Nele Heise, Warum das Rad neu erfinden? Gedanken zur Diskussion um Forschungsethik in der Kommunikationswissenschaft in Anknüpfung an den Beitrag von Daniela Schlütz und Wiebke Möhring in M&K 4/2016 in:

M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, page 766 - 778

M&K, Volume 65 (2017), Issue 4, ISSN: 1615-634X, ISSN online: 1615-634X, https://doi.org/10.5771/1615-634X-2017-4-766

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Warum das Rad neu erfinden? Gedanken zur Diskussion um Forschungsethik in der Kommunikationswissenschaft in Anknüpfung an den Beitrag von Daniela Schlütz und Wiebke Möhring in M&K 4/2016 Nele Heise Die Diskussion um ethische Herausforderungen der Kommunikations- und Medienforschung gewinnt in den vergangenen Jahren erneut an Bedeutung. Im Anschluss an den Beitrag von Schlütz und Möhring in Heft 4/2016 M&K nimmt der Artikel zum einen die Ursachen für diesen „ethical turn“ in den Blick und geht dabei der Frage nach, inwieweit vorhandene ethische Praktiken und Standards angesichts neuer Forschungsfelder und Methoden einer Aktualisierung bedürfen. Zum anderen wird argumentiert, dass die aktuelle Debatte nicht allein auf Handlungsempfehlungen und Kontrollmechanismen beschränkt bleiben sollte, sondern auch die strukturellen Bedingungen und normativen Implikationen kommunikationswissenschaftlicher Forschung sowie die gesellschaftliche Verantwortung des Faches adressieren muss. Der Beitrag schließt mit Vorschlägen zur nachhaltigen Verankerung ethischer Fragen in Lehre und Forschung. Schlüsselwörter: Forschungsethik, Onlineforschung, Digitalisierung, Methoden, Normen, Kommunikationswissenschaft Gute wissenschaftliche Praxis und ethisches Handeln sind in den Sozialwissenschaften spätestens mit Bekanntwerden prominenter Fälle schwerwiegenden Fehlverhaltens (Stichwort: Plagiarismus) verstärkt in den Fokus gerückt. Und die in den vergangenen Jahren lauter werdenden Diskussionen um akademische Selbstkontrolle gehen auch an der Medien- und Kommunikationsforschung nicht spurlos vorbei. Das Bekenntnis zu ethischem Handeln spielt als Vertrauensbasis nicht nur wissenschaftsintern, sondern auch in der Beziehung von Wissenschaft zu Gesellschaft eine tragende Rolle. Und vielleicht gewinnt die Verständigung über ethische Fragen in einer gesellschaftlichen Situation, die von Schlagworten wie „alternative facts“ oder „post-truth“ und einem vermeintlichen Vertrauensverlust in gesellschaftliche Institutionen geprägt zu sein scheint, noch zusätzlich an Bedeutung. Mit ihrem Beitrag zu einer „kommunikationswissenschaftlichen Forschungsethik“ (S. 483)1 greifen Daniela Schlütz und Wiebke Möhring (2016) also dankenswerterweise ein nicht nur für die Medien- und Kommunikationsforschung relevantes Thema auf. Sie sehen ihren Text, der die üblicherweise im Zusammenhang mit Forschungsethik diskutierten Prinzipien und Kontexte von Forschungshandeln versammelt, als Gesprächsbasis. Dass diese Grundlegung notwendig ist, begründen sie u. a. mit dem marginalen Stellenwert, den ethische Aspekte in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft aus ihrer Sicht haben. Und vielen Punkten kann ich vor dem Hintergrund meiner Aktivitäten und (qualitativen) Forschung zu ethischen Fragen nur beipflichten. Anlass dieser Replik ist also weniger eine grundlegende Kritik als der Eindruck, dass der Blick der Autorinnen auf Dimensionen von Forschungsethik zum Teil recht eng gefasst ist und einige für die Diskussion relevante Perspektiven unberücksichtigt bleiben. Insbesondere scheint mir die Frage offengeblieben, für welche Bereiche konkret Orientierungsbedarf 1 Die Seitennachweise im Text beziehen sich auf den Beitrag von Daniela Schlütz und Wiebke Möhring (2016) in M&K 4/2016. 766 DOI: 10.5771/1615-634X-2017-4-766 besteht, und welche Besonderheiten die Medien- und Kommunikationsforschung in ethischer Hinsicht auszeichnen. Muss das Rad tatsächlich neu erfunden werden? Oder verfügt die Kommunikationswissenschaft – als Disziplin und Handlungsfeld – nicht bereits über zahlreiche ethische (und rechtliche) Leitplanken? Blinde Flecken: Neue (und alte) Herausforderungen Steigen wir ein mit der Frage, weshalb die Debatte um Forschungsethik in den vergangenen Jahren erneut an Fahrt gewinnt. Eine wesentliche Rolle spielen hier sicher externe Auflagen und Erwartungen (vgl. Unger & Simon 2016: 9), u. a. im Kontext internationaler Forschungsförderung und -kooperationen oder Fachzeitschriften, die Handlungsbedarf für die Regelung und Prüfung forschungsethischer Fragen erzeugen.2 Zudem werde in sozialwissenschaftlichen Disziplinen generell vermehrt ethische Reflexivität praktiziert, etwa im Hinblick auf die Integration in die Methodenausbildung und Betreuung von Qualifikationsarbeiten (vgl. ebd., Eisend & Kuß 2017). Diese Entwicklung ist in der Medien- und Kommunikationsforschung ebenfalls erkennbar, nicht nur auf internationaler Ebene (z. B. Healey 2014). Auch in der deutschsprachigen Fachgemeinschaft ist Forschungsethik, wenngleich mit einer gewissen Verzögerung, zunehmend Teil der Agenda. Dies zeigt neben dem Prozess und Diskussionen zu Änderungen am Ethik-Kodex der DGPuK oder der fachinternen Debatte zum Umgang mit Plagiatsvorwürfen (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 132ff.) beispielsweise eine Befragung von Kommunikationswissenschaftler/innen zu forschungsethischen Herausforderungen ihrer Alltagspraxis (vgl. Döveling et al. 2016). Neben dem grundlegenden