Wolfgang Schild

Schuld und Unfreiheit

Gedanken zu Strafjustiz und Psychoanalyse in Leonhard Franks »Die Ursache«

1. Edition 1996, ISBN print: 978-3-7890-4389-5, ISBN online: 978-3-7489-0248-5, https://doi.org/10.5771/9783748902485

Series: Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie, vol. 19

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Schuld und Unfreiheit Gedanken zu Strafjustiz und Psychoanalyse in Leonhard Franks »Die Ursache« Nomos Verlag Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie Herausgegeben von Hasso Hofmann, Edgar Michael Wenz und Dietmar Willoweit Mitbegründet von Ulrich Weber Heft 19 Prof. Dr. Wolfgang Schild Schuld und Unfreiheit Gedanken zu Strafjustiz und Psychoanalyse in Leonhard Franks »Die Ursache« Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden Vortrag gehalten am 9.2.1995 STAATS- ßißllOTHEK ZU BERLIN H »2.A ■? Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Schild, Wolfgang: Schuld und Unfreiheit : Gedanken zu Strafjustiz und Psychoanalyse in Leonhard Franks »Die Ursache« / Wolfgang Schild. - 1. Aufl. - Baden-Baden : Nomos Verl.-Ges., 1996 (Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie; H. 19) ISBN 3-7890-4389-3 NE: GT 1. Auflage 1996 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1996. Printed in Germany. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der photomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Editorial Gerade angesichts unserer reich blühenden Dogmatik des po sitiven Rechts und im Hinblick auf eine gewisse Tendenz, Rechtspraxis auf Rechtstechnik zu reduzieren, ist es wichtig, ja notwendig, über den kleinen Kreis derjenigen hinaus, die sich mit Rechtsphilosophie, Normentheorie oder Rechtssoziologie besonders befassen, Anstöße für die Beschäftigung mit den Grund- und Grenzfragen des Rechts zu geben. Wenigstens ab und an sollte auch der vorwiegend dogmatisch arbeitende Jurist - Student wie Praktiker - jene heilsame Unruhe verspüren, die aus der Begegnung mit den Frag-Würdigkeiten der Grundlagen und Methoden unseres Faches entspringt. Eine lockere Folge von Einzelvorträgen scheint uns hierfür aus mehreren Gründen das geeignete Mittel. So kann auf diese Weise am ehesten ein lebendiger Eindruck von Reichtum, Vielfalt und Spannweite der nichtdogmatischen Beschäftigung mit dem Recht entstehen. Reichen die Grund- und Grenzprobleme unseres Faches doch von der alten und unabweisbar immer neu sich stellenden Frage der Gerechtigkeit, der Frage des Rechts als Ausdruck menschli chen Selbstverständnisses über die moderne Normanalytik bis zur Bedeutung der sozialen Verhältnisse für Entstehung, An wendung und Wirksamkeit der Gesetze wie für die Bildung von Rechtsbewußtsein. Durch die Veröffentlichung dieser an der Universität Würz burg gehaltenen Vorträge möchten die Herausgeber darüber hin aus Texte zur Verfügung stellen, die über bestimmte Aspekte überschaubare Zugänge zur Theorie eröffnen, aber auch als Arbeitsmittel in Seminaren und Übungen dienen können. Würzburg, im Juli 1984 Hasso Hofmann Ulrich Weber Edgar Michael Wenz Schuld und Unfreiheit Gedanken zu Straf justiz und Psychoanalyse in Leonhard Franks »Die Ursache« »Nach vierzehn unter der ständigen Beobachtung verbrach ten Jahren, daß er eine entlarvte Illusion nach der andern für eine Portion Seelenschmutz hatte hingeben müssen, verspürte der vermögenslose Dichter Anton Seiler im Winter 1907, ohne die Ursache zu kennen, unvermittelt und heftig den Drang, von Ber lin in die kleine Stadt zu reisen, wo er als Sohn eines Wagnerge sellen auf die Welt gekommen war«1. Mit diesen Worten be ginnt die Erzählung »Die Ursache«, die der 33jährige Leonhard Frank im Jahre 1915 veröffentlichte2. Zwar hatte Seiler - so die Erzählung weiter! - in der Nacht vor dem Reiseentschluß einen Traum von einem Schulausflug durch den heimatlichen Laub wald gehabt, in dem der gefürchtete Lehrer Mager eine zentrale Rolle gespielt hatte. Doch wußte er nach dem Erwachen nicht, was er geträumt hatte, war vergebens bemüht, sich an seinen 1 L. Frank, Die Ursache (1915; hier zitiert nach der leichter greif- und beschaffbaren Ausgabe im Verlag Büchse der Pandora 1978), S. 7. Im folgenden werden Zitate aus diesem Werk nur mit Seitenhinweis angegeben. 2 In seiner Autobiographie »Links wo das Herz ist« (1952, hier zitiert nach der Werk ausgabe in vier Bänden 1991, Bd.3) bezeichnet Frank diese Erzählung als »Novelle« (S. 524); so wird sie auch z.B. von M. Glaubrecht, Studien zum Frühwerk Leonhard Franks, 1965, S. 163 ff., aufgefaßt. - Im folgenden wird nur diese Erzählung in der Druckfassung als Buch zugrunde gelegt. Offensichtlich hat Frank zuvor auch einen Zeitschriftenvorabdruck veranstaltet (in der Zeitschrift »Die weißen Blätter«, 1915), der zum Teil Textveränderungen enthält (ein Beispiel bei Glaubrecht, Studien, S. 68 f.). Daneben hat Frank aus seiner Erzählung auch ein Drama (»Die Ursache«, 1929, auch abgedruckt in dem Sammelband seiner »Schauspiele«, 1959) und ein Funkhörspiel für den staatlichen Rundfunk der DDR (um 1955) gestaltet, die aber in dem Tiefgang der Argumentation deutlich hinter der Erzählung Zurückbleiben. Un ter der Regie von M. Verhoeven wurde auch ein Film gedreht. Traum zu erinnern. In seiner Heimatstadt angekommen, über fallt ihn plötzlich die Erinnerung an sein Leben hier: Armut, Prügel, Demütigungen, Schulqualen durch den Lehrer Mager. »Und dem Dichter, der auf der ganzen Reise vergebens darüber nachgegrü belt hatte, was ihn zwang, die Heimatstadt zu besuchen, war von dem unvermittelten gierigen Haß auf seinen Lehrer die Denkfähigkeit vollkom men niedergeschlagen worden« (S. 9). Fetzen von Erinnerungen an erlittene Demütigungen steigen auf, können sich aber nicht zu einem zusammenhängenden Bild formen, können ihm nicht die Ursache seines Hasses gegen den Lehrer offenbaren. Ein Aufenthalt in seinem armseligen Eltern haus, als die Mutter die nichtbezahlte Milchrechnung erwähnt, macht ihm plötzlich seinen Traum bewußt und die ihn darin verfolgende Szene: »Weil ich bei dem Schulausflug die zehn Pfennige nicht hatte, um das Glas Milch zu bezahlen, [.. .] ließ mich der Lehrer nicht mit ins Wirtshaus ge hen. Ich mußte vor dem Zaune stehen ... vor allen Schulkameraden« (S. 12). Wie hatte er noch geträumt? daß der Lehrer in der einen Hand ein kirchturmgroßes Milchglas halte und mit der anderen Hand das heiße Herz des Kindes, dieses ihm dann ins Gehirn stopfe und den Kopf wieder schließe (S. 7). Er will den Lehrer besuchen: doch schafft er es nicht, die Treppe von dessen Haus hochzusteigen. »Als Schulknabe schlich der Dichter angstbe hangen aus der dunklen Lochgasse« (S. 16). Anton Seiler fahrt zurück nach Berlin: in sein Elendsquartier. Selbst von einer Dime muß er sich Geld geben lassen. »Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer - Ohne Widerstand zu leisten, ließ er sich direkt zum Bahnhof gehen, um wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknäuel seiner Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen Selbstbewußt seins, seines ruinierten Lebens zu finden sein müßten« (S. 27). Morgens angekommen, geht er geradewegs zum Haus des Lehrers, mit dem Gedanken im Herzen: »Lehrer Mager müsse sein Unrecht einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das würde ihm die Kraft zur Reinigung geben, zu einem neuen, rückgratvollen Leben«, denn der Lehrer werde nun ein weißhaariger, gebeugter Mann mit der Einsicht und Güte des Alters sein, mit dem sich auszu söhnen leicht fallen müsse (S. 28). Doch hat sich Lehrer Mager nicht verändert. Mit Wut und hämischer Freude an den Fehlem in den Aufsätzen korrigiert er Schülerhefte; er erinnert sich an Anton: »Haben Sie gestottert in der Schule?«, und mit schreck lichem Lächeln erinnert er sich an die spöttischen Aktionen, mit denen er den Schüler der belustigten Klasse ausgeliefert hat. Zwei Schüler holen die korrigierten Hefte ab. Während der grö ßere und offensichtlich bessere einen Himbeerapfel erhält, wird der kleinere und in der Deutschschreibung schlechtere nicht nur beschimpft, sondern auch gezüchtigt. Dem schluchzenden Kna ben reibt der Lehrer mit seinem Siegelring an der Stirn und brüllt ihn an, was er denn da drinnen habe. »Der Dichter saß wie eine Leiche und starrte in kaltem Entsetzen auf das rote Malzeichen, das auf der schneeweißen Kinderstime leuchtend hervor trat. >Das Mal, das Mal auf seiner Stirne wird nie mehr vergehen. Sie haben ihn gezeichnet« sagte der Dichter tonlos und laut. >Und wenn es ver schwindet, äußerlich, dann ist es ihm ins Gehirn getreten .. . und der Gezeichnete trägt das Mal in der Seele, sein Leben lang<« (S. 31). Der Lehrer weist - nachdem die beiden Kinder den Raum verlassen haben - diese Kritik zurück: er habe viele, viele Schü ler auf ihr Leben vorbereitet! Wieder erinnert sich der Dichter an seinen Traum und an das in ihm offenbar gewordene Erlebnis: er - Anton - sei bei dem Schulausflug so fröhlich gewesen, habe gesungen und getanzt, sei auf Bäume geklettert; und dann diese Demütigung vor den Kameraden. Der Lehrer sieht verständnis los und abweisend dem Dichter in die Augen. Dieser wird laut: >»Ich war vorher so fröhlich gewesen ... Und trage vielleicht seitdem das Mal... das Mal!! < erhob sich die Stimme des Dichters, und langsam erhob sich auch der Körper vom Stuhle, >das glühende Mal in ... meiner ... Seele!< Die ganze Kraft seines Körpers ging in des Dichters würgge spreizte Hände über, die dem zur Wand zurückweichenden Lehrer folg ten«. Anton Seiler erwürgt seinen ehemaligen Lehrer (S. 32). Dann geht er in die Wohnung seiner Eltern, wo er »mit biblisch furcht barem Entsetzen« der Mutter zuschreit, daß er den Lehrer umge bracht habe, was er gegenüber der entsetzten Frau mit mühsamer Beherrschung dann noch als Scherzbemerkung zurücknehmen kann. Wiederum auf der Straße, bemerkt er auf einmal: »Die Welt hatte sich für ihn vollkommen verändert. Sein bisheriges Leben war scheinbar von ihm fortgezogen. Es war ihm, als stünde er plötzlich auf der anderen Seite des Planeten. Schwere, ganz neuartige Gefühlsklumpen waren in ihm entstanden, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte« (S. 34). Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung wird der angeklagte Anton Seiler dann vor Gericht vortragen. Diese Tat sei ein Unglücksfall gewesen: »man könnte ihn mit dem Bergrutsch vergleichen, den ich zufällig einmal mit angesehen habe [.. .] Das Erdinnere hat eine notwendige Bewegung gemacht... Bewegung gemacht, wie aus Schlaf erwachend, und vom nie derstürzenden Geröll sind einige Menschen erschlagen worden... Bei mir verursachte die Summe aller qualvollen Erlebnisse, von denen das eine zweiundzwanzig Jahre lang in mir geschlafen hat, einen plötzlichen, unab wendbaren Haßausbruch ... und dabei ist der Lehrer umgekommen. Wie bei einem Erdbeben, das die Stadt einreißt und die Bewohner begräbt [...] Meine Hände wurden nur als Mordwerkzeuge gebraucht [...] Deshalb geht mich mein Mord nicht viel mehr an, als jeden anderen Menschen.« Denn: »Mein Mord wurde von solchen Erlebnissen [in der Schulzeit] ver ursacht« (S. 46). Anton Seiler hat die Ursache für den Tod des Lehrers gefun den. Soweit die ungefähr erste Hälfte dieser Erzählung, die Frank selbst eine »Novelle« nennt3. Die Geschichte des Anton Seiler insgesamt enthält eine interessante und diskussionswürdige Stellungnahme zur Psychoanalyse überhaupt und ihrer Theorie des Verbrechens im besonderen, die es aufzuarbeiten (im Haupt teil unter I.) und für die Diskussion über das Verhältnis von Strafjustiz und Psychoanalyse (in einem weniger umfangreichen Teil unter II.) fruchtbar zu machen lohnt. I. Zur Theorie der Psychoanalyse Zunächst soll die Theorie der Psychoanalyse, wie sie in die ser Erzählung von Leonhard Frank entwickelt wird4, in Grund zügen dargestellt und mit der klassischen Konzeption der Psy choanalyse verglichen werden5. 1. Frank hat nach meinem Wissen Sigmund Freud, den damals in Wien lebenden Begründer der Psychoanalyse, nicht persön lich gekannt. Sein Wissen von dieser »modernsten Seelenana lyse« - wie sie einer der Geschworenen im Prozeß gegen Anton Seiler (umschrieben mit: kahler Psychologieprofessor) nennt 3 Vgl. Frank, Links, S. 524. Vgl. auch Fn. 2. 4 Unter dem Einfluß der Psychoanalyse stehen - neben der »Ursache« (1915) - erst wieder einige nach 1933 geschriebene Arbeiten Franks, auf die hier nicht einzuge hen ist; vgl. dazu G. Schröder, Zwischen Resignation und Hoffnung - Zur mittleren Schaffensperiode von Leonhard Frank, in: Der Aufbau 13 (1957), S. 242-256 (hier: S. 252 ff.). 5 Dabei kann selbstverständlich in diesem Rahmen keine ausgearbeitete Darstellung bzw. Kritik der Psychoanalyse erwartet werden; ich hoffe eine diesbezügliche Ar beit bald vorlegen zu können. Einstweilen darf ich auf meine hinweisenden Ausfüh rungen in der Kommentierung der §§ 20,21 StGB verweisen (Altemativ-KommentarBd.l, 1990, §§20,21 Rn.l34ff). (S. 84)! - bezog er von dem Arzt Dr. Otto Groß6. Dieser 1877 als Sohn des berühmten Kriminalisten und Kriminologieprofessors Hans Groß in Graz geborene Mediziner hatte zuerst Psychiatrie studiert, war dann in Berührung mit dem Freud-Schüler Carl Gustav Jung gekommen und so für die Sache der Psychoanalyse gewonnen worden. 