Konflikte und Normen in:

Konfliktdynamik, page 110 - 117

KD, Volume 5 (2016), Issue 2, ISSN: 2193-0147, ISSN online: 2193-0147, https://doi.org/10.5771/2193-0147-2016-2-110

Browse Volumes and Issues: Konfliktdynamik

Bibliographic information
men und Rechtsnormen zu finden. Da bin ich zu einem relativ weiten Nor menbegriff gekommen: Ich würde sa gen, eine Norm ist nur eine affirmierte Möglichkeit. Alexander Redlich: Psychologisch ge sehen sind Normen erst einmal menschliche Vorstellungen. Sie wer den konstruiert von Gruppen für Gruppen und bilden Standards für Verhaltenserwartungen, Eigenschafts und Einstellungserwartungen. Wenn ich jetzt zum Beispiel meine Rede auf drei Stunden anlege, dann würde ich alle Normen hier sprengen. In den letzten Jahren ist mir außerdem be wusst geworden, dass es um jede Sol lensbestimmung herum Toleranzen gibt – man kann also immer ein biss chen überziehen, mit dem Reden und mit anderen Dingen auch. Christoph Möllers: Ich finde an Nor men besonders interessant, dass sie Dinge kreieren, die gerade nicht erwar tet werden und dabei gar nicht dys funktional sein müssen. Entweder es passiert etwas Unerwartetes und das wird ex post normativ bewertet. Oder aber wir erschaffen Normen, die dar auf angelegt sind, uns zu überraschen. Jede Norm ist interpretationsbedürf tig, die erwähnte Toleranz ist immer da, weil das die einzige Option ist, mit der Norm in der Realität umzugehen. Aber es gibt zwei Arten von Normen – Normen, die Dinge abschließen und Normen, die Dinge eröffnen sollen. Grundrechte sind zum Beispiel Nor men, die etwas öffnen sollen und damit von vornherein gar nicht auf das Stabilisieren von Erwartungen ausge richtet sind. Birgit Gantz Rathmann: In meinem letzten beruflichen Alltag habe ich überhaupt nicht mehr von Normen Konflikte und Normen Lars Kirchhoff und Anne Isabel Kraus sprachen für die konfliktDynamik mit Birgit Gantz-Rathmann, Christoph Möllers und Alexander Redlich Fokus 1: Verständnis und Entstehung von Normen KD: Nicht nur aus eigener Erfahrung gesprochen, kann es für Juristen eine relativ revolutionäre Einsicht sein, dass Normen nicht nur Rechtsnormen sind. Daher unsere Frage: Wenn Sie jeweils von Normen sprechen, auf welche Art von Normen beziehen Sie sich dann? Gibt es dafür ein gutes Beispiel oder haben Sie vielleicht sogar irgendeine Art von Kompaktdefinition? Christoph Möllers: In dem Buch, das ich gerade über Normen geschrieben habe (Möllers, 2015), habe ich ver sucht, Gemeinsamkeiten zwischen sozialen Normen, also etwa zwischen Benimmnormen, ästhetischen Nor KD: Wer sind Sie, was ist Ihr Hintergrund, was »Ihr« Thema? Alexander Redlich: Ich bin Psychologe an der Universität Hamburg. Da lässt man mich noch ein bisschen forschen, obgleich ich schon pensioniert bin. Ich bin einmal durch die drei Hauptfelder der Psychologie gegangen: zunächst pädagogische Psychologie, dann klinische Psychologie mit dem Schwerpunkt Kindertherapie, und jetzt befasse ich mich im Wesentlichen mit Konflikten im organisationspsychologischen Kontext. Mein Thema der letzten 25 Jahre: Was befähigt menschliche Gruppen zur Kooperation? Birgit Gantz-Rathmann: Ich bin von Haus aus Juristin. Ich habe viele verschie dene berufliche Positionen innegehabt – als Richterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SPD-Bundestagsfraktion, Staatssekretärin und dann war ich die letzten achtzehn Jahre meines Berufslebens bei der Deutschen Bahn, auch da in verschiedenen Funktionen, zum Beispiel als Vorstand im Güterverkehr. Und zuletzt habe ich das Ombudswesen bei der Bahn aufgebaut, als Ombudsfrau mit mittlerweile über 100 Mediatoren. Christoph Möllers: Ich bin Jurist und Rechtsphilosoph. Ich unterrichte Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität. Fachlich gibt es zwei Beziehungen zum Thema: Zum einen die theoretische Reflexion, die Theorie von Normen ist ein Gebiet, das mich sehr interessiert. Und das andere liegt eher auf der Konfliktseite, da ich regelmäßig als Verfahrensbevollmächtigter vor dem Bundesverfassungsgericht auftrete. IM FOKUS 5 . JAHRGANG, HEFT 2/2016110 konflikt Dynamik gesprochen, weil das meine Gesprächs partner vollkommen verwirrt hätte. Ich habe da in der Tat gelernt, dass Normen nicht nur Paragraphen und rechtliche Vorschriften sind, sondern dass sie auch das sind, was jemand als den ganzen Rahmen seines Handelns wahrnimmt, und dazu gehören auch Wertebegriffe. Die Wertebegriffe sind in einem Unternehmen meistens nicht durch die geschriebene, sondern die tatsächlich gelebte Unternehmens kultur geprägt. Und selbstverständlich durch Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge. KD: Gibt es so etwas wie eine »gemeinsame Logik« verschiedener Arten von Normen in den Bereichen Recht, Religion, Moral, Politik? Christoph Möllers: Die gemeinsame Logik ist, dass sie kontrafaktisch sind, das heißt, dass sie weiter bestehen, auch wenn sie gebrochen werden: Die permanente Verletzung einer Norm ist noch nicht das Ende der Norm, son dern das Ende der Norm ist erst, wenn keiner mehr bemerkt, dass die Norm verletzt wurde. Gemeinsam sind auch die Mechanismen der Formalisierung, beispielsweise des Aufschreibens. Dazu gehört auch, dass man gar nicht mehr erkennt, dass man es anders machen könnte – so wie alle durch die Tür gehen und keiner durchs Fenster. Es könnte ja auch sehr praktisch sein, durch das Fenster zu gehen. Irgend wann ist diese alternative Möglichkeit verschwunden und dann wird die Norm nicht mehr als Norm wahr genommen. Zuviel Befolgung führt dazu, dass wir die Norm gar nicht mehr als etwas Normatives wahrneh men. Das ist die Dialektik, der alle Nor men unterstehen. KD: Herr Redlich hat gesagt, Normen sind von Gruppen für Gruppen erschaffen. Dieses Erschaffenwerden von Gruppen für Gruppen – ist das eher ein echtes Definitionsmerkmal oder eine Frage der Legitimation(ssteigerung)? Alexander Redlich: An sich müsste man genauer sagen, Normen erheben einen Anspruch auf Allgemeingültig keit. Auch wenn in diesem Allgemein gültigkeitsbegriff Menschen gar keine Rolle spielen, werden Normen von einer nicht näher bestimmbaren Grup pe von Menschen gemacht, und zwar irgendwie in Absprache miteinander. Das einsame Individuum gibt es in dem Bereich nicht. Christoph Möllers: Ein Beispiel: Wenn man irgendwo eine Linie hinzeichnet, trampeln der alle Leute nach. Dann kann daraus etwas Normatives wer den, das Leute befolgen. Aber erst ein mal ist es nur ein Strich, eine Orientie rung, keine Norm. KD: Woran ganz konkret erkennt man denn nun, dass eine Norm im Spiel ist? Alexander Redlich: Als Mediator merke ich es an den Sprachformen von Ge und Verboten, die die Kontrahenten entwickeln wie »Das darf so nicht . . .« oder »Das muss man doch . . .«, und die bei mir diese Resonanz hervorru fen: Wenn mir das passieren würde, was der jetzt vom anderen verlangt oder ihm vorwirft, dann wäre mein Selbst, meine Identität betroffen: »Ich soll anders sein als ich bin«. Das bringt Emotionen wie Ärger, Hilflosigkeit usw. in Gang. Christoph Möllers: Die Sprachform halte ich für sehr wichtig. Entgegen einer starken philosophischen Tradi tion, die im Grunde glaubt, dass Nor men Fakten sind und damit so etwas wie einen moralischen Realismus ver tritt, glaube ich, dass soziale Normen praktisch immer auf Indikatoren ange wiesen sind, die ausdrücklich zeigen, dass es sich um eine Norm handelt. Das zweite, woran man Normen gut erkennen kann, ist, dass immer die andere Möglichkeit mitgeführt wird, nämlich ihr Bruch. Deswegen sind viele Arten von Normen daran zu erkennen – als Praktiken, die von sich sagen, sie seien nicht normativ, aber eine andere Möglichkeit mitführen, und damit immer einen Schatten auf das werfen, was getan wird. Birgit Gantz Rathmann: Ich glaube auch, dass es sich daran festmachen lässt, dass man sich entweder im Recht fühlt, d. h. Rückenwind bekommt von etwas, das mit einem selbst gar nichts zu tun hat, oder sich in seinem Ver halten etwas unwohl fühlt, aber einen Trotz entwickelt, es trotzdem zu ma chen. KD: Was unterscheidet die Norm dann von der bloßen Position? Birgit Gantz Rathmann: Eine gewisse Verbindlichkeit. Eine