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Julius Riese, Förderer, Gabriele: Koloniale Grüße aus Samoa. Eine Diskursanalyse von deutschen, englischen und US-amerikanischen Reisebeschreibungen aus Samoa von 1860–1916. Bielefeld: transcript, 2017. 365 pp. ISBN 978-​3-​8376-​4018-​2. Preis: € 44,99 in:

Anthropos, page 216 - 218

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-216

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they present. Each explanation points out Alexander von Humboldt’s motivation for the illustration – some‐ times using the author’s own words. Each drawing is identified by a synthetic title and the year, which the coeditors have deduced from Humboldt’s work and based on their deep knowledge and profound analysis. Details regarding type and size of the diary paper, the volume as well as the page on which it can be found, are also provided. All drawings are numbered according to the order of their appearance in the original source, i. e., the nine volumes, which Alexander von Humboldt person‐ ally arranged when he had his diaries bound in pigskin in 1858 (14). At the end of the volume, a numbered list of the images provides useful information such as the dimension of each image, its title and where it can be found in the American travel diaries. Although this volume will definitely be helpful, espe‐ cially for those who are trying to find Alexander von Humboldt’s ideas and philosophy in his diaries and his drawings, and although the volume is beautifully edited and printed on a special paper and even comes with a slipcase, the author of this review feels entitled to hint at a number of flaws in the production. Unfortunately, some of the drawings were, printed upside down (draw‐ ings 37: p. 554; 286: p. 546; 287: p. 611; 429: p. 657; 430: p. 191; 431: p. 192; 433: p. 198). Daniel Grana-Behrens (dgrana@uni-bonn.de) Förderer, Gabriele: Koloniale Grüße aus Samoa. Eine Diskursanalyse von deutschen, englischen und USamerikanischen Reisebeschreibungen aus Samoa von 1860–1916. Bielefeld: transcript, 2017. 365 pp. ISBN 978-3-8376-4018-2. Preis: € 44,99 Samoa – gemeinsam mit Tonga Ursprungsgebiet po‐ lynesischer Kultur(en) vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren – geriet erst relativ spät in den Fokus europäi‐ scher Interessen. Tiefgreifender westlicher Einfluss setzte auf den Inseln erst mit dem Beginn christlicher Missionierung ab 1830 ein, auch wenn zu diesem Zeit‐ punkt der erste direkte Kontakt zwischen Samoanern und Europäern bereits mehr als 100 Jahre zurücklag. Die 2. Hälfte des 19. Jh.s war in Samoa durch die Kon‐ kurrenz westlicher Mächte – insbesondere der USA, Deutschlands und Großbritanniens – gekennzeichnet, die miteinander um wirtschaftlichen, politischen und strategischen Einfluss auf den Inseln rangen. Innersa‐ moanische politische Fraktionen gerieten in den Strudel dieser Auseinandersetzungen. Die politisch-militäri‐ schen Wirren der 2. Hälfte des 19. Jh.s resultierten schließlich im Jahre 1900 in der kolonialen Teilung des Archipels in einen westlichen, dem Deutschen Reich zugesprochenen Teil und einen östlichen, den USA überantworteten Teil. Ersterer ging mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in neuseeländische Verwaltung, später in die des Völkerbundes und der Vereinten Natio‐ nen über und erreichte im Jahre 1962 seine staatliche Unabhängigkeit. Der östliche Teil der Inselgruppe ge‐ hört bis heute zu den USA. In ihrem Band “Koloniale Grüße aus Samoa” widmet sich Gabriele Förderer der Kernperiode der Kolonialzeit in Samoa: der 2. Hälfte des 19. Jh.s bis zum Ersten Weltkrieg. Mittels Methoden der historischen Diskurs‐ analyse untersucht Förderer die Darstellungen Samoas in deutschen, britischen und US-amerikanischen Reise‐ berichten von 1860 bis 1916. Im Kern der Forschung stehen 15 