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Sebastian Jäckle, Thomas Metz, „Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast“ – Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2017 in:

ZParl Zeitschrift für Parlamentsfragen, page 523 - 544

ZParl, Volume 50 (2019), Issue 3, ISSN: 0340-1758, ISSN online: 0340-1758, https://doi.org/10.5771/0340-1758-2019-3-523

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523 Zeitschrift für Parlamentsfragen (ZParl), Heft 3/2019, S . 523 – 544, DOI: 10 .5771/0340‑1758‑2019‑3‑523 „Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast“ – Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2017 Sebastian Jäckle und Thomas Metz 1. Welche Rolle spielt das Aussehen von Kandidaten für ihr Wahlergebnis?1 Ob das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, dass Schönheit überall ein gar willkommener Gast sei2, auch im Bereich der Politik seine Berechtigung hat, soll diese Studie ergründen . Eine Reihe von Arbeiten hat sich bereits generell mit der Frage beschäftigt, welchen Ein‑ fluss das Aussehen eines Kandidaten3 auf dessen Wahlchancen hat . Insbesondere in den USA, wo das politische Leben stark personalisiert ist, konnte gezeigt werden, dass das phy‑ sische Erscheinungsbild von Kongresskandidaten ihre Wahl beeinflusst .4 Aber auch in anderen Demokratien sowie auf unterschiedlichen politischen Ebenen (supranational, national, subnational, kommunal) finden sich Hinweise auf Aussehenseffekte .5 Die meisten dieser Untersuchungen finden eine positive Wirkung der Attraktivität . Dies galt zum Bei‑ spiel für die Bundestagswahl 20026, deren Vergleich mit Wahlen zum britischen Unterhaus 1 Ein Online‑Anhang zu diesem Artikel findet sich unter: www .sebastianjaeckle .de/publications . html . 2 Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften, 2 Bände, Tübingen 1809 . 3 In diesem Text wird zugunsten der besseren Lesbarkeit stets die männliche Form verwendet . So‑ fern nicht ausdrücklich vermerkt, beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter . 4 Vgl . Rodrigo Praino / Daniel Stockemer / James Ratis, Looking Good or Looking Competent? Physical Appearance and Electoral Success in the 2008 Congressional Elections, in: American Politics Research, 42 . Jg . (2014), H . 6, S . 1096 – 1117; Daniel Stockemer / Rodrigo Praino, Blin‑ ded by Beauty? Physical Attractiveness and Candidate Selection in the U .S . House of Representa‑ tives, in: Social Science Quarterly, 96 . Jg . (2015), H . 2, S . 430 – 443; Charles C. Ballew / Alexander Todorov, Predicting Political Elections from Rapid and Unreflective Face Judgments, in: Pro‑ ceedings of the National Academy of Sciences, 104 . Jg . (2007), H . 46, S . 17948 – 17953 . 5 Vgl . Amy King / Andrew Leigh, Beautiful Politicians, in: Kyklos, 62 . Jg . (2009), H . 4, S . 579 – 593; Chappell Lawson / Gabriel S. Lenz / Andy Baker / Michael Myers, Looking Like a Winner: Candidate Appearance and Electoral Success in New Democracies, in: World Politics, 62 . Jg . (2010), H . 4, S . 561 – 593; Shawn W. Rosenberg / Lisa Bohan / Patrick McCafferty / Kevin Harris, The Image and the Vote: The Effect of Candidate Presentation on Voter Preference, in: American Journal of Political Science 30 . Jg . (1986), H . 1, S . 108 – 127; Susan A. Banducci / Jeffrey A. Karp / Michael Thrasher / Colin Rallings, Ballot Photographs as Cues in Low‑Information Elections, in: Political Psychology, 29 . Jg . (2008), H . 6, S . 903 – 917; Ulrich Rosar / Markus Klein / Tilo Beckers, The Frog Pond Beauty Contest: Physical Attractiveness and Electoral Success of the Con‑ stituency Candidates at the North Rhine‑Westphalia State Election of 2005, in: European Journal of Political Research, 47 . Jg . (2008), H . 1, S . 64 – 79; Ulrich Rosar / Markus Klein, The Physical Attractiveness of Front‑Runners and Electoral Success: An Empirical Analysis of the 2004 Euro‑ pean Parliament Elections, in: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, 8 . Jg . (2014), H . 2 Supplement, S . 197 – 209; Yariv Tsfati / Dana Markowitz Elfassi / Israel Waismel-Manor, Exploring the Association between Israeli Legislators’ Physical Attractiveness and Their Television News Coverage, in: The International Journal of Press/Politics, 15 . Jg . (2010), H . 2, S . 175 – 92 . 6 Vgl . Markus Klein / Ulrich Rosar, Physische Attraktivität und Wahlerfolg . Eine empirische Analy‑ se am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002, in: PVS, 46 . Jg . (2005), H . 2, S . 263 – 287 . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 524 Dokumentation und Analysen und zur französischen Nationalversammlung zudem zeigte, dass die Wirkung der Attrakti‑ vität unabhängig vom konkreten politischen System und damit genereller Natur zu sein scheint .7 Darüber hinaus ist in mehreren Studien getestet, welches Aussehensmerkmal das Wahlergebnis am stärksten beeinflusst .8 Deren Ergebnisse sind jedoch nicht einheitlich . So wird weiterhin Attraktivität teilweise als das vorrangige Merkmal betrachtet, das andere auf dem physischen Erscheinungsbild basierende Charakteristika überstrahlt und auch die größte Wirkung bei Wahlen entfaltet .9 Andere Arbeiten bewerten weiche, kindliche Gesichtszüge, die sogenannte „babyfacedness“, als wirkungsmächtiger für den Wahlkon‑ text . Psychologischen Untersuchungen zufolge würde diese Eigenschaft negativ mit der einer Person zugeschriebenen Kompetenz korrelieren .10 Das Forschungsdesign des vorliegenden Artikels lehnt sich an zwei unserer früheren Arbeiten an, die für die Bundestagswahl 2013 untersuchten, ob und wenn ja, welche Aus‑ sehensmerkmale (Attraktivität, wahrgenommene Kompetenz oder Sympathie) den Wahler‑ folg von Direktkandidaten beeinflussen .11 Dieses Vorgehen ermöglicht, auch Antworten auf die Frage zu geben, ob sich die beobachteten Effekte seit 2013 verändert haben, bei‑ spielsweise ob Aussehen als Determinante für den Wahlerfolg noch wichtiger geworden ist (was zu einer verstärkten Personalisierung passen würde), oder ob Verschiebungen in der Bedeutung der drei Merkmale Attraktivität, Sympathie und wahrgenommene Kompetenz stattgefunden haben . Ziel ist es folglich, für die Bundestagswahl 2017 zu klären, welchen Einfluss das Aussehen von Direktkandidaten auf deren Erfolgschancen hat, welche Ausse‑ hensmerkmale besonders erklärungskräftig sind und ob bestimmte situative Gegebenheiten die Effekte konditionieren . So könnten Aussehenseffekte bei weiblichen und männlichen Kandidaten in unterschiedlicher Weise auftreten oder das physische Erscheinungsbild bei wieder antretenden Bundestagsabgeordneten aufgrund eines Amtsinhaberbonuses eventuell weniger stark wirken . Als Datengrundlage dient ein Online‑Survey, in dem Teilnehmer Fotos von Kandidaten paarweise relativ zueinander bewertet haben . 7 Vgl . Ulrich Rosar / Markus Klein, And the Winner is… Ein Drei‑Länder‑Vergleich zum Einfluss der physischen Attraktivität von Direktkandidaten auf den Wahlerfolg bei nationalen Parlaments‑ wahlen, in: Tilo Beckers / Klaus Birkelbach / Jörg Hagenah / Ulrich Rosar (Hrsg .), Komparative empirische Sozialforschung, Wiesbaden 2010, S . 307 – 335 . 8 Vgl . Christopher Y. Olivola / Alexander Todorov, Elected in 100 Milliseconds: Appearance‑Based Trait Inferences and Voting, in: Journal of Nonverbal Behavior, 34 . Jg . (2010), H . 2, S . 83 – 110; Kyle Mattes / Michael Spezio / Hackjin Kim / Alexander Todorov / Ralph Adolphs / R. Michael Alvarez, Predicting Election Outcomes from Positive and Negative Trait Assessments of Candidate Images, in: Political Psychology, 31 . Jg . (2010), H . 1, S . 41 – 58 . 9 Vgl . Niclas Berggren / Henrik Jordahl / Panu Poutvaara, The Looks of a Winner: Beauty and Elec‑ toral Success, in: Journal of Public Economics, 94 . Jg . (2010), H . 1 – 2, S . 8 – 15; Panu Poutvaara / Henrik Jordahl / Niclas Berggren, Faces of Politicians: Babyfacedness Predicts Inferred Compe‑ tence but Not Electoral Success, in: Journal of Experimental Social Psychology, 45 . Jg . (2009), H . 5, S . 1132 – 1135 . 10 Vgl . Alexander Todorov / Anesu N. Mandisodza / Amir Goren / Chrystal C. Hall, Inferences of Competence from Faces Predict Election Outcomes, in: Science, 308 . Jg . (2005), H . 5728, S . 1623 – 1626; Leslie A. Zebrowitz / Joann M. Monteparte, Psychology: Appearance DOES Mat‑ ter, in: Science, 308 . Jg . (2005), H . 5728, S . 1565 – 1566 . 11 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart? Das Aussehen als Determinante des Wahlerfolgs von Bundestags‑Direktkandidaten, in: PVS, 57 . Jg . (2016), H . 2, S . 217 – 246; dies., Beauty Contest Revisited: The Effects of Perceived Attractiveness, Competence, and Likability on the Electoral Success of German MPs, in: Politics & Policy, 45 . Jg . (2017), H . 4, S . 495 – 534 . 