Julia Gurol, Cita Wetterich, Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten in:

ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen, page 108 - 122

ZIB, Volume 27 (2020), Issue 2, ISSN: 0946-7165, ISSN online: 0946-7165, https://doi.org/10.5771/0946-7165-2020-2-108

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Julia Gurol/Cita Wetterich Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten Einblicke aus China und dem südlichen Mittelmeerraum Forschende, die in sensiblen Sicherheitskontexten arbeiten, sehen sich während ihrer Feldforschung mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Ethische Fra‐ gen, Themen wie Macht und Repräsentation, aber auch die (Un-)Sicherheit der Forschenden, möglicher InterviewpartnerInnen und der erhobenen Daten sind zu beachten. Dieser Artikel thematisiert die zentralen Herausforderungen sicherheits‐ sensibler Forschungskontexte und erarbeitet anhand zweier Beispiele – China und des südlichen Mittelmeerraums – mögliche Bewältigungsstrategien. Erst diskutie‐ ren die Autorinnen kritisch, in welchen Phasen des Forschungsprozesses sowie in welcher Form sich Sicherheitssensibilität manifestiert. Anschließend werden drei Phasen der Feldforschung herausgearbeitet – Vorbereitung, Realisierung und Eva‐ luation – und der Umgang mit Sicherheitssensibilität sowie Fragen von (Un-)Si‐ cherheit erörtert. Abschließend diskutieren die Autorinnen die Implikationen von Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten für den Forschungsprozess und leiten generelle Handlungsempfehlungen für die Durchführung von Feldforschung in den Sozialwissenschaften daraus ab. Einleitung Forschende, die in sensiblen Sicherheitskontexten arbeiten, werden während der Forschung im Feld mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Diese betref‐ fen ethische Fragen, Themen wie Macht und Repräsentation, aber auch die (Un-)Si‐ cherheit der Forschenden, der InterviewpartnerInnen sowie der erhobenen Daten. Trotz vorhandener Leitfäden für die Durchführung von Feldforschung generell in den Sozialwissenschaften und speziell in den Internationalen Beziehungen (IB), gibt es bislang wenig Literatur, welche die kontextspezifischen Herausforderungen und Bewältigungsstrategien für Feldforschung in sensiblen Sicherheitssettings the‐ matisiert. Mit der wachsenden methodischen Diversität in den Internationalen Beziehungen und der damit einhergehenden Zunahme kritischer und explorativer Forschungsde‐ signs, ist die Nachfrage nach best practice Modellen und Erfahrungsberichten aus sicherheitssensiblen Feldforschungskontexten gestiegen. Ein erweiterter Sicher‐ heitsbegriff, zunehmende Unsicherheit und die steigende Anzahl an Konflikten in vielen Weltregionen stellen Forschende vor zusätzliche Herausforderungen. Es ist wichtig, dass PolitikwissenschaftlerInnen diese Veränderungen reflektieren, damit sie angemessen auf neu aufkommende Themen wie die sogenannte Flüchtlingskri‐ se, angefochtene Souveränität, die Robustheit von autoritären Regimen sowie den Aufstieg neuer, autoritärer Weltmächte wie China reagieren können. 1. 108 Zeitschrift für Internationale Beziehungen 27. Jg. (2020) Heft 2, S. 108 – 122, DOI: 10.5771/0946-7165-2020-2-108 Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich dieser Artikel mit der Frage, in welcher Form sich (Un-)Sicherheit im Forschungsprozess manifestiert und auf welche Wei‐ se Forschende mit Sicherheitssensibilität umgehen können. Dabei unterscheiden die AutorInnen zwischen verschiedenen Dimensionen von Sicherheitssensibilität. In der IB-Literatur werden Begriffe wie (Un-)Sicherheit oder Sensibilität oft selbster‐ klärend verwendet und nicht hinreichend definiert. So verhält es sich auch mit dem Begriff der Sicherheitssensibilität, der schwer zu konzeptualisieren ist. Einen guten Ausgangspunkt stellt die Definition von Joan Sieber und Barbara Stanley dar, die sensible Forschung als Studien versteht, welche potenzielle Konsequenzen oder Im‐ plikationen entweder direkt für die Forschenden oder für die am Forschungsprozess beteiligten Personen haben (Sieber/Stanley 1988). Dies schließt auch Interviewpart‐ nerInnen oder Kontaktpersonen vor Ort mit ein. Claire Renzetti und Raymond Lee (1993) machen einen weiteren Versuch, Sicherheitssensibilität zu konzeptualisie‐ ren. Sie verstehen darunter Themen, die intim, diskreditierend oder belastend sind. Als Beispiele führen sie sexuellen Missbrauch, politische oder physische Gewalt, Unterdrückung und Autoritarismus, erzwungene Migration und Vertreibung an. Sicherheitssensibilität bezieht sich dementsprechend entweder auf den Forschen‐ den oder auf den Forschungsgegenstand/-kontext. Die Forschendendimension be‐ inhaltet zahlreiche Aspekte wie ethische Verantwortung (Mackenzie et al. 2007; Glasius et al. 2018), persönliche Sicherheit (Moss et al. 2019; Morgenbesser/Weiss 2018) und mentale Unversehrtheit (Stoler 2002; Sylvester 2011) der/des Forschen‐ den. Die Dimension, die sich auf den Forschungsgegenstand/-kontext bezieht, be‐ inhaltet Themen wie die Zugänglichkeit des Feldes und der Zielgruppe (Anderson/ Hatton 2000; Sriram 2009; Koch 2013) oder Datensicherheit. Wer zudem mit Kon‐ taktpersonen vor Ort, InformantInnen oder InterviewpartnerInnen arbeitet, muss auch ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen beachten (Wood 2006; Krause 2017). Zudem können verschiedene Kontexte der Sicherheitssensibilität aus der beste‐ henden Literatur deduziert werden. Dies sind 1) politisch sicherheitssensible Kon‐ texte, 2) themenbezogene sicherheitssensible Kontexte sowie 3) unsichere Kontexte für Forschung. Damit umfasst dieses Papier verschiedene Kontexte der Sicherheits‐ sensibilität und bildet damit im Kleinen die große Bandbreite der IB-Forschung ab. Beide Themen, die besprochen werden, sind im Bereich der IB zu verorten, folgen jedoch unterschiedlichen Forschungsheuristika, die grundsätzlich sehr