Katja Chandna-Hoppe, Die Simulation einer gerichtlichen Verhandlung in der juristischen Vorlesung – Eine Methode zur Förderung der Argumentationskompetenz in:

ZDRW Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft, page 88 - 95

ZDRW, Volume 8 (2021), Issue 1, ISSN: 2196-7261, ISSN online: 2196-7261, https://doi.org/10.5771/2196-7261-2021-1-88

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Methodenvorstellung Die Simulation einer gerichtlichen Verhandlung in der juristischen Vorlesung – Eine Methode zur Förderung der Argumentationskompetenz Dr. Katja Chandna-Hoppe* Einführung Die argumentative Begründung von Entscheidungen ist eine grundlegende juristische Arbeitsmethode. Dies gilt sowohl für das juristische Studium als auch für die spätere Tätigkeit in Wissenschaft, Anwaltschaft oder in der Justiz. Vor diesem Hintergrund ist die Argumentation ein zentrales Kriterium bei der Bewertung juristischer Abschlussarbeiten. Obwohl den Studierenden häufig vermittelt wird, dass weniger das Ergebnis, sondern vielmehr die Begründung einer Entscheidung wesentlich sei, steht in der Prüfungsvorbereitung mehr das Erlernen von Wissen als die Befassung mit methodischen Kompetenzen im Vordergrund.1 Eine Ursache hierfür ist, dass den Studierenden aufgrund der umfangreichen fachlichen Inhalte häufig nicht ausreichend Zeit bleibt, um sich auf methodischer Ebene mit Argumentationstechniken und -strukturen auseinanderzusetzen. In der Folge liegt einer der häufigsten Fehler in juristischen Klausurbearbeitungen in der fehlenden oder mangelhaften Begründung und Argumentation.2 Hierbei zeigt sich auch eine deutliche Diskrepanz im Leistungsspektrum. So leiden insbesondere schwächere Bearbeitungen an einer strengen Orientierung am erlernten Prüfungsschema ohne ausreichende Schwerpunktsetzung durch eine vertiefte Argumentation.3 Fehlende methodische Kompetenzen können dazu führen, dass Studierende trotz umfangreichen Fachwissens und sorgfältiger Vorbereitung nicht die erhofften Bewertungen erhalten.4 Die genannten Problembereiche lassen sich durch die Klausurenkorrektur nur eingeschränkt erfassen. Die Studierenden erhalten auch in umfangreichen Voten eher fachliche als methodische Rückmeldungen. Selbst Musterlösungen können den Studierenden nur eingeschränkt Aufschluss über Verbesserungsansätze im Hinblick auf die Begründung und Argumentation geben. A. * Die Autorin ist Akademische Rätin a. Z. an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Lehrstuhl Professor Dr. Raimund Waltermann). Das vorgestellte Lehrprojekt wurde im Rahmen des NRW-Zertifikatsprogramms „Professionelle Lehrkompetenz für die Hochschule“ im Sommersemester 2020 an der Universität Bonn durchgeführt. 1 Vgl. Kudlich/Christensen, in: JuS 2002, S. 144; Riehm/Heiß, in: ZDRW 2019, S. 267. 2 Kuhn, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 105 (107 ff.). 3 Zu typischen Begründungsfehlern Kuhn, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 105 (107 ff.); vertiefend Dauner-Lieb, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 41 ff. 4 Dauner-Lieb, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 41. 