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Stefan Greß, Christian Jesberger, Melanie Schnee, Digitale Gesundheitsanwendungen: Preise und Funktionen im Vergleich in:

G&S Gesundheits- und Sozialpolitik, page 80 - 84

GuS, Volume 74 (2020), Issue 4-5, ISSN: 1611-5821, ISSN online: 1611-5821, https://doi.org/10.5771/1611-5821-2020-4-5-80

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80 THEMA G+S 4-5/2020 DOI: 10.5771/1611-5821-2020-4-5-80 Digitale Gesundheitsanwendungen: Preise und Funktionen im Vergleich STEFAN GREß, CHRISTIAN JESBERGER, MELANIE SCHNEE Prof. Dr. Stefan Greß ist Hochschullehrer für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie am Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda Christian Jesberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent im Studiengang Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik an der Hochschule Fulda Prof. Dr. Melanie Schnee ist Hochschullehrerin für Public Health an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft an der Hochschule Furtwangen Mit diesem Beitrag geben wir einen Überblick über Funktionen, Anwendungsgebiete und Marktpreise digitaler Gesundheitsanwendungen kurz nach Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes. Haben Anbieter digitaler Gesundheitsanwendungen zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition noch schnell die Marktpreise ihrer Apps erhöht? Wie hoch ist der Anteil kostenfrei angebotener Anwendungen und wie ist deren Funktionsumfang zu beurteilen? Welche Rolle spielen Selektivverträge einzelner Krankenkassen? 1. Hintergrund Mit der Verabschiedung des Digitale- Versorgung-Gesetzes (DVG) erhalten die Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung die Möglichkeit, digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zu Lasten der Versichertengemeinschaft nutzen zu können.1 Einzelne Krankenkassen hatten schon zuvor Verträge mit Anbietern digitaler Gesundheitsanwendungen geschlossen und ihren Versicherten die entsprechenden Anwendungen (überwiegend Apps für mobile Endgeräte) zur Verfügung gestellt. Mit dem nun eingeführten Fast Track-Verfahren erstellt das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Antrag der DiGA-Hersteller eine Liste erstattungsfähiger Anwendungen (BfArM- Verzeichnis nach § 139e SGB V). Die Versicherten erhalten die DiGA entweder auf Rezept vom Arzt bzw. Psychotherapeuten oder nach Genehmigung durch die Krankenkasse (im Rahmen einer bereits ärztlich festgestellten Diagnose). Krankenkassen erhalten somit die Möglichkeit, die Anwendungen auf dieser Liste ihren Versicherten kostenlos anzubieten (Krüger-Brand/Haserück 2020). Gegenüber den Herstellern besteht eine Erstattungspflicht der Krankenkassen. Hierzu gilt im ersten Jahr die freie Preisbildung der Hersteller, die insbesondere durch Höchstbeträge begrenzt werden kann.2 Ab dem 13. Monat gilt ein Vergütungsbetrag, der zwischen dem DiGA-Hersteller und dem GKV- Spitzenverband verhandelt wird. DiGA, die den Nachweis sogenannter positiver Versorgungseffekte beim BfArM noch nicht hinreichend nachweisen können, können vorbehaltlich in das Verzeichnis beim BfArM aufgenommen werden und mit einem Vergütungsabschlag ebenfalls erstattet werden. Die im DVG beschlossenen Regelungen werden durchaus ambivalent bewertet. Die Bundesregierung hebt in ihrem Gesetzesentwurf eine international einmalige Möglichkeit zur Integration digitaler Anwendungen in den Versorgungsprozess und die Instrumentalisierung von Digitalisierung zur Ver- 1 