Content

Beate Kohler-Koch, Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung in:

Peter-Christian Müller-Graff (Ed.)

Kernelemente der europäischen Integration, page 367 - 388

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6453-2, ISBN online: 978-3-7489-0577-6, https://doi.org/10.5771/9783748905776-367

Series: Schriftenreihe des Arbeitskreises Europäische Integration e.V., vol. 100

Bibliographic information
Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung1 Beate Kohler-Koch Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben sich früh und nachdrücklich für die wirtschaftliche und politische Integration Europas eingesetzt. Im gleichen Zuge haben sie die Europäisierung ihrer Interessensvertretung vorangetrieben. Mit dem Ausbau des Gemeinsamen Marktes zum Binnenmarkt und zu einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und mit dem Kompetenzzuwachs der Brüsseler Institutionen siedelten sich immer mehr Interessensorganisationen in Brüssel an. So drängt sich der Eindruck einer Ko-Evolution auf: In dem Maße, in dem das politische System der EU ausgebaut wurde, verdichtete sich auch das System der wirtschaftlichen Interessensvertretung. Damit ist jedoch eine der zentralen Fragen der Integrationsgeschichte nicht beantwortet: Zu welchem Typ von System hat die Europäisierung der Interessengruppen geführt? Ist ein genuin supranationales System entstanden oder ist es eher ein transnationales System, das in den jeweiligen Mitgliedstaaten verankert ist? Die Bestimmung der Natur des EU-Systems ist trotz der langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung selbst unter den Experten immer noch umstritten. Dies zeigt sich deutlich in der Debatte, die sich vor wenigen Jahren an der These von »integration without supranationalism« entzündete (Bickerton et al 2015a: 703). Ihre Vertreter sehen die EU in einer Phase der Integration, die von einem »neuen Intergouvernementalismus« geprägt ist (Puetter 2012; Puetter 2014; Bickerton et al 2015b). Während sie überzeugt sind, dass ein deliberativer Intergouvernementalismus die »Governance-Praxis in der EU« bestimmt (Puetter 2015: 426), sehen andere Autoren diese Art von Governance auf einzelne Politikfelder begrenzt und diagnostizieren für die EU insgesamt »a clear shift towards (legislative) supranationalism« (Schimmelfennig 2015: 725). Die Frage nach Integration mit oder ohne Supranationalität wurde für die Organisation der wirtschaftlichen Interessensvertretung in der EU bisher gar nicht gestellt. Dabei gehören die Strukturen des intermediären Sys- 1 Eine erste Gedankenskizze wurde auf dem Kolloquium zu Ehren von Roland Bieber 2017 in Lausanne vorgetragen; Kohler-Koch 2018. 367 tems zum Gesamtbild der EU. Außerdem spricht viel für eine starke Wechselwirkung zwischen den beiden Systemstrukturen. So hat Theodore Baird es treffend als Lücke im bisherigen Konzept des Neuen Intergouvernementalismus bezeichnet, dass die Rolle der nicht-staatlichen Akteure außeracht gelassen wird (Baird 2017: 1199). Die Gestalt des europäischen Systems wirtschaftlicher Interessensvertretung steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Ausgehend von der aktuellen Diskussion um Supranationalität oder Intergouvernementalismus als prägendes Kennzeichen der EU wird zunächst ein analytisches Raster entwickelt, um vergleichbare Strukturen im System der wirtschaftlichen Interessensorganisation zu erkennen. Auf dieser Grundlage wird eine empirische Bestandsaufnahme der charakteristischen Systemstrukturen der europäischen Interessensvertretung der Wirtschaft geboten und die Relevanz verschiedener Einflussfaktoren geprüft. Abschließend wird auf der Grundlage theoretischer Überlegungen eine Prognose zur weiteren Entwicklung und ihrer möglichen Auswirkungen auf die EU gewagt. Integration ohne Supranationalität? Die Vertreter des neuen Intergouvernementalismus haben die Aufmerksamkeit auf eine Entwicklung gelegt, die für sie ein »Paradoxon der europäischen Integration« ist (Puetter 2015:2): »Member States pursue more integration but stubbornly resist further supranationalism« (Bickerton et al 2015: 705). Dieses Phänomen einer Vertiefung der Integration ohne Supranationalität ist für sie keine zufällige und kurzfristige Abweichung von einem dominanten supranationalen Trend, sondern »(…) it is a new phase in European integration that has become entrenched and systematically reproduced in the two decades since Maastricht« (Bickerton et al 2015a: 705). Wie oben bereits angemerkt, blieb diese Diagnose nicht unwidersprochen. Der gewichtigste Einwand ist, dass der neue Intergouvernementalismus nur auf bestimmte Handlungsfelder beschränkt sei, die allerdings seit Maastricht und vor allem seit der Finanzkrise sehr an Bedeutung gewonnen haben (Bauer/Becker 2014; Schimmelfennig 2015). Für Simon Bulmer ist der neue Intergouvernementalismus »well grounded in empirical reality« (Bulmer 2015: 202), aber auch er kommt zu dem Schluss, er sei »a strong tendency rather than a blanket characterization of EU integration« (Bulmer 2015:294).Trotzdem ist festzuhalten, dass vertiefte Integration nicht einfach mit der Herausbildung von Supranationalität gleichgesetzt werden kann. A. Beate Kohler-Koch 368 Wie unterscheidet sich ein supranationales von einem intergouvernementalen System? Bickerton, Hodson und Puetter rekurrieren auf Ernst B. Haas (1958/2004) und stellen die jeweils spezifischen ‘decision-making logics’ in den Mittelpunkt (Bickerton et al 2015a: 705-706). Supranationalität ist durch gemeinsame Institutionen gekennzeichnet, die vertraglich abgesichert sind und über genügend Autonomie und bürokratische Ressourcen verfügen, um eigenständig zu handeln. Ihnen wurden Rechtssetzungs- und Durchsetzungsbefugnisse und ein weitgehendes Initiativrecht übertragen. Intergouvernementalität beruht dagegen auf freiwilligen Absprachen zwischen den beteiligten Akteuren und ihrer individuellen