Simon Schubert, Die Europäische Union 2008: ein Rückblick in:

ZSE Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften | Journal for Comparative Government and European Policy, page 144 - 171

ZSE, Volume 7 (2009), Issue 1, ISSN: 1610-7780, ISSN online: 1610-7780, https://doi.org/10.5771/1610-7780-2009-1-144

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144 _________________________________________________ DOKUMENTATION / DOCUMENTATION Die Europäische Union 2008: ein Rückblick Das Jahr 2008 war für die Europäische Union vor allem geprägt durch das Ratifizierungsverfahren zum Vertrag von Lissabon. Mit dem negativen Votum der irischen Bevölkerung trat hier erneut eine Verzögerung auf, die eine Lösung der seit Jahren schwelenden „Verfassungskrise“ verhindert. Die vorliegende Dokumentation informiert über die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen im Rahmen der Europäischen Union im Verlauf des Jahres 2008. Wie in den bisherigen Beiträgen dieser Reihe1 orientiert sich die Darstellung an der Struktur des EUV. Zunächst werden die übergeordneten Entwicklungen nachgezeichnet, die die Struktur der Union insgesamt betreffen (I.); dem folgen Abschnitte zu den einzelnen „Säulen“: den Politiken des EGV (II.–IV.), der Gemeinsamen Außenund Sicherheitspolitik (V.) sowie der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen (VI.). I. Übergeordnete Entwicklungen der Europäischen Union 1. Ratifizierung des Vertrags von Lissabon Der Vertrag von Lissabon2, der die primärrechtlichen Grundlagen der Union modernisieren soll und inhaltlich weitgehend auf dem gescheiterten „Verfassungsvertrag“ aufbaut, war am 13. Dezember 2007 unterzeichnet worden und bedarf der völkerrechtlichen Ratifikation in allen 27 Mitgliedstaaten. Das ungarische Parlament hatte dem Vertrag bereits am 17. Dezember 2007, vier Tage nach der Unterzeichnung, zugestimmt.3 In den übrigen Mitgliedstaaten 1 Zuletzt Schubert, S.: Die Europäische Union 2007: ein Rückblick, in: ZSE, 6/1 (2008), 153–180. 2 Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, unterzeichnet in Lissabon am 13. 12. 2007, ABlEU Nr. C 306/1 vom 17. 12. 2007. Für eine gesamthafte Fassung der so geänderten Europäischen Verträge vgl. Konsolidierte Fassungen des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, ABlEU Nr. C 115/1 vom 09. 05. 2008. Zum Zustandekommen und zu den Inhalten des Vertrages vgl. Schubert, S., a. a. O. 3 Vgl. für Nachweise zu den einzelnen Vertragsratifizierungen jeweils Tabelle 1. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 145 sollte die Ratifizierung möglichst im Laufe des Jahres 2008 erfolgen, um die 2009 anstehende Wahl des Europäischen Parlaments und die Neubesetzung der Europäischen Kommission bereits auf der Grundlage des neuen Primärrechts stattfinden zu lassen. In Art. 6 Abs. 2 des Vertrages ist der 1. Januar 2009 als Datum des Inkrafttretens vorgesehen, sofern bis dahin alle Ratifikationsurkunden vorliegen, andernfalls der erste Tag des auf die Hinterlegung der letzten Urkunde folgenden Monats. Depositarstaat für die Urkunden ist traditionsgemäß Italien (Art. 6 Abs. 1). Unter den Staats- und Regierungschefs bestand Einigkeit darüber, die Ratifizierung soweit möglich auf rein parlamentarischem Wege vorzunehmen und keine Referenden abzuhalten, um ein zügiges Verfahren zu gewährleisten und die Gefahr eines Scheiterns zu minimieren. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang die Vorgehensweise in Dänemark: Dort schreibt § 20 der Verfassung vor, dass ein Vertrag, durch den Hoheitsrechte auf internationale Einrichtungen übertragen werden, der Zustimmung von fünf Sechsteln der Mitglieder des Folketing bedarf oder aber durch eine Volksabstimmung bestätigt werden muss. Da das parlamentarische Quorum aufgrund der Präsenz EU-skeptischer Parteien kaum erreicht werden kann, fand in der Vergangenheit zu europäischen Verträgen meist ein Referendum statt. Im Fall des Vertrages von Lissabon wurde diese Bestimmung jedoch dadurch umgangen, dass ein Gutachten des Justizministeriums feststellte, durch den Vertrag würden keine weiteren Hoheitsrechte übertragen, somit genüge die einfache Parlamentsmehrheit für die Ratifizierung. Das Parlament akzeptierte diese Lesart ausdrücklich.4 Die parlamentarische Ratifizierung erfolgte in den meisten Mitgliedstaaten im Laufe des Jahres 2008 ohne nennenswerte Probleme und mit großen Mehrheiten (vgl. für eine detaillierte Übersicht mit Nachweisen Tabelle 1). Besonders aufwändig war erneut das belgische Verfahren: Nach Art. 167 § 3 der Verfassung bedürfen internationale Verträge, die die Befugnisse der Regionen und Gemeinschaften tangieren, der Zustimmung von deren Parlamenten. Da wiederum diese teilweise einzelne Kompetenzen an weitere Einrichtungen übertragen haben, waren Abstimmungen in insgesamt neun verschiedenen Organen erforderlich. Dabei gab es jedoch stets breite Mehrheiten für den Vertrag, lediglich rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien stimmten dagegen. 4 EUobserver vom 12. 12. 2007. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 146 Tabelle 1: Stand des Ratifizierungsverfahrens zum Vertrag von Lissabon Mitgliedstaat Politische Ratifizierungsschritte Hinterlegung der Ratifikationsurkunde Belgien • Zustimmung des Senats (48/8/1): 06. 03. 2008 (Handelingen/Annales 4-19, 62) • Zustimmung der Abgeordnetenkammer (116/18/7): 10. 04. 2008 (CRIV 52 PLEN 032, 86 f.) • Zustimmung des Wallonischen Parlaments (56/2/4 bzw. 53/3/2)a: 14. 05. 2008 (C.R.A. 18, 49 f.) • Zustimmung des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft (22/2/0): 19. 05. 2008 (Ausführlicher Bericht Nr. 13, 461) • Zustimmung des Parlaments der Französischen Gemeinschaft (67/0/3): 20. 05. 2008 (C.R.I. No21, 32) • Zustimmung des Parlaments der Region Brüssel- Hauptstadt (65/10/1): 27. 06. 2008 (C.R.I. No/I.V. Nr. 33, 33 f.) • Zustimmung der Gemeinsamen Gemeinschaftskommission in der Region Brüssel-Hauptstadt (56/5/0 bzw. 10/5/0)b: 27. 06. 2008 (C.R.I. No/I.V. Nr. 20, 30 f.) • Zustimmung des Flämischen Parlaments (76/21/2 bzw. 78/22/3)c: 10. 07. 2008 (Plenaire 55, 47) • Zustimmung der Französischen Gemeinschaftskommission in der Region Brüssel-Hauptstadt (52/5/0): 11. 07. 2008 (C.R. No 11, 48 f.) 15. 10. 2008 Bulgarien • Zustimmung der Nationalversammlung (195/15/0): 21. 03. 2008 (Trista i petdeseto zasedanie) 28. 04. 2008 Dänemark • Zustimmung des Folketing (90/25/0): 24. 04. 2008 (Møde nr. 61, L 53 BEH3, Tale 224) 29. 05. 2008 Deutschland • Zustimmung des Bundestages (515/58/1): 24. 04. 2008 (Pl.-Pr. 16/157, 16482) • Zustimmung des Bundesrates (65/0/4): 23. 05. 2008 (Pl.-Pr. 844, 136) Ausstehendd Estland • Zustimmung des Riigikogu (91/1/0): 11. 06. 2008 (Stenogramm III istungjärk) 23. 09. 2008 Finnland • Zustimmung der Eduskunta (151/27/21): 11. 06. 2008 (PTK 66/2008 vp, 5) 30. 09. 2008 e Frankreich • Zustimmung der Nationalversammlung (336/52/22): 07. 02. 2008 (JO 2008, No 14 [2] A.N. (C.R.), 854) • Zustimmung des Senats (265/42/13): 07. 02. 2008 (JO 2008, No 16 S. (C.R.), 1101) 14. 02. 2008 (Fortsetzung auf der nächsten Seite) Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 147 (Fortsetzung von Tabelle 1) Mitgliedstaat Politische Ratifizierungsschritte Hinterlegung der Ratifikationsurkunde Griechenland • Zustimmung des Parlaments (250/42/0): 11. 06. 2008 (Praktika boulis, 11110–11113) 12. 08. 2008 Irland • Obligatorisches Referendum (752.451/862.415): 12. 06. 2008 (Iris Ofiguíl 49/2008, 735–737) • Parlamentarisches Verfahren bis auf Weiteres ausgesetzt Ausstehend Italien • Zustimmung des Senats (286/0/0): 23. 07. 2008 (47a seduta, 76) • Zustimmung der Abgeordnetenkammer (551/0/0): 31. 07. 2008 (Seduta n. 46, 35) 08. 08. 2008 Lettland • Zustimmung der Saeima (70/3/1): 08. 05. 2008 (Pavasara sesijas septītā sēde) 16. 06. 2008 Litauen • Zustimmung des Seimas (83/5/23): 08. 05. 2008 (Posėdis Nr. 413) 26. 08. 2008 Luxemburg • Zustimmung der Abgeordnetenkammer (47/1/3): 29. 05. 2008 (Compte rendu No 14, 556) 21. 07. 2008 Malta • Zustimmung des Repräsentantenhauses (einstim-mig): 29. 01. 2008 (Seduta Nru. 613, 511) 06. 02. 2008 Niederlande • Zustimmung der Zweiten Kammer (Mehrheit): 05. 06. 2008 (TK 93, 6620) • Zustimmung der Ersten Kammer (Mehrheit): 08. 07. 2008 (Stenogram, 33) 11. 09. 2008 Österreich • Zustimmung des Nationalrates (151/27/0): 09. 04. 2008 (XXIII. GP, 55. Sitzung, 195) • Zustimmung des Bundesrates (Zweidrittelmehrheit): 24. 04. 2008 (755. Sitzung, 114) 13. 05. 2008 Polen • Zustimmung des Sejm (384/56/12): 01. 04. 2008 (12. posiedzenie, 25) • Zustimmung des Senats (74/17/6): 02. 04. 2008 (8. posiedzenie, 23) Ausstehendf Portugal • Zustimmung der Versammlung der Republik (Mehrheit): 23. 04. 2008 (DAR I, n.o 75, 43) 17. 06. 2008 Rumänien • Zustimmung beider Parlamentskammern in gemeinsamer Sitzung (387/1/0): 04. 02. 2008 (Monitorul Oficial, Partea a II-a nr.3/14-02-2008) 11. 03. 2008 Schweden • Zustimmung des Reichstags (243/39/13): 20. 11. 2008 (Kammarens protokoll) 10. 12. 2008 (Fortsetzung auf der nächsten Seite) DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 148 (Fortsetzung von Tabelle 1) Mitgliedstaat Politische Ratifizierungsschritte Hinterlegung der Ratifikationsurkunde Slowakei • Zustimmung des Nationalrates (103/5/1): 10. 04. 2008 (20. schôdze, 117 f.) 24. 06. 