1906 war er nach München übersiedelt und führte einige Jahre dort ein wildes Leben in der Künstler- und Anarchistenszene. Im Cafe Stephanie lernte ihn der am 4. 9. 1882 in Würzburg als viertes Kind eines Schreinergesellens geborene (also fünf Jahre jüngere) Frank7 kennen, der der Dü sternis, Armut und Enge seines Vaterhauses, seiner Heimatstadt und seines Lehrherren (eines Schlossermeisters) entflohen war, um in München Kunstmaler zu werden. In seiner Autobiogra phie »Links wo das Herz ist« (1952) führt Frank den Psychoana lytiker als »Doktor Otto Kreuz«8 ein: »dreißig Jahre und verhei ratet [...] Doktor Kreuz kannte die Philosophie Nietzsches mit dem Herzen und war einer der frühesten Anhänger Freuds«; er 6 Vgl. J. E. Michaels, Anarchy and Eros. Otto Gross’ Impact on German Expressio nist Writers, 1983, S. 81 ff. - Unhaltbar dagegen E. Aulhorn, Dichtung und Psycho analyse, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 1922, S. 219-292, die einen Einfluß von Alfred Adler vermutete (S. 281). 7 Zu Leonhard Frank vgl. Glaubrecht, Studien; K. Kim, Leonhard Franks Werke, 1967; T.C. Mathey, Das Sozialkritische in den Werken Leonhard Franks, Diss. Univ. Southern California 1968; M. Reich-Ranicki, Ein exemplarischer Novellist. Bemerkungen zur Epik Leonhard Franks, in: Neue deutsche Literatur 1957, H.l, S. 119-126; J. de Rouck, Leonhard Frank - Liebe zur Menschheit in seinem Leben und Werk, 1961; G. Schröder, Die Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im Werk Leonhard Franks, Diss. Potsdam 1957; ders.. Aufbau 13, S. 242 ff. Vgl. auch die Autobiographie seiner Ehefrau Charlotte Frank, Sagen, was noch zu sagen ist. Mein Leben mit Leonhard Frank, 1982, und die Arbeiten in der Schriftenreihe der Leon hard-Frank-Gesellschaft Würzburg. - Zur Erzählung »Die Ursache« vgl. neben den oben Genannten auch Aulhorn, Germanisch-Romanische Monatsschrift 1922, S. 279 ff.; H. Fehr, Das Recht in der Dichtung, 1931, S. 511; F. Lehrer, Die Ursache, in: Schöne Literatur 30 (1929); 1K Mahrholz, Leonhard Frank, in: Das literarische Echo 21 (1918/19), Sp.775-778; E. Marsch, Die Kriminalerzählung, 2. Aufl. 1983, S. 232 ff. (unter der Überschrift: »Die Motivfrage und die Unentscheidbarkeit der Schuld«); K. Pinthus, Leonhard Frank, Die Räuberbande - Die Ursache, in: Zeitschr.f. Bücherfreunde 8(1916/17), Sp.410-412. 8 Nach Schröder, Darstellung, S. 24 f, setzte Frank ihm auch ein literarisches Denk mal in der Figur des Martin in seinem Roman »Die Jünger Jesu« (1949). »[verehrte] die Frauen, das Prinzip des Weiblichen, wie er sich auszudrücken pflegte, und [war] der Ansicht, daß ihre Sexual komplexe nicht nur analysiert, sondern auch tapfer im Bett ab reagiert werden müßten«; er »war ein kühn und original denken der Theoretiker und im Leben der Wirklichkeit der denkbar schlechteste Menschenkenner, kindlich gutgläubig bis zur Blindheit«9 101. Auf das tragische Schicksal dieses von Freud ein mal für den - neben Jung'” - einzigen »wirklich originellen Denker« unter seinen Schülern" gehaltenen Theoretiker und Praktiker der Psychoanalyse ist hier nicht näher einzugehen12; bekannt ist sein Konflikt mit dem Vater, der ihn 1913 nach sei ner Verhaftung als Anarchist in Berlin nach Österreich zurück holen und in der Privat-Irrenanstalt Tulln internieren ließ, was zu einer internationalen Pressekampagne führte; er wurde Juli 1914 entlassen, blieb aber wegen seiner immer wieder durchbre chenden Drogensucht durch Jahre hindurch weiter unter Kura tel; schließlich wurde er 1920 halb verhungert und frierend in einem Durchgang zu einem Berliner Lagerhaus gefunden, zwei 9 So Frank, Links, S. 449, 453, 475. 10 Im übrigen soll zwischen Groß und Jung eine für letzteren nicht gerade schmeichel hafte Beziehung bestanden haben. Frank selbst deutet in seiner Autobiographie (Frank, Links, S. 475 f.) an, daß Groß im Kokainrausch eine 32seitige Broschüre über seine neue Theorie der Psychoanalyse verfaßt und davon 100 Exemplare im Privatdruck habe herstellen lassen; ein Exemplar sei einem jungen Psychoanalytiker geschickt worden, der eine sehr kritische Arbeit über Groß geschrieben hatte; die restlichen Exemplare seien verloren gegangen. »Fünfundvierzig Jahre später, in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, galt der Psychoanalytiker, dem Frau Doktor Kreuz als einzigem im Jahre 1906 ein Exemplar der Broschüre geschickt hatte, in Europa unbestritten als der genialste lebende Repräsentant und Forscher der psycho analytischen Wissenschaft. Niemand wußte, daß er seine Lehre ... auf den frühen Erkenntnissen und entscheidenden Hinweisen des einstigen Gegners Doktor Otto Kreuz aufgebaut hatte«. Dieser Psychoanalytiker soll C.G. Jung gewesen sein (so E. Hurwitz, Otto Gross - Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung, 1979, S. 122; Schröder, Darstellung, S. 23a, der den Plagiatsvorwurf freilich im wesentlichen entkräftigt). 11 So Hurwitz, Gross, S. 85. 12 Vgl. Hurwitz, Gross; Michaels, Anarchy; F. Lamott, Prof. Dr. Hans Gross gegen sei nen Sohn, in: J. Clair/ u.a. (Hg.), Wunderblock (Ausstellungskatalog Wien), 1989, S. 611-619. - Vgl. auch G. Bose/E. BrinkmannJP. Ludewig (Hg.), Grosz/Jung/ Grosz, 1980. Tage später verstarb er 42jährig in einem Krankenhaus. Aus den offiziellen Darstellungen und dem »Zitationskartell« der Psy choanalytiker wurde sein Name wegen seiner anarchischen Ten denzen und seiner Rauschgiftsucht getilgt; anzumerken ist viel leicht, daß er Ernest Jones zur Psychoanalyse gebracht hat. Auch im Leben von Leonhard Frank spielte Otto Groß eine zwie lichtige Rolle. Auf der einen Seite verkuppelte er ihn mit der da mals 20jährigen Malerin Sophie Benz, die dessen erste Liebe wurde13. Andererseits begann er mit ihr nach Aufnahme einer Therapie bei ihm wegen auftretender psychotischer Störungen ein Verhältnis und zog mit ihr nach Ascona, wo sie im März 1911 Suizid beging14. Frank war über dieses Verhalten des Ana lytikers so empört, daß - wie er schrieb - »Qual und die Zwil lingsschwestern Machtlosigkeit und Haß [ihn] erfüllten und be herrschten. Sein Haß richtete sich gegen den Doktor, der tren nend in sein und Sophies Leben eingegriffen habe. Der Ent schluß, den Doktor niederzuschießen, entstand von selbst, und von der Sekunde an existierte nichts anderes mehr. Auf dem Heimweg war Michael15 nur noch das Werkzeug, den Doktor zu töten«16; doch traf er Otto Groß nicht mehr in seiner Wohnung an. Den Suizid der ehemals geliebten Frau kommentierte Frank 1952: »Sophie war eines der ersten Opfer der angewandten Er kenntnisse Sigmund Freuds, der das Gesicht der Welt verändert hat«17. Offensichtlich hatte er diese These bereits 1915 vertre ten, denn der bereits erwähnte kahle Psychologieprofessor als Geschworener im Prozeß gegen Anton Seiler charakterisierte die Psychoanalyse weiter mit den Worten: »Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine, daß wir nicht viel wissen, aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu wissen. Und das 13 Vgl. Frank, Links, S. 453 ff. 14 Zu dieser Affäre vgl. Hurwitz, Gross, S. 120 ff. 15 So das Pseudonym für Frank selbst. 16 Frank, Links, S. 491. 17 Frank, Links, S. 496. ist die große Gefahr. Große Gefahr. Wo diese Theorie mit der Praxis zu sammentrifft ... gibt's immer ein Unglück« (S. 84). Daß deshalb die Stellungnahme Franks zur Psychoanalyse ebenso ambivalent ausfallen wird, liegt auf der Hand. Und dieser wollen wir uns nun zuwenden; interessiert hier doch mehr als die Person des Otto Groß seine Auffassung von der Psychoanalyse, die er sicherlich in Gesprächen auch Leon hard Frank vermittelt hat. An der analytischen Methode Sig mund Freuds hielt Groß konsequent fest, auch wenn sie in den späteren Jahren zugunsten sozialrevolutionärer Forderungen in den Hintergrund seines Interesses rückte18. Doch interpretierte er die Befunde der analytischen Praxis kritisch zu und damit an ders als Freud: er stellte die ausschließlich sexuelle Grundlage der emotionalen Störungen in Frage. Für ihn lag der tiefere Grund für die pathogenen Konflikte in den gesellschaftlichen Verhältnissen, wodurch die Psychoanalyse nicht Natur-, son dern Sozialwissenschaft zu sein hatte. Damit erkannte Groß als erster - und lange vor Otto Fenichel, Wilhelm Reich, Erich Fromm, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Alfred Lorenzer und anderen - die soziale Bedingtheit der psychoanalytischen Befunde19. Bezeichnend ist eine Stelle aus einer 1907 veröffent lichten Arbeit über »Das Freudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins«, wonach nicht das sexuelle Moment als solches, sondern der psy chische Konflikt maßgebend sei und letzterer »ein Produkt des Milieus ist, ein Ausdruck der Zeitverhältnisse und ihrer Rück wirkung auf den Einzelnen«20. Noch deutlicher wird die Dif ferenz zu Freud in einer 1920 veröffentlichten Arbeit über den inneren Konflikt, wonach »jede seelische Störung . .. auf un günstige Einwirkung von außen her, auf eine den angeborenen Anlagen, dem angeborenen Charakter und der Individualität ent 18 Vgl. Hurwitz, Gross, S. 84. 19 So Hurwitz, Gross, S. 78 f. 20 Zitiert nach: Hurwitz, Gross, S. 79. gegenstehende Fremdeinwirkung zurückgeht. Die Summe der [seelischen Erkrankungen], die . . . in der Seele des Kindes, und zwar ausnahmslos jedes Kindes, und ebenso im Unbewußten je des Menschen überhaupt sich haben nachweisen lassen, ist mei ner Meinung nach die Folge der auf jedes Kind und jeden Men schen einwirkenden, im großen ganzen gleichgerichteten Schäd lichkeiten, der universell umgehenden, naturwidrigen Familienund Milieusuggestion«; Groß verlangte deshalb einen neuen lie bevollen und autoritätsfreien Umgang mit Kindern21, aber auch grundlegend eine völlige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er hatte den Plan, in Ascona eine freie Hochschule zu gründen, von der aus er die westliche Zivilisation anzugreifen gedachte22. Von daher liegt der Einfluß, den Otto Groß auf Leonhard Frank ausgeübt haben muß, auf der Hand, selbst wenn man be rücksichtigt, daß der Dichter sicherlich auch durch eigene Erfah rungen zu diesen Erkenntnissen gekommen sein mag. Dies be trifft vor allem das Erleben der Volksschulzeit. In seiner Auto biographie23 stellt Frank den Lehrer Dürr - das Vorbild des Leh rers Mager in der Erzählung - als wahres Scheusal dar. Schläge ins Gesicht, Hiebe mit dem Rohrstock, aber vor allem die Erzeu gung von Angst seien dessen »Erziehungsmethoden« gewesen, die die Kinder in »Angstbesessene« verwandelt hätten, bis hin ein in Träume selbst noch im Erwachsenenalter. »Er benutzte seine überwältigende Autorität dazu, die Persönlichkeit des Schülers auszurotten, und beging den Seelenmord gründlich [...] Als Michael24 nach sieben Jahren die Schule verließ, war er ein schwerverwundeter Junge, der nur deshalb nicht Selbstmord beging, weil er im Gefühl noch nicht wußte, daß der Mensch, 21 Vgl. Schröder, Darstellung, S. 23. 22 So Glaubrecht, Studien, S. 26 (nach einem Hinweis von Franz Jung). 23 Vgl. Frank, Links, S. 441 ff., 699. - Zum Ganzen vgl. J. Kosa, Zum Bild der Schule und des Lehrers bei Leonhard Frank, in: Schriftenreihe der Leonhard-Frank-Gesell schaft H.2 (1986), S. 5-14. 24 Das Pseudonym für Frank selbst. wenn er nicht mehr weiterkann, Selbstmord begeht«. Und erst mit dem Roman »Die Räuberbande« und der Erzählung »Die Ursache« habe er - so heißt es im Gesamtüberblick über sein Le ben weiter! - »sich freigeschrieben von den psychischen Unge heuern, die ihm von diesem Erzieher mitgegeben worden waren auf den Weg ins Leben«. Nicht ohne Grund umschrieb Frank 1952 seine Erzählung »Die Ursache« als »eine Novelle, deren Hauptperson den Lehrer Dürr erwürgt«25. Jedenfalls in der Aufdeckung der Ursache für den Tod d£s Lehrers Mager gehen Leonhard Frank und Otto Groß paralfa^^^ Ursache sind die qualvoll erlebten, demütigenden Kindheitser w lebnisse, vor allem in der Schulzeit; in den flammenden Worten des angeklagten Dichters Anton Seiler: »Fast alle Verbrechen werden von der falschen Erziehung, der verlogenen Moral, den unsittlichen sozialen Verhältnissen verursacht. Alle Seelen sind verwundet. Die ganze Welt riecht nach Karbol!« (S. 77); wobei dies freilich nur gilt, soweit diese Erlebnisse vergessen sind. Nur deshalb sind sie auch psychoanalytisch interessant, ist diese modernste Richtung doch - in den Worten des uns schon bekannten kahlen Psychologieprofessors - die »Theorie der ver gessenen Kindheitserlebnisse« (S. 84). Anton Seiler stellt sich bei dem unvermittelten gierigen Haß auf den Lehrer, der ihn während des ersten Besuchs seiner Hei matstadt überfällt, schon diese Frage: »Ist es denn möglich, daß ein Mensch als Kind qualvolle Erlebnisse hatte ... von denen er nichts mehr weiß, die aber in seinem Gefühlsleben ein dunkles Dasein weiterfuhren und plötzlich einen Haßausbruch verursa chen?« (S. 9). 