Content

Claudia Hoffmann, Rüegg, François (Hrsg./éd.): Ethnographie und Mission. Georg Höltker und Neuguinea. Beiträge zum Workshop an der Universität Fribourg, Oktober 2016 / Ethnographie et Mission. Georg Höltker et la Nouvelle-Guinée. Actes du Colloque tenue à l’Université de Fribourg en octobre 2016. Siegburg: Franz Schmitt Verlag, 2018. 151 pp. ISBN 978-​3-​87710-​551-​1. Preis: € 19,90 in:

Anthropos, page 267 - 268

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-267

Browse Volumes and Issues: Anthropos

Bibliographic information
Rüegg, François (Hrsg./éd.): Ethnographie und Mis‐ sion. Georg Höltker und Neuguinea. Beiträge zum Workshop an der Universität Fribourg, Oktober 2016 / Ethnographie et Mission. Georg Höltker et la Nouvelle- Guinée. Actes du Colloque tenue à l’Université de Fri‐ bourg en octobre 2016. Siegburg: Franz Schmitt Verlag, 2018. 151 pp. ISBN 978-3-87710-551-1. Preis: € 19,90 Der vorliegende Sammelband soll das reiche Erbe Georg Höltkers bekannt machen. Der deskriptive Zu‐ gang zu Leben und Wirken nur einer Person bietet Ein‐ sichten in unterschiedliche Themenfelder. Das rund 150 Seiten umfassende Buch stellt Höltkers Sammlung vor, die insgesamt 2.000 Objekte und 2.500 Fotografien um‐ fasst und zerstreut in Europa aufbewahrt wird. Das Buch liefert nicht nur Erkenntnisse zum materiellen Er‐ be Höltkers, sondern hält auch in wissenschaftlicher Hinsicht einige interessante Entdeckungen bereit. Der Sammelband gibt zur Bearbeitung ethnografischer Sammlungen, die für die Wissenschaft eine Herausfor‐ derung darstellen, hilfreiche Hinweise. Darüber hinaus bietet das Buch analytische Tools an, die zur Erfor‐ schung verschiedener Themen im Kontext der Ethno‐ grafie und Missionsgeschichte benutzt werden können. Georg Höltker (1895–1976) war ein Steyler Missio‐ nar, Ethnologe und Mitarbeiter der Zeitschrift Anthro‐ pos, Professor für Ethnologie in den Steyler Missionsin‐ stituten St. Gabriel (A) und St. Augustin (D) und an der Universität Fribourg (CH). Höltker war Forscher in Neuguinea zwischen 1936 und 1939, genau in der Zeit des “Anschlusses” Österreichs an das nationalsozialisti‐ sche Deutschland. Er war auch Mitarbeiter am Tropen‐ institut in Basel und Lehrer in einem Steyler Internat in der Ostschweiz. Eine kurze Biografie mit den wichtigs‐ ten Lebensstationen von Höltker zu Beginn oder am En‐ de des Buches fehlt, hätte der Leserin aber eine hilfrei‐ che Übersicht über das facettenreiche Leben und Wir‐ ken Höltkers geboten. Höltker war ein Steyler Missionar, der nie als Missio‐ nar im Ausland tätig war, sondern immer im Dienst der Wissenschaft stand, ein sogenannter Anthropos-Pater, jener Teil der Steyler Missionare, die sich mehrheitlich der wissenschaftlichen Forschung in Linguistik und Ethnologie verschreiben. Höltkers Schaffen ist einge‐ bettet in das wissenschaftliche Bemühen der ganzen Ge‐ meinschaft der Steyler Missionare. Höltker war ein Schüler von P. Wilhelm Schmidt, der mit seiner Kultur‐ kreistheorie und der Suche nach einem Urmonotheis‐ mus in der Ethnologie und der Missionswissenschaft deutliche Spuren hinterließ. Höltker hat nicht die glei‐ che Aufmerksamkeit erfahren in der Wissenschaft wie seine Mitbüder und ebenfalls Schüler von