Bereitschaft, die gemeinsamen Beschlüsse zu befolgen. Beim »neuen Intergouvernementalismus« nach Bickerton, Hodson und Puetter werden teilweise zwar auch gemeinsame Institutionen geschaffen, die über eine gewisse Autonomie und Ressourcen verfügen und die eine unmittelbare Durchgriffsmöglichkeiten der Mitglieder auf die Politik der EU verhindern, aber sie haben nicht die weitreichenden Befugnisse der EU-Institutionen. Somit ist der Einfluss der Mitgliedstaaten auf die gemeinschaftlich verfolgte Politik grö- ßer und die Verpflichtung zu ihrer Umsetzung deutlich geringer als im supranationalen EU System. Die Formen der europäischen Interessensorganisation Die definitorischen Kennzeichen von Supranationalität bzw. Intergouvernementalität sind nicht unmittelbar auf das System der Interessensvertretung zu übertragen. Da die Zusammenarbeit in Verbänden grundsätzlich auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht, spielt das Kriterium der autoritativen Festlegung und Durchsetzung gemeinsamer Positionen keine Rolle. Vielmehr geht es um die Frage, welches der zentrale Ort der kollektiven Willensbildung ist. Supranationalität liegt vor, wenn die Interessenaggregation unmittelbar auf europäischer Ebene stattfindet und Transnationalität, wenn der mitgliedstaatliche Bezug in der gemeinschaftlichen Willensbildung überwiegt. Wenn sich Unternehmen zu europäischen Verbänden zusammenschließen, handelt es sich eindeutig um eine supranationale Organisation der Wirtschaftsinteressen. Wenn sich Unternehmen und nationale Verbände direkt im europäischen Lobbying engagieren, ist die Interessensorganisation transnational. Schwieriger ist die Einordnung, wenn sich nationale Verbände zu europäischen Verbandsföderationen zusammenschließen. Hier vollzieht sich die Interessensaggregation in einem Stufenprozess. Ein erster Interessenausgleich findet auf nationaler Ebene statt. Die so national gebündelten Interessen werden in den europäischen Ver- B. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 369 bandsföderationen zu einer gemeinsamen Position aggregiert. Die nationalen Verbände haben dabei ihre heimische Klientel und ihr Eigeninteresse als Verband im Blick. Sie können ihr langfristiges Überleben nur sichern, wenn sie im nationalen Umfeld erfolgreich sind. Ihre Kernfunktion ist die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Branche und ihr Hauptbetätigungsfeld ist die nationale Politik. Verbände müssen so der national geprägten »logic of membership« und »logic of influence« (Schmitter/Streeck 1991) folgen. Deshalb ist zu erwarten, dass die Willensbildung in den europäischen Verbandsföderationen immer einen starken mitgliedstaatlichen Bezug haben. Wie europäisch sind europäische Verbandsverbände? Die europäischen Verbandsverbände können somit nicht als supranational klassifiziert werden. Sie unterscheiden sich aber auch grundsätzlich von der unkoordinierten eigenständigen Interessensvertretung der nationalen Verbände. Sie sorgen für eine Konzertierung der Interessen, die auf die Formulierung einer gemeinsamen europäischen Position abzielt. Wie gut diese Konzertierung gelingt, hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen und den Organisationsstrukturen der europäischen Verbände ab. Im komplexen Governance-System der EU haben wir es mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Anreizen zu tun. In den Politikfeldern, die unter die »normale Gesetzgebung« fallen, begünstigen die institutionellen Bedingungen tendenziell die Formulierung einer gemeinsamen Position. Die Kommission, die immer noch Hauptadressat der wirtschaftlichen Interessensgruppen ist (Kohler-Koch/Quittkat 2016), bevorzugt grundsätzlich das Gespräch mit den europäischen Verbänden. Sie ist durch den Lissabonner Vertrag gehalten, »repräsentative Organisationen« anzuhören, und dies entspricht meist auch ihrem eigenen Interesse. Es stärkt ihre Verhandlungsposition gegenüber Rat und Europäischem Parlament, wenn sie auf eine intensive Abstimmung mit den relevanten »Stakeholder« verweisen kann. Diese grundsätzliche Präferenz für repräsentative Verbände wertet die europäischen Verbandsföderationen auf und die Erfahrung, dass diese nur Gehör finden, wenn sie mit »einer Stimme« sprechen, erleichtert die innerverbandliche Konsensfindung. Allerdings bietet die Kommission auch immer wieder einzelnen nationalen Verbänden und multinationalen Unternehmen Zugang. Dabei geht es oft darum, in einem engen Zeitfenster für ein spezifisches Regulierungsvorhaben die erforderlichen Fachkenntnisse zu gewinnen. Nationale Verbände können in der Regel dieses Fachwissen über ihre Mitgliedsunter- C. Beate Kohler-Koch 370 nehmen leichter generieren als die europäischen Verbände und sie nutzen diesen Vorteil, um ihre spezifische Interessensperspektive einzubringen. Insofern ergibt sich aus der Praxis der EU Konsultationen für nationale Verbände ein starker Anreiz, sich den eigenen Zugang zu den EU Institutionen zu sichern und auch direkt vor Ort präsent zu sein. Die Option des Alleingangs schwächt somit nicht nur den Einigungsdruck innerhalb des europäischen Verbandes, sondern fördert auch den Zuwachs nationaler Akteure in der Brüsseler Arena. Die EU als Mehr-Ebenen-System schafft überdies ein institutionelles Umfeld, das den nationalen Interessengruppen ohnehin eine wichtige Rolle zuweist. Sie sind die hauptsächlichen Lobbyakteure bei der Formulierung der nationalen EU-Politik. Um ihren Einfluss zu sichern, sind sie bestrebt, den gesamten Politikprozess zu begleiten und das zwingt sie, ihre Aktivitäten über die Grenzen des eigenen politischen Systems auszudehnen. Je mehr europäische Politik nach den Regeln des neuen Intergouvernementalismus betrieben wird, desto mehr dürfte ihre Bedeutung zunehmen. Welche Balance zwischen europäischem Konsens und Rückbindung an mitgliedstaatliche Interessen in den europäischen Verbandsföderationen gefunden wird, wird auch von deren