Ingke Goeckenjan, Lara Schartau, Christian Roy-Pogodzik, „Flucht als Sicherheitsproblem“ Forschungsperspektiven zu Kriminalität im Kontext von Flucht in:

NK Neue Kriminalpolitik, page 123 - 141

NK, Volume 31 (2019), Issue 2, ISSN: 0934-9200, ISSN online: 0934-9200, https://doi.org/10.5771/0934-9200-2019-2-123

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TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik „Flucht als Sicherheitsproblem“ Forschungsperspektiven zu Kriminalität im Kontext von Flucht Abstract In diesem Beitrag wird das Forschungsprojekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ vorgestellt. In dem Projekt werden zum einen Ausmaß und Entwicklung der registrierten Kriminalität von Geflüchteten analysiert. Zum anderen wird erforscht, inwiefern Geflüchtete selbst Opfer von Straftaten werden. Drittens wird untersucht, inwiefern diese Kriminalitätsveränderungen und die damit einhergehende öffentliche Debatte Einfluss auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Aufnahmegesellschaft haben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Untersuchung von Viktimisierungserfahrungen Geflüchteter, da diese Perspektive in der kriminologischen Forschung bisher nur wenig beleuchtet ist. Schlagwörter: Migration, Flucht, Kriminalität, Viktimisierung, Kriminalitätsfurcht Abstract This article presents the research project "Flight as a security issue". The project analyses the extent and development of recorded crime committed by refugees. Secondly, the project explores the extent to which refugees themselves become victims of crime. Thirdly, it is investigated how these changes in crime and the associated public debate have an influence on the perception of security within the host society. A particular focus lies on how victimization experiences of refugees can be explored, since this perspective has so far only scarcely been illuminated in criminological research. Key words: migration, flight, crime, victimization, fear of crime DOI: 10.5771/0934-9200-2019-2-123 Einleitung und Überblick über das Forschungsprojekt Die politischen und medialen Debatten in Deutschland und ganz Europa sind seit der stark gestiegenen Aufnahme von Geflüchteten im Jahr 2015 wesentlich von den Themen Zuwanderung und Asyl geprägt. Während in den deutschen Medien zunächst noch Berichte über die „Willkommenskultur“ im Vordergrund standen, hat sich der öffentliche Diskurs bekanntlich vor allem im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht zum Jahreswechsel 2015/16 stark verschoben.1 Seitdem werden Zuwanderung und Flucht vornehmlich als Sicherheitsrisiken für die deutsche Aufnahmegesellschaft diskutiert. Damit verbunden sind auch Debatten um etwaige Auswirkungen auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Mehrheitsgesellschaft. Aus dem Blick geraten sind dabei die von Flucht betroffenen Menschen, die ihre Herkunftsländer u.a. wegen kriegerischer Auseinandersetzungen, Verfolgung oder Folter verlassen haben und im Aufnahmeland Schutz suchen. Fluchtursachen und die Perspektiven der Betroffenen sind in der deutschen Presselandschaft ein wenig bearbeitetes Themenfeld.2 Auch die kriminologische Forschung hat sich in den vergangenen Jahren zumeist auf die Frage nach der Kriminalitätsbelastung zugewanderter und geflüchteter Menschen konzentriert. Deutlich weniger steht im Fokus, dass Geflüchtete selbst eine vulnerable Gruppe bilden und in besonderer Weise von Gewalt und Straftaten betroffen sind – sowohl in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht als auch in den Ländern, in denen sie Zuflucht suchen.3 Um Kriminalität im Kontext von Flucht in einem möglichst umfassenden Sinne zu erforschen, ist es jedoch erforderlich, auch die Opfererlebnisse von Geflüchteten in den Blick zu nehmen. Das Forschungsprojekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ untersucht die Veränderungen der Kriminalitätslage im Zusammenhang mit der gestiegenen Aufnahme von Geflüchteten in Nordrhein-Westfalen, auch weil in diesem Bundesland die meisten Asylsuchenden aufgenommen wurden.4 Der Projekttitel ist dabei in einem weiten Sinne zu verstehen: Zum einen werden Ausmaß und Entwicklung der registrierten Kriminalität von Geflüchteten analysiert (dazu näher B.). Zum anderen wird aber auch untersucht, inwiefern Geflüchtete selbst Opfer von Straftaten – auf der Fluchtroute und im Aufnahmeland Deutschland – werden (dazu näher D.). Ein dritter Forschungsstrang widmet sich der Frage, inwiefern diese Kriminalitätsveränderungen und die damit einhergehende öffentliche Debatte Einfluss auf das subjektive Sicherheitsempfinden in der A. 1 Haller 2017. 2 Chouliaraki et al. 2017. 3 Siehe auch Wetzels et al. MschrKrim 2018, 85, 85 ff.; Goeckenjan 2019, 31 ff. 4 Das Forschungsprojekt wird vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft für den Zeitraum von April 2017 bis Mai 2020 gefördert. Durchgeführt wird das Projekt von drei Lehrstühlen der Ruhr-Universität Bochum: Die Mitverf. Ingke Goeckenjan leitet das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Singelnstein sowie Prof. Dr. Thomas Feltes, M.A. Im ersten Projektteil gehörten zudem Prof. Dr. Elisa Hoven (jetzt Universität Leipzig) und Prof. Dr. Andreas Ruch (jetzt Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW) dem Projektkonsortium an. Die Mitverf. Lara Schartau und Christian Roy-Pogodzik sowie Bettina Voußen sind im Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiter*innen tätig. 