Eva M. Welskop-Deffaa, Demokratie sichern in:

SW Sozialwirtschaft, page 10 - 11

Sozialwirtschaft, Volume 30 (2020), Issue 4, ISSN: 1613-0707, ISSN online: 1613-0707, https://doi.org/10.5771/1613-0707-2020-4-10

Browse Volumes and Issues: SW Sozialwirtschaft

Bibliographic information
10 SOZIAL wirtschaft TITEL 4/2020 DOI: 10.5771/1613-0707-2020-4-10 WOHLFAHRTSVERBÄNDE Demokratie sichern Die Wohlfahrtsverbände stehen in ihren Haltungen zwischen Fürsorge und Partizipation in besonderer Verantwortung zur Sicherung demokratischen Grundlagen der Gesellschaft. In der Geburtsstunde der Wohlfahrtsverbände im 19. Jahrhundert ging es um private Fürsorge und »freie Liebestätigkeit«, um konkrete Hilfe für die vielen, die im Gefolge der Industriellen Revolution in prekäre Existenzen geraten waren. Bald gesellte sich »Für-Sprache« im Aufgabenportfolio der Wohlfahrtsverbände zur »Für-Sorge«: Sozialpolitische Anwaltschaft für strukturelle Verbesserung der gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Was gut sei für diejenigen, die in den Diensten und Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände unterstützt und begleitet wurden, definierten damals diejenigen, die diese Dienste und Einrichtungen vorhielten. Erst mit dem emanzipatorischen Impuls der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts kam es in der Sozialen Arbeit zu programmatischen Veränderungen: Empowerment und Stärkung der Selbstvertretungsmöglichkeiten derer, deren Lebensläufe durch Armut, Ausgrenzung und die immer gleichen Teufelskreise geprägt waren, gehörten zunehmend zum Anspruch der Wohlfahrtsverbände. In direkter Traditionslinie zur emanzipatorischen Sozialen Arbeit der 1970er Jahre steht die – mindestens im Deutschen Caritasverband und seinen Fachverbänden – seit einigen Jahren besonders lebhafte Suche nach Formen der »Betroffenenbeteiligung«. Es steckt in ihr ein Stück Sehnsucht wider die »Versozialwirtschaftlichung« der Sozialen Arbeit und die Erkenntnis, dass mit der Vermarktlichung sozialer Dienstleistungen die »natürliche Allianz« von Fürsorgevereinen und Menschen in Notlagen zerstört wurde – mit erheblichen Kollateralschäden für diejenigen, deren Interessen in der sozialpolitischen Debatte allzu oft ans Ende gerückt werden: Obdachlose, entkoppelte Jugendliche, einsame Alte. Mit der Digitalisierung verändern sich nun die Erwartungen an Beteiligung und Möglichkeiten der Mitwirkung am demokratischen Willensbildungsprozess. In der Netzwerkgesellschaft müssen sich die Wohlfahrtsverbände endgültig vom Für-Sprecher zum Lautsprecher (und Verstärker) transformieren, um ihre besondere Rolle als Agentinnen und Seismografen im demokratisch verfassten Sozialstaat zeitgemäß und glaubwürdig zu erfüllen. Dabei haben die Wohlfahrtsverbände die Pflicht und Chance, das erhebliche Vertrauenskapital, das sie sich gesellschaftlich erarbeitet haben, als Ausgangsvermögen zu nutzen und dazu beizutragen, die – nach Einkommen und sozialer Lage – gravierenden Unterschiede der Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten der Menschen im demokratischen Sozialstaat zu überwinden. Lautsprecher, Verstärker, Übersetzer, Seismograf »Vom Fürsprecher zum Lautsprecher« – das Sprachspiel versucht anklingen zu lassen, welchen Anforderungen sich Wohlfahrtsverbände gegenübersehen, die als soziale Dienstleister und Anwälte in der Plattformwelt auch zukünftig erfolgreich bleiben wollen: Wohlfahrtsverbände müssen die Tradition paternalistischer Für-Sprache hinter sich lassen, um als »Lautsprecher« die Stimme der Betroffenen vernehmlich hörbar zu machen. VON EVA M. WELSKOP-DEFFAA Eva M. Welskop-Deffaa ist Diplom- Volkswirtin. Sie war Grundsatzreferentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Referatsleiterin beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium und ist seit Juni 2017 Vorstand für Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes. Der nebenstehende Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung ihres Beitrags im Sammelband »Demokratie und Wohlfahrtspflege« (vgl. Seite 18). www.caritas.de 11SOZIAL wirtschaft TITEL 4/2020 »Das Konzept der Betroffenenbeteiligung ist aktive Gegenwehr gegen die Schieflage politischer Partizipation von Menschen in prekären Lebenslagen« Responsive Anwälte Doch das einfache Bild des Lautsprechers greift zu kurz. Wohlfahrtsverbände dürfen sich keinesfalls darauf beschränken, Passiv-Lautsprecher zu sein, sondern müssen als responsive Anwälte für die besonders Diskriminierten und Vergessenen mindestens Aktiv-Lautsprecher, also Lautsprecher mit integriertem Verstärker, sein. Und sie sind gefordert als Entdecker, Seismografen, Übersetzer. Wenn wir wollen, dass die Menschen, denen unser sozialpolitisches Engagement gilt, selbst Sprecherinnen und Sprecher in sozialpolitischen Debatten sein können, dann können und müssen Wohlfahrtsverbände wichtige »Übersetzungshilfen« leisten: Die Frau, die aus Syrien nach Deutschland kommt und in unserer Erstaufnahmeeinrichtung lebt, kann nicht ausreichend Deutsch, um ihre Situation beim