88 Methodenvorstellung ZDRW 1/2021, DOI: 10.5771/2196-7261-2021-1-88 Um die Argumentationsfähigkeit der Studierenden zu fördern, gibt es vielfältige rechtsdidaktische Ansätze.5 Ein Ansatz geht von einer Fehlerorientierung der juristischen Lehre aus, die neben den fachlichen Lehrinhalten auch die methodischen bzw. handwerklichen Kompetenzen für die Bearbeitung der Abschlussklausuren in den Blick nimmt.6 Diesen Ansatz greift das vorgestellte Projekt auf, das im Sommersemester 2020 im Rahmen der Vorlesung „Sozialrecht mit europäischen und internationalen Bezügen“ im Schwerpunktbereich „Arbeit und Soziale Sicherheit“ an der Universität Bonn durchgeführt wurde. Das Projekt integrierte eine gerichtliche Verhandlungssimulation, einen sogenannten Moot-Court, in die Vorlesung, um die Vermittlung fachlicher und methodischer Kompetenzen, insbesondere im Bereich der Argumentation, zu verknüpfen. Die Simulation einer Gerichtsverhandlung als Lehrmethode ist ursprünglich ein Konzept der Juristenausbildung in Großbritannien und den USA.7 In einer Verhandlungssimulation nehmen die Studierenden die Rolle einer an einem Rechtsstreit beteiligten Partei ein und erarbeiten auf dieser Grundlage eine Falllösung sowie eine juristische Argumentation. Die Teilnahme an nationalen und internationalen Moot-Courts wird zunehmend auch an deutschen Universitäten ermöglicht und gefördert.8 Je nach Ausgestaltung kann die Teilnahme an einem Moot-Court auf ein ganzes Semester angelegt sein, in dem eine umfassende fachliche Vorbereitung erfolgt, nach welcher die Teams verschiedener Universitäten den streitigen Fall vor Vertretern aus der Praxis verhandeln.9 Ausgehend von dieser Konzeption wurde die gerichtliche Verhandlungssimulation in angepasster Form als Element einer Vorlesung aufgenommen. Die Simulation dient dem Ziel, die Argumentations- und Rhetorikfähigkeiten der Studierenden durch eine parteispezifische Betrachtung eines Falls zu fördern. Durch die spezifische Rollenverteilung soll die Kompetenz der Studierenden gefördert werden, die rechtlich problematischen Fragestellungen aufzufinden und Argumente für die jeweilige Rechtsposition zu entwickeln. Der spezifische Fokus auf die Argumentationsfähigkeit soll insgesamt zu einer verbesserten Vorbereitung auf die Abschlussklausur beitragen. Der folgende Werkstattbericht befasst sich mit der Konzeption und Durchführung des Lehrprojekts. Zunächst werden die didaktischen Ziele vertieft (B.). Im Anschluss werden Konzept, Methodik und Durchführung (C.) sowie die digitale Adaption der Lehrveranstaltung in der Corona-Pandemie vorgestellt (D.). Abschlie- ßend (E.) werden mögliche Perspektiven für eine Einbindung von Verhandlungssimulationen in die Rechtsdidaktik aufgezeigt. 5 Vgl. das Falltraining zur aktuellen Rechtsprechung Riehm/Heiß, in: ZDRW 2019, S. 267 ff. 6 Zu diesem Ansatz Kuhn, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 105 (110 ff.); vgl. auch Dauner-Lieb, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 41 ff.; ebenso Riehm/Heiß, in: ZDRW 2019, S. 267 f. 7 Siefert, Moot-Courts in der britischen und deutschen Juristenausbildung, S. 41 ff.; Wissmann/Funk, in: ZDRW 2020, S. 49. 8 Siefert, Moot-Courts in der britischen und deutschen Juristenausbildung, S. 125 f. 9 Vertiefend zur Organisation und Durchführung Funk/Wissmann, in: ZDRW 2020, S. 49 ff. ZDRW 1 | 2021 89 Zielsetzung Das Konzept einer Verhandlungssimulation im Vorlesungskontext knüpft in didaktischer Hinsicht an die grundlegende Theorie des constructive alignment von Biggs an.10 Biggs legt seiner Theorie das Ziel zugrunde, die in einer Prüfung abgefragten Kompetenzen, die verfolgten Lehrziele und die angewandten didaktischen Methoden in Einklang zu bringen.11 Den Ausgangspunkt der Veranstaltung bildet mithin das übergreifende Ziel, die Kompetenz der Studierenden zu fördern, einen unbekannten Fall unter Anwendung der zugrundeliegenden Normen zu lösen und eine eigene Stellungnahme anhand der gesetzlichen Wertungen überzeugend zu begründen.12 Die juristische Falllösung setzt somit eine Spannbreite an Fähigkeiten voraus, beginnend vom Verständnis der Vorlesungsinhalte hin zu den komplexeren methodischen