Position ist et was sehr Individuelles und eine Norm ist doch immer auf eine Gruppe zu rückzuführen, sie ist nicht unbedingt demokratisch legitimiert, aber trotz dem nicht nur von mir als Individuum vertreten. Alexander Redlich: Für mich ist die Position ein breiterer Begriff. Man kann um Positionen zu einer Norm streiten. Zum Beispiel hinsichtlich des Kopftuches: Muss es festgebunden sein oder reicht ein lockerer Schleier? Es kann die Einhaltung oder die Ableh nung der Norm zur Position werden: Kopftuch ja oder nein? Und es kann eine Norm zur Stützung der individu KONFlIKTE UND NORMEN 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 111 konflikt Dynamik ellen Position herangezogen werden: »Meine Position befindet sich im Ein klang mit . . .«. Fokus 2: Wirkung und Funktion von Normen im Konflikt KD: Sehen Sie eine Gesetzmäßigkeit, wann Normen eher deeskalierend und wann eher eskalierend wirken? Birgit Gantz Rathmann: Zu Beginn eines Konfliktes haben Normen in der Regel eskalierend gewirkt. Weil die Normen Interessen zuwiderlaufen oder zuwiderzulaufen scheinen: »Das ist gar nicht meine Regel« oder »Das ist eine Regel, die gegen alles verstößt, was mir hilft«. Im Verlauf der Konflikt bearbeitung kann ein normativer Rah men, den man in dieser Konfliktgestal tung mit definieren durfte, dann als sehr beruhigend und festigend emp funden werden, also deeskalierend wirken. Allgemein denke ich, dass Normen für eine Vielzahl von Perso nen einen festen Rahmen geben, den sie unbedingt brauchen. Christoph Möllers: Es ist eigentlich sehr selten, dass aus Normen alleine Konflikte folgen. Normen sind ambi valent, doppeldeutig und meistens so angelegt, dass sie nicht zwangsläufig vollzogen werden müssen, sondern dass sich immer noch Möglichkeiten finden, einen Konflikt zu vermeiden. Wichtig scheint mir, dass in dem Augenblick, in dem Normen deeska lierend wirken, die Beteiligten sich diese Normen zu eigen machen, auch wenn die Normen ihren Interessen widersprechen. Die Anwendung der Norm hat immer unvermeidlich etwas mit dem Akteur selbst zu tun – er kann sie sich auch dann zu eigen machen, wenn er sie in der Sache für falsch hält. Alexander Redlich: Aus meiner Sicht haben Normen einmal die Funktion, dass sie einen Feedbackprozess einlei ten. Sie sind Kriterien, an denen ich mich selbst oder andere loben, bestra fen oder fördern oder mein Verhalten ändern kann. Damit haben Normen auch eine Komplexitätsreduktions funktion: Wenn sich viele Leute ähn lich verhalten, reduziert das Konflikte. Wenn einer aber sagt »Du verhältst dich falsch«, also Kritik am Verhalten, einer Einstellung oder einer Eigen schaft des anderen oder einer anderen Gruppe übt, verschärfen die Normen Konflikte, weil sie die Gruppenidenti tät der Menschen, die stark mit Gefüh len verbunden ist, implizit zum Thema machen: Du gehörst nicht zu uns, die wir die Norm einhalten. Christoph Möllers: Zudem gibt es immer auch eine Feedbackstruktur über die Normen selbst. Im Strafrecht sagen wir z. B., in dem Augenblick, wo die Norm angewendet wird, entweder »Der Mensch hat sich strafbar gemacht und das ist schlimm« oder wir beob achten »Oh, das ist jetzt auch strafbar? Vielleicht sollten wir die Strafbarkeit abschaffen«. Beide Möglichkeiten sind stets präsent. Alexander Redlich: Es gibt noch ein weiteres Konfliktfeld, nämlich wenn der Vermittler Normen der Mediation verletzt: »Ich vertraue Ihnen nicht, Herr Mediator«. Egal welche Ursache es hat, wenn die Verletzung einer bestimmten Norm der Mediation, z. B. Neutralität, vorgeworfen wird, muss der Mediator auf dieser Ebene erst ein mal ackern – wenn er überhaupt noch weitermachen darf. KD: Frau Gantz-Rathmann, können Sie die Konflikte, denen Sie in Ihrem Berufsleben begegnet sind, einmal vor dem Hintergrund der normativen Dimension vergleichen? Birgit Gantz Rathmann: Als Richterin bin ich an Recht und Gesetz gebun den. Alles andere, mögliche Interes sen oder mögliche andere Regelun gen außerhalb des Gesetzes, können höchstens bei Vergleichsverhandlun gen eine Rolle spielen. Das ist eine