Bewusstsein für ethische Fragen verdeutlicht die Studie, dass für einzelne Bereiche, wie den Rechten von Teilnehmer/innen (Datenschutz, Anonymität), offenkundig Regelungsbedarf besteht. Hierbei scheinen die europäischen Befragten im Vergleich zu US-amerikanischen Kolleg/innen mehr (Handlungs-)Unsicherheiten und Orientierungsbedarf zu haben, v. a. hinsichtlich der Analyse von Internet-Inhalten (vgl. ebd.: 413f.). Dies bringt uns zu einer weiteren zentralen Entwicklung, die die aktuelle Diskussion ethischer Fragen in den Sozialwissenschaften allgemein und der Medien- und Kommunikationsforschung im Speziellen maßgeblich geprägt hat, und zwar die im Zuge der Digitalisierung und v. a. durch das Internet erfolgte Erweiterung von Forschungs- und Handlungsfeldern. Die Folgen der Entwicklung berühren alle Aspekte sozialwissenschaftlicher Forschung, ihre ethischen und praktischen Implikationen sind seit über fünfzehn Jahren Gegenstand interdisziplinärer Debatten (z. B. Debatin 2010; Eynon et al. 2017).3 Während sich im Beitrag von Schlütz & Möhring der Eindruck vermittelt, dieser in der „Teildisziplin“ (S. 490) Onlineforschung geführte Diskurs sei für die Kommunikationswissenschaft eher nebenläufig, ist das Gegenteil der Fall. Denn neben der Umsetzung ethischer Standards oder der Klärung rechtlicher Fragen, z. B. zur Bedeutung von AGBs für onlinebasierte Forschung, werden in Feldern wie den Internet Studies fortlaufend forschungspraktische Aspekte wie die Sicherung von Daten oder Anonymisierungsstrategien diskutiert – Probleme, die aufgrund digitaler Publikations- 1. 2 Der 2004 von der Bundesregierung einberufene Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten etwa richtete 2015 eine Arbeitsgruppe ein, die sich dezidiert mit sozialwissenschaftlichen Ethik-Kommissionen befasst (vgl. Unger & Simon 2016). 3 Die Bandbreite forschungsethischer Herausforderungen der Digitalisierung zeigt sich z. B. am Programm der internationalen Summer School „Research Ethics in the Digital Age“, die im September 2015 vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden veranstaltet wurde; eine Publikation ist für 2017 angekündigt. Heise · Warum das Rad neu erfinden? 767 praktiken heute auch für Wissenschaftler/innen relevant sind, die keine Onlineforschung betreiben (vgl. Eynon et al. 2017) und für die laut Döveling et al. (2016) der drängendste Regelungsbedarf besteht. Ethische Aspekte sind in der Onlineforschung herausfordernd, weil mit der technisch und inhaltlich hohen Dynamik des Feldes eine gewisse Instabilität und Unsicherheit über forschungsleitende Konventionen und Normen einhergehen (vgl. Heise & Schmidt 2014: 536). Weitere Ursachen für ethische Probleme können u. a. in der (kommunikativen) Distanz zu Teilnehmenden oder der Missachtung kommunikationsethischer Normen wie Authentizität oder Reziprozität liegen (vgl. Heise 2013, 2015). Die Beurteilung von Konzepten wie Vertrauen, Privatheit oder Consent wird durch die vielschichtige Aneignung von Online-Medien auf Nutzerseite noch zusätzlich erschwert: „The context-specific uses of the internet highlight many of the complications associated with determining moral or legal parameters for protecting the participants in research projects” (Baym & Markham 2009: xviii). Und trotz des globalen Zusammenhangs onlinebasierter Forschung sind hier nationale Perspektiven bezüglich rechtlicher oder kultureller Unterschiede (Erwartungen an Privatheit/Öffentlichkeit) bedeutsam. Daher ist es schade, dass Vorschläge zur praktischen Umsetzung und normativen Begründung ethischer Prinzipien in der (quantitativen wie qualitativen) Onlineforschung aus dem deutschsprachigen Raum, z. B. bei Schmidt (2009) oder Pentzold (2015), von Schlütz & Möhring kaum berücksichtigt werden. Ebenso bedauerlich ist, dass die breite Diskussion um ethische Herausforderungen im Kontext qualitativer Forschung (z. B. Tolich 2016, Mertens 2014) keine angemessene Würdigung findet.4 Die meisten qualitativen Methoden sind von sozialer Reaktivität, dem direkten Kontakt und Einblick in Alltags- und Lebenswelten, teils sehr „nahen“ Forschungsbeziehungen und Vertraulichkeit geprägt – qualitativ Forschende müssen daher im besonderen Maße auf die Anliegen und Bedürfnisse der Teilnehmer/innen eingehen (vgl. Unger 2014, Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 131). Diese Involviertheit, aber auch die Offenheit und Unberechenbarkeit der Forschungsprozesse verlangen eine hohe Sensibilität für ethische Fragen, die bei qualitativer Forschung einschneidender und möglicherweise schwerer zu lösen sein können (vgl. Hopf 2016: 196; Unger & Simon 2016: 11; Unger 2014: 211). Aus dem Umgang mit Forschungsethik in qualitativen Verfahren gäbe es also viel zu lernen. Dies gilt im Besonderen für die Reflexion und verantwortungsvolle Gestaltung „der eigenen Rolle und […] vielfältigen Beziehungen im Forschungsprozess“ (S. 493), die von Schlütz & Möhring nicht weiter adressiert werden. Die damit verknüpfte Frage, welcher kommunikativer Mittel und Strategien wir uns empirisch bedienen, gewinnt besonders in onlinebasierter Forschung an Bedeutung. So müssen Forschende in Online-Kontexten u. a. gezielt Sichtbarkeit herstellen und ihre Identität glaubhaft vermitteln, um vertrauensvolle Beziehungen zu Teilnehmenden aufzubauen – zugleich kann die Entgrenzung von beruflicher und privater Online-Nutzung zu Rollenkonflikten führen (vgl. Heise & Schmidt 2014: 536; Heise 2013). Darüber hinaus ist die Vernachlässigung qualitativer Perspektiven gerade angesichts der oft geäu- ßerten Kritik problematisch, dass sich Institutionen ethischer „Governance“, wie etwa Ethik-Kommissionen, v. a. an Prinzipien und Verfahren orientieren, die eher dem „human subjects model“ (Eynon et al. 2017: 20) bzw. medizinisch-klinischen Forschungssituationen und quantitativen Methodologien (vgl. Unger & Simon 2016: 10) entsprechen. 