Lars Kirchhoff, Anne Isabel Kraus, Von Zauberhänden und Verregelungsskepsis: Normen im Konflikt in:

Konfliktdynamik, page 94 - 101

KD, Volume 5 (2016), Issue 2, ISSN: 2193-0147, ISSN online: 2193-0147, https://doi.org/10.5771/2193-0147-2016-2-94

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IM FOKUS 5 . JAHRGANG, HEFT 2/201694 konflikt Dynamik Zur Omnipräsenz von Normen in Konflikten In Konflikten wird über Normen ver handelt – oftmals implizit, bisweilen ausdrücklich. Und auch über die rele vante Frage, durch wen und exakt wie dieser Aushandlungsprozess letztlich geführt wird, entscheiden Normen mindestens mit. Eine Themenformu lierung wie »Normative Dimensionen der Konfliktbearbeitung« klingt auf den ersten Blick dennoch reichlich abstrakt. Steigt man aber erst einmal in die philosophischen, gesellschaftli chen und praktischen Debatten ein, die sich an diesen drei Begriffen kreu zen, erregen sie die Gemüter dann doch auf erstaunlich handfeste Art. Aussagen in Experteninterviews zu den Themen Mediationsgesetz, Betriebs vereinbarungen und Selbstverpflich tungen von Unternehmen (sog. cor porate pledges) etwa reichen von skeptischen Kommentaren wie »Me diation braucht – und verträgt – kein Gesetz« über »Eine Unternehmens philosophie ändert doch rein gar nichts daran, wie es tatsächlich im Betrieb zugeht« bis hin zu Fragen von Unternehmensjuristen wie »Und warum in Gottes Namen sollten sich Unternehmen freiwillig und unver bindlich verpflichten, bei Konflikten nicht vor Gericht zu ziehen?«. Um die Frage nach dem Zusam menhang von Normen und menschli chem Verhalten in konflikthaften Kon texten zu eröffnen, möchten wir in Paris starten, genauer auf dem Klima gipfel Ende des Jahres 2015. Auf Basis von über Jahre mühsam erarbeiteten bi und multilateralen Einzelabkom men fand hier ein zähes Ringen um die entscheidenden Details eines Ver trages statt, mit dem es schließlich gelungen ist, erstmals weltweit und rechtsverbindlich klimaschädliches und schützendes Verhalten zu regeln. Das Konfliktpotential von Klima schäden ist gigantisch: Schon heute sind viele Krisen und Konflikte direkt oder indirekt durch vom einsetzenden Klimawandel beeinflusste Naturkata strophen verursacht oder verschärft worden (Schulte von Drach, 2015). So werden ganze Landstriche durch Dürre oder Überschwemmungen unbewohn bar oder unbewirtschaftbar, was zu Hungersnöten, sozialer Verelendung, sozialen Unruhen und massenhaften Migrationsbewegungen führt, die hu manitäre, politische und gesellschaft liche Krisen mit globaler Dimension auslösen können. Es hat sich gezeigt, dass es dennoch sehr schwierig ist, klima schädigendes Verhalten international zu regulieren, denn das Konfliktpotential zwischen den von einer Regulierung betroffe nen Interessen ist ebenfalls groß: LARS KIRCHHOFF | FRANKFuRT (ODER) ANNE ISABEL KRAuS | FRANKFuRT (ODER) Von Zauberhänden und Verregelungsskepsis: Normen im Konflikt Zusammenfassung Die Perspektive, dass es sich bei Konflikten um normative Aushandlungsprozesse handelt, wird oftmals vernachlässigt. Erfasst man mit dem Begriff der Norm jede Form kollektiver Erwartung über angemessenes Verhalten, geraten in beinahe jedem Konflikt soziale, kulturelle, politische, moralische, rechtliche oder religiös geprägte normative Ordnungen in Kollision. und eine Vielzahl – teils impliziter, teils expliziter – Verhaltensregeln bestimmen sowohl das Verhalten der Konfliktparteien als auch das etwaiger Drittparteien. Als eine weitere Dimension im Zusammenhang zwischen Norm und Konflikt ist zudem eine zunehmende normative Regulierung des Feldes der Konfliktbearbeitung zu beobachten. Bemerkenswert ist dabei, dass im Kontrast dazu viele Praktiker der Verregelung skeptisch gegenüberstehen. Der Artikel lotet die Zusammenhänge zwischen Normen und Konflikten aus und beleuchtet die Fragen, die das Thema für die Methodik und Ethik der Konfliktbearbeitung aufwirft. Im anschließenden Experteninterview werden einige dieser Fragen aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht beantwortet – und unweigerlich neue eröffnet. Schlüsselbegriffe Norm, Regulierung, unternehmenskultur VON ZAuBERHäNDEN uND VERREGELuNGSSKEPSIS: NORMEN IM KONFLIKT 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 95 konflikt Dynamik Jeder Akteur will nur für sein bereits zurückliegendes (die westlichen In dustrienationen) oder noch verhältnis mäßig junges (die aufstrebenden asiati schen Länder) Schadensverhal ten verantwortlich gemacht werden, möglichst wenig Kosten für weit ent fernte oder weltweite Schäden tragen und die eigene wirtschaftliche Ent wicklung nicht durch strenge Vorga ben einschränken