Content

Stefan Martini, Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs in:

Sebastian Bretthauer, Christina Henrich, Berit Völzmann, Leonard Wolckenhaar, Sören Zimmermann (Ed.)

Wandlungen im Öffentlichen Recht, page 335 - 356

Festschrift zu 60 Jahren Assistententagung – Junge Tagung Öffentliches Recht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6383-2, ISBN online: 978-3-7489-0512-7, https://doi.org/10.5771/9783748905127-335

Bibliographic information
Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs Stefan Martini, Kiel* Das Internet, das nicht vergisst, beherbergt ein denkwürdiges Video aus dem Jahr 2015:1 Darin extemporieren die sich selbst als „Höhlenmenschen“ bezeichnenden larger-than-life-Grandseigneurs des globalen und internationalen Rechts, Joseph Weiler und Martti Koskenniemi, über das akademische Bloggen. Mit zurückhaltungsfreier Offenheit und unbefangener Ignoranz – immerhin geben sie zu, entweder keine Blogs (Koskenniemi) oder nur einen (Weiler), den der eigenen Zeitschrift, zu lesen – zeigen sie sich wenig beeindruckt. Bei Blogtexten handle es sich (wohl) „um zweitrangige Argumente, die man andernorts entweder nicht veröffentlichen könne oder wolle, sodass man sie in ein hamburger-großes Ding quetschen muss“ (Koskenniemi). Das Video wäre kein medienhistorisches Artefakt, wenn es der neuen nicht Einlass in die alte Welt gewährte: Im Laufe der wenigen Minuten konzediert Weiler, dass Bloggen zu einer spezifischen „Weise zu denken, einer Weise zu schreiben, einer Weise sehr jetzt [current] zu sein“ geworden sei. Das Höhlenmenschen-Dokument markiert einen Moment der Generationengleichzeitigkeit, in dem Blogs gleichwertig von den einen als alltäglich sowie von den anderen als lästige Modeerscheinung wahrgenommen werden.2 Der Streit um die Bedeutung(slosigkeit) von Internetblogs ficht sich – diesseits distanzierter Weltschau vom Florentiner Tempel der Rechtswissenschaft3 – freilich in konkreten akademischen Karrieren aus. Exemplarisch lässt sich an ihm ein längst nicht abgeschlossener und funda- * Ich danke Sinthiou Buszewski und Hannah Birkenkötter für wertvolle Kritik. 1 www.ejiltalk.org/13673-2/, 27.9.2015 (letzter Abruf aller angegebenen Links in diesem Beitrag am 24.3.2020). 2 Zum Phänomen einer nachrückenden digitalen Wissenschaftsgeneration Jan-Hinrik Schmidt, Soziale Medien als Intermediäre in der Wissenschaftskommunikation, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.), Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter, 2017, 82, 83. 3 Gemeint ist das European University Institute (EUI) in Florenz, von dem aus das European Journal of International Law (EJIL) und die damit eng verbundene European Society of International Law gegründet wurde – Joseph Weiler zählte jeweils zu den Gründungs- und Leitfiguren, in nur wenig eingeschränktem Maß auch für das International Journal of Constitutional Law sowie mit dieser Zeitschrift ver- 335 mentaler Strukturwandel der Medien- und Publikationskultur in der Wissenschaft des (nicht nur) öffentlichen Rechts nachvollziehen.4 Denn Internetblogs bilden lediglich ein Puzzlestück5 der fortschreitenden Digitalisierung der Forschung (und Lehre), die Rückwirkungen auf Methoden, Inhalte und Denkschemata hat und haben wird (II.). Gegen diese Umwälzungen entfalten tradierte Strukturen und Kulturen immer noch erstaunliche Beharrungskräfte (I.). Der Status Quo juristischer Internetblogs (III.) ist dementsprechend – gerade im deutschsprachigen Diskurs – durch eine behutsame Anerkennung gekennzeichnet. Auch die spezifische Medialität von Blogs (IV.) wirkt bislang nur begrenzt auf den juristischen Diskurs zurück. Freilich können sie in Zukunft (V.) von einer hochvernetzten Pluralität digitaler Publikations- und Rezeptionsformen abgelöst werden. Konstanz von Karrierebedingungen und -zwängen Die „Höhlenmenschen“ Weiler und Koskenniemi geben einer – selbstverständlich auch im deutschsprachigen Diskurs – verbreiteten Skepsis einer mittleren und älteren rechtswissenschaftlichen Generation Ausdruck. Diese Skepsis ist selbst jedoch nur Epiphänomen der Normen eines tradierten Publikations- und Rekrutierungssystems. Obwohl dessen Ursprünge in der klassischen Ordinarienuniversität weiter zurückreichen6, wirken seine Konventionen seit den prägenden Jahrzehnten um die Gründungszeit der Assistententagung Öffentliches Recht fort (sichtbar in der dem Machtzentrum der Staatsrechtslehrertagung nacheifernden Praxis der ATÖR selbst). Die (deutsche) akademische Welt (des öffentlichen Rechts) orientiert sich zwar zum einen am (idealisierten) Ideal dezentraler Erkenntnissuche7, strukturiert sich aber zum anderen – basal und unerbittlich – um die eine I. bundene International Society of Public Law (ICON und ICON-S). Martti Koskenniemi ist über seine langjährige Mitgliedschaft im Advisory Board des EJIL mit Florenz verbunden und gilt aufgrund bahnbrechender Veröffentlichungen als weltweit bedeutender Völkerrechtler. 4 S. allgemein zu sozialen Medien und Wissenschaftsöffentlichkeit Schmidt, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 2), 105. 5 Christoph Möllers, Ein großes Puzzleteil der digitalen Debatte im Verfassungsrecht, Verfassungsblog, 31.7.2019. 6 S. nur Wolfgang E.J. Weber, Geschichte der europäischen Universität, 2002, 181. 7 Der „innere(…) Beruf der Wissenschaft“, Max Weber, Wissenschaft als Beruf, 1919, in: ders., Schriften. 1894-1922, hrsg. v. Dirk Kaesler, 2002, 474, 481. Dekonstruktion u. a. bei Peter Weingart, Wissenschaftssoziologie, 2003, 15 ff. Stefan Martini 336 Professur Innehabenden8. Letztere sind in dieser prinzipiell kephalen Struktur die wesentlichen Konsekrationsinstanzen des Feldes9. Sie rekrutieren Hilfspersonen – wissenschaftliche Hilfskräfte, Mitarbeiter*innen, Assistent*innen, akademische Räte etc. –, die ihnen zuarbeiten und die sie zugleich betreuen und qualifizieren.10 In der – im Vergleich zu anderen Disziplinen und in mancherlei Hinsicht aus guten Gründen – innovationsaversen Rechtswissenschaft11 durchschreitet der akademische Nachwuchs nach mindestens einem Staatsexamen noch immer zwei weitere Qualifikationsschritte, die noch immer die Anfertigung von umfassenden Monographien erfordern,12 mit steigenden Ansprüchen13. 8 Wissenschaftsrat, Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland, 2012, 44 f. S. auch Wissenschaftsrat, Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems, 2013, 45: „pyramidale Struktur“; sowie Helmuth Schulze-Fielitz, Staatsrechtslehre als Mikrokosmos, 2013, 51 ff.; Jürgen Wilhelm, Die Stammeskultur der Ordinarienuniversität, in: Baethge/Eßbach (Hrsg.), Soziologie: Entdeckungen im Alltäglichen, 1983, 477, 488; Günter Frankenberg, Am Rande des kalten Buffets, in diesem Band, 33, 35 f. Zur Ausnahmestellung des deutschen Universitätssystems im internationalen Vergleich Reinhard Kreckel, Zwischen universeller Inklusion und neuer Exklusivität, in: Kehm (Hrsg.), Hochschule im Wandel, 2008, 181, 191. 9 Unter Anschluss an Bourdieu Eva Barlösius, Wissenschaft als Feld, in: Maasen/ Kaiser/Reinhart/Sutter (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftssoziologie, 2012, 125, 127. Zum Begriff der Konsekrationsinstanz Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, 1999, 354. 