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Klaus Rudolf Engert, Jan Hegemann, Daniel Morgenroth (Ed.)

Paragrafen Pantomimen Partisanen

Festschrift für Christoph Nix

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8487-6158-6, ISBN online: 978-3-7489-0280-5, https://doi.org/10.5771/9783748902805

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Klaus Rudolf Engert | Jan Hegemann Daniel Morgenroth (Hrsg.) Festschrift für Christoph Nix Nomos Paragrafen Pantomimen Partisanen Klaus Rudolf Engert | Jan Hegemann Daniel Morgenroth (Hrsg.) Paragrafen Pantomimen Partisanen Festschrift für Christoph Nix Nomos BUT_Engert_6158-6.indd 3 18.09.19 15:43 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-6158-6 (Print) ISBN 978-3-7489-0280-5 (ePDF) 1. Auflage 2019 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. BUT_Engert_6158-6.indd 4 18.09.19 15:43 Geleitwort Fünfundsechzig Jahre sind ein Anlass, inne zu halten, sich bewusst zu werden, wo man im Leben steht, im Rückblick auf das Geleistete und mit Blick auf das, was noch kommen mag. Bei honorigen Professoren aus dem Universitätsbetrieb wird nicht selten eine Festschrift verfasst, bei der sich die Crème de la Crème eines Fachbereichs versammelt und den Stand der Forschung im jeweiligen Fach glanzvoll präsentiert. Wozu also noch eine Festschrift? Einer seiner langjährigen Weggefährten, der sich selbst nicht mit einem Beitrag beteiligen konnte, hat gesagt, dass keiner so sehr eine Festschrift verdient habe wie Christoph Nix. Dem können wir uns nur anschließen. Der Jubilar selbst hat viele Seiten, und eine seiner herausragenden Eigenschaften ist es, als Brückenbauer Impulse zu setzen, fähige Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenswelten zusammen zu bringen, die sich vielleicht zunächst einmal fremd wären; die aber – nur auf den ersten Blick erstaunlicherweise – zusammen passen, und die gemeinsam Bemerkenswertes hervorbringen. Sei es in einem künstlerischen Prozess, in der Publizistik oder in einem der unglaublich vielen Projekte, die Christoph Nix auf höchstem Niveau in Gang setzt. Brücken zwischen Menschen und zwischen Welten zu bauen kann er wie kaum ein zweiter, weil er so viele Facetten in sich trägt, die im Laufe abwechslungsreicher Jahrzehnte ein gelebter Teil von ihm selbst geworden sind. Und so ist auch diese Festschrift geworden: Ein schillerndes Panoptikum, so vielfältig und facettenreich wie der Mensch Christoph Nix. Das zeigt sich auch in der unglaublichen Bandbreite der Autoren: Strafverteidiger und Soziologen, Politiker und Regisseure, Pädagogen und Richter, Theaterwissenschaftler und Kaufleute, Intendanten und Psychoanalytiker, Banker und Theologen, Schriftsteller und Ökonomen, Anwälte und Schauspieler. Trotzdem haben wir diese Festschrift nur in die drei Rubriken „Paragrafen“, „Pantomimen“ und „Partisanen“ unterteilt. Die letztgenannte Rubrik bedarf vielleicht einer näheren Erläuterung. Für den Jubilar ist das Schreiben ein inneres Bedürfnis, wie die beeindruckende, selbst für die Vielschreiber unter den Wissenschaftlern ungewöhnlich umfangreiche Liste seiner Publikationen zeigt. Auf allen Gebieten geht es Christoph Nix um die Sache, aber sich einem Thema auf ausgetretenen Pfaden zu nähern ist seine Sache nicht. Vielmehr ist er im besten Sinne des Wortes ein streitbarer Geist, ein Querdenker, der Standpunkte 7 von unerwarteter Seite beleuchtet und so Diskussionen erst richtig in Schwung bringt. Das literaturwissenschaftlich ihm am nächsten liegende Genre wäre wohl die Streitschrift im klassischen Sinne. Für einen solchen Ansatz in den unterschiedlichsten Bereichen steht in der inhaltlichen Gliederung dieser Festschrift die Rubrik „Partisanen“. Das ist also als positive Haltung von Querdenkern zu verstehen, die auch viele der Autoren in den beiden anderen Rubriken „Paragrafen“ und „Pantomimen“ in ihren Beiträgen zeigen. Dem Jubilar zur Freude. Wir danken all denen, die diese Festschrift auf den Weg gebracht, all denen, die in Wort und Tat zu ihrer Realisierung und Finanzierung beigetragen haben. Wir danken Frau Krausnick für die gewohnt souveräne, verlagsseitige Umsetzung. Und nicht zuletzt danken wir Christoph Nix, der all diese Menschen aus Lebenswelten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zusammengeführt hat. Die Herausgeber im Juni 2019 Geleitwort 8 Inhalt Prolog 13 Die Neuvermessung der Welt – Rede zur Eröffnung der Theatersaison in Konstanz am 7. Oktober 2011 15 Frank-Walter Steinmeier ParagrafenI. 19 Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz – Lessons learnt? 21 Dieter Deiseroth Jugendstrafvollzug – Eine einzige Peinlichkeit 43 Johannes Feest Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 49 Angie Schneider Kommunale Theater und Beihilfenrecht 63 Sven-Joachim Otto Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen – Betriebsverfassungsrechtliche Einordnung der tariflich in § 62 Abs. 4 NV Bühne genannten Tätigkeitsgruppen im Lichte des § 5 Abs. 3 BetrVG 77 Joachim Benclowitz Theaterskandal – Zur Strafbarkeit der Verwendung des Hakenkreuzes in einer Theaterinszenierung 87 Jan Hegemann 9 PantomimenII. 97 Der Eigensinn von Theater 99 Andreas Kotte und Beate Schappach Kein Bericht für eine Akademie 109 Herbert Gerstberger und Felicitas Miller Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters 121 Daniel Morgenroth Quodlibetarius – Ein Quodlibet als Kehraus 131 Klaus Röhring Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? 139 Bernd Günter Christoph Nix – eine Begegnung 149 Wolfram Mehring PartisanenIII. 155 Geld und Geist – geht das? 157 Konrad Hummler Gedankengefängnisse – Mauern – Theaterkulissen 175 Lorenz Böllinger Reise, Reise 181 Johannes Nix „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 187 Rolf-Peter Warsitz Inhalt 10 Dante, Sardinien und der Sturm – Ein Fall für Commissario Cristoforo 205 Klaus Rudolf Engert Nix geht in die Stadt 215 Gerhard Zahner Epilog 219 Rede zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Christoph Nix 221 Thomas Spieckermann Anhang 227 Autorenverzeichnis 229 Prof. Dr. Dr. Christoph Nix – Juristische, theaterwissenschaftliche und belletristische Veröffentlichungen 233 Inhalt 11 Prolog Die Neuvermessung der Welt – Rede zur Eröffnung der Theatersaison in Konstanz am 7. Oktober 2011 von Frank-Walter Steinmeier Liebe Theaterfreunde, ich freue mich, heute mit Ihnen die Eröffnung einer ungewöhnlichen Theatersaison feiern zu dürfen. Mit Ihrem Intendanten Christoph Nix verbindet mich eine lange Freundschaft über Entfernungen und Lebensläufe hinweg, die verschiedener nicht sein könnten. Trotz aller Unterschiede – unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt, hier in Deutschland sowieso, vor Jahren aber auch in Afrika. Ich erinnere mich gut an einen gemeinsamen Besuch auf einer Lepra-Station in Togo, aber auch an die Fröhlichkeit eines jungen schwarzen Tischlers in Lomé, der stolz Brechtgedichte rezitierte. Nicht jeder kann eigene Erfahrungen sammeln bei ausgedehnten Reisen durch Afrika und die Welt. Deshalb ist es wunderbar, wenn Sie hier im nächsten Jahr von Konstanz aus auf große Reise gehen können. Auf eine Entdeckungsreise, die Sie auf einen großen, vielfach noch unbekannten Kontinent führen wird. Auf eine Reise in die Welt von Hunger, Aids, Unterdrückung, Flucht, Ausbeutung, Rassismus, Bürgerkrieg. Und gleichzeitig auf eine Reise in die Welt von Neugier, Vielfalt, Zuversicht, Liebe, Zukunft, Optimismus, Selbstbewusstsein und Idealen. Nicht das Herz der Finsternis, wie es bei Joseph Conrad heißt, nicht den „dunklen Kontinent“, wie es bei Tanja Blixen heißt, werden sie im kommenden Jahr auf dieser Bühne sehen. Unter der Überschrift „Afrika – in weiter Ferne so nah“ werden sie stattdessen die Vielfalt dieses Kontinents kennenlernen, seine schönen ebenso wie seine bedrückenden Seiten. Sie werden Geschichten hören, die empören, ebenso wie Geschichten, die uns zum Lachen bringen und zum Staunen. Ich habe mir das Programm angeschaut und gedacht, schade, dass Konstanz so weit weg ist von Berlin; vieles klingt so spannend, dass ich abends gern häufig dabei wäre. Ich sage herzlichen Glückwunsch für dieses Programm und für Schauspieler, die daraus ein Theatererlebnis machen, das es so in ganz Deutschland meines Wissens nicht gibt! Wie nah uns Afrika ist, haben wir alle in diesem Frühjahr stärker gespürt als zu früheren Zeiten. Die Veränderungen Nordafrikas, die Strukturen und Gewissheiten über den Haufen werfen, haben vielen erst bewusst 15 gemacht, dass das etwas mit uns zu tun hat. Und ich versichere Ihnen; das war vorher auch schon so! Die letzten Jahrzehnte haben gewaltige Veränderungen in der Welt gebracht. Die Welt nach 1990 hat kaum noch etwas zu tun mit der Welt vor 1990. Das Ende des Kalten Krieges und das Ende der Blockkonfrontation, über die wir uns freuen, bedeuten auch das Ende zynischer Gewissheiten. Es kam nicht der Ausbruch des ewigen Friedens. Es gibt nicht weniger Konflikte, sondern andere! An die Stelle der alten Ordnung trat noch keine neue. Die Welt ist auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Einer Ordnung mit vielen neuen Spielern, die wir nicht auf dem Plan hatten oder systematisch unterschätzt haben. Was wir gerade erleben, ist nichts weniger als die Neuvermessung der Welt. Der Aufstieg der außereuropäischen Welt ist schon längst im Gange; für uns Europäer bringt er das Ende einer Illusion, einer lieb gewordenen Gewohnheit mit sich. Denn wir sind nicht mehr der Nabel der Welt, der wir vielleicht eine Zeit lang waren. Neue konkurrierende Zentren bilden sich heraus. Dieser Wandel sollte uns nicht in Panik versetzen. Aber wir müssen uns in der Welt von heute und morgen anders verständlich machen, und wir müssen besser verstehen, wie der jeweils Andere denkt. Wir müssen bereit sein, unseren Blick zu wenden, vielleicht auch manches Verständnis zu korrigieren. Sonst werden in der veränderten Welt unterschiedliche Vorstellungen immer härter aufeinanderprallen. Und wenn wir das vermeiden wollen, dann brauchen wir vieles: gute Politik, verantwortungsvolle Politiker, Vernunft und Empathie. Vor allem aber brauchen wir kulturellen Dialog, mehr denn je! Dafür ist diese Spielzeit ein wunderbarer Beitrag! Deshalb herzlichen Dank dafür. Internet und Billigflieger lassen die Welt zusammenrücken. Aber was dabei entsteht, ist in weiten Teilen doch eine trügerische Vertrautheit. Nur weil wir mehr von der Welt sehen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch mehr von ihr verstehen! Das gilt in ganz besonderem Maße für unser Verhältnis zu Afrika. Wenn wir ehrlich sind, ist unser Blick auf Afrika meist immer noch etwas von oben herab, etwas abschätzig, vor allem aber sehr eurozentrisch. Und ohne Blick auf die Unterschiede in Afrika selbst. Dabei habe ich bei meinen Reisen nach Afrika an vielen Orten immer wieder erleben können, wie selbstbewusst die Menschen dort ihre eigene Zukunft gestalten können und wollen. Wer schärfer hinsieht, sieht mehr als den Kontinent der Krisen und Konflikte, von Elend und Armut. Alles das gibt es. Aber es gibt auch das Andere: Chancen und Aufbrüche! Frank-Walter Steinmeier 16 Um eingefahrene Realitäten, Sichtweisen und Beziehungen zu verändern, ist die Außenpolitik gefragt. Deutschland als ein wohlhabendes Land und einer der größten Geber von Entwicklungshilfe steht in einer besonderen Verantwortung mitzuhelfen, die Menschen in die Lage zu versetzen, den Teufelskreis aus Unterentwicklung, Armut und Hunger am Ende aus eigener Kraft zu überwinden. Daran darf es auch in Zukunft keine Abstriche geben. Und wir müssen aufhören, afrikanische Märkte mit Dingen zu überschwemmen, die sie selbst herstellen können. Aber es geht nicht nur um Geld allein! Mehr Bildung, mehr Kulturaustausch mit Afrika – dafür müssen wir viele Wege beschreiten. Dabei sind wir auf Mitarbeit und Impulse der Kulturschaffenden angewiesen. Sie können andere Perspektiven einnehmen – gegenüber ihrem eigenen Land, und auch gegenüber anderen Ländern. Das sollten wir nutzen, um uns selbst etwas wacher zu machen für das, was um uns herum passiert. Ich könnte Ihnen viel zur auswärtigen Kulturpolitik erzählen. Von der Buchmesse in Kairo, der Fußballschule in Ouagadougou oder Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso, das mindestens so verrückt ist wie die Afrika-Spielzeit in Konstanz. Aber gerade solche Verrücktheiten brauchen wir. Wir brauchen Initiativen und Menschen, die quer zur Routine stehen, die ausbrechen und das denken und machen, was noch nicht Bestandteil eines allgemeinen Kanons ist. Wenn man genau hinschaut, ist ein Operndorf eben doch gar nicht so verrückt, kein Plüschschuppen. Es basiert auf einem breit angelegten Konzept. Dahinter steht die Idee, dass Kultur Selbstbewusstsein schafft, den Austausch von Gedanken befördert und zur Alphabetisierung beiträgt. Kunst und Kultur sind kein Instrument der Politik, aber sie helfen Politik, indem sie die politische Routine aufklären. Sie eröffnen neue Sichtweisen und neue Handlungsoptionen für eine bessere Politik. In diesem Sinne verändert eben auch Kultur und kultureller Austausch erst recht. Mit Politik ist das nicht immer einfach, machen Sie also bitte weiter! Herzlichen Dank! Die Neuvermessung der Welt 17 I. Paragrafen Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz – Lessons learnt? von Dieter Deiseroth Einleitung Seit dem 12. Dezember 1979 stand fest: 572 neue nukleare Mittelstreckenwaffen (TNF1) sollten ab Herbst1983 von den USA in Westeuropa stationiert werden, und zwar in der Bundesrepublik Deutschland 108 Pershing- II-Raketen und 96 bodengestützte Marschflugkörper (GLCMs2), 160 GL- CMs im Vereinigten Königreich (UK), 112 GLCMs in Italien sowie jeweils 48 GLCMs in Belgien und in den Niederlanden. Diese in der Sondersitzung der NATO-Außen- und Verteidigungsminister nach einem längeren NATO-internen Vorlauf in Brüssel gefasste unbedingte und vorbehaltlose Stationierungsentscheidung war nach dem letzten Satz des zur Veröffentlichung bestimmten Kommuniqués zwar mit einer Überprüfungsperspektive verbunden, die jedoch sehr vage und unbestimmt gehalten war: „Der TNF-Bedarf der NATO wird im Licht konkreter Verhandlungsergebnisse geprüft werden.“ Diese Formulierung ging auf eine Initiative der von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und seinem Vizekanzler und Außenminister Genscher (FDP) geführten deutschen Bundesregierung zurück. Diese sprach in der Folgezeit unter Berufung auf diese Textpassage stets – missverständlich – von einem „NATO-Doppelbeschluss“. Dabei bestand in und zwischen den Regierungen der NATO-Staaten sowohl 1979 als auch danach keine Einigkeit über die realistische Möglichkeit eines (nachträglichen) Verzichts auf die beschlossene „Nachrüstung“ im Jahre 1983. Schon die Formulierung „konkrete Verhandlungsergebnisse“ setzte etwaigen Moratoriums- und Aufhebungsperspektiven enge Grenzen. Auch den Gegnern einer solchen Null-Lösung innerhalb der NATO war allerdings klar: Das Angebot einer künftigen, für 1983 avisierten Überprüfung der Stationierungsentscheidung war „der letzte Schritt, den die NATO tun konnte“, um dem damaligen Bundeskanzler Schmidt und seiner Koalition innenpolitisch das Durchsetzen der „Nachrüstung“ zu erleichtern. Der FAZ-Mili- 1 TNF: Tacitcal/Theater Nuclear Forces („taktische Nuklearwaffen“). 2 GLCM: Ground-Launched Cruise Missile. 21 tärexperte Karl Feldmeyer schrieb dazu rückblickend und in der Sache zutreffend am 22.2.1986: „Der von Anfang an der Zustimmung seiner Partei ungewisse Schmidt hatte zunächst gehofft, seine Haltung plausibler machen zu können, indem er die Pershing II als Gegenwaffe zur Ausbalancierung der SS-20 ausgab, was dann zum Umkehrschluss führte, ein Verzicht Moskaus auf die SS-20 mache die Nachrüstung der NATO überflüssig. Mit der Wirklichkeit aber hatte weder das eine noch das andere etwas zu tun. ... Noch bevor die Stationierung der SS-20 begonnen hatte, war sich die NATO ... über den eigenen Bedarf an modernen Mittelstreckenwaffen klargeworden. ... Die konsequente sowjetische Aufrüstung der sechziger und siebziger Jahre hatte den Westen die sogenannte Eskalationsdominanz gekostet. ... Diesen Verlust an Überlegenheit sollten von Anfang an die Marschflugkörper und Pershing II-Raketen ausgleichen.“3 Konfliktfelder Der NATO-Beschluss vom 12.12.1979 löste in Deutschland, ebenso wie in den anderen Stationierungsländern, heftige Protestaktionen in der Bevölkerung aus. Mehr als 5 Millionen BürgerInnen unterzeichneten den u.a. von dem früheren Bundeswehr-General Gert Bastian entworfenen „Krefelder Appell“, in dem der bedingungslose Verzicht auf die „Nachrüstung“ gefordert wurde. Besonders spektakulär waren die bundesweiten Massendemonstrationen in Bonn im Oktober 1981 und im Herbst 1983, an der sich mehr als 300.0000 bzw. 500.000 Protestierende beteiligten. In vielen Berufsfeldern fanden sich selbstorganisierte Initiativen gegen die „Nachrüstung“ zusammen: „Künstler für den Frieden“ veranstalteten von vielen Tausenden besuchte kulturelle Events, „Richter und Staatsanwälte für den Frieden“ organisierten mehrere Foren, auf denen sie rechtliche Argumente und Strategien gegen die Stationierungsentscheidung entwickelten und öffentlich präsentierten.4 „Naturwissenschaftler für den Frieden“ thematisierten ihre berufsspezifische Rolle vor allem bei der Rüstungsentwicklung und berieten über Gegenstrategien. Tausende von lokalen und regionalen Versammlungen und Demonstrationen fanden in allen Landesteilen statt, darunter die besonders beeindruckende „Menschenkette“ zwischen dem US‑Hauptquartier in Stuttgart und dem Stationierungsstandort Neu-Ulm 3 Feldmeyer, Die Wahrheit über die Null-Lösung, FAZ vom 22.2.1986. 4 vgl. dazu u.a. Bäumer, KJ 1984, S. 71–76. Dieter Deiseroth 22 mit mehr als 200.000 Teilnehmern. Diese Protestaktionen erfuhren zwar behördliche Behinderungen und teilweise auch Schikanen insbesondere beim Zugang zu den Demonstrationsorten sowie andere restriktive Auflagen, die die Demonstrationsfreiheit beeinträchtigten. Die rechtliche Basis der Protestaktionen war jedoch in Deutschland durch die verfassungsrechtlich gewährleisteten Grundrechte der Meinungsäußerungsfreiheit (Art. 5 GG) sowie die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit (Art. 8 GG) relativ gut abgesichert.5 Mussten Bürgerinnen und Bürger gegen die Demonstrations-Behinderungen und Schikanen Gerichtsverfahren bemühen, waren diese für sie in aller Regel erfolgreich. Auch die Versuche zahlreicher staatlicher Behörden, nach der polizeilichen Auflösung von Demonstrationen von den Teilnehmern oder Veranstaltern eine Erstattung der Polizeikosten zu verlangen, wurden von den Gerichten vielfach korrigiert.6 Vor den Gerichten ausgetragene Konflikte gab es auch, wenn Bürgerinnen und Bürger als Arbeitnehmer und Betriebsräte7 in Unternehmen durch Plaketten oder Aufkleber oder als Beamte/Staatsanwälte8, Soldaten9 oder Richter10 durch öffentliche Aufrufe oder in publizierten Unterschriftenaktionen in großer Zahl ihre Kritik an den Stationierungsplänen publikumswirksam zum Ausdruck brachten. Vielfach, freilich nicht immer, gelang es den Gemaßregelten, sich gegen die restriktiven Maßnahmen ihrer Arbeitgeber oder Vorgesetzten mit Erfolg vor Gericht zu wehren. Alle diese massiven Bürger-Proteste vermochten freilich ihr unmittelbares Ziel nicht zu erreichen. Unmittelbar nachdem im November 1983 – 5 Vgl. dazu u.a. Breitbach/Deiseroth/Rühl in: Ridder/Breitbach/Rühl/Steinmeier, Demonstrationsfreiheit, 1. Aufl. 1992, § 15; Deiseroth, Demonstrationsfreiheit und Militär, ebd., S. 905 ff. 6 Weichert: Polizeikosten gegen Demonstranten, in: Kritische Justiz (KJ) 1984, S. 314–331; Weil: Polizeikostenerstattung bei Demonstrationseinsätzen, in: Demokratie und Recht (DuR) 1984, S. 176–184. 7 vgl. BAG, Beschl. v. 12.6.1986 – 6 ABR 67/84 -; dazu Derleder, AuR 1988, S. 17–24 und Wendeling-Schröder, AiB 1987, S. 173–178. 8 BVerwG, Urteil v. 29.10.1987 – 2 C 73/86 – NJW 2988, 1747 f. 9 BVerwG, Urteil v. 10.10.1985 – 2 WD 19/85 – BVerwGE 83, 60–77; Beschluss v. 25.7.1984 – 2 WDB 3/84 – NJW 1985, 160 f.; Beschluss v. 12.12.1985 – 1 WB 8/85 – BVerwGE 83, 90–101. 10 vgl. dazu BVerwG, Urteil v. 29.10.1987 – 2 C 72/86 – BVerwGE 78, 216–223; Hase, Meinungsfreiheit und Richteramt, in: Kritische Justiz (KJ) 1984, S. 142–160; Paehler, DRiZ 1988, 373–375; Sendler, Was dürfen Richter in der Öffentlichkeit sagen?, in: NJW 1984, 689; ders., DRiZ 1989, 453–457; Fangmann, KJ 1988, 167– 171; Göbel, M.: Die missbrauchte Richterablehnung, in: Neue Juristische Wochenschrift (NJW) 1985, S. 1057–1061. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 23 wie angesichts der Interessenlagen vorhersehbar – alle Verhandlungen über die im NATO-Beschluss für den Fall des Nichtabbaus sowjetischer SS-20-Raketen angedrohte Stationierung neuer US-amerikanischer atomarer Mittelstreckenraketen gescheitert waren, begannen die US-Streitkräfte mit Zustimmung der jeweiligen Regierung in Großbritannien (Greenham Common), Belgien, Deutschland (Mutlangen, Neu-Ulm und Heilbronn), Italien (Comiso/Sizilien) und in den Niederlanden mit der Dislozierung der atomar bestückten Pershing-II-Raketen sowie der Marschflugkörper (Cruise Missiles). Die Gegner der Stationierung sahen darin eine eminente Erhöhung der Risiken und Gefahren eines Nuklearkrieges in Mitteleuropa, denn die neuen Raketen waren in der Lage, sowjetisches Territorium in 8 bis 12 Minuten zu erreichen. Dagegen wehrten sie sich nunmehr auch mit „Sitzblockaden“11 auf den Zufahrtsstraßen, um die Anlieferung der neuen Waffen symbolisch zu verhindern. Diese Aktionen und andere Formen des „zivilen Ungehorsams“ knüpften an Traditionen und Ideen von Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi („Satyaraha“ und „firmness in adhering to truth“) und Martin Luther King („agape“) sowie an Protestformen an, die seit den 1930er Jahren vor allem in den USA bei Arbeitskämpfen gegen Betriebsschließungen („sit-down-demonstrations“) und seit den 1950er und 1960er-Jahren von den Bürgerrechtsbewegungen in den Auseinandersetzungen um eine Beendigung der Rassendiskriminierungen sowie dann auch in den „Studentenrevolten“ in den USA und in Westeuropa praktiziert worden waren. Ihr theoretischer Grundansatz fand Unterstützung u.a. bei Sozialwissenschaftlern wie John Rawls, Ronald Dworkin und Jürgen Habermas.12 Zu den von Bürgerinnen und Bürgern praktizierten Formen des Protests gehörten u.a. auch Aktionen des „Rüstungs-Steuerboykotts“, also die Verweigerung der Zahlung eines dem Rüstungshaushalt entsprechenden Anteils an der individuellen Einkommenssteuer („Steuerverweigerung“), sowie die Ankündigung von einzelnen Soldaten, sich künftig im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“ Deutschlands Befehlen zu verweigern, die sich auf den Einsatz von Atomwaffen beziehen („Gehorsamsverweigerung“). Ohne jeden Erfolg bei den Gerichten blieben die „Rüstungssteuer-Boykotte“. Die Gerichte verneinten durchweg das individuelle Recht von Bür- 11 Rinken, Alfred/Brüggemeyer, Gerd/Marxen, Klaus: Sitzblockaden gegen Raketenstationierung, in: Kritische Justiz (KJ) 1984, S. 44–57. 12 vgl. u.a. Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: ders., Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, S. 32; Quint, Civil Disobedience and the German Courts, 36 ff. Dieter Deiseroth 24 gern, die staatliche Hoheit über die Steuererhebung in Frage zu stellen.13 Denn Steuern würden vom Staat nicht für bestimmte Zwecke erhoben, sondern zur Deckung des allgemeinen staatlichen Bedarfs, so dass der einzelne Bürger für die Verwendung der Steuermittel auch keine Verantwortung trage und deshalb dadurch auch nicht in seiner Gewissensfreiheit verletzt werden könne. Die Rechtsprechung zu den „Sitzblockaden“ war sehr uneinheitlich.14 Lange Zeit wurden sie aufgrund früherer Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (BGH) als „körperliche Gewalt“ bewertet. Die Sitzblockierer stellten nach dieser Auffassung zwar kein physisches, jedoch ein psychisches Hindernis für den zum Anhalten gezwungenen Fahrzeugführer dar, so dass sie sich allein durch ihre bloße Anwesenheit der strafrechtlichen Nötigung (§ 240 StGB) schuldig machten.15 Während das BVerfG in seinem Urteil vom 11.11.1986 infolge Stimmengleichheit der abstimmenden Richter den sogenannten „vergeistigten Gewaltbegriff“ im Ergebnis noch unbeanstandet ließ (vgl. BVerfGE 73, 206 <239 f.>)16, gelangte es nach erneuter Überprüfung in seinem Beschluss vom 10.1.1995 schließlich zu der Auffassung, dass nur die Anwendung oder Androhung körperlicher Gewalt zu einer Strafbarkeit wegen Nötigung führen kann; § 240 StGB dürfe deshalb nicht dahin ausgelegt werden, dass auch eine auf jegliche physische Zwangswirkung verzichtende Sitzblockade strafbar sei (vgl. BVerfGE 92, 1 <14 ff.>). Denn Art. 103 Abs. 2 GG garantiere aus Gründen der Rechtssicherheit, dass jeder Bürger vor seinem Handeln klar erkennen können müsse, welche rechtlichen Folgen sich aus seinem Verhalten ergeben. Der BGH und die Strafgerichte waren deshalb gehalten, in der Folgezeit diese verfassungsgerichtliche Kurskorrektur zu beachten. In seinem Beschluss vom 24.10.2001 bekräftigte das BVerfG zudem seine in dem Beschluss vom 10.1.1995 vertretene Rechtsauffassung zu der Wortlautgrenze des Gewaltbegriffs (vgl. BVerfGE 104, 92 <101 f.>). Allerdings hat das BVerfG in diesem Urteil zugleich entschieden, dass eine Sitzblockade ver- 13 vgl. BVerfG, Beschl. v. 9.10.1986 – 1 BvR 1013/86 -; FG Düsseldorf, Urteil v. 19.2.1998 – 8 K 215/94 – EFG 1997, 653–654 – juris;. 14 vgl. Karl Leb, Zur Strafbarkeit von Blockaden in der jüngeren Rechtsprechung, KJ 1984, S. 202–211; Amelung, Sitzblockaden, Gewalt und Kraftentfaltung, NJW 1995, 2584; Quint, a.a.O., 78 ff. 15 krit. dazu u.a. Bertuleit, Sitzdemonstrationen zwischen prozedural geschützter Versammlungsfreiheit und verwaltungsrechtsakzessorischer Nötigung. 1994. 16 Eine dagegen von einigen Beschwerdeführern beim Europ. Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg erhobene Beschwerde blieb ohne Erfolg, vgl. Entsch. der Kommission v. 6.3.1989 (No. 13235/87); dazu Quint, a.a.O., 180 ff. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 25 bunden mit Anketten, Einhaken oder aktivem Widerstand gegen das Wegtragen im Regelfalle als Nötigung nach § 240 StGB anzusehen ist. Das gilt jedenfalls für Blockadeaktionen, „bei denen die Teilnehmer über die durch ihre körperliche Anwesenheit verursachte psychische Einwirkung hinaus eine physische Barriere errichten“, wenn die Blockade also tatsächlich un- überwindbar ist. Der BGH unterlief die im Urteil des BVerfG vom 10.1.1995 fixierten verfassungsgerichtlichen Vorgaben in den Folgejahren dadurch, dass er nunmehr die sogenannte Zweite-Reihe-Rechtsprechung entwickelte.17 Danach benutzt ein Demonstrant bei einer Sitzblockade auf einer öffentlichen Straße den ersten aufgrund von psychischem Zwang anhaltenden Fahrzeugführer und dessen Fahrzeug bewusst als Werkzeug zur Errichtung eines physischen Hindernisses für die nachfolgenden Fahrzeugführer und begeht so als „mittelbarer“ Täter eine strafbare Nötigung. Viele Jahre später hat im März 2011 eine aus drei Richtern bestehende Kammer des BVerfG diese neue BGH-Rechtsprechung ausdrücklich gebilligt18 und damit die spektakuläre 5:3-Mehrheitsentscheidung vom 10.1.1095 im Kern weitgehend missachtet. Diese Entscheidung der Kammer war durch die zuvor ergangene Senatsrechtsprechung des BVerfG nicht gedeckt. Sie ist auch nicht überzeugend, da damit der Gewaltbegriff in Anknüpfung an die frühere BGH-Rspr. und im Widerspruch zur Senatsentscheidung des BVerfG vom 10.1.1995 wiederum auf eine lediglich psychische Einwirkung ausgedehnt wird. Die Behauptung, die sitzenden Demonstranten setzten die Fahrzeuge in erster Reihe als physische Blockade gegen die nachfolgenden Fahrzeuge ein, verkennt schon, dass nach dem Wortsinn von einem „Einsetzen“ der Fahrzeuge der zweiten und nachfolgenden Reihen durch die Demonstranten nicht die Rede sein kann. Sie veranlassen – vor der ersten Reihe sitzend – mit ihrer körperlichen Anwesenheit die Fahrzeugführer der ersten Reihe zu einem bestimmten Verhalten, nämlich zum Anhalten, treffen aber keine eigene Einsatz-Entscheidung für die Fahrzeuge der nachfolgenden Reihen. Vor allem aber: Die Wirkungen, die von der „Sitzblockade“ vor der ersten Reihe der Fahrzeuge ausgehen, unterscheiden sich im Kern nicht von denjenigen für die zweite und die nachfolgende Reihe. 17 vgl. BGHSt 41, 182 <187>; 41, 231 <241>; nachfolgend bestätigt durch: BGH, Beschlüsse vom 27. Juli 1995–1 StR 327/95 -, NJW 1995, S. 2862; vom 23. April 2002–1 StR 100/02 -, NStZ-RR 2002, S. 236. 18 BVerfG, Urteil vom 7.3.2011 – 1 BvR 388/05 -. Dieter Deiseroth 26 Atomwaffenfreiheit von Gemeinden Zu den Aktionen, mit denen Bürgerinnen und Bürger versuchten, die Breite der Proteste gegen die Stationierung der US-Atomraketen in Deutschland sichtbar und nachhaltig zu manifestieren und auch neue Bevölkerungsschichten für diese Forderungen zu gewinnen, gehörten die Bemühungen, in kommunalen Vertretungskörperschaften (Gemeinderäten) Beschlüsse über „atomwaffenfreien Zonen“ zu erwirken.19 Solche Projekte scheiterten zunächst vielfach daran, dass sich Gemeinderats-Vorsitzende weigerten, solche Anträge überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen. Diese Blockade-Bemühungen konnten in zahlreichen Fällen mit Hilfe der Gerichte korrigiert werden, so dass sich die Gemeinderäte mit dem Begehren befassen konnten, die betreffende Gemeinde für „atomwaffenfrei“ zu erklären. Beschlüsse von Gemeinderäten zu atomwaffenfreien Zonen wurden in vielen Fällen wiederum von den Aufsichtsbehörden beanstandet und aufgehoben. Auch dies zog Gerichtsverfahren nach sich. Die Verwaltungsgerichte der Bundesländer urteilten dazu unterschiedlich. Letztinstanzlich entschied das BVerwG, „zur kommunalen Befassung mit Fragen der Stationierung und Lagerung atomarer Waffen“ bedürfe es eines „spezifischen örtlichen Bezugs“. Ein solcher sei dann gegeben, wenn es „dabei um Bedürfnisse und Interessen geht, die den Gemeindebewohnern gerade als solchen gemeinsam sind, indem sie das Zusammenleben und -wohnen der Menschen in der Gemeinde betreffen.“ Dabei sei die Gemeinde nicht erst dann zur Stellungnahme berechtigt, „wenn sich konkrete Hinweise darauf 19 Barth, Peter/Mechtersheimer, Alfred/Reich-Hilweg, Ines: Europa – Atomwaffenfrei!, Starnberg, 3. Aufl. 1983 Borchmann, A.: Die Gemeinden als „atomwaffenfreie Zonen“ – eine Diskussion ohne Ende? In: Der Städtetag, 1983, S. 791–794; Däubler, Wolfgang: „Atomwaffenfreie Zonen“ in der Bundesrepublik?, in: Zeitschrift für Rechtspolitik (ZRP) 1983, S. 113–115; Hofmann, J.: Die verfassungs- und kommunal-rechtliche Zulässigkeit von Gemeinderatsbeschlüssen zu verteidigungspolitischen Fragen, in: Deutsches Verwaltungsblatt (DVBl 1984, S. 116–128); Huber, Berthold: Die Erklärung des Gemeindegebiets zur „atomwaffenfreien Zone“, in: Neue Verwaltungsrechtszeitschrift (NVwZ) 1982, S. 662–665; Ladeur, Karl-Heinz: Gemeinden als „atomwaffenfreie Zonen“?, in: Demokratie und Recht (DuR) 1984, S. 30–38; Michels, E.: Atomwaffenfreie Zonen „von unten“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1982, S. 1330–1341; Penski, U.: Gemeindliche Zuständigkeit und staatliche Verteidigungspolitik, in: Zeitschrift für Rechtspolitik (ZRP) 1983, S. 161–165; Theis, A.: Die Gemeinden als „atomwaffenfreie Zonen“, in: Juristische Schulung (JuS) 1984, S. 422–430. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 27 finden, dass Maßnahmen der Stationierung auf dem Gemeindegebiet geplant, in Vorbereitung oder sonst irgendwie absehbar sind“. Vielmehr dürfe sich eine Gemeinde „auch vorsorglich und ohne unmittelbar zu benennenden Anlass mit der Frage einer etwaigen Stationierung von Waffen auf ihrem Gebiet befassen. Denn auch eine „zukünftige Stationierung, deren Aktualisierung noch nicht absehbar“ sei, bewirke regelmäßig ... ortsspezifische Betroffenheit.“ Es sei Sache der Gemeinde zu entscheiden, „zu welchem Zeitpunkt sie zu einem Vorhaben, das sich aus ihrer Sicht auf ihren Aufgabenvollzug mit Fragen für das Zusammenleben und -wohnen der Menschen in der Gemeinde auswirken wird, Stellung beziehen will.“20 Im konkreten Einzelfall billigte das Gericht allerdings die rechtsaufsichtliche Beanstandung eines Beschlusses des Stadtrates von München, mit dem dieser München zur „atomwaffenfreien Zone“ erklärt sowie den Oberbürgermeister und die Verwaltung aufgefordert hatte, gegenüber Bundeswehr und US-Streitkräften nachdrücklich zum Ausdruck zu bringen, dass die Verbringung von ABC-Waffen in oder über das Stadtgebiet auf entschiedene Ablehnung stoßen werde. Dagegen hielt das BVerwG mit einem Urteil vom selben Tag einen Beschluss des Stadtrates von Lindau vom 27.7.1982 für rechtmäßig, der sich dafür ausgesprochen hatte, „keine Maßnahmen zu unterstützen, die der Lagerung und dem Transport von Atomwaffen in Lindau dienen.“21 Er sei vom kommunalen Selbstverwaltungsrecht (Art. 28 Abs. 2 GG) gedeckt. Andererseits seien „mit Rücksicht auf den politischen Hintergrund der Nachrüstungsdebatte“ Äußerungen einer Gemeinde, die schon nach ihrem Wortlaut den Charakter politischer Stellungnahmen haben oder den Anschein solcher Stellungnahmen erwecken, in keinem Fall zulässig.“ An das „Erfordernis eines konkreten örtlichen Bezuges und die Beschränkung darauf“ sei ein strenger Maßstab anzulegen; nur dadurch würden „aktiv kämpferische, plakative Stellungnahmen mit allgemeinpolitischem, weil unmittelbar verteidigungspolitischem Inhalt vermieden.“ Unabhängig davon, dass solche Beschlüsse über die Einrichtung einer kommunalen „atomwaffenfreien Zone“ lediglich symbolischen Charakter hatten und haben, jedoch keine unmittelbaren Rechtswirkungen für die Stationierung von Nuklearwaffen erzeugen, hatten sie dennoch bedeutsame Auswirkungen in doppelter Hinsicht. Sie trugen mit ihrem Anspruch einer „partizipatorische Friedenspolitik“ dazu bei, zum einen die Debatten über die nukleare „Nachrüstung“ in der Fläche zu verbreitern und in die 20 BVerwG, Urteil v. 14.12.1990 – 7 C 37/89 – juris Rn. 23. 21 BVerwG, Urteil v. 14.12.1990 – 8 C 40/89 -. Dieter Deiseroth 28 Gemeinden hineinzutragen. Ferner machten sie deutlich, dass die Stationierung von Atomwaffen und anderen Waffensystemen auch kommunale und regionale Entscheidungsprozesse berühren können. Dies gilt insbesondere bei Landbeschaffungsmaßnahmen, beim Ausbau von militärischen Infrastruktureinrichtungen22 (Flugplätze, Straßen, Kasernen, Übungsplätze), bei Manövern sowie bei Fragen des Immissions- und Umweltschutzes. Drittens öffneten solche kommunalen Debatten und Auseinandersetzungen neue Perspektiven für weitere Initiativen der „kommunalen Friedenspolitik“23 im Bereich der Völkerverständigung. Gerade diese dritte Dimension war für die weiteren Jahrzehnte durchaus folgenträchtig. Das von den Bürgermeistern der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki initiierte Projekt „Bürgermeister für den Frieden“, das sich aus kleinen Anfängen entwickelte und dem zwischenzeitlich allein in Deutschland 378, weltweit mehrere Tausend Städte angehören, ist bis heute ein wichtiger Faktor der internationalen Abrüstungsbewegung (vgl. http://www.mayorsforpeace.de). Dem trug auch die Rechtsprechung Rechnung. Das BVerwG erklärte 1990 in einem Urteil einen Beschluss des Stadtrates von Fürth für rechtmäßig, mit dem dieser „dem Programm zur Förderung der Solidarität der Städte mit dem Ziel der vollständigen Abschaffung von Atomwaffen, das von den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki initiiert wurde,“ zugestimmt hatte. Mit der „Forderung nach weltumspannender Abrüstung, die als solche unumstritten“ sei, mische sich, so das Gericht, die Stadt Fürth „nicht unzulässig in die den Gemeinden verschlossene Verteidigungspolitik ein“. Sie entspreche damit vielmehr den Zielvorgaben des Grundgesetzes, das in seiner Präambel die Vorgabe enthalte, „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“.24 Durch weitere Verfassungsbestimmungen (Art. 9 Abs. 2 und Art. 24 Abs. 2 GG) gewinne „die Friedenspolitik die Bedeutung eines verfassungsrechtlich anerkannten und geschützten Werts. Dabei sei, so das Gericht einschränkend, wesentlich, dass das von Hiroshima und Nagasaki initiierte Programm „die Zielsetzung einer friedlichen Völkerverständigung“ verfolge und sich als „ein Mittel zur Werbung für eine Abrüstung in 22 vgl. dazu u.a. Deiseroth/Offczors, Truppenstationierung und militärische Ausbauprogramme, DuR 1982, S. 244–262; dies., Fremde Truppen im eigenen Land, 1983; Deiseroth, US-Truppen und deutsches Recht, 1986. 23 Deiseroth/Offczor, Fremde Truppen im eigenen Land, Starnberg, 1984; Marburger Juristen für den Frieden (Hrsg.), Handbuch für Kommunale Friedenspolitik, 1988; Gugel/Jäger (Hrsg.), Kommunale Friedensarbeit, 1988. 24 vgl. zum Friedensgebot des Grundgesetzes u.a. Deiseroth in: Becker/Braun/Deiseroth, Frieden durch Recht, 2010, 35 ff. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 29 Ost und West“ verstehe. Entsprechende Beschlüsse und Aktivitäten der Kommunen seien deshalb von der kommunalen Selbstverwaltungsgarantie des Grundgesetzes gedeckt. Das schließe – wie das BVerwG meint – eine „einseitig die Verteidigungspolitik des Bundes ansprechende Zielrichtung aus“25. Kann und darf aber die Zulässigkeit kommunalen Engagements für die Völkerverständigung sowie für das friedliche Zusammenleben der Menschen und Völker davon abhängig gemacht werden, dass sich die Kommunen diskursiv nicht primär mit der Verteidigungspolitik der eigenen Regierung befassen, sondern sich global an alle potenziellen Adressaten wenden? Anrufung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) Nachdem im Herbst 1983 absehbar war, dass die im NATO-Beschluss vom 12.12.1979 getroffene Entscheidung über die Stationierung der neuen US- Nuklearraketen politisch auch tatsächlich umgesetzt würde, entschlossen sich zahlreiche deutsche Atomwaffengegner, das BVerfG anzurufen. Dem voraus gegangen war eine intensive Debatte unter Verfassungs- und Völkerrechtlern über die Frage, ob eine solche Stationierung mit dem Grundgesetz und dem geltenden Völkerrecht vereinbar sei.26 Auf drei dieser Verfahren vor dem BVerfG soll hier näher eingegangen werden. 25 BVerwG, Urteil v. 14.12.1990 – 7 C 58/89 – NVwZ 1991, 685–686. 26 Bleckmann, Albert: Gesetzesvorbehalt für Nachrüstung, in: Deutsches Verwaltungsblatt (DVBl) 1984, S. 6–15; Däubler, Wolfgang: Stationierung und Grundgesetz, Reinbeck, 1982; Deiseroth, Dieter: US-amerikanische Stationierungsrechte und atomare Entscheidungsbefugnisse in der Bundesrepublik Deutschland, Starnberg, 1982; Deiseroth, Dieter: Stationierung amerikanischer Atomwaffen – begrenzte Souveränität der Bundesrepublik?, in: Kritische Justiz (KJ) 1983, S, 1–21; Münch, Ingo von: Rechtsfragen der Raketenstationierung, in: NJW 1984, S. 577– 582; Offczors, Günter/Ruete, Matthias: Law and Peace in West Germany, in: Dewar, John/Paliwala, Abdul/Picciotto, Sol/Ruete, Matthias: Nuclear Weapons and the Peace Movement, MacMillan Press Ltd., London u.a., 1986, S. 219–230; Ridder, Helmut: Beschluss des BVerfG vom 16.12.1983 – Anmerkung, in: Demokratie und Recht (DuR) 1984, S. 107–118; Schweisfurth, Theodor: Die „Zustimmung“ der Bundesregierung zur Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Archiv des Völkerrechts (AVR) 1984, S. 195–219; Schweisfurth, Theodor: Rechtsfragen der Raketenstationierung, in: NJW 1984, S. 1506–1509; Walz, Dieter: Deutsche Souveränität und amerikanische Verfügungsgewalt über nichtkonventionelle Waffen – ein juristischer circulus vitiosus?, in: NJW 1984, S. 273–279; Weber, Albrecht: Nachrüstung und Grundgesetz, in: Juristenzeitung (JZ) 1984, S. 589–59. Dieter Deiseroth 30 In dem ersten Verfahren hatten mehrere Privatpersonen im Herbst 1983 Verfassungsbeschwerden erhoben und zudem beantragt, das BVerfG möge die Bundesregierung im Wege einer einstweiligen Anordnung verpflichten, ihre Zustimmung zur Aufstellung der neuen Nuklearraketen unverzüglich zurückzunehmen, die angelaufenen Stationierungsmaßnahmen zu verhindern und mit einer erneuten Zustimmung zu einer Aufstellung dieser Waffen bis zu einem vom BVerfG bestimmten Zeitpunkt zuzuwarten. Damit hatten sie keinen Erfolg. Ihr Antrag wurde vom BVerfG mit Beschluss vom 30.5.198327 als unzulässig abgewiesen. In der Begründung hieß es, die Antragsteller hätten keine Antragsbefugnis, weil Entscheidungen der Regierung in Fragen der Verteidigungspolitik ihre „eigenen“ Rechte als Bürger nicht verletzen könnten. In einem zweiten Verfahren hatten 17 Antragsteller (nähere Angaben erforderlich) ebenfalls nicht nur Verfassungsbeschwerde erhoben, sondern auch beantragt, eine einstweilige Anordnung gegen die Stationierung der neuen Atomraketen zu erlassen. Sie begründeten diesen Antrag mit der Erwägung, die von ihnen dargestellte erhöhte Gefahr eines Nuklearkriegs sei bereits mit dem Beginn der Stationierung gegeben. Dies verletze ihr Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) und verstoße gegen das in Art. 26 Abs. 1 GG verankerte Friedensgebot, das die Vorbereitung eines Angriffskrieges verbiete. Außerdem stelle die deutsche Zustimmung zur Raketenstationierung eine Übertragung von Hoheitsrechten dar, für die es an einer gesetzlichen Grundlage fehle. Die Dislozierung der Raketen mit einer solch kurzen Vorwarnzeit, die angesichts ihrer Verwundbarkeit nur für einen Ersteinsatz geeignet seien und damit in Krisensituationen einen Präventivschlag des von ihnen bedrohten Gegners geradezu provozierten, verstoße zudem gegen die im geltenden Völkerrecht verankerten Verbote der Androhung von militärischer Gewalt sowie der Vorbereitung und Führung eines Angriffskrieges. Das BVerfG lehnte auch diesen Eilantrag mit Beschluss vom 16.12.198328 ab. Zur Begründung führte es aus, die Beschwerdeführer könnten sich mit ihrer Verfassungsbeschwerde nur dann gegen Maßnahmen der deutschen Bundesregierung wenden, wenn und soweit diese ihre eigenen Rechte bedrohten, was hier aber nicht der Fall sei. Die von ihnen geltend gemachten Gefahren für ihr Leben, ihre körperliche Unversehrtheit und ihre Menschenwürde würden nicht durch die Zustimmungsentscheidung der deutschen Re- 27 BVerfG, Beschl. v. 30.5.1983 – 2 BvR 705/83 -, in: NJW 1983, 2136. 28 BVerfG, Beschl. v. 16.12.1983 – 2 BvR 1160, 1565, 1714/83, in: BVerfGE 66, 39 = NJW 1984, 601. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 31 gierung, sondern allenfalls durch einen von der sowjetischen Regierung veranlassten Einsatz sowjetischer Nuklearraketen begründet, der aber der Bundesregierung nicht zugerechnet werden könnte. Denn die Umstände, die als wesentliche Bedingung für das Eintreten dieser Gefahren erschienen, seien einer bestimmenden Einflussnahme durch die Organe der Bundesrepublik Deutschland entzogen. Angesichts der – so das Gericht – „auch von den Beschwerdeführern nicht bestrittenen Tatsache“, dass dem mit den Verfassungsbeschwerden angegriffenen Verhalten der Bundesregierung keine Angriffsabsichten zugrunde lägen, müsse der von ihnen befürchtete Entschluss der Sowjetunion, im Krisenfall einen auf die Standorte von Pershing II-Raketen und Marschflugkörpern zielenden nuklearen Präventivschlag zu führen, „als die wirkungsmächtigste Ursache für die angenommene Gefährdung von Leib und Leben der Beschwerdeführer gewertet werden.“ Die von den Beschwerdeführern angegriffenen Akte der deutschen Hoheitsgewalt erschienen „hiernach nur als eine der Vorbedingungen einer angenommenen Gefahrenlage, die eine grundrechtliche Verantwortlichkeit der deutschen Hoheitsgewalt für diese Lage nicht zu begründen vermöchte; ihre wesentliche Ursache wäre mithin ein eigenständiges Handeln eines fremden Staates in seinem Hoheitsbereich.“ Dessen Handeln könne die Bundesrepublik Deutschland aus rechtlichen wie tatsächlichen Gründen nicht steuern. Eingriffe „in Leib oder Leben eines Einzelnen, vor denen die staatlichen Organe der Bundesrepublik Deutschland mangels Handlungsmacht nicht schützen können,“ seien ihr deshalb nicht zuzurechnen. Demzufolge könnten auch die Verfassungsbeschwerden in der Hauptsache keinen Erfolg haben. Gleiches gelte im Ergebnis für die mit der Stationierung verbundene Folge, sich, wie die Beschwerdeführer meinten, bei der Entscheidung über die Auslösung eines nuklearen „Gegenschlags“ von fehleranfälligen technischen Systemen abhängig zu machen. In einem dritten Verfahren, das die Bundestagsfraktion und zahlreiche Abgeordnete der Partei DIE GRÜNEN beim BVerfG am 16.11.1983 eingeleitet hatten, hielt das BVerfG – entgegen der Auffassung der Bundesregierung – zwar den Antrag für zulässig, wies ihn jedoch in der Sache am 18.12.198429 als unbegründet zurück. Durch die von der grünen Bundestagsfraktion angegriffene Zustimmungserklärung zur Raketenstationierung habe die Bundesregierung Rechte des Deutschen Bundestages nicht verletzt. Die Zustimmungserklärung der Bundesregierung sei ein „verteidi- 29 BVerfG, Urt. v. 18.12.1984 – 2 BvR 13/83 -, in: BVerfGE 68, S. 1–132 = NJW 1985, S. 603 -. Dieter Deiseroth 32 gungspolitischer Akt im Rahmen des vertraglichen Sicherheitsbündnisses“, dessen „rechtliche Mitte“ der NATO-Vertrag30, der WEU-Vertrag und der Aufenthaltsvertrag vom 23.10.1954 bildeten. Sie sei völkerrechtlich wirksam. Völkerrechtliche Erklärungen dieser Art, die nicht Bestandteil eines völkerrechtlichen Vertragsabschlusses seien, bedürften zu ihrer Abgabe verfassungsrechtlich nicht der Zustimmung oder Mitwirkung der gesetzgebenden Körperschaften in der Form eines Bundesgesetzes gemäß Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG. Denn diese Verfassungsbestimmung gelte nur für den Abschluss von politischen Verträgen, sei aber nicht auf einseitige völkerrechtliche Willenserklärungen wie die Zustimmung der deutschen Regierung zur Stationierung der Atomraketen anzuwenden. Auch eine analoge Heranziehung dieser Verfassungsvorschrift komme nicht in Betracht, da dies einen „Einbruch in zentrale Gestaltungsbereiche der Exekutive darstellen“ würde (S. 87). Anderenfalls würde „in weitem Umfang politische Macht zu Lasten der Exekutive auf den Bundestag in einem Handlungsbereich“ verlagert, „der funktionell betrachtet nicht Gesetzgebung“ darstelle (S. 87). Die „grundsätzliche Zuordnung der Akte des auswärtigen Verkehrs zum Kompetenzbereich der Exekutive“ beruhe, so das Gericht, „auf der Annahme, dass institutionell und auf Dauer typischerweise allein die Regierung in hinreichendem Maße über die personellen, sachlichen und organisatorischen Möglichkeiten“ verfüge, „auf wechselnde äußere Lagen zügig und sachgerecht zu reagieren und so die staatliche Aufgabe, die auswärtigen Angelegenheiten verantwortlich wahrzunehmen, bestmöglich zu erfüllen“ (S. 87). Die Zustimmungserklärung der Bundesregierung zur Raketenstationierung sei allerdings, soweit sie rechtliche Wirkungen für die Freigabe dieser Atomraketen zum Einsatz durch den US-Präsidenten und für die militärisch-operativen Einsatzentscheidungen entfalte, entgegen der Auffassung der deutschen Bundesregierung als Übertragung von Hoheitsrechten im Sinne von Art. 24 Abs. 1 GG auf die NATO zu qualifizieren. Die Befugnis, den militärischen Einsatz dieser Atomraketen freizugeben, liege dabei beim US-Präsidenten. Dieser handele bei der Freigabe von US-Atomwaffen für den Einsatz „als besonderes Organ des Bündnisses“ (S. 92), nämlich der NATO, die eine zwischenstaatliche Einrichtung im Sinne von Art. 24 Abs. 1 GG sei. Im Übrigen sei ein solches Handeln des US-Präsidenten dem NATO-Bündnis als solchem völkerrechtlich zuzurechnen. Auch wenn der NATO-Vertrag „keine Vorschriften“ enthalte, 30 Das BVerfG qualifizierte die NATO in diesem Urteil – zutreffend – als ein „Vertragssystem zur kollektiven Selbstverteidigung im Sinne von Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen“. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 33 „die der NATO der Zustimmungserklärung entsprechende Befugnisse ausdrücklich zuerkennen“, bedürfe „die Übertragung von Einsatzbefugnissen“ für die in der Bundesrepublik Deutschland stationierten Waffensysteme durch die angegriffene Zustimmung der Bundesregierung „nicht eines gesonderten Gesetzes nach Art. 24 Abs. 1 GG“ (S. 99). Denn der deutsche Gesetzgeber habe bereits mit dem Zustimmungsgesetz zum NATO-Vertrag im Jahre 1954 dem damit verbundenen „Programm der militärischen Integration“ zugestimmt. Er habe bei der Verabschiedung dieses Gesetzes keinen „ausdrücklichen oder stillschweigenden Vorbehalt hinsichtlich der Art und des Umfangs der maßgeblichen Bewaffnung von Streitkräften oder der möglichen Befugnisse der NATO in der Frage des Einsatzes bestimmter Arten von Waffen, insbesondere von Atomwaffen, von deutschem Boden aus gemacht“, obwohl ihm die Lagerung von Atomwaffen auf deutschem Boden damals bekannt gewesen sei (S. 101 f.). Nur dann, wenn eine „wesentliche Änderung des Bündnisprogramms“ mit der Zustimmungserklärung der Bundesregierung zu den 1983 stationierten neuen Atomraketen verbunden wäre, bedürfe es eines neuen Gesetzes. Das sei jedoch nicht der Fall. Die Entscheidungen der Mehrheit der Richter des 2. Senats des BVerfG31 zur „NATO-Nachrüstung“ können hier nicht im Einzelnen analysiert werden. Die Schwächen dieser Rechtsprechung liegen vor allem in vier Bereichen. Zum einen ist sie in ihrem zentralen Urteil vom 18.12.1984 von einer demokratietheoretisch wenig sensiblen Geringschätzung der in einer rechtsstaatlichen Demokratie zentralen Rolle des Parlaments gegenüber den Zuständigkeiten und Befugnissen der Exekutive geprägt. Die These des Gerichts von der institutionellen und strukturellen Mindergeeignetheit des Parlaments zur Beurteilung und wirksamen Kontrolle der in Rede stehenden politischen Entscheidungen der Bundesregierung ist eine vom Gericht konstruierte, letztlich parlamentsfeindliche Unterstellung. Es ist kaum vorstellbar, dass sich etwa der US-Kongress eine solche Demütigung gefallen lassen würde. Zweitens ist der Richtermehrheit des Gerichts mit der Qualifizierung des US-Präsidenten als „besonderes Organ des (NATO-)Bündnisses“ ein besonders schwerer verfassungsrechtlicher Fehlgriff unterlaufen. Zwar ist richtig, dass mit der Stationierung der neuen, allein der US-Verfügungsgewalt 31 Ein wohl begründetes Sondervotum gab Verfassungsrichter Mahrenholz ab, der insbesondere das Fehlen eines Übertragungsgesetzes kritisierte, vgl. BVerfGE 68, 111 <113 ff.>. Dieter Deiseroth 34 unterstehenden US-Atomraketen in Deutschland durch die deutsche Regierung dem US-Präsidenten die Entscheidung über deren Einsatz zugebilligt und überlassen wurde, und zwar unabhängig davon, dass deutsche Staatsorgane vorher wie nachher keine eigene atomare Hoheitsgewalt hatten, sieht man von der Problematik der sog. nuklearen Teilhabe ab, die ihrerseits völker- und verfassungswidrig ist.32 Dadurch wurden diesem jedoch faktisch auf deutschem Hoheitsgebiet Befugnisse, also hoheitliche Rechte über den Einsatz von auf deutschem Territorium gelagerter USamerikanischer Atomwaffen eingeräumt, die er vorher hinsichtlich dieser Raketenwaffen nicht hatte. Deutsche Hoheitsrechte können und dürfen nach der Verfassungsbestimmung des Art. 24 Abs. 1 GG nur durch ein förmliches, vom deutschen Parlament beschlossenes Gesetz auf „zwischenstaatliche Einrichtungen“ übertragen werden. Daran fehlte es in beiderlei Hinsicht. Auch wenn die NATO eine zwischenstaatliche Einrichtung i.S. von Art. 24 Abs. 1 GG ist, weist der NATO-Vertrag, der die Aufgaben und Kompetenzen der NATO und ihrer Organe verbindlich festlegt, aus, dass der US-Präsident, ebenso wie andere Regierungschefs oder Präsidenten der Mitgliedsstaaten, kein – auch kein „besonderes“ – Organ der NATO ist. Und weiter: Dafür, ob deutsche Hoheitsbefugnisse nach Art. 24 Abs. 1 GG auf eine zwischenstaatliche Einrichtung übertragen worden sind, kommt es allein darauf an, ob dies „durch“ ein Übertragungsgesetz geschah oder nicht. Dem parlamentarischen Gesetz selbst muss sich die Entscheidung des Gesetzgebers entnehmen lassen, ob und in welchem Umfang Hoheitsrechte übertragen oder eingeräumt wurden. Das aber ist bei den 1954 verabschiedeten Zustimmungsgesetzen zum NATO-Vertrag, zum Aufenthaltsvertrag und zum WEU-Vertrag gerade nicht der Fall. Zum Dritten offenbaren die Entscheidungen des BVerfG zum NATO-Beschluss vom 12.12.1979 eine signifikante, besonders große Zurückhaltung bei der gerichtlichen Überprüfung der von den klagenden Bürgern geltend gemachten – objektiv unbestreitbaren – Gefährdung ihrer zentralen Grundrechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit im Gefolge der Stationierung der neuen Atomraketen. Die gerichtliche Kontrolldichte hat die Richtermehrheit in diesem Urteil, anders etwa als etwa im Maastricht- Urteil bei der Überprüfung von Hoheitsübertragungen auf die EU – praktisch auf Null reduziert. Dieser letzte Aspekt soll im folgenden Abschnitt abschließend noch näher in den Blick genommen werden. 32 vgl. u.a. Deiseroth, Der deutsche Atomwaffenverzicht, in: WuF 1995, Heft 1 (www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=1072). Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 35 Viertens leidet die Rechtsprechung des BVerfG zur NATO-Nachrüstung an einer vollständigen Ausblendung der Frage, ob die Stationierung der neuen und für mögliche Einsätze u.a. in Deutschland dislozierten Atomraketen mit den „allgemeinen Regeln des Völkerrechts“ vereinbar war, die nach Art. 25 GG in Deutschland Bestandteil des geltenden Bundesrechts sind, den innerstaatlichen Gesetzen vorgehen sowie Rechte und Pflichten unmittelbar für die Bewohner des Bundesgebiets erzeugen.33 Das Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, das dieser auf Anforderung der UN-Generalversammlung in der Atomwaffenfrage am 6.7. 1996 vorgelegt hat34, macht die völkerrechtliche Dimensionen besonders deutlich. Der IGH hat in dieser Entscheidung – einstimmig – ausdrücklich klargestellt, dass jedenfalls die folgenden Regeln des sog. humanitären (Kriegs)-Völkerrechts als geltendes Völkergewohnheitsrecht anzusehen und zu beachten sind, die aber bei einem Atomwaffeneinsatz aufgrund der spezifischen Eigenschaften von Nuklearwaffen typischerweise gerade nicht eingehalten werden könnten: (1) Jeder Einsatz von Waffen muss zwischen kämpfender Truppe (Kombattanten) und der Zivilbevölkerung unterscheiden. (2) Bei jedem Waffeneinsatz müssen unnötige Grausamkeiten und Leiden vermieden werden. (3) Unbeteiligte und neutrale Staaten dürfen bei einem Waffeneinsatz nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Der IGH hat daraus in einer Mehrheitsentscheidung die zentrale Schlussfolgerung gezogen: Die Androhung des Einsatzes und der Einsatz von Atomwaffen sind grundsätzlich („generally“) völkerrechtswidrig. Diese Entscheidung über die grundsätzliche Völkerrechtswidrigkeit des Einsatzes von Atomwaffen sowie dessen Androhung35 erging zwar nur auf der Grundlage einer sehr knappen Abstimmungsmehrheit, bei der die Stimme von Mohamed Bejaoui in seiner damaligen Eigenschaft als Gerichtspräsident den Ausschlag gab.36 Zu berücksichtigen ist freilich, dass drei weitere 33 vgl. dazu u.a. Fischer-Lescano/Hanschmann in: Becker/Braun/Deiseroth, Frieden durch Recht?, a.a.O. S. 181 <186 ff.>; Deiseroth. 34 https://www.icj-cij.org/files/case-related/95/095-19960708-ADV-01-00-EN.pdf; IALANA (Hrsg.) Atomwaffen vor dem Internationalen Gerichtshof. Dokumentation – Analysen – Hintergründe Mit einem Geleitwort von Bundesverfassungsrichter a.D. Helmut Simon. 1997, 424 S., ISBN 3–8258–3243–0. 35 „Aus den oben ... erwähnten Anforderungen ergibt sich, dass die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich/generell („generally“) gegen diejenigen Regeln des Völkerrechts verstoßen würden, die für bewaffnete Konflikte gelten, insbesondere gegen die Prinzipien und Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts.“ (Nummer 105 (2) E Absatz 1). 36 vgl. dazu u.a. Bedjaoui in: ders./Benoune/Deiseroth/Shafer, Völkerrechtliche Pflicht zur nuklearen Abrüstung, 2009. Dieter Deiseroth 36 Richter (Weeramantry aus Sri Lanka, Shahabuddeen aus Guayana und Koroma aus Sierra Leone) nur deshalb insoweit nicht mit der Präsidenten- Mehrheit stimmten, weil sie die Androhung und den Einsatz von Atomwaffen nicht nur „grundsätzlich/generell“ („generally“), sondern ausnahmslos als verboten ansahen. Insofern ist die Sachentscheidung, soweit sie die Legalität eines Einsatzes von Atomwaffen und dessen Androhung verneint, letztlich mit einer Mehrheit von 10 zu 4 Stimmen ergangen. Mit anderen Worten: Völkerrechtlich „sicher“ und „geklärt“ ist die grundsätzliche/generelle Völkerrechtswidrigkeit eines Einsatzes und der Androhung eines Einsatzes von Atomwaffen. „Unsicher“ und „ungeklärt“ ist allein, ob Atomwaffenstaaten in einer „extremen Selbstverteidigungssituation, in der die Existenz des/eines Staates auf dem Spiele stünde“, ausnahmsweise doch den Einsatz von Atomwaffen androhen und vornehmen dürfen, wobei sie allerdings auch dann von Anforderungen des humanitären Völkerrechts nicht freigestellt sind. Nur in dieser potenziellen „Nische“ können seit dem Vorliegen dieses höchstrichterlichen Rechtsgutachtens Nuklearstrategien und Nuklearplanungen von Atomwaffenstaaten und ihrer Verbündeten allenfalls noch zulässig sein – wenn überhaupt. Dies ist für Atomwaffenstaaten – völkerrechtlich betrachtet – keine „bequeme Nische“. Denn es ist alles andere als sicher, ob das Völkerrecht einen solchen Ausnahmefall überhaupt zulässt und ob in einem konkreten Konfliktfall ein solcher eingreifen würde – jedenfalls von Rechts wegen. Bei der Überprüfung der von der deutschen Bundesregierung veranlassten und gebilligten Stationierung der neuen US-Atomraketen in Deutschland hätte das BVerfG im Hinblick auf Art. 25 GG allen Anlass gehabt, sich diesen Rechtsfragen zu stellen. Recht auf Leben, Abschreckung und nukleare Vernichtung Zur Rechtfertigung des NATO-Nachrüstungsbeschlusses vom 12.12.1979 wurde und wird behauptet, er habe auf der Grundlage der Abschreckungsdoktrin dem Ziel gedient, den Frieden zu bewahren und gleichzeitig Abrüstung zu bewirken. Davon ging auch das BVerfG in seinen angeführten Entscheidungen aus, insbesondere in seinem Urteil vom 18.12.1984, ohne sich mit den realen Gefahren dieses sicherheitspolitischen Strategieansatzes im Falle der Pershing II und der Cruise Missiles insbesondere für das zentrale Grundrecht auf Leben der klagenden Bürgerinnen und Bürger näher zu befassen. Dabei hatten die Beschwerdeführer unter Hinweis auf vorliegende Expertisen im Verfahren wieder und wieder geltend gemacht, dass die Stationierung dieser neuen Nuklearraketen mit einer solchen kurzen Vorwarnzeit die Gefahr atomarer Vernichtung und damit die Bedro- Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 37 hung des grundrechtlich in Art. 2 Abs. 2 GG geschützten zentralen Menschenrechts auf Leben in dramatischer Weise erhöhe. Wegen der mit der Stationierung objektiv bewirkten Steigerung des Risikos für ihr Leben und ihre Gesundheit wäre deshalb nach ihrer Auffassung eine ausdrückliche Ermächtigung durch den Gesetzgeber in der Form eines Gesetzes zur beabsichtigten und dann auch erfolgten Zustimmung der Bundesregierung erforderlich gewesen, woran es aber mangelte. Die NATO-Nachrüstung schuf für die Staaten des Warschauer Paktes, insbesondere die Sowjetunion, angesichts der extrem kurzen Vorwarnzeiten von Pershing II und Cruise Missiles eine unbestreitbar exorbitant gefährliche Situation. In einer umgekehrten Position hatten sich die USA bei der beabsichtigten Stationierung von sowjetischen Mittelstreckenraketen auf Kuba im Jahre 1962 gesehen und zu deren Beseitigung einen nuklearen Weltkrieg, ja letztlich die Vernichtung des gesamten Planeten riskiert.37 Die NATO-Nachrüstung im Jahre 1983 erfolgte unter extrem gefährlichen Rahmenbedingungen, die von den Entscheidungsträgern und auch vom BVerfG nicht beachtet und letztlich verdrängt wurden. Dies sei an drei Vorfällen konkretisiert. Am 26.9.1983, kurz vor der Stationierung der neuen US-Atomraketen in Europa, befehligte der 44jährige sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow die diensthabende Einheit der Kommandozentrale im Raketenwarnsystem Serpuchow-15 bei Moskau. Nach Mitternacht wurde plötzlich Atomalarm ausgelöst.38 Der sowjetische Oko-Satellit aus der Kosmos-1382- Klasse hatte gegen 0.40 Uhr den Anflug einer amerikanischen Minuteman- Rakete gemeldet. Sekunden darauf folgten Hinweise auf den Start eines zweiten, dritten, vierten und fünften Flugkörpers, die alle geradewegs auf die UdSSR zusteuerten. Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur fünf bis zehn Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach musste Juri Andropow, der damalige KPdSU-Generalsekretär und sowjetische Oberkommandierende, informiert werden. Hätte er sich zum Abwehrschlag entschlossen, wären sieben Minuten später Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 in Richtung Washington, 37 Helmut Schmidt hat nach der Kubakrise von 1962 dies klar gesehen und kritisiert: „Die Ausstattung der Bundesrepublik mit nuklearen Raketen, die Leningrad oder Moskau in Schutt und Asche legen können, müsste die Sowjetunion in der gleichen Weise provozieren, wie etwa die Ausstattung Kubas mit derartigen Raketen die USA herausfordern müsste.“, vgl. Gerhard Spörl, Adenauers Projekt, in: Der Spiegel v. 2.3.2009. 38 vgl. dazu Markl, Atomkrieg aus Irrtum, in: http://wienerzeitung.at/app_support/p rint (26.5.2009). Dieter Deiseroth 38 New York und diverser US-Militärbasen gestartet – wie es die geltende Doktrin von der „gesicherten gegenseitigen Zerstörung“ vorsah. Doch Oberstleutnant Petrov zögerte, weil das Bodenwarnsystem das vom Satelliten ausgesandte Signal nicht bestätigte. Möglich, dass der Satellit durch die Einwirkung kosmischer Strahlung irritiert wurde. „Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren“, erklärte Petrov den Vorfall zwanzig Jahre später, „sondern sich nur auf die Intuition verlassen“. In jener Nacht zum 26.9.1983 entschied Petrov intuitiv und ging von einem Fehlalarm aus. Über zwei Jahrzehnte später verlieh ihm die US-amerikanische Association of World Citizens am 21.5.2004 „für die Verhinderung des Dritten Weltkrieges“ den „Weltbürgerpreis“. Eine zweite äußerst kritische Konstellation in Zeiten der NATO-Nachrüstung, die beinahe zu einer nuklearen Katastrophe führte, ereignete sich Anfang November 1983. Am 2.11.198339 hatte im Rahmen des jährlichen Herbst-Manövers die NATO-Übung ABLE ARCHER 83 begonnen, bei der unter kriegsähnlichen Bedingungen 10 Tage lang ein nuklearer Raketenangriff auf die Sowjetunion im Maßstab 1:1 geübt wurde. Im Gegensatz zu den Vorjahren registrierte Moskau diesmal wesentliche, äußerst beunruhigende Unterschiede: Durch einen Irrtum des KGB wurde die Simulation der NATO-Alarmstufe DEFCON 1 nicht als solche erkannt, sondern diese höchste Alarmstufe als echt wahrgenommen – wofür es aus Sicht der sowjetischen Militärs praktisch keinen anderen Grund geben konnte als den, dass nun der nukleare Erstschlag unmittelbar bevorstand. Man vermutete, dass der Angriff zum Jahrestag der Novemberrevolution erfolgen würde, da die Sowjets dann aus vermeintlicher Einschätzung der NATO während der anstehenden Feiern abgelenkt seien. Am 5.11. erhielten KGB-Agenten von der Kreml-Führung den Auftrag, alles zu melden, was auf einen Angriff schließen lasse. Am 8. oder 9.11. informierte der KGB seine westlichen Residenturen irrtümlich, dass auf einigen westlichen Basen sogar Truppen mobilisiert worden seien. Ohne, dass es die Geheimdienste des Westens bemerkt hatten, wurden alle möglichen Abschussrampen für Atomsprengköpfe des Warschauer Pakts positioniert, um sich für den Abschuss bereit zu halten. Der Leiter der Auslandsabteilung und spätere KGB-Chef Wladimir Krjutschkow war überzeugt, dass ein amerikanischer Erstschlag konkret geplant sei – eine Überzeugung, die er bis zu seinem Tod 2007 nie abgelegt hat. Dass es in dieser heiklen Situation nicht zu einem atomaren Konflikt kam, lag letztlich an den Informationen, die die 39 vgl. Markus Kompa in: Telepolis v. 8.11.2008 – http://heise.de/tp/artikel/29/29076/ 1.html (10.5.2011). Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 39 DDR-Hauptverwaltung Aufklärung über einen bei der NATO platzierten „Kundschafter“ beschaffte.40 Auch danach noch ereigneten sich ähnliche Vorfälle, etwa am 25.1.1995, als russische Techniker auf ihren Radarschirmen den Abschuß einer US-amerikanischen Forschungsrakete von Andoya, einer kleinen Insel vor der norwegischen Küste aufspürten. Was auf ihren Radarschirmen wie die Spur weiterer Raketen aussah, waren die abgesprengten Stufen des Raketenantriebs dieser Forschungsrakete. Deren Start war zwar absprachegemäß den russischen Militärs vorher angekündigt worden, aber diese Ankündigung hatte die Techniker an den Radarschirmen aus einem nicht geklärten Grund nicht erreicht. Nur wenige Minuten später hätte der damalige – physisch schwer angeschlagene und alkoholabhängige – russische Präsident Boris Jelzin die Entscheidung über einen nuklearen Gegenschlag treffen müssen. Solche Vorfälle gab es nicht nur im Osten. Schon unmittelbar vor der Verabschiedung des NATO-Nachrüstungsbeschlusses ereignete sich am 9.11.1979 ein hochkritischer Zwischenfall – im Lage-Raum des US-Luftverteidigungskommandos. An diesem Tag meldete das „World Wide Military Command and Control System“ auf der elektronischen Anzeigetafel „Enemy attack“. Es entschlüsselte die Meldung als einen Atomangriff mit mehreren Raketen durch ein sowjetisches Atom-U-Boot im Nordatlantik. In kürzester Zeit trafen die US-Streitkräfte Vorbereitungen zum atomaren Gegenschlag. Die US-amerikanischen und kanadischen Abfangjäger waren bereits aufgestiegen, die Interkontinentalraketen abschussbereit, als sich herausstellte, dass die Computer fälschlich den Text eines Testbandes abgespielt hatten.41 Diese hochkritischen Vorfälle waren keine Ausreißer, keine bedauerlichen Einzelfälle. Vielmehr waren sie strukturbedingt. In den vergangenen 60 Jahren gab es zumindest zwanzig äußerst kritische Situationen, in denen die Welt am Rande des nuklearen Infernos stand.42 Allein aufgrund äußerst glücklicher Umstände entging die Menschheit in diesen Abgrund- Situationen einer nuklearen Katastrophe. Alle Konzepte und Strategien der nuklearen Abschreckung – auch der NATO-Nachrüstungsbeschluss vom 12.12.1979 – gingen und gehen davon aus, der potenzielle Gegner könne dadurch von einem nuklearen oder nichtnuklearen Angriff wirksam abgeschreckt werden, dass man ihm für 40 vgl. Kompa, ebd.; Rupp, Kurz vor dem Atomkrieg, in: http://www.antikriegsforu m-heidelberg.de/nato_no(able_archer_rupp.html (10.6.2011). 41 vgl. Der Spiegel, Nr. 34 vom 28.4.1980, S. 198. 42 http://www.nuclearfiles.org/menu/key-issues/nuclear-weapons/issues/accidents/20mishaps-maybe-caused-nuclear-war.html (10–6.2011). Dieter Deiseroth 40 diesen Fall einen vernichtenden militärischen Gegenschlag androht, der für ihn zu unannehmbaren Folgen und Schäden, wenn nicht zur vollständigen Vernichtung in einem atomaren Inferno führen werde. Um die eigene Fähigkeit und Bereitschaft zu einer solchen Reaktion glaubwürdig demonstrieren zu können, sind entsprechende militärische Ausrüstungen und Bewaffnungen, logistische Einrichtungen sowie Strategien und Einsatzdoktrinen erforderlich. Konstitutiver Bestandteil für ein – immanent betrachtet – „Funktionieren“ der Abschreckungslogik ist dabei jedoch denknotwendig stets, dass man es mit einem rational kalkulierenden Gegner zu tun hat, der auf der Basis hinreichender und ihm auch ad hoc zur Verfügung stehender Informationen ausschließlich rationale Entscheidungen trifft. Das Abschreckungskonzept kann mithin schon nach seiner eigenen „Logik“ nicht funktionieren, wenn der abzuschreckende Gegner für „rationale“ Argumente nicht zugänglich ist, also wenn er – aus welchen Gründen auch immer – zur Nutzung rationaler Abwägungskalküle nicht imstande oder nicht Willens ist. Auch dann, wenn man es mit einem prinzipiell „rationalen Gegner“ zu tun hat, ist die Funktionsfähigkeit der nuklearen (wie auch der so genannten konventionellen) Abschreckung davon abhängig, dass diesem nach den konkreten Umständen hinreichende zeitliche und informatorische Kapazitäten zur Verfügung stehen, um kritische Entscheidungssituationen in dem jeweils erforderlichem Maße abschätzen und beurteilen zu können sowie hieraus in der zur Verfügung stehenden knappen Zeit verantwortliche Folgerungen zu ziehen. Die „Abschreckungslogik“ funktioniert des Weiteren auch dann nicht und stößt an gefährliche Grenzen, wenn menschliche Fehleinschätzungen oder „technisches Versagen“ wirksam werden. Dies ist etwa der Fall, wenn sich Defekte in Kommunikationssysteme einschleichen oder dort wirksam werden, die es für die jeweils andere Seite angesichts sehr kurzer Vorwarnzeiten sehr schwer oder gar unmöglich machen, sicher zu diagnostizieren, ob in der konkreten Entscheidungssituation die z.B. aus den Computersystemen verfügbaren Daten nun auf einen gegnerischen Angriff schließen lassen oder nicht. Das Überleben der Bewohner des Planeten Erde im nuklearen Zeitalter der vergangenen Jahrzehnte verdankt sich deshalb – wie es der frühere US-amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara formuliert hat – letztlich glücklichen Zufällen.43 43 „I want to say – and this is very important, at the end we lucked out. It was luck that prevented nuclear war. We came that close to nuclear war at the end.“ (so wörtlich in dem 2003 mit einem „Oscar“ preisgekrönten Film „The Fog of War. Eleven Lessons from the Life of Robert S. McNamara“ von Errol Morris, zit. Die Nachrüstung nach dem „Nato-Doppelbeschluss“ von 1979 und die deutsche Justiz 41 Dieser zentralen Problematik haben sich alle Gerichte, insbesondere auch das BVerfG, im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die NATO-Nachrüstung durch Wegschauen verweigert – wahrlich kein Ruhmesblatt. nach: http://ecoglobe.ch/nuclear/d/drs15201.htm (26.05.2009); vgl. auch Robert McNamara/ James Blight, Wilsons Ghost, New York , 2001, S. 180 ff. Dieter Deiseroth 42 Jugendstrafvollzug – Eine einzige Peinlichkeit Ein Interview mit Johannes Feest1 von Johannes Feest Tut es einem jugendlichen Intensivtäter nicht mal ganz gut, wenn er im Jugendknast einen Schuss vor den Bug bekommt, Herr Feest? Johannes Feest: Normalerweise nicht. Es gibt natürlich Fälle, in denen Menschen hinterher sagen: Das war ein Glücksfall für mich, das hat mich gerettet. Doch das ist eher die Ausnahme, auch wenn sich viele Menschen da Illusionen hingeben. Für mich ist der Jugendstrafvollzugs eine einzige Peinlichkeit.   Warum? Das hat viele Gründe. Es gibt kaum Pädagogen, die finden, dass in Gefängnissen sinnvoll und erfolgversprechend Erziehung stattfinden kann. 1923, als man das Jugendgerichtsgesetz schuf, war man da noch anderer Auffassung. Heute wissen wir, dass die Rückfallquoten von etwa 75 Prozent im 1 Ich habe in den vielen Jahren seit seiner Promotion viel Anregungen von Christoph erhalten. Theoretisch gäbe es daher viele Anknüpfungspunkte zu einem Beitrag für diese Festschrift. Praktisch habe ich mich aber mit keinem seiner vielen Interessengebiete intensiv genug beschäftigt, um dazu selbst etwas Passendes schreiben zu können. Das gilt selbst für das Jugendstrafrecht, was ich in Bremen Anderen überließ, die mehr davon verstanden (meinen Kollegen Stephan Quensel und Karl F. Schumann). Das hat Christoph nicht davon abgehalten, mich 2012 für die Rezension seines Einführungsbuches zu gewinnen. Auf diese Weise ist er in diesem Bereich, spät aber doch, mein Lehrer geworden. Was ich dabei gelernt habe, mag er selbst anhand eines Gespräches beurteilen, welches ich mit dem Bremer Journalisten Jan Zier geführt habe (erschienen in dem Bremer Straßenmagazin ZEITSCHRIFT DER STRASSE, Ausgabe 67, 2019, S. 26–29). 43 Jugendvollzug deutlich höher sind als bei den Erwachsenen, wo sie bei rund 50 Prozent liegen. Und fast alle Insassen im Jugendvollzug sind gar keine Jugendlichen im engeren Sinne – gut 90 Prozent von ihnen sind schon volljährig. Die sind nur da, weil sie noch als Heranwachsende gelten. Nach der UN-Kinderrechtskonvention, die für alle unter 18-jährigen gilt, ist der Strafvollzug nur das letzte Mittel, das für die kürzest mögliche Dauer verhängt werden soll. Bis 2006 fehlte in Deutschland ohnehin jegliche gesetzliche Grundlage für den Jugendstrafvollzug – die musste das Bundesverfassungsgericht damals erst anmahnen. Bremen hat erst 2008 ein Jugendstrafvollzugsgesetz erlassen.   Und was war vorher? 1968 hat der damalige Leiter des Bremer Strafvollzugs durchgesetzt, dass im Blockland eine eigene Jugendstrafanstalt gebaut wurde. Das war damals ein Reformprojekt! Mit 300 Haftplätzen war sie aber von Anfang an viel zu groß dimensioniert und geriet auch deshalb bald in Schwierigkeiten. Die Anstalt entwickelte sich dann – bei allen ehrbaren Versuchen – selbst zu einer einzigen Peinlichkeit, wurde 2004 aufgegeben und verfällt seither. Zunächst sollten die Jugendlichen dann nach Hameln exportiert werden, landeten nach Protesten am Ende dann aber im bremischen Erwachsenenvollzug, obwohl das den eigenen Grundsätzen widersprach. Jetzt sind sie da untergebracht, wo historisch die Frauen einsaßen. Formell ist das zwar eine eigene Anstalt – aber eben inmitten des bestehenden Gefängnisses.   Ist das jetzt ein Plädoyer, den Jugendstrafvollzug ganz abzuschaffen? Ich bin ja ohnehin als Abschaffer der Gefängnisse verschrien. Aber auch bei den Pädagogen gibt es viele Fachleute, sie so argumentieren. Die Minderheit der echten Jugendlichen gehört gar nicht in den Jugendvollzug. Und die Volljährigen gehören in den Erwachsenenvollzug. Kriminalpolitisch ist das aber kaum durchzusetzen. Dass die Heranwachsenden auch noch unter das Jugendstrafrecht fallen, gilt immer noch als großer Fortschritt. Besser wäre es, die Strafmündigkeitsgrenze von 14 auf 18 Jahre her- Johannes Feest 44 aufzusetzen, so dass die betroffenen Minderjährigen gleich in die Zuständigkeit der Jugendhilfe fallen.   Die Idee von „Erziehung durch Zwang“ ist also zum Scheitern verurteilt? Sie wird in der Regel nicht funktionieren. Erziehung muss in erzieherisch geprägten Institutionen stattfinden – und möglichst in Freiheit.   In jüngerer Vergangenheit gab es große Debatten um straffällige minderjährige unbegleitete Geflüchtete – und viele wollten sie in geschlossenen Einrichtungen weg gesperrt sehen. Heute wissen wir: Das Problem hat sich mit der Zeit selbst erledigt. Das gab es schon früher, nach der Wiedervereinigung etwa, und auch damals trat eine ähnliche Panik auf. Wenn diese Jugendlichen Straftaten begehen, wenn sie von der Polizei festgenommen werden, dann kommen sie zunächst in Gewahrsam und in Untersuchungshaft – erst danach stellt sich die Frage, ob sie der Jugendhilfe oder der Jugendstrafe übergeben werden.   Aber kann die Jugendhilfe dieser Menschen Herr werden? Die sind ja nicht den ganzen Tag lang Intensivtäter, und auch der Mörder mordet nicht den ganzen Tag. Das sind erstmal alles ganz normale Menschen. Die Jugendhilfe kann versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie so, wie sie es bisher im Leben gemacht haben, nicht weiter kommen. Das funktioniert am ehesten durch beispielhaftes Verhalten der Erzieher, aber auch die werden nicht in allen Fällen erfolgreich sein. Einige dieser Menschen werden weitere Straftaten begehen.   Jugendstrafvollzug – Eine einzige Peinlichkeit 45 Muss man die Mehrheitsgesellschaft nicht vor diesen Menschen schützen? Für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ist erst einmal die Polizei zuständig. Und der Schutz, den man gewinnt, indem man einige einsperrt, ist ein sehr relativer. Im Einzelfall kann man so – für kurze Zeit – die Kriminalität vielleicht reduzieren. Aber wenn man, zum Beispiel, drogenabhängige Dealer ins Gefängnis sperrt, ist die Gesellschaft deswegen nicht vor Wohnungseinbrüchen und anderer Beschaffungskriminalität geschützt. Vielmehr wird auf dem Markt da draußen quasi eine Stelle frei, die dann eben wer anders einnimmt.   Wer dagegen den Besitzer eines Autos nieder geschlagen und sein Auto geklaut hat, hinterlässt keine freie Stelle, anders als der Dealer. Das ist richtig. Das ist aber ein, eher seltener, Einzelfall, den man genauer betrachten müsste. Es ist ja immer vom Behandlungsvollzug die Rede, eine solche Behandlung im engeren Sinne findet im Strafvollzug aber kaum statt. Viele Insassen im Knast sind psychisch krank, der Knast kann mit ihnen aber gar nichts anfangen. Selbst die Gefängnis-Psychologen halten sich da meistens raus. Gefängnisse sind Verschiebebahnhöfe, die sich für Drogen- oder Psychotherapie gar nicht zuständig fühlen. Am Ende werden die Leute in die Situationen entlassen, aus denen sie gekommen sind. Das, was sie im Knast gelernt haben, können sie draußen aber oft gar nicht anwenden. Viel gescheiter wäre es, die Menschen möglichst freiheitsnah zu behandeln. Das wäre dann auch wirklichkeitsnäher und die Jugendlichen wären mit den Schwierigkeiten des realen Lebens konfrontiert. Es ist ja auch nicht so, dass sich die Vollzugsbeamten ständig um die Erziehung oder Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen bemühen. Für sie ist der Arbeitstag ein guter, wenn es keine besonderen Vorkommnisse gab. Es gibt jedoch viel zu wenig haupt- und ehrenamtliche Bewährungshelfer, so dass auch deren Job nicht das bringt, was er bringen sollte – weil die Bewährungshelfer meistens zu viele Klienten haben.   Johannes Feest 46 Die Vollzugsbeamten sehen ihre Aufgabe auch darin, den Menschen Strukturen zu geben und Regeln beizubringen. Die meisten Gefangenen, die entlassen werden, finden in der Tat keine Struktur vor – weil sie gar keinen Arbeitsplatz bekommen. Das ist natürlich tragisch! Aber die Idee, dass der Zwang zum täglichen frühen Aufstehen dem Menschen dann auch draußen eine Struktur gibt, ist in meinen Augen wirklichkeitsfremd. Und: Man muss die Menschen auf die Arbeitslosigkeit vorbereiten! Das passiert aber nicht, weil man an der Fiktion festhält, sie auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.   Ist die Idee der Resozialisierung also auch eine Illusion? Ja. Wie soll man sich das denn vorstellen? Dafür sind die Verhältnisse im Gefängnis doch viel zu künstlich und fremdartig gegenüber der Welt da draußen. Die Leute müssten also frühzeitig raus in den Freigang. Die meisten Straffälligen sitzen aber drin, und nur wenn sie Glück haben, kriegen sie auch mal kurzzeitig Ausgang.   Da bräuchte es aber auch viel mehr Geld für Bewährungshelfer oder die Jugendhilfe. Klar. Aber das Geld wird heute im Strafvollzug verpulvert, in großen Anstalten, die viel Personal brauchen, aber wenig effektiv sind.   Apropos: Woran liegt das, dass die Rückfallquote im Jugendknast noch höher ist als im Erwachsenenvollzug? Ich bin kein Experte für den Jugendvollzug. Im Erwachsenenvollzug hat die Rückfallquote viel damit zu tun, dass die Leute aus der Straffälligkeit herauswachsen, eine Familie gründen – und diese wiederum ist eine großartige Präventionsmaßnahme! Wenn die Verurteilten erst 18 sind, wenn sie raus kommen, ist das ein gefährliches Alter, wenn sie noch keine eige- Jugendstrafvollzug – Eine einzige Peinlichkeit 47 nen sozialen Bindungen haben, aber die eigene Familie sie auch nicht mehr zurücknimmt.   Und wenn diese Jugendlichen dann sagen: „Niemand hat mich in der Hand, nur ich selbst“ – wie gewinnt man sie dann für die Idee des Rechtsstaates? Das ist ein echtes Erziehungsproblem! Ein Jugendheim mit Erziehern, die eine starke Persönlichkeit haben, kann da schon einen großen Unterschied machen. Sie brauchen positive Vorbilder. Und das Leben in der Freiheit kann man nur in Freiheit lernen.   Gibt es denn im Ausland positive Modelle? Es gibt einzelne herausragende Beispiele, wie man es besser machen kann. Eines davon ist die Auflösung des Jugendstrafvollzugs in Massachusetts. Dort gab es geschlossen Jugendhilfe-Einrichtungen, die aber im Grunde Jugendknäste waren. Das Verfahren, mit dem sie aufgelöst wurden, kommt mir immer noch vorbildlich vor: Es wurde ein Komitee gebildet, mit verschiedenen Akteuren aus der Zivilgesellschaft, das mit jedem einzelnen der Jugendlichen individuelle Pläne erarbeitet hat. Die Idee dahinter ist: Wir müssen vor all diesen Menschen nicht immer entsetzliche Angst haben, sondern sollten versuchen, ihnen was anzubieten. Das System hat über Jahre hinweg gut funktioniert. Es ist ein Jammer, dass wir hier so etwas nie ausprobiert haben.   Die Gesellschaft entwickelt sich momentan eher in die gegenläufige Richtung. Ja. Der Abolitionismus ist und wird so schnell keine Mode. Aber bei anderen menschenrechtswidrigen Praktiken, etwa der Sklaverei, hat es auch länger gedauert, eh sie abgeschafft wurden. Johannes Feest 48 Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB von Angie Schneider Einleitung Das breite Spektrum an Interessen und Berufungen, welches der Jubilar abbildet, umfasst neben vielen anderen die Juristerei. Als Lehrbeauftragter und Honorarprofessor widmet sich der Jubilar zwar vorrangig dem Strafrecht. Als dem (Mit‑)Herausgeber des Kommentars zum NV Bühne1 und des Praxishandbuchs Theater- und Kulturveranstaltungsrechts2 gilt sein Blick gleichermaßen dem Zivilrecht, vor allem: dem Arbeitsrecht. Der Künstler ist nicht immer weisungsungebundener, freischaffend Tätiger, er ist in vielen Fällen persönlich abhängiger Arbeitnehmer. Dies gilt im Allgemeinen für diejenigen Künstler, welche dem Geltungsbereich des NV Bühne unterfallen (§ 1 NV Bühne) und auf Grundlage eines Arbeitsvertrags (§ 2 NV Bühne) tätig werden. Das Bühnenrecht kennzeichnet allerdings auf der einen Seite eine bunte Vielzahl verschiedener Vertragsverhältnisse: Mit Gastspiel-, Spielzeit-, Teilspielzeit-, Elevenverträgen, Verträgen von Gruppentänzern/Chorsängern mit oder ohne Soloverpflichtung seien nur einige genannt. Auf der anderen Seite sind auch die Künstler selbst alles andere als eine homogene Gruppe. Der einmalig auftretende Zauberer vermag ebenso Künstler zu sein wie das langjährige Ensemblemitglied eines Schauspielhauses. Im Einzelfall stellt sich dann nicht selten die Frage, welches Vertragsverhältnis der künstlerischen Tätigkeit zugrunde liegt, ein Werk-, Dienst- oder Arbeitsvertrag.3 Insbesondere die Abgrenzung zwischen Arbeitnehmern und Selbstständigen ist einer, wenn nicht der Zentralpunkt des gesamten Arbeitsrechts. Grundsätzlich soll nur derjenige, der als Arbeitnehmer auf Grundlage eines privatautonom begründeten Arbeitsverhältnisses seine Dienste erbringt, dem Schutz des Arbeitsrechts bedürfen. Die Einordnung als Arbeit- I. 1 Nix/Hegemann/Hemke, NV Bühne, Nomos-Kommentar, 2. Aufl. 2012. 2 Kurz/Kehrl/Nix, Praxishandbuch Theater- und Kulturveranstaltungsrecht, 2. Aufl. 2015. 3 Kurz/Kehrl/Nix-Kurz, S. 114 Rn. 1. 49 nehmer öffnet mithin nicht mehr und nicht weniger als das Tor zum Arbeitsrecht. Im Begriff des Arbeitnehmers spiegelt sich der Anwendungsbereich des Arbeitsrechts wider.4 Dies gilt für Künstler wie für jeden anderen Dienstleistenden. Die Abgrenzung zwischen Arbeitnehmern und Selbstständigen soll nun in den Fokus des Beitrags gerückt sein. Nach den allgemeinen Grundlagen dieser Abgrenzung gilt der Blick der Statusbestimmung bei Künstlern von der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein. Bestimmung der Arbeitnehmereigenschaft im Allgemeinen Die begriffliche Bestimmung des Arbeitnehmers zählt zu einer der schwierigsten Abgrenzungsfragen auf dem Gebiet des Arbeitsrechts. Eine gesetzliche Definition existierte bis zum Inkrafttreten des Gesetzes zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und anderer Gesetze am 1.4.20175 (§ 611a BGB) nicht. Der Arbeitnehmer wurde typologisch bestimmt, man hatte weniger einen abstrakten Begriff des Arbeitnehmers als vielmehr den Typus Arbeitnehmer vor Augen. Wertende Entscheidung Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung darüber, welche Personen des arbeitsrechtlichen Schutzes bedürfen, stets ein wertende. Fehlende gesetzliche Definition Wie bereits angesprochen, existierte bislang eine gesetzliche Definition des Arbeitnehmers nicht. Rechtsprechung und Wissenschaft mussten sich stets mit dem begnügen, was ihnen der Gesetzgeber fragmentarisch an die Hand gegeben hatte. Gesetzliche Hinweise innerhalb des Bürgerlichen Gesetzbuchs ließen sich nur im Ansatz aus der Normierung des Werkvertrags in § 631 BGB und derjenigen des Dienstvertrags in § 611 BGB entnehmen, als dessen Unterfall der Arbeitsvertrag einzuordnen ist. Die Erkenntnis, dass der Werkvertrag von der Herbeiführung eines Erfolgs, der Dienstvertrag von der Leistung einer Tätigkeit geprägt ist, beflügelte die Statuszu- II. 1. a) 4 MüHbArbR-Schneider, 4. Aufl. 2018, § 18 Rn. 1 f. 5 Gesetz vom 21.2.2017, BGBl. I 2017, S. 258. Angie Schneider 50 ordnung nicht wirklich. Zur notwendigen Abgrenzung zwischen selbstständiger und unselbstständiger bzw. zwischen unabhängiger und abhängiger Tätigkeit innerhalb des Dienstvertrags konnte sie überdies nichts beitragen. Außerhalb des Bürgerlichen Gesetzbuchs existieren durchaus verschiedene Arbeitsgesetze, welche zur Festlegung ihres jeweiligen Anwendungsbereichs auf den Arbeitnehmer abstellen. Jedoch fehlt es an einer inhaltlichen Ausformung und Abgrenzung dieser Person zu anderen Personengruppen. Vielmehr erschöpfen sich die spezialgesetzlichen Regelungen entweder in der Leerformel, dass Arbeitnehmer im Sinne des Gesetzes „Arbeiter und Angestellte“ sind (§ 5 Abs. 1 S. 1 BetrVG; § 5 Abs. 1 S. 1 ArbGG; § 2 Abs. 2 ArbZG; § 17 Abs. 1 S. 1 BetrAVG; § 622 Abs. 1 BGB). Oder die Arbeitnehmer werden, wie es insbesondere bei neueren Gesetzen zu beobachten ist, dem Oberbegriff der Beschäftigten untergeordnet (§ 6 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 AGG; § 5 Abs. 2 Nr. 1 EntgTranspG). Gewonnen ist hierdurch nichts. Kriterienkatalog Die Statuszuordnung oblag damit Rechtsprechung und Wissenschaft. Die Ein- wie Abgrenzung fand ihren Ausgangspunkt in der von Alfred Hueck bereits in den 1920er Jahren geprägten Formel, nach der Arbeitnehmer die auf Grund privatrechtlichen Vertrages im Dienst eines andern zur Arbeit verpflichteten Personen sind.6 Zum maßgeblichen Kriterium avancierte die Erbringung der Leistungen „im Dienste eines anderen“. Die hierin zum Ausdruck gelangende sog. persönliche Abhängigkeit sollte es rechtfertigen, den zu fremdbestimmter und fremdnütziger Dienstleistung Verpflichten dem sozialen Schutz des Arbeitsrechts zu unterwerfen. Die persönliche Abhängigkeit stellt somit das entscheidende Abgrenzungskriterium dar. Wer nur wirtschaftlich, nicht aber persönlich abhängig ist, dem öffnet sich nicht das Tor zum gesamten Arbeitsrecht. Er ist Selbstständiger, bestenfalls arbeitnehmerähnliche Person, nicht aber Arbeitnehmer. Nun handelt es sich bei der persönlichen Abhängigkeit um einen vielschichtigen Begriff. Er fungiert als Oberbegriff ohne eigenständigen materiellen Inhalt und definiert sich über verschiedene Merkmale und Indizien, welche der Zuordnung der Arbeitnehmereigenschaft dienen solb) 6 Hueck/Nipperdey, Lehrbuch des Arbeitsrechts, Bd. I, 1. Aufl. 1927, S. 33, mit der Ergänzung: „oder eines ihm gleichgestellten Rechtsverhältnisses“ in der 6. Aufl. 1959, S. 34, 7. Aufl. 1963, S. 34 f. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 51 len.7 Die Rechtsprechung entwickelte im Laufe der Jahrzehnte einen umfassenden Katalog denkbarer Aspekte, die zur Bestimmung der Arbeitnehmereigenschaft notwendig bzw. jedenfalls mehr oder weniger hilfreich waren. Genannt seien: • die zeitliche, örtliche und fachliche Weisungsbindung, • die Eingliederung in eine fremde Organisation, • die Angewiesenheit auf die Arbeitsmittel des Arbeitgebers oder auf die Mitarbeit der Kollegen, • der zeitliche Umfang der Arbeit, • die persönliche Leistungserbringung, ausgedrückt durch die fehlende Möglichkeit, sich der Hilfe Dritter bedienen zu können, • das fehlende unternehmerische Risiko, • die fehlende Möglichkeit, seine Arbeitskraft anderen Arbeitgebern anbieten zu können • die fehlende Abführung von Sozialbeiträgen.8 Ein Mangel an Kriterien war es daher nicht, woran die Bestimmung der Arbeitnehmereigenschaft krankte. Im Gegenteil: Die Schwierigkeit der Statusbestimmung ist gerade darauf zurückzuführen, dass es sich nahezu insgesamt nur um relative Kriterien handelte. Es gab kein Alleinstellungsmerkmal, das aus einer Vielzahl denkbarer Aspekte unverzichtbar vorliegen musste, um die persönliche Abhängigkeit des Dienstleistenden bejahen zu können.9 Typologische Methode Diese immer mehr zum Vorschein gelangende Erkenntnis wurde zur Geburtsstunde der typologischen Methode in Bezug auf den Arbeitnehmerbegriff. In einer Entscheidung über den Status von Mitarbeitern in Rundfunk, Presse und Fernsehen gestand das BAG im Jahre 1980 zu, dass es kein konstitutives Merkmal zur Begründung der persönlichen Abhängigkeit gebe.10 Ebenso wenig gebe es ein Merkmal für die Abhängigkeit, das sich nicht c) 7 MüHbArbR-Schneider, § 18 Rn. 18. 8 Vgl. BAG v. 7.2.1957, AP BGB § 611 Urlaubsrecht Nr. 18; BAG v. 26.1.1977, AP BGB § 611 Lehrer, Dozenten Nr. 13; BAG v. 16.7.1997, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 59; BAG v. 7.5.1986, BeckRS 1986, 30716759. 9 BAG v. 23.4.1980, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 34. 10 BAG v. 23.4.1980, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 34. Angie Schneider 52 auch gelegentlich bei Selbständigen findet. Das BAG stellte danach erstmals ausdrücklich fest, dass es sich bei dem Arbeitnehmerbegriff um einen Typusbegriff handele. Es sei deshalb „aus Gründen der Praktikabilität und der Rechtssicherheit unvermeidlich, die unselbständige Arbeit typologisch abzugrenzen“.11 Festgehalten wurde auf diese Weise das, was bislang schon unausgesprochen praktiziert wurde: Die Abgrenzung von Selbstständigen und Arbeitnehmern unter typologischen Gesichtspunkten. Der Arbeitnehmer wird nicht definiert, sondern als Typus beschrieben. Die Fallmerkmale werden nicht unter einen fest begrenzten Begriff subsumiert, sondern dem Typus Arbeitnehmer werden bestimmte Erscheinungen zugeordnet. Bezogen auf die zuvor benannte Vielfalt denkbarer Kriterien bedeutet dies: „Es ist nicht erforderlich, dass stets sämtliche als idealtypisch erkannten, also den Typus kennzeichnenden Merkmale vorliegen. Diese können vielmehr in unterschiedlichem Maße und verschiedener Intensität gegeben sein; je für sich genommen haben sie nur die Bedeutung von Anzeichen oder Indizien. Entscheidend ist jeweils ihre Verbindung, die Intensität und die Häufigkeit ihres Auftretens im konkreten Einzelfall. Maßgeblich ist das Gesamtbild.“.12 Kasuistik Die typologische Methode zur Bestimmung des Arbeitnehmerbegriffs findet ihren Ursprung somit in den Abgrenzungsschwierigkeiten einerseits, in der Notwendigkeit einer praktikablen und rechtssicheren Statuszuordnung andererseits. Praktikabilität und Rechtssicherheit bei der Alles-oder- Nichts-Statuszuordnung suchten Wissenschaft und Rechtsprechung überdies in einer kasuistischen Zusammenfassung verschiedener Berufs- und Personengruppen, bei denen mit mehr oder weniger vorhandener Regelmäßigkeit die Arbeitnehmereigenschaft des Dienstleistenden angenommen oder verneint werden kann. Diese Berufsbilder spiegeln die gesamte Bandbreite des dienst- wie arbeitsvertraglichen Spektrums wider.13 Auf der einen Seite stehen diejenigen Personen, welche regelmäßig dem Idealtypus Arbeitnehmer entsprechen, wie beispielsweise die in der Produktion oder Bauwirtschaft tätigen Personen. Auf der anderen Seite die Zweifelsfälle, Personen wie Lehrkräfte, die in Rundfunk, Fernsehen und Presse Beschäfd) 11 BAG v. 23.4.1980, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 34. 12 BVerfG v. 20.5.1996, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 82. 13 Vgl. ErfK-Preis, § 611a BGB Rn. 55 ff.; MüHbArbR-Schneider, § 19 Rn. 16 ff. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 53 tigten oder auch Künstler, welche die Rechtsfindung regelmäßig auf die Probe stellen.14 § 611a BGB Mehr als ein Jahrhundert nach dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs enthält § 611a BGB nunmehr den bislang vermissten gesetzlichen Ausgangspunkt für den Arbeitsvertrag und in diesem Zusammenhang für den Arbeitnehmer. Ein Blick auf den Inhalt des § 611a BGB beweist, dass der Gesetzgeber, wie in der Gesetzesbegründung hervorgehoben, die ständige Rechtsprechung des BAG zur Bestimmung des Arbeitnehmerbegriffs wortwörtlich wiedergeben wollte, um auf diese Weise Rechtssicherheit zu schaffen.15 Und tatsächlich gibt § 611a BGB nicht mehr und nicht weniger als die Leitsätze der höchstrichterlichen Rechtsprechung wieder.16 Er präsentiert Altbekanntes, allerdings im methodisch neuen Gewand.17 Bekannt sind die in § 611a BGB enthaltenen Kriterien zur Bestimmung des Arbeitnehmers.18 Kennzeichnend für den Arbeitnehmer ist weiterhin die persönliche Abhängigkeit, niedergelegt in den Komponenten der Weisungsbindung und der Fremdbestimmung (§ 611a Abs. 1 S. 1–3 BGB). Ob im Einzelfall der Arbeitnehmerstatus zu bejahen ist, hängt von dem Grad der persönlichen Abhängigkeit ab (§ 611a Abs. 1 S. 4 BGB). Zu beachten ist, wie schon bislang, dass bei einer Diskrepanz von Vertragsbezeichnung und Vertragsdurchführung letztere entscheidend ist (§ 611a Abs. 1 S. 6 BGB). Alle Faktoren sind sodann im Rahmen einer Gesamtbetrachtung gegenüberzustellen und gegeneinander abzuwägen (§ 611a Abs. 1 S. 5 BGB). Methodisch neu ist das Vorhandensein einer gesetzlichen Definition. Die Notwendigkeit, auf Theorien zurückgreifen zu müssen, um den Arbeitnehmer im Wege der Rechtsfortbildung zu bestimmen, besteht nicht mehr. § 611a BGB spiegelt zwar weiterhin die von Hueck geschaffene Definition des Arbeitnehmers wider, welche die Rechtsprechung im Laufe der Zeit fortentwickelt hat. Der Gesetzgeber hat allerdings nun subsumtionsfähige Kriterien geschaffen, anhand derer sich die Statusbestimmung zu orientieren hat. 2. 14 ErfK-Preis, § 611a BGB Rn. 67 ff., 70 ff.; MüHbArbR-Schneider, § 19 Rn. 44 f., 51 ff. 15 BT-Drucks. 18/9232 v. 20.7.2016, S. 18. 16 Siehe nur BAG v. 11.8.2015, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 128. 17 MüHbArbR-Schneider, § 18 Rn. 13. 18 Zum neuen § 611a BGB, s. Deinert, RdA 2017, 65; Preis, NZA 2018, 817; Richardi, NZA 2017, 36; Wank, AuR 2017, 140. Angie Schneider 54 Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern im Besonderen Die Statusbestimmung von Künstlern stellt sich regelmäßig als Balanceakt an der Grenze von Unabhängigkeit und Abhängigkeit, von Selbstständigkeit und Arbeitnehmereigenschaft dar. Die Beschäftigung als Künstler ist auf Grundlage eines Arbeitsverhältnisses wie eines freien Dienstverhältnisses möglich;19 auch Werkverträge sind nicht ausgeschlossen. Vorweggeschickt sei, dass für die auf Basis eines Arbeitsvertrags beschäftigten Künstler der NV Bühne20 bzw. für die Musiker in Kulturorchestern der TVK21 gilt. In gleicher Weise ist zu konstatieren, dass der Werkvertrag bei Künstlern22 eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Grundsätzlich ist die Erbringung der Tätigkeit, nicht dagegen ein bestimmter Erfolg geschuldet. Letzteres kann etwa der Fall bei einem Regievertrag sein, mit dem ein Gastregisseur für ein Theater die Inszenierung eines bestimmten Bühnenwerkes übernimmt.23 Bei einer darüber hinausgehenden Statuszuordnung greift die Rechtsprechung auf alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurück, vorrangig auf die Vielfalt denkbarer Abgrenzungskriterien. Die Feststellung der Arbeitnehmereigenschaft anhand von Typus und Berufsgruppenbildung sieht sich dagegen mit einer nicht homogenen Gruppe von „Künstlern“ konfrontiert. Bereits der Blick auf den Geltungsbereich des NV Bühne nach § 1 NV Bühne vermag einen ersten Eindruck der künstlerischen Vielfalt zu vermitteln: „(2) Solomitglieder sind Einzeldarsteller einschließlich Kabarettisten und Puppentheaterspielern, Dirigenten, Kapellmeister, Studienleiter, Repetitoren, Orchestergeschäftsführer, Direktoren des künstlerischen Betriebs (insbesondere Operndirektor, Schauspieldirektor, Ballettdirektor, Leiter des Kinder- und Jugendtheaters), Spielleiter (Regisseure), Chordirektoren, Choreografen, Tanz-/Ballettmeister sowie Trainingsleiter, Dramaturgen, Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, Disponenten, Ausstattungsleiter, Bühnenbildner, Kostümbildner und Lightdesigner, Inspizienten, Theaterpädagogen, Schauspielmusiker, Referenten und Assistenten von Intendanten sowie des III. 19 Zum Vertragstypus Dienstvertrag Kurz/Kehrl/Nix-Kurz, S. 119 Rn. 11 ff. 20 Normalvertrag (NV) Bühne v. 15.10.2002 idF. des Elften Tarifvertrags v. 1.6.2019. 21 Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern (TVK) v. 1.7.1971, Neufassung v. 31.10.2009. 22 Zu Einordnung und Rechtsfolgen eines Werkvertrags Kurz/Kehrl/Nix-Kurz, S. 114 Rn. 1 ff. 23 BSG v. 24.6.1981, AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 16. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 55 künstlerischen Betriebs, Souffleure, Theaterfotografen und Grafiker, Pressereferenten und Referenten der Öffentlichkeitsarbeit sowie Personen in ähnlicher Stellung. (3) Bühnentechniker sind Technische Direktoren und technische Leiter, Vorstände der Malsäle, Leiter des Beleuchtungswesens, Leiter der Bühnenplastikerwerkstätten, Leiter des Ko tümwesens, Leiter der Ausstattungswerkstätten, Chefmaskenbildner, Referenten und Assistenten der Technischen Direktoren und technischen Leiter, Tonmeister. Oberinspektoren und Inspektoren, Theater- und Kostümmaler, Beleuchtungsmeister und Beleuchter, Bühnenplastiker (Kascheure), Maskenbildner, Requisitenmeister und Requisiteure, Gewandmeister, Bühnenmeister, Veranstaltungstechniker, Tontechniker und Personen in ähnlicher Stellung sind Bühnentechniker im Sinne dieses Tarifvertrags, wenn mit ihnen im Arbeitsvertrag vereinbart wird, dass sie überwiegend künstlerisch tätig sind. (4) Opernchormitglieder sind auch Chormitglieder, die Operetten und Musicals singen.“. Rückblick Die Arbeitsgerichte hatten in der Vergangenheit regelmäßig Gelegenheit, den Status von Künstlern festzustellen. Eine klare Linie, nach der im Zweifel von der Arbeitnehmereigenschaft auszugehen oder – im Gegenteil – nicht auszugehen ist, lässt sich dabei nicht immer erkennen. Einige, nicht abschließend gedachte Beispiele seien nachfolgend aufgeführt. Nicht als Arbeitnehmer eingeordnet wurden nur vereinzelt auftretende Künstler. So sei ein Künstler, der auf der Jubiläumsveranstaltung eines Unternehmens einmalig eine von ihm selbst gestaltete Zaubershow darbietet, mangels hinreichender Weisungsbindung weder Arbeitnehmer noch arbeitnehmerähnliche Person.24 Gleiches gelte für einen Theaterintendanten in Bezug zu einer Stadt (Bad Segeberg), in der er mehrere Jahre hindurch nebenberuflich während jeweils vier Wochen eine Freilichtaufführung (Karl-May-Spiele) leitet, aber den weitaus überwiegenden Teil seiner Einkünfte aus seiner anderweitigen hauptberuflichen Tätigkeit als Theaterintendant bezieht.25 Weder der Inhalt der zwischen den Parteien abgeschlossenen Verträge noch deren tatsächliche Handhabung ließen in diesem Fall ein solches Maß persönlicher Abhängigkeit erkennen, dass er als Arbeit- 1. 24 BAG v. 6.12.1974, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 14. 25 BAG v. 16.8.1977, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 23. Angie Schneider 56 nehmer anzusehen wäre. Kein Arbeitnehmer sei überdies ein für eine bestimmte Monatsvergütung für einen Laienchor tätiger Chorleiter, wenn er daneben uneingeschränkt für andere Chöre arbeiten darf, seine Tätigkeit für den Chor zeitlich untergeordnet ist, er in der musikalischen Gestaltung frei ist und die zeitliche Lage der Proben und Auftritte des Chores mitbestimmt.26 Vergleichbar gestalten sich zwei weitere Entscheidungen: Ein für zwei Konzerte verpflichteter Gastmoderator, der ein Kinderkonzert mit eigenen Texten zu erläutern hat, steht nicht in einem Arbeitsverhältnis zu dem Orchester, welches ihn beschäftigt.27 Der Organisator und Dirigent einer Kurkapelle ist kein Arbeitnehmer, sondern selbstständiger Unternehmer, so er in dem zu entscheidenden Fall die vertraglich geschuldete Leistung nicht in Person zu erbringen hat, sondern die Durchführung der musikalischen Veranstaltungen als Ganzes und nicht nur die Tätigkeit eines Dirigenten schuldet, dazu die Musiker auswählen, engagieren, zur Verfügung stellen, entlohnen und die gesetzlichen Abgaben leisten muss.28 Als Arbeitnehmer hat die Rechtsprechung dagegen Ensemblemitglieder von (Tournee‑)Theatern angesehen, wenn diese weder eigene Vorstellungen von der Rolle verwirklichen noch einen maßgeblichen Einfluss auf Inhalt und Ablauf der Aufführungen nehmen können, sondern nach Ort und Zeit gebunden an Proben teilnehmen müssen und Regieanweisungen unterstehen.29 Ebenso ist die Arbeitnehmereigenschaft von Orchestermusikern anzunehmen, die – auch wenn sie als „freie Mitarbeiter“ beschäftigt werden – zeitlich im Wesentlichen in derselben Weise und in demselben Umfang wie andere im Anstellungsverhältnis beschäftigte Musiker in den Orchesterbetrieb eingegliedert sind30 bzw. ständig zu Orchesterdiensten herangezogen werden.31 Soweit ein Orchestermusiker nur zur Aushilfe engagiert wird, ist die Arbeitnehmereigenschaft an dem Grad der persönlichen Abhängigkeit, insbesondere daran zu messen, ob der Orchestermusiker seine Arbeit im Wesentlichen frei bestimmen kann oder einem umfassenden Weisungsrecht der Orchesterleitung unterliegt.32 Nicht nur in Letzterem gelangen die allgemeinen Kriterien zur Abgrenzung von Arbeitnehmern und freien Dienstnehmern zum Ausdruck, wie 26 ArbG Hanau 2.1.1997 – 2 Ca 570/96 – juris. 27 LAG Berlin v. 16.7.2001 – 6 Ta 1178/01 – juris. 28 BAG v. 20.1.2010, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 119. 29 LAG v. 30.8.1997 – 2 Ta 127/96 – juris. 30 BAG v. 3.10.1975, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 16. 31 BAG v. 7.5.1980 und v. 9.10.2002, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 36 und Nr. 114. 32 ErfK-Preis, § 611a BGB Rn. 66. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 57 sie nunmehr Eingang in § 611a Abs. 1 BGB gefunden haben: Arbeitnehmer ist, wer auf Grund eines privatrechtlichen Vertrags im Dienste eines anderen zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet ist. In einem Arbeitsverhältnis ist die vertraglich geschuldete Leistung im Rahmen einer von Dritten bestimmten Arbeitsorganisation zu erbringen. Das Weisungsrecht kann Inhalt, Durchführung, Zeit, Dauer und Ort der Tätigkeit betreffen. Arbeitnehmer ist derjenige, der nicht im Wesentlichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann. Diese Grundsätze gelten auch für Künstler und Musiker.33 Maßgebend für die Statusbestimmung ist, ob und inwieweit der Künstler auch im Rahmen seines Engagements frei von Weisungen der Orchester-, Chor- oder allgemein der Theaterleitung agieren kann. Im jeweiligen Einzelfall gilt es dann im Wege einer Gesamtbetrachtung zu entscheiden, ob der Künstler als Arbeitnehmer einzuordnen ist und ihm damit der Schutz des Arbeitsrechts zukommen soll. So betont die Rechtsprechung etwa bei Orchestermusikern, dass bei ihnen der Spielraum für die inhaltliche Gestaltung der geschuldeten Tätigkeit des Musizierens gleich bemessen sei: Den künstlerisch-interpretierenden Vorgaben des musikalischen Leiters sind sie alle gleichermaßen unterworfen, bei deren Umsetzung bleiben sie in ihrer jeweiligen künstlerischen Individualität alle gleichermaßen frei. Die Weichen stellen sich bei der zeitlichen Weisungsbindung. Hat der Orchestermusiker die Teilnahme an einer einzelnen Produktion oder einem bestimmten musikalischen Vorhaben und bei den dazu erforderlichen Einzeldiensten zugesagt, ohne dass diese nach Anzahl, Dauer und zeitlicher Lage bereits abschließend festgestanden hätten, so hat er sich in eine Weisungsabhängigkeit begeben, welche regelmäßig seinen Arbeitnehmerstatus bestätigt.34 Dagegen reicht es für den Arbeitnehmerstatus in der Regel nicht aus, dass ein Musiker die Teilnahme an bestimmten einzelnen Proben und Aufführungsterminen zugesagt hat, die zeitlich bereits feststanden. Zeitliche Vorgaben und Verpflichtungen, bestimmte Termine für die Erledigung der übertragenen Aufgaben einzuhalten, sind kein ausreichendes Merkmal für ein Arbeitsverhältnis.35 Anders und allgemeiner in Bezug auf Bühnenkünstler: „Die Gebundenheit an den Ort der Spielstätte, die festgesetzte Spielzeit und den ‚groben‘ Inhalt einer Darbietung ist der 33 BAG v. 22.8.2001 und v. 9.10.2002, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 109 und Nr. 114. 34 BAG v. 22.8.2001 und v. 9.10.2002, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 109 und Nr. 114. 35 BAG v. 9.10.2002, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 114. Angie Schneider 58 Tätigkeit eines Bühnenkünstlers immanent. Hierbei handelt es sich nicht um konkrete arbeitskraftbezogene Weisungen, sondern um Rahmenvorgaben, innerhalb derer die übernommene Dienstleistung zu erbringen ist.“.36 Das gilt auch für die Weisungsgebundenheit hinsichtlich Maske und Kostüm.37 Zwischenakt: Gastspielverträge Nicht selten hatte sich die Rechtsprechung mit der Einordnung von Gastspielverträgen zu beschäftigen.38 Gastspielverträge sind gemäß § 1 Abs. 5 UAbs. 1 S. 3 NV Bühne solche Verträge, „die der Arbeitgeber zur Ergänzung seines ständigen Personals und zur Ausgestaltung seines Spielplans mit Solomitgliedern in der Weise abschließt, dass sie nicht als ständige Solomitglieder angestellt, sondern nur zur Mitwirkung für eine bestimmte Anzahl von Aufführungen, aber nicht für mehr als 72 während der Spielzeit, verpflichtet werden“. Vorrangige Abgrenzungskriterien zwischen Gastspielvertrag und NV Bühne-Arbeitsvertrag sind der Umfang der Mitwirkungspflicht des Bühnenmitglieds und des Weisungsrechts der Theaterleitung. Für das ständige Bühnenmitglied ist kennzeichnend, dass der Arbeitgeber ihm grundsätzlich jede Partie innerhalb seines Kunstfaches zuordnen kann.39 Demgegenüber sind Mitwirkungspflicht und Weisungsrecht der Theaterleitung bei Gastspielverträgen eingeschränkt. Zum Wesen des Gastspielvertrages gehört es, dass die Partie, die der gastierende Künstler übernehmen soll, ebenso wie der Probenzeitraum und die Anzahl der Aufführungen einvernehmlich im Vertrag festgelegt worden sind oder jedenfalls aufgrund des Vertrages einvernehmlich festgelegt werden sollen und bestimmbar sind.40 2. 36 BAG v. 14.3.2018, NZS 2018, 867 (868 f.). 37 BSG v. 14.3.2018, NZS 2018, 867 (868 f.). 38 BSG v. 24.6.1981, AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 16; LAG Berlin v. 18.12.1989, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 50. 39 BAG v. 24.9.1986, AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 28; BAG v. 2.7.2003, AP BGB § 611 Musiker Nr. 39. 40 BAG v. 24.9.1986, AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 28; BAG v. 27.9.2001 – 6 AZR 140/00 – juris; BAG v. 2.7.2003, AP BGB § 611 Musiker Nr. 39; BOSchG v. 30.11.1970 – 5/70. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 59 Gastspielverträge sind in der Form eines Werk-, Dienst- oder Arbeitsvertrags denkbar, wobei Gastspielwerkverträge der Ausnahmefall sind.41 Gastspieldienstverträge liegen regelmäßig dann vor, wenn ein (Spitzen‑)Künstler einen Gastauftritt hat oder für wenige Vorstellungen an einem Theater als Ersatz einsprang. Grundsätzlich wurden Gastspielverträge als Arbeitsverträge eingeordnet.42 Eine Wende hat das Urteil des BAG vom 7.2.2007 eingeleitet,43 das mit einem – wie der Jubilar feststellt – „deutlichen Paradigmenwechsel“,44 einem „Kurswechsel um 180 Grad“,45 den streitgegenständlichen Gastspielvertrag entgegen der herrschenden Auffassung, aber dafür zutreffend, nicht als Arbeits-, sondern Dienstverhältnis einordnete: Zwar habe bei den Proben eine weitgehende Weisungsgebundenheit des betreffenden Künstlers bestanden, die eine Einordnung als Arbeitnehmer erlauben könnte, aber nicht bei den Aufführungen. Weil aber ein gemischter Vertrag aus Elementen des Arbeitsvertrages (Proben) und des freien Dienstvertrages (Aufführungen) lebensfremd erscheine, sei eine Gesamtwürdigung geboten. Die Proben überwiegen zwar zeitlich die Aufführungen, dienten aber nur dem Zweck, die Oper aufzuführen. Diese dienende Funktion sei innerhalb der Gesamtwürdigung zu berücksichtigen. Vor allem dürfe die persönliche Abhängigkeit nicht allein nach dem zeitlichen Umfang der Tätigkeiten beurteilt werden. Die Gesamtwürdigung ergebe eine selbstständige Tätigkeit, weil die Weisungsgebundenheit nicht stark gewesen sei und daher nicht gegenüber der freien Stellung des Klägers nach dem Gesamtgepräge des Vertragsverhältnisses zurücktrete. Zukunft Mit § 611a BGB ist nun ein gesetzlicher Ausgangspunkt für die Begriffe des Arbeitsvertrags und des Arbeitnehmers vorhanden. Die Notwendigkeit, zur Bestimmung der Arbeitnehmereigenschaft auf Theorien zurückgreifen 3. 41 St. schiedsgerichtliche Rspr., s. BOSchG v. 21.3.1994 – 37/93; LAG Berlin v. 18.12.1989, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 50; LAG München v. 30.8.1997 – 2 Ta 127/96 – juris. 42 BAG v. 2.7.2003, AP BGB § 611 Musiker Nr. 39; LAG Berlin v. 18.12.1989, AP BGB § 611 Abhängigkeit Nr. 50 („... kann der arbeitsrechtliche Status eines solchen Bühnenmitgliedes ernsthaft nicht in Zweifel gezogen werden“); BOSchG v. 18.1.1960 und 21.4.1970 – 5/59 und 18/67; 13.4.1981 – 6/80 – AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 18. 43 BAG v. 7.2.2007, ZTR 2007, 391; dazu Nix, SGb 2014, 219. 44 Nix/Hegemann/Hemke-Nix, § 1 Rn. 7. 45 Herdlein, Bühnengenossenschaft 2007, Nr. 10, 4–5. Angie Schneider 60 zu müssen, ist entfallen, auch wenn § 611a BGB nicht mehr und nicht weniger normiert als die altbekannten Abgrenzungsmerkmale, welche die Rechtsprechung im Laufe der Zeit fortentwickelt hat. Geschaffen sind aber, und dies darf nicht ignoriert werden, subsumtionsfähige Kriterien zur Statusbestimmung. Und dies gilt selbstredend gleichfalls für die Statusbestimmung von Künstlern. Die Rechtsprechung hat allerdings in anderem Zusammenhang, namentlich bei der Statuszuordnung von Lehrern, zu erkennen gegeben, dass sie die Einordnung nicht mittels Subsumtion unter die Kriterien des § 611a BGB vollzieht.46 Das BAG orientiert seine Rechtsprechung weiterhin an dem Typus Arbeitnehmer und ignoriert dabei den in der Rechtsnorm zum Ausdruck gelangten Begriff des Arbeitnehmers. Hiermit kann die Gefahr einhergehen, die Wertungen des Gesetzes zu unterlaufen, wenn die Rechtsprechung nicht nur nicht unter die Tatbestandsmerkmale des § 611a BGB subsumiert, sondern eine Typuszuordnung anhand solcher Aspekte vollzieht, die keinen Eingang in § 611a BGB gefunden haben (bei Lehrern und Dozenten: Schulform), weil ihnen keine Aussagekraft in Bezug auf die den Arbeitnehmer kennzeichnende persönliche Abhängigkeit zukommt.47 Mit der Statusbestimmung von Künstlern hatte sich die höchstrichterliche Rechtsprechung nach Inkrafttreten des § 611a BGB noch nicht zu beschäftigen. Aktuelle Entscheidungen hatten vorrangig die Zulässigkeit von Befristungen im Bühnenbereich zum Gegenstand, beispielsweise die Befristung des Arbeitsverhältnisses des Schauspielers einer Krimiserie,48 einer Maskenbildnerin49 oder – auf europäischer Ebene – desjenigen einer Balletttänzerin im Tätigkeitsbereich der (italienischer) Stiftungen für Oper und Orchester;50 nicht aber die Statuszuordnung von Künstlern. Die Gefahr, die Statuszuordnung losgelöst von den gesetzlichen Kriterien durch eine eigene Typenbildung zu unterlaufen, besteht bei Künstlern nicht in gleicher Weise wie etwa bei Lehrern und Dozenten. Auch bislang hatte die Rechtsprechung die Abgrenzung von Arbeitnehmern und freien Dienstleistern nicht vorrangig an einem (wie auch zu bestimmenden) Typus Künstler vollzogenen, sondern die persönlichen Abhängigkeit in Gestalt der Weisungsbindung nach Ort, Zeit und Art der Tätigkeit in den Vordergrund gerückt. Nicht sicher mag sein, dass die Rechtsprechung künftig die Abgrenzung mittels Subsumtion unter die gesetzli- 46 BAG v. 21.11.2017, AP BGB § 611 Lehrer, Dozenten Nr. 194. 47 Krit. Schneider, RdA 2018, 306. 48 BAG v. 30.8.2017, AP TzBfG § 14 Nr. 162. 49 BAG v. 13.12.2017, AP BGB § 611 Bühnenengagementsvertrag Nr. 66. 50 EuGH v. 25.10.2018 – C-331/17, NZA 2018, 1535. Arbeitnehmereigenschaft von Künstlern – Von den Anfängen bis zu § 611a BGB 61 chen Kriterien des § 611a BGB vollzieht; jedenfalls aber wird anzunehmen sein, dass die Abgrenzung mittels solcher Kriterien erfolgt, denen tatsächlich Aussagekraft in Bezug auf die persönliche Abhängigkeit als des prägenden Abgrenzungsmerkmals zukommt. Fazit Regelmäßig werden Künstler auf Grundlage eines Arbeitsvertrags beschäftigt. Ihnen ist eine persönliche Abhängigkeit zu eigen, die es ebenso erlaubt wie erforderlich werden lässt, sie dem Schutz des Arbeitsrechts und der diesen Schutz ausfüllenden Tarifverträge zu unterwerfen. Dass Grundlage künstlerischen Schaffens ebenfalls Werk- und freie Dienstverträge sein mögen, steht fest. Gleichfalls steht fest, dass § 611a BGB als neuer gesetzlicher Ausgangspunkt für die Bestimmung von Arbeitsvertrag und Arbeitnehmereigenschaft der Rechtsprechung subsumtionsfähige Kriterien zur Bestimmung der Arbeitnehmereigenschaft bietet. Wie aber die Rechtsprechung mit dieser neuen gesetzlichen Lage umzugehen vermag, steht nicht fest. Der Jubilar möge auf diese Entwicklung ein waches Auge haben. III. Angie Schneider 62 Kommunale Theater und Beihilfenrecht von Sven-Joachim Otto Einleitung Eines der Ziele der Europäischen Union aus Art. 3 EUV ist die Realisierung des Binnenmarktes. Um dieses Ziel zu erreichen, muss zum einen überhaupt Wettbewerb möglich sein und zum anderen haben wettbewerbsbeschränkende bzw. -einschränkende Maßnahmen zu unterbleiben. In dem Kontext stellt das Beihilfenrecht in den Art. 107–109 AEUV einen essentiellen Bestandteil der Regelungen dar, die gerade hierauf hinwirken sollen. Art. 107 Abs. 1 AEUV bildet die zentrale Vorschrift. Sie normiert ein grundsätzliches Verbot staatlicher Beihilfen. Als Beihilfe im Sinne dieser Vorschrift sind alle Begünstigungen von Unternehmen oder Produktionszweigen anzusehen, soweit sie nicht durch eine entsprechende marktgerechte Gegenleistung des Begünstigten kompensiert werden.1 Darunter fallen nicht nur finanzielle Zuschüsse, also Leistungsgewährungen, sondern auch alle Arten der Kostenentlastung, so z.B. auch: Barzuwendungen, Kapitalzuführungen, Zuschüsse, Darlehen und Überlassung von Unternehmen, Grundstücken oder Gebäuden. Dieses Verbot betrifft aufgrund der Weite des Anwendungsbereichs zum Teil auch kommunale Maßnahmen der Kulturförderung und daher auch kommunale Theater, die ohne Subventionen zumeist nicht wirtschaftlich betrieben werden könnten. Teilweise sind derartige Zuwendungen aber auch privilegiert, daher wird im Folgenden thematisiert, inwiefern das Beihilfenrecht auf kommunale Theater tatsächlich Anwendung findet. Der Tatbestand des Beihilfenverbots In Art. 107 Abs. 1 AEUV heißt es: „Soweit in den Verträgen nicht etwas anderes bestimmt ist, sind staatliche oder aus staatlichen Mitteln gewährte Beihilfen gleich welcher Art, die durch die Begünstigung bestimmter Un- I. II. 1 EuGH, Urteil vom 32.02.1961, Bergmannsprämie, Rs. 30/59, Slg. 1961, ECLI:EU:C:1961:2, Rn. 42 f. 63 ternehmen oder Produktionszweige den Wettbewerb verfälschen oder zu verfälschen drohen, mit dem Binnenmarkt unvereinbar, soweit sie den Handel zwischen Mitgliedstaaten beeinträchtigen.“ Diesem Grundsatz lassen sich fünf Tatbestandsmerkmale entnehmen: Unternehmen/Produktionszweige Für die Anwendbarkeit des Grundsatzes des Beihilfenverbots bedarf es eines Unternehmens/Produktionszweiges. Der Unternehmensbegriff umfasst nach ständiger Rechtsprechung des EuGH jede Einheit, die eine wirtschaftliche Tätigkeit ausübt, unabhängig von ihrer Rechtsform und der Art ihrer Finanzierung.2 Entscheidend ist das Kriterium der wirtschaftlichen Tätigkeit, welches erfordert, dass Waren und Dienstleistungen auf einem Markt angeboten werden.3 Es kommt nicht auf eine Gewinnerzielungsabsicht an, sondern ob Waren und Dienstleistungen auf einem Markt angeboten werden, insofern können auch gemeinnützige oder Verluste generierende Unternehmen unter diese Anforderung fallen.4 Finanzierung aus staatlichen Mitteln Für die Finanzierung aus staatlichen Mitteln ist entscheidend, dass diese dem staatlichen Handeln zugerechnet werden können.5 Eine Problematik stellt jedoch die Gewährung von staatlichen Mitteln über öffentliche Unternehmen dar. Dann ist entscheidend, ob die Behörde daran beteiligt war. Einzig die Tatsache, dass Mittel von einem öffentlichen Unternehmen stammen, genügt nicht für die Annahme einer Finanzierung aus staatli- 1. 2. 2 EuGH, Urteil vom 10.01.2006, Cassa di Risparmio di Firenze SpA u.a., C-222/04, ECLI:EU:C:2006:8, Rn. 107; Urteil vom 12.09.2000, Pavlov u.a., C-180/98 bis C-184/98, ECLI:EU:C:2000:428, Rn. 74. 3 EuGH, Urteil vom 18.06.1998, Kommission/Italien, C-35/96, ECLI:EU:C:1998:303, Rn. 36; Urteil vom 16.06.1987, Kommission/Italien, 118/85, ECLI:EU:C:1987:283, Rn. 7. 4 EuGH, Urteil vom 01.07.2008, MOTOE, C-49/07, ECLI:EU:C:2008:376, Rn. 27 f.; Urteil vom 16.11.1995, FFSA u. a., C-244/94, ECLI:EU:C:1995:392, Rn. 21; Urteil vom 29.10.1980, Van Landewyck, verbundene Rs. 209/78 bis 215/78 und 218/78, ECLI:EU: C:1980:248, Rn. 88. 5 EuGH, Urteil vom 24.01.1978, Van Tiggele, 82/77, ECLI:EU:C:1978:10, Rn. 25 f.; Gericht erster Instanz, Urteil vom 12.12.1996, Air France/Kommission, T-358/94, ECLI:EU:T:1996:194, Rn. 62. Sven-Joachim Otto 64 chen Mitteln.6 Es bedarf weder eines Nachweises einer konkreten Veranlassung durch die Behörde noch eines Nachweises über eine etwaige andere Entscheidung seitens des öffentlichen Unternehmens,7 entscheidend ist vielmehr eine Bewertung anhand festgelegter Indikatoren.8 Zur Identifizierung wird hierbei insbesondere das Prinzip vom marktwirtschaftlich handelnden Kapitalgeber verwendet, auch Private-Investor-Test genannt.9 Vorteil Die begünstigende Wirkung einer Beihilfe ist zu bejahen, wenn sie für das betreffende Unternehmen einen wirtschaftlichen Vorteil darstellt, der ohne marktübliche Gegenleistung erbracht wird und auf dessen Gewährung nach den allgemeinen Vorschriften außerhalb des Subventionsrechts kein Anspruch besteht.10 Selektivität Selektivität meint, dass Maßnahmen von allgemeinem Charakter grundsätzlich nicht unter das Beihilfenverbot fallen, es sei denn, dass diese letztlich doch nur bestimmten Unternehmen oder Produktionszweigen zugutekommen.11 3. 4. 6 EuG, Urteil vom 26.06.2008, SIC/Kommission, T-442/03, ECLI:EU:T:2008:228, Rn. 93–100. 7 Gericht erster Instanz, Urteil vom 25.06.2015, SACE und Sace BT/Kommission, T-305/13, ECLI:EU: T:2015:435, Rn. 48. 8 Siehe hierzu näher: Kommission, Bekanntmachung vom 19.07.2016 zum Begriff der staatlichen Beihilfe im Sinne des Artikels 107 Absatz 1 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union, ABl. 2016/C 262/01, Rn. 43. 9 EuGH, Urteil vom 14.12.1995, SFEI/La Poste, Rs. C-39/94, Slg. 1996, I-3547, Rn. 60 f.; Urteil vom 21.03.1991, Italien/Kommission, Rs. C-303/88, Slg. 1991, I-1433, Rn. 21 f.; EuG, Urteil vom 12.12.1996, Air France/Kommission, Rs. T-358/94, Slg. 1996, II-2109, Rn. 70 f. 10 EuGH, Urteil vom 29.04.1999, Spanien/Kommission, C-342/96, ECLI:EU:C:1999:210, Rn. 41; Urteil vom 11.07.1996, SFEI u. a., C-39/94, ECLI:EU:C:1996:285, Rn. 60. 11 EuGH, Urteil vom 29.06.1999, DM Transport, C-256/97, ECLI:EU:C:1999:332, Rn. 27; Gericht erster Instanz, Urteil vom 06.03.2002, Territorio Histórico de Álava — Diputación Foral de Álava u. a./Kommission, verbundene Rs. T-127/99, T-129/99 und T-148/99, ECLI:EU:T:2002:59, Rn. 149. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 65 Auswirkungen auf Handel und Wettbewerb Um Beihilferelevanz zu entfalten, muss eine Maßnahme ferner geeignet sein, den Wettbewerb zu verfälschen. Eine Wettbewerbsverfälschung ist gegeben, wenn die Beihilfe – tatsächlich oder potentiell – in ein bestehendes oder möglicherweise zur Entstehung kommendes Wettbewerbsverhältnis zwischen Unternehmen oder Produktionszweigen eingreift und damit den Ablauf des Wettbewerbs verändert. Eine wettbewerbsverfälschende Maßnahme liegt bereits vor, wenn der Empfänger der Beihilfe auf wettbewerbsoffenen Märkten mit anderen Unternehmen in Konkurrenz tritt.12 Des Weiteren ist die Beihilfe unvereinbar mit dem Europäischen Gemeinsamen Markt, wenn die Finanzierungsmaßnahme oder Unterstützungsleistung Auswirkung auf den innergemeinschaftlichen Handel entfaltet oder entfalten kann.13 An die Erfüllung des Tatbestandsmerkmals werden keine hohen Anforderungen gestellt, weder der verhältnismäßig geringe Umfang einer Beihilfe noch die verhältnismäßig geringe Größe des begünstigten Unternehmens schließen von vornherein die Möglichkeit einer Beeinträchtigung des zwischenstaatlichen Handels aus.14 Vielmehr wird der gemeinschaftliche Handel immer dann beeinträchtigt, wenn eine von einem Mitgliedstaat gewährte Beihilfe die Stellung eines Unternehmens gegenüber anderen Wettbewerbern im Binnenmarkt verstärkt, wobei eine selbstständige Teilnahme am innergemeinschaftlichen Handel hierfür nicht erforderlich ist.15 Wenn nämlich ein Mitgliedstaat einem Unternehmen eine Beihilfe gewährt, kann die inländische Tätigkeit dadurch beibehalten oder verstärkt werden, sodass sich hierdurch die Chancen der in anderen Mitgliedstaaten niedergelassenen Unternehmen, den Markt dieses Mitgliedstaats zu durchdringen, verringern.16 5. 