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M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, page 564 - 578

M&K, Volume 64 (2016), Issue 4, ISSN: 1615-634X, ISSN online: 1615-634X, https://doi.org/10.5771/1615-634X-2016-4-564

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Besprechungen Clemens Apprich Vernetzt Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft Bielefeld: transcript, 2015. – 210 S. ISBN 978-3-8376-3045-9 (Reihe: Digitale Gesellschaft; 8) Apprich verschreibt seine Analyse einer europäischen Perspektive auf den Medienwandel im vernetzten Zeitalter, in der sich seine Grundannahme einer postmodernen Netzkritik manifestiert. Diesen theoretischen Ausgangspunkt entwickelt er anhand der Stadtmetapher ins Digitale fort, wobei seine Analyse dabei den fortwährenden Konflikt zwischen Kapitalismus und Postmoderne aufzeigt. Indem er Netzkritik als Element und Schnittstelle von Netzkulturen beschreibt, verbindet Apprich ein postmodernes Medienverständnis mit den technologischen Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien und bedient sich dabei der Ansätze Lyotards, Baudrillards und Marx’. Als Gegenbewegung zum kapitalistischen Medien- oder Netz-Konsum der Cyber- Kultur versuche die Netzkritik, durch Teilhabe in technologischen, politischen und ökonomischen Debatten Netzkulturen entstehen zu lassen. Apprich schildert eine Medienentwicklung, die über Aufstieg und Fall des deliberativen Moments der Medien und Massenmedien zu einer zwischen kollektiv-konsumierenden Cyberkultur und libertär-aktivistischen Netzkulturen existierenden Konfliktlinie avancierte. Die Nutzung der partizipativen Potenziale eines zuletzt digitalisierten Medienzugangs bestimme dabei den Grad einer neuen Auseinandersetzung zwischen Masse und (Medien-)Hegemon mittels „taktischer Medien“ (50). Wie im Vorbeigehen flicht Apprich DoS-Attacken, die Geschichte des Cyber-Feminismus und die Rolle der Mailingliste nettime ein, bevor er in die Beschreibung der Netzwerkgesellschaft übergeht. Insbesondere der Blick auf die Geschichte von nettime verdeutlicht die Konfliktlinie, der sich die Netzgemeinde im Netz stellen musste, und stellt einen wesentlichen Ausgangspunkt für Apprichs Analyse dar. Zentral für den ersten Teil des Buches ist demnach die Erkenntnis, dass sich eine Netzgesellschaft im Netz anhand der Konfliktlinie zwischen kapitalistischer „technolibertärer“ (56) Cyberkultur und postmoderner Kritik dieser Cyberkultur als Netzkritik entwickelt. Die soziale Utopie europäisch dominierter, postmoderner Netzkulturen wich laut Apprich zur Jahrtausendwende jedoch einem Netzwerkmodell, das ein neoliberales Herrschaftsmodell und damit einen informationellen Kapitalismus ermöglichte. Einen zweiten Dipol neben Cyberkultur und Netzkulturen öffnet Apprich zwischen dem globalen Datenstrom und lokalen Datenknoten – ein Äquivalent zu Städten entlang des Information Super Highway –, worin sich jedoch dieselbe Konfliktlinie zwischen dem Kapitalismus der globalen Ströme und dem Postmodernismus einzelner lokaler Knoten zeige. Durch die Netzwerkgesellschafft – die Apprich von Castells entlehnt – schaffe es einerseits die Gesellschaft, sich in der Postmoderne, die durch einen „loss of orientation“ (82) gekennzeichnet ist, zu strukturieren, und andererseits der globale Kapitalismus, sich ins Informationszeitalter zu retten. Die Stadt spielt bei Apprich dahingehend eine bedeutende Rolle, als sich in ihr Macht und Handeln in einem globalisierten Netzwerk konzentrieren. Zunächst als Raum der Wissensallokation erdacht, dient sie als informationelle Metapher später als digitaler Raum sozialer Interaktion. Die digitale Stadt als Abbild real existierender Städte hob sodann die real existierenden Interaktionen auf die Ebene des digitalen Netzwerks und strukturierte zugleich ein diffuses Angebot im Netz auf Basis einer urbanen Infrastruktur. Apprich schildert diesen Prozess am Beispiel von Amsterdam, Berlin und Wien, wo jeweils unterschiedliche Schwerpunkte eine digital-urbane Netzwerkstruktur – eine elektronische Agora – bildeten. Dieser Ort der Re- Demokratisierung einer sich globalisierenden und kommerzialisierenden Welt im Digitalen steht in einem krassen Gegensatz zu den globalen (kapitalistischen) Bewegungen, die das Internet seither prägten. Was zunächst als deskriptive Retrospektive erscheint, bildet jedoch den Ausgangspunkt für die weitere Analyse. Insofern beschreibt Apprich die Versuche, eine Cyberdemocracy auf digital-kommunaler Ebene zu initialisieren, auch als Gegenstück zur Passivität des Massenmediums, die jedoch an den Potenzialen einer elektronischen Agora vorbeiliefen, indem das Netz staatliche Institutionen durch die Instrumente des Marktes eintauschte. Die Struktur des Netzwerkes Internet zeichnet sich somit nicht durch eine Ablösung klassischer Hierarchie- bzw. Hegemoniemodelle aus, sondern modifiziert diese, indem – nach Barbasi – die Netzwerkknoten nicht egalitär wie in der Stadt- LITERATUR 564 DOI: 10.5771/1615-634X-2016-4-564 metapher existieren, sondern sich dominante Hubs bilden, die eine neue Hegemoniestruktur des Netzes begründen (135). Das Individuum, welches Apprich einer Analyse als Teil des Kollektivs im Netzwerk unterzieht, behält demnach seine Individualität darin nur, indem es Teil unterschiedlicher Knotenpunkte und damit unterschiedlicher Netzwerke bleibt sowie selbst Inhalte produziert und so die Relevanz des eigenen Knotens im Netzwerk beeinflussen kann. Der Begriff des Netzwerks der Netzwerke manifestiert sich bei Apprich also bereits im Individuum. Welches Potenzial in diffusen und schwerer zu fassenden Rollen liegt, wie sie sich heute bei Netzaktivisten, Hackern, in Julian Assange, Edward Snowden und der Anonymous-Bewegung etablieren, bleibt hier jedoch nahezu außen vor. Insgesamt orientiert sich Apprichs Analyse eher an den Strukturen einer Bürgergesellschaft – wie sich u. a. in der Stadtmetapher zeigt. So bleibt zu schließen, dass auch wenn die Utopie eines demokratischen Netzes ad acta gelegt werden kann, – allen Rufen nach einem neuen Internet zum Trotz – die Hegemonie des Kapitalismus doch nicht die Abschaffung des partizipativen Austausches dezentraler Akteure in einem globalen Datenstrom bedeutet. In der Interaktion des Gruppenindividuums mit anderen im Sinne von Netzkulturen liegt nach wie vor das größte soziale, partizipatorische Potenzial des Netzes und der Netzwerkgesellschaft – zu diesem Schluss kommt letztlich auch Apprich. Simon Rinas Literatur Barbási, Alberto-László; Bonabeau, Eric (2003): Scale- Free Networks. In: Scientific American, Nr. 288, S. 50–59. Klaus Bachmann / Jens Gieseke (Hrsg.) The Silent Majority in Communist and Post- Communist States Opinion Polling in Eastern and South-Eastern Europe Frankfurt/M.: Peter Lang, 2016. – 238 S. ISBN 978-3-631-66668-5 Das von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung finanzierte, historische Buchprojekt über die Umfrage- und Rezeptionsforschung in kommunistisch regierten bzw. autoritären Ländern Osteuropas stellt eine reichhaltige Quelle zu diesem bisher noch relativ wenig wissenschaftlich aufgearbeiteten Themenfeld dar. Im ersten Teil wird ein detailreicher Einblick gegeben in die historische Entwicklung der Demoskopie in der Tschechoslowakei (Jiří Šubrt), Jugoslawien bzw. Serbien (Dragomir Pantić und Zoran Pavlović), Weißrussland (Oleg Manaev) und der DDR (Jens Gieseke). Es werden Institutionen, die treibenden Akteure sowie ihre Strategien und Arbeitsweisen beleuchtet sowie international weniger bekannte Publikationen relevanter Autoren aus der Region vorgestellt. Bewusst sind neben Wissenschaftlern ehemalige Mitarbeiter einzelner Meinungsforschungsinstitute in das Projekt eingeladen worden, die Interna aus den Organisationen und Beobachtungen als Zeitzeugen beitragen können. Die Beiträge dienen sowohl der historischen Einordnung von Entwicklungen in der öffentlichen Meinungs- und Rezeptionsforschung in den einzelnen Ländern in verschiedenen Perioden in die Fachgeschichte als auch dem Erschließen und Dokumentieren von Detailwissen. Das Hauptaugenmerk der Herausgeber Jens Gieseke (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) und Klaus Bachmann (Szkoła Wyższa Psychologii Społecznej, Warschau) gilt jedoch der Frage des spezifischen historischen Kontextes der Demoskopie in den sozialistischen, kommunistischen und postkommunistischen autoritären Gesellschaftssystemen; unterscheidet sie sich doch aus gesellschaftssystemischen Gründen fundamental von der Rezeptions- und Meinungsforschung in marktwirtschaftlich-demokratischen Regierungssystemen. Obwohl es sich um Volksdemokratien handelte, waren Befragungen der Bevölkerung grundsätzlich weder für das Wirtschaftssystem noch für die Politik maßgeblich und galten lange