung, sondern auch die häufig vertretenen Auffassungen, Menschenwürde sei ausschließlich das Ziel, der Grund oder gar die Summe aller Menschenrechte, weisen bei näherer Betrachtung Probleme auf, die nicht so gelöst werden konnten, dass sich ein Konsens über die Bedeutung des Würdebegriffs abzeichnet. Doch auch der Ansatz, den einige Autorinnen und Autoren aus dieser Schwierigkeit entwickeln, Würde als leeren Begriff bzw. Worthülse zu begreifen, scheint angesichts der häufigen Verwendung des Terminus „Würde“ und seiner Platzierung innerhalb zahlreicher Rechtsdokumente und Richtlinien wenig überzeugend. Der im Anschluss an die Analyse dieser Theorien entwickelte Vorschlag zu einem Verständnis des Würdebegriffs legt nahe, dass mit Blick auf seine heterogene Geschichte und die unterschiedlichen Bedeutungen, mit denen er belegt wurde, im deutschen Sprachraum grundlegend zwischen zwei verschiedenen Auffassungen von Würde, die oftmals miteinander vermengt werden, unterschieden werden sollte. Was aus diesem Vorschlag für das Verständnis von Würde für die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ folgt, wird im letzten ausführlicheren Teil untersucht. Da sich hinter dem Begriff „Reality TV“ zum einen das Genre, aber auch Formattypen, einzelne Sendungen oder einzelne Szenen verbergen, werden die beiden zuvor erarbeiteten differenzierten Verständnisse des Würdebegriffs jeweils auf diese angewendet, bevor in einem abschließenden Fazit eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse sowie ein Ausblick auf weitere zu erforschende Fragestellungen erfolgt. Insofern klärt die vorliegende Studie nicht nur, ob und wann die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ zutrifft. Darüber hinaus soll auch ein über diese spezielle Fragestellung hinaus anwendbarer Würdebegriff entwickelt sowie mit dem Reality TV einhergehende ethische Probleme beleuchtet werden7. 7 Nach Möglichkeit vermieden wird hierbei die Nennung der Namen von Kandidatinnen und Kandidaten, da diese Ausführungen nicht weitere Würdeverletzungen oder Demütigungen der ohnehin bereits betroffenen Personen provozieren sollen. Auch Bernhard Pörksen und Hanne Detel weisen darauf hin, „dass die Analyse einer angeblichen Normverletzung unvermeidlich diese Normverletzung reproduziert – und die Gefahr erzeugt, die Schmähung, nur eben unter dem Deckmantel von Information, Aufklärung und Analyse, ein weiteres Mal zu wiederholen“ (Pörksen, Detel 2012, 17). Dies soll hier – so weit wie möglich – vermieden werden. 1. Einleitung 32 Über Reality TV Die folgenden Ausführungen klären zunächst einige Begrifflichkeiten, die für die Untersuchung von Bedeutung sind. Anschließend wird der Untersuchungsgegenstand abgegrenzt und paradigmatisch aufgezeigt, welche Formate für die Analyse von Bedeutung sind. Nach einem kurzen Einblick in die Geschichte des Reality TV, die verdeutlicht, warum sich diese Formate gerade bei den Produzenten so großer Beliebtheit erfreuen, wird auf einige ethisch problematische Aspekte eingegangen. Terminologische Klärungen Eine Auseinandersetzung mit der vorliegenden ethischen Fragestellung erfordert nicht nur die Bestimmung des Menschenwürdebegriffs, sondern auch eine Klärung dessen, was unter „Reality TV“ verstanden wird. Einer solchen Erläuterung bedarf es, um den Untersuchungsgegenstand genauer zu bestimmen sowie zu verdeutlichen, worin die ethische Problematik dieser Formate besteht. Dies ist der Analyse der einzelnen Würdetheorien vorangestellt, da es sinnvoll erscheint, über die zu betrachtenden kritischen Aspekte bereits während der Auseinandersetzung mit dem Würdebegriff im Bilde zu sein. Beispielsweise handelt es sich, wie nachfolgend beschrieben wird, bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Sendungen nicht um Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern um Privatpersonen. Während Schauspielerinnen und Schauspieler nicht sich selbst, sondern eine Figur darstellen, stehen die Teilnehmenden der Reality TV-Formate in der Regel als medienunerfahrene Privatpersonen vor der Kamera, deren (vermeintliches) Privatleben öffentlich dar- und unter Umständen bloßgestellt wird. Diese Information ist notwendig, um überhaupt eine Würdeverletzung in Betracht ziehen zu können, da herablassende Äußerungen, die eine gespielte Figur betreffen, nicht die gleiche Wirkung haben wie Erniedrigungen einer Privatperson gegenüber. Dieses Kapitel beansprucht nicht, eine allgemeingültige Begriffsdefinition zu formulieren oder zu begründen – diese Aufgabe kommt den Medientheoretikern zu –, sondern klärt lediglich, welches Verständnis von „Reality TV“ dieser Analyse zugrunde liegt. Hierfür werden verschiedene Definitionen betrachtet und eine Abgrenzung zum sogenannten „Scripted 2. 2.1 33 Reality TV“ vorgenommen. Ferner sind einige weitere, in dieser Studie auf bestimmte Weise verwendete und verstandene Termini näher zu erläutern. Anschließend wird eine (offene) Liste verschiedener Formattypen, die üblicherweise dem Reality TV zugeordnet werden, vorgestellt. Reality TV – die Beteiligten Die relevanten an den zu untersuchenden Formaten beteiligten Personen lassen sich in drei Kategorien unterteilen: der Produzent, die Protagonistinnen und Protagonisten und die Rezipientinnen bzw. Rezipienten. Im Folgenden wird aufgrund möglicher abweichender Bedeutungen von den üblichen Bezeichnungen in der Sprache der Fernsehbranche ausgeführt, wie diese Begriffe in der vorliegenden Untersuchung verstanden werden. Der Produzent Unter „Produzent“ wird nachfolgend entgegen der üblicherweise getroffenen Unterscheidung zwischen „Redaktion“ und „Produktion“ ganz allgemein jeder verstanden, der in die Produktion einer Sendung involviert ist. Dabei wird auch nicht zwischen Produktionsfirma und TV-Sender unterschieden, obschon in der Fernseh-Praxis eine eindeutige Unterscheidung getroffen wird. Während die Produktionsfirma ausschließlich Formate produziert und diese dann zur Ausstrahlung an den Sender weiterleitet, kann der Sender auch selbst Produzent sein, ist aber in jedem Falle derjenige, der über die Ausstrahlung der Produktionen entscheidet. Der Sender kann also Formate bei Produktionsfirmen in Auftrag geben oder selbst Produzent sein. Dieser Unterschied spielt für die Beantwortung der Frage, ob Menschenwürdeverletzungen im Reality TV vorliegen, zunächst keine Rolle, da bei einer Bejahung der Frage beide als Produzenten anzusehen und somit gleichermaßen betroffen wären. Erst für weitere Überlegungen, insbesondere juristische Schritte oder Fragen der Verantwortung, wäre relevant, wer genau die jeweilige menschenwürdeverletzende Handlung begangen hat. Hier wird jedoch, wenn von der Verantwortlichkeit des „Produzenten“ für eine Sendung die Rede ist, nicht explizit zwischen der produzierenden und der ausstrahlenden Instanz unterschieden. Wenn ein Sender ein Format von einer Fremdfirma annimmt oder in Auftrag gibt, fällt er in dem hier vorgesehenen Sinne unter den Begriff „Produzent“. 2.1.1 2. Über Reality TV 34 Die Teilnehmenden Mit „Protagonist“ oder „Protagonistin“, im Folgenden auch „Teilnehmerin“ bzw. „Teilnehmer“, „die“ bzw. „der Dargestellte“ oder „die Kandidatin“ bzw. „der Kandidat“ genannt, sind nachfolgend grundsätzlich alle „Privatpersonen“ gemeint, die in den Sendungen tragende Rollen spielen. Darunter können auch prominente, medienbekannte Personen fallen, die in diesen Formaten intime Einblicke in ihr Privatleben gewähren. Der oder die „Dargestellte“, von der bzw. dem in dieser Studie ausgegangen wird, ist zu unterscheiden von einer Schauspielerin oder einem Schauspieler, die bzw. der lediglich eine Rolle einnimmt und bei der bzw. dem nicht die Würde der Schauspielerin oder des Schauspielers als Person, sondern allenfalls die Würde des Charakters, der von ihr bzw. ihm dargestellt werden soll, (auf fiktive Weise) verletzt werden kann. Die Rezipientinnen und Rezipienten Als „Rezipientinnen“ und „Rezipienten“ oder „Konsumentinnen“ bzw. „Konsumenten“ werden in der vorliegenden Schrift sämtliche Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer aufgefasst. Dabei ist der Begriff weder mit Angaben zur Quantität oder zur Art des Fernsehkonsums, noch mit Vorurteilen gegenüber einer bestimmten Personengruppe behaftet, sondern bezeichnet lediglich diejenigen, die sich die Sendungen im Fernsehen oder Internet sowohl rein zufällig als auch absichtlich anschauen. „Reality TV“ Eine Betrachtung der alltagssprachlich als „Reality TV“ bezeichneten Formate, wie beispielsweise Casting-Shows, Hilfe-Shows, Partnersuche-Shows etc., zeigt, dass die einzelnen Sendungen hinsichtlich ihres Inhaltes stark voneinander abweichen. In der einen Show werden junge Mädchen zu Models ausgebildet, in der nächsten wird dargestellt, wie Kandidatinnen und Kandidaten Schönheitsoperationen unterzogen werden und in einer weiteren sucht ein Junggeselle eine Frau. Häufig werden auch Doku-Soaps über das Privatleben von Prominenten wie Die Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie zum Reality TV gezählt. Dies wirft die Frage auf, welche die zentralen Merkmale von Reality TV sind und wodurch sich die dazugehörigen Formate von anderen unterscheiden. Die Suche nach einer Erläuterung des Begriffes „Reality TV“ zeigt, dass sich nicht nur die Formate, sondern auch die bisher vorgeschlagenen Defi- 2.1.2 2.1 Terminologische Klärungen 35 nitionen zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Die Vielseitigkeit der dazu gezählten Formate und die Vielzahl der bereits formulierten Definitionen führt bisweilen sogar dazu, dass es als unübersichtliches Genre bezeichnet wird: „Insgesamt lässt sich feststellen, daß Reality-TV – Wirklichkeitsfernsehen, wie die deutsche Übersetzung lautet – ein diffuses Genre ist.“ (Wegener 1994, 15) Im Folgenden werden nun zunächst exemplarisch einige Definitionen von Reality TV betrachtet, die zentrale Merkmale der zum Reality TV zu zählenden Sendungen aufzeigen. Einige konzentrieren sich auf das Genre oder die Gattung, dem bzw. der die Formate zuzuordnen sind, andere auf den Inhalt der dem Reality TV zugeordneten Sendungen im Allgemeinen und wieder andere beziehen sich auf die Art der Darstellung dieser Inhalte. Anschließend werden die für die vorliegende Studie bedeutsamen Aspekte herausgestellt und eine Definition von „Reality TV“ eruiert, von der auch in den folgenden Kapiteln ausgegangen wird. Der Jurist Eifert charakterisiert das Genre „Reality TV“ als „problematisches Programmformat“ und bezeichnet es als „Ausstrahlung privater Videos u.a. über individuelle Katastrophen, den dramaturgisch überformten Talk-Shows über intime Lebensbereiche oder der medial verbreiteten Dauerüberwachung von Personen in ‚Big Brother’ oder dem ‚Dschungel- Camp’“ (Eifert 2006, 323). Diese Definition scheint dahingehend problematisch, dass es sich bei Reality TV-Formaten nicht oder zumindest nicht ausschließlich um „private Videos“ handelt, wobei zudem zu klären wäre, was genau mit privaten Videos gemeint ist. Die Erläuterung der Bundeszentrale für Politische Bildung konzentriert sich auf die Art der Darstellung bestimmter Situationen innerhalb der Sendungen sowie deren Wirkung auf den Zuschauer: Reality TV wolle ein Abbild von Lebenswirklichkeit liefern und überschneide sich „deshalb teilweise mit der Fernsehgattung der Dokumentation“ (Bundeszentrale für politische Bildung, Reality TV). Dabei gehe es „jedoch nicht wirklich um die Darstellung einer Realität außerhalb des Fernsehens, sondern um neue, zumeist sehr emotionalisierte Perspektiven auf die Welt“ (Bundeszentrale für politische Bildung, Reality TV). Diese Definition bezieht sich auf die in Reality TV-Formaten häufig behandelten Themen, deren oftmals dramatisierte Darstellung und ihre Wirkung auf das Publikum. Die „sehr emotionalisierte[n] Perspektiven“ sowie das bei den Rezipientinnen und Rezipienten ausgelöste Entsetzen sind bedeutsame und häufig auftretende Elemente von Reality TV, allerdings ist auch diese Definition mit Blick auf die hier behandelte Fragstellung unzureichend. Zwar beschreiben beide Definitionen typische Charakteristika von Reality TV-Formaten. Was ih- 2. Über Reality TV 36 nen jedoch fehlt, ist der Hinweis auf den für die zugrundeliegende Fragestellung besonders relevanten Aspekt, dass es sich bei den dargestellten Personen um in der Regel medienunerfahrene Privatpersonen handelt bzw., wenn Prominente dargestellt werden, auch diese tiefe Einblicke in ihr Privatleben oder Intimsphäre gewähren. Ein Hinweis hierauf findet sich zwar in der Definition von Christopher Meyers, „Reality TV is at least largely unscripted, normally relies on untrained actors and purports to provide a narrative of ordinary life“ (Meyers 2012, 9), doch schließt diese aufgrund der Verwendung des Begriffs „normally“ nicht aus, dass die Sendungen auch von Schauspielerinnen und Schauspielern bestritten werden können. Die Kommunikationswissenschaftlerinnen Elisabeth Klaus und Stephanie Lücke kommen dem für die Untersuchung besonders wichtigen Punkt deutlich näher. Sie nennen „die emotionalisierte Darstellung des Privaten und Intimen in der Öffentlichkeit“ als „wesentliche Merkmale“ und bezeichnen Reality TV grundsätzlich als „Genrefamilie“ (vgl. Klaus; Lücke 2003, 196), die sich aus verschiedenen Formaten zusammensetzt. Die Formate zeichnen sich dieser Definition nach dadurch aus, dass sie aus Kombinationen verschiedener „Gattungs- oder Genrecharakteristiken“ (Klaus; Lücke 2003, 196), wie beispielsweise der Daily Soap und der Dokumentation, bestehen. Darüber hinaus differenzieren die Kommunikationswissenschaftlerinnen zwischen „narrativem“ und „performativem Reality TV“: „Narratives Reality TV umfasst jene Sendungen, die ihre ZuschauerInnen mit der authentischen oder nachgestellten Wiedergabe realer oder realitätsnaher außergewöhnlicher Ereignisse nicht-prominenter Darsteller unterhalten. Performatives Reality TV umfasst jene Sendungen, die eine Bühne für nicht-alltägliche Inszenierungen sind, jedoch zugleich direkt in die Alltagswirklichkeit nicht-prominenter Menschen eingreifen.“ (Klaus; Lücke 2003, 199; Hervorhebung im Original) Die Differenzierung selbst ist für die Studie zwar nicht von Bedeutung, es zeigt sich jedoch an den jeweiligen Begriffserläuterungen, welche Faktoren für das Reality TV charakteristisch sind, nämlich die Darstellung realer Ereignisse nicht-prominenter Darsteller sowie Eingriffe in die Alltagswirklichkeit dieser Personen. Dies beschreiben auch die Medienpsychologen Gary Bente und Bettina Fromm, nach denen Reality TV „die Zentrierung auf Einzelschicksale, die Fokussierung auf emotionale Befindlichkeiten und die Überschreitung tradierter Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit“ (Bente; Fromm 1997, 13) vornimmt. Ihrer Beschreibung nach 2.1 Terminologische Klärungen 37 sind „die zu untersuchenden Formate […] qua Konzept nicht-fiktional, d.h. sie erheben den Anspruch, Realität abzubilden oder gar zu inszenieren, wie z.B. in Beziehungsshows und Suchsendungen“ (Bente; Fromm 1997, 19f.). Dabei veröffentlichten hier „vornehmlich unprominente Menschen […] ihre eigene Person bzw. ihr persönliches Schicksal im authentischen Bericht und/oder in der direkten Selbstdarstellung vor der Kamera“ (Bente; Fromm 1997, 20) und die „Thematisierung häufig sehr intimer Inhalte geht teilweise mit einer emotionalisierenden medientechnischen Präsentationsweise einher, bei der die Akteure nicht selten in stark bewegten Momenten in Großaufnahme gezeigt werden“ (Bente; Fromm 1997, 20). Dies entspricht auch dem Verständnis von Reality TV, an dem sich Klass in ihren Ausführungen orientiert. Sie ordnet ein Format dem Untersuchungsgegenstand Reality TV zu, wenn „es sich bei den Protagonisten um ‚Normalbürger’ handelt, die in der Rolle ihrer Selbst agieren und […] Privatheit und Intimität besonders betroffen sind“ (Klass 2004, 9). Darüber hinaus sei es für die hierzu zählenden Formate zwar nicht zwingend, aber charakteristisch, „dass die Sendungen das alltägliche Leben der Protagonisten verändern, also konkret auf die Alltagswirklichkeit der Akteure einwirken“ (Klass 2004, 9). Da, wie diese Ausführungen zeigen, die Erläuterungen des Reality TV sehr heterogen sind, ist eine klare Abgrenzung zur Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes erforderlich. Unter „Reality TV“ werden im Folgenden, wie bei Klass, Bente und Fromm, sämtliche Sendungen verstanden, in denen die Darstellung eines Teils des realen, grundsätzlich privaten Lebens der Protagonistinnen und Protagonisten zur Unterhaltung der Fernseh- Konsumentinnen und -Konsumenten dienen soll. Es handelt sich also um eine Form der nicht-fiktionalen Unterhaltung, bei der die Kandidatinnen und Kandidaten reale, oftmals intime Informationen aus ihrem Privatleben preisgeben. Häufig angegebene Motive dieser Sendungen sind, den dargestellten Privatpersonen in irgendeiner Form zu Ruhm, Geld, Problemlösungen oder einem besseren Leben zu verhelfen. Hierfür wird ihr persönliches Schicksal rekonstruiert, die Teilnehmenden äußern persönliche Überzeugungen oder intime Wünsche und bieten der Kamera und den Zuschauerinnen und Zuschauern Einblicke in ihre Privatsphäre, wie beispielsweise in ihren Wohnraum, Teile des Familienlebens und persönliche Probleme. Diesen Aspekt hebt Fromm auch in einem späteren Text hervor, wobei sich ihre Ausführungen in erster Linie auf Talkshows – die hier ebenso zum Reality TV gezählt werden, sofern Privatpersonen Informationen über ihr Privatleben preisgeben – beziehen. Sie geht davon aus, dass die Protagonistinnen und Protagonisten dieser Sendungen keine 2. Über Reality TV 38 Schauspielerinnen oder Schauspieler sind, sondern die Betroffenen ihr wahres Schicksal ungeniert vor einem Millionenpublikum ausbreiten. Somit werde das, „was vormals im engsten Kreis besprochen wurde […], heute mehr oder weniger jedem zugänglich“ (Fromm 1999, 13). Die Medienpsychologin Sabine Trepte beschreibt, dass diese Formate deshalb auch als „Private Publishing“, also die „Tendenz, das Private in die Öffentlichkeit zu tragen“ (Trepte 2002, 4), bezeichnet werden. Neben der Erläuterung von Bente und Fromm ist auch der von Trepte verwendete Begriff „Intime Formate“ für Sendungen, in denen Privatpersonen auftreten, die damit zum „zentralen Gestaltungselement“ (Trepte 2002, 5) werden, eine sinnvolle Bezeichnung für die hier zugrunde liegende Charakterisierung von „Reality TV“. Typisch für Reality TV-Formate sind zudem die von Bente und Fromm genannten häufig eingesetzten Mittel, wie beispielsweise der Live-Charakter der Sendungen, der den Rezipientinnen und Rezipienten das Gefühl vermitteln soll, selbst dabei zu sein. Ein weiteres Merkmal sei die Einbindung der Zuschauerinnen und Zuschauer beispielsweise durch Telefon- Aktionen sowie die Anwesenheit einer Moderatorin oder eines Moderators, die bzw. der zum einen ein „konstantes menschliches Element“ darstelle und zum anderen „längerfristige emotionale Bindungen an das Programm“ aufbauen könne (Bente; Fromm 1997, 20). Nicht nur die Art der Darstellung, die Inhalte der Sendungen und die Einbindung von Privatpersonen als Protagonisten, sondern auch die Abläufe sind typisch für Reality TV-Formate. Als weiteres Merkmal teilen sie, dass es oftmals dem Publikum möglich ist, nicht nur telefonisch mitzubestimmen, sondern durch die Anwesenheit im Studio live dabei zu sein, und nicht selten werden die Zuschauerinnen und Zuschauer sogar dazu aufgerufen, sich selbst für die Teilnahme an der nächsten Produktion zu bewerben. Außerdem ist der von Bente und Fromm genannte Moderator in der Funktion, Zuschauerinnen und Zuschauer zu binden und emotionale Reaktionen auszulösen, ein sich in nahezu allen Shows wiederspiegelndes Element. Für viele dieser Sendungen existiert darüber hinaus kein festes Drehbuch, sondern lediglich ein Ablaufplan, der auf die Kandidatinnen und Kandidaten, die gerade mitwirken, angepasst wird und sich während des Drehs verändern kann, beispielsweise durch gezielte Fragestellungen oder psychologische Einflussnahme der Redakteurinnen und Redakteure. Dies zeigt beispielsweise der Artikel über einen Mitarbeiter des Formates „Schwiegertochter gesucht“, der behauptet, dass die Fernsehmacher ihre 2.1 Terminologische Klärungen 39 Protagonistinnen und Protagonisten mit den richtigen Fragen auch ohne Skript in eine gewünschte Richtung lenken können: „Zum Beispiel werde nachgefragt: ‚Willst du wirklich sagen, dass du Heiko gar nicht gut findest? Oder möchtest du vielleicht sagen, dass Heiko dich gerade noch nicht richtig anspricht, weil du ihn ja noch gar nicht richtig kennst?’ Je weniger Zeit man für einen Dreh habe, desto mehr werde vorgesagt. Auch Stress und Übermüdung werden laut dem jungen Mann bei der Produktion gezielt eingesetzt. Während die Fernseh-Profis wenig Schlaf beim Dreh gewohnt seien, mache das den Protagonisten meist zu schaffen. Und auf Stress reagieren viele Menschen sehr eigen: ‚Die fangen dann an rumzuknutschen oder was weiß ich. Das passiert wie von Zauberhand.’“ (Focus online 2016) Auch die Möglichkeit der Einflussnahme der Produzenten auf das Verhalten der Kandidatinnen und Kandidaten kann folglich als Element des Reality TV gesehen werden und ist für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung, wie in den späteren Kapiteln noch aufgezeigt wird. „Scripted Reality TV“ Vom „Reality TV“ zu differenzieren und für die vorliegende Analyse nicht von Bedeutung sind die sogenannten „Scripted Reality Formate“, welche fälschlicherweise oftmals als Darstellung der Realität interpretiert werden. Diese Fehlinterpretation liegt vermutlich in der Verwendung von Laiendarstellerinnen und -darstellern und der authentischen Darstellung „vermeintlich realistischer Geschehnisse und Konflikte“ (Die Medienanstalten 2014) begründet. In einem Artikel der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) wird Scripted Reality folgendermaßen beschrieben: „Reportagen, die aussehen als wären sie echt, mit wackelnder Kamera und abgesetzten Interviews. Manchmal werden sogar Personen oder Nummernschilder unkenntlich gemacht, als müssten die Persönlichkeitsrechte von irgendjemand geschützt werden. Nur: Alle handelnden Personen sind Schauspieler, die Geschichten erfunden, sie folgen einem Drehbuch. Die Mischung aus realer Darstellung und perfekter Dramaturgie beschert dem Privatfernsehen derzeit beste Quoten im Nachmittagsprogramm.“ (Panorama/Das Erste 2015) 2.1.3 2. Über Reality TV 40 Die Medienanstalten sehen auch diese Formate als problematisch an, da hier „nicht selten zwischenmenschliche Verhaltensweisen und Konflikte sozialer Milieus dargestellt [werden], die häufig nicht der Realität entsprechen, aber das Meinungsbild der Zuschauer gegenüber bestimmten sozialen Gruppen beeinfluss[en]“ (Die Medienanstalten 2014). Die Sendungen handelten schließlich häufig von privaten Problemen einzelner Familien oder von Streitigkeiten unter Nachbarn, mit dem Arbeitgeber oder Behörden, die in Verbindung mit den gestalterischen Mitteln, wie beispielsweise das eigentlich unnötige Pixeln von Nummernschildern, dazu führen, dass sie vom Zuschauer für eine reale Darstellung gehalten werden können. Aus diesem Grund wurden inzwischen von der Gremienvorsitzendenkonferenz der Medienanstalten Leitlinien zur Kennzeichnung solcher Formate entwickelt, um der Täuschung des Publikums vorzubeugen und sie auf die Fiktionalität der Darstellungen aufmerksam zu machen (vgl. Die Medienanstalten 2014). Für diese Formate liegen aber im Gegensatz zu denen, die unter den zuvor erläuterten Begriff des Reality TV fallen, die Drehabläufe bereits fest und – wenn es sich auch um Laienschauspielerinnen und -schauspieler handelt, so sind die dargestellten Personen doch fiktive Figuren und es werden keine realen und intimen Informationen der dargestellten Personen preisgegeben. Sollten im Scripted Reality TV Würdeverletzungen vorkommen, so bezögen sich diese folglich auf fiktive Figuren und nicht auf real existierende Personen. Aus diesem Grund werden diese Formate in der vorliegenden Studie außer Acht gelassen. Ähnlich dem Scripted Reality TV, für welches keine teuren ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspieler engagiert werden, sind auch die Kosten für Reality TV-Formate sehr gering, was sicherlich als ein Grund für die Vielzahl und weite Verbreitung beider Formatarten anzusehen ist. Wie es überhaupt zur Entwicklung derartiger Formate kam, wird im nächsten Abschnitt kurz erläutert. Zur Entstehung des Reality TV Eine ausführliche Analyse der Geschichte des Reality TV obliegt anderen Fachrichtungen als der ethischen, wie beispielsweise der Medienwissenschaft, der Mediengeschichte oder der Soziologie. Der Chronik des Genres wird deshalb an dieser Stelle kein ausführliches Kapitel gewidmet. Lediglich von Interesse ist hier mit Blick auf etwaige Konsequenzen, wann und warum die Entwicklung des Genres begann und seit wann es derart erfolg- 2.2 2.2 Zur Entstehung des Reality TV 41 reich ist. Die Anfänge des Reality TV werden in der Regel in den 1980er Jahren gesehen (vgl. Hill 2009, 15). Dabei seien die USA das Ursprungsland des Reality TV, wo es seit 1988 einen regelrechten Boom erlebt habe, erklärt Claudia Wegener (vgl. Wegener 1994, 18). Auch die meisten deutschen Sendungen hätten ihre Vorbilder in den USA und kooperierten mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen, wobei die amerikanischen Vorbilder vielfach „entschärft und den spezifischen nationalen, sozialen, kulturellen und historischen Kontexten der jeweiligen Länder angepaßt“ (Wegener 1994, 19) würden. Die Gründe für den Erfolg der Reality TV Programme lägen nicht unbedingt nur im „Zuspruch von Seiten des Publikums, sondern ebenso in den extrem niedrigen Produktionskosten für Reality TV“ (Wegener 1994, 18). In erster Linie seien es Sendungen, die mit einer versteckten Kamera gedreht werden, die „in vielen Reality TV-Geschichtsabhandlungen als Geburtsstunde des Genres [gelten], alleine schon deshalb, weil erstmals unbeteiligte Normalbürger vor die Kamera traten und sich ohne Irritation durch die Kamera verhielten, wie sie sich eben im Alltag verhalten, denn sie wussten ja nicht, dass sie ungewollt zu Performern geworden waren“ (Rützel 2017, 10). Rützel datiert die Geburtsstunde des Reality TV in Deutschland allerdings sogar noch früher, nämlich auf die Zeit der Entstehung der Sendung Wünsch dir was, die 1969 erstmals ausgestrahlt wurde (vgl. Rützel 2017, 11). Hier mussten sich Familien „in Gesprächsrunden sowie Rate- und Handlungsspielen beweisen, wobei das Ausführen der Spiele oft durch Selbstüberwindung gekennzeichnet war“ (Wikipedia, Wünsch dir was). Nachdem dann im Jahre 2000 Big Brother für Aufsehen gesorgt hatte, „gehörten die Nullerjahre den nachmittäglichen Gerichtsund Talkshows. […] Weitere Meilensteine der Trash-Kultur: 2004 startete in Deutschland Ich bin ein Star – holt mich hier raus! (IBES), 2005 Bauer sucht Frau“ (Rützel 2017, 16). Auch wenn diese Art des Fernsehens spätestens seit Big Brother äußerst skeptisch betrachtet wurde und wird, konnten all die Anklagen „dem Genre nichts anhaben“ (Rützel 2017, 20). Längst wurde „das erste Kind in einem Big Brother Container geboren, 2005 kam es in Holland vor laufender Kamera zur Welt […]. Natürlich gab es Proteste, gesendet wurde das Material doch“ (Rützel 2017, 20). Nicht nur die niedrigen Produktionskosten, sondern sicherlich auch die Tatsache, dass es in den USA bereits Vorbilder gibt, an deren Erfolgen oder Misserfolgen eine Orientierung möglich ist, sorgen wohl dafür, dass Reality TV aller Kritik trotzt und auch gegenwärtig noch derartig viele Formatvariationen erfolgreich existieren. Diese werden im Folgenden in verschiedene Format- 2. Über Reality TV 42 typen eingeteilt, da dies dem besseren Überblick im späteren Kapitel zur Anwendung des Würdebegriffs auf das Reality TV dient. Reality TV – die Formattypen Reality TV ist in dem hier verstandenen Sinne ein Genre, dem viele, äu- ßerst verschiedene Formate zugeordnet werden können. Nicht nur über die angemessene Definition, sondern auch über eine Einteilung sowie die Zuteilung der einzelnen Formate zu diesem Genre herrscht offenkundig Uneinigkeit. Die nachfolgend vorgenommene Kategorisierung zeigt deshalb lediglich auf, welche Formate beispielhaft unter die zuvor für diese Studie festgelegte Definition von „Reality TV“ fallen. Sie dient also in erster Linie der näheren Bestimmung dessen, was genau der Gegenstand dieser Untersuchung ist. Zu jedem nachfolgend genannten Typus werden nur wenige Sendungen als Beispiele genannt, da eine vollständige Auflistung zum einen nicht notwendig, zum anderen kaum möglich scheint, weil ständig neue Formate erscheinen und die Liste fortlaufend ergänzt werden müsste. Die Aufzählung beschränkt sich zudem auf Formate aus dem deutschsprachigen Raum, deren Vorbilder aber oftmals in den USA liegen und die häufig in zahlreichen weiteren Ländern so oder in ähnlicher Weise existieren. Casting-Shows Zu den Casting-Shows werden hier all diejenigen Formate gezählt, in denen Privatpersonen vor einer Jury ein (vermeintliches) Talent vorführen. Die Jury besteht in der Regel aus ausgewählten Personen oder Personenkreisen, wie beispielsweise prominenten Expertinnen und Experten auf dem jeweiligen Gebiet. Auch können oftmals die Zuschauerinnen und Zuschauer im Studio oder das Publikum zu Hause vor dem Fernseher und dem Internet ihre Meinung zu der jeweiligen Darbietung kundtun. Die Jury kommentiert und bewertet gewöhnlich die erbrachte Leistung der Personen und entscheidet über ihr Ausscheiden oder Weiterkommen in die nächste Runde. Oftmals ist darüber hinaus auch eine Moderatorin oder ein Moderator vorhanden, die bzw. der vor und/oder nach der Vorführung mit den Kandidatinnen und Kandidaten spricht. Die dargestellten Personen befinden sich immer in einem Wettbewerb gegen andere Kandidatinnen und Kandidaten, an dessen Ende häufig Geldpreise oder Ver- 2.3 2.3.1 2.3 Reality TV – die Formattypen 43 tragsabschlüsse, die auf eine besondere Karriere hoffen lassen, auf die Gewinnerin oder den Gewinner warten. Zu den bekanntesten deutschen Casting-Shows zählen derzeit Das Supertalent, Deutschland sucht den Superstar, The Voice of Germany und Germany’s next Topmodel (vgl. Presseportal 2015). Weitere Beispiele für mittlerweile abgesetzte Casting-Shows in Deutschland sind Popstars, Star Search und X-Factor. Gameshows Unter die Kategorie „Gameshows“ fallen Sendungen, in denen ausgewählte Kandidatinnen oder Kandidaten, in der Regel unter Anweisungen einer Moderatorin oder eines Moderators, bestimmte Aufgaben lösen, ebenfalls mit dem Ziel, Sach- oder Geldpreise zu gewinnen. Prominente Beispiele sind Formate wie Schlag den Raab, Wetten, dass? oder Wer wird Millionär?. Für Kinder gibt und gab es derartige Shows ebenfalls seit einigen Jahren. Hierzu zählen beispielsweise Tigerentenclub, Tabaluga TV sowie 1, 2 oder 3. Diese Sendungen werden alltagssprachlich üblicherweise nicht zu den typischen Reality TV-Formaten gezählt – vermutlich, weil hier der Fokus nicht auf einer emotionalisierten Darstellung des Intimen bzw. Privaten, sondern auf das Spiel gelegt wird. Dabei werden auch hier Privatpersonen dargestellt, die unter Umständen Einblicke in ihr Privatleben bieten, was ebenfalls Auswirkungen auf ihr Leben haben kann. Ein Beispiel hierfür ist die Ausstrahlung einer Folge von Wer wird Millionär? am 15. Juni 2015, in der eine Studentin als erste Kandidatin überhaupt an der 50-Euro-Frage scheiterte. Kurz darauf wurde sie in unzähligen Medien erwähnt und belächelt, tausende Kommentare wurden in den sozialen Medien dazu verfasst (vgl. Der Westen 2017). Die Überlegung, solch vergleichsweise harmlos erscheinende Quizformate entgegen der Intuition ebenfalls zum Reality TV zu zählen, scheint folglich berechtigt. Ebenfalls zu den Gameshows und alltagssprachlich ohne Zweifel zum Reality TV gezählt werden Formate wie Big Brother oder Ich bin ein Star – holt mich hier raus!. Sowohl Big Brother als auch die als „Dschungelcamp“ bekannte Show Ich bin ein Star – holt mich hier raus! stehen seit der jeweils ersten Ausstrahlung aufgrund der Dauerüberwachung der Kandidatinnen und Kandidaten ständig in der Kritik8. Diese beiden Shows mit oben ge- 2.3.2 8 So zum Beispiel im Artikel in der Frankfurter Rundschau von Tilmann P. Gangloff: Wo Niedertracht legitimiert wird: „Das Dschungelcamp zeigt keine Abnutzungseffekte und beschert RTL weiter Zuschauerrekorde. Das Erschreckendste ist dabei 2. Über Reality TV 44 nannten Spiel- bzw. Quizshows in einem Atemzug zu nennen, mag vielleicht zunächst widerstreben, da sie auf den ersten Blick nicht dem klassischen Konzept einer Gameshow entsprechen. Aber auch hier werden den Kandidatinnen und Kandidaten Aufgaben gestellt, die dem Gewinner am Ende der Sendung einen Geldpreis und bzw. oder den Titel „Dschungelkönig“ oder „Dschungelkönigin“ bescheren. Somit sind sie zwar keine klassischen Gameshows, enthalten aber Elemente, die integraler Bestandteil von Gameshows sind, wie beispielsweise Spiele, das Ausscheiden und das Antreten gegen mindestens einen Konkurrenten. Big Brother und das Dschungelcamp rücken jedoch in jedem Falle in die Kategorie des Reality TV, da hier Privatpersonen und (ehemalige) Prominente als Privatpersonen rund um die Uhr mit Kameras überwacht und in sehr intimen Situationen gezeigt werden. Talkshows Derzeit im deutschen Fernsehen aus der Mode gekommen (vgl. Spiegel Online 2013) sind Talkshow-Formate9 mit Privatpersonen, auch „Daily Talks“ genannt, wie die Oliver Geissen Show, Arabella oder Bärbel Schäfer. In Talkshows wird in der Regel ein Thema vorgegeben, zu dem die Anwesenden, oftmals mit gegensätzlichen Meinungen unter Anleitung einer Moderatorin oder eines Moderators diskutieren. Diese führen bzw. führten bei den medienunerfahrenen Kandidatinnen und Kandidaten angesichts der teils emotionalen und konfliktreichen Themen oftmals zur Eskalation mit Tränen und Wutausbrüchen. In diesen Diskussionen bieten die Talkshowgäste häufig tiefe Einblicke in eigentlich äußerst intime und private Konflikte sowohl vor einem Studio- als auch dem Fernsehpublikum und provozieren sich vor der Kamera gegenseitig (vgl. z.B. Spiegel Online 2013). Wutausbrüche und Kontrollverluste der Teilnehmenden wurden mit dem Aufkommen der Talkshows zunehmend zur täglichen Unterhaltung des Fernsehpublikums, wobei diese in Deutschland aktuell von der Bildfläche verschwunden sind. Zwar sind gegenwärtig insbesondere im Abendprogramm wieder zahlreiche Gesprächsrunden zu sehen. Hier setzen sich jedoch größtenteils fernseherfahrene Personen der Öffentlichkeit, häufig Politikerinnen und Politiker, nicht mit privaten, sondern mit gesellschaftskri- 2.3.3 die Tatsache, dass das Dschungelcamp noch genauso zynisch und sadistisch ist wie vor elf Jahren; aber niemand regt sich mehr darüber auf“. (Gangloff 2015) 9 Zur Geschichte der Talkshow und weiterer Erläuterung s. auch: Fromm 1999, 20f.. 2.3 Reality TV – die Formattypen 45 tischen und für die Öffentlichkeit relevanten Themen auseinander. Diese Sendeformate fallen somit nicht in die Kategorie des Reality TV, wie auch Fromm festhält. Die Protagonistinnen und Protagonisten der sogenannten „Konfro-Talks“ seien „seltener Privatpersonen mit persönlichen Belangen als vielmehr Vertreter bestimmter Gruppen. Diese thematisieren beispielsweise gesellschaftliche bzw. politische Strömungen oder Mißstände“ (Fromm 1999, 22). Folglich seien diese medienerprobt und hätten nicht unbedingt einen persönlichen Bezug zum Thema, das häufig eher öffentlicher als privater Natur ist (vgl. Fromm 1999, 22). Zu den problematischen Talkshows können aber auch Comedyformate wie das mittlerweile eingestellte TV Total gezählt werden, in denen die Gäste „nicht selten einem überlegenen Moderator gegenüberstehen, der sie bloßstellt, dem Urteil des oftmals aufgebrachten Saalpublikums überlässt und sie hierdurch zu Unterhaltungszwecken instrumentalisiert“ (Klass 2011, 19). Gerade diese Show griff zudem oftmals besonders beschämende Szenen oder Geschichten von Teilnehmenden der Reality TV-Formate wieder auf, zeigte die Szenen erneut mehrfach oder lud die Teilnehmenden sogar als Gäste ins Studio ein. Partnersuche-Formate Bei Formaten wie Bauer sucht Frau, Schwer verliebt, Hochzeit auf den ersten Blick, Schwiegertochter gesucht oder Der Bachelor ist das angestrebte Ziel, den Kandidatinnen bzw. Kandidaten bei der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin zu helfen. Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern erhalten die Möglichkeit, dies im eigenen Wohnzimmer auf dem Bildschirm zu verfolgen. Um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, lassen sich die Produzenten immer sonderbarere Abläufe zur Partnersuche einfallen: Nachdem sich in bereits mehreren Staffeln ein „Bachelor“ aus 22 Kandidatinnen in einer gehobenen Atmosphäre die passende Frau aussuchen durfte (vgl. RTL 2015b) und in diversen Staffeln von Bauer sucht Frau jeder Schritt der Bauern und ihrer Frauen mit lächerlich wirkenden Alliterationen (vgl. Stern 2015) kommentiert wurde, treffen nun Kandidatinnen und Kandidaten der Sendung Adam sucht Eva – gestrandet im Paradies vollkommen nackt auf einer Südseeinsel aufeinander (vgl. RTL 2015c). In Hochzeit auf den ersten Blick werden Menschen, die sich nicht kennen, von einem „‚Expertenteam’ basierend auf ‚einer Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse’“ (Rützel 2015) auf dem Standesamt zusammengeführt, wo sie sich gegenseitig das Ja-Wort geben und anschlie- 2.3.4 2. Über Reality TV 46 ßend zusammen in die Flitterwochen verreisen. Bei Naked Attraction – Dating hautnah treffen Partnersuchende nicht mal mehr auf eine nackte Person als Ganze, sondern bekommen zunächst Eindrücke von den entblößten Geschlechtsteilen der zur Auswahl stehenden Personen gezeigt, anhand derer sie bereits eine Vorauswahl treffen sollen. Diese auch als „Kuppelshow“ (vgl. z.B. Reich 2014) bezeichneten Formate erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit im deutschen Fernsehen, wie unschwer an der Vielzahl der Sendungen auf verschiedenen Kanälen zu erkennen ist. Hier werden nicht nur besonders intime Momente der Kandidatinnen und Kandidaten gezeigt, sondern auch massiv in das Privatleben eingegriffen – beispielsweise dadurch, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat unverheiratet in die Sendung gegangen ist und verheiratet wieder zurück in seinen Alltag kehrt. Dokumentationen über Privatpersonen Auch unter den Dokumentationen, die im Fernsehen zu sehen sind, finden sich einige, die dem Reality TV zuzuordnen sind. Dazu zählen Formate wie Frauentausch, in dem je zwei Frauen mit sehr unterschiedlichen Charaktereigenschaften und Lebensumständen für eine begrenzte Zeit die Rolle in der Familie und im Haushalt einer jeweils anderen einnehmen müssen. Auch Goodbye Deutschland, in dem Kandidatinnen und Kandidaten gezeigt werden, die meist sehr unvorbereitet und in einer mutmaßlich zum Scheitern verurteilten Vorgehensweise (z.B. ohne jegliche Sprachkenntnisse oder Kenntnisse der kulturellen Umstände im Zielland) Deutschland verlassen, um in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen, zählt zu dieser Art von Dokumentationen. Darüber hinaus existieren Formate wie Mein Baby oder Teeniemütter – Wenn Kinder Kinder kriegen. Beide Formate begleiten Familien vor, während und nach der Geburt, wobei sich Teeniemütter auf minderjährige, oftmals ungewollt schwanger gewordene Mädchen konzentriert. Zwar werden hier in der Regel keine lächerlich wirkenden Kommentare durch einen Moderator oder eine Moderatorin geäußert und ist auch kein Zuschauer involviert, aber mit der Geburt werden sehr intime, teils sehr extreme Situationen gezeigt. Beide Formate stellen aufgrund der Beteiligung von (teils nicht zustimmungsfähigen) Kindern und Jugendlichen eine besondere Problematik dar, die besondere Beachtung verdient. 2.3.5 2.3 Reality TV – die Formattypen 47 Help-Shows In den sogenannten Help-Shows, wie Vermisst, Extrem Schön! – endlich ein neues Leben, Zuhause im Glück, Rach, der Restauranttester oder The Biggest Loser, stehen die Kandidatinnen und Kandidaten vor sehr persönlichen Problemen. Einige haben entweder in extremem Ausmaß Übergewicht oder sind von anderen körperlichen Makeln betroffen, die ihnen unter Umständen sogar psychische Probleme bereiten. Auch Schulden, vermisste Personen, vollkommen verschmutzte oder mangels finanzieller Mittel unfertige Behausungen, Restaurants, die keinen Umsatz machen, oder scheinbar unlösbare Probleme in der Kindererziehung wie bei Die Super Nanny sind Themen dieser Formate. Sie überschneiden sich teils mit der oben genannten Kategorie „Dokumentationen“, unterscheiden sich jedoch dadurch voneinander, dass das Leben Kandidatinnen und Kandidaten hier nicht nur dokumentiert wird, sondern ihnen zur Lösung ihrer Probleme verholfen werden soll. Über einen längeren Zeitraum werden sie mit der Kamera und meist mit einem (vermeintlich) ausgewiesenen Experten auf dem jeweiligen Gebiet begleitet, operiert, geschult, trainiert oder ihnen geboten, was auch immer ihnen zu neuer Lebensqualität verhelfen kann, sodass zum Ende hin ein deutlicher Vorher-Nachher-Effekt erkennbar sein soll. Zusammenfassung der Einteilung des Reality TV in Formattypen Die nachfolgende Tabelle stellt die hier aufgelisteten Typen und die grundlegenden Inhalte, aufgrund derer sie sich voneinander unterscheiden nochmals in einer Übersicht dar: 2.3.6 2.3.7 2. Über Reality TV 48 Formattypus Inhalt Beispiele Casting-Shows Privatpersonen nehmen an einem Wettbewerb teil, oftmals unter Anwesenheit einer Jury und einer Moderatorin oder eines Moderators. In einigen Fällen darf das Fernsehpublikum mit abstimmen. Das Supertalent Deutschland sucht den Superstar Germany’s next Topmodel The Voice of Germany Popstars Gameshows Ausgewählte Kandidatinnen und Kandidaten lösen häufig in Anwesenheit einer Moderatorin/eines Moderators bestimmte Aufgaben, meist mit dem Ziel, Sach- oder Geldpreise zu gewinnen. Big Brother Ich bin ein Star – holt mich hier raus! Wer wird Millionär? Wetten, dass..? Für bzw. mit Kinder/n: Tigerentenclub 1, 2 oder 3 Talkshows bzw. Daily Talks Unter Anwesenheit einer Moderatorin/eines Moderators und in der Regel auch eines Studiopublikums werden private, teils äußerst intime Umstände diskutiert. Arabella Die Oliver Geissen Show Bärbel Schäfer Partnersuche- Formate Junggesellinnen und Junggesellen soll zu einem Partner/einer Partnerin verholfen werden. Bauer sucht Frau Schwiegertochter gesucht Der Bachelor Hochzeit auf den ersten Blick Adam sucht Eva – gestrandet im Paradies Naked Attraction – Dating hautnah Dokumentationen über Privatpersonen Ein Teil des privaten Lebens der Teilnehmenden wird dokumentiert. Frauentausch Teeniemütter – Wenn Kinder Kinder kriegen Goodbye Deutschland Help-Shows Kandidatinnen und Kandidaten soll bei für sie scheinbar unlösbaren Problemen unterschiedlichster Art geholfen werden. Die Super Nanny Vermisst Extrem Schön! – endlich ein neues Leben Zuhause im Glück The Biggest Loser Tabelle 1: Übersicht Formattypen Wie eingangs bereits erwähnt, erhebt diese Aufzählung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und soll auch keine endgültigen Bestimmungen der verschiedenen Kategorien beinhalten. Die Ausarbeitung der Kategorien und die Auflistung der Formate werden hierdurch nicht erschöpft; 2.3 Reality TV – die Formattypen 49 dies kann und soll im Rahmen dieser Arbeit auch nicht geleistet werden. Sie dient in erster Linie dem Verständnis dessen, was grundlegend gemeint ist, wenn im Folgenden von Reality TV-Formaten oder bestimmten Formattypen die Rede ist. Eine Ausdifferenzierung der damit zusammenhängenden ethischen Fragen wird in Kapitel 4 erfolgen. Im nachfolgenden Abschnitt wird aufgezeigt, warum der Verdacht der Menschenwürdeverletzung mutmaßlich geäußert wird, ohne an dieser Stelle bereits darauf einzugehen, ob er berechtigt ist oder nicht. Ethische Problemfelder des Reality TV Einige Aspekte der bisherigen Ausführungen deuten zwar einzelne Schwierigkeiten bereits an, bislang wurde jedoch nicht erläutert, womit der schwere Vorwurf der Menschenwürdeverletzung im Zusammenhang mit Reality TV-Formaten begründet wird. Da die These Reality TV verletzt die Menschenwürde in der Regel ohne explizite, argumentativ nachvollziehbare und ausdifferenzierte Begründung geäußert wird, können über die Motive der Kritiker und zu den Hintergründen des Vorwurfs allerdings in erster Linie lediglich Vermutungen angestellt werden. Es ist zudem davon auszugehen, dass nicht alle Reality TV-Formate gleichermaßen und auch nicht in gleicher Weise ethisch problematisch sind. Eine genaue Analyse dazu, ob sich dieser Vorwurf bestätigt oder ob er verworfen werden muss, wird Inhalt des 4. Kapitels sein, in dem es um die Anwendung des Würdebegriffs auf das Reality TV geht. An dieser Stelle soll lediglich in Erwägung gezogen werden, warum dieser Vorwurf überhaupt formuliert wird, ohne zugleich zu analysieren, ob er sich bestätigt oder nicht. Das wichtigste Merkmal des Reality TV, das eine Grundvoraussetzung dafür darstellt, dass die These Reality TV verletzt die Menschenwürde überhaupt als sinnvoll in Betracht gezogen werden kann, ist wohl, dass es sich bei den in diesen Sendungen dargestellten Personen nicht um Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern um Privatpersonen handelt. Sie werden mit ihrem wirklichen Namen häufig in privaten oder gar intimen Situationen im Fernsehen gezeigt. Sämtliche Handlungen vor der Kamera und etwaige Würdeverletzungen betreffen also stets Privatpersonen. Wenn sich hingegen ein Schauspieler seiner Rolle entsprechend in einem Film lächerlich verhält oder die Person, die er spielt, gedemütigt wird, betrifft die Würdeverletzung die fiktive Figur und nicht den Schauspieler als Privatperson. Zwar kann er als schlechter Schauspieler bezeichnet, aber nicht für das, was die fiktive Figur getan hat, verantwortlich gemacht werden. 2.4 2. Über Reality TV 50 Reality TV-Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen hingegen mit ihrem Namen und als reale Personen in der Öffentlichkeit und dies kann Konsequenzen für ihr Privatleben und ihren Alltag nach der Ausstrahlung haben. Wird eine Kandidatin oder ein Kandidat beispielsweise bei einem Casting der Show Deutschland sucht den Superstar aufgrund mangelnder Gesangskünste von einem Jurymitglied mit Sprüchen wie „Wenn ich mir morgens einen Pickel ausdrücke, dann hat das mehr Power als deine Stimme“ oder „Ich finde die Optik eine Katastrophe. Du siehst nicht aus, wie man sich einen Popstar vorstellt. So in C&A-Winterklamotten von vor drei Jahren“ (Focus Online 2014) beleidigt und gedemütigt, so betrifft dies eine real existierende Persönlichkeit. Sie als Privatperson muss mit den Folgen daraus leben, dass nicht nur die in dem Moment im Studio Anwesenden, sondern auch ein Millionenpublikum vor dem Fernseher und unter Umständen sogar eine unüberschaubare Anzahl an Internetnutzern weltweit sehen konnte bzw. kann, wie sie schräg gesungen hat und gedemütigt wurde. Ein Problem scheint also genau dies darzustellen: Unter Umständen peinliche Ausschnitte aus dem Leben von in der Regel medienunerfahrenen Personen werden einer unüberschaubaren Anzahl an Menschen zur Verfügung gestellt – gleichgültig, ob hierdurch positive Auswirkungen auf das Leben der Kandidatinnen und Kandidaten oder im Gegenteil negative Folgen wie Scham, Ausgrenzung oder Mobbing zu erwarten sind. Solche Auftritte von Privatpersonen – ob sie nun in Casting-, Game-, Talk-, Partnersuche-, Helpshows oder Dokumentationen über Privatpersonen vorkommen – können einen starken Einfluss auf das Leben der betroffenen Personen haben, wie das Beispiel eines Kandidaten des Formates Frauentausch zeigt. Er verliert in einer Szene, die gegenwärtig – über zehn Jahre nach der Ausstrahlung der Sendung – immer noch im Internet zur Verfügung steht, zwischenzeitlich die Kontrolle über sich selbst. Anschlie- ßend erklärt er, diese Sendung habe sein und das Leben seiner Familie zerstört, denn seine Mitbürger „rächen sich für das vermeintlich schlechte Licht, das durch [seinen] Ausflipper auch auf ihre Heimat gefallen sei“ (Rützel 2017, 18). Sie hätten ihm dutzende Frühstücksbrettchen in seinen Briefschlitz gestopft, hunderte Eier auf die Hausfassade geworfen, die Haustür eingetreten und die Regenrinne beschädigt. Die Familie habe tagelang unter Polizeischutz gestanden (vgl. Rützel 2017, 18). Darüber hinaus würde die Familie von früheren Bekannten und Freunden gemieden, „sein Dartclub grault [ihn] aus dem Verein, die Vermieterin kündigt die Wohnung“ (Rützel 2017, 18). Am Ende sei die Familie sogar aus der Stadt 2.4 Ethische Problemfelder des Reality TV 51 weggezogen. Nach dem Auftritt im Fernsehen war für die Familie folglich ein normaler Alltag zunächst nicht mehr möglich. Dieses Phänomen wird auch von dem Psychiater Mario Gmür in seinem Buch über Medienopfer beschrieben. Medienopfer unterschieden sich demnach von Traumaopfern dadurch, dass sie „nicht einer körperlichen Vernichtungs- bzw. Todesangst ausgesetzt, sondern von einer sozialen Todesangst bzw. Existenzvernichtungsangst bedroht sind, vom Verlust von Beruf, Stellung, Ansehen und Freundschaften“ (Gmür 2004, 191). Dabei scheint es, als würden viele dieser Formate genau auf emotionale Aussetzer der Kandidatinnen und Kandidaten setzen, wie auch Wegener beschreibt: „‚Mitten unter uns – Menschen und ihre Schicksale’ heißt das Motto, unter dem die Emotionen des einzelnen der Öffentlichkeit preisgegeben werden.“ (Wegener 1994, 10) Dies ist ethisch deshalb besonders fragwürdig, weil offensichtlich beim Dreh einiger Formate geschulte Personen dazu eingesetzt werden, bestimmte Reaktionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hervorzurufen: „Eine erhebliche Gefahr für die Selbstbestimmung des Einzelnen besteht beispielsweise in dem nicht beherrschbaren Einwirken psychologisch geschulten Personals bzw. in der Anwendung therapeutischer Fragetechniken [...], welche nicht selten gezielt Methoden der Psychoanalyse benutzen.“ (Klass 2004, 51) Emotionale, besonders peinliche oder unangenehme Szenen werden anschließend wiederum oftmals in weiteren Shows, Klatsch-Zeitungen und Boulevard-Magazinen verwendet und mehrfach wiederholt. Tabubrüche, wie sie durch derartige Techniken mit provoziert werden, sind Klass zufolge Teil des Systems. Um Quoten optimieren und nach Gewinnmaximierung streben zu können, müssten die Grenzen der Rundfunkfreiheit ausgetestet, Tabus gebrochen und Toleranzgrenzen der Gesellschaft überschritten werden (vgl. Klass 2011 22f.). Gerade in Casting-Shows ginge es, Pörksen und Krischke zufolge, nicht darum, Talente zu fördern, sondern allein darum, den Unterhaltungswert und damit die Einschaltquoten zu steigern. Dies heiße auch: „Das Ziel einer Casting-Show ist eine Casting- Show – nicht die Begünstigung von Talentierten, die nach ihrer Chance greifen, um endlich in ein neues Leben aufzubrechen“ (Pörksen, Krischke 2012, 21). Oftmals verwendete Mittel wie Personalisierung, Emotionalisierung und Konfliktpotential „machen die Shows zu idealen Themen für den Boulevard, der durch Rührung, Empörung und Skandalisierung die eigenen Auflagenzahlen erhöht, was wiederum die Einschaltquoten der Shows steigert“ (Pörksen, Krischke 2012, 21). Da im Bereich der Massen- 2. Über Reality TV 52 medien die Berichterstattungsinteressen eng mit kommerziellen Interessen der Medien verbunden seien, bestünde Eifert zufolge oftmals durchaus die Bereitschaft, „zur Erreichung einer kommerziell verwertbaren Aufmerksamkeit auch Persönlichkeitsrechte Dritter trotz der bestehenden Sanktionen massiv und nachhaltig zu verletzen“ (Eifert 2006, 326). Es sei schließlich auch fraglich, inwieweit „die Betroffenen jeweils die Dynamik und Wirkungsmächtigkeit des Mediums bei ihrer Entscheidung tatsächlich überblicken“ (Eifert 2006, 328). Beispielsweise könnten sich bei „‚Big Brother’ Kandidaten zwar selbst inszenieren, vermögen aber keineswegs die mediale Darstellung darüber zu beherrschen“ (Eifert 2006, 327). Die öffentliche Wahrnehmung werde vor allem durch „die Zusammenschnitte und das vom Sender entsprechend aufgebaute Image beherrscht, das häufig auch mit Stigmatisierungen wie ‚Zicke’ oder ‚Schlampe’ verknüpft wird“ (Eifert 2006, 32). Dabei bestehe bei Medienopfern „eine reale Allgegenwärtigkeit und Überdauerung in Form der fortgesetzten Medienkampagne, bisweilen mit Ausweitung zur Lynchjustiz“ (Gmür 2004, 191). Das Weiterbestehen der Informationen sei insbesondere „durch die fehlende oder nur beschränkte Löschbarkeit der Information in der ganzen oder in Teilen der Öffentlichkeit gegeben“ (Gmür 2004, 191). Aus dem Beispiel des Frauentausch-Kandidaten und der Analyse Gmürs geht hervor, dass Reality TV gravierende (negative) Folgen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben kann. Klass spricht von einer „Prangerwirkung, die von einer negativen Darstellung in den Massenmedien ausgehen kann und die unter Umständen den Effekt einer lebenslangen Schändung und Bloßstellung nach sich zieht […], denn es werden nicht selten private und intime Lebenssachverhalte zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion gemacht“ (Klass 2004, 50). Außerdem sei zu berücksichtigen, dass die Öffentlichkeit der Massenmedien eine anonyme und damit nicht einschätzbare Größe sei, was eine besondere Gefährdung für den Betroffenen bewirke, denn dieser könne in der Regel nicht einschätzen, wer einen bestimmten Beitrag oder eine bestimmte Sendung gesehen habe und wem gegenüber eine Klarstellung oder Rechtfertigung angebracht sei (vgl. Klass 2011, 32). So hatte der Kandidat der Sendung Frauentausch zuvor wohl nicht mit derartigen Reaktionen seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger gerechnet. Dieser Fall zeigt auch, dass sich die Wirkung des Reality TV unter Umständen nicht nur auf die gezeigte Person beschränkt, sondern auch Personen aus dem Umfeld von Reality TV-Kandidatinnen und -Kandidaten von der Teilnahme der Bekannten betroffen sein können, indem sie im Fernsehen direkt genannt 2.4 Ethische Problemfelder des Reality TV 53 oder indirekt in irgendeiner Form mit ihr in Verbindung gebracht werden. In diesem Fall ist es sogar eine ganze Ortschaft, die sich von dem Auftritt betroffen fühlt. Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine mangelnde Erfahrung mit den Medien, die Möglichkeit der Manipulation, eine bestimmte Kameraführung und das Einarbeiten von Spezialeffekten, auf die die Kandidaten und Kandidatinnen keinen Einfluss haben, eine Vermarktung bestimmter Szenen an Klatschzeitschriften und Boulevardmagazine sowie ein respekteinflößender Vertrag, der bei Vertragsbruch mit Strafen droht, führen dazu, dass Kandidatinnen und Kandidaten in derartigen Formaten schnell zu wehrlosen Objekten der Unterhaltung werden können. Klass beschreibt dies als eine „Kombination aus Selbstinszenierung und Fremdbestimmung, die weder für die Zuschauer noch für die Protagonisten in jedem Moment erkennbar ist“, welche „ein besonderes Gefährdungspotential für die Rechte der Beteiligten“ (Klass 2011, 18) darstelle. Vermutlich sind es all jene Aspekte des Reality TV, die die Kritiker dazu bewegen, ein derartig schwerwiegendes Urteil zu fällen. Mit Blick auf die Zuschauerinnen und Zuschauer und die Gesellschaft ergibt sich aus dem ethisch zu hinterfragenden Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten zudem ein weiteres Problem. Schließlich dienen die Medien unter Umständen für manche Menschen als Orientierung und wirken somit in die Gesellschaft, wie auch Petra Grimm beschreibt. So sei die „mediale alltägliche Normativität, die uns in den Massenmedien begegnet […] im Kontext unserer Wirklichkeitskonstruktionen zu betrachten“ (Grimm 2002, 25). Unsere reale Umwelt werde „zunehmend von der informationellen und medial geprägten Umwelt ergänzt. Das heißt, wir kommunizieren und handeln mehr und mehr auf der Grundlage von Sekundärerfahrungen, die wir vermittelt über die Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die Massenmedien machen, als dass wir auf der Basis von Primärerfahrungen agieren. Medien sind weitgehend an unserer Wirklichkeitskonstruktion beteiligt.“ (Grimm 2002, 25) Wenn der Umgang mit den dargestellten Personen jedoch in erster Linie Spott und Hohn hervorruft und vermittelt wird, dass die Instrumentalisierung von Menschen zu eigenen Zwecken – in diesem Fall dem Zweck der Unterhaltung bzw. des Geldverdienens – in Ordnung ist, so ist anzunehmen, dass dies keine positiven Auswirkungen auf die Wertvorstellungen in einer Gesellschaft haben dürfte, wie auch Gmür befürchtet. Normen, Bedeutungen und Rollenmuster seien seiner Ansicht nach „nicht mehr als 2. Über Reality TV 54 Bestand der bürgerlichen Standardbiographie festgeschrieben, sondern variieren beweglich in einem dauernden Prozeß der Neubestimmung von Werten in verschiedenen gesellschaftlichen Segmenten“ (Gmür 2004, 25). Medien und insbesondere Fernsehen übernähmen dabei „Koordinationsund Vermittlungsfunktionen. Sie tragen dazu bei, die Lebensstile und Lebensidentitäten zu stiften“ (Gmür 2004, 25). Fraglich ist nur, ob in all diesen ethisch sicherlich teils sehr bedenklichen Aspekten tatsächlich auch Würdeverletzungen zu diagnostizieren sind und ob letztlich die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ zutrifft oder nicht. Dies kann allerdings erst geklärt werden, wenn auch der Würdebegriff näher bestimmt ist. Dies wird Gegenstand der nachfolgenden Kapitel sein. 2.4 Ethische Problemfelder des Reality TV 55 Zum Würdebegriff Dieser Teil der Studie befasst sich mit den verschiedenen, aktuell bedeutsamen und diskutierten Theorien zum Würdebegriff. Da der Fokus auf der Klärung der Frage liegen soll, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt, werden hier nicht sämtliche Theorien im vollen Umfang dargelegt und analysiert, sondern lediglich jeweils die Kernthesen erläutert und kritisch betrachtet. Anschließend wird ein Vorschlag zum Verständnis von Würde unterbreitet, der bislang in der Diskussion zu fehlen scheint. Für die hier vertretene Auffassung ist gerade der Blick auf Geschichte des Begriffs und seiner Verwendungsweisen von Bedeutung. Aus diesem Grund wird diese, auch wenn sie von zahlreichen Autorinnen und Autoren zuvor bereits dargelegt wurde, ein wenig ausführlicher behandelt, wobei auch hier nur die bedeutsamen Meilensteine der Verwendung des Begriffes betrachtet werden. Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes Wenn gegenwärtig in der westlichen Welt von der „Würde des Menschen“ die Rede ist, wird damit zumeist Bezug auf den rechtlich verankerten Würdebegriff genommen. In der Regel ist damit etwas gemeint, das jedem Menschen zukommt, und das mit Hilfe von und gleichzeitig vor Eingriffen des Staates geschützt werden muss. Dieses Verständnis von Würde hat sich allerdings erst in den letzten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und wird aus philosophischer Perspektive nicht unbedingt als verbindlich angesehen. Ein Blick auf die Geschichte des Terminus „Würde“ und seine heterogenen Verwendungsweisen in der Vergangenheit könnte klären, wie die in der Philosophie aktuell so kontrovers geführte Diskussion um den Würdebegriff entstehen konnte. Dieser Abschnitt erhebt nicht den Anspruch auf eine vollständige Darstellung sämtlicher historischer Auslegungen des Würdebegriffs, sondern beleuchtet lediglich die für seine Entwicklung be- 3. 3.1 56 sonders bedeutsamen Verwendungsweisen in der Vergangenheit10. Kants Würdeverständnis wird dabei wegen seiner Bedeutung und seines Einflusses auf den modernen Würdebegriff ausführlicher diskutiert als die historisch älteren und zuvor behandelten Konzeptionen. Vergleiche, die in den folgenden Abschnitten zur Gegenwart gezogen werden, um die Unterschiede zwischen den historischen und den aktuellen Verwendungsweisen anzudeuten, beziehen sich auf die gegenwärtig im deutschen Sprachraum verbreitete, rechtlich konnotierte Interpretation des Würdebegriffs, implizieren jedoch in keiner Weise bereits eine philosophische Begriffsbestimmung von Würde. Zudem wird anhand von Beispielen für in der jeweiligen Epoche übliche Riten oder Unterhaltungsmittel aufzuzeigen versucht, welche Bedeutung Würde zu diesem Zeitpunkt für die Menschen im Alltag besaß. Auch deutlich wird an diesen kleinen Einblicken in die Kulturhistorie, dass ein Teil der Menschen mindestens seit der Antike offensichtlich erniedrigende Akte gegenüber anderen als unterhaltsam empfunden haben und dies nicht nur ein Phänomen der gegenwärtigen Fernsehlandschaft zu sein scheint. Der Würdebegriff in der Antike Sowohl der Begriff „Würde“ als auch das Konzept, Menschen mit dem Schicksal anderer Menschen zu unterhalten (wie es auch dem Reality TV zugrunde liegt), sind keine Neuerscheinungen der Gegenwart. Bereits in der römischen Antike dienten blutige Gladiatorenkämpfe zur Unterhaltung der Bevölkerung. Rund ein Sechstel oder gar ein Viertel der Bevölkerung – „dies entspräche heute einer traumhaften ‚Einschaltquote’ von 16 bis 25%“ (Köhne; Ewigleben 2000, 13) – ließ sich regelmäßig, allerdings nicht vor dem Fernsehapparat, sondern live in den großen Arenen und Theatern der damaligen Zeit von diesen Spektakeln unterhalten. Ebenso taucht der Begriff „Würde“, lateinisch „dignitas“ (vgl. Wetz 2011, 33) – auch übersetzt mit „Tüchtigkeit, Verdienst, Ehre, Amt, würdevolles Aussehen, Stellung“ (Leipson 2015) – bereits in der Spätantike in den Schriften des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf. Die Geschichte des Würdebegriffs reicht aber weiter zurück. So finden sich erste Ansätze bereits im antiken Griechenland. 3.1.1 10 Ausführlichere Erläuterungen zur Geschichte der Würde finden sich beispielsweise bei Wachtendorf 2004 – hier in einer übersichtlichen Tabellenform –, Wetz 2011, Tiedemann 2012, Fiorillo/Kahlo 2015 oder von der Pfordten 2016. 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 57 Platon und Aristoteles Bei den klassisch-griechischen antiken Philosophen Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.), wird eine Konzeption einer allgemeinen Menschenwürde noch nicht explizit entwickelt. Allerdings glauben einige Autorinnen und Autoren11, erste Ansätze für eine solche in den Vorstellungen Platons und Aristoteles’ über die menschliche Natur zu erkennen. Beide gehen davon aus, dass Seele und Körper des Menschen als voneinander getrennt betrachtet werden müssen, wobei das, was den Menschen letztlich ausmache, seine Seele bzw. seine Vernunftfähigkeit sei. Platon beschreibt das Verhältnis von Körper und Seele folgendermaßen: „Wenn nun weder der Leib noch das Beiderlei [Leib und Seele] der Mensch ist, so bleibt nur übrig: entweder nichts ist er, oder wenn etwas, so kann nichts anders der Mensch sein als die Seele.“ (Platon, Alkibiades I., 130c) Franz Josef Wetz sieht in dieser Vorstellung erste Hinweise auf die Vorstellung einer Wertbesonderheit des Menschen (vgl. Wetz 2011, 25f.), wobei er feststellt, dass diese Wertbesonderheit, wie sie von Platon und Aristoteles begründet werde, an das Verhalten des Menschen in Form von moralischen Leistungen und Verdiensten geknüpft sei (vgl. Wetz 2005, 16). Auf diesen Aspekt weist auch Armin G. Wildfeuer hin: „Schon nach Aristoteles [...] unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Lebewesen dadurch, dass er nicht einfach lebt, sondern nur lebt, indem er sein Leben führt“ (Wildfeuer 2002, 39). Aristoteles zufolge hebe sich schließlich der Mensch von anderen Lebewesen dadurch ab, dass er als Vernunftwesen Ziele und Tugenden verfolgt und diesen, wie Wildfeuer es beschreibt, „das jeweilige Handeln als Mittel zuordnet“ (Wildfeuer 2002, 40). Dabei kommt es Aristoteles auch auf die Mittel an, über die eine Person verfügt. Wörtlich heißt es bei Aristoteles: „Bei allen Aufwendungen aber ist, wie gesagt, auch bezüglich der Person, die sie macht, zu berücksichtigen, wer sie ist und welche Mittel sie zur Verfügung hat. […] Denn es [das Handeln ohne Gleichmaß] wäre eine Verleumdung von Maß und Schicklichkeit, während doch das rechte Handeln sich nach dem Können richtet. [...] Denn in all dem liegt Größe und Würde.“ (Aristoteles, NE 1122b 23-32) Dass mit dieser Vorstellung einer Trennung zwischen Leib und Seele und des tugendhaften Handelns jedoch noch kein Konzept einer „universalis- 11 Neben den nachfolgend zitierten vgl. auch von der Pfordten 2016, 12f.. 3. Zum Würdebegriff 58 tisch konzipierten Menschenwürde“ (Müller 2013, 16) gemeint sein kann, wird insbesondere an Aristoteles’ Unterscheidung zwischen Sklavennaturen und Herrschernaturen deutlich: „Der Sklave hat das Vermögen zu überlegen überhaupt nicht, das Weibliche hat es zwar, aber ohne die erforderliche Entschiedenheit, und das Kind hat es auch, aber noch unentwickelt. Ebenso muß es sich denn auch mit den ethischen Tugenden verhalten. […] Daher muß der Herrschende die ethische Tugend in vollkommenem Maße besitzen – denn das Werk gehört schlechthin dem Leiter an, und Leiterin ist die Vernunft –, die anderen aber brauchen sie nur je soweit zu besitzen als es ihnen zukommt.“ (Aristoteles, Politik 1260a 12-20) Folglich sei ein Würdeträger „im Vollsinne nur der einem Haushalt vorstehende erwachsene Bürger“ (Müller 2013, 16). Sklaven käme aufgrund mangelnder Vernunftbegabung ebenso wie Frauen und Kindern aufgrund eines mangelnden Durchsetzungsvermögens die Würde nicht im vollen Sinne zu. Diese Differenzierung zwischen Herrschenden, welche die ethische Tugend in vollem Umfang besitzen, und Beherrschten wie Sklaven, Frauen und Kindern, denen der Besitz der Tugend nicht in vollem Maße möglich ist, schließe demzufolge bestimmte Menschen von der Gruppe der „Würdeträger“ aus. Außerdem sei nur „hochsinnig“, wer sich auch tatsächlich tugendhaft verhalte und nicht, wer nur glaube, dies zu tun: „Hochsinnig scheint zu sein, wer sich selbst großer Dinge für würdig hält und deren auch würdig ist. Denn wer es unbilligerweise tut, ist ein Tor […].“ (Aristoteles, NE 1123b 1-4; Hervorhebung im Original) Dies hat zur Folge, dass auch nicht alle „Herrscher“ ohne Weiteres als Träger von Würde anzusehen sind. Solche, die sich nicht würdig verhalten, sind von der Gruppe der Würdeträger auszuschließen, was ebenfalls nicht der heute vorherrschenden Idee einer allen Menschen zukommenden, unverlierbaren Würde entspricht. Das Verständnis von Würde in der griechischen Antike, wenn von einem solchen bei Platon und Aristoteles überhaupt die Rede sein kann, unterscheidet sich demnach von der gegenwärtigen Idee der Menschenwürde grundlegend und insbesondere in der Hinsicht, dass sie nicht jedem Menschen, sondern nur denjenigen zukommt, die sich in irgendeiner Weise um sie verdient machen. Der Besitz von Würde in der Antike war außerdem im Gegensatz zur heutigen Auffassung nicht mit einem allgemein anerkannten moralischen Anspruch verknüpft. Die antike Vorstellung von einer Wertbesonderheit des Menschen scheint eher mit dem gegenwärtigen Verständnis von „Ehre“ einherzugehen, wie sie jemandem – allerdings 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 59 jeweils nur einer einzelnen Person – beispielsweise aufgrund besonderer Verdienste zuteilwerden kann12. Cicero Indem er Würde mit dem Begriff der menschlichen Natur in Verbindung bringt und sie „auf diese Weise als eine im Kern unveränderliche, notwendige und allgemeine Eigenschaft des Menschen“ (von der Pfordten 2016, 18) versteht, ist der römische Politiker und Philosoph Cicero 200 Jahre nach Aristoteles vermutlich der Erste, der von einer allgemeinen Würde des Menschen spricht. Aufgrund seiner Fähigkeit, sich mittels der Vernunft über seine Triebe und Leidenschaften hinwegsetzen zu können, grenze sich der Mensch von den Tieren ab, und genau darin liegt Cicero zufolge die Würde des Menschen: „Aber es gehört zu jeder Untersuchung des pflichtgemäßen Handelns, immer vor Augen zu haben, wie sehr die Natur des Menschen das Vieh und die übrigen Tiere übertrifft; jene empfinden nichts als Vergnügen, und auf dieses stürzen sie sich mit aller Kraft, der Geist des Menschen aber wächst durchs Lernen und Denken, er erforscht immer irgend etwas, handelt oder läßt sich durch die Freude am Sehen und Hören leiten [...]. Daraus ersieht man, daß körperliches Vergnügen der erhabenen Stellung des Menschen nicht genug würdig ist und verschmäht und zurückgewiesen werden muß [...]. Es sollen also Unterhalt und Pflege des Körpers auf Gesundheit und Kraft, nicht auf das Vergnügen bezogen werden; ferner: wenn wir bedenken wollen, eine wie überlegene Stellung und Würde in Wesen liegt, dann werden wir einsehen, wie schändlich es ist, in Genußsucht sich treiben zu lassen und verzärtelt und weichlich, und wie ehrenhaft andererseits, sparsam, enthaltsam, streng und nüchtern zu leben.“13 (Cicero, De officiis 105-106) 12 Eine solche Differenzierung zwischen Würde und Ehre trifft auch Meir Dan-Cohen. Er ist der Auffassung, dass „Ehre“ im Gegensatz zur „Würde“ einen sozialen Ursprung habe. Ehre reflektiere die soziale Position, die man selbst beeinflussen könne: „Honor is of social origin: it derives from and reflects one’s social position and the norms and attitudes define it [...]. Consequently, honor is in principle limited in scope, capable of privileging only those who occupy certain positions while excluding others who occupy different ones.“ (Dan-Cohen 2012, 4) 13 Hervorhebung durch spitze Klammern sowohl im lateinischen Original, als auch in der deutschen Übersetzung. Die Bedeutung dessen wird nicht erläutert; vermutlich handelt es sich um eine Ergänzung des Übersetzers. 3. Zum Würdebegriff 60 Damit wird Würde erstmals zu einer „unveränderliche[n], notwendige[n] und allgemeine[n] Eigenschaft des Menschen“ (von der Pfordten 2016, 18), die nicht das Äußere, sondern die Natur des Menschen zu betreffen scheint. Ciceros Werk sei außerdem auch für das spätere deutsche Wort „Würde“ von Bedeutung, da der von Cicero verwendete, lateinische Begriff „dignitas“ 1488 in der ersten deutschen Fassung mit „wirdikait“ übersetzt wurde, bevor es 1531 in einer Übersetzung „wirde“ hieß (vgl. von der Pfordten 2016, 21). Obschon Cicero von einer Würde spricht, die dem Menschen allgemein als Vernunftwesen zukommt, hängt auch diese von einem bestimmten Verhalten und der Stellung des einzelnen Menschen in der Gesellschaft ab, was der Interpretation des deutschen Grundgesetzes und auch der heutzutage weit verbreiteten ethischen Auffassung, nach der jedem Menschen eine schützenswerte Würde zukommt, nicht entspricht. Gegenwärtig sind es schließlich nicht Enthaltsamkeit, Strenge oder Körperpflege, die den Menschen zum „Würdeträger“ werden lassen, und es erschiene merkwürdig, das Verlangen, Vergnügen zu empfinden, als Menschenwürdeverletzung zu bezeichnen. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, denn bei der Zuschreibung von Würde wird nach der heutigen abendländischen Vorstellung über sämtliche Eigenschaften und Verhaltensweisen hinweggesehen und behauptet, jeder Mensch besitze unabhängig von seinem Vermögen, seinen Eigenschaften, seinem Verhalten und seinen Handlungsweisen Würde. Auch die explizite Abgrenzung von den Tieren, die unter anderem mit dem antiken – und wie nachfolgend deutlich wird, auch mit dem mittelalterlichen – Menschenwürdebegriff ausgedrückt werden soll, gerät mit der gegenwärtig jedenfalls teilweise vertretenen Auffassung, nach der auch einigen Tieren möglicherweise eine Würde zugesprochen werden sollte, in Konflikt (vgl. bspw. Siegetsleitner 2016). Darüber hinaus gibt es, wie Hans Jörg Sandkühler es formuliert, im menschlichen Handeln „keine Garantie für Vernunft; man kann gegen ihre Gebote verstoßen“ (Sandkühler 2014, 56). Auch aus diesem Grund können nach Cicero nicht alle Menschen – diejenigen, die unvernünftig handeln, sind schließlich ausgeschlossen – unter den Schutz der Würde gestellt werden. Franz Josef Wetz’ Interpretation des Würdebegriffs bei Cicero als „Gestaltungsziel“, „konkrete Aufgabe“ (Wetz 2011, 32) und gleichzeitig „Errungenschaft“ (Wetz 2005, 20) des Menschen scheint daher eine zutreffende Charakterisierung zu sein. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Verständnis von „Würde“ in der Antike von der gegenwärtigen, abendländischen Auffassung in den folgenden Punkten unterscheidet: 1. Würde kommt in der Antike im 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 61 Gegensatz zur heutigen westlichen Auffassung nicht bedingungslos jedem Menschen zu; 2. Würde stellt in der Antike keinen moralischen Anspruch dar; 3. Würde unterliegt in der Antike nicht explizit dem Schutz des Staates und 4. nach der antiken Auffassung ist es möglich, seine Würde aufgrund des Verlustes seiner gesellschaftlichen Position oder lasterhaften Verhaltens zu verlieren, was zumindest der Vorstellung einer unverlierbaren Menschenwürde widerspricht. Die große Beliebtheit der Gladiatorenkämpfe zeigt außerdem, dass ein Konzept der Menschenwürde zum Schutz vor (willkürlichen) Grausamkeiten, wie es heute in einigen Teilen der Welt existiert, nicht ansatzweise vorhanden war. Denn hier ging es nicht nur darum, telefonisch seine Stimme für die Entscheidung irgendeiner Reality TV-Sendung mit einem vergleichsweise harmlosen Ergebnis abzugeben, sondern es ging um Leben und Tod: „Die Kämpfe gingen ums Leben, das Publikumsgebrüll entschied, ob ein unterlegener Gladiator getötet werden sollte oder überleben durfte“ (Prokop 2001, 29). Der Würdebegriff im christlich geprägten Mittelalter Ebenfalls als grausam und offensichtlich ohne das Konzept einer allen Menschen zukommenden und zu schützenden Würde stellt sich die Massenunterhaltung im Mittelalter dar. Zu dieser Zeit waren unter anderem Hinrichtungen und öffentliche Bestrafungen beliebt, bei denen „Verurteilte, die man durch die Straßen schleppte [...], vom Publikum mit Abfällen und Steinen beworfen [wurden]“ (Prokop 2001, 53). Zwar nicht ganz so barbarisch wie Hinrichtungen oder die Gladiatorenkämpfe der Antike und vermutlich vor einem kleineren Publikum, aber ebenfalls mittels auserwählter einzelner Personen sorgten darüber hinaus Hofnarren oder Spiele zu dieser Zeit für Massenunterhaltung. Die oftmals an den Höfen engagierten Narren sangen Lieder, trugen Gedichte vor und verbreiteten Informationen über die letzten Geschehnisse, weshalb sie mitunter als „leibhaftige Illustrierte der Burg“ (Faulstich 2006, 83) bezeichnet werden. Auf dem Land hingegen amüsierten sich die Leute zum einen bei Musik, Gesang, Tanz und Volksspielen (vgl. Faulstich 1996, 89f.), aber auch über ihresgleichen – bei Aktivitäten, die dem heutigen Konzept von Gameshows, wie beispielsweise den Mutproben bei Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! sehr nahe zu kommen scheinen, wie der Medienwissenschaftler Werner Faulstich beschreibt: 3.1.2 3. Zum Würdebegriff 62 „Ebenso verursachten die grossen Kasten, wovon der eine mit Kienruss, der andere mit Mehl gefüllt war und über welchem ein Preis die Kletterer anlockte, der nur auf leicht überschlagendem Brett zu erreichen war, viel schallendes Gelächter. Denn da kroch der eine Verunglückte schneeweiss, der andere kohlschwarz aus dem Kasten hervor. [...] Man wird durch solche Beispiele immer wieder an bestimmte Spielformen der modernen Fernsehunterhaltung erinnert – bis hin zu Preisen, die man sich dabei, zur Belustigung der Zuschauer, ‚erarbeiten’ kann.“ (Faulstich, 1996, 89f.) Es lässt sich lediglich darüber spekulieren, ob Hinrichtungen oder Spiele wie das Beschriebene möglicherweise bereits von einigen der damals lebenden Menschen missbilligt wurden. Weniger wahrscheinlich – zumindest gibt es keine Hinweise darauf – ist es, dass solche Unterhaltungsmittel auch als menschenwürdeverletzend bezeichnet wurden. Der moralische Anspruch, der gegenwärtig mit dem Begriff der Menschenwürde verknüpft wird, wird schließlich erst deutlich später in Kants Schriften geprägt. Die meisten Verwendungsweisen des Würdebegriffs im Mittelalter beziehen sich auf die Amtswürde oder die Vorstellung von Würde im Christentum. Aufgrund dessen wird dem Würdebegriff des Christentums und des Mittelalters hier ein beide Aspekte zusammenfassender Abschnitt gewidmet. Wie einige Kirchenväter, deren Thesen an anderen Stellen bereits ausführlich diskutiert werden14 und deren Erörterung die vorliegende Diskussion nicht weiterführen würde, verbindet beispielsweise Thomas von Aquin (1224-1274) die Überlegungen Ciceros „von der dignitas als einer im Kern unveränderlichen, inneren Eigenschaft des Menschen“ (von der Pfordten 2016, 21f.; Hervorhebung im Original) mit der theologischen Vorstellung des Menschen als Ebenbild Gottes. Nach Thomas hat der Mensch aufgrund der Tatsache, dass er „kraft seiner vernünftigen Natur Gottes Bild in sich trägt, weil diese am meisten Gott nachahmen kann“ (Thomas, Summa Theologica I, qu. 93, art. 4), eine angeborene Würde. Gleichzeitig sei es aber auch die Aufgabe des Menschen, sich mittels Vernunft und durch „tugendhaftes und gottesfürchtiges“ (Wetz 2011, 62) Verhalten über die Tiere zu erheben und sie zu beherrschen. Thomas zufolge versündigt sich der Mensch, fällt sogar unter den Status der Tiere und wird seiner Würde nicht gerecht, wenn er von der Vernunft abweicht und Gottes Gebote missachtet: 14 Nachzulesen z.B. bei Wetz 2011, 42ff. oder von der Pfordten 2016, 21f.. 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 63 „Durch die Sünde weicht der Mensch von der Ordnung der Vernunft ab; und fällt so ab von der menschlichen Würde, welcher gemäß er von Natur frei und selber Zweck seiner Handlungen ist. Er wird dadurch Knecht wie die Tiere, daß über ihn angeordnet werde, soweit dies anderen nützlich ist“. (Thomas, Summa Theologica II, qu 64, art. 2) Die Vernunftfähigkeit ist es darüber hinaus auch, die ein Wesen nach Thomas zu einer Person macht: „Weil nun es eine große Würde ist, in der vernünftigen Natur für sich zu bestehen, so wird jedes Einzelwesen, welches der vernünftigen Natur zugehört, Person genannt.“ (Summa Theologica I, qu. 29, art. 3) 500 Jahre vor Immanuel Kant geht also bereits Thomas davon aus, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunftfähigkeit eine Person und selbst „Zweck ihrer Handlungen“ ist. Diese Auffassung findet sich bei Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten wieder und wird allgemein als „Kants Objektformel“ bezeichnet. Weitere 260 Jahre später wird die Kantische Objektformel in der deutschen Rechtsprechung zur Erläuterung des Menschenwürdebegriffs verwendet (vgl. z.B. Dürig 1956, 127), wie noch erläutert wird. Doch auch wenn sich diese Aspekte des Würdebegriffs in gewisser Weise in der modernen Menschenwürdeauffassung wiederfinden, hat der Begriff heute eine andere Bedeutung als bei Thomas und seinen Zeitgenossen. Denn auch im Mittelalter und in der frühen christlichen Vorstellung wird der Besitz von Würde grundsätzlich an das Verhalten des Menschen geknüpft. Allerdings liegt Würde nun nicht mehr nur in der Vernunftfähigkeit des Menschen, sondern auch in seinem aufrechten Gang und seiner Ähnlichkeit zu Gott begründet, der dem Menschen darüber hinaus eine besondere Stellung in der Naturordnung einräumt (vgl. Bayertz 2012). Wetz bezeichnet diese Auffassung von Würde, ähnlich wie bei Cicero, als „Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag“ (Wetz 2011, 66). Peter Schaber geht davon aus, dass „Würde“ sowohl bei Cicero als auch bei Thomas als „Lebensideal, das wir erreichen, aber auch verfehlen können“ (Schaber 2012a, 24), verstanden werden muss, was abermals nicht dem heutigen Verständnis von einer jedem Menschen dauerhaft und unbedingt zukommenden Würde entspricht. Darüber hinaus wird auch hier die Abgrenzung des Menschen von den Tieren als Indiz für den Besitz von Würde genannt, was, wie bereits beschrieben, nicht unbedingt der gegenwärtigen unter Umständen auf einige Tiere auszuweitenden Würdeauffassung entspricht. Ein weiterer Unterschied liegt in der mittelalterlichen Begründung der Zuschreibung von Würde aufgrund der Gottesebenbildlichkeit, 3. Zum Würdebegriff 64 denn heute wird Würde zumindest häufig als säkularer und von jeder Religion unabhängiger Begriff verstanden (vgl. dazu Kap. 3.2.6.1 „Theologische Wurzeln als Begründungsproblem“). Dies ändert sich auch in der Philosophie der frühen Neuzeit nicht, wie nachfolgend erläutert wird. „Würde“ in der Philosophie der frühen Neuzeit Auf der Suche nach einem Pendant zur Reality TV-Unterhaltung der Gegenwart in der frühen Neuzeit ließen sich die Hexenschauprozesse nennen, bei denen die Menschen die Macht hatten, über das Schicksal einzelner zu urteilen (vgl. Prokop 2001, 90). Auch sind die dank Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks ab dem frühen 16. Jahrhundert verteilten Flugschriften über „Abwegiges und Schockierendes“ zu erwähnen, die zu Vorläufern des Sensations- und Rufmordjournalismus gezählt werden können (vgl. Henschel 2007, 16). Außerdem gab es bereits den „Sängerwettkampf nach strengen ästhetischen Regeln“ (Faulstich 2006, 134). Dieser stellt zwar keine Neuheit der Neuzeit resp. der Renaissance dar, kann aber als Vorgänger von den gegenwärtig populären Casting-Shows angesehen werden – insbesondere aufgrund der ab dieser Zeit gedruckten Liedtexte und der Vermarktung, die, ähnlich wie heute um ausgewählte „Casting-Stars“, rund um die Balladensänger stattfand. „Die Straßenballadensänger […], speziell zwischen 1550 und 1650, verbreiteten traditionsorientierte Volksballaden und marktorientierte Straßenballaden. In diesem Kultursegment bildeten sich bereits im 16. Jahrhundert Groß-Drucker-Verleger heraus, welche die Balladensänger u.a. mit dem Aufbau eines landesweiten Vertriebsnetzes beherrschten und als abhängige Distributoren von Drucktexten ausbeuteten.