25 Frank, Links, S. 524. Und Seiler gibt in der gegen ihn wegen Mordes geführten Hauptverhandlung die bejahende Antwort: »Erst nachdem ich schon da war, bei meiner Mutter im Zimmer war, erin nerte ich mich an das Schulerlebnis. Ganz plötzlich. Es hat also volle zweiundzwanzig Jahre lang heimlich in mir gesteckt und mich, wie ich jetzt ganz bestimmt weiß, aus seinem dunklen Versteck heraus gezwungen, in die Heimatstadt zu fahren« (S. 48). »Schon ein einziges vergessenes Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die Heimatstadt zu schicken. Ich muß gehorchen. Weiß absolut nicht weshalb. Hab vierzehn Jahre lang bis zu diesem Morgen gar nicht daran gedacht zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld ... Wenn nun schon das Eine so eigenmächtig mit mir umspringen kann, dann muß ich mir sagen - und das ist der glühende tragische Punkt -, daß die ohne Zweifel zahllosen schänd lichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für jede Tat, welche es auch sei, machen können.« Seiler umschreibt die Tötungstat: »Ich saß beim Lehrer, der mich jahrelang gequält hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen schändete, da wirkten plötzlich alle diese vergessenen Erlebnisse eigenmächtig zusammen und erwürgten ihn« (S. 49). Für Seiler ist damit klar, daß das demütigende Schulerlebnis - das er geträumt hatte - nicht die Ursache für den Tod des Leh rers Mager war: denn daran konnte er sich im Elternhaus wieder erinnern. »Ein demütigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis ist nicht mehr ge fährlich, nachdem man sich daran erinnert hat. Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht traurig und wollte mich mit dem Leh rer aussöhnen. Er sollte sich ein bißchen entschuldigen bei mir, und alles wäre gut gewesen« (S. 49). Aber dann wirkten - wie bereits erwähnt! - alle anderen ver gessenen zahllosen Kindheitserlebnisse als Ursache zusammen. Deshalb sei - so meint Seiler weiter! - der Lehrer auch nicht allein an seinem Unglück »schuld« (S. 65); denn »viele andere haben mich gedemütigt, gepeinigt und dadurch schwach und böse gemacht. Deshalb stehe ich hier. Aber ich glaube, daß vor allem der Lehrer mich für spätere Demütigungen so sehr empfänglich gemacht hat« (S.57). Der Lehrer habe ihm die Seele zerstört (S. 56). Gegenüber dem unverständigen Vorsitzenden Richter wird Anton Seiler theoretisch. »Ich sage, daß allen Menschen die Ursachen des Verbrechens ins Gehirn geschleudert werden, in einem Alter, in dem sie sich noch nicht dagegen wehren können, solange sie Kinder und einer eigenen gedanklichen Kritik noch nicht fähig sind [.. .] Die Erlebnisse - die ersten Ursachen zu späte ren Verbrechen - erscheinen nur den Erwachsenen klein. Das Kind emp findet sie riesenhaft groß, wird furchtbar getroffen und erschüttert. Denn sein ihm angeborener, unbedingter Glaube an das Leben .. ., seine Naivität bekommt die erste Wunde. Das macht das Kind unsicher und empfänglich für neue Verbrechensursachen, an denen es, noch unverwundet, vielleicht vorbeigegangen wäre [...] Die falsch und böse behandelten Kinder erle ben große Qualen, plötzliche Schrecken ... und werden doch nicht irrsin nig, wie mancher erwachsene Mensch, wenn ihn ein Unglück unvermittelt trifft... Die Natur pariert hier den Stoß ... sie läßt das Kind vergessen. Sonst gäbe es mehr irrsinnige Kinder als irrsinnige Erwachsene [.. .] Aber nichts bleibt ohne Wirkung. Furchtbar ist das Vergessen. Denn alle bösen Erlebnisse leben, ohne daß es das Kind weiß, in ihm weiter, werden mit ihm groß, bestimmen alle seine Handlungen [.. .] Diese den Menschen klein scheinenden Ursachen wachsen mit den Menschen, werden eigen mächtig ... werden eigenmächtig, und zu der Zeit, da das von ihnen beses sene Kind anfängt, kritisch zu erleben, ist es schon vollkommen den Ursa chen [...] ausgeliefert... Das gilt für jeden. Daher kommt es auch, daß gütige Menschen im Traume die schwersten Verbrechen begehen. Was je der einzelne - Christus, ein junges, unschuldiges Mädchen, die großen Dichter, meine Richter, der Staatsanwalt - schon an sich erfahren haben. Diese Menschen begehen Verbrechen deshalb nur im Traume, weil gün stige Erlebnisse, welche die Kraft der Reinigung besaßen, sich ihnen zufäl lig in den Weg gestellt haben« (S. 74-76). Der Dichter Anton Seiler entpuppt sich in dieser Rede als höchst interessanter Theoretiker der Psychoanalyse, der dem er staunten Publikum im Gerichtssaal die Lehre von der Verdrängung - also einem Abwehrmechanismus des Ich26 - in das Unbewußte entwickelt. Erlebnisse, die das noch schwache Ich des Kindes zerstören würden, es unfähig machen oder zu sehr schwächen würden in seiner Funktion des Umgangs mit der Realität der Welt: solche Erlebnisse werden abgefangen - »pa riert« sagt Frank! - und vergessen gemacht; durch den »angebo renen, unbedingten Glauben [des Kindes] an das Leben«. Welch interessante Formulierung für die Ich-Instanz und die Ich- Triebe, wie sie in der Psychoanalyse vor allem der Nachfolger Sigmund Freuds als zunehmend wichtig thematisiert wurden27; so als gäbe es im Menschen ein Zentrum, das ihn zu wirklichem Leben auffordem und ihm zugleich die Kraft dazu geben würde. Frank erweist sich in dieser These als der große Humanist, der ihn Zeit seines Lebens für das Gute im Menschen eintreten ließ und der ihn zum Kritiker an den sozialen Umständen der bürger lichen Gesellschaft und am Krieg werden und sein ließ, was mit Marxismus oder Kommunismus nicht gleichgesetzt werden kann, auch wenn die DDR versucht hat, ihn in ihr Lager zu zie hen; schade, daß Leonhard Frank im Westen nicht so bekannt geworden und anerkannt ist, wie er es verdienen würde! Die psychoanalytische Theorie der Ich-Instanz jedenfalls ist durch aus vereinbar mit diesem Frank’sehen Ansatz beim Glauben an das Leben, man kann auch sagen: bei dieser unmittelbaren Über zeugung von einem aufgegebenen und auch zu erreichenden Sinn des Lebens, weshalb das Sinnzerstörende so qualvoll erlebt werden kann und muß; oder weshalb manch Sinngefahrliches verdrängt werden muß. Frank läßt seinen zum Meta-Psychoanalytiker gewordenen Dichter nicht sagen, wohin diese furchtbaren Erlebnisse ver drängt werden; er spricht nur von einem Vergessen. Und er 26 Vgl. Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen, 1936. - Dazu sehr instruk tiv J. Sandler/ Anna Freud, Die Analyse der Abwehr, 1989 (dazu vgl. N. Elrod, Anna Freud setzt sich der Kritik aus, in: Psyche 45, 1991, S. 1101-1115). 27 Vgl. vor allem die berühmte Arbeit von Anna Freud (Fn. 46) oder der Schule der Ich-Psychologie (H. Hartmann). meint, daß diese vergessenen Erlebnisse »ins Gehirn« geschleu dert oder gestopft würden oder daß sie dem Betroffenen »ins Ge hirn treten« (S. 7, 31, 74). Hier wirkt sicherlich der Einfluß des Otto Groß nach, der ja ursprünglich Psychiatrie studiert und den somatischen Krankheitsbegriff stets auch für die Psychoanalyse vertreten hatte2*. Doch soll auf diese materielle (oder gar mate rialistische) Theorie der Psyche nicht näher eingegangen wer den; ein Fehler sollte jedem zugestanden werden. Jedenfalls zeigt der Hinweis Franks auf die lebenszerstörende Funktion dieses Vergessenen, vor allem auch in bezug auf die möglichen Angstausbrüche, daß er damit alles Ich-Instanz-Fremde meint; in der Terminologie Freuds somit sowohl das Es als auch das Über-Ich bzw. den umfassenderen Bereich des Unbewußten, das ja auch Inhalte des Über-Ich umfaßt. Auf die beiden unterschiedlichen metapsychologischen Mo delle Freuds - das topographische (Bewußt - Vorbewußt - Un bewußt) und das Instanzenmodell (Über-Ich - Ich - Es) - ist hier nicht näher einzugehen; ich möchte aber hier nur als Behauptung anmerken, daß das Verhältnis der drei Instanzen gerade in ihrem jeweiligen Bezug zum Unbewußten mir nicht ausreichend ge klärt zu sein scheint. Jedenfalls wäre es unhaltbar, das Über-Ich Freuds mit dem gleichzusetzen, was herkömmlich »Gewissen« genannt wird. Freud wollte mit diesem Terminus ein krankhaftes (und daher größtenteils als Unbewußtes wirkendes) Be herrschtsein von angsterregenden Normzwängen (von einem von äußeren Autoritäten - Eltern, Kirche, Gesellschaft, Staat vorgesetzten fremden und fremdgebliebenen Sollen) erfassen, von dem der Mensch zu befreien sei28 9; das sich vernünftig (und in »auto-nomer« und somit: selbst-gesetzlicher Freiheit) bestim mende Gewissen etwa in Nachfolge der Terminologie Kants 28 Vgl. Hurwitz, Gross, S. 61 ff. 29 Vgl. Sigmund Freud, Studienausgabe, Bd.l: Vorlesungen zur Einführung in die Psy choanalyse. Und Neue Folge, 1969, S. 499 ff. müßte im Instanzenmodell die Ich-Instanz darstellen30 (und von daher im übrigen gut mit der Umschreibung Franks vereinbar sein). Darauf ist noch später kurz einzugehen. Aber zunächst zurück zu der Theorie des Dichters: danach bleiben aber die in das Vergessen verdrängten Erlebnisse an einem von diesem Glauben an Sinn ausgeschlossenen Leben und wachsen mit dem Menschen mit: im Dunklen, Irrationalen, Unlogisch-Irrealen, in dem sie sich verformen, Wildwuchs bil den, Monstren werden, die bald die Kraft erlangen, als Ursache nach außen zu wirken, zunächst in Traumerlebnissen31, dann in Taten des sozialen Lebens des Erwachsenen. Doch gibt es nach Frank auch Erlebnisse, die die Kraft der Reinigung haben, die das Vergessene/ Verdrängte wirklich Vergangenheit sein lassen, aufräumen im Unrat des Unbewußten und wenigstens zum Teil Ordnung machen in der Unterwelt. Manch Vergessenes/ Ver drängtes wird auch bewußt und kann dann bearbeitet werden, wie das Beispiel des Anton Seilers bezüglich des Schulausfluges zeigt. Das zuletzt Gesagte läßt sich zu einer kritischen Anfrage an die Theorie Freuds, insbesondere des Instanzenmodells, wie er es zusammenfassend in den »Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse« (Neue Folge 1932) entwickelt hat, erweitern. Die Terminologie Es - Ich - Über-Ich ist so selbstverständliches Allgemeingut der gebildeten Alltagssprache geworden, daß man sie nicht mehr bedenkt. Für Bruno Bettelheim freilich entstand ein Problem, als er die Übersetzung ins Englische/ Amerikani sche näher betrachtete32. Sollte Überich z.B. als zusammenge setztes Wort oder als Über-Ich mit Bindestrich (wie Freud schrieb) gemeint sein? Dies scheint zunächst belanglos. Doch 30 Vgl. z.B. J. R. Silber, Die Analyse des Pflicht- und Schulderlebnisses bei Kant und Freud, Kant-Studien 52, 1960/61, S. 295 ff.; H. Strauch, Das Ichproblem bei Freud im Lichte Kants, Diss. Erlangen 1934. 31 Zum Unterschied der Traumauffassung Franks und der Traumtheorie Freuds vgl. Glaubrecht, Studien, S. 95 ff. 32 Vgl. B. Bettelheim, Freud und die Seele des Menschen, 1984, S. 62 ff. enthält das Wort »Über-Ich« (mit Bindestrich) eine Spannung in sich: es ist viel mehr vom Ich her gedacht (als wenn es ohne die sen Bindestrich einfach zusammengesetzt als »Überich« ge schrieben wäre) und wohl auch auf das Ich hin bezogen: Wo Über-Ich war und ist, soll Ich werden; wo krankhaft verzerrte, fremdgesetzte und daher ent- und verfremdende normative Zwänge herrschen, soll vernünftige freie (selbst-gesetzliche) Gewissensbestimmung sein! was deshalb möglich ist, weil das Über-Ich immer schon von diesem Ich - das es von Oben (»Über«) her niederdrückt und quält - her gedacht und bestimmt ist. Es ist immer das Über dieses Ichs, das deshalb einerseits von ihm (also seinem Über) gequält und vergewaltigt wird, anderer seits aber die Aufgabe (und an sich, eigentlich, auch die Kraft in sich) hat, dieses Über-Ich abzuarbeiten, in die vernünftige Selbstbestimmung zu überführen, das Sollen zur eigenen Ge setzlichkeit zu verinnerlichen (»internalisieren«) und zum Ich umzugestalten. Vergleichbares gilt für die Terminologie »Unbe wußtes« ohne Bindestrich bzw. »Un-Bewußtes« mit Binde strich! Letzteres weist einen starken Bezug zum Bewußten auf, ist das Andere dieses Bewußten, das sich sperrt dem Bewußtwerden, aber gerade deshalb bewußt zu machen ist. So wäre der Zentralbegriff das Ich bzw. das Bewußte! Und wie steht es da mit dem »Es«? Vor einigen Jahren gab es einen wilden Streit in der Zeitschrift »Psyche« um die Herkunft dieses Wortes bei Freud. Dieser selbst nannte als seine Vorgänger Nietzsche und Georg Groddeck33. Nicht gefragt wurde aber, ob dieses Wort denn dem angemessen ist, was es eigentlich erfassen, begreifen, soll; ob es wirklich »Begriff« ist? Freud schrieb dazu: »Dies un persönliche Fürwort scheint besonders geeignet, den Hauptcha rakter dieser Seelenprovinz, ihre Ichfremdheit, auszudrücken«34. Doch bestimmte er im weiteren den Bereich dieses Es im we sentlichen negativ: es habe keine Organisation, bringe keinen 33 Freud, Studienausgabe I, S. 509. 