12 EuGH, Urteil vom 24.07.2003, Altmark Trans, C-280/00, ECLI:EU:C:2003:415, Rn. 77 f.; Urteil vom 17.09.1980, Philip Morris, 730/79, ECLI:EU:C:1980:209, Rn. 11; Gerichts erster Instanz, Urteil vom 15.06.2000, Alzetta, verbundene Rs. T-298/97, T-312/97 usw., ECLI:EU:T:2000:151, Rn. 80, 141–147. 13 EuGH, Urteil vom 15.12.2005, Unicredito Italiano, C-148/04, Rn 54. 14 EuGH, Urteil vom 03.05.2005, Heiser, Rs. C-172/03, Slg. 2005, 1–1627, Rn. 32; Urteil vom 24.07.2003, Altmark Trans, C-280/00, ECLI:EU:C:2003:415, Rn. 81. 15 Ständige Rechtsprechung seit EuGH, Urteil vom 17.09.1980, Philip Morris, 730/79, ECLI:EU:C:1980:209, Rn. 11. 16 EuGH, Urteil vom 14.01.2015, Eventech/The Parking Adudicator, C-518/13, ECLI:EU:C:2015:9, Rn. 67; Urteil vom 08.05.2013, Libert u. a., verbundene Rs. C-197/11 und C-203/11, ECLI:EU:C:2013:288, Rn. 78; Urteil vom 15.12.2005, Unicredito Italiano, C-148/04, Rn. 52 ff.; Urteil vom 24.07.2003, Altmark Trans, C-280/00, ECLI:EU:C:2003:415, Rn. 78. Sven-Joachim Otto 66 Rechtsfolge Soweit belegt werden kann, dass die vorgenannten Kriterien erfüllt sind, handelt es sich bei entsprechenden Finanzierungsmaßnahmen oder Unterstützungsleistungen grundsätzlich um staatliche Beihilfen. Die Finanzierungsmaßnahmen müssten dann vor ihrer Durchführung bei der Europäischen Kommission im Rahmen eines Notifizierungsverfahrens nach Art. 108 Abs. 3 AEUV angemeldet werden, sofern nicht ein Ausnahmetatbestand gegeben ist. Privilegierungen kommunaler Theater Im Falle kommunaler Theater kann es zu verschiedenen Privilegierungen kommen. Zum einen fallen viele Theater nicht unter den Tatbestand. Zum anderen gibt es Theater, die zwar die Tatbestandsvoraussetzungen erfüllen, über Ausnahmen letztlich das Beihilfenverbot aber keine Anwendung findet. Generell sind solche Ausnahmen von Art. 107 Abs. 1 AEUV in zwei Alternativen möglich. Einmal als Legalausnahme nach Art. 107 Abs. 2 AEUV oder als Einzelentscheidung nach Art. 107 Abs. 3, 108 Abs. 4, 109 AEUV. Die Legalausnahmen in Art. 107 Abs. 2 AEUV betreffen jedoch nur ganz spezifische Fälle und gerade keine Kulturbeihilfen und nicht die kommunalen Theater, sodass der Fokus hier auf den Tatbestandsausschlüssen und den Einzelentscheidungen nach Art. 107 Abs. 3 lit. d, 108 Abs. 4, 109 AEUV liegt. Nichtvorliegen eines Unternehmens/Produktionszweiges Ausnahmen vom Tatbestandsmerkmal des „Unternehmens/Produktionszweiges“ bestehen oftmals im Falle staatlichen Handelns. Keine Anwendung findet das grundsätzliche Beihilfenverbot bei der Ausübung hoheitlicher Befugnisse, wenn der Staat als „öffentliche Hand“17 handelt oder öffentliche Stellen in „ihrer Eigenschaft als Träger öffentlicher Gewalt handeln“.18 Dies ist dann der Fall, wenn die betreffende Tätigkeit Teil wesentlicher staatlicher Aufgaben ist oder mit einer solchen untrennbar verbun- 6. III. 1. 17 EuGH, Urteil vom 16.06.1987, Kommission/Italien, Rs. 118/85, ECLI:EU:C:1987:283, Rn. 7 f. 18 EuGH, Urteil vom 04.05.1988, Bodson, Rs. 30/87, ECLI:EU:C:1988:225, Rn. 18. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 67 den ist19 – so zum Beispiel bei Armee- oder Polizeitätigkeiten20 -, kann die Tätigkeit hingegen losgelöst von staatlichen Befugnissen erbracht werden, so handelt es sich um eine wirtschaftliche Tätigkeit, die dem Tatbestand unterfällt.21 Neben solchen Tätigkeiten können insbesondere auch der Kulturbereich, die Erhaltung des kulturellen Erbes und der Naturschutz vom Beihilfenverbot ausgenommen sein, hierunter fallen u.a. auch die Theater, Opern- und Konzerthäuser. Diese Beurteilung erfolgt jedoch nicht pauschal, sondern in Abhängigkeit von der Art der Finanzierung. Nichtwirtschaftliche Tätigkeiten sind kostenlos zugängliche kulturelle Einrichtungen bzw. solche, die nur ein Entgelt erheben, welches nicht als echte Vergütung angesehen werden kann, so insbesondere bei kleinen und lokalen kulturellen Einrichtungen. Unter diesen Gegebenheiten nimmt die Kommission dann rein soziale und kulturelle Zwecke an.22 Jedoch gibt es auch kulturelle Einrichtungen, die vornehmlich aus Besucher- bzw. Benutzerentgelten finanziert werden und für die mitgliedstaatenübergreifend Werbung gemacht wird, diese sind dann nicht vom Beihilfenverbot befreit.23 Im Falle der Revitalisierung des Congress Centers Hamburg, wobei es auch um Investitionen in Theatersäle ging, hat die Kommission daher die Investitionen in die Kategorien „örtlich und regional“ und „nicht-örtlich“ aufgeteilt. Hinsichtlich der Bewertung der Unternehmenseigenschaft hat die Kommission dann die Eintrittspreise mit den Durchschnittsmieten pro Besucher verglichen. Anhand dessen hat die Kommission so die Unternehmenseigenschaft in Bezug auf die Kategorie der „örtlichen und regionalen“ Veranstaltungen verneint.24 19 EuGH, Urteil vom 18.03.1997, Calì & Figli, C-343/95, ECLI:EU:C:1997:160, Rn. 22 f.; Urteil vom 19.01.1994, British SAT/Eurocontrol, C-364/92, ECLI:EU:C:1994:7, Rn. 30. 20 Kommission, Beschluss vom 07.12.2011 über die staatliche Beihilfe SA.32820 (2011/NN) — Vereinigtes Königreich — Beihilfe zugunsten von Forensic Science Services Limited, ABl. C 29 vom 2.2.2012, S. 4, Erwägungsgrund 8. 21 EuGH, Urteil vom 12.07.2012, Compass-Datenbank GmbH, C-138/07 P, ECLI:EU:C:2009:191, Rn. 72 ff. 22 Fn. 8, Rn. 33 ff. 23 Fn. 8, Rn. 33 ff. 24 Kommission, Entscheidung vom 07.04.2017, Revitalisierung Congress Center Hamburg (CCH), SA.42545 (2015/N), Rn. 5, 12, 27. Sven-Joachim Otto 68 Nichtvorliegen von Auswirkungen auf Handel und Wettbewerb Die Nichtbeeinträchtigung von Handel und Wettbewerb wird generell nur dann angenommen, wenn für ein Wirtschaftsgut gerade kein Markt besteht, also insbesondere im Falle natürlicher Monopole.25 Es bedarf aber nicht zwangsläufig eines natürlichen Monopols, damit die Auswirkungen auf Handel und Wettbewerb abgelehnt werden. Auch wenn es lediglich keine alternativen Anbieter gibt, kann eine Entscheidung dieser Form ergehen, so zum Beispiel im Falle eines Schaubergwerks.26 In der Praxis der Kommissionsentscheidungen wurde ein Ausschluss anhand dessen nur äußerst selten begründet. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das Vorliegen dieses Merkmals seit dem Philipp Morris Urteil des EuGH27 an sich in den Urteilen der Gerichte und den Kommissionsentscheidungen lediglich festgestellt wurde. Speziell bei Kultureinrichtungen und Theatern gibt es häufig eine Vermischung verschiedener Freizeitaktivitäten und daher eine rege Konkurrenz von öffentlichen und privaten Anbietern, die daher u.a. im Theaterbereich im Wettbewerb um Schauspieler, Sänger, Dirigenten, Regisseure sowie Zuschauer stehen, ebenso gibt es auch eine Wechselwirkung mit wirtschaftlichen Aktivitäten wie Eintrittsgeldern, Führungen, Sponsoring, Cafés und Shops. Damit lässt sich eine solche Auswirkung auch leicht bejahen.28 Dennoch gab es gerade in diesem Bereich mehrfach Fälle, in denen die Kommission eine Handelsbeeinträchtigung mit grenzüberschreitender Wirkung abgelehnt hatte. In diesen Fällen hat die Kommission es als ausschlaggebend angesehen, dass die kulturelle Einrichtung bzw. der Veranstaltungsbetrieb auf ein lokales Publikum beschränkt war und damit keine internationale Anziehungskraft besaß.29 Zu diesem Entschluss kam die Kommission trotz der widerlegbaren 2. 25 Fn. 8, Rn. 188. 26 Kommission, Entscheidung vom 22.12.1998, Salzbergwerk Hallstadt, N 494/98. 27 EuGH, Urteil vom 17.09.1980, Philip Morris, 730/79, ECLI:EU:C:1980:209. 28 Kommission, Entscheidung vom 21.04.2010, Spain, State Aid to Basque museums, N 1/2010, N 560/01 und NN 17/02; Entscheidung vom 26.11.2008, Hungary, Aid for multifunctional community cultural centres, museums, public libraries, N 293/2008; Entscheidung vom 30.04.2008, Spain, Aid to theatre and circus sector: Region of Valencia, N 704/2007. 29 Kommission, Entscheidung vom 28.11.2007, Bataviawerf, N 377/2007, Rn. 17 ff.; Entscheidung vom 20.07.2005, Kulturvego, NN 55/2005, Rn. 17; Entscheidung vom 09.04.2005, UK, Brighton West Pier, N 560/2001 und NN 17/2002, Rn. 41; Entscheidung vom 18.02.2004, Musei di interesse locale, Sardegna, N 630/2003; Entscheidung vom 21.01.2003, Ecomusée d’Alsace, NN 136/A/02; Entscheidung vom 12.01.2001, Freizeitbad Dorsten, N 258/00. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 69 Vermutung für eine Handelsbeeinträchtigung und trotz der Auffassung des EuGH, dass der Begünstigte nicht grenzüberschreitend tätig sein muss30 und dass weder der örtliche noch der regionale Charakter eine Handelsbeeinträchtigung ausschließe.31 Mit sieben Kommissionsentscheidungen in 201532 und fünf in 201633 hat die Kommission die Relevanz des Tatbestandsmerkmals jedoch neu betont und sich von der widerlegbaren Vermutung abgewendet.34 Dem Tatbestandsmerkmal der Handelsbeeinträchtigung soll nicht mehr nur eine hypothetische Bedeutung zukommen.35 In den genannten Entscheidungen verneinte die Kommission jeweils die Eigenschaft der Maßnahme als wettbewerbsbeschränkend. Ausgangspunkt für diese Entscheidungen war die Feststellung, dass der Begünstigte Waren und Dienstleistungen nur in einem geografisch begrenzten Gebiet in einem Mitgliedstaat anbietet, eine Anreizwirkung für Nutzer aus anderen Mitgliedstaaten unwahrscheinlich ist und dass keine hinreichende Wahrscheinlichkeit von mehr als nur marginalen Auswirkungen der Maßnahme auf grenzüberschreitende Investitionen oder die Niederlassung von Unternehmen in anderen Mitgliedstaaten bestehe.36 Ob auch die Rechtsprechung sich dem Standpunkt der Kommission anschließen wird, ist noch offen. Hierzu ist bereits ein Verfahren anhängig,37 sodass dessen Ausgang abzuwarten ist. Für den Kulturbereich dürfte diese Entscheidung aber nicht von allzu großer Bedeutung sein, schließlich wurden gerade in dem Bereich auch schon zuvor Ausnahmen zugelassen. 30 EuGH, Urteil vom 15.06.2000, Alzetta, verbundene Rs. T-298/97, T-312/97 usw., ECLI:EU:T:2000:151, Rn. 52. 31 EuGH, Urteil vom 24.07.2003, Altmark Trans, C-280/00, ECLI:EU:C:2003:415, Rn. 77 f. 32 Kommission, Mitteilung vom 29.04.2015, abrufbar unter: http://europa.eu/rapid/ press-release_IP-15-4889_de.htm. 33 Kommission, Mitteilung vom 21.09.2016, abrufbar unter: http://europa.eu/rapid/ press-release_IP-16-3141_de.htm. 34 Bartosch, EWS 2017, Heft 5, S. 1; Bonhage/Dietterich, EuZW 2018, S. 720. 35 Gericht erster Instanz, Urteil vom 06.07.1995, AITEC u.a./Kommission, verbundene Rs. T-447/93, T-448/93 und T-449/93, ECLI:EU:T:1995:130, Rn. 141. 36 Fn. 8, Rn. 196. 37 EuGH, Klage vom 21.11.2016, Abes/Kommission, Rs. T-813/16. Sven-Joachim Otto 70 Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse Als Ausnahmemöglichkeit nehmen die Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse nach Art. 106 Abs. 2 AEUV eine Sonderrolle ein. Dies liegt insbesondere an dem lange geführten dogmatischen Streit um die Qualität als Tatbestands-38 oder als Rechtfertigungslösung39. Als Tatbestandslösung führt das Vorliegen von Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse dazu, dass das Tatbestandsmerkmal des „Vorteils“ nicht vorliegt und somit der Tatbestand nicht erfüllt ist. Als Rechtfertigungslösung wird der Tatbestand des Art. 107 Abs. 1 AEUV zunächst als erfüllt angesehen, letztlich ist das Beihilfenverbot aber wegen der Ausnahme, „soweit in den Verträgen nicht etwas anderes bestimmt ist, […]“ aus Art. 107 Abs. 1 AEUV selbst, nicht anwendbar. Seit dem Altmark- Trans-Urteil40 hat sich der EuGH letztlich für eine vermittelnde Zwischenposition entschieden. Das heißt, er hat sich zugunsten der Tatbestandslösung entschieden, diese aber eingeschränkt, sodass ein Tatbestandsausschluss nur noch unter den strengen Anforderungen, der in dieser Entscheidung aufgestellten vier Altmark-Trans-Kriterien möglich ist. Diese sind: die Betrauung mit einer gemeinwirtschaftlichen Verpflichtung, die Festlegung von objektiven und transparenten Ausgleichsparametern im Voraus, das Nichtvorliegen einer Überkompensation und die Bestimmung der Ausgleichszahlungen anhand eines Vergabeverfahrens oder eines Benchmark-Company-Tests.41 Wenn diese Voraussetzungen vorliegen, bedarf es keiner Notifizierung, es sind aber die Anforderungen der Freistellungsentscheidung/des DAWI-Beschlusses42 einzuhalten. Daneben ist zu 3. 38 EuGH, Urteil vom 22.11.2001, Ferring SA., C-53/00, Slg. 2001, I-9067, Rn. 32 f. 39 EuG, Urteil vom 10.05.2000, Sociedade Independente de Comunicação SA/ Kommission, T-46/97, Slg. 2000, II 2125, Rn. 81–85, unter Bezugnahme auf EuG, Urteil vom 27.02.1997, bestätigt durch EuGH, Urteil vom 25.03.1998, FFSA/ Kommission, C-174/97 P, Slg. 1998, I-1303, Rn. 33; Urteil vom 27.02.1997, Fédération française des sociétés d’assurances (FFSA)/Kommission, T-106/95, Slg. 1997, II-229, Rn. 165. 40 EuGH, Urteil vom 24.07.2003, Altmark Trans, C-280/00, Slg. 2003, I-7747. 41 Zu den einzelnen Kriterien siehe näher: Kommission, Mitteilung vom 11.01.2012 über die Anwendung der Beihilfevorschriften der Europäischen Union auf Ausgleichsleistungen für die Erbringung von Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse, ABl. C 8/4. 42 Kommission, Beschluss vom 20.12.2011 über die Anwendung von Artikel 106 Absatz 2 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union auf staatliche Beihilfen in Form von Ausgleichsleistungen zugunsten bestimmter Unternehmen, die mit der Erbringung von Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse betraut sind, ABl. L 7/3. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 71 berücksichtigen, dass im Rahmen des nach dem Altmark-Trans Urteil erlassenen DAWI-Pakets, auch eine spezielle DAWI-de-minimis-Verordnung43 besteht, die sich in der Höhe der Schwellenwerte zur De-minimis- Verordnung unterscheidet, so liegt hier der Schwellenwert nach Art. 2 Abs. 2 über drei Steuerjahre bei 500.000 Euro. Im Rahmen der Altmark-Trans-Kriterien hervorzuheben ist der Begriff der „gemeinwirtschaftlichen Verpflichtung“, dieser umfasst die gemeinwohlorientierten Leistungen, die ein privatwirtschaftliches Unternehmen im eigenen wirtschaftlichen Interesse nicht in gleicher Weise übernehmen würde und die ihm daher vom Staat auferlegt werden. Bezüglich solcher Verpflichtungen obliegt den Mitgliedstaaten selbst ein Ermessensspielraum. Die Unionsorgane können diese Entscheidung nur bei offenkundigen Fehlern in Frage stellen.44 Für den Kulturbereich ergibt sich die Qualifikation als gemeinschaftliche Verpflichtung in Deutschland aus zahlreichen Gesetzen, vor allem aus den Gemeindeordnungen, wobei Kultur als Bestandteil der Daseinsvorsorge qualifiziert wird und auch seitens der Kommission im DAWI-Leitfaden Erwähnung findet.45 Kulturklausel Wenn eine kulturelle Maßnahme doch den Tatbestand des Art. 107 Abs. 1 AEUV erfüllen sollte, kann ihre Vereinbarkeit mit dem Binnenmarkt von der Kommission nach Art. 107 Abs. 3 lit. d AEUV (sog. Kulturklausel) festgestellt werden. Hierfür bedarf es seitens der Kommission einer Notifizierung und Genehmigung. Eine solche Ausnahme gilt, wenn das Tatbestandsmerkmal der „Auswirkungen auf Handel und Wettbewerb“ nur in abgeschwächter Form erfüllt ist, wenn also die Handels- und Wettbewerbs- 4. 43 Verordnung (EU) Nr. 360/2012 der Kommission vom 25. April 2012 über die Anwendung der Artikel 107 und 108 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union auf De-minimis-Beihilfen an Unternehmen, die Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse erbringen, ABl. L 114/8. 44 EuGH, Urteil vom 12.02.2008, British United Provident Association Ltd. (BUPA)/ Kommission, T-289/03, Slg. 2008, II-81, Rn. 169; EuG, Urteil vom 16.07.2014, Zweckverband Tierkörperbeseiting/Kommission, T-309/12, ECLI:EU:T:2014:676, Rn. 104 f.; Urteil vom 16.07.2014, Deutschland/Kommission, T-295/12, ECLI:EU:T:2014:675, Rn. 44 f. m.w.N. 45 Kommission, Leitfaden vom 29.04.2013 zur Anwendung der Vorschriften der Europäischen Union über staatliche Beihilfen, öffentliche Aufträge und den Binnenmarkt auf Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse inklusive Sozialdienstleistungen von allgemeinem Interesse, S. 35, 40, 105. Sven-Joachim Otto 72 bedingungen in der Union nicht in einem Maße beeinträchtigt werden, das dem gemeinsamen Interesse zuwiderläuft. Voraussetzung ist also die Förderung eines kulturellen Ziels, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme und das Nichtvorliegen einer wesentlichen Beeinträchtigung des gemeinsamen Interesses am innergemeinschaftlichen Handel.46 Vorgaben, welche Vorhaben diese Voraussetzungen erfüllen bzw. eine Definition des Begriffs „Kultur“, stellt das Primärrecht nicht auf, insofern obliegt den Mitgliedstaaten eine eigene Festlegung, wie sie den kulturellen Wert erfassen. Die Kommission überprüft dies aber inhaltlich und hat bei ihrer Entscheidung ein weites Ermessen.47 Es bestehen auch gerade keine Leitlinien und Gemeinschaftsrahmen, anders als bei der Filmförderung48 oder im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.49 De-minimis-Verordnung Beihilfefreiheit und eine Ausnahme von der Notifizierungspflicht besteht zudem für bestimmte Gruppen von Beihilfen nach Art. 3 Abs. 1 der De-minimis-Verordnung (DVO).50 Die De-minimis-Regel wurde eingeführt, um geringfügige Zuschüsse von der Anmeldepflicht zu befreien. Beihilfen, die für einen Zeitraum von drei Steuerjahren gewährt werden und grundsätzlich den Höchstbetrag von 200 000 € aus Art. 2 Abs. 2 und 3 DVO nicht überschreiten, werden nicht als staatliche Beihilfen gem. Art. 107 Abs. 1 AEUV betrachtet. Die Europäische Kommission geht dabei davon aus, dass solche minimalen Subventionen keine spürbaren Auswirkungen auf den Handel und den Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten haben.51 Be- 5. 46 Kommission, Entscheidung vom 26.11.2008, Hungary, Aid for multifunctional community cultural centres, museums, public libraries, N 293/2008, Rn. 27; Entscheidung vom 28.10.2008, Hungary, Aid to performing arts organisations, N 464/2009, Rn. 24. 47 Kommission, Beschluss vom 22.11.2006, UK film tax incentive, N 461/2006. 48 Kommission, Mitteilung vom 16.02.2002 zu bestimmten Rechtsfragen im Zusammenhang mit Kinofilmen und anderen audiovisuellen Werken, ABl. C 43/06. Neue Mitteilung vom 15.11.2013, ABl. C 332/1. 49 Kommission, Mitteilung vom 15.11.2001 über die Anwendung der Vorschriften über staatliche Beihilfen auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ABl. C 320/5. Neue Mitteilung vom 27.10.2009, ABl. C 257/1. 50 Verordnung (EU) Nr. 1407/2013 der Kommission vom 18. Dezember 2013 über die Anwendung der Artikel 107 und 108 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union auf De-minimis-Beihilfen. 51 Erwägungsgrund 3 DVO. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 73 stimmte Wirtschaftsbereiche sind gem. Art 1 Abs. 1 lit. a-e DVO allerdings von dem Anwendungsbereich ausgenommen, so z.B. Fischerei und Aquakultur, die Primärerzeugung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, der Steinkohlebergbau, Beihilfen an Unternehmen in Schwierigkeiten. Nach Art. 4 Abs. 1 DVO findet diese nur auf transparente Beihilfen Anwendung. Eine Beihilfe ist nach Art. 4 Abs. 3 DVO transparent, wenn die Höhe der Beihilfe im Voraus genau berechnet werden kann, ohne dass eine Risikobewertung notwendig ist. Allgemeine Gruppenfreistellungsverordnung Zudem ist auch Beihilfenfreiheit für diejenigen Beihilfen vorgesehen, die unter die Allgemeine Gruppenfreistellungsverordnung (AGVO)52 fallen, dann bedarf es lediglich einer Anzeige bei der Kommission. Hinsichtlich des Anwendungsbereichs findet sich eine Aufzählung in Art. 1 Nr. 1 AG- VO. Darüber hinaus müssen aber die allgemeinen Anwendungsvoraussetzungen der Art. 4 ff. AGVO vorliegen und zusätzlich noch die Bestimmungen der einzelnen Beihilfegruppen erfüllt sein. Die Beträge sind nach Art. 4 AGVO begrenzt. Ähnlich der DVO setzt auch die AGVO voraus, dass die Beihilfen transparent nach Art. 5 AGVO sein müssen. Die Kulturförderung ist über Art. 1 Nr. 1 lit. j AGVO erfasst und war nach Art. 4 Nr. 1 lit. z AGVO auf 100 Millionen Euro für Investitionsbeihilfen und auf 50 Millionen Euro für Betriebsbeihilfen begrenzt. Diese Grenzwerte wurden jedoch mit Art. 1 Nr. 3 lit. a AGVO 201753 um je 50 % auf 150 Millionen Euro für Investitionsbeihilfen und 75 Millionen Euro für Betriebsbeihilfen erhöht. Konkret mögliche Formen von Beihilfen im Kulturbereich finden sich im 11. Abschnitt des dritten Kapitels, nament- 6. 52 Verordnung (EU) Nr. 651/2014 der Kommission vom 17. Juni 2014 zur Feststellung der Vereinbarkeit bestimmter Gruppen von Beihilfen mit dem Binnenmarkt in Anwendung der Artikel 107 und 108 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union. 53 Verordnung (EU) Nr. 2017/1084 der Kommission vom 14. Juni 2017 zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 651/2014 in Bezug auf Beihilfen für Hafen- und Flughafeninfrastrukturen, in Bezug auf Anmeldeschwellen für Beihilfen für Kultur und die Erhaltung des kulturellen Erbes und für Beihilfen für Sportinfrastrukturen und multifunktionale Freizeitinfrastrukturen sowie in Bezug auf regionale Betriebsbeihilferegelungen für Gebiete in äußerster Randlage und zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 702/2014 in Bezug auf die Berechnung der beihilfefähigen Kosten. Mit freundlicher Unterstützung von stud.iur Ornella Trost Sven-Joachim Otto 74 lich in Art. 53 f. AGVO. Kommunale Theater werden hier insbesondere von Art. 53 Nr. 2 lit. a AGVO erfasst. Fazit Insgesamt zeigt sich, dass kommunale Theater zum Großteil letztlich nicht vom Beihilfenverbot betroffen sind. Entweder erfüllen sie ohnehin nicht den Tatbestand oder sie sind über eine der Ausnahmen vom Beihilfenverbot befreit. Die meisten kommunalen Theater erheben zudem nur solche Eintrittsgelder, die eine ausschließliche oder wenigstens eine teilweise Finanzierung von mehr als 50 % darüber nicht ermöglichen. Eines gewissen Problembewusstseins seitens der kommunalen Verantwortungsträger bedarf es trotzdem. Im unwahrscheinlichen Fall eines erforderlichen Notifizierungsverfahrens gehen die Unterlagen an die Wirtschaftsministerien der Länder, weiter an das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und schließlich an die Europäische Kommission. Im Rahmen dessen werden die Verantwortlichen auf kommunaler Ebene aber von den Beihilfenreferentinnen und Beihilfenreferenten unterstützt. Das Risiko von Fehlern ist daher relativ gering. IV. Kommunale Theater und Beihilfenrecht 75 Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen – Betriebsverfassungsrechtliche Einordnung der tariflich in § 62 Abs. 4 NV Bühne genannten Tätigkeitsgruppen im Lichte des § 5 Abs. 3 BetrVG von Joachim Benclowitz Bedeutung der Definition des leitenden Angestellten in der Betriebsverfassung Viele Theaterverfassungen sehen inzwischen nicht mehr reine Intendantenmodelle vor, in welchen der Intendant meistens als alleiniger Geschäftsführer handelt und alle im Theater anfallenden Aufgaben wahrnimmt.1 Außer zunehmend wachsender Verwaltungsaufgaben, die zu einem reduzierten Aufgabenbereich von Intendanten führen, gibt es in der deutschen Theaterlandschaft aber auch zunehmend Organisationsformen, in denen ein sogenannter „Manager-“ Intendant2 nicht die künstlerische Verantwortung für die einzelnen Sparten trägt und beispielsweise die Leitung des Musiktheaters oder Schauspiels einer / einem entsprechenden Spartendirektor, häufig auch in der Bezeichnung „Opern- oder Schauspielintendant“, übertragen wird. Häufig stellt sich daher in der bühnenrechtlichen Praxis die Frage, ob einzelne leitende Bühnenkünstler eher der künstlerischen Führungsebene eines Theaters zugerechnet werden müssen oder nur „normale“ Arbeitnehmer sind, bei welchen betriebsverfassungsrechtlich keinerlei Besonderheiten gelten. Diese Frage hat insbesondere auch im Bühnenarbeitsrecht eine erhebliche Bedeutung. Soweit im Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) nicht ausdrücklich etwas anderes bestimmt ist, findet das Gesetz hier keine Anwendung auf leitende Angestellte. Sind also bestimmte künstlerische Leitungs- I. 1 vgl. Benclowitz, Künstlerische Vorstände und Tendenzschutz, Verlag Dr. Kovac 2017, Dissertation, II. Geschäftsführung und mögliche „Theaterverfassungen“ am Theater; ferner zu Fragen der inneren Organisation in Theatern auch näher Kurz/ Kehrl/Nix/Kehrl, Praxishandbuch Theater- und Kulturveranstaltungsrecht, 2015, Rn. 5. 2 vielfach auch unter dem Titel des „Geschäftsführenden Intendanten“ oder „Geschäftsführenden Theaterdirektors“. 77 berufe als leitende Angestellte im Sinne von § 5 Abs. 3 BetrVG zu bewerten, erstrecken sich Beteiligungsrechte des Betriebsrats auf diese grundsätzlich nicht. So findet auf diese Gruppe von Arbeitnehmern das BetrVG keine Anwendung.3 Leitende Angestellte sind Arbeitnehmer im allgemeinen arbeitsrechtlichen Sinn. Sie sind aufgrund eines privatrechtlichen Vertrages zur Leistung einer fremdbestimmten Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet. Insofern sind sie zunächst abzugrenzen von dem Personenkreis, der nicht als Arbeitnehmer gilt (§ 5 Abs. 1 Satz 3 ArbGG).4 Das BetrVG definiert in § 5 Abs. 3 den Begriff des leitenden Angestellten dahin, dass dies Angestellte sind, die nach dem Arbeitsvertrag und Stellung im Unternehmen oder im Betrieb zur selbständigen Anstellung und Entlassung von im Betrieb oder in der Betriebsabteilung beschäftigten Arbeitnehmern berechtigt sind oder Generalvollmacht bzw. Prokura haben, die auch im Innenverhältnis zum Arbeitgeber nicht unbedeutend ist.5 Zu dem Kreis der leitenden Angestellten werden schließlich noch solche Beschäftigten gezählt, die regelmäßig sonstige Aufgaben wahrnehmen, die für den Bestand oder die Entwicklung des Unternehmens oder eines Betriebes von Bedeutung sind und deren Erfüllung besondere Erfahrungen und Kenntnisse voraussetzt, wenn sie dabei entweder die Entscheidung im Wesentlichen frei von Weisungen treffen oder sie maßgeblich beeinflussen. 3 Zu beachten ist, dass eine beabsichtigte Einstellung oder personelle Veränderung eines leitenden Angestellten im Sinne von § 5 Abs. 3 BetrVG dem Betriebsrat nach § 105 BetrVG rechtzeitig mitzuteilen ist. 4 Intendanten gelten insbesondere gem. § 5 Abs. 1 Satz 3 ArbGG nicht als Arbeitnehmer im Sinne des Arbeitsgerichtsgesetzes (ArbGG). Zudem unterfallen Intendanten nicht dem Anwendungsbereich von Tarifverträgen. Entsprechend formuliert § 1 Abs. 3 BSchGO, dass das Bühnenmitglied im Sinne dieses Tarifvertrages nicht der Bühnenleiter (Intendant) ist. Bisher noch höchstrichterlich ungeklärt ist, ob gleiches aufgrund seiner herausgehobenen Stellung gegenüber dem Orchester auch für den Generalmusikdirektor (GMD) gilt, soweit er künstlerisch nicht nur für den Konzert- sondern auch für den gesamten Musiktheaterbereich insbesondere auf Basis eines freien Dienstvertrages im Sinne des § 611 BGB tätig ist bzw. nicht als Arbeitnehmer ähnliche Person im Sinne des § 12 a TVG zu bewerten ist. (vgl. BAG, Urteil vom 19.1.2000 – 5 AZR 644/98, BayOLG, Urteil vom 9.7.2009 – 21 BV 07.335). 5 siehe dazu BAG vom 11.1.1995, Nr. 55 zu § 5 BetrVG = DB 1995, 1333 = BB 1995, 1645 = NZAS 1995, 747 = EzA § 5 BetrVG 1972 Nr. 5. Joachim Benclowitz 78 Nach der Definition des BetrVG kommt es danach maßgebend auf die Bedeutung der dem Beschäftigten übertragenen unternehmerischen Aufgaben und seine Gestaltungs- und Weisungsfreiheit an.6 Wenn nach Anwendung von Abs. 3 noch Zweifel verbleiben, sieht schließlich § 5 Abs. 4 BetrVG noch eine an äußeren Kriterien orientierte Regelung, wer leitender Angestellter ist, vor. Über die rechtliche Bedeutung dieser Vorschrift besteht Streit. Auch im Bereich der Bühnen von praktischer Bedeutung wird besonders § 5 Abs. 4 Nr. 1 sein, wonach die letzte Zuordnung anlässlich einer Betriebsratswahl, einer Aufsichtsratswahl oder einer Wahl zum Sprecherausschuss7 der leitenden Angestellten oder eine gerichtliche Entscheidung im Zweifel maßgebend sein soll. Schließlich kann bei bestimmten Beschäftigungsgruppen, z.B. einem Generalmusikdirektor (GMD), aber auch noch die Nr. 3 des Abs. 4 eine Rolle spielen, wenn ein regelmäßiges Jahresgehalt gezahlt wird, das für leitende Angestellte in dem Unternehmen üblich ist. Tarif und arbeitsrechtliche Grundlagen zur Definition des leitenden Angestellten im Bühnenarbeitsrecht Im Bereich des Bühnenarbeitsrechts findet auf Künstler mit Ausnahme des Musikerbereichs an deutschen Theatern überwiegend der Normalvertrag Bühne (NV Bühne) auf Arbeitsverhältnisse Anwendung. Ebenso sieht das Arbeitsgerichtsgesetz (ArbGG) in Gestalt der Bühnenschiedsgerichtsordnung (BSchGO) in § 101 ArbGG eine spezielle Sonderzuständigkeit für diesen Personenkreis vor, soweit es sich um arbeitsrechtliche Rechtsstreitigkeiten mit Bühnenkünstlern handelt. Bühnenkünstler, das sind beispielsweise Schauspieler, Opernsänger, Chorsänger, Regisseure, technisches Personal der Bühnen, soweit es künstlerische Aufgaben erfüllt.8 II. 6 vgl. BAG vom 23.1.1986 AP Nr, 32 zu § 5 BetrVG 1952 = DB 1986 1131 = NZA 1986, 484 = NJW 1986 2373. 7 siehe Gesetz über Sprecherausschüsse der leitenden Angestellten (Sprecherausschussgesetz, SprAuG) vom 22.12.1981, das die Wahl von Sprecherausschüssen für leitende Angestellte vorsieht und nur für Betriebe und Unternehmen der Privatwirtschaft gilt. Danach werden in den Betrieben Sprecherausschüsse gewählt. 8 vgl. § 2 Abs. 2 NV Bühne. Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen 79 Erfasst werden danach in erster Linie Arbeitnehmer, die unter dem persönlichen Geltungsbereich des Normalvertrages, insbesondere unter die Regelungen von § 1 Abs. 2 und 3 NV Bühne fallen.9 Es ist somit im Einzelfall betriebsverfassungsrechtlich von Relevanz, welche Kriterien für die Bestimmung eines leitenden Angestellten i.S.v. § 5 Abs. 3 BetrVG herangezogen werden können. Zunächst ist festzuhalten, dass die Einordnung nach § 5 Abs. 3 BetrVG zwingend und demnach nicht einzel- oder kollektivvertraglich modifizierbar ist. Rechtsprechung, die sich konkret mit der Theatersituation befasst, ist rar, aber die übrige Rechtsprechung lässt Rückschlüsse auf die Bewertung der einzelnen Positionen zu. Insofern ist zu prüfen, ob nicht möglicherweise tarifliche Regelungen in § 62 Abs. 4 NV Bühne Rückschlüsse auf die Bestimmung des Kreises der leitenden Angestellten in Bühnenunternehmen zulassen. Zu beachten ist, dass der NV Bühne, wenn auch im Nichtverlängerungsrecht versteckt, hier bei dieser Frage möglicherweise brauchbare Abgrenzungskriterien zur betriebsverfassungsrechtlichen Einordnung von Künstlern in der Führungsebene eines Theaters in § 62 Abs. 4 NV Bühne normiert. So werden nämlich tarifvertraglich hierin ausdrücklich bestimmte Bühnenmitglieder der künstlerischen Leitungsebene von bestimmten tarifvertraglichen Regelungen bzw. Schutzwirkungen ausgenommen: „Musikalische Oberleiter, Operndirektoren, leitende Regisseure der Oper (Oberspielleiter), Schauspieldirektoren, leitende Regisseure des Schauspiels (Oberspielleiter), leitende Bühnenbildner (Ausstattungsleiter), leitende Dramaturgen (Chefdramaturgen) sowie Direktoren des künstlerischen Betriebs, die die ständige Vertretungsbefugnis des Intendanten haben, und persönlicher Referenten des Intendanten“. Allerdings zu berücksichtigen ist, dass andererseits bestimmte Künstler der Führungsebene, vor allem der Intendant, aus dem Anwendungsbereich des § 62 Abs. 4 NV Bühne ausgenommen sind, und dem „Arbeitgeber-Lager“ zugeordnet werden müssen und hier in der Regel auch keine Beschäftigung auf arbeitsvertraglicher Basis, sondern auf der Grundlage eines freien Dienstvertrages im Sinne von § 611 BGB, erfolgt. Die exponierte Stellung des Intendanten im Theaterbereich verdeutlicht nicht zuletzt auch 9 vgl. hierzu Germelmann/Matthes/Brütting, ArbGG Kommentar, Rn. 18. Joachim Benclowitz 80 die Protokollnotiz zu § 62 Abs. 4 NV Bühne10: Ist danach nämlich die Leitung eines Theaters einem Direktorium übertragen, gilt als Intendantenwechsel der Wechsel des Operndirektors oder Schauspieldirektors, dem die Vollmachten eines Intendanten übertragen sind. Die Tätigkeitsgruppen des NV Bühnen (§§ 1, 62 Abs. 4) Festzustellen ist, dass eine Generalvollmacht oder Prokura nach § 5 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 BetrVG in der Regel bei keiner der in §§ 1, 62 unter III.3 NV Bühne aufgezählten Gruppen vorliegen dürfte. 11 Auch eine Anknüpfung an § 5 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 BetrVG dürfte in der Regel ausscheiden, da hiernach eine Befugnis zur selbständigen Einstellung und Entlassung von Personal bestehen müsste, die in ihrer Bedeutung für den Betrieb den in Nr. 3 genannten Aufgaben gleichwertig ist.12 Aushilfen genügen nicht, vielmehr muss es sich um einen erheblichen Teil der Arbeitnehmerschaft „handeln“ oder jedenfalls um eine abgeschlossene Gruppe, deren Tätigkeit ein für das Unternehmen bedeutsames Aufgabengebiet zugrunde liegt.13 Es wird demnach ganz entscheidend auf Fragen im Zusammenhang mit § 5 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 BetrVG ankommen. Das vom BAG früher herangezogene Merkmal der Interessenpolarität zu den übrigen Arbeitnehmern dürfte bei jeder der untersuchten Gruppen in gewissem Maße vorliegen, kann jedoch allenfalls als Indiz herangezogen werden und kann einen Mangel anderer Voraussetzungen nicht kompensieren.14 Musikalische Oberleiter Einer Personalhoheit im Sinne des § 5 Abs. 3 Nr. 1 BetrVG dürfte beim musikalischen Chorleiter (GMD) in der Regel die Letztentscheidungsbefugnis des Intendanten entgegenstehen15. Für eine Einordnung als leiten- III. 1. 10 vgl. Protokollnotiz zu § 62 NV Bühne in Theater- und Musikrecht, Texte der Künstlertarifverträge und der urheberrechtlichen Vereinbarungen, Herausgeber: Deutscher Bühnenverein, r.v. decker. 11 allenfalls beim Referenten des Intendanten, siehe dazu dort. 12 vgl. GK-BetrVG/Raab § 5 Rn. 109. 13 vgl. ErfK/Koch § 5 BetrVG Rn. 19. 14 vgl. GK-BetrVG/Raab § 5 Rn. 130 f. 15 siehe Intendantenmustervertrag, Herausgeber: Deutscher Bühnenverein. Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen 81 den Angestellten spricht dennoch, dass der GMD in der Regel die Planungshoheit im Konzertbetrieb hat und dort auch über seine Mittel, hinsichtlich von Sonderkonzerten oder dem Engagieren namhafter Solisten, häufig frei verfügt. Auch wenn er für Orchester interne Belange und Disziplinarmaßnahmen zuständig ist, wird er als leitender Angestellter anzusehen sein. Hier ist je nach Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen GMD und Intendant im Einzelfall sicherlich auch eine andere Einschätzung möglich, etwa wenn der Intendant über einen Konzertdramaturgen Einfluss auf die Programmgestaltung ausübt. Im Regelfall kann der GMD aber nach dem Ausgeführten als leitender Angestellter betrachtet werden können. Dies wird durch die Erwägung gestärkt, dass er – entsprechend der BAG-Rechtsprechung zum Chefredakteur – durch seine herausgehobene künstlerische Einflussmöglichkeit den Gesamtcharakter des Theaters wesentlich prägt und damit auch die Wahrnehmung durch das Publikum nachhaltig beeinflusst.16 Künstlerische Betriebsdirektoren (KBB) und Spartenleiter Da die Befugnis zum Engagieren von Gästen und Aushilfen nicht genügt, um eine hinreichende Personalhoheit zu begründen, kommt es auch bei den künstlerischen Betriebsdirektoren auf die Wahrnehmung von Leitungsaufgaben gem. § 5 Abs. 3 Nr. 3 BetrVG an. Das maßgebliche Kriterium des BAG ist die Frage, ob im Rahmen der Tätigkeit ein wesentlicher Unternehmenszweck größtenteils weisungsfrei erfüllt oder zumindest maßgeblich beeinflusst wird. Entscheidend ist, ob vorgegebene Ziele eigenständig erfüllt werden oder ob Raum für eine unternehmerische Initiative bleibt. Diese Entscheidungen dürfen nicht schon weitgehend vorprogrammiert sein.17 Wenn der KBB-Direktor, auch was die Gestaltung von Spielzeit und Probenplänen betrifft, einen gewissen organisatorischen Einfluss hat, stellt er damit doch in der Regel nur sicher, dass die in der Leitungsrunde erarbeiteten Entschlüsse organisatorisch reibungslos umgesetzt werden. Zwar kann auch ein „Stabsangestellter“ leitender Angestellter sein, wenn er die unternehmerische Entscheidung „maßgeblich beeinflusst“. Doch dafür ist erforderlich, dass die eigentlichen Entscheidungsträger an seinen Vorschlä- 2. 16 vgl. BAG vom 22.2.1994 – 7 ABR 32/93, juris – Rn. 31 f. 17 ErfK/Koch § 5 BetrVG Rn. 22; BAG AP Nr. 2, 32 zu § 5 BetrVG. Joachim Benclowitz 82 gen „nicht vorbei können“.18 Das dürfte angesichts der Befugnisse des Intendanten nicht der Fall sein. Auch in Personalfragen wird der KBB-Direktor mit Blick auf den Intendanten oder die Spartenleiter nicht befugt sein „sich über das Votum der Fachabteilungen hinwegzusetzen.“ 19 Denkbar wäre eine leitende Anstellung demnach allenfalls bei Spartenleitern. Auch hier wird man aber wohl nur dann davon ausgehen können, wenn tatsächlich eigenständige Gestaltungsspielräume bestehen. Soweit der Intendant in der Spielzeitplanung und der Einstellung von Künstlerinnen und Künstlern nicht grundsätzlich spartenbezogen auf sein Mitbestimmungsrecht verzichtet und damit das letzte Wort behält, dürfte eine Leitungsfunktion gem. § 5 Abs. 3 BetrVG nicht in Betracht kommen. Auch für die Frage, ob die Theaterleitung an den Vorschlägen des Spartenleiters „nicht vorbei kann“, dürfte es auf die Ausgestaltung der Befugnisse im Einzelfall ankommen, wobei im Regelfall nicht von einer leitenden Stellung auszugehen sein dürfte. Zu diesem Ergebnis führt auch die von Raab vorgeschlagene Abgrenzungsfrage, „ob die Unternehmensleitung im Falle des Abweichens von dem Vorschlag des Angestellten einen (internen) Begründungszwang (etwa gegenüber einem Kontrollgremium im Unternehmen selbst) unterlieg oder ob sie ihn ohne grö0ßere Argumentation ignorieren kann.“ 20 Die bloße Zugehörigkeit zu einem Gremium, dessen Pläne die Unternehmensleitung maßgeblich beeinflussen (zu denken ist an die „Leitungsrunde“), genügt jedenfalls noch nicht, der Einfluss auf die Unternehmensführung muss dem Beschäftigten gerade persönlich zurechenbar sein.21 Die Unterordnung unter den Intendanten bzw. Verwaltungsdirektor dürfte auch hier gegen eine Stellung als leitenden Angestellten sprechen. Sowohl beim künstlerischen Betriebsdirektor als auch beim Spartenleiter dürfte aber auch eine andere Einordnung möglich sein, etwa wenn ein Intendant sich mangels musikalischer Kompetenz völlig aus der Einstel- 18 Richardi § 5 Rn. 242, ErfK/Koch § 5 BetrVG Rn. 22 a.E.; BAG AP Nr. 73 zu § 5 BetrVG. 19 GK-BetrVG/Raab § 5 Rn. 112; vgl. LAG Düsseldorf NZA-RR 2001, 208 (309). 20 GK-BetrVG/Raab § 5 Rn. 139. 21 GK-BetrVG/Raab § 5 Rn. 138; vgl. auch den Leitsatz des BAG: „Die (Haupt-)Abteilungsleiter eines von 20 Hauptbüros eines Großunternehmens, die eine bestimmte Sparte des Verkaufsgeschäfts im räumlichen Bereich des Hauptbüros leiten, aber ihrerseits noch dem kaufmännischen Direktor des Hauptbüros unterstehen, sind keine leitenden Angestellten, wenn mangels Vorlage der Verkaufsrichtlinien nicht feststellbar ist, dass sie bei den Verkaufsverhandlungen im Regelfall einen erheblichen eigenen Entscheidungsspielraum haben (Beschl. v. 19.11.1974 – 1 ABR 20/32). Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen 83 lung von Sängerinnen und Sängern heraushält und seine Mitwirkung sich in der bloßen Unterzeichnung der Arbeitsverträge auf Vorschlag von Operndirektor oder KBB-Chef erschöpft oder die Leitungsstruktur eine völlig eigenverantwortliche Leitung der jeweiligen Sparten vorsieht. Chefdramaturgen Bei Chefdramaturgen kann sich eine Einordnung als leitende Angestellte am ehesten mit Blick auf die oben erwähnte Figur des „Stabsangestellten“ ergeben. Auch hier ist aber zweifelhaft, ob der Intendant an den Vorschlägen des Chefdramaturgen wirklich „nicht vorbei kann“. Allenfalls könnte man auf den besonderen Sachverstand abstellen, mit dem der Chefdramaturg die künstlerischen Visionen des Intendanten durch die Auswahl passender oder interessanter Stücke und Themenschwerpunkte unterstützt. Demnach wird der Chefdramaturg aber in der Regel nicht eigenständig außeroder innerbetrieblich tätig werden, sondern vielmehr eine Art Beratungsfunktion gegenüber dem Intendanten und im Kontext mit Regisseuren und Autoren wahrnehmen. Im Falle eines rein kaufmännischen Intendanten, der die künstlerische Gesamtplanung ganz aus der Hand gibt, wäre – wie bei den Spartenleitern – auch beim Chefdramaturgen eine leitende Anstellung denkbar, das dürfte aber in der Form recht selten sein. Auch dann bleibt das Problem, dass der Chefdramaturg innerhalb des Theaters nicht über einen eigenen Apparat verfügt, mittels dessen er eigenständig agieren könnte, sondern seine Tätigkeit sich auf der konzeptionellen Ebene konzentriert, wo er aber wirtschaftlich dem Intendanten und dem Verwaltungsdirektor unterstellt bleibt und auch insoweit nicht wirklich eigenständig agieren kann. Ausstattungsleiter Bei den Ausstattungsleitern stellt sich ebenfalls die Frage, inwieweit sie tatsächlich eigenständig unternehmerische Entscheidungen treffen oder ihnen Personalhoheit in ihrem Bereich zukommt. In der Regel dürfte es doch aber so sein, dass die Ausstattungsleiter vor allem die Einhaltung der Produktionsetats sicherstellen und gewährleisten, dass die Vorstellungen von Regisseur und Bühnenbildner technisch und finanziell realisierbar sind. Auch die Umsetzung der Anforderungen im Zu- 3. 4. Joachim Benclowitz 84 sammenspiel mit den einzelnen Gewerken hat mehr ausführenden Charakter, als dass sie Raum für eigene Initiative lässt. Oberspielleiter Auch für diese Gruppe dürfte sich nichts anderes als das oben zu Ziff. 4 Ausgeführte ergeben. Oberspielleiter sichern eher die Umsetzung der künstlerischen Ziele des Intendanten und haben darüber hinaus, von eigener Regietätigkeit abgesehen, häufig keine eigenen Gestaltungsspielräume. Referenten des Intendanten Bei Referenten des Intendanten kommt eine leitende Stellung nach dem Gesagten durchaus in Betracht. Entscheidend dürfte aber auch hier eine Einordnung im Einzelfall sein. Aufgrund der weitreichenden Kompetenzen des Intendanten, letztlich alles im Alleingang entscheiden zu können, wird es sehr darauf ankommen, ob der Intendant die Position des Referenten eher beratend und als Entlastung im Alltagsgeschäft ausgestaltet hat oder ob ein weitreichender Handlungsspielraum vorgesehen ist. Denkbar ist jedoch, gerade wenn in der Leitungsstruktur eines Theaters kein Verwaltungsdirektor vorgesehen ist, sondern der Intendant auch in wirtschaftlicher Hinsicht autonom handelt, dass der Referent in Ausnahmefällen mit einer Prokura oder Handlungsvollmacht ausgestattet und damit schon nach § 5 Abs. 3 Nr. 2 BetrVG leitender Angestellter ist. Fazit Konkrete normative Anknüpfungen sind hinsichtlich der Bestimmung des leitenden Angestellten im Bühnenarbeitsrecht nicht ersichtlich. Vielmehr ist es im Lichte der BAG-Rechtsprechung aufgrund der Vielzahl der Einzelfälle erforderlich, an die zugrunde liegenden Kriterien anzuknüpfen, die einen weiteren Interpretationsspielraum bieten. Gerade aufgrund der unterschiedlichen Ausgestaltungsmöglichkeiten der Intendantenposition, je nachdem ob dort im Wesentlichen ein „autokratisch agierender Intendant oder doch eher ein „Buchhalter“ sitzt, wird man um eine Einzelfallbetrachtung nicht umhin kommen. Am ehesten wird man aus der Tätigkeitsgruppe des NV Bühne noch den Musikalischen Oberleiter betriebsverfas- 5. 6. IV. Der leitende Angestellte in Bühnenunternehmen 85 sungsrechtlich in den Kreis der leitenden Angestellten im Sinne von § 5 Absatz 3 BetrVG einordnen können, jedenfalls dann, wenn er für den Konzert- und Musiktheaterbereich zuständig ist. Joachim Benclowitz 86 Theaterskandal – Zur Strafbarkeit der Verwendung des Hakenkreuzes in einer Theaterinszenierung von Jan Hegemann „Mein Kampf“ Paragrafen-Pantomimen-Partisanen: Der Titel dieser Festschrift bezeichnet, was nach Vorstellung der Herausgeber herauskommt, wenn Christoph Nix sich den Titel einer ihm gewidmeten Festschrift vorstellt. Dass Nix, der Clown, die Pantomime beherrscht, wissen wir. Dass er nicht nur den Pegasus, sondern auch die Paragrafen Dressur reitet, ist hinlänglich bekannt. Und für sein Partisanentum hat der Theatermöglichmacher Christoph Nix immer wieder Zeugnis abgelegt. Wenn er so zeugte, war das Ergebnis häufig: Aufruhr! In der an Aufruhr nicht armen vita dramatica des Christoph Nix doch ganz ungewöhnlichen Lärm hat versursacht eine von ihm am Stadttheater Konstanz verantwortete Inszenierung von George Taboris (1914–2007) Hitler-Groteske „Mein Kampf“ (1987) in der Regie von Serdar Somuncu. Somuncu, Kabarettist, Autor, Regisseur und Kanzlerkandidat der „Partei“, außerdem Musiker, Schauspieler und Synchronsprecher – ein Mann nach dem Herzen von Christoph Nix. Was Somuncu sich für seine Inszenierung dann ausgedacht hatte, rechtfertigte die Erwartungen, die man bei dieser Kombination billigerweise hegen durfte: Premiere am 20. April 2018 – dem Geburtstag des Protagonisten des Stückes, welches die Wiener Jahre des A.H. vor dem ersten Weltkrieg schildert. Und es sollte Freikarten geben: Wer nämlich sich im Foyer des Theaters eine Hakenkreuz-Armbinde überstreifen lässt, erhält kostenlosen Eintritt. Die anderen, an die Davidstern-Binden ausgegeben werden, zahlen reguläre Preise. Während der Handlung sollte an einer Stelle Schwarzlicht im Saal geschaltet werden, welches die Hakenkreuze zum Leuchten bringt und dadurch diejenigen Zuschauer sichtbar werden lässt, die für den Zins einer Freikarte das Hitlersymbol tragen. Davidsterne und Hakenkreuze sollten nach der Inszenierung am Ausgang des Theaters wieder abgegeben werden. Sie zerreißen beim Abnehmen, so dass sie außerhalb des Theaters nicht mehr verwendet werden können. I. 87 Der öffentliche Aufschrei folgte prompt und erwartbar: Die Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V. (DIG) in der Bodensee-Region und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz e.V. veröffentlichen einen offenen Brief und rufen dazu auf, die Inszenierung zu boykottieren. Der Kulturbürgermeister der Stadt Konstanz profiliert sich in fassungslosem Entsetzen – und beauftragt später eine auf Krisen und Konflikte spezialisierte Medienbeobachtungsagentur für viel Geld mit einer Analyse des durch die umfangreiche Berichterstattung in allen Medien für das Image der Stadt Konstanz möglicherweise eingetretenen Schadens. Auch die Staatsanwaltschaft Konstanz kündigt strafrechtliche Ermittlungen an, so behauptet es jedenfalls die Medienagentur in ihrer Analyse vom 18. Juli 2018 – was zum Thema unseres Festschriftbeitrages führt: Ist die vorgesehene Verwendung der Hakenkreuze in der Inszenierung strafbar oder ist sie von der Kunstfreiheit gedeckt? Die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen Tatbestandsvoraussetzungen Als Strafnorm kommt in Betracht das Verbot der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB. Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer (1.) im Inland Kennzeichen einer der in § 86 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 4 bezeichneten Parteien oder Vereinigungen – dazu gehört die NSDAP – verbreitet oder öffentlich, in einer Versammlung oder ihn von ihm verbreiteten Schriften verwendet oder (2.) Gegenstände, die derartige Kennzeichen darstellen und enthalten, zur Verbreitung oder Verwendung im Inland oder Ausland in der in Nr. 1 bezeichneten Art und Weise herstellt, vorrätig hält, einführt oder ausführt. Dass das Hakenkreuz taugliches Tatobjekt im Sinne dieser Vorschrift ist, steht außer Zweifel. Zwar enthält § 86a StGB keine Legaldefinition des Begriffs „Kennzeichen“, sondern nennt beispielhaft Fahnen, Abzeichen, Uniformstücke, Parolen und Grußformen. Rechtsprechung und Literatur begreifen als Kennzeichnen darüber hinaus aber alle optisch oder akustisch wahrnehmbaren Symbole und Sinnesäußerungen, durch die eine in II. 1. Jan Hegemann 88 § 86 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 4 StGB aufgeführte Organisation auf sich, ihre Ziele oder die Zusammengehörigkeit ihrer Anhänger hinweist1. Das Hakenkreuz als das Symbol der NSDAP und damit der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft erfüllt selbstverständlich diese Voraussetzungen. In der geplanten Inszenierung sollte das Hakenkreuz auch im Sinne von § 86a Abs. 1 Nr. 1 verbreitet und öffentlich verwendet werden: Verbreiten meint das in Verkehr bringen einer Sache, also ihr öffentliches Zugänglichmachen. Erforderlich ist das Überlassen an einen größeren Personenkreis2. Öffentlich verwendet wird ein Kennzeichen, wenn es in anderer Weise derart gebraucht wird, indem es optisch und akustisch für einen größeren, durch persönliche, nähere Beziehungen nicht zusammenhängenden Personenkreis wahrnehmbar wird (z. B. durch das Tragen, Ausstellen, Vorführen und Aussprechen)3. Beide Tatbestandsvarianten sind hier erfüllt. Das Theater überlässt die Hakenkreuze einer größeren Anzahl an Zuschauern und macht diese auch im Rahmen der Inszenierung für das Publikum wahrnehmbar. Bekenntnishaftigkeit? Streit gibt es Literatur und Rechtsprechung zu der Frage, ob die Tatbestandsmäßigkeit der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole einen bekenntnishaften Gebrauch voraussetzt, ob sich also der Täter inhaltlich mit dem Gehalt des Kennzeichens identifizieren muss. Dabei besteht Einigkeit darüber, dass der Straftatbestand des § 86a StGB nicht erfüllt ist bei der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in Darstellungen, bei denen sich bereits aus ihrem Inhalt in offenkundiger und eindeutiger Weise ergibt, dass sie in einem nachdrücklich ablehnenden Sinne gebraucht werden4. Umstritten ist aber, wie es sich verhält, wenn mit der Verwendung des Symbols keine Äußerung eindeutiger Ablehnung einhergeht. So meint 2. 1 vgl. für viele BGH NStZ 2016, 87, 87; Steinmetz, in MüKoStGB, 3. Auflage, § 86 a StGB Rn. 5. 2 Ellbogen, in: BeckOK StGB, a.a.O., § 86a Rn. 17a; BGH NJW 1959, 2125, 2126; BayObLG NStZ 1983, 120, 121. 3 BGH NJW 1970, 1693; KG NJW 1999, 3500, 3502; Ellbogen, in: BeckOK StGB, a.a.O., § 86a Rn. 23 ff. 4 BGH NJW 2007, 1602. Theaterskandal 89 Sternberg-Lieben5, das Verwenden müsste sich als Bekenntnis zu den Zielen der verbotenen Organisation darstellen. Es fielen demnach nicht nur Handlungen, mit denen sich der Täter offensichtlich von der Ideologie der Organisation distanziert und seine Gegnerschaft zum Ausdruck bringt, aus dem Anwendungsbereich der Vorschrift, sondern auch Handlungen „neutraler“ Art, also solcher, die weder Bekenntnis noch Gegnerschaft zu den Inhalten der verbotenen Organisation ausdrückten. Anders die Rechtsprechung und die Auffassung der wohl überwiegenden Literaturmeinung: Der Tatbestand des § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB setzt nicht voraus, dass das Kennzeichen bekenntnishaft verwendet wird, d. h. sich der Täter inhaltlich mit dem Gehalt des Kennzeichens identifiziert. Normzweck sei vielmehr, dass verfassungswidrige Kennzeichen grundsätzlich aus dem öffentlichen Leben verbannt und damit kommunikativ tabuisiert werden. Auch eine nicht bekenntnishafte, neutrale oder bloß gedankenlose Verwendung der Symbole erfüllt den Tatbestand6. Dem ist aus den Gründen des vom BGH in seiner Entscheidung vom 15. März 2007–3 StR 486/06 – herausgearbeiteten Normzwecks zuzustimmen: „Der Schutzzweck dieses Straftatbestands ist die Abwehr einer Wiederbelebung der verbotenen Organisation und der von ihr verfolgten verfassungsfeindlichen Bestrebungen, auf die das Kennzeichen symbolhaft hinweist. Die Vorschrift dient aber auch der Wahrung des politischen Friedens dadurch, dass jeglicher Anschein einer solchen Wiederbelebung sowie der Eindruck bei in- und ausländischen Beobachtern des politischen Geschehens in der Bundesrepublik Deutschland vermieden werden soll, in ihr gebe es eine rechtsstaatswidrige innenpolitische Entwicklung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass verfassungsfeindliche Bestrebungen der durch das Kennzeichen angezeigten Richtung geduldet würden. Schon ein solcher Eindruck und die sich daran knüpfenden Reaktionen können den politischen Frieden empfindlich stören“7. Auch durch eine nicht bekenntnishafte sondern gedankenlos-spielerische Verwendung des Symbols, zum Beispiel als Modeaccessoire, kann der Eindruck entstehen, die Gesellschaft dulde – inzwischen wieder – die mit dem 5 Schönke/Schröder, StGB, 30. Auflage 2019, § 86a Rn. 6. 6 stRspr BVerfG NJW 2006, 3050, 3051 m.w.N.; Ellbogen, in: BeckOK StGB, a.a.O., § 86a Rn. 1. 7 BGH NJW 2007, 1602. Jan Hegemann 90 Symbol verknüpften verfassungsfeindlichen Ziele oder relativiere das mit ihnen verknüpfte historische Geschehen. Anerkannt ist allerdings auch, dass eine Strafbarkeit für solche Verwendungen entfällt, die dem Schutzzweck des § 86a StGB eindeutig nicht zuwider laufen. § 86a Abs. 3 StGB verweist deshalb auf § 86 Abs. 3 und 4 StGB. Gemäß § 86 Abs. 3 StGB entfällt die Strafbarkeit, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte und ähnlichen Zwecken dient. Die Konstanzer Inszenierung ist zweifellos ein Werk der (Theater-)Kunst. Und da Christoph Nix mit Friedrich Schiller sein Theater auch als moralische Anstalt begreift, haben wir es bei allem, was er dort tut oder lässt auch mit staatsbürgerlicher Aufklärung zu tun. Man könnte es sich also einfach machen: Die von der Staatsanwaltschaft Konstanz angeblich eingeleiteten strafrechtlichen Ermittlungen zu § 86a StGB enden mit der Lektüre von § 86 Abs. 3 StGB. Das Verfahren wird eingestellt. Der Zuschauer als Täter? Ganz so einfach ist es aber möglicherweise nicht: Mögen Christoph Nix und sein Regisseur Serdar Somuncu sich einigermaßen unproblematisch auf die Strafbefreiung bei Verwendungshandlungen im Rahmen von (Theater-)Kunst und/oder staatsbürgerlicher Aufklärung berufen können, so stellt sich bei dem Theaterbesucher, der sich die Hakenkreuzbinde überstreifen lässt, die Sache möglicherweise anders dar: Seine Gesinnung kennen wir nicht. Er lässt sich das Hakenkreuz an den Ärmel heften und macht es damit für sämtliche andere Besucher der Vorstellung wahrnehmbar. Er verwendet das Zeichen im Sinne des § 86a StGB. Indem er dies tut, spart er die Kosten für das Ticket – anders als die sonstigen Besucher, die den Davidstern tragen und den normalen Eintritt zahlen. Der Hakenkreuzträger im Theaterraum ist auch nicht selbst der Künstler oder staatsbürgerlicher Aufklärer, den § 86 Abs. 3 StGB straflos stellt. Er ist vielmehr – und wird dazu vom Regisseur gemacht – selbst Teil der Inszenierung. Freiwillig! Macht er sich strafbar? III. Theaterskandal 91 Sozialadäquanz? Zur Beantwortung dieser Frage ist zunächst zu prüfen, ob der das Hakenkreuz tragende Theaterbesucher selbst sich auf die Strafbefreiung der „Sozialadäquanzklausel“8 des § 86 Abs. 3 StGB berufen kann. Das ist hier zweifelhaft: Nach ganz herrschender Auffassung bewirkt nicht alleine die Verwendung eines verfassungsfeindlichen Symbols in einem Werk der Kunst bereits „eine Freizeichnung von der Strafbarkeit“9. Entscheidend sei vielmehr eine auch für Dritte erkennbare Distanz zwischen dem als gefährlich eingestuften Gedankengut und der Einstellung des Verwenders dazu10. Während diese „Distanz“ zwischen dem als gefährlich eingestuften Gedankengut und der Einstellung des Verwenders für die Theatermacher ohne weiteres zu unterstellen ist, kann sie bei dem Besucher, der sich die Hakenkreuz-Binde gegen Befreiung vom Eintrittszins anheften lässt, jedenfalls positiv nicht festgestellt werden. Aus dem selben Grunde scheidet wohl auch die außerhalb der geseztlich normierten Sozialadäquanzklausel des § 86 Abs. 3 StGB entwickelte Tatbestandsreduktion des § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB über den Gebrauch in „nachdrücklich ablehnendem Sinne“11 aus, weil auch eine solche offenkundige ablehnende Haltung eben nicht festgestellt werden kann. Zwischenergebnis: Der Hakenkreuz tragende Theaterbesucher macht sich strafbar gemäß § 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB. Strafbefreiung durch Art. 5 Abs. 3 GG? Wäre dieses Zwischenergebnis auch das Ende der Prüfung, so könnte die Inszenierung nicht stattfinden: Theaterbesucher, denen eine Anklage droht, werden trotz freien Eintritts nicht mitmachen wollen. Und die Behörden werden es zur angekündigten Begehung der Straftaten schon gar nicht kommen lassen und das Theater schließen. Womit wir bei der Kunstfreiheit sind: Eine Strafverfolgung der freiwilligen Hakenkreuzler im Konstanzer Publikum griffe unmittelbar sowohl in den Werk- wie in den Wirkbereich künstlerischen Schaffens und damit in den Schutzraum der Kunstfreiheit des Art. 5 Abs. 3 GG ein: 1. 2. 8 Schönke/Schröder, StGB, 30. Auflage 2019, § 86 Rn. 17. 9 MK-Steinmetz, 3. Auflage 2017, § 86 Rn. 39. 10 Schönke/Schröder, a.a.O. § 86 Rn. 17. 11 BGH NJW 2007, 1602. Jan Hegemann 92 „Nicht nur die künstlerische Betätigung (Werkbereich), sondern darüber hinaus auch die Darbietung und Verbreitung des Kunstwerks sind sachnotwendig für die Begegnung mit dem Werk als eines ebenfalls kunstspezifischen Vorgangs. Dieser ‚Wirkbereich‘ ist der Boden, auf dem die Freiheitsgarantie des Art. 5 Abs. III 1 GG bisher vor allem Wirkung entfaltet hat.“12 Die Kunstfreiheitsgarantie des Art. 5 Abs. 3 GG wiederum unterliegt keinem Schrankenvorbehalt, insbesondere auch nicht dem Schrankenvorbehalt des Art. 5 Abs. 2 GG oder der „Schrankentrias“ des Art. 2 Abs. 1 zweiter Halbsatz GG. Diese Schranken gelten weder unmittelbar noch analog13. Wenn allerdings auch die Kunstfreiheit nicht den Schranken der Art. 5 Abs. 2 GG oder Art. 2 Abs. 1 zweiter Halbsatz GG unterliegt, so besteht sie dennoch nicht schrankenlos. Die Kunstfreiheit findet ihre Grenzen unmittelbar in anderen Bestimmungen der Verfassung, die ein in der Verfassungsordnung des Grundgesetzes ebenfalls wesentliches Rechtsgut schützen14. Dem liegt eine einfache Erkenntnis zugrunde, an die gleichwohl immer wieder erinnert werden muss: Freiheitsrechte schrankenlos ausgeübt haben die Tendenz, die Freiheit des Gegenübers zu verletzen und letzlich zu zerstören. Schrankenlose Freiheit führt im Ergebnis leicht zur Freiheitsmacht des Stärkeren über den Schwächeren. In seiner für die Diskussion um die Kunstfreiheit maßgeblichen Esra-Entscheidung formuliert der Erste Senat des BVerfG es wie folgt: „Gerade wenn man den Begriff der Kunst im Interesse des Schutzes künstlerischer Selbstbestimmung weitfasst […], und wenn man nicht nur den Werkbereich, sondern auch den Wirkbereich in den Schutz einbezieht, dann muss sicher gestellt sein, dass Personen, die durch Künstler in ihren Rechten beeinträchtigt werden, ihre Rechte auch verteidigen können und in diesen Rechten auch unter Berücksichtigung der Kunstfreiheit einen wirksamen Schutz erfahren. In dieser Situation sind die staatlichen Gerichte den Grundrechten beider Seiten gleichermaßen verpflichtet.“15 12 BVerfG GRUR 2007, 1085, 1086 – Esra mit zahlreichen weiteren Nachweisen. 13 stRspr: BVerfG NJW 1985, 261, 262 – Anachronistischer Zug; BVerfG GRUR 2007, 1085, 1087 – Esra; BVerfG NJW 1971, 1645 – Mephisto. 