“ (Faulstich 2006, 135) Nicht nur hinsichtlich des Sangeswettbewerbs, sondern insgesamt rückt der Mensch als besondere Schöpfung Gottes in dieser Zeit zunehmend ins Zentrum des Interesses. Das Menschenbild wandelt sich von einer pessimistischen zu einer optimistischen Sichtweise (vgl. von der Pfordten 2016, 24). Im Mittelpunkt stehen nicht mehr das Elend und der Unwert aufgrund der Erbsünde, sondern die Gottesebenbildlichkeit und die unsterbliche Seele des Menschen (vgl. von der Pfordten 2016, 24). Zwar nicht ganz unumstritten, da bereits einige andere Schriften zuvor große Bedeutung für den Humanismus besaßen, gilt als „wahre Programmschrift des Humanismus“ (Chiodi 2015, 14) Giovanni Pico della Mirandolas (1463-1494) 3.1.3 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 65 Über die Würde des Menschen (original: „De hominis dignitate“), das postum im Jahr 1496 veröffentlicht wurde. Zwar ist in der gesamten Schrift der Terminus „Menschenwürde“ nur an zwei Stellen zu finden (Pico 2012, 14 und 26) und auch der Titel der Rede stammt vermutlich nicht von Pico selbst (vgl. von der Pfordten 2016, 26), aber es lässt sich in Picos Theorie ein „revolutionär neuer Gedanke“ entdecken, nämlich „der Gedanke der individuellen Selbstbestimmung“ (Tiedemann 2014, 61). Nach Picos Auffassung ist es die gottgegebene Möglichkeit des Menschen, seinen freien Willen zur Gestaltung und Planung seines Lebens zu nutzen, die ihm einen besonderen Status verleiht (vgl. Tiedemann 2014, 60). In seiner Schrift lässt Pico Gott aus diesem Grund folgende Worte zu Adam sprechen: „Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst nach deinem eigenen Willen und Entschluß erhalten und besitzen kannst.“ (Pico 2012, 9) Würde kommt dem Menschen bei Pico also grundsätzlich zu, weil er einen freien Willen besitzt, unabhängig davon, wie er diesen einsetzt. Dadurch wird Würde zum ersten Mal zu etwas Unverlierbarem und etwas, das dem Menschen angeboren ist. Doch auch diese Auffassung unterscheidet sich vom heutigen intuitiven Würdeverständnis, wie beispielsweise Schaber anmerkt. Picos Würdeverständnis diene lediglich der Hervorhebung der besonderen Stellung des Menschen in der Welt, nicht aber dazu, moralische Ansprüche gegenüber anderen Menschen stellen zu können: „Den freien Willen, der uns Würde verleiht, kann man nach Pico nicht verlieren. Trotzdem unterscheidet sich Picos Begriff der inhärenten Würde von demjenigen Würdebegriff, den wir in den modernen Verfassungen finden. Anders als der moderne Würdebegriff hat Picos Begriff der Würde keine genuin moralische Bedeutung. ‚Würde’ wird nicht als etwas verstanden, was mit einem Anspruch gegenüber anderen – der dann auch verletzt werden könnte – verbunden ist. Pico meint mit ‚Würde’ in erster Linie einfach eine Fähigkeit von Menschen, die sie über die anderen Lebewesen herausragen lässt. Sie verleiht dem Menschen eine besondere Stellung im Kosmos.“ (Schaber 2012a, 25f.) Pico prägt also die Idee der Menschenwürde als etwas Angeborenes und Unverlierbares – eine Auffassung, die auch heute oftmals vertreten wird, 3. Zum Würdebegriff 66 wie zum Beispiel durch Schaber (vgl. Schaber 2012a). Im Vergleich mit dem gegenwärtigen Verständnis von Würde fehlt Picos Würdebegriff jedoch der moralische Anspruch, den der Mensch als Würdeträger anderen gegenüber geltend machen kann. Darüber hinaus ist fraglich, warum der freie Wille oder die Selbstbestimmung der Grund für die Zuschreibung von Würde sein sollen. Schließlich führt der freie Wille des Menschen nicht zwangsläufig zu gutem oder würdevollem Verhalten. Mit Picos Theorie wäre es folglich nicht möglich, Reality TV-Formate auf Würdeverletzungen hin zu überprüfen, da bei ihm mit Würde lediglich die Fähigkeit des Menschen, seinen freien Willen zu benutzen und sich frei nach seinen eigenen Wünschen zu entfalten, gemeint ist. Für ihn könnte ein „Verbot“ oder eine Einschränkung der Teilnahme an Reality TV-Formaten demnach eher eine Verletzung der Würde respektive der Fähigkeit, seinen freien Willen zu benutzen, darstellen. Das Verständnis von „Würde“ ändert sich jedoch im weiteren Verlauf der Geschichte erneut, wie im Folgenden referiert wird. Der Würdebegriff bei Immanuel Kant Zu Lebzeiten Kants trugen zur Unterhaltung der bildungsstrebenden bürgerlichen Öffentlichkeit gedruckte Medien bei, in denen erstmals auch gewerbsmäßig und industriell Klatsch und Tratsch verbreitet wurden. Dies ging „mit dem rasanten Aufschwung der Zeitungsproduktion und dem Aufkommen eines vormals unbekannten Typus einher […] – dem des Tagesjournalisten, der sich mit der stetig wachsenden Pressefreiheit auch das Recht erkämpfte, in die Privatsphäre seiner Mitmenschen einzudringen und ihr geschäftlich verwertbare Informationen zu entreißen“ (Henschel 2007, 16f.). Zwar geben Immanuel Kants (1724-1804) Schriften Die Metaphysik der Sitten und Grundlegung zur Metaphysik der Sitten keine Auskunft über ein ethisches Urteil zur medialen Verbreitung von „Klatsch und Tratsch“, enthalten aber einflussreiche und bis heute teils kontrovers diskutierte Überlegungen zum Begriff der Menschenwürde. An dieser Stelle werden allerdings – wenn auch eine Analyse des Würdebegriffs bei Kant deutlich umfangreicher ausfallen könnte15 – nur einige grundlegende Hinweise zu sei- 3.1.4 15 Vgl. hierzu z.B. Baranzke 2011, Ladwig 2003 oder Ruzicka 2004. 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 67 nem Verständnis von Würde angeführt, da dieses, wie nachfolgend deutlich wird, trotz seines prägenden Einflusses ebenfalls keine letztgültige Antwort auf die Frage nach einer Bestimmung des Würdebegriffs im in der Gegenwart verwendeten Sinne geben kann. Kants Werke beinhalten eine bedeutsame Erweiterung und Veränderung der vorausgehenden Verwendungen des Würdebegriffs. Da diese eine einflussreiche Wendung in der Geschichte des Begriffs zur Folge haben, wird Kants Vorstellung ein eigenes Kapitel gewidmet und nicht, wie in den vorangegangenen Abschnitten, die gesamte Epoche betrachtet. Anders als im christlichen Mittelalter stützt Kant seine Auffassung von Würde nicht mehr auf religiöse Vorstellungen, sondern auf die Vernunftbegabung, die Autonomie, das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit des Menschen, moralisch handeln zu können. Damit wird bei Kant der Würdebegriff zum ersten Mal mit einer allgemeinen, von theologischen Aspekten unabhängigen Moralvorstellung verbunden. Seiner Auffassung nach handeln wir moralisch, wenn wir uns in unseren Entscheidungen an dem von ihm formulierten Kategorischen Imperativ orientieren, dessen erste Formel lautet: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ (GMdS, 421; Hervorhebung im Original). Handlungen sind nach Kant folglich gut, wenn sie sich an einer Handlungsregel orientieren, die auch als allgemeines Gesetz akzeptiert würde. Der Kategorische Imperativ dient damit nicht nur der Orientierung im Handeln, sondern auch als Prüfinstanz für selbstauferlegte Pflichten: Wenn schließlich nicht gewollt werden kann, dass eine Maxime ein allgemeines Gesetz wird oder wenn sich der Mensch erst gar keine Vorstellung von der Verallgemeinerung der Maxime macht, so liegt laut Kant eine Verletzung der moralischen Pflichten vor. Die Orientierung am Kategorischen Imperativ kann auch bedeuten, dass eine Handlung auszuführen nicht dem eigenen Wunsch im Sinne einer vorhandenen Neigung entspricht, sondern aus einer mit der betreffenden Maxime verbundenen Pflicht heraus geschieht. Kants Augenmerk liegt also nicht auf dem empirisch feststellbaren Ergebnis, das mit einer tatsächlich ausgeführten Handlung erzielt wird, sondern die der Handlung zugrunde liegenden Maxime, und die Befolgung dieser aus Pflicht ist es, welche eine Handlung zu einer moralisch guten macht. Eine wichtige Rolle spielt dabei seine Unterscheidung zwischen vernunftbegabten Wesen, die er als „Personen“ bezeichnet, und „Sachen“, also vernunftlosen Wesen, die zu vernunftgeleiteten Handlungen nicht fähig sind (vgl. GMdS, 428). Der Mensch als vernünftiges, autonomes Wesen habe einen freien Willen und sei aufgrund dessen fähig, nach dem Kategori- 3. Zum Würdebegriff 68 schen Imperativ und somit moralisch zu handeln. Dank seiner Vernunft und der Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung zählt der Mensch für Kant zu den Zwecken. Dabei ist der Mensch im Gegensatz zu den Sachen als Zweck an sich selbst zu behandeln und darf nicht einfach als Mittel verwendet werden. Er darf, so heißt es wörtlich bei Kant, „nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen sowohl auf sich selbst als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden“ (GMdS, 427-428; Hervorhebung im Original). Existiert der Mensch nicht als bloßes Mittel für andere, geht damit das Verbot einher, Menschen für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren und das Gebot, die Autonomie und Selbstbestimmung von Personen zu wahren. Alle Zwecke haben nach Kant „entweder einen Preis oder eine Würde“ (GMdS, 434; Hervorhebung im Original). Alles, was einen Preis hat, lässt sich durch etwas anderes ersetzen. Dasjenige, was „über allen Preis erhaben ist“ (GMdS, 434), sei dagegen unersetzbar und habe keinen Preis, „sondern einen innern Wert, d.i. Würde“ (GMdS, 435). „Was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedürfnisse bezieht, hat einen Marktpreis; das, was, auch ohne ein Bedürfnis vorauszusetzen, einem gewissen Geschmacke, d. i. einem Wohlgefallen am bloßen zwecklosen Spiel unserer Gemütskräfte gemäß ist, einen Affektionspreis; das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, sondern einen inneren Wert, d. i. Würde. Nun ist Moralität die Bedingung, unter der allein ein vernünftiges Wesen Zweck an sich selbst sein kann; weil nur durch sie es möglich ist, ein gesetzgebend Glied im Reiche der Zwecke zu sein.“ (GMdS, 434-435; Hervorhebung im Original) Aufgrund seiner Moralfähigkeit und seiner Vernunft kommt dem Menschen folglich ein Wert zu, der ihn zu einem „Zweck an sich“ selbst macht. Diesen besonderen Wert, der den Menschen aufgrund ihrer Fähigkeit zukommt, autonom und damit moralisch oder sittlich handeln zu können, gilt es nach Kant sowohl mit Blick auf sich selbst als auch bei anderen anzuerkennen und zu achten, wie in Die Metaphysik der Sitten zu lesen ist: „Achtung, die ich für andere trage, oder die ein anderer von mir fordern kann […], ist also die Anerkennung einer Würde (dignitas) an anderen Menschen, d.i. eines Werts, der keinen Preis hat.“ (MdS, 462; Hervorhebung im Original) Damit wird „Würde“ wohl zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu einem Begriff, mit dem ein individueller moralischer An- 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 69 spruch, den man anderen Personen gegenüber stellen kann, verbunden werden kann. Somit sei Heike Baranzke zufolge seit Kant Autonomie „die Bedingung der Möglichkeit moralisch-praktischer Zwecksetzung und daher ‚Grund der Würde’. Würde ist kein theoretischer, sondern ein moralisch-praktischer Begriff“ (Baranzke 2011, 204f.). Aus dieser Annahme leitet Kant den Kategorischen Imperativ in der dritten Formel, der sogenannten Objektformel ab: „Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ (GMdS, 429; Hervorhebung im Original) Als Beispiele für die Behandlung von Vernunftwesen als bloße Mittel nennt er das Disponieren über andere Menschen, die Verstümmelung oder das Verderben anderer, das lügenhafte Versprechen sowie Angriffe auf die Freiheit und das Eigentum anderer: „Also kann ich über den Menschen in meiner Person nichts disponieren, ihn zu verstümmeln, zu verderben, […]“. (GMdS, 429) Außerdem führt er in diesem Zusammenhang das Nichteinhalten von Pflichten gegen sich selbst, wie das Vergeuden von Talenten und Selbsttötung (vgl. GMdS, 429f.), an, wobei letztere Verstöße gegen die eigene Würde darstellen. Nikolaus Knoepffler zufolge begehe der Mensch nach Kant bei der Selbsttötung sogar zwei ethische Verstöße, da er zum einen „die notwendige Bedingung aller moralischen Möglichkeiten seiner Person“ zerstöre, „denn wer tot ist, kann nicht mehr moralisch handeln. Zugleich verletzt der Mensch in der Selbsttötung den kategorischen Imperativ, da er sich als ‚bloßes’ Mittel gebraucht, also nicht als Zweck an sich selbst“ (Knoepffler 2011, 24). Darüber hinaus bezeichnet Kant die „sittlich-falsche Kriecherei“ (MdS 435-436; Hervorhebung im Original), die Herabsetzung der eigenen Würde durch Heuchelei und Schmeichelei, Sklaverei und Selbstversklavung, die unsichere Verschuldung sowie Schmarotzertum als Verstöße gegen die Pflichten gegen sich selbst: „Mehr oder weniger kann man diese Pflicht in Beziehung auf die Würde der Menschheit in uns, mithin auch gegen uns selbst in folgenden Beispielen kennbar machen. Werdet nicht der Menschen Knechte. – Laßt euer Recht nicht ungeahndet von anderen mit Füßen treten. – Macht keine Schulden, für die ihr nicht volle Sicherheit leistet. – Nehmt nicht Wohltaten an, die ihr entbehren könnt, und seid nicht Schmarotzer oder Schmeichler oder gar (was freilich nur im Grad von dem vorigen unterschieden ist) Bettler.“ (MdS, 436) Bei jenen Handlungen werden Vernunftwesen Kant zufolge nicht als Zweck behandelt, der Kategorische Imperativ wird missachtet und die (ei- 3. Zum Würdebegriff 70 gene) Würde nicht geachtet. Es ist also nicht nur möglich, dass andere die Würde einer Person verletzen, sondern es besteht nach Kant auch die Möglichkeit, die eigene Würde zu missachten. In seiner Vorstellung haben Menschen – ähnlich wie bei Cicero – eine Würde, da sie fähig sind, sich ihrer Vernunft zu bedienen, um sich über ihre naturgegebenen Triebe hinwegzusetzen und moralisch zu handeln. Während bei Cicero allerdings nur Würde besitzt, wer sich tatsächlich über seine Triebe hinwegsetzt, genügt Kant für die Würdezuschreibung, ähnlich wie Pico, bereits die Tatsache, dass sich der Mensch kraft seiner Vernunft dazu entscheiden kann, ob er sich von seinen Trieben leiten lässt oder nicht. Der Unterschied zur Auffassung Picos liegt darin, dass Pico im Gegensatz zu Kant von einer von Gott zugeschriebenen Würde ausgeht und keinen moralischen Anspruch mit ihrem Besitz verknüpft. Tiedemann bezeichnet diese Entwicklung als „sublime Verlagerung vom richtigen Vernunftgebrauch zum Vernunftgebrauch überhaupt“ (Tiedemann 2014, 61; Hervorhebung im Original). Dank des Staatsrechtsprofessors Günter Dürig findet Kants Objektformel, die besagt, andere niemals nur als Mittel, sondern immer auch als Zweck an sich selbst zu behandeln, insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach der Verabschiedung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 schließlich große Beachtung. Er schreibt in seinem Kommentar zum Grundrechtssatz von der Menschenwürde: „Die Menschenwürde als solche ist getroffen, wenn der konkrete Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe herabgewürdigt wird. [...] Es geht um die Degradierung des Menschen zum Ding, das total ‚erfaßt’, ‚abgeschossen’, ‚registriert’, ‚im Gehirn gewaschen’, ‚ersetzt’, ‚eingesetzt’ und ‚ausgesetzt’ (d.h. vertrieben) werden kann.“ (Dürig 1956, 127) Auch wenn Kants Philosophie die gegenwärtig verbreitete Idee der Würde und die Bedeutung von Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes offensichtlich stark geprägt hat, so ist seine Überlegung dennoch nicht identisch mit der heutigen Vorstellung von Würde. Denn aus den Überlegungen Kants ergeben sich einige Konsequenzen, die mit dem gegenwärtigen Verständnis von Würde nicht zu vereinbaren sind. Die Auffassung, dass den Menschen Würde aufgrund von Autonomie und Vernunft zugeschrieben wird, beinhaltet nämlich, dass einige menschliche Wesen aus dem Kreis der „Würdeträger“ von vorneherein (bzw. zeitweise) ausgeschlossen werden müssen. Embryonen und Kleinkindern, schwer an Demenz Erkrankten, Komapatienten und geistig schwer behinderten Menschen dürfte demzufolge 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 71 schließlich – zumindest zeitweise – keine Würde zugesprochen werden, da sie weder autonom handeln können noch vernunftbegabt sind. Oftmals wird der Würdebegriff aber heutzutage in Debatten um Abtreibung und Euthanasie dazu verwendet, um gerade den soeben beispielhaft genannten „Gruppen“ von Menschen einen Schutz zu gewähren. „Menschenwürde“ im Sinne von Kant würde jedoch genau diesen Menschengruppen den besonderen Achtungsanspruch absprechen und unter Umständen nichtmenschlichen, vernunftbegabten Wesen eine Würde zusprechen. Auch Tiedemann zufolge werde tatsächlich sehr wohl zwischen menschlichen Individuen unterschieden, „denen wir einen freien Willen unterstellen und die wir deshalb für ihre Handlungen verantwortlich machen, und solchen, deren Verhalten wir nicht auf einen freien Willen zurückführen und die wir folglich nicht dafür verantwortlich machen“ (Tiedemann 2012, 175f.). Solange diese Unterscheidung getroffen werde, „können wir auf der Grundlage des Kantischen Konzepts von Menschenwürde nicht begründen, wie Menschen Würde zukommen kann, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht über praktische Vernunft verfügen“ (Tiedemann 2012, 175f.). Eine weitere Frage, die sich in diesem Zusammenhang ergibt, erwähnt Samuel J. Kerstein: „If these beings indeed fail to have rational nature, then they have mere price, according to the [Kantian] account. But how, then, is our treatment of them subject to moral constraints?“ (Kerstein 2014, 224) Wie soll mit all jenen Wesen, die aus dem Personenkreis der Würdeträger nach Kants Definition herausfallen, umgegangen werden dürfen? Auf diese Frage bietet Kant in diesem Zusammenhang leider keine Antwort und sie wird auch in den nachfolgenden Kapiteln immer dann gestellt werden müssen, wenn Würde an eine Eigenschaft geknüpft wird, die nicht alle Menschen teilen. Kerstein stellt darüber hinaus eine weitere Problematik fest: „Most of us grant that persons have a special value. Yet why should we conclude that they have incomparable or unconditional value, as Kant defines it?“ (Kerstein 2014, 224) Seine Frage scheint berechtigt: Warum sollte angenommen werden, dass der Wert von Personen ein so unermesslicher ist? Außer der Fähigkeit, autonom und vernunftgemäß handeln zu können, nennt Kant schließlich keine weitere Begründung für die Annahme, dass Personen unersetzbar sind. Eine Möglichkeit wäre, dass Kant Personen aufgrund ihrer Individualität als unvergleichlich wertvoll angesehen hat. Die Frage bleibt allerdings bestehen: Warum sollte Unersetzbarkeit dann einen unbedingten Wert begründen? Begeht Kant hier möglicherweise einen naturalistischen Fehlschluss, wie auch Peter Stemmer behauptet? Er schreibt, 3. Zum Würdebegriff 72 es sei ein Fehler, von einer Eigenschaft, die ein Wesen hat, auf „ein Recht auf moralische Rücksicht“ (Stemmer 2000, 251) zu schließen. Des Weiteren muss gefragt werden, warum ausgerechnet die Fähigkeit, moralisch, vernunftgemäß und autonom handeln zu können, diejenige sein soll, die eine Würdezuschreibung begründet? Dieser Punkt wird auch von Avishai Margalit kritisiert, der behauptet, diese Eigenschaften kämen „den Menschen in unterschiedlichen Graden zu und begründen folglich nicht, was Kant ursprünglich begründen wollte: gleiche Achtung vor allen Menschen allein aufgrund der Tatsache, daß sie Menschen sind“ (Margalit 2012, 73). Und auch Gregor Damschen und Dieter Schönecker weisen auf diesen Umstand hin: „Doch die These, daß der Mensch Würde habe, weil er ein autonomes Wesen sei, wird von Kant überhaupt nicht begründet; sie wird einfach nur aufgestellt. Warum haben nicht auch fühlende Wesen Würde? Oder Wesen, die Schmerzen empfinden? Oder vielleicht auch Wesen aufgrund ihrer Schönheit (etwa Bäume)?“ (Damschen/Schönecker 2003, 197) Die gleichen Einwände, die gegen eine christliche Interpretation der Menschenwürde sprächen, „könnten auch gegen die vernunftmetaphysische Auslegung vorgebracht werden“ (Wetz 2008, 36). Denn Wetz zufolge sei es „nicht einzusehen, warum Vernunftbesitz und Freiheit als solche bereits einen absoluten Wert darstellen. Hierfür fehlt jede stichhaltige Begründung; solche wird von Kant lediglich vorgetäuscht oder künstlich erzeugt. [...] Es ist ein ‚Säkularisat’ des christlich-metaphysischen Menschenbilds und als solches verkappt weltanschaulich imprägniert“ (Wetz 2008, 36). Die Frage, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt, lässt sich anhand des Kantischen Würdebegriffs nicht klären. Für einige Personen könnte es schließlich zutreffen, dass sie wünschen, dass eine freiwillige Teilnahmemöglichkeit an solch einem Format ein allgemeines Gesetz werden könne. Ein Verbot der Teilnahme wäre dann eine Einschränkung der autonomen Entscheidung und könnte somit als Würdeverletzung aufgefasst werden. Andere hingegen könnten das Gegenteil behaupten – beispielsweise könnte die Teilnahme als Kriecherei, im Hinblick auf eventuelle Knebelverträge vielleicht sogar als Selbstversklavung angesehen oder die „Verwendung“ von Privatpersonen zur Unterhaltung als Verwendung als bloßes Mittel und folglich die Teilnahme als Würdeverletzung bezeichnet werden. 3.1 Zur Geschichte des Würdebegriffs in der Philosophie des Abendlandes 73 Wie aus den gerade genannten, problematischen Konsequenzen deutlich wird, kann auch Kants Theorie trotz ihres offensichtlichen Einflusses auf die gegenwärtige Auffassung von Würde nicht als endgültige Klärung des Würdebegriffs in seiner aktuellen Verwendung dienen. Wichtig ist jedoch zu sehen, dass die Ausführungen Kants einen markanten Meilenstein in der Geschichte des Begriffs darstellen. Für zahlreiche nachfolgende Auslegungen des Begriffs ist seine Vorstellung von Würde als Wert, mit dem ein moralischer Anspruch verknüpft ist, wohl maßgeblich. Wie aber sieht gegenwärtige Verwendung des Terminus „Würde“ überhaupt aus bzw. wie hat sie eine solch große Bedeutung erlangt wie ihr heute zugesprochen wird? Dies wird in den nächsten Kapiteln behandelt. Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart Wie der Blick auf seine Geschichte aufzeigt, wurde der Würdebegriff in unterschiedlichen Epochen in verschiedenen Disziplinen auf heterogene Weise und in diversen Kontexten verwendet und begründet. Es zeigt sich an diesem kurzen historischen Überblick eindrücklich, dass beziehungsweise warum der Würdebegriff als „dynamischer“ Begriff (vgl. Sandkühler 2014, 18) bezeichnet werden kann: War er zunächst in der Antike in einem politisch-gesellschaftlichen Kontext angesiedelt, avancierte der Würdebegriff anschließend zu einem christlich-religiösen Begriff. In der frühen Neuzeit wird er in einem zwar immer noch religiös geprägten, aber doch eher soziologisch-gesellschaftlichen Kontext verwendet und erhält schließlich bei Kant einen zentralen Platz in seiner Moralphilosophie. Lange Zeit war „Würde“ also nicht mit einem individuellen moralischen oder rechtlichen Anspruch verbunden, sondern auf „‚Rang’, ‚Stand’, ‚Amt’, ‚Ehre’ und ‚Geltung’ bezogen“ und damit „dem Vergleich unterworfen; es gab Grade der Würde, ein Mehr und ein Weniger“ (Sandkühler 2014, 18), wie Sandkühler zusammenfasst. Sie sei zunächst also an eine soziale Rolle gebunden gewesen und habe mit der Rolle auch entzogen werden können (vgl. Sandkühler 2014, 18). Dagegen sei die Würde, von der wir heute als Rechtsnorm sprächen, „von allen diesen und von diskriminierenden Konnotationen wie ‚Rasse’ und ‚Geschlecht’ frei“ (Sandkühler 2014, 18f.) und sie gelte absolut und universell. Dies liegt wohl nicht zuletzt in der Aufnahme der Würde in die Charta der Vereinten Nationen am 26. Juni 1945 und in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) am 10. Dezember 1948 begründet. Die Nennung der Würde innerhalb dieser Rechtsdokumente wird insbesonde- 3.2 3. Zum Würdebegriff 74 re mit Blick auf die aktuelle Diskussion, die sich immer wieder auf den in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vertretenen Würdebegriff bezieht, zu einem weiteren Meilenstein in der Geschichte des Begriffs: Würde wird zu einem politischen und vor allem erstmals juristischen Terminus (vgl. z.B. Stepanians 2003, 85), der nicht mehr nur Bezug auf ausgewählte Individuen nimmt und sich nicht mehr eindeutig auf metaphysisch-religiöse Begründungen stützt, sondern der insbesondere aus einer juristischen Perspektive alle Menschen mit einbezieht. Begründet wird diese Entwicklung oftmals mit den grausamen Geschehnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges16. Ab diesem Zeitpunkt gewinnt der Würdebegriff zunehmend an Bedeutung. Diese neue Entwicklung in der Gegenwart spiegelt sich auch in der im Dezember 2000 unterzeichneten Grundrechtecharta der Europäischen Union wider, in der auf „die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen“ (Charta der Grundrechte der Europäischen Union) hingewiesen wird. Im Grundgesetz bildet Würde nach Artikel 1 „den höchsten Wert der Deutschen Gesellschaftsordnung“ (Wetz 2008, 27) und der deutsche Pressekodex verweist in Ziffer 1 auf die Wahrung der Menschenwürde als eines der obersten Gebote der Presse (s. auch Kap. 1.2). Der technische und medizinische Fortschritt sowie diverse politische und gesellschaftliche Veränderungen und die damit entstehenden neuartigen ethischen Fragestellungen führen außerdem dazu, dass „Würde“ in zahlreichen Bereichen der angewandten Ethik, wie beispielsweise in biound medizinethischen Diskursen zur Präimplantationsdiagnostik, Abtreibung und Sterbehilfe, aber auch im Bereich der Technik-, Migrations-, Klima-, Umwelt- und Medienethik immer häufiger Verwendung findet. Allerdings geben, so Wetz, „weder die Allgemeine Menschenrechtserklärung noch das Grundgesetz oder die Grundrechtscharta klare Auskunft über Bedeutung und Begründung dieser alteuropäischen Idee“ (Wetz 2008, 27; Hervorhebung im Original). Vermutlich hätten die Autorinnen und Autoren des Grundgesetzes „gerade nach der Zeit des Nationalsozialismus besonders auf die Plausibilität der Vorstellung vertraut, dass es unabhängig von der Stärke oder Schwäche des Einzelnen einen Respekt vor dem Menschen als solchem geben müsse: vor seinem ideellen Kern, der weder von der 16 So z.B. bei Wetz 2008, 33f.; Pollmann 2010, 26; Stoecker 2017, 344; Baldus 2016, 28 oder Sandkühler 2014, 11f. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 75 Staatsgewalt noch von anderen zerstört werden dürfe, und darum rechtlich geschützt werden sollte“ (Wetz 2008, 34). Auch Meir Dan-Cohen stellt dies fest und geht davon aus, dass Würde für verschiedene Personen unterschiedliche Bedeutungen hat: „But though all sides use the same term, it is less clear that they always address the same topic or have in mind the same concept. Dignity has come to mean different things to different people.“ (Dan-Cohen 2012, 4) Angesichts der Tatsache, dass der Würdebegriff typischerweise auf Konsens ziele und gar Konsensfähigkeit unterstelle (Bielefeldt 2011, 8) ist diese Unbestimmtheit des Begriffes jedoch problematisch. Auch Birnbacher sieht diese Unbestimmtheit als bedenklich an, da dies zwangsläufig zu einer Unsicherheit und Offenheit des Begriffs beziehungsweise seiner Anwendung führe, die Rechtsunklarheiten und damit Rechtsunsicherheiten und unerwünschte Ergebnisse zur Folge haben können. Seiner Auffassung nach wären die Unbestimmtheit und Interpretierbarkeit des Menschenwürdebegriffs vielleicht nicht weiter bedenklich, „wäre der Begriff nur für moralische und politische und nicht auch für rechtliche Bewertungen relevant“ (Birnbacher 2001, 244). Infolge seiner zentralen Stellung in der deutschen Verfassung führe seine Offenheit jedoch zwangsläufig zu Rechtsunsicherheit: „Subjektiver Willkür, Anpassung an den Zeitgeist und der opportunistischen Schließung von Gesetzeslücken ist Tür und Tor geöffnet, zum Teil mit kuriosen Resultaten.“ (Birnbacher 2001, 244) Schließlich seien beispielsweise Suizid und Sterbehilfe auf Verlangen (zumindest in ihrer aktiven Form) „unvereinbar mit einem Prinzip der Heiligkeit des Lebens, aber durchaus vereinbar mit dem Prinzip der Menschenwürde“ (Birnbacher 1995, 5)17. Knoepffler spricht darüber hinaus eine weitere, mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte und die Frage, ob und wie viele fliehende Menschen ein Land aufnehmen muss, wichtige Problematik an: „Staaten, die aufgrund ihrer Verfassung der Menschenwürde verpflichtet sind, lassen ihre Verpflichtungen zum Schutz der Menschenwürde weitgehend an den Landesgrenzen enden.“ (Knoepffler 2011, 11) Dies führt ihn zu der Frage, ob es überhaupt eine Bedeutung von Menschenwürde geben kann, die Verbindlichkeit beanspruchen könne (vgl. Knoepffler 2011, 11). Schließlich wird der Begriff in der Regel dafür verwendet, um genau diese Grenzen zu 17 Dies kann unter Umständen zu einem Widerspruch führen, da die Vorstellung von einer „Heiligkeit des menschlichen Lebens“ nicht selten mit der Vorstellung von Menschenwürde verknüpft ist, indem sie sie zu begründen versucht oder beide sogar als identisch angesehen werden. 3. Zum Würdebegriff 76 überwinden und jedem Menschen, egal an welchem Ort der Welt er sich befindet, die gleiche rechtliche und moralische Berücksichtigung zuzugestehen. So lange jedoch ungeklärt ist, was genau „Menschenwürde“ bedeutet, lassen sich solche und ähnliche moralisch relevante Fragstellungen – wie auch die Frage nach Menschenwürdeverletzungen im Reality TV – nicht ohne weiteres klären. Die nachfolgende Auseinandersetzung mit dem Würdebegriff ist daher nicht nur für die vorliegende Untersuchung, sondern auch für zahlreiche darüber hinaus gehende Fragestellungen relevant. Der seit einigen Jahren geführte Diskurs um den Würdebegriff hat zahlreiche Theorien hervorgebracht. Da der Fokus der Studie auf der Anwendung des Begriffes auf das Reality TV liegt, werden im Folgenden die dem Diskurs zentralen sowie für die Anwendung auf das Reality TV besonders interessante Ansätze betrachtet. Die Reihenfolge der aufgeführten Theorien orientiert sich zunächst ihrer Bedeutung für den Diskurs: die Auffassungen, Würde sei mit den Menschenrechten verbunden, Würde sei als Wert zu verstehen oder mit bestimmten Eigenschaften zu begründen, scheinen besonders nahe zu liegen und werden in der Debatte häufig zuerst genannt. Anschließend werden die jüngeren Theorien analysiert, wobei zunächst die bislang wenig rezipierte Überlegung, Würde als Haltung zu verstehen, und anschließend die augenscheinlich in eine ähnliche Richtung weisende Auffassung, Würde stehe in einem engen Zusammenhang mit Selbstachtung, angeführt werden. Da sämtliche Theorien kaum überwindbare Schwierigkeiten aufweisen, lautet für einige Autorinnen und Autoren die einzig mögliche Schlussfolgerung, den Würdebegriff als „leere Worthülse“ zu verstehen. Dass und warum diese Konsequenz jedoch ebenfalls problematisch ist, wird sodann aufgezeigt und anschließend ein Vorschlag zum Verständnis des Würdebegriffes erarbeitet, der schließlich auf die vorliegende Fragestellung zur Würdeverletzung im Reality TV angewendet wird. Menschenwürde und Menschenrechte Seit der Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen, in denen die Menschenwürde als angeboren anerkannt wird18, werden der Würdebegriff und die Menschenrechte nicht selten in einem Atemzug ge- 3.2.1 18 Wörtlich heißt es hier: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 77 nannt19. Ab diesem Zeitpunkt werden mit der Würde des Menschen auch rechtliche Ansprüche verknüpft. Georg Lohmanns Auffassung nach sind Menschenwürde und Menschenrechte „Momente eines historischen Neuentwurfs, der auf die Erfahrungen der totalitären Barbarei antwortet und zum Ausdruck bringt, dass die Völker der Welt wollen, wie Menschen sich als Menschen verstehen sollen und wie sie rechtlich anerkannt werden müssen“ (Lohmann 2011, 62). Die politisch in Rechtsdokumenten deklarierte allgemeine Menschenwürde fungiere „nun als ein vorverfassungsmäßiges Prinzip des Rechts“ (Lohmann 2011, 62). Nicht wenige Autorinnen und Autoren nehmen dies zum Anlass, die Würde in einem engen inhaltlichen oder begründungstheoretischen Zusammenhang mit den Menschenrechten zu sehen. In der Literatur lassen sich grundsätzlich folgende vier Positionen zu dieser Verbindung von Menschenrechten und Menschenwürde finden: – Die Menschenwürde ist ein Menschenrecht (unter anderen). – Die Menschenwürde ist ein Ensemble aus verschiedenen Menschenrechten. – Die Menschenwürde stellt eine Begründung für die Menschenrechte dar. – Die Menschenwürde ist das Ziel der Menschenrechte. Auch wenn die eine oder andere These vielleicht auf den ersten Blick überzeugend klingen mag, kann keine der vier Positionen auf die hier zu beantwortende Frage, was unter „Menschenwürde“ zu verstehen ist, eine überzeugende Antwort anbieten. Nachfolgend werden alle vier Positionen im Einzelnen betrachtet und die jeweiligen Kritikpunkte erörtert. Menschenwürde als ein Menschen- bzw. Grundrecht Formulierungen, die Menschenwürde als ein Menschen- bzw. Grundrecht skizzieren, finden sich beispielsweise bei dem Juristen Matthias Herdegen und dem Richter Dieter Hömig. Herdegen ist der Auffassung, dass „der besondere Rang der Menschenwürdegarantie in der Grundrechtsordnung und ihre zentrale Funktion für den Schutz des Einzelnen als selbstbe- 3.2.1.1 Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet […]“. 19 Einen breiten Überblick darüber, in welchen Rechtsdokumenten/Verfassungen Würde mit Rechten verknüpft wird, bieten Czeguhn 2013 und Baldus 2016. 3. Zum Würdebegriff 78 stimmte Person den Grundrechtscharakter nahe[legt]. […] Daher überzeugt die herrschende Deutung der Menschenwürde als Grundrecht“ (Herdegen 2014, 22f.). Dieter Hömig versteht das Grundrecht der Menschenwürde wie die anderen Grundrechte als Abwehrrecht, „was sich sowohl aus dem Unantastbarkeitsgebot des Satzes 1 von Art. 1 Abs. 1 GG als auch aus dessen Satz 2 herleiten läßt, nach dem alle staatliche Gewalt verpflichtet ist, die Menschenwürde zu achten“ (Hömig 2009, 29)20. Ohne die einzelnen Theorien näher auszuführen, lässt sich an der grundlegenden These, Menschenwürde sei ein Grund- bzw. Menschenrecht, eine schwerwiegende Problematik feststellen. Denn diese Behauptung kann bei der Beantwortung der Frage Was ist Menschenwürde? nicht weiterhelfen. So lange der Würdebegriff selbst nicht näher bestimmt wird, ist auch unklar, was ein solches Recht genau schützen soll. Dies lässt sich exemplarisch am Beispiel der Sterbehilfe veranschaulichen: Befürworter der aktiven Sterbehilfe könnten argumentieren, dass es der Würde entspräche, den Zeitpunkt des Todes unter bestimmten Voraussetzungen selbst bestimmen zu können. Gegner der aktiven Sterbehilfe hingegen könnten behaupten, die Menschenwürde werde verletzt, wenn ein menschliches Wesen getötet würde und dass diese Form der Sterbehilfe aus diesem Grund verboten sein solle. In solch einer Diskussion kann die Bestimmung der Menschenwürde als ein Grundrecht nicht weiterhelfen, weil diese nichts darüber aussagt, was „Menschenwürde“ ist und wie diese folglich zu schützen wäre. Präziser müsste es außerdem heißen „die Achtung bzw. der Schutz der Menschenwürde ist ein Grundrecht“, doch auch dies erklärt nicht, was unter „Menschenwürde“ zu verstehen ist. Allenfalls führt dies zu der Behauptung, dass die „Würde der Menschen zu achten heißt, sie so zu behandeln, dass sie in Würde leben können“ (Weber-Guskar 2016, 19). Eine solche Dopplung ist auch Eva Weber-Guskar zufolge nicht akzeptabel, weil daraus ein tautologischer Satz werde und folglich ‚in Würde leben’ nichts anderes hieße, „als so zu leben, wie man lebt, wenn die Würde geachtet wird“ (Weber-Guskar 2016, 19). Das könne aber nicht das Ziel sein, denn man habe ja gerade herausfinden wollen, „was genau die mit Würde als Wert verbundenen Normen sind “ (Weber-Guskar 2016, 19). Es ließe sich an diesem Punkt der Diskussion vielleicht einwenden, dass mit dem „Menschenwürderecht“ ein bestimmtes (moralisches) Recht ge- 20 Möglicherweise meinen Herdegen und Hömig mit ihren Ausführungen eigentlich, dass der Schutz der Würde wie ein Grundrecht behandelt werden muss. Problematisch ist aber dennoch, dass nicht deutlich wird, was dieses Recht besagt. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 79 meint sein könnte. Doch auch diese Überlegung kann nicht überzeugen, denn dies bedeutete, wie Schaber treffend formuliert, dass der Begriff der „Menschenwürde“ in diesem Falle durch genau dieses Recht ersetzt werden könnte und dementsprechend keine „eigenständige normative Bedeutung“ (Schaber 2008, 188) mehr hätte. Wäre mit „Menschenwürde“ beispielsweise das Recht gemeint, nicht erniedrigt zu werden, hätte dies zur Folge, dass „Menschenwürde“ lediglich ein anderes Wort für das „Recht, nicht erniedrigt zu werden“ wäre (vgl. Schaber 2008, 188). Der Würdebegriff scheint, denkt man beispielsweise an die Debatten zu Themen wie aktive Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch und Präimplantationsdiagnostik, aber mehr zu umfassen als nur das Recht darauf, nicht erniedrigt zu werden. So werden die Gegner aktiver Sterbehilfe, wenn sie das Argument der Würdeverletzung anbringen, wohl kaum damit meinen, dass die aktive Sterbehilfe verboten sein soll, weil sie eine Erniedrigung des Sterbewilligen darstellt. Wie Schaber richtig formuliert, scheint dem Würdebegriff eine grundlegendere Bedeutung in der angewandten Ethik sowie eine zentrale Rolle in der juristischen Diskussion zuzukommen, die mit dem Recht, nicht erniedrigt zu werden, aber auch mit anderen einzelnen Menschenrechten nicht abgedeckt wird (vgl. Schaber 2012a, 9 und 29). Die Überlegung, Menschenwürde als ein Recht zu verstehen, muss folglich zurückgewiesen werden. Eine weitere denkbare Option wäre, Würde nicht als ein Recht, sondern als ein Ensemble aus verschiedenen Rechten zu beschreiben. Diese Überlegung wird im folgenden Abschnitt vorgestellt und kritisch betrachtet. Menschenwürde als Ensemble aus verschiedenen Menschen- bzw. Grundrechten Menschenwürde als ein bestimmtes grundlegendes Recht zu verstehen ist also nicht überzeugend und hilft bei der hier notwendigen Bestimmung des Würdebegriffes nicht weiter. Könnte Würde stattdessen womöglich als Ensemble verschiedener Menschenrechte angesehen werden, wie Birnbacher vorschlägt? Er ist der Auffassung, man käme „nicht umhin, dem Begriff ‚Menschenwürde’ in der Tat einen eigenen Gehalt zuzuschreiben, und zwar einen, der mit einem Ensemble bestimmter grundlegender Rechte gleichgesetzt werden kann“ (Birnbacher 1995, 3; Hervorhebung im Original). Die Menschenwürde eines Menschen zu respektieren bedeutet nach Birnbacher, ein Minimum von Rechten zu respektieren, die ihm unabhängig von allen Leistungen, Verdiensten und Qualitäten zukämen und die 3.2.1.2 3. Zum Würdebegriff 80 selbst denen gewährt werden müssten, die diese Rechte bei anderen missachteten (vgl. Birnbacher 1995, 5). Diese grundlegenden Rechte, die er als eine „Art Minimalbestand an ‚Grundgütern’“ (Birnbacher 1995, 5) bezeichnet, lauten: „1. Versorgung mit den biologisch notwendigen Existenzmitteln, 2. Freiheit von starkem und fortdauerndem Schmerz, 3. Minimale Freiheit, 4. Minimale Selbstachtung“ (Birnbacher 1995, 5). Damit sei das Menschenwürdeprinzip sowohl ein Abwehr- als auch ein Anspruchsrecht, das eine Grenze setze – nicht nur für inhumanes Handeln wie Folter, Versklavung oder Todesstrafe, sondern auch für inhumanes Unterlassen wie beispielsweise Verhungernlassen oder nicht zu verhindern, dass Menschen aus rassistischen Gründen verfolgt werden (vgl. Birnbacher 1995, 5f.). Auch diese Konzeption hält Schabers Ansicht nach der Kritik nicht stand. In Birnbachers Ansatz gehe es nicht darum, ein Gut oder einen Wert zu schützen, sondern „vielmehr um den Schutz eines Ensembles von Rechten, die unter dem Titel der Würde zugleich als grundlegende Rechte gekennzeichnet werden“ (Schaber 2012a, 52f.). Dabei könne Birnbacher nicht so verstanden werden, dass den Menschen diese Grundrechte deshalb zukommen, weil sie Würde haben (vgl. Schaber 2012a, 54). Dies ließe Birnbachers Vorschlag nicht zu, weil sonst die inhärente Würde von Menschen nicht mit dem Ensemble der vier Grundrechte gleichgesetzt werden könne, sondern davon unterschieden werden müsse (vgl. Schaber 2012a, 54). „Würde“ wäre folglich ein Sammelbegriff für bestimmte, ausgewählte Rechte und hätte keine eigenständige normative Bedeutung (vgl. Schaber 2012a, 54). Daraus folge, dass man statt von „Würde“ einfach von grundlegenden Rechten sprechen könnte, die anderen Rechten gegenüber Vorrang besäßen (vgl. Schaber 2012a, 54). Diese Kritik Schabers an Birnbachers Konzeption scheint wenig überzeugend, denn es müsste zunächst gezeigt werden, dass Würde eine eigene normative Bedeutung besitzen muss. Grundsätzlich ist zudem denkbar, dass der normative Gehalt der Menschenwürde beinhaltet, durch die Achtung dieser Rechte geschützt zu sein. Ein überzeugenderer Einwand gegen die „Rechte-Konzeption der Menschenwürde“ (Baumann 2003, 25) lässt sich dagegen bei Peter Baumann finden. Seiner Auffassung nach ist es problematisch, dass nach Theorien wie der von Birnbacher vertretenen eine bestimmte, für die Menschenwürde einschlägige Klasse von Rechten ausgezeichnet werden müsste (vgl. Baumann 2003, 25). Nach welchen Kriterien sollen diese Rechte schließlich ausgewählt werden? Mit welcher Begründung ist beispielsweise das von Birnbacher genannte Recht auf Freiheit von starkem und fortdauerndem Schmerz eines, das die Menschenwürde konstituiert, das Verbot der Diskriminierung hingegen nicht? Dies müsste weiter ausgeführt werden, 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 81 insbesondere auch um zu verstehen, wann genau Birnbacher zufolge eine Menschenwürdeverletzung vorliegt. Auch Dietmar von der Pfordtens Ansicht nach „sind die von Birnbacher genannten Rechte […] teilweise zu weit und unbestimmt, um als Rechte auf den Schutz der Menschenwürde zu gelten“ (von der Pfordten 2016, 78). So sei die Freiheit von starkem und fortdauerndem Schmerz zwar sicherlich Gegenstand einer ethischen bzw. moralischen Hilfspflicht, es erscheine jedoch fragwürdig ob im Falle einer Verletzung gegen diese Pflicht auch die Menschenwürde tangiert werde (vgl. von der Pfordten 2016, 78). Als Beispiel hierfür nennt von der Pfordten einen Kinnhaken während einer Schlägerei: „Wer einem anderen im Rahmen einer als soziale Praxis nicht unüblichen Wirtshausrauferei einen sehr und fortdauernd schmerzhaften Kinnhaken versetzt, handelt sicher unmoralisch und strafbar, verletzt aber kaum dessen Menschenwürde.“ (von der Pfordten 2016, 78) Dieses Beispiel scheint vielleicht nicht sonderlich gut gewählt, weil die Schmerzdauer eines Kinnhakens in der Regel nicht so stark und fortdauernd ist, wie von der Pfordten mutmaßlich im Sinn hat. Aber es wird deutlich, dass ausgeführt werden müsste, ob jede Missachtung dieses Rechtes zu einer Menschenwürdeverletzung wird und falls nicht, welche Kriterien hierfür in Betracht gezogen werden müssen. Der schwerwiegendste Einwand gegen die Auffassung, Menschenwürde sei ein Ensemble bestimmter Rechte, ist wohl der oben genannte, dass fraglich ist, wie eine Auswahl dieser Rechte, denen Vorrang anderen Rechten gegenüber eingeräumt werden soll, begründet werden kann. Schließlich werden – auch wenn sie in der Anwendung manchmal in Konflikt geraten – alle Menschenrechte als grundlegend und wichtig erachtet und es ist nicht klar, nach welchen Kriterien nun diejenigen gewählt werden, die für den Begriff der Menschenwürde konstitutiv sein sollen. Eine weitere Überlegung könnte daher sein, dass Würde nicht als Bezeichnung für einige, sondern als Grund aller Menschenrechte angesehen wird, wie im nachfolgenden Abschnitt erläutert und kritisch betrachtet wird. Menschenwürde als Begründung für die Menschen- bzw. Grundrechte Eine nicht selten vertretene und auf den ersten Blick auch überzeugend scheinende Auffassung lautet, Menschenwürde sei der Grund für die Zuschreibung der Menschen- bzw. Grundrechte. Weil Menschen Würde haben, seien sie Träger bestimmter grundlegender Rechte. Diese Vorstellung 3.2.1.3 3. Zum Würdebegriff 82 wird insbesondere durch die Erklärung der zweiten internationalen Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen nahegelegt. Hier bekannten sich 171 Staaten zu der abschließenden Erklärung, in der festgehalten ist, „daß sich alle Menschenrechte aus der Würde und dem Wert herleiten, die der menschlichen Person innewohnen“ (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen 1994, 13). Neben Heiner Bielefeldt (vgl. Bielefeldt 2011, 105f.) vertreten beispielsweise auch Schaber und Lohmann diese Auffassung. Schaber zufolge ist Würde, wie in Abschnitt 3.2.1.1 Menschenwürde als ein Menschen- bzw. Grundrecht beschrieben, „nicht gleich Menschenrecht, sondern wird als etwas verstanden, das die Menschenrechte begründet: Rechte haben wir nicht, weil wir Rechte, sondern weil wir Würde haben“ (Schaber 2008, 189). Lohmann bezeichnet Würde entsprechend als „Basis“ der Menschenrechte. Die Berufung auf die Menschenwürde jedes einzelnen sorge für die Entwicklung der Idee, gemäß der „alle Menschen überall auf der Welt in der gleichen Weise als Adressaten und Autoren der Menschenrechte anzusehen sind, die ihnen qua Anerkennung ihrer Menschenwürde zugesprochen werden müssen“ (Lohmann 2011, 56). Ob Würde nun als „Grund“ oder als „Basis“ grundlegender Rechte des Menschen bezeichnet wird – auch diese Auffassung ist problematisch. Der schwerwiegendste Einwand ist wohl der, dass es mehr als fraglich ist, ob zur Begründung der Menschenrechte der Hinweis auf die Menschenwürde überhaupt nötig ist. Zwar ist, wie Arnd Pollmann erklärt, fast immer zu Beginn der betreffenden Rechtsdokumente „wie selbstverständlich von einer dem Menschen qua Menschsein ‚innewohnenden Würde’ die Rede, aus deren Besitz sich unmittelbar entsprechende Menschenrechte ableiten lassen sollen“ (Pollmann 2010, 26). So geläufig uns jedoch diese „überaus enge völkerrechtliche Verknüpfung beider Grundideen aus heutiger Sicht auch erscheinen mag – zumal sie uns ja hierzulande auch aus Artikel 1 des Grundgesetzes vertraut ist –, zumeist wird die ideengeschichtliche sowie rechtshistorische Tatsache übersehen, dass dieser begriffliche Zusammenhang vor dem Zweiten Weltkrieg kaum einmal hergestellt worden ist.“ (Pollmann 2010, 26) Schließlich sei der Menschenrechtsdiskurs etwa 200 Jahre lang ganz ohne den Würdebegriff und die Annahme ausgekommen, dass dieser für eine Begründung der Menschenrechte unerlässlich sei (vgl. Pollmann 2010, 32). Umgekehrt habe auch der Würdediskurs fast 2000 Jahre auf die Überzeugung verzichten können, „dass sich aus der Würde geradezu notwendig entsprechende Schutzrechte ergeben“ (Pollmann 2010, 32). 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 83 Auch Weber-Guskar blickt kritisch auf den augenscheinlich unvermeidlichen Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Menschenrechten. Sie weist darauf hin, dass nicht von vornherein festgelegt sei, welche Rolle der Begriff habe, „schon gar nicht, dass er konkret Menschenrechte begründen soll“ (Weber-Guskar 2016, 15). Der Verweis auf die historisch unabhängige Entwicklung von Menschenwürde und Menschenrechten, wie ihn zum Beispiel Pollmann und Weber-Guskar vornehmen, ist zwar richtig, aber per se kein überzeugendes Argument gegen die Überlegung, die Menschenrechte mit der Menschenwürde zu begründen. Schließlich könnte es sein, dass es doch einen Begründungszusammenhang gibt, der aber bis zur Zusammenführung der Begriffe nicht erkannt worden ist. Ein weiterer Grund könnte jedoch gegen die Ableitung grundlegender Rechte aus der Menschenwürde vorgebracht werden: So kritisiert Herdegen, eine solche Deduktion von Grundrechten aus der Menschenwürde verkenne „den Eigenwert der verfassungsrechtlichen Verbürgung von Freiheits- und Gleichheitsrechten“ (Herdegen 2014, 16). Ähnlich argumentiert auch Wetz: „Denn es ist einfach falsch, dass allein die Idee der angeborenen Wesenswürde die Menschenrechte garantieren kann. Abgesehen davon, dass die im 18. und 19. Jahrhundert proklamierten Menschenrechte zur damaligen Zeit nicht ein einziges Mal auf die Idee der Menschenwürde gegründet wurden, die erst im 20. Jahrhundert nach dem brutalen Mord von Millionen Unschuldiger den Weg ins Recht fand, können die Menschenrechte durchaus ethisch begründet werden und damit für sich stehen.“ (Wetz 2008, 45f.) Beide Autoren sind der überzeugenden Auffassung, dass die Menschenrechte auch ohne den Begriff der Menschenwürde hinzuzuziehen begründet werden und für sich stehen können. Dies wird insbesondere mit Blick in die Virginia Bills of Rights, die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte deutlich, denn diese nehmen keinen Bezug auf die Menschenwürde, sondern „erklären den Menschen gleichermaßen für frei und gleich geschaffen und fordern deshalb bestimmte, unveräußerliche Rechte“ (Wachtendorf, 2004, 81). Das zentrale Argument gegen die These, Menschenwürde sei die Basis der Menschenrechte, ist folglich, dass es etliche Versuche der Menschenrechtsbegründung gibt, die nicht auf die Menschenwürde zurückgreifen und sich „Menschenwürde“ folglich nicht durch diese Funktion bestimmen lässt. 3. Zum Würdebegriff 84 Menschenwürde als Grund für die Zuschreibung grundlegender Rechte zu verstehen hätte zudem zur Folge, dass unklar wäre, wann Menschenwürde als verletzt angesehen werden müsste. Liegt eine Würdeverletzung bereits vor, wenn „nur“ eines der Rechte missachtet würde oder müssten mehrere oder gleich alle Rechte missachtet werden? Und mit welcher Intensität müssten Rechte verletzt sein, um von einer Menschenwürdeverletzung zu sprechen? Wenn bereits die Missachtung eines einzelnen Rechtes eine Würdeverletzung darstellt, ist dies bei allen Rechten in der gleichen Weise der Fall oder gibt es vielleicht Rechtsverletzungen, die nicht als Menschenwürdeverletzung angesehen werden? Diese Fragen lassen sich insbesondere deshalb nicht klären, weil auch diese Theorie offenlässt, was „Menschenwürde“ für sich genommen bedeutet. Auch Malte Hossenfelder erkennt diese Problematik: „Die Rechte des Menschen sollen sich also aus seiner Würde ableiten lassen. Wie dies möglich ist, wird freilich nicht mitgeteilt, was bei der Leere des Begriffs sehr schmerzlich ist.“ (Hossenfelder 2004, 22) Selbst wenn eine inhaltliche Bestimmung des Würdebegriffs nahelegen sollte, Menschen aufgrund ihres Würdebesitzes bestimmte Rechte zuzuschreiben, geht aus der These „Menschenwürde ist der Grund der Menschenrechte“ nicht hervor, was unter Menschenwürde zu verstehen ist. Im nachfolgenden Abschnitt wird untersucht, ob die Auffassung, Menschenwürde sei das Ziel der Menschenrechte, möglicherweise eine angemessene Begriffsbestimmung bietet. Menschenwürde als Ziel, Kern oder Summe der Menschenrechte Nachdem ausgeschlossen ist, Menschenwürde als ein bestimmtes Recht, als Ensemble von grundlegenden Rechten oder als Basis der Menschenrechte zu verstehen, bleibt zu untersuchen, ob Würde bzw. ein Leben in Würde möglicherweise als Ziel, Kern oder Summe der Menschenrechte angesehen werden kann. So ist beispielsweise Wetz der Auffassung, dass die allgemeinen Menschenrechte am besten beschreiben, was ein würdevolles Leben ist und die „Menschenwürde der höchste Gipfel der Menschenrechte, weniger deren Grundlage als vielmehr deren Ziel“ (Wetz 2008, 45) sei. Seiner Ansicht nach besteht „der wahre Gehalt menschlicher Würde in verwirklichten Menschenrechten – einem Leben in körperlicher Unversehrtheit, freiheitlicher Selbstbestimmung und Selbstachtung sowie in sozialer Gerechtigkeit“ (Wetz 2008, 46). Dies führt er darauf zurück, dass es unbestreitbar bleibe, dass „noch vor jeder kulturellen Differenzierung eine existenzielle Gleichstellung aller Menschen als nackte, endliche, 3.2.1.4 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 85 leidensfähige Wesen besteht“ (Wetz 2008, 41) und Menschen erschreckend grausam gegen ihre Mitmenschen sein könnten, wenn Vorschriften es ihnen geböten (vgl. Wetz 2008, 45). Wo es keine Achtung voreinander gäbe, existiere, „weltanschauungsneutral betrachtet, auch keine Würde“ (Wetz 2008, 48). Ein Leben in Würde als das Ziel der Menschenrechte zu betrachten, scheint zunächst eine überzeugende These zu sein. Allerdings zeigen sich bei näherer Betrachtung auch hier wieder einige kaum zu überwindende Schwierigkeiten. Nach dieser Auffassung wäre ein Leben in Würde offensichtlich nur möglich, wenn alle Menschenrechte geachtet würden. Wann aber spricht man unter dieser Annahme von Menschenwürdeverletzungen? Wird bereits die Missachtung nur eines Menschenrechtes oder doch erst mehrerer oder gar aller Menschenrechte als Menschenwürdeverletzung bezeichnet? Alle drei Vorschläge sind problematisch: Wird der Verstoß gegen eines der Menschenrechte als Würdeverletzung angesehen, so ist fraglich, warum Menschenwürde dann das Ziel aller Menschenrechte sein soll. Schließlich ließe sich die Wahrung der Würde dann auf die Achtung dieses einen Rechts beschränken. Würde die These lauten, dass eine Würdeverletzung nicht bei der Missachtung eines bestimmten, sondern irgendeines Menschenrechtes vorliegt, so scheint auch dies nicht überzeugend, denn eine Verletzung des Rechts auf Eigentum wird beispielsweise üblicherweise nicht als Menschenwürdeverletzung angesehen (vgl. Schaber 2012a, 91f.). Wäre es die Missachtung von mehreren Menschenrechten, die als Menschenwürdeverletzung angesehen wird, so müssten abermals bestimmte, besonders wichtige Menschenrechte ausgewählt werden. Dann würde es sich jedoch nicht mehr um „Würde“ als das Ziel aller Menschenrechte, sondern um das Ziel eines Ensembles von Menschenrechten handeln, dessen Auswahl, wie unter Abschnitt 3.2.1.2 beschrieben, sich aber nicht ohne weiteres begründen lässt. Die Alternative, dass alle Menschenrechte missachtet werden müssten, damit von einer Menschenwürdeverletzung die Rede ist, scheint ebenfalls kaum nachvollziehbar. Schließlich würde dann zum Beispiel ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Freiheit von Folter für sich genommen keine Menschenwürdeverletzung darstellen, was der verbreiteten Überzeugung, Folter sei eine Menschenwürdeverletzung, widerspräche. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass grundsätzlich die Möglichkeit besteht, den Menschenrechtskatalog zu erweitern. Bedeutet dies, dass ein Leben in Würde eigentlich nie möglich ist, weil der Katalog eventuell noch nicht vollständig sein könnte und das noch zu ergänzende Recht möglicherweise nicht geachtet wird? Würde soll außerdem für alle Menschen 3. Zum Würdebegriff 86 immer gleich sein, der Menschenrechtskatalog kann sich aber ändern. Wenn Würde das Ziel der Menschenrechte wäre, würde folglich auch Würde variabel, was der Vorstellung einer allen Menschen gleichermaßen angeborenen Würde widerspricht. In zahlreichen Ländern werden Menschenrechte zudem überhaupt nicht oder nur teilweise geachtet. Wird „die Würde des Menschen hauptsächlich über dessen Rechte definiert“ (Wetz 2008, 47), wie dies bei Wetz der Fall ist, so wäre es nicht möglich, von Menschen in diesen Ländern auszusagen, sie seien Träger von Würde. Wetz räumt zwar ein, dass niemandem verwehrt sei, „zusätzlich zu glauben, dass die Würde des Menschen ein angeborenes Wesensmerkmal darstellt“ (Wetz 2008, 47), man dürfe aber auch niemanden dazu zwingen, dies so zu sehen. Der „Glaube“ an die Würde wird durch diese Formulierung aber zu etwas Willkürlichem und Subjektivem. Dies widerspricht wiederum grundlegend den Formulierungen des Grundgesetzes und der AEMR, nach denen alle Menschen an Würde gleich geboren sind. Menschenwürde kann folglich nicht von den Menschenrechten abhängen, da diese verändert (insbesondere erweitert) werden, die Würde aber gleich bleiben soll. Konsequenterweise dürfte nach der Vorstellung, Menschenwürde sei das Ziel oder die Summe der Menschenrechte, vor den ersten Überlegungen zu den Menschenrechten auch noch nicht von Würde die Rede gewesen sein, was ebenfalls zu Problemen führt; schließlich hat es den Begriff der Würde fast 2000 Jahre lang bereits gegeben, bevor er zur Begründung von Menschenrechten herangezogen wurde (vgl. Weber-Guskar 2016, 15; Menke 2012, 146). Umgekehrt wurde die grundlegende Idee der Menschenrechte bereits viele Jahre vor der Verschriftlichung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geboren und zu diesem Zeitpunkt – etwa um die französische Revolution (vgl. Brunkhorst 2012, 91) – noch nicht mit der Idee der Menschenwürde verknüpft. Dieser Vorwurf kann gegenüber der Theorie von Markus Stepanians nicht formuliert werden, auch wenn er ebenfalls einen engen Zusammenhang zwischen der Menschenwürde und den Menschenrechten sieht. Er bezieht sich in seinen Ausführungen jedoch explizit auf das heutige Verständnis von Würde (vgl. Stepanians 2003, 85). Durch die häufige Nennung der Menschenwürde und der Menschenrechte in einem Atemzug werde ein enger Zusammenhang hergestellt zwischen dem gleichen moralischen Wert aller Menschen und den daraus resultierenden gleichen moralischen Ansprüchen dieser (Stepanians 2003, 88). Seiner Auffassung nach müsse 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 87 „man weder in christlichen Traditionen erzogen worden sein noch Kant studiert haben, um zu sehen, daß die universalisierende Rede von der Würde des Menschen, wörtlich verstanden, erstens die moralische Gleichwertigkeit aller Menschen implizierte […] und zweitens, daß die einmal zugestandene Gleichwertigkeit die axiologische Grundlage gleicher Forderungen bildet“ (Stepanians 2003, 88). Nicht als Ziel, sondern als „Kern“ der Menschenrechte versteht Stepanians die Menschenwürde. Der Grundgedanke seiner Theorie lautet, „daß es der Zweck der Menschenrechte ist, die Menschenwürde zu schützen“ (Stepanians 2003, 82) und dass mit der Achtung der Menschenrechte zugleich die Wahrung der Menschenwürde im Sinne des. Art. 1, 1 GG garantiert werde (vgl. Stepanians 2003, 87). Da es nur eine einzige Menschenwürde, aber viele Menschenrechte gebe, schütze jedes Menschenrecht einen Ausschnitt oder Teil der Menschenwürde (vgl. Stepanians 2003, 89). Seiner Auffassung nach lässt sich der Menschenwürdebegriff erwerben, indem „wir uns vor Augen führen, welcher Wert durch die Menschenrechte in ihrer Summe geschützt wird“ (Stepanians 2003, 82). Dieser Wert ist der „durch die einzelnen Menschenrechte in ihrer Gesamtheit geschützte[n] Kernwert, der für ein menschenwürdiges Leben konstitutiv ist“ (Stepanians 2003, 90). Äußerst überzeugend ist Stepanians Theorie dahingehend, dass die Menschenrechte dem Schutz des moralischen Status des Menschen dienen sollen, der – wie auch immer er letztlich begründet wird –, jedem menschlichen Individuum gleichermaßen zukommen soll. Problematisch könnte die Überlegung, dass die Menschenrechte diesen Menschenwürde-Kern konstituieren, mit Blick auf die bereits angesprochene Tatsache werden, dass die Liste der Menschenrechte stets erweiterbar ist. Dass der „dargestellte Idealfall einer vollständigen Menschenrechtsliste, deren Achtung ein menschenwürdiges Leben ermöglicht“ (Stepanians 2003, 89), praktisch nicht zu verwirklichen ist, stellt auch Stepanians selbst fest. Hieraus könnte nun die wenig überzeugende Konsequenz folgen, dass die Menschenwürde möglicherweise nie vollständig geachtet werden kann oder Würde de facto geachtet werden kann, indem bestimmte Rechte nicht tangiert werden, ohne dass die Menschen jedoch um diese Rechte wissen. Daraus folgt, so scheint es, dass unter Annahme dieser Theorie stets eine Unsicherheit bzw. ein Nichtwissen darüber besteht, ob die Würde vollständig geachtet wird bzw. alle Menschenrechte beachtet werden. Zudem hat die Überlegung, dass jede Menschenrechtsverletzung zugleich auch eine Würdeverletzung ist, wie bei Wetz, zur Folge, dass auch die Missachtung beispielsweise des Eigentumsrechts einen Angriff auf die Würde darstellt. 3. Zum Würdebegriff 88 Dies könnte man zwar vertreten, ist jedoch nach dem gegenwärtigen alltäglichen Sprachgebrauch, den Stepanians in seinen Ausführungen adressiert, wohl eher problematisch. Dass in einigen Verfassungen, z.B. der französischen, der der USA sowie in den grundlegenden Rechtsdokumenten und Rechtstraditionen Großbritanniens der Würdebegriff keine Rolle spielt, stellt Stepanians zufolge kein rechtlich-moralisches Defizit dar (vgl. Stepanians 2003, 87), weil sich keine Welt vorstellen ließe, in der die „Menschenrechte zwar peinlichst geachtet, die Menschenwürde aber mit Füßen getreten“ würde (Stepanians 2003, 87; Hervorhebung im Original). Hieran zeige sich, dass die Menschenwürdegarantie keine neuen und zusätzlichen Standards setzt (Stepanians 2003, 87) und „der Menschenwürdebegriff keine normativen Forderungen erhebt, die der Menschenrechtsbegriff nicht implizit schon von sich aus enthielte“ (Stepanians 2003, 90). Deshalb gelte, dass rein menschenrechtlich orientierte Verfassungen, in denen die Menschenwürde kein ausdrückliches Rechtsgut ist, prinzipiell denselben Schutzbereich abdecken, wie Verfassungen, in denen die Achtung der Menschenwürde explizit gefordert werde (vgl. Stepanians 2003, 91). Daraus ergibt sich nun die Frage, der auch Wetz sich stellen muss, ob der Begriff der Menschenwürde hierdurch nicht verzichtbar wird. Auch Pollmann sieht dies kritisch und behauptet: „Wenn dieser Begriff nichts anderes als die Gesamtheit der Menschenrechte meint, so ist er, wie immer traditionsreich er auch sein mag, im Grunde überflüssig.“ (Pollmann 2010, 39) Stepanians’ Theorie zufolge ist Würde nicht verzichtbar, weil sie zugleich die Existenz der Menschenrechte begründet: „Die Menschenwürde von A ist die ‚Quelle’, ‚der Grund’ oder ‚das Fundament’ ihrer Menschenrechte, insofern sie es ist, die den zu schützenden Kern jener Rechte ausmacht und ihnen eine Richtung verleiht.“ (Stepanians 2003, 93) Jedoch bleibt angesichts der Tatsache, dass sein Fehlen in anderen Verfassungen keine Defizite verursacht, zu fragen, ob speziell der Terminus „Menschenwürde“ notwendig ist, oder ob sich nicht vielmehr die Forderung nach dem Schutz durch die Menschenrechte und die juristisch und moralisch gleiche Berücksichtigung aller menschlichen Individuen nicht auf andere Weise begründen ließen bzw. begründet werden sollten. Schließlich führt die Verwendung des Begriffs, wie am bereits angesprochenen Beispiel der Sterbehilfe aufgezeigt, innerhalb ethischer und juristischer Diskurse nicht selten zu Komplikationen. Ob der Würdebegriff verzichtbar ist oder nicht und welche Folgen diese Auffassung mit sich bringt, wird im weiteren Verlauf der Studie zu klären sein. An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass der Begriff „Würde“ aus den 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 89 genannten Gründen nicht ohne Weiteres als das Ziel der Menschenrechte bestimmt werden kann. Zusammenfassung Wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen, dominiert heute – obwohl der bereits seit der Antike verwendete Terminus „Würde“ erst im Laufe des 20. Jahrhunderts in die europäischen Rechtstexte einfloss – die Verbindung zwischen Menschenwürde und den Menschenrechten „die Rezeption der Menschenwürdeidee in einem Maße, wodurch die Tatsache ihrer fast 2000-jährigen ‚rechtelosen’ moralphilosophischen Geschichte in den Hintergrund rückt“ (Baranzke 2011, 192). Die kritische Betrachtung der einzelnen Thesen zeigt jedoch, dass der Würdebegriff nicht allein anhand eines Verweises auf die Menschenrechte geklärt werden kann. Menschenwürde kann nicht identisch sein mit einem oder mehreren Rechten. Und auch wenn sie als Grund beziehungsweise Basis oder als das Ziel der Menschenrechte verstanden werden soll, so ist doch der eigene Inhalt des Begriffs damit nicht geklärt, bzw. bleibt offen, ob er wirklich notwendig ist. Man müsste, wie Hossenfelder zu Recht fordert, „also schon des Näheren angeben, worin man die Menschenwürde erblickt, um dann daraus die Menschenrechte abzuleiten, und da liegt die Gefahr sehr nahe, dass man die Würde eben im Besitz bestimmter Rechte sieht, sodass man sich im Zirkel bewegt“ (Hossenfelder 2004, 23). Welche Schwierigkeiten diejenigen Positionen mit sich bringen, die den Würdebegriff selbst näher zu bestimmen versuchen, wird in den folgenden Kapiteln betrachtet. Würde als Wert Ein Blick in das Grimmsche Wörterbuch, in dem das althochdeutsche Wort „wirdî“ mit „wert“ übersetzt wird (Grimmsches Wörterbuch Bd. 30, Sp. 2061), legt nahe, Würde als Wert des Menschen zu verstehen. Diese Annahme ist aus heutiger Sicht insbesondere mit der Vorstellung Kants verbunden, nach der alles entweder einen Preis oder einen Wert habe (s. Kap. 3.1.4). Prägend für diese auch in der gegenwärtigen Debatte um den Würdebegriff vertretene Position ist auch der Grundgesetzkommentar von Dürig aus dem Jahr 1956, der sich ebenfalls auf Kant und die Objektformel bezieht. In Dürigs Kommentar heißt es: 3.2.1.5 3.2.2 3. Zum Würdebegriff 90 „Wie schon die Formulierung: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar’ zeigt, ist dieser Eigenwert als etwas immer Seiendes, als etwas unverlierbar und unverzichtbar Vorhandenes gedacht, so daß von vornherein der Wertanspruch des Wertträgers nicht darauf gerichtet sein kann, ihm durch positives Tun diesen Wert zu verschaffen.“ (Dürig 1956, 117; Hervorhebung im Original) Nach der Auffassung Dürigs wird Würde als etwas dem Menschen unbedingt Angeborenes verstanden, das nicht verloren und auf das auch nicht verzichtet werden kann. In welchem Verhältnis stehen nun aber Würde und Wert zueinander? Hierzu lassen sich grundsätzlich vier verschiedene Überlegungen formulieren: Erstens könnte der Besitz von Würde als Grund für den Eigenwert des Menschen angesehen werden: weil der Mensch Würde hat, besitzt er einen Eigenwert. Hierzu aber müsste zum einen begründet werden, warum der Mensch Würde besitzt und warum der Besitz von Würde maßgebend dafür sein soll, dass Lebewesen ein solcher Wert zugeschrieben werden kann21. Zum anderen bliebe immer noch zu klären, was unter Würde zu verstehen ist. Die zweite Möglichkeit könnte darin bestehen, Würde nicht als Grund, sondern als Folge eines Eigenwertes des Menschen zu verstehen. Die These würde dann lauten: Weil der Mensch einen besonderen Eigenwert besitzt, hat er Würde. Auch dies beantwortet jedoch wiederum nicht die Frage, was unter „Menschenwürde“ zu verstehen ist. Gleiches gilt für die dritte mögliche Überlegung, nach der der Mensch beides habe, eine Würde und einen Eigenwert. Hier bleibt nicht nur unklar, was Würde ist und warum der Mensch einen besonderen Wert sowie Würde besitzen soll, sondern auch, in welcher Relation Wert und Würde zueinander stehen. Für die Klärung der Frage, was unter Menschenwürde zu verstehen ist, eignen sich die ersten drei Möglichkeiten folglich nicht. Die einzige in der vorliegenden Abhandlung lohnenswert zu untersuchende ist daher die vierte Überlegung, Würde als mit dem Eigenwert des Menschen identisch anzusehen. Tatsächlich ist dies eine sehr häufig angebrachte Erklärung für die Menschenwürde; auch in „der einschlägigen Rechtsprechung (und Lehre) […] wird Würde tatsächlich (zumindest auch) im engen Sinn als Wert erläutert“ (Weber-Guskar 2016, 30; Hervorhebung im Original). Darüber hinaus konstatiert Weber-Guskar: 21 Fraglich wäre in diesem Zusammenhang auch, ob nur der Mensch oder auch nichtmenschliche Lebewesen oder vielleicht sogar nicht-lebende Dinge ebenfalls einen Eigenwert haben. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 91 „Die Rede von der menschlichen Würde wird in dem Sinn interpretiert, dass Würde ein Name sei für den besonderen Wert, den alle Menschen hätten. Am häufigsten spricht man in diesem Zusammenhang von Eigenwert, um den Wert zu charakterisieren.“ (Weber-Guskar 2016, 30; Hervorhebung im Original)22 So wurde das Verbot einer Peepshow durch das Bundesverwaltungsgericht damit begründet, dass die betroffenen Frauen einen Wert hätten23, der unverfügbar sei, auch wenn die Teilnahme freiwillig erfolge. Dies lässt sich in einem weiteren Sinne in Analogie zu den hier behandelten Formaten sehen, bei denen ebenfalls stets die Rede davon ist, dass die Kandidatinnen und Kandidaten freiwillig daran teilnähmen. Klarerweise ist auch hier die Position Kants die Grundlage der Entscheidung: Zum einen wird in diesem Urteil seine Auffassung, Würde sei ein unvergleichlicher Wert des Menschen, aufgenommen und zum anderen wird auf die Pflicht des Menschen, seine eigene Würde zu achten, verwiesen, die ebenfalls von Kant formuliert wird (s. Kap. 3.1.4). Diese Idee von einem angeborenen Eigenwert des Menschen wird unter anderem auch „Mitgiftthese“ oder „Mitgifttheorie“ genannt: „Der Versuch, Würde als eine Qualität der Gattung auszuweisen, die allen Angehörigen kraft dieser Zugehörigkeit eignet, kennzeichnet sogenannte ‚Mitgifttheorien’ der Menschenwürde. […] Damit ist gemeint, daß Gott oder die Natur uns mit würdebegründenden Eigenschaften ausgestattet haben. […] Würde wird so zu einem moralfundierenden Begriff.“ (Ladwig 2003, 37; Hervorhebung im Original) Die Theorie zu einem solchen Eigenwert als Mitgift des Menschen scheint attraktiv zu sein. Auf diese Weise könnten alle Menschen unter den Schutz der Würde gestellt werden. Denn Würde käme nach dieser Auffassung al- 22 Weber-Guskar übt nicht nur Kritik an dieser Vorstellung von Würde als Wert, sondern auch an Dürig, weil er Kant an keiner einzigen Stelle seiner Ausführungen erwähne, obwohl er seinen Gedanken folge. Er verwende einzelne Aspekte aus einer speziellen, komplexen philosophischen Theorie im Prinzip als selbstverständliches Allgemeinwissen (vgl. Weber-Guskar 2016, 32). 23 „So untersagte das Bundesverwaltungsgericht eine Peepshow mit dem Argument, dass die Verletzung der Menschenwürde nicht dadurch ausgeräumt würde, dass die betroffenen Frauen dies freiwillig tun würden. Vielmehr sei es so, dass die Würde des Menschen einen objektiven und unverfügbaren Wert darstelle. Dieser Wert ist – dies scheint die Idee des Gerichts zu sein – nicht bloß in der anderen, sondern auch in der eigenen Person unverfügbar.“ (Schaber 2012a, 36f.) 3. Zum Würdebegriff 92 len Menschen allein aufgrund der Gattungszugehörigkeit zu, die ihrerseits unstrittig ist. Problematisch ist allerdings aus philosophischer Perspektive, dass diese Auffassung nicht begründet werden kann. Zum einen ist der Schluss von einer faktischen Gattungszugehörigkeit auf einen normativ zu verstehenden Wert ein naturalistischer Fehlschluss und somit nicht gültig. Um dies begründen zu können, wäre eine weitere Prämisse notwendig. Deshalb ist zu fragen, warum der Mensch einen solchen angeborenen Eigenwert haben soll? Ein gottgegebener besonderer Wert des menschlichen Lebens ist als Begründung philosophisch nicht haltbar, da zunächst die Existenz eines Gottes und zusätzlich seine Intention, nicht nur den Menschen allgemein, sondern jeden einzelnen Menschen als ein derart wertbesonderes Wesen geschaffen zu haben, bewiesen werden müsste24. Dabei sind bereits die diversen Versuche, Gottes Existenz zu begründen, philosophisch betrachtet hoch problematisch. Dies gilt ebenso für Bestrebungen, nachzuweisen, Gott habe bestimmte Eigenschaften oder Absichten. Eine gottgegebene Würde oder ein solcher von Gott verliehener Wert lässt sich daher im säkularen Staat nicht begründen. Man würde damit bei allen Nichtgläubigen auf taube Ohren stoßen (vgl. Ladwig 2003, 38). Und da „der Glaube nicht rational verlangt werden kann, moralische Gründe jedoch alle Adressaten überzeugen können müssen, entfällt die religiöse Begründung der Menschenwürde als allgemein verbindlicher Vorschlag“ (Ladwig 2003, 38). Einen Vorschlag, der zwar nicht an der Mitgift des Wertes durch Gott, aber an der kantischen Auffassung orientiert ist, unterbreitet Hans Wagner. Er ist der Auffassung, die Menschenwürde sei ein absolutes Prinzip unseres Menschseins und bedeute „nicht etwa lediglich eine relativ hohe, allem sonstigen Natur- und Weltbestand gegenüber relativ höchste Seinsund Wertauszeichnung des Menschen; sie bedeutet vielmehr wirklich eine einmalige und absolute Auszeichnung des Menschen – eines jeden Menschen“ (Wagner 2014, 571). Seiner Ansicht nach seien die Menschen im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen Subjekte und dazu fähig, „von objektiven Geltungsnormen zu wissen“ und sich „durch diese bestimmen zu lassen, – und dazu nicht bloß fähig, sondern auch spezifisch verpflichtet“ (Wagner 2014, 572). Dies führt jedoch wiederum zurück auf das in den Ausführungen über Kant bereits angeführte Problem, dass nicht alle Men- 24 Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Studie sämtliche Theorien, die versuchen, die Menschenwürde auf Gott zu begründen, auch nicht berücksichtigt. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 93 schen zur Moral fähig sind und nicht alle Menschen ihren Pflichten nachkommen können. Stattdessen könnte angenommen werden, dass es einfach ein Merkmal des Menschen sei, einen solchen Wert von Geburt an zu besitzen. So schreibt Bielefeldt, dass die Tatsache, dass „die Würde dem Menschen wie ein natürliches anthropologisches Merkmal zukomme, […] durch die traditionelle Rede von der ‚angeborenen’ Menschenwürde“ (Bielefeldt 2011, S. 47) nahegelegt werde. Nach dieser Auffassung besäße sie einfach jeder Mensch, wie Hömig meint, „ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seinen körperlichen oder geistigen Zustand, seine Leistungen, seinen sozialen Status und die voraussichtliche Dauer seines individuellen menschlichen Lebens“ (Hömig 2009, 32). Folglich habe auch Würde, wer nicht vernunftgemäß handeln könne oder handele (vgl. Hömig 2009, 32). Würde sei in diesem Sinne absolut, weil „jeder Mensch sie unter allen Umständen, also immer“ (Weber-Guskar 2017, 208; Hervorhebung im Original) besitze. Doch auch diese Vorstellung eines anthropologischen Merkmals sieht sich einigen schwerwiegenden Kritikpunkten ausgesetzt. Die Problematik an der These, Würde sei ein angeborener Wert des Menschen, wird an verschiedenen weiteren als den bereits genannten Punkten deutlich. Zum einen ist fraglich, wie die Zuschreibung eines anthropologisch bedingten besonderen Wertes begründet werden kann. Allein die Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies ist, so schreibt auch Reinhard Merkel, kein Grund dafür, einem Lebewesen einen besonderen Wert zuzuschreiben. Abgesehen davon, dass die Zuschreibung von Würde allein Lebewesen der menschlichen Gattung eine speziesistische Vorgehensweise und Auffassung wäre, die von verschiedenen gegenwärtigen Philosophen kritisiert wird, beginge man Merkel zufolge auch einen naturalistischen Fehlschluss: „Wer allein den sachlichen Umstand einer bestimmten biologischen Beschaffenheit heranzieht, um eine Norm zu begründen […], der demonstriert exemplarisch, was seit David Hume ein ‚Sein-Sollen’ und seit George Edward Moore nicht selten auch ein ‚naturalistischer Fehlschluß’ genannt wird: den ungültigen direkten Schluß von einem Faktum in der Welt auf eine Norm.“ (Merkel 2003, 37) „Würde als Wert“ wäre zwar selbst noch keine Norm, aber eine Basis, um Normen abzuleiten. Aus der Tatsache, dass Lebewesen zur biologischen Spezies „Mensch“ („homo sapiens“) zählen, folgt allerdings nicht, dass sie einen besonderen Wert haben. Und selbst wenn sich dies irgendwie begründen ließe, so sagt dies allein nichts darüber aus, ob es einen Grund da- 3. Zum Würdebegriff 94 für gibt, dass und wie der Mensch auf besondere Art zu behandeln sei, wie auch Weber-Guskar anmerkt. Man habe schließlich keine Anhaltspunkte dafür, „worin genau diese angemessene Behandlung besteht. Schützen, fördern, achten? Mit welchen Zielen jeweils?“ (Weber-Guskar 2017, 209). Außerdem bleibe fraglich, was unter Verletzungen der Menschenwürde zu verstehen sei, wenn unter Würde ein angeborener unantastbarer Eigenwert des Menschen verstanden wird (vgl. Weber-Guskar 2017, 211). Eine Verletzung der Menschenwürde wäre schließlich dann eine Verletzung des Wertes, der absolut und unantastbar sein soll. Insofern stellt sich die Frage, ob eine Menschenwürdeverletzung nach dieser Theorie überhaupt möglich ist. Dürig könnte an dieser Stelle die Objektformel anführen, denn er behauptet: „Die Menschenwürde als solche ist getroffen, wenn der konkrete Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe herabgewürdigt wird.“ (Dürig 1956, 127) Dies wird nicht nur von Bielefeldt und Weber-Guskar, sondern auch von Herdegen in einem neueren Grundgesetz-Kommentar kritisiert. Bielefeldt ist der Auffassung, dass die Objektformel zwar ständig zitiert werde, sie aber dem Vorwurf der Trivialität ausgesetzt sei und sie für praktische Problemlösungen in brisanten Konfliktfällen wenig weiterhelfen könne (vgl. Bielefeldt 2012, 37). Weber- Guskar konkretisiert diesen Vorwurf, indem sie schreibt, dass weder jede Menschenwürdeverletzung eine Instrumentalisierung noch jede Instrumentalisierung eine Menschenwürdeverletzung darstelle. Extreme Demütigungen seien beispielsweise „Menschenwürdeverletzungen, aber nicht unbedingt eine Instrumentalisierung“ (Weber-Guskar 2016, 35). Herdegen hingegen attestiert der Objektformel ein „tautologisches Element“ und ein „schwer bestreitbares Defizit, das die Objektformel schon mit der Kantschen Vorlage teilt. […] Allzu leicht verfällt die Objektformel den Beschwörungsmustern einer gewissen Instrumentalisierungsrhetorik“ (Herdegen 2014, 26). Das grundlegendste Problem der These, Würde ist der Eigenwert des Menschen, ist jedoch eines, was auch die anderen wiedergegebenen Überlegungen zu der Verbindung zwischen Würde und Wert aufweisen: Durch die Behauptung, Würde sei ein Eigenwert des Menschen, wird nicht geklärt, was „Würde“ selbst bedeutet. Mit der Erklärung „Würde ist der Eigenwert des Menschen“ wird nicht der Würdebegriff analysiert und weiter erläutert, sondern lediglich ein Synonym des Begriffs benannt. Aus diesem Grund, aber auch aus den anderen angeführten Gründen kann die These, Würde sei der besondere Eigenwert des Menschen, nicht überzeugen. Der Kern der Untersuchung und somit auch der nachfolgenden Kapitel besteht aber darin, zu klären, was „Menschenwürde“ bedeutet. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 95 Würde und Eigenschaften oder Fähigkeiten Wie das vorangegangene Kapitel zeigt, bringt die Auffassung, Würde sei ein Wert, einige scheinbar nicht überwindbare Probleme mit sich, bzw. beantwortet die Frage nach der Bedeutung des Würdebegriffes unzureichend. Einige Autorinnen und Autoren teilen diese Ansicht und schlagen stattdessen vor, Würde in Verbindung mit bestimmten Eigenschaften oder Fähigkeiten des Menschen zu sehen und den Würdebegriff entsprechend zu bestimmen. So lautet eine Überlegung, Menschenwürde sei eine Eigenschaft des Menschen. Eine andere These versteht Menschenwürde nicht als Eigenschaft, sondern argumentiert, sie beruhe auf bestimmten menschlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten. Eine dritte, über diese Annahmen hinausreichende Möglichkeit formuliert Martha Nussbaum: Ein würdevolles Leben ist dann gewährleistet, wenn es den Menschen möglich ist, ihre grundlegenden Befähigungen frei und ohne Beschränkung auszuführen. Das folgende Kapitel untersucht diese drei Überlegungen und zeigt auf, warum keine von ihnen mit Blick auf die Klärung des Menschenwürdebegriffs überzeugen kann. Würde als Eigenschaft Zunächst wird die These „Menschenwürde ist eine dem Menschen innenwohnende Eigenschaft“ näher betrachtet, die unter anderen von von der Pfordten vertreten wird. Grundsätzlich unterscheidet er vier Teilbegriffe der Menschenwürde: die große, die kleine, die mittlere und die ökonomische Würde (vgl. von der Pfordten 2016, 9). Bei der „großen“ Menschenwürde handele es sich um eine „nichtkörperliche, innere, im Kern unveränderliche, notwendige und allgemeine Eigenschaft des Menschen“ (von der Pfordten 2016, 9; Hervorhebung im Original). Diese sei die „Eigenschaft der tatsächlichen oder wenigstens potentiellen Selbstbestimmung über die eigenen Belange“ (von der Pfordten 2016, 60; Hervorhebung im Original) des Menschen. Von der Pfordten orientiert sich hierbei an Formulierungen des Parlamentarischen Rates und des Bundesverfassungsgerichts, welche Bezug auf die Objektformel und das Instrumentalisierungsverbot Kants nehmen (vgl. von der Pfordten 2016, 47f.): „Mit der Nennung des Menschen als geistig-sittlichem Wesen und dem Verweis auf seine Freiheit zur Selbstbestimmung interpretiert das Bundesverfassungsgericht die Menschenwürde in Art. 1 GG eindeutig 3.2.3 3.2.3.1 3. Zum Würdebegriff 96 als die große Menschenwürde im Sinne der inneren, unveränderlichen Eigenschaft des Menschen.