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Harald Grauer, Dupré, Wilhelm: Paul J. Schebesta mit Briefen aus dem Urwald. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2017. 298 pp. ISBN 978-​3-​7001-​7873-​6. (Veröffentlichungen zur Sozialanthropologie, 23) Preis: € 49,00 in:

Anthropos, page 209 - 211

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-209

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present (25). The same applies to the way the Mexi‐ canus was used during the time of native possession pri‐ or to the acquisition by outsiders. Referring to the calen‐ dar section, which she analyzes in chap. 2, she argues that the poor condition of the lower section in contrast to the upper section might be an indicator of a purpose‐ ful effacement to escape Spanish censure (43). But she is careful enough to recognize that there are pieces of information the Mexicanus offers which sometimes do not match analytical curiosity. For example, she cannot explain how the months of the perpetual Christian cal‐ endar in form of dominical letters correlate with the na‐ tive month of the 365-day calendar called Xiuhpohualli and has to settle for the statement they were added “in maintaining knowledge of the Aztec rituals” (45). Besides the many ideas and answers she provides us with in her in-depth analyses she raises many questions throughout her work, so that this book may also serve as a source for future studies in the field of Central Mexi‐ can native cultural identity in colonial times. For exam‐ ple, with regard to the genealogy explored by the author in chap. 4, she shows how the natives that composed the Mexicanus where less interested in making family ties to land by highlighting single dynastic branches like Moteucuoma II, the Aztec ruler defeated by Hernán Cortés. Instead, the Mexicanus extends his line to the ancestors and focuses “equality” by only mentioning a few places without clear pattern. This given, the author suggests a more broader intention to put the native ge‐ nealogy in line or compared to the Habsburg line (92). Or to give another example, among many other topics, that cannot be discussed here, the migration account an‐ alyzed in chap. 5 reveals that most part of the native in‐ formation, structured by a continuous band of native year signs, is placed above the year signs while some‐ times “more complicated events” are given below this register (99). Daniel Grana-Behrens (dgrana@uni-bonn.de) Dupré, Wilhelm: Paul J. Schebesta mit Briefen aus dem Urwald. Wien: Verlag der Österreichischen Akade‐ mie der Wissenschaften, 2017. 298 pp. ISBN 978-3- 7001-7873-6. (Veröffentlichungen zur Sozialanthropo‐ logie, 23) Preis: € 49,00 Fünfzig Jahre nach dem Tod Paul J. Schebestas SVD (1887–1967) legt Wilhelm Dupré die erste umfangrei‐ chere Überblicksdarstellung über Leben und Werk die‐ ses berühmten Mitglieds des Anthropos Institutes vor. Der ehemalige Student Schebestas und spätere Religi‐ onsphilosoph Dupré bietet in der vorliegenden Studie deutlich mehr als eine Darstellung der äußeren Biogra‐ fie des Missionars und Ethnologen Schebesta. Bereits der Titel mag andeuten, dass das Buch zweigeteilt ist. Der erste Teil bietet eine Biografie und eine systemati‐ sche Aufarbeitung wichtiger Themen im Leben und im wissenschaftlichen Werk des Missionarsethnologen. Im zweiten Teil spricht Schebesta dann selbst zur Leserin oder dem Leser. Dupré konnte Privatbriefe ausfindig machen, die der Feldforscher während seiner Reisen in Zentralafrika, Malaysia und auf den Philippinen ver‐ fasste und nach Österreich schickte. Diese Briefe edierte Dupré und fügt sie als zweiten Teil seiner Studie bei. Ein Fazit unter dem Titel “Als Mensch unter Menschen” schließt den Band ab. Hier arbeitet Dupré den speziellen Charakter und die Bedeutung der