Ausländeramt selbst zu schildern. Der gehörlose Mann, der Assistenzdienste unserer Sozialstation in Anspruch nimmt, verfügt nicht automatisch über die sprachliche Kompetenz, um seine Bedürfnisse der Politik gegenüber vorzutragen. Hier sind Wohlfahrtsverbände als Übersetzer gefordert – und als Mutmacher. Die Befähigung zur Rede der Betroffenen ist Kern wohlfahrtsverbandlich-advokatorischen Handelns. Beim Fünften Armuts- und Reichtumsbericht sind dabei gute Erfolge erzielt worden. Erstmals hat es im Zuge der Erstellung des Berichts Gesprächsformate gegeben, in denen die Menschen selbst gehört wurden, die von Armut betroffen sind. Schließlich haben die Betroffenen ein eigenes Kapitel im Bericht bekommen. Der Deutsche Caritasverband hat sich für diese neuen Formate stark und den bislang Ausgeschlossenen Mut gemacht, in diesen Formaten bestehen zu können. Die Weiterentwicklung solcher Anstrengungen dient zugleich der Gegenwehr in Bezug auf die beobachtete Schieflage politischer Partizipation (= Wahlbeteiligung): Die Erfahrung, mit der eigenen Stimme eigene Gestaltungserwartungen durchsetzen zu können, ist sehr ungleich verteilt. Sie korrespondiert – wie der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aufzeigt – stark mit der sozialen Lage. Ohne eine aktive Ermutigung aller Wählerinnen und Wähler, gerade auch derer in prekären Lebenslagen, mit ihrer Stimme ihre politischen Prioritäten zum Ausdruck zu bringen, wird ein demokratisches Parlament seinen gerade in der Sozialpolitik so wichtigen Auftrag der Responsivität und Repräsentativität nicht erfüllen können. Die Zeiten der asymmetrischen Demobilisierung durch die Volksparteien, die mit dazu beigetragen haben, politisches Interesse der Armen und Beladenen im Keim zu ersticken, müssen beendet werden. Sonst machen populistische Rattenfänger in den Erregungsräumen der digitalen Medien leichte Beute. Wohlfahrtsverbände sind als Sprechende, als Übersetzende sowie Verstärkende gleichzeitig auch Handelnde. Und sie können und müssen dies in der digitalen Netzwerkgesellschaft bleiben. Leitschnur und Ermutigung erfahren sie dabei durch das, was Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 formuliert hat: »Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.« Dazu braucht es nach Carolin Emcke nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht. Fazit Wohlfahrtsverbände in der digitalen Netzwerkgesellschaft vom Fürsprecher zum Lautsprecher weiterzuentwickeln und ihre ererbte fürsorgliche Kompetenz bei der Gestaltung eines demokratischen Sozialstaates zu nutzen,der partizipativ und responsiv auf die Bedürfnisse derer schaut, die ihre Interessen nicht automatisch von allein einbringen können, gehört zu den lohnenden und dringenden Aufgaben eines auf Zusammenhalt und gleichwertige Teilhabechancen ausgerichteten tragfähigen demokratischen Wohlfahrtsstaates in der digitalen Transformation. n Betroffene und Leistungsberechtigte Wir haben es uns in der Sozialen Arbeit zur zweiten Natur werden lassen, die Stellung der Menschen in unseren Einrichtungen auf der Basis von Menschenwürde und einklagbaren Rechtsansprüchen auch sprachlich deutlich werden zu lassen, um die Zeiten gnädiger Almosen aus Barmherzigkeit für immer hinter uns zu lassen. Aufseiten unserer politischen Gegenüber ist damit der Eindruck entstanden, wir seien bei der Rede von »Leistungsberechtigten« nicht mehr in der Lage, Schicksale von Menschen zu beschreiben, sondern würden nur noch in Kategorien des Sozialrechts denken und damit in Aspekten der Refinanzierung. Der Ausweg, jetzt von »Betroffenen« statt von »Leistungsberechtigten« zu sprechen und diese bei der Beantwortung der Fragen aktiv zu beteiligen, beschreitet einen schmalen Grat. Eva M. Welskop-Deffaa

Zusammenfassung

Die Wohlfahrtsverbände stehen in ihren Haltungen zwischen Fürsorge und Partizipation in besonderer Verantwortung zur Sicherung demokratischen Grundlagen der Gesellschaft.

References

Abstract

Sozialwirtschaft informs about trends in social economy and answers questions about organizing and financing social services. The journal presents personalities and corporations of the industry and provides solutions for managing social enterprises. Comments, interviews, and glosses offer significant reference points for managing practice.

The journal addresses chairmen and executives of welfare organizations, associations, managers in social services and facilities, advisors in administration and organizations, consultants, scholars,  and students.

Website: www.sozialwirtschaft.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift informiert über Trends in der Sozialwirtschaft und beantwortet Fragen der Organisation und Finanzierung sozialer Dienstleistungen. Das Magazin stellt Persönlichkeiten und Unternehmen der Branche vor und zeigt neue Lösungen für das Führen sozialer Betriebe. Kommentare, Interviews und Glossen bieten pointierte Orientierungspunkte für die Leitungspraxis.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.

Homepage: www.sozialwirtschaft.nomos.de