“ (von der Pfordten 2016, 48) Der Kern der kleinen und mittleren Würde liege „in der äußeren Eigenschaft der wesentlichen sozialen Stellung des Betroffenen selbst. Diese wesentliche soziale Stellung macht die kleine bzw. mittlere Würde des Einzelnen aus“ (von der Pfordten 2016, 70; Hervorhebung im Original). Das, was von der Pfordten als die „kleine Menschenwürde“ bezeichnet, sei ebenfalls eine Eigenschaft, nämlich die „veränderliche […] Eigenschaft ihrer wesentlichen sozialen Stellung“ (von der Pfordten 2016, 66; Hervorhebung im Original). Diese stehe in Wechselwirkung zwischen Selbstbewertung und Fremdbewertung (vgl. von der Pfordten 2016, 68). Die „mittlere Menschenwürde der grundlegenden Gleichheit der sozialen Stellung“ bilde einen „sehr wichtigen Grenzfall dieser Eigenschaft“ (von der Pfordten 2016, 66; Hervorhebung im Original), wobei unklar bleibt, was damit genau gemeint ist. Erläutert wird lediglich, dass diese verletzt werde, „wenn einzelne Menschen überhaupt nicht als Menschen anerkannt werden“ (von der Pfordten 2016, 67). Die Begriffswahl „mittlere“ Menschenwürde scheint im Hinblick darauf, dass sie eine offensichtlich äußerst grundlegende und bedeutsame Funktion hat, überdies ein wenig unglücklich. Mit dem Begriff der „ökonomischen Würde“ scheint von der Pfordten darauf hinweisen zu wollen, dass bestimmte ökonomische und materielle Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um der „Selbstbestimmung über die eigenen Belange“, also dem, was er unter der „großen“ Menschenwürde versteht, gerecht werden zu können (vgl. von der Pfordten 2016, 72). Warum er dies als „ökonomische“ Würde bezeichnet und nicht einfach beschreibt, dass gewisse materielle und finanzielle Grundlagen vorhanden sein müssen, um von einem würdevollen Leben sprechen zu können – was im Übrigen zu diskutieren wäre – bleibt offen. Trotzdem ist seiner Auffassung nach die Menschenwürde offensichtlich nicht verloren, wenn Grundlagen wie diese nicht gegeben sind. So ist für von der Pfordten die Tatsache, dass auch in einer „Sklavenhalter-, Folter- oder Ausbeutergesellschaft“ (von der Pfordten 2016, 75) Menschen eine Würde besitzen, auch wenn sie dort nicht anerkannt ist und durch die Ausbeutung die materiellen Grundlagen für die Ausgebeuteten fehlen, ein weiteres Indiz dafür, dass Würde gemäß seiner Konzeption eine dem Menschen innenwohnende Eigenschaft sein muss. Schließlich bedeute die große Menschenwürde „die Unabhängigkeit der Selbstbestimmung des Menschen von der gesellschaftlichen Anerkennung“ (von der Pfordten 2016, 75). Die Eigenschaft des Menschen, sich selbst und andere zu bewerten, sei ebenso wie die Selbstbestim- 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 97 mung über eigene Belange und die notwendige Erfüllung ökonomischer Würdebedingungen unabhängig von Zeit und Ort, und somit handele es sich um „anthropologische Konstanten“ (von der Pfordten 2016, 77)25. Daraus folgt seiner Auffassung nach, dass alle Menschen Träger von Würde sind, und zwar nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch davor und danach. Dies erläutert er folgendermaßen: Die Selbstbestimmung über die eigenen Belange „entfaltet sich als psychisches Faktum erst im frühen Kindesalter und endet mit dem Tod“ (von der Pfordten 2016, 82). In diesem Zeitraum bestehe diese Fähigkeit unzweifelhaft und der Schutz der großen Menschenwürde sei eine normative Verpflichtung. Fraglich sei lediglich, was davor und danach sei (vgl. von der Pfordten 2016, 82). Eine der seiner Ansicht nach überzeugenden Theorien hierzu lautet, dass die Selbstbestimmung über die eigenen Belange eines Säuglings zwar vor seiner Geburt noch nicht vorhanden sei, man sie ihm für sein zukünftiges Leben aber erschweren oder nehmen könne, noch bevor er dazu in der Lage sei, über sich selbst zu bestimmen. So könne eine Handlung bereits vor der Geburt eine Würdeverletzung darstellen: „Bereits vor der Entstehung des Embryos ist eine spätere Selbstbestimmung über seine eigenen Belange geschützt und mit seiner Entstehung konkretisiert sich dieser Schutz auf ihn als Individuum.“ (von der Pfordten 2016, 84) Die kleine Menschenwürde, also die soziale Stellung, spiele außerdem auch nach dem Tod noch eine Rolle, denn dann könne sie „von anderen entgegen der früheren Belange des Verstorbenen herabgewürdigt werden“ (von der Pfordten 2016, 86). Seine Vorstellung, dass ein nicht nur ungeborenes, sondern auch noch nicht entstandenes menschliches Lebewesen bereits eine Würde besitzen soll, weil es in Zukunft möglicherweise eine Eigenschaft besitzt, ist allerdings wenig überzeugend. Fraglich ist, was er genau mit seiner Formulierung „vor der Entstehung“ meint. Tatsächlich scheint er davon auszugehen, dass bereits vor der Verschmelzung von Ei und Samenzelle jeweils beidem derartige Schäden zugefügt werden können, dass Menschen, die daraus entstünden, „keine Selbstbestimmung über ihre eigenen Belange entfalten könnten“ (von der Pfordten 2016, 84). Dies würde bedeuten, dass auch nicht existierende Wesen seiner Ansicht nach bereits eine Würde hätten. Hier werden zwei weitere Probleme deutlich: Erstens hat nicht jeder Mensch zwischen Geburt und Tod per se und immer die Eigenschaft, über 25 Aus seinen Ausführungen wird leider nicht deutlich, wie er zu dieser Unterscheidung zwischen der großen, kleinen, mittleren und ökonomischen Würde kommt und warum diese überhaupt notwendig oder sinnvoll ist. 3. Zum Würdebegriff 98 die eigenen Belange selbst bestimmen zu können. Komatöse, geistig schwerstbehinderte oder etwa auch schlafende Menschen sind nicht in der Lage, über die eigenen Belange selbst zu bestimmen. Schlafenden und Komatösen würde von der Pfordten vermutlich Würde aufgrund ihres Potentials zur Selbstbestimmung zuschreiben, aber was ist mit geistig schwerstbehinderten Menschen? Und zweitens: Würde kann nicht, wie von der Pfordten vorgibt, die Eigenschaft der Selbstbestimmung sein, denn offensichtlich kann dem Menschen die Würde nach seiner eigenen Theorie schon zugesprochen werden, bevor er die für sie relevante Eigenschaft entwickelt hat. Konkret behauptet er schließlich: „Die innere, unveränderliche Eigenschaft der großen Menschenwürde ist die Eigenschaft der tatsächlichen oder wenigstens potentiellen Selbstbestimmung über die eigenen Belange“. (von der Pfordten 2016, 60; Hervorhebung im Original) Das Potential, möglicherweise eine Eigenschaft auszubilden, ist aber nicht gleichzusetzen mit der Tatsache, bereits über diese Eigenschaft zu verfügen. Vielleicht habe ich das Potential dazu, eine weitere Sprache zu lernen, werde es aber aus Zeitgründen oder mangelnder Motivation nicht tun. Dass ich das Potential besitze, die Sprache zu erlernen, heißt nicht, dass ich sie auch lernen werde. Hinzu kommt, dass geistig schwerstbehinderte Föten selbst das genannte Potential nicht haben, über sich selbst bestimmen zu können, sodass diese vom Kreise der Würdenträger ausgeschlossen blieben. Fraglich ist außerdem, was „Selbstbestimmung“ genau bedeutet. Wie lässt sich feststellen, dass ein Mensch selbstbestimmt handelt? Und wenn er nicht selbstbestimmt handelt, wird dann seine Eigenschaft der Würde eingeschränkt? Für besondere Verwirrung sorgt in diesem Zusammenhang von der Pfordtens Überzeugung, man könne seine Selbstbestimmung selbst einschränken. Als Beispiel nennt er den Verzicht „auf den Kauf von Süßigkeiten, um zu Hause nicht in Versuchung geführt zu werden“ (von der Pfordten 2016, 105). Schränkt man seine eigene Selbstbestimmung ein, wenn man selbst bestimmt, dass man irgendetwas in Zukunft nicht tun möchte? Dies klingt ebenfalls wenig überzeugend. Schließlich hat man immer noch selbst bestimmt, dass man die Süßigkeiten nicht kaufen möchte. Darüber hinaus könnte man auch kurzfristig eine andere Entscheidung treffen und selbst bestimmen, nun doch Süßigkeiten kaufen zu gehen, ohne dass man davon sprechen würde, damit die eigene Würde zu verletzen. Es scheint mit Blick auf dieses Beispiel gar als undenkbar, die eigene Selbstbestimmung überhaupt einschränken zu können. Man kann allenfalls davon sprechen, dass man selbstbestimmt der Versuchung entgehen möchte, zu Hause Süßigkeiten zu essen. Durch diese Einschränkung handelt man jedoch nicht gegen die Selbstbestimmung. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 99 Darüber hinaus ist fragwürdig, ob Selbstbestimmung als Eigenschaft des Menschen verstanden werden sollte. Menschen können, wenn es die Umstände zulassen, selbstbestimmt handeln, aber dies als die Würde konstituierende Eigenschaft des Menschen anzusehen, erscheint schon deshalb zweifelhaft, weil Menschen, je nach Definition von „Handeln“, genauso gut auch nicht selbstbestimmt handeln können, dann nämlich, wenn sie zu einer Tat gezwungen werden. Sie haben die „Fähigkeit“, beides zu tun, was zu der Frage führt, warum das eine als Würde aufgefasst werden soll und das andere nicht. Wenig überzeugt auch diese Aussage: „Die Konkretisierung der Menschenwürde als innere Eigenschaft der Selbstbestimmung über die eigenen Belange bezieht sich auf eine nicht bezweifelte, allgemeine, in äußeren Anzeichen und verbalen Selbstbeschreibungen empirisch feststellbare Eigenschaft des Menschen.“ (von der Pfordten 2016, 62) Ob ein Mensch tatsächlich selbstbestimmt handelt oder nicht, kann nicht durch „verbale Selbstbeschreibungen“ verifiziert werden, denn man kann sich irren oder nur behaupten, man handele selbstbestimmt, obwohl dies gar nicht der Fall ist, und auch die empirische Feststellbarkeit dieser Selbstbestimmtheit scheint äußerst fragwürdig. Selbst wenn man einräumt, dass eine Person von sich selbst aussagen kann, sie hätte selbstbestimmt gehandelt – wobei eben fraglich ist, wie zweifelsfrei dies eigentlich möglich ist –, ist unklar, ob man auch über andere Personen sicher aussagen kann, dass sie selbstbestimmt handelten. So könnte es sein, dass eine Person nur vorgibt, selbstbestimmt zu handeln, aber in Wirklichkeit erpresst oder anderweitig zu dieser Handlung gezwungen wird. Und damit ist es nach von der Pfordtens Theorie nicht möglich, über andere mit Sicherheit auszusagen, dass sie Träger der großen Menschenwürde seien. Au- ßerdem zeigt die Determinismus-Debatte, dass es einige Zweifel an der Selbstbestimmung des Menschen geben kann, welche erst einmal ausgeräumt werden müssten. Unklar ist, ob der Würdebegriff nach dieser Vorstellung noch eine eigene Bedeutung hat, wenn „Würde haben“ einfach bedeutet, die Eigenschaft der Selbstbestimmung über die eigenen Belange zu haben. Dies führt auch zu der generellen Überlegung, ob Menschenwürde eine Eigenschaft des Menschen sein kann. Es gibt keinen guten Grund dafür, anzunehmen, dass die Menschenwürde eine Eigenschaft des Menschen ist. Behauptungen wie „Menschenwürde ist die Eigenschaft der Selbstbestimmung, der Autonomie oder die Fähigkeit, moralisch zu handeln“ schließen nicht nur immer einen Teil der Menschen aus und möglicherweise einen Teil der Tiere ein, sondern führen auch zu der Frage, wofür der Würdebegriff überhaupt benötigt wird, wenn das Gemeinte doch anders ausgesagt werden 3. Zum Würdebegriff 100 kann, nämlich indem man sagt, „Menschen sind autonom“, „Menschen sind selbstbestimmt“ oder „Menschen haben die Fähigkeit, moralisch zu handeln“. Eine eigenständige Eigenschaft oder Fähigkeit ist Würde ebenfalls nicht, denn eine solche lässt sich erstens nicht feststellen und zweitens nicht begründen. Menschenwürde als Eigenschaft zu verstehen, ist folglich nicht überzeugend. In Betracht zu ziehen ist jedoch noch die Möglichkeit, von einer Zuschreibung von Würde aufgrund bestimmter Eigenschaften oder Fähigkeiten auszugehen. Diese wird im nachfolgenden Abschnitt untersucht. Würde aufgrund bestimmter Eigenschaften oder Fähigkeiten Für eine Analyse der These, dass Würde auf bestimmten Fähigkeiten oder Eigenschaften beruht, bieten sich grundsätzlich diverse Ansätze an, weil verschiedene Eigenschaften oder Fähigkeiten für die Zuschreibung von Würde in Betracht gezogen werden. In der Regel gehen diese Theorien auf Kant zurück, der, wie in Kapitel 3.4.1 aufgezeigt, die Würdezuschreibung mit der Vernunftbegabung, der Autonomie und der Fähigkeit des Menschen, moralisch handeln zu können, begründet. So wird beispielsweise von Rudolf Ruzicka die Theorie vertreten, dass die „Würde des Menschen achten heißt, die Entscheidungsfreiheit achten“ (Ruzicka 2004, 139). Eberhard Schockenhoff nennt als Grund für die Zuschreibung von Menschenwürde nicht die Willens- oder Entscheidungsfreiheit, sondern die Fähigkeit des Menschen, ein moralisches Wesen zu sein: „Menschenwürde meint in ihrem normativen Kerngehalt die prinzipielle Fähigkeit zum sittlichen Subjektsein […].“ (Schockenhoff 2003, 11) Zur Erläuterung der Problematik dieser Thesen wird an dieser Stelle jedoch exemplarisch lediglich auf eine dritte, dieser Theorie zuzuordnende Position, nämlich die Tiedemanns, näher eingegangen. Tiedemanns Theorie soll aus zwei Gründen als Beispiel dienen: Zum einen ist sie die jüngste und eine der bekanntesten Positionen, die sich mit der Würdezuschreibung aufgrund von Fähigkeiten oder Eigenschaften beschäftigen. Und zum anderen wäre seine Überlegung, Würde mit der Selbstbestimmung bzw. Willensfreiheit des Menschen zu begründen – wenn sie überzeugen würde – für die in dieser Abhandlung vorliegende Fragestellung besonders relevant – denn in einigen Fällen lautet der Vorwurf gegen die Fernsehproduzenten, sie zwängen die Kandidatinnen und 3.2.3.2 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 101 Kandidaten zu bestimmten Handlungen vor der Kamera, was der Selbstbestimmung entgegen stünde.26 Tiedemanns These lautet also, dass „die Würde des Menschen in seiner Fähigkeit begründet ist, einen Willen zu haben und sich durch Willensentschlüsse zu einer Handlung zu bestimmen“ (Tiedemann 2014, 85). Seiner Auffassung nach kommt dem Menschen ein „absoluter Wert insofern zu, als er sich selbst aus eigenem Willen bestimmen kann“ (Tiedemann 2014, 85). „Menschenwürde“ sei im eigentlichen Sinn kein Begriff, „sondern der Name für ein singuläres Werturteil, nämlich des Satzes ‚Dem Menschen kommt Würde zu’“ (Tiedemann 2012, 282). Der Beurteilungsmaßstab, der diesem Werturteil zugrunde liege, sei die Willensfreiheit, und „Menschenwürde ist danach der Begriff einer Werteigenschaft, die denjenigen Gegenständen zukommt, die über einen freien Willen verfügen. Willensfreiheit ist die Freiheit, seinen Willen durch eigene Überlegungen zu bestimmen“ (Tiedemann 2012, 282)27. Verstöße gegen die Menschenwürde seien folglich „Sachverhalte, die den Menschen daran hindern, einen freien Willen zu bilden“ (Tiedemann 2012, 246). Jene bezeichnet er als „absolut schlecht“ (Tiedemann 2012, 246). Sachverhalte, die hingegen „die notwendige Voraussetzung dafür sind, dass Menschen sich nach freiem Willen selbst bestimmen können, sind absolut gut. Dem Menschen kommt ein absoluter Wert insofern zu, als er sich selbst aus freiem Willen bestimmen kann“ (Tiedemann 2012, 246). Fraglich ist, was Tiedemann genau unter „Sachverhalten“ versteht, die den Menschen daran hindern bzw. die notwendige Voraussetzung dafür sind, einen freien Willen zu bilden. Sieht man in diesem Zusammenhang von der These eines umfassenden Determinismus ab (die den freien Willen vollständig negierte und damit das Vorhandensein von Würde ausschlösse), müsste überlegt werden, ob wirklich alle Sachverhalte, die dem Menschen ermöglichen, über sich selbst bestimmen zu können, absolut gut sind. Es kann beispielsweise oftmals sehr gut sein, Menschen mit moralisch schlechten Intentionen nicht ihren freien Willen zu lassen. Darüber hinaus ist fraglich, ob wirklich jede Einschränkung des freien Willens auch eine Würdeverletzung ist. Beispielsweise scheint die Narkotisierung eines Menschen vor einer unfallbe- 26 Diese Position vertritt auch Klass, die in ihren Ausführungen eine juristische, aber keine normative Begründung dieses Ansatzes bietet und aus diesem Grund an dieser Stelle nicht betrachtet wird. 27 An dieser Stelle von „Gegenständen“ zu sprechen, erscheint merkwürdig. Warum er diesen Begriff an dieser Stelle verwendet, geht aus seinen Ausführungen nicht hervor. 3. Zum Würdebegriff 102 dingten Notfall-OP – solange er sich nicht explizit dagegen ausspricht – keine Würdeverletzung zu sein. Diesen Einwand, der auf alle Theorien, die Würde mit der Autonomie oder Willensfreiheit von Menschen erklären, zutrifft, führt auch Schaber an: „Verletze ich den anderen in seiner Würde nur dann, wenn ich dafür sorge, dass er nicht mehr frei und autonom handeln kann? Oder ist jede Beeinträchtigung der Autonomie beziehungsweise der Willensfreiheit des anderen eine Würdeverletzung?“ (Schaber 2012a, 62) Auch Tiedemann weiß, dass „unser aller Willensfreiheit […] schon immer weit mehr eingeschränkt [ist] als wir glauben wollen“ (Tiedemann 2014, 101). Entscheidend sei allerdings ein Minimum an Freiheit, „das wir brauchen, um uns selbst als Urheber unseres Willens begreifen zu können“ (Tiedemann 2014, 101). Im Gegensatz zu Kant nimmt sich Tiedemann außerdem eines möglichen Einwandes gegen seine Position explizit an. Auch nach seiner Theorie werden zunächst bestimmte menschliche Individuen aus dem Kreis der Würdeträger ausgeschlossen, wie er selbst feststellt: „Dadurch, dass nur Personen, also willens- und damit zurechnungsfähige menschliche Individuen von ihm [seinem Menschenwürdebegriff] erfasst werden, werden Säuglinge, ungeborene Menschen, schwerstens geistig Behinderte u.a.m. aus dem Kreis der Träger von Menschenwürde ausgeschlossen. Selbst wenn diese Feststellung zutreffen sollte, wird daraus allerdings kein schlüssiger Einwand. Man kann die Begründung eines Begriffs nicht vom gewünschten Ergebnis abhängig machen.“ (Tiedemann 2014, 111) Zum einen stellt sich an dieser Stelle die Frage, woran eine Begriffsbestimmung festgemacht werden kann. Dies scheint im Fall der Begriffsbestimmung von Menschenwürde besonders relevant, weil der Terminus „Würde“ beispielsweise von den Autorinnen und Autoren der Verfassung genau mit der Intention verwendet wurde, festzusetzen, dass alle Menschen mit einbezogen werden, so dass Tiedemanns Vorschlag mit einer verbreiteten Verwendungsweise und Begriffsbestimmung konfligiert. Daher wäre eine überzeugende Begründung seines Definitionsvorschlages vonnöten. Zum anderen führt auch er, um diesem Einwand zu entgehen, den im vorangegangenen Kapitel bereits als nicht überzeugend eingestuften Aspekt der Potentialität an. Seiner Ansicht nach müsse „jedes menschliche Individuum, das nach seiner natürlichen Ausstattung die Fähigkeit besitzt, sich zu einer Person zu entwickeln, […] auch schon als Träger von Menschenwürde anerkannt werden“ (Tiedemann 2014, 113). Zwar seien diese Individuen, die er als „Quasiperson oder potentielle Person“ (Tiedemann 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 103 2014, 113) bezeichnet, noch keine Personen, dennoch müssen sie seiner Auffassung nach schon so behandelt werden, als wären sie welche. Dies aber führt zu der Frage, warum er an dieser Stelle überhaupt zwischen Personen und Nicht-Personen unterscheidet und warum er nicht einfach behauptet, Menschenwürde komme allen genetisch der menschlichen Art angehörenden Individuen zu. Möglicherweise ist ihm bewusst, dass die Eigenschaft der genetischen Zugehörigkeit zur Menschheit nicht der Grund für die Zuschreibung der Menschenwürde sein kann. Die bloße Zugehörigkeit zur Gruppe der Menschen ist schließlich nicht ohne weiteres mit einem moralischen Anspruch verknüpft – jener müsste zunächst einmal begründet werden. Der Versuch, von der Artzugehörigkeit auf einen moralischen Anspruch zu schließen, würde, wie bereits festgestellt, auf einen Sein-Sollen-Fehlschluss hinauslaufen und ist damit nicht zulässig. Fraglich ist aber, warum Tiedemann die Zuschreibung von Würde überhaupt mit der Fähigkeit zur Selbstbestimmung des Menschen zu begründen versucht. Ist dies zunächst der wichtigste Aspekt an seiner Theorie, spricht er später auch solchen menschlichen Individuen Würde zu, die noch nicht oder nicht mehr über sich selbst bestimmen können. Entweder wird somit der Menschenwürdebegriff oder seine Begründung durch die Fähigkeit der Selbstbestimmung überflüssig. Dies wird durch ein Zitat von von der Pfordten, das sich zwar auf Menschenwürde als Freiheit bezieht, sich aber auch auf Menschenwürde aufgrund von Selbstbestimmung beziehen ließe, deutlich: „Im Übrigen kann der Versuch, die Menschenwürde als Freiheit zu verstehen, auch nicht erklären, warum man den Menschenwürdebegriff noch benötigt, sofern man bereits den Freiheitsbegriff einsetzen kann.“ (von der Pfordten 2016, 55f.) Schaber führt diese Kritik noch weiter aus und deutet darauf hin, dass auch der Autonomiebegriff selbst umstritten sei: „Es ist deshalb alles andere als klar, was mit Würde gemeint wäre, würden wir damit die Achtung vor der Autonomie von Personen verstehen. Wir bräuchten also vorgängig eine Klärung des Ausdrucks ‚Achtung vor der Autonomie von Personen’“ (Schaber 2012b, 8). Doch es reicht auch nicht, den Ausdruck „Achtung vor der Autonomie von Personen“ zu klären. Baumann legt dies überzeugend dar: „Wir schätzen Autonomie sehr, ebenso wie Menschenwürde, aber das bedeutet nicht, dass wir das Eine schätzen, weil wir das Andere schätzen.“ (Baumann 2003, 25) Vielmehr wird ein weiteres Problem der These, Menschenwürde sei durch irgendeine Fähigkeit oder Eigenschaft des Menschen begründet, deutlich: Auch wenn solche Auffassungen wie die oben angeführten oder die Tiedemanns vermeintlich aufzeigen, warum Menschen 3. Zum Würdebegriff 104 möglicherweise Würde zukommen soll, ist damit noch nicht geklärt, was „Würde“ letztlich ist. Eine ähnliche Kritik muss auch bei der Betrachtung der Position Martha Nussbaums angebracht werden, die eine der einflussreichsten Konzeptionen in der gegenwärtigen Ethik und Politischen Philosophie vertritt, in der der Würdebegriff eine zentrale Rolle spielt. Würde aufgrund erfüllter Bedingungen zur Ausübung bestimmter Fähigkeiten Die Position von Nussbaum unterscheidet sich von den beiden zuvor erläuterten dadurch, dass nach ihrer Vorstellung unter „Würde“ nicht eine bestimmte Eigenschaft oder Fähigkeit des Menschen verstanden wird oder eine einzelne Eigenschaft oder Fähigkeit der Grund für die Zuschreibung von Würde ist, sondern sich auf gleich mehrere Grundfähigkeiten bzw. Grundbefähigungen28 des Menschen bezieht. Darunter versteht Nussbaum die Befähigung, ein lebenswertes Leben zu führen, gesund zu bleiben, Freude empfinden und Schmerz vermeiden zu können, seine Sinne zu benutzen, Bindungen zu Dingen und Personen herzustellen, sich eine Vorstellung des Guten machen zu können, Beziehungen eingehen zu können, in Verbundenheit mit Tieren und Pflanzen zu leben, zu lachen, zu spielen und sich erholen zu können sowie die Fähigkeit, das eigene Leben und nicht das eines anderen zu leben (vgl. Nussbaum 1999, 57f.). Nussbaum ist der Überzeugung, dass „Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten zu verschiedenen Formen von Aktivität und Streben einen Wert haben, der tatsächlich unveräußerlich ist“ (Nussbaum 2010, 86). Ihrer Auffassung nach besitze „jedes menschliche Kind mit irgendeiner Anlage zu den Grundfähigkeiten für bedeutsame menschliche Aktivitäten zugleich auch volle und gleiche Menschenwürde“ (Nussbaum 2010, 92). Der Begriff der Grundfähigkeit sei flexibel und pluralistisch, so dass er die menschliche Vielfalt achte und sich auch auf Kleinkinder und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung anwenden ließe (vgl. Nussbaum 2010, 92). Es seien allerdings nicht alle „natürlich angeborenen Fähigkeiten […] Quelle moralischer/ politischer Ansprüche“ (Nussbaum 2010, 86), sondern nur solche, die nö- 3.2.3.3 28 Der von Nussbaum verwendete Terminus „capabilities“ wird oftmals auch mit „Grundbefähigungen“, in der hier vorliegenden Übersetzung jedoch mit dem Begriff „Grundfähigkeit“ übersetzt, welcher auch nachfolgend weiter verwendet wird. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 105 tig seien, „um ein der menschlichen Würde angemessenes Leben führen zu können“ (Nussbaum 2010, 86). Die Fähigkeit zur Grausamkeit sei beispielsweise von den von ihr gemeinten Fähigkeiten zu unterscheiden. Die Würde wird ihrer Ansicht nach nicht erst dann verletzt, wenn der Mensch eine bestimmte Fähigkeit faktisch nicht ausüben kann, sondern bereits dann, wenn die Rahmenbedingungen nicht geschaffen sind, um die von ihr als grundlegend erachteten Fähigkeiten ausüben zu können: „Achtung verlangt mehr: Sie verlangt, dass die Bedingungen hergestellt werden, in denen sich Fähigkeiten entwickeln und ausbreiten können.“ (Nussbaum 2010, 88) Verantwortlich für die Schaffung dieser Bedingungen sind für Nussbaum die jeweilig zuständigen Regierungen (vgl. Nussbaum 2010, 89). Dabei solle der Fokus der politischen Aktivitäten nicht auf der tatsächlichen Ausübung der Fähigkeiten liegen, sondern Ziel solle es sein, den Bürgerinnen und Bürgern die Entscheidung zu überlassen, die von der Politik bereitgestellten Möglichkeiten zur Ausübung ihrer Fähigkeiten zu nutzen. Außerdem verweist sie auf Kants Objektformel, was allerdings leider nicht weiter erläutert wird: „Es ist unangebracht, einen Menschen […] als bloßes Mittel zu benutzen, weil ein Mensch nicht als bloßes Mittel benutzt werden sollte: Die Achtung vor der Menschenwürde verbietet dies.“ (Nussbaum 2010, 87f.) Verletzungen der Würde verminderten nicht den Wert von Personen, sondern beraubten sie der Möglichkeit, ihre guten Fähigkeiten zu verwenden (vgl. Nussbaum 2010, 87). Als ein Beispiel nennt Nussbaum die Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung nehme der geschädigten Person nicht die Würde und beschädige sie nicht, aber sie verletze sie, „und zwar als eine Art von Behandlung, die ein Leben in Würde behindert“ (Nussbaum 2010, 87). Dies liege darin begründet, dass eine Frau „über Empfindungsfähigkeit, Einbildungskraft, Gefühle und die Fähigkeiten zu vernünftigem Überlegen und Entscheiden [verfüge]; sie zum Geschlechtsverkehr zu zwingen ist unangemessen, eine Missachtung der Würde der genannten Fähigkeiten“ (Nussbaum 2010, 88). Auffällig ist an dieser Stelle, dass Nussbaum von der „Würde der genannten Fähigkeiten“ (im Original: „dignity of the capacities“ (Nussbaum 2008, 14)) und nicht von der Würde der Person, die diese Fähigkeiten besitzt, spricht. Möglicherweise meint sie damit dasselbe, erläutert dies aber nicht. Außerdem scheint das Beispiel der Vergewaltigung an dieser Stelle nicht zielführend gewählt. Schließlich soll nach ihrer Auffassung die Regierung dafür sorgen, dass die Bedingungen dafür geschaffen sind, dass Menschen ihre grundlegenden Fähigkeiten aus- üben können. Hierin eingeschlossen ist sicherlich, dass eine Regierung auch Vergewaltigungen unterbinden soll. Es ist allerdings durchaus mög- 3. Zum Würdebegriff 106 lich, dass die Regierung alles in ihrer Macht stehende dafür getan hat, Vergewaltigungen zu verhindern, es aber trotzdem geschieht. Ist die Regierung dann trotzdem für die Würdeverletzung verantwortlich? Darüber hinaus schreibt Nussbaum: „Eine Vergewaltigung, könnte man sagen, beseitigt nicht die Würde und beschädigt sie nicht einmal, aber verletzt sie.“ (Nussbaum 2010, 87) Worin aber genau der Unterschied zwischen „beschädigen“ und „verletzen“ liegt, wird ebenfalls nicht erläutert. Diese und einige weitere Ungenauigkeiten in ihren Ausführungen lassen Zweifel an der Überzeugungskraft ihrer Theorie. So schließt sie ihre Ausführungen mit einem Abschnitt über die Ausweitung des Begriffs auf Tiere und schreibt: „Wenn wir den Standpunkt einnehmen, den ich vorgeschlagen habe, […] und darauf bestehen, sie auf eine vielfältige Gruppe von Fähigkeiten zu gründen, die alle Grundbestandteile im Leben eines bestimmten Typs von Tieren sind, dann können wir leicht einen Schritt weiter gehen und anerkennen, dass es in der Welt viele verschiedene Formen von Würde gibt, manche menschlich und manche zu anderen Arten gehörend. Was ich über die Würde von Menschen gesagt habe, gilt ebenfalls für die meisten Tiere.“ (Nussbaum 2010, 94) Ebenso wie die zuvor analysierten Positionen erklärt auch Nussbaums Theorie nicht, was genau mit „Würde“ gemeint ist. Sie verbindet sie lediglich mit einer ausgewählten Anzahl an Eigenschaften, aber was „Würde“ ist, wird auch bei ihr nicht geklärt. Das macht es umso schwieriger nachzuvollziehen, was sie mit „verschiedenen Formen von Würde“ in dem zuvor zitierten Abschnitt meint. Es gibt sicherlich verschiedene Formen von Lebewesen, die verschiedene Fähigkeiten besitzen, aber warum dies zu verschiedenen Formen von Würde führen soll und was die einzelnen Formen von Würde für Konsequenzen mit sich bringen, bleibt offen. Auch Schaber betrachtet die Offenheit des Nussbaumschen Verständnisses von Würde kritisch. Er schreibt, dass nicht jede Einschränkung typisch menschlicher Fähigkeiten auch eine Verletzung ihrer Würde bedeutet: „Menschen in der Ausübung typisch menschlicher Fähigkeiten zu behindern, mag, so kann man argumentieren, moralisch falsch sein, muss jedoch nicht in allen Fällen eine Verletzung ihrer Würde bedeuten.“ (Schaber 2012a, 60) So sind sicherlich viele typisch menschliche Aktivitäten an bestimmten Orten oder auch zu bestimmten Uhrzeiten völlig unproblematisch, sollten aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und für ein friedliches Miteinander an anderen Orten oder zu anderen Uhrzeiten nicht genehmigt sein. Wenn das Einüben eines Instrumentes in einem Mehrpar- 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 107 teienhaus nur zu bestimmten Tageszeiten erlaubt, nachts aber verboten ist und bei einem Verstoß mit dem Hinweis auf Ruhestörung geahndet wird, ist diese Einschränkung sicherlich nicht als Verletzung der Würde des Musikers zu verstehen. Da Nussbaum nicht klärt, was unter Würde zu verstehen ist und ihre Ausführungen an einigen Stellen zu vage bleiben, kann auch diese Theorie der Klärung der Frage, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt, nicht dienen. Zusammenfassung Wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen, können auch die Versuche, „Würde“ mit dem Hinweis auf besondere menschliche Eigenschaften oder Fähigkeiten zu erklären, nicht überzeugen. Sie können nicht erklären, was unter „Würde“ zu verstehen ist und eignen sich aus diesem Grund nicht als Ausgangspunkt für die Analyse der Frage, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt. Im nächsten Abschnitt wird nun die noch junge Theorie von Weber-Guskar untersucht, die Würde als Haltung versteht. Würde als Haltung Mit der Vorstellung, nach der „Würde als eine Haltung zu verstehen ist, die ein Lebensideal darstellt“ (Weber-Guskar 2016, 85) wird im Jahr 2016 von Weber-Guskar eine besonders aktuelle und sich von den bis dahin konzipierten Würdevorstellungen deutlich abgrenzende Theorie aufgestellt. Die Idee von „Würde“ als Haltung kann wohl grundsätzlich sehr gut mit der Überlegung zu Würde im Reality TV in Verbindung gebracht werden. Es ist schließlich vorstellbar, dass viele der Teilnehmenden insbesondere an Casting-Shows mit dem in Aussicht gestellten Ruhm auch ihre Haltung verändern, weil sie mit ihrem Auftritt im Fernsehen eine besondere „Würde“ verbinden. Aus diesem Grund und weil diese Theorie noch neu und wenig rezipiert ist, aber auch weil Weber-Guskar häufiger als kri- 3.2.3.4 3.2.4 3. Zum Würdebegriff 108 tische Stimme anderer Theorien in dieser Studie genannt wird, soll ihre Theorie an dieser Stelle vorgestellt und diskutiert werden29. Würde als „Gehalt einer Lebensweise“ Weber-Guskar zufolge können die von ihr als „klassische Sicht“ bezeichneten Theorien zur Menschenwürde, nämlich solche, die Menschenwürde als Wert, Status oder Anspruch ansehen, der jeweiligen, auch in der vorliegenden Analyse an den betreffenden Stellen geäußerten Kritik nicht standhalten. Problematisch sei, dass diese Theorien entweder eine doppeldeutige Verwendung des Begriffs implizierten oder dem Würdebegriff seine eigenständige Bedeutung nähmen (vgl. Weber-Guskar 2017, 207f.). Insbesondere fehle diesen Konzeptionen eine positive Bestimmung dessen, was Menschenwürde sei, da sie überwiegend von Verletzungen der Würde ausgingen, aber nichts darüber sagten, was unter „Würde“ im Positiven zu verstehen sei (vgl. Weber-Guskar 2016, 89). Würde sei auch nichts Absolutes, wie die klassischen Theorien annähmen, sondern vielmehr müssten „gewisse Dimensionen von Kontingenz“ (Weber-Guskar 2017, 206) bei der Erläuterung des Würdebegriffs anerkannt werden. Weber-Guskars Auffassung nach kann Würde „verringert oder verloren […]; aber auch verteidigt und wiedergewonnen“ (Weber-Guskar 2017, 225) werden. Ihr Vorschlag lautet daher, Würde „nicht als Wert, Status oder Anspruch, sondern als die Verfassung, in der sich ein Mensch befindet, wenn er in Würde lebt“ (Weber-Guskar 2017, 212), zu verstehen. Hierbei orientiert sie sich zunächst an der Idee Peter Bieris, der Würde als eine „Lebensform“ (Bieri 2013, 12) bezeichnet. In seinem Buch Eine Art zu leben beschreibt er „in der Tonlage des gedanklichen Ausprobierens“ (Bieri 2013, 16) vielfältige Situationen, die in der Regel als würdevoll oder würdeverletzend bezeichnet werden (können)30. 3.2.4.1 29 In einem Artikel aus dem Jahr 2017 stellt sie diese Theorie noch einmal in knapper Form dar; aufgrund der teilweise präzisen Aussagen in diesem Artikel wird nachfolgend auch aus diesem zitiert. 30 Bieri schreibt, er sei unsicher, ob notwendigerweise eine Theorie der Würde formuliert werden muss und unterlässt einen solchen Versuch in seinen Ausführungen (vgl. Bieri 2013, 16). Da es insbesondere für Fragen der Anwendungsethik unumgänglich ist, dasjenige, was als höchster Wert unserer Verfassung bezeichnet wird, näher zu bestimmen und eine „Tonlage des gedanklichen Ausprobierens“ zur Behandlung der vorliegenden Problemstellung nicht ausreicht, wird dem Buch von Bieri kein eigener Abschnitt gewidmet, auch wenn zahlreiche sei- 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 109 Weber-Guskar beansprucht, in ihrer eigenen Argumentation deutlich weiter zu gehen als Bieri, um so eine „implizite Doppeldeutigkeit vermeiden und eine Idee von Würde in aller Klarheit herausarbeiten“ (Weber- Guskar 2016, 91) zu können. Der Begriff der Würde sei demnach nicht nur die Bezeichnung für eine Lebensweise, wie Bieri es beschreibt, sondern sie gebe „den Gehalt einer Lebensweise an“ (Weber-Guskar 2016, 91). Dies zeige sich auch in den üblicherweise in diesem Zusammenhang verwendeten Termini, nach denen man Würde haben, aber auch verlieren oder wiedergewinnen könne (Weber-Guskar 2016, 91). Zwar könne dies über eine Haltung, nicht aber über eine Lebensweise ausgesagt werden: „Diese Sprachspiele funktionieren mit Würde als Haltung; jedoch nicht mit Würde als Lebensweise. Wenn man seine Würde verliert, verliert man keine Lebensweise, sondern eine Haltung, mit der man sonst das Leben geführt hat.“ (Weber-Guskar 2016, 91) Auch wenn die Auffassung, Würde sei eine Bezeichnung für eine bestimmte Lebensweise sicherlich kritisch zu sehen ist, ist das von Weber- Guskar angeführte Argument wenig überzeugend. Aus ihren Ausführungen geht nicht hervor, worin der Unterschied zwischen einer Haltung und einer Lebensweise besteht und ob dieser tatsächlich so markant ist, wie sie annimmt. Dies zu erläutern, wäre an dieser Stelle jedoch bedeutsam gewesen, weil aus der Feststellung, dass eine bestimmte Formulierung oder ein „Sprachspiel“, wie sie es nennt, in einer Sprache nicht vorgesehen ist, nicht zwangsläufig folgt, dass die implizierte Idee nicht vertreten werden könnte. Würde sei ihrer Ansicht nach auch „nicht etwas, woraus bestimmte Handlungsnormen abzuleiten wären“ (Weber-Guskar 2017, 212), sondern „das Ziel von Handlungen […], deren Gebotensein mit anderen normativen Ressourcen begründet werden muss“ (Weber-Guskar 2017, 212). Vielmehr sei Würde als eine Verfassung zu verstehen, welche dem Menschen durch die Wahrung und Respektierung der Menschenrechte ermöglicht werde: „Es heißt nun nicht mehr: ‚Weil Menschen Würde haben, gelten die Menschenrechte.’ Sondern: ‚Damit Menschen in Würde leben können, müssen die Menschenrechte berücksichtigt werden.’“ (Weber-Guskar ner Beispiele für Würdeverletzungen oder Situationen, in denen Würde „sichtbar“ wird, sicher nachvollziehbar und gut gewählt sind. Bieris Auffassung von Würde könnte möglicherweise im Wittgensteinschen Sinne der Familienähnlichkeit aufgefasst werden, wobei auch dies das Problem – wenn auch nicht unbedingt einer Unbestimmtheit so doch einer Unterbestimmtheit – des Begriffes implizieren würde. 3. Zum Würdebegriff 110 2017, 212) Ein Leben in Würde ist laut Weber-Guskar also das Ziel der Menschenrechte. Wie diese Würde bzw. diese Verfassung genau aussehen soll, wird im Folgenden beschrieben. Würde und Übereinstimmung Jene Verfassung, von der bei Weber-Guskar die Rede ist, solle als Haltung verstanden werden, wobei unklar bleibt, warum sie zunächst den Begriff der Verfassung und anschließend den der Haltung verwendet und worin ihrer Ansicht nach der Unterschied zwischen diesen beiden besteht. Sie erläutert aber, dass sie sich in ihrer Vorstellung von Haltung am aristotelischen Begriff der hexis orientiert, nach dem eine Haltung ein Selbstverhältnis einer Person sei, in der sie gewisse Handlungs- und Emotionsdispositionen gestalte, ohne dass sich diese auf einen bestimmten Handlungsbereich beschränkten (vgl. Weber-Guskar 2017, 213). Demnach könne sich Würde „in sehr vielen Emotionen und sehr vielen Handlungen, je nach Situation verschieden, zeigen“ und sei als „eine umfassende Gestaltung von Dispositionen zu verstehen“ (Weber-Guskar 2017, 214; Hervorhebung im Original). Hierbei könne sich an zwei Phänomenen orientiert werden: „dem des würdevollen Auftritts und dem des würdigen Verhaltens“ (Weber-Guskar 2017, 214; Hervorhebung im Original). Beide hätten mit Übereinstimmungen und Entsprechungen zu tun und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen gehe es darum, dass sich Personen ihrem Inneren, d.h. Gefühlen und Gedanken entsprechend, verhielten und sich nicht verstellten. Diese Entsprechung bezeichnet sie als „Übereinstimmung von ‚innen und au- ßen’“ (Weber-Guskar 2016, 126). Dies sei gegeben, wenn „eine Person das ausspricht, was sie denkt; die Mimik zulässt, die ihren Gefühlen entspricht; das tut, was sie für richtig hält“ (Weber-Guskar 2016, 127). Übereinstimmung heiße demnach „gerade heraus sein“ (Weber-Guskar 2016, 127). Es sei damit jedoch nicht gemeint, sich ungefiltert, ungehemmt oder unkontrolliert geben zu können (vgl. Weber-Guskar 2017, 215). Was darüber hinaus noch damit gemeint ist, führt sie jedoch nicht weiter aus, sodass hier offen bleiben muss, wo die Grenze zwischen „Entsprechung“ des Inneren und Äußeren und „Unkontrolliertheit“ zu ziehen wäre. Die zweite Entsprechung betrifft Weber-Guskar zufolge die Übereinstimmung einer Person „mit sich selbst“ (Weber-Guskar 2016, 126). Demnach stimmt eine Person mit sich selbst überein, „wenn sie aufrichtig ist bezüglich dessen, was sie will, tut und ist, und wenn sie jeweils auch da- 3.2.4.2 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 111 hintersteht, das heißt sich damit identifiziert, was sie will, tut und ist“ (Weber-Guskar 2017, 215f.). Der Unterschied zu der zuvor benannten Form der Übereinstimmung von „innen und außen“ besteht laut Weber- Guskar darin, dass dies unabhängig davon ist, wie viel und was andere davon mitbekämen (vgl. Weber-Guskar 2016, 127). Beide Formen der Übereinstimmung seien ihrer Ansicht nach von Bedeutung, wenn es um die Würde als Haltung geht, denn jemandem, „der mit sich selbst ganz in Einklang ist, dies aber nicht nach außen zu zeigen wagt oder vermag, dem fehlt etwas zur Würde“ (Weber-Guskar 2016, 128). Als besonderes Merkmal von würdevollen Personen nennt sie zudem eine gewisse „Ruhe, die zu der Erscheinung gehört“ (Weber-Guskar 2017, 217), welche sich nicht nur aus der Souveränität, „sich anderen ohne Verstellung zeigen zu können, sondern auch aus dem Einklang mit sich selbst“ (Weber-Guskar 2017, 217) nähre. Nach der Vorstellung einer allen Menschen gleichermaßen zukommenden Würde ist möglicherweise kritisch zu sehen, dass dies eine äußerst subjektive Vorstellung von Würde ist, denn es ist fraglich, ob und wie andere bei jemandem oder man gar bei sich selbst feststellen kann, dass „das Innen und das Außen“ miteinander übereinstimmen. Dies hat zudem zur Folge, dass unklar ist, was genau geschützt werden soll und warum. Darüber hinaus ist zu hinterfragen, warum die gewisse Ruhe, die zur Erscheinung gehört, ein besonderes Merkmal von würdevollen Personen sein soll. Auch dies scheint eine subjektive Einschätzung zu sein. Ihre Vorstellung von Würde als Haltung im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst grenzt sie außerdem von der Idee der Authentizität ab, die ihrer Auffassung nach einen einfachen Zustand und keine Haltung darstellt. Authentisch sei man oder man sei es nicht, eine Haltung müsse hingegen gehalten werden (vgl. Weber-Guskar 2016, 129). Eine Frage, die sich hier unweigerlich aufdrängt, ist, ob Authentizität nicht vielleicht auch eine Form einer Haltung sein kann? Diese Frage wird in Weber-Guskars Ausführungen nicht beantwortet. Kritisch zu sehen ist wohl auch die Erläuterung des Begriffs „würdig“, die ihre These, Würde habe mit Entsprechungen zu tun, stützen soll: „Eine würdige Feier ist eine Feier, die der Bedeutung ihres Anlasses entsprechend angemessen gestaltet ist. Leben und Tod sind von großer Bedeutung. Deshalb sind ihre Manifestationen und Beerdigungen würdig zu gestalten.“ (Weber-Guskar 2016, 145) Besonders passend klinge es, von einer „würdigen Beerdigung“ zu sprechen, was mutmaßlich mit der großen Bedeutung des Todes eines Menschen zu tun habe (vgl. Weber-Guskar 2016, 145). 3. Zum Würdebegriff 112 Weber-Guskar scheint hier zwei Begriffe miteinander zu vermengen: Wenn jemand oder etwas einer Sache würdig ist, bedeutet es das von ihr behauptete – nämlich, dass jemand oder etwas einer Sache angemessen oder gebührend ist. Dies heißt jedoch nicht, dass etwas auch würdevoll ist, wie sie behauptet: „Wenn eine Feier würdig gestaltet ist, dann ist sie würdevoll. Das heißt: Das Würdevolle ist die Manifestation des Umstands, dass einer bestimmten Norm entsprochen wurde. Die Adjektive können auch weitere Verben modifizieren. Ein bekanntes Beispiel dafür ist würdig altern.“ (Weber-Guskar 2016, 146) Dieser Auffassung lässt sich leicht widersprechen. Zum einen kann Weber-Guskar an dieser Stelle nicht mit dem regelkonformen Sprachgebrauch argumentieren, da dieser anders lautet. Der Regel gemäß heißt es „in Würde/würdevoll altern“ und nicht „würdig altern“. Und zum anderen ist eine sehr würdelose Beerdigung für einen äußerst boshaften Menschen vorstellbar und dies kann sehr wohl seiner würdig sein. Viele Handlungen können sachangemessen sein, wie zum Beispiel das Zeigen einer roten Karte beim Fußball. Dies bedeutet aber nicht, dass sie zugleich auch als würdevoll zu bezeichnen wären. „Würdig“ ist nicht, wie von Weber-Guskar angenommen, ein Begriff, der (ausschließlich) in den Bedeutungskreis von Würde fällt, sondern er bedeutet für sich genommen in verschiedenen Kontexten etwas anderes, im zuletzt genannten etwa Angemessenheit. Würde und Selbstbild Zur Konkretisierung des bisher Gesagten erläutert Weber-Guskar, was genau mit der Haltung der Würde gemeint ist: „Die Haltung der (menschlichen) Würde hat, wer selbst gesetzten Normen gerecht wird“ (Weber-Guskar 2017, 218; Hervorhebung im Original). Auf die Frage, was unter „selbst gesetzten Normen“ zu verstehen sei, lautet ihre Antwort: „Jeder setzt sich selbst (meist unbewusst) mit einem normativen Bild von sich selbst Normen; mit einem Selbstbild.“ (Weber-Guskar 2016, 146; Hervorhebung im Original) Würde heiße demnach „mit sich übereinzustimmen, insofern man seinem Selbstbild entspricht“ (Weber-Guskar 2016, 146). Jene Selbstbilder können sich im Laufe des Lebens verändern und seien nicht starr (vgl. Weber-Guskar 2017, 221). Sie seien jeweils abhängig „davon, was die Menschen um uns herum denken“ und werden erlernt „in den sozialen Umfeldern, in die wir hineingeboren werden und in denen wir aufwachsen“ (Weber-Guskar 2016, 163). 3.2.4.3 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 113 Verletzungen der Würde lägen folglich dann vor, wenn dem eigenen Selbstbild nicht entsprochen wird. Weber-Guskar schreibt demgemäß: „Würde hat man nach dieser Idee also, wenn man mit sich insofern übereinstimmt, als man seinem Selbstbild entspricht. Wenn man seinem Selbstbild nicht entspricht, wenn man es also, anders ausgedrückt, verfehlt, dann geht Würde verloren, verschwindet, löst sich auf. Zu diesem Verfehlen kann es auf verschiedene Weise kommen. Man kann sich einfach selbst nach eigenen Maßstäben unangemessen verhalten. Oder man kann so behandelt werden, wie es den eigenen Vorstellungen nicht entspricht. Oder, und das ist für Würdeverletzungen das Typischste: Man wird gezwungen, sich selbst (vor anderen) so zu verhalten, wie es unvereinbar ist mit dem eigenen Selbstbild.“ (Weber- Guskar 2017, 222; Hervorhebung im Original) Hierfür nennt sie verschiedene Beispiele und stellt fest, dass es unterschiedliche Schweregrade der Würdeverletzung geben müsse. Die schwerwiegendsten Würdeverletzungen seien demnach solche, „die einem nicht nur in einem Moment die Übereinstimmung mit sich verunmöglichen, sondern auch dafür sorgen, dass man sie langfristiger in gewisser Hinsicht nicht wiedererlangt“ (Weber-Guskar 2016, 150). Hierzu zählten unter anderem Folter, Vergewaltigung, Erfahrungen von Kriegsverbrechen oder sinnloser Gewalt (vgl. Weber-Guskar 2016, 150). Diese seien derart grausame Erfahrungen, dass man sie nicht in seine eigene Geschichte einfügen könne und sie einen „Riss gehen lassen durch das Bild von sich selbst, das man hatte“ (Weber-Guskar 2016, 151). Die Taten seien aufgrund dessen, dass die Täter wüssten, dass sie ihren Opfern die Übereinstimmung mit sich selbst nähmen und sie dies mit Absicht täten, besonders grausam. Andere traumatisierende Ereignisse wie beispielsweise ein Lawinenunglück seien deshalb keine Würdeverletzungen, weil hier die Absicht von einer anderen Seite fehlte (vgl. Weber-Guskar 2016, 152). Das Gesagte habe erstens zur Folge, dass nicht nur Würdeverletzungen, sondern auch das Konzept der Würde als Haltung eine graduelle Angelegenheit sei und man demzufolge mehr oder weniger in Würde leben könne. Dies sei abhängig davon, ob man seinem Selbstbild besser oder schlechter entspreche. Zum anderen folge daraus, dass man für den Verlust seiner Würde zu einem gewissen Anteil selbst verantwortlich sei (vgl. Weber-Guskar 2016, 152f.): „Keine Behandlung ist an sich eine Entwürdigung, es kommt immer darauf an, wie sie aufgenommen wird.“ (Weber- Guskar 2016, 155; Hervorhebung im Original) So könne man beispielsweise in einer langen Gefangenschaft seine Würde wiedererlangen, wenn man 3. Zum Würdebegriff 114 sich auf die Umstände einstelle und ein neues Bild von sich in diesem Kontext etabliere (vgl. Weber-Guskar 2016, 155). Dies bedeute auch, dass es Menschenwürde nicht „unverbrüchlich“ gibt und bestimmte Normen nicht gelten, weil Menschen Würde hätten, „sondern damit Menschen in Würde leben können, damit sie Würde haben können, müssen bestimmte Normen berücksichtigt werden“ (Weber-Guskar 2016, 156). Außerdem könne die Haltung der Würde in unterschiedlichem Maße ausgebildet sein. Dies läge daran, „dass man seinem Selbstbild besser und schlechter, mehr oder weniger entsprechen kann“ (Weber-Guskar 2017, 226). Problematisch scheint unter diesem Aspekt allerdings ihre Aussage zu sein, dass es die psychische Gewalt sei, die bestimmte Gewalteinwirkungen zu Menschenwürdeverletzungen werden ließe. Die Täter nähmen „den Menschen ihre Übereinstimmung mit sich […] und genau darauf kommt es ihnen an“ (Weber-Guskar 2017, 225). Im Beispiel eines IS-Kämpfers, der von seinen Taten und seinem Selbstbild überzeugt ist, würde dies bedeuten, dass seine Würde durch denjenigen, der ihn von beispielsweise terroristischen Akten abhält, verletzt wird – eben weil er seinem Selbstbild hierdurch nicht mehr entsprechen kann – und der Abhaltende folglich zum Täter wird. Diese aus der Argumentation Weber-Guskars folgende Konsequenz erscheint grotesk. Auf der anderen Seite könnte beispielsweise bei Reality TV-Kandidatinnen oder Kandidaten, die von ihrem Gesangstalent und der Teilnahme an einer Casting-Show absolut überzeugt sind, aber von der gesamten Nation verlacht und von der Jury vorgeführt werden, nicht von Würdeverletzungen die Rede sein. Die Fragen, die sich demnach hier stellen und in den nachfolgenden Abschnitten noch einmal aufgegriffen werden, sind: Soll die Konzeption Weber-Guskars für alle Selbstbilder gelten? Oder existieren möglicherweise auch würdelose Selbstbilder, wie zum Beispiel der von Kant genannte Kriecher? Und was geschieht, wenn zum eigenen Bild gehört, die Würde anderer zu verletzen, also zu verhindern, dass sie sich gemäß dem Selbstbild verhalten (können)? Fraglich ist darüber hinaus, was die Graduation von Würde zur Folge hat. Ist es nicht fahrlässig oder sogar gefährlich, Grade von Würde zuzulassen – insbesondere, wenn sich ihr Besitz überhaupt nicht von außen messen oder feststellen lässt, weil sie mit einer inneren „Übereinstimmung“ zu tun hat? Dies wird von Weber-Guskar mit folgendem Argument verneint: „Brandgefährlich wäre es [die Graduierbarkeit der Würde] nur, wenn der Anspruch auf Schutz gegen bestimmte Verletzungen davon abhinge, dass man Würde besitzt und dass man für ihren Erhalt mitverantwortlich ist. Das ist aber nur nach dem klassischen, von mir kritisierten Ansatz der Fall.“ (Weber-Guskar 2017, 230) 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 115 Ihrer Ansicht nach müssten Menschen, gerade weil sie aufgrund reflexiver Fähigkeiten ein Selbstbild entwickeln könnten, durch die Menschenrechte vor Verletzungen geschützt werden (vgl. Weber-Guskar 2017, 230). Zwar hängt bei ihr der Anspruch auf Schutz nicht von Würde ab, aber von den Fähigkeiten, die der Mensch benötigt, um ein Leben in Würde zu führen. Da jedoch nicht geklärt wird, ob wirklich jeder Mensch dieses Potential tatsächlich in sich trägt, scheint die Frage, ob Graduierbarkeit von Würde nicht doch brandgefährlich ist, wohl entgegen ihrer Behauptung doch gerechtfertigt. Außerdem klingt es wenig überzeugend – insbesondere mit Blick auf die zuvor von ihr genannten Beispiele für besonders schwerwiegende Menschenwürdeverletzungen, die durch jede Art von Zwang entstehen, wie Folter oder Vergewaltigung –, dass man für den Verlust von Würde „minimal selbst mitverantwortlich“ (Weber-Guskar 2017, 229) sein soll. Denn in dem Moment, in dem ein solches Verbrechen geschieht, kann das Opfer offensichtlich – selbst wenn es wollte – überhaupt nicht mehr seinem Selbstbild in Weber-Guskars Sinn entsprechen. Auf die Problematik, was für ein Selbstbild man besitzen müsse, um von einer würdevollen Person sprechen zu können, scheint auch Weber-Guskar aufmerksam zu werden, doch sie führt diese Diskussion explizit nicht und schreibt: „das ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht vertiefen kann“ (Weber-Guskar 2017, 226f.). Sie räumt lediglich ein, dass es schwer sei, eine Grenzlinie dort zu ziehen, wo es darum geht, zu entscheiden, was zum Selbstbild gehört. Wenn es aber schwer zu bestimmen und demzufolge auch unklar ist, was zum Selbstbild gehört, folgt daraus, dass es beinahe unmöglich zu bestimmen sein sollte, wann sich jemand (nicht) seinem Selbstbild entsprechend verhält, was wiederum der Überzeugungskraft ihrer Theorie nicht zuträglich ist. Insgesamt ist es außerdem nicht nachvollziehbar, inwieweit die Ausführungen von Weber-Guskar dazu passen können sollen, dass die Würde das Ziel der Menschenrechte ist; diese könnten allenfalls die Würde im Sinne Weber-Guskars ermöglichen, aber sie bezwecken sie wohl kaum bzw. haben darüber hinaus zahlreich weitere Funktionen. Wem kommt nach dieser Auffassung Würde zu? Die bereits im vorangegangenen Abschnitt kurz angesprochene Frage ist nun, ob Personen, die möglicherweise ein aus moralischer Perspektive negatives Selbstbild besitzen, wie zum Beispiel überzeugte Folterer oder – bezogen auf die zugrunde liegende Fragestellung – moralisch kritisch zu be- 3.2.4.4 3. Zum Würdebegriff 116 trachtende Moderatorinnen und Moderatoren, die andere öffentlich zu blamieren oder zu demütigen versuchen –, und diesem auch entsprechen, eine Würde haben? Darauf antwortet sie, es sei problematisch, einen Schurken „würdevoll“ zu nennen (Weber-Guskar 2016, 160) und räumt ein: „Ich habe nun Würde als Verfassung einer Person erläutert, in einer Art, für die die Frage nach moralischer Integrität nicht zentral ist. […] So steht kein moralisch normativer Gedanke am Anfang, dem man dann irgendwie in seinem Verhalten entsprechen müsste.“ (Weber-Guskar 2016, 158f.) Das bedeutet, die selbst gesetzten Normen müssen grundlegend nicht moralisch bewertet werden. Trotzdem ist auch ihr bewusst, dass sich die Idee der Würde nicht vollständig von Moralvorstellungen trennen lässt. Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Würde und Moral daher als „strukturelle Verwandtschaft“, welche sich darin äußert, „dass moralisch zu sein ebenso wie in Würde zu leben mit dem Erfüllen gewisser Normen und Standards zu tun hat“ (Weber-Guskar 2016, 162). Zudem seien die für ihre Theorie der Würde als Haltung bedeutsamen Selbstbilder durch die Gesellschaft geprägt und enthielten folglich bereits moralische Vorstellungen: „In der Erziehung lernt man moralische Standards, und sie werden, mehr oder weniger, in das Selbstbild einfließen“ (Weber-Guskar 2016, 165). Für sie bedeute folglich Würde zu haben, „nicht definitorisch oder automatisch moralisch gut zu handeln“ (Weber-Guskar 2016, 165f.). Man müsse kein Heiliger und nicht perfekt sein, um Würde zu haben, aber bis zu einem gewissen Grad integer (vgl. Weber-Guskar 2016, 166). Dies wird dann problematisch, wenn in einer Gesellschaft moralisch bedenkliche Werte vertreten werden und die in ihr lebenden Personen ihrem durch diese Vorstellungen geprägten Selbstbild entsprechen. Ein Kannibale, der dem durch seine Kannibalengesellschaft geprägten Selbstbild des Menschenessers entspricht und Menschen isst, müsste folglich nach Weber-Guskars Auffassung die volle Würde zukommen. Auf der anderen Seite würde einer oder einem dem Kannibalenvolk Angehörigen mit einem entsprechenden Selbstbild, die oder der zwar gern Menschen essen würde, dies aber nicht tut, weil er beispielsweise sonst strafrechtlich verfolgt würde, weniger Würde zugesprochen, weil er weniger mit seinem Selbstbild übereinstimmt. Diese Konsequenz erscheint äußerst merkwürdig. Jemand, der kein eigenes individuelles Selbstbild hat, wie beispielsweise jemand, der sich einer Sekte anschließt und nur noch hierfür lebt, könne aber Weber-Guskar zufolge „einen gewissen Grad an Würde nicht erreichen“ (Weber-Guskar 2017, 228). Dass diese Ansicht problematisch sein könnte, räumt sie selbst ein. Der Vorteil dieser Ansicht sei jedoch, dass sie 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 117 nicht in die Paradoxien der klassischen Sicht verfalle – womit sie vermutlich meint, dass ihr nicht abverlangt wird, zu erklären, warum alle Menschen dieselbe Würde haben sollen, weil gerade dies durch die Idee der graduellen Würde mit ihren denkbaren temporalen Veränderungen ausgeschlossen ist. Es gehe ihr hier allerdings auch nicht um die Klärung dieses Punktes, sondern darum, herauszustellen, dass der Unterschied zwischen ihrem Würdebegriff und der klassischen Sicht in der Selbstverantwortlichkeit, welche ihrem Würdebegriff anhängt, bestehe (vgl. Weber-Guskar 2017, 228). Eine weitere Frage, die Weber-Guskar nicht zufriedenstellend beantwortet, lautet: Wenn „Würde besitzen“ heißt, mit sich selbst übereinzustimmen, können dann Kleinstkinder, Menschen mit schwerer geistiger Behinderung oder Krankheit wie beispielsweise dem Tourette-Syndrom, das die Betroffenen dazu zwingt, bestimmte Dinge zu sagen oder zu tun, die sie eigentlich nicht sagen oder tun möchten, überhaupt Würde haben oder sie jemals vollständig erreichen? Weber-Guskar antwortet darauf: „Wir müssen davon ausgehen, dass alle Menschen grundsätzlich ein Potenzial haben, Würde zu entwickeln beziehungsweise sich zunächst unter geeigneten Umständen und Erziehung selbstverständlich anzueignen und dann auch bewusst verteidigen zu können. […] Würde ist eine Haltung, und es gibt ein Potenzial zu dieser Haltung.“ (Weber-Guskar 2016, 178; Hervorhebung im Original) Was an dieser Stelle offen bleibt, ist allerdings, was dies für eine Bedeutung für Menschen hat, die dieses Potential nicht (entwickelt) haben und niemals (mehr) ihrem Selbstbild entsprechen können, wie beispielsweise schwer an Demenz erkrankte Personen oder Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Sie hätten nach Weber-Guskar schließlich nur wenig oder gar keine Würde, was wiederum der allgemein anerkannten Vorstellung davon, dass jedem Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten eine Würde zukommt, wie es im Grundgesetz festgehalten ist, widersprechen würde. Darüber hinaus ist die Argumentation mit Potentialen in ethischen Diskursen, wie bereits erläutert, äußerst umstritten. Ein Ei hätte schließlich auch das Potential zum Huhn zu werden, aber das bedeutet für die meisten Menschen wohl nicht zwangsläufig, dass man es wie ein ausgewachsenes Huhn füttern muss und nicht kochendes Wasser werfen darf. Außerdem ist fraglich, ob Menschen mit schwerer geistiger Behinderung überhaupt ein Potential zur Entwicklung eines Selbstbildes besitzen. Insofern 3. Zum Würdebegriff 118 dies bezweifelt würde, müsste ihnen nach Weber-Guskars Theorie auch die Möglichkeit, Würde zu besitzen, abgesprochen werden. Zusammenfassung Nach Weber-Guskar ist also Würde eine Haltung und zwar jene, mit dem Selbstbild und selbstgesetzten Normen nach außen und innen übereinzustimmen. Damit gebe Würde den Gehalt einer Lebensweise an. Zunächst scheint einiges für diese Position zu sprechen. Eine Person, die nach ihren Vorstellungen lebt und dies auch so verkörpert, dass andere dies wahrnehmen können, könnte wohl nach einer intuitiven Auffassung zunächst als „würdevoll“ bezeichnet werden. Aber dies ist – neben den an den entsprechenden Stellen bereits genannten – eine der Problematiken, die diese Theorie aufweist: Sie bleibt auf einer intuitiven, unbegründet scheinenden Ebene, weil nicht deutlich wird, warum der Begriff der Würde überhaupt benötigt wird, um das von ihr Gesagte zu beschreiben. Es könnte ebenso von einer „erhabenen“ oder „ehrwürdigen“ Person die Rede sein oder einfach von einer Person, die ihrem Selbstbild entspricht, ohne dass hierfür der Würdebegriff benötigt würde. Dies aber würde bedeuten, dass der Würdebegriff – entgegen der Argumentation Weber-Guskars, welche ja genau dies den anderen Theorien mehrfach vorwirft und ihre Theorie hierdurch von den anderen abzuheben glaubt – auch bei ihr substituierbar ist. Darüber hinaus erscheint problematisch, dass sie als erste Bedingung für eine adäquate Begriffsexplikation nennt, dass Würde als „ein möglichst genauer, eindeutiger Begriff“ (Weber-Guskar 2016, 14) erklärt werden solle, der nicht doppeldeutig sein und darüber hinaus „Orientierung geben [soll] bei wichtigen, großen moralischen Entscheidungen“ (Weber-Guskar 2016, 15). Der Begriff scheint nach Weber-Guskar jedoch keine Orientierung und keinerlei Gehalt einer Lebensweise anzugeben: Schließlich solle man ihrer Auffassung nach irgendwelchen selbst gesetzten Normen entsprechen, die auf irgendeine Weise moralisch sein sollen. Dabei wissen einige Menschen vermutlich nicht, was ihr eigenes Selbstbild ist, bzw. können kein solches angeben, ebenso wenig wie sie wissen, wie sie mit diesem übereinstimmen können bzw. wie eine solche Übereinstimmung herbeizuführen wäre. Außerdem wäre eine weitere, wenig für diese Theorie sprechende Konsequenz hieraus, dass jede unerfüllte Vorstellung einer Person von sich selbst dazu führen müsste, weniger Würde zu besitzen. Jemand, der sich zur Norm setzt und in sein „Wunsch-Selbstbild“ einfügt, eine bekannte Sängerin zu werden, dies aber nicht wird, hätte folglich weniger 3.2.4.5 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 119 Würde bzw. kann nie die volle Würde erreichen. Zudem ist zu fragen, wann ein Verhalten eine „Lebensweise“ darstellt. Welche Kriterien müssen bei Handlungsentscheidungen einer Person erfüllt sein, um sagen zu können, dass dies eine bestimmte Lebensweise ausmacht? In diesem Zusammenhang zeigt sich ein weiteres Problem: Menschen können mal mehr, mal weniger ihrem Selbstbild entsprechen, was für Weber-Guskar durch ihre Annahme, Würde sei graduell, gelöst wird. Nicht nur scheint es allerdings nach dieser Auffassung schwierig, überhaupt festzustellen, wer und – falls eine Person eine solche hat – wie viel Würde sie besitzt, denn eine gute Schauspielerin oder auch jemand, der sich selbst betrügt, könnte vorgeben, voll und ganz dem eigenen Selbstbild zu entsprechen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Vorstellbar ist auch, dass eine Person einem Außenstehenden als ihrem Selbstbild entsprechend erscheint, einer weiteren außenstehenden Person jedoch nicht. So wird es zu einer subjektiven Angelegenheit, jemandem „volle“ Würde, wenig Würde oder auch gar keine Würde zuzuschreiben, was kontraintuitiv zu sein scheint und zu logischen Problemen führen dürfte. Vor allem widerspricht dies auch der heute in westlichen Staaten weit verbreiteten Vorstellung, nach der allen Menschen die gleiche Würde zukommt. Diese findet, wie bereits erläutert, Ausdruck in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder auch dem deutschen Grundgesetz. Nach Weber-Guskar scheint die Präambel des Grundgesetzes aber ohnehin keine Maßgabe zu sein, denn aufgrund ihrer Annahme, Würde sei graduell, muss sie auch annehmen, dass nicht alle Menschen an Würde gleich geboren sind. Denkbar wäre allenfalls, dass sie davon ausgeht, alle Menschen besäßen bei der Geburt das gleiche Potential zur Würde; später im Leben besteht nach Weber-Guskar jedoch keine Gleichheit mehr, sondern der Besitz von Würde wird abhängig von der Übereinstimmung mit dem eigenen Selbstbild, welches nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch in sich graduell unterschiedlich sein kann. Und auch wenn sie davon ausgeht, dass das Potential zur Selbstreflexion bereits dazu ausreicht, die „Würde“ aller Menschen durch die Menschenrechte schützen zu wollen, so erscheint eine Eliminierung des Würdebegriffs aus den Gesetzesformeln oder eine Umformulierung wie etwa „alle Menschen sind am Potential zur Würde gleich geboren“ – welche diese Ansicht schließlich zur Folge hätte – doch bedenklich. Denn der Begriff wurde dazu eingeführt und beispielsweise das Grundgesetz auf diese Weise formuliert, um alle Menschen grundsätzlich ethisch und juridisch gleichermaßen zu berücksichtigen und vor ungleicher Behandlung zu bewahren, was wohl eine graduelle Würde nicht mehr einsichtig zu machen vermag. Generell scheint es problema- 3. Zum Würdebegriff 120 tisch, Würde als von der Moral oder dem Gesetz beinahe vollständig losgelösten Begriff zu verstehen; ist er doch gerade hier besonders ausgeprägt und historisch besonders verwurzelt. Fraglich ist außerdem, ob wirklich jeder Mensch das Potential zur Selbstreflexion hat und ob Tieren, die dieses ebenso aufweisen, dann auch ein gewisser Grad an Würde zugeschrieben werden müsste. Wie an den entsprechenden Stellen angemerkt, fehlen überdies einige Erläuterungen, wie zum Beispiel, worin die Unterschiede zwischen einer Haltung und einer Verfassung oder auch zwischen den beiden Arten der Übereinstimmung bestehen. Folgendes Fazit ist damit zu ziehen: Anhand der aufgeführten Kritikpunkte sollte wohl hinreichend deutlich geworden sein, was problematisch an Weber-Guskars Auffassung ist, und warum sie sich zur Klärung der vorliegenden Fragestellung nicht eignet. Zwar auf den ersten Blick vielleicht ähnlich und doch in ihrer Begründung von Weber-Guskars Position deutlich verschieden, sind die Theorien, die Würde in einem engen Zusammenhang mit Selbstachtung sehen. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Stoecker als einziger Philosoph, der sich zuvor mit Menschenwürdeverletzungen im Reality TV beschäftigt hat, diese Position vertritt, wird nachfolgend untersucht, ob sich diese Auffassung als überzeugender erweisen kann. Würde und Selbstachtung Vermutlich geprägt durch die in Kapitel 3.1.4 erläuterte Vorstellung Kants, der Mensch besäße nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber gewisse Pflichten, wird spätestens mit dem Erscheinen von Julian Nida- Rümelins Essay Wo die Menschenwürde beginnt (2002) von einigen Autoren die These vertreten31, Würde stehe in Zusammenhang mit Selbstachtung. Nida-Rümelin ist der Auffassung, die Fähigkeit zur Selbstachtung sei eine Voraussetzung für die Zuschreibung von Menschenwürde. Wer nicht in der Lage sei, sich selbst zu achten, könne nicht entwürdigt werden und sei 3.2.5 31 So auch von Ronald Dworkin (2012): Er bezeichnet Selbstachtung und Authentizität als die beiden Prinzipien, die als „Grundbedingungen einer gelungenen Lebensführung“ und somit als „Konzeption der Menschenwürde“ anzusehen sind (Dworkin 2012, 245f.). Da sich die unten angeführten Zweifel an der Verbindung zwischen Selbstachtung und Würde auch auf Dworkins Ausführungen beziehen lassen und seine Position keine weiteren relevanten Erkenntnisse zum Würdebegriff bietet, wird sie an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 121 folglich auch kein Träger von Menschenwürde. Er schließt damit Embryonen bewusst von der Gruppe der Menschenwürdeträger aus: „Menschenwürde verlangt Rücksichtnahme. Aber nicht jede Rücksichtnahme ist durch Menschenwürde motiviert. Wir sollten auch Rücksicht nehmen auf nichtmenschliche, empfindende Lebewesen, sie nicht unnötig quälen oder verletzen. […] Die Achtung der Menschenwürde ist dort angebracht, wo die Voraussetzungen erfüllt sind, daß ein menschliches Wesen entwürdigt werde, ihm seine Selbstachtung genommen werden kann. Daher läßt sich das Kriterium der Menschenwürde nicht auf Embryonen ausweiten. Die Selbstachtung eines menschlichen Embryos läßt sich nicht beschädigen.“ (Nida-Rümelin 2002, 407) Nida-Rümelin zufolge besitzen Menschen also nur eine Menschenwürde, wenn sie in der Lage sind, sich selbst achten zu können. Für diese Ansicht wurde er stark kritisiert, weil aus seiner These bzw. ihrer Begründung zwangsläufig folgt, dass nicht nur Embryonen, sondern auch anderen menschlichen Wesen, die ebenfalls nicht zur Selbstachtung fähig sind, die Würde abgesprochen werden muss, wie etwa Komatösen, Säuglingen oder Menschen mit schweren geistigen Behinderungen (vgl. Stoecker 2004, 108). Dies widerspricht der heute in Deutschland verbreiteten Vorstellung, dass allen menschlichen Wesen ungeachtet ihrer Eigenschaften Würde zukommt. Trotz der Kritik vertritt gegenwärtig prominent auch Schaber, welcher im Gegensatz zu Nida-Rümelin eine deutlich ausführlichere Argumentation zugrunde legt, eine vergleichbare Position. Er knüpft dabei an die einige Jahre vor Nida-Rümelins Essay erschienene Schrift Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung (Originalausgabe erschienen 1996) Margalits an. Margalit beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Umständen eine Gesellschaft als anständig gilt und wann ihre Institutionen die Würde der Menschen achten bzw. missachten (vgl. Margalit 2012, 61). Da Margalit in seinem Buch ein Verständnis des Terminus „Würde“ bereits voraussetzt (vgl. hierzu auch Tiedemann 2014, 65), ist eine Analyse seiner Ausführungen für die vorliegende Studie nicht zielführend und wird daher nicht Teil der nachfolgenden Untersuchung sein. Lediglich für das Verständnis von Selbstachtung nach Schaber in Abgrenzung zu der nachfolgend ebenfalls analysierten Position Stoeckers scheint es sinnvoll, an dieser Stelle Margalits Differenzierung zwischen Selbstwertgefühl und Selbstachtung kurz zu skizzieren, da insbesondere Schaber explizit Bezug auf diese Unterscheidung nimmt: 3. Zum Würdebegriff 122 „[I]hre Unterscheidung ist vor allem deshalb wichtig, weil Achtung eine Basis für die Gleichbehandlung von Menschen liefert, während Wertschätzung als Grundlage für ihre Ungleichbehandlung dienen kann. […] Jedenfalls fällt es nicht schwer, sich einen Kriecher vorzustellen, dem es an Selbstachtung gebricht, obwohl er ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat. Um auch umgekehrt zu zeigen, daß Selbstwertgefühl und Selbstachtung nicht notwendigerweise miteinander verknüpft sind, müssen wir ein Beispiel für einen Menschen finden, dem es zwar an Selbstwertgefühl, nicht aber an Selbstachtung mangelt. Dieser Fall ist zugestandenermaßen selten, dennoch können wir uns problemlos einen Menschen denken, der, weil er seine eigenen Leistungen nicht als wertvoll einstuft, nur über ein geringes Selbstwertgefühl verfügt und gleichwohl Selbstachtung empfindet.“ (Margalit 2012, 55f.) Margalit zufolge ist Selbstachtung also nicht gleichzusetzen mit Selbstwertschätzung. Es ist seiner Ansicht nach möglich, sich selbst zu achten ohne sich wertzuschätzen und umgekehrt. Diese Unterscheidung trifft auch Schaber in seinen Ausführungen zu seiner These, Menschenwürde sei der Anspruch auf Selbstachtung (vgl. z.B. Schaber 2013a, 51). Da Schaber der gegenwärtig bekannteste Vertreter dieser Position ist, und seiner Behauptung im Gegensatz zu der Nida-Rümelins eine ausführliche Argumentation zugrunde liegt, wird ein Schwerpunkt der kritischen Analyse zum Thema „Selbstachtung und Menschenwürde“ auf der Theorie Schabers liegen. In Abgrenzung dazu wird anschließend die Position Stoeckers vorgestellt, der ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Selbstachtung sieht. Die Argumentation Stoeckers unterscheidet sich jedoch deutlich von der Position Schabers, so dass sie getrennt voneinander betrachtet werden. Der Anspruch auf Selbstachtung bei Schaber Verschiedene Formen der Würde Wie Nida-Rümelin ist auch Schaber der Überzeugung, dass der Begriff der Würde unverzichtbar ist und wir ihn „als einen grundlegenden moralischen Begriff endlich ernst nehmen“ (Schaber 2012a, 112; vgl. Nida-Rümelin 2002, 407) sollten. Dabei trifft er eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen „kontingenter“ und „inhärenter“ Würde. Unter „kontingenter Würde“ versteht Schaber Formen der Würde, die von sozialen Funktio- 3.2.5.1 3.2.5.1.1 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 123 nen, vom Verhalten oder von ästhetischen Aspekten abhängen und sich dadurch auszeichnen, dass sie erworben, verloren und wiedererlangt werden können (Schaber 2008, 190f.). Davon zu unterscheiden sei die „inhärente Würde“, die angeboren und zugleich weder erwerbbar noch verlierbar oder wiedererwerbbar sei. Die inhärente Würde sei diejenige, mit der sich laut Schaber auch das deutsche Grundgesetz und die UNO-Menschenrechtserklärung befassen; sie steht auch im Fokus seiner Untersuchungen. Im Gegensatz zur kontingenten Würde kann die inhärente Würde, so behauptet Schaber, zwar nicht verloren und erworben, aber verletzt werden (Schaber 2008, 191). Es ist jedoch fragwürdig, ob diese Unterscheidung zwischen inhärenter und kontingenter Würde tatsächlich eine Differenzierung unterschiedlicher Formen der Würde vornimmt, wie Schaber intendiert. Naheliegender scheint es, dass der Begriff der „kontingenten Würde“ nicht eine andere Art Würde bezeichnet, in dem Sinne, dass eine Person zwei „Würden“ haben kann, sondern dass „kontingente Würde“ lediglich ein Synonym für beispielsweise den beruflichen Status, ehrenvolles oder tapferes Verhalten oder Erhabenheit darstellt. Folgte man Schabers Vorschlag, es müssten zwei verschiedene Formen der Würde unterschieden werden, wäre zu überlegen, welche „Würdeform“ seiner Auffassung nach die im Reality TV vermeintlich betroffene ist. Da diese Formate mit einem bestimmten Verhalten oder auch mit dem Aussehen der Kandidaten in Verbindung stehen, könnte man zunächst meinen, Schaber sei der Auffassung, dass es sich hierbei um die kontingente Würde in Form von sozialer oder möglicherweise auch ästhetischer Würde handelt. In seinen Ausführungen geht er auf diese jedoch nicht näher ein und sieht diese Formen von Würde auch nicht unmittelbar mit moralischen Ansprüchen verknüpft, sodass Schaber konsequenterweise, wenn er ethische Aussagen hinsichtlich der Menschenwürde über Reality TV treffen wollen würde, zwangsläufig die inhärente Würde als betroffen ansehen müsste. Die Konsequenz, aufgrund der Differenzierung zwischen inhärenter und kontingenter Würde entscheiden zu müssen, welche Würde bei offensichtlich moralisch verwerflichen Handlungen betroffen ist, ist wohl ein Hinweis darauf, dass diese Unterscheidung keine sinnvolle ist. Es herrscht schließlich in vielen Fällen ein breiter Konsens darüber, dass bestimmte Handlungen oder Unterlassungen Würdeverletzungen darstellen und es muss hierzu nicht zuerst differenziert werden: ist es die kontingente Würde, die betroffen ist – wenn ja, dann ist sie „nur“ verloren und kann wiedererlangt werden, oder ist es die inhärente Würde – wenn ja, dann ist sie 3. Zum Würdebegriff 124 verletzt. Auch dies legt die Vermutung nahe, dass sich nicht, wie von Schaber vorgeschlagen, zwei Formen der Würde differenzieren lassen, sondern dass eigentlich der Terminus „Würde“ ungenau oder in verschiedenen Bedeutungen verwendet wird. Betrachtet man die von Schaber formulierte und im Folgenden dargestellte Definition der inhärenten Würde und seine Beispiele für Verletzungen dieser Würdeform, wie Demütigung und Erniedrigung, so wäre auch denkbar, dass er im Zusammenhang mit dem Reality TV – wenn überhaupt –, nicht Verletzungen der kontingenten, sondern der inhärenten Würde identifizieren würde. Ob Schabers Theorie zur inhärenten Würde allerdings eine adäquate und überzeugende Bestimmung des Würdebegriffs bietet, die sich tatsächlich auch auf die fragwürdigen Formate anwenden lässt, wird in den nächsten Abschnitten untersucht. Inhärente Würde Schaber zufolge ist die inhärente Würde angeboren, unverlierbar und im Gegensatz zur kontingenten Würde verletzbar. Diese „Form“ der Würde wird seiner Ansicht nach dann verletzt, wenn Ansprüche oder Rechte einer Person missachtet werden: „Und genau dies tut jemand, der die Würde einer anderen Person verletzt; er verletzt einen Anspruch, den Personen anderen gegenüber legitimerweise geltend machen können.“ (Schaber 2008, 191) Der Anspruch, den er damit meint, nennt er den „Anspruch auf Selbstachtung“ (Schaber 2008, 193). Selbstachtung sei, wie bei Margalit, ausdrücklich von „Selbstwertschätzung“ im Sinne eines psychischen Zustandes zu unterscheiden (vgl. Schaber 2008, 193f.). Eine Interpretation des Würdebegriffs als Anspruch auf Selbstwertschätzung hätte schließlich zur Folge, dass es verschiedene, individuelle und subjektive Auffassungen von Würde geben müsse und eine Würdeverletzung von der Sensibilität der jeweiligen betroffenen Personen abhängig wäre, wie Schaber feststellt: „Richtig ist, dass man klar zwischen Selbstachtung und Selbstwertschätzung unterscheiden sollte. Selbstachtung, um die es bei der Würde geht, ist kein psychischer Zustand. Ob die Würde eines Menschen verletzt wird, hängt nämlich nicht davon ab, ob er durch Demütigungen in seinem Selbstwertgefühl beeinträchtigt wird oder nicht. Denn dann würde die Verletzung der Würde davon abhängig sein, wie robust die psychische Verfassung von Menschen ist und die eine Person 3.2.5.1.2 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 125 würde durch eine Demütigung in ihrer Würde verletzt, die andere nicht.“ (Schaber 2012b, 5) Mit dem Anspruch auf Selbstachtung sei vielmehr gemeint, ein Recht zu besitzen, das Recht nämlich, über sich selbst verfügen zu können. Dieses Selbstverfügungsrecht müsse aber ausdrücklich von der Auffassung, Würde achten hieße nichts anderes als die Autonomie einer Person zu achten, unterschieden werden. Wenn das Recht, über sich selbst verfügen zu können, missachtet werde, beispielsweise aufgrund von Erniedrigung oder Demütigung, werde zwar immer auch die Autonomie verletzt. Nicht jede Missachtung der Autonomie sei aber auch zugleich eine Missachtung des Selbstverfügungsrechts: „Das Selbstverfügungsrecht wird nicht missachtet, wenn Menschen daran gehindert werden, das zu tun, was sie tun wollen.“ (Schaber 2012b, 9) Der Unterschied liege darin, dass Würdeverletzungen nicht auf eine Einschränkung der Autonomie von Personen zielen, „sondern darauf, den Betroffenen klar zu machen, dass sie nicht zählen“ (Schaber 2012b, 9). Fraglich ist allerdings, wie sich der Unterschied zwischen Handlungen, welche die Autonomie einschränken, und solchen, die das Selbstverfügungsrecht, also die Würde des Menschen nicht achten, feststellen lassen soll. Es scheint, als hinge diese Unterscheidung von der Intention des Handelnden ab – nämlich ob er das Ziel verfolgt, die Würde des von seiner Handlung betroffenen Menschen zu verletzen oder nicht. In einigen Fällen ist die Intention des Handelnden vermutlich erkennbar und somit auch die intendierte Würdeverletzung. Es sind jedoch auch Fälle vorstellbar, in denen der Handelnde zwar die Intention besitzt, jemanden zu demütigen, aber es gelingt ihm nicht. Wäre ein missglückter Versuch, jemanden zu demütigen, nach Schaber trotzdem als Würdeverletzung anzusehen? Umgekehrt ließen sich außerdem Situationen vorstellen, in denen eine Person gar nicht die Intention besitzt, einer anderen zu zeigen, dass sie „nichts wert ist“, durch ein bestimmtes Verhalten aber trotzdem ihre Würde verletzt bzw. dieses Gefühl hervorruft. Würde dies dann für Schaber nicht zu den Würdeverletzungen zählen? Hier bleibt er eine Erklärung schuldig. Außerdem erscheint die Vorstellung von Selbstachtung als Recht, über sich selbst zu verfügen, präzisierungsbedürftig. Als Voraussetzung für die Möglichkeit zur Achtung des Selbstverfügungsrechts nennt Schaber lediglich weitere Rechte, wie die freie Entscheidung darüber, welcher Partei jemand angehören, welche Arbeitsstelle eine Person annehmen oder wen jemand heiraten möchte. 3. Zum Würdebegriff 126 „Andere dürfen mich nicht daran hindern, meine Verfügung über mich selbst auszuüben. [...] Wen ich heirate, geht den Kollegen nichts an. Ich habe mich ihm gegenüber für diese Entscheidung nicht zu rechtfertigen. Das in diesem Sinne verstandene Selbstverfügungsrecht ausüben zu dürfen, so kann man vorschlagen, bedeutet, Würde zu haben.