Organisationsstrukturen beeinflusst. Die Mehrzahl der wirtschaftlichen Verbandsföderationen ist dem Prinzip »ein Land, ein Verband« verpflichtet und abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen2 sind in den nationalen Verbänden nur Unternehmen mit Sitz im betreffenden Mitgliedsstaat zugelassen. Beide Regelungen bestärken die nationale Orientierung. Dagegen wirkt die Aufnahme von Unternehmen als Direktmitglieder im europäischen Verband in Ergänzung der nationalen Verbandsmitglieder tendenziell in die entgegengesetzte Richtung. Teils geschieht diese Öffnung auf Druck von Großkonzernen, die ein direktes Mitspracherecht im europäischen Verband haben wollen, teils liegt sie im finanziellen Interesse des EU-Verbandes, der auf diesem Weg sein Einkommen erhöhen möchte. Je breiter diese Unternehmen im gesamten europäischen Wirtschaftsraum verankert sind, desto eher ist zu erwarten, dass sie eine europäische Sicht einbringen. In einigen Fällen sind die Einflussmöglichkeiten der Unternehmen durch Satzungs- und Geschäftsordnungsvorschriften begrenzt, doch dies bezieht sich auf ihre for- 2 Ein Beispiel ist der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA), dessen Satzung auch die Vollmitgliedschaft von nicht in Deutschland ansässigen Unternehmen vorsieht. Weitere Beispiele finden sich bei spezialisierten Fachverbänden der Ernährungsbranche und auch der Chemie, deren Mitgliedschaft sich auch nach Österreich und der Schweiz erstreckt. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 371 male Mitwirkung wie beispielsweise Abstimmungen in der Mitgliederversammlung. In der Praxis wird eine solche Begrenzung durch die tatsächliche Mitarbeit der Unternehmen im Verband ausgehebelt, denn ihre Ressourcenausstattung und ihr spezielles Fachwissen verleihen ihnen einen entscheidenden Einfluss. Eine Hinwendung zu einer übergreifenden europäischen Perspektive ist des Weiteren zu erwarten, wenn ein europäischer Branchenverband nicht nur nationale Verbände, sondern auch europäische Fachverbände als Mitglieder hat. Mit anderen Worten, es ist zu erwarten, dass Verbände mit gemischter Mitgliedschaft weniger eng an die national aggregierten Interessen gebunden sind als die reinen Verbandsverbände. Wo sie auf der Achse zwischen Supranationalität und Transnationalität zu verorten sind, kann so nicht generell bestimmt werden, sondern bedarf der Einzelfallprüfung. Beide Typen der europäischen Verbandsverbände nehmen eine Zwischenstellung zwischen der supranationalen und der transnationalen Interessensorganisation ein. Sie sind Institutionen der gemeinschaftlichen Willensbildung, die teils mehr, teils weniger an die mitgliedstaatliche Interessensaggregation zurückgebunden sind. Für eine Gesamtbeurteilung des Systems europäischer Interessensorganisation ist es deswegen ratsam, die reinen und die gemischten Verbandsföderationen getrennt zu betrachten. Das System der europäischen Interessensvertretung Um das System der europäischen Interessensvertretung angemessen zu charakterisieren, wird in drei Schritten vorgegangen. Als erstes wird gefragt, wie europäisch die Interessensvertretung der Wirtschaft aufgestellt ist. Wie groß ist das Potential der nationalen Verbände im Vergleich zu den europäischen Verbänden? In einem nächsten Schritt werden die Potentiale der verschiedenen europäischen Verbandstypen verglichen. Schließlich wird das Verhältnis von Supranationalität und Transnationalität insgesamt betrachtet und damit eine Einschätzung des Charakters des europäischen Lobbying-Systems geboten. Transnational oder europäisch? Die relative Bedeutung einer rein transnationalen Interessensvertretung lässt sich am besten an der Zahl und der Ressourcenausstattung der in der EU aktiven nationalen Wirtschaftsverbände ablesen. Dies schließt nicht D. I. Beate Kohler-Koch 372 aus, dass die gleichen Verbände auch Mitglied in europäischen Verbandsföderationen sind oder sich zu gelegentlichen Allianzen mit Verbänden aus anderen europäischen Ländern zusammenschließen. Wenn sie aber im Europäischen Transparenzregister eingetragen sind, dann signalisieren sie, dass sie auch eigenständig gegenüber den EU Institutionen auftreten wollen. Insofern erlaubt der Vergleich von nationalen und europäischen Verbänden einen Rückschluss auf die Bedeutung der transnationalen Komponente in der wirtschaftlichen Interessensvertretung. Die empirische Bestandsaufnahme3 erfasst das relative Potential der beiden Akteursgruppen. So wurde erhoben, wie viele nationale Verbände im Vergleich zu europäischen Verbänden in Brüssel aktiv sind. Da die Präsenz eines Verbandes noch wenig über seine Bedeutung im Konzert der europäischen Lobbyisten aussagt, wurde zusätzlich erfasst, welche Ressourcen die Verbände für das EU-Lobbying einsetzen. So flossen Angaben über die Höhe des Budgets und die Zahl der zuständigen Mitarbeiter in die Analyse ein. Außerdem wurden die Angaben zur Akkreditierung beim Europäischen Parlament und zur Mitwirkung in Ausschüssen der EU herangezogen. Die Bestandsaufnahme stützt sich auf verschiedene Quellen. Zum einen auf die Eintragungen im Europäischen Transparenzregister, zum anderen auf die Angaben, die auf den Webseiten der europäischen Verbände zu finden sind. Das Transparenzregister gibt ein hinreichend verlässliches Bild der in Brüssel aktiven Interessenvertreter. Die Registrierung ist zwar noch nicht verpflichtend, doch vor allem die Kommission achtet mehr als zuvor darauf, dass ihre Gesprächspartner registriert sind. Trotz Klagen über den hohen administrativen Aufwand, überwiegen aus Sicht der Verbände die Vorteile einer Registrierung. Keiner möchte sich der Gefahr aussetzen, wegen eines fehlenden Eintrags von Konsultationen ausgeschlossen zu werden und der Eintrag verbessert die eigene Sichtbarkeit auf der europäischen Bühne. Betrachtet man nur die Zahl der Registrierungen, so sind sehr viel mehr nationale als europäische Wirtschaftsverbände in der EU aktiv.4 Die augenfällige Dominanz der nationalen Verbände, nämlich 865 im Vergleich zu 399 europäischen Akteure, bestätigt sich bei der Ausstattung mit Mitarbeitern (Abbildung 1). Zwar haben die europäischen Verbände einen durchschnittlich größeren Mitarbeiterstab, 2,65 Personen (in Vollzeitäquivalen- 3 Die Daten wurden für 2015 erhoben; für ihre differenzierte Auswertung siehe Kohler-Koch/Friedrich 2019. 