Zeit sogar als klassenfeindlich. Eine Ausnahme bildet die Phase der Regierung Jaruzelski in Polen, in der durch den politischen Druck der Straße sogar ein neues Meinungsforschungsinstitut gegründet wurde. Erst in den politischen Liberalisierungsphasen, in denen Reformer an Erkenntnissen über die in der Bevölkerung vorherrschenden Einstellungen im Zuge ihrer Reformbestrebungen interessiert waren, konnte die Demoskopie an Unabhängigkeit und auch öffentlicher Bedeutung gewinnen. Trotz ihres Schattendaseins und ihrer oftmals frustrierend klandestinen oder politisierten Arbeitssituation konnten Meinungsforschungs- und Rezeptionsforschungseinrichtungen in den kommunistischen bzw. postkommunistischen autoritären Systemen Osteuropas oftmals gute empirische Arbeit leisten, Literatur · Besprechungen 565 auf die Historiker heute zurückgreifen können (wenn sie nicht zerstört wurde, wie im Fall des Meinungsforschungsinstituts der SED nach seiner Schließung 1979 durch Honecker). Daher war es nicht nur das Ziel der Herausgeber der Publikation, Informationen über Inhalte und Verbleib von Umfragedaten als historische Quelle zu erschließen, sondern dabei gleichzeitig die innere Logik der Meinungsforschung unter unfreien Bedingungen in den Blick zu nehmen: die Motive für die Beauftragung von Umfragen, eventuelle politische Interventionen in die Arbeit und Umgehungsstrategien von Tabus, d. h. insgesamt die Kontexte zur Einschätzung der Güte bzw. Aussagekraft der Umfrageforschungsergebnisse. Die zentrale Unterscheidung war dabei sicherlich die Konzeption der Rolle des Volks in kommunistischen Systemen und dem darauf basierenden Ansatz, die UmfrageteilnehmerInnen so vorzubereiten, dass sie ihre „wahren“ Einstellungen gegenüber der Gesellschaft im ideologisch festgelegten, gemeinsamen Kampf um eine bessere Gesellschaft äußern konnten (vgl. Henn 1998: 136f.) Neben den Beiträgen mit historiografischem Ansatz enthält der Band Einzelfallstudien zu besonders relevanten Gegenständen und Aspekten der öffentlichen Meinung und der Umfrageforschung in Polen und der DDR. Klaus Bachmann stellt die Entstehung des Nationalmythos‘ zum Warschauer Aufstand der Heimatarme (Armia Ludowa) dar. Er belegt seine Beschreibung mit Umfragewerten aus der gesamten Nachkriegsära bis heute und widerlegt eine heute gerne geäußerte These der einvernehmlichen öffentlichen Meinung über die Vergangenheit in der polnischen Nation als Manifestation einer eindeutigen historischen Wahrheit, die zu kommunistischen Zeiten unterdrückt worden sei. Er zeigt auf, dass sich vielmehr kontroverse Einschätzungen des Aufstands in der Bevölkerung halten und sich erst weit nach der Etablierung der politischen Meinungsfreiheit mit der Transformation 1989 die zugewiesene historische Bedeutung erhöht hat. Patrik Wasiak setzt sich mit der Etablierung und Professionalisierung der Demoskopie im Zuge der zunehmenden politischen Bedeutung und des parteiinternen Richtungsstreits von den Anfängen bis zur Einrichtung des Zentrums für Forschung zur öffentlichen Meinung (Centrum Badania Opinii Społecznej) unter Jaruzelski 1982 auseinander. Piotr Tadeusz Kwiatkowski setzt mit seiner Analyse zum Zeitpunkt dieser letzten Entwicklungsphase im kommunistischen Polen an. Er beschreibt und zitiert detailliert die in den 1980er Jahren in Polen durchgeführten Umfragen sowohl von den offiziellen Institutionen als auch von den Untergrundorganisationen und geht dabei insbesondere auf die schwierigen Bedingungen für die Forscher und die problematische Erhebungssituation in der Zeit des Kriegsrechts ein. Michał Wenzel stellt in seinem Beitrag neue Erkenntnisse dar, die er aus den vorhandenen Umfragedaten zur Mitgliedschaft in Gewerkschaften in Polen zwischen 1980 und 2012 gewonnen hat. Er schätzt die Mitgliederzahlen für die verbotene Solidarność in den 1980er Jahren nur auf zwei statt der in der wissenschaftlichen Literatur oft angenommenen zehn Millionen Mitglieder und die der offiziellen Dachorganisation Ogólnopolskie Porozumienie Związków Zawodowych, OPZZ, auf vier Millionen Mitglieder. In den beiden Beiträgen zur DDR-Geschichte stellt Michael Meyen zuerst die Rezeptionsforschung und ihre Nutzung in der DDR vor. Er stellt dar, wie mit dem Druck auf die Forscher und die ostdeutschen Medien, der durch die Beliebtheit des West-Fernsehens entstand, umgegangen wurde, und wie dieser Druck auch zur Verbesserung insbesondere des DDR- Rundfunkprogramms führte. Anschließend setzt sich Hans Erxleben aus Sicht des Insiders mit der Problemlage der parteieigenen Meinungsforschung der SED auseinander, die schließlich zur Schließung des Instituts für Meinungsforschung führte. Die vorliegende Publikation wartet mit vielen Fakten und Situationsbeschreibungen auf, die die auf offiziellen Regierungsunterlagen basierende, reguläre politische Geschichtsschreibung sehr gut ergänzen kann. Eine stärkere Fokussierung und Einordnung der Inhalte durch einen analytischen Rahmen sowie die Einbeziehung weiterer Autoren zu hier nicht genannten Ländern und inhaltlichen Details hätte dem Band nicht geschadet. Indira Dupuis Literatur Henn, Matt (1998): Opinion Polling in Central and Eastern Europe under Communism. In: Journal of Contemporary History 33(2), S. 229-240. M&K 64. Jahrgang 4/2016 566 Stuart Cunningham / Terry Flew / Adam Swift Media Economics Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2015. – 192 S. ISBN 978-0-23029322-9 (Reihe: Key Concerns in Media Studies) Mit „Media Economics“ legen Stuart Cunningham, Terry Flew und Adam Swift nichts weniger als ein nachhaltig wirkendes Kompendium von ökonomischen Grundlagentheorien und deren Anwendungen auf die Analyse von Medien als besonderer Bereich in einer Gesellschaft vor. Generell lässt sich schon an dieser Stelle sagen: „Media Economics“ ist ein genialer Streifzug durch die doch recht verstreute Theorienlandschaft der Medienökonomie. Es trägt nicht nur entscheidend zur weiteren Stabilisierung, sondern insbesondere auch zur notwendig gewordenen theoretischen Neuausrichtung des Fachs bei. Es ist ein gut gemachtes Buch, weil es die vielfältigen Eintrittspunkte von ökonomischem Wissen in die Medienwirtschaft adressiert. Bereits in der Einleitung zeigen die drei Autoren den kritischen Bezugspunkt ihres Fachbuches auf: Soll die Medienökonomie als wissenschaftliche Disziplin an Qualität gewinnen, ist ein neues, integratives Verständnis einer, man könnte sagen, pluralen Medienökonomie vonnöten, die sich an der Schnittstelle von Kommunikationswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft bewegt, die alten Dogmen der traditionellen Medienökonomie über Bord wirft und notwendige Öffnungen und Erweiterungen zu anderen Disziplinen wie der Kulturökonomie zulässt. Die Medienökonomie brauche ein neues Forschungs- (und wohl auch Lehr-)Paradigma, da die dominante Neoklassik zu modellgetrieben, marktgläubig und formelhaft sei. Sie solle sich nicht nur auf die Betrachtung ökonomischer Aspekte des Mediensystems beschränken, sondern auch die Konsequenzen der Ökonomisierung für das gesamte Kommunikations- und Informationssystem einer Gesellschaft betrachten. Damit rückt der von Cunningham, Flew und Swift vertretene Ansatz in die Nähe einer Politischen Ökonomie der Medien. In dieser erkennen die Autoren sogar ein zweites dominantes Paradigma für die Medienökonomie, geben sich jedoch keinen Illusionen hin und kritisieren die etablierte marxistisch-orientierte Kritik der Politische Ökonomie der Medien darin, dass sie sich an falscher Stelle mit den „neuen Realitäten“ abmühen würde. Ergo, die Medienökonomie brauche ein neues Paradigma und dieses sei nur mit transdisziplinär-integrativer Perspektive zu erschließen. Die Vielförmigkeit und Komplexität des gegenwärtigen Medienwandels als gleichzeitig medialer und gesellschaftlicher Wandel bedingen dies. Die fünf Kapitel des Buches sind kurz und überaus kompakt präsentiert. Im ersten Kapitel („Media Economics: The Mainstream Approach“) wird zunächst ausführlich beschrieben, weshalb das vormals herrschende Dogma der wirtschaftswissenschaftlichen Neoklassik, also die „Mainstream“-Ökonomie als Erklärungstool versagt. Cunningham und Kollegen meinen, dass vor allem die Episteme der Neoklassik zu kritisieren sind. So erfand diese für die Analyse von Marktgeschehen recht subtile, aber ethisch doch sehr fragwürdige Modelle wie das Menschenbild des Homo oeconomicus, das rational und egoistisch handelnde Individuum. In der Medienökonomie sind handelnde Subjekte gerade nicht als „Maximierer“ bekannt, sondern sind mit begrenzter Rationalität ausgestattet und verfolgen als „Satisfizierer“ Strategien, die nicht nach der optimalen Lösung suchen, sondern sich mit der erstbesten Möglichkeit begnügen, die den angestrebten Zweck erfüllt. Die Standardökonomie legt zudem