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Roland Cvetkovski, Kasten, Erich (ed.): Jochelson, Bogoras, and Shternberg. A Scientific Exploration of Northeastern Siberia and the Shaping of Soviet Ethnography. Fürstenberg: Verlag der Kulturstiftung Sibirien, 2018. 283 pp. ISBN 978-​3-​942883-​34-​4. Price: € 28,00 in:

Anthropos, page 232 - 233

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-232

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Catholic ceremony in which Menomonee religious con‐ verts assemble around a cross in neatly ordered rows, while beyond the surrounding fence, scattered groups of “pagans” in traditional garb look on with varied degrees of interest (28: Fig. 20). Gachet deeded 44 Menominee objects to Fribourg’s Musée d’Antiquités in 1860, and from here the collec‐ tion’s more recent “back story” offers considerable interest, for it illustrates the precarity of untold numbers of legacy ethnographic collections like Gachet’s which, relegated to attics or basements, only partially invento‐ ried, and suffering from physical loss, are sorely in need of resuscitation. Close reading of the volume points to the collaborative effort that went into bringing the col‐ lection and Gachet’s accompanying drawings together again, and back into the light of day. Indeed, the book reflects the interests of a range of contemporary stakeholders. The “Preface” was con‐ tributed by a council member of Fribourg, Gachet’s beloved home town. We learn in the “Editor’s Introduc‐ tion” how the book’s publisher, Pro Ethnographi©a, stepped in to digitize, document, and ultimately pur‐ chase this and several other of the University of Fri‐ bourg’s collections in order to aid in their long-term preservation. The primary goal of a chapter by the late professor and Capuchin Anton Rotzetter is to situate Gachet within his Capuchin religious worldview and appointments (including a long and apparently bela‐ bored assignment in India), but we learn through Rotzetter’s footnotes that Gachet’s illustrated diaries are maintained in the local Fribourg Capuchin friary, and were only recently reconnected with his related ethno‐ graphic collection. Kasprycki’s second essay of comparative and contex‐ tual notes offers a fascinating window into the complex process of reassembling a fragmented historic collec‐ tion. The resulting catalogue includes full color object photos, many accompanied by drawings which further illuminate each object’s original cultural context. A wooden model of a dugout canoe, for example, is outfit‐ ted with a miniature raised platform. Paired with one Gachet’s drawings of a boat in use, the reader sees how the platform was designed to support an illuminated torch for fishing at night. Some items in the collection, such as a pair of beaded mittens and a wooden case built for a simple clay pipe, are extraordinary simply as rare examples of the ordinary – items which collectors often ignored and hence are poorly represented in ethnographic collections today. Several demonstrate the fine bead and quill work for which native groups of Great Lakes area are well-known, while one artisan’s response to the possibilities offered by new materials is evident in a pair of moccasins whose traditional quill‐ work design was created using silk-thread embroidery. The volume concludes with a “catalogue raisonné,” the art historical term for a complete catalog of an artist’s works and used here to describe Kasprycki’s best estimate of what remains today of Gachet’s collection. The catalogue alone, in addition to the volume as a whole, represents a substantial research effort and will be instrumental in linking Gachet’s materials with Menominee cultural records located elsewhere. The Publisher Pro Ethnographi©a asserts itself to be “Nonprofit, apolitical, and non-confessional in its nature” (10), a statement of neutrality that’s perhaps intended to separate the current era of collection stewardship from its missionizing precursor. Can any repository of cultur‐ al materials be truly neutral, however? There are always choices to be made, and one could argue that the au‐ thors’ careful work of reassembling the collection for publication is itself a political act. But what then of the Menominee today? To whom goes the charge of ensur‐ ing that the book’s rich content makes its way back to its source community? What surely awaits is the oppor‐ tunity to usher the 19th-century cultural materials that Antoine Marie Gachet obtained in Wisconsin into their next chapter of life. Amy V. Margaris (amy.margaris@oberlin.edu) Kasten, Erich (ed.): Jochelson, Bogoras, and Shtern‐ berg. A Scientific Exploration of Northeastern Siberia and the Shaping of Soviet Ethnography. Fürstenberg: Verlag der Kulturstiftung Sibirien, 2018. 