Lea-Friederike Neubert, Rainer Hub, Vielfalt organisieren in:

SW Sozialwirtschaft, page 17 - 19

Sozialwirtschaft, Volume 29 (2019), Issue 6, ISSN: 1613-0707, ISSN online: 1613-0707, https://doi.org/10.5771/1613-0707-2019-6-17

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17SOZIAL wirtschaft TITEL 6/2019DOI: 10.5771/1613-0707-2019-6-17 DIVERSITY Vielfalt organisieren Interkulturelle Öffnung als ethische Forderung braucht konkrete Prozesse der Organisationsentwicklung, wie am Beispiel ehrenamtlichen Engagements gezeigt werden kann. Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft ist das Ziel Interkultureller Öffnung in der Diakonie. Dabei vereint das Querschnittsthema Engagement sowohl innovative Ansätze wie auch herausgehobene Anforderungen zur Interkulturellen Öffnung. Die vielfältigen Bereiche des Engagements sind ein gutes Beispiel für Prozesse Interkultureller Öffnung. Hier entstehen in innovativen Prozessen Räume für Modellansätze für mehr Diversität und Teilhabe in Engagements der Diakonie. Zwei aktuelle Projekte zeigen das Potenzial für Interkulturelle Öffnung auf: ■■ Entwickelt haben die Diakonischen Werke in Hamburg und in Bremen ein Projekt zur Gewinnung neuer Freiwilliger, indem diese sich »kurz und gut« – statt wie bisher lediglich dauerhaft und kontinuierlich – engagieren. Dabei zeigen die ersten, auch interkulturellen, Erfahrungen, dass neue Ziel- und Altersgruppen Wege zur Diakonie finden und dem Engagement dort verbunden bleiben. ■■ Das zweite Projekt ist »Patenschaften für Geflüchtete«. Hier bringen Freiwillige sich langfristig zeit- wie beziehungsintensiv in Eins-zu-eins-Engagements ein. So sammeln Personen, mit und ohne Migrationsgeschichten gemeinsam Erfahrungen durch Engagements in Kirche und Diakonie mit vielfältigen Engagementgruppen die sie sonst nicht bekämen. Strategischer Prozesse In diesen Projekten wird beispielhaft Interkulturelle Öffnung gefördert. Veränderung zu wagen und aktiv zu gestalten – bisher Unbekanntes zuzulassen und aus den dabei entstehenden Unsicherheiten in sicheren Räumen neue Wege für Arbeitsweise der Organisation zu finden. Interkulturelle Öffnung ist ein strategischer Prozess, der Vielfalt als Chance begreift. Dazu gehört, eine Organisationskultur der Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden zu fördern, Abgrenzungsmechanismen innerhalb einer Organisation sowie nach außen abzubauen und die Dialogfähigkeit und interkulturelle Kompetenzen sowohl von freiwillig Engagierten als auch von Mitarbeitenden zu stärken. ► VON LEA-FRIEDERIKE NEUBERT UND RAINER HUB Lea-Friederike Neubert ist bei der Diakonie Deutschland Ansprechpartnerin für Interkulturelle Orientierung und Öffnung. Sie hat Internationale Beziehungen, Geschichtswissenschaft und Arabisch studiert sowie Regionalstudien des Nahen und Mittleren Ostens in Berlin, London, Damaskus und Oxford. www.diakonie.de Rainer Hub ist bei der Diakonie Deutschland Ansprechpartner für Freiwilliges Engagement und Freiwilligendienste. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg. www.diakonie.de »Wichtigste Grundvoraussetzung für Interkulturelle Öffnung ist die Potenzialorientierung – eine Offenheit für unbekannte Perspektiven« 18 SOZIAL wirtschaft TITEL 6/2019 Interkulturelle Öffnung ist eine Kernaufgabe und betrifft alle Arbeitsfelder einer Organisation, von der Bedarfsbestimmung über die Gestaltung von Unterstützungsangeboten bis hin zu Personalgewinnung und Personalentwicklung. Leitungskräften kommt eine entscheidende Rolle in diesem Organisationsentwicklungsprozess zu. Sie – und nur sie – können Interkulturelle Öffnung zur Chefsache machen, können Interkulturelle Öffnung in der Zieleplanung verankern und Ressourcen bereitstellen. Und sie können die Haltung, die Interkulturelle Öffnung trägt, vorleben und für Mitarbeitende erfahrbar machen, denn sie vertreten das Profil einer Organisation nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Lernprozesse brauchen Ressourcen Interkulturelle Öffnung ist nur in Organisationen möglich, die