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Hanna Hielscher, Julia Bettina Eberhardt, Forschungsprojekt „Internationalisierung der Freiwilligendienste BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland“: Zwischenergebnisse und Praxis-Check in:

Voluntaris, page 115 - 119

Voluntaris, Volume 3 (2015), Issue 1, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2015-1-115

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115 Forschungsprojekt „Internationalisierung der Freiwilligendienste BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland“: Zwischenergebnisse und Praxis-Check 1 Hanna Hielscher, Julia Bettina Eberhardt Centrum für soziale Investitionen und Innovationen (CSI), Berlin | Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Forschungsprojekt „Internationalisierung der Freiwilligendienste BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland“| hanna.hielscher@csi.uni-heidelberg.de 1. Einleitung Der Bundesfreiwilligendienst (BFD), das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) öffnen sich auch für internationale Freiwillige. Dies zeigen unsere ersten Forschungsergebnisse im Projekt Internationalisierung der Freiwilligendienste BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland 2. Darin untersuchen wir den Freiwilligenzugang über sogenannte Incoming- oder Reverseprogramme. Die Ergebnisse stellten wir sowohl im Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages (Bundestag 2014) als auch auf einer Fachtagung des Projektes vor. 2. Was ist Incoming? Die erste Phase unseres Forschungsprojektes widmete sich einem Mapping des bisher kaum erforschten Incoming-Feldes in Deutschland. Die Basis für diese Analyse bildeten vor allem bestehende Dokumente und Forschungsergebnisse zum Incoming-Bereich sowie die Ergebnisse von 24 Interviews mit Expert_innen, die bereits Incoming-Erfahrung haben. Unsere ersten Erkenntnisse zeigen, dass ein repräsentatives Bild der Incoming-Landschaft nur begrenzt gezeichnet werden kann. Dies liegt an einer zum Teil unvollständigen statistischen Erfassung der Incoming-Freiwilligen durch die Zentralstellen, Träger und Einsatzstellen, aber auch an den unterschiedlichen Definitionen von Incoming. In unserer Studie definieren wir alle Personen als Incoming-Freiwillige, die für einen Freiwilligendienst aus dem ausland eingereist sind beziehungsweise ihr Visum zu diesem Zweck geändert oder verlängert haben. Um als Einsatzstelle eine zusätzliche Förderung für Incoming-Freiwillige durch das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAfZA) zu erhalten, wird allerdings eine 1 Weitere Informationen zu unserem Projektteam und ausführliche Informationen zu unserem Projekt siehe Eberhardt/Haß/Mildenberger (2014). 2 Unser Forschungsprojekt widmet sich explizit der Untersuchung von Incoming-Programmen in den Freiwilligendienstformaten FSJ, FÖJ und BFD. Das Süd-Nord-Programm von weltwärts sowie der Europäische Freiwilligendienst finden keine besondere Berücksichtigung in der Analyse. Voluntaris, Jg 3, 1/2015, Dokumentationen 116 engere Definition für internationale Freiwillige angelegt. Hierfür ist ausschlaggebend, dass die Freiwilligen erstens innerhalb der vergangenen fünf Jahre nicht länger als sechs zusammenhängende Monate in Deutschland gewesen sind, zweitens ihre muttersprache nicht Deutsch ist und sie drittens im rahmen eines Incomingspezifischen pädagogischen Konzeptes betreut werden. Auf Basis unserer Definition schätzen wir die Zahl der Incoming-Freiwilligen im BFD, FSJ und FÖJ auf insgesamt 600 bis 