14 BVerfG NJW 1985, 261, 262 – Anachronistischer Zug. 15 BVerfG GRUR 2007, 1085, 1087 – Esra. Theaterskandal 93 In unserem Fall geht es indes nicht um kollidierende Freiheits- und Verfassungsrechte zwischen Künstlern und von ihrem Werk betroffenen anderen Rechteträgern, welcher Konflikt mit einer Güterabwägung im Einzelfall als Übung praktischer Konkordanz zu lösen wäre. Unser Konflikt liegt vielmehr im Anspruch auf Garantie der Kunstfreiheit der Theaterschaffenden in Werk- und Wirkbereich auf der einen Seite und dem in § 86a StGB zum Ausdruck kommenden Willen des Gesetzgebers, die Verwendung nationalsozialistischer Symbole, so lange sie nicht offenkundig erkennbar der Distanzierung und kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dient, in der öffentlichen Kommunikation zu tabuisieren16. Fraglich ist nun allerdings schon, welches Verfassungsrecht durch die Inszenierung und die dort freiwillig mitwirkenden Hakenkreuzträger verletzt werden könnte, welches im Wege praktischer Konkordanz gegen die Kusntfreiheitsgarantie des Art. 5 Abs. 3 GG zur Abwägung zu bringen wäre. Grundrechte sind zunächst einmal Abwehrrechte des Bürgers – hier: des Theaterkünstlers -gegen Eingriffe des Staates. Das Bundesverfassungsgericht geht in seiner Esra-Entscheidung sogar noch weiter und formuliert: „Wie alle Freiheitsrechte richtet sich die Kunstfreiheit in erster Linie gegen den Staat. Schon die ausdrückliche Aufnahme der Freiheit der Kunst in die Weimarer Verfassung (Art. 142 S. 1: ‚Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei‘) war eine Reaktion auf obrigkeitsstaatliche Bekämpfung neuer künstlerischer Entwicklungen …“17 (Hervorhebung vom Verfasser) Die Hakenkreuzträger im Publikum hingegen verletzen möglicherweise den Straftatbestand des § 86a StGB – sie verletzen aber keine durch das Grundgesetz geschützten Rechte Dritter. Auch ein anderes Verfassungsgut, welches durch die Hakenkreuze an den Ärmeln der Zuschauer verletzt werden könnte, ist nicht ersichtlich. Die Hakenkreuzträger im Publikum werden vielmehr durch die Inszenierung in ihrer Gedankenlosigkeit beim Umgang mit NS-Symbolen entlarvt. Was zu dem Ergebnis führt: Auch diejenigen Theaterbesucher, die sich eine Hakenkreuzbinde anheften lassen, machen sich nicht gemäß § 86a StGB strafbar, weil die Inszenierung insgesamt den Schutz des Art. 5 Abs. 3 GG für sich in Anspruch nehmen kann und deshalb die einfachgesetzliche Norm des § 86a StGB auch für die freiwillig mitwirkenden Hakenkreuzträger wegen des fehlenden Schrankenvorbehalts keine Anwen- 16 BGH NJW 2007, 1602. 17 BVerfG GRUR 2007, 1085, 1086 (Rn. 61). Jan Hegemann 94 dung findet und weil überwiegende Verfassungsgüter, die durch die Inszenierung verletzt werden könnten, nicht erkennbar sind. Theaterskandal 95 II. Pantomimen Der Eigensinn von Theater Von Andreas Kotte und Beate Schappach Live Is Life (Opus, 1984) Da schreibt einer ein Buch, in dem er feststellt, die deutschsprachige Theaterlandschaft erhielte immer mehr Managerintendanten, eigentlich Geschäftsführer, die sich auf die ökonomische Seite des Theaters verstünden und von dieser aus den Gesamtbetrieb lenkten, statt im künstlerischen Bereich zu Hause zu sein. Dem Theater erginge es aber viel besser, so insinuiert er, es würde wirkungsvoller und kreativer, wenn man mehr Künstlerintendanten engagierte, mehr davon, was er selbst ist.1 Gerade weil die Theaterleute darin übereinstimmen, dass es grundsätzlich beide Typen geben muss, um das höchste Gut der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft – gerade als „Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ nominiert2 – zu erhalten, die Vielgestaltigkeit, regt diese tendenziöse Haltung, mehr von der einen Art wäre besser für alle, zum resümierenden Nachdenken an. Was ist seit 1989 geschehen in dieser Theaterlandschaft? Sicher ist die Funktionsdifferenzierung von Theater wichtiger geworden, Funktionen werden häufiger diskutiert als zu Zeiten, da man den Kunstbereich als autonom aufzufassen bereit war. Wer aber Funktionen diskutiert, ist von der Legitimationsfrage nicht weit entfernt. Ein Buchtitel wie „Kulturinfarkt“3 wäre im Kulturwettbewerb zwischen Ost und West in den 1980er Jahren undenkbar gewesen. Immer öfter beginnen Titel mit „Theater als…“, was eine deutliche Zweckbindung ausdrückt.4 Die Theater selbst begründen ihre Produktionen ausführlicher mit ihrem direkten Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme. Es gibt tatsächlich zunehmend mehr Theaterleiter, deren Managerfähigkeiten in der Inten- 1 Nix, Christoph: Theater_Macht_Politik. Zur Situation des deutschsprachigen Theaters im 21. Jahrhundert. Berlin 2016, S. 126–135. 2 Der Spiegel, Nr. 15, 7.4.2018, S. 106. 3 Haselbach, Dieter u.a.: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. München 2012. 4 Ein Beispiel: Warstat, Matthias u.a.: Theater als Intervention. Politiken ästhetischer Praxis. Berlin 2015. 99 dantenauswahl besonders gewichtet wurden. Und es gibt neu einen Konsens darüber, dass bestimmte politische Absichten (etwa Stärkung der Demokratie, Diversität und Teilhabe) und die damit assoziierte Verwendung bestimmter szenischer Mittel (z. B. die Rahmung des Dargestellten als dokumentarisch oder Zeitzeugenbericht, partizipative Aufführungsformen, dunkelhäutige Darstellende oder solche mit ausländisch wirkenden Namen) automatisch die ästhetische Kritik an den Produktionen dämpfen. Verglichen mit der 1980er Jahren wird Theater heute stärker aus seinem Kontext legitimiert als aus seiner Eigenart, d.h. es wird zunehmend nach nichtkünstlerischen Funktionen und Zwecken bewertet. Vor allem in den letzten Jahren ist im Diskurs über Theater eine Gleichsetzung der drei Grö- ßen Wert von Theater, Relevanz von Theater, Legitimation der Theatersubventionen zu beobachten. Dies liest sich so: Die Relevanz von Theater wird in seinem Beitrag zu und seinem Wert für andere gesellschaftliche Systeme wie Politik, Bildung und Sozialarbeit begründet. Diese Relevanz legitimiert Subventionen. In solchem Kontext haben bestimmte Theaterformen Hochkonjunktur: Neues Dokumentartheater, Bürgerbühnen, Laienchöre in professionellen Theaterproduktionen und Theater von und mit Theaterschaffenden, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern einen Migrationshintergrund haben, werden als besonders relevant angesehen. Als Bewertungsmaßstab dient ihr Beitrag zu den gesellschaftlichen Systemen Politik und Bildung. Diese Argumentationsstruktur mäandert zwischen Theaterschaffenden, Theaterkritik, Kulturpolitik, Medien und auch Theaterwissenschaft. Dadurch kommt es zu einer Verwechslung beziehungsweise Gleichsetzung eigentlich verschiedener Bereiche: Die Absicht von Theaterschaffenden (Wollen) wird mit der Aufführung selbst (Tun) gleichgesetzt. An die Stelle der Reflexion tritt die bloße Übernahme der jeweiligen Selbstbezeichnung und Selbstzuschreibung von Theaterschaffenden (beispielsweise beim vom Maxim-Gorki-Theater geprägten Begriff „postmigrantisches Theater“). Der Fokus liegt auf außerkünstlerischen Aspekten und den Absichten oder Anliegen der Theaterschaffenden, der Blick rückt weg vom Bühnengeschehen. Beobachtung, Beschreibung, ästhetische Betrachtung und kritische Untersuchung des Bühnengeschehens sind derzeit eher out. Ästhetisch Undurchdachtes und künstlerisch-handwerklich Ungenügendes wird mit Verweis auf die als gut und wichtig angesehene Absicht ausgeblendet oder legitimiert. Ein solcher Diskurs ist nach der Logik des ökonomischen Systems strukturiert, dem Zweckrationalismus. Der Wandel geschah schleichend parallel zum wachsenden Neoliberalismus und zur Ökonomisierung der Gesellschaft. Theaterpraxis, Theaterkritik und Theaterwissenschaft bestätigten sich gegenseitig in einer sol- Andreas Kotte und Beate Schappach 100 chen Bewertungsstrategie.5 Sie sitzen – Ausnahmen bestätigen die Regel – alle drei in derselben Höhle Platons, betrachten genüsslich Abbilder der Realität und bemühen sich kaum, einen Ausgang zu finden. Ihnen erscheint derzeit ausschließliche Zweckrationalität im Umgang mit Theater alternativlos. Käme Immanuel Kant vorbei, würde er die drei mit seinem kategorischen Imperativ – „Handle nach einer Maxime, welche zugleich als ein allgemeines Gesetz gelten kann!“ – aus der Höhle führen.6 Er würde insbesondere von der Theaterwissenschaft fordern, wieder einmal und jetzt genauer zu erforschen, was die „lebendige Mitte“ von Theater ist. Wo liegt das punctum saliens von Theater? Welche Charakteristika von Theater bewahren es vor Vereinnahmung durch die Ökonomisierung? Was für ein Paradigmenwechsel könnte den Blick wieder zurück auf die Bühne lenken? Die „lebendige Mitte“ von Theater Eine freie Theaterwissenschaft muss nicht den von außen vorgegebenen Trends folgen, sie kann Szenen und Inszenierungen für die Untersuchung auswählen, die sich nicht selbst erklären. Wie zum Beispiel in „Murmel, Murmel“ von Herbert Fritsch.7 Da braucht es Beschreibung, Analyse und Bewertung, gerade weil nichtkünstlerische Zwecke hier keine Rolle spielen. Der Fluxus-Künstler Dieter Roth hat 1974 das Wort Murmel über 176 Seiten hinweg wiederholt. Herbert Fritsch lässt den Text in 80 Minuten spielen. Es ist vom Zweck befreites Spiel, das ständig den Gestus wandelt. Wie wird gespielt statt was nutzt es. Theater pur, unersetzbar. Theater ist hier kein Instrument für etwas anderes, für Politik oder Bildung. Es kommt zu sich selbst. Aber wie ist dies zu erklären? Zunächst verbietet es sich, ein hartes Kriterium für „Das ist Theater“ zu benutzen. Formeln wie „A impersonates B while C looks on“ sind obsolet, 5 Sehr wohl kennen die Schreibenden genügend Wortmeldungen von Theaterleuten, Kritikerinnen und Theaterwissenschaftlern, die die Situation ähnlich einschätzen. Die kritische Sicht ist durchaus Teil des Diskurses, aber sie ändert bisher noch nichts an der Lage. 6 Kant, Immanuel: Sämtliche Werke in sechs Bänden, Band 5, Leipzig o.J. (Einleitung in die Metaphysik der Sitten), S. 329. 7 „Murmel Murmel“ nach Dieter Roth (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Premiere: 28.3.2012) Deutsche Erstaufführung, Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Dramaturgie: Sabrina Zwach. Der Eigensinn von Theater 101 weil sie nur Ausnahmen bedienen und zum Beispiel bezüglich „Murmel Murmel“ kollabieren.8 Zwar kann man szenische Vorgänge konkret bestimmen, aber welche davon die Zuschauenden schließlich auswählen, um sie als Theater zu bezeichnen, das liegt bei ihnen.9 Für eine Annäherung an die Auswahl eignen sich lateinische Begriffe recht gut wie eben „punctum saliens“ oder „movens“, weil Latein kein Übersetzungsproblem kennt. So bezeichnet der „springende Punkt“ das biologische Phänomen, dass das Herz eines Embryos im befruchteten Hühnerei nach dem dritten Tag als roter Fleck pulsierend mit bloßem Auge zu erkennen ist10: Das ist Leben! Genauso wird auch im Theater graduell deutlich, wo das Leben einkehrt, wo Life live ist, wo die inneren Impulse die äußeren Zwecke vergessen machen und wir sagen: „Da ist es.“ Die aristotelische Beobachtung des Vogeleis versinnlicht uns das Was, es erscheint etwas. Aber auch für das Wie, wie erscheint es, finden wir in der Sozialphilosophie eine überzeugende Metapher. Rudolf zur Lippe setzte, inzwischen vergessen, in den 1970er Jahren Hegels Begriff der „toten Mitte“ für Ware den Begriff der „lebendigen Mitte“ entgegen, den er an dem Beispiel der „posa“ im Tanz des 15. Jahrhunderts erläuterte.11 Im Tanz zeigte sich an den kleinen italienischen Höfen die eigentliche Kommunikation. Beziehungen im Zusammenleben der Menschen wie Werbung (Reverenz), Unsicherheit (continenza), Abweisen (Drehung) und Abwarten (posa) wurden durch die jeweiligen Stellungen im Tanz ausgedrückt. Die posa im Tanz bedeutet zunächst „Ruhe oder Haltung, Pose und Pause“.12 Der Tanz endet für einen Moment. Ein Abschnitt wird formal abgeschlossen. Ein Neubeginn wird möglich. Die Tänzer entdecken die Spannung der Pause. Die posa verbindet nicht nur oberflächlich, sondern verstandesmäßig das Formale der Schritte mit der Selbstreflexion. Die posa ist ein Zeitpunkt, an dem der Körper verharrt, während der Geist das Vollzogene verarbeitet und so die folgenden Bewegungen ermöglicht. Die vorangegangenen Schritte werden reflektiert. Gleichzeitig werden die sich an die posa anschließenden Schritte vorgedacht. Im Kopf wird mimetisch die Bewegung vorweggenommen. Diese 8 Bentley, Eric: The Life of the Drama. New York 1964, S. 150. Vgl. auch Bentley, Eric: Das lebendige Drama. Eine elementare Dramaturgie. Hannover 1967, S. 149. 9 Kotte, Andreas: Theaterwissenschaft. Eine Einführung. Köln 2012, S. 190–197. 10 Aristoteles: Geschichte der Tiere (Historia Animalium), Buch VI, Kapitel 3, 3./4. Satz. 11 Lippe, Rudolf zur: Naturbeherrschung am Menschen. 2 Bände. Frankfurt am Main 1974. Hier Band 1, S. 44. 12 Ebenda, S. 165. Andreas Kotte und Beate Schappach 102 geistige Durchdringung des Tanzes führt ihn von Bewegung zu Ruhe zu Bewegung. „In dem Innehalten des Tanzenden als posa wird Tanz seiner selbst gewahr.“13 Die posa gelangte im Quattrocento zu ihrer Entfaltung in einer Spannung zwischen Anmut und Öffentlichkeit, erkennender Bewegung und Repräsentation, als „eine freie Form der Interaktion“.14 Kopf und Leib wurden eine untrennbare Einheit durch die Beherrschung der eigenen Natur, allerdings eben nicht durch Triebunterdrückung – wie eine vereinfachte Rezeption von Elias‘ Zivilisationstheorie es nahelegen könnte –, vielmehr war diese Einheit von Kopf und Leib sinn-voll.15 Der „springende Punkt“ ist ein Gleichnis für das Erscheinen von Theater und die „posa“ für dessen Wirkung. Würde man es jenseits seines Warencharakters aus solcher Perspektive betrachten, erführe man mehr über sein Beharrungsvermögen, seine Resistenz und Resilienz, vielleicht gar Impertinenz. Das Ziel wäre nicht eine neue Debatte über Kunstautonomie, sondern eher die Bestimmung des anthropologischen Wertes von Theater in der Nähe des Spiels. Theaterspiel Von der Mitte her, vom Theaterspiel aus Theater zu beschreiben, gelingt besonders gut bei einigen Produktionen der niederländischen Theatergruppe „De Warme Winkel“ (zu Deutsch etwa: der warme Laden). In „San Francisco“ (2012)16 diskutieren Vincent Rietveld und Mara van Vlijmen während des Einlasses verhalten am Rand der völlig kahlen Bühne. Ihre Gesichter sind besorgt, warum, das erfahren die Zuschauenden recht bald: Die niederländischen Subventionen wurden zusammengestrichen. Vor lauter Anträgen, die zu schreiben waren, hatte die Gruppe keine Zeit zu proben und sie hat daher nichts zustande gebracht. Es tut ihnen sehr leid: „We don’t actually have a show for you tonight“. Von diesem Nullpunkt aus, zu dem sie am Abend mehrfach zurückkehren, entfalten sie ein Feuerwerk der Möglichkeiten. Der Satzbeginn „Eigentlich hatten wir vor…“ wird zur Zauberformel. Armes Theater braucht nichts als das Wort, das Wort die Bewegung, die Bewegung die Zuschauenden. 22 Minuten wird nun erklärt, warum es keine Show gibt. Unter an- 13 Ebenda, S. 166. 14 Ebenda, S. 179. 15 In seinen Vorlesungen zur Theatergeschichte hat Rudolf Münz in den 1980er Jahren immer wieder diese produktive Seite der «posa» hervorgehoben. 16 Bei Vimeo bis 2016 frei zugänglich im Netz, jetzt nur ein Trailer (9.10.2018). Der Eigensinn von Theater 103 derem ist das fehlende Bühnenbild schuld, wodurch die freie Gruppe paradoxerweise Stadttheaterkonventionen heraufbeschwört. Danach erzählen sie 30 Minuten von ihren verschiedenen Ideen, beschreiben, zeigen und spielen Szenen, welche in eine Aufführung über die Krise gehören könnten. Vom Nullpunkt führt sie Theaterspiel in immer phantasievollere Szenarien, bis sie in Minute 52 Klaviermusik zu einem Konzert mit Luftinstrumenten inspiriert, bevor im dritten Teil der Inszenierung einzelne Szenen, durch Musik ergänzt oder unterbrochen, folgen, die sich erzählerisch aus Situationen entfalten, durch Zurufe und Kommentare korrigiert und variiert werden. Den Zuschauenden ist nicht immer ersichtlich, ob sich die Spielenden im Selbst-, Re- oder Präsentationsmodus befinden.17 Diese Ambivalenz prägt das Spiel zwischen Schauspielenden und Zuschauenden. Im Neoliberalismus gelten die Maximen „Be creative! Be flexible! Be authentic!“. Vor diesem Hintergrund wird heute Kreativarbeit zum Modell für Arbeit par excellence.18 Die Inszenierung „San Francisco“ bringt Kreativarbeit unter neoliberalen Bedingungen zur Aufführung. Dabei exponiert und unterläuft sie zugleich die Imperative des Neoliberalismus mit den Mitteln des Theaterspiels. Verausgabung und Verschwendung In „O.T. Eine Ersatzpassion“19 dominieren – wie auch in anderen Inszenierungen von Christoph Marthaler – selbstvergessene Handlungen wie das schier endlose Ausrollen eines Teppichs. Ursprünglich zweckgebundene Handlungen werden durch Zeitdehnung überhöht, stilisiert, repetiert, bis der Zweck aus dem Blick geraten ist und der Vorgang zum Selbstzweck wird. In ökonomischen Kategorien beschrieben handelt es sich um Verschwendung: Verschwendet werden die Energie der Spielenden, die Auf- 17 Kotte: Theaterwissenschaft, S. 190–197. 18 Voß, G. Günther und Pongratz, Hans J.: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 / 1998, S. 131–158. Schößler, Franziska und Bähr, Christine: Die Entdeckung der ›Wirklichkeit‹. Ökonomie, Politik und Soziales im zeitgenössischen Theater. In: dies. (Hg.): Ökonomie im Theater der Gegenwart. Ästhetik, Produktion, Institution, Bielefeld 2009, S. 9–20. Axel Haunschild: Ist Theaterspielen Arbeit? In: Schößler, Franziska und Bähr, Christine (Hg.): Ökonomie im Theater der Gegenwart. Ästhetik, Produktion, Institution, Bielefeld 2009, S. 141–156. 19 Schauspielhaus Zürich, 2004. Andreas Kotte und Beate Schappach 104 merksamkeit des Publikums und die Zeit beider. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum zweckrationalen Ergebnis der Handlungen. Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat den Begriff der Verschwendung fruchtbar gemacht, um die Differenz von Spiel und Ernst in modernen Gesellschaften neu zu denken. Er ortet den Gegensatz der beiden nicht in Ernsthaftigkeit vs. Unernst, sondern in Nutzen, Nutzbarkeit vs. Nutzlosigkeit. Der Zweckrationalität des Nutzendenkens stellt er die Verschwendung und Verausgabung im Spiel gegenüber.20 Dieser Ansatz wurde in jüngerer Zeit wieder aufgenommen, u.a. von Bojana Kunst, allerdings in einer Light-Version21: Denn während Bataille in der Selbstverausgabung bis zum Tod die stärkste Form des Spiels sieht, verbindet Kunst den Gedanken des Nichtnützlichen der Kunst mit dem Konzept der Gabe, die der Künstler der Gesellschaft mache, und damit wird das Nichtnützliche wieder als willkommenes Gegengewicht in die kapitalistische Verwertungslogik einfunktioniert. Marthalers Theater hingegen ist stärker geprägt davon, dass jeder Vorgang dem Spiel entspringt und vom Spiel durchdrungen ist. Dieses Spiel aber weist jede Logik des Nutzendenken entschieden zurück. Verschwendung tritt an die Stelle der Zweckrationalität. Zweiter Strukturwandel der Öffentlichkeit und offene Kontingenz Die „repräsentative Öffentlichkeit“, die bisher der Ort der Konstituierung von Gesellschaft war, ist in Auflösung begriffen. Digitalisierung und Social Media initiierten einen zweiten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas)22: Sie verwandeln Öffentlichkeit in Öffentlichkeiten, die keiner Kopräsenz mehr bedürfen. Die Exponenten der digitalen Wende sind überzeugt, dass mit dem Wachstum der Datenströme und des Datenfundus’ die Welt der Lösung ihrer Probleme näher rückt. Selbst wer diesem Optimismus skeptisch gegenübersteht, kann die zunehmende Digitalisierung kaum leugnen. Die zukünftigen Gesellschaften scheinen weniger soziale Kontakte mit leiblicher Anwesenheit der Akteure zu praktizieren. Daraus ergibt sich die Frage, welchen Stellenwert Theater als Kulturtechnik der Präsenz erhalten wird. 20 Bataille, George: Der Begriff der Verausgabung. In: ders.: Die Aufhebung der Ökonomie [1967]. München 2001, S. 7–31. 21 Kunst, Bojana: Artist at Work. Proximity of Art and Capitalism, Winchester 2015. 22 Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Auflage, Neuwied/Berlin 1971 [1962]. Der Eigensinn von Theater 105 Die meisten gesellschaftlichen Systeme sind nach Niklas Luhmann durch Kontingenzformeln geordnet oder zentriert und dadurch befriedet, wie etwa Recht durch Gerechtigkeit, Politik durch Gemeinwohl, Erziehung durch Bildung, Wirtschaft durch Knappheit und Religion durch Gott.23 Demgegenüber ist das System Kunst nach dem Prinzip der offenen Kontingenz organisiert. Theaterkunst steht es frei, sich in ihren Funktionen den Hauptzielen der anderen Systeme der Gesellschaft anzuschließen, z.B. auf Gerechtigkeit hinzuarbeiten, dem Gemeinwohl zu dienen oder Bildung zu fördern. Sie kann genauso gut als ein Raum fungieren, in dem, solange das Gewaltmonopol des Staates unberührt bleibt, alles möglich ist. Im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Systemen verfügt das System Theater über Kontingenzbewusstsein; es funktioniert nach der Formel „Es ist so. Es könnte auch anders sein.“ (Helga Nowotny).24 In diesem „Laboratorium sozialer Phantasie“ (Wolfgang Heise)25 finden Grenzüberschreitungen statt, lösen sich Zwänge im Spiel. Störung der Gewohnheiten, Ambivalenz und Alogik sind möglich, weil die physische Kopräsenz anthropologisch einen hohen Stellenwert besitzt. Die Theaterpraxis geht beide Wege und erlangt auf diese Weise ihre Vielgestaltigkeit. Der erste Weg drängt sich gegenwärtig theaterpraktisch und diskursiv nach vorn und droht der alleinige zu werden. Der zweite benötigt ein Bewusstsein vom punctum saliens von Theater, dessen lebendige Mitte das Spiel ist. Dieses folgt der Logik der Verausgabung und Verschwendung und läuft damit der ökonomischen Zweckrationalität zuwider. Wie der Tanz in der posa seiner selbst gewahr wird, gewähren Verausgabung und Verschwendung im Theater diesem offene Kontingenz. Im ersten und zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit gab es schon viele Versuche, dem Theater mittels einer Ästhetik beizukommen, es mittels anderer Künste oder in gleicher Manier wie diese zu erklären. Theater ließ sich nie davon beeindrucken. Der Abbildästhetik entkam es, weil es kein Bild ist, der Wahrnehmungsästhetik26, weil es handelt. Der Ästhetik des Perfor- 23 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984. 24 Nowotny, Helga: Es ist so. Es könnte auch anders sein. Über das veränderte Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1999. 25 Theater im Sinne des Philosophen Wolfgang Heise, in: Dialog der Theaterleute mit Philosophen, Politikern und Naturwissenschaftlern. In: Brecht-Dialog 1968, S. 217. 26 Kemp, Wolfgang: Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft und Rezeptions- ästhetik. Berlin 1992. Andreas Kotte und Beate Schappach 106 mativen27 widersteht es, weil die Aufführung ein Rahmen ist und nicht das Bewegungsmoment selbst. Es kann daher durch das Konzept nicht das Versprochene analysiert werden, sondern nur dessen Hülle. Außerdem will sich Theater partout nicht mit der Performance von Aktien gemein machen. Es ist wohl eher graduell zu fassen über größere oder kleinere Anteile von Spiel. Denn es speist sein Beharrungsvermögen und seine gesellschaftliche Unersetzbarkeit, im Gegensatz zur Wirtschaft, aus dem Spiel. Deshalb könnten solche beiläufigen Gedanken zum Eigensinn von Theater die Zutaten sein für eine Theaterästhetik jenseits der Ware, inspiriert durch einen Buchschreiber, der unbedingt den Stadttheatern den Künstlerintendanten erhalten möchte. 27 Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main 2004. Der Eigensinn von Theater 107 Kein Bericht für eine Akademie von Herbert Gerstberger und Felicitas Miller „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte …“ Nein – ich bin nicht Gregor Samsa – ich bin Karl Niemann! Nein – nicht ein Morgen nach unruhigen Träumen – der Abend nach der Premiere! Nein – ich bin nicht in ein Tier verwandelt! In meinem Hotelzimmer bin ich sicher. Der Mann im weißen Kittel sitzt im Nebenzimmer. Läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Er heißt Anton. Ich bin Schauspieler. Ich kann Rollen spielen, menschliche Charaktere, Figuren, Typen. Ich kann mich nahezu jeder Persönlichkeit anverwandeln. Für meine Vielseitigkeit bin ich bekannt. Trotzdem war es eine große Überraschung und auch Ehre für mich, als mich vor etwa einem Jahr Ariane Brouk- Koczik – sie war gerade zur ‚Regisseurin des Jahres‘ gewählt worden – anrief und mich einlud, unter ihrer Regie Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ auf die Bühne zu bringen. Kann man überhaupt Theater mit Kafka machen? Gut, Theater kann alles, der große Recyclinghof schluckt alles, transformiert alles. Und sie tun es ja, immer wieder tun sie es. Ich habe den „Bericht“ in Konstanz gesehen, „Das Schloss“ in Düsseldorf, „Die Verwandlung“ in Aachen – und jetzt auch noch eine Bericht-Collage am Gorki in Berlin. Ja, da ist manch’ Brauchbares dabei, zweifelsohne – und doch … Ich hatte den „Bericht“ bisher konsequent vermieden – mit gutem Grund. Aber ABKs Anfrage kitzelte mich, schmeichelte meinem Ego. Ich glaubte, die Gefahren kontrollieren zu können, die aus dieser Verführung drohten und gebe zu: Dem Privileg einer Zusammenarbeit mit der zurzeit angesagtesten Theaterfrau konnte ich nicht widerstehen. Nach zwei Tagen war ich soweit und wusste: Ja. Ich will. Und jetzt? Alle Worte sind gesprochen, die Bewegung ist beruhigt, der Applaus verklungen, das Kostüm im Schrank. Erstmal Leere. Ich bin ermattet und doch hellwach, leise beglückt und doch beklommen. Ja, der Beifall war schon stürmisch – und Ariane offenbar zufrieden. Doch ich bin 109 verwirrt. Ich bin noch tief verwirbelt im Beziehungsdreieck Rotpeter – Karl – Ariane. Es ist mein Bermudadreieck. Ich muss mich aus diesem Sog herauswinden. Aber ich kann nicht einfach alles vergessen. Also gehe ich den Weg noch einmal. Ich kann nicht alles ungeschehen machen. Damit muss ich leben. Aber mehr Klarheit habe ich dann. Vielleicht. Meine Meilensteine sind die Aufgaben. Ari schreibt ihre berühmten Aufgaben auf karierte Zettel, die sie aus ihrem Notizbuch reißt. Schwer leserlich, diese Kritzeleien. Manches für mich auch sinnlos, oft kryptisch. Diese Zettel haben den Wert von Reliquien. Jetzt liegen sie vor mir auf dem Tisch meines Hotelzimmers. Es ist Nacht. Ich mache mich auf den Weg. *** Schreibe deinem Bruder einen Brief! Da ich keinen Bruder habe, war das leicht zu verstehen. Aha, ich sollte also meine Figur als meinen Bruder annehmen. Doch das fühlte ich nicht, weder damals noch heute. Ich konnte nicht schreiben „Lieber Bruder!“. Selbst nur „Lieber…“ wäre schon zu nah gewesen. Gab es überhaupt eine angemessene Anrede? Wir wissen, der Name Rotpeter ist ihm widerlich und ganz und gar unzutreffend. Wir wissen nicht, ob er in seiner Jugend einen anderen Namen hatte. Haben Affen überhaupt einen? Und auf dem Schiff? Die Leute vom Schiff haben ihm wahrscheinlich durchs Käfiggitter Spottnamen zugerufen. Später dann, fürs Varieté, muss er wohl einen Künstlernamen gehabt haben. Doch all das ist uns unbekannt. Also, um den unsäglichen Namen nicht zu verwenden, einfach nur R.? Ja, R.! Und die nächste Frage: „Du“, „Sie“, „Er“ oder gar „Ihr“? Mein Wunsch nach Vertrautheit und Nähe hätte mich unkritisch zum „Du“ drängen können. Aber ich schreckte zurück, fühlte mich nicht dazu berechtigt und auch nicht bereit. Andererseits wäre das „Sie“ kalt gewesen, zu kalt. Das altmodische „Er“ ging auch nicht, das spricht ja hierarchisch von oben herab, und das wäre nun wirklich ganz und gar unzutreffend. Und das ebenso altmodische „Ihr“? Dies entsprach meiner hohen Wertschätzung für ihn, auch wenn es ebenfalls sehr angestaubt klingt. Ich blieb beim „Ihr“, einem „Ihr“, das den Schein wahrt, das in der Lage ist, ein weiches, zärtliches „Du“ vornehm und auch etwas grotesk zu maskieren. So erhielt mein Brief, der ohnehin in der Gefahr stand, als Parodie zu erscheinen, einen vordergründig distanzierten Stil, doch mochte R. zwischen den Zeilen lesen. Herbert Gerstberger und Felicitas Miller 110 Das mutete ich ihm zu. Das traute ich ihm zu. „Hoher Herr R.! Ihr erweist mir die Ehre, mich aufzufordern, Ihnen einen Bericht über die Arbeit des Schauspielers an der Rolle …“ Nein, keine Parodie! – zensierte ich mich selbst. Ich machte einen zweiten Anlauf. „Werter R.! Ihr kennt mich nicht und auch ich kenne Euch eigentlich nicht. Und doch fühle ich eine solche Vertrautheit, eine Nähe zu Euch wie zu einem Freund aus der Kinderzeit oder sogar wie zu einem leiblichen Bruder! Warum das? Stehe ich an meinem Rednerpult, so merke ich nicht einmal, dass ich eine Rolle spiele. Kommt es auf Wahrheit an, so muss ich zugeben: Mein tiefer Wunsch besteht darin, in das Rätsel Eures Seins einzudringen und im Inneren zu fühlen und zu denken wie Ihr. Mit Euch identisch zu sein. Das ist vielleicht ebenso frevelhaft wie der Schuss, mit dem Ihr einst gefangen wurdet, ich weiß. Zumal weder Ihr mir dies gestattet habt, noch ich Euch fragen kann, wie es denn ist, Affe zu sein. Alles was mir zur Verfügung steht, ist mein Gefühl und die innere Logik Eures Berichts für eine Akademie.“ Hier brach ich wieder ab. Was für ein Gestammel – Ihr, Euch, Euer ... ! Und die deplatzierten Zitate. Ich zerriss die Papiere und warf sie mit Abscheu auf den Boden. Schluss damit! War dies das erste Warnsignal? Ich hatte es nicht als solches wahrgenommen. Nimm Rotpeters Satz: „Ach, man lernt, wenn man muss.“ Seine Lehrer waren raue Burschen, Zyniker, Folterknechte. Der grausamste vielleicht er, R. selbst. Auch meine ersten Lehrer waren Prügellehrer, es gab durchaus Sadisten unter ihnen. Hans Wüstenfeld war kein Sadist. Ich glaube, er war ein pflichtbewusster, ja ein guter Mensch, trotz allem. Den Rohrstock dieses kriegsversehrten Melancholikers musste der Neunjährige einmal auf seinen Handrücken spüren, als er aus einem natürlichen Niesgeräusch ein lustvolles Hatschiiii ertönen ließ, das durch die Bankreihen und über die Köpfe der Mitschüler bis hin zu der riesigen schwarzen Schiefertafel scholl, vor der Herr Wüstenfeld an seinem Katheder thronte. Die roten Striemen brannten. Kein Bericht für eine Akademie 111 Er hatte verstanden. In der Turnstunde reihte er sich dem Gleichschritt der Klassenkameraden ein, die zu den Armbewegungen des Lehrers ein fröhliches Marschlied sangen. „Schön ist die Welt, drum Brüder, lasst uns reisen!“ Die Welt der Zahlen und Figuren, ebenso die Welt der Sprachen, erschlossen sich über die Jahre dem Jungen, dem unter dem bewährten Regime von Lohn und Strafe seine eigenen Antriebe immer gleichgültiger wurden. Diese Antriebe wichen einem Gefühl der Leere, wenn nicht gerade eine knifflige Gleichung zu lösen oder ein lateinischer Text zu übersetzen war. Er beaufsichtigte sich selbst mit der Peitsche. Tatsächlich wollte er, ähnlich wie R., ein anderer werden. Aber nicht einmal heute, nach so vielen Jahren, könnte ich rückblickend mit Gewissheit sagen, welche Natur es war und was aus ihr geworden wäre, die ich damals aus mir herauspeitschte. Sie ist dem Vergessen zum Opfer gefallen, ganz so wie es R. mit seiner Jugendzeit, seinem äffischen Vorleben, erging. Es schmerzt mich, wenn ich in meinem Spiel auf der Bühne die Wildheit aus dem Affen herausdresche, indem ich mit meinen weißen Lederhandschuhen auf das Pult einschlage. Anfangs war ich mir unsicher, aber Ari ermutigte mich. In der Premiere mutete ich dem Publikum dieses grausame Vergnügen mit voller Überzeugung zu. Beim Proben dachte ich immer: ich tue es für ihn, für R.! Doch heute sehe ich klar, ich tue es für mich. Mit Freude! Das zu zeigen ist mein Triumph! Die Genugtuung, die der Status eines Gebildeten verschafft, erfuhr schon das Kind. Eine kleine bebrillte Nonne im Kinderhort der Pallottinerinnen verlieh ihm den Titel „Professor“. Seine Eltern waren arm, aber gescheit. Das hob sie von der Nachbarschaft in der Arbeitersiedlung ab. Seine Zeugnisse konnten sich sehen lassen und das Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten festigte seine Stellung als Klassenbester. Ja, es beglückte ihn. Aber ebenso wie R., überschätzte er es nicht. In einem Winkel seines Wesens blieb er stets misstrauisch. War es wirklich genau das, was er wollte? R.s Standpunkt zu dieser Frage war klar. Bildung ist an sich gar nichts, allenfalls das kleinere Übel, wenn sie denn Rettung vor dem Tod bewirken kann. Dadurch allerdings war eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, gerechtfertigt. In meinem Fall aber ging es absolut nicht um Leben und Tod, und in Ermangelung dieser Erfahrung wusste ich nicht – und weiß es heute noch nicht – was ich tun kann, um mich in diese existentielle Dramatik hinein zu denken und zu fühlen. Ich war unsicher und trottete wie ein Hund meinem unerreichbaren Helden, dem Affen R., hinterdrein. Herbert Gerstberger und Felicitas Miller 112 Wenn du erst weißt, WO du bist, dann wirst du wissen, WER du bist! Meine Theaterausbildung hatte ich ganz bewusst als Kontrastprogramm zu meinem Schulunterricht mit seinen autoritären Traditionen gewählt. Gerne erinnere ich mich an meinen Schauspiellehrer Mario. Hoffte ich vielleicht sogar, dass er mich retten könnte? Ich hörte Marios Stimme: „Such dir deinen Platz! Gestalte ihn! Dein Platz kann ein Stein im Gelände sein, ein Busch, eine Höhle. Oder ein Möbelstück. Du kannst dich, wenn du willst, auf den Geschirrschrank setzen oder in die Badewanne legen. Vielleicht kannst du dir auch selbst deinen Ort bauen.“ Ich hatte mir bisher kein lebendiges Bild davon gemacht, wie es bei R.s Vortrag in der Akademie ausgesehen haben mag. Gab es ein Rednerpult oder saß der Vortragende am Kopfende eines langen Tisches, die hohen Herren von der Akademie mit grauen Häuptern auf Holzstühlen an beiden Seiten? Auch eine Anordnung im Hörsaal mit mehrteiliger Wandtafel und aufsteigendem Gestühl wäre mir vertraut gewesen, sogar sympathisch. Der Referent, der Wissende, der Botschafter aus einer fremden Welt – das wollte auch ich sein, mich als solcher zeigen – und den dafür passenden Ort finden. Gleichzeitig hatte ich schon mit der Arbeit am Text begonnen. Im Gartenschuppen, umgeben von Spaten, Sense, Rechen, auf den Regalen Lacke und Farben, Handwerkszeug und Kleinteile, in einer Ecke ein Sammelsurium von alten Brettern und Leisten – dort war ich ungestört und konnte die Affenrede ausprobieren, so wie Ari die Aufgabe gestellt hatte: Lass die Worte wie Steine fallen! Lass sie wegplätschern wie einen Bach! Geh mit ihnen durch alle Wetter, durch Himmel und Hölle! Also probierte ich: Flüsternd, zischelnd, dann gegen die Wände donnernd, kreischend, lachend, weinend – ja, auch das! Bei dem Lärm fragte ein Besucher, ob draußen im Schuppen ein Streit entbrannt sei. Das machte mich sogar ein wenig stolz. Je vertrauter ich mit R.s Rede wurde, desto mehr wuchs das Bedürfnis, mich zu ihr zu bewegen, auch etwas in der Hand zu halten, mich an Gegenständen oder einem Gegenstand zu orientieren. Also baute ich mir selbst ein Pult. Es sollte lediglich für meine Proben im Schuppen da sein, vielleicht auch als erstes Modell für eine spätere, perfekte Version. Es dauerte keine drei Stunden, bis ich aus meiner Brettersammlung ein paar Teile ausgesucht, zurechtgesägt und zusammengeschraubt hatte. Ohne Entwurf oder Plan, ohne ästhetische oder ergonomische Überlegungen. Kein Bericht für eine Akademie 113 Ich war beseelt von einem Wunsch, ohne Vorstellung davon, wie das Ergebnis konkret aussehen sollte. Am Ende sah ich, dass es gut war. Besonders gefiel mir die blau lackierte Leiste, die die Deckfläche nach unten begrenzte, während der gesamte Rest die natürliche Holzoberfläche behalten hatte. Noch wackelte das Ganze. Aber Ari war begeistert: „Das passt! Passt ihm! Passt seinem Körper!“ Dein Werk ist Teil deines Körpers! Jetzt konnte es losgehen! Steig richtig ein! Steig ’rein, drauf, drunter, drüber, drumrum, daneben, dahinter! Steh daneben, dahinter, davor, drück dich entlang, streich entlang, hör es, schmeck es, riech es, krall dich dran, beiß rein …! Mit dem Pult als Stütze hielt ich meine Rede, nein, seine Rede, R.s Rede! Oder? Mein Publikum waren die Gartengeräte, die Werkzeugkästen, die Lackdosen und das verdreckte Fenster. Was für ein Spaß, auf diesem Brettergestell Haltungen und Bewegungen auszuprobieren, weit mit dem Oberkörper vorn über die Deckfläche gebeugt, dann wieder mit gestreckten Armen zurückgelehnt; ich sprang nach rechts, nach links, mit einer Hand immer fest am Pult, das ich fast zum Kippen brachte. Es wurde mein Partner, mein Sportgerät, Teil meines Körpers. Gleichzeitig mit den Aktionen entwickelte sich meine Stimme, wurde kräftig und klar. Es ging sehr lange so, bevor ich müde wurde. Wo konnte ich ausruhen? Erst jetzt entdeckte ich, dass ich sogar auch noch in das Pult hineinkriechen und mich dort zusammenkauern konnte. Es passte, passte mir wie der Schnecke ihr Haus. Was für ein Geschenk! Ich hörte Ari vor sich hin flüstern „Er hat seinen Käfig gefunden.“ Finde den Menschenlaut! R.s Weg zum „Hallo“, zum ersten Menschenwort aus Affenmund, war ein Weg aus der Männer-Bande der Leute vom Schiff – vom Handschlag übers Spucken, Pfeiferauchen und schließlich – mit der Zungenlöserin, der in einem Zuge geleerten Schnapsflasche – „Hallo!“. Und nach erfolgreicher Karriere schließlich dann das offene Wort – die elaborierte Rede vor erlauchter Hörerschaft, einem Herren-Club der gebildeten Oberschicht. Vom Vulgären zum Elitären in vierzig Minuten! Herbert Gerstberger und Felicitas Miller 114 Wie kann ein Schauspieler diese rasant durchgepeitschte Entwicklung nachzeichnen? Meine Unzulänglichkeit tat mir weh. Ich musste damit leben, dass ich dazu verdammt war, R.s Erleben zu verzeichnen. Ari versuchte, mich zu beruhigen „Don’t worry, do it your way!“ Atme den Transito! Der „Transito“, der Kehllaut beim Übergang vom Atem zur Stimme, war mein Geburtshelfer. Mit ihm fing ich an. In ihm klingt ein Seufzen, sogar ein Schluchzen mit. Er ist meine Käfigstimme, die allmählich und mit Unterbrechungen gleichzeitig mit der Befreiung meines verknoteten Körpers befreit wird zu meinem ersten Menschen-Laut, noch kein Menschen-Wort, kein HALLO, sondern ein HO, ein Kraftstoß aus dem Zwerchfell wie der Kiai-Schrei im fernöstlichen Kampfsport. Damit springe ich in mein Kostüm, in meine – in seine – Rolle als Redner. Mit dem Urschrei HO befreie ich meine Lunge und gleichzeitig die Seele der Figur. Ari bestätigte: Die eruptive Expiration HO drücke psychisch ein Erstaunen und sozial ein Grüßen aus. Das bald folgende HE unterstütze diese Funktionen und füge ihnen einen Appell hinzu, so wie „HErgehört!“. Sodann wurde dieses HE für mich der nächste Schritt zum Wort. Zum ersten Wort: HO-HE, hohe. Es kam mit Mühe, und war doch ein erster Sieg, ein Vorgeschmack des ultimativen Sieges, des HALLO, mit dem er, R., in die Menschengemeinschaft sprang. Edeltier oder Affenmann oder wer oder was? Bei meinem Versuch, mich in R. hinein zu fühlen, hatte ich durchaus einige lebendige Bilder, etwa von der Situation auf dem Zwischendeck des Hagenbeck’schen Dampfers und auch von der Atmosphäre in den Varietés. Aber von ihm selbst, von seinem Körper und auch von seiner Kleidung – da war eine Leerstelle. Tatsächlich hatte ich mir niemals ernsthaft die Frage gestellt, wie er eigentlich aussieht. Das fing schon bei der Affennatur an: Zwar gibt es in seiner Rede Anhaltspunkte dafür, dass er ein Schimpanse sein – oder besser gewesen sein – könnte. Aber der Schwanz? Schimpansen haben keinen. Und weiter? Wie er dann, als gewesener Affe, als Varietékünstler aussehen könnte, das haben ja verschiedene Theaterleute seit Jahrzehnten immer Kein Bericht für eine Akademie 115 wieder in je verschiedenen Figuren realisiert. Ich habe jedoch noch keine Version gesehen, die mich überzeugt hätte. Ari entschied: „Wir gehen von dir persönlich aus, von deinem individuellen, besonderen Menschenkörper“. Ich solle in keiner Weise versuchen, künstlich irgendetwas Äffisches vorzugaukeln – weder im Aussehen noch in meinen Bewegungen. Ich solle auf keinen Fall als Affenimitator erscheinen, noch dazu als ein nicht allzu begabter! Kunst komme von Können … Ein alter Bekannter, den ich während der Probenzeit traf, sagte, er könne den Affen in mir sehen. Ich hätte es ein wenig platt gefunden, zu antworten: Nun, wir alle haben ja den Affen in uns, wie man vor allem an Kindern sieht, auch an dem Kind, das ich war. Der Sechsjährige machte mit viel Spaß das kecke, lustige Gesicht nach, das er von dem Stoffäffchen aus dem Kasperltheater kannte. Mit der Zunge schob er die Unterlippe nach vorn, riss die Augen auf und wackelte mit den Ohren. Statt zu reden machte er quietschende Geräusche. Dies konnte er stundenlang treiben und es machte ihm Spaß, seinen Schwestern damit auf die Nerven zu gehen. In einen Käfig sperrten die ihn niemals. Zwei Jahre zuvor allerdings hatte er – eine Maßnahme der Mutter – die Bekanntschaft der dunklen, engen Besenkammer gemacht. Putzmittel, Bohnerwachsdosen. Der Geruch peinigte ihn. Ari hatte schon am Anfang unserer Zusammenarbeit gesagt, ich sei ja alles andere als ein schöner Mann, und tatsächlich war es nicht mein Äußeres, was mich einst motiviert hatte, zum Theater zu gehen, mich auf der Bühne zu zeigen. Sie meinte, was allenfalls interessant wirken könnte, sei mein originelles Zusammenspiel von Gewandtheit und Skurrilität. Ich machte einen Luftsprung: Aha, es ist der Clown! Da war Ari entsetzt: „Schluss damit! Hier wird Theater gemacht, und zwar richtiges!“ – fast wäre es zum Rausschmiss gekommen. Unser Protagonist sei zwar weder Mensch noch Tier, aber – sie lachte spitz – ein Clown? Da könne ich mich gerne einreihen in die komische Schar der Dilettanten, die sich jahraus, jahrein an Kafka versündigten. Machen Kleider Leute? Den Tierimitator hatten wir ja schon eindeutig beerdigt, also gingen wir zum anderen Ende der Figur und suchten ein Kostüm für die Repräsentation des Edelmanns. Wir hatten unglaubliches, geradezu magisches Glück. In der Nähe von Oxford fanden wir einen Charity Shop der „Sailors’ Society“. Der Bowler-Hat, der dort am Haken hing, passte perfekt. Und vor- Herbert Gerstberger und Felicitas Miller 116 nehm ist er, mit dem Schild eines Ladens in Londons Bond Street und einem Wappen mit zwei Löwen. Löwen! Ich war mir sicher, dieser Hut hätte meinem R. gefallen. Aris Kommentar war: „Oh là là, un peu de Chaplin, un peu de Maurice Chevalier, und doch nur der gute alte Karl, der sich zum Affen macht. Doch ja, das macht er schon ganz gut.“ Das traf mich nachhaltiger, als es mir in diesem Augenblick bewusst war – Ein paar Läden weiter, bei der Heilsarmee, der Smoking: Upper Class, maßgeschneidert in Hong Kong von Her Majesty’s Forces Service – Sam’s Taylor. Dieses Edelteil aus zweiter Hand passte auch mir wie maßgeschneidert. Er war so leicht und griffig, es war eine Lust, sich in ihm zu bewegen. Ich probierte gleich ein paar extreme Bewegungen aus und der junge Shopkeeper lachte beifällig. Ari fand dann noch die Krönung: Das Textilschild an der rechten inneren Brusttasche trug die Aufschrift: Specially Made for Mr. Mark W. lN 8481. „Schau doch, Karlchen! Mr. Mark! Muster Mark! Three Quarks!“ – Sie prahlt gerne, nicht nur mit ihrem Französisch, sondern auch mit Joyce, und sie kann angeblich lange Passagen des „Finnegan“ auswendig deklamieren. Bei solchen Bravourstückchen mischt sich in meine Bewunderung auch etwas wie Verachtung. Aber gibt es überhaupt eine klare Grenze zwischen der dienenden Würdigung eines großen Textes und seiner Benutzung zur Politur des eigenen Glanzes? Mir fällt Florenz ein, Piazza Santa Croce, die Göttliche Komödie, ein fulminanter Roberto Benigni, ich inmitten des zigtausendfachen Publikums, ins Herz getroffen. Eine solche Aktion, so großartig sie ist, könnte man ja auch böswillig als einen Second-Hand-Effekt diskreditieren. Es gehe doch um Dante, aber wir sehen und hören Benigni. Nun ja, Kunst ist großenteils Interpretation von Kunst, die Schauspielkunst ganz besonders. In dem Ehrgeiz, – nicht zweiter Hand, sondern – echt zu sein, ganz Affe zu sein, aus erster Hand, lag jedoch die Gefahr, ganz mit R. zu verschmelzen und mich selbst zu verlieren. Kann es sein, dass ich trotz aller Vorsicht und Bemühung an dieser Aufgabe scheitern musste? Und wieviel Schuld hatte Ariane an der sich anbahnenden Katastrophe? Second Hand ist keine Schande. Hat nicht auch Franz Kafka Geschichten, wenn er sie nicht geträumt hat, in seiner Welt gelesen: im „Prager Tagblatt“, in seinen Versicherungsakten, bei Gesprächen mit Freunden im Café Louvre … und natürlich im Elternhaus – und sie dann in Literatur verwandelt? Kein Bericht für eine Akademie 117 In meinem neuen Second-Hand-Outfit gehörte ich zur herrschenden Klasse. Ich konnte fühlen, wie es gewesen sein muss, wenn R. sagt: Ich stamme von der Goldküste. Es richtete mich auf, machte mich souverän. Denn er ist ja ein afrikanischer Edelmann, ein schwarzer Prinz. Als Kind schon kannte ich ihn, als ich mit Dr. Dolittle nach Afrika reiste, auf dessen Mission, die dortigen Affen von einer schweren Epidemie zu befreien. War es eigentlich Tollwut? Du bist der du bist der du bist du Biest! So sehr ich mich auch anstrenge, mit aller Kraft zu zwingen versuche, es gelingt mir nicht, mich daran zu erinnern, wie ich versucht hatte, diese Aufgabe zu lösen. Und hatte jemand gerufen „Beiß rein!“? Filmriss! Totalblackout! Wohl ziemlich lange. Sicher weiß ich nur, dass wir uns an einem sonnigen Morgen wie gewöhnlich im Probenraum trafen, Ariane und ich. Allerdings war auch Anton dabei. Er blieb von da an immer dabei. Ariane hatte offenbar einen Unfall gehabt, ihre Schulter war bandagiert und ihr linker Arm lag in einer Schlinge. „Herr Niemann, wir ziehen das durch – egal, was passiert ist“, sagte sie nur. Dann wurde über irgendwelche Vorfälle nicht mehr geredet. *** Ich breche meine Reise durch die Zeit unserer Theaterproben ab, allzu erschöpft. Ich bin festgerannt. Meine Verwirrung ist durch diese Retrospektive nicht kleiner geworden. Mir ist schwindlig. Gleichzeitig bin ich hellwach und treffe jetzt eine Entscheidung. Es stimmt etwas nicht mit mir. Warum nur habe ich es nicht bemerkt, als es noch nicht zu spät war? Nun ja, ich bin ein guter Schauspieler und kann manches verbergen, sogar vor mir selbst. Wir haben es doch alle gelernt – wir tragen eine „persona“, eine Maske, und wir legen sie wieder ab. Nur in bösen Träumen wächst die Maske fest und der Träumer kann nur durch das Erwachen wieder befreit werden. Und sogar gegen die Künste einer Kirke, die Menschen in Schweine verwandelt, gibt es mit etwas Glück einen Gegenzauber. Aber in meinem gegenwärtigen Zustand kann ich mit solchem Wissen und solcher Hoffnung nichts anfangen. Ich bin existenziell verwirrt in dem Sinn, dass ich nicht nur nicht weiß, wer ich bin, sondern auch, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt aus dieser Verwirrung befreit werden will. Es ist vielleicht Herbert Gerstberger und Felicitas Miller 118 schwer zu verstehen, aber ich fühle mich tierisch wohl als Affe. Und gleichzeitig merke ich: Ich kann den Affen nicht mehr spielen. Das ist meine Situation: ich, der nicht mehr weiß, wie er ein Mensch sein kann und was Mensch-Sein heißt, soll ein Schauspieler sein, der wiederum einen Affen spielt, der seinerseits die Rolle eines Varietékünstlers angenommen hat. Das ist zu viel. Ich kann und will es nicht Ari und ihren magischen Aufgabenzetteln anlasten, dass ich in diese Verwirrung geraten bin. Ihr Zauber ist nichts weiter als Theaterkunst. Ich glaube, in meinem Fall ist entscheidend verantwortlich der Text selbst. Und es ist das, was der Text in mir geweckt hat sowie alles, was damit verwoben ist: Franz Kafka, sein Zeitalter, die Gräuel des Krieges, die kalte Grausamkeit der rationalistischen Zivilisation, der Rattenschwanz der Geschichte, Vergewaltigung und Ausrottung von Mensch und Tier, der absolute Zwang zur Anpassung … Es ist schwer zu sagen, wie es gekommen ist. Von einem bestimmten Punkt an fand ich mich wie fortgerissen von einer starken Meeresströmung. Manchmal scheint es mir, ich sei an der Goldküste angekommen, wo es mir blendend geht. Momentan jedoch bin ich ganz banal im Hier und Jetzt und fühle nichts als Leere. Nach Hause traue ich mich nicht mehr. Ich bin sicher, die Meinen würden mich nicht wiedererkennen. Würden sie mich verstoßen? Anfangs hatte ich noch gehofft, durch die Chronik unseres Arbeitsprozesses und meine Reflexionen könnte ich mir den Rückweg eröffnen und mich heilen. Aber danach sieht es leider nicht aus. Ich bin fortgerissen, muss mich der Strömung überlassen. Meine Tat, gefährliche Körperverletzung, ist glimpflich mit einer Bewährungsstrafe abgeurteilt worden. Ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. Haha! Es war nicht der Affe, das muss klar gesagt werden. Anton, der kluge Anton, er sagt so kluge Sätze wie: Der gekränkte Mensch kann wilder sein als das wilde Tier. Mit Antons Hilfe werde ich ein Dasein als harmloser Zeitgenosse fristen können. Den Affen kann ich nicht mehr spielen. Ich kann überhaupt nicht mehr spielen. Ich habe aufgehört, Schauspieler zu sein. Ich muss an einem neuen Ufer ankommen, an einem Ufer, das noch nicht in Sicht ist. Unser Theaterstück – ja, das bedaure ich schon. Nun, so ist es eben. Kein Bericht für eine Akademie 119 Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters Ein Essay von Daniel Morgenroth „Philosophieren heißt Sterben lernen“ (Montaigne 52) Der Tod am Rande Es ist eine Binsenweisheit, dass der Tod in unserer Gesellschaft ein Randdasein fristet. Er ist längst nicht mehr Teil des Lebens. Menschen sterben zu achtzig Prozent in Institutionen wie Krankenhäusern oder Altenheimen (Gaul & Kagermeier 2018). Wir versuchen das Leben mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verlängern und schieben die Konfrontation mit unserer eigenen Endlichkeit weg. „Die meisten haben keine Zeit für den Tod und keine Lust, ihm zu begegnen“ (ibid.). Fast könnte man meinen, dass Todesangst unsere Kultur bestimmt, wie es Renate Georgy und Thomas Hohensee formulieren (Schneeberger 2017). In jedem Fall können wir eine Entfremdung vom Tod konstatieren. Ich halte diese Entfremdung, diese Marginalisierung des Todes aus zwei Gründen für höchst schädlich. Erstens ist der Tod ein uns natürlich aufgegebenes Phänomen, dem wir nicht entrinnen können. Mithin ist es klug, sich philosophisch und lebenspraktisch mit dem Ende auseinanderzusetzen, denn irgendwann trifft es uns. Zweitens aber, verhindert die Nichtbeschäftigung mit dem Tod, dass wir das Leben in seiner Fülle nutzen und genießen können. Man muss alles vom Ende her denken. Wenn wir uns potenziell für unsterblich halten sind wir eher geneigt Zeit zu verschwenden, Prioritäten anders zu setzen und unser Leben nicht nach seiner Endlichkeit auszurichten und so am Ende nicht von einem guten Leben – was auch immer dies für das Individuum beinhaltet – sprechen zu können. Es gibt zahlreiche Versuche den Tod wieder näher an ans Leben heranzurücken, ihm seinen Platz einzuräumen und eine Auseinandersetzung anzuregen. Ich glaube, dass das Theater, von dem ich im folgenden sprechen will, in einer einzigartigen Position ist zu dieser Debatte beizutragen, denn es trägt den Kern der Vergänglichkeit in sich und kann seinem Publikum so einzigartige Einsichten geben. Gleichzeitig aber scheint jene Marginalisierung des Todesgedankens auch das Theater ergriffen zu haben und die 1. 121 ihm eigene Vergänglichkeit wird allenthalben versucht zu eliminieren anstatt sie lustvoll zu zelebrieren. Das Theater und der Tod Unsere Theaterkultur ist ebenso erfasst von der Marginalisierung der Endlichkeit wie der Rest der Gesellschaft. Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie eine Vielzahl von Abfilmungen und Live-Übertragungen von Sprech- und Musiktheater in den vergangenen Jahren entstanden sind, und wie diese hinter dem Erlebnis der live Aufführung stets verblassen (Schulze 2015). In diesem Trend lässt sich eine Sehnsucht der Theatermacher nicht nur nach breiterem Publikum erkennen, sondern auch ein Wille zur Konservierung. Die gefilmte Inszenierung kann theoretisch jederzeit an jedem beliebigen Ort wieder gezeigt werden. Sie wird gleichsam unsterblich konserviert. Meines Erachtens ist jede Form der Archivierung im Kern, und wenn auch nur unterbewusst, eine Rebellion gegen Vergehen und Vergänglichkeit. Abfilmungen und Übertragungen sind Mechanismen, die das Moment des Sterbens, das dem Theater eigen ist, zu eliminieren suchen. Archivierung ist eine Chronotopie, die Vergänglichkeit verneint. Auch in der ästhetischen Praxis lassen sich ähnliche Tendenzen feststellen. Viele der großen und erfolgreichen Inszenierungen sind bis auf das letzte Detail durchgeplant, mit zig Zweitbesetzungen versehen und als funktionierendes Produkt kaum mehr fehlbar. Sie sind ein exakt geplantes Räderwerk, das nicht mehr zu unterbrechen ist. Die Apotheose eines solchen Theaters sind die weltweit laufenden Erfolgsmusicals, deren Besetzungen alle paar Jahre wechseln, gleichwohl die Show vollkommen unver- ändert ad infinitum weiterläuft. Es wäre aber gerade interessant und hilfreich, dem Realen, dem Zufall und eben der Vergänglichkeit einen Platz in der Inszenierung einzuräumen. Dies ist des Theaters höchsteigene ontologische Kraft: es formt sich und zerfällt direkt vor unseren Augen. Jeden Abend spielt es in jeder Inszenierung so das Leben durch. Entstehen und Vergehen einer gesamten Welt findet jeden Abend in unserem Beisein statt. Mit dieser Kraft kann das Theater der Marginalisierung des Todes entgegenwirken. Es kann dies meines Erachtens über mehrere ästhetische Mechanismen tun, dazu zählen unter anderem die Unwiederholbarkeit des Spektakels und Einbrüche des Realen. Bevor ich aber zu Beispielen solcher Theaterformen komme möchte ich diesen Ansatz kurz genauer betrachten. 2. Daniel Morgenroth 122 Grausame Differenz Es ist naheliegend, bei Antonin Artauds Theater der Grausamkeit nach theoretischen Erwägungen für diesen Kontext zu suchen. Für ihn sollte das Theater idealerweise nicht ein Spiegelbild des Lebens sein, sondern fest mit demselben verwoben. Leben und Theater werden bei ihm nicht mehr streng getrennt sondern fluide und als Kontinuum wahrgenommen (126). Artaud vertritt die These, dass die Gesellschaft durchaus auf der Suche nach Wahrheiten über das Leben ist, diese aber an den falschen Ecken und mit falschen Mitteln sucht. Die Öffentlichkeit sucht bewusst oder unbewusst nach einem poetischen Status, sowie transzendenten Erfahrungen des Lebens. Sie tut das durch Liebe, Verbrechen, Drogen, Krieg oder Aufstände (122). Für Artaud sind diese Mittel aber mehr als ungeeignet und er schlägt dagegen das Theater der Grausamkeit als Ort solcher Erfahrungen vor. Das Theater der Grausamkeit mit seiner strengen moralischen Reinheit scheut sich nicht, dem Leben den Preis zu zahlen, den es verlangt (ibid.). Gemeint ist damit meines Erachtens ganz simpel dies: die Konfrontation mit Vergänglichkeit und Tod. Die populären Theater seiner Zeit (Komödien, Tragödien etc.) nennt Artaud voyeuristisch (Peeping Tom) (77) und sieht sie als genau so ungeeignet zur transzendenten Erfahrung an wie die oben beschriebenen Handlungen, denn sie sind an sich tote Vorgänge, da sie nur auf primitive Weise imitieren, nicht aber eine eigentliche Verbindung zum Leben haben. Für Artaud kann das Theater nur im absoluten Spektakel, das den Theaterraum sprengt und alle Zuschauer einbezieht bzw. die Grenzen zwischen Darsteller und Zuschauer auflöst, stattfinden. Dieses ritualhafte Gesamtkunstwerk fußt laut Artaud auf einer affektiven Komponente. Die Körperlichkeit des Schauspielers muss für ihn betont werden und dieser wird so zu einem Athleten der Affekte (133). Es ist kein Zufall, dass Artaud den Körper des Schauspielers und mithin die Körperlichkeit als primären Handlungslokus annimmt. Diese Betonung der Körperlichkeit ist, bei aller Vorsicht dem Essentialismus gegenüber, ein schlagkräftiges Mittel direkter Kommunikation, und wir werden sie in einigen der Beispiele unten wiederfinden. Vorbehalte gegen den Körper als antisymbolischer und direkter Kommunikator sind mir bewusst. Ich verweise ob der Ausführlichkeit der Diskussion aber auf meinem Aufsatz zu Körpern von Profi-Wrestlern (2013), sowie auf meine längere Diskussion des Themas im Bezug auf immersives Theater. (2017, Kapitel 3). In Schrift und Differenz hat Jacques Derrida versucht herauszuarbeiten, was Artaud in seiner, zugegebenermaßen oft vagen bzw. gelegentlich eso- 3. Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters 123 terisch anmutenden Abhandlung, meint. Auch für Derrida ist die naivste Form der Repräsentation die Mimesis (354), bei der das gesprochene Wort zum „Leichnam der psychischen Sprache“ (363) geworden ist. Es gilt also in der Form das wiederzufinden, was vor den Wörtern Wort war (363). Auch hier liegt der Verdacht nahe, dass Derrida auf eine viszerale, körperliche Erfahrung und Ausprägung abstellt, die der symbolischen Ordnung der Sprache enthoben ist. Am wichtigsten erscheint ihm aber die Abschaffung der Wiederholung, die auch Artaud fordert, und die für Derrida das Grundübel ist (372). Ähnlich wie bei seinen grammatologischen Sektionen von Semantik ist für Derrida klar, dass auch Bedeutung in der theatralen Erfahrung bei jedem Mal neu errungen werden muss und situativ ist. Viele haben spekuliert, was Artauds ‚Grausamkeit‘ bedeuten könne. Derrida kommt nach längeren Erwägungen zu dem Schluss, dass die Grausamkeit in der absoluten Notwendigkeit der Durchführung des Spektakels besteht. Die eigentliche Grausamkeit ist die Nichtwiederholbarkeit, die völlige Verausgabung aller im Moment, denn sie stellt die sinnbildliche Verwirklichung des Todesgedankens dar (374). Ein solches Theater ist tatsächlich nur für den Moment und nur für die Anwesenden geboren, eine Live-Übertragung wäre nicht möglich. Die daraus entstehende theatrale Repräsentation ist temporär, sie ist endlich (375), genau wie das Leben an sich. Jede Aufzeichnung derselben ist eine leere Hülse, ein Überbleibsel, das genau so wenig inhärente Bedeutung und Kommunikationskraft hat wie Worte. Ein solches, hoch-dionysisches Theater mag manchem Angst machen. Doch es birgt auch die Chance, eine neue Lust an Leben und Kunst zu entwickeln, indem man sich immer wieder mit der Endlichkeit und dem Vergehen auseinandersetzt. Es bringt das Theater wieder näher an Ritual und kultische Handlungen heran, aus denen das, was wir heute in Europa Theater nennen, entstanden ist. Diese Lebenslust entsteht paradoxerweise aus der Lust an dem tödlichen Spektakel, aus einer Todeslust. Es ist ein heiliges Theater, wie die attische Tragödie, das von Göttern und Menschen handelt – nur ohne Götter. Tödliche Spektakel Sicherlich ist ein Theater, wie Artaud es sich vorstellt und wie Derrida es erörtert, in seiner reinen Form kaum vorstellbar bzw. praktisch schwer umzusetzen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von ästhetischen Mitteln und Techniken, die zumindest einen oder mehrere Aspekte des Gesagten verwirklichen. 