bewusst organisationale Lernprozesse gestalten und dafür Freiräume und Ressourcen zur Verfügung stellen. Dafür braucht es eine klare Zieldefinition, eine systematische Herangehensweise, das parallele Ansetzen an mehreren Handlungsfeldern, eine langfristige Planung, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, und zentrale Ansprechpartner*innen mit klarem Mandat und Ressourcen. Vielleicht wichtigste Grundvoraussetzung für Interkulturelle Öffnung ist aber die Potenzialorientierung. Das meint eine Offenheit, die auch unbekannte Perspektiven und Menschen einbezieht und ihnen eine ernsthafte Chance gibt. Vielfalt sowohl unter den Mitarbeitenden wie den Freiwilligen, ist dabei entscheidend. Die Strukturen einer Organisation, auch in der Diakonie, müssen für Interkulturellen Öffnung durchlässiger werden, als sie es bis dato im Durchschnitt sind. Engagements waren und sind für solche Prozesse stets auch Beiträge diakonischer Einrichtungen, sich als zivilgesellschaftliche Akteurin im Gemeinwesen weiter zu entwickeln. Denn es geht auch um Perspektivvielfalt, um die Repräsentation von Menschen, die bisher keinen oder nur wenig Raum erhalten haben. Ihre Perspektiven, Bedürfnisse und guten Ideen zur Fortentwicklung der Wohlfahrt fehlen bisher noch zu häufig. Sie sind eine große Chance. Perspektivvielfalt bringt Meinungsverschiedenheiten und möglicherweise auch Auseinandersetzungen mit sich. Das heißt, dass Organisationen die Fähigkeit weiterentwickeln müssen, Kontroversen konstruktiv zu führen. Transparente konstruktive Dialoge können ungeahnte Lösungen für alte wie neue Probleme mit Mitarbeitenden und Engagierten auf allen Ebenen erarbeitet werden. Ermutigung und Beteiligung, von Anfang an, sind Treiber diversitätsorientierter Organisationsentwicklung. Denn erst eine Kultur der offenen Türen und eine Kultur der Wertschätzung füllen Konzepte Interkultureller Öffnung mit Leben. Vielfalt einzuladen ist der erste Schritt, sie inklusiv zu gestalten der zweite. Resümee Der Weg Interkultureller Öffnung und Diversitätsorientierung ist lang und anstrengend. Ehrenamt kann das Selbstkonzept und den Aufbau einer sozialen Identität entscheidend befördern. Besonders wichtig ist dies für Geflüchtete, um ihren Weg in die Gesellschaft zu finden und diese mitzugestalten. Bis Geflüchtete leicht Zugang zum Ehrenamt haben, braucht es spezifische Angebote. Projekte, die die Teilhabemöglichkeiten fördern und Geflüchtete einladen, sich aktiv einzubringen, ebnen den Weg, die Vielfalt des Engagements in Kirche und Diakonie zu verankern und weiter zu entfalten. Mit intensiver Begleitung, Beratung und Workshops setzt das Modellprojekt des Diakonischen Werks Berlin Brandenburg schlesische Oberlausitz »IdeE – Integration für ehrenamtliches Engagement« an. Das Projekt fördert Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten, die durch freiwilliges Engagement Berlin mitgestalten wollen und unterstützt bei der Initiierung eigener sozialer Aktivitäten. Abgestimmt auf die ehrenamtliche Tätigkeit erhalten Teilnehmende modulare Qualifizierungs-, Begegnungs- und Begleitungsangebote, welche die zentralen Themen Partizipation, Empowerment und Ehrenamtskoordination aufgreifen. Das Motto des Projektes »Engagement öffnet (Dir) Türen – mach mit!« schafft Raum dafür, dass bislang Menschen aus 19 verschiedenen Ländern dem Ehrenamt ein diverseres Gesicht geben. Durch das Projekt sind im vergangenen Jahr zahlreiche Engagements realisiert worden: Ob Vitaminbar im Altenheim, Repair-Cafes, im Katastrophenschutz, im Kindergottesdienstteam oder in Fahrradwerkstätten. Geflüchtete werden Teil nachbarschaftlicher Netzwerke und lernen diakonische Einrichtungen kennen. Ungeachtet ihrer Herkunft erleben sie, dass sie Teil einer Gruppe sind und finden Anerkennung für ihr Ehrenamt. Zugleich erfahren Organisationen einen Mehrwert, denn Engagement macht Verständigung über politische, kulturelle und gesellschaftliche Themen möglich. Engagierte Newcomer bringen eine neue Perspektive ein und sind ein wichtiger Motor für