34 Freud, Studienausgabe I, S. 510. Gesamtwillen auf, es würden die logischen Gesetze nicht gelten (vor allem nicht der Satz des Widerspruchs), es würde auch die Kategorie der Zeit nicht konstitutiv sein, es kenne keine Wertun gen, kein Gut oder Böse, keine Moral, folge deshalb auch nicht dem Realitätsprinzip, zusammen: »das meiste davon hat negati ven Charakter [und] läßt sich nur als Gegensatz zum Ich be schreiben«35. Dadurch ist dieser Bereich zwar negativ, aber ge rade deshalb eindeutig auf das Ich bezogen und nur von ihm her begreifbar. Warum griff Freud nicht auf das Wort »Gegen-Ich« oder zur Abgrenzung vom Über-Ich auf die Bezeichnung »Unter-Ich« zurück, und zwar jeweils mit Bindestrich, da doch zwischen Ich und diesem Bereich eine Spannung besteht und be stehen muß: als das Nicht-Ich, das dem Ich zur Aufarbeitung und zum Bewußtwerden aufgegeben ist, aber nicht von Oben her zwingt und quält, sondern das Ich von unten her (leiblich) treibt und fuhrt zu Ängsten, Wünschen, Handlungen? und diese Span nung ließe sich weiter differenzieren in ein Unter-Ich, das seine Existenz dem Ich und dessen Abwehrmechanismen verdankt (und deshalb im Ansatz bereits negativ bestimmt ist als gefähr lich, bedrohlich, zerstörend, zersetzend, also insgesamt als töd lich), und einem Unter-Ich, das von vornherein dem Menschen als leiblich-lebendiges Wesen - d.h. in herkömmlicher Termino logie: den lebensbejahenden, positiven Trieben - zukommt und vom Ich nur angenommen, geformt, gelenkt und geordnet wer den muß. Noch mehr: das Ich und dieses in sich spannungsgela dene (weil widersprüchlich in Negatives und Positives entfalte tes) Unter-Ich könnten auf diese Weise in ein Verhältnis inner halb des eigentlichen alltagsprachlichen »Ich« (oder »Selbst« oder »Persönlichkeit«) gebracht werden, wie es Freud gerade zum Ausgang seiner Metapsychologie genommen hat; wenn es dort heißt: »Wir wollen das Ich zum Gegenstand machen, unser eigenstes Ich«36. Betrachtet man nämlich die Ausführungen 35 Freud, Studienausgabe I, S. 511. 36 Freud, Studienausgabe I, S. 497. Freuds in dieser 31. Vorlesung unter dem Titel »Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit« näher, so wird deutlich, wie dialektisch hier argumentiert werden muß, da diese drei Instan zen oder Bereiche - je nach Modell - untrennbar miteinander verbunden sind, die bzw. der teilweise nur als innerer Wider spruch zu einer anderen Instanz bzw. einem anderen Bereich be stimmt werden kann, weshalb die Überschrift nicht stimmt: es geht nicht um eine »Zerlegung«, sondern um die Herausarbei tung eines dynamischen Verhältnisses zwischen drei Instanzen/ Bereichen dieses Ich, das dadurch in sich selbst widersprüchlich wird. Wie leicht ließe sich daraus eine Philosophie der Endlich keit des menschlichen Individuums ableiten?!37 38Aber Freud stellt dem Ich ein völlig fremdes Es gegenüber und schiebt die ses dem Ich unter wie das wilde Pferd dem Reiter. Auf diese Weise beraubt er sich selbst der Dynamik zugunsten einer stati schen Ordnung dreier voneinander absolut getrennter Instanzen/ Bereiche. Da führt dann kein Weg von einer/ einem zur bzw. zum anderen! Was für Freud dann etwa zur Konsequenz hat, daß Ich-Triebe genauso schwer zu erfassen und zu begründen sind wie z.B. diese von Frank dem theoretisierenden Dichter Anton Seiler in den Mund gelegten Rettungserlebnisse des Ich, die in das Es hinunter reichen und es zu ordnen vermögen (was viel leicht mit dem Abwehrmechanismus der »Sublimierung« erfaßt werden könnte ). Für Freud steht die Ich-Instanz eigentlich nicht im Zentrum, sondern das Es; in seinen Worten: »Das Ich ist doch nur ein Stück vom Es«39; weshalb man sich fragen muß, warum er dieses Ich dann nicht Ober-Es genannt hat. Jedenfalls nennt er es »das arme Ich«, weil es drei Zwingherren - der Außenwelt (Realität), dem Über-Ich und dem Es - zu folgen 37 Vgl. in diesem Sinne z.B. Gerhard Gotz, Die Selbsterkenntnis der Endlichkeit, Diss. Wien 1971. 38 Vgl. T. Koch, Freuds Entdeckung und ihre Bedeutung für eine gegenwärtige Theo logie, in: A. R. Bodenheimer (Hg.), Freuds Gegenwärtigkeit, 1989, S. 284-310 (hier S. 294). 39 Freud, Studienausgabe I, S. 513. habe, deren Ansprüche völlig unterschieden, ja widersprechend sind; »kein Wunder, wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert«40 - wo es doch selbst kein Energiezentrum darstellt oder auch nur hat - und (in der Terminologie Freuds) in Real angst (vor der Außenwelt) oder Gewissensangst (vor dem Über- Ich) oder neurotische Angst (vor der Stärke der Leidenschaften im Es) ausbricht41. Die Meta-Psychologie Freuds ist und bleibt primär eine Theorie des Es (im Zusammenhang mit dem Unbe wußten) und an ihm theoretisch fixiert; von daher erweist sie sich notwendig als eine Wissenschaft von der Unfreiheit, die sich auch einer mechanistischen Sprache bedienen kann. Frei lich ist sie als Therapie dazu gegensätzlich an der Freiheit des Ich als Ziel ausgerichtet: »Ihre Absicht ist ja, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahmehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation auszubauen, so daß es [nämlich: das Ich] sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden. Es ist Kulturarbeit wie etwa die Trockenlegung der Zuydersee.«42 Hierin erweist sich die Psychotherapie als Kind der Aufklärung und der Philosophie des subjektiven Geistes. Von daher ist die Bemerkung Freuds folge richtig: »Der Eigenart des Psychischen können wir nicht durch lineare Konturen gerecht werden . .., eher durch verschwimmende Farbenfelder ... Nachdem wir gesondert haben, müssen wir das Gesonderte wieder zusammenfließen lassen«43; was zu gleich bedeutet: müssen wir die Analyse der Psyche aufgeben zugunsten einer Auffassung des Psychischen als eines dynami schen Verhältnisses. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis bei Freud ist nicht zu übersehen. Der Streit zwischen seinen Schü lern - je nachdem ob sie die Theorie der Unfreiheit vertiefen oder die Praxis angemessener als an Freiheit orientiert begreifen wollten - war und ist vorprogrammiert. 40 Freud, Studienausgabe I, S. 514. 41 Freud, Studienausgabe I, S. 515. 42 Freud, Studienausgabe I, S. 516. 43 Freud, Studienausgabe I, S. 516. Den Dichter Anton Seiler läßt Frank eindeutig mehr an der Freiheit orientiert sein: an diesem unmittelbar vorauszusetzen den Glauben an den Sinn des Lebens. In der Terminologie Freuds gesagt: Frank glaubt deshalb auch mehr an die Kraft der Ich-Instanz, ohne allerdings deren Verletzlichkeit zu vernachläs sigen. Doch fuhrt er die Wunden, die dem Ich zugefugt werden, mehr auf die Einflüsse von außen - also auf Erziehung und auf die sozialen Umstände der Gesellschaft, in der Terminologie Freuds wohl: auf das unbewußte Über-Ich - zurück. Auch daraus ergeben sich kritische Fragen an die Psychoana lyse Freuds, von denen wenigstens zwei genannt werden sollen. Zunächst (und erstens) liegt es nahe, diese Verwundbarkeit von außen in Beziehung zu setzen mit der Offenheit des Ich gerade für diese sozialen Verhältnisse, wodurch das Du und - allgemei ner- das Verhältnis von Anerkennung, vielleicht sogar von Ver trauen oder Liebe in einen Bezug zum Sinn des Lebens gestellt werden. Seit Johann Gottlieb Fichte und dem Jenaer Hegel weiß die Philosophie um diese für das Selbstbewußtsein so notwen dige Beziehung zu einem anderen Selbstbewußtsein44, um diese Notwendigkeit von - wie man zu sagen pflegt - »Intersubjekti vität«45. Freud dagegen geht von einem allein aus sich seienden, monadischen Ich aus, das zwar von sich aus nach Triebbefriedi gung beim Anderen begehrt. Aber dieser Andere kommt eben 44 Dazu vgl. z.B. E. Düsing, Intersubjektivität und Selbstbewußtsein, 1986; E. Heller, Die Theorie der Interpersonalität im Spätwerk J.G. Fichtes, Diss. München 1974; A. Honneth, Kampf um Anerkennung, 1992; W. Janke, Anerkennung, Kant-Studien 82, 1991, S. 197 IT.; H. Joas, Praktische Intersubjektivität, 1980; M. Kahlo/ E.A. Wolff/ R. Zaczyk (Hg.), Fichtes Lehre vom Rechtsverhältnis, 1992; R. Lauth, Das Problem der Interpersonalität bei J.G. Fichte, in: ders., Transzendentale Entwick lungslinien von Descartes zu Marx und Dostojewski, 1989, S. 180 ff.; G. Luf, Zum Problem der Anerkennung in der Rechtsphilosophie von Kant und Hegel, Wiener Jb.f. Philosophie 24, 1992, S. 145 ff; Werner Marx, Das Selbstbewußtsein in He gels Phänomenologie des Geistes, 1986; L. Siep, Anerkennung als Prinzip der prak tischen Philosophie, 1979; A. Wildt, Autonomie und Anerkennung, 1982; Byoeng- Tae Yoon, Studien zu Hegels Theorie des Selbstbewußtseins in der Jenaer Zeit, Diss. Göttingen 1992. 45 Kritisch dazu J. Simon, Intersubjektivität bei Kant und Hegel? in: L. Eley (Hg.), Hegels Theorie des subjektiven Geistes, 1990, S. 313 ff. nur so - nur vom Ich aus gesehen und nur bezogen auf dessen Triebbefriedigung - in den Blick. In Freudscher Sprache: Das Ich, getrieben vom Es, besetzt mit seiner Libido »Objekte« und zieht sie gegebenenfalls (etwa in der Trauerarbeit) wieder zu rück. Der Andere ist für Freud entweder nur Objekt der Einwir kung oder als Agent des kulturellen Verbots ein Jemand, der in das Innere dieses Menschen (auch über das Über-Ich) eingreift. Das Miteinander in Gemeinsamkeit zu denken, ist ausgeschlos sen; der Andere kann niemals als ein Anderer und doch als mei nesgleichen begriffen werden46; was im übrigen auch für das theoretische Verständnis der therapeutischen Situation gelten muß, die nämlich dann nicht begriffen ist, wenn das sich hier entfaltende Wir der beiden Menschen nicht in Sicht kommt: zumindest beruhend auf einer gemeinsamen Sprachbeziehung, von der her überhaupt die neurotische Sprachstörung des Kran ken - die »Privatheit« seiner Sprachlichkeit - anerkannt werden kann. Zweitens kann sich aus dieser vorausgesetzten Bezogenheit auf »Intersubjektivität« ein anderes Verständnis auch des Es (in der Terminologie Freuds, die hier zugunsten eines in sich dif ferenzierten und spannungsreichen Unter-Ich in Frage gestellt wurde) ergeben. Freud nimmt an, daß dieser unbewußte Bereich des Es aus irrealen, ungeordneten (auch widersprüchlichen) Trieben nach eigener Befriedigung besteht, die zugleich - im Zusammenhang mit den entstehenden Konflikten zum Über-Ich, das ebenfalls zum größten Teil unbewußt ist und bleibt - zur Vernichtung des Betroffenen führen müßten, wenn das Ich nicht zähmend und lenkend eingreifen würde. Aber ist dies nicht zu einseitig von den wirklichen Krankheitsfällen her gedacht? kann es für das alltägliche Leben der Menschen nicht auch anders, ja vielleicht sogar fast umgekehrt gedacht werden? daß nämlich 46 Koch, Entdeckung, S. 294 f. Vgl. auch J. Ringleben, Der Mitmensch bei Hegel und Freud, in: Der Mit-Mensch in der Psychotherapie. Bethel-Beiträge Nr.37, 1988, S. 7-27. - Interessant die feministische Kritik an den modernen Theorien der »Objekt beziehungen« bzw. diesem Sprachgebrauch von »Objekten« bei E. F. Keller, Liebe, Macht und Erkenntnis, 1986, S. 73 ff. das Ich zur Konstituierung des Selbstbewußtseins und der Iden tität die fortwährende Reflexion auf dieses sein Es (als seines in sich spannungsreichen, dynamischen Unter-Ichs) benötigt, wie es auch der Ansprache (des sprachlichen Angenommenseins) und dem an-erkennenden Blick eines anderen Ichs bedarf?! Der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott47 48einerseits, der Philo soph Axel Honneth andererseits vertreten etwa eine solche Theorie, wonach das Es (oder allgemein: das Unbewußte) nicht als Grenze oder gar Gegner des (bewußten) Ich aufgefaßt wer den dürften, sondern als Konstitutionsbedingung der Individuie rung des Menschen. In den Worten des letzteren: »Zwischen [. . .] dem Bewußtsein und dem Unbewußtsein besteht in der einzelnen Persönlichkeit eine spannungsreiche Beziehung, die dem Verhältnis zwischen ungleichen Dialogpartnem gleicht: Die unbewußten Handlungsimpulse begleiten alle unsere be wußten Lebensvollzüge unartikuliert mit, indem sie in Form von Mißfallenserlebnissen oder Zustimmungsgefühlen die aktuellen Verhaltensweisen gewissermaßen affektiv kommentieren. Aus diesem Wechselspiel von unbewußtem Andrang und bewußtem, sprachlich vermitteltem Erlebnisvollzug erwächst nun in jedem Subjekt die Spannung, die es in einen Prozeß der Individuierung treibt; um nämlich den affektiv repräsentierten Forderungen sei nes Unbewußten gerecht zu werden, muß es mit den Kräften des Bewußtseins seinen sozialen Handlungsspielraum so zu erwei tern suchen, daß es sich als einzigartige Persönlichkeit intersub jektiv zur Darstellung bringen kann« . Oder mit anderen (eige nen) Worten gesagt bzw. gefragt: Das Es (oder besser: Unter- Ich) könnte doch auch in einer positiven Beziehung zum Ich ge dacht werden, die als begehrende, auf Anerkennung gerichtete, 47 Vgl. D. W. Winnicott, Reifimgsprozesse und schöpferische Umwelt, 1984; ders., Vom Spiel zur Kreativität, 1989. 