525 2. Theoretische Basis und bisherige Studien Hinter der Annahme, dass das physische Erscheinungsbild das Wahlergebnis eines Kandi‑ daten beeinflussen kann, steht zumeist die Theorie, dass Wähler auf Heuristiken zurück‑ greifen . Über diese könnten sie vergleichsweise einfach Informationen über einen Kandida‑ ten erhalten und so zu einer aus ihrer Sicht vermeintlich rationalen Entscheidung gelangen . Dass sich Wähler grundsätzlich verschiedener Heuristiken bedienen, ist soweit belegt .12 Die mit Sicherheit wichtigste ist dabei die Parteizugehörigkeit eines Kandidaten, über die insbe‑ sondere politisch Interessierte dessen Positionen ableiten .13 Aber auch aus Hautfarbe und Geschlecht werden beispielsweise Schlüsse für eine Bewertung gezogen, die dann eine Wahlentscheidung in Teilen mitbestimmt .14 All diese Heuristiken finden zumeist unbe‑ wusst und damit ohne aktive Kontrolle durch den Wähler statt . Das trifft auch auf die hier zentralen, aussehensbasierten Heuristiken zu . Im Bundestagswahlkampf sind über Wahlplakate und Zeitungsanzeigen die Bilder der wichtigsten Direktkandidaten in einem Wahlkreis stets präsent . Diesen Kandidatenfotos können sich die Wähler de facto fast nicht entziehen, weshalb sie auch bei so gut wie allen Wählern als sogenannte „thin slices“15 an Information vorliegen, die dann im Zuge ausse‑ hensbasierter Heuristiken unbewusst herangezogen werden, um sich ein Bild von einem Kandidaten zu machen . Extrem kurze Zeitspannen von deutlich unter einer Sekunde, in denen der Wähler das Bild eines Kandidaten vor Augen hat, genügen bereits, um einen Prozess in Gang zu setzen, der eine dauerhaft wirkende Einschätzung des Politikers liefert . Diese kann dann auch die Wahlentscheidung beeinflussen .16 Da der Prozess unbewusst abläuft, ist es auch nicht möglich, sich ihm durch bewusste Willensentscheidung zu entzie‑ hen . Denn selbst wenn sich Wähler intensiver mit einem Kandidaten und dessen politi‑ schen Positionen beschäftigen, um eine in ihren Augen möglichst rationale Entscheidung treffen zu können, beeinflusst der erste Eindruck auf Basis eines Fotos weiterhin, wie sie über einen Kandidaten denken .17 Für Wähler sind aussehensbasierte Heuristiken dabei durchaus hilfreich, da es oftmals einfacher ist, Entscheidungen am Aussehen eines Kandi‑ daten als an dessen Argumentation festzumachen .18 Umgekehrt sind Wähler anscheinend sogar in der Lage, Rückschlüsse vom Aussehen der Kandidaten auf deren ideologischen Positionen zu ziehen .19 Einzig bei attraktiven und kompetent wirkenden Kandidaten 12 Allgemein zu Heuristiken, vgl . Samuel L. Popkin, Information Shortcuts and the Reasoning Voter, in: Bernard Grofman (Hrsg .), Information, Participation and Choice, Ann Arbor 1993, S . 17 – 35 . 13 Vgl . Logan Dancey / Geoffrey Sheagley, Heuristics Behaving Badly: Party Cues and Voter Know‑ ledge, in: American Journal of Political Science, 57 . Jg . (2013), H . 2, S . 312 – 325 . 14 Vgl . Monika L. McDermott, Voting for Myself . Candidate and Voter Group Associations Over Time, in: Electoral Studies, 28 . Jg . (2009), H . 4, S . 606 – 614 . 15 Vgl . Nalini Ambady / Robert Rosenthal, Thin Slices of Expressive Behavior as Predictors of Inter‑ personal Consequences: A Meta‑Analysis, in: Psychological Bulletin, 111 . Jg . (1992), H . 2, S . 256 – 274 . 16 Vgl . Charles C. Ballew / Alexander Todorov, a .a .O . (Fn . 4) . 17 Vgl . Anna Abramson, In Faces We Trust, in: Greater Good Magazine vom 1 . September 2008, https://greatergood .berkeley .edu/article/item/in_faces_we_trust (Abruf am 17 . November 2018) . 18 Vgl . Ray Bull / Caroline Hawkes, Judging Politicians by Their Faces, in: Political Studies, 30 . Jg . (1982), H . 1, S . 95 – 101 . 19 Vgl . Michael Herrmann / Susumu Shikano, Attractiveness and Facial Competence Bias Face‑Based Inferences of Candidate Ideology, in: Political Psychology, 37 . Jg . (2015), H . 3, S . 401 – 417 . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 526 Dokumentation und Analysen gelingt dies nicht so gut, da die Wähler in solchen Fällen oftmals ihre eigene ideologische Position auf die Kandidaten projizieren . Aussehensbasierte Heuristiken erleichtern Wählern damit die Entscheidungsfindung, insbesondere wenn die Alternative, ausreichend Informationen über den von einem Kandi‑ daten zu erwartenden zukünftigen Nutzen zu sammeln, in der Regel ökonomisch irrational ist .20 Selbst wenn Wähler einfach und günstig an diejenigen Informationen gelangen könn‑ ten, die sie für eine rationale Abwägung ihrer Wahlentscheidung benötigten, kommt doch der „short cut“ über den unreflektierten, nur wenige Millisekunden dauernden Eindruck eines Kandidatengesichts regelmäßig zur Anwendung .21 Erste empirische Studien hierzu finden sich bereits in den 1970er und 1980er Jahren .22 Diese, wie auch ein Großteil der neueren Arbeiten, richten ihren Blick gemäß dem vielsa‑ genden Titel der Arbeit von Dion und Kollegen „What Is Beautiful Is Good“23 auf Schön‑ heit als Erklärungsfaktor . Tatsächlich wird zumeist auch ein entsprechender Attraktivitäts‑ bonus festgestellt . Neuere Arbeiten gehen dabei jedoch zumeist davon aus, dass dieser Effekt nicht uniform vorliegt, sondern dass er von weiteren Variablen beeinflusst wird . So wurde beispielsweise untersucht, ob sich für Kandidatinnen Attraktivität sogar negativ auf ihre Wahlchancen auswirken könnte . Dahinter steckt die für andere Arbeitsbereiche bereits gesicherte Erkenntnis, dass attraktive Frauen in als männlich angesehenen Berufen (zum Beispiel Gefängniswärter) Nachteile in Kauf nehmen müssen .24 Ein solcher „beauty is beastly“‑Effekt25 könnte demnach auch in der immer noch vergleichsweise stark männlich dominierten politischen Arena relevant sein . Empirisch sind die bisherigen Ergebnisse hier‑ zu gemischt .26 Und auch für die Frage, ob beziehungsweise unter welchen Umständen eher das rollennahe Merkmal „Kompetenz“ und wann eher die rollenferne „Attraktivität“ rele‑ vant für die Wahlchancen eines Kandidaten sind, gibt es bislang keine einheitlichen Ergeb‑ nisse27, auch wenn zumindest für die USA gezeigt werden konnte, dass Parteien dort gezielt 20 Vgl . Anthony Downs, An Economic Theory of Democracy, New York 1957 . 21 Vgl . Andrew W. Barrett / Lowell W. Barrington, Is a Picture Worth a Thousand Words? Newspaper Photographs and Voter Evaluations of Political Candidates, in: The Harvard International Journal of Press/Politics, 10 . Jg . (2005), H . 4, S . 98 – 113 . 22 Vgl . Michael G. Efrain / E. W. J. Patterson, Voters Vote Beautiful: The Effect of Physical Appea‑ rance on a National Election, in: Canadian Journal of Behavioural Science / Revue canadienne des sciences du comportement, 6 . Jg . (1974), H . 4, S . 352 – 356; Vgl . Ray Bull / Caroline Hawkes, a .a .O . (Fn . 18) . 23 Vgl . Karen Dion / Ellen Berscheid / Elaine Walster, What is Beautiful is Good, in: Journal of Perso‑ nality and Social Psychology, 24 . Jg . (1972), H . 3, S . 285 – 290 . 24 Vgl . Stefanie K. Johnson / Kenneth E. Podratz / Robert L. Dipboye / Ellie Gibbons, Physical Attrac‑ tiveness Biases in Ratings of Employment Suitability: Tracking Down the “Beauty Is Beastly” Effect, The Journal of Social Psychology, 150 . Jg . (2010), H . 3, S . 301 – 318 . 25 Vgl . Madeline E. Heilman / Lois R. Saruwatari, When Beauty is Beastly: The Effects of Appea‑ rance and Sex on Evaluations of Job Applicants for Managerial and Nonmanagerial Jobs, in: Organizational Behavior and Human Performance, 23 . Jg . (1979), H . 3, S . 360 – 372 . 26 Vgl . Amy King / Andrew Leigh, a .a .O . (Fn . 5); Panu Poutvaara / Henrik Jordahl / Niclas Berggren, a .a .O . (Fn . 9), S . 1134 . 27 Vgl . Kyle Mattes / Michael Spezio / Hackjin Kim / Alexander Todorov / Ralph Adophs / R. Michael Alvarez, a .a .O . (Fn . 8); J. Scott Armstrong / Kesten C. Green / Randall J. Jones / Malcom J. Wright, Predicting Elections from Politicians’ Faces, in: International Journal of Public Opinion Research, 22 . Jg . (2010), H . 4, S . 511 – 522; Panu Poutvaara / Henrik Jordahl / Niclas Berggren, a .a .O . (Fn . 9); Niclas Berggren / Henrik Jordahl / Panu Poutvaara, a .a .O . (Fn . 9) . 527 auf Kandidaten mit einer hohen „facial competence“ setzen, wenn der Wahlkreis besonders umkämpft ist .28 Uneinheitlich ist der Forschungsstand auch hinsichtlich der wahrgenommenen Sympa‑ thie als drittes Merkmal des Aussehens und ihren Auswirkungen auf den Wahlerfolg . So findet eine Studie neben dem Attraktivitätseffekt keinen zusätzlichen Sympathieeffekt, da beide Variablen stark kollinear seien .29 Eine andere zeigt hingegen, dass es auf den poli‑ tisch‑kulturellen Kontext ankommen kann, inwiefern Sympathie eine Wirkung entfaltet: So hätten Kandidaten in Japan bessere Wahlchancen, wenn ihre Gesichter mit „warmth“ (was auch Sympathie umfasst) assoziiert werden, nicht aber in den USA, wo sich die Asso‑ ziation mit „power“ positiv, die mit „warmth“ dagegen negativ auswirkt .30 Daneben wird auch argumentiert, dass Sympathie zwar in hypothetischen Situationen wie Laborexperi‑ menten Einfluss ausübe, dieser jedoch in der Realität weitaus schwächer sei .31 Für die Bundestagswahl 2013 haben wir uns ebenfalls dieser Fragestellung angenommen und erstmals für Deutschland systematisch die drei Aussehensmerkmale Attraktivität, wahrgenommene Kompetenz und Sympathie gegeneinander getestet .32 Demnach schnei‑ den – unter Kontrolle relevanter weiterer Prädiktoren für den Wahlerfolg – sowohl attrakti‑ vere als auch kompetenter aussehende Direktkandidaten besser ab als Kandidaten, denen diese Eigenschaften von den Befragten nicht zugesprochen werden . Ob ein Kandidat sym‑ pathischer erscheint als ein anderer, spielt hingegen in der Regel keine Rolle – einzig wenn zwei Frauen in einem Wahlkreis gegeneinander antreten, kann die sympathischer wirkende mit einem besseren Ergebnis rechnen . 