Kompetenzen des Anwendens, Analysierens und Bewertens.13 Insgesamt greifen in juristischen Lehrveranstaltungen methodische und fachliche Lehrziele ineinander.14 Die vorgestellte Verhandlungssimulation soll insbesondere die argumentativen Kompetenzen der Studierenden fördern. Der verwendete Übungsfall unterscheidet sich von den in Klausuren und Übungen gestellten Fällen dahingehend, dass diese regelmäßig aus neutraler Perspektive geschildert werden. Trotz dieses Ausgangspunkts zeichnen sich gute Klausurbearbeitungen dadurch aus, dass sie in der Falllösung auf einer abstrakten Ebene „die Rolle beider „Parteien” sowie die des entscheidenden Richters“ einnehmen.15 In einer Klausurlösung sind die Positionen der Parteien Ausgangspunkt der rechtlichen Prüfung, die letztlich aus gutachterlichneutraler Perspektive abgefasst wird. In diesem Sinn geht Schapp von einem dialogisch strukturierten Anspruchsaufbau im Zivilrecht aus.16 Der fiktive entscheidungsvorbereitende Dialog wird anhand der gesetzlichen Tatbestandsmerkmale des zivilrechtlichen Anspruchs strukturiert. Innerhalb der Auslegung jedes Tatbestandsmerkmals wird die in einem Obersatz aufgestellte Hypothese unter Auslegung des Gesetzes argumentativ bestätigt oder widerlegt.17 Die Auslegung des Gesetzes hat hierbei, wie es das Bundesverfassungsgericht zum Verfassungsrecht formuliert, „den Charakter eines Diskurses, in dem auch bei methodisch einwandfreier Arbeit nicht absolut richtige, unter Fachkundigen nicht bezweifelbare Aussagen dargeboten werden, sondern Gründe geltend gemacht, andere Gründe dagegengestellt werden und schließlich die besseren Gründe den Ausschlag geben sollen.“18 B. 10 Biggs, in: Higher Education 32(3), S. 347 (360 ff.) (1996). 11 Vgl. auch Dauner-Lieb, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 41 (43). 12 Zu dieser Zielsetzung Dauner-Lieb, in: Griebel/Gröblinghoff (Hrsg.), S. 41 (43). 13 Grundlegend zur Lehrzieltaxonomie Anderson/Krathwohl (Hrsg.), A Taxonomy for Learning, Teaching and Assessing: A Revision of Bloom’s Taxonomy of Educational Objectives, S. 27 ff. 14 Schärtl, in: ZDRW 2018, 336 (339). 15 Kudlich/Christensen, in: JuS 2002, S. 144 (145). 16 J. Schapp, Methodenlehre des Zivilrechts, S. 46 ff.; vgl. auch Gröschner, in: JZ 2018, S. 737 (739). 17 Kudlich/Christensen, in: JuS 2002, S. 144 (145). 18 BVerfG NJW 1990, S. 2457 (2458). 90 Methodenvorstellung Die prozessuale Annäherung an eine Fallgestaltung eignet sich, um den Studierenden den dialogischen Ausgangspunkt der juristischen Falllösung exemplarisch zu verdeutlichen. So bilden die Studierenden aus der zunächst zugänglicheren Perspektive einer Partei des Rechtsstreits Argumente für eine Rechtsposition bei der Auslegung der gesetzlichen Tatbestandsmerkmale. Diese werden auf einer zweiten Ebene im Kontrast zu den Gegenargumenten evaluiert und rechtlich bewertet. Zuletzt vollzieht sich auf der Entscheidungsebene ein Perspektivwechsel von der parteibezogenen zu einer neutralen Betrachtungsweise, wenn die Studierenden in der Gesetzesauslegung eine abschließende Entscheidung über eine konkrete Fragestellung treffen. Konzept und Durchführung des Lehrprojekts Übungsfall Die Verhandlungssimulation wurde im Sommersemester 2020 an insgesamt zwei Vorlesungsterminen anhand eines Übungsfalls aus dem Unfallversicherungsrecht durchgeführt, der einer Entscheidung des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2016 nachempfunden ist.19 Aus aktuellem Anlass der Corona-Pandemie standen die Ver- änderungen der Arbeitswelt und die Tätigkeit im Home-Office im Fokus. So wurde eine Fallgestaltung entworfen, die sich mit der Frage befasst, wann bei einer