10 S. für die Nachkriegsentwicklung Thomas Finkenstaedt, Die Universitätslehrer, in: Rüegg (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa, IV, 2010, 153, 165. 11 Thomas Hoeren, Von Judge Judy zum Beck-Blog: Rechtswissenschaft in der Berliner Republik im medialen Wandel, in: Duve/Ruppert (Hrsg.), Rechtswissenschaft in der Berliner Republik, 2018, 212, 232: „Legastheniker des Fortschritts“. S. auch Frankenberg (Fn. 8), 32 f.; Christoph Grigoleit, Der Zivilrechtslehrer und die Digitalisierung, in: AcP 2018, 601, 605; sowie Andreas Voßkuhle, Wie betreibt man offen(e) Rechtswissenschaft?, in: Hoffmann-Riem, Offene Rechtswissenschaft, 2010, 153, 154, zum „konservativen Grundton“ der Rechtswissenschaft; im Hinblick auf Digitalisierung und Open Access Konstanze Rosenbaum, Von Fach zu Fach verschieden. Diversität im wissenschaftlichen Publikationssystem, in: Weingart/ Taubert (Hrsg.), Wissenschaftliches Publizieren, 2016, 42, 44, 52. Plädoyer für eine Erweiterung der „überkommenen Rechtswissenschaft“ bspw. Wolfgang Hoffmann-Riem, Innovation und Recht. Recht und Innovation, 2016, 78. 12 Schulze-Fielitz (Fn. 8), 13 f. 13 S. Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. IV, 2012, 54; sowie ebd., 495, 530, 693, zur wachsenden Text(über)produktion im öffentlichen Recht. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 337 Aus dem in den Qualifikationsphasen (kon)formierten Nachwuchsheer kooptieren die Professor*innen ihre Peers und damit die nachfolgende14 Wissenschaftsgeneration, die die eben grob skizzierten Strukturen und Prozesse weitervererbt15. Denn die auf mehreren Stufen eingebauten Hierarchien16, Vertrauensverhältnisse17 und Abhängigkeiten stellen sicher, dass sich nachwachsende Kohorten an etablierten Mechanismen und Präferenzen orientieren. Diese sind – trotz aller eingetretenen Liberalisierung und Pluralisierung – in ihren Grundzügen seit sechzig Jahren unverändert und entfalten entsprechenden Einfluss auf die Publikationskultur.18 Trotz einer personellen Ausweitung, textuellen Überproduktion und Spezialisierung der Community19 handelt es sich bei der Wissenschaft vom öffentlichen Recht weiterhin um ein weitgehend geschlossenes Kommunikationsfeld, das von der deutschen Sprache20 und etablierten Veröffentlichungsformaten zusammengehalten wird sowie durch prinzipielle De-Anonymität geprägt ist. Zur Intimität der Wissenschaft des öffentlichen Rechts tragen die geschilderten Verhältnisse an Professuren und Fakultäten, aber auch die wie selbstverständliche Kooptation in die Staatsrechtslehrertagung, Habilitandennetzwerke (aber auch die Assistententagung) und schließlich die Tatsache bei, dass die Qualifikationswächter*innen – grundsätzlich ohne anonymisiertes Peer Review – die Kontrollstellen in Zeitschriften und Verlagsreihen besetzen. Zu den nicht leicht umgehbaren Konventionen dazumal wie heute zählen die Konzentration auf die Qualifikationsmonographien, die angemessene, Rechtsdogmatik nicht vernachlässigende Themen- und Me- 14 Markus Heintzen, Wissenschaftliche Assistenten im Angestelltenverhältnis, in: WissR 1997, 218, 218: „Tätigkeit als Assistent ist ein Interim“. 15 Vgl. Duncan Kennedy, Legal Education and the Reproduction of Hierarchy, 1983, 35, 42 ff., insbes. 59. 16 Esther Höhle, Hierarchie in Lehrstuhl und Department, in: Banscherus/Engel/ Mindt/Spexard/Wolter (Hrsg.), Differenzierung im Hochschulsystem, 2015, 199, 201 f. Alternativen vorgeschlagen u. a. von der Jungen Akademie: Cornelis Menke/ Moritz Schularick/Sybille Baumbach/Robert Wolf u. a., Nach der Exzellenzinitiative: Personalstruktur als Schlüssel zu leistungsfähigeren Universitäten, 2013; Jule Specht/Christian Hof/Julia Tjus/Wolfram Pernice/Ulrike Endesfelder, Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft, 2017. S. auch Wissenschaftsrat, Wissenschaftssystem (Fn. 8), 45 f. 17 Schulze-Fielitz (Fn. 8), 54. 18 Innerhalb des systemischen Rahmens fanden freilich größere Verschiebungen statt. Die Realität der Massenuniversität – als strukturelle Bedingung – verbindet gleichwohl die 1960/70er Jahre mit der heutigen Zeit. 19 S. Stolleis (Fn. 13), 495, 693. 20 S. dazu Wissenschaftsrat, Rechtswissenschaft (Fn. 8), 17 f. Stefan Martini 338 thodenwahl sowie die Erwartung, in Thematik wie Textgenre möglichst breit zu veröffentlichen – unter anderem in der Denominationstradition und den Aufgaben in der Staatsexamensausbildung gründend.21 Hinzu kommen aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten weitergetragene Eigenheiten: „Typischerweise strebten junge Privatdozenten an, ihren ersten größeren Aufsatz im ‚Archiv‘ [des öffentlichen Rechts] zu veröffentlichen, um sich auf diese Weise in der Zunft akzeptiert zu sehen“.22 Mit der Etablierung der Zeitschrift „Der Staat“ im Laufe der 1960er Jahrzehnte trat ein weiterer anerkannter Initiationsort hinzu.23 In dieser strukturierten Karrierebahn lenken Blogs vom Wesentlichen ab. Digitalisierung als disruptiver Megatrend Nicht überraschend kommen im Überblick über die vielfältigen Publikationsformate der Rechtswissenschaft beim Wissenschaftsrat – freilich im Jahr 2012 – Blogs oder andere spezifisch digitale Textsorten nicht ausdrücklich vor.24 Knapp geht er auf die steigende Bedeutung elektronischen Publizierens und die weltweite Verfügbarkeit entsprechender Produkte ein.25 Rechtswissenschaft und ihr Publizieren spielten sich Anfang des Jahrzehnts jedenfalls mental noch in einer analogen Welt ab. Seit den Anfängen des Jahrzehnts hat sich die Digitalisierung – wohl auch bei den Autor*innen des Wissenschaftsratspapiers – umfassend und nicht nur in den Wissenschaften bemerkbar gemacht. Der Megatrend erfasst grundsätzlich alle sozialen und kommunikativen Aktivitäten, soweit digitale Infrastruktur und Programme reichen.26 Wo zunächst lediglich II. 21 Karrierechancen haben, gegenüber Karrierebedingungen, freilich heftiger variiert – abgesehen von zyklischen Unwuchten stiegen sie in Zeiten der Expansion enorm wie bei den universitären Neugründungen der 1960er und 70er Jahre sowie nach dem Beitritt der DDR in den 1990er Jahren. 22 Stolleis (Fn. 133), 492. S. auch Gert Nicolaysen, Erste Schritte – Einige Impressionen, in: Dalibor/Debus/Gröblinghof/Kruse/Lachmayer/Peters/Scharrer/Schröder/ Seifert/Sicko/Stirn/Stöger (Hrsg.), Perspektiven des Öffentlichen Rechts. Festgabe 50 Jahre Assistententagung Öffentliches Recht, 2011, 45, 47. 23 S. Stolleis (Fn. 13), 493. Zu den Entstehungszusammenhängen zwischen Assistententagung und „Der Staat“ s. auch in diesem Band: Maurin Johannes Schunke, Die Gründung der Assistententagung im Kontext ihrer Zeit, 21. 24 Wissenschaftsrat, Rechtswissenschaft (Fn. 8), 16 f., 66 ff. 25 Wissenschaftsrat, Rechtswissenschaft (Fn. 8), 70, 66. 26 Dirk Baecker, 4.0 oder die Lücke die der Rechner hinterlässt, 2018; s. auch Christian Djeffal, Digitalisierung im Verwaltungsrecht, in diesem Band, 479, 480 f. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 339 die elektronische Datenverarbeitung die Herstellung der Manuskripte sowie Internetressourcen die Recherche für Forschungsleistungen erleichterten27, hat die Digitalisierung inzwischen alle Stufen des Wissenschaftsprozesses durch- und eine fundamentale Disruption sowohl der akademischen Publikations- und Rezeptionsstrukturen28 als auch mittelbar der Karrierekontexte vollzogen. Eine Lehre ohne digital unterstützte Präsentation des Lernstoffs sowie Online-Lerntools29 ist kaum noch vorstellbar; dass (Staatsexamens-)Prüfungen mit Stift, Papier und gedruckten Gesetzessammlungen durchgeführt werden, erscheint inzwischen als Anachronismus30. Soweit Texte in Lehre, Forschung und Praxis produziert und kommuniziert werden, ist ihre Herstellung und Rezeption zu einem hohen Grad digitalisiert. Die Kombination von Elektronik, Digitalisierung und Online-Verfügbarkeit erlaubt zudem eine stetig steigende Vernetzung von (digitalen bzw. digitalisierten) Inhalten, die den Bedarf an weiterer Digitalisierung dynamisiert. Die Digitalisierung ist nicht lediglich darauf beschränkt, juristische Arbeitsweisen zu vereinfachen und zu optimieren sowie die Leistungsfähigkeit der Forschung zu vervielfachen.31 Hier ergeben sich neue Forschungsgelegenheiten: bei entsprechenden Rechen-, Speicherkapazitäten (Big Data) und Programmierleistungen lassen sich hohe Quantifizierungs- und 27 Hannah Birkenkötter, Blogs in der Wissenschaft vom Öffentlichen Recht, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.), Formate der Rechtswissenschaft, 2017, 117, 122 f., weist zu Recht darauf hin, dass die Masse und Algorithmisierung (Selektionsrisiken) der Suchergebnisse Recherche auch erschweren kann. 28 Niels Taubert/Peter Weingart, Wandel des wissenschaftlichen Publizierens – eine Heuristik zur Analyse rezenter Wandlungsprozesse, in: dies. (Hrsg.), Wissenschaftliches Publizieren, 2016, 3, 10 ff. 29 S. auch nun ein digitales Open-Access-Lehrbuch zum Verwaltungsrecht, https://d e.wikibooks.org/wiki/Verwaltungsrecht_in_der_Klausur/_Das_Lehrbuch; dort sind die Verlinkungsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. S. auch zu Lern- Apps Carl-Wendelin Neubert/Christian Leupold-Wendling, Die Digitalisierung der juristischen Bildung, in: Recht innovativ 3/2019, 136, 140 ff. 30 Maximilian Becker/Christopher Weidt, Untersuchung zur elektronischen Klausur in großen Gruppen, in: ZRP 2017, 114; Zwickel, Jurastudium 4.0? - Die Digitalisierung des juristischen Lehrens und Lernens, in: JA 2018, 881, 886; Zu Vor- und Nachteilen digitaler Prüfungen Birte Malzahn/Thomas Groß/Ingo Claßen, Eine mobile Infrastruktur zur Durchführung von E-Prüfungen, in: Barton/Müller/Seel (Hrsg.), Hochschulen in Zeiten der Digitalisierung, 2019, 107, 116. 31 S. auch Ino Augsberg, Blogozentrismus, in: Funke/Lachmayer (Fn. 27), 101, 116; Für eine Perspektive der Digitalisierung als (semi-autonomes) Epiphänomen Armin Nassehi, Muster, 2019, 45 und passim: Digitalisierung als eine Ausdrucksform und Entdeckung gesellschaftlicher Muster; S. auch Marshall McLuhan, Understanding Media, 1964, 3: „extensions of man“. Stefan Martini 340 Automatisierungspotentiale erzielen, mit denen neue, menschliche Erkenntnisleistungen übersteigende Erkenntnisse gewonnen werden können: angesprochen ist hier beispielsweise Datamining, mit dem große Textkorpora untersucht werden können.32 Diese Heilsversprechen begleiten freilich apokalyptischere Diagnosen:33 Die Digitalisierung verändert nämlich unweigerlich auch Wahrnehmungsstrukturen und -praxen34. Die wissenschaftliche Praxis wird durch digitale Medialität nicht lediglich unterstützt, sondern auch geformt.35 Nachweiskulturen wandeln sich: digital verfügbare Texte haben eine größere Chance, berücksichtigt zu werden36. Digitale Verfügbarkeit und Vernetzung stehen somit quer zu tradierten Reputationshierarchien37 – dies kann sich auf Textsorten, aber auch konkrete Werke auswirken. 32 Martina Franzen, Die digitale Transformation der Wissenschaft, Beiträge zur Hochschulforschung, 4/2018, 8, 10 ff.; zu Beispielen Benjamin Raue, Das Urheberrecht der digitalen Wissen(schaft)sgesellschaft, in: GRUR 2017, 11, 12 f.; zum derzeit durchgeführten Projekt korpuslinguistischer Untersuchung der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts Leibniz Linguistic Research into Constitutional Law, lehrstuhl-moellers.de/llcon. Salopp Henning Lobin, Aktuelle und künftige technische Rahmenbedingungen digitaler Medien für die Wissenschaftskommunikation, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.), Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter, 2017, 223, 241: „sehr schnelles, aber ‚dummes‘ Lesen durch den Computer“. Vgl zu einem weiteren Phänomen der Digitalisierung Wolfgang Hoffmann-Riem, Verhaltenssteuerung durch Algorithmen, in: AöR 2017, 1. 33 S. auch die Tendenz zur narzisstischen Selbstausstellung im Netz: Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Fn. 27), 108, Fn. 41 mit Verweis auf Byung-Chul Han, Im Schwarm, 2013, 20 f. 34 Thomas Vesting, Legal Theory and the Media of Law, 2018, 442; Felix Würkert/ Anika Klafki/Tina Winter, Digitalisierung und Öffentliches Recht, in: dies. (Hrsg.), Digitalisierung und Recht, 2017, 1, 6 f.; früher Einordnungsversuch von Florian Knauer, Juristische Methodenlehre 2.0?, Rechtstheorie 2009, 379. 35 Corinna Lüthje, Mediatisierte Wissenschaft. Eine theoretische Konzeption tiefgreifender Transformationsprozesse, in: Robertson-von Trotha/Muñoz Morcillo (Hrsg.), Öffentliche Wissenschaft und Neue Medien, 2012, 113, 119; Würkert/Klafki/Winter, in: dies. (Hrsg.) (Fn. 34), 10. 36 S. zu Selektionseffekten von Datenautoritäten schon Christoph Engel, Über das Internet und den Nationalstaat, BDGVR 2000, 353, 358 f.; dazu Sinthiou Buszewski, Weltinnenrecht und Internet – More research desirable? Die Kieler Tagung der DGVR vom März 1999, in: von Arnauld (Hrsg.), Völkerrecht in Kiel, 2017, 459, 489 ff. Für Ausschlusseffekte in Bezug auf Medien digitaler Wissenschaftskommunikation s. Lobin, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 251. 37 S. Anne-Sophie Chambost, Les blogs juridiques, ou la doctrine en train de se faire à l‘ère du web 2.0, in: dies. (Hrsg.), Les blogs juridiques et la dématérialisation de la doctrine, 2016, 5, 12 und 18: „oxygenation de la doctrine“; sowie Hannah Birken- Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 341 Die deutsche Blogosphäre Die Ursprünge der Weblogs liegen parallel zur Verbreitung und Durchsetzung des Internet in den 1990er Jahren38 und tragen dementsprechend eine Nähe zur anarchischen Ideologie der Internetpioniere. Die in ihrer Vielzahl verteilten tagebuchartigen Einträge von Web-Logs39 stehen für die Dezentralität des digitalen Netzes. Diese Anfangsanarchie ist freilich längst verflogen; das Netz ist – wie Gesellschaft selbst – vermachtet, kapitalisiert40, professionalisiert und ausdifferenziert41. Mit der Figur der Schwarmintelligenz42 kehren die anarchischen Versprechen, in die Funktionssysteme der Gesellschaft eingeordnet, jedoch zurück. Die Bloggenden sind ein solcher Schwarm, der sich von klassischen, insbesondere gedruckten Veröffentlichungsformen und -wegen emanzipiert. Nach Vorbildern in den USA sind seit den letzten zehn, fünfzehn Jahren43 zunehmend auch im deutschen Diskurs rechtswissenschaftliche und juristische Blogs44 aktiv. Inzwischen ist die Entwicklung in eine Phase der Konsolidierung und Professionalisierung der inzwischen „älteren“ Social-Media-Anwendung45 der (Wissenschafts-)Blogs eingetreten.46 Schätzungen gehen von nicht mehr als 200 bis 1000 Wissenschaftsblogs in Deutschland aus.47 Diese geringe Zahl entspricht dem Befund, dass die Online-Wissen- III. kötter/Maximilian Steinbeis, La blogosphère allemande. Quelques réflexions à propos d’un format débattu, in: Chambost, ebd., 231, 242; zu positiven Selektionseffekten wissenschaftlicher Reputation Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, 244. 