Anne Isabel Kraus, Lars Kirchhoff, Kann Mediation nicht schaden? in:

Konfliktdynamik, page 288 - 293

KD, Volume 3 (2014), Issue 4, ISSN: 2193-0147, ISSN online: 2193-0147, https://doi.org/10.5771/2193-0147-2014-4-288

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IM FOKUS 3. JAHRGANG, HEFT 4/2014288 konflikt Dynamik Einleitung1 Es entbehrt bei Lichte betrachtet nicht einer gewissen Ironie, dass Mediatoren für die Relevanz des Themas Konfliktsensitivität sensibilisiert werden müssen. Ziel dieser kurzen Replik auf den Beitrag von Hellmüller, von Burg und Zeller ist es, weitere Betrachtungsebenen auf das dort skizzierte Themenfeld zu eröffnen und mit einigen zugespitzten Thesen eine offene Diskussion anzustoßen. Unser Blick richtet sich auf die impliziten Grundmuster und blinden Stellen des (Nicht-)Diskurses zum Thema Schaden, von denen man sich verstören lassen sollte, bevor man die instrumentellen Fragen der Konfliktsensitivität weiter verfeinert. Wir beschränken uns auf fünf Aspekte, stützen uns dabei auf Analysen und Beobachtungen des Feldes und hoffen, damit einen produktiven Austausch anzuregen. Auf tönernen Füßen: Wie kommt es dazu, dass die positive Wirkannahme (oder besser: Nichtschaden- Annahme) der Mediation bislang nicht systematisch geprüft wurde? Wie die Autoren in ihrer Einleitung feststellen, ist der Löwenanteil der Beiträge zur internationalen Mediation auf die positive Grundannahme ge baut, dass mediatives Intervenieren per se förderlich oder jedenfalls nicht schädlich sei. Wie erklärt sich, dass diese Zuschreibung so lange ungeprüft geblieben ist? Unter anderem wohl durch die wichtige Funktion, die ihr in diesem jungen Sektor zukam und immer noch zukommt: Mediation ist seit etwas mehr als einem Jahrzehnt Hoffnungsträger, Bühne, aber auch Markt der internationalen Friedensförderung. Zugleich sind Mediationsakteure oft mit Unkenntnis über den Ansatz, verzerrten Erwartungshaltungen (Mediation als Allheilmittel oder als Konkurrentin der Diplomatie) und zunehmendem Zweifel an der Legitimität und Sinnhaftigkeit von Friedensinterventionen konfrontiert. Repräsentative empirische Wirksamkeitsstudien zu Mediation in diesem Kontext gibt es dabei weiterhin nicht. So wurde die positive Wirkannahme im Laufe der Jahre zu einem Konstrukt, das als immer stärker belastetes Fundament dienen muss, obwohl es ANNE ISABEL KRAUS | FRANKFURT (ODER) LARS KIRCHHOFF | FRANKFURT (ODER) Kann Mediation nicht schaden? Eine Replik auf »Kann Mediation schaden? Konfliktsensitivität in internationalen Friedensverhandlungen« Zusammenfassung Machen wir uns nichts vor: Wenn Mediation tatsächlich etwas bewirken und verändern will, wie kann sie dann nicht schaden? An der Schwelle zur Professionalisierung sollte sich internationale Friedensmediation mit ihren inhärenten destruktiven Wirkmächten vertraut machen. Ausgehend von dem Artikel »Kann Mediation schaden?« beleuchten die Autoren einige grundlegende Prämissen des Schadensdiskurses in der Friedensmediation. Wie kann z. B. eine so subjektive und dehnbare Größe wie Schaden definiert und gemes sen und als Folge mediativen Einwirkens isoliert werden? Der Artikel schließt mit dem Vorschlag, den Diskurs radikal umzudenken: Erstens, Schaden wird stets ein Begleiter von Mediation sein; zweitens, Schaden zu ignorieren mag manchen nützen aber vielen schaden; drittens, Schaden ist weder schlecht an sich, noch muss er als solcher vermieden werden. Stattdessen sollten Mediatoren mit der Schadensdimension pro-aktiv und unverkrampft umgehen – und sie in ihre Methoden und Ethiken sowie ihre Theorien des Wandels integrieren. Schlüsselbegriffe Internationale Friedensmediation, Schaden, Konfliktsensitivität, Blinde Flecke, Theorie des Wandels 1 Wir danken Imke Kerber für ihre wertvollen Anregungen zu dieser Replik. KANN MEDIATION NICHT SCHADEN? 