Paula-Irene Villa, Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? in:

Leviathan, page 433 - 450

Leviathan, Volume 48 (2020), Issue 3, ISSN: 0340-0425, ISSN online: 0340-0425, https://doi.org/10.5771/0340-0425-2020-3-433

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SCHWERPUNKT ZUR CORONA-PANDEMIE Paula-Irene Villa Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? Wer konnte es überhören, übersehen? Es wurde von Balkonen geklatscht, auf Twitter zirkuliert, in die Skype-Mikrofone gesprochen: Bravo, Danke, Ihr seid Helden! Heldinnen stand schon eher seltener auf den dekorativen Transparenten an den Fassaden teurer Altbauwohnungen in den gentrifizierten Vierteln deutscher Großstädte. Gemeint waren die Krankenschwestern und Pfleger, die Ärztinnen und Sanitäter, auch die Kassiererinnen, Erzieherinnen, Paketzusteller. Die mit Systemrelevanz also. Laut Mitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom 20. März1 ist zwar eine breitere Gruppe von Berufen und Branchen systemrelevant, nämlich all jene, die der Aufrechterhaltung »kritischer Infrastrukturen« dienen, so etwa auch »Müllwerker*innen« oder die Medien im Allgemeinen. Doch im politischen Diskurs und in den abendlichen Praxen der begüterten Mittel- und Oberschichten waren mit »systemkritisch« vor allem diejenigen Branchen und Tätigkeiten gemeint, die in der Versorgung und Pflege von Kranken und Gefährdeten sowie von Kindern arbeiten und die »das Ganze« am Laufen hielten, noch halten. Diejenigen, die raus mussten, wenn andere zuhause bleiben konnten und dabei (zunächst jedenfalls) das Homeoffice zur paradiesischen Phase der Entschleunigung, der reflexiven Introspektion oder der kreativen (dann vor allem Text-)Produktion romantisierten. Da war man (mann!) denjenigen doch dankbar, die das Essen lieferten, sich um die Infizierten und Kranken kümmerten, bei den Alten und Pflegebedürftigen, gar den Sterbenden blieben, in Heimen und Spitälern, an den Kassen der Supermärkte ausharrten, den Müll wegbrachten, die Kinder notbetreuten. Da klatschte man gern und aufrichtig. Das ist inhaltlich so zynisch gemeint, wie es im Ton klingt. Denn was hier durchaus als richtige Anerkennung immerhin symbolisch getan wurde – klatschen, sichtbare Botschaften an Hauswänden, das ein oder andere einschlägige Interview von meinungsführenden Intellektuellen oder Expert*innen in den Medien –, ist so gut wie unzureichend und darum ums Ganze verkehrt. Gut und richtig ist die Einsicht, die sich während der Corona-Krise immerhin punktuell auch im Mainstream einer sichtbaren Medienöffentlichkeit durchsetzte, dass nämlich Kümmern, Sorgen, Pflegen und Versorgen systemrelevante Tätigkeiten sind. Tätigkeiten, die aber – auch dies wurde ja thematisiert – skandalös schlecht bezahlt und generell hochprekär sind hinsichtlich ihrer arbeitsrechtlichen Ausgestaltung und der Arbeitsbedingungen. Tätigkeiten, die das Ganze am Laufen halten, die systemkritisch sind, aber deren Entlohnung kaum dafür reicht, davon gut 1 Siehe www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Informationen-Corona/Kurzarbeit/liste-systemrel evante-bereiche.html (Zugriff vom 05.07.2020). Leviathan, 48. Jg., 3/2020, S. 433 – 450, DOI: 10.5771/0340-0425-2020-3-433 zu leben. Geändert hat sich daran bis jetzt nichts. Eine einmalige Sonderprämie für Angestellte in der Pflege, das ist das Geldwerteste, das aus den Anerkennungsreden folgte. Wie kann das eigentlich sein, im Kapitalismus, in dem doch der Markt angeblich dafür sorgt, dass Nachfrage und Angebot passend zusammenkommen – in seiner sozialstaatlich geprägten Form, die angeblich derart reguliert, dass zwar systemrelevante, aber womöglich nicht profitable Bereiche subventioniert und überhaupt alle Staatsbürger*innen auch bei mangelnder Produktivität gut versorgt werden? Was kann gleichzeitig so systemkritisch und so vernachlässigt sein? Was kann zugleich (punktuell) symbolisch so anerkannt und materiell so entwertet sein? Dieser Text versucht sich an einer Antwort, am Ende auch ein wenig an einem Ausblick. Er handelt von Care. Und davon, wie sehr die gegenwärtige Corona- Krise die schon lang schwelende Care-Krise intensiviert hat. Care – Was ist und soll das? Care ist vieles. Wie üblich gibt es Hunderte Meter Fachliteratur und politischer Texte zum Thema, darin zahlreiche, sich in Nuancen unterscheidende Definitionen. Abseits der unzweifelhaft wichtigen Differenzierungen und Hinsichten meint Care im Kern Folgendes: die verbindliche Hinwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen und dessen Adressierung. Care beinhaltet in diesem Sinne alle Formen der (auch nur versuchten) Bedürfnisbefriedigung lebendiger Wesen, lebendiger Systeme, des Lebens im Allgemeinen. Denn Care realisiert sich auch in komplexen Ökosystemen, Care ist in gewisser Weise ebenfalls ein Aspekt einfacher Lebensformen wie Bakterien oder Moos.2 Care ist im Konkreten, und um bei Menschen und Tieren zu bleiben, alles, was zu geben und zu erhalten ist, um am Leben zu bleiben, und dies überdies möglichst gut zu leben. Care beinhaltet alle »Leben erhaltenden, lebensnotwendigen Tätigkeiten, ohne die Gesellschaften nicht existenzfähig wären und wirtschaftliches Wachstum unmöglich wäre«.3 In dieser gewissermaßen existenziellen Grundsätzlichkeit hat Care tatsächlich eine biopolitische Qualität. Care ist lebensnotwendig, auch im physiologischen, körperlichen Sinne. Wachsen und Wohlbefinden, Gesundheit und Glück, Arbeitsvermögen, Produktivität, Handlungsfähigkeit (und vieles mehr) hängen nicht irgendwie und manchmal bei manchen von Care ab, sondern in systematischer und existenzieller Weise bei allen. Wenn wir uns als Menschen nicht hinreichend umeinander kümmern, sind nicht nur unser Arbeitsvermögen oder die Gesundheit gefährdet, sondern verkümmern wir, sterben schlichtweg. Das ist ganz offensichtlich bei Babys, kranken oder alten Menschen – die meisten denken gemeinhin beim Stichwort Sorge oder 1. 2 Das mag absurd anmuten, tatsächlich jedoch wird aktuell in der Molekularbiologie und Pflanzenphysiologie herausgearbeitet, wie auch Pflanzen und »einfache« Lebewesen aufeinander reagieren, sich relational zueinander entwickeln und sich in gewisser Weise sogar umeinander kümmern. Für Untersuchungen zu Gräsern vgl. Roy 2018. 3 Madörin 2006, S. 283. 