müssen. Final ab gestimmt werden musste also in Paris ein System, das die finanzielle, wirt schaftspolitische und moralische Ver antwortung für entstandenen Schaden und die Rechte auf weitere Emissio nen so differenziert austariert, dass »die Ungleichheiten der Vergangen heit, die Diversität der Gegenwart und die Ungewissheiten der Zukunft« an erkannt werden (Gleason, 2015). Dabei ging es letztlich um die Frage, welche Art von Regulierung in einem souveränitäts und autonomiedomi nierten Kontext für alle maßgeblichen Akteure zustimmungsfähig ist und zugleich zu echten Verhaltensänderun gen führen kann. Diese delikate Ba lance musste sich eins zu eins in der normativen Sprachform abbilden, weswegen noch kurz vor Vertragsab schluss bei einzelnen Formulierungen auf höchster diplomatischer Ebene über die Wörtchen »shall« (»sollen«) und »should« (»sollten«) verhandelt wurde (Staaten einigen sich auf Welt klimavertrag, 2015). Neben dem Inhalt des Abkommens und der normativen Qualität seiner Sollensvorschriften standen Fragen zu den Konsequenzen einer potentiellen Nichtbeachtung im Zentrum. Welche Sanktion – oder zumindest Reaktion – etwa erscheint wem für das bewusste Ignorieren einer freiwilligen Berichts zusage an gemessen? Wie engmaschig regelt man im Entwurf des Abkom mens das Kontroll und Sanktionssys tem, ohne damit die Aussichten auf die Unterzeichnung des Abkommens als Ganzes zu schmälern? Das filigrane Mobile aus Verhal tenserwartung und angedeuteter oder angedrohter Sanktion, wie es in den normativen Sprachformen des Ab kommens spürbar wird, ist das ver bindende Kennzeichen aller Normen. Fragt man danach, was Normen nun eigentlich sind, stößt man auf ein einfacher und eindeutiger feststellbar, weil das von ihr formulierte Verbot im Unterschied zum Prinzip nicht viel Interpretations und Aushandlungs spielraum lässt. Eine Verletzung der Vorschrift kann daher schneller als Bedrohung der sozialen Ordnung wahrgenommen werden, weil sie pars pro toto deren Autorität und Gültigkeit als solche herauszufordern scheint, während eine Verletzung des Prinzips Normen sorgen wie von Zauberhand dafür, dass wir uns trotz der doppelten Kontingenz unserer Handlungsoptionen nicht ständig in die Haare kriegen. « Spektrum an fein nuancierten Defini tionen, die Normen im Kern als kollek tive Erwartungen über angemessenes Verhalten beschreiben. Normen kann man weiter danach differenzieren, aus welchem »Stoff« diese Erwartungen sind, also aus sozialen, kulturellen, moralischen, rechtlichen, politischen oder organisationellen Erwartungen. Sie un terscheiden sich außerdem über den Grad ihrer In /Formalität, ihrer ideellen und praktischen Geltung und ihrer Konkretheit/Abstraktheit. So lässt sich zwischen konkreten, spezi fischen Vorschriften (etwa dem klar definierten Ge und Verbot, das ein geschlechtsspezifisches Piktogramm an einer öffentlichen Toilette darstellt) und ab strakteren, auslegungsfähigen Prinzipien (etwa dem Gebot angemes sener körperlicher Distanz gegenüber dem anderen Geschlecht in der Öffent lichkeit) unterscheiden. Die Verlet zung der Vorschrift dürfte andere Konse quenzen für das Konfliktsystem »Sexuelle Belästigung am Arbeits platz« nach sich ziehen als die Verlet zung des Prinzips. Doch warum? Die Verletzung der Vorschrift ist im Unter schied zur Verletzung des Prinzips erst einmal eine Diskussion über die konkrete normative Auslegung des Prinzips erfordert. Die Vorschrift, die im Piktogramm enthalten ist, gehört außerdem zu denjenigen sozialen Normen, deren Einhaltung so selbstverständlich ge worden ist, dass man sie fast nicht mehr wahrnimmt. Trotzdem sind auch diese Normen von kontinuier licher Bestätigung abhängig, damit keine Konflikte entstehen. Eine un überschaubare Menge solcher impli ziten oder unsichtbar gewordenen Verhaltensregeln koordinieren am lau fenden Band unbemerkt unsere Inter aktionen. Sie sorgen wie von Zauber hand dafür, dass wir uns trotz der doppelten Kontingenz unserer Hand lungsoptionen (wir wissen nicht, was unser Gegenüber als nächstes tut und damit meint, genauso wie er es bei uns auch nicht weiß, Luhmann, 1984, S. 152) nicht ständig in die Haare krie gen. Dank dieser Normen »wissen« wir also, ob wir »Hallo« oder »Du hast ja einen Vogel« verstehen dürfen, wenn jemand im Vorbeigehen die IM FOKuS 5. JAHRGANG, HEFT 2/201696 konflikt Dynamik Hand hebt, und ob die sozial angemes sene Antwort ein Zurückwinken oder Zurückschreien ist. In allen unseren sozialen Aktivitäten sind wir ständig dabei, mit Hilfe solcher sozial nor mierter Bedeutungsschemata eine »Recht des Stärkeren«, im Ordnungs system »Konfliktbearbeitung« (im Fall einer Mediation) mit