Britta Schellenberg, Paulina Seelmann, Kompetenzen für eineplurale Gesellschaft in:

Sozialwirtschaft aktuell, page 1 - 3

Sozialwirtschaft aktuell, Volume 30 (2020), Issue 14, ISSN: 1619-2427, ISSN online: 1619-2427, https://doi.org/10.5771/1619-2427-2020-14-1-1

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Diskriminierung Kompetenzen für eine plurale Gesellschaft ■ Britta Schellenberg und Paulina Seelmann Das Projekt »Den Menschen im Blick« will beitragen zu einer Akzeptanz und einer Förderung der pluralen Gesellschaft. Ein Bildungsprogramm und ein Kompetenz-Portal im Internet wenden sich insbesondere an soziale Organisationen, ihre Mitarbeitenden und ihre Nutzer. Die deutsche Gesellschaft und die Menschen, die sie ausmacht, sind heute von Vielfalt geprägt. Die Bevölkerung in Deutschland wird seit Jahrzehnten weltoffener und liberaler: Immer mehr Menschen, akzeptieren oder schätzen Vielfalt. Für Viele ist es selbstverständlich, dass Menschen unterschiedliche Familiengeschichten, verschiedene Vorlieben und Religionen haben (Shell-Jugendstudie 2019; Bertelsmann Stiftung 2015). Doch das Problem ist da – unübersehbar: Rassismus und Diskriminierung sind Störfaktoren unserer Gesellschaft. Rassistische und diskriminierende Äußerungen sind präsenter geworden, werden aggressiv vorgetragen und treten in verschiedenen Weisen auf. Das Netz ermöglicht eine (gefühlte) Anonymität und sorgt für Enthemmung. Hate Speech betrifft private wie berufliche Kontexte, richtet sich gegen Einzelne, trifft Mitarbeitende wie Klientinnen und Klienten, spaltet Teams, lähmt Institutionen und beschädigt den gesellschaftlichen Frieden. Rassismus und Diskriminierung machen nicht halt – nicht vor Menschen, nicht vor Organisationen, nicht vor deren Mitarbeitenden und Klientinnen und Klienten. Ob städtische Verwaltungen, Wohlfahrtsverbände, Religionsgemeinden, Polizei – keine Organisation ist gegen dieses Problem immun. Doch die Analyse reicht nicht aus, es müssen Strategien für einen professionellen Umgang gefunden werden (Schellenberg 2020a, S. 12). Die Gesellschaft wandelt sich: Pluralisierung der Lebensentwürfe, Individualisierung und Digitalisierung verändern die Anforderungen in den Arbeitswelten von heute und morgen. Teamfähigkeit und gute Zusammenarbeit sind Qualitätskriterien jedes Arbeitgebers. Der Mensch und das Miteinander rücken ins Zentrum professionellen Arbeitens. Damit werden die sozialen und emotionalen Kompetenzen der Mitarbeitenden entscheidend. Hier setzt das Projekt »Den Menschen im Blick« an: Arbeiten in der pluralen Gesellschaft. Die Befragung des Projekts »Den Menschen im Blick« an der Ludwig-Maximilians-Universität (2017) hat gezeigt: Viele Organisationen (insbesondere öffentliche und freie Träger der Sozialen Arbeit wurden befragt) wollen Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen finden, Diskriminierung entgegentreten und inklusive Arbeitswelten schaffen. Die Reflexion von Vorurteilen, ob fremder oder eigener, und die kritische Auseinandersetzung mit überkommenden Regeln und Routinen, die zu Rassismus wie Ungleichbehandlung führen können, sind Wohlfahrtspflege und Demokratie Die wohlfahrtsverbandlichen Leistungen sichern den Sozialstaat, gewährleisten faire Lebensbedingungen und sind – im Zweifel – auf der Seite bedürftiger Menschen – so das allgemeine Urteil und Selbstverständnis vieler der vier Millionen hauptberuflich beschäftigten und freiwillig engagierten Menschen in dieser Branche. Ist das wirklich so und warum kann die Drohung durchaus real sein, dass populistische Parteien diese Verbände einschränken, zurechtstutzten und deren Akzeptanz nachlässt? Kann es sein, dass in den inneren Kreisen der Verbände selbst Mitarbeitende zweifeln, ob das alles gut ist, was da mit Kranken, Flüchtlingen oder Beratungsstellen läuft? Kann es sein, dass manche Verbände in der Konkurrenz auf den Märkten einfach jede Dienstleistung annehmen, die ihre Existenz sichert? Diesen Zweifeln muss nachgegangen, Geschichte muss ausgeleuchtet, Grundlagen müssen überprüft und Perspektiven gesammelt werden. Konrad Hummel Dr. Konrad Hummel hat zusammen mit Dr. Gerhard Timm den neuen Sammelband »Demokratie und Wohlfahrtspflege« herausgegeben (ISBN 978-3-8487-6300-9). ■ Was mich bewegt Sprache schafft Wirklichkeit ■ Top down »Matt in drei Zügen!