Christoph Safferling, Lex Rosenburg: Überfällig oder überflüssig? in:

ZDRW Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft, page 62 - 75

ZDRW, Volume 6 (2019), Issue 1, ISSN: 2196-7261, ISSN online: 2196-7261, https://doi.org/10.5771/2196-7261-2019-1-62

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Lex Rosenburg: Überfällig oder überflüssig? Christoph Safferling* Als ich begann gemeinsam mit Manfred Görtemaker an dem Rosenburg-Projekt zu arbeiten, hatte ich sicherlich nicht daran gedacht, die Ausbildung der Juristinnen und Juristen in Deutschland zu reformieren.1 In Reaktion auf die Ergebnisse unserer Studie wird nun eine Ergänzung des Studiums um eine zwingende Beschäftigung mit dem NS-Unrecht (und ggf. auch dem SED-Unrecht) gefordert. Da ich insofern Teil des Problems bin, lege ich hier lediglich ein paar Erfahrungsperspektiven nieder und agiere in dieser Form gleichsam selbst als Zeitzeuge der beschriebenen Entwicklung. Für analytische Gedanken sind in diesem Heft besser andere berufen, die „unbelastet“ an die Sache herangehen können. Erfahrungen vor dem Rosenburgprojekt In meinem eigenen Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität war die NS- Vergangenheit immer wieder Thema. In den frühen 1990er Jahren brach sich die Diskussion um den Rechtspositivismus im Mantel der Mauerschützenprozesse Bahn und die Radbruchsche Formel gewann neue, praktische Aktualität. Ich hörte Gastvorträge von Monika Frommel über einen „elaborierten Rechtspositivismus“,2 von Bernd Rüthers über die Methodenlehre bei Karl Larenz,3 und lauschte Bernd Schünemanns Ausführungen zu einer soziologischen Interpretation des Rechtspositivismus,4 das alles freilich in von Studierenden organisierten Veranstaltungen. Aber auch in den Vorlesungen und Seminaren erlebte ich Sensibilität der Geschichte gegenüber, wenn Claus Roxin über die „Organisationsherrschaft“ sprach5 oder Hermann Nehlsen über die Perversion von Diskriminierung und Rassenhygiene dozierte.6 Als dann aber kurz hintereinander mit zunächst Karl Larenz (24.1.1993) und darauf Theodor Maunz (10.9.1993) zwei Fakultätsmitglieder starben, die in hohem Maße belastet waren, war es enttäuschend, dass sich die Fakultät nicht zu einer kritischen Stellungnahme durchringen konnte. Als damaliger studentischer Vertreter im Fachbereichsrat hatte ich in vielen Gesprächen einen entsprechenden Antrag der Studierenden diskutiert und während ich dabei offenen A. * Christoph Safferling ist Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und dort Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Völkerrecht. 1 Hierzu auch: Nettersheim, in: FS Graf-Schlicker, S. 629. 2 Frommel, in: FS Arthur Kaufmann, 1993, S. 81. 3 Vgl. hierzu Rüthers, in: JZ 2011, S. 593. 4 Schünemann, Aufarbeitung von Unrecht aus totalitärer Zeit, in: Pawlowski/Roellecke (Hrsg.), Der Universalitätsanspruch des demokratischen Rechtsstaates, ARSP Beiheft Nr. 65, S. 97. 5 Vgl. seine Ausführungen in Roxin, Strafrecht Allgemeiner Teil, Band 2, München 2003, § 25 Rn. 105 ff. 6 Vgl. hierzu Nehlsen, Der Zweite Weltkrieg in seiner Wirkung auf das Strafrecht während der NS- Zeit. Der Krieg als Argument, in: Schubert/Grimm/Nehlsen (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg und die Gesellschaft in Deutschland 50 Jahre danach, St. Ottilien 1996, S. 311. 62 Safferling | Lex Rosenburg ZDRW 1/2019, DOI: 10.5771/2196-7261-2019-1-62 und nachdenklichen Professoren begegnet bin, war doch ein öffentliches Statement nicht diskutabel. Im Referendariat am OLG München spielte die NS-Justiz keine Rolle. Das war in anderen Bundesländern offensichtlich anders, wo, etwa in Hessen, speziell für Referendare entsprechende Veranstaltungen angeboten wurden, die dann aber teilweise aus finanziellen Gründen zurückgefahren wurden. Für mich selbst begann dann eine zunehmend intensivere Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit und der „Aufarbeitung“ derselben. Zunächst spielten dabei die Ende der 1999er Jahre aufkommenden Fragen der Entschädigung für Zwangsarbeiter und die (häufig vergessene) Rückerstattung von beschlagnahmten Konten und Lebensversicherungen eine wichtige Rolle.7 Die Beschäftigung mit dem Völkerstrafrecht schließlich erfordert geradezu zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit dem Nürnberger Prozess und den Nachfolgeprozessen und damit auch mit dem NS-Justizunrecht. Durch teilweise im Studium und auch später entstandene Kontakte vor allem nach England und in die USA wurde mir zweierlei deutlich: Zum einen wird man als Deutscher immer mit der NS-Vergangenheit konfrontiert; zum anderen genießt der deutsche Jurist dort ein ungeheuer hohes Ansehen. Das ist zumindest insofern erstaunlich als doch die Juristenelite von 1933 maßgeblich an der Demontage des Rechtsstaats mitgewirkt und das Unrechtssystem des Volksgerichtshofs und der Sondergerichte durchgesetzt hat. Aber auch Telford Taylor spricht in seinem Eröffnungsstatement im Nürnberger Juristenprozess vielleicht etwas pathetisch, aber eben auch respektvoll von dem „Tempel der deutschen Justiz“, der „neu geweiht“ werden müsse. Es ist auch Ausdruck des Entsetzens und des Unverständnisses über das Versagen der deutschen Elite und ihrem „Verrat“ an den westlichen Werten.8 Ein Grund für dieses Ansehen liegt sicherlich in der dem deutschen Juristen eigenen Fähigkeit zu Abstraktion, zur Konzentration auf das Wesentliche und Reduktion