Tätigkeit im Home-Office ein Arbeitsunfall i. S. v. § 8 Abs. 1 SGB VII vorliegt und anhand welcher Kriterien der versicherte Bereich der Beschäftigung von dem privaten, unversicherten Bereich abzugrenzen ist.20 Ablauf der Verhandlungssimulation Die Verhandlungssimulation gliederte sich in drei Phasen. In der ersten Phase wurden die Studierenden in Gruppen aufgeteilt, das Fallblatt sowie Rollenprofile ausgegeben und der Fall in Eigenarbeit vorbereitet. Die erste Gruppe befasste sich mit der Perspektive der unfallversicherten Arbeitnehmerin, die zweite Gruppe mit der Perspektive der Unfallkasse, die eine Anerkennung des Arbeitsunfalls ablehnte. Ergänzend zum Sachverhalt des Falls erhielten die Studierenden Rollenprofile mit Rechtsansichten, aus denen sich mögliche Anhaltspunkte für die Argumentation im Rahmen der Auslegung des Tatbestandsmerkmales der „versicherten Tätigkeit“ in § 8 Abs. 1 SGB VII ableiten ließen. So plädierte die versicherte Partei für eine Gleichbehandlung von Unfällen auf Wegen im Home-Office gegenüber entsprechenden Unfällen im Betrieb, während sich die Unfallkasse auf die Notwendigkeit klarer Abgrenzungskriterien im häuslichen Bereich berief. Nach der Ausgabe der Materialien hatten die Studierenden zwei Wochen Zeit, um den Fall in Eigenarbeit zu lösen und speziell aus der Perspektive ihrer Partei vorzubereiten. C. I. II. 19 Die Fallgestaltung orientiert sich an der Entscheidung BSGE 122, 1 ff. 20 Vgl. Chandna-Hoppe, Projektdokumentation aus der Lehrpraxis, S. 5 f., https://www.bzh.uni-bonn. de/de/fuer-lehrende/individuelle-lehr-lernprojekte (7.10.2020). ZDRW 1 | 2021 91 In der zweiten Phase erfolgte eine gruppenbezogene Vorbesprechung des Falls innerhalb der einzelnen Teams. In der Vorbesprechung sollten die Studierenden ihre Ergebnisse und Argumente sammeln und abgleichen. Während der Gruppenbesprechung blieben die Studierenden nach einer kurzen Einführung unter sich, damit in informeller Runde ein offener Abgleich der Positionen erfolgen konnte. Durch die umfangreiche Vorbereitung sollten auch zurückhaltende Studierende aktiviert und zu einer Beteiligung an der späteren Plenumsdiskussion motiviert werden. In der dritten Phase der Simulation wurde der Rechtsstreit im Plenum verhandelt. Dies erfolgte in einer moderierten Gruppendiskussion. Die Moderation durch die Lehrperson gewährleistete, dass keine ungegliederte Argumentation, sondern vielmehr ein rationaler Diskurs entlang der wesentlichen rechtlichen Fragestellungen erfolgte.21 Zur Strukturierung wurde die Argumentation visuell durch Folien begleitet, die das an den gesetzlichen Tatbestandsmerkmalen orientierte Prüfungsschema eines Arbeitsunfalls aufzeigten. Die jeweiligen Tatbestandsmerkmale bildeten den Ausgangspunkt der Abwägung und Argumentation im Rahmen der Gesetzesauslegung, die zum Abschluss die Subsumtion und die juristische Entscheidungsfindung vorbereitete.22 In der Plenumsdiskussion ging es nicht darum, als Gruppe die Verhandlung zu „gewinnen“ oder allein die Argumente der zugrundeliegenden Entscheidung wiederzugeben. Ziel der Simulation war nicht allein die Rezeption der höchstrichterlichen Entscheidung, sondern vor allem die Entwicklung eigener Argumente im Rahmen der Gesetzesauslegung. Im Zentrum standen somit die Qualität und Überzeugungskraft sowie die Schwerpunktsetzung der juristischen Argumentation. Im Anschluss an die Diskussion zu den prüfungsbedürftigen Voraussetzungen des Arbeitsunfalls erfolgte eine Abfrage der Zwischenergebnisse, in der die Studierenden abstimmen konnten, welchem Ergebnis sie sich aus unparteiischer Perspektive anschließen würden. Mithin konnten die Studierenden zugleich