ziemliche Einschränkung, die manch mal zu sehr unbefriedigenden Er gebnissen führt – wenn sogar die obsiegende Partei erstaunt aus dem Sitzungssaal rausgeht, weil sie zwar den Prozess gewonnen, aber gar nicht das erreicht hat, was sie wollte. In der Mediation ist das anders. Man muss sich natürlich im Rahmen der Tarif verträge, Gesetze und Unternehmens spielräume bewegen, aber ich kann den Gegenstand für die streitenden Parteien erweitern. Ein weiterer we sentlicher Unterschied ist: Die strei tenden Parteien haben die Gelegen heit, die Normen, die für sie gelten sol len, in einem gewissen Rahmen selbst zu gestalten. Das ist bei Gericht, außer im Vergleich, unmöglich. Fokus 3: Normen als Instrument der Gestaltung in sozialen Räumen KD: Was ist Ihre Erfahrung, inwieweit – und wie – lassen sich Normen in Organisationen als gestalterisches Instrument einsetzen? Birgit Gantz Rathmann: Kurzfristig sicher, wenn man starke Sanktionen einführt und konsequent durchsetzt. Aber meine Erfahrung war in keinem Unternehmen, dass diese Konsequenz von langer Dauer ist. Und keiner macht gerne das, was er machen soll, wenn er nicht einsieht, warum er es machen soll. Also handelt er vielleicht für eine bestimmte Zeit entsprechend, IM FOKUS 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016112 konflikt Dynamik solange er beobachtet wird und die Konsequenzen spürt. Meiner Mei nung nach ist keine Unternehmens führung in der Lage, so lange den Fokus auf ein bestimmtes Thema zu legen. Das Aufbegehren bei den Mit arbeitern gegenüber den Führungs kräften wird außerdem immer größer werden, so dass das irgendwann genau ins Gegenteil umschlägt. Alexander Redlich: Die Organisations psychologie ist ja mit einem Partizi pationsansatz angetreten: mit gemein sam entwickelten Normen zu einer bestimmten Unternehmenskultur bei zutragen. Partizipation heißt nicht Selbstbestimmung, sondern Mitbe stimmung. Und bei einer neuen Norm in einer Organisation wissen auch die Skeptiker, dass ihr jemand in diesem Unternehmen eine große Bedeutung geben will: Ein Gesetz hat ein Gewicht, weil es ein Gesetz ist, ganz unabhän gig davon, ob es befolgt wird. Birgit Gantz Rathmann: Dennoch, stellen Sie sich Führungskräfte vor, die im Rahmen eines Change Prozesses lernen sollen, Verantwortung zu über nehmen, die aber nach anderthalb Jah ren noch nicht dazu fähig sind. Der Vorstandsvorsitzende, der das Unter nehmen total verändern wollte, zieht personelle Konsequenzen, und die gleichen Leute, die die Bereitschaft nicht gehabt haben, die Verantwor tung zu übernehmen, sagen: »Da sieht man’s mal, ernst hat er es ja doch nicht gemeint mit der Veränderung.« KD: Ein spannender Punkt: die »Gelingensbedingungen« einer normativen Um prägung einer Organisation. Abstrahiert: Eine überschaubare, aber latent existenzgefährdende Form von Druck oder Unsicherheit scheint dazu zu führen, dass man wieder zurückfällt auf vorher etablierte normative Muster. Birgit Gantz Rathmann: Ich habe dazu eine ganz brutale These: Wenn man zu lange in einem sehr autoritären Unter nehmen arbeitet, und dort auch einen gewissen Erfolg hat, dann ist man ver dorben. Da muss dann das System ins gesamt zerschlagen werden, die Ein zelnen werden es nicht mehr ändern. KD: Herr Möllers, können Sie das mal kommentieren? Wann ist ein normatives System verdorben und wie kann man es trotzdem umprägen? Christoph Möllers: Es ist eine ganz große Frage der empirischen Beobach tung von Normen, inwieweit man eine eingesessene kulturelle Praxis ändern kann oder nicht. Wir wissen, dass dies zumindest sehr schwierig ist. Eine gezielt dosierte Form von harter, auto ritärer Regel, mit einer gewissen Ri gorosität durchgesetzt, ist manchmal eine Möglichkeit. Ich sage das ungern so, aber ich glaube, das ist die Erfah rung, die man auch mit demokrati scher Gesetzgebung hat. Das Fami lienrecht der 50er Jahre oder die Diskriminierung der amerikanischen Schwarzen wurden autoritär abge schafft. Die kulturellen Gemeinschaf ten, um die es da ging, waren dagegen. Und man sieht ja auch an den Rück schlägen, wie schwierig das ist. Den noch sollte man vorsichtig sein, in eine kulturalistische Formalisierungs skepsis zu gehen: »Eigentlich ist die Kultur wie sie ist, da kann man nichts machen.