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Literatur Besprechungen in:

M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, page 119 - 140

M&K, Volume 64 (2016), Issue 1, ISSN: 1615-634X, ISSN online: 1615-634X, https://doi.org/10.5771/1615-634X-2016-1-119

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Besprechungen Florian Mundhenke / Fernando Ramos Arenas / Thomas Wilke (Hrsg.) Mashups Neue Praktiken und Ästhetiken in populären Medienkulturen Wiesbaden: Springer, 2015. – 280 S. ISBN 978-3-658-05752-7 Valie Djordjevic / Leonhard Dobusch (Hrsg.) Generation Remix Zwischen Popkultur und Kunst Berlin: irights media, 2014. – 340 S. ISBN 978-3-944362-02-1 Der vielfältige kreative Umgang mit bestehenden Medieninhalten bildet einen zentralen Bestandteil der Amateurkultur des Internets. Die Initiative „Recht auf Remix“ konstatiert, „dass wir heute in einem ‚Zeitalter des Remix‘ leben.“ (Mundhenke et al., 14) Diese Diagnose legt nahe, sich mit den charakteristischen Erscheinungsformen dieses Zeitalters, mit Remix- Konzepten, den veränderten Produktionsbedingungen, ihren Ästhetiken und Problemen näher zu befassen. Thomas Wilke, einer der Herausgeber des 2015 erschienenen Sammelbandes „Mashups“, konstatiert „Veränderungen in einem veralltäglichten Umgang mit Medienangeboten (...), der nicht mehr auf die Produktion eines kohärenten Sinnangebots setzt, sondern sehr viel stärker auf einen Effekt, der sich aus der Montage, der Kombination, der Transformation und anderem ergibt. Sinnstiftung über ein (mediales) Angebot und Sinnproduktion als Prozess artikulieren sich in konkret beobachtbaren Handlungen und in Diskursen.“ (12) Es zeichnet sich hier aus meiner Sicht eine neue Tendenz der produktiven Aneignung von Medienangeboten ab. „Sogenannte ‚Mashups‘ bringen etwas Unterscheidbares, Heterogenes zusammen, sie verwischen Grenzen und produzieren damit neue. Sie vermischen etwas und produzieren damit möglicherweise eine neue Qualität.“ (Mundhenke et al., 2) Die Herausgeber verstehen Mashups phänomenal und technisch als Kulturtechnik. Das Phänomen medialer Mashups sei erst durch die freie digitale Verfügbarkeit, Speicherbarkeit, Konvertier- und Transformierbarkeit und die selbstverständliche Nutzung von Medienobjekten möglich geworden. Die Diagnose, dem Phänomen fehle es an begrifflicher Schärfe, belegt eine eindrucksvolle Reihung: Online Remix Culture, Read/Write Culture, post digital remix Culture, Remix- Kultur, Cut-up-Kosmos, Sampling Culture, Mashup Culture, User-Generated Culture, Configurable Culture, Referenzkultur, Bastard Culture, Participatory Culture. (Mundhenke et al., 15) Doch die Herausgeber selbst setzen den Trend der Begriffsinnovationen fort: Als Bezeichnung für den Trend literarischer Mashups, die E- und U-Kultur kombinieren (z. B: „Pride and Prejudice and Zombies“), schlägt Thomas Wilke die Bezeichnung „Clash-Up“ vor. (Mundhenke et al., 15) Einen inhaltlichen Schwerpunkt des Bandes bilden medienhistorische Vorläufer aktueller Mashups wie etwa Found Footage Filme, die Vorbilder für Konzepte, Montageverfahren und Erscheinungsbilder liefern. So zeugen bereits frühe Found Footage Filme Henri Storcks oder Bruce Conners wie „A Movie“ (1958) von einem kreativ produktiven Umgang mit Archivmaterial. „Found Footage ist nicht dasselbe wie Archivmaterial (...) Found Footage-Filmemacher tummeln sich in den Grenzbereichen und spielen mal mit der Undeutlichkeit des ephemeren Materials an sich (...), mal mit den subkulturellen Bedeutungen, die in dem ikonischen Material einer Kultur ‚freigelegt‘ werden. Die Herstellung von Found Footage-Filmen ist eine metahistorische Form des Filmemachens. Dabei werden die kulturellen Diskurse und narrativen Strukturen kommentiert, die hinter geschichtlichen Ereignissen liegen.“ (Zyrd 2002) Dabei bleibt die traditionelle Archivfunktion der Verfügbarkeit von Originalen eine Grundlage der Kritik bestehender Inhalte und Darstellungsformen durch Mashups. Zu den weiteren Schwerpunkten der Sammelbandbeiträge zählen veränderte Konzepte von Autorschaft, Formen und Funktionen der Montage, Analysen medialer und kultureller Mashups, ihrer Quellen, ihrer Ästhetik sowie Formen der innovativen Bedeutungskonstruktion. Sonvilla-Weiß etwa problematisiert das Zustandekommen des Neuen, da man sich von Vorstellungen des Autors als Genius löse. Zu den Erscheinungsformen filmischer Materialkompilationen, die in dem Sammelband analysiert werden, zählen auch die Bekennervideos der NSU, das Onlinespiel Twin-Komplex, YouTubePoop-Videos, Kirby Fergusons vierteiliges Video „Everything is a Remix“ und die kreative Aneignung vorhandener Angebote in der interaktiven Rezeption. LITERATUR DOI: 10.5771/1615-634X-2016-1-119 119 In Ergänzung zu aktuellen medientheoretischen Positionen zeigen viele dieser Beiträge, „dass sich in Mashups stets – quasi selbstreferentielle – Verweise auf ihre Medialität finden lassen. Bei medialen Mashups werden mehrere bereits existierende mediale Fragmente miteinander verwoben, verbunden und vermischt.“ (Mundhenke et al., 13) Dies ziehe eine Loslösung von ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen nach sich. Wilke konstatiert eine „spezifische ‚Ästhetik der Oberfläche‘ (...), die es nicht mehr zulässt, Differenzen und Grenzen in der Erscheinung und Verwendung einzelner Elemente wahrzunehmen.“ (Ebd.) Aus der Produktionsperspektive werden unterschiedliche ästhetische Konzepte der Identifizierbarkeit oder Unsichtbarkeit der Verknüpfungen des Materials aus mehreren Quellen thematisiert. Bereits Friedrich Kittler befasste sich mit musikalischen Mashups am Beispiel des Tonbands: „Genau das ist die Funktion des Tonbandgeräts im Sound Processing. Schnitt und Abhörprotokolle machen das Unmanipulierbare so manipulierbar, wie das in den Künsten nur symbolische Ketten gewesen sind.“ (Kittler 1986, 166) Jordan DJ Earworm Roseman aktualisiert diese Position und konstatiert in „Audio Mashup Construction“: „Arguably one of the first new popular music genres of the twenty-first century, mashups are a global phenomenon enjoyed by people of all ages, cultures, and musical preferences.” (Roseman 2006, 1) Musikalische Mashups bilden eine besondere Herausforderung an die Rezeption: „Die visuelle Wahrnehmung einer Differenz ist etwas anderes als eine auditive und noch einmal von einer audiovisuellen Wahrnehmung zu unterscheiden.” (Mundhenke et al., 28) Auch auf der Gestaltungsebene zeigen sich Differenzen. Hans Jürgen Wulff betonte die Bedeutung der „‚Performation der Musik‘, also dem ‚Vollzug der Musik als dominierender Makrostruktur des Textes‘ im Video-Clip als ‚Kern der semantischen Konstruktion‘.“ (Wulff 1989, 2) Bereits konventionelle Musikvideos heben Prinzipien der Narration, der Bilddramaturgie und der ästhetischen Einheit auf. Innovative Mashup-Videoformen finden eine virale Verbreitung, wie etwa Kutimans Thru-You-Projekt „Mother of all funk chords 2009“. (Mundhenke et al., 29) Auch ludische Aspekte tragen zur reflexiven Phänomenanalyse bei: „Mashups sind als ein Spiel zu begreifen, als ein Spiel der Variation und als ein Spiel mit Bedeutungen, die hier vorgängig sind. (...) Mashup-Produzenten nutzen die nun verfügbaren Medien und kombinieren, variieren, transformieren. Jeder Mashup kann nur ereignishaft begriffen werden und es widerstrebt, hier einen schöpferischen Impetus anzusetzen.“ (Mundhenke et al., 35) Die Interaktivität von Produktion und Verbreitung resultiert in einem Prozessmodell: „Bei dem hier diskutierten Verständnis von Mashups handelt es sich demnach um einen parallel ablaufenden Prozess der Auflösung bereits verdichteter medialer Strukturen. Mashups konstituieren sich performativ und aus einer sich veralltäglichenden Praxis.“ (Mundhenke et al., 36) Als kontinuierlicher Prozess tritt die Mashup-Produktion und -Rezeption an die Stelle ursprünglicher kultureller Auffassungen von Kunstwerkkonzepten. „So wie die Macher gerade von auditiven und audiovisuellen Mashups sich der bestehenden Medien als Quellen bedienen, so stellen sie ihre Ergebnisse ebenfalls wieder offen zur Verfügung, zur Diskussion, zur Rezeption und zur Weiterverarbeitung. Ursprungskontexte werden nicht nur ignoriert, sondern auch als unproblematisch verhandelt. Was zählt, ist der Effekt, der sich aus dem performativen Zusammenspiel der heterogenen Faktoren ergibt und ohne das entsprechende Kontextwissen als Effekt zwar unterhaltsam ist, aber substanzlos bleibt.“ (Mundhenke et al., 37) Durch die thematische Bandbreite der Beiträge und die unterschiedlichen theoretischen und analytischen Perspektiven bildet der Sammelband von Mundhenke, Arenas und Wilke einen wichtigen Beitrag für die Mashup-Forschung. Im Unterschied zum Sammelband von Mundhenke et al. verwenden Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch in ihrem Band „Generation Remix. Zwischen Popkultur und Kunst“ den Remix-Begriff, um sowohl akustische als auch visuelle Verfahren zu erfassen und in Gesprächen die Vorstellungen von KünstlerInnen und JuristInnen vorzustellen. Doch eint beide Bände die Diagnose, dass sich derzeit Remix zu einem Massenphänomen entwickelt habe. Dies stehe im Kontext der Abkehr von zentralistischen Kunstproduktionen zugunsten einer kreativen und öffentlichen Interaktion mit Kulturgütern. (Djordjevic / Dobusch 2014, 9) „Generation Remix“ folgt einem dialogischen Prinzip. Theoretisch, historisch oder analytisch ausgerichtete Texte ergänzen Interviews und Statements von Video-KünstlerInnen oder DJs. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bilden rechtliche Probleme der unterschiedlichen Remixverfahren, die die künstlerische Produktion einschränken oder gar nicht erst zustande kommen lassen. Die Interviews verdeutlichen die Vielfalt des kreativen Um- M&K 64. Jahrgang 1/2016 120 gangs mit bestehenden Materialien. Sie zeugen aber auch von der Notwendigkeit, alte Kategorien wie bspw. „Innovation“ angesichts aktueller Veränderungen der digitalen Kultur und ihrer spezifischen Produktionsbedingungen neu zu überdenken. Beide Sammelbände ergänzen sich, da bei der Lektüre wissenschaftliche Untersuchungen in einen produktiven Dialog mit künstlerischen Reflexionen treten. Joan Kristin Bleicher Literatur Kittler, Friedrich (1986), Grammophon Film Typewriter. Brinkmann & Bose, Berlin, S. 166-169. Roseman, Jordan DJ Earworm (2006), Audio Mashup, Construction Kit. Wiley, New York. Wulff, Hans Jürgen (1989), Die Ordnungen der Bilderflut: Konstellationen medialer Kommunikation als strukturbildendes Prinzip in Performance-Videos. In: Rundfunk und Fernsehen 37,4, 1989, S. 435-446. Zyrd, Michael (2002), Found Footage – Film als diskursive Metageschichte. Craig Baldwins Tribulation 99. In: Montage AV 11,1, S. 113-133. Matthias Brändli Die Online-Kommunikation von politischen Interessengruppen in der Schweiz Bedeutung, Einsatz und Veränderungen der Organisationsstrukturen Köln: Halem, 2015. – 395 S. ISBN 978-3-86962-171-5 (Neue Schriften zur Online-Forschung; 13) Die empirische Studie beschäftigt sich mit dem Kommunikationsverhalten von schweizerischen Interessengruppen im Onlinebereich. Dabei fokussiert sie besonders auf die verwendeten Instrumente und deren Bedeutung für die jeweilige Organisation, intervenierende externe und interne Faktoren und die mögliche Integration dieser neuen Kommunikationsform in bestehende Organisationsstrukturen. Der Fokus liegt auf politischen Interessengruppen, wobei das thematische Spektrum dieser hierbei weit gefasst ist und z. B. Gesundheit, soziales Leben, Religion und Weltanschauung beinhaltet. Das Buch gliedert sich in neun Abschnitte. Nach einer knapp gehaltenen Einleitung wird im 2. Abschnitt in den theoretischen Hintergrund eingeführt. Dieser umfasst die Literatur zu Charakteristika und Positionen von Interessengruppen im intermediären System der Interessenvermittlung und leitet dann zu dem speziellen Fall der politischen Interessengruppen über. Es folgen Unterabschnitte über Online-Kommunikation und deren Anwendung durch politische Interessengruppen. Der 3. Abschnitt legt den Forschungsstand zur Online- Kommunikation von politischen Interessengruppen noch einmal gebündelt dar und der 4. Abschnitt stellt die zu bearbeitenden Hypothesen vor. Das methodische Vorgehen mittels quantitativer Online-Befragung der Organisationen und teilstandardisierter Leitfadeninterviews mit ausgesuchten Interessengruppen wird in Abschnitt 5 vorgestellt. Abschnitt 6 und Abschnitt 7 umfassen die empirischen Ergebnisse: Der 6. Abschnitt zeigt sowohl deskriptive als auch statistische Ergebnisse der quantitativen Onlinebefragung, meist in Kreuztabellen und Regressionsanalysen aufbereitet; der 7. Abschnitt die Ergebnisse der teilstandardisierten Leitfadeninterviews, oft unterlegt mit Zitaten. Im 8. Abschnitt werden die jeweiligen Ergebnisse und Hypothesen diskutiert und in die verwendete Literatur eingeordnet. Den 9. und letzten Abschnitt bildet ein kurzes Fazit mit einem Ausblick auf weitere Forschung. Die zentralen Ergebnisse