38 Jan-Hinrik Schmidt, Weblogs, 2006, 13. 39 Neben tagebuchartigen Weblogs lieferten die ersten Blogs bzw. dessen Vorläufer auch Internetneuigkeiten und Links auf andere Onlineressourcen, Schmidt (Fn. 38), 13 f. 40 Hoffmann-Riem (Fn. 11), 619. 41 Das gilt auch für Wissenschaftsblogs, Andreas Wenninger, Wissenschaftsblogs und wissenschaftliche Blogosphäre, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 259, 260. 42 Vgl. Jens Kersten, Schwarmdemokratie, 2017, 10. 43 Birkenkötter, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 118. 44 Zu Definitionsversuchen Birkenkötter, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 125 ff. 45 Leyla Dogruel/Klaus Beck, Social Media als Alternative der Wissenschaftskommunikation?, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 123, 147 f. 46 S. auch Olivier Le Deuff, Digital Humanities, 2018, 61. 47 Wenninger, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 259. Stefan Martini 342 schaftskommunikation bei den Wissenschaftsakteuren allgemein einen geringen Stellenwert einnimmt.48 Dass weniger Einzelblogs49 als Gemeinschaftsblogs bzw. Blogportale und -plattformen das Feld dominieren, erklärt diese Konzentration – die deutsche Blogosphäre hat die Entwicklungsphase der in den USA zu Berühmtheit gelangten und häufig an politischen Linien verteilten Einzelblogs50 gewissermaßen übersprungen. Dementsprechend haben sich im deutschsprachigen Netz nur wenige Blogs im engeren rechtswissenschaftlichen Sinne etabliert.51 Die meisten widmen sich Themen des Medienrechts im weiteren Sinn52, des öffentlichen Rechts, des überstaatlichen Rechts bzw. Grundlagenthemen. Pionier ist der Jurist-Journalist Maximilian Steinbeis, der seit ca. 10 Jahren den Verfassungsblog53 betreibt – zunächst als Einzelblog, alsbald mit Gastautor*innen und nach Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen als nicht auf den deutschen Diskurs beschränktes, rechtswissenschaftliches Forum für europäische wie globale verfassungsbezogene Entwicklungen.54 Einige Jahre später erfolgten Gründungen der Nachwuchswissenschaft: 2013 der aus einem Assistenten- 48 Mike S. Schäfer, Wissenschaftskommunikation Online, in: Bonfadelli/Fähnrich/ Lüthje/Milde/Rhomberg/Schäfer (Hrsg.), Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation, 2017, 275, 279 (Gründe v. a. fehlende Zeit, ungewohnter Stil, Unklarheit des Nutzens); Hoeren (Fn. 11), 213 f. 49 S. die Emeriti-Projekte von Klaus F. Röhl (rsozblog.de, seit 2007) und Dieter Simon (mops-block.de, mit Gästen, seit 2008), und den Tumblr fabiansteinhauer.tumblr.com des generell crossmedial veröffentlichenden Fabian Steinhauer. 50 Vgl. dazu Birkenkötter, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 136 f.; Hannah Birkenkötter/Maximilian Steinbeis, Rechtswissenschaftliche Blogs in Deutschland – zu Möglichkeiten und Grenzen eines neuen Formats in den Rechtswissenschaften, in: JA 2015, 1, 3. 51 Die Selbstdarstellungs- und Marketing-Blogs von Kanzleien und wissenschaftlichen Einrichtungen werden hier nicht behandelt. Zu erwähnen ist hier gleichwohl – allein wegen seiner quantitativen Bedeutung – der Beck-Blog des Beck- Verlages (community.beck.de), auf dem v. a. Praktiker*innen (über 10.000 Mitglieder registriert) veröffentlichen. 52 Z. B. www.telemedicus.info (seit 2006). S. auch Birkenkötter/Steinbeis (Fn. 50), 2; sowie früh Markus Burger u. a., Juristische Blogs – eine Bestandsaufnahme, JurPC Web-Dok. 100/2009, Rn. 18. 53 www.verfassungsblog.de. 54 Alexandra Kemmerer/Christoph Möllers/Maximilian Steinbeis, Verfassungsblog. Praxis und Perspektiven der Wissenschaftskommunikation in der Rechtswissenschaft, in: dies. (Hrsg.), Krise und Konstitutionalisierung in Europa, 2015, 15, 17. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 343 tagungsteam hervorgegangene JuWissblog55, 2014 der aus dem Arbeitskreis junger VölkerrechtlerInnen heraus gegründete, gruppenoffenere und zugleich themenspezifischere Völkerrechtsblog.56 Zu beobachten sind in jüngerer Zeit als weitere Entwicklungsstufe Spezialisierungsphänomene, wenn kleinere Gruppen Gleichgesinnter Blogs zu spezifischen Aufmerksamkeitsgebieten gründen, so der 2014 als studentische Initiative gegründete derasylrechtsblog57, 2015 der mit der Law-Clinic der Humboldt-Universität verbundene grund-und-menschenrechte-blog58 sowie der Blog „Rechtswirklichkeit“ des Berliner Arbeitskreises Rechtswirklichkeit59; 2017 gesellten sich ein Blog zum Parlamentsrecht60 sowie 2019 ein Blog, der sich auf evidenzbasierte Rechtswissenschaft konzentriert,61 hinzu. Auf all diesen Blogs – mit Ausnahme der stärker praxisorientierten Medienrechtsblogs – veröffentlicht zumindest auch die Community der Assistententagung, teilweise gar ausschließlich wie auf dem Ju- WissBlog. Publizistische Interventionsmöglichkeiten für Gäste aus der Wissenschaft bestehen – seit 2010 – auch auf dem kommerziellen Medienhybrid Legal Tribune Online, das beim Verlag Wolters Kluwer angesiedelt ist.62 Darüber hinaus ist die Blogosphäre nicht streng nach nationalen (Sprach-)Räumen aufgetrennt – auf deutschen Blogs wird nicht nur in deutscher Sprache geschrieben; Autor*innen aus dem deutsch(sprachig)en Diskurs veröffentlichen ferner in Blogformaten mit länderübergreifendem Publikum, wie auf dem völkerrechtsaffinen EJIL:Talk! (seit 2008)63, Ausgründung des European Journal of International Law, dem eher rechtsver- 55 www.juwiss.de (der Autor gehört zu den Gründungsmitgliedern). Zu ihm Christoph Goos, Eine Assistententagung „de tous les jours“ – der „JuWissblog“, in: BRJ 2013, 64. 56 Voelkerrechtsblog.org; zu ihm Michael Riegner, Die Blogosphäre als digitale Öffentlichkeit, in: Buszewski/Martini/Rathke (Hrsg.), Freihandel vs. Demokratie, 2016, 243, 246 ff.; Raffaela Kunz/Michael Riegner/Dana Schmalz, Diskurse öffnen, Grenzen überwinden. Der Völkerrechtsblog als Plattform für globale Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter, in: RW Sonderheft 2019, 185. 57 derasylrechtsblog.com (letzter Eintrag aus dem Jahr 2017). 58 grundundmenschenrechtsblog.de. 59 https://barblog.hypotheses.org/. Die Internetaktivitäten des Arbeitskreises reichen freilich bis zum Beginn des Jahrtausends zurück. 