Eva M. Welskop-Deffaa, Zukunft der sozialen Infrastruktur in:

Sozialwirtschaft (SW), page 11 - 13

Sozialwirtschaft, Volume 30 (2020), Issue 5, ISSN: 1613-0707, ISSN online: 1613-0707, https://doi.org/10.5771/1613-0707-2020-5-11

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11SOZIAL wirtschaft TITEL 5/2020DOI: 10.5771/1613-0707-2020-5-11 RISIKO-MANAGEMENT Zukunft der sozialen Infrastruktur »Future historians will be asked which quarter of 2020 they specialize in« Dieses Zitat des amerikanischen Autors David Burr Gerrard markiert die Grenze, die dem Versuch gesetzt ist, heute zu reflektieren, welche Effekte der Corona- Pandemie nachwirken werden. Noch wechseln Erkenntnisse, Maßnahmen und Erfahrungen in schneller Taktung. Noch sind die Homeoffices der Lockdown-Zeit nicht aufgeräumt und die Schutzmasken nicht abgesetzt. Die Bewältigung der Pandemie ist eine potenziell explosive Anspannungsleistung, deren Wahrnehmung vom eigenen beruflichen Standpunkt ebenso wie vom genauen Zeitpunkt der Analyse abhängt. Antworten auf die Frage nach den organisatorischen, finanziellen, rechtlichen und verbandlichen Effekten der Krise sind daher notgedrungen vorläufig. Mit fünf Thesen soll der Rahmen für die in den nächsten Monaten anstehende gründlichere Analyse für die Sozialwirtschaft, namentlich für die Freie Wohlfahrtspflege abgesteckt werden: 1. Die Erfahrungen der Pandemie mar-kieren keine Zeitenwende, aber sie sind ein Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen. Das gilt nicht zuletzt auch für die Freie Wohlfahrtspflege und die digitale Transformation. Noch bis ins Jahr 2019 hinein war der Diskurs über die Digitalisierung der sozialen Dienste und Einrichtungen ein Diskurs einer Insider-Community. Selbstverständlich nutzten die ambulanten Pflegedienste auch Messengerdienste für die Organisation ihrer Schichten und ebenso selbstverständlich fand die Öffentlichkeitsarbeit der Wohlfahrtsverbände in den sozialen Medien statt, auf Facebook, Twitter und Instagram. Online-Beratung gehört in verschiedenen Fachberatungen längst zum Standardportfolio. Der sich aus diesem Puzzle digitaler Instrumente und digital gestützter Prozesse ergebende grundsätzliche Ver- änderungsbedarf allerdings blieb – wie der Wald hinter Bäumen – verbandlich und öffentlich erstaunlich unsichtbar. (1) Insbesondere die Frage nach personalpolitischen Anforderungen und finanziellen Ressourcen wurde – trotz vorhandenen tradierten Transformationswissens – nur zögerlich gestellt (2): Wenn statt schnellerer Kutschen heute Autos genutzt werden, ist der Pferdewirt von gestern nicht automatisch der Automechaniker und Tankwart von morgen. Das heißt: Wenn man in allen Bereichen der Sozialen Arbeit die Möglichkeiten digitaler Hilfsmittel gewinnbringend und verantwortet nutzen will, brauchen die Träger der Freien Wohlfahrtspflege digitale Kompetenzen auf allen Ebenen. Die Curricula der sozialen Berufe sind anzupassen, Weiterbildungsanstrengungen der Beschäftigten zum digitalen Kompetenzaufbau haben höchste Priorität und mit der Einrichtung attraktiver (Stabs-) Stellen müssen Voraussetzungen für die Anwerbung digitaler Expertinnen und Experten von außen geschaffen werden. Schon vor der Corona-Krise hat eine Befragung von mehr als tausend Führungskräften der Sozialwirtschaft diese Erkenntnis deutlich bestätigt. (3) Erst in der Krise aber wurde offensichtlich, wie dringlich die auf den Kompetenzaufbau zielenden Anforderungen zu bearbeiten sind. Die Phantasie, welche Corona- Probleme digital unterstützt einfacher zu bewältigen sein könnten, entwickelt nur, wer ein bestimmtes Maß digitaler Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringt. Die Vorteile und Bedingungen einer digitalen Wissensaustauschplattform, auf der für einen spezifischen Kreis von Menschen Dokumente und Informatio- VON EVA M. WELSKOP-DEFFA A Eva M. Welskop-Deffaa ist Diplom- Volkswirtin. Sie war Grundsatzreferentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Referatsleiterin beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium und ist seit 2017 Vorstand für Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes. www.caritas.de 12 SOZIAL wirtschaft TITEL 5/2020 »Soziale Innovationen und Orientierung in der Krise hängen wesentlich an kommunikativer Potenz« nen frei zugänglich sind, geraten zuerst denjenigen in den Blick, die über postfachfüllende Dokumente in E-Mail-Post- Anhängen schon vor der Krise nachgedacht haben. (4) Nun hat die Pandemie die Verantwortlichen in der Sozialwirtschaft veranlasst, die digitale Transformation beschleunigt und geschärft wahrzunehmen. Daraus ergibt sich die Option, alle Dornröschenschläfer zu wecken und Ressourcen konsequent umzusteuern. Die Ausrichtung der eigenen Arbeit an den während der Pandemie unabweisbar entdeckten Herausforderungen kann eine wirkliche Chance sein. Sie ergibt sich allerdings nur für diejenigen, die sie jetzt auch nutzen. Wer für die Rückkehr zur »Normalität« die Normalität von gestern zum Maßstab nimmt und wer die verschiedenen digitalisierungsgetriebenen Herausforderungen weiter isoliert und rein technologisch-operativ zu beantworten sucht, wird den Erkenntnisschub 4.0 der Pandemie verstreichen lassen. 2. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie sehr die »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck) eine »Gesellschaft des Risikomanagements« (Andreas Reckwitz) (5) ist. Über die Berechnung der Wahrscheinlichkeit von Gefährdungen werden nicht nur Gefahren in Risiken transformiert und (wissenschaftlich-technisch) produzierte Risiken gesellschaftlich verteilt. Es ist zugleich die Aufgabe eines systematischen Risikomanagements als öffentliche Aufgabe zugewiesen: Der Staat ist gefordert, sich in verschiedene Segmente des gesellschaftlichen Lebens einzuschalten, um relevante Risiken einzuschätzen und zu reduzieren. Diese spezifische Charakteristik der Risikogesellschaft gewinnt unter Vorzeichen der Pandemie eine Zuspitzung: Die öffentlichen Verantwortungsträger sehen sich mit der Erwartung konfrontiert, die Ausbreitung der Infektion zu begrenzen und die Gesamtsteuerung der Risiken zu übernehmen – eine »hochkomplexe Angelegenheit« (Reckwitz), deren Wahrnehmung das Ineinandergreifen staatlichen und individuellen Risikomanagements und eine intensive Rückkopplung mit wissenschaftlichem Expertenwissen erfordert. Die staatliche Steuerungsmacht ist als Risikomanager dabei auf eine funktionsfähige (soziale) Infrastruktur zur Umsetzung ebenso angewiesen wie auf eine organisierte Zivilgesellschaft, die als Frühwarnsystem rechtzeitig signalisiert, wann das Ausmaß der Inanspruchnahme staatlicher Steuerungsmacht die Akzeptanz der Steuerungsinstrumente infrage zu stellen geeignet ist. Die Empfehlung umfassender Quarantänemaßnahmen für ältere Menschen beispielsweise setzt Ideenreichtum, Ressourcen und Risikobereitschaft in den Altenhilfeeinrichtungen voraus, die sich ihrerseits darauf verlassen müssen, dass ihr Personal mit den beruflichen Risiken nicht allein gelassen wird. Die hier skizzierte Funktion der Freien Wohlfahrtspflege im Konzert des öffentlichen Risikomanagements setzt Vertrauen und funktionierende Strukturen der Kooperation voraus, die im Krisenfall schnell und verlässlich aktiviert werden können. (6) 3. Krisenmanagement setzt Orte der Kommunikation voraus. Der Sinn verbandlicher Strukturen erweist sich hier in besonderem Maße. Tatsächlich hat die Freie Wohlfahrtspflege die damit zusammenhängende Bewährungsprobe bestanden. Als es in der ersten Phase des Notfallmanagements im Lockdown darum ging, einen kontinuierlichen Gesprächskontakt mit der Bundesregierung herzustellen, war die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege mit einer eigens eingerichteten täglich tagenden Taskforce erreichbar und entscheidungsfähig. In den Verbänden selbst wurden unterschiedliche Gesprächsformate erprobt