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Klaus G. Troitzsch, Sympathieskalometer und Wahlentscheidung – Ergebnisse aus dem GLES‑Panel und dem Politbarometer zur Zeit der Bundestagswahl 2017 in:

ZParl Zeitschrift für Parlamentsfragen, page 511 - 522

ZParl, Volume 50 (2019), Issue 3, ISSN: 0340-1758, ISSN online: 0340-1758, https://doi.org/10.5771/0340-1758-2019-3-511

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511Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Zeitschrift für Parlamentsfragen (ZParl), Heft 3/2019, S . 511 – 522, DOI: 10 .5771/0340‑1758‑2019‑3‑511 Sympathieskalometer und Wahlentscheidung – Ergebnisse aus dem GLES-Panel und dem Politbarometer zur Zeit der Bundestagswahl 2017 Klaus G. Troitzsch Seit Jahrzehnten werden in Deutschland Sympathien der Wählerinnen und Wähler für Par‑ teien und Politiker mit Skalometerfragen erhoben, mit denen die Befragten auf einer Skala von ‑5 bis +5 (oder neuerdings von 0 bis 10) zum Ausdruck bringen können, wie sympa‑ thisch ihnen diese Parteien und die Politiker, aber auch mögliche Koalitionen, die Regie‑ rung insgesamt oder die Opposition insgesamt sind . Und seit Jahr zehnten lassen sich die Antworten auf diese Skalometerfragen dazu benutzen, die Wählerpotentiale der Parteien zu messen, wobei die mit Hilfe der klassischen Diskriminanzanalyse vorhersagbaren Parteiprä‑ ferenzen zu fast zwei Dritteln bis mehr als vier Fünfteln mit den Ergebnissen von Wahlab‑ sichts‑ und Rückerinnerungsfragen übereinstimmen (vgl . Abbildung 1) . Zugleich lässt sich untersu chen, inwieweit sich die Wählerschaften der einzelnen Parteien überlappen . Für jüngere Zeiträume liegt neben dem bis in die 1970er Jahre zurückreichenden Polit‑ barometer der Forschungsgruppe Wahlen Mannheim1 das Wahlkampfpanel der German Longitudinal Election Study (GLES) vor .2 Zwischen diesen beiden Datensätzen gibt es allerdings bemerkenswerte Unterschiede, die insbesondere die nach den beiden Umfragese‑ rien zu erwartenden Anteile der Parteien betreffen . Die Güte der Skalometerfragen als Prä‑ diktoren für die angegebene (beabsichtigte oder zurückliegende) Wahlentscheidung ist jedoch ungefähr gleich . 1. Sympathieskalometer als Prädiktoren für die Wahlentscheidung Als Prädiktoren für die Wahlentscheidung kommen neben den Sympathieskalometern für die Parteien auch die für einzelne Politikerinnen und Politiker in Frage, daneben auch – soweit im jeweili gen Datensatz vorhanden – entsprechende Fragen, die sich auf die Regie‑ rung, die Opposition als Ganzes oder auf Koalitionsmöglichkeiten beziehen . Abbildung 1 zeigt die Prädiktionsgüte der verschiedenen Gruppen von Skalometerfragen3 im Zeitver‑ 1 Der Datensatz steht bei GESIS unter den Studiennummern ZA2391 (1977 bis 2016) und ZA6988 (2017) zur Verfügung . Vgl . Forschungsgruppe Wahlen Mannheim, Politbarometer 1977‑2016 (Partielle Kumulation) 2018, und ders ., Politbarometer 2017 (Kumulierter Daten‑ satz) . 2 Vgl . Sigrid Roßteutscher / Rüdiger Schmitt-Beck / Harald Schoen / Bernhard Weßels / Christoph Wolf / Maria Preißinger / Agatha Kratz / Alexander Wuttke / Lea Gärtner, Wahlkampf‑Panel 2017 (GLES), ZA6804; Rüdiger Schmitt-Beck, Building on Progress: Expanding the Research Infra‑ structure for the Social, Economic and Behavioral Sciences, German Data Forum (Hrsg .), Politi‑ cal Participation – National Election Study, Opladen / Farmington Hills 2011, S . 1123 – 1137 . 3 Es wurden in beiden Datensätzen die Skalometer für CDU, CSU, FDP, SPD, Grüne, DKP/ PDS/Linke sowie Republikaner/AfD benutzt . Beim Politbarometer gibt es diese vollständig erst seit 1994, deswegen musste auf die letzten beiden für die Berechnungen für Befragungen vor 1994 verzichtet werden . 