auf das juristische Argument. Genau darin liegt aber auch seine Schwäche: Die Instrumentalisierbarkeit durch das politische System. Trotz dieser vielfältigen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus war ich nicht wirklich vorbereitet auf das, was ich im Rosenburgprojekt antraf. Erfahrungen während des Rosenburgprojekts Zwei Dinge haben mich während der Arbeit in der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im BMJV am meisten schockiert. Das eine war die Verpackung des Unrechts in technisch perfekter juristischer Sprache und Form. Das andere war der definitive Glaube der untersuchten Personen im BMJ daran, nichts falsch gemacht zu haben, gepaart mit einer teilweise erschreckenden Unverfrorenheit in der Konstruktion der Rechtfertigung. Das Erste hat natürlich mit dem Zweiten zu tun, es bedingt das Zweite, denn nur we- B. 7 Safferling, in: NJW 2000, S. 1922. 8 Taylor, in: International Military Tribunal (Hrsg.), Bd. VI, S. 114. ZDRW 1 | 2019 63 gen der technisch perfekten Verpackung ließ sich nachher daran glauben, alles richtig gemacht zu haben. Drei Beispiele: Franz Schlegelberger Franz Schlegelberger war ein nationalkonservativer Jurist der Weimarer Zeit. Gewiss ein feiner Herr und Honorarprofessor an der Universität Berlin. Bereits seit 1.4.1918 war er als Hilfsarbeiter in das Reichsjustizministerium gekommen und kletterte die Laufbahn nach oben. Franz Gürtner machte ihn schließlich 1931 zum Staatssekretär. Nach Gürtners Tod 1941 war Schlegelberger kommissarischer Leiter des Ministeriums bis zur Ernennung Otto Thieracks als neuen Minister. Schlegelberger schied mit dessen Ernennung aus dem Amt aus, reich beschenkt von Adolf Hitler persönlich. Nach Ende des Kriegs wurde ihm, dem höchstrangigen noch lebenden Juristen der NS-Zeit, in Nürnberg im sog. Juristenprozess vorgeworfen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Er verteidigte sich in Nürnberg auf die bekannte Art, er habe doch Schlimmeres verhindert. Die Nürnberger Richter müssen auch zugestehen: Nach 1942 wurde es tatsächlich schlimmer. Thierack unterwarf die Justiz gänzlich dem Polizeistaat.9 Schlegelberger war trotz der unerbittlichen und permanenten Einflussnahme der NSDAP „anständig geblieben“.10 In der öffentlichen und politischen Wahrnehmung der unmittelbaren Nachkriegszeit war das der Maßstab: Man habe sich charakterlich anständig verhalten. So schreibt der Erste Bundesjustizminister Thomas Dehler über seinen Ministeriumsmitarbeiter und späteren Bundesrichter Ernst Kanter, der als Oberster Militärrichter im besetzten Dänemark sämtliche Todesurteile der Militärjustiz gegengezeichnet hat, er habe „während der NS-Zeit bei ständiger persönlicher Gefährdung eine selten vorbildliche Haltung bewiesen“.11 Aber auf welch perfide Art hatte auch Schlegelberger das Recht pervertiert: Der Nacht und Nebel-Erlass12; die Polen- und Judensonderstrafrechtsverordnung; die Nichtverfolgung der Euthanasie-Ärzte im T-4 Programm, für all diese Maßnahmen trug er die politische Verantwortung im Reichsjustizministerium und machte sich dadurch mitschuldig an schwersten Verletzungen elementarer Grundrechte.13 Ihn trifft damit die Beschreibung der Verantwortung der Angeklagten seitens der Nürnberger Richter in besonderem Maße: Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen verborgen („The dagger of the assassin was concealed beneath I. 9 Hierzu: Schädler, „Justizkrise" und „Justizreform" im Nationalsozialismus, passim. 10 International Military Tribunal (Hrsg.), Bd. III, S. 1086. 11 Bundesjustizminister Dehler an Justizminister NRW Amelunxen am 13.2.1952, BMJ PA Kanter P-11 K 20, Bl. 59. 12 International Military Tribunal (Hrsg.), Bd. X, S. 700; vgl. dazu Whitney Harris, Tyrannen vor Gericht, S. 213 ff. 13 Vgl. hierzu Michael Förster, Jurist im Dienst des Unrechts, passim. 64 Safferling | Lex Rosenburg the robe of the jurist“).14 Juristen kleideten die schweren Verbrechen in den Schein der Rechtmäßigkeit, wie dies von der NSDAP gewünscht war. Nach den Nürnberger Prozessen geriet die Verantwortung von Juristen wieder in Vergessenheit. Vor den Schranken des Strafrechts hatten die Herren hinter den Schreibtischen sich nichts vorzuwerfen. Sie konnten sich weiter einreden „anständig geblieben“ zu sein. Schlegelberger selbst wurde in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt. Bereits 1951 wurde er jedoch wegen Haftunfähigkeit aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen. Er bezog eine Staatssekretärsrente, worum ein weiteres, langwieriges Gerichtsverfahren geführt wurde.15 In der Folge betätigte er sich fleißig als Kommentator des BGB und des HGB. Er starb am 14.12.1970 in Flensburg. Aber was bedeutet es denn wirklich für einen Juristen, „anständig“ zu bleiben? Kann man das von sich behaupten, wenn man, wie Schlegelberger, an der gesetzlichen Grundlage mitgewirkt hat, durch die 10.000 Menschen, vermeintliche Widerstandskämpfer, verschleppt, unter völliger Kontaktsperre in Konzentrationslagern gehalten und mindestens 340 von ihnen in Geheimverfahren zum Tode verurteilt wurden?16 Der Bundesgerichthof hat mehr als 45 Jahre nach dem Juristenprozess im Zusammenhang mit den Tötungen an der deutsch-deutschen Grenze in den 1990er Jahren, in den sog. Mauerschützenprozessen, einen neuen Blick auf Schreibtischtäter und deren strafrechtliche Verantwortung entwickelt.17 Sie werden nunmehr als mittelbare Täter für die Verbrechen selbst (in diesem Fall Tötungen an der innerdeutschen Grenze) angesehen, die organisatorische Machtstrukturen zur Begehung der Tat ausgenutzt haben. Auch der Umstand, dass sie nicht alleine, sondern als Mitglieder in einem Gremium Befehle erteilt und Gesetze beschlossen hatten, ändert an der Verantwortung nichts. Der BGH: „Die Angeklagten waren als Mitglieder des Nationalen Verteidigungsrats Angehörige eines Gremiums, dessen Entscheidungen zwingende Voraussetzungen für die grundlegenden Befehle waren, auf denen das Grenzregime der DDR beruhte. Sie wußten, daß die auf den Beschlüssen des Nationalen Verteidigungsrats beruhenden Befehle ausgeführt wurden.