mit dem methodologischen Individualismus, also dem rein anreizgesteuerten Handeln des ökonomisch-rationalen Agenten ein Primat fest, welches in der heutigen Sharing Economy über elektronische Plattformen und soziale Netzwerkmedien kaum mehr Gültigkeit besitzt. Die Autoren führen eine Reihe von Gründen ins Feld, um diese „imperialen“ Wissenskulturen der neoklassischen Orthodoxie in Bezug auf die Medienökonomie zu entkräften. Aus medienökonomischer Sicht gibt es bekanntermaßen viele Gründe, warum Austauschprozesse auf dem „freien Markt“ nicht zu einem optimalen Ergebnis führen: Öffentliche Güter, externe Effekte, asymmetrische oder unvollständige Informationen, natürliche Monopole, Marktmacht und Meritorik sind die bekanntesten. Zudem sind es die Spezifika von Medien selbst, wie etwa der Doppelcharakter von Medien als wechselseitig vermitteltes Kultur- und Wirtschaftsgut, das Verhalten von Medienfirmen auf zweiseitigen Märkten oder des Journalismus als „demokratienotwendige“ Institution, welche mit dem neoklassischen Modellinstrumentarium nicht mehr erschließbar sind. Im zweiten Kapitel („Critical Political Economy of the Media“) zeigen die Autoren anhand der Auseinandersetzung mit anglo-amerikanischer Literatur, dass medienökonomische Analysen als Teil einer Gesellschaftskritik (Kapita- Literatur · Besprechungen 567 lismuskritik) im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie durchaus zweckdienlich sind, letztendlich aber doch zu kurz greifen. Demokratische Kontrolle und institutionell abgesicherter Regulierungsbedarf würden sich aus diesen Ansätzen kaum ableiten lassen. Die beiden Folgekapitel („Institutional Economics“ und „Evolutionary Economics“) widmen sich sodann dem ursprünglichen Anspruch des Buches, die Medienökonomie mit neuen Sichtweisen zu bereichern und auf spezifische Herausforderungen und Anforderungen für eine neue Medienökonomie hin zu überprüfen. Eine heterodoxe, kritische-ökonomische Theorierichtung, die zunehmende Bedeutung für die Medienökonomie gewonnen hat, ist die Institutionenökonomie. Ausgehend vom neoklassischen Gleichgewichtsmodell werden Marktunvollkommenheiten und Marktversagen als die Ursachen für Transaktions- und Informationskosten und damit für die Entstehung von Institutionen angesehen. Die Institutionen- ökonomie (Kap. 3) stellt die Beobachtung zentral, dass Informationsdefizite (Informationsasymmetrien) und unterschiedliche Risikobereitschaften bei den Marktteilnehmern dazu führen, dass ein reibungsloses Funktionieren der Märkte für Medieninhalte verhindert wird und dass sich Wettbewerbswirtschaften langfristig nicht immer selbst regulieren (vgl. Monopolstreben, externe Effekte und Marktversagen). Folgt man den Autoren, sind diese Beobachtungen für Medienmärkte nicht nur höchst relevant, sondern insbesondere auch theoriebildend. Im Zentrum der Evolutorischen Ökonomie (Kap. 4) hingegen stehen nicht Bedingungen, Existenz, Eindeutigkeit und Stabilität von Gleichgewichten wie vormals in der Neoklassik, sondern Entwicklung und Wandel durch die fortlaufende Entstehung und Ausbreitung von Innovationen, vor allem im Bereich der disruptiven Technologien. Indem das Wirtschaftssystem und das politische System um die Faktoren der politischen Macht, Legitimität und Medien-Innovation erweitert werden, erhält die Medienökonomie neue Einflusssphären in der Erklärung von Medien als gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Gegenstandsbereich. Im Aggregat betrachtet, ist „Media Economics“ ein recht gelungenes Buch. Es übt Kritik am Status Quo der Wirtschaftswissenschaften und liefert eine Reihe neuer Denkanstöße für ein neues Forschungsprogramm in der Medienökonomie, das dem Mainstream der neoklassischen Orthodoxie mit Anregungen für eine Plurale Medienökonomie entgegentritt. Diese hätte das Ziel, wirtschafts-, kultur- und kommunikationswissenschaftliche Konzepte bzw. Theorien zur Analyse von Medien in den heutigen konvergenten Medienindustrien vor einem transdisziplinären Horizont zu verbinden. Die reformhungrigen Autoren entwickeln große Qualitäten in der Zusammenfassung der dabei auftretenden komplexen, meist theoretischen Sachverhalte. Auch die im abschließenden Kapitel (Kap. 5) angeführten Praxisbeispiele sind sinnstiftend. Letztlich ist das, was die Autoren hier auf 192 Seiten so knapp wie möglich, jedoch auch wissenschaftlich anspruchsvoll und äußerst eloquent zusammengefasst haben, ein sehr reichhaltiger Fundus an wissenschaftlichen Theorien der Medienökonomie. Daher kann ich die Lektüre allen empfehlen, die sich mit den Fragestellungen der Medienökonomie näher beschäftigen möchten. Paul Murschetz Jennifer Kreß Onlinecommunities für Senioren Wie virtuelle Netzwerke als Unterstützung im Alltag dienen Wiesbaden: Springer VS, 2016. – 308 S. ISBN 978-3-658-10817-5 Das individuelle und soziale Treiben auf Netzwerkplattformen wurde lange Zeit fast ausschließlich mit Blick auf das Jugendalter thematisiert. Obgleich das Internet heute auch für viele Ältere eine ebenso gewohnheitsförmige wie selbstverständliche Erweiterung des Lebensalltags darstellt, finden sich bislang nur wenige Arbeiten, die sich jenseits feuilletonistisch gefärbter Trendberichte mit den Spezifika der Online-Community-Nutzung im höheren Alter auseinandersetzen. Zu Recht konstatiert Jennifer Kreß, dass eine solide theoretische und empirische Erkundung längst überfällig ist. In ihrer als Dissertation verfassten Arbeit nähert sie sich der Thematik aus der Perspektive einer ressourcenorientierten (sozial-)pädagogischen Praxis, deren Augenmerk auf das den Lebensalltag unterstützende Potenzial von Online- Communitys gerichtet ist. Aus dieser Perspektive wendet sich die Arbeit nicht nur an Wissenschaftler/innen, sondern vor allem auch an die sozialpädagogische Praxis. Den Auftakt ihrer Arbeit bildet eine sozialwissenschaftlich grundierte Zeitdiagnose. Kreß skizziert Ausprägungen und Konsequenzen gesellschaftlicher Entgrenzungsprozesse und diskutiert diese in Hinblick auf die Entwicklung der Lebensphase Alter. Die Modernisierungs- M&K 64. Jahrgang 4/2016 568 schübe unserer Zeit hätten letztlich auch dazu geführt, dass sich tradierte Alterszuschreibungen im Sinne klar definierter Lebensabschnitte auflösen und gleichsam jeden Versuch einer „objektiven“ Altersbestimmung vereitele. Tragfähiger erscheint Kreß die Unterscheidung des Sozialpädagogen Lothar Böhnisch (1997), der Alter einerseits als biografischen Prozess und andererseits als gesellschaftlich-systematische Klassifikation differenziert, wobei Letztere einem permanenten Wandel unterliege. Ungeachtet der großen Heterogenität biografischer Altersprozesse und Altersidentitäten argumentiert Kreß, dass es spezifische Herausforderungen und mit ihnen Krisenerfahrungen (Erkrankungen körperlicher und seelischer Art, Kumulation kritischer Lebensereignisse, Fehlen stabilisierender sinnstiftender Faktoren) gebe, die mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher würden. Ausgehend von diesen „Krisenmomenten“ diskutiert Kreß den Stellenwert biografischer Ressourcen. Nicht zuletzt in Folge der Erosion verbindlicher Altersnormen sei das alternde Subjekt stärker auf sich zurückgeworfen und gefordert, eigene Ressourcen als intra- und interpersonale Quellen der Lebensbewältigung zu aktivieren. In Exegese des einschlägigen Diskurses im Umfeld von Sozialwissenschaft und Psychologie erörtert Kreß Elemente und Merkmale solcher Ressourcen und kommt dabei zum Schluss, dass Ressourcen nicht per se als verfügbare Quellen zu denken sind, sondern vielmehr Potenziale darstellen, die sich erst im Zusammenspiel mit spezifischen Herausforderungen als Ressourcen entfalten. In Anschluss an diese Vorüberlegungen formuliert die Autorin ihre Forschungsfrage und das weitere Vorgehen ihrer Studie. In den Blick genommen werden sollen Online-Communitys hinsichtlich ihrer ressourcenstiftenden, -aktivierenden und/oder -erhaltenden Funktion. Um diese Fokussierung weiter verfolgen zu können, beleuchtet Kreß etwaige Zugangsbarrieren wie auch Chancen und Potenziale der Internetnutzung im Alter. An dieser Stelle holt die Autorin weit aus. Referiert werden die Geschichte des Internets sowie quantitative Daten zur Internetnutzung von Senioren. Als Untersuchungsgegenstand wählt Kreß die Seniorencommunity „Feierabend.de“, die sie ausführlich vorstellt. Daran anschließend erörtert sie abermals den Kenntnistand der auf Medien bezogenen Alter(n)sforschung. In Rekurs auf einschlägige Zusammenführungen werden Konjunkturen und Schwerpunkte der Auseinandersetzung referiert. Dieser eher kursorische Streifzug, der viele Studien übergeht, überrascht mit Blick auf das von Kreß mehrfach beklagte Forschungsdesiderat. Vorgesellt wird sodann das methodische Design der Studie, dass sich an der Logik der Grounded