unterschied‐ liche Herausforderungen im Feldforschungsprozess aufwerfen. Dennoch lassen sich durch den Vergleich beider Themen generelle Strategien für den Feldforschungs‐ prozess ableiten und generalisierbare Handlungsempfehlungen formulieren. Vor diesem Hintergrund analysiert der Artikel die zentralen Herausforderungen und Strategien anhand zweier Fallstudien: Forschung im autoritären China sowie im südlichen Mittelmeerraum. Dabei stellt Forschung in China eine Feldforschung in einem politisch sicherheitssensiblen Kontext dar, während die Feldforschung im südlichen Mittelmeerraum zum einen Aspekte der themenbezogenen sicherheits‐ sensiblen Kontexte (Forschung zu Flucht und Gewalt) wie auch zu unsicheren Kon‐ texten der Forschung (Forschungsaufenthalt auf dem Mittelmeer nahe der libyschen Küste) abdeckt. Der analytische Rahmen dieses Artikels ist unterteilt in drei Pha‐ Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 109 sen: 1) Vorbereitung, 2) Durchführung und 3) Evaluation. Für jede Phase diskutie‐ ren die Autorinnen, in welcher Form sich (Un-)Sicherheit manifestiert. Die Analyse basiert auf gesammelten Informationen und Erfahrungen extensiver Feldforschung in den jeweiligen Regionen. Abschließend diskutieren die Autorinnen die Implika‐ tionen ihrer Ergebnisse für künftige Forschungsprojekte und entwickeln allgemeine Empfehlungen für die Durchführung von Forschung in sensiblen Sicherheitskon‐ texten, sowohl in Bezug auf die Forschenden als auch auf das erforschte Thema. Drei-Phasen-Modell der Feldforschung – Herausforderungen und Handlungsstrategien Das Kapitel beschäftigt sich mit den spezifischen Herausforderungen, die For‐ schende während ihrer Feldforschung bewältigen müssen. Dazu werden zwei Kon‐ texte genauer betrachtet. Als ersten Fall untersuchen die Autorinnen Herausforde‐ rungen der Feldforschung im autoritären China und gehen dabei insbesondere auf Fragen des Zugangs zu InterviewpartnerInnen, der angemessen Sampling-Strategie sowie auf die Sicherung der gesammelten Daten ein. Der zweite Fall behandelt Feldforschung im südlichen Mittelmeerraum und konzentriert sich insbesondere auf Themen wie Traumasensibilität und ethische Verantwortung. Zusätzlich diskutieren die Autorinnen für beide Fälle Fragen der persönlichen Sicherheit während des For‐ schungsprozesses und gehen damit auf eine weitere Dimension sensibler Sicherheit ein. Einblicke in Feldforschung in einem autoritären Regime und zu einem sicherheitssensiblen Thema – China und die südliche Mittelmeerregion Dieses Papier nimmt zwei Forschungsprojekte genauer in den Blick, welche durch unterschiedliche Arten der Sicherheitssensibilität gekennzeichnet sind. Dadurch er‐ gibt sich ein spannendes Spektrum verschiedener Einflussfaktoren auf den Feldfor‐ schungsprozess von IB-Forschungsprojekten. Der Fokus liegt demnach auf den un‐ terschiedlichen Kontexten, in denen sich Sicherheitssensibilität äußern kann. Zum Ende des Artikels versuchen die Autorinnen zudem, auf Basis dieser Fälle allge‐ meinere Strategien und lessons learnt abzuleiten und diskutieren dazu Gemeinsam‐ keiten und Unterschiede. Feldforschung in China war Teil des Projekts „Against all odds? EU-China secu‐ rity cooperation in the context of political tensions“, welches die Rollen der EU und China im Nahen Osten untersucht. Das Projekt beschäftigt sich dazu mit drei spezi‐ fischen Sicherheitsbereichen (Klima– und Energiesicherheit, Anti-Terrorismus und maritime Sicherheit). Es wurde analysiert, unter welchen Bedingungen die EU und China trotz wachsender politischer Spannungen und geopolitischer Konkurrenzen im Politikfeld der Sicherheit kooperieren sowie welche strategischen Überlegungen und wechselseitigen Rollenverständnisse diese Kooperation beeinflussen. 2. 2.1. Forum 110 Das Projekt „Violence against Male Refugees – Patterns, Factors and Consequen‐ ces for Individuals and Communities“ war Basis für die Feldforschung im südli‐ chen Mittelmeerraum (Italien, Malta und Mittelmeer). Das Projekt untersucht Er‐ fahrungen von Gewalt und Unsicherheit auf der Flucht durch männliche Geflüchte‐ te und die Auswirkungen dieser auf individueller und Gemeinschaftsebene. Im Fo‐ kus stehen intersektionale Prozesse zwischen race, Religion und Geschlecht. Der regionale Schwerpunkt liegt auf der zentralen Mittelmeerroute über Libyen nach Südeuropa und beschäftigt sich vorwiegend mit den Erfahrungen von syrischen und eritreischen Geflüchteten. Beide Projekte arbeiten mit ExpertInnen-Interviews. Das in China durchgeführte Projekt nutzt zudem Eliteninterviews sowie qualitative Textanalyse offizieller Regierungsdokumente, während das Projekt im südlichen Mittelmeerraum Daten auch über Interviews mit Geflüchteten und durch teilneh‐ mende Beobachtung erhebt. Vorbereitung und Planung – die Herausforderungen des Zugangs und methodische Überlegungen In der Phase der Vorbereitung lassen sich zwei Herausforderungen identifizieren, die sich hauptsächlich auf den Forschungsgegenstand/-kontext und weniger auf die Situation des Forschenden beziehen. Diese sind zum einen die Wahl der richtigen Samplingmethode und zum anderen die kontextspezifische und (je nach Fall) trau‐ masensible Vorbereitung. Vorab sei erwähnt, dass in beiden Fällen keine For‐ schungsvisa beantragt wurden. Diese Entscheidung wurde aus pragmatischen Grün‐ den getroffen, insbesondere für den autoritären Kontext Chinas, in dem For‐ schungserlaubnisse oft nicht erteilt werden, der Prozess der Beantragung dauert und Forschende mit Visa möglicherweise Einschränkungen im Forschungsprozess un‐ terworfen sind. Eine solche Entscheidung kann der erste Schritt der Vorbereitung des Feldforschungsprozesses sein. Um ihre InterviewpartnerInnen nicht zu gefähr‐ den sowie das eigene Wohlergehen und – im Fall der Forschung in China – zudem die Möglichkeit zu haben, unbeobachtet zu arbeiten, reisten beide Autorinnen for‐ mal als Touristinnen in ihr Zielland