434 Paula-Irene Villa Care an genau solche Gruppen und Personen. An solche also, bei denen ganz evident ist, dass sie kaum »menschlich« sind ohne die andauernde, grundlegende Unterstützung durch andere Menschen; Kleinkinder können ohne Hilfe nicht aufrecht gehen, kranke und alte Menschen müssen etwa gefüttert und gewickelt, gewaschen und gehalten, getröstet und geheilt werden. Es muss ihnen Sorge und Pflege gegeben werden, ihnen widerfahren gewissermaßen. Die Idee jedoch, dass dies Ausnahmen oder »Abweichungen« vom eigentlichen Mensch-Sein seien, ist irreführend. Denn tatsächlich, und dies kann kaum stark genug betont werden, ist Care eine grundlegende Dimension allen Lebens im Allgemeinen, auch allen menschlichen Lebens im Besonderen. Immer. Das gilt selbstverständlich auch und gerade für die Momente und Formen, in denen wir von Care absehen können. Zum Beispiel, wenn ich diesen Text schreibe. Denn in diesen Stunden ist hinreichend gesorgt worden oder wird hinreichend gesorgt: für meine physische und psychische Disposition, um Kinder, für die ich (mit) zuständig bin, um die Ordnung und Sauberkeit in den Räumlichkeiten, die mich betreffen, um die saubere Wäsche und den Einkauf, um den kranken Angehörigen, um die Balkonpflanzen, um die Organisation anstehender Aktivitäten mit Freund*innen etc. Um es weniger konkretistisch, dafür sozialwissenschaftlicher zu sagen: Care ist die Reproduktion des Arbeitsvermögens und die (Re-)Produktion des Lebendigen. In diesem Sinne sind alle Menschen, ist alles Leben angewiesen auf Care, und alle Menschen (sowie lebendige Wesen im Allgemeinen) haben ein gewisses Vermögen, Care zu geben. Die biosoziale Angewiesenheit von Menschen ist ein Aspekt unserer sozialen Natur, unserer natürlichen Sozialität. Denn ohne die relationale Fürsorge zwischen Menschen (über)leben wir schlicht nicht. Jenseits einer detaillierten Klärung von »Biologie« und »Sozialem« meint biosozial hier recht simpel, dass jegliches – auch menschliches – Leben von Care abhängt, in allen, zum Beispiel physiologischen, somatischen, affektiven, ethischen, normativen, sozialen Dimensionen. Gemeint sind also Ernährung, Wachstum ebenso wie Wohlbefinden, Liebe, Anerkennung – und alles dazwischen. Mit biosozial ist auch die wechselseitige Konstitution dieser nur scheinbar voneinander unabhängigen Dimensionen des »Biologischen« und »Sozialen« gemeint. Ein gutes Leben ist ohne Care schon gar nicht möglich. Das impliziert auf einer systematischen Ebene, was auch im konkreten Vollzug von Care immer wieder deutlich wird: Care ist wesentlich relational. Zwar kann ich mir alleine mein Frühstück machen, duschen, mich mit Musik oder Sport um mein Wohlbefinden kümmern, meine Erwerbsarbeit und die Sorge um den Haushalt so einteilen, dass es alles in einen Tag passt und ich den Ansprüchen der Erwerbssphäre so genüge – aber letztlich sind auch in diesem (idealisierten) Fall (faktisch) Unwägbarkeiten eingebaut, die mit der biosozialen Disposition von Leben zu tun haben: Ich kann beim Duschen ausrutschen und mir eine Rippe brechen; das Frühstück bekommt mir eventuell nicht und mir wird schlecht; auf dem Weg zum Büro helfe ich einem Mann mit einem Kinderwagen beim Abstieg in die U-Bahn, verpasse dadurch meine eigene und komme zu spät zum Arbeitstermin; der Tod einer Freundin jährt sich just an diesem Tag, und mich überfällt eine nicht zu verdrängende Trauer – Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 435 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 ich möchte und muss mit einem Freund sprechen, um damit fertig zu werden; der Sohn der Nachbarin kann nicht in die KiTa, und ich werde gebeten, kurz auf ihn aufzupassen; mein eigenes Kind hat einen Tobsuchtsanfall und will nicht in die KiTa ... Der Punkt wird wohl klar: Care verweist darauf, dass Verwundbarkeit, Angewiesenheit und bedingte Unverfügbarkeit grundlegende Dimensionen biosozialen Lebens sind. Salopp gesagt: Kein Mensch ist eine Insel, und kein Mensch verfügt vollständig über sich. Niemals. Selbst dann nicht, wenn wir durchaus eigenständig, wie »autonom« leben können. Selbst dann beruht unsere individuelle Autonomie darauf, dass Bedürfnisse befriedigt werden können, dass unsere Körper den Ansprüchen entsprechend funktionieren. Beides bedarf einer andauernden institutionellen wie individuellen »Arbeit« beziehungsweise eben Care. Darum wird sozialtheoretisch, ethisch und subjektphilosophisch in zahlreichen Perspektiven von »relationaler Autonomie« oder von »bedingter Autonomie« gesprochen.4 Sie widersprechen damit der Annahme, Menschen seien nur dann wirklich, richtig, eigentlich menschlich, wenn sie in einem starken (oder naiven) Sinne autonom seien. Was nun auf der Grundlage dieser Skizze deutlich wird, ist, dass Care nicht nur grundlegende Bedingung der Möglichkeit von (kapitalistischer) Gesellschaft und jeglichen Lebens ist, auch des menschlichen. Care ist zudem enorm variabel in quasi allen Hinsichten der Realisierung. Care ist durchaus flüchtig und spontan, zum Beispiel wenn wir jemandem helfen, einen schweren Koffer die Treppe vom Gleis hinunterzutragen und dann weiter unseres Weges gehen. Care ist gleichermaßen langfristiger, verpflichtender, moralisierter Konstituens einer sozialen Institution, der Familie nämlich. So sehr Familie aus unterschiedlichen Perspektiven allerlei sein kann, so ist – nicht nur idealtypischerweise, sondern auch durch Familienrecht und die Sozialpolitik empirisch fixiert – die Familie, wie auch immer sie sich inzwischen gestaltet, die Sozialform, die sich genau derart definiert: das verbindliche Umeinander-Sorgen mehrerer Generationen, auf lange Dauer gestellt. In temporaler Hinsicht zwischen Flüchtigkeit und mehrere Generationen überspannend liegen weitere Formen von Care: Freundschaften, nachbarschaftliche Netzwerke, Ehrenamt usw. Zwei wichtige gesellschaftliche Trennlinien, die Care überschreitet, sind die zwischen privat und öffentlich zum einen und die zwischen bezahlt und unbezahlt zum anderen. Es gibt Care auf allen Seiten und in den liminalen Formen dazwischen: als Beruf (Pflegerin, Erzieher, Köchin usw.), als mütterlicher (bisweilen, viel seltener, auch väterlicher) Liebesdienst, als öffentliche Sozialfigur im Politischen (zum Beispiel die »Mütter der Plaza de Mayo« in Argentinien, die auf der Grundlage ihrer mütterlichen Sorge um die vom Staatsterror verschwundenen, gefolterten Kinder gegen die Militärdiktatur aktiv wurden), als halb-formalisierte Tätigkeit (zum Beispiel Au-pairs oder Hunde- und Babysitter), als informelle Erweiterung anderer Berufe (zum Beispiel Kaffeekochen und die Bereitstellung von Proviant für Sitzungen bei Sekretärinnen), als Dimension vieler Tätigkeiten 4 Mackenzie, Stoljar 2000. 