Sebastian Jäckle, Marcel M. Baumann, Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern – die These von der Brutalisierung des Terrorismus auf dem Prüfstand in:

ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen, page 7 - 42

ZIB, Volume 22 (2015), Issue 1, ISSN: 0946-7165, ISSN online: 0946-7165, https://doi.org/10.5771/0946-7165-2015-1-7

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Sebastian Jäckle/Marcel M. Baumann Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern – die These von der Brutalisierung des Terrorismus auf dem Prüfstand Der Beitrag untersucht die in der Terrorismusforschung diskutierte These, dass es seit Anfang der 1990er Jahre und insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu einer deutlichen Brutalisierung des Terrorismus gekommen sei. Aufbauend auf einem Literaturüberblick, der diese These umfassend beleuchtet und in den übergeordneten Rahmen der Debatte über den sogenannten »neuen Terrorismus« einordnet, wird sie auf Basis der Global Terrorism Database (GTD) empirisch-analytisch getestet. Hierzu werden acht verschiedene Operationalisierungsoptionen herausgearbeitet (u. a. die Anzahl an Selbstmordanschlägen oder an Todesopfern bei Anschlägen gegen zivile Ziele), um die Entwicklung terroristischer Aktivitäten zwischen 1970 und 2011 sowohl global als auch getrennt nach einzelnen Weltregionen zu analysieren. Die acht Indikatoren zeigen keine generelle, weltweit stattfindende Brutalisierung des Terrorismus. Gleichwohl lassen sich in einzelnen Regionen, vor allem nach dem 11. September 2001, deutliche Brutalitätssteigerungen beobachten. Ob dies allerdings tatsächlich als Ausdruck eines qualitativ neuartigen, brutaler agierenden Terrorismus verstanden werden sollte, darf bezweifelt werden. Zumindest zeigt die Analyse, dass sich das Brutalitätsniveau des »neuen Terrorismus« durchaus in einem Rahmen bewegt, der von früheren Hochphasen des Terrorismus bereits bekannt ist. Neuer Terrorismus und Brutalisierung Ist Terrorismus heute brutaler als früher? Dies ist die Kurzform der Frage, der dieser Beitrag nachgeht. Er setzt damit an einem wichtigen Teilaspekt innerhalb der breit geführten Debatte über den sogenannten »neuen Terrorismus« an. Die Begrifflichkeit des »neuen Terrorismus« geht auf die These zurück, dass sich in den letzten 15 bis 20 Jahren eine neue Qualität bei terroristischen Anschlägen gezeigt habe. Vertreter1 dieser These machen die Neuartigkeit zumeist an folgenden Punkten fest (Kurtulus 2011: 478):2 Erstens sei der »neue Terrorismus« zumeist religiös oder mystisch motiviert. Dies unterscheide ihn vom traditionellen Terrorismus, der seine Motive zumeist im politischen Kampf sah. Das zweite Novum wird in der fehlenden hierarchischen Organisationsstruktur innerhalb der neuen Terrororgani- 1. 1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir das generische Maskulin. Frauen sind hierbei, so nicht anders vermerkt, stets mitgemeint. 2 Ein ähnlicher Kriterienkatalog für den neuen transnationalen Terrorismus findet sich bei Schneckener (2011: 358-362). Zeitschrift für Internationale Beziehungen 22. Jg. (2015) Heft 1, S. 7 – 42 7 sationen gesehen. Diese agierten nun vielmehr in Form horizontaler Netzwerkstrukturen. Drittens wären für den neuen Terrorismus auch biologische, chemische oder sogar atomare Massenvernichtungswaffen kein rotes Tuch mehr. Terroristen hätten nun nicht nur die Möglichkeiten, solche Waffen in ihren Besitz zu bringen, sondern sie würden auch vor deren Anwendung nicht mehr zurückschrecken. Dieser Punkt lässt sich aus einem weiteren Charakteristikum heraus erklären, das üblicherweise als vierter Punkt herangezogen wird, um die Neuartigkeit des »neuen Terrorismus« zu begründen: seine im Vergleich zum traditionellen Terrorismus deutlich brutalere Vorgehensweise. Dieser Artikel fokussiert auf diese Komponente des »neuen Terrorismus« und beabsichtigt, auf Basis empirischen Datenmaterials zu ergründen, inwieweit von einer deutlichen Brutalisierung des Terrorismus, wie sie die Vertreter des »neuen Terrorismus« behaupten, gesprochen werden kann. Die Frage, ob von einem »neuen Terrorismus« gesprochen werden kann, ist umstritten. Dieser Beitrag stellt sich auf keine der beiden Seiten, sondern verfolgt das Ziel, eine spezifische Komponente der These des neuen Terrorismus – nämlich die Brutalisierungsthese – auf empirische Weise zu hinterfragen. Ein Großteil der Literatur, die die These vom neuen Terrorismus vertritt, aber auch die Kritik an ihr, ist aus einer tendenziell politiktheoretischen oder normativen Perspektive verfasst. In diesem Kontext werden empirische Daten oftmals lediglich als anekdotische Evidenzen zur Untermauerung eigener Thesen verwendet. Der vorliegende Beitrag versucht stattdessen, aus einer empirisch-analytischen Perspektive heraus zu klären, wie tragfähig die Brutalisierungsthese bleibt, sofern sie über verschiedene Indikatoren operationalisiert und einem systematischen Test anhand der Empirie unterzogen wird. Die zentrale Fragestellung unseres Beitrags lautet entsprechend: Lässt sich auf Basis empirischen Datenmaterials die These einer deutlichen Brutalisierung des Terrorismus aufrechterhalten, wie sie seit etwa zwei Jahrzehnten in der Forschung debattiert wird? Ergänzt wird diese zentrale Fragestellung durch eine zeitliche Komponente: Falls sich tatsächlich eine Brutalisierung nachweisen lässt, beginnt diese mit dem 11. September 2001 oder lässt sie sich schon vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon ausmachen? Für die Überprüfung dieser Frage greifen wir auf die Global Terrorism Database (GTD) zurück, die es uns ermöglicht, für den Zeitraum zwischen 1970 und 2011 einen umfassenden Blick auf sämtliche terroristische Aktivitäten weltweit zu werfen. Insgesamt listet dieser Datensatz für die betrachteten 42 Jahre mehr als 100.000 Fälle terroristischer Anschläge auf. Der vorliegende Beitrag geht folgendermaßen vor: Zunächst wird im zweiten Abschnitt ein Überblick über die Debatte zum Thema Brutalisierung des Terrorismus gegeben und herausgearbeitet, wie dieses Konzept in der These des neuen Terrorismus verwurzelt ist. Der dritte Abschnitt widmet sich der Operationalisierung. Sowohl Brutalität wie auch deren Steigerung sind keine einfach zu messenden Konzepte, weshalb wir auf insgesamt acht unterschiedliche Indikatoren zurückgreifen, Aufsätze 8 die sowohl quantitative als auch qualitative Charakteristika beinhalten, um auf diese Weise ein möglichst differenziertes Bild zeichnen zu können, was unter einer Brutalisierung des Terrorismus verstanden werden kann. Besonderer Raum wird dabei der Differenzierung zwischen weichen und harten Zielen zugemessen. Diese spielt die zentrale Rolle für die Überprüfung der These von den neo-Hobbesschen Kriegen (s. u.). Der vierte Abschnitt begründet die Wahl des GTD-Datensatzes. Es wird erläutert, welche Vorteile, aber auch Begrenzungen diese Datenquelle gegen- über anderen Datenbanken aufweist, die sich mit Terrorismus befassen. Insbesondere aufgrund seiner Aktualität, seines breiten Fokus auf inländische und internationale terroristische Anschläge sowie aufgrund seiner vergleichsweise umfassenden Datenlage ist dieser Datensatz für unsere konkrete Fragestellung am besten geeignet. Im fünften Abschnitt wird der eigentliche Test durchgeführt, der überprüft, ob und inwieweit von einer Brutalisierung des Terrorismus gesprochen werden kann. Im Fazit werden die Ergebnisse reflektiert sowie mögliche Konsequenzen für die zukünftige Terrorismusforschung aufgezeigt. Forschungsstand und Theoriereflexion Vor allem im letzten Jahrzehnt konnte ein extrem schnelles Wachstum der Terrorismusforschung beobachtet werden. Kocks et al. (2011: 9) zitieren Schätzungen, nach denen weltweit alle sechs Stunden ein Buch über Terrorismus veröffentlicht wird. Der Anspruch der vorliegenden Studie ist gegenüber dieser Breite des Forschungsfeldes moderat und reduziert den analytischen Fokus auf einen Teilaspekt der These vom neuen Terrorismus: die Brutalisierungsthese. Ein für alle Terrorismusanalysen gleichermaßen heikler Punkt ist die Formulierung einer geeigneten Definition von Terrorismus.3 Der vorliegende Artikel greift hierfür auf die Terrorismusdefinition der GTD zurück, welche sich gut in die oftmals zitierte begriffliche Verständigungsgrundlage von Peter Waldmann integrieren lässt: »Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen« (Waldmann 1998: 10; vgl. 2007: 47).4 Die Brutalisierungsthese des neuen Terrorismus Um die Brutalisierungsthese empirisch zu überprüfen, ist es notwendig, sich mit den theoretischen Grundlagen und den Argumenten, auf denen die These aufbaut, 2. 2.1. 3 Zum Definitionsproblem von Terrorismus siehe Schmid (2011) und Easson/Schmid (2011). 4 Die genauen Definitionen der GTD von Terrorismus und Terroranschlägen finden sich in Kapitel 4 dieses Aufsatzes. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 9 auseinanderzusetzen. In der Terrorismusforschung herrscht hierbei kein Konsens: weder in der Frage, ob tatsächlich von einem neuen Terrorismus gesprochen werden kann, noch hinsichtlich der damit verbundenen Brutalisierungsthese. Im Anschluss an die Argumente der Befürworter wird daher auf die Kritik an dem Konzept eingegangen, um auf diese Weise den theoretischen Nährboden für die empirische Analyse zu bereiten. Herfried Münkler diagnostiziert mit dem Begriff »neuer Terrorismus« einen fundamentalen Strategiewechsel, mit dem die vorher dominierende innerstaatliche Bedrohung zu einer Herausforderung der internationalen Ordnung geworden sei (Münkler 2006: 234). In die gleiche Richtung argumentiert Dirk Haubrich und betrachtet den 11. September 2001 als den Beginn eines neuen Typs von globalem Terrorismus (Haubrich 2006), während Rohan Gunaratna den neuen Terrorismus als weltweite Bewegung betrachtet, die dazu in der Lage sei, in einem bisher unbekannten Ausmaß einen globalen Konflikt auszulösen (zitiert in English 2009: 14). Der neue Terrorismus wird zumeist synonym mit dem islamistischen Terrorismus gedacht, dessen bekannteste Gruppierung die von Schneckener als »Prototyp des transnationalen Terrorismus« (2006: 49) bezeichnete al-Qaida ist. Eine der Kernthesen des neuen Terrorismus lautet, dass dieser eine erheblich ausgeweitete Feinddefinition verwende (vgl. Münkler 2002: 184): Das westliche System oder die westliche Zivilisation als Ganzes werden vom neuen Terrorismus als Feind betrachtet. Das bedeutet, dass jeder zu einem potentiellen Angriffsziel werden kann. Im Gegensatz, so die zentrale Annahme, zeichnete sich der alte Terrorismus durch eine enge, präzisere Feinddefinition aus: Regierungen oder Regime sollten mit politisch motivierter Gewalt gestürzt oder zu Entscheidungen gezwungen werden.5 Auf der Logik dieser Unterscheidungen aufbauend wird von verschiedenen Autoren die Art und Weise terroristischer Gewaltanwendung diskutiert. Sie wird oftmals als zentrales Unterscheidungskriterium herangezogen, um zwischen altem und neuem Terrorismus zu differenzieren. Demnach zeichnet sich der alte Terrorismus durch Formen der Gewaltanwendung aus, die sich innerhalb bestimmter Grenzen bewegen. Auch seine Legitimierung zieht er aus dieser im Großen und Ganzen von allen Beteiligten als begrenzt wahrgenommenen Gewaltanwendung. Seine Vorgehensweise folgt entscheidend dem Kalkül der Schadensminimierung, wobei Anschläge nur auf Basis einer restriktiven Zielauswahl (legitimate targets) durchgeführt werden dürfen. In der Praxis bedeutet dies, dass ausschließlich Repräsentanten des zum Feind erklärten Staates – Polizisten, Soldaten oder Regierungsmitglieder – von den Terroristen selbst als legitime Angriffsziele betrachtet werden. Das heißt, dass das ius in bello-Kriterium der tradierten Lehre des »gerechten Krieges« 5 »›Old terrorism‹ was seen to be discriminate, with terrorist groups selecting their targets very carefully. Precision attacks were usually directed at well-defined highly symbolic targets of the authority they opposed« (Spencer 2006: 7). Aufsätze 10 den Akteuren des alten Terrorismus durchaus bewusst ist.6 Das zentrale Kriterium innerhalb des ius in bello ist die strikte Unterscheidung zwischen legitimen und illegitimen Angriffszielen, zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten (vgl. Mayer 2005: 10). Ein eindeutiger Verstoß gegen die ius in bello-Dimension besteht dann, wenn Tote und Verletzte innerhalb der Zivilbevölkerung bewusst in Kauf genommen werden. Michael Walzer überträgt die Lehre des »gerechten Krieges« und dessen ethischen Kriterienkatalog auf die Gewaltaktionen nichtstaatlicher Akteure (Walzer [1977] 2000). Ihm zufolge können sich aus moralphilosophischer Sicht auch »Terroristen« unter bestimmten Bedingungen auf die Kriterien des »gerechten Krieges« berufen (Walzer 2006). Im Unterschied zum Kalkül der Schadensminimierung durch die Einhaltung der ius in bello-Kriterien, so lautet die Annahme, steht der neue Terrorismus für eine entgrenzte Gewaltanwendung mit dem Ziel der Schadensmaximierung. Wenn Trutz von Trotha vom Übergang zu einem »neo-Hobbesschen Krieg« spricht (vgl. von Trotha 1999), bei dem nicht mehr zwischen Zivilisten und Soldaten unterschieden wird, dann bezeichnet dies denselben Sachverhalt. In neo-Hobbesschen Kriegen wird damit auch nicht mehr zwischen weichen und harten Angriffszielen unterschieden. Münkler sieht entsprechend eine Verbindung zwischen der Debatte um »neue Kriege« (Münkler 2002) und den neuen Terrorismus, da das moderne Kriegsgeschehen nie dagewesene Formen terroristischer Gewaltanwendung herausgebildet habe: Der neue Terrorismus folge somit der Logik eines neo-Hobbesschen Krieges. Große Teile der Bevölkerung könnten für diese neue Form der Kriegsführung mobilisiert und getötet werden. Die populäre Unterscheidung von Zivilisten und Kombattanten sowie die mit ihr einhergehende Dichotomisierung zwischen weichen und harten Zielen ist jedoch heftig umstritten. Das Beispiel der Polizei, die in der Regel als hartes Ziel und damit von terroristischer Seite als legitimes Angriffsziel betrachtet wird, offenbart die damit verbundene ethische oder moralphilosophische Problematik (Baumann 2008: 234; Baumann 2013: 197): Ein Polizist ist nicht nur ein Beamter in Uniform, sondern auch Privatmann, Familienvater, Angehöriger einer Gemeinschaft etc. Er ist zum überwiegenden Teil ein Zivilist. Und vielleicht ist er nicht einmal ein Sympathisant der von den Terroristen verhassten Regierung. Walzer macht ein vergleichbares Argument mit Bezug auf Soldaten, von denen viele gar keine echten Kombattanten seien (Walzer 2004: 73; vgl. die Argumentation von Coady 2008: 169). Sie leisten ihren Dienst nicht an der Front, sondern hinter dieser. Sie sind z. B. LKW- Fahrer oder sitzen an Schreibtischen. Auch Soldaten sind demnach den überwiegenden Teil des Tages und ihres Lebens Zivilisten. Es gibt keine Soldaten, die rund 6 Die Lehre vom »gerechten Krieg« geht historisch bis in die Anfänge der Kriegsführung zurück. Sie ist handlungsorientiert und stellt ethische Maßstäbe bereit, anhand derer beurteilt werden kann, ob militärisches Gewalthandeln moralisch gerechtfertigt ist oder nicht (vgl. Mayer 2005: 6). Führt man eine systematische Synthese der ideengeschichtlichen Grundlagen durch, so wird dann von einem »gerechten Krieg« gesprochen, wenn ein Kriterienkatalog erfüllt wird, der sich in die beiden Bestandteile ius ad bellum (das Recht zum Kriege) und ius in bello (das Recht im Kriege) untergliedert. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 11 um die Uhr Kombattanten sind: »Sie ruhen sich aus und spielen, essen und schlafen, lesen Zeitung und schreiben Briefe. Einige von ihnen sind freiwillig zum Militär gegangen, andere unfreiwillig. Hätten sie die Wahl gehabt, würden sie etwas anderes machen« (Walzer 2004: 74). Hier zeigt sich, dass die Unterscheidung zwischen weichen und harten Zielen, wie sie auch in diesem Beitrag zur Messung der Brutalität herangezogen wird, durchaus kritisch hinterfragt werden kann.7 Gleichwohl bietet diese aber auch die Möglichkeit einer stärker qualitativen Unterscheidung zwischen Terroranschlägen und damit einer Differenzierung der sonst üblicherweise verwendeten Anschlags- oder body count-Statistiken. Die Vertreter der These vom neuen Terrorismus begründen seine angeblich unbegrenzte Gewaltsamkeit mit der Beobachtung, dass sich der neue Terrorismus von der Unterstützungsabhängigkeit durch die Bevölkerung weitestgehend unabhängig gemacht habe (Münkler 2006: 221). Die Notwendigkeit die Zivilbevölkerung zu schonen entfällt somit. Da die Erzeugung allgegenwärtiger Unsicherheit und Schrecken zum primären Ziel der »neuen« Terroristen avanciere, würde die Zivilbevölkerung sogar gezielt angegriffen. Diese Logik führt dazu, dass jeder, ohne Unterscheidung, zu einem Angriffsziel wird. Aus diesem Sachverhalt leitet Münkler die strategische Regel des neuen internationalen Terrorismus ab: »Je größer der Schaden, desto größer die Anzahl der Opfer, desto größer die erzielte Aufmerksamkeit und desto nachhaltiger der Erfolg eines Terroranschlages. Die Planer der Anschläge vom 11. September 2001 sind dieser neuen strategischen Regel des internationalen Terrorismus gefolgt« (Münkler 2002: 187). Trifft diese strategische Regel zu, dann verfolgt der neue Terrorismus eine völlig neuartige Tötungslogik. Entsprechend dieser geht es »nicht allein um ein Maximum 7 Daneben kann die Unterscheidung zwischen Zivilist und Kombattant auch aus einer anderen Perspektive zu Schwierigkeiten führen, nämlich wenn auf die Schuld fokussiert wird. Nach Glover (1977: 274) tragen viele politisch aktive Zivilisten größere Schuld an kriegerischen Handlungen oder Kriegsentscheidungen als die Soldaten selbst. Er weist gleichzeitig auf die existierenden Grauzonen hin, die z. B. in der Bewertung von Arbeitern bestehen, die in Munitionsfabriken beschäftigt sind, oder bei jenen, die das Militär mit Nahrungsmitteln versorgen. Walzer (2004) versucht die Schuldproblematik dadurch aufzulösen, dass er der Charakterisierung »unschuldig« das Adjektiv »beteiligt« gegenüberstellt: Unbeteiligte Zivilisten wären demnach immer unschuldig. Coady (2008: 111-113) geht die Problematik mithilfe des agency-Konzepts an. Der Kombattantenstatus wird in diesem Konzept von der »agent responsibility« abhängig gemacht. Kombattanten sind Teil der agency-Kette, die eine gewaltsame Aggression auslöst oder ausübt. Diese Beteiligung kann auch dann gegeben sein, wenn der Akteur keine Uniform oder keine Waffe trägt. In diesem Sinne können also auch Zivilpersonen Kombattantenstatus haben und damit zu harten Zielen werden. Auch McMahan (2004) argumentiert ausgehend von der Frage der Beteiligung, ob jemand als unschuldig oder nicht unschuldig zu bezeichnen sei. Hugo Slim (2008: 19) weist auf einen weiteren Kritikpunkt hin. Er zeigt, dass die Bezeichnung »Zivilist« im Völkerrecht erst in den auf den Ersten Weltkrieg folgenden Debatten auftauchte, als sich das Internationale Rote Kreuz damit intensiv auseinandersetzte. Die Frage »Wer ist ein Zivilist?« sei im Völkerrecht bis heute nicht exakt und widerspruchsfrei festgelegt (Slim 2008: 183). Festgelegt wurde stattdessen, wer kein Zivilist ist. Demnach sind Soldaten keine Zivilisten. Slim kritisiert, dass diese Unterscheidung nicht so eindeutig sei, wie sie auf den ersten Blick erscheine und spricht von der »Ambiguität des Zivilen« (2008: 184). Zurückzuführen sei diese darauf, dass die Zuschreibung Zivilist oder Kombattant aufgrund einer im Krieg ausgeführten Rolle erfolge. Aufsätze 12 an Aufmerksamkeit, sondern offenbar auch um ein Maximum an Opfern und Zerstörung« (Schneckener 2006: 13). Hieraus leitet Münkler die These ab, dass der neue Terrorismus weniger unter ideologischen als vielmehr unter strategischen Gesichtspunkten zu analysieren sei (Münkler 2006: 234). Ausgehend davon qualifiziert er die Gewaltstrategie des neuen internationalen Terrorismus als moderne Variante der klassischen Verwüstungskriege (vgl. Münkler 2006: 221). Den neuen Terrorismus als Verwüstungskrieg zu charakterisieren kommt dem nahe, was Ernst- Otto Czempiel als »reinen Terrorismus« bezeichnet (Czempiel 2001: 6). Czempiel widerspricht damit der Lesart, Terrorismus in erster Linie als politisch-militärische Kommunikationsstrategie zu sehen. Unter »Terrorismus« zählt er nur jene Gewalthandlungen, die politisch »gewissermaßen gesichtslos sind«, d. h. ihren Fokus auf die Zerstörung und Vernichtung von Menschenleben richten (Czempiel 2001: 6). Zu dieser Kategorie des reinen Terrorismus, bei dem kein dezidierter Adressat anzugeben ist – weder unter denjenigen, die letztlich dem Anschlag zum Opfer fallen, noch bei dem von Münkler als interessierenden Dritten (Münkler 2002: 180) bezeichneten Publikum – zählt Czempiel den Anschlag von Timothy McVeigh in Oklahoma City oder den Giftgasangriff der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn: »Diese Gewaltakte sind Terrorismus pur« (Czempiel 2001: 6). Sie würden Terror und Angst erzeugen, aber »keinerlei politische Signatur« tragen, denn »sie haben kein Publikum« (Czempiel 2001: 6). Nach dieser Definition verfügt der reine Terrorismus über kein politisches Programm (Czempiel 2002: 45). Er ist im Sinne Czempiels gesichtslos und steht damit im krassen Gegensatz, so argumentiert auch Habermas, zum »Gesicht vieler nationaler Befreiungsbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts« (Habermas/Derrida 2006: 58). Der »globale Terror«, so Habermas, trägt demgegenüber die »anarchistischen Züge einer ohnmächtigen Revolte« (Habermas/Derrida 2006: 59). Die These, dass für den neuen Terrorismus kein politischer Gestaltungswandel möglich sei, wird dadurch begründet, dass die Gewaltanwendung angeblich jenseits aller ethischen Regeln stattfindet. Unabhängig davon, wie man inhaltlich zu den obigen Thesen von Czempiel und Habermas steht, kann festgehalten werden, dass auch diese Autoren die gesteigerte Brutalität als Kernelement des neuen Terrorismus betrachten. Wolfgang Sofsky ([1996] 2001) sieht durch den 11. September die grundlegende These seines »Traktats über die Gewalt« bestätigt. Demnach werde der wahre Charakter von Gewalt verkannt, wenn sie als Mittel zu einem Zweck verstanden werde. Sofsky stimmt ausdrücklich der These zu, dass der neue Terrorismus mehr Tote und nicht nur mehr Zuschauer wolle: »Der Terrorkrieg […] will Menschen in gro- ßer Zahl töten, Schrecken verbreiten, das Leben durch Angst paralysieren« (Sofsky 2002: 177-178). Guido Steinberg befürwortet ebenfalls die Brutalisierungsthese, wenn er von der »Enthemmung terroristischer Gewalt« spricht und hierdurch zu begründen versucht, weshalb religiös motivierte Terroristen danach streben, Massenvernichtungswaffen einzusetzen (vgl. Steinberg 2005: 27).8 8 Vgl. zur Frage der angeblichen Massenvernichtung die differenzierte Analyse von Spencer (2006: 10). Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 13 Bruce Hoffman ist ein weiterer Vertreter der Brutalisierungsthese. Er hat als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 eine Neuauflage seines Klassikers »Terrorismus: Der unerklärte Krieg« veröffentlicht. Darin spitzt er die Unterscheidung zwischen herkömmlichem und neuem Terrorismus folgendermaßen zu: »Seit Jahrzehnten galt weithin als ausgemacht, was Brian Jenkins 1975 mit folgenden Worten zusammenfasste: ›Terroristen wollen, dass möglichst viele Menschen zusehen und zuhören, nicht dass möglichst viele Menschen sterben.‹ Die Ereignisse vom 11. September haben solche Vorstellungen als Wunschdenken oder gar als gefährliche Anachronismen entlarvt« (Hoffman [1998] 2001: 279). Hoffman zufolge ist es dringend geboten, sich die grundlegende Differenz zwischen herkömmlichem und neuem Terrorismus bewusst zu machen. Nach seiner Einschätzung hat der Lehrsatz von Brian Jenkins (1975), der jahrzehntelang als Erklärungsmuster für Akte des alten Terrorismus diente, klar ausgedient: Ziel des neuen Terrorismus sei nun die Maximierung der Opferzahlen. In die gleiche Richtung wie die Analysen von Hoffman gehen die Studien des Australiers David Kilcullen9, der in seinen Arbeiten zur Aufstandsbekämpfung das Konzept der »Zufallsguerilla« entwickelt hat (Kilcullen 2009). Nach Kilcullen breitet sich diese neue Form der brutalen Gewaltsamkeit in Analogie zu einem Virus aus und bringt eine gänzlich neuartige Bedrohungslage mit sich. Der neue Terrorismus sei insofern nicht nur brutaler, sondern habe auch andere Wurzeln, eine andere Struktur und breite sich anders aus, als der herkömmliche Terrorismus. Die Reihe der Vertreter der These des neuen Terrorismus lässt sich fortsetzen über Autoren wie Walter Laqueur, der eine »radikale Transformation, wenn nicht sogar eine Revolution im Charakter des Terrorismus« (Laqueur 1999: 4, eigene Übersetzung) behauptet, Peter Neumann, der in seinem 2009 erschienenen Buch »Old and New Terrorism« den neuen Terrorismus auf die späte Moderne und Effekte der Globalisierung zurückführt (Neumann 2009) oder Steven Simon und Daniel Benjamin, die mit ihrem bereits im Jahr 2000 veröffentlichten Aufsatz »America and the New Terrorism« neben der religiösen Motivation vor allem auf die völlig entgrenzte Gewaltsamkeit als Charakteristikum des neuen Terrorismus hinweisen (Simon/Benjamin 2000: 66-69). Kritik an der Brutalisierungsthese Wie oben angedeutet, sind sowohl die These vom neuen Terrorismus als auch die mit ihr verbundene Brutalisierungsthese heftig umstritten. Dies zeigt bereits die auf den Artikel von Simon und Benjamin folgende Debatte in der Zeitschrift Survival (Roy et al. 2000). Einige Gegner beschränken ihre Kritik dabei auf mehr oder weniger semantische bzw. terminologische Argumente. Danach wäre das Label »neu« 2.2. 9 Kilcullens Biografie ist insofern interessant, als er neben der wissenschaftlichen Karriere auch auf eine langjährige Laufbahn im australischen Militär und diverse militärische Beratertätigkeiten im Bereich der Aufstandsbekämpfung zurückblicken kann (u. a. für die damalige US-Außenministerin Condoleeza Rice und General David Petraeus). Aufsätze 14 nur angebracht, wenn es sich um etwas völlig Neues, d. h. so vorher noch nie Gesehenes handeln würde (vgl. Duyvesteyn 2004: 150; Field 2009: 200). Dieser Kritik schließt sich implizit auch Neumann an, wenn er betont, dass es besser sei, relativierend von einem älteren und einem neueren Terrorismus zu sprechen, als absolut von einem alten und einem neuen Terrorismus (Neumann 2009: 152). Allerdings wendet Kurtulus hier zu Recht ein, dass ein solches Verständnis des Adjektivs »neu« problematisch ist: »[…] there can never be anything new in society since the ›new‹, as a matter of fact, always has the relics of the old and the old always carries the seeds or the embryonic appearance of the new« (Kurtulus 2011: 481). Zielführender als eine Diskussion darüber, ob das Label »neu« angebracht ist, erscheinen Argumente, die die These vom neuen Terrorismus inhaltlich kritisieren. So begreift Copeland beispielsweise die Anschläge vom 11. September nicht als Zeichen eines neuartigen Terrorismus, sondern sieht hier ältere Trends wiederbelebt, die in Zeiten des politischen Terrorismus der 1970er und 1980er Jahre nur weniger beachtet wurden (Copeland 2001). Tucker (2001), Duyvesteyn (2004) und Field (2009) finden zu wenig Neues, als dass sie von einem neuen Terrorismus sprechen wollten. Ihre Kritik an der These des neuen Terrorismus begründen sie damit, dass aus historischer Sicht letztlich sämtliche von den Verfechtern der These genannten Unterscheidungselemente bereits früher auffindbar gewesen wären. Es handle sich entsprechend nicht um einen radikalen Wandel oder eine Revolution des Terrorismus, sondern um eine evolutionäre Entwicklung und damit nicht um eine genuin neue Form von Terrorismus (Field 2009: 195). Spencer geht noch einen Schritt weiter, wenn er den neuen Terrorismus nicht nur als eine artifizielle Unterscheidung erachtet, sondern er von dieser Begrifflichkeit auch insofern eine Gefahr ausgehen sieht, als sie es den Regierungen ermöglichen würde, »ein komplett neues Set an hastig zusammengestellten restriktiven Maßnahmen zur Terrorismusabwehr zu rechtfertigen, ohne dass diese demokratisch debattiert, öffentlich diskutiert, unabhängig überwacht oder auch nur notwendig wären« (Spencer 2006: 5, eigene Übersetzung). Kritik an der These vom neuen Terrorismus liefern zudem Zimmermann (2003) und Crenshaw (2007) sowie Spencer, der aus einer konstruktivistischen Warte den neuen Terrorismus vor allem als ein soziales Konstrukt begreift, welches im Rahmen diskursiver Prozesse primär von der (Boulevard-)Presse hervorgebracht und perpetuiert wird (Spencer 2010). Auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Stand der deutschen Terrorismusforschung verweist mehrfach auf die Problematik, die mit dem Begriff des neuen Terrorismus einhergeht (vgl. Daase/Spencer 2011; Kocks et al. 2011; Harbrich et al. 2011). Zudem rekurrieren Autoren wie Jackson (2007; 2009) oder Spencer (2010) auf die sogenannte »kritische Wende« in der Terrorismusforschung. Insbesondere würde der einseitige Fokus auf den 11. September, den die traditionelle Terrorismusforschung zumeist anlege, einen systematischen bias erzeugen. Nur durch diese verzerrte und gleichzeitig stark eingeschränkte Sichtweise käme man überhaupt auf die Idee, einen neuen Terrorismus ausmachen zu können. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 15 Aus Sicht der kritischen Terrorismusforschung ist der Terrorismus der al-Qaida hingegen nicht neu (Spencer 2006; 2010; Baumann 2013: 32). Dieser Ansatz geht grundlegend davon aus, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse der Terrorismusforschung keine Sicherheit garantieren und dass es prinzipiell unmöglich ist, neutrales und objektives Wissen über Terrorismus zu erreichen (s. z. B. Jackson 2007: 246). Die kritische Terrorismusforschung formulierte deshalb zwei fundamentale Kritikpunkte an der traditionellen Terrorismusforschung: Zum einen verzerre der einseitige Fokus auf den 11. September das Forschungsfeld (Baumann 2013: 32). Zum anderen reduziere sich die traditionelle Terrorismusforschung auf problemlösungsorientierte Ansätze, d. h. auf anwendungsorientierte Forschung in Abgrenzung zur Grundlagenforschung (Baumann 2013: 32). Dies gilt auch für die Brutalisierungsthese. Sie würde von den Wissenschaftlern, die die These vom neuen Terrorismus vertreten, als gesetzt betrachtet: Ihre Analysen seien vor diesem Hintergrund in erster Linie politisch-handlungsanweisend oder betonten die angeblich große Gefahr des neuen Terrorismus (Baumann 2013: 32). Demgegenüber ist die vorliegende empirisch ausgerichtete Analyse nicht handlungsanweisend, sondern möchte einen Beitrag zur Grundlagenforschung leisten und damit die Debatte zwischen Befürwortern und Kritikern des neuen Terrorismus bereichern. Der Forschungsüberblick weist auf einen problematischen Aspekt fast aller Arbeiten zum Thema neuer Terrorismus hin: Trotz der zweifelsfrei gegebenen intensiven theoretischen sowie normativen Durchdringung der Thematik und trotz der Tatsache, dass fast jeder Autor eine eigene Begrifflichkeit für den neuen Terrorismus zu prägen versucht,10 lassen diese Arbeiten zumeist systematisch vergleichbare, empirische Belege dafür vermissen, dass der vermeintlich neue Terrorismus deutlich brutaler als der herkömmliche Terrorismus sei. Die vorliegende Studie fragt in Anlehnung an die oben angesprochenen Kritiker der These des neuen Terrorismus, wie tragfähig die Annahme ist, dass sich der Terrorismus in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich brutaler präsentiere als zuvor. Der Fokus ist dabei ein dezidiert empirisch-analytischer. Von Interesse ist zudem – insofern sich überhaupt eine Brutalisierung feststellen lässt –, welche Rolle der 11. September 2001 in dieser Entwicklung spielt. Trifft die Behauptung von Münkler, Haubrich und anderen zu, dass die Anschläge vom 11. September 2001 den Beginn eines neuen, deutlich brutaler agierenden, globalen Terrorismus darstellten, oder lässt sich eventuell bereits in früheren Jahren eine deutlich wahrnehmbare Brutalisierung terroristischer Aktivitäten feststellen, wie dies beispielsweise Hoffman oder Laqueur behaupten? 10 Eine Vielzahl von Autoren hat abweichende Terminologien entwickelt, die allerdings inhaltlich größtenteils deckungsgleich mit dem Begriff des »neuen Terrorismus« sind. So spricht Laqueur (1996) von »postmodern terrorism«, Glucksmann von »megaterrorism« (2004) sowie von »nihilistische[m] Terrorismus« (2002), Carter et al. (1998) von »catastrophic terrorismus« und Sprinzak (2001) vom »megalomaniac hyperterrorist«. Aufsätze 16 Operationalisierung: Was bedeutet Brutalisierung? Um die Brutalisierungsthese einer empirischen Überprüfung zugänglich zu machen, ist es notwendig zu definieren, was unter Brutalität bzw. deren Steigerung in Bezug auf Terrorismus zu verstehen ist.11 Im vorliegenden Beitrag wird dabei nicht nur ein spezifisches Verständnis von Brutalisierung herausgegriffen, da dies unweigerlich eine zu starke Verengung des Fokus bedeuten würde. Stattdessen wird die Brutalisierung des Terrorismus aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Entsprechend werden acht Operationalisierungsmöglichkeiten unterschieden. Wir möchten diese Operationalisierungen dezidiert als verschiedene Optionen begriffen wissen, Brutalisierung zu fassen. Dem Leser eröffnet sich damit die Möglichkeit, diejenigen Operationalisierungen herauszugreifen, die ihm am plausibelsten erscheinen. Unserer Meinung nach indizieren jedoch alle acht Operationalisierungen auf je unterschiedliche Art und Weise und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen eine Brutalisierung des Terrorismus. Als erstes Kriterium kann auf die reine Anzahl an Anschlägen zurückgegriffen werden. Je mehr Anschläge pro Jahr ausgeführt werden, desto eindeutiger zeigt sich das terroristische Bedrohungsszenario. Demzufolge lässt sich die Quantität der Anschläge vor allem insofern als Brutalisierung deuten, als sich durch die mediale Aufmerksamkeit, die terroristischen Aktivitäten eingeräumt wird, die Perzeption des Alltags in der Bevölkerung wandelt: Das Gefühl der Unsicherheit, das mit Terrorakten einhergeht, wird durch die allgegenwärtigen Anschläge, bei denen der Einzelne immer und überall zum Opfer werden kann, zu einem permanenten Zustand der Angst und des Schreckens. Die Brutalisierung des Terrorismus wird bei diesem 3. 11 Auf einen wichtigen Punkt, den einer der anonymen Gutachter aufgeworfen hat, sei hier hingewiesen. Einige Forscher begreifen Brutalität ausschließlich als eine – um mit den Worten des Gutachters zu sprechen –»(inter-)subjektive Wahrnehmung«, weshalb sie nicht sinnvoll über absolute Maße bestimmbar wäre, da jeder Beobachter seine eigenen Bewertungsmaßstäbe bei der Bestimmung des Brutalitätsgrades habe. Aus Terrorismusdatenbanken wie der GTD könnte man entsprechend wenige Aussagen bezüglich einer Brutalisierung ableiten. Gleichwohl sind wir der Meinung, dass eine a priori festgelegte Definition davon, was man unter Brutalisierung verstehen kann, so diese wohl begründet und daher nachvollziehbar für den Leser ist, insofern sinnvoll ist, als sie eben einen klaren, absoluten Maßstab bietet, anhand dessen die Brutalisierung erfasst und vor allem über die Länder verglichen werden kann. Das heißt, auch wenn unsere Sichtweise – bzw. die acht verschiedenen Sichtweisen dessen, was wir unter Brutalisierung verstehen – sich nicht deckt mit der Sichtweise beispielsweise eines Afghanen, der eventuell tagtäglich mit bestimmten Formen terroristischer Gewalt konfrontiert ist, so dürfte sie doch für einen Großteil der Leserschaft der ZIB nachvollziehbar sein. Kurzum, obgleich wir die konstruktivistische Kritik an unserer eher positivistischen Herangehensweise an die Messung der Brutalisierung anerkennen und uns im Klaren darüber sind, dass Personen aus unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was Brutalität bedeutet, sind wir doch fest davon überzeugt, dass Informationen aus Terrorismusdatenbanken durchaus als Indikatoren für eine Brutalisierung verwendet werden können. Wichtig ist dabei jedoch, dass klar ersichtlich ist, weshalb bestimmte Merkmale eine Brutalisierung indizieren. Aus diesem Grund erfolgt in diesem Abschnitt eine vergleichsweise umfangreiche Diskussion der verwendeten Brutalisierungs-Operationalisierungen. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 17 Indikator also aus der Perspektive des gesamtgesellschaftlichen Angstniveaus heraus betrachtet.12 Als zweiten Indikator verwenden wir die Zahl der Personen, die durch terroristische Akte pro Jahr getötet werden. Bei diesem Maß wird, wie schon beim vorherigen Indikator, ein globaler Blickwinkel angelegt, d. h. die Brutalisierung bemisst sich erneut auf der Ebene der gesamten Gesellschaft – vorrangig über ein verändertes Bedrohungsszenario: Eine stark steigende Anzahl an Todesopfern dürfte sich unmittelbar auf die von der Bevölkerung perzipierte Bedrohungslage auswirken. Das auf diese Weise entstehende Angstgefühl, das sich in der Bevölkerung ausbreitet, wenn die Gefahr, durch terroristische Anschläge zu Tode zu kommen, zu einer relevanten und damit zu beachtenden Größe ansteigt, ist bei diesem Indikator ausschlaggebend, um von einer Brutalisierung sprechen zu können. Eine steigende Zahl der Todesopfer pro Jahr kann darüber hinaus auch für eine qualitative Änderung des Terrorismus sprechen.13 Inwieweit dies tatsächlich der Fall ist – d. h. eine Steigerung der Intensität terroristischer Anschläge vorliegt, oder nicht doch ein Mehr an Toten nicht nur auf eine gestiegene Zahl der Anschläge zurückgeht – offenbart jedoch erst ein Perspektivwechsel auf die Anschlagsebene. Entsprechend betrachten wir als dritten Indikator die Anzahl an Toten pro Anschlag. Dieser Wert gibt an, inwiefern die einzelnen terroristischen Anschläge über die Jahre hinweg insofern brutaler werden, als sie durchschnittlich mehr Opfer fordern. Ein weiterer auf der Ebene der einzelnen Anschläge angesiedelter Indikator für eine qualitative Veränderung des Terrorismus ist die Zahl der Selbstmordanschläge. Bei dieser ultimativen Form des Terrorismus ordnet der Terrorist ganz bewusst das eigene Leben dem Anschlagsziel unter. Die Brutalisierung erklärt sich hierbei nicht mehr nur über die Perspektive der Opfer – obwohl Selbstmordanschläge aufgrund ihrer Vorgehenslogik zumeist auch eine vergleichsweise große Anzahl an Todesopfern verursachen – sondern ebenfalls über die Instrumentalisierung derjenigen, die diese Anschläge ausführen. Für die weiteren Indikatoren wird zwischen den Anschlagszielen differenziert – dabei sind sich die Autoren bewusst, dass diese Differenzierung eine Reihe von Problemen mit sich bringt (s. o.). Als weiche Ziele werden Nicht-Kombattanten sowie zivile Einrichtungen bezeichnet; harte Ziele sind entsprechend Polizei, Militär und sonstige Regierungseinrichtungen. Da der Wechsel hin zu einer vermehrten 12 Diese gesamtgesellschaftliche Sichtweise auf die Brutalisierung unterscheidet sich von einem Blickwinkel, der die Brutalität anhand von einzelnen Anschlägen bemisst. Die reine Zahl der Anschläge sagt freilich nichts darüber aus, ob ein einzelner dieser Anschläge brutaler durchgeführt wird als dies früher der Fall war. Um solche Aussagen treffen zu können, ist es nötig von der gesamtgesellschaftlichen Ebene auf die Anschlagsebene zu wechseln. Da wir jedoch beide Sichtweisen als sinnvoll erachten, um die Frage der Brutalisierung des Terrorismus möglichst umfassend anzugehen, verwenden wir insgesamt acht Indikatoren: vier, die die Brutalisierung von einer gesellschaftlichen Perspektive aus bemessen und vier, die von der Anschlagsebene ausgehen. 13 Unsere Analyse greift aus datentechnischen Gründen ausschließlich auf Todesopfer zurück. Zwar würde auch eine steigende Anzahl an (Schwer-)Verletzten klar für eine Brutalisierung des Terrorismus sprechen, allerdings sind die in der GTD vorhandenen Daten zu Verletzten weit weniger reliabel und mit sehr vielen Datenlücken versehen, weshalb dieser Indikator von uns nicht verwendet wird. Aufsätze 18 Auswahl weicher Ziele als ein Kernelement des neuen Terrorismus gesehen werden kann, werden die vier zuvor beschriebenen Indikatoren nochmals getrennt für die Subgruppe der weichen Ziele im Vergleich zu den harten Zielen untersucht. Sollte sich hier eine deutliche Tendenz in Richtung der weichen Ziele ausmachen lassen, würde dies die These des neuen Terrorismus stützen. Als fünften Indikator für eine Brutalisierung des Terrorismus soll entsprechend die Anzahl an Anschlägen gegen weiche Ziele herangezogen werden. Wie bei der Anzahl an Anschlägen allgemein (Indikator 1) lässt sich auch dieser Indikator primär als ein Maß begreifen, das das allgegenwärtige Bedrohungsszenario für die Bevölkerung greifbar macht. Analog zu obiger Argumentation kann auch die Anzahl an Todesopfern, die bei Anschlägen gegen weiche Ziele zu beklagen waren, als Indikator für die Brutalität des Terrorismus gesehen werden. Wechselt man von diesem globalen Blickwinkel auf die Ebene der einzelnen Terroranschläge, führt dies zum siebten von uns betrachteten Indikator. Dieser Indikator, der die durchschnittliche Zahl der Toten pro Anschlag gegen weiche Ziele angibt, steht letztlich für die Effizienz der Terrorismusakte. Deutlich wird hierbei das Zusammenspiel aus ökonomischer Logik (möglichst großer Nutzen bei minimalem Einsatz) sowie der Logik des neo-Hobbesschen Krieges (Maximum an Toten auch unter Zivilisten), welche den neuen Terrorismus bezogen auf seine Brutalität eindeutig vom alten Terrorismus unterscheiden. Der achte und letzte von uns betrachtete Indikator kombiniert die qualitativen Veränderungen des Terrorismus bezogen auf den Terroristen wie dessen Ziel: Je höher die Zahl der Selbstmordanschläge gegen weiche Ziele, als desto brutaler könnte entsprechend dieses Indikators der Terrorismus bezeichnet werden. Datensatz: Global Terrorism Database (GTD) Die empirische Erfassung von Terrorismus stellt die Forschung seit jeher vor große Probleme. Insbesondere an Datenbanken, die terroristische Aktivitäten oftmals international vergleichend zu erfassen suchen, wird Kritik laut. Wir wollen deshalb zunächst die von uns gewählte Datenbank beschreiben und auch auf deren problematische Aspekte eingehen.14 4. 14 Kritikpunkte an der empirischen Messung von Terrorismus und den Terrorismusdatenbanken lauten unter anderem, dass oftmals Terroranschläge undifferenziert einfach nur aufkumuliert werden (d. h. die Entführung einer Person wird genauso als ein Anschlag gewertet wie die Geiselnahme von Hunderten Personen) (Frey/Luechinger 2003: 4), dass es insbesondere in autoritär geführten Staaten ein gewisses under-reporting geben kann, das die Vergleichbarkeit über Länder unterminiert (Miller 1994), und dass die impact-Komponente oftmals außen vor gelassen wird (Frey/Luechinger 2003). Letztlich können diese und weitere Probleme der Terrorismusdatenbanken nur zwei Konsequenzen haben: Entweder man sieht als Forscher die Negativa überwiegen und verzichtet gänzlich auf die Verwendung solcher Daten – mit dem Ergebnis, dass insbesondere hypothesentestende Forschungsdesigns schwierig zu bewerkstelligen werden, oder man versucht im Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeiten die vorhandenen Datenbanken bestmöglich auszuwerten. Dabei gilt es, die potentiell das Untersuchungsergebnis verzerrenden Aspekte einer Da- Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 19 Wie in Kapitel 2.1 angedeutet, ist die begriffliche Verständigungsgrundlage nach Waldmann mit der von der GTD verwendeten Terrorismusdefinition kombinierbar, wobei letztere in ihrer Reichweite auf nicht-staatliche Akteure begrenzt ist. Konkret muss ein Vorfall zwei Bedingungen erfüllen, um in der GTD als terroristischer Akt aufgelistet zu werden. Zum einen muss es sich immer um einen »vorsätzlichen Gewaltakt oder eine entsprechende Androhung durch einen nicht-staatlichen Akteur« (GTD 2013a, eigene Übersetzung) handeln. Ausgeschlossen sind dadurch Vorfälle ohne Vorsatz und solche, die kein relevantes Bedrohungs- oder Gewaltpotential freisetzen sowie Akte von »Staatsterrorismus«. Zum anderen müssen zwei der folgenden drei Kriterien ebenfalls erfüllt sein: 1. »The act must be aimed at attaining a political, economic, religious, or social goal.