124 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT Aufnahmegesellschaft haben (dazu näher C.). Diese drei Untersuchungsgegenstände sollen im Folgenden näher vorgestellt werden. Da die Viktimisierungserfahrungen von Menschen mit Fluchthintergrund bislang besonders wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren haben, soll auf deren Untersuchung der Schwerpunkt dieses Beitrags liegen. Analyse der (registrierten) Kriminalität von Geflüchteten Will man die (registrierte) Kriminalität Geflüchteter analysieren, stellt sich vorgelagert die Frage, welche Personengruppe von diesem Begriff erfasst sein soll. Nach Angaben des UNHCR waren Ende 2017 weltweit 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht.5 Etwa 650.000 Menschen davon beantragten im Jahr 2017 in der Europäische Union Asyl.6 Diejenigen, die in Deutschland einen Asylantrag stellten, kamen vornehmlich aus so unterschiedlichen Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Iran, Türkei, Nigeria, Somalia oder der Russischen Föderation. Neben den Unterschieden in der Herkunft weisen die Menschen zugleich höchst verschiedene sozioökonomische, kulturelle und sprachliche Hintergründe und damit verbundene Lebenslagen auf.7 Sie durch Begrifflichkeiten wie „Flüchtlinge“, „Geflüchtete“ oder zunehmend auch „Zuwanderer*innen“ bzw. „Migrant*innen“ zu einer scheinbar homogenen Gruppe zusammenzufassen, stellt sich für analytische Zwecke problematisch dar. Die polizeiliche Erfassung der Kriminalität von „Zuwanderern“ Im Berichtsjahr 2016 führte das Bundeskriminalamt (BKA) den Begriff „Zuwanderer“ für die Erfassung der Kriminalität von aufgenommenen Personen ein. Unter „Zuwanderern“ werden inzwischen Angehörige eines Nicht-EU-Staates mit dem Aufenthaltsanlass Asylbewerber*in, Schutzberechtigte*r und Asylberechtigte*r bzw. Kontingentflüchtling, Geduldete*r und Personen mit unerlaubtem Aufenthalt verstanden.8 Erst im Berichtsjahr 2017 hatte das BKA den Begriff um „international/national Asylberechtigte/Schutzberechtigte“ erweitert, also solche Personen, die zuvor der Kategorie „sonstiger erlaubter Aufenthalt“ zugeordnet worden waren.9 Die Begrifflichkeit „Zuwanderer“ ist ungünstig gewählt, da sie die Gefahr birgt, potenziell alle nach Deutschland Migrierten zu stigmatisieren. Darüber hinaus weist der Zuwandererbegriff analytische Unschärfen auf, weil in ihm Personenkreise zusammengefasst werden, die sich hinsichtlich ihrer Schutzbedürftigkeit und deren rechtlicher Anerkennung deutlich unterscheiden. B. I. 5 UNHCR 2018, 2. 6 Eurostat 2018, 16. 7 Brücker et al. 2019. 8 BKA 2019, 2. 9 BKA 2018, 3. 125Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 125 NK 31. Jg. 2/2019 Der durch die Aufnahme Geflüchteter bedingte Bevölkerungszuwachs um 1,6 Millionen Menschen in den Jahren 2015 bis 2016 führte erwartungsgemäß zu einem Anstieg der Kriminalitätsbelastung, wobei sich die Gesamtkriminalität im Jahr 2017 wieder auf ein geringeres Niveau reduzierte und 2018 weiter gesunken ist.10 Im Vergleich zum Jahr 2014, als 59.912 bzw. ein Anteil von 3 % an allen Tatverdächtigen tatverdächtige „Zuwanderer“ waren,11 stiegen Zahl und Anteil bis 2018 auf 165.769 bzw. 8,6 % der Tatverdächtigen.12 Dabei zeigten sich junge Männer als hauptverantwortlich für den Anteil der Tatverdächtigenzahlen. Hinsichtlich der Alters- und Geschlechtsstrukturen der Schutzsuchenden waren 73 % derjenigen, die in den Jahren 2015 bis 2018 einen Asylantrag gestellt haben, unter 30 Jahre alt; 65 % waren männlich.13 Diese Beobachtung steht allerdings im Einklang mit allgemein anerkannten Zusammenhängen, die in der sog. Alters-Kriminalitäts-Kurve ihren Ausdruck finden.14 Weiterer Analyse bedürfen jedoch die Beobachtungen, dass Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak unterproportional, Menschen aus den Maghreb-Staaten hingegen überproportional häufig als Tatverdächtige in der PKS vertreten sind.15 Von den Herkunftsländern waren Menschen aus Syrien (20,2 %), Afghanistan (11,5 %) und dem Irak (7,2 %) am häufigsten tatverdächtig.16 32,7 % der Tatverdächtigen wird mehr als eine Tat zur Last gelegt. Bei einer oberflächlichen Betrachtung der Delikts- und Tatverdächtigenstrukturen zeigt sich beispielsweise, dass Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit, mit einem Anteil von 24,7 %, knapp vor den Diebstahlsdelikten (24,2 %), den deliktischen Schwerpunkt ausmachten.17 Einen deliktischen Anteil von 23,1 % an allen registrierten Straftaten von „Zuwanderern“ entfällt auf Vermögens- und Fälschungsdelikte, die sich wiederum überwiegend aus Beförderungserschleichung (44,1 %) und Urkundenfälschung (22,7 %) zusammensetzten.18 „Zuwanderer“ im Deliktsbereich Diebstahl begingen am häufigsten Ladendiebstahl (66 %).19 Für Menschen aus Georgien (75 %) und Armenien (69 %) bildeten Diebstahlsdelikte den deliktischen Schwerpunkt.20 Hierbei bieten sich zum einen Erklärungen zur Sozialstruktur und zum Lebenshintergrund an. Zum anderen kann sich auch eine ungünstigere Bleibeperspektive negativ auf die Entwicklung des Legalverhaltens auswirken.21 Bei den Rohheitsdelikten und Straftaten gegen die persönliche Freiheit 10 BKA 2019, 15. 11 BKA 2016, 8. 12 Bei den Zahlen für 2014 fehlt allerdings der Anteil der „International/national Schutzberechtigten und Asylberechtigten“, der 2017 einen Anteil von 6 % an allen tatverdächtigen „Zuwanderern“ ausmachte (BKA 2018, 10). Diese Gruppe ging 2018 in die Kategorie „Schutzberechtigter und Asylberechtigter/Kontingentflüchtling“ auf (BKA 2019, 2). 