“18 Die angeklagten Funktionäre konnten sich nicht darauf berufen, im Vergleich zum Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben.19 Ebenso wenig konnten sie darauf verweisen, für die Verbrechen nicht kausal geworden zu sein, da sie im Gremium ohnedies überstimmt worden wären. 14 International Military Tribunal (Hrsg.), Bd. III, S. 985. 15 von Alten, Recht oder Unrecht?, passim. 16 Huhle, in: zfmr 2014, S. 120 ff. 17 BGHSt 40, 218-240; bestätigt in: BGHSt 45, 270. 18 BGHSt 40, 218 Rn. 88. 19 BGHSt 45, 270 Rn. 138. ZDRW 1 | 2019 65 Hypothetische Kausalverläufe bleiben unbeachtlich.20 Anständig sein kann man nach diesem Maßstab also nur dann, wenn man sich komplett verweigert, straflos ist man nur dann, wenn man aus dem Gremium, das verbrecherische Beschlüsse fasst, ausscheidet. Das Ergebnis dieses anständigen Verhaltens wäre der schöne Traum in Abwandlung eines bekannten Satzes: „Stell‘ Dir vor, eine menschenverachtende Partei kommt an die Macht, und kein Jurist macht mit“.21 Der BGH hat angesichts des SED-Unrechts im Ergebnis ganz ähnlich entschieden wie der Nürnberger Militärgerichtshof im Juristenprozess. Zuständig war der Berliner, jetzt der Leipziger Senat des BGH, der 1969 mit der Entscheidung zur kalten Amnestie im Handstreich die Verfolgung von NS-Verbrechen fast komplett zum Erliegen gebracht hatte. Berichterstatter im 5. Strafsenat war nun übrigens Hartmuth Horstkotte, der selbst 1968 als Hilfsreferent in der Abteilung II im BMJ das Drama um die Verjährung durch das EGOWiG hautnah miterlebt hatte.22 Eduard Dreher Die Person Dr. Eduard Drehers ist im Kontext der juristischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gewiss die prominenteste Figur, da ihm innerhalb des Ministeriums als zuständigem Unterabteilungsleiter die Verantwortung für die durch das EGOWiG eingeführte Änderung des StGB zukam, die in der Folge zur „kalten Amnestie“ und damit zur Straflosigkeit von hunderten von NS-Tätern führte.23 Auf seinen Anteil an diesem Skandal kommt es mir hier nicht an. Dieser Anteil war aber selbstverständlich der Grund dafür, dass wir im Rahmen unserer Forschung Dreher und seiner Tätigkeit vor und nach 1945 besondere Aufmerksamkeit widmeten. Diese Tätigkeit erwies sich in mehrerlei Hinsicht als besonders schockierend, immer berücksichtigend, dass Dreher in der Bundesrepublik Deutschland zu einer der einflussreichsten Kommentatoren des Strafgesetzbuchs aufstieg und bis zu seinem Tod blieb. Einiges war schon vorher bekannt. Erster Staatsanwalt in Innsbruck war Drehers Position von 1940 bis zum Kriegsende. Der eigentlich in seiner Heimatstadt Dresden tätige Staatsanwalt Dreher hat sich selbst um eine Versetzung nach Innsbruck ans Sondergericht bemüht. Dass er dort für Bagatelltaten die Todesstrafe einforderte, führte in der frühen Bundesrepublik immerhin dazu, dass er nicht zum Bundesrichter berufen wurde. Drei solcher Taten sind bis in die frühen 1960er Jahre ruchbar geworden und wurden ihm vorgehalten. Einen Beitrag zur Aufklärung hat er nie geleistet. Er hat immer nur dann und immer nur soviel zugestanden, wie er aufgrund der ihm vorgelegten Akten musste. Die Recherche seiner Tätigkeit im Landesarchiv Tirol brachte insgesamt 17 Verfahren zum Vorschein, in denen Dreher II. 20 BGHSt 45, 270 Rn. 114. 21 Der Satz stammt aus der Friedensbewegung der Kriegsdienstverweigerer in den USA der späten 1960er Jahre „Suppose They Gave a War and No One Came“. 22 S. dazu Görtemaker/Safferling, Die Akte Rosenburg, S. 407. 23 Ausführlich beschrieben in: Görtemaker/Safferling, Die Akte Rosenburg, S. 399 ff. 66 Safferling | Lex Rosenburg Todesstrafen gefordert hat. Zwei Umstände waren bei dieser Recherche schockierend. Beim Durchsehen der Strafakten, die Dreher in diesen fünf Jahren in Innsbruck bearbeitet hatte, wurde deutlich, in welcher Normalität und Routine die NS- Terrorjustiz durchgeführt wurde. Formal sind die Akten, in denen ein Plünderer zum Tode oder ein „Rundfunkverbrecher“ zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, ohnedies kaum von Akten aus heutiger Zeit zu unterscheiden. Ermittlungen, Abschlussverfügung, Hauptverhandlung, Urteil, Vollstreckungsheft usw. sind von der Form her identisch mit Akten von Verfahren irgendeines beliebigen Landgerichts. Des Weiteren war das Verhalten Drehers schockierend, in anderen Fällen, in denen es nicht um die Todesstrafe ging, sondern um das Heimtückegesetz oder Rundfunkvergehen. Oftmals ließ er nicht locker, auch wenn ihm das Sondergericht nicht in seinem Strafantrag folgte. Nichtigkeitsbeschwerden zum Reichsgericht oder Verschärfung der Strafvollstreckung waren keine Seltenheit. Begnadigungsgesuche wurden in keinem Fall unterstützt. Dreher war von der Richtigkeit des NS-Terrors überzeugt