« Birgit Gantz Rathmann: Die Beispiele, die Sie genannt haben, hätten auf je den Fall keine Mehrheit bekommen, wenn man darüber eine Volksabstim mung gemacht hätte. Aber es wurde nur ein einzelnes Gesetz verändert und man hatte die ganze Macht des Staates, das zu kontrollieren, anders als wenn die ganze Kultur in einem Unternehmen verändert werden soll und das Unternehmen diesen Prozess nicht mit ausreichenden Mitteln steu ern kann. KD: Hier interessiert uns jetzt natürlich die Perspektive des Organisationspsychologen. Alexander Redlich: Oft spielt der Bezug zum vorhergehenden System, also zur Vergangenheit, eine Rolle. So wie die ersten Autos zuerst wie Kut schen aussahen, muss man ankoppeln an das, was vorher da war. Und die Frage ist immer: Um welchen Nor menbereich geht es eigentlich? Geht es um die Regulierung von Macht oder geht es um andere Normenbereiche? KD: Frau Gantz-Rathmann, wie kam es zum Erfolg der normativen Mantelregelung für Mediation bei der Deutschen Bahn? Birgit Gantz Rathmann: Die Betriebs vereinbarung stand gerade nicht am Anfang. Eigentlich wäre sie rechtlich nötig gewesen, um überhaupt Media tion im Unternehmen durchführen zu können, ich habe um den Vertrauens vorschuss gebeten, ein Jahr ohne Be triebsvereinbarung, aber unter Betei ligung der Betriebsräte Mediation zu machen. Nachdem wir dann ein Jahr Erfahrungen mit dem Instrument Mediation hatten, haben wir die Betriebsräte um einen Vorschlag gebe ten. Diejenigen, die keine Erfahrung mit Mediation hatten, wollten am Anfang ein sehr umfangreiches Regel werk haben und kamen nun mit einem sehr schlanken Werk, weil sie gemerkt hatten, dass das Instrument gerade auch von der Freiheit lebt. In der Pilot phase war die Betriebsvereinbarung erstens ein Promotions und Legitima tionsinstrument: Mediation ist ein vom Unternehmen gewolltes Instru KONFlIKTE UND NORMEN 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 113 konflikt Dynamik ment, das ihr nutzen dürft. Zweitens gab sie Sicherheit: einen Arbeitsrah men für die Medianden und für die Mediatoren, auch mit Blick auf Ver traulichkeit etc., der auch den Perso nalabteilungen und Führungskräften den Mut gab zu sagen: Das probieren wir jetzt mal aus. KD: Herr Redlich, welche Haltung haben Sie zu Betriebsvereinbarungen? Alexander Redlich: Sie sollten tatsäch lich erst in Gang gebracht werden, wenn schon einige Mediatoren im Un ternehmen arbeiten, auf deren Schul tern aufgesattelt werden kann. Wenn man schon Leute hat, die Mediation machen, ist außerdem die Angst vor der Regulation geringer. KD: Eine Frage an Herrn Möllers: Könnten Sie einmal die Dynamik rund um den »Corporate Pledge«1 – einer Selbstverpflichtung von Unternehmen zur konsen sualen Streitbeilegung im Konfliktfall – normativ würdigen? Christoph Möllers: Ich glaube, das ist erst einmal ein klassisches spieltheo retisches Problem, weil wir es mit unterschiedlich mächtigen Akteuren zu tun haben, für die auch die Anreiz natur verschieden ist. Es gibt Unter nehmen mit riesigen Rechtsabteilun gen, die das Prinzip der konsensualen Streitbeilegung in gewisser Weise in ternalisiert haben, und es gibt Unter nehmen, die haben eigentlich nieman den dafür und sind auf eine staatliche Justiz angewiesen. Man hat also von der Selbstverpflichtung nur etwas, wenn man sie mit eigenen Mitteln rea lisieren kann, daher werden Großun ternehmen sich eher darauf einlassen als kleine Unternehmen. KD: Und wenn Unternehmensjuristen den Corporate Pledge ignorieren würden und trotzdem zu Gericht gingen? Hat dann die dort formulierte Norm trotzdem etwas verändert? Christoph Möllers: Ja, das hat sie, weil sie vor dem Kontext einer anderen Option steht. Auch die bewusste Ent scheidung gegen das normierte Vor gehen validiert die neue Norm. Fokus 4: Normierung von Mediation, national und international KD: Was stellt das Mediationsgesetz nun eigentlich mit