13 BKA 2019, 6 ff. 14 Feltes et al. ZAR 2016, 157, 164 f. 15 BKA 2019, 9 ff. 16 Ebd. 10. 17 Ebd. 16. 18 Ebd. 36. 19 Ebd. 31. 20 Ebd. 33. 21 Walburg 2018, 173. 126 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT dominierte die vorsätzliche einfache Körperverletzung.22 Neben Zusammenhängen mit Geschlecht und Alter können als beispielhafte weitere Erklärungsansätze für eine erhöhte Gewaltbereitschaft eine erlernte Technik der Problembewältigung aus Kriegserfahrungen23, sozialisierte gewaltbegünstigende Männlichkeitsnormen oder eine mit diesem Männlichkeitskonstrukt verbundene Kompensation des fehlenden Selbstwertes diskutiert werden.24 Ein weiterer Risikofaktor dürfte in den aus dem engen Zusammenleben in Großunterkünften entstehenden Konflikten liegen (siehe auch den folgenden Abschnitt). Von den 47.042 Fällen, in denen Asylbewerber*innen bzw. Geflüchtete als Opfer registriert wurden, waren in knapp zwei Drittel der Fälle (29.621) „Zuwanderer“ tatverdächtig.25 Dies legt noch einmal nahe, Deliktstrukturen und Tatverdächtigen-Opfer-Beziehungen im Kontext der Unterbringung zu untersuchen. Unterkünfte als tatbegünstigende Faktoren Gemeinschaftsunterkünfte stellen für die meisten nach Deutschland geflohenen Menschen in den ersten Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland den Lebensmittelpunkt dar. Mehrheitlich qualitative Studien identifizieren die Raumstrukturen von Gruppenunterkünften als einen Faktor für das Entstehen von Konflikten und Kriminalität.26 Während die Unterbringungssituation aufgrund der hohen Fluktuation der Bewohner*innen in den Jahren 2015 und 2016 im Sinne des Routine-Aktivitäten-Ansatzes womöglich von Anonymität, geringer informeller sozialer Kontrolle und damit begünstigenden Tatmöglichkeiten etwa für Diebstahlsdelikte geprägt war, scheinen für die jetzige Situation andere Erklärungsansätze plausibler. Insbesondere solche Unterkünfte, die wegen der Unterbringung in Mehrbettzimmern kaum Schutz vor Lärm und Rückzugsmöglichkeiten bieten, können Stressoren für – ohnehin seelisch belastete – Menschen darstellen. Das Zusammenleben mit fremden Menschen anderer Kulturen auf engstem Raum kann zu Konflikten und in der Folge zu Gewaltkriminalität führen.27 Hinzu kommen psychische Vorbelastungen wie etwa Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) oder Postmigrationsstressoren wie Zukunftsängste oder Sorgen um die im Herkunftsland verbliebenen Verwandten, die in manchen Fällen Konfliktfähigkeiten reduzieren. Forschungsergebnissen zufolge können sich diese Stressoren stärker auf das Wohlbefinden Geflüchteter auswirken als die traumatischen Erlebnisse, die ihnen im Herkunftsland widerfahren sind.28 Darüber hinaus können durch das differenzierende Asylsystem Machtgefälle zwischen den Bewohner*innen entstehen.29 Demnach kommt es innerhalb der Unterkünf- II. 22 BKA 2019, 26. 23 Walter 2001, 220. 24 Siehe ausführlich dazu Walburg 2018, 173. 25 BKA 2019, 51 f. 26 Christ et al. 2017. 27 Walburg FS 2017, 93. 28 Carlsson/Sonne 2018, 15. 29 Christ et al. 2017. 127Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 127 NK 31. Jg. 2/2019 te in der Regel zu Gruppenbildungen nach Herkunft, Sprache oder Religion. Durch die mit dem verbundenen Aufenthaltsstatus unterschiedlichen Stellungen der Bewohner*innen kann sich allerdings häufig eine Hierarchisierung der im Asylsystem besser Gestellten gegenüber denjenigen ohne hinreichende Bleibeperspektive mit eingeschränktem Arbeitsmarktzugang, Familiennachzug und weniger Integrationsangeboten bilden. Diese Hierarchisierung kann sich in alltäglichen Problemen einer Gemeinschaftsunterkunft wie z.B. bei der Essensausgabe intensivieren und entladen. Häufig entspricht die Hierarchisierung auch vorhandenen Vorurteilen bzw. rassistischen Einstellungen gegenüber anderen Nationalitäten, Kultur- oder Religionsgruppen.30 Eigener Forschungsansatz Auf Grundlage polizeilicher Daten will sich das Projekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ einigen der angesprochenen offenen Forschungsfragen widmen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Analyse angesichts der eingeschränkten Aussagekraft31 polizeilicher Daten durch weitere Forschungszugänge zu ergänzen ist.32 Um Aussagen über die Situation und die Entwicklung der Kriminalität in Nordrhein-Westfalen treffen zu können, werden im Projekt zurzeit polizeiliche Daten aus der PKS, dem Vorgangsbearbeitungssystem IGVP und dem Einsatzleitsystem eCEBIUS aus 16 Städten und Landkreisen Nordrhein-Westfalens für die Jahre 2014 bis 2016 analysiert. Die zeitliche Eingrenzung wurde gewählt, um die Phase der besonders erhöhten Aufnahme von Geflüchteten erfassen zu können. Zugleich schränkt dies die Generalisierbarkeit der Befunde ein, da außer für das noch vor dem starken Flüchtlingszuzug liegende Jahr 2014 allein Daten für einen Zeitraum vorliegen, der hinsichtlich der organisatorischen Abläufe bei Einreise, Erfassung, Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten zumindest als provisorisch, mitunter als chaotisch einzustufen war. Trotz dieser Einschränkungen ist davon auszugehen, dass die noch andauernde Analyse der vorliegenden polizeilichen Daten einen über die Lagebilder des BKA hinaus gehenden Erkenntnisgewinn hinsichtlich der Deliktstrukturen und Tatmodalitäten erbringen wird. Bei der Auswertung sollen die über die Geflüchteten und ihre Lebenslagen verfügbaren Daten möglichst differenzierend ausgewertet werden. Als ein relevantes Merkmal wird hierbei insbesondere der Aufenthaltsstatus als Proxy zur „Bleibeperspektive“ angesehen. Auf diese Weise können die differenten Lebenslagen der sehr heterogenen Gruppe von Personen mit Fluchthintergrund in der Analyse berücksichtigt werden. Weitere Analysen sollen sich Tatmodalitäten beispielsweise in der Unterkunft und Tatverdächtigen-Opfer-Beziehungen widmen. III. 30 Ebd. 31 Siehe ausführlicher Fluchtpunkt 1 2017; Feltes et al. ZAR 2016, 157. 