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Roland Seib, Rooney, Michelle Nayahamui: Nogat Mani. Social Safety Nets for Tufi Migrants of ATS Settlement, Moresby, Papua New Guinea. Canberra: The Australian National University, 2017. 385 pp. in:

Anthropos, page 265 - 266

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-265

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Josef Rivinus SVD an, um das bisherige Desiderat der Forschung aufzuarbeiten. Dieser Teil der Geschichte der Benediktinermission lässt sich nur vor dem Hintergrund und in enger Verbin‐ dung mit der deutschen und europäischen Kolonialge‐ schichte des 19. und frühen 20. Jh.s sehen, die den Weg für die Aktivitäten deutscher Missionarinnen und Mis‐ sionare auf dem afrikanischen Kontinent ebnete: “Kolo‐ nialbewegung und Mission avancierten zum Main‐ stream. Sie fanden zu einer reziproken, gleichwohl am‐ bivalenten Beziehung. … In dieser … Gemengelage und atmosphärischen Stimmung ist das missionarische Engagement des aus der Schweiz stammenden Benedik‐ tiners P. Andreas Amrhein anzusiedeln” (6 f.). Für die Entstehung der Kongregation nicht weniger bedeutsam waren die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat im sogenannten “Kulturkampf”, die sich neben dem Deutschen Kaiserreich noch auf weitere europäi‐ sche Länder und Staaten bezogen. Am Beispiel von P. Andreas Amrhein, der Ottilianer Kongregation und der Anfänge ihrer Missionstätigkeit in Ostafrika hat sich die vorliegende Studie auf die Su‐ che nach dem Erfahrungshorizont eines Protagonisten der mit dem deutschen Kolonialismus aufkeimenden ka‐ tholischen Missionsbewegung begeben und ist den Aus‐ wirkungen der großen historischen Prozesse dieser Epo‐ che auf den Katholizismus im Deutschen Kaiserreich, seine Institutionen und Gestimmtheiten nachgegangen. Daraus ergeben sich detaillierte Hinweise auf den Wer‐ degang Amrheins vom angehenden Kunstmaler zu einem klugen Netzwerker im Sinne der Mission und sei‐ ner eigenen Vision vom ersten katholischen Missions‐ haus im Deutschen Kaiserreich, vor allem auf seine en‐ gen Verbindungen zu politischen und kirchlichen Ak‐ teuren in ganz Europa, zum Beispiel zu den bereits eta‐ blierten Steyler Missionaren in den Niederlanden oder den Missionaren von Mill Hill in England, mit deren Hilfe er seine Neugründung in Bayern vorbereite‐ te. “Amrhein hat es vorzüglich verstanden, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, das Institut von St. Ottilien, seine Tätigkeit und Anliegen werbewirksam zu präsentieren” (240). Darin liegt die Stärke dieses Bandes, mit dem Karl Josef Rivinus SVD eine detailreiche, gut lesbare Schil‐ derung der Anfänge der Missionsbenediktiner von St. Ottilien und ihrer Mission in Ostafrika gelungen ist. Den Fokus legt er dabei auf die Darstellung einer pro‐ zesshaften Entwicklung sowie der politischen und kirchlichen Einflussfaktoren auf den Gründer als deren zentralen Akteur, während der biografische Ansatz in den Hintergrund rückt. Die erzählte Lebensgeschichte, die Amrheins persönliche Entwicklung, sein facettenrei‐ ches Leben und seine Gedankenwelt nur bis in die 1880-er Jahre genauer verfolgt, konzentriert sich ganz auf diese Aspekte. Die Darstellung reicht in acht Kapiteln von der Ent‐ stehung einer “neuen Missionsepoche” (15) seit Mitte des 19. Jh.s bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. “Mit dem verlorenen Krieg und dem Friedensvertrag von Versailles waren für Deutschland die Kolonialepoche und damit ebenso die Tätigkeit der Missionare von St. Ottilien im Konnex der Kolonialherrschaft in Ostafrika zu Ende gegangen” (356). An dieser Stelle ist der Ein‐ schätzung des Autors zu widersprechen. Neuere Studien haben gezeigt, dass die Benediktinermission in Ostafri‐ ka unter britischer Kolonialherrschaft von den 1920-er Jahren bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil und der politischen Unabhängigkeit Tansanias Mitte der 1960-er Jahre eine aus Ottilianer Sicht durchaus erfolgreiche Wiederaufnahme bzw. Fortsetzung fand. Auch hierfür waren die grenzüberschreitenden Netzwerke der Kon‐ gregation und ihrer zentralen Akteure entscheidend – ganz nach dem Vorbild ihres Gründers P. Andreas Am‐ rhein. Christine Egger (christine.egger@uni-passau.de) Rooney, Michelle Nayahamui: Nogat Mani. Social Safety Nets for Tufi Migrants of ATS Settlement, Mo‐ resby, Papua New Guinea. Canberra: The Australian National University, 2017. 