ein. Feldforschung in China birgt mehrere Herausforderungen des Samplings. Durch den autoritären Kontext, der in China durch Überwachung der BürgerInnen im Öf‐ fentlichen und Privaten verstärkt wird, besteht die Gefahr mangelnder Datenquali‐ tät. Dabei gilt: Je höher ein/e InterviewpartnerIn im politischen Apparat tätig ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass regimetreue Aussagen getroffen werden und die relevanten Kausalmechanismen und Prozesse nur sehr schwer anhand Eli‐ ten-Interviews zu rekonstruieren sind. Zudem steigt mit dem politischen Amt auch die Angst vor potenziellen Konsequenzen, bedingt durch die Nähe zur Parteispitze. Gleichzeitig fürchten zivilgesellschaftliche oder akademische Akteure ins Visier des Regimes zu geraten, was ebenfalls der Erlangung diskreter, über offizielle Nar‐ rative hinausgehende Daten hinderlich sein kann. Zudem ließ sich ein gewisses Maß an Kollektivismus feststellen (Hofstede et al. 2010). Angestellte und Zugehö‐ 2.2. Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 111 rige einer bestimmten Gruppe (beispielsweise parteinaher Thinktanks) schienen stärker abhängig von der Erlaubnis ihrer Vorgesetzten und oft nicht willens, an In‐ terviews teilzunehmen, wenn dies nicht explizit von ihren Vorgesetzten erlaubt oder angeordnet wurde. Dies ist mitnichten ein Spezifikum des chinesischen Kontexts, sondern generalisierbar für andere politisch sensible Forschungskontexte. Daher ist es notwendig, sich für den chinesischen Kontext verstärkt mit Fragen der Diskretion, Anonymität und politischen Sensibilität von Daten auseinanderzu‐ setzen – am besten schon im Vorfeld des Forschungsaufenthalts (Davies 2011; Tan‐ sey 2007; Beamer 2002; Berry 2002; Manion 1994; Grimme et al. 2020). Viele klassische methodische Zugänge, die angemessen und wissenschaftlich valide für westliche Kontexte erscheinen, passen schlichtweg nicht zu autoritären For‐ schungskontexten. Dies betrifft auch den Zugang zum Feld. Für eine möglichst sys‐ tematische Auswahl von GesprächspartnerInnen wurde eine Kombination aus be‐ wusster Auswahl der Stichprobe (purposive sampling), basierend auf bestimmten Charakteristika der Zielgruppe und der zu beantwortenden Forschungsfrage, und zufälliger Stichprobenziehung (random sampling) angewandt (Berry 2002; Diek‐ mann 2001). Das Ziel nicht zufälliger Stichprobenziehung ist es in der Regel, dieje‐ nigen Personen auszuwählen, die am nächsten am Forschungskontext dran sind. In China war dies nicht möglich. Die eigentliche Zielgruppe für Interviews wären po‐ litische EntscheidungsträgerInnen und PolitikerInnen gewesen, die sich jedoch sel‐ ten für ein Interview bereit erklären oder denen es nicht gestattet ist, eines zu ge‐ ben. Daher war ein Kompromiss notwendig – der Fokus auf PolitikberaterInnen. Eine weitere Handlungsstrategie, um diese Herausforderung zu meistern, war die Anwendung des sogenannten Schneeballsystems (snowball sampling) zur Auswahl der GesprächspartnerInnen. Obwohl diese Methode die Gefahr birgt, ein gewisses Maß an Einseitigkeit zu generieren und damit die gesammelten Informationen we‐ niger generalisierbar macht, kann sie in autoritären Kontexten wie China eine gute Möglichkeit sein, Zugang zur Zielgruppe zu bekommen. Insbesondere in For‐ schungsfeldern, die politisch sensibel sind, kann es zudem von Vorteil sein, wenn weitere InterviewpartnerInnen nicht von dem/der Forschenden kontaktiert werden, sondern von KollegInnen, die bereits als InterviewpartnerInnen fungiert haben. Dies erhöht die Vertrauenswürdigkeit und steigert die Antwortrate. Das traf sowohl auf informelle Policy-Netzwerke als auch auf PolitikberaterInnen und politische EntscheidungsträgerInnen zu. Generell lässt sich zudem festhalten, dass bereits in der Phase des Samplings in autoritären, politisch sensiblen Sicherheitskontexten die Wahrung der Sicherheit tatsächlicher und möglicher InterviewpartnerInnen im Vordergrund stehen und Teil der gewahrten Forschungsethik sein sollte. Dies gilt nicht nur für den chinesischen Kontext, sondern überall dort, wo InterviewpartnerInnen Überwachung, Abhörung oder Repression fürchten müssen. Im Fall der Forschung in China wurde aus die‐ sem Grund das Forschungsthema und Ziel des Interviews bei der ersten Kontakt‐ aufnahme nur grob umrissen sowie in den Vordergrund gestellt, dass es um eine Abbildung der chinesischen Narration des Themas gehe. Eine solche Betonung der Forum 112 kontextsensiblen Vorgehensweise erwies sich bei der Kontaktaufnahme oft als hilf‐ reich. Auch für Forschung im Flucht- und Migrationskontext ist eine zentrale Heraus‐ forderung der Vorbereitungsphase Kontakt zu ExpertInnen auf lokaler Ebene herzu‐ stellen. Diese sind sowohl primäre InterviewpartnerInnen, als auch sogenannte gatekeeper für MigrantInnengemeinschaften (Düvell et al. 2010)1. Die Strategie für die Auswahl der Stichprobe für die ExpertInneninterviews war eine Kombination aus der Identifizierung von SchlüsselakteurInnen in (Süd-)Italien zu Migration aus verschiedenen Bereichen (sozial, politisch, medizinisch, psychologisch, nichtstaat‐ lich, staatlich) sowie das bereits angesprochene snowball sampling (Beamer 2002). Reichen Sprachkenntnisse dabei nicht aus, um qualitative Interviews durchzufüh‐ ren, muss Flexibilität in Bezug auf die Interviewsprache gelten. Dies führte zu Ex‐ pertInneninterviews auf Englisch, Deutsch und Französisch, mit einigen italieni‐ schen Teilen. Auch wenn dies bei der Auswertung der erhobenen Daten einige zu‐ sätzliche Herausforderungen birgt, hat sich die Anzahl der Interviews dadurch deut‐ lich erhöht. Bei der Durchführung von Interviews im Bereich Flucht und Migration ist zudem eine gründliche kontextspezifische und traumasensible Vorbereitung erforderlich, um die Reliabilität der gesammelten Daten zu gewährleisten, die Interviewteilneh‐ menden und Forschenden vor negativen Konsequenzen zu schützen und die Rolle