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Elke Berger, Christoph Reichebner, Astrid Eriksen, Matthias Kretzler, Reinhard Busse, Zentralisierung und Spezialisierung. Dänemarks Spezialisierungspläne als strategisches Planungs- und Steuerungsinstrument am Beispiel der Krebsbehandlung in:

Gesundheits- und Sozialpolitik (G&S), page 31 - 38

GuS, Volume 74 (2020), Issue 4-5, ISSN: 1611-5821, ISSN online: 1611-5821, https://doi.org/10.5771/1611-5821-2020-4-5-31

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31 THEMA 4-5/2020G+SDOI: 10.5771/1611-5821-2020-4-5-31 Zentralisierung und Spezialisierung Dänemarks Spezialisierungspläne als strategisches Planungsund Steuerungsinstrument am Beispiel der Krebsbehandlung* ELKE BERGER ET AL. Elke Berger, MPH, Christoph Reichebner, M. Sc., und Astrid Eriksen, M. Sc., sind wissenschaftliche Mitarbeiter*innen am Fachgebiet Management im Gesundheitswesen (MiG) an der TU Berlin Matthias Kretzler, MHMM, ist Referent Krankenhaus und Innovationen beim BKK Dachverband e. V., Berlin Prof. Dr. med. Reinhard Busse, MPH FFPH, ist Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen (MiG) an der TU Berlin Der dezentralisierten deutschen Krankenhauslandschaft mangelt es an einer gezielten Versorgungssteuerung und bundesweiten Rahmenplanung, was in eine Fehl-, Unter- und Überversorgung sowie Variation der Behandlungsqualität mündet. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Artikel mit der Spezialisierungsplanung in Dänemark, die bei ähnlicher Ausgangslage implementiert wurde und zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität beigetragen hat. Dabei wird insbesondere auf die Krebsversorgung fokussiert, da diese weiteren Reformierungen unterzogen wurde. Anhand des Beispiels Dänemark werden abschließend Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger*innen in Deutschland abgeleitet. 1. Einleitung Die deutsche Krankenhauslandschaft ist stark dezentralisiert und wenig spezialisiert, während sie zugleich deutliche Überkapazitäten aufweist. Die daraus resultierende Fehl-, Über- und auch Unterversorgung wird nicht zuletzt durch eine große Variation der stationären Versorgungsqualität gezeigt. Statt sich diesen Problemen zu stellen und eine bundesweite Rahmenplanung zu implementieren, wurde die bestehende Krankenhausplanung viel zu lange einfach fortgeschrieben und etwa in urbanen Regionen Mehrfachstrukturen befördert, die weder medizinisch noch ökonomisch sinnhaft sind. Andere europäische Länder mit ähnlichen Ausgangsbedingungen am Ende des 20. Jahrhunderts haben in den vergangenen Jahrzehnten damit begonnen, stationäre Strukturen stärker an der Qualität der Leistungserbringung auszurichten und sie entsprechend umzugestalten. Dazu zählt allen voran Dänemark, wo die Versorgung mit Hilfe sogenannter Spezialisierungspläne gesteuert wird. Der vorliegende Artikel soll einen Überblick darüber geben, warum und wie sich in Dänemark eine Zentralisierung und Spezialisierung der Krankenhausversorgung etabliert und auf die Qualität der Versorgung ausgewirkt hat. Dabei soll der besondere Fokus auf dem Bereich der Krebsversorgung liegen, der in Dänemark einer besonders umfassenden Reformierung unterzogen wurde. Darüber hinaus soll dargestellt werden, inwiefern Deutschland von Dänemark im Hinblick auf die Spezialisierung lernen kann und welche Möglichkeiten der Übertragung solcher Planungs- und Steuerungsinstrumente existieren. Warum das dänische Beispiel für Deutschland relevant ist, erklärt sich anhand der gleichen Ausgangslage bei- * Der Artikel ist im Rahmen des vom Innovationsfonds geförderten Projekts „Krankenhaus: Impulse für Deutschland aus Dänemark (K:IDD)“ entstanden. (FKZ: 01VSF18044) GuS_4-5_2020_Buch.indb 31 09.10.20 13:07 32 THEMA G+S 4-5/2020 hedsstyrelsen) dabei zukommt, ist in (den Umsetzungsempfehlungen des) § 208 des Gesundheitsgesetzes festgehalten [5]. Darin ist u. a. beschrieben, dass die dänische Gesundheitsbehörde für die Formulierung der Spezialisierungspläne und der Zulassungskriterien zuständig ist und dass dies unter Einbeziehung von Expert*innen sowie Vertreter*innen der Region zu erfolgen hat. Dabei bilden die Zulassungskriterien die Grundlage für das Bewerbungsverfahren, in dem sich öffentliche und private Krankenhäuser mithilfe eines Bewerbungsformulars um die Zulassung für spezialisierte Leistungen bewerben können. Die Entscheidungen über Zulassungen trifft die dänische Gesundheitsbehörde unter Einbeziehung des Ausschusses für die Spezialisierungsplanung und Krankenhäuser haben die Möglichkeit, gegen die Entscheidung Beschwerde einzulegen. Ist auch darüber entschieden, werden die geltenden Spezialisierungspläne auf dem Internetauftritt der Gesundheitsbehörde publik gemacht. Darüber hinaus ist im Gesundheitsgesetz festgehalten, dass regelmäßige Überprüfungen der erteilten Zulassungen erfolgen – sowohl im Zusammenhang mit ebenfalls regelmäßigen Anpassungen der Spezialisierungspläne (alle drei Jahre) als auch unabhängig davon. Die Überarbeitung der letzten Fassung dauerte ebenfalls drei Jahre und mündete in die aktuell geltende Fassung der Spezialisierungspläne von 2017 [6]. Bevor diese nun selbst beschrieben werden, widmet sich der nächste Abschnitt noch dem Aspekt der generellen Unterteilung der Krankenhausversorgung in Dänemark in Grund- und spezialisierte Versorgung. 