Jörg Reitzig, Buchbesprechung in:

WSI-Mitteilungen, page 161 - 161

WSI, Volume 70 (2017), Issue 2, ISSN: 0342-300X, ISSN online: 0342-300X, https://doi.org/10.5771/0342-300X-2017-2-161

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BuchBesprechungen WSI MITTEILUNGEN 2/2017 161 Frank Bsirske/klaus Busch/Olivier höBel/ rainer knerler/ Dieter schOlz (hrsg.): gewerkschaFten in Der eurOkrise. natiOnaler anpassungsDruck unD eurOpäische strategie VSA-Verlag, Hamburg 2016 ISBN 978 – 3 – 89965 – 681 – 7 240 Seiten, 19,80 € Seit der Finanzkrise 2008 ist die europäische Wirt-schaftspolitik zunehmend geprägt von einschneiden-den Sparmaßnahmen und Eingriffen in die Rechte abhängig Beschäftigter. Flächentarifverträge werden ausgehöhlt, Arbeitnehmerschutzbestimmungen ab- und prekäre Beschäftigungsverhältnisse ausgebaut. Der vorliegende Band über die „Gewerkschaften in der Eurokrise“ greift diese Herausforderungen auf und versucht Antworten auf zwei Fragen zu geben. Erstens, in welchem Maße wurde der Einfluss von Gewerkschaften im Zuge der Krise beschnitten? Zweitens, gibt es gemeinsame europäische Strategien gewerkschaftlicher Gegenwehr? Bearbeitet werden diese Fragen anhand von acht Länderstudien, die zugleich unterschiedliche Typen europäischer Gewerkschaften repräsentieren: Schweden bzw. die skandinavischen Länder für den nordischen Typ (Gero Maass/Henri Möllers), Großbritannien für den liberalen Typ (Pete Burgeses) und Österreich für den kontinentalen Typ (Georg Feigl/Sandra Breitendeder/Wolfgang Greif) sowie Frankreich (Udo Rehfeldt), Spanien (Ricard Bellera-Kirchhoff) und Italien (Volker Telljohann) für den mediterranen Typ und schließlich Litauen (Matuiziene), Polen und Slowenien (Heribert Kohl) für den osteuropäischen Typ. Um eine vergleichende Betrachtung zu erleichtern, haben die Herausgeber ein strukturierendes Analyseraster vorgegeben. Dieses schließt allgemeine Indikatoren der sozialökonomischen Entwicklung sowie konkrete Formen der nationalen Austeritätspolitik und der Eingriffe in den Arbeitsmarkt ebenso ein wie die Darstellung von Abwehrkämpfen und des gewerkschaftlichen Einflusses im jeweiligen politischen System bzw. gegen- über der EU. Vorangestellt ist den Länderstudien aber zunächst ein einleitender Überblicksbeitrag, der strukturelle Daten zur Entwicklung der Arbeitsbeziehungen und der gewerkschaftlichen Handlungsmacht in den Blick nimmt. Thorsten Müller und Hans-Wolfgang Platzer belegen darin empirisch fundiert, dass sich die Gewerkschaften in den EU-Ländern zunehmend zwischen zwei Polen bewegen. Auf der einen Seite hat sich ein Krisenkorporatismus konstituiert, bei dem Gewerkschaften zwar aktiv in sogenannte Reformprozesse einbezogen, gleichzeitig aber „zu teilweise schmerzhaften arbeitspolitischen Konzessionen gezwungen“ (S. 35) werden. Dieses Muster findet sich vorwiegend in den skandinavischen Ländern sowie in Deutschland und Österreich. Auf der anderen Seite, dies trifft vor allem auf die südeuropäischen EU-Länder sowie in einigen Staaten Mittel- und Osteuropas zu, ist ein derart massiver Rückgang der Organisationsmacht von Gewerkschaften zu verzeichnen, dass die Autoren von „einer generellen De-Kollektivierung der Arbeitsbeziehungen“ (S. 26) sprechen. Abgerundet wird die Betrachtung nationaler Gewerkschaftspolitiken durch die Bilanzierung eines deutsch-polnischen Projekts der IG Metall. Olivier Höbel macht dabei deutlich, auf welche Hürden (sprachlich, organisationspolitisch, rechtlich) gelebte Solidarität im Rahmen grenzübergreifender Gewerkschaftskooperation trifft, dass aber letztlich „die Unterschiede größer erscheinen, als sie tatsächlich sind“ (S. 202). Das Gemeinsame ist auch Gegenstand zweier abschließender Beiträge. Rainer Knerler/Frank Schmidt-Hullmann kritisieren, dass sich der gesamteuropäische Gewerkschaftsprotest gegen die Aushöhlung der Strukturen kollektiver Interessenvertretung in den europäischen Krisenländern bislang überwiegend auf papierene Resolutionen beschränkt. Andreas Rieger argumentiert im Anschluss daran, dass der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) nicht länger nur Lobbyorganisation abhängig Beschäftigter in Brüssel sein dürfe, sondern vielmehr zum Motor einer sozialen Bewegung in Europa werden und dazu seine Kampagnen-, Streik- und Bündnisfähigkeit stärken müsse. In einem resümierenden Nachwort stellt Klaus Busch schließlich vier Zukunftsaufgaben einer europäischen Gewerkschaftsbewegung zur Diskussion: Erstens, eine Kampagne zur Wiederherstellung bzw. Einführung eines tragfähigen Flächentarifvertragssystems. Zweitens, die Durchsetzung europaweit gültiger Regeln für Mindestlöhne (z. B. in Bezug auf ein Niveau oberhalb der Armutsschwelle). Drittens, eine konzertierte Abwehr der zunehmenden staatlichen Eingriffe in die Lohnpolitik und entsprechender Pläne auf EU-Ebene und, viertens, die Widerbelebung der lohnpolitischen Koordination innerhalb Europas, mit dem Ziel, die Lohnentwicklung mindestens an der Realisierung des verteilungsneutralen Spielraums zu orientieren. Die komparative Anlage des Buches lässt einige Aspekte bemerkenswert deutlich hervortreten. So zeigt sich am Beispiel der skandinavischen Staaten, dass wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit dort vor allem ein Ergebnis „überdurchschnittlich hoher Ausgaben für Forschung und Entwicklung, überdurchschnittlicher Bildungsinvestitionen und einer hohen Motivation besser qualifizierter und entlohnter Arbeitskräfte“ (S. 73) ist. Länder hingegen, die versuchten, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen durch sinkende Reallöhne zu steigern, waren offenbar weniger erfolgreich. Das Buch dokumentiert zudem anschaulich die Breite und Vielfalt gewerkschaftlicher Organisationskulturen und korporatistischer Arrangements in der EU. Die Verbindungen von Gewerkschaften zu (neuen) sozialen Protestbewegungen und -formen, die seit dem Krisenjahr 2008 einen Aufschwung erleben, bleibt mitunter – gerade in den Länderanalysen – etwas unterbelichtet. Deutlich wird aber, wie sehr die gewerkschaftlichen Abwehrkämpfe gegen autoritäre Austeritätspolitiken rückgebunden sind an Kräfteverhältnisse und ihre institutionellen Formen. Und was mitunter dort als vereinzelte Aktionen des Widerstands erscheint, enthält im Kern offensichtlich ein überschießendes Potenzial, eine Idee von sozialer Gerechtigkeit (oder zumindest von Ungerechtigkeit), die europapolitisch zu entfalten dieses Buch vielleicht beitragen kann. Jörg reitzig, ludwigshafen © WSI Mitteilungen 2017 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. 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