“ (Schaber 2012a, 102) In welchem Umfang muss man aber über sich selbst verfügen können, damit dieses Selbstverfügungsrecht gewahrt bleibt? Darf ich freiwillig Ereignisse aus meiner Intimsphäre im Fernsehen zeigen, obwohl sie demütigend sein können, oder ist damit das Selbstverfügungsrecht schon überschritten? Und kann es Menschen geben, deren Anspruch auf das Selbstverfügungsrecht aufgrund moralisch bedenklicher Neigungen besser nicht erfüllt werden sollte? Betrachtet man das hier genannte Zitat, lässt sich au- ßerdem anzweifeln, ob es ein gut gewähltes Beispiel ist, denn es scheint merkwürdig zu behaupten, die Würde eines Menschen werde verletzt, wenn der Kollege, wissen will, wen ich heiraten möchte, ohne dass ich es ihm sagen möchte. Fraglich ist eher, ob es tatsächlich niemanden etwas angeht, wen man heiratet. Dann nämlich ließe sich behaupten, dass auch das Verbot, seine Schwester, Mutter oder Tochter zu heiraten, gegen das Selbstverfügungsrecht verstößt. Auch der Begriff des Selbstverfügungsrechts nach Schaber bedarf also einer klareren Definition. Bislang wurde außerdem lediglich erläutert, womit Selbstachtung zusammenhängt und womit sie nicht zu verwechseln ist. Es wird dadurch aber nicht deutlich, was genau mit dem Anspruch, sich selbst zu achten, gemeint ist. Diese Unklarheit wird leider auch nicht ausgeräumt, wenn Schaber erklärt: „Die Selbstachtung, von der hier die Rede ist, hat damit zu tun, dass wir anderen gegenüber als normative Autorität auftreten können. Das ist die Kernidee, die wir mit dem Begriff der Würde verbinden sollten. Wesen mit Würde besitzen eine normative Autorität, die andere verpflichtet. Sich selber achtet man, wenn man sich als ein Wesen mit Würde sieht und sich entsprechend für berechtigt hält, anderen gegen- über Ansprüche geltend zu machen.“ (Schaber 2013b, 59) An dieser Stelle führt er noch einen weiteren Begriff in die Diskussion ein, der ebenfalls einer Klärung bedürfte: Wie weit reicht schließlich unsere „normative Autorität“? Was bedeutet es genau, als „normative Autorität aufzutreten“? Und welche Verpflichtungen und Ansprüche sind an diese geknüpft? Auch dies bleibt unbeantwortet. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 127 Ungeachtet der kritischen und ungeklärten Punkte bedeutet also das von Schaber Gesagte zusammengefasst: Die (angeborene) inhärente Würde des Menschen ist der Anspruch auf Selbstachtung. Dieser Anspruch auf Selbstachtung räumt dem Menschen eine gewisse normative Autorität gegenüber anderen und gleichzeitig das Recht ein, über sich selbst verfügen zu können. Um dieses Selbstverfügungsrecht tatsächlich ausüben und sich selbst achten zu können, müssen dem Menschen wiederum andere Rechte zugesprochen werden. Als Beispiele für diese Rechte werden das Recht, nicht erniedrigt zu werden, das Recht auf ein Existenzminimum, das Recht auf Eigentum, auf Bildung oder auch das Recht, die Wahl seines Partners frei treffen zu können (vgl. Schaber 2012b, 7) genannt. Wenn diese Rechte geachtet würden, sei es dem Menschen möglich, über sich selbst zu verfügen und sich selbst achten zu können. Selbstachtung bedeutet für Schaber zusammengefasst, „sich selber als ein Wesen sehen, das Träger von Ansprüchen ist, die man anderen gegenüber geltend machen kann“ (Schaber 2013b, 58). „Würde sollte nämlich, so der vorliegende Vorschlag, als ein grundlegender Anspruch verstanden werden, als Anspruch, über wesentliche Bereiche des eigenen Lebens selbst verfügen zu können und darin auch von anderen anerkannt zu werden. Dieser Anspruch ist es, der die besagten Rechte begründet. Er wird verletzt, wenn man erniedrigt und gedemütigt wird, er wird verletzt, wenn man gezwungen wird, in absoluter Armut zu leben, und er wird verletzt, wenn einem nicht die Möglichkeit gegeben wird, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. [...] Damit wird der Anspruch, über sich selbst verfügen zu können, verletzt, ein Anspruch, der nicht ein Grundrecht neben anderen ist, sondern ein Anspruch, auf [dem] die Grundrechte beruhen. Es ist der Anspruch […] auf Selbstachtung.“ (Schaber 2012a, 94) Welche Rechte außer den genannten genau eingeräumt sein müssen, damit der Mensch nach Schabers Auffassung über sich selbst verfügen kann, bleibt offen. Außerdem wird nicht klar, was mit „wesentlichen Bereichen“ des eigenen Lebens gemeint ist. Da er dies nicht ausführlich erläutert, könnte man auf dieser Grundlage beispielsweise argumentieren, dass es zur Selbstachtung einer Person, die das Autofahren als „wesentlichen Bereich“ des eigenen Lebens ansieht, gehört, mit dem Auto immer so schnell fahren zu können, wie sie möchte. Achten andere ihren Anspruch auf Selbstachtung demzufolge nicht, wenn sie ihr ein Tempolimit vorschreiben? Und würde Schaber dies auch als Verletzung der Würde bezeichnen? 3. Zum Würdebegriff 128 Auch hier zeigt sich die Theorie Schabers als wenig klar und damit wenig überzeugend. Darüber hinaus wird auch nicht erklärt, was mit absoluter Armut oder Erniedrigung gemeint ist. Eine absolute Armutsgrenze ist schließlich mit Blick auf ein würdevolles Leben in wohlhabenden Ländern problematisch. Konsequenterweise müsste daraus folgen, dass der Anspruch auf Selbstachtung und damit die Menschenwürde beispielsweise in Afrika von anderen Bedingungen abhängt als in den reichen westlichen Staaten. Dies wiederum widerspricht Schabers Auffassung, er befasse sich mit der Würde, von der auch im Grundgesetz die Rede ist, in welchem festgehalten ist, dass alle Menschen an Würde gleich geboren sind. Außerdem wird nicht näher erläutert, welche Handlungen genau als erniedrigende anzusehen sind. Dabei müsste man sich überdies fragen, ob nicht womöglich ein enger Zusammenhang zwischen Erniedrigung oder Demütigung mit dem Selbstwertgefühl von Personen besteht und somit ebenso wie die Selbstwertschätzung als subjektive Empfindung einzuordnen ist. Ebendies wollte Schaber eigentlich – wie eingangs beschrieben – durch die Differenzierung von Selbstwertschätzung und Selbstachtung vermeiden. Verpflichtungen gegen sich selbst Ein weiterer bedeutsamer und gleichzeitig kritischer Punkt in Schabers Theorie ist, dass all die genannten Rechte und der damit verbundene Anspruch nicht nur von anderen, sondern – im kantischen Sinne – von einem jedem auch sich selbst gegenüber geachtet werden sollen. Aus diesem Grunde ist Schaber zufolge beispielsweise die „Freiwillige Selbstversklavung [...] unverträglich [...] mit der Idee der Würde des Menschen“ (Schaber 2008, 195), da sich der Mensch in einem solchen Falle selbst erniedrigt und sich somit selbst nicht achtet. Schaber räumt zwar ein, dass es in gesonderten Fällen möglich sei, auf bestimmte Ansprüche und Rechte freiwillig zu verzichten (vgl. Schaber 2008, 196). Die Ansprüche, die jedoch im Zusammenhang mit der Würde bestünden, müssten aus Schabers Sicht anders behandelt werden, denn es sei „nicht bloss die Würde des anderen, sondern auch die eigene Würde […] unantastbar“ (Schaber 2008, 197). „Denn es ist nicht so, dass ich mich verpflichte, mich selbst vor anderen nicht kriecherisch zu verhalten; es ist meine eigene Würde, der ich dies schulde. Meine Selbstachtung kann von anderen verletzt werden, indem sie mich erniedrigen. Meine Selbstachtung kann aber auch von 3.2.5.1.3 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 129 mir selbst verletzt werden, indem ich mich selbst aus niederen Motiven verleugne.“ (Schaber 2012a, 108) Demnach ist also die inhärente Würde der Anspruch einer Person auf Selbstachtung, aus der sich die moralischen Rechte von Personen ergeben. Diese Rechte seien jedoch nicht mit der Würde gleichzusetzen: „Würde ist nicht einfach ein anderes Wort für moralische Rechte oder Menschenrechte“ (Schaber 2008, 199f.). Dabei bin nicht nur ich anderen und sind andere mir gegenüber, sondern bin auch ich mir selbst gegenüber verpflichtet. Diese Auffassung ruft weitere Kritik hervor: Zunächst unterscheidet Schaber schließlich ausdrücklich zwischen angeborener und erwerbbarer Würde. Die erwerbbare Würde empfängt, bewahrt oder wiedererlangt der Mensch aus Schabers Sicht durch entsprechendes Verhalten. Die inhärente Würde sei hingegen angeboren. Wenn er nun davon spricht, der Mensch besäße Pflichten gegen sich selbst, die vom eigenen Verhalten abhängen, sich beispielsweise nicht selbst zu versklaven, scheint er sich in diesem Moment nicht mehr mit der inhärenten, sondern mit der kontingenten Würde zu befassen. Eine weitere Problematik ergibt sich durch seine Annahme, dass man zwar sich selbst gegenüber verpflichtet ist, aber dadurch auch die Möglichkeit besteht, sich von den eigenen Pflichten entbinden zu können. Dies erkennt Schaber offensichtlich selbst: „Bei Pflichten gegen sich selbst sind der Verpflichtende und der Verpflichtete identisch. Ich bin es, der verpflichtet und ich bin es gleichzeitig, der verpflichtet wird. [...] Das Problem, das sich aus der Identität von Verpflichtendem und Verpflichtetem ergibt, ist dies: Wenn ich der Verpflichtende bin, dann kann ich mich jederzeit von der Pflicht wieder entbinden.“ (Schaber 2012a, 106) Er ist trotzdem der Überzeugung, dass es bestimmte Verhaltensweisen gibt, durch die man seine eigene Würde verletzen kann: „Wer sich beispielsweise, um anderen zu gefallen, kriecherisch verhält, achtet sich selbst nicht, achtet seine eigene Würde nicht und verletzt damit eine Pflicht gegen sich selbst.“ (Schaber, 2012a, 108) Fraglich ist, wie diese Möglichkeit des Entbindens von Pflichten mit der Möglichkeit, seine eigene Würde verletzen zu können, einhergehen soll, zumal auch nicht geklärt ist, wie weit das Selbstverfügungsrecht reicht. Es wird außerdem nicht erläutert, was genau mit „kriecherischem Verhalten“ gemeint sein soll. Ist mein Verhalten schon kriecherisch, wenn ich gegen meinen Willen etwas tue, was meine Vorgesetzte oder mein Vorgesetzter beispielsweise von mir verlangt? Würden Prominente, die aufgrund 3. Zum Würdebegriff 130 finanzieller Nöte oder der Angst vor einem endgültigen Ende ihrer Karriere in den Big Brother-Container ziehen, von Schaber als kriecherisch bezeichnet, obwohl sie glauben, ihre Würde so bewahren zu können? Und würde Schaber es als „unmoralisch“ oder „würdelos“ bezeichnen, wenn man zugunsten anderer freiwillig bestimmte eigene Rechte aufgibt bzw. die Pflichten gegen sich selbst nicht achtet? Es scheint darüber hinaus auch im Rahmen der Konzeption von Schaber keinen Sinn zu machen, von Pflichten gegen sich selbst zu sprechen, weil er einerseits behauptet, dass wir das Recht besitzen, über uns selbst verfügen zu können, aber gleichzeitig der Pflicht unterliegen, nicht über alle Bereiche frei verfügen zu dürfen. Dann aber stellt sich die kritische Nachfrage: Wozu sollen wir genau verpflichtet sein? Dies zeigt einen Widerspruch in seiner Argumentation, der ebenfalls nicht aufgeklärt wird. Wem kommt nach Schabers Auffassung Würde zu? Bislang wurde erläutert, was Schaber unter Würde versteht und wer diese Würde zu achten hat. Es bleibt noch zu klären, wem nach dieser Auffassung überhaupt Würde zukommt. Zunächst ist anzumerken, dass in seinen Ausführungen an einigen Stellen nicht von der Würde des Menschen, sondern von der Würde von Personen die Rede ist. Der Begriff der Person ist jedoch in der Moralphilosophie durchaus umstritten (vgl. z.B. Birnbacher 1997, 9f.), und es herrscht keine einhellige Meinung darüber, ob jeder Mensch zugleich eine Person und umgekehrt, ob jede Person auch ein Mensch ist32. Föten beispielsweise, die weder über Selbstbewusstsein noch über Rationalität verfügen, gehören zur ersten umstrittenen Kategorie. Menschenaffen, bei denen möglicherweise Rationalität und Selbstbewusstsein festgestellt werden können, gehören zur zweiten umstrittenen Kategorie. Die Problematik, die mit dem Personenbegriff einhergeht, scheint Schaber bewusst zu sein, denn er geht explizit „davon aus, dass Personen Würde haben, ohne die Frage zu klären, welche Wesen Personen sind“ (Scha- 3.2.5.1.4 32 Vgl. z.B. Singer 2013, 142f.: Singer ist der Auffassung, dass Personen Lebewesen sind, die über Rationalität und Selbstbewusstsein verfügen. Anhand zahlreicher empirischer Beispiele zeigt Singer, dass gemäß seiner Begriffsdefinition auch nicht-menschliche Lebewesen zu den Personen gezählt werden müssen, nämlich solche, die über die für den Personenbegriff bedeutsamen Eigenschaften verfügen, wie zum Beispiel die großen Menschenaffen oder auch Delfine. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 131 ber 2008, 190). Gleichzeitig spricht er aber von Menschenwürde, was eine weitere Problematik in seine Theorie einbringt. Menschenwürde ist schließlich aus dem gerade genannten Grund zu unterscheiden von Personenwürde. Diese Differenzierung ist in dieser Debatte von großer Bedeutung, insbesondere weil Schaber behauptet, dass die Fähigkeit zur Selbstachtung nicht allen menschlichen Wesen gleichermaßen zukomme (vgl. Schaber 2013a, 91): „Wenn die Menschenwürde der Anspruch auf Selbstachtung ist, und die Verletzung der Würde in der Verletzung dieses Anspruchs besteht, dann kann nur solchen Wesen berechtigterweise und sinnvollerweise Menschenwürde zugesprochen werden, die sich selbst achten können. Diese Fähigkeit kommt jedoch nicht allen menschlichen Wesen gleichermaßen zu. Selbstachtung setzt gewisse kognitive Kompetenzen voraus, wie etwa ein Bewusstsein seiner selbst (Selbstbewusstsein) sowie die Fähigkeiten, die man haben muss, um über ein Selbstverständnis zu verfügen, d.h. ein Verständnis dessen, was man sein und wie man behandelt werden will. Ohne ein solches Selbstverständnis könnte man das, was einem durch andere angetan wird, nicht als erniedrigend oder herabsetzend erfahren.“ (Schaber 2013a, 91) Aus Schabers Interpretation des Würdebegriffs folgt also, dass nicht allen Wesen und vor allem nicht allen menschlichen Wesen Würde zugesprochen werden kann. Lediglich solche Lebewesen, die über gewisse kognitive Fähigkeiten verfügen, haben dieser Ansicht nach auch Würde. Dies scheint jedoch eine Tautologie zu sein: Wenn Würde der Anspruch auf Selbstachtung ist, und Würde besitzt, wer sich selbst achten kann, dann bedeutet dies nichts anderes als: Würde hat, wer Würde hat. Ähnlich beschreibt er dies sogar selbst, wenn er behauptet: „wir schreiben Personen dieses Recht zu, weil wir sehen, dass sie ein solches Recht haben“ (Schaber 2013a, 91). Dies zeigt jedoch deutlich, dass er keine überzeugende Begründung für die Zuschreibung von Würde anbieten kann. Da Würde bei Schaber mit dem Anspruch auf Selbstachtung gleichgesetzt wird und Würdeverletzungen durch Erniedrigungen zustande kommen, müssen diejenigen Wesen, denen Würde zugeschrieben wird, außerdem auch über die Fähigkeiten verfügen, sich selbst achten und Erniedrigungen empfinden zu können. Das bedeutet jedoch, dass – ähnlich wie dies in manchen Konzeptionen des Personenbegriffs geschieht – einige menschliche Wesen, beispielsweise Kleinstkinder und stark geistig behinderte Menschen (Schaber 2013a, 91), von der Gruppe der Träger inhärenter Würde ausgeschlossen werden. 3. Zum Würdebegriff 132 Auch dieser Problematik ist sich Schaber bewusst, und er räumt ein, dass einige seinen Vorschlag aus diesem Grund für unbefriedigend halten könnten (vgl. Schaber 2013a, 92). Er fasst diese Konsequenz jedoch nicht als Einwand gegen seine vorgelegte Theorie auf. Schaber zufolge bedeutet der Ausschluss von Kleinstkindern, Embryonen und Föten aus der Gruppe der Würdeträger schließlich nicht, dass sie moralisch nicht beachtet werden müssen. Sie haben seiner Ansicht nach trotzdem einen moralischen Status, der ihnen bestimmte moralische Rechte und eine Schutzwürdigkeit einräumt, denn „wir können einem Wesen um seiner selbst willen verpflichtet sein, d.h. Pflichten ihm gegenüber haben, ohne, dass diesem Wesen Würde zukommt“ (Schaber 2013a, 94). Diesen moralischen Status sieht er in „einer breit geteilten moralischen Intuition“ (Schaber 2013a,93) begründet und ist der Überzeugung, dass die Menschenwürde nicht der „einzige Grund moralischer Pflichten“ (Schaber 2013a, 94) ist. Fraglich ist, ob eine „breit geteilte Intuition“ eine ausreichend überzeugende Begründung für die moralische Beachtung eines Wesens darstellt. Schließlich kann es auch breit geteilte Intuitionen geben, die aus Sicht derer, die sie nicht haben oder vertreten, unmoralisch sind, aber von den Vertretern der Intuition als moralisch angesehen werden. Ohne eine moralphilosophische Theorie als Basis einer Überlegung lassen sich durch Intuitionen schließlich beliebige und damit wohl auch unmoralische Handlungen rechtfertigen. Darüber hinaus bleibt offen, was dieser moralische Status bedeutet, wem er genau zukommt und was die damit zusammenhängende Schutzwürdigkeit exakt beinhaltet. Die Idee des moralischen Status von Kleinstkindern klingt überdies so, als sei dies eine Art zweite Würdekonzeption in abgeschwächter Version, nämlich für Wesen, die sich (noch) nicht selbst achten können. Außerdem ergeben sich weitere Komplikationen, wenn man die Würdezuschreibung zu einer begrenzten Gruppe menschlicher Wesen und Schabers Definition der inhärenten Würde betrachtet: Er selbst behauptet, die inhärente Würde sei den Menschen angeboren. Gleichzeitig ist er aber der Überzeugung, Kleinstkindern und Föten käme diese Würde nicht zu, da sie nicht über die Fähigkeit verfügen, sich selbst achten zu können. Wie lässt sich nun die Auffassung, inhärente Würde sei etwas Angeborenes mit der Überzeugung vereinbaren, dass Föten und Kleinstkindern diese Würde nicht zukommt? Er scheint sich selbst zu widersprechen, wenn er behauptet: „Die Gemeinschaft derer, die eine inhärente Würde haben, wird – und das ist in unserem Zusammenhang wichtig – durch den Begriff der inhärenten Würde festgelegt. Wenn mit ‚Würde’ der Anspruch, ein Le- 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 133 ben in Selbstachtung zu führen, gemeint ist, dann haben diejenigen Wesen Würde, die sich selbst achten können.“ (Schaber 2012a, 82) Entweder müsste Schaber die Überzeugung aufgeben, Würde sei angeboren, oder er müsste auch Kleinstkindern und Neugeborenen den Anspruch auf Selbstachtung und die damit zusammenhängenden Rechte einräumen. Vielleicht geht er davon aus, dass das Potential für den zukünftigen Besitz der Menschenwürde angeboren ist. Die moralische Berücksichtigung von Potentialen birgt jedoch, wie schon erläutert, weitere Problematiken, so zum Beispiel, wenn die Frage geklärt werden muss, ab welchem Zeitpunkt nicht mehr nur von Potential, sondern vom Besitz von Würde gesprochen werden kann. Die Auffassung, bestimmte menschliche Wesen seien von der Gruppe der Würdeträger ausgeschlossen, scheint darüber hinaus in bundesdeutscher rechtlicher Perspektive mit dem Grundgesetz in Konflikt zu geraten, in dem die Würde aller Menschen als unantastbar deklariert wird. Dies ist problematisch, da Schaber gleich zu Beginn seiner Ausführungen angibt, sich mit dem Würdebegriff des Grundgesetzes auseinandersetzen zu wollen. Darüber hinaus wird an keiner Stelle angesprochen, ob auch diejenigen Wesen, die vorübergehend die Fähigkeit über sich selbst zu verfügen nicht besitzen, wie beispielsweise Komapatienten, Träger der inhärenten Würde sind, oder ob sie die Würde vorübergehend verlieren – was abermals mit der Auffassung unverträglich wäre, dass Würde angeboren sei. Zwischenfazit Sich selbst zu achten, über bestimmte Freiheiten und Rechte zu verfügen und diese von anderen einfordern zu können, scheint mutmaßlich mit verbreiteten Verständnissen von Würde einherzugehen. Auch ein Hinweis darauf, dass der Begriff der Würde sehr vielseitig verwendet wird und manchmal gar nicht von der Würde, die im Grundgesetz gemeint ist, die Rede ist, wie zum Beispiel im Falle der richterlichen Würde, scheint zunächst sinnvoll, auch wenn die von Schaber vorgelegte Differenzierung zwischen inhärenter und kontingenter Würde aus den genannten Gründen wenig überzeugt. Anhand Schabers Thesen lässt sich – aufgrund der mangelnden Bestimmungen einschlägiger Begriffe und der dargelegten Inkohärenzen – keine Aussage darüber treffen, ob die Würde von Kandidatinnen und Kandidaten im Reality TV bisweilen verletzt wird oder nicht. So kann seiner Theorie nach die Würde von Wesen, die sich nicht selbst achten können, über- 3.2.5.1.5 3. Zum Würdebegriff 134 haupt nicht verletzt werden, weil diese Schaber zufolge keine Würde haben. Aussagen über mögliche Würdeverletzungen von Kleinstkindern, komatösen Patienten und Menschen mit Behinderungen im Fernsehen würden somit unmöglich. Auch aufgrund der fehlenden Erläuterung, was die Schutzwürdigkeit und der moralische Status genau beinhalten, lässt sich nichts darüber aussagen, wann – wenn schon ihre Würde nicht verletzt werden kann – beispielsweise mit Kleinstkindern oder schwer behinderten Menschen im Fernsehen würdeverletzend verfahren wird. Wird eine erwachsene, zur Selbstachtung fähige TV-Kandidatin gegen ihren Willen von den Fernseh-Produzenten zu bestimmten Handlungen gezwungen, wie dies beispielsweise bei einer Teilnehmerin gemäß ihrer späteren Aussagen in der Kuppelshow Schwer Verliebt der Fall war33, könnte Schaber behaupten, dass nicht nur die Autonomie der Kandidatin, sondern auch ihr Recht, über sich selbst verfügen zu können, nicht geachtet wird. Daraus könnte nun gefolgert werden, dass hier eine Würdeverletzung auf Basis der Schaberschen Würdekonzeption vorliegt. Problematisch an dieser Annahme ist jedoch, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten meist vertraglich auf die Einschränkung des Selbstverfügungsrechtes festlegen und damit bestimmten Verfahrensweisen zustimmen. Könnte Schaber also, wenn die Kandidatin oder der Kandidat zuvor einer solchen Behandlung zugestimmt hat, überhaupt von Würdeverletzungen sprechen? Außerdem sind Fälle vorstellbar, in denen eine Kandidatin oder ein Kandidat sogar jederzeit das Gefühl haben kann, sie bzw. er hätte sich selbst geachtet, während Zuschauer aber von einer eindeutigen Verletzung ihrer bzw. seiner Würde sprechen würden. Es wäre darüber hinaus auch denkbar, dass sich Teilnehmende bewusst dazu entscheiden, sich öffentlich so behandeln zu lassen, dass ihre Würde verletzt wird. Dann müsste man fragen, ob eine für Außenstehende würdeverletzende Darstellung der Kandidatin oder des Kandidaten dennoch keine Verletzung der Würde darstellt, da er und andere ja ihr bzw. sein Selbstverfügungsrecht eindeutig achten. Wenn nicht klar ist, wie weit man über sich selbst verfügen darf, lässt sich außerdem nicht feststellen, ob eine Kandidatin oder ein Kandidat aufgrund der Teilnahme an einer solchen Show ihre bzw. seine Würde verletzt. 33 In Interviews nach dem Dreh erklärten die Kandidaten, dass sie zu bestimmten Handlungen gezwungen wurden und ihnen mit Vertragsstrafen gedroht wurde, falls sie die Handlungen nicht durchführten (vgl. Der Westen, 2015). 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 135 Eine eindeutige Definition für den grundlegenden Begriff der Selbstachtung sucht man in Schabers bisher veröffentlichten Texten vergeblich. Zwar erläutert er, wie oben wiedergegeben wurde, was Selbstachtung nicht ist, dass sie nämlich nicht mit Selbstwertschätzung oder Autonomie zu verwechseln sei. Darüber hinaus erklärt er, dass Selbstachtung mit einem moralischen Status (vgl. Schaber 2012b, 6), einem authentischen Willen (vgl. Schaber 2008, 198) und dem Recht, über sich selbst verfügen zu können, in Verbindung stehe und dass sie nicht mit einem Recht oder einer Sammlung von Rechten, wie etwa Birnbacher behaupte, identisch sei. Aber was es bedeutet, sich selbst zu achten, wird letztlich nur durch einen weiteren ungeklärten Begriff erläutert, nämlich durch den Begriff „Selbstverfügungsrecht“. Das also, was Schaber anderen Theorien zum Vorwurf macht, nämlich dass sie lediglich Synonyme für das Wort „Würde“ einsetzen und der Begriff somit seinen „normativen Gehalt“ (Schaber 2012a, 54) verliert, kann Schaber selbst zum Vorwurf gemacht werden34. „Es stellt sich dann allerdings die Frage, was der Würdebegriff normativ noch bedeutet. Eine eigenständige normative Rolle scheint er in dieser [Birnbachers] Konzeption nicht übernehmen zu können. Statt von Würde könnte man von grundlegenden Rechten sprechen, die gegenüber anderen Rechten Vorrang besitzen. Der Begriff der Würde wird damit aber redundant, da ihm kein spezifischer normativer Gehalt zugeschrieben wird.“ (Schaber 2012a, 54) Als Reaktion auf Schabers Vorschlag ließe sich formulieren: „Statt von Würde könnte man vom Anspruch, sich selbst zu achten oder vom Recht, über sich selbst verfügen zu können, sprechen“. Entsprechend müsste man somit seine Theorie, ähnlich wie Schaber dies mit Birnbachers Vorschlag unternimmt, verwerfen. Es ist außerdem fraglich, ob jeder erwachsene Mensch über diese Fähigkeit, sich selbst achten zu können, verfügt und ob es sinnvoll ist, den Besitz von Würde an eine solche zu binden. All die in diesem Kapitel genannten, bislang ungeklärten und teils widersprüchlichen Aspekte entziehen Schabers Theorie die argumentative Grundlage. Es ist zwar nachvollziehbar, was er intendiert, wenn er über das Recht, über sich selbst zu verfügen, spricht; es fehlt aber an Kohärenz in seinen Überlegungen, weshalb die These, Würde sei der Anspruch auf Selbstachtung nicht überzeugen und bei der Beantwortung der Frage, ob Reality TV die Menschenwürde verletzt, nicht weiterhelfen kann. 34 Diesen Vorwurf erhebt auch Weber-Guskar gegen die Konzeption Schabers (vgl. Weber-Guskar 2016, 77). 3. Zum Würdebegriff 136 Auch Stoecker nimmt, wie eingangs erwähnt, Bezug auf Selbstachtung im Zusammenhang mit seiner Erklärung des Würdebegriffs. Wie Stoecker seine Position auf das Reality TV bezieht und inwiefern sich seine Argumentation von der Schabers unterscheidet, wird in den folgenden Abschnitten dargelegt. Würde bei Ralf Stoecker Entwertung eines ethischen Maßstabes Ralf Stoecker ist der einzige bekannte deutschsprachige Philosoph, der sich konkret mit der Frage nach Menschenwürdeverletzungen im Reality TV befasst hat. In Superstars und Menschenwürde. Erläuterungen zu einem zentralen ethischen Begriff untersucht er, ob die Behauptung des Bischofs Wolfgang Huber, die Casting-Show Deutschland sucht den Superstar verletze die Menschenwürde der Kandidatinnen und Kandidaten, so trivial und wahr sei, wie sie auf den ersten Blick scheine (vgl. Stoecker 2007, 70). Denn gleichzeitig klinge der Vorwurf des Bischofs „angesichts einer geschmacklosen Fernsehshow maßlos überzogen“; eine Menschenwürdeverletzung sei der „ultimative Tabubruch“ und sie bezeichne gewöhnlich weitaus schwerere Vergehen (vgl. Stoecker 2007, 70): „Wenn dies schon Menschenwürdeverletzungen sind, könnte man sagen, was bleibt uns dann übrig, um Folter, Vergewaltigung und Sklaverei angemessen zu bewerten. Ein wichtiger ethischer Maßstab scheint ohne Not verschlissen und entwertet zu werden.“ (Stoecker 2007, 70) Ließe man die Behauptung des Bischofs unhinterfragt so stehen, so würde Stoecker zufolge also ein wichtiger ethischer Maßstab „entwertet“. Die scheinbare Paradoxie, auf der einen Seite dazu zu neigen, dem Bischof zustimmen zu wollen, auf der anderen Seite aber den Eindruck zu haben, damit eine überzogene ethische Aussage zu treffen, sei überdies charakteristisch für etliche Aussagen, die den Begriff der Menschenwürde enthalten. Sie könne sich Stoecker zufolge aber lösen lassen. Um seine Argumentation besser nachvollziehen zu können, wird im Folgenden an einigen Stellen zusätzlich auf einen seiner bereits früher erschienenen Texte zur Menschenwürde Bezug genommen. 3.2.5.2 3.2.5.2.1 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 137 Würde und Selbstachtung – ein komplexes Verhältnis Wie Schaber und Nida-Rümelin ist Stoecker grundsätzlich der Überzeugung, dass Würde im Zusammenhang mit Selbstachtung steht, allerdings in einem deutlich komplexeren Verhältnis als es in den zuvor erörterten Theorien der Fall sei (vgl. Stoecker 2004, 108). Seiner Meinung nach liegt der Fehler bei Nida-Rümelin und folglich auch bei Schaber darin, „ausgehend vom Zusammenhang zwischen Selbstachtung und Menschenwürde darauf zu schließen, dass jemand, der keine Selbstachtung hat, auch keine zu respektierende Würde hat“ (Stoecker 2004, 108). Diesem Fehler versucht Stoecker zu entgehen, indem auch er zwischen verschiedenen Formen der Würde differenziert. Auch seiner Ansicht nach ist die „kontingente“ oder, wie er sie in seinen früheren Texten bezeichnet, „individuelle“ Würde (vgl. Stoecker 2004, 111ff.) nicht dasselbe wie die Menschenwürde. Die individuelle Würde ergebe sich aus der Tatsache, dass Menschen „Rollen als individuelle Personen einnehmen, die (wie bestimmte Ämter) schützenswert und empfindlich gegenüber Missachtung sind“ (Stoecker, 2004, 116). Diese Rollen müssten nicht nur von anderen, sondern auch von einem selbst geachtet werden, da eine Missachtung zu Kränkung und Verletzung der individuellen Person führe. Es folge dabei aus dem Umstand, dass sich ein Mensch, beispielsweise ein Kleinstkind, nicht selbst achten könne, nicht zwangsläufig, dass er keine individuelle Würde besitze, sondern könne auch bedeuten, dass „die Würde auf Gedeih und Verderb der Fürsorge anderer ausgeliefert ist“ (Stoecker 2004, 115). Die Fähigkeit zur Selbstachtung ist also bei Stoecker keine Voraussetzung für den Besitz von Würde, sondern sie trägt dazu bei – sofern man dazu fähig ist –, seine individuelle Würde zu schützen. Im Gegensatz zur Theorie Schabers, in der die kontingente Würde nur zur Abgrenzung von der eigentlich zu behandelnden „inhärenten“ Würde erwähnt und in den Ausführungen insgesamt außen vor gelassen wird, müsse laut Stoecker die individuelle Würde allerdings als eng mit der von Schaber so bezeichneten „inhärenten“ Würde verbunden verstanden werden: „Die Menschenwürde ist etwas anderes als die kontingente Würde, aber sie hängt mit ihr zusammen“ (Stoecker 2007, 74) und zwar in diesem Sinne: „Dass wir eine Menschenwürde haben, heißt meines Erachtens, dass es uns wesentlich ist, eine kontingente Würde zu haben. Das grundgesetzliche Verbot, die Würde des Menschen anzutasten, besagt: Jeder Mensch muss die Möglichkeit erhalten, sein Leben in (kontingenter) 3.2.5.2.2 3. Zum Würdebegriff 138 Würde zu leben, ohne von seinen Mitmenschen bloßgestellt oder gedemütigt zu werden.“ (Stoecker 2007, 74) Stoecker geht also davon aus, dass dem Menschen eine Menschenwürde zukommt, weil er eine kontingente bzw. individuelle Würde besitzt. Primär sei es dabei Aufgabe jedes einzelnen Menschen, sich in Form der Selbstachtung um seine kontingente Würde zu kümmern. Dazu gehöre, sich nicht selbst bloßzustellen, sich nicht lächerlich zu machen und seine Würde nicht für Geld, Erfolg oder Ruhm zu verkaufen (vgl. Stoecker 2007, 74). Selbstachtung ist Stoecker zufolge „eine Haltung, die jemand sich selbst gegenüber einnimmt“, und diese „Haltungen als Denk-, Empfindungs- und Verhaltensmuster [machen] einen wesentlichen Teil der Persönlichkeit eines Menschen aus“ (Stoecker 2004, 109). Der große Unterschied zu Schabers Konzeption ist also der folgende: Stoecker geht davon aus, dass die kontingente Würde durch Selbstachtung gewahrt werden muss; Schaber bezieht sich in seinen Ausführungen ausschließlich auf die inhärente Würde, die mit dem Anspruch auf Selbstachtung in Verbindung zu sehen ist. Im Gegensatz zu Margalit und Schaber, welche explizit Selbstachtung von Selbstwertschätzung unterscheiden, ist Stoecker außerdem der Auffassung, dass Achtung eine Form der Wertschätzung sei: „Wen wir achten, dem schreiben wir einen Wert zu, wir betrachten ihn als wertvoll. […] Zur Achtung gehört also die Annahme, dass dem Geachteten eine bestimmte Handlungsweise gebührt“ (Stoecker 2004, 109f.). Selbstachtung bei Stoecker bezieht sich folglich nicht direkt auf die Menschenwürde, sondern primär zunächst auf die individuelle Würde. Die Menschenwürde wird jedoch gewahrt, wenn es dem Individuum möglich ist, seine individuelle Würde durch Selbstachtung zu schützen. Menschenwürdeverletzungen Was genau mit dem Schutz der individuellen Würde durch Selbstachtung gemeint ist, versucht Stoecker anhand von Beispielen für Menschenwürdeverletzungen zu verdeutlichen: Sind die äußeren Bedingungen derart beschaffen, dass es den Menschen grundsätzlich möglich ist, sich selbst zu achten, so sollte bei einer Missachtung der individuellen Würde nicht von einer „Menschenwürdeverletzung“ die Rede sein. Die freiwillige Teilnahme an einer Fernsehshow könne deshalb keine Menschenwürdeverletzung darstellen, sondern sei allenfalls eine Verletzung der individuellen bzw. kontingenten Würde eines Menschen, da er schließlich nicht dazu gezwungen sei, an dieser Show teilzunehmen. 3.2.5.2.3 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 139 Nicht immer sei es jedoch möglich, seine kontingente Würde zu wahren. Opfer von Folter oder Rassismus seien aufgrund äußerer Einflüsse nicht (mehr) in der Lage, sich selbst und ihre individuelle Würde zu achten. In solchen Fällen müsse von „Menschenwürdeverletzungen“ gesprochen werden (vgl. Stoecker 2007, 74). Dabei teilen sich die Verletzung der kontingenten Würde sowie die Menschenwürdeverletzung die Eigenschaft, demütigend und erniedrigend zu sein. „Es handelt sich aber auch nicht einfach um ein ganz anderes Phänomen, es teilt mit den wirklichen Menschenwürdeverletzungen den erniedrigenden, demütigenden Charakter, Menschen dazu zu bringen, ihre kontingente Würde zu verlieren. Insofern hatte Bischof Huber einerseits Recht und andererseits Unrecht, als er Dieter Bohlen und RTL vorwarf, sie hätten die Menschenwürde der Kandidaten verletzt. Genau genommen haben sie nur ihre normale, kontingente Würde verletzt, in dem sie die jungen Leute bloß gestellt und gedemütigt haben.“ (Stoecker 2007, 74) Typische „Themenfelder“, in denen man von Menschenwürdeverletzungen spräche, seien globale Armut, Krieg, politische Unterdrückung, Sexismus und Rassismus, Missachtung von Schwäche sowie Arbeitslosigkeit und relative Armut (vgl. Stoecker 2007, 73). Dabei räumt Stoecker ein, dass sich diese Liste noch um weitere Themen erweitern ließe: „In all diesen (und zweifellos noch weiteren) Bereichen werden Menschen auf eine Weise behandelt, wie sie niemals behandelt werden dürften. Der Begriff der Menschenwürde ist so wichtig, weil er es uns erlaubt, dieses Verhalten angemessen zu beschreiben.“ (Stoecker 2007, 73) Das Verhalten der Casting-Show-Kandidaten und die Demütigungen, die sie durch die Jury über sich ergehen lassen müssen, zählt Stoecker jedoch eindeutig nicht zu dieser Liste der Menschenwürdeverletzungen. Seiner Meinung nach könne schließlich jeder wissen, worauf er sich einlässt, wenn er an Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ teilnehme. Es mangele den Kandidaten schlicht und ergreifend an Selbstachtung, wenn sie sich von der Aussicht auf „Ruhm und Erfolg“ blenden und zur Teilnahme verleiten ließen (Stoecker 2007, 74). Aus diesem Grund werde nicht ihre Menschenwürde, sondern allenfalls ihre individuelle Würde verletzt. Der einzige Vorwurf, den er dem Produktionsteam der Sendung macht, lautet, dass sie diese Schwächen der Kandidatinnen und Kandidaten ausnutzten, „ja dass sie ein ganzes Sendekonzept darauf gegründet haben, dass 3. Zum Würdebegriff 140 sich junge Leute auf diese Weise lächerlich machen, anstatt sie, wie es eigentlich geboten wäre, darin zu unterstützen, ihr Gesicht zu wahren“ (Stoecker 2007, 75). Auch wenn hier keine Verletzung der Menschenwürde vorliege, müsse man von einem Mangel an Anstand seitens der Fernsehsender sprechen (vgl. Stoecker, 2007, 75). An dieser Stelle drängen sich gleich mehrere Fragen auf: Ist es wirklich richtig, anzunehmen, dass alle Teilnehmenden dieser Sendung wissen, worauf sie sich einlassen? Und wird dies durch die Produzenten in irgendeiner Weise sichergestellt? Auf diese Fragen wird im Laufe der Studie noch zurückzukommen sein. An dieser Stelle lässt sich jedoch bereits feststellen, dass die Aussage Stoeckers, Kandidatinnen und Kandidaten wüssten, worauf sie sich einlassen, nur gilt, bis etwa gänzlich neue, die Würde verletzende TV-Formate eingeführt werden, bei denen die Teilnehmenden im Voraus nicht wissen (können), zu welchen Taten sie vor der Kamera genötigt werden. Fraglich ist auch, ob Stoecker die Teilnahme für den Fall, dass sie sich beispielsweise in einer finanziellen Notlage von einer (vermutlich viel zu niedrigen) Gage locken lassen, immer noch „nur“ als einen Mangel an Selbstachtung oder vielleicht doch als eine Menschenwürdeverletzung ansieht. Schließlich würden in so einem Fall die Schwächen der Kandidatinnen und Kandidaten absichtlich ausgenutzt. Und wann genau wird laut Stoecker die individuelle Würde einer Person verletzt? Wenn dies mit der Achtung der Person sich selbst gegenüber einhergeht, kann im Prinzip nur sie selbst bestimmen, wann sie ihre Würde als verletzt ansieht, und es wäre Außenstehenden unmöglich zu beurteilen, ob eine Person ihre individuelle Würde wahrt oder nicht. Problematisch an dieser Ansicht ist, dass ein und dieselbe Handlungsweise gegenüber verschiedenen Personen mal zu einer Würdeverletzung führt, mal nicht. Das bedeutet, eine Handlung kann für Person A eine Würdeverletzung darstellen, ohne dass eine beliebige weitere Person dies so sieht. Damit entsteht hier möglicherweise ein zu großer Interpretationsspielraum (je nach Empfindlichkeiten) oder sogar eine Willkür eines Individuums, wenn es um die moralische Bewertung einer Handlung geht. Außerdem könnte ein Kandidat oder eine Kandidatin während der ersten Zeit nach der Teilnahme an solch einer Show durchaus noch von sich behaupten, er oder sie habe sich selbst geachtet, aber seine bzw. ihre Meinung dazu im Laufe der Jahre ändern. Hat er bzw. sie dann de facto die individuelle Würde gewahrt oder nicht? Ein weiteres Problem stellt dar, dass Stoecker die Missachtung von Schwäche sowie Sexismus und Rassismus als eine der eindeutigen Menschenwürdeverletzungen nennt, was seiner Ansicht nach offensichtlich für Reality TV-Formate und ihre Kandidatinnen und Kandidaten nicht gilt. 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 141 Dabei gibt es durchaus Formate, denen derartige Vorwürfe gemacht werden können und es ist fraglich, ob es allein die Schuld mangelnder Selbstachtung der Teilnehmenden oder nicht doch vielmehr die Verantwortung der Sender ist, dies zu vermeiden. Darüber hinaus ist unklar, ob die Bezeichnung entwürdigender TV-Szenen als „Menschenwürdeverletzungen“ eine „Entwertung des Maßstabes“ Menschenwürde zur Folge hätte. Es zeigt doch eher, dass auch hier – Zitat Stoecker – „Menschen auf eine Weise behandelt [werden], wie sie niemals behandelt werden dürften“ (Stoecker 2007, 73), auch wenn sie vermeintlich freiwillig daran teilnehmen. Die Antworten auf diese Fragen bleibt Stoecker schuldig. Ebenso bleibt offen, was er genau unter „Menschenwürde“ versteht. In keinem seiner Texte wird ausdrücklich definiert, was genau „Menschenwürde“ seiner Ansicht nach besagt. Ausgeführt wird lediglich, unter welchen Bedingungen sie verletzt wird, wobei auch diese Bedingungen nicht eindeutig festgelegt werden und wie in seinem Text Superstars und Menschenwürde eher der Form der Menschenrechtsverletzung gleichen – hier werden Beispiele wie die Missachtung von Armut, Tötung, Vertreibung, Schändung und Verletzung genannt. Dies stellt auch Eva Weber-Guskar fest, interpretiert Stoecker aber wohlwollend und bescheinigt seiner Theorie „einige Plausibilität“. Die Vorstellung, wie sie von Stoecker vertreten wird, dass Menschenwürde bedeute, in seiner Würde im eigentlichen Sinn geachtet und unterstützt zu werden, klinge so, „als werde damit auf den positiv wertvollen Zustand verwiesen, in dem sich Menschen befinden, wenn es ihnen aufgrund gewährter Umstände und eigenem Zutun gelingt, ihre Würde in verschiedenen sozialen Kontexten aufrechtzuerhalten. Menschenwürde wäre dann eine bestimmte Verfassung, in der eine individuelle Person sein kann. Ich denke, diese Idee hat einige Plausibilität“ (Weber-Guskar 2016, 73). Weber-Guskars Vorschlag, Menschenwürde bei Stoecker als eine Art Zustand zu verstehen, in dem die Bedingungen für die Achtung ihrer individuellen Würde gegeben sind, ist nachvollziehbar. Trotz einiger problematischer Aspekte überzeugt Stoeckers Theorie in großen Teilen. Seine Ausführungen zu Würdeverletzungen erscheinen jedoch zu knapp und zu voraussetzungsreich und bedürfen weiterer Prüfung. Bezüglich seiner Überlegungen zum Reality TV ist zu überlegen, ob die vermeintliche Freiwilligkeit der Kandidatinnen und Kandidaten dazu berechtigt, derartige Darstellungen von ihnen zu produzieren und zu verbreiten. Zudem bleibt auch hier letztlich die Frage offen, was genau mit Menschenwürde gemeint bzw. ob dieser Begriff tatsächlich notwendig oder vielleicht verzichtbar ist. 3. Zum Würdebegriff 142 Zusammenfassung In diesem Kapitel wurden verschiedene Vorschläge betrachtet, die sich mit der Fragestellung beschäftigen, inwiefern eine Verbindung zwischen „Menschenwürde“ und „Selbstachtung“ besteht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich sicherlich – ob man nun Nida-Rümelin, Margalit, Schaber oder Stoecker betrachtet – gute Gründe dafür finden lassen, eine Verbindung zwischen Menschenwürde und Selbstachtung zu sehen. Wer sich selbst nicht achtet, achtet wohl auch seine Würde nicht – sollte sich herausstellen, dass wir eine solche besitzen. Diese Verbindung kann aber nicht hinreichend dazu beitragen, die Frage zu klären, was Menschenwürde ist. Selbstachtung scheint, zumindest ergibt dies die Analyse der oben untersuchten Positionen, vielmehr eine Voraussetzung für die Zuschreibung von Würde oder eine Konsequenz des Besitzes von Würde zu sein. Bei Schaber muss die Fähigkeit zur Selbstachtung vorhanden sein, damit man von einem Menschen aussagen kann, er habe Würde. Ebenso ist bei Stoecker Selbstachtung zum Schutz der individuellen Würde notwendig und wäre damit ebenfalls als eine Bedingung des Besitzes von Würde zu betrachten. Insgesamt ergibt es aber keinen Sinn, aus dieser begrifflichen Verbindung von „Würde“ und „Selbstachtung“ auf die These „Würde ist (identisch mit) Selbstachtung“ zu schlie- ßen. Dies würde nämlich bedeuten, dass eine Person jedes Mal, wenn sie sich nicht selbst achtet, keine Würde mehr besäße oder die eigene Würde missachtete, was mit dem Grundgesetz und der Vorstellung, dass jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft, Nationalität, Alters oder Geschlechts eine Würde besitzt, in Konflikt geraten würde. Außerdem scheint mit dem Begriff der Würde deutlich mehr zusammenzuhängen als nur Selbstachtung. So ist es durchaus vorstellbar, dass sich ein Kandidat einer Reality TV-Show selbst achtet, während ein Außenstehender der Überzeugung ist, dass der Kandidat mit der Teilnahme an der Show seine Würde verletzt bzw. die Würde von den Produzenten verletzt wird, indem sie zum Beispiel entwürdigende Handlungen von ihm fordern. Da die vorangegangenen Überlegungen aufzeigen, dass trotz ausführlicher Analysen und Argumentationen der Würdebegriff nicht geklärt wird, bleibt zu überlegen, ob Würde möglicherweise als ein leeres Wort zu verstehen ist. Einige Autorinnen und Autoren vertreten diese Position, die nachfolgend betrachtet wird. 3.2.5.3 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 143 „Würde“ – ein leeres Wort oder ein bedeutungsvoller Begriff? Aufgrund des offensichtlich mangelnden Konsenses über die Bedeutung von „Würde“ und der teils widersprüchlichen Thesen, die aus der Verwendung des Würdebegriffs folgen können, wird von einigen Autorinnen und Autoren die These vertreten, dass der Terminus „Würde“ entgegen seines bedeutenden Klanges bedeutungslos sei und in moralphilosophischen Diskursen ebenso gut auf ihn verzichtet werden könne (vgl. Birnbacher 2001, 243). Bereits Arthur Schopenhauer kritisiert den Würdebegriff und bezeichnet diejenigen, die ihn verwenden, als „gedankenlose Moralisten“. „Allein dieser Ausdruck ‚Würde des Menschen’, ein Mal von Kant ausgesprochen, wurde nachher das Schiboleth aller rath- und gedankenlosen Moralisten, die ihren Mangel an einer wirklichen oder wenigstens doch irgend etwas sagenden Grundlage der Moral hinter jenen imponirenden Ausdruck ‚Würde des Menschen’ versteckten, klug darauf rechnend, daß auch ihr Leser sich gern mit einer solchen Würde angethan sehn und demnach damit zufrieden gestellt seyn würde.“ (Schopenhauer 1979, 64) Eine weitere Vertreterin der Auffassung, der Menschenwürdebegriff sei – zumindest mit Blick auf medizinethische Debatten – unbrauchbar, ist Ruth Macklin. Sie behauptet: „Dignity is a useless concept in medical ethics and can be eliminated without any loss of content.“ (Macklin 2003). Neben der Bezeichnung als unbrauchbares Konzept oder „Zauberformel“ (Tag 2008, 98) wird Menschenwürde von ihren Kritikern auch als „conversation stopper“ (Birnbacher 2015, 243), als „Worthülse oder Leerformel“ (Hoerster 2004, 33), oder als „zahnloser Tiger“ (Borchers 2007, 130) bezeichnet. Wäre der Würdebegriff tatsächlich nichtssagend bzw. bedeutungslos, ließe sich folglich auch nicht bestimmen, worin Verletzungen der Würde bestehen könnten. Eine solche Überzeugung ließe sämtliche Überlegungen zu möglichen Würdeverletzungen – auch in Bezug auf Reality TV-Formate – sinnlos erscheinen. Aufgrund seiner Omnipräsenz und der trotz aller Widersprüche augenscheinlich großen Wirkungsmacht innerhalb ethischer sowie politischer und juristischer Debatten muss jedoch gründlich überlegt werden, ob „Menschenwürde“ ohne weiteres aus unserem Wortschatz und ethischen Überlegungen eliminiert werden darf. Eine Erläuterung der Verzichtbarkeitsthese, wie Dagmar Borchers sie bezeichnet (vgl. Borchers 2007, 130), und ihrer Gegenargumente darf deshalb in der vorliegenden Untersuchung nicht fehlen. 3.2.6 3. Zum Würdebegriff 144 Theologische Wurzeln als Begründungsproblem Einige Kritiker der Verwendung des Würdebegriffs in ethischen Kontexten behaupten, die Idee der Würde sei christlichen Ursprungs und daher als moralischer oder auch juristischer Maßstab in einem säkularisierten Staat nicht brauchbar. Sogar der Kantische Würdebegriff, der, wie bereits erläutert, in der Vernunftbegabung und Autonomie des Menschen begründet liegt, wird von einigen Autoren, wie beispielsweise Peter Stemmer, als aus der religiösen Tradition hervorgehend betrachtet. Die Würde als Eigenwert und die daraus folgende Sonderstellung des Menschen, von der Kant ausgeht, sei Stemmer zufolge ebenso wie die Gottesebenbildlichkeit eine „überempirische“ (vgl. Stemmer 2000, 251) und folglich nicht beweisbare Eigenschaft. Aus nicht verifizierbaren „Eigenschaften“ normative Rückschlüsse zu ziehen, hält er überzeugenderweise für einen Fehler. Theologische Begründungen der Würde, wie beispielsweise die angenommene gottgegebene Heiligkeit des menschlichen Lebens, sind den Kritikern des Würdebegriffs zufolge außerdem problematisch, weil der Terminus „Würde“ universeller Art sein und als solcher von allen Menschen – unabhängig von ihrem Glauben – anerkannt werden soll. Eine religiöse Würdeauffassung dürfe demzufolge in einem liberalen Staat mit einer offenen, pluralistischen Gesellschaft niemandem aufgezwungen werden. Dieser Überzeugung ist auch Franz Josef Wetz, der postuliert: „lediglich weltanschaulich neutrale Wertvorstellungen können jedermann zugemutet und von allen anerkannt werden“ (Wetz 2008, 37). Gegen die These, der Würdebegriff sei aufgrund seiner theologischen Wurzeln im Zusammenhang mit moralischen Überlegungen zu vermeiden, ist jedoch Folgendes einzuwenden: Tatsächlich wird zwar der Terminus „Würde“ mit Blick auf seine Historie zumindest gelegentlich mit der menschlichen Gottesebenbildlichkeit, der besonderen gottgegebenen Stellung des Menschen in der Natur oder der Menschwerdung Christus in Verbindung gebracht (vgl. Kap. 3.1.2); gegenwärtig werden aber beispielsweise in der AEMR oder dem deutschen Grundgesetz alle Menschen explizit ohne die Berücksichtigung ihrer Religion oder Herkunft unter den Schutz der Würde gestellt. Auch wenn der Begriff in der Vergangenheit religiös konnotiert war, schließt dies nicht aus, dass er heute in einem von religiösen Vorstellungen völlig losgelösten Sinne verwendet werden kann. Auch andere Begriffe ver- ändern im Laufe der Zeit oder von Disziplin zu Disziplin ihre Bedeutung. Homonyme sind außerdem in der deutschen Sprache keine Seltenheit, sodass möglicherweise auch von mehreren grundsätzlich verschiedenen In- 3.2.6.1 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 145 halten des Würdebegriffs ausgegangen werden kann. Die Idee der Menschenwürde zu verwerfen, nur weil der Begriff zeitweise religiös konnotiert war, ist folglich nicht überzeugend, zumal seine Wurzeln nicht in der Religion zu liegen scheinen, wie im Kapitel über die Geschichte des Würdebegriffs deutlich geworden ist. Mangelnde Definition Die Vertreterinnen und Vertreter derjenigen Positionen, die davon ausgehen, dass der Würdebegriff weniger als ein theologischer, sondern vielmehr ein leerer und aufgrund dessen in moralphilosophischen Debatten zu vermeiden sei, stützen sich insbesondere auf die Auffassung, die Bedeutung des Würdebegriffs sei hinterfragbar (vgl. Borchers 2007, 130). Diese Skepsis kann einerseits alleinig die Definition des Begriffes betreffen, ohne dass dabei die Idee der Würde als solche verworfen würde. Andererseits kann – nicht zuletzt aufgrund der Unstimmigkeiten in der Begriffsbestimmung – auch die Existenz einer Würde aus ontologischer Sicht angezweifelt werden. Diejenigen, die den Würdebegriff aufgrund einer mangelnden Definition als wertlos erachten, sehen ein Problem darin, dass der Würdebegriff unterbestimmt oder gar undefiniert zu sein scheint, während er zugleich von einflussreichen Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Disziplinen verwendet wird, um schwierige Debatten ohne wohlbegründete Argumente zu beenden. Wildfeuer behauptet außerdem, dass „nicht zuletzt der tatsächlich feststellbare inflationäre Gebrauch und die Allgegenwart des Menschenwürdebegriffs im öffentlichen Diskurs“ (Wildfeuer 2002, 22) den Verdacht erhärteten, „Menschenwürde“ sei eine Leerformel: „Denn Begriffe bedürfen, um orientierend und sinnvoll verwendbar zu sein, einer ihren Anwendungs- und Geltungsbereich einschränkenden Grenzziehung (definitio).“ (Wildfeuer 2002, 23) Birnbacher, selbst kein Vertreter der Verzichtbarkeitsthese, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Tabuierungsfunktion“ (Birnbacher 2001, 243) des Würdebegriffs. Sobald behauptet wird, etwas verletze die Menschenwürde, wird es allgemein als Tabu und moralisch falsch angesehen, und das obwohl keine eindeutige Definition von „Menschenwürde“ zu existieren scheint. Gleichzeitig ließe es die Behauptung, etwas verletze die Würde eines Menschen, so formuliert Birnbacher, „als nahezu unanständig erscheinen, nach Gründen zu fragen“ (Birnbacher 2001, 243). Das Anführen der Menschenwürde käme daher „vielfach dann gelegen, wenn 3.2.6.2 3. Zum Würdebegriff 146 es an stichhaltigen Gründen fehlt, die eine als evident empfundene intuitive Ablehnungshaltung absichern könnten“ (Birnbacher 2001, 243). Dabei sei es leichter, sich darüber zu verständigen, dass das Gemeinte von großer Bedeutung sei, als darüber, was es beinhalte (vgl. Birnbacher 2001, 243). „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ klingt beispielsweise nach einer schweren Verurteilung der Formate, die möglicherweise auf Zuspruch stößt, und dabei ohne weitere Begründungen auskommt. Wer behauptet, Big Brother sei menschenwürdewidrig, meint wohl in aller Regel damit, dass im Zusammenhang mit der Sendung gewisse Tabus gebrochen werden, einzelne dargestellte Handlungen oder vielleicht das gesamte Konzept als moralisch verwerflich angesehen werden müssten und es möglicherweise sogar verboten werden sollte. Die Nichtfestgelegtheit des Terminus „Würde“ lässt – und darin liegt die scheinbare Paradoxie dieses Begriffes – aber gleichzeitig zu, dass er auch zur Stützung der gegenteiligen Argumentation eingesetzt werden könnte. Beispielsweise könnte man der Überzeugung sein, die Menschenwürde werde verletzt, wenn fragwürdige Formate entgegen dem Willen und der autonomen Entscheidung der Kandidatinnen und Kandidaten oder der Produzenten nicht ausgestrahlt und die Teilnehmenden somit paternalistisch behandelt würden. Die mangelnde Definition des Würdebegriffes kann also zur Folge haben, dass er in entsprechender Auslegung bzw. gemäß einem gewählten Begriffsverständnis zu Gunsten der eigenen Argumentation verwendet werden kann, ohne dass damit mit guten Gründen allgemein in eine bestimmte Richtung gewiesen wird oder der Begriff tatsächlich zu einer angemessenen ethischen Beurteilung verhelfen würde. Dies zeigt sich auch in einer Vielzahl von Argumenten innerhalb bioethischer Debatten, in denen Gegner und Befürworter einer fragwürdigen Praxis auf den Menschenwürdebegriff rekurrieren und die Debatte in einer Pattsituation endet, wie Michael Quante es bezeichnet (vgl. Quante 2010, 32). Dies führt dazu, dass auch von der „Gefahr einer ‚Tyrannei der Würde’“, der Würde als „Auslaufmodell“, als „moralisierendes ‚knock-out argument’“ oder von „bloßer Präambellyrik“ (vgl. Sandkühler 2014, 35) gesprochen wird. Mangelnde Begründung Nicht nur aufgrund der scheinbaren Vagheit und der heterogenen Möglichkeiten zur Auslegung und Verwendung des Begriffes, sondern auch aufgrund einer mangelnden Begründung für die Zuschreibung von Men- 3.2.6.3 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 147 schenwürde sprechen sich einige Autoren für eine Eliminierung des Begriffs aus ethischen Debatten aus. Hoerster beispielsweise ist der Überzeugung, kein Lebewesen, ob Mensch oder Tier, besäße „einen mit der bloßen Vernunft erkennbaren Eigenwert, aufgrund dessen dieses Lebewesen per se unsere Wertschätzung verdient“ (Hoerster 2004, 38). Er vertritt daher die Auffassung, dass alle Berufungen auf die Würde als begründungstheoretisch wertlos zurückgewiesen werden müssten (vgl. Hoerster 2004, 40). Ein besonderer Wert des Menschen sei nicht objektiv feststellbar und besä- ße immer und „unvermeidlich ein subjektives Element“ (Hoerster 2004, 38). Aus diesem Grund vertritt er folgende These: „In den allermeisten Fällen hat das Wort ‚Würde’ kaum mehr als die Funktion einer Worthülse oder Leerformel, in deren Bedeutung man einfach jene Forderungen hineinliest, die man als objektiv begründet ausweisen möchte.“ (Hoerster 2004, 33) Die aus seiner Sicht mangelnde Begründung für die Zuschreibung einer Würde und die Unbestimmtheit des Begriffs, die dazu führt, dass er in ein und derselben Debatte zugunsten widersprüchlicher Argumentationen ausgelegt werden kann, veranlasst Hoerster dazu, von einem inhaltsleeren Begriff auszugehen. Doch nicht nur die mangelnde Feststellbarkeit dieses allen Menschen zukommenden Wertes, sondern auch die Tatsache, dass der Menschenwürdebegriff mit Blick auf die gesamte Menschheitsgeschichte erst in jüngerer Zeit entwickelt und mit ethischen Überlegungen in Verbindung gebracht wurde, wird von Skeptikern als kritisch angesehen. Fraglich sei demnach, warum ein Wert, der Jahrtausende lang „unentdeckt“ geblieben sei und für den es weder eine überzeugende Begründung noch eine konsensfähige Definition gebe, plötzlich – seit dem 18. Jahrhundert – einen so großen Einfluss auf die Bewertung ethischer Handlungen haben soll. Auf diese vermeintliche Problematik weist auch Wildfeuer hin: „wie kann dann [...] etwas unbedingt verbindlich sein, dessen normative Setzung von einem historisch-kontingenten Ursprung ausgeht und sich einem geschichtlich gewordenen Anerkennungsprozess verdankt?“ (Wildfeuer 2002, 26) Reichen jedoch die augenscheinlich fehlende Definition und die Begründungsproblematik aus und sind sie von ausreichender Überzeugung, um die Verzichtbarkeitsthese stützen zu können? Argumente gegen die Verzichtbarkeitsthese Es scheint, als besäßen die Kritiker des Würdebegriffs überzeugende Gründe für ihre Position. Doch auch wenn die Bedeutung des Terminus und 3.2.6.4 3. Zum Würdebegriff 148 die Frage der Zuschreibung der Menschenwürde mit Komplikationen behaftet sind, wird der Begriff verwendet, taucht in einer Vielzahl an Texten auf und spielt nicht nur im rechtlichen, sondern auch im philosophischen und politischen Diskurs oftmals eine tragende Rolle. Es erscheint demnach kaum praktikabel, den Begriff tatsächlich aus moralphilosophischen (oder auch juristischen oder alltäglichen) Debatten zu eliminieren. Die Einführung eines solchen Wertes war und ist immer noch von großer Bedeutung für viele Menschen, und es ist fraglich, ob eine Exklusion des Würdebegriffes aus rechtlichen wie philosophischen Argumenten nicht ungewollte, negative Konsequenzen zur Folge hätte, wie auch Sandkühler feststellt: „Ist nicht aus der Konjunktur der Berufung auf die ‚Menschenwürde’ auf das Bedürfnis von Menschen zu schließen, den Schutz ihrer Würde als Rechtsanspruch zu verteidigen?“ (Sandkühler 2014, 41) Sandkühler zieht also in Betracht, dass aus der häufigen Verwendung eines Begriffes auf seine Bedeutsamkeit geschlossen werden kann und ist darüber hinaus der Überzeugung, dass der Missbrauch eines Begriffes nicht den Begriff, sondern dessen Verwender disqualifiziere (vgl. Sandkühler 2014, 37). Dies erscheint wenig überzeugend, denn nur weil ein Begriff häufig verwendet wird, folgt daraus nicht, dass er sinnvoll und notwendig ist. Schimpfwörter beispielsweise werden von einigen Menschen ebenfalls inflationär und trotz mangelnder Aussagekraft und Bedeutung verwendet, ohne dass davon ausgegangen werden muss, dass die häufige Verwendung den Begriffen eine Berechtigung oder sogar eine höhere Bedeutung einräumt. Auf das Beispiel des Schimpfwortes scheint außerdem zuzutreffen, dass sich sein Verwender bei einer sinnlosen Anwendung selbst „disqualifiziert“, wobei offen bleibt, was Sandkühler damit überhaupt meint. Zweifelhaft ist außerdem, ob sich im Fall der Menschenwürde nicht doch die Problematik der Verwendung aus der Vagheit des Begriffs und nicht aus dem „disqualifizierten Verwender“ heraus ergibt. Die mangelnde Definition des Begriffes bedeutet jedoch nicht, dass auf „Würde“ ohne weiteres verzichtet werden kann, wovon neben Sandkühler auch Tiedemann (Tiedemann 2012, 3), Borchers (Borchers 2007, 131) und Schaber überzeugt sind: „Der Würdebegriff wird ohne Zweifel für unterschiedliche ethische Anliegen ins Spiel gebracht. Ist er deshalb beliebig verwendbar? [...] Es ist kein Grund ersichtlich, wieso einer solchen Analyse des Würdebegriffs weniger Erfolg beschieden sein soll als der Analyse anderer Begriffe. Die Tatsache, dass der Menschenwürdebegriff unterschiedlich verwendet wird, scheint deshalb nicht die Forderung zu begründen, auf die Verwendung des Begriffs zu verzichten.“ (Schaber 2012a, 87f.) 3.2 Der Würdebegriff des Abendlandes in der Gegenwart 149 Auch andere Begriffe würden schließlich auf verschiedene Weisen verwendet, ohne dass deshalb auf sie verzichtet werden müsse. Außerdem lasse sich Schaber zufolge an der weit verbreiteten, wenn auch zweifelhaften Auffassung, die Menschenwürde bilde die Basis der Menschenrechte, ihre große moralische Bedeutung belegen (vgl. Schaber 2012a, 9). Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Eduard Picker, welcher der Menschenwürde einen nicht abwägbaren Vorrang vor allen anderen Rechtsgütern einräumt: „Denn alles Rätseln um ihren Inhalt beseitigt nicht die tief verwurzelte Wertüberzeugung, daß sie, wie immer auch konkretisiert, gegenüber allen Gegeninteressen Vorrang besitzt, daß sie deshalb keine Beschränkung erlaubt und namentlich keine Abwägung mit anderen Rechtsgütern zuläßt.“ (Picker 2002, 6) Was würde jedoch genau fehlen, wenn der Begriff der Menschenwürde in moralphilosophischen Debatten nicht mehr verwendet würde? Wie in den vorangegangenen Kapiteln deutlich wird, ist Hoerster doch insofern zuzustimmen, dass der Begriff undefiniert und äußerst problembehaftet ist. Welchen Nutzen kann aber ein Begriff für grundlegende und komplexe Debatten haben, wenn seine eigene Bedeutung nicht geklärt ist? Die von Borchers vertretene Auffassung, dass Würde als Maßstab zur Bewertung von moralischen Fragestellungen dienen soll und die Eliminierung des Begriffes auch den Maßstab unwirksam mache, vertritt auch Stoecker. Das Problem des Reduktionismus liege darin, dass er ein wichtiges Mittel zur Bewertung moralisch unhaltbarer Zustände preisgebe, „weil die Rede von der Verletzung von Rechten nicht wirklich zu treffen scheint, was wir meinen, wenn wir von menschenunwürdiger Behandlung und Verletzungen der Menschenwürde reden. Sklaverei ist eben mehr als nur eine Missachtung des Rechts auf Freiheit, und wer Menschen dazu zwingt, auf Müllhalden nach Essensresten zu suchen, offenbart nicht bloß ein Gerechtigkeitsdefizit“ (Stoecker 2007, 73). Die Menschenwürde als Richtlinie für ethische Handlungen würde nach Borchers und Stoecker also fehlen, wobei fraglich ist, wie gut ein Maßstab funktioniert, der selbst nicht festgelegt ist. Es scheint, als besäßen wir zwar ein halbwegs geteiltes Würdeverständnis und als existierten bestimmte notwendige Merkmale des Würdebegriffs, über die wir uns einig sind und welche uns Aussagen darüber treffen lassen, wann etwas die Würde betrifft. Der Mangel einer allgemein anerkannten Begriffsdefinition und an 3. Zum Würdebegriff 150 hinreichenden Merkmalen von Würde führt jedoch zu den skeptischen Standpunkten, die in diesem Kapitel vorgestellt wurden. Die Frage, die sich hieraus ergibt, ist nun, wie man mit Würde als nicht definiertem Begriff gerade in anwendungsbezogenen Fragen umgehen soll. Hierzu erfolgt ein Vorschlag im folgenden Kapitel. Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff Die vorangegangenen Kapitel zeigen die Vielzahl und die Heterogenität der Theorien, die sich mit dem Würdebegriff auseinandersetzen. Es wird deutlich, dass die Ansätze häufig zunächst einen (vermeintlichen) common sense hinsichtlich des Verständnisses von „Würde“ beschreiben oder unterstellen, die einer kritischen Überprüfung aus verschiedenen Gründen nicht standhalten können. So dürften Behauptungen wie Menschenwürde sei ein Wert, eine Fähigkeit, ein Menschenrecht, der Grund bzw. das Ziel aller Menschenrechte oder stehe in engem Zusammenhang mit Selbstachtung, vielleicht zunächst auf Zustimmung stoßen. Den Ergebnissen der Untersuchung zufolge bietet jedoch keine dieser Thesen eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, was unter „Menschenwürde“ zu verstehen ist. Oftmals bestimmen die vorgestellten Theorien darüber hinaus auch nicht, was Menschenwürde als solche ist (Würde ist X), sondern vielmehr womit ihre Zuschreibung begründet werden kann (X hat Würde, weil Y) oder was aus ihr folgt (X hat/sollte Y haben, weil er/sie Würde hat). Als einziger Versuch, die Frage „Was ist Menschenwürde?“ ohne Umwege zu beantworten, könnte die These „Menschenwürde ist ein Eigenwert“ angesehen werden, welche ebenfalls nicht überzeugt (vgl. Kap. 3.2.2). Eine Konsequenz hieraus könnte sein, Menschenwürde tatsächlich als leere Worthülse zu begreifen. Wie in Kapitel 3.2.6 „‚Würde’ – ein leeres Wort oder ein bedeutungsvoller Begriff?“ dargelegt, sind einige Autorinnen und Autoren der Auffassung, dass bei der Eliminierung des Begriffes aus dem Sprachgebrauch jedoch ein wichtiger ethischer Maßstab verloren geht. Zudem sind Aussagen, die den Begriff der Menschenwürde beinhalten, nicht bedeutungs- oder sinnlos, denn in der Regel ist (mehr oder weniger) verständlich, was mit einem den Würdebegriff beinhaltenden Satz ausgesagt werden soll. Es ist vielmehr eine Bedeutungsbreite des Begriffes anzunehmen, da er in verschiedenen Kontexten auf differierende Art und Weise offenbar verständlich und regelkonform verwendet wird. Da die vorangehenden Untersuchungen zeigen, dass die Suche nach einer genauen Definition von Würde keine Aussicht auf Erfolg bietet, wird 3.3 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 151 nun der Fokus nicht mehr auf die Fragestellung „Was ist Menschenwürde?“ gelegt. Auch ohne eine Definition lässt sich seine Bedeutung erklären und dabei die Bedeutungsvielfalt aufzeigen, insbesondere wenn die Äußerungskontexte einbezogen werden, wie auch Sandkühler annimmt: „‚Menschliche Würde’ ist ein Topos in Entwicklung, kein ‚ewiger Wert’. Dies zeigt die bis in die Antike zurückführende Geschichte des Begriffs, und dies belegt auch die Entwicklung der Rechtsnorm der Menschenwürde im 20. Jahrhundert. ‚Menschliche Würde’ ist kein eineindeutiger Begriff; es handelt sich um ein Konzept, dessen semantische Bedeutungskomplexität danach zu fragen verlangt, wer es in welcher Sprache, in welchem Kontext und in welchem Interesse wie verwendet.“ (Sandkühler 2014, 17) Bei einer genaueren Betrachtung der Begriffsverwendungen fällt auf, dass nicht immer die Menschenwürde gemeint sein muss, wenn von „Würdeverletzungen“ die Rede ist: Verspottung, Respektlosigkeit oder Beleidigung können je nach Situation und ihrem Schweregrad zum Beispiel als Verletzungen der Würde angesehen werden, von einer Menschenwürdeverletzung würde man hierbei jedoch nicht in jedem Falle sprechen (vgl. Krämer 2018, 157). Dies ist von den Umständen abhängig, in denen eine Beleidigung oder Verspottung stattfindet. Es scheint ein Unterschied darin zu bestehen, ob ein NS-Richter eine Beleidigung gegen ein NS-Opfer ausspricht, mit dem er zugleich gegen die Menschenrechte, wie beispielsweise das Diskriminierungsverbot, verstößt und der Beleidigung einer einzelnen Person, zum Beispiel indem man sie als schlechte Sängerin bezeichnet. Im ersten Fall würde man wohl von einer „Menschenwürdeverletzung“ sprechen, im zweiten Fall eher von einer „Würdeverletzung“. Das bedeutet, zwischen den Termini „Würde“ und „Menschenwürde“ kann bzw. muss in irgendeiner Weise unterschieden werden. So ist anzunehmen, dass die These „Reality TV verletzt die Würde“ auf etwas anderes Bezug nimmt als die Aussage „Reality TV verletzt die Menschenwürde“. Doch auf was nehmen sie Bezug? Wie soll die Unterscheidung zwischen „Würde“ und „Menschenwürde“ genau aussehen? Woher stammt und woraus resultiert diese offensichtlich ungenaue Verwendung der beiden Begriffe? Dass diese Unterscheidung zwischen „Würde“ und „Menschenwürde“ nicht immer präzise getroffen wird, liegt wohl in der Ähnlichkeit der Begriffe und in der, wie auch Wildfeuer behauptet, „Vielzahl der unterschiedlichen Verwendungskontexte, in denen der Begriff eine normative Rolle spielt – wie etwa dem Recht, der Politik, der Anthropologie, aber 3. Zum Würdebegriff 152 auch der Theologie“ (Wildfeuer 2002, 24) begründet. Diese Verwendungskontexte und -weisen sind geprägt durch die Geschichte des Begriffs. Ein Blick auf Kap. 3.1 „Zur Geschichte des Würdebegriffs“ zeigt, dass der Würdebegriff in verschiedenen Epochen in unterschiedlichen Kontexten verwendet und mit heterogenen Bedeutungen belegt wurde, bis er 1948 als Folge der Verbrechen des Nationalsozialismus und der Kriegsgräueltaten in die AEMR aufgenommen wird. Ab diesem Zeitpunkt wird „Menschenwürde“ zu einem juristisch und politisch relevanten und in der Folge auch philosophisch wieder bedeutsameren Terminus. Seither sollen bei der moralischen oder rechtlichen Berücksichtigung menschlicher Individuen Aspekte wie Geschlecht, Herkunft bzw. ethnische Zugehörigkeit, Fähigkeiten, Aussehen, Verhalten oder Status (bzw. soziale Schicht) in der Gesellschaft keine Rolle mehr spielen. Es wird von einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen ausgegangen und jedem menschlichen Individuum derselbe moralische Status sowie eine damit in Verbindung stehende Schutzwürdigkeit vor dem und durch den Staat zugesprochen. Diese Auffassung teilt auch Sandkühler: „Lässt man die paradigmatischen Positionen aus der Geschichte des Würdebegriffs Revue passieren, dann ist festzuhalten: Art. 1 Abs. 1 GG ist ein Rechtssatz, dessen juridischer Gehalt nicht aus einer geraden historischen Linie hin zur Würdenorm der modernen Verfassung ableitbar ist. Die tatsächlichen Quellen der Menschenwürdegarantie moderner Verfassungen sind die Unrechtserfahrungen des 20. Jahrhunderts.“ (Sandkühler 2014, 11f.) Menschenwürde ist seiner Auffassung nach die Zuschreibung einer Bedeutung „aus praktischen Gründen: Alle Menschen sind Träger der Auszeichnung, einen unter keinen Vorbehalt zu stellenden Anspruch darauf zu haben, als im Menschsein Gleiche vor Verletzung geschützt zu sein“ (Sandkühler 2014, 10). Würde sei zudem ein dynamischer Begriff und was unter Würde und ihrer „Unantastbarkeit verstanden wurde und wird, ist jeweils im historischen Raum und in der geschichtlichen Zeit verortet“ (Sandkühler 2014, 10). Von dieser in der AEMR festgehaltenen Schutzwürdigkeit aller Menschen, für die der Begriff „Menschenwürde“ Verwendung findet, abzugrenzen, ist der Begriff der Würde. „Würde“ bezieht sich bereits seit der Antike auf das Verhalten eines Menschen, ein Amt, die gesellschaftliche Position und somit „auf etwas eine Person und ihre Persönlichkeit Betreffendes“ (Krämer 2018, 157). Sie betrifft ein bestimmtes menschliches Individuum und ist nicht als moralischer Status oder als ausschlaggebend für 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 153 oder gegen eine grundlegende ethische oder rechtliche Berücksichtigung zu verstehen. Allerdings ging in der Geschichte mit dem Amt des „Würdenträgers“, wie beispielsweise dem eines hohen Geistlichen, gleichzeitig auch eine besondere moralische Berücksichtigung einher, sodass an dieser Stelle Träger von Würde auch automatisch Träger von Menschenwürde im Sinne eines besonderen Schutzanspruches wurden, wohingegen den sogenannten „einfachen Leuten“ ohne „Würde“ auch eine andere moralische oder juristische Berücksichtigung zukam. Dass mit „Würde“ im Sinne von „Ehre“ etwas anderes gemeint ist als der moralische Status einer Person, bedeutet jedoch nicht, dass eine Verletzung der Ehre nicht auch moralisch problematisch sein kann. Eine einfache Beleidigung, wie beispielsweise „Du warst auch schon mal schlanker“ betrifft zwar die Ehre der Person und könnte möglicherweise als moralisch bedenklich angesehen werden, aber sie betrifft nicht den moralischen Status, der besagt, dass alle Menschen gleich berücksichtigt werden sollen. Anders als bei Wetz (vgl. Kap. 3.2.1.4), von der Pfordten (vgl. Kap. 3.2.3.1) und Schaber (vgl. Kap. 3.2.5.1), die zwei oder sogar mehrere verschiedene existierende „Formen“ von Würde unterscheiden, müssen gemäß der hier vorgeschlagenen Unterscheidung keine neuen Begrifflichkeiten wie Würde als „Wesensmerkmal oder Gestaltungsauftrag“ oder „kleine, mittlere und große“ Würde eingeführt werden. Ich gehe nicht davon aus, dass wir Menschenwürde oder Würde tatsächlich „besitzen“, sondern dass diese Begriffe als Bezeichnungen dafür dienen, ganz bestimmte Umstände zu beschreiben – oder zu bewerten. Die hier vertretene Auffassung geht nicht von der „Existenz“ irgendeiner Würde – ob angeboren oder erworben – aus, die mit deskriptiven Aussagen zu erfassen wäre, sondern sagt etwas über die Verwendung der Begriffe „Würde“ oder „Menschenwürde“ aus. „Würde“ und „Menschenwürde“ sind keine deskriptiven Begriffe, sondern normative; sie dienen nicht der sprachlichen Erfassung von körperlichen oder geistigen Merkmalen von Menschen, sondern dazu, den moralischen (und rechtlichen) Status im Falle der Menschenwürde und um evaluative Aspekte menschlichen Verhaltens gegenüber anderen Menschen zu bezeichnen. Der nachfolgende Vorschlag stellt die Verwendung der Begriffe in ethischen und politischen Diskussionen klarer heraus. Dies erscheint sinnvoll, weil ein Reglementierungsvorschlag für die normale Sprache hilft, die zuvor angesprochenen Probleme zu vermeiden. Im Folgenden wird erläutert, worin die Differenzierung zwischen „Menschenwürde“ und „Würde“ genau gesehen wird und welche Bedeutungen den Begriffen eigen sind. 3. Zum Würdebegriff 154 „Menschenwürde“ Um das hier vorgeschlagene Verständnis von „Menschenwürde“ als Bezeichnung für die gleiche moralische und rechtliche Berücksichtigung aller menschlichen Individuen besser nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, die folgende Frage zu stellen: Kann ein Mensch, der vollkommen isoliert auf einer einsamen Insel lebt, ohne andere menschliche Lebewesen zu kennen und je gekannt zu haben, seine Menschenwürde als geachtet oder verletzt ansehen? Es fällt schwer, sich dies vorzustellen. Anders sieht es aus, wenn sich mindestens zwei Menschen auf der Insel befänden. Diese könnten sich selbst und gegenseitig eine Schutzwürdigkeit bzw. einen moralischen Status zuschreiben, um sich beispielsweise vor Gräueltaten und Angriffen der jeweils anderen zu schützen und sie könnten dieses Konzept auch als „Zuschreibung von Menschenwürde“ bezeichnen. Diese Überlegung zeigt, dass die Zuschreibung bzw. das Konzept von Menschenwürde ein gesellschaftliches oder mindestens zwischenmenschliches Phänomen darstellt. Um grausame Ungleichbehandlung zu verhindern, wurde diese Idee nach den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs auf alle Menschen bezogen und sollte mit der Aufnahme des Begriffes in die AEMR ein festes Fundament erhalten. Es bezeichnet allerdings nichts anderes, als dass alle Menschen unabhängig von ihren Vermögen oder Eigenschaften als ethisch und rechtlich gleichwertig anzusehen sind und einen entsprechenden Schutzanspruch durch und vor dem Staat und der internationalen Gemeinschaft haben sollten. Manfred Baldus beschreibt dies folgendermaßen: „Die Rede von der Würde des Menschen bot ihnen [denjenigen, die sich nach dem Krieg am Aufbau einer neuen politischen und rechtlichen Ordnung beteiligten] dabei die Möglichkeit, das – wie man es in jener Zeit ausdrückte und wohl auch empfand – Dämonische und Apokalyptische des Nationalsozialismus zu benennen und sich zugleich davon in komprimierter und unmissverständlicher Form zu distanzieren.“ (Baldus 2016, 41) Die Einführung des Menschenwürdebegriffs sollte demzufolge nicht nur eine neue Ordnung schaffen, in der allen Menschen unabhängig von ihren kontingenten Eigenschaften eine gleiche normative Schutzwürdigkeit zugesprochen wird und damit darauf hinweisen, wie die Menschen in Zukunft miteinander umgehen sollten, sondern zeigte zugleich auf, worin zuvor das Problem lag: darin, dass Menschen nicht als gleichwertig betrachtet und entsprechend behandelt wurden. Die Geschichte des Begriffs sei 3.3.1 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 155 Weber-Guskar zufolge für seine Erläuterungen deshalb so schwierig, weil der Begriff mit seiner Anwendung im Recht mit einer Funktion versehen worden sei, die er vorher in dieser Weise nie gehabt habe (vgl. Weber-Guskar 2016, 12). Es handelt sich also bei der „Menschenwürde“ um eine Bezeichnung für einen moralischen Status, den sich Menschen nach den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges als moralische Subjekte gegenseitig zuschreiben: „Das Innehaben von Menschenwürde ist derjenige Status, den alle ‚Moralsubjekte’ sich und ihresgleichen geben müssen, sobald sie begreifen, dass sie Moralakteure und somit auch Moralobjekt für andere Moralsubjekte sind.“ (Kettner 2005, 82) Art. 1 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes besagt daher nichts anderes, als dass allen Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht, Alter oder anderen kontingenten Eigenschaften, grundsätzlich und gleichermaßen ein Schutz durch und vor dem Staat zusteht (vgl. Krämer 2018, 157). Den Schutz aller menschlicher Individuen sollen in erster Linie die Menschenrechte bzw. die Gesetze der Verfassung gewährleisten, und er ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt (vgl. Krämer 2018, 157). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Menschenwürde mit den Menschenrechten gleichgesetzt wird. Der Begriff der „Menschenwürde“ kann, wie die Ausführungen in Kap. 3.2.1 „Menschenwürde und Menschenrechte“ zeigen, aus genannten Gründen nicht durch den Begriff der Menschenrechte ersetzt werden. Denn die Gleichsetzung von Menschenwürde mit einem einzigen, einem Ensemble oder auch allen Menschenrechten würde den Begriff selbst nicht erklären. Auch sagt diese Theorie nicht aus, dass Menschenwürde als Grund oder als Ziel der Menschenrechte verstanden werden muss oder kann. Wie bereits in Krämer 2018 erarbeitet, ist davon auszugehen, dass vielmehr der Begriff der Menschenwürde wie er im Grundgesetz und auch in der Erklärung der Menschenrechte steht, die Bezeichnung für eine nach dem Zweiten Weltkrieg gefundene, konsensfähige Formulierung dafür ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die gleiche ethische Berücksichtigung erfahren sollten (vgl. Krämer 2018, 157). „Menschenwürde“ stellt somit nicht einen Teil einer Begründung für etwas anderes dar, sondern ist eine Bezeichnung für etwas, nämlich dafür, dass alle Menschen ethisch und juristisch gleich zu berücksichtigen sind. Darüber, wie diese gleiche Berücksichtigung auszugestalten wäre und warum alle menschlichen Wesen die gleiche Berücksichtigung erfahren sollten, sagt der Begriff selbst allerdings nichts aus. Dies ist auch der Grund für die Problematik, die mit seiner Verwendung verbunden ist: Wird behauptet, eine Handlung oder Unterlassung verletze die Menschen- 3. Zum Würdebegriff 156 würde, so ist damit nicht gesagt, was die Handlung oder die Unterlassung zu einer Verletzung macht, sondern lediglich, dass der moralische Status eines Menschen auf irgendeine Weise nicht geachtet wurde. Zu behaupten, eine Handlung solle nicht durchgeführt werden, weil sie gegen die Menschenwürde verstoße, ist somit kein eigenständiges oder gar überzeugendes Argument, sondern zunächst eine Behauptung, mit der ein ethisches und/oder rechtliches Fehlverhalten konstatiert wird. Mit ihr werden dahinterstehende Fragen wie „Hat der Mensch einen besonderen moralischen Status? Falls ja, warum, und was beinhaltet er genau? Kommt einem Menschen Menschenwürde bzw. dieser moralische Status bereits vorgeburtlich zu?“ nicht geklärt. Dies wird an bio- und medizinethischen Diskursen, in denen der Menschenwürdebegriff sehr häufig Verwendung findet, besonders deutlich. Hier kann Menschenwürde in der Argumentation zugleich für und gegen eine Handlung oder Unterlassung verwendet und eine Diskussion so ad absurdum geführt werden. Wie bereits angeführt, behaupten Befürworter von Sterbehilfe bisweilen beispielsweise, es sei würdeverletzend, einen unheilbar kranken Menschen leiden zu lassen; Gegner der Sterbehilfe behaupten verschiedentlich, es sei würdeverletzend, einen Menschen zu töten. Dieses Beispiel zeigt, dass die Argumentation mit dem Menschenwürdebegriff in solchen Fällen nicht zielführend ist. So sind beispielsweise auch die Fragen, ob und falls ja mit welcher Begründung Föten Menschenwürde haben oder ob ihre Menschenwürde durch bestimmte Handlungen verletzt wird, eigentlich Fragen danach, ob Föten einen moralischen Status besitzen und welche Rechte und Verpflichtungen damit verknüpft sind. Diese Fragestellungen können durch die Einführung des Menschenwürdebegriffs in die Argumentation nicht beantwortet und die vorhandenen Probleme nicht gelöst werden; seine Verwendung sorgt allenfalls für noch größere Unklarheit. Der Menschenwürdebegriff kann in ethischen Diskursen nicht weiterhelfen, wenn sich nicht zunächst auf die grundlegenderen Fragen konzentriert wird und auf diese überzeugende Antworten gefunden werden35. 35 In der vorliegenden Studie wird von dem weit verbreiteten Konsens ausgegangen, dass Menschen ethisch und rechtlich gleich zu berücksichtigen sind, ohne dies zu hinterfragen, näher zu erläutern oder zu begründen. Eine Beantwortung der Fragen, ob und warum Menschen einen moralischen oder rechtlichen Status besitzen, führte zu weit vom Thema weg und kann im Rahmen dieser Analyse nicht behandelt werden. 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 157 Folglich ist der Menschenwürdebegriff zwar nicht leer; er besagt, dass sich die Menschen gegenseitig als moralisch und rechtlich gleichermaßen zu berücksichtigende Individuen anerkennen sollen. Trotzdem hilft er in moralphilosophischen Diskursen nicht weiter, denn für diese Anerkennung liefert er keine Begründung. Er kann in Aussagen lediglich als eine Bezeichnung dafür verwendet werden, dass eine Missachtung des Schutzanspruches einer Person vorliegt. Dabei sagt er aber nichts über die jeweils zugrundeliegende Problematik und wie sie zu lösen wäre aus. Dies legt nahe, den Begriff der Menschenwürde in ethischen Debatten nicht isoliert und unabhängig von Begründungen zu verwenden. Die in den Diskussionen thematischen Fragestellungen sollten daher direkt benannt und diskutiert werden. Daraus folgt, dass auch Verstöße gegen die gleiche Berücksichtigung sowie Missachtungen des Schutzanspruches aller menschlicher Individuen nicht mehr nur als „Menschenwürdeverletzungen“ bezeichnet, sondern das eigentliche mutmaßliche Vergehen bzw. Problem konkret benannt und erörtert werden sollte. Hinter der Behauptung, Reality TV verletzt die Menschenwürde, könnten etwa Aussagen wie „Reality TV missachtet das Selbstbestimmungsrecht der Kandidatinnen und Kandidaten“, „Reality TV greift übermäßig in die Privatsphäre der Teilnehmenden ein“, „Reality TV behandelt die Kandidatinnen und Kandidaten dahingehend moralisch schlecht, als dass die Mitwirkenden hier vorgeführt und gedemütigt werden“ oder Ähnliches stecken. Dies ohne den Umweg über die Verwendung des Begriffs der Menschenwürde direkt auch so zu benennen, würde den Inhalt einer Problematik deutlicher werden lassen, und ein ethisches oder je nach Thematik oder Kontext auch juristisches Urteil wäre leichter zu fällen. Die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ sagt folglich nichts aus, was für eine kritische Debatte konkret genug wäre. Dennoch findet die Aussage „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ Zustimmung und drückt demzufolge aus, dass Reality TV in irgendeiner Form ethisch anzuzweifelnde Handlungen enthält, was weiter unten ausgeführt wird. Ob der Begriff der „Würde“ einer ähnlichen Problematik ausgesetzt ist und inwiefern dieser von der erläuterten Vorstellung von Menschenwürde bzw. Verletzungen der Würde von Menschenwürdeverletzungen zu unterscheiden ist, wird im Folgenden untersucht. 