60 zurgeschaeftsordnung.de. 61 rechtsempirie.de. 62 Lto.de. 63 Ejiltalk.org; zu weiteren, auf Völkerrecht ausgerichteten Blogs Andreas von Arnauld, Völkerrecht, 4. Aufl. 2019, XL. S. auch oben Fn. 3. Stefan Martini 344 gleichend ausgerichteten I·CONnect (ebenfalls seit 2008)64, Ausgründung des International Journal of Constitutional Law, sowie dem – für sich selbst sprechenden – European Law Blog (seit 2012)65. Der Verfassungsblog ist für seine Anfangszeit insofern eine Ausnahme, als gewissermaßen ein Outsider den etablierten Verfassungsrechtsdiskurs durcheinandergewirbelt hat. Mit steigender Bekanntheit hat der Verfassungsblog sich freilich eng mit der Wissenschaftscommunity vernetzt und ist inzwischen organischer Teil von ihr. Insgesamt ist zu beobachten, dass sich rechtswissenschaftliche Blogs immer stärker in den klassischen Diskurs integrieren und Strukturen und Strategien sowie Qualitätssicherungs- Standards der analogen Wissenschaftskommunikation aneignen. Viele Blogs kopieren die Organisationsstrukturen analoger Zeitschriften wie Redaktionen, wissenschaftliche Beiräte und (dem jedenfalls im deutschen Diskurs eher unüblichen) Peer-Review-Verfahren.66 Dass sich die tradierten Reputationsmechanismen der rechtswissenschaftlichen Blogs bemächtigt haben – und nicht anders herum –, zeigen die Veröffentlichungen von Blogposts in gedruckter Form.67 Die anarchische und subjektive Unmittelbarkeit der bloggenden Internet-Gründerjahre ist lediglich noch darin erkennbar, dass die in der Regel kürzeren Texte schneller auf Ereignisse reagieren können und die Sprache gelegentlich flotter fließt als von klassischen juristischen Textsorten gewohnt. Für die enorm gestiegene Akzeptanz der Veröffentlichungsform68 des Blogs spricht, dass immer mehr etablierte Wissenschaftler*innen (=Professor*innen) bloggen, Blogposts in Lebensläufe aufgenommen werden und nicht lediglich verlinkt, sondern als wissenschaftliche Autoritäten in klassischen Formaten und Gerichtsentscheidungen nachgewiesen werden.69 64 Iconnectblog.com; s. in diesem Feld auch seit 2014 den IACL-AIDC Blog der International Association of Constitutional Law, blog-iacl-aidc.org. 65 europeanlawblog.eu; s. als Beispiel für einen als Einzelblog gestarteten Europarechtsblog auch eulawanalysis.blogspot.com (seit 2014, von Steve Peers, inzwischen mit Blogposts von Gästen). 66 Allg. zur Imitationsneigung neuer Medien Fotis Jannidis/Hubertus Kohle/Malte Rehbein, Digital Humanities, 2017, 200. 67 Steinbeis/Kemmerer/Möllers, in: dies. (Hrsg.) (Fn. 54); dies. (Hrsg.), Gebändigte Macht. Verfassung im europäischen Nationalstaat. Verfassungsblog II, 2015; in regelmäßigen Abständen werden Posts des JuWissBlog in der Zeitschrift Recht und Politik veröffentlicht. 68 Anders Hoeren, in: Duve/Ruppert (Hrsg.) (Fn. 11), 219. 69 S. nur als Beispiel der Nachweis eines EJIL:Talk!-Beitrags in BVerfG, 17.9.2019, 2 BvE 2/16 (IS-Einsatz), Rn. 51; sowie bereits BVerfG, 8.12.2006, 2 BvR 1339/06, Rn. 20. Andererseits wird gerade wegen der angeblich mangelnden Qualitätskon- Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 345 Blogmedialität Die Effekte von Blogs auf den juristischen Diskurs lassen sich nicht beurteilen, ohne sich der spezifischen Medialität von Blogs zu vergewissern. Vor allem anderen setzt die technische Blogkonstellation eine „Publikationsinfrastruktur“70 voraus, d.h. zunächst konstanten Strom-, (Eingabe- wie Darstellungs-)Geräte- sowie Internetzugang, Serverkapazität, eine Webseite und personelle Ressourcen. Diese leicht trivial erscheinenden Bedingungen können – beispielsweise durch die Ausschaltung von Vermittlungsinstanzen71 – sowohl ermächtigend als auch beschränkend wirken. Sie trennen die digitale von der überkommenen analogen (Publikations-)Welt freilich immer weniger72. Ebenfalls erforderlich sind – wie in der analogen Wissenschaft – Lese- und, gerade für Fachfremde und Laien von Relevanz, gewisse Fach- und Fachsprachenkompetenz, jedenfalls Vertrautheit mit basalen Begrifflichkeiten und Bedeutungscodes. Im Unterschied zu den meisten journalistischen Produkten hat sich eine spezifische Darstellungsform von Blogs entwickelt, die den stets neuesten Blogeintrag prämiert. Posts schieben sich mit jeder neuen Veröffentlichung nach unten bzw. wandern bei Überschreiten einer bestimmten Anzahl von Post-Vorschauen in nicht leicht zugängliche Blogunterseiten und Archive ab.73 Die jeweilige Veröffentlichungsfrequenz auf einem Blog eröffnet mithin eine paradoxe Relation von Aufmerksamkeit und Vergessen. Das zeitdynamisierte Privileg des Ewigneuen kehrt in vielen Bezugsmedien von Blogs – zumeist sozialen Medien – wieder. Ebenfalls medien- IV. trolle davor gewarnt, Blogs in juristischen Hausarbeiten zu zitieren, Roland Schimmel/Denis Basak/Marc Reiß, Juristische Themenarbeiten, 3. Aufl. 2017, 45 f. (ebd., 46, freilich auch differenziert zu Ausnahmen). 70 Niels Taubert, Formale wissenschaftliche Kommunikation, in: Bonfadelli/Fähnrich/Lüthje/Milde/Rhomberg/Schäfer (Hrsg.) (Fn. 48), 125, 127. 71 S. nur Han (Fn. 33), 27; Nassehi (Fn. 31), 276 f.; Lawrence B. Solum, Blogging and the Transformation of Legal Scholarship, in: Washington University Law Review 84 (2006), 1071, 1078 ff. 72 Zur Differenz von digital und analog s. nur Würkert/Klafki/Winter, in: dies. (Hrsg.) (Fn. 34), 4 ff.; für einen post-digitalen Begriff der Digitalität ohne überkommene Dichotomien Felix Stalder, Kultur der Digitalität, 2016, 18 f. Während die Internetdurchdringung der Weltbevölkerung 2019 weniger als 60% beträgt, liegt sie in Europa bei knapp 90%, in Deutschland bei 96%, s. https://www.intern etworldstats.com/stats.htm. Für das Wissenschaftsfeld ist wahrscheinlich eine Rate bei fast 100% zu erwarten; ausschließend wirken hier am ehesten paywalls. 73 Die Hoffnung auf einen digitalen Zettelkasten verwirklicht sich daher nicht, s. Markus Schumacher, Blogs in der Rechtswissenschaft, in: BRJ 2011, 65, 69 f. Stefan Martini 346 spezifisch sind die Verlinkungen in Blogtexten auf andere Internetquellen,74 die eine nahezu unmittelbar erfahrbare Intertextualität ermöglichen. Die Chronologie75 und Medialität der Blogs greifen sowohl in analoge Rezeptionskonventionen als auch Reputationshierarchien der Wissenschaft (nicht nur) des öffentlichen Rechts ein. Wo das thematisch sortierte Bücherregal die Ablenkung durch verwandte Fachpublikationen ermöglicht oder die Platzierung beispielsweise als Leitaufsatz Aufmerksamkeit hierarchisiert, eröffnet die digitale Logik lediglich ein kurzes Fenster, um einen neuen Eintrag wahrzunehmen, bzw. steuern – sich an Empfehlungen und Gefallensäußerungen orientierende – Algorithmen die Chancen, dass Blogeinträge überhaupt wahrgenommen werden können. Die Rezeptionsbedingungen des Bloggens stehen so prinzipiell quer zu herkömmlichen Status- und Textdifferenzen76. Blogjargon Der größere, spezifisch mediale Effekt von Blogs scheint darin zu liegen, die tradierte Rechtswissenschaft mit einer konkurrierenden Textkonzeption – einem code parlé77 – herauszufordern. In der Tat findet sich in den Selbstbeschreibungen der Blogcommunity, dass das neue Format – im Gegensatz zu etablierten Textformen – spontanere, subjektivere (reflexivere), unsystematischere, politischere Interventionen ermögliche.78 Darin und dahinter steht wiederum augenscheinlich die Einstellung, dass die Rechtswissenschaft sorgsam gehegte Einheits-, Rationalitäts- und Objektivitätsvorstellungen sowie unmeritokratische Autoritätszuschreibungen und -stratifikationen79 überwinden möge.80 1. 74 Schmidt (Fn. 38), 45. 