der Arbeit sind, dass die Online-Kommunikation eine hohe Bedeutung hat, aber ihren Platz als ein Instrument unter vielen einnimmt. Die intervenierenden externen und internen Faktoren unterscheiden sich je nach Organisationskontext, da das Sample der politischen Interessengruppen in ihren Ausrichtungen und Zielen sehr heterogen ausgerichtet ist. Allerdings lässt sich allgemein feststellen, dass die politischen Interessengruppen zwischen dem Aufwand der Online-Kommunikation und den Kosten abwägen, dass einzelne Personen, die die Online-Kommunikation innerhalb der Organisation vorantreiben, für die Nutzung der neuen Kommunikationsform von Bedeutung sind und dass die politische Aktivität und der Status der Organisation ebenfalls eine Rolle spielen. Die Veränderungen der Strukturen schätzt Brändli als gering ein, da z. B. nur in großen Organisationen für die Aufgabe der Online-Kommunikation neues Personal eingestellt wurde. Eine Veränderung sei eher in der Einschätzung der Bedeutung der Online-Kommunikation zu beobachten. Eine Stärke ist die Anlage der Studie und das umfassende Sample. Brändli hat eine Vollerhebung aller schweizerischen politischen Interessengruppen versucht und nicht von vornherein prominente Fälle ausgewählt, sodass ein Selektionseffekt vermieden wurde. So hat Brändli nach einem bemerkenswerten Rücklauf von 40 % der versendeten Fragebögen insgesamt Literatur · Besprechungen 121 875 schweizerische politische Interessengruppen aus unterschiedlichen thematischen Kontexten untersucht. Hervorzuheben ist die sehr ausführliche und transparente Darstellung der verwendeten Methodiken. Sowohl für die quantitative Online- Befragung als auch für die teilstandardisierten Leitfadeninterviews wird das Instrument für den Leser Schritt für Schritt entwickelt (z. B. die Auswahl der Fälle) und auch auf Schwierigkeiten und den Umgang mit diesen eingegangen. Diese ausführliche Darstellung setzt sich in der Analyse der Hypothesen fort. Eine Stärke des Buches ist ebenfalls die stringente Darstellung der Theorie und auch der Ergebnisse. Jedes Kapitel ist klar strukturiert, und die Ergebnisse bauen so aufeinander auf, dass sich der Analyse leicht folgen lässt. Die Trennung der Darstellung nach den einzelnen Methoden ist hier als ein Vorteil zu sehen. Allerdings kommt die theoretische Verquickung der Ergebnisse, die sich aus den beiden Methodiken ergibt, dabei streckenweise zu kurz. Was nicht deutlich wird, ist die Relevanz von schweizerischen politischen Interessengruppen für einen größeren Kontext. Die Schweiz stellt durch die Gegebenheiten des politischen Systems (z. B. direkte Demokratie, Volksinitiative und Referenden als Instrumente von Interessengruppen) einen Sonderfall dar, dessen Relevanz deutlicher hätte aufgearbeitet werden können. Brändli stellt viele Hypothesen auf, die im Abschnitt zum Forschungsstand allerdings nur zum Teil erläutert und in die in den ersten Kapiteln vorgestellte Literatur eingearbeitet werden. Da die Hypothesen sehr kleinteilig aufgestellt wurden, fragt sich, ob diese Masse für die Beantwortung der Forschungsfragen tatsächlich nötig ist. Die einzelnen Hypothesen werden im Verlauf des Bandes nur kurz aufgegriffen, da überwiegend mit den übergeordneten Forschungsfragen gearbeitet wird, was diesen Eindruck verstärkt. Am Ende der umfangreichen Studie stehen viele kleinteilige Ergebnisse, die Brändli im Fazit wieder zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt. Brändli hat eine Studie vorgelegt, die sich zwar mit der Schweiz als „Sonderfall“ hinsichtlich des Kontextes für politische Interessengruppen befasst, aber deren Anlage und Ergebnisse weitreichender sind und als Vorlage für weitere Studien dienen können. Eine Anwendung der Studie auf weitere Länderkontexte wäre wünschenswert. Jessica Kunert Steffen Burkhardt Medienskandale Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse Köln: Halem, 2015, 2. überarb. und erg. Aufl. – 482 S. ISBN 978-3-86962-163-0 Die öffentliche Austragung moralischer Deutungskämpfe begleitet die Menschen schon seit der Antike. Doch erst die modernen Massenmedien gebaren eine neue Art von Skandal: den Medienskandal als Konstrukt der medialen Kommunikation und Produkt der journalistischen Berichterstattung. An dieser Diagnose hält Steffen Burkhardt in der überarbeiteten und ergänzten Zweitauflage seiner Dissertation auch knapp zehn Jahre nach deren Erstveröffentlichung fest. Medienskandale registriert Burkhardt seit der Erfindung des Buchdrucks: Gestern wie heute wohne ihnen als „zentrales, historisch gewachsenes Kommunikationskonzept zur öffentlichen Aushandlung von Moral“ (S. 382) eine „moralische Sprengkraft“ (so heißt es schon im Titel) inne, die beim Ringen um Autorität, Einfluss und Herrschaft in Politik, Wirtschaft, Religion und Kultur eine entscheidende Rolle spiele. Das Buch fußt in Anlehnung an John B. Thompson auf einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen nicht-medialen Skandalen, die in lokalen und organisierten Öffentlichkeiten mittlerer Reichweite durch räumliche und zeitliche Präsenz sowie direkte Kommunikation gekennzeichnet sind, und Medienskandalen, die in komplexen Öffentlichkeiten in und von Massenmedien konstruiert werden. In angemessener Ausführlichkeit widmet sich Burkhardt der Begriffsgeschichte, den Voraussetzungen, gesellschaftlichen Funktionskontexten und Akteursgruppen der Skandalisierung. Moral als kollektiver Bezugsrahmen für Werteorientierungen und binäres Unterscheidungsschema zwischen „Gut“ und „Böse“ bzw. „Richtig“ und „Falsch“ ist für Burkhardt eine Schlüsselkategorie bei der Untersuchung von Medienskandalen. Der moralische Imperativ erweist sich bei der Skandalisierung als wichtig(st)e Triebfeder. Verblüffenderweise bleibt aber Friedrich Nietzsches „Genealogie der Moral“ in Burkhardts „Codierung der Moralsphäre“ (Kap. 7.4) ungenannt. Der Autor knüpft seinen Medienbegriff eng an den Journalismus als „Produktionsort des Medienskandals“ (S. 53) und „diskursstrukturierendes Regelsystem“ (S. 29). Seine Modellierung erfolgt deshalb auch im Anschluss an das M&K 64. Jahrgang 1/2016 122 von Siegfried Weischenberg entwickelte und als „Zwiebelmodell“ bekannt gewordene Ordnungsprinzip des Journalismus, mit dessen Hilfe er Normen-, Struktur-, Funktions- und Rollenkontexte auf Ebene der Mediensysteme, Medieninstitutionen, Medienaussagen und Medienakteure unterscheidet und mit Blick auf die Entwicklung von Medienskandalen miteinander in Beziehung setzt. Die augenscheinlich unvermindert hohe Frequenz medialer Skandalisierung bei bestimmten Anlässen und ihr Ausbleiben in anderen Fällen unterstreicht auch weiterhin die wissenschaftliche Dringlichkeit, sich mit den zugrundeliegenden Motiven, Mechanismen und Mustern sowohl erkenntnistheoretisch als auch empirisch-analytisch auseinanderzusetzen. Burkhardt verfolgt sein Ziel der Herausarbeitung eines Modells zur systematischen Erforschung von Medienskandalen auf der Grundlage eines breiten, aufeinander aufbauenden Theorierepertoires, das verschiedene Zugänge vereint. Die Modellierung des „Skandalons als publizistischen Brandsatz“ (S. 377ff.) erfolgt bei Burkhardt aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus (nach Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld und Siegfried J. Schmidt) und der funktionalen Systemtheorie (nach Niklas Luhmann). Sie umfasst zudem eine detaillierte wissenssoziologische Diskursanalyse, mit deren Hilfe die Phasen, narrativen Strukturen und Thematisierungsstrategien von Medienskandalen am Beispiel der Berichterstattung über die Kokain- und Prostituiertenaffäre um den Politiker und Publizisten Michel Friedman aus dem Jahre 2003 rekonstruiert werden. Burkhardts Grundlagenarbeit ist weiterhin relevant und bietet eine Menge Anknüpfungspunkte für die Folgeforschung. Doch versäumt es der Autor, die für ihn unstrittige Rolle des Journalismus als „Gatekeeper“ (S. 122) im Lichte der aktuellen Transformation der öffentlichen Kommunikation mit mehr als nur schlaglichtartigen Beispielen zu verteidigen. Zwar erkennt Burkhardt einen wachsenden Einfluss von Amateuren „auf die massenmediale Deutung von behaupteten Normverletzungen“ an, weist moralisierender Laienkommunikation jedoch eine eingeschränkte Bedeutung für die Folgen von Skandalisierung zu: Ohne journalistische Berichterstattung würde die Empörung der Vielen „verpuffen“, sich „versenden“ (S. 15-16). Dass der gesellschaftliche Diskurs weiterhin beständig auf den Grundfesten des Journalismus, seiner Institutionen, seines Berufsbildes und – ganz wesentlich – seiner stabilen kommunikativen Beziehung zum (dispersen) Publikum fußt, darf bereits heute in Bezug auf die Mediennutzung junger Alterskohorten zumindest tendenziell in Frage gestellt werden. Nicht-öffentliche Normverstöße können unter den Vorzeichen von Social Media, Blogosphäre und „Produsern“ als neuen Agenten einer stark fragmentierten Öffentlichkeit auch ohne journalistische Beteiligung zu öffentlichen Normverstößen werden. Symbolisches und soziales Kapital kann in der „digitalen Mediapolis“ auch ohne Mitwirkung des Journalismus zerstört, umverteilt und wieder zurückgewonnen werden. Als entscheidend mag hier sowohl die Veränderung des Öffentlichkeitsbegriffs gelten als auch der Wandel der Mediennutzung und Medienaneignung im Zuge voranschreitender Meta-Prozesse wie Mediatisierung, Globalisierung, Kommerzialisierung oder Individualisierung. Es ist eine offene Forschungsfrage, wie die drohende Marginalisierung des Journalismus nicht nur durch die Verbreitung alternativer Arten der Berichterstattung begleitet und möglicherweise auch verursacht wird, sondern ob auch veränderte Formen und Mechanismen der Skandalisierung entstehen. Mit Blick auf die Empörungsdynamiken moralischer Laienkommunikation, die zwischenzeitlich in den (Netz-) Öffentlichkeiten an Präsenz zugenommen und möglicherweise auch an Relevanz für die gesellschaftliche Selbstverständigung gewonnen haben, hätte die Überarbeitung und Ergänzung eines Buches zu Medienskandalen und ihrer moralischen Aushandlung erwarten lassen, dass hier nicht nur punktuell und z. T. auch nur als Anspielung Guttenplag, Snowden oder #Aufschrei Erwähnung finden, um daraus zugleich die Rolle des Journalismus als Transmissionsriemen sozialer Leitcodes abzuleiten. Die bleibende „Diskurshoheit“ (S. 139) des Journalismus bei der Skandalisierung bleibt eine bloße Behauptung, wenn nicht differenziert auf diese grundlegenden Transformationsprozesse eingegangen wird. Dagegen zeigen diese und viele weitere Anlässe der Empörung in den sozialen Medien, wie neue Akteurskonstellationen und Kommunikationsformen die öffentliche Kommunikation prägen und sich dadurch auch diskursive Macht verändert. Burkhardt erkennt am Rande an, dass der Journalismus in „,Gegenöffentlichkeiten’ im Social Web“ (S. 161) seine Inszenierungshoheit einbüße. Wünschenswert gewesen wäre aber eine systematischere Auseinandersetzung mit den doch deutlich komplexeren Interdependenzen kommunikativer Konstruktionsprozesse vor dem Hintergrund des zusammenhängenden Wandels von Medien, Kultur und Gesellschaft. Dies sind hochaktuelle Grundsatzfragen, die Literatur · Besprechungen 123 die Skandalforschung mindestens ebenso lange beschäftigen werden wie die Kommunikationsund Medienforschung insgesamt. Leif Kramp Gundolf S. Freyermuth Games | Game Design | Game Studies Eine Einführung Bielefeld: transcript, 2015. – 277 S. ISBN 978-3-8376-2982-8 (Edition Medienwissenschaft; 19) Die mit Emphase vorgetragene Argumentation, dass Computerspiele immer mehr zu den Selbstverständlichkeiten populärer, kultureller und/oder ökonomischer Diskurse gehören, ist eine wiederkehrende Figur zur Eröffnung von Texten und Büchern über Games. Die Figur der Nobilitierung, so scheint es, wird den Gegenstand und die mit ihm befassten Protagonisten noch eine Weile nicht loslassen. Die Relevanz von (digitalen) Spielen für unsere Kultur (und Wirtschaft) zu betonen, wirkt angesichts deren allein schon auf Ebene des Quantitativen un- übersehbaren Relevanz seltsam verschoben. Die Frage nach „Nobilitierungsstrategien“ ist also insofern vielleicht gar nicht mehr an den Gegenstand selbst, sondern vielmehr an die durch den Gegenstand evozierten Begleitdiskurse zu richten. Sind die zahlreichen jüngst erschienenen Bücher, die einführend oder im Überblick, im Sinne von Handbüchern oder Lehr-Kompendium versuchen die (deutschsprachigen) game studies zu deklinieren nicht letztlich vielmehr Nobilitierungen für eine akademisch betriebene Beschäftigung mit Computerspielen? „Wo Handbuch, wo Einführung – da Studiengang, Lehrstuhl und DFG-Drittmittel“ scheint die Parole zu sein. Zu verdenken ist es nicht. Aber das „Herbeischreiben“ konsistenter akademischer Raster wird nicht immer dem Gegenstand und seiner Reflexion gerecht. Grundsätzlich ist an solche Bücher die Frage zu richten, inwieweit der innewohnende Anspruch an Vollständigkeit und Konsistenz zielführend ist. Die Behauptung, ein Überblickswerk geschaffen