Interkulturelle Öffnung. Das Projekt »Integration für ehrenamtliches Engagement« wird gefördert durch die deutsche Fernsehlotterie. Lisa Dürer, Diakonie Berlin Brandenburg schlesische Oberlausitz www.idee-engagement-gefluechtete.de Praxisbeispiel: Integration durch ehrenamtliches Engagement »Unbekanntes und Unsicherheit in sicheren Räumen zulassen, um neue Wege für die Organisation zu finden« 19SOZIAL wirtschaft TITEL 6/2019 Externe Unterstützung, etwa durch externe Beraterinnen und Berater für diversitätsorientierte Organisationsentwicklung, kann durchgehend aber auch an wichtigen Meilensteinen für die strategische Gestaltung und Justierung hilfreich sein. Für Mitarbeitende und Engagierte kann eine in Prozessen der Organisationsentwicklung geschulte psychologische Beratung Entlastung anbieten und sichere Räume in der Unsicherheit von Veränderung schaffen. Wichtig für Interkulturelle Öffnung ist eine Mischung aus sicheren Freiräumen zum Experimentieren, aus Ressourcen, um die Ergebnisse in die Organisation einzubringen und der Verankerung des Prozesses in der strategischen Zieleplanung, über alle Ebenen der Organisation. Für die Diakonie ist sicher: Es braucht lernende Organisationen, um in der Einwanderungsgesellschaft für Teilhabegerechtigkeit wirken zu können. Die Entwicklung einer inklusiven Organisationskultur ist dafür in jeder Organisation unerlässlich. In diesem Sinn ist Interkulturelle Öffnung kein Projekt, sondern ein fortdauernder Prozess. ■ »Leitungskräfte spielen die entscheidende Rolle bei der Interkulturellen Öffnung« Bestellen Sie im Buchhandel oder versandkostenfrei online unter nomos-shop.de Bestell-Hotline (+49)7221.2104-37 | E-Mail bestellung@nomos.de | Fax (+49)7221.2104-43 Alle Preise inkl. Mehrwertsteuer eLibrary Nomos Freihandelsabkommen und Non-Profit-Organisationen im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen Von Dr. Daniela Tröppner 2019, 362 S., brosch., 92,– € ISBN 978-3-8487-5701-5 (Studien zum Internationalen Wirtschaftsrecht – Studies on International Economic Law, Bd. 23) nomos-shop.de/41123 Auswirkungen von Liberalisierungstendenzen auf gemeinnütziges Engagement im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen Wie wirken sich Freihandelsabkommen auf das Engagement von Non-Profit-Organisationen im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen aus? Das Werk analysiert die Vorschriften solcher Abkommen zum Dienstleistungshandel, zum Investitionsschutz, zur öffentlichen Beschaffung, zu Wettbewerb und zu Subventionen. Freihandelsabkommen und Non- Profit-Organisationen im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen Daniela Tröppner Nomos Studien zum Internationalen Wirtschaftsrecht/ Studies on International Economic Law 23

Zusammenfassung

Interkulturelle Öffnung als ethische Forderung braucht konkrete Prozesse der Organisationsentwicklung, wie am Beispiel ehrenamtlichen Engagements gezeigt werden kann.

References

Abstract

Sozialwirtschaft informs about trends in social economy and answers questions about organizing and financing social services. The journal presents personalities and corporations of the industry and provides solutions for managing social enterprises. Comments, interviews, and glosses offer significant reference points for managing practice.

The journal addresses chairmen and executives of welfare organizations, associations, managers in social services and facilities, advisors in administration and organizations, consultants, scholars,  and students.

Website: www.sozialwirtschaft.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift informiert über Trends in der Sozialwirtschaft und beantwortet Fragen der Organisation und Finanzierung sozialer Dienstleistungen. Das Magazin stellt Persönlichkeiten und Unternehmen der Branche vor und zeigt neue Lösungen für das Führen sozialer Betriebe. Kommentare, Interviews und Glossen bieten pointierte Orientierungspunkte für die Leitungspraxis.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.

Homepage: www.sozialwirtschaft.nomos.de