4 Zum Folgenden vgl. Kohler-Koch/Friedrich 2019. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 373 ten gemessen) im Vergleich zu 2,04 Personen bei den nationalen Verbänden, aber aufgrund ihrer größeren Zahl überragt das Lobbypotential der nationalen Verbände bei weitem das der europäischen Verbände, nämlich im Verhältnis 1.761 zu 1.056 (Tabelle 1 im Anhang). Was die Tätigkeit in Ausschüssen, Sachverständigen- und Arbeitsgruppen anbetrifft, so sieht das Bild anders aus (Abbildung 1). Hier zahlt es sich aus, dass die europäischen Verbände unmittelbar vor Ort sind und dank ihres europäischen Charakters bevorzugte Gesprächspartner sind. Die durchschnittliche Teilnahme der europäischen Verbände liegt bei 2,73, die der nationalen Verbände bei nur 0,35, was sich zu einer Gesamtzahl von 1.071 Teilnahmen bei den europäischen im Verhältnis zu 301 Teilnahmen bei den nationalen Verbänden addiert. Bei der Ressourcenausstattung schlägt das deutlich höhere Budget der europäischen Verbände zu Buche (Abbildung 1). Sie geben durchschnittlich 381.207 Euro pro Jahr aus, so dass sich die Gesamtausgaben zu 132 Millionen Euro pro Jahr summieren. Die durchschnittlichen Ausgaben der nationalen Verbände liegen merklich tiefer (159.780 Euro pro Jahr) und damit liegt die Gesamtsumme der Ausgaben mit 126 Millionen Euro knapp unter der der europäischen Verbände. Zieht man die konkreten Möglichkeiten des Zugangs zu den EU Institutionen in Betracht, so spricht viel dafür, dass die europäischen Verbände im Vorteil sind. Sie sind alle mit wenigen Ausnahmen, nämlich zu 92%, direkt vor Ort präsent, denn sie haben entweder ihren Hauptsitz in Brüssel oder dort ein eigenes Büro (339 bzw. 30 von insgesamt 399 Verbänden). Von den nationalen Verbänden verfügt dagegen nur eine Minderheit (13%) über ein Brüsseler Büro; lässt man die belgischen Verbände außeracht, so sind es gerade 113 Büros. Stellt man in Rechnung, welche Vorteile mit einer ständigen Präsenz in Brüssel verbunden sind, nämlich größere Sichtbarkeit, leichtere Möglichkeit zur raschen Kontaktaufnahme mit Kommission und Europäischem Parlament, Einbindung in die vielfältigen Kommunikationsstrukturen, Zugang zum informellen Informationsaustausch, so operiert nur ein Drittel der nationalen Verbände auf Augenhöhe der europäischen Verbände (Abbildung 1). Auch bei den Kontakten zum Europäischen Parlament rangieren die europäischen Verbände vor den nationalen Verbänden und zwar im Verhältnis 809 zu 489 (Abbildung 1). Mit durchschnittlich 2,03 Mitarbeitern, die beim EP akkreditiert sind, liegt die Zahl ihrer Mitarbeiter mit direkten Zugangsmöglichkeiten deutlich über der bei den nationalen Verbänden, die durchschnittlich nur 0,6 Personen akkreditiert haben. Beate Kohler-Koch 374 Die Lobbyressourcen der europäischen und nationalen Verbände im Vergleich Quelle: Europäisches Transparenzregister (15. Okt. 2015); »Mitarbeiter« bezieht sich auf die Zahl der Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten, »Budget« ist gemessen in Hunderttausend Euro, »Teilnahme« entspricht der Zahl der Fälle und »EP Akkreditierung« der Zahl der angegebenen Personen. Zur Zahl der Grundgesamtheit und für genaue Zahlenangaben siehe Tabelle 1 im Anhang. Die europäischen Verbände im Vergleich Wie unterscheiden sich nun die europäischen Verbände? Zunächst ist festzuhalten, dass gemessen an ihrer Zahl die supranationalen Verbände die größte Gruppe bilden (38,3%) und die Gruppen der reinen und der gemischten Verbandsföderationen (30,7% bzw. 30,9%) ungefähr gleich groß sind. Überprüft man aber ihre jeweiligen Lobbykapazitäten, verschieben sich die Gewichte (Tabelle 1). Die Verbände, die sich ausschließlich aus Unternehmen zusammensetzen, beschäftigen weniger Mitarbeiter, haben ein geringeres Budget, sind seltener in Beratungsgremien vertreten und haben weniger Personen beim Europäischen Parlament akkreditiert. Die durchschnittlich geringere Ressourcenausstattung und der begrenzte Zugang zum EP erklären sich daraus, dass die supranationalen Verbände in der überwiegenden Zahl der Fälle vergleichsweise kleine Wirtschaftssparten repräsentieren und somit ihre Themen seltener auf der europäischen Tagesordnung stehen. Rund ein Drittel vertritt hoch spezialisierte Abb. 1: II. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 375 Produktionsbereiche wie spezielle Chemikalien oder spezifische Verpackungsmaterialien. Hinzu kommt, dass die Mehrheit dieser Verbände nur wenige Mitglieder haben. Mit einer Mitgliedschaft von 20 oder weniger Unternehmen kann der Verband keine große wirtschaftliche Bedeutung für sich reklamieren. Der europäische Verband der Automobilhersteller ACEA ist eine der wenigen Ausnahmen. Auch hier ist die Zahl der Mitglieder mit 15 Unternehmen überschaubar, aber sie repräsentieren eine wirtschaftlich mächtige Branche. Entsprechend gut ausgestattet ist der Verband: 10 Vollzeitbeschäftigte Mitarbeiter, 13 Personen mit EP Akkreditierung und ein Jahresbudget von über zwei Millionen Euro, was einem Zehnfachen der für diese Verbandsgruppe durchschnittlichen Finanzausstattung entspricht. Vergleicht man allerdings die Lobbypotentiale der drei Verbandstypen insgesamt, so fallen die supranationalen Verbände dank ihrer größeren Anzahl nur wenig hinter den anderen europäischen Verbänden zurück (Tabelle 1). Die untergeordnete Bedeutung von Supranationalität Nimmt man einen Gesamtvergleich vor und betrachtet das Lobbyingpotential der supranationalen Verbände mit dem der europäischen Verbandsverbände und der in der EU aktiven