der/des Forschenden während der Feldarbeitsphase zu reflektieren (Krause 2017; Anderson 1999). Forschungsethik und Sensibilität spielen eine entscheidende Rolle bei der Vorbereitung von Interviewleitlinien und Interviews generell mit potenziell besonders gefährdeten Personen.2 Daher wurden alle InterviewpartnerInnen als Ex‐ pertInnen angesprochen. Vor der Feldforschung müssen Forschende, die Interviews zu einem sicherheitssensiblen Thema durchführen, das psychologische Risiko für die InterviewpartnerInnen, das sich aus dem Interview ergeben könnte, und die Möglichkeit einer erneuten Traumatisierung als Folge davon, bewerten (Pittaway et al. 2010; Krause 2017). Dazu eignet sich ein traumasensibler Ansatz wie die Resi‐ land-Methode (Wenke et al. 2015). Dies bedeutet zum einen, dass eine Interviewsi‐ tuation immer auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt basieren sollte (Lawrence et al. 2013). Zudem müssen die Grenzen der Befragten respektiert werden. Aus die‐ sem Grund werden (sicherheits-)sensible Fragen thematisiert, indem die Interview‐ partnerInnen als ExpertInnen adressiert und zudem einige Fragen in der dritten Per‐ son formuliert werden (Wenke et al. 2015; Krause 2017). Ein Beispiel hierfür ist: „Könnten Sie als ExpertIn für diese Route Situationen oder Orte während der Reise identifizieren, die für Menschen sehr unsicher sind?“ Um die Gefahr der (Re-)Trau‐ matisierung zu minimieren und dennoch an Informationen für das Forschungspro‐ 1 Für eine Einordnung, wer als ExpertIn angesehen werden kann und wie solches ExpertIn‐ nenwissen eingeordnet werden kann, siehe zum Beispiel Niederberger/Dreiack (2018). 2 Für eine Diskussion zur Verzahnung von ethischen und methodischen Herausforderungen bei der Durchführung von ExpertInneninterviews siehe auch den Beitrag zu ethischen He‐ rausforderungen bei der Durchführung von ExpertInneninterviews in Internationalen Orga‐ nisationen im vorliegenden zib-Forum. Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 113 jekt zu gelangen, wurden die Fragen zudem zuvor mit einem Psychologen bespro‐ chen, der an der Schnittstelle von Gewalt, Folter und Vertreibung mit Männern und Jungen arbeitet. Durchführung und Herausforderungen während der Feldforschung Kontextübergreifend lassen sich vier zentrale Bausteine identifizieren, die bei der Durchführung von Feldforschung in sicherheitssensiblen Szenarien relevant sind. Diese Bausteine beziehen sich sowohl auf den Forschungsgegenstand/-kontext als auch auf die Forschenden und umfassen die Themen Datensicherheit und die Si‐ cherstellung von Anonymität der GesprächspartnerInnen, den Aufbau von Vertrau‐ en und gegenseitigem Respekt, die Berücksichtigung kontextspezifischer sozialer Interaktionen sowie die Gewährleistung der Sicherheit der Forschungsperson. Datensicherheit ist ein zentraler, auf den Forschungsgegenstand bezogener Be‐ standteil bei der Durchführung von Forschung in sensiblen Sicherheitskontexten und die einzige Möglichkeit zu gewährleisten, dass GesprächspartnerInnen keine negativen Folgen (Drohungen, Gesichtsverlust usw.) erleiden (Bahn 2012; Pitta‐ way/Bartolomei 2005). Im chinesischen Kontext war es für die Interviewführung zentral, auf eine Aufzeichnung des Interviews zu verzichten und lediglich Notizen zu machen. Im Anschluss an jedes Interview wurde dann ein ausführliches Ge‐ dächtnisprotokoll angefertigt. Jedes Interview wurde mit einer Nummer gekenn‐ zeichnet und in einem separaten Dokument digital notiert, welche Gesprächspartne‐ rInnen welcher Nummer zugeordnet sind. Im Falle des Verlusts des Notizbuches oder der Aufforderung durch lokale Sicherheitsbeamte, die Notizen abzugeben oder offenzulegen, wäre demnach nicht ersichtlich, welche Person welche Aussagen ge‐ troffen hat. Im Kontext des südlichen Mittelmeerraumes wurde die Datensicherheit neben der Anonymisierung der Daten dadurch gewährleistet, dass Interviewpartne‐ rInnen eine schriftliche Zustimmung abgaben und die Möglichkeit bekamen, mit einem Alias zu unterschreiben. Außerdem wurde sichergestellt, dass den Teilneh‐ menden bewusst war, dass 1) ihre Teilnahme in keiner Weise ihr Asylverfahren be‐ einflussen würde und dass sie 2) die Zustimmung jederzeit widerrufen können. Ein weiterer wichtiger Aspekt der auf den Forschungsgegenstand/-kontext bezo‐ genen Dimension ist der Aufbau von Vertrauen. Für Zielgruppen, die mit viel Druck von außen und teilweise Kriminalisierung konfrontiert sind, ist die Vertrau‐ enswürdigkeit der interviewenden Person ein wichtiger Faktor in ihrem Entschei‐ dungsprozess, ob die InterviewpartnerIn dem Interview zustimmt oder nicht (Dens‐ combe 2010). Zudem können vor allem in der ersten Kontaktphase Schwierigkeiten aufgrund von Sprachbarrieren, aber auch durch fehlendes Vertrauen und unter‐ schiedliche kulturelle Normen der Interaktion entstehen (Berger 2015). Die Über‐ brückung der Distanz zwischen interviewender und interviewter Person gefährdet daher nicht zwangsläufig die Forschungsstandards, sondern ist je nach Kontext so‐ gar für die Durchführung der Forschung notwendig (Miller 2004; Mackenzie et al. 2007). In autoritären Forschungskontexten wie China, ist es essenziell das Vertrau‐ 2.3. Forum 114 en der GesprächspartnerInnen zu gewinnen, sie mehrfach zu interviewen, bestehen‐ de Kontakte zu pflegen. Daher wurde versucht, die meisten GesprächspartnerInnen mehrmals zu treffen, zunächst zu einem informellen Vorgespräch, dann ein weiteres Mal für das eigentliche Interview und schlussendlich zu einem Abschlussgespräch, bei dem noch einmal interessante Punkte des Interviews thematisiert werden konn‐ ten. Auch bei der Durchführung der Feldforschung in Italien war Vertrauen ein zen‐ trales Thema. In diesem Kontext ist es oft schwierig, Zugang zu lokalen ExpertIn‐ nen als InterviewpartnerInnen und gatekeeper der Gemeinschaften zu bekommen, wenn die Forschungsperson nicht aus der praxisbezogenen Arbeit oder