48 A. Honneth, Dezentrierte Autonomie. Moralphilosophische Konsequenzen aus der modernen Subjektkritik, in: Ch. Menke/ M. Seel (Hg.), Zur Verteidigung der Ver nunft gegen ihre Liebhaber und Verächter, 1993, S. 149-163 (hier S. 156); ders., Kampf, S. 154 ff., 223. vielleicht auf sie angewiesene Kraft dieses Ich in ein Verhältnis zum begehrten und anerkannten Anderen treibt; in ein Verhält nis von Anerkennung und Anerkanntsein, in dem dieses Ich sich dann überhaupt erst entfalten kann als Moment eines Wir-Verhältnisses, in dem der Andere zunächst sein »Spiegel« ist, in dem das Ich seine erste und unmittelbare Bestimmung als Spie gelbild erfahren kann; also eine Bestimmung erfährt, die es in der so (weil anerkannt-gespiegelt) gewonnenen Ich-Stärke und im Selbstbewußtsein dann in sein eigenes Selbst (als »Refle xion« in sich selbst, als eigenes Selbst-Bild) übernehmen (und in der dadurch bewährten reifen Kraft des Ich auch nach eigener Gesetzlichkeit - Autonomie - verändern) kann, wodurch das Selbst überhaupt erst zu einer bestimmten Existenz als Indivi duum kommt49. In diesem Es (oder Unter-Ich) könnte doch eine Potenz liegen, die an-sich das Selbst in ein Verhältnis treibt, in dem es zum Für-Sich des Selbstbewußtseins (und der Selbstbe stimmung) kommen kann (um Hegelsche Formulierungen zu verwenden); freilich verbunden stets mit der Gefahr, daß dieser dynamische Prozeß der Ich-Findung als Ich-Bestimmung in dem autonome Freiheit schaffenden und stärkenden Verhältnis des Wir scheitert und zu einer krankhaften Verzerrung eines den be gehrten Anderen nur als äußerlich tyrannisch befehlenden und erdrückenden Herrn phantasierenden Über-Ichs oder eines vom auf Anerkennung hin ersehnten Anderen zurückgewiesenen, vernichteten, beschämten und insgesamt gedemütigten und da her in seinem Lebensdrang und -trieb zertretenen (sich deshalb aufbegehrend wehrenden und zurücktretenden) Unter-Ichs fuhrt. Dann findet die Psychoanalyse tatsächlich eine zertrennte (ana lytische) Persönlichkeit, in der das schwache Ich von fremden Instanzen und Bereichen zum bloßen Objekt unfreier Zwänge gemacht ist, somit einen kranken Menschen vor. Die Krankheit 49 Hier wäre der Ort, in eine Diskussion der Theorie von Jacques Lacan zu treten; vgl. Fn. 5. kann aber nur der erkennen, der weiß, wie dieser Prozeß beim Gesunden gelingen kann, zumindest soll. 3. Aber zurück zu unserer Erzählung und zu Leonhard Frank! Er läßt Anton Seiler im Gerichtssaal die Sprache auch auf das Problem des Willens bringen. Seinen Vergleich der Tat mit einem Erdbeben haben wir schon gehört, auch den Hinweis auf die vielen vergessenen Kindheitserlebnisse, die sich plötzlich als Ursachen durchsetzen und verwirklichen. Seiler fugt dann an: »Plötzlich begeht man das Schrecklichste, denn der eigene Wille ist fortge zogen« (S. 50). Entsprechend beschreibt er einen Traum, in dem er den Leh rer Mager erneut tötete: »Plötzlich geschah das Schrecklichste - mein Wille ging von mir weg, ohne mich zu grüßen. Ich hatte kein Empfinden [...] mehr; es war mir, als hätte ich Nebel im Gehirn - da packte mich so eine besinnungslose Kinder wut und ich erwürgte im Traum meinen Lehrer« (S. 87). Im Rahmen seiner großen theoretischen Rede verwendet der Dichter eine Formulierung, über die näher nachzudenken lohnt, nämlich: »Alle die Unglücklichen, welche infolge ihrer größeren Empfänglichkeit tiefer infiziert sind und vom Schicksal keine heilenden Erlebnisse ge schenkt bekommen haben, werden als willenlose Werkzeuge der eigenwil ligen Ursachen zum Bösen... dem Leben ausgeliefert. Da müssen sie nun für Handlungen einstehen, die sie gar nicht selbst tun« (S. 77). Welch seltsamer Hinweis auf einen eigenen Willen der Ursa chen zum Bösen! Nach Freud kennt das Es weder Gut noch Böse, interessiert das Es auch nicht die Wertungen in der realen Welt: es folge ein zig dem Lustprinzip; Triebbesetzungen verlangten nach Abfuhr, in einem blinden Streben nach Befriedigung; es [nämlich: das Es] bringe - so Freud ausdrücklich50 - keinen Gesamtwillen auf (wohl auch deshalb, weil die Kategorie der Zeit und die Gesetze der Logik nicht gelten würden). Maßgebend sei »nur das Bestre ben, den Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befriedigung zu schaffen«51. Freud könnte damit den Satz des Anton Seiler nicht verstehen! Die vergessenen/ verdrängten In halte als Ursachen können - so würde Freud sagen müssen! nach Befriedigung drängen und so Wirkungen auch in der Au ßenwelt herbeiführen: in einem Geschehen, in dem der Betrof fene willenloses Werkzeug ist, durch den der Ursache-Wirkung- Zusammenhang einfach hindurchgeht (wie das Erdbeben). Auch die Rede von irgendwelchen »unbewußten Motiven« läßt sich von daher nicht halten: es geht nur um Ursachen. - Und dann müßte wohl der qualitative Sprung in die Dimension des Ich bzw. des Bewußten kommen: hier könnte von bewußter Zielset zung und willentlichem Entschluß gesprochen werden und von einem freien Willen als der Selbstbestimmung dieses bewußten Ich. Aber wer weiß schon, ob dies nicht alles Illusion ist! Doch so getrennt können nach dem oben Gesagten die psy chischen Bereiche nicht gedacht werden. Das Ich faßt seine Ent schlüsse nicht aus einer unbestimmten Beliebigkeit heraus, ver gleichbar der Augenzahl des spielerisch geworfenen Würfels; sondern es [nämlich: das Ich] antwortet mit der Willensbildung auf Triebwünsche und -begehren - die lebensgeschichtlich zu Bedürfnissen oder Interessen gebündelt und kulturell verfeinert sind -, die es [das Ich] so lenken und zu den Motiven seines Wil lens machen kann. In den Worten von Freud selbst: »[Das Ich übernimmt] die Aufgabe, [die Außenwelt] bei dem Es zu vertre ten, zum Heil des Es, das ohne Rücksicht auf diese übergewal tige Außenmacht im blinden Streben nach Triebbefriedigung der Vernichtung nicht entgehen würde. In der Erfüllung dieser 50 Freud, Studienausgabe I, S. 511. 51 Freud, Studienausgabe I, S. 511. Funktion [schaltet das Ich] den Aufschub der Denkarbeit ein, während dessen es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwer tet. Auf solche Weise hat es [d.h.: das Ich] das Lustprinzip ent thront«; Freud stellt auf die populäre Redensweise von »Ver nunft und Besonnenheit« ab, die an die Stelle der ungezähmten Leidenschaften des Es treten würden52. Dies bedeutet doch, daß der Wille des Individuums selbst nur als ein dynamisches Ver hältnis von Ich und Es (und u.U. auch von zu überwindendem Über-Ich) begriffen werden kann (weshalb es [nämlich: das Es] oben als Unter-Ich angesprochen wurde). Die Freiheit des Ich ist nicht die Willkür des Würfelspieles, sondern immer von der Triebenergie des Es abhängig und darauf bezogen, daher eine Unfreiheit; zugleich aber ist das unfreie Getriebenwerden durch das Es ausgerichtet auf das Aufgenommenwerden und Be stimmtwerden (zu Motiven) durch das Ich und somit eine von dieser Freiheit abhängige Unfreiheit. Von daher kann man durchaus von dem »Willen des Es« sprechen: nämlich als dem Willen, kein Es mehr zu bleiben, sondern Ich zu werden (wes halb es [nämlich: das Es] auch zum Bewußtwerden und zur Mo tivbildung drängt)! Von daher ist das Es immer schon sprachlich - was im übrigen erneut auf die intersubjektive Dimension (oder altmodisch: auf die Dimension des »Geistes«53) hindeutet! -, immer schon angelegt, sprachlich erfaßt und bestimmt zu wer den; was die psychoanalytische Tätigkeit in die Nähe einer hermeutischen Disziplin bringen muß54. Nur in dem Krankheitsfall läßt das Verdrängte/ Vergessene (oft im Zusammenwirken mit dem zwanghaften Über-Ich - für das im übrigen das Ausgerich- 52 Freud, Studienausgabe I, S. 513. 53 Als des Verhältnisses von »subjektivem« und »objektivem« Geist, das letztlich in dem »absoluten« Geist gründet, um die Hegelsche Terminologie (und Differenzie rung) zu verwenden. 54 Vgl. grundlegend dazu nur P. Ricoeur, Die Interpretation, 1969. - Dazu vgl. P. Wel sen, Philosophie und Psychoanalyse. Zum Begriff der Hermeneutik in der Freud- Deutung Paul Ricoeurs, 1986; ders., »Freudlektüre« und »philosophische Freudin terpretation« - ein Versuch über Paul Ricoeur, Psyche 41, 1987, S. 699-716. tetsein auf das Ich in gleicher Weise gelten muß, da die freiheit liche Selbstbestimmung nicht Willkür, sondern als »Autono mie« und damit als selbst-gesetzgebende Bestimmung des Ich zu begreifen ist, weshalb eine zur Vernunft und zum Ich-starken Gewissen werdende bzw. gewordene Umgestaltung des Über- Ich vorausgesetzt ist -) diese Bearbeitung und Bestimmung durch das Ich nicht zu, sperrt sich der Freiheit und setzt sich hin ter dem Bewußtsein des Ich durch, wodurch dieses in der Tat Illusion, Fassade, Schein werden kann. In entsprechender Weise kann man hier dann von einem Willen des Verdrängten/ Verges senen zur Ursachenwirkung sprechen und auch von »unbewuß ten Motiven«; beides sind widersprüchliche Formulierungen, die freilich gerade auf diese Weise ein Verständnis der zugrunde liegenden Krankheit als eines tiefgehenden Selbstwiderspruches des Betroffenen - einer Fremdbestimmung durch das Subjekt selbst, das sich dadurch selbstbestimmt (oder bestimmen muß) als ein Fremdbestimmtes - oder als seiner »Sprach(zer)störung«55 ermöglichen. Die Redeweise von Frank bzw. seines Dichters Anton Seiler von den »eigenwilligen Ursachen« ist deshalb durchaus vertret bar, wenn man die dynamischen Beziehungen mitbedenkt. Noch mehr: die Formulierung für das Traumerlebnis - »mein Wille ging von mir weg« - gewinnt von dem gesagten Hintergründe her einen guten Sinn: das Verdrängte/ Vergessene zieht den Wil len an sich und ins Unbewußte des Es hinein. Doch spricht Seiler von einem Eigenwillen der Ursachen zum Bösen. Um dies ver stehen und dann kritisch würdigen zu können, sind weitere Überlegungen zu den Ausführungen Franks in seiner Erzählung erforderlich, die bereits zur Theorie von Verbrechen und Strafe hinüberführen. 55 So die bekannte Formulierung von A. Lorenzer, Sprachzerstörung und Rekonstruk tion, 1970. II. Zum strafrechtsphilosophischen Problem der Schuld Betrachten wir deshalb diese Ursachen, von denen der Dich ter spricht und die er mit einem Erdbeben vergleicht, etwas genauer! 4. Seiler verweist im Gerichtssaal auf »die Summe aller qual vollen Erlebnisse« (S. 46), von denen ihm eines - die Demüti gung auf dem Schulausflug - bewußt geworden sei, weshalb er mit ihm hätte fertigwerden können: der Lehrer Mager hätte sich nur zu entschuldigen brauchen, und ihr Verhältnis wäre wieder gut gewesen. Er weiß nun auch, warum er plötzlich in seine Hei matstadt fahren mußte, d.h. er versteht jetzt plötzlich dieses Stück seiner Vergangenheit als Wirkung der - damals noch nicht bewußten und daher im Vergessen wirkenden - Ursache (S. 49). Aber warum ist er denn dann ein zweites Mal in die Stadt seines Lehrers gefahren? warum hat er ihn dann erwürgt? Seiler kann das Vergessene bei aller Anstrengung nicht bewußt machen. Deshalb kann er darin auch nicht seine Tat sehen: sondern einen Unglücksfall; mit der Konsequenz: »Deshalb geht mich mein Mord nicht viel mehr an, als jeden anderen Menschen« (S. 46). In diesem Sinne gibt Seiler auch für die unmittelbare Situation im Zimmer des Lehrers an: »Da empfand ich [angesichts der oben erwähnten Mißhandlung des klei nen Schülers], daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war... und mein Haß erwürgte ihn« (S. 39). Wieder ist das tötende Subjekt »mein Haß«, und nicht Anton Seiler selbst; seine Hände wurden nur als Mordwerkzeuge ge bracht (S. 46, 77). Wie sehr ähnelt Anton Seiler hier seinem Schöpfer Leonhard Frank, der in seiner Autobiographie über den Haß Michaels gegen Otto Groß schreibt: »Sein Haß richtete sich gegen den Doktor, der trennend in sein und Sophies Leben ein gegriffen habe. Der Entschluß, den Doktor niederzuschießen, entstand von selbst, und von der Sekunde an existierte nichts an deres mehr. Auf dem Heimweg war Michael nur noch das Werk zeug, den Doktor zu töten«56, also ein Werkzeug seines Hasses. Aber: ist es nicht trotzdem »sein« bzw. »mein« Haß, der einem anderen Menschen das Leben nimmt? Der Dichter sieht darin nur eine Betrachtung, die auf der Oberfläche bleibt; es müsse tiefer gegangen werden, hin zu den vergessenen Erlebnissen, die nun die eigentlichen Ursachen auch des Hasses sind. Aber so sehr sich Seiler auch anstrengt, er findet diese nicht. Zwar erinnert er sich an zahlreiche qualvolle Situationen im Unterricht (S. 38,52,59); er erwähnt den Suizid seiner 13jährigen Schwester, die vom Lehrer vor den Augen der Mitschüler mit der bloßen Hand auf den nackten Körper ge schlagen worden sei (S. 41); ihm fallen demütigende Szenen im Elternhaus ein (S. 51 ff), auch ein nun als Schande empfunde nes Hinnehmen von Mißhandlungen durch Soldaten (S. 57). Aber dies alles reicht ihm selbst nicht aus als Ursache, die die Tötung des Lehrers erklären könnte. So bleibt ihm ein Größen schluß, den wir schon gehört haben: wenn das eine vergessene Erlebnis - die Szene am Schulausflug - schon die Macht hatte, ihn zur Bahnreise zu bringen: »dann muß ich mir sagen [...], daß die ohne Zweifel zahllosen schändli chen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für [diese] Tat [...] machen können«, so wie in seinem eigenen Fall: »Da wirkten plötz lich alle diese vergessenen Erlebnisse eigenmächtig zusammen und er würgten [den Lehrer]« (S. 49 f). Dieser Größenschluß ist verführerisch: denn er wirkt auf den ersten Blick überzeugend. Aber bei näherer Betrachtung sagt er eigentlich nichts Bestimmtes, nämlich nur: daß es Ursachen für 56 Frank, Links, S. 491. den Tod des Lehrers Mager gibt, die auch mit seiner Behandlung des Anton Seiler Zusammenhängen, aber auch darüber hinausge hen. Der Dichter nennt selbst: »[den] Dunst der Schulen, der falschen Erziehung, der Eltern, Frömmelei, des ganzen stinkenden europäischen Moralgeschwürs«; dies alles »bildet furchtbar drohend das Wort Ursache weithin sichtbar am Himmel« (S. 65). Seiler wütet im Gerichtssaal gegen die moderne Welt selbst und überhaupt, die alle Seelen verwunde und zerstöre (S. 77). Seiler greift zu mystischen Formulierungen. Die verwundenden und seelenzerstörenden Erlebnisse seien böse und lebten als die ses Böse in dem Getroffenen weiter; bis sie selbst - ihn zum Werkzeug nehmend - die eigenwilligen Ursachen zum Bösen würden und neues Böse in die Welt setzten; »so ist der Mensch geworden, weil sein Vater so war, seine ganze Umge bung ... verwirrt, arm, verwundet und deshalb böse. Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld aller nur aus!