32 Vgl. Wetzels et al. MschrKrim 2018, 85, 85 ff. 128 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden und die Kriminalitätsfurcht der Bevölkerung Nach der vieldiskutierten gesellschaftlichen Polarisierung in den Jahren 2015 bis 2017 scheint sich die gesellschaftliche Situation allmählich wieder zu entspannen.33 Die öffentliche Meinung zu der Aufnahme geflohener Menschen und einer „Willkommenskultur“ nähert sich wieder den Umfragewerten des Jahres 2014 an, wobei die Zustimmungswerte zwischenzeitlich teils drastisch gefallen waren.34 Auch bei der einzigen regelmäßig durchgeführten Befragung zu den Ängsten der Deutschen ließen sich entsprechende Effekte feststellen. Während im Jahr 2014 43 % der Befragten angaben, Angst vor „Spannungen durch den Zuzug von Ausländern“ zu empfinden, stieg diese Zahl bis 2016 auf 67 % an (Jahr 2017: 61 %; Jahr 2018: 63 %). Die Zahl derjenigen, die Angst vor Straftaten äußerten, stieg ebenfalls von 26 % in 2014 auf 30 % in 2016 an (2017: 29 %; 2018: 28 %).35 Erklärungsansätze für Kriminalitätsfurcht (vor Fremden) Verschiedenen Studien zufolge besteht ein Einfluss von als fremdländisch erkennbaren Minderheiten auf das Sicherheitsempfinden der mehrheitlich autochthonen Bevölkerung. So steht die Präsenz36 und die Wahrnehmung37 von fremden Minderheiten in Zusammenhang mit höherer Kriminalitätsfurcht. Menschen, die die Anzahl der in ihrem Stadtteil lebenden Menschen mit mutmaßlich nicht-deutscher Herkunft hoch einschätzen, weisen auch eine höhere Verbrechensfurcht auf.38 Ursächlich für diese Wahrnehmungen könnte gemäß der Ethnischen-Heterogenitäts-These ein kulturell geformtes ethnozentrisches Normverständnis sein. Demnach wirken kulturell unterschiedliche Handlungsweisen unberechenbar und sorgen für Verunsicherung. Tatsächlich gehen sowohl Präsenz als auch Wahrnehmung eines hohen Anteils an „ausländischen“ Minderheiten im eigenen Stadtteil mit der verstärkten Wahrnehmung von Incivilities, also Unordnungserscheinungen und sozialen Verstößen, einher. Diese Wahrnehmungsmuster sind wohl primär durch Persönlichkeits- und Einstellungsmuster bedingt. Demnach zeigen Personen mit positiven Einstellungen gegen- über Migration auch in Stadtteilen mit einer hohen Konzentration an sichtbaren Minderheiten keine höheren Unsicherheitsgefühle; diejenigen mit ausgeprägten xenophoben Einstellungen fühlen sich dort besonders unsicher und zeigen generell eine höhere C. I. 33 Ausdrücklich ausgenommen ist die weiterhin hohe und wieder steigende Zahl rechtsextremer Übergriffe (s.u.). 34 Zick/Preuß 2019. 35 R+V-Infocenter 2018, auch zum Folgenden. 36 Oberwittler et al. SozProb 2017, 181. 37 Hirtenlehner/Groß Kriminalistik 2018, 526. 38 Hier und im Folgenden: Hirtenlehner/Groß Kriminalistik 2018, 526 sowie Oberwittler et al. SozProb 2017, 181. 129Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 129 NK 31. Jg. 2/2019 Verbrechensfurcht.39 Tatsächlich reagieren auch Menschen ohne explizite xenophobe Einstellungen auf die Präsenz von Minderheiten durch erhöhte Unordnungswahrnehmungen; bei ihnen führen sie jedoch nicht zu höheren Unsicherheitswahrnehmungen.40 Studien zur sozialen Integration im Stadtteil legen nahe, dass eine hohe Konzentration ausländischer Minoritäten mit niedrigerem Vertrauen und Zusammenhalt in der Nachbarschaft einhergeht und damit Auswirkungen auf die Kriminalitätsfurcht hat.41 Demgegenüber stehen Befunde, dass ein direkter, aber auch indirekter Kontakt über Freund*innen oder Bekannte zu „ausländischen“ Menschen einen vorurteilsverringernden Effekt hat.42 Kontakte im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder im Arbeitskontext tragen folglich zum Abbau von Ängsten und Stereotypen bei. Einer Studie von Weins zufolge kann eine Zunahme nachbarschaftlicher Kontakte von Deutschen mit Nicht-EU-Ausländer*innen bei steigender Konzentration ethnischer Minderheiten festgestellt werden, jedoch sinken die Kontakte ab einem gewissen Anteil von Ausländer*innen wieder ab.43 Über den Sozialraum hinaus gibt es jedoch auch den Befund, dass Menschen mit xenophoben Einstellungen allgemeine Zukunftsängste mit „Ausländer*innen“ verknüpfen. Gemäß der Generalisierungsthese werden Fremde als ein Symbol für eine sich ins Negative verändernde Lebenswelt wahrgenommen.44 In der modernen Zeit, in der Wandel und Umbruch zur gesellschaftlichen Normalität gehören, gehen Stabilität und Normsicherheit für die Menschen verloren. Ein daraus resultierendes Gefühl der Orientierungslosigkeit begünstigt Unsicherheitswahrnehmungen. Wer große Abstiegs- ängste aufweist, empfindet auch mehr Furcht vor Flüchtlingskriminalität.45 Eigener Forschungsansatz Den im Projekt geplanten qualitativen Interviews mit Bürger*innen aus Nordrhein- Westfalen sollen einige der zuvor ausgeführten Erklärungsansätze zur Kriminalitätsfurcht und Sicherheitsempfinden im Zusammenhang mit Fremden zu Grunde gelegt werden. Insbesondere sollen hierbei Persönlichkeits- und Einstellungsmuster gegen- über Nicht-EU-Ausländer*innen sowie die Rolle allgemeiner Ängste in diesem Kontext fokussiert werden. Zusätzlich zu den geplanten Interviews wird gegenwärtig eine Medienanalyse zweier regionaler Tageszeitungen aus Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Diese nimmt die Entwicklung der Berichterstattung zum Kriminalitätsausmaß und der Täterdarstellung von Geflüchteten zwischen 2014 und 2017 in den Blick. Auf II. 39 Oberwittler et al. SozProb 2017, 181, 194 ff. 40 Ebd. 41 Hirtenlehner/Hummelsheim 2015, 458. 