von ihm edierten Kor‐ respondenz heraus. Diese Anmerkungen können als eine Interpretationshilfe für die Lektüre der Briefe die‐ nen. Die Biografie spricht trotz ihrer Kompaktheit die vielfältigen Facetten des Lebenslaufes von Schebesta an. Sie zielt darauf ab, ein ganzheitliches Bild des Bio‐ grafierten zu zeichnen, der im multilingual geprägten Oberschlesien in einer Mährisch sprechenden Familie aufwuchs. Nach der Lektüre dieser Biografie erscheint Schebesta nicht nur als der Zentralafrikaforscher, als der er in das kollektive Gedächtnis der Ethnologie einge‐ gangen ist. Seine Tätigkeit als Missionar in Mosambik in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, seine Forschun‐ gen in Südostasien und auf den Philippinen und seine Zeit in Wien, in der er auch seelsorgerlich tätig war, tre‐ ten in dieser Darstellung gegenüber seiner Zeit im Kon‐ gogebiet nicht zurück. Ein für den weiteren Aufbau der Studie zentraler Punkt besteht darin, dass er bereits in den biografischen Ausführungen aufzeigt, dass Sche‐ bestas Lebenslauf nicht nur der eines Forschungsreisen‐ den und Wissenschaftlers, sondern auch der Lebenslauf eines katholischen Priesters ist, der lebenslang der Seel‐ sorge verbunden und aktiv seelsorgerlich tätig war. Einem ganzheitlichen Zugang zum Verständnis des Biografierten verpflichtet, beginnt Dupré die systemati‐ sche Darstellung mit Ausführungen zur Spiritualität P. Schebestas, die eingebettet sind in Reflexionen über die Möglichkeit der Ausbildung einer eigenständigen Spiri‐ tualität im Kontext traditionell überlieferter Religiosität (58). Im Rahmen der Darlegungen zur Spiritualität wird auch seine Positionierung gegenüber der Kolonialpolitik und kolonialen Praxis thematisiert, was zunächst ver‐ wundern mag, aber konsequent auf die praktische Seite religiöser Einstellungen verweist. In Rückbezug auf Ge‐ danken Johannes Fabians, stellt Dupré für Schebestas Haltung fest: “Nachdem sich die koloniale Weltordnung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts definitiv durchgesetzt zu haben schien, gab es für P. Schebesta keinen direkten Grund, dagegen anzukämpfen. Auch wenn damit noch nicht das letzte Wort gesprochen war, nahm er diese Ordnung gewissermaßen als historische Tatsache zur Kenntnis – so wie er auch die Geschichte seines Heimatdorfes mit wechselnden Formen politi‐ scher Zugehörigkeit zur Kenntnis nehmen mußte” (67). Gleichzeitig klagte er Ungerechtigkeiten der kolonialen Praxis an und unterstrich nach dem Zweiten Weltkrieg ausdrücklich die Legitimität des antikolonialen Befrei‐ ungskampfes (68). Im Anschluss an die Ausführungen zur Spiritualität richtet sich der Blick auf Schebestas Positionierung in‐ nerhalb der damaligen ethnologischen Theoriediskussi‐ on, die mit den Stichworten Evolutionismus, Kulturhisto‐ Book Reviews 209 Anthropos 115.2020 rie und Funktionalismus umrissen werden kann und poli‐ tisch aufgeladen war. Es wird aufgezeigt, wie er zunächst Wilhelm Schmidts Denken aufgreift und sich im Laufe seines Lebens zusehends von ihm emanzipiert. Diese Ausführungen bieten nebenbei eine Einführung in das kulturhistorische Denken innerhalb der sog. “Wiener Schule” (77–90). Schebestas Hinwendung zur ethnogra‐ fischen “Pygmäenforschung” liest sich in diesem Licht als ein Weg, sich Unabhängigkeit von W. Schmidt und dessen Gedankengebäude zu verschaffen (90). Wichtiger als selbst theoriebildend zu sein, scheint es für Schebesta gewesen zu sein, die unterschiedlichen Theorien “auf ihre Voraussetzungen hin zu prüfen und mit der Frage zu kon‐ frontieren, ob und inwieweit sie den Menschen und ihren Kulturen gerecht werden” (90). Nachdem am Ende des soeben besprochenen Kapitels dem Stichwort “Feldforschung” in der Argumentation eine gewichtige Rolle zukommt, erscheint es folgerich‐ tig, dass sich das anschließende