« ■ Aufsicht vs. Führung Wie man Aufsichtsratsvorsitzender wird ■ Aufgespießt Zombies im Management ■ Nachrichten & Notizen ■ In einem Satz In dieser Ausgabe MEINUNG Infodienst für das Management in der Sozialwirtschaft Nomos wirtschaft aktuell wirtschaft aktuell Ausgabe 14 – August 2020 »Die Angebote dienen lösungsorientiert sowohl der Personalförderung wie der Organisationsentwicklung« 14/20202 wirtschaft aktuell THEMEN & MEINUNGEN  Grundgesetz und anderen Regelwerken ebenso wie mit institutionellen Eigenheiten verbunden sind. Der Ansatz entspricht den Anforderungen von politischer Bildung (vgl. Beutelsbacher Konsens). Die Übungen und das Konzept von »Den Menschen im Blick« sind an der Schnittstelle von Forschung und Bildungspraxis entstanden. Die Mitglieder unserer runden Tische und des Fachbeirates kommen von Nichtregierungsorganisationen und aus der Wissenschaft sowie von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Das bedeutet, viele der Organisationen, welche die Bildungsmodule einsetzen (werden), waren am Entwicklungsprozess beteiligt. So konnten die Übungen direkt an die beruflichen Kontexte der Institutionen angepasst werden. Das Konzept wird somit institutionellen Bedarfen und praktischen Anforderungen gerecht, hat Alltagsrelevanz und findet Akzeptanz bei der Zielgruppe. Zentrales Produkt des Projekts ist das »Training Antidiskriminierung. Schwerpunkt: Rassismus«. Das Training ist für Organisationen der Sozialen Arbeit und ihre Mitarbeitenden buchbar. Zudem ist ein Trainingshandbuch mit gleichem Titel beim Wochenschau Verlag erschienen. Das Training geht von vielfältigen Teilnehmenden-Gruppen aus. Ziel des Bildungskonzeptes ist es, den Teilnehmenden zu ermöglichen, eigene Positionierungen und Haltungen individuell zu reflektieren. Gleichzeitig werden immer wieder Routinen und Strukturen, in der Gesellschaft und der eigenen Organisation, beleuchtet. So können die Teilnehmenden die eigene Rolle und soziale Machtverhältnisse kritisch reflektieren. Außerdem sollen Schutzräume für betroffene Teilnehmende hergestellt werden. Wichtig ist auch, dass das Training keine Rollenspiele beinhaltet, die Teilnehmenden schlüpfen also nicht in (festschreibende) Rollen anderer, sondern nehmen stets sich selbst in den Blick. Das Training wurde in seiner Testphase durch Praxiserprobungen weiterentwickelt. Menschen aus sehr unterschiedlichen Organisationen und Arbeitskontexten fanden in Round-Table-Gesprächen und Trainings zusammen, um gemeinsam über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Übungen auf ihre beruflichen Kontexte anzupassen. Im späteren Projektverlauf wurden zudem Trainings in einzelnen Organisationen mit zum einen für sie bedeutsam. Rassismus und Benachteiligung sollen die Arbeitsabläufe in einer pluralen, freiheitlichen Gesellschaft nicht lähmen (vgl. Schellenberg 2020b). Ausgehend von diesen Befunden möchte das Bildungsprogramm mit seinem Fortbildungs- und Beratungsangebot Organisationen und ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, das Arbeiten in der pluralen Gesellschaft Deutschlands zu gestalten. Zentrales Ziel des Projektes war es zunächst (2017-2019), Grundlagen und praktische Materialien dafür zu schaffen, Führungskräfte und Mitarbeitende von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen zu befähigen, souverän und professionell mit allen Menschen in einer zunehmend diversen Gesellschaft umzugehen. Durch spezielle Schulungen mit eigens entwickelten Tools wie Videoclips und praktischen Übungen können sie sich fit machen für einen sicheren Umgang mit rassistischen und anderen menschenfeindlichen