P. Wilhelm Schmidt, wie z. B. Paul Arndt, Wilhelm Koppers, Martin Gusinde und Paul Schebesta. Auch deshalb ist dieser Sammelband wichtig. Die Aufarbeitung von Mis‐ sionsgeschichte läuft oft Gefahr, nur die großen Namen zu beleuchten und zu erforschen. Der Sammelband stellt in sieben Beiträgen dar, wie Georg Höltker gelebt und als Wissenschaftler, Forscher und Sammler gewirkt hat. Zwei Artikel sind auf Franzö‐ sisch, fünf in deutscher Sprache gehalten. Jeder Artikel stellt verschiedene Aspekte des Lebens und Schaffens von Höltker vor: Höltker in Neuguinea, seine Beziehun‐ gen zum Völkerkundemuseum in Wien und dem Muse‐ um der Kulturen in Basel, seine Sammlung, wie sie ent‐ stand und aufbewahrt wurde. Darüber hinaus deckt der Sammelband Fragen und Themen ab, die in der Missi‐ onswissenschaft, in der Geschichte und der Anthropolo‐ gie nach wie vor relevant sind. Der erste Beitrag von Grauer und der Beitrag von Voirol verdeutlichen, wie von Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Missiona‐ ren gesammelt wurde. Voirol illustriert darüber hinaus die Situation von Missionsstationen in Neuguinea. In den Beiträgen von Grauer und Loder-Neuhold wird in Ansätzen erkennbar, wie angespannt das Verhältnis zwi‐ schen Mission und Ethnografie in der Mitte des 20. Jh.s war. Im zweiten Artikel von Grauer kann die Leserin lernen, wie eine katholische Missionsgesellschaft funk‐ tioniert und wie sich der Kunstmarkt in den 1960-er Jahren für Ethnografika zu interessieren begann. Loder- Neuhold und Rüegg beleuchten die Existenz von Missi‐ onsgesellschaften in Europa in der nationalsozialisti‐ schen Ära. Loder-Neuhold zeigt auf, welche Koopera‐ tionen eingegangen wurden, aber vor allem auch, wel‐ che Konflikte entstanden und welche Konsequenzen da‐ raus gezogen wurden. Die Beiträge von Rüegg, Rossi, Voirol und Skrabania fokussieren auf die von Höltker gesammelten Objekte und thematisieren damit den Um‐ gang mit materieller Kultur in der Wissenschaft. Objek‐ te bezeugen das Bemühen um ein Verstehen des Frem‐ den, sie erzählen von Begegnungen und Beziehungen. Der Sammelband geht zurück auf einen Workshop an der Universität Fribourg im Jahr 2016. Die Beiträge sind teilweise ausschließlich deskriptiv gehalten. Insbe‐ sondere wenn es um die gesammelten Objekte geht, wä‐ re aber eine vertiefendere Analyse zur Geschichte und Verwendung der Objekte wünschenswert. Die “backsto‐ ry” (Hamilton) der Ethnografika bleibt bei Höltkers sorgfältig katalogisierten und gut beschriebenen Objek‐ ten auf weiten Strecken unbekannt. Wer die Objekte den Missionaren ausgehändigt hat und warum, wie die Inter‐ aktion mit indigenen Informanten oder Informantinnen aussah, wie der Transfer der Objekte nach Europa orga‐ nisiert wurde und verlief, wird von Höltker nicht ausge‐ führt. In der Missionsgeschichtsschreibung ist dies ein bekanntes Phänomen. Es wäre aber wünschenswert, dass in der Wissenschaft das Problem der “backstory” solcher Objekte breiter thematisiert wird. Ebenso gilt es, der Frage, wie solche Gegenstände verwendet wurden, größeres Gewicht zu geben. Welche Funktion hatte eine Ahnenfigur mit besonders großer Nase? Zu welchen Anlässen wurden Masken getragen? Warum befindet sich ein Krokodil in der