3. Vorgehensweise Um zu beantworten, ob das Aussehen von Direktkandidaten auch bei der Wahl 2017 Aus‑ wirkungen auf ihr Wahlergebnis hatte und welche Aussehensmerkmale dabei besonders wirkungsmächtig waren, werden die mittels eines Online‑Surveys gemessenen Attraktivi‑ täts‑, Sympathie‑ und Kompetenzwerte als erklärende Variablen in einer Regression heran‑ gezogen, die auf bekannte Determinanten des Wahlerfolgs überprüft . 28 Vgl . Matthew D. Atkinson / Ryan D. Enos / Seth J. Hill, Candidate Faces and Election Ooutco‑ mes: Is the Face‑Vote Correlation Caused by Candidate Selection, in: Quarterly Journal of Politi‑ cal Science, 4 . Jg . (2009), H . 3, S . 229 – 249 . 29 Vgl . Niclas Berggren / Henrik Jordahl / Panu Poutvaara, a .a .O . (Fn . 9), S . 14 . 30 Die beiden Faktoren „warmth“ und „power“ stammen aus einer Hauptkomponentenanalyse . Dabei laden „dominance“ und „facial maturity“ stark auf „power“, „likability“ und „trustworthy‑ ness“ stark auf „warmth“ . Vgl . Nicholas O. Rule / Nalini Ambady / Reginald B. Adams / Hiroki Ozono / Satoshi Nakashima / Sakiko Yoshikawa / Motoki Watabe, Polling the Face: Prediction and Consensus across Cultures, in: Journal of Personality and Social Psychology, 98 . Jg . (2010), H . 1, S . 1 – 15 . 31 Vgl . Christopher Y. Olivola / Alexander Todorov, a .a .O . (Fn . 8), S . 94 . 32 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O (Fn . 11); dies., Beauty Con‑ test Revisited, a .a .O . (Fn . 11) . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 528 Dokumentation und Analysen 3 .1 . Vorbereitung der Kandidatenbilder Zunächst wurden für alle 299 Wahlkreise Fotos des Gewinners und des Zweitplatzierten gesammelt . Die Bilder stammen von den offiziellen Wahlkampfseiten der Kandidaten, den Seiten des Bundestages oder der jeweiligen Fraktion . Nur in Ausnahmefällen, wenn keine offiziellen Kandidatenfotos verfügbar waren, wurden andere Quellen wie Zeitungsartikel genutzt . Entsprechend handelt es sich bei den gesammelten Fotos um Aufnahmen, die von den Kandidaten selbst für deren Außendarstellung verwendet wurden . Da dies also die Bilder sind, denen die Wähler im Wahlkampf begegnen, dürften sie auch gut geeignet sein, um mögliche Aussehenseffekte zu identifizieren . Alle Fotos sind Portraitaufnahmen, die auf einen einheitlichen Bildausschnitt zugeschnitten wurden, der sowohl das komplette Gesicht mitsamt Frisur als auch den Hals beziehungsweise Schulteransatz zeigt . Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Fotos bewerten zu lassen, auf denen nicht nur die Gesichts‑ züge erkennbar sind, wie dies in der psychologischen Aussehensforschung häufig der Fall ist33, sondern auch Frisur, Kleidung und eventuell Schmuck, da sich diese Aspekte als eben‑ so relevant für die Gesamtbeurteilung eines Gesichts erwiesen haben wie die reine Physiog‑ nomie .34 Zudem ist die für die Politikwissenschaft interessantere Fragestellung auch weni‑ ger, ob beispielsweise eine bestimmte Gesichtsform oder eng beieinanderliegende Augen die Wahlchancen erhöhen, sondern ob der optische Gesamteindruck eines Kandidaten, so wie er sich auf einem Wahlplakat präsentiert, eine Rolle spielt . Sämtliche Fotos wurden auf dieselbe Größe skaliert, und es wurde jeweils eine farbige sowie eine in Graustufen umge‑ wandelte Version gespeichert . 3 .2 . Rekrutierung der Studienteilnehmer Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte über drei Hauptkanäle: (1) das an der Universität Freiburg geführte Politik Panel Deutschland, (2) die Social Media‑Kanäle verschiedener Universitäten beziehungsweise Politikwissenschaftlicher Institute (unter anderem Freiburg, Frankfurt, Kaiserslautern und Hamburg) sowie die Berichterstattung der universitären Pressestellen und lokalen Medien über das Projekt sowie (3) direkte Ansprache von Studie‑ renden in Vorlesungen, Seminaren und über universitäre Mailinglisten . Die Studie war für drei Wochen vom 6 . bis 21 . Februar 2018 online . Abbildung 1a zeigt die Verteilung der unterschiedlichen Rekrutierungswege (Mehrfachnennung möglich) . Insgesamt haben 6 .772 Personen mit dem Online‑Rating begonnen . Von diesen haben 5 .415 die Beurtei‑ lung vollständig abgeschlossen und 5 .400 davon auch den im Anschluss an das Rating platzierten kurzen Fragebogen beantwortet . Die Rate derjenigen, die die Bewertung nicht abgeschlossen haben, war mit circa 20 Prozent für eine sich selbst rekrutierende Online‑ Befragung vergleichsweise niedrig . Die Abbildungen 1b bis 1f geben auf Basis der Fragebogenantworten einen Einblick in den Teilnehmerkreis der Studie . Verglichen mit der Gesamtbevölkerung, haben überdurch‑ 33 Vgl . Moshe Bar / Maital Neta / Heather Linz, Very First Impressions, in: Emotion, 6 . Jg . (2006), H . 2, S . 269 – 278 . 34 Vgl . Michael L. Spezio / Laura Loesch / Frédéric Gosselin / Kyle Mattes / R. Michael Alvarez, Thin‑ Slice Decisions Do Not Need Faces to Be Predictive of Election Outcomes, in: Political Psycholo‑ gy, 33 . Jg . (2012), H . 3, S . 331 – 341 . 529 schnittlich viele junge, männliche, hochgebildete und politisch eher links eingestellte Perso‑ nen an der Studie teilgenommen . Aber auch wenn es sich damit zweifellos nicht um eine repräsentative Stichprobe der deutschen Wahlbevölkerung handelt, bedeutet doch gerade der Rekrutierungskanal über das Politikpanel Deutschland in Bezug auf die Altersvertei‑ lung, den Beschäftigungsstatus und auch die politische Selbstpositionierung eine deutliche Verbesserung der Repräsentativität im Vergleich zu Studien, die ausschließlich auf studenti‑ sche Teilnehmer setzen . Folgt man zudem der Argumentation von Ulrich Rosar, würde eine unterschiedliche Einschätzung beispielsweise durch ältere Wähler eine „Verschärfung der Testbedingungen“35 darstellen . Denn, sollte die Wahlbevölkerung in ihren Beurteilungen beispielsweise aufgrund abweichender Schönheitsideale andere Politiker präferieren als das 35 Ulrich Rosar, Fabulous Front‑Runners . Eine empirische Untersuchung zur Bedeutung der physi‑ schen Attraktivität von Spitzenkandidaten für den Wahlerfolg ihrer Parteien, in: PVS, 50 . Jg . (2009), H . 4, S‑ 754 – 773, S . 760 . Abbildung 1: Rekrutierungswege, soziostrukturelle und politische Merkmale der Studienteilnehmer Quelle: Eigene Auswertung . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 530 Dokumentation und Analysen von uns genutzte Sample, würde dies das Auffinden signifikanter Aussehenseffekte auf Basis unserer Messung unwahrscheinlicher werden lassen .36 Vor dem Rating wurde den Teilnehmern auf einem Startbildschirm erläutert, dass es in der Studie um die intuitive Einschätzung von Kompetenz, Sympathie und Attraktivität bei Politikern anhand ihrer Portraitfotos geht . Auch die angenommene Dauer der Bearbeitung von etwa fünf Minuten sowie der Hinweis, dass es keine richtigen oder falschen Bewertun‑ gen gebe und die Teilnehmer einfach entsprechend ihres ersten Bauchgefühls urteilen soll‑ ten, waren dort vermerkt . Zudem wurde angekündigt, dass unter allen Teilnehmern, die den auf die Ratings folgenden Fragebogen beendeten, zehn Gutscheine für einen Online‑ Händler in Höhe von 20 Euro verlost würden . 3 .3 . Messung In dieser Studie wird ein relationaler Messansatz genutzt, bei dem den Teilnehmern nachei‑ nander jeweils 30 zufällig aus der Grundgesamtheit aller Wahlkreise gezogene Kandidaten‑ paare präsentiert werden (entweder alle Bilder in Graustufen oder alle in Farbe), wobei jedes abgebildete Paar so auch in einem konkreten Wahlkreis gegeneinander angetreten ist . Bei den Abgebildeten handelt es sich um den Gewinner sowie den Zweitplatzierten im Wahlkreis .37 Diese Auswahl bildet zwar die reale Dynamik in einem Wahlkreis nur verein‑ facht ab, kann aber durchaus gerechtfertigt werden, denn trotz zunehmender Fragmentie‑ rung der Wahlergebnisse im Vergleich zur Wahl 2013 hatte in einem Großteil der Wahl‑ kreise (über 90 Prozent) der Zweitplatzierte mehr als zwei Prozentpunkte Vorsprung vor dem Drittplatzierten . Aus dieser Perspektive erscheint es legitim, sich nur auf die zwei in den Wahlkreisen jeweils stärksten Kandidaten zu konzentrieren . Die Teilnehmer sollten angeben, welchen der beiden Kandidaten sie für attraktiver, kompetenter und sympathischer hielten . Dieser Messansatz weicht von dem in der For‑ schung zu Aussehenseffekten ansonsten häufig verwendeten Vorgehen ab, bei dem meist eine kleine bis mittelgroße Gruppe (bis zu zwei Dutzend) sämtliche Kandidaten einzeln auf einer absoluten (Attraktivitäts‑)Skala bewertet . Der nach der „truth of consensus“‑Metho‑ de38 berechnete Gruppenmittelwert ergäbe dann einen vergleichsweise objektiven Gesamt‑ wert für das Aussehen des Kandidaten .39 Das hier gewählte relative Verfahren hat diesem traditionellen Ansatz gegenüber mehrere Vorteile: Erstens dürfte es den realen Bedingungen im Wahlkreis in zweierlei Hinsicht 36 Die im Fragebogen erhobenen Charakteristika der Teilnehmer ließen sich zudem dazu verwen‑ den, um zu testen, ob solche systematischen Unterschiede bei der Bewertung der Politiker beste‑ hen, beispielsweise ob Frauen anders bewerten als Männer oder links eingestellte Personen anders als rechts eingestellte . Dies würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen . In früheren Arbei‑ ten konnten wir allerdings zeigen, dass sich die Bewertungen zumindest zwischen weiblichen und männlichen Teilnehmern so gut wie nicht unterschieden . Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) . 37 Neben den 299 deutschen Wahlkreisen beinhaltet die Grundgesamtheit alle Kandidatenpaare, aus denen die 30 zu bewertenden Paare zufällig ausgewählt wurden, auch 561 Paare, die bei der Stichwahl zur französischen Nationalversammlung gegeneinander angetreten sind . Die Bewer‑ tungen für die französischen Kandidaten werden für die vorliegende Analyse nicht weiter genutzt . 38 Vgl . Gordon L. Patzer, The Physical Attractiveness Phenomena, Boston 1985, S . 17 . 39 Zum Beispiel Markus Klein / Ulrich Rosar, a .a .O . (Fn . 6) . 531 näher kommen als absolute Messverfahren . Zunächst ist bekannt, dass die Wahrnehmung von Attraktivität auch von den zur Verfügung stehenden Vergleichsoptionen beeinflusst wird .40 Da zu vermuten ist, dass Wähler meist nur wenige Kandidaten außerhalb ihres eige‑ nen Wahlkreises kennen, dürfte eine Messung weniger anfällig für Verzerrungen sein, wenn sie den Teilnehmern möglichst keine Alternativen präsentiert, die die realen Wähler im Alltag auch nicht zu Gesicht bekämen . Zum anderen spricht vieles dafür, dass eine Option in der Regel nicht wegen ihres absoluten Wertes gewählt wird, sondern weil sie in einer gegebenen Situation die beste (das heißt die relativ am nächsten liegende) Alternative ist – so wird dies zumindest üblicherweise bei der Modellierung von Auswahlprozessen gesehen . Und de facto werden Teilnehmer, die an Personen anhand ihrer Fotos Aussehenspunkte vergeben sollen, wohl stets mehr oder weniger bewusst Vergleiche zu bereits bewerteten Personen ziehen . Je nachdem, wer zuvor bewertet wurde, verändert sich demnach das Urteil . Diese Halo‑Effekte könnten durchaus Messergebnisse verzerren . Bei unserem Vorge‑ hen kann diese Gefahr praktisch ausgeschlossen werden, da der Vergleichsmaßstab für alle Teilnehmer von vornherein klar bekannt ist (es ist der jeweils andere abgebildete Kandidat eines Paares) und entsprechend auch zuvor bewertete Kandidatenpaare sich nicht auf die Beurteilung eines weiteren Paares auswirken sollten . Dieser Ansatz ähnelt damit auch eher der Situation im Wahlkreis, wo die Wähler ebenfalls meistens zwischen zwei Kandidaten mit halbwegs realistischen Gewinnchancen entscheiden können . Ein solch relativer Mess‑ ansatz wurde bislang nicht nur in unseren hier replizierten Arbeiten41, sondern auch in weiteren Studien angewandt, die allesamt die Wichtigkeit relativer Aussehensbewertungen (bestimmt über den Vergleich zum jeweiligen Wettbewerber) anerkennen .42 Ein zweiter Vorteil besteht darin, dass die Teilnehmer nur Bilder von 30 Kandidatenpaaren bewerten mussten und nicht wie teilweise üblich mehrere hundert Fotos am Stück .43 Hierdurch wird eine Ermüdung sowie die Entwicklung systematischer Antwortmuster so gut wie möglich ausgeschlossen . Die vergleichsweise niedrige Abbruchquote dürfte zu einem guten Teil ebenfalls darauf zurückzuführen sein, dass die gesamte Online‑Bewertung mitsamt Frage‑ bogen innerhalb von etwa fünf Minuten abzuschließen war . Abbildung 2 zeigt den Aufbau des Online‑Bewertungstools . Jedes Kandidatenpaar wird für zehn Sekunden gezeigt . Ein Countdown über den Fotos signalisiert, wie viel Zeit noch für die Entscheidung bleibt . Die Reihenfolge der Bewer‑ tungsbuttons ist genau wie die Anordnung der Bilder (links / rechts) zufällig .44 Sobald der dritte Button geklickt wurde oder der Countdown abgelaufen ist, folgt mit einer Sekunde Pause (leerer Bildschirm) das nächste Paar . Dieser enge Zeitrahmen soll – genau wie der Einleitungstext auf dem Startbildschirm – dafür sorgen, dass die Teilnehmer ihre Einschät‑ 40 Vgl . Douglas T. Kenrick / Sara E. Gutierres, Contrast Effects and Judgments of Physical Attractive‑ ness: When Beauty Becomes a Social Problem, in: Journal of Personality and Social Psychology, 38 . Jg . (1980), H . 1, S . 131 – 140 . 41 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11); dies., Beauty Con‑ test Revisited, a .a .O . (Fn . 11) . 42 Vgl . Charles C. Ballew / Alexander Todorov, a .a .O . (Fn . 4); Amy King / Andrew Leigh, a .a .O . (Fn . 5) . 43 Vgl . Matthew D. Atkinson / Ryan D. Enos / Seth J. Hill, a .a .O . (Fn . 28), S . 232; Georg Lutz, The Electoral Success of Beauties and Beasts, in: Swiss Political Science Review, 16 . Jg . (2010), H . 3, S . 457 – 480 . 44 Weder die Anordnung der Bilder (links/rechts) noch die Reihenfolge der Buttons wirken sich stark auf die abgegebenen Bewertungen aus (siehe Online‑Anhang A1) . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 532 Dokumentation und Analysen zung nur auf Basis ihres allerersten Eindrucks abgeben . Hintergrund hierfür ist der Befund, dass eine schnelle und nicht nochmals reflektierte Einschätzung von Gesichtern die Wahl‑ entscheidung besser vorhersagt, als wenn diese Einschätzung mit Bedacht nochmals abge‑ wogen wird .45 Auch wenn zur Bildung konsistenter erster Eindrücke sogar nur Bruchteile von Sekunden nötig sind46, stellt der Countdown von zehn Sekunden eine insofern prakti‑ kable Lösung dar, als er zwar einerseits zu einer schnellen und damit vergleichsweise unre‑ flektierten Entscheidung zwingt, der Zeitrahmen aber gleichzeitig so gewählt ist, dass es den meisten Teilnehmern innerhalb der zehn Sekunden auch gelingt, alle drei Ratings abzugeben . Die größten Probleme bereitete offensichtlich die Bewertung der Attraktivität . Hier erfolgte in 30,5 Prozent der gezeigten Kandidatenpaare kein Klick . Zum Vergleich: Bei Kompetenz beziehungsweise Sympathie waren es 24,2 beziehungsweise 21,4 Prozent . Da davon auszugehen ist, dass aussehensbasierte Heuristiken vor allem dann bei Wäh‑ lern zum Zug kommen, wenn diese die Kandidaten nicht oder nicht gut kennen, waren wir hier ausschließlich an der Bewertung von Politikern interessiert, die den Teilnehmern nicht bekannt waren . Aus diesem Grund enthält das Bewertungstool einen Button „Kenne eine Person“ . Sobald dieser angeklickt wird, können keine weiteren Bewertungen für das Paar abgegeben werden, und es wird ein Bildschirm eingeblendet, auf dem die Teilnehmer gebe‑ ten werden, mittels Freitextkommentar anzugeben, um wen es sich ihrer Meinung nach handelt . Nach dieser Eingabe folgt automatisch das nächste Paar . Abbildung 3 listet die 25 45 Vgl . Charles C. Ballew / Alexander Todorov, a .a .O . (Fn . 4) . 46 Vgl . Moshe Bar / Maital Neta / Heather Linz, a .a .O . (Fn . 33) . Abbildung 2: Das Online-Bewertungstool Bei dem hier beispielhaft abgebildeten Kan‑ didatenpaar handelt es sich um Doris Aschenbrenner (SPD; 26,4% Erststimmen) und Hans- Georg Michelbach (CSU; 45,3%) aus dem Wahl‑ kreis Coburg. Quelle: Eigene Darstellung . 533 am häufigsten genannten Politiker auf . Das Ergebnis deckt sich stark mit den von der For‑ schungsgruppe Wahlen im Politbarometer abgefragten bekanntesten Politikern Deutsch‑ lands .47 Etwas überraschend ist das insgesamt relativ geringe Erkennungsniveau . Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass einige Teilnehmer zwar den „Kenne eine Person“‑Button gedrückt haben, eine anschließende Eingabe im Freitextfeld allerdings nicht erfolgte . Bei Angela Merkel wurden beispielsweise von den 217mal, die ihr Portrait gezeigt wurde, 157mal der „Kenne eine Person“‑Button gedrückt . Achtmal erfolgte dann jedoch keine Eingabe eines Namens . Es ist also davon auszugehen, dass die realen Bekanntheitsgradwer‑ te noch etwas über den hier berichteten liegen . Allerdings wurden Kandidaten zum Teil auch verwechselt . So wurde Angela Merkel beispielsweise von Teilnehmern viermal ver‑ meintlich erkannt, obwohl sie in den betreffenden Wahlkreisen nicht angetreten war und damit auch im Bewertungstool gar nicht gezeigt wurde . 47 Vgl . Politbarometer vom 23 . Februar 2018 . Abbildung 3: Die 25 am häufigsten erkannten Direktkandidaten Quelle: Eigene Auswertung . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 534 Dokumentation und Analysen Neben den Bewertungen wurde zudem gespeichert, wie lange es dauerte, bis der erste, zweite und der dritte Button gedrückt wurden . Diese Antwortlatenzzeiten werden in der weiteren Analyse als Maß für die Ambiguität der Bewertungen genutzt (siehe nächster Abschnitt) . Das Bewertungstool konnte mobil über Smartphones und Tablets sowie klassisch web‑ basiert geöffnet werden . Etwa 51 Prozent nutzten die Smartphone/Tablet‑Variante, 28 Pro‑ zent verwendeten einen PC mit Maus und zwölf Prozent einen Laptop . Eine einheitlich gute Nutzbarkeit des Tools auf unterschiedlichen Betriebssystemen und Browsern konnte nach ausgiebigen Tests sichergestellt werden . 3 .4 . Ambiguität in den Bewertungen Für die Analyse wurden die einzelnen Bewertungen der Direktkandidaten, die ja stets rela‑ tiv zum zweiten abgebildeten Kandidaten zu verstehen sind, aggregiert . Als Maß für das Aussehen eines Kandidaten wurde der Anteil der Teilnehmer verwendet, der den letztlich siegreichen Kandidaten als attraktiver (kompetenter beziehungsweise sympathischer) bewertet hatte . Da Teilnehmer umso länger für eine Bewertung brauchen, je mehr Schwie‑ rigkeiten sie haben, sich zwischen den Bildern zu entscheiden, wurden die einzelnen Bewertungen vor der Aggregation mit der jeweiligen Latenzzeit gewichtet .48 Dabei wird durch das Zentrieren der Latenzzeiten auf die teilnehmer‑spezifische minimale und maxi‑ male Latenzzeit für jede Eigenschaft auch der Tatsache Rechnung getragen, dass einige ge‑ nerell langsamer klicken als andere . Dem schnellsten Klick eines jeden Teilnehmers wird hierbei ein Wert von 1,0 zugewiesen, während der Klick, der am längsten gedauert hat, einen Wert von 0,2 erhält . Letzteres bedeutet, dass – sofern ein Klick gesetzt wurde – von keiner kompletten Ambiguität ausgegangen wird, sondern immer noch eine gewisse – wenn auch schwache – Präferenz vorliegt . Anders in dem Fall, in dem gar kein Klick erfolgt: Hier muss von kompletter Ambiguität ausgegangen werden . Die Latenzzeiten zwi‑ schen dem schnellsten und dem langsamsten Klick werden linear auf die genannte Skala von 0,2 bis 1,0 transformiert . Die Gewichtung mit diesen zentrierten Latenzzeiten führt dazu, dass eine Bewertung, das im Vergleich mit den anderen Bewertungen eines Teilneh‑ mers eine lange Latenzzeit aufweist, somit als weniger eindeutig behandelt und herunterge‑ wichtet wird . 3 .5 . Deskription der Aussehensbewertungen Korreliert man die latenzzeitgewichteten Aussehensmaße, zeigt sich zwischen Attraktivität und Sympathie ein vergleichsweise starker Zusammenhang (r = 0,72), während Kompetenz nur sehr schwach mit Sympathie (r = 0,24) und praktisch gar nicht mit Attraktivität 48 Dieselbe Überlegung liegt auch CATI‑Umfragen zugrunde . Entsprechend hängen schnell geäu‑ ßerte Meinungen stärker mit innerhalb einer Person bereits fest etablierten Einstellungen zusam‑ men, beziehungsweise die Einstellungen sind weniger mit internen Konflikten verbunden als langsamer geäußerte Meinungen . Vgl . John N. Bassili, Reflections on Response Latency Measure‑ ment in Telephone Surveys, in: Political Psychology, 21 . Jg . (2000), H . 1, S . 4 . Generell kann man sagen, dass eine kurze Latenzzeit für einen konfliktfreien Aktivierungsprozess spricht . Dies macht sie als Proxy für die Ambiguität von Ratings geeignet . 535 (r = 0,07) korreliert ist .49 Aufschlussreich sind zudem die Standardabweichungen . Während die Bewertungen der Attraktivität mit 0,28 um den Mittelwert von 0,5 streuen, weisen die der Sympathie und der Kompetenz eine deutlich geringere Variation auf (sdsymp = 0,20, sdkomp = 0,18) . In Abbildung 4, in der anhand von Karten dargestellt ist, wie viel Prozent der latenzzeitgewichteten Klicks der Wahlsieger auf sich vereinigen konnte, lässt sich dieser Befund ebenfalls gut erkennen . Insbesondere bei der Attraktivität gibt es eine ganze Reihe von Wahlkreisen, in denen die beiden Kandidaten deutlich unterschiedlich bewertet wur‑ den (sehr dunkle und sehr helle Wahlkreise) . Bei Sympathie und vor allem Kompetenz herrscht hingegen eine geringere Varianz im mittleren (grauen) Bereich vor . Interpretieren lässt sich dies so, dass die Attraktivitätsbewertung den Teilnehmern insofern leichter fällt, als häufiger sehr klare Voten (sehr attraktiv vs . sehr unattraktiv) abgegeben werden, wäh‑ rend sie es in Bezug auf Sympathie und wahrgenommene Kompetenz offensichtlich größe‑ re Schwierigkeiten haben, Personen einheitlich einzustufen . Instruktiv sind auch die Extremfälle, das heißt Wahlkreise, in denen fast alle Teilnehmer denselben Direktkandidaten als attraktiver, kompetenter beziehungsweise sympathischer bewertet haben . Es fällt auch hier auf, dass bezüglich der Attraktivität einheitlichere Ant‑ wortmuster zu beobachten sind als bei Sympathie und vor allem wahrgenommener Kom‑ petenz (vgl . Tabelle 1) . So wird in fast einem Drittel aller Wahlkreise einer der beiden Direktkandidaten von mehr als 85 Prozent der Teilnehmer für attraktiver gehalten, wäh‑ rend dies bei Kompetenz nur in drei Prozent der Wahlkreise der Fall ist . Der Wahlkreis mit dem eindeutigsten Ergebnis ist Gütersloh I, wo Ralph Brinkhaus (seit dem 25 . September 2018 Vorsitzender der CDU/CSU‑Fraktion im Bundestag) gegen seine Konkurrentin Elvan Korkmaz (SPD) bei der Frage der Attraktivität mit 1:177 unterlag . 49 Berechnung über beide Bildvarianten (Graustufen und farbige Fotos) zusammengenommen . Die Zusammenhänge für beide Varianten getrennt sind praktisch identisch, was nahelegt, dass die Farbigkeit der Fotos keinen großen Einfluss auf die Bewertung der drei Aussehensmerkmale hat . Abbildung 4: Prozentsatz der Teilnehmer, die den Gewinner für attraktiver (linke Karte), kompetenter (Mitte) beziehungsweise sympathischer (rechts) als den Zweitplatzierten halten ] ] ] ] ] ] ] ] ] Quelle: Eigene Auswertung; © Der Bundeswahlleiter, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016, Wahl‑ kreiskarte für die Wahl zum 19 . Bundestag . Grundlage der Geoinformationen © Geobasis‑DE / BKG (2016) . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 536 Dokumentation und Analysen Betrachtet man diejenigen 66 Wahlkreise genauer, in denen die Bewertung der Attraktivität mit mehr als 90 Prozent einheitlich erfolgte, zeigt sich, dass diese vergleichsweise hohe Ein‑ deutigkeit in allen Arten von Wahlkreisen – unterteilt nach dem Geschlecht der Kandi‑ daten (Mann gegen Mann, Frau gegen Frau und gemischtgeschlechtlich) – vorkommt . Vergleicht man die Werte mit denen aller 299 Wahlkreise, finden sich zudem derart ein‑ heitliche Bewertungen in keiner Wahlkreisart überproportional oft – insbesondere sind weder in denjenigen Wahlkreisen, in denen zwei Männer noch in denen zwei Frauen gegeneinander antraten, häufiger einheitliche Bewertungen anzutreffen . Die Annahme von Rodrigo Praino u .a .50, dass es den Teilnehmern nur bei Personen des gleichen Geschlechts leichter fallen würde, diese entsprechend ihrer Attraktivität zu vergleichen, kann somit zu‑ rückgewiesen werden . Daneben zeigt sich eine deutliche Tendenz in denjenigen Wahlkrei‑ sen, in denen eine Frau gegen einen Mann kandidierte . In diesen wurde weitaus häufiger die Frau als attraktiver bewertet . In Wahlkreisen mit über 90 Prozent einheitlichen Bewer‑ tungen sind es sogar ausschließlich Frauen, die als attraktiver eingestuft wurden . Systematische Unterschiede in den Bewertungen gibt es allerdings zwischen den Partei‑ en . Aus Abbildung 5 ist die durchschnittliche, latenzzeitgewichtete Aussehensbewertung über alle Wahlkreise zu entnehmen, in denen eine Partei entweder stärkste oder zweitstärks‑ te Kraft nach Erststimmen wurde und damit mit ihrem Kandidaten im Rating vertreten war . Während Kandidaten der AfD besonders bei der Sympathie‑ und Attraktivitätsbewer‑ tung unterdurchschnittlich abschneiden, stechen hier die Grünen positiv hervor . Deren Werte sind allerdings insofern mit Vorsicht zu betrachten, als sie nur in sechs Wahlkreisen entweder stärkste oder zweitstärkste Kraft bei den Erststimmen geworden waren . Damit waren sie auch nur mit diesen sechs Kandidaten in unserer Studie vertreten . Bei der wahr‑ genommenen Kompetenz konnten insbesondere CSU‑Kandidaten punkten . Diese schnit‑ ten auch bei den anderen Merkmalen besser ab als ihre Kollegen von der CDU . Neben den Grünen waren es aber insbesondere die Direktkandidaten der SPD, die positiv wahrge‑ nommen wurden . Einzig bei der Kompetenzbewertung mussten sie sich den Unionspartei‑ en geschlagen geben . Die Kandidaten der Linke wurden über alle drei Aussehensmerkmale hinweg eher unterdurchschnittlich bewertet . Diese Ergebnisse decken sich zu großen Teilen mit den Resultaten der früheren Untersuchung zur Bundestagswahl 2013, die ausschließ‑ lich unter Freiburger Studierenden durchgeführt wurde .51 In Bezug auf die abgefragten Charakteristika der Teilnehmer zeigen die Daten indes, dass sowohl das Alter wie auch sozio‑demographische Faktoren keine sonderliche Rolle bei der Bewertung der Attraktivi‑ tät, Sympathie und Kompetenz spielen . 50 Vgl . Rodrigo Praino / Daniel Stockemer / James Ratis, a .a .O . (Fn . 4) . 