und half ihn durchzusetzen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Um ein Haar wäre es nach dem Krieg mit der Karriere Drehers zu Ende gewesen. Im Entnazifizierungsverfahren kommt er mit etwas Glück als „Mitläufer“ durch. In Stuttgart gelingt ihm nur mit Not die Aufnahme in die Rechtsanwaltskammer.24 Er schaffte es, über einen Aufsatz, in dem er Adolf Arndt nach dem Mund redete,25 dessen Aufmerksamkeit zu erhalten, so dass dieser ihn schließlich, ohne ihn zu kennen, weiterempfahl. Auf der Rosenburg machte der fleißige und ehrgeizige Dreher schnell auf sich aufmerksam. Er sollte Bundesrichter werden. Doch dann stolpert er doch über seine Vergangenheit. Bundesrichter wird er nicht, aber er macht weiter Karriere im BMJ bis zum Unterabteilungsleiter. Schockiert hat mich Dreher nun ein weiteres Mal. Wie geht er mit dem Vorwurf um, er hätte 1943 im Fall Anton Rathgeber wegen einer einfachen Plünderung die Todesstrafe nach § 1 der Volksschädlingsverordnung beantragt? Das methodisch pikante an dem Fall war, dass nach § 1 Volksschädlingsverordnung „Plündern“ nur „in freiwillig geräumten Gebäuden oder Räumen“ mit dem Tode bestraft werden konnte. In dem vorliegenden Fall hatte der Angeklagte, dessen letzte Vorstrafe im Übrigen über zwölf Jahre zurücklag, über einen Zeitraum von drei Wochen Gegenstände mitgenommen, die um ein zerstörtes Gebäude herum lagen und dabei das Gebäude selbst nicht betreten. Eine direkte Anwendung schied demnach aus. Dreher ergriff hier aber die Möglichkeit der analogen Anwendung nach § 2 RStGB. Nachdem Dreher zunächst jegliche Kenntnis von dem Fall leugnete, ließ er sich nach Vorhalt der Akte wie folgt ein: 24 Ausführlich: Safferling, Die Arbeit der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission beim BMJ zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit – Ein Zwischenbericht, 2. Rosenburgsymposium, https://w ww.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Rosenburg_Symposium_2.pdf?__blob=publicationFile& v=9 (17.01.19), S. 14, 16 ff. 25 Dreher, Über die gerechte Strafe; zu vergleichen mit: Arndt, in: SJZ 1946, S. 30. ZDRW 1 | 2019 67 „Mag auch der national-sozialistische Staat § 2 RStGB um seiner politischen Ziele willen geschaffen haben, so kann doch nicht bezweifelt werden, daß die Analogie zuungunsten des Täters im Strafrecht nicht schlechthin als rechtsstaatswidrig oder sogar als typisches Kennzeichen einer Diktatur anzusehen ist“.26 Und weiter „Im angelsächsischen Rechtskreis ist ein Analogieverbot nicht anerkannt. Art. 7 Abs. 2 der europäischen Menschenrechtskonvention vom 4.11.1950 sieht eine Begründung der Strafbarkeit im Wege der Analogie ausdrücklich vor.“27 Dreher verliert sich dann in Ausführungen zur Abgrenzung von Auslegung und Analogie und führt dann aus: „Der analogen Anwendung von Strafbestimmungen wird vor allem entgegengehalten, daß sie die Berechenbarkeit des Rechts für den einzelnen Bürger unmöglich mache und er mit unerwarteten Strafen überrascht werden könne. (...) Aber gerade dieser Gesichtspunkt scheidet im Fall Rathgeber aus. Denn der Angeklagte hatte, wie er selbst zugestand, die in der Stadt Innsbruck aufgestellten Schilder mit dem Hinweis gesehen, daß Plündern mit dem Tode bestraft werden. Er kannte also die damalige Rechtslage, und insoweit war es für ihn ohne Belang, ob zur Begründung dieser Rechtslage ausdehnende Auslegung oder Analogie angenommen werde.“28 Und er selbst fasst zusammen: „Nach der damaligen Rechtslage blieb mir, gleichgültig, ob ich mit der Rechtsprechung nicht etwa des Volksgerichtshofes, sondern des Reichsgerichts den Weg der ausdehnenden Auslegung oder den juristisch vorsichtigeren der Analogie ging, keine andere Wahl, als die Anklage auf § 1 VolksschädlingsVO zu erheben. Diese Vorschrift sah aber die Todesstrafe zwingend vor“. Diese Aussagen sind fast 15 Jahre nach Kriegsende ein Skandal. Hatten nicht die Alliierten als Besatzungsmacht in Kontrollratsgesetz Nr. 1 als erste legislatorische Handlung, das Analogieverbot expressis verbis wieder eingeführt?29 War Art. 7 Abs. 2 EMRK nicht einzig und allein für den Fall als Ausnahme des Analogieverbotes in Art. 7 Abs. 1 EMRK in die Konvention gekommen, um Kriegsverbrechern eine Berufung auf ungesetzliches Recht abzuschneiden?30 Und wie kann es sein, 26 Ergänzende Stellungnahme Dreher v. 6.11.1959, BEW 65/I Bl. 188. 27 Ebenda Bl. 189. 28 Ebenda Bl. 190. 29 Safferling, in: Görtemaker/ders. (Hrsg.), S. 169 (172 f.). 30 Roxin, Strafrecht. Allgemeiner Teil Bd. 1, 4. Aufl. München 2006, § 5 Rn. 17; Safferling, Internationales Strafrecht, § 13 Rn. 66. 68 Safferling | Lex Rosenburg dass der Hauptkommentator des StGB der Meinung ist, das Aufstellen von Schildern könne Strafbarkeit begründen? Nicht weiter überrascht wird man dann von den Ausführungen des Abteilungsleiters Josef Schafheutle zu dem Fall Dreher. „Dr. Dreher hat sich hiernach bei der Erhebung der Anklage und der Vertretung der Anklage in der Hauptverhandlung des Sondergerichts dem Rechtszustand gefügt, der durch § 1 der Volksschädlingsverordnung und die Rechtsprechung der Gerichte, insbesondere des Reichsgerichts, in der Kriegszeit geschaffen worden war. Ein gangbarer Ausweg, dem Antrag auf Todesstrafe gegen Rathgeber zu entgehen, hat für ihn als Vertreter der Staatsanwaltschaft nicht bestanden.