Sammlung? Die gesammelten Objekte wurden von den damaligen Sammlern zwar als für die lokale Kultur wichtig erkannt und deshalb aufbe‐ wahrt, Sinn und Zweck interessierten aber nicht. Ein Schlussbeitrag zum Thema Provenienzforschung von Ethnografika, der Höltkers Sammlung in einen größeren Kontext einbettet, wäre hier gewinnbringend. Was be‐ Book Reviews 267 Anthropos 115.2020 deutet es für die Forschung, dass zahlreiche Objekte aus vergangenen Zeiten an unterschiedlichen Orten ver‐ streut aufbewahrt, teilweise schlecht katalogisiert, ein‐ fach abgestellt und vergessen sind? Die Beiträge von Grauer, die rund ein Drittel des Bu‐ ches ausmachen und sich vertieft mit dem Leben und Wirken von Höltker auseinandersetzen, liefern Begriffe und Vorschläge zur Analyse, die hilfreich sind. Missi‐ onsgesellschaften als transnationale Netzwerke (Haber‐ mas) zu betrachten, erscheint als nützlich Brille, wenn die Sammlung von Objekten und die Entstehung von Missionsmuseen untersucht wird. Zu fragen wäre aller‐ dings, ob es sich dabei um geschlossene Netzwerke handelt. Denn es verwundert, dass Höltker nie mit der Basler Mission in Kontakt kam, obwohl er am Tropen‐ institut in Basel tätig war und in engem Kontakt mit dem Direktor des Museums der Kulturen Felix Speiser stand. Waren die konfessionellen Gräben so groß? Mis‐ sionsmuseen waren nicht nur ein Phänomen der ethno‐ grafisch orientierten Steyler Missionare, sondern wur‐ den von einigen Missionsgesellschaften unterhalten. Eine in Grauers zweitem Artikel angefangene Einbet‐ tung der Missionsmuseen in einen größeren, vor allem auch Missionskontext, wäre ein Thema, das in Zukunft weiter untersucht werden könnte. Welche Funktion ha‐ ben diese Museen? Wie unterscheiden sie sich von ein‐ ander, wo liegen Gemeinsamkeiten? Ein besonderes Verdienst dieses Sammelbandes liegt darin, dass das ethnografische Forschen in und durch Missionsgesellschaften deutlich wird. Der Zugang zum Feld verlief für die Anthropos-Patres über die ordensei‐ genen Missionare und Missionsschwestern. Sie waren vor Ort, der Sprache mächtig und haben sich bei der lo‐ kalen Bevölkerung bereits Respekt verschafft. Die Mis‐ sionare standen mit den Wissenschaftlern in einem Leh‐ rer-Schüler-Verhältnis. Die Missionare erfassten linguis‐ tische und anthropologische Daten, die von den Wissen‐ schaftlern reflektiert und interpretiert wurden. Bei Be‐ darf, von Höltker sehr konkret anhand von Fragebogen, wurde nachgefragt (vgl. Beiträge Grauer und Voirol). Diese Vorgehensweise erlaubte auch relativ kurze Auf‐ enthalte im Feld. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur Steyler Wissenschaftler in dieser Art und Weise ge‐ forscht haben, sondern dass auch für “säkulare” For‐ schende lange Zeit der europäische Missionar der Tür‐ öffner zum Feld darstellte. Der Sammelband trägt dazu bei, die Funktion von Missionaren und Missionsschwestern bei der Entste‐ hung großer Ethnografien anfangs des 20. Jh.s besser zu verstehen. Die zentrale Rolle von Missionaren und Mis‐ sionsgesellschaften wird im vorliegenden Buch nicht zuletzt am großen Einfluss der Anthropos-Patres auf die verschiedenen Wiener Institutionen der Ethnografie bis zum Zweiten Weltkrieg veranschaulicht (vgl. Beitrag