42 Weins KZfSS 2011, 481, 495. 43 Ebd. 44 Hirtenlehner/Grafl SIAKJ 2018, 21. 45 Ebd. 130 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT diese Weise sollen Veränderungen in der öffentlichen Debatte zu Ausländer*innen bzw. Personen mit Fluchthintergrund identifiziert werden. Viktimisierungsrisiken und -erfahrungen von Geflüchteten in Deutschland Menschen mit Fluchtgeschichte sind im Herkunftsland, auf dem Fluchtweg und im Zielland komplexen Viktimisierungsrisiken ausgesetzt. Sie haben teils drastische Opfererfahrungen gemacht. Viele haben physische und psychische Leiden davongetragen. Um Viktimisierungserfahrungen in Deutschland erforschen zu können, müssen daher die Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht miteinbezogen werden. Dies bringt methodische Herausforderungen mit sich. Viktimisierungen im Heimatland und auf der Flucht (Bürger-)Krieg, Verfolgung und Folter sind – mit potenziell schwerwiegenden Viktimisierungserfahrungen verbundene – Gründe, aufgrund deren Menschen ihre Heimat verlassen und, zumeist unter Zuwiderhandlung gegen Einreisebestimmungen, in anderen Ländern Zuflucht suchen. Auf der Flucht drohen diesen Menschen weitere Gefahren wie Bedrohung oder Erpressung durch Schlepper, auf die sie angewiesen sind. Da sie sich in rechtsfreien Räumen bewegen, besteht ein erhöhtes Risiko, von Opfern zum Täter zu werden, und so Geldforderungen der Schlepper zu erfüllen oder die Unversehrtheit von Angehörigen zu gewährleisten.46 74,7 % von in Deutschland befragten volljährigen Schutzsuchenden aus Syrien, Afghanistan und dem Irak gaben an, in ihrem Leben bereits Gewalterfahrungen wie Kriegserlebnisse (60,4 %) oder Folter (19 %) gemacht zu haben.47 Zusätzlich begründen klimatische oder geographische Hindernisse auf bestimmten Routen nach Europa weitere Viktimisierungsrisiken; die zentrale Mittelmeerroute birgt das höchste Risiko, tödlich zu verunglücken.48 Auf dieser und anderen Routen erleben viele Personen Traumata, die nachhaltige Traumafolgestörungen nach sich ziehen können. Traumatische Erlebnisse können diverse physische und psychische Krankheiten und Störungen verursachen.49 Sexualisierte Gewalt an Frauen kann beispielsweise zu körperlichen Verletzungen, Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten sowie ungewollten Schwangerschaften führen. In diesem Zusammenhang können (durch in der Regel nicht lege artis vorgenommene) Schwangerschaftsabbrüche sekundäre Viktimisierungserfahrungen verursachen.50 Neben direkten physischen Folgen traumatischer Erlebnisse wird häufig von PTBS als Folgeerkrankung berichtet. Aussagen zur PTBS- Rate unter Geflüchteten sind dabei mit großen Unsicherheiten behaftet, da die Präva- D. I. 46 Colloseus FS 2017, 84, 87 f. 47 Schröder et al. 2018. 48 IOM 2017, 6. 49 Kury et al. 2018, 313 50 Linke/Voß 2017, 143, 151. 131Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 131 NK 31. Jg. 2/2019 lenzraten je nach Erhebungsinstrument und unterschiedlicher Stichprobe von Geflüchteten stark variieren können.51 Dennoch kann von einer PTBS-Prävalenzrate um 30 bis 35 % ausgegangen werden, wobei sich diese Zahl auf einen behandlungsbedürftigen Schweregrad bezieht.52 PTBS tritt bei Geflüchteten in der Regel in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen wie einer Depression auf. Ergebnisse einer Studie von Kaltenbach et al. 2017 zeigen eine Punktprävalenz von 35 % an klinisch relevanten Depressionen und Angststörungen der getesteten Geflüchteten.53 Weitere Krankheitsbilder wie dissoziative Störungen, Suchterkrankungen sowie somatoforme und psychosomatische Störungen werden – häufig auch als Begleiterkrankung einer PTBS – berichtet.54 Diese bei etwa jeder bzw. jedem dritten Geflüchteten auftretenden psychischen oder physischen Krankheiten und Störungen können die Integrationsmotivation und ‑fähigkeit nachhaltig beeinträchtigen. Viktimisierungen können nicht nur gesundheitliche und soziale Auswirkungen auf Geflüchtete selbst haben, sondern auch einen negativen Einfluss auf deren Familie und das nahe soziale Umfeld.55 Viktimisierungen von Geflüchteten in Deutschland Auch in Deutschland sind Personen mit Fluchthintergrund speziellen Viktimisierungsrisiken in Unterkünften, im Asylverfahren oder in anderen sozialen Kontexten ausgesetzt. Straftaten, in denen Geflüchtete als Opfer in Erscheinung treten, werden seit dem Jahr 2016 unter dem Opferspezifikum „Asylbewerber/Flüchtling“ in der PKS erfasst.56 Hier zeigt sich mit einem Anteil von zuletzt 4,6 % an allen registrierten Opfern eine Stagnation zum Berichtsjahr 2017 (4,6 %).57 Es handelte sich im Jahr 2018 dabei in vier von fünf Fällen um Körperverletzungsdelikte (81 %). Wurde ein Geflüchteter Opfer einer Straftat, waren in 18 % der Fälle Deutsche tatverdächtig, eine Zunahme um 3 Prozentpunkte zum Vorjahr.58 Über weitere Deliktstrukturen ist kaum etwas bekannt. Dunkelfeldstudien zeigen regelmäßig, dass die in den polizeilichen Hellfeldstatistiken angegebenen Zahlen zur Opferwerdung erheblich unter der Anzahl der tatsächlich erlebten Viktimisierungen liegen.59 Bei Geflüchteten kann eine noch höhere Diskrepanz zwischen registrierten und tatsächlichen Opferwerdungen angenommen werden. In mehreren qualitativen Befragungen haben befragte Frauen und Jugendliche angegeben, aus Angst vor Bagatellisierungen der Opfererfahrungen, aus mangelndem Vertrauen in die Polizei oder sogar aus Angst vor der Polizei vor einer Anzeige zurückzu- II. 51 Slewa-Younan et al. J. Immigr. Minor. Health 2015, 1231, 1238. 