512 Dokumentation und Analysen lauf . Die dort abgetragenen Prozentzahlen ergeben sich aus separat für jede der insgesamt 444 Politbarometer‑Umfragen von Oktober 1979 bis Dezember 2017 durchgeführten Dis‑ kriminanzanalysen als Anteil der richtig klassifizierten Partei an allen verwertbaren Antwor‑ ten auf die Rückerinnerungsfrage . Dabei ist die Antwort auf die Rückerinnerungsfrage die unabhängige (nominal skalierte) Variable, und die Antworten auf die Skalometerfragen4 sind die uanbhängigen (intervallskalierten) Variablen . Klassifikationen auf Grund von Skalometerfragen, die sich auf Politikerinnen und Poli‑ tiker beziehen, sind etwas weniger genau als solche, die sich auf die Parteien beziehen: In der Woche vom 18 . bis 23 . September 2017 lag die Gesamtgenauigkeit im Wahlkampfpa‑ nel bei 71,1 Prozent aller Fälle (bezogen auf die Wähler von CDU/CSU, SPD, FDP, Grü‑ nen, Linken und AfD, das heißt ohne sonstige und Befragte ohne Parteiangabe, vgl . für das Klassifizierungsergebnis auch Abbildung 2), während dieselben Befragten auf Grund ihrer Sympathien zu den Parteien zu 74,8 Prozent korrekt klassifiziert werden konnten . 4 Der Text dieser Fragen lautet: „Und nun hätte ich gern von Ihnen gewusst, was Sie von der … halten . Sagen Sie es mir bitte mit Hilfe der Zahl von 0 bis 10 . 10 bedeutet, dass Sie sehr viel von der Partei halten, 0 bedeutet, dass Sie überhaupt nichts von ihr halten . Je mehr Sie also von dieser Partei halten, desto größer ist die Zahl, die Sie dieser Partei geben .“ Abbildung 1: Güte der Klassifikation der Rückerinnerungsfrage mit Hilfe der Parteisympathieskalometer % ri ch tig z ug eo rd ne te P ar te i Jahr Lesehilfe: Die Bedeutung der Punkte in diesem Diagramm lässt sich am besten an Hand des mit einem Kreis umgebenen Punktes erläutern . Er besagt, dass die von der Diskriminanzanalyse durchgeführte Klassifikation der Befragten der Dezemberumfrage 1994 zu 82 Prozent korrekt war; es wurden also nur 18 Prozent falsch zugeordnet . Die Kurve gibt die gleitenden Mittelwerte über jeweils 15 Monate wieder und zeigt einen generell abnehmenden Trend, der allerdings vor allem in Wahljahren immer wieder ein‑ mal unterbrochen wird . Quelle: Berechnung auf der Basis der Politbarometer‑Daten von Oktober 1979 bis Dezember 2017 . 513Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Dabei gilt allgemein, dass die Stimmabgabe für CDU/CSU und SPD stets mit der höchs‑ ten Treffgenauigkeit klassifiziert wird . Für die letzte in Abbildung 1 aufgenommene Polit‑ barometer‑Umfrage vom Dezember 2017 (49 . Woche) waren das bei einer Gesamtgenauig‑ keit von 63,1 Prozent zum Beispiel für die CDU/CSU 88,3 Prozent, während die SPD‑Wähler nur zu 84,1 Prozent, die der Grünen und der Linken jeweils zu 50,1 Prozent und die der FDP nur zu 27,9 Prozent richtig zugeordnet werden konnten – bei der AfD lag indessen die Trefferquote bei 86,2 Prozent . Woran das liegt, lässt sich aus dem Vergleich der Abbildungen 2a und 2b erschließen, die zeigt, wo sich die einzelnen Wähler der Parteien auf einer von den Diskriminanzfunktionen5 aufgespannten Ebene befinden . Bei diesem Vergleich zwischen Januar 1983 (damals lag die Trefferquote insgesamt bei 91,2 Prozent, für die CDU/CSU bei 91,8, für die SPD sogar bei 98,2, für die Grünen bei 61,9 und für die FDP bei 10,7 Prozent) und der 49 . Woche 2017 wird deutlich, dass sich die Anhänger mancher Parteien – der CDU/CSU, der AfD und der Linken – recht gut von denen ande‑ rer Parteien abgrenzen lassen, während etwa die Gebiete von SPD und Grünen sich