Theory orientiert. Anwendung findet überdies das von Fritz Schütze entwickelte Verfahren der Narrationsanalyse. Als Erhebungsverfahren kommt das auf Witzel zurückgehende problemzentrierte Interview zum Einsatz. Befragt wurden 18 Nutzerinnen und Nutzer des Portals, überwiegend telefonisch. Die Darstellung der Ergebnisse beginnt mit einer umfassenden Darlegung der einzelnen Fälle. Erörtert werden die individuell höchst unterschiedliche Verschränkungen von biografischen Krisen und Ressourcen. Die fallübergreifende Analyse und mithin Theoretisierung ihrer Ergebnisse bündelt Kreß nachvollziehbar auf zwei Ebenen. Auf einer ersten Ebene werden markante Handlungsmuster extrahiert. Dabei zeigt Kreß eine ausgesprochen vielfältige Ausgestaltung des Nutzungsverhaltens auf, die sich in der Existenz verschiedener nebeneinander überlagernder und sich ergänzender Untergruppierungen manifestiert. Diese unterschiedlichen Gruppierungen (Thementreffs oder Regionalgruppen) agieren weitgehend unabhängig von der „Mutter-Community“ und zeigen mitunter starke Schließungstendenzen (in Sinne der Aufnahme neuer Mitglieder) nach außen auf. Bemerkenswert ist, wie von den Nutzer/-innen mithin standardisierte, also über das Portal geregelte Zugangshürden unterlaufen werden (z. B. über eine doppelte Mitgliedschaft), um sich einen größeren Aktionsradius zu verschaffen. Auf der zweiten Ebene ihrer Auswertung fragt die Autorin nach den Ressourcen, die der Mitgliedschaft in einer Senioren-Community implizit sind. Drei Bereiche werden hier unterschieden: Zum Ersten diene das Internet der Ergänzung und Erweiterung von Alltagserfahrungen und Alltagshandeln, etwa um Kontakte angesichts räumlicher und zeitlicher Entgrenzungen aufrechtzuerhalten und zu erweitern (Assimodative Transformation). Zum Zweiten könnten durch die Nutzung des Internets neue Handlungsbereiche erschlossen werden, in welchen sich Ältere als aktiv und selbstbestimmt erleben (Assimilative Transformation). Und zum Dritten offeriere das Internet Ersatzfunktionen für alltägliches Erleben und Handeln, wenn es beispielsweise darum gehe, krisenhafte Alltagssituationen zu bewältigen (Akkomodative Transformation). In der Summe ihrer Ergebnisse konstatiert Kreß, dass die Beziehungsgestaltung älterer Nutzer/-innen ebenso mannigfaltig gestaltet ist Literatur · Besprechungen 569 wie die der Jüngeren. Zwar würden Ältere sowohl in zeitlicher als auch räumlicher Hinsicht ein stärker strukturiertes Nutzungsverhalten aufweisen, in Hinblick auf das soziale Handlungsspektrum fänden sich jedoch ähnliche Motive und Muster des Zu- und Umgangs. So seien Schwärmereien und Flirts, Cybermobbing oder sexualisiertes Verhalten ebenso anzutreffen wie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Prinzip ist dies wenig überraschend. Mit Blick auf die altersbezogenen populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurse der Gegenwart kann dies allerdings nicht oft genug gesagt werden. Darin ist auch schließlich der Beitrag der Studie zu sehen. Insofern sei dieser allen zur Lektüre empfohlen, die sich mit dem Thema Alter(n) und Medien auseinandersetzen. Anja Hartung-Griemberg Literatur Böhnisch, Lothar (1997): Sozialpädagogik der Lebensalter - eine Einführung. Beltz Juventa: Weinheim und München. Katharina Lobinger / Stephanie Geise (Hrsg.) Visualisierung – Mediatisierung Bildliche Kommunikation und bildliches Handeln in mediatisierten Gesellschaften Köln: Halem, 2015. – 338 S. ISBN 978-3-86962-106-7 Bei dieser Anthologie rund um das Thema „Visualisierung und Mediatisierung“ handelt es sich um eine Zusammenstellung ausgewählter Beiträge, die im November 2013 auf der Tagung der DGPuK-Fachgruppe „Visuelle Kommunikation“ in Bremen vorgestellt wurden. Neben Einleitung und Ausblick umfasst der Band 14 Aufsätze von 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Publizistik und Kommunikationswissenschaft, der Medienwissenschaft, der Medizin sowie der Soziologie. Ausgangspunkt des Bandes ist die Beobachtung, dass Bilder und visuelle Medien den Alltag von Individuen immer mehr durchdringen und prägen. Die „visuelle Mediatisierung“ spiegelt sich dabei nicht nur im zunehmenden Einsatz von Bildern in den Medien. Durch technische Endgeräte, die durch Hybridisierung geprägt sind, entwickelt sich eine neue Qualität sowohl von Bildproduktion als auch von Bildrezeption. Der Entstehung neuer Bildtypen folgt ein neuer Bildumgang nach. Bildproduktion und visuelle Praktiken sind heute feste Bestandteile unseres kommunikativen Alltags. Der vorliegende Band widmet sich dem heutigen Bildhandeln, das sich im Spannungsfeld aus öffentlicher und alltäglicher Kommunikation bewegt. Inhaltlich gliedert sich der Band in vier Bereiche. In vier Beiträgen wird zunächst auf theoretische Konzepte und Perspektiven auf Visualisierung und Mediatisierung eingegangen. Die nächsten drei Aufsätze beschäftigen sich mit dem Bildhandeln in Social-Media- Kontexten. Daran schließt ein Block an, der sich ebenfalls in drei Artikeln mit methodischen Verfahren zur Analyse dieses Bildhandelns auseinandersetzt. Die abschließende Betrachtung der Visualisierung von (un-)sichtbaren Daten und Phänomenen wird in vier Kapiteln behandelt. Ein Ausblick von Stephanie Geise und Katharina Lobinger reflektiert die zentralen Befunde und stellt weiterführende theoretische Überlegungen an. Insgesamt liegt damit ein gut strukturierter und thematisch ansprechender Band zu einem zentralen Thema der visuellen Kommunikation vor. Nach der Einleitung startet der Band mit einem Beitrag von Friedrich Krotz zur Mediatisierung und zur wachsenden Bedeutung visueller Kultur (S. 18-36). Er weist hier auf Chancen und Risiken hin, die von einem fundamentalen Medien- und Kommunikationshandeln ausgehen. Daraus leitet er die Forderung ab, die „Bedeutung von Medien in Kultur und Gesellschaft, für die Formen des menschlichen Zusammenlebens, für Institutionen, Parteien, Organisationen, für das Wahrnehmen und Erleben, für die innere Realität der Menschen, ihre Autonomie und ihre Identität“ (S. 33) systematisch und intensiver als bisher zu erforschen. Hierbei fordert er die Einbeziehung eines Subjektkonzeptes, wie es sich etwa im Symbolischen Interaktionismus findet. Auch ein Verständnis von Medien als Dispositiv im Sinne von Michel Foucault hält er dabei für zielführend. Seine Vision besteht in einer kritischen Visualisierungsforschung. Katharina Lobinger stellt eine Systematik von Praktiken des Bildhandelns in mediatisierten Gesellschaften vor (S. 37-58). Hierfür unterscheidet sie zunächst zwischen den (nicht trennscharfen) Bereichen des Bildhandelns und der Bildkommunikation. Das Bildhandeln selbst teilt sie ein in „1) prä-kommunikatives und objektbezogenes Bildhandeln, 2) Photo Sharing als Voraussetzung für Bildkommunikation, 3) (sprachliche) Kommunikation über Bilder und 4) Kommunikation mit Bildern“ (S. 43). Ausgangsbasis des Beitrags von Wolfgang Reissmann (S. 59-88) ist die Beobachtung M&K 64. Jahrgang 4/2016 570 „einer zunehmenden Bedeutung von privatem bzw. teil-öffentlichem Bildhandeln … im Alltag der Menschen“ (S. 59). Einerseits leitet er daraus Arbeitsfelder für eine handlungsorientierte Kommunikations- und Medienforschung ab. Andererseits betreibt er eine sozialräumliche Reflexion auf (primär privates) Bildhandeln „in multilokalen Lebenswelten und dichten Medienumgebungen“ (S. 81). Er vertritt dabei die These, dass privates Bildhandeln der Schaffung von gemeinschaftlich geteilten Erfahrungsräumen dient. Stefan Meier beschäftigt sich mit der neuen visuellen Authentizität (S. 89-107). Er sieht im „Zuge fortschreitender Digitalisierung der journalistischen Bildproduktion … die Konzepte Indexikalität und Ikonizität … unter Druck“ (S. 103). Aufgrund des ökonomischen Drucks beobachtet er eine Spektakularisierung visueller Welten, insbesondere durch den Einsatz ästhetisierender Verfahren. Eine derartige Ästhetisierung wird insbesondere durch die Postproduktion (und dabei oftmals durch Hyperkontrastierung und Monochromisierung) erreicht. Aufgrund der Hybridisierungstendenzen bei mobilen Endgeräten haben zudem Privatpersonen ständig eine Fotokamera in der Hosentasche und beteiligen sich fleißig an der Bildproduktion und Bilddistribution. Die Folge beider Entwicklungen ist eine neue visuelle Authentizität. Im zweiten Block des Buches setzen sich Ulla Autenrieth (Visualisierung von Freundschaftsbeziehungen auf Social Network Sites, S. 108-124), Mastewal Adane Mellese und Marion G. Müller (Typologie von Profilbildern auf Facebook, S. 125-145) sowie Bernadette Kneidinger (Social Media als digitales Fotoalbum, S. 146-163) auf hohem Niveau mit Bildern in Social Media-Welten auseinander. Im Methodenteil beschäftigen sich Jürgen Raab (wissenssoziologische Konstellationsanalyse, S. 164- 