nationalen Verbände, so zeigt sich eindrücklich, dass von einer Supranationalität in der europäischen Interessensvertretung nicht gesprochen werden kann (Abbildung 2). Die auf der Ebene der Mitgliedstaaten aggregierten Interessen sind in Brüssel sehr präsent. Die nationalen Verbände verfügen schon als autonom agierende Akteure über ein beachtliches Lobbypotential. Hinzukommt der Einfluss, den sie als Mitglieder in den europäischen Verbandsverbänden ausüben können. Auch wenn diese auf eine Konzertierung der Wirtschaftsinteressen hinarbeiten und nach außen mit einer gemeinsamen europäischen Position auftreten, so spielen doch die nationalen Belange eine wesentliche Rolle. III. Beate Kohler-Koch 376 Vergleich der transnationalen, konzertierten und supranationalen Lobbypotentiale Quelle: Europäisches Transparenzregister, siehe Tabelle 1 im Anhang. Unterschiede in der nationalen verbandlichen Interessenvertretung Wenn die Vertretung wirtschaftlicher Interessen in so hohem Maße von den nationalen Verbänden getragen wird, heißt das, dass die funktionalistische Integrationslogik nicht greift. Es besteht ein gemeinsamer Markt, die EU hat sich zu einem »regulativen Staat« entwickelt, dessen umfassende Aktivitäten vor allem die Wirtschaft trifft, und trotzdem ziehen es die Unternehmen und ihre Verbände vor, ihre Interessen von ihrer heimatlichen Basis aus in der EU einzubringen. Weiter oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass die institutionelle Struktur der EU diese Situation begünstigt. Politik in einem Mehrebenensystem zwingt die Interessenverbände dazu, auf allen Ebenen aktiv zu sein. Auf europäischer Ebene können sie sich direkt an die EU Institutionen wenden oder ihre Interessen über die EU-Verbände einbringen. Beide Strategien sind mit Vor- und Nachteilen verbunden. Bei der Interessensvertretung im Alleingang können sie sich ganz auf die eigenen Prioritäten konzentrieren, müssen aber vergegenwärtigen, dass der Zugang zu den EU Institutionen schwierig sein kann. Als Mitglied in einem europäischen Verband sind sie zu Kompromissen gezwungen, können aber erwarten, dass eine gemeinschaftlich erarbeitete Position leichter Abb. 2: E. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 377 Gehör vor allem bei der Kommission findet. Was bewegt Unternehmen und Verbände dazu, den Weg der direkten nationalen Interessensvertretung zu gehen? Und wann wird die Interessensvertretung über europäische Verbände bevorzugt? Wirtschaftliche Stärke und verbandliche EU-Präsenz Man kommt einer Antwort näher, wenn man die nationale Zusammensetzung der beiden Verbandspopulationen untersucht. Dabei wird offenkundig, dass weniger die funktionalen und institutionellen Faktoren eine Rolle spielen als polit-ökonomische Bedingungen. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und politisches Kalkül bestimmt die nationale Lobbypräsenz in Brüssel. Eine erste einfache Annahme ist, dass die unterschiedliche Stärke der nationalen Volkswirtschaften sich in der Präsenz nationaler Verbände in Brüssel spiegelt. Verbände aus den großen Mitgliedstaaten sind zahlreicher auf dem europäischen Parkett vertreten, als die aus den kleinen Ländern. Die Zahlen sind auf erstem Blick beeindruckend5: Die Zahl der im Transparenzregister eingetragenen Verbände aus den vier großen Mitgliedstaaten überragt bei weitem die der kleineren Länder und sie sind überdies finanziell weitaus besser ausgestattet als alle anderen nationalen Verbände. Selbst im Vergleich zu den EU-Verbänden ist ihr Lobbypotential beachtlich. Insgesamt verfügen die Wirtschaftsverbände aus Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königsreich über fast ebenso viele Mitarbeiter wie alle europäischen Verbände zusammengenommen. Was auf erstem Blick wie eine Überrepräsentation der Wirtschaftsinteressen der großen Länder aussieht, relativiert sich, wenn man die Zahl der Verbände mit der Größe der Volkswirtschaften in Verbindung bringt. Nimmt man als Referenzgröße das Bruttoinlandsprodukt der einzelnen Länder, ergeben sich aufschlussreiche Einsichten (Tabelle 2 im Anhang). Auffallend ist zunächst, dass die großen Länder im Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft keineswegs überrepräsentiert sind. Dies gilt sowohl für ihre Vertretung in den europäischen Verbänden als auch – mit einer kleinen Abweichung bei den deutschen Verbänden – für ihre eigenständige Präsenz. Berücksichtigt man die Unterschiede in der wirtschaftlichen Stärke, zeigt sich vielmehr eine Überrepräsentation der kleinen Länder. I. 5 Vgl. Im Einzelnen hierzu Kohler-Koch/Friedrich 2017. Beate Kohler-Koch 378 Der Befund von Überrepräsentation der kleinen und Unterrepräsentation der großen Länder ist besonders augenfällig, wenn man die Verteilung der Mitgliedschaft in den europäischen Verbandsföderationen betrachtet (Abbildung 3). Abb. 3: Relation BIP und Mitgliedschaft in EU Verbänden Quelle: Anteil des nationalen BIP am EU BIP gemäß EUROSTAT 2015; Mitgliedschaft nationaler Verbände in EU Verbänden gemäß eigener Erhebung, siehe Tabelle 2 im Anhang. Der Einfluss von Verbandstraditionen Eine genauere Analyse lässt allerdings erkennen, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als alleiniger Erklärungsfaktor für die Unterschiede in der europäischen Präsenz der Verbände nicht ausreicht. Dies zeigt sich vor allem an der Unterhaltung eines Verbandsbüros in Brüssel. Im Untersuchungszeitraum (2015) verfügten vor allem die Länder, die im Zuge der II. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 379 Osterweiterung der EU beigetreten waren, über kein EU-Büro6. Auch Polen, das gemessen am Bruttoinlandsprodukt immerhin an achter Stelle unter den 28 Mitgliedstaaten steht, war erst 2013 mit einem Büro des wirtschaftlichen Dachverbandes vertreten. Dagegen hatten drei Verbände aus dem kleinen Luxemburg, das über nur 0,4% des europäischen Bruttoinlandsprodukts verfügt, eigene Büros vor Ort. Eine plausible Erklärung ist die erst kurze Dauer der EU Mitgliedschaft der neuen Länder. In der Tat haben einige der neuen Beitrittsländer nachgeholt. So verfügen Anfang 2018 nunmehr Verbände aus vier dieser Länder über ein Büro. Ein weiterer Erklärungsfaktor für eine schwache eigenständige Repräsentanz ist die fehlende Verbandstradition in den Staaten Mittel- und Südosteuropas, die in der einschlägigen Literatur dokumentiert ist (Reutter 2012). Vor allem in den ehemals kommunistisch regierten Ländern hatten freiwillige, von staatlicher Lenkung unabhängige Wirtschaftsverbände keinen Platz. Aber auch unter den schon länger demokratisch regierten Ländern der EU gibt es markante Unterschiede in der Verbandstradition und diese schlagen sich in der europäischen Präsenz der Verbände nieder. So sind die Verbände der nordischen Staaten in deutlich größerer Zahl direkt in Brüssel präsent als die Verbände aus den anderen Staaten vergleichbarer Größe. Auch Deutschland ist bekannt für sein gut ausgebautes Verbandssystem und dem entspricht seine überragende verbandliche Präsenz in der EU. Nicht nur die Zahl der im Europäischen Transparenzregister eingetragenen Wirtschaftsverbände liegt weit über den anderen großen Mitgliedstaaten. Die deutschen Verbände unterhalten auch mehr Niederlassungen in Brüssel als alle anderen großen Mitgliedsländer zusammengenommen (Abbildung 4). 6 EU-Mitgliedsländer, aus denen 2015 kein Wirtschaftsverband über ein Brüsseler Büro verfügte: Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn, Zypern sowie Polen. Beate Kohler-Koch 380 EU Präsenz der Wirtschaftsverbände aus den größeren EU Staaten Quelle: Anteil des nationalen BIP am EU BIP gemäß EUROSTAT 2015; Anteil der Eintragungen der Wirtschaftsverbände aus den großen Staaten an der Gesamtheit der nationalen Verbände im Europäischen Transparenzregister, siehe Tabelle 2 im Anhang. Strategische Gründe für die nationale Verbandspräsenz Ein ganz anderer Grund erschließt sich durch die aus Interviews gewonnenen Informationen. Sie bestätigen, dass für die Verbände aus den kleinen, wirtschaftlich schwächeren EU-Ländern die Mitgliedschaft in den europäischen Verbandsföderationen der beste Weg ist, um ihre Interessen in Brüssel zur Geltung zu bringen. Der europäische Verband liefert ihnen die wichtigen Informationen zur EU Politik, ist Plattform für den Austausch wirtschaftlicher Fachkenntnis und ist Advokat gemeinsamer Interessen. Die kleinen Länder profitieren davon, dass die EU Institutionen, vor allem die Kommission, auf Repräsentativität im Sinne einer möglichst flächendeckenden Vertretung der Mitgliedstaaten in den europäischen Verbänden achtet. Es ist ganz im Sinne der Verbände aus kleinen Ländern, dass den europäischen Verbänden Vorrang in den EU Konsultationen gegeben wird. In Bezug auf die innerverbandliche Willensbildung ist ihnen wichtig, dass die Stimmen gleich gewichtet werden und dies nicht nur in der Satzung verankert ist, sondern auch in der täglichen Praxis zur Geltung Abb.4 : III. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 381 kommt. Je repräsentativer die europäischen Verbände sind, desto größer ist die Mehrheit der Verbandsmitglieder, die sich diese diplomatischen Prinzipien zu Eigen machen. Sie helfen ihnen, nicht von der Informationsmacht der großen Verbände überrollt zu werden. Die ressourcenstarken Verbände können sich so nicht einfach mit ihren überlegenen Fachkenntnissen durchsetzen, sondern müssen Überzeugungsarbeit leisten. So betrachten gerade die deutschen Verbände, die sich durch eine auffallend hohe Präsenz in Brüssel auszeichnen, ihre Anwesenheit vor Ort als notwendige Investition in die gemeinschaftliche Willensbildung. Sie leisten eine intensive Kommunikationsarbeit, um sicher zu stellen, dass eine gemeinsame Position nicht nur auf kleinstem gemeinsamem Nenner gefunden wird, sondern die – aus ihrer Sicht – fachlichen Belange der Branche bestens zur Geltung kommen. Entsprechend groß ist ihr Engagement vor allem in der Ausschussarbeit der europäischen Verbände. Diese sind auf das externe Expertenwissen angewiesen, denn ihre schwache personelle Ausstattung erlaubt nur einen begrenzten Ausbau von Fachexpertise. Ihr eigener Arbeitsschwerpunkt ist die Lobbyarbeit gegenüber den EU Institutionen. Ein besonders eindrückliches Beispiel für die relevanten Größenverhältnisse ist der europäische Verband ORGALIM. Er gilt als einflussreicher Akteur auf der europäischen Bühne und vertritt drei große Branchen, nämlich neben der metallverarbeitenden Industrie die Elektrotechnik und Elektronik und den Maschinenbau. ORGALIM verfügt aber nur über knapp doppelt so viel Personal wie das Brüsseler Büro des deutschen Maschinenbauverbandes, dessen heimische Personalstärke insgesamt mehr als das Zehnfache von OR- GALIM beträgt. Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit innerhalb der EU sind eklatant und sie haben einen wesentlichen Einfluss auf die Handlungsstrategien der nationalen Verbände. Aber neben den wirtschaftlichen Faktoren spielen auch institutionelle Rahmenbedingungen eine erhebliche Rolle. Fazit In den Jahrzehnten seit dem Abschluss des Maastrichter Vertrages ist ein dicht geknüpftes System wirtschaftlicher Interessensvertretung auf EU Ebene entstanden. Die Erwartung, dass mit der Vollendung des Gemeinsamen Marktes und der Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion die wirtschaftlichen Akteure sich zu einer supranationalen Interessensvertretung zusammenfinden würden, hat sich aber nicht bestätigt. Supranationalität F. Beate Kohler-Koch 382 ist weniger verbreitet als die transnationale Organisation der Interessenspolitik. Unternehmen und Wirtschaftsverbände betreiben EU-Lobbying überwiegend von ihrer heimischen Basis aus. Die nationalen Wirtschaftsverbände engagieren sich direkt in Brüssel und agieren gleichzeitig auch über ihre Mitgliedschaft in den europäischen Verbänden. In beiden Fällen gibt es einen