436 Paula-Irene Villa beruflicher Art (»emotional labor« in Dienstleistungen zum Beispiel)5 und viele Formen mehr. Care ist also polymorph. So schön und edel sich das nun bis hierher gelesen haben mag, so vielgestaltig ist aber Care auch hinsichtlich der konkreten, materialen Praxis. Es stimmt, dass Care die Hinwendung zu und Adressierung von Bedürfnissen des Lebendigen ist. Die Annahme jedoch, dies geschähe immer in der angemessenen, richtigen, kompetenten Weise, ist eine symptomatische Idealisierung. Faktisch sind Care- Relationen auch, je nach Kontext sogar vielfach, von Gewalt, Missachtung, Vernachlässigung in den schlimmeren Fällen, von Missverständnissen, Imperfektionen, Frustrationen und Langeweile in den weniger schlimmen geprägt. Hiervon zeugen die systematischen Fälle von Gewalt in Betreuungseinrichtungen (zum Beispiel Altenpflege, Kindergärten, Internate), in Familien, in Partnerschaften. Zwar muss in diesen Formen nicht Care die Ursache von Gewalt sein, aber Care-Beziehungen sind durch ihre intensiven, affektiv aufgeladenen, intimen und zugleich wesentlich asymmetrisch strukturierten Formen keinesfalls immun gegen- über Gewalt oder Missachtung – im Gegenteil. Abhängigkeit und Zuständigkeit als zwei Seiten der Care-Beziehungs-Medaille sind Einfallstore zum Beispiel für Gewalt. Aber auch weniger dramatische Formen eher negativer Affekte und Praxen sind alltäglicher Aspekt von Care-Tätigkeiten: die Routine (etwa als Teil beruflicher Tätigkeiten, die als Dienstleistung eine idealisierte Form von Care einfordern, zum Beispiel bei Flugbegleitern oder Kellnerinnen), die frustrierende Asymmetrie des Gebens/Nehmens, ein wichtiger Aspekt etwa im Umgang mit Babys oder alten Menschen. Kurzum: Die vielfach asymmetrische Struktur relationaler Care-Tätigkeiten ist anfällig für hochproblematische und auch zerstörerische Praxen. Sie sind überdies in ihren alltäglichen Formen geprägt von profaner Überforderung, Langeweile, Überdruss, Streit – Care ist realiter keineswegs immer und überall die hehre Sorge, für die sie gehalten und als die sie gerahmt wird. Aber, auch das ist realiter der Fall: Care ist durchaus Element eines guten Lebens, Care ist Quelle von Glück, Lebenssinn, Zufriedenheit. Schließlich, um die Skizze dessen, was Care ist, abzuschließen: Insofern sich Care auf die Bedürfnisse des Lebendigen bezieht, ist Care nur sehr bedingt rationalisierbar. Denn diese Bedürfnisse haben, wie alles Lebendige, ihren zeitlichen und materialen Eigensinn. Traurigkeit, Trost, Gesprächsbedarf, Gesundwerden, Lernprozesse usw. sind vielfach zeitlich und in ihrer Intensität nicht planbar, nicht kalkulierbar. Care lässt sich nicht, jedenfalls nicht vollständig und nicht ohne den Kern dessen, was Care bedeutet, in zum Beispiel verwertbare, marktförmige, mehrwertgenerierende Formen bringen. Da braucht der alte Mensch im Heim mehr Zeit für das Essen oder das Gespräch; das Kind benötigt mehr Trost, dessen Tobsuchtsanfall dauert länger; wir werden die Erkältung nicht los, können damit nicht gut arbeiten; können vor Sorge um jemanden nicht gut schlafen und sind nicht fit; die Nachbarsfamilie braucht hier und jetzt unsere Unterstützung, unaufschiebbar; die beste Freundin hat soeben eine Krankheitsdiagnose erhalten und 5 Hochschild 1979. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 437 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 will uns sprechen; die Sorge um den kranken Onkel raubt uns die Konzentration. So ist das in Wirklichkeit, wir alle kennen das. Das ist keineswegs trivial. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der wesentlich das »zählt, was Geld einbringt«6 und in der dieses Geld sich ausschließlich aus der marktförmig vermittelten Erwerbsarbeit generiert, sind Care-Tätigkeiten entweder dazu bestimmt, eine solche Form anzunehmen, das heißt professionalisiert oder verberuflicht zu sein, oder aber im Privaten, Informellen zu bleiben. Beides hat im Kontext einer kapitalistischen Struktur seine systematischen Probleme und Begrenzungen. Entweder bedroht eine marktkompatible Rationalisierung den Kern dessen, was Care ausmacht – eine relationale, bedürfnisorientierte Form –, oder aber die Privatisierung als unbezahlter »Liebesdienst« exkludiert die entsprechend tätigen Menschen von allen für die vollwertige gesellschaftliche Inklusion notwendigen Gütern und Ressourcen wie Geld, Bildung, Macht, Teilhabe an Öffentlichkeit. Wer auch nur teilweise im Privaten zuständig ist für Care, steckt in einer paradoxen Situation: für zumindest diese Zeit nicht für marktvermittelte Erwerbsarbeit disponibel zu sein, jedoch zugleich die Disponibilität derjenigen ermöglichend, die erwerbstätig sind. Überdies regeneriert die private Care-Arbeit die Arbeitskraft insgesamt: ohne Care nicht nur kein (Über-)Leben, sondern auch keine Erwerbsarbeit. Wer nicht schläft, isst, (hinreichend) gesund und wohlauf ist, kann die eigene Arbeitskraft – frei nach Marx – nicht zu Markte tragen. Konsequent gesprochen bedeutet dies: Der Kapitalismus zehrt von Grundlagen und Ermöglichungen, die er selber nicht nur nicht erzeugen kann, sondern die er systematisch bedroht. Wie löst nun der (auch wohlfahrtsstaatlich gestaltete) Kapitalismus dieses Problem? Care, Natur, Gender Die Antwort ist: über die Naturalisierung des Nexus von Care und Geschlecht. Seit dem langen 19. Jahrhundert gilt fürsorgliche Mütterlichkeit nicht nur als Kern des Weiblichen, sondern als von Natur aus vorgegebener Beruf der Frau. »Im Allgemeinen aber kann man nicht oft genug betonen, dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und Hausfrau vorgeschrieben hat.«7 Damit ist Care aus dem Bereich des Sozialen gewissermaßen externalisiert. Care wurde – als Mütterlichkeit und als darauf basierende Selbstaufgabe für andere – zur Natur der Frau. Die Naturalisierung von Care-als-Weiblichkeit beziehungsweise Weiblichkeit-als-Care funktioniert(e) als Immunisierung gegenüber den genuin modernen Dynamiken der Individualisierung, Pluralisierung und Reflexivierung auf der gesellschaftlichen wie individuellen Ebene. Was als Naturgesetz gilt, ist eben nicht politisch oder in der alltäglichen Praxis gestalt- und verhandelbar, ist außerhalb von Raum und Zeit, ist unveränderliches Universalgesetz. Diese Externalisierung ist Teil zunächst aller Selbstverständigungsprogrammatik der 2. 6 Kontos, Walser 1979. 