180), Katharina Lobinger und Cornelia Brantner (Q-Sort-Verfahren, S. 181-206), Julia Niemann und Stephanie Geise (Implementierung von visuellen Stimuli in Befragungen der Kinder- und Jugendmedienforschung, S. 207-233) mit (noch zu wenig etablierten) Verfahren zur Analyse von Bildhandeln. Der abschließende Teil zur Datenvisualisierung subsummiert vier Beiträge. Der erste Aufsatz von Stephanie Geise und Andreas Brückmann beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Bildern in der pränatalen Diagnostik (S. 234-256). Das Bildhandeln scheint hier von der Idee geprägt, dass Bilder einen epistemischen Charakter und visuelle Evidenz herstellen. Cornelia Brantner und Joan Ramon Rodríguez-Amat beschäftigen sich mit partizipativen digitalen Praktiken in Geomedien (S. 257-277). Insbesondere Crowdmapping und lokative Medienpraktiken werden hierbei als Variablen kultureller Bedeutungsproduktion hinterfragt. Werner Reichmann setzt sich mit der wirtschaftlichen Zukunft als Bild und damit mit Sehgemeinschaften und Denkkollektiven im Sinne Ludwik Flecks auseinander (S. 278-295). Im Schlussbeitrag widmet sich Tanja Maier christlich-religiösen Bildern unter Einbindung des Konzepts der Remediatisierung (S. 296-312). Im abrundenden Ausblick (S. 313-333) bemerken Stephanie Geise und Katharina Lobinger selbstkritisch, „dass sich die Visuelle Kommunikationsforschung bisher nur bedingt an der Entwicklung einer übergeordneten Theorie des Visuellen beteiligt hat“ (S. 327). Der vorliegende Band kann als wichtiger Schritt in diese Richtung gesehen werden. Den beiden Herausgeberinnen ist ein spannender und informativer Band gelungen, der das vorgegebene Thema in seiner Breite abdeckt, sicherlich die Theoriebildung weiter vorantreibt und auf alle Fälle eine Bereicherung für jede Bibliothek zur visuellen Kommunikation darstellt. Thomas Knieper Mark Ludwig / Thomas Schierl / Christian von Sikorski (Hrsg.) Mediated Scandals Gründe, Genese und Folgeeffekte von medialer Skandalberichterstattung Köln: Halem, 2016. – 264 S. ISBN 978-3-86962-202-6 „Aus wissenschaftlicher Sicht ist in einem über die mediale Diskussion einzelner Fälle hinausgehenden Blick zu konstatieren, dass es bisher an einer systematischen, empirischen Aufbereitung, an Grundlagenforschung zur Thematik sowie an einer erweiterten Reflexion der individuellen wie gesellschaftlichen Folgeeffekte und möglichen Dysfunktionalitäten von Skandalberichterstattung weitgehend fehlt“, stellen Mark Ludwig, Thomas Schierl und Christian von Sikorski in ihrem Herausgeberband „Mediated Scandals“ fest. Die zwölf von ihnen zusammengestellten Texte können diese zu Recht monierte Forschungslücke freilich nicht schlie- ßen, aber Impulse für einen erweiterten Fokus der Skandalforschung und ihre Methoden geben – vor allem im Hinblick auf die dysfunktionalen Risiken der Skandalisierung und die Krisenkommunikation. Wie bereits der Titel des Bandes erkennen lässt, bezieht sich das Skandalverständnis der Literatur · Besprechungen 571 Herausgeber auf John B. Thompsons Modell des „Mediated Scandals“, das der britische Soziologe in seinem Grundlagenwerk über politische Skandale ausführlich dargelegt hat. Dieses an Goffmans Interaktionstheorie orientierte Konzept hat im vergangenen Jahrzehnt eine große Anzahl soziologisch geprägter Skandalstudien hervorgebracht. Die zentrale Überlegung Thompsons besteht in der Annahme, dass Skandale nicht unabhängig von Kommunikation existieren, sondern Handlungen erst durch Kommunikation als Skandale ausgewiesen werden. In der modernen, von Medien geprägten Gesellschaft erfolgt dieser Kommunikationsprozess in massenmedialen Öffentlichkeiten. Ohne Medien also kein Skandal. Dieser Zusammenhang wird im ersten Themenkomplex der Publikation zu den Perspektiven der Skandalforschung diskutiert, bevor er im zweiten Teil des Bandes anhand von empirischen Befunden aus der Kommunikator-, Inhalts- und Wirkungsforschung vertieft wird. Mark Ludwig und Thomas Schierl regen in ihrem Beitrag „Mediated Scandals und ihre Folgeeffekte“ die Untersuchung der Auswirkungen von Skandalberichterstattung auf Mikro-, Meso- und Makroebene an. Mark Eisenegger erläutert die diachrone und synchrone Variabilität von Reputations- und Skandalisierungsdynamiken, die aneinander gekoppelt sind, an treffenden Beispielen in seiner Analyse „Negierte Reputation“. Hans Mathias Kepplinger erörtert unter der Überschrift „Warum fühlen sich Skandalisierte auch dann als Opfer der Medien, wenn sie zugeben, was man ihnen vorwirft?“ den interessanten Aspekt, dass die meisten Skandalisierten den Druck der öffentlichen Angriffe nicht aushalten und ihr subjektiv empfundenes Leid durch mediale Thematisierung katalysieren würden. Robert Entman referiert in seiner Betrachtung „Scandal and Silence in the American Political System“ die Produktion von Skandalen in den politischen Netzwerköffentlichkeiten der USA. Natascha Rothers Untersuchung „Journalisten und ihre Rolle im Skandal“ markiert den Auftakt der empirischen Studien im zweiten Teil des Bands, in der das durchaus selbstkritische Verantwortungsbewusstsein von acht Redaktionsleitern deutscher TV-Politikmagazine anhand qualitativer Interviews vorgestellt wird. Simone C. Ehmig reflektiert in ihrem Beitrag „Wie der Alltag zum Skandal wird“ die Entwicklung von Missständen über ihre Skandalisierung zu Skandalen als Empörung in relevanten Teilen der Medien bzw. der Gesellschaft. Sigurd Allern und Ester Pollack stellen die Ergebnisse ihrer Studie zu „Nordic Political Scandals“ in Hinsicht auf ihre Frequenz, Typen und Konsequenzen vor. Besonders ihr inhaltsanalytisches Skandalraster lohnt einen Blick: Sie kategorisieren „inakzeptable persönliche Verhaltensweisen“ (anstößiger Sex, Alkohol am Steuer etc.), die einem Viertel aller untersuchten Skandale zu Grunde liegen, „Machtmissbrauch“, „Talk Scandals“ (durch anstößige öffentliche Äußerungen), „rechtliche Verstöße“ sowie „Mischformen“ aus diesen Typen, die sehr selten in den untersuchten Fällen auftreten. Inga Oelrichs studiert die „Strukturmerkmale der Skandalberichterstattung“ und findet in ihrer unbedingt lesenswerten Inhaltsanalyse skandalspezifische Nachrichtenfaktoren. Christian von Sikorski und Mark Ludwig stellen in ihrem Beitrag „Zur Relevanz und Wirkung visueller Skandalberichterstattung“ die Ergebnisse ihrer experimentellen Untersuchung zur Wirkung von visuellen Nachrichtenframes in personalisierten Skandalfällen vor, die die Informationsverarbeitungsprozesse beeinflussen. In ihrer Betrachtung „(Re-)Framing the News“ zeigen Christian von Sikorski und Maria Hänelt anhand einer weiteren experimentellen Untersuchung, dass ein nutzerimplementierter Nachrichtenframe das Skandalverständnis und die Beurteilung des Skandalisierten manipulieren kann. Stefan Geiss erläutert in seinem Beitrag zur „Vorverurteilung in Skandalen“, wie durch unterschiedliche Krisenreaktionen die Schuldzuschreibungen, Strafforderungen und Vorverurteilungen beeinflusst werden. Schon die Vielfalt der methodischen Ansätze lässt erkennen, dass Skandale ein spannender Untersuchungsgegenstand der Medien- und Kommunikationsforschung darstellt, an dem sich die Veränderungen medialer Öffentlichkeiten hervorragend analysieren lassen. Während der Theorieteil des Herausgeberbands vor allem Einsteigern einen ersten Blick auf das Modell des „Mediated Scandal“ bietet und damit gut in die Skandalforschung einführt, geben die empirischen Studien auch „skandalerfahrenen“ Leserinnen und Lesern gute Anregungen für eine kreativere Erforschung der medialen Skandalberichterstattung und ihrer Folgen. Ein eingehender Blick in diesen gut zusammengestellten Sammelband lohnt deswegen allemal, um die Forschungslücken besser zu füllen. Steffen Burkhardt Literatur Thompson, John B. (2000): Political Scandals. Power and Visibility in the Media Age. Cambridge, Malden: Blackwell. M&K 64. Jahrgang 4/2016 572 Joachim Preusse Bausteine systemtheoretischer PR-Theorie Eine Erkundungsstudie. Köln: Halem, 2016. – 664 S. ISBN 978-3-86962-185-2 (Reihe: Organisationskommunikation; 2) Zugl.: Münster, Univ., Diss., 2013 In seiner Dissertation „Bausteine systemtheoretischer PR-Theorie“ begibt sich Joachim Preusse auf eine Erkundungsreise in systemtheoretische Gefilde. Sein etwas verquer formuliertes Ziel ist es, die „PR-theoretische Forschungslücke des mangelnden oder zumindest optimierungsfähigen Anschlusses der PR- Theorie an die Gesellschaftstheorie exemplarisch am Beispiel der Neueren Systemtheorie“ (S. 18) zu verkleinern. Auf den ersten Blick mag es überraschen, knapp 50 Jahre nach der erstmaligen Anwendung systemtheoretischen Denkens in der deutschen Kommunikationswissenschaft und knapp 40 Jahre nach der ersten systemtheoretischen PR-Theorie lediglich Bausteine einer systemtheoretischen PR-Theorie