sehr stark überschneiden . Die Abbildungen 2a und 2b zeigen für die Politbarometer‑Umfragen vom Januar 1983 und Dezember 2017 die entsprechenden Diagramme, aus denen sich unschwer ablesen lässt, dass die Wählergruppen von SPD und CDU/CSU 2017 mehr oder weniger ineinander verschmolzen sind, während sie 1983 noch so deutlich voneinander getrennt waren, dass die Parteiregionen auch im gepoolten Diagramm – Abbildung 2a – einigermaßen deutlich voneinander abgegrenzt sind6; 2017 war es hingegen erforderlich, separate Diagramme – Abbildung 2b – für die Befragten der Parteien vorzulegen, weil in einem gepoolten Diagramm die Wählerschaften von SPD, Grünen und Linken nicht von‑ einander zu unterscheiden gewesen wären (für die Befragten mit Wahlabsicht FDP und CDU/CSU gilt Ähnliches, und selbst SPD und CDU/CSU sind in einer auf schwarz und weiß beschränkten Abbildung nur schwer zu trennen7) . Beide Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Parteien (mit Ausnahme der AfD) im Jahre 2017 im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren als untereinander ähnlicher wahrgenommen werden: Die Diskriminanzanalyse über die Sympathieskalometer erzielt wesentlich schlechtere Klassifikationsergebnisse, und die Parteigebiete in der Ebene der ers‑ ten beiden Diskriminanzfunktionen sind 2017 wesentlich stärker miteinander verschmol‑ 5 Diskriminanzfunktionen sind Linearkombinationen aus den Antworten auf die Skalometerfra‑ gen . Die erste maximiert den Anteil der Gesamtvarianz zwischen den Mittelwerten der Anhänger aller Parteien, die zweite den Anteil der Gesamtvarianz, der nach Herausrechnen der ersten Dis‑ kriminanzfunktion verbleibt; grundsätzlich lassen sich so viele Diskriminanzfunktionen ableiten, wie es Skalometerfragen gibt . Alle Diskriminanzfunktionen stehen senkrecht zueinander, sind also unkorreliert . Die ersten beiden repräsentieren bereits einen sehr großen Anteil der Gesamtva‑ rianz aller Antworten aller Befragten auf alle Skalometerfragen . Vgl . zum Beispiel Andreas Engel / Michael Möhring / Klaus G. Troitzsch, Sozialwissenschaftliche Datenanalyse, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 1995, S . 190 – 205 . 6 Es finden sich also kaum Kreuze (für Befragte, die angeben, CDU oder CSU gewählt zu haben) zwischen den Kreisen (für Befragte, die angeben, SPD gewählt zu haben) und umgekehrt, und auch die Gebiete mit den übrigen Symbolen für die kleineren Parteien sind einigermaßen leicht zu umreißen . 7 Jeweils etwa die Hälfte der Befragten, die angeben, CDU/CSU oder SPD gewählt zu haben, be‑ finden sich in dem waagerechten Streifen zwischen ‑1 und +1, die Punktwolken von SPD und Linken befinden sich ungefähr in der gleichen Position . Lediglich die AfD‑nahen Befragten lie‑ gen deutlich weiter links und oben als die aller anderen Parteien . 514 Dokumentation und Analysen zen als 1979 . Damals waren die Gebiete von SPD und CDU/CSU noch recht deutlich – entlang der senkrechten Mittellinie – voneinander abge grenzt, und auch die FDP‑Wähler sind in Abbildung 2a deutlich zu erkennen, während 2017 (Abbildung 2b) der größte Teil der Wählerinnen und Wähler der SPD in einem Gebiet liegt, in dem jeweils auch ein Teil der Wähler der Grünen und der CDU/CSU zu finden ist . Dies ergibt sich auch aus Abbil‑ dung 3, die die Höhenlinien der Häufigkeitsdichtefunktionen8 in den Verteilungen der Wählerschaften aus ihren Angaben zur Rückerinnerungsfrage bei allen neun Wellen des Wahlkampfpanels 2017 und allen Erhebungen des Politbarometers aus dem Jahre 2017 zeigt . 