« und schließlich schreit der Dichter in den Gerichtssaal (wir schreiben das Jahr 1915): »Der europäische Mensch ist zum kranken, tückischen, reißenden Tier geworden. Gott, die Menschenliebe, die Güte, zogen sich entsetzt zurück vor dem vom Wahnsinn gezeichneten europäischen Gesicht« (S. 76, 79, 65). Diese umfassenden, die gesamte Menschheit einbeziehenden Äußerungen können verständlich machen, warum Menschen so handeln, wie es auch Anton Seiler getan hat. Sie alle stehen in einer Geschichte von Bösem, in einer Umwelt von Bösem; sie wurden selbst verwundet und so böse gemacht. Aber erklärt dies die Tötung des Lehrers Mager durch den Dichter Anton Seiler? erklärt dieser Hinweis auf die allgemeinen Ursachen des Welt geschickes dieses individuelle Geschehen zwischen zwei Men schen im Zimmer einer Kleinstadt, wo einer einen anderen erwürgt? Es ist einer der Geschworenen, der das Problem erkennt und anspricht. Frank bezeichnet ihn als Einäugigen, weil er - von Beruf Arzt und Forscher - durch ein Experiment ein Auge ver loren hat. Dieser Mann folgt während des gesamten Prozesses mit lebhaftem Interesse auch den theoretischen Ausführungen des Angeklagten. Stets ist er es, der durch diese Zuwendung dem Dichter die Kraft gibt zu seinen rhetorischen Kraftakten57 58; Seiler sieht in ihm sogar »das wahrhaftige Auge des Gerichts« und seine Hoffnung (S. 48). Doch im Beratungszimmer offenbart der Einäugige seine Kritik an der Theorie des angeklagten Dichters (und es ist zu fragen, ob in ihm nicht Leonhard Frank spricht): »Diese Ursachen bestehen ja ... im Groben. Nur hat seine Theorie einen Riß: ein Vater hat zwei Söhne, beide haben eine vollkommen gleiche Er ziehung. Und doch wird der eine ein gütiger Mensch - Landpfarrer etwa der andere ein bösartiger Verbrecher« (S. 83). Damit wird klargestellt (und ich meine: völlig zu recht): die Theorie des Anton Seiler kann zwar die Ursachen des Bösen im Lauf der Welt und in der Gesellschaft überhaupt erfassen; aber die böse Tat des Individuums läßt sich damit nicht erklären, außer mit dem allgemeinen Hinweis, daß auch sie böse sei und daher wie alles andere Böse verursacht von Bösem59. Im Grunde hat dies der Dichter in seiner Rede vor Gericht auch selbst ge sagt: wenn er von den »zufällig« widerfahrenen Reinigungser lebnissen gesprochen oder auf das »Schicksal« hingewiesen hat, die dem Individuum böse oder heilende Erlebnisse zukommen läßt (S. 76,77). Mit einem solchen Hinweis auf Zufall oder Schicksal kann man aber nichts wirklich erklären! 57 Vgl. S. 48, 51,57 f„ 65. 58 Selbstverständlich in kritischer Distanzierung des Gerichts als der Personifizierung der »blinden« Justitia (mit der Augenbinde) gemeint: vgl. Marsch, Kriminalerzäh lung, S. 236. 59 Auch Glaubrecht, Studien, S. 39, sieht in der Argumentation des Dichters einen »logischen Widerspruch«. Der Einäugige greift deshalb zu einer Erklärung, die über die allgemeine Theorie der Ursachen (»im Groben«) hinausgeht. Er meint: »Der Urquell des Bösen ist nicht in Erlebnissen zu suchen sondern in der Natur. Die Natur selbst ist bös und gut. Und die Quelle, die Urquelle des Bösen und Guten - des Moralischen - liegt hinter dem Kreise des vom Menschen Erkennbaren ... Kain und Abel [...] Weshalb die Quelle des Bösen - dieses unerforschbar Mystischen im Leben - diesen und diesen und jenen Menschen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen« (S. 83 f). Die Konsequenz formuliert der Einäugige als Traumgestalt des Dichters, indem er auf dessen Klage - sein Wille sei von ihm weggegangen - antwortet: »Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen ha ben, weil sie ihm zu bös sind [...] Gegen das Böse können Sie gar nichts tun« (S. 87). Und Anton Seiler übernimmt offensichtlich im Gespräch mit dem Einäugigen in der Todeszelle diese mystische Sicht, wenn er sagt: »Auch damals habe nicht ich es getan. Der Dämon führte die Hände« (S. 88). Frank weiß, daß mit diesen Ausführungen das theoretische Ende der Psychoanalyse verbunden sein muß. Will er damit vielleicht seine Skepsis zum Ausdruck bringen gegen ihren Anspruch, nicht nur die Ursache als Gesamtheit, sondern alle einzelnen Ursachen herauszubringen und zu bestimmen? will er vielleicht damit gar behaupten, daß in letztem Ende die Psy choanalyse selbst zu einem Mythos werden muß, zu einem Mythos eines Es, das dem fremden Ich absolut unerreichbar bleiben will und wird, zu einem Mythos, der so zur Begründung eines jeden beliebigen Argumentes dienen kann?60 Erinnern wir uns an seinen letzten Gruß an die erste Geliebte Sophie in seiner Autobiographie: »Sophie war eines der ersten Opfer der ange wandten Erkenntnisse Sigmund Freuds, der das Gesicht der Welt verändert hat. Sie wurde in Locarno beerdigt. Niemand stand am Grabe. Der Doktor ging bald danach am Kokain zu grund.«61 Doch bleibt Franks Stellungnahme ambivalent. Denn sein Anton Seiler bietet dem Gericht nicht nur eine allgemeine Theo rie der Ursache des bösen Geschehens in der Welt und ihrer Ge schichte an, greift nicht nur auf einen »Dämon« zurück, der ihn geführt hat. Er will ein ganz bestimmtes Erlebnis erzählen, das letztlich - bei allem allgemeinen Ursache-Wirkung-Zusammen hang - doch maßgebend sein mußte für den Tod des Lehrers; er weiß, daß dies die eigentliche Ursache - ein individuelles Erleb nis - war62; aber er kann es nicht erzählen. »Des Dichters Mund blieb offen stehen. >Nun?< [fragt der Vorsitzende.] >Die ganze Stadt ist mir eingefallen ... Und da ist auch ein unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet ... In dem Hohlweg muß mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich weiß nicht was. Weiß nicht was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen«« (S. 52). »Trotz aller Anstren gung konnte ich mich nie erinnern, was mir in dem Hohlweg widerfahren ist .. . Ich träumte öfters von einer Leiche, die in dem Hohlweg lag. Sie war schon ganz verwest. Ameisen krabbelten ihr in Augen und Ohren hinein, aus Mund und Nase heraus. Die Leiche lachte fürchterlich, weil die Ameisen sie kitzelten ... Aber ich weiß bestimmt, daß keine Leiche im Hohlweg lag ... Etwas Grauenhaftes muß mir da geschehen sein« (S. 65). 60 U.U. auch in die Richtung, wie es der kahle Psychologieprofessor für möglich hält: »daß der Angeklagte mit der ganzen Intensität seines Wesens sich vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat... nachträglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige entfernte Möglichkeit barg, für das Verbrechen nicht verantwortlich gemacht zu werden?« (S. 85). Der Einäugige im übrigen lehnt diese Möglichkeit ab (vgl. S. 88). 61 Frank, Links, S. 496. 62 So richtig gesehen von Glaubrecht, Studien, S. 31 f, 163. Und schließlich glaubt er die Ursache der Tötung des Lehrers Mager zu kennen: »Wenn ich nicht vergessen hätte, was mir in dem Hohlweg geschehen ist, würde ich vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden sein« (S. 76). Es ist bezeichnend, daß Sigmund Freud an der einzigen Stelle, in der er nach meinem Wissen auf Leonhard Franks »Ur sache« eingegangen ist, genau dieses Problem herausgegriffen hat. In einem Brief vom 8.8. 1921 schrieb Freud an Karl Abra ham, der ihm seine Arbeit über »Vaterrettung und Vatermord in den neurotischen Phantasiegebilden« zugeschickt hatte: er sei mit dieser Arbeit voll einverstanden, doch wolle er ihn »auf einen unbequemen Zug der Ödipuspassage aufmerksam ma chen, der mir bereits viel Ärger bereitet hat. - Sie schreiben von einem >Hohlweg< als Ort der Begegnung, der ebensowohl uns als Symbol des Genitales wie der Begebenheit wegen des Aus weichens paßt. Auch L. Frank, der in der >Ursache< den psycho analytischen Vatermord neu erzählt hat, läßt seinen Helden von einem >Hohlweg<, an den er sich nicht recht erinnern kann, phantasieren. Allein in den mir bekannten griechischen Texten [steht das griechische Wort für] >Kreuzweg<, wo, wie man glau ben sollte, das Ausweichen nicht schwer wäre«; ob Abraham nicht vor der Publikation einen Gelehrten fragen sollte?63 Jeden falls ist - wie das Zitat zeigt - für Freud die von Frank erzählte Tötung des Lehrers ein Vatermord und damit begründet in dem Ödipuskomplex des Kindes Anton, der auf diese Weise den Rivalen um die Gunst der begehrten Mutter beseitigt; es liegt auf der Hand, daß für Freud dieses vergessene und doch erahnte Er lebnis eines »Hohlweges« auf eine Sexualerfahrung oder -phantasie des Kindes Anton vom weiblichen Genital bzw. auf Kastra tionsangst zurückgeführt werden könne und müsse. Ob dieses Bewußtwerden dem angeklagten Erwachsenen das Geschehen 63 Sigmund Freud - Karl Abraham. Briefe 1907-1926 (hsg. H.C. Abraham/ E.L. Freud), 1980, S. 304. wirklich verständlich gemacht hätte? ob er wirklich nun die maßgebende Ursache gekannt hätte? Oder anders gefragt: kann Freud wirklich von außen her unter Anwendung bestimmter Inhalte einer Theorie die individuelle Geschichte des Anton Sei ler nacherzählen, vielleicht besser (»wahrer«) als Leonhard Frank? oder gibt es nur einen einzigen Menschen, der diese Wahrheit erkennen könnte: den Dichter Anton Seiler selbst, der - begleitet vom theoretischen Wissen des Therapeuten, aber auch getragen von der praktischen und ihn tragenden Wir-Beziehung zu ihm - diese Traumphantasie deuten - es geht nicht um Erklären! - und so vielleicht für sein Leben aufarbeiten könnte: ohne irgendeinen Anspruch auf theoretische Stimmigkeit, son dern nur verfizierbar durch ein (nun) gelingendes Leben, zumin dest durch eine ihn selbst begreifende Geschichte? Grundlegender wäre zu fragen: auch wenn Anton Seiler in der Therapie(situation) bei Sigmund Freud sich dieses entschei dende Erlebnis bewußt gemacht und aufgearbeitet hätte: wäre dann wirklich geklärt, warum er diese Tat tatsächlich begangen hat? Der Hinweis auf ein solches Erlebnis würde doch auch er klären, warum eine bloße Tötungsphantasie im Traum abrea giert oder als Tötungswunsch sogar bewußt, aber dann auf an dere Weise verarbeitet worden wäre. Warum Seiler diesem Wunsch nachgab und wirklich getötet hat, bliebe von dieser Er klärung noch nicht erfaßt64. Oder anders gesagt: die Psychoana lyse (bzw. besser: die Psychotherapie) könnte vielleicht dieses Erlebnis vom Hohlweg rekonstruieren und so ins Bewußtsein zurückholen, wodurch es bearbeitbar würde. Sie könnte damit wohl auch ein unbewußtes Motiv für den Haß und den Tötungs willen herausstellen. Aber die Tat selbst - die Tötung des Leh rers - wäre gegenüber dem unbewußten Tötungswunsch damit noch nicht erklärt; es muß noch das Subjekt dazugedacht und mit-begriffen werden, in dem dieser Wunsch sich verdichtet 64 Vgl. dazu W. Schild, Der Strafrichter in der Hauptverhandlung, 1983,S.68Fn. 310. (hat) zum Handlungsentschluß und sich dann realisiert (hat) in der Tötungstat. 5. Zu fragen ist somit, was aus den theoretischen Ausführungen im Gerichtssaal und im Zimmer der Geschworenen durch den Einäugigen nun für die Frage der Strafbarkeit des Anton Seiler folgt. Er steht doch vor dem Gericht, angeklagt des Mordes an dem Lehrer Mager. Ist der Schuldspruch über ihn richtig? oder müßten die Geschworenen ihn nicht wegen Schuldunfahigkeit freisprechen? oder sogar deshalb freisprechen, weil er mit der Tat überhaupt nichts zu tun hat, da sie wie ein Erdbeben nur vor seinen Augen passiert sei? Auf die nähere juristische Seite ist hier nicht einzugehen65. Der Staatsanwalt klagt den Dichter wegen Mordes an. Einerseits nimmt er nämlich an, daß Seiler die Tat begangen hat, um einen am Tisch liegenden 100-DM-Schein mitnehmen zu können. Anton hat tatsächlich nach der Tat den Geldschein gesehen und eingesteckt; Frank umschreibt eine »Vision«, die ihn dazu ver anlaßt hat, nämlich: »vom Mittelpunkt eines fernen Landes reichte bis zu ihm ein gewaltig aus einandergezogenes Gummiseil, das er sich um den Leib knüpfte, worauf das Gummiseil mit ihm durch die Luft über Städte und Meer ins fremde Land zurückschnellte« (S. 33). Daß die Juristen und die Geschworenen diese Geschichte nicht glauben, ist nicht verwunderlich. Andererseits wird der Dichter wegen Mordes verurteilt, weil die Geschworenen keine Affekttat annehmen, sondern ein überlegtes Handeln. - Wie steht es nun also mit dieser Frage nach der Schuld des Anton Seilers66? 65 Zur Differenz von juristischer und dramatischer Seite vgl. Marsch, Kriminalerzäh lung, S. 232 ff. 66 Zur kläglichen Rolle des Gerichtspsychiaters vgl. S. 69-71. Der Angeklagte selbst gibt keine klare Antwort. Auf der einen Seite charakterisiert er die Tat als Unglücksfall, mit dem er schlechthin nichts zu tun habe, weshalb er ihn auch nicht viel mehr anginge als jeden anderen Menschen (S. 46). Andererseits ruft er dem Vorsitzenden zu: »Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich bin so furchtbar schuldig geworden!« (S. 51). Die eigentlich gemeinte Wahrheit dürfte in der Mitte liegen und in der Aussage zum Ausdruck kommen: »So werden die Menschen schuldig, ohne schuldig zu sein« (S. 74). Diesen all gemeinen Schuldzusammenhang haben wir bereits kennengelemt; er deckt sich mit dem Ursache-Wirkung-Zusammenhang der Weltgeschichte. Am klarsten tritt dies zu Tage in der Behauptung: »Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld aller nur aus!