3. JAHRGANG, HEFT 4/2014 289 konflikt Dynamik letztlich ein empirisches Vakuum ist.« Die positive Wirkanannahme fungiert heute zugleich als Vertrauensgrundlage, Podium und Kapital des internationalen Mediationssystems. Die Entwicklungsschübe und die wachsende Aufmerksamkeit – durchaus auch eines skeptischen Umfelds – haben einen Rechtfertigungsdruck erzeugt, der offenbar eher Reaktionen der Selbstlegitimation als der Selbstprüfung stimuliert. Zumindest wird in tensiver selektiv nach Best-practice- Beispie len gesucht als dass die Wirkzusammenhänge systematisch und ergebnisoffen erforscht werden. Wie kommt es, dass gerade hier, anders als in vergleichbaren Prinzipal- Agenten-Verhältnissen, in denen in soziale oder biologische Systeme interveniert wird (vgl. neben do no harm den hippokratischen Eid primum non nocere, non maleficence der heutigen Medizinethik), bis dato keine Nichtschadens-Ethik für notwendig befunden wurde? Vermutlich spielen zwei Kontextfaktoren eine Rolle: Wenn internationale Mediation als Alternative zu militärischer Intervention gesehen wird, wirken ihre Schadensrisiken im Kontrast vernachlässigbar gering – hier wird ja nur verhandelt, nicht geschossen. Keine Bombe fällt; man will Gutes. Und wenn Mediationseinsätze durch die idealistischen, manchmal altruistischen Metanarrative der Friedensförderung motiviert und legitimiert sind (win-win statt win-lose), mag dies destruktive Wirkmächte nahezu automatisch ausblenden. Weiterführende Fragen sind daher etwa: Unter welchen Bedingungen werden durch Mediationsprozesse Eskalationsspiralen ausgelöst oder verstärkt und wird weiteres Aufrüsten begünstigt, so dass solche (Neben-)Wirkungen von Mediationsprozessen am Ende ähnlich viele Menschenleben kosten (können) wie militärische Interventionen? Unter welchen Bedingungen führen auch und gerade »gute« Interventionsabsichten und -gründe zu Effekten, die für Betroffene einen Schaden darstellen? In diesen weitgreifenden Fragen deutet sich bereits der nächste Punkt an: Forschungsmethodische Herausforderungen: Wie Schaden messen, wenn noch nicht einmal die Wirkung von Mediation an sich gemessen werden kann? Wie kann man zwischen mediativer Intervention und Schaden im Konfliktkontext einen Kausalzusammenhang herstellen, wenn eine entscheidende Voraussetzung dafür – die Möglichkeit, einen Zustand überhaupt als direkte oder indirekte Wirkung einer Intervention (nicht nur als Korrelation) zu identifizieren – (noch) nicht gegeben ist? Offen sind beispielsweise Fragen nach Wirkfaktoren und Zuordnungen: Welche Faktoren mediativer Interventionen wirken un/abhängig von welchen Kontextvariablen auf welche Weise? Woran lässt sich – z. B. mit Blick auf die im Beitrag genannte Status-quo-Verfestigung (Dayton) und die Zersplitterung von Rebellengruppen (Darfur) – festmachen, wann und in welchen Anteilen gewisse Effekte me diativen Interventionen zuzuschreiben sind, wann anderen, eigendynamischen Prozessen zwischen den und innerhalb der Konfliktparteien? Will man (potentiellen) Schaden durch Mediation trotz der Forschungslücken methodisch in den Griff bekommen, könnte man immerhin zusammenführen und systematisieren, was unter annähernd vergleichbaren Ausgangsbedingungen passiert, wenn a) gar keine Intervention, b) keine mediative Intervention, c) mediative Vorgehensweise X (z. B. facilitative), d) mediative Vorgehensweise Y (z. B. high-power), e) punktuelles