900 (Jahrgang 2012/2013).3 Wir berufen uns hierbei auf Erhebungen des Arbeitskreises Helfen und Leben in Übersee (AKLHÜ 2014) sowie auf intern erhobene Daten von Zentralstellen, Trägern und Einsatzstellen. Diese Zahlen beinhalten weder die ca. 500 Freiwilligen, die ihren Dienst im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes (Jakob 2013: 34) leisten, noch die Personen, die ausschließlich für einen kurzfristigen Freiwilligendienst, z. B. ein Workcamp, nach Deutschland gekommen sind. Darüber hinaus haben wir eine eigene standardisierte Befragung der unter 27jährigen BFD-Freiwilligen in den Bildungszentren angestoßen. 3. traditionen und motivationen der bisherigen Incoming-/ Reverseprogramme in Deutschland Auf Basis der Expert_innen-Interviews konnten wir Traditionslinien und Motivstrukturen der Aufnahmeorganisationen nachvollziehen. Ein Auslöser für die einrichtung einer Incoming-/reversekomponente kann die grundlegende interkulturelle Ausrichtung der Organisation sein. Organisationen, die aus dieser Motivation aktiv werden, sehen Reziprozität, also den gegenseitigen Austausch, als Grundprinzip ihrer Arbeit an. Ein zweiter Anknüpfungspunkt ist eine oft langjährige Tradition bilateraler Partnerschaften. Besonders prominente Beispiele dafür sind die verschiedenen deutsch-französischen oder deutsch-polnischen Austauschprogramme. Die Chance zur Zielgruppenerweiterung identifizieren wir als eine weitere Motivation für Aufnahmeorganisationen sich im Bereich Incoming zu engagieren. Diese Traditionslinien zeigen, dass Incoming nicht, wie oft vermutet, ausschließlich ein Thema der Entwicklungszusammenarbeit ist. Dies spiegelt sich auch in den einsatzfeldern der internationalen Freiwilligen wider. Diese unterscheiden sich nämlich kaum von denen der inländischen Freiwilligen. Die internationalen Freiwilligen werden in den Bereichen Forschung, Kinder- und Jugendbetreuung, Sport, Umweltschutz, Soziales sowie in religionsgebundenen einrichtungen aktiv. 3 Da die weltwärts-Incoming-Komponente erst im Jahr 2013 gestartet ist, sind diese Freiwilligen nicht berücksichtigt. 117 4. Wer sind die Incoming-Freiwilligen? Aus unseren Zwischenergebnissen der standardisierten Befragungen (Online- Survey; Zwischenstand der Befragung an den Bildungszentren) und den Expert_ innen-Interviews konnten wir allgemeine merkmale der Incoming-Freiwilligen herausarbeiten. So wird deutlich, dass die Mehrzahl aus Europa kommt. Dabei stehen vor allem Regionen wie Mitteleuropa (z. B. Ungarn, Polen), aber auch West- (z. B. Frankreich) sowie Osteuropa (z. B. Ukraine und Weißrussland) im Vordergrund. Besonders ins Gewicht fallen Länderpartnerschaften, wie beispielsweise deutsch-polnische Austauschprogramme. Auch hier zeigt sich, dass bei den Incoming-Programmen keinesfalls von einem rein entwicklungspolitischen Thema gesprochen werden kann, da die Freiwilligen nur zum Teil auch aus Entwicklungsoder Schwellenländern kommen. Die Freiwilligen, die aus dem Ausland für einen Freiwilligendienst nach Deutschland ziehen, sind im Durchschnitt 23 Jahre alt. Damit geht auch einher, dass sie häufiger als die so genannten Outgoing-Freiwilligen erst während oder nach der Ausbildung einen Freiwilligendienst absolvieren. Über die Hälfte der von uns befragten Incoming-Freiwilligen hat bereits eine Ausbildung (Studium oder Berufsausbildung) abgeschlossen. Die Outgoing-Freiwilligen beispielsweise im weltwärts-Programm leisten ihren Dienst dagegen vor allem im Alter von 19 und 20 Jahren und damit meistens direkt nach der Schule (Stern/Scheller 