fünfte Kapitel diesem Thema zuwendet. Dupré gibt Einblicke in Schebestas Feldforschungspraxis in Südostasien und Afrika. Er zeigt auf, wie sich diese in ihrer Verknüpfung von mobi‐ ler Survey-Forschung und stationärer Tiefenforschung in die Geschichte der Entwicklung der modernen ethno‐ logischen Forschungsmethodik einfügt. Hierbei arbeitet Dupré den humanistischen Zugang Schebestas zur Feld‐ forschung heraus. Ganzheitlich angelegte ethnologische Feldforschung beruht für den Missionarsethnologen auf Begegnungen mit Menschen, denen er “als Mitmen‐ schen zu begegnen” suchte (99), oder wie es Schebesta andernorts selbst formulierte: “Mein Ideal wäre als Mis‐ sionar und Forscher im Lande, unter den Eingeborenen leben zu können, nicht als der ʽWeißeʼ, der ʽMuzunguʼ, der ʽBwanaʼ [Herr, Eigentümer] oder ʽMbuyaʼ [Kum‐ pel], sondern als der weiße ʽBruderʼ” (68). Das sechste Kapitel befasst sich mit Schebestas Reli‐ gionsverständnis und der Frage, wie er die Kategorien Religion und Kultur in Beziehung zueinander setzt. Die Frage nach der Religion bildet einen zentralen Bezugs‐ punkt für Schebesta. Es muss sich nur vergegenwärtigt werden, dass Schmidt seine Feldforschungen ermög‐ lichte, um seine eigenen religionsethnologischen Thesen zu stützen. Gleichzeitig ist festzustellen, dass er sich selbst in seinem Religionsverständnis klar von Schmidts intellektualistischem, auf die Gottesidee abzielenden, Religionsverständnis zusehends absetzte. Dupré arbeitet diesen Absetzungsprozess detailliert heraus. Der Feld‐ forscher blickte auf rituelles Handeln und dachte Religi‐ on ganzheitlich, sozial integriert, also nicht als eine vom Alltagshandeln abgegrenzte Erkenntnissphäre. Eine in‐ tellektualistische Degenerationshypothese, wie sie Schmidt vertrat, zog dieser Betrachtungsweise, bildlich gesprochen, den Boden unter den Füßen weg, gleichzei‐ tig konnte er jedoch daran festhalten, dass sich in der Vorstellungswelt der Bevölkerungsgruppen, unter denen er gelebt und geforscht hatte, Hochgottvorstellungen vorfinden ließen. Im siebten Kapitel, das den ersten Teil des Buches abschließt, stellt Dupré die Frage nach dem bleibenden Wert von Schebestas ethnografischen Forschungen un‐ ter kleinwüchsigen Bevölkerungsgruppen. In einem ei‐ genen Abschnitt tritt er auch in einen Dialog mit Colin M. Turnbulls Sichtweise (136–140). Wie bereits zu Beginn der Buchbesprechung ange‐ klungen, bildet der zweite Teil des Buches eine Samm‐ lung von Briefen, die Schebesta von seinen Forschungs‐ reisen aus nach Europa geschickt hatte und in denen er plastisch von seinen Erlebnissen und seiner Forschungs‐ arbeit berichtet. Der Herausgeber hat dabei die Briefe hinsichtlich der Mitteilungen, die nur von privatem Be‐ lang sind und sich auf seinen Wiener Bekanntenkreis beziehen, behutsam gekürzt. Dies trübt jedoch in keiner Weise die Einblicke in die “Blackbox-Feldforschung”, die diese Briefe gewähren. Dupré verfasste mit diesem Buch eine Würdigung Schebestas und seines Denkens, indem er unterschiedli‐ che Erkenntnisquellen in beeindruckender Weise in Be‐ zug zueinander setzt. Als Schüler Schebestas nutzt er sowohl seine aus der persönlichem Begegnung mit dem berühmten Forscher hervorgegangenen Erinnerungen als auch seine umfassende Kenntnis des außergewöhnli‐ chen breiten schriftlichen Werkes der biografierten Per‐ son. Darüber hinaus konnte er auf bisher nicht edierte Quellen zurückgreifen, wie die dem Buch beigefügten Briefe aus Schebestas Feldforschungszeit. Die Auswer‐ tung dieser unterschiedlichen Quellen vollzieht sich in einer hermeneutischen Herangehensweise, die die (reli‐ gions-)philosophische Ausbildung des Autors voll zur Geltung bringt. Der Autor ermöglicht aus einer Herme‐ neutik des Respektes heraus Einsichten in das Leben und das Werk Schebestas, die bei Anerkennung der Dis‐ tanz, die