Eingreifen (one track), f) verzahntes Vorgehen (multi track) etc. erfolgt. Erst wenn auf diese Weise mehr Klarheit gewonnen ist, wie Mediation generell Schaden verursachen kann, ist es möglich, im Einzelfall das Schadensausmaß zu steuern und Maßnahmen zur Schadensvorbeugung zu benennen. Hilfreich wäre dann zu nächst eine Systematisierung verschiedener Schadensursachen, etwa von der Wahl eines nicht geeigneten Verfahrens/Vorgehens über Schwachstellen im Prozessdesign bis hin zu mangelnder Kompetenz, die sich in handwerklichen Fehlern manifestiert. Definition, Bestimmung, Bewertung: Wie kann (und muss) man Schaden im Kontext der internationalen Mediation erfassen und um was geht es dabei? Grundlage für eine inhaltlich, methodisch und ethisch weiterführende Diskus sion des Themas ist eine gute begriffliche und konzeptionelle Er fassung des Schadensbegriffes. Man könnte sich dafür an rechtlichen und ethischen Kategorien orientieren (etwa »spürbare, unfreiwillige Einbuße an Gütern«). Wichtig ist jedoch zunächst einmal, sich die Fragen vor Augen zu führen, die dafür zunächst beantwortet werden müssen: Wie will man Schaden von unerwünschten (Neben-) Wirkungen unterscheiden? Wie trägt man der Tatsache Rechnung, dass Schaden nicht objektiv bestimm- und bewertbar ist, weil seine Bestimmung und Bewertung zutiefst perspektivenund damit interessenabhängig ist? IM FOKUS 3. JAHRGANG, HEFT 4/2014290 konflikt Dynamik Denn »Schaden« wird immer nur mit Blick auf bestimmte Objekte festgestellt, die für bestimmte Akteure innerhalb ihres jeweiligen subjekti ven Bezugsrahmens (Wahrnehmungshorizonte, Überzeugungssysteme, Be dürfnisse, Ziele, Erwartungshaltungen, Zeithorizonte) einen Wert an sich haben oder Mittel zu einem Zweck sind. Erst wenn sich mehrere Akteure (implizit oder explizit) auf geteilte Wertzuschreibungen einigen, wird Schaden objektiviert bzw. zumindest intersubjektiviert. Die Zerstörung von Gütern, die innerhalb dieses diskursiv ausgehandelten Rahmens für (prima facie) »niemand« einen Wert haben, wird nicht als »Schaden« verbucht. Dies hat wichtige Implikationen: a) Die Deutungshoheit über »Schaden«, ausgeübt durch In- und Exklusion von Akteuren und Bezugssystemen (klassisch: Minderheiten, Umwelt, zukünftige Generationen) ist ein Instrument zum Schutz von Interessenssphären. Wenn Konfliktbeteiligte oder -betroffene von einem mediativen Interessensausgleich ausgeschlossen sind, kann also aus deren Sicht Schaden entstehen, der von den Prozessdurchführenden und -beteiligten jedoch nicht als »Schaden« registriert bzw. anerkannt wird. b) Es gibt Bezugssysteme, aus deren Perspektive (eigener und fremder) »Schaden« positiv gewertet bzw. relativiert wird, weil er gesamtbilanziell vertretbar (»Kollateralschaden«), ideologisch gerechtfertigt (»for the greater good«) oder transformationsnotwendig (»hinzunehmende Zwischenphase«) erscheint oder aber eine willkommene Legitimationsgrundlage für weiteres Konflikt- oder Interventionshandeln bietet. Alle diese Be trachtungsperspektiven sind vorstellbar etwa am Beispiel Kongo, wo sich die aus den Verhandlungen ausgeschlossenen Rebellengruppen gewaltsam mehr Gehör verschafften. Schaden ist also nicht gleich Schaden. Erst recht nicht in der Mediation: Die Frage, wer (die MediatorIn, die Betroffenen, eine Kommission, der öffentliche und wissenschaftliche Diskurs ?) wie (per Betroffenenaussage, Regierungsdekret, Expertenpläne, Volksabstimmung, medialem Fokus?) entscheidet, ob durch Mediation Schaden entstanden ist und wie er zu bewerten ist, verlangt eine mediationsmethodische und -ethische Antwort sowie ein auf dieses Fundament gestütztes