Loder-Neuhold). Claudia Hoffmann (claudia.hoffmann@unibas.ch) Salamone, Frank A., and Marjorie M. Snipes (eds.): The Intellectual Legacy of Victor and Edith Tur‐ ner. Lanham: Lexington Books, 2018, 113 pp. ISBN 978-1-4985-8220-9. Price: $ 85.00 Festschriften fristen ein Randseiterdasein in Spezial‐ bibliotheken. Runde Geburtstage zumeist männlicher Gelehrter sind Anlass, dickleibige Werke zu edieren, de‐ ren Beiträge häufig Themen abhandeln, die, so manche maliziöse Unterstellung, andernorts keinen Platz gefun‐ den haben. Auf vorliegende Festschrift passen derlei Zuschrei‐ bungen nicht. Anlass für diese Festschrift der “anderen Art” ist kein runder Geburtstag, sondern der Tod Edith Turners im Juni 2016. Neun Freunde, Kolleginnen und der Sohn Rory bemühen sich im vorliegenden, mit 113 Seiten eher schmalen Band um das intellektuelle Ver‐ mächtnis des Ehepaars Victor (1920–1983) und Edith Turner (1921–2016). Mit ihnen verbunden sind, wie James Peacock in seiner Einleitung festhält, For‐ schungsthemen wie Ritual, Heilung, Geister, Pilger‐ schaft und analytische Konzepte wie Communitas, Li‐ minalität, soziales Drama. Beide einte die Leidenschaft für die Feldforschung, die Edith selbst noch im hohen Alter bis nach Alaska und Russland führte. Zu Edith Turners Vermächtnis gehört zudem ihr Engagement für eine humanistische Ethnologie, die das kreative Indivi‐ duum ins Zentrum rückt, Mitempfinden methodisch for‐ dert und literarisches Schreiben nicht nur zulässt, son‐ dern besonders wertschätzt. Für den Einstieg in die Feldforschung riet Edith Turn‐ er ihren Studierenden, über das Wetter zu sprechen: “If you aren’t sure how to get things done, it’s always a good idea to talk about the weather” (4). Rory Turner nimmt diese Empfehlung zum Anlass, über Victor und Edith Turners “radical critical empathy and the reality of communitas” nachzudenken (“Talking about the Weather”; 3–13). Feldforschung, wie Ediths Beispiel lehrt, wird zum Abenteuer der Teilhabe, mündet mögli‐ cherweise in “joyful immersion” (6). Das Projekt einer radikal kritischen Empathie, so Rory Turner, weist Par‐ allelen zur “existential anthropology” eines Michael Jackson auf, der der Ethnologie die Macht zuschreibt, intersubjektive Lebenswirklichkeiten in Detail und Tie‐ fe so zu beschreiben, dass Momente gegenseitigen Ver‐ stehens und des Auflösens der selbst-fremd Dichotomie möglich werden. “Existenzethnologie” wird zum Heil‐ mittel gegen Gewalt und Verachtung. Edith Turners Ver‐ ständnis von Communitas zielte genau in diese Rich‐ tung, in der Herstellung von geteilter Wirklichkeit, einer “reality of shared being” (7). An dieser Ambition in dunklen Zeiten festzuhalten, fällt schwer, wie Rory Turner bekennt. Gemeint sind der Wahlsieg Donald Trumps im November 2016 und die Folgen für die poli‐ tische und mentale Großwetterlage in den USA. Welche Rolle kann und soll die Ethnologie in solchen Umbruch‐ zeiten spielen, in denen humanistische Ideale durch zy‐ nische Twitterbotschaften lächerlich gemacht werden? Rory Turner setzt dem ein beharrliches Festhalten an den Idealen seiner Eltern entgegen: “… the sun will 268 Book Reviews Anthropos 115.2020

Chapter Preview

References

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.