2011: 30). Darüber hinaus lassen unsere bisherigen Daten erkennen, dass die Mehrzahl der Incoming-Freiwilligen eine höhere Schulbildung besitzt. Knapp 80 Prozent der von uns befragten Freiwilligen haben die sekundarstufe II erfolgreich abgeschlossen und haben ein Fachabitur oder eine allgemeine hochschulreife. Die höhere Schulbildung ist auch Resultat des höheren Alters, dennoch zeigen die Incoming- Formate eine Tendenz zum Elitendienst – ein Phänomen, das auch unter den Outgoing-Freiwilligen in Deutschland zu beobachten ist. So haben 97 Prozent der outgoing-Freiwilligen im weltwärts-Programm das Abitur oder eine andere Hochschulzugangsberechtigung (Stern/Scheller 2011: 30). Zudem wurde deutlich, dass ein Großteil der Freiwilligen bereits vor dem Freiwilligendienst einen bezug zu Deutschland hatte. oft waren sie zuvor schon einmal im land oder hatten die sprache erlernt. aufmerksam auf den Freiwilligendienst in Deutschland wurden die Freiwilligen vor allem über persönliche Kontakte oder durch Internetrecherche. Eine systematische Bewerbung des Dienstes, zum Beispiel über deutsche Schulen, Botschaften, Goethe-Institute oder Partnerorganisationen erfolgt offensichtlich nicht. Hielscher & Eberhardt, BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland Voluntaris, Jg 3, 1/2015, Dokumentationen 118 5. motivationen der internationalen Freiwilligen für einen Freiwilligendienst in Deutschland Die Frage nach der Motivation der Freiwilligen, einen Dienst in Deutschland zu absolvieren, ist für die Organisationen, aber auch für die politischen Akteure von Relevanz – beispielsweise, um Erwartungshaltungen miteinander abzugleichen. Die ergebnisse stammen aus insgesamt elf Fokusgruppen mit Freiwilligen in ganz Deutschland. Den Freiwilligen können vier motivtypen zugeordnet werden: • Der sinnsuchende typ • Der berufsorientierte typ • Der helfende typ • Der kulturorientierte typ Für den sinnsuchen Typ steht vor allem der Wunsch nach Lebenserfahrung und Orientierung im Vordergrund. Dabei geht es zum Beispiel um Fragen, wo und wie Freiwillige ihre Ausbildung oder ihren Beruf (weiter)führen möchten oder auch welche themen und Inhalte im weiteren leben eine rolle spielen sollen. Der berufsorientierte Typ ist hingegen auf der konkreten Suche nach Praxiserfahrung. Für diesen Idealtyp geht es darum, konkretes Wissen oder Fertigkeiten zu erlernen und sich dadurch weiter zu entwickeln. Wie beim sinnsuchenden Typ geht es auch diesen Freiwilligen um eine in die Zukunft gerichtete Motivation, allerdings in einer stärker strukturierten Form. Ein konkretes Ziel ist beispielsweise die Aufwertung des eigenen Lebenslaufes. Der helfende Typ möchte vor allem unterstützend aktiv werden und beispielsweise mit menschen in besonderen lebenslagen arbeiten. Damit einher geht der Gedanke, die gemachten Erfahrungen zur Hilfestellung in die Heimat zurückzutragen und im dortigen bürgerschaftlichen Engagement oder in der eigenen arbeit anzuwenden. auch der kulturorientierte typ verfolgt ein bestimmtes Ziel mit seinem Freiwilligendienst, nämlich das des besseren Kennenlernens der deutschen Kultur, der Sprache und der Menschen. Einerseits sind die bei diesem typ oftmals vorher schon existierenden Verbindungen zu Deutschland Auslöser dafür, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu absolvieren; gleichzeitig ist das Bestreben vorhanden, Deutschland durch beispielsweise einen intensiven spracherwerb besser kennen zu lernen. Die ersten drei motivstrukturen lassen sich auch bei den Inlandsfreiwilligen im Bereich BFD, FSJ und FÖJ erkennen. Sowohl den Inlands- als auch den Incoming- Freiwilligen geht es vor allem um die persönliche sowie berufliche Weiterentwicklung, aber auch darum, etwas Neues zu lernen (Huth et al. 2013: 19). Darüber hinaus ist erkennbar, dass bei den ausländischen Freiwilligen die bewusste Motivation zum interkulturellen lernen hinzukommt. 