Praktikern an? Was hat sich unter dem neuen Gesetz getan? Birgit Gantz Rathmann: Ich bin selbst nicht begeistert von dem Mediations gesetz, weil einige Dinge, die ich rege lungsbedürftig fand, nicht geregelt worden sind, aber dafür viele Dinge, bei denen ich meine, dass dort der fal sche Fokus und die falsche Priorität gesetzt wurden. Die ganzen Qualitäts fragen sind aus meiner Sicht sehr unbefriedigend gelöst. Ich finde, das Gesetz ist viel zu sehr darauf aus, den Staat mit Hilfe der Gerichtsmediation von seinen Aufgaben ein Stückchen zu entlasten. Für mich besteht eine ge wisse Gefahr darin, dass die Chancen, die Mediation eigentlich gibt, nämlich den Rahmen zu erweitern, peu à peu eingeengt werden. Alexander Redlich: Für mich kommt es hier darauf an, ob in einem Konflikt ein Rechtsverfahren droht oder nicht. Für die Leute, die vom sozialen oder sozialwissenschaftlichen Bereich her in die Mediationsbadewanne reinge spült werden, ist das Gesetz ein Stück Ressource, weil sie sich jetzt Gedan ken machen, dass da auch ein Rechts system drum herum ist. Mediation ist ein kleiner Teil eines viel größeren, wichtigen, elementaren, rechtstaatli chen Systems. Und das Gesetz gibt der Sache Mediation Bedeutung. Man kann glaube ich heute besser sagen: »Nun gibt es ein Gesetz dafür«, und dann hören die Leute 30 Sekunden länger zu. Das ist schon viel wert. Den inhaltlichen Mehrwert der Regulierung mache ich abhängig davon, inwieweit das Gesetz beispiels weise unterschiedliche Vorgehens weisen verhindert. Manche Mediati onsformen haben einen konkreten Arbeitsablauf, andere haben keinen. Wenn Formenreichtum verhindert würde, dann fände ich es ungünstig, aber ich sehe das im Moment nicht. Das hängt glaub ich weniger vom Gesetz ab als von den Verbänden, die an diesem Gesetz mit ihren Ausbil dungsverordnungen rumschrauben. Plötzlich kriegt man eine E Mail, in der steht, dass irgendwo irgendwer zu 800 Euro verdonnert worden ist, weil er sich unlizensiert »Mediator« ge nannt hat und das nicht darf. Und dann kriegen alle einen Schreck und die Mediationsverbände machen da mit Politik, weil sie die Befürchtung haben, dass unter dem Deckmantel der Mediation etwas anderes gemacht wird, beispielsweise Psychotherapie oder Coaching. KD: Herr Möllers, wie denken Sie über das deutsche Mediationsgesetz? Christoph Möllers: Ich finde es inter essant, dass man eine Kulturtechnik, die eigentlich auf Eigeninitiative, Selbst organisation und Entformalisie rung ausgerichtet ist, zentral forma lisiert. Das gibt dem Ganzen etwas Hybrides. Dabei bekommt man doch wieder so etwas wie eine Annäherung an ein Rechtssystem, mit allem Guten und Schlechten. Dann muss man wie 1 S. dazu den Beitrag von Jürgen Klowait in diesem Heft. IM FOKUS 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016114 konflikt Dynamik der den Schritt zurück in die Defor malisierung gehen und sagen, wir nennen das anders, wir wollen keine Zertifi zierung. Das ist einfach eine Abfolge von Formalisierungs und Deformalisierungsstrukturen. Die So zialwissenschaften der letzten drei, vier, fünf Jahrzehnte haben Formali sierung notorisch unterschätzt: Man glaubt immer, hinter der Form ist das Eigentliche oder Wirkliche, das ist na türlich Unsinn. Aber Formalisierung hat auch viele Kosten und Nachteile. KD: Nun der Sprung in die internationale Arena: Bei der Diskussion über die zunehmende Normierung von Friedensmediation, etwa zum Sicherstellen in klusiver Prozesse, erntet man in der Regel eine Mischung aus Desinteresse und Angst. Was meinen Sie, werden Friedensprozesse unter der zunehmenden Normierung leiden? Alexander Redlich: Ich weiß, dass es genug Beispiele gibt, wo die Einbezie hung aller Parteien mit einer nicht inklusiven Haltung, mit einem zufäl ligen oder gezielten Herauslassen bestimmter Gruppen, wunderbar ge laufen ist. In den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden gab es 109 De legationen. Jemand, der einen derart komplexen Prozess zu steuern ver sucht, sagt: »Ich muss machen dürfen, was ich für richtig halte in dieser Situ ation, sie ist so einmalig.