Reisebeschreibungen, verfasst von sechs deutschen, fünf britischen und vier US-amerikanischen Schreibenden – davon 12 Männer und drei Frauen. Der prominenteste unter ihnen ist zweifelsohne der schotti‐ sche Schriftsteller Robert Louis Stevenson (1850– 1894), der von 1889 bis 1894 in Vailima unweit von Apia lebte und dessen Andenken als tusitala (Geschich‐ tenerzähler) bis heute in Samoa bewahrt wird. Einer mit der deutschen Kolonialzeit in Samoa vertrauten Leser‐ schaft werden die Namen Richard Deeken (1874–1914) und Otto Ehrenfried Ehlers (1855–1895) geläufig sein. Nach Angaben von Förderer reichten die Aufenthalts‐ dauern der 15 untersuchten Reisenden in Samoa von nur zwei Stunden im Falle Michael Myers Shoemakers bis zu 14 Jahren im Falle George Browns. Am oberen Ende dieses Spektrums kann terminologisch nicht mehr von “Reisen” die Rede sein. Korrekter wäre als Genre‐ bezeichnung also – auch im Titel des Bandes – die Be‐ zeichnung “Reiseberichte und Aufenthaltsbeschreibun‐ gen” gewesen. Inhaltlich enthalten die untersuchten Reiseberichte und Aufenthaltsbeschreibungen kulturhis‐ torisch und zum Teil auch ethnografisch relevantes Ma‐ terial. Die zahlreichen wörtlichen Zitate vermitteln einen lebendigen Eindruck von den Originaltexten. Überflüssig sind jedoch die sich stets an die Zitate an‐ schließenden erneuten Inhaltswiederholungen durch die Autorin – auch wenn diese sich bemüht, sie mit inter‐ pretativen Elementen zu verbinden. Insgesamt fallen die Textanalysen recht deskriptiv aus. Die großen Muster und Strukturen der Samoa-Diskurse zeichnet die Auto‐ rin in sogenannten “Diskurslinien” nach. Diese entspre‐ chen verschiedenen Kapiteln und Unterkapiteln des Bu‐ ches und gliedern dessen Hauptteil in sinnvoller Weise. Sie helfen dem Leser, die Diskurse thematisch zu struk‐ turieren und zu überblicken. Gleichwohl gibt es natürlich zahlreiche Dimensionen des Lebens in Samoa sowohl inner- als auch außerhalb der von der Autorin abgegrenzten Diskurslinien, von denen man sich fragt, ob sie nicht ebenfalls von den Schreibenden behandelt wurden. Hierzu zählt etwa die gesellschaftliche Rolle der fa’afafine (wörtlich: “nach Art von Frauen”), solcher samoanischer Männer, die die soziale Rolle von Frauen annehmen – ein wichtiges Phänomen angesichts des besonderen Augenmerks, das die Autorin in ihrer Untersuchung auf Genderaspekte richtet. Ein weiterer augenfälliger Aspekt samoanischer Kultur (fa’a Samoa) betrifft die Tradition der ebenfalls nach Geschlechtern differenzierten tatau (Tätowierun‐ gen), die den westlichen Reisenden gewiss nicht entgan‐ gen ist. Im Sinne eines postkolonialen, dekonstruktivis‐ tischen Ansatzes zielen Förderers Quellenanalysen und -interpretationen vor allem auf die kritische Deutung 216 Book Reviews Anthropos 115.2020 der Texte in ihrem kolonialen Kontext ab. Dabei schießt die Autorin allerdings bisweilen über das Ziel hinaus. So erscheinen eine Reihe ihrer Interpretationen deutlich überzogen. Hierfür seien drei Beispiele genannt: 1.) Siegfried Genthes (1870–1904) Darstellung seiner An‐ landung an der kleinen, zwischen ’Upolu und Savai’i gelegenen Kraterinsel Apolima unterstellt die Autorin Konnotationen einer sexuellen Eroberung. Tatsächlich handelte es sich bei der dortigen Anlandung aber schlicht um eine navigatorisch und seemannschaftlich höchst anspruchsvolle Leistung. Es besteht kein Anlass dafür, diese im Sinne einer sexuellen und/oder kolonia‐ listischen Eroberung zu interpretieren. 