119 6. Zusammenfassung und Ausblick Der Zugang internationaler Freiwilliger in die deutschen Freiwilligendienste BFD, FSJ und FÖJ ist bisher eher organisationsabhängig gestartet und dadurch divers, die Freiwilligen haben eher berufs- und kulturorientierte motive und stehen in der regel bereits nahe am berufsleben. Dies stellt die aufnehmenden organisationen in Deutschland vor konkrete Aufgaben, bei denen sie sich zum Teil auch Unterstützung durch die Politik wünschen. Auf der Zwischentagung des Projektes formulierten die anwesenden Incoming-Praktiker_innen aus Deutschland in gemischten Arbeitsgruppen aktuelle Hürden und Herausforderungen im Bereich Incoming. Sie wünschen sich insbesondere klare Regeln bei der Visafrage für Freiwillige aus Nicht-EU-Ländern, ebenso wie eine Unterstützung für Dienstvor- und Nachbereitungsoptionen in konzeptioneller sowie finanzieller Form, aber auch (finanzielle) Hilfe für die Unterbringung und Lösungen für die zum Teil geringen Sprachkenntnisse der Freiwilligen. In der zweiten Projektphase widmet sich das Forscher_innenteam der Frage, welche konkrete Wirkung der internationale Freiwilligendienst entfaltet. Hierbei werden wir zum einen die Wirkung des Dienstes auf die Freiwilligen selbst, aber auch auf die aufnehmenden organisationen untersuchen. Literaturverzeichnis Deutscher Bundestag – Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“ (2014): Entwicklungspolitisches bürgerschaftliches Engagement und internationale Freiwilligendienste. Kurzprotokoll der 3. Sitzung, Berlin, http://www.bundestag.de/blob/286176/588f7 1bdda21643ec13c52ec003ffae2/3_sitzung_kurzprotokoll-data.pdf (Zugriff am 14.04.2015). Eberhardt, Julia, Rabea Haß und Georg Mildenberger (2014): Internationalisierung der Freiwilligendienst BFD, FSJ/FÖJ – Das Potential für Incoming in Deutschland, Berlin-Heidelberg, https://www.csi.uni-heidelberg.de/projekte_incoming.htm (Zugriff am 15.01.2015). AKLHÜ (2014): Internationale Freiwillige in Freiwilligendiensten in Deutschland. Statistische Übersicht 2012 und 2013, hrsg. von Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee e.V., Bonn. Huth, Susanne, Dietrich Engels und Elisabeth Aram (2013): Präsentation erster Ergebnisse der Evaluation von Bundesfreiwilligendienst und Jugendfreiwilligendiensten, in: Fachtagung „Freiwillig gestalten – erste Evaluationsergebnisse und aktuelle Entwicklungen der Freiwilligendienste“ Tagungsdokumentation 18. und 19. November 2013, Logenhaus, Berlin. Jakob, Gisela (2013): Freiwilligendienste zwischen Staat und Zivilgesellschaft, hrsg. von Friedrich-Ebert-Stiftung. Arbeitskreis Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat. Betrifft: Bürgergesellschaft 40. Berlin, www.fes.de/buergergesellschaft/publikationen/documents/ BB-40FreiwilligendiensteInternet.pdf (Zugriff am 15.01.2015). Stern, Tobias und Jan Oliver Scheller (2011): Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst „weltwärts“. Band I: Hauptbericht. Unveröffentlichter Evaluierungsbericht, Bonn. Hielscher & Eberhardt, BFD, FSJ und FÖJ – Das Potential von Incoming für Deutschland

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Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.