Sabine Depew, Wie man Zusammenhänge begreifen kann in:

SW Sozialwirtschaft, page 41 - 41

Sozialwirtschaft, Volume 30 (2020), Issue 1, ISSN: 1613-0707, ISSN online: 1613-0707, https://doi.org/10.5771/1613-0707-2020-1-41

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41SOZIAL wirtschaft 1/2020 MEIN BUCH VON SABINE DEPEW Sabine Depew ist seit 2017 Direktorin des Caritasverbands für das Bistum Essen e. V. Zuvor war die Erziehungswissenschaftlerin im Diözesancaritasverband für das Erzbistum Köln in verschiedenen Führungspositionen mit den Arbeitsschwerpunkten Europa, Arbeitsmarktfragen, Kinder- und Jugendhilfe sowie Digitalisierung der Sozialen Arbeit tätig. www.caritas-essen.de Wie man Zusammenhänge begreifen kann SOZIALwirtschaft fragt regelmäßig Experten der Branche, welches Buch sie in ihrer Arbeit am meisten beeinflusst hat. Dieses Mal geht es anhand eines Roman-Klassikers um die Frage, wie man starre Systeme erkennt - und wie man sie überwinden kann. Der letzte große Roman von Hermann Hesse erzählt die Lebensgeschichte des Magister Ludi Josef Knecht. Es ist ein Werk, das ich immer mal wieder in meinem Leben in die Hand genommen, allerdings erst kürzlich von Anfang bis Ende gelesen habe. Josef Knechts Lebensweg beschreibt eine menschliche Entwicklungs- und Bildungsgeschichte. Der Schüler sammelt Wissen, lernt die Regeln, wird sogar meisterhaft darin und obwohl es auch Zeiten des Hinterfragens und der kritischen Auseinandersetzung gibt, schreitet er doch Stufe für Stufe weiter. Josef Knecht wird ein Meister des Glasperlenspiels und erhält den entsprechenden Titel Magister Ludi und damit eines der höchsten Ämter in der Hierarchie. Das Buch hat mich als Leserin mitgenommen und bewegt, denn gerne folgte ich den Erkenntnissen des ehrgeizigen und begabten zukünftigen Glasperlenspielers auf seinem Weg und nickte innerlich ob der Weisheiten und wichtigen Regeln, die er im Verlauf seines Lebens erlernte. Bewunderte ihn für seine Konzentration auf die jeweils aktuelle Aufgabe und die zunehmende Reife, mochte ihn für die Art und Weise im Umgang mit den anderen, auch wenn er nicht immer alles richtigzumachen schien. Eine Reihe von Impulsen für das eigene Führungstun lassen und ließen sich ableiten. Im Laufe der Lektüre und im Nachgang wuchs in mir das Verständnis, dass es um mehr geht als das Managen einer Organisation. Eine Führungskraft hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Das Werk fordert dazu heraus, Gesamtzusammenhänge in den Blick zu nehmen, Bildung nicht als bloße Anwendung bestehender Regeln zu begreifen, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur in Ausbildungsstätten stattfindet, sondern in nahezu allen Lebensbereichen. Als Erziehungswissenschaftlerin beschäftigt mich das Bildungsthema schon seit meinem Studium, gerade auch die Frage, was macht eigentlich gute Bildung aus? Wissenschaft ist viel mehr als ihre Einzeldisziplinen und das Begreifen wird erst in den Gesamtzusammenhängen vollkommen. Musik, Meditation, Kunst und Spiel sind Teil des großen Ganzen und machen den gebildeten Menschen aus, den ganzheitlichen Menschen und damit auch eine gesunde Gesellschaft. Symbol für Stillstand Der Orden versucht dieses System zu konservieren, eine perfekte Zukunftswelt zu bauen und dem (Glasperlen-) Spiel dabei eine hohe Bedeutung beizumessen. Das Glasperlenspiel wird schon gar nicht mehr mit echten Spielsteinen gespielt, sondern mit abstrakt gesprochenen Formeln. Es ist Symbol für einen Stillstand, der erreicht wurde, für die Beschäftigung zum eigenen Selbstzweck, das der Orden durch die Abschottung von der Außenwelt auch systematisch förderte. Bezogen auf aktuelle Diskussionen und Befürchtungen erscheint mir das Glasperlenspiel wie eine Metapher für die Zukunftswelt, in die wir uns hineinbewegen und fordert uns dazu auf, in einer globalisierten Welt starre Systeme zu erkennen und die Außenwelt hereinzulassen, um der Vielfalt der Menschheit und damit von Gesellschaften genüge zu tun. Am Ende ist es das Los des Magister Ludi Josef Knecht, dass der Führungskreis der Ordensbrüder sich seiner (Weit-) Sicht verschließt, dass abgeschottete Systeme wie die pädagogische Provinz Kastalien, bürokratisch und ohne sozialen Zweck, keine Zukunft haben. Die Lebensgeschichte des Magister Ludi Josef Knecht ist ein Roman über die Reifestufen eines Menschen. Es ist aber auch eine Geschichte über Führungsgrundsätze, die Verantwortung von Führungskräften angesichts der heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen und der Freiheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es überrascht durch den Schluss, als Josef Knecht sich entscheidet, den Orden zu verlassen. Der Klassiker fasziniert wegen seiner Zeitlosigkeit. Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften Suhrkamp Verlag AG, Berlin 2012 920 Seiten, 12,– €, ISBN 3518463578 Erstveröffentlichung 1943

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Abstract

Sozialwirtschaft informs about trends in social economy and answers questions about organizing and financing social services. The journal presents personalities and corporations of the industry and provides solutions for managing social enterprises. Comments, interviews, and glosses offer significant reference points for managing practice.

The journal addresses chairmen and executives of welfare organizations, associations, managers in social services and facilities, advisors in administration and organizations, consultants, scholars,  and students.

Website: www.sozialwirtschaft.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift informiert über Trends in der Sozialwirtschaft und beantwortet Fragen der Organisation und Finanzierung sozialer Dienstleistungen. Das Magazin stellt Persönlichkeiten und Unternehmen der Branche vor und zeigt neue Lösungen für das Führen sozialer Betriebe. Kommentare, Interviews und Glossen bieten pointierte Orientierungspunkte für die Leitungspraxis.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.

Homepage: www.sozialwirtschaft.nomos.de