2.) In den Schil‐ derungen ihrer Begegnungen mit bedeutenden samoani‐ schen Führern der Zeit – hochrangigen matai (Titelträ‐ gern) von Samoaweiter Bedeutung wie Malietoa Laupe‐ pa (1841–1898) und Mata’afa Iosefo (1832–1912) – meint Förderer eine Strategie der männlichen Reisenden zu erkennen, die einheimischen politischen Würdenträ‐ ger “entmännlichen” zu wollen, um so die gebotene ko‐ loniale Distanz zwischen Europäern und Samoanern zu wahren. Dies erscheint übertrieben, denn es ist zu be‐ denken, dass die westlichen Reisenden in Samoa auf ein ihnen äußerlich und strukturell vollkommen fremdes so‐ ziopolitisches System trafen. Zu dieser Fremdheitser‐ fahrung tritt der Umstand, dass Personen wie Malietoa Laupepa und Mata’afa Iosefo zentrale Akteure in den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen sa‐ moanischen politischen Lagern und den ausländischen Mächten waren. Ihre Darstellung in den Reiseberichten spielt sich also in einem größeren innen- wie außenpoli‐ tischen Spannungsfeld ab und muss vor diesem Hinter‐ grund interpretiert werden. 3.) Als abschließendes Bei‐ spiel seien die Analysen der Autorin zu den von einigen Reisenden geschilderten Exkursionen in den Nordwes‐ ten ’Upolus genannt. Von der Samea-Anhöhe bei der Mulifanua-Pflanzung der Deutschen Handels- und Plan‐ tagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg (D.H. & P.G.) aus genossen diese den Ausblick auf die Inseln Manono, Apolima und Savai’i. Förderer diagnostiziert dabei einen kolonialen Blick der Schreibenden auf die ihnen “zu Füßen liegenden” Ländereien und Landestei‐ le. Angesichts der Vielfalt der biografischen Hinter- und persönlichen Beweggründe für ihre Aufenthalte in Sa‐ moa kann man allerdings davon ausgehen, dass nicht al‐ le Reisenden sich ständig mit einem solchen kolonialis‐ tischen Blick durch Samoa bewegten. Schilderungen einer als erhaben erlebten Landschaft oder Aussicht müssen keineswegs zwingend stets Hintergedanken ei‐ nes kolonialen Vereinnahmungsprojektes oder Besitz‐ verhältnisses innewohnen. Zur Interpretation der Texte aus heutiger Perspektive sei generell folgendes angemerkt: Zunächst müssen die erörterten Reiseberichte im Lichte und Geiste ihrer Zeit gelesen und gedeutet werden. Es fällt leicht, sie aus heutiger “aufgeklärter” postkolonialer Perspektive kri‐ tisch zu beleuchten. Schwerer ist es hingegen, die tat‐ sächliche Vielfalt der für die Textinhalte und Schreib‐ weisen ursächlichen Bedingungen und Motive – etwa biografische und soziokulturelle Hintergründe der Be‐ richterstatter – auszulegen. Auf Seite 80 etwa spricht Förderer im Kontext ihrer Darstellung der in Samoa an‐ sässigen Siedlergemeinschaft – wohlgemerkt in Anfüh‐ rungszeichen – von der “‘kolonialherrschaftliche[n] So‐ ciety’”. Tatsächlich waren die biografischen Hintergrün‐ de und persönlichen Motive der sich in Samoa aufhal‐ tenden bzw. ansässigen palagi (der samoanische Aus‐ druck für Personen europäischer Abstammung) sehr vielfältig. Keineswegs kann man ihnen allen eine “kolo‐ nialherrschaftliche” Motivlage unterstellen bzw. sie un‐ ter einem solchen Label subsumieren. Die Bezeichnung multi-cultural community (Gilson 1970) trifft den Cha‐ rakter dieser “bunten” Gemeinschaft wesentlich besser. Die von der Autorin nicht verwendete, 1907 in Sydney erschienene “Cyclopedia of Samoa” etwa gibt detaillier‐ te biografische Auskünfte über die palagi-Bewohner Samoas zu dieser Zeit. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ein Vergleich mit heutigen Reisebeschreibungen – etwa auch in Blogs und sozialen Medien – erhellend wäre, um zu ermitteln, wel‐ chen Anteil die “koloniale Dimension” der Wahrneh‐ mung gegenüber der Verarbeitung nicht politisch kon‐ notierter Pazifik-Stereotype besaß bzw. besitzt. Es wür‐ de nicht verwundern, wenn gewisse kolonialzeitliche Tropen in zeitgenössischen Quellen wieder auftauchten. Eine lohnenswerte Quelle wäre in diesem Zusammen‐ hang zum Beispiel das samoanische Tagebuch von Fritz Schlosser (1891–?) aus dem Jahre 1912, das dessen Tochter Katesa Schlosser – um ihre eigenen Impressio‐ nen aus dem Jahre 1978 ergänzt – reich bebildert 2003 als Traumziel Samoa am Museum für Völkerkunde der Universität Kiel veröffentlichte. Die