Prinzipien der Verfahrensgerechtigkeit oder (im Kriegsfall) mit dem völkerrechtlichen ius in bello. tanz kann dagegen in Gesellschaften, in denen sexuelle Belästigung stark politisiert wird (wie in den USA), auf grund seines Auslegungsspielraums heftige interpersonale und gesell schaftspolitische Konflikte auslösen oder anheizen. Wie sich Menschen in Bezug auf diese Normen verhalten und damit zur Entstehung oder Ver meidung von Konflikten beitragen, scheint von ihren normativen Befol gungsreflexen oder ihrer abwägenden Mischkalkulation über den Geltungs grund und die Normgenese sowie über die Sichtbarkeit und die Konse quenzen eines Normverstoßes abzu hängen. Fragen, die sich stellen: Was führt je weils dazu, dass Normen in einem sozialen System zur Entstehung und Eskalation oder zur Vermeidung und Deeskalation von Konflikten beitragen? Taugen Normen generell als In strumente, wenn es darum geht, Konfliktpotentiale zu steuern? Und wenn ja, wie muss man es anstellen, damit diese Instrumente funktionieren? Wie kommt es, dass Normen regelmäßig recht universelle Geltungsansprüche formulieren und zugleich beinahe jede soziale Gemeinschaft eigene und damit oft voneinander abweichende normative Subsysteme entwickelt? Und was braucht es, damit sich die konkurrierenden Ansprüche solcher Subsysteme miteinander vertragen? Zweitens hat die Konfliktbearbeitung selbst eine normative Dimension, auch und gerade in der Mediation als Form des Konfliktmanagements durch Dritt parteien. Hier ist es zunächst notwen dig, prozessual geprägte Normen der Konfliktbearbeitung (etwa das Recht der Mediation) und inhaltlich geprägte Normen in der Konfliktbearbeitung (etwa das Recht in der Mediation) aus einanderzuhalten. Auch eine Differen » Die Normen der Ordnungssysteme »Konflikt« und »Konfliktbearbeitung« konkurrieren in der Regel um Geltung. zweifelsfreie, belastbare, gemeinsam geteilte soziale Ordnung performativ zu (re )produzieren, damit wir im Sinne unserer eigenen Interessen schnell, treffsicher und anschlussfähig handeln können. Erst wenn jemand vermeintlich selbstverständliche Elemente dieser Ordnung nicht kennt oder nicht aner kennt und damit eine Irritation verur sacht (z. B. wenn jemand als Antwort auf das Heben der Hand (»Hallo«) so reagiert, als ob man ihm einen Vogel gezeigt hätte), wird überhaupt sicht bar, dass diese Normen sonst ständig als Rahmen für gelingende Interak tion vorhanden und notwendig sind (dies hat z. B. Garfinkel mit seinen Kri senexperimenten gezeigt, s. Garfinkel, 1973). Wenn solche Normen nachhal tig ignoriert, abgelehnt oder verletzt werden, ist der normative Alltagsrah men aufgebrochen. Als Folge entsteht ein Konflikt, dessen Gegenstand nun die normativen Bestandteile dieses Rahmens sind. Dabei wird das Ord nungssystem »Alltag« durch die Ord nungssysteme »Konflikt« oder »Kon fliktbearbeitung« abgelöst. Dort findet man sich oft mit grundlegend anderen normativen Schemata konfrontiert, im Ordnungssystem »Konflikt« etwa mit dem archaischen, sozial libertären Die Normen der Ordnungssysteme »Konflikt« und »Konfliktbearbeitung« konkurrieren in der Regel um Geltung (innerhalb der Ordnungen und über sie hinweg), da die beteiligten Akteure oft unterschiedliche Vorstellungen da von haben, nach welcher Ordnung der Konflikt ausgetragen werden soll. In fast jedem Konflikt und jeder Konflikt bearbeitung wird daher auch über die Normen verhandelt, deren Einhaltung von Konfliktparteien und Konfliktbe arbeitern wirksam eingefordert wer den kann. Die Relevanz von Normen für die Bearbeitung von Konflik ten Richtet man den Fokus nun auf das Thema »Normen und Konfliktbearbei tung«, sind bei erster Annäherung mindestens drei praktisch relevante Dimensionen zu unterscheiden. Erstens, der Einfluss von Normen auf das menschliche Konfliktverhalten bei der Entstehung (respektive Ver meidung) und Eskalation (respektive Deeskalation) von Konflikten. Zum Beispiel dürften die genannten Toilet tenpiktogramme als Garantie einer Mindestprivatsphäre im öffentlichen Raum aufgrund ihrer Eindeutigkeit zu einem respektvollen Sozialleben bei tragen. Das abstrakter gehaltene Prin zip angemessener körperlicher Dis VON ZAuBERHäNDEN uND VERREGELuNGSSKEPSIS: NORMEN IM KONFLIKT 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 97 konflikt Dynamik zierung anhand des Etablierungsgra des einer Norm erscheint sinnvoll (Hellmüller/Palmieno Federer/Zeller, 2015, S. 2). Der erfolgte oder drohende Bruch einer fest etablierten, allgemein akzeptierten Norm hat für den Ergeb niskorridor einer Konfliktbearbeitung völlig andere Konsequenzen als das Spiel von Konfliktparteien mit Vor schriften, die