sich zwischen der Lebens- und Denkwelt Schebestas und der unsrigen Welt erstreckt, ein tieferge‐ hendes Verständnis dieser Person und seines wissen‐ schaftlichen Werkes ermöglichen. In diesem Sinne ist auch die ausführliche Darstellung der Religiosität Sche‐ bestas nicht so zu verstehen, dass Dupré hiermit die Wissenschaftlichkeit des Missionarsethnologen in Frage stellen wollte. Bemerkenswert ist, dass das Buch Sche‐ besta als eigenständige Person darstellt und zugleich so etwas wie eine Einführung in das Denken Schmidts bie‐ tet, ohne dass das Buch auf eine Konfliktgeschichte fi‐ xiert wäre. Die zugrundeliegende Hermeneutik des Re‐ spektes bewahrt die Darstellung auch davor, die Grenze zum Darstellungsgegenstand aufzulösen und die Bio‐ grafie in ein unkritisches Heldenepos abgleiten zu las‐ sen. Werner Petermann kommentierte hinsichtlich Sche‐ besta, dass dieser “nicht unbedingt [seiner Zeit ] voraus [war], aber als Ethnologe … sich wenigstens nicht im Gleichschritt mit ihr [bewegte]” (Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal 2004: 607). Die Darlegungen Duprés lesen sich in mancher Hinsicht wie eine Entfal‐ tung dieser Einschätzung Petermanns. Gleichzeitig er‐ scheint es etwas verwunderlich, dass der Autor nicht auch direkt auf kritische Stimmen, wie die von Suzanne Marchand eingeht, deren Beiträge zur sog. Pygmäenfor‐ schung der “Wiener Schule” nicht einmal im Literatur‐ verzeichnis aufgeführt sind. Hinsichtlich der Edition des 210 Book Reviews Anthropos 115.2020 Buches wäre es auch nützlich gewesen, ein Register beizufügen und die leeren Seiten des Buches zu nutzen, um exemplarische Faksimiles der Briefe dem Text bei‐ zufügen, und so den Leserinnen und Lesern einen Ein‐ druck von den Originalen und Schebestas Handschrift zu vermitteln. Dupré ist zu danken, dass er mit diesem Buch eine in‐ teressierte Leserschaft an seinem Wissen und Denken über Schebesta teilheben lässt und die Briefwechsel ver‐ öffentlicht hat. Da in jüngerer Zeit wieder Interesse an Schebestas Werk erwächst, so etwa auch in der linguis‐ tischen Forschung (C. Kilian-Hatz, The Linguist Link between (Western) baMbenga and (Eastern) baMbuti Pygmies. Baden-Baden 2019), erscheint dieses Buch zum richtigen Zeitpunkt. In diesem Sinne wäre es auch wünschenswert, wenn Duprés Buch ins Französische und Englische übersetzt werden könnte, um auch in den Ländern, in denen Schebesta forschte, eine möglichst breite Rezeption zu ermöglichen. Harald Grauer (library@anthropos.eu) Dürr, Eveline, und Henry Kammler (Hrsg.): Ein‐ führung in die Ethnologie Mesoamerikas. Ein Hand‐ buch zu den indigenen Kulturen. Münster: Waxmann Verlag, 2019. 601 pp. ISBN 978-3-8309-3804-0. Preis: € 69,90 Die “Einführung in die Ethnologie Mesoamerikas” präsentiert sich mit 601 Seiten und Beiträgen von 32 deutschsprachigen Autoren vielversprechend als ein vo‐ luminöses “Handbuch zu den indigenen Kulturen”. Die regional anders, und zudem auf die Fachgeschichte der Ethnologie spezialisierte Rezensentin erhofft sich ein übersichtliches Nachschlagewerk, das den aktuellen Forschungsstand des komplexen Wissensgebietes (sei‐ ner historischen Entwicklung, seiner theoretischen und konzeptionellen Grundlagen, seiner gegenwärtigen Aus‐ richtung und seines Forschungsgegenstandes) aus der deutschsprachigen Perspektive Europas systematisch gegliedert im Handbuchformat präsentiert. Versprechen doch die Herausgeber/-in, das “kompakte Einstiegs‐ werk” richte sich “in erster Linie an Studierende der Ethnologie und anderer Kultur- und Regionalwissen‐ schaften sowie an Personen, die sich einen profunden Überblick über die Region verschaffen wollen” (15). Die beindruckende Breite der in fünf Buchteile geglie‐ derten Themenfelder behandelt einführend Grundlagen‐ wissen über die Geschichte, die Geografie, den europä‐ isch