4. Daniel Morgenroth 124 Die Betonung des Körpers und des Schauspielers als einem ‚Athleten der Affekte‘ erscheint mir als ein solches. Viele haben über den Körper als einem privilegierten Ort der unmittelbaren Erfahrung geschrieben (Ruthrof 41–42, Scarry 1987). Am deutlichsten hat dies für das Theater in jüngster Zeit sicherlich Josephine Machon getan (44, 57). Den Körper nicht nur als darstellendes Vehikel zu nutzen, sondern ihn als reales Subjekt einzusetzen ist eine Möglichkeit, das Theater grausamer zu machen. Ich will mit einem Beispiel aus der performativen Kunst beginnen und mich so dem Theater nähern. Der amerikanische Künstler Matthew Barney benutzt in seiner Performance-Serie Drawing Restraints (1987 – heute) seinen eigenen Körper zum Schaffen von Zeichnungen und anderen Kunstwerken. Dabei erlegt er sich physische Beschränkungen auf. Beispielsweise ist er an ein Gummiseil gebunden und versucht an der gegenüberliegenden Wand eine Zeichnung anzufertigen. Dabei kämpft er gegen das Seil an und wird immer wieder von diesem zurückgezogen. Die Anstrengung, die er dabei aufbringt ist beträchtlich und die Zeichnung verändert sich entsprechend, sie ist der realen Erschöpfung und muskulären Beschränkung, dem matten Körper und nicht mehr nur der Fantasie und dem Talent des Künstlers unterworfen. Hier nimmt Barney etwas Reales, das in den Prozess des Kunstschaffens einbricht und ihn verwirklicht, denn der Künstler kämpft gegen sehr reale Ermüdungserscheinungen oder gar Schmerzen an, um das Kunstwerk zu fertigen. Was wir in den Videos und Bildern also sehen ist die Dokumentation eines realen Aktes. Im Theater hat sich in den vergangenen Jahren Ulrich Rasche ganz ähnlicher Methoden bedient. In seinen Inszenierungen legt auch er den agierenden Körpern Beschränkungen auf. Die Darsteller in Die Räuber (Residenztheater München 2016) befinden sich auf zwei gigantischen Laufbändern, die sich drehen. Alle Schauspieler sind gezwungen, sich permanent zu bewegen, sie gehen, schreiten oder marschieren kontinuierlich. Diese dauernde Bewegung erscheint für das Publikum möglicherweise zunächst verwirrend, aber sie führt dazu, dass das Stück und das Geschehen sich ver- ändern. Durch den Zwang zur Bewegung ändern sich Ausdruck und Auftritt der Schauspieler enorm. Sie können schwerer interagieren, müssen sich auf ihre Bewegung konzentrieren, sprechen zur Rampe hin. Das Stück wird dadurch in gewisser Weise verfremdet, aber an die Stelle von Realismus tritt der reale Akt von Bewegung und Erschöpfung. Die Bühne ist kein entrückter, fiktiver Raum mehr, sondern zeigt uns etwas in seiner Eigentlichkeit. Es ist eine beträchtliche physische Leistung, über die gesamte Spieldauer von zweieinhalb Stunden permanent in Bewegung zu sein. Was das gan- Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters 125 ze Spektakel dem Tode nahe bringt ist die Erschöpfung, die den Schauspielern in den verschwitzten Gesichtern steht, wenn sie angeleint an Sicherheitsseile, etwa sechs Meter über der Bühne hängen, schnell laufen und regelrecht gegen die Fesseln in ihrem Rücken anzukämpfen scheinen und dennoch nicht weiter können. Ähnlich wie Matthew Barney sind sie Gefangene eines gigantischen Räderwerks, gegen das ihr Körper ankämpfen muss, um Kunst zu produzieren. Sie müssen zunächst die physische Belastung überwinden, wenn sie das Stück auf die Bühne bringen wollen. Am Theater Basel inszenierte Rasche 2017 Büchners Woyzek mit einem nicht unähnlichen Konzept. Die Darsteller befanden sich auf einer großen Drehscheibe, die sich vertikal emporrecken konnte. Wieder waren sie gezwungen, sich permanent zu bewegen und gegen ein großes Maschinenwerk anzukämpfen. Die Scheibe drehte sich dabei teils immer schneller, die Schauspieler waren gezwungen, sich an Seilen festzuhalten und sowohl gegen Drehung, als auch Vertikalität anzukämpfen. Bei Woyzek mag man die zentrifugale Scheibe als Metapher auf die gesellschaftliche Dynamik des Stückes lesen, man kann sie aber auch als rein funktionales Mittel sehen, das die Spieler in einen physischen Zustand versetzt, der verfremdet und dadurch realer macht. Rasches Inszenierungen sind ein gutes Beispiel, wie konkrete physische Belastung, eine Form der echten Erschöpfung und somit etwas Reales ins Theater gebracht werden kann. Was wir sehen ist nicht länger ein simples immer gleiches mimetisches Abbild, sondern etwas, das im besten Sinne echt ist, echter Stress. Es lohnt sich zu überlegen, welche anderen körperlichen Beschränkungen und Effekte noch denkbar wären, um ähnliche Wirkungen zu erzielen. Eine andere Möglichkeit, dem Realen einen Einbruch ins Theater zu verschaffen, und wie ich finde sogar eine schlagkräftigere, sind die Mittel von Improvisation oder Aleatorik. Bereits in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gab es – etwa von Allan Kaprow oder John Cage – Exprimente mit solchen Formen. Dies ist beileibe also nichts neues, doch es erscheint mir, dass solche Formen heute neu genutzt und entdeckt werden. In seinen Inszenierungen Selfies einer Utopie, die der Regisseur Nicola Bremer 2017 am Staatsschauspiel Dresden begann und die ab 2018 am Landestheater Coburg zu sehen sind, baut er diese Idee konsequent aus. Die Texte zu verschiedensten tagesaktuellen Themen werden von ihm kurz vor der Aufführung geschrieben, die drei Schauspieler kennen das Material nicht, bekommen es erst am Abend auf der Bühne zu sehen und spielen es im Moment in dem sie es lesen. Daraus entsteht nicht, wie man vermuten könnte eine clownesque Improvisationstheatershow, sondern eine ernstzu- Daniel Morgenroth 126 nehmende Performance im Moment, die mal sehr ernst und ist und mal heiter. Die Schauspieler improvisieren, was allein schon ein Akt des Realen ist, da die Improvisation unvorhersehbar wie das Leben ist. Zweitens entsteht vor unseren Augen eine Art Stück, oder ein Performance, die nur an diesem Abend zu sehen ist. Das Konzept beinhaltet, dass jeder Text nur einmal gespielt wird und somit am Abend einzigartig erblüht und vergeht. Es wäre aber auch, ganz in Artauds Sinne, vollkommen unmöglich, den Abend zu wiederholen, selbst mit den gleichen Schauspielern wäre der Abend später ein völlig anderer, da sie nun den Text kennen, da sie sich gewöhnen, da sie wiederholen. Dies wäre tote Mimesis im schlechtesten Derrida’schen Sinne. So aber bekommt das Theater eine Lebendigkeit, die es in wiederholbaren Performances kaum kennt und hat trotzdem einen vorher bestimmbaren Inhalt. Die Einzigartigkeit des Moments wird jeden Abend gefeiert und die wahre Grausamkeit, oder die wahre Schönheit besteht darin, dass das Kunstwerk nach einem Abend verschwunden, vergangen, gestorben ist. Die stets ausverkauften Performances zeigen, dass ein Publikum diese Todeslust goutiert, wenn man es ihm nur zutraut. Das Theater selbst kommt hier in ein gewisses Dilemma. Denn man möchte doch möglichst jeden Abend Stücke dem Publikum zeigen und diese auch wiederholen. In der Wiederholung aber steckt die Langeweile. Die Frage, die sich Kunstschaffende stellen können, ist: wie kann ich ein textbasiertes Stück, etwa Faust, jeden Abend spielen und ihm trotzdem die Qualität des vergänglichen geben, sodass es jeden Abend neu ist und vor unseren Augen wird und vergeht? Wie lasse ich mein Stück jeden Abend neu vergänglich sein? Fröhlich Sterben Mir ist bewusst, dass meine obigen Argumente breit angelegt sind und ich gebe zu, dass meine Beispiele lediglich Ideen für ästhetische Praktiken liefern, die das Reale und die Vergänglichkeit zurück in einen Theaterraum holen, der zumeist als gekünstelt und nicht echt wahrgenommen wird. Es gibt mit Sicherheit viele weitere. So ist es auch Ziel dieses Aufsatzes Partei für solche Formen zu ergreifen, denn für das Theater und die Gesellschaft steht dabei viel zu gewinnen. Wenn wir uns nur im Theater erst einmal an Endlichkeit und Vergehen gewöhnen, dann kann dies auch in anderen Bereichen gelingen. In der Konfrontation mit der Endlichkeit können wir dann eine neue Lust am Leben finden. Es geht um nichts weniger, als den Tod und die Kostbarkeit des Augenblicks, die daraus erwächst, wieder schmackhaft zu machen. – 5. Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters 127 Todeslust. Wenn das Theater das schafft, dann geht es in jedweder Inszenierung, gleich welchen Themas oder Stückes auch auf die Kant’schen Kernfragen ein. Dann wird uns jedwede Tragödie und Komödie neu der Kostbarkeit des Augenblicks und der eigentlichen Unkonservierbarkeit von Dingen versichern. Ein solches Theater zelebriert Todeslust und Lebensfreude. Quellen Artaud, Atonin (1958). The Theatre and Its Double. Trans. Richards, Mary Caroline. New York: Grove Press. Derrida, Jacques. Die Schrift Und Die Differenz. Übers. Rudolph Gasché. Frankfurt: Suhrkamp, 1976. Print. Derrida, Jacques, and R. Klein. „Economimesis.“ Diacritics 11.2 (1981): 2–25. Print. Gaul, Simone & Elisabeth Kagermeier (2018). „Willkommen zurück, lieber Tod“. In Die Zeit online. 28.03.2018. erhältlich unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/ zeitgeschehen/2018-03/tod-sterben-tabu-gesellschaft-trauer. Gronemeyer, Reimer (2015). Sterben in Deutschland: Wie wir dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben einräumen können. Frankfurt: Fischer. Machon, Josephine. (Syn)Aesthetics: Redefining Visceral Performance. Basingstoke: Palgrave, 2009. Print. Montaigne, Michel de (1998). Essais. Übers. Hans Stilett. Frankfurt: Eichborn. Ruthrof, Horst. The Body in Language. London and New York: Cassell, 2000. Print. Scarry, Elaine. The Body in Pain : The Making and Unmaking of the World. New York; Oxford: Oxford University Press, 1985. Print. Schneeberger, Ruth (2017). „Todesangst bestimmt unsere Kultur“. Süddeutsche Zeitung online. 13.10.2017. erhältlich unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/ta buthema-sterben-todesangst-bestimmt-unsere-kultur-1.3706466. Schulze, Daniel (2013). „Blood, Guts and Suffering: The Body as Communicative Agent in Wrestling and Performance Art.“ Contemporary Drama in English 1.1: 113–25. Print. — (2015). „The Passive Gaze and Hyper-Immunised Spectators: The Politics of Theatrical Live Broadcasting.“ Contemporary Drama in English 3.2: 315–26. — (2017). Authenticity in Contemporary Theatre and Performance: Make it Real. London: Bloomsbury. Daniel Morgenroth 128 Performances Bremer, Nikola (2017–2018). Selfies einer Utopie. Staatsschauspiel Dresden. Rasche, Ulrich (2016). Die Räuber. Residenztheater München. Rasche, Ulrich (2017). Woyzek. Theater Basel. Todeslust – Zur Ontologie des Gegenwartstheaters 129 Quodlibetarius – Ein Quodlibet als Kehraus von Klaus Röhring „Der Begriff Quodlibet bezeichnet die Kombination verschiedener, ursprünglich nicht miteinander zugehöriger oder füreinander bestimmter Teile zu einer neuen Einheit, wobei dem Verfahren üblicherweise eine scherzhafte, bisweilen karikierende Absicht zugrunde liegt. Das Spiel mit Versatzstücken bzw. mit zu Versatzstücken uminterpretierten Bestandteilen eines allgemein oder in einem speziellen gesellschaftlichen Kreis geläufigen Gegenstands bzw. Regelwerks ist spätestens seit dem Mittealter anzutreffen. Es begegnet in der Folgezeit in fast allen Bereichen der Künste, Wissenschaften und des täglichen Lebens, von der wissenschaftlichen Disputation über Malerei und Musik bis hin zur Kochkunst und zum Kartenspiel.“1 „Quodlibet, ein lateinisches, aus 2 zusammengesetztes Wort, nemlich quod libet, was einem beliebt.“2 Mit einem Quodlibet besonderer Art enden die 30 Variationen des IV. Teils der Klavierübung Johann Sebastian Bachs, die Goldberg-Variationen (BWV 988). Es löst auf charmante Art die Widmung des Werkes „Den Liebhabern zur Gemüths Ergetzung“ ein. 1 Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite, neubearbeitete Ausgabe herausgegeben von Ludwig Finscher. Sachteil 8, Sp. 51. Kassel u.a. 1998. 2 Johann Gottfried Walther, Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec Leipzig 1732, 510/5011. 131 Auch dieses „wie es beliebt“, dieses „Spiel mit Versatzstücken“, ist ein buntes gesungenes Durcheinander und Miteinander, ein musikalisches Fricassée, wenn man Quodlibet ins Französische übersetzt. Bei den Familienfesten Bachs war es üblich so zu feiern und so zu singen: Das Spiel mit Tönen und Texten, mit scherzhaften, ironischen Anspielungen, freilich hier auf eine höchst raffinierte Art komponiert. Verweilen „Wo man singt, das lass dich nieder.“ Eine Einladung zu einem Fest wird damit ausgesprochen. Wer würde sie ausschlagen, wenn er mitfeiern, mitsingen, an der fröhlichen Geselligkeit teilnehmen kann, in ihr zu einem mit-spielenden Menschen wird? Man wird dabei die „pragmatische Erfahrung von Zeit“ als „Zeit für etwas“ vergessen und in solch singender, spielender Runde nur noch da sein, anwesend, ohne auf die Uhr sehen zu Klaus Röhring 132 müssen, um den nächsten Termin nicht zu versäumen. Es ist die Zeit zum Verweilen. „Der berechnende, disponierende Charakter, in dem man sonst über seine Zeit verfügt, wird im Feiern sozusagen zum Stillstand gebracht [...] Es geht in der Erfahrung der Kunst darum, dass wir am Kunstwerk eine spezifische Art des Verweilens lernen. Je mehr wir verweilend uns darauf einlassen, desto vielfältiger, reicher erscheint es. Das Wesen der Zeiterfahrung der Kunst ist, dass wir zu verweilen lernen. Das ist vielleicht die uns zugemessene endliche Entsprechung zu dem, was man Ewigkeit nennt.“3 Michael Theunissen hat dieses Verweilen als das „Nicht-Mitgehen mit der Zeit und Aufgehen in der Sache“ bezeichnet und ausgeführt, wie die sinnliche Wahrnehmung zur „ästhetischen Anschauung (wird), indem das Subjekt vermöge seines gewaltsamen Sich-Losreißens von der Zeit gewaltlos in den Gegenstand sich versenkt. Es ist der Versuch, die Bewegung der Zeit anzuhalten [...] Zwar ist (solches Verweilen) [...] faktisch durchaus von begrenzter Dauer... Aber seiner Idee nach ist es unendlich. Anders könnte es nicht Hingabe sein. Die verweilende Hingabe ist unendliche Hingabe.“4 Das Wesen der Zeiterfahrung der Kunst ist die „Eroberung des Nutzlosen“5. Reine Zeit-Verschwendung wird betreiben. Das könnte auch zur religiösen Erfahrung des göttlichen „mitten unter euch“ (Luk 17,21) werden. Also die Erfahrung, dass Gott „im Spiel“ ist, als ob man gleichsam am innertrinitarischen Verhältnis Gottes teilnimmt, das Friedrich Hegel als „Spiel der Liebe Gottes mit sich selbst“6 bezeichnet hat. Die drei Personen der Trinität singen ein Quodlibet. Im Rheinischen Paradiesgärtlein7 ist es gemalt, wo man in friedlicher Gesellschaft um des Spielens willen spielt, in einem Buch liest, mit Cäcilia und dem Jesuskind musiziert, Früchte von den Bäumen pflückt, Wasser aus einem Brunnen schöpft, dem Gesang der Vögel lauscht und mit anderen ins Gespräch sich vertieft. Zeit vergeudend, zwecklos. 3 Hans Georg Gadamer: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol, Fest, Stuttgart 1977, S. 55ff. 4 Michael Theunissen: Negative Theologie der Zeit, Frankfurt 1991, S. 295. 5 Klaus-M. Kodalle, Die Eroberung des Nutzlosen. Kritik des Wunschdenkens und der Zweckrationlität im Anschluß an Kierkegaard. Paderborn u.a. 1988. 6 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke 3, Frankfurt 1970, S. 24. 7 Oberrheinischer Meister um 1410/1420, Städelmuseum Frankfurt; Foto commons.wikimedia. Quodlibetarius – Ein Quodlibet als Kehraus 133 Hier lebt man in der Zeit der Ewigkeit und hat die endlos wie eine Ewigkeit sich ziehende Zeit endgültig hinter sich. Das käme jener von Karl Marx erträumten Aufhebung menschlicher Entfremdung gleich, die es mir ermöglicht, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, auch das Essen zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer oder Hirt oder Kritiker zu werden, wie ich gerade Lust habe.“8 Dieses Bild, das im Quodlibet-Singen und -Spielen seinen musikalischen Ausdruck findet, diese Zeit-Verschwendung ist, das weiß jeder Theatermachen, ein Gegenbild, eine Gegenbewegung zum ständigen Bemühen um Zeit-Gewinn, um mehr von der Welt zu haben. „Gemeinsame Zeit-Verschwendung schafft in der Zeit einen kommunikativen Raum, der nicht länger einem Diktat der Zeit gehorcht. Exzess, Feier, Fest, Spiel, die ’stillen Stunden’ innigen Beisammenseins (sind) die Gestalten, die produktive Zeit-Verschwendung annehmen kann.“9 Ist 8 Karl Marx, Deutsche Ideologie, Frühschriften, S. 361. 9 Klaus-M. Kodalle,(Hrsg.), Zeit-Verschwendung. Ein Symposion. Würzburg 1999, S. 14. Klaus Röhring 134 nicht jede Theateraufführung so ein kommunikativer Raum? Wird hier nicht der „Zeitstrom des sorgenvoll-versorgenden und auf Selbstbehauptung zentrierten Daseins“ unterbrochen und „reißt neue Wahrnehmungsund Handlungsräume für eine Freiheit“10 zum Leben auf? Hat Bach darum dieses Quodlibet, diese Signaturvariation des „Churfürstlich Sächsischen Hofkompositeurs“, als letzte Variation wie eine Aussicht in die Ewigkeit komponiert, auf der Wanderschaft des Leben angekommen zu sein im Kreis seiner Familie, der Heimat, die „allen in die Kindheit schien und in der noch niemand war“11? Vielleicht sind alle diese dreißig Variationen so gemeint und so als reine Zeit-Verschwendung zu hören. Das deutet sich schon in der lyrischen Aria, dem Ausgangsthema des Ganzen, an, die „so sanften und etwas munteren Charakters“ daherkommt, dass Bachs Biograph Forkel sich durch sie zu der Anekdote der Schlaflosigkeit Graf Keyserlingks inspirieren ließ.: „Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas munteren Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“12 Jedoch die Gesellschaft im Haus des Geheimen Rats Röderlein in Bamberg floh schon beim Spiel des Kapellmeisters Johannes Kreisler bei der 3. oder spätestens bei der 12. Variation ins Nebenzimmer zum Kartenspiel.13 „Der Tanz ist aus, wir gehen nach Haus.“ Das signalisiert das Quodlibet als letzte der Variationen nun auch. Das Fest geht seinem Ende zu, der „Kehraus“ beginnt, der mit der Wiederholung der Aria beendet wird. Der Saal ist durch die langen Kleider der tanzenden Damen ausgekehrt, sie haben das Fest jetzt gleichsam am Saum ihrer Röcke. So hört man die gleichen Töne der Aria wie zu Anfang und hört sie dennoch ganz anders, vollgesogen vom Fest der zuvor erlebten Musik. Der auskehrende Kehraus ist wie ein Aufkehren, ein Mitnehmen dieser Nutzlosigkeit, dieser Zeit-Verschwendung in den kommenden Alltag. 10 Kodalle, Zeit-Verschwendung, S. 16. 11 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1995, S. 1628. 12 Johann Nikolaus Forkel, Über Johann Sebastian Bachs Lebens, Kunst und Kunstwerke. Kassel u.a., 1974, S. 91f. 13 E. T. A. Hoffmann Kreisleriana, siehe auch Dieter Kühns Hörspiel Golderg-Variationen, Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, Anna Enquists Roman Kontrapunkt. Quodlibetarius – Ein Quodlibet als Kehraus 135 Quodlibetarius oder die Freiheit zum Leben Zwei nutzlose Lieder sind in dieses Quodlibet hineinkomponiert. Ich bin so lang nicht bei dir gewesen Ruck her, ruck her, ruck her! und Kraut und Rüben haben mich vertrieben hätt mein Mutter Fleisch gekocht so wär ich länger blieben. Das erste Lied beschreibt das Zu- und Aneinanderrücken zweier sich offensichtlich liebender Menschen. Die Restitution einer kommunikativen Gemeinschaft. Das zweite beschreibt eine Trennung, aus verständlich kulinarischen Gründen, denn ein Quodlibet als Kochkunst hat die Mutter offensichtlich nicht gepflegt. Schelmische Sätze sind es, die von Gemeinschaft und Geselligkeit zeugen. Man kann aber auch bei der ersten Melodie die erste Verszeile des Chorals „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ hören. Ein Lied der Bewahrung auf der Wanderschaft des Lebens, ein Lied der Hingabe und des Vertrauens. Ein Lied, das Gott in die Geselligkeit und die Gemeinschaft der Menschen einbezieht, „im Spiel“ sein lässt und ihn im „Regimente“ weiß. Ein Quodlibet des Lebens, das Freud und Leid, Gutes und Böses, Glück und Unglück gleichzeitig uns erfahren oder in einem Nacheinander über uns kommen lässt. Søren Kierkegaard notiert am 8. August 1839 in sein Tagebuch: „Hätte ich doch nur bald mein Examen, damit ich wieder ein Tausendkünstler (quodlibetarius) werden könnte.“ An Bachs Variationen kann man lernen wie aus dem Wunsch Wirklichkeit wird, wenn man auf das Leben als ein Quodlibetarius sich einlässt. Die Tonfigur eines griechischen Künstlers14 scheint so einer zu sein. 14 Werk eines unbekannten Künstlers, Mouressi Griechenland, Foto des Autors. Klaus Röhring 136 Quodlibetarius – Ein Quodlibet als Kehraus 137 Sie würde auch für Christoph Nix passen, der mit seinem 65. Lebensjahr auch so einer werden könnte, wenn er nicht längst schon immer so einer war. Geübt hat er diese Rolle des „Tausendkünstlers“ in vielen Jahren seines Berufslebens als Jurist, als Clown, als Intendant, als Schriftsteller, als Afrikareisender und was er sonst noch alles war und weiterhin sein wird. Nun kann er diese „Rolle“ als Quodlibetarius leben, auch wie Karl Marx sie sich träumerisch ausmalte, als selbstbestimmte Freiheit zum Leben. Klaus Röhring 138 Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? von Bernd Günter Dieser Beitrag will keine wissenschaftliche Analyse präsentieren. Er will vielmehr, aus mannigfachen Erfahrungen heraus, zeigen, dass es in Deutschland an der Schnittstelle zwischen öffentlicher Kulturpolitik und dem Kulturmanagement zu vielen Ineffizienzen kommt. Dabei soll der rein private Sektor der Kulturaktivitäten hier ausgeblendet sein. Es soll auf etliche Sachverhalte hingewiesen werden – davon manche, die in den aktuellen Diskussionen eher übersehen oder vernachlässigt werden, bei denen es zwischen den öffentlichen Trägern und den Kulturmanagern (hier als Sammelbegriff verstanden) „knirscht“, zu Lasten der Kulturangebote und zu Lasten des Publikums. Kulturelle Aktivitäten – auch wenn man nicht eine ökonomische Position einnimmt wie es der Autor beruflich vornimmt – schaffen Werte. Für die Produzenten, für die Vermittler, für die teilnehmenden Rezipienten. Das ist folglich nichts anderes als das, was der Ökonom als Wertschöpfung bezeichnet. Die Wertschöpfung im Kulturbereich findet also stets entlang einer sogenannten Wertschöpfungskette statt, die im einfachsten Fall dreistufig und eingleisig ist (Günter 2018, S. 367). Der einfachste Fall dieser Kette einer Wertschöpfung durch Akteure im Kulturbereich ist der eines Autors als Produzenten, eines Verlages als Distributeur („intermediate“) und eines Lesers als Rezipienten (Konsumenten, Endabnehmer). Eine besondere Rolle kommt denjenigen Akteuren zu, die kulturelle Aktivitäten fördern, finanziell oder nicht-monetär, also unter deutschen Verhältnissen vor allem der staatlichen Kulturpolitik. Dass bei einer anderen Schnittlegung die systematische Behandlung kultureller Aktivitäten als Kulturmanagement den Wertschöpfungsprozess beeinflusst und Kulturmanager als Akteure diese Prozesse zu steuern, zu planen und zu kontrollieren vermögen, ist auch hinlänglich bekannt. Offen und interessant sind viele Aspekte und Probleme, die durch die Existenz von Märkten entstehen, auf denen Angebot und Nachfrage sich treffen. Im vorliegenden Beitrag sollen einige dieser Zusammenhänge ausgewählt und diskutiert werden, soweit sie die Schnittstelle zwischen Kulturpolitik und Kulturmanagement betreffen. Und soweit sie nach Ansicht des Autors gegenwärtig bessere Lösungen erfordern. Kulturmanagement soll in diesem Zusammenhang diejenigen lei- 139 tenden Funktionen und Akteure bezeichnen, die kulturelle Aktivitäten in Kulturbetrieben und -verwaltungen oder auch in freiberuflicher Tätigkeit planen, koordinieren und verantworten. Ein Grundproblem ist in Deutschland die in hohem Maße staatliche Kulturförderung mit der dadurch zwingend entstehenden Frage, wie stark sich staatliche Stellen auch inhaltlich in Angebot und Nachfrage einmischen, also als marktbeeinflussende Akteure auftreten. Der all zu früh verstorbene Martin Roth, einer der profiliertesten Museumsdirektoren und Kulturmanager, war in seinen letzten Jahren ein nachdrücklicher Vertreter der These, dass sich Kulturpolitiker in Deutschland zu oft und zu stark in kulturelle Aktivitäten einmischen. Eine Zeitlang gab es die Hoffnung, dass Public Private Partnerships dieses Problem lösen helfen. Die stetige Finanznot der Kulturträger und die genauso stetige Gefahr des Ausstiegs vor allem privater Träger und Sponsoren lässt die gemischtwirtschaftliche Konstruktion dauerschwächeln. Man beachte dazu die Geschichte des Düsseldorfer Museums Kunstpalast und des NRW-Forums Düsseldorf. Wahrscheinlich sind hier auch Gründe für die in den vergangenen Jahren gestiegene Beliebtheit von langfristig stabilen Stiftungslösungen zu suchen. Zum Stichwort Rechtsformen ist noch eine weitere Entwicklung auffällig, die erhebliche Risiken und Nebenwirkungen aufweist. Natürlich war der Abschied von kameralistischen Organisations- und Rechnungssystemen lange überfällig. Allerdings spricht der Umgang mit den Rechtsformen des Regiebetriebs und des Eigenbetriebs nicht unbedingt für eine nachhaltige Förderung auch des Kultursektors. Wenn es so ist, dass Kulturbetriebe nach wie vor oft als Regiebetriebe innerhalb eines kommunalen Haushalts geführt werden, dann bedeutet dies die totale Abhängigkeit von kommunalpolitischen Stimmungen und Finanzgebaren – auch gegen Notwendigkeiten der Kulturinstitutionen und gegen deren Motivation zur Innovation. Wenn die angesichts knapper Finanzen der Träger oft von den Kulturinstitutionen geforderten Eigeneinnahmen dem kommunalen Haushalt zufließen, nicht aber Ankaufsetats oder notwendigen Modernisierungen oder – auch dafür kennt der Verfasser Beispiele – erforderlichen Kunstvermittlern, dann erhebt sich die Frage, ob der öffentliche Sektor mit geeigneten und effizienten Anreizsystemen arbeitet und wie es um Motivationsstrukturen in diesem Sektor bestellt ist. Diese Frage kann auch Ausgangspunkt für eine Bestandsaufnahme dazu sein, ob und inwieweit der Kultursektor zwar nicht den Zielen eines kommerziell ausgerichteten Managements folgen sollte, aber zumindest zweckmäßige Techniken wie etwa organisatorische Ansätze dezentralisierter strategischer Planung, der Delegation von Verantwortung, des eigenständigen Marketing und einer nachhaltigen Personalpolitik bereits integriert hat oder noch übernehmen Bernd Günter 140 könnte. Dazu später mehr, wenn es um die Forderung nach freiem Eintritt in Kulturinstitutionen geht. Daneben muss ein Schlaglicht auf verwaltungsinterne Behinderungen der Kulturarbeit geworfen werden, auf Bürokratie und Konfliktfelder. Konflikte zwischen Kulturarbeit und Denkmalschutz verhindern oft aktualisierte Kulturangebote und deren öffentlichkeitswirksame Präsentation. Unglaublich, was Kulturinstitutionen, die ihre Heimat in denkmalgeschützten Bauten haben, in diesen Gebäuden und vor allem auch außerhalb, an Fassaden usw., nicht dürfen, was aber zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit erfordern würde! In ähnlicher Weise verhindert ein mangelndes Marketing-Verständnis, gepaart mit bürokratisch-restriktivem Umgang mit dem Erlaubten, dass an Deutschlands Fernstraßen bessere Werbung für unsere Landschaften, Städte, Historie und das kulturelle Erbe gemacht wird. Form und Inhalt der allseits bekannten braunen Hinweisschilder an Autobahnen sind ein Grauen für jeden Marketing- oder Tourismus-Studenten. Man sehe sich zum Vergleich im Ausland um. An belgischen Autobahnen werden farblich ansprechende, größerflächige Schilder auch unter Verwendung von Fotos eingesetzt. Im Raum Gent / Flandern gibt ein Autobahn-Hinweisschild unter anderem das Herzstück des berühmten „Genter Altars“ von Jan van Eyck wieder. Auch in anderer Hinsicht erscheint die Nutzung betriebswirtschaftlicher und soziologischer Zusammenhänge nicht gerade Lieblingskind der Kulturpolitik und Kulturförderung. So ist die Kenntnis des Kulturpublikums, seiner Strukturen und seines Verhaltens viel weniger erforscht und analysiert als viele Daten anderer Märkte und deren Akteure (siehe allerdings Föhl / Glogner 2016). Zugegeben: die Publikumsanalyse als Anwendungsfall der Marktforschung ist in Deutschland angesichts der stark lokalen und regionalen Strukturen und Teilmärkte durchaus erschwert. Dennoch: viele kulturpolitische Entscheidungen setzen an nicht belastbaren Vermutungen über das Publikum und speziell über Nichtbesucher kultureller Aktivitäten an. Kulturförderung ist in der Regel zuvörderst Förderung der Kulturproduktion. Erst in zweiter Linie geht es um Projektförderung im Veranstaltungsbereich i.w.S. und damit um Förderung der Distributionsstufe, also der Verbreitung und z.T. auch Vermittlung. Selten werden Projekte gefördert, die Rezeptionsbedingungen erforschen … und damit zu einer effektiveren und effizienteren „Vermarktung“, Vermittlung und nachhaltiger Rezeption beitragen. Und so stellen wir dann fest: wir wissen extrem wenig über die „Kultur-Publikümer“. Wir leben von und arbeiten mit Vorurteilen, z.B. demjenigen, dass nur 20 % der Bürger unseres Landes kulturaffin seien und damit für Kulturangebote erreichbar. Und die wenigen belastba- Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? 141 ren Befunde zur Kulturrezeption entspringen zumeist lokalen Untersuchungen. Kulturförderung scheint als erste Aufgabe zu haben, kulturellen Institutionen und Aktivitäten akzeptable Rahmenbedingungen für die Kulturproduktion zu bieten. Dies dürfte in Deutschland Konsens sein und impliziert eine institutionelle Basisförderung. Wenn nun in den vergangenen Jahren immer mehr, insbesondere bei der Förderung durch die allseits beliebten Stiftungen, die Relation zur Projektförderung zugunsten der letzteren verschoben wurde, muss die Frage nach der Grundsicherung umso häufiger gestellt werden. Das gilt unter anderem für kulturelle Aktivitäten in ländlichen Räumen – jüngst als Förderthema entdeckt (siehe z.B. www.dritteorte.nrw.de), aber kein ausgesprochen neues Thema. Und es entsteht die Frage nach der Eignung von Kulturbauten für zeitgemäße Aktivitäten, Theaterproduktionen, Ausstellungsbetrieb usw. Der angestaute Sanierungsbedarf, das häufige Fehlen geeigneter Depots für immer mehr kulturelles Erbgut (Grasskamp 2016), die Anpassung baulicher und technischer Bedingungen an die digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts lassen manche Kulturfördermaßnahmen als „rührend“, aber nicht nachhaltig erscheinen. Zudem geben einzelne Planer, Kulturpolitiker und Kulturverwaltungen angesichts der planerischen und finanziellen Besonderheiten moderner Bauprojekte, speziell Großprojekte, ein unglückliches Bild ab (Fabricius, Golo / Büttgen, Marion (2015), Weißenberger 2015). Die planerischen Aspekte der Kulturpolitik, ihre Ziele und ihre Umsetzung berühren auch die Frage, ob und welche Zukunftsentwürfe generiert und verhandelt werden. Städtebaulich-kulturelle Visionen sind nicht gerade an der Tagesordnung. Und wenn für ordentlich sechsstellige Summen Kulturentwicklungspläne in Auftrag gegeben werden – die ebenso hohe „versteckte Kosten“ durch Inanspruchnahme von personellen Ressourcen engagierter Stadt-Mitarbeiter und Externer verursachen – diese aber zu mageren Ergebnissen führen und gar die größten Kulturplayer einer Stadt und deren Entwicklung nicht explizit mit einbeziehen, wie sollen dann Zukunftsentwürfe und gar Innovationen entstehen? Visionen sind nicht angesagt, wo man sich schon mit Erhalt des Status quo zufrieden gibt. Da mag die Elbphilharmonie bei allen Planungs- und Budgetproblemen eine Ausnahme bilden, denn Hamburg brauchte weniger dringend ein Konzerthaus als vielmehr ein zukunftsfähiges Wahrzeichen mit hoher touristischer Attraktivität und Ausstrahlung auf die gesamte Stadt. Apropos „Forschung“. Zu den zentralen Aufgaben von Museen, die auch konstitutive Bestandteile der international akzeptierten Museumsdefinition des International Council of Museums ICOM sind, gehört neben Sammeln, Bewahren, Präsentieren und Vermitteln auch das Forschen. Bernd Günter 142 Man kann allerdings stark vergröbert feststellen, dass diese Aufgabe aus Personalmangel und dahinterstehendem Finanzmangel an vielen Museen kaum oder in kleineren Häusern gar nicht wahrgenommen werden kann. Die aktuelle Provenienzforschungsdebatte zeigt nicht einmal das ganze Ausmaß dieses Dilemmas. Und immer noch wird bei der Durchforstung kultureller Aufgaben die Frage gestellt: Warum soll in Museen überhaupt geforscht werden? Um dann einen Ausbau dieser gesellschaftlich wichtigen Aufgaben zu verhindern oder vorhandene Stellen zu kürzen. Ein weiterer Zusammenhang zwischen Kulturpolitik und dem Management der Kulturbetriebe betrifft die Einflussnahme öffentlicher Entscheider auf strategische wie auch durchaus auf einzelne operative Entscheidungen von Kulturbetrieben. Dies betrifft etwa Eintrittspreisentscheidungen der Museen u.a. Die Diskussion um freien Eintritt in Museen tritt in Wellenbewegungen alle paar Jahre auf und beschäftigt die Medien und politische Entscheider, verunsichert die Kulturbetriebe (ARTAMIS 2001 sowie Bernd Günter und Anja Schaluschke im Gespräch 2015). Zumeist aus bildungspolitischen Überlegungen, weniger häufig aus sozialpolitischen Überlegungen und gelegentlich aus regional- und strukturpolitischen Überlegungen scheint der freie Eintritt in Museen ein wohlfeiler, interessanter, weil oft medienwirksamer Vorschlag. Erste Frage: warum Museen … und nur Museen? Fordert niemand freien Zugang zu anderen Kulturangeboten? Das würde gehen, wenn man es wollte. Zweite Frage: wer finanziert den öffentlich-rechtlich getragenen Teil unserer Kulturproduktion und -vermittlung? Der Nutzer? Der Steuerzahler einschließlich der Nichtnutzer. Ist nicht freier Museumseintritt eine Umverteilung zugunsten der kulturaffinen Besserverdiener? Dritte Frage: was soll das Ziel des unentgeltlichen Museumszugangs sein? Welche der vorstehend genannten Zielsetzungen? Vierte Frage: warum eigentlich – so üblicherweise die Forderung – nur für die Dauerausstellungen? An dieser Stelle die Formulierung „ständige Sammlung“ zu verwenden hieße vernachlässigen, dass in der Regel von einem Museum nur ein kleiner Teil der Bestände ausgestellt wird, der Rest in Depots verwahrt wird. Fünfte Frage: sind die behaupteten Wirkungen der Freigabe des Eintritts überhaupt empirisch nachgewiesen und nachhaltig … oder doch nur kurzfristig? Sechste Frage: wie verändert sich die Qualität der Museumsbesuche, wenn freier Eintritt gewährt wird? Siebte Frage: wenn in größeren Städten und Ballungszentren einzelne Häuser freien Eintritt gewähren, welche Konsequenz hat das auf andere Kulturbetriebe? So steht zu vermuten, dass nach Eröffnung des Berliner Humboldt-Forums, wenn der Zugang unentgeltlich ist, vor allem benachbarte Häuser (Museumsinsel, Deutsches His- Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? 143 torisches Museum u.a.), aber im Prinzip alle attraktiven Kulturdestinationen in Berlin die Leidtragenden sind … und dann nach finanzieller Kompensation rufen werden, um ihren Betrieb aufrecht erhalten zu können. Kulturpolitik darf auf der anderen Seite nicht immer abstinent sein, wenn es um schlicht unverständliche formale (nicht inhaltliche!) Entscheidungen des Kulturmanagements etwa zum Markenauftritt geht. So ist zu beobachten, dass fast immer, wenn sich im deutschen Theatersystem das Intendantenkarussell dreht oder die Museumsleitung wechselt, die neue Leitung das mühsam über mehrere Jahre (also durchaus nachhaltig) aufgebaute Markenkapital des Hauses mit einem Federstrich … oder besser: einem scheinbaren Kreativitätsblitz einer Agentur … vernichtet. Nur um über die nächsten Jahre unter maßgeblichem Einsatz von Zuweisungen der Träger neues Markenkapital aufzubauen. So entsteht immer wieder Neues, ein verändertes Corporate Design, Logo, Plakate, Flyer, Internetauftritt usw. Kann man dies nicht in Vertragsabschlüssen mit Kandidaten abdingen oder reduzieren? Ein Vorteil – bei allen Modernisierungswünschen – läge neben finanziellen Ersparnissen, die man eher den künstlerischen Inhalten zugutekommen lassen könnte, in der Kontinuität der Vertrauensbasis zwischen dem Kulturbetrieb und seinen Stakeholdern. Wenn eben die Rede von der Bestellung der Intendanten bzw. Direktoren ist, bleibt ein No-Go zu erwähnen. Leitungspersonal von Kulturbetrieben oder gar Kulturdezernenten auszuwählen und der Öffentlichkeit vorzustellen, dann aber den Vorschlag beim geringsten Gegenwind zurückzuziehen oder offenbar unvorbereitet und nicht abgesichert zu riskieren, dass der Kandidat wieder absagt, wirkt, vorsichtig formuliert, wenig professionell, riecht nach Nachholbedarf an Verhandlungsgeschick, Öffentlichkeitsarbeit und Schutz der jeweiligen Persönlichkeiten. Dennoch: es soll diese Fälle in jüngerer Zeit gegeben haben – siehe diverse Internetquellen; eine rheinische Regionalzeitung wittert da Routine und: nix gelernt. Ein letztes in diesem begrenzten Rahmen: erkennen eigentlich Kulturpolitik und Kulturmanagement zentrale Herausforderungen und Aktivitätsfelder der Zukunft rechtzeitig? Und sind sie dann bereit, dafür die erforderliche auch personelle Infrastruktur zu schaffen und/oder Projekte anzustoßen? Lassen Sie uns zwei Beispielfelder ansehen … und diesmal nicht die Diskussion um Migranten als Zielgruppe. Zum einen die Kunst- und Kulturvermittlung durch qualifiziertes Personal, insbesondere im Bereich der Zielgruppe „Kinder“, auch vor der Einschulung. Immer noch verfügen viele Kulturbetriebe nicht über umfassend oder hinreichend ausgebildete Kunst- und Kulturvermittler. Zwar hat sich in Museen und Theatern, im Konzertbereich wie auch im Tanzsektor in den letzten Jahren einiges verbessert, werden Angebote der kulturellen Bernd Günter 144 Bildung auch von den öffentlich-rechtlichen Trägern und Stiftungen gefördert – aber eben nicht genug und noch längst nicht in allen mittleren und kleineren Häusern. Denn die Kulturvermittlung ist auf engagierte angestellte und weniger freie Mitarbeiter angewiesen (Achtung: Personalkosten !!!), möglichst mit einschlägiger Qualifizierung. Diese aber wird nicht umfassend und intensiv genug betrieben – das Land NRW ist ein geeignetes Beispiel für fehlende Aus- und Weiterbildung auf diesem Gebiet. Zwar versucht der Master-Studiengang „Kunstvermittlung und Kulturmanagement“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf seit 2016, dem entgegenzuwirken. Aber er steht im größten deutschen Bundesland ziemlich isoliert da, nachdem u.a. das CIAM (Center of International Arts Management) in Köln 2014 stillgelegt wurde. Wären da nicht öffentliche Träger, Gebietskörperschaften wie auch Stiftungen gefordert? Stiftungen, die in einigen Fällen natürlich lieber einzelne Projekte mit begrenzter Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit fördern als Personalausstattung zur Kulturvermittlung! Zum anderen ist da – und zwar durchaus in Verbindung mit dem vorigen Thema – die frühzeitige Erschließung zukünftiger digitaler Möglichkeiten der Kulturproduktion, -distribution und -rezeption. Man kann mit Stand von Anfang 2019 nicht behaupten, dass unsere großen Kulturbetriebe auf die digitale Revolution vorbereitet seien. Damit ist nicht der Umgang mit dem Internet und den Social Media gemeint, auch nicht die sicherlich wichtige Bewahrung unseres kulturellen Erbes in digitaler Form. Gemeint ist allerdings die Integration der Techniken Augmented Reality und Virtual Reality zur Verbesserung der Erlebnisqualität. Und die dahinterstehende Neuorientierung und Qualifikation des Personals, insbesondere des Leitungspersonals. Nicht nur aus der Sicht des Betriebswirtes und Management-Experten, sondern auch aus Sicht engagierter Kunstwissenschaftler und Kulturmanager wie etwa Holger Simon (2019) erfordert die Auseinandersetzung mit digitalen Prozessen grundsätzliches Infragestellen herkömmlicher Aktivitäten und Strukturen. Das von Staatsministerin Grütters angestoßene 15-Millionen- Projekt „Museum 4punkt0“ ist sicherlich ein interessanter Meilenstein, kommt aber spät und erfasst nur sehr wenige Museen extrem selektiv. Und es bleibt Anfang 2019 abzuwarten, ob es auch den drei besonders großen beteiligten Einrichtungen gelingt, Akzente zu setzen und vorbildliche Strukturen und Projekte zu entwickeln. Was bringt die Digitalisierung für Kulturbetriebe? Erleichterte und beschleunigte Abläufe, die Kombination unterschiedlicher Medien und Informationsträger, die Möglichkeit, Eintaucherlebnisse zu schaffen wie sie bisher kaum möglich waren („Immersion“), blitzschnelle Auswertung verschiedener Verfahren der Publikumsfor- Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? 145 schung, mehr Teamwork und Kooperation, unbegrenzte Reichweiten barrierefrei usw., bis letztlich zur Möglichkeit virtueller Museen (Günter 2016 und 2019). Dazu muss das Leitungspersonal Strategien, Strukturen und veränderte Prozesse entwickeln, ein Abschieben an Spezialisten ist nicht dazu geeignet, das gesamte Personal eines Kulturbetriebes hinter Ideen des Museum 4.0 zu versammeln und zukünftigen Herausforderungen zu begegnen. Quellen ARTAMIS Kulturmanagement AG unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Bernd Günter (ARTAMIS 2001): Eintritt frei in Museen? Chancen, Risiken und Alternativen aus der Sicht des Museums-Marketing, in: museumskunde, Bd. 66, 1/2001, S. 123–127. Bernd Günter und Anja Schaluschke im Gespräch (2015): Freier Eintritt ins Museum? Eine alte, immer neue Diskussion, in: museumskunde, Band 80, 2/2015, S. 89–91. Fabricius, Golo / Büttgen, Marion (2015): Project managers’ overconfidence: how is risk reflected in anticipated project success? In: Business Research , Vol. 8., no. 2, S. 239–263. Föhl, Patrick S. / Glogner-Pilz, Patrick (Hrsg.) (2016): Handbuch Kulturpublikum, Forschungsfragen und -befunde, Wiesbaden 2016. Grasskamp, Walter (2016): Das Kunstmuseum – Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion, Verlag C.H. Beck, München 2016. Günter, Bernd (2019): Virtual Reality und der Weg zum virtuellen Museum, in: Claudia Emmert und Ida Neddermeyer (Hrsg.): Schöne neue Welten, Tagungsband zur Abschlusstagung April 2018, Zeppelin-Museum Friedrichshafen 2019, S. 220–231 (dort parallel auch eine englischsprachige Version). Günter, Bernd (2016): Virtuelle Museen – Zukunftsmusik oder reale Option? in: KulturBetrieb, Ausgabe vier, Oktober 2016, S. 10–11 (deutschsprachige Version eines Vortrages, gehalten auf der World Conference 2016 des international Council of Museums ICOM, Juli 2016 in Mailand). Günter, Bernd (2018): Wert, Wertschöpfung und Wert-Schätzung im Kunst- und Kulturbereich, in: Mahmoudi, Nathalie und Mahmoudi, Yasmin (Hrsg.): Kunst – Wissenschaft – Recht – Management, Baden-Baden 2018, S. 365–377. Simon, Holger (2019): Wandel durch Innovationen. Zur digitalen Transformation in den Kulturbetrieben. In: Pöllmann, Lorenz / Hermann, Clara (Hrsg.): Der digitale Kulturbetrieb. Berlin 2019 (im Druck). Weißenberger, Barbara (2015): Lassen Sie die Kosten nicht unbeaufsichtigt. Vortrag im Haus der Universität Düsseldorf 27.10.2015. https://mediathek.hhu.de/w atch/63881253-a5f8-4db2-b3ca-927a2ded59ad und https://www.rwth-aachen.de/g lobal/show_document.asp?id=aaaaaaaaaarxvah. Bernd Günter 146 Ferner verschiedene Internetquellen, u.a.: www.dritteorte.nrw.de. https://www.stiftungen.org/news/museum4punkt0-digitale-technologien-eroeffnenneue-erlebniswelten-im-museum.html. https://www.ksta.de/kultur/koelner-schauspielhaus-nachfolger-fuer-bachmann-wird -verkuendet---intendant-stinksauer-31923310. https://rp-online.de/kultur/neuer-schauspiel-intendant-koeln_aid-36527773. https://mediathek.hhu.de/watch/63881253-a5f8-4db2-b3ca-927a2ded59ad. Kulturpolitik und Kulturmanagement – Traumpaare? 147 Christoph Nix – eine Begegnung von Wolfram Mehring 1998 Nationaltheater Weimar. Plötzlich reißt mich das Telefon aus der Probe. „Christoph Nix!“ (- – – Wer ist das – – -?) „Intendant im Theater Nordhausen.“ (- – – Wo liegt das – – -?) „Wir sollten uns kennenlernen! Eine Mitarbeiterin hat mir viel von Ihnen erzählt. Astrid Schweimler!“ – Ich horche auf, breche die Probe ab. Astrid Schweimler! Eine sensible, intelligente, selten weltoffene Frau. Als Regieassistentin hat sie mir viel von ihren Forschungsarbeiten über den Stuttgarter Schriftsteller Albert Friedrich DULK erzählt. Eine bessere Empfehlung kann es nicht geben! Dann wieder CHRISTOPH NIX: „Außer Intendant und Regisseur bin ich noch Professor und praktizierender Jurist!“ (Etwa „Richter?“ Ich will sofort abbrechen) Doch dann: „Strafverteidiger bei Kapitalverbrechen!“ (Strafverteidiger und Intendant! Eine Seltenheit! Er müsste hinter die übliche Theaterkulisse schauen). Wieder Christoph Nix: „Aber sonst bin ich noch CLOWN“. Was? Ein richtiger Clown?? „Ja, Clown!“ Das ganze Spektrum der offiziellen Theaterwelt, von Theaterliteratur bis zu sich wichtig nehmender politisch-ideologischer Theaterplakatiererei bricht zusammen vor dem kleinen Wort: „Clown!“. Die Bühne als Panoptikum verlachter Theater- (Un)wichtigkeiten?? Am darauffolgenden Wochenende folge ich einer Einladung nach Nordhausen. Dort ein Nachmittag und Abend in seiner Familie. Wir spielen mit den Kindern, kommen uns näher im Gespräch über Astrid Schweimler, tauschen Meinungen aus über „Gott und die Welt“. Kein Wort über die Theaterwelt. Dann ganz nebenbei die Frage, ob ich bei ihm, in seinem Ensemble, inszenieren würde. Er sei ja ab dem kommenden Jahr Generalintendant am Staatstheater Kassel. Ich sollte es mir überlegen. Ich meinte, er solle sich doch zunächst meine Opernpremiere ansehen. Nachdenklich fuhr ich zurück zur Probe nach Weimar. Wäre es sinnvoll, Christoph Nix und sein Team beim Sprung in eine dieser Produktionsmaschinen deutscher Theater zu begleiten? Was gab ich auf? Wieviel Freiheit? 149 Über vierzig Jahre lang hatte ich hinter den Besonderheiten europäischer, asiatischer, afrikanischer Kulturen das Gemeinsame gesucht, entdeckt, in Produktionen vermittelt und mit jugendlichem Eifer den „acteur total“ proklamiert. Nur gelegentlich gab es bisher Ausflüge auf deutsche Bühnen. Ich war dort auch freundschaftlich empfangen worden. Und jetzt? Kassel hatte mit der „Documenta“ wohl den Ruf, eine weltoffene Stadt zu sein, und diese erste nicht zu definierende persönliche Begegnung mit Christoph Nix hatte mich berührt, menschlich überzeugt. Zurück in Weimar sagte ich zu... Christoph Nix bot mir die Operndirektion an, was ad hoc meinen Erwartungsmöglichkeiten entsprach: Musiktheater als Tor zu irrationalen menschlichen Identitäten. Ich vereinbarte mit Christoph Nix das Projekt eines thematisch orientierten, multikulturellen Spielplans, auch mit späteren Einladungen ausländischer Ensembles, zunächst aus Korea und Japan. Bei der ersten Begegnung mit den „Freibeutern“ – so stellte sich das von Christoph Nix zusammengestellte Leitungsteam vor – hatte der zukünftige Kasseler Intendant sein Konzept für die geplanten Spielzeiten entwickelt. Was bei Leitungswechseln in einem Theater gewöhnlich lapidar auf einer Seite des ersten Spielzeitheftes angekündigt wird, war hier in umfangreichen Grundsatzerklärungen, Themen und Thesen detailliert vorgestellt, erklärt, hinterfragt. Kurz nach dem „Mauerfall“ war Christoph Nix mit höchstem politischgesellschaftlichen und künstlerischen Einsatz angetreten, und ich fragte mich, in wie weit das Leitungsteam den Ansprüchen genügen würde. Mit klaren Argumenten und sprachgewandter Klarheit wusste Christoph Nix immer wieder Ziele und zukünftige Arbeitsweisen überzeugend zu vermitteln und auf Fragen und Kommentare zu antworten. Einige der Mitarbeiter kamen offensichtlich aus der früheren DDR. Gruppiert um „den Chef“ holten sie nun alle ihre Laptops hervor und schlugen sie auf. Mit Notizblock und Kugelschreiber kam ich mir vor wie ein Relikt aus theatralischer Urzeit. Eine neue Epoche hatte begonnen. Die digitale Welt hatte mich überholt. Mit Respekt bemerkte ich, dass es für Christoph Nix kein Problem war. Hochmotiviert stürzte man sich in die erste Spielzeit. Ich inszenierte Macbeth von Verdi in der aufwendigen Ausstattung von Wolf Münzner. Dann die Überraschung: Christoph Nix eröffnete uns, er wolle mitspielen! König DUNCAN, der gleich zu Beginn der Oper ermordet wird. Ein stummer Auftritt. Er verließ damit, wenn auch nur kurz, den Stuhl des Intendanten und integrierte sich ins Ensemble. Fortan gehörte er dazu, blieb als Wolfram Mehring 150 Chef nicht „draußen.“ Diese Einstellung ist typisch für Christoph Nix. Er demonstrierte auch später nie den absolut regierenden Theaterdirektor. Die ersten zwei Jahre verliefen reibungslos, sehr erfolgreich. Das Publikum wurde gefordert. Zuerst überrascht, ließ es sich aber bald in allen drei Sparten auf neue, oft avantgardistische Darstellungen ein. Bald jedoch begann sich das vom Erfolg geprägte Klima in und um das Staatstheater Kassel zu verändern. Neid und Missgunst, die im Theater üblichen Querelen ließen sich auch hier nicht vermeiden. Unlautere, haltlose Vorwürfe über den Führungsstil begannen das bisher nur positive Klima zu vergiften. Nix war Verleumdungen aus dem Haus selbst ausgeliefert. Er, der juristisch als Verteidiger gearbeitet hatte, war hilflos, wenn es um die eigene Verteidigung ging. So schwieg er vor bösartigen, ungerechten Angriffen und Verleumdungen, die versteckt auch aus dem eigenen Hause kamen... Budgetprobleme taten den Rest, um die Arbeit zu erschweren. So konnte u.a. das mit Nix verabredete Projekt eines kulturübergreifenden Spielplans mit Korea und Japan aus finanziellen Gründen nicht mehr realisiert werden. Ich verabschiedete mich deshalb von der Operndirektion, inszenierte aber weiterhin am Staatstheater Kassel. In keinem deutschen Theater hatte ich bisher soviel Intrigen und Unsachlichkeit in einer sich ihrer demokratischen Offenheit brüstenden Gesellschaft erlebt. Zwei Jahre später verließ auch Christoph Nix das Theater Kassel und kehrte zurück zur Sicherheit objektiver Wahrheits- und Wirklichkeitssuche in den Rechtswissenschaften. Dann – 2006 – wieder ein Anruf, wie zu Beginn unserer Bekanntschaft. Er sei jetzt am Bodensee, übernehme das Stadttheater Konstanz und müsse nun ein neues Schauspielensemble zusammenstellen. War am Staatstheater Kassel damit von ihm der Schauspieldirektor Armin Petras beauftragt, so lag diese Aufgabe nun bei ihm selbst. Er lud mich dazu nach Konstanz ein. Ich wusste, dass eine Bewertung von Schauspielern nur in der Zusammenarbeit und nicht in vorprogrammierter Interpretation und „Abrufbarkeit“ sinnvoll ist. So enthielt ich mich jeder Kritik beim Vorsprechen und Vorspielen junger Komödianten, überließ dieses Los dazu auserkorenen jungen Regisseuren. Ich entdeckte jedoch einen mir bisher unbekannten Christoph Nix: wie er immer wieder bemüht war, Prüflinge und auch spätere Mitarbeiter menschlich positiv zu sehen, statt nur „objektiv“ zu bewerten. So gelang ihm auch problemlos der Sprung aus dem Inferno kulturund kunstfeindlicher Großindustrie auf eine „nur“ dem Schauspiel verhaftete, diskussionslustige, spielfreudige Bühne. Seiner ständig Aufbruch suchenden Natur gelingt es vierzehn Jahre lang einem „Haus“ treu zu bleiben und dort nach neuen, frischen Zielen Ausschau zu halten. Christoph Nix – eine Begegnung 151 Auch hier gab es Probleme, Unstimmigkeiten, Querelen, die bei jeder Stillstand vermeidenden Produktivität und bei den in ihrer Sensibilität besonders ausgelieferten Bühnenkünstlern unvermeidlich sind. Seine „Freibeuter“ mussten ständig die „Tiefe des Bodensees“ neu ausloten, – was immer wieder außerhalb und auch im Ensemble Kopfschütteln und Proteste auslöste. „ – – – Nie an Land – – – immer unterwegs auf hoher See – oft ist Sturm, manchmal ist Flaute“ ist wohl noch immer einer seiner Leitsprüche. Im „Großen Haus“ und an verschiedenen neuen Spielorten erobert sich das neue Ensemble sein Konstanzer Publikum. Ob Spielleiter oder Darsteller: der Intendant gibt Freiheit, schaltet sich in den kommenden Jahren nur dann in Probenprozesse ein, wenn z. B. „Klagerufe“ über regieliche Verirrungen oder einen zu autoritären Führungsstil zu ihm dringen. Aus fundierten Meinungsunterschieden hält er sich heraus. Christoph Nix weiß um die Wichtigkeit freier Spielräume in kreativer Arbeit. Nur einmal klaffen unsere Einstellungen zu inhaltlichem Konzept auseinander. Er kommt aus einer meiner Endproben zu Büchners „Dantons Tod“. Die Aufführung ist ihm nicht genügend „politisch hinterfragt“- Danton ist offensichtlich nicht so dargestellt wie er es sich wünscht. Etwa als Held zu Freiheit und Revolte. Aber Dantons Sätze „Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht“ oder „ wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe haben“ sind wohl übersehen oder sind für den immer aktionsbereiten, „Gerechtigkeit suchenden“ Christoph Nix Stillstand, Kapitulation, Resignation und eine unerträgliche Absage an die „befreiende französische Revolution“? Hätte er dem „Schlächter von Paris“ Robespierre auf Grund dessen Gerechtigkeitssuche „mildernde Umstände“ zugesprochen? Nur er kann es wissen. Christoph Nix hat während seiner Zeit als Intendant nur wenig inszeniert. Nur zögernd folgte ich einer Einladung zu seiner Regie von „Warten auf Godot“. Zu sehr rufen mich Samuel Becket, Roger Blin und viele andere Namen unserer jugendlichen Revolte gegen eine Pariser Kulturbourgeoisie der 60er Jahre wach. Heutige Bühnen bemühen sich verdienstvoll um die Renaissance halbvergessener Inhalte und Texte. Doch was diese Inhalte und Texte hervorrief, woher und wie sie im Herzen und Denken bewusst wurden, ist verdämmert, ging auf den Abstellgeleisen der Theatergeschichte verloren. Eine „rückblickende“ Avantgarde versucht es ganz neu ins Heute einzubringen, zertrümmert stattdessen, was von den Ursprüngen noch übrig- Wolfram Mehring 152 blieb, in eindrucksvollen szenischen Licht- und Tonillustrationen der Computertechnik. Nun erlebte ich die Inszenierung von Christoph Nix. Nicht als Blick zurück, sondern als heutigen Aufbruch, aber ohne Computer, ohne digitalen Einsatz. Ein paar Schauspieler auf schräger Bühne, nur Menschen, mit Christoph Nix’ Clownsphilosophie ein Sprung in den menschlichen Ursprung. Die Welt nicht „absurd“ – nicht „irreal“, doch sehr nahe einer surrealen, überzeitlichen Wirklichkeit. Das „Kleine Theater Konstanz“ zeigte auf kleiner Bühne, wie THEATER auf „großem Theater“ aussehen könnte. Wie kleine Theater im Paris der Aufbruchszeit in den 50–60er Jahren internationale Theatergeschichte geschrieben haben und die Sehgewohnheiten des Pariser Publikums veränderten, erweiterten, protestieren oder erstaunen ließen. Und Godot? Wir „warten“ mit Christoph Nix’ Godot in surrealer Zeitlosigkeit unter der Realität, oder weit über der Realität, die uns die unbegreifliche Natur verbirgt; wie die Maler der Bilder vom Montparnasse es so eindrücklich gestaltet haben. Durch Ausflüge in die Ursprünglichkeit der afrikanischen Kunst und Theaterwelt verließ Christoph Nix mit seinem Konstanzer Ensemble wiederholt die solide Welt der deutschen Kulturszene und schaffte durch Einladung afrikanischer Künstler nach Konstanz und gegenseitigen Austausch einen transkulturellen Dialog. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Chef eines subventionierten deutschen Stadttheaters auf Augenhöhe „armen Kollegen“ der früheren „Dritten Welt“ begegnete, hat auch heute noch Seltenheitswert und ist ein Beitrag gegen europäischen postkolonialen Rassismus. Mit „El Cimarron“ hatte Christoph Nix die Schicksalsbiographie eines kubanischen Sklaven auf den Spielplan gesetzt. Ich bearbeitete die Geschichte und inszenierte sie mit dem togolesischen Schauspieler Ramses. Bei der Generalprobe war Christoph Nix im Zuschauerraum. Als zum Schluss der Aufführung der Sklave Cimarron zurück in die Einsamkeit des Waldes geflüchtet war, blickte der Intendant noch lange schweigend auf die Bühne: Der CLOWN hatte geweint. Christoph Nix – eine Begegnung 153 III. Partisanen Geld und Geist – geht das? Von Konrad Hummler Jeremias Gotthelf war Realist genug, um zu wissen, dass zu viel Mammon schädlich ist, zu wenig aber auch gar nicht geht. Die Idylle auf dem wohlhabenden Hof Liebiwyl endet nicht wegen des Wohlstands der gottesfürchtigen Bauersleute, sondern infolge einer bösartigen Spekulation, zu welcher der Bauer Christen durch den arglistigen Gemeindeschreiber verleitet worden war, und die Freigiebigkeit seiner Ehefrau Änneli wird erst dann fragwürdig, als kein Geld, sondern nur noch Schulden vorhanden sind. Der Fluch des reichen und dennoch habgierigen Dorngrüterbauern wird durch keinen Geist gebrochen, auf dass das junge Pärchen Resli und Anne Mareieli heiraten könnten – ob sie als Romeo und Julia im Bernerland je glücklich würden, lässt Gotthelf offen, denn die Geldfrage hat beide auf ihre Weise schon verdorben. Zu wenig, zu viel – der Geist ist rasch einmal weg. Nun, bei Gotthelf, nomen est omen, geht es vorab um den heiligen, bei uns und im Folgenden um den profaneren Geist schlechthin, ohne den es im Zusammenleben der Menschen untereinander so wenig geht wie in einem Automobilgetriebe, dem Öl und Schmierfett fehlen. Auf das Masshalten also komme es an, würde der Moralist sagen, und Gotthelf meinte es wohl auch so, wenngleich in seinen Geschichten das Schicksal so raffinierte Kapriolen schlägt, dass einfache Kausalitäten bei der Moralfrage ins Leere zielen. Der Ökonom denkt unverzüglich an die Effizienz des Mitteleinsatzes – die richtigen Mittel zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das ist seine Denkkategorie. Auch er hat natürlich recht, und seine Position ist gar nicht so weit von jener des Moralisten entfernt. Adam Smith war ja in erster Linie Moralphilosoph. Tausch lässt erblühen, nicht zuletzt auch den Geist, so das Mantra. Und zum Tauschen braucht‘s Geld, sonst wird‘s mühselig. Geist bedingt also Geld. Dass umgekehrt Geld den Geist ertötet, wissen wir nur zu gut: zu viel oder zu wenig. In Dagoberts Speicher weht wenig Geist Zu viel: Da kommt mir spontan eine Visite bei einem meiner Privatbankkunden an der Côte d‘Azur in den Sinn. In der prachtvollen, mit viel Pseu- 157 dobarock versehenen Villa stand an prominenter Stelle ein weisser (!) Steinweg-Flügel, verziert mit Stuckatur aus Blattgold. Als ich mich hinsetzte, um Bachs Präludium Nr. 1 aus dem Wohltemperierten Klavier anzuspielen, war das Instrument derart verstimmt, dass ich nach wenigen Takten aufhören musste. Tasten blieben hängen. Daraufhin nahm ich das ganze Anwesen und alle darin befindlichen Menschen nur noch als geistlos, ignorant und leer wahr. Alles Staffage! Kein Kunstwerk, so echt es auch sein mochte, konnte mich mehr interessieren, kein Gespräch mehr fesseln. Ich absolvierte den Besuch nur noch aus eigener Geldgier, die latente Empathie zur Sache und zu dem Menschen war erstorben. Wer einen Steinweg-Flügel bis zur Unspielbarkeit vernachlässigt, derweil für alles andere kein Aufwand zu hoch sein kann, begeht eine Todsünde. Denn er enthält ihn Menschen vor, die deutlich mehr damit anfangen könnten. Selbst in einer Musikschule für Anfänger wäre er besser plaziert gewesen als im Prunksaal des Möchtegernschlosses. Ein ähnliches Gefühl zwar nicht der privaten, sondern der institutionalisierten Geistlosigkeit beschleicht mich bei Vernissagen mit moderner Kunst, wo auf Teufel-komm-raus Gescheites zum Ausstellungsgut gesagt werden muss und Frauen aus untertellergrossen Rundrandbrillen mit gelifteten, aber stumpfen Augen in die Runde blicken, derweilen sich ihre momentanen zumeist männlichen Partner mit den Spekulationsgewinnen ihrer jüngsten Kunstkäufe brüsten. Zuviel: Das gibt es aber auch im Bereich der subventionierten Kultur, der Staatskultur, die möglichst viele Anspruchsgruppen möglichst breitgestreut bedienen will, weil sich die Politik auf diese Weise Sympathien sichern kann. Es gibt zwar einen Verteilkampf um angeblich zu wenig vorhandene Mittel für kulturelle Belange. Von etwas, das man kostenlos erhält, hat es immer zu wenig. Also hat es zu viel. Und so kommt es dann, dass am Ende eine unabsehbare Zahl von Tanzinitiativen, veritable Hoppsgruppen oder auch esoterische Yoga-Vereinigungen, in den Genuss von Steuermitteln kommen, knapp schreibfähige Menschen zu Autor(inn)en emporstilisiert werden und die Mandalas von Makramé- Zirkeln die Wände der ohnehin bei weitem zu zahlreichen und unterdurchschnittlich besuchten Ausstellungssäle zieren. Man wünschte sich, dass sich solcherart inflationierte Kultur durch das Stahlbad einer echten, nicht subventionierten Publikumsnachfrage kämpfen müsste, auf dass Geist und Ungeist ausgefällt würden. Konrad Hummler 158 Aus nichts kommt zu wenig Zu wenig: Ressourcen sind knapp, sagt der Ökonom, und ihre Verteilung ist deshalb prekär. Im Idealfall, und der politisch nicht Schiefliegende meint damit die Marktwirtschaft, erfolgt die Allokation entlang der ökonomischen Effizienz. Will heissen, dass die Mittel dorthin fliessen, wo sie am meisten Ertrag bringen. Die Marktwirtschaft in diesem Pareto-optimalen Sinn funktioniert allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss Information erhältlich und frei austauschbar sein über die Produktionsfaktoren und die Zielobjekte der Mittelverteilung. Der Prozess zur Bewirtschaftung von Information ist seinerseits ein ökonomischer – er ist kostspielig. Zweitens: „Ertrag“ ist ein schwieriges Ding, sintemal in kulturellen Belangen. Denn er kann zum einen nicht zeitgleich anfallen, sondern vielleicht beziehungsweise sehr wahrscheinlich erst viel später, und zum andern ist kultureller Ertrag schwer bezifferbar, weil Kultur zu den sogenannten öffentlichen Gütern gehört, die von vielen konsumiert werden können, ohne dafür direkt bezahlen zu müssen. Kulturproduktion ist deshalb zumeist auf einen reichen Sugardaddy oder eine begüterte Zuckerbrottante angewiesen – oder eben auf den Zwangsmechanismus über die Steuern und die Subventionen, mit dem oben beschriebenen Effekt der politischen Überallokation an die Geistlosen. Es gab in der Geschichte und gibt noch immer, das heisst hier und jetzt, die Situation, wo die Information über die Genialität eines geistreichen Könners fehlt oder in einer Sackgasse gelandet ist, und wo eine tiefe Tasche einer grosszügigen Mäzenin oder eines Sponsors eben gerade nicht verfügbar ist oder wo auf dem Zwangsweg der Steuern ergatterte Mittel, weil politisch alloziert, den Weg zu den wirklich lohnenden Zielobjekten nicht finden. Schubert, der Nichtgeförderte! Was, wenn er von der Wiener Gesellschaft wenigstens halbwegs erkannt und anerkannt worden wäre? „Die Unvollendete“ komplettiert, eine echte deutsche Oper komponiert, ein Klavier-, Violin- und Cellokonzert geschrieben? Weil Schubert an besseren Orten vielleicht seine Krankheit gar nie aufgelesen hätte oder, wenn schon, sich eine bessere Behandlung hätte leisten können? Und so nicht lediglich 31, sondern vielleicht 50, 60 Jahre alt geworden wäre? Wer meint, Geldmangel verhelfe zu mehr Kreativität, der kennt die Biographien von Händel, Bach oder Mendelssohn zu wenig. Keinem von diesen ging es materiell schlecht, und sie gehören zu den produktivsten Komponisten schlechthin. Nein, es ist so: zu wenig Geld und damit ein prekäres Leben kann ein brutal limitierender Faktor sein, die Opportunitätskosten durch Nichtförderung können Geld und Geist – geht das? 159 enorm hoch ausfallen. Wir kommen auf den Fall Schubert zurück und werden ihm gleich noch Mozart hinzufügen. Oder der Kunstmaler Andreas Walser: Bündner, lebte zur selben Zeit wie Picasso in Paris, nämlich in den späten 1920er-Jahren. Seine Bilder sind so expressiv wie jene seines berühmteren Zeitgenossen. Aber er fiel aus der Gesellschaft, wurde drogensüchtig und starb arm und einsam im Jahre 1930. Was, wenn er noch rechtzeitig entdeckt worden wäre? Die Vorstellung betrübt, denn seine Hinterlassenschaft ist schon so eindrücklich genug. Walser wäre ein Arthur Honegger der Malerei geworden, ein Schweizer mit Erfolg im Ausland. Gegenbeispiel zum ungewollt Nichtgeförderten ist natürlich der mittellose Philosoph Diogenes. Er lebte angeblich in einem Fass, seinem einzigen Besitztum, und predigte und lebte die Selbstgenügsamkeit, die autárkeia. Diese führte bei ihm soweit, dass er alle seine Lebensverrichtungen vom Essen übers Schlafen bis, ja, hin zur Selbstbefriedigung in aller Öffentlichkeit absolvierte. Alexander den Grossen bat er, aus der Sonne zu treten – einen anderen Wunsch hatte er für den mächtigsten Mann jener Zeit keinen übrig. Souverän bis zum Umfallen, Geist, nur Geist allein, ganz ohne Geld. Allerdings: Der gute Diogenes hat nichts Handfestes seiner Nachwelt überliefert, alles, was wir über ihn zu wissen vorgeben, sind Anekdoten und, zugegebenermassen gute, Geschichten, unter anderem von Plutarch. Als idealtypisches Wesen von Geist ohne Geld taugt er gewiss, allein, man wünschte sich nicht eine ganze Zivilisation von im Staube liegenden Rüden, die nichts tun als sich selber zu lecken. Geld und Geist in Koexistenz Halten wir kurz inne. Es gibt sie selbstverständlich, die weitgehende Geistlosigkeit infolge von zu viel Geld, von Überfluss, von Gesättigtsein, ja, selbst Gesättigtsein von zu viel angeblich vorhandenem Geist. Wer je ein Seminar oder Kolloquium mit angeblich Intellektuellen, zumeist einfach lexikalisch gewandten Reproduzenten von schon einmal Gedachtem mitgemacht hat, weiss, worum es geht. Und es gibt auf der andern Seite das Versiegenlassen, das Abwürgen, das Ersterbenlassen des Geistes infolge der Nichtexistenz einer zivilgesellschaftlichen Förderungskultur, infolge eines fehlgeleiteten, nach politischen Kriterien funktionierenden Subventionssystems oder auch schlicht, weil zum entscheidenden Zeitpunkt einfach keine oder zu wenig Mittel da sind, um segensreich eingesetzt zu werden. Im Übrigen aber, und das ist die grosse Zahl aller Fälle, also sozusagen der Normalfall, bedingen sich Geld und Geist gegenseitig, befruchten sich, und Konrad Hummler 160 aus diesem Prozess heraus erfolgt die gewünschte Multiplikation des Geistes, die wir Kultur nennen. Stellt sich aber die Frage, wie dieser Befruchtungsprozess im Einzelnen verlaufen soll, um zum Erfolg der Geistesmultiplikation zu führen. Meine Erfahrung: Alles hängt von der Sequenzierung ab. Es gibt eine Zeit, da nur der Geist wehen und umherschwirren soll, und es gibt eine Zeit, in der das Geld regieren muss. Und dann gibt es auch noch eine Zeit, in der beides, Geist und Geld, zusammenkommen sollen. Alles andere funktioniert nicht. Und was nun folgt, trifft sowohl für den engeren Bereich der Kulturproduktion zu als auch für die viel weitergefasste Welt der Unternehmensentwicklung. Wie kann ein kreativer Prozess der Kombination von Geld und Geist ablaufen? Die Zeugung zuerst So: Am Anfang steht die Idee, und nur die Idee. Der Geist schwebt über den Wassern, irgendwann funkt‘s, und aus der Ursuppe diffuser Gedanken wird eine Idee. In dieser Phase hat Geld nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Nichts ist schlimmer, als wenn jemand eine kreative Stunde mit der Bemerkung stört: Aber das ist überhaupt nicht zu bezahlen...! Auch die Frage der Machbarkeit hat in dieser Phase noch nichts zu suchen. „Unmöglich!