3. Zum Würdebegriff 158 „Würde“ bzw. „Person-Würde“ Wird der Begriff der Menschenwürde oftmals in erster Linie im Zusammenhang mit Aussagen über ihre „Verletzungen“ angeführt, ist dies bei „Würde“ nicht unbedingt der Fall. Wir sprechen davon, dass sich eine Person36 würdevoll verhalten, etwas mit Würde ertragen oder ihrer Würde gerecht werden kann. „Würde“ bezeichnet nicht einen moralischen Status, sondern bezieht sich auf individuelle Merkmale einer Person, die mit personenspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen zusammenhängen. Um den Unterschied zur Menschenwürde zu verdeutlichen, kann man auch von der „Würde der Person“ bzw. „Person-Würde“37 sprechen. Diese Vorstellung von einer Würde der Person ist etwas, das den Menschen als Individuum mit ausmacht. Auch dieser Würdebegriff ließe sich durch andere Begriffe je nach Verwendungskontext sinnvoll ersetzen, wie zum Beispiel durch „Persönlichkeit“, „Erhabenheit“, „Ansehen“ oder „Ehre“, und betrifft damit eine äu- ßerst individuelle, häufig von kulturellen, historischen, sozioökonomischen oder religiösen Aspekten abhängige oder durch die Erziehung geprägte Vorstellung eines Individuums. Das, was als Angriffe auf die Person-Würde bezeichnet wird, sind beispielsweise Verspottung, Beleidigung, Demütigung, öffentliche Herabsetzung oder Erniedrigung (vgl. Krämer 2018, 158)38. Die hier vorgestellte Idee von Person-Würde scheint auch Stoecker im Sinn zu haben, wenn er behauptet: 3.3.2 36 Die Tatsache, dass philosophisch umstritten ist, über welche Merkmale ein Lebewesen verfügen muss, um es als „Person“ zu bezeichnen, ist an dieser Stelle nicht von Bedeutung. Möglicherweise kann die hier erläuterte Vorstellung von „Person-Würde“ sogar zur Klärung des Personenbegriffs beitragen, etwa indem überlegt wird, welchen Lebewesen diese „Würde“ zukommt und ob diese möglicherweise für den Personenstatus konstitutiv sein könnte. Im Rahmen dieser Studie kann dies jedoch nicht geleistet werden und ist auch für die Klärung der Fragestellung nicht notwendig. 37 Gewählt wurde hier der Begriff der „Person-Würde“ und nicht der „Personen- Würde“, um zu verdeutlichen, dass sie auf eine individuelle Person Bezug nimmt. 38 Zur Leseerleichterung werden nachfolgend die Akte der Demütigung, Verspottung, Beleidigung, öffentliche Herabsetzung und Erniedrigung weiterhin als „Person-Würdeverletzung“ bezeichnet, obschon ich, wie weiter unten dargelegt, der Auffassung bin, dass auch die Verwendung der Termini „Würde“ und „Würdeverletzung“ in philosophischen Diskursen nicht zielführend ist und vermieden werden sollte. 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 159 „Ich plädiere also für ein Verständnis von Demütigungen und Erniedrigungen, das von der Voraussetzung ausgeht, dass wir alle über eine durch unsere Umwelt prinzipiell akzeptierte individuelle Identität, ein Selbst, eine persona verfügen. Demütigend ist es, wenn man selbst oder wenn andere den mit dieser Identität verbundenen normativen Erwartungen nicht entsprechen. Die persona ist das Gesicht, das man verliert, wenn man gedemütigt wird.“ (Stoecker 2003, 145) Jede Person kann eine eigene Vorstellung von ihrer persona oder Person- Würde haben, welche unter Umständen von dem Bild, das andere von der eigenen Person-Würde haben, abweichen kann. So ist es möglich, dass eine Person A eine Geste oder eine Aussage ihr gegenüber als entwürdigend empfindet, die eine Person B aber als Würdigung oder zumindest nicht als Entwürdigung der Person A gemeint hat. Auch ist vorstellbar, dass eine Person, beispielsweise eine Kandidatin oder ein Kandidat einer Reality TV-Show, sicher ist, ihre Person-Würde bzw. ihr Ansehen – in diesem Falle durch den TV-Auftritt – zu vergrößern, in den Augen der Zuschauer aber ihr Ansehen verliert. Akte der Person-Würdeverletzung sind demzufolge von besonderer Art. Gerade weil sie auf die individuelle persona abzielen, sind auch Akte der Demütigung äußerst individuell und kontextabhängig. Was den einen Menschen schwer in seiner Würde verletzt, ist für den anderen möglicherweise unproblematisch. Das bedeutet, nicht immer gelingen Angriffe auf die Person-Würde – und wären somit auch nicht als Verletzungen zu bezeichnen – und nicht immer geschehen Verletzungen der Person-Würde absichtlich. Es ist außerdem uneindeutig, wer eine solche Handlung als Würdeverletzung einstufen und damit die Handlung bewerten können soll: Die handelnde Person, der oder die Betroffene oder eine Außenstehende bzw. ein Außenstehender? Gerade im Hinblick auf das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen können hierbei schwere Missverständnisse entstehen. Folgende Fälle der Person-Würdeverletzung sind – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – schließlich vorstellbar, wobei „Person- Würdeverletzung“ hier durch die oben genannten Begriffe „Verspottung“, „Beleidigung“, „Demütigung“, „öffentliche Herabsetzung“ oder „Erniedrigung“ jeweils ersetzt werden kann. 1) Person A intendiert, die Würde von Person B durch eine bestimmte Handlung zu verletzen. Person B fasst die Handlung als Verletzung der Würde auf. 3. Zum Würdebegriff 160 2) Person A intendiert, die Würde von Person B durch eine bestimmte Handlung zu verletzen. Person B fasst die Handlung nicht als Verletzung der Würde auf. 3) Person A führt eine Handlung aus, die (nach Ansicht von B und/oder Außenstehenden) unabsichtlich zur Verletzung der Würde von Person B führt. Person B sieht ihre Würde als verletzt an. 4) Person A führt eine Handlung aus, die unabsichtlich zur Verletzung der Würde von Person B führt. Person B versteht, dass Person A nicht weiß, dass dies seine Würde verletzt und lässt die Handlung geschehen, ohne seine Würde als verletzt anzusehen. 5) Person A führt eine Handlung aus, die zur Verletzung der Würde von Person B führt. Person B versteht nicht, dass Person A ihre Würde verletzen wollte, aber die Außenstehenden C und D schon. Oftmals will Person A nicht, dass Person B um ihre Würdeverletzung weiß, sondern sieht den Reiz des Verspottens darin, mit Person C und D über B beispielsweise lachen zu können. Manchmal empfinden Menschen auch erst rückblickend eine Situation oder die Handlung eines anderen als Verletzung ihrer Person-Würde. Im Moment des Geschehens selbst verstehen sie nicht, wie ihnen geschieht. Daher stellt sich in derartigen Fällen die Frage: Ist deshalb ihre Würde nicht bzw. erst nachträglich verletzt? Fraglich ist außerdem, ob in den Fällen 2., 3. und 5. die Würde von Person B verletzt wird oder nicht bzw. grundlegender, wann die genannten Akte als gelungene oder nur versuchte Würdeverletzung zu bezeichnen sind. Ist die Intention des Handelnden ausschlaggebend dafür, ob die Würde einer Person verletzt wird? Ist es das Empfinden der betroffenen Person? Oder ist es vielleicht sogar die Auffassung Dritter, die den Akt der vermeintlichen Würdeverletzung beobachten?39 Diese Fragen scheinen insbesondere mit Blick auf die Überlegung, ob Reality TV würdeverletzend ist, von großer Bedeutung, denn oftmals 39 Eine Möglichkeit, den Antworten auf diese Fragestellungen näher zu kommen, könnte in der Überlegung liegen, Person-Würdeverletzungen als performative Äußerungen im Sinne John Austins zu verstehen. Dies erweist sich aber gerade im Hinblick auf die Vorgehensweise der TV-Produzenten als problematisch, denn diese treffen keine Äußerungen, die die Kandidaten beschämen, sondern bringen sie auf andere Weise in beschämende Situationen: Entweder dadurch, dass sie die Teilnehmer nicht davon abhalten, sich selbst zu blamieren, oder sie sogar dazu bringen, sich selbst auf beschämende Weise zu verhalten oder indem sie sie nachträglich durch Schnitt, Bearbeitung der Bilder und musikalische Effekte lächerlich machen. Es ist folglich zur Verspottung, zur Erniedrigung und zur Demütigung nicht zwingend ein Sprechakt notwendig. Im Folgenden wird 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 161 sehen Teilnehmende der Formate ihre (Person-)Würde nicht als verletzt an, Teile des Publikums würden aber in einigen Fällen sehr wohl von einer Demütigung oder Erniedrigung der dargestellten Person sprechen. Außerdem wäre zu überlegen, ob es unterschiedliche Grade von Verletzungen der Person-Würde gibt. Betrachtet man das Beispiel der Beleidigung, so scheint diese Auffassung berechtigt: Es gibt offensichtlich Beleidigungen, die deutlich schwerer wiegen als andere, wobei auch hier überlegt werden muss, wer die Schwere der jeweiligen Beleidigung beurteilt und woran die Schwere bemessen wird. Die hier genannten Begrifflichkeiten „Demütigung“, „Erniedrigung“, „Verspottung“, „Beleidigung“ und „Herabsetzung“ – wie dies auch bei zahlreichen anderen sprachlichen Ausdrücken der Fall ist – unterliegen dem Problem der Vagheit. Es gibt eindeutige Fälle des Beleidigens, der Verspottung und der Demütigung und es gibt Fälle, die eindeutig nicht dazu gezählt werden. Aufgrund sprachlicher Vagheit sowie anderer Komponenten, die bei der Beurteilung einer Handlung oder Aussage berücksichtigt werden müssen, existieren auch Vorgänge, die sich nicht mit Bestimmtheit zu den Würdeverletzungen zählen lassen, sich jedoch ebensowenig davon ausschließen lassen. Vagheiten, wie auch das „Soritex-Paradox“, das mit der Vagheit des Begriffs „Haufen“ eher auf eine quantitative Problematik aufmerksam macht, während im vorliegenden Problem qualitative Aspekte angesprochen sind, sind in der Sprache vorhanden und lassen sich nicht einfach eliminieren. Eine Annäherung an das, was in dem hier verstandenen Sinne als „Person-Würdeverletzung“ bezeichnet wird, sind zunächst also Verspottung, Demütigung, Erniedrigung, Beleidigung und das Herabsetzen von Personen. Diese sind ebenso wie Angriffe auf den moralischen Status resp. die Menschenwürde per se als moralisch verwerfliche Akte anzusehen, auch wenn Stoecker behauptet, dass nicht alle Demütigungen zwangsläufig moralisch zu verurteilen seien: „Betrachtet man Demütigungen allgemein, dann ist es nicht immer moralisch schlecht, jemanden zu demütigen. Einen aufgeblasenen Wichtigtuer von seinem hohen Ross zu stoßen, kann durchaus löblich sein. Er hat den Respekt eben nicht verdient, den er einfordert. Vor aldaher von Handlungen, die entweder sprachlich oder nicht sprachlich sein können, die Rede sein. Ein näherer Blick auf die Gelingens- oder Misslingensbedingungen illokutionärer Akte im Sinne Austins könnte aber Aufschluss darüber geben, wann eine Handlung als gelungene Demütigung verstanden wird. Dies kann im Rahmen dieser Analyse jedoch nicht geleistet werden. 3. Zum Würdebegriff 162 lem dann, wenn diese Forderungen im Widerspruch zu den eigenen Ansprüchen und Rechten des Handelnden oder zu den Grundsätzen von Fairness und Gerechtigkeit stehen (z.B. wenn sich jemand bestimmte Privilegien ausbittet), dann ist es häufig ethisch unbedenklich und kann gelegentlich sogar geboten sein, etwas zu tun, was einen anderen Menschen demütigt.“ (Stoecker 2003, 147f.) Zwar sind die von Stoecker intendierten Zurechtweisungen, die mit einer solchen Demütigung einhergehen, moralisch nicht verwerflich, es ist allerdings mehr als fragwürdig, ob eine grundsätzlich moralisch zu verurteilende Handlung, wie die Demütigung, dadurch akzeptabel wird, dass es sich bei der gedemütigten Person um einen „aufgeblasenen Wichtigtuer“ handelt – was mit Sicherheit auch auf den ein oder anderen Teilnehmenden der Reality TV-Shows zutreffen könnte. Wäre es zulässig, dass Personen, die über bestimmte, unter Umständen als negativ zu bewertende Eigenschaften verfügen, zu Recht gedemütigt werden können, so ließen sich vermutlich fast alle Demütigungen in irgendeiner Form rechtfertigen. Aus ethischer Perspektive angebrachter wäre es doch, ein vernünftiges Gespräch mit dem „Wichtigtuer“ zu führen, anstatt ihn zu demütigen und damit ebenfalls unmoralisch zu handeln. Der Zweck, der von Stoecker angesprochenen Demütigungen ist also nachvollziehbar, das Mittel (also die Demütigung) ist jedoch zu kritisieren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Person-Würde Bezug auf bestimmte, individuelle Merkmale von Personen nimmt und dass der Begriff der „Person-Würdeverletzung“ aussagt, dass eine Beleidigung, Erniedrigung, Demütigung, Herabsetzung oder Verspottung der von der Verletzung betroffenen Person(en) vorliegt. Der Begriff „(Person-)Würdeverletzung“ sollte ebenso wie der Terminus „Menschenwürdeverletzung“ nach Möglichkeit vermieden bzw. in jedem Falle bei seiner Anwendung näher erläutert werden, da er lediglich ein Synonym ist für je nach Kontext verschiedene Begriffe, die eine Gruppe von Handlungen betreffen. Auch hier ließen sich präzisiere Urteile über eine Handlung fällen. Zu behaupten, diese oder jene Handlung sei schlecht, weil sie die Person demütigt oder beleidigt, ist – trotz der Vagheit der Begriffe Demütigung und Beleidigung – deutlich aussagekräftiger als das Urteil, diese oder jene Handlung verletze die Würde der Person. Im folgenden Abschnitt werden mögliche Einwände gegen diese Position beleuchtet. 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 163 Zu erwartende Einwände Die hier vertretene Position, „Menschenwürde“ bezeichne die Tatsache, dass sich Menschen gegenseitig einen Schutzanspruch zuschreiben, und die davon abzugrenzende „(Person-)Würde“ beziehe sich auf bestimmte Merkmale von menschlichen Individuen, hat zur Folge, dass der Begriff der Menschenwürde und auch der Begriff der Würde substituierbar werden. Dies sieht Weber-Guskar als problematisch an. „Würde als moralischer Status des Menschen ist definitorisch mit einem Anspruch auf eine bestimmte Behandlung verbunden, nämlich darauf, moralisch korrekt behandelt zu werden. Der Inhalt der Norm ist hier also unmittelbar klar. Die Würde des Menschen zu achten heißt, ihn in seinem moralischen Status anzuerkennen und ihn demgemäß zu behandeln, also nicht gegen seine berechtigten moralischen Ansprüche zu verstoßen. Dann aber ergibt sich das angekündigte Problem: In dieser Form ist der Begriff der Menschenwürde offensichtlich systematisch überflüssig.“ (Weber-Guskar 2017, 210) Dabei wüssten wir Weber-Guskar zufolge, dass „wir Menschen moralisch richtig behandeln sollen, […] sobald wir wissen, was Moral ist – wenn wir von einer Moral ausgehen, in der Menschen überhaupt einen gewissen Status haben und moralische Urteile nicht nur das Ergebnis von rein utilitaristischem Kosten-Nutzen- Kalkül sind“ (Weber-Guskar 2017, 210). Der Würdebegriff verliere damit seine eigene Rolle in moralischen Diskussionen. Er sei aber, so Weber-Guskar, ein bedeutsamer Begriff, was sie daran festmacht, dass wir nur bei ganz spezifischen moralischen Verstößen auch von Menschenwürdeverletzungen sprächen. Ihr scheine „die Intuition relativ weit verbreitet und robust, dass zwar jeder Diebstahl einen Verstoß gegen die Moral darstellt, aber nicht jeder Diebstahl auch eine Menschenwürdeverletzung“ (Weber-Guskar 2017, 210). Weber-Guskar zufolge ist die aus der These, Menschenwürde sei eine Bezeichnung für den moralischen Status der Menschen, hervorgehende „Überflüssigkeit“ des Begriffs für moralische Diskussionen problematisch. Doch erscheint ihre Überlegung, dass wir wüssten, dass wir Menschen moralisch behandeln müssten, sobald wir wüssten, was Moral ist, ebenfalls problematisch. Auch die Nationalsozialisten sind mutmaßlich davon ausgegangen, dass sie wüssten, was Moral ist, allerdings hat sie dies nicht dazu gebracht, Menschen nach heute gängigem Moralverständnis richtig zu be- 3.3.3 3. Zum Würdebegriff 164 handeln. Und auch heutige Rassisten oder Sexisten scheinen mit ihren Handlungen, Unterlassungen und Aussagen nicht zwangsläufig im Einklang mit der normativ verstandenen Menschenwürde zu stehen, selbst wenn sie der Auffassung sind, zu wissen, was moralisch (richtig) sei. Darüber hinaus existieren gegenwärtig auch moralphilosophische Positionen, die ohne den Begriff der Menschenwürde auskommen und sogar solche, die einer besonderen Würde des Menschen widersprechen würden, wie beispielsweise der Utilitarismus. Weber-Guskars Auffassung, dass nicht jeder Verstoß gegen die Moral eine Menschenwürdeverletzung ist, überzeugt hingegen. Allerdings ist dies mit der hier vorgestellten Überlegung auch nicht gesagt. Aus der Annahme, der Begriff „Menschenwürdeverletzung“ bezeichne bestimmte Angriffe auf den Schutzanspruch eines Menschen, folgt nicht, dass jeder Verstoß gegen die Moral auch als Menschenwürdeverletzung bezeichnet wird. Dieses Missverständnis legt ein weiteres Mal nahe, dass der Begriff in ethischen Diskussionen nicht allein als Argument angeführt und das angenommene Vergehen konkret benannt werden sollte. Darüber hinaus ergibt sich nach der hier vorgestellten These nicht eine „Überflüssigkeit des Begriffs“, denn er bezeichnet in der Tat etwas sehr Wichtiges, nur eignet sich dieser nicht zur sinnvollen Argumentation in zahlreichen konkreten ethischen Diskursen. Die „Überflüssigkeit“ des Begriffs allein wäre außerdem nicht problematisch, denn auch andere Wörter sind durch Synonyme oder Begriffserklärungen ersetzbar. Ein zweiter Einwand gegen die hier vorgestellten Überlegungen könnte sein, dass es so einen moralischen Status nicht gebe. Utilitaristische Positionen könnten beispielsweise die Annahme, jedes menschliche Individuum sei schützenswert oder habe eine Würde, anzweifeln. Auch kann behauptet werden, keinem Lebewesen, nur bestimmten Lebewesen oder vielleicht allen, auch nichtmenschlichen Lebewesen müsste diese Schutzwürdigkeit zugesprochen werden. Matthias Kettner stellt dies beispielsweise fest und sagt, dass „auch Wesen, deren typische soziale, physische und psychische Konstitution sich von der jener Menschen, die wir heute als unseresgleichen betrachten, unterscheidet, Träger von Menschenwürde sein bzw. von uns als solche anerkannt sein“ (Kettner 2005, 84f) könnten. Auch die Anfänge der Menschheit zeigen, dass die Idee der Menschenwürde eine künstlich konstruierte sei, so Wagner: „Wir brauchen bloß einmal zu den Anfängen unserer Spezies zurückzugehen […]. Da war von einer (gar unantastbaren) Würde des Menschen nichts zu finden; ist sie also nicht ebenso, sobald wir nur recht überlegen, gründlich zu relativieren wie das Menschliche überhaupt? 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 165 Müssen wir uns nicht darüber klar sein, daß auch sie, wenn wir schon heute so nobel von unserer Würde reden, doch bloß das Resultat evolutionärer Zufälle und diese Zufälle dann stabilisierender Naturgesetzlichkeiten ist?“ (Wagner 2014, 52f.) Dass wir Menschen uns diese Schutzwürdigkeit zuschreiben, bedeutet also nicht, dass wir eine solche tatsächlich auch und als einzige Lebewesen haben. Hierzu ist zu sagen, dass jemand, der bezweifelt, dass Menschen einen moralischen Schutzanspruch besäßen, wohl auch das Konzept der Menschenwürde selbst infrage stellen würde. Der Einwand wäre folglich kein Einwand gegen die hier vorgestellte Position, sondern gegen Moralkonzeptionen, welche die Idee eines moralischen Status aller menschlicher Lebewesen zugrunde legen. In diesem Zusammenhang könnte ein weiterer Vorwurf lauten, dass die vorgestellte Theorie die Zuschreibung der Menschenwürde nicht ausreichend begründe. Hierauf ist zu erwidern, dass es nicht das Anliegen der vorliegenden Studie und auch nicht der vertretenen These ist, den moralischen Umgang der Menschen untereinander zu begründen. Vielmehr lautet die These, dass sich Menschen faktisch diesen moralischen Status nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschrieben haben, was aber eine semantische Erläuterung des Würdebegriffs nach sich ziehen sollte. Vertreter der Auffassung, „Menschenwürde“ sei ein Sammelbegriff für die Menschenrechte, könnten einwenden, dass die hier vorgestellte Theorie diese These doch stütze und die in Kapitel 3.2.1 angeführten Kritikpunkte nicht überzeugend seien. Hierauf ist zu erwidern, dass ich nicht annehme, dass Menschenwürde ein Sammelbegriff für die Menschenrechte ist, sondern dass Menschen sich gegenseitig Menschenwürde bzw. einen moralischen Status zusprechen, um hierauf die Menschenrechte stützen zu können. Dies ist aber nicht im Sinne von Würde als ein Sammelbegriff für die Menschenrechte gemeint. Ein weiterer Einwand könnte sein, dass die Erläuterungen der Begriffe zu viel Interpretationsspielraum ließen und es deutlich festgelegter sei, als hier suggeriert wird, was unter „Menschenwürdeverletzungen“ zu verstehen ist. Hierzu ist zu erwidern, dass es sicherlich wünschenswert wäre, wenn der Begriff der Menschenwürdeverletzung klarer festgelegt wäre, weil dies moralische und rechtliche Urteile vereinfachen würde. Dies ist aber de facto aus den oben genannten Gründen nicht der Fall. Es scheint auch richtig, die Bedeutung des Begriffes der Menschenwürdeverletzung nicht festzulegen, da man sich sonst der Möglichkeit versperren würde, mögliche neue Verstöße hinzu zählen zu können. Aus diesem Grunde lau- 3. Zum Würdebegriff 166 tet, um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, der Vorschlag, die allzu allgemeinen Menschenwürdebegrifflichkeiten aus ethischen Diskursen herauszuhalten und die tatsächlich zu erörternde Problematik jeweils direkt zu benennen. Zusammenfassung Die vorangegangenen Untersuchungen zeigen, dass eine Differenzierung von zwei verschiedenen Vorstellungen von Würde, wie dies einige Positionen vorschlagen, durchaus sinnvoll ist. Meiner Auffassung nach sind aber nicht zwei „Würden“ voneinander zu unterscheiden, sondern zwei Begriffe, die sich auf zwei unterschiedliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens beziehen. Beide lassen sich nur angemessen verstehen, wenn vom Menschen nicht als einzelnes Individuum auf einer einsamen Insel, sondern als in irgendeiner Form von Gemeinschaft lebendes Wesen ausgegangen wird. Auch in der Tatsache, dass sie sich auf verschiedene Handlungsweisen sinnvoll beziehen lassen müssen, gleichen sich die beiden Begriffe. Mit dem Terminus „Menschenwürdeverletzung“ wird ebenso wie mit dem Terminus „Würdeverletzung“ nicht eine ganz bestimmte Handlungsweise bezeichnet, sondern verschiedenartige Akte, die sich aufgrund von gesellschaftlichem Wandel oder von Kultur zu Kultur ändern können. Auch Klass’ Ansicht nach müsse bei der Interpretation der Menschenwürdenorm auch der gesellschaftliche Wandel im Auge behalten werden (vgl. Klass, 2011, 65). Der Begriff der Menschenwürde müsse „daher auch für neue Gefährdungspotentiale offenbleiben und trotz seines festen unveränderlichen Kerns auch eine gewisse Dynamik aufweisen“ (Klass, 2011, 65). Die Menschenrechtserklärung, die im Zusammenhang mit der Menschenwürde gesehen wird, könnte verändert, erweitert oder ergänzt werden; auch dasjenige, was als Ehre oder Beleidigung bezeichnet wird, ist wandelbar, nicht für alle Menschen gleich und nicht dauerhaft festgelegt. „Menschenwürde“ beziehungsweise „Person-Würde“ sind deshalb aber keine leeren Begriffe, wie einige Autoren behaupten (vgl. Kap. 3.2.6), sondern bezeichnen durchaus etwas: Die Zuschreibung von Menschenwürde beschreibt die Tatsache, dass Menschen sich gegenseitig einen moralischen oder rechtlich gleichen Status zuschreiben (sollten), und die Rede von der (Person-)Würde des Menschen bezieht sich auf bestimmte Merkmale von Personen. 3.3.4 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 167 Dies erklärt auch, warum einige Autoren davon ausgehen, dass die Menschenwürde selbst durch „unwürdiges“ Verhalten nicht verloren geht. Der Schutzanspruch, der mit der Menschenwürde beschrieben wird, ist von der Person-Würde schließlich zu unterscheiden und eine Person verliert nicht ihren Schutzanspruch, wenn sie sich nicht ihrer Person-Würde gemäß verhält. Dass wir das eine mit dem anderen trotzdem in Verbindung bringen, liegt im ungenauen und uneindeutigen Sprachgebrauch begründet, der durch die Geschichte des Begriffs geprägt wird. Die Probleme und andauernden Diskussionen zum Würdebegriff entstehen zum einen aufgrund der Tatsache, dass „Menschenwürde“ und „Würde“ oftmals synonym verwendet werden, obwohl sie nicht dasselbe bedeuten, und zum anderen dadurch, dass das damit Bezeichnete umstritten ist. Trotz dieser Differenzierung ist damit nicht gesagt, dass nicht bei einer schweren Verletzung der Person-Würde zugleich auch eine Verletzung der Menschenwürde vorliegen kann. Angriffe auf den moralischen Status eines Menschen können mit Verletzungen der Ehre eines Menschen durchaus einhergehen. So ist beispielsweise das Verbot schwerwiegender Erniedrigungen in Artikel 5 der Menschenrechte festgehalten. Hier ist jedoch eine Differenzierung notwendig: Eine Beleidigung, wie die von Dieter Bohlen „Ja, dein Talent hat geglänzt. Leider durch Abwesenheit“ (Focus online 2014) betrifft die individuelle Verhaltensweise einer Person und kann durchaus als unmoralisch angesehen und als Erniedrigung empfunden werden, betrifft aber nicht die Menschenwürde im Sinne des moralischen Status des Menschen, sondern seine Person-Würde. Somit würde eine solche Beleidigung wohl eher nicht als Verletzung des in der AEMR verankerten Verbots von Folter, grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung angesehen werden, obwohl sie durchaus von dem Betroffenen als Erniedrigung empfunden werden kann. Umgekehrt ist zu sehen, dass gerade bei Akten der Folter oftmals auch die Person-Würde betroffen ist. Eine mögliche Differenzierung zwischen Akten der Erniedrigung wie sie in Artikel 5 gemeint sind und solchen, die rein die Person- Würde betreffen, könnte vielleicht darin gesehen werden, dass sich „Erniedrigung“ die Person-Würde betreffend auf individuelle Verhaltensweisen, wie schräg singen oder als Model stolpern, bezieht. Eine schwerwiegende oder starke Erniedrigung, welche gegen Artikel 5 verstößt, läge hingegen dann vor, wenn sie auf personenbezogene Merkmale wie Religion, Hautfarbe, Geschlecht und damit auf den Status als Menschen abzielt und wenn die betroffene Person keine Möglichkeit hat, sich dieser Situation zu entziehen. 3. Zum Würdebegriff 168 Der Person-Würdebegriff und das, was unter Verletzungen dieser individuellen Würde verstanden wird, sind mit Vagheit behaftet, und die Auffassung, dass Menschen ein besonderer moralischer Status zukommt, ist ein andauernder Streitpunkt in der modernen Moralphilosophie. Gemeinsam ist den Begriffen auch, dass mit ihnen nicht sinnvoll pauschale Aussagen getroffen werden können, wie allerdings häufig geschieht, so etwa die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“, sondern dass das, worauf sie sich beziehen, für ein moralisch sinnvolles Urteil im Einzelfall geprüft und präzise benannt werden muss. Auch wenn „Würde“ und „Menschenwürde“ keine leeren Begriffe sind und etwas bezeichnen, ist es daher ratsam, sie bei der Bewertung von ethischen Problemstellungen zu vermeiden. Sie sind eher im Sinne von Oberkategorien für bestimmte Verhaltensweisen oder – im Falle der „Verletzungen“ – Handlungen anzusehen. Eine Verhaltensweise oder eine Handlung, die als Menschen- oder als Person-Würdeverletzung bezeichnet wird, ist erst dann nachvollziehbar zu verurteilen, wenn die Handlung als solche auch benannt und das Vergehen deutlich gemacht wird. Eine Schlussfolgerung aus der These, die Termini „Menschenwürde“ und „Würde“ seien voneinander zu differenzieren und substituierbar, könnte nun lauten: Da die Begriffe nur vorgäben, auf etwas wie eine Eigenschaft des Menschen Bezug zu nehmen, diese Eigenschaft aber nicht existiert, existiere auch nichts, das verletzt werden könne. Aussagen wie „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ führten demzufolge in die Irre. Angesichts dessen, dass die überwiegende Zahl deutschsprachiger Personen doch überzeugt ist, verstehen zu können, was die These besagt – wenn sie vielleicht auch nicht ausnahmslos Zustimmung findet – ist diese Konsequenz jedoch nicht überzeugend. Die zweite mögliche – und den Ausführungen zufolge auch plausible – Schlussfolgerung lautet daher: Zwar existiert offensichtlich so etwas wie eine Würde oder Menschenwürde im Sinne einer Eigenschaft, eines Wertes oder irgendeines Anspruches nicht, die Begriffe bezeichnen aber etwas, das möglicherweise für eine moralische Beurteilung von Reality TV relevant sein könnte. Dies müsste sich nach der zuvor dargestellten Theorie aufgrund der Substituierbarkeit und Reduzierbarkeit des Würdebegriffs auch ohne die Verwendung der Würdebegrifflichkeiten ausdrücken lassen. Das bedeutet, es muss präzise formuliert werden können, was genau die ethische Problematik des Reality TV ausmacht, und zwar mit Blick auf das, was zum einen unter „Menschenwürde“ und zum anderen unter „Person- Würde“ verstanden wird. Dies erfolgt im nächsten Teil der Studie. 3.3 Vorschlag: „Würde“ als mehrdeutiger, substituierbarer Begriff 169 Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV Das vorliegende Kapitel wird unter Berücksichtigung der zuvor explizierten Differenzierung der Würdebegrifflichkeiten und ihrer Verwendungsweisen der Klärung der Frage dienen, ob im Zusammenhang mit dem Reality TV Konstellationen vorstellbar sind, die als „Menschenwürdeverletzungen“ oder „Person-Würdeverletzungen“40 im erläuterten Sinne bezeichnet werden könnten bzw. müssten. Dies geschieht unabhängig davon, ob all diejenigen, die die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ vertreten, nun die Menschenwürde oder die Person-Würde meinen – sofern ihnen diese Differenzierung überhaupt bewusst ist. Der Unterschied besteht darin, um es noch einmal zu verdeutlichen, dass unter „Wahrung der Menschenwürde“ eine konsensfähige Formulierung verstanden wird, die besagt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die gleiche moralische Berücksichtigung erfahren sollten. Unter „Person-Würde“ wird hingegen die individuelle Vorstellung der Persönlichkeit eines Individuums verstanden, die durch verschiedene Aspekte geprägt wird. Für die folgenden Überlegungen ist darüber hinaus eine weitere Differenzierung nötig: Da der Begriff „Reality TV“ eine kaum überschaubare Anzahl äußerst heterogener Fernsehformate umfasst, wie in Kapitel 2 erläutert, ist fraglich, worauf sich die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ überhaupt bezieht. Erstens könnte es das Konzept des Reality TV selbst sein, das im Fokus der These liegt. Dies legt nahe, dass die These besagen soll: (1) „Alle Formate des Reality TV verletzen die (Menschenund/oder Person-)Würde“. Denkbar wäre, dass die Vorgehensweise allgemein, die Darstellung eines Teils des realen, grundsätzlich privaten Lebens der Protagonistinnen und Protagonisten zur Unterhaltung des Fernsehpublikums zu verwenden, als würdeverletzend angesehen wird. Es könnten damit zweitens aber auch einzelne, bestimmte Kategorien gemeint sein. Auch wenn (1) ausgeschlossen werden könnte, bliebe also zu überprüfen, ob es Formattypen, wie die eingangs genannten Casting-Shows, Game- 4. 40 Wenn im Folgenden die Begriffe „Würdeverletzung“ oder „würdeverletzend“ verwendet werden, sind damit sowohl Menschenwürdeverletzungen als auch Person-Würdeverletzungen gemeint. Falls es sich um Verletzungen nur der „Menschenwürde“ oder nur der „Person-Würde“ handelt, werden diese auch so benannt. 170 shows, Talkshows, Dokumentationen über Privatpersonen, Partnersuche- Sendungen oder Help-Shows, gibt, denen man hinsichtlich ihres speziellen Konzeptes grundsätzlich einen Vorwurf der Würdeverletzung machen würde. Falls dies der Fall ist, so müsste die Ausgangsthese präzisiert und umformuliert werden in: (2) „Einige Reality TV-Typen verletzen die (Menschen- und/oder Person-)Würde“. Ist dies ebenfalls auszuschließen, könnte untersucht werden, ob es nicht die Formattypen, sondern einzelne Formatkonzepte sind, die als würdeverletzend bezeichnet werden müssen. Die These müsste dann lauten (3) „Einige Reality TV-Formate verletzen die (Menschen- und/oder Person-)Würde“. Vielleicht sind es aber auch nicht die Formate selbst, sondern nur bestimmte einzelne Szenen oder Ausschnitte, die als „würdeverletzend“ angesehen werden. Dann lautete die zu prüfende These wie folgt: (4) „Bestandteile einiger Reality TV-Formate verletzen die (Menschen- und/oder Person-)Würde“. Sind pauschale Aussagen zu (1), (2) und (3) zurückzuweisen, so wäre auch diese weitere Formulierung zu überprüfen. Vorstellbar ist aber auch, dass es gar nicht oder nicht nur das ist, was tatsächlich gezeigt wird, sondern dass die Abläufe im Hintergrund oder auch nach einer solchen Sendung, also der Umgang mit den Kandidaten dasjenige ist, was als moralisch bedenklich angesehen wird. Die letzte zu untersuchende These lautet daher (5) „Die Bedingungen und Umstände, unter denen einige Reality TV-Formate produziert und anschlie- ßend vermarktet werden, verletzen die (Menschen- und/oder Person-)Würde.“ Da sich die Thesen (2) und (3) – bestimmte Formattypen und bestimmte dazugehörige Formate sind würdeverletzend – sowie die beiden letztgenannten Thesen (4) und (5) überschneiden können, werden diese jeweils unter einem gemeinsamen Abschnitt zusammengefasst. Es könnte beispielsweise eine bestimmte Behandlung sein, die zu einer würdeverletzenden Szene führt, es könnte der Umgang mit dem Kandidaten oder der Kandidatin in einer bestimmten Szene sein, der als würdeverletzend bezeichnet wird, oder eine bestimmte Szene selbst könnte aus verschiedenen Gründen Auslöser für eine anschließende menschenwürdeverletzende Behandlung sein. Darüber hinaus ist zu fragen, wessen Würde überhaupt als verletzt anzusehen wäre. In seinem Zitat meint beispielsweise Bischof Huber – so geht es auch aus dem Text von Stoecker hervor – mit hoher Wahrscheinlichkeit die Würde der dargestellten Kandidatinnen und Kandidaten, wovon mutmaßlich in der Regel selbstredend ausgegangen wird. Auch wenn die Würde der Dargestellten im Fokus der Analyse stehen wird, sollte jedoch zudem überprüft werden, ob nicht auch die Würde nicht gezeigter Personen beziehungsweise derjenigen, die die Kandidatinnen und Kandidaten mög- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 171 licherweise in diesen Formaten repräsentieren, verletzt wird. Dies mag zunächst überraschend klingen, aber als ein Beispiel seien an dieser Stelle Sendungen der Art genannt, in denen Angehörige einer berufsbezogenen Gruppe auf der Suche nach einer Partnerin sind, wie beispielsweise das seit über zehn Jahren laufende Format Bauer sucht Frau. Es ist zu überlegen, ob mit solchen Formaten möglicherweise eine Stigmatisierung des Berufsstandes und eine damit zusammenhängende Bildung und Verbreitung von Vorurteilen all denjenigen gegenüber, die diesem angehören, vollzogen wird, wodurch möglicherweise auch deren Würde als verletzt anzusehen wäre. Da es sich nach dem hier vorgeschlagenen Verständnis von Menschenwürde um die Bezeichnung dafür handelt, dass allen Menschen grundsätzlich und gleichermaßen ein Schutz durch und vor dem Staat zustehen soll und dieser in der Formulierung und Festsetzung seiner Gesetze durch die Menschenrechte geleitet wird, wird nachfolgend jeweils zunächst untersucht, ob das Konzept des Reality TV allgemein, spezielle Formatkonzepte oder Bestandteile einzelner Sendungen oder Szenen möglicherweise gegen die Grundidee eines oder gleich mehrerer Menschenrechte verstoßen. Verstöße gegen diese Rechte bedeuten schließlich, dass der geforderte Schutz des moralischen Status nicht gegeben ist. Da diese Studie nicht dazu dienen soll und kann, juristische Urteile über Reality TV zu fällen, sondern eine moralphilosophische Bewertung vorgelegt werden soll, wird hier nicht auf die juridischen Vorgaben und exakten Formulierungen der AEMR Bezug genommen. Die grundlegenden Kernbedeutungen der einzelnen Menschenrechte dienen vielmehr der Orientierung an Werten und Rechten, über deren Schutzbedürftigkeit seit vielen Jahrzehnten und über zahlreiche Staaten hinweg ein breiter Konsens besteht. Es wird außerdem davon ausgegangen, dass Menschenrechte nicht nur Rechte sind, die vom Staat gegenüber Individuen einzuhalten sind, sondern dass das, was sie schützen sollen, auch von allen Menschen gegenseitig geachtet werden soll. Die Überlegung, Reality TV könnte eines oder mehrere der Menschenrechte missachten, mag angesichts eines Fernsehgenres als maßlos übertrieben anmuten. Eine Betrachtung der einzelnen Artikel der AEMR zeigt jedoch, dass eine Untersuchung zumindest einiger Punkte lohnt. Einige Paragraphen der AEMR können außer Acht gelassen werden: Artikel 3, der das Recht auf Leben beinhaltet, sowie die Artikel 2, 4, 6 und 8 bis 11, die Bezug auf den Schutz von Menschen als Rechtspersonen nehmen oder auch Artikel 13 bis 15, die sich mit dem Recht auf Auswanderung, auf Asyl und auf Staatsangehörigkeit auseinandersetzen, sind für die Fragestellung 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 172 nicht von Bedeutung. Artikel 17, der sich mit der Frage nach Eigentumsrechten beschäftigt, sowie Artikel 18, welcher sich mit Religionsfreiheit befasst, sind ebenfalls nicht einschlägig. Auch die Artikel 20 und 21, die das Versammlungsrecht und das Recht zur Mitgestaltung der Landesangelegenheiten beschreiben, sind hinsichtlich der vorliegenden Fragestellung nicht relevant. Artikel 25,1, der sich auf die Gesundheitssorge bezieht, Artikel 26, der sich mit dem Recht auf Bildung befasst, Artikel 28, welcher einen Anspruch auf soziale und internationale Ordnung festhält, sowie Artikel 30, in dem sich auf die Ziele der AEMR allgemein bezogen wird, können ebenfalls an dieser Stelle außer Acht gelassen werden. All diese Artikel, die zu einem großen Teil politische Rechte ansprechen, tangieren die Problemstellung nicht und werden aus diesem Grund nicht näher betrachtet. Drei der 30 Artikel sind für die vorliegende Fragestellung insofern bedeutsam, als dass sie nicht gegen, sondern je nach Auslegung sogar für das Erlaubtsein einer Teilnahme an, dem Anschauen oder des Produzierens von Reality TV-Formaten sprechen könnten. So besagt Artikel 19: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ Dieser Artikel legt fest, dass es zum Empfang und zur Verbreitung von Informationen und Gedankengut keine Grenzen geben soll und dass jeder das Recht darauf hat, sich frei zu äußern. Dies hält sowohl für das Fernsehpublikum die Möglichkeit bereit, die Formate anzuschauen und lässt gleichzeitig den Kandidatinnen und Kandidaten die Freiheit, an diesen teilzunehmen. Ebenso spricht Artikel 22 dafür, dass jedes Mitglied der Gesellschaft „in den Genuß der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte […] gelangen [können soll], die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“ Hieraus lässt sich schließen, dass wohl grundsätzlich keinem Mitglied der Gesellschaft die Teilnahme beispielsweise an einer Casting-Show, sofern diese der freien Entfaltung und der Würde des Kandidaten dient und diese überhaupt als „Kultur“ zu bezeichnen ist, verwehrt werden darf. Ähnliches folgt aus Artikel 27,1: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.“ Auch dieser spricht dafür, dass sowohl Konsumentinnen und Konsumenten als auch Kandidatinnen und Kandidaten ungehindert an diesen Formaten Freude empfinden können sollen. Das bedeutet jedoch nicht, 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 173 dass diese Artikel per se etwaige Probleme überwiegen und die Sendungen hierdurch bereits gerechtfertigt wären. Schließlich sind durchaus Konflikte zwischen verschiedenen Menschenrechten möglich, und diese sind daher gegeneinander abzuwägen. Dies könnte die Bedeutung der hier genannten Menschenrechte in Relation zu anderen Menschenrechten herabstufen und im Abwägungsfall andersgeartete Konsequenzen haben und besagt konkret: Stellt sich heraus, dass andere Rechte eindeutig missachtet werden, so ist über die Gewichtung dieser drei für das Reality TV sprechenden Artikel im Verhältnis zu dem oder den missachteten Artikeln nachzudenken. Die übrigen Artikel der AEMR werden nachfolgend in Betracht gezogen, wobei nicht jeder Artikel für jede der vier Kategorien relevant ist und demzufolge nur an den entsprechenden Stellen behandelt wird. Einzig Artikel 1 wird nicht wie die anderen näher betrachtet, weil er mit der These „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ diejenige Formulierung enthält, die den Ausgangspunkt der Diskussion ausmacht. Nach diesen Überlegungen zum Menschenwürdebegriff folgt jeweils eine Untersuchung dazu, ob das, was als Person-Würde bezeichnet wird, (ebenfalls) betroffen sein könnte. Anders als im Falle der Menschenwürde geht es hierbei in erster Linie darum, zu analysieren, was mit den die Personen betreffenden Aspekten wie dem „Schutz der Persönlichkeit“ oder der „Wahrung des Ansehens oder des Rufes“ im Reality TV geschieht. Wie zuvor beschrieben, sind Angriffe auf die Person-Würde beispielsweise Verspottung, Beleidigung, Demütigung, öffentliche Herabsetzung oder Erniedrigung, welche gerade im Hinblick auf das Fernsehen mit Rufmord oder -schädigung und Mobbing einhergehen können. Sollte sich herausstellen, dass das Reality TV solche oder auch andere moralisch verwerfliche Handlungen beinhalten oder sogar fördern sollte, wäre zu überlegen, wer dafür verantwortlich ist und wie damit zukünftig umgegangen werden sollte. Ist das Konzept Reality TV würdeverletzend? Dieser Teil befasst sich mit der Überlegung, ob sich – ohne bereits spezielle Merkmale oder Inhalte einzelner Sendungen näher zu betrachten –, eine allgemeine moralische Kritik am Konzept des Reality TV üben lässt. Zur Erinnerung: In der vorliegenden Studie werden unter „Reality TV“ Formate verstanden, in denen die Darstellung eines Teils des realen, grundsätz- 4.1 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 174 lich privaten Lebens der Protagonistinnen und Protagonisten der Unterhaltung der Fernsehkonsumentinnen und Fernsehkonsumenten dienen soll. Wie Kapitel 3.1 zur Geschichte des Würdebegriffs aufzeigt, ist es grundsätzlich keine mit der Entwicklung technischer Möglichkeiten einhergehende Neuerscheinung der Gegenwart, dass Menschen andere zur eigenen Unterhaltung in beschämende Situationen bringen oder sich sogar – mit Blick auf die Gladiatorenkämpfe – von blutrünstigen und todbringenden Kämpfen amüsieren lassen. Was sich allerdings mit dem Aufkommen der modernen Technik geändert hat, sind die Dimensionen der Erreichbarkeit und der Wiederholbarkeit der Darstellung von Ereignissen und Sachverhalten. Durch die Vernetzung und Datenspeicherung kann theoretisch jederzeit, auch lange nach dem eigentlichen Ereignis, und überall auf der Welt von Millionen von Menschen verfolgt werden, wofür man früher etwa in die Arena oder auf den Marktplatz gehen musste und was nur einmalig anzusehen war, nämlich in dem Moment, als es stattfand. Dass möglicherweise viele Menschen voyeuristisch veranlagt sind, dabei immer schon Spaß am Spott über andere hatten und noch haben, darf jedoch nicht davon abhalten, diese Praxis grundsätzlich zu hinterfragen. Denn auch andere ethisch höchst bedenkliche Praktiken, wie zum Beispiel die Unterdrückung der Frau oder die Sklaverei, haben sich über Jahrhunderte gehalten, sind jedoch deshalb nicht weniger ethisch verwerflich. Zunächst werden nun zur Analyse der Frage, ob das Konzept „Reality TV“ möglicherweise menschenwürdeverletzend im beschriebenen Sinn ist, die entsprechenden Menschenrechte näher betrachtet. Anschließend folgt die Überlegung dazu, ob das Konzept Reality TV womöglich demütigend oder erniedrigend ist und somit die „Person-Würde“ verletzt. Menschenwürde und das Konzept Reality TV Relevant für die Überlegung, ob das Konzept Reality TV den moralischen Status von Personen und die Rechte, die den Schutz dessen gewährleisten sollen, missachtet, sind die Artikel 5, 7, 12 und 29 der AEMR. Diese werden nachfolgend betrachtet. Artikel 5: Erniedrigende, unmenschliche Behandlung Der erste Artikel der AEMR, der für eine moralische Beurteilung des Konzepts Reality TV relevant sein könnte, ist Artikel 5: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder 4.1.1 4.1 Ist das Konzept Reality TV würdeverletzend? 175 Strafe unterworfen werden“. Hier könnten die Begriffe „grausam“, „unmenschlich“ und „erniedrigende Behandlung“ in den Blick der Kritiker des Reality TV fallen. Auch wenn der Begriff der „Folter“ mit Bezug auf das Konzept Reality TV nicht angebracht ist, ist zu überprüfen, ob möglicherweise psychischer Druck auf die Teilnehmenden ausgeübt wird, der wiederum auf unmenschliche und erniedrigende Behandlung hindeuten könnte. Da dies jedoch nicht über das grundlegende Konzept des Reality TV, sondern allenfalls über einzelne Formate, Szenen oder den Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten im Einzelfall ausgesagt werden kann, lässt sich auch nicht sagen, dass das Konzept Reality TV generell gegen Artikel 5 der Menschenrechte verstößt. Artikel 7: Diskriminierung Artikel 7, der sich mit dem Schutz gegen jede Diskriminierung – allerdings „gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung [der Menschenrechte] verstößt“ befasst, lässt sich ebenfalls nicht auf das Konzept Reality TV beziehen. Zum einen ist mit diesem Artikel offensichtlich kein Schutz vor Diskriminierung allgemein gemeint, weil er lediglich Bezug auf die Menschenrechte nimmt. Und zum anderen könnte, selbst wenn hierunter der Schutz vor Diskriminierung allgemein zu verstehen wäre, nicht über das Konzept Reality TV ausgesagt werden, dass es diskriminierend sei. Solange jeder Mensch grundsätzlich die Möglichkeit hat, daran teilzunehmen – und dies wird durch das Konzept allein nicht ausgeschlossen –, wäre ein solcher Vorwurf gegen das Konzept Reality TV nicht haltbar. Artikel 12: Eingriffe in das Privatleben, Beeinträchtigungen der Ehre und des Rufes Dass Reality TV gegen Artikel 12 der Menschenrechte verstößt, scheint angesichts der typischen Merkmale des Reality TV Reality TV auf der Hand zu liegen. Der Artikel lautet: „Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“ Verstöße gegen diesen Artikel könnten möglicherweise bei einigen Formaten oder auch mit Blick auf die Berichterstattung nach der Ausstrahlung einer Sendung, in der die Protagonistinnen und Protagonisten nicht selten gerade im Hinblick auf ihr Privatleben diffamiert werden, festgestellt werden. Das Konzept Reality TV aber verstößt grundsätz- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 176 lich nicht gegen das Recht. Bedeutsam ist an der Formulierung der Begriff „willkürlich“. Wie „willkürlich“ innerhalb der AEMR verstanden wird, ist zwar offen. Es ist jedoch anzunehmen, dass es entweder im Sinne von „beliebig“ oder auch im Sinne von „rechtswidrig“ verstanden werden muss. Wer an einem Format, welches dem Konzept Reality TV zugeschrieben wird, teilnimmt, unterschreibt zuvor eine Erklärung, sodass es sich zunächst einmal nicht um einen rechtswidrigen oder beliebigen Eingriff der Produzenten in das Privatleben der Kandidatinnen und Kandidaten handelt: „To avoid […] lawsuits (and their potential to encroach upon freedom of the press), reality television producers now assiduously procure signed legal release forms from would-be participants.“ (Shufeldt Esch 2012, 43f.) Auch hier lässt sich also keine pauschale Aussage über Rechtsverstöße des Konzepts Reality TV treffen. Artikel 29: Pflichten gegenüber der Gemeinschaft Anders könnte dies vielleicht mit Blick auf Artikel 29 aussehen. Ein Ausschnitt aus Artikel 29,2 lautet: „Jeder ist bei der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten nur den Beschränkungen unterworfen, die das Gesetz ausschließlich zu dem Zweck vorsieht, die Anerkennung der Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung […] zu genügen“. Hier ist zu fragen, ob durch die Freiheit der Fernsehproduzenten, Reality TV-Formate zu produzieren, möglicherweise die Moral oder die öffentliche Ordnung gestört werden könnte? Diese Frage wird weiter unten näher betrachtet. Für sich gesehen kann auch dieser Artikel jedoch nicht als missachtet angesehen werden, wenn man das Konzept Reality TV insgesamt betrachtet, weil dieses grundsätzlich zunächst einmal nicht gegen die Moral, die öffentliche Ordnung oder die Freiheiten anderer agiert. Person-Würde und das Konzept Reality TV Zunächst könnte überlegt werden, ob das allen Reality TV-Formaten zugrundliegende Konzept, Menschen und ihre Probleme zur Unterhaltung zu instrumentalisieren, als demütigend angesehen werden muss. Schertz zufolge sei durch diese Formate schließlich die Intimsphäre zu einem vermarktbaren Gut „und soziale Abgründe sind Gegenstand von Unterhaltung“ (Schertz 2012, 269) geworden. Zwar geben die Produzenten der Reality TV-Formate meist vermeintlich gute Beweggründe an – ihr Ziel sei es zu therapieren, „ein Coaching der Verzweifelten, Therapie und Betreu- 4.1.2 4.1 Ist das Konzept Reality TV würdeverletzend? 177 ung im öffentlichen Raum und vor Publikum“ (Pörksen, Krischke 2012, 36). Roger Schawinksi geht aber davon aus, dass den Sendern das eigentliche Schicksal der Kandidatinnen und Kandidaten letztlich gleichgültig sei: „Es ist den Fernsehanstalten auch egal, ob der ‚Superstar’ nach der Staffel noch Erfolg hat. Vielleicht kann er noch ein bisschen daran verdienen, aber entscheidend sind die Quote, der Klamauk und die Inszenierung.“ (Schawinksi 2012, 261) Diesen Eindruck beschreibt auch der ehemalige Castingshow—Teilnehmer Markus Grimm, dem bei einem Vergleich auffiel, dass bei Das Supertalent in England ein ganz ähnlicher Typ gewonnen habe wie in Deutschland. Nicht nur die Kulissen und das Konzept seien übernommen, sondern auch als Gewinner sei ein ähnlicher Kandidat ausgewählt worden, woraus sich seiner Ansicht nach schließen lässt, „dass die Quote stimmen muss und es eben nicht um das Supertalent aus Deutschland geht“ (Grimm 2012, 238). Ist also die Tatsache, dass den Kandidatinnen und Kandidaten oftmals offensichtlich nur vorgespielt wird, man wolle ihnen helfen, sie aber in Wirklichkeit für den Profit und Erfolg der Sender instrumentalisiert werden, demütigend? Und selbst wenn das „Hilfsangebot“ der Sender ein aufrichtiges wäre, könnte die Veröffentlichung von Gefühlen, Schicksalen und Einblicken in die Privatsphäre aus Unterhaltungsgründen trotzdem als Demütigung empfunden werden? Angesichts der Tatsache, dass der Fernsehauftritt für einige auch zur Chance werden kann oder eine Veränderung des Lebens in eine positive Richtung bewirkt, wäre die Annahme, das grundlegende Konzept aller Reality TV-Formate sei demütigend an dieser Stelle wohl zu pauschal. Dass Reality TV-Formate Einfluss auf die Person-Würde derjenigen nehmen können, die in irgendeiner Form daran beteiligt sind, steht jedoch außer Frage. Nicht nur das Ansehen der Kandidatinnen und Kandidaten kann hierdurch gesteigert, vermindert oder verletzt werden, sondern unter Umständen auch das der Produzenten, wenn beispielsweise eine Sendung ganz besonders erfolgreich oder auch ein gro- ßer Misserfolg ist. Allerdings lässt sich hierüber keine pauschale Aussage mit Blick auf die Person-Würde treffen, weil nicht das Konzept die Person- Würde verletzt oder fördert, sondern, wenn überhaupt, sind es einzelne Formate oder einzelne Szenen, von denen dies ausgesagt werden kann. Selbst wenn sich in einigen Formaten oder Szenen Demütigungen, Herabsetzungen, Beleidigungen oder Erniedrigungen feststellen lassen, lässt sich also nicht sagen, dass Reality TV als Konzept die Person-Würde verletzt. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 178 Zwischenfazit Auch wenn verschiedentlich die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ vertreten wird, so haben die vorangegangenen Ausführungen gezeigt, dass diese Hypothese nicht in generalisierter Form zutrifft, beziehungsweise vielmehr diese Formulierung nicht ausreichend präzise und daher entsprechend zu konkretisieren ist, sofern sie triftig sein soll. Über Reality TV als Konzept lässt sich dies zumindest nicht pauschal aussagen – weder, wenn unter der in der These genannten Würde die „Menschenwürde“ noch wenn darunter die „Person-Würde“ verstanden wird. Es lässt sich weder eine Verletzung des moralischen Status, also der Menschenwürde, in Form von Verletzungen der Menschenrechte noch eine generelle Demütigung, Erniedrigung, Verspottung oder Beleidigung, also eine Verletzung der Person-Würde, durch das Konzept Reality TV feststellen. Die wiedergegebene Behauptung ist viel zu allgemein und lässt sich so nicht aufrechterhalten. James Poniewozik, der sich mit der Frage beschäftigt, ob Reality TV „ethisch“ sei, drückt dies sehr treffend aus, wenn er sagt, die Frage, ob Reality TV ethisch ist, ist genauso wenig zu beantworten, wie die Frage, ob Bücher ethisch sind (vgl. Poniewozik 2012, IX). Im nachfolgenden Abschnitt wird untersucht, ob die Inhalte der zum Reality TV zu zählenden Formattypen und Formate möglicherweise Person- und/oder Menschenwürdeverletzungen enthalten. Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? Nachdem ausgeschlossen wurde, dass aufgrund ihres Konzeptes grundsätzlich alle Reality TV-Formate „würdeverletzend“ sind, ist nun zu untersuchen, ob möglicherweise die Konzepte einzelner Formattypen oder Formate den moralischen Status bzw. die Person-Würde verletzen. Sollte dies der Fall sein, könnte folglich die These lauten „Einige Reality TV-Formate und/oder Formattypen sind (menschen- und/oder person-) würdeverletzend“. Da es eine immense und kaum noch überschaubare Zahl an Reality TV-Formaten gibt, von denen etliche längst wieder abgesetzt wurden, kann hier jedoch nur eine Auswahl exemplarisch näher betrachtet werden. Bezug wird ausschließlich auf deutschsprachige Formate genommen, wobei die aus der Mode gekommenen Talkshows41 außer Acht gelassen wer- 4.1.3 4.2 41 Mit „aus der Mode gekommen“ sind nicht die aktuell beliebten Polit-Talkshows, die jedoch nicht zum Reality TV zählen, sondern diejenigen gemeint, deren Teil- 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 179 den. Die genannten Formate sind weitgehend repräsentativ für einen gro- ßen Teil der weltweiten Reality TV-Produktionen. Die Sendungskonzepte stammen oftmals aus den USA und werden international weitergereicht. Allein in Deutschland erreichen sie mehrere Millionen Zuschauer täglich. Die nachfolgend angeführten Beispiele wurden ausgewählt, weil sie alle aufgrund langer Laufzeiten im deutschen Fernsehen sehr bekannt und als Beispiele für den jeweiligen Typus einschlägig sind. Sie sind außerdem repräsentativ für die jeweils angesprochenen Problematiken, sodass sich die Ergebnisse auch auf weitere Formatkonzepte aus den jeweiligen Typen übertragen lassen. Menschenwürde und Formattypen bzw. Formatkonzepte Da die Überlegung, ob einzelne Formatkonzepte die Menschenrechte verletzen, Bezug auf konkretere Beispiele nimmt, werden hier weitere Artikel der AEMR relevant. Neben den bisher betrachteten Artikeln 5, 7, 12 und 29 werden nachfolgend auch Artikel 3, der sich auf das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit bezieht, sowie Artikel 16, in dem der Schutz der Heirat, Ehe und Familie festgehalten ist, in die Analyse mit einbezogen. Artikel 3: Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit Gameshows wie Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, Big Brother oder auch vereinzelte Casting-Shows wie Germany’s next Topmodel, die teils gefährliche Aufgaben von den Teilnehmenden einfordern, könnten vielleicht in den Verdacht geraten, das Recht auf Freiheit im Falle von Personen, die in einen Container gesperrt und von der Außenwelt abgeschottet werden, oder auch das Recht auf Sicherheit, beispielsweise bei einer schwierigen Prüfung, zu missachten. Dies lässt sich jedoch schnell ausräumen: Die Kandidatinnen und Kandidaten begeben sich, wenn vielleicht auch nicht ganz freiwillig – wie noch zu untersuchen sein wird –, so doch mit ihrer Zustimmung in die jeweilige Situation. Sie haben sich zuvor mit ihrer Unterschrift zu der freiheitsentziehenden Maßnahme wie den Einzug in einen Container oder auch für die risikoreichen Aufgaben, die ihnen in 4.2.1 nehmer in erster Linie Privatpersonen waren und deren Inhalte sich auf private Ereignisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bezogen, wie beispielsweise Arabella, Die Oliver Geissen Show oder Bärbel Schäfer. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 180 Casting- oder Gameshows bevorstehen, grundsätzlich bereiterklärt. Dies ist in gewisser Weise vergleichbar mit dem Ausüben eines Hobbies, von dem man weiß, dass es bestimmte Gefahren birgt: Es besteht kein Zwang dazu, es überhaupt zu beginnen, aber in dem Moment, in dem man sich entscheidet, es auszuüben, nimmt man gewisse Risiken in Kauf. Ebenso besteht grundsätzlich kein Zwang dazu, an einer solchen Show teilzunehmen und es besteht zudem die Möglichkeit, die Teilnahme zu beenden. Somit stellen solche Anforderungen an die Kandidatinnen und Kandidaten keine Missachtung des Artikels 3 bzw. keine Verletzung des moralischen Status dar. Artikel 5: Erniedrigende, unmenschliche Behandlung Überlegungen dazu, welche Formattypen oder Formatkonzepte möglicherweise erniedrigend sind, könnten zunächst zu Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar (DSDS) führen, in der insbesondere das Jurymitglied Dieter Bohlen den Kandidatinnen und Kandidaten gegenüber oftmals sehr abfällige Bemerkungen äußert, wie der von Stoecker zitierte Spruch: „Ich habe gerade gelesen, dass man aus verschimmeltem Brot Penicilin machen kann. Und deshalb denke ich immer, man kann aus jedem etwas machen. Aber aus dir gar nichts.“ (Dieter Bohlen, zit. nach Stoecker 2007, 70) Für solche und ähnliche demütigende Urteile über Kandidatinnen und Kandidaten ist diese Casting-Show seit einigen Jahren bekannt (vgl. Josefowicz 2012). Sendungen wie diese seien, Klass zufolge, zum Teil geradezu darauf ausgerichtet, „einzelne Personen zum Objekt der Belustigung zu machen, sie herabzuwürdigen und mit Spott und Häme zu überziehen, wobei hierfür verschiedene Inszenierungstechniken eingesetzt werden, und auch die Juroren ein beleidigendes und respektloses Verhalten an den Tag legen“ (Klass 2011, 19f.). Abgesehen von der bereits erwähnten Schwierigkeit (vgl. Kap. 3.3.4), zu bestimmen, was Erniedrigung insbesondere mit Bezug auf Artikel 5 der AEMR genau bedeutet, ist allerdings an dieser Stelle zu differenzieren: Zum einen wird nicht mit allen Kandidatinnen und Kandidaten in allen Casting-Shows und auch nicht mit allen Teilnehmenden innerhalb einer Show derartig verfahren, und zum anderen wäre auch eine Version von Deutschland sucht den Superstar vorstellbar – auch wenn diese dann vielleicht ökonomisch weniger erfolgreich wäre –, in der gar nicht in einer als erniedrigend zu bezeichnenden Weise mit den Protagonistinnen und Protagonisten umgegangen wird. Hieraus lässt sich zweierlei ersehen: Zum einen ist es nicht das grundlegende Konzept des Typus „Casting-Show“, das als erniedrigend zu bezeichnen wäre. Auch wenn hier möglicherweise 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 181 erniedrigende Behandlungen (gehäuft) vorkommen, haftet dies nicht der grundsätzlichen Idee an, potentiellen Talenten die Möglichkeit zu bieten, ihr Können einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und sich aneinander zu messen. Zum anderen wäre auch Deutschland sucht den Superstar als konkretes Beispiel nicht generell, sondern allenfalls – wie weiter unten untersucht wird – im Hinblick auf bestimmte Szenen bzw. den Umgang mit einigen Teilnehmenden als „erniedrigend“ zu bezeichnen. Dies darf nicht falsch verstanden werden: Deutschland sucht den Superstar, so wie es aktuell gestaltet wird, beinhaltet oftmals erniedrigende Äu- ßerungen und Darstellungen. Die Show würde, wie der ehemalige Geschäftsführer von SAT.1, Schawinksi, beschreibt, anders vermutlich gar nicht mehr funktionieren (vgl. Schawinski 2012, 264), womit er wahrscheinlich meint, dass das Publikum das Interesse daran verlieren und eine Fortsetzung der Produktion für den Sender ökonomisch uninteressant werden könnte. Auch Schertz erklärt: „Die Unfähigen, psychisch Auffälligen verächtlich zu machen, ist Teil des Formats.“ Und er gibt auch an zu wissen, warum dies so ist: „Das bringt Quote.“ (Schertz 2012, 268) Aber dies gehört zur Ausgestaltung der jeweiligen Sendung, zum „inszenatorischen Konzept“, wie Pörksen und Krischke es bezeichnen (vgl. Pörksen, Krischke 2012, 23), und nicht zu der grundlegenden Idee, potentiell talentierten Personen einen Wettbewerb anzubieten, der ihnen aufgrund der Ausstrahlung im Fernsehen einen (hohen) Bekanntheitsgrad bieten kann. Schließlich gibt es auch Casting-Formate wie The Voice of Germany, bei dem „die Juroren die Sänger mit Respekt behandeln und keiner bloßgestellt wird“ (Heidböhmer, Stern 2011). Diese Erkenntnis lässt sich auf sämtliche Talent- bzw. Casting-Shows übertragen. An der grundsätzlichen Idee, Menschen, die ein Talent haben oder ein bestimmtes Karriereziel erreichen wollen, eine Öffentlichkeit zu bieten, in der sie sich selbst prüfen, beweisen und ihre Ideen möglicherweise zügiger vorantreiben können, ist nichts zu erkennen, das sich als „grausam, unmenschlich oder erniedrigend“ bezeichnen ließe. Es scheint vielmehr auf den Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten im Einzelfall anzukommen, wenn es um eine derartige Bewertung der Formate geht. Anders könnte dies bei Gameshows wie Ich bin ein Star – holt mich hier raus! (bzw. Das Dschungelcamp) aussehen. So beschreiben Pörksen und Krischke die international produzierten und ausgestrahlten Shows Big Brother oder das Dschungelcamp, in denen Personen über mehrere Tage verschiedene Prüfungen absolvieren müssen, folgendermaßen: 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 182 „Den Rahmen bildet ein nach außen abgeschotteter Mikrokosmos in Form eines Containers oder Camps, in dem die Bewohner ‚Aufgaben’ lösen müssen, die oft im Absolvieren von Mut- und Ekel-Proben bestehen. […] Mit Maden und Würmern in Nahaufnahme, besonders prolligen – manchmal auch rassistischen – Sprüchen, Kopulationen vor der Kamera und einem demonstrativen Kult der Unbildung bildet diese Art von Shows die Avantgarde bei der Schleifung letzter bürgerlicher Tabu-Reste.“ (Pörksen, Krischke 2012, 32) Mit Kakerlaken überschüttet zu werden und vor einem Millionenpublikum Maden essen zu müssen sind wahrlich als „Tabu-Bruch“ zu bezeichnende Aufgaben. Doch auch hier sind zwei Einschränkungen zu sehen: Zum einen existieren auch Gameshows, die keine derartigen Anforderungen, sondern etwa Wissensfragen oder sportliche Aufgaben an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen. Durch eine Veränderung des inszenatorischen Konzeptes wäre es grundsätzlich möglich, ähnlich wie im Falle von Deutschland sucht den Superstar, auch das Dschungelcamp in eine weniger „erniedrigende“ Show umzuwandeln. Zum anderen erklären sich die Teilnehmer dieser Shows mit ihrer Zusage dazu bereit, sich auf Aufgaben dieser Art einzulassen, und es besteht in der Regel die Möglichkeit, die Teilnahme – beispielsweise beim Dschungelcamp mit den Worten „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – zu beenden. Dies ist bei Akten, die eine Folterung darstellen oder der Folter ähneln und wie sie mutmaßlich in Artikel 5 der AEMR gemeint sind, nicht der Fall. Sie werden genau dadurch, dass der Betroffene nicht freiwillig in diese Situation geraten ist und der grausamen und unmenschlichen Behandlung, die seinen moralischen Status betrifft, nicht widersprechen kann, zur Verletzung dieses Menschenrechts. Sowohl über Casting- als auch über Gameshows bzw. die einzelnen genannten Formate, zu denen die Kandidatinnen und Kandidaten ihre Zustimmung geben und auch die Möglichkeit haben, die Teilnahme abzubrechen, lässt sich jedoch pauschal nicht aussagen, dass sie gegen Artikel 5 der AEMR verstoßen. Anders könnte dieses Urteil mit Blick auf einzelne Szenen ausfallen, wie weiter unten betrachtet wird. Ähnliches gilt auch für die zum Formattyp der Partnersuche-Formate zählenden, ebenfalls vielen als erniedrigend anmutenden Formaten wie Bauer sucht Frau, Schwer verliebt oder Schwiegertochter gesucht, deren grundlegendes Konzept die Unterstützung bei der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner ist bzw. sein soll. An dieser Idee ist ebenfalls – immer unter der Voraussetzung, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten freiwillig zu der Teilnahme entschieden haben und tatsächlich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin sind – grundsätzlich nichts 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 183 Erniedrigendes festzustellen. Auch wenn die Sinnhaftigkeit der Partnersuche vor einem Millionenpublikum hinterfragt und überlegt werden sollte, ob es moralisch richtig oder problematisch ist, diese tiefen Einblicke in die Gefühlswelt der Teilnehmenden zur Unterhaltung zu verwenden, so lässt sich kein genereller Verstoß gegen Artikel 5 feststellen. Offen bleibt an dieser Stelle ebenfalls, ob möglicherweise einzelne Szenen oder der Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten als erniedrigend zu bezeichnen wären. Über die Teilnehmenden an Dokumentations-Formaten und Help- Shows wie beispielsweise Frauentausch, Goodbye Deutschland, The Biggest Loser oder Extrem Schön! – Endlich ein neues Leben lässt sich aussagen, dass sich manche von ihnen vor der Kamera ungeschickt verhalten und sich im Rahmen der Dokumentation folglich selbst blamieren. Dies betrifft jedoch ebenfalls einzelne Szenen bzw. einzelne Personen und zunächst einmal nicht das Konzept der Sendung. Darüber hinaus wäre dies wohl eher als Person-Würde-Verletzung zu bezeichnen, weil es das Verhalten der einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten und nicht ihren moralischen Status betrifft. Auch wenn gerade Shows, in denen dargestellt wird, wie stark übergewichtige Personen durch verschiedene, zum Teil strenge Maßnahmen zum Abnehmen gebracht werden oder Formate über Schönheits-Operationen implizit bereits in ihren Konzepten ausdrücken, dass die dargestellten Personen einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen, dürfte von einem Verstoß gegen Artikel 5 grundsätzlich nicht die Rede sein. Schließlich – so wird es zumindest vorgegeben – soll diesen Personen durch die Sendung zu einem besseren Leben verholfen werden, indem sie lernen, gesünder zu leben oder von einem sie belastenden „Makel“ befreit werden. Auch hier ist es jedoch nötig, die einzelnen Szenen und Berichte über den Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten näher zu betrachten. Formate, die sich mit dem Privatleben von Kindern und Jugendlichen beschäftigen, stellen allerdings an dieser Stelle eine Ausnahme dar: Die Zustimmung für die Teilnahme Minderjähriger an Formaten wie beispielsweise die bereits abgesetzte Sendung Die Super Nanny, aber auch Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen sowie Die strengsten Eltern der Welt muss nach gesetzlichen Vorgaben durch die Eltern erfolgen (vgl. Klass 2011, 93). Im Falle der Produktion und Ausstrahlung von Teenie-Mütter bestimmen die Eltern der jungen Mütter sogar gleichzeitig über die eigenen un- bzw. neugeborenen Enkelkinder mit. Fraglich ist, ob die dargestellten Minderjährigen und Babys die Teilnahme möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt rückblickend als erniedrigend und unmenschlich empfin- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 184 den könnten. Gerade die Neugeborenen können sich schließlich nicht dagegen wehren, dass ihre Geburt, ihre ersten Lebenstage sowie ein Teil ihrer familiären Verhältnisse und tiefe Einblicke in deren Privatleben filmisch festgehalten und einem Millionenpublikum zur Verfügung gestellt werden. Sie unterliegen somit einem Zwang, der ihnen von außen auferlegt wird und der tief in ihre persönliche Entwicklung eingreifende Folgen mit sich bringen könnte. Auch diejenigen Kinder und Jugendlichen, die an dem Format Die strengsten Eltern der Welt teilnehmen bzw. teilgenommen haben, könnten dies rückblickend als erniedrigend empfinden. Hier geht es um die Darstellung von Jugendlichen, „die in ihren Familien und Schulen durch Rücksichts- und Respektlosigkeit, oft ergänzt durch exzessiven Alkoholund/oder Drogenkonsum und Gewalttätigkeit aufgefallen sind“ (Wikipedia, Die strengsten Eltern der Welt). Die Betroffenen sind möglicherweise im Vorfeld der Sendung und auch insbesondere in dieser Lebensphase nicht in der Lage, die Folgen der Ausstrahlung des Formates absehen zu können. Allerdings kommt hier wieder zum Tragen, dass dies vermutlich nicht pauschal für alle Dargestellten – auch nicht rückblickend – gilt, sodass sich ein genereller Verstoß dieser Formate gegen Artikel 5 der AEMR ebenfalls nicht allgemein diagnostizieren oder ausschließen lässt, sondern eine Betrachtung von Einzelfällen notwendig ist. Folglich kann auch hinsichtlich der genannten Formattypen oder der einzelnen Formate nicht pauschal ausgesagt werden, dass sie gegen das Recht, nicht grausam, unmenschlich oder erniedrigt behandelt zu werden, verstoßen. Offen bleibt jedoch an dieser Stelle, ob das Recht möglicherweise in einzelnen Situationen missachtet wird. Artikel 7: Diskriminierung Wie in Abschnitt 4.1.1.2 bereits angemerkt, bezieht sich das Diskriminierungsverbot, das in der AEMR festgehalten ist, zunächst nur auf jene Art der „Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt“. Dennoch wird an dieser Stelle und auch in den nachfolgenden Untersuchungen auf diesen Punkt weiter eingegangen, weil Diskriminierung in der Regel in Benachteiligung und ungleicher moralischer oder rechtlicher Berücksichtigung Ausdruck findet. Diese sind ethisch bedenklich und treffen den Kern dessen, was, der hier vorliegenden Begriffsbestimmung von Menschenwürde als Begriff für den gleichen moralischen Status folgend, geschützt werden soll. Unter Diskriminierung werden in der Regel „gesellschaftliche Benachteiligungen von Menschen aufgrund individueller Eigenheiten, namentlich Geschlecht, Hautfarbe wie anderer Merkmale der äußeren Er- 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 185 scheinung, Alter, Behinderung, Staatsangehörigkeit, soziale Herkunft, Religion oder Weltanschauung, soziale Stellung oder sexuelle Identität“ (Eichenhofer 2013, 140) verstanden. Bei der Überlegung, welche Formate oder Formattypen in irgendeiner Form diskriminierend sein könnten, kommen grundlegend zwei Optionen der möglichen Diskriminierung infrage: Zum einen ist denkbar, dass Interessentinnen oder Interessenten gleich von vorneherein aufgrund eines oder mehrerer der zuvor genannten Merkmale von der Teilnahme an der jeweiligen Sendung ausgeschlossen werden, zum anderen könnte es innerhalb der Show Akte der Diskriminierung geben. Letzteres betrifft wiederum konkrete Situationen und Szenen sowie den Umgang mit einzelnen Personen, die weiter unten betrachtet werden. Für die Beantwortung der Frage, ob es diskriminierend sein kann, wenn Kandidatinnen oder Kandidaten von der Teilnahme an einer Sendung ausgeschlossen werden, wird nun die Frage interessant, was es eigentlich ist, das die Kandidatinnen und Kandidaten tun, wenn sie an solchen Sendungen teilnehmen. Ist es als eine Art Arbeit im Sinne einer Erwerbstätigkeit42 zu verstehen, wie es auch der Sieger der Casting-Show Star Search, Martin Kesici rückblickend beschreibt: „Dass wir irgendwie alle hier in diesem Raum auf dem Produktionsgelände in Berlin Adlershof nur unseren Job machten, das sah ich damals noch nicht so.“ (Grimm, Kesici 2010, 69) Mit ihrer „Arbeit“ tragen die Kandidatinnen und Kandidaten dazu bei, dass ein verkäufliches Produkt in Form einer Fernsehshow oder TV-Serie entsteht. Wie bei einem Arbeitsverhältnis gibt es (grob) festgelegte Erwartungen und Aufgaben, Verträge und Bewerbungsverfahren bzw. werden potentielle Kandidatinnen und Kandidaten wie von einem Headhunter durch Casting-Agenturen gesucht. Aufgrund erfüllter oder fehlender Kriterien werden die Kandidatinnen und Kandidaten schließlich angenommen oder abgelehnt. Darüber hinaus kann ihre „Arbeit“ durch in Aussicht gestellte Ziele wie Geld entlohnt werden. Gegen die Annahme, die Teilnahme glei- 42 Bei den Verträgen der Casting-Show-Teilnehmer Markus Grimm und Martin Kesici, die ihre Dokumente veröffentlicht haben, handelt es sich beispielsweise um sogenannte Künstlerexklusivverträge (vgl. Grimm, Kesici 2010, 371f.). Obwohl, wie oben beschrieben, die Situation des Reality TV-Teilnehmers der eines Arbeitnehmers in verschiedenen Hinsichten gleicht, wird der Vertrag, der bei der Teilnahme an einer Fernsehsendung abgeschlossen wird, also explizit nicht als „Arbeitsvertrag“ bezeichnet. Der Vergleich wird hier trotzdem angeführt, weil er aufgrund der Vertragsinhalte naheliegt und weil er Aufschluss über die Frage geben kann, wann der Ausschluss einer Person von einer bestimmten Tätigkeit als diskriminierend angesehen werden sollte und wann nicht. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 186 che einem klassischen Arbeitsverhältnis, spricht, dass auch Ruhm, eine Lebensveränderung durch Abnehmen, eine Schönheitsoperation oder auch eine Partnerschaft als „Ziele“ angesehen werden können. Würde die Teilnahme an Reality TV-Formaten als eine Art Erwerbsarbeit verstanden, so könnte der Ausschluss einzelner Personen aufgrund bestimmter Merkmale etwa damit gerechtfertigt werden, dass sie – vergleichbar mit einem für eine bestimmte Arbeit ungeeigneten Bewerber – nicht die richtigen Voraussetzungen erfüllen, um am jeweiligen Format teilzunehmen. Eine Person, die stumm ist, kann beispielsweise nicht als Opernsängerin oder Opernsänger arbeiten, ebenso wie eine Person muslimischen Glaubens kein katholischer Priester werden kann. Es mangelt ihnen an den fundamentalen Voraussetzungen, um den mit der Tätigkeit verbundenen Anforderungen und Aufgaben zufriedenstellend nachkommen zu können. Menschen ohne ausreichende Schönheitsmakel sind dementsprechend nicht für Schönheitsoperations-Formate geeignet, Rechtsanwälte nicht für die Sendung Bauer sucht Frau und Personen, die niemanden vermissen, auch nicht für Hilfe-Sendungen, in denen vermisste Personen wiedergefunden werden sollen. Werden bei einem Bewerbungsverfahren für eine zu besetzende Arbeitsstelle Personen aus der Gruppe der möglichen Kandidatinnen und Kandidaten aufgrund einer fehlenden notwendigen Voraussetzung für die jeweilige Aufgabe ausgeschlossen, wird dies in der Regel nicht als Diskriminierung aufgefasst, denn sie eignen sich einfach aufgrund der fehlenden verlangten Fähigkeiten nicht für den jeweiligen Beruf. Wenn bei Germany’s Next Topmodel Kandidatinnen unter einem bestimmten Alter, unter einer bestimmten Größe oder über einen bestimmten Bodymaßindex hinaus von der Teilnahme an der Show ausgeschlossen würden, könnte dies also damit begründet werden, dass sie den Vorgaben für die Arbeit als Model, welche allerdings nicht in der Show festgelegt wurden, sondern der Sendung vorgelagert und gesellschaftlich erwachsen sind, nicht entsprächen, und sie keine Chance in dieser Berufswelt hätten. Das Verlangen eines Mindestalters wäre hingegen auf den Jugendschutz in den Medien zurückzuführen. Ein diskriminierender Aspekt – nämlich der Ausschluss von der Teilnahme aufgrund individueller Eigenschaften – wäre zwar vorhanden, läge zunächst einmal aber nicht in der Show selbst, in der die Jury sich bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten an den geläufigen Anforderungen an Models orientiert, sondern in den dahinterstehenden, traditionellen gesellschaftlichen Anforderungen an Models und Schönheitsideale begründet. Kriterien, die Menschen mit bestimmten Merkmalen von vorneherein von der Teilnahme ausschließen, sind überdies auf den 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 187 Internetseiten des Senders auch nicht zu finden, sodass hier zumindest keine offenkundige Diskriminierung auszumachen ist. Würde die Teilnahme an Reality TV-Shows als eine Art Erwerbstätigkeit verstanden, müsste darüber hinaus untersucht werden, ob die Anforderungen, die in Artikel 23, der sich mit dem Recht auf Arbeit und gerechte Arbeitsbedingungen befasst, formuliert werden, und Artikel 24 „Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit […]“ erfüllt oder missachtet werden. Mit Blick auf ein von Jan Böhmermann gedrehtes „Aufklärungsvideo“ zum Format Schwiegertochter gesucht ließen sich an diesem konkreten Beispiel gleich mehrere Verstöße feststellen. Im Jahr 2016 war es der Redaktion des Neo Magazin Royale unter der Moderation von Böhmermann gelungen, zwei Schauspieler in das Format Schwiegertochter gesucht einzuschleusen. Heimlich wurden die beiden mit der Kamera des Neo Magazin Royale beim Dreh des Formates begleitet. Dabei wurde neben der mangelnden Sorgfaltspflicht seitens der Produzenten, auf die weiter unten eingegangen wird, auch der moralisch fragwürdige Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten sowie die Höhe ihrer Entlohnung für die Teilnahme aufgedeckt: „Für viele Zuschauer sicher auch schockierend: Für bis zu 30 Drehtage erhalten die Teilnehmer eine Aufwandsentschädigung von einmalig 150 Euro. Dabei verdient RTL mit der Sendung gutes Geld: Eine Werbeminute koste 90.000 Euro, wie Böhmermann unter Berufung auf die Pressestelle des Senders berichtet.“ (Heidböhmer, Stern 2016) Die Aufwandsentschädigung von 150 Euro für 30 Drehtage entspricht nicht ansatzweise dem in Deutschland festgesetzten Mindestlohn. Dies sieht auch bei anderen Reality TV-Formaten nicht viel anders aus, wie ein Vergleich von Focus Online zeigt (Focus Online 2018). Dem Bericht des Focus zufolge, der allerdings keine Quellen angibt und zwei Jahre nach dem Aufklärungsvideo Böhmermanns erschienen ist, sollen die Kandidaten von Schwiegertochter gesucht sogar 1200 Euro für einen sechswöchigen Dreh erhalten – möglicherweise wurde der Betrag nach dem Aufklärungsvideo erhöht. Aber beispielsweise keine der Kandidatinnen von Germany’s next Topmodel außer der Gewinnerin verdient Geld mit ihrer Teilnahme, sie haben lediglich Kost und Unterbringung sowie gegebenenfalls Reisekosten frei. Würde die Teilnahme an Reality TV-Formaten rechtlich als Arbeit verstanden, so würden die Produzenten gegen Absatz (2) „Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ sowie Absatz (3) „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigen- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 188 de Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert […]“ verstoßen. Doch auch wenn möglicherweise vereinzelte Personen mit der Teilnahme an Reality TV-Shows einen Teil ihres Lebensunterhaltes verdienen, indem sie zum Beispiel immer wieder in verschiedenen Sendungen mitwirken, ist es fragwürdig, ob die Teilnahme an einer solchen Sendung wirklich als „Arbeit“ im Sinne einer Erwerbstätigkeit zu verstehen ist. Zwar verfolgen einzelne Kandidatinnen und Kandidaten mit ihrer Teilnahme an Casting-Shows vielleicht das Ziel, dadurch eine Erwerbstätigkeit – wie beispielsweise als Model oder Sängerin bzw. Sänger – zu erlangen, letztlich geht es aber um die Produktion einer Unterhaltungssendung, bei der die Teilnahme vielleicht eher als besonderes Ereignis im Leben der Kandidatinnen und Kandidaten anzusehen ist. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Bedingungen und die Entlohnung für die erbrachte Arbeit nicht trotzdem für eine moralische Beurteilung der Formate relevant sein könnten. Allein die Tatsache, dass manche Sender scheinbar sehr viel Geld mit der Darstellung der Kandidatinnen und Kandidaten verdienen, die offensichtlich dazu gedacht ist, sich über die Person lustig zu machen, scheint schließlich problematisch. Würde den Betroffenen eine höhere Summe gezahlt, so könnte dies immerhin von den Betroffenen als angemessenere Entschädigung für Öffentlichkeitsdarstellung verstanden werden. Alternativ zu der Vorstellung von der Teilnahme als Erwerbstätigkeit könnten Fernsehshows als eine Art „kultureller Ereignisse“ bezeichnet werden. Dies vorausgesetzt, käme ein weiteres zu berücksichtigendes Menschenrecht ins Spiel, denn Artikel 27 besagt: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gesellschaft frei teilzunehmen.“ Stellt demzufolge der Ausschluss eines Kandidaten oder einer Kandidatin von einer Reality TV- Show nicht nur möglicherweise eine Diskriminierung, sondern zusätzlich auch noch einen Verstoß gegen Artikel 27 der Menschenrechte dar? Um diese Frage beantworten zu können, müsste hinterfragt werden, inwiefern diese Shows kulturelle Ereignisse sind. Dies bedürfte aber umfassenderer Überlegungen zum Begriff der Kultur, die an dieser Stelle nicht geleistet werden können. Es lässt sich jedoch feststellen: Wird eine Kandidatin von der Teilnahme an einer Abnehm-Show ausgeschlossen, weil sie den Anforderungen der Show entsprechend zu wenig wiegt, ist dies zum einen wohl eher nicht als diskriminierend zu verstehen und zum anderen nicht als Missachtung des Rechts, am kulturellen Leben teilzunehmen. Das Recht auf die Teilnahme am kulturellen Leben beinhaltet schließlich nicht, dass jeder das Recht hat, an jeder Fernsehshow teilzunehmen. Vielmehr scheint, dass dieses 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 189 Recht eine passive Teilnahme betrifft und nicht die aktive Teilnahme, wie zum Beispiel Theater zu spielen oder Filme zu drehen. Ein eindeutiger Fall von Diskriminierung läge hingegen dann vor, wenn eine Person alle für die Show verlangten Kriterien erfüllen würde, sie aber beispielsweise aufgrund ihrer Religion oder Herkunft von der Teilnahme ausgeschlossen würde. Dies träfe ihren moralischen Status als gleichberechtigter Mensch. Hier zeigt sich abermals, dass es einer Betrachtung von Einzelfällen bedarf, um einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot feststellen zu können, denn insbesondere in Deutschland sind solche Anforderungen wohl kaum in den allgemeinen Richtlinien eines Formates zu finden. Wie auch immer die Teilnahme an Fernsehformaten einzuordnen ist – ob als Arbeit, als Teilnahme am kulturellen Leben oder vielleicht auch als (vermeintliche) Ehre bzw. Privileg – der Ausschluss von Bewerberinnen oder Bewerbern von der Teilnahme an einem Reality TV-Format lässt sich in den meisten Fällen vermutlich rechtfertigen, ohne im oben beschriebenen Sinne als Diskriminierung zu gelten. Dies schließt allerdings nicht aus, dass im Hintergrund der jeweiligen Entscheidung doch ein diskriminierender Grund vorliegen könnte, dem aber die Zuschauer und unter Umständen auch die potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten nicht gewahr werden. Artikel 12: Eingriffe in das Privatleben, Beeinträchtigungen der Ehre und des Rufes Bereits die in Kapitel 2 formulierte Bestimmung, der zufolge Reality TV die Darstellung eines Teils des realen, grundsätzlich privaten Lebens der Protagonistinnen und Protagonisten ist, legt fest, dass alle Formate, die hier behandelt werden, in irgendeiner Form Eingriffe in das Privatleben darstellen. Madeleine Shufeldt Esch beschreibt dies sehr anschaulich: „As viewers, we can peek into private hospital rooms, judicial chambers and therapists’ offices when we tire of makeovers, home renovations and talent competitions. Few areas of what was once called ‚private life’ aren’t featured somewhere in the reality television line-up.“ (Shufeldt Esch 2012, 42) Miriam Pielhau, die zwei Staffeln Big Brother moderiert hat, gibt an, sie habe aus diesem Grund lange kritisch darüber nachgedacht, ob sie sich auf das Angebot, bei dieser Sendung mitzuwirken, einlassen soll (vgl. Pielhau 2012, 223): 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 190 „Da werden Menschen in den TV-Knast gesperrt, verstößt das nicht gegen Artikel 1 des Grundgesetzes ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar’? Man stellt Menschen rund um die Uhr unter Beobachtung, raubt ihnen letztlich damit eines der kostbarsten Güter, nämlich ihre Privatsphäre, lockt sie mit dem schnöden Mammon und alles nur für einen ganz fiesen kapitalistischen Zweck.’“ (Pielhau 2012, 223) Über Big Brother hinaus bestehen per definitionem grundsätzlich alle Reality TV-Formate aus diesen Einblicken und auch Eingriffen in das Privatleben der Kandidatinnen und Kandidaten. Wie in Kapitel 4.1.1 erläutert, ist jedoch hier der Begriff der Willkür von großer Bedeutung: Von mündigen Personen, die einen Vertrag unterschreiben, der festlegt, dass die Sendung ausgestrahlt werden darf, kann grundsätzlich nicht ausgesagt werden, dass Eingriffe in ihr Privatleben sowie Beeinträchtigungen ihrer Ehre und ihres Rufes willkürlich im Sinne von rechtswidrig oder beliebig stattfinden würden. Selbst wenn der Kandidat oder die Kandidatin mit der Kamera überrascht wurde, wird anschließend ein Vertrag zur Ausstrahlung vorgelegt und dann unterzeichnet, sodass von einem willkürlichen Eingriff in das Privatleben grundsätzlich bei keinem Format die Rede sein kann. Thematisiert wird dieser Punkt weiter unten trotzdem erneut im Rahmen der Überlegung, ob der Umgang mit den Teilnehmenden möglicherweise problematisch ist, weil Unklarheit darüber herrscht, inwiefern sich die Betroffenen eigentlich darüber im Klaren sind, wozu sie in dem Moment ihre Zustimmung geben. Auch hier sind allerdings Formate, die Eingriffe in das Privatleben von Kindern und Jugendlichen vornehmen, gesondert zu betrachten. Selbst wenn die Kinder ihre Zustimmung zur Teilnahme geben, sind es letztlich die Eltern, die über ihre Darstellung im Fernsehen entscheiden. Gleich ob Casting-Shows, Gameshows, Dokumentationen über Privatpersonen, Partnersuche-Sendungen oder auch Help-Shows – wenn Kinder oder Jugendliche in derartigen Formaten zu sehen sind, ist dies grundsätzlich zunächst einmal als moralisch problematisch anzusehen. Insbesondere dann, wenn die Sendung Neugeborene zeigt, wie beispielsweise im bereits erwähnten Format Teeniemütter, lässt sich der Eingriff in das Privatleben der gezeigten Kinder wohl zumindest moralisch kaum rechtfertigen. Auch wenn dies aufgrund der schriftlichen Zustimmung der Erziehungsberechtigten nicht widerrechtlich ist, so ist doch die Frage, ob diese Eingriffe nicht als willkürlich im Sinne von „beliebig“ und damit als Verstoß gegen Artikel 12 verstanden werden sollten. Fraglich ist zudem, ob es auch bereits einen willkürlichen oder zumindest moralisch unzulässigen Eingriff in das Privatleben der Kinder und Jugendlichen darstellt, wenn zwar nicht die Kin- 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 191 der selbst, sondern ihre Eltern, vielleicht ihr Wohnhaus und ihr Kinderbzw. Jugendzimmer, also Dinge, die zu ihrer Privatsphäre zählen, gezeigt werden. Auch dies kann Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen haben – etwa, wenn die Eltern oder das Haus wiedererkannt und sie damit von Freunden, Bekannten oder auch von Fremden über das Internet oder privat konfrontiert werden. Zu überlegen wäre zudem, ob Darstellungen von schwerkranken Kindern, die ihr Einverständnis geben und darin die letzte Chance auf eine Hilfestellung, beispielsweise durch einen Spendenaufruf sehen, einen Grund statt Willkür im Sinne von Beliebigkeit erkennen lassen. Aber auch hier ist fraglich, ob und wann die Zustimmung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen als Zustimmung gilt, die die Teilnahme moralisch rechtfertigen könnte. Insgesamt kann also auch über die in jedem Falle im Zusammenhang mit Formatkonzepten des Reality TV vorkommenden Eingriffe in das Privatleben kein pauschales Urteil gesprochen werden. Auch hier ist eine Einzelfallbetrachtung notwendig. Artikel 16: Heirat, Ehe und Familie Artikel 16 der AEMR wird in diesem Abschnitt der Analyse in Betracht gezogen, weil im Hinblick auf verschiedene Formatkonzepte sowohl Absatz 2 als auch Absatz 3 von Bedeutung sein könnten. So wäre angesichts der „Kuppelshow“ Hochzeit auf den ersten Blick zu überlegen, ob möglicherweise Absatz 2, der besagt „Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden“, in dieser Show missachtet wird. In diesem Format werden anhand psychologischer Tests grundsätzlich heiratswillige Personen bereits in Hochzeitsbekleidung und vor Freunden, Familien und Kameras vor einem Standesbeamten zusammengeführt. Doch bleibt ihnen unter Umständen aufgrund des psychischen Drucks, vor einer großen Öffentlichkeit und ihren Verwandten und Freunden zu stehen, kaum die Wahl, „nein“ zu sagen, wie eine der Kandidatinnen erklärt: „Dass der Bodybuilder nicht der Mann ihres Lebens sein wird, hat Tamara gewusst, sobald er vor ihr stand: ‚Ich habe gespürt: Das war der größte Fehler meines Lebens’, zitiert Sat.1 sie in einer Vorabmeldung. ‚Es wäre besser gewesen, in Ohnmacht zu fallen oder rauszurennen. Ich hätte nicht ‚Ja’ sagen dürfen! Aber ich habe in dem Moment an ihn gedacht und gedacht: Das kann ich ihm nicht antun.’“ (Benedict, SVZ 2018a) 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 192 Zwar hat sich diese und haben sich vermutlich auch andere Kandidatinnen und Kandidaten freiwillig zur Teilnahme an der Sendung bereiterklärt, es scheint dennoch aufgrund der besonderen Umstände nicht immer eine freie und uneingeschränkte Willenseinigung zur Eheschließung vorzuliegen, wie sie in Artikel 16,2 gefordert wird. Insbesondere von kirchlichen Vertretern wird dieses Format zudem mit Blick auf die Bedeutung der Ehe kritisiert. So hat Kölns Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki die Show als „abstoßend“ bezeichnet und gesagt: „Diese neue Kuppel-Show im Privat-Fernsehen, bei der wildfremde Menschen vor der Kamera spontan und standesamtlich heiraten, pervertiert die Ehe – ja pervertiert die Liebe“. (zit. nach Reich 2014) Dem würden die an der Sendung beteiligten Psychologinnen und Psychologen sicherlich widersprechen, denn sie behaupten, dass „das ‚Mystische’, die Annahme, dass Liebe unerklärlich oder einfach nur Glücksache oder Schicksal ist und man nichts dafür tun kann“ (Köhldorfer zit. nach Benedict 2018b) der Vergangenheit angehören sollte. Die Wissenschaft der Liebe ist Sandra Köhldorfer zufolge „ein sehr komplexes Feld mit unzähligen Faktoren aus biologischen, soziologischen und psychologischen Bereichen“ (Köhldorfer zit. nach Benedict 2018b). Die Produzenten der Show geben also vor, Liebe und Ehe wissenschaftlich begründen und in ihrem Sozialexperiment glückliche Pärchen kreieren zu können. Dabei haben sich in fünf Jahren Laufzeit dieser Sendung 23 Paare das Ja-Wort gegeben und von diesen „sind momentan (Stand 17. Januar 2019) nur noch 4 zusammen. Das entspricht ca. 17,4 Prozent“ (Wikipedia, Hochzeit auf den ersten Blick 2019). Die Ehe wird also in dieser Sendung zu einem Spiel bzw. Experiment, das aber offensichtlich öfter scheitert als gelingt und bei dem die Teilnehmenden womöglich unter einem gewissen Druck zur Heirat stehen. Das Scheitern der Kandidatinnen und Kandidaten vor einem Millionenpublikum und die Klassifizierung von Ehe und Liebe als „Spiel“ mag je nach Auffassung oder Weltbild vielleicht als moralisch falsch angesehen werden und könnte möglicherweise auch auf längere Sicht negative Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben haben, dies scheint aber nicht den gleichermaßen zu berücksichtigenden moralischen Status der Teilnehmenden zu verletzen. Diese erklären sich immerhin schriftlich zur Teilnahme an diesem „Experiment“ bereit. So kann auch nicht behauptet werden, sie würden zur Ehe gezwungen, auch wenn der Druck in dem Moment vor dem Standesbeamten und vor laufenden Kameras vielleicht sehr groß ist. Sie hätten immer noch die Möglichkeit, auch hier „nein“ zu sagen. Gegen Artikel 16 der 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 193 AEMR verstößt das Format Hochzeit auf den ersten Blick nicht und es verletzt somit auch nicht die Menschenwürde. Auch die Vorstellung von der Familie als natürlicher Grundeinheit der Gesellschaft, die Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat hat, wie in Artikel 16,3 festgehalten wird, scheint selbst durch Sendungen wie Die Super Nanny, Teenager-Eltern oder Frauentausch nicht missachtet zu werden. Zwar werden hier die Probleme der einzelnen Familien häufig auf dramatische – und vielleicht auch auf erniedrigende – Weise thematisiert, aber die Sendungen greifen zunächst einmal nicht die Familie als solche an, sondern geben manchmal sogar vor, den Familien zu helfen. Es schiene paternalistisch, die Beteiligten zu ihrem eigenen Schutz von der Teilnahme an solchen Sendungen abhalten zu wollen. Artikel 29: Pflichten gegenüber der Gemeinschaft Eine Betrachtung von Artikel 29 der AEMR, der auf die Pflichten gegen- über der Gemeinschaft hinweist, ist mit Bezug auf die Formattypen bzw. Formatkonzepte wenig zielführend, weil die Produzenten aller Sendungen vermutlich Gründe angeben könnten, warum ihre Show den Pflichten gegenüber der Gesellschaft nachkommt statt gegen sie zu verstoßen. Die allgemeine Antwort wird mutmaßlich lauten, dass ihre Produktion zur Unterhaltung der Fernsehkonsumentinnen und -konsumenten beiträgt. Spezifischere Antworten könnten beispielsweise sein, dass Casting- oder Gameshows der Förderung von Talenten dienen, Partnersuche-Formate zum Glück der Teilnehmenden in Form eines Partners oder einer Partnerin beitragen, Help-Shows für die Verbesserung der Lebensqualität und Dokumentationen über Privatpersonen der Information dienen. Ob sie aber wirklich nur diese allgemein gehaltenen positiven Auswirkungen besitzen und damit den Pflichten gegenüber der Gemeinschaft nachkommen oder nicht, kann sich allenfalls an konkreten Beispielen feststellen lassen, wie weiter unten untersucht wird. Person-Würde und Formattypen bzw. Formatkonzepte Einige Sendungskonzepte sind vielleicht für sich genommen zunächst einmal nicht demütigend. Wenn es darum geht, Talenten eine Plattform zu bieten, vermisste Personen mit Hilfe der Öffentlichkeit zu suchen oder Sport- bzw. Quizbegeisterte in Game-Shows gegeneinander antreten zu lassen, ist dies sicherlich zunächst einmal unproblematisch. Schwieriger wird es, wenn es um die Beurteilung von Partnersuche-, und Schönheits-OP- 4.2.2 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 194 Formaten oder auch um Sendungen über Probleme innerhalb einer Familie geht. Nicht nur ist fraglich, ob derartig intime Themen überhaupt in die Öffentlichkeit gehören; manche von ihnen sind auch in einer Weise konzipiert und kreiert, die Handlungen der Protagonistinnen und Protagonisten vor der Kamera erwarten lassen, die sie bloßstellen könnten. Wenn beispielsweise bei Der Bachelor rund 20 Frauen um die Gunst eines Mannes buhlen, liegt der Show ein Konzept zugrunde, das grundsätzlich ein hohes Konfliktpotential birgt und welches zu demütigenden Handlungen der Beteiligten untereinander führen kann. Ähnliches gilt für Formate wie Bauer sucht Frau oder Schwiegertochter gesucht, bei denen ein Mann aus mehreren Frauen „die Eine“ auswählen soll. Die Idee, Bauern als Männer dazustellen, die typischerweise keine Frau finden, sowie die Überlegung, die Eltern eines „schwer vermittelbaren“ Sohnes in seine Suche nach einer Partnerin einzubinden, könnte ebenfalls als demütigend angesehen werden. Die Aussagen hinter Formaten wie The Biggest Loser, Extrem Schön! oder auch Bauer sucht Frau könnten schließlich auch als generelle Botschaften verstanden werden, wie: „Du bist zu dick, du musst abnehmen“, „Du bist hässlich, du musst schöner werden“ oder „Da du Bauer bist, findest du keine Frau“. Diese impliziten Aussagen sind nicht nur möglicherweise für die Dargestellten, sondern unter Umständen auch für diejenigen erniedrigend, die die jeweils in den Formaten als problematisch dargestellten Eigenschaften teilen. Allein der Titel The Biggest Loser beispielsweise lässt zwar erahnen, dass die Person-Würde nicht nur von den Teilnehmenden, sondern möglicherweise auch von allen, die darüber hinaus der jeweiligen Personengruppe angehören, betroffen sein könnte – klingt er doch so, als zeige die Show „dicke Verlierer“. Da diese Formate stets vorgeben, den betreffenden Personen helfen zu wollen, diese ihre Zustimmung zur Teilnahme geben und die „Hilfe“ in manchen Fällen auch positive Ergebnisse erzielt, ist es allerdings schwierig derart pauschal von Demütigungen durch Sendungskonzepte zu sprechen. Ein Format, das nicht einmal vorgibt, den Kandidatinnen und Kandidaten zu helfen, sondern ganz offensichtlich zum Ziel hat, Momente des Schämens, des Versagens oder auch der Demütigung zu provozieren, ist Ich bin ein Star – holt mich hier raus!. Hierfür werden als „gescheiterte Existenzen“ (vgl. z.B. Bruckner 2019) bezeichnete, fernsehbekannte Personen ausgewählt, die über mehrere Tage hinweg Aufgaben wie dem Essen von Kot (vgl. Klass 2011, 30) nachgehen sollen. Hier könnte nun wiederum argumentiert werden, dass die Kandidatinnen und Kandidaten wüssten, worauf sie sich einlassen, weil sie medienerfahren sind und dass aus diesem 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 195 Grund keine moralisch problematische Demütigung vorliegt, da sie sich freiwillig darauf einließen. Da diese Situationen aber sowohl bei den Dargestellten Scham und Ehrverletzung als auch bei den Zuschauenden Spott und Hohn auslösen können und das Motiv für die Teilnahme gerade die gescheiterte Karriere oder auch finanzielle Nöte sein können – die seitens der Sender bekannt sind und somit ausgenutzt werden –, kann in solchen Fällen sehr wohl unter Umständen von Demütigung und folglich von Person-Würdeverletzung gesprochen werden. Es ist sogar anzunehmen, dass die Demütigung der Dargestellten nicht nur ein gebilligtes, sondern sogar ein erklärtes Ziel der Sendung ist. Schließlich werden hier Personen, die ohnehin schon als „gescheitert“ gelten, in eine noch unglücklichere Situation gebracht, und das allein zu Unterhaltungszwecken. Doch auch hier ist nicht jede Folge gleich und es ist vorstellbar, dass Kandidatinnen und Kandidaten auch am Dschungelcamp teilnehmen, ohne dass sie oder die Rezipientinnen und Rezipienten davon ausgehen, Opfer einer Demütigung geworden zu sein. Insgesamt lässt sich also feststellen, dass Kategorien oder Formate des Reality TV in einer Weise gestaltet sein können, die nahelegt, dass es zu Demütigungen und somit zu Person-Würdeverletzungen kommen kann. Ein Format oder eine Kategorie verletzt aber nicht bereits die Würde einer einzelnen Person. Zur Feststellung einer tatsächlichen Demütigung müssen einzelne Szenen und Erfahrungsberichte beleuchtet werden. Zwischenfazit Die vorangegangenen Ausführungen zeigen, dass es nicht nachvollziehbar wäre, pauschale Aussagen über Menschenwürde- oder Person-Würde-Verletzungen hinsichtlich der Formattypen bzw. Formatkonzepte des Reality TV zu treffen. Die Betrachtung von Oberkategorien wie Casting-Shows, Gameshows, Dokumentationen über Privatpersonen, Partnersuche-Sendungen oder Help-Shows ist zu allgemein, um über diese moralische Urteile fällen zu können, denn sie beschreiben zunächst einmal nicht konkrete Inhalte, sondern grobe Strukturen derjenigen Sendungen, die dazu gezählt werden. Ebenso lassen sich in der Regel auch einzelne Formatkonzepte nicht pauschal be- bzw. verurteilen. Sie können neutral oder sogar förderlich für Teilnehmende oder Zuschauerinnen und Zuschauer sein, oder eben auch Elemente enthalten, die würdeverletzend, weil erniedrigend oder diskriminierend sind. Einzig Ich bin ein Star – holt mich hier raus! scheint stark auf 4.2.3 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 196 Person-Würdeverletzungen ausgelegt zu sein, doch sind auch hier einzelne Szenen näher zu betrachten. Diese Elemente gehen, wie aus der Untersuchung hervorgeht, mit der inszenatorischen Gestaltung einer Sendung einher, und deshalb ist eine Betrachtung einzelner Szenen notwendig, um Genaueres darüber aussagen zu können, wie auch Shufeldt Esch anführt: „The relative value of any show, I would suggest, largely depends upon production decisions of format, sensitive editing, and how much latitude the participants are given to express their own thoughts and draw their own boundaries.“ (Shufeldt Esch 2012, 57) Gerade Casting-Shows, bei denen freundlich und respektvoll mit den Teilnehmenden umgegangen wird, die wahrhafte Talente finden und fördern, und bei denen Personen, die sich offenkundig blamieren, gar nicht erst in der Ausstrahlung erscheinen, sind ein Beispiel dafür, dass diese Art der Unterhaltung nicht nur negative, sondern auch positive Auswirkungen haben kann. Einzig das Konzept des Dschungelcamps scheint rein auf öffentliche Demütigung zum Zwecke der Unterhaltung ausgelegt zu sein. Um ein eindeutiges Urteil über eine Person-Würdeverletzung fällen zu können, müssen jedoch auch hier einzelne Szenen betrachtet und entschieden werden, an welcher Stelle tatsächlich eine Demütigung vorliegt und wo vielleicht nicht. Offen bleibt, wie die Teilnahme an Reality TV-Shows einzuordnen ist – ob als Teilnahme an kulturellen Ereignissen, als Erwerbstätigkeit oder als etwas ganz anderes wie etwa ein besonderes Lebensereignis. Formate wie Hochzeit auf den ersten Blick scheinen nicht gegen Artikel 16,2 der AEMR zu verstoßen, auch wenn sich sicherlich andere ethische Problemstellungen durch Sendungen dieser Art ergeben. Neben dieser Erkenntnis kann aus den vorangegangenen Ausführungen weiter geschlossen werden, dass die Darstellung von Kindern und Jugendlichen besondere Beachtung verdient. Es ist fraglich, inwiefern sie die Konsequenzen ihres Handelns vor der Kamera abschätzen können, und ob es aus ethischer Perspektive richtig ist, den Eltern oder Großeltern, die vielleicht sogar selbst die Folgen der Teilnahme für ihr eigenes Leben nicht absehen können, die Entscheidung über die Teilnahme ihrer Kinder und Enkel zu überlassen. Eine große Schwierigkeit in der Beurteilung der Formate liegt darin, dass fast alle Formatkonzepte vorgeben, Menschen in irgendeiner Weise zu unterstützen oder sie auch nur in Form einer Dokumentation zu begleiten, es aber immer auch darum geht, dass Menschen Geld mit ihnen verdienen und ökonomische Interessen der Produzenten dem Unterstützungsanliegen entgegenstehen können. Es kann also eine Erklärung durch 4.2 Sind einige, aber nicht alle Formattypen bzw. -konzepte würdeverletzend? 197 die Sendungsverantwortlichen erfolgen, die überzeugend klingt, wie beispielsweise, dass Übergewichtigen beim Abnehmen geholfen werden soll, dass talentierten Models oder Sängerinnen und Sängern die Chance auf eine (schnelle) Karriere geboten und verzweifelten Junggesellinnen und Junggesellen zu einer Partnerschaft verholfen werden soll. Hier nachzuweisen, dass es den Produzenten nicht oder nicht allein um die Hilfestellung für diese Menschen, sondern vor allem um den eigenen Erfolg sowie ökonomische Vorteile geht, erforderte entsprechende Belege, welche in dieser Form jedoch nicht vorhanden sind. Dabei wäre genau dies wichtig, um herauszufinden, ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lediglich instrumentalisiert werden oder nicht. Anderen Menschen zu helfen und daran zu verdienen ist schließlich per se nicht verwerflich. Lediglich wenn bestimmte Bedingungen verletzt werden, scheint diese Form der „Hilfe“ moralisch problematisch. Unabhängig davon, wie die Produzenten selbst über ihre Motivation denken und ihre (un-)ethischen Vorgehensweisen rechtfertigen, lassen sich aber anhand von Erfahrungsberichten und der Analyse einzelner inszenatorischer Mittel trotzdem einige moralische Schwierigkeiten der Formate exemplarisch aufzeigen. Dies wird Inhalt der folgenden Abschnitte sein. Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? Aus der bisherigen Analyse wird deutlich, dass es weder präzise wäre zu behaupten, Reality TV verletzt die Würde, noch dass die These zuträfe, Typen oder Formatkonzepte des Reality TV verletzen die Person- und/oder Menschenwürde. Die Ausführungen zeigen, dass es unumgänglich ist, einzelne Szenen oder Erfahrungsberichte von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu betrachten, um der Antwort auf die Frage näher zu kommen, ob sich im Reality TV möglicherweise Vorgänge finden, die nach dem hier vorliegenden Verständnis als „würdeverletzend“ bezeichnet werden können oder ob dies nicht der Fall ist. Eine solche Analyse steht allerdings vor verschiedenen Herausforderungen: Nicht nur existieren unzählige Formate und es kommen ständig neue hinzu, die wiederum aus unüberschaubar vielen Szenen bestehen, welche untersucht werden müssten. Darüber hinaus gestaltet sich die Suche nach adäquaten Informationsquellen für die Umgangsweisen hinter der Kamera mit den Teilnehmenden als schwierig, weil diese Ereignisse sowie die Verträge der an den Sendungen teilnehmenden Personen in der Regel unter Verschluss bleiben, weil sie zum Schweigen verpflichtet sind und ihre Be- 4.3 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 198 reitschaft, über das Erfahrene zu sprechen, möglicherweise aus Scham, zumeist nicht gegeben ist. Demzufolge ist die Auswahl auf diejenigen Formate und Szenen beschränkt, zu denen erstens Erfahrungsberichte der Teilnehmenden zu finden sind und die zweitens besonders schwerwiegend zu sein scheinen. Das bedeutet, dass über einige Formate konkrete Aussagen getroffen werden können, über andere hingegen nicht. Die vorgelegten Überlegungen dürften jedoch auch als Grundlage für nachfolgende Untersuchungen der hier nicht berücksichtigten Formate oder auch für solche, die in der Zukunft produziert werden, dienen. Vielmehr als Urteile über spezielle Szenen, Formate und Umgangsweisen soll herausgearbeitet werden, unter welchen Umständen eine mögliche Würdeverletzung im hier beschriebenen Sinne festgestellt werden muss. Selbst wenn in der vorliegenden Studie also nicht alle Formate und alle Szenen im Einzelnen untersucht werden und auch nicht alle potentiellen Würdeverletzungen dargestellt werden können, könnte eine mögliche Antwort auf die Frage nach denkbaren Würdeverletzungen lauten, dass es einige Formate gibt, in denen mindestens einzelne Bestandteile als die Person- und/oder die Menschenwürde verletzend anzusehen sind. Menschenwürde und Bestandteile des Reality TV Für die Überlegung, ob Bestandteile des Reality TV den moralischen Status der Teilnehmenden verletzen, werden die Artikel 5, 7, 12 und 29 in Betracht gezogen. Artikel 5: Erniedrigende, unmenschliche Behandlung Weder hinsichtlich des Reality TV als das allgemeine Konzept der Shows noch mit Blick auf die Formattypen oder einzelne Formatkonzepte ist festzustellen, dass generell erniedrigende oder unmenschliche Behandlungen vorliegen. Dies liegt in erster Linie darin begründet, dass die Kategorien zu weit gefasst sind, um solch pauschale Aussagen treffen zu können. Damit ist jedoch nicht zugleich ausgeschlossen, dass mit Kandidatinnen und Kandidaten in einzelnen Situationen oder aufgrund der Ausstrahlung bestimmter Szenen erniedrigend oder unmenschlich verfahren wird. Um derartige Handlungen und mögliche Verstöße gegen Artikel 5 der AEMR feststellen oder ausschließen zu können, ist es notwendig, sich vor Augen zu führen, was unter „Erniedrigung“ zu verstehen ist. „Erniedrigung“ kann nach dem hier vorgelegten Verständnis von Würde nicht ein- 4.3.1 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 199 fach nur als Angriff auf die Würde des Menschen verstanden werden, weil – wie zuvor dargelegt – hierdurch nicht hinreichend klar wird, was genau gemeint ist. Genauer ist Folgendes zu fragen: Wird durch Erniedrigung dasjenige, was hier als Person-Würde bezeichnet wird, getroffen, oder der moralische Status von Menschen oder sogar beides zugleich? Und sind sowohl Erniedrigungen, die auf die Person-Würde, als auch solche, die auf die Menschenwürde abzielen, als Erniedrigungen im Sinne des Artikel 5 zu verstehen oder sind hier Abstufungen denkbar43? Wie in Kapitel 3.3 bereits angeführt wird, sind Begriffe wie „Erniedrigung“ oder „Demütigung“ nicht eindeutig zu definieren. Insgesamt scheint jedoch gerade mit Blick auf das hier vertretene Verständnis von „Würde“ ein grundlegender Unterschied darin zu liegen, ob eine Erniedrigung oder auch eine Demütigung – wobei fraglich ist, ob diese Begriffe nicht sogar bedeutungsgleich verwendet werden – auf die individuelle Verhaltensweise einer Person abzielt oder auf das, was ihren moralischen Status als Mensch ausmacht. Dieser Unterschied lässt sich am besten an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn Dieter Bohlen zu einem Kandidaten oder einer Kandidatin, der bzw. die schlecht gesungen hat, sagt: „Das Einzige, was du mit deinen Stimmbändern machen kannst, ist sie in Säure schmei- ßen. Dann haben wir ein gelöstes Problem“ (Heute.at 2019), ist dies zwar sicherlich als Beleidigung zu verstehen und kann auch erniedrigend für die betroffene Person sein. Die Aussage bezieht sich aber auf die individuelle Verhaltensweise des oder der Betroffenen und zielt nicht auf ein ihn oder sie als Mensch konstituierendes Merkmal ab. Würde Bohlen hingegen eine schwere Erniedrigung aussprechen, die das Geschlecht, die Hautfarbe oder andere Merkmale der äußeren Erscheinung, das Alter, eine Behinderung, die Staatsangehörigkeit, die soziale Herkunft, die Religion oder Weltanschauung, die soziale Stellung oder die sexuelle Identität der Person beträfe – all jene Kriterien, die bei Betroffenheit auch einen diskriminierenden Akt ausmachen –, so wäre dies als Angriff auf den moralischen Status der Person zu verstehen. Doch selbst wenn Bohlen eine Erniedrigung dieser Art äußerte, würde diese wohl nicht als Verstoß gegen Artikel 5 der Menschenrechte eingestuft, weil den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Show immer noch unterstellt werden könnte, dass sie sich im Gegensatz zu Opfern von 43 Überlegungen zu diesen Fragestellungen lassen sich in der Literatur selbstverständlich nicht finden, weil die Unterscheidung zwischen Menschenwürde und Person-Würde im Zusammenhang mit dem Reality TV erst in dieser Studie getroffen wurde. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 200 Folter und grausamer, unmenschlicher Behandlung, wie sie in Artikel 5 mutmaßlich gemeint sind, mit ihrer Zustimmung in diese „Bewertungssituation“ begeben haben. Das bedeutet nicht, dass solche harschen Urteile insbesondere mit Blick auf die mögliche Vorbildfunktion der Medien nicht moralisch verwerflich sind. Vielmehr bedeutet dies, dass es aus juristischer Perspektive keinen Grund zur Annahme gäbe, die Demütigung Bohlens wäre ein Verstoß gegen Artikel 5 der AEMR. Hinzu kommt schließlich auch, dass Bohlens Sprüche (mittlerweile) bekannt sind und davon auszugehen ist, dass er diese Beleidigungen und Demütigungen in erster Linie zur Unterhaltung der Zuschauerinnen und Zuschauer äußert. Dies lässt solche Aussagen zwar nicht weniger moralisch problematisch werden, weil nicht nur eine Person erniedrigt wird, sondern diese Erniedrigung dann auch noch eine Instrumentalisierung ausschließlich zu Unterhaltungszwecken darstellt. Aber man könnte unterstellen, dass er die Kandidatin oder den Kandidaten nicht um einer Erniedrigung willen erniedrigt, sondern eben nur, um das Publikum zu unterhalten. Bohlens Art, die Teilnehmenden (negativ) zu bewerten, ist also (zumindest mittlerweile) allgemein bekannt und potentielle Kandidatinnen und Kandidaten hätten die Chance, sich zuvor über die Härte vergangener Urteile zu informieren. Wenn man Menschen, die sich bewusst einem Urteil Bohlens stellen wollen, davor zu bewahren versuchte, könnte es als paternalistisch und die Autonomie der Person einschränkend angesehen werden. Umgekehrt ist es aber auch moralisch verwerflich, Menschen, die vielleicht über ein zu geringes Reflexionsvermögen verfügen und von ihren Gesangskünsten fälschlicherweise überzeugt sind, in der Weise zu manipulieren, dass sie der Teilnahme zustimmen, ohne ein solches Urteil und die Folgen hieraus voraussehen zu können. Doch auch dies macht ein erniedrigendes Urteil Bohlens nicht zu einem Verstoß gegen Artikel 5. Solange es das situative Verhalten der Kandidatin oder des Kandidaten und nicht eines der oben genannten Merkmale betrifft, sind bei derartigen Urteilen vielmehr Verletzungen der Person-Würde in Betracht zu ziehen. Äußerst schwerwiegende und unter Umständen auch den moralischen Status der Person betreffende Aussagen scheint Bohlen zwar zu äußern, aber sie werden von den Produzenten herausgeschnitten und gar nicht erst ausgestrahlt, wie er selbst vor einigen Jahren in einem Interview zugegeben hat: „‚Manchmal sage ich einfach Sachen, die denen zu hart sind. Selbst ein Pop-Titan44 darf nicht raushauen, was er will’, sagte Bohlen der ‚Bild’-Zeitung“ (Focus online, dpa 2010). 44 „Pop-Titan“ ist eine in den Medien geläufige Bezeichnung für Dieter Bohlen. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 201 An dieser Stelle wird ein Problem deutlich, das wohl in ähnlicher Weise auf zahlreiche Formate dieser Art zutreffen kann: Bei den Dreharbeiten kann es grundsätzlich zu schwerwiegenden Erniedrigungen kommen, die aber aus den auszustrahlenden Sendungen herausgelassen werden. Dass zu „harte“ Sprüche aus dem Sendematerial entfernt werden müssen, bedeutet dabei zum einen, dass Bohlen sie zuvor geäußert hat und eine Kandidatin oder ein Kandidat davon betroffen war. Zum anderen bedeutet dies angesichts der Schwere der Kritik an dem, was nach dieser Selektion immer noch im Fernsehen zu sehen ist, dass sie tatsächlich sehr schwerwiegend sein müssen und sich der Sender möglicherweise vor Sanktionen fürchtet, falls sie ausgestrahlt würden. Für das Publikum sind solche Aussagen zwar nicht zugänglich, aber offensichtlich kommt es vor, dass sie der Teilnehmerin oder dem Teilnehmer gegenüber geäußert und zumindest vor den bei den Dreharbeiten Anwesenden gedemütigt werden. Das Publikum und potentielle Kandidatinnen und Kandidaten für eine nächste Staffel werden demzufolge dem Umgang der Produzenten mit den teilnehmenden Personen beim Dreh dieser Formate nicht gewahr bzw. können unter Umständen sogar ein falsches Bild davon erhalten. Bei der Beurteilung solcher nicht öffentlichen Vorkommnisse ist man demnach auf die Aussagen der Kandidatinnen und Kandidaten angewiesen, wobei fraglich ist, inwiefern bzw. inwieweit sie sich überhaupt dazu äußern, da sie in der Regel einer vertraglichen Schweigepflicht unterliegen. Tatsächlich ist es jedoch auch vorgekommen, dass äußerst schwerwiegende Szenen ausgestrahlt und anschließend gerügt worden sind. Ein bekannter Fall ist der des Formats Die Super Nanny, zu dem ein juristisches Urteil sogar mit der Begründung einer Menschenwürdeverletzung gefällt wurde. Hierbei ging es nicht um eine Demütigung oder Erniedrigung durch ein Jurymitglied, sondern um die Darstellung einer Familiensituation. Das Verwaltungsgericht Hannover hatte im Jahr 2014 eine Klage von RTL abgelehnt, mit der der Privatsender gegen einen Beanstandungsbescheid gegen eine Folge der Super Nanny aus dem Jahr 2011 vorgehen wollte. In dieser Folge hat „eine alleinerziehende Mutter ihre weinenden und verängstigten damals 3, 4 und 7 Jahre alten Kinder beschimpft, bedroht und mehrfach geschlagen. Einzelne gefilmte Handlungen gegen die Kinder wurden im Sendeablauf wiederholt dargestellt“ (Verwaltungsgericht Hannover 2014). Aufgrund von Zuschauerbeschwerden wurde die Kommission für Jugendmedienschutz angerufen, „die in der Ausstrahlung der Sendung einen Verstoß gegen die Menschenwürde erkannte und die Sendung beanstandete“ (zit. nach Verwaltungsgericht Hannover 2014; 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 202 Hervorhebung im Original), was das Verwaltungsgericht für rechtens hielt. Im Beanstandungs- und Anordnungsbescheid der Landesmedienanstalt wird der Verstoß gegen die Menschenwürde in der Folge folgendermaßen beschrieben und begründet: „Sowohl im Teaser45 als auch in den Teilen I und II der Sendung wurden Beschimpfungen und Bedrohungen sämtlicher Kinder durch die sorgeberechtigte Mutter dargestellt, die diese in rüdem Tonfall äußerte (‚Ich klatsch Dir eine!’) und die zur Einschüchterung der verängstigten Kinder führten. Hinzu kamen insgesamt zehn Gewalthandlungen – nahezu vollständig in Gestalt von Schlägen – die teilweise innerhalb der Sendung bis zu dreimal wiederholt und damit insgesamt bis zu viermal ausgestrahlt wurden. [...] Die Menschenwürde als solche ist betroffen, wenn der konkrete Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe herabgewürdigt wird. Die Verletzung der Menschenwürde ist insbesondere dann gegeben, wenn Menschen nicht mehr als eigenständige, willensbestimmte Wesen wahrgenommen, sondern für einen bestimmten Zweck instrumentalisiert werden, beispielsweise um durch die Herabwürdigung eine hohe Zuschauerquote und dadurch Einnahmen zu erzielen“ (Niedersächsisches Landesjustizportal: Hartstein u.a., aaO, § 4 JMStV Rdnrn. 35f. mwN) In seinem Urteil bezieht sich das Verwaltungsgericht offensichtlich auf die Objektformel Kants, die, wie zuvor ausgeführt, weder präzise noch überzeugend genug ist, um die Zuschreibung von Menschenwürde zu begründen. Nach dem hier vertretenen Verständnis von „Würde“ sollte der zu pauschale Würdebegriff bei der Beurteilung der Problematik vermieden und überlegt werden, was tatsächlich in diesem Fall geschieht. Es muss also festgestellt werden, ob ein Angriff auf den moralischen Status als Mensch oder eine Verletzung der Ehre oder des Ansehens der dargestellten Personen vorliegt. Dabei ist eine Differenzierung notwendig: Zum einen ist das Verhalten der Mutter den Kindern gegenüber problematisch und zum anderen das des Produktionsteams der gesamten Familie gegenüber. Dass die Kinder von der Mutter geschlagen und beschimpft werden, ist möglicherweise als Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit einzustufen. Nicht der Sender ist jedoch derjenige, der gegen dieses Recht verstößt, sondern die Mutter selbst. Problematisch ist daran vor allem, dass 45 Unter „Teaser“ wird ein kurzer Bild- oder auch Tonausschnitt verstanden, der andeutet, worum es in einer nachfolgenden Sendung gehen wird. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 203 es der Familie als solcher zwar freistand, an dieser Show teilzunehmen, dass die Kinder aber der Zustimmung der Eltern unterlagen und sie sowohl ihrer Mutter als auch dem Produktionsteam ausgeliefert waren. Den Anwesenden des Produktionsteams könnte unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen werden, und es ist zudem als eine unzulässige Instrumentalisierung zu verstehen, dass die Familie überhaupt in dieser Situation und auch noch mehrfach gezeigt wird. Dass all dies moralisch verwerflich ist, steht wohl außer Frage, doch bezieht sich die Erniedrigung des Produktionsteams auf die Person-Würde der Dargestellten und nicht auf den moralischen Status. Die Demütigung des Senders besteht darin, die Szene aufgezeichnet, wiederholt dargestellt und aus dem unkontrollierten Verhalten der Mutter sowie aus dem dargestellten und gesendeten Leid der Kinder ökonomische Vorteile gezogen zu haben. Allerdings bezieht sich dies auf die Person-Würde und nicht den moralischen Status der Dargestellten, weil keiner der oben genannten Aspekte, die den moralischen Status eines Menschen ausmachen, sondern in erster Linie das Verhalten betroffen ist. Die mehrfache Darstellung der Gewalthandlungen, das Handeln der Mutter selbst, die unterlassene Hilfeleistung sowie die Instrumentalisierung der gesamten Familie ist folglich zwar in hohem Maße unmoralisch; eine Menschenwürdeverletzung durch die Produktionsfirma liegt aber nach dem hier vorgeschlagenen Verständnis nicht vor – vielmehr ist dies ein Beispiel für die Verletzung der individuellen Würde der dargestellten Personen. Zusammenfassend lässt sich also sagen: Es ist davon auszugehen, dass Erniedrigungen, wie sie in Reality TV-Formaten vorkommen, wohl in erster Linie die Person-Würde betreffen und nicht der Art sind, wie in Artikel 5 der Menschenrechte intendiert wird. Eine Beleidigung aufgrund nicht vorhandener Gesangskünste durch ein Jurymitglied oder im Dschungelcamp mit Maden überschüttet zu werden und die anschließende Ausstrahlung dessen sind vielleicht erniedrigend, betreffen aber das individuelle Verhalten des Kandidaten oder der Kandidatin und nicht dasjenige, was ihn oder sie als Mensch ausmacht. Die Produzenten werden, wie im Beispiel DSDS, bei dem die schlimmsten Szenen gar nicht erst ausgestrahlt werden, zudem in der Regel darauf achten, dass sie eine gewisse Grenze nicht überschreiten, um sich nicht strafbar zu machen46. Und auch wenn ein gewisser Druck – vielleicht durch eigenen Antrieb, durch die Erwar- 46 Dies bedeutet nicht, dass Erniedrigungen dieser Art hinter den Kulissen nicht vorkommen, wie das Beispiel der aus dem Sendematerial entfernten Szenen von Dieter Bohlen zeigt. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 204 tungshaltung des sozialen Umfeldes oder gar eine finanzielle Notlage – besteht, bei so einer Show mitzuwirken, kann der Teilnahme im Gegensatz zu Erniedrigungen und unmenschlicher Behandlung, wie sie in Artikel 5 gemeint sind, grundsätzlich widersprochen werden. Weil dies nicht nur auf Casting-Shows, sondern auf alle anderen Typen und die dazugehörigen Formate ebenfalls zutrifft, werden diese an dieser Stelle nicht weiter untersucht. Artikel 7: Diskriminierung Wie in Kapitel 4.2.1 beschrieben, sind Diskriminierungen im Hinblick auf Reality TV-Formate an verschiedenen Stellen denkbar. Die erste bereits genannte mögliche Option, ist diejenige, dass Menschen aufgrund bestimmter (fehlender) individueller Eigenschaften von der Teilnahme an einer Sendung ausgeschlossen werden. Der Ausschluss einer Person von derartigen Formaten kann, wie oben beschrieben, jedoch grundsätzlich damit begründet werden, dass ihr die für die jeweilige Show erforderlichen Eigenschaften fehlen, ohne dass dies zwangsläufig auch als diskriminierend angesehen wird. Es ist außerdem davon auszugehen, dass schwerwiegende Diskriminierungen, die während des Drehs beispielsweise durch ein Jurymitglied in einer Casting-Show geäußert werden und rechtlich problematisch sein könnten, ähnlich der schwerwiegenden Erniedrigungen, gar nicht erst gesendet werden. Direkte, offensichtliche und schwerwiegende Diskriminierungen einer Teilnehmerin oder Teilnehmers werden demzufolge in gesendeten Szenen mutmaßlich nicht zu finden sein. Sichtbar und wohl auch nicht selten, wie beispielsweise der Beitrag von Bunton zeigt, sind aber Stereotypisierungen von bestimmten Personengruppen in Reality TV-Formaten. Solche können eine diskriminierende Wirkung entfalten und werden aus diesem Grund nachfolgend eingehend betrachtet. Wegener zufolge entstehen Stereotypisierungen beispielsweise, weil „die Kürze der Beiträge keine Charaktergestaltung, keine Charakterentwicklung erlaubt. Charaktere und Situationen können weder differenziert dargestellt, noch reflektiert werden“ (Wegener 1994, 77f.). Daraus resultiere für die inhaltliche Gestaltung der Beiträge, dass „der Gebrauch von Klischees, stereotypen Darstellungsmustern und standardisierten Handlungsabläufen nahe[liege]“ (Wegener 1994, 77f.) und Kategorisierung sowie Generalisierung eine große Rolle spielten. Diese begünstigen möglicherweise Diskriminierungen und Vorurteile nicht nur gegenüber den dargestellten Personen, sondern auch denjenigen gegenüber, die die Eigenschaften der dargestellten Personen teilen. Dies kann im Hinblick auf die große Anzahl an Zuschauerinnen und Zuschau- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 205 ern solcher Formate möglicherweise wiederum Auswirkungen auf die Gesellschaft und das soziale Miteinander haben. Einzelne Sendungskonzepte lassen dies bereits erahnen: The Biggest Loser erweckt den Anschein, dass Übergewichtige abnehmen müssen, Extrem Schön! gibt bestimmte Schönheitsideale vor und Bauer sucht Frau enthält die Botschaft, dass es für Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, schwierig ist, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Es scheint, als vermittelten gerade diese Formate, die Menschen aus dem „normalen Leben“ und nicht Schauspielerinnen bzw. Schauspieler zeigen, Werte, an denen sich die oder der Einzelne zu orientieren habe, weil sie oder er sonst nicht den vorgegebenen Normen entspricht. Dies beschreibt auch Rützel, die Reality TV als „Trash-TV“ bezeichnet, welches eine „Konservendose für uralte kulturelle Motive“ und „auch ein echter Werte-Imprägnator“ sei (Rützel 2017, 99). Viele dieser Formate seien „in ihrer Grundaussage unglaublich konservativ; statt traditionelle Werte und Gesellschaftsbilder zu zerschlagen, werden diese im Gegenteil zementiert“ (Rützel 2017, 99). Dies werde insbesondere an den konservativen Frauenbildern deutlich, die in diversen Sendungen vorherrschten. Dabei enthalten nicht alle Formate derartige Stereotypen, und auch nicht alle Stereotypen sind von derselben Art oder gleich schädlich, wie Bunton schreibt: „The stereotypes these reality programs suggest are not all the same, nor are they equally harmful to reality show participants or viewers. To flatly say reality television unethically stereotypes people is to stereotype reality television. It is more accurate to say some reality television unethically stereotypes some people, while some reality television challenges some stereotypes.“ (Bunton 2012, 26) Zu behaupten, Reality TV-Formate förderten generell auf unethische Weise Stereotypen, bedeute, auch das Genre selbst zu stereotypisieren. Allerdings seien in der Tat einige dieser Formate aufgrund von Stereotypisierungen mehr und andere weniger ethisch problematisch. Die Verwendung von Stereotypen ist ihrer Ansicht nach aus verschiedenen Gründen als moralisch bedenklich anzusehen: „In fact, using stereotypes does wrong, creates harm and unfairly burdens the people who are objects of stereotyping, as well as promotes a failure of self-improvement in the people who create or are entertained by the stereotypes. Finally, the most vulnerable stakeholder in the reality television stereotyping situation would seem to be the person who shares the identity characteristics of those who are stereotyped by the 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 206 program that depicts those characteristics stereotypically.“ (Bunton 2012, 28) Nicht nur würden durch die klischeehafte Darstellung diejenigen Personen, die stereotypisiert werden, unfair behandelt und Ungerechtigkeit und Unheil provoziert, sondern sie verhindere auch eine Selbstverbesserung derjenigen, die diese Darstellungen kreieren oder sich von diesen unterhalten lassen. Darüber hinaus seien auch diejenigen gefährdet, die den dargestellten Personen ähnliche Charakteristika aufweisen. Eines der von Bunton angeführten Beispiele hierfür ist das Partnersuche- Format Der Bachelor, wobei ihrer Ansicht nach auch die meisten anderen Dating-Shows mit ähnlich veralteten Ideen über Geschlechterrollen arbeiteten. Das Format Der Bachelor zeichne schließlich das Bild von einem ehrwürdigen Mann und Frauen als „Goldgräberinnen“, maskiert als hilflose Dirne oder zierliche Prinzessin, die von diesem gerettet werden wollen (vgl. Bunton 2012, 31). Diese Darstellungen würden überholte Ideen repräsentieren und Frauen, ähnlich wie in Bildern der Renaissance, als passive sexualisierte Objekte für den männlichen Blick darstellen (vgl. Bunton 2012, 31). Zugleich sei offensichtlich, dass keiner der männlichen Bachelorkandidaten ein Hausmann oder ein Vollzeit-Vater werde (vgl. Bunton 2012, 31). Mit der Auswahl derart stereotypisierter Geschlechterrollen und dem Hervorheben stereotypischer Konflikte verfehlten Formate wie Der Bachelor die Idee Kants, nach der Personen Zwecke in sich selbst sein sollen: „Reality programs such as The Bachelor and The Bachelorette that cast for sex-role stereotypes or edit events to emphasize stereotypical conflict fail the Kantian ethical test of respecting persons as worthwhile as ends in themselves.“ (Bunton 2012, 32) Ein Gegenargument gegen die Behauptung, die Kandidatinnen würden instrumentalisiert oder zu Objekten herabgewürdigt könnte nun lauten, dass sie mit ihrer Zustimmung an diesen Formaten teilnähmen und sie sich somit bewusst und selbstbestimmt in die jeweilige Situation begäben. Selbst wenn dies zuträfe, änderte dies jedoch nichts an der Tatsache, dass sie in den Medien Exempel für die Geschlechterrollen im Allgemeinen statuieren, die zu Diskriminierungen führen können. Bunton ist zwar der Auffassung, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer dieser Sendungen eigene Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln und aus diesem Grund in der Lage sein könnten, diese Shows kompetent mit ihren eigenen Erfahrungen zu vergleichen (vgl. Bunton 2012, 32). Fraglich ist aber, ob dies wirklich auf alle bzw. den größeren Teil der Rezipientinnen und Rezipienten zutrifft und ob sich diese Wertvorstellungen nicht unterbewusst doch weiter verbreiten. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 207 Problematischer werden Stereotypisierungen Buntons Ansicht nach dann, wenn sie die Herkunft und Ethnie von Menschen beträfen, was ebenfalls Diskriminierungen begünstigen kann. Weil der typische „Bachelor“ weiß sei, gäbe dies vor, dass farbige Menschen keine Rolle spielten: „By their total absence, The Bachelor suggests people of color don’t matter. The powerful desirable male has always been white, and the fraction of female contestants who have been anything other than white were usually rejected early in the season.“ (Bunton 2012, 33; Hervorhebung im Original) Damit verkörpere die Show das Konzept „of symbolic annihilation“ (Bunton 2012, 33), also „symbolischer Vernichtung”, welche dazu beitragen könne, dass bestimmte Gruppen von Menschen, die nicht in einer Show repräsentiert seien, aus dem Gedächtnis des Publikums verschwänden und als unwichtig angesehen würden: „Symbolic annihilation suggests groups of people who are not presented or who are severely under-represented by television may be mentally erased from viewers’ thoughts and therefore dismissed as unimportant to the larger culture.“ (Bunton 2012, 33) Auch ein Blick in die Chronik der Bachelor-Staffeln in Deutschland zeigt, dass es bislang keinen Kandidaten mit dunkler Hautfarbe oder beispielsweise aus dem asiatischen Raum stammend gab. Fraglich ist, ob die Auswahl der Kandidaten einen diskriminierenden Hintergrund hat oder ob sich bislang einfach keine anderen Kandidaten gefunden haben und inwiefern das Nichtzeigen andersstämmiger Kandidaten tatsächlich eine diskriminierende Wirkung haben kann. Ein weiteres Problem besteht Bunton zufolge darin, dass die Rezipientinnen und Rezipienten die dargestellten Stereotypen als zutreffend verstehen und bestimmte Erwartungen an Personen, die diesen Stereotypen entsprächen, entwickeln könnten (vgl. Bunton 2012, 34). Insgesamt sind Stereotypisierungen im Reality TV ihrer Ansicht nach aus vier Gründen besonders problematisch (vgl. Bunton 2012, 35): Zunächst einmal schauen Menschen sehr häufig Reality TV. Dies lässt sich auch in Deutschland unschwer an der großen Auswahl dieser Formate erkennen – würden sie nicht konsumiert, würden sie auch nicht weiter produziert. Ich bin ein Star – holt mich hier raus! sahen im Jahr 2017 trotz sieben Prozent Verlust im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise immer noch 6,5 Millionen Zuschauer (vgl. Mantel 2017). Zweitens sei der Begriff „reality“ ein starkes „Label“, das beim Zuschauer die Erwartung wecken könnte, dass es auch der Wahrheit entspricht, was hier gezeigt wird. Drittens benutzten Reality TV-Programme oftmals, wenn überhaupt, nur einen einzigen Charakter, der eine – beispielsweise ethnische – Minderheit repräsentiert, und dies könnte den 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 208 Zuschauer in die Irre führen. Und viertens können solche Formate einen wichtigen Einfluss auf soziales Verhalten haben und zwar auch solche, die eigentlich unrealistisch erscheinen: „Whether those stereotypes are believable is not of as much concern as the fact that even unrealistic stereotypes may influence viewers’ perceptions. Social psychology studies conclude that people activate stereotypes automatically and quickly, often without even being conscious of doing so.“ (Bunton 2012, 35) Ohne sich darüber bewusst zu sein, könnten sich so Bilder und Vorurteile in den Köpfen der Rezipientinnen und Rezipienten festsetzen. Meist seien diese eher mit negativen als positiven Aspekten behaftet: „Furthermore, social psychologists find that people who are asked to generate stereotypes about groups of people easily produce significantly more negative stereotypes than positive ones, and that people are much more likely to automatically invoke negative stereotypes about people or communities they don’t know.“ (Bunton 2012, 35) Das Problem sei außerdem, dass durch Stereotypisierung nicht nur Charakteristika beschrieben, sondern auch zugleich be- bzw. verurteilt würden, was sich wiederum in diskriminierenden Handlungen oder Äußerungen zeigen könnte: „In this way, stereotyped people are judged by the values laden in the stereotype, and others will begin to expect those people will behave as the stereotype dictates.“ (Bunton 2012, 36) Es scheint zudem, als gäbe es neben den einzelnen Stereotypen auch einen übergeordneten Stereotyp – der des Reality TV-Teilnehmers. Dies wird an Zitaten wie diesem von Pörksen deutlich: „Sie sind die Neureichen im Aufmerksamkeitsgeschäft, die oft nach einer Saison von der Fernsehbühne wieder verschwinden.“ (Pörksen 2012, 17) Fraglich ist, ob es überhaupt möglich ist, derartige Sendungen zu produzieren, ohne dabei zugleich auch Stereotypen zu kreieren. Selbst wenn Bemühungen stattfänden, auf sämtliche Facetten der Personen einzugehen und hinsichtlich der Kürze der Sendung möglichst viele vielseitige und heterogene Charakteristika aufzuzeigen, würde auch dies mutmaßlich wieder zu Stereotypisierungen führen, wenn auch vielleicht in einem geringeren Ausmaß. Es scheint aber, wie auch Bunton annimmt, Unterschiede hinsichtlich des Umgangs mit Stereotypen im Reality TV zu geben. Eines der Beispiele für häufige und negative Stereotypisierungen ist das Format Schwiegertochter gesucht. Für eine Analyse eignet sich dieses besonders, weil es, wie bereits erwähnt, der ZDF-Satire-Show Neo Magazin Roya- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 209 le gelungen ist, dank zweier unbemerkt in die Sendung eingeschleuster Schauspieler einen Blick hinter die Kulissen zu werfen47. Die seit Jahren in diesem Format unzähligen, oftmals mit ironischem Unterton ausgesprochenen Alliterationen, die nicht selten auf die Herkunft, Eigenschaften, Hobbies oder Berufe der Protagonistinnen und Protagonisten Bezug nehmen, wie beispielsweise „der romantische Russe“, „der attraktive Andersliebende“, „der kundige Konditor“ oder „die Küchenservicekraft aus dem sehenswerten Sachsen“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016 ab Min. 0.58) nehmen schließlich auch Bezug auf alle Personen, die die jeweiligen Eigenschaften mit den Kandidatinnen und Kandidaten teilen. Dies allein wäre weniger problematisch, würden die Protagonistinnen und Protagonisten nicht mit Hilfe besonderer Effekte in Form von Einspielungen, Musik und Geräuschen oder durch eine bestimmte Kameraführung und die Aufforderung, bestimmte Dinge zu tun oder zu äußern, besonders lächerlich dargestellt. So habe eine Redakteurin den Schauspieler des Neo Magazins dazu aufgefordert, ihr den Satz „Manchmal gehe ich dann auch in die Zoohandlung und gucke mir die richtigen Schildkröten an“ nachzusprechen. „Es gab gar keine Möglichkeit, den Text zu vergessen, weil RTL hat immer gesagt, was man sagen muss“ (Neo Magazin Royale- Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 13.08), berichtet einer der Schauspieler in dem Video Böhmermanns. Darüber hinaus scheint sich der Schwiegertochter gesucht-Kandidat zu einem eigenen Stereotypus entwickelt zu haben, wie die Folge der Sendung Neo Magazin Royale eindrücklich zeigt. In dem Beitrag wird erläutert, anhand welcher Kriterien die Redaktion des Satire-Magazins die Rolle der beiden unbemerkt in die Sendung eingebrachten Schauspieler kreiert haben, damit sie in die Sendung passen: „Was braucht man, um einen möglichst echten Schwiegertochter gesucht-Kandidaten herzustellen?“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 8.58) Zum einen habe man im Ruhrgebiet eine Wohnung eingerichtet, die wie eine „Asi- Wohnung“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 6) aussehen musste. Auch hier wird mit den Vorurteilen gearbeitet, im 47 Böhmermann und sein Team haben dazu beigetragen, Missstände im Rahmen des Formates Schwiegertochter gesucht aufzudecken, die vermutlich kein Einzelfall waren bzw. sind. Die Vorgehensweise der Satire-Sendung ist aber selbst ethisch zu hinterfragen. Nicht nur werden die Kandidaten der von Böhmermann beeinflussten Staffel hier zu Beginn nochmals gezeigt, auch Böhmermann äußert sich an verschiedenen Stellen des Beitrags abwertend und pauschalisierend über die Personen, die bislang an der Sendung und Reality TV-Formaten allgemein teilgenommen haben. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 210 Ruhrgebiet gäbe es Wohnungen dieser Art und besonders eigneten sich für dieses Format Menschen, die im Ruhrgebiet lebten und dem Stereotyp „asozialer“ Personen entsprächen. Die „Figur“ müsse zudem „schräg“ aussehen und ein „schräges Hobby“ haben (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 12.30). Der Schauspieler gab sich als Schildkrötensammler und Eisenbahnfan aus, was wiederum den Anschein erweckt, dass das Sammeln von Schildkröten und Fan von Eisenbahnen zu sein, zum einen seltsame Hobbies und zum anderen typische Freizeitbeschäftigungen für Personen sind, die für die Suche nach einer Partnerin sogar ins Fernsehen gehen müssen, weil ihnen dies auf andere Weise nicht gelingt. Außerdem habe sich der gespielte Schwiegersohn als „guter“ Kandidat verkaufen müssen, „und dann hab ich als ersten Schritt einfach mal nicht mehr geduscht“, berichtet er (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 8.30). Durch die Sendung Böhmermanns wird somit ein offensichtlich vorherrschendes Vorurteil gegen die Schwiegertochter gesucht-Kandidaten, nämlich das mangelnder Hygiene, noch einmal verstärkt. Böhmermann äußert in der Folge des Satire-Magazins zudem: „Ich habe irgendwann gesagt: Leute, wir dürfen das nicht übertreiben. Ich meine, unser Robin ist Schildkrötensammler, er ist Eisenbahnfan, natürlich Jungfrau. Ich habe gedacht, wir haben es übertrieben, RTL fällt doch nicht auf so was rein.“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 13.08) Dann sei RTL jedoch gekommen und habe „sogar Schildkröten in der ganzen Wohnung verteilt, die sie selber mitgebracht haben. RTL hat unsere Figur genommen und auf ein anderes Level gehoben. Die haben unsere Figur weiterentwickelt“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 13.08). Dies zeigt, dass die Produktionsverantwortlichen offensichtlich ein Interesse daran hatten, besonders markante Eigenschaften des Kandidaten noch mehr hervorzuheben. Zwar wird all dies aus der Sicht des Satire-Magazins und nur mit Bezug auf diesen einen Fall dargestellt, jedoch scheint es Böhmermann zufolge und auch angesichts der Darstellungen weiterer Kandidatinnen und Kandidaten in anderen Folgen mutmaßlich wohl kein Einzelfall zu sein, dass der Produzent auf diese Weise verfährt. Auch die Formung von – insbesondere wenig schmeichelhaften – Stereotypen, wie in diesem speziellen Fall durch die vom Sender mitgebrachten Schildkröten, sind zwar aufgrund fehlender Berichte oder Aufzeichnungen kaum nachzuweisen, aber in Anbetracht der überzogenen Darstellungen mancher Kandidatinnen und Kandidaten durchaus anzunehmen. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 211 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sender, wie oben beschrieben, konkrete, direkte und rechtlich problematische Diskriminierungen wohl zu vermeiden versuchen. Aufgrund einer bestimmten Weise der Darstellung der Kandidatinnen und Kandidaten kann es aber vorkommen, dass Bilder und Werte vermittelt werden, die unter Umständen auf Seiten der Rezipientinnen und Rezipienten zu einer Übernahme dieser Vorstellungen führen. Dies wiederum kann Erwartungshaltungen, Vorurteile und folglich auch Diskriminierungen begünstigen. Reality TV-Formate oder einzelne Szenen können somit die Ursache von mit Vorurteilen behafteten Denkweisen sein. Dies muss aber von der These unterschieden werden, dass es generell Diskriminierungen im Reality TV gebe. Artikel 12: Eingriffe in das Privatleben, Beeinträchtigungen der Ehre und des Rufes Wie in den beiden vorherigen Abschnitten, die sich mit Artikel 12 der AEMR, „Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden“, beschäftigen, erwähnt, sind Eingriffe in das Privatleben der Teilnehmenden dem Konzept des Reality TV inhärent. Der Philosoph Harald Seubert beschreibt die Gefährdung der Privatsphäre durch neue Technologien auch in seinen Ausführungen über Privatsphäre und nennt „die Gefahr, dass die Privatsphäre, im Sog der Faszination durch neue Informationstechnologien, zumindest vorübergehend, als ‚verhandelbar’ gilt und gegen andere Güter abgewogen wird“ (Seubert 2011, 220). An dieser Stelle ist zu fragen, warum die Verhandelbarkeit der Privatsphäre überhaupt als „Gefahr“ oder Angriff auf den moralischen Status einer Person gesehen werden kann. Schließlich könnten die potentiellen Vorteile, die solche Formate für die Kandidatinnen und Kandidaten mit sich bringen können, wie Ruhm, ein neu eingerichtetes Haus, eine geschenkte Schönheits-Operation, eine Reise zu einem exotischen Ziel oder bessere Karrierechancen so reizvoll sein, dass nichts dagegen spricht, Einblicke die Privatsphäre in Kauf zu nehmen (vgl. Shufeldt Esch 2012, 45f.). Es ließe sich zudem fragen, ob die Beeinträchtigung der Privatsphäre angesichts so zahlreicher freiwilliger „Opfer“ überhaupt einen Grund zur Sorge darstellt und ob die Produzenten solcher Formate eine ethische Verpflichtung dazu haben, die Privatsphäre der Kandidatinnen und Kandidaten zu schützen, wenn sie doch von ihnen selbst in ihre Wohnzimmer eingeladen würden: 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 212 „With so many willing victims/participants, is ‚privacy’ even a relevant concern? Do reality television producers have an ethical obligation to safeguard the privacy of their subjects even when apparently rational individuals invite the cameras into their living rooms?“ (Shufeldt Esch 2012, 42). Hinsichtlich des Reality TV ist aber anzunehmen, dass tiefe Einblicke in das Privatleben der Kandidatinnen und Kandidaten schwerwiegende und weitreichende Auswirkungen auf ihr Ansehen und damit auch auf ihr Leben nach der Ausstrahlung, so zum Beispiel auf soziale Kontakte oder ihren Arbeitsplatz, haben können, welche für die medienunerfahrenen Teilnehmenden vielleicht nicht absehbar sind. Besonders bemerkenswert ist die Bereitschaft und auch die Zulässigkeit, einer unüberschaubaren Öffentlichkeit solch tiefe Einblicke in das Leben der Kandidatinnen und Kandidaten zu gewähren, wenn dies in Relation zu aktuellen öffentlichen Diskussionen über beispielsweise „Big Data“, die Vorratsdatenspeicherung oder die Überwachung öffentlicher Plätze gesetzt wird. So sieht Benda schon in den 1990er Jahren eine Gefährdung der Privatsphäre allein darin, dass der Einzelne bei der elektronischen Datenverarbeitung, der sich zunehmend auch die (staatliche) Verwaltung bediene (vgl. Benda 1994, 175), „die Verfügung darüber verliert, an wen und zu welchen Zwecken solche Informationen vermittelt werden. Nicht die Information an sich, sondern ihre dysfunktionale Weitergabe, auf die der Betroffene keinen Einfluß hat, zerstört die Privatsphäre“ (Benda 1994, 176). Bendas Ansicht nach beträfe die Gefährdung der elektronischen Verarbeitung von Daten vor allem „personenbezogene Daten, d.h. auch solche, die der Privatsphäre zuzurechnen sind (etwa Angaben über den Gesundheitszustand, körperliche und geistige Gebrechen, finanzielle Verhältnisse u.v.a.)“ (Benda 1994, 176). Diese könnten aufgezeichnet und ohne Kenntnis oder Einwirkungsmöglichkeit des Betroffenen beliebig oft, mit großer Schnelligkeit und über weite Entfernungen beliebig vielen interessierten Stellen übermittelt werden. Zudem könnten „die gespeicherten Daten, auch wenn sie an sich korrekt sind, isoliert, also ohne Zusammenhang mit anderen Informationen übermittelt werden, die zu ihrem richtigen Verständnis notwendig wären“ (Benda 1994, 176). Diese Bedenken zur Gefährdung der Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte werden also im Zusammenhang mit der elektronischen Datenverarbeitung bereits in den 1990er Jahren geäußert, treffen aber genauso auf die sich gegenwärtig gro- ßer Beliebtheit erfreuenden, problematischen Fernsehformate zu. Sie geben nicht nur personenbezogene Daten preis, auf die nicht mehr eingewirkt werden kann; auf Reality TV-Formate trifft ebenfalls die Tatsache zu, 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 213 dass nur ein Teil der „Daten“ des betroffenen Menschen isoliert gezeigt wird und somit womöglich ein falsches Bild der Person in der Öffentlichkeit entsteht. Angesichts dieser Bedenken Bendas, die sicherlich von zahlreichen Datenschützern geteilt werden, ist daher bemerkenswert, dass die im Reality TV oftmals gebotenen Einblicke in Wohnungen und Familienverhältnisse oder sogar in finanzielle Notsituationen von ganzen Familien offensichtlich von der Gesellschaft geduldet und als unterhaltsam empfunden werden. Dies gilt auch für die Verbreitung weiterer persönlicher und intimer Daten, wie beispielsweise Körpergewicht, körperliche Beeinträchtigungen, Aussehen oder anderer Informationen, die über den Gesundheitszustand der Teilnehmenden preisgegeben werden, wie dies beispielsweise bei Formaten wie The Biggest Loser (vgl. Shufeldt Esch 2012, 49) regelmäßig der Fall ist. Auch die Veröffentlichung dieser Informationen, die bei einem Arztbesuch unter die ärztliche Schweigepflicht fallen würden, sei ein Eingriff in die Intimsphäre der dargestellten Personen (vgl. Shufeldt Esch 2012, 49). Darüber hinaus würden die Beteiligten in Verlegenheit gebracht, wenn sie beispielsweise Probleme hätten, bestimmte Übungen durchzuführen: „The risks certainly include embarrassment, as participants are shown in ill-fitting workout gear, struggling with their exercises, giving in to culinary temptation, and so on. However, the bigger concern might be about the loss of privacy regarding their health information, the particularities of which probably should be private. The sort of information conveyed on the show would, in other contexts, be subject to doctorpatient confidentiality. But the revelation of such information could potentially influence participants’ employment or their health insurance.“ (Shufeldt Esch 2012, 49) Wenn sich die Darstellung des Gesundheitszustandes auf die Arbeitssituation oder die Krankenversicherung der Dargestellten auswirkt, was angesichts der Verbreitung und Veröffentlichung dieser sensiblen Daten vorstellbar ist, könne sie zudem auch finanzielle Konsequenzen für die Betroffenen haben (Shufeldt Esch 2012, 49). Darüber hinaus ist der Schutz der Privatsphäre Shufeldt Eschs Ansicht nach auch deshalb wichtig, weil persönliche Beziehungen und Vertrauen darauf beruhen und möglicherweise in Gefahr geraten, wenn plötzlich der ganzen Welt derart intime Informationen zur Verfügung stehen: „If we reveal everything to everyone, there is no possibility of intimacy based on a unique trust between individuals.“ (Shufeldt Esch 2012, 49) 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 214 Um möglichen Klagen gegen die Eingriffe in die Privatsphäre vorzubeugen, sichern sich die Produzenten vertraglich ab und fordern die Kandidatinnen und Kandidaten dazu auf, mit ihrer Unterschrift auf bestimmte Rechte zu verzichten (vgl. Shufeldt Esch 2012, 43f.). Aus der Ausstrahlung einer solchen Sendung möglicherweise folgende Konsequenzen, wie der genannte Arbeitsplatzverlust oder auch zerbrochene Freundschaften oder Beziehungen, sind in den Verträgen jedoch nicht aufgelistet und womöglich für manchen nicht einmal ansatzweise absehbar, wie auch Shufeldt Esch beschreibt: „These risks are typically not clearly enumerated in legal release forms and may be difficult (if not impossible) to predict even for savvy viewers and rational decision-makers, let alone vulnerable populations whose decision-making ability may be impaired or limited.“ (Shufeldt Esch 2012, 48) Solange aber davon auszugehen ist, dass volljährige Kandidatinnen und Kandidaten die Tragweite ihrer Handlungen vor der Kamera abschätzen können und ihre Zustimmung vorliegt, sind diese Eingriffe in das Privatleben gerade in Zeiten der immer freizügigeren Darstellungen im Internet wohl grundsätzlich nicht als „willkürlich“ zu verstehen, wie es bei einem Verstoß gegen Artikel 12 erwartet würde. Zu beachten ist schließlich, dass einige Kandidatinnen und Kandidaten ihre Teilnahme rückblickend auch als positiv beschreiben. So berichtet beispielsweise eine Kandidatin des Formates The Biggest Loser, dass sie dank der Teilnahme innerhalb von 14 Wochen 27,5 Kilogramm abgenommen habe: „Mein altes Ich zu sehen war schockierend. So sah ich mal aus. Ich habe meinen Auftritt genossen. Alle waren total beeindruckt von mir. Das war Balsam für die Seele. “ (Schepp 2018) Diesen positiven Effekt auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von The Biggest Loser beschreibt auch Janie Harden Fritz: „Participants on The Biggest Loser shape new futures for themselves as they learn to make different choices related to diet and exercise; their actions create visible changes in these developing life stories.“ (Harden Fritz 2012, 98) Zwar mag es fragwürdig sein – auch trotz möglicher positiver Folgen –, ob es sinnvoll ist, Menschen auf der ganzen Welt Einblicke in sein Privatleben zu gewähren, doch wenn ein Vertrag unterschrieben wurde, lässt sich aus juristischer Perspektive vermutlich nicht aussagen, dass es sich um unzulässige Eingriffe in das Privatleben und Beeinträchtigungen der Ehre und des Ansehens handelt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie aufgrund der augenscheinlichen Freiwilligkeit nicht als willkürlich – im Sinne von rechtswidrig – angesehen werden können. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 215 Aus ethischer Perspektive sieht dies jedoch ein wenig anders aus. So ist es durchaus möglich, dass Kandidatinnen und Kandidaten den Vertrag zwar unterschreiben, die Umstände dieses Vertragsschlusses aber moralisch zu hinterfragen sind. Hinsichtlich der Absehbarkeit der Konsequenzen eines solchen Vertragsschlusses sind schließlich folgende vier Szenarien vorstellbar, die nicht nur für die Überlegung, ob und wann ein solcher Eingriff „willkürlich“ geschieht, sondern auch für die noch folgenden Überlegungen zu „Person-Würde-Verletzungen“ von hoher Relevanz sind: a) Die Kandidatinnen und Kandidaten können die Folgen ihrer Handlungen absehen Zunächst einmal ist vorstellbar, dass Kandidatinnen und Kandidaten tatsächlich über das notwendige Reflexionsvermögen verfügen und die Konsequenzen ihrer Handlungen vor der Kamera in all ihren Facetten abschätzen können. Hier ergibt sich mit Blick auf die Teilnehmenden die Frage, ob Eingriffen in das Privatleben zugestimmt werden kann oder sollte, auch wenn zu erwarten ist, dass sich negative Folgen und Beeinträchtigungen der Ehre und des Ansehens daraus ergeben könnten? Darf man also Verletzungen dessen, was nach dem zugrundeliegenden Verständnis unter „Person-Würde“ verstanden wird, zustimmen? Oder anders formuliert, erlaubt es die Achtung der eigenen Ehre, für potentiell neue Karrierewege oder einen Geldgewinn mögliche Demütigungen und Erniedrigungen zu akzeptieren? Diese Entscheidung sollte vermutlich jedem selbst überlassen bleiben, weil wichtige Werte wie Selbstbestimmung und Freiheit ansonsten missachtet würden. Vorstellbar ist schließlich, dass manche Personen den Eingriff in das Privatleben und die Gefahr negativer Beeinträchtigungen ihres Ansehens ohne weiteres oder sogar gern in Kauf nehmen, um mögliche positive Effekte hervorzurufen, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten oder sogar zu provozieren. Es wäre paternalistisch und eine Einschränkung der Autonomie sowie der Selbstbestimmung, würde Personen, die die Folgen ihrer Darstellung in der Öffentlichkeit abschätzen können und sie bewusst und willentlich in Kauf nehmen, der Umgang mit dem eigenen Ansehen vorgeschrieben. Fraglich bleibt aber, ob es eine Plattform für diese Art der Darstellung überhaupt geben sollte und ob es aus ethischer Perspektive vertretbar ist, als Produzent – in der Regel aus ökonomischen Eigeninteressen – überhaupt Menschen in solche Situationen geraten zu lassen und sie derartigen möglichen Konsequenzen auszusetzen. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 216 b) Die Kandidatinnen und Kandidaten glauben lediglich, die Konsequenzen ihrer Handlungen absehen zu können Neben dem Fall, dass die Teilnehmenden die Konsequenzen ihrer Handlungen tatsächlich abschätzen können, wie neben Stoecker (vgl. Stoecker 2007, 74) auch Norbert Bolz (vgl. Bolz 2012, 73), Inka Bause (vgl. Bause 2012, 49) und Anke Engelke (vgl. Engelke 2012, 97) annehmen, ist vorstellbar, dass sie lediglich glauben, die Folgen abschätzen zu können, ohne dies tatsächlich zu können. So ist es möglich, dass manche von ihnen fälschlicherweise davon überzeugt sind, zu wissen, worauf sie sich einlassen, sich dies aber aus mangelnder Erfahrung, aufgrund von für sie unvorhersehbaren Ereignissen oder möglicherweise sogar Manipulationen während oder nach den Dreharbeiten als Fehleinschätzung erweist. Nicht nur fehlt vielleicht in einigen Fällen die richtige Selbsteinschätzung hinsichtlich dieser außergewöhnlichen Situation, sondern möglicherweise auch die Fähigkeit, zuvor absehen zu können, wie das von ihnen Verlangte während des Drehs und auch anschließend im Schnitt ausgestaltet wird, wie schwer die Konsequenzen ihrer Teilnahme wiegen und wie weit diese reichen können. Die Familie, deren Fall in Kapitel 2.4 geschildert wird, konnte wohl nicht vorausahnen, dass ihnen die Bewohner ihres Heimatortes nach dem Fernsehauftritt Frühstücksbrettchen in den Briefkasten stecken und sie zu einem Wohnortwechsel zwingen würden. Selbst wenn sie vielleicht im Voraus davon ausgegangen sind, dass sie wüssten, worauf sie sich einlie- ßen, werden sie wohl kaum vorausgeahnt und somit auch nicht bewusst in Kauf genommen haben können, dass etwas in dieser Art geschieht. Dieses Problem der späteren Erkenntnis, nachdem man sich selbst auf eine bestimmte Weise in der Öffentlichkeit präsentiert hat, beschreibt auch Bieri und verwendet hierbei sogar den Begriff der Würdeverletzung. So könne jemand seiner Ansicht nach seine „Würde verspielen, indem er Intimes ohne Not preisgibt und in roher Form, ohne gedankliche Bearbeitung, an die Öffentlichkeit bringt, also vor Leute, die sonst nichts mit ihm und seinem Leben zu tun haben“ (Bieri 2013, 191f.). Seien wir in so etwas unbedacht hineingestolpert, so könne es geschehen, dass wir plötzlich aufwachen wie aus einem bösen Traum und uns fragten „Was habe ich da mit mir machen lassen! Was habe ich da bloß gemacht! Es kann eine Verstörung bedeuten, die lange anhält. Wir erleben es als einen Verlust, und wenn wir ihn benennen müßten, würden wir sagen: Es ist ein Verlust der Würde“ (Bieri 2013, 191f.). Es ist also möglich, dass Kandidatinnen und Kandidaten glauben, einschätzen zu können, was sie bei den Dreharbeiten erwartet und wie sie sich vor der Kamera zu verhalten hätten, dann aber in Situatio- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 217 nen geraten, in denen ihnen das von sich selbst erwartete Verhalten nicht mehr gelingt. In solchen Fällen, in denen Kandidatinnen oder Kandidaten die Fassung verlieren oder generell absehbar ist, dass ihr Fernsehauftritt für sie mutmaßlich negative Auswirkungen haben könnte, wäre es aus ethischer Perspektive wohl angemessen, wenn die Produzenten in dieser Situation deeskalierend wirken würden und etwaige, für die Teilnehmenden und ihr Ansehen im Anschluss an die Ausstrahlung der Sendung möglicherweise schädliche Szenen nicht senden würden. Doch genau das Gegenteil ist oftmals der Fall: Wie am Beispiel der Folge der Super Nanny deutlich wird, werden häufig genau diese Szenen, die die Protagonistinnen und Protagonisten in für sie ungünstigen Situationen zeigen, mehrfach wiederholt. Darüber hinaus werden sie oftmals nicht nur mit einer bestimmten Kameraführung und der entsprechenden Musik, Soundeffekten und Off-Texten kommentiert und besonders betont, sondern solche Ereignisse werden auch noch zum Teil absichtlich provoziert, wie auch das Beispiel einer Schwer Verliebt-Kandidatin zeigt. Eine Kandidatin dieser Kuppel-Show wurde unter der Androhung eines Bußgeldes zu bestimmten Handlungen vor der Kamera gezwungen und hierdurch für die Öffentlichkeit als „Freak“ inszeniert (vgl. Kreienbrink 2011). Mit ihrem Schicksal setzte sich nach der Ausstrahlung auch das ZDF-Magazin Frontal 21 auseinander (vgl. Kreienbrink 2011). Das Problem, mit dem die damals 27-jährige Kandidatin im Jahr 2011 an die Öffentlichkeit ging, betrifft die vertragliche Regelung ihrer Teilnahme an der Partnersuche-Show. Sie berichtete nach der Ausstrahlung im Interview, sie sei erniedrigt worden und man habe ihr mit Vertragsstrafen gedroht, wenn sie nicht mache, was man von ihr verlange. So habe sie in dem Reportage- Beitrag von Frontal 21 geschildert, dass es einen Plan gab, an dem sie sich habe orientieren müssen: „‚Jetzt wird’s richtig eklig. Jetzt muss er mir die Finger ablecken’, sagt sie im ZDF-Interview, während im Hintergrund eine Szene aus ‚Schwer verliebt’ mit einem männlichen Kandidaten läuft. Das sei genauso vorgegeben gewesen wie ein Kuss. Sie habe sich daran gehalten, weil sie von dem Produktionsteam unter Druck gesetzt wurde. Den Vertrag habe sie zudem nur unterschrieben, weil dieser mit einem Kurier gekommen war.“ (Kreienbrink 2011) Hier zeigt sich nicht nur, dass die Umstände des Vertragsschlusses womöglich absichtlich in einer Weise gestaltet wurden, die es der Kandidatin aufgrund des Zeitdrucks und der fehlenden Möglichkeit, darüber nachzuden- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 218 ken oder sich darüber zu beraten, nicht erlaubten, die Vertragsinhalte infrage stellen zu können, sondern auch, dass dies von den Produzenten ausgenutzt wurde. Juristisch ließe sich hier womöglich argumentieren, dass die Kandidatin den Vertrag hätte lesen können, wenn sie gewollt hätte. Aber es ist aus moralischer Perspektive zumindest fraglich, ob sie in diesem Moment hätte absehen können, dass der Druck, der beim späteren Dreh auf sie ausgeübt wird, unter Berufung auf diese Unterschrift geschieht. Solche und ähnliche Ereignisse wären nach der Ausstrahlung dieser Folge des ZDF-Magazins Frontal 21 vielleicht vorauszusehen gewesen, für die zuvor davon Betroffenen wie diese Kandidatin jedoch nicht. Dies trifft auf sämtliche Reality TV-Formate gleichermaßen zu: Erst wenn sie einmal ausgestrahlt wurden, lässt sich zumindest in Teilen – denn was hinter der Kamera geschieht, bleibt den Zuschauerinnen und Zuschauern in der Regel verborgen – verstehen, wovon die Sendung tatsächlich handelt, wie sie abläuft und wie die Protagonistinnen und Protagonisten dargestellt werden. Die häufig zu hörende Aussage „die Kandidaten wissen doch, worauf sie sich einlassen“ trifft daher nur bedingt zu, denn wie es hinter der Kamera zugeht, kommt nur durch Erfahrungsberichte wie den der Schwer Verliebt- Kandidatin zum Vorschein und wie der Ablauf einer ganzen Sendung in der Öffentlichkeit aussieht, nur dann, wenn sie bereits mindestens einmal ausgestrahlt wurde. Wer als Erwachsener hierüber aufgeklärt ist, dies vollends verstanden hat und trotzdem teilnehmen möchte, sollte – auch wenn der gesellschaftliche Nutzen dessen zu hinterfragen ist – nicht davon abgehalten werden. Festzustellen, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind, scheint jedoch im Prinzip unmöglich, da immer die Möglichkeit besteht, dass Kandidaten glauben oder nur vorgeben zu wissen, worauf sie sich einlassen, obwohl sie es doch nicht können. Die Unwissenheit oder offensichtliche Naivität von Kandidatinnen und Kandidaten bewusst auszunutzen, nur um die Sendung interessant zu gestalten und damit auf Kosten anderer für den eigenen Profit zu sorgen, ist jedoch ethisch äußerst fragwürdig. Besonders ethisch bedenklich ist dies bei Kandidatinnen und Kandidaten, die nicht mal vorgeben zu wissen, dass diese Sendung Konsequenzen für ihr Privatleben und das eigene Ansehen haben kann, sondern bei denen offensichtlich ist, dass sie dies nicht abschätzen können, womit der dritte mögliche Fall beschrieben wird. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 219 c) Die Kandidaten und Kandidatinnen können die Folgen nicht absehen Neben denjenigen, die sehr gut verstehen, welches Risiko sie mit der Teilnahme an einem solchen Format eingehen und denjenigen, die nur glauben, die Konsequenzen abschätzen zu können, ist vorstellbar, dass es Personen gibt, denen das Vermögen gänzlich fehlt, sich vorzustellen, dass ihre Teilnahme an einem solchen Format Auswirkungen auf ihr Privatleben und ihr Ansehen haben könnte und folglich auch, wie diese im Einzelnen aussehen. So könnte beispielsweise ein äußerst schlechter Sänger sehr davon überzeugt sein, die Casting-Show zu gewinnen, ohne überhaupt in Betracht zu ziehen, dass er aufgrund seiner fehlenden Gesangskünste die Sendung gleich verlassen, von der Jury gedemütigt und anschließend von seinem privaten Umfeld verspottet werden könnte. Dies führt abermals zu der Frage, unter welchen Umständen die Verträge zustande kommen und wozu die Produzenten verpflichtet sind. Wird den Menschen, auf deren Zukunft diese Formate unter Umständen schwerwiegende Auswirkungen haben könnten, ausreichend Zeit gelassen, darüber zu reflektieren? Werden möglicherweise absichtlich Personen mit mangelndem Reflexionsvermögen ausgewählt und sogar so manipuliert, dass sie der Teilnahme zustimmen? Sind die betroffenen Personen wirklich in der Lage zu verstehen und werden sie ausreichend darüber aufgeklärt, welche Rechte sie abtreten, welche Verpflichtungen sie eingehen und was dies für sie für Folgen mit sich bringen könnte? Wie sehr wird auf Seiten der Produzenten auf die Sorgfaltspflicht geachtet? Im Falle des untalentierten Kandidaten, der von seinen Gesangskünsten überzeugt ist, stünde es seiner Selbstbestimmung und der Autonomie nicht entgegen, wenn das Produktionsteam vor dem Abschluss des Vertrages darauf hinweisen würde, dass der Gesang vermutlich nicht dem entspräche, was die Jury erwartete. Das bedeutet, um die Formate ethisch akzeptabler zu gestalten und schwerwiegende Vorwürfe gegen die Produktionsteams auszuräumen, müsste bereits bei Vertragsschluss dafür gesorgt werden, dass die Kandidatinnen und Kandidaten ausreichend über mögliche Konsequenzen aufgeklärt und nicht im Gegenteil, unter Zeitdruck und mangelnder Erklärung sowie möglicherweise auch noch Manipulation zur Unterschrift gedrängt werden. Dass Produktionsteams zumindest in Einzelfällen ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen, zeigt ebenfalls das erwähnte Video von Böhmermann. Als der Schauspieler, der sich als Vater des partnersuchenden Sohnes ausgibt, beim Unterzeichnen des Vertrages gefragt wird, ob er täglich Alkohol trinke, antwortet er: „Ja, schon acht Bier am Tag.“ Gemeinsam beschließen die Redakteurinnen bei der Frage nach täglichem Alkoholkonsum der 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 220 Kandidaten jedoch „nein“ anzukreuzen (vgl. Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 11.41). Zudem behauptet der vermeintliche Kandidat, er habe seine Lesebrille nicht da und auch ausweisen könne er sich nicht, doch auch dies stellt für die Redakteurinnen für die Vertragsunterschrift kein Hindernis dar. Besonders fragwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass die Kandidaten zudem unterschreiben sollen, dass bei ihnen keine geistige Beeinträchtigung vorliegt. In seiner Satire-Show sagt Böhmermann hierzu: „Die Kandidaten von Schwiegertochter gesucht müssen eine eidesstaatliche Versicherung unterschreiben, dass sie nicht behindert sind? Aber was, wenn sie behindert sind und trotzdem den Zettel unterschreiben – ist das dann Betrug?“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 11.21) Auch wenn dieses nur ein Beispiel ist, welches durch den „Streich“ Böhmermanns aufgedeckt wurde, ist vorstellbar, dass auch in anderen Formaten derart fahrlässig mit der Zustimmung und Aufklärung der Kandidatinnen und Kandidaten und folglich auch mit Artikel 12 – mit dem Eingriff in die Privatsphäre und der Beeinträchtigung des Ansehens der Personen – umgegangen wird. Es liegen jedoch keine öffentlich zugänglichen Dokumente vor, die dies belegen und die Sendeanstalten gewährleisten hierzu keine Transparenz. Besonders brisant wird dies abermals bei Kindern und Jugendlichen, für deren Teilnahme jeweils die Zustimmung der Eltern benötigt wird. Es ist fraglich, ob es aus ethischer Perspektive gute Gründe dafür geben kann, Eltern zu erlauben, der öffentlichen Darstellung eines Teils der Privatsphäre ihrer Kinder zuzustimmen. Selbst wenn das Kind über eine besondere Begabung verfügt, an der sich das Publikum erfreuen kann, und es der Ausstrahlung vielleicht selbst zustimmt, ist doch fraglich, ob es dies als erwachsener Mensch nicht rückblickend als „willkürlichen“ Eingriff in die eigene Privatsphäre im Sinne von beliebig und vielleicht unnötig empfinden könnte. Die Teilnahme an einer solchen Fernsehshow kann schließlich das gesamte Leben der Person prägen und ist nicht mehr rückgängig zu machen. Darüber die gesetzlichen Vertreter, die vielleicht für sich selbst die Konsequenzen nicht einmal abschätzen können, bestimmen zu lassen, ist in den meisten Fällen vermutlich ebenso fahrlässig, wie die Kinder selbst entscheiden zu lassen. Es spricht folglich Vieles dagegen und wenig dafür, derart in die Privatsphäre von Kindern einzugreifen und ihnen einen Auftritt in solchen Formaten zu ermöglichen. Bei Personen, die die Folgen einer solchen Show nicht abschätzen können – ob sie nun Kinder oder Erwachsene sind – erscheinen diese Eingriffe in das Privatleben sowie solche absichtlichen bzw. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 221 in Kauf genommenen Beeinträchtigungen der Ehre und des Rufes als ethisch unzulässig. In der Praxis herauszufinden, ob sich die potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten der möglichen Konsequenzen bewusst sind oder lediglich vorgeben, dies zu wissen, gestaltet sich jedoch, wie bereits erwähnt, als schwierig. Es läge aber in der Verantwortung der medienerfahrenen Produktionsteams, die Kandidatinnen und Kandidaten aufzuklären, statt ihre Unwissenheit zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen und die Teilnehmenden in der Öffentlichkeit absichtlich oder zumindest wissentlich bloßzustellen. d) Die betroffenen Personen können nicht zustimmen Über diese Optionen hinaus ist eine weitere Personengruppe zu nennen, nämlich diejenigen, die zwar selbst nicht gezeigt werden – und folglich auch keinen Vertrag unterschreiben – aber trotzdem betroffen sind, weil sie beispielsweise in dem im Fernsehen dargestellten Haushalt leben oder von den Dargestellten erwähnt werden. Werden schließlich nähere Verwandte bzw. Bekannte oder das Wohnhaus im Fernsehen gezeigt, so können diese wiedererkannt werden, und es wäre zu überlegen, ob auch dies bereits als Eingriff in die Privatsphäre der nicht gezeigten Personen gewertet werden sollte. So ist vorstellbar, dass ebenso wie Kinder, deren Eltern über Nacht zum Star werden, beispielsweise größere Anerkennung in ihrem Bekanntenkreis erfahren, auch umgekehrt Kinder von weniger erfolgreich dargestellten oder sogar in der Öffentlichkeit erniedrigten oder blamierten Eltern anschließend mit negativen Reaktionen in Form von beispielsweise Mobbing konfrontiert werden, um nur eines von vielen denkbaren Beispielen zu nennen. Es ist also zu fragen, ob die moralische Verantwortlichkeit des Senders resp. seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch so weit reicht, dass vor der Ausstrahlung die gesamte Familie aufgeklärt werden müsste oder ob dies in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Hier kommt es wiederum darauf an, zwischen denjenigen zu unterscheiden, die die Folgen absehen können und sie trotzdem bewusst in Kauf nehmen wollen, und denjenigen, die dies nicht können. Außerdem ist zu klären, ob eine Sendung gedreht werden darf, bei der zwar die dies kritisierenden Personen selbst nicht gezeigt werden, aber einen Einfluss der Sendung auf ihr eigenes Privatleben oder Ansehen befürchten. Zwar ist auch vorstellbar, dass die nicht gezeigten Personen, wie beispielsweise Kinder von dem Fernsehauftritt ihrer Eltern, von der Sendung profitieren, sie aber mit Blick auf drohende negative Reaktionen aus ihrem Umfeld nicht möchten, dass ihre Eltern an einem Format teilnehmen. Als Beispiel hierfür könnte die Sen- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 222 dung Zuhause im Glück dienen: Hier leben Familien, die oftmals einen oder gleich mehrere schwere Schicksalsschläge hinter sich haben, in häufig nicht oder kaum bewohnbaren Häusern. Grundsätzlich ist es sicherlich zu begrüßen, wenn solche Familien Unterstützung bei der Renovierung ihres Hauses erhalten. Allerdings wird hier nicht nur geholfen, sondern auch die miserable Situation, in der sich die Familien zuvor befinden, der breiten Öffentlichkeit präsentiert, und es ist vorstellbar, dass dies gegen den Willen oder mit negativen Folgen für die Kinder geschieht. Ob dieser Nutzen des renovierten Hauses wie in einem utilitaristischen Kalkül gegen den Wunsch und die Ängste der Betroffenen, die sich möglicherweise um ihr Ansehen sorgen, abgewogen werden darf, bleibt fraglich. Würde Artikel 12 ernst genommen, so hätten vermutlich zahlreiche Szenen nicht gedreht und schon gar nicht gezeigt werden dürfen, weil es sich dabei um willkürliche Eingriffe in das Privatleben und vor allem auch um Beeinträchtigungen des Ansehens und des Rufes – auch Dritter – handelt. Seubert ist daher zuzustimmen, wenn er behauptet dass die „Differenzierung zwischen dem, was öffentlicher Kontrolle unterliegen muss, und dem, was in die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen gestellt ist“, selbst „eine zivilisatorische Leistung der Neuzeit“ (Seubert 2011, 221) sei. Deshalb seien „Fernsehformate wie Big Brother und später ‚Dschungelcamp’, zu deren Inszenierung es gehört, eine inszenierte Privatheit bis in die Intimsphäre offen zu legen, […] nicht unproblematisch, auch wenn sie auf freiwilliger Basis zustande kommen“ (Seubert 2011, 221), wie die Ausführungen in diesem Kapitel zeigen. Artikel 29: Pflichten gegenüber der Gemeinschaft Aus den vorangegangenen Überlegungen folgt, dass offensichtlich im Rahmen mancher mit dem Reality TV einhergehenden Handlungen gegen Artikel 29, Absatz 2 der AEMR „Jeder ist bei der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten nur den Beschränkungen unterworfen, die das Gesetz ausschließlich zu dem Zweck vorsieht, die Anerkennung und Achtung der Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen“ verstoßen wird. Dieser Artikel ist deshalb hier von Bedeutung, weil Verstöße gegen ihn ebenfalls den moralischen Status von Personen betreffen können. Beispiele wie jenes der Schwer Verliebt-Kandidatin zeigen, dass die Rechte und Freiheiten anderer bei der Produktion mancher Szenen keine Beachtung finden bzw. absichtlich vertraglich außer Kraft gesetzt werden. Insbesondere der Schutz der Privatsphäre und der Schutz des Persönlich- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 223 keitsrechtes sind hiervon betroffen, wobei Letzterer gewährleisten soll, dass es in der Entscheidung des Individuums liegt, wie es „sich gegenüber Dritten oder der Öffentlichkeit darstellen will, was seinen sozialen Geltungsanspruch ausmachen soll und ob und inwieweit Dritte über seine Persönlichkeit verfügen können, indem sie diese zum Gegenstand öffentlicher Erörterung machen“ (BVerfGE 63, 131, 142, zit. nach Eifert 2006, 324). Die Formulierung in Artikel 29, die sich auf die „gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen“ bezieht, führt zu einem weiteren Aspekt, der bei dieser Überlegung eine bedeutsame Rolle spielt: Zu einer demokratischen Gesellschaft zählt nicht nur, dass der oder die Einzelne bestimmte Rechte hat, sondern auch die Presse-, Rundfunk- und Meinungsfreiheit sind zu berücksichtigen, die offensichtlich mit genau diesen Rechten in Konflikt geraten können. Dies beschreibt auch Klass: „Hinzu kommt, dass die staatliche Rundfunkaufsicht nicht nur dem Schutz der Menschenwürde verpflichtet ist. Vielmehr muss sie im Rahmen der aufsichtsrechtlichen Tätigkeit auch der Rundfunkfreiheit, der in einem freiheitlichen demokratischen Staat essentielle Bedeutung zukommt, und die möglichst staatsfern auszugestalten ist, gerecht werden. Die zwischen beiden verfassungsrechtlichen Gewährleistungen entstehende Spannungslage aufzulösen, ist kein einfaches Unterfangen.“ (Klass 2011, 16) Schertz bezeichnet aus diesem Grund das Persönlichkeitsrecht, welches „ein von jedermann zu achtendes Recht“ (Schertz 2007, 25) sei, als den „Feind der Presse- und Meinungsfreiheit“ (Schertz 2007, 22). Grundsätzlich gelte zwar, dass die bzw. der Einzelne davor geschützt ist, dass über ihn Unwahrheiten verbreitet werden (vgl. Schertz 2007, 25). In der Praxis sei dies jedoch „nicht selten ein schwieriges Unterfangen, Tatsachenbehauptungen, die eben wahr sein müssen, von grundsätzlich zulässigen Meinungsäußerungen zu unterscheiden“ (Schertz 2007, 25). So stehe auf „der einen Seite […] der Mensch als selbstbestimmtes Wesen, auf der anderen Seite das Recht der anderen, sich mit seinem Tun und Wirken, ja mit seinem Leben ggf. auch kritisch auseinanderzusetzen“ (Schertz 2007, 22). Dies sei „ein kaum zu lösender Konflikt, mit dem sich tagtäglich Hunderte von Juristen […] beschäftigen müssen“ (Schertz 2007, 22). Dabei werde diese „Diskussion sehr emotional geführt, gerade weil es um die Grundfesten des demokratischen Staates geht: den Schutz und die Pflicht des 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 224 Staates, den einzelnen vor Eingriffen in seine Persönlichkeitsrechte und seine Menschenwürde zu schützen, ebenso aber auch das für die Meinungsbildung schlechthin konstituierende Grundrecht der Pressefreiheit“ (Schertz 2007, 22). Darüber hinaus bestehe der Verdacht, dass in einigen Segmenten die Bereitschaft zu einer massiven und nachhaltigen Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Dargestellten bestehe, weil hiermit eine „kommerziell verwertbare Aufmerksamkeit“ (Eifert 2006, 326) entstehe. Als Presse- und Rundfunkfreiheit gesetzlich festgelegt wurden, hatte man wohl kaum schon so etwas wie Reality TV-Formate im Sinn und konnte vermutlich nicht einmal erahnen, dass es Sendungen dieser Art einmal geben würde. Presse- und Rundfunkfreiheit sollten grundsätzlich eine von politischer Einflussnahme befreite Berichterstattung garantieren, damit Propaganda und Manipulation der Bevölkerung ausgeschlossen werden können. Damals war mutmaßlich noch nicht abzusehen, dass sich eines Tages die Betreiber insbesondere privater Sender, welche Geld mit Formaten verdienen und die den Kandidatinnen und Kandidaten das Abtreten ihrer Persönlichkeitsrechte abverlangen, auf ebendiese Presse- und Meinungsfreiheit berufen würden. Trotzdem würde wohl auch heute bei der Erwägung eines Verbotes oder einer staatlichen Reglementierung der Sendungen – auch wenn diese dem Schutz der Persönlichkeitsrechte der Beteiligten dienen würden – der Vorwurf der Zensur laut werden. Darüber hinaus würde vermutlich auch der Verdacht geäußert werden, Kandidatinnen und Kandidaten würden paternalistisch behandelt und in ihrem Persönlichkeitsrecht sogar eingeschränkt, wenn man ihnen die Möglichkeit verwehrte, an solchen Sendungen teilzunehmen. Rundfunkfreiheit bedeutet schließlich „in erster Linie Programmfreiheit, d.h. die grundsätzliche Freiheit des jeweiligen Veranstalters, den Inhalt seines Programms eigenverantwortlich zu gestalten“ (Klass 2011, 48). Verboten ist daher „jede staatliche oder sonstige fremde Einflussnahme auf die Auswahl, den Inhalt und die Ausgestaltung des Programms“ (Klass 2011, 48). Zur Überwachung des privaten Rundfunks gibt es die Landesmedienanstalten, welche die Länder eingerichtet haben, um im Interesse der Allgemeinheit sicher zu stellen, „dass die Veranstaltung von Rundfunkprogrammen durch private Anbieter sowie die Weiterverbreitung von Rundfunkdarbietungen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen“ (Klass 2004, 94f.). Rügen oder Verbote bei Verstößen gegen gesetzliche Vorgaben werden immer erst nach der Ausstrahlung einer Sendung ausgesprochen. Damit wi- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 225 derspricht diese Einrichtung folglich nicht dem Verbot der Zensur, welches in Artikel 5 Absatz 1 Satz 5 des Grundgesetzes festgehalten ist: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Mit Artikel 5 Absatz 1 ist Leiner zufolge „nur eine staatliche Vorzensur untersagt, während eine Nachzensur aufgrund verbotener Inhalte ebenso zulässig ist wie die verlagsinterne ‚Zensur’ durch den Chefredakteur oder das Kürzen von Leserbriefen“ (Leiner 2006, 168). Schertz ist der Auffassung, dass das vollständige Verbot von Zensur ein falsches Verständnis von Zensur widerspiegelt und mit dem Begriff sorgsamer umzugehen sei. Zensur bedeute demnach grundsätzlich zwar, „dass man jede Form von Inhalten, die veröffentlicht werden sollen, zuvor einer staatlichen Stelle vorlegen muss, wie es in der DDR üblich war oder in der nationalsozialistischen Diktatur bei der Reichsschrifttumskammer“ (Schertz 2012, 273). Eine solche Zensur sei durch Artikel 5 des Grundgesetzes zu Recht verboten. Nicht verboten sei es hingegen, „Grundrechtsgüter wie die Pressefreiheit und den Schutz der Privat- und Intimsphäre gegeneinander abzuwägen und gegen etwaige Verstöße nach einer Veröffentlichung vorzugehen“ (Schertz 2012, 273). Das Problem an dieser Regelung liegt darin, dass der jeweilige Verstoß bereits begangen wurde und – wie im Fall der Reality TV-Kandidatinnen und -Kandidaten – Personen davon unwiederbringlich betroffen sind. Ist die Sendung einmal ausgestrahlt und hat den moralischen Status oder die Ehre der Dargestellten verletzt, so ist dies nicht mehr ohne Weiteres rückgängig zu machen, auch wenn der Sender oder die Produktionsfirma anschließend gerügt werden sollte. Hinzu kommt, dass in „diesem sich wechselseitig verstärkenden Medienverbund und einer geschlossenen Verwertungskette […] auch die immer mal wieder fälligen Rügen und Bußgelder der Aufsichtsgremien zur willkommenen Werbung“ (Pörksen, Krischke 2012, 22) werden. So sind die Landesmedienanstalten für den ehemaligen Geschäftsführer von SAT.1 Teil des Prinzips: „Man geht immer an die Grenze, sucht den Skandal, versucht, Krawall zu machen, und wenn die Landesmedienanstalten dagegen einschreiten, hat man noch eine Schlagzeile mehr in der Zeitung. Das ist eine Methode zur Erzeugung von Aufmerksamkeit, die hervorragend funktioniert“ (Schawinski 2012, 262). 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 226 Klass zufolge ist das „Abwarten eines Rechtsverstoßes verbunden mit der nachträglichen Ahndung […] bei konkreten im Vorfeld gegebenen Hinweisen auf schwerwiegende Verstöße, etwa einen Verstoß gegen den Menschenwürdegrundsatz, nicht mehr verhältnismäßig“ (Klass 2004, 89f.). Eingriffe des Staates bei Menschenwürdeverletzungen seien erlaubt, weil Einigkeit darüber herrscht, dass „selbst in einem so sensiblen Gebiet wie dem Rundfunkrecht sichergestellt werden muss, dass die verfassungsrechtlichen Grundlagen und Gewährleistungen nicht durch die Bedingungen des Marktes unterspült werden“ (Klass 2011, 49). Rundfunk müsse in öffentlicher Verantwortung stehen, „weshalb staatliche Eingriffe zum Schutz der Menschenwürde selbst im Bereich der Programmfreiheit zulässig sind“ (Klass 2011, 49). Fraglich ist allerdings, wie sich diese vor der Ausstrahlung der Sendung feststellen lassen, ohne dadurch den Verdacht der Zensur zu erwecken. Der Moderatorin Bause zufolge gibt es zudem bereits eine andere Art von Zensur, nämlich eine solche, „die vom einzelnen Sender ausgeht und die ihre Wurzeln in den Mechanismen des Marktes und vor allem der Werbeindustrie hat“ (Bause 2012, 56). Aus Rücksicht auf die Werbekunden dürfe sie längst nicht immer sagen, was sie wolle: „Ich bin selbst schon nachdrücklich gebeten worden, manche Formulierungen zu vermeiden“ (Bause 2012, 56). Während es also untersagt ist, Sendungsinhalte – sei es auch zum Schutz des Persönlichkeitsrechts – im Voraus zu kontrollieren und allenfalls nachträglich – also dann, wenn die Sendung bereits ein potentielles Millionenpublikum erreicht hat – gegen bestimmte Verstöße vorgegangen werden kann, ist es dem Markt offensichtlich möglich, eine Art der (nichtstaatlichen) Zensur vorzunehmen. Zugleich ist es vorgekommen, dass Kandidatinnen und Kandidaten Worte in den Mund gelegt und unter Androhung von Strafe zu Handlungen aufgefordert wurden, die sie selbst nicht wollten. Die entsprechenden Szenen haben sie selbst nicht einmal mehr vor der Ausstrahlung zu sehen bekommen: „Das Problem ist eben, dass man auf das, was der Journalist letztendlich dann schreibt, oder auf den Schnitt einer Fernsehsendung keinen Einfluss hat. […] Aber man benimmt sich doch in Gegenwart einer Kamera automatisch nicht so wie im Alltag. […] Man muss aufpassen, dass man nicht in die Kamera blickt, und wenn man auf eine Frage antwortet, soll man in der Antwort immer die Fragestellung mit aufgreifen, weil die fragende Person später im Beitrag nicht zu hören ist.“ (Birkhahn 2012, 63) 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 227 Ob diese Vorgehensweise noch wahrhaft der Idee von Presse- und Meinungsfreiheit entspricht, ist ebenso fraglich wie die Überlegung, ob es, nur weil bestimmte Vorgehensweisen gesetzlich nicht ausdrücklich verboten sind, auch ethisch richtig ist, dies tatsächlich zu tun. Der Diskurs über die Frage, was Pressefreiheit und Zensur bedeuten und inwiefern welche Beschränkungen in den Medien zulässig sind, kann im Rahmen dieser Studie nicht weiterverfolgt werden. Wichtig ist es jedoch, auf diese Problematik hinzuweisen, weil dies verdeutlicht, wie schwierig es ist, als person- oder menschenwürdeverletzend bezeichnete Handlungen oder Szenen im Zusammenhang mit dem Fernsehen im Voraus zu unterbinden, weil sich hier verschiedene demokratische Grundwerte widersprechen können. Artikel 29 ist in Bezug auf Reality TV-Formate zudem aus einem weiteren Grund relevant, der die Wertvorstellung und das Bild des Menschen insgesamt innerhalb der Gesellschaft und damit indirekt auch den moralischen Status der Kandidatinnen und Kandidaten betrifft. Dieser bezieht sich auf die Formulierung, jeder solle in der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten „den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft genügen“. Zum einen könnte eine Gefahr darin gesehen werden, dass Reality TV-Formate angesichts der hohen Zuschauerzahlen48 von anderen, deutlich relevanteren Themen ablenken und auf diese Weise das allgemeine Wohl einer demokratischen Gesellschaft beeinträchtigen, wie Michael Jürgs beschreibt: „Wirklich gefährlich wird es, wenn die Leute anfangen, Casting-Shows wichtiger und interessanter zu finden als demokratische Wahlen, wenn sie sich den Gang zur Wahlkabine sparen und lieber vor der Mattscheibe verharren.“ (Jürgs 2012, 164) Gmür zufolge führt zudem „die Sensations- und Reizüberflutung zu einer Erschöpfung der kognitiven und emotionalen Aufnahmefähigkeit des Mediennutzers, die letztlich in einem Verlust von Sensibilität und kritischer Reagibilität und in einer Indifferenz gegenüber politisch relevanten Entwicklungen und Ereignissen mündet“ (Gmür 2004, 56). Aus seiner Sicht wäre jedoch „deren präventive Verhinderung die Aufgabe einer an 48 „For the first time in 2010, ‚worldwide viewers watched more reality TV and entertainment shows than dramas and TV series’ and reality shows consistently dominate ratings. In the summer of 2010, for example, 15 of the top 20 highestrated American programs (for viewers 18 to 49 years old) were reality shows. We think any cultural product with this kind attention-getting power should be taken seriously.“ (Wyatt, Bunton 2012, 1) 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 228 humanistischen Idealen orientierten aufklärerischen Publizistik“ (Gmür 2004, 56). Klaus-Peter Schmidt-Deguelle warnt, dass sich bereits die „Maßstäbe für das, was in der Öffentlichkeit oder im Gemeinwesen als wichtig erachtet wird, […] extrem verschoben“ (Schmidt-Deguelle 2012, 284) hätten. Seiner Ansicht nach werden „Banalitäten in den Vordergrund gerückt, die aber von solchen Medien, die von den Klums und Bohlens dieser Welt leben, wichtig gemacht werden“ (Schmidt-Deguelle 2012, 285). Dies führt dazu, dass einige Autoren wie der Medienwissenschaftler Bolz die Auffassung vertreten, dass „die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, zunächst einmal Verblödungsmaschinen sind“ (Bolz 2012, 73). Die Ablenkung von möglicherweise gesellschaftsrelevant(er)en Themen ist jedoch kein Aspekt, der allein Reality TV-Formaten anhaftet, sondern lässt sich prinzipiell auf alles, was reines Vergnügen bereitet, ohne dabei bildende oder politische Themen zu beinhalten, übertragen. Zudem ist fraglich, ob die Ablenkung von anderen Themen tatsächlich so problematisch ist, oder ob sie nicht auch positive Effekte hervorrufen kann – wie zum Beispiel die Ablenkung von grausamen Nachrichten. Nur weil zahlreiche Personen Reality TV-Formate schauen, heißt das nicht, dass sie sich nicht auch mit anderen Themen auseinandersetzen. Vielmehr von Bedeutung scheint an dieser Stelle der folgende Aspekt zu sein: Verschiedene Autoren (vgl. z.B. Eifert 2006, 321; Fromm 1999, 77; Gmür 2004, 12, 70; Klass 2004, 34; Postman 2003, 18f.; Wegener 1994, 40; Wyatt, Bunton 2012, 2) nehmen an, dass die Medien Einfluss auf das Selbstbild und die Meinungsbildung der Zuschauerinnen und Zuschauer und somit auch auf die Vorstellung von Würde, die Moral, die öffentliche Ordnung und das allgemeine Wohl haben können. Dies gilt zwar abermals nicht allein für das hier behandelte Genre, jedoch ist dieser Aspekt hinsichtlich der Reality TV-Formate besonders relevant, da diese im Gegensatz zu fiktionalen Darstellungen Ausschnitte aus der Realität beinhalten und die Vermutung naheliegt, dass dies einen besonders starken Einfluss auf die Zuschauer haben könnte. Die hier stattfindenden Stereotypisierungen beziehen sich nicht auf fiktionale Figuren, die vertretenen Werte werden von real existierenden Personen vertreten und der Umgang der Menschen miteinander entspricht – wenn auch im Reality TV oftmals überzogen dargestellt – dem der Realität. Wird in einem Film eine Schauspielerin oder ein Schauspieler durch einen anderen Schauspieler beleidigt oder geschlagen, so ist offensichtlich, dass dies lediglich gespielt ist. Auch wenn bereits fiktionale Gewaltdarstellungen kritisch hinterfragt werden können, lässt sich hierüber zumindest 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 229 aussagen, dass diese lediglich im Film und glücklicherweise nicht in der Realität geschehen und die Person nicht ernsthaft verletzt wurde. Wird jedoch eine Person in einem Reality TV-Format verletzt oder gedemütigt, so findet dieser Akt tatsächlich statt. Wenn Kandidatinnen und Kandidaten in einer Weise dargestellt werden, die das Publikum dazu bringen soll, die betroffenen Personen zu verspotten, wird sich nicht über die fiktionale Figur, sondern über die Menschen selbst lustig gemacht. Während eine Handlung im Film nur eine Vorstellung des Menschen ist, die in der Realität nicht geschieht, hat die Handlung in einer Reality TV-Show tatsächliche Auswirkungen auf die dargestellte Person und der Vergleich der Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Person im Fernsehen liegt möglicherweise näher als der Vergleich mit einer fiktiven Figur. Warum dies der Fall ist und welche Auswirkungen dies genau auf das Publikum und die Gesellschaft haben kann, kann in dieser Studie nicht untersucht werden und fällt eher in den Bereich der Psychologie und der Soziologie. Wichtig ist es an dieser Stelle und mit Blick auf Artikel 29 jedoch, auf diese Problematik hinzuweisen. Besonders bedeutsam ist dieser potentielle Einfluss von Reality TV-Formaten auf die Zuschauerinnen und Zuschauer angesichts der Tatsache, dass mit der Zeit „die gesellschaftliche Empörung verebbt und ein gewisser ‚Gewöhnungseffekt’ eintritt“ (Klass 2011, S. 14). Das bedeutet, dass das „bisher Gezeigte […] immer wieder übertroffen werden“ (Schertz 2007, 23f.) muss und neue Tabubrüche notwendig werden, „um für die Zukunft dieselben oder höhere Quoten sicherzustellen“ (Schertz 2007, 23f.). Dies erkläre, „warum es zu immer schonungsloseren Eingriffen in die Privatund Intimsphäre von Prominenten, aber auch von zuvor unbehelligt lebenden Menschen kommt, die oftmals gegen ihren Willen ins Rampenlicht gezerrt werden“ (Schertz 2007, 23f.). Laut Schertz hat dies eine Verrohung zur Folge, welche gegenwärtig nur von Gerichten und Anwälten begrenzt werde, indem sie dafür sorgen, dass die Ehre und Intimsphäre der Menschen nicht weiter verletzt werden (vgl. Schertz 2012, 274). Es ist anzunehmen, dass Shows, die suggerieren, dass es in Ordnung sei, Menschen zu demütigen und zu verspotten, nicht nur Konsequenzen für die Dargestellten, sondern auch Auswirkungen auf das zuschauende Individuum und in der Folge auch auf die Moral in der Gesellschaft haben kann. Wenn, wie beispielsweise Klass beschreibt, die Medien „Kommunikationsmuster, moralische Wertungen und unser Bild von der Gesellschaft“ (Klass 2011, 31) prägen und hierdurch „Menschen- und Weltbilder modelliert“ (Klass 2011, 31) werden, ist die Tendenz der letzten Jahre hin zu „medialem Mobbing“ (Klass 2011, 28) sicherlich bedenklich. Klass’ Auf- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 230 fassung nach seien insbesondere „die bestehenden Nominierungspflichten, aber auch die grundsätzliche Vermittlung negativer Verhaltens- und Kommunikationsmuster sowie die Brutalisierung des zwischenmenschlichen Umgangs“ (Klass 2011, 28) kritisch zu bewerten. Darüber hinaus vermitteln einige Shows dem Publikum beispielsweise das Gefühl von Schadenfreude (vgl. Harden Fritz 2012, 93f.) oder kreieren, wie Kristie Bunton beschreibt, Stereotypen, die wiederum Vorurteile verbreiten und das Verhalten der Menschen beeinflussen können: „Finally, and most importantly, stereotypes on reality television matter because they can be a potent agent of social learning. […] Stereotyped people are judged by the values laden in the stereotype and others will begin to expect those people will behave as the stereotype dictates.“ (Bunton 2012, 35f.) Zu bedenken ist zudem, dass hierbei verschiedene Wechselwirkungen eine Rolle spielen können. Zum einen ist Klass zufolge der Tabubruch in der heutigen Fernsehlandschaft kein Ausrutscher, sondern sei ebenso wie Skandalisierungen und Provokationen Teil des Systems, der zu Schlagzeilen und zu erhöhter Aufmerksamkeit führe. Die größere Aufmerksamkeit diene wiederum der „erhöhten Rezeption, welche insbesondere für die werbefinanzierten Anstalten überlebenswichtig ist, denn im Privatfernsehen gilt eine einfache Regel: ohne Aufmerksamkeit keine Zuschauer, ohne Zuschauer keine hohen Marktanteile, und ohne entsprechende Marktanteile keine Werbeeinnahmen“ (Klass 2011, 22f.). Damit drohen, wie auch Leiner feststellt, finanzielle Interessen „immer wieder die ethische Qualität von Medien zu untergraben“ (Leiner 2006, 165). Gmür zufolge sei es schließlich zugleich Ziel und Methode der Massenmedien, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wobei „der Inhalt von untergeordneter Bedeutung [ist], und moralische Sorgen […] in den Hintergrund“ (Gmür 2004, 33) treten. Zum anderen ist, wie Gmür feststellt, davon auszugehen, dass sich der Mensch das Medium schafft, „das ihn beeinflußt und prägt. Und das Verhältnis von Medium zu Individuum trägt deutliche Anzeichen eines sich verstärkenden Teufelskreises“ (Gmür 2004, 57). Die Verwendung des Terminus „Teufelskreis“ weist bereits darauf hin, dass er diese Wechselwirkung kritisch sieht. Als Beispiel für eine negative Auswirkung der Medien auf die Gesellschaft führt Gmür, der der Auffassung ist, dass Bilder „zur leichtfertigen Nachahmung“ (Gmür 2004, 38) verführen, jenes der amerikanischen Medien an, die zu Beginn der 90er Jahre die Bevölkerung über Magersucht und Bulimie informierten und aufklärten: „Durch diese gutge- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 231 meinte mediale Zuwendung nahmen Magersucht und Bulimie innerhalb kürzester Zeit epidemische Formen an, und Experten sahen sich veranlaßt, den Medien von einer Aufklärungskampagne abzuraten“ (Gmür 2004, 113f). In einer Zeit pluralistischer Lebensstile und Handlungsalternativen, in der Medien „als Orientierungshilfe für die Bewältigung von Sinnkrisen sowie für die Standortbestimmung“ (Klass 2011, 25) dienen, ist zu vermuten, dass auch Shows wie Germany’s next Topmodel ähnliche Wirkungen auf die Zuschauerinnen und Zuschauer haben können. Hier werden Schönheitsideale festgelegt, die „für junge Leute wie eine Einstiegsdroge in den Schönheitswahn wirken – damit meine ich die fixe Idee, man müsse genauso aussehen wie Angelina Jolie oder Heidi Klum“ (Mang 2012, 211). Zwar betrifft dies nicht den moralischen Status der Teilnehmenden oder der Zuschauerinnen und Zuschauer, aber es zeigt, wie Vorstellungen der individuellen Person-Würde von den Medien beeinflusst werden können. Derartige Auswirkungen der Formate auf die Zuschauerinnen und Zuschauer und die vermittelten Menschenbilder hängen jedoch auch „von den Prädispositionen des jeweiligen Konsumenten ab: Das soziale Umfeld, die Lebensumstände, mediale und kulturelle Vorbildung haben Anteil am Prozess der Sozialisation“ (Schein und Sein 2011, 2), so wird es in der Handreichung der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein zu „Wirkungen, Risiken und Chancen von Reality TV-Sendungen“ beschrieben. Pauschale Aussagen über die Auswirkungen von Reality TV-Formaten auf die Moral und die öffentliche Ordnung lassen sich folglich nur schwer treffen, doch ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen von unbewusst übernommenen Stereotypen, Vorurteilen oder Handlungsritualen auszugehen (vgl. Schein und Sein 2011, 2). Auch Klass sieht eine besondere Gefahr für Kinder und Jugendliche, da sie „in besonderem Maße Prägungen unterworfen sind, weshalb menschenunwürdige Darstellungen noch problematischer sind“ (Klass 2011, 105). Diese besondere Einflussmöglichkeit auf „die Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie das Verhalten der Zuschauer […] ermöglichen Identifikation beziehungsweise Abgrenzung gegenüber den Akteuren und dienen somit der Identitätsentwicklung“ (Schein und Sein 2011, 5). Besonders bei Kindern und Jugendlichen führt dies den Autorinnen und Autoren der Handreichung zufolge dazu, dass das Handeln in Problemsituationen direkt ins eigene Verhalten übertragen werden könne: „Ellenbogenmentalität oder überbetonte Solidarität, vereinfachte Lösungen bei Beziehungsproblemen, uniform-individuelle Einrichtungsstile oder selbst das Verhalten als Zeuge vor Gericht werden durch 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 232 Reality-TV zu greifbar nahen Verhaltensmöglichkeiten im Alltag“ (Schein und Sein 2011, 3). Auf diese Weise könnten falsche Erwartungen an das eigene Leben in der Gesellschaft sowie möglicherweise sogar falsche Hoffnungen bei Problemsituationen unterstützt werden (vgl. Schein und Sein 2011, 3). Zwar ist davon auszugehen, dass nicht alle Formate in dieser Hinsicht problematisch sind, denn einige können die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu inspirieren und motivieren, ihren Horizont zu erweitern (vgl. Harden Fritz 2012, 93f.). Jedoch ist anzunehmen, dass die Vermittlung des Gefühls von Schadenfreude, die Schaffung von Stereotypen, Vorurteilen und bestimmter Menschenbilder sowie die teils negative Vorbildfunktion insbesondere für Kinder und Jugendliche in Teilen den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles nicht entsprechen. Wäre durch entsprechende Studien eine Verrohung und Veränderung des Sozialverhaltens innerhalb der Gesellschaft konkret auf Reality TV-Formate zurückzuführen, müsste folglich im Sinne des Artikel 29 über die Form und die Zulässigkeit der Formate nachgedacht werden. Ob dies aber tatsächlich der Fall ist und wer die Verantwortung hierfür trägt, kann im Rahmen dieser Studie nicht abschlie- ßend geklärt werden. Person-Würde und Bestandteile des Reality TV Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Überlegung, ob die Kandidatinnen und Kandidaten während des Drehs, in dem Reality TV zuzuordnenden Szenen oder durch die Ausstrahlung auf eine Weise behandelt werden, die als „demütigend“ bezeichnet werden muss oder die eine anschlie- ßende Demütigung durch das Publikum begünstigen kann. Eine Voraussetzung dafür, dass „Person-Würdeverletzungen“ im Zusammenhang mit dem Reality TV überhaupt in Betracht gezogen werden können bzw. müssen, ist, um es noch einmal zu verdeutlichen, dass die Dargestellten Privatpersonen und nicht Schauspielerinnen oder Schauspieler sind. Sie erleben aus derartigen Darstellungen unter Umständen folgende „Pöbeleien, Telefonterror und Hass-Kommentare im Internet […] als reale Personen in ihrem Alltag, nicht als Figuren eines Drehbuchs. Casting-Shows funktionieren, weil zumindest die Opfer echt sind“ (Pörksen, Krischke 2012, 31). An dieser Stelle sei abermals darauf hingewiesen, dass nicht alle Sendungen unter dem Generalverdacht stehen, immer die Person-Würde von Teilnehmenden zu verletzen. Es ist sogar vorstellbar, dass sich einzelne Szenen 4.3.2 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 233 oder ganze Shows positiv auf die Person-Würde einiger der Kandidatinnen oder Kandidaten auswirken. Dazu zählen zum Beispiel solche, in denen die Teilnehmenden die Chance erhalten, einem breiten Publikum ein besonderes Talent zu präsentieren und dafür ausschließlich Lob und Anerkennung erhalten. Im Fokus dieser Analyse stehen allerdings die moralisch fragwürdigen Aspekte, die an paradigmatischen Beispielen herausgearbeitet werden sollen. Aus diesem Grund werden potentielle positive Konsequenzen für die Teilnehmenden nicht näher beleuchtet. Zur Klärung der Frage, ob und falls ja, inwiefern mit den Kandidatinnen und Kandidaten würdeverletzend umgegangen wird, wird noch einmal daran erinnert, was mit „Person-Würde“ gemeint ist. Im Gegensatz zum Begriff der Menschenwürde, der den Konsens beschreibt, dass alle Menschen unabhängig von ihren natürlichen Eigenschaften die gleichen Rechte haben und die gleiche moralische Berücksichtigung erfahren sollen, ist die Person-Würde Teil der individuellen Vorstellung der Persönlichkeit eines Individuums. Diese ist in der Regel durch die Erziehung sowie von kulturellen, historischen, sozioökonomischen oder religiösen Aspekten beeinflusst und zeigt sich insbesondere im individuellen Verhalten der Person. Beide Würdebegriffe sollten, wie in Kapitel 3.3 vorgeschlagen, in innerhalb ethischer Diskurse angeführten Argumenten vermieden werden, um Missverständnissen vorzubeugen und das jeweils Gemeinte präzise darzulegen. Im Falle der Person-Würde können, je nach Kontext, Begriffe wie „Persönlichkeit“, „Erhabenheit“, „Ansehen“ oder „Ehre“ zur Umschreibung dienen. Als Verletzungen der Person-Würde sind demzufolge Angriffe auf die individuelle Persönlichkeit oder Ehre anzusehen, wie sie durch Verspottung, Beleidigung, Demütigung, öffentliche Herabsetzung oder Erniedrigung49 geschehen. Diese Vorgänge beschreiben zunächst Verletzungen der Person-Würde „von außen“. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass eine Person ihre Ehre oder ihr Ansehen selbst verletzt, beispielsweise indem sie sich auf eine sich selbst blamierende Weise verhält. Solche, die eigene Ehre verletzende Vorgänge lassen sich mutmaßlich zahlreich im Reality TV feststellen. Da hierbei jedoch stets der Fall ist, dass Produzenten die Wahl hätten, Szenen, in denen sich eine Kandidatin oder ein Kandidat blamiert, zum Schutz ihres oder seines Ansehens nicht auszustrahlen, überwiegt der demütigende Aspekt, der den Dargestellten „von außen“ durch die Ausstrahlung der unangenehmen Szene zugefügt wird. 49 Zur besseren Lesbarkeit wird nachfolgend stellvertretend für all die genannten Vorgänge hauptsächlich der Begriff der „Demütigung“ verwendet. 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 234 Aus diesem Grund widmet sich die nachfolgende Analyse primär der Frage, ob Kandidatinnen oder Kandidaten durch Vorgehensweisen im Reality TV gedemütigt werden und nicht in erster Linie, ob sie sich selbst blamieren. Eine Problematik, vor der diese Überlegungen stehen, ist die in Kapitel 3.3.2 bereits angeführte Vagheit der Begriffe „Demütigung“, „öffentliche Herabsetzung“, „Erniedrigung“, „Verspottung“ und „Beleidigung“. Da jede Person eigene, sich im Laufe der Zeit möglicherweise verändernde Vorstellungen von ihrer Person-Würde hat, die sich zudem von dem Bild, das andere von ihr haben, unterscheiden (können), können auch die Bedingungen für das Ge- oder Misslingen einer Person-Würdeverletzung sowie die jeweilige Handlung, die die Demütigung bewirken soll, differieren. So kann eine Aussage ebenso zur Demütigung werden wie ein stummes „Nachahmen“ einer Person oder auch das Ausstrahlen einer Szene, die besser unter Verschluss geblieben wäre. Die Handlung50, die sowohl sprachlich als auch nichtsprachlich sein kann, mit der die Demütigung bzw. Erniedrigung ausgeführt wird, ist nicht eindeutig festgelegt, sondern kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, welche wiederum von kulturellen, historischen, sozioökonomischen oder religiösen Aspekten sowie persönlichen Erfahrungen abhängen können. Hinzu kommt, wie ebenfalls in Kapitel 3.3.2 ausgeführt, dass es offensichtlich nicht nur oftmals schwierig ist zu bestimmen, was Beleidigungen, Erniedrigungen oder Demütigungen ausmacht, sondern dass sie auch unbewusst und ungewollt geschehen können. Zudem kann es vorkommen, dass eine Demütigung zwar intendiert ist, sich die anvisierte Person jedoch nicht gedemütigt fühlt. Eine weitere Option besteht darin, dass eine Handlung nicht die Demütigung oder Beleidigung zum Ziel hat, sie aber in Kauf genommen wird, um ein anderes Ziel zu erreichen. Wie können angesichts der geschilderten Komplikationen und der Vagheit der Begriffe nun Verletzungen der Person-Würde im Reality TV festgestellt oder ausgeschlossen werden? Anhand einer etwas detaillierteren Analyse der einzelnen genannten Faktoren lassen sich zumindest bestimmte Bedingungen zum Gelingen oder Misslingen von Person-Würdeverletzungen feststellen. Dabei ist immer vorausgesetzt, dass die Beteiligten über eine ausreichende Sprachkompetenz oder ein ähnliches Verständnis von demütigenden Handlungen, seien sie sprachlich oder nichtsprachlich, verfügen. So kann, wie schon festgestellt wurde, eine Demütigung von den Akteuren intendiert sein, sie 50 „Handlungen“ bezieht nachfolgend auch sprachliche Handlungen mit ein. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 235 kann ohne Absicht geschehen oder als Folge eines anderen Bestrebens in Kauf genommen werden. Im Fall des Reality TV sind die Akteure in erster Linie die Produzenten sowie Jurymitglieder, Beraterinnen und Berater oder Moderatorinnen und Moderatoren, welche unter Umständen demütigende Szenen durch verschiedene Methoden aktiv provozieren oder der Öffentlichkeit bei den Dreharbeiten entstandene problematische Szenen zur Verfügung stellen. Hierauf kann die betroffene Person – hier die Kandidatin oder der Kandidat – in allen drei Fällen auf zweierlei Weise reagieren: Entweder empfindet sie oder er die Vorgehensweise als demütigend, beleidigend, herabsetzend oder erniedrigend – oder nicht. Zudem ist denkbar, dass Außenstehende – etwa die Rezipientinnen und Rezipienten – eine Handlung als demütigend bewerten würden, und zwar auch dann, wenn vielleicht der oder die von der Handlung Betroffene dies selbst nicht so sieht51. Die verschiedenen Bedingungen führen zu einer Vielzahl an möglichen Optionen, die in der nachfolgenden Übersicht tabellarisch dargestellt werden: Akteur*in (Produzent) Intendiert In Kauf nehmend Ohne Absicht Betroffene*r (Protagonist*in) g ng g ng g ng Außenstehende*r (Rezipient*in) g ng g ng g ng g ng g ng g ng Bewertung W V W V W V kWV W V W V W V kWV ? ? ? kWV g = getroffen ng = nicht getroffen WV = Würdeverletzung kWV = keine Würdeverletzung ? = ungeklärt Tabelle 2: Übersicht zu möglichen Formen der Person-Würdeverletzungen. 51 Diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Akte der Demütigung werden auch im Grimmschen Wörterbuch angesprochen. Hier wird zwischen einer „äußerlichen“ und einer „innerlichen“ Demütigung unterschieden. Äußerlich gedemütigt sei demnach derjenige, dessen „macht, kraft und ansehen gebrochen und niedergedrückt ist“ und innerlich der, „dessen selbstgefühl herabgestimmt, verletzt, der beschämt wird“ (Grimm Bd. 2, 923, Kleinschreibung und Hervorhebung im Original). 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 236 In dieser Übersicht wird dargelegt, dass zur Beurteilung dessen, ob eine Handlung eine Demütigung darstellt, drei Aspekte betrachtet werden müssen: Zum einen spielt die Intention des oder der Handelnden eine Rolle, zum anderen sind die Wirkung auf die direkt von der Handlung betroffenen Person sowie die Einschätzung Außenstehender relevant für die Beurteilung, ob eine Demütigung vorliegt oder nicht. Zwar können die Umstände, unter denen der oder die Betroffene oder die Außenstehenden eine Handlung als erniedrigend oder demütigend bewerten, voneinander abweichen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein – möglicherweise regional begrenzter, aber doch ungefährer – gesellschaftlicher Konsens darüber existiert, was als demütigend empfunden wird, da ansonsten keine Verständigung über solche Fälle möglich wäre. Allgemein bedeutet dies: Wird eine Demütigung von einem Akteur intendiert oder in Kauf genommen, so kann sie sowohl bei der von der Handlung betroffenen Person als auch von Außenstehenden als Demütigung verstanden werden – oder auch nicht. Intendiert oder nimmt der Akteur eine Demütigung in Kauf und wird dies sowohl von der betroffenen als auch von der außenstehenden Person als solche aufgefasst, so liegt eindeutig eine Demütigung bzw. Person-Würdeverletzung vor. Liegt die Intention oder die Billigung der Akteurin oder des Akteurs vor und fühlt sich der oder die von der Handlung Betroffene durch den Akteur oder die Akteurin gedemütigt, so ist dies auch dann als Person-Würdeverletzung zu verstehen, wenn Außenstehende diese Ansicht nicht teilen. Zudem kann, wie die Tabelle aufzeigt, auch der Fall eintreten, dass der oder die von der Handlung Betroffene, diese nicht als demütigend empfindet, Außenstehende jedoch eine Demütigung diagnostizieren. Auch in diesem Fall liegt eine Person-Würdeverletzung vor. Es zeigt sich: Ist eine Demütigung durch den Akteur intendiert oder wird sie in Kauf genommen, und wird sie entweder von dem oder der Betroffenen selbst oder durch Außenstehende auch als solche beurteilt, so liegt eine Demütigung resp. Person-Würdeverletzung vor. Unklar bleibt an dieser Stelle, ob bei einer Handlung, die Betroffene oder Außenstehende als Demütigung empfinden, obwohl dies von dem Akteur oder der Akteurin weder gewollt noch in Kauf genommen wurde, auch von einer Person- Würdeverletzung gesprochen werden muss. Diese drei nicht eindeutigen und in der Abbildung mit einem Fragezeichen gekennzeichneten Fälle treffen auf das Reality TV nicht zu, da den Sendungsverantwortlichen zu unterstellen ist, dass sie die Shows nicht ohne sie zuvor zu kontrollieren und vor allem nicht ohne Absicht produzieren und veröffentlichen und werden aus diesem Grund nicht weiter verfolgt. Entweder nehmen sie also 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 237 – sofern Demütigungen, Erniedrigungen, Beleidigungen oder Herabsetzungen Teil einer Show sind – eine „Person-Würdeverletzung“ bewusst in Kauf, oder sie provozieren sie sogar absichtlich. Diese Tabelle zeigt, dass sich trotz kultureller Unterschiede und der Vagheit der Begrifflichkeiten eindeutige Fälle von Demütigungen resp. Person-Würdeverletzungen feststellen lassen können. Wenn sich demzufolge eine Kandidatin oder ein Kandidat durch Vorgänge, die mit den Dreharbeiten oder der Ausstrahlung einhergehen, gedemütigt fühlt, so liegt eindeutig eine Person-Würdeverletzung vor, und zwar auch dann, wenn die Rezipientinnen und Rezipienten sie nicht als solche einstufen würden. Empfindet eine Reality TV-Kandidatin eine Behandlung zwar selbst nicht als demütigend, wird sie aber von den Zuschauerinnen und Zuschauern als demütigend gedeutet bzw. führt zu Hohn und Spott gegenüber der Kandidatin, so ist auch dies als gelungene Person-Würdeverletzung zu sehen, weil das Zielpublikum die Person als gedemütigt betrachtet und diese Wirkung von den Produzierenden entweder gebilligt oder sogar gewollt ist. Das bedeutet, dass, auch wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat eine Behandlung selbst vielleicht nicht als demütigend empfindet, trotzdem eine Demütigung vorliegen kann. Dies zeigt sich auch daran, dass es in der Regel nicht die Kandidatinnen und Kandidaten selbst sind, „die eine Verletzung der Menschenwürde rügen und ein staatliches Eingreifen fordern“ (Klass 2004, 145). Vielmehr seien es „unbeteiligte Dritte, öffentliche Institutionen und Gremien, welche die Menschenwürde in Gefahr sehen oder eine Verletzung konstatieren und daher ein staatliches Einschreiten fordern“ (Klass 2004, 145). Lediglich dann, wenn im Falle einer von dem Akteur intendierten oder gebilligten Demütigung weder die betroffene Person noch die Rezipienten keinerlei Hinweise auf eine Demütigung sehen, liegt trotz der Intention keine Person-Würdeverletzung vor, weil die intendierte oder gebilligte Wirkung nicht erzielt wurde. Zusammenfassend lässt sich also sagen: Den Produktionsteams ist bei Häufungen der Verbreitung solcher demütigenden Handlungen und insbesondere, wenn rückgemeldet wird, dass es sich um Demütigungen handelt, eine gewisse Absicht oder Inkaufnahme zu unterstellen, denn sie hätten die Möglichkeit, betreffende Szenen nicht zu zeigen, die Abläufe so zu gestalten, dass es gar nicht erst zu einer solchen Situation kommt oder andere Kandidatinnen und Kandidaten auszuwählen, bei denen die Aussicht auf eine mögliche Blamage geringer ist. Dies hat zur Folge, dass, wenn seitens der Kandidatinnen oder Kandidaten oder bzw. und des Publikums die Auffassung besteht, dass der Umgang mit den Dargestellten oder eine Szene demütigend ist, dies als Demütigung und demnach als Person-Würde- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 238 verletzung einzustufen ist. Folglich ist zu untersuchen, ob es solche Fälle gibt oder gegeben hat, um die These „Einige Szenen oder Behandlungen verletzen die Person-Würde“ zu verifizieren oder zu falsifizieren. Neben der Schwierigkeit, dass Akte der Demütigung oder Erniedrigung nicht oder zumindest nicht immer eindeutig festgelegt werden können, besteht eine weitere Herausforderung für die nachfolgende Analyse darin, solche Fälle ausfindig zu machen. Für die nicht ausgestrahlten, denkbaren Fälle gilt: In der Regel sind die Kandidatinnen und Kandidaten zur Verschwiegenheit über die Vorgänge hinter den Kulissen verpflichtet. Zudem können die Kommentare und Meinungen des Fernsehpublikums, die ebenfalls für die Beurteilung einer Szene als demütigend notwendig wären, nur schwer erfasst werden, weil sie in der Regel nur daheim vor dem Fernseher geäußert werden. Und selbst wenn Nachweise für Einzelfälle von eindeutigen Demütigungen zu finden sind, so sind diese unter Umständen nicht mit anderen Fällen vergleichbar, weil jeder Fall individuelle Merkmale hat. Dies hat zur Folge, dass sich insbesondere mit Blick auf die nicht gesendeten Situationen nur schwerlich allgemeine Aussagen über Demütigungen im Reality TV treffen lassen. Trotzdem wird nachfolgend der Versuch unternommen, die für die Person-Würde der Dargestellten relevanten Aspekte anhand von Beispielen anzuführen und zu diskutieren. Diese Auflistung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, da sich nur wenige der Kandidatinnen und Kandidaten bzw. Medienschaffende in der Öffentlichkeit über das Geschehene äußern. Zudem enthalten die Sendungen oftmals zugleich mehrere der unten aufgeführten Elemente und in manchen Fällen sind die Übergänge fließend, sodass sich die einzelnen Punkte an einigen Stellen überschneiden52. Grundsätzlich sind „Person-Würdeverletzungen“ in einzelnen Szenen oder während der Dreharbeiten auf zwei Arten vorstellbar: Zum einen können die Teilnehmenden durch entsprechende Akte von Anwesenden vor oder hinter der Kamera direkt gedemütigt werden, wie dies etwa bei einer beleidigenden Äußerung eines Jurymitgliedes oder eines Moderators oder einer Moderatorin der Fall ist. Zum anderen sind indirekte Demüti- 52 Klass listet in ihrer Studie „Kriterien für die künftige Beurteilung kritischer Fernsehformate“ auf (vgl. Klass 2011, 107ff.), welche sich an einigen Stellen mit den hier aufgelisteten Aspekten überschneiden. Die von ihr genannten Kriterien beziehen sich jedoch allgemein auf ihre Vorstellung von „Menschenwürdeverletzung“ und nicht allein auf die hier fokussierte Überlegung der „Person-Würdeverletzung“ durch Akte der Demütigung. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 239 gungen vorstellbar, indem Bedingungen geschaffen oder Personen auf eine Weise dargestellt werden, welche die Rezipientinnen und Rezipienten dazu veranlassen sollen, sich über sie lustig zu machen, sich für sie zu schämen oder Schadenfreude zu empfinden. Es ist zudem auch eine Kombination aus indirekter und direkter Person-Würdeverletzung möglich, dann nämlich, wenn beispielsweise sowohl eine Beleidigung von einem Jurymitglied geäußert wird als auch die Art der Darstellung des betroffenen Kandidaten demütigend ist. Einige der Indizien für eine gelungene Demütigung, Erniedrigung, Beleidigung, Verspottung oder Herabsetzung klingen hier bereits an: Auf Seiten der Betroffenen kann sich dies in Gefühlen wie Scham, Empörung, Wut und Trauer ausdrücken, auf Seiten der Rezipientinnen und Rezipienten – hier sind auch die Sendungsverantwortlichen mit eingeschlossen – können dies neben den von Rützel genannten Punkten „Gafflust, Schadenfreude, wohliger Ekelschauder, Erhabenheitsgefühl“ (Rützel 2017, 6) auch etwa „Fremdscham“, Bedauern oder Mitleid mit den Kandidatinnen und Kandidaten sein. Ob derartige Gefühle bei Teilnehmenden oder Rezipientinnen und Rezipienten ausgelöst werden, scheint zu einem Teil mit von der Motivation und der Einstellung der Kandidatinnen und Kandidaten abzuhängen. Die Motivation der Teilnehmenden Wird in Betracht gezogen, welche Kandidatinnen und Kandidaten besonders lächerlich erscheinen, so sind es in den seltensten Fällen wohl diejenigen, die sich selbst nicht oder nicht sonderlich ernst nehmen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass diejenigen besonders zur Belustigung oder auch zu einem Gefühl der Schadenfreude oder der Überlegenheit auf Seiten der Rezipientinnen und Rezipienten beitragen, die ihr Verhalten vor der Kamera nicht bzw. nicht adäquat zu hinterfragen scheinen und schließlich in irgendeiner Form für sie unerwartet scheitern. Der missglückte Auftritt eines Kandidaten einer Casting-Show, der überhaupt nicht singen kann, der aber der Überzeugung ist, er habe Talent und eine echte Chance darauf, den Wettbewerb gewinnen zu können, sorgt mutmaßlich für größeren Spott als der missglückte Beitrag eines Kandidaten, der sich seines fehlenden Talents bewusst ist, aus Neugierde oder Spaß teilnimmt und nicht vorgibt, gewinnen zu wollen. Die Motive der Teilnehmenden, die, wie unten aufgezeigt wird, ganz unterschiedlicher Art sein können, sowie die Wirkung, die sie hierdurch in der Sendung erzielen, sollten den Produzenten 4.3.2.1 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 240 in den meisten Fällen wohl bereits bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten bewusst sein. Doch offensichtlich ist es bei der Wahl der Protagonistinnen und Protagonisten genau die Aussicht darauf, dass diese sich aufgrund ihrer Einstellung und der selbst gesteckten, unrealistischen Ziele blamieren, die die Produzenten dazu veranlasst, sie für die Sendung auszuwählen. So beschreibt beispielsweise Oliver Kalkofe, der der Auffassung ist, dass viele Menschen die potentielle Bösartigkeit des Fernsehens nicht erkennen würden, dass er Mitleid mit denen habe, die zu einer Casting-Show gingen und nicht wüssten, worauf sie sich einlassen: „Sie rechnen nicht damit, dass sie im Fernsehen in einer peinlichen oder kränkenden Art dargestellt werden könnten. […] Wer mir wirklich leid tut, sind die Menschen, die zu einer solchen Show gehen und keine Ahnung haben, was mit ihnen passieren könnte. Deren Traum, einmal etwas Großartiges zu vollbringen, ausgenutzt und anschließend zertreten wird, weil sie sich blamieren und dann gebrochen aus dem Studio gehen.“ (Kalkofe 2012, 177) Die Tatsache, dass nach wie vor viele diesen Traum haben, erkläre auch, warum Deutschland sucht den Superstar auch nach zehn Jahren noch die große Zahl von 34.420 Bewerbern zähle (vgl. Kalkofe 2012, 177). Ein Einwand gegen ein Mitgefühl für die Kandidatinnen und Kandidaten, die so zahlreich auch nach Jahren noch an vielen der bereits bekannten Formate teilnehmen, lautet die bereits erläuterte Annahme, dass sie zuvor hätten wissen können, worauf sie sich einließen. So behauptet Engelke, dass diejenigen, die sich in ihrer Würde verletzt fühlten, ihre Hausaufgaben nicht gemacht hätten (vgl. Engelke 2012, 97): „Die neuen Kandidaten haben doch schon ein paar, wenn nicht gar alle Sendungen gesehen“ (Engelke 2012, 97). Dementsprechend müssten sie sich auch darauf gefasst machen, dass so mit ihnen umgegangen wird (vgl. Engelke 2012, 97). An ihrer Situation hätten sie zu einem großen Teil selbst Schuld, da sie sich freiwillig ins Scheinwerferlicht begeben hätten (vgl. Engelke 2012, 100). Und auch Bolz behauptet, es sei falsch, anzunehmen, dass die Betroffenen vorher nicht wüssten, was die Shows ihnen abverlangten: „Sie wissen es ganz genau, und wenn sie hinterher behaupten, psychisch vergewaltigt worden zu sein, ist das Heuchelei.“ (Bolz 2012, 73) Dabei sei dasjenige, das die Leute antreibe, „die Lust daran, sich dem Scheinwerferlicht auszusetzen, sich zu exponieren“ (Bolz 2012, 73). Der RTL-Manager Helmut Thoma geht sogar so weit, zu behaupten, dass manche der Teilnehmenden keine Würde hätten: 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 241 „Wenn seine [des Kandidaten] Auffassung von Würde so weit runtergeht, bitte. Dann hat er eben gar keine. Solche Kandidaten fühlen sich wahrscheinlich gar nicht beeinträchtigt in ihrer Menschenwürde. Das muss jeder individuell für sich entscheiden.“ (Thoma 2012, 321) Fraglich ist, wie in Kapitel 4.3.1 bereits erarbeitet, inwieweit die Kandidatinnen und Kandidaten wirklich wissen, was die Teilnahme für ihr Ansehen resp. ihre Person-Würde bedeuten könnte. Wie dem Zitat Kalkofes zu entnehmen ist, ist denkbar, dass sich Menschen zur Teilnahme an einer Show bereiterklären, die sich selbst überschätzen und denen es an nötiger Selbstreflexion oder auch an der Vorstellungskraft über die Folgen des Fernsehauftritts mangelt. Dies räumt auch Engelke ein, deren Mitgefühl schließlich doch für diejenigen geweckt wird, die sich keine Gedanken über die Zeit nach der Sendung gemacht hätten (vgl. Engelke 2012, 100): „Was für uns Zuschauer bedeutungslose Momente sind, die wir beim Zappen durch die Programme achtlos konsumieren, das sind für diese Leute gravierende Erlebnisse, die sie lange mit sich herumtragen.“ (Engelke 2012, 100) Klass zufolge werde, selbst „wenn sich die betroffenen Personen teilweise bewusst und freiwillig diesen Situationen stellen“, und „viele Vorfälle zudem lediglich als verbale Ausfälle oder Entgleisungen anzusehen sind, welche schlicht von schlechtem Geschmack und mangelndem Niveau zeugen“, in einzelnen Situationen „der soziale Achtungsanspruch des Einzelnen unweigerlich tangiert“ (Klass 2004, 47). Besonders bedenklich erscheine dabei schließlich, dass von Seiten der Sender „nicht nur mit Entgleisungen der Situation gerechnet wird, sondern dass es die Verantwortlichen teilweise sogar darauf anlegen“ (Klass 2004, 47). Werden seitens des Produzenten absichtlich Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt und Situationen in der Art kreiert, dass eine Entgleisung zu erwarten ist, die dem Ansehen der Dargestellten schaden wird, so ist dies eindeutig als Versuch der Demütigung zu verstehen. Solche Erfahrungen hinterließen gerade bei sehr jungen Leuten ihre Spuren (vgl. Engelke 2012, 100). Dass sie sich keine Gedanken zu bzw. vielleicht falsche Vorstellungen von ihrem Auftritt und der Zeit nach der Sendung machen, ist mutmaßlich bei der überwiegenden Zahl auch der erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fall, da die meisten von ihnen zunächst schließlich medienunerfahren sind. Zu hinterfragen ist jedoch, ob selbst das Wissen darüber, wie eine Show ablaufen und welche Folgen der Fernsehauftritt für das eigene Ansehen haben kann, dazu berechtigt, Personen in für sie derart nachteiligen Momenten zu zeigen. Von Shufeldt Esch wird dies angezweifelt: „The simple fact that participants have freely agreed to be filmed or have sought the 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 242 spotlight does not invalidate questions of morality and risk for the producers, the individual participant or for contemporary society as a whole.“ (Shufeldt Esch 2012, 47) Dies ist auch mit Blick auf die Motive für eine Teilnahme, die ganz unterschiedlicher Art sein und letztlich auch Einfluss auf die Gefühle und das Ansehen resp. die Person-Würde der Betroffenen nehmen können, zu hinterfragen. So erklärt Gmür, dass die Tatsache, dass „Durchschnittsbürger in das Rampenlicht der Öffentlichkeit drängen“, beispielsweise damit in Verbindung stehen könne, dass „Sozialstatus und Sozialprestige derzeit eng mit Medienpräsenz verknüpft sind“ (Gmür 2004, 55). Klass zufolge kommen „als mögliche Gründe auch schmerzliche Beachtungsdefizite, Selbstwertprobleme und ‚verwerfliche Motive’ wie Vergeltungswünsche und erhoffte Karrierevorteile in Betracht“ (Klass 2004, 40). Scheitern Kandidatinnen und Kandidaten, die mit solchen, grundsätzlich mit der Hoffnung auf eine Steigerung des Ansehens einhergehenden Motiven an einem der Formate teilnehmen, bzw. werden sie auf beschämende Weise dargestellt, werden sie die Darstellung womöglich als demütigend empfinden. Darüber hinaus werde der Fernsehauftritt auch dazu benutzt, „um eine bestimmte Reaktion bei einer anderen Person zu erzeugen oder zu erzwingen, eine Reaktion, die unter vier Augen nicht abzuringen war“ (Klass 2004, 40). Die Partizipation diene neben der Selbstdarstellung, Selbstinszenierung, vereinzelten Rache- oder Vergeltungswünschen „ebenfalls der Eigenwerbung, der Karriereförderung und der Identitätsstabilisierung“ (Klass 2011, 26). Weitere Gründe für die Teilnahme an derartigen Formaten können auch finanzieller Art sein. So berichtet eine Kandidatin, die bereits in verschiedenen Formaten zu sehen war: „Wir hatten zum Beispiel eine Anfrage für Frauentausch auf RTL II. Dafür hätte es 1000 Euro gegeben.“ (Birkhahn 2012, 65) Sie selbst habe das Angebot abgelehnt, aber grundsätzlich ist gut vorstellbar, dass sich Menschen aus finanziellen Nöten zur Teilnahme an einer Fernsehshow bereit erklären. Im Falle des Sängers Martin Kesici kamen gleich mehrere Gründe zusammen, die ihn dazu brachten, der Teilnahme an der Casting-Show Star Search zuzustimmen. Er sei gerade „mal wieder arbeitslos“ gewesen, und schreibt weiter, er „lebte von 450 Euro im Monat und lag mit einem fetten Bierfleck auf dem T-Shirt auf meiner Couch, als ich die Werbung von Star Search zum x-ten Mal sah. […] Bei mir siegte die Neugierde. Ich wollte mir mein eigenes Bild davon machen, welche Leute da hinkamen“ (Grimm, Kesici 2010, 44f.). 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 243 Der Co-Autor seines Buches über ihre Erfahrungen bei zwei verschiedenen Casting-Shows, Grimm, gibt an, sein Motiv sei hauptsächlich die mögliche Bewerbung seiner damaligen Band gewesen (vgl. Grimm 2012, 140). Eine Kombination aus finanziellen Gründen und der Auffassung, man könne vielleicht die Karriere noch einmal ankurbeln, unterstellt Schertz auch den Teilnehmern des Dschungelcamps: „Geltung und Geld sind zwei ganz wichtige Motive. Schauen Sie sich das Dschungelcamp an. Welcher normale Mensch würde sich so behandeln lassen? Bei den Kandidaten sind meiner Meinung nach immer zwei Aspekte ausschlaggebend. Erstens: Die Karriere ist eigentlich schon vorbei und das Dschungelcamp ist eine Möglichkeit, noch einmal öffentlich stattzufinden. […] Der zweite Aspekt ist der finanzielle. Schließlich kann so eine Teilnahme auch manchmal 30.000 Euro oder mehr einbringen.“ (Schertz 2012, 271) Die Freiwilligkeit ist gerade in solchen Fällen, in denen ein sozialer oder finanzieller Druck ausschlaggebend für die Teilnahme ist, wohl zu hinterfragen. Zwar liegen hier vielleicht kein Zwang und auch kein Eingriff in die Handlungsfreiheit der Personen von außen vor, aber sie befinden sich in einer Situation, in der sie es sich nicht leisten können, ein entsprechendes Angebot auszuschlagen. Insofern sind sie nicht mit Vertragspartnern vergleichbar, die sich in einer anderen, für sie vorteilhafteren Situation befinden und nicht aus finanzieller Not zusagen. Wird dies ausgenutzt und die Person zudem auch noch auf lächerliche Weise dargestellt, so ist dies wohl auf zweifache Weise demütigend. Daneben gibt es Formate, bei denen die Dargestellten vor den Dreharbeiten gar nicht zustimmen können, weil sie mit versteckter Kamera gedreht werden. Ihre Zustimmung wird in diesen Fällen erst nachträglich eingeholt. Möglicherweise können sich die Dargestellten im Nachhinein jedoch nicht mehr an jede dieser versteckt gedrehten Situationen erinnern, sodass es eine positive, aber auch negative Überraschung für sie sein kann, wenn die Szenen zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt werden. Situationen, „in denen Menschen ungefragt und ohne Widerspruchsmöglichkeit ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezogen und beispielsweise mit herabwürdigenden, das Persönlichkeitsbild prägenden Aussagen konfrontiert werden, wie dies vereinzelt in den typischen Überraschungs- oder Konfrontationsszenarien von Talk- oder Realityshows geschieht“ (Klass 2011, 29), sind, wie Klass anmerkt, auch rechtlich problematisch. Sowohl im Falle der finanziellen Motivation als auch in der Situation, in der bereits alles gedreht wurde und der oder die Überraschte nur noch „schnell“ 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 244 unterschreiben muss, kann schließlich unter Umständen ein gewisser Druck zu der Entscheidung zur Teilnahme beitragen. Ebenso wie das Ausnutzen der finanziellen Notlage ist auch das Überrumpeln und anschlie- ßende Ausstrahlen von Szenen, die das Ansehen der Dargestellten herabsetzen könnten, wohl als demütigend zu bezeichnen. Außerdem ist vorstellbar, dass sich Personen aufgrund einer schwierigen Lebenssituation und dem Gedanken, das Fernsehen sei die einzige Möglichkeit zur Lösung der Probleme – also ebenfalls unter Umständen mit einem gewissen Druck – zur Teilnahme an der Produktion entscheiden. Klass zufolge haben insbesondere Verwandlungssendungen, die Schönheitsoperationen vornehmen, die Frage aufgeworfen, „ob die zum Teil unbekümmerte und rücksichtslose Ausnutzung der Lebensschicksale der Protagonisten als auch der leichtfertige Umgang mit deren Persönlichkeitsrechten (und eventuell auch deren Menschenwürde) mit dem Ziel, voyeuristische Bedürfnisse der Zuschauer zu befriedigen und die Quote anzukurbeln, noch im Einklang mit dem Recht stehen“ (Klass 2011, 18). Nicht nur rechtlich, sondern insbesondere ethisch ist dies aus oben genannten Gründen äußerst fragwürdig. Casting-Agenturen, die darauf spezialisiert sind, passende Kandidatinnen und Kandidaten für Fernsehshows zu suchen, haben in solchen Fällen ein leichtes Spiel bzw. suchen vermutlich absichtlich nach Personen, die aufgrund ihrer Lebensumstände mutmaßlich leichter zustimmen könnten als andere. Wer schließlich mit seiner gegenwärtigen Lebenssituation sehr unzufrieden ist, lässt sich – insbesondere wenn ein mangelndes Verständnis für die im Vertrag festgehaltenen Konditionen hinzukommt53 – vermutlich leichter zur Teilnahme an einer Fernsehproduktion hinreißen. Beispiele hierfür sind Personen, die eine für sie nicht bezahlbare Operation zur Verbesserung ihrer Lebensqualität zu benötigen glauben oder solche, denen die finanziellen Mittel fehlen, um ihr Haus fertigzustellen. Die Gründe für eine Teilnahme reichen folglich von Motiven wie Überzeugung über das eigene Können und das Verlangen, es der Öffentlichkeit zu präsentieren, Hoffnung auf Veränderung, wie beispielsweise die große Liebe zu finden, die Lebenssituation zu verbessern oder berühmt zu wer- 53 Vgl. Rhein-Zeitung 2011: „Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Dörmann, beobachtet die Entwicklung solcher Formate ‚mit Besorgnis’, sagte er unserer Zeitung. ‚Es gibt eine Tendenz, dass Menschen, die nicht über die intellektuellen Fähigkeiten eines Anwalts verfügen, weitreichende Verträge der Sender arglos unterzeichnen.’“ 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 245 den, über Lust auf ein Abenteuer bis hin zu finanziellen Aspekten. Insgesamt ist, wie Klass es formuliert, festzuhalten, „dass unterschiedliche Gründe die Protagonisten zu einer Teilnahme an einem Format des Realitätsfernsehens bewegen. Die Motivstrukturen sind durchaus nicht einheitlich, weshalb es verfehlt wäre, nur von Narzissten und Exhibitionisten zu sprechen. Vielmehr motivieren unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Probleme zu einem Auftritt.“ (Klass 2004, 45) Festzuhalten ist auch, dass die Motive einer Kandidatin oder eines Kandidaten zur Teilnahme an einem Reality TV-Format unter Umständen Einfluss darauf nehmen können, wie schwer eine Demütigung wiegt und ob sie überhaupt gelingen kann. Eine Person, die selbstbewusst und mit der Fähigkeit ausgestattet ist, mögliche negative Folgen ihrer Teilnahme an einer Reality TV-Show zu antizipieren und diese Konsequenzen bewusst in Kauf nimmt, ist zunächst einmal nicht in der gleichen Weise gefährdet, Opfer einer Demütigung zu werden, wie jemand, der völlig unreflektiert und mit einer zu hohen Erwartungshaltung oder aus einer Notsituation heraus womöglich auch noch nichtsahnend den Vertrag unterschreibt. Die Fallhöhe einer solchen Person erscheint bedeutend größer und führt unter Umständen dazu, dass sie lächerlicher erscheint als jemand, der bereits mit einer negativen Evaluierung seitens des Publikums, der Jury oder der Moderatorin bzw. des Moderators gerechnet hat und sich von vornherein entsprechend verhält. Eine indirekte Demütigung kann also darin bestehen, dass Kandidatinnen und Kandidaten so ausgewählt werden, dass allein aufgrund ihrer Einstellung bzw. Motivation zur Teilnahme Spott und Hohn auf Seiten des Publikums hervorgerufen wird und dies nicht nur nicht von den Produzenten unterbunden, sondern sogar gewollt wird. Dies ist angesichts der manchmal ernsthaften Probleme und der Hoffnung, die die Kandidatinnen und Kandidaten zu einer Teilnahme bewegen, besonders moralisch zu hinterfragen. Setting, Behandlung und Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten Zwar wurde im Rahmen der vorangegangenen Ausführungen bereits auf die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten Bezug genommen, jedoch wurde bislang nicht auf alle Aspekte, die hierbei eine Rolle spielen, eingegangen. Nachfolgend werden diese im Zusammenhang mit dem 4.3.2.2 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 246 Umgang mit den Teilnehmenden und auch mit Blick auf das Setting einiger Shows beispielhaft dargelegt und mögliche Problematiken erläutert. Die männlichen Protagonisten des Formates Bauer sucht Frau sind, wie der Titel der Sendung bereits vorgibt, Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Nur solche kommen also als Kandidaten in Frage. Dabei wird, wie bereits in Kapitel 4.2.2 erläutert, das zur Frage der Person-Würdeverletzungen durch Formattypen oder einzelne Formatkonzepte Stellung bezieht, oftmals das Bild vermittelt, „Bauern respektive Landwirte seien sozial in irgendeiner Form zurückgeblieben“ (Strasser 2015). Dies wirkt sich mutmaßlich nicht nur auf das Ansehen einzelner Kandidaten, sondern sicherlich auf das Bild aller, die diesen Beruf ausüben, aus. Viele der Kandidaten wirken oftmals unbeholfen, was bewusst durch die Produktion gesteuert wird. So werden Inka Bause, der langjährigen Moderatorin des Formates, zufolge den Kandidatinnen und Kandidaten vom Sender aus häufig Vorschläge gemacht, „welche Aktivitäten die Bauern mit ihren Partnerinnen zusammen unternehmen könnten – wenn sie alle selbst gute Ideen hätten, brauchten sie ja möglicherweise gar keine Hilfe von RTL bei der Frauensuche“ (Bause 2012, 50). Dabei werde alles ins Lächerliche gezogen, und durch die Kameraführung, teils vorgegebene Dialoge und Handlungen sowie eine realitätsferne Darstellung des Lebens auf dem Bauernhof, ein Image von Bauern vermittelt, das nicht der Realität entspräche, erklärt der Agrarökonom Roman Strasser im Interview mit dem Spiegel. Auch die Auswahl der Kandidaten spielt hierbei eine Rolle: Der Sender gebe schließlich sogar zu, dass vor allem Bewerber berücksichtigt würden, die „etwas aus dem Rahmen fallen“ (Strasser 2015). Dass viele der gezeigten Bauern keine Frau fänden, läge jedoch nicht an ihrem Beruf, sondern an ihrer Persönlichkeit (vgl. Strasser 2015). Persönlichkeiten, die bestimmte charakterliche Dispositionen haben, werden nicht nur bei Bauer sucht Frau, sondern offensichtlich auch in zahlreichen anderen Reality TV-Formaten absichtlich so ausgewählt, dass davon auszugehen ist, dass sie sich blamieren oder für Konflikte im Verlauf der Sendung sorgen werden. Krischke und Pörksen zufolge werde, um bestimmte Effekte zu erzielen, immer versucht, bestimmte Rollen zu besetzen: „die Zicke, der Streber, die Naive, der ‚Underdog’, der Sensible, die Peinliche, das verkannte Genie“ (Pörksen, Krischke 2012, 24). Die Auswahlverfahren in Casting-Shows lieferten „nur den Vorwand, um ein Melodram aus Hoffen und Bangen, Aufstieg, Absturz und Verzweiflung, Sentimentalität, Kampf und Intrige zu weben“ (Pörksen, Krischke 2012, 24). Dabei dienten die Kandidatinnen und Kandidaten dazu, diese Rollen zu verkörpern und außerdem ihr Privatleben als Reservoir für rührende Ge- 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 247 schichten zur Verfügung zu stellen (vgl. Pörksen, Krischke 2012, 24). Es seien „zerrüttete Familien, überforderte Mütter, jugendliche Ausreißer, überschuldete Kleinunternehmer, schreiende, prügelnde Arbeitslose“ (Pörksen, Krischke 2012, 35) gefragt. Dabei hofften und spekulierten die Produzenten regelrecht auf einen Tabubruch: „So werden gehäuft Teilnehmer eingeladen, von denen man sich ein abweichendes, im Verhältnis zur Zuschauermasse ‚unnormales’ Verhalten erhofft.“ (Klass 2004, 47f.) Der Sender RTL habe beispielsweise aktiv „Teilnehmer mit exhibitionistischen Neigungen“ (Leiner 2006, 165f.) für die Sendung Big Brother gesucht. Schon in dieser Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten, von denen zu erwarten ist, dass sie in irgendeiner Weise spektakulär reagieren könnten, scheint bereits ein demütigender Aspekt zu liegen. Wenn dann seitens der Produzenten durch filmische Mittel, das Kreieren bestimmter Gesprächssituationen und Settings die ohnehin schon außergewöhnlichen Merkmale der Kandidatinnen und Kandidaten noch verstärkt werden, scheint auch hierin ein Versuch der Demütigung zu bestehen. Was dies für die Kandidatinnen und Kandidaten bedeutet, berichtet eine ehemalige Kandidatin der Casting-Show Germany’s next Topmodel im Interview. Sie behauptet, man bekomme durch solche Shows einen Stempel auf die Stirn gedrückt (vgl. Erdmann 2012, 105). Sie habe in der Staffel die Rolle der Zicke auferlegt bekommen und es sei ihr alles, was sie gesagt habe, falsch ausgelegt worden: „Man ist extrem manipulierbar, hat einfach immer wieder das Gefühl, die Regisseure bestimmen, was man erreicht oder wie man dargestellt wird.“ (Erdmann 2012, 106) Auch die anderen Kandidatinnen hätten ihr berichtet, dass sie in den Interviews immer nur nach ihr gefragt worden seien und „dass sie teilweise regelrecht dazu gedrängt wurden, etwas Schlechtes über mich zu sagen“ (Erdmann 2012, 107). Zugleich hätten auch andere Kandidatinnen „Macken und Fehler, die aber nie gezeigt wurden“ (Erdmann 2012, 106). Ihr hänge hingegen das in der Sendung kreierte Image bis heute an (Erdmann 2012, 106). Darüber hinaus berichtet sie von einer Täuschung und anschließender Erpressung im Rahmen der Produktion der Sendung. So sei sie unter dem Versprechen der Jury, ihre Antwort den anderen Teilnehmerinnen nicht zu erzählen, gefragt worden, welche der Konkurrentinnen gesagt hätten, dass sie gerne nach Hause führen. Sie habe ihnen die Namen genannt und sei unmittelbar danach vom Aufnahmeleiter vor die Wahl gestellt worden, den Mädchen selbst zu erzählen, was sie gerade der Jury mitgeteilt habe, oder sie würden dies tun (vgl. Erdmann 2012, 107f.). Damit befand sie sich in einem Dilemma, denn beide Varianten hätten bei den anderen Kandidatinnen für Unverständnis und Ärger ihr gegenüber gesorgt. Dies zeigt 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 248 zum einen, welchen Einfluss die Teilnahme an einem solchen Format auf das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten haben kann, denn das Bild der „Zicke“ haftet der Kandidatin nun an. Und es beleuchtet zum anderen, in welcher Weise – in diesem Fall durch ein falsches Versprechen – die Produzenten Einfluss auf den Ablauf, die Darstellung der Personen und die sozialen Strukturen in ihren Sendungen nehmen können. Hierdurch kann ein Bild von den Kandidatinnen und Kandidaten gezeichnet werden, das von der wahren Persönlichkeit völlig abweicht, was der Person-Würde vielleicht in manchen Fällen zuträglich sein, aber oftmals eben auch schaden kann. Von einer ähnlichen Erfahrung hinsichtlich manipulativer Eingriffe seitens des Senders berichtet auch Grimm, der sich daran erinnert, dass bei Popstars Intrigen zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten gesponnen wurden, um die Spannung zu steigern (vgl. Grimm 2012, 142). Zwar liegt durch den mutmaßlichen Versuch der Einflussnahme auf die Beziehungen der Dargestellten in manchen Formaten keine direkte Demütigung vor, aber es werden auf diese Weise absichtlich Situationen kreiert, von denen sich die Produktionsteams ein Verhalten von Kandidatinnen und Kandidaten zu erhoffen scheinen, das zu Spott und Hohn führt. Neben der Manipulation der Drehabläufe durch die Produktionsteams anhand der Verbreitung von Intrigen, die schließlich indirekt zu Demütigungen führen können, kann auch mit den Kandidatinnen und Kandidaten während der Dreharbeiten direkt erniedrigend umgegangen werden. Dies zeigt das bereits angeführte Beispiel der Anweisungen für die Schwer Verliebt-Kandidatin (vgl. Kap. 4.3.1), die sie unter Androhung von Strafe zu befolgen hatte. Hier lässt sich wohl nicht nur deshalb von einer Demütigung oder gar von Nötigung sprechen, weil sie überhaupt zu Handlungen vor der Kamera gezwungen wurde und somit in ihrem Selbstbestimmungsrecht missachtet wurde, sondern insbesondere auch die Art der Handlungen – in diesem Falle einen Mann küssen und sich die Finger ablecken lassen zu müssen – sind für sich genommen unter diesen Umständen bereits als demütigend anzusehen. Das Selbstbestimmungsrecht gerät zudem Klass zufolge auch dann „in Bedrängnis, wenn eine strukturelle Unterlegenheit vorliegt, Protagonisten aufgrund bestehenden Zeitdrucks, sozialen Drucks von Seiten des Publikums oder anderer Protagonisten, aber auch aufgrund finanzieller Notlagen in ihrer Entscheidungsfreiheit erheblich beeinträchtigt sind“ (Klass 2011, 29). 