auch als Richterinnen und Richter über den Fortgang der Falllösung mitentscheiden. Dies führte dazu, dass die Studierenden in der Verhandlungssimulation den auch in einer gutachterlichen Klausurlösung erforderlichen Perspektivwechsel in die neutrale Perspektive nachvollzogen. Abschlussbesprechung und Evaluation der Methodik Abschlussbesprechung – Take-Home-Message In der folgenden Vorlesungsstunde erfolgte eine Abschlussbesprechung zu den allgemeingültigen Erkenntnissen der Simulation für die juristische Argumentation und eine abschließende Zusammenfassung in einer Take-Home-Message.23 In die- III. 1. 21 Vgl. zu dieser Zielsetzung Riehm/Heiß, in: ZDRW 2019, S. 267 (272). 22 Zur Abwägung Gröschner, in: JZ 2018, S. 737 (744 f.). 23 Zu dieser Methodik Riehm/Heiß, in: ZDRW 2019, S. 267 (274). 92 Methodenvorstellung sem Zusammenhang wurden die folgenden Fragen diskutiert: An welchen Punkten des Prüfungsaufbaus und warum wird juristische Argumentation erforderlich? Welche Typen von Argumenten können unterschieden werden? Was zeichnet juristische Argumente aus? Wie können Argumentationstechniken in juristischen Klausuren nutzbar gemacht werden?24 Anhand dieser Fragen erfolgte ein Austausch über die Argumentationsstrukturen und -muster, sodass die Studierenden die praktischen Erkenntnisse aus der vorausgegangenen Simulation noch einmal auf methodischer Ebene reflektieren konnten. Begleitende Materialien Zum Abschluss des Projekts erhielten die Studierenden eine ausformulierte Musterlösung des besprochenen Falls. Zur Verdeutlichung der Argumentationsstränge, wurden die in der Verhandlungssimulation gebildeten und diskutierten Argumente je nach Position farblich getrennt dargestellt. Die Lösungsskizze griff in Fußnoten auch Aufbau- und Strukturierungsfragen der Studierenden während der Verhandlungssimulation auf und erläuterte verschiedene mögliche Aufbau- oder Entscheidungswege. Vergleichende Zwischenevaluation Die Reaktionen auf die Gestaltung der Online-Vorlesung und die Durchführung einer Verhandlungssimulation waren durchweg positiv. So ergab sich im Plenum durch die direkte Konfrontation von Rede und Gegenrede eine motivierte Diskussion, an der sich auch sonst eher zurückhaltende Studierende beteiligten. Viele Studierende meldeten darüber hinaus zurück, dass ihnen die Argumentationsstrukturen, -muster und -techniken anhand eines praktischen Beispiels deutlich vergegenwärtigt worden seien. Andere Teilnehmer gaben an, der Übungsfall sei sehr hilfreich für die Vorbereitung auf die Abschlussklausur. Der überwiegende Teil der Studierenden befürwortete die Aufnahme einer Verhandlungssimulation in den Vorlesungskontext. Digitale Adaption im Sommersemester 2020 Aufgrund der Entwicklungen der Corona-Pandemie wurde die Vorlesung Sozialrecht im Sommersemester 2020 vollständig digital durchgeführt. Die digitale Planung und Durchführung des Lehrprojekts führte zu Herausforderungen in der didaktischen Konzeption des Projekts, da die Verhandlungssimulation grundsätzlich von einer persönlichen Interaktion der Beteiligten profitiert. Zugleich bot die Verhandlungssimulation in einem vollständig digitalen Semester auch deutliche Vorteile. Zum einen ermöglichte die Simulation eine Kombination synchroner und asynchroner Lehrelemente, durch die das Eigenstudium der Studierenden mit den Lehr- 2. 