283 pp. ISBN 978-3-942883-34-4. Price: € 28,00 Die ethnografische Kartierung des russländischen Im‐ periums blickt auf eine lange Tradition zurück, die im frühen 18. Jh. ihren Anfang nahm, als der russländische Staat im Zuge der großen Expeditionen Hundertschaften von namhaften Forschern damit beauftragt hatte, das Reich nicht nur geografisch zu vermessen, sondern in seiner naturhistorischen Beschaffenheit zu erschließen und auch seine ethnische Vielfalt genau zu dokumentie‐ ren. Die Berichte, die daraus hervorgegangen sind, wie etwa von Johann Georg Gmelin, Georg Wilhelm Steller, Gerhard Friedrich Müller oder Stepan P. Krašeninnikov, sind heute noch lesenswert, nicht nur weil sie eine Fülle an Informationen auch über die indigenen Völker Sibiri‐ ens bereithalten, sondern weil ihre Beschreibungen zu‐ gleich Aufschluss geben über das zeitgenössische epis‐ temische Ordnungsprinzip, das die Expeditionsteilneh‐ mer ihren Beobachtungen zugrundegelegt hatten: Steine und Pflanzen beanspruchten das gleiche Maß ihrer Auf‐ merksamkeit wie Tiere und Menschen. Eine Ethnografie freilich, die sich nicht lediglich auf ein Verfahren allge‐ meinen additiven Verzeichnens beschränken wollte, sondern analytische und damit wissenschaftliche Krite‐ rien an einen einzigen Untersuchungsgegenstand – indi‐ gene Völker – legte, sollte sich in Russland, wie übri‐ gens im restlichen Europa auch, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s etablieren, obgleich sie gerade we‐ gen ihrer Nähe zur Anthropologie als eigenständige Disziplin bis Ende des 19. Jh.s nur langsam Konturen annahm. Bei der Verwissenschaftlichung der Ethnogra‐ fie spielte der russländische Staat erneut eine bedeutsa‐ me, nun aber gänzlich unrühmliche Rolle. Denn nicht wenige der ethnografischen Pioniere hatten ihre Be‐ schäftigung deswegen in Sibirien aufgenommen, weil 232 Book Reviews Anthropos 115.2020 sie wegen revolutionärer Umtriebe, derer sie in den 1870-er und 1880-er Jahren bezichtigt wurden, von der Obrigkeit dorthin verbannt worden waren. Aus der Not geboren widmeten sie sich an ihren Verbannungsorten dem Studium dort ansässiger Stämme und Völker und begründeten damit zugleich eine auf extensiver Feldfor‐ schung basierende Ethnografie. Mit Vladimir I. Jochel’son, Vladimir G. Bogoraz und Lev Ja. Šternberg richtet der vorliegende Band nun den Blick auf die vielleicht größten russländischen Ethno‐ grafen um die Jahrhundertwende. Ziel der neun darin versammelten Beiträge ist es nun, wie man der Einlei‐ tung des Herausgebers entnehmen kann, genauer her‐ auszuarbeiten, wie diese drei Protagonisten in die Eth‐ nografie gleichsam hineingezogen worden waren. Die größtenteils aus ethnografischer Perspektive geschriebe‐ nen Artikel ziehen ebenso biografische Begebenheiten der einzelnen Ethnografen heran, wie sie auch ihre je‐ weiligen Werke – alle drei haben Klassiker der ethno‐ grafischen Literatur zu Sibirien verfasst: Jochel’son zu den Korjaken, Bogoraz zu den Čukčen und Šternberg zu den Giljaken – detailliert kontextualisieren. Dass vor al‐ lem der Wegbereiter der amerikanischen Anthropologie Franz Boas dabei immer wieder eine bedeutende Rolle spielte, liegt mitunter daran, dass Jochel’son sowie Bo‐ goraz Teilnehmer der berühmten von Boas geleiteten Je‐ sup North Pacific Expedition zwischen 1897 und 1902 gewesen waren, die in großangelegten Feldforschungen im nordpazifischen Raum Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Völkern beiderseits der Beringstraße nachzuweisen versuchte. Fünf Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich mit Jochel’son, dem aus der sogenannten “Ethnotrojka” am wenigsten bekannten und in der Forschung nicht ganz so ausgiebig behandelten russländischen Ethnogra‐ fen. Er wird biografisch wie auch in seiner Wirkungsge‐ schichte aufgearbeitet (M. Winterschladen), in seinen früheren