Rudolf Stöber, Florian Paul Umscheid, Öffentlichkeit unter Beobachtung. Zu den Methoden historischer Öffentlichkeitsforschung in:

M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, page 746 - 765

M&K, Volume 65 (2017), Issue 4, ISSN: 1615-634X, ISSN online: 1615-634X, https://doi.org/10.5771/1615-634X-2017-4-746

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Öffentlichkeit unter Beobachtung Zu den Methoden historischer Öffentlichkeitsforschung Rudolf Stöber / Florian Paul Umscheid Der Beitrag thematisiert verschiedene Methoden historischer Öffentlichkeitsforschung. Er erörtert Vorteile und Grenzen hermeneutischer, historisch-quellenkritischer und inhaltsanalytischer Verfahren. Das untersuchte Quellenmaterial fand bislang aus verschiedenen, u.a. ideologiekritischen Gründen sowohl bei Historikern als auch bei Kommunikationswissenschaftlern kaum Berücksichtigung. Anhand der Daten aus zwei verschiedenen Projekten werden halb-automatische und händische Inhaltsanalysen miteinander verglichen, um einschätzen zu können, inwieweit explizite Textinhalte auf die Kodierungen durchschlagen. Der Aufsatz plädiert für einen multi-methodischen, triangulären Ansatz unter Einschluss der historischen Quellenkritik und schlägt ein Verfahren der Aggregierung und Normalisierung von Daten vor, um Beobachtungen 1. und 2. Ordnung der öffentlichen Stimmungen zu kontrollieren. Schlüsselwörter: öffentliche Meinung, Methoden, Quellen, Geschichtsschreibung, Hermeneutik, Beobachtungen 1. und 2. Ordnung Einleitung Donald Trump ist ein Debakel, der Brexit eine Katastrophe – zumindest für die Demoskopie. So hieß es vielfach, nachdem im letzten Jahr verschiedene Abstimmungen anders ausgegangen sind, als von der Demoskopie vorhergesagt. Allerdings ist diese demoskopie-kritische Zuspitzung nicht ganz richtig. Im Fall der US-Wahlen stimmte zumindest die aggregierte Vorhersage, Hillary Clinton werde knapp gewinnen, denn insgesamt hat sie in den USA mehr Wähler gewonnen als ihr Rivale. Auch lagen sowohl bei der US- Wahl als auch bei dem britischen EU-Referendum die Prognosen im Rahmen der Fehlerwahrscheinlichkeit. Nur gingen die statistischen Feinheiten in der Endphase vor den Abstimmungen jeweils verloren – sei es, weil Berichterstatter und Publikum nach möglichst klaren Trends gierten, sei es, weil sie entsprechend ihren ideologischen Wünschen und rationalen Überzeugungen hofften, dass nicht sein werde, was nicht sein dürfe. Nun könnte man den quantitativen Sozialforschern empfehlen, angesichts der Fragmentierung der Diskurse und Publika die Stichproben – analog zu den Verfahren von AWA und AG.MA – zu vergrößern. Selbstredend würden die Vorschläge Kosten und weitere Probleme (z. B. hinsichtlich der Ausschöpfungsquote) verursachen. Zudem würden sie das zentrale Problem der Demoskopie nicht lösen: Befragungen zwingen die Interviewten zum Nachdenken; sie rationalisieren unbewusste Prozesse, stellen Überlegungen zur Erwünschtheit von Antworten an etc. Aber vielleicht geht es im Kern auch nicht um öffentliche Meinungen, sondern eher um öffentliche Stimmungen.1 Stimmungen lassen sich jedoch nicht erfragen, sondern 1. 1 Unser besonderer Dank gilt Albrecht Hoppe, ohne dessen quelleneditorische Arbeit unsere Publikation wesentlich aufwendiger geworden wäre (vgl. Fußnote 15). Dieser Beitrag knüpft an ältere Forschungen an, erweitert deren empirische Grundlage um ein aktuelles Projekt und verknüpft beides mit bislang nicht publizierten methodologischen Überlegungen. Stöber 2013; 2012; 1998. Zur Zielrichtung des Projekts: http://www.uni-bamberg.de/kowi/forschung/for schungsprojekte/dfg-projekt-politische-interessenkommunikation-1867-1914/ [14.07.2017]. 746 DOI: 10.5771/1615-634X-2017-4-746 allenfalls beobachten (vgl. Schramm 2014). Dabei sind mit der Methode der Beobachtung kaum geringere Probleme als mit der Befragung verbunden. Vielleicht sind sie sogar noch größer. Analog zur Interviewerkontrolle stellt sich z. B. die Frage, wie die Beobachter zu kontrollieren sind. Deren Beobachtungen sollen als Beobachtungen 1. Ordnung bezeichnet werden; die Kontrolle bzw. Interpretation dieser Beobachtungen erzeugt eine Beobachtung 2. Ordnung und damit weitere Probleme: insbesondere hinsichtlich des Vorwissens, der ideologischen Prädisposition und verschiedener rationaler Kalküle dieser Beobachter 2. Ordnung. Zudem stellt sich die Frage, mit welchem Verfahren Beobachtungen öffentlicher Stimmungen erzeugt werden könnten. Sozialwissenschaftler, sofern sie nicht zufällig Zugang zu den Datenmengen sozialer Netzwerke haben sollten, dürften Schwierigkeiten haben, wenn sie Stimmungen beobachten wollen. Für die Vergangenheit ist das einfacher. Allerdings sind die Quellen, auf die man sich beziehen kann, in unserem Fach beinahe unberücksichtigt geblieben, und die Historiker machen weitgehend einen großen Bogen darum, weil sie ihnen zutiefst misstrauen. Immerhin lassen die Quellen implizit ein theoretisches Konstrukt öffentlicher Stimmung erkennen, das, ohne dass es in den Quellen je definiert worden wäre, sich abstrakt so zusammenfassen lässt: Öffentliche Stimmung ist das, was die Berichterstatter als solche beobachteten. Wer war ihr Träger? Objekt und Subjekt öffentlicher Stimmungen gleichermaßen war die breite Masse beziehungsweise das gemeine Volk. Wie wurden Stimmungen vermittelt? Der Modus war eher emotional als rational, wobei der veröffentlichte Diskurs gelegentlich erwähnt wurde. Was wurde behandelt? Die Themen, welche die Stimmungen anregten, waren prinzipiell unbeschränkt und reichten von Naturkatastrophen und Ernteausfall bis zur Politik. Wo wurden die Stimmungen beobachtet? Der Bezugsort ergab sich in diesem Konzept von selbst: aus dem Berichtsgebiet der Quellen über die öffentliche Stimmung. Eine theoretische Fundierung öffentlicher Stimmungen ist jedoch nicht das Ziel dieses Beitrags, vielmehr geht es im Kern um Methodisches. Dazu wird ein kombinierter Ansatz vorgeschlagen, der, aufsetzend auf die Triangulation bekannter Methoden, aggregierte Beobachtungsdaten „normalisiert“. Unseres Wissens wurde diese Methodenkombination bislang weder von Historikern noch Kommunikationswissenschaftlern auf historische Quellen angewandt. Mit Triangulation und Normalisierung ist es möglich, die Probleme der ausgewerteten Quellen – auf mehreren Ebenen – auszugleichen. Problemstellung: Wie lesen? Seit ca. 70–80 Jahren werden öffentliche Meinungen mit demoskopischen Mitteln erhoben. Das mag in demokratisch verfassten Staaten das erste Mittel der Wahl sein, in Diktaturen und vordemokratischen Staaten jedoch empfiehlt sich die Befragung schon aus pragmatischen Überlegungen nicht, weil je nach Effizienz des Repressionsapparats ehrliche Antworten noch unwahrscheinlicher sind als in Demokratien, in denen v. a. die Sorgen um political correctness und soziale Erwünschtheit die Ergebnisse verzerren. Hinzu kommt, dass in der Vergangenheit die theoretischen Konzepte und die statistischempirischen Methoden so unterentwickelt waren, dass die öffentliche Meinungserhebung sich anderer Instrumente bedienen musste. Diese „Öffentlichkeitserforschung“ hat einen langen Vorlauf, der institutionengeschichtlich andernorts beschrieben wurde (vgl. Adler 1977; Beck & Schmidt 1993; Deist 1970; Graf 1983; Koselleck 1981; Materna & Schreckenbach 1987; Ritter 1979 u. a. m.). Und der Quellen, die sich als Vorläufer heutiger Öffentlichkeitsforschung auswerten lassen, sind viele (vgl. Tabelle 1). 2. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 747 Quellen zur öffentlichen Stimmung2 Nr. Name (Region) Zeitraum Charakter n N Berichtsquellen Periodizität 1 Immediatzeitungsberichte (Preußen) 1866- 1918 zivile Verwaltung 1.578 verm. 6.904 Landräte vierteljährlich 2 Berliner Polizeipräsident (Berlin) 1914- 1918 politische Polizei 104 104 Polizeiinformanten; Ortspolizisten unregelmäßig 3 Generalkommando (Baden) 1916- 1918 Militärverwaltung 26 26 Vertrauensleute unregelmäßig 4 Regierungspräsident (n: Oberfranken; N: Bayern) 1914- 1928 zivile Verwaltung 507 verm. 4.056 Bezirksamtsleute wöchentlich/ halbmonatlich 5 Bezirksämter (n: Oberfranken; N: Bayern) 1914- 1931 zivile Verwaltung 15.418 > 120.000 Vertrauensleute, Ortspolizisten wöchentlich/ halbmonatlich 6 Reichskommissar (Deutschland) 1920- 1928 politische Polizei 105 105 Polizeiagenten, Vertrauensleute unregelmäßig 7 Gestapo (Deutschland) 1934- 1936 politische Polizei 390 390 Polizeiagenten, Spitzel, Denunzianten, Vertrauensleute monatlich 8 Sopade (Deutschland) 1934- 1940 Publizierte Informationen der Exil-SPD 69 69 Vertrauensleute monatlich 9 SD-Berichte (Deutschland) 1939- 1945 Parteigeheimdienst der NSDAP 444 444 Polizeiagenten, Spitzel, Denunzianten, Vertrauensleute unregelmäßig Keine der Quellen ist mit modernen Umfragedaten vergleichbar, wenngleich in die Zulieferungsberichte bisweilen Befragungen eingespeist worden sind. Alle Quellen berichteten (erzählend) über Beobachtungen der öffentlichen Stimmung. Alle Quellen lassen eine Reihe von Deutungen zu. Das liegt hauptsächlich daran, dass sie mit verschiedenen Augen gelesen worden sind bzw. gelesen werden können. Zum einen zählte die politische und repräsentative Staatsspitze zur Leserschaft, zum zweiten die politische Polizei und weitere Behörden, zum dritten nachgeborene Historiker, Kommunikations- und Sozialwissenschaftler. Pars pro toto soll anhand einer Quellengruppe, der Immediatzeitungsberichte (Nr. 1 in Tabelle 1), die Funktion der Quelle für verschiedene Leserkreise näher erläutert werden. Das kann die Komplexität des Ausgangsmaterials verdeutlichen. Zugleich wird ein institutionengeschichtliches Fundament gelegt, so dass die in Abschnitt 4 verglichenen Projekte quellenkritisch besser einzuordnen sind. Zum ersten Leserkreis der Immediatzeitungsberichte: Der preußische König und sein Zivilkabinett erhielten „immediat“, d. h. unmittelbar, Berichte verschiedener hierarchischer Ebenen. Der Staatsspitze mochten die Immediatzeitungsberichte der Selbstbestätigung dienen. So wurde bei der Überarbeitung der Bestimmungen angemahnt, man Tabelle 1: 2 Nr. 1 und 7 sind überliefert im Geheimen Staatsarchiv, Dahlem; Nr. 2: Materna & Schreckenbach 1987. Nr. 3: Kremer 1990; Nr. 4 und 5 sind überliefert im Hauptstaatsarchiv Bamberg; Nr. 6: Ritter 1979; Nr. 8: Behnken 1980; Nr. 9: Boberach 1984. N bezeichnet die (z. T. geschätzte) Zahl der jeweiligen Vollerhebung, n die in die Auswertung eingeflossenen Dokumente. M&K 65. Jahrgang 4/2017 748 möge die Interessen der Staatsführung berücksichtigen. In einem Begleitschreiben zu den Zeitungsberichten wurde von den Regierungspräsidenten erwartet, einerseits umfassend zu berichten, sich andererseits auf das Wesentliche zu beschränken: „Der Regierungs-Präsident ist der Mittelpunkt der Verwaltungstätigkeit der Regierung; ihm liegt es vorzugsweise ob, das Allgemeine derselben im Auge zu behalten; die politische Thätigkeit der seiner Leitung anvertrauten Verwaltungs-Organe findet in ihm ihren Schwerpunkt. Wie ihn daher seine amtliche Stellung in den Stand setzt, von allen wichtigen Begebenheiten und Verwaltungs- Angelegenheiten, von den Zuständen der Bevölkerung in materieller und geistiger Beziehung und von der öffentlichen Stimmung im Regierungsbezirke genaue Kenntniß zu haben, so darf von ihm angenommen werden, daß er einen richtigen Blick dafür hat, was aus diesen Gebieten für des Königs Majestät und die Staats-Minister zu erfahren von besonderem Interesse sein muß.“3 Die Erläuterung war ambivalent: Einerseits konnte man sie als Aufforderung, sich auf Relevantes zu konzentrieren, wörtlich verstehen; andererseits schwang die Andeutung mit, v. a. solche Dinge zu berichten, die der König hören wollte. Das konnte dazu führen, eher das Positive als das Negative, eher das die Staatsspitze Bestätigende als das Kritisierende, eher verklausulierte Andeutungen denn offene Kritik zu formulieren. Die antizipierte Erwartungshaltung mochte manchen Berichterstattern den Stift geführt haben. Im gegenteiligen Fall, so lassen in Einzelfällen noch Belege aus der NS-Zeit erkennen, kam das nicht gut an. So kritisierte Hitler 1936 die Miesmacherei der Stimmungsberichte mit den Worten: „Die Stimmung im Volk ist nicht schlecht, sondern gut. Ich weiß das besser.“ (Zit. n. Bankier 1994: 22). In den Berichten war den Majestäten besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Über Kaiserbesuche oder durchreisende Fürsten wurde zumeist in dem Tenor berichtet, die Bevölkerung habe deutliche Zeichen ihrer Anhänglichkeit gegeben. Die Berichte bestätigten die Eindrücke, welche Ihre Hoheiten vom Aufmarsch der Schulklassen, Sängerund Kriegervereine durch unmittelbare Anschauung gewonnen haben mochten.4 Mit Ausdrücken wie „Kaiserwetter“ sind Begleitmusik und Umstände dieser „Ereignisse“ in die Umgangssprache eingegangen. So bestätigten sich positive Eindrücke wechselseitig und erklären noch die späte Kritik an Miesmacherei. Zum zweiten Leserkreis: Man würde den Berichten nicht gerecht, wenn man die Quellen nur als adressatenorientierte, byzantinische Selbstbestätigung des Systems läse. Dafür spricht schon ein formaler Aspekt: Der Kreis der Bezieher wurde wiederholt ausgedehnt; verschiedene Ministerien verlangten Mehrfachexemplare.5 Die Bezieher wurden zudem latent divergenter: So waren ab 1875 die statistischen Auszüge auch dem Königlich Preußischen Statistischen Büro zuzusenden.6 Weitere Ministerien – der Justizund der Handelsminister, der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalan- 3 Preußisches Innenministerium und Preußisches Finanzministerium an Regierungspräsident Potsdam, Begleitschreiben vom 26.10.1867 zum Erlass vom 26.8.1867. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Vgl. durchaus ähnlich Präsidialerlass Bayreuth an Distriktverwaltungsbehörden vom 18.1.1914. StA BA Präs. Reg. K 3, Nr. 831, Bd. XVIII. 4 StA BA Präs. Reg. K 3, Nr. 831, Bd. XVII. 5 Preußisches Innenministerium und Preußisches Finanzministerium an Regierungspräsident Potsdam, 30.11.1869. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. 6 Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 27.4.1875. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 749 gelegenheiten, der Minister für öffentliche Arbeiten – verlangten zusätzliche Exemplare.7 Von der Staatsspitze abwärts lasen über Ministerpräsident, weitere Ministerien, Ober- und Mittelbehörden die Berichte. Die Immediatberichte erreichten die Kabinettsmitglieder und, wie diverse Auszüge z. B. in den Akten der Bismarckschen „Neuen Presseorganisation“ deutlich machen, auch den Reichskanzler. In der Wahlkrise von 1881, die diese Neuorganisation der Pressepolitik angeregt hatte, wurde der politische Charakter der Immediatzeitungsberichte erneut offensichtlich. Es wäre zu einfach, grundsätzlich den Berichten der unteren Ebenen mehr Authentizität beizumessen als den Zusammenfassungen der vorgesetzten Behörden. Vereinzelt finden sich dafür zwar Belege, bisweilen aber auch für Gegenteiliges. So erwähnte der Potsdamer Regierungspräsident die Daily-Telegraph-Affäre mit keinem Wort; von den zuarbeitenden Landräten und Magistraten hatten immerhin drei von 17 die Affäre, teils verklausuliert, angesprochen.8 Im Regierungsbezirk Oberfranken hingegen fassten die Präsidenten die Berichte eher zuspitzend zusammen.9 Gleichwohl wird man grundsätzlich nicht ausschließen können, dass die Berichterstatter immer wieder die eigenen Meinungen und Einstellungen als allgemeine Stimmungslage ausgaben. Doch solange relativ frei gewählt werden konnte und die Presse ebenfalls weitgehend frei berichtete, lagen ergänzende Informationen über die tatsächlichen Verhältnisse vor. In Kaiserreich und Weimarer Republik konnten die Berichterstatter also nicht so ungeniert die eigene Anschauung als Realität ausgeben, wie in Zeiten, in denen dieses interpretatorische Korrektiv fehlte: z. B. in Zeiten der NS- oder SED- Diktatur oder in der Militärdiktatur am Ende des Ersten Weltkriegs. In gewissem Sinne waren die Berichte das, was in anderem Zusammenhang als Herrenmedien10 bezeichnet wurde: Informationen waren den Adressaten wichtiger als die Meinungen der Berichterstatter. Aus den Informationen wollten Exekutive und Oberbehörden eigene Schlussfolgerungen ziehen. Übersichten, insbesondere Statistiken wurden gewünscht, besonders informative Berichte als beispielgebend gelobt, gedrängte Berichte zur Wahlagitation gegnerischer Parteien verlangt.11 Als Instrumente der Kritik und Meinungsbekundungen allerdings waren die Berichte von den Oberbehörden und Ministerien nicht geschätzt. So beklagten Innenminister Eulenburg und Finanzminister Camphausen 1877, dass die Berichte zunehmend dazu genutzt würden, statt sachlich zu berichten, Meinungen und Kritik am Regierungshandeln zu bekunden: 7 Preußisches Innenministerium und Preußisches Finanzministerium an Regierungspräsident Potsdam, 2.6.1881. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 21.10.1891. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 15.1.1894. Ebd. Weitere 15 Exemplare werden vom Innenministerium einen Monat später angefordert. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 6.2.1894. Ebd. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 29.8.1903. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. 8 Zeitungsberichte 1908. BLHA Rep. 2 A I P, Nr. 737. 9 Wochen- bzw. Halbmonatsberichte der Bezirksverwaltungsbehörden, 1913–1931. StA BA Präs. Reg. K 3, Nr. 1815–1887. 10 Johannes Weber hat die frühen Avisen und Relationen als „filterlose Informationsmedien im Herrendienst“ bezeichnet, um auszudrücken, dass die ersten Zeitungsabonnenten ihre Schlussfolgerungen selbst ziehen wollten, statt sich vorgefassten Urteilen anschließen zu müssen (Weber 1999: 32). 11 Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 27.8.1868. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Mit Hinweis auf: Regierungspräsident Düsseldorf, Immediatzeitungsbericht vom 11.4.1868. Ebd., unfol. M&K 65. Jahrgang 4/2017 750 „Mit diesem Grundsatze steht es im Widerspruche, wenn einzelne Regierungs-Präsidenten, wie es in neuerer Zeit vorgekommen ist, die Immediatzeitungsberichte dazu benützen, um Verwaltungsmaßregeln der Central-Instanzen, bzw. concrete Anordnungen der Staats-Minister einer Kritik zu unterziehen, welche sich in mißfälligen Urtheilen ergeht, oder einer Beschwerde gleichkommt. Dem Regierungs-Präsidenten bleibt es, falls gewisse Maßregeln der Centralbehörden nach seiner Überzeugung sich dem dienstlichen Interesse oder dem der Bezirks-Einsassen nachtheilig erweisen, unbenommen, seine Anschauung durch Vermittelung des Ober-Präsidenten den zuständigen Ressort- Ministern darzulegen. Mit der verfassungsmäßigen Stellung der Staatsminister läßt es sich dagegen nicht vereinigen, wenn ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung durch die nachgeordneten Behörden kritisierende Urtheile über Maßregeln der Staatsregierung seiner Majestät vorgetragen werden. Wir geben uns der Erwartung hin, daß vorstehende Andeutungen genügen werden, um die Herren Regierungs-Präsidenten zu veranlassen, sich bei der Erstattung der Immediatzeitungsberichte auf dasjenige Gebiet zu beschränken, welches nach allerhöchsten Intentionen derartigen Berichten zugewiesen ist.“12 Damit war die Kritik nicht per se inopportun. Vielmehr störten sich beide Minister wohl v. a. daran, dass die Berichte dazu genutzt werden konnten, Kritik dem König unmittelbar (immediat) zur Kenntnis zu bringen. Denn dadurch verloren die Oberbehörden die Filterfunktion, die sie bei einem strikt hierarchischen Dienstweg besessen hätten. Gerade deshalb aber funktionierten die Berichte als Interessenkommunikation. Damit waren die Berichte zugleich Steuerungsmedium für das Behördenhandeln. Mit unzulänglichem Material war man daher unzufrieden. So beklagte der Potsdamer Regierungspräsident 1881, dass ihm „im Allgemeinen so wenig zulängliches Material für die einzelnen Abschnitte dieses Immediatvortrages überwiesen“ werde, dass er „betreffs Zuführung werthhaltigen Stoffes die persönliche Mitwirkung [der Landräte] erbitte“. „Ich darf erwarten“, setzte er hinzu, „daß Euer [Anrede, etc. pp. …] sich in dem nächsten Berichte über das auffällige Ergebnis der diesmaligen Reichstagswahlen näher aussprechen werden.“13 Nur wenn die Landräte offen und ehrlich berichteten, könnten der Regierungspräsident und die Staatsspitze erkennen, wann, wo, welche Eingriffe nötig seien und propagandistische Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssten. Auch ließen sich aus den Berichten vorbeugende Maßnahmen begründen, um mögliche Fehlentwicklungen schon im Vorfeld zu verhindern. Und insbesondere der politische Kern der Berichte, in denen die „öffentliche Stimmung“ notiert wurde, ließ vielfältige Anschlusskommunikation erkennen: v. a. als reaktive und pro-aktive politische Kommunikation in Wahlkampfzeiten. Drei Lesarten: Hermeneutik, historische Quellenkritik und Inhaltsanalyse Wie soll der dritte Leserkreis, Kommunikationshistoriker und andere Sozialwissenschaftler, mit diesen Quellen, die als Beobachtungen 1. Ordnung schon kompliziert genug sind, umgehen? Drei Methoden scheinen naheliegend. Zum ersten ist die hermeneutische Analyse möglich: Mit der Textexegese aus den Texten selbst heraus hätte man sicherlich genügend zu tun. Zum zweiten ist die historische Quellenkritik eine Option: In Abschnitt 2 wurde hinreichend verdeutlicht, dass die Quellen problematische Funk- 3. 12 Preußisches Innenministerium und Preußisches Finanzministerium an Regierungspräsident Potsdam, 28.4.1877. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Vgl. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 4.7.1878. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. 13 Regierungspräsident Potsdam an Landräte, 20.11.1881. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 132, unfol. Ähnliche Kritik über das „dürftige Material“ in: Regierungspräsident Potsdam an Landräte, 23.12.1885. Ebd. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 751 tionstexte sind, deren Aussagen nach allen Regeln der Kunst kontextualisiert werden müssen. Zum dritten besteht die Möglichkeit einer quantitativen Inhaltsanalyse: Dafür spricht einerseits der schiere Umfang; von den in Tabelle 1 verzeichneten Quellen wurden immerhin im Laufe etlicher Jahre mehr als 18.000 Dokumente ausgewertet. Andererseits liegt die Masse der Quellen recht standardisiert vor. Um zu begründen, dass keines der drei Verfahren für sich genommen zu akzeptablen Ergebnissen führt, sollen im Folgenden die Optionen und nicht zuletzt deren Schwierigkeiten dargestellt werden. Alle drei Methoden ergänzen sich und wurden im aktuellen Projekt und in seinen Vorläufern in variierender Form – d. h. je nach Möglichkeit in unterschiedlicher Tiefe und Breite – miteinander kombiniert. (1) Zur ersten Option: Hermeneutik heißt textimmanentes Lesen, um eine neue Lesart zu (re-)konstruieren. Das hermeneutische Verfahren der Verständniserzeugung verläuft zirkulär, immer zwischen Vor-Verständnis der Teile und dem Verständnis des Gesamten wechselnd. Es differenziert zwischen drei Ebenen: Die Handlungsebene bildet die 1. Ebene; Stilistik und Ästhetik des Textes prägen die 2., erzähltechnische Ebene. Die ersten beiden Ebenen werden bisweilen auch unter „Oberflächensemantik“ zusammengefasst. Die 3. Bedeutungsebene führt im Extremfall zu einer Hermeneutik des Verdachts: Was bedeutet der Text hinter seiner expliziten Botschaft? Welche Anspielungen könnten gemeint sein? Welche Symbole werden in welchem Sinn gebraucht? Diese dritte Ebene wird auch als „Tiefensemantik“ bezeichnet. „Verdacht“ bedeutet zum einen, sich nicht mit der offensichtlichen Botschaft an der Oberfläche zufriedenzugeben, zum anderen öffnen die unterschiedlichen Konnotationen, die von Lesern und Interpreten mit dem Text verbunden werden, ein Fenster der Unschärfe. Damit geht die Auflösung objektiver, intersubjektiv nachvollziehbarer Kriterien einher. Die Oberflächensemantik der Quellen aus der Provenienz von Verwaltung, politischer Polizei oder Geheimdiensten ist unspektakulär. Stilistische Analysen auf dürre Bürokratentexte anzuwenden, wäre eine Verschwendung von Lebenszeit. Anders steht es um die Tiefensemantik. Diese besteht bisweilen aus dem Fortgelassenen, dann wieder aus Angedeutetem oder aus Karriere- und sonstigen Rücksichten. Für ihre Wirkung bei den Adressaten sind auch Doppelbödigkeiten interessant: Dem Ausgesprochenen kann widersprochen werden, dem Angedeuteten nicht. Die Hermeneutik beginnt mit formalisierter Beschreibung und endet in subjektiver Interpretation der Texte. Doch das führt nicht weit, wenn historische Quellen daraufhin gelesen werden sollen, welche Inferenzschlüsse sie auf die vergangene historische Wirklichkeit zulassen. Kurzum, eine allein auf dem Korpus der Immediatzeitungsberichte (und der anderen Quellen) basierende hermeneutische Interpretation bliebe unzulänglich. (2) Zur zweiten Möglichkeit, der historischen Quellenkritik: Gustav Droysen traf eine idealtypische Unterscheidung zwischen Traditionsquelle und Überrest (Droysen 2011 [1868]). Damit wollte er die Quellen nach ihrer Überlieferungsabsicht