« 2. »There must be evidence of an intention to coerce, intimidate, or convey some other message to a larger audience (or audiences) other than the immediate victims.« 3. »The action must be outside the context of legitimate warfare activities« (GTD 2013b: 6). Aufbauend auf dieser Definition beinhaltet die GTD Informationen zu mehr als 100.000 Terroranschlägen zwischen 1970 und 2011. Die Quellen der Datenbank sind öffentlich zugängliche Dokumente wie »elektronische Nachrichtenarchive, bereits vorliegende Datensätze, Sekundärquellen wie Bücher und Fachzeitschriften sowie Rechtsdokumente« (GTD 2013a, eigene Übersetzung). Auch versuchen die Urheber der GTD sämtliche Informationen über mehrere voneinander unabhängige Quellen zu kreuzvalidieren.15 Die GTD enthält mehr als 70 Variablen, über die die einzelnen Terrorakte beschrieben werden. Unter anderem handelt es sich hierbei um Informationen zum Anschlagszeitpunkt, zum Ort des Anschlags, zur durchführenden terroristischen Organisation, zum Anschlagsziel, zum Typ des Anschlags (z. B. Sprengstoffanschlag oder Geiselnahme), zur verwendeten Taktik und den verwendeten Waffen tenbank zu berichten, sodass der Leser sich sein eigenes Bild darüber machen kann, inwieweit die Analyse auf einem halbwegs soliden Fundament steht. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden und weisen deshalb im Folgenden auch gezielt auf mögliche Probleme der GTD hin. 15 Die Genese des Datensatzes kann in vier Phasen unterteilt werden: Von 1970 bis 1997 wurden die Daten von der privaten Sicherheitsagentur Pinkerton Global Intelligence Service gesammelt. Ziel war es, Risikoanalysen für US-Unternehmen zu erstellen. Zwischen 1998 und März 2008 wurden keine Daten in Echtzeit gesammelt. Sämtliche Anschläge in diesen Jahren wurden erst im Nachhinein vom Center for Terrorism and Intelligence Studies erhoben und in den Datensatz integriert. In der dritten Erhebungsphase wurden Anschläge zwischen April 2008 und Oktober 2011 vom an der University of New Haven beheimateten Institute for the Study of Violent Groups durchgeführt. Seit November 2011 werden die Daten vom National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism erhoben, welches ein dem Department of Homeland Security zugeordnetes Exzellenzzentrum an der University of Maryland ist (GTD 2013a). Aufsätze 20 sowie zu den Schäden und Opfern, die der Anschlag gefordert hat.16 Für die Analyse in diesem Artikel sind die folgenden Variablen von Relevanz: – nkill: gibt die Zahl der bestätigten Todesopfer eines terroristischen Akts an. Dabei werden beim Anschlag getötete Angreifer ebenfalls mitgezählt; – suicide: gibt an, ob es sich um einen Selbstmordanschlag handelt; – targtype1: gibt das primäre Anschlagsziel an. Auf Basis der 22 für diese Variable von der GTD gelisteten Kategorien erfolgt unsere Unterteilung in weiche und harte Ziele; – multiple: gibt an, ob der Anschlag Teil einer größeren Anschlagserie war. Für den empirischen Test der Brutalisierungsthese fassen wir Anschlagserien zu einem Vorfall zusammen (Anschlagsserien-Kodierung). Die ursprüngliche GTD-Kodierung verwenden wir nur zu Vergleichszwecken; – year: gibt an, in welchem Jahr der Anschlag stattgefunden hat bzw. bei Anschlagserien das Jahr des ersten Anschlags; – region: gibt die Weltregion an, in der der Anschlag stattgefunden hat;17 – country: gibt das Land an, in dem der Anschlag stattgefunden hat. Die GTD bietet sich für die vorliegende Analyse nicht nur aufgrund der Passfähigkeit ihrer Terrorismusdefinition an, sondern auch, weil sie ereignisbasiert aufgebaut ist und mit über 100.000 gelisteten terroristischen Vorfällen den umfassendsten Datensatz darstellt, welcher weltweit sowohl inländischen wie internationalen Terrorismus erfasst. Die im Vergleich zu anderen Datensätzen hohe Aktualität (bis Ende 2011) ist für unseren Untersuchungsgegenstand ein weiterer großer Pluspunkt. Tabelle 1 listet die Vorteile der GTD in Bezug auf die Fragestellung des vorliegenden Beitrages systematisch im Vergleich zu 16 alternativen Terrorismusdatensätzen auf. Die GTD erweist sich dabei insgesamt als am besten geeignet; alle anderen Datensätze weisen spezifische Unzulänglichkeiten auf. So beinhaltet beispielsweise der von Engene angelegte Terrorism in Western Europe Events Data (TWEED)- Datensatz ausschließlich Akte inländischen Terrorismus in 18 westeuropäischen Ländern und dies auch nur bis 2004 (Engene 2007). Der geografische wie temporale Fokus ist damit zu eng für einen Test der Brutalisierungsthese. Auch die RAND Database of Worldwide Terrorism Incidents (RDWTI) bietet nicht dieselbe Fülle an Informationen wie die GTD. Nach eigener Auskunft wäre sie zwar »the gold standard for comprehensive information on international and domestic terrorism«, wobei betont wird: »[…] quality and completeness of the RDWTI is unparalleled« (RAND 2012). Allein bei der Anzahl der Anschläge zeigt sich jedoch bereits, dass sie mit 36.000 zwischen 1968 und 2009 aufgelisteten Vorfällen deutlich unter den GTD-Werten bleibt und entsprechend ein weniger umfangreiches Bild bieten kann. Dies ist darin begründet, dass der RDWTI-Datensatz erst seit 1998 inländische Anschläge berücksichtigt. Davor erfasste die Datenbank ausschließlich internationale 16 Genaue Informationen zu allen Variablen der GTD liefert das Codebook (GTD 2013b). 17 Es werden elf Weltregionen unterschieden: Westeuropa, Osteuropa, Nordamerika, Zentralamerika und Karibik, Südamerika, Australien und Ozeanien, Russland und GUS-Staaten, Zentralasien, Ostasien, Südasien, Südostasien, Mittlerer Osten und Nordafrika, Sub- Sahara-Afrika. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 21 Terrorismusakte. Ebenfalls ist der bereits im Jahr 2009 endende Untersuchungszeitraum für eine Analyse des neuen Terrorismus nicht optimal. Andere Datensätze beschäftigen sich zwar mit Terrorismus, haben aber Analyseeinheiten, aus denen sich die Brutalisierung, wie sie von uns verstanden wird, nur schlecht oder gar nicht ablesen lässt (z. B. die Political Terror Scale, die ganze Länder betrachtet, wodurch sich eine Brutalisierung bezogen auf einzelne Anschläge nicht identifizieren lässt). Die von uns verwendeten GTD-Daten weisen jedoch auch einige problematische Aspekte auf, auf die an dieser Stelle hingewiesen werden soll. So werden Anschläge grundsätzlich als voneinander getrennt stattfindende Ereignisse kodiert, wenn diese entweder an unterschiedlichen Orten oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden haben. Ist diese Definition per se nachvollziehbar, so führt sie doch zu Problemen bei Anschlagsserien, deren Einzelanschläge in einem übergeordneten Zusammenhang stehen und dabei einer umfassenden Planung folgen. Die einzelnen Elemente einer solchen Anschlagsserie werden auf diese Weise nämlich fälschlicherweise getrennt erfasst. Um einer möglichen verzerrenden Wirkung dieses Vorgehens zu entgehen, haben wir Vorfälle, die nach der multiple incidents-Variable ein Teil einer Anschlagsserie waren, entsprechend der weiteren in der GTD vorhandenen Informationen (Ort, Terrorgruppe, genaues Anschlagsziel, Ablauf des Anschlags) mit den anderen Teilanschlägen dieser Serie zu einem Fall verschmolzen. Der GTD-Datensatz beinhaltet keine verlässlichen Daten für das Jahr 1993. Diese sind nur unvollständig vorhanden und es ist unklar, ob nicht bestimmte Anschlagstypen oder Anschläge in spezifischen Weltregionen systematisch fehlen. Die GTD gibt selbst an, dass die Daten für 1993 besser nicht verwendet werden sollten und verweist stattdessen auf aggregierte Daten für dieses Jahr (GTD 2013a). Aus diesen lässt sich zumindest die Gesamtanzahl an Anschlägen sowie die Gesamtanzahl an Todesopfern (auch nach Ländern getrennt) bestimmen. Für alle Indikatoren, für die dies möglich ist, greifen wir zur Vervollständigung unserer Datenreihen für das Jahr 1993 auf diese aggregierten Daten zurück. Ist dies jedoch nicht möglich (z. B. bei der Anzahl an Selbstmordanschlägen, die in den aggregierten Daten nicht getrennt aufgelistet sind), wird eine Imputation auf Basis der Mittelwerte der Jahre 1992 und 1994 vorgenommen. Die Datenbank beinhaltet auch Anschläge, bei denen nicht vollkommen klar ist, ob es sich um Terrorismusakte handelt, da sie laut GTD in der Grauzone zwischen Kriminalität und Terrorismus liegen. Insgesamt machen diese 5,76 Prozent aller Fälle aus. Wir haben uns dafür entschieden diese Vorfälle sämtlich als terroristische Akte zu werten, da der überwältigende Teil dieser zweifelhaften Fälle (95,4 Prozent) in den Jahren ab 1998 stattfand. Durch dieses Vorgehen erfassen wir insbesondere in dem für uns relevanten Zeitraum alle potentiell terroristischen Anschläge, wodurch wir die Brutalisierungsthese im Rahmen eines most likely-Designs einem besonders harten Test unterziehen können: Sollten sich trotz dieser umfassenden Fallauswahl keine Hinweise auf eine Brutalisierung finden, wäre dies ein deutlicher Befund.18 18 Die GTD listet zudem eine sehr spezifische Kategorie von Terroranschlägen auf, welche so gut wie ausschließlich die USA betreffen. Dies sind Anschläge auf Abtreibungskliniken. Die 251 Fälle dieser Kategorie subsumieren wir unter die weichen Anschlagsziele. Aufsätze 22 Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 23 Test der Brutalisierungsthese In diesem Abschnitt wird die Brutalisierungsthese einer empirischen Überprüfung unterzogen. Dazu werden systematisch die zuvor dargestellten Möglichkeiten, wie Brutalisierung operationalisiert werden kann, im Zeitverlauf zwischen 1970 und 2011 betrachtet. Sollte die These der Brutalisierung zutreffen, sind bei den analysierten Variablen seit den 1990er Jahren und eventuell insbesondere nach dem 11. September 2001 deutliche Niveauverschiebungen und/oder Veränderungen in Bezug auf die vorzufindenden Trends zu erwarten. Bei sämtlichen Indikatoren betrachten wir die Brutalisierungsthese zunächst weltweit und in einem zweiten Schritt dann im Vergleich einzelner Weltregionen. Mehr Anschläge Unabhängig davon, ob die ursprüngliche GTD-Kodierung verwendet wird, nach der einzelne Anschläge einer Anschlagserie getrennt als Fälle gewertet werden, oder Anschlagserien als ein Fall aggregiert betrachtet werden, und auch unabhängig davon, ob die Anschlagszahlen auf die seit den 1970er Jahren stark gestiegene gesamte Weltbevölkerung standardisiert werden (gestrichelte Line),19 zeigt sich ein übereinstimmendes Bild (s. Abb. 1): Die Zahl der Anschläge pro Jahr stieg seit Ende der 1970er Jahre relativ kontinuierlich bis zum Scheitelpunkt im Jahr 1992 an. Danach folgte ein deutlicher Rückgang auf Anschlagszahlen, die mit denen der 1970er Jahre vergleichbar sind. Seit 2005 zeigt sich ein erneuter Anstieg der Anschlagszahlen, so dass am Ende der Observationsperiode im Jahr 2011 erneut Werte wie zu Beginn der 1990er Jahre vorliegen. Da die beiden Kodierungen keine signifikanten Abweichungen aufzeigen, wird im Folgenden ausschließlich die Anschlagsserienkodierung verwendet. 5. 5.1. 19 Generell werden bei den weiteren Analysen nichtstandardisierte Werte für die Zahl der Anschläge, Todesopfer und Selbstmordanschläge verwendet. Dahinter steht die Annahme, dass das Ausmaß an Terrorismus bzw. dessen Brutalität in einem bestimmten Gebiet zunächst unabhängig von der Anzahl der dort lebenden Personen zu begreifen ist. Hinter einer Standardisierung anhand der Bevölkerungszahl – wie sie in Abbildung 1 zum Vergleich enthalten ist – stünde dagegen die Annahme, dass mit einer höheren Bevölkerungsdichte logisch auch eine größere terroristische Aktivität einhergehen sollte. Oder anders ausgedrückt, dass dieselbe Ausprägung von Brutalitätsindikatoren (also z. B. die absolute Zahl der Anschläge) in unterschiedlich bevölkerungsreichen Gebieten einen unterschiedlichen Brutalitätsgrad indizieren würden. Auch wenn wir im weiteren Verlauf des Artikels dieser Logik prinzipiell nicht folgen, werden wir doch an ausgewählten Stellen, bei denen diese Sichtweise erheblichen Mehrwert generiert, auch auf die Bevölkerungszahl standardisierte Vergleiche anstellen. Hierzu werden jährliche Bevölkerungszahlen der Weltbank verwendet (http://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.TOTL; 11.5.2013). Aufsätze 24 Abbildung 1: Anzahl an Anschlägen pro Jahr Abbildung 2: Prozentualer Anteil an Anschlägen nach Weltregion Betrachtet man die Zahl der Anschläge getrennt nach Weltregionen (s. Abb. 2), lassen sich deutliche Wellen ablesen, das heißt es gab seit den 1970er Jahren immer wieder regionale Terrorismushochphasen. Listet der Datensatz in den 1970er Jahren noch einen Großteil der Anschläge, welche allerdings zumeist unblutig verliefen, in Westeuropa und Nordamerika, so steigt Mitte der 1970er Jahre die Anzahl an Anschlägen in Zentral- und Südamerika deutlich an. Mitte der 1980er Jahre entfällt dann etwa die Hälfte aller Anschläge weltweit auf diese Regionen. Die Verlagerung der terroristischen Aktivitäten auf andere Weltregionen wird deutlich, wenn in Betracht gezogen wird, dass bis Mitte der 1980er Jahre noch ca. 80 Prozent aller Anschläge in Europa und Nord-, Zentral- oder Südamerika stattfanden, wohingegen deren gemeinsamer Anteil an den Anschlägen weltweit seit 2005 deutlich unter zehn Prozent liegt. Die beiden Regionen, die in den Jahren seit 1980 den größten Zuwachs erfahren haben, sind Südasien (hierzu zählen Indien, Pakistan und Afghanistan) sowie der Mittlere Osten und Nordafrika. In Sub-Sahara-Afrika wie auch in Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 25 Südostasien ist ebenfalls ein leichter Zuwachs seit den 1980er Jahren festzustellen, allerdings auf weit niedrigerem Niveau als in den beiden vorher genannten Regionen. Der Anstieg der Anschlagszahlen in den letzten gut zehn Jahren mag zwar auf eine leichte Brutalisierung hindeuten, da das erreichte Niveau global betrachtet jedoch nicht über dem Niveau Anfang der 1990er Jahre liegt, kann die Brutalisierungsthese auf Basis dieses Indikators nicht wirklich bestätigt werden. Die deutlich gestiegenen Anschlagszahlen in einigen Regionen (bzw. Ländern; s. hierzu Tabelle 2)20 sprechen allerdings dafür, dass dort das gesamtgesellschaftliche Angstniveau doch so gestiegen ist, dass man durchaus von einer Brutalisierung sprechen kann. Dieser Befund relativiert sich allerdings, wenn man auf die Bevölkerungszahlen standardisiert und die Phase des neuen Terrorismus mit früheren Phasen hoher terroristischer Aktivität vergleicht. So fanden beispielsweise in El Salvador in den 1980er Jahren pro Kopf im Durchschnitt jährlich doppelt so viele Anschläge statt wie im jährlichen Mittel während der Terrorismus-Hochphase im Irak zwischen 2008 und 2011. Tabelle 2: Anschläge in Afghanistan, Irak, Pakistan, Kolumbien, El Salvador und Nordirland 1970er 1980er 1990er 2000-2003 2004-2007 2008-2011 Afghanistan 4 (0,04)0,03 22 (0,08) 0,20 114 (0,38) 0,79 158 (2,81) 1,75 827 (9,67) 8,08 1828 (10,04) 16,30 Irak 6 (0,06)0,05 30 (0,11) 0,20 140 (0,47) 0,70 96 (1,71) 0,94 2681 (31,35) 23,94 4508 (24,75) 36,82 Pakistan 17 (0,18)0,02 190 (0,67) 0,19 1188 (3,97) 0,96 158 (2,81) 0,27 542 (6,34) 0,84 2769 (15,20) 4,02 Kolumbien 415 (4,40)1,62 2726 (9,57) 9,01 2506 (8,37) 7,02 503 (8,96) 3,08 136 (1,59) 0,78 470 (2,58) 2,55 El Salvador 405 (4,29)8,92 3494 (12,27) 71,71 568 (1,90) 10,43 0 (0) 0 0 (0) 0 0 (0) 0 Nordirland 1432 (15,17)93,64 1141 (4,01) 73,04 1016 (3,39) 62,20 153 (2,72) 22,63 32 (0,37) 4,60 143 (0,79) 19,84 Gesamt 9441 28481 29927 5615 8552 18213 Anschlagsserien-Kodierung; in Klammern: Prozent von Gesamt, kursiv darunter: jährliche Anschläge standardisiert auf die Bevölkerungszahl in Mio. Mehr Tote durch Anschläge Betrachtet man die Gesamtanzahl an Personen, die jährlich durch Terroranschläge getötet werden, so bietet sich ein relativ diffuses Bild (s. Abb. 3): Bewegte sich die 5.2. 20 So entfielen zuletzt knapp die Hälfte aller Anschläge weltweit auf nur drei Länder: Afghanistan, Irak und Pakistan. Bis in die 1990er Jahre machten aber beispielsweise auch Kolumbien und El Salvador, die in Tabelle 2 exemplarisch für zentral- und südamerikanische Länder herausgegriffen wurden, sowie Nordirland einen relevanten Anteil an den Anschlägen weltweit aus. Aufsätze 26 Anzahl an Toten pro Jahr Mitte der 1970er Jahre noch deutlich unter einer Grenze von 1.000, so stieg dieser Wert bis 1984 auf mehr als 10.000 Tote an. Die folgenden Jahre sind mit Werten zwischen 5.000 und 11.000 Todesopfern durch eher leichte Schwankungen auf einem generell hohen Niveau geprägt. 1998 fallen dann erstmals seit 1981 wieder weniger als 5.000 Personen dem Terrorismus zum Opfer. Diese Phase relativ weniger Todesopfer hält, sofern man die fast 3.000 Opfer des 11. September 2001 herausrechnet, bis 2003 an. Ab 2004 steigt die Zahl durch Terrorismus getöteter Personen rapide an, bis sie im Jahr 2007 ihren Höchststand erreicht; seitdem ist sie leicht rückläufig. Auf Basis dieser Daten lässt sich festhalten, dass das Brutalitätsniveau seit 2001 zwar angestiegen ist, die 2000er Jahre aber im Vergleich zu den 1980er Jahren und zum Anfang der 1990er Jahre nicht deutlich brutaler geworden sind. Dieses Bild verfestigt sich noch, sobald man auf die Weltbevölkerung standardisiert. Im Jahr 1984 kamen demnach auf eine Million Personen noch mehr als zwei Tote durch Terroranschläge, in der zweiten Hochphase seit 2003 wird dieser Wert nicht mehr ganz erreicht. Abbildung 3: Anzahl an Todesopfern durch Terroranschläge pro Jahr Unterteilt man die Zahl der Todesopfer nach Weltregionen, bestätigt sich größtenteils das von den Anschlagszahlen her bekannte Bild (s. Abb. 4): Gut sichtbar sind hier die Anschläge vom 11. September 2001, die als grauer Zacken fast 50 Prozent aller durch Terrorismusakte Getöteten dieses Jahres ausmachen. Bis Mitte der 1970er Jahre entfielen die meisten Todesopfer auf Westeuropa. Gleichwohl die absolute Zahl der Opfer dieser Weltregion in den folgenden 15 Jahren nicht sehr stark variierte – dies zeigt Abbildung 5, in der die Absolutwerte abgetragen sind – war der relative Anteil Westeuropas am terroristischen Weltgeschehen bereits in den 1980er Jahren sehr gering. Die beiden Abbildungen zeigen aber auch die weitere wellenförmig verlaufende Verlagerung des Schwerpunkts terroristischer Aktivitäten über Zentral- und Südamerika in den 1970er und 1980er Jahren, Sub-Sahara- Afrika in den 1990er Jahren hin zu Südasien, dem Mittleren Osten und Nordafrika, wo vor allem in den Jahren nach dem 11. September 2001 die meisten Todesopfer zu beklagen waren. Insgesamt zeigt auch dieser Indikator keine generelle Brutalisierung, sondern eine gesteigerte Brutalität für einzelne Weltregionen, die allerdings auch nicht über das Level früherer Jahrzehnte in anderen Regionen hinausgeht. Diesen Befund verdeutlicht die erneute exemplarische Betrachtung der Länder Afghanistan, Irak, Pakistan, Kolumbien, El Salvador und Nordirland (s. Tab. 3). Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 27 Die Anzahl der Todesopfer pro Jahr standardisiert auf die jeweilige Bevölkerungszahl indiziert zwar eine deutliche Brutalisierung in Afghanistan, Irak und Pakistan seit Anfang des neuen Jahrtausends, gleichwohl ist das in diesen Ländern erreichte Brutalitätslevel nicht sonderlich höher als das aus den anderen drei Vergleichsländern bekannte Level während der 1970er bis 1990er Jahre. Tabelle 3: Todesopfer in Afghanistan, Irak, Pakistan, Kolumbien, El Salvador und Nordirland 1970er 1980er 1990er 2000-2003 2004-2007 2008-2011 Afghanistan 53 (0,74)0,40 138 (0,20) 1,25 304 (0,40) 2,02 447 (2,25) 5,07 2561 (7,51) 24,95 4712 (14,04) 41,87 Irak 13 (0,18)0,11 148 (0,22) 0,99 530 (0,70) 2,62 376 (1,89) 3,64 16627 (48,78) 148,49 9337 (27,83) 76,76 Pakistan 14 (0,20)0,02 480 (0,70) 0,48 3006 (3,96) 2,39 449 (2,26) 0,76 2186 (6,41) 3,38 5962 (17,77) 8,67 Kolumbien 283 (3,97)1,09 6022 (8,83) 19,82 5762 (7,60) 15,95 1510 (7,60) 9,28 364 (1,07) 2,10 291 (0,87) 1,58 El Salvador 328 (4,61)7,18 10930 (16,02) 225,36 827 (1,09) 15,25 0 (0) 0 0 (0) 0 0 (0) 0 Nordirland 1675 (23,52)109,52 750 (1,10) 48,01 480 (0,63) 29,45 19 (0,10) 2,81 4 (0,01) 0,57 4 (0,01) 0,56 Gesamt 7122 68230 75821 19878 34086 33551 Anschlagsserien-Kodierung; in Klammern: Prozent von Gesamtperiode, kursivdarunter: jährliche Todesopfer standardisiert auf die Bevölkerungszahl in Mio. Abbildung 4: Prozentualer Anteil an Toten durch Terroranschläge nach Weltregion Aufsätze 28 Abbildung 5: Anzahl an Todesopfern von Terrorismus nach Weltregion Mehr Tote pro Anschlag Entsprechend der oben diskutierten Operationalisierungsmöglichkeiten kann eine Brutalisierung auch auf eine Veränderung in der Qualität der Anschläge zurückgeführt werden. Ein Indikator für eine solche qualitative Veränderung des Terrorismus ist die Intensität der Anschläge, welche sich über die Verteilung der Todesopfer auf die Anschläge bestimmen lässt. Eine naheliegende Maßzahl ist hier der Mittelwert, der angibt, wie viele Todesopfer ein Anschlag im jährlichen Durchschnitt fordert. Daneben bietet es sich auch an, die Standardabweichungen in den Blick zu nehmen, denn nur so lässt sich überprüfen, ob beispielsweise eine hohe durchschnittliche Opferzahl darauf zurückzuführen ist, dass es viele Anschläge mit vergleichsweise wenigen Toten gegeben hat, oder darauf, dass es einige wenige Anschläge mit sehr vielen Opfern gab, wobei gleichzeitig eine große Masse an Anschlägen keinerlei Todesopfer gefordert hat. Abbildung 6 zeigt die Mittelwerte mit zugehörigen Standardabweichungen. Da diese zum Teil ein Vielfaches des Mittelwerts ausmachen, konnten sie nicht, wie sonst üblich, als Intervalle um den Mittelwert dargestellt werden, sondern wurden unter Verwendung einer gröberen Skala in das Diagramm integriert.21 Betrachtet man die durchschnittliche Zahl der Todesopfer pro Anschlag, lässt sich die These einer Brutalisierung des Terrorismus nicht bestätigen. Zwar steigt der Wert im Jahr 2004 auf mehr als fünf an, dieser erreicht aber weder das Maximum aus dem Jahr 1998, noch bleibt er beständig auf diesem hohen Niveau. Seit 5.3. 21 Allerdings ist die Interpretation der Standardabweichung genau wie die des Mittelwerts insofern problematisch, als dass die stark linkssteile Verteilung der Anschläge deutlich von einer Normalverteilung abweicht: Es finden sich sehr viele Anschläge mit keinen oder nur sehr wenigen Todesopfern und nur sehr wenige mit vielen. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 29 2008 bewegt sich der Indikator sogar unter dem Niveau der 1980er und 1990er Jahre. Auch die Standardabweichungen zeigen bereits seit Anfang der 1990er Jahre größere Ausschläge. Vergleichsweise hohe durchschnittliche Todesopferzahlen lassen sich damit nicht erst seit dem 11. September 2001 auf einzelne, einen extremen Blutzoll fordernde Anschläge zurückführen.22 Aufgrund der linkssteilen Verteilung ist eine Betrachtung verschiedener Perzentile ebenfalls aufschlussreich, da diese gut indizieren, ob verstärkt Anschläge mit vielen Todesopfern stattfinden (s. Abb. 7). So zeigt sich, dass in den 1970er Jahren 99 Prozent der Anschläge meist weniger als zehn Tote forderten, wohingegen in den Perioden 1982 bis 1985, 1993 bis 1999 und 2002 bis 2007 dieser Wert bei teilweise deutlich über 30 liegt.23 Eine ausschließliche Brutalisierung in den 1990er Jahren oder sogar erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001 lässt sich indes auch aus diesen Kurven nicht ablesen. Abbildung 6: Tote pro Anschlag (Mittelwerte und Standardabweichungen) 22 Bei einer Betrachtung nach Weltregionen fällt auf, dass besonders Anschläge in Sub-Sahara-Afrika im Durchschnitt seit den frühen 1990er Jahren deutlich mehr Todesopfer mit sich bringen als in allen anderen Regionen. 23 Der extrem hohe Wert 1998 geht auf einige sehr blutige Anschläge in Burundi, Algerien und Kolumbien zurück. Aufsätze 30 Abbildung 7: Tote pro Anschlag (80%-, 90%-, 95%- und 99%-Perzentile) Abbildung 8: Verteilung Tote pro Anschlag standardisiert auf die Anzahl der Anschläge der betrachteten Zeitperioden Eine weitere Möglichkeit die Verteilung der Todesopfer darzustellen zeigt Abbildung 8. Hier sind die Toten pro Anschlag auf die Anzahl der Anschläge je Dekade standardisiert. Als zusätzlicher Betrachtungszeitraum werden die Jahre 2003 bis 2008 einbezogen, um zu testen, ob es insbesondere in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu einer deutlichen Brutalisierung gekommen ist. Zunächst zeigt sich, dass seit den 1970er Jahren ein kontinuierlicher Rückgang der Zahl der Anschläge ohne Todesopfer stattfindet. Bei den Anschlägen mit einem Todesopfer ist der Zeitraum von 2003 bis 2008 bereits im Spitzenfeld anzusiedeln. Am eklatantesten wird die Differenz in den Kategorien zwei bis drei und vier bis zehn Tote. Hier liegt die Kurve für 2003 bis 2008 vergleichsweise deutlich über derjenigen für die 1980er und 1990er und vor allem für die 1970er Jahre. Insgesamt zeigt dieser Indikator leichte Hinweise darauf, dass insbesondere die Jahre von Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 31 2003 bis 2008 insofern brutaler waren als andere Perioden, als es vergleichsweise zu mehr Anschlägen kam, bei denen eine mittlere Zahl der Toten (bis zu zehn) zu beklagen war. Von einem wirklich deutlichen Ergebnis kann man an dieser Stelle allerdings nicht sprechen. Hierfür sind die Unterschiede zu den 1980er und 1990er Jahren zu gering. Mehr Selbstmordanschläge Ließen sich aus der Gesamtzahl der Anschläge nur bedingt Rückschlüsse auf eine Brutalisierung ziehen, sieht dies bei der Untergruppe der Selbstmordattentate anders aus. Diese Form des Terrorismus kam – verwendet man die Daten der GTD – erstmals 1983 bei einem Anschlag der Hisbollah gegen den US-Stützpunkt in Beirut zur Anwendung, bei dem zwei von Selbstmordattentätern gelenkte und mit Sprengstoff beladene Lastwagen bei ihrer Detonation insgesamt 241 US-Soldaten und 58 französische Fallschirmjäger töteten.24 Ende der 1980er und Anfang der 1990er fiel die Zahl der Selbstmordanschläge fast wieder auf null. Erst ab 1994 ist eine langsame Steigerung in den Anschlagszahlen erkennbar – gleichwohl immer noch auf einem recht niedrigen Niveau. Ein enormer Anstieg zeigt sich dann jedoch in den Jahren nach dem 11. September 2001 und dem darauf folgenden US-amerikanischen Einmarsch in Afghanistan. So hat sich die Zahl der Selbstmordanschläge in den fünf Jahren von 2003 bis 2007 mehr als vervierfacht (s. Abb. 9). Seither sind die Anschlagszahlen wieder gesunken. Betrachtet man diese Form der Anschläge nach Weltregionen, zeigt sich deutlich, dass Selbstmordanschläge ein Phänomen sind, das ganz überwiegend den Mittleren Osten und Südasien betrifft (s. Abb. 10); Irak, Afghanistan und seit Neustem auch Pakistan weisen dabei die höchsten Zahlen auf (s. Tab. 4). Die Zahl der Selbstmordanschläge lässt damit auf eine Brutalisierung insbesondere in diesen Regionen schließen. 5.4. 24 Aus dem historisch betrachtet frühen Auftreten sowie der heutigen Dominanz von Selbstmordanschlägen im islamisch geprägten Kulturraum sollte jedoch nicht abgeleitet werden, dass es sich hierbei um ein rein islamistisches Phänomen handelt. Ein bemerkenswerter – wenn auch wenig bekannter – Faktor in dieser Debatte kann darin gesehen werden, dass auch die eindeutig säkulare Irish Republican Army (IRA) Anschläge verübte, die den heutigen Selbstmordanschlägen, beispielsweise im Irak, sehr ähnlich sind. Diese Anschläge wurden jedoch nicht als Selbstmordanschläge oder Märtyreroperationen eingestuft, sondern als »proxy bombs« bezeichnet (vgl. Horgan/Bloom 2008; Moloney 2002). Der erste Anschlag dieser Art wurde bereits im Jahr 1975 verübt – und damit noch vor Gründung von Hamas und Hisbollah. Die IRA nahm den katholischen Koch Patrick Gillespie als Geisel und zwang ihn, einen mit 450 kg Sprengstoff beladenen Lastwagen in einen Checkpoint der britischen Armee zu fahren. Als Gillespie den Checkpoint passierte, wurde der Sprengsatz per Fernzündung gesprengt. Gillespie und fünf britische Soldaten kamen ums Leben. Auch Pape (2005: 260) betont, dass Selbstmordterrorismus nicht auf den islamischen Fundamentalismus zu beschränken ist. So listet denn auch die GTD die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) in Sri Lanka als diejenige terroristische Organisation, auf deren Konto die meisten Selbstmordattentate zu verbuchen sind. Aufsätze 32 Abbildung 9: Anzahl an Selbstmordanschlägen pro Jahr Abbildung 10: Anzahl an Selbstmordanschlägen pro Jahr nach Region Tabelle 4: Selbstmordanschläge in Afghanistan, Irak und Pakistan 1970er 1980er 1990er 2000-2003 2004-2007 2008-2011 Afghanistan 0 (-) 0 (0) 0 (0) 5 (2,10) 139 (17,01) 217 (29,12) Irak 0 (-) 0 (0) 3 (2,59) 12 (5,04) 502 (61,44) 232 (31,14) Pakistan 0 (-) 0 (0) 5 (4,31) 6 (2,52) 71 (8,69) 147 (19,73) Gesamt 0 31 116 238 817 745 Anschlagsserien-Kodierung; in Klammern in Prozent von Gesamt. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 33 Mehr Anschläge gegen weiche Ziele Bei der bisherigen Betrachtung wurden die Anschläge nicht nach deren Ziel unterschieden. In den folgenden Abschnitten soll dies durch die Unterteilung in weiche und harte Ziele geschehen. Es zeigt sich, dass sich während des Untersuchungszeitraums durchgehend mehr Anschläge gegen weiche Ziele als gegen harte Ziele ereignet haben (s. Abb. 11). Zum Teil ist die Differenz nicht sonderlich groß, insbesondere in den Perioden zwischen 1996 und 2002 sowie zwischen 2008 und 2010 fielen jedoch zwischen 60 und 70 Prozent aller Terroranschläge in diese Kategorie (s. Abb. 12). Von einer signifikanten Zunahme von Anschlägen gegen weiche Ziele kann jedoch trotz dieser beiden Perioden nicht gesprochen werden, da es einerseits auch in den 1970er Jahren bereits Zeiträume gab, in denen Anschläge gegen weiche Ziele deutlich überwogen, und gleichzeitig gerade im Zeitraum von 2003 bis 2005 fast gleich viele Anschläge gegen harte wie gegen weiche Ziele stattfanden. Insofern kann von diesem Indikator ausgehend auch nicht auf einen Paradigmenwechsel des Terrorismus seit dem 11. September 2001 geschlossen werden, der eine Brutalisierung mit sich gebracht hätte.25 Abbildung 11: Anschläge auf harte und weiche Ziele 5.5. 25 Terroristische Anschläge gegen andere Terroristen, die in gewisser Weise als noch härtere Ziele als beispielsweise Anschläge gegen Polizei und Militär zu betrachten sind, welche als klassische harte Ziele kodiert wurden, machen insgesamt maximal zwei Prozent aller Anschläge aus. Ihr Anteil variiert zudem nur sehr schwach über die Zeit. Der Anteil an Anschlägen, bei denen auf Basis der GTD-Daten nicht klar anzugeben war, ob sie gegen weiche oder harte Ziele gerichtet waren, ist ebenfalls über die gesamte Untersuchungsperiode relativ konstant und so gering, dass hier von keinem systematischen bias auszugehen ist. Aufsätze 34 Abbildung 12: Anschläge auf harte und weiche Ziele in Prozent aller Anschläge eines Jahres Mehr Tote bei Anschlägen gegen weiche Ziele Ein weiterer Brutalisierungsindikator ist die Anzahl der Todesopfer bei Anschlägen gegen weiche Ziele im Vergleich zu denen gegen harte Ziele. Würden insbesondere seit dem Jahr 2001 die Opfer bei Anschlägen gegen weiche Ziele deutlich diejenigen von Anschlägen gegen harte Ziele übersteigen, würde dies die These des neuen Terrorismus, dass ein Wandel in der Zielauswahl stattgefunden hätte, bestärken. Abbildung 13 zeigt, dass bis Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre die meisten Todesopfer stets bei Anschlägen gegen harte Ziele zu beklagen waren. Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich dieses Verhältnis nun umgekehrt. Drei Spitzen lassen sich seither bei den Opfern ausmachen, die bei Anschlägen gegen weiche Ziele starben: 1997, 2001 sowie 2006 bis 2008. Diese Daten erklären sich für das Jahr 2001 durch die Anschläge vom 11. September, während für den Zeitraum zwischen 2006 und 2008 vor allem die Kriege in Afghanistan und Irak ausschlaggebend waren. Die Daten im Jahr 1997 zeigen ein komplizierteres Bild, das folgendermaßen erklärt werden kann: Die hohe Opferzahl bei Anschlägen gegen weiche Ziele kam hier durch eine Vielzahl von lokalen Konfliktkonstellationen zustande, bei denen insbesondere die Massaker in Algerien mit 4.112 zivilen Toten hervorzuheben sind, die 1997 ihren Scheitelpunkt erreichten. Aber auch in Kolumbien, Ruanda, Indien und Mexiko lag die Zahl der Opfer von terroristischen Anschlägen, die auf weiche Ziele gerichtet waren, in diesem Jahr bei Weitem über den Werten der Jahre davor und danach. Betrachtet man die prozentualen Anteile (s. Abb. 14), so bestätigt sich der Trend hin zu mehr Opfern innerhalb weicher Ziele: Lässt man die alles in allem vergleichsweise unblutigen 1970er Jahre außen vor, zeigt sich eine relativ kontinuierliche Verschiebung des Verhältnisses in Richtung mehr Tote bei Anschlägen gegen weiche Ziele. Jedoch lässt sich auch dieser Trend bereits weit vor dem 11. Septem- 5.6. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 35 ber 2001 nachweisen. Mehr noch: Gerade in den direkten Folgejahren (2003 bis 2005) sowie seit 2010 befindet sich das Verhältnis zwischen weichen und harten Zielen auf einem Niveau wie Mitte der 1980er. Auch bei diesem Indikator zeigt sich also keine so deutliche Veränderung, als dass von einer neuen Qualität des Terrorismus gesprochen werde könnte. Abbildung 13: Anzahl der Todesopfer bei Anschlägen gegen weiche und harte Ziele Abbildung 14: Prozent der Todesopfer untergliedert nach Anschlägen gegen weiche und harte Ziele Aufsätze 36 Mehr Tote pro Anschlag bei Anschlägen gegen weiche Ziele im Vergleich zu den Anschlägen gegen harte Ziele Der vorletzte von uns betrachtete Indikator zielt letztlich auf die »Effizienz« der Anschläge ab. Hierbei soll untersucht werden, inwiefern gerade bei den Anschlägen gegen weiche Ziele deutlich mehr Todesopfer zu beklagen sind. Abbildung 15 zeigt jedoch, dass die durchschnittliche Zahl der Todesopfer, die bei Anschlägen gegen weiche Ziele zu beklagen waren, bereits 1998 ihr Maximum erreicht hatte. Dieses relativ hohe Niveau erreichte der Indikator nochmals in den Jahren 2001, 2004 und 2007. In jüngster Zeit geht die durchschnittliche Zahl der Toten jedoch sowohl bei Anschlägen gegen weiche wie gegen harte Ziele deutlich zurück. Die Brutalisierungsthese lässt sich auf Basis dieser Daten nicht bestätigen.26 Abbildung 15: Durchschnittliche Zahl der Todesopfer pro Anschlag unterteilt nach Anschlägen gegen weiche und harte Ziele Selbstmordanschläge gegen weiche Ziele Der letzte Indikator begreift die Brutalisierung sowohl aus der Perspektive derjenigen, die den Anschlag verüben und dabei ihr Leben einsetzen, als auch aus der Perspektive der zivilen Opfer. Abbildung 16 gibt den Anteil der Selbstmordanschläge an, die gegen weiche und gegen harte Ziele verübt wurden. Die Grafik beginnt im Jahr 1983 mit den Selbstmordanschlägen von Beirut. Gleichwohl sind die Häufig- 5.7. 5.8. 26 Eine hier nicht präsentierte getrennte Analyse dieses Indikators nach Weltregionen zeigt, dass sich in keiner der Regionen die Kurven für Anschläge gegen weiche und harte Ziele systematisch auseinanderentwickeln, wie es die Brutalisierungsthese vermuten lassen würde. Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 37 keiten dieses Anschlagstyps vor Ende der 1990er Jahre so gering (s. Abb. 3), dass die prozentualen Veränderungen von Jahr zu Jahr extrem schwanken und deshalb auch nur mit Vorsicht zu interpretieren sind. Von 2000 bis 2003 machten die weichen Ziele dann um die 60 Prozent aller Selbstmordanschläge aus. Dieser Wert sank im Jahr 2004 deutlich, stieg aber bis 2009 wieder auf etwa 50 Prozent an. Insgesamt betrachtet zeigt die Auswahl der Ziele von Selbstmordattentätern allerdings keine deutliche Verlagerung hin zu mehr weichen Zielen. Insofern spricht auch dieser Indikator nicht für die Brutalisierungsthese.27 Abbildung 16: Anteil der Selbstmordanschläge gegen weiche und gegen harte Ziele Fazit In einer Linie mit Hoffman, Kilcullen und den zitierten deutschen Intellektuellen, die die These vom neuen Terrorismus vertreten, stehen die Analysen des französischen Philosophen André Glucksmann, für den mit dem 11. September 2001 das Zeitalter des Megaterrorismus angebrochen ist (Glucksmann 2004). Glucksmann formuliert die These der Brutalisierung des neuen Terrorismus folgendermaßen: »The ›human material‹ has no value for the terrorists who prove the strength of their convictions and the power of their weapons with the murder of the disarmed, whoever they may be and whatever they may think, whether believers or not« (Glucksmann 2004). Doch auch die am besten klingenden Begriffsdrachen wie »neo-Hobbesscher Krieg«, »katastrophischer«, »nihilistischer« oder »Megaterrorismus«, die von Philosophen und Intellektuellen regelmäßig gezüchtet werden, um die angebliche Brutalisierung des neuen Terrorismus zu beschreiben, müssen sich dem scharfen Schwert der Empirie stellen. Basierend auf Daten aus der Global Terrorism Data- 6. 27 Auch wenn man diesen Indikator für die einzelnen Weltregionen getrennt betrachtet, zeigt sich in keiner eine deutliche und anhaltende Verlagerung hin zu mehr weichen Zielen bei Selbstmordattentaten. Aufsätze 38 base konnten in der vorliegenden Studie diese Begriffsdrachen zum größten Teil erlegt werden. Denn lediglich bei zwei der von uns betrachteten acht Indikatoren konnten auf globaler Ebene moderate Hinweise auf eine Brutalisierung des Terrorismus seit den 1990er Jahren festgestellt werden: erstens bei der Anzahl an Selbstmordanschlägen, die einen starken Anstieg in den Jahren nach dem US-amerikanischen Einmarsch in Afghanistan aufweist, und die weniger aus Sicht der Opfer als vielmehr aus Sicht der Terroristen als Brutalisierung zu werten ist; zweitens bei der gestiegenen durchschnittlichen Anzahl an Todesopfern von Terroranschlägen. Diese beiden bescheidenen Hinweise rechtfertigen jedoch kaum, das Zeitalter eines »Megaterrorismus« einzuläuten, welcher eine gänzlich neue Qualität in den weltweiten Terrorismus bringe. Vor allem die These, dass sich insbesondere seit dem 11. September 2001 eine Brutalisierung zeigen würde, muss verworfen werden: Die Anzahl der Anschläge, die Gesamtzahl der durch Terrorismus ums Leben gekommenen Personen wie auch die durchschnittliche Anzahl an Toten pro Jahr erfuhren zwar eine Steigerung in der Folge des 11. Septembers 2001, gleichwohl wurde das Niveau der 1980er und 1990er Jahre, wenn überhaupt, nur knapp erreicht. Eher lässt sich bereits seit Beginn der 1990er Jahre eine gewisse Brutalisierung ausmachen – freilich unterbrochen von Phasen relativer terroristischer Ruhe. Zentral für unsere Studie ist die analytische Differenzierung der Anschläge nach deren Ziel in solche gegen weiche (zivile) und solche gegen harte Ziele (Polizei, Militär, Regierungseinrichtungen). Gerade die vier auf dieser Unterscheidung gründenden Indikatoren geben allerdings wenig Hinweise darauf, dass der neue Terrorismus durch eine verstärkte Auswahl weicher Ziele eine Brutalisierung verursachen würde, wie dies seine Vertreter behaupten: Zwar starben Anfang der 1990er Jahre erstmals mehr Personen bei Anschlägen gegen weiche Ziele als bei solchen gegen harte Ziele, als Beleg für die Brutalisierungsthese taugt dieser Befund gleichwohl nur bedingt. Er geht nämlich primär auf drei Jahre bzw. Perioden zurück, in denen extrem viele Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen waren: 1997, 2001 sowie 2006 bis 2008. Alle drei Scheitelwerte können dabei auf spezifische, zum Teil lokale Konfliktkonstellationen zurückgeführt werden (1997: Massaker in Algerien; Anschläge vom 11. September 2001; 2006 bis 2008: Gewaltwelle im Irak und in Afghanistan) und sind damit schlecht geeignet, einen generellen Trend im Terrorismus zu illustrieren. Schließlich hat sich auch die durchschnittliche Anzahl an Todesopfern auf weiche Ziele – was man zugespitzt als einen Indikator für die Effektivität des neuen Terrorismus sehen könnte – nicht erst seit 2001, sondern bereits seit Anfang der 1990er Jahre leicht erhöht. Bei diesem wie auch bei vielen der anderen Indikatoren zeigt sich zudem, dass seit etwa 2008 die Brutalität sogar wieder deutlich rückläufig ist. Die Brutalisierungsthese kann, wenn überhaupt, lediglich als eine nur sehr kurzfristig anhaltende und vor allem regional stark begrenzte Entwicklung begriffen werden, die im Vergleich zu den 1980er und den beginnenden 1990er Jahren im Brutalitätsniveau keine sonderliche Steigerung ausmachte. Deutlicher tritt die regionale Verlagerung der Terrorismusschwerpunkte zutage, die in diesem Artikel oftmals nur angerissen werden konnte: Waren Westeuropa und Nordamerika in den Jäckle/Baumann: Von Begriffsdrachen und empirischen Schwertern ZIB 1/2015 39 1970er Jahren noch die Hauptanschlagsgegenden, folgte in den 1980er Jahren eine Periode zahlreicher Anschläge in Zentral- und Südamerika, bevor seit etwa Anfang der 1990er Jahre die Hauptlast des weltweiten Terrorismus auf den Mittleren Osten, Südasien und das sub-saharische Afrika übergegangen ist. Dieser Befund tritt noch deutlicher zutage, sofern auf die jeweiligen Bevölkerungszahlen standardisiert wird – was im Rahmen dieses Artikels ebenfalls aus Platzgründen nur kursorisch geschehen konnte. Obwohl sich also global betrachtet kein allgemeiner Wandel des Terrorismus hin zu einem neo-Hobbesschen Krieg ausmachen lässt, gibt die Analyse für einzelne Regionen bzw. Länder (insbesondere Irak, Afghanistan und Pakistan) Hinweise auf ein so stark gestiegenes Brutalitätsniveau, dass man hier lokal durchaus von einem qualitativ neuartigen Terrorismus sprechen kann. Ob dieser allerdings wirklich brutaler ist als beispielsweise die Terrorismuswellen, die Südamerika in den 1980er Jahren erschüttert haben, darf auf Basis der hier präsentierten Daten bezweifelt werden. Die Bezeichnung »neuer Terrorismus« ist es demzufolge – zumindest aus Perspektive der Brutalisierungsthese – Wert, überdacht zu werden. Literatur Baumann, Marcel 2008: Zwischenwelten. Weder Krieg noch Frieden. Über den konstruktiven Umgang mit Gewalt im Prozess der Konflikttransformation, Wiesbaden. Baumann, Marcel 2013: Schlechthin böse? Tötungslogik und moralische Legitimität von Terrorismus, Wiesbaden. Bowie, Neil G./Schmid, Alex P. 2011: Databases on Terrorism, in: Schmid, Alex P. (Hrsg.): The Routledge Handbook of Terrorism Research, London, 294-340. 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Abstract