aus dem Ausland kommt, oder in AktivistInnenkreisen in (Süd-)Italien nicht bekannt ist. Vor allem potenzielle GesprächspartnerInnen, die für Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) arbeiten oder sich freiwillig für SAR-Operationen (Search and Rescue) im Mittelmeer engagieren, sind oft misstrauisch gegenüber Außenstehenden. Dies wurde auch in den ExpertInnen-Interviews deutlich, die die Verfolgung von NGO- SAR-Operationen und Besatzungsmitgliedern durch den italienischen und deut‐ schen Staat thematisierten (Interview 2B, Catania, März 2019). Auch hier kann die Schneeballmethode (snowball sampling) dazu beitragen, einen ersten Zugang zu er‐ halten und anschließend eigene soziale Beziehungen aufzubauen (Crowhurst 2013). Je stärker die Interviewten an SAR-Operationen beteiligt waren, desto mehr musste Professionalität und Wissen zum Thema Zwangsmigration im Mittelmeerraum und traumasensible Forschung unter Beweis gestellt werden. Auch wenn dies manch‐ mal herausfordernd war, gab es bereits einen guten Einblick, welche Aspekte, The‐ men und (Macht-)Beziehungen in diesem Zusammenhang häufig problematisiert werden. Bei der Durchführung von Interviews mit Geflüchteten und MigrantInnen als Angehörige einer besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppe ist es zu‐ dem wichtig, nicht nur Vertrauen aufzubauen, sondern auch gegenseitigen Respekt. Dazu gehört auch, die Handlungsmacht und Expertise der InterviewpartnerInnen zu respektieren und ihnen und ihrem sozialen Umfeld nicht nur keinen Schaden zuzu‐ fügen, sondern auch einen gewissen Nutzen zu gewährleisten. Vor allem wenn die Interviews sehr (sicherheits-)sensible Themen behandeln, sind viele Gesprächspart‐ nerInnen sowohl um ihre eigene Sicherheit als auch um ihr persönliches Netzwerk besorgt. In solchen Fällen ist es an der Forschungsperson, ihre Kompetenz und Ver‐ trauenswürdigkeit unter Beweis zu stellen (Alvesson/Sköldberg 2009; Berger 2015). Daher war eine dritte Herausforderung während der Durchführung der Feld‐ forschung im Mittelmeerraum die Kenntnis von Machthierarchien bezüglich Klas‐ se, race, Kultur und Geschlecht (Harding 1987; Anderson/Hatton 2000). Unter Be‐ achtung der Menschenrechte sowie Handlungsmacht und Ansprüche der interview‐ ten Personen, können Forschende im Bereich der Zwangsmigration den Fokus von der Beschäftigung mit Interviewten als Forschungsobjekte auf InterviewpartnerIn‐ nen als Subjekte mit eigener Expertise verlagern (Bell 2008; Krause 2017). Gerade in Bezug auf Einverständniserklärungen während des Interviewprozesses ist es es‐ senziell, die Handlungsmacht der anderen Person zu respektieren (Mackenzie et al. 2007). Dazu war es entscheidend, dass sie autonom entscheiden durften, wie sie Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 115 ihre Geschichte erzählen. Dies kann auch beinhalten, dass die Forschungsperson den InterviewpartnerInnen das Forschungsprojekt sowie ihren beruflichen (und teil‐ weise auch persönlichen) Hintergrund erklärt, um Vertrauen aufzubauen, bevor man sich mit Fragen zu Gewalt und Unsicherheit beschäftigt. In sensiblen Sicherheitskontexten, die zudem in kulturell anders geprägten Set‐ tings verortet sind, können auch kontextspezifische soziale Interaktionen eine He‐ rausforderung für den Forschungsprozess sein. Dies wird besonders deutlich am Beispiel Chinas. Während der Feldforschungsphase in China zeigten sich mehrere Herausforderungen, die sich teils durch den autoritären Forschungskontext ergaben, teils aber auch durch kulturelle Differenzen. Ein Beispiel dafür war das chinesische Phänomen des mianzi, das bei Interviews mit chinesischen ExpertInnen deutlich wurde. Mianzi heißt sinnbildlich übersetzt so viel wie Gesichtswahrung oder „die Anerkennung der eigenen sozialen Stellung und Position durch andere“ (Lockett 1988). Bei der Durchführung der Interviews wurde dies vor allem dann deutlich, wenn die Befragten ganz offensichtlich auf eine Weise reagierten, die in erster Li‐ nie ihr Gesicht wahrte und dementsprechend regimekonform ausfiel, anstatt ehrlich zu sein (Zhou/Nunes 2013; Buckley et al. 2006; Cui 2015). Gleichermaßen äußerte sich mianzi darin, dass ExpertInnen nicht zugaben, erfragte Informationen nicht zu haben, um den Anschein als ExpertIn zu wahren. Darüber hinaus trat ein Phänomen auf, das auch schon Lihong Zhou und Miguel Baptista Nunes beobachteten und das in denen im Zuge der Feldforschung durchgeführten Interviews sehr deutlich auf‐ trat. Nämlich, dass die Befragten nicht nur geneigt waren, ihr eigenes Gesicht zu wahren, sondern auch zu versuchen, die mianzi ihrer KollegInnen und Abteilungen aufrecht zu erhalten (Zhou/Nunes 2013: 428). Eine interessante Beobachtung war, dass einige GesprächspartnerInnen versuchten, diese Situation zu umgehen, indem sie ganz klar zwischen der offiziellen, parteitreuen Linie und ihrer persönlichen Meinung unterschieden, wie im folgenden Beispiel: „Ich kann zwei Erklärungen anbieten. Die offizielle Position der Regierung gegenüber dem Terrorismus im Na‐ hen Osten ist neutral (...). Ich als Forschende habe andere Ansichten“ (Interview #17, 11-03.19, sinnbildlich übersetzt). Je höher die Position einer/eines Befragten war und je größer seine Nähe zur Kommunistischen Partei Chinas war, desto deutli‐ cher wurde das Phänomen des mianzi. Häufig reagierten die Befragten zudem in einer Weise, die ihre Loyalität und ihren Gehorsam gegenüber dem chinesischen Regime unterstrich. In ähnlicher Weise wie mianzi, wurden im chinesischen Kontext auch kulturelle Unterschiede deutlich, die den Erhebungsprozess beeinflussten. Hier ist das Stich‐ wort guanxi zu nennen, das sich am besten mit persönliche Verbindungen überset‐ zen lässt. Guanxi bezieht sich auf eine besondere Art der Beziehung, die charakteri‐ siert ist durch unausgesprochene Regeln von Verpflichtungen und Austausch. Schaffen es Forschende guanxi zu aktivieren und persönliche