51 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) . Tabelle 1: Anzahl (Anteil) an Wahlkreisen mit sehr einheitlichen Bewertungen der Kandidaten Anteil der Bewertungen für einen der beiden Kandidaten > 85 Prozent > 90 Prozent > 95 Prozent > 99 Prozent Attraktivität 95 (31,77 %) 66 (22,07 %) 23 (7,69 %) 1 (0,33 %) Kompetenz 9 (3,01 %) 1 (0,33 %) 0 (0 %) 0 (0 %) Sympathie 27 (9,03 %) 15 (5,02 %) 2 (0,67 %) 0 (0 %) Quelle: Eigene Auswertung . 537 3 .6 . Statistische Modellierung und Operationalisierung der Variablen Der Einfluss der drei über die Bewertungen der Teilnehmer gemessenen unabhängigen Variablen Attraktivität, Kompetenz und Sympathie auf das Wahlergebnis der Direktkandi‑ daten wurde mithilfe von OLS‑Regressionen auf der Wahlkreisebene geschätzt .52 Da die drei Eigenschaften gemäß unserem Ansatz immer den Wert des Gewinners des Direktman‑ dats relativ zum Zweitplatzierten messen, ist auch für die abhängige Variable ein relatives Maß zu wählen . Dafür bietet sich die Differenz zwischen dem Erststimmenanteil der bei‑ den Kandidaten an . Im Durchschnitt hat der Gewinner einen Vorsprung von etwa 13,3 Prozentpunkten auf den Zweitplatzierten, maximal sind es im Wahlkreis Altötting 41,4 Prozentpunkte .53 Für die weitere Analyse ist zu beachten, dass auch alle anderen in den Regressionen verwendeten Variablen auf der Ebene des Wahlkreises (und nicht der Ebene des einzelnen Kandidaten) gemessen werden . Einerseits beschreiben sie damit das Umfeld, in dem der Wahlkampf und die eigentliche Direktkandidatenwahl stattfinden, andererseits erfassen sie ebenfalls die Relation zwischen den beiden Kandidaten . Bei der Auswahl der Kontrollvariablen orientierten wir uns aus Vergleichszwecken an der genannten Vorgänger‑ studie .54 Die Modelle umfassen daher zunächst neben den Aussehensvariablen jene Fakto‑ ren, die als mögliche konditionierende Effekte im weiteren Verlauf der Analyse genauer betrachtet werden . Dies sind der Amtsinhaber‑Status, die Geschlechterverteilung der Kan‑ 52 Auch wenn es sich bei den Daten um eine Vollerhebung aller Wahlkreise handelt, ist es sinnvoll, Signifikanzen anzugeben, da die Stochastizität der Daten und die hieraus erwachsende Unsicher‑ heit in den Ergebnissen nicht einfach ignoriert werden sollte . Vgl . Andreas Broscheid / Thomas Gschwend, Zur statistischen Analyse von Vollerhebungen, in: PVS, 46 . Jg . (2005), H . 1, S . 16 – 26 . 53 Im Vergleich zur Bundestagswahl 2013, bei der der durchschnittliche Vorsprung noch bei circa 17 Prozentpunkten lag und das Maximum (ebenfalls im Wahlkreis Altötting) 51,4 Punkte betrug, ist die Wahl 2017 bezogen auf die Direktmandate deutlich knapper ausgefallen . 54 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) . Abbildung 5: Durchschnittliche Bewertung der Direktkandidaten nach Partei Anmerkung: Angegeben ist der durchschnittliche Prozentsatz der Bewertungen für einen Kandidaten einer Partei über alle Wahlkreise, in denen die Partei entweder die meisten oder zweitmeisten Erststimmen geholt hat . Von den 299 Wahlkreisen war die AfD entsprechend in 32, die Grünen in sechs, die CDU in 251, die CSU in 46, die Linke in 20 und die SPD in 243 Wahlkreisen in unserer Studie vertreten . Quelle: Eigene Auswertung . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 538 Dokumentation und Analysen didaten und die Altersdifferenz zwischen Gewinner und Zweitplatziertem .55 Daneben wer‑ den aber auch ökonomisch‑strategische und sozialstrukturell‑identitätsbasierte Argumente aufgegriffen und deshalb folgende Faktoren kontrolliert: Wahlbeteiligung, Differenz der Zweitstimmenanteile der Partei des Gewinners und der Partei des Zweitplatzierten 2017, Arbeitslosenrate, Ausländeranteil, Senioren‑Jugendlichen‑Rate56 und ob der Wahlkreis bereits vor der Wahl als umkämpft gegolten hatte .57 Auch wird überprüft, ob Kandidaten einen Doktortitel haben58, da bisherige Studien einen positiven Effekt von akademischen Titeln auf das Wahlergebnis nachweisen konnten .59 4. Ergebnisse 4 .1 . Haupteffekte Tabelle 2 zeigt die Haupteffekte, wobei die Modelle 1 und 2 über alle 299 Wahlkreise geschätzt wurden: Modell 1 unter Einschluss aller Variablen, in Modell 2 wurden nicht sig‑ nifikante Faktoren schrittweise entfernt (stepwise backward mit pAusschluss > 0,1), um ein möglichst sparsames Modell zu erhalten . In den Modellen 3 und 4 wurden diejenigen Wahlkreise ausgeschlossen, in denen einer der Direktkandidaten von mehr als 50 Prozent der Teilnehmer erkannt wurde . Dieses Vorgehen kann gewissermaßen als „zweites Sicher‑ heitsnetz“ betrachtet werden, das neben dem „Kenne eine Person“‑Button im Rating dafür 55 Für das Geschlechterverhältnis der Wahlkreiskandidaten und den Amtsinhaber‑Bonus werden jeweils Dummies gebildet . Als Amtsinhaber zählt, wer bei der Wahl 2013 das Direktmandat er‑ rungen hat . Die Altersdifferenz „Gewinner minus Zweitplatzierter“ wird in Jahren ausgedrückt . Ein Wert von 20 bedeutet damit, dass der Gewinner 20 Jahre älter als der Zweitplatzierte ist . 56 Die Senioren‑Jugendlichen‑Rate wird gemessen als der Anteil der über 60‑Jährigen an den unter 25‑Jährigen . 57 Die Umkämpftheit eines Wahlkreises wird als Dummy gemessen . Die Operationalisierung folgt einer Simulation der Erststimmenergebnisse, die das Team um Thomas Gschwend von zweitstim‑ me .org anhand der letzten verfügbaren Umfrageergebnisse am 22 . September 2017 erstellt hat . Dabei werden Wahlkreise, in denen keiner der Direktkandidaten eine Wahlwahrscheinlichkeit von mindestens 65 Prozent erreicht, als unsicher und damit umkämpft eingestuft . Von den 299 Wahlkreisen sind dies 42 . Vgl . „Zweitstimme .org kann jetzt auch Erststimmen“, 22 . September 2017, http://zweitstimme .org/wahlkreis .html (Abruf am 14 . November 2018) . Als Robustheits‑ check wird auf den in Kooperation mit mandatsrechner .de entwickelten In‑or‑Out‑Faktor vom Tagesspiegel zurückgegriffen . Dieser gibt anhand eines auf unterschiedlichen Wahlumfragen basierenden Modells Prognosen darüber ab, wer in den einzelnen Wahlkreisen wahrscheinlich das Direktmandat erringen wird . Vgl . Philipp Bock / Christian Brugger / Albert Funk / Lisa C. Rost / Severin Sperzel, Der In‑or‑Out Faktor: Wer gewinnt welchen Wahlkreis?, in: Der Tagesspiegel online (ohne Datum), https://wahl .tagesspiegel .de/2017/karten/direktmandate/ (Abruf am 14 . November 2018) . Auf Basis der Forsa‑Umfrage vom 22 . September 2017 stuft dieser In‑or‑Out‑ Faktor insgesamt 61 Wahlkreise insofern als unsicher ein, als der prognostizierte Abstand zwi‑ schen Erst‑ und Zweitplatziertem nach Erststimmen maximal 15 Prozent beträgt . 58 Die Variable nimmt den Wert 1 an, wenn nur der spätere Gewinner einen Doktortitel hat; eine ‑1, wenn nur der spätere Verlierer einen hat und den Wert 0, wenn entweder beide oder keiner von beiden Doktor ist . 59 Vgl . Sebastian Schneider / Markus Tepe, Dr . Right and Dr . Wrong, in: PVS, 52 . Jg . (2011), H . 2, S . 248 – 285; Philip Manow / Peter Flemming, Der Titel als politisches Distinktionsmerkmal?, in: ZPol, 21 . Jg . (2011), H . 4, S . 531 – 551 . 539 sorgen soll, dass ausschließlich Bewertungen, die anhand des Aussehens zustande kamen, in die Analyse einfließen und nicht darüber, dass der Teilnehmer die betreffende Person kann‑ te und daher mit bestimmten Eigenschaften belegte . Insgesamt erklären die Modelle circa 85 Prozent der Varianz in den Erststimmendiffe‑ renzen zwischen Gewinnern und Zweitplatzierten, wobei ein Großteil des R2 auf die Kont‑ rollvariable „Zweitstimmenanteil 2017“ zurückgeht .60 Gleichwohl zeigen auch einzelne Aussehensvariablen signifikante und eindeutige Effekte: Als attraktiv und/oder kompetent wahrgenommen zu werden hilft einem Kandidaten . Die Koeffizienten können folgender‑ maßen interpretiert werden: Eine Veränderung im Attraktivitätsanteil von 0 auf 1 (das heißt von dem Fall, in dem der Gewinner des Wahlkreises von keinem der Teilnehmer als attraktiver gesehen wurde, zu dem Fall, in dem alle Teilnehmer ihn für attraktiver halten als den Zweitplatzierten) erhöht ceteris paribus die Differenz in den Erststimmen zwischen den beiden Kontrahenten um 2,4 Prozentpunkte im vollen Modell (1a) und sogar um 3,8 Prozentpunkte im stepwise backward Modell (1b) . Bei der Kompetenz ist der Effekt etwas schwächer und in den Modellen ohne die sehr bekannten Politiker (2a und 2b) auch nicht mehr signifikant . Der Attraktivitätseffekt hingegen bleibt auch in diesem kleineren Sample erhalten . Sympathie erhöht dem Vorzeichen zufolge ebenfalls den Stimmenanteil, aller‑ dings ist dieser Effekt in keinem der Modelle signifikant . Dies wäre nur der Fall, wenn Attraktivität ausgeschlossen wird (Modell nicht berichtet) . Für die Kontrollvariablen ergibt sich folgendes Bild: Die geschlechtsspezifische Konstel‑ lation im Wahlkreis, das heißt die Frage, ob eine Frau gegen einen Mann antritt oder zwei Männer oder zwei Frauen gegeneinander, hat keinen Einfluss auf den Vorsprung des Gewinners vor dem Zweitplatzierten . Wahlkreise, in denen viele Senioren im Vergleich zu jungen Leuten leben und in denen der Ausländeranteil hoch ist (wobei bei beiden Variab‑ len auch Drittfaktoren wie der Unterschied zwischen West und Ost oder zwischen Stadt und Land eine Rolle spielen dürften), weisen hingegen eine signifikant geringere Differenz zwischen den Kandidaten auf . Der Amtsinhaber‑Bonus zeigt sich ebenfalls deutlich: Hatte der im Jahr 2017 Zweitplatzierte die Wahl 2013 für sich entschieden, fällt sein Abstand zum Gewinner 2017 rund 3,2 Prozentpunkte kleiner aus, als wenn der Gewinner 2017 auch schon 2013 die meisten Erststimmen errungen hatte . Den bei weitem stärksten Effekt hat jedoch der Zweitstimmenanteil61, was den für Deutschland schon mehrfach aufgezeig‑ ten Befund einer starken Wirkung der Parteiwahl (und damit mittelbar der Parteiidentifi‑ kation) auch für die Erststimmen nochmals bestätigt . Der Dummy für die umkämpften Wahlkreise hat darüber hinaus – in keiner der beiden Operationalisierungsvarianten – einen zusätzlich signifikanten Einfluss . 