7 Max Planck, zitiert in Kirchhoff 1897, S. 256 f. 438 Paula-Irene Villa Moderne, etwa in der Philosophie, dann der Soziologie oder Ökonomie, auch im Politischen und Kulturellen. Moderne Subjekte transzendieren demnach die Natur und eignen sich diese tätig – beherrschend zum Teil – an, durch Erwerbstätigkeit (Arbeit, etwa im Marx’schen Verständnis), durch den mündigen Einsatz ihres Verstands, durch die planvolle Gestaltung der Welt. Sofern nun der Subjekt-Status geknüpft ist an die Transzendierung, Aneignung, Gestaltung und gar Beherrschung der Natur, können Frauen, wie zahlreiche andere Gruppen übrigens auch (andere »Rassen«, »Behinderte«, Kinder, »Wilde« usw.), diesen Status nicht erreichen. Denn sie sind, wie im modernen Diskurs mit Rekurs auf die moderne (Natur-)Wissenschaft behauptet wird, Naturwesen und als solche auf ein Schicksal fixiert, das sich aus dem »kleinen Unterschied« ergibt.8 Mütterlich, fürsorglich, beziehungsorientiert, emotional, tugendhaft, kommunikativ, dem Privaten und dem Haus zugewandt, kooperativ, ästhetisch, affizierbar. So sind sie, die Frauen. Nicht etwa, weil jemand das wollte, nein. In der Moderne ist das einzig legitime, dafür aber umso wuchtigere Argument für diese Ungleichheit generierende Differenz-Eigentlichkeit: die Natur. In der Moderne ist Natur Ontologie. Nicht viel zu machen. Wo doch sonst die Moderne verspricht, alles sei (selbst) machbar, durch Verstand, Leistung, Bildung, Geld. In Bezug auf Care bedeutet dies also: Frauen sind qua Natur – Gebärmutter, Eierstöcke – zur Mutterschaft und den darin idealisierten Qualitäten bestimmt. Ebenso dazu befähigt wie darauf begrenzt. Das bedeutet auch: Frauen werden im Prozess der Herausbildung der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft zu Hausfrauen – ein Prozess, den Soziologinnen und Historikerinnen treffend als »Hausfrauisierung« bezeichnen.9 Diese naturalisierende Dynamik hat eine idealtypische normative Eigentlichkeit hervorgebracht, die Teil des Diskurses der Moderne ist und alle Sphären moderner Sozialität prägt. Vor allem aber hat dieser Diskurs als Realfiktion – das heißt als materiell hochwirksame Ideologie – zur Bereitstellung der Grundlagen gedient, die der Kapitalismus in seiner eigenen mehrwertorientierten Form eben nicht generieren kann. »Die Hausfrau« ist zwar eine ideologische Norm, empirisch und tatsächlich waren Frauen, Mütter übrigens ebenso, auch im 19. Jahrhundert erwerbstätig und sind es seitdem gewesen – statistisch mal mehr (während der Kriege zum Beispiel), mal weniger (im kurzen »golden age of marriage« der 1950er Jahre in der BRD zum Beispiel). Die Hausfrau ist aber auch eine normative Leitplanke im Leben aller Frauen und Männer, aller Menschen in der Moderne: Wer sich, etwa als Frau, diesem normativen Ideal nicht gemäß verhält, verstößt, so dieser Diskurs, nicht nur gegen soziale Normen, sondern gleich gegen die Natur. Das gibt dem idealisierten Diskurs nochmal eine ganz andere Wendung, eine hochmoralische und für die Praxis hochwirksame. Dies meint nun keineswegs, dass Frauen, auch Mütter, nicht als Erwerbstätige adressiert wurden und werden, es meint auch nicht, dass sie nicht erwerbstätig waren oder sind. Es meint allerdings, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen systematisch im Lichte ihrer naturalisierten (für- 8 Schwarzer 1975. 9 Mies et al. 1988; Haug 2001. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 439 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 sorglichen) Eigentlichkeit bewertet – und auch vergütet – wurde und wird. Dies realisiert sich zum Beispiel auch heute in Teilzeitquoten oder typischen »Frauenberufen«. Alle Frauenbewegungen und feministischen Artikulationen der Moderne, die selber als essentieller Teil eben dieser Moderne verstanden werden müssen, haben sich an dieser Naturalisierung abgearbeitet. Dies geschah historisch in verschieden Weisen, auch in verschiedener Konsequenz oder Intensität. Aber im Kern kreisten insbesondere die erste und zweite Frauenbewegung wesentlich um die Infragestellung der Biologie-ist-Schicksal-Ideologie, die Frauen auf die Rolle der Hausfrau, Mutter, der von Natur aus Sorgenden fixiert und darin im Sinne der Moderne exkludiert und entmündigt hatte. »Lohn für Hausarbeit« war eine urfeministische Forderung der zweiten Frauenbewegung. Seit dem frühen 20. Jahrhundert und seit den 1960er Jahren hat sich in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse viel geändert. Das ist unbestreitbar. Um den Rahmen dieses Textes nicht zu sprengen und um nicht all das zu wiederholen, was den meisten bekannt sein dürfte, sei dies derart zusammengefasst: Auch Frauen sind nunmehr Menschen, eigenständige Rechtssubjekte, ökonomisch als »adult workers« – eigenständige erwerbsfähige Personen – adressiert, mit allen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten ausgestattet, vor Diskriminierung qua Gesetz geschützt. Und empirisch sind sie zunehmend auch überall dort präsent, wo sie jahrhundertelang mit dem Verweis auf ihre unzulängliche Natur ausgeschlossen waren: Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Bildung, Kunst und Kultur, Öffentlichkeit. Zwar in vielen Bereichen eher weniger denn mehr, aber immerhin doch und vielversprechend zunehmend. Die Grenzziehungen zwischen »Arbeit und Leben« wurden durch soziale, insbesondere feministische Bewegungen reflexiviert, zugleich jedoch folgen diese Grenzziehungen auch neuen Zwängen und Zumutungen.10 Gender und Care – Systematische Gaps Allerdings hat sich einiges weniger stark geändert, als die meisten Menschen in der BRD denken. Und das führt zurück zur Frage von Care und Corona. Historisch nämlich wurden Emanzipationsgewinne für Frauen zum Teil zum Preis einer Ausweitung des Hausfrauenmodells errungen: Die zunehmende Inklusion von Frauen in der höheren Bildung und auch der Erwerbsarbeit geschah durch die Professionalisierung von Tätigkeiten, die hausarbeitsaffin konturiert wurden und noch sind. Berufe wie Erzieherin, Hauswirtschafterin, Krankenschwester, Lehrerin (Grundschule!) sind nach dem Modell der natürlich dazu begabten und bestimmten Hausfrau/Mutter modelliert. Dies nicht nur in den Inhalten und erwarteten Kompetenzen, sondern bis in die Ausgestaltung der Arbeitszeiten, vor allem aber der Gehälter hinein. Um es kurz und in einer bis heute gültigen Form zu sagen: Typische »Frauenberufe« sind eher schlecht bezahlt, sind prekärer als andere 3. 10 Zusammenfassend und weiterführend Jürgens 2009. 