Regelwerk. Sollten eines Tages Mandatsvereinbarungen die Haftung von MediatorInnen rechtlich regeln, wäre dies eine Gelegenheit, Schaden so zu fassen, dass alle Beteiligten (MediatorInnen, Auftraggeber, Konfliktparteien) wissen, für was sie bei der Schadensvorbeugung genau verantwortlich sind und für was nicht. Hier ist jedoch auch Vorsicht geboten: Die strukturellen Machtasymmetrien und Intransparenzen im Feld könnten einflussreiche Auftrag-/Geldgeber, Stakeholder oder Konfliktparteien verleiten, Schadensklauseln dafür zu nutzen, Mediatoren auf ihre jeweiligen Interessenssphären einzueichen oder handlungsunfähig zu machen, während einflusslose Geschädigte vom Schadensradar nicht einmal erfasst werden. Dies ist gleich das Stichwort für den nächsten Aspekt: Einblenden statt Ausblenden: Was müssen wir bewusst mitdenken, damit wir Schadenspotentiale nicht unbewusst ignorieren? Allein eine nur so kursorische Beschäftigung mit dem Thema Schaden, wie sie im Rahmen dieser beiden Beiträge möglich ist, zwingt dazu, weitere Dimensionen möglicher Rückkopplungen von mediativen Interventionen einzublenden. In Zeiten, in denen klare und einfache Handlungsempfehlungen gefordert werden, ist eine solche Komplexitätssteigerung politisch gegenintuitiv und schwer kommunizierbar, aus ethischer und methodischer Sicht aber unverzichtbar. Denn schon auf den zweiten Blick wird klar, dass Schaden in der Mediation a) unvermeidbar ist: Jede noch so minimal-invasive Intervention ist ein Eingriff in soziale Mikro- und Makrosysteme, der zahlreiche Ver- änderungen im Konfliktkontext auslöst, welche für die Betroffenen einen Schaden darstellen können; b) oftmals gewollt ist: Konflikterhaltenden Faktoren und Akteuren will Mediation schaden; es wäre Heuchelei, dies zu verleugnen; c) ambivalent ist: Mancher Schaden ist ein Gewinn, aber eben nur für manche; d) kaum kontrollierbar ist: Mediatoren arbeiten nicht nur am Konflikt, sondern immer auch im Konflikt. Dass eine bestimmte Schadenskategorie und -größe eintritt oder verhindert wird, ist daher nur in dem Ausmaß vorsehbar und planbar, wie die dynamischen Wechselwirkungen zwischen Handlungen unter den komplexen Bedingungen internationaler Konflikte steuerbar sind. Letztlich, so lässt sich daher feststellen, kann Mediation nicht nicht schaden. Paradoxerweise liegt hier aber vielleicht gar nicht das größte Problem: Es geht im Grunde nicht darum, Schaden an sich zu vermeiden (so wie es ja auch nicht darum geht, Konflikte an sich zu vermeiden), sondern da rum, wie man mit der Schadensdimension umgeht: KANN MEDIATION NICHT SCHADEN? 3. JAHRGANG, HEFT 4/2014 291 konflikt Dynamik The Big Picture: Was bedeutet die Integration der Schadensdimension in die Theorien des Wandels? Das Feld der Friedensmediation ist von vielen Theorien des Wandels (als Überzeugungs-, Analyse- oder Planungssysteme) durchzogen, die Interventionen erklären, motivieren, rechtfertigen, prägen und leiten. Derartige Theorien sind jedoch nicht komplett, wenn sie nur mit den als moralisch hochwertig befundenen und politisch konsensfähigen Zielen (gewaltlose Konfliktbeilegung, Stabilität, Demokratisierung, Beziehungstransformation etc.) arbeiten. Denn der angestrebte Wandel hängt oft gerade von inoffiziellen, eigennützigen, delegitimierend wirkenden, aber nicht weniger virulenten Zielen, Interessen, Motivationen und Anreizen ab. Die Schadensdimension – inklusive der Facette des Wandels durch Schaden – sollte daher deutlich expliziter in die Theorien des Wandels integriert werden. Und zwar mit Blick auf das gesamte Akteursspektrum, also von Konfliktparteien und den von Konflikten