Autorin setzt ihre eigenen Analysen und Deutun‐ gen des Quellenmaterials mit einschlägiger deutschspra‐ chiger Forschungsliteratur zur Kolonialzeit, kolonialen Repräsentationen und Diskursen in Beziehung. Die Be‐ trachtung anglophoner Fachliteratur kommt dabei jedoch etwas zu kurz, was angesichts der Fülle an relevanten wissenschaftlichen Publikationen auf dem Gebiet und der Tatsache, dass neun der 15 von Förderer untersuchten Quellen englischsprachig sind, schade ist. Noch mehr verwundert, dass die Autorin mit Ausnahme von Galu‐ malemana Alfred (Afeleti) L. Hunkin-Tuiletufuga und Ruta Fiti-Sinclair keine weiteren samoanischen Wissen‐ schaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort kommen lässt bzw. in ihre Analysen mit einbezieht. Dies ist umso bedauernswerter, als sich die Autorin in ihrem postkolo‐ nialen Ansatz doch gerade für die Dezentrierung des westlich-europäischen Blickwinkels ausspricht. So ver‐ misst man etwa die Einschätzungen samoanischer Ge‐ lehrter wie Toeolesulusulu Damon Ieremia Salesa oder Leasiolagi Malama Meleisea, die sich in einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen mit der kolonialen Ver‐ gangenheit Samoas – und im Falle Damon Salesas insbe‐ sondere mit der Ideengeschichte und den Diskursen die‐ ser Zeit – auseinandergesetzt haben. Hinsichtlich der Berücksichtigung wegweisender Werke und Quellen wird ferner das Standardwerk von Book Reviews 217 Anthropos 115.2020 Richard Phillip Gilson zum Samoa des 19. Jh.s (Samoa 1830 to 1900. The Politics of a Multi-Cultural Commu‐ nity. Melbourne 1970) ebenso wenig berücksichtigt wie die Samoanische Zeitung, eine während der deutschen Kolonialzeit in Apia herausgegebene zweisprachige (deutsch/englische) Zeitung, die ein wichtiges lokales Sprachrohr, Diskussions- und Diskursforum des multi‐ lingualen und multikulturellen Deutsch-Samoas dar‐ stellte. Die Untersuchungen des Rezensenten zur Sa‐ moanischen Zeitung ergaben, dass diese für in Samoa ansässige Deutsche und andere palagi unter anderem auch ein ethnografisches Forum darstellte. Das wissen‐ schaftliche Interesse an der samoanischen Kultur und Sprache erstreckte sich bis in die höchsten Kreise der deutschen Kolonialadministration wie unter anderem das Beispiel von Erich Schultz-Ewerth (1870–1935), dem zweiten und letzten Gouverneur von Deutsch-Sa‐ moa, zeigt. In diesem Zusammenhang wäre für den vor‐ liegenden Band auch eine Bezugnahme auf das für die Untersuchung hochrelevante Forschungsfeld der soge‐ nannten “Koloniallinguistik” (colonial and postcolonial linguistics) sinnvoll gewesen. Die Autorin mahnt me‐ thodische Selbstreflektion im Rahmen postkolonialer Ansätze an, legt aber nicht offen, ob sie selber im Rah‐ men ihrer Forschung oder zu anderen Anlässen einmal in Samoa war oder anderweitig mit Samoanerinnen und Samoanern interagierte. Angesichts der intimen Ausle‐ gung der von ihr untersuchten Reiseberichte wäre es für den kritischen Leser lohnenswert zu wissen, wie die Autorin ihre eigene Wahrnehmung Samoas, seiner Men‐ schen und Kultur reflektiert und wie dies allenfalls auf ihre wissenschaftliche Analyse der historischen Quellen rückwirkte. Abgesehen von ein paar sprachlichen Ungenauigkei‐ ten, sachlichen und ethnografischen Fehlern ist der Band sowohl stilistisch als auch editorisch wohl gestal‐ tet. Ein kombiniertes Sach-, Personen- und Ortsregister würde es Lesenden, die an spezifischen thematischen Aspekten interessiert sind, erleichtern, entsprechende Text- und Quellenpassagen zu lokalisieren. Insgesamt gebührt dem Band das Verdienst, persönliche Reisebe‐ richte aus einer entscheidenden Epoche der samoani‐ schen Geschichte wissenschaftlich zu erschließen und somit auch weiterer Forschung unter anderen Gesichts‐ punkten und Fragestellungen zugänglich zu machen und zu den von Förderer geleisteten