Digitale Gesundheitsanwendungen sind Medizinprodukte niedriger Risikoklasse (I oder IIa), deren Hauptfunktion wesentlich auf digitalen Technologien beruht und die dazu bestimmt sind die Erkennung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten oder die Erkennung, Behandlung, Linderung oder Kompensierung von Verletzungen oder Behinderungen zu unterstützen (vgl. §33a SGB V). Eine Hilfestellung bei der Beurteilung, ob eine Anwendung als DiGA zu qualifizieren ist, bietet der DiGA- Leitfaden des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM 2020). 2 Kann-Bestimmung im Gesetz und Gegenstand von Verhandlungen zu einer Rahmenvereinbarung (§ 134 Abs. 5 SGB V). GuS_4-5_2020_Buch.indb 80 09.10.20 13:08 81 THEMA 4-5/2020G+S 3. Ergebnisse Anwendungen für breites Erkrankungsspektrum Unsere Recherchen haben ergeben, dass digitale Gesundheitsanwendungen für eine Vielzahl von Erkrankungen angeboten werden. 13 Anwendungen eignen sich für die Begleitung von mehreren Erkrankungen, die mindestens zwei ICD-Kapiteln zugeordnet werden können. Nichtsdestoweniger lassen sich Schwerpunkte identifizieren. Insgesamt 10 Anwendungen konnten für Diagnosen im ICD-Kapitel Psychische und Verhaltensstörungen identifiziert werden. 10 Anwendungen fielen in das Kapitel Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes. Die häufigsten Einzeldiagnosen sind Diabetes mit 5 Angeboten, Migräne, Tinnitus sowie Phobien und Angststörungen mit jeweils 3 Angeboten. Fast die Hälfte der Apps ist noch kostenlos verfügbar – Wenig Preisdynamik Bei der Preisgestaltung ist zunächst zu unterscheiden, ob das Angebot kostenpflichtig ist oder nicht. Diese Unterscheidung ist deswegen relevant, weil zum Erhebungszeitpunkt im März 2020 mit 29 Apps knapp die Hälfte aller Anwendungen (47 Prozent) kostenfrei nutzbar waren. Kostenfrei heißt in diesem Fall, dass weder Kosten beim Download noch bei der Nutzung der Apps (In-App Käufe) anfielen. 33 Apps (53 Prozent) waren beim Download oder bei der Nutzung kostenpflichtig. Insgesamt konnten drei dominierende Preismodelle identifiziert werden. Etwa die Hälfte der Apps (51 Prozent) wird über ein Abonnement abgerechnet. Etwa jede sechste App (jeweils etwa 18 Prozent) wird über Einmalzahlungen oder einen zeitbegrenzten Erwerb für z.B. drei Monate abgerechnet. Bei einigen wenigen Apps ist für die Nutzung ein Zugangsschlüssel notwendig. Die Preise zwischen den unterschiedlichen Angeboten variieren stark. Wird eine App durch eine Einmalzahlung erworben, liegen die Preise bei einer Spanne von 3,49 Datenbank des BfArM (vormals DIM- DI). Identifiziert wurden in Deutschland zugelassene Medizinprodukte der Risikoklassen I und IIa mit dem Suchbegriff „APP Software auf mobilen Endgeräten“ in der Datenbank. Die Treffermenge wurde dem DVG entsprechend auf Apps eingeschränkt, die vom Patienten angewendet werden und deren Hauptfunktion wesentlich auf der digitalen Technologie beruht. Betrachtet werden zudem nur Apps für mobile Endgeräte. Daneben gibt es noch webbasierte Anwendungen, die über einen Browser funktionieren und die hier im Weiteren nicht berücksichtigt werden. Wesentliche Unterschiede konnten für die beiden vorherrschenden Betriebssysteme mobiler Endgeräte (Android und iOS) nicht identifiziert werden. Aus diesem Grund werden nachfolgend nur die Ergebnisse für iOS dargestellt. Eindeutige Informationen konnten über 75 Anwendungen recherchiert werden. 