2008 Slowenien • Zustimmung der Nationalversammlung (74/6/0): 29. 01. 2008 (Nadaljevanje 35. seje, 257. TRAK) 24. 04. 2008 Spanien • Zustimmung des Abgeordnetenkongresses (322/6/ 2): 26. 06. 2008 (Diario de sesiones, núm. 20, 32) • Zustimmung des Senats (232/6/2): 15. 07. 2008 (Diario de sesiones, núm. 11, 411) 08. 10. 2008 Tschechien • Zustimmung des Abgeordnetenhauses (125/61/11): 18. 02. 2009 (Stenografický zápis 46. schůze) • Zustimmung des Senats: ausstehend Ausstehend Ungarn • Zustimmung des Parlaments (325/5/14): 17. 12. 2007 (120. ülésnap, 377) 06. 02. 2008 Vereinigtes Königreich • Zustimmung des Unterhauses (346/206/0): 11. 03. 2008 (Hansard 473/64, division no. 122) • Zustimmung des Oberhauses (Mehrheit): 18. 06. 2008 (Hansard 702/110, column 1099) 16. 07. 2008 Zypern • Zustimmung des Repräsentantenhauses (31/17/1): 03. 07. 2008 (AFP-Meldung vom 03. 07. 2008) 26. 08. 2008 Quelle: Eigene Darstellung nach den Sitzungsprotokollen der einzelnen Parlamente (genaue Fundstelle wie in der Tabelle angegeben) sowie nach der Datenbank für Abkommen des Rates für die Hinterlegung der Ratifikationsurkunden. Anmerkungen: Angabe der Abstimmungsergebnisse, wenn nicht anders angegeben, in der Form ja/ nein/Enthaltungen. a Erste Abstimmung hinsichtlich der originären Befugnisse der Wallonischen Region, zweite Abstimmung hinsichtlich der von der Französischen Gemeinschaft übertragenen Befugnisse. b Getrennte Auszählung nach französischer und niederländischer Sprachgruppe. c Erste Abstimmung hinsichtlich der Befugnisse der Flämischen Region, zweite Abstimmung hinsichtlich der Befugnisse der Flämischen Gemeinschaft. d Das Ratifizierungsgesetz wurde am 08. 10. 2008 ausgefertigt (BGBl 2008 II, 1038). Wegen mehrerer dagegen anhängiger Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht (2 BvE 2/08, 2 BvE 5/08, 2 BvR 1010/08, 2 BvR 1022/08, 2 BvR 1259/08, 2 BvR 182/09) hält Bundespräsident Köhler die völkerrechtlich bindende Ratifikationsurkunde jedoch bis zur Entscheidung des Gerichts zurück (EUobserver vom 01. 07. 2008). e Die Zustimmung des autonomen Parlaments der Åland-Inseln steht noch aus, da dessen Vertreter erweiterte Mitwirkungsmöglichkeiten in der finnischen Europapolitik fordern. Diese Zustimmung ist keine notwendige Voraussetzung für die Ratifizierung des Vertrages durch Finnland; ihr Fehlen schafft aber eine rechtlich unklare Situation mit Blick auf die Anwendbarkeit des Vertrages auf dem Gebiet der Inseln (EUobserver vom 12. 08. 2008). f Das Ratifizierungsgesetz wurde am 15. 04. 2008 verkündet (Dziennik Ustaw Nr 62/2008); Staatspräsident Kaczyński kündigte allerdings an, die Ratifizierungsurkunde erst nach einem positiven Abschluss des Verfahrens in Irland zu hinterlegen (EUobserver vom 21. 01. 2009). Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 149 In Deutschland sprachen sich lediglich die Partei „Die Linke“ und einzelne Vertreter der CSU gegen den Vertrag aus. Eine breite Mehrheit in Bundestag und Bundesrat schien somit sichergestellt. Allerdings gab es von Seiten der Länder zunächst Widerstände gegen den Zeitplan und Meinungsverschiedenheiten mit der Bundesregierung hinsichtlich der zusammen mit dem Vertrag zu verabschiedenden Grundgesetzänderungen zur sog. Subsidiaritätsklage.5 Letztlich konnte aber eine Einigung erzielt werden, so dass sich im Bundesrat nur das Land Berlin, an dessen Regierung „Die Linke“ beteiligt ist, der Stimme enthielt. Die völkerrechtliche Ratifikation durch die Bundesrepublik wird durch den Bundespräsidenten allerdings erst vollzogen, wenn das Bundesverfassungsgericht über mehrere gegen den Vertrag eingereichte Organklagen von Bundestagsabgeordneten der Partei „Die Linke“ und der CSU sowie weitere Verfassungsbeschwerden entschieden hat. Die mündliche Verhandlung zu den Verfahren fand am 10. und 11. Februar 2009 statt, das Urteil wird für Mai oder Juni erwartet.6 Das polnische Verfahren war geprägt von der Auseinandersetzung zwischen der den Vertrag unterstützenden liberal-konservativen Regierung unter Ministerpräsident Tusk einerseits und dem europaskeptischen rechtspopulistischen Staatspräsidenten Kaczyński und dessen Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS – „Recht und Gerechtigkeit“) andererseits. Gemäß Art. 90 Abs. 2 und 3 der polnischen Verfassung bedürfen internationale Verträge, durch die Hoheitsrechte übertragen werden, einer Zweidrittelmehrheit in beiden Parlamentskammern – wofür die Stimmen der PiS erforderlich waren – oder alternativ eines Referendums. Nachdem die PiS mit der Ablehnung des Vertrages drohte, erwog Tusk, auf ein Referendum auszuweichen, zumal dabei nach Umfragen mit einer deutlichen Mehrheit gerechnet werden konnte.7 Die PiS stimmte aber schließlich dem Vertrag zu, nachdem die Regierungsmehrheit akzeptiert hatte, zusätzlich eine Resolution zu beschließen, die Polens Souveränität bekräftigt.8 Allerdings verzögerte Kaczyński die Hinterlegung der Ratifikationsurkunde und kündigte nach dem irischen Referendum (s. u.) an, diesen Schritt erst zu vollziehen, wenn die Iren 5 Die Welt vom 05. 03. 2008. 6 FAZ vom 14. 02. 2009 und vom 20. 02. 2009. 7 EUobserver vom 17. 03. 2008. 8 EUobserver vom 01. 04. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 150 „not under pressure, but of their own free will“ dem Vertrag zugestimmt hätten.9 In der Slowakei stand die Ratifizierung zunächst in Frage, da die Opposition, deren Stimmen für die vorgeschriebene qualifizierte Mehrheit erforderlich waren, zwar inhaltlich keine Einwände gegen den Vertrag hatte, aber drohte, ihm die Zustimmung zu versagen, wenn die Regierung ein Pressegesetz nicht zurückzöge. Dieses Gesetz wurde auch international, etwa seitens der OSZE,10 scharf kritisiert. Die Regierung nahm daraufhin kleinere Änderungen daran vor, die allerdings die Opposition nicht zufriedenstellten. Letztlich entschied sich diese dennoch, dem Vertrag zuzustimmen.11 Noch nicht abgeschlossen ist das Verfahren in Tschechien. Staatspräsident Klaus hat sich mehrfach dezidiert gegen den Vertrag ausgesprochen. In der ersten Kammer, dem Abgeordnetenhaus, verfügt die Regierungskoalition aus Konservativen, Christdemokraten und Grünen nur mithilfe von Überläufern aus der sozialdemokratischen Opposition über eine knappe Mehrheit; zudem ist sie von erheblichen internen Konflikten geprägt. Zwar unterstützt Regierungschef Topolánek den Vertrag, doch erklärten zahlreiche Abgeordnete seiner eigenen Partei, der Občanská demokratická strana (ODS – „Demokratische Bürgerpartei“), ihre Ablehnung.12 Die zweite Parlamentskammer, der Senat, beschloss im April 2008, den Vertrag vor einer Entscheidung dem Verfassungsgericht zur Prüfung vorzulegen.13 Am 26. November 2008 entschied das Verfassungsgericht, dass der Vertrag hinsichtlich der vom Senat vorgelegten Fragen verfassungsgemäß sei.14 Die Zustimmung im Abgeordnetenhaus verzögerte sich jedoch zunächst weiter, da die Regierung angesichts der Vertragsgegner in den eigenen Reihen auf die Stimmen der oppositionellen Sozialdemokarten angewiesen war. Zwar unterstützten diese den Vertrag, doch wollten Topolánek und seine Partei zunächst die Ratifizierung mit der des Raketenabwehrvertrages mit den USA verknüpfen, den wiederum die Sozialdemokraten und Teile der kleineren Koaliti- 9 EUobserver vom 02. 07. 2008. 10 OSCE: Statement on the Draft Slovak Act on Periodic Press and News Agencies, London, Februar 2008, online unter http://www.osce.org/documents/rfm/2008/02/29687_en.pdf. 11 EUobserver vom 10. 04. 2008. 12 EUobserver vom 21. 10. 2008. 13 EUobserver vom 25. 04. 2008. 14 Ústavní Soud: Urteil vom 26. 11. 2008, Pl.US. 19/08. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 151 onspartner ablehnen.15 Nachdem diese Bedingung aufgegeben wurde, stimmte das Abgeordnetenhaus am 18. Februar 2009 dem Vertrag zu. Das Votum des Senats steht noch aus, es wird frühestens für April erwartet. Zudem bestehen die Senatoren der ODS weiterhin auf einer vorherigen Ratifizierung des Raketenabwehrvertrages.16 Schließlich ist auch im Fall der Zustimmung des Senats unklar, ob und wann Klaus die völkerrechtliche Ratifikation des Vertrags von Lissabon vornehmen wird. Im Vereinigten Königreich sprach sich die konservative Opposition vehement für ein Referendum zum Vertrag aus, wie dies die Labour-Regierung seinerzeit für den Verfassungsvertrag angekündigt hatte. Eine entsprechende Initiative fand jedoch keine Mehrheit im Parlament, weswegen die Konservativen gegen den Vertrag stimmten.17 Dieser wurde trotz einzelner Gegenstimmen auch aus der Regierungsfraktion mit deutlicher Mehrheit angenommen. Lediglich in Irland ließ sich ein Referendum nicht vermeiden. Anlässlich der Einheitlichen Europäischen Akte hatte der Oberste Gerichtshof des Landes 1987 entschieden, dass die Ratifizierung von Verträgen, die das europäische Primärrecht wesentlich ändern, jeweils einer expliziten ad-hoc-Ermächtigung in der Verfassung bedarf.18 Für Verfassungsänderungen schreibt wiederum Art. 46 Abs. 2 der Verfassung zwingend eine Volksabstimmung vor. Mit Blick auf den Vertrag von Lissabon wurde dieses für den 12. Juni 2008 angesetzt. Angesichts einer gut organisierten Kampagne der Vertragsgegner hatten Beobachter im Inund Ausland schon in den Wochen zuvor einen knappen Ausgang, wenn nicht gar ein Nein zum Vertrag erwartet.19 Im Referendum stimmten in der Tat nur 46,6 % der Teilnehmer für die zur Ratifizierung notwendige Verfassungsänderung, 53,4 % dagegen; die Beteiligung lag bei 53,1 %. In einer nach der Abstimmung durchgeführten Eurobarometer- Umfrage wurde als Ablehnungsgrund am häufigsten fehlendes Wissen über den Vertrag genannt (22 %), gefolgt vom Schutz der irischen Identität (12 %). An dritter Stelle rangierten mit jeweils 6 % der Schutz der irischen Neutralität in der 15 FAZ vom 11. 