Interpretationen in Ver‐ bindung zu setzen. “Koloniale Grüße aus Samoa” bietet insbesondere in der Behandlung der deutschsprachigen Berichte einen reichen Quellenfundus, den es sich lohnt, in zukünftigen Untersuchungen weiter wissenschaftlich zu bearbeiten. Während etwa die offiziellen Dokumente der deutschen Kolonialzeit von 1900 bis 1914 bereits vielfältiger For‐ schung unterzogen wurden und umfangreiche biografi‐ sche Forschung zu Schlüsselakteuren dieser Zeit wie dem ersten Gouverneur Deutsch-Samoas, Wilhelm Solf (1862–1936), geleistet wurde, liegt ein noch weitgehend ungehobener Schatz in den zahlreichen persönlichen Schilderungen, Aufzeichnungen und Quellen von pa‐ lagi, die sich seit den 1830er Jahren in Samoa aufhiel‐ ten, lebten und arbeiteten. Gabriele Förderer unter‐ nimmt mit ihrem Buch einen ersten Schritt in Richtung der Füllung dieses Forschungsdesiderats. Julius Riese (julius.riese@web.de) Frings-Merck, Ute: Zwischen Białystok und Berlin- Westend. Eine ethnografische Studie zu den Begegnun‐ gen von Polinnen und Deutschen in informellen Hausar‐ beitsverhältnissen. Bielefeld: transcript, 2018. 271 pp. ISBN 978-3-8376-4521-7. Preis: € 34,99 Als wir den Untertitel des vorliegenden Buches sa‐ hen, mussten wir sofort an das Digitalisat eines Kündi‐ gungsschreibens denken, das vor ein paar Jahren im deutschsprachigen Internet die Runde machte. Ob die‐ ses Schreiben “echt” war oder bereits zum Zweck der Veröffentlichung angefertigt wurde, um auf satirische Weise auf die Mentalität und Handlungsweisen eines bestimmten Milieus in Deutschland hinzuweisen, wis‐ sen wir nicht. Das handschriftliche Schreiben erklärt einer in Berlin tätigen polnischen Haushaltshilfe, die im Schreiben ausschließlich mit Vornamen angesprochen wird, warum man ihr nun kündigen müsse. Dies gesche‐ he aus Gründen des Umweltschutzes, da sie trotz mehr‐ maliger Ermahnungen weiterhin umweltschädliche Rei‐ nigungsmittel aus Polen verwende. Darüber hinaus fah‐ re sie doch immer wieder in ihre Heimat nach Polen, was weitere Umweltbelastungen mit sich ziehe. Daher sehe man sich gezwungen, ihr aus dem umweltpoliti‐ schen Grundsatz des – wie man in Deutschland sagen würde – “Think Global – Act Local” zu kündigen, wo‐ bei man ihr natürlich noch alles Gute für ihren weiteren Lebensweg wünsche. Nimmt man das vorliegende Buch zur Hand, das auf einer an der Humboldt-Universität zu Berlin erstellten Dissertation im Fach Kulturanthropolo‐ gie basiert, stellt man fest, dass es genau den Diskurs, dem das soeben erwähnte Schriftstück entstammt oder den es karikieren soll, rekonstruiert, kontextualisiert und analysiert. Die Autorin untersucht einen Sektor der Pen‐ delmigration zwischen Polen und Deutschland, der letztlich in einer langen Traditionslinie steht. Es handelt sich um informelle Arbeitsverhältnisse in denen Polin‐ nen als Haushaltshilfen in Berlin tätig sind. Der Blick der Autorin richtet sich dabei speziell auf die polnischen Hausangestellten, die als Reinigungskräfte arbeiten. An‐ dere weiblich geprägte Sektoren des Spektrums, etwa Alten- und Krankenpfleger, bezieht sie nicht in die Un‐ tersuchung mit ein. Dies geschieht aus nachvollziehba‐ ren Gründen. Es bestehen innerhalb dieser unterschied‐ lichen Tätigkeitsfelder strukturelle Unterschiede, die sich etwa darin zeigen, dass Pflegekräfte häufig direkt in den Familien leben und der interpersonelle Kontakt zwischen Pflegekraft und gepflegter Person sich grund‐ legend von demjenigen der Reinigungskräfte zu ihren Arbeitgeber/-innen unterscheidet. Die Studie gliedert sich, inklusive der Einleitung, in sechs Kapitel, die jeweils fein, aber nicht in übertriebe‐ ner Form unterteilt sind. Im Inhaltsverzeichnis scheinen 218 Book Reviews Anthropos 115.2020

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Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.