In this article we test whether terrorism has become more brutal since the 1990s and especially since the attacks of 9/11. Building on a literature review, we examine the thesis of brutalization within the framework of the so called »new terrorism« and test it in an empirical and analytical way. We operationalize the brutalization of terrorism in eight different ways and examine these indicators over time from 1970 to 2011 on a worldwide scale as well as for different regions using data from the Global Terrorism Database (GTD). We show that there is only little empirical evidence for a general brutalization of terrorism taking place all around the globe since the early 1990s. Yet, particularly in the years after 9/11, a rising brutality could be observed in certain regions. This should nevertheless not be regarded as an indication for a novel kind of terrorism as the data shows that the level of brutality of this »new terrorism« is ultimately the same as in earlier phases.

Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht die in der Terrorismusforschung diskutierte These, dass es seit Anfang der 1990er Jahre und insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu einer deutlichen Brutalisierung des Terrorismus gekommen sei. Aufbauend auf einem Literaturüberblick, der diese These umfassend beleuchtet und in den übergeordneten Rahmen der Debatte über den sogenannten »neuen Terrorismus« einordnet, wird sie auf Basis der Global Terrorism Database (GTD) empirisch-analytisch getestet. Hierzu werden acht verschiedene Operationalisierungsoptionen herausgearbeitet (u. a. die Anzahl an Selbstmordanschlägen oder an Todesopfern bei Anschlägen gegen zivile Ziele), um die Entwicklung terroristischer Aktivitäten zwischen 1970 und 2011 sowohl global als auch getrennt nach einzelnen Weltregionen zu analysieren. Die acht Indikatoren zeigen keine generelle, weltweit stattfindende Brutalisierung des Terrorismus. Gleichwohl lassen sich in einzelnen Regionen, vor allem nach dem 11. September 2001, deutliche Brutalitätssteigerungen beobachten. Ob dies allerdings tatsächlich als Ausdruck eines qualitativ neuartigen, brutaler agierenden Terrorismus verstanden werden sollte, darf bezweifelt werden. Zumindest zeigt die Analyse, dass sich das Brutalitätsniveau des »neuen Terrorismus« durchaus in einem Rahmen bewegt, der von früheren Hochphasen des Terrorismus bereits bekannt ist.