3. D. 24 Vgl. zur juristischen Argumentation Mann, Einführung in die juristische Arbeitstechnik, Rn. 219, 299 ff., 383 ff.; T. Möllers, Juristische Arbeitstechnik und wissenschaftliches Arbeiten, S. 53 ff.; Kudlich/Christensen, in: JuS 2002, S. 144 ff. ZDRW 1 | 2021 93 veranstaltungen im Plenum verknüpft wurde.25 Zum anderen bot gerade der Peer- Austausch in der Gruppenphase den Vorteil, dass sich die Studierenden ohne Beteiligung der Lehrperson untereinander austauschen konnten. Zuvor hatten die Studierenden berichtet, dass gerade der informelle Austausch zwischen den Studierenden am Rande der Lehrveranstaltung in den Online-Vorlesungen des digitalen Semesters zu kurz komme. Die Gruppenphase konnte diese Problematik nicht vollständig beheben; sie bildete jedoch den Rahmen für eine vertiefte fachliche Zusammenarbeit. Insbesondere ermöglichte die umfassende Einzel- und Gruppenvorbereitung des Falls allen Studierenden eine Beteiligung an der Diskussion. Besonders erfreulich war, dass sich in der Verhandlungssimulation auch Studierende mit Video und Ton der Konferenz zuschalteten, die zuvor nur rein passiv an der Vorlesung teilgenommen hatten.26 In diesem Sinn eignete sich die Verhandlungssimulation speziell auch als Lehrmethodik in der digitalen Lehre. Fazit und didaktische Perspektiven Insgesamt ermöglichte die Verhandlungssimulation in der Vorlesung Sozialrecht eine interaktive Vermittlung juristischer Methoden im fachspezifischen Kontext. Der in die Veranstaltung integrierte Moot-Court verdeutlichte die rechtlichen, tatsächlichen sowie die prozessualen Zusammenhänge des Sozialrechts, einem Rechtsgebiet, mit dem die Studierenden in ihrem bisherigen Studium noch wenig in Berührung kamen. Der praktische Fall vermittelte eine typische prozessuale Situation im Unfallversicherungsrecht, die den Ausgangspunkt einer vertieften rechtlichen Analyse bildete. Die Verhandlungssimulation ließe sich über das Sozialrecht hinaus ohne Weiteres auch auf andere Rechtsgebiete übertragen. In organisatorischer Hinsicht könnte die Simulation alternativ auch als Blended Learning-Element konzipiert werden,27 indem die vorbereitenden Phasen in digitalen Treffen durchgeführt werden, während die Plenumsdiskussion in Präsenz erfolgt. Unabhängig von der konkreten Durchführung besteht ein zentraler Vorteil der Methodik in der umfassenden Aktivierung aller Studierenden, da die Lehrperson während des Großteils der Simulation die Rolle eines Moderators einnimmt und bei der Falllösung nur ergänzend unterstützt. Auch führt die umfassende Vorbereitung der Studierenden in Einzel- und Gruppenarbeit zu einer produktiven Diskussionsatmosphäre und einer positiven Kultur des Hinterfragens. Die parteispezifische Rollenverteilung erleichtert es den Teilnehmenden, Argumente im Rahmen der Gesetzesauslegung zu entwickeln und fördert mithin auch übergreifende methodische Kompetenzen. Die Verhandlungssimulation ist somit ein Ausgangspunkt für die Reflexion über Techniken und Darstellungsmöglichkeiten der juristischen Argumentation im Rah- E. 25 Vertiefend zu digitalen Lehrformaten Schärtl, in: ZDRW 2018, 336 (342 ff.); Zwickel, ZDRW 2020, S. 128 (134 f.). 26 Zur Aktivierung in der digitalen Lehre Zwickel, ZDRW 2020, S. 128 (130 f.). 27 Grds. Wiebe/Kreutz, in: JURA 2015, S. 1 (2 f.). 94 Methodenvorstellung men der Gesetzesauslegung. Insgesamt kann der vorgestellte Ansatz daher einen Baustein für die umfassende Entwicklung juristischer Methodenkompetenz im Schwerpunktbereichsstudium bilden. Literaturverzeichnis Anderson, Lorin W./Krathwohl, David R. (Hrsg.), A Taxonomy for Learning, Teaching and Assessing: A Revision of Bloom’s Taxonomy of Educational Objectives: Complete Edition, New York: Longman 2001. 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References
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Zwickel, Martin, Juristische Lehre in Zeiten von Corona – Ein Griff in die digitale Trickkiste, in: ZDRW 2020, S. 128-141.