und umgesetzt. Im Deutschen Caritasverband beispielsweise tagte die üblicherweise zweimal jährlich zusammenkommende Arbeitskonferenz der Sozialpolitischen Sprecher (7) in der Krise zuerst im Abstand von zwei Tagen für je eine Stunde, bevor sich im Mai ein 90-Minuten-Format im 2-Wochen-Rhythmus einpendelte. Parallel fanden in ähnlichem Rhythmus Kurzkonferenzen mit dem Steuerungskreis der Ortscaritasverbände, mit den Spitzen der Fachverbände und mit einem kleinen Kreis von Finanzvorständen der Diözesancaritasverbände statt. In allen Formaten ging es darum, Erfahrungen aus der Praxis schnell und ungefiltert einzusammeln, auf die politischen Anfragen zu beziehen und Informationen über bundespolitische Planungen in schneller Rückkopplung abzustimmen. Gelingende Daseinsvorsorge setzt (nicht nur) in Zeiten der Pandemie Kommunikationsstrukturen voraus, die sich dem Stand anpassen können, was eine der Grundanforderungen an die Freien Wohlfahrtspflege ist. Soziale Innovationen und Orientierung in der Krise hängen wesentlich an dieser kommunikativen Potenz. 4. Bewältigung pandemischer Risi-ken setzt ein Zusammenspiel von Akteuren aller staatlichen Ebenen voraus und erfordert dabei vor allem Handlungsfähigkeit und Kompetenz auf der örtlichen Ebene. Die schnelle kompetente Reaktion auf ein konkretes Infektionsgeschehen kann nur auf örtlicher Ebene gelingen – durch das örtliche Gesundheitsamt gemeinsam mit den betroffenen Einrichtungen und den sonstigen Behörden. Die verbesserte personelle Ausstattung der Gesundheitsämter im Rahmen des 2. Bevölkerungsschutzgesetzes trägt dieser Erkenntnis Rechnung. Noch offensichtlicher reflektiert das Konjunkturpaket, das die Koalitionspartner am 3. Juni 2020 verabredet haben, diese Einsicht. Neben Fördermaßnahmen für einzelne Wirtschaftszweige und einer auf die Ankurbelung der Wirtschaft insgesamt zielenden Mehrwertsteuerreduktion ist das Paket ganz wesentlich ein Entlastungspaket für die kommunalen Haushalte. Der größte Batzen – die Zusage, zukünftig 75 Prozent der Kosten der Unterkunft aus dem Bundeshaushalt zu erstatten – bewirkt eine jährliche Entlastung der Kommunen um vier Milliarden Euro. 13SOZIAL wirtschaft TITEL 5/2020 Die so erreichte Rückgewinnung der finanziellen Handlungsfähigkeit der Kommunen ist politisch nur durchsetzbar gewesen dank der Vorarbeiten der Kommission Gleichwertige Lebensverhältnisse (8) einerseits, der konkreten Pandemieerfahrungen andererseits. Aus Perspektive der Freien Wohlfahrtspflege ist die Stärkung der Kommunen eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung, um die soziale Infrastruktur vor Ort krisenfest und gleichwertig zu gestalten. Eine neue Partnerschaft zwischen Kommunen und Trägern der Freien Wohlfahrtspflege muss die gewonnenen finanziellen Spielräume nun zur Sicherung der Daseinsvorsorge nutzen. Kinderschutz, Gewaltprävention, Suchtberatung, Altenhilfe, Eingliederungshilfe und vieles vieles mehr wird vor Ort verlässlich gebraucht; diese soziale Infrastruktur in gutem Miteinander von öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege vorzuhalten trägt der Tatsache Rechnung, dass insbesondere vulnerable Gruppen in unserer Gesellschaft ohne sie Grundbedarfe nicht befriedigen können. 5. Die sichtbar ungleich verteilten Risiken in der Krise spiegeln und verschärfen die Wirklichkeit sozialer Ungleichheit in Deutschland. Die Entscheidung, vom Präsenzunterricht zum Homeschooling zu wechseln, hatte für die Kinder der Bildungsbürgerfamilien ganz andere Konsequenzen als für die Kinder aus prekären Lebensumständen. Die schlecht bezahlten Beschäftigten in der Altenhilfe hatten viel weniger Möglichkeiten sich den Infektionsrisiken zu entziehen als die gut bezahlten Mitarbeitenden eines Versicherungskonzerns, die ihre Arbeit per Homeoffice fortführen konnten. Die sich hinter diesen Tatsachen verbergenden Risiken fordern gesellschaftlich die Bereitschaft heraus, über soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Werte neu und breit zu diskutieren. Wer sich in der Krise auf die Motivation, Einsatzbereitschaft und Fachlichkeit von Erzieherinnen, Pflegekräften und Sozialarbeiterinnen verlassen will, wird an der Honorierung ihrer Arbeit ansetzen und die entsprechenden Refinanzierungsmechanismen sozial ausgewogen weiter entwickeln müssen. Die Wohlfahrtsverbände sind als Arbeitgeber und Anwälte gefordert, nach der Krise eine Pflegeversicherungsdebatte entschlossen mit anzustoßen. Anmerkungen (1) Der Deutsche Caritasverband unternahm mit seiner Jahreskampagne 2019 #sozialbrauchtdigital einige Anstrengungen, um hier gegenzusteuern. Vgl. die Sozialpolitischen Positionen zur Jahreskampagne auf der Webseite des Verbandes: www. caritas.de. (2) Zur Umsetzung der im September 2017 zwischen den Mitgliedsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geschlossenen Kooperationsvereinbarung zur digitalen Transformation der Wohlfahrtspflege konnte 2019 ein zuerst einjähriges Förderprogramm realisiert werden. Seine Fortsetzung im Jahr 2020 gelang nur mit großen Anstrengungen. Das Fördervolumen bleibt weit hinter vergleichbaren Förderungen der Privatwirtschaft zurück, vgl. www. diewohlfahrt.digital. (3) Eva M. Welskop-Deffaa, Erfolgsfaktor Kooperation, in: neue caritas 9/2020, S. 18-19. (4) Der Deutsche Caritasverband richtete in seinem Intranet (»CariNet«) eine Corona-Infobörse ein, in der tagesaktuell Dokumente und Hintergrundpapiere eingestellt wurden. Innerhalb weniger Tage war die Zahl der registrierten Nutzer auf über eintausend angestiegen. Die Gestaltung der Infobörse verdankte sich vor allem dem Zusammenspiel des Referats »Verbandliche Weblösungen« mit der Pressestelle und dem Berliner Büro. (5) Andreas Reckwitz, Der Staat wird zum Risikomanager, in: Tagesspiegel, 5. April 2020. (6) Inwieweit in der Corona-Krise die Politik tatsächlich bereit war, neben dem Ratschlag der Experten auch den Rat der Freien Wohlfahrtspflege einzubeziehen, wird sich bei genauerer Analyse von Ort zu Ort unterschiedlich darstellen. Bei der Planung der »CoronaWarnApp« jedenfalls ist von der Bundesregierung der fachliche Kontakt zur Freien Wohlfahrtspflege nicht gesucht worden, Schreiben der Caritas im Vorfeld der Einführung der Tracing App blieben unbeantwortet, obwohl gerade die Nutzung von neuen Instrumenten der digitalen Epidemiologie einen intensiven Austausch nahe gelegt hätten. (7) Die sozialpolitischen Sprecher sind für die sozialpolitische Interessenvertretung eines Bundeslandes mandatierte Diözesancaritasdirektorinnen und Diözesancaritasdirektoren. (8) www.bmi.bund.de/DE/themen/ heimat-integration/gleichwertigelebensverhaeltnisse/gleichwertigelebensverhaeltnisse-node.html. ■

Abstract

»Future historians will be asked which quarter of 2020 they specialize in«

References

Abstract

Sozialwirtschaft informs about trends in social economy and answers questions about organizing and financing social services. The journal presents personalities and corporations of the industry and provides solutions for managing social enterprises. Comments, interviews, and glosses offer significant reference points for managing practice.

The journal addresses chairmen and executives of welfare organizations, associations, managers in social services and facilities, advisors in administration and organizations, consultants, scholars,  and students.

Website: www.sozialwirtschaft.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift informiert über Trends in der Sozialwirtschaft und beantwortet Fragen der Organisation und Finanzierung sozialer Dienstleistungen. Das Magazin stellt Persönlichkeiten und Unternehmen der Branche vor und zeigt neue Lösungen für das Führen sozialer Betriebe. Kommentare, Interviews und Glossen bieten pointierte Orientierungspunkte für die Leitungspraxis.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.

Homepage: www.sozialwirtschaft.nomos.de