62 davon stehen als App für Smartphones und oder Tablets zur Verfügung. Informationen insbesondere über die Funktionen der Anwendungen wurden durch Recherchen in den Angaben des Herstellers in der BfArM-Datenbank, auf der jeweiligen Homepage und in den App- Stores ermittelt. Jeder zum Analysezeitpunkt verfügbaren DiGA im Datensatz wurde ein Preismodell zugewiesen. Die zugehörigen Preise wurden in der 12. und 13. Kalenderwoche 2020 erhoben. Zum 01.05.2020 wurden diese Angaben überprüft und Änderungen bei den Preisen und den Preismodellen im Vergleich zur Ersterhebung herausgearbeitet. Soweit möglich wurden auch historische Preise für das Jahr 2019 erhoben und Preiserhöhungen sowie Auffälligkeiten bei den Preisen erfasst. Hierfür wurde insbesondere auf Daten der iOS-Anwendung „Appticker“ zurückgegriffen, welche die historischen Preise der derzeit im App Store (iOS) verfügbaren Apps enthält. Diese Daten wurden um Informationen aus weiteren frei zugänglichen Quellen ergänzt. Für alle zum Analysezeitpunkt verfügbaren Apps wurden neben den Preisen in Deutschland auch internationale Preise erhoben (Stand 6. Mai 2020). Dabei handelt es sich um die Preise in Dänemark, Belgien, Großbritannien, Frankreich und Spanien. sorgungsoptimierung hervor (Deutscher Bundestag 2019). Kritiker setzen vor allem an dem Prüfverfahren des BfArM an, das im Vergleich zu anderen Versorgungssektoren sehr geringe Anforderungen an den Nutzennachweis der auf die Liste aufzunehmenden Anwendungen setze. Im Vordergrund des DVG stehe dementsprechend eher Wirtschaftsförderung als Versorgungsoptimierung (Schnee/Greß 2019). Zudem stehe der Nutzen digitaler Gesundheitsanwendungen grundsätzlich in Frage (Schmacke/Abholz 2019). Auch international lässt sich bislang nur wenig Evidenz über den Nutzen und noch weniger über die Effizienz von digitalen Anwendungen finden (WHO 2019). Ziel dieses Beitrags ist es vor dem Hintergrund der obigen Entwicklungen, einen Marktüberblick über das Angebot digitaler Gesundheitsanwendungen vor Implementierung des DVG zu geben.3 Damit stellen wir eine Art Baseline-Erhebung über Funktionen, Anwendungsgebiete und Marktpreise digitaler Gesundheitsanwendungen zur Verfügung. Auf dieser Grundlage lässt sich schon jetzt die Hypothese überprüfen, dass Anbieter digitaler Gesundheitsanwendungen zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition die Marktpreise ihrer Apps erhöht haben. Für Aufmerksamkeit sorgte in diesem Zusammenhang der Hersteller der App „Kaia gegen Rückenschmerzen“, der den Preis im März 2020 von zuletzt 96 Euro pro Jahr auf 99 Euro pro Monat erhöht hatte. Zukünftig bietet die vorliegende Erhebung eine gute Datengrundlage für eine erste zeitnahe Evaluation der Wirkungen des DVG im Hinblick auf die vom BfArM als erstattungsfähig gelisteten digitalen Gesundheitsanwendungen. 2. Datengrundlage Grundlage für die erfassten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) ist eine Recherche in der für die Öffentlichkeit zugänglichen Medizinprodukte- 3 Die Ergebnisse in diesem Beitrag basieren auf einem Forschungsprojekt, das die Autor*innen im Auftrag des GKV-Spitzenverbands durchgeführt haben. Die im DVG beschlossenen Regelungen werden durchaus ambivalent bewertet. GuS_4-5_2020_Buch.indb 81 09.10.20 13:08 82 THEMA G+S 4-5/2020 Viele Funktionen kostenlos erhältlich Die von den Anwendungen angebotenen Funktionen sind äußerst vielfältig. Es lassen sich dennoch Schwerpunkte identifizieren. In Tabelle 2 werden alle Funktionen dargestellt, die in mindestens 20 Prozent der Apps enthalten sind. Die wesentlichen Funktionen liegen im Bereich des Monitorings (66 Prozent), das oftmals durch eine Tagebuchfunktion (65 Prozent) unterstützt wird. Etwa die Hälfte der Anwendungen informiert im Allgemeinen über die Erkrankung oder gibt konkretere Tipps zum Selbstmanagement (48 Prozent). 