385 pp. Die von der Australian National University (ANU) in Canberra angenommene Dissertation thematisiert das Leben und die sozialen Sicherungsbemühungen von Tu‐ fi-Migranten aus der nördlichen Provinz Oro (oder Northern) in einer Armutssiedlung in Papua-Neuguine‐ as (PNG) Hauptstadt Port Moresby über den Zeitraum von Mitte der 1990-er Jahre bis zur Feldforschung im Jahr 2013. Prägend ist dabei ein urbaner Kontext feh‐ lender formaler Einkommensmöglichkeiten und er‐ schwinglichen Wohnraums und entsprechender prekärer Lebensverhältnisse mit niedrigen oder nichtexistenten Einkommen, die sich mit dem Pidgin-Terminus nogat mani, kein Geld, zusammenfassen lassen. Hinzu kom‐ men das Fehlen jeglicher staatlichen sozialen Siche‐ rung, das hohe Bevölkerungswachstum und die Krimi‐ nalität. Basierend auf theoretischen Konzepten des Werts, des Austauschs, der Verwandtschaft und des urbanen Raums zeigen die elf Kapitel der Studie, wie die auf ge‐ genseitiger Verpflichtung und Reziprozität basierende kollektive kulturelle Identität der gemeinsamen Pro‐ vinzherkunft und Verwandtschaft genutzt wird, um die alltäglichen Herausforderungen der sozialen Marginali‐ sierung in der Großstadt zu bewältigen. Die Autorin ist Bürgerin des Landes mit langjähriger Lebenserfahrung in der Hauptstadt. Da ihr Partner der Tufi-Diaspora an‐ gehört, hat sie als Verwandte Zugang zu der Siedlung. PNGs städtische Bewohner belaufen sich auf drei‐ zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon leben ge‐ schätzte fünfzig Prozent in illegalen informellen Sied‐ lungen ohne Zugang zu Strom und Wasser und ohne Anschluss an die städtische Kanalisation. Die Unter‐ künfte reichen von zumeist einfach gezimmerten Bret‐ terhütten bis zu wenigen Häusern aus permanentem Ma‐ terial. Da die Migranten zum Großteil keine Rechtstitel über das genutzte Land besitzen, besteht auch kein An‐ Book Reviews 265 Anthropos 115.2020 spruch auf kommunale Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitsversorgung sowie Entwicklungsmaß‐ nahmen. Die Hauptstadt mit ihren weit mehr als 364.000 Bewohnern (Zensus 2011) ist der mehrsprachi‐ ge, multikulturelle und vielseitige Schmelztiegel der heutigen PNG-Gesellschaft. Sie bestand 2013 aus 20 geplanten und 79 wilden Siedlungen. Die Entwicklung der Hauptstadt kann nur historisch seit der britischen und späteren australischen Kolonial‐ zeit ab 1884 verstanden werden, als Europäer Land er‐ warben und es indigenen Männern nur zeitlich begrenzt erlaubt war, zur Beschäftigung mit Unterkunft nach Port Moresby zu ziehen. Seit den 1950-er Jahren hatten die traditionellen Landbesitzer der Region von Motu und Koita die Verpflichtung, ihr Land für die städtebauliche Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Entsprechend waren bereits ein Jahr vor der Unabhängigkeit von 1975 vier Fünftel des Landes innerhalb der Stadtgrenzen tra‐ ditionellen Bodenbesitzverhältnissen entzogen. Einen gewaltigen Schub hin zur Kommerzialisierung und Verteuerung städtischen Bodens und damit der Im‐ mobilien erfuhr die Stadt seit den 1990-er Jahren als Zentrum des bis heute anhaltenden Rohstoffbooms. Auslandskonzerne versorgen ihre Überseemitarbeiter mit subventionierten Häusern, die in Verbindung mit be‐ reitgestellten Unterkünften für Staatsbedienstete die Entstehung eines normalpreisigen Immobilienmarkts verhindern. Das seit 2010 errichtete Flüssiggasprojekt (LNG) und der APEC-Gipfel von 2018 haben diese Ent‐ wicklung nur noch beschleunigt, die häufig mit gewalt‐ samer Räumung, Vertreibung und Umsiedlung der Mig‐ ranten verbunden ist. Die im Zentrum der Studie stehende Siedlung der Tu‐ fi-Migranten nahe der Air Transport Squadron (ATS) der PNG Defence Force nordöstlich des Hauptstadtflug‐ hafens war 1995 durch Vermittlung von Parlamentsab‐ geordneten zustande gekommen, als die traditionellen Landbesitzer des Dubara Clans ein Stück Land mit dem Rechtstitel 698 an wenige