und Verhandlungsergebnissen Betroffenen über Auftrag-/Geldgeber wie Stakeholder aus Politik und Wirtschaft bis zur Öffentlichkeit. Erst wenn man die aus diesen Zielen und Interessen entstehenden Hebelwirkungen, die sich bevorzugt in nicht einsehbaren Zirkeln entfalten, entmoralisiert und enttabuisiert, kann man sie in Mediationsprozessen auch positiv nutzen und verhindern, dass sie im toten Winkel unkontrolliert Schaden verursachen. Und erst wenn diese Hebelwirkungen sichtbar werden, lässt sich auch ermessen, wo die von ihnen in Kauf genommenen Kosten tatsächlich als Schaden zu bewerten sind. Fazit: Offener Umgang mit der Schadensdimension! Die Frage nach dem mit mediativen Interventionen verknüpften Schaden scheinen viele Drittparteien und Analysten für entweder obsolet oder unangenehm zu halten. Beides trifft nicht zu. Sie ist relevant, da »keinen Schaden erleiden« eine entscheidende Kategorie von Anliegen auf Seiten von Konfliktparteien und Konfliktbetroffenen absteckt, die in ihrer Wertigkeit durchaus mit der Erfüllung eigener Interessen konkurrieren kann. Und weder die Frage noch die Ergebnisse sind für sich betrachtet unangenehm. Sie öffnen vielmehr Gestaltungsräume (Schaden ist perspektivenabhängig!) und fordern MediatorInnen stetig heraus, ihre mediative Haltung zu prüfen und zu justieren: Wie, wenn nicht über das Bewusstsein möglichen und www.klett-cotta.de/fachbuch Blättern Sie im Buch und bestellen Sie im Webshop: www.klett-cotta.de Wir liefern portofrei nach D, A, CH Christiane Lutz Adoptivkinder fordern uns heraus Handbuch für Beratung, Betreuung und Therapie 163 Seiten, broschiert € 22,95 (D). ISBN 978-3-608-94869-1 Adoption – zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Traum und Traumatisierung Das Thema Adoption wird nach wie vor höchst kontrovers diskutiert. Die erfahrene Therapeutin und Supervisorin Christiane Lutz zeigt allen, die mit adoptierten Kindern und ihren Eltern arbeiten, wie ein angemessener Umgang mit den meist stark belasteten Beteiligten aussehen kann. NEU IM FOKUS 3. JAHRGANG, HEFT 4/2014292 konflikt Dynamik das Vermeiden tatsächlichen Schadens können MediatorInnen wirklich empathische Beziehungen zu denjenigen aufbauen und halten, deren Anliegen ihnen anvertraut wurden? Konfliktsensitivität, die bereits auf positive Wirkung abzielt, setzt eine solche Haltung voraus. Eine Anerkennung, Bearbeitung und Umsetzung der genannten Fragen benötigt aber ein aktives Reframing des Schadensbegriffes und einen echten Wandel in den Selbstanforderungen, Erwartungshaltungen und Handlungsstrategien von Mediationsakteuren, Konfliktparteien, Stakeholdern, Geldgebern und der Öffentlichkeit. Schaden ist auf einer mediativen Reise immer mit an Bord. Dies nicht anzuerkennen, ihn als blinden Passagier still zu dulden, mag manchen nützen, schadet aber vielen. Can Mediation do no harm? Abstract Let’s face it: If mediation really wants to have an impact, how can it do no harm? At the crossroads of becoming a professional strategy and tool, international peace mediation needs to get acquainted with its inherent disposition to do harm. In response to the article »Kann Mediation schaden?« this paper tackles some of the underlying premises of the discourse on doing harm in peace mediation. Key questions discussed are how to define and measure such a subjective and malleable thing as harm and how to isolate harmful effects as consequences of mediation. The paper concludes with the suggestion to radically reframe the discourse: First, harm will always be a companion of mediation; second, ignoring harm may benefit some but harm many; third, harm is neither bad in itself nor does it need to be avoided as such. Instead, mediators need to manage the disposition to do harm proactively and without inhibition – and reflect it in their methods and ethics as well as their theories of change. Keywords international peace mediation, Harm, Conflict sensitivity, blind spots, theory of change Die Autoren Dr. Anne Isabel Kraus Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Große Scharrnstr. 