52 Kury et al. 2018, 313 53 Kaltenbach et al. EJPT 2017, 1, 8. 54 Koch/Winter 2005, 4. 55 Polat 2015. 56 BKA 2016, 3. 57 Hier und im Folgenden: BKA 2019, 47 f. 58 BKA 2019, 53. Die Zahl der Delikte mit deutschen Tatverdächtigen stieg seit 2016 von 4326 auf 8455 um fast das Doppelte. 59 Birkel et al. 2017. 132 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT schrecken. Die Befürchtungen, durch eine Anzeige Nachteile für sich, die Familie und das Asylverfahren zu erleiden, wurden als weitere Hindernisse genannt.60 Christ et al. 2017 berichten, dass geflüchtete Frauen bereits erstattete Anzeigen wegen häuslicher Gewalt oder Gewalt gegen die eigenen Kinder aus Angst vor dem Partner oder anderen Geflüchteten aus derselben Herkunftsregion häufig wieder zurückziehen.61 Im Kontext von Großunterkünften können sich Machtunterschiede zwischen Personal und Bewohner*innen in herabwürdigenden und diskriminierenden Handlungen, Machtmissbrauch bis hin zu gewalttätigen Übergriffen äußern.62 Durch die wenig reglementierten sowie rechtlich weiten Handlungsspielräume der Akteur*innen liegt das Wohl der Geflüchteten häufig im Entscheidungsrahmen einzelner Personen. Niedrigschwellige oder unabhängige Beschwerdestellen sind häufig nicht vorhanden, sodass Verstöße gegen die Grund- und Menschenrechte nicht gemeldet werden können, und sich eine strukturelle Viktimisierung verstetigen kann.63 Beispielsweise führte die nordrhein-westfälische Landesregierung erst nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Burbach im Jahr 2014 ein Beschwerdemanagement für Landeseinrichtungen ein, wobei das Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit Baden-Württemberg damit zu den Vorreitern gehörte. Die Einführung von Mindeststandards und unabhängigen Beratungs- und Unterstützungsstellen zur Nivellierung des Machtgefälles zwischen Personal und Bewohner*innen der Unterkünfte wird schon seit über 15 Jahren von Flüchtlingshilfe und Forschung gefordert.64 Dem Schutz von besonders vulnerablen Gruppen wird an vielen Stellen allerdings nicht ausreichend Sorge getragen. Frauen und LGBTI-Menschen werden in vielen deutschen Unterkünften weiterhin keine klar definierten Rückzugsräume gewährt.65 Durch infrastrukturelle Mängel wie nicht abschließbare oder nach oben und unten ge- öffnete Duschen und Toiletten werden Tatgelegenheiten begünstigt, durch die insbesondere alleinstehende Frauen häufiger Ziel von sexuellen Belästigungen werden.66 Auch in den Bundesländern, in denen es Gewaltschutzkonzepte für Unterbringungen gibt, werden diese nicht immer strikt umgesetzt.67 Die Zahl der Straftaten gegen Asylunterkünfte stellt sich mit 161 erfassten Delikten im Jahr 2018 geringer dar als in den vorangegangenen drei Jahren (2017: 312, 2016: 995, 2015: 1031).68 Diese Zahl muss im Kontext allgemein hoher Zahlen von Straf- und Gewalttaten im Bereich Politisch Motivierte Kriminalität (PMK) rechts eingeordnet werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten höher liegt, als dies die polizeilichen Hellfelddaten suggerieren.69 Der Defi- 60 Lechner/Huber 2017, 101 ff. 61 Christ et al. 2017, 34. 62 Knauer/Schmidt 2017, 123, 138 ff. 63 Engelmann/Rabe 2017, 59. 64 Müller/Schröttle 2004, 460. 65 Lechner/Huber 2017, 46 f. 66 Rabe 2015, 10 ff.; Christ et al. 2017. 67 Flüchtlingsrat NRW 2019. 68 BKA 2019, 56. 69 Vgl. Feustel 2011, 143. 133Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 133 NK 31. Jg. 2/2019 nitionsspielraum, ob eine Straftat von der Polizei als politisch rechts motiviert eingestuft wird, ist groß und zeigt sich abhängig von lokalen Gepflogenheiten, Fachwissen sowie persönlichen Einstellungen der Polizeibeamt*innen.70 Nichtregierungsorganisationen, Zeitungen und Wissenschaft zählten wiederholt deutlich mehr Fälle von rechtsextremen Straftaten, als es die polizeiliche Erfassung nahelegte.71 Um Asyl oder subsidiären Schutz gewährt zu bekommen, müssen Geflüchtete „stichhaltige Gründe“ für ihren Asylantrag vortragen und nachvollziehbar von Viktimisierungserfahrungen und -risiken im Herkunftsland berichten. Die Darstellung der zum Teil traumatisierenden Erlebnisse werden von Gutachtenden, Übersetzungspersonal und Rechtsanwält*innen im laufenden Asylverfahren mehrfach auf ihre Evidenz und Konsistenz geprüft.72 In diesen Befragungssituationen besteht für die Betroffenen zum einen die Gefahr einer sekundären Viktimisierung. Zum anderen können im Herkunftsland und auf dem Fluchtweg erlittene Traumatisierungen einen negativen Einfluss auf die autobiografischen Erinnerungen haben, sodass die Glaubhaftigkeit der Angaben bezweifelt wird, was zu einer geringeren Aussicht auf einen Schutzstatus führt.73 Eigener Forschungsansatz zu qualitativen Viktimisierungsbefragungen Aus den vorliegenden Befunden zu Viktimisierungen von Geflüchteten ergibt sich ein breiter Forschungsbedarf. Aufgrund der Komplexität der Viktimisierungserscheinungen bietet es sich an, sich dem Feld zunächst explorativ zu nähern. Angesichts der vielfältigen Verzerrungen verfügbarer Daten zum Hellfeld wäre es wünschenswert, das Dunkelfeld auch mithilfe quantitativer Daten zum Ausmaß der Opferwerdung von Geflüchteten zu erhellen. Jedoch sind quantitative Befragungsstudien mit erheblichen methodischen Schwierigkeiten verbunden wie etwa der Operationalisierung komplexer Viktimisierungslagen in standardisierten Erhebungsinstrumenten,74 dem Zugang zu einer repräsentativen Stichprobe75 und der Gewährleistung forschungsethisch gebotener Schutzmaßnahmen76 für eine teils traumabelastete Gruppe. Um die Komplexität des Viktimisierungsgeschehens nicht schon früh auf theoretisch hergeleitete Begriffe zu III. 70 Habermann/Singelnstein WsD 2018, 20, 28. 