“ darf es in der kreativen Phase nicht geben, der menschliche Geist ist schon von Natur aus genug gehemmt. Am besten ist es, wenn deduktiv und induktiv Denkende zur Ideengenese zusammenkommen und wenn ganz viel Assoziatives erlaubt ist, auch auf die Gefahr hin, dass die Gespräche ausufern. Auch „Blödsinn“ muss erlaubt sein, denn zumeist ist er weniger blöd, als er scheint. Ideengenese ist in bestimmter Hinsicht ein erotischer Prozess, der dem Höhepunkt zustrebt, indem vieles ausprobiert wird und sich irgendwann doch eine Konzentration auf das Wesentliche einstellt. Persönlich machte ich die besten Erfahrungen mit Bahnfahrten und Wanderungen. Das Vorbeiflitzen immer anderer Bilder und Aussichten beziehungsweise der ablenkende Trott zumeist gleicher werdender Schritte hilft, ein kreatives Gespräch zu führen. Nichts ist öder als ein Sitzungszimmer, womöglich noch mit Bildschirm und vorbereitenden Charts, und etwas Geisttötenderes als Bullet-Points gibt es ohnehin nicht. Denn Kreativität läuft nicht im Batch-Processing-Verfahren ab, sondern muss immer ein wenig chaotisch bleiben. Wer eine Liste von Punkten abarbeiten muss, bewegt sich notwendigerweise mit dem Kraftfeld von Buchhaltern oder Revisoren. Bahnfahrt oder Wanderung: Das örtliche Ziel oder Zwischen- Geld und Geist – geht das? 161 ziel gibt den Rhythmus vor, nach welchem Resultate oder Teilergebnisse zu entstehen haben. Das erfolgt zumeist völlig von selber. Am örtlichen Ziel wird man sich auch einig sein. Wichtig ist, diese Sequenz mit einer schriftlich gefassten „idée de manoeuvre“ abzuschliessen. Sie muss glasklar sein. Eine Art Absichtserklärung, entlang der die nächsten Schritte vorzunehmen sind. Das Streichquartett in der Eigernordwand Die Abklärung der Machbarkeit, „Feasability“, liegt zwischen der kreativen Ideenfindung und der Finanzierungsfrage. Diese Positionierung im Sandwich führt zu zwei Herausforderungen: Zum einen sollte in dieser Phase die „idée de manoeuvre“ nicht verloren gehen oder bis zur Unkenntlichkeit verfälscht werden. Sonst muss man im Grunde genommen noch einmal von vorne beginnen. Manch geistloses Konzept verdankt diese Eigenschaft den Warnern vom Dienst und den Angsthasen, die eine anfänglich grandiose Idee dermassen verwässert und zerzaust haben, dass sie sozusagen unkenntlich geworden ist. Zum andern müssen die finanziellen Restriktionen hier natürlich zum ersten Mal zur Sprache kommen. Es hat keinen Sinn, eine Mondlandung zu planen, wenn schon Mittelbeibringung für eine Kutschenfahrt Mühe bereitet. Dennoch: Finanzrestriktionen sind etwas anderes als die Frage der Finanzierung, der womöglich wiederum kreativen Suche nach Finanzmitteln. Jene Aktivität muss Phase 3 vorbehalten sein. Bei der Abklärung der Machbarkeit geht es um Physisches und vielfach auch um Personelles und sodann um die Frage der Inszenierung. Beispiel: Anfangs der 1990er-Jahre konzipierte ich zusammen mit dem süddeutschen Literaten Jochen Kelter und dem St. Galler Musiker Rudolf Lutz einen Musik- und Literaturzyklus, bei dem 250 Jahre Kulturgeschichte erlebbar gemacht werden sollten – dies zum entsprechenden Jubiläum meiner damaligen Privatbank. Die Idee bestand darin, in den jeweils zur Periode passenden Räumlichkeiten der Stadt passende Musik aufzuführen und entsprechende Lyrik zu lesen. Es war relativ einfach, einen Rokokosaal, ein Biedermeier-Palais und eine spätromantische Kirche zu finden. Luigi Nonos „La fabbrica illuminata“ für Tonbandgerät und Solosopran wollten wir aber unbedingt in einem echten Industriebetrieb aufführen (eine in der Rückschau für einen jungen Privatbankier mit eher konservativ veranlagten Vermögensverwaltungskunden eigentlich recht wagemutige Angelegenheit). Wer unterbricht gerne seinen Betrieb für ein Konzert einer Drittfirma? Und lässt sich mit dem Werk eines italienischen Erzkommu- Konrad Hummler 162 nisten beglücken? Wir fanden den Betrieb, und das Konzert wurde für alle Beteiligten zu einem besonderen kulturellen Erlebnis, weil alles zusammenpasste. Ausser, vielleicht, der politische Anspruch des Komponisten – denn die postindustrielle Sauberkeit des St. Galler Betriebs relativierte die Berechtigung proletarischer Ansprüche ein Stück weit. Machbarkeit: Wie das Beispiel zeigt, kann man mit durchaus beschränkten Mitteln enorm viel Geist produzieren, vorausgesetzt, man verfügt über genügend Vorstellungskraft, wie etwas sein müsste. Es gilt, das Look and Feel vorwegzunehmen. Darin liegt die Kunst, die man Inszenierung nennt. Ein Sonderthema bezüglich Machbarkeit sei an dieser Stelle eingefügt: Die Schwierigkeit, in unseren Breitengraden Freilichtveranstaltungen durchzuführen. Gewiss, es gibt es, das St. Galler Openair, bei dem das Suhlen im Morast beinahe zum Festivalprogramm gehört. Das ist die grosse und geniale Ausnahme. Für den Rest gilt, was meine aus langjähriger und teilweise schmerzhafter Erfahrung genährte Erkenntnis geworden ist: St. Gallen (und auch Konstanz oder Bregenz) sind nicht Verona oder Orange. Es geht eigentlich nicht. Denn wenn es hier regnet, dann – im Gegensatz etwa zu Glyndebourn, meinem grossen Vorbild – schüttet es lange. Vor allem aber können die Temperaturen dermassen zurückgehen, dass Freilichtaufführungen weder für Künstler noch Publikum zumutbar sind. An den Appenzeller Bachtagen 2014 fegte ein Gewittersturm zunächst die ganze Zeltstadt hinweg, nachher war es während Tagen rund 5 Grad kalt – und das Anfang August! Alle meine Träume von public viewing und einem prallvollen Besucherzentrum mit Bierschenkenatmosphäre waren zunichte. Gewiss, man kann Aufführungen ins Innere von Gebäuden verlegen. Die Bregenzer Festspiele müssen das gelegentlich tun, ebenso deren kleine Schwester auf dem St. Galler Klosterplatz. Aber eigentlich entspricht das nur einer Notlösung für etwas, was – leider – einfach nicht zu uns passt. Gutes Wetter ist nicht machbar. Man sehe sich vor. Wieviel? Vielmehr: woher? Bleibt schliesslich die Finanzierungsfrage. Dazu braucht es zweierlei. Erstens betriebswirtschaftliches Können. Nichts ist ärgerlicher und unprofessioneller als ein unrealistisches, zumeist überoptimistisches Budget. Wer in der Planung ungenau ist, muss sich nicht wundern, wenn später Fragen gestellt werden, vielleicht solche, die das Ganze in Frage stellen. Zweitens braucht es Phantasie, ja, Kreativität – auch hier. Finanzierung bedeutet ja, Mittäter zu finden, Überzeugte in der Sache. Zuvorderst steht dabei das Publikum, der Konsument. Ein Projekt, das keine Kunden findet, Personen, Nicht: Geld und Geist – geht das? 163 die dafür etwas aufzugeben bereit sind, sollte fallengelassen werden. Der erste Blick bei der Durchsicht eines Projektbudgets muss deshalb immer auf die geplanten Einnahmen fallen. Viele Kulturschaffende machen es sich in dieser Hinsicht einfach, zu einfach. Keinerlei geplanten oder lediglich marginale Einnahmen von Publikumsseite – und sei es nur eine schwer bezifferbare Kollekte! – deuten auf Selbstüberschätzung der Urheber und eine Geringschätzung der Umwelt hin: Als wollte man durch das eigene Tun eine Welt retten, die leider, leider die Bedeutung dieser Aktivität noch nicht abschätzen kann. Nein: Was keine Nachfrage hat, die durch eine wenigstens minimale Gegenleistung substantiiert wird, sollte zur Phase 1 der Ideenfindung zurückkehren oder, vielleicht noch viel besser, sich aus der kreativen Aktivität zurückziehen. Es könnte ja sein, dass alles wirklich nichts wert ist. Auch das gibt‘s. Sodann aber steht der Phantasie in Bezug auf die Finanzierungsfrage nichts mehr im Wege. Für einen den erwähnten Jubiläumsveranstaltungen folgenden Kulturzyklus „Wort&Klang“ arbeitete ich zusammen mit dem Musiker Rudolf Lutz und dem Germanisten Michael Wirth eine Typologie auf, was denn Menschen bewegen kann, Mittel für Projekte herzugeben, aus denen sie nicht unmittelbaren Gewinn ziehen können. Die Vielfalt der Motivationen ist gross. Häufig hat es mit gesellschaftlichem Prestige zu tun. Man will sich durch Kultur adeln. Aber nicht nur! Es gibt auch höchstpersönliche Motive, weshalb man dies oder das unterstützt. Was hält die Gesellschaft davon ab, zu wenig kulturelle Güter produzieren zu lassen? Für Kunst und Kultur liegen die Produktionsanreize ja wie gesagt etwas quer und unglücklich, weil sie sich durch ihren Konsum nicht aufbrauchen und weil sie meist einer unbestimmten Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Dennoch und ganz offenkundig wird Kultur produziert, und zwar oft gerade dort beinahe im Übermass, wo wirtschaftlicher Konjunktur sich zur Blüte emporschwingt. Gehen wir den Verursachern kultureller Produktion im Sinne einer Typologie nach. Am dankbarsten ist dabei selbstverständlich die Darstellung grosszügiger Individuen, spleeniger, psychisch manchmal etwas auffälliger, der Zeit meist vorauseilender Persönlichkeiten, die sich mit der Gewöhnlichkeit des Gegebenen nicht abfinden wollen und die durch die Herausforderung des Schöpfungsakts die Zukunft zu verändern beabsichtigen. Es sind dies Namen von George Sand, Frau von Meck, Graf Rasumowski, Paul Sacher. Dem Thema der Kulturproduktion wäre aber nur unvollständig begegnet, wenn man die Situation ausklammerte, in der sich eine ganze Gesellschaft anschickt, das kulturelle Leben zu bereichern. Konrad Hummler 164 Das System als Mäzen Man könnte durchaus unsere heutige Zeit der Demokratie und des Pluralismus als Studienobjekt verwenden. Wir können uns ja sicher nicht über zu wenig kulturelle Produktion beklagen, im Gegenteil. Keine Gemeinde landauf, landab, die nicht für „Kulturelles“ budgetieren würde. Kein Kanton ohne umfassende Kulturpolitik, kein Land ohne Kulturministerium. Das System funktioniert und lässt produzieren, wobei qualitative Fragezeichen bei den Resultaten solch demokratischer Giesskannentätigkeit gewiss angebracht sind. Und die Fragezeichen stellen sich interessanterweise auf allen Ebenen und ungeachtet der involvierten Beträge. Die schon erwähnte lokale Förderung des Makramé-Knüpfens hat durchaus Parallelen mit der verkrampften Filmförderung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Es gibt aber in der Geschichte herausragende Beispiele, dass ein System Hervorragendes veranlasst hat. Die frühmittelalterliche Kirche mit ihrem Netzwerk von Klöstern ermöglichte literarische und darstellerische Spitzenleistungen, wie sie in der St. Galler Stiftsbibliothek zu finden sind. Besonders faszinierend sind für uns jedoch die glücklichen Umstände, in welchen Monteverdi seine kompositorischen Fähigkeiten in Venedig erblühen lassen konnte. Mit dem Rückgang des byzantinischen Machtanspruchs gewann im mittelalterlichen Venedig der auf Lebzeiten gewählte „Doge“ an Einfluss. Er wurde in den Kreuzzügen auch Kriegsherr, und vermutlich aus dieser Machtfülle heraus entwickelte sich das Bedürfnis nach vermehrter Kontrolle und nach ausgewogeneren Verhältnissen. Ab dem Jahr 1310 gab es einen „Rat der Zehn“, auch Prokuratoren genannt, nach modernem Demokratieverständnis zwar durch die Beschränkung der Mitgliedschaft auf die Adelsgeschlechter eine etwas archaische republikanische Form, aber immerhin: Sie ermöglichte den beispiellosen wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg der Lagunenstadt, der sein Ende erst fand, als sich das geopolitische Schwergewicht vom Mittelmeer zum Atlantik verschob. Das Interessante: Die Kirche war in diesen Rat der Prokuratoren zwar einbezogen, übte aber keinen dominierenden Einfluss aus. Ja, es geschah sogar, dass ein Theologe unter den Prokuratoren die Position Venedigs gegenüber Rom durch Streitschriften untermauerte und so einen Frontalangriff gegen den nachtridentinischen Absolutismus lancierte. Dieser Rat der Prokuratoren war auch für die Bestellung des Kapellmeisters von San Marco zuständig. Monteverdi wurde, von Mantua kommend, wo er eine immer unglücklicher werdende Anstellung am Hof hatte, nach einem Probekonzert einstimmig zum Kapellmeister gewählt. Der Rat verlangte von ihm, mit Missständen aufgrund eingekehrter Disziplinlosigkeiten aufzuräumen, das Per- Geld und Geist – geht das? 165 sonalwesen wieder in Ordnung zu bringen und die halbvergessene Tradition des „canto di chiesa“ wiederzubeleben. Offenbar gelang ihm diese Aufgabe innert kurzer Frist, so dass bereits 1616, nach dreijähriger Anstellung, sein Jahresgehalt von der Prokurazie auf für die damalige Zeit beeindruckende 400 Dukaten erhöht wurde, ohne dass Monteverdi dies je verlangt hätte. Das System erwies sich aber auch im Übrigen als sehr grossherzig – „weltmännisch“ müsste man im Fall von Venedig wohl sagen. Trotz der kirchlichen Aufgaben blieb genügend Freiraum für weltliche Arbeiten wie Opern und Instrumentalwerke, ja, es war ihm sogar möglich, für „fremde“ Auftraggeber (z.B. aus Parma) tätig zu sein. Monteverdi verblieb bis zu seinem Lebensende im 1643 in seiner Anstellung als Kapellmeister an San Marco und war bis ins hohe Alter äusserst produktiv. Die Prokuratoren von Venedig: ein oligarchisches Gremium. Es hat die Welt mit Kompositionen höchster Dichte und Eindringlichkeit bereichert. „Pro Helvetia“: eine demokratische (?) Institution. Wäre sie in der Lage, einem Monteverdi adäquat zu begegnen? Magnaten Reichtum kann auf verschiedene Weise verwendet werden. Gehortet und für nächste, meist unfähige Generationen aufgespart. Verprasst und verdummt. Oder für „höhere Zwecke“ eingesetzt. Es gibt unter der Gattung der reichen Menschen mit höherer Zielsetzung insbesondere jene Spezies, die keine Gelegenheit auslässt, andere zu fördern. Ein zumindest spleeniger, meist aber eher fanatischer Drang, Dritte dazu zu bringen, „das Richtige“ zu tun. Dafür wird viel, gegebenenfalls sehr viel Geld ausgegeben. Und auch das Leben für diesen Zweck umgestellt. Dabei kann durchaus vordergründige Befriedigung vorhandener Bedürfnisse mit im Spiele sein. Zu einem rechten Fürstenhaus wie dem des Esterhazy gehörte ein anständiges Musikleben, und so war die Anstellung von Musikern wohl nichts Ausserordentliches. Aber man hätte sich auch mit einer kleinen Schlosskapelle zufriedengeben können und hätte wohl auch mit wiederverwerteter Musik durchaus leben können, ohne die 94 Sinfonien also, die Haydn im Hause Esterhazy während seiner dreissigjährigen Anstellung geschrieben hätte. Mäzenatentum will mehr als die Befriedigung des Normalen. Ein Mäzen will Ausserordentliches, vielleicht zu Prunkzwecken – durchaus. Aber könnte es nicht sein, dass der Mäzen ein die natürlichen Möglichkeiten völlig überschiessendes Fortpflanzungsbedürfnis verspürt, einen Drang, der Nachwelt kulturelles Substrat zu übergeben, auf dass diese dann über bes- Konrad Hummler 166 sere, höherwertige Möglichkeiten verfüge und sich das Schicksal der Menschheit überhaupt zum Besseren neige? Das ist eine Möglichkeit zur Erklärung des Mäzenatentums. Es gibt weitere. Zum Beispiel jene des Versagers, desjenigen, der sich seiner Grenzen bewusst ist und der durch Geldgaben an Dritte das verwirklicht, was er selber nie hätte erreichen können. Die kompensatorische Komponente des Mäzenatentums. Man findet Anklänge daran selbst in der Biografie von Paul Sacher, der ja keineswegs ein unbegabter Musiker war. Die Entstehung von Kunst entspricht einem schöpferischen Akt, einer Gabe, zu der nur der Mensch Zugang hat – oder eingeschränkter noch: nur ganz wenige Menschen! Die besten Momente in einem Konzert, bei der Betrachtung eines Bildes, bei der Lektüre eines Buches sind diejenigen, in denen das Schöpferische auf das Publikum hinüberspringt und es in seinen Bann schlägt. Dass dies immer und immer wieder geschieht, weltweit in den Konzertsälen, in den Museen, im Lehnstuhl beim Lesen – darin liegt eine weitere Möglichkeit zur Erklärung des Mäzenatentums. Denn das Glück, Schöpferisches (mit-) verursacht zu haben, kann zur Schlüsselerfahrung werden, die das Bedürfnis nach Wiederholung in sich trägt. Zwei Beispiele: Das Fürstenhaus Esterhazy bzw. insbesondere Fürst Nikolaus II., vergrößerte den Musik-Etat entscheidend und ermöglichte damit auch grosszügiger bestückte Werke weltlicher und geistlicher Art ermöglichte. Zweitens, Graf Andreas Rasumowski, der russischer Gesandter in Wien und persönlich mit Mozart und Haydn bekannt war. Er unterstützte Beethoven in grosszügiger Weise und war als Violonist am zweiten Pult an mancher Erstaufführung von dessen Werken dabei. Der Komponist widmete ihm die Quartette op. 59. Ein drittes Beispiel, eines von einem kompensatorischen „Täter“: der russische Mäzen Kussewitzky. Dieser war im zaristischen Russland als Dirigent in Moskau tätig, unterstützt von seinem reichen Schwiegervater. Das Kussewitzky-Orchester war in der damaligen Zeit ein Begriff und zeichnete für zahlreiche Uraufführungen verantwortlich. Als Verleger verhalf Kussewitzky Komponisten wie Skrjabin, Prokofjev, Strawinsky und Glasunow zu erhöhter Verbreitung. Später übersiedelte Kussewitzky in die USA, wo er wieder als erfolgreicher Dirigent auftrat. Seine sein Leben überstrahlende und überdauernde Grosstat war dann aber die Gründung der Kussewitzky-Stiftung, die seit den Vierzigerjahren dem kompositorischen Schaffen im Zwanzigsten Jahrhundert entscheidende Impulse versetzt hat. Geld und Geist – geht das? 167 Potentaten Kultur und Macht, Gewalt – welch ein Thema! Man kann nicht darüber hinwegsehen: beides schliesst sich nicht aus. Zu offensichtlich ist die empirische Evidenz. Kaum eine Epoche selbst aus der jüngeren Geschichte, die nicht über misslichste Umstände und allerprächtigste Blüten aus diesem Sumpf von Menschenverachtung, Schlachtengetümmel und subtiler struktureller Gewaltanwendung berichten würde. Was uns interessiert: Welches Ausmass die Kollaboration des Künstlers mit den jeweiligen Machthabern annimmt und wie es den meisten gelang, trotz allem und bei aller vordergründigen Zusammenarbeit ihre Identität zu wahren, ja, das Regime auf ihre hintergründige Weise vielleicht mehr in Frage zu stellen, als dies mit offenen und plumpen Aktionen möglich gewesen wäre. Wir wollen uns mit Louis XIV. von Frankreich, mit Friedrich II. von Preussen und mit Stalin befassen. Der am Hof akkreditierte Adel war verpflichtet, den königlichen Tanzkünsten stundenlang zuzuschauen. Das war das Selbstverständnis des „roi soleil“ Louis XIV. Der Absolutismus, von den Kardinälen Richelieu und Mazarin sorgsam vorbereitet, hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die Staatsgewalt umfasste alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Wirtschaft wurde unter Colbert zu einem auf die Mehrung der Staatskasse ausgerichteten Mammutapparat umfunktioniert, es wurden mit derselben Zielsetzung Eroberungskriege geführt und es wurde eine aggressive Kolonialpolitik verfolgt („Louisiana“), die konfessionelle Zersplitterung durch den Rückzug des Edikts von Nantes blutig bekämpft, ein systematisch arbeitender Verwaltungsapparat und ein stehendes Heer aufgebaut. Für viele Historiker ist klar, dass die Befriedung der französischen Nation nach einem Jahrhundert der Bürgerkriege ein wesentlicher Grund für die Akzeptanz der Unterdrückungspolitik war. Mit dem Hof verfuhr man anders: Man band ihn in ein System prunkvoller Feste ein. Kirchliche Feiern wurden mehr und mehr ersetzt durch Huldigungen an den König. Musik spielte dabei selbstverständlich eine grosse Rolle; erst am Hof Louis XIV. wurde das Orchesterspiel in Frankreich wirklich kultiviert. Jean-Baptiste Lully spielte dabei eine wichtige Rolle, er war es, der dem jungen König den Tanz beibrachte und zusammen mit ihm auftrat, er komponierte eine unübersehbare Menge von Ballettmusik, Instrumentalwerke und unter dem Einfluss von Molière ein gutes Dutzend Opern. Bei der Aufführung eines Te Deums zur Feier der Genesung des Königs zog sich Lully mit seinem Dirigierstab eine Fussverletzung zu, an deren Folgen er 1687 starb. Konrad Hummler 168 Friedrich II. von Preussen pflegte in seiner Jugend Freundschaften zu freigeistigen Kreisen, die seinem soldatisch denkenden Vater verdächtig vorkommen mussten. Friedrich II. las Gedichte, spielte Flöte und parlierte Französisch. Für seinen Vater war der schöngeistige Teil der Aufklärung ein Greuel, einziges Interesse fand das absolutistische Vorbild bei der brutalen Modernisierung Preussens. Der Sohn versuchte mit seinem Freund Hauptmann Katte nach England zu fliehen, wurde aber erwischt und vom Vater vor ein Kriegsgericht gestellt, das ihn und Katte zum Tod verurteilte. Friedrich II. wurde begnadigt, musste aber der Exekution Kattes beiwohnen. Als Gefangener begann er eine lange Jahre dauernde Korrespondenz mit Voltaire. Er studierte die englische Verfassung und lobte sie. Alle Grundlagen waren gelegt, dass ein liberaler Geist das Erbe eines engstirnigen Vaters hätte antreten können. Die ersten Jahre seiner Regierungszeit ab 1740 waren vielversprechend. Es gab Religions- und Pressefreiheit; die Folter wurde abgeschafft. Berlin wurde zu einem herausragenden kulturellen Zentrum Europas. Doch der Gedanke an die Macht war schliesslich stärker. Friedrich II. zettelte den Siebenjährigen Krieg an und schuf mit Preussen eine europäische Macht, die später Unheil über den Kontinent bringen sollte. Macht und Kultur haben kaum je so eindeutig koinzidiert wie am Potsdamer Hof. Der Hof musste zwar nicht einem tanzenden, dafür einem flötespielenden König zuhören und dessen harmlose Kompositionen loben. Danebst war dieser Hof aber auch ideales Biotop der Frühklassik um Komponisten wie Carl Philipp Emmanuel Bach oder Johann Joachim Quantz. Letzterer begleitete den König nicht nur beim abendlichen Kammermusikspiel, sondern auch auf seinen Feldzügen. Stalin. Nebst Hitler der grösste Verbrecher der Weltgeschichte. Er war misstrauisch und verschlagen, spielte mit seinen Opfern oft Katz und Maus, bevor er sie liquidierte. Die hastige Industrialisierungspolitik machte aus den Arbeitern, die durch den Sozialismus eigentlich hätten befreit werden müssen, Industriesklaven, und die gescheiterte Landreform aus den Bauern, die durch die Revolution endlich eigenes Land bekommen hatten, Zwangsarbeiter in Kolchosen und Sowchosen. Als Folge davon verhungerten Millionen. Mit dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKDW) sorgte Stalin dafür, dass stets eine genügende Menge von Feinden des Sozialismus vorhanden waren, denen man die Schuld an den Fehlleistungen in die Schuhe schieben konnte. In Schauprozessen bezichtigten sich die Angeklagten der absurdesten „Verbrechen“, um danach dennoch liquidiert zu werden. In dieser Wolke der allgemeinen Verdächtigung schrieb Dimitri Schostakowitsch seine Musik. Eine Reihe seiner Freunde und Kollegen Geld und Geist – geht das? 169 war schon verschwunden, er selbst wartete während Jahren auf den nächtlichen Besuch des NKDW. Monatelang legte er seine Kleider nachts nicht mehr ab, da der Geheimdienst im Dunkeln zuzuschlagen pflegte. Die Furcht verliess ihn sein ganzes Leben bis 1975 nie mehr, der Griff zum Alkohol brachte höchstens vorübergehende Entlastung. Schostakowitsch hoffte einerseits Stalin zu gefallen – es gibt in seiner Biografie eine beinahe peinliche Schilderung über die Aufführung seiner Oper Lady Macbeth, bei der er inständig hofft, in Stalins Loge gebeten zu werden – anderseits blieb er sich bzw. seinen Qualitätsvorstellungen treu und musste aufgrund der Kritiken in der Prawda Schlimmstes befürchten. Schostakowitsch gelang es, das überlebensnotwendige Maß an Kollaboration, die bis zur pompösen Begleitmusik für Defilés reichte, mit einer inneren Emigration der tiefsten musikalischen Gedanken zu verbinden. Nichtförderung und Freiheit An potentiellen und potenten Mäzenen hätte es vermutlich weder bei Mozart noch bei Schubert gefehlt. Sie hätten nur wollen müssen. Ihr Verzicht auf Unterstützung war vorsätzlich, das damit verbundene Elend praktisch programmiert. Die Biografien von Mozart und Schubert unterscheiden sich allerdings insofern, als ersterer den Bruch mit der Konvention deutlich später vollzog, während bei Schubert schon zu Beginn seiner Internatszeit in Wien klar war, dass Freiheitsliebe und Widerspruch das Leben prägen würden. Mozart genoss aber auch eine bedeutend unterhaltsamere Jugendzeit: Drei Reisen nach Italien, eine nach London, zwei nach Paris, kompositorisch folgenreiche Aufenthalte im damals musikalisch sehr hochstehenden Mannheim. Demgegenüber fällt Schuberts Zeit im Wiener Stadtkonvikt sehr viel grauer aus, und die Sehnsucht nach Eigenständigkeit wird auch viel verständlicher. Zeitgeschichtlich fallen beide Emanzipationsversuche mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, die sich damals ankündigten, deren Wahrnehmung im spezifischen Einzelfall sich aber noch als risikoreich erwies. Mozart entfloh der erzbischöflichen Anstellung und verweigerte sich dem Zwang, noch mehr Messen zu komponieren. Der Fusstritt des kirchlichen Küchenmeisters Arco vom 9. Mai 1781 gegen den unbotmässigen Mozart setzte einen Schlussstrich unter diese Lebensphase, die zusätzlich auch vom väterlichen Geltungsdrang gekennzeichnet war. Der Wegzug nach Wien ist in Mozarts Lebensgeschichte so etwas wie ein Vatermord, er bedeutet aber auch den später von der ganzen Gesellschaft vollzogenen Abschied aus der Dienstbarkeit am Hof. Konrad Hummler 170 Schuberts Eigenständigkeit ist im Zusammenhang mit dem Aufstreben des Bürgertums zu sehen. Den kaiserlichen Behörden musste Schuberts Freundeskreis obskur und staatsgefährdend vorkommen. Die kompositorische Konzentration auf das Liederschaffen kam für den Lehrer und Ziehvater Antonio Salieri einem Affront gleich. Italienische Opern waren Mainstream, und Salieri war ein Vertreter des Mainstreams. Das Lied ist Musik für die subsidiäre Ebene. Es braucht ein Klavier und einen Sänger, notfalls kann der Pianist gleichzeitig spielen und singen. Der bürgerliche Salon brauchte diese Art Musik; Schubert kam damit ein paar Jahre zu früh. Die beiden prominenten „Nichtgeförderten“, die unter existentiellen Nöten Hervorragendes geschaffen haben, sollten nicht den Blick auf die Tatsache versperren, dass es in diesem Bereich so etwas wie einen „survivorship bias“ gibt. Ein Fehlurteil aufgrund des Umstands, dass uns nur die doch noch positiv wirksam gewordenen „Nichtgeförderten“ bekannt sind. Eine objektive Statistik müsste auch all jene einschliessen, die produktiv geworden wären, wenn eine Förderung gegriffen hätte. Es sind dies die abgestorbenen und abgetriebenen Föten des Kulturbetriebs, und ihre Zahl dürfte beträchtlich sein. Oder, um Schubert zu zitieren: „Und dass meine Kammer – obgleich sie auf die Gasse geht – so dunkel is, dass ich mich selbst zur Mittagszeit des Kerzenscheins darin bedienen muss. Und dass es in den bald zwei Wochen, die ich hier beim Bruder leb’, nicht etwas besser’ worden is mit mir und meiner Gesundheit, sondern eher schlechter – sehr viel schlechter. So schlecht, dass ich nicht einmal weiss, ob das hier nicht meine l e t z t e Adresse sein wird...“ (Aus Schubert’s Tagebuch, 12. September 1828). Die Mäzenin Den Mäzen kennen wir. Wir haben ihn als „Magnaten“ bezeichnet. Er kompensiert eigene Defizite durch zur Schau gestellte Grosszügigkeit. Die Mäzenin ist anders. Sie kompensiert nicht, sondern sie führt. Schauen wir uns zwei Beispiele näher an, nämlich von zwei ausserordentlichen und kraftvollen Frauen der Musikgeschichte. Ohne sie wäre die Welt fraglos um die meisten und die bedeutendsten Werke zweier romantischer Komponisten ärmer. Das Verhältnis zwischen den Mäzeninnen und ihren un- Geld und Geist – geht das? 171 terstützten Objekten/Opfern ist von einer psychologischen Vielschichtigkeit, die Bücher füllt. Das Ergebnis läuft darauf hinaus, dass der materielle Faktor zwar Auslöser, Beweggrund und auch Stabilisator der Beziehung war, darüber hinaus aber ein Austausch geistiger Art stattfand, der weitreichender und intimer nicht hätte sein können. Aurore Dupin, die sich später George Sand nannte, lebte von 1804 bis 1876. Sie stammte aus einem ländlichen Patriziat und verfügte als Achtzehnjährige über ein luxuriöses Haus in Paris. Eine erste Ehe mit einem mittellosen Offizier scheiterte bald, gab ihr aber zwei Kinder auf den weiteren Lebensweg mit. Aurore Dupin wurde zu einer der ersten (bekannt gewordenen) alleinerziehenden Mütter der Neuzeit. Ihre ersten schriftstellerischen Werke sind stark vom Willen nach weiblicher Selbständigkeit und Emanzipation geprägt. Sie pflegte einen ausschweifenden Lebensstil mit unzähligen Affären und liebte es, die selbstherrliche Männerwelt durch Nachahmung der Lächerlichkeit preiszugeben. Deshalb auch das maskulin interpretierbare Pseudonym George Sand. Als Zigarrenraucherin verkehrte sie in den Pariser Salons und traf dort auf die Grössen ihrer Zeit. Meistens führte sie das Wort und war als Schriftstellerin oft Gegenstand von Skandalen. Ihre stupende Produktivität liess da und dort Zweifel an der literarischen Qualität aufkommen. 1838 knüpfte die Sand den Kontakt mit dem scheuen, anämisch wirkenden Frédéric Chopin, der damals in Paris seinen kompositorischen und pianistischen Durchbruch knüpfte. Chopin versteckte sich einige Zeit hinter seiner bereits gescheiterten Liebe zu Maria Wodzinska, konnte sich dann aber dem auf allen Ebenen und mit allen Mitteln geführten Angriff der Sand nicht mehr erwehren. Oder wollte es möglicherweise auch nicht. Denn George Sand war erfahrene Frau genug, um zu wissen, dass ein platonisches Verhältnis bevorstand. Das Erstaunlichste an der Beziehung zwischen Sand und Chopin ist ihre Dauer. Ganze neun Jahre, ein Rekord für die lebenshungrige Sand, an der Seite eines Mannes, der gar kein richtiger sein wollte und konnte, der nur seine Musik als wichtig erachtete, sich nicht einmal für die gesellschaftlichen Eskapaden seiner Frau interessierte und den Freundeskreis vernachlässigte. Möglicherweise war es gerade die Komplementarität der Charaktere – Chopin als Mann mit femininen Zügen, George Sand als Frau mit maskulinen Ambitionen – die solche Konstanz in den unsteten Biografien schaffen konnte. Chopin litt an Tuberkulose. Seine Frau versuchte alles, um seinen Zerfall aufzuhalten. Ein Aufenthalt im damals noch unentdeckten Mallorca – man könnte George Sand als die erste Tourismusförderin für die Insel bezeichnen – wurde zur Katastrophe, weil es regnete und kalt war, es keine Fenster und keine Heizung gab. Das Landgut Nohant, etwa 250 Kilometer Konrad Hummler 172 südlich von Paris, bot Chopin die notwendige Zuflucht, um an seinem Werk zu arbeiten. Schliesslich waren es 1847 durch und durch häusliche Sorgen und Zwiste, die dem Verhältnis von George Sand und Chopin ein Ende machten: Es ging um die unglückliche Heirat von Sands Tochter. Es zeigte sich, dass Chopin eben trotz allem eher Gast als Familienmitglied war. Im Roman „Lucrezia Floriani“ hat George Sand ihr Verhältnis mit Chopin exhibitioniert. Aus ihrer Sicht. Chopin starb 1849, in den letzten zwei Jahren noch von schottischen Freunden finanziell getragen. Nadesdha Filaretowna von Meck, Witwe eines reich gewordenen russischen Eisenbahningenieurs, Mutter von 11 Kindern, besass zwei Bahnlinien, ein Haus in Moskau, ein Landgut und ein riesiges Barvermögen. Sie regierte dieses kleine Reich mit viel Energie und Sachlichkeit. Ein und derselbe Mensch war dann in der Lage, zum grössten russischen Komponisten eine vielschichtige, höchst erregte Brieffreundschaft aufzubauen. Es war, wie im Fall von George Sand, die Frau, welche die Beziehung suchte und anfing. Und Tschaikowsky war, wie Chopin, erst einmal höflich, aber kühl. Seine grossen Geldnöte legten ihm aber nahe, das ausserordentlich hohe versprochene Honorar für eine Komposition für Violine und Klavier entgegenzunehmen. Was folgte, war ein Briefwechsel literarischen Ausmasses. Aber die beiden trafen sich nie, beziehungsweise zufällig und nur flüchtig. Dieser physische Abstand war vermutlich beidseits gewollt. Aus den Briefen der Frau von Meck geht zwar während einer gewissen Zeit der innige Wunsch nach körperlicher Nähe hervor, später muss sie sich damit abgefunden haben, dass nur Enttäuschung einem Zusammentreffen mit dem vergötterten Gegenüber hätte folgen können. Im Fall von Tschaikowsky waren die Verhältnisse eindeutiger: Er war homosexuell veranlagt und konnte sich mit dem intensiven und auch intimen Briefwechsel eine Frau vom Hals halten, die von ihm sonst Unmögliches verlangt hätte. So aber entstand ein Verhältnis zwischen zwei Menschen, das beide, auf ihre Art, am Leben erhielt. Zwischen 1876 und 1890 wurden beinahe täglich Briefe ausgetauscht. Tschaikowsky schrieb von seinen ausgedehnten Reisen, auf die er jeweils seinen jugendlichen Sekretär Alexei Sofronow mitnahm, so ausschweifende Berichte über seinen Gemütszustand uns seine durch Frau von Meck enorm geförderte Schaffenskraft, dass beim heutigen Leser Zweifel an der Ehrlichkeit des Komponisten aufkommen mögen. Tschaikowsky kam in den Genuss einer unkonditionierten Rente; dennoch finden sich immer wieder Bittrufe nach noch mehr Unterstützung. Vielfach wird gesagt, Tschaikowsky habe in Frau von Meck seine eigene Mutter wiedergefunden. Nadeshda von Meck war für den psychisch Geld und Geist – geht das? 173 labilen Tschaikowsky durch ihre unermüdlichen Aufmunterungen eine Stütze, ohne die es die meisten Kompositionen nicht gäbe. 1890 endete die seltsame platonische Liebe. Frau von Meck zog ihr Rentenversprechen zurück. Über die Hintergründe des abrupten Endes kann nur spekuliert werden. Vermutlich war es eine Kombination von Ursachen: triviale wirtschaftliche Sorgen in der Unternehmung von Meck, aber auch der eingetretene internationale Erfolg des Komponisten, der es immer aussichtsloser erscheinen liess, ihn einmal „besitzen“ zu können, das Gefühl mithin, nicht mehr nötig zu sein, vielleicht aber auch die Einsicht, dass dieser Mann gar nie eine Frau wird lieben können. Fazit Geld und Geist können bestens koexistieren. Dennoch meinen wir, es gebe ein qualifizierteres und weniger qualifiziertes Verhältnis des Geldes zum Geist – und vermutlich auch umgekehrt. Oder anders und noch deutlicher gesagt: Geld ist nicht gleich Geld, und Geist ist nicht einfach Geist. Es gibt den geldgeilen Geist und jenen, der weht, wo er will. Unter allen Umständen. Und es gibt geistloses Geld, thumbes, und es gibt geistreiches Geld. So endet ausschliesslich subventioniertes Kulturschaffen zumeist in satter Selbstgefälligkeit auf zwar oft hohem professionellem Niveau bei aber gleichzeitig tiefem künstlerischem Impetus. Das ist genauso unbefriedigend wie die gesponsorte Kultur, die allzu geschliffen im Zeitgeist daherkommt. Subventionswesen und Sponsorentum sind keine hinreichenden Mittel zur Vermeidung von kultureller Unterproduktion. Sie sind thumb. Der Tatbestand der Unterproduktion liegt im qualitativen Defizit. Ohne die leuchtenden Augen des Mäzens würde der Kunst das notwendige Gegenüber für das Schaffen von Ausserordentlichem fehlen. Das ist das Axiom der kulturellen Produktion und des Mäzenatentums. Künstler und Mäzen bedingen sich gegenseitig. Dafür, dass seine Augen hin und wieder glänzen, gibt der Mäzen gegebenenfalls sein halbes Vermögen hin. Und umgekehrt ist die einzige Motivation, schriftstellerisches, malerisches und musikalisches Handwerk über das Triviale und über die Banalität hinauszuheben, die Aussicht auf die tiefe Rührung des Mäzens. Geld spielt im Idealfall lediglich die Rolle des Mittels zum hohen Zweck. Im Kern geht es um menschliche Regungen. Konrad Hummler 174 Gedankengefängnisse – Mauern – Theaterkulissen von Lorenz Böllinger Der Dauerkonflikt zwischen dem Jubilar als Intendant en des Stadttheaters und dem Kulturbürgermeister steht emblematisch für den Kernkonflikt unserer Zeit: Ausgrenzung, Gefängnis, Mauern einerseits, Freiheit des Denkens und Handelns andererseits. Die Freiheiten, die sich unser Protagonist „herausnimmt“ – zum Beispiel politisch-kritisches Theater oder Strafverteidigung für die Armen – sind aus der einen Perspektive aufrüttelnde, emanzipatorische Appelle. Aus der anderen Perspektive sind sie destabilisierende Provokationen für die gute bürgerliche Ordnung. Die Au- ßenmauern des Theaters sind aus der Innenperspektive Schutzwände für Gedankenfreiheit, aus der Außenperspektive zu schleifende Symbole der Unbotmäßigkeit. Unter dem Vorwand der Zuschreibung einer „im Umgang schwierigen Persönlichkeit“ wird versucht, dem Theater den Stachel zu nehmen, es gefällig einzuebnen. Das zeigt sich besonders an Theaterproduktionen, wo es um aktuelle gesellschaftliche Konflikte geht, wie zum Beispiel Migration oder Faschismus (vgl. Neue Zürcher Zeitung v. 16.03.2018, Feuilleton). Da ist der Intendant und Strafverteidiger Störenfried, ein bisschen vielleicht in der Tradition des Revolutionärs Thomas Müntzer, 1525 gefoltert und hingerichtet in Konstanz. Was bewirkt diesen Kernkonflikt unserer Zeit, der sich aktuell immer mehr in der Aufrichtung neuer Grenzen und Mauern manifestiert? In diesem Fall Schutzmauern nicht für Freiheit von Denken und Handeln, sondern Gedankengefängnisse gegen Aufklärung, gegen „Überfremdung“, gegen Freiheit im weitesten Sinne. Was ist los mit uns, mit unserer Gesellschaft? Weltumspannende Beunruhigung, ja Bedrohung: Klimawandel, soziale Spaltung, Rassismus, Nationalismus, neue Völkerwanderungen, Kriege. Ein neues „Unbehagen in der Kultur“, ja Existenzangst haben uns befallen – obwohl es uns doch materiell so gut geht wie noch nie. Anderen aber eben nicht, wir wissen und fühlen das. So wie wir eigentlich um die all dem zugrundeliegende, von uns allen politisch mitverantwortete Unvernunft und Selbst-Destruktivität wissen. Wie ist so viel Ausblendung, Verdrängung, Verleugnung möglich? Ist das unausweichliche Apokalypse, Todestrieb? 175 Zufällige und doch exemplarische Symptome für solche Befunde sehe ich in den verschiedenen Themen einer aktuellen Ausstellung politischer Foto-Kunst in Bremen: Dokumentiert wird zum einen die an extremer mechanischer und elektronischer Einbruchsicherung ablesbare Festungsmentalität eines unbekannten Hauseigentümers. Raffiniert bearbeitete Großfotos von Graffiti an Athener Hausmauern zeugen daneben von der plakatierten Anklage der griechischen Bevölkerung gegen den neoliberalen EU- Imperialismus. Festgehalten sind auch die heftig anklagenden Graffiti der Palästinenser an der Mauer zwischen Israel und Palästinensern. Schließlich symbolisieren umgekehrt Fotos aus Krakau die Zerstörung jüdischer Kultur durch den Faschismus: die Trümmer von durch die Nazis zerstörten jüdischen Grabsteinen, die zunächst zum Straßenbau in Konzentrationslagern entweiht worden waren, sind in eine Mauer des Gedenkens integriert worden. Das gemeinsame Unheimliche an diesen Symptomen, hat der Künstler Uli Schwecke als „Karma der Wände“ bezeichnet Ausstellungskatalog Villa Ichon, Bremen Nov. 2018). Unheimlich, unwiderstehlich und unaufhaltsam wie das Schicksal? Ob das Karma ein „Gutes“ oder „Schlechtes“ wird, hängt ab von der endlosen Verkettung unserer Handlungen und deren Folgen. Schlimmstenfalls in ewigen Zirkeln des Wiederholungszwangs. Wir machen das selbst, sind verantwortlich. Das Problem ist nur: es gibt keinen objektiven Wert im Sinne von Gut und Böse, alles ist relativ, aus der jeweiligen Perspektive betrachtet. Und die jeweilige Perspektive in der gehandelt wird und worauf Reaktionen erfolgen ist ein Konstrukt, ein Prozess. Dafür stehen hier anschaulich die Wände. Wände, Mauern, sind der Inbegriff von Konstrukten im doppelten Sinne: Real, substantiell konstruiert, trennen sie mehr oder weniger funktional – je nach Perspektive – was ein- oder ausgegrenzt werden soll. Jedenfalls sind sie statisch, zementieren sie Zustände, verhindern Kommunikation, Verständigung, dynamische Entwicklung. Die materielle Funktion: Schutz vor Aggression – sei es von außen: die palästinensischen „Terroristen“ werden ebenso von ihren Angriffen „abgehalten“ wie die Einbrecher vom spießigen Eigenheim; oder sei es von innen: wie beim Gefängnis, aus dem die Unholde ausbrechen könnten. Die Mauer in Israel hat wohl tatsächlich die Anzahl terroristischer Anschläge zu verringern vermocht. Aber um welchen Preis der schwerwiegenden Ausgrenzung und Unterdrückung eines ganzen Volkes? Und hätte es nicht Alternativen gegeben, zum Beispiel eine Friedenslösung? Und werden viele Straffällige durch den Strafvollzug nicht erst recht in die kriminelle Karriere hinein nachsozialisiert? Und substantiell-destruktiv sind die Folgen: das Anrennen gegen die Mauern, endlose Kriege: siehe Israel und die Mauern in Süd-Europa oder Lorenz Böllinger 176 USA. Oder die Zerstörung der Persönlichkeit durch Gefangenschaft ebenso wie durch Selbst-Isolierung: siehe das Eigenheim in Bremen. Die Wände und Mauern sind aber vor allem Gedankengefängnisse, symbolische und paranoide Konstrukte mit vielfältigen politischen, kulturellen und sozialpsychologischen Bedeutungen und Wirkungen. Nur in sehr geringem Ausmaß sind diese bewusst oder bewusstmachbar. In weitaus größerem Maße sind sie von angeborenem, dynamischem Unbewusstem und von Verdrängtem determiniert. Deren symbolische Konstruktion beruht auf weitestgehend unbewussten Mustern, Mechanismen und Phantasien. Hauptsächlich aktiv sind dabei drei elementare und pathogene, sowohl individuell als auch sozialpsychologisch wirksame Abwehrmechanismen, nämlich: Spaltung, Projektion und Verleugnung, eine selbst-destruktive Trias von Überlebensmechanismen. Sie ist bei Individuen häufig als Borderline-Störung und pathologischer Narzissmus diagnostizierbar. Ich verstehe sie in unserer alarmierten Zeit auch als wuchernde kulturelle, kollektive Abwehrmechanismen, als Sozialpathologie. Spaltung heißt erstens, dass in Wahrnehmung und Gefühlswelt Gut und Böse, Hass und Liebe polarisiert, scheinbar eindeutig unterschieden werden: Ambivalenz, Ambiguität, Schwankung und Wandel sind ausgeschlossen. Spaltung heißt zweitens: das Böse wird nach Außen, eben jenseits der Mauer, projiziert, externalisiert um sich zu schützen und es zu bekämpfen: narzisstisch-autistische Selbstliebe vs. destruktiver Hass; Vermeidung von Beziehung und Bindung. Alles dient der Sicherheit und statischer Stabilisierung, der Vermeidung von Veränderung, von Fremdem. Die entsprechenden Projektionsmechanismen haben eine besondere, magisch anmutende Qualität – von der Psychoanalyse als „projektive Identifizierung“ bezeichnet: Sie „machen etwas mit einem“! Das heißt, man wird von den kognitiven und affektiven Inhalten der von einem Gegen- über unbewusst projizierten Affekte und Phantasien erfasst – ebenso unbewusst. Sei es, dass man identifikatorisch und gruppendynamisch mitgerissen wird; sei es dass man in polarisierte Gegenposition und Eskalation hineingetrieben wird. Jedenfalls tendiert diese intersubjektive Mechanik zur Eskalation, zur gruppendynamischen Differenzierung von „gutem Wir“ und „bösem Fremden“, zu Selbsterhöhung durch Entwertung anderer, zu Hass auf die Flüchtlinge, zu Rassismus. Die Inhalte von Wahrnehmungen und Projektionen sind drittens Resultate komplexer unbewusster Konstruktionsprozesse. Dazu gehört insbesondere die Verleugnung von Teilen der Realität. In permanenter Wechselwirkung stehen individuelle oder kulturelle Grundprägungen, politisch-mediale, von Macht- und ökonomischen Interessen geleitete Vermittlung der Gedankengefängnisse – Mauern – Theaterkulissen 177 Realität und gruppendynamische Prozesse. All diese führen zu selektiver Wahrnehmung und Einebnung der Wahrnehmung im Sinne individuellpsychischer oder kollektiver Stabilität: der „böse“ Außenfeind festigt die „gute“ Innenwelt. Er wird durch die Zuschreibung des „Bösen“ zum „Behälter“ der eigenen, auf ihn projizierten, ihm sozusagen veräußerten Aggression. Diese wird dann wiederum als Fremdaggression erlebt, missdeutet und bekämpft: ein endloser Zirkel, der paranoide Grundmechanismus: schön ablesbar an der Eigenheim-Festung in Bremen, ebenso wie an den sprießenden Mauern dieser Welt. Die je subjektiven Wahrnehmungen und Vorstellungen werden gleichsam auf die Wände projiziert, plakatiert – können beliebig ergänzt oder ausgetauscht werden. Wahrheit und Lüge sind nicht mehr unterscheidbar. Wahrnehmungen und Vorstellungen hängen wiederum von der objektiven Konstruiertheit von Subjektivität ab: das in vielfältige Bindungen verstrickte Individuum, die politisch-ökonomische Struktur und Medienkultur eines Landes, die politischen Machtverhältnisse, mit denen der Jubilar in Konstanz konfrontiert ist. Die Wände gemahnen an das Höhlengleichnis von Platon: die Höhlenbewohner sehen nur die von der Sonne geworfenen Schatten als Pseudorealität und verharren ewig in der Pseudosicherheit ihrer Höhle. In einer Art Dialektik sind die Wände in der Ausstellung aber auch Provokation im positiven Sinne: Orte des lebendigen Protests, Fanale des Widerstandes gegen eben diese Ausgrenzung. Sei es die von den Krakauer Grabsteinen symbolisierte Anklage gegen die Massenvernichtung, die uns zum Dialog zwingt; sei es der vielfältige Dialog von Anklagen und Verhei- ßungen, die vielfach überlagerten, verwirrenden Botschaften in den Athener Graffiti. Da ist die verwirrende Ambiguität und Ambivalenz, die von Wänden symbolisiert wird: sowohl von deren Machern als auch von denen, welche die Wände zu Klagemauern machen. Letztere sind nicht notwendig „die Guten“: des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer. Das „Böse“, die Beschwerden und Belastungen, werden nicht in ihrer Subjektivität, Komplexität, Relativität und Prozesshaftigkeit verstanden und eingefühlt. Das würde Aufschub erfordern: Reflektieren, Abstand nehmen von den eigenen Affekten, vernünftiges Abwägen, sich in die je andere Perspektive versetzen. Stattdessen wird den – vielleicht auch nur unbewussten – affektiven Impulsen gefolgt – wie bei der Borderline-Störung: in einer Art regressiven Heilserwartung wird durch Projektion und Bekämpfung die eigene Beschwer zu „lösen“ versucht: Macht-Gier, eine Art Erlösungshoffnung durch Ausgrenzung und Selbstisolierung der Wände-Konstrukteure einerseits; und Abwehr von Ohnmacht und Angst durch die narzisstische Lorenz Böllinger 178 Befriedigung von Gier nach Anerkennung, nach gesehen Werden und Abfuhr von Wut andererseits. Zurückzuführen ist diese wechselseitige Erlösungshoffnung auch auf eine kollektive Regressionsbereitschaft. Haben wir nicht alle irgendwie die Hoffnung, die „Wellness“ des Mutterleibs und der frühen Totalversorgung wiederzufinden? Freud sagt in „Das Unbehagen in der Kultur“: Es sind Schuldgefühle, welche Triebverzicht und Kulturentwicklung ermöglichen (S. Freud, Studienausgabe Bd. IX, S. 191 – 270). Schuldgefühle nämlich wegen der aufgrund des Paradiesverlustes und deren ursprünglich erlebter Übermacht gegen Mutter und Vater gerichteten Aggressionen. Mussten wir nicht alle mit den Aggressionen fertig werden, welche der allmähliche Verzicht auf dieses Paradies uns abfordert? Diese Frustrationsverarbeitung muss im sozialen Bindungsgefüge ständig erneuert und bestätigt werden. Die real erlebte oder eben auch nur politisch-medial sowie ökonomisch „konstruierte“ Existenzbedrohung und -angst, die zunehmend extreme soziale Spaltung ist auch eine Art Mauer. Wir können in den Wänden und ihren Konstrukteuren den universellen Aspekt der Abwehr von Ohnmacht und Angst erkennen. Ein angeborener Ur-Affekt, Ur-Grund des Verstärkerkreislaufs der kollektiven Borderline-Störung, mit Selbstschädigung als Hauptsymptom. Ihre zentrale Dynamik manifestiert sich auch in Beziehungsabwehr und „Grandiosifizierung“ des Selbst mittels Entwertung anderer. Das ist der pathologisch-regressive Narzissmus des gierigen, unverblümten, unverschämten Neoliberalismus. Gibt es Auswege aus diesen Aporien? Ja: Einreißen der realen und symbolischen Mauern, der Gedankengefängnisse. Öffnung der Platon’schen Höhle: Durchsichtigmachen der Zusammenhänge, Analyse und Auflösung, „Dekonstruktion“, besagter Konstruktionsprozesse in offensiven Diskursen – Diskursivität überhaupt. Der Freiheitskämpfer kann zum Terroristen werden und umgekehrt. Aber unter günstigen gesellschaftlichen Bedingungen kann jeder von ihnen auch zum Politiker im demokratischen Kräftefeld werden: das zeigen z.B. Ecuador und Kolumbien (vgl. www.laenderdaten.de/Ecuador/Kolumbien). Es gibt das Potential zu Prozessen. Es gibt ein Tertium zur Polarität der psychischen und sozialen Spaltung: Differenzierung, Ausgleich, Kompromiss. Es lassen sich Brücken der Verständigung bauen, Grenzüberschreitungen organisieren, Mauerdurchbrüche herstellen. Voraussetzung vor allem: Sich-hinein-versetzen in die Perspektive der Anderen, Verstehen, Empathie. Und dadurch: Beziehungen entstehen lassen. sich verständigen, Kompromisse finden. Der absolute Gegensatz zum Mauern-Bauen und Wände-Hochziehen. In jedem Fall aber: Reflexion der Gedankengefängnisse – Mauern – Theaterkulissen 179 eigenen Ängste, Ohnmachtempfindungen und Aggressionen; Realisierung der Ambivalenzen und der Komplexität der realen Welt. Voraussetzung ist Reflexion der Folgen des eigenen Tuns vor dem Handeln. Ein Ideal, ja! Aber Annäherungen müssen versucht werden – sonst droht die eingangs skizzierte Apokalypse. Christoph Nix’ Werk und Wirken ist – so gesehen – ein gutes Beispiel für sich auch politisch verstehende Kunst – oder Politik mit den Mitteln der Kunst. Die Kulissen in seinem Theater repräsentieren ebenso wie seine vielfältigen Rollen als Strafverteidiger, Wissenschaftler und Schriftsteller die notwendigen Grenzüberschreitungen und Ausbrüche aus Gedankengefängnissen: sie manifestieren die Potentiale von Ambiguität und Ambivalenz, die ermutigende Fluidität und Wandelbarkeit unserer Konstrukte. Lorenz Böllinger 180 Reise, Reise von Johannes Nix Als die Maschine landet und wir beide ruckartig aus unseren Träumen gerissen werden, sind wir von absoluter Dunkelheit umgeben. Es wird einige Stunden dauern, bis die Sonne mit ihrer immensen Kraft die Welt wieder erwachen lässt, die Straßen etwas sicherer wirken und auch der Blick auf das Fremde etwas vertrauter wirkt. Nun, ein Vater mit seinem Sohn auf Reisen oder aber ein Sohn mit seinem Vater auf Reisen. Die Kapsel ist sicher eingedrungen in den uns neuen Kosmos und beim Ausstieg wird uns bewusst, dass der Geruch von Parfüm, vermutlich der Dame weiter vorne links angehörend und der Schweiß des kräftigen, wohl an Schilddrüsenunterfunktion leidenden Mannes direkt hinter uns sitzend, sich austauschen und vermischen mit dem sinnlichen Geruch der Fremde. Der von außen kommende und neue Geruch ist eine Mischung aus Sand, Staub und Körnern. Es fällt schwer ihn zu beschreiben, doch eines ist er nicht: neutral. Wer hier schon einmal den Boden geküsst, den Himmel erblickt und den eigenen Schatten verloren hat, der weiß wovon ich spreche. Adieu gute Kapsel, sie ist verlassen, ein zurück gibt es nun für uns nicht mehr, und die eingedrungenen Gerüche werden mit den nächsten Passagieren ihren Weg zurück finden. Auf dem Weg aus dem für diese Anzahl von Menschen viel zu klein geratenen Flughafen nach draußen wird nach dem Messen des Fiebers der Einreisenden eine interessante Sicherheitskontrolle fällig. Meinem Vater wird der Zutritt nach draußen problemlos gewährt, mir hingegen eine Durchleuchtung von speziell ausgebildetem Militär zuteil. Als ich mich frage, was an meiner Tasche interessant sein könnte und was mich dazu gebracht hat, in einem abgesperrten Bereich so gut überwacht zu werden, fällt mir ein, dass es vielleicht die dreißig Taschenmesser sein könnten, die mir noch kurz vor Abflug von meinem Mitreisenden, aus Gewichtsgründen der Taschen, versteht sich, zugesteckt wurden. Die Zeit vergeht und umso länger ich warte desto sicherer werde ich, dass die gemeinsame Reise mit den Messern ab hier beendet ist. Das Militär lässt mich warten und unterhält sich nicht weit von mir entfernt erregt miteinander. Während eines geschickten Momentes umgeht mein Vater absolut selbstbewusst die Absperrungen und es wirkt fast, als würde er zum geschulten Personal gehören, wäre da nicht das Problem mit der fehlenden Uniform. 