75 Lobin, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 224. 76 S. auch Hannah Birkenkötter/Maximilian Steinbeis, „Blogging is a way of changing the authority in the public sphere“. Interview mit Jack Balkin, Verfassungsblog, 2.6.2014. 77 Vgl. Kirsten Adamzik, Textlinguistik, 2. Aufl. 2016, 73. 78 Alexandra Kemmerer, (Rechts-)Wissenschaft sui generis?, Verfassungsblog, 11.11.2012; Tina Winter, Bloggen – eine neue Form, (rechts-)wissenschaftlich ins Gespräch zu kommen?, JuWissBlog, 1.11.2013. 79 S. Michaela Hailbronner, We the experts. Die geschlossene Gesellschaft der Verfassungsinterpreten, in: Der Staat, 2014, 425, 442. 80 Stefan Martini, Angriff auf das System, in: Plöse/Fritsche/Kohn/Lüders (Hrsg.), „Worüber reden wir eigentlich?“. Festgabe Rosemarie Will, 2016, 940, 946 f.; allgemein Susanne Baer, Rechtssoziologie, 3. Aufl. 2017, 44 ff.; vgl. auch das Konzept Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 347 Die (Eigen-)Werbung für diese direkten und disruptiven Produktionsund Interaktionspraxen81 haben Blogs den Vorwurf der „Unmittelbarkeitssehnsucht“ eingetragen.82 Dieser unterstellt, dass Blog(post)s im digitaliter ermöglichten unmittelbaren Austausch einen – gegenüber schriftkulturellen Äußerungen – unverstellte(re)n Zugang zu Sinn beanspruchen.83 Darin drücke sich eine regressive oder gar „repressive Seite“84 der Blogeuphorie aus, die eine neue Mündlichkeit gegen die rückständige Schriftkultur wende. Damit scheint der epistemologisch-revolutionäre Anspruch von Blogs indes überschätzt zu werden.85 Die „Restitution der Mündlichkeit“86 auf Blogportalen garantiert – selbst im Selbstbild der Blogs – kein (überlegenes) Gelingen rechtswissenschaftlicher Kommunikation. Die Stellungnahmen einiger Blogprotagonisten richten sich vielmehr gegen eine Schlie- ßung der Rechtswissenschaft durch überlebte Konventionen und eingespielte Praktiken – und nicht prinzipiell gegen Leistungen schriftbasierter Sinnproduktion. Sie wollen – hier zeigen sie sich anschlussfähig an Jahrzehnte alte Kritik87 – Rechtswissenschaft ergänzen und öffnen, nicht Bedeutung gegen die Erkenntnisse (u. a.) postmoderner Analyse88 zentrieren. Demgegenüber ließe sich gar vermuten, dass Blogs gerade wegen ihrer technischen und stilistischen Eigenart iterative, netzwerkartige Sinnverschaltungen antreiben können89. der Positionalität (Katherine Bartlett, Feminist Legal Methods, in: Harvard Law Review, 1989, 829, 880 ff.), das im Blogmedium praktiziert, reflektiert und transparent gemacht werden kann (s. zur Reflexivität auch Susanne Baer, Verfassungsvergleichung und reflexive Methode: Interkulturelle und intersubjektive Kompetenz, in: ZaöRV, 2004, 735, 750). 81 Kemmerer/ Möllers/ Steinbeis, in: dies. (Hrsg.) (Fn. 54), 15, 20: „Unmittelbarkeit des Mediums“. 82 Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 110. 83 Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 110. 84 Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 107. 85 Vgl. auch Birkenkötter/Steinbeis, JA 2015 (Fn. 50), 5. 86 Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Fn. 27), 107. 87 S. nur Fn. 79, 80. 88 Auflösung von Einheitsvorstellungen von Subjekt und Buch bei Karl-Heinz Ladeur, Recht – Wissen – Kultur, 2016, 177 f. 89 S. auch Birkenkötter/Steinbeis (Fn. 50), 5 f.; sowie bereits Schumacher (Fn. 73), 67, 72 f. Stefan Martini 348 Digitalisierte Schriftlichkeit Die dichotomische Gegenüberstellung neuer und alter Medien, von Netzcommunity und Staatsrechtslehre sowie Oralität und Literalität muss in ambivalente Kreuzungen bzw. Differenzierungen zusammenfallen. Blogs schließen, wie bereits erwähnt, an eingespielte Reputationsmechanismen an (III.1.); sie kommen der „Verschriftlichungstendenz“90 der Rechtswissenschaft gar entgegen, die das unmittelbar gesprochene Wort in eine Vorbereitungsrolle zurückdrängt (wie Vorträge auf Tagungen, die in Sammelbände münden).91 Die von Blogs in Anspruch genommene Mündlichkeit erweist sich als Marketingclaim und kann als überaus komplexe Verschränkung diverser medialer Strategien beschrieben werden. Ausgangspunkt einer medialen Analyse muss sein, dass Blogs keine unmittelbare Kommunikation unter Anwesenden im Austausch von Lauten (inklusive Mimik und Gestik) eröffnen. Sie bewegen sich nicht im phonischen, sondern im graphischen Universum. Auf Blogs werden symbolhafte Zeichen veröffentlicht, die visuell wahrgenommen werden müssen. Dies schließt nicht aus, dass auf Blogs im Kommunikationsfeld der Schrift mit Oralität assoziierte Bedingungen simuliert werden. Der Medientheoretiker Walter Ong hat – im Kontext technisch vermittelter Kommunikation des letzten Jahrhunderts – die sog. sekundäre Oralität als Beschreibungsangebot entwickelt.92 Während er damit auf die modernen Massenmedien Radio und TV zielte, lässt sich die Quasi-Synästhesie auch auf digitale Kommunikation legen93 – noch deutlicher als in den Massenmedien könnte durch die zugleich dezentrale und unmittelbare Kommunikation im Internet Präsenz und Gemeinschaft (mündlicher Kommunikation) erzeugt werden. Jedenfalls deutet die scheinbar paradoxe Formulierung der sekundä- 2. 90 Der „spätere Leser [wird] gegenüber dem präsenten Zuhörer bevorzugt“, Steffen Augsberg, Questa sera si recita a soggetto, in: Funke/Lachmayer (Hrsg.) (Fn. 27), 77, 89. 91 Noch radikaler ist das gesprochene Wort auf eine dienende Rolle reduziert, wenn ein bereits geschriebenes Referat, nicht unüblich in der Rechtswissenschaft, lediglich vorgelesen wird. 92 Walter Ong, Orality and Literacy, 1982, 10 f., 132 ff. 93 John Hartley, After Ongism, in: Walter Ong, Orality and Literacy, 2012, 205, 207; vgl. auch Volker Boehme-Neßler, Hypertext und Recht, in: Zeitschrift für Rechtssoziologie 2005, 161, 178. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 349 ren Oralität darauf hin, dass die Usancen in neuen Medien stets Rückwirkung auf alte Praxen haben.94 Noch differenzierter lässt sich mit Erkenntnissen der Linguistik die Hybridität digitaler Medialität beschreiben, um Blogs nicht auf die Binarität von Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu reduzieren. In der (deutschsprachigen) Text- und Medienlinguistik ist eine aus der Romanistik stammende Unterscheidung gängig – zwischen phonischer und graphischer Äußerungsform („Medium“) auf der einen und der in dieser Äußerungsform angelegten Konzeption, die auf einer Skala zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit bzw. Nähe und Distanz verortet werden kann, auf der anderen Seite.95 Obgleich dieses vor der digitalen Disruption entwickelte Modell – insbesondere die Vagheit des zwischen Stil und Kommunikationsbedingungen changierenden Konzeptionsbegriffs96 – gerade im Hinblick auf Neue Medien ob ihrer Medienvergessenheit kritisiert worden ist,97 lässt sich nichtsdestoweniger die Erkenntnis ableiten, dass es zum einen kein natürliches Verhältnis von Kommunikationsmedium und entsprechender Kommunikationsform gibt und zum anderen – von medialen, technologischen, sozialen und weiteren Kontexten beeinflusst – variable Kombinationen von Kommunikationsformen, -medien, -stilen und -strategien möglich sind – und sich auch verwirklichen. 