40 Prozent der Angebote lassen sich dem Bereich der Therapie zuordnen – das können unter anderem psychotherapeutische, physiotherapeutische oder logopädische Angebote sein. Immerhin 24 Prozent der Anwendungen dienen der Diagnostik, indem z.B. im Alltag Symptome oder Messwerte dokumentiert werden, die den ärztlichen Leistungserbringer bei der Eingrenzung der Diagnose unterstützen sollen. Etwa jede vierte Anwendung soll an die Einnahme von Medikamenten erinnern. Wir haben außerdem überprüft, ob es einen Unterschied hinsichtlich der Preisgestaltung – also der Frage, ob es eine kostenfreie oder kostenpflichtige Anwendung ist – und den enthaltenen Funktionen gibt. Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammengefasst werden: Es gibt bei vielen Funktionen keine signifikanten Unterschiede zwischen den kostenfreien und kostenpflichtigen Angeboten, d.h. viele Funktionalitäten kommen gleichermaßen in kostenfreien wie kostenpflichtigen Angeboten vor. Die Monitoringfunktion kommt bei kostenfreien Anwendungen sogar signifikant häufiger vor. Lediglich bei Apps mit Therapiefunktion kommen kostenpflichtige Angebote signifikant häufiger vor. zum Erhebungszeitpunkt keine Preisunterschiede im Vergleich zu Deutschland. Die identifizierten Preisunterschiede zwischen den deutschen und den englischen bzw. dänischen Marktpreisen resultieren nahezu ausschließlich aus Wechselkursunterschieden. Informationen zur Anzahl von Downloads unvollständig Für die Preise digitaler Gesundheitsanwendungen liegen vergleichsweise umfassende Informationen öffentlich vor. Dies gilt nicht im gleichen Ausmaß für die Anzahl von Downloads für die jeweiligen Apps. Zahlen zu den Downloads liegen nur für Android vor, wobei die Anzahl an Downloads ausschließlich in Form von Kategorien angegeben wird (z.B. 500+, 1.000+, 5.000+ usw.). Die häufigste heruntergeladene App ist demnach mit über 5 Mio. Downloads „Ada – Your Health Guide“, die Gesunde bei der Zuordnung von Symptomen unterstützt. Diese App wurde zum Erhebungszeitpunkt kostenlos angeboten. In der Rangfolge danach finden sich zwei kostenpflichtige Apps mit jeweils über 1 Mio. Downloads. Es handelt sich um die Anwendungen „mysugr“ für Diabetiker und „Moodpath“ für an Depression Erkrankte. Wir konnten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Anzahl der Downloads und dem Preisniveau erkennen. Genauso wenig gab es statistisch signifikante Unterschiede zwischen kostenpflichtigen und kostenfreien Apps hinsichtlich der Downloadzahlen. Anzumerken ist zudem, dass die Downloadzahlen wegen der verbreiteten In-App Käufe keinen belegbaren Rückschluss auf die Zahl der zahlenden Nutzer zulassen. Gleiches gilt für die Anzahl der aktiven Nutzer, zu deren Anzahl ebenfalls keine öffentlich zugänglichen Informationen bereitgestellt werden. bis 54,99 Euro. Der durchschnittliche Preis bei einer Einmalzahlung beträgt etwa 30 Euro. Ein Abonnement kostet im Durchschnitt für einen Monat etwa 19 Euro, für drei Monate etwa 50 Euro, für sechs Monate etwa 89 Euro sowie für ein Jahr etwa 92 Euro. Es gibt allerdings erhebliche Streuungen innerhalb der Abonnementlaufzeiten (vgl. Tabelle 1). Zur Vergleichbarkeit der Preise aus Abo- Modellen und Einmalzahlung bietet sich zudem die Bildung virtueller Jahrespreise an. Zur