59 15230 Frankfurt (Oder) kraus@europa-uni.de Anne Kraus ist Co-Leiterin des Center for Peace Mediation (CPM) an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), Magister in Komparatistik/ Germanistik an FU und HU Berlin, Promotion in Philosophie (Verfahrensethik) an der LMU München mit Forschungsaufenthalten u. a. an der Renmin University of China Beijing, Mediatorin CVM, Supervisorin DGSv und Coach (i. A.). Sie ist als Referentin u. a. für die Internationale Diplomatenausbildung des Auswärtigen Amts und den Master-Studiengang Mediation an der Viadrina tätig. Derzeit Leitung des Forschungsprojekts »Grenzmanagement in triadisch strukturierten Aushandlungsprozessen« im B/Orders in Motion-Schwerpunkt der Viadrina. Prof. Dr. Lars Kirchhoff Institut für Konfliktmanagement Europa-Universität Viadrina Große Scharnstr. 59 15230 Frankfurt ikm@europa-uni.de Lars Kirchhoff ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Konfliktmanagement und Mitbegründer des Master-Studiengangs Mediation an der Europa-Universität Viadrina sowie Partner bei TGKS Berlin. Spezialisierung auf Alternative Dispute Resolution, Völkerrecht und Schiedsgerichtsbarkeit im Postgraduiertenstudium an der Yale Law School und im Mediationsprogramm des U.S. District Court of Northern California; Lehrbeauftragter für Außergerichtliches Konfliktmanagement an der Bucerius Law School Hamburg; Referententätigkeit im Bereich Konfliktmanagement und Entscheidungsfindung u. a. für das Auswärtige Amt, die Vereinten Nationen, die Europäische Union sowie zahl reiche Unternehmen, Kanzleien und Stiftungen. www.klett-cotta.de/fachratgeber Susanne Reichhardt, Anke Weidling Gemeinsam ins Ausland und zurück Workbook für das Leben in der Fremde 135 Seiten, broschiert € 14,95 (D). ISBN 978-3-608-86040-5 Den Partner für eine gewisse Zeit ins Ausland zu begleiten, eröffnet Chancen auf einmalige Erfahrungen, ist zugleich aber ein »kritisches Lebensereignis«. Speziell für begleitende Familienangehörige gibt das Buch umfassende Hilfestellungen für ein gelungenes Leben in der Fremde. Abgerundet wird das Workbook mit Empfehlungen, Checklisten und Tipps. as Buch liefert für jeden Informationen zu den »D zelnen Abschnitten des Auslandsaufenthalts, ein eginnend mit der Ausreise, über die Ankunft und b zur Rückkehr, ergänzt durch die Zeit im Land bis hin betreffende Auskünfte. Es allgemeine, die Epoche hilft, die kommenden Anforderungen aber auch araus die persönlichen Ressourcen zu erkennen und d Kraft zu schöpfen für den Auslandseinsatz.« Expat-News.com NEU Neue Heimat auf Zeit – die Herausforderung annehmen Susanne Reichhardt hat in , Schweden und Honduras Brasilien gelebt. Die Juristin war in der Familien- und Partnerorganisation im Auswärtigen Amt tätig; sie erhielt für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz. Derzeit lebt sie in Australien. Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem unter: www.klett-cotta.de/lebenshilfe Wir liefern portofrei nach D, A, CH Anke Weidling ist Diplom- Psychologin mit eigenem Coaching- und Beratungsunternehmen in Berlin. Sie lebte zwei Jahre in NewYork und berät heute im In- und Ausland tätige Wirtschaftsunternehmen.