gerade erst im Entstehen sind. Darüber hinaus bieten die zwei Hauptalternativen triadischer Kon fliktbearbeitung – Gerichts und Medi ationsverfahren – sowohl prozessual als auch inhaltlich ein alternatives Normenset an: im Gericht gilt allein das substantielle Recht und das Pro zessrecht als normativer Rahmen, jedes Einzelfallergebnis wird deduktiv davon abgeleitet. In der Mediation gel ten innerhalb des gesetzlichen Rah mens die substantiellen und proze duralen normativen Vorstellungen der Parteien als Leitgrößen, mit denen je des Einzelfallergebnis induktiv erar beitet wird. Daraus resultierende – wissenschaftlich wie praktisch relevante – Fragen sind: Was bedeuten die un terschiedlichen Normensets von Gerichts- und Mediationsverfahren für die Möglichkeiten von überindividueller Gerechtigkeit und individueller Zufriedenheit in diesen beiden Formen der Konfliktbearbeitung? Was heißt diese normative Rahmung jeweils für die Spielräume der Dritt partei? Können Drittparteien das Zusammenspiel kollidierender oder jedenfalls kumulierender normativer Systeme in der Konfliktbearbeitung dirigieren, und wenn ja, wie? Wo führt dies zu einem Verstoß gegen das Gebot, dass Konfliktparteien informiert und autonom entscheiden, wann leistet der Mediator in letzter Konsequenz Beihilfe zum Normbruch? Wie wird beim Bearbeiten von Konflikten zwischen Rechtsordnung und Moral, zwischen religiö sen und weltlichen und zwischen universellen und partikularen Normen differenziert? Und falls sich in der Konfliktbearbeitung unter den Parteien eine implizite, nicht konsensual getragene Präferenz von Normen (sei es das Recht des Stärkeren oder der Schutz bestimmter Güter, Prinzipien oder Personengruppen) durchsetzt: Inwieweit gebieten die prozessualen Normen der Allparteilichkeit und Freiwilligkeit, dass die Drittpartei dies thematisiert und damit evtl. den Konflikt erst richtig zur Blüte bringt? Und drittens lohnt ein Blick aus der Vogelperspektive auf die (zuneh mende) normative Regulierung des Feldes der Konfliktbearbeitung. Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen werden auch hier unregulierte Räume insgesamt seltener: Bei innerbetriebli chen Konflikten kommt man an den gesetzlichen und organisationsinter nen Vorgaben zu Antidiskriminierung und Gleichbehandlung und deren ins titutionalisierten Interessenvertretun gen und Beschwerdestellen nicht mehr mative framework« eindeutig, als Bei spiel mag hier die 2012 erschienene Guidance for Effective Mediation der Vereinten Nationen gelten (United Nations, 2012). Alle diese Beispiele sind Phänomene von Regulierung, weil sie systemim manente, selbstläufige Regu lative wie soziale Normen und Marktmechanis men durch gerichtete Lenkungsmaß nahmen ergänzen oder ausgleichen, die die Handlungsabläufe im Bereich Mediation auf eine gewünschte Form hin angleichen sollen. Wichtig ist dabei im Blick zu behalten, dass die sozial herausgebildeten Regulative und die gezielt entworfenen Regulie rungsansätze gemeinsame oder aber auch verschiedene Wertgrundlagen und Zielsetzungen haben können und daher sowohl ineinandergreifen, mit einander konkurrieren als auch sich gegenseitig unterlaufen können. Zum Beispiel ist die Norm, dass Drittpar »Es gibt doch Ordnungen, die schlimmer sind als Unordnungen.« vorbei. Die »gute (aber unmandatierte) Seele« des Betriebs wird abgelöst von einem ausdifferenzierten Konflikt managementprogramm mit offiziell zugewiesenen Rollen, vorstrukturier ten Abläufen und vertraglichen Fun damenten. Über die genaue normative Qualität einer Verankerung von corpo rate social responsibility in deutschen Unternehmen wird gegenwärtig aktiv gerungen. Zahlreiche Staaten haben sich – ob eigeninitiativ oder in Reak tion auf entsprechende supranationale Vorgaben, etwa seitens der EU – mehr oder weniger passgenaue Mediations gesetze zugelegt oder sind im Begriff, dies zu tun. Und auch international ist die Tendenz zu einem »growing nor teien »unparteilich« sein sollen, wel che gegenwärtig in Mediationsprin zipien und ge setzen national und international kodifiziert wird, als Ver haltenserwartung in manchen sozia len Systemen selbst vorhanden (wie in Europa), in anderen Systemen nicht (wie in China, wo möglichst enge Beziehungen der Drittparteien zu den Parteien erwartet werden). Normenbezogene Fragen, die an dieser Stelle angesiedelt sind, lauten etwa: Welche Regulierungsdichte benötigt, welche verträgt das Feld der Konfliktbearbeitung? Was sind die Konsequenzen einer Unter- IM FOKuS 5. JAHRGANG, HEFT 2/201698 konflikt Dynamik regulierung (zu diesen und den weiteren hier aufgeführten Formen und Fallen von Regulierung siehe Lodge/Wegrich, 