Berechnung der virtuellen Jahrespreise wurde für jede Anwendung, die über ein Abonnement abrechnet, sofern diese keinen Jahrespreis anbietet jeweils die der Jahresvariante am nächsten liegende verfügbare Preisvariante gewählt und der Betrag auf ein Jahr hochgerechnet. Unterstellt man, dass der Einmalpreis dem Preis für ein Jahr entspricht, so zeigt sich deutlich, dass die virtuellen Jahrespreise für das Preismodell Einmalzahlung im Durchschnitt deutlich unter den virtuellen Jahrespreisen der Abo-Modelle liegen. Neben der Stichpunkterhebung Ende März 2020 haben wir auch die längerfristige Preisentwicklung seit Anfang des Jahres 2019 beobachtet. Bei insgesamt 19 Angeboten können Auffälligkeiten bei den Preisen beobachtet werden. Die beobachteten Auffälligkeiten bei den Preisen sind dabei ausgesprochen heterogen. Neben „klassischen“ Preiserhöhungen reichen diese von uneinheitlichen Preisen zwischen den Plattformen Android und iOS, schwankenden Preisen bzw. temporären Aktionsangeboten, Änderungen der Abo- Strukturen, Sondertarifen bis hin zu Preissenkungen. Die Preiserhöhungen seit dem 01.01.2019 fallen insgesamt eher moderat aus. Die einzige Ausnahme betrifft die schon oben erwähnte App „Kaia gegen Rückenschmerzen“, bei der der Preis im März 2020 von zuletzt 96 Euro pro Jahr auf 99 Euro pro Monat erhöht wurde. Wenig Preisunterschiede im internationalen Vergleich Für alle im März 2020 verfügbaren Apps wurden ergänzend die Marktpreise in England, Frankreich, Dänemark, Belgien und Spanien erhoben und auf etwaige Preisunterschiede zum deutschen Markt untersucht. Etwa die Hälfte der in Deutschland untersuchten Apps war auch in den Vergleichsländern verfügbar. In den Ländern des Euro-Raums (Frankreich, Belgien und Spanien) bestanden Tabelle 1: Preise der kostenpflichtigen Angebote (in Euro) N Minimum Maximum Mittelwert Einmaliger Preis 8 3,49 54,99 29,49 Preis für einen Monat 14 2,99 99,00 18,59 Preis für drei Monate 8 14,49 129,00 49,43 Preis für sechs Monate 7 28,99 199,00 89,14 Preis für ein Jahr 15 27,99 199,50 91,86 Quelle: Eigene Erhebung GuS_4-5_2020_Buch.indb 82 09.10.20 13:08 83 THEMA 4-5/2020G+S modelle gesehen auf etwas niedrigerem Niveau bewegen als bei den deutschen Apps. Das liegt zum einen daran, dass es insgesamt weniger Abonnements und mehr Einmalzahlungen gibt. Zum anderen kann das niedrigere Preisniveau mit dem etwas anderen Krankheitsspektrum erklärt werden: es gibt im NHS keine teuren therapeutischen Angebote im Bereich der Muskel-Skelett-Erkrankungen und auch die Angebote bei den psychischen Erkrankungen funktionieren vor allem über die Benutzung der App und weniger über Kontakt zu einem echten Therapeuten. Es bleibt vor diesem Hintergrund abzuwarten, wie hoch die diagnostische Vielfalt der in der vom BfArM veröffentlichten Liste erstattungsfähiger Anwendungen sein wird. Im Sinne des gesetzgeberischen Auftrags wäre es, wenn das doch sehr breite Anwendungsspektrum erhalten bliebe. Das hängt letztlich aber nicht nur von der Genehmigungspraxis des BfArM, sondern auch vom Antragsverhalten der Hersteller ab. Unsere Ergebnisse haben außerdem gezeigt, dass – zumindest derzeit – eine große Anzahl von Apps kostenlos verfügbar ist. Das gilt fast für die Hälfte der erfassten Anwendungen nahezu unabhängig vom Funktionsumfang. Mit anderen Worten sind viele Funktionen der Anwendungen auch kostenlos verfügbar. Nur für Apps mit Therapiekomponenten gilt dies eher nicht. Dieses Ergebnis ist eher überraschend, weil die Entwicklung digitaler