60 Für den Vergleich der Effektstärken finden sich im Online‑Anhang A2 die Modelle aus Tabelle 2 mit standardisierten Beta‑Koeffizienten . Die Normalverteilungsannahme der Residuen für alle vier Modelle kann nach dem Shapiro‑Wilk‑Test als gegeben betrachtet werden . Tests auf Multi‑ kollinearität indizieren keine sonderlichen Probleme (VIFmax = 4,85), genauso wenig wie der Breusch‑Pagan‑Test, nach dem in keinem der Modelle Heteroskedastizität vorliegt . Exkludiert man besonders einflussreiche Fälle, gemessen über DFITS beziehungsweise Cooks‑Distanzen, ändern sich die Ergebnisse ebenfalls nicht stark (Modelle nicht berichtet) . 61 Nach den Betas (vgl . Online‑Anhang A2) ist dieser etwa 7,6 Mal stärker als der Attraktivitäts‑ effekt und 8,8 Mal stärker als der Effekt des Amtsinhaberbonus . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 540 Dokumentation und Analysen Tabelle 2: Haupteffekte AV: Erststimmenanteil Gewinner minus Erststimmenanteil Zweitplatzierter Modell 1a Modell 1b (stepwise) Modell 2a Modell 2b (stepwise) Alle Wahlkreise Ohne bekannte Politiker Aussehens‑Bewertungen+: Attraktivität 2 .372* 3 .849*** 2 .332* 4 .125*** (1 .392) (0 .803) (1 .344) (0 .777) Sympathie 1 .695 1 .807 (1 .730) (1 .667) Kompetenz 2 .792* 2 .827** 2 .035 (1 .573) (1 .291) (1 .532) Amtsinhaber‑Bonus++: Zweitplatzierter = Amtsinhaber ‑3 .319** ‑3 .170** ‑3 .136** ‑3 .190** (1 .297) (1 .272) (1 .312) (1 .283) Keiner der Kandidaten = Amtsinhaber ‑2 .190*** ‑2 .210*** ‑2 .237*** ‑2 .306*** (0 .558) (0 .542) (0 .540) (0 .521) Geschlecht der Kandidaten+++: Mann / Mann 0 .201 0 .398 (0 .978) (1 .022) Mann / Frau 0 .0895 0 .341 (1 .044) (1 .081) Frau / Mann 0 .696 1 .014 (1 .098) (1 .126) Kontrollvariablen: Altersdifferenz (in Jahren) 0 .0116 0 .0169 (0 .0187) (0 .0181) Doktortitel 0 .874* 0 .451 (0 .519) (0 .521) Umkämpfter Wahlkreis 0 .235 0 .562 (0 .743) (0 .731) Zweitstimmen 2017 (in Prozent) 0 .884*** 0 .890*** 0 .889*** 0 .902*** (0 .0353) (0 .0261) (0 .0347) (0 .0256) Wahlbeteiligung 2017 (in Prozent) ‑0 .133 ‑0 .128 (0 .0958) (0 .0934) Arbeitslosenquote (in Prozent) ‑0 .173 ‑0 .264* (0 .152) (0 .149) Ausländeranteil (in Prozent) ‑0 .239*** ‑0 .231*** ‑0 .186*** ‑0 .181*** (0 .0572) (0 .0545) (0 .0560) (0 .0528) Senioren‑Jugendlichen‑Rate ‑4 .967*** ‑4 .629*** ‑4 .354*** ‑4 .329*** (1 .305) (1 .132) (1 .278) (1 .106) Konstante 19 .67** 8 .433*** 18 .62** 8 .790*** (8 .855) (1 .979) (8 .620) (1 .848) Fälle 299 299 289 289 R2 0 .849 0 .846 0 .862 0 .857 Anmerkung: + 1 = 100 Prozent der Teilnehmer werteten den Gewinner als attraktiver/kompetenter/ sympathischer als den Zweitplatzierten, 0 = alle Teilnehmer werteten den Zweitplatzierten als attraktiver / kompetenter / sympathischer als den Gewinner; ++ Referenzkategorie: Nur Gewinner MdB 2013; +++ Referenzkategorie: Frau / Frau; Standardfehler in Klammern; *** p<0,01, ** p<0,05, * p<0,1 . Quelle: Eigene Auswertung . 541 Nach diesen ersten Ergebnissen kann festgehalten werden, dass das Aussehen auch unter Kontrolle weiterer Prädiktoren als relevanter Erklärungsfaktor für den Erststimmenanteil bestehen bleibt . Es sind jedoch nicht alle Aussehensmerkmale in gleichem Maße wirkungs‑ mächtig . Der positive Effekt der Attraktivität ist am stärksten; Direktkandidaten, die als kompetenter eingeschätzt werden, schneiden bei der Wahl aber zumindest nach dem vollen Modell, in das alle Wahlkreise einfließen, ebenfalls besser ab als diejenigen, denen eine gerin‑ gere Kompetenz attestiert wird . Im Vergleich zu den Ergebnissen für die Bundestagswahl 2013 hat sich der Effekt der Attraktivität bei der Wahl 2017 insbesondere in den stepwise‑ Modellen deutlich vergrößert . Führte ein maximaler Attraktivitätswert im Jahr 2013 für den Gewinner zu einem um 2,4 Prozentpunkte größeren Vorsprung im Vergleich zu dem Fall, in dem alle Teilnehmer den Zweitplatzierten attraktiver einschätzen, erhöht sich dieser Abstand 2017 auf 3,8 Prozentpunkte .62 Bei der wahrgenommenen Kompetenz ist die Effektgröße 2017 zwar ebenfalls größer als 2013, der Unterschied ist aber geringer ausgeprägt als bei der Attraktivität . Zudem erreicht der Kompetenzeffekt 2017 nicht dasselbe Signifikanzniveau wie 2013 . Insgesamt sind die Ergebnisse der Modelle 2013 und 2017 jedoch sehr ähnlich, was sich auch daran zeigt, dass sich wahrgenommene Sympathie bei beiden Wahlen nicht als relevanter Faktor herauskristallisierte und die Effekte der Kontrollvariablen weitgehend übereinstimmen .63 Dieser Befund spricht für eine grundsätzliche Robustheit der Effekte über die Zeit und die Reliabilität des gewählten Messverfahrens für die Aussehensmerkmale . Ein Unterschied zu 2013, nämlich der Effekt der Zweitstimmen, soll an dieser Stelle jedoch Erwähnung finden: Die Differenz zwischen den Zweitstimmen derjenigen Parteien, die den ersten und den zweiten Platz bei den Erststimmen belegen, ist zwar immer noch bei weitem der beste Prädiktor für die Differenz der Erststimmen, aber im Vergleich zur Wahl 2013 büßt diese Variable deutlich an Erklärungskraft ein . Dies kann als Indiz für ein verstärktes Stimmensplitting 2017 gewertet werden . Zudem ist bemerkenswert, dass die Einstufung als umkämpfter Wahlkreis im Gegensatz zu 2013 keine zusätzliche Erklärungskraft aufweist . Für die bisherigen Modelle wurden die Attraktivitäts‑, Kompetenz‑ und Sympathiewerte über alle Ratings zusammengenommen berechnet, egal ob diese anhand von Graustufen oder farbigen Bildern durchgeführt wurden . Dies ist gerechtfertigt, da getrennte Modelle berechnet über die beiden Fotovarianten zeigen, dass es keine große Rolle spielt, wie die Fotos vorliegen (vgl . Online‑Anhang A3) . 4 .2 . Konditionierende Effekte In einem weiteren Schritt soll nun untersucht werden, ob Aussehenseffekte unter bestimm‑ ten Bedingungen besonders stark zu Tage treten . Die folgenden Interaktionsmodelle, die allesamt auf Modell 1a aus Tabelle 2 basieren, testen dieselben konditionierenden Effekte, die auch in unserer Vorgängerstudie64 bereits untersucht wurden: den Amtsinhaber‑Bonus, die Geschlechterverteilung der Kandidaten im Wahlkreis sowie die Altersdifferenz zwischen 62 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11), S . 233 . 63 Aufgrund mangelnder Datenverfügbarkeit konnten die Kontrollvariablen Gewerbesteuereinnah‑ men pro Kopf, Gewerbeanmeldungen pro 1000 Personen sowie Anteil männlicher Wahlberech‑ tigter, die im 2013er Modell herangezogen worden waren, in der vorliegenden Analyse nicht genutzt werden . Allerdings waren alle drei Variablen im 2013er‑Modell auch insignifikant . 64 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 542 Dokumentation und Analysen dem Gewinner und dem Zweitplatzierten . Um die Modelle sparsam zu halten und die Interpretation der Interaktionseffekte nicht unnötig kompliziert zu gestalten, wird in jedem Modell nur jeweils eine dieser drei Interaktionen getestet . In Abbildung 6 sind die Ergeb‑ nisse in Form von marginalen Effekt‑Plots dargestellt . Diese geben an, wie sich eine Erhö‑ hung der Aussehenswerte von 0 auf 1 unter unterschiedlichen Bedingungen (das heißt den verschiedenen Werten der konditionierenden Variablen) auf die Differenz zwischen Erst‑ und Zweitplatzierten auswirken . Legt man ein Vertrauenswahrscheinlichkeitsniveau von 95 Prozent an, liegen nur zwei signifikante Interaktionen vor: die zwischen wahrgenommener Kompetenz und dem Amts‑ Abbildung 6: Marginale Interaktionseffekte zwischen den Aussehensvariablen und dem Amtsinhaber-Bonus, dem Geschlecht und dem Alter (+95 Prozent Konfidenzintervalle) Anmerkung: Geschlecht der Kandidaten: M/M = Mann / Mann, F/F = Frau / Frau, M/F = Mann Ge‑ winner / Frau Zweite, F/M = Frau Gewinnerin / Mann Zweiter; Altersdifferenz = Alter Gewinner minus Alter Zweitplatzierter . Quelle: Eigene Auswertung . 