zu haben, impliziert, dass entweder der Diskurs oder der Gegenstand über den hier Auskunft gegeben werden soll, ausdifferenziert und als Objekt greifbar ist. Oder aber, dass ein spezifischer theoretisch-reflektorischer Rahmen (im Sinne einer methodischen oder theoretischen Setzung) einen eher diffusen und unscharfen Gegenstand klarer hervorbringen soll. Das vorliegende Buch von Gundolf Freyermuth geht hierbei sicherlich tendenziell den zweiten Weg. Es gelingt dem Autor zwar einerseits, den Überblickscharakter zu intendieren und zu wahren, andererseits sucht er aber durch eine bestimmte Schwerpunktsetzung, die Probleme eines Überblickswerks zu vermeiden. Das Buch fokussiert insofern auf eine Trias der Darstellung: nämlich die Fragen (erstens) wie die Computerspiele im Sinne einer historischen Dimension zu dem wurden, was sie aktuell sind, wie sie sich (zweitens) im Sinne einer Fokussierung auf das Feld des Designs als handwerklich-künstlerische Produkte konturieren und wie sich (drittens) im Sinne einer reflektorischen Dimension die theoretisch-akademische Beschäftigung mit dem Spiel entwickelt hat. Zusammengehalten wird das Argument also (zumindest in Teilen) über den Begriff des Designs – orientiert an der Figur des design thinking. Hier folgt das Buch denn auch einer angloamerikanischen Tradition, die sich – über das Design kommend – auch im Sinne einer „künstlerischen Forschung“ (218f.) den Gegenstand erschließt. Die hier notorische Jane Mc- Gonigal wird – begrüßenswerterweise – jedoch nicht als Kronzeugin angeführt. Es ist diese Schwerpunktsetzung, die das Buch für den Diskurs relevant macht: Steht es doch deutlich gegen eine (vorrangig deutschsprachige) akademische Tradition, die Design (in stupender Negation beispielsweise der Bauhaus-Tradition) lediglich als eine Art „handwerkliche Praxis“, nicht jedoch als theoretisch-reflektierenden Prozess begreift. Das im Buch relativ zentral beschriebene Schisma zwischen Gamedesign und Gametheorie (203ff.) ist folgerichtig eine der größten Herausforderungen der game studies (214). Problematisch wird das Buch allerdings an den Stellen, an denen die Linie dieses Arguments verlassen wird. Die weiten Strecken, in denen die Geschichte der „Spielevolution“ als eine Abfolge epistemischer Figuren, die sich in 20-Jahren-Schritten ablösen oder in denen die Ausdifferenzierung der game studies als disziplinär klar zuzuordnende und von wiederholten Schismen („ludology vs. narratology!“) gekennzeichnete Wissenschaftsdynamik rekonstruiert werden, haben dann eher eine Tendenz zur Homogenisierung, wie sie Überblickswerke erster Kategorie (zumeist nachteilig) kennzeichnen. Hier vergibt der Autor die Chance, aus den zahlreichen vorliegenden Einzeldarstellungen genau das herauszuarbeiten, was Gegenstand und Diskurs ausmachen: ein eher un- überschaubares Emergieren von Technologien, Diskursen und Praktiken, die sich um das (leere) Zentrum einer Handlungspraktik anordnen: M&K 64. Jahrgang 1/2016 124 dem Spiel(en). Wenn als eine Art Zwischenspiel (117-147) Verhältnis von Spiel und Kino ausgelotet wird, so erscheint dies paradigmatisch für diesen Eindruck: Die Komplexität „remedialisierender“ Dynamiken im Computerspiel wird zugunsten eines (leitmedialen) Medienwechsels reduziert – die produktiv zu diskutierende Frage nach dem Gewinn eines Vergleichs inkommensurabler Gegenstände (die differenzierten Gegenstände treten scharf hervor) ist um den Preis erkauft, das Spiel in der Genealogie als Verlängerung zu rekonstruieren, wo man im Wort eigentlich die Eigenständigkeit betont (147). Wie überhaupt an vielen Stellen die Teile des Buches, die sich auf Überblicksdarstellungen konzentrieren, den einem solchen Darstellungsmodus innewohnenden Problemen aufsitzen: die notwendigen Reduktionen und Komprimierungen. Das in einem solchen Sinn dann ein Argument von Norbert Bolz in einem Satz mit einem von Martin Heidegger synthetisiert erscheint (165), ist lässlich, ebenso der durchgängige Impuls zur Taxonomie, Systematisierung und Verschlagwortung (die Konjunktur des Präfix „hyper-“ ermüdet den Rezensenten allerdings ab der „Hyperimmersion“ (113)). Wünschenswert wäre allerdings gewesen, an mancher Stelle die knappen Darstellungen wenigstens mit einem (differenzierenden) Fußnoten- bzw. Quellenapparat zu versehen. Der „wissenschaftstheoretische“ Grundlagenteil des Buches, der für die (Design-)Argumentation letztlich eine relevante Grundlage legt, kommt ohne Quellen aus (191f.) und allzu oft werden wichtige und relevante Debatten lediglich mit einem Verweis auf einen weiteren Freyermuth-Text versehen (exemplarisch: 90). Problematisch wird dies jedoch an den Stellen, an denen zentrale Belange des Gegenstands/Fachs verhandelt werden. So spielt beispielsweise die recht produktive Frage, ob deutschsprachige game studies ihre „Imprägnierung“ durch den spezifischen Zuschnitt deutscher Medienforschung erhalten haben, keine Rolle. Das Buch binnendifferenziert zwar recht radikal in sozial- und geisteswissenschaftliche Forschungstraditionen (203ff.), ohne jedoch auf den Einsatz kommunikations- oder medienwissenschaftlicher Traditionen abzuheben. Wie überhaupt poststrukturalistische, medien- oder diskursphilosophische Positionen, die in Europa doch einen gewissen Anteil am Diskurs haben, kaum Darstellung und Nachklang finden. Das Buch orientiert sich eher am amerikanischen Diskurs (und erscheint auch konsequenterweise fast zeitgleich auf Englisch) – versucht aber diese Forschungstradition in homogenisierter Darstellung auch zum Status Quo deutschsprachiger game studies zu machen. Und hier liegt dann womöglich die eigentliche Krux: Dass nämlich der eigentlich löbliche Appendix des Buches, der über die konkreten Umsetzungen in Ausbildung und Akademisierung nachdenkt, konkrete Vorschläge unterbreitet und Desiderate benennt (239-250), letztlich ohne Rückbindung in die Spezifik deutschsprachiger Wissenschaftstradition latent infunktional klingt. Rolf F. Nohr Jordan Frith Smartphones as Locative Media Cambridge: Polity Press, 2015. – 182 S. ISBN 978-0-7456-8501-4 (Digital Media and Society Series) Cyberspace ist nach einem John Perry Barlow zugeschriebenen Diktum „where you are when you’re talking on the telephone“ (Rucker et al. 1992: 78). Wie ergiebig diese Sicht zu Zeiten internetbasierter Mobilkommunikation noch ist, hinterfragt Jordan Frith in seiner Monographie „Smartphones as Locative Media“. Sollten wir einen Touristen, der sich die schönsten Biergärten der Umgebung auf dem iPhone anzeigen lässt, einfach im Cyberspace verorten oder in München oder in einem komplexen Geflecht aus beiden? Wie wirkt der Aufenthaltsort sich auf die mobile Mediennutzung aus – und umgekehrt? Diese Fragen sind für die Kommunikationswissenschaft bedeutender als die derzeit damit verbundenen Nutzungsszenarien es erscheinen lassen. Tatsächlich hat die Onlineforschung Verflechtungen des digitalen Erlebnisraums der Mediennutzung mit dem physischen Umfeld der Nutzungssituation über lange Zeit vernachlässigt oder einseitig betrachtet. Wenn man sich etwa für das Erleben von Präsenz interessierte, dann ging es gerade nicht um die Präsenz am Aufenthaltsort. Oder man betrachtete mobile Medien nur als Störfaktor, der Nutzer den kognitiven Tücken des Multitasking aussetzt und sozialen Rahmenkonflikten im Umgang mit kopräsenten Anderen. Wenn wir heute mobile Medien verwenden, dann sollen sie das Vor-Ort-Sein aber häufig aktiv steigern. Sei es, indem sie das nötige Wissen zur Bewältigung komplexer Situationen bereitstellen (von Navigationsanweisungen bis zum Briefing über den Plot eines anstehenden Theaterstücks), indem sie uns im Smalltalk mit Literatur · Besprechungen 125 Gesprächsstoff versorgen (durch „breaking news“ oder Kinderfotos) oder uns in ganz konkreten Interaktionen mit dem Umfeld zuarbeiten (von der Ticketkontrolle bis zur Abwicklung einer Taxifahrt). Das Buch bietet eine umfassende Beschreibung und Erklärung dieses konstruktiven Zusammenwirkens von mobilen Medien und räumlichem Umfeld am Beispiel von Nutzungspraktiken des Smartphones. Im grundlegenden Theoriekapitel zeichnet Frith die paradigmatische Wendung der Sozialund Geisteswissenschaften nach, durch die ortsbasierte Medien überhaupt in deren Blickfeld gelangen konnten, insbesondere den „spatial turn“ und den daran anknüpfenden „mobilities turn“. Der Dialektik der (physischen vs. virtuellen) Räume stellt er das hybride Raumkonzept Adriana de Souza e Silvas (2006) entgegen. Hybride Räume entstehen demnach, wenn soziale Beziehungen, digitale Informationen und physische Räume im Erleben der Nutzer mobiler Kommunikationstechniken ein gemeinsames Ganzes ausmachen. Dies führt Frith anhand von Nutzungspraktiken verschiedener Typen Smartphone-basierter Dienste aus. Dazu gehören Angebote zur Navigation (Google Maps, Waze) und zum Social Networking (Foursquare, Tinder, aber auch Facebook), aber auch spielerische Apps, die zu kreativen Aneignungsformen von Räumen anstiften, wie etwa „Fog of War“, das den alltäglichen Ortswechsel als Entdeckungsprozess inszeniert. Der Überblick vollendet sich in deskriptiven Kapiteln zu den technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ortsbasierter Dienste und einem knappen Exkurs zur Problematik der Privatheit. So wird das Buch ganz dem Anspruch der „Digital Media and Society Series“ von Polity Press gerecht, den öffentlichen Debatten um aktuelle Erscheinungsformen digitaler Medien eine sozialwissenschaftlich informierte Einordnung entgegenzustellen. Auch das didaktische Versprechen, für die Lehre mit unteren Semestern zugänglich zu bleiben, löst das Buch durch kleinschrittige Ausführungen und regelmäßige Zusammenfassungen ein. Zu seinem Reiz gehört, dass Jonathan Frith ein junger Protagonist der beschriebenen Forschung ist. Seine Ausführungen sind getränkt von eigener Empirie und dem unmittelbaren Austausch einer lebhaften Forschercommunity. Diese Nähe hat freilich einen Preis. So wird Frith in der Einführung des Konzepts von „Hybrid Spaces“ der „herkömmlichen“ Forschung nicht immer gerecht, die „Cyberspace“ eher als parallel oder antagonistisch zum physischen Raum betrachtet. Indem er als deren Vertreter Nicholas Negroponte und Sherry Turkle bespricht, vergreift er sich an Strohmann-Argumenten. Er vergibt so Platz für einen konstruktiven Dialog mit einem wichtigen Teil des Forschungsstands. Dabei bieten sich viele Anknüpfungspunkte, und in der Empirie ist für beide Perspektiven Raum. Smartphones werden weiterhin dringende Fragen etwa nach Rahmenkonflikten und Multitasking aufwerfen – daran erinnern täglich allein schon viele smartphonebedingte Autounfälle. Umgekehrt mag zwar die Auswahl der im Buch behandelten Apps Fragen zur Relevanz ortsbasierter Mobilkommunikation aufwerfen. Wie Foursquare, Dodgeball und Gowalla sind viele davon schon heute geschlossen oder dem Untergang geweiht, und ihre Nutzerschaft beschränkt sich oft auf eine junge urbane Bevölkerung, die in den hybriden Räumen ihre Identität auslotet. Aber auch diese Kritik greift zu kurz, weil die Nutzungspraktiken medialer Innovationen stets im Zuge ihrer Verbreitung über die frühen Übernehmer hinaus reifen. Viele nachhaltige Nutzungspraktiken ortsbasierter Dienste könnten sich also erst in den nächsten Jahren herausbilden. Frith erwartet sich hier Impulse zum einen von der Technik, die noch nahtloser in die Umwelt der Nutzer verwoben wird (Wearable Technologies, Internet of Things), und andererseits von den Nutzern, wenn deren Spektrum sich demographisch und global weiter ausbreitet und sich so neue soziale Nutzungskontexte auftun. Thilo von Pape Literatur Rucker, R. (1992). Artificial Life. In R. Rucker, R.U. , & Q. Mu (1993), Mondo 2000: A User’s Guide to the New Edge (S. 78), New York: Harper Perennial. de Souza e Silva, A. D. S. (2006). From Cyber to Hybrid Mobile Technologies as Interfaces of Hybrid Spaces. Space and Culture, 9(3), 261-278. Gianna Haake Das Wissen der Leser Leserkommentare zwischen Wissenschaftsjournalismus und Social Web Konstanz: UVK, 2015. – 182 S. ISBN 978-0-7456-8501-4 Nutzerkommentare zu massenmedial vermittelten Nachrichten stehen zunehmend im Interesse der kommunikationswissenschaftlichen Forschung. Mit ihrer Dissertation strebt Gianna Haake eine Bereicherung dieses Forschungs- M&K 64. Jahrgang 1/2016 126 felds an, indem sie mittels einer mehrdimensionalen Framing-Analyse untersucht, wie sich Nachrichtenmeldungen und Nutzerkommentare zum Thema Reproduktionsmedizin „unterscheiden, beeinflussen und gemeinsam die öffentliche Debatte widerspiegeln und prägen“ (S. 215). Die Studie folgt dabei einem wissenssoziologischen Ansatz, demzufolge Wissen für die heutige Gesellschaft zu einer immer wichtigeren Ressource wird. Im Theorieteil legt Gianna Haake eine kompakte Analyse vor, die die ökonomischen, politischen und gesamtgesellschaftlichen Funktionen v. a. von wissenschaftlichem Wissen aufarbeitet (Kap. 2). Damit dieses Wissen überhaupt bei den Menschen ankommt und eingeordnet werden