12. 2008. 16 FAZ vom 19. 02. 2009. 17 EUobserver vom 06. 03. 2008. 18 The Supreme Court of Ireland: Urteil vom 09. 04. 1987 (Crotty v. An Taoiseach), IESC 4, IR 713. Vgl. auch den Beitrag von Deirdre Curtin in diesem Heft. 19 FAZ vom 12. 06. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 152 Außen- und Sicherheitspolitik, fehlendes Vertrauen in die eigenen Politiker, die Beibehaltung des permanenten Sitzes in der Europäischen Kommission sowie der Schutz des irischen Steuersystems. Seitens der Befürworter wurde insbesondere angeführt, dass der Vertrag im irischen Interesse sei (32 %) sowie dass Irland stark von der EU profitiere (19 %).20 Ohne an dieser Stelle eine vertiefende Analyse des Abstimmungsergebnisses vornehmen zu können, lässt sich aus diesen Daten zumindest ableiten, dass eine Interpretation als „Abstrafen“ nationaler Politiker – wie sie nach den Referenden in Frankreich und den Niederlanden zum Verfassungsvertrag verschiedentlich angeführt wurde21 – ausscheiden muss. Vielmehr dürfte das Ergebnis auf zwei Hauptgründe zurückzuführen sein: zum einen auf die ablehnende Haltung eines relevanten Teils der irischen Gesellschaft gegenüber einer weiteren „Vertiefung“ der Union, die sich etwa in den Antworten zum „Schutz der irischen Identität“ oder zur Verkleinerung der Kommission niederschlägt, zum anderen darauf, dass es den Vertragsbefürworten nicht gelungen ist, dessen Inhalte verständlich zu vermitteln: Neben explizitem Unwissen wurden auch Gründe angeführt, da auf eine unzureichende Informationsbasis schließen lassen – so ist etwa die Annahme, der Vertrag bedrohe das irische Steuersystem, offensichtlich falsch. In jedem Fall hat das irische Referendum erneut gezeigt, dass die Zustimmung der Bevölkerung in den Mitgliedstaaten zu weiteren Integrationsschritten als keineswegs selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Anders als nach den gescheiterten Referenden zum Verfassungsvertrag im Jahr 2005 wurden nach der irischen Abstimmung zum Vertrag von Lissabon die Ratifizierungsverfahren in den übrigen Mitgliedstaaten – sofern sie nicht bereits abgeschlossen waren –, unverändert fortgesetzt; lediglich die Staatspräsidenten Polens und Tschechiens (nicht aber die jeweiligen Regierungen) stellten den Fortgang in Frage (s. o.). Der amtierende Ratsvorsitzende, Frankreichs Staatspräsident Sarkozy, reiste wenige Tage nach der Abstimmung nach Prag, um mit den Regierungen mehrerer mittel- und osteuropäischer Mitgliedsatten die Situation zu erörtern und für eine Fortsetzung des Ratifizierungsprozesses zu sorgen.22 Der Europäische Rat stellte auf seiner Sitzung vom 19. und 20. Juni fest, 20 European Commission: Post-Referendum Survey in Ireland. Analytical Report, Flash Eurobarometer 245, Juli 2008, 19. 21 Zur Geschichte des Verfassungsvertrages und den Referenden in Frankreich und den Niederlanden vgl. Hesse, J. J.: Vom Werden Europas. Der Europäische Verfassungsvertrag: Konventsarbeit, politische Konsensbildung, materielles Ergebnis, Berlin, 2007. 22 EUobserver vom 16. 06. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 153 dass „mehr Zeit erforderlich ist, um die Lage zu analysieren“23. Zugleich verwies er darauf, dass bereits 19 Mitgliedstaaten den Vertrag ratifiziert hätten und in den übrigen die Verfahren fortgesetzt würden. Einem irischen Vorschlag folgend wurde beschlossen, auf der folgenden Tagung im Oktober das weitere Vorgehen zu beraten.24 Auf dieser wurde die Frage erneut bis zur Ratssitzung im Dezember vertagt,25 in deren Rahmen dann schließlich eine Lösung vereinbart wurde. Demnach sichert Irland zu, „die Ratifizierung des Vertrags von Lissabon bis zum Ende der Amtszeit der derzeitigen Kommission [i. e. bis Herbst 2009] anzustreben“26, mithin ein zweites Referendum abzuhalten. Im Gegenzug verpflichtet sich der Europäische Rat, einen – nach Art. 17 Abs. 5 EUV-Lissabon möglichen – Beschluss zu fassen, wonach auch weiterhin jeder Mitgliedstaat ein Kommissionsmitglied stellen wird.27 Zudem soll den „sonstigen Anliegen der irischen Bevölkerung“ mit „rechtlichen Garantien“ Rechnung getragen werden, die die nationale Autonomie in den Bereichen der Steuerpolitik, der außen- und sicherheitspolitischen Neutralität und des Abtreibungsrechts explizit bekräftigen.28 Diese „Garantien“ sollen voraussichtlich in Form rechtsverbindlicher Protokolle zu den Europäischen Verträgen gegeben werden, die zusammen mit dem nächsten Beitrittsvertrag von den Mitgliedstaaten ratifiziert werden.29 Insofern scheint ein gangbarer Weg gewiesen, den Vertrag auch in Irland zu ratifizieren, wobei unklar bleibt, ob die getroffenen Vereinbarungen ausreichen, die Mehrheit der irischen Wähler zu überzeugen, zumal sich in letzter Zeit durch die Finanzkrise, die Irland besonders schwer getroffen hat, die innenpolitische Lage im Land erheblich destabilisiert hat.30 Auch ist festzuhalten, dass mit dem Ver- 23 Europäischer Rat (Brüssel, 19./20. 06. 2008): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, 11018/1/08 REV 1 vom 17. 07. 2008, Ziff. 3. 24 Ebd., Ziff. 4 f. 25 Europäischer Rat (Brüssel, 15./16. 10. 2008): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, 14368/08 vom 16. 10. 2008, Ziff. 15. 26 Europäischer Rat (Brüssel, 11./12. 12. 2008): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, 17271/1/08 REV 1 vom 13. 02. 2009, Ziff. 4. 27 Ebd., Ziff. 2. Zu beachten ist dabei, dass nach geltendem Recht des Vertrages von Nizza die Mitgliederzahl der 2009 ins Amt kommenden Kommission „unter der Zahl der Mitgliedstaaten“ liegen müsste, wobei der Rat die Zahl einstimmig festzulegen hätte (Art. 213 Abs. 1 EGV i. d. F. des Protokolls Nr. 10 über die Erweiterung der Europäischen Union). 28 Ebd., Ziff. 3. 29 Vgl. hierzu ausführlich den Beitrag von Deirdre Curtin in diesem Heft. 30 FAZ vom 27. 02. 2009. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 154 zicht auf eine Verkleinerung der Kommission eine wesentliche institutionelle Reformmaßnahme „geopfert“ wurde. In jedem Fall wird der Vertrag keinesfalls vor der Europawahl im Juni 2009 in Kraft treten, möglicherweise aber noch vor dem Amtsantritt der neuen Kommission im Herbst. Doch dafür ist nicht nur ein positives Votum der irischen Bevölkerung erforderlich, sondern auch die Zustimmung des deutschen Bundesverfassungsgerichts und des tschechischen Senats, die beide zum gegenwärtigen Zeitpunkt als keineswegs sicher gelten können. 2. Erweiterung Die Kommission veröffentlichte am 5. November ihr jährliches Strategiepapier zur Erweiterung.31 Darin betonte sie erneut die Bedeutung der Beitrittsperspektive für Frieden und Stabilität auf dem westlichen Balkan und in der Türkei sowie deren strategische Bedeutung.32 Als Beitrittskandidaten galten im Berichtsjahr weiterhin Kroatien, Mazedonien und die Türkei. Unter diesen hat Kroatien die größten Chancen auf eine baldige Mitgliedschaft. Die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft wurden im Februar 2008 neu gefasst.33 Im Verlauf des Berichtsjahrs wurden sechs weitere Verhandlungskapitel geöffnet und fünf vorläufig abgeschlossen. Damit wurden bislang insgesamt 22 der 35 Kapitel geöffnet, von diesen sind sieben bereits vorläufig abgeschlossen.34 Der Fortschrittsbericht der Kommission vom November 2008 fiel grundsätzlich positiv aus. Die politischen Kriterien seien weiterhin erfüllt, auch verfüge das Land über eine funktionierende Marktwirtschaft und habe seine Fähigkeit zur Übernahme des acquis communautaire weiter verbessert. Reformbedarf bestehe insbesondere noch hinsichtlich des Justizsystems und der öffentlichen Verwaltung sowie der Korruptionsbekämpfung.35 Die Regierung des Landes strebt einen Beitritt im Jahr 2011 an.36 31 Europäische Kommission: Erweiterungsstrategie und wichtigste Herausforderungen 2008–2009, KOM (2008) 674 endg. vom 05. 11. 2008. 32 Ebd., 2. 33 2008/119/EG: Beschluss des Rates vom 12. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft mit Kroatien und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/145/EG, ABlEU Nr. L 42/51 vom 16. 02. 2008. 34 European Commission: Status of Negotiations with Croatia, 19. 12. 2008, online unter http://ec.europa. eu/enlargement/pdf/enlargement_process/accession_process/how_does_a_country_join_the_eu/negoti ations_croatia_turkey/overview_negotiations_hr_en.pdf. 35 Dies.: Croatia 2008 Progress Report, SEC(2008) 2694 vom 05. 11. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 155 Dies wird jedoch durch den fortdauernden Grenzkonflikt mit dem EU-Mitglied Slowenien in Frage gestellt, das im Dezember 2008 die Öffnung weiterer Verhandlungskapitel blockierte.37 Die politisch außergewöhnlich umstrittenen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wurden im Berichtsjahr ebenfalls weitergeführt. Im Februar beschloss der Rat eine Neufassung der Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft.38 Am 17. Juni wurden die Verhandlungskapitel zum Gesellschaftsrecht und zum Recht des geistigen Eigentums geöffnet, am 19. Dezember darüber hinaus jene zum freien Kapitalverkehr sowie zu Informationsgesellschaft und Medien. Damit wurden bislang insgesamt zehn der 35 Verhandlungskapitel geöffnet, zu einem (Wissenschaft und Forschung) sind die Verhandlungen bereits vorläufig abgeschlossen.39 Der Fortschrittsbericht vom November 2008 fiel erneut gemischt aus. Die politischen Kriterien seien trotz begrenzter Fortschritte im Jahr 2008 weiterhin erfüllt, wobei im Bereich Demokratie und Menschenrechte weiterer Reformbedarf bestehe. Zudem verfüge das Land über eine funktionierende Marktwirtschaft. Hinsichtlich der acquis-Kriterien fiel das Fazit differenziert aus, in den meisten Fällen wurde ein leichter Fortschritt festgestellt.40 Mit dem dritten Beitrittskandidaten Mazedonien fanden weiterhin keine Verhandlungen statt, es wurde auch kein Termin für deren Beginn in Aussicht gestellt. Die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft wurden wie auch bei den anderen Kandidaten im Februar 2008 neu gefasst.41 Der Fortschrittsbereicht vom November stellte fest, dass beim Aufbau einer funktionsfähigen Marktwirtschaft und hinsichtlich der acquis-Kriterien Fortschritte erzielt worden seien, das Land aber noch erheblichen Nachholbedarf 36 FAZ vom 25. 02. 2009. 37 FAZ vom 20. 12. 2008. 38 2008/157/EG: Beschluss des Rates vom 18. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft mit der Republik Türkei und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/35/ EG, ABlEU Nr. L 51/4 vom 26. 02. 2008. 39 European Commission: Status of Negotiations with Turkey, 19. 12. 2008, online unter http://ec.europa. eu/enlargement/pdf/enlargement_process/accession_process/how_does_a_country_join_the_eu/negoti ations_croatia_turkey/overview_negotiations_tr_en.pdf. 40 Dies.: Turkey 2008 Progress Report, SEC(2008) 2699 vom 05. 11. 2008. 41 2008/212/EG: Beschluss des Rates vom 18. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Beitrittspartnerschaft mit der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/57/EG, ABlEU Nr. L 80/32 vom 19. 03. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 156 habe. Vor allem aber erfülle es die politischen Kriterien für einen Beitritt noch nicht.42 Die übrigen Staaten des westlichen Balkans (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Serbien) gelten weiterhin als „potenzielle Bewerberländer“, wobei Kosovo einen Sonderfall darstellt. Die vom Parlament am 17. Februar 2008 erklärte Unabhängigkeit von Serbien43 ist international umstritten; bislang erkennen sie nur 55 – überwiegend westliche – Staaten an.44 Unter den Staaten, die eine Anerkennung ablehnen, befinden sich mit Griechenland, Rumänien, der Slowakei und Spanien auch vier EU-Mitglieder. Auf Antrag Serbiens beschloss die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 8. Oktober 2008, den Internationalen Gerichtshof um eine Einschätzung der völkerrechtlichen Zulässigkeit der Unabhängigkeitserklärung zu ersuchen.45 Vor dem Hintergrund dieser rechtlich unklaren und auch politisch umstrittenen Situation führt die Europäische Kommission Kosovo als „potenzielles Bewerberland“ unter Berufung auf die Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates aus dem Jahr 1999, nach der das Gebiet unter Verwaltung der Vereinten Nationen steht.46 Für die genannten „potenziellen Bewerberländer“ mit Ausnahme Montenegros wurden ebenfalls im Februar 2008 die bestehenden „Europäischen Partnerschaften“ erneuert und die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen neu gefasst.47 Für alle wurde im November jeweils ein Fortschrittsbericht veröffentlicht.48 42 European Commission: The Former Yugoslav Republic of Macedonia 2008 Progress Report, SEC (2008) 2695 vom 05. 11. 2008. 43 FAZ vom 18. 02. 2008. 44 Ministry of Foreign Affairs of the Republic of Kosovo: Who Recognized Kosova as Independent State, Stand vom 08. 03. 2009, online unter http://www.ks-gov.net/MPJ/Njohjet/tabid/93/Default.aspx. 45 United Nations General Assembly: A/RES/63/3 vom 08. 10. 2008. 46 United Nations Security Councuil, S/RES/1244 (1999) vom 10. 06. 1999. 47 2008/210/EG: Beschluss des Rates vom 18. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Europäischen Partnerschaft mit Albanien und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/54/EG, ABlEU Nr. L 80/1 vom 19. 03. 2008; 2008/211/EG: Beschluss des Rates vom 18. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Europäischen Partnerschaft mit Bosnien und Herzegowina und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/55/EG, ABlEU Nr. L 80/18 vom 19. 03. 2008; 2008/211/EG; 2008/213/EG: Beschluss des Rates vom 18. 02. 2008 über die Grundsätze, Prioritäten und Bedingungen der Europäischen Partnerschaft mit Serbien einschließlich des Kosovo im Sinne der Resolution 1244 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom 10. Juni 1999 und zur Aufhebung des Beschlusses 2006/56/EG, ABlEU Nr. L 80/46 vom 19. 03. 2008. 48 European Commission: Albania 2008 Progress Report, SEC(2008) 2692 vom 05. 11. 2008; dies.: Bosnia and Herzegovina 2008 Progress Report, SEC(2008) 2693 vom 05. 11. 2008; dies.: Kosovo (under UNSCR 1244/99) 2008 Progress Report, SEC(2008) 2697 vom 05. 11. 2008; dies.: Montenegro Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 157 Diese dokumentierten neben einzelnen positiven Tendenzen vor allem die fortbestehenden politischen, ökonomischen und rechtlich-administrativen Entwicklungsrückstände dieser Staaten, so dass ein Beitritt zur Union weiterhin nicht absehbar ist. Mit Bosnien und Herzegowina sowie mit Serbien wurden im Berichtsjahr sog. Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen (SAA) unterzeichnet, die als erster Schritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft gelten; beide sind allerdings noch nicht in Kraft.49 Mit Albanien besteht ein solches Abkommen bereits seit 2006, mit Montenegro seit 2007. II. Aus den Politikbereichen 1. Binnenmarkt Zum 1. Juli 2008 hob Frankreich die noch bestehenden Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Bürger der 2004 beigetretenen mittel- und osteuropäischen Staaten auf. Damit bestehen entsprechende Zugangshürden nur noch in Belgien, Dänemark, Deutschland und Österreich; diese müssen zum 30. April 2009 erneut überprüft werden und können längstens bis zum 30. April 2011 aufrechterhalten werden. Das einzige neue Mitgliedsland, das noch reziproke Maßnahmen für die Staatsangehörigen der alten Mitgliedstaaten verhängt hatte, Ungarn, hob diese zum 1. Januar 2009 auf.50 Für Staatsangehörige Bulgariens und Rumäniens gelten andere Fristen, zudem können für diese auch die 2004 beigetretenen Staaten den Zugang beschränken. Die erste Phase der Beschränkungen für Bulgarien und Rumänien, an deren Ende eine Überprüfung vorgeschrieben war, lief zum 31. Dezember 2008 aus. Dabei entschieden Griechenland, Portugal, Spanien und Ungarn, ihren Arbeitsmarkt zum 1. Januar 2009 für bulgarische und rumänische Staatsangehörige vollständig zu öffnen. Beschränkungen bestehen noch in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich und dem Vereinigten König- 2008 Progress Report, SEC(2008) 2696 vom 05. 11. 2008; dies.: Serbia 2008 Progress Report, SEC(2008) 2698 vom 05. 11. 2008. 49 Angaben aus der Datenbank für Abkommen des Rates. Unterzeichnung des Abkommens mit Serbien am 29. 04. 2008 in Luxemburg, des Abkommens mit Bosnien und Herzegowina am 16. 06. 2008 in Luxemburg. 50 http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=507&langId=de. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 158 reich. Diese müssen Ende 2011 erneut überprüft werden und können längstens bis Ende 2013 beibehalten werden.51 Zum weiteren Abbau noch bestehender Hemmnisse für den freien Handel mit Gütern im Binnenmarkt wurden am 9. Juli mehrere Rechtsakte verabschiedet.52 Dabei ging es im Wesentlichen um die Anwendung nationaler technischer Vorschriften auf Produkte aus anderen Mitgliedstaaten und um die Vermarktung von Produkten. Besonderer Aufmerksamkeit seitens der Kommission erfreute sich der Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen. Zunächst wurde im April ein Richtlinienvorschlag zu Abrechnungen und Finanzsicherheiten insbesondere im Wertpapierhandel53 und im Juli eine Überarbeitung des Rechtsrahmens für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren vorgeschlagen.54 Als sich im Herbst die Krise auf den internationalen Finanzmärkten massiv verschärfte (siehe hierzu II.6.), folgte die Kommission mit mehreren Initiativen zur Verbesserung der Regulierung in diesem Bereich.55 51 http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=508&langId=de. 52 Verordnung (EG) Nr. 764/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 09. 07. 2008 zur Festlegung von Verfahren im Zusammenhang mit der Anwendung bestimmter nationaler technischer Vorschriften für Produkte, die in einem anderen Mitgliedstaat rechtmäßig in den Verkehr gebracht worden sind, und zur Aufhebung der Entscheidung Nr. 3052/95/EG, ABlEU Nr. L 218/21 vom 13. 08. 2008; Verordnung (EG) Nr. 765/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 09. 07. 2008 über die Vorschriften für die Akkreditierung und Marktüberwachung im Zusammenhang mit der Vermarktung von Produkten und zur Aufhebung der Verordnung (EWG) Nr. 339/93 des Rates, ABlEU Nr. L 218/30 vom 13. 