geprägten Begriff “Mesoamerika”, seine “indige‐ ne” Bevölkerung und ihre Sprachvielfalt (Teil I: 21– 100). Der zweite, insgesamt kürzeste Teil des Bandes ist der bislang nur wenig erarbeiteten deutschsprachigen, anglo- und frankophonen sowie mesoamerikanischen Forschungs- und Fachgeschichte gewidmet (Teil II: 103–136), einschließlich eines eigenen Abschnitts über das Wirken der Altamerikanistin Ursula Schlenther in der DDR (112–114). Teil III (139–198) bietet vom Be‐ ginn der spanischen Kolonialisierung bis in die Gegen‐ wart eine Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Rahmenbedingungen des Forschungsgebietes. Der längste und ausführlichste vierte Teil des Bandes (201– 364) führt in grundlegende, multiperspektivisch auf Ge‐ schichte, Kultur, Gesellschaft und Politik gerichtete For‐ schungsfragen der Ethnologie Mesoamerikas: Fallstudi‐ en behandeln Wirtschaft, soziale Organisation, Ge‐ schlechterbeziehungen, Aspekte des Alterns, Bildung, Krankheit und Heilung, Konzepte von Raum und Zeit, Religion, Multikulturalität, Kunsthandwerk, Migration, Urbanisierung, Identitätspolitik und Weltkulturerbe. Teil V des Bandes (367–480) ist transregional ausgerichtet: Thematisiert werden die Pan-Maya-Bewegung, anti-in‐ digene politische Gewalt, indigene Politik und Autono‐ miebewegungen, Tourismus und die indigene Medien‐ landschaft. Obwohl – oder gerade weil – die Forschungs-, Fachund Wissensgeschichte der Ethnologie Mesoamerikas bislang nur unzureichend erarbeitet wurde und im Band – gemessen an der ihr im zweiten Teil zugestandenen Seitenzahl – von Ute Schüren, Daniel Gra︣ña-Behrens und Stefan Krotz vergleichsweise kurz abgehandelt wird, interessieren die auf Fachgeschichte der Ethnolo‐ gie spezialisierte Rezensentin vor allem wissenschafts‐ historische Fakten und Hinweise auf neue Denkanstöße. Bei der Suche nach Antworten auf zahlreiche, fachin‐ tern offene Fragen stellt sie fest, dass forschungs- und fachentwicklungsspezifische historische Aspekte auch über den zweiten Teil des Bandes hinaus eine nicht un‐ erhebliche Rolle spielen: Nur Geschichte kann erklären, wie das Fach zu dem geworden ist, was es heute ist. Die Herausgeber/-in und die an der Geschichtsschreibung des Faches beteiligten Autor/-innen standen dabei vor einer Grundsatzentscheidung: Welche Art von Wissen über die Geschichte der mesoamerikanischen Ethnolo‐ gie soll den Leser/-innen des umfassenden Paperback- Bandes vermittelt werden? Soll Geschichte als eine Ge‐ schichte von Zufallsereignissen geschrieben werden oder als eine keinesfalls zufällige, kohärente komplexe Verflechtungsgeschichte? Als Probe aufs Exempel sei hier Paul Kirchhoffs Prä‐ gung des Begriffes “Mesoamerika” im Jahr 1943 ausge‐ wählt. Kirchhoffs zugrunde liegendes Konzept ist im Band einleitend ausführlich dargestellt (Evelin Dürr und Henry Kammler: 31 f.) und im Glossar vermerkt. Seine Person dagegen bleibt konturlos: Viel mehr, als dass Kirchhoff ein “deutsche[r] Kommunist” im mexikani‐ schen Exil gewesen sei (Schüren: 115), der in der Nach‐ kriegszeit mit Franz Termer in Hamburg “das große multidisziplinäre … Puebla-Tlaxcala-Projekt der Deut‐ schen Forschungsgemeinschaft” initiierte (Schüren: 111), ist nicht zu erfahren. Doch provoziert ein solch ungewöhnlicher Karriereverlauf eines während der Na‐ zizeit exilierten deutschen Kommunisten Fragen, auch weil die für die Ethnologie eher unrühmliche Zeitspan‐ ne des Nationalsozialismus im opulenten Band komplett ausgeblendet wird. Anzufügen gewesen wäre hier, und wenn auch nur in einer Fußnote, dass Paul Kirchhoff (geb. 1900 in Hörste, verst. 1972 in Mexiko Stadt) sich bereits als Student bei Fritz Krause in Leipzig auf die Book Reviews 211 Anthropos 115.2020

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Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.