Abstract

The journal “Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft (ZDRW)” is a journalistic forum for all aspects of the academic discourse about the teaching and learning of the law and legal studies. It opens and consolidates the perspective of research with regard to teaching and thus contributes new knowledge to the debate about legal studies and university didactics.

ZDRW thus forges links between general university didactics, specialized legal didactics and legal studies. Horizons are thus broadened on both sides and different perspectives enabled with regard to teaching and learning the law. This signifies an interdisciplinary approach since in addition to legal studies, other disciplines are called on to contribute their own knowledge on teaching and learning processes. These include general higher education didactics, psychology, neurosciences and educational science, sociology and other specialized higher education didactics able to contribute towards specialized teaching in legal studies.

ZDRW addresses all phases and aspects of legal education, providing general assistance for the improvement of both teaching and learning. To this end, apart from academic articles, a practical teaching forum is planned which will present ideas and discussions of detailed concepts for events and courses of study as well as individual didactical methods, thus providing impulses and points of connection for the individual teaching activities of our readers at various levels.

Website: www.zdrw.nomos.de

Zusammenfassung

Die „Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft (ZDRW)“ stellt ein publizistisches Forum für alle Aspekte der wissenschaftlichen Befassung mit der Lehre und dem Lernen des Rechts und der Rechtswissenschaft dar. Sie eröffnet und verstetigt die Forschungsperspektive auf die Lehre und bringt damit neue Erkenntnisse in den rechtswissenschaftlichen und hochschuldidaktischen Diskurs ein.

Die ZDRW schlägt damit Brücken zwischen der allgemeinen Hochschuldidaktik, der rechtswissenschaftlichen Fachdidaktik und der Rechtswissenschaft. So werden wechselseitig Blickwinkel erweitert und verschiedene Perspektiven auf das Lehren und Lernen von Recht und Rechtswissenschaft eröffnet. Damit ist bereits ein interdisziplinärer Anspruch benannt, da neben der Rechtswissenschaft selbst auch jene Disziplinen aufgerufen sind, die ihrerseits Erkenntnisse zu Lehr-Lern-Prozessen anbieten, diese einzubringen. Hierzu zählen neben der allgemeinen Hochschuldidaktik, der Psychologie, den Neuro- und Erziehungswissenschaften sowie der Soziologie auch andere Hochschulfachdidaktiken, von deren Erfahrungen die rechtswissenschaftliche Fachdidaktik profitieren kann.

Die ZDRW nimmt alle Phasen und Aspekte der Ausbildung in den Blick und gibt allen Hilfestellung, die Lehre und damit das Lernen zu verbessern. Hierfür ist neben den wissenschaftlichen Beiträgen ein lehrpraktisches Forum vorgesehen, das von der Vorstellung und Diskussion ausführlicher Veranstaltungs- oder auch Studiengangskonzepte bis zur Präsentation einzelner didaktischer Methoden auf vielen Ebenen Anregungen und Anknüpfungspunkte für die eigene Lehrtätigkeit der Leser bietet.

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