liefern zu wollen. Dieser Eindruck scheint sich zu bestätigen, da die meisten getroffenen Grundsatzentscheidungen und verwendeten systemtheoretischen Theoriefiguren im einschlägigen Diskurs mittlerweile „alte Bekannte“ sind: von der Verortung der PR als Subsystem über die Legitimationsfunktion und Reflexion bis hin zur Kontextsteuerung. Die Dissertation scheint damit die Vorbehalte derjenigen zu bestätigen, die die x-te systemtheoretische Beschreibung eines Phänomens als „Luhmann- Schütteln“ abtun. Nach dem Lesen der 664 Seiten müssten vermutlich aber selbst Skeptiker einräumen: Joachim Preusse gelingen Erkenntnisgewinne auf ganz unterschiedlichen – auch unerwarteten – Ebenen: Zu den (potenziellen) Profiteuren zählen neben der PR-Forschung im Speziellen und der Kommunikationswissenschaft im Allgemeinen auch das systemtheoretische Projekt und schließlich selbst die PR- Praxis. Ausgangspunkt von Preusses Erkundungsstudie ist die Beobachtung, dass systemtheoretische PR-Theorien bislang das „Potenzial der Systemtheorie für die PR-Theorie noch nicht ausgeschöpft haben“ (S. 18). Die Entscheidung für die Systemtheorie und gegen andere Gesellschaftstheorien ist die erste von drei Setzungen. Joachim Preusses Begründung für diese Setzung ist souverän und wohltuend zugleich: Er „verkämpft“ sich nicht in der Diffamierung konkurrierender Theorien, wie es mitunter in Qualifikationsschriften zu finden ist. Die zweite Setzung besteht in sechs Leitfragen, die den roten Faden seiner Arbeit bilden: die Gründe, die zur Emergenz von PR geführt haben, die Charakterisierung von PR-Entscheidungen, die Bezugsgrößen, auf die sich Steuerungsentscheidungen der PR beziehen, die Rekonstruktion der Umweltsteuerungsversuche der PR, die Beiträge der PR zum Management von Organisationen sowie das Verhältnis der PR zur Gesellschaft. Diese Leitfragen führen zur Auswahl der systemtheoretischen Theoriefiguren als dritter Setzung. Auf die Leitfragen gibt er auf Basis einer intensiven Auseinandersetzung mit vorhandenen systemtheoretischen PR-Theorien und der Neueren Systemtheorie, wie er die Variante nach der autopoietischen Wende bezeichnet, überzeugende Antworten, die mindestens elaborierter sind als bisherige Beschreibungen. So arbeitet er beispielsweise bei den Gründen für PR mit der Hyperkomplexität, Polykontexturalität und Heterarchie diejenigen Merkmale funktional differenzierter Gesellschaft heraus, die zu den organisationalen Problemen des „Beobachtet werden“ und „Beobachten müssen“ und damit zur Emergenz von PR geführt haben. An anderen Stellen gelingt es Joachim Preusse, bislang vernachlässigte Felder kommunikationswissenschaftlicher Forschung zu bearbeiten. So zählen die Begriffe Identität, Image und Reputation zwar seit vielen Jahren zum festen Inventar der (strategischen) Kommunikationsforschung, sie leiden aber häufig unter unterkomplexen Beschreibungen, die eine Abgrenzung zwischen den Konstrukten nur oberflächlich ermöglichen. Auf 100 Seiten betreibt Preusse Grundlagenforschung hierzu, indem er auf Basis von differenzfähigen Beschreibungen der drei Konstrukte einen Bezugsrahmen für Steuerungsentscheidungen der PR entwickelt. Zudem leistet Joachim Preusse einen Beitrag für das systemtheoretische Projekt insgesamt. So arbeitet er einen Vorschlag aus für die von Luhmann selbst weitgehend ausgeblendete und seither intensiv diskutierte Frage, ob eine Organisation einem Funktionssystem als Subsystem zuzuordnen ist oder als Multireferent quer zu Funktionssystemen liegt. Dazu unterscheidet er systemtypische von intersystemischen Organisationen. Während sich systemtypische Organisationen in ihren Selbst- und Fremdbeschreibungen auf ein Funktionssystem festlegen und ihre Entscheidungsprogramme gemäß diesem Leitcode gestalten, verorten sich intersystemische Organisationen selbst in mehreren Teilsystemen und gestalten ihre Programme auch gemäß verschiedener Leitcodes aus. Literatur · Besprechungen 573 En passant zeigt die Argumentation von Joachim Preusse schließlich, was der Mehrwert einer stringenten systemtheoretischen Argumentation für die Kommunikationspraxis sein kann. Dies würde allerdings voraussetzen, dass PR-Praktiker oder anwendungsorientierte Wissenschaftler sich auf die Argumentation einließen und die notwendige Übersetzungsarbeit leisten. Lohnenswert erscheint ein solcher Aufwand beispielsweise bei Preusses Überlegungen zur systemtheoretischen Beobachtungstheorie und ihrem Reflexionsbegriff, aus denen er verschiedene Beobachtungsmöglichkeiten fokaler Organisationen ableitet. Mit seiner Erkundungsstudie ist es Joachim Preusse gelungen, einen langjährigen Diskurs „zusammenzubinden“ und einen deutlichen „Durchdringungsgewinn“ (S. 596) zu erzielen. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es nach Jahren der wechselnden „Theorie-Moden“ – von der Systemtheorie über die Strukturationstheorie bis zum Neo-Institutionalismus – zu einem konstruktiven Nebeneinander bzw. Miteinander verschiedener Theorie-Perspektiven kommt. Denn erst ein solches Nebeneinander überwindet den blinden Fleck einer jeden Theorie, den Preusse am Ende formuliert: „Sichtbar wird in dieser Studie das, was innerhalb des systemtheoretischen Paradigmas sichtbar (gemacht) werden kann; anderes bleibt zwangsläufig ausgeblendet.“ (S. 617) Olaf Hoffjann Nathan Rambukkana (Hrsg.) Hashtag Publics The Power and Politics of Discursive Networks New York: Lang, 2015. – 291 S. ISBN 978-1-4331-2898-1 (Reihe: Digital Formations; 103) Die Idee dieses Buches ist simpel, aber sehr sinnvoll. Das Sammelwerk betrachtet Kommunikationsstrukturen im Web nicht, wie sonst oft, fokussiert auf bestimmte Plattformen (etwa Blogs oder Twitter) oder bezogen auf ein Schwerpunktthema (etwa Politik oder Krisenkommunikation), sondern stellt eine Funktion, die zur Strukturierung von Kommunikation in verschiedenen Umgebungen eingesetzt wird, in den Vordergrund: das Hashtag. Hashtags wurden ursprünglich innerhalb von Twitter von Nutzern eingesetzt, die durch das voranstellen des Symbols # vor ein Wort dieses besonders hervorhoben, um damit den eigentlichen Kommunikationsinhalt auf einer Metaebene zu beschreiben und besser auffindbar zu machen. Inzwischen wurden Hashtags nicht nur von Twitter sondern auch von verschiedenen anderen Online-Plattformen in den Funktionsumfang zur Auszeichnung und Suche nutzergenerierter Inhalte fest integriert. Wie das wiederum das Kommunikationsverhalten beeinflusst und welche verschiedenen Nutzungs- und Interpretationsszenarien sich je nach Kontext inzwischen entwickelt haben, diesen Fragen geht dieses Buch nach. Ausgangs- überlegung ist, dass sich über Hashtags verschiedene Arten von Öffentlichkeiten generieren – die Hashtag Publics. In den 20 Kapiteln (plus Einleitung des Herausgebers) wird schnell deutlich, dass sich die Nutzungsweisen je nach Fall stark voneinander unterscheiden können, und dass auch die Erwartung an die durch Hashtags entstehenden Öffentlichkeiten sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Hashtag kann z. B. von Politike(/inne)n im Wahlkampf gezielt inszeniert werden, um damit ein möglichst breites Publikum zu erreichen; eine Instagram-Nutzerin versieht aber womöglich ihre eigenen Bilder zur persönlichen Organisation mit einem individuellen Hashtag, welches ihrer Vorstellung nach idealerweise von niemandem sonst verwendet werden sollte (s. Kap. 17). Das Buch ist auch für Einsteiger in die Thematik insgesamt leicht zu lesen. Die Kapitel enthalten überwiegend spezifische Fallstudien, denen unterschiedliche wissenschaftliche Herangehensweisen zugrunde liegen. Die meisten verorten sich näher am qualitativen Methodenspektrum und zeichnen sich eher durch thematische Tiefe als durch die Verwendung großer Datensätze (im Sinne von Big Data) aus. Durch die große Bandbreite der Fallstudien (die sich nicht nur thematisch unterscheiden, sondern erfreulicherweise auch in verschiedenen Ländern angesiedelt sind) kann es vorkommen, dass die Erläuterung des jeweiligen Kontexts etwas zu kurz kommt. Die wenigsten Leser(innen) werden wohl gleichermaßen mit Agrarpolitik in Australien (Kap. 61), mit verschiedenen Fachbegriffen zur Beschreibung von Steppdecken (Quilts, Kap. 12), mit Sexismus-Debatten in Deutschland (Kap. 7) und mit der letzten Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien (Kap. 115) vertraut sein. Leider gelingt es nicht allen Autor(inn)en, in den Kontext ihrer jeweiligen Fallstudie ausreichend einzuführen. Das führt beispielsweise dazu, dass man als Leser(in) in Kapitel 14 erst nach einigen Abschnitten Text erfährt, um welche Sportart es hier bei der Untersuchung von Fan-Communities geht, oder dazu, dass man sich in den Kapiteln zu „Realism and #Realness“ (Kap. 11) und „Black M&K 64. Jahrgang 4/2016 574 Twitter“ (Kap. 15 und 16) zunächst