3.1 Stufen der stationären Versorgung in Dänemark In Dänemark werden stationäre Leistungen von geringer Komplexität der Grundversorgung zugeordnet. Das betrifft für weit verbreitete Krankheiten Leistungen, die häufig erbracht werden und deren Ressourcenverbrauch keine Spezialisie- Versorgung in Dänemark und ihrer Entwicklung zu erhalten, werden zudem die Ergebnisse aus Expert*inneninterviews und einer Medienanalyse einbezogen.1 3. Spezialisierung in Dänemark: Hintergrund, Entwicklung und Umsetzung Als Konsequenz aus einer im internationalen Vergleich schlecht abschneidenden Versorgung, vor allem im Hinblick auf die Sterblichkeit bei Herzinfarkten und Krebs (Mitte bzw. Ende der 90er Jahre), und vor dem Hintergrund einer stark ausgeprägten Variation der Behandlungsqualität innerhalb des Landes wurde das Angebot spezialisierter Behandlungen deutlich reformiert. Die Problemlage und die Reformen wurden medial breit berichtet: So entdeckten Journalist*innen im Jahr 2006, dass Brustkrebspatient*innen auf der Insel Bornholm stets mit nicht brusterhaltenden Methoden operiert wurden. Ebenfalls im Jahr 2006 war das Ereignis um die in Skandinavien populäre dänische Sängerin Sanne Salomonsen, die der Berichterstattung zufolge nach einem Schlaganfall nur zufällig in einem Krankenhaus mit der Möglichkeit einer Thrombolysebehandlung aufgenommen wurde. Auch die Berichterstattung über diese Ereignisse hat sicher dazu beigetragen, nicht nur bei politischen Entscheidungsträger*innen, sondern auch bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen und damit eine umfassende Reformierung zu ermöglichen.2 Vor diesem Hintergrund und auf Basis des neuen Gesundheitsgesetzes aus dem Jahr 2005 wurde im Jahr 2006 festgelegt, dass die 1995 erstmalig eingeführten Spezialisierungspläne (Specialeplanlægning) nicht mehr nur eine Leitlinie, sondern eine Verpflichtung darstellen. Das zielte darauf ab, die Qualität des dänischen Gesundheitssystems zu verbessern und für alle Bürger*innen – unabhängig von Zeit und Ort – eine gleichwertige Versorgung sicherzustellen [4]. Wie die Spezialisierungsplanung konkret umzusetzen ist und welche Rolle der dänischen Gesundheitsbehörde (Sundder Länder. So gab es – wie noch heute in Deutschland – auch in Dänemark eine hohe Variation der Behandlungsqualität, die im internationalen Vergleich auch im Durchschnitt schlecht abschnitt. Zudem ist es unbestreitbar, dass in Deutschland zu viele Patient*innen im falschen Krankenhaus behandelt werden und eine Versorgungssteuerung zwingend nötig ist. So werden 64 % der Lungenkrebspatient*innen und sogar 70 % der Bauchspeicheldrüsenkrebspa tient*innen nicht in einem spezialisierten Zentrum behandelt [1]. Das trifft aber nicht nur auf Krebspatient*innen zu, sondern auch andere So weisen 60  % der Krankenhäuser, die Herzinfarktpatient*innen behandeln, kein dafür notwendiges Herzkatheterlabor vor. 23 % der Krankenhäuser, die Schlaganfallpatient*innen behandeln, haben kein CT und sogar 51 % kein MRT [2]. 37 % der Krankenhäuser, die Traumapatient*innen behandeln, halten kein spezialisiertes Traumazentrum vor [3]. Vor diesem Hintergrund soll am Beispiel Dänemarks gezeigt werden, dass schlechte und variierende Qualität keineswegs akzeptiert werden, sondern vielmehr durch eine gezielte und konsequente Planung und Versorgungssteuerung verbessert werden kann und muss. 2. Methodik Um das zu tun, bedient sich der Artikel eines beschreibenden Vergleichs von Deutschland und Dänemark. Dieser basiert auf frei zugänglichen Datenbanken (u. a. OECD, IHME) sowie auf relevanten Dokumenten beider Länder (u. a. Spezialisierungspläne, Jahresberichte der Krebszentren). Daneben werden die Informationen genutzt, die in dem im Projekt erarbeiteten Kriterienkatalog zum Ländervergleich enthalten sind. Um einen darüber hinaus gehenden Eindruck insbesondere der spezialisierten 1 Weitere Informationen zur Methodik sind im Beitrag Das Projekt Krankenhaus: Impulse für Deutschland aus Dänemark (K:IDD) in diesem Heft nachzulesen. 2 Siehe Beitrag Jahrzehnte der Transformation – Eine Analyse von Dänemarks Struktur- und Krankenhausreform in diesem Heft. Als Konsequenz aus einer im internationalen Vergleich schlecht abschneidenden Versorgung wurde das Angebot spezialisierter Behandlungen in Dänemark deutlich reformiert. GuS_4-5_2020_Buch.indb 32 09.10.20 13:07 33 THEMA 4-5/2020G+S Einige Dienste sind so komplex, selten oder ressourcenintensiv, dass eine Behandlung auf angemessenem Niveau in Dänemark nicht unabhängig etabliert werden kann. Dazu zählen etwa die Behandlung sehr seltener Krankheiten sowie komplizierte Eingriffe in der Kinder- oder Krebschirurgie. In diesen Fällen ermöglicht die geltende Gesetzgebung in Dänemark, Patient*innen für hochspezialisierte Krankenhausleistungen ins Ausland zu überweisen, üblicherweise nach Großbritannien, Deutschland oder in die Vereinigten Staaten. Solche Überweisungen müssen von einem auf dem jeweiligen Fachgebiet national anerkannten tertiären Dienst durchgeführt werden und sind durch die dänische Gesundheitsbehörde (geregelt in Abschnitt 89 des dänischen Gesundheitsgesetzes) zu genehmigen. Einige Leistungen können möglicherweise von einem dänischen Krankenhaus in forregionale Funktionen konzentriert werden, um Synergien etwa im Hinblick auf die Notfallversorgung oder den Bereich Forschung, Entwicklung und Bildung zu nutzen. Die hochspezialisierten Leistungen umfassen Aufgaben von beträchtlicher Komplexität. Sie betreffen seltene Leistungen oder solche mit hohem Ressourcenverbrauch, die die Präsenz vieler funktionsübergreifender Partner*innen voraussetzen, aber auch eine Bündelung von Wissen, Routine und Erfahrung. Durch die Konzentration von Leistungen in bestimmten Krankenhäusern sollen vor allem Synergieeffekte durch die gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit der Funktionen und Fachgebiete erreicht werden. Dies gilt auch für Forschung, Entwicklung und Bildung, wo das Vorhandensein vieler verschiedener Funktionen eine bessere Grundlage für die Einrichtung und Entwicklung dieser Bereiche schafft. Darüber hinaus sollen Krankenhäuser mit Zulassung für hochspezialisierte Leistungen auf nationaler Ebene zusammenarbeiten. Eine hochspezialisierte Funktion wird normalerweise in Krankenhäusern an ein bis drei Orten im ganzen Land eingerichtet. rung rechtfertigen würde; dazu zählt etwa die Diagnose und Behandlung von Diabetes Mellitus vom Typ 1 oder von COPD. Die Grundversorgung wird auf Ebene der fünf Regionen geplant, bedarf aber