“31 Das überrascht nicht, weil Schafheutle, seit 6.6.1933 als Hilfsarbeiter im Reichsjustizministerium abgeordnet, sowohl bei der Reform von § 2 RStGB als auch bei der Schaffung der Volksschädlingsverordnung beteiligt war. Dieser Fall ist natürlich auch deshalb so bedeutsam, weil er so eindrücklich die These von Bernd Rüthers bestätigt, dass die Terrorjustiz nicht eine Folge des Gesetzespositivismus war, sondern willige Staatsanwälte und Richter den „Geist des Nationalsozialismus“ verwirklichen wollten.32 Die causa Ebersberg Als dritten Skandalfall möchte ich die causa Ebersberg anführen.33 Heinrich Ebersberg wurde am 30.7.1911 in Nordhausen im Harz als Sohn eines evangelischen Blumengeschäftsinhabers geboren. Im Ersten Staatsexamen, das er am 25.9.1933 in Düsseldorf ablegte, erreichte er die Note „vollbefriedigend“, die Große Staatsprüfung legte er am 10.5.1937 in Berlin mit „gut“ ab. Im Juni 1938 wurde er in Berlin Gerichtsassessor. Der NSDAP war er am 1.5.1937 beigetreten, aber schon seit 7.11.1933 im Rang eines Sturmführers bei der SA aktiv. Mitgliedschaften im NSV und NSRB seit 1934 sind ebenfalls verzeichnet. Es muss wohl ein glücklicher Zufall gewesen sein, dass Ebersberg bereits 1936 anlässlich eines Genesungsurlaubs in Herrenalb im Schwarzwald den Staatssekretär im Reichsjustizministerium Franz Schlegelberger kennenlernte.34 Dieser sorgte dafür, dass Ebersberg bereits ab 24.10.1938 an das Reichsjustizministerium abgeordnet wurde und machte ihn, der in Uniform ins Ministerium kam,35 zu seinem persönlichen Referenten. Mit einer kurzen Unterbrechung vom Februar 1943 bis November 1943 bei der Wehrmacht blieb Ebersberg auch nach dem Ausscheiden III. 31 Gutachten Schafheutle v. 22.9.1959, BEW 65/I Bl. 178. 32 Zuletzt auch Rüthers, in Görtemaker/Safferling (Hrsg.), S. 119 (128 ff.). 33 Dazu auch schon Görtemaker/Safferling, Die Akte Rosenburg, S. 340 ff. 34 Das ergibt sich aus dem Einstellungsbeschluss der StA Köln v. 30.10.1970, in: PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21, Bl. 72, 93. 35 Aussage von Ministerialrat Voelkow im Gespräch mit den Autoren am 11.10.2013. ZDRW 1 | 2019 69 Schlegelbergers in der Leitungsebene des Ministeriums und fungierte dann als persönlicher Referent für Minister Thierack.36 Ebersberg war insbesondere verantwortlich für die „Korrektur nicht genügender Justizurteile“. Auf Grund der Entscheidung des Ministers wurden dabei vermeintlich nicht genügend bestrafte und nicht mehr besserungsfähige Verurteilte der Polizei zum Zwecke ihrer „Vernichtung durch Arbeit“ in Konzentrationslager übergeben. Dieses Vorgehen entsprach dem weiteren Ausbau einer nationalsozialistischen Rechtspflege und dem Plan Hitlers die „Asozialen“ in den Zuchthäusern und Sicherungsanstalten zu vernichten. Kurz nach seinem Amtsantritt im Reichsjustizministerium erläuterte Thierack der Abteilung Strafvollzug, dass es des Führers Wille sei, hier Veränderungen herbeizuführen. Es könne nicht sein, habe der Führer ihm gesagt, dass die Besten an der Front fielen und die Minderwertigen und Schwerverbrecher in der Heimat sicher verwahrt seien. Die Gefangenen sollten etwa in Frontnähe zum Minenräumen eingesetzt werden oder sich sonst wie zu Tode arbeiten.37 Der Ablauf war folgendermaßen: Die Gestapo oder der SD meldeten die „ungenügenden Justizurteile“ der Abteilung XV des Reichsjustizministeriums unter Abteilungsleiter Günther Joël, der im Nürnberger Juristenprozess dafür zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Die Akten gingen dann an den Minister, der ein entsprechendes Votum abgab, ob vielleicht Nichtigkeitsbeschwerde zu erheben sei oder eben die Person ins Konzentrationslager zum Arbeitsdienst einzuweisen sei. An diesem Aktenlauf war Ebersberg beteiligt. Er erhielt die Akten und musste sie dem Minister vortragen. Später brachte er zu seiner Verteidigung vor, dass er 1) nicht gewusst habe, dass „Sondereinsatz“ den sicheren Tod bedeute und 2) die Entscheidung immer der Minister allein getroffen hätte, er selbst habe immer nur referiert, niemals votiert.38 Interessanterweise findet sich in der Personalakte ein Schreiben des Rechtsanwalts Kurt Behling, der in Berlin in der Nazi-Zeit als Strafverteidiger tätig war.39 „Herr Amtsgerichtsrat Ebersberg hat mich in meinem Bemühen, ungerechtfertigte Urteile zu mildern, in ausserordentlichem Umfange unterstützt. Er hat dabei – unter Wahrung der ihm durch seine Amtspflicht auferlegten Grenzen – das Menschenmöglichste getan und ich glaube nicht zu viel zu sa- 36 Als zweiter persönlicher Referent stand ihm Dr. Heinz Kümmerlein, Jahrgang 1909, an der Seite, der später mit ihm zusammen strafrechtlich verfolgt wurde. Das ergibt sich aus dem Einstellungsbeschluss der StA Köln v. 30.10.1970, in: PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21, Bl. 72, 92. 37 Vgl. die Feststellungen des LG Wiesbaden in der Strafsache gegen Marx u.a., Urt. v. 24.3.1952 – 2 Ks 2/51, UA, S. 13. Darauf beruft sich der Einstellungsbeschluss der StA Köln v. 30.10.1970, in: PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21, Bl. 74. 38 Einstellungsbeschluss der StA Köln v. 30.10.1970, in: PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21, Bl. 72, 94. 