unterscheiden. Alle Zeugnisse der Vergangenheit, die mit der Absicht verfasst oder hergestellt wurden, den Nachgeborenen ein bestimmtes Geschichtsbild zu überliefern, bezeichnete er als Traditionsquellen. Zeugnisse, denen diese Absicht fehlt, sind Überreste; ihre Informationen sind nicht schon zum Zwecke historischer Auswertung oder gar als ereignisnahe Darstellung zusammengetragen und damit eher zufällig überliefert worden. Die Quellen, von denen hier die Rede ist, lassen sich vereinfachend als Mischung aus Überrest- und Traditionsquellen charakterisieren. Traditionsquellen müssen vorsichtiger interpretiert werden, Überreste hingegen stehen unmittelbar für die Vergangenheit. Die zurückhaltende Interpretation der Traditionsquellen ergibt sich aus ihrer Überlie- M&K 65. Jahrgang 4/2017 752 ferungsabsicht. Sie verzerren immer, wenngleich durchaus in unterschiedlichem Maß. Die Absicht historischer Überlieferung der Immediatzeitungsberichte usw. wird man mit Fragezeichen versehen dürfen. Aber zu Überlieferungszwecken, wenngleich zeitunmittelbar, wurden sie gleichwohl verfasst. Und Beschönigungen finden sich in ihnen zuhauf. Die historische Quellenkritik soll nicht nur textimmanent, sondern auch text-transzendent lesen. Ihr Ziel ist die Rekonstruktion der möglichst zutreffendsten Lesart. Sie sucht nach Annäherung an die historische „Wahrheit“, sie ist ein Gegenentwurf zu postfaktischen Diskursen.14 Um die historische Realität zu rekonstruieren, ist darum ein mehrfacher Perspektivwechsel – wie in anderen triangulären Verfahren auch – die Regel. Quellenkritik benutzt die Hermeneutik als eine dieser Perspektiven, als Hilfsinstrument. Die historische Quellenkritik reicht weiter, ist zugleich stärker formalisiert als die Hermeneutik und erlaubt zumindest auf der Faktenebene auch die Falsifizierung. Sie nähert sich den Texten in mehreren Schritten und schreitet von der Quellenkritik zur Quelleninterpretation. Dazu gehören zumindest die hermeneutische, textimmanente Beschreibung, die Faktenkritik und die Ideologiekritik. Das lässt sich in Quellenbeschreibung, Textsicherung, äußere und innere Textkritik sowie Quelleninterpretation unterscheiden. In Tabelle 2 ist weniger die Benennung der Stufen wichtig, sondern vielmehr der Interpretationsprozess von außen nach innen, von den Oberflächenphänomenen zur Einordnung in den Gesamtzusammenhang. Ohne äußere Beschreibung und Kritik lassen sich weder die Faktenrichtigkeit noch die zugrundeliegende Ideologie entziffern. Historiker streiten zwar bisweilen schon über die Faktenrichtigkeit, elementare Interpretationsdivergenzen entstehen jedoch zumeist wegen der „eigentlichen“ Bedeutung der Quelle, denn diese ergibt sich nie aus sich selbst, sondern immer aus dem Zusammenhang von Quelle und Kontext: z. B. sozial, kulturell, politisch, institutionell. Das ist das Idealprogramm der Quellenkritik, die schiere Fülle der Quellen erzwingt einen pragmatischen Umgang je nach Möglichkeit.15 (3) Somit zur dritten Methode: Angesichts der Vorrede kann nicht verwundern, dass man bei den Immediatzeitungsberichten und ähnlichen Quellen schnell an die Grenzen der Kodiererschulung stößt. Jede Inhaltsanalyse ist zunächst einmal darauf angelegt, manifeste Inhalte zu kodieren. Dabei fallen viele Zwischentöne durch das Raster. In der aktuellen Methodenliteratur wird zwar die strikte Limitierung, die noch Berelson betonte (Berelson 1952: 18), weniger absolut gesehen; allgemein akzeptiert wird aber, dass manifeste Inhalte einfacher als latente zu kodieren sind (Rössler 2005: 22f.). In einem aktuellen Projekt zu der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erwies sich gleichwohl, dass trotz eines ausgefeilten Kodebuchs die quantitative Inhaltsanalyse an Grenzen stieß. Untersucht wurden 185 Berichte des Regierungsbezirks Potsdam aus den Jahren 1867–1914. Das ist als Vollerhebung geschehen, mithin erübrigen sich im folgenden Signifikanztests. 14 NB: Es stünde in diesen Zeiten sich auflösender Wahrheit und Verbindlichkeit unserem Fach durchaus an, sich in seinem Curriculum auf historische Quellenkritik als eine relevante Methode zu besinnen, schon um den Studierenden ein methodisches Handwerkszeug zu vermitteln, mit dem sie sich der extremistischen Spinner erwehren können. 15 Vielfach wird man es bei der institutionenhistorischen Einordnung des Entstehungskontexts der jeweiligen Quellengattung bewenden lassen müssen. Nicht immer wird man sich den Luxus des hier zugrundeliegenden DFG-Projekts „Politische Interessenkommunikation 1867– 1914“ leisten können: Die 2017/18 erscheinende Quellenedition kommentiert die 185 Potsdamer Immediatzeitungsberichte auf ca. 2.400 Dokumentenseiten mit deutlich mehr als 10.000 Fußnoten. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 753 Dabei ist das Quellenkorpus nur ein regionaler Auszug aus anderen Quellen (vgl. Tabelle 1, Nr. 1). Analyseeinheit ist der jeweilige Bericht.16 Die Sprachbarriere aufgrund des zum Teil veralteten Wortschatzes hätte eine Ursache, die Schriftbarriere eine andere sein können. Allerdings wurden historisch interessierte und geschulte Kodierer eingesetzt, und die in „Sütterlin“ geschriebenen Dokumente waren zunächst im Volltext erfasst worden, so dass sie im Computer analysiert werden konnten. Die Computeranalyse verwendete MaxQDA; mit am Ende mehr als 100.000 (händisch und automatisch, s. u.) kodierten Items geriet das Projekt hier aber an Grenzen. Besonders problematisch sind die Kultur- und Wissensbarrieren, die uns von der Zeit vor mehr als 100 Jahren trennt.17 Stärker noch als bei der hermeneutischen Methode stellte sich also das Problem der verschiedenen semantischen Ebenen, der Oberflächen- und der Tiefensemantik. Das Verschwiegene entzieht sich der Inhaltsanalyse, und es ist kompliziert, Kodierer darin zu schulen, polyvalente historische Texte zu erfassen. Um zumindest für die Oberflächensemantik Vergleiche ziehen zu können, wurden zwei inhaltsanalytische Verfahren parallel eingesetzt – eine automatische und eine händische: Automatisch wurden Häufigkeiten des Wortkorpus ausgezählt, händisch wurden Themen, Akteure, Globalbewertungen etc. kodiert. Die automatische Kodierung Tabelle 2: Quellenkritik und -interpretation Arbeitsschritt Vorgehen/ Fragen Quellenkritik Quellenbeschreibung Original? Auf welchem Material? Wie geschrieben? Textsicherung erstes Lesen der Quelle äußere Kritik wer, was, wann, wo, an wen etc. innere Kritik a) sprachliche Aufschlüsselung, b) sachliche Aufschlüsselung Quelleninterpretation Regest Inhaltsangabe: Datum, Ort, Aussteller, Adressat, Inhalt (Aussage des Textes) Eingrenzung des Aussagebereichs Verfasser: Absicht? Gesellschaftliche Herkunft? Vergleich mit anderen Quellen und Literatur Einordnung der Quelle in ihr Umfeld in biografischer, sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher, politischer, ideologischer, kultureller Hinsicht anhand der Kontrolle durch andere Quellen und Literatur endgültige Interpretation Bestimmung des Erkenntniswerts für die eigene Fragestellung Quelle: Borowsky, Vogel & Wunder 1980: Bd. 1, S. 162 16 In der Projektpublikation wurden auch Inhaltsanalysen mit kleineren Analyseeinheiten kodiert. 