« Je weniger da festgelegt wird, desto besser. Und wozu auch? Birgit Gantz Rathmann: Ja eben, wozu auch? Für mich ist die Forderung nach einer festen Normierung ein Ausdruck von Hilflosigkeit, weil ein Friedens prozess im Moment insgesamt nicht gut funktioniert. Ich weiß nicht, wieso es zielführend sein soll, den Rahmen zu bestimmen, in dem verhandelt wer den soll, im Konflikt hat man nun mal keinen Konsens. Da nützt es auch nichts, sich ein Rahmenwerk zu ge ben, weil derjenige, der nicht will und die Ressource hat, das auch durchzu setzen, den wird das nicht stören. Des wegen bringe ich die pragmatische Sichtweise nochmals ein: Was bringen uns Normen im internationalen Kon text im Konfliktfall wirklich? Oft wie der nichts. Christoph Möllers: Ich glaube diese ganze Metaphorik, die dahintersteht und die darauf hinausläuft, dass alle Beteiligten im Kern dasselbe wollen, ist irreführend. Es ist gefährlich, ins Zentrum solcher Prozesse grundle gende Normen wie Menschenwürde oder Inklusion zu stellen. Einen Kon sens über Reichweite und Bedeutung solcher Konzepte haben wir noch nicht einmal in einer nationalen Ordnung. Wir wissen, was eine Frist oder ein Parkverbot ist, aber wir sind uns un eins, was die Menschenwürde gebie tet. KD: Das Positive ist ja, dass sich tatsächlich ein normativer Standard herausbildet: Das Recht, etwas sagen zu dürfen, wird von allen eingeklagt. Da wird auf einen implizierten Konsens Bezug ge nommen, der nicht verschriftlicht, sondern einfach eingefordert wird. Alexander Redlich: Auch diese Norm muss man in der Praxis pragmatisch handhaben. Manchmal muss man also auch jemanden beschränken. Also Normen sind aus meiner Sicht Teil eines Algorithmus. Sie sind der Ver such, über einen geregelten Ablauf ein Problem zu lösen. Krieg ist aber die ausgeprägteste Form dessen, dass kein geregeltes Verfahren bisher geklappt hat. Also braucht man viel Kreativität. Das heißt vorgehen auf Basis dessen, was mir oder einer Gruppe gerade ein fällt. Ein kriegerischer Konflikt ist so zusagen die Indikation dafür, dass man Kreativität braucht und Kreativi tät nicht eingeschränkt werden darf durch Regeln. Christoph Möllers: Das sehe ich anders. Der Witz an der Norm ist, dass man sie ändern und brechen kann, der Algorithmus ist dagegen der Automa tismus. Deswegen finde ich die Meta pher der Verregelung nicht so pas send. Ich bin aber nicht deswegen verregelungsskeptisch, weil ich glaube, dass Krieg das absolute Gegenmodell ist und Ordnung als solche einen Vor sprung hat. Denn es gibt natürlich Bei spiele für richtige Kriege. Der Zweite Weltkrieg zum Beispiel in dem Sinne, dass die Alliierten den Krieg angenom men und gewonnen haben. Es gibt Ordnungen, die schlimmer sind als Unordnungen, weil sie stabil und vor hersehbar ungerecht sind. Es geht nicht um Kriegsvermeidung an sich, sondern um eine pragmatische Vertei lung politischer Macht, die unter den vorhandenen Parteien ausgehandelt wird, wenn möglich gewaltfrei. Eine Verregelung und eine Moralisierung dieses Aushandlungsprozesses kann das Problem auch verschärfen. Fokus 5: Praxisrelevanz KD: Warum ist die normative Dimension nun eigentlich praktisch relevant? Alexander Redlich: In erster Linie des halb, weil ich als Mediator in der Kon fliktbearbeitung sehr oft damit kon frontiert werde, dass sich Konflikt parteien die Verletzung von Normen vorwerfen und sich so mit Ausgren zung bedrohen. Mit der Kenntnis und Beachtung von Normen kann ich den Übergang zum Identitätskonflikt iden KONFlIKTE UND NORMEN 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016 115 konflikt Dynamik tifizieren. Ich weiß dann, da muss ich methodisch anders vorgehen als bei Konflikten, in denen es vor allem um die Verteilung von Ressourcen oder die Setzung von Zielen geht. Christoph Möllers: Normen können nicht nur Gesellschaften zusammen halten, sondern auch auseinanderbrin gen. Gesellschaften und auch Konflikt systeme können sowohl über , als auch unternormativiert sein, das heißt zu viele Erwartungen an sich haben, die sie nicht erfüllen