181 Er öffnet flink und geschickt meine Tasche, nimmt die vermeintliche Gefahr an sich, geht den Weg zurück, den er gekommen ist, und verschwindet mit den dreißig problematischen Geschenken wieder nach draußen. Nachdem alle Neuigkeiten untereinander ausgetauscht sind und auch ich als Wartender als störend wahrgenommen werde, durchsucht man jede Ecke und jeden Winkel meiner Tasche und schaut stutzig drein in dem Augenblick, als nichts gefunden wird. Mürrisch werde ich nach draußen entlassen und das Abenteuer kann beginnen. Das gemietete Auto funktioniert nicht, die neu gekaufte Taschenlampe zur Überprüfung von Schäden tut es dem Auto gleich, und miteinander sprechen wird man immer in einer für alle Beteiligten fremden Sprache. Die Kommunikation läuft wesentlich besser, wenn der ältere Mann mit grauen Haaren die Menschen freundlich anschaut. Sein Interesse an ihnen persönlich bekundet und den ein oder anderen Witz macht. Kein Witz mit vorausahnbarer und flacher Pointe, diese Art von Witz hatte nie Einzug gefunden in sein Wesen, es ist der Witz aus der akuten Situation heraus. Man kann den imaginären Ball zwischen den beteiligten Akteuren durch die Lüfte sausen hören, die Blickkontakte werden schneller und zahlreicher. Die Fremde vergeht, das neue Auto kommt. Der Stuart scheint uns beim Aufwachen beobachtet zu haben oder vielleicht auch schon beim Schlafen. Er muss etwas gesehen haben, was uns passiert sein muss und es muss ausgereicht haben, um ihn zum Dauergrinser werden zu lassen. Ungefragt beginnt er auch gleich das Gespräch und auf die von uns gestellte Frage, ob er Zeit genug habe, das Land oder die Stadt anzuschauen, erwidert er, dass er und die Crew mit Getränken in einem Hotel am Flughafen untergebracht seien und es dort Party gäbe. Das mit dem Hotel und auch, dass es dort Getränke gibt, glaubten wir ihm, aber die Party hielten wir für eine Lüge. Er saß uns direkt gegenüber und wirkte sehr nervös. Es sei nicht sein erster Aufenthalt in diesem Land und dennoch, so schien es, kennt es ihn nicht. In einem schummrigen Büro mit einem schummrigen Licht, werden wir aufgefordert, Papiere für das Auto zu unterschreiben, welche uns später zum Verhängnis werden sollten. Für uns war es nichts Neues und auch ein Fremder stellt recht früh fest, dass es meist die anderen sind, die die Geschäfte führen. So war es auch in diesem Fall, eine indische Firma, welche uns für eine kurze Zeit das Auto vermachte und später ein absurd aggressives Auftreten an den Tag legen würde. Wir waren nun gut 24 Stunden unterwegs und sehnten uns nach Ruhe und etwas Pause. Die indische Bevölkerung fand Einzug auf dem afrikanischen Kontinent eigentlich auch nur aufgrund von eigener Vertreibung und dem Zum-Op- Johannes Nix 182 fer-Fallen im Kolonialismus der britischen Besatzer. Bildete der Ackerbau noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Säule der indischen Gesellschaft, fand diese ihren Fall zu Zeiten des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges und der französischen Revolution. Indien wurde zur Agrarkolonie Großbritanniens und wies eine hohe Rate an Unterbeschäftigung auf. Als ‚billig-Lohner‘ wurden sie quer über die See und unter anderem auch auf den afrikanischen Kontinent verschifft. Noch heute wird ein gegenseitiges Misstrauen gepflegt zwischen nach Afrika Verschifften und den dort schon immer lebenden Menschen. Auch das ist vielleicht der Grund, dass zum Wohnen für die Zugereisten ausschließlich Gated Communities vorgesehen sind, um sich zu schützen. Aber Schutzsuche wovor? Die vielen Feuer auf den Straßen, die in der Nacht noch brennen, Licht und auch Wärme spenden, weichen dem anbrechenden Tag. Früh wachen wir auf wegen der eindringenden Hitze, und auch das neue Umfeld lässt uns nicht mehr ruhig bleiben. Wir fahren viele Kilometer durch das Land, besuchen entfernte Verwandte von Angela Merkel auf einem unfassbar vernachlässigten deutschen Friedhof und wohnen einer Zeremonie von Voodoo bei. Wir gehen auf die Jagd mit Kriegern der Hadzabe, probieren nicht von dem gegrillten, frisch erlegten Affen, aber schließen gute und anhaltende Freundschaften. Es muss am Ende einer der Reisen gewesen sein, in der uns die Achse unseres Autos brach. Mitten in der Wildnis hält das Auto dem Druck des gewohnten Terrains nicht mehr stand. Es ist für uns völlig unmöglich auch nur ansatzweise eine Reparatur vorzunehmen. Sicher ist aber, dass wir so nicht weiterkommen würden. Nach Stunden des Wartens taucht am Horizont eine Staubwolke auf. Sand, aufgewirbelt durch ein fahrendes Fahrzeug. Ein Handynetz zu bekommen ist so aussichtslos wie das Überleben in der aufkommenden Nacht. Das Fahrzeug näherte sich und ermöglichte uns die Mitfahrt in das nächste Dorf. Es ist ein LKW, vollgepackt mit Gemüse und gut gelaunten jungen Männern. Auf der Suche nach Mechanikern in dem Dorf, in dem wir gelandet waren, taten sich drei Männer der zoologischen Gesellschaft Frankfurt auf. Sie springen auf ihren Jeep mit einem Schweißgerät auf der Ladefläche und wir versuchen das von uns zurückgelassene Auto mit Kompass und von mir herausgeschriebenen Gradmessungen zu finden. Dass keine Karte existiert, hilft nicht gerade bei der Suche und dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit den Wagen finden, gleicht einem Wunder. Die Mechaniker machen sich sofort an die Arbeit und alle sind zufrieden mit sich und erleichtert, als nach zwei Stunden die Achse wieder den gewohnten Platz eingenommen hat. Wir liegen uns in den Armen und verabschieden uns herzlich, bevor jeder wieder in seinen Reise, Reise 183 Wagen steigt. Im Rückspiegel die Staubwolke der wegbrausenden Männer in dem uns zur Hilfe eilenden Jeep und keine hundert von uns zurückgelegte Meter später bricht die Achse erneut. Die Verzweiflung ist uns ins Gesicht geschrieben und nun scheint es, als würde uns niemand mehr so schnell helfen können. Die hereinbrechende Nacht wird nun bedrohlicher denn je und als kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein letztes Auto an uns vorbei fährt und wir es zum Stehen bringen können, sind wir froh, wieder mitgenommen zu werden in das Dorf, in dem wir noch vor wenigen Stunden gewesen waren. Diese Geschichte hat kein wirkliches Happy End. Die Achse wird am nächsten Morgen erneut repariert werden, der Wagen fährt auch ungewöhnlich weit. Allerdings nur so weit, wie es der uns ausgehende Sprit zulässt. Am Ende scheint die Benzinpumpe im Motor aufgegeben zu haben und unsere Rettung, wieder kurz vor Einbruch der Nacht, ist nun ein überfülltes Sammeltaxi, in dem wir uns als Priester ausgeben müssen, um mitgenommen zu werden. Irgendwie schaffen wir es am Ende in die Hauptstadt zurück und irgendwie lässt man uns nur kurz nach Ankunft vermitteln, dass, wenn der Wagen nicht zurückkäme, wir das Land nicht verlassen würden und die Polizei bereits benachrichtigt sei. Vom Regen in die Traufe also. Wann fingen Menschen an eitel zu werden und an welchem Fleck dieser Erde gibt es sie nicht, die Eitelkeit? Nachdem uns, in einen Sitzungssaal befohlen, ein Rat aus Headmanagern, Anwälten und Schlägern kühl empfangen hatte, wurden gentlemanlike die Visitenkarten gereicht. Plötzlich fing der Anwalt der Gegenpartei an, von seiner Professur zu sprechen. Er muss die Titel auf der Karte meines mit mir reisenden Vaters entdeckt haben. Es schien als hielte er sich für Sherlock Holmes und während ich mich wie ein Schüler fühlte, der die Schulbank drücken muss, fing dieser Anwalt an zu erzählen. Er sei fast ein Professor hier an der Universität und in zwei Wochen oder eventuell in ein paar Monaten, so genau könne er es nicht sagen, würde er es dann auch werden. Wir glaubten, dass wenn er nicht bald mit diesem Gefasel aufhören würde, er in Anbetracht seines hohen Alters dies sicherlich nicht mehr miterleben würde. Das uninteressante Geschwätz dieses alten Mannes löste keinen Enthusiasmus in uns aus, doch hätte es weitaus weniger Brisanz gehabt, wenn der Headmanager ihn nicht gleich zu beginn als renommierten und mit fünfhundert Dollar recht kostspieligen Universitätsprofessor vorgestellt hätte. Meinen Vater kümmerte all das nicht und als sich unsere Blicke trafen, brachen wir nur nicht in lautes Gelächter aus, weil wir hinter uns den hei- ßen Atem und das Knurren der Schläger spüren. Unser Desinteresse muss sich aber doch bemerkbar gemacht haben und so fing die Eitelkeit oder auch die Scham des eben noch freudig erzählenden ‚bald Professors‘ an, in Johannes Nix 184 Jagdlust umzuschlagen. Eigentlich war der Fall von Anfang an klar. Das an uns vergebene Auto war eine Schrottkiste und die Kosten für das ganze Drumherum würde der Autovermieter tragen müssen. So jedenfalls wäre es, meinem Vater zufolge, in Deutschland gewesen. Er hatte schon immer ein gutes Gespür gehabt, besonders bei Krisen, und so hatte er noch zuvor einen jungen und wunderbaren Anwalt ermittelt, der uns vertrat. Wo bei dem einem die Eitelkeit obsiegt, ist es bei dem anderen die Verbundenheit unter Kollegen. Geld wurde keines genommen und falls man selbst mal Rechtsbeistand in Deutschland bräuchte, so würde man sich gerne in Not melden dürfen. Da führte uns das Unglück doch gar in die offenen Arme eines weisen jungen Mannes, welcher zudem noch fließend Deutsch sprach. Die Schlacht war allerdings noch nicht geschlagen. Der sich selbst verherrlichende Gegenanwalt musste sich nun auf seiner innerlichen Jagd den uns beistehenden Anwalt auserkoren haben. Nun saßen ihm nur wir drei gegenüber, weshalb da die Wahl nicht schwer gefallen sein mag, aber was er nicht merkte bei all dem Unsinn, der uns nun in vier Stunden auf die Ohren gelegt wurde, war, dass unser Anwalt nicht aus Unwissenheit schwieg, sondern aus Respekt vor dem Alter seines Gegenübers. Neben mir saßen nun also zwei Kollegen und neue Freunde. Wenn es doch zu viel wurde erbat man eine Pause und mein Vater und er sprachen auf Deutsch über die Strategie. Wenn man es aus einem positiven Gesichtswinkel betrachten möchte so könnte man meinen, dass sich selbst in dieser Situation meinem Vater die Gelegenheit auftat, unserem neuen Freund ein Seminar und Coaching in Verhandlungsstrategie zu geben. Näher könnte man es nicht an der Praxis halten mit Recht bekommen und Recht haben. Schließlich war eine Einigung gefunden, mit der beide Seiten leben konnten. Da ein baldiges Wiedersehen mit unseren jungen Anwälten zu sehr von Ungewissheit geprägt war und man die Gelegenheit beim Schopfe packen muss, bekam der Anwalt von meinem Vater auch gleich das Angebot, eine Doktorarbeitet zu schreiben. So geht praktische Entwicklungszusammenarbeit. Nach der stundenlang andauernden Verhandlung waren wir so sehr froh, als wir wieder in unserer Kapsel saßen und in der Economy Class nach Hause fliegen durften. Reise, Reise 185 „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse Vortrag Theater Konstanz 12. 12. 2017 von Rolf-Peter Warsitz „Fremde sind wir uns selbst“ Etwa 2 ½ Jahre nach dem Beginn der Flüchtlingskrise und knapp 3 Jahre nach den Attentaten von Paris, mehr als 2 ½ Jahre nach den Attentaten auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Markt in Paris, 1 Jahr nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, (in der Zwischenzeit) ca. ½ Jahr nach den Chemnitzer Ausschreitungen und nur wenige Monate nach dem Terroranschlag in Straßburg sind wir immer noch damit beschäftigt, die Scherben aufzuräumen, die vom zertrümmerten Spiegel der europäischen Moderne geblieben sind. Ich möchte hier nur einige frühere Überlegungen (Warsitz 2014, 2017) dieser Entwicklung noch einmal in Erinnerung rufen. Die Frage: Warum Deutschland? Warum die deutschen Verhältnisse? – ist dabei die erste Frage. Es sei eingangs nur betont, daß die neue Barbarei – ich meine sowohl den Fremdenhaß als auch den dschihadistischen Terror – natürlich nicht nur ein deutsches, sondern ein europäisches, wenn nicht ein globales Problem der Zivilisation darstellt. Die moderne Barbarei ist eine Konsequenz der Migrationsströme des beginnenden 21. Jahrhunderts, und diese sind die Folge der kulturellen Verwerfungen, die im XX. und beginnenden XXI. Jahrhunderts stattgefunden haben. Die neuen Kriege des vergangenen 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts und des wieder erstarkten neoliberalen Kapitalismus haben – historisch und soziologisch gesehen -, die radikalisierte islamistische Barbarei hervorgebracht, und letztere stellt eine Art Rückimport des Krieges in die westlichen Zivilisationen dar, von wo die Kriegstreiberei einst ausgegangen ist. Hinzu kommt ein Jahrtausende dauernder Religionskrieg der drei großen monotheistischen Religionen, der in immer neuen Wendungen und Gewandun- 1) 187 gen scheinbar nicht zu lösen ist. Die besondere Rolle der Deutschen besteht dabei nun aber in der Fragilität unserer eigenen politischen Verhältnisse als historisch nur schwach verankerter repräsentativer Demokratie – im Gegensatz zu Frankreich, England oder auch den USA (trotz Marine Le Pen, Brexit und Donald Trump). Die gegenwärtigen kulturellen und politischen Konflikte kommen uns in ihrer jetzigen Ausprägung fremd und unbekannt vor – wie umgekehrt auch allzu vertraut. Ich meine das Ausmaß des Hasses auf beiden Seiten, den neuen Rechtspopulismus und die neuen Pseudo- Religionskriege, das Ausmaß der Zerstörung, das Barbarische dieser Form von Menschenverachtung und Kulturzerstörung im Namen von Glaubensidealen an transzendente Mächte und absolut gute Beziehungen, welchen eine Erlösungs – und Erweckungsfunktion zugeschrieben wird. Auf der anderen Seite wirkt die scheinbare Reaktion darauf ebenso erschreckend, nämlich das Wiederauferstehen rassistischer und deutschnationaler Ressentiments hierzulande. Als Psychoanalytiker und kritische Zeitgenossen sollten wir uns nun nicht allzuschnell mitreißen lassen von dem darob entstandenen Erregungsstrom, sondern zunächst reflektieren und nachdenken. S. Freud hatte jene destruktiven Nebeneffekte der modernen Zivilisation frühzeitig erkannt. Ist nun dieses neue „Unbehagen in der Kultur“ (Freud 1930) nur ein Problem individueller Pathologie der beteiligten Akteure? Oder ist es eine rein kulturelle Pathologie? Eine Entfremdung der Conditio humana aus ihren naturhaften Anlagen, eine Sackgasse der Evolution oder eine Regression auf frühe Stadien der Zivilisationsentwicklung? Freuds Analyse entstand bekanntlich noch vor den schlimmsten Verwerfungen der Menschheitsgeschichte im Zivilisationsbruch in Auschwitz. Er reflektierte die Verwerfungen des 1. Weltkriegs und gelangte kulturskeptisch zu einer fundamentalen Revision seiner bisherigen klinischen Theorie (erst nach dem ersten Weltkrieg entstanden Freuds (Freud, 1920) und sein Todestriebkonzept sowie sein später, aber radikaler Pazifismus, wie er im Einsteinbriefwechsel dokumentiert ist. Immerhin hatten die psychohistorischen Verwerfungen Freud nicht in seinem Glauben an Aufklärung und Wissenschaft zu erschüttern vermocht (vgl. (Freud, 1915a, 1915b). Das Unheimliche, das dem erschrockenen Zeitgenossen S. Freud da widerfuhr, ist – wie er sagt – das heimlich Heimelige, das heimlich Vertraute, das verdrängte Eigene, das uns als Fremdes entgegenkommt. Dies fürchten, hassen und bekämpfen wir im Anderen, dem Fremden, dem Andersdenkenden – in unserem Doppelgänger gleichsam. Der Fremdenhaß wäre demnach eine umgedrehte Angst und eine Verweigerung der Anerkennung, daß wir selbst es sind, was wir im Ande- Rolf-Peter Warsitz 188 ren ablehnen. Wir wollen es im Anderen vernichten, um es in uns loszuwerden (Freud 1919). Das Fremde Eigene im Anderen anzuerkennen, ist natürlich eine schwere Zumutung für das moderne Subjekt, das sich autonom und selbstbewußt in sich ruhend wähnt, nicht entfremdet – wie einst Odysseus, der erst im Durchgang durch das Fremde und Andere zu sich findet. Dies ist die Grundthese von Julia Kristevas Essay: „Fremde sind wir uns selbst“ (Kristeva, 1988 [1990]), der eine Kulturgeschichte der Fremdheit beschreibt. Kristeva verfolgt hier die Spuren der Dialektik von Fremdheit und Entfremdung über die Jahrhunderte der europäischen Literaturgeschichte. Wenn also das Dispositiv des Fremden in uns selbst nach Kristeva darin besteht, daß es die „verborgene Seite unserer Identität“ ist, dann erkennen wir in der aktuellen politischen Auseinandersetzung um die Fremden in unserem Land, daß sie ein Symptom unserer eigenen Identitätskrise als Nation sind. Hier sei aus Kristevas Essay nur auf das literarische Vorbild für ihren Begriff des kulturell Fremden bzw. des in sich entfremdeten modernen Subjekts hingewiesen, nämlich Albert Camus‘ literarische Figur des Fremden (Camus, 1942, dt. 2010 ) – Meursault. Meursault wird hier zum Sinnbild einer Bestimmung der innersten Dimension der europäischen Moderne. Meursault wird – wir erinnern uns – aus seiner inneren und äußeren Entfremdung im algerischen Magreb zum Mörder, weil er seine eigene biographische Entfremdung nicht begreift bzw. sich erst über diesen Prozeß der Selbstentfremdung anerkennen kann: „Wir sind alle Mersaults“ – so benennt Kristeva (l.c. S. 34 ff.) den Prozeß der Entfremdung des modernen Subjekts. Weil wir das Fremde nicht als unsere eigene verborgene Lebensform anzuerkennen bereit sind – unsere Lebensweise, unsere Werte, wie es heute oft so vollmundig heißt, unsere Ethik – deswegen projizieren wir das Irritierende, Unbewußte in uns- das fremde Eigene – in den Anderen. Dazu gehört auch unser „innerer Rassismus“, wie der britischen Psychoanalytiker Fahkry Davids (Davids, 2016)(Davids, 2018) es nennt. Dieser Begriff des inneren Rassismus beschreibt unser abgewehrtes Inneres im Anderen, das die Funktion hat, unser Phantasma von Reinheit in uns zu bewahrendie AfD macht es uns gerade recht leicht, diese Projektion auf den Anderen bei uns selbst weiterhin leugnen zu können. In der Tradition der freudschen Massenpsychologie können wir das so verstehen, daß die kollektive Entäußerung des Ich- Ideals an ein kulturell- religiöses äußeres Objekt (scil. den Führer, aber auch das negativierte Ich- Ideal im übermächtig gewähnten fremden Anderen) unsere Ichintegrität scheinbar stabilisiert (in der Masse). Durch diese scheinbare Stabilisierung in der Haßprojektion „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 189 wird die Autonomie unseres Ich aber gerade gefährdet, weil sie des Anderen für seine Integrität bedarf, so daß das Ich dann gerade nicht mehr autonom ist (Freud 1921, vgl. auch Benslama 2017, S. 117). Es wird anfällig für Anfechtungen bei geringsten Kränkungen – und mit solchen haben wir es wohl gegenwärtig zu tun. Die psychosozialen Spannungen resultieren dann aus dem Aufeinandertreffen heterogener kultureller Dispositionen, die sich in wechselseitiger Projektion des unbewußten Anderen in ihnen nicht anzuerkennen bereit sind, wir, die Ungläubigen für die einen, jene, die Terroristen, für uns. Die daraus umgekehrt zu postulierende Anerkennung der eigenen Fremdheit im Anderen wirkt einerseits zutiefst irritierend und wird oft verweigert, andererseits auch unmittelbar kurativ- heilsam. Es wäre also hilfreich, nach Möglichkeiten und Grenzen zu fragen, diese Verhältnisse zu beeinflussen, also therapeutisch mit individuellen aber auch kollektiven Empathiestörungen umzugehen, mit traumatisierten Menschen, ohne sie zu retraumatisieren durch die Art, wie wir sie hier zu integrieren versuchen. In zwei Schritten möchte ich nun die moderne Krise der Humanität in der europäischen Moderne aufzuschlüsseln versuchen, zunächst in einer Analyse der Flüchtlingskrise in Deutschland, sodann in einer Analyse des neuen Terrorismus, der mit der erstgenannten Krise zusammen hängt. Eine Ethik der Respondenz für die entfremdete Moderne Aus dem historisch spezifischen Dispositiv der Deutschen ist nun hierzulande ein Dilemma entstanden, das ich versuchsweise das Xenophilie- Xenophobie – Dilemma nennen möchte. Xenophobie könnte man sozialpsychologisch verstehen als die in Fremdenhaß umschlagende Fremdenangst. Diese stellt eine kulturellen Projektion dar, insofern wir heute die Fremden zu dem machen, was die Deutschen selbst in den Verwerfungen des XX. Jahrhunderts für die Anderen gewesen sind, eine Bedrohung von deren Identität. Und Xenophilie, also das, was wir heute als Willkommenskultur bezeichnen und andere abfällig als Gutmenschentum verhöhnen, wäre die aus dem alten Schuldgefühl der Deutschen in ihr Gegenteil verkehrte Erinnerung an die eigene menschenverachtende Schuld unserer Väter und Mütter. Diesen unbewußten Mechanismus nennt die Psychoanalyse eine Reaktionsbildung. Xenophilie und Xenophobie hängen also unmittelbar miteinander zusammen und schlagen oft in ihr jeweiliges Gegenteil um. 2) Rolf-Peter Warsitz 190 Was kann der Psychoanalytiker nun tun in dieser Situation – konkret und kulturell- politisch? Konkret könnten wir hier auf die zahllosen Formen des Engagements in den Flüchtlingsaktivitäten der letzten Jahre verweisen: Psychoanalytiker, Psychotherapeuten, Ärzten Sozialarbeitern, Pädagogen und zahlreiche engagierte Bürger haben die Willkommenskultur zu einem bemerkenswerten Bollwerk gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz werden lassen. Ich kann das hier nur für unseren kleinen hessischen Landstrich andeuten, in dem vier psychosozialen Zentren (Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Kassel), alle mittlerweile professionalisiert und unter führender Tätigkeit von Psychoanalytikern getragen, versuchen, das, was als Willkommenskultur angefangen hat, nun in konkrete sozialtherapeutische Politik umzusetzen. In dieser Arbeit zeigt sich mittlerweile, daß die Euphorie der Willkommenskultur nicht einfach verflogen ist, auch nicht umgedreht wurde in sekundäre Ablehnung, sondern daß sie zu einer sehr konkreten und kleinteiligen soziotherapeutischen Arbeit an eigenen Vorurteilen, sozialen Konflikten in den Betreuungsregionen und selbstreflexiven Analysen der eigenen Fremdheit im Anderen, zu einer Haltung des Antwort- Gebens dem fremden Anderen gegenüber transformiert werden konnte. Ich glaube, wir benötigen heute nicht einfach eine künstliche Emphase fortgesetzter reiner Empathie in den fremden Anderen, die ich als Ausagieren einer unreflektierten Xenophilie verstehen würde, sondern eine „Ethik der Respondenz“, des Antwortgebens bzw. der Verantwortung auf die Herausforderungen der Flüchtlingskrise. Damit bezeichne ich einen selbstreflexiven Handlungsauftrag für Psychoanalytiker, Sozialtherapeuten und für unsere Gesellschaft insgesamt, der uns auch auf gesellschaftlich- kultureller Ebene verpflichtet, zum Zeitgeschehen nicht etwa zu schweigen und uns ins psychoanalytische Kabinett zurückzuziehen, sondern politisch Stellung zu beziehen und die erwähnten sozialen Pathologien zu benennen: „Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit“ (Adorno 1966, S. 27). Ethik ist wörtlich die Lehre von den psychosozialen Konflikten in den sozialen Beziehungen der Menschen (nach Aristoteles 1094 b14). Als Respondenz bezeichnet der letztjährige Sigmund. Freud- Preisträger Bernhard Waldenfels nun die Fähigkeit, Antwort zu geben auf den Anspruch eines Anderen. Sie resultiert aus der Fähigkeit, sich in das Denken und die Gefühle, in affektive und triebhaft motivierte Beziehungskonflikte eines Anderen hinein zu versetzen und aus diesem Verstehen des Anderen einen hilfreichen Umgang mit ihm zu finden. „Respondenz“ meint eine affektive, pathische Antwort auf das Leiden eines Anderen (Waldenfels, 1994), d.h. eine Bereitschaft, das Leidens des Anderen („pathos“ als Leiden und Leidenschaft) beredt werden zu lassen. „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 191 Sie ist somit ein Antwort- Geben einem Anderen gegenüber, die zur Ver- änderung des eigenen Selbst führt. „Veranderung“ nannte der Philosoph M. Theunissen (1977) diesen Mechanismus. Veranderung wäre genau das, was die Rechtspopulisten jetzt wie schon früher die Neorechten stets verweigert haben und als kulturelle Verfremdung, heute als Islamisierung und kulturelle Selbstaufgabe zu fürchten scheinen wie der Teufel das Weihwasser. Sie begehren hartnäckig und wütend auf gegen jede Veranderung, und doch kann dies als einziges verantwortliches Dispositiv für die europäische Moderne gelten. Kulturell gesehen, also europäisch und speziell in Deutschland, hat die Flüchtlingskrise zu einer kulturellen Verwerfung geführt, die – so meine vielleicht etwas grobe These – in exemplarischer Weise einer Störung der kulturellen Adoleszenz der Deutschen als Nation entspringt – das bezeichnet die „deutschen Verhältnisse“ in meinem Titel. Historisch sind – speziell in Deutschland – die Ideale der bürgerlichen Revolution und damit die Konstitution einer reifen demokratischen Identität nie recht etabliert worden (im Gegensatz zu unseren Nachbarn Frankreich, England und den USA). Nie haben die Deutschen ihre kulturelle „ödipale Krise“ bzw. ihre „Adoleszenzkrise“ (wie man sagen könnte) wirklich bewältigt, sondern sie sind immer wieder (schon 1848, dann 1918) regrediert in absolutistische oder in präödipale, unreife kulturelle Muster. Dem konstitutiven symbolischen Akt einer nationalen demokratischen Verfassung waren sie stets ausgewichen, die „nachholende“ Novemberrevolution 1989 (Habermas, 1990) konnte diesen historischen Mangel eben auch nicht kompensieren – sie blieb eine „geklaute Revolution“ (Sonnemann 1963, 1990, vgl. Bude 2015). Die deutsche Revolution hat entweder nicht stattgefunden oder sie war erzwungen, erschlichen bzw. nolens volens hingenommen. Dies ist nun kein ganz neuer Befund, Ulrich Sonnemann und andere Sozial- und Geschichtsphilosophen haben darauf immer wieder hingewiesen, daß die Deutschen seit der verpaßten bürgerlichen Revolution und verstärkt durch die politischen Verwerfungen des XX. Jahrhunderts ein kulturelles Defizit mit sich herum tragen. Schon S. Freud hatte dies in seiner Kulturtheorie von Totem und Tabu und in der Metapher von der vaterlosen Gesellschaft sowie in seiner Formulierung vom „Unbehagen in der Kultur“ thematisiert (Freud 1913). Die gegenwärtige Krise interpretiere ich also als eine Art Krankheit der sozialen Empathiefähigkeit der Deutschen in ihren historisch bedingten Verfremdungsverhältnissen. Empathiefähigkeit – der Kern sozialtherapeutischer und psychotherapeutischer Kompetenz und, darüber hinaus, das Fundament des sozialen Zusammenhalts von Gesellschaften und Kulturen Rolf-Peter Warsitz 192 – verstehen wir als die Kompetenz zur wechselseitigen Perspektivenübernahme plus Responsivität. Auch gesellschaftlich- kulturelle Verhältnisse wie die aktuellen, die Flüchtlingskrise – besonders in Deutschland – und die kollektive Zerstörung sozialer Verhältnisse, welche die Kriege anrichten, lassen sich als Empathiestörung verstehen (durchaus vergleichbar den individuellen Pathologie wie z.B. der Dissozialen Persönlichkeitsstörung). Sie beanspruchen ein kulturell- sozialtherapeutisches Engagement, das gerade dort Empathie einfordert, wo die Verhältnisse sie zu verhindern scheinen. Dies springt geradezu angesichts der jüngsten massenhaften Vernichtung von Menschen im Irak und in Syrien ins Auge, die allzu schnell als Kollateralschäden zugunsten eines größeren hehren Kampfziels, der Terrorbekämpfung im Namen der Humanität, abgetan werden. Dafür sind dann stets Andere, nie man selbst verantwortlich. Hier erweist sich eine ungezügelte Projektion und Verantwortungslosigkeit als Zeichen, als Symptom eines gravierenden kulturellen Empathiedefekts. In Deutschland hatte dieses kollektive Empathie- Mangelsyndrom zu den Verwerfungen der beiden Weltkriege des XX. Jahrhunderts geführt und zu millionenfacher Menschenvernichtung, die mit Fug und Recht als Zivilisationsbruch bezeichnet werden kann (Adorno). Mittlerweile finden sich allerdings sogar Psychoanalytiker, die diese sozialpsychologische Diagnose der kulturellen Pathologie der Deutschen unter grotesker Verdrehung der psychoanalytisch- kulturtheoretischen Pathodynamik ihrer Entstehung in ihr Gegenteil verdrehen und ein ungebrochen positives deutsches Nationalgefühl postulieren (Speidel, 2018). Viel ist die Rede von der Sicherung der Grenzen im Sinne einer Identitätsbewahrung als der vornehmlichen Aufgabe eines Staates. Nun war es ja historisch in Deutschland schon immer so, daß die Deutschen in der Geschichte meist gerade nicht in ihren Grenzen von außen überrollt wurden, sondern daß sie ihrerseits die Grenzen der Nachbarn überrollt haben. In ihrem Größenwahn hat sich das „Volk ohne Raum“ – in historisch ironischer Konterkarierung ihrer bewußten Intention – dabei letztendlich regelmäßig immer wieder selbst verkleinert (eine „Selbstverstümmelungsfurie der Deutschen“ nannte dies der Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann (Sonnemann, 1990). Wenn nun jetzt wieder die Angst vor dem Überschwemmtwerden (durch Flüchtlinge) und vor der Auflösung der eigenen Identität geschürt wird, so kommt dies sozialpsychologisch einer Wiederholung der Reaktionsbildung unter Verleugnung der kulturellen Realität gleich. Zur Deutung dieser kulturellen Identitätsstörung muß ich mich auf wenige Hinweise beschränken. Natürlich speist sich jenes kollektive Phantasma aus individuellen Urängsten: Überschwemmt zu werden von außen „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 193 bzw. von Fremdem rührt an unsere Identität, uns als ein eigener Körper, als ein eigenes Ich zu erfahren, das sich an den Körpergrenzen allererst erfahren läßt. Getrennt zu sein vom Anderen, generiert unsere Identität, und das Verschmelzen mit dem Anderen ist der Grund tiefster Sehnsüchte der Ichauflösung, aber auch archaischster Ängste. Grenzsicherung scheint Identitätssicherung zu versprechen. Winnicotts Essay: Der Anfang ist unsere Heimat. (Winnicott, [1986]1990) suggeriert die Sehnsucht nach diesem Ursprung, dieser Heimat als Wunschdispositiv: Wir wünschen uns diese als unendlich phantasierte Einheit mit dem primären Objekt zurück (Idealitätssehnsucht). Dabei stellt die Trennung vom ursprünglichen, einheitsstiftenden Objekt schon die erste existentiell bedrohliche Trennungserfahrung dar. Diese generiert in uns Ersatzfiguren, Surrogate jenes traumatisch sich gestaltenden Anfangs unserer Subjektivität. Später erleben wir dann als Heimat nur noch die vom Phantasma des Fremden gereinigte eigene Lebenswelt. Die Sehnsucht nach begrenzter Identität auf kultureller Ebene ist also nur allzu verständlich. Und doch ist sie oft nur die Abwehr eines zerstörerischen Expansionsdrangs. Angela Merkels angeblicher Alleingang mit der Grenzöffnung, mit der Willkommenskultur gegenüber Fremden, die – nota bene – ja stets von großen Mehrheiten der Deutschen unterstützt wurde und wird (Xenophilie), interpretieren ihre Kritiker in den eigenen Reihen und am rechten bis ultrarechten Rand der Gesellschaft – ziemlich paranoid – als Gefährdung der deutschen Identität und Bedrohung unserer Kultur durch Überschwemmtwerden von fremden Strömen (Xenophobie). Diese Debatte wurde in Deutschland alsbald mit einem gewissen moralischen Rigorismus geführt. Die urchristliche Tugend des barmherzigen Samariters, die Caritas, die christliche selbstlose Hingabe, die man den Deutschen nachsagte, wurde dabei allzu schnell als kulturelle Selbstaufgabe bzw. Selbstzerstörung desavouiert und als pathologisches Helfersyndrom diagnostiziert. Die Klagen über die selbstlose Hingabe in der christlichen Caritas auch in Gestalt des neuen deutschen Sonderwegs aus historischem Schuldgefühl bei der Kanzlerin mögen vielleicht einen unreflektierten Narzißmus des Helfens bei den Deutschen verdecken (vgl. Winkler, 2016, vgl. Sabrow 2016) (Xenophobie als Abwehr, als Reaktionsbildung einer alten historischen Schuld der Deutschen, s. oben). Die Widersprüchlichkeit der deutschen Öffentlichkeit, auch der intellektuellen und z.T. neokonservativ sich gerierenden Öffentlichkeit wie bei Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski u.a. muß ich hier übergehen, aber auch hier zeigt sich – wie ich meine – eine irrationale und nur aus dem Xenophilie- Xenophobie- Dilemma sich erschließende psychosoziale Abwehr. Rolf-Peter Warsitz 194 Die neokonservativen Kritiker (wie auch der Psychoanalytiker Hubert Speidel – s. oben) scheinen nicht zu bemerken, daß sie das verdrängte Vergangene, die Kulturpathologie der deutschen Verhältnisse, in dieser Diskussion schlicht agierend wiederholen. Umgekehrt wäre die erste Bürgerpflicht dieser historischen Situation, die Krise um die Flüchtlinge und die offenen oder geschlossenen Grenzen als Teil des deutschen Selbstverständigungsprozesses mit ihrer Geschichte anzunehmen und mit konkreten Projekten voranzubringen, was ja auch vielfach geschieht. Dies wäre Soziale Therapie als Ethik der Responsivität auf gesellschaftlich- kulturellem Niveau. Julia Kristeva, die bulgarische Migrantin in Frankreich, fordert ein inneres Aufbegehren als Antwort auf eigene historische Verhaftungen als Voraussetzung einer „neuen Revolte“ (Kristeva 2016 [2012]). Dieses Postulat wäre auch in Deutschland allererst einzulösen. Der o. e. Gedanke der Responsivität geht aber weiter als der der christlichen Caritas, und wir könnten kontrovers diskutieren, ob das Merkel- Phänomen der offenen Arme einer Responsivität oder doch eher jener christlichen Caritas zukommt. Denn es ist zu vermuten, daß die Deutschen den latenten Narzißmus im Helfenwollen in gewisser Weise verleugnet haben. Andererseits aber „Überfremdung“ als Schreckgespenst im Sinne einer kulturellen Chimäre an die Wand zu malen, folgt dem alten sozialdarwinistischen und nationalsozialistischen Dispositiv einer Warnung vor der Gefahr der ethnischen, rassischen und genetischen Unreinheit und Vermischung – der Xenophobie. Eine neue tödliche Jugendbewegung Blicken wir noch einmal auf den anderen Pol der Flüchtlings- Migrationsund Asyldebatte, auf das Komplementärphänomen des Fremdenhasses, den neuen dschihadistischen Terror und die Integrationsdefizite der entfremdeten adoleszenten Migranten der zweiten Generation (King 2016). Diese haben sich bislang zwar vornehmlich in Frankreich mit seiner viel längeren Migrationsgeschichte manifestiert, sie droht aber auch bei uns. Woher aber kommt nun der Haß bei diesen adoleszenten und postadoleszenten Migranten der 2. Generation? – fragen sich Kulturtheoretiker und -kritiker irritiert und finden keine Antwort (vgl. Assheuer 2016, S. 37; vgl. Emcke 2016, Neumann 2016). Sind es einfach entwurzelte Migranten der 2. Generation, sind es ganz normale Kriminelle, Delinquente oder Psychopathen? Sind es radikalisierte zelotische religiöse Eiferer, die sich in einem aufgesetzten religiösen Ideal die Antwort auf ihren Identitätsverlust versprechen? Ist der Haß die Emanation eines primitiven Instinktverhaltens 3) „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 195 oder eine kulturelle Pathologie? Wir müssen – so meine ich – diesen neuen, fundamentalistischen, pseudoreligiösen Haß wohl als Perversion der o. g. inneren Revolte nach Kristeva bezeichnen, nicht als eine irgendwie biologischen Defekt. Der Schriftsteller und Journalist Najem Wali etwa behauptet in seinem Essay „Im Kopf des Terrors. Vom Töten mit und ohne Gott (Wali, 2016): „Das Töten ist ein Instinkt, genauso wie das Gute. Das Gute ist eine Idee, eine Haltung, genauso wie der Friede“. Diese Bestimmung erscheint mir zu simpel. Wali argumentiert mit einem dualen Gut- Böse- Schema, das nach psychoanalytischer Logik einem primitiven präödipalen Schema folgt. Ein solches Schema wird zwar auch in der Philosophiegeschichte immer wieder zur Erklärung des absolut oder radikal Bösen, meist als Naturgegebenheit herangezogen. Freuds später Triebdualismus von Eros und Thanatos nimmt aber doch insofern eine dialektisch vermittelnde Rolle ein, da er nach den Bedingungen einer notwendigen Verschränkung zwischen beiden fragt. Reine Triebe oder eine völlige Triebentmischung sind klinisch nach Freud nicht zu beobachten. Zudem vernachlässigt die Annahme einer radikalen Spaltung in das immer schon Gute, das wir dem eigenen Ich zuordnen und in das immer schon Böse das wir im Anderen verorten, den psychischen sozialpsychologischen Mechanismus der Projektion des eigenen Bösen in den Anderen, u.a. auch die o.e. Annahme eines inneren Rassismus (F. Davids), der immer neue Vermittlungsfiguren generiert. Die Annahme eines Tötungsinstinkts bzw. eines abstrakten absoluten Bösen stellt eine zugleich idealistische wie biologistische Position dar und führt zu einer grandiosen Verharmlosung der kulturellen Pathologie, da sie alles Böse bloß als Atavismus unserer animalischen Existenz, nicht hingegen als Ausdruck der kulturellen Selbstentfremdung der Conditio humana auffaßt. Demgegenüber spricht der tunesisch- französische Psychoanalytiker Fathi Benslama vom Syndrom des „Übermuslim“, das eine Überidentifikation mit dem externalisierten Über- Ich eines gekränkten islamischen Ideals darstellt: „Der Übermuslim ist der Effekt einer Mobilisierung durch den Islamismus, der seit dem Debakel zu Beginn des 20. Jahrhunderts (scil. RPW Gründung der Muslim- Brüderschaft 1928) beständig stärker wurde. Seine Theoretiker haben eine bisher unbekannte individuelle und kollektive Technologie des Heiligen entwickelt, um sich der Säkularisierung zu widersetzen – eine Technologie, die auf einer direkten Identifizierung mit dem Über-Ich der Gemeinschaft beruht“ (Benslama 2017b[2016], S. 88). In der pseudoreligiösen Identifizierung wird eine überhöhte Regression an früheste Einheitsphantasmen möglich: „…. Die Religion (ist) (scil.RPW) eine Macht ohne Maß, weil sie ihre Vitalität aus Rolf-Peter Warsitz 196 dem Grenzenlosen und Ozeanischen schöpft, in dem sich jedes menschliche Wesen in frühkindlicher Zeit befunden hat, als die Grenze zwischen ihm und der Welt noch nicht errichtet war“ (l.c. S. 89). Der belgische Psychoanalytiker und Kinderanalytiker Patrick Meurs spricht vom „Verlust des guten Objekts“ und dessen „Pervertierung“ im „entfesselte(n) Haß bei sich radikalisierenden Jugendlichen und Syrienkämpfern“(Moers 2016). Klaus Theweleit war das „Das Lachen der Täter“ (Theweleit 2015) aufgefallen; er nennt seine Studie ein „Psychogramm der Tötungslust“. Aber handelt es sich bei diesen Adoleszenten (oder Postadoleszenten) nicht eher um eine Krankheit der Idealität, also um eine Krankheit unseres kulturellen Ich- Ideals im Sinne des Strebens nach Auflösung der Beziehung zum guten inneren Objekt, um eine kulturelle Perversion und nicht einfach um ein reines Agieren der Tötungslust? Die Adoleszenz können wir – mit Julia Kristeva (Kristeva 2007; vgl. auch Kristeva, 2014 [2006], S. 17 ff.; Kristeva, 2005, S. 447 ff.) – als ein Syndrom der Idealität und der Fragilität des Subjekts begreifen. Darin verbirgt sich eine präreligiöse Sehnsucht, aus der sich gerade in der Adoleszenz in einem Syndrom aus Glauben und Idealität das stärkste denkbare Gewaltpotential, um nämlich das Ideal weiterhin absolut rein und unbefleckt wähnen zu können, entwickeln kann – sei es in Gestalt der vielfältigen autodestruktiven Adoleszenzstörungen, die wir als Kliniker kennen, sei es auch in der Bereitschaft zum dschihadistischen Terror mit seinem absoluten Befreiungsphantasma im kollektiven Suizid. Sehnsucht nach Idealität in der Adoleszenz verstehen wir als Abwehr und Umkehr einer fundamentalen Fragilität, einer (Selbst- ) – entfremdung, die den in die Adoleszenzkrise Eintretenden erfaßt, dem die gewohnte und über die Kindheit einge- übte Selbstverständlichkeit sozialer Beziehungen (das gute Objekt Winnicotts – s. oben) verloren gegangen ist. Sie konfrontiert uns mit dem „unglaublichen Bedürfnis zu glauben“ (wie die Atheistin J.K. es nennt, Kristeva 2014), das eine präreligiöse, gleichsam anthropologische Sehnsucht darstellt nach dem ganz Anderen, dem Anderen unserer frühen Kindheit, den wir fast schon vergessen hatten und von dem wir zwischenzeitlich nichts mehr wissen wollten. Das psychopathologische Profil der salafistischen Terroristen läßt sich also kaum rein individualpsychologisch verstehen, sondern nur in Kombination mit spezifischen Kulturpathologien. Der neuere Terror kann als ein Paradigma gelten für das Zusammenspiel individueller Sozialisationsschicksale und kollektiver kultureller Identitätskrisen – und so wird er ja gerade auch diskutiert (vgl. Benslama 2017a[2002], Benslama 2017 b[2002]). Terror entsteht – so der verstorbenen Soziologe Ulrich Beck in einer Replik auf eine vergleichbare Überlegung bei Zygmunt Baumann –, „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 197 in einer zerbrechenden symbolischen Ordnung im Vakuum einer zerfallenden Kultur, in der – im Sinne der flüchtigen Moderne – Normalzustand und Ausnahmezustand zu konfundieren beginnen (Bauman 2003, Beck 2016; vgl. Baumann 2016, Han 2016): In der flüssigen Moderne, die Bauman derzeit als gekommen ansieht, gibt es ihm zufolge keinerlei feste Strukturen mehr, es fehlen symbolische Grenzen. Dies führt beim Einzelnen zu großer Unsicherheit, Angst und Zweifel. Diese Probleme entstehen aus der Beseitigung jeglicher Hemmnisse, einer stetigen Veränderung der Gesellschaft und einer wachsenden Individualisierung. Bei all diesen Entwicklungen ist für den Einzelnen kein Ziel erkennbar, was zu großer Unzufriedenheit führt. Sinn und Wahnsinn der Moderne drohen bruchlos ineinander überzugehen – die Moderne scheint sich im Krieg mit sich selbst aufzureiben. Sozialwissenschaftliche Terrorismusexperten nennen das, was Kristeva als Dialektik von Glauben und Ideal in der Adoleszenz bezeichnet, ein „Narrativ“ oder ein „kulturelles Skript“, das in ihrer Persönlichkeit labilisierte und narzißtisch gekränkte Jugendliche, denen die soziale Anerkennung verweigert wurde, quasi als Drehbuch für die Terrormotivation anwenden (vgl. Hoffmann 2015). Versuchen wir, die Psychodynamik und Psychopathologie der (post-) adoleszentären Terroristen der Gegenwart, dieser „tödlichen Jugendbewegung“, wie der forensische Psychiater Norbert Leygraf sagte (Leygraf 2015), zu verstehen, so kommen wir nicht umhin, primär gestörte und verzerrte Sozialisationsverläufe und eine strukturelle Verzerrung der Triangulierung/ des Ödipuskomplexes (bzw. eine Mentalisierungsstörung) in ihrer Ichstruktur in der Adoleszenz anzunehmen. Dieses Dispositiv entspricht genau jener von Julia Kristeva als adoleszentäre Krankheit der Idealität bezeichneten Störung, die zur allgemeinen Charakteristik der Adoleszenz gehört, also nicht nur bei diesen kulturell Entwurzelten Jugendlichen auftritt; sie ist hier nur ins Extrem gesteigert (vgl. J. Kristeva 2007, Kristeva 2016[2012] Vorwort). Wir können im übrigen bei diesen Terroristen (wie auch bei den meisten Nazi- Führern und KZ- Ärzten) gerade keine individuelle, psychopathologisch eindeutig definierbare Krankheit diagnostizieren, wohl aber treten diese Störungen untrennbar verbunden mit Kulturpathologien auf, wie wir sie derzeit in unseren europäischen Metropolen vorfinden (vgl. Leygraf l.c., vgl. auch Lifton 1996). Rolf-Peter Warsitz 198 Zum Schluß: Entfremdung – Verfremdung und Überfremdung: Zum Postulat der Anerkennung der Fremdheit als Chance der kulturellen Ich- Identität Die europäische Moderne oder Postmoderne können wir uns also als eine Art adoleszentäre Sozialpathologie vorstellen. Hören wir noch einmal Julia Kristevas Plädoyer, die eigenen inneren Mauern unserer Fremdheit zu überwinden, die sie als innere Revolte bzw. als Zukunft der Revolte aus ihrer (Kristevas) eigenen Selbstreflexion als Migrantin und aus ihrer klinischen Erfahrung als Psychoanalytikerin formuliert. In der aktuellen Auseinandersetzungen um die „Fremden“ in den vergangenen Jahren, um deren moderne Odyssee, z.B. an der griechisch – mazedonischen Grenze in Idomeni, wo die Fremden zu Tausenden ausharrten, gestrandet sind in dem zwar freundlichen Land der Griechen, die dann aber doch mit politischer Gewalt hin und her verschoben wurden oder zu Tausenden im Mittelmeer ertrunken sind, springt uns offensichtlich die Parallele und der Unterschied zum Namensgeber aller Odysseen, dem Vorläufer der Fremden par excellence, dem vielgewandten, „polytropos“ Odysseus ins Auge? Odysseus strandete auf seiner Irrfahrt durch die Ägeis über 10 Jahre immer wieder irgendwo. Aber er wurde eben auch immer wieder gastlich empfangen – wie bei den freundlichen Phäaken. Er taucht wie eine proustsche „memoire involontaire“ in unserem kollektiven Gedächtnis auf, wenn wir die Flucht- und Vertreibungsverhältnisse in Europa heute reflektieren (vgl. Warsitz 2015). Die Moderne resp. Postmoderne scheint dem Fremden und seiner Odyssee die Würde genommen zu haben. Sie verdinglicht ihn zu einer wahltaktischen Verschiebemasse, deren Bestand aus Subjekten verleugnet wird. Dies liegt wohl auch daran, daß uns im Fremden unsere eigene, zwischenzeitlich verdrängte, absentierte Identifizierung mit unserem urspünglichen kulturellen Ichideal begegnet. Auch hier finden wir die Dialektik von Eigenem und Fremdem wieder: Wir schotten uns von dem Fremden ab, schließen die Grenzen mit dem gleichen Fanatismus der Absenz, den wir bei denen, die in unser Inneres drängen, bekämpfen. Kristeva schließt ihren Essay „Fremde sind wir uns selbst“ mit einem Plädoyer für ein „Europa der Fremden“, in dem wir nicht – in vorgespielter Harmonie und Pursuit of Happiness – uns unserer Gleichartigkeit und Nähe versichern. Vielmehr sollten wir uns in einer Anerkennung der jeweiligen Fremdheit füreinander gerade als verbunden und ähnlich erkennen. Dies stellt – so würde ich folgern – ein neues Paradigma sozialer Therapie der Kultur in der Gegenwart dar. 4) „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 199 Kristevas Plädoyer für ein Europa der Fremden könnte zu einer Erneuerung der so arg gebeutelten europäischen Idee führen. Als wechselseitig füreinander Fremde vermögen wir uns gerade wegen des Bewußtseins unserer wechselseitigen Fremdheit zu achten und gerade so gegenseitig unserer Freiheit zu vergewissern Deswegen nennt Kristeva Europa eine „paradoxalen Gemeinschaft der Fremden“. Diese These scheint sie nicht losgelassen zu haben, sie bestätigt dies zuletzt in einem Interview mit Elisabeth von Tadden (von Tadden 2014, vgl. ihr Aufsatz von 2014: Was ist ein Fremder? (Kristeva, 2016). „Diese unverwechselbare Einzigkeit jedes Subjekts steht im Zentrum des jüdisch-griechisch-christlichen Denkens. Europa hat mit der Aufklärung den Faden zu dieser Tradition zerschnitten. Als Humanistin, die selbst nicht gläubig ist, bin ich doch überzeugt davon, dass die europäische Sehnsucht zu wissen und das Bedürfnis zu glauben eng zusammenarbeiten müssen, um die Menschen in ihrer Einzigartigkeit zu schützen, ob sie nun alt sind oder gebrechlich, behindert oder einfach arm. All diese Menschen sollten wir nicht aus dem Blickwinkel des Mangels betrachten, sondern von ihrer Unverwechselbarkeit her. Wir alle sind heute, jenseits eines heroischen Humanismus, mitten im Leben und nicht erst am Ende des Lebens mit unserer Sterblichkeit konfrontiert. Erst wenn wir uns für diesen Blick öffnen, können wir miteinander teilen. Gerade Europa kann der Ort für eine Demokratie des Teilens sein. Am Umgang mit der Verletzlichkeit des Menschen zeigt sich, was Europa eigentlich ist.“ Und mit diesem Plädoyer für ein „Europa der Fremden“ möchte ich meinen Abgesang auf die deutschen Verhältnisse beschließen. Quellen Adorno, Theodor W. (1966). Negative Dialektik. Frankfurt: Suhrkamp. 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DIE ZEIT (16). „Fremde sind wir uns selbst“ – die Flüchtlingskrise und die deutschen Verhältnisse 203 Dante, Sardinien und der Sturm – Ein Fall für Commissario Cristoforo von Klaus Rudolf Engert Das ganze Leben von Dante Alighieri drehte sich um seine Heimatstadt Florenz, in der er 1265 geboren wurde. Nach ersten Erfolgen als Dichter wagte er den Schritt in die Politik, der ihn als Sechsunddreißigjährigen für die damals üblichen zwei Monate in das höchste Amt der Stadt führte. Nach einem jähen Machtwechsel wurde er nur ein Jahr später mit der gesamten Führung seiner Partei aus der Stadt verbannt. Die Stationen seines Exils zwischen Mittel- und Oberitalien bis nach Frankreich wurden von den Danteforschern weitestgehend rekonstruiert. Von seiner Beziehung zu Sardinien ist allerdings nirgendwo die Rede. Weshalb eigentlich nicht? Sollte den Historikern da vielleicht etwas entgangen sein? Dantes Elternhaus lag mitten in Florenz, in einer schnell wachsenden, ungemein reichen Stadt, einer der größten der damaligen Welt. Ihr Aufschwung zur mittelalterlichen Metropole gründete sich vor allem auf das Finanzwesen der Florentiner Bankiers, den damals mächtigsten in Europa. Selbst Fürsten und Könige, Kaiser und Papst konnten ihren Kapitalbedarf nicht ohne die Florentiner Bankiers decken. Das Herzstück ihrer Bankenwelt war der fiorino, der Florentiner Gulden, abgeleitet von dem italienischen Wort „fiore“ für Blume oder Blüte, wörtlich also „die kleine Blüte“: eine kleine, wertvolle, vierundzwanzigkarätige Goldmünze. Der fiorino entwickelte sich schnell zur internationalen Hauptwährung der damaligen Geldgeschäfte, vergleichbar mit der Bedeutung des amerikanischen Dollars im 20. Jahrhundert. Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille dieser Frühform des Kapitalismus. Die traditionellen gesellschaftlichen Werte wurden in ihren Grundfesten erschüttert. Was tut man nicht alles für Geld! Das rücksichtslose Streben nach schnellem Gewinn und die Profitgier griffen um sich, Neureiche prassten bei gesellschaftlichen Anlässen und in den Straßen mit ihrem Geld. Nur noch der wirtschaftliche Erfolg zählte. Hektische Betriebsamkeit. Beschleunigung der Zeit. Reichtum und Erfolg der Bürger hatten genauso eine kurze Saison wie die schnell wechselnden Moden. Dante gehörte nicht erst als gereifter Erwachsener zu denen, die diese Entwicklung auf das schärfste geißelten. Im Paradies bezeichnete er den Florentiner 205 Gulden mit der geprägten Lilie, für ihn das sichtbare Zeichen für die Perversion der Gesellschaft, als verfluchte Blüte (Dante, Die Göttliche Komödie: Paradies IX, 130). Durch die Neureichen, die nur durch ihre schnellen Geldgeschäfte mächtig geworden sind, wurden die traditionellen Verdienste entwertet, die man sich durch bürgerliche oder militärische Tugenden über die Jahre erwerben musste. In Dantes Augen verdiente nach wie vor nur dies die Anerkennung der Gesellschaft. Als Dante fünfzehn Jahre alt war, hatte die neureiche Familie der Cerchi alle ehemaligen Häuser der alteingesessenen Grafen Guidi im Viertel San Pier Maggiore käuflich erworben und führte in ihnen ein prunkvolles, ausschweifendes Leben. Diese Entwicklungen missfielen Dante zutiefst. Schon dass angesehene Adelsfamilien praktisch in das städtische Großbürgertum gezwungen wurden, trug seine Missbilligung. Ein besonderes Ärgernis war für ihn, dass sich Neureiche in der Stadt breitmachten, die sich bis dato durch nichts um die Gesellschaft verdient gemacht hatten, aber nach der Macht griffen, die ihnen die Gesellschaft einräumte. Er sehnte sich nach den früheren festen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Was für eine Degeneration, dass nur noch das Geld und die Wirtschaft im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens standen. Das ausschließlich wirtschaftliche Denken brachte einen verabscheuungswürdigen Sitten- und Werteverfall mit sich. Entsprechend hatte er für das neu entstandene Unternehmertum, sei es im Handel oder in den Manufakturen, nur Verachtung übrig, erst recht für die Banken- und Finanzwelt. Das waren keine Tätigkeiten, die bei ihm großes Ansehen genossen. Dante prangerte die neureichen Prasser an, mit denen Tugend und edle Sitten verloren gegangen waren, auch in der Göttlichen Komödie. Der arrogante und jähzornige Filippo Argenti aus der alteingesessenen florentinischen Familie der Adimari muss in der Hölle schmoren: es hieß, er habe seine Pferde mit Silber beschlagen lassen. Auf eine ganze Reihe heilloser Seelen habgieriger Wucherer prasseln Glut und Feuer hernieder. Der Verfall, der mit den Neureichen in der Gesellschaft Einzug gehalten hat, ist nicht nur für den Jenseitspilger in der Göttlichen Komödie zu beklagen. In seinem früheren Werk Gastmahl/Convivio, einem großen philosophischen Traktat, zitiert Dante Cicero, um zum Ausdruck zu bringen, dass der Materialismus nur Gier nach weiterem Konsum mit sich bringt: „Stets habe ich festgehalten, dass weder ihr Geld, noch ihre eindrücklichen Häuser, ihre Reichtümer, die Herrschaft und die Unterhaltungen, von denen sie überaus stark angezogen werden, zu den guten und wünschenswerten Dingen gehören; denn ich habe die Menschen im Klaus Rudolf Engert 206 Überfluss dieser Dinge am meisten nach dem verlangen sehen, von dem sie im Überfluss haben.“ (Dante, Convivio IV, XII 6). Das war am Anfang des 14. Jahrhunderts, einige Jahrzehnte bevor vielleicht sogar wohlmeinende überirdische Kräfte den ausufernden Frühkapitalismus mit der tödlichen Geißel der Pest jäh in seine Schranken verwiesen und um ein Jahrhundert zurückwarfen. Wo seid ihr heute in Zeiten der ausufernden Globalisierung, ihr wohlmeinenden überirdischen Kräfte? Von euch ist so gut wie nichts zu sehen! Doch halt: in einer kleinen Stadt an einem großen See ganz im fast vergessenen Südwesten der Republik, umzingelt von den kapitalistischen Garnisonen in Stuttgart, Frankfurt und Zürich lebt ein kluger, kapitalismuskritischer Intendant, der seit frühester, legendenumrankter Jugend Che Guevara und Antonio Gramsci zu seinen Vorbildern erkoren hat. Folglich ist er auch Jurist aus humanitärer Verpflichtung, hat das Herz am rechten Fleck und wird nicht selten als Pflichtverteidiger tätig. Dante hätte seine Freude an ihm gehabt, schreibt er doch in seinem Werk Gastmahl/Convivio den Anwälten ins Stammbuch, nicht zu vergessen, hin und wieder als Pflichtverteidiger oder gar ohne Honorar zu arbeiten: „Ich sage also, Herr Jurist, dass Du jene Ratschläge, die sich nicht auf deine Kunst beziehen und die allein dem guten Verstand entspringen, den Gott dir gegeben hat (was die Klugheit ist, von der wir sprechen), den Söhnen dessen, der dir den Verstand gegeben hat, nicht verkaufen darfst: Jene, die sich auf deine Kunst beziehen, die du gekauft hast, kannst du verkaufen; aber nicht derart, dass es nicht hin und wieder notwendig ist, den Zehnten abzuliefern und Gott zu geben, d.h. jenen Ärmsten, denen nur das göttliche Wohlgefallen geblieben ist.“ (Dante, Convivio IV, XXVII 9). Ei, da gugge mer mol. Dante ein Kapitalismuskritiker!? Das muss doch das Herz eines linksintellektuellen Intendanten höher schlagen lassen. Es kam doch nicht darauf an, reich und mächtig zu werden, sondern seine Fähigkeiten um ihrer selbst willen einzusetzen, für die Gerechtigkeit und um Gutes zu bewirken. Entsprechend zeigen sich übereinstimmende Einstellungen auch in diesem Zitat: „Und als Tadel an ihre Adresse sage ich, dass man sie nicht Gelehrte nennen soll, denn sie erwerben das Wissen nicht zu seinem Gebrauch, sondern um dadurch Geld oder Ehre zu erwerben; so wie man nicht Zitherspieler nennen soll, wer eine Zither zu Hause hat, um sie gegen Geld auszuleihen und nicht um sie zum Spielen zu gebrauchen.“ (Dante, Convivio I, IX 3). Dante, Sardinien und der Sturm 207 Soweit Dante und der Intendant. Und nun kommt Sardinien mit Alghero ins Spiel. Um den Zusammenhang zu verstehen, müssen wir uns die Machtverhältnisse zu Dantes Lebzeiten etwas genauer anschauen. Entscheidender Protagonist ist Jakob II., genannt der Gerechte. Er war der König von Aragon und damit gleichzeitig von Katalonien und Barcelona von 1291 bis 1327. Gleichzeitig war er für das Jahrzehnt von 1285 bis 1295 der König von Sizilien, was er seiner Mutter und ihrer Herkunft zu verdanken hatte. Seine Mutter Konstanze von Sizilien und Aragon war die leibliche Enkelin des großen Stauferkönigs Friedrich II. Dieser hatte 1239 einen seiner Söhne zum König von Sardinien ernannt, und von da an blieb die Insel über die Jahrhunderte immer ein Königreich, bis sie 1861 ein Teil des Königreichs Italien wurde. Konstanze aus dem Hause der Staufer war Nutznießerin des großen Volksaufstands im Jahre 1282, als sich die sizilianische Bevölkerung gegen die Gewaltherrschaft der französischen Anjou erhob – bekannt geworden als Sizilianische Vesper nicht zuletzt durch die gleichnamige Oper von Giuseppe Verdi. Wenige Monate nach dem Aufstand wurde Konstanze begeistert in Sizilien empfangen. Allein, die Machtverhältnisse und Koalitionsvereinbarungen wechselten nicht selten überraschend schnell, und es war auch damals schon häufig klug, politisch nicht alles zu wollen, sondern gute Kompromisse zu finden. So blieb der Erfolg seiner Mutter nur eine kurze Renaissance der staufischen Herrlichkeit. Denn 1295 gab Jakob II. der Gerechte von Aragon in einem Friedensvertrag Sizilien auf zu Gunsten des französischen Hauses Anjou, während im Gegenzug Frankreich auf eigene Ansprüche in Kastilien verzichtete, um das die beiden Mächte schon länger Krieg geführt hatten. Als Belohnung noch dazu erhielt Jakob II. vom Papst Korsika und Sardinien als päpstliches Lehen. Bei genauerem Ansehen war das aber eine gar nicht so schöne Dreingabe: er war zwar jetzt formal der König von Sardinien und blieb dies auch bis zu seinem Tod, aber der überwiegende Teil der Insel war von Genua besetzt, und so musste er erst einmal gegen die damals mächtige Seerepublik in den Krieg ziehen. Auch Pisa mischte noch kräftig mit, das seinerseits im 11. Jahrhundert die Insel vom Papst als Lehen erhalten hatte. Erst 1323 sollte es ihm nach einem siegreichen Feldzug gegen Pisa gelingen, die schöne Insel wirklich in Besitz zu nehmen. Alghero sollten die Aragonesen gar erst 1354 erobern können. Doch einen Schritt zurück in das hier entscheidende erste Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. Dante hatte im Exil im Jahr 1306 Zuflucht gefunden bei Markgraf Moroello Malaspina, dessen alteingesessene adelige Familie ausgedehnte Ländereien in der Lunigiana, einem Landstrich im Grenzbereich zwischen Ligurien und der nordwestlichen Toskana, besaß. Klaus Rudolf Engert 208 Dante beherrschte ja neben der Dichtkunst auch die angewandte Kunst, rhetorisch anspruchsvolle Briefe in lateinischer Sprache zu verfassen und amtliche Dokumente zu erstellen. Entsprechend konnte er bald für seinen adeligen Gastherrn und Freund tätig werden. Am 6. Oktober 1306 ließen die drei Markgrafen Malaspina, also Moroello aus Giovagallo, Franceschino aus Mulazzo und Konradin aus Villafranca, ein notarielles Schreiben verfassen, mit dem Dante Alighieri aus Florenz bevollmächtigt wurde, in ihrem Namen einen notariellen Friedensvertrag mit dem Bischof von Luni zu unterzeichnen. Das Ganze ging noch am gleichen Tag über die Bühne und als Friedensvertrag von Castelnuovo Magra in die Geschichte ein. Verheiratet war Moroello Malaspina mit einer Tochter aus der einflussreichen Adelsfamilie der Fieschi von Genua, er hatte also beste Kontakte in die mächtige Seerepublik. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass er sich Ansprüche auf Ländereien in Sardinien gesichert hatte. Im Machtkampf zwischen Genua, Pisa und dem Königreich Aragon waren diese allerdings nicht unumstritten. Deshalb gab es um diese sardischen Territorien genau zwischen 1306 und 1309 einen jahrelangen intensiven Briefwechsel zwischen Jakob II. dem Gerechten von Aragon und den drei Markgrafen Malaspina, also Moroello aus Giovagallo, Franceschino aus Mulazzo und Konradin aus Villafranca. Im Ergebnis konnten sich die Markgrafen mit Jakob dem Gerechten im November 1308 darauf einigen, dass die Malaspina den König von Aragon bei der Eroberung der Insel unterstützen und dieser im Gegenzug ihre Lehensansprüche anerkennen würde. Und was war mit Dante? Bis zu seinem Tod im Jahre 1315 sollte für ihn Moroello Malaspina ein verlässlicher Gönner, Schutzherr und Freund sein. Wie die Vollmacht zur Unterzeichnung des Friedensvertrages mit dem Bischof von Luni gezeigt hatte, genoss Dante auch das volle Vertrauen von Franceschino aus Mulazzo und Konradin aus Villafranca. Warum sollte das in den drei nachfolgenden Jahren, in denen der Briefwechsel mit Jakob II. dem Gerechten von Aragon belegt ist, nicht genauso gewesen sein? Die drei Markgrafen Malaspina aus der italienischen – Verzeihung – Provinz brauchten jemanden, der im Austausch mit der Kanzlei des Königs von Aragon amtliche Briefe in lateinischer Sprache für sie verfasste. Solche Kenntnisse waren hoch geschätzt, zumal viele Adelige in Stadt und Land des Lateinischen gar nicht mächtig waren. Es ist nur eine Überlegung, aber liegt nicht der Gedanke nahe, dass Dante an dieser Korrespondenz beteiligt war? Und was ist mit der nordwestsardischen Stadt Alghero, heute noch eine katalanische Exklave, auf sardisch S’Alighera genannt? Die Etymologen können sagen was sie wollen, aber könnte der Name nicht auch auf den Alighieri zurückzuführen sein? War dieser am Ende gar selbst auf Sardinien? Dante, Sardinien und der Sturm 209 Fragen über Fragen. In einem so schwierigen Fall kann nur Commissario Cristoforo weiterhelfen, hier braucht es seinen Scharfsinn und sein detektivisches Gespür. Und an dieser Stelle tritt er endlich auf: Der Commissario, für den Alghero so etwas wie eine zweite Heimat geworden ist. Er musste diesen Fragen persönlich nachgehen, musste selbst wieder nach Sardinien, ein paar Tage sollten diesmal genügen. Zwar kam er gerade zurück von einem Besuch bei seiner erstgeborenen Tochter, aber getrieben, wie er manchmal war, musste er gleich weiter. Also packte er das Auto, fuhr mit seinen mittlerweile erwachsenen Kindern Miranda und Giovanni ohne Zwischenhalt über den Gotthard an Mailand vorbei schnurstracks nach Genua. In strahlendem Dämmerlicht legte die Fähre ab. Dann kam die Nacht. Und da geschah es. Auf ihrer schlingernden Fahrt gerieten sie kurz vor Ankunft in Porto Torres in einen noch nie gesehenen Sturm, und um dem drohenden Untergang zu entgehen, bestieg er auf eigene Faust mit Miranda und Giovanni ein Rettungsboot, das nun stark nach Westen zwischen den Inseln Asinara und Piana dahintrieb. Als er nicht weit von ihnen ein zweites Rettungsboot ausmachte, traute er seinen Augen nicht: das Boot war bevölkert von Schauspielern und Mafiosi, er sah Prospero und Ferdinand, von dem Miranda trotz ihrer Seekrankheit kein Auge lassen konnte, sah Don Vincenzo und Oreste, Trinculo und Stefano, sah, wie das Boot auf Asinara strandete und alle Insassen auf den Strand gespült wurden … Prospero, da war doch noch was, war das nicht einer der Herzöge von Mailand? Und was hatten die mit Sardinien zu schaffen? Er wusste zwar, dass es in ungewöhnlichen Konstellationen schwer sein konnte, Schauspieler von Verbrechern zu unterscheiden, aber das war jetzt zu viel auf einmal. Hatte er das nicht schon einmal gesehen? Aber was war Realität, was war Fiktion, was war Literatur und was war Film, wo begann die Kunst und was spielte sich nur in seinem Kopf ab? Oder war er seekrank und phantasierte bereits? Dass er seekrank war konnte er mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit ausschließen, er liebte das Meer und war noch nie seekrank geworden, er hatte Delfine gesehen und eines frühen Morgens an Deck die existentielle Erfahrung eines Fontäne sprühenden Walfisches gemacht, den nur er, ganz allein er gesehen hatte. Jetzt aber wusste er nicht mehr, wo oben und unten war. Er verlor jegliches Gefühl für die Zeit, und als er wieder die Augen aufschlug, lag er wohlbehalten mit Miranda und Giovanni auf einem kleinen Streifen des schmalen Strandes südlich von Alghero. Ein glücklicher Wind, vielleicht war es auch Ariel selbst gewesen, hatte ihre Nussschale unversehrt um die Halbinsel von Stintino bis ganz in die Nähe ihres Ziels gebracht. Klaus Rudolf Engert 210 Zum Glück hatte er Freunde und unbekannte Kräfte, auf die er sich verlassen konnte. Warum war er hier? Er rekapitulierte für sich: es ging um die Frage, was Alghero und der Alighieri miteinander zu tun hatten. Und es musste doch eine Beziehung geben zwischen Dante, der eng mit dem Markgrafen Moroello Malaspina befreundet war, und den Ländereien in Nordsardinien, auf die Anfang des 14. Jahrhunderts die Malaspina berechtigte Besitzansprüche geltend gemacht hatten? Commissario Cristoforo beschloss, den nächsten Tag im Staatsarchiv in Sassari zu verbringen. Im Archivio Storico Comunale von Alghero war ja aus dem ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts schon gar nichts zu finden, dort ist das älteste Dokument aus dem Jahr 1319. Also nach Sassari. Am zeitigen Morgen machte er sich mit Miranda und Giovanni von Alghero aus auf nach Osten. Er wählte den Weg durch das Hinterland über Uri und Usini, bei dem man über den Hügeln im Süden die Barbagia mehr erahnen als sehen konnte, das unzugängliche wilde Bergland, in dem Widerständler und Aufständische, sardische Banditen und Mafiosi, verschrobene Hinterwäldler und die linke Internationale Schutz und Zuflucht gefunden hatten, der übrigen Welt enthoben. Er bog nach rechts ab in eine ungeteerte Nebenstraße, das sanft ansteigende Hügelland hinan, in dem vor dem Horizont riesige, rundliche Felsblöcke wie von Prospero ausgestreut vor der Morgensonne lagen. An einem an sich kahlen Nordhang hatte die Provinzbehörde versucht, diesen halbariden Landstrich mit Douglasien aufzuforsten. Ausgerechnet Douglasien! Es sah absurd aus, gerade so, als hätten sie den Westerwald mit Olivenbäumen bepflanzt. Nicht weit entfernt jedoch traf er wie erhofft den ungeschlachten aber gutmütigen Hirten Caliban, der ihm sehr ans Herz gewachsen war. Auf die Frage, wie es ihm gehe, brummte er irgendetwas Undefinierbares in seinem sardisch-katalanischen Kauderwelsch, das selbst von den Einheimischen kaum jemand verstehen konnte, und zog eigenbrötlerisch wie immer seines Weges. Auch der Commissario fuhr unverzüglich weiter, nun ohne weitere Umschweife. In Sassari steuerte er zunächst die kleine Bar in der Viale Dante an, um sich einen ersten Café am Tresen servieren zu lassen. Sie waren so zeitig dran an diesem Morgen, dass er sich noch früh genug in die Arbeit stürzen konnte. Er warf noch einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen der von Antonio Gramsci gegründeten L‘Unità: Nichts Weltbewegendes an diesem Morgen, hauptsächlich der übliche innenpolitische Hickhack. Nun gut, jetzt aber ins Staatsarchiv. Heute waren sie die Ersten, denen der Custode das knarrende Eisengitter in den düsteren Innenhof eines heruntergekommenen Palazzo aus dem 19. Jahrhundert aufschloss. Junge Hunde tollten vor dem Tor und trollten Dante, Sardinien und der Sturm 211 sich von dannen, als sie entschlossenen Schrittes weitergingen. Vom bröckelnden Kamin des Palastes stieß ein Wanderfalke pfeilschnell nach Westen, wohl auf Rabenjagd. Auch das eine Reminiszenz an frühere Jahre. Noch im Durchgang führte gleich rechts eine unscheinbare verwitterte Holztüre über eine unendlich scheinende steinerne Wendeltreppe hallend nach unten in den Kellergewölberaum, in dem die Pergamentrollen aus dem Mittelalter lagerten. Der blutjunge Archivar nahm sie in Empfang, er sah aus wie Ferdinand aus dem zweiten Rettungsboot der untergegangenen Fähre. Und in der Tat: er war Ferdinand. Miranda konnte verständlicherweise kein Auge von ihm lassen. Sein Rettungsboot war auf Asinara gestrandet, aber wie um Himmels willen kam der so schnell hierher? Es gab keine Erklärung, und so machte er sich an die Arbeit. Fieberhaft suchte der Commissario in den Dokumenten aus den ersten beiden Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts, Stunde um Stunde: nichts, was auf den Alighieri in Alghero hindeutete. Gegen Mittag machte sich der Hunger bemerkbar. Cristoforo fühlte über seinen Bauch, der nur minimal nach vorne gewölbt war, kaum zu sehen und auch für ihn selbst kaum zu fühlen, klopfte sich mit beiden Händen auf die Brust und nickte sich selbst aufmunternd zu. Also dann, ein kleines sardisches Mahl um die Ecke: erst ein bisschen lokale Antipasti, als Primo Maloreddus, zum Hauptgang eine Dorata alla griglia. Die leichte sardische Küche. Auf das Dolce verzichtete er auch diesmal, irgendwo musste ja die Vernunft auch zu ihrem Recht kommen, außerdem hatte er sich noch nie um Süßspeisen gerissen. Lieber zum Abschluss noch einen Café. Dann, am Nachmittag, machte ihm die staubige, die sowieso angeschlagenen Bronchien reizende Kellerluft des Staatsarchivs zu schaffen. So trank er ausnahmsweise einen Cannonau von Sella e Mosca nach dem anderen. Nach insgesamt acht Stunden Suche war immer noch nicht der geringste Hinweis zu finden. Dabei wollte er doch wie immer in seinem Leben nicht mehr und nicht weniger, als der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Sollte er sich ausgerechnet diesmal getäuscht haben? Er, dessen Phantasie sich nicht selten selbst in dramatischen Bocksprüngen vorauseilte, wie ein wohlmeinender Kritiker zu seinem Krimi Muzungu geschrieben hatte? Er war ja nicht nur Kommissar und Schriftsteller, sondern auch Jurist, Regisseur und Intendant. Nur die ganz große Karriere war ihm versagt geblieben, weil er an den Schreibtischen der wirklich Mächtigen in der Politik und den Verbänden als zu impulsiv, vielleicht auch einfach als zu klug galt. Kein Mensch wusste letztlich, was noch kommen würde. Und das war auch gut so. Nur seine Frau stand immer bedingungslos hinter ihm, auf sie konnte er sich uneingeschränkt verlassen, und als ihm dieser Gedanke be- Klaus Rudolf Engert 212 wusst wurde, breitete sich das kribbelnde Gefühl der Liebe in seinem Herzen aus. Als sein Blick über die uralten Natursteine des Deckengewölbes über ihm strich, wurde ihm wieder bewusst, wo er sich befand. Leider hatte er hier nicht das erhoffte Dokument aufgestöbert, mit dem er eine Beziehung zwischen Dante und Sardinien hätte beweisen können, geschweige denn einen Zusammenhang zwischen dem Namen der Stadt Alghero und dem Alighieri. Eine Sensation wäre es schon gewesen, gar das erste Autograph überhaupt in Dantes eigener Handschrift in Händen zu halten. Aber nichts von alledem. Das einzig Spannende, was er überraschenderweise hier, in der Abteilung Mittelalter des Staatsarchivs von Sassari, gefunden hatte, war ein Dokument eines gewissen Olof Palmyrus, versehen mit dem Vermerk, dass die weiteren Aktenseiten der südafrikanische Geheimdienst im Jahre 1986 entnommen hatte. Wie so häufig kommt man an einer Stelle weiter, an der man es überhaupt nicht erwartet hat, wichtig war nur, überhaupt zu suchen. Sein Schädel brummte, die Migräne machte sich bemerkbar, außerdem verspürte er höllische Schmerzen in den Bandscheiben, und auf der linken Seite, gleich unterhalb des Herzens, quälte ihn ein plötzliches Stechen, das kontinuierlich immer wieder kam und nicht aufhören wollte. Genug für diesen Tag. Es würde jetzt aber auch wirklich zu weit führen, hier und heute auch diesen Strang noch zu verfolgen. Vorsichtshalber bat er Giovanni, ihm das Dokument zu kopieren. Es konnte ja gut sein, dass er irgendwann später auch diesen Fall noch aufrollen würde, selbst wenn jetzt schon klar war, dass dunkle Mächte im Hintergrund ein großes Interesse daran hatten, alles zu vertuschen. Ihm war das egal, was zählte, war die Wahrheit. Außerdem: viel Feind, viel Ehr. Ariel würde ihm sicher wieder helfen, schließlich ging es um die Gerechtigkeit in der Welt. Jetzt allerdings musste er zurück nach Hause. Ihn erwartete seine Geburtstagsgesellschaft, um ihm zu seinem 65. zu gratulieren. Lauter wichtige und ehrenhafte Leute, die er selbst eingeladen hatte, aber im Moment stand ihm nicht der Sinn danach. Er wollte sie jetzt nicht sehen, lieber wollte er jetzt einen Spaziergang am Meer entlang und durch die Weinberge machen, sich den salzigen Nordwestwind um die Ohren wehen lassen und vielleicht, aber nur vielleicht, eine Zigarre rauchen. Wieder würde er reden müssen. Das konnte er zwar wie kaum ein zweiter, aber immer öfter wurde es ihm einfach zu viel. War denn keiner da, der ihm etwas von dem abnahm, was er sich selbst aufgehalst hatte? Giovanni beruhigte ihn, und das tat ihm einfach gut. Was blieb ihm auch anderes übrig. Also machte er sich auf den Weg, und als Miranda und Giovanni ihm beisprangen, stieg sogar echte Vorfreude in ihm auf: Freude auf das, was ihn in naher und Dante, Sardinien und der Sturm 213 ferner Zukunft erwartete, mit solchen Kindern und einer solchen Frau. Er spürte den Stoff, aus dem die Träume sind. Anmerkung des Autors: Alle geschichtlichen Realitäten sind Stand der historischen Forschung; der zweite Teil ab dem Erscheinen von Commissario Cristoforo ist reine Fiktion. Quellen Dante: Das Gastmahl/Convivio, Philosophische Werke Band 4, Italienisch-Deutsch, übersetzt von Thomas Ricklin; vier Bände, Hamburg 1996–2004. Dante: Die Göttliche Komödie, Italienisch-Deutsch, übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler; drei Bände, Stuttgart 2010–2012. Der Stoff, aus dem die Träume sind/La stoffa dei sogni: Film von Gianfranco Cabiddu, Italien 2016. Dizionario Biografico degli Italiani, Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom (online bei treccani.it), insbesondere der Eintrag zu Moroello Malaspina. Engert, Klaus Rudolf: Dante und die Liebe seines Lebens, Biographie, Aachen 2019. Shakespeare, William: Der Sturm, London 1611. Klaus Rudolf Engert 214 Nix geht in die Stadt von Gerhard Zahner Die Steinmauer, aus unverputzten grauen Brocken, steigt von der Straße ca. acht Meter senkrecht empor und nur wer es genau weiß, blickt nach oben. Zu diesem kleinen Haus, hoch über der Straße, führt nur ein Kiesweg, der ist mit einer Kette geschlossen und der Weg ist für Touristen gesperrt. Die Türe ist grün gestrichen, der Türklopfer ist schwarz, und der Garten ist ockerrot von der Ockererde, und die Kiefern sind hoch und gar nicht düster. Das Haus ist unbewohnt und stand zum Verkauf bei Sotheby´s, über eine halbe Million. Paul Auster, wird erzählt, wollte kaufen, das trieb den Preis. Vielleicht ist das wahr. Wahrscheinlich ist es verkauft, oder noch nicht. In diesem Haus hielten sich Beckett und Suzanne Dechevaux-Dumesnil versteckt, die Nazis jagten sie, besonders Beckett, den mutigen Übersetzer der Résistance; von einem Priester in Paris verraten, in die Provence nach Roussillon geflohen, diesem roten Dorf, das weit leuchtet. Die Gassen sind schmal dort und irgendwie wirkt alles wie von Sonnen erleuchtet, die von innen brennen. Das Dorf ist hell und leicht, die Erde färbt, überall bleibt der Ocker, wie Blütenstaub an den Schuhen. Der dünne Mann war von der Bevölkerung, so sehr sie sich auch mühen würde, eigentlich nicht zu verteidigen. Er spazierte durch das Dorf, spielte Schach, half bei der Traubenlese und wartete in diesem Haus auf seinen Tod. Nur die Wege hinauf, in dieses Dorf auf dem Hügel, waren damals mühsam, und Krieg ist manchmal komisch. Da gehen die Seelen der Deutschen nicht hinauf, gehen nicht ins Dorf über die Eselswege. Greifen ihn nicht und töten nicht, ihn nicht und Suzanne. Das ist so unbegreiflich viel Glück. Die Nazis würden ihn lebend nicht fangen dürfen, zu viel weiß er und was sie mit ihm machen würden, das weiß er auch. In der Kirche von Roussillon sitzt er oft. Dort sind Bilder vom Heiligen Georg, an der Kette der Drache, als Zeuge der Teufel. 215 Man kann fragen, aber niemand versteht so recht die Frage, ob die Bilder schon damals hingen. Und im Nachbarort, dort saß er auch, in der Kirche. Ein kleiner Blick auf ein Bild. Rechts dem Eingang in Gordes, Jesus und die Schächer, und jemand hat mit dem Messer hineingestochen und ein Loch ist geblieben. Das Theater Konstanz war 2018 in Godot, nein in Erbil und spielte das Stück auf Einladung. Dort spielten sie und lösten das Rätsel. Das Warten ist angekommen, denn auch in Erbil stehen Häuser und die Menschen warten, dass die Soldaten den Weg hinaufkommen, dass sie an die Tür klopfen werden, und wer sich nicht erschießt, der wird gefoltert und stirbt. Töten, heute wie damals, glaubt man der Berichterstattung, ist ein Sport, das Sportgerät kommt aus Deutschland und die Worte sind die selben. Es ist da. Es ist kalt. Und die Erde färbt. Nicht so schön wie in Roussillon. Es ist wirklich schön in Erbil, auch das Warten. Dass alles aus dem Nichts entsteht, das merkt man immer, wenn man schweigt und dann darüber spricht. Ein Schauspieler sagte die Reise nach Erbil ab, er hatte Angst um seine Tochter, und ein anderer sprang ein. Theater ist ein Kunstwerk sui Generis. Alles ist heute gespeichert, was das Netz sich aussucht. Nur das Theater nicht. Aber die Aufführung in Erbil ist erloschen, sie haben gespielt und nicht gefilmt und kamen wieder zurück an den Rhein und erzählten, wie es war. Die Stimmen leiser, als sie gingen. Die Reise war beendet, so wie ein Krieg endet. Man soll es nicht überschätzen. So wie Beckett. Lavendel ist violett. Die Zeder, ja diese schöne Zeder. Ein Kurde in Konstanz, dem ich von Godot erzähle, erklärt, dass dieser Krieg nicht zu Ende gehen kann, denn mit dem Ende würde sich niemand mehr für die Kurden interessieren. Er irrt. Es geht auch ohne Ende. Jetzt warten sie. Die Aufführung hat die Köpfe der Zuschauer gefärbt, wie Ockererde die Schuhe. In Roussillon ist ein Ockerpark, so ein Pfad nur durch ein Ockerfeld. Mit Ocker hat man früher Stoffe gefärbt. Und jetzt alle Fotografien. Roussillon wurde zum schönsten Dorf Frankreichs gewählt. Erbil war vielleicht einmal die schönste Stadt der Welt. Eine der ältesten. Erinnern und Vergessen sind nicht mehr das Gegenteil. Gerhard Zahner 216 Wir erinnern uns an nichts, denn wir können es nicht vergessen, es wird gespeichert, Worte, Bilder, Zahlen, die Bilder von Erbil, man kann sie jetzt schon schreiben und ins Netz stellen. Ob es jetzt oder später geschieht ist egal. Eine dumme Sache bleibt. Es könnte ganz anders ausgehen: Christus erscheint und Godot hat eine Verabredung. Ja, das hat er dann. Irgendwas. Man sollte jede Aufführung mit einer bedeutenden Zahl verbinden. Ich habe Godot gesehen in Erbil, denn diese erlischt, wie die Inszenierung. Die Kritiken werden im Netz auf Pyramiden geschrieben. Die Bedeutung ist der Zerfall im Zufall. Das eigentliche Kunstwerk. Das Theater. Ohne Grammatik der Ewigkeit als Datensatz. Das Dazwischen. Zwischen Zuschauern und Schauspieler. Zwischen Zuhören und Warten. Da bleibt nichts. Dieser Abend im Theater. Wie Menschen, wie Beckett. Wie Godot. Wenn Bansky ein Kunstwerk mit goldenem Schrottwert produziert, vor Kameras, das gefällt. Im Theater geschieht es immer. Jeden Abend. Die Maschine des Dunkels schluckt das letzte Wort, schneidet die Zeit in Streifen und die Menschen gehen hinaus. Es ist unfassbar. Sie haben das erlebt, was Menschen sind. Sie erheben sich im Licht, wie die Steinmauer, tragen ein Haus und erlöschen. Die Erde färbt. Die Färber kommen. Es ist hübsch im Ockerpark. Hübsch in Erbil. Erbil wird rot. Aber nicht vom Ocker. Es gibt zwei Bewegungen. Das Theater versucht eine Stadt als Zuschauer zu gewinnen, immer volle Säle, oder das Theater geht in die Stadt und hört auf Zuschauer zu sein. Und dann. Das Schöne ist, ich war gar nicht dabei. Herr Morgenroth hat es erzählt. Der Name passt. Dieses Speichern meine ich. Jemand war im Theater und erzählt. Das ist wie ein Haus, inmitten von roter Erde. Nix geht in die Stadt 217 Epilog Rede zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Christoph Nix von Thomas Spieckermann Ein befreundeter Schauspieler – er ist schon lange nicht mehr im Konstanzer Ensemble – gab mir den Tipp zu einem Bestseller. Die Idee war sehr einfach: Ich sollte alle Mails, die ich jemals von Christoph Nix bekommen hatte, in einem Buch herausgeben. Der Band würde sofort alle Verkaufsrekorde brechen. Ich habe mir diesen Vorschlag immer für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben, bis – ja, bis heute. Natürlich verstoße ich damit gegen das Postgeheimnis und vermutlich auch gegen ein Dutzend unterschiedlicher Gesetze aus BGB, Grundgesetz und der Charta der Vereinten Nationen. Aber, soweit ich weiß, sind heute ja Rechtsanwälte in ausreichender Anzahl anwesend. Liebe Strafverteidiger, ich komme bei Bedarf auf Sie zurück! Christoph Nix an den Südkurier 2012: „Mein Lieber, das wäre toll, aber meine Dramaturgen gehen auf dem Zahnfleisch, die Presse ist in Kur, alles muss man selber machen oder man wird geschimpft, man verlange zu viel. Ich gehe morgen segeln, aber Sie sind mir ein Stachel im Fleisch.“ An den Bürgermeister von Ciudad Juarez in Nordmexiko zur Zeit der Drogenkämpfe und mysteriöser Morde an einer Vielzahl von Frauen: „Bleiben Sie friedlich!“ Nach einem auswärtigen Vorstellungsbesuch 2010 an mich: „Der Abend war sehr gut, das Hotel schrecklich, die Stadt depri, der Zug steht im Schnee. Ich besuche meine Tochter, penne bei Frank Steinmeier und denke nach über die Welt. Gruss cn“ An mich 2009: „Welcher Dramaturg ist für Jihad zuständig??? Gruss CN“ An mich 2013 aus Bochum: „Wo gibt’s hier die Currywurst? Hab den Zettel in der anderen Hose.“ 221 An verschiedene Mitarbeiter im Haus 2010: „Sieht denn niemand, dass die Vorstellung leer ist???? Wir müssen dringend was tun. „Freier Eintritt für alle Schlecker-Mitarbeiter. Die bürgerliche Gesellschaft schweigt, während Schlecker Dumpinglöhne auch in Konstanz zahlt. Alle Mitarbeiter erhalten freien Eintritt in die „Heilige Johanna“. Im Anschluss Gespräche mit dem Publikum und Vertretern von Verdi und und und…“ An mich 2013 von einer Insel aus dem Mittelmeer: „Völlig einsam, Appartement kalt, kein Frühstück, es gibt keinen Bus, alle Bars in der Nähe geschlossen, denke ich an euren reich gedeckten Frühstückstisch.“ Die anderen 5.174 Nachrichten behalte ich noch für mich. Die Option auf den Bestseller möchte ich doch noch nicht aufgeben. Lieber Herr Nix, man kann nicht sagen, es sei langweilig mit Ihnen. Ich kann auch nach sechs Jahren noch nicht vorhersagen, wie mein jeweiliger Arbeitstag aussieht, wenn ich morgens ins Theater komme. Kein Tag gleicht dem anderen. Wollte ich ein Portrait von Ihnen entwerfen, würde ich disparate Erlebnisse mit Ihnen nebeneinander stellen. Ich versuche das hier und heute mit drei kurzen Geschichten aus unserer gemeinsamen Zeit. Die erste handelt von meinem Engagement nach Konstanz: Bevor ich hierher kam, war ich am Theater in Heidelberg engagiert. Eines Abends – ich war zuhause in meiner Wohnung – klingelte mein Telefon. Eine mir unbekannte Nummer erschien auf dem Display. Ich hob ab. Guten Tag, hier sei Christoph Nix. Es gäbe eine Vakanz in der Dramaturgie. Ob ich morgen zu einem Bewerbungsgespräch in Konstanz sein könne? Ich hatte gerade Endproben mit „Dantons Tod“ und erwiderte, dass das nicht gehe. Mit reichlich Mühe konnte ich das Treffen um zwei Tage verschieben. An einem Samstag nahm ich dann im Intendanz-Büro in Konstanz Platz. Mir gegenüber saßen Christoph Nix, ihm zur Seite Wulf Twiehaus und Felix Strasser. Das Bewerbungsgespräch begann mit der Bitte, meinen Lebenslauf zu referieren. Ich war noch nicht ganz beim Beginn meines Studiums angekommen, als ich unterbrochen wurde. Ich sei ja in Nordhausen unter seiner Nachfolgerin gewesen, darüber müssten wir noch sprechen. Jetzt aber, ich dürfe ihm das nicht übel nehmen, jetzt aber müsse er weg. Es gäbe da einen Motorroller, den er kaufen wolle. Den Thomas Spieckermann 222 müsse er sich ansehen. Aber Wulf und Felix wären noch da und würden das Gespräch weiterführen. Er brauche aber auf jeden Fall ein zweites Vorstellungsgespräch mit mir. Ich müsse wiederkommen. Zwei Wochen später war ich wieder in Konstanz. Ich solle nicht ins Theater kommen, wir würden uns in seiner Wohnung treffen. Ich klingelte in der Gottlieber Straße. Dann saß ich auf einem großen Sofa. Ob wir uns nicht ein wenig unterhalten, uns etwas kennenlernen wollen. Es sei eine wichtige Position, um die es gehe. Ob ich etwas trinken wolle, aber andererseits müssten wir jetzt los nach Meersburg. Er habe dort eine Lesung in der Burg. Ich solle ihn begleiten. Wir würden mit dem Bus und dann mit der Fähre dorthin fahren. Das sei doch ganz schön, oder? Im Bus nach Staad hatte Christoph Nix die Idee zu einem musikalischen Abend, den er mit mir gemeinsam machen wolle. Er wolle singen, ich solle Klavier spielen. Leider sei ich völlig unmusikalisch, antwortete ich. Auf der Fähre nach Meersburg erklärte er mir, wem die Häuser auf der anderen Seeseite gehörten. Dieses dort sei das von Martin Walser. Ob man über Walser mal ein Projekt machen solle. In Meersburg ging der Weg steil bergauf. Ich schnaufte, um das Tempo mitzuhalten, während Herr Nix den Spielplan der nächsten Saison entwarf. Von Brecht und Beckett war die Rede. Dann standen wir vor dem Burgeingang. Alles sei gut, ich solle nun wieder fahren, er würde jetzt lesen. Ach ja, noch etwas: Ich sei engagiert. Die zweite Geschichte ereignete sich zwei Jahre später in Bonn. Im ehemaligen Kabinettsaal der Bundesregierung fand das Ländergespräch über „Togo“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung statt. Irgendwie hatte sich in der Bundesregierung herumgesprochen, dass sich das Theater Konstanz in Afrika und speziell auch in Togo engagiert. Und so wurden wir eingeladen. Eine Ministerialdirigentin des BMZ leitete die Sitzung, an der rund dreißig Vertreter verschiedener Ministerien und Regierungsorganisationen teilnahmen, die ihre Sichtweisen auf das afrikanische Land referierten. Nach der Einschätzung zur politischen Lage des Auswärtigen Amtes wurde die allgemeine Diskussion eröffnet. Christoph Nix meldete sich zu Wort. Nein, wiegelte die Ministerialdirigentin ab, Kunst und Kultur seien noch nicht dran, jetzt gehe es um Politik und gesellschaftliche Entwicklungen in Afrika, während Herr Nix doch sicher Geld für neue Projekte wolle. Diesen Entzug seiner Wortmeldung akzeptierte Christoph Nix natürlich nicht. Er antwortete sehr ruhig und höflich, dass das Theater Konstanz überhaupt kein Geld vom BMZ Rede zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Christoph Nix 223 wolle. Es sei gut vernetzt und seine Projekte würde er mit oder ohne das BMZ durchführen. Nein, er wolle gar nicht über Theater sprechen, sondern über Politik – über Entwicklungspolitik, über Partizipation und über postkoloniale Strukturen in der Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland mit Ländern der sogenannten Dritten Welt. Unter Berufung auf Jürgen Habermas und Adolf Holl entwarf er stante pede das Modell einer Entwicklungspolitik, das auf der Selbstbestimmung der afrikanischen Bürger beruhte, auf einer Autonomie souveräner Staaten und das eine einseitige Konzeption von Projekten durch die Geberländer stark kritisierte. Es war ein Modell, in dem zuletzt auch der Kunst eine zentrale Rolle in der Ausgestaltung des öffentlichen Raums zukam. Diese Intervention sprengte die Konferenz für ein paar Augenblicke. Ein Moment undefinierter Stille trat ein, bis die Konferenz einige Augenblicke später wie gewohnt weiterging. Das Nixsche Modell wurde nicht weiter diskutiert, aber viele Teilnehmer kamen am Schluss auf ihn zu und diskutierten im kleinen Kreise mit uns weiter. Ein Jahr später spielte das Theater Konstanz das Stück „Antilopen“ von Henning Mankell im Hauptgebäude der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) in Eschborn. Eine Aufführung, die noch lange danach für Gesprächsstoff unter den deutschen Entwicklungshelfern sorgte. Diese Intervention von Ihnen, Herr Nix, war ein erstaunliches Beispiel antiker Rhetorik – scharf, geschliffen und wortgewandt. Cicero hätte sicher seine Freude gehabt. Meine dritte Geschichte ist die einer Reise. Im Oktober 2010 waren Christoph Nix, Nadja Keller und ich mit Theaterleuten von Nanzikambe Arts in Malawi. Von der Hauptstadt aus fuhren wir zum Malawisee, dann weiter nach Süden in die Liwonde Provinz. Das echte Malawi wollten wir sehen, real life, unverfälscht. William Le- Cordeur, einer der Leiter von Nanzikambe Arts, hatte das für uns organisiert. Hinter Liwonde bogen wir von der Hauptstraße ab. Eine Piste, die immer schmaler und buckeliger wurde, führte in den Busch. Die elektrischen Leitungen endeten und die Sonne ging unter. Sträucher und Bäume ragten auf die Straße, aus den Hütten liefen Kinder herbei. Unser Ziel war ein Dorf, das sich einem alternativen Ökotourismus geöffnet hatte. Wir waren die dritte Besuchergruppe, die das Dorf jemals besucht hatte. Unsere Unterkunft war eine Lehmhütte. Wir sollten auf dem Boden schlafen. Die Toilette war im Busch hinter einer Palisadenwand und die Dusche eine Plastiktüte mit Regenwasser. Wir Europäer waren die Sensation des Thomas Spieckermann 224 Dorfes und wir waren überfordert von der Situation. Immer mehr Kinder kamen aus allen Richtungen herbeigerannt und wollten die Muzungus sehen. Wir verteilten Kugelschreiber, Schulhefte und T-Shirts. Irgendwann waren sie aus und die, die leer ausgingen, stritten mit den anderen um ihre Schätze. Dann saßen wir auf dem Dorfplatz und alle – jung und alt – versammelten sich um uns. Wir müssten etwas tun, sagte Herr Nix. Etwas spielen, etwas erzählen, um die Barrieren einzureißen, die uns trennten. Wir müssten etwas geben. Vielleicht ein Märchen erzählen. Hänsel und Gretel. Er würde es auf Deutsch erzählen, Nadja Keller würde es ins Englische übersetzen, Mphundu Mjumira in Chichewa und einer der Dorfältesten in Lomwe, die Sprache des Dorfes. Lieber Herr Nix, wie Sie mitten in Afrika, im Licht der Fackeln und Feuer, ein deutsches Märchen nicht nur erzählt, sondern voller Verve dargeboten haben – raumgreifend und expressiv, mal die Kinder erschreckend, mal sich die Haare raufend, aber immer verzweifelnd an der fehlenden Unmittelbarkeit wegen der vielen Übersetzungen – das war unvergesslich. Die Kinder haben gelacht, sich gefürchtet und gestaunt. Und die Älteren nicht minder. Ich bin sicher, von diesem Abend wird in diesem Dorf noch heute gesprochen. Die Nacht ist übrigens gut verlaufen. Wir saßen lange im Freien, haben geredet und selbstgebrautes Bier getrunken. In der Hütte gab es keine Spinnen und keine Schlangen. Alle haben gut geschlafen, merkwürdigerweise hat aber niemand am nächsten Morgen die Dusche benutzt. Lieber Herr Nix, ich wünsche Ihnen zu Ihrem Geburtstag ganz herzlich alles Gute. Bleiben Sie friedlich, seien Sie ein Stachel im Fleisch und erzählen Sie der Welt Geschichten! Und verkaufen Sie Ihren Motorroller wieder. Er steht seit 2009 in der Tiefgarage – wollte ich eigentlich zum Abschluss sagen, bis Sie mir unlängst erzählt haben, er sei schon längst wieder verkauft. Rede zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Christoph Nix 225 Anhang Autorenverzeichnis Joachim Benclowitz, geb. 1956, seit 1986 Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Promotion 2017 in Bremen zum Thema „Künstlerische Vorstände und Tendenzschutz“, seit 1991 Geschäftsführer und Syndikus des Landesverbandes Nord im Deutschen Bühnenverein, langjähriger Dozent an der Hochschule für Kunst und Musik, Autor bei verschiedenen Fachverlagen im Bereich Urheber- und Medienrecht. Lorenz Böllinger, geb. 1944, Dr. jur. u. Dipl.-Psych., emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie am Fachbereich Jura, Universität Bremen. Im Zweitberuf praktizierender Psychoanalytiker und Lehranalytiker. Forschungsgebiete: Gewalt-, Sexual- und Drogenkriminalität, Terrorismus, Strafrechtstheorie und Psychologie der Strafenden Gesellschaft. Dieter Deiseroth, geb. 1950, promovierter Jurist, studierte in Gießen Rechtswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft. Von 2001 bis zu seiner Pensionierung 2015 war er Richter am Bundesverwaltungsgericht. Daneben publizierte er vor allem zu Fragen des Kriegs- und Völkerrechts, zum Schutz von Whistleblowern, zu Fragen des Besatzungsstatuts und alliierter Eingriffsrechte und engagiert sich für den Abschluss eines Atomwaffenverbotsvertrags. Klaus Rudolf Engert, geb. 1964, promovierter Dipl.-Kaufm., widmete sich bereits im Studium u.a. an der Universität Bologna bei Umberto Eco der italienischen Sprache, der Kunstgeschichte und Dantes Göttlicher Komödie. Jahrelang Kaufmännischer Direktor an den Stadttheatern in Augsburg, Mannheim und Freiburg. Autor der 2019 erschienenen Dante-Biographie (klausrudolfengert@t-online.de). Johannes Feest, geb. 1940, Kriminologe und Rechtssoziologe, war von 1974 bis 2005 Professor für Strafverfolgung, Strafvollzug und Strafrecht an der Universität Bremen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört das Recht und die Realität der Gefängnisse. Bis 2011 leitete er das mittlerweile in Dortmund ansässige Strafvollzugsarchiv (feest.johannes@gmail.com). Herbert Gerstberger lehrte, nach Forschungstätigkeiten in theoretischer Physik, im Bereich Didaktik der Naturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Seit vielen Jahren ist er im Amateurtheater und in der Theaterpädagogik unterwegs. Gemeinsam mit Felicitas Miller in der Wuppertaler Kulturszene aktiv, wo sie 2019 Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ auf die Bühne brachten. Bernd Günter ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Neben dem Business-to-Business- Marketing und dem Kundenmanagement ist sein derzeitiger Arbeitsschwerpunkt das Kulturmanagement mit Marketing und Controlling im Kunst- und Kultursektor sowie das Stadt- und Regionenmarketing. 229 Jan Hegemann ist Partner der Kanzlei Raue in Berlin und Honorarprofessor an der FU Berlin. Er berät Verlage, Medienunternehmen und Privatpersonen im Medienrecht mit einem Schwerpunkt im Presse- und Äußerungsrecht sowie im Urheber- und Verlagsrecht. Konrad Hummler, 1953, Jurist und Ökonom, tätig in St. Gallen, Schweiz. In den 1980er-Jahren persönlicher Referent von Robert Holzach, Präsident der Schweizerischen Bankgesellschaft. Ab 1990 unbeschränkt haftender Gesellschafter der Privatbank Wegelin & Co. in St. Gallen, die nach fulminantem Aufbau 2012 unter amerikanischen Druck veräußert werden musste. Seither Aufsichtsrat, Strategieberater und Publizist. Gründer und Präsident der J. S. Bach-Stiftung (Konrad.hummler@m1ag.ch). Andreas Kotte, Bauzeichner, Beleuchter, Theaterwissenschaftler. Professor und seit 1992 Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Bern. Monographien: Theatralität im Mittelalter, Das Halberstädter Adamsspiel (Francke 1994). Theaterwissenschaft, 2005 sowie Theatergeschichte, 2013 (beide Böhlau, UTB). Hrsg. Theaterlexikon der Schweiz (Chronos 2005), ab 2012 online. Hrsg. der Buchreihen Theatrum Helveticum und Materialien des ITW Bern, 38 Bände. Wolfram Mehring ist Schauspieler, Regisseur und Autor. Bereits 1958 gründete er in Paris als deutsch-französische Avantgardegruppe das Théâtre de la Mandragore und das Centre International de Recherches Théâtrales, deren schauspielerzentrierten Ansatz er in Tourneen und Workshops in 23 Länder rund um die Welt brachte. Seit fünfzig Jahren führen ihn Gastspiele und Gastinszenierungen auch im Musiktheater ins weitere Europa, nach Afrika, Südamerika und Ostasien. Felicitas Miller war mit den Fächern Deutsch und Englisch im Zweiten Bildungsweg am Bergischen Kolleg in Wuppertal tätig und betrieb dort das Schultheater. Gemeinsam mit Herbert Gerstberger in der Wuppertaler Kulturszene aktiv, wo sie 2019 Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ auf die Bühne brachten. Daniel Morgenroth (geb. Schulze) ist Theatermacher und Literaturwissenschaftler. Von 2009 bis 2010 arbeitete er als persönlicher Assistent von Robert Wilson und unterrichtete Englische Literaturwissenschaft an der Universität Würzburg. Seine Dissertation, Authenticity in Contemporary Theater and Performance erschien 2017 bei Bloomsbury. Seit der Spielzeit 2017/18 arbeitet er am Theater Konstanz, wo er seit Januar 2019 Stellvertretender Intendant ist. (dan.morgenroth@gmail.com). Johannes Nix wurde im 1993 in Berlin geboren. Bevor er das Studium der Rechtswissenschaften in Potsdam antrat, entschloss er sich für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit tätig zu werden. Seit 2017 studiert er Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die NGO Stop Child Trafficking in Togo gründete er 2019. (JohannesNix@gmx.de). Autorenverzeichnis 230 Sven-Joachim Otto, geb. 1969, promoviert, studierte Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim sowie Verwaltungswissenschaften an der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Seit 2019 ist er Partner im Bereich Public Service bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Düsseldorf. Von 2005 bis 2009 spielte er in der Wallenstein- Inszenierung von Rimini Protokoll den Wallenstein u.a. am Mannheimer Nationaltheater, am Nationaltheater Weimar sowie im Hebbel am Ufer in Berlin. Klaus Röhring, geb. 1941, Studium der evangelischen Theologie. Gemeindepfarrer in Nürnberg und München. Studienleiter an der Evangelischen Akademie Tutzing. Studienleiter und Direktor an der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Oberlandeskirchenrat der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Seit 2004 im Ruhestand. Mitorganisator der Wochen für „neue musik in der kirche“ in Kassel und der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg. Dramaturg und Librettist bei der Piteå Kyrkoopera (Kirchenoper), Nordschweden. Zahlreiche Publikationen zu Musik und Bildender Kunst. (k.roehring@t-online.de). Beate Schappach, Studium der Theater- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, in Bern und Zürich. Seit 2002 Forschung und Lehre am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. Dissertation: „Aids in Literatur, Theater und Film“. Aktuelles Forschungsprojekt: „Dramaturgie – Die Kunst des Aufräumens“. Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturwissenschaften sowie Dramaturgin und Ausstellungskuratorin. (beate.schappach@itw.unibe.ch und beate.schappach@gmx.ch). Angie Schneider, Studium der Rechtswissenschaft an den Universitäten Düsseldorf und Köln. Dissertation und Habilitation an der Universität zu Köln. Derzeit Lehrstuhlvertreterin an der Universität Potsdam. Autorin von Veröffentlichungen auf den Gebieten des Familien-, Arbeits- und Bühnenrechts. Thomas Spieckermann ist seit 2015 Intendant des TAK Theater Liechtenstein und war von 2009 bis 2015 Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant des Theater Konstanz. Er ist Theaterwissenschaftler, promovierte über Edward Gordon Craig und publizierte 2019 seinen ersten Roman „Vier im Sprung“. Frank Walter Steinmeier, geb. 1956 in Detmold, Studium der Rechtswissenschaften und der Politikwissenschaften in Gießen, Promotion zum Dr. jur. Von 1999 bis 2005 war er Chef des Bundeskanzleramtes unter Gerhard Schröder, danach im Kabinett von Angela Merkel Bundesaußenminister von 2005 bis 2009, von 2007 bis 2009 auch Vizekanzler. Von 2009 bis 2013 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, dann wieder Bundesaußenminister von 2013 bis 2017. Seit 2017 ist er der zwölfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Rolf-Peter Warsitz, Dr. med. Dr. phil., Prof. (i.R.) für Soziale Therapie, Philosophie und Psychoanalyse (Universität Kassel), Psychiater, Psychoanalytiker und Lehranalytiker (DPV/ IPA), Mitherausgeber der Zeitschrift Psyche, Veröffentlichungen zur Erkenntnistheorie der Psychoanalyse, Technik der psychoanalytischen Deutung, Klinik früher Störungen und Sozialphilosophie und kritischen Theorie. Gerhard Zahner ist Autor und Rechtsanwalt in Konstanz mit Professor Nix in Bürogemeinschaft verbunden. Autorenverzeichnis 231 Prof. Dr. Dr. Christoph Nix – Juristische, theaterwissenschaftliche und belletristische Veröffentlichungen (Stand 2019) 1. Theaterrecht: Handbuch für Theatermacher. Berlin: Theater der Zeit 2019. 2. Bruder / Fischer / Grünauer / Nix. (Hrsg.) Theater.Stadt.Gesellschaft: Konstanz und seine Bühne. Berlin: Theater der Zeit 2019. 3. Nix / Hegemann / Schneider (Hrsg.). Normalvertrag Bühne: Handkommentar. 3. überarbeitetet Auflage. Baden-Baden: Nomos 2019. 4. Über den Irrtum. In: NJW-aktuell. Heft 6 2019. S. 15. 5. Die Leidenschaft des Jagens. In: taz: die tageszeitung. 26. Januar 2019. S. 35–36. 6. Wo ist bloß der Anstand geblieben? In: Neue Zürcher Zeitung vom 27 Dezember 2018, S. 24. 7. Nun seid mal still! In: Kontext: Wochenzeitung vom 24. Oktober 2018. 8. Das Beste Theater gedeiht in der Provinz. In: Neue Zürcher Zeitung, 27 April 2018, S. 37. 9. MUZUNGU. Roman. Berlin: Transit 2018. 10. Buchrezension, Mehr Bühne für Resozialisierung: Gefängnistheater als Resozialisierungsmaßnahme im Strafvollzug, In: MschrKrim 05/2017. 11. Über die Gerechtigkeit. In: Recht und Politik. Heft 3 2017. S. 387 ff. 12. Kommentierungen der §§ 39, 40 , 104, 105 SGB VIII. In: Möller, Winfried (Hrsg.) Lehr-und Praxiskommentar SGB VIII. 2. A. Köln 2017. 13. Brühne, Vera und Johann Ferbach, In: Groenewold / Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politischen Strafprozesse, http://www.lexikon-d er-politischen-strafprozesse.de/glossar/bruehne-vera-und-johann-ferb ach/ abgerufen 13.09.2017. 14. Über Treu und Glauben. In: NJW 2017. Heft 1. S. 14. 15. Theater_Macht_Politik: Zur Situation des deutschsprachigen Theaters im 21. Jahrhundert. Recherchen, Berlin: Theater der Zeit 2016. 16. Bretter, die kein Geld bedeuten. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. Januar 2016. S. 13. 233 17. „Vertreibung: Trauer und Angst“. Kann Kunst eine neue Heimat schenken? In: Herder Thema 2015, Sonderpublikation. 18. „Über die Gerechtigkeit“. In: NJW (Heft 52) 2015 S. 14. 19. Praxishandbuch Theater-und Kulturveranstaltungsrecht. Hanns Kurz / Beate / Kehrl / Christoph Nix, 2. Auflage München 2015. S. 962. 20. Urteilsanmerkung BAG vom 23.07.2014. Tarifvertragliche auflösende Bedingung des Arbeitsverhältnisses. In: NZA Rechtsprechungsreport 2015 S. 466 f. 21. „Das Theater und der Mindestlohn“ – Prekäre Verhältnisse im Deutschen Theaterwesen, in: NZA 2015 S. 974 f. 22. „Mit Steinmeier in Afrika“. Mit dem Außenminister in Afrika. Reisediplomatie aus der Sicht des Konstanzer Intendanten Christoph Nix. In: Die deutsche Bühne, 06/15 S. 30. 23. Gefangenenmitverantwortung, Unterdrückungsinstrument oder Instrument zur Beseitigung von Unterdrückung“ Beiträge über das Butzbacher Modell einer Gefangenenvertretung, Wettenberg 1980. 24. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Ein emanzipatorisches Theaterprojekt in Malawi. In: Afrika Süd Heft 4 S. 27 ff. 25. „Der Eintritt der Führungsaufsicht kraft Gesetzes gemäß § 68f I StGB nach der Vollverbüßung einer Jugendstrafe“. Mit Lasse Gundelach. In: ZJJ 2015. 26. „Er hat Carl von Ossietzky verteidigt“. Zum Gedenken an Rudolf Olden. In: Stuttgarter Zeitung vom 15. Januar 2015. 27. „Man muss lieben, bis es wehtut“. Mein Besuch bei Papst Franziskus. In: Publik Forum Nummer 24. 19. Dezember 2014. S. 36 f. 28. Übersicht über ausgewählte Verträge. Darstellende Kunst. In: Fischer, Hermann J. / Reich Steven A. Der Künstler und sein Recht. 3. Auflage München 2014. 29. „Hoppla – Wir leben noch – länger als gedacht“. In: FAZ v. 1.8.14. 30. Praxishandbuch Theater- und Kulturveranstaltungsrecht. München 2014. Autoren: Kurz, Hanns/Kehrl, Beate/Nix, Christoph. 31. „Alles auf Anfang“. Vom Aufstieg in die deutsche Theaterprovinz, in Süddeutsche Zeitung v. 26.7.14. 32. „Der Künstler und seine Sozialversicherung“. Anmerkung zum Urteil des BSG vom 20.03. 2013 B 12 R 13/10R. In: Die Sozialgerichtsbarkeit. Mai 2014. Heft 5. S. 213 ff. 33. „Wir müssten anhalten und weinen“. Will man Theater spielen, wenn man nichts zu essen hat? In tageszeitung vom 16.6.2014. S. 14. 34. „Der Präsident mag keine lauten Worte“. Was suchen Europäer in einem der ärmsten Länder der Welt. In: Stuttgarter Zeitung vom 16.06.2014. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 234 35. „Ein Theater für Togo. Mehr als nur eine Vision“. In: Theater der Zeit Heft 1/2014 36. „Über die Kunst ein Generalist zu sein“. Zum Tod von Arnold Petersen. In: Theater der Zeit Heft 11/2013. 37. „Wie alles anfing“. In: Theater in Afrika. S. 116–123. 38. „Theater in Afrika“ – Zwischen Kunst und Entwicklungszusammenarbeit, Berlin 2013 Mitherausgeber: Keller, Nadja / Nix, Christoph / Spieckermann, Thomas. 39. „Auf den Spuren des Antonio Gramsci“. In: Guiseppe Fiori, Das Leben des Antonio Gramsci, Berlin 2013, S. 5 ff. 40. „Strafverteidiger, Schauspieler, Intendant und Autor“, in NJW-aktuell 11/2013 S. 14 f. 41. Buchbesprechung: Anja Sophie Meyer: Das Jugendstrafrecht in Deutschland. Freiburg 2012. In: www.socialnet.de/rezensionen/1352 2.php, Datum des Zugriffs 17.03.2013. 42. „Performer des Antikapitalismus“ – Zum Tode von Friedrich Schenker, in Theater der Zeit März 2013, S. 56 f. 43. „Wie funktioniert das Glück“, im Gespräch über die Spielzeit „Afrika – in weiter Ferne so nah“, in: Theater der Zeit Nov'12 Hefft 11. 44. Buchbesprechung: Gerhard Hasselbach u.a. Der Kulturinfarkt, München 2012. In Südkurier vom 27. März 2012 Seite 13. 45. Lektionen IV Theaterpädagogik, Berlin 2012. 46. „Mutter Courage in Kurdistan oder wenn der Krieg Pause macht“, in: DB 2011/12 S. 54 zugleich: Bühnengenossenschaft 2011, Heft 11 S. 11. 47. „Die Vorschrift des § 3 JGG“, in: ZJJ 2011 Heft 4. 48. Kommentar zum NV-Bühne, 2. Auflage, Baden-Baden: Nomos 2011 2. Auflage. 49. „Jugendstrafrecht für junge Rechtsbrecher“, in: Lurratio 2011 Heft 2 S. 87 -91. 50. Buchbesprechung: Gerhard Fieseler / Reinhard Herborth Recht der Familie und Jugendhilfe, Köln 2010, in: socialnet Rezension April 2011. 51. Buchbesprechung: Helmut Ridder: Gesammelte Schriften. …auf der Suche nach einer Utopie des Sozialen. in: verdikt 2011, S. 32 52. Einführung in das Jugendstrafrecht, München 2011. 53. „Don’t think, act“, in: African Times 11. November 2010 S. 12. 54. Buchbesprechung: Anke Neuber: Die Demonstration, kein Opfer zu sein. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 203 Seiten. ISBN 978–3–8329–4056–0. In: socialnet Rezensionen unter http://w ww.socialnet.de/rezensionen/9581.php. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 235 55. „Innere Haltung – Über die Dramaturgie des Sprechens und andere Missverständnisse“, in: Musik und Kirche 2/2010 S. 78 ff. mit Käppeler und Junghans. 56. Buchbesprechung: Helmut Ridder (Hrsg.): Gesammelte Schriften. Baden-Baden 2010. -6. In: socialnet Rezensionen unter http://www.soci alnet.de/rezensionen/8982.php Januar 2010. 57. Buchbesprechung: Sonja Ernst: Gewalt unter erwachsenen männlichen Inhaftierten in deutschen Justizvollzugsanstalten. Hamburg 2008, in: www.socialnet.de Dezember 2009. 58. Rabenjagd: Erzählung, Berlin 2009. 59. Junge Hunde, Roman Berlin: Das Neue Berlin 2008. 60. Normalvertrag Bühne Handkommentar mit Jan Hegmann / Rolf Hemke Baden-Baden 2008. 61. „Räterepublik Dillkreis“, Erinnerungen an 1968 – Stadtluft macht frei oder Die Provinz als Avantgarde, in: Frankfurter Rundschau v. 23.5.2008. 62. „Über das verlorene Lachen“. 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Buchbesprechung: Fricke/Ott, „Verwaltungsrecht in der anwaltlichen Praxis“, in: NJW 006, 132 f. 77. „Fröhliche Sozialarbeit“, in: neue praxis, Heft 1/ 2006 S. 114 -120. 78. Bericht der Jugendgerichtshilfe, Urteilsanmerkung zum Beschluss des OLG Hamm vom 24. Juni 2004, in: ZfJ Heft 7/8 2005, S. 325 f. 79. Leitfaden für Strafentlassene. Hannover 2006. 80. „Die Wirtschaftlichkeitsprüfung nach § 106 SGB V“, in: MedR Heft 2/2006. 81. „Über den Verlust der Utopie – oder das Meer in mir“. Johannea 2005 S. 66 ff. 82. „Unfallverhütung und Delegation von Verantwortung. Wie wird Arbeitssicherheit im Theater gewährleistet?“. In: Bühnentechnische Rundschau Heft 2 2005, S. 32 ff. 83. Anmerkung: Zum Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 14. August 2004, in: Sozialgerichtsbarkeit 2005 Heft 1, S. 63 ff. 84. Buchbesprechung: Rolf Bossi, „Halbgötter in Schwarz. Frankfurt 2005“, in: NJW 2005, 587 f. 85. „Das Orchester und der Dirigent“, in: Badische Zeitung vom 27.12.2004. 86. Buchbesprechung: Dieter Dölling, „Das Jugendstrafrecht an der Wende zum 21. Jahrhundert. Symposium zum 80. Geburtstag von Rudolf Brunner“, in: Goltdammer’s Archiv 2005, 623. 87. „Über das Anklopfen an Zellentüren und andere Ungewöhnlichkeiten in der Haft. Anmerkungen zum Angleichungsgrundsatz des § 3 StVollzG“, in: Borckhardt, S.U. / Grabsch, C. / Pollähne, H. u.a. Korrespondenzen – Festschrift für Johannes Feest. Münster 2005, S. 52 ff. 88. „Bologna, Pisa, Kampala – Über die Kolonialisierung der europäischen Bildungspolitik“, in: Frankfurter Rundschau vom 21.12.2004, S. 28. 89. „Rezension: Kinder- und Jugendrechte“, Fieseler / Schleicher / Busch GK- SGB VIII. in: SozialExtra 1/2005, S. 48. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 237 90. „Über die Kunst und das Soziale. 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Edition „Theater und Kritik“ Band 5: „Die Wüste lebt – Beiträge zu einer ausweglosen Theaterdebatte“ (Christoph Nix, Andreas Seyffert), Focus Verlag 1999. 117. Edition „Theater und Kritik“ Band 4: „Das Theater & die Energie – Beiträge zu einer spannungsreichen Debatte“ (Hrsg.: Bärbel Bojarsky, Klaus Engert, Christoph Nix), Focus Verlag 1999. 118. Edition „Theater und Kritik“ Band 3: „Das Theater & das Urheberrecht – Versuche einer Aufklärung“ (Hrsg.: Petra Wronewitz, Frank Depenheuer, Christoph Nix), Focus Verlag 1999. 119. Edition „Theater und Kritik“ Band 2: „Das Theater & der Markt – Beiträge zu einer lasterhaften Debatte“ (Hrsg.: Udo Donau, Klaus Engert, Christoph Nix), Focus Verlag 1999. 120. Edition „Theater und Kritik“ Band 1: „Das Theater & das Geld – Beiträge zu einer mühseligen Debatte“ (Hrsg.: Udo Donau, Klaus Engert, Christoph Nix), Focus Verlag 1997. 121. „Der Osten, die Theater und ihr Tod“, in den neuen Ländern fehlt es an Geld und Konzeptionen. in: Frankfurter Rundschau vom 20. März 1999. 122. Buchbesprechung: Uwe Wesel, „Geschichte des Rechts. Von den Frühformen bis zum Vertrag von Maastricht“, in: Goltdammer’s Archiv für Strafrecht. 146. Jhg. Januar 1999. S. 46 f. 123. „Theaterkrach am laufenden Band“, Seite 114 ff., in: „Wie im Westen so auf Erden“ von Frank Quilitzsch, Gespräche mit Schriftstellern und Liedermachern, Dichtern und Theaterleuten, Rocksängern und Pastoren 1991–97, Kirchheim Verlag, München, 1998. 124. Buchbesprechung: Dirk Fabricius, „Selbst-Gerechtigkeit. Zum Verhältnis von Juristenpersönlichkeit und Urteilsrichtigkeit“, in: Goltdammer’s Archiv 145. Jhg. Dezember 1998, S. 611 ff. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 239 125. „Immer scheitern, besser scheitern. Zum 80. Geburtstag von Peter Palitzsch“, in: Tageszeitung vom 11.09.1998. 126. „Das ganze Theater muss ein Gesamtkunstwerk sein“ (Interview), in: HNA vom 7. Juli 1998. 127. „Kultur für alle – Über das Ende einer Illusion?“, in: Kulturmagazin Nr. 40. Juni 1998. 128. „Das Sofa, auf dem Herr Brecht sich für eine bessere Welt herumtrieb“, in: Berliner Morgenpost vom 18. Februar 1998. 129. „Unbedingt die Johanna machen. Zum 100. Geburtstag von Bert Brecht“, in: Tageszeitung vom 14.1.1998. 130. „Der Rollenpanzer inhaftierter Jugendlicher ist fester als irgendwo sonst“. Über theatrale Mittel bei Gewalt- und Kriminalprävention. (Mit Uta Plate), in: Frankfurter Rundschau vom 1. Dezember 1997. 131. Buchbesprechung: Christoph Butterwege, Ein weiterer redlicher Versuch. NS- Vergangenheit und Antisemitismus. in: Sozialmagazin Heft 11. November 1997. S. 56. 132. Buchbesprechung: Reinhard Merkel, Strafrecht und Satire im Werk von Karl Kraus (Buchbesprechung). In: Goltdammer’s Archiv 144. Jhg., Oktober 1997, S. 485 f. 133. „Controlling im Theater“, Deutsche Bühne, Februar 1997 S. 31 und BTR Sonderheft 1997, S. 19. 134. „Deutsche Kurzschlüsse“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1997. 135. „Kultur und Geld, Geist und Sünde“, in: Theater der Zeit. Heft 3 Mai/ Juni 1997. S. 46 ff. und in: Bühnengenossenschaft Heft 5 1997. 136. „Kultur in der Provinz – Provinzkultur?“, in: Heft 11. Demokratische Gemeinde S. 55 f. 137. „Demokratie im Theater“, in: Bühnengenossenschaft H 10 1996, S. 12 ff. 138. Buchbesprechung: Emigrierte Sozialarbeit, in: Sozialmagazin H 10 1996, S. 52 f. 139. „Gefangenenmitverantwortung und Kulturarbeit als Mittel der Resozialisierung. In: Bundesvereinigung der Anstaltsleiter“, (Hrsg.) 21. Arbeitstagung in Wustrau. 140. „Erkenntnisinteresse und Gegenreform – Am Beispiel der strafprozessualen Hauptverhandlung“, in: Strafverteidiger-Forum 1996, S. 37–46. 141. Buchbesprechung: Lurija A.R., Romantische Wissenschaft, in: Psyche 1995, S. 1110. 142. Buchbesprechung: Böllinger/Lautmann (Hrsg.) Vom Guten, das noch stets das Böse schafft. FS-für Jäger. In: Psyche 1995, Heft 11, S. 1112. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 240 143. „Versetzung eines Pfarrers mangels „gedeihlichen Wirkens“ aus seiner bisherigen Pfarrstelle“, in: Merkel, C. Aufbruch zum Diesseits, FS für Willi Fahlbuch, Hannover 1995, S. 374. 144. Anmerkung zum Beschluss des OLG Frankfurt/M v. 22.2.1994 (Über das Anklopfen an Zellentüren), in: Strafverteidiger 1995, 428 ff. 145. Buchbesprechung: Mennicken, Rainer, Regie im Theater, in: Theater der Zeit Nov/Dez 1994, S. 86. 146. Buchbesprechung: Vormbaum, T., Texte zur Strafrechtstheorie der Neuzeit Band I und II. in: NJ 1994, S. 459. 147. Buchbesprechung: Clauss, Manfred: Einführung in die alte Geschichte, in: Lutherische Monatshefte 10/94 S. 43. 148. Buchbesprechung: Fieseler/Herborth, Recht der Familie und Jugendhilfe 1994, S. 397. 149. Buchbesprechung: Balloff, R., Kinder vor Gericht. in: Unsere Jugend 1994, Heft 12, S. 543. 150. „Verschnürt. Ein für allemal“ Eine Prostituierte tötet ihren Freier. Totschlag oder Freispruch? In: Wochenpost Nr. 29 v. 14.7.1994. 151. „Das verschlossene Amtsgericht“, in: Strafverteidiger-Forum 1994, Heft 3, S. 64. 152. Anmerkung zum Beschluss des LG Schwerin vom 30.12.1993 (Bad Kleinen), in: NJ 1994, Heft 6. 153. Buchbesprechung: Seelge, Karl. Seelenmord und Totschlag, Gießen 1993, in: MSchrKrim 77. Jahrgang Heft 5 1994, S. 335. 154. „Kurzer Prozess. Strafrechtspflege in der deutschen Provinz“, in: Wochenpost 1994 vom 3. März, S. 40. 155. „Der Richter und seine Gehilfen“, Glaubwürdigkeitsbeurteilung und Beweiswürdigung. in: Kriminalistik 1994, Heft 7, S 463. 156. „Sachverständiger und Polizei“, Eine Duplik auf Steinke. in: Kriminalistik 1994, S. 240. 157. „Die Ablehnung des polizeilichen Sachverständigen in der strafrechtlichen Hauptverhandlung“, Karl Peters zum 90. Geburtstag. in: Kriminalistik 1994, S. 83 ff. 158. „Die Zuständigkeit des Jugendhilfeausschusses in der kommunalpolitischen Praxis“, in: ZfJ 1994, Heft 4. 159. „Anpassung, Resignation oder eine jugendlich revolutionäre Hoffnung“, eine persönliche Erinnerung an den Herborner Schülerladen, in Herborner Tagblatt v. 14.1.1994. 160. Anmerkung zum Beschluss des Großen Senats des BGH vom 19. Mai 1993 (Rücktritt vom Versuch) in: NJ 1993, Heft 12. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 241 161. „Insassenvertretung im Strafvollzug- eine demokratische Perspektive oder ein therapeutisches Beruhigungskonzept“, in: Strafverteidiger-Forum 1994 ff. 162. „Vorläufige Festnahme und verbotene Vernehmungsmethoden gegenüber Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren“, in: MschrKrim 1993, S. 183 ff. 163. „Über das Scheitern deutscher Abolitionismen“, in: Knut Papendorf / Karl F. Schumann (Hrsg.) Kein schärfer Schwert, denn das für Freiheit streitet. Eine Festschrift für Thomas Mathiesen, Bielefeld 1993. 164. Anmerkung zum Beschluss des OLG Celle, Beschwerde in Jugendstrafsachen, in: NStZ 1993, S. 400 (Heft 8). 165. Anmerkung zum Beschluss des BVerfG vom 15.10.1992, in: NStZ 1994, S. 45 f. 166. Anmerkung zum Beschluss des BVerfG vom 15.10.1992, Spruchkörper der Bezirksgerichte, in:NJ 1993, S. 313 ff. (Co-Autor Lehmann). 167. „Kurzkommentar zum Jugendgerichtsgesetz“, Weinheim 1994. 168. Buchbesprechung: Uwe Wesel, Fast alles was Recht ist, in: Neue Justiz 1993. 169. Anmerkung zum Beschluss des VG Braunschweig vom 12.8.1992, in: ZfStrVO 1992, S. 384. 170. Anmerkung zum Beschluss des VG Braunschweig, Unterkunftskosten für wohnungslosen Strafgefangenen, in: Info also 1992, S. 194 ff. 171. Buchbesprechung: Helmut Ridder u.a. Versammlungsrecht, in: Neue Justiz S. 502. 172. „Die Reduktion der Richterbank – ein Verstoß gegen das Prinzip des gesetzlichen Richters“, in: Neue Justiz 1992, S. 451. 173. „Über das Sitzen bleiben und andere Ungebührlichkeiten vor Gericht“, in: Norbert Leygraf (Hrsg.) Die Sprache des Verbrechens. Wege zu einer klinischen Kriminologie. Festschrift für Wilfried Rasch, Stuttgart Berlin Köln 1993. 174. „Das kann härter sein als lebenslänglich“, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 1992 Nr. 39 (vom 25. September), S. 6. 175. Anmerkung zum Beschluss des Kreisgerichts Auerbach, Mindestdauer bei Führungsaufsicht, Neue Justiz 1992, S. 559. 176. Anmerkung zum Beschluss des OLG Hamm, Broschüre HIV-positiv, in: NStZ 1992, S. 559. 177. „Der Haftgrund der Verdunkelungsgefahr“, in: Strafverteidiger 1992, S. 445. 178. „Der Philosoph als Detektiv“, eine kriminogene Collage, in: Festschrift für Ulrich Sonnemann, Hamburg 1992 zugleich in: Frankfurter Hefte 1992, S. 844 ff. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 242 179. „Maßregelvollzug in der Kritik“, Haus mit Käfigen, in: Publik Forum 1992, Heft 11, S. 15 f. 180. Anmerkung: Zum Beschluss des OLG Koblenz vom 23.11.1990, Teilnahme an einer Gefangenenmitverantwortung, in: NStZ 1992, 304 ff. 181. Buchbesprechung: Ostendorf, H. Kommentar zum Jugendgerichtsgesetz, in: MschrKrim 1992, S. 360. 182. Buchbesprechung: Dünkel, Frieder: Empirische Beiträge und Material zum Strafvollzug, in: MSchrKrim 1992, S. 302. 183. Buchbesprechung: Ginzburg, Carlo: Der Richter und der Historiker, in: MSchrKrim 1992, S. 302. 184. „Die Aufgaben des Jugendamtes – als Vormundschafts- und Familiengerichtshilfe“ – Gedanken zur Standortbestimmung des Jugendamtes nach den §§ 50 f KJHG, in: Unsere Jugend 1992, S. 202 ff. 185. Buchbesprechung: Schellhorn / Wienand, Kommentar zum KJHG, in: ZfJ1992, S. 216 186. „Kriminalitätsbelastungen bei Studentinnen und Studenten der Sozialpädagogik“ (gemeinsam mit Jörg Böse), in: Sozialmagazin, Heft März 1992, S. 36 ff. 187. Anmerkung: Zum Beschluss des VG Frankfurt vom 15.8.1991 und vom 16.9.1991, Unterbringung in Tageseinrichtungen, Kinderhortbeiträge, §§ 24 u. 26 KJHG, in: ZfJ 1991, S. 606 188. „Der Erziehungsgedanke im Jugendstrafrecht“, zugleich eine Rezension zu: Friedrich Schaffstein, ZfJ 1991, Heft 11, S. 541 ff. 189. Buchbesprechung: Bertram u.a. AK zum StvollzG, 3.A.1990, in: Strafverteidiger 1991, S. 332 f. 190. Anmerkung: Zum Beschluss des LG Gießen vom 8.12.1990, Pflichtverteidigung bei Anstaltunterbringung, in: Strafverteidiger 1991, S. 205 f. 191. „Für ein Zeugnisverweigerungsrecht der Sozialarbeit“, Die Novellierungen zu § 53 Abs. 1 StPO, in: Sozialmagazin 1990, Heft 12, S. 38 ff. 192. „Gefangenenvertretungen in Hessen und Rheinland-Pfalz – Eine vergleichende Studie“, in: MSchrKrim 1991, Heft 2, S. 113 ff. 193. „Kommentar zum Kinder- und Jugendhilfegesetz“, (Co-Autor Winfried Möller u.a.), Weinheim März 1991. 194. Buchbesprechung: Praxis der Strafzumessung (Schäfer), in: Strafverteidiger 1990, S. 522. 195. Anmerkung: Zum Beschluss des LG Marburg vom 12.12.1990, Kosten eines Privatgutachters als notwendige Auslagen, Strafverteidiger 1990, S. 362. 196. „Die Vereinigungsfreiheit im Strafvollzug“, Gießen 1990 diss. jur. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 243 197. „Ausländerrecht – Politische Instrumentarien“, in: Links Mai 1990, S. 6 ff. 198. Buchbesprechung: Leben ohne lebenslänglich (Weber/Scherer), in: MSchrKrim 1990, S. 133 ff. 199. Buchbesprechung: Vormundschafts- und Pflegschaftsrecht in der sozialen Arbeit (Bienwald), in: ZfJ 1989, 469 ff. 200. Buchbesprechung: Anstaltsbeiräte – Erwartungen an die Beteiligung der Öffentlichkeit am Strafvollzug (Gerken), in: MSchrKrim 1988, S. 142 ff. 201. Buchbesprechung: Anstaltsbeiräte – die institutionalisierte Öffentlichkeit (Schäfer) in: MSchrKrim 1988, S. 79 ff. 202. „Drinnen sieht die Sache ganz anders aus“, Über systematische und alltägliche Demütigungen im Strafvollzug, Rundfunksendung, Frankfurt 1985. 203. „Elefantenboys und Okulartyrannis“, Ein Gespräch mit Ulrich Sonnemann, in taz v. 16.7.1987. 204. „Theatralik der Justiz“, Über die Juristenfortbildung des RAV, DuR 1984, S. 330. 205. „Politische Prozesse in der Türkei“, Prozessbeobachtungen und Verfahrensrecht (Co-Autor Ludwig Müller), Herausgeberschaft, Hamburg 1983. 206. Anmerkung: Zum Beschluss des OLG Frankfurt vom 8.9.1982, Zulassung ehrenamtlicher Mitarbeiter im Vollzug, DAT 1984, S. 34. 207. „Anklage erhoben – Zum 70. Geburtstag von Birgitta Wolf“ (Sammelrezension) MSchrKrim 1983, S. 192 f. 208. Anmerkung: Zum Beschluss des OLG Frankfurt vom 8.9.1983 – Urlaubsgewährung für ausländische Strafgefangene. In: Strafverteidiger 1983, S. 470 ff. 209. „Wenn schon einer dran glauben muß, dann ein Ausländer!“ Zwei 15- Jährige schießen auf einen Türken, in taz vom 7.2.1983. 210. „§ 121 Abs. 5 – oder die Einschränkung des Rechtsweges in Strafvollzugssachen“, (Co-Autor Bernd Kunert), in: Strafverteidiger 1983, S. 130 ff. 211. „Politische Strafprozesse in der Türkei“, Über den Versuch einer Einflussnahme. In: DuR 1982, S. 307 ff. 212. Buchbesprechung: Achim Mechler, „Psychiatrie des Strafvollzuges“. In: MSchrKrim 1982, S. 127 ff. 213. Frank Arnau, „Ein Publizist auf der Suche nach Gerechtigkeit“, Rundfunksendung am 14.2.1981, Redaktion Prof. Gert Kalow. 214. Buchbesprechung: Ein Tag im Oktober von Carmen Castillo, Februar 1981. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 244 215. Buchbesprechung: Thomas Mathiesen, „Überwindet die Mauern“. In: DuR 1981, S. 467 ff. 216. Anmerkung: Zum Beschluss des OLG Frankfurt vom 15.08.1980 (Zur Rechtsstellung der GMV). In: DuR 1981, S. 306 ff. 217. „Über die Anwendung des Strafvollzugsgesetzes in den Hessischen Haftanstalten“. In: Freiheit und Gleichheit, Oktober 1980, S. 113 ff. Veröffentlichungen von Prof. Dr. Dr. Christoph Nix 245

Zusammenfassung

Ein schillerndes Panoptikum renommierter Fachleute, die gleichzeitig Querdenker sind – mit erstmalig veröffentlichten Beiträgen insbesondere aus dem Theater- und Bühnenrecht, aus Theaterwissenschaft und Theaterpraxis, aus Feuilleton und Politik, aus Soziologie und Literatur. Der Reigen der Beiträge umfasst auch eine juristische Bestandsaufnahme zum Umgang mit dem Nato-Doppelbeschluss und zum Jugendstrafvollzug, zur Frage der Strafbarkeit der Verwendung des Hakenkreuzes in einer Theaterinszenierung, zum Verhältnis zwischen Kulturpolitik und Kulturmanagement, eine soziologische Analyse der deutschen Sicht auf die Flüchtlingskrise und eine Rede von Frank Walter Steinmeier. Entsprechend richtet sich diese Festschrift in erster Linie an die Theaterleute in Wissenschaft und Praxis, an die Juristen und an alle, die neugierig sind. Mit Beiträgen von Joachim Benclowitz, Lorenz Boellinger, Dieter Deiseroth, Klaus Rudolf Engert, Johannes Feest, Herbert Gerstberger und Felicitas Miller, Bernd Günter, Jan Hegemann, Konrad Hummler, Andreas Kotte und Beate Schappach, Wolfram Mehring, Daniel Morgenroth, Johannes Nix, Sven-Joachim Otto, Klaus Röhring, Angie Schneider, Thomas Spieckermann, Frank-Walter Steinmeier, Rolf-Peter Warsitz, Gerd Zahner

References

Zusammenfassung

Ein schillerndes Panoptikum renommierter Fachleute, die gleichzeitig Querdenker sind – mit erstmalig veröffentlichten Beiträgen insbesondere aus dem Theater- und Bühnenrecht, aus Theaterwissenschaft und Theaterpraxis, aus Feuilleton und Politik, aus Soziologie und Literatur. Der Reigen der Beiträge umfasst auch eine juristische Bestandsaufnahme zum Umgang mit dem Nato-Doppelbeschluss und zum Jugendstrafvollzug, zur Frage der Strafbarkeit der Verwendung des Hakenkreuzes in einer Theaterinszenierung, zum Verhältnis zwischen Kulturpolitik und Kulturmanagement, eine soziologische Analyse der deutschen Sicht auf die Flüchtlingskrise und eine Rede von Frank Walter Steinmeier. Entsprechend richtet sich diese Festschrift in erster Linie an die Theaterleute in Wissenschaft und Praxis, an die Juristen und an alle, die neugierig sind. Mit Beiträgen von Joachim Benclowitz, Lorenz Boellinger, Dieter Deiseroth, Klaus Rudolf Engert, Johannes Feest, Herbert Gerstberger und Felicitas Miller, Bernd Günter, Jan Hegemann, Konrad Hummler, Andreas Kotte und Beate Schappach, Wolfram Mehring, Daniel Morgenroth, Johannes Nix, Sven-Joachim Otto, Klaus Röhring, Angie Schneider, Thomas Spieckermann, Frank-Walter Steinmeier, Rolf-Peter Warsitz, Gerd Zahner