08. 2008; Beschluss Nr. 768/2008/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 09. 07. 2008 über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für die Vermarktung von Produkten und zur Aufhebung des Beschlusses 93/465/EWG des Rates; ABlEU Nr. L 218/82 vom 13. 08. 2008. 53 Europäische Kommission: Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 98/26/EG über die Wirksamkeit von Abrechnungen in Zahlungs- sowie Wertpapierliefer- und -abrechnungssystemen und der Richtlinie 2002/47/EG über Finanzsicherheiten im Hinblick auf verbundene Systeme und Kreditforderungen, KOM(2008) 213 endg. vom 23. 04. 2008. 54 Dies.: Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Koordinierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften betreffend bestimmte Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren (OGAW), KOM(2008) 458 endg. vom 16. 07. 2008. 55 Dies.: Proposition de directive du Parlement européen et du Conseil modifiant les directives 2006/48/ CE et 2006/49/CE en ce qui concerne les banques affiliées à des institutions centrales, certains éléments des fonds propres, les grands risques, les dispositions en matière de surveillance et la gestion des crises, KOM(2008) 602 endg. vom 01. 10. 2008; dies.: Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 94/19/EG über Einlagensicherungssysteme im Hinblick auf Deckungssumme und Auszahlungsfrist, KOM(2008) 661 endg. vom 15. 10. 2008; dies.: Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über Ratingagenturen, KOM(2008) 704 endg. vom 12. 11. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 159 Wichtige Rechtsakte wurden darüber hinaus hinsichtlich der Anerkennung von Rechnungslegungsgrundsätzen von Drittstaaten in der Union verabschiedet.56 Hinzu kam ein weiterer entscheidender Schritt zur Liberalisierung des Binnenmarkts für Postdienstleistungen: Nach einer am 20. Februar erlassenen Richtlinie müssen die Mitgliedstaaten bis Ende 2010 ihre Märkte uneingeschränkt öffnen, allerdings sind Fristverlängerungen von bis zu zwei Jahren möglich.57 Schließlich wurde seitens der Kommission ein Verordnungsvorschlag zur sog. Europäischen Privatgesellschaft (Societas Privata Europaea – SPE) verabschiedet.58 Diese seit längerem diskutierte Rechtsform soll die bereits bestehende Europäische Aktiengesellschaft (Societas Europaea – SE) ergänzen. 2. Landwirtschaft und Fischerei Im Bereich der Landwirtschaft wurden Rechtsakte von übergeordneter Bedeutung hinsichtlich der Auflagenbindung bei Stützungsregelungen für Landwirte59, der Zahlung der Rinderprämie60 und der Umstrukturierung des Baumwollsektors61 verabschiedet. Hinzu kamen eine Anhebung der Milchquote um 2 % zum 56 Verordnung (EG) Nr. 1289/2008 der Kommission vom 12. 12. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 809/2004 zur Umsetzung der Richtlinie 2003/71/EG des Europäischen Parlaments und des Rates im Hinblick auf bestimmte Angaben für den Prospekt und auf Werbung, ABlEU Nr. L 340/17 vom 19. 12. 2008; 2008/961/EG: Entscheidung der Kommission vom 12. 12. 2008 über die Verwendung der nationalen Rechnungslegungsgrundsätze bestimmter Drittländer und der International Financial Reporting Standards durch Wertpapieremittenten aus Drittländern bei der Erstellung ihrer konsolidierten Abschlüsse, ABlEU Nr. L 340/112 vom 19. 12. 2008. 57 Richtlinie 2008/6/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. 02. 2008 zur Änderung der Richtlinie 97/67/EG im Hinblick auf die Vollendung des Binnenmarktes der Postdienste der Gemeinschaft, ABlEU Nr. L 52/3 vom 27. 02. 2008. 58 Europäische Kommission: Vorschlag für eine Verordnung des Rates über das Statut der Europäischen Privatgesellschaft, KOM(2008) 396 vom 25. 06. 2008. 59 Verordnung (EG) Nr. 146/2008 des Rates vom 14. 02. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003 mit gemeinsamen Regeln für Direktzahlungen im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik und mit bestimmten Stützungsregelungen für Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe und der Verordnung (EG) Nr. 1698/2005 über die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER), ABlEU Nr. L 46/1 vom 21. 02. 2008. 60 Verordnung (EG) Nr. 1009/2008 des Rates vom 09. 10. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003 mit gemeinsamen Regeln für Direktzahlungen im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik und mit bestimmten Stützungsregelungen für Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe, ABlEU Nr. L 276/1 vom 17. 10. 2008. 61 Verordnung (EG) Nr. 637/2008 des Rates vom 23. 06. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003 und zur Einführung nationaler Umstrukturierungsprogramme für den Baumwollsektor, ABlEU Nr. L 178/1 vom 05. 07. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 160 1. April62 und ein Grünbuch der Kommission zur Qualität von Agrarerzeugnissen.63 Mit Blick auf die Fischerei verabschiedete der Rat Verordnungen zur Bekämpfung der illegalen Fischerei64 und zur Reform des Genehmigungswesens in der Umsetzung bi- und multilateraler Abkommen.65 Neue Fischereiabkommen wurden mit der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau geschlossen.66 Hinzu trat eine Verordnung zum Schutz empfindlicher Tiefenökosysteme vor den Auswirkungen von Grundfanggeräten.67 3. Visa, Asyl, Einwanderung Zum 12. Dezember 2008 wurde der Schengen-Raum, innerhalb dessen keine Personenkontrollen an den Grenzen vorgenommen werden, um die Schweiz erweitert.68 Dies gilt zunächst nur für die Landgrenzen, da an den Flughäfen noch bauliche Veränderungen durchgeführt werden müssen. Diese sollen Anfang 2009 abgeschlossen werden, so dass die Aufhebung der Personenkontrollen an den Flughafengrenzen für den 29. März 2009 vorgesehen ist. Da jedoch 62 Verordnung (EG) Nr. 248/2008 des Rates vom 17. 03. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1234/2007 in Bezug auf die einzelstaatlichen Milchquoten, ABlEU Nr. L 76/6 vom 19. 03. 2008. 63 Europäische Kommission: Grünbuch zur Qualität von Agrarerzeugnissen: Produktnormen, Bewirtschaftungsauflagen und Qualitätsregelungen, KOM(2008) 641 endg. vom 20. 10. 2008. 64 Verordnung (EG) Nr. 1005/2008 des Rates vom 29. 09. 2008 über ein Gemeinschaftssystem zur Verhinderung, Bekämpfung und Unterbindung der illegalen, nicht gemeldeten und unregulierten Fischerei, zur Änderung der Verordnungen (EWG) Nr. 2847/93, (EG) Nr. 1936/2001 und (EG) Nr. 601/2004 und zur Aufhebung der Verordnungen (EG) Nr. 1093/94 und (EG) Nr. 1447/1999, ABlEU Nr. L 286/1 vom 29. 10. 2008. 65 Verordnung (EG) Nr. 1006/2008 des Rates vom 29. 09. 2008 über die Genehmigung der Fischereitätigkeiten von Fischereifahrzeugen der Gemeinschaft außerhalb der Gemeinschaftsgewässer und den Zugang von Drittlandschiffen zu Gemeinschaftsgewässern, zur Änderung der Verordnungen (EWG) Nr. 2847/93 und (EG) Nr. 1627/94 und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 3317/94, ABlEU Nr. L 286/33 vom 29. 10. 2008. 66 Verordnung (EG) Nr. 242/2008 des Rates vom 17. 03. 2008 über den Abschluss des partnerschaftlichen Fischereiabkommens zwischen der Europäischen Gemeinschaft und der Republik Côte d’Ivoire, ABlEU Nr. L 75/51 vom 18. 03. 2008; Verordnung (EG) Nr. 241/2008 des Rates vom 17. 03. 2008 über den Abschluss eines partnerschaftlichen Fischereiabkommens zwischen der Europäischen Gemeinschaft und der Republik Guinea-Bissau, ABlEU Nr. L 75/49 vom 18. 03. 2008. 67 Verordnung (EG) Nr. 734/2008 des Rates vom 15. 07. 2008 zum Schutz empfindlicher Tiefseeökosysteme vor den schädlichen Auswirkungen von Grundfanggeräten, ABlEU Nr. L 201/8 vom 30. 07. 2008. 68 2008/903/EG: Beschluss des Rates vom 27. 11. 2008 über die vollständige Anwendung der Bestimmungen des Schengen-Besitzstands in der Schweizerischen Eidgenossenschaft, ABlEU Nr. L 327/15 vom 05. 12. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 161 Liechtenstein, das nur an Österreich und die Schweiz grenzt und über keinen Flughafen verfügt, dem Schengen-Raum noch nicht beigetreten ist, muss die Grenze zwischen der Schweiz und Liechtenstein, an der bislang keinerlei Personenkontrollen stattfanden, nun als Schengen-Außengrenze überwacht werden.69 Parlament und Rat verabschiedeten eine Richtlinie zur Vereinheitlichung der Abschiebeverfahren für Angehörige von Drittstaaten, die sich illegal im Unionsgebiet aufhalten. Diese können nun bis zu 18 Monate in Abschiebehaft genommen werden.70 4. Verkehr Im Bereich des Eisenbahnverkehrs leitete die Kommission Vertragsverletzungsverfahren gegen 24 Mitgliedstaaten ein, die die Vorschriften des aus dem Jahr 2001 stammenden „Ersten Eisenbahnpakets“ nicht hinreichend umgesetzt hatten.71 Im Juni wurde eine neue Richtlinie zur Interoperabilität der Eisenbahnsysteme verabschiedet, die vor allem den Einsatz von Schienenfahrzeugen über die Grenzen der Mitgliedstaaten hinweg erleichtern soll.72 5. Wettbewerb Im Berichtsjahr wurden bei der Kommission 660 staatliche Beihilfen angemeldet. Von den 616 endgültigen Entscheidungen der Kommission in diesem Bereich waren 96 % positiv.73 Kartellstrafen verhängte die Kommission in einer Gesamthöhe von 3,2 Mrd. €.74 Im von der Kommission gegen Spanien angestrengten Vertragsverletzungsverfahren im Zusammenhang mit dem – erfolgreichen – Versuch der Regierung, die 69 FAZ vom 28. 11. 2008. 