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Zimmermann, Doron 2003: The »New Terrorism«, Impact Scalability and the Dynamic of Reciprocal Threat Perception (Zürcher Beiträge zur Sicherheitspolitik und Konfliktforschung, Nr. 67), Zürich.

Abstract

Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) is the flagship journal of the German International Relations community. According to a poll amongst German political scientists across various sub-fields conducted in 2009 it is also considered the best German-language journal in Political Science at large. ZIB publishes articles that make original as well as theoretically and methodically reflected contributions to the study of international relations. The thematic spectrum includes the entire range of IR, including IR theory, foreign policy analysis, international institutions, peace and conflict resolution, security policy, European integration, North-South relations, development policy, and international economic relations.

The high quality of articles that are published in ZIB is ensured through  double blind peer review. ZIB was the first journal in German Political Science to introduce such a process.

Since its founding in 1994 ZIB has greatly contributed to the professionalization of the German IR-community and can be considered a key source for thematic stimuli on theoretical, methodological and empirical levels at the edge of contemporary IR research.

Website: www.zib.nomos.de

Zusammenfassung

Die "Zeitschrift für Internationale Beziehungen" (ZIB) ist das zentrale Publikationsorgan der Sektion Internationale Politik der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW). Ihre Aufgabe ist es, aus unaufgefordert eingesandten Beiträgen in einem doppelt anonymisierten Begutachtungsverfahren die besten auszuwählen, um auf diese Weise die qualitativ avancierte, theoretisch und methodisch reflektierte IB-Forschung in Deutschland zu repräsentieren.

Seit ihrer Gründung 1994 hat die ZIB wesentlich zur Profilbildung der deutschen IB-Community beigetragen und wichtige inhaltliche Impulse gegeben. Lange fehlte es den Internationalen Beziehungen in Deutschland an einem Kommunikationsforum, das den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine mehr als nur punktuelle Zusammenführung der fachlichen Diskussion bieten konnte.

Durch ihr Format schließt die ZIB diese Lücke und schafft Raum für umfassende wissenschaftliche Kontroversen und vielfältigen Austausch. Idealtypisch umfasst jedes Heft drei Aufsätze, die einen originären, theoretisch und methodisch reflektierten Beitrag zur Disziplin Internationale Beziehungen leisten, sowie entweder die Rubrik Forum oder die Rubrik Symposium.

Homepage: www.zib.nomos.de