Oro-Siedler abgaben. Mittler‐ weile ist die Siedlung, damals noch am Rande der Stadt mit Möglichkeiten des landwirtschaftlichen Anbaus zur Subsistenzversorgung, auf über 7.000 Bewohner ange‐ wachsen und hat sich auf angrenzende Gebiete ausge‐ dehnt. Problematisch für die Siedler sind immer mehr Zugewanderte aus anderen Provinzen des Landes, die sich ebenfalls dort niederlassen. Die Gründe zur Migra‐ tion der Tufi-Siedler ergeben sich nicht nur aus der geo‐ grafischen Nähe der Oro Provinz. Arbeitslosigkeit, Na‐ turkatastrophen und ethnische Konflikte sowie die Angst vor Hexerei und Magie sind hier weitere wichtige Motive. Auch wenn ein zunehmender Teil der jüngeren Gene‐ ration der Tufi-Migranten keine Verbindung zu den ländlichen Wurzeln aufweist, bleiben die Identitäten der Ursprungsprovinz trotz historischer Einflüsse ein zen‐ trales Merkmal urbaner Vergesellschaftung, die von Handlungen der Großzügigkeit, des Teilens, des Mitge‐ fühls und der gegenseitigen Unterstützung geprägt sind. Regelmäßige Sportturniere und Festlichkeiten erneuern diese kollektive Identität, die sich als städtischer Mikro‐ kosmos der Oro Provinz darstellt. Wichtig ist auch die kollektive Zusammenarbeit mit der Anglikanischen Kir‐ che, der wichtigsten Denomination der Oro Provinz seit der Kolonialzeit, sowie mit Behörden, Firmen und Nichtregierungsorganisationen, die zur Unterstützung der Siedlung beitragen. So gibt es mittlerweile fünf kommunale Wasseranschlüsse, die kollektiv genutzt und bezahlt werden, sowie eine Grundschule, die das tägli‐ che Dilemma Geld für Essen oder den Schulbus auflöst. Da zwei Drittel der Haushalte vierzehntäglich über weniger als 100 Kina pro Person zum Lebensunterhalt verfügen (etwa 26 Euro), kombiniert mehr als die Hälfte der Haushalte die externe Lohnarbeit mit lokalen ein‐ kommensgenerierenden Aktivitäten. Wichtigste Institu‐ tion für Nahrung und Geld ist der von Frauen geführte lokale Markt. Aber auch Familienmitglieder außerhalb der Siedlung sind eine wichtige Quelle der Unterstüt‐ zung. Verlieren diese ihren Arbeitsplatz beim Staat oder bei Unternehmen, verlieren sie auch ihre Unterkunft und sind gezwungen, zu Verwandten in die Siedlung zu ziehen. Eine der wichtigsten kulturellen Aktivitäten der Mi‐ grantengemeinschaften ist die Überführung Verstorbe‐ ner in die Heimat, was die gegenseitigen Beziehungen beständig erneuert. Sie erweist sich für alle Verwandten als kostenintensiv, da die letzten finanziellen Mittel für Trauerfeierlichkeiten und den Transport der Urne beizu‐ steuern sind. Kollektiv relevant sind aber auch die Kri‐ minalität und Gewalt der eigenen Jugendlichen, die Brüche in der sozialen Balance verursachen, die die ge‐ samte Gemeinschaft zur Wiederherstellung von sozialer Harmonie und Sicherheit herausfordern. Dies gerade auch angesichts einer nichtvorhandenen Polizeibehörde. Tufi-Migranten erweisen sich als offen, über kriminelle oder ethnische Gewalt zu reden, die tief im Leben der Menschen verwurzelt ist, nicht aber über die ebenso all‐ tägliche häusliche Gewalt. Zusammenfassend ist die Studie, als “open access thesis” verfügbar auf der Homepage der ANU, gelun‐ gen. Sie dokumentiert nicht nur das kreative sozial ein‐ gebettete Leben und Überleben von Siedlern in einem von kapitalistischer Monetarisierung und Durchdrin‐ gung geprägten urbanen Kontext des Landes PNG. Sie leistet damit auch einen Beitrag zum Verständnis von Prozessen der Urbanisierung und staatsbürgerschaftli‐ chen Entwicklung in Städten des Globalen Südens aus melanesischer Perspektive. Zudem verweist sie auf die krasse Disparität eines Rohstoffbooms mit teils hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten und der Realität sich verschlechternder Entwicklungsindikatoren mit prekä‐ ren Lebensbedingungen. Es bleibt mit der Autorin zu hoffen, dass die Studie Eingang in städteplanerische, rechtliche und entwicklungspolitische Perspektiven fin‐ det, die einem Großteil der städtischen Bevölkerung zu Gute kommen könnten. Roland Seib (rseib@t-online.de) 266 Book Reviews Anthropos 115.2020

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References

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.