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Judith-Frederike Popp

Irrationalität als Wagnis, page 1 - 10

Philosophische Theorie und psychoanalytische Praxis

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-95832-183-0, ISBN online: 978-3-7489-0654-4, https://doi.org/10.5771/9783748906544-1

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ISBN 978-3-95832-183-0 Philosophie und Psychoanalyse unterhalten seit Sigmund Freuds Lebzeiten ein spannungsvolles Verhältnis. Die damit einherge henden Diskussionen tendieren dazu, die Disziplinen gegenein ander auszuspielen oder sie aneinander anzugleichen. Das vorliegende Buch stellt sich der Herausforderung, einen dis ziplinenübergreifenden Standpunkt jenseits solcher Einseitigkei ten zu identifizieren. Philosophische wie psychoanalytische Pers pektiven können in Hinblick auf ihr ethisches Denken und ihr kritisches Selbstverständnis hiervon profitieren. Den Ausgangspunkt bildet ein Unbehagen gegenüber philoso phischen Ansätzen, die ein Ideal praktischer Vernünftigkeit und Selbstbestimmung propagieren, das sich primär auf die reflexive Distanznahme beruft. Es wird dafür argumentiert, dass dieses Ideal der Vielfalt des Handelns nicht gerecht wird, was auch mit dem Fehlen methodologischer Selbstreflexion zusammenhängt. Der erste Punkt wird anhand praktischer Irrationalität diskutiert, deren Bedeutung von dem Ideal nicht angemessen erfasst wird. Der zweite Punkt führt zu einer Konfrontation des philosophi schen Standpunkts mit psychoanalytischer Theorie und Praxis. Dies impliziert eine Perspektive, deren Erkenntnisgewinn sich gerade in der Kritik ihrer Rationalitätsansprüche entfaltet. So legt eine philosophisch ästhetische Erkundung psychoanalyti scher Erzählungen schließlich das Potential von Irrationalität frei, Selbstbestimmungen als Wagnis zu bereichern. Judith-Frederike Popp ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fa kultät Gestaltung, Schwerpunkt Philosophie, Wissenschaftstheorie und Ästhetik an der Fachhochschule Würzburg Schweinfurt. Sie studierte Philosophie, Psychoanalyse und Germanistik in Frankfurt am Main und wurde 2018 an der Goethe Universität Frankfurt am Main promo viert. Po pp • Ir ra tio na lit ät a ls W ag ni s Judith Frederike Popp Irrationalität als Wagnis Philosophische Theorie und psychoanalytische Praxis www.velbrueck-wissenschaft.de VELBRÜCK WISSENSCHAFTV EL BR Ü CK W IS SE N SC H A FT Judith-Frederike Popp Irrationalität als Wagnis Judith-Frederike Popp Irrationalität als Wagnis Philosophische Theorie und psychoanalytische Praxis VELBRÜCK WISSENSCHAFT Diese Publikation geht hervor aus dem DFG-geförderten Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein. Erste Auflage 2019 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2019 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-183-0 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 I Kontrolle als Massstab des Gelingens Eine Auseinandersetzung mit Christine Korsgaard 1. Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2. Normativität in Theorie und Praxis. Grundlagen und ihre Angriffspunkte . . . . . . . . . . . . . 53 3. Self-Constitution – Aufbau . . . . . . . . . . . . 64 4. Zwei Entscheidungen im Fokus . . . . . . . . . . 69 4.1 Theoretische und praktische Bestimmungen und Zuschreibungen . . . . . . . . . . . . . 69 4.2 Der (ir)rationale Akteur und die Anderen . . . . . 87 5. Der Fall praktischer Irrationalität . . . . . . . . . 95 II Von der Praxis zur Psyche zur Praxis Alternativen in Inhalt und Methode 1. Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 2. Innerphilosophische Alternativen I . . . . . . . . 116 2.1 Rationalität ohne Moralität – Bernard Williams . . 116 2.2 Von der Kunst, sich mit Vernunft bestimmen zu lassen – Martin Seel . . . . . . . . . . . . 133 2.2.1 Vom Vernunftvermögen zur praktischen Rationalität . . . . . . . . . . . . . . 138 2.2.2 Von der praktischen zur ethischen Rationalität . 142 2.2.3 Von der ethischen Rationalität zur praktischen Irrationalität. . . . . . . . . . 150 2.3 Potentiale und Grenzen bei Williams und Seel . . . 158 3. Innerphilosophische Alternativen II . . . . . . . . 164 3.1 Irrationalität als Struktur der Psyche – Donald Davidson . . . . . . . . . . . . . . 164 3.2 Überleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 3.3 Psychoanalyse als Alltagspsychologie der Irrationalität – Sebastian Gardner . . . . . . 174 3.3.1 Gardners Kritik an Davidson . . . . . . . . 175 3.3.2 Die (ir)rationale Integration der Psyche – Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . 183 III Vom Verspielen zum Anspielen des Selbst Irrationalität in der psychoanalytischen Praxis 1. Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 2. Gegenüberstellung der Theorie: Das Unbewusste als Ursprung dispositionaler Irrationalität . . . . . 205 3. Überleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 4. Gegenüberstellung der Praxis: Transformative Selbstbestimmung in psychoanalytischen (Be-)Handlungsprozessen . . . . 237 5. Gegenüberstellung der Methode: Irrationale Selbstbestimmungen in psychoanalytischen Fallerzählungen . . . . . . . . . . . . . . . . 259 5.1 Von der Ironie ein Mensch zu sein – Vernunft und Selbstbestimmung in Jonathan Lears Analysen des Rattenmannes und der Frau A . . . . . . . . . 264 5.2 Selbstbestimmung ohne Selbstbehauptung – Die affektive Mentalisierung . . . . . . . . . . 281 5.2.1 Theoretische Vorbemerkungen . . . . . . . 284 5.2.2 Eine Begegnung mit Henrietta . . . . . . . 295 IV Sich fremd werden und bleiben können Lebenspraktische Vernünftigkeit in Erfahrung, Erzählung, Verständigung 1. Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 2. Von Erbschaften, Schlachtfeldern und fremden Identitäten: Selbstbestimmung als Grenzgang erzählend begreifen . . . . . . . . . . . . . . . 333 2.1 Der Edelmann . . . . . . . . . . . . . . . 337 2.2 Anna Karenina, der Rattenmann und Sokrates . . 353 2.3 Frau A . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 3. Von der (Ir)Rationalität zur IrRationalität: Eine methodologisch reflektierte Konzeption lebenspraktischer Vernünftigkeit. . . . . . . . . . 372 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . 386 . . . . . . Für Marcus »They understood that. They all understood it. This is not the same as comprehension, but it was good enough. When you stop to think, the whole idea of comprehension has a faintly archaic taste, like the sound of forgotten tongues or a look into a Victorian camera obscura. We Americans are much higher on simple understanding. It makes us easier to read the billboards when you’re heading into town on the expressway at plus-fifty. To comprehend, the mental jaws have to gape wide enough to make the tendons creak. Understanding, however, can be purchased on every paperback-book rack in America.« Rage, Richard Bachman, 1977 »Between the idea And the reality Between the motion And the act Falls the Shadow« The Hollow Men, T.S. Eliot »I don’t want to show things, but to give people the desire to see.« Agnès Varda

