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Kristina Küntzel-Witt, Walravens, Hartmut: Johann Redowskys Reise von Irkutsk nach Kamtschatka (1806–1807) im Auftrag der Akademie der Wissenschaften. Das wissenschaftliche Tagebuch des Forschers – Botanik – Geologie – Ethnographie der Jakuten und Tungusen. Norderstedt: Books on Demand, 2018. 165 pp. ISBN 978-​3-​748-​18897-​1. Preis: € 16,99 in:

Anthropos, page 283 - 284

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-283

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schulsystem. Erfahrung, so die Herausgeberin eingangs, ist ein semantisch vager Begriff und zielt nicht nur im Alltagsverständnis auf alles, was den Studierenden in ihrer College-Zeit begegnet, sondern längst auch auf eine ausdifferenzierte Industrie an Hochschulen. Denn anders als in Europa sehen die USA die liberal arts edu‐ cation für einen Großteil ihrer Studierenden als obliga‐ torisch an; nichtsdestotrotz ist dieses Konzept den Quantifizierungen und Responsibilisierungen des Neoli‐ beralismus ausgesetzt. Der Liberal Arts-Ansatz und seine mehrsemestrige Persönlichkeitsbildung in den klassischen Grundlagenfä‐ chern rufen zwangsläufig “Ivy League images of student life” (4), mithin Gedanken an Elite und Prestige hervor. Damit stehen sie im offenen Widerspruch zum neolibera‐ len Gebot der zielgerichteten und zügigen Ausrichtung auf Markterfordernisse – verorten sie sich doch gerade fern jeder unmittelbaren Verwertbarkeit. Auflösen lässt sich diese Spannung allenfalls durch die Annahme eines Marktwerts eben dieser, durch Zweckfreiheit gebildeten Persönlichkeit und ihres Potenzials – oder aber durch die Annahme eines indirekten Nutzens der Grundlagenfä‐ cher, zum Beispiel für das Selbstmanagement. Über die‐ sen Umweg lassen sich auch die Liberal Arts mühelos kommodifizieren. Doch während der Neoliberalismus auch den College-Studierenden Planbarkeit und Merito‐ kratie suggeriere, lasse er die latenten Ungleichheiten zwischen ihnen unangetastet: “There is an inverse corre‐ lation between the structural advantages with which stu‐ dents enter undergraduate education and their likely sus‐ ceptibility to or need for neoliberal interpellation, espe‐ cially in elite institutions” (10). Vor diesem Hintergrund richten sich die elf Beiträge des Bandes kritisch gegen vermarktete Erfahrungsfor‐ men an US-amerikanischen Liberal Arts Colleges. Bon‐ nie Urciuoli war selbst an einer solchen privaten Institu‐ tion im US-amerikanischen Bundesstaat New York tä‐ tig. Von 1988 bis zu ihrer Emeritierung wirkte sie am Hamilton College als Leonard C. Ferguson Professor of Anthropology. Spezialisiert auf Diskursforschung zum Hochschulwesen, publizierte sie außer zur neoliberalen studentischen Subjektivität vornehmlich zu sprachlichen Aspekten von studentischer Diversität. Sieben ethnografisch basierten Analysen zur neolibe‐ ralen Konstruktion von “Erfahrung” bei College-Studie‐ renden sind vier Erfahrungsberichte frisch Graduierter zwischengeschaltet. In den ersten beiden Kapiteln stellt der Band zwei folgenreiche Positionen gegenüber: die‐ jenige John Deweys, der experience und education im Zusammenhang sah (Pauline Turner Strong), und dieje‐ nige Thorstein Veblens, der vor einer Vermengung von Interessen aus Hochschule und Industrie warnte (Ri‐ chard Handler). Das erste auto-ethnografische Intermez‐ zo von Jack LaViolette beschreibt als drittes Kapitel die Konstruktion einer Klientel für studentische Freiwilli‐ genarbeit; das zweite von Sarah Bergbauer blickt als fünftes Kapitel vergleichend auf Erfahrungen als Frei‐ willige und Angestellte in ein und derselben Funktion zurück. Auch das vierte und sechste Kapitel beschäfti‐ gen sich mit Service-Learning: John J. Bodinger de Uri‐ arte und Shari Jacobson lesen zunächst das Lernen durch Engagement mit Mikhail Bakhtins Beobachtun‐ gen zum Karneval, bevor Chaise LaDousa die Entwick‐ lung des Service-Learning zur Social Innovation nach‐ zeichnet. Anhand eines selbst absolvierten Literacy-Pro‐ jekts zeigt anschließend Anastassia Baldrige die Bevor‐ zugung von Performanz gegenüber Substanz in der stu‐ dentischen Freiwilligenarbeit. In ihrem eigenen Beitrag (Kap. 8) untersucht die Herausgeberin die Herstellung