Beziehungen zu ihren InterviewpartnerInnen aufzubauen, kann dies den Forschungsprozess erleichtern. Oft ist es daher hilfreich, mehrere Feldforschungsaufenthalte in China durchzufüh‐ ren, um Netzwerke zu etablieren und zu stärken. Gleichzeitig spielt guanxi eine Forum 116 Rolle bei der Kontaktaufnahme zu weiteren InterviewpartnerInnen, die am erfolg‐ versprechendsten ist, wenn sie durch die InterviewpartnerInnen selbst erfolgt. Ein letzter Aspekt ist die Gewährleistung der eigenen Sicherheit der Forschungs‐ person. Dies lässt sich besonders deutlich im Fall der Forschung im südlichen Mit‐ telmeerraum erkennen. Obwohl die Durchführung von praktischer Arbeit, wie bei‐ spielsweise die Teilnahme als Forschende an einer NGO-SAR-Operation vor der li‐ byschen Küste, sehr hilfreich für die Vertrauenswürdigkeit in einem sicherheitssen‐ siblen Kontext ist, können dadurch zusätzliche Herausforderungen entstehen. Diese lassen sich besonders in Bezug auf die Gewährleistung persönlicher Sicherheit identifizieren. Die Planung einer solchen Forschungsreise und die Eingrenzung der auftretenden Gefahren kann jedoch durch gute Vorbereitung verringert werden (Sluka 2012). Forschende, die Feldforschung in gefährlicher Umgebung durchfüh‐ ren, müssen in der Lage sein, in schwierigen oder gar gefährlichen Situationen schnell und angemessen zu reagieren (Tomei 2014; Sluka 2015). Darüber hinaus kann die Verbindung zu einer Gruppe oder einem/einer AkteurIn – im Fall der Feldforschung im südlichen Mittelmeerraum zu NGO-SAR-AktivistInnen – eine direkte Gefahr für die persönliche Sicherheit darstellen, da es für die potenzielle Gegenseite möglicherweise nicht offensichtlich ist, dass man sich zu Forschungs‐ zwecken und nicht in erster Linie als Mitglied der jeweiligen Gruppe in einer be‐ stimmten Situation befindet (Sluka 2012). Gerade direkte Gefahrensituationen, wie die Nähe von zwölf Seemeilen zur libyschen Küste und die Begegnung und Inter‐ aktion mit Militärschiffen der sogenannten libyschen Küstenwache (LCG) oder li‐ byschen Milizen, stellen hierbei für Forschende oft eine Grenzerfahrung dar. Die Strategie, während der teilnehmenden Beobachtung3 so viele Informationen wie möglich zu sammeln und gleichzeitig in dieser Situation so sicher wie möglich zu sein, bestand darin, 1) sich in die Besatzung des NGO-Schiffes einzufügen, 2) den Anweisungen des Kapitäns des NGO-Schiffes jederzeit zu folgen und 3) zu respek‐ tieren, dass Frauen von den libyschen AkteurInnen nicht willkommen waren mit diesen zu interagieren. So konnten unsichere Situationen, wie z.B. die Durchsu‐ chung des Schiffes durch das LCG, unbemerkt beobachtet werden. Im Gegensatz zu Slukas (2012) Ansatz war es entscheidend, dass die Forschungsperson gleichzei‐ tig auch als Besatzungsmitglied an der Mission beteiligt war und sich so integrieren konnte, insbesondere da die Anwesenheit von Forschenden oder Mitgliedern der Presse von libyschen AkteurInnen in der Vergangenheit immer wieder als zusätzli‐ che Provokation wahrgenommen wurde. 3 Für eine Aushandlung, warum teilnehmende Beobachtungen, wie auch andere ethnographi‐ sche Methoden, durchaus Vorteile für die Datenerhebung in der Politikwissenschaft bieten, siehe beispielsweise Schlichte (2018). Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 117 Evaluation In der Phase der Evaluation sind insbesondere Datensicherheit, debriefing und die Vermeidung sekundärer Traumatisierung von zentraler Bedeutung. Datensicherheit war vor allem nach der Feldforschung in China eine zentrale He‐ rausforderung. Daher stand in diesem Projekt in der Phase der Evaluation die Ge‐ währleistung der Datensicherheit und der Schutz der InformantInnen durch konse‐ quente Anonymisierung des Datenmaterials im Fokus. Um die Sicherheit der For‐ schungsteilnehmenden zu gewährleisten, wurden alle Informationen aus den Ab‐ schriften entfernt, die ihre Identität preisgeben könnten. Dies bezieht sich auf handschriftliche, aber auch digitale Transkripte. Für eine/einen Forschende/n ist es zudem entscheidend, nach der Durchführung eines Interviews und am Ende der Feldarbeitsphase mit KollegInnen oder Vorge‐ setzten zu debriefen (Anderson/Hatton 2000; Cowles 1988) sowie sich bereits in der Vorbereitungsphase mit der Möglichkeit zu beschäftigen, von dem gesammel‐ ten Datenmaterial beeinflusst zu werden (Bell et al. 2003). Das sogenannte debrie‐ fing kann auf verschiedene Weise erfolgen. Bei beiden Projekten zogen die Auto‐ rinnen dieses Artikels bestehende Forschung und Empfehlungen zur ethischen Überlegung bei der Feldarbeit in einem konflikt- oder hochsicherheitsrelevanten Umfeld (Wibben 2016) und der Feldarbeit im weiteren Sinne heran. Durch die Aus‐ einandersetzung mit der Literatur und unter Berücksichtigung der Erfahrungen an‐ derer Forschenden konnten sie ein persönliches Supervisions- und debriefing-Netz‐ werk aufbauen. Es ist von größter Bedeutung, jemanden zu haben, der/die hilft so‐ wohl im Betreuungsverhältnis als auch auf Peer-Ebene über Erfahrungen und trau‐ matische Informationen zu reflektieren, um sekundäre Traumata zu verhindern (Bober/Regehr 2006). Vor allem im Kontext der Forschung zu Gewalterfahrungen männlicher Geflüchteter war dies sehr wichtig. Darüber hinaus trug der häufige Kontakt zu Forschenden auf gleicher Ebene, die sich zum gleichen Zeitpunkt auf Feldforschung befanden, dazu bei, die eigenen Erfahrungen zu relativieren. Was je‐ doch fehlt, ist eine institutionalisierte Form des (professionellen) debriefings und der Supervision durch die Universitäten während der Feldforschung im Allgemei‐ nen und zu sensiblen Themen wie Gewalt, Folter und Vergewaltigung im Besonde‐ ren. Die Frage der sekundären Traumatisierung von Forschenden und PraktikerInnen wird häufig in der eher medizinischen oder psychologischen Forschung diskutiert (Coles et al. 2014; Stoler 2002), ist jedoch auch essenziell für Forschende der Poli‐ tikwissenschaft, die sich beispielsweise mit Gewalterfahrungen von Personen im Fluchtkontext beschäftigen. Sie sind daher prädestiniert von den zu einem be‐ stimmten Zeitpunkt des Forschungsprozesses gesammelten Informationen geprägt zu sein und unter diesem Wissen zu leiden (Coles/Mudaly 2010). Gerade während der Feldforschung vor der libyschen Küste waren Einsamkeitsgefühle und Überfor‐ derungen durch die Forschungssituation und das Thema präsent, was in der femi‐ nistischen (IB-)Forschung kein seltenes Phänomen ist (Sylvester 2011). Notizen aus der teilnehmenden Beobachtung auf dem SAR-Schiff nach einer Begegnung 2.4. Forum 118 mit der sogenannten libyschen Küstenwache, beschäftigen sich immer wieder mit diesen Themen. Fazit und lessons learnt Dieser Artikel hat die spezifischen Herausforderungen von Feldforschung in sensi‐ blen Sicherheitskontexten thematisiert. Sicherheitssensibilität wird von den Auto‐ rinnen als zweidimensional verstanden und kann sich sowohl auf die Sicherheit der Forschenden als solche oder auf den Forschungskontext beziehen. Die Dimension, die sich auf den/die Forschende/n bezieht, berührt Themen wie ethische Verantwor‐ tung, persönliche Sicherheit und mentales Wohlergehen. Die Dimension, die sich auf den Forschungskontext bezieht, beinhaltet Fragen des Zugangs zum Feld und zur relevanten Zielgruppe sowie der Datensicherheit. Die Autorinnen zeigten, dass es eine wichtige Rolle spielt, sich bewusst zu ma‐ chen, welche Dimensionen der Sicherheitssensibilität im eigenen Forschungsfeld und –prozess auftreten können und diskutierten Herausforderungen und Handlungs‐ strategien basierend auf eigenen Feldforschungserfahrungen im autoritären China sowie im südlichen Mittelmeerraum. Abschließend werden nun spezifische Handlungsempfehlungen formuliert, die Feldforschung in sicherheitssensiblen Kontexten erleichtern können. Sie basieren auf den lessons learnt der beschriebenen Forschungsfälle und werden in die beiden Kontexte der Sicherheitssensibilität unterteilt: die Forschenden-Dimension und den Forschungskontext. Zunächst ist eine gute und gründliche Vorbereitung zentral, um die gewünschten Daten zu erheben, ohne dabei persönliche Grenzen zu missachten. Trotzdem kann es notwendig sein, zu improvisieren, nichts läuft jemals genau, wie geplant. Die Autorinnen dieses Artikels empfehlen daher, einige Vertrauenspersonen festzule‐ gen, denen sowohl sozial als auch inhaltlich vertraut wird. Diese Vertrauensperson kann dann während der Forschungsphase regelmäßig kontaktiert, über Gesprächs‐ partnerInnen und Interviewort informiert werden und bei Forschungsreisen über den aktuellen Aufenthaltsort in Kenntnis gesetzt werden. Das ist wichtig für das mentale Wohlergehen, erfüllt aber auch einen Sicherheitszweck. Zudem ist es es‐ senziell sich schon im Vorfeld die eigenen Grenzen bewusst zu machen, bereit zu sein diese zu verschieben oder aber sie anzuerkennen und, wenn notwendig, die ei‐ genen Interviewziele und Zielgruppen entsprechend anzupassen. Wenn Forschung mit verletzlichen Populationen oder zu sensiblen Themen durchführt wird, sollte darauf geachtet werden, dass traumasensitiv gearbeitet wird und auch hier Grenzen anerkannt werden – die der InterviewpartnerInnen und die eigenen. Es ist zudem notwendig, sicherzustellen, dass die GesprächspartnerInnen keine negativen Konse‐ quenzen befürchten müssen – so sollte ihnen Anonymität zugesichert werden, so‐ fern notwendig das Forschungsprojekt so erklärt werden, dass sie ihre Rolle verste‐ hen, sowie die Möglichkeit, ihre Teilnahme zurückzuziehen, auch wenn das Inter‐ view bereits geführt worden ist, geboten sein. Datensicherheit ist von größter Wich‐ 3. Julia Gurol/Cita Wetterich: Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten 2/2020 119 tigkeit, insbesondere in sensiblen Sicherheitskontexten. Vertraulichkeit und Diskretion kann ein Schlüssel zum Erfolg sein. Auch strukturelle Empfehlungen sind anzuführen: Universitäten als Forschungs‐ institutionen sollten ihrer Verantwortung gegenüber Forschenden und ihrem Wohl‐ ergehen nachkommen und Möglichkeiten der Supervision sowie weitere unterstüt‐ zende Formate anbieten.4 Weitere zu reflektierende institutionelle Rahmenbedin‐ gungen sind die oft prekären Arbeitsverhältnisse von DoktorandInnen und Post- DoktorandInnen, wie auch mangelnde finanzielle Unterstützung, die weitere Herausforderungen für die Durchführung von Feldforschung darstellt. Dies kann eine strukturelle Hürde für gute und nachhaltige Feldforschung sein. Universitäten können hier Abhilfe schaffen, etwa durch Arbeitssicherheit, spezielle Qualifikati‐ onsprogramme, Sicherheitstrainings, Schulungen zum Thema Traumasensibilität sowie Supervisionsmaßnahmen. Literatur Alvesson, Mats/Sköldberg, Kaj 2009: Reflexive methodology. new vistas for qualitative re‐ search, 2. Auflage, Los Angeles / London. 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Die beste‐ henden Strukturen werden jedoch auch immer wieder kritisiert und können höchstens als Anfangspunkt für eine Debatte, jedoch nicht als Vorbild für die Etablierung solcher Struk‐ turen im deutschen universitären Umfeld dienen. Forum 120 Cowles, Kathleen V. 1988: Issues in Qualitative Research on Sensitive Topics, in: Western Journal of Nursing Research 10: 2, 163-179. Crowhurst, Isabel 2013: The Fallacy of the Instrumental Gate? Contextualising the Process of Gaining Access through Gatekeepers, in: International Journal of Social Research Me‐ thodology 16: 6, 463-475. Cui, Ke 2015: The Insider-Outsider Role of a Chinese Researcher Doing Fieldwork in China. The Implications of Cultural Context, in: Qualitative Social Work: Research and Prac‐ tice 14: 3, 356-369. Davies, Karen Sue 2011: Formulating the Evidence Based Practice Question. A Review of the Frameworks, in: Evidence Based Library and Information Practice 6: 2, 75-80. 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Abstract