8 Die Häufigkeitsverteilungen – die weit davon entfernt sind, Normalverteilungen zu sein, denn dann müssten alle Höhenlinien konzentrische Ellipsen sein – wurden mit einem Verfahren geschätzt, das als Funktion für die Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion eine Exponentialfunktion voraussetzt, in deren Exponenten an Stelle des quadratischen Polynoms in den beiden Faktoren ein Polynom bis zum vier ten Grade voraussetzt . Vgl . Lothar Herlitzius, Schätzung nicht‑normaler Wahrscheinlichkeitsdichtefunktionen, in: Johannes Gladitz / Klaus G. Troitzsch (Hrsg .), Compu‑ ter Aided Sociological Research . Proceedings of the Workshop “Computer Aided Sociological Research” (CASOR‘89), Holzhau/DDR, October 2nd–6th, Berlin 1989/1990, S . 379 – 396; Lauren Cobb, Stocha stic Catastrophe Models and Multimodal Distributions, in: Behavioral Sci‑ ence, 23 . Jg . (1978), H . 4, S . 360 – 374 . Die Faktorenwerte wurden jeweils auf der Grundlage aller Befragten des Politbarometers beziehungsweise des Wahlkampfpanels mit den Methoden der Hauptkomponentenextraktion und der Varimax‑Rotation berechnet, soweit die Antworten der Befragten vollständig waren . Die Daten des Politbarometers wurden mit dem Repräsentativge‑ wicht des Datensatzes gewichtet, die des Wahlkampfpanels mit der Variablen wei4_mz . Abbildung 2a: Parteiregionen in der Ebene der Diskriminanzfunktionen nicht gruppierte Fälle Lesehilfe: Das Diagramm stellt die Befragten in der Ebene der ersten beiden Diskriminanzfunktionen (siehe Fußnote 5) mit unterschiedlichen Symbolen dar . Quelle: Berechnung auf der Grundlage der Politbarometerbefragung vom Januar 1983 . 515Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Abbildung 2b: Parteiregionen in der Ebene der ersten beiden Diskriminanzfunktionen in der Woche vom 18. bis 23. September 2017 Anmerkung: Die weißen Quadrate in der Mitte der jeweiligen Region bezeichnen den Mittelpunkt der Parteiregion; die Richtungen der Achsen und ihre Skalen haben hier keine inhaltliche Bedeutung, das Zentrum des Koordinatensystems bezeichnet den Mittelpunkt aller Befragten . Vgl . auch Fußnote 7 . Quelle: Berechnung auf der Grundlage der siebten Welle des Wahlkampfpanels und der Fragen nach der Sympathie für Politiker . 516 Dokumentation und Analysen Abbildung 3: Häufigkeitsverteilung der Wähler der Parteien Lesehilfe: Die Höhenliniendiagramme zeigen die Verteilung der Befragten mit der jeweiligen Wahlab‑ sicht über der Ebene der ersten beiden Faktoren (vgl . Fußnote 8) . Die Verteilungen der Befragten mit der Wahlabsicht CDU/CSU, FDP und Grüne sehen bei beiden Erhebungstypen ungefähr gleich aus, bei Befragten mit Wahlabsicht SPD gibt es einen kleinen Unterschied, während der Unterschied zwischen den beiden Erhebungstypen bei den Befragten der Linken und vor allem der AfD erheblich ist . Quelle: (Sonntagsfrage) über alle Wellen des Wahlkampfpanels 2017 und alle Erhebungen des Politbaro‑ meters 2017 . 2. Unterschiede zwischen Wahlkampfpanel und Politbarometer Während die Häufigkeitsverteilungen der Wähler der traditionellen Parteien in beiden Datensätzen einigermaßen ähnlich sind, zeichnen sich bei denen der AfD und denjenigen, die sich erinnern, ungültig oder gar nicht gewählt zu haben, sehr deutliche Unterschiede ab, die einer Erklärung bedürfen . Zunächst kann man bei einem Vergleich der Häufigkeits‑ verteilungen bei allen Befragten beider Datensätze auch insgesamt deutliche Unterschiede feststellen, wie sich aus Abbildung 4 ergibt, die die sechs Wellen des Panels, deren Schwer‑ punkt im Jahre 2017 gelegen hat, mit den monatsweise zusammengefassten Erhebungen 517Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Abbildung 4: Häufigkeitsverteilung aller