Gesundheitsanwendungen vermutlich mit erheblichen Investitionskosten verbunden ist. Für die kostenlos verfügbaren Anwendungen lassen sich aus den öffentlich verfügbaren Daten jedoch im Regelfall keine hinreichenden und belastbaren Informationen über das Geschäftsmodell der Hersteller ableiten. Denkbar wäre beispielsweise eine wissenschaftliche Projektförderung etwa über den Innovationsfonds oder die Finanzierung durch Krankenkassen. Auch sind weitere potentielle Geschäftsmodelle wie das Anzeigen von Werbung oder die Datenweitergabe an Dritte in vielen Fällen nicht zweifelsfrei identifizierbar. Apps weniger konkrete Diagnosen wie z. B. Depression, sondern eher allgemeine Ängste, Stress oder selbstgefährdendes Verhalten im Vordergrund. Das zweithäufigste Indikationsgebiet in der Apps Library ist der Bereich der endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen und hier vor allem verschiedene Formen des Diabetes. Der dritthäufigste Indikationsbereich sind die bösartigen Neubildungen mit sechs angebotenen Apps. Obwohl die Filterung der Apps sicherstellen sollte, dass inhaltlich ähnliche Apps ausgewählt werden, ist das Angebot der NHS Apps Library vom bearbeiteten Krankheitsspektrum anders ausgerichtet als die Apps, die in Deutschland als Medizinprodukt registriert sind. Zwar spielen psychische und Stoffwechselerkrankungen in Deutschland ebenfalls eine Rolle. Es gibt in Großbritannien jedoch kaum Angebote für den Bereich der Muskel-Skelett-Erkrankungen, obwohl dieser Indikationsbereich in Deutschland eine erhebliche Rolle gerade bei den kostenpflichtigen Apps spielt. Es konnten keine Apps für Erkrankungen an den Augen oder Ohren oder für den Bereich der neurologischen Erkrankungen identifiziert werden. Auffällig ist auch, dass bei vielen Apps in der NHS Apps Library weniger ein konkreter Bezug zu Diagnosen besteht, sondern viele Apps sich auf allgemeine Zustände wie Stress, Ängste oder Schlaflosigkeit konzentrieren. Die Preismodelle der untersuchten kostenpflichtigen Apps sind mehrheitlich der Einmalzahlung zuzuordnen, wobei die Preise sich im Schnitt über alle Preis- 4. Gesundheitspolitische Einordnung der Ergebnisse Bei den oben präsentierten Ergebnissen war zunächst auffällig, dass Anwendungen für eine Vielzahl von Indikationen angeboten werden – mit einem Schwerpunkt auf psychischen Erkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Hier ist zu berücksichtigen, dass die Aufnahme in unseren Datensatz eine Registrierung der App als Medizinprodukt in der entsprechenden Datenbank des BfArM (vormals DIMDI) voraussetzt. Zur Einordnung dieser Ergebnisse haben wir die Apps in unserem Datensatz mit den Apps der NHS Apps Library verglichen.4 Dazu haben wir alle kostenpflichtigen Apps der NHS Apps Library und eine Stichprobe von 30 kostenfreien Apps analysiert. Insgesamt ist nur etwa ein Viertel der Apps in der NHS Apps Library überhaupt kostenpflichtig. Dieser Anteil ist damit deutlich niedriger als in Deutschland. Die Auswahl der kostenfreien Apps basiert auf einem Filter von Schlagworten, von denen zumindest eine Ähnlichkeit zum Spektrum der Erkrankungen der deutschen Apps zu erwarten war. Das häufigste Indikationsgebiet, für das die Apps angeboten werden, ist der Bereich der psychischen Erkrankungen mit insgesamt 15 Angeboten. Dabei stehen im Gegensatz zu den untersuchten deutschen 4 Zur Aufnahme in die NHS Apps Library unter https://www.nhs.uk/apps-library müssen die Hersteller ihre App in einem vergleichsweise aufwändigen Verfahren zertifizieren lassen. Tabelle 2: Funktionen der Anwendungen (Mehrfachfunktionen sind möglich) Funktion N (Anteil in %) Kostenfrei Kostenpflichtig Signifikanz Monitoring 41 (66,1%) 23 18 * Tagebuchfunktion 40 (64,5%) 22 18 n.s. Patienteninformation und -beratung 30 (48,4%) 14 16 n.s. Therapie 25 (40,3%) 8 17 * Erinnerung an die Einnahme von Medikamenten 17 (27,4%) 11 6 n.s. Diagnostik 15 (24,2%) 7 8 n.s. n.s.