Researchers working in a security-sensitive setting face many challenges during field research. Questions of ethics, power and representation, but also different aspects of safety and possible limitations must be carefully considered if researchers are conducting fieldwork in different security-sensitive environments. This article deals with the central challenges of security-sensitive research contexts and develops possible coping strategies on the basis of two examples - China and the Southern Mediterranean Area. After an initial critical discussion, the authors discuss in which phases of the research process and in what forms security-sensitivity manifests itself. Subsequently, the authors elaborate three phases of field research: preparation, implementation and evaluation and discuss the negotiation of security- sensitivity, as well as questions of (in)security. Finally, they engage with the implications of field research in security-sensitive contexts for the research process and give general recommendations for the implementation of field research in the Social Sciences.

Zusammenfassung

Forschende, die in sensiblen Sicherheitskontexten arbeiten, sehen sich während ihrer Feldforschung mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Ethische Fragen, Themen wie Macht und Repräsentation, aber auch die (Un-)Sicherheit der Forschenden, möglicher InterviewpartnerInnen und der erhobenen Daten sind zu beachten. Dieser Artikel thematisiert die zentralen Herausforderungen sicherheitssensibler Forschungskontexte und erarbeitet anhand zweier Beispiele - China und des südlichen Mittelmeerraums - mögliche Bewältigungsstrategien. Erst diskutieren die Autorinnen kritisch, in welchen Phasen des Forschungsprozesses sowie in welcher Form sich Sicherheitssensibilität manifestiert. Anschließend werden drei Phasen der Feldforschung herausgearbeitet - Vorbereitung, Realisierung und Evaluation - und der Umgang mit Sicherheitssensibilität sowie Fragen von (Un-)Sicherheit erörtert. Abschließend diskutieren die Autorinnen die Implikationen von Feldforschung in sensiblen Sicherheitskontexten für den Forschungsprozess und leiten generelle Handlungsempfehlungen für die Durchführung von Feldforschung in den Sozialwissenschaften daraus ab.

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Zhou, Lihong/Nunes, Miguel Baptista 2013: Doing Qualitative Research in Chinese Contexts Lessons Learned from Conducting Interviews in a Chinese Healthcare Environment, in: Library Hi Tech 31: 3, 419-434.

Abstract

Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) is the flagship journal of the German International Relations community. According to a poll amongst German political scientists across various sub-fields conducted in 2009 it is also considered the best German-language journal in Political Science at large. ZIB publishes articles that make original as well as theoretically and methodically reflected contributions to the study of international relations. The thematic spectrum includes the entire range of IR, including IR theory, foreign policy analysis, international institutions, peace and conflict resolution, security policy, European integration, North-South relations, development policy, and international economic relations.

The high quality of articles that are published in ZIB is ensured through  double blind peer review. ZIB was the first journal in German Political Science to introduce such a process.

Since its founding in 1994 ZIB has greatly contributed to the professionalization of the German IR-community and can be considered a key source for thematic stimuli on theoretical, methodological and empirical levels at the edge of contemporary IR research.

Website: www.zib.nomos.de

Zusammenfassung

Die "Zeitschrift für Internationale Beziehungen" (ZIB) ist das zentrale Publikationsorgan der Sektion Internationale Politik der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW). Ihre Aufgabe ist es, aus unaufgefordert eingesandten Beiträgen in einem doppelt anonymisierten Begutachtungsverfahren die besten auszuwählen, um auf diese Weise die qualitativ avancierte, theoretisch und methodisch reflektierte IB-Forschung in Deutschland zu repräsentieren.

Seit ihrer Gründung 1994 hat die ZIB wesentlich zur Profilbildung der deutschen IB-Community beigetragen und wichtige inhaltliche Impulse gegeben. Lange fehlte es den Internationalen Beziehungen in Deutschland an einem Kommunikationsforum, das den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine mehr als nur punktuelle Zusammenführung der fachlichen Diskussion bieten konnte.

Durch ihr Format schließt die ZIB diese Lücke und schafft Raum für umfassende wissenschaftliche Kontroversen und vielfältigen Austausch. Idealtypisch umfasst jedes Heft drei Aufsätze, die einen originären, theoretisch und methodisch reflektierten Beitrag zur Disziplin Internationale Beziehungen leisten, sowie entweder die Rubrik Forum oder die Rubrik Symposium.

Homepage: www.zib.nomos.de