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Zusammenfassung

Philosophie und Psychoanalyse unterhalten seit Sigmund Freuds Lebzeiten ein spannungsvolles Verhältnis. Die damit einhergehenden Diskussionen tendieren dazu, die Disziplinen gegeneinander auszuspielen oder sie aneinander anzugleichen.

Das vorliegende Buch stellt sich der Herausforderung, einen disziplinenübergreifenden Standpunkt jenseits solcher Einseitigkeiten zu identifizieren. Philosophische wie psychoanalytische Perspektiven können in Hinblick auf ihr ethisches Denken und ihr kritisches Selbstverständnis hiervon profitieren.

Den Ausgangspunkt bildet ein Unbehagen gegenüber philosophischen Ansätzen, die ein Ideal praktischer Vernünftigkeit und Selbstbestimmung propagieren, das sich primär auf die reflexive Distanznahme beruft. Es wird dafür argumentiert, dass dieses Ideal der Vielfalt des Handelns nicht gerecht wird, was auch mit dem Fehlen methodologischer Selbstreflexion zusammenhängt. Der erste Punkt wird anhand praktischer Irrationalität diskutiert, deren Bedeutung von dem Ideal nicht angemessen erfasst wird. Der zweite Punkt führt zu einer Konfrontation des philosophischen Standpunkts mit psychoanalytischer Theorie und Praxis. Dies impliziert eine Perspektive, deren Erkenntnisgewinn sich gerade in der Kritik ihrer Rationalitätsansprüche entfaltet. So legt eine philosophisch-ästhetische Erkundung psychoanalytischer Erzählungen schließlich das Potential von Irrationalität frei, Selbstbestimmungen als Wagnis zu bereichern.