4 Aktuelle Debatten zu ethischen Fragen qualitativer Forschung finden sich z. B. im internationalen Onlinejournal Forum: Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research (http://www.qualitative-research.net). M&K 65. Jahrgang 4/2017 768 Grundsätzlich sind für viele „methodische Zugänge“ (S. 491) bereits Best Practices, Handlungsempfehlungen o. Ä. vorhanden, etwa zum Einholen des „informed consent“ bei (Online-)Befragungen, Interviews oder Gruppendiskussionen (vgl. Lamnek 2005, Gläser & Laudel 2010); dazu zählen auch Richtlinien der Markt- und Meinungsforschung, wie jene des Rates der Deutschen Markt- und Sozialforschung e. V. oder der internationalen Verbände ICC und ESOMAR (vgl. Heise & Schmidt 2014), die mit ähnlichen Methoden arbeiten. Fruchtbarer wäre es daher, spezifische Herausforderungen in kommunikationswissenschaftlicher Forschung bzw. Methoden und Praktiken der Medien- und Kommunikationsforschung aufzuzeigen, für die es Orientierung braucht. Zu nennen wären hier etwa die ethischen Herausforderungen bei der Durchführung von Experimenten, zu denen laut Döveling et al. (2016: 396-400) v. a. problematische Stimuli (sexuelle, gewalthaltige, furchtauslösende Kommunikate) und der Umgang mit (kurzfristigen) Täuschungen der Proband/innen zählen. Auch für verdeckte (Online-)Beobachtungen fehle es an präzisen Hinweisen zur nachträglichen Aufklärung (Debriefing), zudem müsse im Fach die Zulässigkeit verdeckter Verfahren geklärt werden (vgl. ebd.: 408). Ein klares Regelwerk zu diesem in der qualitativen Sozialforschung seit langem diskutierten „Interventionsproblem“ gibt es nicht, weil sich aufgrund der zu berücksichtigenden Kontextfaktoren nicht pauschal sagen lässt, wann „under-cover“ Beobachtungen zulässig oder welche Bereiche besonders schutzwürdig sind. Es haben sich verschiedene Positionen ausgebildet, die eine ethisch sensible Abwägung zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und den Rechten, Ansprüchen und Bedürfnissen von Teilnehmenden ermöglichen sollen (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 131; Döveling 2016: 416; Unger 2014: 219). So diskutiert beispielsweise Pentzold (2015) den Umgang mit forschungsethischen Fragen im Rahmen von teilnehmenden Onlinebeobachtungen. Zu der genuin kommunikationswissenschaftlichen Methode, der Inhaltsanalyse, gibt es meines Wissens bislang kaum Versuche, die ethischen Aspekte der Erhebung, Auswertung und Darstellung von Daten im Zuge inhaltsanalytischer oder anderer nichtreaktiver, textbasierter Analysen herauszuarbeiten.5 So ist in der Onlineforschung durchaus umstritten, inwieweit Studien, die „Materialien“ (S. 491) aus Online-Kontexten nutzen, mit „klassischen“ Inhaltsanalysen gleichgesetzt werden können. Denn die Frage, ob es sich bei erhobenen Daten um Objekte/Artefakte (Texte, Bilder), Handlungen/soziale Interaktionen („Kommunikationsspuren“) oder Meta-Daten (Geodaten usw.) handelt, und welcher Status Personen (Individuen und Gruppen) in solchen Analysen zukommt, bringt viele ethische Implikationen mit sich – von der Erhebung über die Veröffentlichung zur Archivierung von Daten bis hin zur Frage, wem die Daten gehören (vgl. Eynon et al. 2017; Heise 2015; Heise & Schmidt 2014). Von der Vielfalt ethischer Positionen Ethische Positionen bilden sich entlang methodischer Paradigmen, Forschungsgegenständen oder in Teildisziplinen aus und sind mit der eigenen Forschungsbiografie, akademischen „Sozialisation“ und Erfahrungen, z. B. im Umgang mit sozialen Medien, gekoppelt (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016; Heise 2013). Und sie sind immer auch mit dem jeweiligen Wissenschaftsverständnis verbunden (vgl. Grittmann & Drüeke 2016: 112). Umso wichtiger erscheint es mir, dass wir im Diskurs um ethische Fragen unsere 2. 5 Einige Ansätze bietet etwa Rössler, der ein Kapitel der dritten Auflage seines Standardwerkes zur Inhaltsanalyse forschungsethischen Fragen widmet und insbesondere den Umgang mit Online-Inhalten thematisiert (vgl. Rössler 2017: 223-233). Heise · Warum das Rad neu erfinden? 769 Positionen kenntlich machen, um der Vielfalt an Perspektiven, Methoden und Gegenständen gerecht zu werden, ohne bestimmte „wissenschaftskulturelle Stile“ (Averbeck- Lietz & Sanko 2016: 128) auszuschließen. Die Feststellung, dass forschungsethische Fragen in der Kommunikationswissenschaft bis dato eher eine untergeordnete Rolle spielen (S. 486), mag zutreffen, nimmt man einzelne (Teil-)Bereiche des Fachs isoliert in den Blick. Zweifelsohne gibt es im deutschsprachigen Raum Nachholbedarf, was den Stellenwert und die Sichtbarkeit ethischer Fragen in den Fachöffentlichkeiten (v. a. Publikationen, Tagungen) anbelangt.6 Es ist jedoch keineswegs so, dass eine Auseinandersetzung in der Medien- und Kommunikationsforschung bislang nicht stattgefunden hat – sie wird möglicherweise aber an Stellen geführt, die außerhalb des Blickfelds der Autorinnen liegen. Auch in der Darstellung grundlegender ethiktheoretischer Aspekte, so mein Eindruck, geraten normative Perspektiven, die