starken Rückbezug auf die Interessenlage im Herkunftsland, denn dort werden die Interessen der Mitgliedsunternehmen zu gemeinsamen Positionen gebündelt. Dabei fließen die landesspezifischen Wirtschaftsbedingungen ebenso ein wie die Selbstbehauptungsinteressen der Verbandsorganisationen. Sucht man nach theoretischen Erklärungen für die Verfassungsstruktur der europäischen Interessensvertretung, dann hilft die Rückbesinnung auf den Neo-Funktionalismus nicht weiter. Aus neo-funktionalistischer Perspektive wäre zu erwarten, dass mit der Vertiefung der europäischen Integration die wirtschaftlichen Akteure sich überwiegend in supranationalen Verbänden zusammenschließen würden. Der stark ausgeprägte transnationale Charakter der wirtschaftlichen Interessensvertretung wird eher durch die Annahmen des Neo-Institutionalismus gestützt, nach dem das politische System die institutionellen Rahmenbedingungen für die Organisation der Interessensvertretung setzt. Im Mehrebenensystem der EU sind bei der Formulierung, Entscheidung und Umsetzung der gemeinsamen Politik sowohl die europäischen Institutionen als auch die Mitgliedstaaten eingebunden. Um effizient ihre Interessen in der europäischen Politik zu vertreten, sind die wirtschaftlichen Akteure somit gut beraten, sich sowohl national als auch europäisch zu organisieren. Ganz nach den Annahmen des rationalen Institutionalismus werden sie ihre Interessensvertretung dort konzentrieren, wo die politische Entscheidungsgewalt lokalisiert ist. Da trotz einer weitreichenden Europäisierung der Wirtschaftspolitik die Aktionsbedingungen von Unternehmen und Verbänden immer noch überwiegend von den nationalen Regierungen bestimmt werden, hat ihre Orientierung nach Europa keineswegs zur Folge, dass sie ihre Arbeit in den Mitgliedstaaten vernachlässigen. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen7 hat der Ausbau einer europäischen Verbandspräsenz nicht zu einer Schwächung, geschweige denn zur Aufgabe der nationalen Organisationsstruktur geführt. Wenn nun zunehmend Entscheidungskompetenzen in intergouvernementale Gremien verlagert werden, wie von den Vertretern des 7 So kam es in kleinen Branchen wie beispielsweise der Kerzen- oder Margarineindustrie zu Konzentrationsprozessen, in deren Folge dann nationale Verbände aufgelöst und ihre Funktionen vom europäischen Verband übernommen wurden. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 383 neuen Intergouvernementalismus behauptet, so ist eine weitere Aufwertung der nationalen Verbände im europäischen Lobbying zu erwarten. Erklärungsbedürftig ist, dass die nationalen Verbände in Bezug auf ihre Präsenz in Brüssel unterschiedliche Akzente setzen und dies nach ihrer Herkunft variiert. Größe und wirtschaftliche Leistungskraft der nationalen Volkswirtschaften sind, neben Verbandstradition und Dauer der EU Mitgliedschaft, wichtige Erklärungsfaktoren. Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Stärke können allerdings nicht ausreichend das Verhältnis von Über- und Unterrepräsentation erklären. Gemessen an ihrem anteiligen Bruttoinlandsprodukt sind die Verbände aus kleinen und wirtschaftlich weniger leistungsstarken Mitgliedstaaten in der EU überrepräsentiert, wobei sich ihre Präsenz auf die Mitgliedschaft in den europäischen Verbänden konzentriert. Die Verbände aus den großen Mitgliedstaaten setzen stärker auf eine eigenständige Vertretung in der EU und dazu gehört nicht zuletzt ein eigenes Büro in Brüssel. Diese Ressource setzen sie für ihr direktes Lobbying gegenüber den EU Institutionen ein und auch für ihre Überzeugungsarbeit innerhalb der europäischen Verbände. Dies erklärt sich aus der Situation der innerverbandlichen Willensbildung. Die letzten Erweiterungen der EU haben den Kreis der Mitglieder erheblich und dazu noch sprunghaft erhöht, was die innerverbandlichen Abstimmungen aufwändig und wenig berechenbar macht. Die europäischen Verbände sind vergleichsweise schwach ausgestattet und können nicht aufgrund eigener Expertise die gemeinschaftlichen Positionen bestimmen. So übernehmen die gut ausgestatteten nationalen Verbände die Rolle der Meinungsführer. Je nach Branche suchen die Verbandsvertreter der zwei, drei oder vier wichtigsten Länder eine Vorabstimmung und treten dann in eine Interessenskonzertierung mit den Vertretern der anderen Verbände ein. Neben einer fundierten Branchenkenntnis, wirtschaftlichem, rechtlichem und technologischem Fachwissen ist eine intensive Kommunikationsarbeit Voraussetzung für ein Gelingen der Überzeugungsarbeit. Die in vielen Industriesparten überlegene Ressourcenausstattung der deutschen Verbände ermöglicht ihnen eine Initiatoren- und Führungsrolle bei der Koordinierung. Ihre hegemoniale Position ist für die anderen Verbände leichter zu akzeptieren, wenn vor allem die Sicht von Unternehmen einfließt, die in einer Vielzahl von EU Staaten aktiv sind. Die weitreichende wirtschaftliche Interdependenz fördert die Bereitschaft der anderen Verbände, die besonders aktive Rolle gerade der deutschen Verbände zu akzeptieren. Die besondere Mischung von institutionellen Bedingungen, wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen und organisatorischen Strukturen liefert die beste Erklärung für die Beschaffenheit des Systems der europäischen Interes- Beate Kohler-Koch 384 sensvertretung der Wirtschaft. Die Gleichzeitigkeit von Interdependenz und Gefälle in wirtschaftlicher und politischer Stärke bewirkt, dass die nationale Verankerung der Verbände erhalten bleibt, aber die Notwendigkeit einer Konzertierung der Interessen allgemein anerkannt ist. Die Konsultationspraktiken der EU sowie die iterativen Abstimmungsprozesse in den EU-Verbänden fördern die konsensorientierte Einigung, die in der Regel aber auf den Vorgaben der ressourcenstarken Verbände aufbaut. Das Integrationsparadoxon, das die Autoren des neuen Intergouvernementalismus beschreiben, gilt somit auch für das System der wirtschaftlichen