440 Paula-Irene Villa Berufe und Branchen, sind von der Idee her so gestaltet, dass sie in Teilzeit gearbeitet werden, als Zuverdienst von Müttern, die »eigentlich« für ihre Familie da sein wollen und müssen. Von den Gehältern im Sozialleistungs-Sektor kann eine Familie kaum finanziert werden, in deutschen Großstädten mit ihren teuren Mieten schon gar nicht. Dafür sind diese Gehälter aber auch nicht gedacht. Bis heute nicht. Der weithin bekannte Gender Wage (oder Pay) Gap, die hochaggregierte Durchschnittsbruttostundenlohn-Differenz zwischen erwerbstätigen Männern und Frauen zu einem Zeitpunkt also, belief sich laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in der EU im Jahr 2016 auf ca. 16,2 Prozent, das heißt Frauen haben im Durchschnitt ca. 16 Prozent weniger als Männer verdient. Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt einen Gender Pay Gap von 21 Prozent im Jahr 2017 ermittelt, höher als in den meisten EU-Ländern. Aber: Diese Zahl wirkt eindeutiger und klarer, als die empirische Wirklichkeit tatsächlich ist. Denn vergleicht man genauer und spezifischer, was im Übrigen alle seriösen Stellen – das DIW inklusive – tun, dann verringert sich der Pay Gap zum Teil enorm, aber in manchen Fällen ist er höher. Insgesamt sinkt er, insbesondere bei den jüngeren Kohorten. »Dass die Lohnlücke für junge Frauen am geringsten ist, kann eine Folge der starken Annäherung der Bildungskarrieren von Männern und Frauen in den letzten Jahren sein.«11 Diese Annäherung ist gut belegt und bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass der Gender Care Gap auch messbar oder zumindest in abstrahierender Annäherung darstellbar ist – und dass dieser sich weitaus weniger verringert als der Gender Wage Gap. Anders gesagt: Die sehr grobe Durchschnittsdifferenz zwischen Männern und Frauen, was Care betrifft, ist und bleibt systematisch groß. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellt im Gleichstellungsbericht aus dem Jahr 2017 fest, dass diese Differenz 52 Prozent beträgt. Frauen leisten 52 Prozent mehr unbezahlte Tätigkeit für andere als Männer, täglich (Abbildung 1). In solcherart Berechnungen fließen meist nur die privat beziehungsweise unentgeltlich geleisteten Care- Formen ein: das alltägliche, andauernde, immerfort nötige »KleinKlein« des Putzens, Aufräumens, Essens, der Zuwendung und Anerkennung, des Ausruhens und Kraft-Tankens, des Windelwechselns, Einkaufens, Müll-Webringens, Kochens.12 11 Gallego Granados 2018. 12 Klünder unterscheidet zwischen »direkter« und »unterstützender« Care-Arbeit. Erstere umfasst direkt »an der Person« (zum Beispiel einem Kind) verrichtete Care-Tätigkeiten im Haushalt (zum Beispiel Betreuung wie Spielen, Ankleiden, Füttern usw.) sowie die dafür nötigen Wegezeiten, wohingegen Letztere alle Tätigkeiten umfassen, die der Betreuung und Versorgung indirekt dienen, zum Beispiel Einkaufen, Instandhalten, Behördengänge u.v.m. Vgl. Klünder 2016, S. 7. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 441 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 Abbildung 1: Gender Care Gap insgesamt Quelle: Klünder 2016, S. 11, Abbildung 3. »Wie die Datenanalyse ergab, übernehmen Frauen in Deutschland quer durch alle Bildungs-, Berufs- und Altersgruppen, aber auch in unterschiedlichsten Haushaltskonstellationen deutlich mehr an unbezahlter Arbeit als die männlichen Vergleichsgruppen. Das trifft auf direkte, unterstützende und die gesamte Care-Arbeit gleichermaßen zu und spiegelt sich im Gender Care Gap wider.«13 Dieser Gap ist je nach Kontextfaktoren (zum Beispiel Alter) unterschiedlich groß. Besonders auffällig ist er entlang des Umfangs der Erwerbsarbeit bei Eltern mit Kindern im selben Haushalt.14 Wie man in Abbildung 2 sieht, verrichten in Konstellationen, in denen der Vater in Vollzeit und die Mutter gar nicht erwerbstätig ist (»male bread winner«-Modell), die Mütter gut 184 Prozent mehr Care-Tätigkeiten als die Väter. Sind beide hingegen gleichermaßen in Vollzeit erwerbstätig (»adult worker model«), verrichten Mütter gleichwohl gut 53 Prozent mehr Care- Arbeit. In der in der BRD am meisten vorkommenden Konstellation – Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit (»weiblicher Zuverdienst«-Modell)15 – verrichten Mütter knapp doppelt so viel Care-Arbeit wie Väter. 13 Klünder 2016, S. 1. 14 Keller, Kahle 2018, S. 57. 15 So sind derzeit ca. 6 Prozent der Väter in Teilzeitbeschäftigung, demgegenüber ca. 66 Prozent der Mütter. Vgl. Keller, Kahle 2018, S. 57. 442 Paula-Irene Villa Abbildung 2: Direkter Gender Care Gap in Paarhaushalten mit Kind(ern) nach unterschiedlichem Erwerbsumfang der Eltern Quelle: Klünder 2016, S. 27, Abbildung 23. Gender Pay Gap und Formen der Erwerbstätigkeit passen durchaus zusammen mit dem Gender Care Gap. Frauen arbeiten hier und heute eher, viel eher Teilzeit als Männer; Väter steigern ihre Erwerbstätigkeit im Durchschnitt nach der Geburt des ersten Kindes, während Mütter diese hierzulande strukturell und hochsignifikant reduzieren. Care ist Frauensache. Aber auch Erwerbstätigkeit ist es. Nur anders als bei Männern. Eine Branche, in der überproportional viele Frauen arbeiten, das Sozialwesen (ambulante, stationäre Pflege, Kinder- und Jugendhilfe), ist eine, in der am schlechtesten bezahlt und besonders prekär gearbeitet wird. »Im Sozialwesen ist Teilzeitarbeit stark verbreitet. Die Hälfte der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse sind Teilzeittätigkeiten. Das hängt auch damit zusammen, dass in diesem Wirtschaftsbereich die Beschäftigung von Frauen stark verbreitet ist, denn drei Viertel der Beschäftigten sind weiblich. […] Da im Sozialwesen weibliche Beschäftige weit überrepräsentiert sind, drängt sich der Eindruck auf, dass das Lohnniveau immer noch von der unseligen Tradition beeinflusst ist, Arbeit von Frauen nur unterdurchschnittlich zu bezahlen.«16 Gender Pay Gap und Gender Care Gap sind Ausdruck einer grundsätzlich knirschenden Unvereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care im kapitalistischen Kontext. Naturalisierung, Geschlecht und Arbeit passen an keiner Stelle mehr sinnvoll zusammen. Alle sollen erwerbstätig sein, unabhängig von Geschlecht oder Care- Status. Wer aber kann und soll sich kümmern? Und wer kann von welcher Erwerbsarbeit leben, in welchem Job? Care-Krise allerorten. Ein Krisensymptom ist auch die subjektiv erfahrene, wesentlich individualisiert zu lösende, jedoch strukturell erzeugte Widersprüchlichkeit zwischen Care- Bedürfnissen einerseits und der (weiterhin geschlechtlich markierten und vergeschlechtlichenden) Logik der Erwerbsarbeit. Besonders dringlich ist dieser Struk- 16 Brenke 2018, o.S. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 443 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 turkonflikt, insofern nur Letztere Inklusion und Anerkennung generiert. Einfacher formuliert: Auch der derzeit generalisierte und zunehmend entgeschlechtlichte Imperativ zur Erwerbsarbeit – das »adult worker model«17– entlastet nicht von der zugleich wirksamen naturalisierten Erwartung an Frauen, der eigentlichen Weiblichkeit als Care-Zuständigkeit zu folgen.18 Diese strukturelle Widersprüchlichkeit führt zu einer auch subjektiv krisenhaften »doppelten Vergesellschaftung«, bei der – so einige empirische Studien – für letztlich nichts mehr genügend Zeit und Kraft bleibt.19 Frauen werden darüber hinaus weiterhin moralisch und normativ delegitimiert, gar diffamiert und angegriffen: wenn sie keine (leiblichen) Kinder haben, wenn sie sich angeblich nicht richtig oder nicht hinreichend um diese kümmern, wenn sie sich lieber um diese oder um Familie kümmern statt erwerbstätig sein zu wollen usw.20 Die aktuelle Gleichzeitigkeit von historischen Mustern naturalisierter Weiblichkeit-als-Fürsorge einerseits und der zunehmend universalistischen Aufforderung zur Erwerbsarbeit erzeugt paradoxe, widersprüchliche, konflikthafte Muster, insbesondere für Frauen. Nun lässt sich Care in Teilen professionalisieren und vermarktlichen, damit auch »entfamilialisieren«; dies geschieht seit Jahren zunehmend. Das ist wichtig, ist in Teilen machbar, ist auch notwendig und richtig. Dies ist aber zugleich ambivalent und problematisch. Wollen wir als Gesellschaft und als Individuen Care dem Markt überlassen?21 Sollte Erwerbsarbeit alternativlos die einzige Form gesellschaftlicher Inklusion sein? Oder der Emanzipation? Silvia Federici nannte dies unlängst – zu Recht – die »Lohnillusion«.22 Das ist die alte marxistische Mär, die sich ironischerweise besonders gut mit der kapitalistischen Form, auch in ihren neoliberalen Formen, verträgt: Erwerbstätigkeit als Garantie für Unabhängigkeit, Autonomie, Inklusion. Die erste und zweite Frauenbewegung hatten verschiedene Ideen und Forderungen, durchgesetzt hat sich letztlich die markt- und mehrwertkompatible, die der Lohnillusion folgt. Das Kernproblem ist allerdings, dass Care nicht dem Markt überlassen werden kann, weil sie sich nur bedingt – nicht gar nicht, aber eben auch nicht ganz – den Rationalisierungs- und Quantifizierungslogiken unterwerfen lässt, die es aber 17 Daly 2011; Lewis 2004. 18 Als eines von vielen Beispielen vgl. einen aktuellen, sicherlich gut gemeinten Coaching- Ratgeber-Beitrag mit der vielsagenden Schlagzeile »Zwischen Chefsein und Familienwunsch: Wie weibliche Medienprofis ihren Weg finden«: https://kress.de/news/detail/be itrag/145375-zwischen-chefsein-und-familienwunsch-wie-weibliche-medienprofis-ihren -weg-finden.html (Zugriff vom 05.07.2020). Für die Gegenwart gleichermaßen symptomatisch ist aber auch die scharfe Kritik an den im Beitrag enthaltenen Naturalisierungen und der daraus resultierenden Ungleichbewertung von Frauen und Männern; vgl. www.jetzt.de/querfragen/machen-frauen-in-fuehrungspositionen-die-arbeitswelt-fe ministischer (Zugriff vom 05.07.2020). 19 Becker-Schmidt et al. 1984; Becker-Schmidt 2008; Für die nach wie vor verschiedene Vergesellschaftung von Männern und Frauen vgl. Buschmeyer, Lengersdorf 2017. 20 Thiessen, Villa 2010. 21 Kritisch seit Jahren hierzu zum Beispiel Ostner 2010 und Lewis 1997. 22 Federici 2018. 444 Paula-Irene Villa braucht, um Tätigkeiten zu tarifieren, zu bewerten, zu entlohnen, zu berechnen, zu planen, aus ihnen Mehrwert zu generieren. Sofern Care die verbindliche Zuwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen ist und sofern dies in reziproken, affektiv getönten Beziehungskonstellationen (wie flüchtig auch immer) geschieht, lässt sich Care nur in Teilen verberuflichen. Es braucht, bekanntlich, bisweilen eine enorme Flexibilität im Umgang mit Menschen oder Lebewesen, deren Bedürfnisse unvermittelt und unwägbar sein können. So lässt sich womöglich Putzen, Kochen, Einkaufen, Bügeln und Spielzeit planen und tarifieren, weitaus weniger aber die affektive Seite von Care, zum Beispiel Gespräche, Trost, Anerkennung usw. Hinzu kommt, dass Care ein zentraler Aspekt eines guten, gelungenen Lebens ist – oder doch sein kann. Eine Gesellschaft aber, die dies nur als verberuflichte Tätigkeit ermöglicht, selbst bei guter Entlohnung, mit Ressourcen und Anerkennung versehen, verweigert den Menschen die Möglichkeit, Care als Teil des eigenen Lebens jenseits des Marktes zu leisten und zu empfangen. Und so haben wir durch die Fixierung und Verengung auf Erwerbsarbeit als einzige Form von Inklusion und durch die strukturelle Entgrenzung dieser Erwerbsarbeit eine veritable Care-Krise. Und zwar lange vor und jenseits von Corona. Es knirscht an allen Ecken und Enden. Weil allerorten als individuelles Problem geschultert wird, was ein – unlösbares – strukturelles Problem ist. Diese Krise ist weiterhin in einer spezifischen Form vergeschlechtlicht, die historisch konstituierte Naturalisierung der Hausarbeit und der Weiblichkeit als Sorge-Eigentlichkeit bestimmt bis heute massiv die Wirklichkeit von Lohnarbeit und Care-Tätigkeiten, von Lebensentwürfen und Einkommensniveaus. Ungleiche und vergeschlechtlichte Arbeitsteilung ist ein Strukturelement der gegenwärtigen Gesellschaft. Völlig unabhängig von Corona. Care-Krise meets Corona-Krise: Das ist systemrelevant Während der letzten Monate zwischen März und Juni 2020 war vieles anders. Alles eigentlich. Die Corona-Krise hat sämtliche Aspekte des Lebens tangiert, überall auf der Welt, auch in der Bundesrepublik. Was normal war – oder schien –, wurde zum Problem, mindestens aber zum Thema. Und Thematisierung bedeutet Befragung, Verunsicherung, Problematisierung – bedeutet (soziologisch umständlich gesagt) »Entverselbstverständlichung«. Wenn im Alltag das Selbstverständliche zum Thema wird, wird das Normale prekär. Allein also schon die Thematisierung eines Sachverhalts hebt ihn heraus aus der lebensweltlichen Textur des Semi-Bewussten, die unseren Alltag ermöglicht und zugleich beschränkt. Denn die Selbstverständlichkeit ist die Schmiere, die den Alltag am Laufen hält, Praxis also überhaupt ermöglicht. Selbstverständlichkeiten enthalten zugleich immer auch Verunmöglichungen. Eine bestimmte Handlung wird möglich, weil viele andere Handlungen unmöglich sind. Und zwar unmöglich sind, weil sie hinreichend vielen hinreichend stark unmöglich scheinen. Das ist nämlich die Pointe sozialer Wirklichkeit: Sie ist verobjektiviert, stellt sich als gegeben und faktisch 4. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 445 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 dar, in ihrer alltäglichen Form ist sie alternativlos. So wirkt sie jedenfalls. Zugleich ist die soziale Wirklichkeit gemacht, von Menschen nämlich in historisch konstituierten Strukturen bedingte intersubjektive Praxis. Auch das wissen wir, auch das ist Teil des selbstverständlichen Common Sense. Wenn diese Thematisierung politisiert wird, etwa durch die Verknüpfung eines Themas mit Gerechtigkeits- oder Diskriminierungsaspekten, kann daraus Reflexivierung werden. Gemeint ist: Gesellschaften und die darin agierenden Menschen oder Organisationen können lernen. Dies haben wir nun mit dem Nexus von Care und Geschlecht erlebt. Die so wirksame Naturalisierung, die die Selbstverständlichkeit weiblicher Care-Arbeit ermöglicht, wurde zum Politikum. Zwischen Homeschooling und Homeoffice, zwischen beruflichen Care-Tätigkeiten und der Notbetreuung von Kranken, Alten und Kindern wurde immerhin medial darüber gesprochen, dass »Frauen das Ganze am Laufen halten« – privat wie beruflich, hier wie überall auf der Welt. Care ist systemrelevant, und diejenigen, die Care erbringen, in welcher Form auch immer, das sind wesentlich Frauen. Wie sehr die ohnehin schon bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Arbeitsteilung und Care während der Corona-Krise intensiviert wurde, das muss die laufende Forschung zeigen. Womöglich zeigt sich dabei auch, dass manche Befürchtung – »Rollback«, »Rückschritt in die 1950er« – allzu vorschnell und allzu alarmistisch ausgefallen ist.23 Aber schon jetzt lässt sich durchaus mit einiger Evidenz sagen, dass tatsächlich die bereits gegebenen Differenzen in Bezug auf Care im Krisenmodus nicht kleiner, sondern eher größer geworden sind. Die empirische Forschung wird noch zeigen, wie sehr dies wiederum je nach Milieu, Bildungsstand, Status, Region variiert. Denn es sollte bei aller Betonung der strukturell »vergeschlechtlichten« Form von Care und Erwerbsarbeit in der kapitalistischen Moderne nicht übersehen werden, dass diese Struktur nie nur »gegendert« ist, sondern dass Vergeschlechtlichung selber unhintergehbar mit komplexen sozialen Differenzverhältnissen und Ungleichheitsstrukturen verbunden ist. Konkret: Nicht alle Frauen machen das Gros von Care, nicht alle Männer agieren sorglos. Konkret auch: Vergeschlechtlichung von Care ist intersektional verwoben mit Klasse/Schicht und Ethnizität. Das ist im beruflichen Sektor von Care besonders relevant, wo speziell in Deutschland Migrantinnen, insbesondere aus Osteuropa, arbeiten – wiederum in hochprekären und schlecht entlohnten Formen. Die Externalisierung von Care hierzulande beinhaltet also auch eine rassifizierende/ethnisierende Dimension, die quer zu Geschlecht verläuft. Salopp gesagt: Frauen, die es sich finanziell leisten können, beuten andere Frauen aus, um selber erwerbstätig oder auch »nur« von Sorgearbeit entlastet zu sein. Diese Praxen und individuellen Konstellationen verweisen darauf, wie drängend und empirisch notwendig es ist, die Systemfrage zu stellen. Wie halten wir es gesellschaftlich mit Care? Jede Gesellschaft muss die Ermöglichung von Care irgendwie gestalten. Dies geschieht hier und jetzt, wie angedeutet, über nicht 23 Boll, Schüller 2020; Zinn 2020. 446 Paula-Irene Villa nachhaltige und normativ wie ökonomisch sowie praktisch hochproblematische Formen der Privatisierung und Vermaktlichung, der Naturalisierung und Externalisierung. Sie alle werden den Care-Bedarfen nicht gerecht, denn Care wird hier und heute nicht als strukturbildendes Element von Ökonomie und Gesellschaft anerkannt. Care wird vielmehr anderen Logiken, allen voran der des Marktes, nachgeordnet. Derzeit bestünde die Chance, dies zu ändern. Immerhin haben wir ein paar Monate lang diejenigen beklatscht, die Care erbringen. Immerhin wurden nun auch mittwochs oder freitags die berühmten Sonntagsreden voller Anerkennung und Dankbarkeit formuliert. Es könnte daraus etwas werden, was allen zugute kommt. Denn wenn weiterhin systemrelevante Tätigkeiten, Logiken und Leistungen derart vernachlässigt und derart paradox zugleich romantisiert und ausgebeutet werden, dann wird dies uns allen auf die Füße fallen – eher früher denn später. Ausblick Die Care-Dimension von Gesellschaften betrifft, dies zum Schluss, keineswegs nur die Sorge von und um Menschen. Care ist auch eine ethische Haltung, kann es jedenfalls sein, die es allem Leben gegenüber einzunehmen gilt. Eine Ethik der Sorge und Zuwendung im Wissen um die allem Leben eigene Angewiesenheit, Verbundenheit und der (bedingten) Unverfügbarkeit des Lebendigen. Das klingt pastoral – ist es in manchen Konstellationen auch –, ist aber völlig diesseitig und nüchtern gemeint.24 Die simple Anerkennung, dass Leben nicht ohne die Sorge »anderer« innerhalb komplexer Systeme gelingen kann, ist geradezu biologisch fundiert; ist eine biosoziale Tatsache, auf die sich eine nachhaltige Ethik fundieren lässt. Und dies wiederum könnte zur Einsicht führen, dass auch andere Formen von Care im Politischen relevant werden müssten: Sorge um Klima und Umwelt, Sorge um alle lebendigen Spezies, Sorge um das Leben im Lichte komplexer Angewiesenheitsverhältnisse. Dies würde nicht nur bedeuten, im politischen Raum über die konkrete Gestaltung von »caring democracy« nachzudenken,25 sondern auch zu reflektieren, in welchem Modus – mit welcher Ethik – wir derzeit der Krise begegnen. Wollen wir Corona im heroischen Modus begegnen, als Feind, den es im Krieg und im Kampf zu bezwingen, zu besiegen, auszulöschen gilt? Wollen wir dann zurück zum »Normalen«, weil dann alles wieder gut ist? Wollen wir unsere aktuelle Praxis am »sur- 5. 24 Als Überblick Sander-Staudt o. J. 25 Tronto 2013. Im Kern wäre eine »caring democracy« eine politische Form, die Bedürfnisse des Lebendigen – von Menschen und anderen Lebewesen – ins Zentrum rückt und diese vor Profit oder ökonomischem Wachstum priorisiert. Tronto argumentiert, dass die marktradikale Ökonomisierung von Care, etwa durch die Profitorientierung von Betreuungseinrichtungen, Krankenhäusern, Pflege usw., demokratische Grundlagen und -werte wie Partizipation, Gerechtigkeit korrodiere und massive Ungleichheiten generiere, die den sozialen Frieden bedrohen. Eine care-zentrierte Demokratie würde eine Politik bedeuten, die die Verwundbarkeit und Interdependenz der Menschen anerkenne, achte und deren Care ermögliche – auch jenseits des Privaten und des Marktes. Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? 