Orientierungen. Entstanden ist ein zielgruppenspezifisches und handlungsorientiertes Fortbildungs-Instrumentarium für berufliche und organisationale Kontexte. Die Produkte richten sich erstens an Mitarbeitende und Führungskräfte von Organisationen, insbesondere von Trägern der Sozialen Arbeit sowohl öffentliche als freie. Zweitens wurden die Materialien für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren entwickelt, die beispielsweise als Trainerinnen und Trainer entsprechende Fortbildungen in den Organisationen durchführen. Wichtig ist, dass es sich nicht alleine um ein Angebot zur Personalentwicklung handelt, sondern dass durch das Training auch Organisationsstrukturen in den Blick genommen und besprochen werden können. Die Entwicklungsphase des Projekts war von Januar 2017 bis Dezember 2019 am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig- Maximilians-Universität München. Das Projekt wurde vom Bundesprogramm »Demokratie leben« und der Ludwig- Maximilians-Universität München gefördert. Im November 2019 wurde das »Training Antidiskriminierung« im Münchner Rathaus vorgestellt, es ist seit Februar 2020 beim Wochenschau Verlag erhältlich. Die Ergebnispräsentation war gleichzeitig der Startschuss für die Umsetzungsphase des Projekts »Den Menschen im Blick«. Konzept Ausgangspunkt des Projekts ist die plurale Gesellschaft, in der wir leben. Plurale Gesellschaften blühen durch die Vielfalt der Menschen und dem Recht jedes Einzelnen »anders« zu sein und dabei gerecht und fair behandelt zu werden. Ziel des Projekts ist es, die Vielfalt an menschlichen und sozialen Perspektiven (u. a. rechtliche, religiöse, humanistische), die eine plurale Gesellschaft ausmacht, aufzuzeigen und kennenzulernen. Herausforderungen durch Rassismus und Diskriminierung werden beleuchtet, reflektiert und lösungsorientiert besprochen. Der Diskriminierungsbegriff ist für die Praxis in den Institutionen konkret fassbar und handlungsbezogen. Zudem hat er eine rechtliche Dimension. Es geht um Ungleichheitsbehandlung, also um Verhalten, das in unserer Gesellschaft und als institutionelle Praxis illegitim ist und auf das reagiert werden muss. Schwerpunktmäßig nimmt das Projekt Rassismus als eine Dimension von Diskriminierung in den Blick. Gemeinsam mit dem Fachbeirat haben wir Definitionsvorschläge zu »Rassismus« und zu »Diskriminierung« für die praktische Arbeit entwickelt (vgl. Schellenberg 2020a, S. 67 und S. 47). Das Bildungskonzept fußt auf Perspektiven- und Disziplinenvielfalt. Im Zentrum soll der Prozess stehen: ein kritisches Erkunden der eigenen Gegenwart und Vergangenheit statt zu lehren oder gar zu belehren. Der Ansatz befähigt somit zum respektvollen Arbeiten sowie zur gemeinsamen Entwicklung von Verabredungen für die Zukunft. Dafür müssen auch Arbeitsaufträge in der pluralen Gesellschaft besprochen werden, die mit dem THEMEN & MEINUNGEN  14/2020 3 wirtschaft aktuell hinzuschauen, sich selbst und seine Umwelt zu reflektieren und Handlungsweisen zu besprechen und einzuüben. Gemeinsam nehmen wir »Den Menschen in den Blick«. ■ Literatur Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/Quenzel, Gudrun/Schneekloth, Ulrich/Leven, Ingo/Utzmann, Hilde und Sabine Wolfert (2019): Jugend 2019 – 18. Shell Jugendstudie. Eine Generation meldet sich zu Wort. Weinheim: Beltz. Bertelsmann Stiftung (2015): Willkommenskultur in Deutschland. Entwicklungen und Herausforderungen. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage in Deutschland. Gütersloh. Schellenberg, Britta (2020a): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick. Schwerpunkt: Rassismus. Wochenschau Verlag. Frankfurt am Main 2020. Schellenberg, Britta (2020b): Den Menschen im Blick. Kompetenzen gegen Rassismus und Diskriminierung in Beruf und Alltag. In: Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit, 1/2020, S. 126-144. Mitarbeitenden und zum anderen Führungskräften durchgeführt. Aufgrund eines Baukastenprinzips können Trainings zielgruppenspezifisch zusammengestellt werden. Das Training kann in organisations- und berufsheterogene Gruppen durchgeführt werden oder auch mit Teilnehmenden aus einer Organisation. Die 19 Übungen vertiefen bestimmte Aspekte, um die Inhalte für Trainer und Fachpersonal zugänglich zu machen. Das Training zeichnet sich durch Methodenvielfalt aus. So umfasst es u. a. autobiografische Erkundungen, Poetry Slams, Cocktailpartys, NÜM-Runden (nachdenklich, überrascht, merkwürdig) zur Selbst-Reflexion, Meta-Runden zur Reflexion auf der Fachebene, Arbeit in Expertengruppen, einen Galeriespaziergang oder Museumsrundgang sowie offene Gesprächsrunden. Genutzt werden diverse Medien, zum Beispiel Videoclips, Experten-Interviews, Ausschnitte aus Fachtexten und journalistischen Texten, Erfahrungsberichte, Fotos und Comiczeichnungen. Buchbar sind Trainings zwischen vier Stunden und zwei Tagen für Mitarbeitende oder Führungskräfte von Organisationen. Wir empfehlen Tagesveranstaltungen von mindestens sechs Stunden. Für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bieten wir Train-the-Trainer-Fortbildungen an, die einen längeren Zeitraum umfassen. Im gemeinsamen Gespräch werden zunächst die Bedarfe der Organisation und ihres Personals ausgelotet bevor passende Inhalte ausgewählt und das konkrete Training geplant wird. Ein weiteres Produkt des Projekts ist sein digitales Kompetenz-Portal: Es stellt Fachwissen für die Zielgruppen bereit und unterstützt Fachkräfte in ihrer professionellen Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung (www.den-menschen-im-blick.de). Resümee: Menschliche Vielfalt als Chance für unsere Gesellschaft Bildung ist ein Schlüssel gegen rassistische und diskriminierende Haltungen. Wir engagieren uns mit unseren Trainingsmodulen für eine Kultur des Respekts, der Menschenrechte und der Teilhabe. Um für Organisationen ein souveränes und professionelles Arbeiten, und für ihre Mitarbeitenden und Kunden einen faireren und professionelleren Umgang zu ermöglichen, laden wir dazu sein, genau Dr. Britta Schellenberg leitet das Bildungsprogramm »Den Menschen im Blick«. Sie arbeitet und lehrt am Geschwister-Scholl- Institut für Politikwissenschaft der Ludwig- Maximilians-Universität München und am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Stiftung Universität Hildesheim. www.gsi.uni-muenchen.de Paulina Seelmann ist Mitarbeiterin beim Bildungsprogramm »Den Menschen im Blick«. Sie hat Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig- Maximilians-Universität München studiert und Praktika u. a. bei der Tageszeitung »Main-Post« absolviert. www.gsi.uni-muenchen.de Zu den Autorinnen

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Abstract

The journal Sozialwirtschaft aktuell informs its readers quickly and concisely about new developments in the field of socio-economics. It focuses on essential information and comments on political, professional, legal and tax-related topics. In addition to short expert contributions, it provides announcements and corporate news. Its useful tips, personal details and notifications of events ensure the reader feels well informed at all times.

Sozialwirtschaft aktuell will appeal to the executive boards and managing directors of charity organisations, associations, action groups and facilities; managers of social services facilities; those working in the higher echelons of administrative bodies and organisations; consultants; academics; trainees and those on further training programmes.

Zusammenfassung

Der Infodienst unterrichtet schnell und kompakt über neue Entwicklungen in der Sozialwirtschaft. Im Mittelpunkt stehen unverzichtbare Informationen und Kommentare zu politischen, fachlichen, rechtlichen und steuerlichen Themen. Neben kurzen Fachbeiträgen stehen Meldungen und Unternehmensnachrichten. Tipps, Personalien und Terminhinweise geben das gute Gefühl, bestens informiert zu sein.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.