17 In den Quellen konnten selbst Fragen wie die Randbreite der Dokumente von Bedeutung sein, da sie über Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisse Auskunft geben. Für diese Fragen sei auf eine Fallstudie innerhalb der abschließenden Projektpublikation verwiesen (Stöber & Umscheid 2017). M&K 65. Jahrgang 4/2017 754 setzte allerdings eine Erstellung18 und händische Durchmusterung des Thesaurus voraus. Dabei wurden Textkorpora zu den verschiedenen Parteien und Akteuren ebenso zusammengestellt wie ein Thesaurus zu verschiedenen Bewertungsattributen. Zur Veranschaulichung wird sich in diesem Aufsatz auf die Bewertungsdimension beschränkt. Dabei sind zunächst, wie bei vielen klassisch-quantitativen Inhaltsanalysen, die Globalbewertungen erfasst worden. Diese konnten mit einem älteren Referenz-Projekt abgeglichen werden.19 Es wurde bewusst davon Abstand genommen, diese Inhaltsanalysen exakt aufeinander abzustimmen. Das hatte zunächst seinen Grund darin, dass die Komplexität der älteren Inhaltsanalyse bewusst gering gehalten worden war. Es entpuppte sich aber im Nachhinein als Vorteil, weil nur so die Datensätze zweier unabhängig gewonnener Beobachtungen 2. Ordnung miteinander verglichen werden konnten. Die Kodierungen fanden im Abstand von 20 Jahren statt und wurden von verschiedenen Kodierern mit leicht abweichenden Kodiervorgaben durchgeführt. Dabei waren folgende Überlegungen leitend: Zum einen sollten Unterschiede in den Kenntnissen der Kodierer und zum anderen semantische Aspekte Berücksichtigung finden. Kodierern, die in die Behördensprache des 19. Jahrhunderts eingelesen sind, fällt es leichter, aus Text und Kontext die beschriebene Stimmung abzuleiten; arbeitet man hingegen mit studentischen Kodierern, muss das Kodeschema dem indirekt formulierenden Quellenmaterial gerecht werden, um sprachliche Umschreibungen zu berücksichtigen. Bei den älteren Referenz-Kodierungen war nur zwischen schlechter, unentschiedener und guter Stimmung unterschieden worden. Die aktuellen Projekt-Kodierungen differenzieren zwischen fünf unterschiedlichen Valenz-Vorgaben: nicht gut, ruhig, gut, nicht erkennbar sowie Loyalitätsbekundungen. Das Grundschema der Unterteilung in schlecht, mittel und gut wurde mithin beibehalten. Mit der Erweiterung des Kodeschemas um Loyalitätsbekundungen sollte verhindert werden, dass Stereotype und Floskeln sich zu deutlich in der Kodierung niederschlagen. Als zusätzliche Kontrollebene wurde noch die automatische, thesaurusbasierte Inhaltsanalyse durchgeführt. Hier, so die Annahme, hat man am ehesten einen Spiegel der manifesten Inhalte. Allerdings erhält man damit nur bedingt einen Hinweis auf die Aussagen der Quellen. Die absolute Zahl der negativen, neutralen oder positiven Bewertungsindikatoren darf nicht mit negativer oder positiver Bewertung oder mit Neutralität verwechselt werden, da die automatische, thesaurusbasierte Auswertung eine Umwertung der Indikatoren durch Prädikatoren (z. B. „keineswegs“, „nicht“ o. ä.) noch nicht erfasst. Zunächst einmal zu den Ergebnissen der klassischen, kodebuchbasierten Inhaltsanalyse: Je kürzer und prägnanter die Rubrik „öffentliche Stimmung“ in den Berichten, desto leichter fiel die Kodierung der Globalbewertung; je länger, desto komplizierter war sie. Für die längeren wurden einzelne Themenabschnitte kodiert und dann je nach 18 Aus pragmatischen Gründen wurden nicht alle Wörter in den Thesaurus aufgenommen, sondern nur solche mit einer Zeichenlänge >= 4. Die Wörterliste wurde aus MaxQDA in eine Tabellenkalkulation exportiert und dort auf Berichtsebene bzw. mit Jahresaggregierung weiterverarbeitet. Die Thesauruserstellung orientierte sich an Textminingstrategien der Informatik (vgl. Feldman & Sanger 2007). Als negative Bewertungsindikatoren galten bspw. Begriffe wie: befürchten, schlechte, unerfreulich etc; für neutrale Bewertungen: befriedigend, besser, erfreulich, gehoben; für umwertende Prädikatoren galten z. B.: kein, keinesfalls, gar nicht, nichts. Aus Platzgründen muss auf die Wortlisten in der Projektpublikation verwiesen werden (Stöber & Umscheid 2017). 19 Hier waren ursprünglich die 1.578 Quellen aus Tabelle 1, Nr. 1, verwendet worden. In diesen Vergleich flossen nur die 185 Berichte des Regierungsbezirks Potsdam ein. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 755 Gewicht einer Globalbewertung zugeordnet. Diese Kodierungen sind als Beobachtungen 2. Ordnung in den Datensatz eingeflossen, denn nicht nur ist die nachträgliche ordinale Zuordnung eine Interpretationsleistung, auch die Berichterstatter selbst hatten ihre jeweilige Informationsbasis schon interpretiert – und dabei je nach intellektuellem Vermögen, Karriereüberlegungen oder ideologischer Prädisposition mehr oder minder bewusst verzerrt. In der Kreuztabelle 3 finden sich aus naheliegenden Gründen nur die drei Kodierungsausprägungen, die schon im älteren Projekt Verwendung fanden, als schlecht (-1), unentschieden (0) und gut (+1) ausgewiesen. Die Ergebnisse (vgl. Tabelle 3) lassen schon auf den ersten Blick Übereinstimmungen zwischen beiden Kodierungen erkennen, allerdings sind sie mäßig: In 114 Fällen wurden die Ausprägungen identisch (fett ausgezeichnet) kodiert, bei 71 weichen sie voneinander ab. Das ergibt eine Übereinstimmungsquote von knapp 62 Prozent. Kreuztabellierung der Stimmungsausprägungen (aktuelles Projekt und Referenzprojekt) Referenz-Kodierung ∑ (Zeile) Projekt-Kodierung -1 0 1 -1 20 9 29 0 29 79 15 123 1 3 15 15 33 ∑ (Spalte) 52 103 30 185 n: 185 Als erstes soll nun geprüft werden, ob Projekt- und Referenz-Kodierung von objektivierbaren Bewertungsattributen abhängig sein könnten. Dazu wurde zunächst auf thesaurusgenerierte Bewertungsattribute zurückgegriffen: auf Vokabeln mit positiver, negativer oder neutraler Oberflächensemantik. Sodann wurden zunächst die absoluten Häufigkeiten im Thesaurus, zu denen die Bewertungsattribute aufsummiert waren, in prozentuale Variablen transformiert. Auf diese Weise bekam jedes Dokument neue Variablen: die Prozentanteile der Positiv-, Neutral- und Negativ-Bewertungen. Zusätzlich wurden die Anteile für die Rubrik „öffentliche Stimmung“20 ausgewiesen; dabei wurden die umwertenden Prädikatoren im Kontext der Absätze händisch kontrolliert. Die ordinale Regression der Projekt-Kodierung weist hier mit einem Pseudo-r2 von ,533 nach Nagelkerke einen engeren Zusammenhang zum Thesaurus auf als die ältere Referenz- Kodierung mit ,433. So scheinen im aktuellen Projekt bei der Kodierung derselben Quellen die expliziten Aussagen etwas stärker berücksichtigt worden zu sein, als das im Vergleichsprojekt geschehen ist. Tabelle 3: 20 In 179 Fällen lautet die Rubrikenüberschrift „öffentliche Stimmung“, in einem „öffentliche Angelegenheiten“, in den weiteren „öffentliche Stimmung und Militärverhältnisse“. M&K 65. Jahrgang 4/2017 756 Pseudo-Erklärungswahrscheinlichkeiten des Einflusses von (thesaurusbasierten) Bewertungsattributen auf die öffentliche Stimmung (Projekt- und Referenz-Kodierung) Variante Projekt-Kodierung Referenz-Kodierung Cox und Snell ,435 ,374 Nagelkerke ,533 ,433 McFadden ,338 ,235 Diese Pseudo-Erklärungswahrscheinlichkeiten lassen sich auch kreuztabelliert ausdrücken: Die Prozentanteile der drei thesaurusbasierten Bewertungen wurden zu den inhaltsanalytisch generierten Kodierungen aus Projekt- und Referenz-Kodierung in Beziehung gesetzt. Dabei sind in Tabelle 5 die mittleren Prozentwerte des Thesaurus ausgewiesen. Sie summieren sich spaltenweise pro Zellenblock auf 100 Prozent: In den Berichten mit negativer Projekt-Kodierung waren 14,1 Prozent der semantischen Attribute positiv, 29 Prozent neutral und 56,9 Prozent negativ; in den Berichten, die in der globalen Projekt-Kodierung neutral kodiert worden sind, waren 26,9 Prozent Attribute positiv, 60,9 Prozent mit neutraler und 12,2 Prozent mit negativer Semantik usw. Im letzten Tabellenblock stehen die mittleren Prozentwerte bei den Berichten, die im Referenz- Projekt positiv kodiert worden sind: Hier waren 54,1 Prozent Attribute mit positiver, 40,5 Prozent mit neutraler und 5,5 Prozent mit negativer Oberflächensemantik. Kreuztabelliert fallen für die Projekt- wie für die Referenz-Kodierung die Mittelwerte der Positiv-Positiv-Korrelationen, der Neutral-Neutral- und die der Negativ-Negativ-Korrelationen jeweils – und erwartungsgemäß – am größten aus; sie sind fett ausgezeichnet. Bei den aktuellen Projekt-Kodierungen sind die Werte noch etwas höher als bei den Referenz-Kodierungen. Kreuztabellierung der thesaurusgestützten Bewertungsattribute (Durchschnitt in %) mit den inhaltsanalytischen Kodierungen Projekt-Kodierung -1 0 1 Positiv-Bewertung 14,1 % 26,9 % 72,3 % Neutral-Bewertung 29,0 % 60,9 % 16,0 % Negativ-Bewertung 56,9 % 12,2 % 11,7 % ∑ 100 % 100 % 100 % Referenz-Kodierung Positiv-Bewertung 17,8 % 32,1 % 54,1 % Neutral-Bewertung 38,3 % 57,5 % 40,5 % Negativ-Bewertung 44,0 % 10,4 % 5,5 % ∑ 100 % 100 % 100 % Tabellen 4–6, n: jeweils 18521 Die vergleichsweise gering ausgeprägten Abweichungen unterstreichen die bisher gezeichnete Einschätzung: Die inhaltsanalytischen Kodierungen hängen mit einer gewissen Plausibilität von den Bewertungsattributen, d. h. von den expliziten Formulierungen der Immediatzeitungsberichte ab. Wiederum scheinen sich beim aktuellen Projekt die Tabelle 4: Tabelle 5: 21 In 40 Fällen fehlen thesaurusbasierte Bewertungsattribute. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 757 expliziten (thesaurus-basierten) Bewertungen in den inhaltsanalytischen Kodierungen etwas stärker als beim älteren Vergleichsprojekt niedergeschlagen zu haben. Allerdings gilt das v. a. für die Aggregierung: In der Summe kommt jeweils Ähnliches heraus, doch im Detail weichen die inhaltsanalytischen Interpretationen voneinander ab. Wenn die statistischen Zusammenhänge akzeptabel bis gut sind, hängt das nicht zuletzt damit zusammen, dass die thesaurusgenerierten Bewertungsattribute ein recht grobes Maß darstellen: Die drei Vergleiche – aktuelles Projekt mit Referenz-Projekt und beide mit thesaurusgenerierten Variablen – machen die Komplexität der Interpretation der Berichte deutlich; sie lassen zudem nicht erkennen, wovon die Bewertungen der öffentlichen Stimmung im Regierungsbezirk abhängig gewesen sein mochten. Als eine Einflussvariable können dabei die Regierungspräsidenten gelten. Will man feststellen, ob die Regierungspräsidenten einen signifikanten Einfluss auf die Notation der öffentlichen Stimmung genommen haben, sind ihre Amtsphasen unabhängige Faktorvariablen, denn für jeden Immediatzeitungsbericht konnte nur jeweils ein Regierungspräsident – der amtsführende – verantwortlich zeichnen.22 Größere Unterschiede zwischen ihnen ließen sich weder anhand der aktuellen noch anhand der älteren Kodierungen festmachen. Das aktuelle Projekt ergab ein Pseudo-r2 nach Nagelkerke von ,124; für das ältere Vergleichsprojekt sogar nur ,044. D. h., Berichterstattungsunterschiede zwischen den Regierungspräsidenten vermögen die Globalbewertung in der Rubrik öffentliche Stimmung allenfalls zu 4,4 Prozent bis 12,4 Prozent zu erklären. Der größere Einfluss, den das aktuelle Projekt gemessen hat, könnte sich durch die explizitere Lesart erklären: Dass die Regierungspräsidenten unterschiedliche Berichtsstile sowohl hinsichtlich der Ausführlichkeit wie der Wortwahl pflegten, könnte die Varianz zwischen beiden Projekten bedingt haben. Pseudo-Erklärungswahrscheinlichkeit des Einflusses der Regierungspräsidenten auf die öffentliche Stimmung (Projekt- und Referenz- Kodierung) Variante Referenz-Kodierung Projekt-Kodierung Cox und Snell ,038 ,102 Nagelkerke ,044 ,124 McFadden ,020 ,062 Jenseits der Lektüre: Triangulation und „Normalisierung“ Wie sollen nun Historiker und historisch arbeitende Kommunikations- und Sozialwissenschaftler angesichts der Sachlage mit dem zwar standardisierten, gleichwohl aber komplexen und zudem materialreichen Quellenkonvolut umgehen? Vereinfacht: durch Triangulation der drei beschriebenen Methoden und durch deren Erweiterung, die als „Normalisierung“ bezeichnet werden soll. Zunächst muss man die Quellen dicht, aber vorsichtig lesen. Ein Generalverdacht hinsichtlich Zensur ist ebenso unangebracht, wie der von Selbstzensur naheliegend ist. Die verschiedenen Unterbrechungen, Einstellung der Berichterstattung, Maßregelungen Tabelle 6: 4. 22 Die Präsidenten Gustav von Jagow, Jérôme von Schlotheim, Karl von Neefe und Obischau, Robert Graf Hue de Grais, Friedrich von Moltke, Robert Graf von der Schulenburg amtierten länger. Hinzu kommen die Regierungsbeamten Patow und Friedrich von Falkenhausen, die beide nur je einen Bericht verantworteten. M&K 65. Jahrgang 4/2017 758 einzelner Berichterstatter deuten an, dass im Vorfeld etwas nicht stimmte. Das konnte aber höchst Unterschiedliches bedeuten. So waren schon im preußischen Verfassungskonflikt Landräte gemaßregelt worden, weil sie zu schonungslos die Stimmungslage beschrieben hatten. Gleiches geschah, wie aus Konflikten um Gestapo-Berichte 1936, um die Landratsberichte aus Ebermannstadt oder um SD-Berichte 1943 bekannt ist, noch in der NS-Zeit.23 Nach erfolgten Maßregelungen sind die nachfolgenden Berichte wesentlich kritischer zu lesen: Panegyrik, Selbstzensur und Verschleierungstaktik nahmen zu; daher sollte man nach offensichtlichen Konflikten um die Berichterstattung die Berichte mit einem negativen Bias versehen. Im Umkehrschluss heißt das allerdings, dass vor dem Zeitpunkt des offenkundigen Konflikts die Berichte als durchaus verlässlich gelten dürfen. Jedenfalls ist eine positivistische Übernahme der gelieferten Informationen für manche Zeiten falsch, für andere hingegen akzeptabel. Die Quellen sind nicht zu jedem Zeitpunkt und Ort gleich zu interpretieren. Darüber hinaus können aus der Semantik der Berichte Anzeichen für Selbstzensur oder Selbststilisierung abgeleitet werden: Je panegyrischer die Ansprache der Adressaten, je deutlicher das Eigenlob der Berichterstatter, desto vorsichtiger sollten die jeweiligen Berichte gelesen werden. Wenn der Regierungspräsident bestimmten Erscheinungen „vorgebeugt“, Verwaltungsentscheidungen „abgesichert“ oder dies oder das „sichergestellt“ hatte, werden seine Absichten greifbar. Wurden hingegen unliebsame Tatsachen verschwiegen, kann das nicht direkt gemessen werden; allenfalls sind diese durch den Kontext zu berücksichtigen. Überhaupt sollten Bewertungen vor allem dann übernommen werden, wenn sie in den Berichten mit Argumenten, Daten und anderen Belegen unterfüttert worden waren. Ein einfacher, aber verlässlicher Indikator ist das Unliebsame: Berichterstattung, die negative Entwicklungen nicht aussparte, darf als authentischer gelten als solche, die sich ausschließlich auf das Genehme konzentriert. So problematisch für sich genommen die Gestapo-Berichte oder die Sopade-Berichte sein mögen, in der Summe ergänzen sie sich: Wo die einen negativ klangen, lobten die anderen und vice versa. Grundsätzlich ist zu unterstellen, dass es sich bei den Berichten (auch) um Interessenkommunikate der Berichterstatter handelte; sei es, dass sie anwaltschaftlich die Interessen des jeweiligen Bezirks vertraten, sei es, dass sie im Eigeninteresse der Berichterstatter-Karriere formuliert waren. Das erfordert zumindest punktuell die kritische Prüfung im Sinne der historischen Quellenkritik. Dazu gehört insbesondere auch ein Augenmerk auf die jeweilige Institutionengeschichte. Dabei sind tief im Innern der Quellen verborgene Paradoxa zu berücksichtigen: Insbesondere die Berichte aus der Kaiserzeit sind von einer tief verankerten materialistischen Weltsicht gekennzeichnet, so dass man meinen könnte, die Berichte stammten aus 23 Vgl. Stöber 1998: 56–72. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 759 der Feder von Sozialisten.24 Die Dominanz materieller Themen und Interessen ist bisweilen so augenfällig, dass die Interpretation als Interessenkommunikate ebenso unzweifelhaft ist, wie sie den Boden der Interpretation wieder schwankend werden lässt. Denn wenn der Apparat in der Beobachtung der Stimmung des Volkes sich so stark der sozialdemokratischen Perspektive anverwandelt hatte, können Stimmungsbeobachtung, Sozialpolitik und propagandistische Politikdarstellung auch auf eine Rückkopplung von Stimmungsbeobachtung, Stimmungsmanipulation und Autosuggestion der Berichterstatter hindeuten. Damit erzeug(t)en die Berichte zwar eine Realität sui generis, aber selbst das historisch-quellenkritische Standardverfahren, welches die Situation, Motivlage und Interessen der Verfasser der Quellen zu berücksichtigen sucht, kann nicht ausschließen, dass das vermeintliche Universalinstrument der Historiker nur mit der deformation professionelle der damaligen Berichterstatter korrespondiert. All diese Aspekte flossen in die älteren Referenz-Kodierungen in stärkerem Maße ein als in das aktuelle Projekt. Man könnte pointieren: Im Referenz-Projekt wurden (bisweilen) mit dem Wissen um Kontexte und Bedeutungsschwankungen die expliziten Aussagen der Quellen korrigiert. Es stellt sich daher nicht nur das Problem, wie die Quellen als Beobachtungen 1. Ordnung zu interpretieren sind, sondern auch, wie die historische Interpretation kontrolliert werden kann. Ideologiekritische Vorsicht reicht bei solchen Beobachtungen 2. Ordnung nicht, weil man sich leicht in dem Dickicht der verschiedenen semantischen und interpretativen Ebenen verheddert und in den Widersprüchen und mäßigen Reliabilitäten inhaltsanalytischer Untersuchungen verstrickt. Letztlich liefern die Inferenzschlüsse, die abgeleitet werden, nur das Interpretat eines Interpretats. Beide Stufen der Interpretation können korrekt, können aber auch verzerrt sein. Doch selbst wenn die Berichterstatter durchgängig den Gesamteindruck der Stimmungslage hätten schönen wollen, variierten sie gleichwohl ihre eigene Darstellung. Und damit erzeugten sie unbeabsichtigt einen neuen Mittelwert all ihrer Beobachtungen. Den kann man als kalibriertes Normalmaß nehmen. Und das gilt mutatis mutandis für die Verzerrungen, welche durch unsere Interpretation (Beobachtung 2. Ordnung) in die Inhaltsanalyse eingeschleust wurde. D. h. im Umkehrschluss, die möglichen Fehler beider Beobachtungsebenen lassen sich herausrechnen: Um die Verzerrungen in den Quellen (Beobachtungen 1. Ordnung) und die Fehler der Interpretation (Beobachtung 2. Ordnung) auszugleichen, wurden die Datensätze mit den Globalbewertungen im – ersten Schritt auf das jeweilige Berichtsjahr aggregiert, – im zweiten Schritt um einen neuen mittleren Wert gesplittet (normalisiert) und – im dritten die gesplitteten Hälften der Datensätze mit externen Wirtschaftsdaten verglichen. 