Befragten im Wahlkampfpanel und im Politbarometer für sechs Monate 2017 Lesehilfe: Die Höhenliniendiagramme zeigen die Verteilung aller Befragten über der Ebene der ersten beiden Fak‑ toren (vgl . Fußnote 8), getrennt für das Panel und das Politbarometer . Dabei wurden den sechs Wellen des Wahl‑ kampfpanels (die jeweils zwei Monate ab der Mitte des ersten angegebenen Monats, also zum Beispiel von Mitte Februar bis Mitte April, liefen) die zusammengefassten Politbarometerumfragen für etwa den gleichen Zeitraum gegenübergestellt . Für die Diagramme der untersten Reihe wurden die Befragten des Politbarometers so gewichtet, dass sich die gleichen Parteianteile wie beim Wahlkampfpanel ergaben (vgl . Tabelle 1) . Quelle: (Sonntagsfrage) über alle Wellen des Wahlkampfpanels 2017 und alle Erhebungen des Politbarometers 2017 . des Politbarometers jener Monate vergleicht, in denen der jeweilige Schwerpunkt der Panelbefragungen gelegen hat . Auch dabei sind die Unterschiede ähnlich leicht zu interpre‑ tieren wie bei Abbildung 3: Diejenigen Wählerinnen und Wähler, die von den Befragten repräsentiert werden, die auf Grund ihrer Angaben zu den Skalometerfragen auf die linke Seite der Diagramme und vor allem in den linken unteren Quadranten platziert worden sind, scheinen im Panel häufiger zu sein als im Politbarometer . Es fällt ferner auf, dass im Wahlkampfpanel die Wählerschaften der CDU/CSU etwas weiter rechts ihr Häufig‑ keitsmaxi mum haben als im Politbarometer, diejenigen der SPD und der Linken etwas weiter links . Die Häu figkeitsverteilungen der Wählerinnen und Wähler der Grünen und der FDP haben ihr Häufigkeits maximum in beiden Datensätzen etwa an derselben Stelle . Für die Wähler der AfD ebenso wie für dieje nigen Befragten, die ungültig oder gar nicht gewählt haben, zeigt sich nach den beiden Datensätzen jedoch ein vollständig anderes Bild . Sind alle drei im Wahl kampfpanel klar links unten platziert (mit jeweils einem kleinen Nebenmaximum etwa in der Mitte des Koordinatensystems für die letz teren beiden), so liegen sie im Politbarometer weiter rechts und oben . 518 Dokumentation und Analysen Dies kann zwei Ursachen haben, die sich möglicherweise beide daraus ergeben, dass das Wahlkampfpanel online erhoben wurde, während das Politbarometer nach wie vor auf tele‑ fonischen Befragungen beruht . Einerseits könnte es sein, dass online (trotz Repräsentativ‑ gewichtung) ein Teil der wahlberechtigten Bevölkerung – die weniger Internet‑Affinen – von der Stichprobe nicht angemessen repräsentiert wurde; andererseits könnten sich online Befragte anders verhalten als Befragte, die am Telefon mit einem anderen Menschen kom‑ munizieren . Und natürlich können auch beide Effekte zusammen kommen . Der Unter‑ schied in der Befragungsmethode zeigt sich ebenfalls in den Antworten auf die Sonntagsfra‑ ge, was die Möglichkeit eröffnet, das Repräsentationsproblem, wenn es denn eines gibt, zu umgehen, indem eine der beiden Stichproben so umgewichtet wird, dass beide dieselben Parteianteile bei der Sonntagsfrage ausweisen . Aus Tabelle 1 sind diese Anteile für die Ori‑ ginalgewichtungen für die kumulierten Politbarometer des Jahres 2017 und das Wahl‑ kampfpanel zu entnehmen . Die unterste Reihe von Abbildung 4 zeigt im Vergleich zur mittleren Reihe, dass sich durch die Umgewichtung der Politbarometerumfragen auf die Stimmenanteile des Wahl‑ kampfpanels nichts Wesentliches ändert, auch wenn die Abweichung von der Normalver‑ teilung noch deutlicher geworden ist und sich bei den Befragungen im März ein – wenn auch recht bescheidenes – zweites Häufigkeitsmaximum dort findet, wo laut Abbildung 3 die Wählerinnen und Wähler der AfD ihre Position in der „politischen Landschaft“9 haben . 