können, oder gar keine Erwartungen an sich haben. Birgit Gantz Rathmann: Wenn ich als Mediatorin unser Gespräch ansähe, würde ich denken: Aha, ich muss also im Vorfeld noch viel mehr den Fokus darauf legen, was es an Normen gibt, die ich nicht mit meinem jetzigen Nor menbegriff verbunden habe. Der Nor menbegriff ist eigentlich viel größer, als ich gedacht habe. Und ich würde denken, dass ich mir noch mehr mei ner Freiheit bewusst werde, mit diesen Normen großzügig umzugehen, die sen Toleranzspielraum wirklich auszu nutzen. KD: Welches Fazit ziehen Sie für die Konzeption von Konfliktmanagement- Programmen? Birgit Gantz Rathmann: Ich würde in dem Programm die Eigenverantwort lichkeit noch viel mehr stärken. Es geht darum, die Normen nicht nur zu lesen und eins zu eins zu überneh men, sondern tatsächlich zu reflektie ren und sich damit auseinanderzuset zen, um zu sehen, inwieweit man sie sich zu eigen machen kann. Ist das meine Norm? Warum ist das nicht meine Norm? Warum akzeptiere ich diese Norm vielleicht, obwohl sie mir persönlich und meinen Interessen nicht gefällt? Wegen des Ganzen. Das heißt auch, die Normen immer wieder in Frage zu stellen und wenn man ver festigte Normen erkennt, die sich überlebt haben, auch den Mumm zu haben zu sagen, die brauchen wir heute nicht mehr. Literatur Möllers, C. (2015). Die Möglichkeit der Nor men. Frankfurt am Main: Suhrkamp. IM FOKUS 5. JAHRGANG, HEFT 2/2016116 konflikt Dynamik www.klett-cotta.de/fachbuch Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem unter: www.klett-cotta.de Wir liefern portofrei nach D, A, CH Frank-M. Staemmler Kränkungen Verständnis und Bewältigung alltäglicher Tragödien 202 Seiten, broschiert € 19,95 (D). ISBN 978-3-608-94585-0 Frank-M. Staemmler ist Diplom- Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Gestalttherapeut und Supervisor. Er arbeitet als Co-Leiter im Zentrum für Gestalttherapie,Würzburg, und international als Ausbilder für Gestalttherapie. Er ist Autor bzw. Herausgeber zahlreicher Fachbücher undArtikel undwar von 2001 bis 2006Herausgeber des »International Gestalt Journal«. Warum treffen uns Kränkungen in intimen und anderen nahen Beziehungen oft so tief? Der Autor untersucht Entstehungsbedingungen und Dynamik dieser seelischenVerletzungen, analysiert die typischen Reaktionsmuster und zeigt bessere Verhaltensalternativen auf. Sie sind so alltäglichwie schmerzhaft: Kränkungen unter Paaren, engen Freunden und im Berufsleben. Warum verwunden uns einVorwurf, eine unbedachte Kritik, zuwenig Rücksichtnahme oderAufmerksamkeitmanchmal so tief, dasswir glauben, aggressiv zurückschlagen oder gleich die Beziehung in Frage stellen zumüssen? DerAutor untersucht die Dynamik von Kränkungen und die dahinter stehenden Denkmuster, denenwir aufgrund unserer kulturellen Prägungmeist automatisch verfallen. Sie zwingen uns in einen Kreislauf von schmerzlichen Gefühlen, beleidigtemRückzug und Racheimpulsen. Das Buch zeigt, wiewirmit einem tieferenVerständnis das geläufige Täter- Opfer-Schema hinterfragen, besser einordnen und auf konstruktiveWeise überwinden können. Partnerschaftenwachsen daran ebensowie andere nahe Beziehungen. »Ein konstruktives und leicht verständlich geschriebenes Buch, das zu überraschenden Einsichten, einem tieferenVerständnis führt und uns einwenig freiermacht.« Inge Behrens, Bewusster Leben Kränkungen verstehen, vermeiden, überwinden FRANK-M. STAEMMLER Kränkungen Verständnis und Bewältigung alltäglicher Tragödien NEU 1_1_Staemmler_Kränkungen_2C_KD.indd 1 26.02.16 15:32

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die deutschsprachige Fachzeitschrift KONFLIKTDYNAMIK thematisiert Konflikte und Konfliktmanagement in Unternehmen und Organisationen. Die Beiträge bieten einen interdisziplinären Überblick über den aktuellen Stand und neue Entwicklungen in Praxis und Forschung des Konfliktmanagements. Ein Blick über den Tellerrand der Organisationswelt hinaus in die Felder Politik und Gesellschaft ermöglicht zusätzlich den kreativen Transfer von Erkenntnissen erfolgreicher Konfliktregelung.