kann, bedürfe es der Massenmedien, die ihrerseits eine spezifische, auf „Komplexitätsreduzierung ausgerichtete Vermittlung von Wissen“ (S. 30) anstreben. Mit der Verbreitung des Internets und insbesondere des Social Web beteiligten sich aber auch zunehmend neue, nichtjournalistische Akteure am öffentlichen Wissensdiskurs. Dies zeige sich v. a. in Leserkommentaren zu Nachrichtenartikeln. Kapitel 3 enthält deshalb eine Aufarbeitung des Forschungsstands zu Nachrichtenangeboten und Anschlusskommunikation im Internet mit besonderem Fokus auf Nutzerkommentare. Etwas Verwirrung stiftet hier die Begriffsarbeit der Autorin. So wird der Begriff Social Web scheinbar für jegliche Form von interaktiver Kommunikation im Internet verwendet (S. 47). Nutzerkommentare werden erst als Anschlusskommunikation (S. 52f.), später als User-generated-Content definiert (S. 54). Mit Kapitel 4 legt Gianna Haake schließlich eine äußerst detaillierte Literaturanalyse der Debatte über Reproduktionsmedizin vor. Diese mag auf den nicht-themeninvolvierten Leser zu umfangreich wirken, Forscher mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich werden die systematische Aufarbeitung jedoch als verdienstvoll empfinden. In der Summe hinterlässt der Theorieteil einen gemischten Eindruck. Einerseits ist es bereichernd, dass Nutzerkommentare nicht aus der (mittlerweile fast zu häufig bemühten) Deliberationsperspektive, sondern aus einer wissenssoziologischen Perspektive konzipiert werden. Andererseits mangelt es der Argumentation streckenweise an Tiefgründigkeit und Kohärenz. Problematisch ist zum Beispiel, dass die zentralen Konzepte der Arbeit – „Wissen“ und „Framing“ – nicht konsequent ausgearbeitet und integriert werden. Unklar bleiben auch die Grenzen der Wissensdefinition: Wo hört Wissen auf und wo fängt z. B. Meinungsäußerung an? Wie geht die Arbeit um mit Wissen, das nicht-medial erworben wird? Die Zielsetzung des empirischen Teils wird als zweigeteilt beschrieben. Einerseits sollen „grundlegende Fragen über den Inhalt und die Form der Berichterstattung“ (S. 100) über Reproduktionsmedizin beantwortet werden, andererseits Zusammenhänge zwischen Artikeleigenschaften und Leserkommentareigenschaften geprüft werden. Mit fünf sehr breit angelegten Forschungsfragen will die Autorin zuerst ein möglichst holistisches Bild der medialen Debatte zeichnen; umso mehr muss es verwundern, dass in die Stichprobe nur 68 Artikel aus einem sehr beschränkten Zeitraum (2009 bis 2010) und aus wenigen Nachrichtenportalen eingehen. Die Autorin rechtfertigt dies mit dem qualitativen Charakter der Untersuchung (S. 114); dann wiederum muss es verwundern, dass in den Ergebnissen durchgehend Häufigkeiten ausgezählt (z. B. S. 121) und statistische Analyseverfahren angewendet werden (z. B. S. 130). Für die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Artikelmerkmalen und Leserkommentaren werden Hypothesen formuliert. Problematisch ist hier, dass diese Hypothesen sich zum Teil widersprechen – beispielsweise muss die Annahme von H1 (Leserkommentare geben journalistische Inhalte in eigenen Worten wieder) zwingend zur Ablehnung von H4 führen (Leserkommentare enthalten alternative Perspektiven auf den Sachverhalt). Dies erkennt die Autorin durchaus (S. 105), sieht es jedoch nicht als problematisch an. Ein noch gravierenderes Problem ist, dass die Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Artikel- und Kommentareigenschaften mittels multipler Regression auf der Grundlage von nur 48 Artikeln geprüft werden sollen (z. B. S. 151). Diese Datenbasis erscheint zu klein, um verlässliche Aussagen zu treffen, zudem wird die Mehrebenenstruktur der Daten ignoriert. Ein kluger und der Vergleichbarkeit der Ergebnisse förderlicher Schritt ist es dagegen, die Kategorien des Artikel-Codebuchs weitgehend unverändert für die Analyse der Nutzerkommentare zu verwenden. Weniger hilfreich ist wiederum, dass für die Reliabilität der Kommentar-Codierung nur ein über alle Kategorien gemittelter Holsti-Wert ausgewiesen wird (S. 120). Im Ergebnisteil beschreibt die Autorin zuerst die Eigenschaften des medialen Diskurses über Reproduktionsmedizin. Die Darstellungen bleiben recht abstrakt und werden nur selten mit Material aus der Stichprobe illustriert. Insgesamt erweist sich die Berichterstattung als Literatur · Besprechungen 127 „sehr heterogen“ (S. 142) und lässt sich vorrangig entlang einzelner Frame-Elemente (z. B. Ursachenzuschreibungen) strukturieren, weniger konsistent aber anhand trennscharfer Frames. Diesen Befund kann der Rezensent nur bedingt bewerten, da das von der Autorin gewählte Verfahren, Frame-Elemente (und nicht nur die eigentlichen Frames) anhand von Cluster-Analysen zusammenzufassen und dann die eigentlichen Frames über eine „Differenzanalyse“ zu identifizieren, unüblich und schwer nachvollziehbar ist. Für die Analyse der Nutzerkommentare werden zuerst deskriptive Ergebnisse zu ihrer Beschaffenheit berichtet, die weitgehend konsistent sind mit den Befunden früherer Studien. Spannender sind die Befunde zu den Zusammenhängen zwischen Nachrichten- und Kommentareigenschaften: Tendenziell zeigen die Ergebnisse nämlich, dass sich viele Nachrichteneigenschaften durchaus mit einem bestimmten Kommentierverhalten der Nutzer in Verbindung bringen lassen – eine Erkenntnis, die in der Kommentarforschung bislang großen Neuigkeitswert hat. Auch wenn die Befunde aufgrund methodischer Vorbehalte vorsichtig zu interpretieren sind, bieten sie doch eine neue und wertvolle Perspektive auf die Frage, was Nutzer nicht nur zum Kommentieren generell anregt, sondern vor allem zum Verfassen bestimmter Kommentarinhalte. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Diskussion und theoretische Einordnung der Befunde. Bei der Diskussion des „Wesens“ der Kommentare verallgemeinert Haake recht stark, was aufgrund der Spezifität ihrer erhobenen Daten nicht immer unproblematisch ist. So wird zum Beispiel die These aufgestellt, dass Nutzerkommentare generell nicht mit „Alltagskommunikation über Medien vergleichbar sind“ (S. 204). Offensichtlich ist zwar, dass das Kommentieren von Nachrichten in anderen Öffentlichkeiten stattfindet und dadurch die sozialen Funktionen der verschiedenen Anschlusskommunikationsarten divergieren. Zur Validierung der These bräuchte es jedoch eine deutlich breitere Stichprobe sowie eine Hinzunahme der Perspektive der kommentierenden Nutzer selbst. Die Einordnung der Befunde in den wissenstheoretischen Diskurs (Kap. 9.2) ist weitgehend gelungen, auch wenn die Autorin erneut mit Verallgemeinerungen nicht spart. Schließlich fehlt eine Kritik der (durchaus vorhandenen) Limitationen der eigenen Studie. Gianna Haake legt eine ambitionierte Analyse vor, deren theoretische Fundierung und empirische Befunde der Forschung zur Online- Anschlusskommunikation frischen Wind verleihen. Das nicht immer leicht zugängliche – und ärgerlicherweise von vielen Rechtschreibund Grammatikfehlern durchzogene – Buch ist deshalb in jedem Fall für Forscher empfehlenswert, die sich mit Online-Partizipationsphänomenen an der Schnittstelle von interpersonaler und Massenkommunikation beschäftigen. Aber auch Forschern im Bereich der Gesundheitskommunikation sei das Werk aufgrund seines thematischen Schwerpunkts empfohlen. Gleichwohl sollten die empirischen Befunde der Arbeit nur unter Vorbehalt und vorrangig als Anstoß für weitere Forschung interpretiert werden. Marc Ziegele Oliver Hahn / Ralf Hohlfeld / Thomas Knieper (Hrsg.) Digitale Öffentlichkeit(en) Konstanz, München: UVK, 2015. – 290 S. ISBN 978-3-86764-560-7 (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; 42) Es kommt mitunter vor, dass Tagungsbände von Rezipienten und Rezensenten gleicherma- ßen skeptisch aufgenommen werden. Das mag insbesondere daran liegen, dass es schwer fällt, die spezifische Atmosphäre von Konferenzen und Symposien in eine gedruckte Buchform zu packen und die Balance von theoretisch anspruchsvollen und empirisch innovativen Beiträgen zu finden. Manch Konferenzvortrag berichtet von Work-in-Progress und ist deshalb nicht für eine Publikation geeignet. Andere Tagungsbände wiederum leiden am Auswahlsystem für die Artikel oder sind zu unsystematisch aufgebaut. Auf den Tagungsband „Digitale Öffentlichkeit(en)“, der einen Ausschnitt der DG- PuK-Jahrestagung 2014 in Passau präsentiert, trifft keiner dieser Vorwürfe zu. Dies hat mehrere Gründe. Zunächst liegt dies an der durchdachten Kuratierung von Oliver Hahn, Ralf Hohlfeld und Thomas Knieper. Die Herausgeber legen in ihrem Band eine sehr gut sortierte Struktur vor: Im ersten Teil des Bandes versammeln sie drei programmatische Texte von Christoph Neuberger, Uwe Hasebrink und Marian Adolf, die sich mit grundsätzlichen Fragen der kommunikationswissenschaftlichen Neuausrichtung unter digitalen Bedingungen beschäftigen und dem Band ein theoretisches Fundament geben. Die Überlegungen betreffen im Beitrag von Christoph Neuberger die Frage, wie der Medi- M&K 64. Jahrgang 1/2016 128 enwandel soziale Formen anlehnend an die Interaktionsmodi von Hartmut Rosa bestimmt. Uwe Hasebrink beschäftigt sich mit der Nutzerperspektive und der Erweiterung der Medienrepertoire- auf die Kommunikationsrepertoire-Forschung. Im dritten Beitrag reflektiert Marian Adolf die immer weiter verschwimmenden Formen privater und öffentlicher Kommunikation und fragt nach den Auswirkungen auf Öffentlichkeitskonzepte. Ein innovativer Beitrag zur Theoriebildung geht auch von zwei weiteren Beiträgen im ersten Teil des Bandes aus, die außerdem empirische Fragen in den Blick nehmen: Christian Pentzold leistet sowohl eine theoretische als auch empirische Weiterentwicklung der Framing-Forschung unter den Bedingungen von Big Data. Christian Strippel und Martin Emmer legen einen sehr anspruchsvollen und überzeugenden Beitrag zur automatisierten Messung individueller Online-Nutzung vor. Der zweite Teil des Bandes fokussiert auf einen Teilbereich der Kommunikationswissenschaft, der durch die Digitalisierung eine bedeutende Transformation erlebt: den Journalismus. In insgesamt sechs Beiträgen werden mit Blick auf journalistisches Erzählen, die Innovationsfähigkeit redaktioneller Angebote, die Entwicklung von neuen journalistischen Geschäftsmodellen, die Umgehung journalistischer Plattformen und dem Fokus auf die direkte Kommunikation von Akteuren im Rahmen des Klimajournalismus und der Klima- Blogosphäre sowie die visuelle Kommunikation Änderungstendenzen für journalistische Akteure, Redaktionen und Verlage aufgezeigt. In diesem Teil des Sammelbands ist der Beitrag von Tobias Eberwein hervorzuheben, der sich mit den Wirkungen multimedialen Storytellings auf Nutzer im Gegensatz zu klassischen Printtexten beschäftigt. Der dritte Teil des Tagungsbands versammelt fünf Texte, die sich mit neuen Formen und Formaten der Online-Kommunikation im privaten und öffentlichen Raum beschäftigen. In diesem Kapitel fällt besonders die Diversität im Zugang zur digitalen Kommunikation auf: Einerseits geht es um eher soziologisch orientierte Fragestellungen wie die Ambivalenzen und Paradoxien von Gemeinschaft und Gesellschaft oder um den Authentizitätsdiskurs, andererseits um neue Formen der Akteurskommunikation im Rahmen von Social TV, Second Screen und Twitter. Und zudem fokussiert ein Beitrag nochmals stärker auf die veränderte Rolle von Nutzern. In der Gesamtschau schade ist, dass die Zusammenstellung des Bandes einige wichtige Felder der digitalen Öffentlichkeit ausblendet. Ein Blick auf die sich verändernden medienpolitischen und -ökonomischen Rahmenbedingungen, die Identifikation neuer Akteure, die gerade durch die Digitalisierung stärker in die Öffentlichkeit treten, sich verändernde Konzepte strategischer Kommunikation in digitalen Sphären, eine internationale Perspektive der Weitung von Öffentlichkeitskonzepten auf suprastaatliche Räume oder auch sich reformierende Effektkonzepte hätten diesen Tagungsband noch multiperspektivischer gestaltet. Insbesondere weil ja auch die Jahrestagung der DGPuK in Passau gerade diese Breite an unterschiedlichen Fragestellungen aus den Teilbereichen der Kommunikationswissenschaft sehr gut abgebildet hat. Bei der Lektüre aller Texte findet man manche diese Perspektiven implizit oder explizit zwar abgebildet, der Blick auf die Gliederung des Bandes lässt aber die Frage offen, ob sich die Transformation von Öffentlichkeit aus der Journalismusperspektive und über Raumverschiebungen von Privat und Öffentlich hinreichend erschließt. Vielleicht hätte man neben der Einleitung aber auch noch mit einem von den Herausgebern gestalteten Fazit sowohl den spezifischen Blickwinkel in diesem Band begründen und ausführen als auch in einem Ausblick auf einige der Desiderata eingehen können, die die Digitalisierung für die kommunikationswissenschaftliche Forschung bereit hält und die dieses Fach zu einer der spannendsten und innovativsten sozialwissenschaftlichen Disziplinen macht. Markus Rhomberg Olaf Hoffjann / Hans-Jürgen Arlt Die nächste