« (S. 79). Doch neben dieser Schuld des Einzelnen sind alle anderen mitschuldig (S. 64); Seiler nennt den anklagenden Staatsanwalt sogar als den deshalb Schuldigsten der Welt, der aber ebenso unschuldig sei, weil er wie alle anderen auch den Umständen dieser Welt ausgesetzt sei (S. 79). Selbstverständlich führt diese Sicht der unschuldigen Schuld oder der schuldhaften Unschuld aller Menschen nicht weiter für die vorliegende Frage, ob Anton Seiler schuldhaft getötet hat. Der Staatsanwalt und der kahle Psychologieprofessor als Ge schworener bringen ein zusätzliches Argument ein, das die Irre levanz dieser allgemeinen Theorie ausdrücken soll: »Da könnte ja jeder Mensch seinen Lehrer ermorden ... jeder Sohn seinen Vater!« (S. 64,83). Gefragt ist aber hier doch nach einer indivi duellen Tat eines individuellen Täters. Auch Hinweise auf Zufall (Glück oder Unglück im Leben) oder auf ein Schicksal, das den einen begünstigt, den anderen benachteiligt, kommen an das Eigentliche der Fragestellung nach der Schuld gerade des Anton Seiler nicht heran. Es mag ja sein, daß gerade er Pech hatte; aber wer will das wissen? und wer will das beweisen können und wie? Da kann man doch gleich zu den Mythen des Einäugigen greifen und einen Dämon zugrunde legen, der durch den Dichter als sein Werkzeug als mittelbarer Täter getötet hat. All diese Erklärungsversuche sind nicht falsch, aber treffen nicht das individuelle Problem. Stets gelten die vorgebrachten Argumente für viele Fälle, vielleicht sogar für alle möglichen Fälle; und sagen gerade deshalb über den individuellen Fall zu wenig oder zumindest nicht das Wesentliche. Leonhard Frank schiebt nun in die Geschichte des Anton Sei ler eine zweite Geschichtserzählung ein, die mit ersterer auf das Engste verwoben ist; nämlich die letzten Tage des Einäugigen, über den schon berichtet wurde. Und auch darüber, wie er die theoretische Schwachstelle in der Argumentation des Dichters erkannte: nämlich das Ungenügen in bezug auf den individuel len Fall. Deshalb sprach auch der Einäugige sein Schuldig; und Seiler wurde zum Tod verurteilt. Doch läßt den ehemaligen Ge schworenen diese Entscheidung nicht ruhen. Er sucht am Vor abend der Hinrichtung den Dichter in der Todeszelle auf und er kennt, daß er an ihm gefehlt hat, ihm gegenüber schuldig gewor den ist. Er fühlt sich wie Judas Ischariot, der verstanden und doch verraten hat (S. 88). Der Einäugige fragt nun nicht weiter nach den Ursachen, die ihn zu seinem Schuldspruch gebracht haben könnten. Er weiß nur eines: »Kein Mensch habe das Recht, einem Menschen den Kopf herunterschla gen zu lassen. Das sei ihm furchtbar klar geworden. Er wolle mit dem Be wußtsein, einem Menschen den Kopf heruntergeschlagen zu haben, nicht weiter leben« (S. 98). Und der Einäugige vergiftet sich mit einer Überdosis Morphium. In den letzten Augenblicken seines Lebens - so schreibt Frank - »[zog] eine wunderbare Freude in ihn ein, verband ihn mit dem Dichter, der ihn in freudigem Staunen ansah. - Ihre Unterhaltung war, jenseits aller Logik, blitzend und neu. Sie allein standen leuchtend hell, von schwerem Dunkel umgeben. Ihre hellen Hände sprachen mit. Da sahen sie einander noch einmal herzlich an, mit einem jenseitigen Lächeln der ungeheuersten Liebe. Dann empfand der Einäugige sanften, wiegenden Frieden und schlief ein« (S. 99). In den Zeitungen steht später, er habe sich wohl deshalb das Leben genommen, weil er den Verlust seines Auges nicht habe verschmerzen können. Wie man sich über die Ursache einer Tat irren kann! Aber welch andere Ursache bewirkte denn sonst diese Suizidtat? Ein Hinweis auf die allgemeine Schuldhaftig keit aller Schuldlosen hilft hier nicht. In diesem Fall wollte der Einäugige - wie es uns Frank eindeutig mitteilt! - mit dieser als seiner Schuld nicht weiterleben; und sühnte sie mit seinem Tod! und welche Versöhnung wurde ihm im Sterben träumend zuteil. 6. Freilich hebt uns Leonhard Frank mit dieser Schilderung über das strafrechtliche Problem hinweg. Um eine solche Schuld und eine solche Sühne kann es nicht gehen im Gerichtssaal, wo Fremde von außen her über eine äußere Tat zu richten haben. Frank läßt seinen Dichter das Problem genau erkennen, wenn dieser zu sich sagt: »Denen kann ich niemals erklären, wie es kam; denn sie erdrücken mich mit ihrer Logik, die nur an der Oberfläche des Geschehens ihre Schlüsse findet... und dadurch Recht behält« (S. 47). Was soll dies heißen: »und dadurch Recht behält«? Könnte denn der Vorsitzende Richter im Gerichtssaal die Therapie durchführen, die das vergessene, aber erahnte Erlebnis mit dem Hohlweg als Ursache bewußt machen würde? und welche Kon sequenzen hätte dies für die Anklage wegen der begangenen Tat, die damit als individuelles Geschehen auch dadurch nicht erklärt wäre? Wieder gibt der Einäugige im Geschworenenzimmer die Antwort: »>Weshalb die Quelle des Bösen ... diesen und diesen und jenen Men schen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen. Aber verantworten muß sich der Schuldige den Mitmenschen gegenüber, die sich schützen müssen, so gut sie können ... Die Welt ist unvollkommene Etwas Unge löstes blieb in seinem Gesicht zurück« (S. 84). Auch im Strafrecht bleibt etwas Ungelöstes zurück: nämlich die Frage nach der individuellen Schuld des Angeklagten. Die Freiheit des Individuums ist - so ist oben behauptet worden! stets nur ein Verhältnis von Freiheit und Unfreiheit, von Ich und Es, von Ich und Unter-Ich und Über-Ich, von Bewußtem und Unbewußtem. Wie genau dieses Verhältnis zu bestimmen ist, kann niemand sagen; es wird sich wohl auch während des Le bens verändern je nach Situation, Kraft und Umfeld des Betref fenden. Was wir über dieses Verhältnis beim Anderen wissen, hängt davon ab, wieweit wir hineingenommen werden in ihn, wieweit der Andere sich öffnet dem Eindringen in seine Indivi dualität. Was die Liebe des Wir beglücken kann, was in der The rapie die Vertrauensbasis von Ich und Du darstellt, das muß dem Gerichtssaal und dem richtenden Er bzw. der richtenden Sie ver schlossen bleiben. Das Rechtsverhältnis gründet in der allseiti gen Achtung der Person; und sperrt sich daher gegen einen Ein griff in die Individualität des Anderen. Rechtlich denkende und handelnde Menschen können nur nach grobem Muster vorgehen und das Verhältnis von Freiheit und Unfreiheit beim Anderen nur schwergewichtsmäßig festlegen (zurechnen). Je mehr eine Tat als Willenshandlung nachvollziehbar ist, desto eher ist sie als schuldhaft begangen anzusehen; je mehr sie unverständlich und so fremd erscheint, daß wir einen medizinischen Sachver ständigen brauchen, der uns einige ihrer Ursachen herausarbei ten kann, desto näher liegt die Annahme von Schuldunfahigkeit. Im Einzelnen gibt es hier einen weiten Raum für Zurechnung, der nur durch ein Verfahren näher ausgefüllt werden kann, in der der Richter als Person sich auf den Angeklagten als Person ein läßt. Ein Urteil über die Freiheit oder die Unfreiheit des Täters als eines Individuums kann dieses Verfahren niemals begrün den. Wir wissen, daß er stets beides - eben: als Verhältnis - ist; so wie wir auch, wenn wir ihn zur Verantwortung ziehen. Frei lich bedeutet dies auch, daß wir im Grunde nur die Tat beurteilen und kein Urteil über den individuellen Täter fällen können. Wir müssen die Tat als Unrecht distanzieren und auch dem Täter die Chance einräumen, sich von ihr zu distanzieren, damit er als Per son wieder mit uns in einem Rechtsverhältnis leben kann. Todesstrafe ist rechtlich nicht denkbar und begrifflich deshalb Unrecht! In diesem Sinne verändert die Erzählung »Die Ursache« von Leonhard Frank auf den letzten Seiten ihren Charakter67 68. Vorbei ist die theoretische Argumentation um Psychoanalyse und/ oder das Ringen um die Schuld! Frank entfaltet nun eine flammende Kritik an der Todesstrafe , die auch alle vorherigen Bemerkun gen über die schuldlos Schuldigen vergißt und mit starkem Pathos moralisiert. Mit fast unerträglichen Wendungen entlarvt er den unrechtlichen Wahnsinn einer solchen Strafe - nämlich des Enthauptens durch das Beil - und zeigt dem erschütterten Leser den Weg des ehemaligen Dichters Anton Seiler in den Wahnsinn auf. In diesem Zustand des panikerfüllten Wartens auf die barbarische Exekution verliert die Frage nach der Ursa che jeden Sinn. Seiler phantasiert nun eine »Uhrsache« als die Verbindung von Uhr (nämlich der abnehmenden Anzahl der Stunden, die er noch zu leben hat) und Zeit (S. 105). Von daher erklärt er auch den Staatsanwalt für vollkommen unschuldig: »Das Ganze ist ja nichts weiter als Zeitursache« (S. 107). Soll damit auf die Geschichtlichkeit des Menschen69 und sei nes Strafrechts angespielt und die Hoffnung zum Ausdruck ge- 67 Ausdrücklich hervorgehoben z.B. von Mahrholz, Das literarische Echo 21, S. 777 (Herabsinken vom Dichter zum moralisierenden Schriftsteller). 68 So zu recht Claubrecht, Studien, S. 69, 163 ff. 69 In diesem Sinne wohl Marsch, Kriminalerzählung, S. 239. bracht werden, daß eine Zeit ohne diese menschenunwürdigen Hinrichtungen auskommen wird?70 Ich weiß es nicht. Leonhard Frank selbst hat 1952 seine Erzählung charakterisiert mit den Worten über sich als Dritten: »Die Vorstellung, daß einem Men schen der Kopf abgeschlagen wird, peinigt ihn seit Jahren. Er schreibt >Die Ursachen das Buch gegen die Todesstrafe, in dem der Lehrer Dürr ermordet wird«71. Mir bleibt nur der Schlußsatz: So lange Menschen im Namen des Rechts getötet werden, ist die Frage nach ihrer Schuld, nach ihrer Freiheit und Unfreiheit, nur in einem Sinne zu beantworten möglich: kein Mensch kann rechtlich so schuldig sein, daß seine Tötung menschliche Strafe darstellen könnte! 70 So Glaubrecht, Studien, S. 166. 71 Frank, Links, S. 699. ' T* Wolfgang Schild Jahrgang 1946, Studium der Rechtswissenschaft und Philosophie an der Universität Wien. Promotion zum Dr. jur. 1967 in Wien und Habilitation 1977 an der Maximilians- Universität München. Seit 1977 Professor für Strafrecht, Strafprozeßrecht, Rechtsphilo sophie und Strafrechtsgeschichte an der Universität Bielefeld. Von 1990 bis 1993 Mit glied der Gründungskommission der Juristenfakultät der Universität Leipzig. Forschungsgebiete: Grundfragen der Strafrechtsdogmatik (Schwerpunkt: Allgemeiner Teil); Rechtsphilosophie (Schwerpunkt: Deutscher Idealismus); Strafrechtsgeschichte (Schwerpunkte: Mittelalter und frühe Neuzeit, Hexenforschung, Nationalsozialismus); Rechtsikonologie (umfangreiches Archiv von Fotos, Dias, Materialien zur Strafrechts geschichte und vor allem Hexenverfolgung); Recht und Kunst. Selbständige Publikationen: Die Reinen Rechtslehren. Berlin 1975; Die »Merkmale« der Straftat und ihres Begriffs. Ebelsbach 1979; Alte Gerichtsbarkeit. München 1980. 2. Auflage 1985; Der Strafrichter in der Hauptverhandlung. Heidelberg/Hamburg 1983; Täterschaft als Tatherrschaft. Schriftenreihe der Juristischen Gesellschaft zu Berlin. Heft 137. Berlin/New York 1994; Staat und Recht im Denken Richard Wagners. Stuttgart/u.a. 1994; Bilder von Recht und Gerechtigkeit. Köln 1995; Mitherausgeber des NOMOS- Kommentars StGB; Zahlreiche Aufsätze aus den Forschungsschwerpunkten. Herausgegeben von Prof. Dr. Hasso Hofmann, Edgar Michael Wenz und Prof. Dr. Dietmar Willoweit Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie Heft 1: Arthur Kaufmann: Theorie der Gerechtigkeit, Problemgeschichtliche Betrachtungen, 1984, 51 S., 19,80 DM Heft 3: Niklas Luhmann: Die soziologische Beobachtung des Rechts, 1986, 48 S„ 16,80 DM Heft 4: Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die verfassunggebende Gewalt des Vol kes - Ein Grenzbegriff des Verfassungsrechts, 1986, 34 S., 16,80 DM Heft 5: Ralf Dreier: Rechtsbegriff und Rechtsidee, Kants Rechtsbegriff und seine Bedeutung für die gegenwärtige Diskussion, 1986, 37 S., 18,80 DM Heft 6: Günter Dux: Der Täter hinter dem Ihn, Zur soziologischen Kritik der Schuld, 1988, 58 S„ 24,-DM Heft 7: Franz Bydlinski: Recht, Methode und Jurisprudenz, 1987, 46 S., 19,80 DM Heft 8: Martin Kriele: Freiheit und „Befreiung“, Gibt es eine Rangordnung der Menschenrechte?, 1988. 52 S., 26,- DM Heft 9: Manfred Rehbinder: Fortschritte und Entwicklungstendenzen einer Soziologie der Justiz, 1989, 63 S., 26,- DM Heft 10: Klaus Lüderssen: Die Krise des öffentlichen Strafanspruchs, 1989, 62S..26,- DM Heft 11: Norbert Hoerster: Verteidigung des Rechtspositivismus, 1989, 31 S., 26,- DM Heft 12: Guiseppe Duso: Der Begriff der Repräsentation bei Hegel und das moderne Problem der politischen Einheit, 1990, 55 S., 24,- DM Heft 13: Otfried Höffe: Gerechtigkeit als Tausch? Zum politischen Projekt der Moderne, 1991, 37 S„ 18,-DM Heft 14: Klaus F. Röhl: Die Gerechtigkeitstheorie des Aristoteles aus der Sicht sozialpsychologischer Gerechtigkeitsforschung, 1992, 59 S., 26,- DM Heft 15: Hans Albert: Rechtswissenschaft als Realwissenschaft, Das Recht als soziale Tatsache und die Aufgabe der Jurisprudenz, 1993, 37 S., 19,- DM Heft 16: Gerd Irrlitz: Moral und Methode, Die Struktur in Kants Moralphiloso phie und die Diskursethik, 1994, 56 S., 26,- DM Heft 17: Hasso Hofmann: Gebot, Vertrag, Sitte, Die Urformen der Begründung von Rechtsverbindlichkeit, Festschrift A. Voigt, 1993, 49 S., 26,- DM NOMOS Verlagsgesellschaft 76520 Baden-Baden