70 Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. 12. 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger, ABlEU Nr. L 348/98 vom 24. 12. 2008. Vgl. auch FAZ vom 19. 06. 2008. 71 Europäische Kommission: Gesamtbericht über die Tätigkeit der Europäischen Union 2008, Brüssel/ Luxemburg, 2009, 91. 72 Richtlinie 2008/57/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. 06. 2008 über die Interoperabilität des Eisenbahnsystems in der Gemeinschaft (Neufassung), ABlEU Nr. 191/1 vom 18. 07. 2008. 73 Europäische Kommission: Gesamtbericht, a. a. O., 52 f. 74 Ebd., 53. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 162 Übernahme des Stromversorgers Endesa durch den deutschen Konzern Eon zu verhindern,75 entschied der Europäische Gerichtshof im März, dass Spanien seine vertraglichen Verpflichtungen verletzt habe.76 Unmittelbare praktische Konsequenzen erwachsen daraus jedoch nicht, da Eon bereits zuvor angesichts des spanischen Widerstandes von dem Vorhaben Abstand genommen hatte. Unter Druck kamen die strengen europäischen Wettbewerbsregeln mit der weltweiten Finanzkrise, die im September 2008 in ihre bislang schwerste Phase eintrat. Die staatlichen Rettungsmaßnahmen für gefährdete Finanzinstitute unterstützte die Kommission dadurch, dass sie entsprechende Auslegungen des Wettbewerbsrechts vorgab.77 Ähnliches galt im Dezember für die Beihilfen im Rahmen des „europäischen Konjunkturpaketes“.78 6. Wirtschafts- und Währungspolitik Der bereits erwähnten internationalen Finanzkrise versuchten die Mitgliedstaaten der Union durch koordiniertes Handeln zu begegnen. So kam es im Herbst zu einer Vielzahl formeller und informeller Treffen, u. a. im Rahmen der Eurogruppe und der europäischen G8-Staaten.79 Im Oktober beschlossen die Regierungen im Rat, alle „systemrelevanten Finanzinstitute“ vor einem Zusammenbruch zu bewahren und für Einlagen bis zu einer Höhe von 50.000 € zu garantieren. Zudem nahm die Kommission Änderungen an den Bilanzierungsregelungen im Bankensektor vor.80 Dem besonders unter Druck geratenen Mitgliedstaat Ungarn gewährte die Gemeinschaft ein Darlehen in Höhe von 6,5 75 Vgl. Schubert, S., a. a. O., 168 f. 76 EuGH: Urteil vom 06. 03. 2008, Rs. C-196/07 (Kommission/Spanien), Slg. 2008, I-41. 77 Europäische Kommission: Die Anwendung der Vorschriften für staatliche Beihilfen auf Maßnahmen zur Stützung von Finanzinstituten im Kontext der derzeitigen globalen Finanzkrise, ABlEU Nr. C 270/8 vom 25. 10. 2008; dies.: Die Rekapitalisierung von Finanzinstituten in der derzeitigen Finanzkrise: Beschränkung der Hilfen auf das erforderliche Minimum und Vorkehrungen gegen unverhältnismäßige Wettbewerbsverzerrungen, C(2008) 8259 endg. vom 12. 01. 2009. 78 Dies.: Staatliche Beihilfen: Kommission nimmt befristeten Beihilferahmen an, damit Mitgliedstaaten gegen Kreditklemme vorgehen können, IP/08/1993 vom 17. 12. 2008. 79 Vgl. ausführlich dies.: Gesamtbericht, a. a. O., 33 ff. 80 Verordnung (EG) Nr. 1004/2008 der Kommission vom 15. 10. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1725/2003 betreffend die Übernahme bestimmter internationaler Rechnungslegungsstandards in Übereinstimmung mit der Verordnung (EG) Nr. 1606/2002 des Europäischen Parlaments und des Rates im Hinblick auf International Accounting Standard (IAS) 39 und International Financial Reporting Standard (IFRS) 7, ABlEU Nr. 275/37 vom 16. 10. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 163 Mrd. €.81 Die Obergrenze für Zahlungsbilanzhilfen an EU-Staaten außerhalb der Eurozone wurde auf 25 Mrd. € erhöht.82 Hinzu trat das auf einen Kommissionsvorschlag zurückgehende „europäische Konjunkturprogramm“, das im Wesentlichen aus einer Bündelung der von den Mitgliedstaaten eigenverantwortlich durchgeführten Maßnahmen besteht.83 Von den sechs bestehenden Defizitverfahren wurden die gegen Italien, Polen, Portugal, die Slowakei und Tschechien im Verlauf des Berichtsjahres aufgehoben,84 lediglich das gegen Ungarn blieb bestehen. Zudem wurde ein neues Defizitverfahren gegen das Vereinigte Königreich eingeleitet.85 Zum 1. Januar 2008 führten Malta und Zypern den Euro als Landeswährung ein.86 Die Slowakei strebte diesen Schritt für den 1. Januar 2009 an; die Kommission befürwortete dies in ihrem im Juni vorgelegten Konvergenzbericht.87 Der Rat billigte daraufhin die Einführung der gemeinsamen Währung in der Slowakei zum genannten Termin.88 81 2009/102/EG: Entscheidung des Rates vom 04. 11. 2008 über einen mittelfristigen finanziellen Beistand der Gemeinschaft für Ungarn, ABlEU Nr. L 37/5 vom 06. 02. 2009. 82 Verordnung (EG) Nr. 1360/2008 des Rates vom 02. 12. 2008 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 332/2002 zur Einführung einer Fazilität des mittelfristigen finanziellen Beistands zur Stützung der Zahlungsbilanzen der Mitgliedstaaten, ABlEU Nr. L 352/11 vom 31. 12. 2008. 83 Europäische Kommission: Europäisches Konjunkturprogramm, KOM(2008) 800 endg., vom 26. 11. 2008. 84 2008/560/EG: Entscheidung des Rates vom 03. 06. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 2005/694/ EG über das Bestehen eines übermäßigen Defizits in Italien, ABlEU Nr. L 181/39 vom 10. 07. 2008; 2008/561/EG: Entscheidung des Rates vom 03. 06. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 2005/730/ EG über das Bestehen eines übermäßigen Defizits in Portugal, ABlEU Nr. L 181/41 vom 10. 07. 2008; 2008/562/EG: Entscheidung des Rates vom 03. 06. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 2005/182/ EG zum Bestehen eines übermäßigen Defizits in der Slowakei, ABlEU Nr. L 181/43 vom 10. 07. 2008; 2008/563/EG: Entscheidung des Rates vom 03. 06. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 2005/185/ EG über das Bestehen eines übermäßigen Defizits in der Tschechischen Republik, ABlEU Nr. L 181/ 45 vom 10. 07. 2008; 2008/622/EG: Entscheidung des Rates vom 08. 07. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 2005/183/EG über das Bestehen eines übermäßigen Defizits in Polen, ABlEU Nr. L 200/22 vom 29. 07. 2008; vgl. auch http://ec.europa.eu/economy_finance/sg_pact_fiscal_policy/excessive_ deficit9109_en.htm. 85 2008/713/EG: Entscheidung des Rates vom 24. 07. 2008 zum Bestehen eines übermäßigen Defizits im Vereinigten Königreich, ABlEU Nr. L 238/5 vom 05. 09. 2008. 86 Zum Verfahren vgl. Schubert, S., a. a. O., 170. 87 Europäische Kommission: Konvergenzbericht 2008, KOM(2008) 248 endg. vom 30. 06. 2008, 27–31. 88 2008/608/EG: Entscheidung des Rates vom 08. 07. 2008 gemäß Artikel 122 Absatz 2 EG-Vertrag über die Einführung der einheitlichen Währung durch die Slowakei am 1. Januar 2009, ABlEU Nr. L 195/24 vom 24. 07. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 164 7. Gemeinsame Handelspolitik Die Union war im Berichtsjahr an 33 Streitbeilegungsverfahren im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) beteiligt, in 15 davon führte sie die Beschwerde, in 18 war sie die Beklagte. Davon waren zwölf Fälle Auseinandersetzungen mit den USA (sieben aufgrund von Beschwerden der EU, fünf nach Beschwerden der USA).89 8. Beschäftigungs- und Sozialpolitik Der Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) wurde im Berichtsjahr dreimal in Anspruch genommen; das Gesamtvolumen der Mittel belief sich dabei auf 49 Mio. €.90 Rat und Kommission verabschiedeten eine Richtlinie zur Leiharbeit.91 9. Bildung Am 11. März 2008 wurde die Einrichtung des Europäischen Technologieinstituts (EIT) formell beschlossen.92 Zum Hauptsitz des Instituts wurde am 18. Juni Budapest bestimmt, zum Vorsitzenden des 18-köpfigen Verwaltungsrats am 15. September der niederländische Physiker Martin Schuurmans ernannt.93 Darüber 89 Europäische Kommission: Gesamtbericht, a. a. O., 188. 90 2008/370/EG: Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. 04. 2008 über die Inanspruchnahme des Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung in Anwendung von Nummer 28 der Interinstitutionellen Vereinbarung vom 17. Mai 2006 zwischen dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission über die Haushaltsdisziplin und die wirtschaftliche Haushaltsführung, ABlEU Nr. L 128/6 vom 16. 05. 2008; 2008/818/EG: Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. 10. 2008 über die Inanspruchnahme des Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung gemäß Nummer 28 der Interinstitutionellen Vereinbarung vom 17. Mai 2006 zwischen dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission über die Haushaltsdisziplin und die wirtschaftliche Haushaltsführung, ABlEU Nr. L 285/13 vom 29. 10. 2008; 2008/916/EG: Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. 11. 2008 über die Inanspruchnahme des Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung gemäß Nummer 28 der Interinstitutionellen Vereinbarung vom 17. Mai 2006 zwischen dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission über die Haushaltsdisziplin und die wirtschaftliche Haushaltsführung, ABlEU Nr. L 330/16 vom 09. 12. 2008. 91 Richtlinie 2008/104/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. 11. 2008 über Leiharbeit, ABlEU Nr. L 327/9 vom 05. 12. 2008. 92 Verordnung (EG) Nr. 294/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. 03. 2008 zur Errichtung des Europäischen Innovations- und Technologieinstituts, ABlEU Nr. L 97/1 vom 09. 04. 2008. Zum Verfahren vgl. Schubert, S., a. a. O., 171 f. 93 http://ec.europa.eu/eit/backg_en.htm. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 165 hinaus beschlossen Parlament und Rat im April einen Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen94 sowie im Oktober eine Entscheidung über die Entsprechung von beruflichen Befähigungsnachweisen.95 Das Jahr 2009 wurde zum „Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation“ erklärt.96 Schließlich veröffentlichte die Kommission ein Grünbuch zu den Chancen und Herausforderungen für die Bildungssysteme durch Migration und Mobilität.97 10. Gesundheit und Verbraucherschutz Im Gesundheitsbereich legte die Kommission Richtlinienvorschläge zu den Patientenrechten in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung98 und den Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei Organtransplantationen99 vor. Hinsichtlich des Verbraucherschutzes erfuhr ein Verordnungsvorschlag der Kommission zur Begrenzung der roaming-Gebühren im Mobilfunk breite öffentliche Aufmerksamkeit.100 11. Wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt Aufgrund zahlreicher Unregelmäßigkeiten sowie Betrugs- und Korruptionsfälle bei der Mittelverwendung setzte die Kommission im Juli die Heranführungshil- 94 Mitteilung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. 04. 2008 zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen, ABlEU Nr. C 111/1 vom 06. 05. 2008. 95 Entscheidung Nr. 1065/2008/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. 10. 2008 zur Aufhebung der Entscheidung 85/368/EWG des Rates über die Entsprechungen der beruflichen Befähigungsnachweise zwischen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften, ABlEU Nr. L 288/4 vom 30. 10. 2008. 96 Entscheidung Nr. 1350/2008/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. 12. 2008 zum Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation (2009), ABlEU Nr. L 348/115 vom 24. 12. 2008. 97 Europäische Kommission: Grünbuch Migration & Mobilität: Chancen und Herausforderungen für die EU-Bildungssysteme, KOM(2008) 423 endg. vom 03. 07. 2008. 98 Dies.: Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über die Ausübung der Patientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung, KOM(2008) 414 endg. vom 02. 07. 2008. 99 Dies.: Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über Qualitäts- und Sicherheitsstandards für zur Transplantation bestimmte menschliche Organe, KOM(2008) 818 endg. vom 08. 12. 2008. 100 Dies.: Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 717/2007 über das Roaming in öffentlichen Mobilfunknetzen in der Gemeinschaft und der Richtlinie 2002/21/EG über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste, KOM(2008) 580 endg. vom 23. 09. 2008, vgl. auch FAZ vom 24. 09. 2008. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 166 fen für Bulgarien aus.101 Darüber hinaus veröffentlichte sie ein Grünbuch zum territorialen Zusammenhalt.102 12. Forschung und technologische Entwicklung Die Verordnung, nach der das europäische Satellitennavigationssystem Galileo ausschließlich öffentlich finanziert werden soll,103 wurde im Juli von Parlament und Rat erlassen.104 Darüber hinaus veröffentlichte die Kommission einen ersten Bericht über die Tätigkeit des im Vorjahr begründeten Europäischen Forschungsrats.105 13. Umwelt Auf dem Gebiet des Umweltschutzes wurden im Berichtsjahr eine Reihe von Richtlinien erlassen, namentlich zum Einbezug des Luftverkehrs in das Emissionshandelsystem,106 zur Meeresstrategie,107 zur Umweltqualität von Oberflächengewässern,108 zur Abfallbewirtschaftung,109 zur Luftqualität110 und zum 101 Dies.: Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat über die Verwaltung der EU-Mittel in Bulgarien, KOM(2008) 496 endg. vom 23. 07. 2008; vgl. auch FAZ vom 24. 07. 2008. 102 Dies.: Grünbuch zum territorialen Zusammenhalt: Territoriale Vielfalt als Stärke, KOM(2008) 616 endg. vom 08. 10. 2008. 103 Vgl. zur Vorgeschichte Schubert, S., a. a. O., 173. 104 Verordnung (EG) Nr. 683/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 09. 07. 2008 über die weitere Durchführung der europäischen Satellitenprogramme (EGNOS und Galileo), ABlEU Nr. L 196/11 vom 24. 07. 2008. 105 Dies.: Bericht der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament zur Erläuterung der Tätigkeiten des Europäischen Forschungsrats und der Verwirklichung der 2007 im spezifischen Programm „Ideen“ festgesetzten Ziele, KOM(2008) 473 endg. vom 18. 07. 2008. 106 Richtlinie 2008/101/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. 11. 2008 zur Änderung der Richtlinie 2003/87/EG zwecks Einbeziehung des Luftverkehrs in das System für den Handel mit Treibhausgasemissionszertifikaten in der Gemeinschaft, ABlEU Nr. L 8/3 vom 13. 01. 2009; vgl. auch FAZ vom 09. 07. 2008. 107 Richtlinie 2008/56/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. 06. 2008 zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Meeresumwelt (Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie), ABlEU Nr. L 164/19 vom 25. 06. 2008. 108 Richtlinie 2008/105/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. 12. 2008 über Umweltqualitätsnormen im Bereich der Wasserpolitik und zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinien des Rates 82/176/EWG, 83/513/EWG, 84/156/EWG, 84/491/EWG und 86/280/EWG sowie zur Änderung der Richtlinie 2000/60/EG, ABlEU Nr. L 348/84 vom 24. 12. 2008. 109 Richtlinie 2008/98/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. 11. 2008 über Abfälle und zur Aufhebung bestimmter Richtlinien, ABlEU Nr. L 312/3 vom 22. 11. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 167 Umweltstrafrecht111. Hinzu traten zwei Verordnungen zum Umgang mit Chemikalien.112 Die Beratungen zum Erlass einer Verordnung über Pflanzenschutzmittel113 dauerten im Berichtsjahr an. Die Kommission legte im März einen geänderten Vorschlag vor, der die Ergebnisse der Ersten Lesung des Parlaments berücksichtigte.114 Auf dieser Grundlage nahm der Rat im September einen „Gemeinsamen Standpunkt“ an.115 Die erforderliche Zweite Lesung im Parlament stand im Berichtsjahr noch aus. III. Aus den Tätigkeiten der Organe und Einrichtungen 1. Europäisches Parlament Das Parlament beschloss am 8. Juli Änderungen zu seiner Geschäftsordnung. Insbesondere wurden die Hürden zur Bildung einer Fraktion erhöht: Die Mindestzahl der Abgeordneten beträgt nun 25, zudem müssen in einer Fraktion mindestens sieben Mitgliedstaaten vertreten sein.116 110 Richtlinie 2008/50/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. 05. 2008 über Luftqualität und saubere Luft für Europa, ABlEU Nr. L 152/1 vom 11. 06. 2008. 111 Richtlinie 2008/99/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. 11. 2008 über den strafrechtlichen Schutz der Umwelt, ABlEU Nr. L 328/28 vom 06. 12. 2008. 112 Verordnung (EG) Nr. 689/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. 06. 2008 über die Aus- und Einfuhr gefährlicher Chemikalien, ABlEU Nr. L 204/1 vom 31. 07. 2008; Verordnung (EG) Nr. 1102/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. 10. 2008 über das Verbot der Ausfuhr von metallischem Quecksilber und bestimmten Quecksilberverbindungen und -gemischen und die sichere Lagerung von metallischem Quecksilber, ABlEU Nr. L 304/75 vom 14. 11. 2008. 113 Vgl. Schubert, S., a. a. O., 173 f. 114 Europäische Kommission: Geänderte Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln, KOM(2008) 93 endg. vom 11. 03. 2008. 115 Gemeinsamer Standpunkt (EG) Nr. 25/2008 vom 15. 09. 2008 , vom Rat festgelegt gemäß dem Verfahren des Artikels 251 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft im Hinblick auf den Erlass einer Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln und zur Aufhebung der Richtlinien 79/117/EWG und 91/414/EWG des Rates, ABlEU C 266E/1 vom 21. 10. 2008. 116 Beschluss des Europäischen Parlaments vom 08. 07. 2008 über die Änderung der Geschäftsordnung des Parlaments im Lichte der Vorschläge der Arbeitsgruppe zur Parlamentsreform betreffend die Arbeit des Plenums und Initiativberichte, P6_TA(2008)0334. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 168 2. Rat und Europäischer Rat Der Ratsvorsitz wurden in der ersten Jahreshälfte durch Slowenien – und damit erstmals durch einen neuen Mitgliedstaat aus Mittel- und Osteuropa –, in der zweiten durch Frankreich wahrgenommen. Für die slowenische Präsidentschaft galt das gemeinsame 18-Monats-Programm des deutschen, portugiesischen und slowenischen Vorsitzes.117 Frankreich legte gemeinsam mit Tschechien und Schweden, die 2009 den Vorsitz wahrnehmen werden, ebenfalls ein 18-Monats- Programm vor.118 Zu dessen Schwerpunkten zählen insbesondere die Bereiche der Wettbewerbsfähigkeit, der Außenpolitik sowie der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts. Der Europäische Rat trat im Berichtsjahr insgesamt fünfmal zusammen; darunter war eine Sondertagung am 1. September zum Krieg zwischen Russland und Georgien.119 Von den ordentlichen Tagungen war die erste im März vor allem der Lissabon-Strategie sowie der Klima- und Energiepolitik gewidmet.120 Im Juni stand der negative Ausgang des irischen Referendums zum Vertrag von Lissabon im Mittelpunkt (s. o. I.1.),121 im Oktober die globale Finanzkrise122 und im Dezember das „europäische Konjunkturprogramm“ (s. o. II.6.)123. Zudem beschloss der Europäische Rat im März, der vor allem von Frankreich vorangetrieben „Mittelmeerunion“ zuzustimmen, sie aber unter das Dach des „Barcelona-Prozesses“ zu stellen, so dass die Initiative die Bezeichnung „Barcelona-Prozess: Union für den Mittelmeerraum“ führt.124 Die Mittelmeerunion 117 Rat der Europäischen Union: Achtzehnmonatsprogramm des deutschen, des portugiesischen und des slowenischen Vorsitzes, 17079/06 vom 21. 