9 Der Begriff Landschaft (electoral landscape) in dieser Bedeutung ist wohl zum ersten Mal von Ken Kollman / John H. Miller / Scott E. Page, Political Parties and Electoral Landscapes, in: British Journal of Political Science, 28 . Jg . (1998) H . 1, 139 – 158, benutzt worden, die schon sehr früh vergleichbare Darstellungen zweidimensionaler Einstellungsräume veröffentlicht und damit Anthony Downs‘, An Economic Theory of Democracy, Boston 1957, S . 117 – 127, Konzept aus seiner Ökonomischen Theorie der Demokratie verallgemeinert haben . Immerhin hat aber auch Downs bereits von „political space“ gesprochen (S . 132, S . 137), ist dann aber doch bei der „dis‑ tribution of its [the nation’s] voters along the political scale“ (S . 141), das heißt bei einer eindi‑ mensionalen Links‑Rechts‑Skala geblieben . Tabelle 1: Sonntagsfrage im Wahlkampfpanel und im Politbarometer (alle kumuliert) Partei Sonntagsfrage Zum Vergleich das Ergebnis der Bun‑ destagswahl 2017, prozentuiert auf alle WahlberechtigtenPanel Politbarometer CDU/CSU 19,9 30,6 23,6 SPD 20,2 21,2 14,7 FDP 9,7 6,6 7,7 Grüne 7,9 7,2 6,4 Linke 15,2 6,5 6,6 AfD 14,6 5,6 9,0 sonstige 6,1 2,1 3,6 ungültig, keine Angabe, weiß nicht, trifft nicht zu, Nichtwähler 6,3 20,1 28,6 gesamt 100,0 100,0 100,0 Anmerkung: Abweichungen durch Runden . Quelle: (Sonntagsfrage) über alle Wellen des Wahlkampfpanels 2017 und alle Erhebungen des Politbaro‑ meters 2017 . 519Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Damit dürften die Unterschiede in den beiden ersten Reihen von Abbildung 3 wohl eher damit zu erklären sein, dass Befragte, die telefonisch (oder gar persönlich) interviewt wer‑ den, sich im Sinne sozialer Erwünschtheit an weniger extremen Positionen von Skalome‑ tern einordnen, als online Befragte, die möglicherweise weniger Scheu haben, ihre extre‑ men Positionen preiszugeben . Dafür spricht auch, dass die Antworten auf die einzelnen Skalometerfragen in beiden Untersuchungen recht ver schieden ausfallen . Abbildung 5 zeigt, wiederum sowohl für alle Wellen des Wahlkampfpanels als auch für die Politbarome‑ Abbildung 5: Verteilung der Antworten auf die Skalometerfragen beim Wahlkampfpanel 2017 und beim Politbarometer 2017 Panel Politbarometer 520 Dokumentation und Analysen ter‑Befragungen des Jahres 2017, die kumulierten Antworten auf die sieben Skalometerfra‑ gen . Dabei ist deutlich zu sehen, dass die extrem negativen Bewertungen (‑5) bei den tradi‑ tionellen Parteien im Politbarometer nur selten vorkommen – bei CDU, SPD und FDP um die fünf Prozent, knapp zehn Prozent bei CSU und Grünen, maximal 17,5 Prozent bei der Linken –, bei der AfD jedoch über 60 Prozent, während die Befragten des Wahlkampf‑ panels zwar ebenfalls zu 60 Prozent der AfD die schlechtestmögliche Wertung geben, bei den traditionellen Parteien jedoch wesentlich kritischer als die Befragten des Politbarome‑ ters eingestellt sind: bei CDU, CSU, Grünen und Linken sind es mindestens 20 Prozent, die hier die ‑5 vergeben, bei SPD und FDP sind es 13 beziehungsweise 17 Prozent . Die Befragten mit ausweichenden Antworten im Wahlkampfpanel (Welle 7, Mitte Sep‑ tember 2017) haben die Parteien überwiegend schlecht (das heißt mit ‑5) bewertet: Die CDU erhält 47,7 (18,6 von allen) Prozent extrem schlechte Bewertungen, die CSU 39,2 (20,6) Prozent, die SPD 38,4 (12,9) Prozent, die FDP 31,9 (17,4) Prozent, die Grünen 41,4 (20,8) Prozent, die Linke 43,5 (23,4) Prozent und die AfD 68,4 (61,7) Prozent, wobei die Korrelationen zwischen den Skalometern bei diesen Befragten nicht uninteressant sind (siehe Tabelle 2) . Fortsetzung Abbildung 5 Quelle: Antworten auf die Skalometerfragen des Wahlkampfpanels und des Politbarometers, jeweils ku‑ muliert über alle Wellen beziehungsweise Umfragen des Jahres 2017 . 