39 Behling hat im Übrigen später die Verteidigung von Franz Schlegelberger in Nürnberg unterstützt. Hauptverteidiger war Egon Kubuschok, der dann in den 1960er Jahren Ebersberg verteidigte. Vgl. hierzu etwa Seliger, Politische Anwälte? Die Verteidiger der Nürnberger Prozesse, 2016, S. 77 ff. und 156 ff. 70 Safferling | Lex Rosenburg gen, wenn ich hiermit erkläre, dass viele meiner damaligen Mandanten ihm das Leben und die Freiheit verdanken. “40 Hier ergibt sich offensichtlich ein Widerspruch. Entweder Ebersberg hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung des Ministers oder man konnte ihn anrufen und noch etwas für den Mandanten bewirken. Man muss auch die Abläufe in einem Ministerium nicht im Detail kennen, um die Unglaubwürdigkeit einer solchen Einlassung zu entlarven. Zudem hat die Zentralstelle in Ludwigsburg eindeutig die Entwürfe der Vermerke „Entscheidung: Überstellung“ Ebersberg zuordnen können. In der Schlussverfügung aus Ludwigsburg finden sich 44 ermittelte Fälle, in denen Ebersberg daran mitgewirkt hat, dass die Verurteilungen als unzureichend angesehen und die Strafen im KZ vollstreckt wurden. In 30 von diesen Fällen sind die Inhaftierten in der Folge im KZ verstorben.41 Auch mit der ersten Einlassung hat Ebersberg Erfolg. Es kann ihm nicht widerlegt werden, dass er davon ausgegangen ist, dass Sondereinsatz oder Sonderbehandlung durch die Gestapo und die Verbringung ins KZ lediglich besonders harte Arbeit bedeutete.42 Liest man die Zeilen in der Abschlussverfügung des Kölner Staatsanwalts, so fragt man sich, ob der Unterzeichnende selber glauben kann, was er schreibt. Aber nicht einmal dolus eventualis will er am Ende annehmen. Hinzu kommt, dass die Abschlussverfügung am 30.10.1970 unterzeichnet wurde, also nach dem Wirksamwerden der „kalten Amnestie“. Der zuständige Staatsanwalt kennt die Rechtsprechung des BGH, auch die des 4. Strafsenats, und prüft das Vorliegen von Grausamkeit und Heimtücke. Trotz all der Reden Hitlers und Himmlers zur Eliminierung und Ausrottung der Asozialen war es Ebersberg nach der Einstellungsverfügung nicht klar, dass der Tod der überstellten Verurteilten im KZ eintreten sollte. Mag auch das Arbeiten grausam gewesen sein, der Tod, der bei Gelegenheit dieser Arbeit eintritt, war es nicht. Schließlich, um die Entscheidung nach § 170 Abs. 2 StPO gänzlich hieb- und stichfest auszugestalten, wurde auch noch ein unvermeidbarer Verbotsirrtum nach § 17 StGB angenommen, da Ebersberg ja schließlich auf Anweisung des Ministers gehandelt hatte. Daraufhin wurde auch das Disziplinarverfahren im BMJ am 30.6.1971 eingestellt. Gänzlich nicht mehr nachzuvollziehen ist der Nachruf auf den im Alter von 64 Jahren fünf Jahre nach Einstellung des Verfahrens verstorbene Ebersberg: „Schon frühzeitig wurde er [Ebersberg, d. Autor] in das Reichsjustizministerium berufen, in dem er bis zum Kriegsende in schwerer Zeit anspruchsvolle Aufgaben zu erfüllen hatte. ... In zahlreichen Ehrenämtern hat sich die ausgeprägte Bereitschaft des Verstorbenen erwiesen, sein Organisationstalent und sein besonderes Geschick in der Menschenbehandlung jederzeit für Gemeinschaftsaufgaben zur Verfügung zu stellen“. 40 Schreiben Behling an Richter, 8.2.1954, in: PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21, Bl. 3 f. 41 PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21 Sonderheft Bd. 1 Bl. 7 ff. 42 Einstellungsverfügung StA, PA BMJ Ebersberg, P 11-E 21 Sonderheft Bd. 4 Bl. 103 f. ZDRW 1 | 2019 71 Offenbar war die Eliminierung asozialen Lebens einer dieser Gemeinschaftsaufgaben, für die Ebersberg im Nachruf im Jahr 1976 vom Staatssekretär und vom Personalrat des BMJ gelobt wurde. Erfahrungen nach dem Rosenburgprojekt Es kann natürlich viel über Einzelfälle und über NS-Belastung, über individuelle und kollektive Biographien diskutiert, mitunter auch gestritten werden. In vielen Vorträgen, Seminaren und Fortbildungen haben Kollege Görtemaker und ich uns im In- und Ausland den kritischen Fragen gestellt. Gleichgültig bleibt bei den Ergebnissen der Studie aber niemand. Wie konnten die Juristen im Nationalsozialismus insgesamt so versagen und wieso konnten sie in der Bundesrepublik weitermachen, als wäre nichts geschehen, und ehrgeizig ihre Karrieren fortführen? Wieso entwickelte sich diese Bundesrepublik trotz dieser personellen Hypothek dennoch in einen veritablen Rechtsstaat, dessen Bestand auf der Grundlage des Grundgesetzes vom 23.5.1949 von Anfang an nie gefährdet war? Bei vielen Veranstaltungen zum Rosenburgprojekt, etwa den verschiedenen Rosenburgsymposien oder den Fortbildungen bei der Deutschen Richterakademie, finden sich natürlich solche Personen ein, die Interesse an speziell diesem Thema haben und in der Regel über ein gewisses Vorverständnis zum Thema NS-Justiz und Vergangenheitspolitik verfügen. Kommt man dann aber bei anderer Gelegenheit auf das Thema zu sprechen, ist doch die Unkenntnis, gelegentlich auch Ignoranz unter den Juristinnen und Juristen erschreckend hoch. In Feierstunden und Grußworten kommt es dazu, dass die Vorzüge des deutschen Juristen und seiner Verbände gepriesen werden, ohne dass die zwölf Jahre Gleichschaltung mit seinen entsetzlichen Auswirkungen Erwähnung finden. Gibt es hier Handlungsbedarf? Ich meine ja. Die zwölf Jahre Nationalsozialismus dürfen nicht verschwiegen werden. Im Gegenteil. Sie müssen im Bewusstsein einer jeden Juristin und eines jeden Juristen wie ein tiefsitzender Stachel als immerwährende Warnung vor der eigenen Verführbarkeit präsent sein. Die Antwort kann aber nicht darin liegen, eine Zusatzstunde Rechtsgeschichte oder ein zusätzliches Seminar einzufordern. Eine Externalisierung in Sonderveranstaltungen wäre das falsche Signal an die Studierenden, ihnen weitere, lästige Semesterwochenstunden in einem ohnehin zugepflasterten Studienplan aufzubürden. Es wäre aber auch die falsche Herangehensweise. Das Sprechen über die Abgründe des nationalsozialistischen Unrechtsstaates muss in jede Vorlesung integriert werden. Sicherlich sprechen viele Kolleginnen und Kollegen in ihren Vorlesungen zum Bürgerlichen Recht,43 zu den Grundrechten und Staatsorganisation oder zum Strafrecht die historischen Hintergründe der Kodifikationen und einzelner Normen B. 43 Nicht zuletzt auch das Erbrecht galt bei den Nationalsozialisten als „undeutsch“ und kann Anschauungsmaterial für entsprechende dogmatische Analysen bieten, vgl. zuletzt Meyer, in: JoJZG 2016, S. 65. 