von Subjektivität in Programmen für Neustudierende, die sich paradoxerweise von den Hochschulen als Pro‐ dukt vermarkten lassen. Mit nichtintendierten studenti‐ schen Reaktionen angesichts neoliberaler Widersprüche beschäftigen sich Christopher Cai und Usnish Majum‐ dar in Kapitel 9. Überraschend verlässt Alex Posecznick in der Folge den Hochschulkontext, um studentische Aktivität in einem produzierenden Unternehmen zu be‐ schreiben. Ein theoretisch ausgerichteter Beitrag von Wesley Shumar zu drei Phasen der Kommodifizierung beschließt den Band. “The Experience of Neoliberal Education” ist 2018 bei Berghahn Books als vierter Band in der Reihe “Higher Education in Critical Perspective – Practices and Policies” erschienen. Das Hardcover umfasst 243 Seiten sowie einen Namens- und Sachindex und acht Abbildungen. Kathrin Klohs (kathrin.klohs@fhnw.ch) Walravens, Hartmut: Johann Redowskys Reise von Irkutsk nach Kamtschatka (1806–1807) im Auftrag der Akademie der Wissenschaften. Das wissenschaftliche Tagebuch des Forschers – Botanik – Geologie – Ethno‐ graphie der Jakuten und Tungusen. Norderstedt: Books on Demand, 2018. 165 pp. ISBN 978-3-748-18897-1. Preis: € 16,99 Johann Redowsky (1773?–1807), ein aus Memel stammender Botaniker und Mediziner, ließ sich nach seinem Studium in Königsberg und Jena zunächst in Ri‐ ga und 1799 dann in Moskau nieder. Dort wurde er 1803 zum Direktor des botanischen Gartens von Goren‐ ki von Fürst A. K. Razumovskij ernannt. Redowsky veröffentlichte zwei Kataloge über die Spezies des Gar‐ tens. Im gleichen Jahr lehnte er eine Teilnahme an der ersten russischen Weltumsegelung (1803–1806) unter Adam Johann von Krusenstern und Jurij F. Lisjanskij ab. Wenige Jahre später zog es ihn doch noch in die Fremde. Als Adjunkt der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg wollte er 1805 an der Gesandtschafts‐ reise des Grafen Jurij A. Golovkin (1762–1846) nach China teilnehmen und reiste mit diesem über Kazan, Ekaterinburg und Krasnojarsk bis nach Irkutsk. Von dort aus erkundete er zusammen mit dem Zoologen Michael Friedrich Adams (1780–1838) die Ufer des Baikalsees. Als der Gesandtschaft die Einreise nach China verwei‐ gert wurde, erhielt Redowsky einen neuen Auftrag von der Akademie der Wissenschaften. Er sollte in einer Book Reviews 283 Anthropos 115.2020 dreijährigen Expedition nach Kamtschatka und zu den Kurilen reisen und die dortige Flora botanisieren. Auf dieser Reise gelangte er über Jakutsk und Ochotsk bis nach Gižiginsk, wo er unter ungeklärten Umständen Mitte des Jahres 1807 ums Leben kam. Sei‐ ne Sammlung sibirischer Pflanzen befindet sich im Bo‐ tanischen Institut der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, wohin auch sein Herbarium 1841 ge‐ langte, nachdem es sich vorher im Besitz von Adelbert von Chamisso befunden hatte. Redowskys Reisejournal ist bislang unveröffentlicht geblieben; Hartmut Walra‐ vens präsentiert hier erstmals eine Abschrift aus dem Archiv der Akademie der Wissenschaften, die der Arzt Joseph Rehmann (1753–1831) offenbar in Auftrag ge‐ geben hatte. Rehmann hatte mit Redowsky in Irkutsk zusammengearbeitet, der Botaniker hatte ihm u.a. bei der Identifikation von tibetischen Drogen geholfen. Walravens geht davon aus, dass im Original auch die Wegstrecke von Kjachta nach Urga beschrieben wurde, Rehmann davon aber keine Kopie anfertigen ließ, weil er diese Route aus eigener Erfahrung kannte (23). Da Redowskys Manuskript bislang nicht aufgefunden wur‐ de, kann man sich glücklich schätzen, dass diese Kopie überhaupt noch vorhanden ist. In der Einleitung stellt Walravens neben Redowskys Biografie die maßgebli‐ chen Quellen zu Jakuten und Tungusen aus dem 18. und 19. Jh. vor. In seiner Aufstellung fehlt allerdings ein Hinweis auf die vor kurzem veröffentlichten “Ethnogra‐ phischen Schriften” zu den sibirischen Ethnien von Ger‐ hard Friedrich Müller, die von Wieland Hintzsche und Aleksandr Ch. Ėlert bei den Franckeschen Stiftungen in Halle 2010 und 2018 in der Reihe “Quellen zur Ge‐ schichte Sibiriens und Alaskas aus russischen Archi‐ ven” erschienen sind. Müller hatte damit eine erste sys‐ tematische und umfangreiche Beschreibung der sibiri‐ schen Völker bereits in der Mitte des 18. Jh.s verfasst, die