2012), wie sieht eine Überregulierung aus und zu welchen Nebeneffekten führt sie? Wer hat welche Vor- und Nachteile von geringer bzw. starker Regulierung? Wer oder was steuert die zunehmende Normierung des Feldes, und auf Basis welcher Interessen? Wann lässt sich die Regulierung eines Feldes oder Marktes als »entführte« oder »captured regulation« beschreiben – und trifft dies vielleicht auf die Mediation in Deutschland zu? Das Phänomen der Verregelungs skepsis »I think every single mediation process, for the expediency of time to end violence, sacrifices some (. . .) norms along the way. I think that this is not ideal, but someone who has started out as an idealist realizes that, pragmatically, that is going to happen along the way.« »the world of mediation found itself improvising for over 20 to 25 years« (anonyme Praktikerzitate nach Hell müller/Palmieano Federer/Zeller, 2015, S. 7 und 9) In Gesprächen, die um die Regulie rung und die normative Dimension die in Entstehung und Aktualisierung von vielen Faktoren abhängen. In einem zweiten Schritt aber, der oft reflexhaft durch gewisse Beispiele, Assoziationen oder Anekdoten ausge löst wird, spalten sich die Lager, und das bei Weitem größere scheint das jenige der »pragmatischen Verrege lungsskeptiker« zu sein. Unser Eindruck ist, dass diese Reflexe auf die Notwendigkeit einer Debatte hinweisen, die angesichts der Tatsa che, dass sich an vielen Stellen derzeit Normierungsprozesse vollziehen, noch nicht ausreichend geführt wird. Daher möchten wir den Einstiegsargumen ten in diese Debatte hier noch ein paar Zeilen widmen. Um die Argumentati onslinien anhand eines aktuellen und kontroversen Kontexts zu illustrieren, wählen wir exemplarisch das Feld der Friedensmediation bzw. der von Dritt parteien begleiteten Friedensprozesse. Wir nutzen dafür erste Aussagen aus dem Experteninterview, aus dem sich der zweite Teil des Schwerpunktthe mas in diesem Heft speisen wird, und entwickeln Ableitungen und Kom mentare. Zwischen dem Rechtsphilosophen Christoph Möllers, der Ombudsfrau Birgit Gantz Rathmann und dem Psy kussion über internationale Konflikte erstaunlich schnell eine solche Verre gelungsskepsis breit. Die Probanden unserer »Versuchsanordnung« reprä sentieren also eine Art Mehrheitsauf fassung, wobei bei der Herleitung der Positionen Unterschiede deutlich werden. Christoph Möllers, der hier aus Sicht der politischen Philosophie spricht: »Es gibt Ordnungen, die schlimmer sind als Unordnungen, weil sie stabil und vorhersehbar unge recht sind. Es geht nicht um Kriegs vermeidung an sich, sondern um eine pragmatische Verteilung politischer Macht, die unter den vorhandenen Parteien ausgehandelt wird, wenn möglich gewaltfrei. Eine Verregelung und eine Moralisierung dieses Aus handlungsprozesses kann das Pro blem auch verschärfen.« Alexander Redlich ergänzt aus konfliktprakti scher Sicht: »Normen sind aus meiner Sicht [. . .] der Versuch, über einen ge regelten Ablauf ein Problem zu lösen. Krieg ist aber die ausgeprägteste Form dessen, dass kein geregeltes Verfahren bisher geklappt hat. Also braucht man viel Kreativität. Das heißt vorgehen auf Basis dessen, was mir oder einer Gruppe gerade einfällt. Ein kriegeri scher Konflikt ist sozusagen die Indi kation dafür, dass man Kreativität braucht und Kreativität nicht einge schränkt werden darf durch Regeln.« Aus unterschiedlicher Richtung vertreten Möllers und Redlich also beide die Position, dass diktatorische Herrschaftsordnungen oder Kriege manchmal nicht durch ein durch Normen verbrämtes oder gezähmtes Vorgehen zu überwinden seien. Die aktuelle Frage zur Regulation von Frie densprozessen führt also letztlich in die etablierte Debatte um die Möglich keit eines »gerechten Krieges«. Unsere beiden Gesprächspartner sind dabei nicht weit entfernt von der Position des amerikanischen Sozial und Moral » Normativität muss auch Macht entfalten, um uns bewegen zu können. von Konfliktbearbeitung kreisen, beobachten wir seit einigen Jahren eine interessante Dynamik: Eigentlich sind sich im ersten Schritt stets alle einig, dass eine Regulierung der Kon flikthandhabung nicht isoliert betrach tet entweder gut oder schlecht ist, son dern dass sie Vor und Nachteile hat, chologen Alexander Redlich herrscht im Gespräch ein beachtlicher Kon sens, dass eine zunehmende Normie rung von Friedensprozessen generell kritisch zu sehen sei. Wie hier macht sich nach unserer Erfahrung bei fast allen Gesprächspartnern gleich wel cher Herkunft und Gesinnung (außer vielleicht Völkerrechtlern) in der Dis www.klett-cotta.de/fachbuch Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem unter: www.klett-cotta.de Wir liefern portofrei nach D, A, CH Paul J. Kohtes / Nadja Rosmann Mit Achtsamkeit in Führung Was Meditation für Unternehmen bringt Paul J. Kohtes, Nadja Rosmann Mit Achtsamkeit in Führung Was Meditation für Unternehmen bringt. Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Best Practises 2014. 276 Seiten, gebunden € 29,95 (D). ISBN 978-3-608-94865-3 Die Autoren bieten einen Leitfaden, der Szenarien und Strategien für Achtsamkeit in Unternehmen entwickelt. Sie stellen Tools und erprobte Methoden vor, mit denen Unternehmen Meditation effektiv nutzen können – und zwar unter gängigen unternehmerischen Kriterien. »Dieses Buch ist eine gründliche, fachlich versierte Auslotung der Möglichkeiten, die Meditation in der Wirtschaft für die dort verfolgten Ziele eröffnet.« Karin Petersen, Buddhismus Aktuell »Das Buch bietet jede Menge Hirnfutter für Meditationsskeptiker sowie konkrete Vorschläge für die Umsetzung des betriebsinternen Bewusstseinswandels.« Sagita Lehner, Spuren »Das Buch ist eine einzigartige Handreichung für Entscheider, Personaler und Trainer.« Rüdiger Standhardt, Newsletter Gießener Forum Paul J. Kohtes ist einer der führenden Berater für Unternehmenskommunikation. Der Internationale PR-Agenturen- Verband nahm ihn 2006 als ersten Deutschen in seine »Hall of Fame« auf. Seine Spezialgebiete: Führungskräfte-Coaching und Zen-Meditation. Er ist Gründer der Identity Foundation, die mit dem Meister Eckhart Preis einen der angesehensten Wissenschaftspreise verleiht. Nadja Rosmann, Dr., Kulturanthropologin und Trainerin für Entspannungsverfahren, beschäftigt sich als Journalistin, wissenschaftliche Projektmanagerin und Beraterin seit mehr als 15 Jahren mit Identität in der Arbeitswelt, Leadership, Meditation und Stressmanagement. In ihrem Weblog berichtet sie regelmäßig über Trends rund um ein authentisches Business. NEU 1_1_KothesRosmann_Achtsamkeit_2C_KD.indd 1 01.06.15 18:29 IM FOKuS 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016100 konflikt Dynamik philosophen Michael Walzer, der mit seinem Konzept der »supreme emer gency« für eine moralische Vorab Rechtfertigung (und damit eine gene relle Ausnahme von der Regel) von Interventionen zur Verhinderung humanitärer Katastrophen eintritt, auch wenn und obwohl diese Interven tionen gegen etablierte Grundsätze des ius ad bellum verstoßen können (Walzer, 1977). Das klingt vernünftig: In größter Not muss man die Hände frei haben, um beherzt durchgreifen zu können. Im zweiten Moment wird einem klar: Weil in internationalen Konflikten Extremsituationen Normalität zu sein scheinen, wird nach einem Dauer-Notstandsgesetz verlangt. Und das regt durchaus zum Nachdenken an. Was erzeugt der Krieg für eine erpresserische, paradoxe Logik, dass er auf der Verfahrensebene so schnell bereitwillig aufgeben lässt, worum man ansonsten so hart kämpft – nämlich politische, rechtliche, methodische oder ethische Normen, die Gewaltverzicht, fairen Interessensausgleich und effektive Verhandlungen sichern sollen? Aber welche Normen helfen in der Praxis tatsächlich dabei, Konflikte im internationalen Kontext fair und effektiv zu handhaben? Und mit Blick auf »Wir haben schon alles versucht«: Was können Konfliktbearbeiter dazu beitragen, dass in diesem Feld gezielter und systematischer nach Verhandlungslösungen gesucht wird, bevor Konflikte den Kipppunkt zum Krieg er reichen? Sicherlich hat diese Dynamik in der Debatte um die Regulierung von Kon fliktbearbeitung etwas mit dem Ver hältnis zwischen Normen und Macht zu tun, das im Kontext internationaler Friedensprozesse naturgemäß dazu neigt, sich mit besonderer Wucht zu entfalten. Birgit Gantz Rathmann ver tritt hier in unserem Gespräch die Position: »Im Konflikt hat man nun mal keinen Konsens. Da nützt es auch nichts, sich ein Rahmenwerk zu ge ben, weil derjenige, der nicht will und die Ressource hat, das auch durchzu setzen, den wird das nicht stören.« In seinem 2015 erschienenen Buch zum Thema dekonstruiert der politische Philosoph Rainer Forst diese Position: »Genauer betrachtet muss Normativi tät auch Macht entfalten, um uns be wegen zu können – und soziale Macht muss, um wirksam zu sein, die Nor mativität des gesellschaftlichen Le bens, unseres Denkens und Handelns, durchdringen, auch dann, wenn sie nicht gut begründet ist.