72 Safferling | Lex Rosenburg an. Das muss intensiviert und durch Lektüre einschlägiger Beispiele verdeutlicht werden. Dabei geht es insbesondere um die Methode der Rechtsanwendung. Mit den Studierenden sollen einschlägige Texte gelesen werden, wie etwa Georg Dahm/Friedrich Schaffstein, Liberales oder autoritäres Strafrecht, Hamburg 1933 als Hauptrepräsentanten der sog. Kieler Schule, und dies muss kontrastiert werden mit der Reaktion von Erich Schwinge/Leopold Zimmerl, Wesensschau und konkretes Ordnungsdenken im Strafrecht, Bonn 1937 auf die Ausführungen der Kieler Kollegen, aber nicht etwa um diese als Naziideologen zu verbrämen, sondern um das gleiche Ziel, die Verwirklichung des Führerwillens, mit der klassischen Methodenlehre, also auf „saubere“ Art und Weise zu erreichen. Ausführungen zur Strafrechtstheorie gibt es genügend, etwa Karl Larenz, Deutsche Rechtserneuerung und Rechtsphilosophie, Tübingen 1934. Eine Auseinandersetzung mit Originaltexten aus der NS-Zeit und der unmittelbaren Reaktion darauf ist ebenso wichtig, wie das Lesen und Verstehen aktueller Gesetzestexte. Nur wer die Perversion des Gesetzes selbst gesehen hat, kann sie auch verstehen und erkennen. Mit den Studierenden sollte daher etwa das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (sog. Blutschutzgesetz), eines der sog. Nürnberger Gesetze, betrachtet werden, als perfides Beispiel eines mit perfekter Gesetzestechnik kaschierten Diskriminierungsprogramms. Dabei kann auch gleich erläutert werden, warum der „Schönfelder“ erst mit der Nr. 20 beginnt44 und wer überhaupt Heinrich Schönfelder war.45 Daran anknüpfend können die dogmatischen Klimmzüge der findigen Richter am Nürnberger Sondergericht im Fall Leo Katzenberger durchleuchtet werden, mit denen es ihnen gelang, in der Kombination mit der Volksschädlingsverordnung die Todesstrafe für „Rassenschande“ zu begründen.46 Zugleich muss die Rechtsstaats- und Grundrechteausbildung verstärkt werden.47 Die Grundrechte bilden die ethische Grundlage für unser Staatsgefüge und sind Reaktionen auf die Perversionen der nationalsozialistischen Gesetzgebung. Diese spezifischen Zusammenhänge sind stärker in den Blick zu nehmen. Ebenso sind die rechtsstaatlichen Sicherungen des Grundgesetzes und seine prozeduralen Garantien, die Gefährdungen der freiheitlich demokratischen Grundordnung von innen abwehren wollen, mit Bezug zum Nationalsozialismus zu behandeln, um stärker als bisher die Wichtigkeit der grundgesetzlichen Errungenschaften hervorzuheben. Das alles mag dazu dienen, die heutige Selbstverständlichkeit unserer friedensgesegneten Generationen aufzurütteln. In allen Vorlesungen sollte auch vermehrt über Rechtspolitik gesprochen werden. Gesetzesnormen existieren nicht im apolitischen Raum. 44 Im „Schönfelder“ vor 1945 waren die Nr. 1-19 NS-Gesetz, z.B. das Blutschutzgesetz Nr. 12 a. 45 Amtsgerichtsrat in Dresden, Luftwaffenoffizier und seit 1943 Kriegsgerichtsrat in Italien, vgl. Otto, in: Neue Deutsche Biographie 23, S. 411-412. 46 Hierzu zuletzt Safferling/Luber, in: JA 2017, S. 881. 47 Dazu auch Funke, in: NJW 2018, S. 1930. ZDRW 1 | 2019 73 Meine eigene Erfahrung damit, die genannten Aspekte stärker in den universitären Unterricht einzubeziehen, sind durchweg positiv. Studierende sind sehr wohl ansprechbar und interessiert an geschichtlichen Hintergründen und Bezügen zu Nationalsozialismus, und das nicht nur in speziellen Seminaren, sondern auch im Grundkurs oder im Examenskurs. Ebenso sind sie in der Lage, Rechtsprobleme zu politisieren. Dazu sollten sie ermutigt werden. Schlussfolgerungen Es gibt sicher viele Möglichkeiten, die Juristenausbildung zu verbessern und im Rahmen des Studiums die richtigen Fragen zu stellen, um die angehenden Juristinnen und Juristen zu ethisch verantwortlichem Verhalten in ihren späteren Berufen anzuhalten. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte halte ich es indes für besonders naheliegend, dies anhand einer Beschäftigung mit dem nationalsozialistischen Unrecht zu tun. Nirgends sonst wird die Instrumentalisierbarkeit von Juristen so deutlich, nirgends sonst wird die Demontage des Rechtsstaats mit Hilfe genau derer, die über seine Einhaltung wachen sollten, so dramatisch vor Augen geführt, genau wie am Beispiel der NS-Justiz besonders deutlich wird, dass das Einhalten von Gesetzen und Formen zu Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung führen kann. Sich zu verstecken hinter diesen Gesetzen und Formen, wie es die Juristen auf der Rosenburg den Rest ihres Lebens getan haben, zeugt von Feigheit und Verantwortungslosigkeit. Wir wissen alle nicht, wie wir uns in der Folge von 1933 verhalten hätten, wenn wir in juristischen Berufen tätig gewesen wären und eine Familie zu versorgen gehabt hätten. Auf dem moralischen Podest desjenigen, der von 1945 aus auf die zwölf Jahre Nationalsozialismus blickt, darf keiner verweilen. Wir müssen nur heute alles tun, damit die juristischen Entscheidungsträger von morgen mutig und verantwortungsvoll diesen so teuer erkauften Rechtsstaat schützen und bewahren. 