Forschungsethik nicht einfach als „Schaden- Nutzen-Abwägung“ (S. 488) begreifen, ins Hintertreffen. Dies ist angesichts der Vielfalt ethischer Positionen, die von utilitaristischen über deontologische bis zu feministischen Perspektiven reichen und den Umgang mit ethischen Dilemmata maßgeblich beeinflussen (vgl. Eynon et al. 2017: 26; Grittmann & Drüeke 2016: 110; Heise 2013), problematisch. So bezieht sich die Gleichbehandlung aller (Gerechtigkeitsnorm) nicht allein auf die „Auswahl von Studienteilnehmenden“ (S. 490), sondern soll allgemeiner für gesellschaftliche Gruppen und Bereiche sensibilisieren, die in Studien systematisch bevorzugt bzw. exkludiert werden. Kritisch zu hinterfragen wären hier u. a. Biases der westlichen Medien- und Kommunikationsforschung gegenüber anderen Weltregionen (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 131). Oder ob dateninhärente Biases (vgl. Heise 2015: 51) und der Fokus auf „informationsreiche“ Menschen in onlinebasierter Forschung dazu beitragen können, bestehende soziale Spaltungen zu verstärken: „A significant proportion of the world will not be represented in online research and researchers need to ask whether this is ethical” (Eynon et al. 2017: 33). In diesem Zusammenhang steht die Frage, inwieweit Forschende es im Sinne des Beneficence-Prinzips als Aufgabe ansehen, mit ihrer Arbeit zum Wohlergehen und zur Verbesserung der sozialen Situation beizutragen (vgl. Eisend & Kuß 2017: 228), indem sie z. B. das Medienhandeln marginalisierter Gruppen analysieren und auf medienbezogene gesellschaftliche Ungleichheiten aufmerksam machen (vgl. Grittmann & Drüeke 2016). Darüber hinaus lässt die Diskussion der Schadensvermeidung bei Schlütz & Möhring Aspekte wie Anonymität oder Vertraulichkeit vermissen, die für den Schutz der Teilnehmenden zentral sind und die besonders für die Onlineforschung aufgrund der potenziellen De-Anonymisierung, Persistenz und Verknüpfbarkeit von Daten zentrale Herausforderungen darstellen (vgl. Schmidt 2009). Des Weiteren kann auch die Interpretation und Veröffentlichung von Ergebnissen Folgen haben, indem z. B. das Sozialgefüge im Untersuchungsfeld beeinflusst wird oder Stereotype erzeugt bzw. verstärkt werden (vgl. Hopf 2016; Gläser & Laudel 2010). Hier zeigt sich, wie problematisch es ist, „angemessene ‚Belastungen‘“ (S. 490), potenzielle Schäden und Folgen kommunikationswissenschaftlicher Studien zu ermessen, ohne die Perspektiven, Ansprüche und Bedürfnisse der untersuchten Personen einzubeziehen, die eventuell ganz andere Verständnisse davon haben, was „alltagsüblich“ ist (vgl. Unger 2014), welche Themen sensitiv 6 Der Stand in der Literatur ist äußerst heterogen: Überblickswerke zu (nicht-)standardisierten Methoden und Bände zu Einzel-Methoden integrieren Forschungsethik in unterschiedlichem Maß (z. B. Rössler 2017; Flick 2016; Döring & Bortz 2015; Scholl 2015; Diekmann 2014), wohingegen Bezugnahmen in deutschen kommunikationswissenschaftlichen Büchern in der Tat selten sind. M&K 65. Jahrgang 4/2017 770 bzw. ob sie als „Subjekte“ angreifbar sind (S. 491) oder inwieweit ihr Handeln öffentlich ist (vgl. Heise & Schmidt 2014: 541).7 Und auch die Abgrenzung der Autorinnen zwischen „Regeln/Normen“ und „Forschungsprozess/Methodik“ (S. 490) ist in zweifacher Hinsicht irritierend: Denn einerseits sind ethische Erwägungen stets an methodische und methodologische Anforderungen gekoppelt – Normen und Methodik müssen zusammengedacht werden (vgl. Unger 2014: 220). Zum anderen sollte die Reflexion ethischer Aspekte immanenter Bestandteil der Forschung sein, also prozessorientiert, prospektiv und nicht erst „im Notfall“ stattfinden (vgl. Grittmann & Drüeke 2016; Heise 2013). Zu berücksichtigen sind ethische Fragen im Gesamtverlauf – von der Fragestellung über die Rekrutierung und Datenerhebung bis zur Veröffentlichung von Ergebnissen – ebenso wie die teils sehr unterschiedlichen Herausforderungen in qualitativen/quantitativen Verfahren und Methoden der Medien- und Kommunikationsforschung, u. a. hinsichtlich der Dokumentation, Aufbereitung und Interpretation von Daten (z. B. „verification biases“, selektive Darstellung, Datenmanipulation; vgl. Eisend & Kuß 2017: 221f.; Döveling et al. 2016). Neben Problemen, die erst im Forschungsverlauf aufkommen, lässt sich ein Teil der ethischen und praktischen Fragen, wie Datensicherung, der Umgang mit Autorenschaft oder Anonymisierung in Publikationen, oft bereits im Vorfeld antizipieren und adressieren (vgl. Iphofen 2011). Eine forschungsethisch orientierte Planung kann daher nicht nur zur Sicherung der Qualität und Güte, sondern auch zur Sensibilisierung der Beteiligten und Transparenz von Abläufen und Verantwortlichkeiten im gesamten Forschungsprozess beitragen. Die Frage der Verantwortung Wissenschafts- bzw. Forschungsethik beziehen sich (je im Singular) zunächst nicht auf Einzeldisziplinen, sie bilden eine Art Überbau wissenschaftlichen Handelns – eine „kommunikationswissenschaftliche Forschungsethik“ gibt es also streng genommen nicht. Normen und Prinzipien (Wertbasis) sind die Grundlage für die Reflexion von Handeln (ethische Entscheidungsfindung). Aus ihnen lassen sich Richtlinien ableiten, die an Methoden, Gegenstände und Fragestellungen einer Disziplin angepasst sind, und z. B. in Kodizes von (internationalen) Fachgesellschaften der Kommunikationswissenschaft und Nachbardisziplinen abgebildet werden (für eine Übersicht s. Döveling et al. 2016). Eine „ethische Schlüsselkategorie“ (Funiok 2002) ist Verantwortung: „Ethical guides are not simply prohibitions; they also support our positive responsibilities” (Diener & Crandall 1978: 3). Dies umfasst Verantwortungsrelationen in Bezug auf die Individual-, Sozial- und Umweltverträglichkeit (vgl. Funiok & Schmälzle 1999: 26) und Folgen von Forschungshandeln – innerhalb der Wissenschaft, z. B. im Umgang mit Kolleg/innen, Studierenden usw., und zur außerwissenschaftlichen Umwelt, z. B. zu Untersuchungsteilnehmer/innen, Auftraggeber/innen oder der Gesellschaft. Dass die Autorinnen die Wahrnehmung von Verantwortung auf der Individualebene, im Sinne der „persönlichen Verantwortung des Forschenden“ (S. 491) verorten, halte ich für irreführend. Denn neben Situationen, in denen sich die oder der einzelne Forscher/ in individuell mit ethischen Fragen konfrontiert sieht (v. a. Qualifikationsarbeiten), begegnen wir in der heutigen, maßgeblich durch Teamarbeit und (internationale) Kooperationen geprägten Forschungspraxis vermehrt Formen kollektiver Verantwortung, in 3. 7 Zu potenziellen Folgen der Teilnahme an wissenschaftlichen Studien und zur Frage, welche Anforderungen Teilnehmende an die Aufklärung stellen, besteht offenkundig Forschungsbedarf (vgl. Reichertz 2016: 163; Döveling et al. 2016: 416). Heise · Warum das Rad neu erfinden? 771 denen die Akteure eine geteilte Mitverantwortung tragen, aber auch Gefälle in der Rollen- und Funktionsmacht und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 127). Für solche Konstellationen ist mitunter schwieriger zu beantworten, wer wofür und wem gegenüber verantwortlich ist (vgl. Funiok & Schmälzle 1999). Hieran zeigt sich, dass die Ethik kommunikationswissenschaftlicher Forschung nicht diskutiert werden kann, ohne die systemischen Bedingungen wissenschaftlicher Produktion sowie ökonomische, politische und kulturelle Zwänge in den Blick zu nehmen. Während Fehlverhalten z. B. in Plagiatsverdachtsfällen oft als personenbezogene Verfehlung betrachtet wird, tragen wohl auch Aspekte wie Konkurrenz-, Zeit- oder Erfolgsdruck zu unethischem Handeln bei (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 134; Grittmann & Drüeke 2016; Altmeppen 2016; Eisend & Kuß 2017). Zugleich geht es hier um einen verantwortungsvollen und fairen Umgang im wissenschaftlichen Feld und die notwendige Sensibilität für ethische Probleme, die von den involvierten Akteuren mitunter in unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Ausmaß erlebt werden (vgl. Swazey et al. 1993). Nicht zuletzt verweist der Verantwortungsbegriff auf die unabdingbare Reflexion der Folgen sowie der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Zusammenhänge kommunikationswissenschaftlicher Forschung (vgl. Grittmann & Drüeke 2016). Schlütz & Möhring greifen diesen Punkt nicht auf – und das, obwohl die Diskussion um die „Notwendigkeit, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu öffnen“ (Altmeppen 2016: 115) derzeit wieder einmal virulent zu sein scheint. Die Frage der Verantwortung reicht von der Verantwortbarkeit bestimmter Untersuchungsziele (vgl. Eisend & Kuß 2017: 228) über die Beziehungen zu gesellschaftlichen Gruppierungen und Bereichen (z. B. medienpolitischen Akteuren, Auftraggebern) bis hin zu den Verwertungszusammenhängen von Ergebnissen und dem Transfer kommunikationswissenschaftlicher Forschung in die Öffentlichkeit. ‚Hands on‘: Ethik in Fachdiskursen und Ausbildung verankern Abschließend möchte ich den Blick auf die von Schlütz & Möhring skizzierten „Elemente einer kommunikationswissenschaftlichen Forschungsethik“ (S. 490) richten, verbunden mit einem Ausblick auf weitere mögliche Schritte und Lösungsansätze. Zunächst sollte deutlich geworden sein, dass für die Kommunikationswissenschaft als einer „an den Rändern offenen“ Disziplin durchaus Prinzipien und Richtlinien vorhanden sind, auch wenn es kaum empirische Erkenntnisse dazu gibt, inwieweit sie auf individueller bzw. institutioneller Ebene Anwendung finden. Einstweilen können sich Forschende in ihrer Alltagspraxis an existierenden Kodizes und Handlungsempfehlungen – aus der eigenen und Nachbardisziplinen – orientieren (siehe z. B. Döveling et al. 2016, Iphofen 2011). Unbestritten ist, dass aktuelle Entwicklungen v. a. in der empirischen Arbeit zahlreiche Herausforderungen mit sich bringen. Hier sollten wir sehr genau reflektieren, worin z. B. die Besonderheiten von Online-Kontexten liegen und wie sich diese in Heuristiken oder Reflexionsfragen angemessen abbilden lassen. Dazu hat der interdisziplinäre Diskurs um ethische Fragen der Onlineforschung bereits eine Reihe an methoden- übergreifenden Ansätzen hervorgebracht, die eine kontextsensitive, induktive Entscheidungsfindung im gesamten Forschungsverlauf ermöglichen (vgl. Eynon et al. 2017, Pentzold 2015, Heise & Schmidt 2014). Zugleich sollten wir in der Diskussion um ethische Fragen nicht nur die Neuartigkeit von Methoden und Gegenständen, sondern auch Kontinuitäten im Blick behalten und als Ressource begreifen – „to navigate the novelty of the contemporary landscape while drawing on and contributing to the accumulated methodological and topical wisdom of relevant pasts“ (Baym & Markham 2009: xv). 