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 249 Zwar führt dies nicht immer zugleich auch zu einer Demütigung, aber die Gefahr, dass sich Kandidatinnen oder Kandidaten auf Handlungsanweisungen einlassen, die sie später bereuen könnten und die ihnen Spott und Hohn einbringen, scheint hierdurch größer. Ein besonders drastisches Beispiel beschreibt Bolz hinsichtlich der Einblendungen bei Talkshows. Hier werde man im Vorfeld gefragt, ob man zu einer bestimmten These stehe oder nicht, wovon die Einladung in die Sendung abhängig gemacht würde: „Da werden Sie beispielsweise im Vorfeld knallhart gefragt: ‚Stehen Sie zu der These, dass Hartz-IV-Empfänger asozial sind? Ja oder nein? Wenn ja, laden wir Sie ein, wenn nein, suchen wir jemand anderen!’“ (Bolz 2012, 70) Die These die man vertreten solle, werde anschließend in der Sendung eingeblendet, sobald man im Bild erscheine: „‚Hartz-IV-Empfänger sind alle asozial!’ Von diesem Satz kommen Sie danach kaum wieder los. Sie gelten von da ab als der Träger dieser Position.“ (Bolz 2012, 70) Zwar ist dieses kein Beispiel für eine direkte Demütigung, es zeigt aber, ähnlich dem vorgenannten Fall der Topmodel-Kandidatin, auf, wie Kandidatinnen und Kandidaten in manchen Shows unter Druck gesetzt werden und ihre Darstellungen manipuliert werden können, was wiederum Auswirkungen auf die Person-Würde haben kann. Doch nicht nur direkte Handlungsanweisungen, Druckmittel oder auch Täuschungen, die potentielle Kandidatinnen und Kandidaten zu einer Zustimmung zur Teilnahme bewegen, können demütigend sein, sondern auch Fälle, in denen sie selbst von den Produktionsteams in eine Denkrichtung geleitet und manipuliert werden, um sich auf eine bestimmte Weise vor der Kamera zu verhalten, wie Bunton beschreibt: „Producers feed ideas to participants before recording on-camera monologues, and producers reward or punish particular behaviours by giving participants basic supplies or extra treats.“ (Bunton 2012, 31) Dabei stellt Klass zufolge die „Kombination aus Selbstinszenierung und Fremdbestimmung, die weder für die Zuschauer noch für die Protagonisten in jedem Moment erkennbar ist, […] ein besonderes Gefährdungspotential für die Rechte der Beteiligten dar“ (Klass 2011, 18). Es werde der Öffentlichkeit „ein von der Redaktion erheblich gesteuertes und beeinflusstes Persönlichkeitsbild der Protagonisten“ (Klass 2004, 58) dargeboten. Dies erscheint ihr im Hinblick auf den Menschenwürdeschutz und das Persönlichkeitsrecht als problematisch, „denn zum einen können die Kandidaten nicht auf das eigene Bild in der Öffentlichkeit Einfluss nehmen, zum anderen ist die Inszenierung und Beeinflussung auch für den Zuschauer, dem Realität pur versprochen wird, nicht immer erkennbar“ (Klass 2004, 58f.). Besonders problematisch ist daran, dass die Protagonistinnen und Protagonisten weder darüber, 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 250 „was mit ihnen während der Produktion der Sendung passiert, noch wie das Material später zusammengeschnitten wird“ (Schawinski 2012, 262) Bescheid wissen. Wie sie dargestellt werden, welche Effekte welche Szene verstärken und was dies für Folgen für sie hat, erfahren sie erst, wenn das Ganze ausgestrahlt und zugleich einem Millionenpublikum zur Verfügung gestellt wird. Doch dann ist es zu spät – der „Stempel“ ist bereits aufgedrückt und das Bild, das von der Person für die Öffentlichkeit gezeichnet wurde, lässt sich so leicht nicht mehr revidieren. Dass eine Manipulation der Kandidatinnen oder Kandidaten selbst oder ihrer Darstellung auch bei Schwiegertochter gesucht mindestens einmal bereits vorgekommen ist, zeigt das erwähnte Video von Böhmermann. Hier wurde, wie in Kapitel 4.3.1 beschrieben, der (vermeintliche) Kandidat dazu aufgefordert, ihm vorgegebene Sätze nachzusprechen, und es wurden verschiedene Mittel, wie beispielsweise das Verteilen von Schildkröten in der gesamten Wohnung, dazu eingesetzt, um eine Person als besonders lächerlich darzustellen. Böhmermann weist darauf hin, dass die Kandidatinnen und Kandidaten bei Schwiegertochter gesucht nicht wüssten, worauf sie sich einließen und auch nicht verstünden, „was RTL aus ihnen machen möchte – nämlich Witzfiguren, auf deren Kosten man sich schön abends als ironischer Asi-Fernsehzuschauer amüsieren kann, um sein mickriges Selbstwertgefühl ein bisschen aufzupolieren“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 14.27). Er wirft dem Sender zudem vor, dass es ihm nicht um Liebe, sondern ausschließlich um Geld ginge, und alles Weitere egal sei: „Es geht nicht um Liebe bei Schwiegertochter gesucht. Es geht für euch ums Geschäft. Und damit das wirklich läuft das Geschäft, macht ihr wirklich alles“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 14.46). Hierfür seien die beiden vermeintlichen Kandidaten als noch dümmer dargestellt worden als sie sich sein Team ausgedacht hätte und sie seien als die „allerletzten Trottel“ inszeniert worden. Die Sorgfaltspflicht habe dabei keine Rolle gespielt, denn sie hätten nicht nur die von den Protagonisten benötigten Informationen nicht wahrheitsgemäß angegeben, sondern hätten die Kandidaten zudem dazu gedrängt, einen Knebelvertrag zu unterschreiben; und dabei habe man ihnen nicht mal eine Kopie dagelassen (vgl. Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 15.01). Böhmermann vermutet, dass dies nicht nur einmal geschehen sei und behauptet: „ihr habt nicht den Eindruck vermittelt, dass ihr das zum allerersten Mal so gemacht habt.“ (Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe, YouTube 2016, ab Min. 15.08) Dieses Beispiel zeigt, dass die Produzenten des Formates offensichtlich nicht nur keine Rücksicht darauf nehmen, ob das Ansehen ihrer Kandidatinnen und 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 251 Kandidaten unter den von ihnen inszenierten Darstellungen leidet, sondern dass auch sie – ähnlich wie die Produzenten von Bauer sucht Frau – wissentlich die unvorteilhafte Darstellung in Kauf nehmen bzw. sogar absichtlich provozieren. Auch dies kann, sofern die Teilnehmenden sich darüber nicht bewusst sind, als Demütigung und Angriff auf ihre Person- Würde verstanden werden. Ein weiteres Beispiel für derartige Anweisungen der Produktionsteams zeigt die Geschichte einer Familie, deren Übergewichtigkeit in einer RTL- Dokumentation als Folge von zu ungesunder Ernährung dargestellt wurde. Weil die Geschichte vorgesehen habe, dass die Familie zu wenig Geld hat, um sich gesund zu ernähren, habe sie in einem Discounter, in dem sie zuvor noch nie gewesen war, Unmengen an Hamburgern und Fertigpizza kaufen müssen, „während eine Ernährungsberaterin für das gleiche Geld gesunde Sachen kaufte“ (Birkhahn 2012, 59). Dabei habe dies mit der Realität ihres alltäglichen Lebens kaum etwas zu tun gehabt, sondern sei stark überspitzt dargestellt worden. So berichtet die betroffene Kandidatin, ihr Mann habe so tun müssen, „als würde er zum Abendbrot nur Riesenportionen Eis mit Schlagsahne essen, während ich dauernd Salzstangen knabberte. Das war vollkommen übertrieben. Seitdem haben wir viel dazugelernt, so etwas würden wir nicht mehr machen.“ (Birkhahn 2012, 59) Insbesondere die Fremdbestimmung, welcher die Kandidatinnen und Kandidaten in Fällen, wie den beispielhaft genannten, unterliegen, wird auch von Klass kritisiert: „Denn wenn die Medienunternehmen aufgrund ihrer wirtschaftlichen und intellektuellen Vormachtstellung in der Lage sind, die Bedingungen einer konkreten Situation oder einer Absprache faktisch einseitig vorzugeben, kann dies für die Protagonisten einer Show eine Fremdbestimmung bewirken.“ (Klass 2011, 96) Selbst eine augenscheinliche Freiwilligkeit der Teilnehmenden müsse zudem hinterfragt werden, wenn sie „die Entscheidungen unter einem erheblichen Gruppen- und Zeitdruck treffen müssen“ (Klass 2011, 96). Es liege darüber hinaus „keine selbstbestimmte Entscheidung vor, wenn diese das Resultat einer Drohung oder arglistigen Täuschung ist“ (Klass 2011, 96). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das Produktionsteam durch die Gestaltung des Settings und der Handlung der Sendung sowie die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten Einfluss darauf nehmen kann und offensichtlich in einigen Fällen auch nimmt, ob die Darstellung und die Abläufe in irgendeiner Form demütigende Situationen hervorrufen. Pörksen und Krischke stellen fest, dass eine „gehörige Portion Bosheit zur 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 252 Rezeptur der Casting-Show“ (Pörksen, Krischke 2012, 24) gehört. Konflikte und Intrigen, die von den Redakteuren hinter den Kulissen eingesetzt werden, sollen „für Spannung sorgen, Verrat und Solidarität provozieren, Siege und Niederlagen hervorbringen, Helden und Schurken auf den Plan rufen“ (Pörksen, Krischke 2012, 24). Noch wichtiger sei aber dabei die „Inszenierung des peinlichen Scheiterns“ (Pörksen, Krischke 2012, 24). Und um dies sicherzustellen, würden „im Verlauf der mehrstufigen Auswahl neben halbwegs talentierten Kandidaten auch solche herausgepickt, deren Blamage von vornherein klar ist – ihre Demütigung vor dem Tribunal der Juroren ist ein wesentlicher Bestandteil der Show“ (Pörksen, Krischke 2012, 24). Zwar beziehen sich Pörksen und Krischke in diesem Kommentar speziell auf Casting-Shows, doch lässt sich dies auf viele weitere Formate übertragen. Als wären die demütigenden Inszenierungen und Verflechtungen von Intrigen noch nicht genug, werden zudem weitere inszenatorische Mittel zur demütigenden Darstellung der Protagonistinnen und Protagonisten eingesetzt, wie nachfolgend beschrieben wird. Bearbeitung in der Postproduktion Um die Kandidatinnen und Kandidaten auf eine bestimmte Weise darzustellen, werden nicht nur Intrigen, Manipulationen der Dargestellten oder Handlungsanweisungen hinter den Kulissen eingesetzt, sondern auch spezielle filmische Mittel verwendet. So wird der Effekt „der Herabwürdigung […] durch Kamerazooms, unvorteilhafte Perspektiven, Spott-Jingles, hämische Kommentare und Untertitel verstärkt“ (Pörksen, Krischke 2012, 25). Mithilfe der Kameraführung und in der Postproduktion können zum Beispiel Akzente auf bestimmte, für die Teilnehmenden ungünstige Aspekte gelegt werden. Nicht nur die Nahaufnahme einzelner Situationen oder von Makeln der Protagonistinnen und Protagonisten oder andere spezifisch eingesetzte Effekte der Kameraführung können eine bestimmte Wirkung erzielen. Auch die in der Postproduktion oftmals eingefügten Wiederholungen, die Unterlegung mit Geräuschen oder Musik und das Einfügen lächerlich wirkender Kommentare wie beispielsweise die bereits genannten Alliterationen in den Bauchbinden, „die teils ironischen, teils kritischen, aber auch abwertenden Inhalt haben“ (Klass 2004, 49) können Teil einer Erniedrigung sein. Zudem werden Lacher oder grafische Bilder eingespielt, „um Situationen zu verdichten und zu verstärken“ (vgl. Sänger 2012, 248). Kalkofe zufolge werden die dargestellten Personen gerade 4.3.2.3 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 253 durch diese künstliche Verstärkung ihrer Mängel und Fehler mithilfe von Animationen zu Pausenclowns abgestempelt (Kalkofe 2012, 180). Effekte wie diese steigern Bunton zufolge zudem die Dramatik und tragen zur Formung von Stereotypen bei, was wie in Kapitel 4.3.1 dargelegt, ethisch zu hinterfragen ist: „Too, because producers control post-production editing of the programs, they can heighten the drama by emphasizing stereotypes that clash.“ (Bunton 2012, 31) Bei Bauer sucht Frau ist bzw. war dies in den bisherigen Folgen offensichtlich so gewollt, wie die Moderatorin der Sendung erklärt. Auf die Frage, wie stark in dem Format mit Klischees gearbeitet werde, antwortet Bause: „Sehr stark. RTL hat seine ganz eigene Handschrift, die jeder Zuschauer schon nach einer Sekunde erkennen soll. Wir möchten es den Zuschauern leicht machen, sie sollen sich in diesem Format sofort zurechtfinden.“ (Bause 2012, 49) Fraglich ist, ob die vermeintliche „Erleichterung“ für die Zuschauer auf Kosten der Dargestellten gehen darf und ob sie tatsächlich das einzige Ziel der Klischeebildung ist. Auch Pörksen und Krischke zufolge seien es die Besetzung stereotyper Rollen und „die Inszenierung von Konflikten, die Bloßstellung der Kandidaten und die Selektion der Sieger und Verlierer durch die Zuschauer“ (Pörksen, Krischke 2012, 32), die diese Shows ausmachen. Dies gelinge, wie bereits erwähnt, beispielsweise mit „Maden und Würmern in Nahaufnahme, besonders prolligen – manchmal auch rassistischen Sprüchen, Kopulationen vor der Kamera und einem demonstrativen Kult der Unbildung“ (Pörksen, Krischke 2012, 32). Zudem würde „vor dem Fernsehpublikum, in der Boulevardpresse und im Internet durch verhöhnende Nahaufnahmen, Schnitte und Kommentare und Untertitel“ degradiert, wer „schlecht frisiert ist, schief singt oder einen Urinfleck auf der Hose hat“ (Pörksen, Krischke 2012, 30). Die Grenzen müssten dabei „immer weiter verschoben und die Sensationsspirale immer wieder neu in Gang gesetzt werden, da die Aufmerksamkeit der Zuschauer und der Medien sonst erlahmt“ (Klass 2011, 24). Dabei wäre bereits die Darstellung oder auch der mündliche Bericht über den Urinfleck eines Kandidaten für sich genommen erniedrigend. Wird dies auch noch durch eine Nahaufnahme und mit entsprechenden musikalischen Einspielern betont, so wird die demütigende Wirkung hierdurch weiter verstärkt. Solche Szenen, wie sie tatsächlich vorgekommen sind, erhalten aufgrund derartiger Effekte besondere Bedeutung und werden darüber hinaus auch noch oftmals zum Bewerben der Sendungen verwendet. Dies hat zur Folge, dass derart demütigende Darstellungen häufig bereits vor der Sendung wiederholt werden, wodurch besonders viele Zuschauerinnen und 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 254 Zuschauer erreicht werden können und die Erniedrigung noch verstärkt werden kann. Dies ist auch deshalb problematisch, weil das, „was heute ein Tabubruch ist, morgen schon Normalität sein wird, denn der Gewöhnungseffekt der Zuschauer ist nicht zu unterschätzen“ (Klass 2011, 24). Nahaufnahmen sowie besondere Betonungen von bestimmten Szenen können somit ebenfalls zur Demütigung der gezeigten Personen beitragen bzw. sie verstärken. Neben diesen künstlichen Betonungen einzelner Szenen und dem gezielten Einsatz bestimmter Effekte, die eine verspottende Darstellung der Kandidatinnen und Kandidaten begünstigen, kommen auch immer wieder demütigende Äußerungen vor, wie nachfolgend aufgezeigt wird. Herabwürdigende Äußerungen Besonders eindeutig sind Akte der Demütigung oder Beleidigung im Reality TV, wenn sie durch einen den Kandidatinnen und Kandidaten in der Regel „überlegenen“ Moderator oder eine Moderatorin, ein Jurymitglied oder auch durch andere bei den Dreharbeiten Anwesende geäußert werden. Teilnehmerinnen und Teilnehmer können in den Sendungen bloßgestellt und „zu Unterhaltungszwecken instrumentalisiert“ (Klass 2011, 19) sowie „angeprangert oder verächtlich gemacht, geschmäht oder ausgegrenzt werden“ (Klass 2011, 27), wie Klass beschreibt. Dies könne zum Beispiel „dadurch geschehen, dass Teilnehmer in Talkshows regelrecht ‚angeklagt’ und ‚abgeurteilt’ werden, Moderatoren, Gäste und Publikum Ankläger und Richter zugleich sind“ (Klass 2011, 27). So sei fraglich, ob Äußerungen wie die von „Dieter Bohlen wie ‚Du hast einfach nichts drauf, außer vielleicht Zahnbelag, geh nach Hause und lass dich löschen’ den Betroffenen und seinen Achtungsanspruch in einer Art und Weise tangieren, dass eine Menschenwürdeverletzung in Form der Schmähkritik zu bejahen ist“ (Klass 2011, 19). Gerade die Nominierungspflichten, die ein grundlegendes Element innerhalb vieler der Formate darstellen, und auch die „grundsätzliche Vermittlung negativer Verhaltens- und Kommunikationsmuster sowie die Brutalisierung des zwischenmenschlichen Umgangs“ (Klass 2011, 28) können zu „medialem Mobbing“ (Klass 2011, 28) führen, wie Klass feststellt. So käme es auch zu Beleidigungen und Beschimpfungen von Menschen, die nicht der ästhetischen Norm entsprechen, zum Propagieren eines Frauenbildes, 4.3.2.4 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 255 welches Frauen auf bloße Objekte reduziert sowie zu Darstellungen von Menschen auf abwertende Weise und Instrumentalisierungen zum Zwecke der Show (vgl. Klass 2011, 28), wie im Fall der Demütigung durch Bohlen. Auch Kalkofe weist auf die abwertenden Sprüche Bohlens hin und auf die „redaktionellen Bearbeitungen, durch welche die Kandidaten zu absoluten Vollidioten degradiert werden und in denen man sie mit Spott und Häme überschüttet“ (Kalkofe 2012, 182). Pörksen und Krischke beschreiben zudem einen Fall, in dem eine Kandidatin allein wegen ihres Namens verspottet wurde und stellen fest: „Wenn […] dem Opfer schon der eigene Name als selbstverschuldete Einladung zu medialer Häme angelastet wird, dann gilt das erst recht für das ‚falsche’ Aussehen oder Auftreten vor der Kamera.“ (Pörksen, Krischke 2012, 30) Angriffe und Verletzungen der Ehre und des Ansehens resp. der Person- Würde lassen sich folglich in einigen Bestandteilen der Formate eindeutig feststellen. All diese Demütigungen und Erniedrigungen treffen das Ansehen real existierender Persönlichkeiten, die im Anschluss an die Sendung mit dieser Bewertung leben müssen. Derartige Diffamierungen werden nicht nur absichtlich ausgestrahlt, sondern auch absichtlich geäußert, um den Unterhaltungswert zu steigern. Rechnen die Kandidatinnen und Kandidaten bereits damit und lässt sie dies kalt, ist die Wirkung möglicherweise geringer, als wenn ein Teilnehmender nicht mit einer derartigen Reaktion gerechnet hat, wie bereits in Kapitel 4.3.2.1 erläutert. Trotzdem ist fraglich, ob Äußerungen dieser Art überhaupt öffentlich getätigt werden sollten – nicht nur hinsichtlich der Auswirkungen auf die individuelle Kandidatin oder den einzelnen Kandidaten, sondern auch mit Blick auf die Wirkung auf das soziale Miteinander innerhalb der Gesellschaft, in der der derartige Umgang mit Menschen nicht als erstrebenswert angesehen werden sollte. Zu fragen ist zudem, ob auch die Ausstrahlung selbst ein Akt der Demütigung sein kann. Erzeugung und Ausstrahlung der Szenen Als Demütigung in Betracht zu ziehen ist zudem sicherlich in manchen Fällen die Tatsache, dass eine Szene, die eine Person in einer für sie nachteiligen Situation zeigt, überhaupt erzeugt und ausgestrahlt wird. Fragwürdig seien Klass zufolge „Ausstrahlungen, die Personen zeigen, welche sich ganz offensichtlich in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden und nicht mehr in der Lage sind, ihre Gefühle und Emotionen zu beherrschen“ 4.3.2.5 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 256 (Klass 2011, 28). Würden solche Kontrollverluste ausgenutzt und kommen weitere nachteilige Szenarien hinzu, wie „therapeutische Fragetechniken oder gar Methoden der Psychoanalyse […], denen der Betroffene in der Situation nicht gewachsen ist, besteht eine erheblich[e] Gefahr für die durch Art. 1 Abs. 1 GG garantierte Selbstbestimmung des Einzelnen“ (Klass 2011, 28f.). Es ist also vorstellbar, dass sich Kandidatinnen oder Kandidaten in einem Moment ungeschickt oder unangemessen verhalten. Eine erste Demütigung bestünde dann darin, dass diese Szene überhaupt erzeugt wird und ein weiterer demütigender Akt läge in der Tatsache, dass diese Szene ausgestrahlt wird, anstatt sie herauszuschneiden. Nicht nur das Zeigen des extremen Verhaltens der Dargestellten, sondern auch die einfache Veröffentlichung der aktuellen Lebenssituation kann jedoch schon problematisch sein. So beschreibt Shufeldt Esch, es käme vor, dass Kandidatinnen und Kandidaten in Sendungen wie Extreme Makeover: Home Edition – ein deutsches Pendant hierzu ist Zuhause im Glück – als Bedürftige angesehen werden. Sie ist der Auffassung: „While the show often makes an effort to present each family as fully human, the message is easily lost in a parade of the downtrodden or deserving poor“. (Shufeldt Esch 2012, 48) Vor der Teilnahme an einer solchen Sendung litten die Familien bereits im Stillen, aber nach der Ausstrahlung weiß nicht nur die gesamte Stadt, sondern auch die komplette Nation über die privaten Umstände Bescheid: „Whereas before EMHE [Extreme Makeover: Home Edition] a family may have been struggling with quiet dignity, after EMHE, the whole town, the whole nation, will know the particulars of their insurance/ mortgage/unemployment/health woes. For these participants, the loss of privacy is unlikely to lead to a financial loss, but it may well dramatically alter their reputation in the community.“ (Shufeldt Esch 2012, 48) Dies sei auch dann der Fall, wenn ihr Leben nach der bzw. durch die Show eine gute Wendung nimmt (vgl. Shufeldt Esch 2012, 48). Folglich könnte es bereits als Erniedrigung angesehen werden, dass die „Fehler“ der Kandidatinnen und Kandidaten überhaupt ausgestrahlt werden – hätten die Produzenten im Schnitt doch die Möglichkeit, für sie unangenehme, peinliche und einschneidende Szenen einfach auszulassen. Stattdessen werden oftmals genau diese Szenen wiederholt, wie zuvor beschrieben, mit Effekten bearbeitet und in den jeweiligen Sendungen mehrfach thematisiert, sodass sie zu einer dauerhaften Demütigung oder zu einer herablassenden Haltung und Einstellung gegenüber den Betroffenen führen können. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 257 Schließlich hat es Wegener zufolge den Anschein, „als wenn Emotionen gleich einer Ware zum raschen, unreflektierten Konsum angeboten werden“ (Wegener 1994, 45). Dabei sei nachgewiesen, dass „der emotionale Gehalt von Medienbotschaften am längsten und am prägnantesten beim Rezipienten haften bleibt“ (Wegener 1994, 45). Es sei ein Ausnutzen, Anprangern und eine Instrumentalisierung Einzelner, die ebenso wie die „die Darstellung und das Propagieren bestimmter Menschenbilder […] im Einzelfall die Menschenwürde verletzen“ (Klass 2004, 144) können. Somit kann auch die bloße Tatsache, dass eine Sendung ausgestrahlt wird, die dem Ansehen der Dargestellten nicht zuträglich ist, als Demütigung bzw. Person-Würdeverletzung verstanden werden, und zwar auch dann, wenn die zumindest rechtssichere Zustimmung der Kandidatinnen und Kandidaten vorliegt. Nicht selten werden solche Geschichten zudem von anderen Medien oder anderen Shows wieder aufgegriffen, und die Betroffenen erfahren hierdurch unter Umständen eine weitere Demütigung, wie nachfolgend dargestellt wird. Zweitverwertungen Schließlich können, auch wenn dies zunächst als sekundäre Folge der jeweiligen Show anzusehen ist, Demütigungen dadurch entstehen bzw. wiederholt werden, dass Darstellungen von Kandidatinnen bzw. Kandidaten in Magazinen und Satire-Sendungen oder auch im Internet an verschiedenen Stellen wieder aufgegriffen und noch einmal (unter Umständen sogar noch lächerlicher) präsentiert und kommentiert werden. Dies sei meist bereits in dem mehrseitigen Vertrag festgehalten, in dem man erklärt, dass man „mit dem Abdrucken von Fotos in irgendwelchen Zeitschriften einverstanden ist“ (Birkhahn 2012, 65). Es scheint sogar vorzukommen, dass die Produzenten des Reality TV- Formats mit denen einer anderen Show zusammenarbeiten und die Kandidatinnen und Kandidaten in das Studio des jeweils anderen fahren, um sie dort zu demütigen, wie beispielsweise Grimm beschreibt: „Wir standen gerade als Popstars-Gewinner […] fest und wurden danach sofort ins Studio zu Stefan Raabs tv total gefahren. [...] Auf der Fahrt vom Popstars-Studio in Köln begleitete uns ein Kamerateam im Auto. Jede Sekunde wurde festgehalten“ (Grimm, Kesici 2010, 40f.). Dort angekommen, versetzte ihm der Moderator der Sendung nach eigenen Angaben „einen Schlag in die Magengrube“, indem er die Gruppe mit 4.3.2.6 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 258 den Worten: „Meine Damen und Herren, jetzt kommen die frischgebackenen Popstars. Merken Sie sich ihre Fellkostüme genau, denn in spätestens einem Jahr können Sie sie in denselben Kostümen irgendwo in einer Stadt in Deutschland unter der Brücke rumlungern sehen“54 (Grimm, Kesici 2010, 40f.) ankündigte. Wenige Minuten zuvor hatten sie eine Casting- Show gewonnen und wurden kurz danach mit derartig herabwürdigenden Worten im nächsten Studio angekündigt. Sollten die beiden Shows tatsächlich zusammenarbeiten, scheint dies eine äußerst moralisch problematische Vorgehensweise zu sein: Die eine Sendung bringt neue „Stars“ hervor, welche die andere anschließend dazu verwenden kann, um über sie herzuziehen. Dies scheint eine doppelt unzulässige Instrumentalisierung und zudem eine intendierte Verletzung der Person-Würde der Betroffenen zu sein. Während diese Kandidatinnen und Kandidaten zumindest aus der Casting-Show positiv hervorgetreten sind und sich hierüber auch positiv berichten ließ, lassen sich andere Formate „wie Deutschland sucht den Superstar […] kaum noch parodieren, ohne auch die Demütigungen der Teilnehmer zu zeigen, denn daraus bestehen diese Sendungen inzwischen zum Großteil“ (Kalkofe 2012, 177f.). Klass bezeichnet diese Vorgehensweise als „kommerzielle ‚Ausnutzung’ einzelner Menschen zum Zwecke der Show – die ‚Kommerzialisierung menschlichen Lebens’“ (Klass 2004, 144). Die zuvor bereits erwähnte Kandidatin, die aufgrund ihres Namens verspottet wurde, war sogar zum Zeitpunkt der Ausstrahlung noch minderjährig und wurde ebenfalls Opfer der Show TV Total. Hier wurde mit pornographischen Wortspielen über ihren Namen hergezogen und der entsprechende Ausschnitt in drei weiteren Ausgaben dieser Sendung wiederholt. Die Kandidatin „erlebte einen Albtraum: Monatelang musste sie Spott in der Schule, Pöbeleien auf dem Heimweg und nächtliche anonyme Anrufe ertragen“ (Pörksen, Krischke 2012, 29). Da sie gegen den Moderator geklagt hatte und daraufhin ein Schmerzensgeld zugesprochen bekam, gilt der Fall als Präzedenzfall für eine erfolgreiche Klage einer Nicht-Prominenten gegen einen Sender (vgl. Pörksen, Krischke 2012, 29). Zugleich sei dieser „Fall ein typisches Beispiel für die Verdrehung der Opfer- und Täter-Rolle, mit der die verantwortlichen Akteure und ihre Sympathisanten sich zu rechtfertigen versuchen“ (Pörksen, Krischke 2012, 29). Für die Sendeverantwortlichen sei die Kandidatin „selbst schuld, weil sie mit sol- 54 Die Band, die den Namen „Nu Pagadi“ trug, war bekannt für Kostüme aus Fell, die wie der Name ebenfalls durch das Produktionsteam für sie ausgewählt wurden. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 259 chen Namensspielen hätte rechnen müssen“ (Pörksen, Krischke 2012, 29). Witze auf Kosten anderer seien schließlich das Populärste überhaupt. Wenn sich irgendwelche Leute vorführen ließen, amüsiere das dem RTL- Verantwortlichen Thoma zufolge ungeheuer (vgl. Thoma 2012, 320). Hierin zeigt sich, dass ein äußerst schmaler Grat zwischen der akzeptablen Darstellung einer Person zur Belustigung anderer und Mobbing bzw. Demütigung liegt, wobei hier kaum noch von einer gesellschaftlich akzeptablen Belustigung gesprochen werden kann, was auch das Gerichtsurteil nahelegt. Es bleibt festzuhalten, dass derartige Instrumentalisierungen von Personen, die nicht zuletzt der Steigerung der Einschaltquoten dienen sollen, offensichtlich nicht unüblich sind, und dabei ethisch höchst problematisch scheinen, da sie in mehrfacher Hinsicht Verletzungen der Person-Würde der Betroffenen darstellen. Doch nicht nur die Dargestellten, sondern auch andere können unter Umständen von derartigen Instrumentalisierungen betroffen sein, wie der folgende Abschnitt zeigt. Die „Person-Würde“ Dritter In den vorangegangenen Ausführungen wurde bereits angedeutet, dass unter Umständen nicht nur Erniedrigungen der Dargestellten, sondern auch von Dritten in Betracht gezogen werden müssen. Personen, die sich mit den Dargestellten identifizieren oder diejenigen Merkmale teilen, die im Reality TV diskreditiert werden, könnten sich ebenfalls betroffen fühlen. Im schlimmsten Fall tritt zudem die Befürchtung Shufeldt Eschs ein, dass Stereotypen und den Menschen, die ihnen zugeordnet werden, auch im Alltag eine gewisse Erwartungshaltung hinsichtlich ihres Verhaltens entgegengebracht wird. Diese wird mutmaßlich nicht nur das Leben der Dargestellten, sondern auch derjenigen, die nicht im Fernsehen zu sehen sind, aber die entsprechenden Eigenschaften teilen, beeinflussen, was schließlich – bei entsprechenden Konsequenzen – wiederum als Begünstigung möglicher Person-Würdeverletzungen verstanden werden könnte. Doch nicht nur diejenigen, die sich mit den Dargestellten identifizieren oder bestimmten, durch das Reality TV beeinflussten Stereotypen entsprechen, können von der Ausstrahlung der Sendungen betroffen sein. Ebenfalls zu den „Dritten“ zählen diejenigen, die in irgendeiner Weise mit den Dargestellten verwandt oder bekannt sind sowie Personen, über die sich die Protagonistinnen und Protagonisten in der Ausstrahlung äußern. Klass erkennt hierin eine Gefahr für das Persönlichkeitsrecht Dritter, denn es sei 4.3.2.7 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 260 „problematisch, dass Sendungen des Realitätsfernsehens sehr häufig ein Forum für drittbezogene Äußerungen bieten. […] Man plaudert über die frühere Liebe, den betrügerischen Nachbarn, den schlagenden Vater oder offenbart sonstige persönliche Details von Personen“ (Klass 2004, 52). Dabei würden Dritte „ohne Widerspruchsmöglichkeit ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezogen“ und „vielfältige Aussagen gemacht: wahre und unwahre, herabwürdigende, weitreichende oder schlicht unangenehme“ (Klass 2004, 53). Und sogar dann, wenn nicht über die Person gesprochen wird, ist denkbar, dass der Fernsehauftritt der Mutter, des Sohnes, des Freundes oder auch des Arbeitnehmers Auswirkungen auf die „Daheimgebliebenen“ haben könnte. Dies zeigt das Beispiel von Gmür, bei dem sich eine Studierende im Fernsehen als homosexuell geoutet und am folgenden Morgen eine „Lebensmittelverkäuferin der Mutter zu dem mutigen Statement ihrer Tochter“ (Gmür 2004, 94) gratuliert hatte. Die Mutter sei ahnungslos gewesen, „sowohl über den Fernsehauftritt ihrer Tochter als auch über deren sexuelle Neigungen, über welche sie sich in deren Gegenwart immer wieder despektierlich geäußert hatte“ (Gmür 2004, 94). Da die Mutter die Ansicht vertrat, dass nun die Ehre der Familie zerstört sei, brach sie „den Kontakt zur Tochter ab, vernichtete einen Teil ihrer zu Hause zurückgelassenen persönlichen Habseligkeiten und schickte ihr den andern Teil kommentarlos zu“ (Gmür 2004, 94). Etwa zwei Monate später sei „die Tochter in einem angetrieben-ängstlichen psychotischen Zustand hospitalisiert“ (Gmür 2004, 94) worden. Zwar ist fraglich, ob die Mutter nicht möglicherweise ähnlich reagiert hätte, wenn die Tochter sich ihr persönlich anvertraut hätte. Zu behaupten, dass die Tochter aufgrund des Fernsehauftritts in diesen psychotischen Zustand geraten ist, wäre demnach ein voreiliger Schluss. Dieses Beispiel zeigt aber, dass Fernsehauftritte grundsätzlich auch Folgen für Personen haben können, die selbst weder gezeigt noch im Fernsehen erwähnt werden. Auch wenn hierüber an dieser Stelle nur spekuliert werden kann, so ist doch vorstellbar, dass dies besonders im Falle von Personen, deren Verwandte oder Bekannte einen beschämenden Auftritt im Fernsehen hatten, zu Mobbing und Ausgrenzung führen kann, womit sie unter Umständen jahrelang zu kämpfen haben. Auch derartige Wirkungen sollten Produzenten von Reality TV-Formaten in Betracht ziehen, bevor sie eine Sendung auf die eine oder andere Art gestalten. 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 261 Zwischenfazit All die in den vorangegangenen Ausführungen genannten Aspekte tragen dazu bei, dass der schwerwiegende Vorwurf der Würdeverletzung gegen das Reality TV laut wird. Die Analyse zeigt, dass es Grund zu der Annahme gibt, dass einige Bestandteile den moralischen Status resp. die Menschenwürde oder das Ansehen resp. die Person-Würde der Dargestellten verletzen können. Es wird deutlich, dass erniedrigende und herabsetzende Handlungen im Reality TV vorkommen. Es wird aber auch festgestellt, dass diese Erniedrigungen, zumindest im Falle von erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, nicht im Sinne von Missachtungen des Artikel 5 der AEMR zu verstehen sind. Erniedrigungen und unmenschliche Behandlung in der Bedeutung des Artikels 5 der AEMR sind mutmaßlich mit einem Zwang verbunden, dem sich die Betroffenen nicht entziehen können und dies scheint hier nicht einschlägig zu sein, denn die erwachsenen Kandidatinnen und Kandidaten hätten grundsätzlich die Wahl, nicht an Reality TV- Formaten teilzunehmen. Die erniedrigenden Äußerungen oder Handlungen, die im Reality TV festgestellt werden können, scheinen vielmehr die Person-Würde der Kandidatinnen und Kandidaten sowie unter Umständen Dritter zu betreffen. Einzig darüber, ob die Fremdbestimmtheit durch die Eltern möglicherweise für Minderjährige eine erniedrigende und unmenschliche Behandlung im Sinne der AEMR darstellt, muss gesondert nachgedacht werden, was jedoch ein eigenes Thema darstellt und im Rahmen dieser Studie nicht abschließend geklärt werden kann. Die Überlegungen dazu, ob in Bestandteilen des Reality TV möglicherweise Diskriminierungen vorkommen, zeigen, dass auch dieser Vorwurf eher nicht zutrifft, bzw. dass eventuelle Diskriminierungen im Rahmen der Drehabläufe und vor Ausstrahlung der Sendung wohl gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen. Es wird jedoch auch deutlich, dass die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten und die Betonung rollenspezifischer Merkmale zur Bildung von Stereotypen beitragen können, die wiederum Diskriminierungen begünstigen können. Ethisch unzulässige Eingriffe in das Privatleben liegen immer dann vor, wenn die von der Sendung betroffenen Personen, womit auch Dritte eingeschlossen sind, nicht ausreichend über den Ablauf der Sendung und die möglichen Folgen für das Leben nach der Ausstrahlung aufgeklärt sind. Besonders verwerflich ist es, wenn die Sendungsverantwortlichen die Unwissenheit und mangelnde Fähigkeit zur Antizipation der Kandidatinnen und Kandidaten bewusst ausnutzen und die Eingriffe in ihr Privatleben 4.3.3 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 262 dazu führen, dass das Ansehen der Personen beschädigt wird. Insbesondere im Falle von (nicht zustimmungsfähigen) Kindern und Jugendlichen sind die Darstellungen im Fernsehen wohl oftmals als willkürliche, im Sinne von „beliebige“, Eingriffe in ihr Privatleben zu verstehen. Derartige Eingriffe in das Privatleben sind zwar möglicherweise rechtlich unproblematisch, weil die Teilnehmenden durch den Abschluss des Vertrages ihre Zustimmung ausdrücken, doch aus ethischer Perspektive sind diese oftmals unzulässige Angriffe auf den moralischen Status der betroffenen Personen. Somit kann auch die in Artikel 29 der AEMR geforderte Einhaltung der Pflichten gegenüber der Gesellschaft in einigen Fällen als missachtet angesehen werden, weil die Freiheit der Produzenten nicht beim Schutz der Privatsphäre der Protagonistinnen und Protagonisten endet, sondern diese Grenze oftmals überschritten wird. Ebenso zeigt die Analyse, dass auch Person-Würdeverletzungen ein sogar häufiger Bestandteil von verschiedenen Reality TV-Formaten sind. Nicht nur Teilnehmende, sondern auch Rezipientinnen und Rezipienten erkennen an verschiedenen Stellen Hinweise auf Demütigungen oder beschreiben Umstände, die als demütigend bezeichnet werden können. Dies bedeutet, dass es Indizien mindestens für einzelne Fälle der „Person-Würdeverletzung“ gibt. Insbesondere Urteile wie jenes von Bolz, nach dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur noch „Menschenmaterial“ (Bolz 2012, 74) seien, zeigen, dass auch den oftmals mit dem Würdebegriff verknüpften Ideen wie dem Instrumentalisierungsverbot, der Wahrung der Selbstachtung und der Autonomie oder der Schutz des jeweils individuellen Wertes jedes menschlichen Individuums im Reality TV unter Umständen keine gebührende Achtung geschenkt wird. Bolz’ Ansicht nach gebe man die Menschenwürde an der Garderobe ab, wobei der Begriff „Menschenwürde“, der von Bolz leider nicht näher erläutert wird, bei einer Casting-Show eher fehl am Platz sei (vgl. Bolz 2012, 74). Groebel ist der Auffassung, es gebe „die genuin peinlichen, die aber gar nicht peinlich sind“ (Groebel 2012, 156); jemand, der einfach minderbegabt sei, sei aus seiner Sicht vielleicht bedauernswert, aber nicht peinlich. Er werde dem Publikum aber zum Fraß vorgeworfen (vgl. Groebel 2012, 156). Bei denjenigen, die offensichtlich nicht ausreichend reflektieren können, sei es moralisch verwerflich, sie in solchen Reality TV-Sendungen zu missbrauchen (vgl. Groebel 2012, 155), wobei mit „Missbrauch“ hier sicherlich das Vorführen und Blamieren der Kandidatinnen und Kandidaten gemeint ist. Diejenigen, die die Konsequenzen des eigenen Tuns nicht überblicken könnten, dürften seiner Ansicht nach auch nicht vorgeführt werden (vgl. Groebel 2012, 155). So wäre es auch für die 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 263 oben erwähnte Familie, die bei verschiedenen Reality TV-Formaten bereits mitgewirkt hat, vermutlich besser gewesen, nicht vorgeführt worden zu sein. Auf die Frage, ob sie es bereuen, das Fernsehen zu sich eingeladen zu haben, antwortet die Mutter: „Ja. Wenn wir die Uhr zurückdrehen könnten, würden wir bei vielen Sendungen nicht mehr mitmachen. Wir sind nicht so, wie wir im Fernsehen dargestellt wurden“ (Birkhahn 2012, 66). Sie als Erwachsene könne damit vermutlich noch besser umgehen als ihre Kinder. Sie wüssten nie, was hinter ihrem Rücken geredet würde (Birkhahn 2012, 66). Darum bereue sie gerade diejenigen Auftritte, „die sich auf der psychologischen Ebene abspielten und die Kinder zu stark herausstellten“ (Birkhahn 2012, 66). Ihr ältester Sohn galt, als die Super Nanny bei ihnen war, „als Problemkind, das seinen Stiefvater beschimpfte – nicht gerade die beste Position. Nach der Ausstrahlung wollten sich viele aus seiner Schule mit ihm fotografieren lassen und das alles war ihm sehr unangenehm“ (Birkhahn 2012, 66). Kinder sind der Zustimmung ihrer Eltern in solchen Fällen in großen Teilen ausgeliefert. Daher ist die Darstellung von Kindern und Jugendlichen, wie bereits in den Ausführungen zu den Menschenwürdeverletzungen dargelegt, besonders problematisch. Insgesamt wird deutlich, dass sowohl der moralische Status mutmaßlich in einigen Formaten missachtet wird, als auch dass Demütigungen im Reality TV in Kauf genommen und intendiert werden, und dass sich einzelne Kandidatinnen und Kandidaten auch gedemütigt fühlen bzw. dass die Rezipienten einzelne Vorgehensweisen als erniedrigend bezeichnen würden. Dabei ist zu bedenken, dass wohl in den meisten Fällen eine Kombination aus mehreren solcher Verstöße vorliegt. Die verschiedenen Aspekte wie der Eingriff in die Privatsphäre, der Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten oder auch die Bearbeitung in der Postproduktion wurden hier zwar getrennt voneinander beurteilt; in der Regel ist es aber eine Kombination aus mehreren dieser Aspekte, die die Produktion und Ausstrahlung dieser Formate ethisch so problematisch werden lässt. Ein pauschales Urteil über das Genre, die einzelnen Kategorien oder einzelne Formate wäre jedoch verfehlt, weil jeder einzelne einen individuellen Fall darstellt, der von all den genannten Faktoren abhängt und bei dem es oftmals eine schmale Gratwanderung zu sein scheint, ob er ethisch zu vertreten ist oder nicht. Zu diesem Resultat gelangt auch Klass: „Ob eine einzelne Sendung als unzulässig, weil die Menschenwürde verletzend, angesehen werden muss, ist jedoch stets eine Frage des Einzelfalls und hängt maßgeblich von deren redaktioneller Ausgestaltung und Dramaturgie, dem konkreten Inhalt sowie dem damit verbundenen Aussagegehalt ab.“ (Klass 2011, 126f., Hervorhebung im Original) 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV 264 Die Programmverantwortlichen müssten erkennen, „dass sich ihre Angebote zwar oftmals innerhalb des durch das Recht gesteckten Rahmens, aber nicht selten außerhalb der Toleranzgrenzen vieler Zuschauer bewegen“ (Klass 2011, 129). 4.3 Sind Bestandteile des Reality TV würdeverletzend? 265 Fazit und Ausblick „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ – so lautete die zu analysierende Ausgangsthese. Die vorliegende Studie zeigt, dass ein die Würde betreffendes Urteil über die vielgeschauten Formate des Reality TV differenzierter ausfallen muss. Zunächst war die Klärung sowohl des Inhaltes und der Merkmale des Reality TV als auch der Bedeutung von Würde vonnöten. Bemerkenswert an der Auseinandersetzung mit den heterogenen Theorien zur Würde ist, dass sie verdeutlicht, dass der Begriff der Würde in der Regel ganz selbstverständlich verwendet wird, während eine einhellige Vorstellung darüber fehlt, was er genau bezeichnet. Damit ist „Würde“ zwar zweifellos kein Einzelfall; zahlreiche Begriffe sind, wie auch im Verlauf der Studie deutlich wird, vage oder mit verschiedenen Bedeutungen belegt. Dass dies bei dem laut Grundgesetz als höchster zu schützende Wert, auf den sich zahlreiche Diskurse und Rechtsdokumente beziehen, auch der Fall ist und ein lebhafter Diskurs über seine Bedeutung herrscht, ist jedoch umso erstaunlicher. Die Ansätze, die den Menschenwürdebegriff über die Menschenrechte zu erläutern versuchen, können zwar die Verbindung zwischen Würde und Rechten klären, letztlich bleibt aber jeweils offen, was genau unter Menschenwürde verstanden werden kann, sofern sie nicht restlos in den Menschenrechten aufgeht. Theorien, die Würde als einen allen Menschen zukommenden Wert verstehen, fehlt es an der Erklärung, wie sich die Zuschreibung dieses Wertes begründen lässt. Würde als Eigenschaft aufzufassen, klärt wiederum nicht, was Würde ist, wenn nicht ein Synonym für die jeweilige Eigenschaft. Weber-Guskar beschreibt Würde als Haltung, die verlangt, dem eigenen Selbstbild und selbstgesetzten Normen zu entsprechen. Damit wird Würde jedoch auf einer intuitiv-subjektiven Ebene erklärt und objektive Urteile über Würdeverletzungen, welche Weber-Guskar selbst nicht aufgeben will, werden damit kaum möglich, sodass auch diese Theorie nicht überzeugen kann. Aus den Überlegungen, Würde sei mit Selbstachtung verbunden folgt, dass einige Menschen, nämlich diejenigen, die sich nicht selbst achten können, von der Gruppe der Würdeträger ausgeschlossen werden, was der weitläufig vertretenen Auffassung von Würde als jedes menschliche Individuum einschließendes Konzept widerspricht. Würde als bloße „Worthülse“ aufzufassen, scheint ihrer großen Be- 5. 266 deutung innerhalb zahlreicher Rechtsdokumente und ethischer Diskussionen nicht gerecht zu werden. Aus diesem Grund wurde hier der Vorschlag unterbreitet, mit Blick auf die historischen Verwendungsweisen zwischen „Menschenwürde“ als Bezeichnung für den gleichen moralischen Status, der allen Menschen zukommt und durch die Menschenrechte geschützt werden soll, und „Person- Würde“ als Bezeichnung für Ansehen bzw. Ehre zu differenzieren. Weiter sieht es dieser Ansatz vor, die Würdebegrifflichkeiten nach Möglichkeit von ethischen Diskursen fernzuhalten und die zu analysierenden Problematiken konkret zu benennen. Im Fall der Menschenwürdeverletzungen sind dies Verstöße gegen die Menschenrechte; im Fall der Person-Würde ist die Prüfung vonnöten, ob Demütigungen, Beleidigungen, Herabsetzungen oder andere die Ehre oder das Ansehen einer Person betreffende Vergehen vorliegen. Der hier vorgestellte und entwickelte Vorschlag, jeweils die konkrete Problematik zu benennen, führt zwar dazu, dass der Würdebegriff ersetzbar wird. Der Ansatz erläutert jedoch, dass es eben nicht die Leere des Begriffes, sondern die historisch gewachsene Mehrdeutigkeit ist, die seine Ausdifferenzierung in ethischen Diskursen notwendig werden lässt. In der Anwendung dieses Vorschlages stellt sich heraus, dass die These „Reality TV verletzt die Menschenwürde“ letztlich zu allgemein und zu ungenau ist. Nicht nur wird der Begriff „Reality TV“ als Bezeichnung für ein bestimmtes Genre verwendet, unter das sich bestimmte Formattypen ordnen lassen, welche sich aus verschiedenen Formaten und diese wiederum aus einzelnen Sendungen und einzelnen Szenen zusammensetzen, die jeweils alle sehr unterschiedlicher Art sein können. Dies allein lässt schon keine pauschale Beurteilung zu. Auch treffen nicht alle Vorwürfe auf sämtliche Bestandteile des Reality TV zu. Nicht immer werden die Kandidatinnen und Kandidaten erniedrigt und nicht in jeder Show werden Menschenrechte verletzt bzw. der moralische Status der Teilnehmenden berührt. Ob derartige Vergehen tatsächlich vorkommen, muss von Fall zu Fall einzeln geprüft werden und hängt von verschiedenen Umständen, wie der Fähigkeit der Teilnehmenden, die Konsequenzen zu antizipieren, der Gestaltung der Drehabläufe und der Bearbeitung in der Postproduktion sowie der Art des Umgangs mit den einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten ab. Genauer müsste der Vorwurf folglich lauten: Einige Bestandteile des Reality TV verletzen die Person-Würde und einige Bestandteile des Reality TV verletzen die Menschenwürde. Da diese These jedoch aufgrund der Verwendung der Würdebegrifflichkeiten nicht präzise aussagt, worin diese Menschen- bzw. Person-Würdeverletzungen bestehen, 5. Fazit und Ausblick 267 wäre es präziser zu behaupten: Einige Bestandteile des Reality TV sind demütigend und einige Bestandteile des Reality TV verletzen in einigen Fällen Menschenrechte. Auch wenn dies die ursprüngliche Aussage vielleicht ein wenig relativiert, ist doch die Entwicklung, die sich bezüglich dieser Formate in den letzten Jahren abzeichnet, nicht zu unterschätzen, da eine Tendenz zu immer massiveren Grenzüberschreitungen zu erkennen ist. Jede Grenze, die man erreiche, sei eine Benchmark, die beim nächsten Mal wieder übertroffen werden müsse. Eine voyeuristische Darstellung wie bei Big Brother sei zu Beginn ein Skandal gewesen, heute erscheine sie bereits als Normalität (Schawinski 2012, 264). Dabei zeichne sich die künftige Entwicklung bereits ab: „Vor laufender Kamera wird nicht nur nackt gebadet, sondern auch kopuliert. Früher galt das als Pornografie, heute ist es ‚Free Television’. Die Grenzen werden immer weiter gezogen.“ (Schawinski 2012, 264) Da es sich bei den Protagonistinnen und Protagonisten um Privatpersonen handelt, ist davon auszugehen, dass eine Ausweitung der Grenzen auch Auswirkungen auf ihr Ansehen und/oder ihre Rechte haben kann. Die Massivität der Eingriffe in Persönlichkeitsrechte durch Boulevardmedien habe zudem deutlich zugenommen. Diese Entwicklung erkläre sich „aus der harten Konkurrenzsituation im Medienmarkt, den veränderten Seh- und Lesegewohnheiten, aber auch der Schnelligkeit im Kommunikationsgeschäft“ (Schertz 2007, 23). Den Medien gehe es um den Kampf um Aufmerksamkeit beim Leser und Zuschauer (vgl. Schertz 2007, 23). Skandalisierungen und Provokationen seien Garanten für Aufmerksamkeit. Diese wiederum führe zu einer erhöhten Rezeption, welche insbesondere für die werbefinanzierten Anstalten überlebenswichtig sei, denn im Privatfernsehen gelte die Regel, dass es ohne Aufmerksamkeit keine Zuschauer und ohne Zuschauer letztlich keine Werbeeinnahmen gebe (Klass 2011, 22f.). So geht RTL noch einen Schritt weiter und plant offensichtlich die Live-Ausstrahlung einer Herzoperation (vgl. Mantel 2019), was angesichts der möglichen Folgen für die Kandidatinnen und Kandidaten auf dem Operationstisch alles bisherig Dagewesene wohl noch einmal übertrifft und insbesondere den moralischen Status resp. die Menschenwürde, aber auch die Person-Würde betreffen wird. Bei all der Grenzüberschreitung und Skandalisierung darf nicht vergessen werden, dass diejenigen, die mit potentiell negativen Folgen hieraus leben müssen, zunächst die Dargestellten sind. Sie nehmen sicherlich nicht selten mit einer hohen Erwartungshaltung an diesen Formaten teil, doch echte Stars, deren Ruhm die jeweilige Staffel überdauerte, seien bislang kaum entdeckt worden. Das Auswahlverfahren bei den meisten Casting- 5. Fazit und Ausblick 268 Shows liefere nur den Vorwand, um ein Melodram aus Hoffen und Bangen, Aufstieg und Absturz und Verzweiflung, Sentimentalität, Kampf und Intrige zu weben (vgl. Pörksen 2012, 23f.), was Schwierigkeiten hinsichtlich des Würdeschutzes erwarten lässt. Wie sich gezeigt hat, ist auch das Argument, Kandidatinnen und Kandidaten nähmen freiwillig an den Shows teil, auf das sich auch die Fernsehproduzenten berufen, differenziert zu betrachten. Manche Kandidatinnen und Kandidaten streben eine Teilnahme vielleicht sogar bewusst an, andere – hierzu sind sicherlich auch Minderjährige zu zählen – geraten in die Shows hinein, ohne dass sie dies selbstbestimmt hätten. So kann es betroffene Dritte geben, die unter Umständen negative Konsequenzen aufgrund der Teilnahme von Verwandten oder Bekannten spüren oder weil sie sogar explizit selbst genannt werden. Hinzu kommt, dass selbst diejenigen, die freiwillig teilnehmen, nicht immer wissen oder antizipieren können, worauf sie sich einlassen, was sie aufgrund ihrer schriftlichen Einverständniserklärung zwar nicht zu juristischen, aber zu Opfern aus ethischer Perspektive werden lassen kann. Die Problematik besteht darin, dass unklar und schwer ersichtlich ist, ob alle gleichermaßen hinreichend zustimmungsfähig sind und ob ein möglicher Druck zur Zustimmung eine unangemessene Rolle spielt. Und selbst bei denjenigen, die sich über mögliche Konsequenzen bewusst sind, ist zu fragen, ob ein freiwilliger Verzicht bzw. eine bewusste Inkaufnahme negativer Konsequenzen auf das eigene Ansehen nicht ebenfalls moralisch problematisch sind, denkt man beispielsweise an Kant, der Kriecherei verurteilt. Zudem bleibt eine Demütigung, auch bei einer Person, die sich freiwillig in die Situation begeben hat, immer noch eine Demütigung und ist moralisch zu verurteilen. Die Frage, die sich aufgrund dieser Erkenntnisse und der zu erwartenden weiteren Grenzüberschreitungen seitens der Produzenten nun stellt, lautet, wie mit bereits erfolgten und künftigen Person- und/oder Menschenwürdeverletzungen innerhalb des Fernsehens umgegangen werden soll. Schließlich existieren auf der einen Seite die Rundfunk- und Medienfreiheit und die freie Meinungsäußerung sowie die Autonomie der potentiellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer (sofern sie nicht noch Kinder sind) und auf der anderen Seite der ethische Bedarf nach einer Reglementierung und Unterbindung von Würdeverletzungen. Klass ist der Auffassung, dass die Frage, „ob und in welchem Umfang die Programmverantwortlichen diese Medienakteure, die auf der Suche nach Bestätigung und Anerkennung sind, für ihre Zwecke instrumentalisieren sollten […] keine Frage des Rechts, sondern der Moral und des Anstands“ (Klass 2011, 95) 5. Fazit und Ausblick 269 ist. Es setzt sich jedoch angesichts der beschriebenen Fälle der Eindruck durch, dass Moral und Anstand da aufzuhören scheinen, wo der finanzielle Vorteil für die Sender beginnt. Werden demgemäß solche Formate, welche die Würde nicht achten, vom Publikum nachgefragt, wird es vermutlich immer jemanden geben, der diese Formate auch produziert. Eine effektive Möglichkeit, derartige Shows von der Bildfläche verschwinden zu lassen, wäre also, sich als Fernsehkonsument über die Konsequenzen des eigenen Verhaltens bewusst zu werden und die Shows nicht mehr zu schauen. Würden hinreichend viele Zuschauerinnen und Zuschauer sich auf diese Weise verhalten, würde der ökonomische Anreiz für solche Formate nicht mehr gegeben sein. Dies aber bedürfte größerer Aufklärung, die, wie auch Postman schreibt, über die Schulen gelingen könnte: „Die verzweifelte Antwort empfiehlt, auf das einzige Massenmedium zu setzen, das, zumindest theoretisch, imstande ist, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen: auf unsere Schulen.“ (Postman 2003, S. 197) Es ist jedoch anzunehmen, dass die Aufklärung und die entsprechende Reaktion der Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer eines längerfristigen Prozesses bedarf und damit zunächst weitere Person- und/oder Menschenwürdeverletzungen erzeugt werden. Eine weitere denkbare Variante, die möglicherweise jedoch nicht realisierbar ist und von den Produktionsteams, womöglich auch mit dem Hinweis auf die Pressefreiheit, abgelehnt würde, wäre, den betreffenden Kandidatinnen und Kandidaten die fertige Sendung zu zeigen, bevor sie ausgestrahlt wird. Hier könnte ihnen die Möglichkeit zum Austausch mit anderen – womöglich auch Anwälten – sowie zur erneuten Zustimmung oder Ablehnung geboten werden. Dies könnte zumindest Würdeverletzungen, die durch die Ausstrahlung der Sendung erfolgen, verhindern. Auch dieser Vorschlag würde mutmaßlich von den Produzenten abgelehnt, da die Produktion der Sendung bereits Geld und Zeit gekostet hat und die Gefahr zu groß wäre, dass Kandidatinnen und Kandidaten eine Ausstrahlung verhindern könnten, was zu großen finanziellen Verlusten seitens der Produzenten führen würde. Abschließend lässt sich die Frage, wie künftig mit Reality TV-Formaten umgegangen werden sollte, an dieser Stelle nicht klären, aber diese und einige weitere Überlegungen könnten an die Ergebnisse dieser Studie angeschlossen werden. Die spannendste Frage ist sicherlich zunächst, wer die moralische Verantwortung für das, was in den Sendungen geschieht, trägt. Zum einen könnte die Verantwortlichkeit dem Produzenten bzw. den „Medienmachern“ zugesprochen werden, womit zunächst einmal jeder, der in die Produktion einer Sendung involviert ist, gemeint ist. Es wäre zu 5. Fazit und Ausblick 270 überlegen, ob jede einzelne Akteurin oder jeder einzelne Akteur, also sowohl die Kameraleute, als auch die Redaktionsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sowie die Senderverantwortlichen gleiche, ungleiche, geteilte oder vielleicht gar keine Verantwortung tragen. Zudem ist zu fragen, wofür sie verantwortlich sind und ob diese Verantwortung im Zusammenhang mit den Person- und/oder Menschenwürdeverletzungen zu sehen ist. Sind sie dafür verantwortlich, dass Kandidatinnen und Kandidaten sich (nicht) blamieren? Sollten sie bestimmte Szenen zum Schutz der Kandidatinnen und Kandidaten nicht zeigen dürfen? Müssen sie die Personenrechte Dritter schützen? Sind sie verantwortlich für die Wirkung einer von ihnen produzierten Sendung oder Szene auf das Fernsehpublikum? Und könnte sie ihre Berufung auf den unterschriebenen Vertrag, auf die Meinungs- und Pressefreiheit und das Argument, man wolle den Kandidatinnen und Kandidaten helfen von ihrer Verantwortung befreien? Oder sind es die Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer, deren Interesse an diesen Formaten schuld daran ist, dass die Würde der Kandidatinnen und Kandidaten verletzt wird? Weil sie diese Sendungen konsumieren und vielleicht weiterempfehlen, können andere Geld damit verdienen, was wiederum dazu führt, dass weiter Reality TV-Formate produziert werden. Liegt also die Hauptverantwortung bei den Rezipientinnen und Rezipienten, die zum Schutz der Kandidatinnen und Kandidaten auf diese Art der Unterhaltung besser verzichten sollten? Klass zufolge ist der Hauptgrund für die Zunahme dieser Formattypen schließlich in einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung zu sehen, denn gerade das Fernsehen orientiere sich an der Gesellschaft und reagiere auf Veränderungen dieser (vgl. Klass 2004, 33). Auch dies wäre in einer weiteren Studie zu klären. Vielleicht ist aber auch Verantwortung bei den Teilnehmenden selbst zu sehen, die sich schließlich zur Teilnahme an derartigen Formaten bereiterklären. Würde einfach niemand mehr als Protagonistin oder Protagonist für derartige Formate zur Verfügung stehen, könnten sie auch nicht mehr produziert werden. Als vierte Möglichkeit könnten Politik bzw. staatliche Instanzen in Betracht gezogen werden, der bzw. denen womöglich ein zu freigiebiger bzw. falscher Umgang mit der Medien-, Rundfunk- und Pressefreiheit vorgeworfen werden könnte. Angesichts der vorgestellten Ergebnisse, dass einige Bestandteile des Reality TV die Person- und/oder Menschenwürde verletzen, müsste überlegt werden ob seitens des Staates eingegriffen werden sollte und Sendungen, bei denen ein solch schwerer Vorwurf nahezuliegen scheint, stärkeren Reglementierungen unterworfen werden müssten. Dies schiene – in Anbetracht einer Beschneidung der Pressefreiheit 5. Fazit und Ausblick 271 durch eine solche Reglementierung – allenfalls moralisch gerechtfertigt, wenn im Vorhinein eine Würdeverletzung festgestellt würde, da „Angebote, für die entsprechend der näher ausgestalteten Tatbestände ein Verstoß gegen die Menschenwürde angenommen wird, […] nach dem JMStV grundsätzlich unzulässig“ (Eifert 2006, 323) sind. Dies festzustellen, bedeutete aber, dass staatliche Instanzen die Sendungen zuvor anschauen und bewerten müssten, was wiederum den Vorwurf der Zensur hervorrufen könnte. Als weitere Möglichkeit ist in Betracht zu ziehen, dass alle – sowohl Produzenten, als auch Konsumentinnen und Konsumenten, Teilnehmende und der Staat in Form des Gesetzgebers in Teilen verantwortlich sind. Ob dies der Fall ist und welche Konsequenzen dies für weitere ethische Überlegungen hätte, wäre in einer weiteren Studie zu überprüfen. Eine weitere spannende Frage lässt sich hinsichtlich der Pressefreiheit stellen: Ist die Pressefreiheit tatsächlich so grenzenlos, wie sie angesichts einiger der beschriebenen Formate zu sein scheint oder sollte hier an den Grenzen der Privatsphäre Halt gemacht werden? Dies führt zu der nächsten Fragestellung, wie viel Privates die Öffentlichkeit verträgt, und wo die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem überhaupt verläuft. Dies ist nicht nur mit Blick auf Reality TV-Formate, sondern gerade angesichts der Verbreitung der „sozialen Medien“, in denen jede Nutzerin und jeder Nutzer die Möglichkeit hat, alles von sich zu veröffentlichen, eine spannende Frage. Darüber hinaus wurde hier zwar versucht, eine Idee davon zu entwickeln, wann Demütigungen, Erniedrigungen und ähnliche Vorgänge als gelungen angesehen werden, jedoch sind diese Überlegungen gerade hinsichtlich der Frage, was eine Demütigung oder Erniedrigung zu einer solchen macht, ausbaufähig. Insbesondere hinsichtlich der Frage, ob manche Personen – wie beispielsweise Minderjährige – vielleicht nach der Ausstrahlung zunächst keine Demütigung empfinden, dies aber als Erwachsene rückblickend doch als solche bezeichnen würden, lässt eine Auseinandersetzung mit den Begriffen der Demütigung und Erniedrigung oder auch Blamage und Beleidigung, lohnenswert erscheinen. Ein weiterer wichtiger Punkt, der in den Ausführungen bereits als problematisch angeklungen ist, aber im Rahmen dieser Studie nicht ausführlich behandelt werden konnte, da er eingehenderen Studien bedarf, ist der Umgang mit Kindern in der Öffentlichkeit. Die Frage, ob Minderjährige im Fernsehen gezeigt werden sollten und ob es eine Einschränkung hinsichtlich der Art der Sendungen geben sollte, ist besonders schwierig zu 5. Fazit und Ausblick 272 beantworten. Dies beschränkt sich nicht nur auf Reality TV-Formate, die sicherlich eines der schwierigsten Themenfelder darstellen. Eine weitere Anregung könnte sein, zu überlegen, wie Reality TV einzuordnen ist – zählt es eher zu einem „kulturellen“ Ereignis oder ist es vielleicht als Arbeit zu verstehen? Letzteres schiene ein sinnvoller Ansatz zur Verbesserung der Situation, denn so würden finanzielle Erträge nicht nur den Produzentinnen und Produzenten, sondern auch denjenigen zukommen, die im Mittelpunkt stehen und anschließend mit den Folgen daraus zu leben haben. Zudem würde der Anreiz, diese aktuell so günstigen Formate zu produzieren, möglicherweise sinken, wenn die Protagonistinnen und Protagonisten angemessen bezahlt werden müssten. All diese Überlegungen, die in engem Zusammenhang mit der Frage nach Person- und/oder Menschenwürdeverletzungen im Reality TV stehen, können und sollten in weiteren Studien behandelt werden, da diese Formate eine bedeutende Rolle in unseren Medien spielen und die Beantwortung der Fragen unter Umständen auch für andere Bereiche der Medienethik relevant ist. Und auch wenn hier hauptsächlich Kritik an Reality TV-Formaten geübt wird, so enthalten manche Sendungen sicherlich auch Bestandteile, die zumindest hinsichtlich der Person-Würde weniger ethisch problematisch oder ihr sogar förderlich sind. Zudem ist das Argument, dass es sich bei einem kompletten Verbot oder einer staatlichen Vorkontrolle der Formate um eine Art der Zensur handelt, nicht abzuweisen. Aus diesem Grund bleibt festzuhalten, wie Shufeldt Esch es formuliert: „There is undoubtedly a place for pure, unscripted entertainment. But this can be done more ethically.“ (Shufeldt Esch 2012, 57) 5. Fazit und Ausblick 273 Quellenverzeichnis Aristoteles: Nikomachische Ethik. Philosophische Schriften in sechs Bänden. Bd. 3. Übers. v. Rolfes, Eugen; bearb. v. Bien, Günther. Felix Meiner Verlag: Hamburg 1995. Aristoteles: Politik. Philosophische Schriften in sechs Bänden. Bd. 4. Übers. v. Rolfes, Eugen. Felix Meiner Verlag: Hamburg 1995. Austin, John L.: Zur Theorie der Sprechakte. 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176, 190, 191, 212, 214–216, 221–223 Behinderung 71, 99, 103, 105, 118, 122, 132, 135, 186, 200, 221 beleidigend 181, 236, 239 Beleidigung 152, 154, 159, 160, 162, 163, 167, 168, 174, 178, 179, 200, 201, 204, 234, 235, 238, 240, 255, 267, 272 Belustigung 63, 181, 240, 260 Berichterstattung 22, 26, 27, 176, 225, 226 Beschimpfung 203, 255 Big Brother 15, 17, 18, 36, 42, 44, 49, 53, 131, 147, 180, 182, 190, 191, 223, 248, 268 Bildung 36, 128, 172, 173, 262 bioethisch 29 Blamage 238, 253, 272 blamieren 117, 161, 184, 197, 235, 241, 247, 271 Bloßstellung 33, 53, 139, 182, 195, 254, 255 Bußgeld 17, 226 christlich 62, 64, 68, 73, 74, 88, 145 Das Dschungelcamp 36 Das Supertalent 15, 44, 49, 178 demütigend 127, 140, 175, 177, 178, 181, 194, 233, 234, 236–240, 243–245, 248–250, 252, 254, 255, 257, 263, 268 Demütigung 16, 17, 32, 50, 51, 95, 125, 126, 128, 129, 139, 140, 158–163, 174, 178, 179, 195–197, 200–202, 204, 216, 220, 230, 233–240, 242, 246, 248–250, 252, 253, 255–260, 263, 264, 267, 269, 272 Der Bachelor 15, 20, 46, 49, 195, 207 Deutschland sucht den Superstar 15, 44, 51, 137, 140, 181–183, 241, 259 Die Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie 35 Diffamierung 176, 256 dignitas 57, 61, 63, 66, 69 diskriminierend 176, 186, 189, 196, 205, 209 Diskriminierung 74, 81, 176, 185–187, 189, 190, 200, 205, 207, 208, 212, 262 Disposition 111, 232, 247 Druck 176, 193, 204, 218–220, 244, 245, 250, 252, 269 Dschungelcamp 15, 44, 182, 183, 196, 204, 223, 244 Effekt 161, 210, 216, 229, 247, 251, 253–255 Ehre 26, 57, 59, 60, 74, 154, 159, 167, 168, 176, 190, 191, 203, 212, 215, 216, 222, 226, 230, 234, 256, 261, 267 ehrenvoll 124 Eigenschaft 20, 32, 60, 61, 63, 72, 73, 93, 94, 96–101, 104, 105, 107, 108, 122, 131, 140, 145, 156, 163, 169, 187, 195, 205, 210, 211, 234, 266 Eigenwert 84, 91–93, 95, 145, 148, 151 Eingriff 17, 27, 37, 56, 176, 190–192, 212, 214–216, 221–223, 225, 227, 230, 244, 249, 262–264, 268 Einschaltquote 16, 22, 52, 57, 260 Embryo 29, 71, 98, 122, 133 289 Empörung 16, 18, 52, 230, 240 Entscheidungsfreiheit 101, 223, 249 entwürdigend 18, 142, 143, 160 Entwürdigung 114, 160 Erfolg 16, 42, 139, 140, 149, 151, 178, 198 Erhabenheit 124, 159, 234, 240 erniedrigend 57, 129, 132, 140, 168, 175, 176, 181–185, 194–196, 199–201, 204, 236, 237, 249, 254, 262, 264 Erniedrigung 33, 80, 125, 126, 129, 132, 159–163, 168, 174, 178, 179, 181, 199–202, 204, 205, 216, 234, 235, 238–240, 253, 255–257, 260, 262, 272 Existenzminimum 128 Extrem Schön! 15, 48, 49, 184, 195, 206 Fähigkeit 60, 66–69, 72, 73, 96, 98, 100–106, 121, 132–134, 136, 138, 143, 151, 153, 217, 246, 262, 267 Folter 81, 86, 97, 114, 116, 137, 140, 168, 175, 176, 183, 201 Formattyp 20, 32, 34, 43, 48, 50, 171, 179–181, 183, 185, 186, 194, 196, 199, 247, 267, 271 Fötus 99, 131, 133, 157 Frauentausch 15, 47, 49, 51, 53, 184, 194, 243 Freiheit 23, 26, 27, 70, 73, 78, 81, 82, 86, 96, 102–104, 134, 150, 173, 177, 180, 216, 223, 225, 226, 228, 263 freiwillig 27, 73, 92, 127, 129, 131, 139, 142, 180, 183, 193, 196, 212, 223, 241, 242, 269 Freiwilligkeit 142, 215, 244, 252 Fremdscham 240 Frontal 21 218, 219 Gattung 28, 36, 37, 92–94 Geld 38, 139, 186, 188, 189, 197, 225, 244, 251, 252, 270, 271 Gemeinschaft 77, 133, 155, 167, 173, 177, 194, 223 genetisch 104 Gerechtigkeit 78, 85, 150, 163 Gerichtsurteil 260 Germany’s next Topmodel 15, 44, 49, 180, 188, 232, 248 Gesellschaft 21, 23, 24, 30, 52, 54, 61, 83, 117, 122, 145, 153, 173, 189, 194, 206, 214, 223, 224, 228, 230, 231, 233, 256, 263, 271 Gesetz 68, 73, 121, 177, 223 Gewöhnungseffekt 230, 255 Gleichheit 97, 120, 153 Goodbye Deutschland 47, 49, 184 Gott 63, 64, 66, 71, 92, 93 Gottesebenbildlichkeit 64, 65, 145 gottgegeben 66, 93, 145 Grundbefähigung 105 Grundgesetz 18–21, 25, 27, 28, 71, 75, 87, 95, 118, 120, 124, 129, 134, 143, 145, 156, 226, 266 Haltung 32, 77, 108, 110–114, 117–119, 121, 139, 257, 266 Heiligkeit 76, 145 herabsetzend 132, 236 Herabsetzung 70, 159, 160, 162, 163, 174, 178, 234, 235, 238, 240, 267 Herabwürdigung 203, 253 Hochzeit auf den ersten Blick 46, 49, 192, 193, 197 Humanismus 65 Ich bin ein Star – holt mich hier raus! 15, 42, 44, 49, 62, 180, 182, 195, 196, 208 Information 32, 33, 38, 41, 53, 62, 67, 173, 194, 213, 214, 251 inhärent 66, 81, 123–125, 128, 130, 132–134, 138, 139, 212 instrumentalisieren 69, 177 Instrumentalisierung 54, 95, 96, 201, 204, 256, 258–260, 263, 269 Inszenierung 178, 181, 223, 250, 253, 254 intim 15, 18, 35–39, 41, 44, 45, 47, 49, 50, 53, 195, 214, 217 Intimsphäre 25, 27, 37, 127, 177, 214, 223, 226, 230 Intrige 249, 253 Journalismus 65 journalistisch 26 Jugendliche 15, 47, 184, 185, 191, 192, 197, 221, 232, 233, 263, 264 Jugendmedienschutz 19, 26, 27, 202 juristisch 29, 75, 80, 89, 144, 145, 149, 153, 154, 156, 158, 172, 201, 202, 215, 219, 269 Jury 16, 43, 49, 51, 115, 140, 181, 187, 202, 204, 205, 220, 236, 240, 246, 248, 255 Karriere 44, 131, 182, 196, 198, 212, 244 Kategorischer Imperativ 68–70 Kinder 15, 16, 44, 47, 49, 59, 184, 185, 191, 192, 197, 202–204, 221, 222, 232, 233, 263, 264, 269, 272 Klischee 254 Komapatient 71, 99, 122, 134, 135 Kommerzialisierung 259 kontingent 123–125, 130, 134, 138, 139, 148, 155, 156 Kontingenz 109 Kosten 41, 164, 219, 251, 254, 260 Stichwortverzeichnis 290 lächerlich 46, 47, 50, 139, 141, 161, 210, 240, 251, 253 Landesmedienanstalten 19, 26, 225, 226 Leerformel 144, 146, 148 Lohn 188 Manipulation 22, 54, 217, 220, 225, 249–251, 253 Medienethik 22, 24, 75, 273 Medienfreiheit 269, 271 Medienphilosophie 22 Medienproduktion 20 Mehrdeutigkeit 151, 267 Meinungsbildung 24, 225, 229 Meinungsfreiheit 27, 173, 224, 225, 228, 269 Menschenbild 232, 233, 258 Menschenrecht 19, 32, 74, 75, 77–80, 82–90, 110, 116, 120, 124, 130, 150–152, 156, 166–168, 172, 174–176, 179, 180, 183, 189, 204, 266–268 Minderjährige 47, 184, 259, 262, 269, 272 Mitgefühl 241, 242 Mitleid 240, 241 Mittelalter 62–64, 68 Mobbing 51, 174, 222, 230, 255, 260, 261 mündig 191 Naked Attraction 15, 18, 47, 49 Naturalistischer Fehlschluss 93 Neo Magazin Royale-Fernsehnothilfe 210, 211, 221, 251 Neuzeit 65, 74, 223 Norm 19, 54, 79, 93, 94, 113, 115, 117, 119, 153, 164, 184, 206, 255, 266 normativ 22, 28, 29, 80, 81, 89, 93, 98, 101, 102, 110, 113, 117, 127, 136, 145, 148, 152, 154, 155, 160, 165 Objektformel 64, 70, 71, 90, 95, 96, 106, 203 öffentlich-rechtlich 15, 26, 27, 40 ökonomisch 23, 24, 96, 97, 181, 182, 197, 198, 204, 270 Oliver Geissen Show 45, 49, 180 Opfer 52, 53, 114, 116, 140, 152, 196, 200, 212, 233, 246, 256, 259, 269 paternalistisch 147, 194, 201, 216, 225 Persönlichkeitsrecht 28, 40, 53, 213, 224, 225, 227, 245, 250, 260, 268 Pflicht 18, 68, 70, 82, 92, 94, 121, 130, 131, 133, 177, 194, 223, 224, 263 politisch 22–24, 36, 46, 74–76, 78, 105, 106, 140, 144, 149, 153–155, 173, 225, 228, 229 Popstars 30, 44, 49, 249, 258, 259 Potential 99, 103, 116, 118, 120, 134 Pressefreiheit 20, 27, 67, 224–226, 228, 270–272 Pressekodex 19, 25, 27, 75 privat 41, 45, 50, 53, 170, 175, 190, 192, 220 Privatheit 17, 38, 223 Privatleben 15, 17, 25, 33, 35, 37, 38, 44, 47, 51, 176, 184, 190–192, 212, 213, 215, 216, 219–223, 247, 262 Privatperson 17, 18, 33, 37–39, 43–47, 49–51, 73, 171, 191, 194, 196, 233, 268 Privatsphäre 37, 38, 67, 158, 178, 191, 192, 212–215, 221–223, 226, 263, 264, 272 Produzent 30, 33, 34, 211, 216, 220, 234, 236, 240, 242, 246, 248, 249, 251, 257, 258, 261, 263, 269, 270, 272, 273 Profit 178, 219 Propaganda 22, 225 Rassismus 81, 140, 141, 183, 254 Realitätsfernsehen 28, 246, 261 Recht 25, 27, 28, 54, 67, 70, 73, 77–90, 125, 126, 128–136, 140, 150, 152, 156, 157, 163, 170, 172–175, 177, 180, 185, 188, 189, 203, 215, 220, 223, 224, 226, 228, 234, 245, 250, 265, 266, 268 rechtlich 21, 25, 28, 29, 56, 57, 74, 76–78, 84, 89, 117, 134, 149, 153–155, 157, 158, 166, 167, 176, 185, 188, 205, 212, 244, 245, 263 rechtswidrig 177, 191, 215 Reglementierung 225, 269, 271, 272 Religion 65, 145, 146, 156, 168, 186, 190, 200 religiös 68, 74, 75, 93, 145, 159, 234, 235 Respekt 75, 162, 182 respektlos 181 Ruf 174, 176, 190, 191, 212, 222, 223 Rüge 17, 225, 226 Ruhm 15, 38, 108, 139, 140, 187, 212, 268 Rundfunkfreiheit 18, 27, 52, 224–227, 269, 271 Rundfunkrecht 227 säkular 65, 73, 93, 145 Sanktionen 53, 202 Säugling 98, 103, 122 Schadenfreude 231, 233, 240 Scham 46, 51, 161, 175, 196, 199, 240, 243 Schauspieler 17, 33, 35, 37, 39–41, 50, 120, 188, 206, 210, 220, 229, 233 Scheitern 17, 47, 193, 240, 243, 253 Schicksal 15, 17, 38, 39, 52, 57, 65, 178, 193, 218, 223, 245 Schutzbedürftigkeit 172 Stichwortverzeichnis 291 Schutzwürdigkeit 133, 135, 153, 155, 165, 166 Schweigepflicht 202, 214 Schwer Verliebt 135, 218, 219, 223, 249 Schwiegertochter gesucht 15, 20, 39, 46, 49, 183, 188, 195, 209–211, 221, 251 Sein-Sollen-Fehlschluss 104 (Selbst-)Versklavung 59, 70, 73, 81, 97, 129, 130, 137, 150, 175 Selbstachtung 29, 77, 81, 85, 121–123, 125–130, 132, 134–143, 151, 263, 266 Selbstbestimmung 25, 28, 52, 66, 67, 69, 85, 96–101, 104, 216, 220, 257 Selbstbestimmungsrecht 27, 158, 249 Selbstbewusstsein 68, 131, 132 Selbstbild 113–120, 229, 266 Selbstreflexion 120, 242 Selbsttötung 70 Selbstverfügungsrecht 126–128, 130, 135, 136 Selbstwertgefühl 122, 123, 125, 129, 251 Selbstwertschätzung 123, 125, 129, 136, 139 Sender 16, 34, 53, 142, 178, 182, 189, 196, 202, 203, 211, 212, 225–227, 242, 245, 247, 248, 251, 259, 270 Setting 246–248, 252 Sexismus 140, 141 Skandal 226, 268 Skandalisierung 16, 52, 268 Sorgfaltspflicht 188, 220, 251 Soritex-Paradox 162 Spezies 94, 165 Spott 17, 54, 175, 181, 196, 238, 240, 246, 249, 250, 253, 256, 259 Staat 18, 20, 28, 29, 56, 62, 76, 83, 93, 120, 129, 145, 153, 155, 156, 172, 194, 224, 225, 227, 271, 272 Staatsangehörigkeit 172, 186, 200 Star Search 44, 186, 243 Sterbehilfe 75, 76, 79, 80, 89, 157 Stereotyp 206–209, 211, 231–233, 254, 260, 262 Stereotypisierung 205, 206, 208, 209, 229 Strafe 176, 227, 249 substituierbar 119, 151, 164, 169 Super Nanny 15, 16, 48, 49, 184, 194, 202, 218, 264 Tabu(-bruch) 17, 52, 137, 146, 147, 183, 230, 231, 248, 255 Talent 43, 70, 168, 182, 194, 234, 240 Teeniemütter 15, 47, 49, 191 The Biggest Loser 15, 16, 48, 49, 184, 195, 206, 214, 215 The Voice of Germany 44, 49, 182 Tier 60, 61, 63, 64, 100, 105, 107, 121, 148 Toleranz 52, 265 Tötung 142 TV Total 46, 258, 259 Überwachung 213, 225 unantastbar 19, 25, 91, 95, 129, 134, 191 Unantastbarkeit 79, 153 unmenschlich 168, 175, 176, 181, 183, 199, 201, 205, 262 unterhaltsam 57, 214 Unterhaltung 21, 28, 38, 45, 46, 54, 57, 62, 63, 65, 67, 73, 170, 175, 177, 178, 184, 194, 196, 197, 201, 256, 271 unverlierbar 59, 62, 66, 91, 125 Urteil 30, 46, 54, 67, 92, 158, 163, 164, 166, 169, 172, 181, 183, 192, 196, 197, 199, 201–203, 263, 264, 266 Utilitarismus 30, 165 utilitaristisch 164, 165, 223 Vagheit 108, 147, 149, 162, 163, 169, 235, 238, 266 Verantwortung 19, 23, 24, 34, 142, 222, 227, 233, 270, 271 Vernunft 59–61, 63, 64, 69, 71–73, 94, 148 Vernunftbegabung 59, 68, 101, 145 Vernunftfähigkeit 58, 64 Vernunftwesen 58, 61, 70 Verpflichtung 18, 25, 76, 79, 93, 98, 127, 129–131, 133, 157, 198, 212, 220, 224, 239 Verspottung 152, 159–163, 174, 179, 220, 234, 235, 240, 256, 259 Vertrag 27, 44, 54, 135, 186, 191, 198, 202, 215, 216, 218–223, 245, 246, 251, 258, 263, 271 Vorbildfunktion 201, 233 Vorurteil 35, 172, 205, 209–212, 231–233 Weltanschauung 186, 200 Wer wird Millionär? 44, 49 Werbung 17, 24, 226, 243 Wert 18, 20, 21, 28, 32, 55, 69, 72–75, 77, 79, 81, 83, 87, 88, 90–96, 102, 105, 106, 109, 139, 148, 149, 151, 152, 169, 172, 263, 266 Wertbesonderheit 58, 59 Wertschätzung 123, 139, 148 Wettbewerb 22, 43, 49, 65, 182, 240 Wille 66–68, 72, 101, 102, 130, 135, 136, 147, 223, 230 Willensfreiheit 101–103 Willkür 62, 76, 87, 141, 176, 177, 191, 192 willkürlich 177, 191, 215, 216 Worthülse 32, 77, 144, 148, 151, 266 Stichwortverzeichnis 292 würdevoll 57, 67, 85, 96, 97, 109, 111–113, 116, 117, 119, 129, 159 würdig 59, 60, 112, 113 Zensur 22, 27, 225–228, 272, 273 Zuhause im Glück 48, 49, 223, 257 Zustimmung 27, 151, 158, 169, 180, 183, 184, 191, 192, 195, 201, 204, 207, 215, 221, 244, 250, 258, 263, 264, 269, 270 Zwang 87, 100, 106, 114, 116, 118, 128, 135, 139, 150, 181, 185, 193, 217, 218, 244, 249, 262 Zweiter Weltkrieg 56, 75, 83, 155, 156, 166 Stichwortverzeichnis 293 Personenverzeichnis Aristoteles 58–60 Austin, John L. 161, 162 Baldus, Manfred 75, 78, 155 Baranzke, Heike 67, 70, 90 Baumann, Peter 81, 104 Bayertz, Kurt 64 Benda, Ernst 18, 213, 214 Bente, Gary 37–39 Bielefeldt, Heiner 76, 83, 94, 95 Bieri, Peter 109, 110, 217 Birnbacher, Dieter 29, 76, 80–82, 131, 136, 144, 146, 147 Bolz, Norbert 217, 229, 241, 250, 263 Borchers, Dagmar 144, 146, 149, 150 Brunkhorst, Hauke 87 Bunton, Kristie 20, 21, 23, 24, 205–209, 228, 229, 231, 250, 254 Chiodi, M. Giulio 65 Cicero, Marcus Tullius 57, 60, 61, 64, 71 Czeguhn, Ignacio 78 Damschen, Gregor 73 Dan-Cohen, Meir 60, 76 Deery, June 21 Dürig, Günter 64, 71, 90–92, 95 Dworkin, Ronald 121 Eichenhofer, Eberhard 186 Eifert, Martin 19, 23, 24, 26, 36, 53, 224, 225, 229, 272 Ewigleben, Cornelia 57 Faulstich, Werner 62, 63, 65 Fiorillo, Vanda 57 Fromm, Bettina 37–39, 45, 46, 229 Gmür, Mario 52–55, 228, 229, 231, 232, 243, 261 Grimm, Petra 54 Groebel, Jo 16, 263 Harden Fritz, Janie 215, 231, 233 Henschel, Gerhard 65, 67 Herdegen, Matthias 78, 79, 84, 95 Hill, Annette 42 Hoerster, Norbert 144, 148, 150 Hömig, Dieter 78, 79, 94 Hossenfelder, Malte 85, 90 Kahlo, Michael 57 Kant, Immanuel 57, 63, 64, 67–74, 88, 90, 92, 93, 96, 101, 103, 106, 115, 121, 144, 145, 203, 207, 269 Kerstein, Samuel J. 72 Kettner, Matthias 156, 165 Klass, Nadine 17–19, 21, 22, 24, 26, 28, 29, 38, 46, 52–54, 102, 167, 181, 184, 195, 224, 225, 227, 229–232, 238, 239, 242–246, 248–250, 252–261, 264, 265, 268, 269, 271 Klaus, Elisabeth 37, 229 Knoepffler, Nikolaus 70, 76 Köhne, Eckart 57 Krischke, Wolfgang 16, 17, 30, 52, 178, 182, 183, 226, 233, 247, 248, 252–254, 256, 259, 260 Ladwig, Bernd 67, 92, 93 Leiner, Martin 19, 24, 226, 231, 248 Leipson, Anna 57 Lohmann, Georg 78, 83 Lücke, Stephanie 29, 37 Macklin, Ruth 144 Margalit, Avishai 73, 122, 123, 125, 139, 143 Menke, Christoph 87 Merkel, Reinhard 94 Meyers, Christopher 37 Müller, Jörn 59 Nida-Rümelin, Julian 121–123, 138, 143 Nussbaum, Martha 96, 105–108 Picker, Eduard 150 Pico della Mirandola, Giovanni 65–67, 71 Platon 58, 59 Pollmann, Arnd 75, 83, 84, 89 Poniewozik, James 179 Pörksen, Bernhard 16, 17, 30, 32, 52, 178, 182, 183, 209, 226, 233, 247, 248, 252–254, 256, 259, 260, 269 Postman, Neil 21, 229, 270 Prokop, Dieter 62, 65 Quante, Michael 147 Rützel, Anja 42, 46, 51, 206, 240 Ruzicka, Rudolf 67, 101 295 Sandkühler, Hans Jörg 19, 61, 74, 75, 147, 149, 152, 153 Schaber, Peter 18, 64, 66, 67, 80, 81, 83, 86, 92, 103, 104, 107, 122–139, 143, 149, 150, 154 Schertz, Christian 27, 177, 182, 224–226, 230, 244, 268 Schockenhoff, Eberhard 101 Schönecker, Dieter 73 Schopenhauer, Arthur 144 Seubert, Harald 212, 223 Shufeldt Esch, Madeleine 177, 190, 197, 212–215, 242, 243, 257, 273 Siegetsleitner, Anne 61 Singer, Peter 131 Stemmer, Peter 72, 73, 145 Stepanians, Markus 75, 87–89 Stoecker, Ralf 17, 29, 75, 121, 122, 137–143, 150, 159, 160, 162, 163, 171, 181, 217 Thies, Christian 23 Tiedemann, Paul 29, 30, 57, 66, 71, 72, 101–104, 122, 149 Trepte, Sabine 39 von Aquin, Thomas 63, 64 von der Pfordten, Dietmar 30, 57, 58, 60, 61, 63, 65, 66, 82, 96–100, 104, 154 Wachtendorf, Thomas 57, 84 Wagner, Hans 93, 165, 166 Weber-Guskar, Eva 79, 84, 87, 91, 92, 94, 95, 108–120, 136, 142, 156, 164, 266 Wegener, Claudia 36, 42, 52, 205, 229, 258 Wetz, Franz Josef 57, 58, 61, 63, 64, 73, 75, 76, 84–89, 145, 154 Wildfeuer, Armin G. 58, 146, 148, 152, 153 Wyatt, N. Wendy 20, 21, 23, 24, 228, 229 Personenverzeichnis 296

Abstract

Reality TV shows like ‘Big Brother’, ‘Germany's next Topmodel’ and ‘Farmer Wants a Wife’ are often suspected of violating human dignity. However, whether this damning assessment can be made can only be determined if the extremely controversial concept of human dignity is clarified. In this book, the author conducts a detailed analysis of the discourse on the concept of dignity and proposes differentiating between two fundamental meanings of dignity—‘human dignity’ and the ‘dignity of a person’. She then clarifies what this distinction means for reality TV shows.

Dr Carmen Krämer is a philosopher who works as a research assistant and lecturer at the RWTH at Aachen University and has worked as a journalist for various media outlets.

Zusammenfassung

Reality-TV-Formate wie „Big Brother“, „Germany’s next Topmodel“ und „Bauer sucht Frau“ stehen im Verdacht, die Menschenwürde zu verletzen. Ob dieses schwerwiegende Urteil berechtigterweise getroffen werden kann, lässt sich jedoch nur feststellen, wenn der kontrovers diskutierte Begriff der Menschenwürde geklärt ist. Einer Analyse des Diskurses um den Würdebegriff folgen der Vorschlag, zwei grundlegende Bedeutungen von Würde, die der „Menschenwürde“ und die der „Person-Würde“, voneinander zu differenzieren sowie die Anwendung dieser auf Reality TV-Formate.

Dr. Carmen Krämer ist Philosophin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der RWTH Aachen und hat zahlreiche Erfahrungen als Journalistin bei verschiedenen Medien gesammelt.

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Abstract

Reality TV shows like ‘Big Brother’, ‘Germany's next Topmodel’ and ‘Farmer Wants a Wife’ are often suspected of violating human dignity. However, whether this damning assessment can be made can only be determined if the extremely controversial concept of human dignity is clarified. In this book, the author conducts a detailed analysis of the discourse on the concept of dignity and proposes differentiating between two fundamental meanings of dignity—‘human dignity’ and the ‘dignity of a person’. She then clarifies what this distinction means for reality TV shows.

Dr Carmen Krämer is a philosopher who works as a research assistant and lecturer at the RWTH at Aachen University and has worked as a journalist for various media outlets.

Zusammenfassung

Reality-TV-Formate wie „Big Brother“, „Germany’s next Topmodel“ und „Bauer sucht Frau“ stehen im Verdacht, die Menschenwürde zu verletzen. Ob dieses schwerwiegende Urteil berechtigterweise getroffen werden kann, lässt sich jedoch nur feststellen, wenn der kontrovers diskutierte Begriff der Menschenwürde geklärt ist. Einer Analyse des Diskurses um den Würdebegriff folgen der Vorschlag, zwei grundlegende Bedeutungen von Würde, die der „Menschenwürde“ und die der „Person-Würde“, voneinander zu differenzieren sowie die Anwendung dieser auf Reality TV-Formate.

Dr. Carmen Krämer ist Philosophin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der RWTH Aachen und hat zahlreiche Erfahrungen als Journalistin bei verschiedenen Medien gesammelt.