521Troitzsch: Sympathieskalometer und Wahlentscheidung Tabelle 2: Korrelationen zwischen den Parteiskalometern bei den Befragten mit ausweichenden Antworten im Wahlkampfpanel (Welle 7, Mitte September 2017) CDU CSU SPD FDP Grüne Linke AfD CDU 1 0 .47 0 .64 0 .52 0 .60 0 .44 0 .03 CSU 0 .47 1 0 .34 0 .39 0.12 0.10 0 .47 SPD 0 .64 0 .34 1 0 .61 0 .78 0 .47 0.00 FDP 0 .52 0 .39 0 .61 1 0 .33 0.07 0.20 Grüne 0 .60 0 .12 0 .47 0 .07 1 0 .77 -0.18 Linke 0 .44 0 .10 0 .47 0 .07 0 .72 1 -0.07 AfD 0 .03 0 .47 0 .00 0 .20 ‑0 .18 ‑0 .07 1 Anmerkung: Kursiv gesetzt sind Korrelationen, die nicht signifikant von 0 verschieden sind . Quelle: Eigene Berechnung auf der Grundlage der Antworten auf die Skalometerfragen der Welle 7 des Wahlkampfpanels . Diese Tabelle birgt zwei Arten von Überraschungen: zum einen, dass die Korrelationen der Beurteilungen der „Altparteien“ CDU, CSU, SPD und FDP alle positiv und ziemlich hoch sind und dass das auch für die Korrelationen zwischen CDU und SPD einerseits, Grünen und Linken andererseits gilt; weniger überraschend ist, dass die Korrelationen der Beurtei‑ lung der AfD mit denen der übrigen Parteien kaum – jedoch mit der der CSU, und das ist die zweite Überraschung – korreliert sind: Kennt man die Sympathie für die AfD von jemandem, der keine Wahlentscheidung genannt hat, weiß man nichts über seine oder ihre Sympathie für die übrigen Parteien – mit Ausnahme der CSU: In dieser Hinsicht ist sie der für die AfD einigermaßen ähnlich . Die Korrelationsmatrix der entsprechenden Variablen der Politbarometerumfragen aus der 39 . Woche 2017 sieht im großen und gan‑ zen ähnlich aus, so dass auf ihre Wiedergabe hier verzichtet werden kann; die Anteile der extrem negativen Beurteilungen sind jedoch bei den Befragten mit ausweichenden Antwor‑ ten wesentlich geringer: 7,3 (5,2 bei allen) Prozent bei der CDU, 9,7 (7,6) Prozent bei der CSU, 6,5 (4,2) Prozent bei der SPD, 5,0 (4,2) Prozent bei der FDP, 11,6 (6,7) Prozent bei den Grünen, 19,4 (13,1) Prozent bei der Linken und allerdings 52,8 (63,3) Prozent bei der AfD . Damit unterscheiden sich die Politbarometerbefragten mit ausweichenden Antworten – anders als die im Wahlkampfpanel – kaum von denen, die eine Wahlentscheidung ange‑ geben haben . 3. Schlussfolgerungen: Begrenzte Eignung von Online-Umfragen zu Parteisympathie und Wahlabsicht? Ausweislich dieser Befunde zu den Sympathieeinschätzungen derjenigen, die die Wahlab‑ sichtsfrage ausweichend beantwortet haben, ist die Vergabe von extrem negativen Bewer‑ tungen online offenbar leichter als in der Kommunikation mit Menschen, und sei es auch nur am Telefon . Ebenso lassen sich die Unterschiede, die in Tabelle 1 dokumentiert sind, nur damit erklären, dass die online Befragten weniger Probleme gehabt haben, sich zu Par‑ teien wie AfD oder Linke zu bekennen, und also weniger oft die Antwort auf die Sonn‑ tagsfrage verweigern oder mit „weiß nicht“/„wähle nicht“ oder sonst ausweichend antwor‑ 522 ten: Den 20,1 Prozent ausweichenden Antworten im Politbarometer stehen bei den online Befragten nur 6,3 Prozent gegenüber, wobei sich die beiden letzteren offenbar fehlenden 13,8 Prozent möglicherweise auf AfD und Linke verteilen . Das kann allerdings auch mit den Klassifikationsergebnissen einer Diskriminanzanalyse nicht nachgewiesen werden, zumal sich die Politbarometerbefragten mit ausweichenden Antworten