allerdings genauso wie Redowskys Manuskript erst jetzt publiziert wurde. Das Manuskript setzt sich aus tagebuchartigen Einträ‐ gen von Redowskys Reiseroute und systematischen Be‐ schreibungen der Jakuten (Eigenbezeichnung: Sacha) und der damals sogenannten Tungusen (heute: Evenen/ Evenken) zusammen. Bei seiner Beschreibung der Rei‐ se fallen die vielen lateinischen Bezeichnungen der ent‐ deckten Pflanzen auf, die nicht näher erläutert werden. Für Botaniker dürfte dieser Teil des Manuskripts eine wertvolle Lektüre sein. Für Ethnologen ist es sicherlich eher der Teil, wo die Jakuten und die Evenen und ihre Lebensweise näher dargestellt werden (53–80, 115– 148). Redowsky beginnt mit einem kurzen Abriss der Eroberung der jakutischen Gebiete durch die russischen Kosaken (53), anschließend beschreibt er ihr Äußeres, ihre Behausungen und Essgewohnheiten. Auch über Hochzeitsbräuche, Geburt und Erziehung der Kinder wird berichtet, genauso wie über Jagdgewohnheiten. Er‐ staunlich wenig erfährt man über die Pferdezucht der Jakuten (68). Besonders ausführlich schildert er die Mit‐ gift (kalym) der Frauen (71ff.), die bei ihrer Verheira‐ tung geleistet werden musste und von der ihr Status ab‐ hing: So war eine Frau mit Mitgift eine freie Frau, wenn ihr Mann starb. Im Trennungsfall erhielt sie ihre Mitgift wieder zurück, während eine Frau ohne Mitgift von ihrem Mann weiterverkauft werden konnte (75). Re‐ dowsky hatte einen intensiven Einblick in das Leben der Jakuten erhalten und beschreibt sehr anschaulich die Lebensverhältnisse der zahlenmäßig größten ostsibiri‐ schen Ethnie. Außerdem werden auch der vorherrschen‐ de Schamanismus und die religiösen Bräuche geschil‐ dert (78–80). Anschließend berichtet er von seiner weiteren Reise bis zur Ochotskischen See, die wesentlich beschwerli‐ cher war als der erste Teil der Reise nach Jakutsk, dabei schildert er auch den dort üblichen Tauschhandel an der chinesischen Grenze (108). Es folgt die Darstellung der Lebensweise der dort ansässigen Tungusen (ab S. 115). Zunächst wird ihr Äußeres beschrieben inklusive ihrer Unterkünfte, danach werden ihre Jagdgewohnheiten und Sitten geschildert. Redowsky streicht dabei die hand‐ werkliche Geschicklichkeit der Tungusen heraus (121). Er erwähnt auch die Ausbreitung von Seuchen, die von den russischen Eroberern eingeschleppt worden sind, worüber er bei den Jakuten kein Wort verliert. Außer‐ dem gibt er auch hier einen historischen Überblick über die Unterwerfung der Tungusen durch die russischen Kosaken und Pelztierjäger (promyšlenniki). Am Ende folgt noch ein kurzer Teil seines Reisejournals (149– 156), in welchem er seinen Weg entlang der Küste an der Ochotskischen See bis nach Gižiginsk beschreibt, wo es dann am 15.8.1807 abbricht. In der Einleitung sind zwei Karten mit der Reiseroute Redowskys abgebildet, die dem Leser bei der Orientie‐ rung behilflich sind und am Ende des Bandes findet man ein Personen- und ein botanisches Register mit den lateinischen Bezeichnungen der aufgeführten Pflanzen und abschließend eine Aufzählung der Stationen von Redowskys Reiseroute. Insgesamt gesehen ist es sehr begrüßenswert, dass dieses Manuskript endlich veröffentlicht und einem breiten Leserkreis zugänglich gemacht wurde. Es lädt dazu ein, sich ein umfassendes Bild der Lebensweise von Sacha, Evenken und Evenen zu Beginn des 19. Jh.s zu machen und dieses sowohl mit früheren als auch mit späteren Quellen zu vergleichen. Außerdem wird ein‐ drucksvoll geschildert, wie strapaziös die Reise war und wie vielfältig die Eindrücke waren, die Natur und indi‐ gene Ethnien bei dem westeuropäischen Reisenden hin‐ terlassen haben. Kristina Küntzel-Witt (kristina.kuentzel@t-online.de) Watts, James W.: How and Why Books Matter. Es‐ says on the Social Function of Iconic Texts. Sheffield: Equinox, 2019. 218 pp. ISBN: 978-1-78179-768-6. Price: $ 29.95 This important collection of essays from James W. Watts fills in many gaps left by previous studies of books in general, and religious scriptures in particular, that prioritize the meaning and influence of specific 284 Book Reviews Anthropos 115.2020

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References

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.