71 Brausam 2017. 72 Thielen FQS 2009. 73 Herlihy et al. ACP 2012, 661. 74 S. dazu die folgenden Abschnitte. 75 Menschen, die nicht mehr in Unterbringungseinrichtungen wohnen, sind in der Regel kaum zu erreichen. Zudem mehren sich Berichte, dass der Zugang zu Frauen, Minderheiten und schwer Viktimisierten nur unter großem Ressourceneinsatz adäquat bewerkstelligt werden kann. So wird von Praktiker*innen berichtet, dass häufig die männlichen Geflüchteten die Beantwortung von Fragen für ihre Partnerinnen übernehmen. 76 Auch Befragungsstudien können sekundäre Viktimisierungen auslösen. Für eine repräsentative Stichprobe müsste die Befragung an verschiedenen Orten durchgeführt werden. Eine ad- äquate Nachsorge beispielsweise durch kostenlose therapeutische Angebote stellt sich als sehr ressourcenintensiv dar. 134 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT reduzieren, sondern auch die subjektive Erlebensdimension einzubeziehen,77 bietet sich daher ein qualitativer Zugang zu diesem Forschungsgegenstand an. Durch qualitative Interviews mit Menschen mit Fluchtgeschichte soll ergründet werden, (1) welche Erlebnisse sie auf der Flucht und in Deutschland als Viktimisierung wahrgenommen haben, (2) welche Ursachen sie sehen, (3) ob sie Straftaten angezeigt und (4) welche Erfahrungen sie dabei mit deutschen Institutionen gemacht haben und schließlich, ob sie (5) Hilfsangebote kennen und in Anspruch nehmen. Ein teilnarratives Studiendesign ermöglicht es, die Betroffenheit von Straftaten, Diskriminierungserfahrungen oder anderen als belastend wahrgenommenen Erlebnissen zu erfragen, ohne den Interviewten vorgefertigte Konzepte von Straftaten oder Opferwerdungen aufzudrängen oder das Geschehen auf einzelne Aspekte zu reduzieren.78 Stattdessen erhalten die Interviewten den nötigen Freiraum dafür, ohne Druck entscheiden zu können, was sie berichten wollen. Forschende stehen in diesem Kontext vor der Herausforderung, das Gespräch79 möglichst in Richtung der gewünschten Inhalte zu bewegen, ohne die Interviewten dahin zu drängen, von einem traumatischen Erlebnis erzählen zu müssen. Weder darf das Interview einer Verhörsituation gleichen, noch sollten durch zu direkte Nachfragen Flashbacks provoziert werden. Gleichzeitig dürfen Nachfragen nicht dem eigentlichen Forschungsinteresse ausweichen und dem Interviewten Desinteresse oder Abwertung des bisher Erzählten signalisieren.80 Bei Interviews mit Geflüchteten ist zudem die Wahl der Interviewsprache zu bedenken. Das Interview kann in einer lingua franca wie Englisch oder, sofern von den Interviewten in ausreichendem Maß beherrscht, in Deutsch geführt werden. Liegt der Forschungsfokus auf sensibleren Informationen oder auf implizierten Erfahrungswelten, wird als Interviewsprache die Muttersprache des zu Befragenden, auch mit Unterstützung von Sprachmittler*innen, empfohlen. In der eigenen Sprache fühlt sich die interviewte Person in der Regel sicherer. Autobiografische Erlebnisse können in der Sprache, in der die Erfahrungen gemacht wurden, leichter erinnert werden.81 Da der Zugang zu Deutsch- und Integrationskursen oft erst mit positivem Abschluss des Asylverfahrens ermöglicht wird, könnte bei einem Interview in Deutsch eine Reihe von potenziellen Interviewteilnehmer*innen nicht am Interview partizipieren. Ein weiterer Vorteil beim Interview in der Muttersprache ist, dass dies vom Interviewten als ein Hinweis auf eine geteilte Lebenswelt verstanden wird und dies einen „Vertrauensvorschuss“ gegenüber der interviewenden Person bewirken kann.82 Gleichzeitig ist es wichtig, dass die muttersprachlichen Interviewenden geschult sind, die nötige (wissenschaftliche) Distanz zum Gegenüber zu wahren. Auch professionelle Sprachmitt- 77 Helfferich 2016, 121. 78 Helfferich 2016, 121. 79 Der Begriff des „Interviews“ sollte möglichst nicht verwendet werden, da er von vielen Geflüchteten mit dem Asylverfahren assoziiert wird. 80 Helfferich 2016, 128. 81 Herlihy et al. ACP 2012, 661. 82 Enzenhofer/Resch 2013, 219. 135Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem 135 NK 31. Jg. 2/2019 ler*innen müssen ihre Rollenerwartung als Übersetzende verinnerlichen.83 Beim Einsatz von Sprachmittler*innen besteht immer das Risiko, dass sie die Distanz zwischen dem Interviewten und dem Interviewenden vergrößern.84 Auch wenn davon auszugehen ist, dass sich nur Menschen auf ein Interview einlassen, die den Eindruck haben, ihre Viktimisierungserfahrungen ausreichend verarbeitet zu haben, kann es im Rahmen des Interviews zu emotionalen Belastungen und Retraumatisierungen kommen. Auch für die Interviewenden können die Erzählungen eine Belastung darstellen. Schutzmaßnahmen sollten also für Interviewte und Interviewende gleichermaßen getroffen werden. Dies betrifft forschungsethische Prinzipien wie die Vertraulichkeit und Freiwilligkeit des Interviews sowie die Gewährleistung einer angemessenen Information und des