=nicht signifikant, *=p<0,05 Quelle: Eigene Erhebung Es bleibt abzuwarten, wie hoch die diagnostische Vielfalt der in der vom BfArM veröffentlichten Liste erstattungsfähiger Anwendungen sein wird. GuS_4-5_2020_Buch.indb 83 09.10.20 13:08 84 THEMA G+S 4-5/2020 oben erwähnte massive Preiserhöhung der App „Kaia gegen Rückenschmerzen“ stellt damit eher die Ausnahme von der Regel dar. Zumindest auf der Grundlage unserer Recherchen konnte die durchaus plausible Erwartung nicht bestätigt werden, dass die Hersteller im Vorfeld des DVG die Markpreise zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition mit dem GKV-Spitzenverband massiv angehoben haben. Dagegen sprechen nicht nur die seit Jahresbeginn 2019 weitgehend stabilen Marktpreise und der weiterhin hohe Anteil kostenfrei zu nutzender Apps. Auch im internationalen Vergleich lassen sich – abgesehen von wechselkursbedingten Differenzen – nahezu keine Hinweise auf Preisunterschiede zwischen den deutschen und den internationalen Marktpreisen finden. Neben den oben diskutierten empirischen Erkenntnissen und ihrer gesundheitspolitischen Relevanz bietet die vorliegende Erhebung eine gute Datengrundlage für eine erste zeitnahe Evaluation der Wirkungen des DVG im Hinblick auf die vom BfArM als erstattungsfähig gelisteten digitalen Gesundheitsanwendungen. Ein Vergleich der beiden Stichproben im Hinblick auf Diagnosespektrum, Preisniveau, Preismodell und Funktionsumfang wird sich perspektivisch geradezu aufdrängen. Wünschenswert wäre au- ßerdem eine tiefergehende Analyse des Geschäftsmodells der Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen und der Strategien von Krankenkassen beim Abschluss von flankierenden Selektivverträgen zum Angebot von Apps für ihre Versicherten. ■ Auffällig war allerdings, dass bei 29 Anwendungen in unserem Datensatz eine oder mehrere Krankenkassen die Kosten für die App teilweise oder komplett übernehmen. Das entspricht immerhin fast 40 Prozent der Angebote. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass Selektivverträge zur Finanzierung von Apps schon vor Inkrafttreten des DVG eine erhebliche Rolle spielten (Albrecht et al. 2018; Gregor-Haack 2018). Unter Umständen zielt das Geschäftsmodell vieler Hersteller zur Erzielung auskömmlicher Umsätze gerade auf Selektivverträge ab. Gesundheitspolitisch wäre ein solcher Trend mindestens ambivalent zu beurteilen, weil die individuell erstatteten Apps nicht der Bewertung des BfArM unterliegen und damit der BfArM-Fast Track mangels Anträge nur eingeschränkt zum Leben erweckt werden würde. In der Konsequenz würde das politische Ziel der Weiterentwicklung und Verbreitung digitaler Gesundheitsanwendungen als etablierte GKV-Regelleistung verfehlt. Zudem würden über Selektivverträge womöglich die ohnehin schon niedrigen Nutzennachweise des zentralen Verfahrens unterlaufen (Schnee/Greß 2019). Bei der Analyse der kostenpflichtigen Apps haben sich die analysierten Marktpreise als erstaunlich stabil erwiesen. Die Literatur Albrecht, U. V./B. Kuhn/J. Land/V. E. Amelung/U. von Jan (2018). “Nutzenbewertung von digitalen Gesundheitsprodukten (Digital Health) im gesellschaftlichen Erstattungskontext.” Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 61(3): 340-48. BfArM (2020). Das Fast Track Verfahren für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) nach § 139e SGB V, Download unter https:// www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/ Service/Beratungsverfahren/DiGA-Leitfaden. pdf?__blob=publicationFile&v=8 am 03. September 2020. Deutscher Bundestag (2019). Gesetzentwurf der Bundesregierung. Entwurf eines Gesetzes für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale- Versorgung-Gesetz – DVG). Berlin, Deutscher Bundestag, Drucksache 19/13438 vom 23.09.2019. Gregor-Haack, J. (2018). “Erstattung von Health-Apps durch die gesetzliche Krankenversicherung.” Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 61(3): 328-33. Krüger-Brand, H. E./A. Haserück (2020). “Apps auf Rezept ab August.” Deutsches Ärzteblatt 117(31-32): A 1480-82. Schmacke, N./H.-H. Abholz (2019). “Gesundheits-Apps – Was kann man von ihnen erwarten?” Gesundheits- und Sozialpolitik 73(2): 50-54. Schnee, M./S. Greß (2019). “Das Digitale-Versorgung-Gesetz – Versorgungsoptimierung oder Wirtschaftsförderung?” Gesundheits- und Sozialpolitik 73(6): 8-13. WHO (2019). Recommendations on digital interventions for health system strengthening. Download unter https://www. who.int/reproductivehealth/publications/ digital-interventions-health-systemstrengthening/en/ am 15. November 2019. Die vorliegende Erhebung bietet eine gute Datengrundlage für eine erste zeitnahe Evaluation der Wirkungen des DVG. GuS_4-5_2020_Buch.indb 84 09.10.20 13:08

Zusammenfassung

Mit diesem Beitrag geben wir einen Überblick über Funktionen, Anwendungsgebiete und Marktpreise digitaler Gesundheitsanwendungen kurz nach Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes. Haben Anbieter digitaler Gesundheitsanwendungen zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition noch schnell die Marktpreise ihrer Apps erhöht? Wie hoch ist der Anteil kostenfrei angebotener Anwendungen und wie ist deren Funktionsumfang zu beurteilen? Welche Rolle spielen Selektivverträge einzelner Krankenkassen?

References
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Abstract

Gesundheits- und Sozialpolitik is an independent journal that informs about new developments in legislature and management regarding healthcare and social security. Insiders and scholars discuss recent reforms, rehash background information, develop case scenarios for legislature, describe ways and conflicts of management, and document jurisdiction in a comprised form.

The journal addresses corporations of all industries, human resources managers, organizations, administration bureaus, unions, and works committees.

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Zusammenfassung

Die Zeitschrift berichtet als interessenpolitisch unabhängige Fachzeitschrift über neue Entwicklungen in Gesetzgebung und Management des Gesundheitswesens und der sozialen Sicherungssysteme. Insider und Wissenschaftler diskutieren aktuelle Reformen, bereiten Hintergrundinformationen auf, entwerfen Szenarien der Gesetzgebung, beschreiben Wege und Konflikte des Managements und dokumentieren die Rechtsprechung in komprimierter Form.

Die Zeitschrift "Gesundheits- und Sozialpolitik" wendet sich an Unternehmen aller Wirtschaftszweige, Personalverantwortliche, Verbände, Verwaltungsdienststellen, Gewerkschaften, Betriebsräte.

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