Zusammenfassung

Die Strafrechtspflege stand seit der »Entdeckung« des Unbewußten unter starker Kritik durch die Psychoanalyse, die die Freiheit des Willens als Voraussetzung der Strafe ablehnte und bei der Erklärung des Verbrechens auf determinierende »unbewußte Motive« abstellte. Zu den Kritikern gehörte auch der 1882 in Würzburg geborene Autor Leonhard Frank, der stark von dem Analytiker Otto Groß beeinflußt war. In seiner 1915 veröffentlichten Erzählung »Die Ursache« schildert er den Mord an einem ehemaligen Volksschullehrer und den anschließenden Prozeß, der mit dem Todesurteil endet.

Wolfgang Schild – Professor für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Strafrechtsgeschichte – legt hier eine sorgfältige Interpretation der »Novelle« vor. Dabei analysiert er zum einen das von Frank vertretene Konzept der Psychoanalyse und konfrontiert es mit der Theorie Freuds.

Zum anderen setzt sich Schild mit der psychoanalytischen Kritik auseinander und versucht, eine differenzierte Antwort aus Sicht der heutigen Strafrechtstheorie zu geben.

Das Buch ist wegen dieser doppelten Themenstellung sowohl für Juristen als auch für an Literatur und Psychoanalyse interessierte Leser bestimmt.

References

Zusammenfassung

Die Strafrechtspflege stand seit der »Entdeckung« des Unbewußten unter starker Kritik durch die Psychoanalyse, die die Freiheit des Willens als Voraussetzung der Strafe ablehnte und bei der Erklärung des Verbrechens auf determinierende »unbewußte Motive« abstellte. Zu den Kritikern gehörte auch der 1882 in Würzburg geborene Autor Leonhard Frank, der stark von dem Analytiker Otto Groß beeinflußt war. In seiner 1915 veröffentlichten Erzählung »Die Ursache« schildert er den Mord an einem ehemaligen Volksschullehrer und den anschließenden Prozeß, der mit dem Todesurteil endet.

Wolfgang Schild – Professor für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Strafrechtsgeschichte – legt hier eine sorgfältige Interpretation der »Novelle« vor. Dabei analysiert er zum einen das von Frank vertretene Konzept der Psychoanalyse und konfrontiert es mit der Theorie Freuds.

Zum anderen setzt sich Schild mit der psychoanalytischen Kritik auseinander und versucht, eine differenzierte Antwort aus Sicht der heutigen Strafrechtstheorie zu geben.

Das Buch ist wegen dieser doppelten Themenstellung sowohl für Juristen als auch für an Literatur und Psychoanalyse interessierte Leser bestimmt.