Schriften auf Boas’ Einflüsse untersucht (E. Kasten), in seiner Feldforschung, seinen Methoden und auch seinen Themen präsentiert (E. Kasten und M. Dürr) und schließlich werden seine Arbeiten über die Jukagiren sowie über die Jakuten vorgestellt (T. R. Mil‐ ler und T. Argounova-Low). Die bekannteren Ethnogra‐ fen Bogoraz und Šternberg stehen im Fokus von jeweils nur zwei Beiträgen: Ausführlich wird Bogoraz’ Buch über die Čukčen und sein Einfluss auf die frühsowjeti‐ sche Ethnografie referiert (I. Krupnik und E. Liarskaya), Šternberg wiederum wird in einem detaillierten (werk-)biografischen Artikel vorgestellt (A. Sirina und T. Roon) wie auch sein evolutionärer Ansatz einer diffe‐ renzierten Kritik unterzogen wird (S. Kan). Der mit der russländischen Ethnografie nicht vertrau‐ te Leser wird in diesem Band sicher den einen oder an‐ deren neuen Aspekt für sich entdecken, etwa dass sie ei‐ gentlich den frühen politischen Aktivitäten ihrer wich‐ tigsten Vertreter geschuldet war oder auch dass Bogoraz zeit seines Lebens politisch in höchstem Maße aktiv ge‐ blieben ist. Ebenso dürften die Informationen über die spezifischen Umstände der Expeditionen, im Zuge derer die Unmengen an Materialien und Tondokumenten für jene Arbeiten gesammelt wurden, für die die Protago‐ nisten berühmt werden sollten, ein gewisses faktisches Interesse der Leser befriedigen. Und schließlich dürfte Liarskaya, die wohl den ambitioniertesten Beitrag in diesem Sammelband geschrieben hat, einen brauchba‐ ren wissenschaftshistorischen Einblick über die proble‐ matische Stellung der Ethnografie in den 1920-er und 1930-er Jahren in der Sowjetunion bieten, auch wenn die Autorin die Beziehung zwischen Wissenschaft und Ideologie bisweilen holzschnittartig vereinfacht. Doch vermag dies alles nicht den Gesamteindruck zu kompensieren, dass dieser Band konzeptionell auf gan‐ zer Linie enttäuscht. Lässt sich seine Unwucht noch da‐ mit erklären, dass Jochel’son in der Forschung am we‐ nigsten beachtet wurde und man ihm hier dafür die größte Aufmerksamkeit schenkt, wundert man sich doch über die inhaltliche Wahllosigkeit der einzelnen Beiträge, die völlig unverbunden nebeneinander stehen. Warum der Sammelband im Untertitel verheißungsvoll von der Erforschung Sibiriens sowie von der Formie‐ rung der sowjetischen Ethnografie spricht, die knapp vierseitige Einleitung – wovon auf drei Seiten die ein‐ zelnen Beiträge vorgestellt werden – es hingegen gera‐ dezu ostentativ unterlässt, diese beiden großen Komple‐ xe historisch zu kontextualisieren und zu problematisie‐ ren, bleibt ein Geheimnis des Herausgebers. Dass Igor Krupniks Einleitung von 2017 zur Wiederauflage von Bogoraz’ Monografie über die Čukčen nun hier noch‐ mals vollständig abgedruckt werden muss, leuchtet dem Leser ebenso wenig ein, wie die Übersetzung des be‐ reits 2004 auf Russisch erschienenen Artikels von Siri‐ na und Roon über Šternberg. Seinerzeit zwar informativ und neu fragt man sich nun, worin der Sinn liegt, eine inhaltlich veraltete Arbeit auf Englisch zu publizieren, wenn doch seit 2009 die kapitale Biografie Sergej Kans über Šternberg bereits auf Englisch vorliegt. Und war‐ um Ethnografen, die historisch arbeiten, den Begriff des Imperiums nicht reflektieren (und bis auf M. Winter‐ schladen nicht einmal erwähnen), obwohl sich die For‐ schungen der drei Ethnografen ja kaum anders als vor diesem Hintergrund verstehen lassen, ist im Grunde ge‐ nommen unerklärlich. Dass sich der Herausgeber zu gu‐ ter Letzt nicht einmal die Mühe gemacht hat, einen In‐ dex zu erstellen, fällt dabei kaum mehr ins Gewicht. Es ist schade, dass dieser Band, der in seiner grundlegen‐ den Stoßrichtung gerade angesichts des in den letzten Jahren wiedererstarkenden Interesses an der russländi‐ schen und sowjetischen Ethnografie durchaus vielver‐ sprechend ist, dem Leser nicht wirklich weiterhilft. Roland Cvetkovski (rcvetkov@uni-koeln.de) Knepper, Gert M.: Floresmens. Het leven van Theo Verhoeven, missionaris en archeoloog. Soest: Boek‐ scout, 2019. 270 pp. ISBN 978-94-638-9247-6. Price: € 22,00 The title of this book, written in Dutch, can be trans‐ lated as: “Flores Man. The Life of Theo Verhoeven, Book Reviews 233 Anthropos 115.2020

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References

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.