4. M&K 65. Jahrgang 4/2017 772 Die Kritik der Autorinnen an der Formalisierung ethischer Entscheidungsfindungsprozesse und Selbstkontrolle ist teils berechtigt – die Debatte um Für und Wider von Review Boards gerade für sozialwissenschaftliche Forschung unterstreicht dies (vgl. Eynon et al. 2017, Hoonaard & Hamilton 2016, Unger & Simon 2016). Insofern irritiert der Vorschlag einer Institutionalisierung der deliberativen Aushandlung ethischer Orientierung unter dem Dach einer Fachgesellschaft. Wer den „jahrelangen Diskussionsprozess“ (Altmeppen 2016: 116) zu den Änderungen am DGPuK-Ethik-Kodex verfolgt hat, dem mögen Zweifel an einer solchen institutionellen „Einhegung“ des Diskurses kommen bzw. daran, wie damit effizient auf drängende Probleme reagiert werden kann. Auch mit Blick auf Offenheit und Vielfalt sollte abgewogen werden, inwieweit eine Fachgesellschaft die Perspektiven forschender Nichtmitglieder, von Forschenden an au- ßeruniversitären Institutionen, nicht-institutionell gebundener Forscher/innen und insbesondere auch von Studierenden und relevanten Akteur/innen außerhalb des wissenschaftlichen Feldes adäquat berücksichtigen kann. Angesichts des zunehmenden Erwartungsdrucks von außen sollte die Debatte über den Umgang mit Ethik-Kommissionen in den Fachöffentlichkeiten unbedingt fortgesetzt werden, um zu verhindern, dass forschungsethische Begutachtungsprozesse schlimmstenfalls zu einer „Homogenisierung“ oder gar politischen „Disziplinierung“ sozialwissenschaftlicher Forschung führen (vgl. Hopf 2016; Unger & Simon 2016). Zu diskutieren wäre beispielsweise, wie es gelingen kann, die Community besser in ethische Review-Prozesse einzubinden, ob es lohnt, fachinterne Review-Gremien zu etablieren, und wie die Kritik an institutionalisierten Prüfverfahren produktiv nutzbar gemacht werden kann. Dabei muss aber auch klar sein, dass Ethik-Kommissionen „Instanzen der Regeldurchsetzung“ sind und sich weniger zur Normbildung bzw. als „Quelle ethischer Orientierung“ (Unger & Simon 2016: 13) eignen. Das Finden von Lösungen für neue Handlungsfelder der Kommunikationswissenschaft und drängende normative Probleme muss also andernorts stattfinden. Vor diesem Hintergrund möchte ich – ergänzend zu den Anregungen von Schlütz & Möhring – einige Vorschläge machen, wie das Thema Forschungsethik auf verschiedenen Ebenen implementiert werden könnte: – (International/interdisziplinär besetzte) Arbeitsgruppen und Workshops: methodenspezifischer bzw. gegenstandsbezogener Erfahrungsaustausch, Dokumentation und Ausarbeitung von Empfehlungen und Handreichungen; – Materialsammlungen (z. B. auf der DGPuK-Webseite und/oder Fachgruppenwebseiten): Literaturlisten mit Fokus auf forschungsethische Problematisierung (z. B. spezifischer Methoden), Best Practices (die auch aus internationalen Quellen übersetzt werden könnten), Mustertexte (z. B. für Onlinefragebögen, Einverständniserklärungen usw.), Unterrichts- und Studienmaterialien (Vortragsfolien, Fallstudien, Übungen); – Wissensvermittlung, Aus- und Weiterbildung zu ethischen, methodischen, rechtlichen Aspekten: Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden für Lehrende, Studierende, Forschungspersonal; Einbettung von Ethik-Panels und Formaten der kommunikativen Peer-to-Peer-Vermittlung auf Fachtagungen, Summer Schools usw. (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016); – Publikationen8: Thematisierung in Fachzeitschriften (z. B. Abfrage und Erläuterungen zu forschungsethischen Maßnahmen); stärkere Berücksichtigung ethischer As- 8 Dass es auch hier publikationsspezifischer Richtlinien sowie themen- und methodenbezogener Perspektivenvielfalt und Beurteilungskompetenz auf Seiten der Herausgeber/innen und Begutachter/innen bedarf, dürfte auf der Hand liegen. Heise · Warum das Rad neu erfinden? 773 pekte in Methodenliteratur, z. B. Abdruck von Einverständniserklärungen, Fallbeispielen, Reflexionsfragen usw. (siehe Lamnek 2005, Markham & Baym 2009). Eine essenzielle Maßnahme, um sowohl Studierende als auch Forschende für ethische Fragen zu sensibilisieren, kommt bei Schlütz & Möhring zwar mehrfach zur Sprache – in ihre „Elemente einer kommunikationswissenschaftlichen Forschungsethik“ (S. 490) beziehen sie sie jedoch nicht explizit ein: die Verankerung in der Methodenausbildung. Forschungsethische Kompetenzen sind untrennbar mit methodisch-methodologischen Kompetenzen verbunden (vgl. Unger 2014: 227), eine Methodenlehre, die ethische Fragen nicht adressiert, handelt fahrlässig. Gerade an der Diskussion empirischer Anforderungen und deren Umsetzung in einzelnen Projekten lassen sich Prozesse ethischer Entscheidungsfindung praxisnah erlernen und ethische Sensibilität schulen. Aus meiner Arbeit mit verschiedenen Gruppen (BA-/MA-Studierenden, Doktorand/innen, Lehrpersonal) weiß ich, wie wichtig hierfür ein „geschützter“ Rahmen ist, der das Ausprobieren, das Lernen aus Fragen und Fehlern sowie die Auseinandersetzung mit vielfältigen ethischen Positionen ermöglicht. Die Einbettung in die Methodenausbildung als „Learning by Doing im Doppelpack (Methode und Ethik)“ (ebd.) und den interdisziplinären Austausch von Lehrenden über adäquate Vermittlungskonzepte zu fördern sowie Materialien für die Lehrpraxis zu erarbeiten und bereitzustellen – dies wären wohl die wichtigsten Maßnahmen, um das Thema Forschungsethik im Fach voranzubringen. Nicht zuletzt liegt es bei jeder und jedem Einzelnen, eine ethische Sensibilität bzw. ein Bewusstsein für ethische Fragen zu entwickeln und in der Alltagspraxis entsprechend zu handeln. Allerdings reicht es nicht, alltagsmoralisches Handeln zu reflektieren, es muss auch kommuniziert werden (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 