94 Ong (Fn. 92), 10 f. Dank „neuer“ Medien ersetzt schriftliche in gestiegenem Maße mündliche Kommunikation, Jannis Androutsopoulos, Neue Medien – neue Schriftlichkeit?, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2007, 72, 76 ff. 95 Stephan Stein, Oralität und Literalität, in: Birkner/Janich (Hrsg.), Handbuch Text und Gespräch, 2018, 3, 13 ff.; Maria Selig, Das Wesen der Mündlichkeit, in: Walter (Hrsg.), Die Mündlichkeit im Rechtsleben, 2016, 1, 4; s. auch Adamzik (Fn. 77), 74 (Hervorhebungen weggelassen): „Wer schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, [verwendet] konzeptionelle Mündlichkeit im schriftlichen Medium.“ 96 Medium v. Konzeption könnte man durch Medium und kommunikative Praktik ersetzen, so Jan Georg Schneider, Nähe, Distanz und Medientheorie, in: Feilke/ Hennig (Hrsg.), Zur Karriere von „Nähe und Distanz“, 2016, 333, 353. 97 Androutsopoulos, Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2007 (Fn. 94), 80; Christa Dürscheid, Nähe, Distanz und Neue Medien, in: Feilke/ Hennig (Hrsg.) (Fn. 96), 357 ff.; s. auch ebd., 375, zu Äußerungsmöglichkeiten, die spezifisch für ein (neues) Medium sind und daher nicht in das Schema Mündlichkeit-Schriftlichkeit eingeordnet werden können (z. B. Emoticons). Stefan Martini 350 Milde Rückwirkungen auf den juristischen Diskurs Auf Blogs erleben wir somit Elemente einer gewissermaßen inszenierten Mündlichkeit98 bzw. einen Jargon der Informalität, der „Vermündlichungstendenzen“99 in digitalen Medien entspricht. Die von der medialen Verwirklichung zunächst unabhängigen Hoffnungen auf kommunikative Flexibilisierung finden, wie erwähnt, auch Anklang in der Blogcommunity: Eine orale Kommunikationskultur und ein entsprechender informeller Stil im Netz100 stellen von vornherein die Subjektivität jeglicher Blogstellungnahme heraus. Der schnelle Produktionszyklus arbeitet gegen die Illusion der Abgeschlossenheit juristischer Wahrheit. Die kurze Form schließt es aus, großflächige Systematisierungen mit dutzendfacher Untergliederung zu entfalten. Die Kommentarfunktion erlaubt es schließlich, jede Autorität sofort, von überall und anonym zu hinterfragen. Gerade in Wissenschaftsblogs ist die Mündlichkeitstendenz indes nicht besonders ausgeprägt, sodass besser von einer Variation des überkommenen Schriftlichkeitsstils gesprochen werden müsste.101 Das Ideal methodisch kontrollierter Text- und Erkenntnisarbeit bleibt in Blogtexten wirksam, da sich – für die wissenschaftliche Karriere unabdingbare – Reputationszuschreibungen102 medienneutral daran orientieren. Ein feuilletonistischer Stil ist deswegen auf Blogs nicht dominant geworden; vielmehr wird innerhalb des juristischen Duktus verstärkt auf Lesbarkeit geachtet – die Währung des Netzes, Klickzahlen, geht hier eine Allianz mit der Währung der Wissenschaft, Reputation, ein. Auf Twitter – mit Text(kett)en von jeweils maximal 280 Zeichen Länge und der Gleichberechtigung von Text und Kommentar – ist die praktizierte Mündlichkeit hingegen radikaler – dort kommunizieren User*innen aus unterschiedlichen Sphären miteinander, in nicht selten ironischer, nichtdistanzierter Sprache, Privates wie Fachliches in der Öffentlichkeit ausfechtend.103 3. 98 Stein, in: Birkner/Janich (Hrsg.) (Fn. 95), 11. 99 Stein, in: Birkner/Janich (Hrsg.) (Fn. 95), 21. 100 S. für Blogs Schmidt (Fn. 38), 45; zu den Ursprüngen s. nur Stalder (Fn. 72), 79 ff. 101 S. auch Androutsopoulos (Fn. 94), 81. 102 Dazu allgemein Schulze-Fielitz (Fn. 8), 187 ff. 103 Zu Twitter und der Überschneidung der Sphären Journalismus, Politik, Laientum und Wissenschaft Adrian Rauchfleisch, Wissenschaft auf Twitter, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 291; s. auch Lobin, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 223, 227 f.; zu Funktionen von Microblogging ebd., 229: „soziale Komponente, das kontextangereicherte Suchen und Veröffentlichen, die Konferenzbegleitung, die Verwendung in der Lehre und das Reputationsmanagement“. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 351 Alles in allem liefern Blogs weniger grundstürzende Umwälzung als eine medial faszinierende Ergänzung des juristischen Diskurses,104 die dessen gewünschten Attribute im milden Komparativ verwirklicht: Blogs gestalten den Diskurs – in Ausschnitten – schneller, subjektiver, offener, zugänglicher und „durchlässiger“105.106 Das Versprechen inklusiver Wissenschaftskommunikation erfüllt sich entsprechend in lediglich eingeschränktem Maß. Da die fachsprachliche Vermittlung in aller Regel vorherrscht, wird – trotz open access – das Publikum der allgemeinen Öffentlichkeit weitgehend abgehalten.107 Zudem kommen Interaktion und Dialog in den Kommentaren der einzelnen Blogposts nicht zustande, wenn die Kommentierungsbereitschaft niedrig ist und die Kommunikation unstrukturiert verläuft108. Auch die Blogtexte stehen trotz intertextueller Verlinkungen, die Fußnoten weitgehend ersetzen, weiterhin für sich – ein partizipatives kollaboratives Arbeiten wie an Wikipedia-Artikeln zeigt sich in Blogs nicht. In einer Wissenschaft, die von hierarchischen Unterscheidungen durchzogen ist, schaffen Blogs ein alternatives niedrigschwelliges Forum, das den Eintritt von gerade Nachwuchswissenschaftler*innen in den Diskurs – potentiell – erleichtert. Ein großes Verdienst digitaler Angebote einschließlich Blogs ist es schließlich, juristische Neuigkeiten schnell verfügbar zu machen – und einzuordnen. Mittelbare Konsequenz aus Vogelperspektive über den Rechtsordnungen mit ihren jeweiligen juristischen Distributionskanälen ist es, die Migration juristischer Gehalte und grenzüberschreitende juristische Debatten zu unterstützen.109 104 Dogruel/Beck (Fn. 45), 158. 105 Birkenkötter/Steinbeis (Fn. 50), 7 (keine Hervorhebung im Original). 106 Dass entsprechende Pathologien drohten wie z. B. Oberflächlichkeit, Konsistenzverlust und Erkenntnisnivellierung, liegt nicht im Format selbst begründet. Solche Mängel sind nicht atypisch für analoge Produktionsprozesse. 107 Merja Mahrt/Cornelius Puschmann, Schnittstelle zur Öffentlichkeit oder virtueller Elfenbeinturm?, in: Robertson-von Trotha/Muñoz Morcillo (Hrsg.), Öffentliche Wissenschaft und Neue Medien, 2012, S. 177, 179 mit Hinweis auf Studien. S. auch Martina Franzen/Simone Rödder/Peter Weingart, Wissenschaft und Massenmedien, in: Maasen/Kaiser/Reinhart/Sutter (Hrsg.) (Fn. 9), 355, 362. 