der Absprache mit der dänischen Gesundheitsbehörde. Leistungen höherer Komplexität sind den spezialisierten Leistungen zugeordnet, deren Versorgungsstufen ihrerseits untergliedert sind (siehe Abbildung 1). Die Definition dieser Versorgungsstufen orientiert sich schließlich an der medizinischen Komplexität der Leistungen [7]. Regional spezialisierte Krankenhausleistungen umfassen Aufgaben von gewisser Komplexität, bei denen die Krankheits- oder Gesundheitsdienste relativ selten sind und/oder bei denen der Ressourcenverbrauch eine Konzentration der Leistungen erfordert. Abhängig vom Behandlungsaufkommen in der Region und den örtlichen Bedingungen wird in der Regel in jeder Region eine regionale Funktion eingerichtet. Befinden sich regionale Funktionen in mehreren Krankenhäusern innerhalb einer Region, wird von einer verbindlichen Zusammenarbeit ausgegangen. Dies kann zum Beispiel Richtlinien für die gemeinsame Behandlung, Qualitätsüberwachung und Nachsorge umfassen. In einigen Krankenhäusern in der Region sollen als Ausgangspunkt verschiedene Abbildung 1: Grund- und spezialisierte Versorgung in Dänemark Quelle: Übersetzte Darstellung nach [7] Einige Dienste sind so komplex, selten oder ressourcenintensiv, dass eine Behandlung auf angemessenem Niveau in Dänemark nicht unabhängig etabliert werden kann. GuS_4-5_2020_Buch.indb 33 09.10.20 13:07 34 THEMA G+S 4-5/2020 Leistung gesondert geregelt, wie schnell ein*e Fachärzt*in verfügbar sein muss. Sollte es eine Spezialisierung in einer Region nicht geben, so müssen Regelungen für Überweisungen in andere Regionen getroffen werden. In dem Zusammenhang ist es wichtig, dass Zulassungen für spezialisierte Leistungen ausschließlich ortsgebunden erteilt werden; eine einfache Verlagerung an einen anderen Standort ist somit nicht möglich. Um eine solche Zulassung zu erhalten, müssen Krankenhäuser die geltenden Mindestmengen ein- und entsprechend qualifiziertes Personal vorhalten. Darüber hinaus ist geregelt, dass besonders vulnerable Patient*innengruppen, z. B. solche mit komplexen Krankheitsbildern oder Ko-Morbiditäten, ggf. auf einem höheren Spezialisierungsniveau behandelt werden sollen, sofern weder persönliche noch fachliche Gründe dagegensprechen. Vergleicht man das mit der Versorgungssituation in Deutschland, wird klar, dass es dieser an einer gezielten Planung und Steuerung fehlt. Das drückt sich etwa dadurch aus, dass Krebspatient*innen in Deutschland doppelt so oft stationär behandelt werden wie im EU-12-Schnitt [8]. Darüber hinaus darf jedes Krankenhaus nahezu jede Leistung erbringen und abrechnen. Die gesetzlich geregelten Mindestmengen sind zwar ein Baustein zu einer besser abgestimmten Versorgung, sie gelten jedoch bislang nur für sieben Behandlungen, deren Nicht-Einhaltung zudem nicht konsequent genug mit Sanktionen einhergeht [9]. Die Spezialisierungspläne in der Fassung von 2017 existieren für insgesamt 36 Leistungsbereiche (siehe Tabelle 2) und umfassen für ca. 1.000 Prozeduren Angaben dazu, welche Krankenhäuser dafür zugelassen sind. In den Plänen ist u. a. explizit festgelegt, welche konkreten Krankenhäuser welche Eingriffe vornehmen bzw. welche Patient*innen sie behandeln dürfen. Am Beispiel der Krebsversorgung soll exemplarisch und vergleichend mit Deutschland erläutert werden, wie die Versorgungslandschaft konkret aussieht. Dies bietet sich an, weil onkologische Indikationen in diversen Spezialisierungsplänen thematisiert sind und die Krebsversorgung zugleich noch weiteren Reformierungen unterzogen worden ist. 3.2 Spezialisierungspläne in Dänemark Die Anforderungen und Mindestvoraussetzungen für spezialisierte Leistungen, deren Einhaltung die Regionen sicherstellen müssen, sind der Tabelle 1 zu entnehmen – sie gelten für öffentliche wie private Krankenhäuser gleichermaßen. Die Regionen haben einen Sicherstellungsauftrag und müssen dafür Sorge tragen, dass die spezialisierten Leistungen rund um die Uhr vorgehalten werden. Dabei ist für jede spezialisierte meller Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus im Ausland erbracht werden. Dies wird gegebenenfalls im jeweiligen Spezialisierungsplan angegeben. Daneben können Entwicklungsleistungen definiert werden. Dies geschieht bei Leistungen mit noch unklarer Zuordnung, wenn die Gesundheitsbehörde feststellt, dass ein besonderer Bedarf für eine landesweite engmaschige Nachverfolgung besteht, z. B. im Hinblick auf die Klärung von Nachweisen, Anwendungsbereiche, Indikationen, fachliche Anforderungen und Organisation. Tabelle 1: Anforderungen an Standorte mit ortsgebundener Zulassung für spezialisierte Leistungen in Dänemark Bezeichnung Inhalt Kapazitäten und Belastbarkeit ■ spezialisierte Leistungen müssen 24/7/365 vorgehalten werden ■ es müssen mind. 3 entsprechende Fachärzte*innen am Standort vorhanden sein Mindestmengen ■ die in den Spezialisierungsplänen geltenden Mindestmengen müssen eingehalten werden Qualifikation ■ das gesamte Behandlungsteam muss der spezialisierten Leistung entsprechende Qualifikationen aufweisen ■ betrifft die spezialisierte Leistung Kinder, so muss das Behandlungsteam zusätzlich Erfahrung in der Behandlung von Kindern aufweisen Interdisziplinäre Zusammenarbeit ■ die Zusammenarbeit mit anderen Spezialgebieten muss sichergestellt sein (Ruf-)Bereitschaft ■ die Spezialisierungspläne enthalten jeweils detaillierte Zeitangaben zur (Ruf-)Bereitschaft von Fachärzt*innen Qualität und Dokumentation ■ die spezialisierten Leistungen sind entsprechend geltender Leitlinien durchzuführen und zu dokumentieren ■ soweit vorhanden, ist auch die Meldung an Register vorzunehmen Quelle: Eigene Darstellung nach [7] Tabelle 2: Leistungsbereiche mit Spezialisierungsplan in Dänemark Anästhesie HNO Neurochirurgie Arbeitsmedizin Infektiologie Orthopädie Augenheilkunde Kardiologie Pädiatrie Biochemie Kinderherzchirurgie Pathologische Anatomie und Zytologie Chirurgie Kinder- und Jugendpsychiatrie Pharmakologie