Datenschutzes.85 Vor dem Interview sollte zwischen den Interviewpartner*innen festgelegt werden, wie während des Interviews mit emotionalen Belastungen zu verfahren ist: Weinen, Pausen oder ein Abbruch des Interviews sollten als potenzielle Handlungsoptionen kommuniziert werden.86 Im Nachgang zum Interview kann den Interviewten ein therapeutisches Gesprächsangebot gemacht werden; die schlichte Weitergabe von Informationen zu Hilfsangeboten ist bei potenziell höchst belasteten Personen nicht ausreichend. Auch sollten die Interviewenden ihre Erfahrungen in Gesprächskreisen regelmäßig reflektieren. Fazit Die Fragen, die sich zur Sicherheit im Kontext von Flucht stellen, sind vielfältig und komplex. Während sich die Kriminologie schon seit langem mit abweichendem und kriminellem Verhalten von Nichtdeutschen befasst und auch die Kriminalitätsfurcht der Mehrheitsgesellschaft mit ihren Bezügen zu Angst vor Fremden in den Blick nimmt, stand das Opfererleben von Geflüchteten und deren Sicherheitsgefühl bislang kaum im Fokus kriminologischer Forschung. Das Projekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ versucht sich dem Themenkomplex möglichst umfassend und mit differenzierter Methodik zu nähern. Idealerweise lassen sich aus den zu erwartenden Ergebnissen auch Ansätze zur Prävention, etwa bei der Unterbringung von Geflüchteten, ableiten. E. 83 Enzenhofer/Resch FQS 2011, 203. 84 Block et al. JRS 2012, 69, 79. 85 Krause 2016. 86 Helfferich 2016. 136 Ingke Goeckenjan/Lara Schartau/Christian Roy-Pogodzik · Flucht als Sicherheitsproblem TITEL: MIGRATION, KRIMINALISIERUNG UND KRIMINALITÄT Literaturverzeichnis Bauer (2017) Unterbringung von Flüchtlingen in deutschen Kommunen: Konfliktmediation und lokale Beteiligung, in: Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien/Bonn International Center for Conversion (Hrsg.), Flucht: Forschung und Transfer. State-of-Research Paper 10. https://flucht-forschung-transfer.de/wp-content/ uploads/2017/05/IB-SoR-10-BAUER_Konfliktmediation-1.pdf, zuletzt geprüft am 14.3.2019 Birkel/Hummelsheim-Doss/Leitgöb-Guzy/Oberwittler (Hrsg.) Opfererfahrungen und kriminalitätsbezogene Einstellungen in Deutschland. Vertiefende Analysen des Deutschen Viktimisierungssurvey 2012 unter besonderer Berücksichtigung des räumlichen Kontextes. Kriminalistisches Institut des Bundeskriminalamts. 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Jg. 2/2019

Abstract

This article presents the research project "Flight as a security issue". The project analyses the extent and development of recorded crime committed by refugees. Secondly, the project explores the extent to which refugees themselves become victims of crime. Thirdly, it is investigated how these changes in crime and the associated public debate have an influence on the perception of security within the host society. A particular focus lies on how victimization experiences of refugees can be explored, since this perspective has so far only scarcely been illuminated in criminological research.

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird das Forschungsprojekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ vorgestellt. In dem Projekt werden zum einen Ausmaß und Entwicklung der registrierten Kriminalität von Geflüchteten analysiert. Zum anderen wird erforscht, inwiefern Geflüchtete selbst Opfer von Straftaten werden. Drittens wird untersucht, inwiefern diese Kriminalitätsveränderungen und die damit einhergehende öffentliche Debatte Einfluss auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Aufnahmegesellschaft haben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Untersuchung von Viktimisierungserfahrungen Geflüchteter, da diese Perspektive in der kriminologischen Forschung bisher nur wenig beleuchtet ist.

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Abstract

Neue Kriminalpolitik brings together all disciplines in criminal law – it is the forum for criminal science, law and practice. The journal sees its priority in setting new standards and in providing a forum for interdisciplinary discussions which, including the knowledge from different countries, pursue the following targets: rational approach towards crime, the protection of the fundamental rights, the priority of social self-regulation and conflict solving while reducing state involvement.

The journal addresses criminologists, sociologists, lawyers, teachers, forensic psychiatrists and psychologists working in various kinds of fields such as politics and science.

Website: www.nk.nomos.de

Zusammenfassung

Nichts kommt zu kurz: Die NK bündelt alle Disziplinen der Kriminalwissenschaften auf höchstem Niveau – sie ist das Forum für Kriminalwissenschaften, Recht und Praxis. Die Zeitschrift will neue Impulse setzen, Forum sein für eine interdisziplinäre Diskussion, die unter Einbeziehung ausländischer Erfahrungen über den eigenen Tellerrand hinausschaut und dabei Ziele verfolgt wie: Rationaler Umgang mit Kriminalität, Grundrechtsverteidigung, Abbau staatlicher Sozialkontrolle und Vorrang sozialer Konfliktlösungen.

Eine eigenwillige Fachzeitschrift in der inhaltlichen und optischen Methode der Themenaufbereitung: analytisch und praxisorientiert, kritisch und aktuell, kompetent und kontrovers, informativ und engagiert. Die Zeitschrift „Neue Kriminalpolitik“ wendet sich an Kriminologen, Soziologen, Juristen, Pädagogen, forensische Psychiater und Psychologen in Praxis, Politik, Wissenschaft und Ausbildung.

Homepage: www.nk.nomos.de