« (Forst, 2015, S. 7) Das klingt ebenfalls überzeugend. Nur was bedeutet das in internationalen Konflikten, wo der zivilisatorische Grundkonsens an manchen Stellen so dünn ist, dass man auf ihm keinen Konflikt durchqueren kann, ohne einzubrechen? Muss man seine Verhaltenserwartungen also letztlich relativieren »Weil alles andere nichts nützt« oder darf bzw. muss man gerade dies nicht tun, weil jede Macht ausübung sich an unseren normativen Erwartungen orientieren muss, »um wirksam zu sein«? Und übertragen auf den Organisationskontext: Gelten für Konflikte in Organisationen, in denen es ja auch um Macht unter Bedingungen des Dissenses geht, tatsächlich andere Regeln und entfalten sich dort andere Dynamiken – oder sollten wir ihnen mit der gleichen Verregelungsskepsis begegnen? Und falls ja: Was bringen denn dann fein ziselierte Konfliktmanagementprogramme, Betriebsvereinbarungen und Streitbeilegungsklauseln? Exemplarische Antworten statt weiterer Fragen – das Experteninterview Das folgende Experteninterview liefert zu einigen Fragen unseres Artikels exemplarische Antworten und interes sante Denkangebote. Außerdem fin den sich dort zahlreiche Beispiele, wo sich die übergeordneten Fragen zu Normen und Konflikt in den prakti schen Notwendigkeiten von Organi sationen und Unternehmen zeigen. Beides ohne zu negieren, dass eine fundierte Diskussion über Normen und Konflikt recht voraussetzungs reich ist, bestimmte Grundlagen also zunächst definiert werden müssen, mindestens für die Zwecke eines pass genauen Austauschs. In einem ersten Abschnitt widmen sich die drei befragten Personen ihrem jeweiligen und gemeinsamen Ver ständnis von Normen – wodurch Nor men gekennzeichnet sind, woran man sie erkennt und welche Beispiele es gerade für solche Normen gibt, die uns nicht bewusst sind. Im zweiten Schritt betrachten die Experten die Wirkung und Funktion von Normen im Kon flikt. Im dritten Schritt wird das Po tential der Norm für die Gestaltung sozialer Räume im Allgemeinen und Unternehmen im Besonderen unter sucht. Hier sind Fragen wie die nach der Umprägbarkeit einer Unterneh menskultur oder der Relevanz von Betriebsvereinbarungen verortet. Mit dem vierten Fokus wechselt das Ge spräch die Perspektive und betrachtet die Normierung von Mediation im na tionalen und internationalen Kontext. Das Interview schließt mit Fragen zur praktischen Relevanz der Diskussion für Konfliktbearbeiter, Organisationen und Gesellschaften. About Magic Hands and Scepticism on Regulation: Norms in Conflict Abstract The perspective according to which conflicts are perceived as processes of normative bargaining is often neglected. If you capture the term »norm« as any form of collective expectation as to adequate behaviour, the VON ZAuBERHäNDEN uND VERREGELuNGSSKEPSIS: NORMEN IM KONFLIKT 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 101 konflikt Dynamik extent becomes clear to which in almost every conflict social, cultural, political, moral, legal or religious orders collide. And how a multitude of implicit as well as explicit norms influence the behaviour of both the conflict parties and the respective intermediaries. A further dimension in the nexus be tween norms and conflict is the increasing normative regulation of the field of conflict resolution (e. g. by means of mediation and arbitration laws). This stands in remarkable contrast to a wide spread scepticism about (over)regulation amongst practitioners of conflict resolution. The article sounds out the nexus between norms and conflict and its possible impact on the methods and ethics of conflict resolution. In the course of the subsequent expert interview, some of these questions are answered from a scientific as well as practical point of view, while quite a number of new questions arise. Keywords norm, regulation, corporate culture Literatur Forst, R. (2015). Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Garfinkel, H. (1973). 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März). Was der syrische Bürgerkrieg mit dem Klimawan del zu tun hat. Süddeutsche.de. Verfügbar unter: www.sueddeutsche.de/wissen/ausloe ser von krisen was der syrische buerger krieg mit dem kl imawandel zu tun hat 1.2377566 [letzter Zugriff am 21. 01. 2016]. Staaten einigen sich auf Weltklimavertrag (2015, 12. Dezember). Süddeutsche.de. Ver Die Autoren Dr . Anne Isabel Kraus Europa-universität Viadrina Frankfurt (Oder) Große Scharrnstr. 59 15230 Frankfurt (Oder) kraus@europa-uni.de Anne Kraus ist Co-Leiterin des Center for Peace Mediation (CPM) an der Europa-universität Viadrina Frankfurt (Oder), Magister in Komparatistik/ Germanistik an Fu und Hu Berlin, Promotion in Philosophie (Verfahrensethik) an der LMu München mit Forschungsaufenthalten u. a. an der Renmin university of China Beijing, Mediatorin CVM, Supervisorin DGSv und Coach (i. A.). Sie ist als Referentin u. a. für die Internationale Diplomatenausbildung des Auswärtigen Amts und den Master-Studiengang Mediation an der Viadrina tätig. Im Forschungsprojekt »Grenzmanagement in triadisch strukturierten Aushandlungsprozessen« im B/Orders in Motion-Schwerpunkt der Viadrina erforscht sie die ethischen Grauzonen, in denen sich Mediation im Kontext internationaler Friedensprozesse bewegt.