543 inhaber‑Bonus sowie diejenige zwischen Attraktivität und der Altersdifferenz . Danach spielt ein höheres Kompetenzrating faktisch keine Rolle, wenn keiner der Kandidaten bereits im Jahr 2013 das Direktmandat im Wahlkreis errungen hatte . Hingegen erhöht sich der Vorsprung des Gewinners vor dem Zweitplatzierten signifikant (um geschätzte vier Pro‑ zentpunkte), wenn Ersterer auf Basis der Fotos von allen Teilnehmern für kompetenter gehalten wurde . Der ansteigende marginale Effekt der Attraktivität bei der Interaktion mit der Altersdifferenz der Kandidaten bedeutet, dass ein im Vergleich zu seinem Konkurrenten jüngerer Kandidat weniger von einem attraktiven Äußeren profitieren könnte als ein älterer . Darüber hinaus zeigen die Interaktionen mit dem Geschlecht der Kandidaten, auch wenn sie allesamt das 95‑Prozent‑Niveau (zum Teil knapp) verfehlen, interessante Tendenzen: So wirken alle drei Aussehensvariablen eher schwach in Wahlkreisen, in denen zwei Männer gegeneinander antreten . Erlangt hingegen eine Frau das Direktmandat (gegen eine andere Frau oder gegen einen Mann) haben die Aussehensbewertungen tendenziell den größten Einfluss . Im Vergleich zu den Ergebnissen der 2013er‑Studie stechen zwei Veränderungen hervor: Erstens führt das Sympathierating auch dann nicht zu einem größeren Vorsprung in den Erststimmen, wenn es sich um einen reinen Frauenwahlkreis handelt – dies war 2013 noch ein deutlicher Befund . Zweitens dreht sich der Interaktionseffekt zwischen Altersdifferenz und Attraktivität um . Konnten 2013 noch insbesondere jüngere Kandida‑ ten durch Attraktivität punkten, fällt nun der Attraktivitätsbonus größer aus, je älter ein siegreicher Kandidat im Vergleich zum Zweitplatzierten ist . 5. Attraktivität sticht wahrgenommene Kompetenz und Sympathie Festzuhalten ist: Direktkandidaten, die im direkten Vergleich mit ihren Konkurrenten für attraktiver gehalten werden, gewinnen mit einem größeren Vorsprung . Dieser Zusammen‑ hang bleibt auch dann bestehen, wenn auf Wahlkreisebene eine breite Palette alternativer Erklärungsfaktoren für den Erststimmenanteil überprüft wird . Etwas schwächer, aber noch immer signifikant gilt dies auch für kompetenter wirkende Kandidaten, während es bei der Wahl keine signifikanten Vorteile mit sich bringt, für sympathischer gehalten zu werden . Im Vergleich zum Wahljahr 201365 hat sich insbesondere der Attraktivitätseffekt weiter verstärkt, während die Wirkung der wahrgenommenen Kompetenz etwas abfällt und auch nicht mehr das Signifikanzniveau der vorhergehenden Wahl erreicht . Dieser Befund, der die Relevanz der für einen Bundestagsabgeordneten eher rollenfernen Eigenschaft Attrakti‑ vität gegenüber der eher rollennahen Eigenschaft Kompetenz betont, kann als Anzeichen dafür gesehen werden, dass bei der Wahlentscheidung mittlerweile vermehrt emotionale Handlungsweisen anzutreffen sind . Auch wenn dieses Ergebnis frühere Analysen66, die Attraktivität als den alles überstrahlenden Faktor begriffen, nicht vollständig bestätigt, spricht es doch auch deutlich gegen das Resultat von Todorov u .a .67, die die wahrgenomme‑ ne Kompetenz als vorgelagert und damit als wichtigeren Erklärungsfaktor für die Wahlent‑ scheidung ansahen . Insgesamt haben sich die Aussehenseffekte bei der Wahl von Direkt‑ kandidaten für den Deutschen Bundestag über die Wahljahre 2013 und 2017 hinweg 65 Vgl . Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) . 66 Vgl . Niclas Berggren / Henrik Jordahl / Panu Poutvaara, a .a .O . (Fn . 9) . 67 Vgl . Alexander Todorov / Anesu N. Mandisodza / Amir Goren / Chrystal C. Hall, a .a .O . (Fn . 10) . Jäckle / Metz: Zum Einfluss des Aussehens auf die Wahlchancen von Direktkandidaten 544 betrachtet als in großen Teilen stabil erwiesen: Wahrgenommene Attraktivität wirkt sich stark, Kompetenz etwas schwächer positiv auf das Wahlergebnis aus, während Sympathie sich in keinem der Hauptmodelle als signifikant erweist . Auch ist es unerheblich, ob die Kandidatenfotos in Schwarz‑Weiß oder in Farbe vorliegen . Die Aussehenseffekte werden zudem teilweise durch Drittfaktoren bedingt . So hilft es primär denjenigen Kandidaten, die bereits bei der letzten Wahl das Direktmandat erringen konnten, wenn sie kompetenter als ihre Herausforderer wirken . Treten hingegen zwei neue Kandidaten gegeneinander an, spielt es keine Rolle, wer von beiden beim Kompetenzrating besser abschneidet . Außerdem, und hier unterscheiden sich die Ergebnisse ebenfalls von denen der Bundestagswahl 2013, steigert sich der Attraktivitätseffekt, je älter der Erstplat‑ zierte im Vergleich zum Zweitplatzierten ist . Attraktivität ist demzufolge mittlerweile bei älteren Direktkandidaten von größerer Bedeutung als bei jüngeren . Hinzu kommt, dass die Aussehensmerkmale in Wahlkreisen, in denen eine Frau antritt, gleich ob gegen eine andere Frau oder gegen einen Mann, einen stärkeren Einfluss auf das Wahlergebnis haben als in reinen Männerwahlkreisen . Dies spricht dafür, dass der unbewusste Einsatz einer Ausse‑ hensheuristik für den Wähler bei Frauen leichter anzuwenden ist als bei Männern . Gleich‑ wohl gilt es an dieser Stelle nochmals zu betonen, dass keine der Interaktionen mit dem Geschlecht der Kandidaten ein Signifikanzniveau von 95 Prozent erreicht und sich diese Effekte demnach bestenfalls als Tendenzen beschreiben lassen . Für die Frage, wie sich Kandidaten präsentieren sollten, aber potentiell auch für die Auswahl geeigneter Kandidaten in den Parteien, kommt diesen Ergebnissen durchaus prak‑ tische Relevanz zu, denn es ist vergleichsweise einfach, über ein verändertes Aussehen die Attraktivitäts‑ und Kompetenzratings zu beeinflussen . So ließe sich beispielsweise an das Tragen einer Brille oder von Schmuck, trendige Frisuren oder Makeup68 sowie an professi‑ onelle Fotoshootings für die Wahlkampagne denken . Allein hierdurch dürften in einigen Wahlkreisen ein oder zwei zusätzliche Prozentpunkte herauszuholen sein . Denn unsere Mo‑ delle zeigen, dass ein siegreicher Direktkandidat, wird er von allen Teilnehmern und damit letztlich wohl auch von den meisten Wählern für attraktiver gehalten, je nach genauer Spe‑ zifikation der Modelle, ceteris paribus immerhin einen um zwei bis vier Prozentpunkte größeren Vorsprung vor dem Zweitplatzierten einfährt als sein unattraktiver eingeschätzter Kollege . Das Zitat von Goethe hat damit auch in der politischen Sphäre seinen Platz: Schönheit ist auch dort stets ein gar willkommener Gast . Sofern sich die Erkenntnisse die‑ ser Arbeit auf eher oberflächlich und leicht durchzuführende Modifikationen des Aussehens beschränken, ist dies aus einer demokratietheoretischen Perspektive sicherlich nicht allzu problematisch . Sollte es jedoch auf Parteiebene Selektionsprozesse geben, bei denen es wichtiger ist, attraktiv und vielleicht auch noch kompetent zu wirken, als inhaltlich poli‑ tisch zu überzeugen, sähe dies anders aus . 68 Sebastian Jäckle / Thomas Metz, Brille, Blazer oder Bart?, a .a .O . (Fn . 11) zeigen für die Wahl 2013, dass insbesondere das letztlich nicht zu beeinflussende Alter sich positiv auf die Kompe‑ tenz, aber negativ auf die Attraktivität auswirkt . Daneben wirken sich aber auch leicht abwandel‑ bare Aspekte, wie das Tragen eines Anzugs, einer Brille oder eines Bartes, sowie zumindest theo‑ retisch änderbare Charakteristika wie eine Glatze besonders entscheidend auf die Attraktivitäts‑, Kompetenz‑, und Sympathiebewertung aus . Dokumentation und Analysen

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References

Abstract

Zeitschrift für Parlamentsfragen contains articles on political issues dealing with representation and legitimation of the political system. The articles provide a broad overview of the functioning of national and regional parliaments as well as a forum for comparative analysis of international parliaments. One stress is on the parliamentary development of different countries.

Indices are provided in every issue which makes the ZParl an outstanding reference book for institutional and comparative political studies.

Website: www.zparl.nomos.de

Zusammenfassung

In der ZParl werden alle Bereiche der Politik behandelt, in denen es um Legitimations- und Repräsentationsfragen geht. Bundes- und Landesparlamentarismus, Aspekte der kommunalen Ebene und Verfassungsfragen sowie Probleme des internationalen Parlamentsvergleichs stehen im Vordergrund. Auch die parlamentarische Entwicklung anderer Staaten wird behandelt.

Die ZParl vermittelt wissenschaftlich gesicherte und systematisch strukturierte politische Informationen. Den größten Raum nehmen die Dokumentationen und Analysen ein. Zudem finden sich in jedem Heft Aufsätze, die wichtige Themen umfassender betrachten und neue Denkanstöße geben. Immer wieder ist die ZParl Plattform für Diskussionen; zudem werden die jeweils neuesten Titel zu allgemeinen Parlamentsfragen vorgestellt und Neuerscheinungen zu den Schwerpunktthemen eines Heftes im Literaturteil besprochen. In ihren „Mitteilungen“ unterrichtet die ZParl unter anderem über die Seminare, Diskussionsforen und Vortragsveranstaltungen der Deutsche Vereinigung für Parlamentsfragen (DVParl).

Die Hefte eines jeden Jahrgangs sind mit einem Sach- und Personenregister versehen. Damit erhält jeder Band den Charakter eines Nachschlagewerkes zur Institutionen- und vergleichenden Regierungslehre. In den mehr als vierzig Jahren ihres Bestehens ist die ZParl als „Datenbank“ ein Beitrag zur Chronik der Bundesrepublik geworden.

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