Öffentlichkeit Theorieentwurf und Szenarien Wiesbaden: Springer VS, 2015. – 141 S. ISBN 978-3-658-09372-3 Der Begriff der Öffentlichkeit stellt mehr denn je ein „changing target“ dar. Diese Diagnose besitzt enorme Konsequenzen für die kommunikationswissenschaftliche Beobachterperspektive und deren Maßstäbe. Denn der sich beschleunigende Wandel in den Bereichen Medien, Technologie, Politik und Gesellschaft macht nicht nur aus erkenntnistheoretischer, sondern auch aus gesellschaftspolitischer Perspektive eine rasche und adäquate Neubestimmung des Öffentlichkeitsbegriffs notwendig. Dieses gilt um so mehr für den Begriff der Medien-Öffentlichkeit aus Sicht der Kommunika- Literatur · Besprechungen 129 tionswissenschaft, die in diesem Kontext jahrzehntelang ausschließlich auf journalistische Medienkommunikation fokussierte bzw. reduzierte und sich nach wie vor schwer tut, zwischen normativen, funktionalen und anwendungsbezogenen Dimensionen von Öffentlichkeit zu differenzieren. Folgerichtig wollen sich Olaf Hoffjann (Braunschweig) und Hans-Jürgen Arlt (Berlin) zwei miteinander verbundenen Grundfragen widmen: „wie sich Öffentlichkeit verändert und was Öffentlichkeit verändert“ (S. 5). Der auf den ersten Blick schmale Band beinhaltet eine profunde Analyse, die sich in sieben Kapitel und drei thematische Abschnitte gliedert. Im ersten Abschnitt skizzieren die Autoren nach einem kurzen Problemaufriss der Wandlungsprozesse (Kap. 1) ihr spezifisches Öffentlichkeitsverständnis. Im Anschluss und in Erweiterung des systemtheoretischen Öffentlichkeitskonzepts von Alexander Görke (2007) wird Öffentlichkeit als ein Funktionssystem modelliert, das mit der Leitdifferenz (Primärcode) kollektive/nicht kollektive Information operiert (Kap. 2). Dieses Öffentlichkeitssystem besteht aus vier Leistungssystemen – Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit, Unterhaltung und Werbung, die je spezifische Sekundärcodes besitzen: Aktualität, Überzeugen, angenehmes Erleben und Verführen (Kap. 3). Als weitere wichtige Differenzierungskategorien werden Un-/Verbindlichkeit sowie Fremd-/Selbstdarstellung eingeführt. Der zweite Abschnitt beinhaltet detaillierte Analysen der sog. Evolution des Funktionssystems Öffentlichkeit (Kap. 6) sowie seiner beiden Leistungssysteme Journalismus (Kap. 4) und Öffentlichkeitsarbeit (Kap. 5), da beide im Gegensatz zu Unterhaltung und Werbung „den Anspruch erheben, ihren Publika mit sachlich verbindlichen Beschreibungen Orientierung zu verschaffen.“ (S. 6) Mit Gebrauch des eher metaphorisch zu verstehenden Begriffs Beziehungsspiele (Uwe Schimank 2011) werden hier jeweilig funktions- bzw. leistungssystemspezifische Wandlungsprozesse hinsichtlich der Grenzziehung zum Publikum (Publikumsspiele), zu anderen Leistungssystemen der Öffentlichkeit (Führungsspiele) sowie zu weiteren Funktionssystemen der Gesellschaft wie insbesondere Politik und Wirtschaft (Domänenspiele) theoretisch durchdekliniert. Der dritte Teil des Bandes widmet sich dem sog. „Extremismus der Online-Öffentlichkeit“ (Kap. 7). Unter dieser Bezeichnung subsumieren die Autoren die Folgen der Digitalisierung für die Konstituierung von Öffentlichkeit: U. a. skizzieren sie hier die durch Digitalisierung bedingte neue Kopplung von Zeichen und Medium und damit einhergehende (subjektive) Sinn-Potenziale, die sie auf fünf spannende bipolare Thesen zuspitzen. Das Verdienst der Bandes ist es, die gegenwärtige komplexe Ausdifferenzierung von Öffentlichkeit herauszustellen und dafür einen konzisen Beschreibungsansatz zu liefern. Für die weiterführende Forschung in diesem Themenbereich stellen die hier entwickelte Systematisierung und Begriffsschärfe eine wichtige Grundlage dar. Die große Schwäche besteht allerdings gerade auch in dem strikt systemtheoretischen Bezug. Denn nicht alle angesprochenen Elemente des Wandels von Öffentlichkeit(en) auf den verschiedenen Komplexitätsebenen öffentlicher Kommunikation können stringent aus der entwickelten Theorie hergeleitet, modelliert und damit auch prognostiziert werden, sondern werden vielfach – wie z. B. die sich verändernden Sinn-Dimensionen – allein als quasi externe Einflussfaktoren rekonstruiert. Weitere Leerstellen des Bandes beziehen sich auch auf die (noch zu leistende) Analyse der Leistungssysteme Werbung und Unterhaltung und deren Beziehung zu den anderen Leistungs- und Funktionssystemen sowie die von den Autoren selbst angemahnte Transformation eines engen in einen weiten Begriff politischer Öffentlichkeit(en) durch eine stärkere Berücksichtigung sozialer und medienkultureller Kontexte. Jeffrey Wimmer Literatur Schimank, Uwe (2011): Gesellschaftliche Differenzierungsdynamiken – ein Fünf-Fronten-Kampf. In: Thomas Schwinn, Clemens Kroneberg, Jens Greve (Hrsg.): Soziale Differenzierung. Handlungstheoretische Zugänge in der Diskussion. Wiesbaden: VS, S. 261-284. Görke, Alexander (2007): Perspektiven einer Systemtheorie öffentlicher Kommunikation. In: Carsten Winter, Andreas Hepp, Friedrich Krotz (Hrsg.): Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Grundlegende Diskussionen, Forschungsfelder und Theorieentwicklungen. Wiesbaden: VS, S. 173-191. M&K 64. Jahrgang 1/2016 130 Gerrit Hornung / Ralf Müller-Terpitz (Hrsg.) Rechtshandbuch Social Media Berlin, Heidelberg: Springer, 2015. – 498 S. ISBN 978-3-642-38191-1 Rechtshandbücher gehören zu einer hybriden Gattung rechtswissenschaftlicher Literatur, die an Herausgeber wie Autoren hohe Anforderungen stellt. Sie sollen auf der einen Seite ein praktisch relevantes Tatsachenfeld in einer für den Praktiker hilfreichen Weise behandeln. Auf der anderen Seite sollen sie über die Entwicklung kochrezeptartiger Handlungsanweisungen, wie man sie in Praxishandbüchern vorfinden mag, hinausgehen, also wissenschaftlich vertiefte, eigenständige Normaussagen bieten, an denen sich Wissenschaft und Praxis in Folge orientieren können. Weiter verkomplizierend kommt hinzu, dass sich der Gegenstand eines Rechtshandbuchs regelmäßig nicht aus einem Rechtsgebiet heraus bestimmen lässt, sondern sich aus einem sozialen Phänomen – vom Autokauf bis zur Filmproduktion – entwickelt, das irgendwann als so wichtig empfunden wird, dass ihm ein ganzes Buch gewidmet wird. Damit gehören die zu behandelnden Fragen regelmäßig unterschiedlichsten Rechtsgebieten an und es entsteht ein Zielkonflikt zwischen Umfassendheit und Konzentration auf das Wesentliche, zwischen thematischer Breite und dogmatischer Tiefe – und zwar in jedem Beitrag wie auch im ganzen Buch. Widmet sich das Rechtshandbuch ITrechtlichen Themen, kommt als weiteres Problem verschärfend hinzu, dass das themenbestimmende sozial-technische Phänomen sich ständig und schnell verändert. Das vorliegende Buch hat sich nun einem solchen sozialen Phänomen gewidmet, nämlich den sozialen Medien. Klugerweise wird die Entscheidung, was unter einem sozialen Medium zu verstehen ist, nicht abschließend getroffen, sondern die verschiedenen Autoren des Rechtshandbuchs nähern sich dem Phänomen mit einem offenen Vorverständnis, das allerdings bei den meisten, wenn nicht allen, wesentlich von Facebook und seinem Geschäftsmodell geprägt sein dürfte (was sich schon daran zeigt, dass das Unternehmen in der ersten Zeile des Vorworts genannt wird). Des Weiteren interessieren im Buch vor allem Rechtsbeziehungen zwischen der Plattform und ihren Nutzern, weniger die zwischen Plattformen oder zwischen Nutzern auf der Plattform. Dadurch bleibt das Buch auf Sachebene themenoffen und auch (in Grenzen) neuen Entwicklungen gegenüber anschlussfähig (wenn man auch wenig zu diaspora*, Snapchat, Slack oder gar zu sozialen Netzwerken im Darknet finden wird), ohne vollständig zu zersplittern; gleichzeitig führt dieses Vorverständnis verbunden mit der Themenoffenheit jedoch auch dazu, dass abschließende Bewertungen konkreter Beispielsfälle (etwa zu konkreten AGB- Klauseln eines konkreten Unternehmens) zugunsten allgemeinerer, über den Einzelfall hinausgehender Einschätzungen zurücktreten, die anschlussfähig bleiben. Das Feld der (ausschließlich männlichen) Autoren setzt sich aus deutschlandweit bekannten Wissenschaftlern und Praktikern zusammen, die das Phänomen (nach einer Einführung und einer kommunikationswissenschaftlichen Verortung, die mit den rechtswissenschaftlichen Beiträgen nicht immer interagiert) in acht juristischen Kapiteln bearbeiten, die wichtigen rechtlichen Problemfeldern gewidmet sind: Vertragsrecht, Datenschutzrecht, Haftungsrecht, Persönlichkeitsrecht, Strafrecht, Arbeitsrecht, Medienrecht und schließlich dem Einsatz von Social Media durch die öffentliche Verwaltung. Diese (in ihrer Reihenfolge vielleicht stellenweise überraschende) Strukturierung ist einer sehr vernünftigen Priorisierung der möglichen Fragen vor dem Hintergrund des eingangs beschriebenen Dilemmas und der ihm geschuldeten Voreinschränkung geschuldet und erklärt, warum beispielsweise kartell-, wettbewerbs-, aber auch urheberrechtliche Probleme nicht (in eigenen Kapiteln) diskutiert werden. Sie erleichtert auch den juristischen Ersteinstieg, wenngleich die aus dem Juristischen entstehende Anlage jedes Kapitels manches kapitelübergreifend Wichtige (z. B. den Trend zur mobilen Nutzung sozialer Medien) nicht immer voll ins Licht rückt, wie dies, vielleicht, bei einer Monographie zu erwarten wäre. Jedes Kapitel lässt sich als umfassende Behandlung des jeweiligen Rechtsgebiets lesen und bietet nicht nur einen sehr genauen Blick auf die jeweils vorhandene Literatur und Judikatur, sondern geht darüber in Breite und Tiefe spürbar hinaus. Deswegen bietet das Buch für jeden Leser neue Erkenntnisse, weil juristische Expertise disziplinär und nicht anhand sozialer Phänomene organisiert und gelehrt wird: Der Strafrechtsexperte mag Neues im Arbeitsrecht entdecken, der Vertragsrechtler im Strafrecht und so weiter. Aber gerade auch Nichtjuristen wird es dadurch ermöglicht, sich einen ersten Überblick darüber zu verschaffen, worüber fachjuristisch im jeweiligen Feld diskutiert wird. Literatur · Besprechungen 131 Da wiegt es gering, dass das Buch in der Beschreibung der sozialen Phänomene nicht völlig frei von Redundanzen ist und auch das eine oder andere Rechtsproblem (z. B. die Einwilligung oder bestimmte datenschutzrechtliche Fragen) mehrfach (aus verschiedenen Perspektiven) behandelt wird. Interessant (wenn auch nicht ganz überraschend) erscheint mir, dass sich in den rechtspolitischen Bewertungen der Autoren recht ähnliche Befunde zeigen, die von einer gewissen Skepsis, gar Ernüchterung hinsichtlich der Steuerbarkeit des Gegenstands durch Recht und – erst recht – durch nationale Gerichte zeugen. Das Buch erfüllt in hervorragender Weise seine beiden Hauptaufgaben – Überblick über viele relevante Rechtsfragen eines sozialen Phänomens im Horizontalen wie auch Einstieg für eine vertiefte vertikale Befassung mit einem disziplinär geprägten Einzelthema durch Aufzeigen der bereits geklärten und der noch zu klärenden Probleme. Es bietet sowohl dem wissenschaftlich Interessierten Anregung wie auch dem Praktiker auf der Suche nach Lösungen zahlreiche wertvolle Hinweise und ist damit ein sehr gut gelungenes Beispiel für ein von den Herausgebern sinnvoll organisiertes und von den Autoren zielführend geschriebenes Rechtshandbuch. Nikolaus Forgó Johannes Knoll Persuasion in sozialen Medien Der Einfluss nutzergenerierter Inhalte auf die Rezeption und Wirkung von Onlinewerbung Wiesbaden: Springer VS, 2015. – 194 S. ISBN 978-3-658-10576-1 Likes auf Facebook, Kommentare unter Onlineposts, Klickzahlen eines YouTube-Videos – dies sind nutzergenerierte Inhalte im Web. User-Generated-Content (UGC) und Werbung sind dabei in Social Media-Angeboten mitunter eng verknüpft. Welche Auswirkungen dieses Nebeneinander von Onlinewerbung und UGC auf die Einstellungen und Verhaltensintentionen des Nutzers hat, untersucht Johannes Knoll in seiner Dissertation. Knoll geht bei der Beantwortung seiner Hauptforschungsfrage nach dem Einfluss von UGC auf die Rezeption und Wirkung von Onlinewerbung klar und nachvollziehbar vor: Im theoretischen Teil seiner Arbeit stellt er ein fundiertes Persuasions-Prozess-Modell mit nutzergenerierten Inhalten als multiplen Einflussvariablen auf, welches er dann empirisch überprüft. Knoll macht deutlich, wie aktuell und zukunftsträchtig die Betrachtung des Gegenstandes und seine Ergebnisse für Wissenschaftler, Werbetreibende sowie Nutzer und Betreiber von Social Media-Angeboten sind. Das Buch bietet einen ersten, systematischen Überblick über gegenwärtige Diskurse der Forschung zu Werbung in sozialen Medien; insbesondere bisherige Studien zu Werbung und UGC werden eingehend reflektiert und diskutiert. Hier wird deutlich, welche Forschungslücke in der Dissertation bearbeitet wird. Um theoretisch zu erklären, wie nutzergenerierte Inhalte im Kontext von Onlinewerbung verarbeitet werden und wirken, zieht Knoll als zentrales Persuasions- bzw. Informationsverarbeitungsmodell das etablierte Elaboration- Likelihood-Modell (ELM; Petty & Cacioppo 1986) heran. Dieses erläutert er mit Bezug auf dessen vier Kernelemente eingehend; nicht zuletzt, um die verschiedenen Rollen von Variablen herauszustellen. Demnach könnten nutzergenerierte Inhalte als multiple Einflussvariablen im Persuasionsprozess fungieren. Knoll stellt, ausgehend von seinen theoretischen Überlegungen, ein Persuasions-Prozess-Modell auf, welches er dann anhand neun begründeter Hypothesen empirisch überprüft. Die theoretisch modellierte Verarbeitung wird mithilfe verschiedener Theorien zu sozialem Einfluss weiter in einen sozialen Kontext eingebettet, wobei UGC ein sozialer Einfluss attestiert wird. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass Kommunikation ein soziales Ereignis ist und sich die Nutzung sozialer Medien gerade durch zwischenmenschliche Interaktion auszeichnet. Leider leitet Knoll aus den umfangreichen Überlegungen zum sozialen Kontext und dessen Einflüssen auf die Werbewirkung nur eine Hypothese ab; auch die theoretische Einordnung in das Modell erfolgt relativ unspezifisch. Im finalen theoretischen Modell werden allerdings erstmals – und das ist dessen große Stärke – Theorien zur Verarbeitung und Wirkung persuasiver Botschaften und UGC sowie Theorien zu sozialem Einfluss eingebunden. Darin liegt der entscheidende Beitrag, den dieses Buch für die Werbewirkungsforschung erbringt. Die empirische Überprüfung des aufgestellten Modells und damit einhergehend der aufgestellten Hypothesen erfolgt versiert anhand dreier durchgeführter Experimente. Diese beziehen sich auf die derzeit populärste Social Media-Seite Facebook und dort geschaltete Werbeanzeigen (für Mobilfunk oder Sonnencreme). Die Methode wurde für alle drei Studien ähnlich gewählt, sodass die Vergleichbarkeit M&K 64. Jahrgang 1/2016 132 der Ergebnisse gewährleistet ist: Online wurden Versuchspersonen (VP) manipulierte Werbeanzeigen auf einer fiktiven Facebookseite präsentiert. Diese war leider nur statisch, was die externe Validität der Studien etwas schmälert. Im Anschluss wurden die VP u. a. nach ihrer Einstellung, Verhaltensabsicht und Relevanzzuschreibung online befragt. In Studie 1 wurde die Anzahl der Gefällt-Mir-Angaben unter der Werbeanzeige variiert. Im Ergebnis zeigte sich u. a., dass die VP die Anzeige mit steigendem Involvement relevanter einschätzten, die Zahl der generierenden Nutzer jedoch keine Rolle spielte. Insbesondere wurde die individuelle Beeinflussbarkeit aber als wichtige moderierende Variable in den Studien 1 und 3 herausgestellt. Im Fall starker Beeinflussbarkeit hatte der UGC bei den VP den von Knoll theoretisch erwarteten Effekt. Bei aufeinander aufbauenden Studiendesigns hätte die Beeinflussbarkeit auch in der zweiten Studie berücksichtigt werden können. In der zweiten Studie wurden in einer Werbeanzeige die Argumentenqualität und der erste Kommentar im Kommentarfeld manipuliert. Im Ergebnis zeigte sich, u. a. ELM- und hypothesen-konform, dass UGC unter der Bedingung hoher Elaboration einen von der Argumentenqualität abhängigen Einfluss hatte, während dieser unter der Bedingung niedriger Elaboration unabhängig war. In Studie 3 wurde zusätzlich das Facebookprofil selbst manipuliert, auf dem die Werbeanzeige geteilt wurde. Es zeigte sich u a., dass die soziale Beziehung der VP zum Profil den Einfluss des UGC verstärkt. Alle drei Studien geben zudem Evidenz dafür, dass UGC im Kontext von Onlinewerbung, übereinstimmend mit den Annahmen aus dem ELM, zentral und peripher verarbeitet werden kann. Knoll belegt, für die Beantwortung der Fragestellung insgesamt angemessen, anhand von drei sehr gut durchdacht konzipierten Studien die Wechselwirkung von Merkmalen der Werbebotschaft und parallel verarbeitetem UGC (und Rezipientenfaktoren) im postulierten Persuasions-Prozess-Modell. Schade ist, dass in diesem der soziale Einfluss des UGC bzw. der soziale Kontext, aufbauend auf den Ergebnissen, nicht präziser modelliert wurde. Zusätzlich hätten auch die grundständige Annahme des ELM reflektiert und alternative Persuasionsmodelle, wie bspw. das in neuerer Zeit aufgestellte Unimodell von Kruglanski und Thompson (1999), diskutiert werden können. Knolls Modell kann aber durchaus als vorläufig empirisch-überprüft gelten und erlaubt auch Aussagen hinsichtlich der Konsequenzen auf Einstellungen und Verhalten der Rezipienten. Zukünftige Studien im Werbewirkungsbereich zu jeglichen Social Media-Angeboten mit UGC können sehr gut auf dieses Modell aufbauen und daran anknüpfen. Als kausales Wirkungsmodell, nach altbekannten Rezeptions- und Wirkungsprozessen konzipiert, hat es allerdings hauptsächlich strukturierende und beschreibende Funktion. Zukünftigen Forschungsbedarf legen gerade die nicht bestätigten Hypothesen der Arbeit offen. Warum wirkt UGC bei peripherer Verarbeitung nicht unabhängig vom Inhalt und warum ist zentral verarbeiteter UGC nicht verhaltenswirksamer? UGC macht einen Unterschied in der Wirkung von Onlinewerbung aus und Johannes Knoll ist es auch gelungen, durch seine Dissertation erste fundierte Erkenntnisse dazu zu liefern, wie dieser Wirkprozess funktionieren kann. Knoll empfiehlt Werbetreibenden, sich UGC aktiv zunutze zu machen. Zudem sind die Ergebnisse hochrelevant für die Zielgruppe der Wissenschaftler, die sich für Persuasionsprozesse in sozialen Medien interessiert. Sabrina Heike Kessler Literatur Kruglanski, A. W., & Thompson, E. P. (1999). Persuasion by a single route: A view from the unimodel. Psychological Inquiry, 10, 83-110. Petty, R. E., & Cacioppo, J. T. (1986). The elaboration likelihood model of persuasion. Advances in Experimental Social Psychology, 19, 123-205. Rinaldo Kühne Emotionale Framing-Effekte auf Einstellungen Eine theoretische Modellierung und empirische Überprüfung der Wirkungsmechanismen Baden-Baden: Nomos, 2015 – 417 S. ISBN 978-3-8487-1873-3 (Reihe Rezeptionsforschung; 33) Die Forschung zum Framing-Ansatz hat sich bekanntermaßen seit den Schriften von Ervin Goffman (1974) in der sozialwissenschaftlichen Analyse erfolgreich etabliert und beweist sich bis dato als äußerst lebendiges und fruchtbares Forschungsfeld in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Doch: Trotz deutlicher Steigerung an Studien im Bereich der Emotionen, haben sich nur wenige an die Überprüfung der emotionalen Wirkungsmechanismen im Framing gewagt. Nicht nur deshalb ist Rinaldo Kühnes Arbeit zu emotionalen Framing-Effekten auf Einstellungen hervorzuheben. Literatur · Besprechungen 133 Kühne nutzt den integrativen Charakter des Ansatzes, um die emotionalen und kognitiven Wirkungsmechanismen bei der Rezeption von Medien-Frames zu untersuchen. Es geht ihm um den funktionalen Gehalt von Emotionen als Mediatoren von Framing-Effekten auf Einstellungen. Zentral sind dabei die Fragen: Welche Medien-Frames lösen Emotionen aus, und welche Wirkung haben Emotionen auf die Urteilsbildung? Bei der Beantwortung schließt er sowohl analytische als auch normative Bewertungen durch die Rezipienten mit ein. Zudem geht der Autor das komplexe und schwierige Unterfangen an, verschiedene Teilprozesse und deren Zusammenhänge untereinander zu messen und so eindeutige Belege dafür zu finden, (1) welche Elemente eines Frames Emotionen auslösen (können) und (2) in welcher Konfiguration die einzelnen Elemente als Frame insgesamt das größte Potenzial zur Auslösung von Emotionen besitzen. Am Ende der Reise wird Kühne seine theoretischen Annahmen vollständig bestätigen können. So viel sei vorweg gesagt. Doch Schritt für Schritt: In einer detailreichen Analyse widmet er sich zunächst einer Begriffsbestimmung von Medien-Frames, Kognitionen, Emotionen und Einstellungen und deren theoretischer Verortung (2. Kapitel). Insbesondere bei der Definition von Medien- Frames kann dabei inzwischen auf eine Vielzahl von Vorschlägen durch die unterschiedlichsten Autoren zurückgegriffen werden. Kühne geht hier zu Recht pragmatisch vor und bezeichnet Frames in erster Linie als „textliche Interpretationsmuster“ (S. 28), die aus den von Entman (1993) eingeführten vier Elementen als Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralischer Bewertung und Lösungszuschreibung bestehen. Diese gut operationalisierbare Konzeptionierung von Medien-Frames, die zugleich als Konsens der bisherigen Definitionen betrachtet werden kann, dient ihm dazu, nach Einflüssen von speziell Verursacher- und Opferframes auf den Rezipienten zu fragen. Für erstere wird angenommen, dass deren Rezeption Ärger auslöst und die Zustimmung zu Strafmaßnahmen erhöht. Opferframes hingegen sollen Traurigkeit auslösen und die Zustimmung zu Hilfsmaßnahmen beeinflussen (S. 276). Zur weiteren theoretischen Untermauerung wird der Forschungsstand zu kognitiven Wirkungsmechanismen bei Medien-Frames dargelegt (3. Kap.). Kühne führt den Leser durch eine Vielzahl bisheriger Studien und stellt systematisch deren Erkenntnisse samt Erweiterungspotenzial dar, versäumt es dabei auch nicht, auf gegenwärtige Desiderate einzugehen und diese im Kontext der Untersuchung von emotionalen Wirkungsmechanismen zu beleuchten. Kapitel 4 widmet sich sodann den Emotionen als Mediatoren von Framing-Effekten und verknüpft dabei Frame-Elemente mit der Analyse der Emotionsgenese. Hierauf fußt Kapitel 5, das ein Modell darstellt, welches die verschiedenen Defizite aufzeigt. Hiernach folgen die Konzeptionierung des methodischen Vorgehens samt dessen Umsetzung und anschließender Auswertung. Mithilfe eines multi-methodischen Untersuchungsverfahrens, bestehend aus drei Laborexperimenten (durchgeführt am IPMZ in den Jahren 2010-2012), einer Inhaltsanalyse (ebenfalls am IMPZ, 2010 und 2011) in Kombination mit einer Befragung (GfK Schweiz) zur Arbeitslosigkeitsdebatte im Vereinigten Königreich (2010 und 2011), werden sowohl interne als auch externe Validität der Ergebnisse gesichert. Da er in der Untersuchung die jeweiligen Ausprägungen sowohl der einzelnen Frame- Elemente als auch vom Frame als Ganzes mittels eines Gesamtscore berücksichtigt, ist es Kühne möglich, die unterschiedlichen Teilprozesse seines Modells direkt auf einzelne inhaltliche Komponenten des Medien-Frames und deren Wirkung beim Rezipienten zurückzuführen. Dabei liefert der Gesamtscore einen Hinweis über die Intensität des emotionsauslösenden Potenzials. Zudem sind so die einzelnen Teilprozesse in der Wirkung beim Rezipienten direkt auf einzelne Medieninhalte zurückzuführen. Nicht nur hinsichtlich der theoretischen Konzeptionierung, auch in der empirischen Umsetzung ist die Arbeit Kühnes gewinnbringend. Forschungslogische Hürden und Schwierigkeiten werden reflektiert und im abschlie- ßenden Auswertungsprozess bedacht. Das Niveau der statistischen Auswertung ist beachtlich. So finden Regressionsanalysen, Faktoranalysen und Strukturgleichungsmodelle Anwendung. Auch die Verknüpfung der unterschiedlichen Ergebnisse auf den einzelnen Erkenntnisebenen erfolgt auf hohem Niveau. Kühnes Modell wird zudem dem Prozesscharakter von emotionalen Framing-Effekten gerecht. Es erlaubt außerdem Aussagen, welche Frame-Elemente in welcher Konfiguration welche Emotionen und vor allem welchen Stärkegrad zur Entstehung von Emotionen herbeiführen. Dies ist zugleich, wie Kühne feststellt, eine Herausforderung für zukünftige empirische Untersuchungen (S. 346). Kühne meistert den schwierigen Grad zwischen Komplexitätsreduktion und -erhöhung bei der Entwicklung und Umsetzung neuer M&K 64. Jahrgang 1/2016 134 Theoriemodelle. Zudem zeigt er, dass erst die Aufschlüsselung der spezifischen Prozesse, die der Wirkung von Medien-Frames zugrunde liegen, präzisere Erklärungen darüber erlauben, inwiefern der Inhalt von Frames mit bestimmten Wirkungen verbunden ist, und erst so Prognosen über die Wirkung von Frames ermöglicht werden (S. 339). Offene Fragen bleiben, bedenkt man Erkenntnisse der Attributionsforschung, vor allem der Verantwortungszuschreibungen (intern oder extern). Führt die glaubhafte Zuschreibung von Verantwortung für beispielsweise die Arbeitslosigkeit dazu, dass die negative Bewertung und Dramatik der Arbeitslosigkeit auf den Verantwortlichen abfärbt? Festzuhalten ist: Kühne ist ein sehr gewinnbringendes Buch gelungen, es ist ihm zu gratulieren, denn: Seine Befunde werden in der Kommunikationswissenschaft, vor allem für die zukünftige politische Kommunikationsforschung von großem Interesse sein, für die der Blickwinkel auf emotionale Wirkungsmechanismen auch angesichts der derzeitigen politischen Lage in Deutschland, der EU, aber auch weltweit zukünftig wichtiger werden wird. Und fast nebenbei kommt sein Modell einer gegenwärtig von Cacciatore et al. (2016) geäußerten Forderung entgegen, die einzelnen Teilprozesse von Frames zu untersuchen. Rinaldo Kühnes Modell bietet hier einen optimalen Ausgangspunkt und wird so mit seiner scharfen Analyse weitere empirische Forschung anregen. Katrin Döveling / Charlotte Knorr Literatur: Cacciatore, M. A., Scheufele, D. & Iyengar, S. (2016). The end of framing as we know it ... and the future of media effects. Mass Communication & Society, 19(1), 7-23. doi: 10.1080/15205436.2015.1068811 Arno Rolf / Arno Sagawe Des Googles Kern und andere Spinnennetze Die Architektur der digitalen Gesellschaft Konstanz/München: UVK, 2015 – 277 S. ISBN 978-3-86764-590-4 Eines vorweg: Es handelt sich bei diesem Band nicht um eine rein wissenschaftliche Abhandlung, sondern um einen feuilletonistischen Text im Stil einschlägiger populärwissenschaftlicher Publikationen. Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Im Gegenteil, eine allgemeinverständliche Einführung in die „Architektur der digitalen Gesellschaft“, die technische, ökonomische und soziale Aspekte kompetent zueinander in Beziehung setzt, wäre durchaus zu begrüßen. Der Band besteht aus vier Teilen, die grob chronologisch angeordnet sind. Zunächst geht es um die Frage, welche Auswirkungen die Einführung partizipativer Technologien, wie PC, Internet und später Smartphones auf Wertschöpfungsprozesse, Unternehmensarchitekturen und das Verständnis von Arbeit hatte. Anhand konkreter Beispiele, die vom arbeitenden Kunden über Freelancer, Cloudworking und Clickworking bis hin zu Mobile Work reichen, wird schlüssig argumentiert, dass auch unter neuen „vernetzten“ und „hierarchiefreien“ Bedingungen, die vermeintlich mehr Autonomie schaffen, betriebliche Herrschaft aufrechterhalten und gleichzeitig Arbeitsplatzsicherheit untergraben wird. Mit Blick auf aktuelle Geschäftsmodelle und Strategien wird anschließend beschrieben, wie sich Amazon, Google, Uber und Airbnb in etablierte Ökonomien einklinken, diese transformieren und dadurch einen „Urkonflikt“ heraufbeschwören: Bequemlichkeit und Kostenreduzierung auf Seite der Konsumenten versus Verlust von Sicherheit und Sozialstandards auf Seiten der Arbeitnehmer. Die Faktoren, die diese Transformationen begünstigen, werden stringent zusammengefasst. Der Versuch, die Metapher des Spinnennetzes als Analysemodell der gegenwärtigen Oligopolisierungstendenzen zu etablieren, ist allerdings wenig überzeugend. Im dritten Teil verlagert sich der Fokus auf das Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Smart Cities. Hier kann vorerst nur spekuliert werden, welche Konstellationen aus dem Konkurrenzverhältnis zwischen „alten“ und „neuen“ Ökonomien hervorgehen werden. Gleichzeitig wird die äußerst relevante Frage aufgeworfen, ob „Informatisierungslücken“, die von der Wirtschaft meist nur als zu behebendes Problem wahrgenommen werden, auch Verhandlungsspielräume für sozial verträgliche digitale Transformationen bieten. Im abschließenden vierten Teil werden im Sinne einer Synthese der vorherigen Ausführungen Zukunftsszenarien entworfen. Für die Autoren steht außer Frage, dass angesichts fortschreitender Automatisierungstendenzen ein neuer Umgang mit Arbeit gefunden werden muss. Bedingungsloses Grundeinkommen und Automatisierungsdividende werden als Modelle andiskutiert und verschiedene theoretische Perspektiven auf digitale Transformationen durchdekliniert. Literatur · Besprechungen 135 Das Buch ist eine aktualisierte und „popularisierte“ Version von „Mikropolis 2010“, einem 2008 erschienenen Lehrbuch, das die Veranstaltung „Informatik im Kontext“ von Arno Rolf begleitete. Man kann es als Experiment betrachten, inwiefern es gelingen kann, ein Lehrbuch in ein populäres Format zu übertragen, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Und muss leider konstatieren, dass dieses Experiment in mehrerer Hinsicht scheitert. Populärwissenschaft kann keine Entschuldigung für mangelnde Sorgfalt sein, denn auch eine nicht-akademische Leserschaft will ernst genommen werden. Insofern ist überhaupt nicht nachvollziehbar, wieso weitestgehend auf Literaturverweise verzichtet wurde. Fußnoten finden sich nur sehr sporadisch, ansonsten werden Argumentationsstränge frei aus Artikeln und Büchern referiert. So wird die Möglichkeit verbaut, Aussagen nachzurecherchieren und Thesen zu kontextualisieren. Die Argumentation wird dadurch unanfechtbar und intransparent, was nicht das Ziel eines solchen, letztlich aufklärerisch motivierten Buchs sein kann. Angemessen wäre stattdessen, wie im US-Populär- Genre üblich, auch ohne Fußnoten im Anhang eine nach Kapiteln gegliederte Liste mit exakten Literaturverweisen mitzuliefern. In den ersten beiden Teilen des Bands wurde zudem das Lektorat grob vernachlässigt. In der Rückschau auf die Anfänge des PCs und des Internets verbinden sich undifferenzierte Technikbeschreibungen mit historiografischer und sprachlicher Flapsigkeit zu Formulierungen wie „Als alles anfing, war damals in Kalifornien die Flower-Power-Zeit“. Durkheim mit „ü“ ist sicherlich eine Petitesse, aber Glenn Greenwald in „Greenwood“ umzubenennen, ist in diesem Zusammenhang schon arg peinlich. Insgesamt wird man in den ersten beiden Teilen mit einem Wust an Metaphern und Wortspielen konfrontiert, die – wie schon im Titel – selten miteinander harmonieren. Umso erstaunlicher, dass sich ab dem dritten Teil der Stil wandelt. Hier findet man sich plötzlich in einer luziden Darstellung wieder und der Band beginnt, seine Stärken auszuspielen. Diese liegen zum einen in der konsequent kritischen ökonomischen Perspektivierung digitaler Transformationsprozesse. Zum anderen wird durchgehend die Ambivalenz dieser Prozesse angesprochen – sowohl was die unterschiedlichen Ausrichtungen und Potentiale von Entwicklungen wie der „sharing economy“ als auch was die Ausdifferenzierung theoretischer Zugänge zwischen Optimismus und Pessimismus angeht. Wegweisend ist die Kritik an Wirtschaftsund Technikwissenschaften, was deren Blindheit gegenüber gesellschaftlichen „Nebenfolgen“ betrifft. Die Befragung wirtschaftlicher und informatischer Modelle im Hinblick auf ihre Entstehungskontexte und Legitimierungszusammenhänge sowie auf ihre sozialen Konsequenzen erscheint im Zuge der digitalen Transformationen als eine der dringlichsten Aufgaben. Für diese Aufgabe bietet der Band zwar eine reichhaltige Materialschau, es erschließt sich jedoch kaum, worin die Leistungsfähigkeit der eher schemenhaft skizzierten Analysewerkzeuge liegen soll. Dies ist vor allem deshalb bedauerlich, weil der Band damit hinter seinen solider konstruierten Lehrbuch- Vorgänger deutlich zurückfällt. Theo Röhle Klaus Sachs-Hombach / Jan-Noël Thon (Hrsg.) Game Studies Aktuelle Ansätze der Computerspielforschung Köln: Halem, 2015. – 501 S. ISBN 978-3-86962-095-4 Die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung des Mediums Computerspiel mit seinen vielseitigen Facetten ist nicht nur aufgrund der teilweise verzerrenden Darstellung in der massenmedialen Berichterstattung eine wichtige Aufgabe, der sich in der Vergangenheit verschiedene Wissenschaftsdisziplinen gestellt haben. Der Sammelband unterstreicht zwar den Versuch, die Game Studies als eigenständige Disziplin zu etablieren, setzt dabei jedoch auf die interdisziplinäre Vielfalt, durch die die aktuelle Computerspielforschung geprägt ist. Damit soll er der Multidimensionalität des Forschungsgegenstandes Computerspiel besser gerecht werden. Die Herausgeber liefern zunächst einen aktuellen Überblick zum Stand der disziplinären Entwicklung der Computerspielforschung in der nationalen und internationalen Medien-, Kommunikations- und Sozialwissenschaft. Es werden deutliche Bezüge zu den Hintergründen der disziplinären Selbstfindung der vergangenen Jahrzehnte, als auch der Konsolidierung und Institutionalisierung der letzten zehn Jahre hergestellt. Daraus leiten die Herausgeber das Ziel des Sammelbandes ab, die medienwissenschaftlichen und journalistischen Diskurse über Computerspiele im Rahmen einer Vielzahl unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven und Methoden auszudifferenzieren. M&K 64. Jahrgang 1/2016 136 Das Buch gliedert seine zwölf Einzelbeiträge in drei Gruppen zu je vier Beiträgen, die jeweils zwischen 25 und 60 Seiten umfassen. Unter „Spiel“, „Nutzung“ und „Kontext“ ordnet der Sammelband die Beiträge entsprechend ihres Bezugs zwischen dem Medium und der disziplinären Herangehensweise thematisch zu, was durchaus sehr gelungen ist. Diese Systematik ermöglicht es dem Sammelband, eine große Reihe von auf den ersten Blick unabhängigen Ansätzen unter einer gemeinsamen Klammer innerhalb der Gruppe sowie auch innerhalb der Computerspielforschung bzw. der Game Studies im Allgemeinen zu verorten. Im ersten Teil „Spiel“ werden Eigenschaften von Computerspielen betrachtet, die aus der Perspektive einer vor allem artefaktorientierten medienwissenschaftlichen Analyse relevant sind. Es werden zunächst der Wert des Genrebegriffs als wichtiges Instrument der Computerspielanalyse für die methodische Entwicklung der Game Studies betrachtet (Benjamin Beil) und die Theorie und Praxis der Gestaltung von Computerspielen als eigenständige Forschungstradition mit handwerklich-künstlerischer Ausrichtung beleuchtet (Gundolf Freyermuth). Aus der Perspektive einer transmedialen Narratologie arbeitet Jan-Noël Thon die interaktiven und nonlinearen Facetten von Erzählungen in Computerspielen systematisch auf. Besonders hervorzuheben an diesem Beitrag ist die Vielfalt der betrachteten Formen und Funktionen von Erzählern in Computerspielen, die den aktuellsten Forschungsstand anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht. Im Beitrag von Kathrin Fahlenbrach und Felix Schröter wird ein mehrdimensionales rezeptionsästhetisches Modell zur Analyse von Computerspielen vorgestellt, das auf perzeptuellen und affektiven Wirkungen der Gestaltung von Computerspielen basiert. In einer Beispielanalyse für das Spiel „Journey“ werden dabei die Zusammenspiele ludischer, narrativer und sozialer Gestaltungsstrategien offengelegt. Der zweite Teil „Nutzung“ fokussiert auf die Selektion, Rezeption und Wirkung von Computerspielen im Rahmen von Medienpsychologie, Mediensoziologie und Medienpädagogik. Der Beitrag von Leonard Reinecke und Sina Klein bietet einen aktuellen Überblick von Mediennutzungs- und Wirkungsfragen der medienpsychologischen Forschung zu Computerspielen. Insbesondere Identifikations- und Immersionsprozesse sowie positive und negative Auswirkungen von Computerspielkonsum werden beleuchtet. In weiteren Beiträgen werden Computerspiele als Vermittlungsinstanzen zwischen Individuum und Gesellschaft (Jeffrey Wimmer/ Jan-Hinrik Schmidt) sowie ihr Einsatz in der Erziehungswissenschaft (Johannes Fromme) thematisiert. Einen weiteren kulturwissenschaftlichen Beitrag liefert Claudia Wilhelm in ihrem Text über Geschlechterdarstellungen in Computerspielen anhand der Figur Lara Croft, in dem auch ein Erklärungsmodell für geschlechtstypisches Spielverhalten entwickelt wird. Der dritte Teil „Kontexte“ bettet schließlich Computerspiele in umfassende gesellschaftliche, kulturelle und geschichtliche Rahmenhandlungen ein. Der Beitrag von Natascha Adamowsky fokussiert auf die Aspekte „Game“ und „Play“ auf kultur- und mediengeschichtlicher Basis und stellt am Beispiel von „Pong“ eine Reihe von „Begleitphänomenen“ in unterschiedlichsten Kontexten vor. Rolf Nohr zeigt in seinem Beitrag den Einsatz von kritischer Diskursanalyse als Forschungsmethode bei Computerspielen anhand des Spiels „Half-Life 2“ und der „Killerspieldebatte“ im deutschsprachigen Raum. Das Buch schließt mit Beiträgen im Kontext von geschichtswissenschaftlicher Analyse bezüglich der Inszenierung von Computerspielen (Angela Schwarz) und gibt einen historischen Überblick über Zusammenhänge von Technologien und Geschäftsmodellen der Computerspielindustrie (Jörg Müller-Lietzkow). Die thematischen Klammern des Buches schaffen es zwar, die disziplinären Aspekte einer ganzen Reihe von Forschungsansätzen im Querschnitt gelungen zusammenzubringen. Insgesamt erfolgen die Betrachtungen innerhalb der Beiträge dann doch sehr stark aus dem Blickwinkel der jeweiligen Disziplinen und nicht im Rahmen einer Gesamtdisziplin Game Studies. Dies zeigt sich manchmal auch am verwendeten unterschiedlichen Vokabular. Obwohl die meisten Beiträge an den Begriff der Game Studies anknüpfen, obliegt es letztlich dem Leser, den nächsten Schritt – die Verknüpfung der Ansätze – selbst zu gehen. Mit seinem umfassenden Blick auf die heterogenen Themenfelder der Computerspielforschung liefert das Buch dafür aber die ideale Grundlage. Daniel Pietschmann Literatur · Besprechungen 137 Mike Schäfer / Silje Kristiansen / Heinz Bonfadelli (Hrsg.) Wissenschaftskommunikation im Wandel Köln: Herbert von Halem Verlag, 2015. – 374 S. ISBN 978-3-86962-108-1 Wissenschaftskommunikation wandelt sich. Dies ist u. a. daran erkennbar, dass ein Sammelband zum Thema „Wissenschaftskommunikation im Wandel“ mit einer Szene beginnt, die dort nicht zu erwarten ist. Hauptfigur ist Silvana, die ihr erstes Lebensjahr zu Hause bei ihren Eltern verbracht hat, die abwechselnd Elternzeit genommen haben. Beide wollen in ihren Beruf zurückkehren und Silvana soll in eine Krippe gehen. Die Eltern suchen zunächst im Internet nach Informationen – darunter auch solche von Wissenschaftlern, die darüber Auskunft geben, ob und wie