Dermatologische Venerologie Klinische Genetik Plastische Chirurgie Endokrinologie Klinische Immunologie Psychiatrie Gastroenterologie und Hepatologie Klinische Mikrobiologie Radiologie Gefäßchirurgie Klinische Onkologie Rheumatologie Geriatrie Klinische Physiologie und Nuklearmedizin Thoraxchirurgie Gynäkologie und Geburtshilfe Lungenheilkunde Urologie Hämatologie Nephrologie Zahn-, Mund-, und Kieferchirurgie Quelle: Eigene Darstellung nach [4] GuS_4-5_2020_Buch.indb 34 09.10.20 13:07 35 THEMA 4-5/2020G+S wachsenen konnte Dänemark bereits anfänglich bessere Ergebnisse aufweisen, diese in einem Jahrzehnt aber auch stärker steigern als das in Deutschland der Fall war (ebd.). Und das, obwohl (oder weil) es in Deutschland – abgesehen von den auf Lungenkrebs spezialisierten Zentren – eine auch im Verhältnis höhere Zahl an Krebszentren gibt als in Dänemark. Dabei ist anzumerken, dass die Darstellung in Tabelle 3 sogar stark vereinfacht ist und nicht jedes der für Dänemark aufgeführten Zentren jeden Eingriff bei der entsprechenden Art von Krebserkrankung vornehmen darf. Stattdessen sind etwa für die chirurgische Behandlung des malignen Mesothelioms nur ein Krankenhaus statt vier und für die des in die Brustwand eingewachsenen Mamma-Karzinoms nur zwei statt 13 Krankenhäuser mit entsprechenden Mindestmengen zugelassen. Wie bereits erwähnt, wurde die Krebsversorgung nicht ausschließlich mithilfe der Spezialisierungsplanung reformiert, sondern auch mit weiteren Maßnahmen. Darunter etwa die Einführung eines nationalen Krebsplans (kræftplaner) im Jahr 2000, der seither etwa alle fünf Jahre fortgeschrieben wird. Die Schwerpunkte des jeweiligen Plans sind in der nachfolgenden Tabelle zusammenfassend dargestellt. Sie umfassen auch die Implementierung (Krebsplan II) und Überprüfung (Krebsplan IV) von Krebspaketen (kræftpakker) für verschiedene Entitäten. Bei den Krebspaketen handelt es sich um eine auf Leitlinien basierende detaillierte Versorgungssteuerung des Patient*innen über den gesamten Verlauf von Behandlung und Nachsorge, an die sich alle daran beteiligten Akteure halten müssen. Jedes Krebspaket umfasst Regelungen zu den Aspekten Verdacht, Diagnostik, Behandlung, Nachsorge, Rehabilitation und Palliativversorgung. Im Detail sind etwa Verdachtssymptome festgelegt, bei denen der*die Hausärzt*in ein Krebspaket aktivieren kann, aber auch maximale Wartezeiten zwischen einzelnen Schritten von Diagnostik und Behandlung (inklusive bildgebender Verfahren), Laborbefunden und Tumorkonferenzen. Darüber hinaus ist über den kompletten Behandlungspfad die Benennung einer koordinierenden Person vorgesehen [17]. Zur Überprüfung, wie es um die Einhaltung der genannten Bestimmungen steht, erfolgen eine Überwachung auf Krankente Behandlungsergebnisse zeigen, etwa im Hinblick auf die Sterblichkeit. So konnte Dänemark im Hinblick auf die 5-Jahres-Überlebensrate deutlich aufholen und derweil bei einigen Krebsarten bereits bessere Ergebnisse erzielen als Deutschland [15]. Das trifft z. B. auf Gebärmutterhalskrebs zu, wo die 5-Jahres-Überlebensrate in Dänemark im Zeitraum 2000-2004 mit 63,0 % unter jener in Deutschland mit 64,9 % lag. Im Zeitraum 2010-2014 hingegen konnte Dänemark hier eine Steigerung auf 69,5 % erreichen, was deutlich über den (ebenfalls leicht gestiegenen) 65,2 % in Deutschland liegt. Bei Brustkrebs konnte Dänemark den Unterschied zu Deutschland in den Jahren 2000-2004 (80,3 % vs. 83,9 %) zehn Jahre später zumindest aufholen (86,1  % vs. 86,0 %). Bei der Akuten lymphatischen Leukämie im Kindesalter zeigt sich ein noch eindrücklicheres Bild: Hier lag die 5-Jahres-Überlebensrate mit 84,3 % im Zeitraum 2000-2004 noch deutlich unter den 94,0 % in Deutschland. Im Zeitraum 2010-2014 wies Dänemark dann mit 94,0 % nicht nur eine Steigerung um nahezu 10 %-Punkte auf, sondern überholte auch hier Deutschland, wo der Anteil an Patient*innen mit einem 5-Jahres-Überleben sogar auf 91,1 % gesunken ist. Bei anderen Diagnosen wie Hirntumoren bei Kindern und Er- 3.3 Krebsversorgung in Dänemark Im Bereich der Krebsversorgung wird auch besonders deutlich, dass die landesweite Spezialisierungsplanung in Dänemark nicht nur zu einer stärkeren Spezialisierung, sondern zugleich auch zu einer starken Zentralisierung von Leistungen geführt hat. Betrachtet man etwa die Behandlung von Ovarialkarzinomen, so hat sich seit 2003 die Anzahl der behandelnden Standorte von 52 [10] auf zunächst sieben und schlussendlich auf vier reduziert [11]. Für andere Entitäten ist in Tabelle 3 dargestellt, wie die dänische Versorgungslandschaft samt Einzugsgebieten im Vergleich zur deutschen aussieht und inwiefern sich letztere bei der Anwendung dänischer Verhältniszahlen verändern würde. Dabei wird deutlich, dass dies bei den meisten der dargestellten Entitäten zu einer Reduktion der Zentren führen würde. Dass dies dennoch keine unzumutbar weiten Anfahrtswege mit sich bringen würde, zeigt insbesondere das Beispiel der Brustkrebszentren, deren Erreichbarkeit aktuell für 84 % der über 18-jährigen Frauen innerhalb von 30 Minuten liegt [12]. Die Frage nach der Übertragbarkeit erscheint deshalb von besonderem Interesse, weil sich in Dänemark trotz (oder wegen) dieser starken Zentralisierung im Zeitverlauf kontinuierlich verbesser- Tabelle 3: Anzahl von Krebszentren für ausgewählte Krebsarten in Dänemark und Deutschland Krebsart Bauchspeicheldrüse Brust Darm Lunge Dänemark Krebszentren 4 13 11 4 Anzahl Einwohner*innen je Zentrum 1.450.000 446.000 527.000 1.450.000 Deutschland (Zertifizierte) Krebszentrena 112 237 283 52 Anzahl Einwohner*innen je Zentrum 741.000 350.000 293.000 1.596.000 Anteil der Patient*innen, die nicht in Zentren versorgt werden 70 % 23 % 57 % 64 % Deutschland, würden dänische Verhältnisse übertragen (Zertifizierte) Krebszentren 57 (-49 %) 186 (-22 %) 157 (-45 %) 57 (+10 %) Anmerkungen: a: Darunter auch wenige Standorte im Ausland; da die Anzahl der Zentren