« Prof . Dr . Lars Kirchhoff Institut für Konfliktmanagement Europa-universität Viadrina Große Scharnstr. 59 15230 Frankfurt ikm@europa-uni.de Lars Kirchhoff ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Konfliktmanagement und Mitbegründer des Master-Studiengangs Mediation an der Europa-universität Viadrina sowie Partner bei TGKS Berlin. Spezialisierung auf Alternative Dispute Resolution, Völkerrecht und Schiedsgerichtsbarkeit im Postgraduiertenstudium an der Yale Law School und im Mediationsprogramm des u.S. District Court of Northern California; Lehrbeauftragter für Außergerichtliches Konfliktmanagement an der Bucerius Law School Hamburg; Referententätigkeit im Bereich Konfliktmanagement und Entscheidungsfindung u. a. für das Auswärtige Amt, die Vereinten Nationen, die Europäische union sowie zahl reiche unternehmen, Kanzleien und Stiftungen. fügbar unter: www.sueddeutsche.de/wissen/ staaten einigen sich auf neuen klimaver trag 1.2780233 [letzter Zugriff am 21. 01. 2016]. United Nations (2012). Guidance for Effective Mediation. Annex to the report of the Secre tary General on Strengthening the role of mediation in the peaceful settlement of dis putes, conflict prevention and resolution (A/66/811, 25 June 2012). Verfügbar unter: www.peacemaker.un.org [letzter Zugriff am 21. 01. 2016]. Walzer, M. (1977). Just and Unjust Wars: A Moral Argument with Historical Illustra tions. New York: Basic Books.

Abstract

About Magic Hands and Scepticism on Regulation: Norms in Conflict The perspective according to which conflicts are perceived as processes of normative bargaining is often neglected. If you capture the term »norm« as any form of collective expectation as to adequate behaviour, the extent becomes clear to which in almost every conflict social, cultural, political, moral, legal or religious orders collide. And how a multitude of implicit as well as explicit norms influence the behaviour of both the conflict parties and the respective intermediaries. A further dimension in the nexus between norms and conflict is the increasing normative regulation of the field of conflict resolution (e. g. by means of mediation and arbitration laws). This stands in remarkable contrast to a widespread scepticism about (over)regulation amongst practitioners of conflict resolution. The article sounds out the nexus between norms and conflict and its possible impact on the methods and ethics of conflict resolution. In the course of the subsequent expert interview, some of these questions are answered from a scientific as well as practical point of view, while quite a number of new questions arise.

Zusammenfassung

Die Perspektive, dass es sich bei Konflikten um normative Aushandlungsprozesse handelt, wird oftmals vernachlässigt. Erfasst man mit dem Begriff der Norm jede Form kollektiver Erwartung über angemessenes Verhalten, geraten in beinahe jedem Konflikt soziale, kulturelle, politische, moralische, rechtliche oder religiös geprägte normative Ordnungen in Kollision. Und eine Vielzahl – teils impliziter, teils expliziter – Verhaltensregeln bestimmen sowohl das Verhalten der Konfliktparteien als auch das etwaiger Drittparteien. Als eine weitere Dimension im Zusammenhang zwischen Norm und Konflikt ist zudem eine zunehmende normative Regulierung des Feldes der Konfliktbearbeitung zu beobachten. Bemerkenswert ist dabei, dass im Kontrast dazu viele Praktiker der Verregelung skeptisch gegenüberstehen. Der Artikel lotet die Zusammenhänge zwischen Normen und Konflikten aus und beleuchtet die Fragen, die das Thema für die Methodik und Ethik der Konfliktbearbeitung aufwirft. Im anschließenden Experteninterview werden einige dieser Fragen aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht beantwortet – und unweigerlich neue eröffnet.

Schlagworte

Unternehmenskultur, Regulierung, Norm

Keywords

corporate culture, regulation, norm

References

Zusammenfassung

Die deutschsprachige Fachzeitschrift KONFLIKTDYNAMIK thematisiert Konflikte und Konfliktmanagement in Unternehmen und Organisationen. Die Beiträge bieten einen interdisziplinären Überblick über den aktuellen Stand und neue Entwicklungen in Praxis und Forschung des Konfliktmanagements. Ein Blick über den Tellerrand der Organisationswelt hinaus in die Felder Politik und Gesellschaft ermöglicht zusätzlich den kreativen Transfer von Erkenntnissen erfolgreicher Konfliktregelung.