selbst mit verschiedenen US-Fernsehformaten oder Fernseh-Prominenten bekannt machen muss. Durch das abgebildete spezifische Detailwissen sind natürlich gerade solche Kapitel als Fallstudien wertvoll und interessant und tragen entscheidend zum Facettenreichtum bei, der als die Hauptleistung dieses Werkes anzusehen ist. Auf Ebene der betrachteten Online-Plattformen ist der Sammelband leider weniger abwechslungsreich, hier dominieren klar Beispiele rund um Twitter. Das ist zwar verständlich, da Hashtags dort auch ihren Ursprung haben, aber auch schade, da Twitter-Studien in der aktuellen wissenschaftlichen Social Media-Literatur bereits sehr stark vertreten sind, während Plattformen wie Instagram oder Tumblr eher selten betrachtet werden. Gerade die Kapitel, die sich letzteren Plattformen zuwenden, überraschen mit spannenden Einblicken in spezifische Nutzungsszenarien. Ebenfalls sehr aufschlussreich sind einzelne Kapitel, die Hashtags über verschiedene Plattformgrenzen hinweg verfolgen, wie etwa die #firstworldproblems in Kapitel 13. In anderen Fällen wird zudem deutlich, wie Hashtags ihren Weg aus der Online- Kommunikation hinaus in verschiedene Alltagsbereiche (z. B. Graffiti, s. Kap. 2) finden. Es ist nicht notwendig, das Buch von vorn bis hinten zu lesen, je nach persönlichem Interesse lassen sich auch einzelne Kapitel auswählen. Mitunter empfiehlt es sich gar, die vorgegebene Reihenfolge zu verlassen und zwischen den Kapiteln zu springen. Die Einteilung der Kapitel in insgesamt vier Sektionen scheint vielversprechend, bei genauerem Lesen finden sich Kapitel mit engerem thematischen Zusammenhang zum Teil jedoch über die Sektionen hinweg (so haben die beiden Kapitel zum Thema „Black Twitter“ sowie das Kapitel 2 über die Proteste in Ferguson bspw. großen Bezug zur Sektion „Hashtags and Activist Publics“, sind aber nicht in dieser einsortiert). Insgesamt vergibt das Buch die Chance, einzelne Fallstudien nicht nur losgelöst voneinander zu präsentieren, sondern auch inhaltlich zueinander in Beziehung zu setzten. In der Einleitung gelingt dies nur wenig. Die Kapitel in der ersten Sektion „Theorizing Hashtag Publics“ liefern zwar anschaulich wesentliche Grundlagen, sind aber auch selbst untereinander zu wenig vernetzt und werden von späteren Kapiteln nicht immer referenziert. Ein abschlie- ßendes Fazit fehlt. So bleibt es den Leser(inne)n in vielen Fällen überlassen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede über die Beispiele hinweg zu identifizieren, etwa das Konfliktpotenzial, wenn ein Hashtag von unterschiedlichen Gruppen beansprucht wird. Insgesamt bietet die Lektüre für Forschende im Bereich Social Media durch die thematische Bandbreite zahlreiche Denkanstöße und für eine breiter gefasste Leserschaft vielfältige Einblicke in die Thematik. Am Ende bleibt jedoch auch die Erkenntnis, dass für ein umfassendes Verständnis von Hashtag Publics über spezifische Fallstudien hinaus noch einige Forschungsarbeit nötig sein wird. Katrin Weller Felix Stalder Kultur der Digitalität Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2016. – 200 S. ISBN 978-3-518-12679-0 (edition suhrkamp; 2679) Angesichts der Komplexität gegenwärtiger medialer Konstellationen bedarf es schon etwas Mut, den großen Wurf zu wagen und die „Kultur der Digitalität“ auf einen Nenner bringen zu wollen. Das Risiko, die Dinge verkürzt und verengt darzustellen, liegt auf der Hand. Und die meisten vermeiden es, indem sie ausschließlich auf bestimmte Aspekte, Entwicklungen oder Gegenstände fokussieren. Allerdings muss man sagen: Der Mut hat sich gelohnt. Der Band von Felix Stalder durchquert sehr unterschiedliche Felder, setzt sie auf teilweise unerwartete Weise zueinander in Beziehung und eröffnet gerade dadurch neue Perspektiven. Der dreigeteilte Aufbau – grob gesagt Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – ist stringent und eingängig. Im ersten Teil werden die „Wege in die Digitalität“ nachgezeichnet, die Voraussetzungen für die gegenwärtige Kultur der Digitalität geschaffen haben. Erfrischender Weise spielt die Technik in dieser Erzählung zunächst eine untergeordnete Rolle. Unter den Stichworten Wissensökonomie, Erosion der Heteronormativität und Postkolonialismus treten stattdessen die Konturen gesellschaftlicher Veränderungen und Kämpfe hervor, die eine erweiterte Teilhabe an kulturellen Aushandlungsprozessen überhaupt erst ermöglichten. Anschließend geht es um die Erweiterung des Felds des Kulturellen, z. B. durch die Etablierung einschlägiger Methoden der kulturellen Produktion wie Appropriation und Rekombination. Das Netz als medientechnische Infrastruktur erlangte, so Stalder, seine heutige Bedeutung vor allem deshalb, weil es just zu einem Zeitpunkt allgemein zugänglich wurde, als diese kulturellen Entwicklungen bereits Literatur · Besprechungen 575 ihren Höhepunkt erreicht hatten. Es schuf einen Handlungsraum, der sowohl kompatibel ist mit neuen gesellschaftlichen Anforderungen an Subjekte als auch mit inzwischen im Mainstream angelangten kulturellen Praktiken, die auf die Ausbildung differenter Identitäten abzielen. Analytisch bringt Stalder im zweiten Teil die Begriffe Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität in Anschlag, um spezifische „Formen der Digitalität“ zu unterscheiden. Referentialität kennzeichnet er als „eine Methode, mit der sich Einzelne in kulturelle Prozesse einschreiben und als Produzenten konstituieren können“ (95). Damit ist ein ad- äquates Niveau der Abstraktion erreicht und der normative Duktus, mit dem neue Möglichkeiten der kulturellen Produktion oftmals diskutiert werden, bleibt aus. Zentral ist zudem die kollektive Dimension – zur Diskussion stehen immer soziale Zusammenhänge. Den Begriff der Gemeinschaftlichkeit verortet Stalder dabei explizit in der Nähe des von Jean Lave und Etienne Wenger geprägten Begriffs „community of practice“ und problematisiert damit die traditionelle Gegenüberstellung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Algorithmizität betrifft schließlich die Art und Weise, wie Maschinen an kulturellen Prozessen beteiligt sind, vor allem, indem sie Ordnungen und Sortierungen vornehmen, deren Kriterien schwer durchschaubar und angreifbar sind und somit neue Formen der Abhängigkeit und Beeinflussung hervorbringen. Der dritte Teil bietet einen Ausblick, indem zwei „Richtungen des Politischen in der Digitalität“ skizziert werden. Im Anschluss an Jacques Rancière und Colin Crouch wird zunächst eine post-demokratische Entwicklungslinie entworfen, bei der Input-Legitimität zunehmend durch Output-Legitimität ersetzt wird. Politisches Handeln und gesellschaftliche Institutionen werden nicht mehr über die ethischen Prinzipien legitimiert, die ihnen zugrunde liegen, sondern durch die Resultate und Vorteile, die sie für bestimmte Gruppen generieren. Ins Visier nimmt Stalder hier insbesondere die kommerziellen Social Media-Plattformen, deren intransparente und unzugängliche Entscheidungsprozesse als Prototyp post-demokratischer Entwicklungen gelten können. Die gegenläufige Entwicklungslinie in Richtung gemeinschaftlich verwalteter Commons wird am Beispiel der Wikipedia und Open Source-Projekten wie der Linux-Distribution Debian veranschaulicht. Diese politische Perspektivierung hätte durchaus mehr Raum verdient. Die Auswahl der Gegenstände eignet sich zwar gut, um die zwei Entwicklungslinien zu illustrieren, aber mit weniger eindeutigen Beispielen hätte man ggf. widersprüchliche Entwicklungen sowie latente Pozentiale und Gefahren noch besser herausarbeiten können. Insgesamt aber überzeugt der Band, weil er drei Qualitäten miteinander verbindet: Die grundlegende soziologische Orientierung sorgt dafür, dass sich die Darstellung nicht in historischen Details verliert – es bestehen keine Hemmungen vor großen Bögen und strukturellen Erklärungen. Die deutliche kulturwissenschaftliche Verankerung sorgt im Gegenzug dafür, dass Probleme der Ästhetik und symbolische Kämpfe nicht aus dem Blickfeld verschwinden, sondern der Fokus konsequent auf Fragen der kulturellen Aushandlung von Bedeutung liegt. Die technische Expertise sorgt schließlich dafür, dass Technik nicht schlicht unter Theorie subsumiert wird und dass die Verschränkungen von Technik und Kultur auch im Detail kompetent analysiert werden. Der Text ist zugänglich und zugleich konzise verfasst, vereinzelt werden Fachbegriffe in den Fußnoten erklärt. In den historischen Abschnitten fühlt man sich stellenweise an den erzählerischen Elan von Adam Curtis erinnert (dessen Dokumentarfilm-Motive an einigen Stellen auch aufgegriffen werden). Insofern ist das Buch sehr gut als Einführung und für ein breites Publikum geeignet. Gleichzeitig enthält es – vor allem durch die Kombination der historischen Stränge und die Relationierung