ausweislich der letz‑ ten Graphik in Abbildung 3 (rechts unten) ja eher in der Mitte der politischen Landschaft positioniert haben . Offen bleiben aber muss an dieser Stelle, inwieweit sich Online‑Umfra‑ gen zur Vorhersage von Wahlergebnissen eignen . Im Übrigen hat auch diese Kurzanalyse bestätigt, dass – sieht man vor allem von der AfD ab – die Grenzen zwischen den Parteianhängerschaften in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich durchlässiger geworden sind . Nicht nur eignen sich die Sympathieskalome‑ ter immer weniger zur korrekten Klassifikation der gleichzeitig angegebenen Wahlabsicht – das ist aber keine Schwäche der Methode, sondern gerade ihre Stärke, erlaubt sie doch gerade, die nachlassende Parteibindung oder den nachlassenden Einfluss von „Sympathie“ auf die Wahlentscheidung nachzuweisen –, sondern auch die Positionen der Befragten mit unterschiedlicher Wahlabsicht unterscheiden sich in dem zweidimensionalen Raum, den die zur Klassifikation benutzten ersten beiden Diskriminanzfunktionen aufspannen, zu we‑ nig, um sichtbar zu machen, wo die Parteien in der „politischen Landschaft“ liegen . Nimmt man zur Klassifikation andere Variablen – zum Beispiel die „Ego‑Positionen“ aus dem Wahlkampfpanel –, sind die Klassifikationsergebnisse (mit 42,9 Prozent korrekten Zuord‑ nungen) noch schlechter (und die Positionen der Befragtengruppen der einzelnen Parteien liegen ähnlich zueinander wie in den Abbildungen 2a, 2b und 3) . Aber das wäre Stoff für eine andere Analyse . Dokumentation und Analysen

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Abstract

Zeitschrift für Parlamentsfragen contains articles on political issues dealing with representation and legitimation of the political system. The articles provide a broad overview of the functioning of national and regional parliaments as well as a forum for comparative analysis of international parliaments. One stress is on the parliamentary development of different countries.

Indices are provided in every issue which makes the ZParl an outstanding reference book for institutional and comparative political studies.

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Zusammenfassung

In der ZParl werden alle Bereiche der Politik behandelt, in denen es um Legitimations- und Repräsentationsfragen geht. Bundes- und Landesparlamentarismus, Aspekte der kommunalen Ebene und Verfassungsfragen sowie Probleme des internationalen Parlamentsvergleichs stehen im Vordergrund. Auch die parlamentarische Entwicklung anderer Staaten wird behandelt.

Die ZParl vermittelt wissenschaftlich gesicherte und systematisch strukturierte politische Informationen. Den größten Raum nehmen die Dokumentationen und Analysen ein. Zudem finden sich in jedem Heft Aufsätze, die wichtige Themen umfassender betrachten und neue Denkanstöße geben. Immer wieder ist die ZParl Plattform für Diskussionen; zudem werden die jeweils neuesten Titel zu allgemeinen Parlamentsfragen vorgestellt und Neuerscheinungen zu den Schwerpunktthemen eines Heftes im Literaturteil besprochen. In ihren „Mitteilungen“ unterrichtet die ZParl unter anderem über die Seminare, Diskussionsforen und Vortragsveranstaltungen der Deutsche Vereinigung für Parlamentsfragen (DVParl).

Die Hefte eines jeden Jahrgangs sind mit einem Sach- und Personenregister versehen. Damit erhält jeder Band den Charakter eines Nachschlagewerkes zur Institutionen- und vergleichenden Regierungslehre. In den mehr als vierzig Jahren ihres Bestehens ist die ZParl als „Datenbank“ ein Beitrag zur Chronik der Bundesrepublik geworden.

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