130): sei es, indem man ethische Entscheidungen in Publikationen diskutiert, in der Lehre unethisches Verhalten thematisiert oder auf Richtlinien und Gremien (Ombudsstellen o. Ä.) hinweist. Zudem müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden für die Diskussion und Reflexion ethischer Fragen sowie die Ausbildung ethischer Beurteilungskompetenz in den jeweiligen institutionellen Kontexten (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016). Diese Prozesse können zeit- und ressourcenintensiv sein – sie müssen gewollt und entsprechend gefördert werden. Eine wichtige Voraussetzung für all diese Maßnahmen, Initiativen usw. wären weitere Erkenntnisse zum Umgang mit Forschungsethik. Auch wenn bislang nur wenige problematische Fälle öffentlich bekannt geworden sind, erscheint die Annahme, dass „viele, wenn nicht alle kommunikationswissenschaftlichen Forscherinnen und Forscher, explizit oder implizit, ethischen Richtlinien folgen“ (S. 484) mutig. Denn während gravierende Formen ethischen Fehlverhaltens sicher die Ausnahme darstellen, sind „kleinere“ Unkorrektheiten möglicherweise stärker verbreitet (vgl. Eisend & Kuß 2017: 219; Swazey et al. 1993). In meinen Tätigkeiten im Bereich Forschungsethik sind mir verschiedenste Formen von Fehlverhalten – auf allen „Hierarchieebenen“ – begegnet, die oft darauf zurückgehen, dass forschungsethische Aspekte in Lehre und Forschung gegenüber methodischen Anforderungen zumeist eher nachrangig bzw. erst „im Notfall“ adressiert werden. Nicht immer sind existierende (institutionelle) Richtlinien oder rechtliche Vorgaben bekannt, aber auch fehlende Regelungen führen zu Handlungsunsicherheiten, die insgesamt zu wenig thematisiert werden. Statt von einer routinemäßigen Anwendung auszugehen (S. 488), wäre hier also zu klären, wie es generell um das Problembewusstsein für Ethik in der Medien- und Kommunikationsforschung im deutschsprachigen Raum bestellt ist und welche Lücken konkret für welche Handlungszusammenhänge bestehen (vgl. Döveling et al. 2016). M&K 65. Jahrgang 4/2017 774 Fazit: Das Rad ins Rollen bringen Die zentrale Forderung nach der „Formulierung einer speziell auf die Kommunikationswissenschaft zugeschnittenen angewandten Forschungsethik“ (S. 493) sehe ich nur unzureichend begründet. Denn auf die Frage, was kommunikationswissenschaftliche Forschung in ethischer Hinsicht besonders macht, geben Schlütz & Möhring in ihrem Beitrag kaum Antworten. Damit verpassen sie die Chance, über ein eher enges Verständnis von ethischen Erwägungen – als Vehikel der Qualitätssicherung und Professionalisierung bzw. als Steuerungshebel, die Forschung eventuell „komplizierter“ (S. 493) machen – hinaus substanziell Neues für die Diskussion um Ethik in der Medienund Kommunikationsforschung beizutragen. Was etwa wären ethisch relevante „Besonderheiten in kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen“ (S. 484)? Bzw. worin unterscheiden sich die Praktiken und Kontexte des Fachs von anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen? Geht es lediglich um eine Art „Notfallethik“ (Rath 2014: 101), weil für neuartige Methoden Standards oder Handlungsempfehlungen fehlen? Oder umfasst eine Reflexion des „wissenschaftlich-empirische[n] Handeln[s]“ (S. 483) nicht mehr, z. B. die Ursachen von Fehlverhalten oder die Prämissen, Annahmen und Verwertungszusammenhänge unserer Forschung? Kurzum: Die Debatte um Ethik in der Kommunikationswissenschaft sollte nicht allein auf Methoden beschränkt bleiben, sondern auch ihre Material- und Formalobjekte einbeziehen. Und zwar nicht nur, weil Medien- und Kommunikationsforschung normative Orientierungen medialen Handelns thematisiert (vgl. Rath 2014; Zilich et al. 2016), sondern weil ihre Forschungsfelder und -fragen selbst normativ geprägt sind, wie z. B. die Reflexion von Menschenbildern in der Medienwirkungsforschung oder Normvorstellungen in der politischen Kommunikationsforschung zeigt (vgl. Karmasin et al. 2013). Ethische Diskurse sollten auch dazu beitragen, sich dieser (impliziten) normativen Perspektiven bewusst zu werden (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 136), und zugleich dafür sensibilisieren, dass das im Fach produzierte Wissen kontextabhängig und „historisch, sozial, ökonomisch und kulturell verortet“ (Grittmann & Drüeke 2016: 110) ist. Die Kommunikationswissenschaft im deutschsprachigen Raum kann sich glücklich schätzen, dass sie bislang weitgehend von Forschungsskandalen verschont geblieben ist. Dies ist aber noch keine Leistung an sich – das Bild einer Disziplin, so Altmeppen (2016: 116), werde langfristig auch vom Umgang mit ethischen Herausforderungen geprägt und davon, wie sie sich öffentlich darstellt und gesellschaftliche Relevanz lebt. Gerade weil sie „maßgeblich zur Erforschung der ‚Wissenschaftsgesellschaft‘“ beitrage, müsse sich die Kommunikationswissenschaft laut Averbeck-Lietz & Sanko (2016: 128) mit ihren ethischen und normativen Standards auseinandersetzen. Dabei geht es nicht um eine „Abwägung zwischen Freiheit der Forschung und Forschungsethik“ (S. 485; Hervorheb. NH), sondern um die beständige Selbstbeobachtung und Übernahme von Verantwortung, zu der Wissenschaft mit ihrem Anspruch auf Autonomie und forscherische Freiheit im besonderen Maße verpflichtet ist (vgl. Eisend & Kuß 2017: 224). Eine Diskussion um Ethik sollte also nicht nur Impulse mit Blick auf die ethisch-reflexive, gute Praxis in Forschung und Lehre geben – sie ist zugleich als „Selbst-Deutung gerade in Bezug auf sozial und kulturell relevante Forschungsthemen“ (Averbeck-Lietz & Sanko 2016: 134) zu verstehen. Wir sollten daher auch fragen, worin angesichts der medialen Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche die Rolle der Medien- und Kommunikationsforschung „in datengetriebenen Zeiten“ (Hepp 2016) liegen könnte und wie das Fach seiner Verantwortung nachkommen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen (vgl. Heise & Schmidt 2014: 521). 