der drei Formen der Digitalität – eine pointierte Synthese gegenwärtiger Debatten zur Digitalität, die im Fachdiskurs zweifellos ihre Spuren hinterlassen wird. Theo Röhle Mathias Weber Der soziale Rezipient Medienrezeption als gemeinschaftliche Identitätsarbeit in Freundeskreisen Jugendlicher Wiesbaden: Springer VS, 2015. – 390 S. ISBN 978-3658-08747-0 Zugl.: Mainz, Univ., Diss., 2015 Der vorgelegte Band stellt die gemeinschaftliche Nutzung von narrativen audiovisuellen Inhalten durch Jugendliche in den Mittelpunkt. Solche Inhalte werden zunächst unabhängig vom Verbreitungsweg aufgefasst und so eben neben Film und Fernsehen auch Videoportale im Internet und Computerspiele mit einbezo- M&K 64. Jahrgang 4/2016 576 gen. Wie der Titel bereits deutlich macht, geht es dem Autor zentral auch um die Bedeutung für die Identitätsarbeit, die im Zusammenhang mit der Anschlusskommunikation und Kommunikation während der gemeinsamen Rezeption in Aushandlungsprozessen in der Peergroup stattfindet. Dass gerade für Jugendliche die gemeinsame Rezeption von, wie auch die Diskussion und Auseinandersetzung mit audiovisuellen Medieninhalten eine große Bedeutung hat, ist bereits bekannt und hat sich, so auch die Ergebnisse der Studie, durch Internet und Social Web nicht wesentlich verändert. In der theoretischen Einbindung geht Weber weit zurück und referiert gängige Modelle um aufzuzeigen, dass der sozialen Gruppe und deren Deutung von Medieninhalten auch für das jeweilige individuelle Verständnis große Bedeutung zukommt. Die Gemeinschaft beeinflusst nicht nur die Medienauswahl (Selektion), sondern auch Rezeption, Bedeutungszuweisung und etwaige Wirkungen – nicht nur bei der gemeinschaftlichen Nutzung. Die gemeinschaftliche Rezeption wird als Vermittlungsebene und Diskussionsforum für die Inhalte der audiovisuellen Inhalte verstanden – auf diese Weise sind die Inhaltsebene und die Rezeptionsebene gekoppelt. Weber arbeitet die theoretischen Diskussionen in diesem Themenfeld systematisch strukturiert, aktuell und gut verständlich auf. In seinem zentralen theoretischen (fünften) Kapitel entwickelt er ein theoretisches Modell, um diese Bausteine zusammenzubringen. Der Fokus auf Jugendliche ergibt sich durch deren intensive Identitätsarbeit und die häufige gemeinsame Rezeption audiovisueller Inhalte, die aber je nach Gruppe (Familie oder Peers) auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Die besondere Bedeutung medialer Inhalte liegt im Bereitstellen von Identitätsentwürfen, die dann im Freundeskreis diskutiert und bewertet werden und so auch Orientierung für eigene Identitätsentwürfe bieten, die zwischen sozialer Anerkennung bzw. Akzeptanz und einem nötigen Grad an Individualisierung innerhalb der Gruppe changieren. Die Auseinandersetzung beispielsweise mit Figuren in den audiovisuellen Angeboten dient der Aushandlung von Individualität und den Modi der Selbstdarstellung in einer innerhalb der Gruppe sozial akzeptierten Form – diese können anhand einer Medienfigur etwa diskutiert werden, wodurch die Individuen entlastet werden. Weber entwickelt ein sehr differenziertes Konzept, da er neben Aspekten der Selektion eben auch die Rezeption und in diesem Zusammenhang die Bedeutung für die Identitätsarbeit und Selbstpräsentation berücksichtigt. Das gelingt ihm überzeugend, kann aber hier nicht en détail vorgestellt werden. Tatsächlich wurde bisher in der Forschung wenig auf die Bedeutung der gemeinschaftlichen Rezeption und damit verbundener Kommunikation und Anschlusskommunikation eingegangen – seltener noch unter Berücksichtigung der komplexen Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Faktoren, wie Weber sie in Betracht zieht und nachzeichnet. Es schließt sich eine zweiteilige empirische Untersuchung an, wobei der erste, qualitative Teil der Ausdifferenzierung und Ergänzung der theoretisch entwickelten Modelle zur Einbindung von Medieninhalten in Freundeskreise Jugendlicher dient. Zunächst wurden mit 19 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren Leitfadeninterviews sowie Gruppendiskussionen in vier realen Freundeskreisen durchgeführt. In einem zweiten Schritt wurden dann quantitativ Daten über einen Online-Fragebogen von 400 Jugendlichen erhoben. Es zeigt sich zunächst, dass Spielfilme weiterhin die wichtigste Rolle bei der solitären wie auch gemeinschaftlichen Rezeption sowie auch hinsichtlich der (Anschluss-)Kommunikation haben. Online-Videoportale und darauf bereitgestellte audiovisuelle Inhalte folgen erst darauf – zumindest für die gemeinschaftliche Nutzung. Bei der individuellen Nutzung liegen die Fernsehserien weiter vorn, über die intensiv kommuniziert wird, die aber eher allein angeschaut werden. Nur selten werden Angebote über den traditionellen Verbreitungsweg Fernsehen rezipiert, sondern vielmehr über verschiedene Online-Dienste oder (weitergegebene) Datenträger. Teilweise werden auch solche Situationen als gemeinschaftliche Nutzung von Angeboten verstanden, bei denen die Individuen gar nicht gemeinsam anwesend sind, sondern etwa über Chat miteinander diskutieren. Als zentrale Motive der gemeinsamen Mediennutzung sind neben der Unterhaltung auch explizit die Integration des Freundeskreises zu nennen; die Interaktion ist dabei wichtiger als die eigentliche Mediennutzung. Es sind vor allem Geschlechterstereotype, die hinsichtlich der Identitätsarbeit wahrgenommen und in der Gruppe diskutiert werden, aber auch milieuspezifische Abgrenzungen („Assi-Fernsehen“, 331). Die Auseinandersetzung mit den Figuren, die zum eigenen Leben in Beziehung gesetzt werden, ist dabei bei der gemeinschaftlichen Nutzung deutlich stärker ausgeprägt als bei der solitären. Die Jugendlichen entwickeln rituelle Formen der gemeinsamen Nutzung und auch der Diskussionen in diesem Kontext. Literatur · Besprechungen 577 Die Ergebnisse der quantitativen Studie unterstützen diese Trends und zeigen etwa auch, dass die Anschlusskommunikation viel häufiger (mehrmals wöchentlich) als die gemeinsame Rezeption (mehrmals monatlich) ist, dass die Auseinandersetzung mit den präsentierten Rollenbildern bei der gemeinschaftlichen Rezeption deutlich intensiver ist und schließlich dadurch auch die eigene Identitätsarbeit im Nachgang erfolgreicher erfolgt – Defizite etwa aufgeholt werden. Das besondere Verdienst des vorliegenden Bandes ist die konsequente Berücksichtigung der komplexen Vorgänge der Identitätsarbeit im Zusammenhang mit der gemeinschaftlichen Rezeption wie der Anschlusskommunikation. Vor allem durch die ersten qualitativen Untersuchungsschritte gelingen wichtige Einblicke in die Lebenswelt der Jugendlichen und deren Auseinandersetzung mit ihren aktuellen Entwicklungsaufgaben im Kontext der Identitätsarbeit und der Bedeutung der medialen Angebote sowie darin enthaltener (vor allem Geschlechter-)Stereotype. Der Band liefert sowohl eine komplexe theoretische Einbindung mitsamt eigenem Theorieentwurf als auch fundierte empirische Befunde qualitativer wie quantitativer Forschung. Sascha Trültzsch-Wijnen M&K 64. Jahrgang 4/2016 578 Massenkommunikation IX Eine Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung 1964-2015 Herausgegeben von Manfred Krupp und Dr. Christian Breunig 2016, 374 S., brosch., 59,– € ISBN 978-3-8487-3581-5 eISBN 978-3-8452-7892-6 (Schriftenreihe Media Perspektiven, Bd. 22) nomos-shop.de/28420 Portofreie Buch-Bestellungen unter www.nomos-shop.de Alle Preise inkl. Mehrwertsteuer eLibrary Nomos Unser Wissenschaftsprogramm ist auch online verfügbar unter: www.nomos-elibrary.de Der Band dokumentiert die Befunde der Befragungswelle 2015 mit einer repräsentativen Stichprobe von 4.300 Personen ab 14 Jahren und analysiert langfristige Entwicklungstrends. Er knüpft damit an die Ergebnisdarstellungen der früheren Wellen an, die – mit Ausnahme der ersten Publikation – in der Schriftenreihe „Media Perspektiven“ erschienen sind.

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References

Zusammenfassung

Medien & Kommunikationswissenschaft bietet ein Forum zur Diskussion medien- und kommunikationsbezogener Fragen sowie für Analysen der Medienentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven und für alle Medien. Medien & Kommunikationswissenschaft spiegelt damit die Trends der Forschung und der öffentlichen Diskussion um die Medien wider. Die Zeitschrift hat einen Jahresumfang von ca. 600 Seiten und enthält Aufsätze, Berichte, Dokumente, Diskussionsbeiträge, Rezensionen sowie eine Zeitschriftenlese und eine Literaturübersicht.

Medien & Kommunikationswissenschaft wendet sich an Wissenschaftler, Journalisten, Medien-Organisationen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film-, Fernseh-, Videoproduktionsunternehmen, Verbände, Lehrer, Pressewesen, Medienpolitiker.

Homepage: www.m-und-k.nomos.de