24 Eine verräterische Fehlleistung fand sich in Akten zur Pressepolitik in Wahlkampfzeiten. In einem Erlass des Innenministers war von der „ruhigen Würdigung der sozialdemokratischen [!] Ziele der Reichsregierung“ die Rede. Preußisches Innenministerium an Oberpräsident Potsdam, 8.10.1884. BLHA Rep. 2A I P, Nr. 872, Bl. 112. Das metallographisch vervielfältigte Circular wurde zwar umgehend korrigiert; es müsse „nicht heißen ‚socialdemokratische Ziele der Reichsregierung‘[,] sondern: ‚sozialreformatorische Ziele der Reichsregierung‘“. Preußisches Innenministerium an Regierungspräsident Potsdam, 18.10.1884. Ebd., Bl. 126. Das erste Reskript lässt aber zweierlei deutlich werden: Erstens, die große Bedeutung, die den materiellen Lebensumständen der Bevölkerung als Motiv für deren Stimmungslage unterstellt wurde; zweitens, das Gewicht, dass der öffentlichen Darstellung der Sozialpolitik der Reichsregierung zugewiesen wurde. M&K 65. Jahrgang 4/2017 760 Aggregiert heißt, es wurde der prozentuale Anteil der positiven, neutralen und negativen Stimmungskodierungen je Jahr erfasst. Die Normalisierung erfolgte sodann im sogenannten Median-Split-Verfahren25 über alle Jahre und Quellen hinweg: D. h., die Jahresprozentwerte wurden kategorisiert, so dass sie nur noch zwei Ausprägungen annehmen konnten. Alle Jahre, in denen der Anteil der jeweiligen Stimmungskodierung oberhalb des Median lag, wurden dabei der einen, alle anderen der zweiten Ausprägung zugeschlagen. Damit wird die Gesamtheit der Fälle für die jeweilige Stimmungskodierung in zwei annähernd gleichgroße Hälften geteilt: eine obere und eine untere. Während die neutralen Kodierungen noch für die erste Aggregierung – zur Erhebung der prozentualen Bewertungsverteilung – gebraucht wurden, wurde das Median-Split-Verfahren nur auf die positiven und negativen Kodierungen der Globalbewertung angewendet. Damit wurden jeweils Vierfeldermatrizen erzeugt: positive Kodierungen unterhalb und oberhalb des Median, negative dito. Da die positiven und negativen Stimmungskodierungen jeweils für sich genommen dichotomisiert wurden und die neutralen fortgefallen sind, lassen sich Jahre vorstellen, in denen z. B. sowohl die positiven wie die negativen Kodierungen oberhalb des Median liegen. Sofern sich in den folgenden Gegenüberstellungen bisweilen ein prima vista widersprüchliches Bild ergibt, mindert das zwar den beobachteten statistischen Zusammenhang, ist aber keineswegs unlogisch. Die Vorteile der Methode liegen auf der Hand: Die Bildung eines Median ist robuster gegenüber verzerrenden Extremwerten als arithmetische Durchschnittsberechnungen. Darum wird z. B. in Einkommensstatistiken lieber mit dem Median als mit dem arithmetischen Mittel operiert. Das Median-Split-Verfahren normalisiert die Ausreißer: Das gilt gleichermaßen für die Beobachtung 1. Ordnung, die ideologiekritisch problematischen Quellen, und für die eigene Interpretationsleistung, die Beobachtung 2. Ordnung austariert. Allerdings kann bei jedem Interpretationsschritt immer nur eine Dimension normalisiert werden – hier die Globalbewertung. Außerdem soll sich der dritte Schritt, der Vergleich mit externen Variablen, nur auf das ältere Referenz-Projekt beziehen, da Zeitreihen mit externen Daten nur für Deutschland insgesamt vorliegen.26 Die Nachteile sind ebenfalls nicht zu leugnen: Erstens können wir nicht zwischen den Verzerrungen der Beobachtungen 1. und 2. Ordnung differenzieren. Zweitens fallen bei der Normalisierung die neutralen Globalbewertungen unter den Tisch. Die dichotome Gegenüberstellung wird in den Tabellen 7–10 durch die Spaltenüberschriften angezeigt. In der Spalte „unter dem Median“ findet sich der Durchschnitt externer Wirtschaftsdaten für die Jahre unterhalb und inklusive des jeweiligen Median, während die Spalte „über dem Median“ die externen Daten für die Jahre oberhalb des Median mittelt. Sofern die beobachteten Durchschnittswerte dem vermuteten kausalen Zusammenhang entsprechen, sind die Zahlen in den Tabellen fett ausgezeichnet; widersprechen die Berechnungen der Hypothese, sind sie kursiviert. Allerdings wird immer nur eine Zelle je Zeile und Spalte auf diese Weise ausgezeichnet. Dadurch ergeben sich anschauliche, diagonal gefettete Tabellen, allerdings nur, sofern alle beobachteten Werte – sowohl bei den positiven wie negativen Vergleichen – dem vermuteten Zusammenhang entsprechen. 25 Der arithmetische Mittelwert hätte auch als Normalmaß genommen werden können. Darauf wurde aus anderen Gründen (s. u.) verzichtet. Wir danken hier Carsten Wünsch für den entscheidenden Hinweis. 26 Entsprechende Auswertungen, die weniger eindeutig sind, sollen darum der Projektpublikation vorbehalten bleiben (vgl. Stöber & Umscheid 2017). Zur Quellengrundlage generell, vgl. Tabelle 1, Nr. 1. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 761 Die Gegenüberstellungen wurden mit verschiedenen externen Variablen abgeglichen – dem Bruttoinlandsprodukt, Veränderungen bei den Reallöhnen und bei der Arbeitslosigkeit. Zum Wirtschaftswachstum ein erstes Lesebeispiel: Die durchschnittliche Zunahme des Bruttoinlandsprodukts lag in den Jahren, die in den Stimmungsberichten überproportional positiv bewertet bzw. unterdurchschnittlich negativ bewertet worden waren, mehr als doppelt so hoch wie in den jeweils anderen: ca. durchschnittliches 3,8 Prozent BIP-Wachstum zu ca. 1,5 Prozent. Die Richtung eines Kausalzusammenhangs lässt sich aus der folgenden Tabelle zwar nicht mit letzter Sicherheit folgern, denn es gibt zwei mögliche Zusammenhänge: 1. Wenn das Wirtschaftswachstum stieg, hob sich die Stimmung, fiel das Wachstum schwächer aus, sank sie. 2. Es mag auch das Umgekehrte gegolten haben: Bei besserer Stimmung investierten die Menschen mehr und die Wirtschaft wuchs stärker als bei schlechterer. Allerdings tendieren wir zu der ersten Interpretation.27 Mittelwert des BIP-Wachstums (in Prozent) in Jahren mit unter- und überdurchschnittlichen Kodierungen (deutschlandweit 1866–1938)28 … unter dem Median … über dem Median in Jahren mit Positiv-Kodierungen … 1,51 % 3,78 % in Jahren mit Negativ-Kodierungen … 3,83 % 1,53 % n: 5.002 Einschränkend ist zu Tabelle 7 zudem zu sagen: Für die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Hyperinflation (1914–1924) fehlen die externen Wirtschaftsdaten, daher ist die Zeitreihe unterbrochen. Mit „n“ ist die Anzahl der Berichte benannt, die in die Tabellen (in erster Aggregierung) eingeflossen sind. Bei der Arbeitslosigkeit ist der wechselseitige Zusammenhang zunächst weniger eindeutig. Traten negative Stimmungskodierungen je Jahr überproportional häufig auf, lag die Arbeitslosigkeit – wie vermutet – deutlich höher als in den Jahren unter dem Median: um mehr als zwei Prozent. Allerdings lag auch in Jahren mit überproportional häufigen positiven Stimmungskodierungen die Arbeitslosigkeit leicht höher, jedoch nur um 0,5 Prozent. Tabelle 7: 27 Bezogen auf die Hoffnungen und Befürchtungen, nach denen das IfD Allensbach jeweils zum Jahresende fragt, kamen Elisabeth Noelle-Neumann und Renate Köcher vor Jahren zu der Einschätzung, „der Optimismus [der Bevölkerung variiere] nahezu parallel mit dem Wirtschaftswachstum, er schein[e] ihm dabei geringfügig vorauszueilen.“ (Noelle-Neumann & Köcher 1997: 25) Da die Beobachtungen, auf denen unsere Analysen beruhen, mehrmals pro Jahr erhoben wurden, verbietet sich ein direkter Vergleich mit den Allensbacher Untersuchungen. 