Interessensvertretung. Trotz zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung wird es auch in Zukunft überwiegend transnational und nicht supranational verfasst sein. Mehr noch, es ist eine wechselseitige Stabilisierung beider Systeme zu erwarten, die deren mitgliedstaatliche Verankerung verfestigt. Literaturverzeichnis Baird, Theodore. "Non State Actors and the New Intergovernmentalism." JCMS: Journal of Common Market Studies 55.6 (2017): 1192-1202. Bauer, Michael W., and Stefan Becker. "The unexpected winner of the crisis: The European Commission’s strengthened role in economic governance." Journal of European Integration 36.3 (2014): 213-229. Bickerton, Christopher J., Dermot Hodson, and Uwe Puetter (2015a). "The new intergovernmentalism: European integration in the post Maastricht era." JCMS: Journal of Common Market Studies 53.4: 703-722. Bickerton, Christopher J., Dermot Hodson, and Uwe Puetter (2015b). The New Intergovernmentalism: States and Supranational Actors in the Post-Maastricht Era. Oxford: Oxford University Press. Bulmer, Simon (2015). Understanding the New Intergovernmentalism. In: Bickerton, Christopher J., Dermot Hodson, and Uwe Puetter (2015b). The New Intergovernmentalism: States and Supranational Actors in the Post-Maastricht Era. Oxford: Oxford University Press: 289-303. Haas, Ernst B. The uniting of Europe: Political, social, and economic forces, 1950-1957. Stanford, CA: Stanford University Press, 1958 (2004). Kohler-Koch, Beate (2018): Nur bedingt supranational: Die Verfasstheit des intermediären Systems in Europa. In: Astrid Epiney u. a. (Hrsg.) Die Verfassung der Europäischen Union: status quo und Perspektiven. Festgabe zu Ehren von Prof. Roland Bieber. Freiburg: Freiburger Schriften zum Europarecht Nr. 23: 21-28. Kohler-Koch, Beate und David Friedrich (2019). When and why trans-nationalism prevails: Business interest representation in the EU. JCMS: Journal of Common Market Studies. https://doi.org/10.1111/jcms.12929. Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 385 Kohler-Koch, Beate und David Friedrich (2017). National business interests in the EU: Biased representation? Paper presented at the 2017 ECPR General Conference, Oslo, 6-9 September 2017. Puetter, U. (2015). Deliberativer Intergouvernementalismus und institutioneller Wandel: die Europäische Union nach der Eurokrise. PVS: Politische Vierteljahresschrift, 56(3), 406-429. Puetter, Uwe (2014). The European Council and the Council. New intergovernmentalism and institutional change. Oxford: Oxford University Press. Puetter, Uwe. 2012. Europe’s deliberative intergovernmentalism: the role of the Council and European Council in EU economic governance. Journal of European Public Policy 19 (2): 161-178. Reutter, Werner (Hrsg.). 2012. Verbände und Interessengruppen in den Ländern der europäischen Union. Wiesbaden: Springer VS. Schimmelfennig, Frank. "What’s the news in ‘new intergovernmentalism’? A critique of Bickerton, Hodson and Puetter." Journal of Common Market Studies 53.4 (2015): 723-730 Beate Kohler-Koch 386 Europäische Ressourcen von nationalen und europäischen Verbänden Mittelwert Summe Vollzeitäquivalente (N = 1.260) Nationale Vb 2,04 1758,00 EUVb 2,65 1040,25 – föderiert 2,89 329,50 – gemischt 3,08 404,00 – supranational 2,02 306,75 Budget TR (N = 1.141) Nationale Vb 159.780 € 126.865.917 € EUVb 381.207 € 130.929.082 € – föderiert 382.892 € 39.437.904 € – gemischt 482.110 € 56.406.878 € – supranational 278.446 € 35.084.300 € EP Akkreditierung (N = 1.215) Nationale Vb 0,60 484 EUVb 2,03 807 – föderiert 2,41 277 – gemischt 2,42 317 – supranational 1,40 213 Teilnahme (N = 1.264) Nationale Vb 0,35 301 EUVb 2,73 1.071 – föderiert 3,70 425 – gemischt 3,20 419 – supranational 1,49 227 Quelle: Daten gemäß Eintrag im Europäischen Transparenzregister (2015); Zuordnung der Verbandstypen gemäß eigener Erhebung, siehe Kohler-Koch/Friedrich 2019. Tabelle 1: Die Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Interessensvertretung 387 EU Präsenz der nationalen Wirtschaftsverbände Land EUVb Mitgliedschaft TR Registrierung Büro Brüssel AT 185 (4,84%) 20 (2,28%) 3 (2,68%) BE 234 (6,12%) 43 (4,90%) NA BG 84 (2,20%) 4 (0,46%) - CY 42 (1,10%) 3 (0,34%) - CZ 120 (3,14%) 11 (1,25%) 2 (1,79%) DE 283 (7,41%) 188 (21,41%) 43 (38,39%) DK 162 (4,24%) 38 (4,33%) 11 (9,82%) EE 50 (1,31%) 4 (0,46%) - ES 244 (6,39%) 70 (7,97%) 7 (6,25%) FI 164 (4,29%) 36 (4,1%) 4 (3,57%) FR 269 (7,04%) 72 (8,2%) 8 (7,14%) EL 105 (2,75%) 9 (1,03%) 1 (0,89%) HR 58 (1,52%) 3 (0,34%) 1 (0,89%) HU 117 (3,06%) 6 (0,68%) - IE 103 (2,70%) 14 (1,59%) 2 (1,79%) IT 253 (6,62%) 73 (8,31%) 9 (8,04%) LT 52 (1,36%) 1 (0,11%) - LU 63 (1,65%) 6 (0,68%) 4 (3,57%) LV 41 (1,07%) 3 (0,34%) - MT 27 (0,71%) 2 (0,23%) - NL 222 (5,81%) 58 (6,61%) 4 (3,57%) PL 150 (3,93%) 26 (2,96%) - PT 146 (3,82%) 18 (2,05%) 2 (1,79%) RO 85 (2,22%) 6 (0,68%) - SE 176 (4,61%) 30 (3,42%) 2 (1,79%) SK 67 (1,75%) 1 (0,11%) - SI 70 (1,83%) 2 (0,23%) 1 (0,89%) UK 249 (6,52%) 131 (14,92%) 8 (7,14%) Quelle: Mitgliedschaft der nationalen Wirtschaftsverbände in EU Verbänden gemäß eigener Erhebung; Registrierung und Angabe zu Brüsseler Büros nach Europäischem Transparenzregister; alle Angaben für 2015. Tabelle 2: Beate Kohler-Koch 388

Chapter Preview

References

Abstract

The 100th volume of this series presents a collection of overall observations on selected core elements of the cohesion of the European Union, written by particularly committed members of the working group on European integration from the fields of political science, law, economics, the social sciences and history.

Zusammenfassung

Der 100. Band der Schriftenreihe zeigt eine Sammlung von Gesamtbetrachtungen ausgewählter Kernelemente des Zusammenhalts der Europäischen Union, verfasst von besonders engagierten Mitgliedern des Arbeitskreises aus den Politik-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Geschichtswissenschaft.