sich der Aufenthalt in einer Krippe auf das Kind auswirken könnte. Silvanas Eltern sind nach der Recherche verunsichert und wollen warten, bis ihre Tochter zwei Jahre alt ist. Mike S. Schäfer und seine Mitherausgeber formulieren dieses Beispiel als stellvertretend für viele andere Lebenssituationen, in denen Menschen Entscheidungen treffen müssen und sich entsprechend informieren. Neben vielen anderen stehen ihnen wissenschaftliche Quellen dafür zur Verfügung. Mag dieses Wissen auch bisweilen verunsichern, so produziert Wissenschaft doch „das beste Wissen, das Individuen, Institutionen und Gesellschaften als Entscheidungsgrundlage zugänglich ist“ (S. 11-12). Aber wie wird dieses Wissen vermittelt? Wie erreicht es die unterschiedlichen Akteure? Nachdem dieser weite Bogen geschlagen ist, kommen die Herausgeber in ihrer Einleitung schließlich zu dem, womit sich die Autoren der folgenden rund 360 Seiten beschäftigen: mit Wissenschaftskommunikation. Diese soll nicht zu eng gefasst, sondern möglichst weit verstanden werden, „als alle Formen von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierte Kommunikation, sowohl innerhalb als auch außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft, inklusive ihrer Produktion, Inhalte, Nutzung und Wirkungen“ (S. 13). Dementsprechend bunt ist die Palette der Beiträge: Sie reichen von der Kommunikation innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft über die strategische Kommunikation aus der Wissenschaft, die Kommunikation über Wissenschaft und schließlich bis zur Rezeption und den Effekten von Wissenschaftskommunikation. Corinna Lüthje hat den einzigen rein theoretischen Beitrag verfasst. Sie macht sich elaborierte Gedanken auf der Basis von Feldtheorie, Mediatisierung und Post-Normalität darüber, wie allgemeiner technologischer und soziokultureller Wandel auf das wissenschaftliche Feld wirken und die externe wie interne sowie die formelle und informelle Kommunikation ver- ändern. Bereits mit dem zweiten Beitrag von Hans- Jürgen Bucher und Philipp Niemann über die (multimedialen) Veränderungen des wissenschaftlichen Vortrags werden Inhalte und Methoden der Texte konkreter und empirischer. Es fällt allerdings auch auf, dass die empirischen Daten zu einem nicht unerheblichen Teil bereits vor Jahren, offensichtlich in anderen und unterschiedlichen Forschungszusammenhängen erhoben worden sind. Es ist möglicherweise einem fachinternen Kommunikationswandel zu verdanken, dass empirische Daten mehrfach in unterschiedlichen Kontexten aufgearbeitet werden, um sie bei unterschiedlichen Konferenzen anzubieten. So ist die Heterogenität dieses Bandes sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass er Ergebnis der ersten Konferenz der DGPuK-Ad-hoc-Gruppe Wissenschaftskommunikation im Januar 2014 in Zürich ist. Zurück zu den durchaus abwechslungsreichen Inhalten, in denen allerdings nicht immer der Aspekt des Wandels herausgearbeitet wird. Viele fokussieren eher spotlightartig auf eine sehr spezifische Situation im großen und komplexen Feld der Wissenschaftskommunikation. Adrian Rauchfleisch beobachtet deutschsprachige Kommunikationswissenschaftler und ihre Aktivitäten auf Twitter (die eher dürftig sind), Andres Friedrichsmeier und Kollegen nehmen die Hochschul-PR unter die Lupe, Andreas M. Scheu räsoniert über die Medialisierung von Forschungspolitik und Senja Post beschäftigt sich mit dem Umgang von wissenschaftlicher Unsicherheit im Bereich der Klimaforschung. Die journalistische Wahrnehmung und Darstellung von (Un-)Sicherheiten und Risiken von Zukunftstechnologien bearbeiten Lars Günther und Kollegen der Universität Jena, Anna-Maria Volpers und Annika Summ beschreiben den Wandel der Wissenschaftsberichterstattung in deutschen Printmedien, Ines Lörcher und Monika Taddicken untersuchen Online-Öffentlichkeitsarenen. Jens Wolling, Dorothee Arlt, Julia Metag, Sarah Westphal und ihre Co-Autorinnen spüren den Wirkungen der medialen Wissenschaftskommunikation auf Bürger und Rezipienten nach. M&K 64. Jahrgang 1/2016 138 Bleiben Silvanas Eltern verunsichert zurück, so gilt dies nicht für den Leser dieses Bandes. Dieser ist gut strukturiert und lektoriert, und gäbe es nicht vielfach veraltete Daten und bisweilen wenig zum Aspekt des Wandels, so wäre (fast) nichts zu bemängeln. Beatrice Dernbach Stefan Welling / Andreas Breiter / Arne Hendrik Schulz Mediatisierte Organisationswelten in Schulen Wie der Medienwandel die Kommunikation in den Schulen verändert Wiesbaden: Springer VS, 2015. – 336 S. ISBN 978-3-658-03676-8 (Medien Kultur Kommunikation) Die Untersuchung wurde im Rahmen des Schwerpunktprogramms der DFG „mediatisierte Welten“ durchgeführt, in dem das komplexe „Interdependenzverhältnis von Medien, Kultur und Kommunikation in einer breiten sozialwissenschaftlichen Perspektive“ (Hrsg. der Reihe) gefasst werden soll. Bisher richteten sich Untersuchungen zur Medienintegration in den Schulen vorrangig auf die Konsequenzen zur Verbesserung der Lehr-Lernprozesse, hier aber geht es um „den Metaprozess der Mediatisierung im spezifischen Anwendungskontext der Schule als sozialer Organisation“ (S. 12). Zur begrifflichen Fundierung werden im ersten Kapitel unterschiedliche Theorien über Schule als soziale Organisation und die Besonderheiten ihrer Organisation als „kommunikativer Prozess des Organisierens“ (S. 21ff.) dargestellt sowie verschiedene Theorieansätze zu Organisationskulturen und -milieus diskutiert. In einem zweiten Schritt werden, ohne Bezug zur Schule, der Zusammenhang von Medienwandel und Organisationsentwicklung analysiert und dann Bedingungen und Konzepte zur Aneignung von digitalen Medien in der schulischen Organisationswelt beschrieben. Diese Abschnitte stehen weitgehend isoliert nebeneinander, ohne die Bedeutung der einzelnen Konzepte für die empirische Untersuchung zu konkretisieren und daraus präzise Fragen für eine differenzierte Analyse schulischer Organisationsstrukturen abzuleiten. Besonders schwer wiegt die fehlende Beschreibung der institutionellen Rahmenbedingungen für einen Wandel der schulischen Organisationskulturen. Schulen sind durch klare, vorgegebene, nur begrenzt variierbare Organisationsstrukturen gekennzeichnet, die eine möglichst Erfolg versprechende Erreichung der gesetzlich verankerten Erziehungs- und Bildungsziele sichern sollen. Diese offensichtlich zentralen Organisationsstrukturen werden in ihren Auswirkungen auf die durch Mediatisierung bedingten Veränderungen der Organisationskulturen oder -milieus zwar angesprochen, aber im Forschungsdesign nicht berücksichtigt. Wenn untersucht werden soll, „wie sich im Zuge der Mediatisierung vor dem Hintergrund der zunehmenden Nutzung digitaler Medien im Rahmen der mediatisierten Kommunikation des Organisierens die kommunikative (Re-) Produktion der Organisation Schule und damit letztlich auch die Organisation ver- ändert“ (S. 42), dann müsste doch auch gefragt werden, wie sich das auf den Unterricht und die Erreichung der Erziehungs- und Bildungsziele als zentrales Organisationsziel von Schule auswirkt. Im zweiten Kapitel beschreiben die Autoren das Untersuchungsdesign. Sehr ausführlich erläutern sie die theoretischen Grundlagen der dokumentarischen Methode der Interpretation, der teilnehmenden Beobachtung und der Logfile-Analyse der Schulinformationssysteme als geeignete Untersuchungsmethoden für das vielschichtige und bisher empirisch kaum erfasste Forschungsfeld Schulorganisation. Auch hier versäumen sie es allerdings, diese Theoriekonzepte auf die spezifischen Erfordernisse der empirischen Studie hin zu konkretisieren. Diese beruht auf Einzelfallanalysen von zwei großstädtischen Gesamtschulen, die nach den Kriterien Größe und Fortschritt bei der Medienintegration ausgewählt wurden. Die Autoren begründen nicht näher, warum sie nur die Fachlehrkräfte und nicht auch das pädagogische und sonstige Personal (Sozialpädagogen; Hausmeister) berücksichtigen und sogar die Organisation ganzer Schulbereiche ausblenden, z. B. die Kooperation in den Klassenstufenteams, die Beschaffung von Lehr- und Lernmitteln, die Medienbetreuung oder die Kooperation mit Elternvertretungen. Damit wird die angestrebte Untersuchung der „kommunikativen (Re-) Produktion schulischer Organisationswelten“ letztlich auf die Frage nach der Organisation der Kommunikationsprozesse zwischen den Lehrkräften reduziert. Trotz dieser leider stark eingegrenzten Perspektive deckt die Studie erstmals empirisch belegte Erkenntnisse über die Kommunikationspraxen und Probleme der Schulorganisation als wichtige Rahmenbedingungen für Schulentwicklung auf. Sie könnten der Schulentwicklungsforschung und den vielfältigen prakti- Literatur · Besprechungen 139 schen Bemühungen um Schulentwicklung wichtige Impulse geben. Die Darstellung des methodischen Vorgehens weist zwar einige Mängel auf, aber wer sich durch die überlangen Fallbeschreibungen der je vier Gruppendiskussionen an den beiden Schulen durchgekämpft hat, erhält tiefe Einblicke in die Orientierungsmuster der Lehrkräfte. Die Zusammenschau macht deutlich, dass die eingesetzten Methoden zu übereinstimmenden Ergebnissen führen. Die wohl wichtigste Erkenntnis liegt darin, dass „viele kommunikative Situationen in der Schule nicht (mehr) auf routinisierten, kommunikativen Praktiken basieren, und stattdessen einer gezielten Entscheidung für die Nutzung eines gezielten Mediums bedürfen.“ (S. 302) Als wichtigste Kriterien für die Wahl des Medieneinsatzes erwiesen sich die Effektivität für die Zielerreichung, die Verbindlichkeit der übermittelten Informationen, problemlose Handhabbarkeit und Verfügbarkeit der technischen Medien sowie die Kompatibilität unterschiedlicher Medien. Damit zeigte sich die „Kommunikation des Organisierens“ als individualbiographisches Phänomen, geprägt von Multioptionalität der Medienwahl und der Vermischung individueller und kollektiver Handlungspraxen. Hinsichtlich der Mediatisierung der Schulorganisation ergibt sich folgendes Bild: Die eingesetzten Schulinformationssysteme haben sich inzwischen für bestimmte Aufgaben als unverzichtbar erwiesen, ihre Nutzung ist aber nicht verpflichtend und sehr unterschiedlich aufgrund von System- und Ausstattungsmängeln sowie erschwerter Zugangs- und Nutzungsbedingungen. Ein verstärkter Einsatz digitaler Medien (insbesondere E-Mail und Smartphone) erweist sich aus Sicht der Lehrkräfte als ambivalent bezüglich der Verbindlichkeit und der individuellen Kontrolle der Kommunikation. Problematisch erscheint die parallele Nutzung privater und schulischer digitaler Endgeräte, die zu einer Mischung privater und beruflicher Kommunikation führt. Insgesamt besteht bei einem erheblichen Teil der Lehrkräfte Widerstand gegen eine weitere Mediatisierung der Kommunikation, auch aus Angst davor, dass eingespielte Kommunikationspraktiken in Gefahr geraten. Eine gewisse Bereitschaft zum Medieneinsatz ist zwar vorhanden, aber offensichtlich gelingt es weder der Schulleitung noch den Medienberatern, dem Kollegium Orientierungen zur Etablierung neuer kollektiver Handlungspraxen unter stärkerem Einbezug digitaler Medien zu geben. So bleibt als Fazit festzuhalten: Die Untersuchung zeigt überdeutlich als besonderes Merkmal von Schulorganisation den absoluten Vorrang der direkten personalen Kommunikation als Medium des Organisierens, ergänzt um papierbasierte Kommunikate (Infowände, Mitteilungsbücher, Listen und schriftliche Mitteilungen). Sie legt die besonderen Schwierigkeiten einer stärkeren Mediatisierung der Schulorganisation und die damit verbundenen Probleme für die Bewältigung des Schulalltags offen und verweist auf die Gefahr, dass der Medienwandel zu einer Verunsicherung der Kommunikation in den Schulen führt. Deshalb wäre es wünschenswert, dass sich nicht nur Forschende und Lehrende der Kommunikationswissenschaft, sondern auch Bildungspolitiker, Verantwortliche aus der Schuladministration sowie Verantwortliche für Maßnahmen zur Schulentwicklung und für die Lehrerbildung mit den Ergebnissen dieser Untersuchung auseinandersetzen würden. Dieter Spanhel M&K 64. Jahrgang 1/2016 140

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References

Zusammenfassung

Medien & Kommunikationswissenschaft bietet ein Forum zur Diskussion medien- und kommunikationsbezogener Fragen sowie für Analysen der Medienentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven und für alle Medien. Medien & Kommunikationswissenschaft spiegelt damit die Trends der Forschung und der öffentlichen Diskussion um die Medien wider. Die Zeitschrift hat einen Jahresumfang von ca. 600 Seiten und enthält Aufsätze, Berichte, Dokumente, Diskussionsbeiträge, Rezensionen sowie eine Zeitschriftenlese und eine Literaturübersicht.

Medien & Kommunikationswissenschaft wendet sich an Wissenschaftler, Journalisten, Medien-Organisationen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film-, Fernseh-, Videoproduktionsunternehmen, Verbände, Lehrer, Pressewesen, Medienpolitiker.

Homepage: www.m-und-k.nomos.de