im Ausland jedoch unklar ist, können diese nicht herausgerechnet werden. Quelle: Modifizierte Darstellung aus [8] nach [1] und [13, 14] GuS_4-5_2020_Buch.indb 35 09.10.20 13:07 36 THEMA G+S 4-5/2020 und damit später formuliert wurde als der Krebsplan I in Dänemark. Dennoch: Dort sind die Veränderungen und zugleich Verbesserungen viel schneller in der Versorgung angekommen. Stattdessen sind im Jahr 2017 gerade einmal Umsetzungsempfehlungen für die meisten im NKP enthaltenen Handlungsziele formuliert. Im Zusammenhang mit dem hier thematisierten Aspekt der Spezialisierung und Zertifizierung konnten hingegen bereits erste Ergebnisse erzielt werden. So wurde etwa erstmals die Definition eines zertifizierten Zentrums formuliert und ein dreistufiges Versorgungsmodell bestehend aus Organkrebszentren, onkologischen Zentren und onkologischen Spitzenzentren vorgestellt (ebd.). Demnach schien man sich über die große Bedeutung spezialisierter Behandlungsstrukturen bereits längst einig gewesen zu sein. Nichtsdestotrotz gibt es bis heute keine geeigneten Vergütungsinstrumente, sodass sich die Anforderungen an Zentren und ihre Leistungen bisher nicht systematisch in deren Finanzierung widerspiegeln (ebd.). Da dies dem zwingend notwendigen Qualitätswettbewerb entgegensteht, sollte hier von politischer Seite energisch gegengesteuert werden. Zusammenfassend muss gesagt werden, dass deutlicher Handlungsbedarf besteht, um auch in Deutschland endlich die Krebsversorgung zu verbessern. Wie das gelingen kann, soll im nächsten Abschnitt mit Bezug zum Nachbarland Dänemark dargelegt werden. 5. Diskussion: Was können wir von Dänemark lernen (und warum sollten wir)? Deutschland verfügt mit den vorhandenen Krebszentren über eine Versorgungsstruktur, mit der eine hochqualitative Krebsbehandlung aller Betroffenen flächendeckend möglich wäre. Deren unzureichende Nutzung ist jedoch ein Problem. Dies beruht auf mehreren Säulen, so der mangelnden Verpflichtung für Patient*innen, sich dort behandeln zu lassen, und dem Recht aller (anderen) Krankenhäuser, diese Patient*innen auch zu behandeln und vergütet zu bekommen. Aber die Zentren selbst beruhen auf dem Antrag von Krankenhäusern und dem Nachweis der Voraussetzungen, womit sie nicht am Bedarf geplant werden: So gibt es Gebiete ohne Krebszentren – aber etwa in Wiesbaden drei vor, dass nur durchschnittlich rund 5 % der Patient*innen mit den genannten Indikationen weiterverlegt und damit die meisten auch noch im „falschen“ (also nicht-spezialisierten) Krankenhaus weiterbehandelt werden. Angesichts dieser Tatsache stellt sich umso mehr die Frage, was Deutschland im Bereich der Spezialisierung und dabei insbesondere im Bereich der Krebsversorgung von Dänemark lernen kann. 4. Fehlende Spezialisierung und weitere Probleme in Deutschlands Krebsversorgung Wie bereits erwähnt, mangelt es in Deutschland an einer konsequenten und gezielten Steuerung der Versorgung und an (der Einhaltung von) gesetzlichen Vorgaben, z. B. im Hinblick auf Mindestmengen oder auf eine notwendige, aber fehlende Beschränkung komplexer Behandlungen auf zertifizierte/ausgewiesene Zentren. Insbesondere im Bereich der Krebsbehandlung könnte dies eine notwendige sektorenübergreifende, interdisziplinäre Versorgung und so ggf. auch die ambulanten Strukturen stärken. Stattdessen werden selbst die komplexesten Eingriffe in viel zu vielen (kleinen) Krankenhäusern durchgeführt und abgerechnet. Viele dieser Probleme im Bereich der Krebsbehandlung sind nichts Neues, vielmehr wurden sie bereits vor vielen Jahren von relevanten Akteuren im Nationalen Krebsplan (NKP) benannt – und zwar samt vielversprechender Lösungsansätze [20]. Natürlich ist dabei anzumerken, dass der NKP aus dem Jahr 2008 stammt haus- und regionaler Ebene sowie eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Für das Jahr 2018 zeigt sich hier, dass die Regelungen bei fast 80 % der Krebspatient*innen eingehalten werden [18]. In Deutschland hingegen gibt es z. B. Daten zu Wartezeiten nur aus den zertifizierten Krebszentren und auch sonst so gut wie keine Informationen dazu, wie die Versorgung konkret ausgestaltet ist. Nicht nur das ist ein Grund, warum die Behandlung von Krebspatient*innen ausschließlich in dafür spezialisierten Zentren stattfinden sollte. Leider ist genau das Gegenteil der Fall, sodass viel zu viele Betroffene außerhalb von Zentren behandelt werden. So werden über zwei von zehn Patient*innen mit Brustkrebs, sechs von zehn Patient*innen mit Darmkrebs und mehr als sechs von zehn Patient*innen mit Lungenkrebs außerhalb von zertifizierten Zentren behandelt [3]. Bei Patient*innen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs ist dies sogar bei sieben von zehn der Fall – und das, obwohl es sich hierbei um ein besonders komplexes Krankheitsbild und einen entsprechend riskanten Eingriff handelt (vgl. Tabelle 3). Bemerkenswert sind hierbei auch die Ergebnisse einer Analyse von Daten aus der Fallpauschalenstatistik zum Anteil von Verlegungen [19]. Daraus geht her- Tabelle 4: Übersicht über die Krebspläne in Dänemark Krebsplan Nr. Schwerpunkte Jahr I Epidemiologie im Vergleich zu anderen nordischen Ländern Kapazitätsausbau und Zentralisierung (je nach Stand) 2000 II Tabakprävention Stärkung der Krebschirurgie höhere Kohärenz im Behandlungsverlauf, z. B. durch Einführung von Krebspaketen in 2008 2005 III Überprüfung der Krebspakete Verbesserung der Behandlungspfade, insb. hinsichtlich vor- und nachstationärer Inhalte wie Rehabilitation und Palliativversorgung 2010 IV Überprüfung der Krebspakete Prävention und Patient*inneninformation sowie -beteiligung 2016 Quelle: Modifizierte Darstellung aus [8] und [16] Es besteht deutlicher Handlungsbedarf, um auch in Deutschland endlich die Krebsversorgung zu verbessern. GuS_4-5_2020_Buch.indb 36 09.10.20 13:07 37 THEMA 4-5/2020G+S 6. Fazit und Ausblick Auch wenn Ländervergleiche grundsätzlich problematisch sein können, so zeigt doch das Beispiel der Spezialisierungsplanung deutlich, dass sich ein Blick in andere Länder lohnt. Das trifft insbesondere dann zu, wenn die zu vergleichenden Länder so ähnliche Ausgangsbedingungen haben, wie dies bei Deutschland und Dänemark im Hinblick auf die Krebsversorgung der Fall ist. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass eine gezielte und konsequente Versorgungssteuerung dazu beitragen kann, die Qualität zu verbessern und deren Variation zu minimieren. Hier könnte Deutschland dem Beispiel Dänemarks folgen und zeigen, dass schlechte und variierende Qualität im Sinne der betroffenen Patient*innen, ihrer Angehörigen und des Gesundheitspersonals nicht hingenommen, sondern dass etwas dagegen getan wird. ■ u. a. mit einer Überforderung angesichts der Masse an Qualitätsinitiativen mit teilweise widersprüchlichen Aussagen zusammenhängen kann (Cacace et al. 2019). Hier wäre es ein Leichtes, die Betroffenen und ihre Angehörigen mithilfe einer Ausweisung spezialisierter Zentren (die alleinig für die Behandlung der entsprechenden Entität zuständig sind) zu entlasten. Damit würde eine gleichwertige spezialisierte Behandlung im gesamten Bundesgebiet gewährleistet, der es bisher leider mangelt. Dies sollte über eine uneingeschränkt freie Krankenhauswahl gehen, über deren Einschränkung durch die Spezialisierung zwar auch in Dänemark diskutiert, die Entscheidung aber letztlich für ein Mehr an Qualität getroffen wurde. Auch im Hinblick auf durch Zentralisierung möglicherweise entstehende weitere Fahrtwege zum Behandlungsort kann Dänemark als Vorbild fungieren, denn dort gehören Patient*innen- und Besucher*innenhotels sowie Einzelzimmer mit Übernachtungsmöglichkeit für Angehörige eher zum Standard als zur Ausnahme. Darüber hinaus haben weitere Maßnahmen im Rahmen der dänischen Qualitäts initiative dazu beigetragen, mögliche negative Auswirkungen der Zentralisierung auf Patient*innen zu minimieren. Dazu zählen etwa die Digitalisierung oder die Stärkung der prä- und akutstationären Versorgung.3 Vor dem Hintergrund eines längst existierenden Nationalen Krebsplanes mit Handlungsempfehlungen für die meisten der hier benannten Probleme kann Deutschland nicht zuletzt von Dänemark lernen, wenn es um die Zügigkeit der Umsetzung solcher Handlungsempfehlungen geht. An dieser Stelle kann und muss man sich auch durchaus fragen, ob es in Deutschland schlicht am politischen Willen fehlt. Auch hierfür lohnt der Blick nach Dänemark: Dort hat sich der damalige Gesundheits- und spätere Premierminister Rasmussen hartnäckig für die Verbesserung des Gesundheitssystems eingesetzt und letztendlich nicht nur andere Entscheidungsträger*innen, sondern auch die Bevölkerung dafür sensibilisiert, dass „etwas getan werden musste“. Ein solcher Einsatz wäre auch für Deutschland notwendig und wünschenswert. Brustkrebszentren für unter 300.000 Einwohner, in Dortmund oder Düsseldorf je vier Darmkrebszentren und in Dresden oder Frankfurt/ Main sogar je drei Bauchspeicheldrüsenkrebszentren. Zu einer politischen Frage werden diese Fehlsteuerungen und -nutzungen, wenn es die Ursache für eine im internationalen Vergleich höhere Sterblichkeit ist. Bereits hinsichtlich dieses Aspektes lässt sich von Dänemark lernen, dass schlechte Ergebnisqualität nicht akzeptiert werden muss, sondern ein Land durch die aktive Gestaltung der Strukturen sogar zum Spitzenreiter werden kann. Unbestritten ist, dass dies auch gezielte Maßnahmen von Seiten der Gesetzgebung sowie deren zügige und konsequente Umsetzung erfordert. Dazu zählt etwa die Formulierung und Kontrolle der Einhaltung von Mindestmengen, wie es in Dänemark mithilfe der Spezialisierungspläne erfolgt. So zeigen neuere Übersichtsarbeiten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), dass es einen Zusammenhang zwischen der Leistungsmenge und der Ergebnisqualität bei Brust- und Lungenkrebs gibt und weniger Patient*innen an der jeweiligen Krebserkrankung sterben [21, 22]. Das hatte auch schon die Analyse von Nimptsch und Mansky [23] gezeigt und ergeben, dass die Sterblichkeit von Patient*innen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs in Krankenhäusern mit dem höchsten Behandlungsaufkommen rund 50 % niedriger lag als in jenen Krankenhäusern mit dem geringsten Fallaufkommen. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass die fehlende Zentralisierung und damit Versorgungssteuerung die Betroffenen zusätzlich zu allen Belastungen der Krebserkrankungen noch vor die Herausforderung stellt, das richtige Krankenhaus zu wählen. Obwohl bereits viele Krebspatient*innen weitere Wege für eine Behandlung in einem Krankenhaus mit zertifiziertem Zentrum auf sich nehmen [24], entscheiden sich noch viel zu wenige tatsächlich dazu. Eine Ursache hierfür könnte die Unwissenheit vieler Patient*innen (und ihrer Einweiser*innen) im Hinblick auf die Auswahl der geeigneten Behandlungsstätte sein. Zahlreiche Studien zeigen etwa, dass öffentlich berichtete Qualitätsdaten von Krankenhäusern nicht oder kaum zur Auswahl des geeigneten Krankenhauses genutzt werden und dies 3 Siehe die Beiträge Wie digitalisiert ist die Gesundheitsversorgung in Dänemark im Vergleich zu Deutschland? sowie Jahrzehnte der Transformation – Eine Analyse von Dänemarks Strukturund Krankenhausreform in diesem Heft. Es ist zu konstatieren, dass eine gezielte und konsequente Versorgungssteuerung dazu beitragen kann, die Qualität zu verbessern und deren Variation zu minimieren. GuS_4-5_2020_Buch.indb 37 09.10.20 13:07 38 THEMA G+S 4-5/2020 Literatur [1] Deutsche Krebsgesellschaft (2019) Jahresbericht 2019 der zertifizierten Onkologischen Zentren [2] Busse R, Berger E (2018) Vom planerischen Bestandsschutz zum bedarfsorientierten Krankenhausangebot? In: Klauber J, Geraedts M, Friedrich J, Wasem J (Hrsg) Krankenhausreport 2018. Schwerpunkt Bedarf und Bedarfsgerechtigkeit. Schattauer, Stuttgart, S 149–170 [3] Busse R, Berger E (2018) Weniger (Standorte, Betten und Fälle) ist mehr (Zugang, Qualität und Ergebnisse): Standpunkte der Gesundheitsökonomie. In: Janssen D, Augurzky B (Hrsg) Krankenhauslandschaft in Deutschland. Zukunftsperspektiven – Entwicklungstendenzen – Handlungsstrategien, 1. Aufl. W. Kohlhammer, Stuttgart, S 99–113 [4] Sundhedsstyrelsen (2020) Gældende specialeplan. https://www.sst.dk/da/viden/ specialeplanlaegning/gaeldende-specialeplan. Zugegriffen: 28. Juli 2020 [5] Sundheds- og Ældreministeriet (2014) Retsinformation. Vejledning om udmøntning af sundhedslovens § 208 om specialeplanlægning. VEJ nr 9053 af 27/01/2014 [6] Sundhedsstyrelsen (2019) Revision af specialeplanen [7] Sundhedsstyrelsen (2015) Specialised hospital services. Principles of national planning in Denmark, Copenhagen [8] Berger E, Busse R (2021) Zu viele Patienten werden im falschen Krankenhaus behandelt: Wie muss die stationäre Versorgung künftig aussehen? In: Schmid R (Hrsg) Viel zu viel und doch zu wenig. Über- und Unterversorgung in der Medizin. Elsevier, Amsterdam [9] Hemschemeier M, Bittkowski M, Stollorz V (2019) Mindestmengen im Krankenhaus – Bilanz und Neustart [10] Marx CI, Møller C, Bendixen A, Kehlet H, Ottesen BS (2006) Ovariekraeft i Danmark. Status for den kirurgiske indsats. Ugeskr Laeg 168(15):1537–1540 [11] Edwards HM, Noer MC, Sperling CD, Nguyen- Nielsen M, Lundvall L, Christensen IJ, Høgdall C (2016) Survival of ovarian cancer patients in Denmark: Results from the Danish gynaecological cancer group (DGCG) database, 1995-2012. Acta Oncol 55 Suppl 2:36–43. doi:10.1080/028418 6X.2016.1182641 [12] Lewers D, Geraedts M (2015) Erreichbarkeit von Organkrebszentren: Existiert bereits ein flächendeckendes Angebot in Deutschland? Gesundheitswesen (77):24–30 [13] Sundhedsstyrelsen (2018) Specialeplan for Thoraxkirurgi. 6. november 2018 [14] Sundhedsstyrelsen (2019) Specialeplan for Kirurgie. 9. maj 2019 [15] Allemani C, Matsuda T, Di Carlo V et al (2018) Global surveillance of trends in cancer survival 2000–14 (CONCORD-3): analysis of individual records for 37 513 025 patients diagnosed with one of 18 cancers from 322 population-based registries in 71 countries. The Lancet 391(10125):1023–1075. doi:10.1016/S0140- 6736(17)33326-3 [16] Sundhedsstyrelsen (2020) Kræftplaner. https://www.sst.dk/da/viden/kraeft/ kraeftplaner. Zugegriffen: 05. März 2020 [17] Sundhedsstyrelsen (2020) Kraeftpakker. https://www.sst.dk/da/viden/kraeft/ kraeftpakker. Zugegriffen: 08. März 2020 [18] Sundhedsstyrelsen (2019) ”Monitorering af forløbstider på kræftområdet”. Sundhedsstyrelsens kommentarer. Årsopgørelse for 2018. https://www.sst.dk/-/ media/Udgivelser/2019/Sundhedsstyrelsenskommentarer-til-Monitorering-af-forloebstiderpaa-kraeftomraadet-Aarsrapport-2018.ashx?la=d a&hash=467797376D17D1DCAA4A400D6A0236 DE642CEBB6. Zugegriffen: 21. Januar 2020 [19] Destatis (2020) Sonderauswertung DRG Statistik. Datenjahr 2016 [20] Bundesministerium für Gesundheit (2019) Nationaler Krebsplan. Handlungsfelder, Ziele, Umsetzungsempfehlungen und Ergebnisse, Bonn [21] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2019) Zusammenhang Leistungsmenge und Qualität beim Lungenkarzinom. Rapid Report. V18-03 Version 1.0. IQWiG-Berichte [22] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2020) Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Qualität des Behandlungsergebnisses bei chirurgischen Behandlungen des Brustkrebses – Rapid Report. V18-05 Version 1.0. IQWiG-Berichte [23] Nimptsch U, Mansky T (2017) Hospital volume and mortality for 25 types of inpatient treatment in German hospitals: observational study using complete national data from 2009 to 2014. BMJ open 7(9) [24] Wesselmann S, Mostert C, Bruns J (2015) Onkologische Behandlung – Qualitätsorientierte Versorgungsreform zügig umsetzen. In: Klauber J., Geraedts M, Friedrich J, Wasem J (Hrsg) Krankenhaus-Report 2015. Schattauer, Stuttgart, S 139–158 „Mensch Opa, du bist noch so fi t!“ Entwicklung einer evidenzbasierten Kommunikationsstrategie zur Förderung körperlicher Aktivität bei älteren und hochaltrigen Menschen in Deutschland Von Paula Stehr, Prof. Dr. Constanze Rossmann, Johanna Geppert, Hanna Lütke Lanfer und Tabea Kremer 2020, 122 S., brosch., 26,– € ISBN 978-3-8487-6561-4 (Gesundheitskommunikation | Health Communication, Bd. 21) In dem Buch werden die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Förderung körperlicher Aktivität bei Älteren und Hochaltrigen in Deutschland präsentiert. Auf der Basis von qualitativen Interviews und einer repräsentativen Telefonbefragung wird eine evidenzbasierte Kommunikationsstrategie abgeleitet.Nomos „Mensch Opa, du bist noch so fit!“ Entwicklung einer evidenzbasierten Kommunikationsstrategie zur Förderung körperlicher Aktivität bei älteren und hochaltrigen Menschen in Deutschland Stehr | Rossmann | Geppert | Lütke Lanfer | Kremer Gesundheitskommunikation | Health Communication l 21 NomosBestellen Sie im Buchhandel oder versandkostenfrei online unter nomos-shop.deBestell-Hotline (+49)7221.2104-37 | E-Mail bestellung@nomos.de | Fax (+49)7221.2104-43 Alle Preise inkl. Mehrwertsteuer eLibrary Nomos www.nomos-elibrary.de GuS_4-5_2020_Buch.indb 38 09.10.20 13:07

Zusammenfassung

Der dezentralisierten deutschen Krankenhauslandschaft mangelt es an einer gezielten Versorgungssteuerung und bundesweiten Rahmenplanung, was in eine Fehl-, Unter- und Überversorgung sowie Variation der Behandlungsqualität mündet. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Artikel mit der Spezialisierungsplanung in Dänemark, die bei ähnlicher Ausgangslage implementiert wurde und zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität beigetragen hat. Dabei wird insbesondere auf die Krebsversorgung fokussiert, da diese weiteren Reformierungen unterzogen wurde. Anhand des Beispiels Dänemark werden abschließend Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger*innen in Deutschland abgeleitet.