5. Heise · Warum das Rad neu erfinden? 775 So notwendig und begrüßenswert die Debatte um den Umgang mit ethischen Fragen und die Gewährleistung „guter wissenschaftlicher Praxis“ ist: Sie muss fundiert und (selbst)kritisch geführt werden. Wichtige Bedingungen hierfür wären Offenheit (paradigmatisch und disziplinär), Transparenz, Perspektivenvielfalt (Methoden, Themen/ Gegenstände, Forschungskontexte, ethische Positionen usw.) sowie die Berücksichtigung der im eigenen Fach und in Nachbardisziplinen vorgebrachten Vorschläge. Hierfür braucht es Foren, die eine ehrliche und faire Diskussion von Fehlverhalten, der ethischen, rechtlichen und „pragmatischen Grauzonen“ (Reichertz 2016: 166) von Forschungshandeln und die Artikulierung von Unsicherheiten zulassen. Und wenngleich es unbequem sein mag: Dazu gehört auch der Austausch über Arbeitsbedingungen (vgl. Averbeck-Lietz & Sanko 2016) und die „sozialethischen Strukturbedingungen“ (Altmeppen 2016: 114), die im sozialen Feld (Kommunikations-)Wissenschaft (un-)ethisches Handeln befördern. Nur so kann letztlich identifiziert werden, für welche Bereiche Handlungsbedarf besteht, und gemeinsam an Lösungsansätzen gearbeitet werden. Das Rad muss dafür nicht neu erfunden werden – man muss vor allem gewillt sein, es ins Rollen zu bringen. Literatur Altmeppen, Klaus-Dieter (2016). Ethik ist kein Springteufel. Medien & Kommunikationswissenschaft, 64(1), 114–116. Averbeck-Lietz, Stefanie & Sanko, Christina (2016). Wissenschafts- und Forschungsethik in der Kommunikationswissenschaft. In: Stefanie Averbeck-Lietz & Michael Meyen (Hrsg.), Handbuch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikationswissenschaft (S. 125–136). Wiesbaden: Springer VS. Baym, Nancy K. & Markham, Annette N. (2009). Introduction: Making Smart Choices on Shifting Ground. In: Annette N. Markham & Nancy K. Baym (Hrsg.), Internet Inquiry. Conversations about Method (S. vii-xix). Los Angeles u. a.: Sage. Debatin, Bernhard (2010). New Media Ethics. In: Christian Schicha & Carsten Brosda (Hrsg.), Handbuch Medienethik (S. 318–327). Wiesbaden: VS. Diekmann, Andreas (2014). Empirische Sozialforschung. 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Der Band, der bereits in zweiter, aktualisierter Aufl age vorliegt, präsentiert eine umfassende und leicht verständliche Übersicht über dieses populäre Forschungsfeld.

Abstract

The discussion revolving around ethical issues in media and communication research has gained pace in recent years. Following the piece by Schlütz and Möhring (2016) this article discusses the reasons for this ‘ethical turn’ and asks to which extent common ethical practices and standards need to be updated in light of new research contexts and methods. We claim that the current debate should not be limited to practical recommendations/guidance and control mechanisms, but also needs to address the structural conditions and normative implications, as well as the societal role and responsibility of media and communication research. The article closes with suggestions and ideas aimed at improving the status of ethical issues in teaching and research.

Zusammenfassung

Die Diskussion um ethische Herausforderungen der Kommunikations- und Medienforschung gewinnt in den vergangenen Jahren erneut an Bedeutung. Im Anschluss an den Beitrag von Schlütz und Möhring in Heft 4/2016 M&K nimmt der Artikel zum einen die Ursachen für diesen „ethical turn“ in den Blick und geht dabei der Frage nach, inwieweit vorhandene ethische Praktiken und Standards angesichts neuer Forschungsfelder und Methoden einer Aktualisierung bedürfen. Zum anderen wird argumentiert, dass die aktuelle Debatte nicht allein auf Handlungsempfehlungen und Kontrollmechanismen beschränkt bleiben sollte, sondern auch die strukturellen Bedingungen und normativen Implikationen kommunikationswissenschaftlicher Forschung sowie die gesellschaftliche Verantwortung des Faches adressieren muss. Der Beitrag schließt mit Vorschlägen zur nachhaltigen Verankerung ethischer Fragen in Lehre und Forschung.

References
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Zusammenfassung

Medien & Kommunikationswissenschaft bietet ein Forum zur Diskussion medien- und kommunikationsbezogener Fragen sowie für Analysen der Medienentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven und für alle Medien. Medien & Kommunikationswissenschaft spiegelt damit die Trends der Forschung und der öffentlichen Diskussion um die Medien wider. Die Zeitschrift hat einen Jahresumfang von ca. 600 Seiten und enthält Aufsätze, Berichte, Dokumente, Diskussionsbeiträge, Rezensionen sowie eine Zeitschriftenlese und eine Literaturübersicht.

Medien & Kommunikationswissenschaft wendet sich an Wissenschaftler, Journalisten, Medien-Organisationen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film-, Fernseh-, Videoproduktionsunternehmen, Verbände, Lehrer, Pressewesen, Medienpolitiker.

Homepage: www.m-und-k.nomos.de