28 Quellen: Vgl. Tabelle (1) Nr. 1–8 [Nr. 5 Mai 1928–1931]. Externe Variable: Hoffmann 1965: 26, 451f. M&K 65. Jahrgang 4/2017 762 Mittelwert der Arbeitslosenquote (in Prozent) in Jahren mit unter- und überdurchschnittlichen Kodierungen (deutschlandweit 1887–1939)29 … unter dem Median … über dem Median in Jahren mit Positiv-Kodierungen … 4,31 % 4,83 % in Jahren mit Negativ-Kodierungen … 3,68 % 5,89 % n: 3.983 Wesentlich deutlicher fällt der Vergleich von Veränderungen der Arbeitslosigkeit aus (siehe Tabelle 9): Bei Negativ-Kodierungen oberhalb des Median nahm die Arbeitslosigkeit ebenso wie bei Positiv-Kodierungen der unteren Hälfte zu. Die Differenzen von 55–62,5 Prozent fallen nicht zuletzt wegen der Weltwirtschaftskrise so deutlich aus. Unterproportional negative und überproportional positive Jahre hingegen waren durch einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Der Kausalzusammenhang dürfte hier eindeutig sein: Arbeitslosigkeit beeinflusste die Stimmung. Die enorme Diskrepanz zwischen den durchschnittlichen Steigerungen und den mittleren Rückgängen erklärt sich durch das Verfahren: Wenn zum Beispiel die Arbeitslosigkeit 1887 bei 1 Prozent, im Folgejahr bei 4,5 Prozent und im Jahr darauf wieder bei 1 Prozent lag, nahm die Arbeitslosigkeit von 1887 auf 1888 um 350 Prozent zu; der Rückgang auf den Ausgangswert im folgenden Jahr betrug hingegen nur 77,7 Prozent. Denn die Basis für die Berechnung der relativen Zunahme war die 1 Prozent-Arbeitslosigkeit von 1877, die Basis der relativen Abnahme die 4,5 Prozent von 1888. Daher sind die Zunahmen grundsätzlich stärker als die Abnahmen. Mittelwert der Veränderung der Arbeitslosenquote (in Prozent) in Jahren mit unter- und überdurchschnittlichen Kodierungen (deutschlandweit 1887– 1939)30 … unter dem Median … über dem Median in Jahren mit Positiv-Kodierungen … 54,68 % -0,89 % in Jahren mit Negativ-Kodierungen … -1,42 % 63,49 % n: 3.983 Betrachten wir zum Vergleich die deutschlandweit erhobenen Reallohnänderungen, fallen die kreuztabellierten Bezüge ähnlich deutlich aus (siehe Tabelle 10). Bei den Positiv- Kodierungen oberhalb des Median und unterproportionalen Negativ-Kodierungen wuchsen die Reallöhne stärker als in den anderen Jahren. Erneut fehlen die Jahre von 1914 bis 1924. Wieder dürfen wir die Stimmungsbewertungen abhängig von der externen Variablen sehen: Höhere Reallohnveränderungen wirkten sich positiv, niedrigere eher negativ auf die Stimmung aus. Tabelle 8: Tabelle 9: 29 Quellen: Vgl. Tabelle 1 Nr. 1, 4–9 [Nr. 5 Mai 1928–1931]. Externe Variable: Kuczynski 1995: Bd. 5, S. 91. Wieder fehlen die Jahre von Erstem Weltkrieg und unmittelbarer Nachkriegszeit. 30 Ebd. Stöber/Umscheid · Öffentlichkeit unter Beobachtung 763 Mittelwert der Reallohnveränderung (in Prozent gegenüber dem Vorjahr) in Jahren mit unter- und überdurchschnittlichen Kodierungen (deutschlandweit 1871–1940)31 … unter dem Median … über dem Median in Jahren mit Positiv-Kodierungen … 1,14 % 2,07 % in Jahren mit Negativ-Kodierungen … 1,98 % 1,22 % n: 5.003 Resümee Das zentrale Dilemma ist mithin so zu umschreiben: Die untersuchten Quellen sind nicht für die historische Analyse erstellt worden. Vielmehr besaßen sie eine Funktion für den politisch-administrativen Apparat des jeweiligen Staates. Sie sollten die Interessen eines Bezirks und seiner Bevölkerung kommunizieren, Verwaltungshandeln transparent machen, Informationen zu den Stimmungen der Bevölkerung in Berichtszeitraum und Berichtsgebiet liefern, die Bürger politisch überwachen und möglichst frühzeitig auf Missstände hinweisen, so dass bei Bedarf gegengesteuert werden konnte. Die Berichte hatten aber nicht nur diese, ihnen zugewiesenen Funktionen, sondern sie wurden von den Berichterstattern auch genutzt, um sich selbst, die eigene Behörde und das eigene Handeln darzustellen und sich in gutes Licht zu setzen: bei den vorgesetzten Behörden und Politikern bis hinauf in die Staatsspitze. Wem also nutzten sie? Offensichtlich dienten sie vielen, teils auch gegensätzlichen Interessen. So sollten die Berichte einerseits detailliert und umfassend informieren sowie konzise urteilen; andererseits war es nicht erwünscht, dass die Informationen zu umfangreich gerieten; schon gar nicht wünschten die Vorgesetzten aufdringliche Meinungs- äußerungen nachgeordneter Stellen. Wie kann man die Quellen interpretieren? Sind sie eher als verwaltungsgenerierte Funktionstexte zu lesen, die nur behördenrelevante Informationen lieferten? Waren sie gar von Karriere- und aus sonstigen Opportunitätserwägungen gespeiste Texte, die im Zweifel eher ein potemkinsches Dorf errichteten als verlässlich zu informieren? Oder lassen sich ihnen historische Informationen entnehmen, die es uns erlauben, ein akkurates und verlässliches Bild vergangener Stimmungen zu zeichnen? Zwischen diesen beiden Polen, der Interpretation der Funktionstexte und den Inferenzschlüssen auf die politische, soziale und ökonomische Wirklichkeit, changiert die Interpretation. In der Kombination von hermeneutischen, quellenkritischen und inhaltsanalytischen Methoden mit zusätzlicher statistischer Normalisierung lassen sich Unzulänglichkeiten der historischen Überlieferung und jene der eigenen Interpretation in Teilen ausgleichen. Daher kommt man, obwohl es sich bei der Beobachtung 2. Ordnung um das Interpretat eines Interpretats handelt, zu plausiblen Ergebnissen. Trumps Sieg oder das Brexit-Votum hätten sich so allerdings nicht vorhersagen lassen. Da bleibt die Demoskopie weiterhin gefordert. Literatur und Quelleneditionen Adler, H. (Hrsg.) (1977): Literarische Geheimberichte. Protokolle der Metternich-Agenten. Köln: C. W. Leske. Tabelle 10: 5. 31 Quellen: Vgl. Tabelle (1) Nr. 1–9 [Nr. 5 Mai 1928–1931]. Externe Variable: Desai 1968: 112, 117; Petzina, Abelshauser & Faust 1978: 98f., Bente 1926. M&K 65. Jahrgang 4/2017 764 Bankier, D. (1994): Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die „Endlösung“ und die Deutschen. Eine Berichtigung. 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Abstract

This paper deals with different methods of public sphere research. We discuss the potentials and limitations of hermeneutics, the historical-critical method, and content analysis. For various reasons (not least for reasons of ideology) both historians as well as communication scholars have largely disregarded the historical sources we used here. We use data from two different projects and compare a half-automatic and a manual content analysis in order to assessing the potential impact of explicit text content on the coding. Hence, we call for a multi-methodological, triangular approach including the historical-critical method. Statistical calibration as well as normalization of data is proposed to control first and second order observations of public moods.

Zusammenfassung

Der Beitrag thematisiert verschiedene Methoden historischer Öffentlichkeitsforschung. Er erörtert Vorteile und Grenzen hermeneutischer, historisch-quellenkritischer und inhaltsanalytischer Verfahren. Das untersuchte Quellenmaterial fand bislang aus verschiedenen, u.a. ideologiekritischen Gründen sowohl bei Historikern als auch bei Kommunikationswissenschaftlern kaum Berücksichtigung. Anhand der Daten aus zwei verschiedenen Projekten werden halb-automatische und händische Inhaltsanalysen miteinander verglichen, um einschätzen zu können, inwieweit explizite Textinhalte auf die Kodierungen durchschlagen. Der Aufsatz plädiert für einen multi-methodischen, triangulären Ansatz unter Einschluss der historischen Quellenkritik und schlägt ein Verfahren der Aggregierung und Normalisierung von Daten vor, um Beobachtungen 1. und 2. Ordnung der öffentlichen Stimmungen zu kontrollieren.

References
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Zusammenfassung

Medien & Kommunikationswissenschaft bietet ein Forum zur Diskussion medien- und kommunikationsbezogener Fragen sowie für Analysen der Medienentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven und für alle Medien. Medien & Kommunikationswissenschaft spiegelt damit die Trends der Forschung und der öffentlichen Diskussion um die Medien wider. Die Zeitschrift hat einen Jahresumfang von ca. 600 Seiten und enthält Aufsätze, Berichte, Dokumente, Diskussionsbeiträge, Rezensionen sowie eine Zeitschriftenlese und eine Literaturübersicht.

Medien & Kommunikationswissenschaft wendet sich an Wissenschaftler, Journalisten, Medien-Organisationen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film-, Fernseh-, Videoproduktionsunternehmen, Verbände, Lehrer, Pressewesen, Medienpolitiker.

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