108 S. Mahrt/Puschmann (Fn. 107), 180; Wenninger, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 263; Schäfer (Fn. 48), 281 f. 109 S. bereits Florian Knauer, Neue juristische Publikationsformate im Internet – Stand, Perspektiven und Auswirkungen von Open Access, Wikis, Blogs, Twittern und Podcasts, in: NJOZ 2009, 3004, 3010 f.; sowie Jens Kersten, Digitale Rechtsdidaktik, in: JuS 2015, 481, 486. Stefan Martini 352 Subversivere Entwicklungen, mit denen sich Blogs stärker von etablierten Stilen und Konventionen entfernen, sind gleichwohl nicht ausgeschlossen. Sie könnten als alternative Quelle zum Ansammeln kulturellen Kapitals im juristischen Diskurs dienen und gar publizistische Karrieren außerhalb des juristischen Fachdiskurses anstoßen. Blogs schließen an den digitalen Trend des „first publish, then filter“110 an und verschieben die Qualitätskontrolle tendenziell von unsichtbaren Gatekeepern auf die rezipierende Community. Ferner könnten insbesondere die Schnelligkeit und Flexibilität des Mediums gewisse Textsorten aus klassischen Veröffentlichungsformaten verdrängen, wie Urteilsanmerkungen, Rezensionen und Berichte über Tagungen und neue Gesetzgebung,111 und zugleich die Konzentration auf tagesereignisunabhängige longreads stärken112. Schließlich könnten sie Rückwirkungen des Schreibstils auf Denkstile in klassischen Formaten erzeugen – warum sollten sich in Monographien und Aufsätzen nicht persönlichere, stärker evaluative und thetische Ansätze zeigen, die den Mythos purer Rationalität vom Sockel heben?113 Die Zukunft vernetzter Wissenschaftskommunikation Die Zukunft juristischer Blogs ist in die Entwicklung digitaler Medientechnologie und vernetzter Wissenschaftskommunikation eingebunden (s. II.). Obgleich der Entwurf in die Zukunft spekulativ ist, lassen sich Eigenheiten des Digitalen sowie wissenschaftsexterne Entwicklungen für die Wissenschaft extrapolieren. Für die deutsche juristische Blogszene bedeutet dies als nächste Entwicklungsstufe zunächst, die Multimodalität und -medialität wissenschaftsexterner wie -interner Plattformen114 einzuholen und unter anderem Podcasts115 und (Live-)Videos116 neben der Textdisse- V. 110 Taubert, in: Bonfadelli/Fähnrich/Lüthje/Milde/Rhomberg/Schäfer (Fn. 48), 135; vgl. auch Birkenkötter/Steinbeis (Fn. 50), 4: „Wer Unsinn schreibt, verliert Leser_innen.“ 111 S. schon Martini, in: Plöse/Fritsche/Kohn/Lüders (Hrsg.) (Fn. 80), 947. 112 S. Schulze-Fielitz (Fn. 8), 267. 113 Nicht zu unterschätzen bleibt bei dieser Entwicklung der Einfluss (analog-)angelsächsischer Darstellungskonventionen. 114 Thomas Gloning, Wissensorganisation und Kommunikation in den Wissenschaften, in: Birkner/Janich (Fn. 95), 344, 358; Alan G. Gross/Joseph E. Harmon, The Internet Revolution in the Sciences and Humanities, 2016, 188. 115 Für frühe Formen Schmidt (Fn. 38), 15. 116 Dogruel/Beck (Fn. 4545), 154. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 353 mination zu integrieren.117 Freilich stößt eine Professionalisierung in ehrenamtlichen Projekten an Grenzen; institutionellen Vorsprung hat hier der Verfassungsblog, der überdies in die Monetarisierungsphase eingetreten ist. Sollte der Trend anhalten, Blogs in die akademische Reputationsverwertungskette einzubinden, wird es weiterhin Material zur Veröffentlichung subjektiver(er) Perspektiven sowie Aufmerksamkeit für Blogposts geben. Blogs können digitale Prozesse und Schwarmeffekte nutzen und – entgegen der Annahme analoger Höhlenmenschen (s. oben) – für den juristischen Diskurs unschätzbare Transfer- und Selektionsleistungen erbringen.118 In einer zunehmend unübersichtlichen digitalen wie globalen (Fach-)Öffentlichkeit müssen Neuigkeiten gefiltert und vermittelt werden; insofern gehen Blogs über reine Newsletter hinaus. Blogs bleiben – auch hier besser als Fachzeitschriften – geeignet, Schnittstellen zu allgemeiner Öffentlichkeit auszubilden,119 oder schlicht unterhaltende Inhalte zu liefern120. Unsicher ist, ob sich die Bloglandschaft nach speziellen Interessen ausdifferenzieren oder die eindimensionale Zeitleiste aufgelöst wird, wenn die Veröffentlichungswelle auf (zu) erfolgreichen Blogplattformen die Leser*innen überfordert. Die funktionale Dynamik globaler digitaler Vernetzung von Personen, Dingen und Daten121 fördert die Entstehung großer Plattformen, die integrierte und vernetzte Dienste anbieten können.122 Der Technikwandel induziert den Strukturwandel: die gestiegenen Verknüpfungsmöglichkeiten erhöhen in der Folge die Nachfrage nach Verknüpfung auf allen Stufen des Wissenschaftsprozesses. Blogs reagieren, indem sie sich mit sozialen Plattformen vernetzen, ihre Texte für die VG Wort zugänglich und durch Einbettung in public-access-Angebote zitierfähig machen123. Allerdings set- 117 S. bereits Knauer (Fn. 109), 3005. 118 Stalder (Fn. 72), 117 f. 119 Dazu allgemein Schmidt (Fn. 2), 96. 120 Kritisch Augsberg, in: Funke/Lachmayer (Fn. 27), 113. 121 S. zur dynamischen Verknüpfung von Daten als Signum der digitalen Moderne Nassehi (Fn. 31), 137. 122 Lobin, in: Weingart/Wormer/Wenninger/Hüttl (Hrsg.) (Fn. 32), 242 f. 123 Franzen (Fn. 32), 14; s. für deutsche Blogs den Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung, intr2dok.vifa-recht.de/; zu open access Hanjo Hamann/Daniel Hürlimann, Open Acess bei Veröffentlichung rechtswissenschaftlicher Fachliteratur – was soll das?, in: RW Sonderheft 2019, 3; frei verfügbare Zeitschriften wie das German Law Journal (germanlawjournal.com), die Zeitschrift für internationale Strafrechtsdogmatik (zis-online.com) oder sui gene- Stefan Martini 354 zen die (bisherige) Linearität und Unidirektionalität (s. IV.)124 kollaborativen und interaktiven Prozessen Grenzen. Letztlich sind zwei Bewegungen denkbar: Um Netzwerkeffekten noch unbekannter Monopolisten zu begegnen, können Blogs noch größere Vernetzungsmöglichkeiten anstreben bzw. sich in größere Plattformen integrieren. Eine andere Vision greift den kritischen Impuls von Blogs auf: Sie werden diesseits wie jenseits künftiger Megaplattformen stets als Ausdrucksform dezentraler Gegenöffentlichkeit zur Verfügung stehen. ris (sui-generis.ch) stehen am Beginn dieser Entwicklung; vgl. Matthias Goldmann, Das German Law Journal: Open Access als Element eines wissenschaftlichen Programms, in: RW Sonderheft 2019, 112; Thomas Rotsch, ZIS – Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik (www.zis-online.com), ebd., 123; Daniel Hürlimann, Die Zeitschrift sui generis, ebd., 177. 124 Schmidt (Fn. 2), 85 ff. Die Rolle von Internetblogs im juristischen Diskurs 355

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Festschrift zum 60-jährigen Bestehen der Assistententagung im Öffentlichen Recht reflektiert Wandlungsprozesse, wie sie seit den 1960er Jahren im Öffentlichen Recht stattfinden. Angesprochen sind damit zunächst (wissenschafts-)kulturelle Veränderungen, aber auch Kontinuitäten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. Eine besondere Rolle spielen zudem die Transformationen der Staatlichkeit und deren Auswirkungen auf die Verbindung von Staat und Recht sowie die Veränderung der gesellschaftlichen und rechtlichen Perspektiven auf Gleichheitsfragen. Dabei haben sich auch Art und Weise der Forschung und Lehre in der Rechtswissenschaft sowie der wissenschaftliche Diskurs als solcher verändert. Schließlich werden Wandlungsprozesse in einzelnen Rechtsgebieten reflektiert. Mit Beiträgen von Maria Bertel, Anja Böning, Anna Büscher, Christian Djeffal, Astrid Epiney, Sina Fontana, Günter Frankenberg, Sebastian J. Golla, Elisabeth Greif, Dieter Grimm, Martina Haedrich, Michaela Hailbronner, Ulrike Lembke, Gerhard Lingelbach, Isabel Lischewski, Stefan Martini, Marje Mülder, Julian Nusser, Maximilian Pichl, Elisabeth Rossa, Anna-Julia Saiger, Aqilah Sandhu, Maurin Schunke, Myriam Senn, Patrick Sikora, Alexander Stark, Armin Steinbach, Carolin Stix, Dana-Sophia Valentiner, Anne van Aaken, Janwillem van de Loo, Thomas Vesting, Lars Viellechner, Tim Wihl.