447 Leviathan, 48. Jg., 3/2020 vival of the fittest« ausrichten, auch konkret in dieser Phase der »Lockerungen« und des »Exit«? Wessen Leben und wessen Gesundheit, wessen Verwundbarkeit und wessen Bedürfnisse bilden dabei den Maßstab? Auch diese biopolitische Dimension von Care wurde während der Corona-Krise überdeutlich, sie ist aber immer Teil unserer Sozialität inklusive der Herrschafts- und Machtverhältnisse: Während die Gesundheit einzelner als kostbares Gut verhandelt und auch öffentlich inszeniert wird – deutscher Politiker*innen zum Beispiel oder von Filmstars –, wird die Gesundheit anderer geradezu ostentativ gefährdet, solange sie dem angeblich unverzichtbaren Konsum dient (osteuropäische Erntehelfer*innen in der Spargelsaison zum Beispiel), wo hingegen das schiere Leben wiederum anderer kaum der Rede wert ist (in den europäischen Flüchtlingslagern zum Beispiel). Kurzum: Wer auch zukünftig von Leben, Arbeit, Gesellschaft und Wohlergehen sprechen will, wird von Care nicht schweigen können. Wir haben in der aktuellen Krise durch eine vorsichtig reflexive Thematisierung die Chance, hierüber sinnvoll und nachhaltig zu diskutieren. Die aktuelle Entwicklung allerdings weist in eine andere Richtung. Oberhand gewinnen erneut Rhetoriken und Praxen, die auf Unverwundbarkeit und Sorglosigkeit setzen. Literatur Becker-Schmidt, Regina 2008. »Doppelte Vergesellschaftung von Frauen: Divergenzen und Brückenschläge zwischen Privat- und Erwerbsleben«, in Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, hrsg. von Becker, Ruth; Kortendiek, Beate, S. 65-74. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Becker-Schmidt, Regina; Knapp, Gudrun-Axeli; Schmidt, Beate 1984. Eines ist zuwenig – beides ist zuviel. Erfahrungen von Arbeiterfrauen zwischen Familie und Fabrik. Bonn: Neue Gesellschaft. Boll, Christina; Schüller, Simone 2020. 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Dies führt zu einem systematischen Gender Care Gap, das heißt dass Frauen, vor allem Mütter, wesentlich mehr lebensnotwendige Sorgearbeit im Privaten wie im Beruflichen leisten, was wiederum zu materiellen Ungleichheiten führt. In der Corona-Krise hat sich dies, so erste Studien, intensiviert. Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag für eine Revision gesellschaftlicher Prioritäten und für eine Ausgestaltung von policies zugunsten einer »caring democracy« plädiert. Stichworte: Geschlecht, Sorge, Kapitalismus, COVID-19 Corona-Crisis meets Care-Crisis: Is this Systemic Enough? Summary: In Germany, during the Corona-Crisis, care became way more visible and acknowledged then under »normal« circumstances. Yet, this didn’t translate into better pay or the improvement of labor conditions for care-workers nor into substantial support for families. In a first step, the paper lays out the concept of care as attending the needs of any living being. It then explains how care is deeply gendered (as female) and socially invisibilized, resulting in a significant gender care-gap – meaning that women, especially mothers, do much more care work than men, which then translates into structural gendered inequality. As first empirical evidences indicate, the corona-crisis intensified this preexisting condition. In this light, the paper argues for a reconsideration of social priorities and policies in favor of a »caring democracy«. Keywords: gender, care, capitalism, COVID-19 Autorin Paula-Irene Villa Ludwig-Maximilians Universität München Institut für Soziologie Konradstraße 6 80801 München Deutschland paula.villa@lmu.de 450 Paula-Irene Villa

Abstract

In Germany, during the Corona-Crisis, care became way more visible and acknowledged then under „normal“ circumstances. Yet, this didn’t translate into better pay or the improvement of labor conditions for care-workers nor into substantial support for families. In a first step, the paper lays out the concept of care as attending the needs of any living being. It then explains how care is deeply gendered (as female) and socially invisibilized, resulting in a significant gender care-gap - meaning that women, especially mothers, do much more care work than men, which then translates into structural gendered inequality. As first empirical evidences indicate, the corona-crisis intensified this pre-existing condition. In this light, the paper argues for a reconsideration of social priorities and policies in favor of a „caring democracy“.

Zusammenfassung

In der Corona-Krise wurde das Kümmern, Sorgen, Pflegen und Heilen - Care also - in seiner systemrelevanten Funktion öffentlich weitaus mehr anerkannt und politisch gewürdigt als sonst üblich. Gleichwohl hat sich dies nicht in einer besseren Bezahlung oder weiteren Verbesserungen entsprechender Berufe und auch nicht als spürbare Entlastung von Familien niedergeschlagen. Der Beitrag skizziert zunächst, was Care überhaupt ist - die Hinwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen - und inwiefern dies eine weiterhin gleichermaßen vergeschlechtlichte wie vernachlässigte Sphäre des Gesellschaftlichen ist. Dies führt zu einem systematischen Gender Care Gap, das heißt dass Frauen, vor allem Mütter, wesentlich mehr lebensnotwendige Sorgearbeit im Privaten wie im Beruflichen leisten, was wiederum zu materiellen Ungleichheiten führt. In der Corona-Krise hat sich dies, so erste Studien, intensiviert. Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag für eine Revision gesellschaftlicher Prioritäten und für eine Ausgestaltung von policies zugunsten einer „caring democracy“ plädiert.

References
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Abstract

The journal Leviathan devotes itself to enlightenment and criticism in the social sciences. It publishes current research and debate on topics drawn from politics, culture, economics, philosophy, law and society.

The journal is read by practitioners from academic research and education, politics and administration as well as communication and media. With its cross-disciplinary and cross-methodological approach it bridges the gap between theory, empirical evidence and political practice.

website: www.leviathan.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift Leviathan ist der Idee sozialwissenschaftlicher Aufklärung und Kritik verpflichtet. Sie veröffentlicht aktuelle Forschungsbeiträge und Debatten zu Themen aus Politik, Kultur, Wirtschaft, Philosophie, Recht und Gesellschaft.

Sie richtet sich an eine breite Leserschaft aus Lehre und Forschung, Politik und Verwaltung, Publizistik und Medien. Im Zeichen eines methodologischen, disziplinären und politischen Pluralismus schlägt sie Brücken zwischen Theorie, Empirie und politischer Praxis.

Homepage: www.leviathan.nomos.de