References
[1] Deutsche Krebsgesellschaft (2019) Jahresbericht 2019 der zertifizierten Onkologischen Zentren
[2] Busse R, Berger E (2018) Vom planerischen Bestandsschutz zum bedarfsorientierten Krankenhausangebot? In: Klauber J, Geraedts M, Friedrich J, Wasem J (Hrsg) Krankenhausreport 2018. Schwerpunkt Bedarf und Bedarfsgerechtigkeit. Schattauer, Stuttgart, S 149–170
[3] Busse R, Berger E (2018) Weniger (Standorte, Betten und Fälle) ist mehr (Zugang, Qualität und Ergebnisse): Standpunkte der Gesundheitsökonomie. In: Janssen D, Augurzky B (Hrsg) Krankenhauslandschaft in Deutschland. Zukunftsperspektiven – Entwicklungstendenzen – Handlungsstrategien, 1. Aufl. W. Kohlhammer, Stuttgart, S 99–113
[4] Sundhedsstyrelsen (2020) Gældende specialeplan. https://www.sst.dk/da/viden/specialeplanlaegning/gaeldende-specialeplan. Zugegriffen: 28. Juli 2020
[5] Sundheds- og Ældreministeriet (2014) Retsinformation. Vejledning om udmøntning af sundhedslovens § 208 om specialeplanlægning. VEJ nr 9053 af 27/01/2014
[6] Sundhedsstyrelsen (2019) Revision af specialeplanen
[7] Sundhedsstyrelsen (2015) Specialised hospital services. Principles of national planning in Denmark, Copenhagen
[8] Berger E, Busse R (2021) Zu viele Patienten werden im falschen Krankenhaus behandelt: Wie muss die stationäre Versorgung künftig aussehen? In: Schmid R (Hrsg) Viel zu viel und doch zu wenig. Über- und Unterversorgung in der Medizin. Elsevier, Amsterdam
[9] Hemschemeier M, Bittkowski M, Stollorz V (2019) Mindestmengen im Krankenhaus – Bilanz und Neustart
[10] Marx CI, Møller C, Bendixen A, Kehlet H, Ottesen BS (2006) Ovariekraeft i Danmark. Status for den kirurgiske indsats. Ugeskr Laeg 168(15):1537–1540
[11] Edwards HM, Noer MC, Sperling CD, Nguyen-Nielsen M, Lundvall L, Christensen IJ, Høgdall C (2016) Survival of ovarian cancer patients in Denmark: Results from the Danish gynaecological cancer group (DGCG) database, 1995-2012. Acta Oncol 55 Suppl 2:36–43. doi:10.1080/0284186X.2016.1182641
[12] Lewers D, Geraedts M (2015) Erreichbarkeit von Organkrebszentren: Existiert bereits ein flächendeckendes Angebot in Deutschland? Gesundheitswesen (77):24–30
[13] Sundhedsstyrelsen (2018) Specialeplan for Thoraxkirurgi. 6. november 2018
[14] Sundhedsstyrelsen (2019) Specialeplan for Kirurgie. 9. maj 2019
[15] Allemani C, Matsuda T, Di Carlo V et al (2018) Global surveillance of trends in cancer survival 2000–14 (CONCORD-3): analysis of individual records for 37 513 025 patients diagnosed with one of 18 cancers from 322 population-based registries in 71 countries. The Lancet 391(10125):1023–1075. doi:10.1016/S0140-6736(17)33326-3
[16] Sundhedsstyrelsen (2020) Kræftplaner. https://www.sst.dk/da/viden/kraeft/kraeftplaner. Zugegriffen: 05. März 2020
[17] Sundhedsstyrelsen (2020) Kraeftpakker. https://www.sst.dk/da/viden/kraeft/kraeftpakker. Zugegriffen: 08. März 2020
[18] Sundhedsstyrelsen (2019) ”Monitorering af forløbstider på kræftområdet”. Sundhedsstyrelsens kommentarer. Årsopgørelse for 2018. https://www.sst.dk/-/media/Udgivelser/2019/Sundhedsstyrelsens-kommentarer-til-Monitorering-af-forloebstider-paa-kraeftomraadet-Aarsrapport-2018.ashx?la=da&hash=467797376D17D1DCAA4A400D6A0236DE642CEBB6. Zugegriffen: 21. Januar 2020
[19] Destatis (2020) Sonderauswertung DRG Statistik. Datenjahr 2016
[20] Bundesministerium für Gesundheit (2019) Nationaler Krebsplan. Handlungsfelder, Ziele, Umsetzungsempfehlungen und Ergebnisse, Bonn
[21] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2019) Zusammenhang Leistungsmenge und Qualität beim Lungenkarzinom. Rapid Report. V18-03 Version 1.0. IQWiG-Berichte
[22] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2020) Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Qualität des Behandlungsergebnisses bei chirurgischen Behandlungen des Brustkrebses – Rapid Report. V18-05 Version 1.0. IQWiG-Berichte
[23] Nimptsch U, Mansky T (2017) Hospital volume and mortality for 25 types of inpatient treatment in German hospitals: observational study using complete national data from 2009 to 2014. BMJ open 7(9)
[24] Wesselmann S, Mostert C, Bruns J (2015) Onkologische Behandlung – Qualitätsorientierte Versorgungsreform zügig umsetzen. In: Klauber J., Geraedts M, Friedrich J, Wasem J (Hrsg) Krankenhaus-Report 2015. Schattauer, Stuttgart, S 139–158

Abstract

Gesundheits- und Sozialpolitik is an independent journal that informs about new developments in legislature and management regarding healthcare and social security. Insiders and scholars discuss recent reforms, rehash background information, develop case scenarios for legislature, describe ways and conflicts of management, and document jurisdiction in a comprised form.

The journal addresses corporations of all industries, human resources managers, organizations, administration bureaus, unions, and works committees.

Website: www.gus.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift berichtet als interessenpolitisch unabhängige Fachzeitschrift über neue Entwicklungen in Gesetzgebung und Management des Gesundheitswesens und der sozialen Sicherungssysteme. Insider und Wissenschaftler diskutieren aktuelle Reformen, bereiten Hintergrundinformationen auf, entwerfen Szenarien der Gesetzgebung, beschreiben Wege und Konflikte des Managements und dokumentieren die Rechtsprechung in komprimierter Form.

Die Zeitschrift "Gesundheits- und Sozialpolitik" wendet sich an Unternehmen aller Wirtschaftszweige, Personalverantwortliche, Verbände, Verwaltungsdienststellen, Gewerkschaften, Betriebsräte.

Homepage: www.gus.nomos.de