12. 2006. Vgl. zu den Schwerpunkten Schubert, S., a. a. O., 175 f. 118 Ders.: Achtzehnmonatsprogramm des Rates, 11249/08 vom 30. 06. 2008. 119 Europäischer Rat (Brüssel, 01. 09. 2008): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, 12594/2/08 REV 2 vom 06. 10. 2008. 120 Europäischer Rat (Brüssel, 13./14. 03. 2008): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, 7652/1/08 REV 1 vom 20. 05. 2008. 121 Europäischer Rat (Brüssel, 19./20. 06. 2008), a. a. O. 122 Europäischer Rat (Brüssel, 15./16. 10. 2008), a. a. O. 123 Europäischer Rat (Brüssel, 11./12. 12. 2008), a. a. O. 124 Europäischer Rat (Brüssel, 13./14. 03. 2008), a. a. O., Anlage 1. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 169 wurde am 13. Juli durch die Vertreter der 27 EU-Mitgliedstaaten sowie von 16 Mittelmeer-Anrainerstaaten feierlich begründet.125 3. Europäische Kommission Die Europäische Kommission tagte im Verlauf des Berichtsjahres 43 Mal als Kollegium. Sie legte insbesondere 420 Vorschläge für Rechtsakte, neun Grünbücher und ein Weißbuch vor.126 4. Europäischer Gerichtshof und Gericht erster Instanz Den Sitz des französischen Richters am Gerichtshof übernahm am 15. Januar Jean-Jacques Kasel von Romain Schtingen.127 Am Gericht erster Instanz trat am 15. September der Ire Kevin O’Higgins die Nachfolge seines Landsmanns John D. Cooke an.128 IV. Haushalt Der Gesamthaushaltsplan für 2009 wurde im Verlauf des Berichtsjahres erarbeitet und am 18. Dezember vom Parlament offiziell festgestellt.129 Er hat ein Gesamtvolumen von 133,8 Mrd. € an Verpflichtungsermächtigungen (1,03 % des BNE der Union) und 116,1 Mrd. € an Zahlungsermächtigungen (0,89 % des BNE). Zu den in der Finanziellen Vorausschau 2007–2013 festgelegten Obergrenzen verbleibt damit ein Spielraum von 3,2 Mrd. € an Verpflichtungs- und 7,8 Mio. € an Zahlungsermächtigungen.130 125 Joint Declaration of the Paris Summit for the Mediterranean, Paris, 13. 07. 2008, online unter http:// www.ue2008.fr/webdav/site/PFUE/shared/import/07/0713_declaration_de_paris/Joint_declaration_of_ the_Paris_summit_for_the_Mediterranean-EN.pdf. 126 Europäische Kommission: Gesamtbericht, a. a. O., 259. 127 http://curia.europa.eu/de/instit/presentationfr/index.htm; http://curia.europa.eu/de/instit/presentationfr/ composition/membrescour_anciens.htm. 128 http://curia.europa.eu/common/Mandats_TPI.pdf. 129 Europäisches Parlament: CRE 18/12/2008 – 6.6. Der Haushaltsplan war bei Redaktionsschluss dieser Dokumentation noch nicht im Amtsblatt veröffentlicht; er ist online einsehbar unter http://eur-lex. europa.eu/budget/www/index-de.htm. 130 Europäische Kommission: Gesamthaushaltsplan der Europäischen Union für das Haushaltsjahr 2009. Übersicht in Zahlen, Brüssel/Luxemburg, 2009, 5. DOKUMENTATION / DOCUMENTATION 170 V. Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Unter den außenpolitischen Aktivitäten der Union ragten im Berichtsjahr die Bemühungen heraus, die im Februar erklärte Unabhängigkeit Kosovos zu begleiten, wobei die Divergenzen innerhalb der Mitgliedstaaten über die Anerkennung der Unabhängigkeit und die unklare völkerrechtliche Lage (s. o. I.2.) diese erschwerten. Der Rat ernannte am 4. Februar den niederländischen Diplomaten Pieter Feith zum Sonderbeauftragten der Union in Kosovo131 und beschloss am selben Tag mit der Rechtsstaatlichkeitsmission EULEX KOSOVO die bislang größte zivile Mission im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP).132 Nach dem russisch-georgischen Krieg um Südossetien entsandte die Union eine Beobachtermission nach Georgien133 und ernannte den französischen Diplomaten Pierre Morel, der bereits seit 2006 als Sonderbeauftragter der Union für Zentralasien fungiert, zum Sonderbeauftragten für die Krise in Georgien.134 Zur Bekämpfung der zunehmenden Piraterie am Horn von Afrika entsandte die Union die militärische Mission Atalanta.135 Weitere Maßnahmen im Bereich der GASP betrafen insbesondere Afrika und den Nahen Osten.136 VI. Polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen Zur verbesserten Zusammenarbeit bei der Korruptionsbekämpfung wurde im Oktober die Einrichtung eines Kontaktstellennetzes beschlossen.137 Mehrere 131 Gemeinsame Aktion 2008/123/GASP des Rates vom 04. 02. 2008 zur Ernennung eines Sonderbeauftragten der Europäischen Union im Kosovo, ABlEU Nr. L 42/88 vom 16. 02. 2008. 132 Gemeinsame Aktion 2008/124/GASP des Rates vom 04. 02. 2008 über die Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo, EULEX KOSOVO, ABlEU Nr. L 42/92 vom 16. 02. 2008. 133 Gemeinsame Aktion 2008/736/GASP des Rates vom 15. 09. 2008 über die Beobachtermission der Europäischen Union in Georgien, EUMM Georgia, ABlEU Nr. L 248/26 vom 17. 09. 2008. 134 Gemeinsame Aktion 2008/760/GASP des Rates vom 25. 09. 2008 zur Ernennung des Sonderbeauftragten der Europäischen Union für die Krise in Georgien, ABlEU Nr. L 259/16 vom 27. 09. 2008. 135 Beschluss 2008/918/GASP des Rates vom 08. 12. 2008 über die Einleitung der Militäroperation der Europäischen Union als Beitrag zur Abschreckung, Prävention und Bekämpfung der seeräuberischen Handlungen und bewaffneten Raubüberfälle vor der Küste Somalias (Atalanta), ABlEU Nr. L 330/19 vom 09. 12. 2008. 136 Für eine vollständige Übersicht vgl. Europäische Kommission: Gesamtbericht, a. a. O., 223–228. 137 Beschluss 2008/852/JI des Rates vom 24. 10. 2008 über ein Kontaktstellennetz zur Korruptionsbekämpfung, ABlEU Nr. L 301/38 vom 12. 11. 2008. Die Europäische Union 2008: ein Rückblick ZSE 1/2009 171 Rahmenbeschlüsse ergingen zur gegenseitigen Anerkennung von Strafen.138 Weitere Aktivitäten der Union in der „dritten Säule“ betrafen eine veränderte Terrorismusdefinition139 sowie die Zusammenarbeit polizeilicher Spezialeinheiten in Krisensituationen140. VII. Fazit Hinsichtlich des sekundärrechtlichen Bereichs lässt sich 2008 als relativ „ruhiges“ Jahr charakterisieren. Kontroverse öffentliche Diskussionen zu Rechtsetzungsverfahren fehlten fast völlig. Vielmehr stand das Jahr im Zeichen des Ratifizierungsverfahrens zum Vertrag von Lissabon, das mit dem negativen Votum der irischen Bevölkerung einen Rückschlag erlitt. Es bleibt abzuwarten, ob die daraufhin erwirkten Zugeständnisse ausreichend viele Wähler überzeugen werden, beim für Herbst 2009 vorgesehenen zweiten Referendum für den Vertrag zu stimmen, zumal unklar ist, wie sich die innenpolitischen Verhältnisse angesichts der Finanzkrise weiter entwickeln werden. Simon Schubert 138 Rahmenbeschluss 2008/675/JI des Rates vom 24. 07. 2008 zur Berücksichtigung der in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union ergangenen Verurteilungen in einem neuen Strafverfahren, ABlEU Nr. L 220/32 vom 15. 08. 2008; Rahmenbeschluss 2008/909/JI des Rates vom 27. 11. 2008 über die Anwendung des Grundsatzes der gegenseitigen Anerkennung auf Urteile in Strafsachen, durch die eine freiheitsentziehende Strafe oder Maßnahme verhängt wird, für die Zwecke ihrer Vollstreckung in der Europäischen Union, ABlEU Nr. L 327/27 vom 05. 12. 2008; Rahmenbeschluss 2008/947/JI des Rates vom 27. 11. 2008 über die Anwendung des Grundsatzes der gegenseitigen Anerkennung auf Urteile und Bewährungsentscheidungen im Hinblick auf die Überwachung von Bewährungsmaßnahmen und alternativen Sanktionen, ABlEU Nr. L 337/102 vom 16. 12. 2008. 139 Rahmenbeschluss 2008/919/JI des Rates vom 28. 11. 2008 zur Änderung des Rahmenbeschlusses 2002/475/JI zur Terrorismusbekämpfung, ABlEU Nr. L 330/21 vom 09. 12. 2008. 140 Beschluss 2008/617/JI des Rates vom 23. 06. 2008 über die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Spezialeinheiten der Mitgliedstaaten der Europäischen Union in Krisensituationen, ABlEU Nr. L 210/73 vom 06. 08. 2008.

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Abstract

The quarterly Journal for Comparative Governement and European Policy is not only an outstanding multi-lingual and interdisciplinary journal but also a discussion forum for leading scientists and opinion makers from politics, culture and economy. It provides information on the key questions of public action at the European, the national and the regional level.

The journal addresses legal and social scientists, historians and practitioners in politics and administration.

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Zusammenfassung

Die ZSE ist eine herausragende und mehrsprachige interdisziplinare Vierteljahreszeitschrift an der Nahtstelle von nationalstaatlicher und europäischer Entwicklung, ein Forum des Gesprächs zwischen führenden Wissenschaftlern und Vertretern von Politik, Wirtschaft und Kultur sowie ein Angebot zum Dialog über Schlüsselfragen des öffentlichen Handelns auf europäischer, nationalstaatlicher und regionaler Ebene. Die Zeitschrift richtet sich an Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Historiker sowie Vertreter der politisch-administrativen Praxis. Die Zeitschrift ist ab Jahrgang 2003 verfügbar.

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