Abstract

Can Mediation do no harm? Let’s face it: If mediation really wants to have an impact, how can it do no harm? At the crossroads of becoming a professional strategy and tool, international peace mediation needs to get acquainted with its inherent disposition to do harm. In response to the article »Kann Mediation schaden?« this paper tackles some of the underlying premises of the discourse on doing harm in peace mediation. Key questions discussed are how to define and measure such a subjective and malleable thing as harm and how to isolate harmful effects as consequences of mediation. The paper concludes with the suggestion to radically reframe the discourse: First, harm will always be a companion of mediation; second, ignoring harm may benefit some but harm many; third, harm is neither bad in itself nor does it need to be avoided as such. Instead, mediators need to manage the disposition to do harm proactively and without inhibition – and reflect it in their methods and ethics as well as their theories of change.

Zusammenfassung

Machen wir uns nichts vor: Wenn Mediation tatsächlich etwas bewirken und verändern will, wie kann sie dann nicht schaden? An der Schwelle zur Professionalisierung sollte sich internationale Friedensmediation mit ihren inhärenten destruktiven Wirkmächten vertraut machen. Ausgehend von dem Artikel »Kann Mediation schaden?« beleuchten die Autoren einige grundlegende Prämissen des Schadensdiskurses in der Friedensmediation. Wie kann z. B. eine so subjektive und dehnbare Größe wie Schaden definiert und gemessen und als Folge mediativen Einwirkens isoliert werden? Der Artikel schließt mit dem Vorschlag, den Diskurs radikal umzudenken: Erstens, Schaden wird stets ein Begleiter von Mediation sein; zweitens, Schaden zu ignorieren mag manchen nützen aber vielen schaden; drittens, Schaden ist weder schlecht an sich, noch muss er als solcher vermieden werden. Stattdessen sollten Mediatoren mit der Schadensdimension pro-aktiv und unverkrampft umgehen – und sie in ihre Methoden und Ethiken sowie ihre Theorien des Wandels integrieren.

Schlagworte

Theorie des Wandels, Blinde Flecke, Konfliktsensitivität, Schaden, Internationale Friedensmediation

Keywords

theory of change, blind spots, Conflict sensitivity, Harm, international peace mediation

References

Zusammenfassung

Die deutschsprachige Fachzeitschrift KONFLIKTDYNAMIK thematisiert Konflikte und Konfliktmanagement in Unternehmen und Organisationen. Die Beiträge bieten einen interdisziplinären Überblick über den aktuellen Stand und neue Entwicklungen in Praxis und Forschung des Konfliktmanagements. Ein Blick über den Tellerrand der Organisationswelt hinaus in die Felder Politik und Gesellschaft ermöglicht zusätzlich den kreativen Transfer von Erkenntnissen erfolgreicher Konfliktregelung.