1990 kam die französische Gruppe „Fredericks, Goldman et Jones“ mit dem Chanson „Né en 17 à Leidenstadt“ raus. Der Titel gibt schon hinreichend zu erkennen, worum es geht: was wäre mit mir gewesen, wenn ich 1917 in dem fiktiven, aber sprechenden „Leidenstadt“ in Deutschland auf den Ruinen der Schlachtfelder geboren wäre? Am Schluss wird ein Wunsch ausgedrückt: „Et qu‘on nous épargne à toi et moi si possible très longtemps, d‘avoir à choisir un camp“. Möge es Dir und mir lange erspart bleiben, ein Lager wählen zu müssen. Das ist ein frommer Wunsch und wir verstehen ihn alle. Aber die Entscheidungen liegen in Wahrheit nicht irgendwann in der Zukunft. Sie stellen sich täglich immer wieder aufs Neue. So auch in der beruflichen Praxis der Juristin und des Juristen. Vielleicht nicht auf die ganz große weltverändernde Art, aber jede Sorgerechtsentscheidung, jedes Strafverfahren und jeder Arbeitsrechtsstreit hat für die Betroffenen Auswirkungen, die ihre Welt verändern. Auf diese täglichen ethischen Dilemmata müssen wir die zukünftigen Entscheidungsträger bestmöglich vorbereiten. C. 74 Safferling | Lex Rosenburg Literaturverzeichnis Alten, Henning von, Recht oder Unrecht?: Der Verwaltungsrechtsstreit des Staatssekretärs a. D. Prof. Dr. Dr. h. c. Franz Schlegelberger um seine beamtenrechtlichen Versorgungsbezüge, Norderstedt 2013. Arndt, Adolf, Das Strafmaß, in: SJZ 1946, S. 30-31. Dreher, Eduard, Über die gerechte Strafe, Heidelberg 1947. Förster, Michael, Jurist im Dienst des Unrechts, Baden-Baden 1995. Funke, Andreas, Haltung zeigen oder Haltung einnehmen?, in: NJW 2018, S. 1930-1933. Görtemaker, Manfred/Safferling, Christoph, Die Akte Rosenburg. Das BMJ und die NS-Zeit, München 2016. Harris, Whitney, Tyrannen vor Gericht, Berlin 2008. 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Abstract

The journal “Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft (ZDRW)” is a journalistic forum for all aspects of the academic discourse about the teaching and learning of the law and legal studies. It opens and consolidates the perspective of research with regard to teaching and thus contributes new knowledge to the debate about legal studies and university didactics.

ZDRW thus forges links between general university didactics, specialized legal didactics and legal studies. Horizons are thus broadened on both sides and different perspectives enabled with regard to teaching and learning the law. This signifies an interdisciplinary approach since in addition to legal studies, other disciplines are called on to contribute their own knowledge on teaching and learning processes. These include general higher education didactics, psychology, neurosciences and educational science, sociology and other specialized higher education didactics able to contribute towards specialized teaching in legal studies.

ZDRW addresses all phases and aspects of legal education, providing general assistance for the improvement of both teaching and learning. To this end, apart from academic articles, a practical teaching forum is planned which will present ideas and discussions of detailed concepts for events and courses of study as well as individual didactical methods, thus providing impulses and points of connection for the individual teaching activities of our readers at various levels.

Website: www.zdrw.nomos.de

Zusammenfassung

Die „Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft (ZDRW)“ stellt ein publizistisches Forum für alle Aspekte der wissenschaftlichen Befassung mit der Lehre und dem Lernen des Rechts und der Rechtswissenschaft dar. Sie eröffnet und verstetigt die Forschungsperspektive auf die Lehre und bringt damit neue Erkenntnisse in den rechtswissenschaftlichen und hochschuldidaktischen Diskurs ein.

Die ZDRW schlägt damit Brücken zwischen der allgemeinen Hochschuldidaktik, der rechtswissenschaftlichen Fachdidaktik und der Rechtswissenschaft. So werden wechselseitig Blickwinkel erweitert und verschiedene Perspektiven auf das Lehren und Lernen von Recht und Rechtswissenschaft eröffnet. Damit ist bereits ein interdisziplinärer Anspruch benannt, da neben der Rechtswissenschaft selbst auch jene Disziplinen aufgerufen sind, die ihrerseits Erkenntnisse zu Lehr-Lern-Prozessen anbieten, diese einzubringen. Hierzu zählen neben der allgemeinen Hochschuldidaktik, der Psychologie, den Neuro- und Erziehungswissenschaften sowie der Soziologie auch andere Hochschulfachdidaktiken, von deren Erfahrungen die rechtswissenschaftliche Fachdidaktik profitieren kann.

Die ZDRW nimmt alle Phasen und Aspekte der Ausbildung in den Blick und gibt allen Hilfestellung, die Lehre und damit das Lernen zu verbessern. Hierfür ist neben den wissenschaftlichen Beiträgen ein lehrpraktisches Forum vorgesehen, das von der Vorstellung und Diskussion ausführlicher Veranstaltungs- oder auch Studiengangskonzepte bis zur Präsentation einzelner didaktischer Methoden auf vielen Ebenen Anregungen und Anknüpfungspunkte für die eigene Lehrtätigkeit der Leser bietet.

Homepage: www.zdrw.nomos.de